Die Familie Ammer. Deutscher Sittenroman von Ernst Willkomm.     Erste Abtheilung. Der Herrnhuter. Erstes Buch. Erstes Kapitel. Die Brüder. Neben der kleinen weißgetünchten Kapelle am Kreuzwege standen zwei Schiebkarren mit Linnen beladen und durch einen Ueberzug von grauer ungebleichter Leinwand gegen Staub und Regen geschützt. Zur Seite sprudelte ein starker Quell, von unbehauenen Granitblöcken eingefaßt. Das helle Wasser rieselte als rascher, murmelnder Bach eine begrünte Bergbahn hinab, die weiter unten ein romantisches, mit allerhand Laub- und Fruchtbäumen bewachsenes Thal bildete. Zu beiden Seiten ordnungslos zerstreut wurden strohbedeckte Häuser eines ansehnlichen Dorfes sichtbar, in dessen Mitte aus hohen Ulmen und Linden eine Kirche sich erhob, deren eigenthümlich geformter Thurm schon erkennen ließ, daß hier katholische Christen wohnten. In der Ferne schimmerte aus fruchtbarem und reich angebautem Thale das blitzende Silberband eines mittelgroßen Flusses, dessen Lauf man weithin zwischen üppigem Wiesengrün und Gebüsch verfolgen konnte. Ortschaften von verschiedener Größe breiteten sich in der Niederung aus und bedeckten zum Theil auch die Höhen des Flußthales. Ganz in der Tiefe, enger zusammengefaßt, lagerte ein kleines Landstädtchen, und über den bewaldeten Höhen des zur Linken sich verengenden Flußthales leuchteten die vergoldeten Kreuze eines Klosters. 4 Gegen Süden ward die Gegend gebirgig, die Aussicht aber von schwarzbewaldeten Bergzügen beengter. Wir befinden uns auf einem Stück deutscher Erde, wo vor zwei Jahrhunderten erbitterte Kämpfe stattfanden, nämlich auf der Grenzscheide zwischen Sachsen und Böhmen. Damals war alles Land in jener Gegend weit umher protestantisch, jetzt tauchen überall, mitten zwischen protestantischen Ortschaften die kupfergedeckten, eigenthümlich ausgeschweiften Thurmzinnen katholischer Gotteshäuser auf, eine Folge der Gegenreformation, welche nach der Schlacht am weißen Berge die siegreichen Krieger Kaiser Ferdinands II. mit eiserner Consequenz in Böhmen, Schlesien und den Lausitzen durchführten. Seit jenen denkwürdigen Tagen haben sich bis auf unsere Gegenwart in jenem Grenzlande, das größtentheils den Schauplatz unserer Erzählung bilden wird, mitten in der protestantischen Bevölkerung, eine Anzahl katholischer Enclaven erhalten. Zwei junge Burschen von neunzehn und zwanzig Jahren saßen auf der Steineinfassung des Bergquells und verzehrten mit dem gesunden Appetit der Jugend große Stücke Schwarzbrod, die sie mit dem klaren kühlenden Quellwasser befeuchteten. Sie sahen kräftig aus und trugen die damals übliche einfache Kleidung der Landleute jener Gegend – kurze Beinkleider von schwarzem Sammet, eine Jacke von gestreiftem Kattun und niedrige, runde Schirmmützen. Als sie ihre frugale Mahlzeit beendigt hatten, klappten sie ihre Einschlagmesser zu, schöpften noch einen frischen Trunk aus der Quelle und weideten sich an dem heitern, erquickenden Landschaftsbilde, das vor ihnen lag. Vom nahen Dorfe herauf klang harmonisches Glockengeläut. Die Katholischen müssen einen Feiertag haben, Fürchtegott, sagte der Aeltere der beiden Burschen zu seinem Bruder. Ich dachte mir's gleich, als ich das Marienbild in der Kapelle mit buntem Flitterwerk umsteckt und Niemand auf dem Felde beschäftigt sah. Ich möcht' schon wissen, wie die Leute hier und drüben in Böhmen bei ihren vielen Feiertagen mit der Feldarbeit zu Stande kommen. Vermuthlich helfen ihnen die Heiligen, die sie so hoch in Ehren halten, versetzte Fürchtegott, eine spöttische Miene ziehend, denn er machte gern' über Alles seine Glossen und sein nur auf's Praktische gerichteter Sinn hielt wenig von Beten und Singen. 5 Irgendwo muß aber der Segen doch stecken, sagte Christlieb, denn wenn die katholischen Dörfer auch kein stattliches Aussehen haben, fehlt's ihren Bewohnern doch nirgends am Besten. Auch nicht an Bettelleuten, fiel Fürchtegott ein. Frag' nur einmal herum auf Jahrmärkten und Kirchweihfesten, wo das viele Bettelvolk herkommt – die Musikanten gar nicht mitgerechnet – und ich will meine Pathengeschenke verlieren, wenn du unter zehn nicht mindestens acht findest, die anstatt »guten Tag« zu sagen, mit »Gelobt sei Jesus Christ!« dich grüßen. Ja, 's ist ein rechtschaffener Plack, der, wenn man's recht bedenkt, gar nicht geduldet werden sollte. Es sollte überhaupt vielerlei nicht geduldet werden und Manches nicht einmal geben, sprach Fürchtegott, sein Messer nochmals hervorholend und es heftig auf dem Granit wetzend. Was ist denn dir nicht recht, Bruder? Mir? I nu, ich habe schon eine gute Weile das Herumkutschiren mit dem Schiebebocke satt. Geht uns 'was dabei ab? Wenn auch nicht, es will mir doch nicht gefallen, weil's eigentlich für uns gar nicht mehr paßt. Der Vater hat's auch gethan, sagte Christlieb, und es ist ihm dabei kein Stein aus der Krone gefallen. Willst du 'was Besseres sein? Wir brauchen's nicht, und was Einer nicht braucht, das soll er lassen, erwiderte Fürchtegott. Sieh dich 'mal um unter den andern Webern, Bruder; wo findest du noch einen, der seine eigenen Söhne mit dem Schiebebocke fünf Meilen weit auf die Bleiche schickt? Das mag sein; der Vater ist nun einmal nicht hochmüthig. Er selbst arbeitet von früh bis in die Nacht wie der Geringste, und es freut ihn, daß ihm Gott die Arbeit segnet. Er ist der reichste Weber im Lande, sagte Fürchtegott, seine Mütze ärgerlich auf den Rasen werfend, und wir, seine Söhne, wir müssen uns auf den abscheulichen Waldwegen mit dem Schiebkarren abplacken, als wären wir die armseligsten Tagelöhner. Das weiß ich, kann ich erst einmal auf eigene Faust die Weberei treiben, so wird Nicht mehr gegangen – ich fahre. 6 Laß das gut sein, Bruder, versetzte Christlieb. Das Geschäft versteht der Vater, und hätte er's nicht zusammengehalten sein Lebtage, müßten wir wohl auch noch hinter'm Webstuhle sitzen und für Lohn den »Schützen« schieben. Kommst du Sonntags auf den Tanzboden, so geht's Hänseln los, sagte Fürchtegott mürrisch, und wenn mich noch einmal Einer mit der einrädrigen Karrete aufzieht, wie letzthin, so gibt's eine richtige Schlägerei. Unserem Alten sollen dann die Augen nicht schlecht übergehen, wenn er die Kosten bezahlen muß. Warum gehst du hin, erwiderte Christlieb. Gerne hat's weder Vater noch Mutter. Ich bin und mag kein Duckmäuser sein, sagte Fürchtegott. Muß ich mich die ganze lange Woche hindurch plagen, ohne etwas Anderes davon zu haben, als hämische Gesichter und süßsaure Redensarten, so will ich mich wenigstens Sonntags lustig machen für meine paar Batzen. Ammer's Jüngster soll respectirt sein. Das Gespräch der beiden Brüder ward jetzt durch den Hufschlag eines langsam trabenden Pferdes unterbrochen. Umhüllt von einer Wolke aufwirbelnden Staubes kam ein Reiter den Waldweg vom Gebirge her, der an der kleinen Kapelle die besuchte, nach Schlesien führende Straße kreuzte. In geringer Entfernung von dem Feldbrunnen zügelte der Reiter seinen Klepper, ritt im Schritt bis an die Kapelle und lüftete ein wenig den Hut, ob vor dem Muttergottesbilde oder um sich Kühlung zu verschaffen, war nicht zu errathen. Dabei bemerkte er die am Brunnen ausruhenden Brüder und die seitwärts stehenden, schwer beladenen Schiebkarren. Der Reiter hielt jetzt seinen nicht eben sehr feurigen Klepper vollends an und grüßte die Brüder ungemein freundlich. Viel warm heute, liebe Brüder, sprach der Reiter, sich gewandt aus dem Sattel schwingend und das Pferd am Zügel haltend, indem er sich dem Feldquell näherte. Woher des Weges? Etwa aus dem Lauban'schen? Dabei zog er aus der Tasche seines weiten braunen, sehr abgetragenen Rockes einen silbernen Becher, schöpfte Wasser aus dem Brunnen und schlürfte das erquickende Naß mit großem Behagen. Grüß' Sie Gott, Herr Wimmer, erwiderten beide Brüder zugleich, die nachlässig hingeworfene Frage des Reiters beantwortend. Was suchen Sie denn hier an der Grenze? 7 Der Fremde schwenkte den Becher in der Luft aus und steckte ihn wieder zu sich. Ein zweideutiges Lächeln lief über sein hageres, fahlgelbes Gesicht, dessen tiefe Furchen und Runzeln ein innerlich vielbewegtes Leben verriethen. Christenpflicht, liebe Brüder, versetzte Wimmer, dessen ganzes Benehmen den Herrnhuter nicht verleugnen konnte. Ein lieber Geschäftsfreund, mit dem ich schon so manches Jahr Gewinn und Verlust ehrlich getheilt habe, ist von einem böhmischen Handelsmanne arg betrogen worden, und da hab' ich unter der Hand gehorcht, was sich wohl thun lassen möchte, um den Schalk zu bestrafen. Glaubt mir, liebe Brüder, es ist jetzt eine böse Zeit! Die Unredlichkeit nimmt gar zu sehr überhand. Das Wort eines Mannes gilt nicht viel mehr als gar nichts. – Wie geht's dem Herrn Vater? Christlieb gab darüber die nöthige Auskunft, da er den reichen Handelsherrn als einen Freund seines Vaters kannte. Wimmer hörte dem Bericht kopfschüttelnd zu, dann und wann seinen niedrigen breitkrämpigen Hut bald rechts, bald links, bald nach vorn, bald nach hinten schiebend, und mit seiner Reitgerte auf die blank gewichsten Stulpstiefeln schlagend. Nun, wie ich sehe, sprach er, bleibt der Herr Vater noch immer seinen alten Grundsätzen treu. Die lieben Söhne müssen wacker die Hände rühren, mit wenigen Groschen in der Tasche in die Welt gehen und sich ihr Brod im Schweiße ihres Angesichtes verdienen, wie der Herr es geboten – ein richtiger Altlausitzer, wie sie alle Tage rarer werden, seit wir das neue Jahrhundert schreiben. Aber freilich, freilich – wie geht's der Frau Mutter? unterbrach er sich plötzlich, ein paar Mal hüstelnd. Doch immer frisch auf – wie? – Alert, wie vor zwanzig Jahren, als ich das erste Liebesmahl mit ihr theilte – wie? Auch dieser Erkundigung genügte Christlieb, worauf der Herrnhuter fortfuhr: Apropos, was ich sagen wollte. Wie viele Male des Jahres müßt ihr denn so brüderlich einträchtig, so kindlich gehorsam, wie's unter Geschwistern immer sein sollte, in die Bleiche fahren? Wimmer wischte sich hierbei mit umgekehrter Hand eine Thräne der Rührung über das seltene Glück der Familie Ammer aus den Augen und lüftete den Hut, diesmal, wie es schien, wirklich vor dem Marienbilde in der Kapelle. 8 Es kommt darauf an, ob viel oder wenig Bestellungen einlaufen, versetzte Christlieb. Sie wissen, Herr Wimmer, daß unser Vater bloß auf feste Bestellungen arbeitet, nie auf Speculation. Er will nur Weber, nicht Kaufmann sein, und da ist's freilich nicht immer gleich. Durchschnittlich können wir aber doch annehmen, daß monatlich einmal die Bleiche von uns besucht wird. Das weiß Gott und der heilige Nepomuk! fiel Fürchtegott ein. Und Sie mögen's glauben, Herr Wimmer, ist die Webe fertig, so müssen wir arme Teufel über Hals über Kopf fort, mag's nun Keulen schneien oder Ziegenböcke regnen. Ja, ja, sagte lächelnd der Herrnhuter, ich kenne meinen liebwerthen Freund. 's ist, so zu sagen, ein grausam pünktlicher Mann. – Die Zeitungen lest ihr wohl nicht regelmäßig, liebe Brüder? Meinen Sie's Wochenblatt? fragte Christlieb. Das können Sie Sonnabends Nachmittags zwischen zwei und drei allemal bei uns finden. Und die wirklichen politischen Zeitungen? forschte Wimmer, beide Brüder immer mit halb gutmüthigem, halb hämischem Lächeln von der Seite anschielend. Ist denn ein Wochenblatt keine wirkliche Zeitung? versetzte Christlieb ärgerlich. Es lesen's doch alle Rathsherren, auch ist's privilegirt, wie nur 'was Rechtes in Deutschland privilegirt sein kann. Nein, lieber Bruder, ein Wochenblatt ist keine richtige Zeitung, sondern bloß eine schlecht nachgemachte, erwiderte Wimmer. Aber ich hätte mir's denken können – hätte mir's denken können, fügte er hinzu, abermals den Kopf schüttelnd, den Hut vom linken auf's rechte Ohr schiebend und die Stulpenstiefeln mit seiner Reitpeitsche klopfend. Es ist recht schade, daß ihr keine ordentliche Zeitung lest. Fürchtegott ward ungeduldig. Ihn ärgerte das Heimlichthun des Herrnhuters und doch wollte er gern wissen, weßhalb der erfahrene Handelsmann ihre Unkenntniß der Zeitungen bedauerte. Stehen denn so wichtige und ergötzliche Dinge in den Zeitungen, verehrter Herr Wimmer? fragte er, sein letztes Stück Schwarzbrod dem schnuppernden Pferde vorhaltend. Der Herrnhuter ließ einen scharfen Blick auf den Neugierigen fallen und sagte mit seiner ewig lächelnden Miene und mit sanfter, milder Stimme: 9 Ergötzlich sind die Zeitungen selten, wichtig immer und ein Kauf- oder Geschäftsmann, liebe Brüder, kann eigentlich ohne sie gar kein vernünftiges Leben führen. – Ja, wenn euer Herr Vater speculativ wäre und nicht so eingefroren in tausend veraltete Gewohnheiten und Grundsätze, da ließe sich ein Geschäft machen, das leicht doppelten und dreifachen Gewinn abwerfen könnte. Der Vater ist aber bloß Weber, bemerkte Fürchtegott. Weber hin, Weber her, entgegnete der Herrnhuter, zu Geschäften gehört weiter nichts, als Geld und Verstand. Das Erste hat mein Freund Ammer, und zum Zweiten – Nun – zum Zweiten? fragte Fürchtegott. Würden sich, falls er selbst keine Lust zur Leitung des Geschäfts haben sollte, andere umsichtige Leute finden. Wie wär's zum Beispiel mit euch Beiden? Hätte Keiner Lust, den Schiebkarren mit der Schreibstube oder unter besonders günstigen Verhältnissen mit einem Schiffe zu vertauschen? Auf der Stelle, Herr Wimmer, sagte Fürchtegott. Bringen Sie unsern Vater dazu, daß er Andere in die Bleiche schickt, und Sie sollen mit mir machen können, was Sie wollen. Brav, brav, mein lieber Bruder, sprach Wimmer. Das hat Muth, das hat Unternehmungsgeist, das kann es zu 'was bringen in der Welt! – Wißt ihr, wo Amerika liegt? Ein paar tausend Meilen über'm großen Wasser, versetzte Christlieb, dem diese Wendung des Gespräches nicht sonderlich gefiel. Ist wieder Krieg in Amerika? O nein, sagte der Herrnhuter, kein Krieg, in dem sich die lieben Brüder mit den Waffen tödten, nur mit den Waffen des Geistes kämpft man dort, und die hohe, aber auch schwere Kunst, Speculation geheißen, gilt dort für die edelste und unschätzbarste aller Künste. Kann uns das 'was nützen in der alten Welt? fragte Fürchtegott. Wenn wir dreierlei Dinge haben, ja! Diese Dinge heißen: Geld, Muth und Handelsklugheit. O wäre ich doch an Ihrer Stelle, Herr Wimmer, rief Fürchtegott aus, wie bald wollte ich mir die amerikanische Speculation, wie Sie sagen, zu Nutze machen. 10 Du wünschest dir etwas sehr Unkluges, lieber junger Bruder, erwiderte der Herrnhuter mit seinem stereotypen süßlichen Lächeln. Vielmehr möchte ich in deinem oder deines Bruders Alter stehen, und es sollte mir, so Gott meine Arbeit und mein Gebet segnen wollte, gewiß nicht fehlen! Sie machen uns neugierig, Herr Wimmer, sprach Christlieb, der jetzt auch nicht mehr zweifeln konnte, daß der umsichtige Handelsherr, dessen Verbindungen mit Amerika schon längst kein Geheimniß mehr waren, irgend eine wichtige Unternehmung im Schilde führen möchte. Wir freilich können nichts thun, da wir weder mündig sind, noch eigenes Vermögen besitzen; wenn Sie aber wirklich glauben, es sei mittelst größerer Capitalien und Handelsklugheit ein bedeutender Vortheil zu erringen, so möchten wir Sie bitten, uns einige Winke zu geben. Vielleicht ließe sich der Vater unter der Hand doch zur Theilnahme bewegen. Ja, Herr Wimmer, sprechen Sie, bat jetzt der lebhaftere Fürchtegott, und hat's eine haltbare Seite, so verlassen Sie sich auf uns. Ich halt' es für ein offenbares Glück, daß ich euch so zufällig begegne, sagte Wimmer nach kurzem Ueberlegen. Manchmal ist der Zufall ein sichtbarer Wink des Schöpfers. Wißt denn, liebe Brüder, ein Weber, der sein Geschäft versteht, ist heut zu Tage der glücklichste Mensch, wenn er die Sache recht angreift. Sein Handwerk still vor sich hintreiben, mag ganz lobenswerth sein, allein es hilft nur langsam fort und führt zu einem sehr kleinen Ziel. Speculirt dagegen ein wohlhabender Weber, tritt er mit redlichen Freunden in Verbindung und versteht er zu rechter Zeit mit Vorsicht zu wagen, so muß er in kurzer Frist ein Millionär werden. Ein Millionär! rief Fürchtegott. Bruder, das wäre gerade, was ich wünsche. Da hätte die verdammte Schiebekarrenreiterei ein Ende. Ein paar zuverlässige sehr liebe Freunde in New-York und New-Orleans, mit denen ich schon seit Jahren in Verbindung stehe, fuhr Wimmer fort, haben mir im Vertrauen geschrieben, daß mit ächten Leinenwaaren in Amerika große Geschäfte zu machen sind. Leider bin ich nicht selbst Producent, ich muß mich auf Andere 11 verlassen, kann nur in Verbindung mit Andern überseeische Geschäfte eingehen. Nun weiß ich aber aus Erfahrung, daß euer wackerer Herr Vater der zuverlässigste Mann unter der Sonne ist, die solideste Waare liefert und, wenn er's einmal mit der Speculation versuchen wollte, durch Vermehrung seiner Webstühle leicht eine große Menge Waare liefern könnte. Man rüstete ein eigenes Fahrzeug aus, befrachtete es mit eigenen Linnen, schickte es hinüber nach Amerika und verkaufte die Ladung dort um den doppelten Preis. Das gäbe schon ansehnliche Fonds, mit denen sich weitere Unternehmungen machen ließen, was dann eine feste Verbindung zur Folge hatte und zur Begründung eines überseeischen Handelshauses unter der Firma »Ammer und Söhne« unausbleiblich führen müßte. Wie gefällt euch der Vorschlag? Herr Wimmer, versetzte Fürchtegott, ich will Ihnen auch einen Vorschlag machen. Besuchen Sie unsern Vater in einigen Tagen. Inzwischen wollen wir ihm die Sache vortragen. Daß er gleich darauf eingehen wird, glaube ich zwar nicht, indeß läßt er sich doch vielleicht bereden, und gelingt nur der erste Versuch, so findet sich wohl später die Lust von selbst. Du scheinst mir ein kaufmännisches Genie zu sein, sagte der schlaue Herrnhuter. Ich finde, daß du Recht hast, und werde in nächster Woche bei meinem alten lieben Freunde vorsprechen. Seid inzwischen nicht unthätig, aber fein vorsichtig. Euer Vater ist ein wackerer, nur etwas allzu vorsichtiger, um nicht zu sagen argwöhnischer Mann. Er mag die Neuerungen nicht leiden, obwohl Handel und Wandel einzig und allein durch Neuerungen gedeihen können. Ueberlegt, was ich euch gesagt habe, und seid überzeugt, daß ich nur euer Bestes will. Den Schiebkarren können andere Leute in die Bleiche fahren. Junge Menschen von Kopf müssen die Feder in die Hand nehmen. Da lassen sich mit ein paar Worten, zu rechter Zeit geschrieben, Tausende gewinnen. – Nun Gott befohlen, liebe Brüder! Es ist jetzt Zeit, daß ihr euch wieder auf den Weg macht, wenn ihr noch vor Sonnenuntergang nach Hause kommen wollt. Dann grüßte der Herrnhuter, schwang sich in den Sattel und trabte langsam den zum Thal führenden Weg hinunter in das Dorf. – 12 Fürchtegott war durch diese Unterredung mit dem klugen Handelsherrn sehr heiter gestimmt. Er ging singend nach seinem Schiebebocke und schob die schwere Last munter vor sich her. Christlieb folgte dem Bruder still und nachdenkend. »Ammer und Söhne«, sagte Fürchtegott, das klingt prächtig. Ich wette, ehe zehn Jahre in's Land gehen, bewohnen wir einen Palast, sind Fabrikherren und berühmte Kaufleute in der alten und neuen Welt, und wer weiß, ob uns nicht die größten Potentaten Ordensbänder und Kreuze durch Couriere in's Haus schicken. Ich habe irgendwo einmal gelesen, daß ein Augsburger Leinweber, der, glaub' ich, Fugger hieß, mit dem deutschen Kaiser umging, als ob's sein Bruder wäre, ihm Millionen vorschoß zu seinen Kriegszügen, auf purem Golde speiste, den Ofen mit Zimmet heizte und zuletzt in den Reichsgrafenstand erhoben wurde. »Graf Ammer« müßte gar nicht schlecht klingen. Wenn wir Glück haben, Bruder, können wir's auch noch so weit bringen. Christlieb ließ den sanguinischen Bruder schwärmen. Auch ihm behagte der Vorschlag des Herrnhuters, er besaß aber nicht genug Energie, um sich so leicht wie Fürchtegott über die tausend Schwierigkeiten hinwegsetzen zu können, die alle erst besiegt und überwunden werden mußten, um einem so groß angelegten Plane gedeihlichen Fortgang zu verschaffen. Indeß überschlug er im Stillen die mancherlei Vortheile, die aus einem solchen Unternehmen sich ergeben konnten, und schon die Aussicht, aus einem schlichten und unbekannten Weber dereinst ein Fabrikant zu werden, genügte den bescheidenen Ansprüchen, die der junge Mann an das Leben zu machen wagte. 13 Zweites Kapitel. Ein Weber alter Zeit. Unfern der böhmischen Grenze liegt an den fruchtbaren Abhängen einer nach allen Seiten hin freien Höhe ein kleines Dorf mit blanken, saubern Häusern, denen man es ansieht, daß ihre Bewohner Fleiß und Reinlichkeit über Alles schätzen. Jedes Haus wird von einem Baumgarten umgeben, in dessen Mitte sich tiefe, mit Bruchsteinen ausgemauerte Cisternen befinden, bestimmt, das Regenwasser anzusammeln. Das eigenthümliche Schnurren und Klappern, das schlitternde Geräusch im Innern der aus übereinandergelegten starken Holzbohlen erbauten Häuser und das schrillende Geklirr der Fenster bezeichnen den Ort schon von Weitem als Weberdorf. Am äußersten Ende desselben, etwas ins freie Feld vorgeschoben, lag zu Anfange unseres Jahrhunderts hart an der Straße die Wohnung des Webers Ammer. Es war der höchste Punkt des Ortes mit einer nach allen Seiten hin freien und wahrhaft entzückenden Aussicht. Gegen Mittag und Abend umschließen die malerischen, waldreichen Gebirge Böhmens, gegen Osten die höheren Bergwälle Schlesiens den Horizont. Die Mitternachtsseite begrenzt ein von kleineren Bergen, Hügeln, Schluchten und Thälern mannigfach zerschnittenes Terrain, das ein mehr breiter als tiefer Fluß in zahlreichen Krümmungen durchrauscht. Ueberall blicken Kirchthürme über Busch und Feld, ein paar alterthümliche Schlösser sehen mit ihren feudalgrauen Zinnen aus der Waldferne verdrießlich auf das rührige blühende Land, während wohlgefällig das Auge auf der vielgethürmten Stadt ruht, die schimmernd am Fuße blauer Berge sich ausbreitet. Oberhalb Ammer's Wohnung führte die viel befahrene, aber schlecht gehaltene Communicationsstraße über eine steinige und öde Lehde , die mit Binsen und Riedgras bewachsen war und gegen Mitternacht an ein sumpfiges Röhricht stieß. Ein wasserreicher Bach, 14 der dasselbe durchrieselte, bewässerte die Wiesen des Weberdorfes und trieb am unteren Ende desselben eine Mahl- und Walkmühle. Schon Ammer's Vater und Großvater hatten dieses Röhricht besessen, und weil es der Ammer in der Gemeinde mehrere gab, nannten ihn alle Dorfbewohner zum Unterschiede von seinen übrigen Namensbrüdern »Ammer im Rohr«, ein Spitzname, der keinerlei Nebenbedeutung hatte, vielmehr dem Träger desselben zur Ehre gereichte. Die Ammer waren von jeher der Weberei ergeben gewesen, hatten aber, wie dies im achtzehnten Jahrhundert gebräuchlich war, ihr Geschäft ganz wie ein in engen Grenzen sich bewegendes solides Handwerk betrieben. Damals blühte noch der Linnenhandel in der nahen Stadt, deren schimmernde Bleichen Jahraus Jahrein mit den feinsten Geweben des edlen Hanfes bedeckt waren. Die großen reichen Handelsherren kauften den Webern ihre Erzeugnisse ab oder schrieben diesen vielmehr vor, was sie weben sollten. So blieb sowohl die eigentliche angesehene Weberzunft in der Stadt, wie der nichtzünftige Landweber in vollständiger Abhängigkeit von den Kaufleuten. Dies Verhältniß hatte Jahrhunderte gedauert, man war daran gewöhnt, befand sich vollkommen wohl dabei und wünschte deßhalb keine Aenderungen. Auch Ammer's Vorfahren hatten gleich allen übrigen selbstständigen Webern nur auf Bestellung gearbeitet, weil sie aber sehr wirthschaftlich waren, den Ruf größter Rechtlichkeit besaßen und das Sprichwort »Ein Wort ein Mann« mit peinlichster Gewissenhaftigkeit im Leben zur That werden ließen, genossen sie größeren Vertrauens als viele ihrer Mitweber, und bekamen bei Weitem mehr Aufträge, als sie selbst bestreiten konnten. Die Noth oder vielmehr das Glück zwang sie, ein Auskunftsmittel zu erdenken. Es fand sich dies leicht in der Annahme ärmerer Weber, die sich nur mühsam durch Arbeit auf eigene Rechnung erhalten konnten. Freudig entsagten diese kleinen Weber ihrer Selbstständigkeit, traten bereitwillig in ein ehrenhaftes Abhängigkeitsverhältniß und wurden mit ungleich besserem Auskommen Weber für Lohn. Schon Ammer's Vater hatte zwölf solcher Lohnweber unterhalten, indem er die bei ihm gemachten Bestellungen ihnen zur Ausführung 15 übergab und je nach dem Gewinn, den er selbst davon zog, die Arbeiten bezahlte. Der Linnenhandel, namentlich der schlesische und lausitzische, stand damals in höchster Blüthe, sächsisches Linnen war überall gesucht, die Kaufherren in Zittau, Lauban und Herrnhut machten große Geschäfte und erwarben außerordentliche Summen. Am meisten blühte die erstgenannte Stadt, die in den letzten Decennien des achtzehnten Jahrhunderts nächst Leipzig für die wichtigste Handelsstadt in ganz Sachsen galt und im Verhältniß zu ihrer geringen Volkszahl eine Menge sehr reicher Häuser besaß. Freilich waren die Kaufleute damals weder luxussüchtig, noch luxusbedürftig. Sie lebten äußerst genügsam, still und eingezogen, richteten ihr ganzes Augenmerk nur auf Vergrößerung des Geschäftes, und waren eben so achtungswürdige Haus- und Familienväter, wie solide, im In- und Auslande hochgeehrte Kauf- und Handelsherren. Nach dem Tode des alten Ammer übernahm der Sohn das beträchtlich vergrößerte Geschäft, führte es aber genau in der vom Vater überlieferten Weise fort. Indeß mehrten sich die Bestellungen, die Zahl der unterhaltenen Arbeiter verdoppelte, ja verdreifachte sich, Ammer's Ruf als Weberherr, wie man ihn nannte, überschritt die Grenzen seines Geburtsortes, und sehr bald gab er einer großen Menge in andern Ortschaften lebenden Webern Nahrung und Unterhalt. So viel Glück machte jedoch den bescheidenen Mann nicht übermüthig. Er blieb nach wie vor Weber, hatte in seinem eigenen Hause zwei Stühle stehen, an denen seine beiden Söhne, häufig sogar er selbst arbeiteten, und führte ein von den übrigen Webern in keiner Weise verschiedenes Leben. Nur auf behaglichere Einrichtung seiner Wohnung verwandte er eine Summe Geldes, kaufte ein anstoßendes baufälliges Haus für billigen Preis und errichtete eine Mangel, da man bisher über eine Stunde weit hatte gehen müssen, um fertige Waaren appretiren zu können. Einige Jahre später legte er auch eine Färberei an, da er von einem Kaufmanne, der ein Baumwollengeschäft schwungvoll betrieb, mit ehrenden Aufträgen betraut worden war. Diese Verbesserungen machte Ammer nicht freiwillig, nicht aus innerm Drange, wie andere Geschäftsleute, deren ganzes Dichten und 16 Trachten nur auf das Erwerben gerichtet ist, wohl zu thun pflegen. Er fügte sich der Nothwendigkeit, weil er keinen andern Ausweg sah, aber er that es widerstrebend. Den größeren Gewinn, der eine Folge dieser Verbesserungen war, strich er zwar schmunzelnd ein, doch würde er sich nicht gegrämt haben, hätte ein Anderer sich der mancherlei Mühwaltungen und damit verbundenen Verdrießlichkeiten unterziehen wollen. Ohne sich selbst genau Rechenschaft ablegen zu können, war Ammer auf diese Weise unerwartet ein reicher Mann geworden. Glückliche Handelsconjuncturen, das unbegrenzte Vertrauen fremder Menschen in seine Redlichkeit, nicht seine unermüdete Thätigkeit und kaufmännische Umsicht machten ihn dazu. Ammer hatte in dem Sinne, wie unsere Zeit es will, durchaus gar keine Anlage zum Kaufmanne, noch war es ihm je eingefallen, ein solcher werden zu wollen. Dies Wort »Credit«, dieser weltbewegende Zauberstab im kaufmännischen Leben, kannte Ammer nicht. Er selbst hatte niemals Credit begehrt, nie mittelst desselben irgend welche Vortheile errungen. Die Ausgaben, welche sein Geschäft erheischte, bestritt er stets mit baarem Gelde, während er Aermeren, die bei ihm Unterkommen und Verdienst suchten, aus purer Gutmüthigkeit Geld lieh. Gewiß konnte man ein solches Verfahren nicht klug nennen, ja vom kaufmännischen Standpunkte aus nicht einmal billigen, aber es war so durch und durch ehrenhaft und ein so folgenreiches Ergebniß seines Charakters, daß ihn dieser wunderlichen Eigenheit wegen Niemand zu tadeln wagte. Inzwischen hatten sich in Folge der kriegerischen Begebenheiten, die damals Europa erschütterten, und auch auf alle Handelszweige einwirkten, die Verhältnisse nach und nach wesentlich anders gestaltet. Viele bedeutende Häuser erlitten große Verluste, hielten sich aber durch ihre anerkannte Solidität und die Nothkrücke des Credits. Ammer ahnte von dem Allen nichts. Seine Weberei blühte fort, vermehrte sich von Jahr zu Jahr und warf, da er beispiellos haushälterisch mit dem Erworbenen umging, große Summen ab, die Ammer nicht anders nutzbar anzulegen wußte, als daß er Ländereien kaufte und im nahen Böhmen eine kleine Garnbleiche erwarb. Alle auf seinen 17 nunmehr schon sehr zahlreichen Stühlen gefertigten Waaren ließ er, alter Gewohnheit nach, wie vor ihm sein Vater gethan hatte, auf den Bleichen am Queiß bleichen, da das Wasser dieses Flusses namentlich feinen Linnen vorzüglich zusagen sollte. – So war der Mann geartet, der seine Söhne gleich dem ärmsten Weber meilenweit mit Schubkarren in's Land schickte und ihnen auf solche anstrengende Reisen nur wenig Geld nebst einem großen Schwarzbrod mitgab. Er hatte es in seiner Jugend nicht besser gehabt. Abhärtung, behauptete er, stähle den Körper, erhalte Herz und Geist frisch und sei das sicherste Mittel gegen Ausschweifungen jeglicher Art. Dieser Mann saß jetzt, während die Glocke auf dem nächsten Kirchdorfe »Feierabend« läutete, vor der Thür seines Hauses, rauchte billigen »Dreikönigstabak« aus einer schön gebräunten Meerschaumpfeife mit kunstreichem Silberbeschlag und unterhielt sich mit einem Kärrner, der allwöchentlich einmal durch's Dorf fuhr, um zerbrochenes Glas einzuhandeln. Wie jeder Weber, trug Ammer eine blaue Schürze, um seine übrige Kleidung gegen den Garnstaub zu schützen. Ein schwarzsammtenes Käppchen bedeckte seine bereits grau werdenden Haare, die ein halbmondförmiger Hornkamm am Hinterkopfe zusammenfaßte, so daß sie, während Stirn und Schläfen ganz frei blieben, in leicht gekräuselten Locken seinen stämmigen Nacken umspielten. Gutmüthige hellblaue Augen sahen mit eigenthümlich schelmischem Ausdruck aus einem Gesicht, dessen Züge Milde gepaart mit Charakterfestigkeit verriethen. Nur in dem breiten »Lutherkinne« und einem schwer zu beschreibenden Zuge um den Mund konnte man Spuren zäher Hartnäckigkeit und unbeugsamen Willens entdecken. Geht's schon wieder in die Glashütte? redete Ammer den Kärrner an, den höflichen Abendgruß des bejahrten Mannes durch Lüften seines Käppchens freundlich erwidernd. Wenn du's noch zehn Jahre so forttreibst, kann der Stadtrath von dir borgen. Behüte, Herr Ammer, versetzte der Kärrner, sein Paviansgesicht zu einem höchst komischen Lächeln verziehend, 's ist nicht viel zu profitiren bei dem Bissel Scherbelhandel. Erstlich hat man seine liebe Noth, das Gemülbe allerwärts zusammen zu suchen, und gibt man nicht wacker Obacht, so sticht man sich fix 'mal in die Finger und 18 bringt den Bader zu Ostern um seine paar Gröschel für's Aderlassen. Und hat man die zerbrochene Waare glücklich in's Königreich hinüber gefuhrwerkt, ohne mit den Grenzjägern in Händel zu gerathen, so verschimpfiren einem die Glashüttenleute noch obendrein den ganzen Brock. Ich sag's immer, Herr Ammer, 's ist eine schlechte Menschheit itzund unter Gottes lieber Sonne aufgewachsen, und sollt' es mich gar nicht wundern, wenn einmal ein grausam gefährliches Sterben unter die Leute käme. Gott, Herr Ammer, es könnte ganz und gar nichts schaden, wenn's nur uns ausläßt! Ich bin nicht so unchristlich, Leisetritt, versetzte der Weber. Ein Sonnenstrahl, der mir's Kammerfenster vergoldet, kann in Gottes Namen auch meinem Nachbar in's Stübel scheinen. Wasch dir die Augen mit Charfreitagswasser, daß du nicht alles schwarz berändert siehst, 's ist eine wahre Schande für einen Mann, der sein Auskommen hat. Leisetritt lachte und schob die klirrenden, mit Glasscherben angefüllten Säcke auf seinem Karren zurecht. Freilich, sagte er, mein Auskommen hab' ich und noch dazu mein sicheres Auskommen, es ist aber danach. Wenn's justement Mode würde, daß irgendwo ein kluger Kopf die Bibel umschreiben dürfte, da ließ ich mich zum Gehilfen anwerben und zwar umsonst, und die Stellen, wo geschrieben steht: »Im Schweiße deines Angesichtes sollst du dein Brod essen,« setzte ich das Wort »verschimmelt« dazu, denn das paßt gerade für mich und noch ein paar tausend Schock andere ehrliche Kerle, die's Buttermesser unter die nicht erfundenen Dinge zählen. Schwarzbrod schärft die Zähne, erwiderte Ammer, und wer scharfe Zähne hat, den fürchten die Weiber. Mein' Seel', das ist wahr! rief Leisetritt lachend. Ich hab' das erfahren an mir selber. Verwichene Pfingsten ist meine Dritte von mir gegangen. Nun hab' ich's aber auch verschworen, mein Lebtage keine Räderhaube Die Sonntagstracht der Frauen vom Lande hatte damals radartige Form in jener Gegend, weßhalb man sie »Räderhauben« nannte. mehr anzusehen! – Na, wie steht's heute? Hat's ruschlige Töchterchen gar nichts zertöpfert? 19 's müßt' hinter meinem Rücken geschehen sein, klimpern hab' ich's nicht hören. Wenn Sie 'was zu verrichten haben, Herr Ammer – ich komm' 'ne Viertelmeile von der Bleiche vorüber – da möcht' ich's von Herzen gerne besorgen. Sie wissen, ein Spitzgläsel Wachholder ist mir noch immer sehr gut bekommen, ja, Herr Ammer, grausam sehr gut. Du bist ein Näscher und solltest auf die Kirmessen Gatterklopfen gehen. – Florel! rief der Weber sich umwendend, Florel! Ja, Vater, antwortete eine glockenhelle lustige Mädchenstimme aus dem an der Giebelseite des Hauses gelegenen Garten, und alsbald kam ein schlankes Kind mit rothen Bäckchen und glänzenden Rehaugen die schmalen, mit rothem Sand bestreuten Gänge daher gelaufen. Flora oder Florel, wie Ammer und alle andere Mitglieder der Familie das heitere Mädchen nach Landessitte nannten, die sich gern und so häufig wie möglich des einschmeichelnden Diminutivs bedient, trug Pantoffeln mit hohen spitzen Absätzen, sogenannte »Klötzchen«, die sie jedoch nicht im Geringsten beim Laufen und Springen hinderten. Eine angeborene natürliche Grazie verlieh ihren Bewegungen Reiz und Anmuth. Sie hatte Salatköpfe ausgestochen und trug die gelblich-grüne saftige Blätterfrucht in der aufgerafften Schürze. Was soll's, Vater? fragte sie munter. Der Glassammler Leisetritt will meine Gesundheit trinken, sagte Ammer. Gieß' ihm flink ein Spitzgläsel ein! Flora nickte dem drollig aussehenden Kärrner zu und hüpfte, mit ihren Pantoffeln klappernd, in's Haus. Unser Herrgott hat Sie doch grausam lieb, Herr Ammer, sagte Leisetritt, dem fröhlichen Mädchen mit seinen kleinen, von grauen Brauen schwer überhangenen Augen schmunzelnd nachsehend, 's kann Einer suchen gehen rund herum auf allen Rathsdörfern, solch Mädel findet kein Auge, selber nicht im Traume. Wenn sie fromm bleibt, ist sie eine Weide für Aug' und Herz, erwiderte Ammer. Gott beschirme sie mit seiner Wimper! Sie könnte flugs eine Prinzessin werden, Herr Ammer. Mir ist's allezeit lieber, wenn sie derweile eine richtige Webersfrau wird. 20 Nu, nu, sagte Leisetritt, nur nicht gleich barsch, Herr Ammer! 's wünschen ist eine wohlfeile Sache und, wenn man richtig denkt, der alleinzige Genuß, der die Armen nichts kostet. An Freiern, an schmucken und reichen Freiern, rechn' ich mir, wird's dem Goldengelchen nicht fehlen. Mein's auch, wenn's Zeit sein wird, sprach der Weber. Itzund hat's Florel erst achtzehn Sommer auf'm Rücken, und die drücken sie noch nicht so sehr, daß sie partout in's Ehebett fallen müßte. Bescheert ihr aber Gott einen wackern Burschen, rüstig, arbeitsam, ehrlich und treu, und sie sehen's Himmelreich offen, wenn sie einander in die Augen schauen, so werd' ich sie segnen mit Freuden. Ich bin keiner von den Narren, die nach dem Aparten angeln. Schlicht und gerade, recht und ehrlich ist mein Sprichwort, und ich denke damit durch die Welt zu kommen auch ohne vornehme Verwandtschaft. Flora kam jetzt zurück, ein kleines, nach unten sehr spitz zulaufendes Gläschen in der Hand, das sie dem Glassammler freundlich lächelnd reichte, mit ihren blühenden Lippen den Rand desselben flüchtig berührend. Dann lief sie wieder nach dem Blumen- und Gemüsegarten, wo die Mutter ihrer begehrte. Leisetritt trank das Gläschen auf einen Zug aus, schnalzte mit der Zunge und verzog seine von Natur schon krause Stirn in zahllose Runzeln. Schade, sagte er nach einer Weile, das leere Glas neben Herrn Ammer auf die hellgrün angestrichene Bank setzend. Mein' Seel', 's ist schade. Was? fragte der Weber. Wenn man's beim Lichte betrachtet und sieht, wie die Ammer erst nur so piepten, wie eben aus dem Ei gekrochene Hühnel, und wie sie nachher anfingen zu zwitschern und nun gar schon ordentlich singen wie Haidelerchen – wenn man das bedenkt. So wird man mit der Zeit zum Narren und kann in's Tollhaus kommen, fiel der Weber ein, dem des lächerlichen Alten verworrene Rede in keiner Weise behagte. Behüte, behüte! erwiderte Leisetritt, die Hand abwehrend schüttelnd. Wie mögen Sie nun gleich so oben 'naus fahren! – Wenn man das recht bedenkt, mein' ich, ist's just schade, daß man 21 schon so tief in den Jahren drin steckt und 's wohl nicht mehr erleben wird, wie zuletzt die Ammer den Ton im ganzen Lande angeben werden! – Das ist's, Herr Ammer, was mir gerade einfiel bei dem Schnaps; denn ich möchte doch gar zu gerne wissen, ob die Herren Ammer Söhne auch 'was halten werden auf so 'nen Magentröster. Warum das, Leisetritt? Ja warum? versetzte der Glassammler, der trotz der Ungeduld des Webers nicht aus seiner behäbigen Ruhe zu bringen war. Gewiß, 's sind ein paar wackere Burschen, bei deren Anblick einem 's Herz im Leibe lacht, wenn sie so rüstig die Schubkarre vor sich herschieben, und was mir nun ganz aparte gefällt, sie sind auch mildthätig und sehen, wenn sie Jemand helfen können, ein paar Groschen nicht an. Hast du Beweise? fragte Ammer, sein Käppchen unruhig in den Nacken schiebend. Ich bin's schon zufrieden, wenn die Jugend nicht allzu genau ist, aber zu verschenken haben meine Jungen nichts. Der Ausdruck »Jungen« verrieth dem Glassammler, daß sich Herr Ammer in aufgeregter Stimmung befand. Deßhalb schien es ihm nicht angemessen, das Gespräch in gleicher Weise noch länger fortzusetzen. Er suchte daher einzulenken und erwiderte auf die Bemerkung des wohlhabenden Webers: Da sei Gott vor, Herr Ammer, daß Ihre Herren Söhne – Meine Jungen sind keine Herren und sollen auch, will's Gott, bei meinen Lebzeiten keine werden. Sein Sie doch nicht curios, Herr Ammer! versetzte Leisetritt. Es ist Mancher schon in der Kutsche gefahren, der in jungen Jahren sich mit Hacke und Beil abplagen mußte, und umgekehrt haben alte Leute den Karren geschoben, denen als Schuljungen die Schreibebüchel von Bedienten nachgetragen wurden. Aber wissen Sie, Herr Ammer, Jugend, die aus gutem Herzen die Worte der Schrift befolgt, hat ein fröhliches Alter zu erwarten. Und das thun Ihre Söhne, gesegn' es ihnen der Herr! Die beiden Handwerksburschen, denen Christlieb das Zweigroschenstückel gab, werden sie nicht vergessen, die lieben Herzen, und die paar so verschenkten Batzen werden dreihundertfach wiederkommen. Wo trafst du meine Kinder? fragte Ammer. 22 Bei der dreieckigen Scheuer, erwiderte Leisetritt. Sie ruhten eben aus neben dem Wegweiser, unter dem die Handwerksburschen saßen, als ich mit meinem klimprigen Fuhrwerk vorbeikam. Sie haben sich auch nicht gar zu lange dort verhalten, wie ich sehe, denn dort kommen sie eben die Gasse neben Goldschmied's Garten herauf. – Guten Abend, Herr Ammer. Ich muß mich scharf dazu halten, wenn ich vor Finsterwerden noch über's Pochwasser kommen will; behüt' Sie Gott! Gute Geschäfte! versetzte der Weber. Wenn du wieder des Weges kommst, kannst du mit zufragen. Die Florel wird inzwischen wohl 'was Scherbel machen. Ammer rückte sein Käppchen, der Glassammler schlang das Tragseil um die Handhaben seines Karrens und fuhr in langsamem Schritte aus dem Dorfe der steinigen Oede zu, die an das Rohr stieß. Drittes Kapitel. Die Familie des Webers. Inzwischen kamen die beiden Söhne des Webers, erhitzt von der Anstrengung des Fahrens, den schmalen Weg herauf. Sie hatten ihre leichten Kattunjacken ausgezogen und auf die graue Leinwand geworfen, mit welcher das gebleichte Linnen überspannt war. Als sie vor dem Hause ihres Vaters hielten und die Tragseile abwarfen, nickte ihnen dieser einen Gruß zu und erwiderte ihren »guten Abend«. Alles in Ordnung? fragte Ammer, den Söhnen die Hand reichend und ihnen neben sich auf der Bank Platz machend. Einen Gruß vom Bleicher, sagte Christlieb, und du sollst ihm nur recht viel schicken, des Preises wegen würdet ihr euch die Haare nicht ausraufen. Habt ihr Durst? fragte Ammer. Ihr müßt wacker zugefahren sein – sollt auch eine Herzstärkung haben, damit euch die Erhitzung nichts schadet, Florel! 23 Riefst du mich, Vater? sagte die anmuthige Tochter, ihr Köpfchen unter dem Weinlaub hervorsteckend, das die Holzbohlen dicht überzog. Bring' deinen Brüdern einen Trunk, befahl Ammer. Flora begrüßte erst die Brüder und ging dann in's Haus, um den Auftrag ihres Vaters zu vollziehen. Es war ein hart Stück Arbeit, sprach Fürchtegott. Die Sonne brannte heiß in den Kieferwaldungen und wir hatten 'was viel aufgeladen. Ammer stand auf und hob wägend beide Radebergen. Dann pfiff er durch die Finger und setzte sich wieder zwischen die Söhne. Ihr habt gerade das rechte Gewicht getroffen, und wenn ihr nur immer stäte zugefahren seid, so kann's euch nichts schaden. Jetzt brachte Flora den Brüdern die verlangte Stärkung, ihnen dieselbe ebenso wie früher dem Glassammler kredenzend. Zugleich trat ein Gehilfe aus dem Hause, der auf Befehl des Webers das gebleichte Linnen ablud. Was habt ihr verzehrt? fragte Ammer. Christlieb und Fürchtegott legten Rechnung ab und zeigten als Rest ihrer Baarschaft noch einige Groschen vor. Das trifft bis auf zwei Batzen, meinte der Vater. Habt Ihr die verloren. Nein, erwiderte Fürchtegott. Vor der Stadt trafen wir zwei wandernde Handwerksburschen, Weber aus dem Reiche, wie uns ihr Gespräch verrieth. Sie waren ermüdet, sehr dürftig gekleidet, hatten keine Arbeit finden können und hätten sich auf's Fechten legen müssen, um das nächste Nachtquartier bezahlen zu können. Aus Christenliebe schenkten wir jedem einen Batzen. Gut, sprach Ammer. Rechtliche Leute, die in Noth sind, beschenke auch ich gern. Ihr habt Recht gethan, sie zu unterstützen, doch seht euch vor, daß ihr nicht unzeitig freigebig werdet und vor jedem Bettelnden den Beutel zieht! Man muß vorsichtig sein itzund, denn es läuft viel liederlich Gesindel in der Welt herum, das Andrer Mildthätigkeit mißbraucht. Auch im Geben ist Sparsamkeit immer zu empfehlen, damit man nicht selbst in Noth geräth. Mit Wenigem 24 auskommen ist eine Kunst, die gelernt sein will und die leider immer mehr verloren geht in unserer genußsüchtigen Zeit. Als ich jung war, regierte ein anderer Sinn. Da sparte Arm und Reich, was denn Jeden ehrlich durch die Welt brachte, und Manchem, der von Haus aus ein armer Gesell war, später zu einigem Besitze verhalf. Ihr seht in mir ein lebendiges Beispiel. Mein Vater hatte, Gott Lob, keine Noth, er würde aber doch zum Bettelmanne geworden sein, hätte er die Dreier nicht dreimal umgedreht, eh' er sie ausgab. Ich hielt's eben so, und so hat mich Gott gesegnet, daß ich mit seiner Hilfe die Weberei 'was mehr in's Große treiben konnte. Ja, sagte Fürchtegott, es ist eine Freude, wenn man das Seinige so gedeihen sieht, es müßte aber denk' ich, eine wahre Lust sein, wenn sich's auf ehrliche Weise noch um Vieles vermehren ließ. Nur fein stäte vorwärts und nicht übereilt, mein Sohn! bemerkte Ammer. Ich habe Leute gekannt, die's nicht erwarten konnten, und eh' sie's selber wußten, war all das Ihrige in den Wind. Und doch speculirt jeder Kaufmann, sagte Fürchtegott. Ich bin Weber, nicht Kaufmann, erwiderte Ammer, will auch nie Kaufmann werden, weil ich von der Handelschaft nichts verstehe. Die Weberei nährt mich, wird auch euch nähren, wenn ihr sie vernünftig betreibt, wie ihr's von mir lernt. Das kaufmännische Geschäft erfordert Kenntnisse, die ich nicht besitze, und ist, auch wenn es reichen Gewinn abwirft, doch immer mit großen Mühen und Sorgen verbunden. Seht nur meinen langjährigen Freund, den Handelsherrn Mirus an. Der Mann ist gegen zehn Jahre jünger als ich, und doch geht er gebückt und hüstelnd einher in seinem Tressenrock, und sein dünnes Haar ist grauer als das meinige. Das machen die Sorgen, die Speculation, das ewige Rechnen, das weder Körper noch Geist zur Ruhe kommen läßt. Es denken nicht Alle so, Vater, sprach Christlieb, es gibt sogar Leute, die es dir verdenken, daß du immer nur auf Bestellung arbeitest und den Gewinn, den Andere vom Handel mit deinem Gewebe ziehen, nicht lieber selber einstreichst. Wer so denkt, kann mir gleichgiltig sein, wenn es aber Einer ausspricht, so muß er mich nicht lieb haben. Darin irrst du, Vater, fiel Fürchtegott lebhaft ein, froh, dem Gespräch eine andere Wendung geben zu können, die ihn das Thema 25 anschlagen ließ, das ihn auf dem ganzen Wege ununterbrochen beschäftigt hatte. Es spricht Einer so, der dich wie ein Bruder liebt und nur dein Bestes will. Ammer sah seinen Sohn mit blitzenden Augen an. Die Stirn runzelte sich, er schüttelte mißbilligend den Kopf. Wer kann euch solche Albernheiten vorgeschwatzt haben? Redet! Fürchtegott schlug vor dem durchbohrenden Blicke des Vaters die Augen nieder, ohne Antwort zu geben. Auch Christlieb schwieg, aber ein kluges Lächeln spielte um seinen Mund. Redet! befahl Ammer gebieterisch. Soll ich meinen Jungen das Wort abkaufen, um Unsinn zu hören? Ereifere dich nicht, Vater, sagte Christlieb begütigend. Fürchtegott meint's ja nicht bös, und wenn du's eben wissen willst, brauchen wir auch kein Geheimniß aus der Begegnung zu machen. Begegnung! Wer oder was ist euch begegnet? Je nun, sagte Christlieb, wir trafen zufällig oben an der Grenze mit Herrn Wimmer zusammen, und da wir gerade Mittagsrast hielten am Feldbrunnen bei der Kapelle, ließ sich der Handelsherr mit uns in ein Gespräch ein, erkundigte sich nach dir, lobte deine Thätigkeit und sprach Dies und Das. Ganz recht – Dies und Das, versetzte Ammer, das heißt mit andern Worten, er setzte euch Gedanken in den Kopf, für die eure ungeschulten Weberschädel nicht gemacht sind. Fürchtegott's Gesicht überflammte eine dunkle Röthe bei dieser Bemerkung. Sein leicht reizbares Gemüth und sein jugendlicher Stolz fühlten sich beleidigt. Er schwieg aber weislich, da er wußte, daß mit Heftigkeit dem zähen Vater nichts abzugewinnen sei. Nun, so laßt doch hören, was Herr Wimmer für kluge Gedanken ausgekramt hat? sagte Ammer mit spöttischem Lächeln, seine Meerschaum-Pfeife auf's Neue mit Tabak füllend und gemächlich Feuer anschlagend. Ein Weber von deinen Mitteln, meinte Herr Wimmer, müsse mit großen Häusern in Verbindung treten, nicht für Andere, sondern für sich selbst arbeiten lassen und Geschäfte über das Meer nach Amerika machen. Richtig, sprach Ammer, und wenn er gewebt und gewebt hat und Tausende von Centnern auf einen sogenannten Schnellsegler geladen, 26 dann kommt Herr Blasius zu unrechter Zeit, zerreißt die Segel, die auch bloß Leinwand sind, und schmeißt die schönsten Waaren in's Wasser. Wenn dann Einer im Stande ist, bloß die Schlichte wieder auszufischen, so kann er schon froh sein. – Schön Dank für solchen Rath! Ich bin zwar just kein Judenfreund, denn 's ist überall ein schmierig Bissel Wesen mit ihnen, aber mit ihrer Furcht vor dem Wasser haben sie nicht Unrecht, 's Wasser hat keine Balken, sag' auch ich, und darum bleib' ich auf'm Lande mit meinem Thun und Denken. Da hab' ich Grund und Boden und kann mich links und rechts stützen. Ammer wollte aufstehen, Fürchtegott hielt ihn aber zurück. Wenn du Vertrauen hättest, Vater, sagte der junge Mensch zögernd, und du kennst Herrn Wimmer – du stehst mit ihm in Verbindung – Auf Bestellung, nicht anders, fiel der Weber ein. An dreihundert Weben ist Alles, was er Jahraus Jahrein bei mir machen läßt. Und Wimmer ist ein reicher Mann, Vater! Das ist er, weil er redlich, pünktlich und – und weil er ein Herrnhuter ist! Die Herrnhuter sind gottesfürchtige und nebenbei auch grausam kluge Leute. Er fing nur mit sehr geringen Mitteln an, sagte Fürchtegott. Als Sohn eines unbemittelten Bauers stand ihm wenig zu Gebote. Ich unterstützte ihn, sprach Ammer, weil ich ihn als rechtlich kannte, weil er mein Vertrauter war – der Freund eurer Mutter, und – doch das gehört nicht hierher. Und er hatte Glück, Vater! Dein vorgestrecktes Capital verdoppelte sich rasch – er wollte es dir zurückzahlen, du nahmst es nicht – Weil ich's entbehren konnte und in seinen Händen es wohl geborgen wußte. So hab' ich nun die freudige Genugthuung, einem braven Menschen geholfen, zeitlich, soweit dies ein einzelner Mensch vermag, glücklich gemacht und vielen Andern, die ich nicht kenne, mittelbar wieder Brod verschafft zu haben. Nach Wimmer's Tode fällt das Capital an euch zurück. Herr Wimmer steht mit amerikanischen Häusern in sehr genauer Verbindung, sagte Fürchtegott. Die kaufmännische Regsamkeit der Amerikaner erregt seine Bewunderung – er wünscht dich Theil nehmen zu lassen an seinem Gewinn und deßhalb – Deßhalb? wiederholte Ammer. Will er mich etwa deßhalb um meine Ruhe bringen? Ich sage nochmals: danke schön! und bleibe 27 Weber. Mein Auskommen hab' ich, ihr werdet auch nicht verhungern, wenn ihr's vernünftig treibt, wie ihr's von mir seht, und nach Ruhm als großer Handelsherr bin ich nicht begierig. Der Mensch soll aber ein Glück, das ihm geboten wird, nicht eigensinnig von sich stoßen, warf Fürchtegott ein. Ein Glück! versetzte der Weber. Was nennst du Glück? – Daß ein Mann, der es zu etwas gebracht hat durch Regsamkeit und günstiges Zusammentreffen von Umständen, dir auf offener Straße zuruft: Folge meinen Fußstapfen und es kann dir nicht fehlen? – Lieber Sohn, um Wimmer's Glück zu haben, müßtest du auch Wimmer's Geist, Wimmer's umfassenden Blick, Wimmer's kaufmännische Schlauheit und – die Geschmeidigkeit des Herrnhuters besitzen! Auch drüben über'm Meer, in Amerika sind es Herrnhuter, die ihm die Hand reichen. Mischt sich ein gewöhnlicher lutherischer Christ in das Geschäft, so ziehen sie sich zurück und statt Gewinn trifft ihn Verlust auf Verlust. Ich kenne die Menschen. Für gewöhnlich mag es vielleicht so sein, sprach Christlieb, bei Herrn Wimmer dürfen wir wohl eine Ausnahme gelten lassen. Es käme vorerst auf einen bloßen Versuch an. Und der soll bestehen? fragte Ammer. Ich bin doch neugierig zu erfahren, was eigentlich der Herrnhuter mit euch anfangen will. Wimmer sprach von einem Compagniegeschäfte, sagte Fürchtegott. Gesetzt z. B. du vertrautest ihm eine kleine Waarensendung an, schössest ein Capital zu, um zur Hälfte etwa die Ausrüstung eines eigenen Schiffes zu bestreiten, Herr Wimmer ordnete das Uebrige und – der Gewinn fiele nur dir allein zu? Und wenn's so sicher wäre wie der Aufgang der Sonne an jedem neuen Morgen, ich sagte dennoch nein! sprach Ammer. Die Sache ist mir zu weitschichtig – ich kann so weit nicht sehen. Gesetzt aber, es glückte und die Sucht nach Gewinn führ' mir in die Glieder, also, daß ich Tag und Nacht keine ruhige Stunde mehr hätte, wär' ich dann wohl glücklicher, als jetzt, wo mich nichts drückt, als wie ich zu Rande komme mit meinen Webern bei der Abrechnung? Versuch's wer Muth dazu hat, ich bleibe still hinter meinem sichern Webstuhle sitzen. Die Brüder waren genöthigt, für diesmal den wichtigen Gegenstand fallen zu lassen, um den schwer zu behandelnden, in seinen 28 Ansichten äußerst hartnäckigen Vater nicht aufzubringen und sich dadurch die Möglichkeit abzuschneiden, gelegentlich wieder einmal darauf zurückzukommen. – Mutter und Schwester hatten inzwischen den Abendtisch gedeckt und riefen jetzt Vater und Söhne zur frugalen ländlichen Mahlzeit. Ammer würde es für eine arge Sünde gehalten haben, ohne vorher gesprochenes Gebet einen Bissen zu genießen. Dem Herkömmlichen in allen Dingen hold, hielt er auch in dieser Hinsicht fest an dem Ueberlieferten und betete nach alter Sitte laut mit sämmtlichen Hausgenossen, wobei die Dienstleute an einem besondern Tische zunächst der Thür saßen. Während der Mahlzeit sprach der Weber nur wenig, warf nur bisweilen ein befehlendes Wort hin, das von dem Gesindetische respectvoll erwidert ward, und zog sich unmittelbar nach beendigter Mahlzeit in sein Cabinet zurück, noch kurze Zeit mit Ordnen und Besichtigen von Garnen beschäftigt, die am nächsten Morgen zur Verarbeitung ausgegeben werden sollten. Die Brüder blieben mit Mutter und Schwester in der gemeinsamen Wohnstube, an deren schmucklosen, mit hellgelber Oelfarbe angestrichenen Holzwänden ein paar Webstühle standen, im Volksdialekt »Gezehe« genannt. Dies waren die Arbeitsstätten Christlieb's und Fürchtegott's, wenn sie nicht im Auftrage des Vaters »außer Landes« sich befanden, wie man damals jedes Verreisen nannte. Auf beiden Stühlen sah man halbfertige Gewebe feiner Linnen. Ihr habt dem Vater 'was Neues erzählt, gelt? sagte Flora, sich über die Schulter des älteren Bruders beugend und ihn schelmisch mit ihren hellen Augen anlachend. Ich hab's wohl gehört beim Salatstechen. Ist's auch was Gutes? Als ob's darauf ankäme beim Vater! versetzte Fürchtegott ärgerlich. Ein neu Ding ein nichtsnutzig Ding, das ist immer und ewig des Vaters Rede. Ihr sollt mir den Vater nicht schelten, er meint's gut, sagte die Mutter. Laßt mich's wissen und ich helf' euch, bat Flora, deren Neugierde im hohem Grade erregt war. Kannst's auch vollends verderben mit deinem Geplausche, versetzte Fürchtegott. 29 Ich verderben? Wer ist denn gut dazu, wenn's 'was herauszulocken gilt vom Vater? ich dächte doch, 's wär' immer nur's Florel, die den Kopf zuerst in's Stübel stecken muß. Und bin ich jemals unverrichteter Sache wieder gekommen? He, bin ich? Ach was! Halte dein allerliebstes Mäulchen, versetzte Fürchtegott. Das waren Hausangelegenheiten und die wissen alle Weiber jederzeit am besten zu behandeln. Diesmal aber gilt's 'was Großes, 'was Ueberseeisches – 's gilt just die ganze Zukunft, den Nutzen und die Ehre der Ammer. Oho, sagte die Mutter, ich meine, die Ammer haben Ehre genug, um es mit jedem Bürgermeister und Rathsherrn aufnehmen zu können! Was Ueberseeisches, wiederholte Flora, ihr niedliches Köpfchen schüttelnd. Hör' 'mal, Fürchtegott, das ist mir zu hoch gegeben. Wußt' es ja voraus, versetzte mit wichtig thuender Miene der Bruder. Es sind eben keine Weibersachen – ihr versteht nichts davon. Mach' mich erst ein Bissel gescheidt und ich will's schon vestehen, sagte die hartnäckige Schwester. Was hab' ich mir unter dem »Ueberseeischen« zu denken? Da Fürchtegott nur mit vornehmem Achselzucken antwortete, gab der mittheilsamere und liebreichere Christlieb die gewünschte Erklärung und fügte kurz den Inhalt des mit Herrn Wimmer geführten Gespräches bei. Nun ja, sagte Fürchtegott, so ist's, so liegen die Sachen und von dem Allen mag nun der Vater nichts wissen, 's ist geradezu, um toll zu werden! Darf Einer nur zugreifen und die Finger einbiegen, um Millionen zu erhaschen und doch darf man's nicht thun, pur, weil's gegen den alten Schlendrian ist! – Aber ich werde mich den Henker drum kümmern! Bleibt Vater harthörig, so red' ich mit Wimmer und versuch' es ganz im Stillen, und glückt's, dann mag Herr Webermeister Ammer Augen machen, so groß er will, Ammer der Jüngere ist nachher ein gemachter, selbstständiger Mann und braucht sich von Niemand mehr in seine Geschäfte reden zu lassen. Nur stäte, Bruder! sagte Flora, 's muß ja nicht Alles gleich kurz und klein geschlagen werden. Vertragt euch, wartet eine Weile und der Vater hört euch wohl noch 'mal an. 30 Wenn es nicht Wimmer wäre, sprach die Mutter, indem ein düsterer Schatten über ihre reine Stirn zu gleiten schien. Ist Herr Wimmer nicht Vaters Freund? warf Flora ein. Eben deßhalb, meinte Frau Ammer, zu viele Verbindlichkeiten schaden der Freundschaft, und überdies hat es mit Herrn Wimmer und dem Vater eine eigene Bewandtniß. Kurz und gut, ich hab' so wenig Freude an dem Vorschlage als der Vater. Fürchtegott hätte das für ihn so interessante Gespräch gerne noch fortgesetzt, allein das erlaubte die Hausordnung nicht. Der Kukuk auf der Schwarzwälder Uhr rief neun, der Vater hustete in seinem Cabinet, was immer ein Zeichen war, daß er Ruhe im Hause verlange, und weil Niemand gegen diese Gesetze sich aufzulehnen wagen durfte, schnurrte mit dem letzten Schlage der Uhr in Ammer's Hause auch pünktlich das Leben ab. Mutter und Kinder wünschten einander gute Nacht und zehn Minuten später war Alles zur Ruhe gegangen. Nur der große zottige Hund Bello, am Tag meistentheils angekettet, schnobberte noch einige Zeit in der Küche herum und nahm endlich als Wächter des Hauses hinter der Hausthür seine Schlafstelle ein. – Ammer lebte buchstäblich nach dem Sprichworte »Morgenstunde hat Gold im Munde«. Mit frühester Dämmerung begann in seinem Hause die gewohnte Thätigkeit und von allen Webstühlen klapperten die des wohlhabenden Mannes in der Regel zuerst. Er sprach es häufig aus, daß Niemand eher etwas genießen sollte, als bis er durch Arbeit sich dessen auch würdig gemacht habe. Es mußten deßhalb alle in seinen Diensten stehenden Leute wenigstens eine volle Stunde in ihren verschiedenen Beschäftigungen thätig gewesen sein, ehe sie frühstücken durften. Er selbst mit Frau und Kindern ging ihnen hierin mit bestem Beispiele voran. Beim Frühstück sagte die muntere Flora, die immer das Meiste zur Unterhaltung beitrug: Rath' einmal, Vater, was ich geträumt habe. Um mich auslachen zu lassen? erwiderte Ammer. Ich müßte Mädelgedanken im Kopfe haben, sollt' ich deine Träume errathen. Wir hatten Besuch, Vater – ich will dir's leicht machen. Nun, wen meinst du? Vornehmen? 31 Nicht so gar sehr. Einen geistlichen Herren aus Prag. Behüte – 'was Weltliches. Meinen Bleicher? Ein klein wenig höher, Vater, lächelte Flora. Ach laß mich ungeschoren mit deinen Träumereien und behalte sie für dich allein, wenn du sie nicht ausplaudern magst. Herr Wimmer war da, der Herrnhuter, sagte Flora. Ach und der hat 'mal geredet! Besser als der Herr Primarius, wenn er auf's Abkanzelkapitel geräth! Und du hast dabei gesessen, Vater, und die Brüder auch, und alle Drei habt ihr die Mäuler aufgesperrt vor purer Verwunderung, und da sind euch lauter vergoldete Tauben hineingeflogen, bis zuletzt keine mehr Platz hatte, und da bissen die letzten einander in die Schwänze, bis sie herunterhingen auf die Diele. Nein, wie ihr Drei aussah't, das war ganz und gar zum Todtlachen! Aber Herr Wimmer saß daneben mit einem großwichtigen ernsthaften Gesicht, und zählte bedächtig die goldenen Tauben, brach eine nach der andern ab und setzte sie in große Körbe. Und das war Alles unser! Ist das nicht ein recht verwunderlicher Traum, Vater? Ihr habt gestern geschwatzt, sprach Ammer, seine Söhne mit scharfem Blicke musternd. Florel hätt' eher von sonst 'was geträumt als von dem Herrnhuter. Er ist ja mein Pathe, sagte die Tochter, und der kann mir doch auch 'mal im Traume einfallen. Ich wünschte nur, er hätte mir in Wahrheit ein paar von den vielen goldenen Tauben in die Schürze geworfen. Da wollt' ich bald eine eigene Wirthschaft einrichten. Nun hör' Einer das Blitzmädel! sprach Ammer lachend, während Flora ihr mit Purpur übergossenes Gesicht zu Boden senkte, 's Wirthschaften ist den Weibsleuten doch angeboren! Ich glaube, wenn sie könnten, so fingen die Mädel schon in der Wiege an zu wirthschaften. Wenn nun Herr Wimmer nächster Tage wirklich käme, Vater, bemerkte Fürchtegott, und er brächte unser Gespräch von gestern Abend wieder auf's Tapet, würdest du ihn abspeisen mit der nämlichen Antwort? 32 Wimmer ist ein Mann und ein besonnener Mann. Wenn er mit mir über die Sache in seiner Weise reden wollte, würd' ich ihm Antwort geben in meiner Weise. Bis dahin bleibt's bei meiner Rede. – Es vergingen nun einige Tage, ohne daß Ammer des Vorschlags seiner Söhne wieder gedachte. Der gewissenhafte Weber betrieb sein Geschäft mit gewohnter Pünktlichkeit, vertheilte Arbeit an seine auswärtigen Weber, prüfte die abgelieferte Waare, lobte da, tadelte dort, zahlte den fälligen Lohn aus und erkundigte sich schließlich nach den Verhältnissen jedes einzelnen Arbeiters. Dies verschaffte ihm eine ziemlich genaue Kenntniß der häuslichen Lage seiner Lohnweber und gab ihm Gelegenheit, wo es Noth that, vermittelnd oder helfend einzuschreiten. Denn so weit entfernt Herr Ammer von aller unzeitigen Verschwendung war, so gern und schnell unterstützte er Darbende und Hilfsbedürftige, wenn er sich von dem Nutzen solcher Unterstützung überzeugt hielt. Mit vollem Recht nannten ihn deßhalb alle in seinem Dienste stehenden Weber den »Vater Ammer«. Er war in der That und Wahrheit der Vater Aller, und zwar nur ein milder, helfender, nie ein strenger und strafender Vater. Unter dem Geklapper der Trittbrette, beim Rollen und Klirren des Schiffchens unterhielten sich Christlieb und Fürchtegott häufig über den Vorschlag des Herrnhuters. Den beiden jungen Leuten in der staubigen unscheinbaren Kleidung gemeiner Weber hätte es Niemand angesehen, daß ihre Gedanken in fernen Welten, an den Ufern des Hudson und Ohio umherwanderten; daß sie am Steuer schwer befrachteter Schiffe standen und die kostbare Ladung durch Sturm und Wogendrang in die neue Welt begleiteten. Christlieb, anfangs weniger empfänglich für die neue Idee, war durch Fürchtegott's unablässiges Reden jetzt ebenso davon eingenommen, als der lebhaftere, unternehmendere Bruder. Verdammt, daß man hier Tag aus Tag ein wie angenagelt sitzen muß, sprach Fürchtegott unwirrsch, hastig ein paar zerrissene Fäden in der Werfte zusammenknüpfend und einige Garnknoten auf dem fertigen Gewebe mit dem Nuppmesser entfernend, 's ist just, wie mit dem Gekarre zum Bleichen. Das Weberschiffchen kann Jeder handhaben, der ein bischen Geschick in den Fingern hat, aber zum 33 Speculiren gehört ein Kerl von Kopf. Wenn nur der Wimmer bald 'was von sich hören ließ! Die Herrnhuter nehmen sich alle gerne Zeit, wenn's gerade keine Eile hat, versetzte Christlieb. Er kommt schon, wenn's ihm Ernst um die Sache ist. Ich bin unglücklich, geht's conträr, sagte Fürchtegott, und ließ die Lade so hart anschlagen, daß die Fensterscheiben nachklangen. Gleich darauf öffnete sich die Thüre des Stübchens und Herr Ammer warf einen langen Blick herein auf seine arbeitenden Söhne. Ihr habt Beide halbfeines Garn auf dem Zettel, sprach er; wenn ihr das zu hart zusammenschlagt, bricht's nach der ersten Wäsche und wir haben die Schande davon. Also nur fein douce fortgearbeitet! Die Thür schloß sich wieder. Da hast du's, sprach Christlieb lächelnd. Leidenschaftliche Weber duldet der Vater nicht hinter seinen Stühlen. Du brauchst bloß hitzig zu werden, wenn du's Wirken satt hast. 's ist pur um die Kränkt zu kriegen, zischelte Fürchtegott, fortan behutsam mit der Lade umgehend. Ein richtiger Leinweber möchte wahrhaftig Fischblut haben. Darum sieht's auch der Vater nicht gern, wenn wir zu viel Fleisch essen, bemerkte Christlieb. Fleisch macht Hitze, behauptet er, und Hitze ist der Weberei größter Feind. Ich weiß mich noch recht gut zu besinnen, daß der Vater, so lange er selber hinter'm Stuhle saß, wöchentlich bloß zweimal sehr mäßig Fleisch aß. So mag der Teufel, oder wer sonst Lust hat, Weber sein, brummte Fürchtegott, ich passe nicht zu dem Metier. Mein Gewerbe ist der Handel und ein Handelsmann will ich auch werden. Pst! flüsterte es hinter dem Aergerlichen, indem ein feiner Finger sanft an den Schieber des Fensters klopfte. Das fröhliche Gesicht Flora's lachte durch die hell polirten Scheiben. Fürchtegott wendete sich um und schob das Fenster auf. Was gibt's? Verrathet mich nicht, wisperte das Mädchen dem Bruder zu. 34 Herr Wimmer kommt wie ein gelernter Kopfhänger die Gasse herauf geritten. Und wer lauscht denn dort hinter'm Stacket? Wo? Gerade hinter deinem Ohrläppchen? Ich hab' Niemand gesehen. Mein kluges Schwesterchen, sagte Fürchtegott, ihr scherzend mit dem Finger drohend. Das grüne Sammetkäppchen kommt mir sehr bekannt vor. Ich glaube, 's wird ein Wirthschafter sein. Flora schlug dem Bruder mit sanfter Hand auf den Mund, und entschlüpfte, während die geduckte Gestalt hinter dem Stacket ihr wohlgefällig nachblickte und später in der engen Quergasse, die des Nachbars kleine Besitzung von Ammer's Grundstücken schied, langsam verschwand. In diesem Augenblicke ließen sich die Hufschläge eines im Schritt gehenden Pferdes hören und die etwas gebückte Figur des Herrnhuters ward über dem Gartenzaune sichtbar. Fürchtegott schloß erfreut das Fenster, warf Christlieb einen Wink des Einverständnisses zu und ließ behend das Schifflein durch die weißen Fäden schießen. Bald darauf klopfte es, Herr Wimmer trat ein, grüßte mit süßlichem Lächeln die fleißig arbeitenden Brüder und schlug sich mit der Reitpeitsche seine Stulpenstiefeln, um den Staub abzuschütteln. Ist der Herr Vater zu Hause? fragte der Herrnhuter. Im Cabinet, sagten gleichzeitig die Brüder. Ich werde doch nicht stören? Keineswegs, erwiderte Fürchtegott. Der Vater hat eben Mittagsruhe gehalten und blättert itzt im Wochenblatte. Wimmer lächelte, schritt mit klirrenden Sporen über die glänzend weißen Dielen und trat auf das kräftige Herein! des Webers in Ammer's von Garnproben bis zur Decke angefülltes Zimmer. 35 Viertes Kapitel. Ein Abkommen unter Freunden. Drei volle Stunden schon war der Herrnhuter bei dem Weber und noch immer schien ihr Gespräch nicht endigen zu wollen. Flora mußte für die beiden Männer besonders Kaffee bereiten und ihn in des Vaters Stübchen bringen. Sie bemerkte dabei, daß Wimmer noch freundlicher als gewöhnlich aussah, der Vater aber sehr aufgeregt war, ohne doch erzürnt zu sein. Er lachte sogar recht herzlich, als sie ihr Pathe scherzend umarmte und sie wiederholt schmeichelnd in die frischen Wangen kniff. Das hat 'was zu bedeuten, raunte sie den Brüdern zu, die zu ihrem größten Verdruß die Arbeit nicht verlassen durften, wenn sie den strengen Vater nicht gewaltig aufbringen wollten. Wir erlauben uns, die Unterredung der beiden Freunde zu belauschen, da die Zukunft unserer jungen Bekannten von ihr abhängig sein wird. Ich habe dir jetzt ein Bild meines kaufmännischen Lebens und Wirkens entworfen, lieber Bruder, schloß Herr Wimmer eine längere Auseinandersetzung, die er seinem Freunde schuldig zu sein glaubte. Du kennst mich hoffentlich als einen wahrheitsliebenden Mann und wirst also keine Zweifel in solche Worte setzen. Ich wiederhole schließlich, die Zeit ist günstig, günstiger denn je, und wenn du mir vertrauen willst, muß mein Plan gelingen. Aber Freund, fiel Ammer ein, bedenke nur, daß ich ein schlichter Weber bin und gar keinen Begriff von solch ausgedehntem Handel habe! Das verschlägt nichts, lieber Bruder, erwiderte Wimmer, behaglich eine Schaale Kaffee schlürfend. Meine Hand ist deine Hand, du brauchst nur Ja zu sagen und das Geschäft ist so gut wie abgemacht. Ich verlange keine Weitläuftigkeiten, keine Schreibereien. Ein 36 einfacher Handschlag sei uns Mannesunterschrift und Siegel. Zögere nicht länger, lieber Bruder! Es kommt mir zu geschwind, Wimmer, bei meiner Ehre! Ich bin ängstlich, hab' mich immer nur an das Nächste gehalten. Und dann – wenn's doch mißglückte! Unnütze Furcht, es kann nicht mißglücken, sagte der Herrnhuter. Wie ich dir's auseinandergesetzt habe, so ist's. Wozu denn Fremde mit Gewalt bereichern, wenn man's ehrlich und redlich den Seinen zuwenden kann? Ich bevortheile Niemand, wenn ich meine Pflicht thue, meine Thätigkeit erweitere. – Sieh, lieber Bruder, der Handel ist wie eine Geliebte; man muß schön mit ihr thun, wenn man sie fesseln will, sonst kommt über Nacht ein Anderer und schnappt sie uns vor dem Munde weg. Wimmer! rief der Weber ungewöhnlich ernst. Wozu das? Du kannst mich damit nur abschrecken. Der Herrnhuter lächelte wieder und klopfte mit der Reitpeitsche seine Stulpenstiefeln. Es sollte keine Anspielung sein, lieber Bruder, erwiderte er, das Gleichniß kam mir unwillkürlich auf die Zunge. Schlag' ein, Ammer! Hand weg – ich kann nicht! Ammer! sagte der Herrnhuter. Ich war nicht viel mehr als ein Bettler, als ich zu den Brüdern trat und mein Glück im Handel zu versuchen beschloß. Du halfst mir großmüthig auf – seitdem sind an zwanzig Jahre vergangen und ich kann mich ohne Prahlerei einen reichen Mann nennen. Was hat mich dazu gemacht? Der Handel mit Linnen, mit von dir gewebten Linnen! – Du webst für fünf und mehr Häuser drinnen in der Stadt und ich kann dir die Versicherung geben, daß ihre Besitzer sammt und sonders Hunderttausende im Vermögen haben. Der Leinewandhandel nach Amerika hat diese Ströme von Gold ihnen spielend zugeführt! – Ich sage nun, lieber Bruder, die Zeit ist günstig, die Constellationen des Handels sind so, daß jetzt nur zu gewinnen, unter keinen Umständen zu verlieren ist. Ein mäßiges Capital reicht für den Anfang hin – du kannst es dran wagen, Ammer, du brauchst nicht ängstlich zu zählen. Thu's also und deine Söhne werden dir's noch danken im Grabe! 37 Ich will als Weber sterben, sagte Ammer. Trotzkopf! Unverbesserlicher, starrsinniger Alltagsmensch! rief ärgerlich der Herrnhuter. Schimpfe mich, wie du willst, es läuft schnurstracks gegen meine Grundsätze, erwiderte Ammer, und überdies habe ich nun einmal keine Neigung dazu. Ein guter Vater, lieber Bruder, sorgt nicht bloß für sich, sondern auch für seine Kinder. Sie haben zu leben, wenn sie wirthschaften lernen. Ich und Anna, wir sind keine Verschwender. Aber deine Söhne werden im Leben keine guten Weber. Das wäre der Teufel! fuhr Ammer auf. Sie haben's Handwerk gelernt bei mir, ja von mir selber von Grund aus, und Beide machen dir eine Leinwand, an der auch der ärgste Tadler kein Unthätel finden kann. Mag sein, erwiderte der Herrnhuter mit seinem stereotypen süßlichen Lächeln, das stets einen versteckten Hohn in sich schloß, den jedoch Ammer nicht bemerkte, dennoch wird keiner von Beiden ein Weber in deinem Sinne. Das sind geborene Kaufleute, Großhändler! Ich will sie begroßhändlern! rief der Weber erbittert. Zu Leinenwebern habe ich sie erzogen und das werden sie auch bleiben, wenn der Versucher nicht zu ihnen tritt. Lieber Bruder, wo der Geist treibt und sprudelt, bedarf's der Versuchung nicht, erwiderte Wimmer. Du bist blind, wenn du nicht siehst, was in deinen Söhnen vorgeht. Zumal der Fürchtegott ist kaum mehr zu bändigen. In dem Jungen, sag' ich dir, steckt ein Kaufmann größten Styls. Hältst du ihn zurück hinter'm Webstuhle, so bleibt er nur so lange er muß, das heißt bis zu seiner Mündigkeit. Dann läuft er dir eines schönen Tages davon und versucht sein Glück auf eigene Faust, und durch kommt er, wenn auch mit Noth und Mühe, unter Seufzen und Klagen. Der Christlieb bleibt wohl sitzen, wo du ihn hinweisest, aber ein Weber in deinem Sinne wird er doch auch nicht. Christlieb ist ein Fabrikant, Fürchtegott ein 38 Kaufmann – laß beide Kräfte vereint wirken und deine Nachkommen müssen einen Namen gewinnen, der sich vor den weiland Fuggern nicht zu schämen braucht. Ammer durchschritt einigemal unruhig den beschränkten Raum des engen Stübchens, wiederholt sein Käppchen bald rechts, bald links schiebend, wie er stets zu thun pflegte, wenn er innerlich bewegt oder verdrießlich war. Ich glaube gar, du möchtest die Jungen zu Grafen machen, platzte er brummend heraus. Wenn sie's verdienten, hätte ich nichts dagegen, lieber Bruder. Einstweilen begnüge ich mich, den Einen zu einem unternehmenden Fabrikanten, den Andern zu einem Kaufmanne, aber wie gesagt, in größtem Style, zu erziehen. Ha, ha, ha! lachte der Weber. Du müßtest schon ein firmer Schulmeister sein, wenn du das zu Stande brächtest! Beide können nichts weiter, als was ein ordentlicher Dorfjunge lernen und wissen muß, will er ein guter Christ und wackerer Hausvater werden. Deine Söhne sind jung, haben gute Köpfe und können mithin noch viel lernen, wenn sie nur in die rechte Schule kommen. Ganz gut, versetzte Ammer, aber weißt du, Freund Wimmer, daß so 'was Geld, viel Geld kostet, und daß Dorfkinder, wenn sie auf Stadtmanier gescheidt gemacht werden, zu guter Letzt die Nase über ihre eigenen Eltern rümpfen! Gott verdoppele mich! Hätte ich so einen hochnäsigen Rangen im Hause, ich bäumte ihn auf der großen Mangel auf und ließ ihn so lange hin und her laufen unter'm Kasten, bis er weich wäre wie eine gewaschene Leinewand. Gar so arg würdest du ihm doch nicht mitspielen, lieber Bruder, erwiderte der Herrnhuter. So viel ich sehen kann, sind deine Söhne ein paar brave, gutherzige Jungen. Zum Hochmuth scheinen sie mir nicht hinzuneigen, aber ein Talent für's Erwerben und das Erworbene zusammen zu halten, es geschickt zu benutzen, um es in's Unendliche zu mehren, besitzen Beide. Solche Charaktere sind dankbar für alles Gute, das man ihnen erweis't, und kommt's vom eigenen Vater, so werden sie ihn auf den Händen tragen. 39 Angenommen, dem wäre so, entgegnete Ammer, kannst du mir auch Brief und Siegel geben über ihr dereinstiges Wohl, über ihre und ihrer etwaigen Kinder spätere Zukunft? Lieber Bruder, wir stehen Alle in Gottes Hand. So wir ihm dienen und nach seinen Worten thun, wird er uns beschützen immerdar! Verfalle nicht in's Predigtwesen; ich mag's an Leuten, die andere Geschäfte treiben, nicht gern leiden, erwiderte Ammer. Die Bibel ist ein Buch, vor dem ich grausam großen Respect habe, und was Christus lehrt, wird ewige Wahrheit bleiben bis zum jüngsten Tage; jedennoch muß sich der Mensch tüchtig zusammen nehmen und fleißig in sich hineinschauen, wenn sein Thun auch seinen Reden jederzeit entsprechen soll. Wir sind aber schwach unterweilen, auch wenn wir uns für stark halten, am meisten dann, wenn uns der Herr mit zeitlichen Gütern reichlich gesegnet hat. Reichthum an sich schon macht übermüthig, kommt aber noch vornehme Bildung dazu, so wird leichtlich sündhafter Hochmuth daraus, was in meinen Augen ein schandbares Laster ist. Nun sag', Freund Wimmer, wenn nun meine Kinder oder meine Enkel in diesen schrecklichen Fehler verfielen, wenn sie hochmüthig, hart, unbarmherzig, verschwenderisch würden und als vornehme, reiche Sünder in der Welt lebten, wär' das ein Glück zu nennen? Müßte ich, der ich Schuld daran wäre, mich ob solcher Schmach nicht noch im Grabe umkehren? Es ist dies gerade so leicht möglich, als daß durch seltsame Umstände ein Reicher arm, ein Armer reich werden kann. Wenn wir uns in das Reich der Möglichkeiten verlieren wollen, lieber Bruder, gab Wimmer zur Antwort, so kommen wir schwerlich zum Ziele. Was ist nicht Alles möglich zwischen Aufgang und Niedergang? Mehr als wir Beide im Stande sind unser ganzes Leben lang zu denken. Betrachtungen solcher Art lähmen alle Thatkraft, lassen in letzter Reihe Alles sündhaft erscheinen, denn auch das Beste kann zum Schlimmen ausschlagen, Gutes sich in Böses verwandeln. Mich däucht, ein Vater hat seine Pflicht gewissenhaft erfüllt, wenn er seine Kinder christlich erzieht, sie anhält zur Arbeit, ihnen, soweit seine Kräfte reichen, Mittel zu ihrer geistigen und sittlichen Ausbildung verschafft, kurz sie zu tüchtigen Menschen im Sinne Christi bildet. Das aber, lieber Bruder, ist's, was ich von dir verlange, von dir 40 erflehe! Gott hat dich gesegnet; diesen Segen wende dazu an, deinen Söhnen eine ihren Fähigkeiten entsprechende Erziehung zu geben, eine ihren Neigungen zusagende Thätigkeit zu eröffnen. Ob Heil, ob Unheil daraus entstehen mag, das hast nicht du zu verantworten, wohl aber dürfte dein Sterbestündlein dereinst ein schweres für dich werden, wenn die Blicke deiner Kinder finster und anklagend auf deinen brechenden Augen ruhten! Diese mit inniger Gefühlswärme gesprochenen Worte blieben nicht ohne Eindruck auf den Weber, allein seine Abneigung gegen vornehmes Wesen und moderne Bildung war zu stark, um selbst moralischen Gründen ohne heftigen Widerstand zu weichen. Viel Wissen macht nicht glücklich, sagte er nach einer Weile; das kann man alle Tage an den Gelehrten sehen. Mißmuthigere, verdrießlichere, menschenscheuere Leute findet Einer auf der ganzen Welt nirgend mehr, als unter den Aufgeklärten. Wenn sie nun auch so würden, meine Jungen, könnten sie mir's nicht vorschmeißen bei jedem Bissen Brod? Haben sie Drang dazu und wollen sie durchaus was Besseres sein, als ihr Vater und Großvater, können sie mein'twegen Kaufleute mit und ohne Stiel werden, d. h. wenn ich todt bin. Gar aparte lange, rechn' ich mir, wird's nicht dauern; denn ich verechauffir' mich alle Tage, und das wird mir's Herz bei Zeiten abfressen. Du bist unverbesserlich, sprach Wimmer seufzend. Ich hatte mich so gefreut, dir auch einmal einen Dienst zu erweisen, um die Schuld meiner Dankbarkeit gegen dich etwas abtragen zu können. Aber mit dir Hartkopf ist nicht auszukommen, nicht im Guten, nicht im Bösen. So will ich wenigstens Abrechnung halten und auf alle Fälle ein Ende machen. Nimm dein Geld zurück, ich mag's nicht mehr. Brauch's nicht und will's nicht, sagte Ammer kurz. Will's auch nicht, lieber Bruder, erwiderte sanftmüthig der Herrnhuter. Schenk' es den Armen oder schmeiß' es in' Mühlgraben, da bist du's los! Ich könnt's wohl thun, wenn's fünf Thaler wären, fünftausend aber mir nichts dir nichts hinauszuwerfen, schmeckt mir etwas nach Hochmuth und Verschwendung, und die kannst du beide ja nicht leiden, lieber Bruder. 41 Gott's Pauken und Trompeten, rief Ammer in komischem Zorne aus, sein Sammetkäppchen auf ein Bund rothen Baumwollengarnes werfend, so wollt' ich doch, ich hätt' sonst 'was gemacht! Kurz und gut, ich nehm' das Geld nicht, und wenn's um den Kopf geht! Dann zwingst du mich, es als mein Eigenthum zu betrachten. Mir gerade recht – es soll dein sein und bleiben. Wenn ich's behalten will, lieber Bruder. Da ich's nun aber nicht brauche und es mir doch Segen gebracht hat, will ich's auch nicht leichtsinnig weggeben. Vielleicht bewährt es in den Händen Anderer ebenfalls seine segenbringende Kraft. In dieser Voraussetzung schenk' ich's deinen Söhnen. Wimmer, du wirst doch nicht! Ich werde mit deinem Gelde gerade machen, was ich will, fuhr der Herrenhuter fort. Fürchte aber nicht, daß ich gesonnen sein möchte, die ganze Summe deinen Kindern in die Hände zu geben. Das wäre nicht kaufmännisch gehandelt. Nein, nur zu ihrem Nutzen, in ihrem Namen will ich sie verwenden, und da mir das freie Verfügungsrecht über die ganze Summe zusteht, werd' ich Linnen von dir kaufen und ein überseeisches Geschäft damit für deine Söhne machen. Wimmer! – Nur fein still, lieber Bruder! ich verlange nicht, daß deine Söhne eigentlichen Antheil daran nehmen, weil ich sie aber doch für Besitzer und Eigenthümer angesehen wissen will, bedinge ich mir aus, daß du mir Einen oder den Andern bei Ablieferung der Waaren mitschickst, damit er das für ihn angelegte Handlungsbuch einsehen und sich von dem Stande der Sachen überzeugen kann. Das ist heimlich gehandelt! fuhr der Weber erhitzt auf. Das nennt man einen schlichten, ehrlichen Kerl übertölpeln! – O ihr Herrnhuter, wer euch auskennte! Ihr seid mein' Seel' die pfiffigsten Juden in der lutherischen Christenheit. Wimmer lächelte äußerst süß und sanftmüthig, in seinen halb zugekniffenen kleinen Augen aber leuchtete bisweilen eine boshafte Flamme auf. Er fuhr ruhig fort: Jetzt, lieber Bruder im Herrn, versprichst du mir, die Sachen gehen zu lassen, wie sie wollen, den etwaigen Gewinn, den wahrscheinlich das Geschäft abwirft, nach meinem Gutdünken, doch immer mit 42 Genehmigung deiner Söhne in deren Nutzen mich verwenden zu lassen, und dies bis zu deren Mündigkeit fortsetzen zu dürfen. Erklären dann Christlieb und Fürchtegott, oder Einer von Beiden, daß sie Fabrik und Handel fernerhin vereint treiben wollen, so versprichst du ihnen nicht hinderlich zu sein, vielmehr Alles zu thun, was sie auf ihrem selbst gewählten Berufswege fördern kann. Nicht wahr, lieber Bruder, das wirst du thun, als frommer, christlicher Vater? Ammer schob das wieder aufgeraffte Käppchen von einem Ohr auf's andere, rieb sich die Hände und schnalzte mit der Zunge. Sicherlich werd' ich's thun, Herr Wimmer, sagte er trotzig, ich werd's thun als ein ehrlicher, dummer Kerl, der von einem jesuitischen Herrnhuter recht spitzbübisch hinter's Licht geführt worden ist. Daß dich, daß dich! – – Dein Zorn macht mich glücklich, lieber Bruder, versetzte der herrnhutische Kaufmann, sich fröhlich die Hände reibend, als habe er ein vortreffliches Geschäft abgeschlossen. Und damit unser Abkommen zu Recht beständig sei, deine Hand darauf, alter Brummbär! Ein Wort, ein Mann! Und wenn du der Gottseibeiuns selber wärst, ein Wort, ein Mann! rief Ammer seine Hand kräftig in die des Kaufmanns schlagend. – Ueber diesen Verhandlungen war es spät geworden. Unschwer ließ sich Herr Wimmer bereden, die Nacht bei dem Freunde zuzubringen, was seit sehr langen Jahren nicht mehr geschehen war, da es der Herrnhuter stets geflissentlich vermied, sich länger als durchaus nöthig bei dem Weber aufzuhalten. Längere Zeit bei Ammer lebende Personen, am meisten seine eigenen Kinder, hatten dies wohl bemerkt; da jedoch ihr Vater dabei vollkommen heiter blieb, so hielt man diese etwas auffallende Eile allgemein für eine Charaktereigenthümlichkeit des Handelsherrn, die ihren Grund in seinen religiösen Grundsätzen haben mochte. Auch heute trat Wimmer wieder mit einem wunderlichen Gemisch von Vertraulichkeit und Scheu auf, vorzüglich Frau Ammer gegenüber, die er mit großer Ehrfurcht behandelte. Diese schlichte Webersfrau schien durch so ungewohnte Devotion allemal in Verlegenheit gesetzt zu werden und wußte nicht recht, wie sie sich zu dem Kaufmanne 43 stellen sollte. Sie zog es daher vor, nur das Nöthigste mit ihm zu sprechen und sich übrigens ziemlich fern zu halten. Ammer's Söhne und noch mehr Flora, die in die Pläne und Hoffnungen ihrer Brüder eingeweiht war, erwartete während der Abendmahlzeit den Inhalt der langen Unterredung des Herrnhuters mit dem Vater zu erfahren. Daß beide Freunde ungewöhnlich lebhaft gesprochen hatten, war den Aufhorchenden nicht entgangen; sie würden sogar halbe Sätze des Gespräches verstanden haben, hätten sie nicht mit den Webstühlen fortwährend ein in ihrer Lage höchst verdrießliches Geräusch machen müssen. Momentan konnte zwar Einer oder der Andere seinen Stuhl von Zeit zu Zeit ruhen lassen, zu häufig aber und lange durften sie dies nicht wagen, weil ihr Vater, auch vertieft in ein Geschäftsgespräch, für derartige Störungen ein sehr feines Ohr besaß und unverweilt eine Strafrede an sie gerichtet haben würde. So hatten denn beide Brüder nicht einmal eine Ahnung von dem Abkommen, das Herr Wimmer mit ihrem Vater getroffen. Zu großem Verdruß der Geschwister ließ weder Ammer noch sein Freund ein andeutendes Wort fallen, daß die früher besprochene Angelegenheit von den Männern überhaupt verhandelt worden sei. Von dem Vater, dessen Abgeneigtheit gegen den eigentlichen Kaufmannsstand sie kannten, erwarteten sie nichts zu hören, desto mehr rechneten sie auf den Herrnhuter, der ja die ganze Sache angeregt hatte und den sie für ihren Freund zu halten genügenden Grund zu haben glaubten. Allein auch dieser schwieg hartnäckig und hatte sowohl auf ihre ziemlich verständlichen Fragen, wie auf Flora's schelmischere Anspielungen nur sein stereotypes süßliches Lächeln. Aus allen Aeußerungen sowohl des Vaters wie des Kaufmannes ließ sich vermuthen, daß zwischen Beiden ein bedeutendes Geschäft zum Abschluß gekommen sein mußte. Beide gedachten wiederholt einer binnen zwei Monaten zu leistenden Linnensendung, und Ammer forderte sogar Christlieb einmal auf, er möge die Zahl der Stücke notiren. Keiner der Brüder ahnte, daß dies Geschäft in ihrem eigenen Interessen, zu ihrem Vortheil, vielleicht zur Begründung einer großen kaufmännischen Zukunft gemacht worden sei. Am nächsten Morgen bestieg Herr Wimmer frühzeit seinen geduldigen Klepper. Mit einem Fuße schon im Bügel, rief er dem Weber 44 nochmals die Zahl der bestellten Gewebe in's Gedächtniß und sagte dann mit seinem süßesten Lächeln, recht als ob er sie verhöhnen wolle, zu den Brüdern: Vergeßt nicht meine Rede, lieben Freunde! Wenn es Zeit sein wird, kommen wir wohl wieder darauf zu sprechen. Er grüßte höflich die unter der Hausthür stehende Frau seines Freundes, warf Flora, die im Gärtchen ein Sträußchen schnitt, galant eine Kußhand zu, und ritt dann im langsamsten Trabe die Gasse hinunter. 's ist ein richtiger Schlaukopf, der Herrnhuter, sagte Ammer, sein Käppchen in den Nacken schiebend. Wer's mit dem zu thun kriegt, der muß früh aufstehen, will er nicht betrogen sein. Ein Zweiächsler ist er und ein Zungendrescher, weiter nichts, sagte Fürchtegott, ein Stück Papier zusammenknüllend und es dem Herrnhuter nachwerfend. Ich trau ihm nicht soweit, als ich sehe. Frommthun und in jedem Satz zweimal den Namen Jesus anbringen, das ist ihre Art, vom Worthalten aber werden sie auch nicht fett. Nur nicht hitzig, mein Sohn! bedeutete Ammer den Erbitterten. Wer gewinnen will, hält hinter'm Berge! Bloß Narren und Dummköpfe sind schwatzhaft. Selbst Frau Ammer, obwohl sie einige Male ganz leise ihren Mann auszuhorchen versuchte, erfuhr nichts. Ammer hielt es für klug, das Geschehene vorerst in das tiefste Geheimniß zu hüllen. Er besorgte mit Recht, seine Söhne möchten, wenn sie die Wahrheit erführen, lässig, wo nicht vielleicht gar der gewohnten Arbeit überdrüssig werden, dies aber hätte eine Unordnung in sein Hauswesen gebracht, die er nicht dulden konnte, ohne sich selbst eine Blöße zu geben. 45 Fünftes Kapitel. Ein Blick in die Vergangenheit des Herrnhuters. Wimmer war der Sohn eines armen, tief verschuldeten Bauers, der nach dem Tode seines Vaters dessen kleinen, wenig einträglichen Hof erbte. Er sollte, wie dies bei derartigen Leuten Gebrauch ist, ebenfalls Bauer werden, obwohl er wenig Neigung für den Beruf des Landmannes zeigte. Dennoch würde Wimmer ohne Zweifel diese Laufbahn ergriffen haben, hätte nicht ein unglücklicher Zufall ihn in andere Lebenskreise gedrängt. Schon frühzeitig hatte der junge Wimmer ein Auge auf die hübsche Tochter seines Nachbars geworfen, theils aus wirklicher Neigung, theils weil er durch eine Verbindung mit derselben seine Verhältnisse zu verbessern, sein Besitzthum schuldenfrei zu machen hoffte. Anna war dem damals schmucken Burschen trotz seines Hanges zur Frömmelei nicht abgeneigt. Man erklärte sich gegenseitig, gab sich mit Bewilligung der beiderseitigen Eltern das Jawort, und Alles schien in bester Ordnung zu sein. Da lernte der Weber Ammer die Tochter des Bauers kennen, eroberte schnell ihr Herz, und da Anna selbst bestimmt erklärte, daß sie nunmehr den Nachbar nicht ehelichen könnte, weil sie ihn nicht liebe, so zerschlug sich das stille Verlöbniß und Ammer führte das blühende Mädchen in kurzer Zeit als Frau heim. Diese trübe Erfahrung stimmte Wimmer sehr ernst. Er ward still, in sich gekehrt und hielt sich mehr und mehr zu den sogenannten »Stillen im Lande«, die mit den »mährischen Brüdern« in enger Verbindung standen, der protestantischen Kirche äußerlich zwar treu blieben, dennoch aber die Denkungsart und Glaubenssätze der Herrnhuter denen ihrer eigenen Kirche offen vorzogen. Das Missionswesen, schon damals stark im Gange, fand gerade unter dieser kleinen sectirerischen Gemeinde die meisten Anhänger und zum Theil reiche Unterstützung. Wimmer, der Feder mächtiger als die meisten seiner Glaubensverwandten, und überhaupt ein offener Kopf, machte gern den Vermittler, 46 besorgte die Correspondenz und kam dadurch in vielfache Berührung mit den oberen Leitern der Missionsgesellschaften. Er verkehrte häufig mit den Aeltesten der Brüdergemeinden, lernte einige ihre Bischöfe kennen, und trat endlich, seiner Neigung folgend, offen zu den Brüdern über. Da inzwischen die Eltern gestorben waren und das väterliche Gut mit allen darauf lastenden Schulden sein wenig beneidenswerthes Besitzthum geworden war, so verkaufte er es. Die Kaufsumme reichte gerade hin, die Schulden zu tilgen; mit dem ihm verbleibenden sehr geringen Ueberschusse gründete Wimmer einen Kramladen und fing einen kleinen Handel an, von dem er sich anfangs nur kümmerlich nährte. Begüterte Freunde halfen ihm bald auf, so daß er den Kram in ein kaufmännisches Geschäft verwandeln konnte. Um diese Zeit traf er zufällig wieder mit Ammer zusammen. Den rechtlich gesinnten Weber schmerzte es, daß er dem stillen jungen Manne ein Leid hatte zufügen müssen. Sein gerader Charakter drängte ihn zu einer Erklärung, die gewissermaßen eine Abbitte in sich schloß. Er wünschte sich den Gekränkten zu versöhnen, ihn sich zum Freunde zu gewinnen, und da er sah, daß Wimmer mit gewebten Stoffen einen schwunghaften Handel betrieb, erbot er sich, ihm unter billigen Bedingungen linnene Waaren zu liefern, und nöthigte ihm fast mit Gewalt ein Capital von fünftausend Thalern auf, das er gerade zur Disposition liegen hatte. Nach einigem Sträuben nahm Wimmer das Anerbieten an; ohne Mühe ward nun ein wahrer Freundschaftsbund geschlossen, der wenigstens auf Seiten des Webers ehrlich gemeint war und aus dem Herzen kam. Der junge Herrnhuter mußte dem Freunde versprechen, ihm das nächste Kind aus der Taufe zu heben und auch Anna fortan als ihm wohlgesinnte Freundin zu betrachten. Wimmer ging wehmüthig lächelnd auch darauf ein und vertrat einige Monate später bei Flora Pathenstelle. Seitdem sprach der stille, umsichtige Herrnhuter, der ein immer hervorragenderes kaufmännisches Talent entwickelte und auf längeren Reisen sich bedeutende Geschäftskenntnisse erworben hatte, häufig bei dem Weber ein, blieb in ununterbrochener Verbindung mit Ammer und ward schon nach wenigen Jahren ein wohlhabender Mann. Wie es in dem fest verschlossenen Innern des eifrigen Herrnhuters aussehen mochte, war 47 und blieb Allen ein unlösbares Räthsel. Es fiel auf, daß der kräftige, äußerst thätige Mann sich nicht verheirathete. War Anna's Abfall ihm auch vielleicht schmerzlich gewesen, sein innerstes Seelenleben konnte davon nicht erschüttert worden sein, da seine Neigung keine Spur tieferer Leidenschaft zeigte. Dies war also unmöglich der Grund, weßhalb Wimmer keine andere Verbindung knüpfte. Manche waren der Meinung, der absonderliche Mann halte die Ehe für etwas Störendes, einem beschaulichen Leben Hinderliches, und glaubten, Wimmer heirathe nur deßhalb nicht, weil er als Gatte seinen religiösen Ueberzeugungen nicht ungestört nachhängen zu können fürchten möge. Wie dem nun auch sein mochte, Wimmer blieb unvermählt, so oft ihm auch Freunde passende, ja sogar glänzende Partieen vorschlugen. Er wies sie alle ruhig von der Hand, ohne sich über das Warum auszusprechen. Auch Ammer hatte einigemal behutsam angeklopft, war aber so bestimmt, ja fast barsch abgewiesen worden, daß er nie mehr darauf zurückkam. Bei Ammer's großer Arglosigkeit glaubte er nicht an einen heimlichen Groll, den Wimmer gegen ihn, den glücklichen Nebenbuhler seiner ersten und einzigen Neigung, hegen könne, dennoch aber müssen wir uns dieser Annahme zuneigen. Allerdings standen Wimmer's Handlungen in offenem Widerspruche mit solcher Annahme. Er hatte den Weber nie übervortheilt, ihn nie verleumdet oder verkleinert, im Gegentheil: er sprach nur Gutes von Ammer, und wenn er wirklich mehr im Scherz wie im Ernst etwas an ihm tadelnswürdig fand, so bezog sich dies nur auf die aller Welt bekannten Eigenthümlichkeiten seines Freundes, auf seinen komischen Starrsinn und seine übergroße Vorliebe für alles Althergebrachte. Grollte dennoch der stille Herrnhuter dem reichen und glücklichen Weber, so mußte dieser Groll sich entweder unbemerkt verzehren ober in ganz ungewöhnlicher Weise sich Luft machen. Wimmer's Blick hatte, wie wir bereits andeuteten, etwas Unheimliches, Lauerndes; es lag in den kleinen, stets halbbedeckten Augen schmeichlerische Sanftheit und feige Tücke. Sein Mund lächelte fast immer, aber dies Lächeln war frostig, höhnisch und, wenn Niemand darauf achtete, sogar boshaft. Der ganze Ausdruck des fahlen Gesichtes verrieth 48 frömmelnde Heuchelei. Ein Kenner des menschlichen Herzens würde diesem Manne nie sein Vertrauen geschenkt haben, er würde ihn vielmehr geflohen haben als einen im Gewande der Demuth einher schleichenden Engel der Finsterniß. Wimmer hatte viele Freunde, weil er ein zuverlässiger und höchst rechtlicher Geschäftsmann war. Im Handel sieht man nicht auf das Herz, sondern auf die That, und Wimmer hatte nie zu einer auch nur entfernt zweideutigen Handlung seine Hand geboten. Dennoch fehlte es dem Herrnhuter auch nicht an Feinden, und diese entwarfen von seinem heuchlerischen Wesen ein so abschreckendes Bild, daß Menschen, die ihn persönlich nicht kannten, ihn für einen wahren Satan halten mußten. Belauschen wir jetzt die Gedanken des Herrnhuters auf seinem einsamen Ritt durch die Saatfelder, die ihre schweren Aehren bereits zur Erde beugten. Noch schwebte das süßlich-höhnische Lächeln um seinen fest zugekniffenen Mund, und die breiten, braunen Lieder bedeckten fast ganz seine Augen, so daß man sie gern für geschlossen halten konnte. Die Linke mit den Zügeln ruhte nachlässig auf dem Sattelknopfe des geduldigen Thieres, die Rechte hing schlaff herab und schlug bisweilen, mit der Reitgerte spielend, an die glänzend gelbe Stulpe seines Stiefels. Fünfzig und zwanzig macht siebenzig, sprach Wimmer für sich, »des Menschen Leben währet siebenzig, und wenn's hoch kommt, achtzig,« heißt's in der Schrift. – Will mir mein Heiland gnädig sein, so kann ich's bei meiner Art zu leben auf achtzig bringen – das gäbe also von jetzt an noch volle dreißig Jahre. – In dieser Zeit sind die Jünglinge Männer geworden, haben wahrscheinlich ebenfalls Kinder, und diese –? Wimmer's Gedanken und Worte erstickten in einem heisern Lächeln, wobei er die Zähne wies, was ganz so aussah, als ob ein Todter lache. Er gab dem Klepper die Sporen, daß das erschrockene Thier ein Paar Lancaden machte. Dreißig Jahre, fuhr er nach einiger Zeit fort, das ist eine lange Zeit. Bleibe ich gesund, so kann ich noch dreimal so viel verdienen, als in den letzten zwanzig. Das gibt ein hübsches Vermögen, und soll den lieben Jungen und meinem herzigen Pathchen zu Gute 49 kommen. – Die Familie Ammer, die Kinder und Enkel meiner ehemaligen Braut müssen reich werden, unermeßlich reich! – Wie soll es mich erquicken, wenn sie es den Größten im Lande gleich thun können; wenn ihr Name neben den glänzendsten Geschlechtern des Adels leuchtet! Wenn sie mit Tausenden spielen, wie Kinder mit Zahlpfennigen! – Häuser, Felder, Länder, Schlösser sollen sie haben, wie geborene Fürsten – – die Sorge sollen sie nur dem Namen nach kennen, das Elend nur vom Hörensagen! – Sie sollen nicht wissen, daß es Armuth gibt und daß die größte Kunst auf Erden die Kunst weise zu leben ist! – – – Gott, mein Heiland, ich bitte dich, sei barmherzig! Erhöre deinen elenden Knecht und lasse meine Augen an diesem süßesten Schauspiel sich noch letzen in meiner Todesstunde! Wimmer ließ sein Pferd schärfer austraben, hob flüchtig die Augenlider und sah sich um, als fürchte er, von Jemand behorcht zu werden. Dann fiel er wieder in seine steife todtenähnliche Haltung und begann auf's Neue sein geheimnißvolles Selbstgespräch. Schade, daß es kein Elixir des Lebens gibt! Ich würde mir sonst den Wundertrank verschaffen und müßte ich ihn mit der Hälfte meines jetzigen Vermögens bezahlen! Und Ammer, mein Freund Ammer, dieser glückliche Vater kräftiger Kinder – hier schimmerten abermals die gelben Zähne des Herrnhuters zwischen den lächelnden bleichen Lippen – er müßte ihn trinken, damit er hundert Jahre und darüber in ungeschwächter Kraft leben und das Glück seiner Nachkommen mitgenießen könnte! – Und Anna? – Soll sie auch Zeuge sein meiner Liebe, meiner Aufopferung? – Wenn Gott und mein Heiland es wollen, so geschehe es, aber ich bitte sie nicht darum. – Sie ist eine gute liebe Frau, aber schwach wie jegliches Weib. Und schwache Naturen werden von zu großem Glück so leicht überwältigt! – – Nun, wie du willst, mein Heiland! Ich kniee anbetend vor deinen süßen Wunden, wenn auch nur ein Theil meiner Lieblingspläne und Entwürfe in Erfüllung geht. Mit diesen Gedanken schien eine frohe Stimmung über Wimmer zu kommen. Er sah lustig um sich, trabte, so rasch sein Pferd laufen wollte, vorwärts, und grüßte alle ihm Begegnende. Da er nicht die gewöhnliche Fahrstraße ritt, sondern Richtwege durch Felder, Wald 50 und Wiesen einschlug, sah er schon nach zwei Stunden die rothen Dächer des hochgelegenen Brüderortes über dem Waldsaume schimmern. Zehn Minuten später hörte man in den immer stillen Straßen Herrnhuts den Hufschlag des einsamen Reiters. Vor einem jener nur einstöckigen, mit Schindeln gedeckten Häuschen, die noch in einigen Gassen des Brüderortes zu finden sind, hielt Wimmer sein Pferd an. Ein Diener riß schnell die Hausthür auf und setzte die gellend läutende Schelle dadurch in so heftig schwingende Bewegung, daß sie Minuten lang fortbimmelte und die halbe Gasse vernommen ward. Der Diener nahm Herrn Wimmer die Zügel des Pferdes ab, wobei der Kaufmann einige auf Handel und Handelswesen bezügliche Fragen an ihn richtete. Viele Briefe angekommen, sagte der Diener. Wichtige? fragte Wimmer. Ja, denn sie enthalten gute Nachrichten. Bringe ebenfalls gute Nachrichten, versetzte Wimmer. Müssen heute gleich nach Hamburg schreiben – will ein Schiff kaufen und Rheder werden. Das ist brav, sagte der Diener, und Ihr Schiff muß »Das gute Glück« heißen. Nein, Franz, das wäre eine Herausforderung, erwiderte der Kaufmann. Steht mir das Recht zu, mein Fahrzeug zu taufen, so nenn' ich's »Christenliebe«. Sie sind ein wahrer Heiliger, Herr Wimmer, sprach respectvoll der Diener. In der ganzen Brüdergemeinde gibt's keinen frömmeren, keinen edel denkenderen Mann, als den Kaufherrn Samuel Wimmer. Still, still, Franz, du machst mich schamroth! Es ist Alles bloß Gnade, unverdiente Gnade unseres Herrn und Heilandes, kein Verdienst! – Nun mach' aber, daß du die Braune in den Stall bringst, denn sie ist etwas warm geworden. Martha wird auch ungeduldig, sie hat schon zweimal ihr gottergebenes hübsches Gesicht zum Fenster herausgestreckt. Ich muß ihr guten Tag sagen, sonst schmollt sie die ganze Woche, das fromme, folgsame Kind. Martha begrüßte ihren Herrn recht freundlich. Es war ein hübsches schlankes Mädchen von einigen zwanzig Jahren, dem die einfache 51 reinliche Kleidung und das glatt anliegende, schneeweiße Schwesterhäubchen allerliebst zu Gesicht standen. Ihre Frömmigkeit, die Wimmer so sehr rühmte, konnte man einigermaßen in Zweifel ziehen, wenn man ihre munteren, lebenslustigen Augen sah, die gar schelmisch unter der gewölbten Stirn in die arge Welt blickten. Der alternde Herr behandelte die jugendliche Dienerin mit der Vertraulichkeit eines Vaters oder Vormundes. Vielleicht war er das Letztere. Als sie ihm frisch bereitete Chokolade vorsetzte, nebst einigen »geschnittenen Brödchen«, ein zartes, wohlschmeckendes Backwerk, das nur in Herrnhut und den gleichen Sitten und Gewohnheiten huldigenden Brüderorten bereitet wird, mußte sie eine zweite Tasse holen und den erquickenden Morgenimbiß mit ihm theilen. Unter heitern Scherzen und kleinen Galanterieen, wie sie ältere Männer jungen Mädchen gegenüber sich gern erlauben, sagte er ihr, was er Mittags zu speisen wünschte. Als er hierauf das Frühstück endigte, um zu seinen zwei Tage lang unterbrochenen Geschäften zurückzukehren, erschlich er sich noch einen Kuß, den ihm Martha zwar widerstrebend, aber doch kichernd gab. Ein liebes Kind, murmelte Wimmer in den Bart, fast so lieb wie Anna, ehe sie die Braut des Webers ward. Den Rest des Vormittags verbrachte der Kaufmann mit Durchsicht der eingelaufenen Briefe, von denen er einige sogleich selbst beantwortete, die übrigen dem zuverlässigen, mit allen Geschäftsangelegenheiten wohl vertrauten Franz zu gleichem Zwecke übergab. Sechstes Kapitel. Fürchtegott im Netze des Herrnhuters. In einer ungewöhnlich glücklichen Stunde hatte Ammer seiner Frau die vertrauliche Mittheilung gemacht, daß er auf Wimmer's Verlangen, das seit so langen Jahren von ihm entlehnte Capital im Interesse seiner Söhne zu benutzen, eingegangen sei. Frau Anna war darüber innigst erfreut, weil ihr mütterlicher Scharfblick längst entdeckt hatte, 52 mit welchem Widerwillen ihr jüngerer Sohn die Weberei betrieb. Sie lobte Ammer dieses Entschlusses wegen und unterließ nicht, Partei für Wimmer zu nehmen und dessen Klugheit zu preisen. Ammer bemerkte darauf nichts, bedeutete jedoch seine Frau, daß er strengste Verschwiegenheit von ihr erwarte. Mit geheimer reservatio mentalis versprach Anna dies, indeß hatte sie gewichtige Gründe, bald darauf Flora in's Geheimniß zu ziehen, um des Vaters Abkommen durch die Schwester an die Brüder gelangen zu lassen. Zu dieser kleinen Verrätherei glaubte Frau Anna darum ein Recht zu haben, weil sie seit einiger Zeit eine auffallende Mißstimmung des jüngeren Sohnes gegen den Vater bemerkte. Es gab immer Streitigkeiten zwischen Vater und Sohn, und häufig wollte Frau Anna ihren Mann nicht völlig im Rechte wissen. Ammern verdroß zuweilen seine dem Herrnhuter gegebene Zusage; da er aber zu ehrlich war, um sie wieder zurück zu nehmen, so ließ er sie dem entgelten, für den er sie gegeben hatte. Seinerseits nun that auch Fürchtegott Manches, was den Vater verstimmen mußte. Diese kleinen, aber doch störenden Plänkeleien hoffte Frau Anna am sichersten zu beendigen, wenn sie die Söhne von dem Vorgefallenen in Kenntniß setzte; und der Erfolg lehrte, daß sie sich nicht verrechnet hatte. Fürchtegott ward fügsamer, geschmeidiger, glücklicher in Erfüllung seiner vom Vater erhaltenen Aufträge und der etwas gestörte Hausfrieden stellte sich unvermerkt wieder ein. Auch Flora, die kluge und in diesem Falle schweigsame Vermittlerin, gewann durch die Rolle, welche sie übernommen hatte. Die Brüder, längst schon aufmerksam auf manchen abendlichen Spaziergang ihrer Schwester, belauschten oder störten sie wenigstens nicht mehr, wenn sie sich bei Sonnenuntergang im Gärtchen zu schaffen machte, oder mit Bello, ihrem steten Begleiter ausging, um angeblich eine ihrer Freundinnen zu besuchen. Die Geschwister hatten, ohne viele Worte zu verlieren, gegenseitig ein Schutz- und Trutzbündniß geschlossen, bei dem sie sich ganz wohl befanden. 53 Abwechselnd einen Tag um den andern lag den Brüdern die Verpflichtung ob, im Färbehause des Abends die Laden zu schließen; wenn nun aber Flora über Tische einen bittenden Blick auf die Brüder heftete, blieb gewöhnlich einer der Fensterladen nur angelehnt, der jedoch am nächsten Morgen, wo der Färber das Oeffnen besorgte, regelmäßig fest zugeriegelt war. Zu diesem Fenster schlich sich einigemal in der Woche im bergenden Schatten der Nacht eine dunkle Gestalt, berührte mit leisem Gertenschlag das Holz, worauf sich der Laden öffnete und heimlich flüsternde Stimmen ein trauliches Gespräch führten. Nur die Brüder wußten, wer die späten Schwätzer waren. Aus dem Fenster ihrer Kammer konnten sie das Färbehaus beobachten und die heimlich Plaudernden genau überwachen. Das Gespräch endigte regelmäßig mit einem zärtlich geflüsterten »gute Nacht, lieb' Florel!« eine feine weiße Hand schlüpfte durch den Spalt und berührte die emporgehaltene Rechte eines jungen Mannes, der dann in raschem Laufe den Baumgarten kreuzte, die niedere Buchenhecke übersprang und im angrenzenden Garten des Nachbars verschwand. Hätte ein Fremder diese abendlichen Besuche belauscht, dann würde es ohne Zweifel sehr bald im Dorfe bekannt geworden sein, daß ein junger Bursche bei Ammer's Florel auf die Freit' gehe. Es ist kaum anzunehmen, daß Frau Anna über ihrer Tochter heimliche Neigung ganz in Unkenntniß geblieben sein sollte, jedenfalls aber war sie klug genug, dem fröhlichen unverdorbenen Kinde nicht mit philisterhaften Mahnungen oder heftigen Drohungen entgegen zu treten, und dadurch eine Neigung, die vielleicht nur Spiel unklarer Gefühle war, zu heißer Leidenschaft anzufachen. Flora blieb mithin ganz ungestört in ihren abendlichen Besuchen des Färbehauses, denn auf die Verschwiegenheit der Brüder, die ihr verpflichtet waren, durfte sie sich verlassen. So vergingen unter angestrengter Thätigkeit mehrere Wochen. Ammer blieb immer derselbe ruhige, sein großes Geschäft mit Umsicht und Ausdauer betreibende Mann, streng gegen sich selbst und unerbittlich in seinen Forderungen gegen Andere. Allwöchentlich einmal ging er zur unfern gelegenen Stadt, um die dortigen Kaufleute, mit denen er in Verbindung stand, zu besuchen und neue Bestellungen zu besprechen. Selbst ungünstiges Wetter hielt ihn von solchen Gängen nicht ab, noch konnte ihn irgend Jemand bewegen, der Bequemlichkeit wegen und aus Rücksicht für seine Gesundheit einen Wagen zu besteigen. Jedes derartige Ansinnen wies er mit den Worten zurück: Ich bin blos ein armer Weber; für den schickt sich's nicht, daß er großthuerisch im Wagen sitzt. Wär' ich Fabrikant, 's könnte sein, daß ich führe. 54 Nach Verlauf von zwei Monaten war die von dem Herrnhuter bestellte Anzahl theils feiner, theils mittelfeiner Linnen fertig und lag in Ammer's Hause zu weiterer Beförderung bereit. Der Weber konnte nie an dem sich täglich vergrößernden Waarenschober vorübergehen, ohne einen sonderbaren Blick darauf zu werfen, dem sich bisweilen ein Seufzer zugesellte, dann und wann auch, wenn die Stimmung des Hausherrn nicht auf der Barometerhöhe des guten Wetters stand, in eine brummige Verwünschung umschlug. Dem an ein streng geregeltes Leben gewöhnten Manne waren solche Schwankungen der Empfindung nicht zu verargen, denn was knüpfte oder konnte sich nicht Alles knüpfen an die Versendung dieser Waarenballen! Sein eigener Ruf als Weber, sein häusliches Glück stand zwar nicht auf dem Spiele. Verschlangen Meereswellen diese Erzeugnisse hundert fleißiger Hände, so ging damit nur ein Capital verloren, das er schon längst nicht mehr als sein Eigenthum betrachtet hatte; erreichte aber das europäische Product die Gestade der neuen Welt, so konnte mit dem vortheilhaften Verkauf desselben über seinem unscheinbaren Hause eben so gut ein hell leuchtender Glücksstern, wie ein düster strahlendes, in die grauenhafteste Finsterniß versinkendes Meteor aufgehen. An das Schicksal dieser schimmernden Gewebe knüpfte sich das Schicksal seiner Kinder, seiner Enkel! So wenig Ammer zu unfruchtbarer Grübelei hinneigte, dieser quälerische, sein Herz zusammenschnürende Gedanke kam ihm doch immer von Neuem, und verzögerte die Absendung der Waaren von Tage zu Tage. Erst nach wiederholtem Drängen des Freundes faßte er sich ein Herz und kündigte eines Abends – es war in den ersten Tagen des Septembers – seinem Sohne Fürchtegott an, daß er am nächsten Morgen nach Herrnhut aufbrechen solle, um Herrn Wimmer den fertigen Linnentransport zu überbringen. Die Brüder waren darüber so erfreut, daß sie die halbe Nacht nicht schlafen konnten. Hundert Bilder einer glänzenden Lebenszukunft umgaukelten sie. Fürchtegott sah sich schon als Rheder, als Welthandelsmann in beiden Hemisphären gleich geachtet, gleich berühmt, und Christlieb summte der Kopf von dem Schrillen und Klirren der Spindeln, dem Geklapper der Webstühle, die er errichten wolle, um Spinnen und Weben fabrikmäßig zu betreiben. 55 Schon Tags zuvor hatte Ammer drei Wagen in Stand setzen lassen und ihm befreundete Bauern um Darleihung von Pferden und Geschirr gegen mäßiges Entgelt gebeten. Zu festgesetzter Stunde kamen die Gespanne. Die Dienstleute des Webers waren schon in voller Thätigkeit, die linnengefüllten Ballen zweckmäßig zu verpacken und durch starke Planen gegen Wind und Wetter zu sichern. Der schwer bewölkte Himmel und herbstlich kühle Windstöße verhießen einen unangenehmen, regnerischen Tag. Bei Sonnenaufgang war Alles zum Aufbruche bereit. Fürchtegott erhielt von seinem Vater das Verzeichniß der abzuliefernden Gewebe mit genauer Angabe der Gänge, d. h. der größern oder geringern Feinheit der Garnfäden, aus denen die Werfte oder der Zettel bestand, und des für jede Webe berechneten Preises. Mit diesem Verzeichniß und einer kleinen noch überdies vom Vater erhaltenen Baarschaft setzte sich Fürchtegott seelenvergnügt in die Schoßkelle des ersten Wagens und trat seine verhängnißvolle Sendung an. Schwermüthig sah Ammer den fortrollenden Wagen nach, bis sie hinter den Häusern verschwanden. Dann ging er seufzend und kopfschüttelnd in's Haus zurück, indem er dumpf vor sich hin murmelte: Mir bangt, ich ziehe mir mit dieser Fuhre ein richtiges Donnerwetter über den Kopf zusammen. – s' ist kein Wetter das für ein gutes Geschäft! – Alles Grau in Grau, als hätten die lieben Engel im Himmel die ganze Nacht Asche gesiebt. – 's gefällt mir nicht und die ganze Fuhre wird bei guter Zeit auf'm großen Wasser versaufen! – Na, meinethalben, mir kann's schon recht sein – werd' ich doch die Plackerei los mit dem verfluchten Großthun! Fürchtegott dagegen fühlte sich stolz und reich wie ein König. Er geleitete sein Glück in die Welt, und so oft er sich umsah, um einen Blick auf die schwer befrachteten Wagen zu werfen, so oft fühlte er in edlem Stolze sein Herz schwellen. Ehe noch ein Jahr umrollte, konnte er schon ein vermögender Mann sein, und welche Zukunft stand ihm bevor, wenn das Glück mit dem Vertrauen sich mehrte, wenn er erst selbstständig handeln und Pläne, mit denen er sich seit Wochen trug, verwirklichen konnte! Dem sanguinischen Jünglinge schien es gar nicht zweifelhaft, daß sein Leben ein bedeutendes, seine Wirksamkeit eine weltumfassende werden müsse. Er sah Häuser, 56 Paläste, Schiffe, die ihm gehörten, und wenn zufällig sein Blick ein Stück blühend bebautes Land streifte, knüpfte sich von selbst der Wunsch daran, auch Ländereien sich zuzueignen, um den Gewinn des Handels in werthvollen liegenden Gründen zu sichern. Der Besitz großen Grundeigenthums konnte, wie er dies gesehen zu haben sich erinnerte, die Verleihung von Titeln und Orden nach sich ziehen, und da ein Augsburger Weber durch Gunst der Umstände und kaiserliche Gnade in den bewegtesten Zeiten der Weltgeschichte in den Grafenstand erhoben worden war, dünkte dem ehrgeizigen Jünglinge die Eroberung selbst einer Fürstenkrone nicht unmöglich. Nur wenn er dann wieder seine Beinkleider von verschossenem schwarzen Manchester und die unscheinbare Kattunjacke betrachtete und sich sagen mußte, daß er nicht mehr und nicht weniger sei, als Webergesell und zufällig der Sohn eines wohlhabenden Mannes, nur dann zerrannen seine glänzenden Luftschlösser und der graue Nebel rollte tückisch lachende Fratzen an ihm vorüber. Herrnhut war ungewöhnlich belebt. Die Predigerconferenz, welche hier alle Jahre einmal abgehalten wird, hatte gegen hundert lutherische Geistliche zusammengeführt, welche Theil nehmen wollten an den Besprechungen der mährischen Brüder, die sich an die Mittheilungen knüpfen, welche der Gemeinde aus allen Ländern der Welt von ihren Missionären zugehen. Die Ausbreitung des Christenthums in fernen Ländern, unter Muhamedanern, Hindu's, Parsen und Heiden bilden das stehende Thema dieser Conferenzen, auf denen meistens ein großer Aufwand christlicher Liebe und Milde, hingegen aber wenig Geist verbraucht wird. Im Allgemeinen beschränken sich die Mittheilungen der Brüder auf Auszüge eingelaufener Briefe, die der Präsident vorliest. Ausnahmsweise knüpfen sich daran auch Fragen allgemeinen religiösen Inhalts, bei deren Beantwortung die versammelten Prediger nicht selten in apostolischen Eifer gerathen. Ein gemeinsames Liebesmahl in später Abendstunde schließt die Feierlichkeit, die immer ein kirchliches Gepräge trägt. Zu solchen Liebesmahlen haben auch Laien und Frauen Zutritt. Fürchtegott fand es unterhaltend, die Gruppen der Prediger, die auf dem freien Platze vor dem Gemeindelogis, wie der einzige Gasthof in allen Brüderorten genannt wird, in lebhaften Gesprächen auf- 57 und niedergingen, zu beobachten. Er begegnete manchem bekannten Gesicht, mancher originellen Persönlichkeit, deren es damals unter den lutherischen Landgeistlichen noch viele gab. Namentlich konnten die älteren Prediger fast durchgängig für Originale gelten. Viele derselben würde man für Bauern gehalten haben, hätten nicht die weißen »Ueberschlägel« (Bäffchen) ihren Stand verrathen. In Wort und Gebehrden thaten sich diese gealterten geistlichen Herren wenig Gewalt an. Sie sprachen oft den Jargon des Volkes, mit einigen hochdeutschen und noch mehr lateinischen Worten gespickt, zeigten aber sonst keinerlei äußerliche Bildung, wie sie dem Gelehrtenstande doch sonst eigen zu sein pflegt. Ein langes Leben unter bäurischen Menschen, getheilt zwischen Lehre und ländlicher Beschäftigung, welche letztere einen Theil ihres pfarrherrlichen Einkommens bildet, abgeschnitten von allem Umgang mit den Bildungselementen feiner Welt, verwischt nach und nach bei den Meisten den Firniß edleren Gesellschaftstones und verwandelt sie in gelehrte Männer aus dem Volke. Gelehrsamkeit, wenn auch meistentheils einseitige, fehlt solchen Männer der Kanzel selten, man begegnet sogar häufig fein geschulten Köpfen, die in altklassischer Literatur wohl bewandert, dafür aber aller modernen Bildung, wie sie fortgesetzter Verkehr mit der großen Welt gewährt, gänzlich entfremdet sind. Als eifriger Bruder nahm Wimmer an diesen Berathungen, diesem Verkehr seiner Gemeinde mit den Lehrern und Predigern der im Sinn und Streben verwandten lutherischen Kirche lebhaften Antheil. Er war Vielen befreundet, mit Einigen, deren Gesinnung sich der Brüdergemeinde offen zuneigte, vertraut, und mit diesen sich auszusprechen war ihm Bedürfniß. Fürchtegott mußte deßhalb den ganzen Tag verstreichen lassen, ohne den Handelsherrn sprechen zu können, denn Wimmer als Freund des Bischofs, war an diesem für die Gemeinde so wichtigen Tage bei dem ersten Prediger des Ortes mit mehreren der fremden Geistlichen zur Tafel geladen. Erst nach beendigtem Liebesmahl, das der strenge Herrnhuter ungeachtet des geselligen weltlichen Anstriches, der ihm eigen ist, mehr als kirchliches Beisammensein, denn als Uebung in christlicher Demuth, als eine Erneuerung und Befestigung gemeinsamer Bruderliebe betrachtet, kehrte Wimmer in seine stille Behausung zurück, wo sich 58 Fürchtegott inzwischen bei der zwar hübschen, aber äußerst zurückhaltenden Martha bereits ein paar Stunden höchlichst gelangweilt hatte. Der sinnlich lebhafte, zu allen Lebensgenüssen hinneigende Jüngling hätte dies gern den Herrnhuter entgelten lassen und über das eifrig zur Schau getragene frömmelnde Wesen desselben gespottet; weil er aber dadurch den Freund seines Vaters zu beleidigen fürchtete und dies seinen Absichten schaden konnte, befliß er sich ebenfalls ernst, ja sogar im herrnhutischen Sinne heilig zu erscheinen. Wimmer begrüßte den Sohn seines Freundes mit einer Rührung, die sich kaum der Thränen enthalten konnte. Die süßliche Freundlichkeit des Herrnhuters schlug heute in eine frömmelnde Zerknirschung um. Es gehörte ein starker Glaube dazu, dies Wesen des Mannes für natürlich und wahr zu halten, für das Ergebniß tiefer geistiger Bewegung. So jung nun auch Fürchtegott war und so wenig ihn die Schule des Lebens gereift hatte, sein weltlicher, dem Praktischen zugekehrter Sinn wandte sich entrüstet ab von diesem frivolen Spiel mit erheuchelten Gefühlen. Zum ersten Male machte Wimmer einen unangenehmen, fast abstoßenden Eindruck auf ihn, und der Gedanke, ein Mensch, der sich nicht entblöde, das Göttliche in solcher Weise zu profaniren, müsse jeder Frevelthat, jeder Verrätherei fähig sein können, stieg beängstigend auf in seiner Seele. Je freundlicher, demüthiger, heiliger sich Wimmer gab, desto kühler wurde das Entgegenkommen des jungen Ammer. Du mußt heute Geduld mit mir haben, lieber Bruder im Herrn, sprach der fromme Handelsmann, den scheuen, mißtrauischen Blick Fürchtegott's bemerkend. Wärst du Ohrenzeuge gewesen der erhebenden Rede, die ich heute mit anzuhören von unserm Heilande gewürdigt worden bin, du würdest sicherlich meine Gefühle theilen. Welche Eintracht unter den Brüdern! Welche aufopfernde Liebe, wo das Wort des Herrn lauter gepredigt wird unter den Heiden! Wahrlich, lieber junger Bruder, wäre ich in deinen Jahren, fähig, große Strapatzen zu ertragen, noch heute würde ich Missionär. Kann es wohl einen edleren, größeren, heiligeren Beruf geben, als in die Fußstapfen der Apostel zu treten und um des unschuldig vergossenen theuern Blutes Jesu Christi willen – hier beugte Wimmer seine Kniee – 59 Mühsal und Trübsal zu ertragen, und die Verblendeten zu bekehren, denen das Licht der Gnade noch nicht aufgegangen ist? Wer sich dazu berufen fühlt, mag dem Drange seines Herzens folgen, Herr Wimmer, versetzte Fürchtegott ziemlich frostig, ich meines Theils paßte wenig zu diesem Geschäft, denn ich bin ganz und gar nicht zum Bekehren geschaffen; und wenn Sie mir's nicht übel nehmen, Herr Wimmer, so bezweifle ich auch, daß Sie das rechte Zeug zu einem Apostel Christi haben. Es wäre sündhafte Vermessenheit, so etwas behaupten zu wollen, lieber Bruder, erwiderte der Herrnhuter. Der Berufenen gibt es Viele, wie schon die heilige Schrift lehrt, der Auserwählten Wenige. Das Lamm Gottes aber kann wohl auch Schwache kräftigen und zu Verkündern des Heils erwecken, wenn sie frühzeitig auf seine Stimme hören. Wenn Sie das nicht gethan haben, Herr Wimmer, so ist es, scheint mir, ganz allein Ihre Schuld. Leider, leider sprichst du die Wahrheit, lieber Bruder! erwiderte der Herrnhuter und wischte sich eine Thräne aus dem Auge. Die Welt und ihr Blendwerk hat mich angezogen in früher Jugend, und ich war schwach genug, ihren Lockungen zu folgen. Später ließ mich zwar die Gnade des allerheiligsten Erlösers meinen Irrthum erkennen, allein von dem Irdischen mich ganz zu trennen, vermochte mein schwacher Wille nicht. Darum strengte ich alle meine Kräfte an, um im irdischen Geschäft das höhere Ziel nicht aus den Augen zu verlieren, das hier und dort bleibend ist und angenehm macht vor dem Herrn. Nach dem Segen zu schließen, den Gott Ihnen geschenkt hat, müssen Sie gut bei ihm angeschrieben stehen, sagte Fürchtegott. Ich hätte gar nichts dagegen, wenn sich der Heiland mir auch so gnädig beweisen wollte. Wohl gesprochen, mein Sohn, wohl gesprochen! versetzte Wimmer. Das sind Gott wohlgefällige Gedanken, die zur That werden, wenn der sündige Mensch nicht seiner Kraft allein vertraut. Wir bedürfen des göttlichen Segens, des Beistandes unsers Herrn und Heilandes allüberall, und betrachten wir das irdische Gut in diesem Sinne, so gedeiht es, so mehrt es sich, damit wir es wieder verwenden können im Namen und zum Heile dessen, der über alle Namen ist. 60 Ich wünsche sehr, es dahin zu bringen, Herr Wimmer. Darum möchte ich Sie bitten, mir zu Gefallen Ihre Aufmerksamkeit wieder ausschließlich dem Irdischen zuzuwenden und mir zu sagen, ob Sie mit den überbrachten Waaren zufrieden sind und neue Bestellungen zu machen haben? Sehr gut bemerkt, junger Freund, versetzte der Herrnhuter lächelnd. Wir sind auf diese Erde, in dies trübselige Jammerthal gesetzt, damit wir uns auf das ewige Leben, auf das selige Jenseits vorbereiten, und wie könnten wir dies besser thun, als wenn wir zum Heil unserer lieben Mitbrüder nicht Zeit, nicht Mühe, nicht Sorgen sparen, und im Schweiße unseres Angesichtes, mit der Arbeit unserer Hände die Güter der Erde mehren! Ach es ist ein schwerer, aber doch ein heiliger Beruf. Wimmer faltete die Hände, schlug die Augen andächtig zum Himmel auf und wandte sich dann mit mehr weltlich klingendem Tone fragend zu dem jungen Ammer: Hat dein Vater nichts geäußert über die Bestimmung dieser Linnenlieferung? Viel Reden ist nicht des Vaters Sache, erwiderte Fürchtegott, und was hätte er mir auch bei Ablieferung einiger Weben Leinwand an den Besteller viel sagen sollen? Er zählt mir die Stücke zu und damit Punctum. Mein junger Freund weiß also nicht, was es für eine Bewandtniß hat mit diesen Weben. Fürchtegott stellte sich absichtlich völlig unwissend, da er dem Herrnhuter nicht traute. Ich verstehe Sie nicht, Herr Wimmer, sagte er erstaunt. Der Kaufmann lächelte und seine kleinen Augen sprühten wie Feuerflammen auf das Antlitz des Jünglings. Erinnerst du dich noch unserer Begegnung, als du mit deinem Bruder von der Bleiche zurückkamst? An der Kapelle? An der Kapelle beim Feldbrunnen. Als wär' es gestern, sagte Fürchtegott. Ich habe mich oft genug geärgert, daß ich damals so albern war, auf Sie zu hören, Herr Wimmer. Beinahe hätte ich mir den Vater gänzlich verfeindet, der von 61 solchen weitschichtigen Dingen nichts wissen mag. Und Sie selbst, Herr Wimmer – nun, ich hab's Ihnen vergeben – Sie selbst dachten gewiß auch nicht wieder daran. Es war eben ein Einfall, wie sie Einem zuweilen in müßigen Stunden durch den Kopf fahren. Ein guter Einfall war's, junger Freund, und, will's Gott, bald Compagnon, erwiderte der Kaufmann. Freilich war der Alte zäh, wie Haselholz, aber ich hatte ihn in Händen und gebrauchte meine Macht, sanft, versteht sich, wie sich's ziemt für einen Christen, und in Liebe und Geduld; aber ich brauchte sie doch, und da mein wackerer Freund sah, daß die Arme eines ehrlichen Mannes seinen Nacken umschlangen, da gab er nach und fügte sich meinen Bitten. Der Vater hätte wirklich – Hat wirklich genehmigt, unterbrach Wimmer den sich überrascht stellenden Jüngling, daß ich in eurem Namen, zu eurem Besten, auf eure Rechnung die eben von dir überbrachte Waare nach Amerika versenden darf und, und wenn unser Herr und Heiland gnädig auf uns herabsieht und dem Unternehmen seinen Segen gibt, daß Einer von euch Brüdern unter meiner Leitung ein überseeisches Geschäft in reinen, selbst fabricirten Leinenwaaren etabliren soll! Ei, ei, du böser, lieber junger Mensch, wie konntest du glauben, daß ein Mitglied der Brüdergemeinde so leichtfertig ein heiliges Versprechen vergessen, so ganz gottlos und unchristlich sein Wort brechen werde? Dafür sollte ich dich tüchtig auszanken, aber ich will vergeben, wie Christus es vorschreibt, wohl eingedenk der Worte: Jugend hat nicht Tugend. Wimmer eröffnete hierauf seinem dankbaren Zuhörer das mit Ammer getroffene Abkommen, wogegen ihm Fürchtegott mit Hand und Mund geloben mußte, dem Vater von dieser Eröffnung nichts zu verrathen, weil dieser erst den Erfolg des Unternehmens abwarten wolle. Halte mich nicht für leichtsinnig oder unzuverlässig, lieber Bruder, fügte Wimmer hinzu, weil ich ein gegebenes Wort nicht buchstäblich halte. Ich glaube dir und deinem Bruder durch diese Nichtachtung meines Versprechens wesentlich zu nützen, während euer Vater, mein sehr lieber Freund, keinen Nachtheil davon hat, sofern ihr nur verschwiegen seid. Das Unternehmen ist sicher, wie Gold, mein Herzensjunge, weßhalb das Abkommen mit eurem Vater nutz- und zwecklos war. Nur aus Klugheit und weil ich euch einmal, ich weiß nicht warum, 62 so unaussprechlich liebe, gab ich nach und schlug ein. Binnen Jahr und Tag seid ihr gemachte Leute, und wenn dann auch Meister Ammer's Kappe keine Minute mehr ruhig auf seinem Kopfe sitzt, ihr habt euch nichts darum zu kümmern. Ein erfüllter Contract hat die Giltigkeit eines Eides vor Gott und Menschen. Fürchtegott gefiel diese Sprache sehr wohl, obgleich ihm die eigenthümliche Moral des Herrnhuters auf schlüpfrigem Boden gewachsen zu sein schien. Er hatte zwar keinen Grund, den Mann, der offenbar in auffälliger Weise für sein und seines Bruders Wohl sorgte, für einen Heuchler zu halten, an der Wahrheit seiner religiösen Ueberzeugung aber mußte er doch zweifeln. Oder sollte er annehmen, dem wunderlichen alten Herrn sei das frömmelnde Wesen so zur Gewohnheit geworden, daß er ohne Wissen und Willen sich damit umkleidete, und selbst rein weltliche Geschäfte mit herrnhutischen Redensarten, unter Händefalten und Augenverdrehen abmachte? Dies genauer zu untersuchen, war nicht Fürchtegott's Sache. Zufrieden, seine Wünsche der Erfüllung so nahe gerückt und eine Zukunft voll schimmernder Hoffnungen sich eröffnet zu sehen, versöhnte er sich leicht mit dem widerlichen Heiligthun des Herrnhuters und versprach Alles, was dieser von ihm begehrte. Da wir von jetzt an heimliche Compagnons sind, mein lieber junger Bruder, fuhr Wimmer fort, so muß vollkommenes Vertrauen, Offenheit und unbedingte Wahrhaftigkeit unter uns herrschen. Du mußt wissen, welche Summen dem Unternehmen gewidmet werden, wer diese gibt und wem der Gewinn davon zufällt. Ich lege dir deßhalb mein Hauptbuch vor, damit du dich mit eigenen Augen überzeugen kannst, wie ich das Unternehmen angreife. Herr Wimmer holte bei diesen Worten ein gewaltig dickes Buch, ganz mit Zahlen gefüllt, aus seinem Pulte hervor und schlug es vor Fürchtegott auf. Dieser betrachtete die großen darin verzeichneten Summen mit scheuer Ehrfurcht, ohne einen Begriff von der Einrichtung des sonderbaren Buches zu haben. Nichts wäre leichter gewesen, als den unerfahrenen Jüngling zu täuschen, denn Fürchtegott glaubte jetzt, und war gewissermaßen auch dazu gezwungen, was der Herrnhuter ihm sagte. Dies lag aber gar nicht in der Absicht des Handelsherrn. Das Streben desselben war vielmehr darauf gerichtet, die Phantasie des 63 jungen Menschen durch Nennung der Zahlen zu entzünden, die ein ungewöhnlich glücklicher Handel ihm wirklich eingetragen hatte. Unsere Leser erinnern sich, daß Wimmer seinen Reichthum einem Capitale seines Freundes Ammer verdankte. Mit besonderen Accent hob dies der Herrnhuter jetzt hervor, um das Vertrauen seines Zuhörers zu erhöhen und ihn von seiner eigenen Rechtlichkeit zu überzeugen. Diese Großmuth deines braven, uneigennützigen Vaters, sprach Wimmer, kann ich nie in meinem Leben genugsam preisen. Volle zwanzig Jahre und darüber habe ich eine Summe von fünftausend Thalern mit allen auflaufenden Zinsen benutzen können, ohne daß mein großmüthiger Freund je wieder darnach fragte. Diese Summe gehört nicht mir, ich betrachte sie bis auf den heutigen Tag nur für ein mir anvertrautes Depositum, das ich zu verwalten und dereinst in die Hände dessen abzuliefern habe, der mich dazu aufzufordern befugt ist. Laut den ausdrücklichen Worten meines alten Freundes seid ihr Brüder diese Personen, sobald ihr das Alter der Mündigkeit erreicht haben werdet. Indeß, wer mag wissen, wie lange es dem Heilande gefällt, mich auf dieser elenden Erde meine einsame Wallfahrt fortsetzen zu lassen! Leicht kann es vor Abend anders werden, und würde ich so plötzlich abgerufen, ohne meine weltlichen Angelegenheiten in Ordnung zu wissen, so würde dies mein letztes Stündlein zu einem höchst traurigen und qualvollen machen. Darum ziehe ich es vor, dich, den künftigen rechtmäßigen Erben der Summe, die unter meinen Händen sich vermehrt hat, schon jetzt von dem Stande meines Vermögens in Kenntniß zu setzen. Wimmer beugte sich über das Buch, blätterte darin und betrachtete aufmerksam einige an der Seite mit blauer Tinte ausgeschriebene Zahlen. Dann sprach er weiter: Das einfach verzinste Capital deines Vaters hat sich binnen zwanzig Jahren verdoppelt, rechnen wir aber Zinsen auf Zinsen, so steigert sich die Summe noch um ein Bedeutendes. obwohl ich als streng rechtlicher Mann so rechnen müßte, will ich es aus Rücksicht für meinen alten lieben Freund doch nicht thun, weil ich ihn mir damit sicher auf Lebenszeit zum Feinde machen würde. Ich nehme deßhalb an, daß nur zehntausend Thaler euch Brüdern gehören, und bestimme diese 64 Summe theils zur Bezahlung der Leinewand, theils zur Proviantirung einer Brigantine, sowie zur Besoldung der zu ihrer Führung nöthigen Mannschaft. Dürfte ich ganz meiner Neigung folgen, so würde ich ein eigenes Fahrzeug mir zueignen, allein dies ist mit Kosten verbunden, zu deren Deckung eine so geringe Summe nicht ausreicht. Ich ziehe deßhalb vor, das seehaltige Schiff eines mir befreundeten Hamburger Kaufmanns miethweise für unser Unternehmen zu benutzen. Genau kann ich in diesem Augenblicke nicht angeben, wie hoch die Kosten der Ausrüstung, der Ueberfahrt u. s. w. sich belaufen werden, da dies von der längeren oder kürzeren Dauer derselben abhängt und darüber Gott allein zu bestimmen hat. Geht das Schiff nur nicht zu Grunde, so kommt wenig darauf an, denn ansehnlicher Gewinn ist uns dann so sicher, wie der morgende Tag. Angenommen nun, fuhr Wimmer nach einer Pause fort, während welcher er wieder in seinem Hauptbuche blätterte, angenommen, diese Expedition schlüge über Erwarten vortheilhaft aus, so daß wir über hundert Procent profitirten, so wäre ich dennoch meiner Verbindlichkeit gegen deinen Vater noch nicht quitt. Ein redlicher Mann darf nichts geschenkt nehmen, so lange er thätig sein und erwerben kann. Ich würde aber die Stellung eines Beschenkten meinem großmüthigen Freunde gegenüber einnehmen, zahlte ich weiter nichts, als das geliehene Capital mit fünf Procent Zinsen auf zwanzig Jahre an seine Söhne zurück. Es gehören euch demnach rechtmäßig auch noch sämmtliche Zinsen von den Zinsen. Darum ist es mein Wunsch und Wille, daß nach meinem Tode mein ganzes Vermögen mit Ausnahme einer Summe von siebenzigtausend Thalern, die ich der Brüdergemeinde und ihren heiligen Zwecken vermache, euch Brüdern zufallen soll, da ich weder Geschwister noch Verwandte habe. Gegenwärtig beläuft sich mein Vermögen auf zweimalhundert und siebenundachtzigtausend Thaler, die ich in ehrlichem Handel mit Hilfe des von deinem Vater entnommenen Capitals erworben habe. Sollte ich noch einige Jahre leben, so hoffe ich diese Summe noch ansehnlich zu vermehren, denn die Conjuncturen sind gut und lange Erfahrung unterstützt meine Unternehmungen. Auch dieser Zuschuß gehört dir und deinem Bruder, wie ich das Alles weitläufig in einem zu Recht beständigen Testament niederlegen werde. Ich unterrichte dich von dieser meiner 65 Willensmeinung bloß deßhalb, damit du einsehen mögest, welch unermeßlichen Vortheil der Handel gewährt. Gegen deinen Vater darfst du von alle dem nichts erwähnen. Er soll erst nach meinem Tode erfahren, wie sehr ich ihn verehrt habe. Den letzten Willen eines Sterbenden wird er heilig halten, und wenn auch vielleicht brummend, wie dies nun einmal seine Weise ist, sich doch ohne Widerrede in das Unabänderliche fügen. Dein Wort, deine Hand darauf, junger Freund und lieber Bruder in Christo, daß du über das Gehörte gegen Jedermann das tiefste Stillschweigen beobachten willst! Fürchtegott kam sich vor wie ein Bezauberter. Er hatte schon längst mit offenem Munde dem Redeflüsse des Herrnhuters zugehört, ohne begreifen zu können, wie ihn Gott unter Millionen zu solch unermeßlichem Glück könne auserwählt haben. Und hätte jetzt nach diesen Eröffnungen Wimmer den entsetzlichsten Schwur von ihm verlangt; hätte er sich ihm gezeigt in der abschreckenden Gestalt des höllischen Versuchers: Fürchtegott würde ihm doch Treue geschworen, ewiges Schweigen angelobt haben! Der kluge Herrnhuter hatte den jungen Mann mit unauflöslichen Banden an sich gekettet, ihn gleichsam zu einem Theil seiner selbst gemacht. Fürchtegott reichte ihm ohne Bedenken die Hand und versprach in allen Stücken den Rathschlägen seines erfahrenen Freundes und großmüthigen Wohlthäters folgen zu wollen. So! sprach Wimmer, die Hand des jungen Ammer mit Herzlichkeit drückend. Jetzt ist der Pact geschlossen, der uns verbrüdern und heilig bleiben soll bis zum Grabe. Möge er dir und deinem Bruder Segen bringen, und das Geschlecht Ammer bei Mit- und Nachwelt groß machen. Amen! Dazu verhelfe uns Gott und sein heiliger Sohn, Jesus Christus! – Und nun fort, junger Mensch, damit du von den mancherlei Strapatzen des heutigen Tages ausruhen mögest in sorglosem Schlummer. Der Herr und seine Engel beschützen dich! Gute Nacht, junger, lieber Bruder! 66 Siebentes Kapitel. Wimmer's Lehren beginnen zu wirken. Fürchtegott verbrachte eine Nacht unter dem Dache des Herrnhuters, wie er noch keine verlebt hatte. Erhitzt von den Eröffnungen des speculativen Mannes, glich sein Zustand dem eines Fieberkranken, der in einer Welt glühender, wild durcheinander gaukelnder Bilder lebt. Sein Schlaf war ein fortgesetzter ruheloser, beglückender, aber aufreibender Traum. Als er am nächsten Morgen beim ersten Geräusch auf der Straße erwachte, fühlte er sich erschöpft, mit wüstem, schmerzenden Kopfe, als hätte er die Nacht bei wildem Gelage durchschwärmt. Aber mit süßer Genugthuung, mit heißem Entzücken wiederholte er die Worte, die Zahlen, die er am Abend zuvor von dem Kaufmanne mehr wie einmal hatte nennen hören, und die in sein Gedächtniß mit glühenden Lettern eingebrannt waren. Wimmer hatte sich die Anhänglichkeit, den blinden Gehorsam des jungen Menschen für immer erobert, und wenn es die Absicht des versteckten Mannes war, ein williges Werkzeug für weiter reichende Zwecke in ihm sich heranzubilden, so war diese Absicht bereits vollständig erreicht. Der jüngere Sohn seines alten Freundes war ein Sclave der Gedanken des Herrnhuters geworden. – Die Flamme des Glückes, welche so unerwartet ein hell loderndes Freudenfeuer in Fürchtegott's Seele entzündet hatte, leuchtete ihm am andern Morgen aus den glänzenden Augen. Ein scharfer, die Herzen prüfender Blick würde freilich neben der blitzenden Freudegluth auch noch einen düstern Punkt bemerkt haben, der auf unlautere Entstehung des flackernden Brandes hindeutete. Nicht stilles, durchsichtiges Licht verklärte den Blick des Jünglings, ein ruheloses, von heftigem Sturmwind erfaßtes Feuer mit grellem Glanze loderte in dem funkelnden Auge. Dem Herrnhuter entging diese Aufregung seines jugendlichen Freundes nicht; er begrüßte sie wie einen lang ersehnten Bekannten 67 mit seinem freundlichsten Lächeln, das süßliche Demuth und beißenden Hohn nicht ausschloß. Der erfahrene Geschäftsmann freute sich offenbar der glücklichen Wirkung seiner Offenherzigkeit. Während des Frühstücks ermahnte er Fürchtegott nochmals, das Gehörte ja sorgfältig in seiner Brust zu verschließen, seinem Vater in allen Dingen, auch in solchen, die seiner Neigung oder seiner bessern Ueberzeugung widerstrebten, willig und pünktlich zu gehorchen, und vertrauensvoll die Zeit abzuwarten, die eine glücklichere, unabhängigere Zukunft ihm erschließen werde. Fürchtegott sagte mit abermaligem ehrlich gemeinten Handschlage zu und trat in Begleitung der leeren Wagen den Rückweg nach seiner Heimath an. – Die beiden zurückgebliebenen Geschwister erwarteten den Bruder mit großer Spannung, denn sie hofften von seinem Verkehr mit dem Herrnhuter die genauesten Details zu erfahren. Sein fröhliches Gesicht, sein gleichsam gehobenes Auftreten, worin eine gewisse Würde und Selbstständigkeit lag, bestärkte sie in ihren Erwartungen, und nach erfolgter kurzer Berichterstattung an den Vater, die wenig mehr als eine Bestätigung der Uebergabe des Waarentransportes erheischte, drangen Bruder und Schwester mit lebhaften Fragen in ihn. Fürchtegott hielt sein Wort gewissenhaft. Er leugnete mit kecker Stirn jede Andeutung Wimmer's hinsichtlich der Verwendung, die er von den Geweben machen wolle. Auch die Fragen der Mutter hatten keinen bessern Erfolg. Fürchtegott beharrte in hartnäckigem Schweigen. So abgeneigt Ammer jeder Neuerung war und so fest er an einmal angenommenen Gewohnheiten hielt, gelang es Fürchtegott doch nach einiger Zeit, eine wesentliche Abänderung in diesen zu bewirken. Sein vorsichtiges Zureden bewog den Weber, eine Zeitung mitzuhalten und die Lectüre derselben seinen Hausgenossen zu erlauben. Die Brüder machten von dieser Erlaubniß sofort den ausgedehntesten Gebrauch und brachten dadurch in die bisher ganz harmlosen Unterhaltungen eine politische Färbung. Es konnte jetzt nichts mehr in der Welt geschehen, was nicht Anklang oder Widerspruch in der Familie des Webers fand. Anfangs ignorirte zwar Ammer die Existenz dieser Zeitung hartnäckig, wie Alles, was ihm die lieb gewordene Ruhe störte, bald aber kam er damit nicht mehr aus. Das Gespräch über wichtige oder unwichtige Ereignisse, das ihm täglich um die 68 Ohren summte, reizte seine Neugier, und da er auf Anderer Meinung oder Urtheil selten viel gab, so ward er wider Willen gezwungen, das ihn störende Blatt selbst in die Hände zu nehmen. Nun war es lustig anzuhören, wie der alternde Mann von seinem Gesichtspunkt aus die Welt und ihre Bewegungen beurtheilte. Es konnte nicht das Geringste geschehen, das sich seines Beifalls zu erfreuen gehabt hätte. Was immer die Zeitung mittheilte, dem Weber machte es Niemand recht. Er spottete oder verwarf in komisch brummendem Tone Alles, und blieb steif und fest dabei, gut und zweckmäßig sei nur das, was von früheren Zeiten her sich auf die Gegenwart vererbt habe. Das gab dann zu weiteren Auslassungen ergiebigen Stoff, woran auch Nachbarn und Freunde Theil nahmen. Hatten früher die einzelnen Familien ein für sich abgeschlossenes Leben geführt, so brachte die Zeitungslectüre sie jetzt einander näher, und es entstanden in den Abendstunden, wo die Männer mit Frauen und Kindern vor den Thüren ihrer Häuser sitzend in gemüthlicher Ruhe ihr Pfeifchen zu rauchen pflegten, ambulatorische politische Kränzchen. Denn in der Lebhaftigkeit des Gesprächs wanderten die Streitenden oder die Welthändel schonungslos Kritisirenden von Haus zu Haus, und die ehemals stagnirende Ruhe kleinbürgerlichster Zufriedenheit löste sich auf in wohlthuende Theilnahme, die belebend, erfrischend, manche neue Gedanken und Ideen weckend, auf die einfachen Landleute wirkte. Fürchtegott hatte mit Anschaffung dieser Zeitung nichts Anderes erzielen wollen, als einen Blick in die Welt zu thun, die ihm bisher verschlossen geblieben war und ihn doch mit tausend Farben lockte. Seine Augen zu schärfen, seinen Verstand zu üben, seinen gährenden Gedanken Nahrung zu geben, war ihm Bedürfniß, und da unter den Verhältnissen, in welche die Gewohnheit des Dorflebens ihn bannte, anderweitige Bildung gar nicht denkbar war, so verschaffte ihm diese kleine Errungenschaft doch einiges Genüge. Die Zeitung sollte aber noch größere, nicht erwartete Umgestaltungen vorbereiten. Albrecht, der einzige Sohn von Ammer's Nachbar, ein aufgeweckter junger Mann, erhielt durch Einführung der Zeitung Gelegenheit, mehrmals in der Woche in das Haus des reichen Webers zu kommen. Ammer und Albrecht's Vater lebten seit Jahren in stillem 69 Unfrieden. Veranlassung dazu war ein unbedeutender Gegenstand gewesen, der vom Gericht zu Gunsten des Webers entschieden ward. Seitdem mieden sich beide Nachbarn. Dem begüterten Ammer konnte dies gleichgiltig sein, Jeremias Seltner aber litt darunter. Er besaß außer seinem kleinen Grundstücke kein Vermögen und mußte sich, wenn nicht kümmerlich, so doch mühsam forthelfen. Ebenfalls der Weberei beflissen, hätte ein freundschaftliches Verhältniß mit dem vermögenden Nachbar ihm von mannigfachem Nutzen sein können, da Ammer jeden Unbemittelten, war er nur sonst ein rechtlicher Mann, bereitwillig unterstützte. In früheren Jahren war dies wiederholt geschehen, da sie Jugendfreunde und Schulkameraden waren. Seit dem erwähnten Zerwürfnisse aber kümmerte sich Ammer nicht mehr um den Nachbar, und dieser sah mit Verdruß das wachsende Glück des Reichen, während er selbst immer mehr zurückkam. Indessen erstreckte sich Ammer's Abneigung gegen Seltner nicht auf dessen Sohn, dem er als einem gesitteten und fleißigen jungen Manne gewogen blieb, obwohl er allen Umgang mit ihm vermied und diesen sehr bestimmt auch den Seinigen untersagte. Wahrscheinlich hätten ein paar gute Worte von Seiten des Nachbars das frühere Verhältniß schnell und für immer wieder hergestellt, allein Seltner, nicht weniger hartnäckig als Ammer, konnte sich dazu nicht entschließen, und so grollten die ehemaligen Freunde einander in stiller Heimlichkeit. Die emsige Lectüre der Zeitung schien nun dies mißliche nachbarliche Verhältniß ausgleichen zu wollen, indem Ammer wider Aller Erwarten von selbst mit Albrecht über die Welthändel zu disputiren begann und dadurch das Verbot, jeden Verkehr mit dem Nachbar zu meiden, von selbst aufhob. Albrecht besaß Tact und Verschlagenheit genug, um die schwachen Seiten des Webers nicht zu berühren, und so glückte es ihm, festen Fuß in dessen Familie zu fassen. Am meisten freute sich Flora dieser vielversprechenden Veränderung. Das muntere junge Mädchen kümmerte sich zwar nicht im Geringsten um die Welthändel und die großen Verwickelungen, in welche damals alle europäische Staaten mehr oder weniger geriethen, wohl aber plauderte sie gern mit Albrecht, der mehr als andere junge Männer ein unterhaltendes Gespräch anzuknüpfen verstand. Oft geschah es, daß während desselben oder auch mitten in der Unterhaltung 70 mit ihrem Vater Albrecht's Augen die ihrigen berührten, und ein warmer zärtlicher Blick Fragen an sie richtete, die sie nur durch schamhaftes Erröthen erwiderte. Wenn dann in später Abendstunde ein sanfter Finger mit wohlbekanntem Klopfen den Laden im Färbehause berührte, fehlte nie die leise öffnende Hand des jungen Mädchens, und die späten Besuche Albrecht's verlängerten sich oft so sehr, daß die Brüder sich genöthigt sahen, sie durch ein plötzliches lautes Geräusch abzukürzen. So hatte denn die Zeitung, deren Lectüre dem alten Ammer trotz seiner Abneigung gegen alle Neuerungen doch bald zum Bedürfnisse ward, eine Annäherung zwischen ihm und dem Sohne des Nachbars herbeigeführt, die, vom Zufall begünstigt, unerwartet auch die älteren Freunde einander wieder näher bringen sollte. Veranlassung dazu ward die Feier des Kirchweihfestes, die in der Provinz, wo unsere Erzählung spielt, gewöhnlich eine sehr solenne ist. Herr Ammer pflegte zur Kirmeß nahe und entfernte Freunde einzuladen, mit denen er entweder in Geschäftsverbindung stand oder gegen die er in irgend einer Weise Verpflichtungen zu haben glaubte. Die Einladungen zur Kirmeß besorgte er stets in eigener Person acht bis zehn Tage vor dem Feste, theils um zu wissen, wen er als Gast bei sich zu sehen hoffen dürfe, theils weil er die Geladenen durch sein persönliches Erscheinen zu ehren glaubte. Da die Verbindungen des Webers mannigfacher Art waren, so pflegte bei dem solennen und höchst splendiden Kirmeßschmause Ammer's eine Gesellschaft sich einzufinden, wie man sie anderwärts selten sah. Die reichen Handelsherren der nahen Stadt, mit denen er in Geschäftsverbindung stand, fehlten dann nie an seinem gastlichen Tische. Zu ihnen gesellte sich Ammer's Sachwalter, eine Persönlichkeit, die der Weber eigentlich haßte, weil er der Ueberzeugung lebte, es sei mit der Ehrlichkeit des Mannes, dessen Dienste er doch bisweilen bedurfte, nicht sehr weit her. Gerade darum aber zeigte er sich gegen den gefürchteten Advocaten überaus freundlich und zuvorkommend; denn Ammer pflegte zu sagen, man müsse dem Teufel immer einen delicaten Bissen vorhalten, wenn er einen ungeschoren lassen solle. Andere Geladene gehörten entweder seiner Familie an, oder der Weber sah sie gern bei sich, bloß weil sie gute Gesellschafter waren oder ihm persönlich Spaß machten. 71 Diese Kirmeßgäste fanden sich diesmal alle in Ammer's Wohnung ein, brachten die heiterste Laune mit und erhöhten dadurch die Freude des Tages. Erst spät am Abend, was man so auf dem Lande »spät« zu nennen pflegt, leerte sich das Haus des reichen Webers. Es wurde hergebrachter Sitte gemäß beim Scheiden noch viel gesprochen, zehnmal von allen Seiten für das genossene Gute gedankt und endlich der Rückweg lachend und stolpernd angetreten. Die zuletzt heimkehrenden Gäste begleitete Ammer mit Frau und Kindern bis zum dritten Nachbar. Hier schüttelte er ihnen nochmals die Hände und übergab sie dann der Fürsorge des Färberknechtes, der den lustig gewordenen Städtern mit einer großen Laterne vorausschritt. Achtes Kapitel. Eine Versöhnung. Es traf sich zufällig, daß Jeremias Seltner gerade in dem Augenblicke mit seinem Sohne und ein paar Freunden aus der Thür trat, als Nachbar Ammer auf dem Rückwege an seinem Gartenstacket vorüberging. Albrecht, welcher den ganzen Tag über Flora nur aus der Ferne gesehen hatte, bot dem Weber freundlich guten Abend und fragte, wie er das Fest verlebt habe? Ob Jungfer Flora zu müde sei, um sich noch ein paar Mal um die Säule zu drehen? Das soll's Kind wohl bleiben lassen, erwiderte Ammer auf diese versteckt hingeworfene Aufforderung zum Tanze. Ich und meine Anna, wir sind keine Wirthshausläufer, und die Mode, daß man heutigen Tages die jungen Mädchen mit den Burschen allein zum Tanze gehen läßt, mach' ich nicht mit; sie sieht mir gar zu locker aus. 's war bloß so eine Frage, Vater Ammer, versetzte Albrecht. Ich habe selber keine Lust zum tanzen, aber plaudern möcht' ich wohl noch einen Seigerschlag . 72 Wer verwehrt es dir? sagte Ammer. Meine Hausthür steht Jedem offen, aber es gibt Menschen, die blind sein wollen mit Gewalt, und hätten sie auch statt der Augen ein paar Fackeln im Kopfe! Da hörst du's, Vater, flüsterte Albrecht dem seinigen zu. Er hat die unbedeutende Sache längst vergessen und möchte gar zu gerne wieder gut Freund mit dir sein. Greif' jetzt rasch zu und er ist dein für alle Lebenszeit! Jeremias faßte sich ein Herz, obwohl seine Pulse heftiger schlugen. Wenn wir nicht störten – 's ist freilich schon etwas spät, Herr Nachbar – Himmelkreuz – Jeremias! unterbrach ihn Ammer heftig. Ich wollt', die Grenzsteine wären gar nicht erfunden worden – sie liegen mir centnerschwer auf dem Herzen. Und mir haben sie's bald ganz zerdrückt, versetzte Seltner. Wenn mir Jemand die Last abwälzte, ich glaube kaum, daß ich ein Advocatenessen d'raus machte. Handschuhe trag' ich nicht, Jeremias, das weißt du, sagte Ammer, aber drei Ellen weit kann ich nicht reichen. Wenn's daran liegt, dem ist abzuhelfen, erwiderte Seltner, ein paar Schritte näher zu unserm Freunde tretend und ihm die Hand entgegenstreckend. Hastig schlug Ammer ein – beide Männer umarmten sich. Also vergeben und vergessen? fragte Seltner. Für Zeit und Ewigkeit, Jeremias, versetzte der Weber. Und nun kommt in's warme Zimmer – es zieht doch 'was kalt vom Gebirg herab. Hat das junge Volk Lust, soll's meinetwegen tanzen. Der Färber schlägt's Brummeisen wie eine Nachtigall – der mag aufspielen; wir Alten setzen uns zusammen und reden von alten Zeiten. So kam denn zwischen den alten Freunden unerwartet eine Versöhnung zu Stande, die Niemand mehr beglückte, als Albrecht und Flora. Auf dem Lande ist der Umgang zwischen Jünglingen und Mädchen, die in ziemlich gleichem Alter stehen, und sich von der Schule her kennen, nicht sehr ceremoniös, die Aufsicht der Eltern über erwachsene Kinder für gewöhnlich keine strenge. Das zwischen jugendlichen Bekannten allgemein gebräuchliche Du erhöht die Innigkeit, 73 erleichtert die Freiheit des Verkehrs, und so liegen der Anknüpfung zarter Verhältnisse eigentlich gar keine Hindernisse im Wege. Auch Ammer war der Meinung, daß ein harmloses Zusammenkommen Flora's mit Albrecht, wie es täglich unter seinen Augen erfolgte, keine nachtheiligen Folgen haben könne, weßhalb er den jungen Leuten weder ihre Scherzreden noch ihr fröhliches Lachen untersagte. Ueberdies blieb sich Flora immer gleich, war stets froh und guter Dinge, und sah gar nicht aus, als könne je der Blick eines Mannes ihrem Herzen gefährlich werden. Das genügte dem Weber und gab zugleich den jungen Leuten freien Spielraum, den sie klug und vorsichtig benutzten. Diese Nachkirmeßfeier, die beide alten Freunde bis nach Mitternacht in lebhafte Gespräche vertiefte, einigte die seit Jahren Getrennten für immer und gab den häuslichen Angelegenheiten Beider eine ganz andere Wendung. Albrecht hätte nicht mehr nöthig gehabt, Abends über den Buchenzaun zu steigen und nach dem Färbehause zu schleichen, denn Ammer's Wohnung stand ihm zu jeder Stunde offen. Dennoch unterblieben die nächtlichen Zwiegespräche am Fensterladen nicht. Die Betheiligten schienen in diesem heimlichen Geplauder viel glücklicher zu sein, als wenn sie im Beisein Anderer sich stundenlang sehen und sprechen konnten. Da Niemand störend dazwischen trat, ward das Verhältniß durchaus nicht leidenschaftlich, was ohne Zweifel ein Glück für die jungen Leute war, da im entgegengesetzten Falle der ordnungliebende Ammer wahrscheinlich die schwere Hand daraufgelegt und die zart geschlungenen Fäden einer gegenseitigen stillen Neigung schonungslos zerrissen haben würde. Flora war glücklich und Albrecht, der wohl lebhafteres Entgegenkommen oder doch wärmere Erwiederung seiner Neigung von Seiten Flora's wünschen mochte, mußte der Zeit vertrauen, die seinen Wünschen und Hoffnungen vielleicht ein freundlich gesinnter Fürsprecher sein wird. 74 Zweites Buch. Erstes Kapitel. In der Brüdergemeinde. Die Straßen Herrnhuts waren auffallend still. Lärmend, ja nur stark belebt konnte man sie freilich niemals nennen, aber man hörte doch für gewöhnlich aus den meisten Häusern das Geräusch irgend eines thätigen Arbeiters, sah geschäftige Menschen mit schnellen Schritten, Begegnende schweigend grüßend, über die Straße gehen. Fürchtegott fiel dies auf, da im Kalender kein Feiertag verzeichnet stand und er doch wußte, daß die Brüdergemeinde hinsichtlich ihrer Kirchenordnung sich streng den protestantischen Vorschriften anschließt. Auch fand er Herrn Wimmer, an den er Aufträge hatte, nicht zu Hause, und was ihn noch mehr wunderte, das Comptoir desselben geschlossen. Martha, die Haushälterin, bat den jungen Mann, er möge in zwei Stunden wieder kommen, und Fürchtegott, der nicht neugierig erscheinen wollte, entfernte sich stillschweigend. Für Fremde, denen es an Familienbekanntschaften fehlt, ist Herrnhut ein langweiliger Ort. Eigentliche Sehenswürdigkeiten gibt es gar nicht, höchstens kann die geleckte Sauberkeit der Häuser und Gassen, die feierliche Sonntagsstille, die selbst an Werktagen nicht völlig verschwindet, der sanfte Ernst auf den Mienen aller Begegnenden und die einförmige, bescheidene Tracht der Frauen, die wie eine Gesellschaft der 75 Welt angehörender Nonnen dem Auge entgegentreten, auf einige Zeit unterhalten. Diese charakteristische Physiognomie des Brüderortes kannte Fürchtegott von früher her, weßhalb sie ihn wenig ansprach. Er ging daher, etwas gelangweilt, an dem mit niedrigem Thurme versehenen Bethause vorüber, nach dem Gottesacker, der in geringer Entfernung vor dem Orte über eine ansehnliche Höhe sich ausbreitet. Eine Allee wohlgepflegter Linden führt nach dem Begräbnißplatze, der von lebendigen, unter der Scheere des Gärtners gehaltenen Buchenhecken eingehegt und durchschnitten wird. Ein Spaziergang durch die Reihen der schmucklosen Gräber, die alle mit Steinen von gleicher Größe und Form belegt sind, mit Ausnahme der Grüfte, welche die Gebeine der Bischöfe und Aeltesten umschließen, ist nicht uninteressant. Man findet unter den dort Ruhenden Menschen aus allen Weltgegenden. Mancher, der seinen irdischen Pilgerstab auf dieser stillen Höhe niederlegte, mag mit heftigen Lebensstürmen gekämpft, Mancher mit den wunderbarsten Schicksalen gerungen haben. Die ihm gewidmete Grabschrift spricht freilich nicht davon, denn treu ihrem Grundsatze, nie prunkend, sondern immer demüthig vor dem Herrn zu erscheinen, hält die Brüdergemeinde auch durch Schicksal und Wirksamkeit hervorragenden Menschen im Tode keine Lobrede. Der granitene Leichenstein nennt bloß Geburtsort, Name und Sterbetag des Abgeschiedenen, und bemerkt höchstens noch, daß er in ferner Welt, unter den »blinden Heiden« zur Ehre des Herrn und zur Ausbreitung des Christenthums als frommer Knecht Christi thätig gewesen ist. Füchtegott durchwandelte ziemlich achtlos die Reihen der Gräber. Ein paar trauernde Frauen, die längere Zeit an einem mit ganz neuem Stein bezeichneten Grabe verweilten, beschäftigten ihn etwas. Als er sie fortgehen sah, näherte er sich dem Grabe, und las mit einigem Erstaunen, daß der daselbst Ruhende in Paramaribo geboren war. Der Name klang deutsch, was ihn vermuthen ließ, daß er wohl von deutschen Missionären abstammen möge. Frau und Tochter hatten den früh Verstorbenen überlebt, wie die Inschrift sagte, und Fürchtegott mußte annehmen, daß er Beide in den Trauernden aus der Ferne erblickt habe. Es ärgerte ihn jetzt, daß er so schüchtern sich zurückgehalten hatte, denn er konnte sich von dem Gedanken nicht trennen, daß die Tochter 76 eines in Paramaribo geborenen Mannes ganz anders aussehen müsse, als andere Menschen. Er merkte sich den Namen und stieg, mit seinen Gedanken jenseits des atlantischen Oceans umherschweifend, die Kuppe des Hügels vollends hinauf. Hier befindet sich ein sogenanntes Observatorium, das gewöhnlich Jedermann zugänglich ist. Vor dem Kranze des ungemein vortheilhaft gelegenen Thurmes übersieht man eine Menge blühender Dörfer, einen großen Theil der Lausitz und Schlesiens, und die malerischen Gebirgskämme von der sächsischen Schweiz bis zur Schneekoppe. Leider fand Fürchtegott heute die Thurmthür verschlossen. Der scharfe, kalte Novemberwind, der auf dieser Höhe äußerst empfindlich war, verminderte den Genuß der nach allen Seiten hin eben so reichen als entzückenden Aussicht. Der Horizont war allerdings nicht ganz wolkenfrei; Nebelmassen verhüllten die höheren Bergkuppen oder ließen doch einzelne Gipfel nur auf kurze Zeit aus dem gräulich schimmernden Dunststreifen emportauchen. Auch die übrige Landschaft hatte in der nebligen Herbstluft ein recht melancholisches Ansehen. Nur der hohe Kottmar, in vorchristlicher Zeit ein heiliger Opferberg der Sorben-Wenden, stand von hellem Sonnenschein übergossen, in seiner eigenthümlichen Gestalt, wie ein großer vergoldeter Sarg in der Ebene. Gegen Nordost, im breiten Thale, lag das freundliche Bertholdsdorf, gegen Norden an der damals noch halsbrecherischen Landstraße das weitgestreckte Strawalde mit zwei großen herrschaftlichen Gehöften. Die hohe, mit dünnem Kiefergebüsch bedeckte Ebene, welche den seltsamen Namen »der Todten« führt, begrenzte die Aussicht. Fürchtegott, von Jugend auf an malerische Landschaften gewöhnt, ward es bald müde, in der kältenden Herbstluft und unter grauer Wolkendecke eine Gegend länger zu betrachten, die ihm bekannt und gleichgiltig zugleich war. Auf dem Bethause schlug es die eilfte Vormittagsstunde, zu Mittage hatte ihn Martha wieder bestellt, mithin war noch eine volle Stunde auf irgend eine Art hinzubringen. Wie gern wäre der weltlich gesinnte Jüngling in ein Wirthshaus getreten, hätte es nur ein solches in der Nähe gegeben. Die Brüdergemeinde duldet aber innerhalb ihres Wohnortes kein Schenkhaus, da sie einen Verkehr in derartigen Etablissements mit ihrem Begriff von Religion und Sittlichkeit nicht vereinigen zu können glaubt. Fürchtegott war 77 daher gezwungen, ohne Aussicht auf irgend welche Zerstreuung, in den stillen, ja traurigen Ort zurückzukehren. Um doch einige Abwechselung zu haben, schlug er einen außerhalb der Häuser sich fortschlängelnden Fußpfad ein, der sich gegen Süden in dunkle Fichtenwaldung verlor. Auf dieser Seite stößt noch heutigen Tages der Wald fast bis an die ersten Häuser Herrnhuts. Es ist die Gegend, wo im Jahre 1772 unter den Axtschlägen der aus Mähren einwandernden Brüder der erste Baum zur Erbauung des später so berühmt und wichtig gewordenen Ortes fiel. Eine einfache, fast verwitterte Tafel bezeichnete damals die denkwürdige Stelle, welche seit dem hundertjährigen Jubiläum der Gründung Herrnhuts ein einfacher Denkstein schmückt. Nach halbstündigem Umherstreifen betrat Fürchtegott zum zweiten Male an diesem Tage den todtenstillen Orte. Einige Gärten, sehr sauber gehalten und von hohen, glatt geschnittenen Buchenzäunen eingefaßt, trennen die reinlichen Gassen von dem rauschenden Gebüsch. Unter diesen ward der Reuß'sche Garten von den damaligen Herrnhutern für eine Zierde des Ortes gehalten. Obwohl kein öffentlicher Spaziergang, war es doch Niemand verboten, die breiten, mit graugelbem Granitsande bestreuten Gänge zu betreten und auf viel gewundenen Pfaden bis an den Waldsaum fortzuwandeln, wo eine Einsiedlerhütte, aus Birkenrinde erbaut, einen köstlichen Blick auf das fruchtbare, stark angebaute und dicht bevölkerte Land gewährte. Unser junger Freund kannte nur die weiten, mit Blumenbeeten, Obstbäumen und Küchengewächsen sehr sparsam gepflegten Gärten, welche Gesammteigenthum der Gemeinde sind, und in den Mittags- und Abendstunden von dieser als öffentliche Promenade benutzt werden. Das offen stehende Gitterthor reizte zum Eintritt, und da er hinter den hohen Taxuswänden Schutz gegen den immer heftiger werdenden Wind zu finden hoffte, so zauderte er nicht, seinen Spaziergang in dem einladenden Garten fortzusetzen. Das nicht große, aber doch im Styl einer Villa erbaute Gartenhaus mit hohen Fenstern und breiter Thür, zu der einige Granitstufen führten, galt in Herrnhut für einen Palast und ward deßhalb für gewöhnlich nur das gräfliche Palais genannt. Es hatte den Namen von seinem Erbauer, einem Grafen Reuß, dessen Familie es noch 78 besaß. Einige Mitglieder dieses Geschlechtes waren den Lehren und Grundsätzen der Brüdergemeinde innig zugethan, ja ein Graf dieses Namens, sagte man, habe längere Zeit den erwähnten Garten als Bruder der Gemeinde bewohnt. Auch jetzt stand die Villa nicht leer, wie die glänzenden Fensterscheiben und feinen Gardinen verriethen. Wie im ganzen Brüderorte, war auch hier tiefe Stille, gleichsam die Ruhe eines ewigen Friedens vorherrschend. Man sah nirgends einen Menschen, hörte weder innerhalb noch außerhalb des Hauses Geräusch, obwohl überall Spuren ordnender Hände sichtbar wurden. Angesprochen von diesem Geiste zierlicher Ordnung wandelte Fürchtegott einige Gänge auf und nieder. Baum- und Blumenanlagen, obwohl von der Kälte des Herbstes zum größten Theile schon zerstört, zeugten von Geschmack und setzten einen verständigen Gärtner voraus. Die beschnittenen, hie und da in Pyramiden zugespitzten Hecken abgerechnet, waltete in den übrigen Anlagen mehr der Geist englischer Gärtnerei vor. Fürchtegott, der sich fortwährend mit allerhand Speculationen trug und ungeachtet seiner praktischen Richtung doch gern das Angenehme mit dem Nützlichen verband, entwarf einen Plan, wie er früher oder später seinen Vater zu einer ähnlichen Gartenanlage bewegen wollte. Darüber nachsinnend erreichte er die erwähnte Einsiedelei. Es schien ihm, als sei die Thür nur angelegt. Die jugendliche Neugierde reizte ihn, das Innere der von Außen so unscheinbaren Hütte zu betreten. Er klinkte und die Rindenthür gab seinem Drucke nach. Ueberrascht, verwirrt, ja beschämt blieb er auf der Schwelle stehen, als er in dem zierlich meublirten, engen Gemache, dessen bunte Scheiben eine farbige Dämmerung hervorbrachten, zwei Männer in emsigem Gespräche begriffen erblickte. Zu seiner Beruhigung erkannte Fürchtegott alsbald in einem derselben den Freund seines Vaters, Kaufmann Wimmer, der Andere war ihm fremd, und die vornehm stolze Haltung desselben vermehrte noch seine Schüchternheit. Die Männer brachen ihr Gespräch ab und Fürchtegott fühlte seine Befangenheit einigermaßen schwinden, da Wimmer ihn mit gewohnter Freundlichkeit grüßte und mit dem nur ihm eigenen sanften und doch wieder so überlegenen Lächeln zu dem Fremden sagte: 79 Der junge Ammer, Herr Graf, den Sie aus meinen Gesprächen bereits kennen. Sofort begrüßte der Fremde den schüchternen Jüngling sehr herablassend und reichte ihm die Hand. Graf Alban, sprach Wimmer, ein uneigennütziger Freund und Beschützer unserer Gemeinde. Fürchtegott erinnerte sich jetzt, diesen Namen schon früher gehört zu haben, nur wunderte er sich über die Tracht des Grafen, die beinahe der eines vornehmen katholischen Geistlichen glich. Er war ganz schwarz gekleidet, trug feine seidene Strümpfe und Schuhe mit glänzend silbernen Schnallen. Der dreieckige Castorhut, den er grüßend gesenkt in der Hand hielt, machte die Aehnlichkeit noch täuschender. Indem er jetzt sein fast schneeweißes Haupt mit dem Hute bedeckte und Wimmer den Arm reichte, sagte er mit liebevoller Stimme: Lassen Sie uns aufbrechen, lieber Bruder. Ihr junger Freund hat vielleicht Eile, und Sie wissen, daß ich Geschäfte nicht gerne störe. Beide Männer durchschritten hierauf die nächsten, nach dem Gartenhause führenden Gänge. Fürchtegott folgte in bescheidener Entfernung. Am Gitterthor verabschiedete sich der Graf, indem er zu dem Jüngling gewandt sagte: Vielleicht sehen wir uns bald wieder, junger Mann. Sie sind mir kein Fremdling, und Herr Wimmer hat, wenn Sie es wünschen sollten, Auftrag, uns näher mit einander bekannt zu machen. Er grüßte wiederholt erst den Kaufmann, dann den jungen Ammer und schritt hierauf mit etwas gesenktem Kopfe nach der Villa, in deren Thür er wie eine Erscheinung verschwand. War dies Graf Alban, der Reisende? fragte Fürchtegott den Herrnhuter. Ich bin recht erschrocken und fürchte eine Unschicklichkeit begangen zu haben. Darüber sei unbesorgt, junger Freund, versetzte Wimmer. Der Graf ist weder stolz, noch ceremoniös. Sein Aufenthalt unter den wilden Völkerstämmen der Südseeinseln hat ihn gelehrt, die Menschen zu nehmen, wie sie sind, nicht die Schaale, sondern den Kern zu betrachten. Aber wie kam es, daß du mich hier aufsuchtest? 80 Fürchtegott erzählte, wie er vor einigen Stunden angekommen sei, ihn nicht zu Hause getroffen habe, und wie der Zufall ihn später in diesen Garten geführt. Wimmer lächelte und sagte bedeutungsvoll: So führt der Herr die Seinen! Auch der Zufall ist immer eine Schickung, von der wir nicht wissen, wie wichtig, wie einflußreich sie für unser ganzes Leben werden kann! Du bist vom Glück begünstigt, wie Wenige. Wen Graf Alban so freundlich anredet, der kann seiner Aufmerksamkeit nicht mehr entgehen. Wie kommt es aber, Herr Wimmer, daß Sie meiner gegen ihn erwähnt haben? fragte etwas beklommen der junge Ammer. Es ist ganz einfach, erwiderte dieser. Als ich vor zwei Monaten unsere Waarensendung nach Amerika betrieb, die nun bereits unterwegs ist und, so Gott und der Heiland uns begnadigen, glücklich in der neuen Welt ankommen wird, besuchte mich Graf Alban und fragte mich, was mich so lange von seinem Hause ferne gehalten habe? Als einem treuen, erprobten Freunde theilte ich ihm unser Unternehmen mit. Dein und deines Bruders Name konnte dabei nicht verschwiegen bleiben, und der für Menschenwohl wie für unternehmende Köpfe gleich begeisterte Mann war hoch erfreut über deinen Muth. Schon damals sprach er wiederholt aus, daß er dich und alle deine Unternehmungen unterstützen werde, was ihm vermöge seines geachteten Namens und seiner weit verbreiteten Verbindungen wegen leicht ist, und ich mußte ihm versprechen, dich bei nächster Gelegenheit ihm vorzustellen. Fürchtegott's jugendliche Eitelkeit fühlte sich dadurch nicht wenig geschmeichelt. Er wünschte lebhaft, den Grafen nochmals zu sehen, zu sprechen, und hätte er es nicht für unschicklich gehalten, so würde er den Herrnhuter sogleich gebeten haben, ihm noch heute Gelegenheit dazu zu verschaffen. Inzwischen hatte Wimmer seine Behausung erreicht, wo die Haushälterin bereits ihren Herrn erwartete. Fürchtegott mußte sein einfaches Mahl mit ihm theilen, an dem diesmal auch der Buchhalter Theil nahm. Eigentlich, sagte der Herrnhuter über Tische, eigentlich haben wir heute keinen Geschäftstag. Du mußt es schon an der überaus großen 81 Ruhe bemerkt haben, die unsern stillen Ort erfüllt. Wir nehmen es jedoch nicht allzu streng mit solchen außergewöhnlichen Ruhetagen, weßhalb es Jedermann gestattet bleibt, je nach Bedürfniß dringende Geschäftsangelegenheiten zu erledigen. Dein Vater, mein wackerer Freund, soll daher nicht unter unsern frommen Gewohnheiten leiden. Seine Briefe werden beantwortet, seine Aufträge besorgt werden. Läßt sich doch Alles, wenn man es nur einzurichten versteht, ohne großes Geräusch abmachen. Du mußt nämlich wissen, mein junger Bruder, daß wir heute ein großes allgemeines Liebesmahl halten. Denke dir darunter kein Schwelgen in Speise und Trank, wie dies bei weltlicher gesinnten Christen wohl bisweilen vorkommt. Wir genießen mehr geistig als leiblich, wohl eingedenk der Worte des heiligen Evangelisten Johannes, der die Liebe unter Brüdern für die höchste und edelste Tugend erklärte. – »Liebet euch unter einander, liebe Brüder!« sprach der fromme, geistig milde Greis, wenn er die Versammlungen der Gemeinde besuchte. An dieses Wort hält sich auch unsere kleine Gemeinde, und um einem so erhabenen Vorbilde ähnlich zu werden, bemühen wir uns, soweit die menschliche Unvollkommenheit es zuläßt, dem großen Evangelisten nachzueifern. So sind denn unsere Liebesmahle im eigentlichen Sinne des Wortes gemeinschaftliche Vereinigungen zu dem Behufe, sich in brüderlicher Liebe zu nähern, sich des Begriffes, der Bedeutung der Bruder- und Schwesterliebe recht bewußt zu werden. Und glaube mir, junger Freund, es verläßt Keiner diese friedliche Versammlung, ohne sich gestärkt zu fühlen zur Ertragung aller Mühen und Lasten, die ihm das Leben aufzubürden für gut befindet! Fürchtegott fragte theilnehmend, in welcher Weise diese Liebesmahle begangen würden, ob bloß Männer oder auch Frauen sich dabei einfänden? Wimmer versuchte es, dem Jünglinge eine Vorstellung davon beizubringen, und schloß mit der Aufforderung, dem Mahle selbst mit beizuwohnen. Ist dies erlaubt? fragte Fürchtegott. Die Brüder sehen es sogar gern, erwiderte der Kaufmann. Wir erblicken mit Recht in solchen Theilnehmenden Gleichgesinnte, Menschen, die unser Streben billigen, uns selbst als Brüder umarmen. Und das heutige Liebesmahl ist vorzugsweise interessant, schloß Wimmer. 82 Zwei Missionäre, vor Kurzem nach des Heilandes Willen durch das Loos mit zwei jungen Schwestern verheirathet, nehmen Abschied von der Gemeinde, um schon morgen auf unbestimmte Zeit in ferne Länder zu gehen. Einer, der Aeltere, ein Bäcker seines Gewerbes, ist nach Paramaribo bestimmt. – Nach Paramaribo? fiel Fürchtegott ein. Ja, ja, nach Paramaribo in Südamerika, wiederholte Wimmer. Es ist freilich eine weite Reise bis dahin, aber dem Schwachen, der sich Gottes Leitung vertraut und der Gnade unseres Heilandes, wird Alles, auch das Schwerste, leicht und süß. Der Jüngere wird den Indianern am Fuße der unwirthbaren Felsengebirge das Christenthum predigen. Es ist gar rührend und erbaulich, liebe Brüder, die Gottes Stimme folgen, in Demuth und Ergebenheit aus unserer Mitte scheiden zu sehen. Wäre ich nicht so alt und hinfällig, wahrlich auch ich könnte mich noch entschließen, als Prediger der Liebe in die Wüste unter Barbaren und Menschenfresser zu gehen. Obwohl dem frömmelnden Wesen entschieden abhold, das dem bei weitem größten Theile der damaligen Herrnhuter anklebte, versprach sich Fürchtegott doch eine Unterhaltung eigenthümlicher Art bei solchem Mahle. Außerdem übte das Wort »Paramaribo«, so wenig bewandert er in der Geographie Amerika's war, einen geheimnißvollen Zauber auf ihn aus, und als müsse er etwas ganz Unerhörtes erleben, oder als könne ihm ein unerwartetes großes Glück in der Versammlung der frommen Herrnhuter erblühen, ergriff er den Vorschlag seines väterlichen Freundes mit Lebhaftigkeit. Wimmer schien über diese Bereitwilligkeit des jungen Ammer, mit ihm das Liebesmahl der Brüder zu genießen, sehr erfreut, pries von Neuem das Glück eines christlichen, stillen, der Milde und Liebe gewidmeten Lebens, und verschwieg nicht, daß er wünsche, auch er möge zu der Ueberzeugung kommen, daß nur innerhalb der Herrnhuter Brüdergemeinden die wahre und segenbringende Nachfolge Christi zu finden und zu erreichen sei. Fürchtegott war zwar ganz entgegengesetzter Meinung, er hütete sich aber, dem eifrigen Herrnhuter zu widersprechen, da er dessen Ergebenheit und Zuneigung nicht entbehren konnte, wollte er wirklich das Ziel erreichen, das ihm Tag und Nacht in tausend farbig schimmernden Gestalten vor Augen schwebte. 83 Der Beginn des Liebesmahles war auf Abends fünf Uhr festgesetzt. Wimmer fürchtete seinen jungen Freund bis dahin nicht genügend unterhalten zu können und fragte deßhalb, ob es ihm wohl angenehm sei, inzwischen einige Baulichkeiten des Brüderortes kennen zu lernen? Fürchtegott ging gern auf diesen Vorschlag ein. Ihm waren bisher nur die Aeußerlichkeiten des städtisch erbauten Dorfes, von dessen inneren Einrichtungen dagegen gar nichts bekannt. Du triffst es gut, sagte Wimmer, mit seinem Gaste durch die rein gefegten Straßen schreitend. Wie du in allen Dingen Glück hast, so ist es dir auch günstig bei geringfügigen Sachen, woraus ich schließe, daß dich Gott in seiner Weisheit zu Großem bestimmt hat! – Ich werde dich in das Brüderhaus führen, mein Lieber, damit du eine Vorstellung bekommst von der brüderlichen Eintracht und hohen Milde, die uns Alle verbindet und zu gottgefälligem Leben anspornt. Du findest die Brüder heute alle beisammen, und da Niemand verpflichtet ist, sein Geschäft zu betreiben, obwohl auch Niemand daran verhindert wird, so können wir, ohne Störung zu verursachen, sämmtliche Werkstätten besuchen. Es wird dir bekannt sein, fuhr der Herrnhuter nach einer Pause fort, daß alle unverheirathete Brüder, wenn sie nicht, wie es bei mir der Fall ist, durch ihren Geschäftsbetrieb daran verhindert werden oder doch eine abgesonderte Wohnung vorziehen sollten, unter einem Dache leben. Gebet und Arbeit beginnt man zu gewissen Stunden in liebevoller Gemeinschaft, auch die Ruhe nach gethaner Arbeit behält den Charakter geselliger Verbrüderung. Ganz in gleicher Weise leben die unverheiratheten Schwestern, denen wir, sollte die Zeit es erlauben, auch noch einen Besuch machen können. – Ja, mein junger Freund, die weisen Gründer unserer Gemeinde, die eigentlich von jeher die wahren Nachfolger der Apostel und Evangelisten, also die unverfälschtesten, treuesten Jünger Christi waren – denn der Ursprung der mährischen Brüder verliert sich in das graueste Alterthum – diese weisen Männer haben erreicht, was den egoistischen Papisten durch Gründung ihrer Klöster niemals möglich geworden ist. Unsere Brüder- und Schwesterhäuser sind die natürlichsten Versorgungsanstalten, welche Gemeinsinn, Liebe zu einem Leben voll Milde und Thätigkeit, und Streben nach körperlicher, geistiger und sittlicher Bildung erfinden 84 konnten. Von dem verwirrenden, Geist und Herz beunruhigenden und den ganzen innern Menschen nur zu sehr zerstreuenden Geräusch der Welt geschieden, bleiben unsere Brüder und Schwestern dem Leben doch immer zugewandt. Nicht in Müssiggang, in trägem Hinbrüten, sondern in nützlicher Thätigkeit, die Jeder nach Neigung und Talent sich frei wählen kann, suchen wir die Bestimmung des Lebens zu erfüllen. Wir schließen uns weder ab von der Welt, noch fliehen wir den Umgang der Geschlechter. Nur wer den Beruf in sich fühlt, oder wer durch Krankheit des Körpers, durch Abspannung der Kräfte seines Geistes verhindert ist, der Welt seinen Tribut zu zahlen, nur der lebt still, gepflegt von der Liebe seiner Brüder, dem Gebet, der Prüfung und Vorbereitung auf seine irdische Auflösung. Und wie schön, wie tief und wahr ist die Einrichtung, daß Brüder und Schwestern sich nur durch Gottes heilige Gnadenwahl ehelich verbinden! Fürchtegott warf die Bemerkung dazwischen, daß bei dieser allerdings bequemen Einrichtung das Herz doch wohl zuweilen zu kurz kommen möge. Glaube das nicht, junger Freund, erwiderte Wimmer. Nichts ist leichter zu täuschen, zu hintergehen, als das Herz; kein Glied des menschlichen Körpers ist verdorbener und größerer Schlechtigkeiten fähig, als diese unruhig klopfende Muskel! Wir armen blöden Thoren halten uns für beglückt, für beseligt, wenn ein paar muntere Mädchenaugen unser Blut rascher aufwallen machen; wir nennen's Neigung, fühlen wir diese angenehmen Bebungen des Herzens sich wiederholen, und steigert sich der anfangs nur flüchtige Reiz zu süßer gegenseitiger Dauer, so schwören wir, daß es Liebe sei, und ein Bund für's Leben ist gewöhnlich die Folge davon. Arme verblendete Thoren! – Wer zählt die unseligen Ehebündnisse, deren reizender Deckmantel die sogenannte Liebe war und die doch ein koketter Augenwink knüpfte? Wer kann mir die Zahl der unglücklichen Frauen nennen, denen falsche, erheuchelte Männerliebe das Herz brach, das Leben zur Hölle machte? – Und doch behaupten Alle, die Liebe und nur sie allein sei Ursache und Zweck des lebenslänglichen Bundes gewesen! Ich sage dir, lieber junger Bruder, es gibt keine Liebe außer der Gnade Gottes! Jene Liebe der Welt, jene profane, sündhafte Liebe, welche aus sinnlichem Reiz den Mann zum Weibe, das Weib zum 85 Manne zieht, ist verwerflich und findet vor Gott kein Erbarmen. Im Himmel, spricht die Schrift, werden Ehen geschlossen, d. h. durch Gottes unmittelbare Wahl und Gnade. Wer nicht in dieser Gnade ist, der lebt auch nicht in der wahren Liebe. Darum bestimmt bei uns das Loos, das wir unter Gebet und Anrufung Gottes ziehen, die Wahl der Gattin, und noch nie hat man gehört, daß eine so geschlossene Ehe Unglück nach sich gezogen hätte. In Sitte und Ehrbarkeit leben die Gottgewählten neben einander, so lange der Heiland es will. Aufregung und Leidenschaft bleiben ihnen fern, die Milde nur und die Demuth behüten Haus und Familie. Von Liebesqualen war der junge Ammer noch nicht gepeinigt worden, wenn er aber seiner Schwester und ihres bis jetzt sorgsam geheim gehaltenen Verhältnisses mit Albrecht Seltner gedachte, wollte es ihm doch scheinen, als ob der kluge Herrnhuter mit seinen Ansichten von Macht, Glück und Reiz der Liebe nicht ganz auf dem rechten Wege sei. Daß es keine Leidenschaft geben solle, wollte dem Jünglinge, in dessen Brust ein ganzes Heer unklarer Leidenschaften tobte, nicht einleuchten, und daß ein Blick aus schönen Augen nothwendig unglückliche Ehen nach sich ziehen solle, hielt er für eine arge Verleumdung des schönen Geschlechtes. Ihm hatten, das wußte Fürchtegott bestimmt, bis jetzt freundliche Blicke hübscher Mädchen immer sehr wohl gethan, selbst ein rascheres Klopfen seines Herzens hatte er dabei gefühlt, außer unruhigen Träumen aber keine nachtheiligen Folgen davon bemerkt. Dagegen erneuerte sich immer wieder das wohlthuende Gefühl angenehmen Reizes, so oft er mit junger Mädchenwelt zusammentraf. Er glaubte daher dem predigenden Herrnhuter nicht Unrecht zu thun, wenn er dessen Verketzerungen der Liebe für Grillen eines melancholisch gewordenen alten Junggesellen hielt, an denen Neid und Aerger wohl gleichen Theil haben mochten. Der Eintritt in das von Außen sehr unscheinbare Brüderhaus machte den belehrenden Gesprächen Wimmer's ein Ende. Der angesehene Kaufherr ward mit größter Zuvorkommenheit von dem Brüderältesten begrüßt, der sich sofort selbst zum Begleiter anbot. Fürchtegott konnte mit Muße die ebenso einfachen als zweckmäßigen Einrichtungen betrachten. Reinlichkeit, Verschmähung jeglichen Schmuckes und Solidität: nach diesen drei Principien schien das Leben der Brüder geordnet 86 zu sein. Höher Gebildete würden vielleicht einen auffallenden Mangel an Geschmack oder richtiger an feinerem Kunst- und Schönheitssinne bemerkt haben. Die fehlenden Zierden an häuslichen Geräthen und Möbeln hätte man allenfalls entbehren können, daß aber alle Zimmer, zumal die zu gemeinschaftlichem Gebrauch bestimmten, nur mit grauweißem Kalk ausgestrichen waren, ohne irgend eine in dieser endlosen flachen Wüste angebrachte Schattirung, beleidigte das Auge. Fürchtegott selbst fand es nur wunderlich und machte gegen Wimmer eine darauf bezügliche Bemerkung. Wir Brüder verschmähen alle Eitelkeit der Welt, versetzte der Herrnhuter. Schmucklos, wie unser Herz vor Gott sein soll, muß es auch unsere irdische Hütte sein. Als sie den Betsaal betraten, begleiteten sie mehrere Brüder. Auch hier störte den jungen Ammer, obwohl er sich keine Rechenschaft darüber geben konnte, dies langweilige Grauweiß, das sich sogar bis auf Bänke und Sessel erstreckte. Die Tracht der Brüder paßte allerdings zu diesem farblosen Anstrich. Sie bildeten in ihren grauen Röcken den Schatten und bewegten sich wirklich etwas gespensterhaft in dem ansehnlichen Raume. Mein Gott, sprach Fürchtegott mit beklommenem Herzen zu sich selbst, wenn die wahre Frömmigkeit, wenn gottgefälliges, brüderliches Zusammenleben in dem besteht, was ich hier sehe, so muß unser lieber Herrgott ein außerordentlicher Verehrer der gähnendsten Langeweile sein. Wenn ich hier zwischen diesen vier weißen Wänden, unter diesen stillen, lammfromm und auch etwas albern aussehenden, schattenhaften Gestalten beten sollte, würde ich ohne allen Zweifel ein Langschläfer. Bei Gott, ich fühl' es ordentlich, wie mir die Augen innerlich schon zufallen, und wie Alles um mich her eine laute Aufforderung zu herzhaftem Gähnen zu werden beginnt! Besser gefiel es dem jungen Ammer in den verschiedenen Werkstätten. Hier waren auch die Brüder menschlich zugänglicher, nicht umflossen von dem trüben Dunstschein, der sie jederzeit umgab, wenn sie von Religion und Gottanbetung sprachen. War diese tiefe Demuth, dies Aufgehen in süßer Heilandsliebe bei Vielen auch nicht gemacht, so erschien es dem Nichtherrnhuter doch immer wie angelernt. Es mit Natur und Wesen so zu verschmelzen, daß ein harmonisches Ganze daraus entstand, wollte nur sehr Wenigen gelingen. 87 Ueber Technik, über Handwerksvortheile, über künstlerisches Bilden und Formen sprachen alle Brüder, je nachdem sie dieses oder jenes Geschäft betrieben, klar verständig und mit jenem edlen Stolze, den gesundes Nachdenken immer gibt. Fürchtegott verweilte deßhalb längere Zeit in den Arbeitszimmern der Drechsler, Tischler, Böttcher. Nirgends hatte er noch so gelungene Arbeiten, nirgends so vortreffliche Instrumente gesehen. Ueberall herrschte eine musterhafte Ordnung, die selbst durch Betreibung des Geschäftes nicht unterbrochen ward. Es leuchtete ihm jetzt ein, wie die Herrnhuter sich den Ruf der geschicktesten Arbeiter erwerben und erhalten konnten. Ihre Gesetze verbieten den Handel, insofern er zum Schacher wird. Ein mäßiger, zu Mühe, Arbeit und Aufwand im Verhältniß stehender Gewinn ohne Aufschlag, ist den Brüdern gestattet, und da Niemand durch sie betrogen wird, so setzen auch die Käufer kein Mißtrauen in die Preise ihrer Waaren. Mehr noch als die Werkstellen der Holzarbeiter, setzten Fürchtegott die Ateliers der Gürtler, Uhrmacher, Gold- und Silberarbeiter in Erstaunen. Was er schon bei den Tischlern bemerkt hatte, daß sie nämlich mit weit mehr Geschmack und dabei mit größerem Verstande die Holzarten wählten, als ihre Mitgenossen in andern Orten: dies fand er bei den Goldarbeitern in noch höherem Grade. Die Fassung edler Steine war immer geschmackvoll, ansprechend und dabei doch solid, größere Gebilde des edlen Metalles konnten sogar für wirkliche Kunstwerke gelten. Es wäre kaum zu begreifen gewesen, wie Menschen, die in ihrem Anzuge und in ihren Wohnungen so ganz allen Geschmackes baar erscheinen, in den Gebilden ihrer Hände den damals höchsten Anforderungen geläuterten Kunstsinnes entsprechen konnten, hätte man jenen Ungeschmack nicht ihren sonderbaren Ansichten vom Zweck und Wesen des Christenthums zu Gute halten müssen. Unbemerkt waren dem aufmerksamen Beobachter rasch ein paar Stunden vergangen. Fürchtegott verließ das Brüderhaus mit ungeheuchelter Achtung vor der Geschicklichkeit, der Ordnungsliebe, dem Rechtlichkeitssinne der Herrnhuter. Es freute ihn, sich gewissermaßen diesem geräuschlos wirkenden Bunde trefflicher Männer durch seine Verbindung mit Wimmer beizählen zu können, und wenn er schon weder Trieb noch Neigung in sich laut werden fühlte, der Gemeinde 88 als Bruder anzugehören, so ließ sich doch das Bedürfniß, in ihr geheimes Leben und Wirken tiefer einzudringen, nicht ganz abweisen. Es dämmerte bereits stark, als Fürchtegott in seiner Art vollkommen befriedigt und zu mannigfachen Gedanken angeregt, die Wohnung seines Gastfreundes wieder betrat. Einzelne Bewohner des Ortes waren ihnen unterwegs schon begegnet, die alle still, demüthig, ernst gestimmt zum Liebesmahle gingen. Wimmer legte schnell sein braunes Festtagsgewand an und führte den jungen Ammer nach dem mitten in der Niederlassung befindlichen Versammlungsorte. Zweites Kapitel. Ein Liebesmahl. Herrnhuter besitzen bekanntlich keine Kirchen, sondern nur sogenannte Bethäuser. Diese liegen gewöhnlich in der Mitte der Brüderorte auf freiem Platze, der in weltlich gesinnten Städten und Flecken Marktplatz heißen würde. Obwohl alle Herrnhuter ausschließlich vom Handel leben, dulden sie doch in ihren Niederlassungen keinen Marktlärm; Stille ist ihnen Lebensbedürfniß, im wie außer dem Hause. Sie handeln zwar eifrigst, sind sehr klug und vorsichtig, verschmähen weder Credit noch Gewinn, lärmend aber darf ein Geschäft, wobei sie sich betheiligen sollen, nicht sein. Diese charakteristische Liebhaberei an geräuschlosem Dahinleben spricht sich auch in den religiösen und socialen Zusammenkünften der »Brüder und Schwestern« aus. Das nur mit niedrigem Thürmchen versehene Bethaus ist schmucklos im Innern, einfach von Außen. Ein Saal ohne allen Zierrath, mit weißgetünchten Wänden, ist zugleich Kirche und Gesellschaftslocal bei den halbkirchlichen Zusammenkünften der Gemeinde. Weiß, die Farbe der Unschuld und Anspruchslosigkeit, ist Lieblingsfarbe aller Herrnhuter. Deßhalb spielt Weißzeug nicht bloß eine Hauptrolle in der Kleidung der Schwestern, weiß angestrichene Tische, Stühle und Bänke findet man auch gewöhnlich in den Bethäusern der Herrnhuter. 89 Als Fürchtegott an Wimmer's Seite in den Saal trat, befiel ihn eine Art Beklommenheit. Diese schmucklose, nüchterne Leere drückte alpartig auf seine lebensfrohe Seele. Es kam ihm vor, als mache sich eine geheime, unsichtbare Gewalt in diesem Raume geltend, die Jeder unangenehm empfinden müsse, ohne daß er Kraft genug besitze, sich ihr zu entziehen. Um dies beängstigende Gefühl einigermaßen zu paralisiren, beschäftigte sich Fürchtegott zunächst mit den Aeußerlichkeiten des Betsaales, die ihm der Betrachtung doch werth zu sein schienen. Am oberen Ende desselben auf unbedeutender Erhöhung stand ein simpler Tisch, mit weißem Tuche überdeckt. Eine Bibel und das Bild des Gekreuzigten darauf, gaben ihm das Ansehen eines Altares. Dahinter befand sich ein erhöhter Lehnsessel. Zu beiden Seiten des Saales waren gedeckte Tafeln aufgestellt, nebst schmucklosen Stühlen. Mit Ausnahme dieser letzteren, die man farblos nennen konnte, war Alles weiß, kreideweiß. Die vielen Lichter, auf weißgläsernen Kronleuchtern brennend, deren Strahlen sich an den weißen Wänden brachen, schmerzten die Augen. Genug, der erste Eindruck, welchen dieser Betsaal auf jeden Nichtherrnhuter machte, mußte ein unerquicklicher sein. Weder Heiterkeit noch Andacht, noch geselliger Ton konnten in dieser Umgebung aufkommen. Es befanden sich schon mehrere Brüder und Schwestern im Saale, als Wimmer seinen jungen Freund in dies Asyl stillster Lebensfreudigkeit einführte. Die Schwestern, in ihren glatt anliegenden, spitzenlosen Häubchen, ihren weißen Jäckchen und weißen Schürzen kamen unserem Freunde wie Geister vor, die leise flüsternd an den Wänden forthuschen und aller Körperlichkeit entbehren. Sie hielten sich nicht zusammen, getrennt von den Männern und ihr etwaiges Gespräch beschränkte sich auf säuselndes Zischeln. Auch die Männer waren nicht viel lauter. Vielleicht des Abstandes halber gingen alle sehr dunkel gekleidet, die Vornehmeren schwarz, die weniger Vornehmen, vorzugsweise die eigentlichen Brüder, welche gemeinschaftlich das Brüderhaus bewohnten, in lebkuchfarbenen Tuchröcken. War bei den Frauen Alles schattenloses Licht, so hielt es schwer, bei den Männern eine Spur von Licht zu entdecken, was denn zusammen eine sehr schlechte Farbenmischung gab. 90 Künstleraugen mußten sich geradezu von diesem grellen Mangel aller geschmackvollen Farbenmischung beleidigt fühlen. Wimmer trat zu den Männern, reichte Jedem mit langem Drucke die Hand und grüßte Alle mit brüderlichem Kusse. Fürchtegott versuchte anfangs, sich durch häufiges Verbeugen, das nicht immer gut gelang, bemerklich zu machen; da man sich aber gar nicht um ihn kümmerte, ihn nicht einmal zu sehen schien, und Wimmer es nicht für nöthig erachtete, ihn irgend einem seiner Bekannten vorzustellen, so gab er seine nutzlosen Complimente bald auf, zog sich etwas zurück und lehnte sich an einen der Pfeilerwände. Dieser Platz war unstreitig für den jungen Mann der unterhaltendste, da er der Thür schräg gegenüber lag und alle Eintretende eine Musterung seiner scharfen Augen aushalten mußten. Obwohl die Zahl der Ankommenden sich beträchtlich vermehrte, dauerte es doch geraume Zeit, ehe die losen Glieder der Gesellschaft sich zu einem geselligen Zirkel vereinigen wollten. Endlich trat ein hochbejahrter Mann ein, dessen bedeutende Gestalt von der Last der Jahre gebeugt war. Silberweißes Haar, nach Brüdersitte gescheitelt, fiel in reichen schimmernden Locken zu beiden Seiten des bleichen Gesichtes fast bis auf seine Schultern herab. Von zwei Personen, einem Manne und einer jugendlichen Frauengestalt, geführt, durchschritt der Greis den Saal und näherte sich dem altarähnlichen Tische, wo der Armstuhl die Glieder des Lebensmüden in seine weichen Polster aufnahm. Für unsern jungen Freund war dieser neue, ihm völlig unbekannte Ankömmling ein Gegenstand großer Aufmerksamkeit. Nicht weniger beschäftigten ihn die beiden Begleiter des Greises. Leider konnte er von seinem Platze aus die weibliche Führerin nicht recht in's Auge fassen, da ihre Gestalt von dem Greise und dem ihm zur Rechten bleibenden männlichen Gefährten verdeckt ward. Dieser männliche Führer war Graf Alban, den Fürchtegott so zufällig am Morgen kennen gelernt hatte. Aus der großen Stille, die bei dem Erscheinen des Greises eintrat, und aus dem demuthvollen Neigen der Häupter aller Anwesenden zog der junge Ammer den richtigen Schluß, es möge dieser ehrwürdige Alte wohl der präsidirende Bischof, zugleich der Lehrer, Prediger und Seelenhirt der ganzen Brüdergemeinde sein. 91 Er ward in dieser Annahme bestärkt, als jetzt der Greis die Hände faltete, und mit sanfter, liebevoller, glaubensinniger Stimme ein zum Herzen sprechendes Gebet von ziemlicher Länge hersagte, und am Schlusse desselben den versammelten Brüdern und Schwestern verkündigte, daß eine junge Dienerin im Herrn zum letzten Mahle das Brod der Liebe theilen und mitgenießen werde, da der Heiland sie gerufen, einem Manne über das Meer zu folgen, damit sie bekehre die Heiden und Christi Lehre verbreiten helfe unter denen, deren Seelen noch erfüllt seien von tiefer Finsterniß. Liebe Brüder und Schwestern, schloß der Bischof, die weißen, knöchernen Hände fester verschlingend und mit apostolischer Ueberzeugungskraft gegen seine Brust drückend, während die schwärmerischen Augen nach oben blickten; liebe Brüder und Schwestern, betet für die Scheidende, die in demuthvoller Ergebenheit dem Winke des Erlösers folgt. Betet für sie, daß der Gott der Liebe ihr Kraft verleihe auf dem dornenvollen Pfad, der ihrer harrt! Betet, daß er das Maß ihrer Geduld sich füllen lasse bis zum Rande, damit sie sich bewähre als treue Magd des Herrn! Christus unser aller Heiland und Erlöser, bleibe bei ihr immerdar! Und wie ich, sein unwürdiger sündenbelasteter Knecht, jetzt die zitternde Hand segnend auf ihr jugendliches Haupt lege zur Weihe der Sendung, die ihr geworden, so segne sie mit der Kraft seiner Allmacht der Herr der alten und neuen Welt! Amen! Bei den letzten Worten beugte der Bischof seine Kniee. Mit dumpfem Rauschen folgten Brüder und Schwestern seinem Beispiel. Graf Alban aber führte die junge zu so schwerem Loose bestimmte Schwester dicht vor den Betenden und hielt wie ein Schirmherr die Hände gefaltet über sie, während der Bischof ein dreimaliges Kreuz über dem Scheitel der jugendlichen Gestalt schlug. Als diese Ceremonie vorüber war, die durch ihre feierliche Ruhe und große Einfachheit das Herz unseres jungen Freundes lebhaft bewegte, erhob sich die jugendliche Herrnhuterin, um, von ihrem Beschützer geleitet, den Brüdern zugeführt zu werden. Denn vor einem solchen Abschiede, der für einen ewigen gelten konnte, war es Sitte, daß jedes Glied der Gemeinde den Bruder- und Schwesterkuß auf die Stirn der Scheidenden hauchte. 92 Das volle Licht der Kerzen auf den Kronleuchtern fiel jetzt auf die schlanke, fein gebaute Gestalt, und als sie gegen die dunkle Reihe der Brüder vorschritt, erkannte Fürchtegott mit eigenthümlichen Gefühlen in der Missionärin, oder wie er die junge Herrnhuterin sonst etwa nennen sollte, die schwarze Dame, welche er Vormittags an dem ihm interessant gewordenen Grabsteine gesehen hatte. Unverwandten Blickes folgte er ihr auf dem von der Sitte vorgeschriebenen Abschiedsgange. Je näher die Fremde ihm kam, desto befangener ward er, ohne einen Grund dafür angeben zu können. Jetzt trat sie zu Wimmer, der ihr in üblicher Weise den Abschiedskuß auf die Stirn drückte. Im nächsten Augenblicke stand die junge Person vor dem überraschten Jünglinge. Ohne aufzublicken reichte sie ihm die Hand. Fürchtegott ergriff sie aus reiner Verlegenheit. Sie war zart und warm, und ein leises Beben schien sich in die Nerven des so seltsam Ueberraschten einzuschleichen. Er drückte sie unwillkürlich und ohne zu wissen, daß er es that. Dabei sah er empor, und als habe die magnetische Berührung der Hände die Blicke beider einander gänzlich Fremder belebt, die Augen Fürchtegott's und der Scheidenden begegneten sich. Der junge Ammer sah ein unbeschreiblich mildes, gottergebenes Gesicht, über dessen zarte Lilienblässe ein Zug tiefer Schwermuth sich lagerte. Fürchtegott hätte gern recht lange dies liebliche Madonnenantlitz betrachtet, allein ein Wink Graf Alban's und eine flüsternde Ermahnung Wimmer's erinnerten ihn, daß hier nicht der Ort sei Bekanntschaften anzuknüpfen. So bog er sich denn vor, um der leidenden Gestalt ebenfalls den Bruderkuß zu geben. War es nun Zerstreuung oder irgend ein anderer Zufall, Fürchtegott berührte nicht die Stirn, sondern die Lippen der jungen Herrnhuterin. Er fühlte dabei, wie eine Thräne aus den Augen der Scheidenden auf seinen Mund fiel. Verwirrt trat er fast zu heftig zurück, besorgt, daß man diese ungewöhnliche Begegnung bemerkt haben und mit Mißbehagen aufnehmen möge. Es schien jedoch, als wäre außer Wimmer und dem Grafen Alban Niemand Zeuge dieses Kusses gewesen. Die Herrnhuterin beendigte ihren Gang durch den Saal und die feierliche, einfache und doch so ergreifende Scene war zu Ende. Unser Freund konnte jedoch seine Fassung nicht so leicht wieder gewinnen. Er hörte auf Wimmer's Gespräch, ohne den Sinn seiner 93 Worte zu verstehen. Er gab kurze, zerstreute Antworten und wußte doch häufig nicht, was er erwiderte. Alles um ihn Vorgehende kam ihm später wie ein Traum vor, und obwohl das Liebesmahl nie ganz aus seinem Gedächtnisse schwand, wußte er sich doch auch niemals genaue Rechenschaft zu geben über das, was nach dem Abschiede der jungen Herrnhuterin im Kreise der Brüder und Schwestern vorgegangen war. Erst nach vollendeter Liebestafel, wobei Thee und geschnittene Brode herumgereicht wurden, und nachdem die Versammlung aufbrach, kehrte Fürchtegott sein Gleichmuth vollkommen wieder. Er bedauerte im Stillen, daß er die arme Scheidende – denn für arm hielt er sie – nicht nochmals gesehen, daß er auch nicht ein einziges Wort zu ihr gesprochen hatte. Seine Meinung gegen Wimmer zu äußern, wagte er nicht, und vor den Grafen mit einer so völlig aus der Luft gegriffenen Frage zu treten, hielt ihn ein unklares Gefühl ab, daß man darin eine Unschicklichkeit oder auch eine bäurische Dreistigkeit erblicken möge. Seltsamerweise erwähnte Wimmer nichts von dem Verstoß, welchen sich der junge Ammer beim Abschiede von der Scheidenden erlaubt hatte. Entweder legte er selbst keinen Werth darauf, oder ihn nahmen andere, wichtigere Gedanken in Anspruch. Die Stimmung des Herrnhuters blieb während der kurzen Zeit, welche er noch mit seinem Gaste verlebte, eine entschieden feierliche, ernste, dem Weltlichen abgewandte. Er unterhielt Fürchtegott auch noch daheim von den großen Segnungen der Missionsvereine, von dem heiligen, werkthätigen Leben, welches Personen, die sich demselben widmeten, führten, sprach von den Vortheilen, die mittelbar dadurch der ganzen Welt zuflössen, und brach, als er das für seinen Zuhörer etwas langweilige Thema gründlich erschöpft hatte, endlich mit einem kurzen »gute Nacht, junger Freund«, ab. Fürchtegott athmete auf, als er sich allein in der ihm eingeräumten Kammer sah. Jetzt konnte er doch seinen Gedanken ungestört nachhängen, sein geistiges Auge in süßer Rückerinnerung an dem Antlitz laben, das wie eine Erscheinung aus besserer Welt einige Secunden lang ihn entzückt, dessen lebenswarme, feuchte Lippen er berührt hatte. 94 Wer sie wohl sein mag! – Ob sie mir wieder begegnen wird auf meiner Lebensbahn? Diese Frage legte er sich wohl hundertmal vor, bis der Schlaf ihn umfing und das Füllhorn seiner buntesten Traumwelt über den Jüngling ausschüttete. Wie sonderbar und phantastisch aber auch die Bilder sich gestalteten, die an dem Spiegel seiner Seele bald in erschreckender, bald in erheiternder Gestalt vorüberschwebten: in alle mischte sich die scheidende Schwester. Das milde Antlitz der jungen Herrnhuterin leuchtete wie ein Engel um düstere und entzückende Bildereien der träumenden Seele, und zwar immer in gleich liebevoller, gleich beruhigender Weise. Fürchtegott erwachte spät nach einer Nacht, die er ungeachtet der Störung, welche ihm die verschiedenen Träume verursacht hatten, doch eine glückliche nennen mußte. Auch fühlte er sich ungewöhnlich heiter, leicht und erhoben. Sein ganzes Wesen kam ihm selbst verändert vor. Er würde, hätte man ihn dazu aufgefordert, versucht haben, zu fliegen, eine so merkwürdige Elasticität fühlte er seine Glieder durchrieseln. Ein sanftes Klopfen an der Thür seiner Kammer mahnte ihn, daß es schon spät sei. Gleich darauf blickte Wimmer's Auge forschend in das Gemach und der weichste »guten Morgen, junger Bruder«, flötete dem Jünglinge entgegen. Beeile dich ein wenig, wenn du kannst, sagte der Herrnhuter mit schelmisch lächelndem Antlitz. Der Besuch des Liebesmahles hat dir schon Glück gebracht oder wird es dir doch bringen. Ein Diener des Grafen Alban wartet bereits seit einer halben Stunde auf dein Erwachen. Der einflußreiche Mann wünscht, ehe du Herrnhut wieder verläßt, dich zu sprechen. Mich? versetzte Fürchtegott und eine leichte Röthe überflog seine jugendlichen Wangen. Was kann der Herr Graf von mir wollen? Das wirst du ja erfahren, lieber Bruder. Darum spute dich, gehe in's Palais und sei weder blöde noch zurückhaltend. Ein Mann wie Graf Alban vermag bisweilen mehr als ein Fürst. Ueber wen er seine schirmende Hand hält, den lieben die Engel und bleiben ihm treue Gefährten auf dem vielgewundenen Irrwege durch's Leben. Der junge Ammer erwiderte nichts auf diese Bemerkungen Wimmer's. Seine Gedanken weilten bereits in der freundlichen Villa und 95 ergingen sich in tausenderlei Vermuthungen. Stillschweigend überdachte er, was er dem Grafen sagen, worüber er ihn befragen wolle, und nachdem er in Eile sein Frühstück genossen hatte, folgte er dem schweigenden Diener, der verdrossen und gelangweilt neben ihm her ging. Graf Alban empfing Fürchtegott in einem vornehm eingerichteten, doch nicht prunkvollen Zimmer des Erdgeschosses. Der Fußboden desselben war mit feinen Matten belegt, die aus den Fasern irgend einer außereuropäischen Pflanze geflochten sein mußten, denn Fürchtegott kannte nichts, womit er sie hätte vergleichen können. Statt des Ofens befand sich in einer Ecke des Zimmers ein Kamin, dessen hell brennende Gluth eine behagliche Wärme verbreitete und zugleich einen ungemein freundlichen Anblick gewährte. Vor diesem Kaminfeuer in bequemem Polsterstuhle saß Graf Alban. Ihm zur Rechten stand ein kleiner runder Tisch, auf welchem Bücher, Broschüren, Schriften und viele Briefe lagen. Der Sohn des Webers blieb schüchtern an der Thüre stehen und eine eigenthümliche Befangenheit kam über ihn, als er sich allein dem Manne gegenüber sah, der eine so bedeutende Rolle in der Welt gespielt hatte und bereits so tief eingeweiht war in die Pläne Wimmer's, die wieder die Familie Ammer auf's Engste berührten. Treten Sie näher, junger Mann, redete Graf Alban den Schüchternen an und winkte ihm herablassend mit der Hand. Auf einen ihm gegenüber stehenden Stuhle deutend, lud er zugleich den Jüngling zum Sitzen ein. Menschen, die einander kennen lernen und gegenseitig helfen wollen, müssen sich Aug' in Auge sprechen, setzte der Graf hinzu, während Fürchtegott zögernd dem Stuhle zuschritt und nur auf den Rand desselben sich niederließ. Das Auge Alban's ruhte sanft, aber forschend auf ihm, und hätte der Graf im Range nicht zu hoch über ihm gestanden, würde er mit großem Vertrauen und zuversichtlicher mit ihm verkehrt haben. Es ist mir von Herrn Wimmer mitgetheilt worden, begann der Graf, daß Ihr Vater, den ich vor Jahren einmal gesehen habe, ihm erlaubt hat, ein eigenes Geschäft nach Amerika, zu Ihrem und Ihres Bruders Nutzen einzurichten. Ich freue mich darüber aufrichtig, weil 96 ich die amerikanischen Verhältnisse genau kenne und mithin weiß, wie lucrativ sich ein solches Geschäft gestalten kann, wenn es mit gehöriger Umsicht und praktischem Blick betrieben wird. Es ist mir aber auch bekannt, daß Herr Ammer keinen Gefallen an diesem Unternehmen findet, was ich bedaure. Sollte nun vielleicht – denn der Mensch ist ja nicht allwissend – Ihr Vater in Zukunft der Fortsetzung des begonnenen Unternehmens hinderlich sein wollen, so bitte ich, wenden Sie sich in diesem Falle an mich. Vielleicht gelänge es mir, Herrn Ammer in dieser wie in mancher andern Beziehung umzustimmen. Fürchtegott versprach dies zu thun, war aber auch mit dieser einfachen Zusicherung völlig zu Ende. Graf Alban's Augen suchten durch die Züge des Befangenen in dessen innerster Seele zu lesen. Er schwieg während dieser für unsern Freund peinlichen Prüfung. Wie hat es Ihnen gestern beim Liebesmahle gefallen? O recht gut – ganz außerordentlich – sagte Fürchtegott stotternd. Es ist eine schöne Sitte, die erhebend und erbauend wirkt, bemerkte Graf Alban. Man wird dabei unwillkürlich gerührt, wo aber Rührung unser Herz bewegt, da entzündet sich im Geist das Licht der Erbauung und Heiligung. Nicht wahr, Sie fühlten sich auch ergriffen? Gewiß, sehr ergriffen, betheuerte Fürchtegott. Namentlich, als die gute Schwester Erdmuthe Ihnen die Hand zum Abschied reichte, nicht wahr? Erdmuthe heißt sie? versetzte lebhaft der junge Mann, indem ein warmes Feuer aus seinen Augen sprühte. Und in Paramaribo ist sie geboren? Der Graf lächelte. Nicht doch, lieber Freund! Paramaribo ist das Land ihrer zukünftigen Thätigkeit. Beneiden Sie die junge, liebliche Schwester vielleicht um das Glück, zu dem der Heiland sie berufen hat? Das nicht, versetzte Fürchtegott, doch möchte ich wohl ferne Länder, fremde Menschen sehen, um von ihnen zu lernen und zugleich zu erkennen, wie unendlich groß die Allmacht Gottes ist. Sie hätten also Lust, große Reisen zu machen? Warum nicht? Es ist mir oft genug zu eng in der Wohnstube meines Vaters. Glaub's gern, versetzte Graf Alban. Aber nur den Muth nicht verloren, mein Sohn! Denken Sie recht oft an das Wort: Was man 97 in der Jugend wünscht, hat man im Alter die Fülle; arbeiten Sie tüchtig, seien Sie brav, vergessen Sie niemals dabei Gebet und Fürbitte, und wer mag wissen, ob Sie nicht schon binnen wenigen Jahren den Wirkungskreis der Missionärin Erdmuthe Gottvertraut persönlich kennen lernen! Erdmuthe Gottvertraut, wiederholte Fürchtegott gedankenvoll. Ja, so heißt sie, sagte Graf Alban. Sie hat sich mit Bewilligung der Aeltesten diesen Namen gegeben, eben weil sie überzeugt ist, daß Gott allein sie auf den wunderbaren Wegen geleiten wird, die sie fortan betreten soll. Sie ist wohl noch sehr jung? fragte Fürchtegott schüchtern. Alban lächelte wieder sehr fein und sehr freundlich. Einige Monate über zwanzig Jahre, erwiderte er. Sie läßt Sie nochmals durch mich grüßen, denn durch den Abschiedskuß, den sie Ihnen gegeben hat, ist sie Ihre Schwester vor dem Herrn geworden. Fürchtegott erröthete und senkte verlegen die Augen. Graf Alban schwieg und blätterte in Briefen, die auf dem ihm zur Seite stehenden Tische lagen. Wenn Sie künftig Herrnhut wieder besuchen, bitte ich dringend, an meinem Hause nicht vorüber zu gehen, sagte der Graf nach einer Weile. Sie wissen jetzt, daß Sie an mir einen Freund, und wenn es nöthig ist, auch stets einen bereitwilligen Helfer und Rather haben. Freunde sind viel werth in dieser argen Welt, so sie es nur ehrlich meinen. Durch Freundesrath und den Klang des Geldes sind noch immer große Dinge auf Erden zu bewirken. D'rum sollte jeder kluge Mann darauf sinnen, sich Beide zu erwerben! Nur Unvorsichtige schätzen das Eine gering und kümmern sich nicht um Freunde, weil sie einen Theil ihres Selbst dabei gefangen geben müssen. Kluge und berechnende Köpfe werden durch solche Fesseln, die mehr als Schmuck ihnen Brust und Arme umschlingen, nicht in ihrem Thun gehindert. Wenn Sie also, junger Freund, diesen Klugen sich anschließen, werden Sie niemals in Gefahr gerathen, allein zu stehen und in Stunden der Bedrängniß, zeitlicher und geistiger, ohne Trost, Zuspruch und Hilfe zu sein! Beachten Sie das und lassen Sie mich recht oft das Vergnügen Ihrer Gegenwart genießen! Eine bezeichnende Handbewegung sagte Fürchtegott, daß er entlassen sei. Er stand auf, verbeugte sich etwas linkisch vor dem Grafen und 98 verließ wie ein Träumender die stille Villa. Das Bild Erdmuthe's wollte sich durchaus nicht in seinem geistigen Auge verwischen lassen. Selbst bei dem rein geschäftlichen Verkehr, den er bei Wimmer nochmals aufnehmen mußte, und der ihn persönlich höchlichst interessirte, gaukelte wieder und wieder das liebliche Bild der jungen Missionärin, die wahrscheinlich schon unterwegs nach Paramaribo war, vor ihm auf und nieder. Nachmittags verließ Fürchtegott den Brüderort, mit den besten Segenswünschen Wimmer's begleitet, der discret genug war, mit keiner Sylbe sich nach dem Inhalt des Gespräches zu erkundigen, das sein junger Freund mit dem vielvermögenden Grafen gehabt hatte. Drittes Kapitel. Neue Bekanntschaften. Kaufmann Mirus stand vor der Thür seines Hauses und sah dem Ausladen mit eisernen Reifen umschnürter Ballen zu, womit sechs große, in grobleinene lange Kittel gekleidete Männer beschäftigt waren. Diese Ballen schichtete man auf große Schleifen, um sie nach der städtischen Waage zu schaffen, ehe sie zum Transport in's Ausland verladen wurden. Mirus war ein mittelgroßer Mann, weder hager noch wohlbeleibt, verdrießlich von Angesicht und meistentheils wortkarg. Er konnte wenig über fünfzig Jahre alt sein, obwohl seine Haare dünn und gänzlich ergraut waren. Sein Arbeitsrock von müllergrauem Tuch mußte mehr als ein Jahrzehnt gedient haben, denn von Wolle sah man nirgend mehr eine Spur, und die Flecken, die sich während des langen Gebrauches darauf eingefunden, vermochte Niemand zu zählen. Mirus trug hinter dem rechten Ohr eine Schreibfeder und ließ spielend eine schwere goldene Dose durch die Finger gleiten. Als jetzt die Arbeitsleute oder Waageknechte, wie man sie nannte, mit dem Aufladen der Kisten fertig waren, winkte Mirus dem zunächst Stehenden: 99 Hier ist ein Trinkgeld, Joseph, sprach er, ein kleines Geldstück ihm darreichend. Kauft Euch dafür eine Erquickung. Es ist gerade hinreichend, um Euch zu stärken, und mehr als ihm zur Stärkung nöthig ist, soll der Mensch niemals genießen. Der Waageknecht steckte das Geldstück zu sich, lüftete dankend die Mütze und fuhr in Begleitung seiner Gehülfen mit den Waarenballen fort. Mirus folgte der Schleife , die rauschend über das Pflaster glitt, mit den Augen, bis sie um die nächste Straßenecke bog. Dann rieb er sich die Hände und in das gewöhnlich düster aussehende Geflecht seiner Züge nistete sich ein schelmisches Lächeln ein. Das wären tausend Thaler sicher verdient, sagte er selbstgenügsam zu sich. Ein gutes Geschäft, das ausnahmsweise den Genuß eines Glases Wein erlaubt. Er trat zurück in's Haus, während die Knechte den Ladebock, mit dessen Hilfe man die Kisten aufgeladen hatte, wieder auf die geräumige Flur trugen, und ging in's Comptoir. Hier finden wir außer einigen mit Schreiben beschäftigten Commis, Christlieb Ammer, der im Namen und Auftrage seines Vaters dem Kaufmanne die neuesten Waarenbestellungen überbracht hatte. Mirus winkte dem jungen Manne freundlich zu, setzte sich auf seinen Schreibstuhl, notirte Einiges, schob die Feder wieder hinter's Ohr, nahm eine Prise, die er beim Verschnupfen mehr wie zur Hälfte auf den Pult fallen ließ, und sagte dann, zu Christlieb gewendet: Also Papa ist stark beschäftigt? Freut mich, wahrhaftig, freut mich! Sonst doch nichts conträr gegangen? Ich wüßte nicht, Herr Mirus. Wie sollte es auch! Vater speculirt ja nicht. Richtig! Ammer speculirt nicht, wiederholte Mirus, eine zweite Priese in angegebener Weise verarbeitend. Herr, ich muß Ihr sagen – diese sonderbare Redensart flocht Herr Mirus in alle seine Gespräche und zwar, so oft er sie nur anbringen konnte, ein – es ist dies sehr löblich von Freund Ammer, weil man immer ein solides Geschäft dabei macht. Aber wie ist mir denn? Da traf ich neulich mit Gembold zusammen – Herr, ich muß Ihr sagen – ein Kaufmann prima sorte! Der Herr hat mir erzählt, der Schleicher da – wie 100 heißt er doch – wohnt in Herrnhut, sieht aus wie ein Quäker und führt Christus wohl mehr auf den Lippen als im Herzen – Meinen Sie vielleicht Herrn Wimmer? Richtig, Wimmer! Hast ein prächtiges Gedächtniß; Christlieb. – Wimmer! Ja dieser wimmernde oder wimmerige Herrnhuter hat ja eine neue Speculation begonnen. Hm? Christlieb zuckte die Achseln. Weißt nichts davon? – Papa auch nicht? – Herr, ich muß Ihr sagen – glaubt nicht! Kann's nicht glauben. Ist ein zu kostspielig Ding mit solcher Speculation. Mirus sah Christlieb schlau und forschend an, dieser jedoch, der in der That von den Schritten des Vaters nicht so genau unterrichtet war, wie sein Bruder Fürchtegott, verharrte in festem Schweigen. Muß viel, sehr viel überflüssiges Geld haben, der Herr Wimmer, fuhr der Kaufmann fort. Schiffe sind heut zu Tage theuer, mag man sie kaufen oder miethen, und es bleibt unter allen Umständen ein gewagtes Ding, spät im Herbst noch ein Schiff mit kostbarer Ladung in See gehen zu lassen. Möchte Freund Ammer warnen, daß er nicht leichtgläubig sich möge bethören lassen! Baares Geld auf Wasser sinkt gern unter. Verstanden? Christlieb bemerkte, daß es nicht seines Amtes sei, dem Vater Vorschriften zu machen, daß er deßhalb auch kein Wort gegen denselben erwähnen werde. Mirus sah ihn wohlgefällig an und nahm wieder eine Prise. Gefällst mir, sagte er in seiner kurzen Sprechweise. Will dich rühmen gegen Papa; bist ein gehorsamer Sohn, wirst's zu 'was bringen. Sollst auch heute ein Glas Wein mit mir trinken. Er schellte und bestellte bei dem bald darauf eintretenden Mädchen das Nöthige, was denn sogleich gebracht wurde. Mirus schenkte zwei mächtig große Gläser voll, winkte Christlieb zuzulangen und präsentirte ihm zugleich einen Teller mit Zwieback und Zuckerbretzeln, Gebäck, das man in besonders trefflicher Qualität an der Grenze zu bereiten pflegte. Nun laß uns anstoßen, sagte er mit pfiffigem Lächeln. Auf unser beiderseitiges Wohl und blühende Geschäfte! Wohl bekomm' dir's! 101 Der Kaufmann nippte nur von dem Weine und prüfte jeden Tropfen auf der Zungenspitze, Christlieb dagegen nahm einen herzhaften Schluck und machte dabei ein Gesicht als habe er Essig getrunken. Ueber Mirus' lederfarbenes Gesicht lief ein sonderbar leuchtendes Lächeln. Ihr trinkt wohl selten Wein? fragte er, oder ist's vielleicht nicht die rechte Sorte? Christlieb erröthete und stammelte einige unverständliche Worte. Herr, ich muß Ihr sagen, fuhr der reiche Großhändler fort, nochmals recht behaglich ein paar Tropfen Wein schlürfend, ich bin kein Freund verschwenderischer Leute. Darin stimme ich ganz zusammen mit dem Herrn Vater. Bei Festlichkeiten, wenn man sich sehen lassen muß, hat es einen Sinn, das Beste auf die Tafel zu bringen, was der Herr Vater denn auch thut, wie wir bei seinem letzten Kirmeßschmause mit Wohlgefallen bemerkt haben; für gewöhnlich aber nehme man mit Geringem vorlieb. Ist eine weise Lehre das, ein wahrhaft Salomonischer Grundsatz. Magst dir ihn ganz oben auf die äußerste Kante deines jugendlichen Herzens mit feurigen Buchstaben eingraben. Wirst es dann zu 'was bringen. Wieder schlürfte Mirus einige Tropfen des röthlich-weiß schillernden Getränkes und hielt dann das Glas unter die Nase. Eine Blume, mein junger Freund, hat das Gewächs nicht, fuhr er fort. Ist ächter Meissner, vorjähriger, sogenannter Landwein von Peter Müller in Zitschewich. – Kostbares Getränk, sag' ich dir, wenn man eine gute Verdauung nöthig hat. – Trinke ihn schon seit zwanzig Jahren oder noch länger, aber stets mäßig, immer bloß nippend, damit der Genuß recht lange dauert. Man muß jedoch etwas dazu essen, sonst bekommt er nicht. Herr, ich muß Ihr sagen, auf ächten Meissner Landwein lasse ich nichts kommen! Er conservirt die Eingeweide, nöthigt zu mäßiger Lebensweise und erhält das Geschäft. Herr, gerechter, wo wäre Johann Lebrecht Mirus geblieben, hätte er etwas Anderes als Landwein getrunken! Eine Thräne, ob eine künstlich erpreßte oder aus wirklicher Rührung hervorgegangene, möge unermittelt bleiben, blinkte in den grauen Augen des Kaufherrn und rann langsam auf seine fahlen Backen 102 herab. Er schlug dabei die Augen gen Himmel auf, als wolle er dem Ewigen für das ihm geschenkte Glück danken. Wenn man aber in das Gesicht des Emporblickenden sah und die eisenharten Züge in demselben musterte, konnte man nicht recht an Rührung glauben. Christlieb ward sogar etwas unheimlich. Er setzte das halb geleerte Glas weg, und zerbröckelte in seiner Verlegenheit den Zwieback. Mirus trocknete sich die Augen, nahm eine Prise, roch nochmals an dem conservirenden Wein und kehrte sich wieder zu seinem jungen Gaste. Sein Gesicht glänzte jetzt, als ob ein großer Gedanke das Gehirn des alten Speculanten belebe. Herr, ich muß Ihr sagen, sprach er belebter und rascher als bisher, auf den Wimmer mag Herr Vater ein Auge haben. Verstanden? – Es ist nicht Geschäftsneid, der mich so sprechen läßt, es ist Liebe, pure, blanke, infame Christenliebe! Herrnhuter sind immer ein wenig heimlich, der Wimmer aber ist's vor Andern. Darum aufgepaßt, aber stillgeschwiegen! – Christlieb, ich wünschte wohl, du kämest später zu 'was Tüchtigem, 'was Großem, denn ich mag deine Weise, wenn ich's aber so einrichten könnte, daß es ohne Wimmer's Zuthun und Vermittelung geschähe, wollte ich selbst ausnahmsweise vier Wochen hinter einander Rheinwein statt Meissner trinken. Verstanden? Christlieb konnte nicht im Entferntesten errathen, wohin die Andeutungen des Kaufmanns zielen sollten, er sagte deßhalb mit voller Ueberzeugung und in dem gutmüthigen Tone vertrauungsvoller Jugend: Herr Wimmer ist ein alter bewährter Freund des Vaters und will sicher nur unser Aller Bestes. Mirus schnupfte hastig eine Prise, schlug die Dose heftig zu, warf sie vor sich hin auf den Pult und drehte sich wie ein Kreisel auf seinem Comptoirschemel um. Seine Augen waren noch einmal so groß geworden und ruhten jetzt flammend, gebieterisch auf dem unerfahrenen Jünglinge. Herr, ich muß Ihr sagen, sprach er mit bis zum Säuseln abgedämpfter Stimme, du bist ein sehr übelberathener Junge, wenn du glaubst, die frommen Redensarten des Herrnhuters kommen unmittelbar aus einem reinen und lautern Herzen. Kenne ihn besser, den Mann, besser als du und Alle, die mit ihm zu thun haben. Lernte 103 ihn kennen vor Gericht, weiß, was er werth ist vor Gott, meinem Schöpfer! – Will's dir sagen lieber Junge; tritt näher! Christlieb folgte dieser Aufforderung mechanisch. Mirus beugte sich zu ihm nieder und flüsterte ihm in's Ohr: Wimmer ist ein Heuchler, – hat falsch geschworen, falsch Zeugniß abgelegt – haßt seine Nebenmenschen und trägt ein Herz in sich voll Lug und Trug! – Herr, ich muß Ihr sagen, der leibhaftige Satan wäre mir als Haus- und Geschäftsfreund lieber als dieser Mann, der das Jesulein immer, wie eine Mutter ihr Kind, auf den Armen wiegt! Christlieb fuhr erschrocken zurück, als habe ihn ein giftiges Insect verwundet. Zum ersten Male in seinem Leben ward ihm, dem Schuldlosen, bange vor Welt und Menschen. Er sah den Großhändler ungläubig an, ohne ein Wort zu erwidern. Ist wahr, buchstäblich wahr, was ich sage, bekräftigte mit treuherzigem Kopfnicken Mirus. Kann's beweisen, wenn's dereinst nöthig sein sollte, ist aber jetzt noch nicht die Zeit dazu gekommen. Ein recht häßliches Lächeln verzog hier die Züge des Kaufherrn zu einer fast abstoßenden Fratze, so daß es dem jungen Ammer immer unheimlicher in der engen düstern Schreibstube ward. Herr, ich muß Ihr sagen, setzte Mirus bedächtig hinzu, wer über schlechte, aber kluge Menschen triumphiren will, muß warten können und Geduld haben. Solchen hartgesottenen Sündern ist nichts fürchterlicher, als wenn der Rächer sie mitten im Ueberflusse des Glückes packt. Just, wenn sie gewonnen, wenn sie das Ziel ihres egoistischen Strebens erreicht zu haben glauben, muß der Teufel kommen und eine Klaue dazwischen legen. Aber bei Leibe nicht hitzig werden, das wirft keine Procente ab! Ist viel angenehmer, viel süßer, und wenn man es theologisch auslegen will, auch viel christlicher, einen armen Sünder, der sich sicher weiß, so lange mit dem Strick um den Hals in der Welt herumlaufen zu lassen, als er noch halbwegs stolpern kann! Mirus lächelte wieder in seiner nichts weniger als angenehmen, einem Grinsen zu vergleichenden Weise, und dabei nickte er so continuirlich tactmäßig mit dem Kopfe, als habe sich die hagere Gestalt des reichen Handelsherrn in einen Pagoden verwandelt. Es 104 fehlte nur noch, daß er auch die Zunge herausstreckte, beide Arme erhob und mit diesen ebenfalls zu wackeln begann. Ja, ja, so ist's, bekräftigte er, das Kopfnicken einstellend. Nun bewahre, was du gehört hast, in einem feinen Herzen, schweige gegen Jedermann wie das Grab, behalte Augen und Ohren offen, traue aber Niemand als dir selbst! Herr, ich muß Ihr sagen, wirst dann von Niemand hinter's Licht geführt und bleibst dein eigener Herr! Und nun Gott befohlen, mein Lieber. Schönste Grüße an Herrn Vater und Frau Mutter. Kann mir nächstens wieder ein paar Dutzend von den feinen Weben besorgen. Machen sich gut bezahlt, schicke sie nach Pennsylvanien – dumme Kerle, die Pennsylvanier, haben aber richtige vollwichtige Goldstücke. – Noch ein Gläschen Wein zum Abschiede? Nein? Keinen Appetit mehr drauf? Kann's begreifen, da du nicht daran gewöhnt bist, wirst aber einsehen, daß ächter Meissner alle Rheinweine aussticht. Gibt gar kein besseres Mittel zur Verdauung. – Adieu, Adieu! – Er warf dem Jünglinge eine Art Kußhand zu und Christlieb war entlassen. Halb gedankenlos ging er nach seinem Gasthofe, wo er Pferde und Wagen gelassen hatte. Das Gespräch mit dem Kaufherrn, dessen Redlichkeit Ammer so hoch verehrte, summte ihm im Kopfe und machte ihn fast unglücklich. Was konnte Wimmer mit seinem Vater vorhaben? Welche Veranlassung bewog Mirus, den Herrnhuter, der doch bisher offenbar ihm und seinem Bruder gewogen war, sich als väterlich sorgender Freund gezeigt hatte, auf so entsetzliche Weise zu verleumden? Kam Geschäftsneid hier in's Spiel oder wirkten andere Ursachen zusammen. Von all diesen Fragen vermochte Christlieb Ammer auch nicht eine einzige zu beantworten. Dies machte ihn düster und verschwiegen, und so recht innerlich verstimmt trat er den Rückweg an. Er ahnte dunkel, daß es nicht ganz leicht sein werde, in der Welt seinen Weg zu machen; denn hatte Mirus auch nur zum Theil Recht, so ließ sich von den Mittheilungen des vielerfahrenen Kaufmannes ein Schluß machen auf die Erbärmlichkeit oder tiefe Verdorbenheit der Menschen im Allgemeinen. Sein gesunder Verstand sagte dem Jünglinge, daß entweder Einer von den beiden Männern, welche zu seines Vaters vertrautesten Geschäftsfreunden gehörten, ein durchtriebener Schurke sein müsse, oder daß in Beiden 105 Gutes und Schlechtes sich in seltsamster Weise mische. Gehörte dies Durcheinander guter und schlechter Eigenschaften vielleicht zur Speculation, von der Ammer nichts wissen wollte? Dann allerdings war das Erlernen dieser Kunst schwer und gefährlich zugleich. Denn ein guter und glücklicher Speculant konnte doch unmöglich im christlichen Sinne ein guter Mensch, ein Mann »nach dem Herzen Gottes« sein, wie es in der Schrift heißt. Christlieb hätte sich wohl zu tief in grübelndes Nachdenken über diese ihn peinigenden Fragen versenkt, wäre er nicht glücklicherweise durch äußere Eindrücke darin gestört und alsbald ganz davon abgezogen worden. Das Schmettern eines Posthorns dicht hinter ihm forderte seinen Kutscher zum Ausweichen auf. Eine leichte Kalesche mit zwei jungen Pferden bespannt, brauste wie im Sturme an ihm vorüber und jagte die etwas abschüssige Straße hinunter. Bei einer Biegung des Weges schlug der Wagen um, ein Hilferuf ward vernommen und Christlieb gebot dem Kutscher, die Pferde anzutreiben, um den möglicherweise Verunglückten beizustehen. Als man bei dem umgestürzten Wagen ankam, zeigte sich, daß die Deichsel zerbrochen war. Ein noch junger, fein gekleideter Mann hatte sich bereits herausgearbeitet und blutete ziemlich stark aus einer Kopfwunde, die sich indeß durchaus nicht gefährlich erwies. Christlieb fragte theilnehmend, ob er dem Herrn in irgend einer Weise gefällig sein könne, während der Postillon lästerlich fluchte und seinen Zorn an den jungen Thieren ausließ, die freilich zum Theil durch ihr ungestümes Jugendfeuer den Unfall verschuldet haben mochten. Am Dialekt des Fremden, der sich sehr dankbar zeigte, erkannte Christlieb sofort den Oesterreicher, obwohl die ursprüngliche Schärfe der Aussprache etwas abgestumpft erschien. 's ist eine ärgerliche G'schicht', sagte der Reisende lächelnd. Wenn ich heut Abend nicht in W......f ankomme, kann's mich zehntausend Gulden Münz kosten. Da hilft halt kein Nix und kein Jemand. Das wäre ein theurer Unfall, meinte der junge Ammer, indem er dem Fremden zugleich einen Sitz auf seinem allerdings nicht sehr eleganten Fuhrwerke anbot. Sie sein halt sehr gütig, küss' die Hand, versetzte der Reisende, ein großes Stück Feuerschwamm auf seine noch immer etwas blutende 106 Wunde legend, und ich bin unverschämt genug Ihr Anerbieten anzunehmen. Schwager, rief er dem Postillon zu, da hast ein paar Zwanziger Trinkgeld. Spann' deine Braunen ein und fahr' im Schritt mit deiner Karret wieder zurück. Hast du Unannehmlichkeiten von der Schmier', so wende dich an die Firma Sebastian Brandt und Comp. In Wien, Stadt, Graben Nro. XX, zwei Stiegen hoch. Geld kannst' alle Tage haben, wär's auch mehr als ein Batzen. – Wissen S', fuhr er zu Christlieb gewandt fort, ich reis' in einem Lottogeschäft und da muß man halt immer sehr aufpassen, sonst ist viel Gefahr dabei. Vor acht Uhr also möchte ich lebensgern wieder im Königreiche sein. Bestellte mir deßhalb junge Pferde, um ein Bissel g'schwinder über die steinigte Straßen oben am Berg fortzukommen, und nun schmeißen mich die Viecher drei Stunden vor'm Kranzhause in den Straßenstaub! Der Reisende lachte heiter, suchte nochmals den immerfort schimpfenden Postillon zu beruhigen und stieg dann auf Christlieb's Wagen, wo er in dem etwas unangenehm hin- und herschaukelnden, an Riemen hängenden Sitze Platz nahm. Der junge Ammer wurde neugierig, mit wem er da wohl bekannt geworden sein mochte. Der Mann schien in Wien zu wohnen und für die sächsisch-böhmischen Grenzbewohner war damals die Kaiserstadt an der Donau das Mekka, wohin die Blicke Aller sich richteten. Christlieb's Vater sprach von Wien immer mit großem Respect. Ihm war es unbedingt die Hauptstadt der Welt, wie er auch den Kaiser noch immer als eigentlichen und alleinigen Herrn von Deutschland und gewissermaßen als König aller übrigen Könige verehrte. Einen Mann aus Wien hatte Christlieb bisher weder gesehen noch gesprochen. Er fühlte sich daher höchlichst geehrt, eine solche Persönlichkeit jetzt neben sich zu haben, ja dieser ihm freilich noch völlig unbekannten Person einen, wie er vermuthen durfte, entschieden großen Dienst geleistet zu haben. Und so viel kaufmännischen Blick hatten die Ammer sich doch bereits angeeignet, daß sie sich sagten, eine Gefälligkeit sei der andern werth, ein zu rechter Zeit dargereichter Finger könne die erste Veranlassung zur späteren Hebung eines großen Schatzes werden. 107 Der Wiener Herr war sehr gesprächig. Während das schlitternde Fuhrwerk nicht gar zu eilig über die holprige Landstraße fortpolterte, erzählte er fortwährend und warf mitten in seine Erzählungen eine Menge Fragen, so daß Christlieb beinahe in Verlegenheit gerieth in diesem Redekreuzfeuer. Ammer's ältester Sohn erfuhr bei dieser Gelegenheit, daß Herr Zobelmeier – so nannte sich der Wiener – im Auftrage des Hauses Sebastian Brandt und Comp. die Grenzen des Königreichs Böhmen bereise und zwar in allerhand Geschäften, zu denen als einträgliches Nebengeschäft das Sammeln von Liebhabern des Lottospiels kam. Wissen's, Herr Ammer, sagte Zobelmeier, die G'schicht' mit dem Lotto ist eigentlich verboten, 's g'schieht bloß ganz heimlich, aber wenn man ein Bissel gut aufpaßt, wirft's ein hübsch paar blanke Gulden ab. Wollen S' halt 'mal probiren mit einer Terne? Christlieb befand sich in nicht geringer Verlegenheit. Er hatte nie andere Spiele gesehen, als die gewöhnlichen, auf allen Orten der Grenze üblichen Kartenspiele, von denen ihm einige ziemlich geläufig waren. Von dem »böhmischen Lotto« hatte er wohl gehört, was es aber eigentlich war, wie man es spielte, ob dabei kleine oder große Gewinne zu erlangen seien, wußte er nicht. Um jedoch nicht geradezu unwissend zu erscheinen und sich in den Augen des jedenfalls sehr pfiffigen Fremden leicht lächerlich zu machen, bat er diesen, ihm, da er sich der Einrichtung des Lotto's nicht mehr genau entsinnen könne, eine übersichtliche Schilderung von dem Plane des Spieles zu geben. Zobelmeier that dies mit geläufiger Zunge, wobei er die günstigen Chancen desselben mit so verführerischen Farben schilderte, daß der junge Weber aufmerksam zuhörte und die Lust, in diesem wunderbaren Spiele sein Glück zu versuchen, sich immer stärker in seiner Seele regte. Zugleich aber beschlich ihn auch eine peinigende Angst. Es kam ihm vor, als öffne sich vor seinen staunenden Augen eine ungekannte Welt voll Glück, Zauber, Glanz und Reichthum. Sie näherte sich wie die bunten, schillernden Bilder in einer Laterna magica seinen Blicken, aber er vermochte des blendenden Glanzes wegen nicht offenen Auges in dies Wogen und Wallen farbigen Lichtes zu sehen. Und schloß er die Lider kurze Zeit, so starrte er gleich 108 darauf beim Wiedereröffnen in ein mächtiges Chaos, oder häßliche Fratzen, gespenstige Schattenbilder zogen abschreckend an ihm vorüber. Sein unverdorbenes Herz sagte ihm, daß, wer dem Lottospiele sich in der von Zobelmeier betriebenen Weise ergab, etwas Ungesetzliches, Verbotenes thue. Es war im moralischen Sinne vielleicht kein Verbrechen, das der Lottospieler sich zu Schulden kommen ließ, da aber entschieden ein Gesetz übertreten werden mußte, so sündigte der Lottospieler doch entschieden gegen den Staat, mußte also der Obrigkeit strafbar erscheinen, wenn – die Sache entdeckt wurde. Christlieb wagte es, seinem Gefährten dies leise anzudeuten. Zobelmeier lachte. Schau'n S', sagte er, darum braucht man sich halt gar nicht zu kümmern. Der Mensch lebt, wie er kann, und da sich's sehr schlecht lebt, wenn man keine Geschäfte macht, so macht man halt auch Geschäfte, wie man kann. Was ist Unrecht? Dümmer sein, als ein albernes G'setz! Meine Moral ist, nimm, wo du 'was findest, ohne Jemand zu berauben. Aufheben, was Andere verlieren, ist kein Diebstahl. Ich sammle bloß ein, damit ich halt nicht in Noth komme und Mangel leide. Warum ist's Lotto erfunden? Doch wohl, daß man's spielen und, wenn man nicht gar ein tölpischer Troddel ist, 'was dabei profitiren soll? Ich rathe Ihnen, Herr Ammer, spielen's eine Terne, und Sie werden sehen, daß ich Recht hab'. Christlieb mußte wieder an die vielgepriesene Speculation denken. Auch das Lottospiel, wie der Reisende es ihm geschildert hatte, war nichts Anderes, es war nur eine in anderer Form auftretende Speculation, ein Handel mit dem Glück, nicht sicherer und nicht unsicherer, wie jede andere Handelsunternehmung, deren Ziel uns nicht bekannt ist. Es ward ihm immer sonderbarer, immer bänglicher. Das war nun der dritte Mensch, scheinbar ein Ehrenmann, wie Mirus und Wimmer, und doch schien es dem jungen Weber, als seien die Seelen aller drei Männer hohl und leer. Einen Augenblick lang graute es ihm vor den Menschen, und er mußte seinem schlichten, alten Vater, der nie einen Finger breit, wie er meinte, abgewichen war vom steilen Pfade strengster Gewissenhaftigkeit, vollkommen Recht geben. Aber wie fortkommen in der Welt? Hatten die Verhältnisse sich einmal so gestaltet, daß nur Einer auf den 109 Schultern Anderer sich emporarbeiten, etwas erringen und sich sichern konnte, so wäre es Feigheit gewesen, sich freiwillig und aus kleinlichen Rücksichten auszuschließen vom allgemeinen Wettkampfe. So haftete der Angelhaken des Fremden in der Seele des jungen Ammer, ohne daß er mit eigener Hand ihn tiefer eingedrückt hätte. Die Neigung, in diesem wunderlichen Lebensspiel von der Welt zu gewinnen, war rege geworden in Christlieb; ob sie sich später ausbilden und zur Leidenschaft steigern wird, mag die Zukunft lehren. Inzwischen war es finster geworden. Der Wind, der schon stundenlang bitterkalt vom Gebirge her wehte und dunkle Wolken über den bewaldeten Kämmen desselben aufthürmte, trieb jetzt einzelne Schneeflocken vor sich her. Es wintert ein, sagte Christlieb, das bisherige Gesprächsthema abbrechend. Der Schnee ist trocken, und wenn es bei diesem Winde recht tüchtig zu schneien anfängt, gibt's allemal einen reellen Winter vor Weihnachten. Da liegt die Schenke, fuhr er fort, mit der Hand auf ein lang gestrecktes, mit Stroh gedecktes Gebäude zeigend, aus dessen Fenstern im Erdgeschoß heller Lichterschein flimmerte. Fünf Minuten weiter oben bin ich zu Hause. Wollen Sie noch über die Grenze in's Königreich, so bekommen Sie wohl bei dem Wirthe ein Fuhrwerk. Enderlein hat Pferd und Wagen. Küss' die Hand, lieber Herr, erwiderte Zobelmeier, aber thun Sie mir einen G'fallen oder Sie machen mich ganz sackrisch. Wenn ich kann, warum nicht? erwiderte Christlieb. Wählen's also eine Terne! Wie soll ich das? Sie geben mir eben drei Zahlen, die ich mir mit Beifügung Ihres werthen Namens in mein Notizbuch schreibe. Ich weiß keine. Haben S' kein Schätzel, dem S' recht viel Busserl geben möchten? Ihr und der Liebsten Alter und zum Dritten eine beliebige Anzahl Busserl gibt die schönste Terne von der Welt. Also heraus mit drei Zahlen! Wäre es heller Tag gewesen, würde Zobelmeier, der Lotto-Reisende, ein zorniges Roth auf Christlieb's Wangen bemerkt haben bei dieser Scherzrede, die dem unschuldigen Jünglinge gar arg frivol 110 klang. Er gedachte seiner Schwester und ihres Liebesverhältnisses zu Albrecht Seltner, und um nur den jetzt ihm lästig werdenden Begleiter los zu werden, sagte er, ohne sich zu besinnen: Nun gut! Nehmen Sie denn die Zahlen 18, 21 und 27, dividiren Sie diese mit der Zahl Drei, und lassen Sie das Facit meine Terne sein. Zobelmeier merkte sich die Aufgabe, obwohl sie ihm etwas wunderlich vorkam, versprach, die Zahl zu besetzen und das Resultat seiner Zeit dem jungen Ammer zu melden. Treuherzig dem Grenzwohner die Hand schüttelnd und ihm nochmals für geleistete Hilfe dankend, trat der Reisende in die Schenke. Christlieb fuhr sinnend, ja verstimmt weiter. Als der Wagen vor seines Vaters Hause hielt, war vollkommenes Schneegestöber eingetreten, und alle Gegenstände bereits mit weißlich schimmernder Winterhülle bedeckt. Viertes Kapitel. Ein harter Kopf. Herr Ammer saß in seinem Cabinet und las Briefe. Es war stark eingeheizt in seinem Zimmer, denn draußen knirschte der Schnee seit Wochen schon und an den Fenstern wollten kaum auf Stunden die glänzenden Eisgemälde, womit der Winter sie schmückte, verschwinden. Der eigensinnige Weber konnte dies nicht ertragen. Es war ihm Bedürfniß, hinaus zu blicken in die Landschaft, auf Flur und Wald, Thal und Berg. Den Luxus der Doppelfenster kannte man damals noch kaum in den Städten, gesetzt aber auch, es wäre diese praktische Einrichtung allgemein verbreitet gewesen, Ammer würde schwerlich sich entschlossen haben, sie in seinem eigenen Hause einzuführen, weil es 'was Neues war und mithin in seinen Augen »vom Uebel«. Heute aber war Ammer fast der Verzweiflung nahe. Der mächtige Ofen vermochte nicht, die Einwirkung des außergewöhnlich hohen 111 Kältegrades durch die in ihm prasselnde Fichtengluth zu paralisiren, und doch bestand der Weber mit Halsstarrigkeit darauf, das Eis von den Fensterscheiben zu vertreiben. 's Stübel ist klein, sagte er, und mein Schöpfer müßte mich doch nicht lieb haben, wenn er mir die Freude, durch's Schiebefenster ab und zu in die Welt zu gucken, verderben wollte? Wozu ist der Ofen da und wozu schenke ich zur Zeit der Holzfuhre eine Tonne Bier aus, wenn ich im Winter nicht einmal durch das Verbrennen desselben die Fenster rein kriegen soll? Frisch, Florel, schmeiß ein halb Bund Reissig drauf! Flora machte die Mutter mit dem Gebot des Vaters bekannt, Frau Anna schüttelte den Kopf und bedeutete die Tochter durch einen Wink, den Befehl nicht buchstäblich auszuführen. Flora ging also in die Küche, nahm etwas Reissigholz und schob dies mittelst einer Ofengabel in den glutherfüllten Raum. Um Gottes Willen, Jungfer, was machen Sie! rief der Färber, der eben dazu kam. Wir zünden das Haus an, wenn noch mehr angelegt wird. Ich weiß auch nicht, daß der Herr heute gar nicht zu erwärmen ist! Sollt' ihm 'was fehlen? Flora sah ihn mit einem so komisch-verzweifelten Blicke an, daß der Färber in ein lautes Gelächter ausbrach. Aha, sagte er. Nun begreif ich's. Ja, ja, die Fenster, die Fenster. Und Herr Ammer mit seinem Kopfe! Aber nur Geduld, wenn's ihm zu heiß wird, läßt er schon nach. Ammer fuhr inzwischen fort, seine Briefe zu lesen, wobei ihm der Schweiß in großen Tropfen auf der Stirn stand. Er zog die bequeme weite Pelzjacke aus, die er für gewöhnlich trug, und schleuderte sie in einen Winkel. Allein die erwünschte Kühle trat eben so wenig ein, als die Eisblumen an den Fenstern verschwinden wollten. Dazu machte der Inhalt der Briefe ihm den Kopf noch obendrein warm. Immer verdrießlicher, immer grimmiger schielte Ammer nach den zugefrorenen Fenstern. Endlich sprang er auf, riß die in's Wohnzimmer führende Thür auf, durchschritt dies in bloßen Hemdsärmeln hastig und eilte in die Küche. Und wenn der Ofen platzt, sagte er zu Flora, die mit Bereitung des Mittagessens beschäftigt war, die Fenster sollen herunter! Damit 112 schob er einige der größten Fichtenscheite, die er finden konnte, in die prasselnden Flammen und warf sehr ärgerlich die Eisenblechthür wieder zu. Aber Vater, sagte Flora, wenn du nun ein Unglück anrichtest! Ich will schon aufpassen. Bring mir einen Eimer voll Wasser und die große Handspritze in's Cabinet. Die vorsichtige Tochter machte jetzt ihren Brüdern von dem Geschehenen Anzeige, unterrichtete durch das Dienstmädchen auch die Nachbarn, damit sie im Fall eines Unglückes bei der Hand sein möchten, und traf überhaupt alle Vorsichtsmaßregeln. Auch die begehrte Handspritze nebst Wassereimer trug sie eigenhändig in das Cabinet des Vaters. Manchmal könnte einem die Geduld ausgehen bei des Vaters Schrullen, meinte Fürchtegott, Wasser in der Cisterne schöpfend. Ich hab' auch einen harten Sinn, aber gegen Vaters Kopf kommt leichtlich Keiner auf in den Lausitzen. Ammer studierte wieder in seinen Briefen und beobachtete dabei die Fenster. Der Ofen strahlte eine unerträgliche Hitze aus, allein – siehe da – das Eis schmolz! Leise tröpfelnd rann das Wasser auf die Diele herab. Da knackte es und zwei Kacheln des Ofens zerrissen von oben bis unten. Durch die Spalten flimmerte die rothe Gluth der Flammen. Der Weber schob die Garnpäcke bei Seite, die bereits zu dunsten begannen, nahm die Handspritze, öffnete die Thür zum Wohnzimmer und verordnete, jetzt wieder ganz heiter gestimmt, man solle sogleich das Feuer im Ofen ausgießen. Er selbst legte Hand an, um die zu sehr erhitzten Kacheln durch angefeuchtete Tücher wieder etwas abzukühlen. Das gab einen sehr fatalen Dunst, so daß es zuletzt unmöglich war, in dem engen Cabinet zu verweilen, ohne sich die heftigsten Kopfschmerzen zuzuziehen. Sobald alle Gefahr beseitigt war, raffte Ammer seine Briefschaften zusammen und kam damit in das Wohngemach. Ganz gelassen nahm er hier am großen Tisch unter der Schwarzwälder Wanduhr Platz, und setzte seine Lectüre fort. Was hast du nun davon, sagte Frau Anna nach einer Weile, eine neue Haube vor dem Spiegel aufsetzend. Es hätte das größte Unglück entstehen können, wäre der ganze Ofen zersprungen. 113 Ich hätt' schon aufgepaßt, Mutter, versetzte Ammer in zufriedenster Stimmung. Hab' ich doch die Eisblumen von den Fenstern herunter gekriegt! Itzund können sie meinetwegen noch einmal so schön und mir zu Gefallen dreimal dicker daran aufwachsen, ich hab' meinen Willen gehabt, 's ärgert und krippt mich, wenn die Natur den Menschen tyrannisiren will. 's ist just so, als nähm' mir ein Pferd die Zügel und ging mit mir durch. Das ist partout nicht meine Liebhaberei. Du hast dir Schaden gemacht am Garn und kannst nicht einmal mehr in deiner Ruhe bleiben, meinte Frau Anna. Sollst deßhalb kein Ei weniger in deiner Wirthschaft haben, versetzte der eigensinnige Weber. Nach Tisch schicke zum Ofensetzer; er mag den Schaden wieder ausbessern. Aber gleich soll er kommen, nicht erst, wenn's ihm beliebt, wie das seine Weise ist. Und itzund laß mich in Frieden. Diese häusliche Scene, die so ganz im Charakter des störrigen Webermeisters begründet war, trug sich Ende Januar zu. Um diese Zeit waren von verschiedenen Seiten Briefe eingelaufen, die im Grunde erfreulich lauteten, Ammer indeß doch allerhand Bedenken erregten. Da wandte sich unter Anderm ein Prager Haus mit einer Bestellung an ihn, wie sie ihm früher noch nicht vorgekommen war. Man begehrte von ihm Leinenzeug nach einem beigefügten Muster. Liefern konnte er das Verlangte, aber wie kamen die Prager darauf, gerade ein so verwunderliches Muster zu wählen und ihn, der das Haus nicht kannte, mit diesem Auftrage zu beehren? Es ist dein Ruf, Vater, sagte Fürchtegott, der Ruhm deines Namens in der Weberwelt. Spanische Schlösser sind's, die in deinem Kopfe liegen, versetze Ammer. Laßt mir den Ruhm nicht in's Haus, bitt' ich! Lieber seh' ich den Wolf So nennt der Lausitzer Grenzbewohner die dampfende Luft, welche sich in strengen Wintern beim Oeffnen der gewöhnlich sehr stark geheizten Zimmer an den Thüren zeigt. in der Stube, als diesen windigen Kerl von Ruhm, den das Narrenvolk, die Philosophen und Gelehrten erfunden haben, und der so buntscheckig in der Welt 'rumläuft, wie die 114 Hanswurste, die zur Jahrmarktszeit vor den Schaubuden die Ausrufer machen. Du wirst doch nicht ablehnen, sagte Christlieb. Schwerlich, versetzte Ammer. Mich verdrießt's nur, daß ich wieder Auslagen, also auch neue Sorgen habe. Bedenke den Verdienst! sagte Fürchtegott. Der ersten Bestellung folgt sicherlich bald eine zweite. Härm' mich wenig d'rum, brummte der alte Webermeister, 's wird mir gar zu bunt und ich hatte mir gerechnet, ich wollte mich mit dem fünfundsechzigsten Jahre zur Ruhe setzen, und firm an meinen Schöpfer denken, um, wenn's an's Abrechnen geht, drüben nicht ganz ein Fremdling zu sein. Nun kann ich bleiben, wo ich bin, kann mich quälen und andere Leute gängeln, daß sie mir's zu Danke machen, und darüber verlier' ich wieder all' die guten Gedanken, die ich mir Abends in der Dämmerstunde und Nachts, wenn die Engel des Herrn verhüllten Antlitzes über die Erde wandeln, ganz still im Beikästchen meines weltlichen Herzens zurecht gelegt hatte. Ammer nahm einen andern Brief zur Hand und betrachtete ihn von allen Seiten. Von wem mag der wohl sein? sprach er. Die Hand kenne ich nicht. Ist kein Poststempel darauf? fragte Fürchtegott, der mit Hilfe seines Bruders sich daran begab, Garn zu scheren, d. h. es zum Aufrollen für eine neue Webe vorzurichten. Ammer antwortete darauf nicht, sondern riß den Brief auf und begann zu lesen. Er runzelte die Stirne und fuhr mit der linken Hand wiederholt über die Augen, als wollte er etwas Störendes, das ihn am Sehen hindere, entfernen. Dann schob er sein Käppchen von einem Ohr auf's andere, legte den Brief weg, trommelte mit den Fingern auf dem Tisch und nahm ihn später abermals auf, um eine zweite Durchsicht seines Inhaltes zu veranstalten. Das ist sicher 'was Neues und 'was recht Gutes, flüsterte Fürchtegott seinem Bruder zu. Gib Acht, wenn's losbricht, erfahren wir etwas Großes. Christlieb schielte verstohlen nach dem Vater, der bereits sein Hausmützchen abgenommen hatte und den halbmondförmigen Haarkamm 115 verschiedene Male mit kräftiger Hand nach dem Nacken führte. Endlich hatte Ammer Lesen und Grübeln satt. Er schleuderte den Brief über den Tisch und sprach dabei verächtlich: Da, lest den Wisch! Ihr gehört ja der jungen Zeit an, die Alles besser versteht, werdet also auch klug daraus werden. Christlieb nahm das Schreiben auf, durchlas es und erröthete auffallend stark. Ammer, welcher die Bewegung seines Sohnes bemerkte, sagte mißtrauisch: Nun, was ist das? Bist du wirklich so gescheidt, daß du so leicht Räthsel lösen kannst, oder steckt etwa eine Teufelei dahinter? Christlieb war verlegen. Er wußte nicht, was er auf die forschende Frage des Vaters antworten sollte und vermied seinem Blicke zu begegnen. Von Spiel ist die Rede in diesem Dinge, von verbotenem Spiele, sagte der Vater mit Nachdruck. Und so ein Wiener Firlefanz, so ein Fratschelbub', oder was er sonst für ein sauber Geschäft betreiben mag, ist im Stande, mir, einem ehrlichen Mann, der sich sein Lebtage durch seiner Hände Arbeit ernährt hat, anzubieten, ich solle mich dabei betheiligen, nein mehr noch, der Mensch sagt, ich solle zur Terne noch eine Quinterne setzen! Als ob ich je einen so vermaledeiten Gedanken in meinem Gehirn hätte aufkommen lassen! Der Brief war inzwischen in Fürchtegott's Hände gewandert, der ihn mit nicht geringer Spannung durchlas. Je nun Vater, sagte dieser, das Anerbieten scheint mir gar nicht dumm zu sein. Dumm nicht, aber schlecht, erwiderte Ammer entrüstet. Das Lottospiel ist bei uns verboten, weil's die Menschen liederlich macht, ihnen die Lust zur Arbeit nimmt, die Ruhe aus dem Herzen, die Ehrlichkeit aus der Seele stiehlt. Ich will nichts hören von verbotenen Dingen. Auch wird beim Spiel immer betrogen. Und doch betheiligen sich Tausende daran und wie Mancher ist durch ein glückliches Loos schon wohlhabend geworden! sagte Fürchtegott. Hexengeld ist kein Heckegeld, versetzte der Vater. Wie der Drache es bringt, so holt er es auch wieder. Man fackelt dabei jederzeit ein Stück Teufelsklaue mit ein, und mir ist mein Hemd zu lieb, als daß 116 ich mir von solcher die Halskrause zerreißen lassen möchte. Wie heißt der Firlefanz? Zobelmeier, sagte Christlieb, der sich inzwischen gefaßt hatte und seiner Begegnung mit dem Wiener Reisenden keine Erwähnung thun mochte, da bis jetzt der Vater nichts davon wußte. Es gab der Ammer ja mehrere, mithin konnte der Brief an den unrechten Adressaten gekommen sein. Richtig, Zobelmeier, wiederholte Ammer, Zobelfänger sollte er sich nennen, denn auf's Einfangen legt es solch Gelichter doch immer an, und man muß einen so dicken Pelz haben, wie ein Zobel, soll man die dahinter steckende Betrügerei nicht merken. Christlieb, dem dies Compliment nicht besonders gefiel, erröthete wieder und kehrte dem Vater den Rücken zu, damit dieser es nicht sehen und Verdacht schöpfen möge. Ich kann nicht begreifen, fuhr Ammer fort, wie ein Wiener Lottomann gerade auf uns verfällt. Das ist sonderbar und geht mir im Kopfe herum. So gar auffallend ist es doch nicht, Vater, erwiderte Christlieb. Die böhmischen Fabrikanten und Kaufleute in den großen Dörfern im Gebirge spielen viel und gern, und wird Herr Zobelmeier gelegentlich einmal von dir gehört, dich als einen Mann schildern gehört haben, der wohl ein paar Böhmen für eine Terne oder Quinterne ausgeben könnte. Es thun's ihrer Viele auf unserer Seite, ich weiß es. D'rum mag's wohl auch nicht verboten sein. Hm, brummte Ammer, sah seinen Sohn mit durchdringendem Blicke an, und schüttelte wiederholt den Kopf. Draußen hörte man Schellengeläute, das rasch näher kam. Zwei städtische Schlitten mit eleganten Decken glitten die Gasse herauf. In dem vordersten saßen zwei Personen, im zweiten nur ein einzelner Mann, der sich aber dergestalt in eine Wildschur gehüllt hatte, daß es unmöglich war, seine Gesichtszüge zu erkennen. Dieser zweite Schlitten hielt vor dem Hause des Webers, der dicht in Pelz Verhüllte stieg aus, sagte dem Kutscher einige Worte, worauf dieser umwendete und zurückfuhr und gleich darauf läutete die Schelle der Hausthür. Besuch und vor Mittag? sagte Ammer, geschwind seine Pelzjacke anziehend und mit der Sammetkappe sein Haar wieder bedeckend. Wer kann das sein? 117 Er öffnete die Thür des Wohnzimmers. Eine herbe Männerstimme bot ihm guten Morgen, und gleich darauf stand der Mann in der Wildschur dem Weber gegenüber. Ammer winkte seinen Söhnen, die Arbeit einzustellen und sich zu entfernen. Fünftes Kapitel. Der Versucher. Sie kennen mich wohl nicht mehr, Herr Ammer? sagte der Fremde, seine große, das Gesicht fast ganz verhüllende Pelzkappe, die unter dem Kinn festgebunden war, lösend. Das macht, Sie haben zu lange keinen Proceß mehr geführt. Nochmals: guten Morgen! Mein Gott, Sie sind es, Herr Advocat! erwiderte Ammer, indem er dem Ankömmlinge behilflich war, die schwere Wildschur abzunehmen. Was schafft mir das Vergnügen – Vergnügen? unterbrach der Advocat den Weber, heiser auflachend. Vergnügen! Advocaten bringen, wenn sie ungerufen kommen, selten Vergnügen. Bring' Ihnen auch keins, Herr Ammer. Aber man muß sich Euch ins Gedächtniß rufen, sonst glaubt Ihr am Ende, wir existirten gar nicht mehr; der Teufel habe uns leibhaftig geholt, wie Ihr das im Stillen tausendmal gewünscht. O, ich kenne Euch – Goldmacher! Ammer beherrschte sich mit aller ihm zu Gebote stehenden Kraft, dennoch sah man es seinen Mienen an, daß dieser unerwartete Besuch ihm wirklich kein Vergnügen bereitete. So freundlich er es vermochte, nöthigte er den Advocaten zum Niedersitzen, winkte seiner ihn schüchtern anblickenden Frau und gab ihr zu erkennen, daß sie sogleich für einen Imbiß sorgen solle. Advocat Block war ein ebenso unentbehrlicher als gefürchteter Mann, die Hoffnung und der Schrecken aller Landleute. Bekannt als kenntnißreicher, routinirter und schlauer Rechtsanwalt, lief ihm 118 Jeder, der einen Rechtshandel hatte, zu, und weil ihn Niemand gern als Gegner sah, war der Andrang Hilfesuchender bei dem berühmten Rechtsconsulenten so groß, daß er die Zahl seiner Clienten selbst kaum kannte. Obwohl Advocat Block in dem Rufe großer Gelehrsamkeit stand, traute ihm doch Keiner etwas Gutes zu. Der Landbewohner machte kein Hehl aus dieser seiner Meinung. Er sprach es offen aus, daß, wenn Dies oder Jenes ihm nicht gelingen wolle, er zu dem großen »Rechtsverdreher« gehen werde; der solle ihm wohl helfen, denn ihm und dem Bösen sei Alles möglich. Die Persönlichkeit dieses Mannes, die schon einige Male die Lebenskreise Ammer's berührt, nicht aber dauernd beunruhigt hatte, machte einen unheimlichen, wo nicht widerlichen Eindruck. Block war sehr groß, hager und starkknochig; und lag es nun in seiner Natur überhaupt, oder war es Angewöhnung, oder endlich Ergebniß gründlicher Menschenverachtung: er zeigte sich als ein Mann, dem nichts heilig, nichts recht war. Allen bereit zu dienen, falls er klingenden Lohn erhielt, behandelte er Jeden mit gleicher Rauhheit. Reich und Arm, Vornehm und Gering, dem kalten Rechtsgelehrten gegenüber befanden sich Alle in derselben unangenehmen Lage. Block war nahe an siebenzig, aber noch vollkommen rüstig. Sein Haupt war kahl, weßhalb er es im Zimmer stets mit einer sehr hohen schwarzen Sammetmütze bedeckte. Eine scharf gebogene Nase und nur ein Auge gaben seinen ohnehin markirten Zügen einen wahrhaft diabolischen Ausdruck, besonders wenn er lächelte. Das Auge war klein, lag tief im Kopfe, funkelte aber wie eine Kohle, oder richtiger, wie die Spitze eines geschliffenen Dolches. Ueber dem fehlenden Auge trug er zuweilen eine schwarze Binde, häufiger jedoch sah man ihn ohne dieselbe, was gerade nicht dazu beitrug, sein Aeußeres empfehlenswerther zu machen. Er hatte dies Auge schon in seinen Jünglingsjahren verloren, wie Einige behaupteten, bei einem Duell, nach der Aussage Anderer bei einem galanten Abenteuer. Verheirathet war Block nie gewesen; er mochte, wie er offen gestand, die Frauen nicht leiden und diese flohen den düstern, unheimlichen Mann, der ein wunderliches Vergnügen darin zu finden schien, nicht nur Allem, was Weib hieß, Furcht einzuflößen, sondern 119 jeder Frau, jedem Mädchen, gleichviel ob sie gebildet, hübsch und anmuthig waren, oder von Allem das Gegentheil, Sottisen in's Gesicht zu sagen. Dieser Mann saß jetzt dem Weber gegenüber, die hohe schwarze Sammetmütze auf dem spitz zulaufenden Scheitel, sein einziges kleines, schwarzes Auge wie eine Klammer an das Gesicht des schlichten Landmanns heftend. Ja, da bin ich, Webermeister! sprach er, nachdem er sich ein wenig verschnauft hatte oder, wie er zu sagen pflegte, nachdem er aufgethaut war, und was gebt Ihr nun wohl d'rum, wenn ich nicht da wäre? Ei nun, mein sehr werther Herr Advocat und Freund, erwiderte Ammer, Sie werden doch wohl nicht gekommen sein, um mich aus dem Hause zu jagen? Block kniff sein Auge halb zu, legte den Knopf seines spanischen Rohres, das er stets mit sich führte, an die Nase, und sagte: Glaubt Ihr, daß man das nicht machen könnte, wenn man wollte? Hm, Kleinigkeit! Ich sage Euch, Webermeister, ein rechter Advocat, der das Recht kennt, muß den Herrgott absetzen und den Beelzebub an seine Stelle bringen können, ohne daß ihm Einer etwas anhaben darf! Ich danke meinem Schöpfer, daß ich kein Advocat geworden bin, meinte Ammer, 's wär' kein Geschäft für mich. Der Rechtsconsulent lachte in seiner diabolischen Weise, indem er erwiderte: Glaub's wohl, seid nicht gerieben, nicht geschliffen genug dazu! Aber sagt mir, Freund, was soll ich haben, wenn ich ein paar tausend Thaler oder, was dasselbe ist, eine hübsche Herrschaft für Euch erstehe? Führt Sie das hieher? fragte Ammer ungläubig, denn er kannte die Schliche des gefährlichen Mannes, der gerade dann am meisten zu fürchten war, wenn er freundlich und zutraulich wurde. Expreß deßhalb habe ich mir fast die Nase erfroren, betheuerte Block. Kostet Euch deßhalb auch zehn Thaler mehr, denn ich bin kein solch mildherziger Narr, daß ich aus Liebe einem Nebenmenschen etwas schenke, am wenigsten, wenn ich Unbequemlichkeiten bei einem Geschäft habe. 120 Der Weber rückte an seiner Mütze und die Zornader über der Nasenwurzel schwoll an. Bitte um Entschuldigung, mein werther Herr Advocat, aber ich wollte nur bemerken, daß ich den sehr achtbaren Herrn Rechtsgelehrten nicht gerufen habe. Jedennoch wird man bezahlen, was Rechtens ist, denn der Webermeister Ammer nimmt nichts geschenkt, am wenigsten vom – vom – Von des Teufels Buchhalter, ergänzte Block, laut auflachend. Sagt's immer gerad' heraus, ich kenn' Euch schon. Verschluckt Ihr solch ein allerliebstes Compliment, so schlägt's in's Blut, Ihr könnt krank werden, und was der Arzt einstreicht, wird dem Anwalt abgezwackt. Also immer seid grob, so sehr Ihr wollt. Nehm's nicht übel, Ihr müßt nur für jede Grobheit mehr bezahlen. Er lachte noch lauter wie zuvor, und es schien, als weide er sich an der Verlegenheit des Webers, der gern wirklich grob geworden wäre, und es doch nicht wagte, theils aus Furcht vor dem Advocaten und dessen Praktiken, theils weil ihn jeder Groschen reute, den er dem schrecklichen Menschen geben sollte. Ammer drehte das Käppchen, zupfte an seiner Jacke, fing aus Verlegenheit eine Fliege von den wenigen, die sich im warmen Zimmer erhalten hatten, und setzte sich dann dem Advocaten wieder gegenüber. Nun bin ich alert, sagte er rasch und etwas heftig. Ich hab's verschluckt, wie sauer Bier, und 's soll mir nichts thun, mein werther Herr Rechtsconsulent, Ihnen zum Tort! Geben Sie jetzt Ihrem Herzen einen Stoß und stellen Sie mir alle Ihre Pfiffe auf den Tisch, damit ich sehe mit eigenen Augen und nicht wie ein Mangelpferd dumm und dusselig im Kreise herumtrabe. Ist's gefällig? Block reichte dem Weber die Hand. So ist's Recht, sagte er. Wer nicht betrogen sein will, muß seinen Zorn auslassen, bevor er unterhandelt. – Webermeister, fuhr er fort und beugte sich mit halbem Leibe über den Tisch, was haltet Ihr von Kaufmann Mirus? Bei dieser Frage kniff er sein stechendes Auge dergestalt zu, daß nur ein schmaler Spalt zwischen beiden Lidern blieb. Mirus ist ein Ehrenmann, sagte Ammer. Ich kenne ihn, so lange ich handthiere – hat mich nie weder übervortheilt, noch mit Zahlungen hingehalten. 121 Aber ist doch reicher geworden, als Ihr. Schadet mir das? Ich bin mit dem zufrieden, was Gott mir gegeben. Ginge es allen Menschen so gut, wie mir, es gäbe kein Elend, kein Unglück auf Erden! Ihr spracht nicht immer so, Webermeister, sagte der Advocat. Besitz mehrt das Glück und es ist durchaus nicht einerlei, ob ich oder mein Nachbar ein mehr oder minder großes Glück sich zueignet. Wenn's mit Ehren geschehen kann, ist's allerdings nicht gleichgiltig, bemerkte Ammer. Nun also! Hört mich denn, Ammer, und thut dann, was Ihr wollt. Ihr müßt wissen, daß ich mit dem Verkauf eines alten Hofes oder Schlosses – Ihr kennt ja die herrschaftlichen Schlösser hier herum – beauftragt bin. Der bisherige Besitzer, ein Graf von Y. hat sein ganzes Vermögen verpraßt oder, was in meinen Augen dasselbe ist, im Dienste großer Herren zugesetzt. Er muß, um nun leben zu können, das ganze inzwischen baufällig gewordene Rittergut verkaufen. Der Preis ist niedrig gestellt, so niedrig, daß ich am liebsten selbst mit zugriffe. Aber was soll ich mir unnütze Sorgen machen, da ich weder Weib noch Kind habe? Nun hat sich bis jetzt nur ein annehmbarer Käufer gemeldet, nämlich Kaufmann Mirus. Der Mann gefällt mir nicht ganz. Warum nicht? fragte Ammer Er ist ein Intriguant, ein Ränkemacher. Ihnen gegenüber? – Entschuldigen Sie, mein hochgeehrter Herr Advocat, – in dieser Beziehung würde ich zu jeder Stunde vor Ihnen respectvoll meine Mütze tiefer gezogen haben, als vor Mirus. Wirklich nahm auch Ammer sein Käppchen vor dem Advocaten ab und machte eine halb respectvolle, halb spöttische Verbeugung vor ihm. Webermeister, Webermeister, versetzte Block mit drohend erhobenem Finger. Nehmt Euch in Acht! Indeß für diesmal soll Euch vergeben sein. Kurz und gut, Ammer, ich gönne dem Mirus das treffliche Rittergut nicht, denn er hat sich als Feind gegen mich betragen. Für mich ist er ein Freund. Weiß es, aber Ihr kennt doch das Sprichwort: Handel und Wandel leidet keine Freundschaft? 122 Wäre das Sprichwort wahr, so zerschlüg' ich noch heute all' meine Stühle! Block lachte wieder. Gut, gut, Webermeister; ich will Euch nicht bekehren noch irre machen in Euren Ansichten, sagte er. Wenn sich aber ein vortheilhaftes Geschäft abschließen läßt, ohne daß man einen Freund offen übervortheilt, streitet das auch mit Euren Begriffen von Freundschaft? Ich hab's nie versucht, meinte Ammer, und was ich nicht aus Erfahrung kenne, darüber maße ich mir nicht an, zu sprechen. Block wurde nachdenklich. Er schwieg eine Weile und spielte mit seinem Stocke. Mittlerweile deckte Flora den Tisch, Frau Anna setzte Teller und Gläser auf und forderte dann von ihrem Gatten die Kellerschlüssel, um Wein zu holen. Als beide Männer wieder allein waren, sagte der Advocat: Ich will euch klaren Wein einschenken, damit Ihr mich versteht. Dem Mirus gönn' ich das Rittergut nicht, wie ich schon bemerkte. Der Mann hat, wo ich ihm dienen wollte, einen kostbaren Proceß gegen mich gewonnen. Ich sage Euch, Ammer, es war wirklich eine rechte Herzensfreude für einen Mann, der die Rechte versteht, diese Schriften für und wider zu lesen, diese geschickten Einreden zu studiren, und so zu bemerken, wie nach und nach ein Haltpunkt nach dem andern morsch wird, bis endlich der ganze Bau zusammenbrach und Madame Justitia verbundenen Auges, aber recht pfiffig durch die Binde schielend, Platz auf den Trümmern nahm. Ich verlor, was ich voraus wußte, den Proceß. Das wär' mir gleichgiltig gewesen, hatte ich doch mein juristisches Gewissen salvirt; allein mein Client war zarterer Complexion. Der Mann zog sich die Sache zu Gemüthe, ward melancholisch und – schoß sich zuletzt eine Kugel durch den Kopf! – Ammer, ich bitt' Euch, könnt Ihr so etwas denken? – Sich eines verloren gegangenen Processes wegen zu erschießen! Wenn er vorher noch appellirt hätte! – 's ist Unsinn, purer Unsinn! Wie oft hätt' ich mich da schon wohl erschießen müssen! – Genug, der Mann war todt, mausetodt; seine Verhältnisse standen schlecht, ich ward nur bis zur Hälfte bezahlt! Und dabei verlor ich noch die Spesen der Appellation und den Clienten dazu! Versteht Ihr mich, Webermeister? Seit jenen Tagen hasse ich den Mirus, denn hätte er mich 123 zu seinem Anwalt erkoren, wäre er ungleich besser gefahren. Die Seele hätte ich seinem Gegner aus dem Leibe gedrückt, lange zuvor, ehe er sie dem Teufel in einer Patrone zuschickte! Das muß Ihnen Gott lassen, Herr Advocat, Sie sind wirklich ein Mann für diese Welt! Ich glaub's auch. – Aber nun sagt selbst, Ammer, kann ich eine so offenbar feindliche Handlung gegen mich vergessen? Bei meiner Ehre, ich kann's nicht! Begreifen kann ich's, mein sehr werther Herr Advocat, erwiderte Ammer, daß Sie aber dieses Vorganges wegen dem Kaufmann Mirus aufsäßig sind, ist mir weniger einleuchtend. Sancta simplicitas! zu Deutsch: Schootentoffel! versetzte Block. Seht Ihr denn nicht ein, Meister, daß ich Euch wohl will? Wenn mir nun nichts daran gelegen wäre? fragte der Weber. Der Advocat sah ihn kalt und spöttisch an; dann sagte er mit häßlichem Augenzwinkern: Es ist Euch aber sehr viel daran gelegen, sonst – wißt Ihr noch die Geschichte mit den Grenzsteinen? Wer hat Euch da aus der Klemme geholfen? Ammer ward bleich. Er streckte die Hand gegen den Advocaten aus und sagte tonlos, als ob es ihm an Athem fehle: Still davon! Ich will nichts hören! – Es ist mein einziges Unrecht, das ich wissentlich begangen habe. – Wollte Gott, es wäre nie geschehen! Ah bah! sprach Block verächtlich. Ihr bleibt doch der reiche Ammer und Jeremias Seltner ist froh, wenn er die Brosamen auflesen kann, die von Eurem Tische fallen. Der Eine steigt, der Andere fällt, das ist nicht anders im Leben. Es mag häufig so sein, mein geehrter Herr Advocat, erwiderte Ammer, dennoch dank' ich meinem Schöpfer, daß ich mittelst dieses Fußschemels nicht gern hoch steigen will. Jenen Fall, dessen Sie gedachten, ausgenommen, bin ich niemals von meinen Grundsätzen abgewichen. Daß ich es einmal that, hat mir viel Herzeleid bereitet, jedennoch glaub' ich, der Fehler ist itzund wieder gut gemacht. Biederer Schlaukopf! sagte Block, zum zweiten Male seinen Finger drohend erhebend. Wer kennt euch Webersleute aus! Eure Seelen sind tausenddrähtig, wie die Zettel eurer Weben. 124 Ammer war bereits wieder ganz Herr seiner Gefühle. Er stand jetzt auf, nahm sein Hausmützchen ab und deutete mit bezeichnender Handbewegung nach dem gedeckten Tische, wo ein leckeres Frühstück einladend duftete. Ist's gefällig, Herr Advocat? sagte er. Bei einem Gläschen Wein läßt sich am Besten darüber einig werden, ob die Seele eines Webers oder eines Gelehrten die meisten Fäden hat, wenn schon man vielleicht nicht recht klug daraus wird, wo die besseren und wo die schlechteren sich finden mögen. Block folgte unverweilt der Einladung Ammers, denn obgleich sein ganzes Wesen nicht einen Gourmand in ihm vermuthen ließ, war er doch auch kein Verächter einer guten Küche, besonders aber liebte er ein Glas guten Rheinwein, den der Weber, wie er aus Erfahrung wußte, in seinem Keller niemals ausgehen ließ. Während der Advocat dem Weine tüchtig zusprach, verlor sich mehr und mehr die menschenfeindliche Stimmung, welche den eigentlichen Kern seines Wesens zu bilden schien, zugleich aber trat das wirklich Dämonische seines Charakters noch schärfer hervor. Ammer, ohnehin nicht gewöhnt, außer der gewohnten Zeit sich leiblichen Genüssen zu ergeben, war ungemein mäßig und leistete eigentlich seinem Gaste nur Gesellschaft. Ich habe Euch jetzt von dem unterrichtet, Webermeister, was mich zu Euch führt. Entschließt Euch nun rasch und greift zu! Herr Mirus ist ungleich besser bei Kasse, als ich und – und nehmen Sie mir's nicht übel, werther Herr Advocat, erzürnen mag ich mir den reichen Kaufmann nicht. Zehntausend Thaler reichen hin, um Euch das Fünffache zu sichern! Ich hab' sie nicht, auch wüßte ich wirklich nicht, was mir ein Rittergut sollte. Ich selbst verstehe nichts von Oekonomie und meine Kinder wissen auch kaum ein Haferfeld von einer Kleebrache zu unterscheiden. Ihr könnt die Wirthschaft verpachten, Ammer, und nur die Gebäude für Euch behalten. Soll ich in einem herrschaftlichen Hause vergeuden, was ich mir erarbeitet und erspart habe? Nimmer, Herr Advocat, so lange Ammer seine Gedanken noch beisammen hat! 125 Begehrt kein Mensch, Webermeister, erwiderte Block, sein leeres Weinglas füllend. Kommt, auf Euer und der Eurigen Wohl! Auf das Gedeihen Eurer Entwürfe, auf das Gelingen Eurer Unternehmungen! Angestoßen, daß es recht fröhlich klingt! Ammer weigerte sich nicht. Die Gläser klangen; der Weber schlürfte nur einige Tropfen, der Advocat leerte das seinige bis auf den Grund. Abermals die Flasche ergreifend, sagte er: Wer groß werden will, muß bei Zeiten daran denken, Güter zu erwerben. Mein Streben ging nie dahin, meinte Ammer. Wer mich kennt, weiß, daß ich nicht hochmüthig bin, also auch nie über meinen Stand hinaus wollte. Früher nicht, indeß – Nun? fragte aufhorchend der Weber. Ich will nicht fürchten, daß ehrliche Leute jetzt eine andere Meinung von mir hegen. Auch nicht ehrliche und kluge Leute? erwiderte Block, behaglich seinen Wein schlürfend. Ich verstehe Sie nicht, sagte Ammer trocken. Seit Ihr mit einem gemietheten Schiffe auf dem Meere herumschwimmt, ist's nicht mehr Ernst mit der Demuth des alten Webermeisters, sprach Block überaus pfiffig. Ammer ballte die Faust. Daß er sie nicht auf den Tisch schlug, war Folge rascher Ueberlegung; denn hätte er es gethan, so würden Frau und Tochter sofort in's Zimmer gekommen sein, um zu erfahren, was die beiden Männer so heftig aufregen möge. Ammer stand nur auf, stützte seinen kräftigen Körper auf beide Arme und sagte mit zornbebender Stimme: Welcher Schuft hat das dem Lügenohr der Welt zugeraunt? Sie kommen nicht mit gesunden Gliedmaßen aus meinem Hause, Advocat, wenn Sie sich weigern, mir das zu sagen. Setzen sich der Herr Webermeister ruhig hin und hören zu, was man ihm mittheilen will, erwiderte mit eiserner Ruhe Advocat Block. Glaubt Ihr, was mehr denn zwei Menschen wissen, bleibe Geheimniß nur diesen zwei? Ich hätte Euch für klüger gehalten. Oder meint Ihr, ein tüchtiger Anwalt könne seinen Clienten dienen, wenn er nicht ihre Verhältnisse, ihre Wünsche und ihre Pläne kennt? Laßt Euch 126 sagen, Mann der alten Ordnung: ich war letzthin in Herrnhut; da sprach ich Graf Alban – auch ein Client von mir – der freute sich über Euern zweiten Sohn, weil er so viel Talente zu einem Welthandelsmann habe. Versteht Ihr mich? Ammer hatte sich gesetzt, er war erschüttert, als sei ihm ein Unglück begegnet. Graf Alban! sagte er. Wo habe ich doch den Namen schon gehört? Oder bin ich ihm gar einmal begegnet? Er ist einer von denen, die überall sind, ohne daß man ihre Gegenwart ahnt, fuhr der Advocat fort. Graf Alban weiß so ziemlich Alles, wenigstens Alles, was mit Herrnhut und Herrnhutern zusammenhängt. Daß Wimmer zu Euern besten Abnehmern gehört, ist landkundig, mithin erklärt sich die Verbreitung Eures vermeinten Geheimnisses ganz natürlich. Was schadet es auch, daß Andere darum wissen? Es schadet nur mir allein, versetzte düster der Weber. Wie mich's damals schon reute, als ich stillschweigend meine Einwilligung dazu gab, wird mich's reuen, bis mein Auge bricht. Webermeister, sagte Block, ich gebe Euch einen guten Rath: Geschehenes muß man vergessen, sonst wird die Last dessen, was uns drückt, zu groß und man bricht darunter zusammen. Es ist das ein christlich verständiges Wort, was Sie da sagen, meinte Ammer. Käm's nicht aus dem Munde eines Mannes, der für gewöhnlich den alten Heiden mehr Verstand zuspricht, als den Aposteln des Herrn, könnte sich ein schlichter Mann wohl darnach richten. Block kniff sein Auge fast ganz zu, indem er antwortete: Nun, so nehmt einmal an, ich wär' ein verkleideter Apostel. Ihr sollt wahrlich mehr Segen davon haben, als wenn Petrus selbst Euch zu seinem Schlüsselträger ernannt hätte! – Wie ist's? Wollt Ihr aus zehn fünfzig machen? In drei Monaten seid Ihr Erbherr auf Weltenburg. Herr Advocat, ich bin wahrlich nicht bei Gelde! Borgt! sagte Block. Webermeister Ammer findet überall Credit. Ich mag nicht. Credit ist eine spanische Fliege auf der Wade. Sie hindert am Gehen. 127 So spielt in's Teufels Namen! fuhr der Advocat auf, dessen Geduld sich an dem Hartkopf des Webers bereits wund gestoßen hatte. Ich hasse das Spiel, eben weil der Teufel mehr als Gott dabei zu thun hat. Habt Ihr nie gespielt? O ja, Sauball, als ich noch ein dummer Junge war, und nicht wußte, wie ich Zeit und Gedanken todt schlagen sollte. Seit mich aber mein Schöpfer begnadigt hat, männlich zu denken und zu prüfen, seitdem sind Karten und Würfel und sonstiges Spielzeug erwachsener Thoren aus meinem Hause verbannt. Nicht einmal 's Tricktrack mag ich leiden, weil meine Tochter sich einmal dabei erzürnt hat. Block mußte über die Ernsthaftigkeit des Webers lächeln, doch bemühte er sich ernsthaft zu bleiben. So laßt denn Eure Söhne spielen, sagte er. Jugend wagt gern, Jugend hat auch Glück. Inzwischen bin ich Euer Banquier. Schlagt ein, Webermeister! Ammer trank hastig sein Glas aus, verließ seinen Sitz und ging unruhig im Zimmer umher. Bald rieb er sich die Hände, bald steckte er sie in die Seitentasche seiner Jacke, bald legte er sie auf den Rücken. Es war offenbar, in dem Herzen des Mannes hatten die Worte Block's einen Kampf entzündet, der den Weber um seine ganze Gelassenheit, um allen innern Frieden brachte. Der Advocat war genug Menschenkenner, um zu wissen, daß eine Störung des in sich Zerfallenen in diesem Augenblicke ihn um alle Früchte seines Mühens bringen könne. Er ließ daher den Weber ruhig auf ab wandeln; nur manchmal sandte er einen Blitz seines scharfen Auges auf den mit hundertfachem Netz Umgarnten, während er mit trefflichem Appetite dem goldgelben Honig zusprach, den Frau Anna zum Nachtisch aufgetragen hatte. Jetzt hemmte Ammer seine Schritte, lehnte sich mit dem Rücken gegen einen der Webstühle, verschlang seine Arme über der Brust und sagte: Als ich noch jung war, träumte mir, der Versucher trat zu mir, wie er es gethan hat mit unserm Erlöser. Er zeigte mir auch viele Herrlichkeiten, verhieß mir unermeßliche Reichthümer, zauberte mit einfacher Handbewegung prachtvolle Schlösser vor meinen staunenden Augen, und träufelte dabei Worte süßen Giftes in mein Ohr. Ich 128 hörte ihm gerne zu, und mußte es auch, denn mein Fuß war gleichsam festgewurzelt an der Erdscholle, auf der wir standen. Je länger aber der Versucher sprach und je kunstvoller und berückender seine Zaubereien sich gestalteten, desto öder ward es in mir. Mein Herz schrumpfte zusammen – ich sah und fühlte es – es ward immer kleiner, immer härter, bis es in einen Stein verwandelt war, der mich entsetzlich drückte. Ich konnte nicht mehr lachen, nicht mehr weinen; ich hatte alles Gefühl verloren, aber glücklich war ich dabei nicht. Wie der Versucher so zu mir sprach und ich ihm zuhörte, sah ich gegenüber am Horizont meine eigene Gestalt wie in einem Spiegel. Ich erschrak vor diesem meinem Spiegelbilde. Es glich einem Menschen, dessen Körper tausend Dämonen zur Hülle dient, der von Furien gepeinigt, entfliehen will, es jedoch nicht kann, weil alle seine Gliedmaßen mit massiven Goldadern durchflochten sind, die ihm jede Bewegung unmöglich machen. Beim Erblicken dieses Bildes erschrak ich vor mir selbst. Ich stieß einen Schrei aus, der wie: Jesus! klang. Da wich der Versucher von mir, denn ich erwachte. Ammer richtete sich auf und trat einige Schritte gegen den Advocaten vor. Das war ein Traum, fuhr er fort, ein böser und dummer Traum zugleich, ich weiß es. Es kann Niemand vom Teufel versucht werden, es sei denn, daß er ihm zuwinke mit Gebehrden oder mit unlautern Gedanken. Allein man soll auch Niemand, der da auf rechtem Wege wandelt oder gern wandeln möchte, Fußangeln legen, daß er gezwungen wird, auszubeugen! So stark ist kein Mensch, daß er immer unverwandt auf ein Ziel zusteuert. Er blickt sich, wird er gerufen, wohl einmal um, und geschieht das zur Unzeit, so kann ein Schlund sich vor ihm aufthun, der ihn rechts oder links in die Irre abzieht! Als hier der Weber schwieg und nachdenklich vor sich nieder sah, sprach Advocat Block: Ihr seid Euer eigener Herr, Weber. Thut also, was Ihr wollt, nur sucht bei mir nicht Hilfe, wenn Ihr einmal um Rath verlegen seid! Es ist meines Amtes, Leuten, welche das Recht nicht kennen, Rath zu ertheilen, mit dem Versuchen habe ich mich, weil das in's Bekehrungsfach, wenn auch im entgegengesetzten Sinne schlägt, niemals abgegeben. 129 Mich will bedünken, fuhr Ammer fort, ohne seine Stellung zu verändern, die Zeit meines irdischen Glückes, das ich stets in einem ruhigen Gewissen fand, geht zu Ende. Es mag ein Schicksal sein oder auch eine Strafe. Beides käme von Gott, und dann müßt' es ja ertragen, ja mit Dank angenommen werden. – Sonderbar! – Sonderbar! – Kommt erst der Wimmer und schwatzt mir ein Schiff auf und jetzt kommt mein Rechtsfreund und – und – nein, ich will's nicht denken! Ammer schlug die Hände über sein Gesicht, ging nach dem mit buntgewürfeltem Kattun überzogenen Kanapee und warf sich ermattet darauf nieder. Jetzt stand der Advocat auf, stellte sich neben den Weber und sagte: Seid Ihr doch merkwürdig schwer von Begriffen! – Hab' ich verlangt, daß Ihr etwas beginnen, unternehmen, thun sollt, was Euern Neigungen und Vorurtheilen zuwider ist? Wär's aber nicht Thorheit, die Jugend genau eben so zustutzen zu wollen, wie wir gerathen sind? – Andere Zeiten, andere Sitten, Freund Ammer! Und, muß man hinzusetzen: andere Bildung, andere Bedürfnisse! Was uns gefiel, es behagt unsern Kindern nicht; was diese erfreute, wird deren Kindern dereinst albern, geschmacklos erscheinen. Wehrt also ja nicht den Kindern, daß sie thun, wozu Lust und Neigung sie treiben! Auf Weltenburg lassen sich die schönsten Fabriken anlegen, denn es hat Wasser die Fülle! Und ich habe doch nie gespielt! sagte Ammer vor sich hin. Drum eben überlaßt es Euern Söhnen. Meinen Kindern! – Er stand wieder auf und ergriff den Arm des Advocaten. Sehen Sie sich um in dieser Stube, sagte er mit bewegter, schneller, aber gedämpfter Stimme. Es ist schon viel geschehen in diesem kleinen, niedrigen Raume, – viel Gutes, auch einiges Böse. – Damals, als wir den Plan ausheckten dort am Tische, war er gerade auch so gedeckt; es war auch Winter, aber es fror nicht – drum ließ sich die Arbeit leicht verrichten, und das Waldstück fiel mir bei dem Aufrichten der Steine zu, trotz Proceß und alter Papiere! – Jetzt, mein werther Herr, jetzt ist's nichts Unrechtes, was Sie mir vorschlagen, – nur einen Fingerzeig wollen Sie mir geben, um 130 groß zu werden. Tausende griffen zu, weil's verführerisch, weil's fast sicher ist. – Ich mag es nicht, um meiner Jungen willen! Der Fürchtegott, wenn er etwas erfährt, ist nicht mehr zu bändigen. Sein Gehirn ist jetzt schon ein Feuerbrand geworden, der ihm die Freuden der Jugend verkohlt! Wird er mündig, kann ich ihn nicht mehr halten! – Davon läuft er mir, – meine Augen sehen ihn nicht wieder; und ob ich die zitternden Hände bittend nach ihm ausstrecke, damit er mich stütze im Alter, wenn die Last der Jahre mich niederdrücken will: er wird nicht zurückkommen, ich weiß es! – Und mein Christlieb? Der wird fremder Leute Raub, weil er gutmüthig und nicht selbstständig genug ist! Die Florel aber geht dereinst die Wege, die der Herr dem Weibe vorgezeichnet hat! – – Sehen Sie, Advocat Block, das ist die Zukunft, die jetzt vor meinem Auge steht! Das ist die Hölle des Glückes, in die ich mich stürze, wenn ich meinen Gedanken nicht Zügel anlege! Das sind die Verführer, die rund um mich aus jedem Dielenspalt aufsteigen und mich fortreißen in ihre Kreiseltänze! – Ach, Ammer im Rohr, wie die Leute mich nennen, wenn sie einen Glücklichen bezeichnen wollen, ist ein armer Mann geworden, obwohl er zu leben hat und nicht zu fragen braucht, wenn der Engel des Schlafes seine Augenlider berührt: Was werden wir essen, was werden wir trinken am morgenden Tage? Hätte der alte Weber in diesem Augenblicke das Antlitz des Advocaten gesehen, er würde ihm schwerlich seinen Arm gelassen und es geduldet haben, daß er ihm freundlich, ja mit einer gewissen Herzlichkeit die Hand drücke. Nicht so, lieber Meister, sagte Block, der seines Sieges gewiß zu sein glaubte. Noch einmal sei es ausgesprochen: laßt die Vergangenheit ruhen und denkt der Zukunft! Versteht die Zeit, und Ihr seid der Baumeister und Erhalter Eures Glückes! – Eure Hand darauf, daß ich für Euch handeln darf! Ammer zog seinen Arm zurück. Der Boden wankt unter meinen Füßen, Advocat, sprach er, wenn er bricht, – zermalmt er nicht allein mich, es wird mein ganzes Geschlecht und gar Mancher noch mit dazu vernichtet! 131 Ich will mit Euch zu Grunde gehen und mit Euch mich der Erfolge Eurer Kinder freuen! Ammer blieb nachdenkend stehen, er war bleich, fast eingefallen vor innerer Aufregung. Wenn's der Zufall mir brächte, sagte er, es könnte sein, ich spräch ein Dankgebet und noch ein Vaterunser dazu; selber will ich nichts thun, keinen Finger krümmen! Laßt mich also handeln für Euch, in Euerm Namen, Webermeister, drängte der Advocat. Nie und nimmer. Alles, was ich verspreche, ist: Ich will nichts dagegen thun – meiner Kinder wegen. Gebt Ihr mir darauf Eure Hand? fragte Block. Das kann ich, versetzte Ammer, denn es verpflichtet mich zu nichts, und ich selbst bin nicht thätig. Ein Stein, der gewälzt wird, muß da liegen bleiben, wohin andere Kräfte ihn schaffen. Im nächsten Moment fühlte der Weber die Hand des Advocaten in der seinen. Ich dank' Euch, Webermeister! Und nochmals: denkt an die Kinder, wenn die Welt und ihr Lauf euch ärgerlich machen wollen! Ammern überrieselte es kalt, als er in das Auge des Advocaten sah. Dennoch ließ er ihm seine Hand. Das Schellengeläut des wieder vorfahrenden Schlittens, welcher den Rechtsanwalt abholen sollte, endigte das Gespräch. Frau Anna trat ein. Sie sah besorgt aus; ihre Augen suchten in dem Antlitze ihres Gatten zu lesen. Es ist hohe Zeit, daß ich aufbreche, sagte Block. Schon über Mittag und um zwei Uhr habe ich Clienten zu mir bestellt! Er nahm seine hohe Sammtmütze ab, setzte die Pelzkappe auf, hüllte sich wieder in seine Wildschur und trat, von dem Weber und dessen Frau begleitet, hinaus in den knisternden Schnee. Als er schon den Schlitten bestiegen hatte, zog er noch einmal die Handschuh ab: Es bleibt also dabei, Webermeister? Es bleibt dabei! Ammer fühlte seine Schulter von einem warnenden Finger berührt. Ein Seitenblick zeigte ihm das bange, angstvolle Gesicht seiner Gattin. Nochmals Eure Hand! 132 Ammer, thu's nicht! flüsterte Anna ihm zu. Die Hand des Webers lag schon in der des Advocaten. Dieser hüllte sich dichter in seinen Pelz, die Peitsche knallte und unter ohrbetäubendem Schellengeläut flog der Schlitten zwischen mannshohen Schneemauern die Gasse hinunter. Sechstes Kapitel. Brüderliche Eröffnungen. Als der Weber in das Wohnzimmer zurückkam, fand er Anna in Thränen. Sie deckte, ohne ein Wort zu sagen, den Tisch ab, wo der Advocat noch vor einer Viertelstunde die Gaben des Bacchus in der heitersten Stimmung genossen hatte. Ammer bemerkte die Betrübniß seiner Frau, allein ihm kam es nicht in den Sinn, nach der Veranlassung derselben zu fragen. Er ging, offenbar mit einem Sturm von Gedanken kämpfend, unruhig auf und nieder. Anna's Anrede störte ihn darin. Ammer, sagte sie mit gerührter Stimme. Was hast du mit dem bösen Manne abgemacht? Nichts! Das ist nicht wahr, Ammer! Ich habe euch sprechen hören – mein Herz klopfte als wolle es zerspringen. Block hat etwas im Sinne und du bist ihm nicht entgegen gewesen. – Ich seh's dir an, Ammer! Deine Ruhe ist hin, dich quält etwas und doch magst du es nicht offenbar werden lassen. Es sind Geschäfte, Frau, ehrliche Geschäfte, und wenn ein Ding noch in der Schwebe hängt, kann's einen wohl beunruhigen. Aber du hast dem Advocaten etwas versprochen. Ist's so, dann kommst du nicht mehr von ihm los, du bist seinem Willen verfallen, als wärest du sein Sclave! Ich werd' mich hüten, versetzte Ammer. Und hätt' ich dem Teufelskerl Gott weiß was versprochen, und's quälte mich nachher, weil ich einsah, daß ich eine Stufe, die zum Himmel führt, mit eigener 133 Hand niedergerissen hatte: ich schleuderte ihn von mir und würde wortbrüchig, müßt' ich's auch vor Gericht thun! Anna schüttelte traurig den Kopf. Du bist zu gut, Ammer, ich weiß es, und weil du es bist und Niemand dir erzürnen magst, damit er dir nicht schaden könne, geräthst du in anderer Leute Hände, welche deine Güte und deinen geraden Sinn zu ihren Zwecken mißbrauchen. Einmal kann's mir wohl passirt sein, versetzte Ammer, jedennoch bin ich mir bewußt, nie kopflos gehandelt zu haben. Der Advocat hat dir doch ein Wort abgerungen, sagte Anna mit Hartnäckigkeit wieder auf den ersten Punkt zurückkommend, denn du gabst ihm die Hand, als er sagte: es bleibt dabei! Ammer fuhr auf. Seit wann mische ich mich in deine Köcherei! erwiderte er. Rühre und brodle, siede und brate, so viel du willst, du wirst mich nicht darüber schelten hören. Also erbitte ich mir für mein Revier gleiche Vergünstigung. Packe ich 'was an, sei's nun am rechten oder unrechten Ende, so werd' ich's verantworten, wenn's sein muß, vor Kaiser und Reich! Ich geb's zu, der Block ist ein böser Mann, aber grausam klug dabei, Frau, grausam klug! Und wenn wir uns bemühen, eben so klug zu werden, so kann selbst der Herr Pfarrer nichts darwider haben, denn es steht ja geschrieben: Seid klug, wie die Schlangen. Und ohne Falsch, wie die Tauben! ergänzte Frau Anna, den Bibelspruch. Richtig, sagte Ammer. Dieser Nachsatz ist aber nur für die Weiber gemacht, welche da jederzeit sanft und ohne Falsch sind oder sich doch so stellen. Wir Männer, die wir von zäherem Stoffe sind, mit geringeren Anlagen zur Sanftmuth, können weniger Gebrauch von jenem Nachsatz machen. Darum, mein Kind, begnüge ich mich allezeit mit dem Vordersatze. Es lag eine ziemliche Dosis Schalkheit und Humor gemischt in der Art und Weise, wie Ammer diese Erklärung seiner Frau vortrug, und diese bewirkte, daß Anna verstummte. Wo stecken die Jungen? fragte der Weber nach einiger Zeit, überzeugt, daß seine Frau alles weitere Fragen und Forschen aufgeben werde. 134 In der Färberei, versetzte diese. Sie können immer wieder an ihre Arbeit gehen, meinte Ammer, wenn sie sonst den Brief auswendig gelernt haben und sich nicht scheuen, ihrem Vater unter die Augen zu treten, wird mir's grausam lieb sein, wollte sie die Schwester von meinem Wunsche in Kenntniß setzen. Ich werde derweile versuchen, mich ein wenig inwendig zu besehen. Die letzte Bemerkung, womit Ammer andeuten wollte, daß er ungestört zu sein wünsche, ließ keine Einrede zu. Frau Anna rief ihre Tochter und unterrichtete sie von des Vaters Verlangen. Dieser stieg in den oberen Stock des Hauses und begab sich hier in die Garnkammer. Wir begleiten inzwischen das junge Mädchen, um zu erfahren, womit die Brüder sich die Zeit vertrieben haben. Wir finden diese im Färbehause, aufgeregt, wie noch nie. Der Besuch des Advocaten, mehr noch der Brief aus Wien mit der, wenigstens Fürchtegott, völlig unerklärlichen Aufforderung an den Vater, er möge sein Glück im Spiele versuchen, führte zu Fragen und Erkundigungen, die eine gegenseitige Mittheilung der Geheimnisse zur Folge hatte, welche die Brüder Monate lang still verschlossen in ihrer Brust getragen. Christlieb erfuhr jetzt Fürchtegott's Gespräch mit dem einflußreichen Grafen Alban, dessen Macht über das Weltmeer hinüberreichte, von dem ein einfaches Wort mehr Pforten hoher Paläste erschloß, als die Verordnung mancher Regierung. Der junge hoffnungsvolle, sein ganzes Glück auf die nächste Zukunft stützende Bruder theilte ihm ferner mit, wie der stille herrnhutische Kaufmann alle Kräfte anstrenge, um ihnen, den Brüdern, die Mittel zu künftigen, großen Handelsverbindungen zu verschaffen. Nur über ein Begebniß schwieg Fürchtegott. Er erwähnte mit keinem Worte des Liebesmahles und jener jugendlichen Missionärin, die ein paar Secunden lang seinen Mund mit ihren blühenden Lippen berührt hatte. Von diesem sonderbaren Zusammentreffen zu sprechen, schien ihm eine Entweihung jenes, wie er meinte, wahrhaft heiligen Momentes. Christlieb's mehr zum Phlegma hinneigendes Wesen war schwer in Aufregung zu versetzen; dennoch fühlte er sich durch die lebendige Schilderung des Bruders erwärmt, innerlich neu belebt. Die Offenheit desselben machte auch ihn offen. Mit wenigen Worten löste er 135 ihm das Räthsel des an den Vater gerichteten Briefes, theilte ihm mit, wie damals der Wiener Reisende in ihn gedrungen sei, in das Lotto zu setzen. Und du hast dich doch nicht geweigert? fragte mit leidenschaftlicher Heftigkeit der goldgierige Fürchtegott. Ich gab nach langem Zögern dem Drängen des Fremden nach, versetzte Christlieb. Ich besetzte, wie er es wünschte, eine Terne. Mit welchen Zahlen? Christlieb sah den Bruder schlau an. Das lasse vor der Hand mein Geheimniß bleiben, sagte er. Du weißt, wir in den Bergen sprechen von einem Glück nicht gern eher, als bis wir es fest in der Hand halten. Wenn ich gewinne, theile ich mit dir, darauf gebe ich dir mein ehrliches brüderliches Wort. Wann geschieht die Ziehung? fragte Fürchtegott, vor dessen lebhafter, leicht entzündlicher Phantasie wieder eine neue Welt emporstieg. Genau weiß ich die Zeit nicht, meinte Christlieb. Ich kann's auch offen gestehen, daß ich mich darnach gar nicht erkundigt habe. Ich ward von dem Antrage so überrascht, es ging Alles so eilig und flüchtig, daß ich kaum zur Besinnung, viel weniger zu einem bestimmten, freien Entschlusse kam. Höchst wahrscheinlich geschieht die Ziehung schon in den nächsten Wochen. Gott, Gott, wer doch Geld hätte! rief Fürchtegott, ungeduldig mit dem Fuße stampfend. Es ist schändlich, ja geradezu Sünde, daß uns der Vater so knapp hält. Würdest du setzen? Wie kannst du fragen? Eine Quinterne würde ich setzen, und zwar auf der Stelle. Aufgedrungene Loose gewinnen immer. Aber was kümmert das den Vater! – Wenn da nur in alter Weise einen Tag wie den andern fortgelebt werden kann, wenn es Sonntags Kalbsbraten und Mittwoch Abends einen gesalzenen Hering gibt: da ist's schon recht. Da fällt die Welt nicht ein und es kann auch weiter sonst kein erhebliches Unglück geben. Wie viel Glück aber hart vor unsern Fenstern, auf den Granitfließen vor der Thür Hals und Beine dabei bricht, das kümmert den Alten nicht! – O Philisterei, Philisterei, wie hasse ich dich! Wie möchte ich dir Haarkamm und Brustlatz zerbrechen und zerreißen! – Toll werden kann man in 136 dieser mit Vorurtheilen bis an's Dach hinauf verpallisadirten Weberhütte! Was nützt solch' Toben, sagte Christlieb besänftigend. Eile mit Weile, heißt's schon im Sprichwort, und wenn wir nicht gleich ungeduldig werden, kommen wir schon auch noch einmal in andere Kreise. Ja, du hast immer Zeit! erwiderte Fürchtegott grollend. Ob darüber die schönsten Jahre verloren gehen, ob das Herz matt, der Wille schlaff dabei geworden ist, das kümmert dich fast so wenig, wie den Vater! Du thust mir Unrecht, Bruder, sagte Christlieb. Ich trage meine Pläne so gut mit mir herum, wie du; ich bin aber nicht verpicht darauf, sie alle, und noch dazu im Augenblicke verwirklichen zu wollen. Kommt Zeit, kommt Rath. Wäre es nur erst Frühjahr! seufzte Fürchtegott. Was meinst du, setzte er rasch hinzu, wird der Vater wohl zugreifen? Ich zweifle! Wenn er nun einen Proceß gekriegt hätte, sagte lächelnd der berechnende Fürchtegott. Um nichts und wieder nichts setzt sich Advocat Block nicht in den Schlitten. Der hat 'was Rechtes gewollt, sei 's gut oder schlecht. Geld verliert Vater nicht gern. Ich verstehe dich nicht. Nicht? sagte Fürchtegott. Nun, so höre! Gesetzt, Vater stehe ein Rechtshandel bevor, was man ja nicht wissen kann, so kostet ein solcher Geld. In diesem Falle wäre es also nicht unmöglich, daß er Fünf gerade sein ließe. Du bist wirklich zum Kaufmanne geboren, meinte der Bruder. Es ist dabei nur zu bedenken, daß das kaiserliche Lottospiel bei uns nicht öffentlich betrieben werden darf. Das Verbotene reizt und auch rechtliche Leute finden zuweilen ein Vergnügen daran, etwas gesetzlich Unerlaubtes zu thun, wär's auch nur um sich selbst ein Zeugniß über ihre Klugheit ausstellen zu können. Zu den Leuten solchen Schlages aber gehört auch der Vater – zuweilen. Dies Gespräch wäre wohl noch geraume Zeit fortgesetzt worden, hätte Flora's Eintritt die Brüder nicht gestört. Sie richtete den Auftrag des Vaters aus, sah sich dann mit klugem Auge im Färbehause 137 um, ob außer den Brüdern noch Jemand zugegen sei, und da sie Niemand bemerken konnte, schlüpfte sie in den Hintergrund des Gebäudes und machte sich dort an einem der Fensterladen etwas zu schaffen. Die Brüder achteten nicht auf das Treiben der Schwester. Sie waren zu sehr mit den Gedanken, Plänen und Entwürfen beschäftigt, die ungeordnet in ihrer Seele ruhten, um noch für etwas Anderes Sinn zu haben. Um jedoch sich nicht selbst hinderlich zu werden, gaben sich Christlieb und Fürchtegott Wort und Handschlag, Niemand, selbst nicht Flora, irgend etwas von dem zu sagen, was sie einander so eben mitgetheilt hatten. Enger denn je verbunden und durch gemeinschaftliche Interessen an einander gekettet, gingen sie Arm in Arm, was noch nie vorgekommen war, über den Hofraum nach dem Wohnzimmer, wo sie nur die Mutter still und düster in gewohnter Thätigkeit antrafen. Siebentes Kapitel. Ein entscheidender Gang und eine verhängnißvolle Nacht. Ammer ließ sich vor dem Mittagessen, das heute später als gewöhnlich aufgetragen wurde, nicht mehr sehen. Als man ihn aus der Garnkammer herabrief, fiel den Brüdern das angegriffene Aussehen des Vaters auf. Auch war er über Tisch ungewöhnlich schweigsam und aß sehr wenig. Es drückte ihn etwas, das fühlten Alle, allein Niemand drang in ihn mit Fragen, weil man aus Erfahrung wußte, daß auf solche Weise von ihm keine Antwort zu erreichen sei. Wie sehr ernste Gedanken ihn beschäftigen mußten, ging daraus hervor, daß er den Tisch verließ, ohne selbst das übliche Gebet zu sprechen, ein Vorfall, der einem Ereigniß gleich kam, denn Niemand wußte sich eines ähnlichen Vorkommnisses von früher zu erinnern. Frau Anna, die auch nicht aussah, als ob sie auf neugierige Fragen Antwort geben werde, seufzte, behielt aber sonst ihre äußerliche Ruhe, an die ein langes Leben stiller Fügsamkeit sie gewöhnt hatte, bei. 138 Nach Verlauf einer Viertelstunde trat Ammer wieder in's Zimmer. Er trug einen weiten Pelzrock, eine hohe Pelzmütze von grauem Grimmer mit carmoisinrothem Boden, eine Kopfbedeckung, welche damals in den böhmischen Grenzdörfern üblich war. Ein Mann mit solcher weit über einen Fuß hohen Grimmermütze nahm sich stattlich aus, besonders wenn dazu noch mächtige Pelzstiefeln, ein Paar Fausthandschuhe von Fuchs und ein hoher Rohrstock mit ciselirtem Silberknopfe kam. Der reiche Webermeister erschien in solcher Tracht und kündigte seiner Familie an, daß er sich die Füße vertreten und frische Luft schlucken wolle. Es sei ihm brühheiß geworden von dem gelehrten Schnack des Rechtsverdrehers. Weil nun der Ofen im Cabinet ohnehin nicht im Stande, so thue er am Besten, der Zeit einen Nasenstüber zu geben. Solches ist dem Menschen gut, schloß Ammer seinen in sehr ernstem Tone vorgetragenen Sermon. Unterweilen muß es Pausen geben, in denen man sich auf's Nichtsthun zu beschränken ein Recht hat. In solchen Pausen sammelt sich der Mensch innerlich, wird Herr über seine Gliedmaßen und über die unsichtbare Kraft, welche dieselben bewegt. Das aber ist partout nöthig, soll eine richtig denkende Creatur nicht wie ein Hampelmann zweck- und gedankenlos hin und herfahren. Adieu denn, bis zur Dämmerung! Macht mir keine Kalender, weder Alt noch Jung; bleibe ein Jeder in seinem ihm vorgeschriebenen Geleise und werde mir Keiner ungeduldig! Ich mag messeldrehige »Messeldrehig« nennt man zu stark gedrehtes Garn. Auf Menschen angewendet, versteht man darunter ein fahriges, unzuverlässiges und dem Gewohnten abholdes Wesen. Menschen noch weniger ausstehen als messeldrehiges Garn. Damit rückte er grüßend seine Pelzmütze und verließ das Haus. Wir halten es zum Verständniß des Folgenden für nöthig, dem eigenthümlichen Manne das Geleit zu geben. Ammer schlug den Weg nach der Berglehne ein, über welche die Communicationsstraße der Grenze zuführte. Es war dies jetzt bei dem ellenhohen Schnee kein angenehmer Spaziergang, denn ein Fußgänger mußte, um nur einigermaßen sicher auftreten zu können, in den Bahngeleisen fortschreiten, welche die zahlreichen Schlitten hinterlassen hatten. Außerdem schnitt 139 die Luft messerartig scharf, Millionen feine Schneesternchen zitterten und tanzten in der Atmosphäre und prickelten wie Nadelstiche auf der Haut. Ammer jedoch gab darauf nichts. Von Jugend auf an strenge Kälte gewöhnt, wie jeder Winter, mit nur äußerst seltenen Ausnahmen, sie in den Gebirgen mit sich führt, erquickte und kräftigte ihn eher die scharfe Luft, die ihm bisweilen das Athmen erschwerte. Darum ging er in möglichst raschem Schritte, so gut es der rollende und unter den Tritten schreiende Schnee zuließ, die Lehne hinan. Auf der Höhe konnte man die ersten, in langer Reihe an einem Waldsaume sich fortziehenden Häuser des nächsten Dorfes, sowie den hohen Kamm des Gebirges überblicken. Der Weber hatte die Absicht, um seinem Spaziergange doch eine Art Zweck unterzulegen, bis an jene Häuserreihe ihn auszudehnen. Dort wohnte einer seiner Arbeiter, bei dem er sich erholen und dann den Heimgang wieder antreten wollte. Allein dem Zugwinde entgegen zu gehen bei einer wahrhaft sibirischen Kälte und noch dazu bei sinkender Sonne, schien ihm jetzt doch nicht rathsam. Er fühlte an dem eisigen Hauche, daß er sich bei solcher Wanderung das Gesicht erfrieren könne. Er änderte also seinen Plan und beschloß auf einem Umwege zurück zu gehen. Rechts von der Straße, geschützt durch einen hohen Waldberg, lag das Rohr. Durch dieses, das jetzt freilich mannshohe Schneewehen begruben, führte ein Fußsteig nach dem Flußthale. Als Mühlenpfad war dieser selbst im härtesten Winter betreten, weßhalb der Weber ihn ohne Bedenken einschlug. Die Bewegung erwärmte ihn bald. Der Gebirgswind konnte das Rohr nicht erreichen, oder traf es doch nur strichweise, hie und da sah man vom Winde bloßgelegte Stellen. Hier stand das Rohr in dicken Büscheln und verursachte ein eigenthümlich melancholisches Tönen und Säuseln, das oft in ein klagendes Wimmern überging, vor dem einem wohl grauen konnte. Ammer achtete jedoch wenig darauf. Er kannte ja diese Naturlaute, und weil er sie von Jugend auf zu allen Tages- und Jahreszeiten zahllose Male gehört hatte, fielen sie ihm nicht auf. Er hätte dann eben so gut den Krähen seine Aufmerksamkeit schenken müssen, die schreiend über dem Rohr schwebten, bisweilen mit den Flügeln klappend auf den von Schnee entblößten Stellen sich niederließen, und dann wiederum mit ihrem häßlich krächzenden Geschrei aufstiegen. 140 So erreichte er die Mitte der öden, ja unheimlichen Gegend, die ihm den Beinamen gegeben. Hier strömte der starke Waldbach, der weiter unten die Mühle trieb. Das ziemlich tief in den Moorboden eingewühlte Bett desselben war jetzt mit Eis überkrustet. Da, wo der Pfad es kreuzte, hatte man einen Steg ohne Lehne gebaut und wenige Ellen weit oberhalb des Steges bildete der Bach über allerhand aufgewühltem Wurzelwerk und Schiefergeröll einen kleinen Wasserfall, der im Frühjahr einen ganz romantischen Anblick gewährte. Auch dieser Fall war jetzt in eine Eiswand verwandelt. Das lebhaft strömende Wasser hatte diese jedoch nicht fest werden lassen, sondern sie an verschiedenen Punkten durchbohrt, so daß an einer Menge Stellen der scheinbar ganz erstarrte Bach in scharfen Wasserstrahlen durchbrach, und die schönsten und mannichfaltigsten Eisgebilde dabei ansetzte. Ammer blieb auf dem Stege stehen und betrachtete sich diese Spitzen und Bögen. Das rieselnde und sprudelnde Wasser hatte eine Pyramide von wunderbarer Pracht gebildet, in der eine lebhafte Phantasie einen gothischen Thurm erblicken konnte. Eben entsendete die Sonne schräge über das Rohr laufende Strahlen, die an den Eiskristallen sich brachen, es vergoldeten und mit den schönsten Farbenspielen durchleuchteten. Die im Innern des Eises herabsickernden Tropfen glänzten bald weiß, wie Lichtfunken, bald purpurroth, wie Blutperlen; in der Tiefe aber setzten sie neue Eiskristalle an, die sich sichtlich mehrten und so vor dem Auge Ammer's ein Bilden und Werden enthüllten, das ihn fesselte. Der reiche Weber vergaß Frost und Zeit und betrachtete mit immer größerer Aufmerksamkeit das Werden der Eisgebilde, die von den Strahlen der machtlosen Wintersonne nur beleuchtet, nicht geschmolzen wurden. Wie festgebannt stand Ammer, auf seinen Rohrstock gelehnt, neben dem Bache, der dumpf murmelnd unter seinem Eispanzer fortrieselte. Seine Blicke schienen das Eis durchbohren, bis in das Herz der Erde schauen zu wollen. Die Gesichtsmuskeln des alternden Mannes geriethen in eine vibrirende Bewegung, sei es von der scharfen, prickelnden Kälte, sei es von den Gedanken, die in ihm aufstiegen und die nicht ganz gewöhnlicher Art sein konnten. Endlich bog sich das Rohr unter der Last des darauf sich stützenden schweren Mannes, es fuhr tief in den hart gefrorenen Schnee und hätte den Weber beinahe zum Fallen gebracht. 141 Ammer besann sich jetzt und sah auf. Er bemerkte, daß ungeachtet der heftigen Kälte große Schweißtropfen von seiner Stirn herabrieselten. Die Sonne versank hinter dem Gebirge, kalte, graue Dämmerung füllte das Flußthal, und Nebel bäumten sich wie Riesenschlangen über dem Rohr auf, wo nur das unheimliche Wimmern des dürren Gestrüppes mit dem Geschrei der Krähen abwechselte. Ja, ja, sagte der Webers seinen Stock aus dem eisigen Schnee ziehend, der Mensch ist ein wandelbares Geschöpf, dem die eigenen Gedanken keine Ruhe lassen! Er ging thalabwärts, um bei der Mühle wieder in's Dorf abzulenken. Einem Rohr im Winde, das sich bald rechts, bald links biegen oder wohl auch im Kreise drehen läßt, mag ich mich nicht vergleichen, sprach er vorwärts gehend zu sich selbst. Jedennoch gibt es Umstände, wo eine Abweichung auch von seinen Grundsätzen gebilligt werden kann. Aus vielen Tropfen wird ein kleines Bächlein, mehrere Bäche bilden einen Fluß, und das Weltmeer ist nichts Anderes, als ein Zusammenströmen aller Flüsse und Bäche der Erde. So wachsen die Kristalle und die Erze im Schooß der Scholle, von der wir doch Alle leben und ohne deren geheime Kräfte es weder Gemeinden noch Staaten gäbe. – Wunderbare Einrichtung! – Aber wir sollen lernen von der Kraft, selbst wenn wir sie nicht begreifen; wir sollen ihr nachahmen, damit wir vollkommener werden; wir sollen uns bilden nach dem Herrn, der aller Kräfte weiser Regierer ist, damit wir ähnlich werden den Weisesten, den Best – Ammer wagte nicht das letzte Wort ganz auszusprechen, denn eine unbegreifliche Bangigkeit ergriff ihn, und es kam ihm vor, als ob er nicht auf Gottes Wegen wandele. Er sah ernst vor sich hin, durch die eisgraue, kalte, farblose Winterluft fortgleitend, wie ein Schatten. Bisweilen schüttelte er den Kopf oder ballte die Faust in der sie einschließenden Hülle. Dann blickte er wieder fragend gen Himmel, an dessen weißlich-blauer Wölbung schon einige Sterne funkelten. Warum ist Er allein allwissend! murmelte er bitter, fast grimmig vor sich hin. Ich bin sonst gern zufrieden mit Allem, was Er uns schickt, was Er eingerichtet hat, jedennoch – muß man zuweilen wohl 142 Zweifel hegen, ob Manches nicht noch vollkommner sich hätte machen lassen. Ammer erreichte das Dorf. Ein verschneiter Hohlweg, hüben und drüben mit hohen Tannen bestanden, führte von der Mühle zu den ersten Häusern, deren Lichter schon, buntfarbige flimmernde Säulen auf den Schnee zeichnend, durch die hereinbrechende Nacht schimmerten. In diesem Hohlwege glitt der Weber aus, da sein Blick mehr nach oben, als auf den Weg gerichtet war. Er hielt sich, im Fallen eine herüberragende Baumwurzel erfassend. Die Erschütterung des Baumes war so stark, daß ein Theil des auf den breiten Nadeln lastenden Schnee's auf Ammer herabschurrte. Sonderbar! sagte er, die Flocken abschüttelnd und jetzt vorsichtiger fürbaß schreitend. Sah doch hinauf zum Sternenzelt, wo unser Schöpfer thront, und dabei läßt Er mich straucheln, daß ich beinahe den Fuß gebrochen hätte! – Wer sagt mir nun, warum? Wer gibt mir Rath, wenn ich zweifle? Wer kann behaupten, daß ich gegen das Sittengesetz handle, gegen den Willen des Herrn, wenn ich mich nicht für das Gesetz der weltlichen Obrigkeit entscheide? Ammer vernahm das klappernde Geräusch der Webstühle. Eine Sternschnuppe fuhr leuchtend von Süd gen West und erlosch scheinbar nur ein paar hundert Schritte von ihm, wie ein ausgehendes Licht. So verlischt dereinst auch unser Schaffen und Wirken, sagte Ammer, es sei denn, wir sorgen bei Lebzeiten dafür, daß wir nicht alsobald vergessen werden. – Nun, ich will mir's überlegen, was ich zu thun habe. – Ehrgeizig und ruhmsüchtig bin ich nicht, das weiß mein Schöpfer – jedennoch möchte ich auch, daß der Name Ammer im Rohr eine gute Weile nach meinem Tode den Leuten noch im Gedächtnisse bliebe. Will mir also überlegen, was ich zu thun habe, um redlich zu bleiben und klug zu handeln. Nach diesen Betrachtungen kam Ammer entschlossener und mithin auch heiterer in seinem Hause wieder an. Sein Cabinet war inzwischen in Ordnung gebracht worden, die Laden der Fenster geschlossen, der ausgebesserte Ofen gut geheizt, so daß eine behagliche Wärme dem eigensinnigen Weber entgegenstrahlte. Da weder seine Frau noch die Kinder ihn mit Fragen bestürmten, erzählte er unaufgefordert, welchen Weg er gemacht und Manches, was ihm dabei durch den Sinn 143 gegangen war. Anna bemerkte, daß die Wolke des Unmuths und der Unentschlossenheit nicht mehr die Stirne ihres Gatten umlagerte, und da inzwischen die Brüder sehr fleißig die Hände gerührt, Flora aber für mancherlei kleine Bedürfnisse des Vaters aufmerksam gesorgt hatte, so endigte der Abend dieses verzwickten Tages ungleich besser, als man zu erwarten hoffen durfte. Nur fiel es sowohl Frau Anna wie den Uebrigen auf, daß der Vater sehr oft nach der Uhr sah, bald nach acht den Familientisch verließ, in sein Cabinet ging und hier in größter Stille zu arbeiten begann. Indeß glaubte man diese Abweichung von der Regel mit dem Versäumniß in Verbindung bringen zu müssen, welches der Tag herbeigeführt. Alle wurden in dieser Ansicht bestärkt, als der Vater nach neun Uhr wieder in's Zimmer trat, hier die Wanduhr aufzog, den Wecker stellte und dann das Signal zur Beendigung aller Arbeit gab. Eine halbe Stunde später herrschte die tiefste Ruhe im Hause des Webers, nur zwei Personen schliefen nicht. Flora, deren Kammer nur durch eine Bretterwand von dem Schlafgemache der Eltern getrennt war, verließ ihr Lager, als sie das schon bekannte leise Schnarchen des Vaters vernahm. Ein paar Minuten später schlüpfte sie, hinlänglich gegen die Kälte geschützt, aus ihrer Kammer, lockte durch ein leises Zungenschnalzen den wachsamen Bello, damit er nicht anschlagen möge, und entriegelte, von dem Hunde begleitet, die nach dem Hofe führende Thür. An der Mauer fortgleitend, verschwand sie in der Färberei. Aber auch Ammer schlief nicht. Er hatte sich, um seine Frau nicht zu beunruhigen, nur so gestellt, als sei er fest eingeschlummert. Noch hatte der Kukuk nicht die zehnte Stunde gerufen, da erhob sich der Weber. Leise und schüchtern, auf blosen Socken, schlich er durch die Kammer, drückte behutsam die Thür auf, stieg die Treppe hinab und begab sich nochmals in sein Cabinet. Was veranlaßte den Weber zu so seltsamem Thun? Durften die Seinigen nicht wissen, daß ihn der Schlaf floh? Oder fürchtete er sie zu beunruhigen, wenn sie von seinem Wachen Kenntniß erhielten? Die verschlossenen Fensterladen hüllten das Innere des Zimmers in undurchdringliche Finsterniß. Ammer hielt aber in allen Dingen auf Ordnung, und so ward es ihm leicht, Licht anzuzünden. Es war eine kleine nur schwach brennende Lampe, deren gaukelndes Flämmchen noch 144 ein niedriger Blechschirm bedeckte und abdämpfte, die Ammer auf den Ofensims stellte, um bei der nur geringen Helligkeit auf's Gerathewohl aus einem Packe roth und grün gemischten Garnes eine Handvoll Fäden hervorzuziehen. Jetzt nahm der Weber die Lampe und trug sie nach dem Tische, welcher in der nördlichen Zimmerecke stand. Aus dem Schiebkasten holte er eine Papierscheere hervor, setzte sich, zog die Lampe näher heran und zerschnitt die Garnfäden in fünf Theile. Alle fünf Theile mischte er durcheinander und warf sie dann in seine Hausmütze. Als auch dies geschehen war, blickte er sich um, beugte den grauschimmernden Kopf, dessen Haaren der Kamm entfallen war, weßhalb sie jetzt unordentlich um das blasse, aufgeregte Gesicht des Webers hingen, etwas vor und horchte. Obgleich er nichts Störendes vernahm, schlich er doch nach der Thür des Cabinetes und schob von Innen den Riegel vor. Wieder an den Tisch zurückgekehrt, schüttelte Ammer die Garnfäden in seiner Mütze, schloß dann die Augen, als fürchte er sich das zu sehen, was seine Hände thaten, griff in die Mütze und faßte eine Anzahl erwähnter Fäden zusammen. Als er diese auf den Tisch legte, sah man, daß seine Hand stark zitterte. Ein wenig die Augen öffnend, warf er einen Blick auf das Häufchen Garnfäden, schloß sie wieder und verfuhr noch viermal ganz in derselben Weisem Nun lagen fünf Häufchen auf dem Tische. Ammer schob die Mütze auf sein ungeordnetes Haar, setzte sich wieder und begann die einzelnen Fäden jedes Häufchens zu zählen. Die dabei herauskommenden Zahlen schrieb er auf ein Blatt weißes Papier, das er ebenfalls der Schieblade entnahm. Ueber dieser zwar mit Emsigkeit, aber doch sehr vorsichtig vollbrachten Arbeit war es ziemlich spät geworden. Den Weber fror, dennoch wollte er sein nächtliches Werk ganz beendigen. Er nahm also Feder und Tinte, schrieb einen Brief, siegelte ihn zu, adressirte ihn aber nicht. Diesen Brief legte er in den Schiebkasten seines Tisches und verschloß ihn. Den Schlüssel steckte er zu sich. Ich thu's nur für meine Kinder, sprach er zu sich selbst, als wolle er sich entschuldigen und zugleich auch rechtfertigen. Schlägt's ein, mög' es ihnen Segen bringen! Gebetet hab' ich dabei, wenn auch nicht mit Worten. – Ich mag nichts davon haben, aber ich will Niemand 145 hinderlich sein. – Was jetzt geschieht mit dem da – er deutete auf den verschlossenen Schiebkasten – und was der Advocat thun mag, – es ist Alles Zufall oder Schickung, denn ich habe nichts dazu gethan. Ich bin auch nicht dafür verantwortlich. Die Uhr schlug eilf. Ammer sah sich nochmals rundum im Zimmer und wollte eben das düster brennende Lämpchen auslöschen, als er draußen Schnee knistern hörte unter den Tritten eines einsam Wandelnden. Er horchte auf – die Schritte näherten sich. Der Nachtwächter, welcher einige Häuser weiter die Stunde rief, war es nicht; wer konnte so spät in der Nacht und in dieser entsetzlichen Kälte noch um die Wohnung des Webers schleichen? Furchtsam war Ammer nicht, doch huldigte er dem Grundsatze, es müsse sich Niemand ohne die allerdringendste Noth in Gefahr begeben, weil auch der Vorsichtigste leicht darin umkommen könne. Er löschte deßhalb schnell entschlossen die Lampe, verließ Cabinet und Zimmer, ging quer über die Flur und wollte die nach dem Hofraume führende Hausthür entriegeln, um zu sehen, wer so spät in der Nacht um sein Haus herumstreiche. Zu seinem größten Erstaunen war jedoch der Riegel gar nicht vorgeschoben, und wie Ammer in nicht geringer Erregung das Schloß untersuchte, knurrte draußen ein Hund. Ammer trat zurück, der Schnee knirschte wieder, und zwar diesmal hart vor der Thüre. Eine unverständliche Stimme flüsterte dem Hunde begütigende Worte zu. – Im nächsten Augenblicke ward die Hausthür aufgestoßen und es trat Jemand ein. Zum Glück verhinderte die nach Innen sich öffnende Thür ein rasches Vortreten des Webers, sonst hätte leicht ein entsetzliches Unglück geschehen können. Denn schon war der ergrimmte Mann im Begriff, den nächtlichen Eindringling mit einigen Faustschlägen niederzuwerfen, als er zum Glück die Stimme Flora's erkannte, die ihrem Begleiter Bello sanft und fast zärtlich eine gute Nacht wünschte. Das änderte freilich die Sachlage, allein beruhigen konnte es den Weber nicht. Er rief die Tochter bei Namen, was deren lautes Aufschreien zur Folge hatte. Ammer war schon an ihrer Seite. Er umfaßte sie, damit sie im ersten Schreck nicht falle und sich verletze. 146 Florel, sprach er leise, wo warst, du? Ich will nicht fürchten, daß du böse Wege wandelst! – Ich hörte Tritte, glaubte, Diebe wollten mich besuchen – bedenke, wenn ich zugeschlagen, dir ein Leid zugefügt hätte! Flora zitterte wie Espenlaub, sie konnte nicht sprechen, sie stammelte nur. Wo warst du? fragte der Vater jetzt ernster, härter. O vergib, vergib! murmelte das fröstelnde junge Mädchen. Ich habe wahrlich nichts Böses gethan – bei Gottes ewiger Barmherzigkeit kann ich dir's zuschwören! – Bello war ja bei mir. Was wolltest du draußen in der kalten Mitternacht? forschte Ammer weiter. Ich wollte nachsehen – ob im Färbehause auch Alles in Ordnung wäre. Ammer stieg langsam mit Flora die Treppe hinauf. Also im Färbehause warst du? Und wie kamst du denn an die Nordseite des Hauses? Unter die Fenster meines Cabinets? Da bin ich nicht gewesen, wahrhaftig nicht, Vater! Dann war's ein Anderer. – Vielleicht ging's zum Nachbar. – Hm, hm! – Gut, daß ich dich erwischt habe. Ich werde morgen mit Nachbar Jeremias Seltner ein ernsthaftes Wort reden. Ammer entließ seine Tochter, und diese war ganz erstaunt über die Gelassenheit ihres Vaters, dessen Zorn, wurde er einmal gereizt, keine Grenzen kannte. Wahrscheinlich hätte sich der auf Reputation haltende Weber auch viel gewaltiger ereifert, ja vielleicht gar zu Thätlichkeiten fortreißen lassen, wenn er sich über sein eigenes Thun nicht stille Vorwürfe hätte machen müssen. Weil er sich sagte, er habe selbst gefehlt, war er im Augenblick ungewöhnlich mild, milder fast, als er es für gut fand. Indeß glaubte er, seiner Tochter Vertrauen schenken zu können, was ihn einigermaßen beruhigte. Der Schlaf freilich wollte in dieser Nacht nicht seine müden Augenlider schließen. Flora natürlich schlief auch nicht. Ihr bangte vor dem nächsten Morgen, sie entwarf hundert Pläne, um ihren Vater zu beruhigen; wie angestrengt sie aber auch nachdachte und einen Ausweg zu entdecken sich bestrebte, immer kehrte sie zu der Ueberzeugung zurück, es sei zuletzt doch wohl am Besten, sie gestehe bei scharfem 147 Verhör die ganze Wahrheit. Gäbe es dann einen Sturm, so müsse dieser ausgehalten werden, ganz vernichten konnte auch der grimmigste Zorn des Vaters sein eigenes Kind nicht. Wider Erwarten sprach jedoch Ammer kein Wort von der nächtlichen Begegnung. Er war freundlich wie sonst gegen Flora, nur schien es der Tochter, als sei ihr Vater etwas zerstreut. Die Färberei besuchte er zwar, ging auch einige Male an der Nordseite des Hauses auf und nieder. Da aber hier in Folge des Oeffnens und Schließens der Fensterladen sehr viele und verschiedene Fußstapfen im Schnee zu bemerken waren, konnten diese zu keiner Entdeckung des Abenteuers führen, das Flora so spät aus dem Hause gelockt haben mochte. Jeremias Seltner besuchte Ammer bald nach Tische. Als er nach langem Wegbleiben wiederkam, schien er heiterer zu sein. Er verschloß sich in seinem Cabinet und rechnete. In den Nachmittagsstunden hielt ein mit zwei großen Hunden bespannter Handschlitten vor Ammers Thür. Der Besitzer desselben klopfte und erhielt sofort Eintritt. Es war Leisetritt, der Glassammler. Er kam zurück aus der Glashütte, wo er kleine Einkäufe gemacht hatte und diese jetzt wieder auf dem Wege des Hausirhandels an den Mann zu bringen suchte. Auch Frau Anna wurde eine Anzahl Gläser verschiedener Form angeboten. Während sie mit dem spaßhaften alten Manne um den Preis feilschte, kam Ammer dazu. Er war sehr erfreut, den Alten zu sehen. Grüß' Gott, Leisetritt, redete er ihn an. Hast du auch wacker Stroh in den Schuhen? 's ist 'was grausam kalt gewesen die letzten Tage her. Leisetritt verzog sein Affengesicht zum Lachen, erwiderte den Gruß des Reichen sehr freundlich und versetzte: Das macht fixe Leute, Herr Ammer. Ich bin vom Zuckmantel über's Gebirg hereingeflogen, als wär' ich eine Schwalbe. Auf solchen Wegen ist Stroh der beste Strumpf. Wenigstens der billigste, meinte der Weber. Aber du machst's schon recht, daß du bei der alten Weise bleibst. Dich hält sie noch aus. Bei mir ist's schon ärgerlicher. Willst du ein paar Böhmen verdienen? 148 Leisetritt lachte und zog die Mütze. Wenn's sein kann, Herr Ammer, sagte er, so bin ich immer dafür gewesen, lieber Geld in den Sack zu stecken, als die letzten paar Dreier herauszuschütteln, 's ist just eine grausam liebliche Gottesgabe, so recht viel Silber in den Taschen mit herum zu schleppen, oder auch um Feierabendzeit die schönsten Stücke auf einem blank gescheuerten Tische zu zählen. Man kann ordentlich gute Gedanken dabei kriegen. Nimm mir ein Briefel mit in die Stadt, wenn du morgen 'neinkommst. Du brauchst's nur in' Kasten zu schmeißen. Wenn's gelingt, schenk ich dir einen neuen Pelz und zum Sommer einen kohlschwarzen Dreikantigen. Mit den neumodischen Hüten machst du dir doch nicht gern' was zu schaffen. Bei Leibe! versetzte der Glassammler. 's ist eine Mode für's Advocatenvolk. Die brauchen Alles rund, damit sie's drehen und wenden können, wie's ihnen paßt. Mag sie nicht leiden, Herr Ammer, die Advocaten, aber klug sind sie, o behüte, behüte, gar grausam klug! – 's wär' anders gekommen mit unserm Herrn Christus, hätt's dazumal schon Advocaten gegeben. Immer hast du verbotene Einfälle, sagte Ammer. Danke deinem Schöpfer, daß du nicht schreiben gelernt hast! Die hochweise Obrigkeit legte dich mit sammt deiner Feder in Ketten. Wie die große Bibel auf der Rathsbibliothek, gelt? – Aber ich sehe, die Frau Liebste ist fertig mit ihrer Auswahl; ich möchte derohalben um das Briefel bitten. Ammer nahm den wohlverwahrten Brief, den er in der Nacht geschrieben hatte, aus dem Schiebkasten, schrieb jetzt erst die Adresse darauf und übergab ihn dem Glassammler. Nur in den Kasten! Je eher, je lieber! Leisetritt nickte und empfing die versprochenen Böhmen. Er rief seinen Hunden und ergriff selbst die kleine Deichsel des Schlittens. Gute Verrichtung! rief Ammer ihm nach. Als er sich umkehrte und Niemand in seiner Nähe gewahrte, sagte er: Itzund ist Alles in Richtigkeit gebracht. Das ganze Glück der Zukunft, das ich nicht suchte, das mich aber verfolgt; das ich fürchte und doch auch nicht hart abwehrend von mir weisen mag: es ist auf den blinden Zufall gestellt. Mag er walten, wie er muß! Ammer 149 im Rohr will sich fürder den Schlaf mit seinem Walten nicht verderben lassen. Mein eigenes Wesen treib' ich wie vordem, schlicht und vorsichtig, mit reellen Mitteln, nicht auf Credit, Advocatenrederei und Spielglück. Achtes Kapitel. Dienstbereite Freunde. Wir befinden uns in einem tiefen, aber nicht sehr breiten Zimmer, das ein einziges hohes Fenster hat. Durch dieses sieht man auf einen geräumigen, mit Blumen- und Gemüsebeeten durchschnittenen Garten, den außerdem noch eine ansehnliche Zahl breitästiger Obstbäume erfüllen. Gegenüber dem Fenster und jenseits des von Häusergiebeln eingefaßten Gartens erblickt man einen ungemein schlanken Thurm, dessen Uhr jede Viertelstunde mit weithin tönendem Schlage verkündigt. Es ist Anfang April, die Sonne scheint warm durch fliegendes Gewölk und bereits zeigen die Stachelbeersträucher grünlich schimmernde Spitzen. Aus dem noch mit dunkelm Laub bedeckten Erdboden leuchten gleich rothgelben Flämmchen die Blumenkegel der Krokus und einige hellrothe Primeln. Ein starker untersetzter Mann von ungemein gutmüthigem Aussehen schreitet in den noch nicht gereinigten Gängen auf und ab, wie es scheint, um sich zu sonnen, denn er vermeidet sorgfältig die schattige Seite des Gartens. Seine Kleidung fällt in die Augen, denn sie ist wirklich originell. Der Spaziergänger trägt nämlich einen sehr langen, nicht zum Besten erhaltenen Schlafrock von etwas zweifelhafter Farbe, welcher in Ermangelung einer Schnur oder eines Gürtels von einem festgedrehten Strohseil zusammengehalten wird. Eine braune Lederkappe bedeckt seinen Kopf und darüber hat er einen großen grünen Schirm gestülpt, um seine Augen zu schützen. Oft macht sich der einsam Umherwandelnde mit einer Pflanze etwas zu schaffen oder tritt an einen Rosenstock, dessen Keime er sehr genau betrachtet, um in Erfahrung zu bringen, 150 ob auch der eine oder andere von der strengen Winterkälte gelitten hat. Dieser Mann ist der Candidat Still, Besitzer des Hauses, in dem wir uns befinden und Eigenthümer des dazu gehörigen schönen Gartens. Wir werden Gelegenheit haben, im Verlaufe unserer Erzählung wiederholt mit Still zusammenzutreffen und wollen deßhalb hier nur Einiges zur Orientirung über seine Vergangenheit und seine Stellung im Leben anführen. Herr Candidat Still war ein sogenanntes »gelehrtes Haus« von altem Schlage, in Kirchengeschichte, Dogmatik und Kirchenrecht vortrefflich bewandert, gründlicher Kenner des Hebräischen, das er vorzugsweise liebte, und ein Meister im Disputiren über gelehrte Gegenstände, letzteres jedoch nur auf seinem Studierzimmer. Um gelehrt, gescheidt und scharfsinnig zu sein, um der Rede mächtig bleiben zu können, bedurfte Candidat Still vor Allem seines alten, mit braunem Leder ausgeschlagenen Lehnstuhles, seines Schlafrockes und einer ewig dampfenden Thonpfeife. War er mit diesen Utensilien ausgerüstet, so nahm er es mit jedem Professor auf; fehlten ihm aber Stuhl, Schlafrock und Pfeife, so war er ein willenloses, schwankendes Geschöpf, ängstlich, schüchtern, ja fast stupid, und ein halbweg kecker Junge, der sich bis nach Quarta aufgeschwungen, hob den tief gelehrten Candidaten mit leichter Mühe aus dem Sattel. Diese übertriebene Schüchternheit verdarb dem seelenguten Manne seine ganze Carrière. So oft er auch nach beendigten Studien zu predigen versuchte, und so durchdacht und in formeller Hinsicht gelungen seine Predigten waren, er warf jedesmal beim Vortrage um. Nur mit Noth und Mühe und aus einer Art Barmherzigkeit erhielt er Aufnahme in den Coetus der städtischen Candidaten, wodurch er sich verpflichten mußte, wenigstens einmal im Jahre die Kanzel zu besteigen. Dies traurige Loos traf den armen Still in der Fastenzeit, wo er einer alten Stiftung zufolge eine sogenannte »Abendpredigt« zu halten hatte. Da nun Niemand den Candidaten als Prediger liebte, so hatte Still das Genügen, vor leeren Bänken predigen und schließlich umwerfen zu können. Seit vierzig Jahren lebte dieser gelehrte Mann fast ohne allen Umgang, nur sich und seinen Studien. Zum Glück und auch zum 151 Unglück war er verheirathet – zum Glück, weil diese Heirath, die Folge einer Schülerliebschaft, ihm eine sorgenfreie Existenz, Haus und Hof verschaffte, zum Unglück, weil seine Frau hinsichtlich ihres Charakters direct von der berühmten Ehehälfte des griechischen Weltweisen Socrates abzustammen schien. Die »Frau Candidatin Still«, wie man des schüchternen Gelehrten ehrsame Gattin respectvoll nannte, herrschte unumschränkt in ihrem Hause, und da sie ein vortreffliches Mundwerk besaß, so hätten die Nachbarn auf die Vermuthung kommen können, es bilde sich irgend ein Mensch zum Sprecher aus für das künftige deutsche Parlament. In seinen Musestunden beschäftigte sich der glückliche Mann dieser herrschgewaltigen Frau mit Blumistik, wohl auch ein wenig mit Pomologie; es machte ihm Vergnügen, Blumen zu pflanzen und zu pflegen, da ein Reis festzubinden oder eine Oculation vorzunehmen, und nie versäumte er, den ersten Kindern des Frühlings bei ihrer Auferstehung aus dem Wintertode behilflich zu sein und ihnen das wärmende Licht der Sonne zuzuführen. Diesem still zufriedenen, äußerst bescheidenen Candidaten sah aus dem Fenster des erwähnten Zimmers ein Mann von ganz entgegengesetztem Charakter zu, nämlich der uns schon bekannte Advocat Block. Der schlaue, ränkevolle Rechtsgelehrte amüsirte sich bei dem ewigen Kriege, welcher im Hause herrschte und von dem er ganz allein nichts zu leiden hatte, sei's, weil selbst Frau Sempiterna Stillin den Rechtsgelehrten fürchtete, sei's, weil dieser mit der Galanterie eines Mephistopheles der wohlbeleibten, in allen häuslichen Arbeiten gar trefflich bewanderten Dame den Hof zum Entsetzen ihres rechtmäßigen Gatten zu machen nie und nirgends unterließ. So lebte der Advocat mit der bissigen Hausfrau auf bestem Fuße, während der eigentliche Hausherr nur als Blitzableiter für die zahllosen Wetter dienen mußte, die zu jeder Tages- und Jahreszeit aufziehen konnten und stets mit einer gewaltsamen Entladung scheltender Worte endigten. Candidat Still war deßhalb durchaus kein Freund seines Hausgenossen, allein er mußte sich fügen, wenn er nur einigermaßen in Frieden leben wollte. Still hatte eben einige duftende Veilchen von den sie noch bedeckenden dürren Laubresten befreit und bemerkte jetzt, sich wieder 152 aufrichtend, das malitiöse Gesicht des einäugigen Advocaten. Sogleich verbeugte er sich demüthig vor dem gefürchteten Hausgenossen und nahm in der Angst seines Herzens statt der Mütze grüßend seinen grünen Augenschirm ab. Block nickte nur unmerklich mit dem Kopfe. Dummer Kerl! murmelte er vor sich hin. Wenn ich Besitzer dieses Hauses und Gartens wäre, ich wollte etwas Anderes daraus machen. – Nun wer weiß, was geschehen kann. Nur immer treulich mit Frau Sempiterna scharmutzirt, den Alten dabei gründlich angeschwärzt und es läßt sich wohl ein Glücksohr in das Testament einbiegen. Ein greller Ruf, der schmetternd wie der Ton einer verstimmten Trompete an das Fenster schlug, unterbrach dies Selbstgespräch. Candidat Still, was treibst du wieder für Dummheiten! sprach eine keifende Frauenstimme. Willst du wieder ein halbes Pfund Seife ruiniren mit deinen schmutzigen Händen und hast doch noch kein Quentchen davon verdient? Gleich kommt Er herauf und hilft mir Erbsen lesen! Nachher kann Er die Nase wieder in seinen gelehrten Krimskram stecken. Er verursacht dann wenigstens dem Haushalt keine Kosten. Diese lieblich klingenden Worte entschlüpften den süßen Lippen Sempiterna's, und sie mußten eine zauberhaft magnetische Kraft auf den Candidaten ausüben, denn dieser nahm die fliegenden Enden seines Schlafrockes zusammen und eilte mit lächerlich großen Schritten durch die Gänge dem Hause zu. Gut erzogen hat sie den Esel, sagte der Advocat, an sein Stehpult zurücktretend und ein Fascikel Acten durchblätternd. Es geschieht ihm Recht, warum ist er so gutmüthig. – Alle gutmüthigen Narren müssen gefoppt, getreten, gestoßen und geprügelt werden, bis sie ihre Natur ändern. Niederträchtig, wie die Welt ist, schlecht und eigensüchtig, wie trotz aller Religionsheuchelei die Masse der Menschheit immer mehr wird, hat der vorsichtig Kluge das vollkommenste Recht, diese Brut wie giftiges Gewürm zu tractiren. Wer's nicht thut, verdient Schläge. Aber dem alten Hausdrachen wünschte ich doch gelegentlich einen Knoten in den Zopf zu schlagen, damit er nicht zu übermächtig wird. Block fingerte wieder in den Acten und sah dabei so boshaft aus, als gehe sein Hirn mit einer recht abscheulichen Schändlichkeit 153 schwanger. Es klopfte an seine Thür. Block rief herein, ohne von seinen Papieren aufzusehen. Guten Morgen, Herr Advocat, sprach der Eintretende. Es war der Briefträger. Frankirt? Die Herren Rechtsconsulenten erhalten immer frankirte Briefe, versetzte lächelnd der Briefträger, während sie selbst niemals Schreiben frei machen. Halt Er Sein Maul! sagte Block, die Nase rümpfend, und danke Er Gott, wenn Ihm keine Advocatenbriefe in's Haus rascheln. Das thu' ich auch redlich. Guten Morgen, Herr Advocat. Raisonneur! knurrte Block dem Forteilenden nach. Der Mensch bildet sich Gott weiß was ein, weil er ein paar Jahre lang als Corporal dem Kalbfelle nachgelaufen ist. Daß solch ordinäres Gesindel eigne Gedanken zu haben sich erfrecht! Er setzte sich in seinen hochbeinigen Schreibstuhl und erbrach den Brief. Er war von Wimmer. Wimmer? sagte Block nachdenklich. Hab' doch mit dem Kopfhänger neuerdings nichts zu thun gehabt. Was kann der Mann jetzt mir schreiben? Der Brief des Herrnhuters lautete folgendermaßen: Mein verehrtester Herr Advocat! »Begnadigt von meinem Heiland mit allerhand weltlichen Gütern und über mein Verdienst vom Glück begünstigt, halte ich es für meine Pflicht, nach Kräften noch bei Lebzeiten von dem überflüssigen Mamon einen Gott wohlgefälligen Gebrauch zu machen. – Wenn man nicht wüßte, daß der heuchlerische Schalk es anders meinte, schaltete Block hier ein, könnte man versucht werden, dem Manne einen Nasenstüber zu geben. – Ich will also nicht versäumen, Ihro hochweiser Rechtsgelahrtheit zu eröffnen, daß, weil der grundgütige Gott es so gefügt hat, daß niemals das Band der heiligen Ehe mich einem tugendsamen Weibe verknüpfte, weßhalb ich dereinst, so der Herr mich ruft, ohne Nachkommen aus diesem Thal der Prüfung aufsteigen werde in den Saal des ewigen Hallelujahsingens, ich würdigen Personen mein zeitliches Gut zu überlassen gedenke. Es kann Ihnen nicht unbekannt sein, daß ein sehr werther Freund, Herr Ammer, mir manchen Dienst erwiesen 154 hat. Eigensinnig, wie er ist, will er nichts von Dank wissen. Derohalben sah ich mich genöthigt, mein Vorhaben im Gebet dem Herrn empfehlend, thätig zu sein für seine Kinder, um, was der Vater nicht haben will, den Söhnen in die Hände zu spielen. Laut Mittheilungen meines Hamburger Correspondenten darf ich jetzt annehmen, daß Gott und mein Heiland das wiederholt inbrünstige Flehen meines Herzens gnädig erhört und mich gesegnet hat in meinen Entwürfen. Wollte deßhalb Dero Rechtsgelahrtheit in christlicher Demuth ersuchen, mir gefällig zu sein zu Gunsten der Familie Ammer, was Dieselben recht wohl vermögen, wenn Sie nur wollen. Bin auch gern bereit, mich dankbar zu erweisen durch Geld und Geldeswerth. – Verdammter Spitzbube! warf der Advocat ein. Er weiß genau, daß ich nichts umsonst thue. – Möchte derowegen bitten, bei dem Verkaufe Weltenburgs ein Angebot zu thun, welches den alten falschen Speculanten, Herrn Mirus, überflügelt. Kommt mir auf ein paar Tausend Thaler Zulage nicht an, so ich nur mit Gottes Hilfe meinen Willen durchsetzen und mein hohes Ziel erreichen kann. Ihre Gelahrtheit werden nächstens deutlicher instruirt werden, sobald das Schiff glücklich im Hafen liegt. Ist mir alsdann erlaubt, statt der Pickelflöte die Posaune zu blasen, welches letztere Instrument mir immer absonderlich lieb gewesen, weil es eine biblische, mithin gleichsam eine himmlische Tuba genannt werden darf. Es versteht sich von selbst, daß Sie, mein hochgeehrter Herr und Rechtsfreund, gegen Niemand aus dieser heimtückischgesinnten Welt von diesem unserm Geheimniß sprechen, am allerwenigsten gegen Ammer. Ist die Saat reif, so kommen die Schnitter und sammeln die goldenen Aehren. Schloß Weltenburg ist ein schönes Besitzthum. Wird das alte Wappen über dem Thorwege mit dem Pallasch und mittelalterlichen Lanze im blauen Felde heruntergerissen, so glaube ich, daß ein neues Wappen an derselben Stelle, das statt der genannten Embleme einen Weberbaum im goldenen Felde trägt, sich eben so gut ausnehmen dürfte. Empfangen Sie, geehrter Herr Advocat, die Versicherung meiner unbegrenzten Hochachtung und reichen Sie zu treuem Bunde uneigennütziger Freundschaft die Hand Ihrem demüthigen Bruder in Christo, Lazarus Wimmer.         155 Block verschloß diesen Brief sorgfältig und fiel dann in ein so heftiges Lachen, daß es seinen ganzen Körper erschütterte, doch lachte er, wie alle klugen und versteckten Leute, nur halblaut. Dann stand er auf und ging, sich die Hände reibend, im Zimmer auf und nieder. Es ist ein Schlag zu machen, sagte er nach einer Zeit vorsorglichen Nachdenkens, und ich sehe wirklich keinen triftigen Grund, der mich veranlassen könnte, auf den Vorschlag des Herrnhuters nicht einzugehen. Mirus wird dadurch schwer geärgert, was für mich ein besonderes Labsal wäre, denn ich hasse den Menschen seiner übertriebenen pfahlbürgerlichen Rechtlichkeit wegen. Dem Wimmer aber möchte ich nicht vor den Kopf stoßen, weil er stets gut zahlt und weil der Mann mir gefällt. Ewig schade, daß er nicht Schauspieler geworden ist! Er hätte den Iffland, der doch auch einen Teufelsbraten meisterhaft vorzustellen weiß, zehnmal von der Bühne heruntergespielt. – Die fromme Bestie amüsirt mich – man muß sie streicheln und füttern, daß sie recht fett wird. Zu allerletzt kommt doch Alles meinen Collegen zu Gute, falls ich zu früh sterben sollte. Er machte wieder einen Gang durchs Zimmer, trat dann an seinen Pult und blätterte in Acten, um etwas nachzusehen, was ihm wichtig sein mußte. Sein einziges Auge halb zukneifend und den Finger an die Nase legend, fuhr er fort: Wer von den beiden Freunden einander mehr liebt, der Weber den Herrnhuter oder dieser jenen, will ich nicht untersuchen. Ich gehe vorläufig lieber mit dem Herrnhuter, weil er der Honnetere ist und – die christliche Tuba so sehr liebt. Geht es später an's Hälsebrechen, so spielt man den unparteiischen Zuschauer und rettet, was man kann. Darum soll »mein lieber Bruder in Christo« nicht lange in Ungewißheit sein. Ich werde ihm auf der Stelle antworten und ihn beruhigen. Zu diesem Entschlusse gekommen, setzte sich der Advocat an seinen Arbeitspult und sagte in kurzen, kalten Worten, ohne sich irgendwie durch einen zweideutigen Ausdruck eine Blöße zu geben, dem Herrnhuter seine Hilfe zu, so weit dies in seinen Kräften stehe. – Einige Tage später fuhr Advocat Block dem Gebirge zu. Hier lag einige Stunden von der Stadt entfernt in prächtigem Wiesenthale, das ein munterer Fluß durchrauschte, an schön bewaldeter Berglehne 156 Schloß Weltenburg. Allzustattlich sah der ziemlich alte Bau nicht aus, denn die Herren von Weltenburg hatten seit ewigen Decennien nicht mehr darin gewohnt. Als vornehme Weltleute lebten sie entweder auf Reisen im Auslande, oder brachten doch die meiste Zeit in der Residenz zu. Auch die diplomatische Carrière hatten die jüngsten Weltenburger eingeschlagen, weniger aus Neigung, als der glänzenden Lebensstellung wegen, die sich in gesellschaftlicher Beziehung daran knüpfte. Dadurch aber war das alte Stammschloß stark vernachlässigt worden und kam, nicht von den gewissenhaftesten Beamten verwaltet, in Verfall. Die Herren von Weltenburg brauchten, um ihrem Namen Ehre zu machen, sehr große Summen, die auch aufgetrieben wurden. Als die Einkünfte der Herrschaft nicht mehr ausreichten, wurden Schulden gemacht, die sich rasch mehrten. Zu deren Deckung mußte man die Waldung angreifen, die, schlecht gepflegt, auch rasch sich verminderte, und so genügten denn zehn Jahre, die ganze hochadlige Familie beinahe an den Bettelstab zu bringen. Um nicht gänzlichem Ruin, vielleicht gar öffentlicher Schande entgegen zu gehen, schritt die Familie, obwohl ungern, zum Verkauf ihres Stammsitzes. Dieser Verkauf sollte am heutigen Tage stattfinden. Der heitere Tag hatte nicht nur eine Menge Kauflustiger herbeigelockt, auch Neugierige aus der Umgegend fanden sich ein und zwar größtentheils Angehörige der Herrschaft, die gern bald erfahren wollten, wer ihr zukünftiger Herr sein werde. Betrachtete man die Lage des Schlosses in seiner romantischen Umgebung, so konnte; man den Andrang Kauflustiger wohl begreifen. Gegen Westen überblickte man ein reizendes Thal, von dem Silberbande des zwischen smaragdgrünen Wiesen dahin rauschenden Gebirgsflusses durchschlängelt. Am Ende desselben ragten die Thürme der Handelsstadt über niedrige Waldhügel empor. An der Rückseite des Schlosses, wo ein großer, aber vernachlässigter Park über Berg und Thal sich fortzog, erhob sich die hohe Gebirgswand, dessen erhabener Kamm jetzt noch im blendend weißen Schmuck des Winters prangte. Naturfreunde mußten in dieser seltenen Lage schon eine Aufforderung zu einem Kaufgebot erblicken, der Geschäftsmann dagegen, welcher die Localitäten nach ihrer Verwendbarkeit, nach dem möglicher, oder wahrscheinlicher Weise daraus zu ziehenden Gewinn abschätzt, 157 hatte beinahe noch mehr Ursache, die Erwerbung des Besitzes von Weltenburg sich angelegen sein zu lassen. Ein äußerst ergiebiger Boden verhieß reichliche Ernten. Die jetzt leider sehr gelichtete Waldung war durch zweckmäßige Pflanzungen und eine rationelle Forstwirthschaft wieder zu verbessern. Dazu kamen bisher verborgen gewesene Schätze der Erde, welche die gegenwärtigen Besitzer erst kürzlich entdeckt, aus Mangel an Geld aber zu heben nicht einmal versucht hatten. Dies waren allem Anscheine nach sehr mächtige Kohlenpflötze, die bergmännisch betrieben reichen Gewinn abwerfen und der Anlage industriöser Unternehmungen überaus förderlich werden konnten. So leuchtete jedem Denkenden ein, von wie großem Werth die Herrschaft Weltenburg im Besitz eines die Zeitverhältnisse richtig erkennenden und zugleich unternehmenden Kopfes sein müsse oder doch werden könne. Unter den Kauflustigen befand sich auch Mirus, der sparsame Großhändler. Als dieser des Advocaten ansichtig ward, entfärbte er sich etwas, behielt jedoch, eine Prise nehmend, äußerlich seine Ruhe. Mirus war für Block jedenfalls der gefürchtetste Gegner, denn er besaß hinlängliche Mittel, um ihm wett zu werden, und seiner Charakterfestigkeit durfte man zutrauen, daß er so leicht einen gefaßten Plan nicht aufgeben werde. Indeß fürchtete Advocat Block so leicht Niemand; er war entschlossen, nöthigenfalls durch geheime Triebfedern zu seinen Gunsten zu wirken, vielleicht auch hatte er schon im Voraus in dieser Beziehung das Nöthigste verfügt. Deßhalb begrüßte er den reichen Handelsherrn ganz freundlich, fragte mit höhnischem Tone, ob das schöne Frühlingswetter ihn aus seinem Comptoir gelockt habe, und bemerkte schließlich, daß Weltenburg sich für einen Mann eigene, der etwas zurückgelegt habe und die letzten Jahre seines Lebens, fern vom geräuschvollen Treiben einer stets halbtollen Welt, in Ruhe und beschaulicher Stille zu verbringen gedenke. Hm, versetzte Mirus, eine sehr große Prise unter der Nase verreibend, Herr, ich muß Ihr sagen, zum Ruhen und Faullenzen haben nur Dummköpfe Zeit! Wäre Schloß Weltenburg nebst Zubehör mein Eigenthum, so würde ich die Augen offen behalten, und Gedanken und Hände rühren, wie ich dies mein Lebtage immer gethan habe. Was aber, mein werther Herr Mirus, erwiderte Block, was wollten Sie hier machen? Das Schloß paßt zu keinem Comptoir, und 158 mit Baumwolle läßt sich von dieser schönen Wildniß aus kein Handel treiben. Kaufleute gehören in Städte, mein verehrter Herr Mirus. Sie sind die eigentlichen Städtegründer gewesen und werden auch, glaub' ich, so lange es Städte gibt, deren Erhalter bleiben. Pflichte vollkommen bei, Herr Advocat, versetzte Mirus, es ist jedoch meines Wissens einem Kaufmanne, der seine Staatslasten pünktlich abträgt, gesetzlich nicht untersagt, neben dem Handel noch etwas Anderes anzufangen. Und – Herr, ich muß Ihr sagen – habe seit einiger Zeit große Lust, mein Glück noch in anderer Weise zu versuchen. Man hat etwas verdient, man kann also auch etwas wagen. Das heißt, Sie beabsichtigen Weltenburg zu kaufen? Falls Sie nichts dagegen haben, ja. Und wenn dies wäre? Dann käme es darauf an, Herr Advocat, wer es am längsten aushielte. – Herr, ich muß Ihr sagen – Kaufmann Mirus ist entschlossen, etwas zu wagen! Er nahm wieder eine Prise und zog dabei dem verschlagenen Advocaten ein Gesicht, als wolle er ihn verhöhnen. Block wußte jetzt, wie die Sachen standen, und konnte sich danach richten. Er grüßte daher, ohne auf die letzte Bemerkung etwas zu erwidern, den Kaufmann und trat in den zum sogenannten Schlosse führenden Thorweg. Im Hofraum ging es lebendig zu. Die Käufer oder deren Bevollmächtigte besichtigten die Gebäude und stiegen dabei lachend und scherzend treppauf, treppab. Block mischte sich unter sie und machte nur der Form wegen einen Gang durch die Räumlichkeiten des Schlosses, den scharfen Blick seines einzigen Auges bald da- bald dorthin entsendend. Im Erdgeschosse waren Anstalten zu der gerichtlichen Versteigerung der Herrschaft getroffen. Die dabei beschäftigten Herren unterhielten sich hier mit einander, ordneten Papiere, schnitten Federn, kurz gaben sich möglichste Mühe, die Zeit auf angenehme Weise bis zur Stunde des Termines zu tödten. Einige dieser Herren kannte der Advocat. Er begrüßte sie daher mit einer gewissen Cordialität, wechselte wohl auch ein paar Worte, machte einen Witz oder ließ eine boshafte Bemerkung heraus und trat endlich zu dem Vorsitzenden, welcher die 159 ganze Procedur leitete. Beide Männer schüttelten sich die Hand wie gute alte Bekannte, die so recht ein Herz und eine Seele sind. Sie sprachen lebhaft, aber leise mit einander und aus ihrem Mienenspiel ließ sich errathen, daß sie Gegenstände von Wichtigkeit verhandelten. Block hätte diese Unterhaltung gern noch länger ausgesponnen, weil er jedoch gewahrte, daß die Blicke aller übrigen Anwesenden auf ihm ruhten, brach er das Gespräch ab und drückte dem Beamten nochmals die Hand. Also es bleibt dabei und ich darf mich darauf verlassen? fragte er. So sicher, wie auf's Evangelium! erwiderte der Beamte. Block machte eine sehr bezeichnende Handbewegung und riß sein Auge weit auf. Darauf möchte ich nicht immer Häuser bauen, erwiderte er lächelnd. Was sich deuten und auslegen läßt, ist nicht sicher. Nun, so will ich sagen: so sicher wie auf ein gesprochenes Urtheil, verbesserte sich der Beamte. Gut, gut, nun bin ich zufrieden, entgegnete der Advocat. Ein Urtheilsspruch flößt immer Respect ein, auch wenn er ungerecht ist. Damit entfernte sich Block und vertrieb sich, wie fast alle übrigen Kauflustigen, die noch übrige Zeit mit dem Durchwandern der Wirtschaftsgebäude, der sehr leeren Vorrathskammern und Scheuern. Ueberall bemerkte man den reißend überhand nehmenden Verfall in Folge schlechter oder sinnloser Wirthschaft. Die gewissenlosen Verwalter der Herren von Weltenburg waren zuletzt so weit gegangen, das beste Holz aus den Sparren zu sägen, um es zu ihrem Vortheile zu verkaufen. Gerade dies abscheuliche Verfahren hatte die an sich so schöne und einträgliche Herrschaft entwerthet und sie fast zu einem Spottpreise herabgedrückt. Block lächelte immer feiner, immer spitziger, je mehr er die immer deutlicher in die Augen springende Vernichtung erkannte. Darauf baute er seinen Plan; und als endlich mit der Schloßglocke das Zeichen zum Beginn des Termins gegeben ward, stand die imponirende, über alle Andern hervorragende Gestalt des gefürchteten einäugigen Advocaten zunächst dem Beamten, den er vorher in so treuherziger Weise gesprochen hatte. 160 Wir wollen unsere Leser mit einer weitläufigen Schilderung der nun folgenden Scene nicht langweilen. Es muß hier nur angeführt werden, daß die ersten Gebote der Herrschaft Weltenburg auffallend niedrig waren. Später stieg die Kauflust, wie es schien, und mit ihr wuchsen auch die Angebote, so daß schon nach zehn Minuten das erste Gebot sich beinahe verdreifacht hatte. Jetzt erst machte Mirus ein Gebot, dem ihm schief gegenüberstehenden Advocaten ein höhnisches Gesicht zeigend. Block verzog keine Miene, wohl aber bot er sogleich tausend Thaler mehr. Mirus nahm eine Prise und legte eine anständige Summe zu, die von einem dritten Kauflustigen überboten wurde. Der reiche Kaufmann ging abermals höher. So spielte sich die Scene des Verkaufs weiter, bis Block wieder mit einer bedeutend höheren Summe die Uebrigen niederschlug. Diesmal ruhte das unbarmherzige Auge des Advocaten giftig funkelnd auf dem lederfarbenen Gesicht des Kaufmanns. Mirus zwinkerte ein paarmal mit den Augen, was er stets that, wenn ihn etwas stark oder unangenehm bewegte, dann nahm er abermals eine Prise aus seiner goldenen Dose, stäubte die braunen Pünktchen von seinem Chabot und sagte mit großer Gelassenheit, daß es Jeder im ganzen Saale vernehmen konnte: Herr, ich muß Ihr sagen, tausend Thaler mehr schieben die Herrschaft Weltenburg in mein Schreibpult. Die Versammlung gerieth in nicht geringes Erstaunen, denn das letzte Gebot des Kaufmanns übertraf die höchste Anschlagssumme der Sachverständigen schon um mehrere hundert Thaler. Block lächelte und bot fünfhundert Thaler mehr. Das neue Tausend voll! rief Mirus. Dann geb' ich tausend Thaler mehr, sagte trocken der Advocat. Herr, ich muß Ihr sagen, Sie sind – Ein Mann, der immer weiß, was er thut, fiel Block dem Kaufmann in die Rede. Nein, fuhr Mirus heraus, ein Thor sind Sie, der mit seinen beiden ungeschickt langen Beinen gerade auf den Banquerott zurennt. Das thut nichts, erwiderte der Advocat, die Herrschaft Weltenburg ist so eben, wie die geehrte Versammlung vernommen hat, 161 nicht in das Pult des Kaufmannes, sondern hier in meine Mütze geschlüpft. Dabei nahm Block seine hohe schwarze Sammetmütze ab und zeigte sie triumphirend den Anwesenden. In Bezug auf die ungeschickt langen Beine, fuhr er fort, welche Herr Kaufmann Mirus mir gütigst gegeben, behalte ich mir die weiteren Schritte, welche sich damit machen lassen können, ganz ergebenst vor. Mirus hörte vor Zorn und Aerger gar nicht mehr auf zu schnupfen, er erwiderte aber auf die letzten höhnischen Bemerkungen seines Gegners kein Wort. Darf ich Sie, Herr Advocat, als nunmehrigen Eigenthümer von Weltenburg einzeichnen? fragte jetzt der Beamte. Block schüttelte den Kopf. Nein, sagte er mit schneidend scharfer Stimme. Ich habe im Auftrage eines Anderen die Herrschaft gekauft. Der Mann ist gut und, was mehr sagen will, ein sehr, sehr frommer Christ. Er nennt sich Lazarus Wimmer. Hier nahm Block die Mütze abermals ab und grüßte herablassend den vor Ingrimm zitternden Mirus. Der Herrnhuter! Der spitz— Der spitzköpfige Herrnhuter, verbesserte Block, den heftigen Kaufmann diesmal zu rechter Zeit unterbrechend. Es ist ein respectabler Mann, denk' ich, recht gut bei Kasse und von unternehmendem Geiste. Wie er mir sagte, will er eine große Weberei hier anlegen. Mirus knöpfe seinen chocoladefarbenen Rock bis an den Hals zu, setzte seinen Hut auf und verließ, ohne noch Jemand eines Blickes zu würdigen, den Ort seiner Niederlage. Der Advocat drückte dem Beamten diesmal wahrhaft zärtlich die Hand und machte, wie alle Andern, ebenfalls Anstalt zum Aufbruche. Vorher aber flüsterte er seinem Befreundeten leise zu: Das war ein leichter und guter Verdienst, nicht wahr? Ich bin zufrieden und danke Ihnen. Wenn nur auch der Herrnhuter später nicht sieht, daß er doch wohl zu hoch gegangen ist. Grämen Sie sich darum nicht, werther Herr College, versetzte Block. Die Herrschaft ist das Dreifache werth, Wimmer hat ein sehr richtiges Urtheil und übrigens – unter uns – flüsterte er dem Beamten in's Ohr – bleibt sie nur kurze Zeit in seinen Händen. 162 Ein Anderer oder ein paar Andere sind schon jetzt als dereinstige Herren von Weltenburg designirt. Ist ein Compagniegeschäft, werther Freund, wie sie neuerdings in Aufnahme kommen, und mich dünkt, es wird merkwürdig rentiren. Block empfahl sich und fuhr gelassen und mit sich selbst vollkommen zufrieden wieder zurück nach der Stadt, wohin das Gerücht von dem Resultat des Verkaufs ihm schon vorangeeilt war und unter der gesammten Einwohnerschaft nicht geringe Sensation machte. Neuntes Kapitel. Eine ländliche Idylle. Der muntere Waldbach, welcher das Rohr durchströmte, hatte die ganze Nacht geplaudert und Flora alle Stunden mit seinem Geschwätz aufgeweckt. So oft das junge Mädchen ihre hellen Augen aufschlug und mit erhobenem Köpfchen auf die plaudernde Welle des lebendigen Wassers hörte, blickte sie geraume Zeit nach dem halb offenen Fensterladen, um sich zu vergewissern, ob der Morgen bald anbrechen werde. Immer aber spielte derselbe weiche Dämmerschein um die kleinen, spiegelblanken Scheiben, der die stille Mondnacht mit mattem Tageslicht durchglänzte. Flora erfreute sich für gewöhnlich eines ununterbrochenen gesunden Schlafes, den so leicht nichts störte; in dieser Nacht aber hatte sie den Kopf voll wunderlicher Gedanken, und wäre lieber die ganze Nacht munter geblieben, um nur noch vor Aufgang der Sonne unbehindert und ungesehen aus dem Hause schlüpfen zu können. Ungeachtet der freudigen Bewegung, die dem Mädchen den erquickenden Frieden der Nachtruhe so oft störte, hätte die Natur doch wohl zuletzt ihr Recht behauptet, wäre nicht der Zufall dem lieben Kinde freundlich zu Hilfe gekommen. Flora war nach zehn- und mehrmaligem Lauschen fest eingeschlafen. Die Wellen des Baches plätscherten fort in ihren Phantasieen und erzählte ihr die lustigsten Mährchen, über 163 die sie in kindlicher Freude herzlich lachen mußte, und über den wunderbar phantastischen Geschichten vergaß sie das wichtige Geschäft, das sie früh am Tage von ihrem Lager rief. Dieser Welt heiterer Träume entriß Flora ein Ruf mehrerer Kinderstimmen, der schrillend auf den nachzitternden Scheiben verhallte. Das junge Mädchen fuhr erschrocken empor aus den Kissen, strich die glänzende Fülle ihrer hellbraunen Locken aus der Stirn, und sah, wie es schon oft in dieser Nacht gethan, mit weitgeöffneten Augen nach dem Fenster. Ihr Busen hob sich unter den beschleunigten Schlägen ihres Herzens, als sie einen mattrothen Streif am falben Himmel bemerkte. Eiligst schlüpfte sie aus dem Bett und in die Kleider, fuhr mit bloßen Füßen in ein paar zierliche Lederpantoffeln, band sich ein bunt gewürfeltes Tuch um den Kopf, das ihr Haar verhüllte und nur das feine Oval ihres frohen Gesichtchens frei sehen ließ, und glitt behutsam nach der Thür, die sie ohne Geräusch aufklinkte. Aus der Ferne ließ sich abermals ein gemeinsamer Ruf vieler Kinderstimmen hören, die in so früher stiller Morgenstunde gesangartig klangen. Wahrhaftig, sprach Flora, die Kinder halten schon ihren Umgang und rufen ihren Morgengruß vor den Thüren! Wenn ich nur nicht zu spät komme, ich alberne Langschläferin, ich! – Dorel und Femie haben gewiß schon geschöpft, und ich habe mich so hoch vermessen, die Erste sein zu wollen! Die werden mich schön auslachen, wenn sie mich zurückkommen, wohl gar mit leerem Kruge zurückkommen sehen! Guten Morgen zum Grünnduhrstje ! klang es vom nächsten Nachbarhause vernehmlich, wie das Geläute silberner Glöckchen durch die Luft, und gleich darauf erscholl das fröhliche Lachen und Flüstern einer muntern Kinderschaar bis in die Kammer des jungen Mädchens hinauf. Flora mußte das Schlafzimmer ihrer Eltern durchschreiten; denn seit jener Nacht, wo sie dem Vater begegnete, hatte dieser es für gut befunden, den besonderen Ausgang eigenhändig zu vernageln. Das heute unbemerkt bewerkstelligen zu können, daran lag ihr viel; sah man sie, so war ihr Gang nutzlos, ihr Sehnen und Hoffen 164 vergeblich. Hätten nur die übermüthigen Kinder nicht so barbarisch geschrieen! Diese langgezogenen scharfen Kehltöne mußten die festesten Schläfer erwecken. Und sie konnten im nächsten Augenblicke hart unter den Fenstern ihren weckenden Jubelruf von Neuem erklingen lassen. Ein flüchtiger Blick auf das Himmelbett, in dessen Schutze Flora's Mutter schlief, gaben ihr Gewißheit, daß sie von dem Geschrei der Kinder noch nicht in ihrer Ruhe gestört worden sei. In der entgegengesetzten Ecke aber, wo der Vater von den Mühen des Tages ausruhte, regte es sich. Ihn hatten die kleinen Schreihälse aufgeweckt und er konnte, um der Gewohnheit ihr Recht zu geben, jeden Augenblick das Zimmer verlassen und seiner Tochter sehr zur Unzeit in den Weg treten. Flora wartete und hielt den Athem an. Es ward wieder still – dann hörte sie flüstern. Unarticulirte Töne trafen ihr Ohr. Gott Lob! sagte sie frohlockend. Vater betet; da hört und sieht er mich nicht. Und mit eiligen, hüpfenden Schritten glitt sie, in dunklen Ueberwurf gehüllt, an der braun gefärbten Holzwand fort und huschte unbemerkt zur Thür hinaus. Unfern der Treppe stand ein irdener Krug. Diesen ergriff Flora, schob den Riegel der Thür des Hauses zurück und stieg über vier hohe Granitstufen in den Garten hinab. Durch diesen schlängelte sich ein schmaler Fußsteig unter uralten Obstbäumen nach dem nahen Thale, in dessen Tiefe der muntere Bach durch Erlengebüsch der Mühle zueilte. Die Luft war still, der Himmel klar bis auf einen schmalen röthlichen Dunstsaum im Osten, der die Gebirgskämme neblich verdeckte. Flora gewahrte mit Vergnügen, daß die Sonne noch nicht aufgegangen war. Leicht und gewandt wie eine Gazelle hüpfte sie unter den noch laublosen Bäumen fort, an der Cisterne vorüber, und ehe noch zwei Minuten vergangen waren, spiegelte sich ihre schlanke Gestalt in der lächerlichen Verkappung, die sie angethan hatte, in der ewig beweglichen Kristallwelle des Baches. Ammer's Tochter sah sich schüchtern um nach allen Seiten, um auch gewiß zu sein, daß Niemand sie belausche. Es war still, öde, geräuschlos rundum. Nur vom Dorfe her hörte man das jetzt lebhafter werdende Geschrei der Kinder und aus dem Dickigt im Rohr wurden verschiedene Vogelstimmen laut. Nun kniete Flora am Bachrande nieder, 165 schlug den Mantel zurück, streifte das Morgenkleid auf, daß ein voller, blendend weißer Arm sichtbar ward, und tauchte den Krug so tief in die murmelnde Welle, daß die kühle Bergnymphe ihren runden Ellbogen umspülte. Sobald sich der Krug strudelnd und gurgelnd gefüllt hatte, richtete sie sich wieder auf, benetzte ihre Lippen mit dem frischen Wasser und begab sich schleunigst wieder auf den Rückweg. Als Flora den Gartenzaun überschreiten wollte, bemerkte sie in der schmalen Gasse, welche das Grundstück ihres Vaters von dem des Nachbars schied, Albrecht Seltner, der ebenfalls einen Krug in der Hand trug. Geschwind duckte sie sich hinter die Buchenhecke, weniger um sich zu verbergen, als um den jungen Burschen nicht selbst genau zu sehen; doch wartete sie, bis derselbe mit gefülltem Kruge vom Bache wieder zurückkam. Jetzt durfte man sich sehen, sich begrüßen, mit einander sprechen, nur vor dem Wasserschöpfen ist die Begegnung unerwünscht und ein angeknüpftes Gespräch der Wirkung des Wassers selbst schädlich. Wir müssen zum Verständniß der Leser hier einschalten, daß es in vielen Gegenden unseres deutschen Vaterlandes Sitte ist, an vier der gesammten Christenheit heiligsten Tagen des Jahres, nämlich am Gründonnerstage, Charfreitage, Charsamstage, welchen die Protestanten stillen Sonnabend nennen, und am Ostersamstage vor Sonnenaufgang Wasser aus dem nächsten Bache zu schöpfen. Der Volksglaube legt solchem Wasser eigenthümliche Kräfte bei und behauptet, es halte sich ein paar Monate, ohne faul zu werden. Diese Kraft wohnt ihm jedoch nur dann inne, wenn der Schöpfende vor dieser Verrichtung Niemand begegnet, Niemand spricht. Wer sich mit Wasser, das an den genannten Tagen unter den angegebenen Bedingungen geschöpft worden ist, wäscht, bleibt nicht allein im ganzen Jahre gesund, sondern erfreut sich auch eines jugendlichen, blühenden Ansehens. Ueberhaupt legt man dem sogenannten »Osterwasser« wie man es nennt, verschönernde, auch wohl verjüngende Kraft bei und es kann, in Folge dieses Volksglaubens, nicht fehlen, daß namentlich junge Leute eifrig darauf bedacht sind, sich alle Jahre in den Besitz dieses gesegneten Wassers zu setzen. Guten Morgen, Albrecht, sprach Flora in dem Momente, wo der junge Mann vom Bache zurückkam, indem sie hinter der Hecke sich aufrichtete und ihm lächelnd die Hand entgegenstreckte. Du hast just da geschöpft, wo ich niederkniete. Hast du's nicht gemerkt? 166 Guten Morgen auch, du Himmelskind! versetzte Albrecht. Gelt, du bist schlau, du lugst hinter'n Zäunen auf die Leute, damit du sie alle begucken kannst in der Stille und allein hübsch bleibst unterm Gesicht, wenn die Andern alle häßlich werden. Bist doch ein ganzes richtiges Mädel von der Senkenadel Eine messingene oder silberne an beiden Enden sehr breite Nadel, mit der man die Haarflechten auf dem Scheitel befestigte. bis zum Schuhklötzel! Weil ich dich leiden mag, Krauskopf? Sieh, du wärst werth, daß ich dich zauste, aber mir sind meine Hände zu lieb, ich laß dich laufen. Auch wenn ich gut bin und schön bitt', Florel? Ja, bitt' nur! Du kannst immer bitten, wenn du Unrecht hast. Wie magst du nun zanken zum Gründonnerstage! sagte Albrecht. Bist so schmuck und lieb wie ein gemaltes Marienbildel in der Kirche und schau nur, was für ein Hexengesicht dich jetzt anguckt aus dem Kruge! – Gleich gib mir die Hand und mach' ein freundlich Gesicht, und das geschwind, eh' die Kinder ihre Bretzeln kriegen. Das Befehlen steht dir gut zu Gesicht, versetzte Flora. Immer zu! da nimm! Aber das muß ich sagen, zum Ehemann möcht' ich dich nicht geschenkt! Albrecht ergriff Flora's Hand mit Lebhaftigkeit und wollte sie küssen, diese zog sie jedoch so schnell zurück, daß seine Lippe nur die Buchenzweige des Zaunes streifte. Das übermüthig gewordene Mädchen lachte laut auf und lief den Garten hinan. So wart' doch, du Blitzmädel! rief ihr Albrecht nach. Was gibst du an, Nachmittags? Gehst du in's Holz oder muß du im Hause helfen? Ich werde sein, wo du mich triffst, erwiderte Flora übermüthig. Vergiß du nur nicht, dich tüchtig mit dem Wasser zu scheuern! 's wird ein Unglück geben, fürcht' ich, morgen in der Kirche. Und nun guten Morgen und laß dir den Honig gut schmecken und 's Osterlamm Honigsemmeln oder ein feines Gebäck in Form eines Lammes mit Buchsbaumzweigen besteckt war gewöhnliche Kost am Gründonnerstage. dazu. Während dieser neckenden Scherzrede war Flora tänzelnd und den Krug lustig aus einer Hand in die andere schwingend den Garten 167 hinan gelaufen. Albrecht sah ihr vergnügt und doch auch verdrossen nach. Erst als sie hinter der Cisterne seinen Blicken entschwand, verließ auch er seinen Standort, um die schmale Gasse hinauf nach seines Vaters Hause zu gehen. Flora fand bei ihrer Rückkehr bereits das ganze Haus in lebhafter Bewegung. Die nach der Straße führende Thür war weit geöffnet und jetzt von beiden Eltern eingenommen. Vater und Mutter trugen Körbchen mit Bretzeln oder Kränzeln angefüllt, und vertheilten deren Inhalt unter Scherzen und Lachen an eine Schaar jubelnder Kinder, die sich vor dem Hause versammelt hatten und deren meist blonde Lockenköpfe so eben von dem ersten Strahl der Morgensonne mit glänzendem Golde bestreut wurden. Da immer neue Schaaren die Beschenkten mit dem üblichen Rufe: »Guten Morgen zum Grünnduhrstje« verdrängten und die Austheilenden mit der billigen Backwaare nicht kargten, so mußten die Körbchen zu wiederholten Malen neu gefüllt werden, zu welchem Behufe ein paar Dienstboten als Reserve im Hintergrunde aufgestellt waren, die aus einer großen Schwinge die rasch abgehende Waare schnell ergänzten. Dieser Gründonnerstagsgruß, eine uralte und heitere Sitte, die freilich zuweilen in plumpen Unfug umschlug, ward in früheren Jahren nicht bloß von Kindern, sondern selbst von erwachsenen Burschen und Mädchen durch die Dörfer der Lausitz gerufen, ist aber jetzt, wie meistentheils alles Volksthümliche, gänzlich verschwunden. Herrn Ammer und seiner Ehehälfte gewährte sie Vergnügen, da sie gern heitere und glückliche Menschen um sich sahen; und weil es bekannt war, daß der gutmüthige und reiche Weber sich aus dem Geben selbst ein Fest bereitete, so war seine Hausthür die besuchteste im ganzen Orte. Flora trat stillschweigend auf die unterste Stufe der in's obere Geschoß führenden Treppe, um über die Eltern hinweg auf den jauchzenden Kinderschwarm sehen zu können. Die meisten hielten ihre offenen Händchen empor und haschten nach den Bretzeln, die Ammer und seine Frau in großer Menge auswarfen. Dabei lachten die Kleinen aus Herzensgrunde und riefen den freigebigen Spendern neckend zu: Noch eine Mohnbretzel für meinen Bruder, Vater Ammer! wenn auch schon an jedem Finger des Fordernden eine dieser beliebten Kränzel hing. Und Ammer erhörte immer wieder auf's Neue die Bitten der 168 lustigen Kleinen, bis denn zuletzt aller Vorrath erschöpft war und nur noch einige Brocken auf dem Boden seines Körbchens lagen. Gutmüthig schwenkte er dieses gegen den summenden Kinderhaufen, hieß sie Acht geben und schleuderte hierauf, während fünfzig Hände darnach griffen, das leichte Geflecht über die lebhaft bewegten Krausköpfe auf die Straße, wo es unter großem Lärme zu Ammer's noch größerem Ergötzen von den bettelnden kleinen Unholden in Stücke gerissen ward. Nun erst kehrte er sich um und erwiderte herzlich den Gruß seiner Tochter. Hast du Wasser geholt? fragte er Flora, sie sanft auf die blühenden Wangen klopfend. Wenn's frisch ist und klar, so gib mir einen Mund voll. Frisch wie Schneewasser, Vater, sagte Flora, den bis zum Rand vollen Krug zeigend, und Glück wird's uns bringen für's ganze Jahr, denn kein Sonnenstrahl hat's getroffen, bis ich in's Haus trat. Da trink! Nun schmeckt dir's Essen alle Tage im Jahre und Zahnweh kriegst du auch nicht, und wenn du ein ganzes Pfund Honig ißt auf ein Niedersitzen! – Kannst's auch versuchen, Mutter. Anna war gutmüthig genug, ihrer Tochter Aufforderung zu folgen, und ließ es sogar geschehen, daß Flora ihr die Augenlider mit sanftem Finger betupfte, einen guten Spruch dazu murmelnd. Laßt's nun gut sein, sprach Ammer, die Andern wollen auch 'was profitiren vom guten Wasser. Betheil' sie, Flora, dann leg' die Kappe ab und komm' in's Stübel. Denn ich denke, wir können itzunder in guten Gott's Namen rechtschaffen unser Frühstück verzehren. Flora lief die Treppe hinauf in ihre Kammer, um ihre wunderliche Morgentracht abzuwerfen, und ein sauberes, einfaches Kleid anzulegen. So erschien sie nach einigen Minuten im Wohnzimmer, wo sie bereits ihre Eltern und Brüder am Tische traf, auf welchem zur Feier des Tages eine große Schüssel mit Honigsemmeln prangte. Nach Beendigung des Frühstücks gingen sämmtliche Hausgenossen an ihre Arbeit, Frau Anna und ihre Tochter begaben sich in die Küche, wo es wegen der Nähe des Festes sehr viel vorzubereiten gab. Mutter, sagte Flora, Nachbars Albrecht war auch am Bache, um Wasser zu holen. Ich sah ihn auf dem Rückwege. Der hat Augen gemacht, als ich ihm guten Morgen bot. 169 Der Bursche ist brav, versetzte Anna. Es gibt einmal einen gottesfürchtigen Hausvater. O ja, erwiderte Flora, er kann auch zanken. Das erhält die Ordnung. Ich glaube wohl, daß er genau ist, aber weißt du, Mutter, er geht wohl zehnmal des Tages die Gasse hinunter, und das gefällt mir nicht. Das macht träg in der Arbeit. Die Männer müssen sich rühren und umschauen, Florel – 's ist so ihre Art – Vater hat's gerade so gemacht. Aber er grüßt zu oft, Mutter! Man muß ihm ja danken, daß einem Abends das Genick noch weh thut. Wär's nicht genug zwei bis dreimal täglich? Ich nähm's ihm nicht übel. Mußt's ihm sagen, wenn du's so haben willst, sagte Anna lächelnd. Ja, daß er mir gram würde! – Ich seh' lieber auf die andere Seite, wenn er so oft vorbeiläuft. Und deßhalb hat er gezankt heute? Gelt? O nein, deßhalb nicht. Die Mutter schwieg, Flora trällerte ein Liedchen und schnitt dazu Zwiebeln in eine Schüssel, um für den Mittagstisch bunte Eier zu kochen. Ich denk', begann sie nach einer Weile abermals, es könnte nicht schaden, wenn wir so gegen den Feierabend, ich meine in der fünften Stunde, in's Holz gingen. Es gibt einen prächtigen Nachmittag und es ist gar zu lieblich anzusehen, wenn die Frühlingssonne hinter den Bergen in Gold geht. Es kommt auf den Vater an, meinte Anna. Er hat viel zu thun vor dem Feste, besonders mit Abrechnungen, und du weißt, das kommt ihm etwas sauer an. O, da bin ich Meister drin, seit ich an letztem Weihnachten Vaters Stelle vertreten mußte. Ich helf' ihm jetzt trotz einem gelernten Schulmeister. Besprich's mit ihm. Aber du mußt mir beistehen, Mutter, er hat's nicht gern, wenn ich mein eigener Fürsprecher bin. Das heißt er Mädelflausen. Nun, 's soll schon sein, sagte die Mutter. Ueber Tische kann's ja besprochen werden. Wir haben ohnehin einen halben Festtag und 170 da ist's christlich, daß die Leute ein paar Stunden früher Feierabend machen. Flora war bei aller Unschuld eine so kluge Eva'stochter, wie man sie feiner und gewitzigter kaum in den gebildetsten Salons der vornehmen Welt finden kann. So erreichte sie durch scheinbare Unbefangenheit gewöhnlich, was sie wünschte, und verstand den eigensinnigen Vater in mancher Hinsicht zu beherrschen oder doch nach ihrem Willen zu leiten. Ammer willigte auch diesmal nach einigem Brummen in den ersehnten Spaziergang, und da er eine Sache nicht gern halb that, so kündigte er, einmal entschlossen, den Werktag als halben Feiertag betrachten zu wollen, seinen Leuten ungewöhnlich zeitig den Beginn des Feierabends an. Zur bestimmten Stunde war der Weber bereit, mit seiner Familie in Feld und Wald zu gehen. Diese Spaziergänge am Gründonnerstage, welche bei heiterm Wetter sich auch am Charfreitage wiederholen, sind noch jetzt gebräuchlich und geben der Landschaft, die sich mit den ersten Blättern und Blüthen des Frühlings schmückt, ein überaus bunt belebtes, fröhliches Ansehen. Auf allen Feldwegen sah und sieht man lustwandelnde Menschen, springende und jubelnde Kinder, die über die aufknospenden Blumen jauchzen oder einem gelbbeschwingten Schmetterlinge nachjagen. Aus den Gebüschen tönen Pfeifen in allen Tonarten, denn die Knaben lassen sich ihr Recht nicht nehmen, die schlanken astlosen Schwuppen der Weiden zu großen und kleinen Pfeifen zu verarbeiten, die sie jedoch nicht immer mit gleich großer Kunstfertigkeit zu handhaben verstehen. Es war ein ächt ländliches Concert, das die Familie Ammer im Felde begrüßte, regellos, bunt, fröhlich und keck, wobei die Lust, die es gewährte und verkündigte, alle Harmonie reichlich ersetzte. Unter den Saaten, auf denen bereits ein saftig grüner Duft schimmerte, schwebten Lerchen in Menge und sangen mit jubelnder Kehle ihre schmetternden Frühlingslieder. Nur auf den Kämmen und Gipfeln des hohen Gebirges glänzten unter dem sonnigen Blau des Himmels noch blendend weiße Schneefelder. Während der Wanderung durch die Feldmarken schlossen sich der Familie Ammer ein paar nähere Bekannte an, unter denen sich auch einige Gespielinnen Flora's befanden. Die Mädchen strichen rechts 171 und links durch die Büsche, pflückten Leberblümchen und Lungenkraut, und hatten dabei immer mit einander zu flüstern und zu kichern. Ammer mußte es geduldig mit ansehen, daß ihm die fröhliche Tochter seine Bibermütze auf allen Seiten mit Blumen besteckte und schließlich einen dicken Zweig blühender Saalweide darum wand, was zwar überaus bunt, doch keineswegs schön aussah. Sich selbst besteckten die Mädchen ebenfalls reichlich mit Blumen. Außerdem band sich jedes noch einen großen Strauß, aus dessen Mitte ein blühendes Weidenreis, Palmmietzel Man nennt die weichen Blüthen der Weiden so, weil sie sich gewöhnlich am Palmsonntag zuerst zeigen. genannt, weit hervorragte. Schon hatte man die breiten Höhen des Waldrückens, die eine beträchtliche Fläche bildeten, nach allen Seiten hin beschritten und noch immer wollte Flora nicht müde werden, in Begleitung ihrer Brüder und Freundinnen die Büsche unter allerhand Neckereien zu durchstreifen. Frau Anna wünschte umzukehren, da sie noch mancherlei zum Feste zu besorgen hatte. Ammer stimmte bei, kümmerte sich aber nicht weiter darum, da er mit einigen Geschäftsfreunden, denen er begegnet, in ein fesselndes Gespräch gerieth. Dies war Flora höchst angenehm, denn sie wußte, daß der Vater unter solchen Umständen Zeit und Stunde vergaß und das wiederholte Drängen der Mutter durch bloßes Beistimmen erwiderte, ohne doch Anstalt zum Aufbruche zu machen. Sie hatte gewichtige Gründe für einen verlängerten Aufenthalt und Spaziergang auf der Waldhöhe. Es war ihr nämlich in den letzten Wochen völlig unmöglich gewesen, mit Albrecht zusammen zu treffen. Ihr Vater hatte freilich nach jener verhängnißvollen Nacht, die eine so unerwartete Begegnung mit seiner Tochter herbeiführte, wiederholt den Nachbar besucht, allein, was beide Männer miteinander besprochen, welchen Entschluß sie gefaßt haben mochten, konnte Niemand errathen. Indeß traf Ammer ganz im Stillen, wie es seine Art war, die geeignetsten Vorkehrungen, um die unerfahrene Tochter vor Schaden zu bewahren. So lebte denn Flora in einer peinigenden Ungewißheit. Und doch sehnte sie sich so sehr nach einem Zwiegespräch mit Albrecht, mehr 172 vielleicht noch nach einem bestimmenden Worte beiderseitiger Eltern. Der Zufall und die Sitte des Landes mußten in dieser Noth Aushilfe gewähren, und da gab es offenbar keine günstigere Gelegenheit, als der Spaziergang durch Flur und Wald, über Berg und Thal am fröhlichen Gründonnerstage. Nun aber lief man schon weit über eine Stunde in Feld und Busch herum, die Sonne breitete schon goldfarbige Schleier über den Hochwald, der Thau fiel kältend im Thal und noch immer ließ der heiß Ersehnte sich nicht blicken. Flora ward bange, ihre muntere Laune verlor sich, sie verstummte und ließ die Freundinnen plaudern, die es an neckenden Anspielungen nicht fehlen ließen. Da endlich trat Albrecht fröhlich hinter einem dichten Busche hervor und überreichte Flora ein Sträußchen der schönsten Vergißmeinnicht, die er weit und breit an den Bachrändern zusammengesucht hatte. So erklärte sich sein spätes Erscheinen. Flora nahm die Liebesgabe erröthend an und schlug die Augen nieder. Grollst du noch, Goldherz? fragte Albrecht, indem er die Hand des Mädchens ergriff und den voranhüpfenden Freundinnen seiner Geliebten folgte. Du mußt doch sehen, daß ich lieber im Sonnenschein sitze, als im Schatten mir's Fieber hole. Flora antwortete auf diese freundliche Anrede nicht, aber ein rascher Aufblick ihrer schönen Augen sagte ihm, daß ein ganzes Freudenfeuer der Liebe lichterloh in ihrem Herzen brenne. Potztausend! flüsterte Albrecht ihr zu. Das leuchtet ja wie die Berge am Johannisabend! Hast du 'was dawider, wenn ich mir auch ein paar Freudenkerzen an deinen süßen Augen anzünde? Was du nun schwatzest! die Sonne blendete mich. Ja, sie meint's gut, weil sie guter Dinge ist, wie wir. Die hat wohl mehr zu thun, als sich um uns zu kümmern, sagte Flora. Ich möchte ihre Geschäfte nicht verrichten einen ganzen Tag lang, eh' sie herum kommt um den Erdball. Es muß eine Freude sein für sie, wenn sie recht viel Glück sieht auf so 'ner Wanderung; aber das Herz, denk' ich, müßt' ihr brechen, hat sie manchmal nichts zu bescheinen, als das nackte Elend. Das ist schon ganz gescheidt eingerichtet, Florel, erwiderte Albrecht. Es gibt jederzeit ein richtiges Gemenge. Der liebe Gott ist ein grausam kluger Webermeister. Der schießt immer neun Fäden Freude 173 zu einem Faden Kummer ein. Drum hat auch die Welt, wenn man's nur richtig betrachtet, immer ein Feiertagskleid an. Während dieses Zwiegesprächs hatten Ammer und seine Begleiter die jungen Leute, zu denen sich jetzt auch Christlieb und Fürchtegott gesellten, eingeholt. Bist du auch da, Albrecht? fragte Ammer. Wie geht's daheim? Danke der Nachfrage, Herr Ammer, 's ist ja Alles in Schick. Und bei Euch? Viel Arbeit, Albrecht, und schwere Sorgen dazu; aber Gott Lob, ich bin so daran gewöhnt! Sorgen und Mühen sind gesund für Leib und Seele. Die Luft wird kühl, bemerkte Ammer. Wenn wir langsam so fortschlendern, kommen wir gerade heim zum Lichtanzünden! Flora hatte jetzt nichts mehr gegen den Heimweg einzuwenden. Sie betrat selbst den nächsten, nach den Wiesen führenden Fußsteig, auf denen bereits die Abendnebel in weißen Wolkengebilden sich niederließen. Die heimkehrenden Kinder sangen mit hellen Silberstimmen Lieder, indem sie paarweise, blühende Weidenzweige tragend, die Höhen hinuntergingen. Gehst du morgen zum Bach? fragte Albrecht. Flora nickte. Brauchst dich aber nicht umzugucken, fügte sie hinzu; das Wasser könnte dir sonst verderben. Aus der Ferne über die Bergstraße herein scholl der feierliche Klang einer Glocke. Strahlend, den westlichen Himmel in goldnen Schimmer füllend, versank die Sonne hinter den Bergen. Da läuten sie schon Feierabend, sagte Ammer. Die drüben in B. gehen 'was zeitiger, als wir. Unsere Kirchenuhr macht's wie alte Leute. Sie läßt die Jüngern voranlaufen. Horch, da fangen sie auch an zu bimmeln. Bald erklang nun von allen Seiten Glockengeläute, aus den Thälern und von den Bergen, bald leiser, bald lauter; heller als die übrigen aber tönten die Glocken der Stadt, die in vollkräftigem Tenor alle anderen überschrieen. Als die Heimkehrenden die Thalsenkung erreichten, in der sich das freundliche Dorf ausbreitete, verstummte das Geläute nach und nach. Die Glocken schlugen in regelmäßigen Pausen neunmal nach 174 einander an, alle Männer entblößten ihre Häupter, Kinder und Erwachsene falteten die Hände und beteten, still neben einander fortwandelnd ein Vaterunser. Guten Abend beisammen, sprach Ammer, sein silbergraues Haupt mit der phantastisch geschmückten Mütze wieder bedeckend. Seid nun fein fromm, damit ihr unseres Herrn Todestag christlich antretet! Vor dem Dorfe trennten sich die verschiedenen Parteien unter mehrmaligem Gruße. Auch Albrecht sagte dem Weber nebst Frau und Tochter gute Nacht. Im Weggehen drückte er Flora nochmals verstohlen die Hand und flüsterte ihr zu: Erkälte dich nicht beim Wasserholen, damit wir zum Feste einen lustigen Tanz mit einander halten können. Auf Wiedersehen, du liebes Blauauge! Er verschwand in der Gasse und Flora suchte die Purpurröthe ihres Gesichtes dadurch zu verbergen, daß sie sich zu dem jubelnd heranspringenden Bello herabneigte. Zehntes Kapitel. Zwei Herzen finden sich. Abends hatte Flora merkwürdiges Unglück. Sie zerbrach einen Porzellanteller, schüttete die Kartoffeln anstatt in die Schüssel auf's Tischtuch, goß dem Vater das Bierglas so voll, daß es überlief, und als sie der Mutter das Salzfaß reichen sollte, ließ sie es unachtsam fallen, daß ihr der ganze Inhalt desselben in den Schooß rieselte. Ammer sah die Tochter mit großen Augen an und sagte ungehalten: Was hast du denn, Mädel? Bist du ganz und gar messeldrehig geworden? Behüte Gott, die Luft hat mich bloß so zittrig gemacht. 175 Diese Aufregung Flora's, die sich in jeder ihrer Bewegungen kund gab, verließ sie auch in der Nacht nicht. Sie schlief fast noch weniger, als in der vergangenen, doch störte sie diesmal nicht das Plaudern des rauschenden Baches, sondern das ungestüme Klopfen ihres Herzens. So oft sie die Augen schloß, schien es ihr, als fange das Herz an zu reden. Es klang ihr gerade so, als spräche eine übermüthig neckende Stimme immerfort die drei neckenden Worte: »Er liebt dich! Er liebt dich!« Manchmal machte der verrätherische Schwätzer eine kleine Pause, gleichsam um Athem zu holen, und dann hörte es Flora in beiden Ohren lachen. Zu anderer Zeit würde sie sich halbtodt gefürchtet haben und vielleicht gar nicht in der Kammer geblieben sein, heute aber verzog sie ihren frischen purpurrothen Mund nur zu einem schelmischen Lächeln, schloß die Augenlider so fest, daß buntfarbige Bilder in schnellem Fluge, bald schattenhaft, bald glänzend daran vorüberzogen, hüllte sich fester in die weiche Federdecke und sagte sich im Tact des laut klopfenden Herzens die drei Worte halblaut vor, die sie so deutlich zu hören glaubte. Diese Beschäftigung behagte Flora über die Maßen, doch wollte sie ihr den ersehnten Schlaf nicht bringen. Schlummerte sie aber ja auf einige Minuten ein, so sah sie jedesmal Albrecht's schwarzen Krauskopf hinter dem Busche, seine glänzend dunkeln Augen mit dem Ausdruck innigster Ergebenheit auf sie richtend. Früher als am vorigen Tage rüstete sich Flora am Morgen zum Gange nach dem Bache. Hier angekommen, bemerkte sie an den benetzten Schöpfsteinen, daß schon vor ihr Jemand da gewesen sein mußte. Der Volksglaube überwog aber doch ihre Neugierde, weßhalb sie denn schweigend den Krug im Wasser untertauchte und ihn füllte, ehe sie das Köpfchen umwandte und mit scharfem Auge alle Erlenbüsche durchspähte. Niemand war zu sehen. Kein Luftzug bewegte die Bäume, selbst im Rohre, wo es doch immer unheimlich pfiff, rauschte es nicht. Um auch Andere nicht zu stören oder wohl gar einer alten Frau zu begegnen, was für ein sehr unglückliches Zeichen gehalten wird, trat Flora ziemlich schnell den Rückweg an. Am Zaune rastete sie, um einen Blick in die Gasse zu werfen. Sie war öde und still. Flora zog mißmuthig die Augenbrauen zusammen und ging dem Hause zu. Die Blicke auf den Boden heftend, bemerkte sie mit Schrecken, 176 daß in kurzen Zwischenräumen einzelne helle Tropfen auf den Weg träufelten. Mechanisch fuhr sie mit der Hand nach den Augen und fühlte, daß sie weinte. Bei dieser Entdeckung versetzte es ihr den Athem und die Frage: gelten diese Thränen wirklich ihm, weil er mir nicht begegnet ist? drängte sich auf ihre Lippen. So erreichte sie die Granitstufen am Vaterhause. Ohne aufzublicken, stieg Flora langsam hinauf, streckte den Arm aus, um die Klinke zu erfassen, und berührte statt derselben eine warme Hand, die kräftig ihre kühlen, zarten Finger umschlang. Ein lauter Schrei entschlüpfte ihrem Munde, dann ward sie von starken Armen umfangen und ein heißer Kuß brannte auf ihren bebenden Lippen. Das soll mein Frühstück sein zum guten Freitag! sagte Albrecht triumphirend, und wenn's Wasser noch vor Mittag verdirbt, so will ich doch Gott preisen und lustiger singen, als alle Engel im Himmel. Hab' ich jetzt doch meinen Engel geherzt und die Thautröpflein von seinen Aeuglein aufgesogen. Nun behüt' dich Gott, Goldschätzchen! Zum Läuten lug' ich wieder nach dir aus. Der flinke Bursche war längst über den Zaun gesprungen, als Flora, noch immer vor der Thür stehend, von ihrer Ueberraschung sich wieder erholte. Blitzbub', sagte sie jetzt, hätt' er mich nicht zum Glück so fest an sich gedrückt, wär' ich richtig die Stufen hinuntergepurzelt und hätte Hals und Beine brechen können. Aber wahr muß es doch sein, so ein junger Bursche hat nicht für einen halben Böhmen Lebensart! Lauert hinter den Thüren, um die Mädchen zu überraschen und nichts wie lauter ungereimtes Zeug in die leere Luft hinein zu plauschen. Na wart! Wenn ich dich wiederseh', will ich dich ablaufen lassen! An den guten Freitag Morgen sollst du gedenken! Flora's Eltern erfuhren nichts von dieser Begegnung. Beide legten frühzeitig ihren Festtagsstaat an, um den Beginn des Gottesdienstes nicht zu versäumen. Flora that desgleichen, doch ehe sie dazu kam, verbrauchte sie ungewöhnlich viel von dem am Morgen geschöpften Wasser. Sie badete sich wiederholt in der kühlen Fluth Gesicht, Hals und Brust, hatte während dieses Geschäftes gar eigene Gedanken und Wünsche. Dann ging sie, geschmückt wie eine Brautjungfer, mit Vater und Mutter zur Kirche, während den daheim 177 bleibenden Brüdern die Beaufsichtigung des Hauses von Herrn Ammer ernstlich empfohlen ward. Die Kirche war, wie stets am Charfreitage, überfüllt mit Menschen, weil für die Dorfbewohner der Gottesdienst einen ganz eigenthümlichen Reiz erhält durch Absingung der sogenannten »Passion«. Man versteht darunter eine auf Noten gesetzte Erzählung der Leidensgeschichte Christi, bearbeitet nach einem der vier Evangelien. Gewöhnlich hat das Evangelium St. Johannes den Text dazu geliefert und zwar wörtlich nach der lutherischen Bibelübersetzung. Der Vortrag dieser Passion, ein monotones Recitativ, von ungeschulten und gänzlich unmusikalischen Menschen ausgeführt, ist in der Regel ohrenzerreißend. Das genirt jedoch den gläubigen Landmann nicht, der es nur mit der Sache hält und daher den ästhetischen Punkt ganz übersieht. Ammer und seine Familie theilten in dieser Beziehung vollkommen den Geschmack aller Uebrigen und hatten deßhalb an der traurig wüsten Musik nicht das Geringste auszusetzen. Im Hause des Webers ward der Charfreitag als Todestag des Welterlösers sehr stille zugebracht. Ammer duldete an diesem hochheiligen Tage kein Scherzwort, nicht einmal bei Tische, wo er es doch gern sah, wenn die Seinigen recht heiter waren. Wer nicht etwas Ernsthaftes zu sprechen wußte, der durfte gar nicht reden. Gewöhnlich unterhielt man sich über die gehörte Predigt. Ammer verlangte nämlich, daß Jeder die Hauptsätze daraus anzugeben wisse, und machte deßhalb, in derartiger Auffassung geübt, gerne den Examinator. Auch heute vergaß er nicht, darnach zu fragen, allein Flora bestand sehr schlecht. Sie wußte wohl im Allgemeinen, was der Prediger gesagt hatte, einen zusammenhängenden Hauptsatz aber konnte sie nicht angeben. Dies zog ihr einen Verweis vom Vater zu, und als wohlthätige Strafe ward ihr aufgegeben, in allen vier Evangelisten die Leidensgeschichte nachzulesen. Ammer kündigte seiner Tochter an, daß er sie nach abgehaltener Mittagsruhe darüber examiniren werde. Dieses zweite Examen bestand das junge Mädchen besser, weßhalb auch ihre Bitte, an dem schönen Tage wieder durch die Felder zu wandeln, bei dem Vater Gehör fand. Frau Anna schlug anfangs die Begleitung aus, ließ sich aber später doch von den innigst bittenden Augen der Tochter dazu überreden, die nun einmal die Gewalt 178 besaß, Alle mehr oder weniger durch die Anmuth ihres Wesens zu beherrschen. Zur Erinnerung an den Tod Christi wird am Charfreitage auf allen Ortschaften in dieser Provinz eine volle Stunde mit allen Glocken geläutet. Gewöhnlich geschieht dies Abends von fünf bis sechs Uhr. Um diese Zeit pilgern die Landleute, wenn die Witterung einladend ist, durch die Felder. Ueberhaupt sind diese Feldspaziergänge an allen Sonn- und Festtagen sehr gebräuchlich. Aeltere Leute sprechen während derselben über öffentliche und häusliche Angelegenheiten und die Jugend benutzt sie zu Anknüpfungen von Bekanntschaften, die in weiterer Folge häufig Ehebündnisse bedingen. Die Familie Ammer wandte sich heute dem rechts gelegenen höheren Berge zu, um auf seinen waldbekränzten Höhen das Feiertagsgeläute aus recht vielen Dörfern zu hören. Auf dem Wege dahin mußten sie das Rohr durchschneiden, eine Passage, die für Frauen mit einigen Beschwerlichkeiten verbunden war, indem der schmale Pfad selten austrocknete und der starke Bach im Frühjahr gewöhnlich die schmale Brücke überfluthete. Wie schon bemerkt, war diese Gegend gewöhnlich sehr einsam, heute aber hatte sich ein Schwarm Knaben darin angesammelt, die junge Sprößlinge suchten, um die beliebten Pfeifchen daraus zu schneiden. Ammern machte es Vergnügen, die Rührigkeit der muntern Jugend zu betrachten, und obwohl die kleinen Plünderer seinem Eigenthum arg genug mitspielten, ließ er sie doch nicht hart an. Laßt mir zu meinem Bedarf nur auch 'was übrig, ihr Schäker! war die einzige Warnung, die er sanft drohend den Knaben zurief. Inzwischen erreichten die Spaziergänger den schäumenden Bach. Dieser hatte sehr viel Wasser und überfluthete strudelnd nicht nur den schmalen Holzsteg, sondern auch noch die auf denselben zu bequemerem Ueberschreiten gelegten Schrittsteine. Ammer ging rasch voraus und kümmerte sich mit seinem starken Schuhwerk nicht um die klare Welle, die ihm bis an die Knöchel reichte. Für die Frauen aber war dies ein unangenehmer Zufall. Ihre leichte Fußbekleidung konnte solche Hindernisse unmöglich überwinden. Frau Ammer rief deßhalb ihrem Manne zu, er möge zurückkommen, damit man auf einem weiteren, oben durch die Waldung führenden Wege die Höhe des Berges 179 erklimmen könne. Allein davon mochte der Weber nichts hören, der es sich in seinem ganzen Leben zum Gesetz gemacht hatte, jeden Versuch gut oder übel zu Ende zu führen. Er bestand darauf, Mutter und Tochter sollten allein umkehren und später auf dem Berge wieder mit ihm zusammentreffen. Dies veranlaßte einen kleinen Wortwechsel, der Ammer's gute Laune zu trüben begann. Da erschien zu rechter Zeit in der Person Albrechts, der seinem Nachbar in einiger Entfernung gefolgt war, ein Retter in der Noth. Was braucht's da viel Reden, Vater Ammer, sagte der junge Mann, höflich grüßend. Es müßte doch curios aussehen, wenn der Vater allein die steile Berglehne hinaufkröche, um Mutter und Tochter liefen wie verirrt durch die Felder. Wenn Jungfer Florel nichts dawider hätte, wüßt' ich wohl Rath. Während er noch sprach, hob er mit starkem Arm die liebe Last vom Boden auf und trug sie lachend über die Brücke. Auch die Mutter mußte sich darein fügen, auf gleiche Weise zu den Ihrigen zu gelangen. Durch diesen kleinen Ritterdienst erwarb sich Albrecht das Recht, die Familie Ammer begleiten zu dürfen. Es wäre unhöflich und gegen allen Brauch gewesen, den jungen Mann daran verhindern zu wollen, weßhalb es denn der Weber geschehen ließ, obwohl man ihm ein starkes Mißbehagen anmerkte. Er schritt den Uebrigen voran, nahm gar keinen Theil an dem Gespräch, das Albrecht im Flusse zu erhalten wußte, und gab selbst auf mehrmals an ihn gerichtete Fragen keine Antwort. Laßt ihn nur, sagte Frau Anna. Wären wir ihm nachgewatet durch's Wasser und hätten dabei die Pantoffeln verloren, so würde er lachen, daß ihm die Mütze wackelte. Er kann just's Aendern nicht leiden. Auf der Klippe des Berges angekommen, legte sich Ammer am steilsten Abhange auf eine Felsenplatte, ließ die Beine über die schroffe Wand herunterbaumeln und schlug mit den Absätzen im Tact der Glocken, die inzwischen zu läuten begannen, gegen das Gestein. Ammer, sagte Frau Anna, die sich über solchen Eigensinn ärgerte, wenn du mit Gewalt Hals und Bein brechen willst, kannst du's 180 bequemer haben. Klett're auf den Heuboden und falle 'runter; da können wir nachher die Gebeine in Schnupftücheln zusammenlesen. Als Antwort auf diese freundliche Verwarnung nahm Ammer grüßend die Mütze ab, kehrte den Seinigen den breiten Rücken zu und rutschte noch ein Stück weiter vor auf die Klippe. Ich koch nur so vor Aerger! sprach Frau Anna zu Albrecht, 's ist so ein kreuzbraver, guter und gescheidter Mann, wenn ihm Alles nach seinem Sinne geht, man kann ihn um die Finger wickeln, und itzund murrt er und mault, weil wir uns die Strümpfe nicht verdorben und kein kalt Fieber noch dazu geholt haben! O ja, die Männer, – sie haben wohl zuweilen Köpfe, daß einem graust! Mutter, sprach Flora, willst du mir einen Gefallen thun? Das weißt du ja, Kind. Nun, da gib Acht, wie ich den Vater von seiner Dummheit curire. Sie stand von dem Moossitze auf, den sie bisher zwischen Albrecht und ihrer Mutter eingenommen hatte, ließ ihre Pantoffeln auf dem weichen Sitze zurück und schlich sich auf den Zehen zu dem Schmollenden. Ihre Hand sanft auf dessen Schulter legend, sagte sie zu ihm: Vater, hörst du's Läuten? Ammer sah sie schielend von der Seite an, legte den Knopf seines Stockes an den Mund und brummte. Wenn man so drauf hört, fuhr Flora fort, so klingt's bald accurat wie »Gott vergib uns unsre Schuld!« – 's wird einem ordentlich ganz versöhnlich um's Herz. – Horch, da klingt's eben wieder so recht bittend über den Wald herein! – Ob sie wohl schon geläutet haben mögen, wie der Herr Christus gekreuzigt wurde? Ich kann mir's nicht denken und gelesen hab' ich auch nichts davon im Chronikbuche, es müßten ja sonst alle Ungläubige, Spötter, Frevler und Unversöhnliche erschrecken und vor Schaam sich in die Erde hineinverkriechen bis über die Augenbrauen, wenn sie noch länger dumm thun wollten, und dächten doch dabei, an Christi Leiden und Sterben! – Horch, da klingt's schon wieder: Gott vergib uns unsre Schuld. Ammer war längst aufgestanden, sah sein kluges Töchterchen wohlgefällig an und drehte fleißig seinen kostbaren Rohrstock in den Händen. Bist du jetzt fertig? fragte er die allerliebste Predigerin, 's wundert mich grausam sehr, warum 's unser Herrgott nicht zugibt, daß 181 die Weiber als Apostel, Propheten und Missionäre nach aller Welt Enden gehen! 's müßt' eine Freude sein zu sehen, wie die Heiden ihre Götzen zerschlügen, blank um weiter nichts, als weil irgend ein hübsches Rosenmäulchen von Liebe und Versöhnung eine erbauliche Rede vor ihnen hält! – Itzund geh', Mädel, und such' deine Pantoffeln, sonst wirst du dir die Füße doch noch erkälten, wenn du auch's Bachwasser nicht berührt hast. Flora nahm ihren vorigen Platz wieder ein und flüsterte der Mutter zu: »Gelt nun thust du mir einen Gefallen?« Du willst's wohl gar versiegelt und verbrieft? Behüte Gott, aber du sollst Augen machen! Ammer störte die Fortsetzung dieses kurzen Zwiegespräches, worüber sich Flora nicht sehr zu grämen schien; denn während sich Vater und Mutter leise unterhielten, lauschte sie gar aufmerksam den zierlichen und wohlgesetzten Redensarten, die ihr Albrecht zuflüsterte. Sie mußten ihr wohl gefallen, denn ihr Gesicht strahlte vor Freude, ja, sie ward so ganz Auge und Ohr für Albrecht, daß sie weder das harmonische Glockengeläute, noch den zweimaligen Ruf ihres Vaters mehr hörte, der zum Aufbruch mahnte. Ei so schwatzt, daß euch die Schnäbel abfallen! sagte er, seinen Rohrstock zwischen Beide schiebend. Das muß was Großes sein – laßt ihr's nicht in die Zeitungen rücken? Etwas verlegen brachen die beiden jungen Leute ihr lebhaftes Gespräch ab. Es war spät am Abend, als sie das Dorf wieder erreichten. Ehe Albrecht sich verabschiedete, vertrat ihm Ammer den Weg. Halt noch einen Schlag, sprach der Weber. Du hast meiner Frau und Tochter heute ungebeten einen Gefallen gethan, wofür ich in deiner Schuld bin. Geschenkt nehm' ich aber nichts, das weißt du so gut, wie es dein Vater weiß. Drum wird mir's lieb sein und den Meinigen auch, wenn du und deine Eltern auf die Feiertage bei uns ein Schälchen Kaffee trinken wollt. Kuchen kann ich dir nicht versprechen, denn sie sollen erst gebacken werden, und wenn meine Frau sie verbrennt, so kann ich dir nichts vorsetzen als Brod und Butter. Wirst du kommen? Und wenn's Betteljungen regnete, Vater Ammer! Dann gute Nacht und einen Gruß zu Hause. 182 Ammer schüttelte dem jungen Manne die Hand, ließ die Frauen voraus in's Haus gehen und verriegelte dann eigenhändig die Thür, was er sonst nie zu thun pflegte. Das hätte noch Zeit gehabt, bemerkte Anna. So ist's besser, versetzte der Weber. In der Charfreitagsnacht trau' ich niemals. Da hält sich alles Volk, das auf krummen Wegen geht, der heiligen Zeit wegen für sicher. Elftes Kapitel. Der stille Sonnabend. Am nächsten Morgen eilte Albrecht vergebens noch vor Sonnenaufgang an den Bach, um Flora zu sprechen. Das junge Mädchen kam nicht. Sie war zwar rechtzeitig erwacht und auch bereits auf dem Sprunge, das Haus zu verlassen, als die Mutter sie rief. Frau Anna trieben heute gar wichtige Geschäfte früher aus den Federn. Sie mußte Osterfladen backen und später die Säuberung des ganzen Hauses vom obersten Sparren bis zur Hausdiele herab wenigstens mit eigenen Augen überwachen. Sie hatte die halbe Nacht in den süßesten Träumen zugebracht, denn sie konnte sich aus Rosinen und Mandeln nicht herausfinden. Die Sorge um das ihr bevorstehende wichtige Geschäft ließ sie jedoch nicht recht zur Ruhe kommen, der leichte Schritt der Tochter, die abermals Wasser schöpfen wollte, weckte sie, und um nicht lange auf die rüstige Gehilfin warten zu dürfen, rief sie der Davoneilenden in mütterlichem Eifer nach, sie möge sich sputen. Eine so ärgerliche Störung war dem Mädchen höchst unangenehm. Die Heimlichkeit, welche nach der Behauptung des Volkes dem Wasser allein Kraft und Weihe verlieh, war gestört durch den Ruf der Mutter; sie fürchtete Unglück zu haben, den ganzen Tag lauter thörichte Dinge zu thun und am Ende gar mit trüben Ahnungen, das heilige Fest anzutreten. Sie antwortete deßhalb der Mutter, um sich jeden 183 Ausweg auf einmal abzuschneiden, und stellte den schon ergriffenen Krug wieder in den sichern Winkel. Frau Anna war damit sehr zufrieden. Sie zündete selbst Feuer im Ofen an, was sie an andern Tagen regelmäßig der Dienstmagd überließ, rückte die Milchfässer zurecht, damit sie gleichmäßig durchwärmt werden möchten, und als ihrem Gefühle nach das Zimmer die gehörige Temperatur erreicht hatte, ließ sie das Feuer langsam wieder erlöschen. Das war so herkömmlich seit vielen Jahren. Frau Anna sah es nicht gern, wenn ihr Jemand drein redete, und mochte deßhalb nur solche Personen um sich leiden, die ihren Befehlen unbedingt gehorsamten. Ammer wußte das längst, dennoch konnte er kleine Neckereien nicht unterlassen. Zwar kümmerte er sich nicht um das Schaffen seiner Frau an solchen Tagen, so oft ihn aber sein Weg durch das Wohnzimmer führte, wo die große That vorbereitet ward, machte er jedesmal schlechte Witze, tadelte die Hefe, die Milch, nannte die Butter alt, schimpfte auf die mancherlei Zuthat, die doch stets vortrefflich war, und hatte die schadenfrohe Genugthuung, durch seine unnützen Bemerkungen seine Frau entschieden verdrießlich zu machen. Erst wenn Anna, in solchem Falle reizbar, ihm ein paar Grobheiten erwiderte, zog er lachend von dannen, indem er sich achselzuckend in sein Schicksal fügte, das, wie er meinte, die Männer an solchen Tagen unter das Pantoffelregiment der Weiber stelle. Obwohl Flora von der widerfahrenen Störung anfangs unangenehm berührt ward, machte ihr später das Umherstreichen Albrechts doch viel Vergnügen. Unbemerkt beobachtete das spähende Mädchen durch eine Spalte im Fensterladen den harrenden Jüngling, der sich heute so bitter in seinen Erwartungen getäuscht sah. Inzwischen belohnte sich die rastlose Thätigkeit Frau Anna's an diesem Tage in glänzender Weise. Das Feiertagsgebäck, dessen Nichtvorhandensein – wir müssen es unumwunden sagen – den Weber sehr ärgerlich machen konnte, obwohl er es Niemand gestand, gerieth vortrefflich, und Ammer ließ es sich zur Genugthuung von Mutter und Tochter eben so trefflich munden. Nachmittags begann die Säuberung des Hauses, wobei Jeder, sofern nicht der Hausherr für sich seine Dienste in Anspruch nahm, ohne Gnade helfen mußte, und so wurde es ermöglicht, daß zur Feierabendstunde Alles beendigt war und 184 sämmtliche Hausgenossen sich nach Belieben auf die nächsten Fest- und Freudentage vorbereiten konnten. Die Abendstunden des »stillen Sonnabends« wurden, diesem Namen entsprechend, in größter Stille und eigenthümlicher Weise zugebracht. So gern Ammer es sah, wenn des Abends zuweilen ein Nachbar bei ihm einsprach, an diesem Tage ward kein Besuch angenommen, was freilich ein Leichtes war, da ohnehin keiner kam. Diejenigen, welche mit dem Weber auf freundschaftlichem Fuße lebten, kannten seine Eigenthümlichkeiten zur Genüge und wußten, daß er den abendlichen Rest dieses Tages nur im Kreise seiner Familie zuzubringen pflege. Frau und Kinder mußten sich nach dem frugalen Abendessen um den viereckten Tisch von Lindenholz setzen, alle Arbeit ruhen lassen und einer Lectüre Ohr und Herz leihen, an der sie sehr wenig Geschmack fanden. Ammer las nämlich in eigener Person aus Klopstock's »Messiade« vor, die er von seinem Pathen, einem Gelehrten, bei der Confirmation zum Geschenk erhalten hatte, und welche beiläufig das einzige Werk deutscher Literatur war, das er besaß und kannte. Er hatte es wirklich schon einigemale durchgelesen und sich immer wieder von Neuem daran erbaut, da es ihm eine zweite Bibel zu sein schien. Freilich vergingen Jahre, ehe sämmtliche Gesänge durchgearbeitet wurden, allein das störte den in seiner Ausdauer unermüdlichen Weber nicht, und noch weniger durften seine Zuhörer sich dagegen auflehnen. Frau Anna war an diese Feier des Abends vor dem Osterfeste so gewöhnt, daß sie etwas vermißt haben würde, wäre die Lectüre ganz unterblieben. Flora und ihre Brüder waren aber zu lebhaft, zu übermüthig und zu jung, um an den ernsten Versen des gottbegeisterten Sängers, die im Munde ihres Vaters auch nicht gerade an Wohlklang gewannen, Gefallen finden zu können. Flora fing daher regelmäßig während der Lectüre an zu gähnen, erst verstohlen, dann laut, und wenn sie ihre Langeweile durch so unzweideutige Zeichen kundgegeben hatte, begann sie mit den Augen zu blinzeln, mühte sich vergebens eine halbe Stunde ab, die schweren Lider offen zu halten, bis zuletzt Müdigkeit und Langeweile sie gänzlich überwältigten und das gute Kind neben der lächelnd zuhörenden Mutter sanft einschlief. Den Brüdern erging es nicht besser, doch verhielten sie sich ruhig, bis des 185 Vaters monotone Stimme sie ebenfalls glücklich in festen Schlaf einlullte. Ammer, nur mit dem Buche beschäftigt und überdies ein großer Verehrer des Dichters, der ihm höher stand als David, der Psalmist, merkte nichts von der Schlafsucht seiner Kinder. Er las, ohne aufzublicken oder einzuhalten, bis die schwarzwälder Uhr auf Neun aushob. Bei diesem Schnarren des Räderwerkes machte er mit dem Daumennagel ein Zeichen in's Buch, legte seine Hornbrille zwischen die Blätter und schlug es zu. Jetzt erst sah er sich um nach seinen Zuhörern. Da saß Frau Anna aufrecht wie eine Statue, die Arme über die Brust gekreuzt, mit dem Rücken gegen die Holzwand gelehnt. Sie sah mit ihren gutmüthigen blauen Augen gerade vor sich hin und rührte keine Fiber. Neben ihr, das lockige Köpfchen an die Schulter der Mutter lehnend, schlummerte Flora den glücklichen Schlaf der Jugend und Unschuld. Weiter unten am Tische nickten Christlieb und Fürchtegott um die Wette. Wie Ammer diese seltsame Gruppe gewahrte, schlug er mit der Faust hart auf den Tisch und sagte: Wo siehst du hin, Mutter? Hörst du nicht, daß es auf Neun aushebt? Darauf zwinkerte Frau Anna mit den Augen und versetzte: Ist's wirklich schon neun? Ja, ja, die Zeit vergeht rasch. Sie würde aber schlecht bestanden haben, hätte ihr Eheherr sie über das Gehörte examiniren wollen; denn der Wahrheit gemäß müssen wir melden, daß die gute Frau so viel wie gar nichts gehört, wohl aber über tausend andere wichtige und unwichtige Dinge nachgedacht hatte. Und die Heidenkinder schlafen, Gott versorge mich, richtig wieder! fuhr Ammer fort, seinen Schemel mit der blau angestrichenen Lehne polternd zurückschiebend, daß Flora und ihre Brüder darüber erschrocken aufwachten, 's ist kein Christenthum mehr in der Jugend, grollte er fort, die abgelaufenen Gewichte der Wanduhr aufziehend. Anna entschuldigte die Kinder mit den mancherlei Geschäften des Tages, die sie ermüdet hätten, während Flora erröthend hinter dem Tische hervorschlüpfte, ihren Brüdern einen Wink gab, den Eltern gute Nacht wünschte und geschwind das Zimmer verließ. Ihrem Beispiele folgten 186 alsbald die Brüder. Ammer murrte und brummte noch eine Weile über Unachtsamkeit und zerstreutes Wesen der Seinigen, ließ es aber ruhig geschehen, daß die Mutter ihn mit sich fortführte. Ein paar Minuten später schlief das ganze Haus. Man hörte nur noch das Klopfen des Holzwurmes im Getäfel und das Plätschern des Waldbaches im Erlengebüsch. Zwölftes Kapitel. Zu viel Glück. Sobald der letzte Glockenschlag der Mitternachtsstunde verhallt ist, beginnt am Ostermorgen in Städten und Dörfern ein allgemeines Läuten, das ebenfalls, wie das Trauergeläute am Charfreitage, eine Stunde dauert und den sorglos Schlummernden mit lautem Freudenschalle den Anbruch des Auferstehungsmorgens verkündigt. Dies Geläut wünschte Jeder gern zu hören, weßhalb in allen Familien auf rechtzeitiges Erwachen beim ersten Zusammentönen der Glocken geachtet wird. Diesmal hätte es jedoch Ammer, der sonst regelmäßig zuerst im ganzen Hause erwachte, wohl verschlafen, wäre nicht Flora als Retterin erschienen. Ihr feines Ohr vernahm den ersten Ton der metallenen Sänger und geschwind huschte sie in die Kleider, um die Eltern im Nebenzimmer zu wecken. Das junge Mädchen hatte bisher nur im Halbschlummer zugebracht. Halb angekleidet auf ihrem Lager ruhend, lauschte sie jetzt dem leise geführten Gespräche der Eltern, die sich weniger aus Bedürfniß als aus Vorsicht unterhielten, um während der Pausen nicht wieder einzuschlafen. Sie suchte sich damit die Zeit zu vertreiben, daß sie bald die gewaltig dröhnenden Schläge der großen, dann wieder das schrillende Gebimmel der kleinen Glocken zählte. Verstummte das Geläut auf einige Zeit, so hatte sie genug zu denken, um nicht vom Schlafe überwältigt zu werden, und als die Stunde vergangen war, vertiefte sich Flora in das Chaos der Zukunft, das als ein schimmerndes, von 187 tausend Reizen verlockend umstrahltes Bild vor den Augen ihres Geistes stand. Phantasie und leiser Traum verschwammen in diesem Schwärmen der glücklichen Seele auf wundersame Weise, so daß Flora wachend träumte und träumend wachte, ein Zustand, der bei langer Dauer Geist und Körper gleichmäßig abmattet, dem aufgeregten Mädchen aber höchlichst erwünscht war, da er ihr die Fähigkeit gab, sich in jeder Minute zu ermuntern. So gelang es ihr, lange vor Sonnenaufgang das Lager verlassen zu können. Auf leisen Socken schlüpfte sie durch das Schlafzimmer der Eltern, die Treppe hinunter, und war binnen wenigen Augenblicken im Baumgarten. Sie freute sich, gerade am Ostermorgen die Erste am Bache zu sein, denn sie trug sich mit gar wunderlichen Gedanken und Wünschen. Was man sich aber beim Wasserschöpfen am heiligen Ostertage recht von Herzensgrunde wünscht, das geht im Laufe des Jahres in Erfüllung. – Ueber dem Rohr stand eine Wand dicken, weißen Nebels, der sich längs des Waldbaches in phantastischen Bildungen fortzog. Auf dem jungen Grün des Grases lag starker Thau, so daß Flora's Pantoffeln auf dem kurzen Wege ganz durchnäßt wurden. Am Buchenzaune, wo sie die Krümmungen des Baches thalwärts übersehen konnte, warf sie einen spähenden Blick nach dem offenen Uferplatze. Er war leer, rundum Alles still – das Herz klopfte ihr vor Freude, sich allein zu wissen. Flora ging behutsam die abschüssige Stelle hinab, raffte die Kleider zusammen, um nicht darüber zu straucheln, und stand schon am plätschernden Bache, dessen Nebel sie wie zarte durchsichtige Schleier umwehten. Da trat an der andern Seite hinter den Erlenbüschen eine Gestalt hervor. Beide erblickten, erkannten einander zu gleicher Zeit, und als hätten sie sich verabredet, riefen sie sich zu gleicher Zeit guten Morgen zu. Beide Hände berührten sich, sie vergaßen den Zweck ihres Kommens, und da Albrecht – denn er war es – das liebe Mädchen sanft an sich zog, es mit kräftigen Armen umschlang und einen heißen Kuß auf ihre frischen Lippen drückte, widerstrebte Flora nicht. Warte, Schalk, sprach der junge Mann, warum hast du mich gestern in den April geschickt? Dafür mußt du gestraft werden. 188 Und abermals drückte er das liebliche Mädchen an sich und bedeckte ihr Mund und Augen mit zärtlichen Küssen. Ich hab' dich wohl herumstelzen sehen im Garten und an der Thür klinken hören, versetzte Flora heiter lächelnd, aber weil mich die Mutter angerufen . . . Ach, du lieber Gott, unterbrach sie sich erschrocken, da haben wir uns schön hinter's Licht geführt! Was denn, mein Schätzchen? Mit dem Wasserschöpfen! – Und ich dacht' es so klug eingefädelt zu haben! – Albrecht, das bedeutet Unglück! Wie sollt' es! Du bist ja ein junges hübsches Mädchen, keine alte runzliche Hexe. Der Segen ist aber fort – ich mag keins haben! Still doch, Närrchen, dem Unglück, wenn's eins ist, kann abgeholfen werden. Mit deinen Faxen? Gelt, Florel, 's geht, wenn du mich anhören willst. Ich seh' keinen Rath. Aber ich, Florel! Sieh' mir in's Aug', Herzchen, so! – Nun, du glattes, sanftes Maikätzchen, steht's da nicht drin geschrieben mit Auferstehungs-Morgenroth, daß ich dich lieb hab'? Daß ich dich herzen möchte und küssen mein Leben lang? Daß du meine Braut, mein Weib sein sollst? Und wird's uns nicht doppelten Segen bringen, wenn wir als Brautleute vor dem allsehenden Auge Gottes zusammen den Krug füllen am Ostertage? Flora sah den Jüngling mit feucht glänzendem Auge an. Ein paar Thränen perlten an ihren zarten Wimpern. Glückliches Lächeln umspielte ihren rosigen Mund und indem sie den jungen Mann herzig umarmte, sprach sie sanft weinend: Nun, Albrecht, wenn du's ehrlich meinst, so walt' es, Gott! Albrecht Seltner küßte Flora mit freudigem Ungestüm, dann faßten Beide einen und denselben Krug, tauchten ihn zusammen unter in der rauschenden Welle, theilten das Wasser und drückten sich freudig verklärt die Hände. – Flora war an diesem Morgen gar feierlich still. Sie schmückte sich mit besonderer Sorgfalt zur Kirche, wohin sie Vater und Mutter 189 der Sitte gemäß bekleidete. Auch bei Tische erschien sie ernster als sonst und etwas nachdenklich-zerstreut. Nachmittags erschien Albrecht, dem nach einiger Zeit seine Eltern folgten. Ammer bemühte sich, ein Gespräch in Fluß zu bringen, allein dies wollte ihm nicht recht glücken. Albrecht war zwar froh, zeigte sich aber auffallend zerstreut, und Seltner, der überhaupt in der Regel wenig sprach und dem reichen Nachbar gegenüber einer gewissen Befangenheit nicht völlig Meister werden konnte, ließ sich immer nur erzählen, ohne selbst gesprächsweise etwas auszugeben. Der Weber wandte sich deßhalb wieder an Albrecht, allein dieser war und blieb zerstreut. Du bist heute recht fahrig, sagte Ammer nach einer Weile zu ihm. Man sollte meinen, du hättest die Gedanken wo anders. Ist dir 'was passirt? Ihr habt's just errathen, Herr Ammer, versetzte der Jüngling, aber Ihr könnt mir helfen, wenn Ihr mich anhören wollt. Ich bin krank. Da kommst du bei mir an den unrechten Mann. Ich bin kein Doctor, der sich auf's Quacksalbern versteht. 's braucht blos ein Wort, Vater Ammer, um mich zu curiren, und das könnt Ihr schon aussprechen. Ich bitt' Euch darum. Ei so sag's gerade heraus, daß ich klug daraus werde! Eines Mannes Rede muß kurz sein und verständlich. Ich mein' es wohl auch. Erschreckt nur nicht, wenn ich Euch bitte, mir Euer Liebstes zu geben, Vater Ammer! Die Florel ist meine Braut seit heute Morgen. Schon Braut? erwiderte Ammer, den jungen Mann mit seinen durchdringenden Augen ernst ansehend und seine Mütze in den Nacken schiebend. Das ist 'was schnell gegangen. Wenn ich nun Nein sage? Das werdet Ihr nicht, Vater Ammer, versetzte Albrecht. Meine Eltern sind unterrichtet und haben nichts dawider, auch sprach der Vater, daß ich mich auf Eure Einwilligung verlassen könnte. Am Bache heute Morgen bei Sonnenaufgang haben wir uns denn in Gottes Namen versprochen. Es ist so, wie er sagt, Ammer, warf Seltner ein. Ich denke, es wird gut sein, daß wir ein Ende machen. Sie kennen sich lange genug und das Unsrige bleibt so hübsch beisammen. 190 Ammer sah mit strengem Blick bald auf seine Frau, bald auf seine Tochter. Flora schlug erröthend die Augen nieder und reichte in ihrer Verlegenheit dem Jüngling die Hand, Frau Anna faltete die Hände, als wolle sie beten und sagte: Ich habe nichts dawider; sie werden, will's Gott, glücklich sein mit einander. Jetzt nickte auch Ammer beistimmend und mit der ihm eigenen Würde Seltnern zu, reichte ihm die Hand und sprach: Nun, ein Friedenstörer und Herzensbrecher bin ich mein Tage nicht gewesen, und wo ich 'was anzettelte, das mir später die Gedanken schwer und finster machte, da hab' ich immer bald wieder mit der Manier, ohne mir etwas zu vergeben, auf passendem Wege eingelenkt. Aber mit Euch Beiden geht mir die Sache zu rasch. Ich wüßte nicht einmal, ob ich's Mädel mit Leinewand ausstatten könnte, wie Ammer im Rohr es soll und will, wenn er seine einzige Tochter verheirathet. Nur hübsch douce! Ihr seid jung, Kinder, mit dem Heirathen also kann's wohl noch eine Weile anstehen. Daß Ihr einander liebt, will ich Euch nicht wehren. Konnt's mir wohl denken verwichen , als ich – hier hielt er plötzlich inne, fuhr sich mit der Hand über die Stirn, als wolle er eine trübe Erinnerung verwischen, und ein halb unterdrückter Seufzer entrang sich seiner Brust. – Nun, fuhr er, sich schnell wieder fassend, fort und seine Stimme ward heiterer, metallreicher, ich mag kein Rabenvater sein und von vielem Vernageln der Thüren und Verriegeln der Fensterladen war ich niemals ein aparter Freund. Also mag es sein, wie Ihr sagt. Jedennoch geheirathet wird jetzt nicht! Ihr bleibt itzund Brautleute ein Jahr lang, dabei sollt Ihr gescheidt und fein ruhig werden. Stimmen die Herzen dann noch zusammen, so wird es auf künftige Ostern eine Hochzeit geben, von der die Leute im Gebirge lange reden sollen. Ist's so recht, Ihr Wirrköpfe? Wir brauchen wohl nicht zu erwähnen, daß die beiden jungen Leute sich hoch beglückt fühlten und dies in ihrer lebhaften, ungenirten Weise jetzt zu erkennen gaben. Die Zungen waren fortan gelöst, die peinliche Zerstreuung, welche das Gespräch hemmte, machte der 191 ausgelassensten Heiterkeit Platz. In der glücklichsten Stimmung verbrachten die würdigen Menschen ein paar Stunden. Am meisten erleichtert und gleichsam gehoben zeigte sich Ammer, der im Stillen sich sagen mochte, daß er jetzt endlich für immer eine Schuld von sich gewälzt und gänzlich ausgetilgt habe, die er aus eigensinniger Starrheit und durch unlautere Vorspiegelungen eines Gewinnsüchtigen vor Jahren auf sich geladen hatte. Fortan gingen die Interessen der Familie Ammer und Seltner Hand in Hand und es blieb dem reichen Weber unbenommen, bei der später auszurichtenden Hochzeit seiner Tochter eine Mitgift zu geben nach seinem Belieben. Sehr vergnügt über diese glückliche Wendung zeigten sich auch Flora's Brüder. Diesen hatte das Verhältniß der Schwester oft unruhige Stunden gemacht, weil sie fürchteten, der Vater werde so leicht nicht seine Einwilligung geben zu einer Verbindung mit dem unbemittelten Nachbar, der eben, weil er im Verhältniß zu Ammer arm genannt werden mußte, diesem nach den Volksbegriffen am Range nicht gleich stand. Um so größer war jetzt die Freude der Brüder, die nunmehr den allgemein geachteten und beliebten Albrecht als zu ihnen gehörig betrachten durften. Ammern hatte das wohlgerathene Feiertagsgebäck seiner Frau nie so vortrefflich geschmeckt. Er ließ es sich daher auch gehörig munden und fand an seinem zukünftigen Verwandten einen tüchtigen Gehilfen. So neigte sich die Sonne dem Gebirgskamme zu. Weil bei der heitern, stillen Luft der Sonnenuntergang eine schöne Beleuchtung verhieß, schlug der Weber vor, diese im Freien zu genießen. Alle waren einverstanden. Schon hatte Ammer seinen Rohrstock erfaßt und war im Begriff, das Haus zu verlassen, als von fern das Schmettern einer Trompete, oder war es ein recht laut schreiendes Posthorn, sich hören ließ. Alle horchten auf, weil fast niemals eine Extrapost diese Straße einschlug, am allerwenigsten an hohen Feiertagen. Der Ton wiederholte sich in kurzen Pausen und kam schnell näher. Bald zeigte sich ein Trupp Menschen, meistentheils junge Bursche, die eben im Begriff standen, ihr Feiertagsvergnügen außer dem Hause suchen zu wollen. Eine mit vier Pferden bespannte Kalesche, welche von zwei Postillonen geleitet wurde, kam die holprige Straße herauf. Beide bliesen auf ihren Messinghörnern einen lustigen Marsch, so gut es 192 eben gehen wollte. Vor dem Hause des reichen Webers machten sie Halt. Ein sehr fein gekleideter Herr, in dem Christlieb sogleich Herrn Zobelmeier wieder erkannte, schwang sich aus dem Wagen und trat höflich grüßend und mit einer wahrhaft seligen Miene auf Ammer zu, dessen stattliche Gestalt ihm sogleich in die Augen fallen mußte. Habe ich die ganz besondere Ehre, Herrn Ammer, den Aeltern, zu sprechen? fragte der Reisende aus Wien. Ammer lüftete ein wenig seine Bibermütze und sah den Fremden stolz und neugierig zugleich an. Dann sagte er trocken: Ich heiße Ammer, insgemein Ammer im Rohr. Steht was zu Diensten? Die neugierigen Dorfbewohner hatten einen Halbkreis um den mit Vieren bespannten Wagen gebildet. Zobelmeier gab jetzt einen Wink mit der Hand, worauf die beiden Postillone einen Tusch bliesen, während der Reisende seine Mütze schwenkte und dreimal, so laut er es vermochte, ein Lebehoch rief. Auf Ammer's Gesicht trat die Röthe des Zornes. Herr, sprach er hastig zu dem Fremden, mögen Sie sein, wer Sie wollen, ich verbitte mir jeden Spaß, den Sie sich mit mir etwa zu machen gedenken, und damit der hehre Tag nicht noch mehr entweiht werden möge durch thörichte Narrentheidinge, werde ich nach dem Richter schicken und Sie in Haft nehmen lassen. Das ist so Brauch hier zu Lande! Schaun S', das werden Sie halt schon bleiben lassen, erwiderte lachend Herr Zobelmeier. Was auch Brauch sein mag hier zu Lande, es kann's einem Menschen doch kein Kaiser und kein Gesetz verbieten, daß er frohlockt über das Glück seiner Nebenmenschen. Zobelmeier hatte sein Taschenbuch hervorgelangt und blätterte darin. Er nahm ein Papier heraus, entfaltete es und hielt es Ammer hin. Kennen S' die Nummern da? fragte er. Ammer erblaßte. Er griff nach seinem Haupte und stieß durch die heftige Bewegung der Hand die Mütze herab. Die große, starke Gestalt des Webers befiel ein fieberhaftes Zittern. Sein S' doch gescheidt und erschrecken sich nicht, Herr Ammer, fuhr Zobelmeier fort, 's hat keine Noth mit Ihnen. Sie haben halt 193 grausiges Glück gehabt und hunderttausend Gulden Münz' gewonnen im Lotto. Das ist Alles. Hurrah, hoch! Wieder schwenkte der Reisende seine Mütze, wieder schmetterte der Tusch der Postillone, welche die Herolde dieser Freudenbotschaft waren, und die umstehenden Gaffer, hingerissen von dem Außerordentlichen, stimmten mit ein in den Jubelruf. Auch Fürchtegott und Christlieb vermochten ihrer Freude nicht mehr Herr zu werden. Sie umarmten einander und drehten sich lachend und springend im Kreise. Flora blickte überselig in die Augen ihres Bräutigams und schmiegte sich warm an seine Brust. Ammer aber brach beinahe unter der Last dieses unerwarteten Glückes zusammen. Jede Muskel seines Gesichts zuckte, kalter Schweiß fiel in großen Tropfen von seiner bleichen Stirn. Zerstreut und um doch etwas zu thun, griff er mit zitternder Hand nach seinem Hornkamme und strich wiederholt die Fülle seiner grauen Locken damit in den Nacken. Endlich ermannte er sich wieder: Er nahm die Mütze auf, verbeugte sich vor dem Glücksboten und sagte matt und fast tonlos: Zu viel Ehre – für einen schlichten Weber. Wahrhaftig zu viel! – Treten Sie ein – in mein niedriges Haus! – – Zu viel – zu viel Glück  –! Jedennoch, so der Herr oder – oder – der Zufall es gegeben hat, so will ich es annehmen mit demüthigem Herzen, damit ich es redlich verwalten – und als ehrlicher Mann zurückgeben kann, wenn es – dereinst wieder von mir – gefordert wird. – Treten Sie näher! – Florel, gib mir ein Glas Wein! Ich fühle ein trauriges Frösteln durch meine erschütterten Gebeine rieseln! – Ammer bedurfte einer langen Zeit, ehe er sich wieder vollkommen erholte. Er saß auf dem harten Kanapee des Wohnzimmers zwischen Flora und Albrecht, und hörte aufmerksam den lebhaften Erzählungen des lustigen Wieners zu. Es war ein wahres Glück, daß der Mann ununterbrochen sprach, sonst würde es wohl sehr still im Hause des Webers gewesen sein. Manchmal lächelte Ammer, wenn man aber genau auf sein Mienenspiel achtete, würde man nicht einen Menschen vor sich zu sehen geglaubt haben, dem so eben ein großes Vermögen gleichsam wider Willen in's Haus geworfen worden war. Gegen seine Gewohnheit sprach er dem Weine stärker als sonst zu. 194 Er stieß mit Herrn Zobelmeier an, so oft dieser es begehrte, und that ihm auch regelmäßig Bescheid. Erregt ward Ammer davon nicht, es hatte eher den Anschein, als ob er sich immer mehr gegen die Außenwelt in sein Gedanken zurückzöge. Oft schüttelte er das ergrauende Haupt, zog die Stirne kraus, und dann sah er ernst, finster, ja momentan furchtbar hart aus. Die im Innern kochende Unruhe bewegte unwillkürlich seine Hände. Er mußte etwas zu thun haben und darum trommelte er oft mit den Fingern auf den Tisch. Anders gestaltete sich die Freude über das Spielglück des Vaters, der jene dem Zufall so ganz anheim gegebene Quinterne gewonnen hatte, die er bei nächtlicher Weile unter heftigem Herzklopfen besetzte, bei seinen Söhnen. Christlieb mußte es auffallen, daß unter den fünf Nummern auf dem Loose des Vaters die drei Zahlen sich mit befanden, welche er durch drei dividirt hatte besetzen lassen, und Fürchtegott, der nur an den Gewinn, an die große Summe dachte, welche dem väterlichen Vermögen demnächst in baarem Gelde zustießen mußte, war nahezu außer sich. Er sah und hörte kaum, was um ihn vorging. Das Glück der Schwester, an deren hochklopfendem Busen jetzt der Mann ihrer Wahl ruhte, kümmerte ihn eben so wenig als die tiefe Erschütterung des alternden Vaters. Er sah im Geiste alle seine Wünsche erfüllt; er fühlte sich frei, groß, mächtig, gebietend. Es fehlte ihm nichts, als die Gewißheit, daß auch das Unternehmen Wimmer's, wodurch er mittelbar ja eigenes Geld gewann, geglückt sei. In dieser Stimmung ward ihm das väterliche Haus zu eng, zumal, da der Vater durchaus keine Anstalten traf, den so unerhört wichtigen Tag würdig zu feiern. Mit Albrecht, dem verliebten Thoren, war auch nichts anzufangen. So blieb ihm nur der Bruder, der, wenn schon weniger aus dem gewohnten Geleise gedrängt, heute doch viel beweglicher sich zeigte, als sonst. Als daher Herr Zobelmeier aufstand, um sich zu empfehlen, vermochte sich Fürchtegott nicht mehr zu halten. Mit hochglühendem Gesicht trat er an den Sitz des Vaters und sagte: 's ist erster Feiertag heute. Die ganze Christenheit frohlockt, daß der Herr und Erlöser ihr wieder erstanden ist, wenn schon kein 195 Christenmensch etwas davon mit seinen körperlichen Augen erkennen kann. Ich muß mich auch freuen, Vater, und zwar im Kreise munterer Gesellen. Laß mich und den Bruder eine Stunde in den Kretscham gehen. Herrn Zobelmeier's Geschirr wartet dort sicherlich seiner Rückkehr. Der Reisende bestätigte dies. Ammer richtete einen mehr bittenden als befehlenden Blick auf seine Söhne. Nach einer Weile sprach er: Ich fürchte; ihr möchtet mich hart und eigensinnig schelten, wenn ich Nein zu eurem Begehr sagte. Darum gehet denn, wohin Weltlust und Jugendübermuth euch ziehen. Macht aber meinem Namen keine Schande! Du besonders, Fürchtegott, bedenke, was die Sylben bedeuten, die ich dir beilegen ließ in der heiligen Taufe! Fürchte , d. h. achte, liebe und scheue deinen Schöpfer! – Mir wär's lieber, ihr bliebt bei mir. Es ließe sich noch manches Wort reden über dies wunderbare Ereigniß; da ihr jedoch den Drang und Hang in euch fühlt, die Brunst eures Innern im Getümmel auszutoben, so soll's euch unverwehrt sein. Gott mit euch! – Adieu, Herr Zobelmeier! – Frohlockend stürmten die Brüder aus dem elterlichen Hause. Als sie das Versammlungslocal der jungen Leute betraten, scholl ihnen schon auf der Schwelle ein Hurrahruf entgegen, denn die Kunde von dem Gewinn des Webers hatte wie ein Lauffeuer sich von Haus zu Haus fortgepflanzt und bildete den einzigen Gesprächsgegenstand Aller. Fürchtegott freute der heitere Zuruf. Er erwiderte ihn mit Lebhaftigkeit und erklärte in seiner übermüthigen Glücksstimmung, daß Alle für heut Abend seine Gäste seien. Dem Freigebigen hängt die Menge stets an; selbst Unbeliebte, ja sogar Verhaßte können sich dadurch leicht auf kurze Zeit das Wohlgefallen des Volkes erkaufen. Fürchtegott war keines von beiden. Man kannte ihn nur als lustigen, kecken Gesellen, wenn der Zufall ihn mit seines Gleichen zusammenführte. Wie hätte man das Anerbieten eines Jünglings zurückweisen sollen, dessen Vater erst vor einigen Stunden sichtlich als einer der Wenigen vom Himmel bezeichnet worden war, an deren Fersen sich das Glück heftet? Wie sehr 196 daher auch Christlieb den Bruder bat, sein gedankenlos hingeworfenes Wort zu widerrufen, wie bedenklich selbst dem Wiener dies Gebahren erscheinen wollte; Fürchtegott bestand darauf, er sei der Wirth der Versammelten. Wein und andere Getränke, die in Menge genossen wurden, erhitzten alsbald die Köpfe. Die Lustigsten verlangten Karten, um zu spielen. Auch Fürchtegott, der dem Glase tüchtig zusprach, forderte sie gebieterisch, und da der Wirth des Hauses nicht Anlaß zu Wortwechsel und Streit geben wollte, so gewährte er gegen seine bessere Ueberzeugung die Bitte der jungen Leute. Man spielte mit wechselndem Glück; endlich verlor Fürchtegott und zwar, wie dies bei leidenschaftlichen Spielern so häufig vorzukommen pflegt, ohne Aufhören. Er ward unruhig, heftig, zuletzt hitzig. Seine Augen funkelten, die Hände griffen zitternd nach den Karten. Wieder war das Glück ihm nicht hold. Fürchtegott biß die Zähne zusammen, daß sie ihn schmerzten – er murrte, schimpfte, nannte in nicht mehr zu zähmender Wuth seinen Gegner einen Betrüger. Worte heftiger Beschuldigung flogen wie Schwärmer herüber, hinüber. Da fuhr des Webers Sohn empor, als habe ein Dolchstoß ihn getroffen, denn der ebenfalls beleidigte Gegner nannte ihn das Schubkarrenpferd! Ein Schrei, ein Faustschlag, ein donnernder Fall gaben das Signal zu einem Kampfe, der nur durch energisches Einschreiten des Richters mit seinen Leuten geschlichtet werden konnte, ehe die Sinnlosen zu ihren Messern griffen, was damals nicht selten bei derartigen Gelegenheiten vorkam. Während des Kampfes hatte Zobelmeier das Weite gesucht, da er sich nicht für berufen erachtete, an einem Streite Theil zu nehmen, der ihn persönlich ganz und gar nichts anging. Zum Glück war es Christlieb gelungen, die Besonnenen rasch um sich zu sammeln und dadurch den Wirth zu unterstützen. Man trennte die Streitenden, hielt die Erbittertsten fest. Drei lagen blutend am Boden. Der Eine davon war Fürchtegott, dem einer seiner Gegner mit dem Stück eines zerschlagenen Glases eine tiefe Kopfwunde beigebracht hatte. Er blutete stark, als man ihn aufhob, und war gänzlich besinnungslos! – Christlieb benetzte den Unglücklichen mit seinen Thränen. 197 O, der Vater, der Vater! rief er wiederholt, als man eine Tragbahre herbeiholte, um den Aermsten nach der Behausung des Webers zu schaffen. – – Dorthin begleiten wir den Trauerzug jetzt. – Die Stunde war längst abgelaufen, Ammer ward unruhig, und zur Angst, die in seinem Herzen nistete, gesellte sich die Sorge um die so lange ausbleibenden Söhne. Seltner erbot sich, zur Beruhigung des Nachbars, nach dem nur zehn Minuten entfernten Wirthshause zu gehen, als man draußen die Schritte Mehrerer nahen hörte. Gott Lob, das sind sie, sagte Ammer. Ich kenne meinen Christlieb. Mach' auf, Florel! Die Tochter öffnete die Stubenthür und schob den Riegel, welcher die Hausthür verschloß, zurück. Als sie Christlieb's todtenbleiche Züge erblickte, schrie sie vor Entsetzen laut auf. Ammer sprang von seinem Sitze empor – sein graues Haar flog, wie er den trotzigen Kopf schüttelte, gleich der Mähne eines gereizten Löwen. Was ist? sagte er und stemmte beide Hände auf den vor ihm stehenden Tisch. Seltner mit seinem Sohne waren Flora gefolgt. Sie traten jetzt zugleich mit Christlieb und dem stark blutenden Fürchtegott ins Zimmer, den die kühle Nachtluft wieder zur Besinnung gebracht hatte. Oh, oh!! wimmerte der Weber mit einem Ausdruck innerlichen Seelenjammers, daß Alle davor erstarrten und selbst der vom Blutverlust ermattete Jüngling schwer aufathmend zusammenschauerte. Ammer drückte beide Hände vor seine Augen und fiel schwer zurück auf das Kanapee. Noch ein paarmal stieß er, nur immer schwächer, jenen Weheruf aus, schüttelte dazu sein Haupt und begann endlich dumpf zu schluchzen. Die Hausglocke läutete nochmals. Flora, die rasch entschlossen, mit kaltem Wasser herbeieilte, fragte nach dem späten Ankömmlinge. Ich bin ein Expreß von Herrn Advocaten Block, sagte eine unbekannte Stimme, und soll bloß diesen Brief hier abgeben. Flora empfing das versiegelte Papier. Der Vater saß noch immer mit verhülltem Gesicht. Leise näherte sich die Tochter und berührte seine Stirn. 198 Lieber Vater, es ist nicht schlimm mit Fürchtegott, sagte sie sanft, während die Mutter mit Hilfe der Andern den Verwundeten verband. Sieh dich um – wir sind Alle munter! Und da ist eben noch ein Brief gekommen. Jetzt ließ Ammer die Hände sinken. Er sah die Tochter ernst an, ein paar Thränen sickerten noch über die gefurchten Wangen herab. Dann reichte er ihr die Hand, mit der andern den Brief empfangend. Florel, sagte er stammelnd, bewegt, wenn meine Jungen nicht gut thun sollten, dann mach' du mir wenigstens Freude und Ehre! Betrügst du mich aber, dann, – bei dem lebendigen Gott – sei vergewissert, daß ich's nicht überlebe! – Ich hab's mir gedacht, daß kein Segen ins Haus kommen würde, wie der Firlefanz aus Wien den Hut vor mir schwenkte. Er setzte sich wieder, und ohne einen Blick auf die Gruppe um Fürchtegott zu werfen, erbrach er das erhaltene Schreiben und durchlas es. Block zeigte ihm darin mit trockenen Worten an, daß Ammer Besitzer von Weltenburg geworden sei. – Ammer nahm sein Käppchen ab, strich den Kamm durch die Haare, legte den Brief auf den Tisch, blickte mit sonderbar funkelnden Augen gen Himmel, faltete die Hände und flüsterte dann mit leiser Lippe, indem er allgemach auf die Kniee niederglitt: Herr, vergib uns unsere Schuld, führe uns nicht in Versuchung und erleuchte die Nacht unseres Geistes, wenn das Licht der Erkenntniß, so in der Ampel eines reinen Herzens flimmert, dunkel zu brennen beginnt! Die Gestalt des betenden Webers, auf dessen Haupt innerhalb weniger Stunden die Aufregungen eines ganzen Menschenlebens eingestürmt waren, hatte etwas so Ergreifendes und Ehrwürdiges, daß auch die Uebrigen ihre Hände falteten und unwillkürlich die Worte des Betenden leise wiederholten. 199 Drittes Buch. Erstes Kapitel. Liebe Brüder. Ueber die staubige Landstraße, welche aus dem Hügellande nach dem Gebirgspasse führte, rollte eine offene Kalesche. Zwei schnellfüßige, wohlgenährte Rosse flogen so rasch mit der leichten Last dahin, daß es gefährlich aussah und entgegenkommende Fußgänger wohl stehen blieben, um dem in Windeseile fortsausenden Fuhrwerk eine Zeit lang nachzublicken. In diesem Wagen saßen zwei Männer, die so im Gespräche vertieft waren, daß sie weder auf den Ungestüm der Thiere achteten, deren Jugendfeuer sie sich anvertraut hatten, noch auf die Reize der prächtigen Gebirgslandschaft, die sich ihnen mehr und mehr enthüllten. Der Größere dieser Männer war schwarz gekleidet, der Kleinere trug einen grauen Rock und einen sehr breitkrempigen Hut mit niederm Kopf, der fast sein ganzes Gesicht bedeckte. Letzterer sagte jetzt, als die Straße eine Biegung machte und in ein anmuthiges Wiesenthal sich hinabwand, was den Zügellenker zu langsamerem Fahren nöthigte: So stehen die Sachen, verehrter Herr Graf und lieber Bruder. Ich wünschte nun sehr, Ihre Ansicht zu hören, damit ich auf dem rechten, gottgefälligen Wege fortwandeln möge und nicht, so nahe dem Ziele, noch strauchele, irregeleitet durch Verblendung. 200 Vorsicht und Geduld, mein Lieber! versetzte der Mann im schwarzen Anzuge. Uebereilung kann zu Nichts führen. Gefangen hat sich der junge Mann schon längst, das wissen wir, er wird mithin auch Einer der Unsern werden, wenn ihn das Leben nur erst mehr dazu vorbereitet hat. So lange er beim Vater bleibt, ist dazu keine Aussicht, sagte Wimmer. Dieser Mann, mein sehr wackerer Freund, ist ein gar zu seltsamer Mensch, gutmüthig, freigebig, fromm, und wiederum hartnäckig-starr, geizig und voll arger Gelüste. Seine schlimmsten Eigenschaften, die mir schon ein ganzes Leben voll Kämpfe, Mühen und Sorgen verursacht haben, sind sein Mißtrauen und sein unbeugsam starrer Eigensinn. Wäre es nicht viel klüger, lieber Bruder, Sie fragten gar nicht mehr nach ihm? warf Graf Alban ein. Was ist überhaupt an dem Manne gelegen? Unsern Zwecken dient er niemals, wir brauchen mithin nicht ihn, sondern höchstens seine Mittel, und diese sind uns, soweit Sie dieselben nicht schon in Händen haben oder doch mittelbar über sie verfügen, durch beide Söhne gewiß; denn der Aeltere hängt zuletzt, wie Sie ja selbst sagen, von seinem energischeren jüngeren Bruder ab. Wimmer hob seinen Kopf etwas und sah den neben ihm sitzenden Grafen mit seltsamen Augen an; dann seufzte er, legte die feinste Frömmlermiene auf und versetzte: Lieber Bruder in Christo, was mich so wunderbar hinzieht zu dem Weber, das in Worte zu kleiden, vermag ich nicht. Es ist eine Art Wahlverwandtschaft, Magnetismus, Nächstenliebe, vielleicht gar Schicksal oder, was für Männer des Glaubens und der Bruderliebe, wie wir, wohl richtiger sein mag, eine Fügung unseres Heilandes, die mich an Ammer kettet. Ich könnte nicht mehr leben, sollte ich von ihm lassen. Darum arbeite und bete ich Tag und Nacht zu meinem grundgütigen Gott, daß er mich begnadigen möge, den Sinn des starren Mannes zu beugen und ihn zu freiem Handeln geneigt zu machen in unserm Sinne. Nun, wer weiß, was geschieht, sagte Graf Alban. Mit den Jahren verliert sich der Eigensinn. Ammer soll jetzt nicht mehr so rüstig sein, wie noch vor wenigen Jahren. Seit der Verheirathung seiner 201 Tochter führt der Schwiegersohn das Geschäft mehr als er selbst, und um die Neuerungen bekümmert er sich ja doch nur, um seinen Aerger daran auszulassen. Ja, ja, versetzte Wimmer, ungefähr so mag es wohl sein, wenn man's oberflächlich betrachtet. – Wissen Sie, Herr Graf, daß mir diese Heirath nicht gefällt, daß ich sie für ein großes Mißgeschick halte, das uns betroffen hat? Weßhalb? Weil das Herz des Alten, das auch seine Schlacken angesetzt hat, dadurch ruhiger geworden ist. Wie soll ich das verstehen? Wimmer lächelte. Es ist nicht immer gut, sagte er, wenn ein Sünder zu zeitig Buße thut. Er wird dann leicht sicher und erschlafft im Werke des Glaubens, der doch unser Aller alleiniger Stab ist in Zeit und Ewigkeit. Während dieser Unterredung hatte der Wagen das Wiesenthal passirt, die Straße zog sich wieder eine Berglehne hinan und lief auf der freien Höhe derselben nach einem einsam gelegenen stattlichen Wirthshause fort, wo eine zweite Straße von Osten her aus den Gebirgsgründen heraufstieg. Unfern von diesem Wirthshause, das man seiner Lage wegen die Bergschenke nannte, zog sich die Landesgrenze über das Gebirg, das zugleich auch den katholischen Süden von dem protestantischen Norden scheidet. Schon von weitem sahen die beiden Reisenden ein lebhaftes Menschengewühl auf den Straßen wie auf den Bergabhängen, welche mit Steinblöcken besäete, unfruchtbare Senkungen bildeten. Man hörte den Widerhall singender Stimmen, dazwischen Harfenaccorde und den Ton einer Fiedel. Da gibt's wohl eine Hochzeit? sagte Graf Alban, als sie dem Gewühl näher kamen. Es scheint recht lustig herzugehen. Ach nein, lieber Herr Bruder in Christo, versetzte Wimmer. Es wird nur eins der vielen Baalsfeste begangen, welche die Römlinge so hoch halten. Von weitem schon merk' ich es der Gesellschaft an, daß es Wallfahrer sind. Sie werden hinunterziehen zur wunderthätigen Maria, wie sie's nennen, die in der hohen Linde im Kloster der Minoriten ihren Hokus-Pokus machen muß; und da gibt's immer ein 202 Fest und viel sündhaftes Thun, was dann den Herrn Klerikern wieder mehrfach zu Gute kommt. O, lieber Bruder, wie wird das wohl enden dereinst! Wir leben in einer argen sündhaften Welt, und es scheint, als wollte Gebet und Fürbitte wenig helfen, obwohl wir es, dem Heilande sei Dank, niemals daran fehlen lassen! Graf Alban mußte weltlicher gesinnt sein, als sein würdiger Bruder, denn er lächelte diesmal etwas spöttisch über Wimmer's Sermon. Was zu ändern nicht in unserer Macht liegt, müssen wir in Geduld ertragen, sprach er. Wir irren ja Alle und tasten nur unsicher umher, ob wir die Wahrheit finden möchten. Nehmen wir an, daß auch diese ein ähnliches Streben erfüllt, so erscheint uns ihr Irren in milderem Lichte. Sie hatten jetzt die Höhe vollends erreicht und konnten das Menschengewühl, das diesen für gewöhnlich so leeren Platz erfüllte, bequem übersehen. An den Fahnen erkannte man leicht die Wallfahrer; auch verriethen sie sich durch das Gepäck, das sie mit sich führten. In größeren und kleineren Gruppen vertheilt, lagerten sie zwischen den Felsblöcken auf schattigen Plätzen. Durch den Tannenwald herauf, in dessen Dickicht die Straße nach dem Gebirgspasse hier hinabstieg, kamen neue Zuzügler. Von diesen rührte der Gesang her, welchen die beiden Herrnhuter Brüder schon seit einiger Zeit vernommen hatten. Außer den Wallfahrern gab es aber auch noch andere Personen, die gleichsam als unentbehrlicher Anhang die Pilgrime begleiteten, und in der Zeit, wo unsere Geschichte spielt, noch bei keinem Wallfahrtsfeste fehlten. In einem Winkel der Waldung hockten um ein knisterndes Feuer vier bis fünf jener braunen Gestalten, die alljährlich mehrmals die Grenzen Böhmens überschritten, und mit ihren Wahrsagerkünsten die Jugend entzückten, das Alter ängstigten. Doch hielten sich die braunen Söhne des ewig wandernden Volkes fern von dem lebhaften Treiben der Wallfahrer. Mit diesen machten sich einige jener hohen schlanken Magyaren viel zu thun, die ebenfalls einige Monate im Jahre aus den Pußten der Theiß bis in die Grenzscheiden heraufkamen und als Tabuletkrämer, mehr noch als hausirende Mediciner einen ganz einträglichen Handel trieben. Sie zeichneten sich durch ihre nationale Kleidung, einen sehr großen Klapphut und den Medicinkasten aus, den sie auf dem Rücken trugen, und über welchen der weite blaue 203 Mantel, den sie stets mit sich führten, radförmig bis zum Knie herabhing. Das lange, schwarze, glänzende Haar, der große Schnurrbart, die kohlschwarzen Augen und die markirten Züge der bleichen Gesichter gaben selbst den sanfter Aussehenden dieser Fremdlinge etwas Unheimliches, das nicht ohne Wirkung auf die Menge blieb. Es bestimmte die Meisten, den Ungarn etwas abzukaufen. Auch verstanden die Magyaren durch häufiges Lateinsprechen sich dem ungebildeten Haufen gegenüber gebührend in Respect zu setzen. Endlich trugen zur Erhöhung der Stimmung ein blinder Geiger und zwei Harfenistinnen, die unvermeidlichen Insassen jeglichen Gasthauses an der Grenze, so lange die gute Jahreszeit dauert, nach Kräften bei. Lassen Sie uns hier rasten, sagte Graf Alban zu seinem Begleiter. Ich mag zuweilen gern einen Blick in das Gewirr einer Welt thun, die von unserm stillen Asyl grundsätzlich fern gehalten wird. Wimmer wagte dem viel vermögenden Manne nicht zu widersprechen, obwohl es seinen Neigungen widerstrebte, mit allerlei Volk, wie es sich hier zusammengefunden hatte, unmittelbar zu verkehren. Graf Alban bestellte bei dem dienstfertig herantretenden Schenkmädchen ein paar Gläser mit frischer Milch und erkundigte sich, als es das Verlangte brachte, nach der Ursache des so lebhaften Menschenandranges. Er erfuhr, daß in einigen Tagen das berühmte Portiunculafest zum Andenken an die Stiftung des Franziskaner-Ordens durch Franz von Assisi im nahen Minoriten-Kloster gefeiert werde, und daß zu diesem, der römischen Christenheit hochheiligen Feste viele Tausende frommer Wallfahrer zusammenströmten. Das Mädchen, selbst Katholikin, eine kleine dralle Böhmin mit dunklem Teint und kräftigen Formen, zeigte sich recht gut bewandert in der Geschichte der kirchlichen Festtage, weßhalb Graf Alban eine gute Weile sich mit ihr unterhielt, während Wimmer zwar seinen Hut ablegte, auch verstohlen einige scharfe Blicke auf das Mädchen richtete, es aber durchaus keines Wortes würdigte. Am Schlusse ihres Gesprächs mit dem Grafen bedauerte sie, daß sie durch ihre Dienstpflicht abgehalten werde, das herrliche Fest zu besuchen und der großen Absolution dabei theilhaftig zu werden. Gehet hin in alle Welt und taufet alle Heiden! sprach Wimmer, sich wieder mit seinem Hute bedeckend, indem er der Dirne nachsah. So sprach unser Herr und Heiland, auf daß bekehrt würden die 204 Ungläubigen; ach, und wenn man nun hinsieht auf diese blödsinnige Heerde, und fragt sich, was die Taufe ihr geholfen hat, da möchte das schwache Herz wohl Zaghaftigkeit und Bangen überfallen, und wir an unsere Brust schlagen ob unserer Sündhaftigkeit! Zu vieles Bangen und Zagen, mein lieber Bruder, bemerkte Graf Alban, ist kein Zeichen von Glaubensfreudigkeit. Hätten Sie, wie ich, Jahre lang unter den Heiden gelebt, ihre kannibalischen Gewohnheiten mit angesehen, wären Sie Zeuge gewesen von der Wildheit ihrer Leidenschaften selbst nach ihrer Bekehrung zum Christenthume durch die Macht der Lehre unseres Erlösers, so würden Sie bei diesem Anblick von keiner Herzensbangigkeit befallen werden. Es mag wohl sein, wie Sie sagen, Herr Graf, versetzte Wimmer. Ich bin noch unwürdig des Ruhmes, den wir vor Gott haben sollen, weil mein Geist zu sehr erfüllt wird von weltlichen Gedanken des Geschäftes wegen, das ich doch nur zu seiner Ehre mit solchem Eifer und mit so hingebender Liebe betreibe. Aber Ihr Umgang, Ihr Gespräch kräftigt und erbaut mich wunderbar, und ich bitte deßhalb nur um die aufrichtende Fortdauer Ihrer so treuen Bruderliebe! Hier reichte Wimmer dem Grafen seine Hand, die dieser mit Wärme und Innigkeit drückte. – Ueber dem Bergkamme hatten sich inzwischen dunkle Gewitterwolken aufgethürmt, die immer drohender und finsterer den Horizont umzogen und ein heftiges Unwetter in Aussicht stellten. Die Wallfahrer brachen deßhalb großentheils auf, um noch bei Zeiten die Klosterfreiheit zu erreichen und, wenn nicht anders, doch wenigstens in Zelten ein Unterkommen zu finden, die zu diesem Behufe zu jedem Portiunculafeste in großer Anzahl errichtet werden. Auch die hausirenden Ungarn verschlossen ihre Medicinkasten, warfen die Mäntel über und griffen nach ihren langen Wanderstäben. Mit stolzem Gruße schieden sie dann und schlugen den entgegengesetzten Pfad nach dem Innern des Hügellandes ein. Die Heerde sucht ihre Hürde auf, lieber Bruder, sprach Wimmer, den immer schwärzer werdenden Himmel betrachtend. Ich glaube, wir ahmen ihr nach und streben in möglichster Eile dem Ziel unserer Reise zu. 205 Graf Alban pflichtete dem Freunde bei und gab Befehl, den Wagen vorzufahren. Die Herrnhuter wollten eben einsteigen, als der Hufschlag eines rasch trabenden Pferdes sich hören ließ. Auf der Straße wirbelte der Staub auf und im nächsten Augenblick sprengte ein Reiter vor, hielt an der Bergschenke, schwang sich gewandt aus dem Sattel und schlang die Zügel um ein paar Klammern an dem Pfosten der Hausthüre. Ist das nicht unser junger Freund? sagte Graf Alban zu seinem Begleiter. Wie doch das Glück die Menschen verwandeln kann! Es war in der That Fürchtegott Ammer. Sein schlanker Körper hatte im Verlaufe eines Jahres mehr Elasticität und sehnige Kraft erhalten. Seine Gesichtszüge, in denen früher etwas knabenhaft Unreifes oder Versessenes bemerkbar ward, das fast immer allen der Weberei Beflissenen anklebt, waren freier, männlicher, charaktervoller geworden. Eine Fülle von Gesundheit blühte auf der jugendlichen Wange, die fein gelockter bräunlicher Flaum umsäumte. Er trug städtische Kleidung und elegante Reitstiefel, gleich einem reichen Landjunker. Wimmer heftete mit Wohlgefallen sein Auge auf den Jüngling. Es freute ihn, seinen Liebling so kräftig und selbstständig zu sehen, rasch eine ganze Reihe von Folgerungen daran knüpfend. Als sich Fürchtegott jetzt umkehrte, rief er ihm zu: Woher des Weges, junger Freund? sagte er in seinem gewöhnlichen sanften, freundlichen Tone. Sind der Herr Vater wohlauf? Und wie befindet sich meine liebe Pathe, die junge, kleine Frau Schwester? Fürchtegott begrüßte mit Anstand den langjährigen Freund seines Vaters und verbeugte sich mit noch größerer Ehrfurcht vor dem Grafen. Indem er an den Wagenschlag trat, die Reitgerte unter den linken Arm schiebend und den rechten Fuß auf den Tritt setzend, erwiderte er: Kommen Sie direct aus Herrnhut? Oder waren Sie schon bei uns daheim? Freilich, sagte der Graf, aber die Herren von Weltenburg waren allesammt ausgeflogen. 206 Unsere Anwesenheit ist jetzt auch sehr nöthig in Weltenburg, erwiderte Fürchtegott. Der Vater könnte allerdings ruhig zu Hause bleiben, allein dazu bewegt ihn wenigstens keine irdische Macht. Wir Brüder müssen jedoch entweder abwechselnd oder auch beide zusammen die Aufsicht bei den neuen Bauten führen. Am liebsten thun wir es gemeinschaftlich, um auch immer ganz in Uebereinstimmung zu handeln. Das gibt nun viel Unruhe und häufiges Hin- und Herreisen. Um rascher von der Stelle zu kommen, haben wir uns denn ein Reitpferd angeschafft. Es ist freilich kein reines Racepferd, aber es greift doch tüchtig aus, hat keine Mucken, und geht Tag und Nacht sicher. Du sprichst ja wahrhaftig wie ein junger Herr vom Adel, sagte Wimmer wohlgefällig lächelnd. Es hat dir, wie es scheint, wenig Mühe gekostet, den Leinweberkittel mit einem kleidsamen Reitrocke zu vertauschen. Fürchtegott erröthete und zog die Augenbrauen etwas zusammen. Sie wissen, Herr Wimmer, versetzte er, die Weberei war nie meine Leidenschaft. Ich that es dem Vater zu Liebe und werde mich auch ferner noch seinen Wünschen fügen, so lange ich eben muß. Zum Herbst werd' ich mündig, mithin mein eigener Herr. Alsdann hoffe ich selbstständiger auftreten zu können. Diese letzten Worte sprach Fürchtegott herb, ja mit einer gewissen verdeckten Herzlosigkeit. Graf Alban erhob deßhalb mahnend seine Hand und sagte: Vergessen Sie nie das vierte Gebot, junger Freund! Auch vom Glück Begünstigten ergeht es doch nur dann gut auf Erden, wenn sie ihre Eltern achten, ehren und lieben! Fürchtegott schwieg und betrachtete mit Wohlgefallen seine modernen Reitstiefeln. Sie werden entschuldigen, meine Herren, sagte er dann abbrechend, wenn ich mich empfehle. Ich muß eilen, um wo möglich noch vor Ausbruch des Wetters die Stadt zu erreichen. Ich habe Briefe zu besorgen und ein paar eilig zu erledigende Aufträge des Vaters. Bitte, ihn von mir freundlich zu grüßen, wenn Sie nach Weltenburg kommen. Der junge Ammer verbeugte sich abermals und ging dann nach 207 der Schenke, um sich eine Erfrischung und ein paar Krumen Brod für sein Pferd geben zu lassen. Während des Gesprächs mit den Herrnhutern war eine der Zigeunerinnen, die noch immer um das Feuer am Felsen hockten, herangeschlichen, vertrat ihm jetzt den Weg und bat sich mit freundlichem Grinsen – denn sie war weder jung noch schön – die Hand des jungen Herrn aus, um ihm zu wahrsagen. Fürchtegott befand sich der eben erhaltenen Warnung wegen nicht gerade in sehr menschenfreundlicher Stimmung. Er stieß daher die Zigeunerin ziemlich unsanft zurück. Diese jedoch wollte sich dadurch nicht abweisen lassen, weil sie ein Stück Geld zu verdienen hoffte, und trat ihm abermals in den Weg. Fürchtegott ergrimmte über diese Zudringlichkeit, und ohne sich lange zu besinnen, gab er der armen Creatur einen so empfindlichen Schlag mit der Reitgerte, daß sie weinend dem Walde wieder zulief. Widerliches, gemeines Gesindel! rief er der Zigeunerin nach. Laßt ihr euch auf Weltenburg sehen, so lass' ich euch allesammt über die Grenze peitschen. Diese Drohworte wurden so laut gesprochen, daß Graf Alban und Wimmer, welche noch Zeuge der lieblosen Handlung gewesen waren, sie deutlich hören konnten. In demselben Augenblicke zogen die Pferde an und der Wagen rollte dem schönen Flußthale zu, in dessen Hintergrunde Weltenburg lag. Wimmer lächelte. Unser junger Bruder macht rasch Fortschritte in der Kunst zu leben, sagte er. Ja, ja, es steckt ein vornehmer Herr in dem Jünglinge. Das habe ich immer gesagt und deßhalb auch immer Demuth gepredigt. Aber Jugend hat nicht Tugend, und unerwartetes Glück macht gern ein wenig übermüthig. Nun, es schadet wohl nichts. Die Welt ist gar vieleckig und dornenreich, und wenn der liebe Mensch mit seiner Hitze sich ein paar Mal die schönen dunkeln Augenbrauen verbrannt haben wird, sollte er dann nicht milder werden, Herr Graf? Wir werden ihn scharf zügeln müssen, lieber Bruder. Bei Leibe nicht! erwiderte Wimmer. Wilde Pferde müssen sich müde laufen und eher noch angetrieben werden, wenn sie über die Stränge schlagen. Ich denke, es soll mir eine rechte Freude gewähren, wenn ich den jungen Uebermuth so recht toll in's Zeug gehen 208 sehe. Man wird dabei selbst wieder jung, lebt wieder neu auf. Und der junge Mensch kann es aushalten. Dafür sorgen wir ja in christlicher Demuth und aus Liebe zu unserm Heilande! Behalten wir ihn nur immer im Auge, meinte Graf Alban, damit er nichts Unwürdiges thut, so bin ich überzeugt, daß heilsame Trübsal ein brauchbares Werkzeug Gottes dereinst aus ihm machen wird. Ein sehr brauchbares, lieber Bruder in Christo, bestätigte Wimmer. Die Saaten, welche wir ausstreuen zur Ehre des Herrn, sollen schon aufgehen und hundertfältige Früchte liefern. Während dieses Gedankenaustausches der beiden Herrnhuter rollte der offene Wagen hinab in das fruchtbare, malerische Thal. Bald zeigte sich der stumpfe, nur mit einem flachen Bretterdache versehene Thurm von Weltenburg, und nach Verlauf einer Stunde hatten es die Reisenden erreicht. Eine zur Herrschaft gehörige Wirthschaft, die dicht an der Straße lag, diente Fremden zur Einkehr. Graf Alban ließ ebenfalls sein Geschirr daselbst stehen und schritt dann den Hügel hinan zum Schlosse. Zweites Kapitel. Eine Unterredung. Seit dem Verkaufe Weltenburgs war eine große Veränderung auf der ganzen Herrschaft vorgegangen. Das eigentliche Schloß hatte zwar noch sein altes verwittertes Aussehen, dafür entstand rund um dasselbe, und namentlich in der Thalmulde eine ganz neue Welt. Hier rührten sich einige hundert Hände Tag für Tag, diese um Bauholz zuzuschneiden, Gerüste abzubinden, später aufzurichtendes Sparrwerk in einander zu fügen; jene um mit Hammer, Kelle und Richtscheit an dem Unterbau gewaltiger Gebäude zu schaffen. Am Waldsaume wurde Kalk gelöscht und in tiefe Gruben abgelassen. Steinmetzen waren beschäftigt, Schwellen und Simse von Sandstein zu 209 meisseln, während ein Dutzend Menschen unter lautem Halloh durch schwere Rammklötze zugespitzte Fichtenstämme an einer sumpfigen Stelle nach dem Flusse in die Erde trieben. Kurz, es herrschte überall die größte Thätigkeit, und man sah an der großen Ordnung, an dem ganzen rührigen Lebensbilde, daß ein starker, entschlossener Wille leitend, gebietend und anordnend das Ganze zusammenhalte. Auf die Frage des Herrnhuter nach Herrn Ammer wies sie ein Maurerpolirer nach dem halboffenen Bretterschuppen der Steinmetzen, die in einer Reihe am südlichen Rande des Hügels sich befanden. Bald gewahrten sie unter den Arbeitern die Gestalt des alten Webers. Er saß auf einem noch unbehauenen Werkstücke und sah bald hinunter auf den Fluß, bald blickte er nach dem Gebirgskamme, über welchem aus schwarzem Gewölk von Zeit zu Zeit rothgelbe Blitze zuckten. Vertieft in seine Gedanken, bemerkte der Weber nicht die heranschreitenden beiden Männer. Erst als sie schon neben ihm standen und Wimmer's weiche Stimme ihn grüßend bei Namen rief, kehrte er sich um und verließ seinen harten Sitz. Ammer war binnen Jahresfrist auffallend gealtert. Sein sehr starkes Haar schimmerte in ehrwürdigem Weiß und kräuselte sich, da er es nicht gern schnitt, im Nacken zu dichten Locken. Auch seine Gesichtszüge hatten gealtert und dadurch etwas Hartes angenommen. Ueberhaupt blickte er mehr finster als heiter in die Welt, so daß man beim ersten Begegnen kaum einen von seltenem Glück begünstigten Mann in ihm erkannt haben würde. Sieh da, Freund Ammer! sprach Wimmer, ihm die Hand entgegenstreckend. Da thronst du ja mitten in deinem Reiche wie ein König. So gefällst du mir, lieber Bruder! Das schafft und rührt sich und legt den Grundstein zu einem dauernden Glück. Graf Alban sagte etwas Aehnliches und machte zugleich dem Weber ein Compliment in Bezug auf seinen landschaftlichen Geschmack, der ihn veranlaßt habe, sich gerade in so reizender Gegend anzukaufen. Zu viel Güte, Herr Graf, erwiderte Ammer, nach seiner Gewohnheit das Käppchen lüftend, womit er sein Haupt bedeckte. Es ist weder mein Geschmack noch mein Verdienst, daß ich als Herr von Weltenburg hier sitze und über Dinge reden muß, von denen ich nichts 210 verstehe. Gute Freunde haben mir das Alles aufgedrungen aus vorsorglicher Liebe, und ich bin darüber so glücklich, daß ich nicht einmal einen Dank deßhalb über meine Lippen bringen kann. Willkommen in Weltenburg! Ammer drückte dem Grafen die Hand, nahm wieder Platz auf dem Werkstücke und gab durch eine Handbewegung zu verstehen, daß die Freunde auf ähnlichen Sitzen, deren mehrere vorhanden waren, sich niederlassen sollten. Es sieht noch etwas wüst aus hier herum, sagte er, und Stühle aus meinem Schlosse holen zu lassen, ist mir zu langweilig und zeitraubend. Ich nehme deßhalb mit jedem Sitz vorlieb, der sich mir eben darbietet. Immer schlicht und anspruchslos, ganz wie der Herr es wünscht, meinte Wimmer. Mir wär' es schon lieber, wenn ich in meinem Stübel sitzen könnte, wo es noch schlichter aussieht, erwiderte Ammer. Aber was schafft mir die Ehre, Herr Graf? Brauchen Dero Hochgeboren vielleicht eine Ausstattung? Nicht doch! versetzte lächelnd Graf Alban. Mich führt im Grunde keine Geschäftsangelegenheit hieher, sondern einzig und allein der Wunsch, die Gegend, den Ort kennen zu lernen, der in Zukunft die Geburtsstätte großer Unternehmungen zum Segen unseres Vaterlandes sein wird. Unser gemeinschaftlicher Freund, mein lieber Bruder Wimmer, hat mich unterrichtet und mir erzählt, wie Sie gesonnen sind, ein großartiges Etablissement für Ihre Söhne hier zu errichten. So! sagte Ammer. Nun ja, Herr Graf, wenn man gehetzt wird, so läuft man, damit die Köter einem nicht in die Waden beißen. Wimmer hüstelte und schlug sich mit seinem Stocke an die Stulpenstiefel. Freund Ammer liebt es zuweilen, sagte er zum Grafen gewandt, ohne seine breiten Augenlider aufzuschlagen, wenn er so recht innerlich zufrieden und in seinem Gott vergnügt ist, Worte zu gebrauchen, die ganz das Gegentheil vermuthen lassen. Es ist dies angeborene Weltklugheit, die immer zu großen Erfolgen führt. Klugheit, 211 Bescheidenheit und Schweigsamkeit sind im geschäftlichen Leben die größten Cardinaltugenden. Ammer beantwortete diese Bemerkungen des Herrnhuters nur durch einen scharfen Blick, in dem man Alles, nur keine recht herzliche Zuneigung, keinen aufrichtigen Dank lesen konnte. Zugleich zuckten blendende Blitze über dem nahen Gebirge, und ein dumpfer, langsam verhallender Donner brach sich an Wald und Berg. Wenn's gefällig ist, Herr Graf, sprach Ammer, so möchte ich bitten, mir in mein Schloß zu folgen. (Die Worte » mein Schloß « betonte er regelmäßig auf ganz merkwürdige Weise, indem er das Sch stark zischend aussprach.) Es gibt, allem Vermuthen nach, ein böses Wetter, denn es hat gebraut in den Bergen schon seit Sonnenaufgang. Dem Aussehen der Wolken zufolge kriegen wir Hagelschlag. Das käme mir sehr passend; denn die Ernte steht großentheils noch draußen, und wenn unser Herrgott sein Geschosse auf sie herabschleudert, gibt's einen Verlust von vielen, vielen Tausenden. Das thut aber nichts, mir rennt das Glück ja doch nach, wie ein verliebter Thor einem koketten Weibsbilde. Ammer schritt voraus, die beiden Herrnhuter folgten. Glauben Sie, lieber Bruder, sprach Graf Alban leise zu Wimmer, daß wir unsere Absicht heute erreichen? Ihr Freund scheint verstimmt, ärgerlich, mißmuthig zu sein. Wimmer lächelte. Er ist's auch, entgegnete er, und er ist's fast immer. Allein, was schadet es? Ein geschlossener Pact muß gehalten werden und ein Gefangener mag noch so sehr schimpfen und toben, man gibt ihm, erheischt es der Vortheil oder geschieht es zu seinem Besten, deßhalb doch nicht die Freiheit. Also nur immer sanft aber fest vorwärts! Was er uns heut abschlägt, bewilligt er morgen zähneknirschend. Und Sie wissen, ich thue ja Alles nur zur Ehre des Herrn und um mich dankbar zu erweisen gegen einen merkwürdig uneigennützigen Freund. Im Erdgeschosse des Schlosses führte Ammer die beiden Herrnhuter in ein kleines, recht gemüthlich eingerichtetes Zimmer des alten Thurmes, das er bei seinen häufigen Besuchen auf Weltenburg bewohnte. Auf einem großen Tische lagen hier Baurisse, auf der Diele stand das Modell einer Mühle, daneben das eines Pumpenwerks. An 212 der Wand hingen ein paar Doppelflinten, ein schöner Hirschfänger und große Sporen zum Anschnallen. Genug, es sah aus, wie der Aufenthaltsort entweder eines Architecten oder eines Jagdliebhabers. Daß ein Leinweber darin hause, konnte Niemand merken. So, sagte Ammer, sich schwer in einen Lehnsessel von altherkömmlicher Form, mit hoher, kunstreich geschnitzter Holzlehne werfend, so! Da sind Sie in meinem Museum. Hier brüte ich jetzt über Gedanken, die ich sonst nie gehegt habe, und hecke Dinge aus, über die ich mich zuweilen selbst wundere. Aber der Mensch ist eine Art Polyp; wenn er nur will, wachsen ihm überall Fühlhörner, so daß er vollbringen kann, wozu sein Schöpfer oder das Schicksal ihn bestimmt. Die Herrnhuter ahmten dem Beispiele ihres Gastfreundes nach, der mit einiger Besorgniß von Zeit zu Zeit Wimmer fixirte, weil er entweder schon den Zweck seines Kommens kannte oder ihn doch ahnen mochte. Es ist mir jetzt einleuchtend, sprach er, seine Augen wie zerstreut auf die verschiedenen Gegenstände des Zimmers richtend, warum du Briefe so lange unbeantwortet läßt. Du hast keine Zeit und deinen Söhnen überläßt du das Schreiben wohl nicht gern? Ammer schob sein Mützchen in den Nacken und sah den Herrnhuter mit seinen großen Augen durchdringend an. Er sagte aber bloß: Was weiter? Lieber Bruder, fuhr Wimmer fort, es ist Alles gekommen, wie ich's dir vor Jahr und Tag vorausverkündigte. Obwohl mich demnach der Heiland begnadigt hat, ohne Verdienst und Würdigkeit gleichsam in den Fußpfaden des Propheten kurze Zeit zu wandeln, bin ich doch nicht stolz auf solche Gnade des Herrn, noch möchte ich mich in sündhafter Weise überheben. Allein es ist Menschen- und Christenpflicht, so Jemand auf gutem Wege wandelt, ihn zu stützen und zu halten, daß er nicht wieder davon abbiege. Darum, lieber Freund und Bruder, führe ich dir in Sanftmuth zu Gemüthe, daß unser Herr und Heiland seine allmächtige Hand sonderlich über dir und deinem Hause gehalten hat bisher, und daß ich es für himmelschreiende Sünde erachten würde, veranlaßte dich irgend etwas, dies nicht anzuerkennen, und dankend dafür die Hände zu falten. Was wir absprachen zusammen vor Jahr und Tag, Gott hat es wunderbar herrlich 213 hinausgeführt. Deine Waaren sind mit großem Vortheile verkauft worden drüben in der neuen Welt an der Grenze des Heidenthums. Es haben sich geschmückt mit deinen Geweben die Sendboten des Evangeliums, um die Lehre der Liebe zu predigen den wilden Indianern. Darum segnete auch Gott unser Unternehmen. Jetzt nun, lieber Freund und Bruder, liegt schon das zweite Schiff mit gar reicher Rückfracht beladen, im Hafen zu Hamburg. Du oder deine Kinder – wenn du das lieber hörst – haben ein ganzes Vermögen verdient, und es ist nun eben deßhalb Pflicht eines liebevollen reellen Mannes, dich aufzufordern, einen weiteren Schritt vorwärts zu thun und eigene Schiffe zu kaufen. Zeit hast du nicht mehr gar lange. In spätestens fünf Wochen geht die Fregatte wieder in See und bis dahin muß ein entscheidendes Wort gefallen sein. Ich würde es für ein Zeichen großer Liebe zu mir halten, wolltest du dieses Wort schon heute sprechen. Graf Alban unterstützt mich in dieser Bitte. Ammer gab mehrmals Zeichen der Ungeduld, während der Herrnhuter langsam und mit salbungsvoller Sanftheit seine Meinung aussprach. Hätte der alte Weber seiner Neigung folgen können, er würde den Unmuth, der sich in ihm regte und ihm die meisten Stunden verbitterte, in harten, ungestümen Worten ausgesprudelt haben. Weil er sich jedoch selbst sagen mußte, daß er mehr oder weniger die Schuld der Last trage, die ihn drückte, zwang er sich zu einer gelassenen Entgegnung. Es muß wohl sein, wie du sagst, erwiderte er, und weil ich nicht leugnen kann noch will, daß ein kluger Verstand den Versuch geleitet und zu Ende geführt hat, wäre es verwegen, so ich deine Vorstellungen mit einem scharfen Nein kurz abschnitte. Dagegen gebe ich dir Folgendes zu bedenken und bitte dies zugleich mit dem Herrn Grafen wohl zu beherzigen. Es hat meinem Schöpfer gefallen, in meinen alten Tagen mir 'was viel aufzubürden. Noch trag' ich's und ich denk' auch mit Anstand. Jedoch kann ich meine Kräfte nicht noch mehr anstrengen, weil sie alsdann zusammen brechen würden. Was mein ist allhier, und worüber ich je zuweilen mein Auge halten kann, das soll wohl beschafft werden, und ich gedenk' es auch hinauszuführen, daß man es wird loben können. Ueber die Grenzen weiter hinaus und unter den Horizont, wo die Sonne sich verkriecht, mag ich nicht sehen, noch 214 weniger dort gebieten. Dort bin ich fremd und ein Spiel aller Winde. Es gehört mir auch nicht, sondern dir – Mir? fiel Wimmer ein. Ich hab' Alles deinen Kindern zurückgegeben, lieber Bruder. Kann sein, fuhr Ammer fort, und darfst du's damit halten wie du willst; meine Sache ist es nicht. Genug, wovon du sprichst, daran hab' ich kein Eigenthum, und werd' es auch nie beanspruchen. Mithin ist mir kein Vorwurf zu machen, wenn ich von jenem Geschäft und seinem Gewinne mich zurückziehe. Wimmer sah Graf Alban verstohlen an, während dieser das Wort ergriff. So kann nur ein Ehrenmann sprechen, sagte der Graf. Nehmen Sie für diese Geradheit meinen aufrichtigen Dank. Gestatten Sie mir aber auch, Herr Ammer, Sie jetzt auf einen Punkt aufmerksam zu machen, den mein Freund und Bruder wahrscheinlich noch gar nicht berührt hat, und der doch ganz besonders in's Auge gefaßt werden muß. Wir Herrnhuter halten es, wie Ihnen ja bekannt ist, für Pflicht, so weit unsere schwachen Kräfte reichen, für die Ausbreitung der Lehre Christi auf Erden zu wirken. Unser Häuflein ist nur klein und schwach im Vergleich mit der großen Streitmacht, welche ein anderes Bekenntniß aufzustellen vermag. Die Herrnhuter Brüdergemeinden mit ihren Filialen unter den lutherischen Christen wirken vereint durch Entsendung von Missionären in die fernsten Weltgegenden und unter allerlei Volk die Heiden zu bekehren, und zwar für die Lehre des gereinigten Evangeliums. Uns gegenüber stehen die Jesuiten-Missionäre als Freiwerber für ihre Kirche. Sie bilden eine fest geschlossene Phalanx, gegen welche die schlichten, ungelehrten, nur von der Kraft des Glaubens und ihrer Gottbegeisterung getragenen Herrnhuter den Kampf zu bestehen haben. Dennoch verzweifeln die Auserwählten des Herrn nicht, und der Sieg wird ihnen überall werden, wenn sie nur den Muth nicht verlieren und ohne Zagen das Schild des Glaubens schwingen. Allein, um ihnen den Kampf zu erleichtern und sie zu unterstützen in ihrem heiligen apostolischen Wirken, müssen wir Andern, die wir nicht berufen sind als Streiter für das Evangelium aufzutreten, für die materiellen Mittel sorgen, ohne die nun einmal bei der unvollkommenen Einrichtung alles Irdischen nichts auf Erden gedeihen kann. 215 Ammer faltete die Hände und begann mit seinen Daumen zu spielen. Draußen erhob sich der Wind und wirbelte dicke Staubwolken über die baufälligen Wirtschaftsgebäude Weltenburgs, während häufige Blitze das rasch zunehmende Dunkel grell erhellten, und der Donner fortwährend und immer vernehmlicher durch die Berghalden rollte. Mit besonderm Wohlgefallen und innigem Danke gegen den Höchsten haben wir wahrgenommen, fuhr Graf Alban fort, wie Sie, mein werther Herr Ammer, eine liebevolle Theilnahme den christlichen Bestrebungen der Herrnhuter zuwendeten. Sie sind Mitglied des großen Missionsvereins, der wie eine Kette von Brüdern den ganzen Erdball umschlingt. Sie betheiligen sich an Vertheilung der von ihm ausgehenden Schriften durch Verwilligung ansehnlicher Beisteuern. Sie helfen mit einem Worte indirect mit bauen an dem großen Münster des Heils, der zur Ehre des Allmächtigen in Ost und Süd, in West und Nord seine Zinnen erhebt. Durch Gewährung der Mittel, die Sie den herrnhutischen Missionären zufließen lassen, haben Sie, gleich Vielen tausend Andern, Theil an der Bekehrung der Heiden, üben Sie selbst mit das Amt der Apostel, wie Christus es seinen Jüngern übertragen hat. Diese letzteren Bemerkungen beunruhigten den alten Weber. Allerdings hatte er die Missionsvereine durch Geldgaben unterstützt, allein es war ihm niemals in den Sinn gekommen, dies für ein besonderes Verdienst zu halten, während er sich um das Wirken der Missionäre, um die Fortschritte, welche ihr apostolisches Bekehrungswesen unter den Heiden machte, nicht im Geringsten kümmerte. Die Schriften, mit deren Zusendung der Missionsverein ihn beehrte, hielt er nur, weil er keinen Ausweg sah, dieselben abzuweisen, hineingesehen aber hatte er kaum mit halbem Auge, viel weniger wirklich darin gelesen. Es fiel ihm deßhalb wirklich schwer, den Herrnhuter nicht zu unterbrechen. Nur der Respect, den der Graf und die ganze Persönlichkeit des würdigen Herrn ihm einflößte, konnte Ammer vermögen, den hochgestellten Mann weiter sprechen zu lassen. Unser gemeinschaftlicher Freund, Herr Wimmer, hat mir schon vor längerer Zeit Mittheilungen gemacht über das Abkommen, welches seltene Freundschaft und rückhaltlose Liebe zwei Ehrenmänner treffen 216 ließ. Wie der Höchste jeder Gutthat sein Gedeihen schenkt, sei's früh, sei's spät, so hat er auch Ihr Werk der Liebe gedeihen lassen. Ihren Söhnen, werther Herr Ammer, ist ein Vermögen gesichert, das sich noch bedeutend vermehren, das mehr denn tausendfältige Frucht tragen wird, wenn es immer in so treuen Händen ruht und gottgefälligen Zwecken dient. Nicht bestimmen, nur aufmerksam machen möchte ich Sie deßhalb, Herr Ammer! Seien Sie der ferneren Entwickelung des so segensreich Begonnenen nicht hinderlich aus – Grillenhaftigkeit! Lassen Sie Herrn Wimmer freie Hand zum Besten Ihrer Söhne. Gedenken Sie dabei Ihrer Pflicht als Christ, als Bekenner der protestantischen Lehre, und unterstützen Sie durch Beförderung des materiellen Gedeihens Ihrer Familie, Ihrer ganzen Provinz die Missionäre der Herrnhuter unter den Heiden! Graf Alban schwieg. Wimmer drückte ihm dankend die Hand und richtete zugleich einen liebevoll bittenden Blick, aus dem ein herzliches Wohlwollen, eine wirklich innige Freundschaft sprach, auf seinen langjährigen Freund. Ammer war bewegt. Gegründete Einwände vermochte er dem Grafen nicht zu machen, hätte er aber auch Gründe gehabt, es würde ihm schwer, vielleicht sogar unmöglich gewesen sein, diese dem gelehrten, gewandten, vielgereisten Grafen gegenüber überzeugend darzulegen. Er schwankte aus Furcht, das Glück möge ihm zu groß werden und über den Kopf wachsen. Denn was hundert Andere gehoben, erheitert haben würde, das drückte den Weber, das machte ihn auffallend altern, das verbitterte ihm sogar in gewissem Sinn sein doch so glückliches Leben. Er nahm jetzt, als Graf Alban schwieg, sein Käppchen ab und kämmte in gewohnter Weise sein Haar in den Nacken. Herr Graf, sagte er dann, Gott muß es wohl wunderbar mit mir vorhaben, daß er mir zutheilt, was nach meinem Bedünken für manchen Andern sich besser schickte. Der Mensch soll jedoch nicht irre werden, weder an seinem Glauben, noch an seinen Gedanken, und so will ich mich denn fassen als Christ in bescheidener Demuth. Heißt es doch in der Schrift: Wem Gott viel auferlegt, dem gibt er auch Kraft, damit er es ertrage. Mich will nun manchmal bedünken, als sei die Last, welche auf mir ruht, für meine Körper- und Geistesgaben zu groß. Dennoch sei der Wille meines Schöpfers gepriesen immerdar! 217 Sie bewilligen demnach, fiel der Graf Alban ein, daß Ihr Freund Wimmer fortan ein eigenes Schiff kaufen darf? Ammer seufzte, er zerdrückte das Sammtkäppchen, das er noch in der Hand hielt, und wendete sein Auge, wie fragend, dem Fenster zu. Ein blendender Blitzstrahl zerriß eben das schwarze Gewölk und beleuchtete die strengen, unschlüssig vibrirenden Züge des alten Mannes in ergreifender Weise. Sie drängen sehr, Herr Graf, sagte er zögernd. Thu's, lieber Bruder, bat sanftmüthig Wimmer. Ein Donnerschlag erschütterte das alte Gebäude, daß die Fensterscheiben klirrten. Ammers Züge wurden noch strenger. Es warnt mich 'was, daß ich Nein sagen möchte, um nicht aus meinem Sinn herauszugehen, sprach er. Bis jetzt ließ ich der Ungewißheit freien Spielraum. Sie hat mir Glück gebracht, was man so nennt. Heute, in dieser Stunde soll ein freier Entschluß, ein bestimmt ausgesprochenes Wort als Wegweiser der Zukunft sich vor mir hinstellen. Das will bedacht sein, meine Herren! Sie dienen Christo, Ihrem Heilande, sagte Graf Alban. Will ihm auch dienen, ihm und meinem Schöpfer, doch lieber in Demuth, als mit hochmüthigem Wesen. Wer ihm Seelen gewinnt auf Erden, der baut sich eine Stufe im Himmel! sprach der Graf. Ammer schüttelte sein ehrwürdiges, graues Haupt. Ich möchte das Wort Gottes nicht so auslegen, warf er ein, als ob mein Handeln aussähe, wie eitel Eigennutz. Gottes Wege nur will ich gehen, Herr Graf, ohne Vorbehalt, ohne Hintergedanken, und verläßt mich dabei nicht die gesunde Vernunft, so werde ich sie auch finden und hoffentlich drüben im seligen Jenseits auf dem für mich bereiteten Platze keinen Andern erblicken. Du sprichst wie ein Apostel! sagte Wimmer, die Hände faltend. Ich sagte Ihnen ja immer, mein werther Herr Graf und Bruder, daß er ein seltener Mann sei, dieser mein Freund. Der Herrnhuter zerdrückte eine Thräne. Thun Sie deßhalb, was Sie für Recht halten, was ein wahrer, treuer Bekenner Christi thun muß, sprach Graf Alban; Ihr Handeln, Ihre Entschlüsse sollen von uns nicht bestimmt werden. 218 Ich habe einen Gedanken, sagte Ammer nach kurzer Pause. Wollen Sie darauf eingehen, so bin ich entschlossen. Lassen Sie hören. Ich werde Eigenthümer des Schiffes und befrachte es selbst. Kommt die Ladung glücklich an in der neuen Welt, so will ich fortan Handel treiben mit meinen Söhnen auf die neue Manier, doch nur unter der Bedingung, daß diese erste Ladung als Geschenk angenommen wird für die Missionäre und die bekehrten Indianer. Das ist zu viel, erwiderte mit abwehrender Handbewegung Graf Alban. Wimmer lächelte und klopfte seine Stulpenstiefel mit dem Stocke. Es ist mein letztes Wort. Entweder – oder! Lieber Bruder, sagte Wimmer, es ist beinahe ein halbes Vermögen, was du da wegschenken willst. Ich weiß es, versetzte der Weber. Dennoch soll es so sein, weil mir das nicht gehört. Wie das, Herr Ammer? fragte der Graf. Erspieltes Gut ist nicht verdientes Eigenthum, versetzte Ammer, jedennoch kann es dazu werden, wenn es im Dienste des Herrn den göttlichen Segen erhält. Nehmen Sie an, was ich biete. Ihrem großen Missionswerke fließt damit eine bedeutende Summe zu, und ich erleichtere mein Gewissen. Graf Alban reichte dem Weber die Hand. Sie sind ein Ehrenmann, sagte er, ein Mann, recht nach dem Herzen Gottes. Empfangen Sie im Namen der gesammten Christenheit und der Herrnhuter Missionäre im Besondern meinen innigen, aufrichtigen Dank für Ihr so großmüthiges Geschenk, und möge es Ihnen, Ihren Kindern und Kindeskindern Heil, Segen und Glück bringen! Man hörte es dem Tone des Grafen an, daß er seiner tiefsten Ueberzeugung Worte lieh. Wimmer blickte wiederum dankend gen Himmel und bewegte dabei seine Lippen. In diesem Augenblick erfüllte ein bläulich weißer Lichtschein das Thurmgemach, ein donnergleiches Krachen und Prasseln, als stürze ein Theil des alten Gebäudes zusammen, folgte, und alle drei im Zimmer versammelten Männer wankten, wie betrunken. Ammer fiel sogar rücklings in seinen hochlehnigen Stuhl und blieb regungslos. 219 Graf Alban erholte sich am schnellsten. Sein erster Blick richtete sich auf's Fenster, gegen das jetzt Hagelkörner und strömender Regen prasselten. Es muß eingeschlagen haben, sagte er gelassen zu dem wankenden und seufzenden Wimmer. Aber was macht unser Freund? Er trat zu Ammer und ergriff die Hand des Betäubten. Noch fühlte er matt das Schlagen des Pulses, die Hand selbst zuckte, der Weber regte sich wieder. Wie ist Ihnen? fragte der Graf. Ammer holte tief Athem. Gleichzeitig hörte man durch das Prasseln des Hagels und das Heulen des Gewittersturmes lautes Rufen und Schreien. Mich dünkt, sprach der Weber, es war Gottes Finger, der da so vernehmbar an unsere Herzkammern klopfte. Wohl! Ich weiß, daß mein Schöpfer noch das Regiment führt, und bin bereit, mich ihm zu unterwerfen. Aber was ist das? fuhr er fort, sich hoch emporrichtend. Der Himmel hat seine Schleußen geöffnet, daß ganze Bäche herabstürzen aus den vorüberbrausenden Wolken und vermuthlich ist auch ganz in der Nähe ein flammender Donnerkeil niedergefahren. Graf Alban hatte bereits das Gemach verlassen und stand jetzt, gegen den furchtbaren Wettersturm leidlich geschützt, unter der Eingangspforte des Schlosses. Zu ihm trat Ammer, nur der fromme Wimmer blieb zurück in dem Gemache und sagte alle Gebete, die ihm gerade einfielen, ohne Sinn und Verstand her, denn der furchtbare Donnerschlag hatte ihn unglaublich erschüttert. Bei jedem neuen Blitze fuhr er zusammen und glaubte, der flammende Strahl könne ihn leblos zu Boden strecken. Das Schloß roch stark nach Schwefel. Knechte und Werkleute eilten aus ihren Schlupfwinkeln und sammelten sich im Hofraume, ungeachtet der Regen in Strömen herabgoß. Einige hatten den Blitzstrahl deutlich in die Bedachung des Thurmes fahren sehen, von welcher Stücke, die herabgeschleudert waren, zerstreut umher lagen. Man erstieg die Wendeltreppe und konnte hier genau den Weg verfolgen, welchen der Blitz genommen hatte. Zum Glück diente dem zündenden Strahle eine starke an der Treppe sich hinaufwindende 220 Eisenstange als Leiter. An dieser Stange war der Blitz herabgefahren, hin und wieder das Mauerwerk beschädigend. Dicht vor der Schwelle des Thurmgemaches zu ebener Erde, wo die Herrnhuter mit dem Besitzer von Weltenburg eine so wichtige Unterredung hielten, zeigte sich der Fußboden stark zerrissen, weßhalb man annehmen mußte, daß der zerstörende Strahl sich hier in die Erde eingewühlt habe. Eine genauere Besichtigung des Thurmes wies deutliche Spuren von Feuer nach, und wahrscheinlich wäre das obere Holzwerk desselben in Brand gerathen, hätte nicht der unmittelbar nach dem Schlage niederstürzende Fluthregen, der sich sogleich in einen verheerenden Wolkenbruch verwandelte, die im Entstehen begriffene Flamme wieder ausgelöscht. So kam man denn mit dem bloßen Schreck davon. Ammer machte dies Ereigniß sehr nachdenklich. Er ward schweigsam und trug zur Unterhaltung seiner Gäste, die des entsetzlichen Unwetters wegen die Nacht in Weltenburg zubringen mußten, sehr wenig bei. Nur als der Graf im Laufe des verschiedene Gegenstände berührenden Gespräches wieder des Glückes und der besondern Segnungen des Himmels gedachte, deren die Familie Ammer sich zu erfreuen habe, sagte er mit Nachdruck: Säße ich heute noch ruhig in meinem Weberhause und hätte nicht hinausgegriffen mit gierigen Fingern in die Welt, so wäre mir das nicht passirt. Damit war alles Gespräch zu Ende. Der Weber wies seinen Gästen ein alterthümliches Zimmer mit sehr großen altmodischen Himmelbetten für die Nacht an, und verschloß sich dann, was er auf Weltenburg stets zu thun pflegte, in der schmucklosen Kammer, die er für seinen zeitweiligen Aufenthalt nothwendig hatte einrichten lassen. 221 Drittes Kapitel. Die beunruhigende Botschaft. Wimmer hatte eine sehr unruhige Nacht. Das lange Gespräch mit dem schwer zu bestimmenden Ammer, obwohl es größtentheils Graf Alban führte, war für ihn eine geistige Tortur gewesen. Das Resultat freilich erheiterte sein Gemüth, denn er sah jetzt alle seine fein angelegten, im Voraus berechneten Pläne in Erfüllung gehen. Nur der Donnerschlag, dieser entsetzliche Blitz, der minutenlang ihn seiner Sehkraft beraubte und dadurch jenes anhaltende Taumeln verursachte, störte wieder diese Ruhe. Unwillkürlich mußte er dem Weber beistimmen, wenn dieser in seiner gottergebenen oder altväterlichen Weise eine Mahnung und Warnung des Höchsten darin erblicken wollte. Wem sollte sie wohl zumeist gelten? Dem alten, scheinbar mit Glücksgütern überhäuften Webermeister, oder ihm, dem Manne, durch dessen Vermittelung dem Jugendfreunde so Großes zufloß? In seiner Gemüthsunruhe warf sich Wimmer auf das Gebet, mehr aus Gewohnheit, als aus innerem Bedürfniß. Wie ihm durch langjährige Uebung ein Gespräch in salbungsvollen Redensarten zur andern Natur geworden war, so entschlüpften seinem Munde auch Gebete oder Liederverse zu gewissen Stunden des Tages. Diese halb mechanische geistige Unterhaltung, oder wie man es sonst nennen soll, spielte sich von selbst ab, wie ein Uhrwerk, wenn es die treibende Feder in Bewegung setzt. Wimmer dachte gar nichts oder ganz andere Dinge dabei. Er wollte sich nur zerstreuen, ein unbequemes Etwas, das ihn belästigte, entfernen oder wenigstens aus seiner unmittelbaren Nähe verbannen. Allein ihn floh der Schlaf. Das Flüstern und Pfeifen des Windes in dem großen Schornsteine, der in einen gewaltigen Kamin mündete, das Rauschen der Baumkronen im nahen Park und das 222 dumpfe Brausen des in einen mächtigen Strom verwandelten Flusses störten ihn immer wieder auf. Feindlicher noch begegnete dem Herrnhuter das Geflimmer des Mondlichtes auf ein paar verblaßten Portraits, die an den morschen Tapeten des Schlafzimmers hingen. Die hin- und herschwankenden Baumzweige spiegelten sich ab an den Wänden und verdeckten jetzt die Bilder, dann ließen sie dieselben wieder sichtbar werden. Wider Willen heftete Wimmer seine Augen darauf und je länger er hinsah, desto unheimlicher ward ihm. Die Bilder schienen lebendig zu werden; die Hände bewegten sich und drohten ihm, und obwohl das Portrait eines alternden Mannes in der üblichen Tracht seiner Zeit, mit einer majestätischen Allonge-Perrücke erschien, verwandelte es sich doch vor seinen Augen in Ammer's ernste, harte und doch so treuherzige Züge. Der alte Weber blickte den Herrnhuter aus dem bestäubten Rahmen mit so vorwurfsvollen Augen an, daß er in die Gewalt eines übermenschlichen Wesens gekommen zu sein schien. Hätte ihn nicht die Scham abgehalten, er würde den Grafen gerufen und ihn um Hilfe gegen die quälenden Visionen gebeten haben. Spät erst schloß der Schlaf die müden Augen des Geängsteten, aber auch im Schlaf wollten die Feinde nicht von ihm lassen, die als Frühgeburten seines unlautern Schaffens sich schon jetzt störend in seine Lebenskreise drängten. Am nächsten Morgen trieb Wimmer zur schleuniger Abreise. Er schützte Geschäfte vor, die seiner daheim warten sollten, die wahre Veranlassung zu seinem Drängen war jedoch das unheimliche Gefühl, das ihn im Hause des alten Jugendfreundes wie eine fremde, drückende, ihm sich anheftende Atmosphäre nicht mehr verließ. Graf Alban zeigte eine ganz andere Physiognomie. Seinen milden, klaren Zügen, seinen klugen, dabei aber sanften Augen sah man es an, daß eine freudige Zuversicht seine Seele erhebe, und daß er Gott inbrünstig dafür dankbar sei. Der Graf empfahl sich daher auch mit großer Herzlichkeit von seinem Wirthe, während der süßliche, liebevolle Wimmer seine Verlegenheit mit der Maske erkünstelter Rührung verhüllte. Er drückte Ammer nur die Hand, stellte sich, als ob er sprechen wolle, aber nicht könne, zerdrückte ein paar Thränen und stieg mit 223 einem verklärten Blicke nach Oben in den Wagen, während er seinen breitkrempigen Hut tief in's Gesicht drückte. Ammer hatte nicht Zeit, seinen geheimen Gedanken nachzuhängen. Von allen Seiten stürmten Arbeiter, Werkleute und Baumeister auf ihn ein. Jeder wollte ihn zuerst sprechen, Jeder seine Meinung hören. Die Verwüstungen des Unwetters, besonders in Folge des Wolkenbruches, der größtentheils im Gebirge niedergegangen war, überstiegen bei weitem jede Vorstellung, die man sich am Abend nach dem Wetter davon gemacht hatte. Weil keine Gebäude auf der Besitzung Weltenburg gefährdet waren, hatte man weniger auf das Vorgehende geachtet. Erst jetzt übersah man das Uebel und erschrak darüber. Im Flußthale, wo Ammer eine Walkmühle anlegen wollte, hatte das Wildwasser den ganzen Untergrund überschwemmt, so daß in Wochen an eine Fortsetzung des Baues nicht gedacht werden konnte. Entwurzelte Baumstämme, die der Fluß weiter oben aus der Erde gewühlt, lagen, mit Schlamm und Schlinggewächsen bedeckt, im üppigen Wiesengrunde, dessen Graswuchs mit Sand, Erde, Schiefergeröll gänzlich unbrauchbar geworden war. Noch jetzt rollte der Fluß seine erdigen Wellen weit über die Ufer, und eine Menge Trümmer aller Art schwamm mit den Fluthen thalabwärts. Der angerichtete Schaden war gar nicht zu übersehen, zumal da man nicht wissen konnte, ob und welchen Schaden der Hagel auf den Feldern angerichtet haben würde. Ammer ließ sich überall hinführen, besah Alles genau, prüfte mit Hand und Fuß, wo der Blick allein ihm nicht zu genügen schien, äußerte aber weder Unwillen noch Besorgniß. Am Ende seiner Wanderung sagte er trocken: es muß eben Alles wieder in Ordnung gebracht werden. Zeit, Geld und rechtes Geschick bringen das wohl zu Stande. Doch wird man sich in Zukunft vorsehen müssen. Damit war das immerhin störende Ereigniß für alle Zeit abgethan. Ammer dachte nicht mehr daran, oder sprach doch nicht davon; dies veranlaßte alle Uebrigen ebenfalls zu schweigen und statt vielen und nutzlosen Sprechens die Hände tüchtig zu rühren, damit die Arbeit auch fördere. So kam die Mittagsstunde heran. Um diese Zeit fand sich gewöhnlich der Postbote in Weltenburg ein, falls überhaupt Briefe zu 224 besorgen waren. Seit Ammer's Aufenthalt daselbst kam dies häufig vor, denn der vielbeschäftigte Weber, dessen Verbindungen so sehr gegen seinen Willen eine gewaltige Ausdehnung gewonnen hatten, erhielt fast täglich eine Anzahl Briefe. Auch heute blieb der eilig einherschreitende Bote mit seiner Ledertasche nicht aus, doch hatte er diesmal nur einen einzigen mit der Bemerkung »pressant« bezeichneten Brief dem neuen Besitzer Weltenburg's zu überreichen. Ammer erkannte die Hand seines Sohnes Christlieb und erbrach ihn mit einiger Besorgniß. Und in der That, die darin enthaltene Nachricht war in jeder Hinsicht überraschend und beunruhigend. Christlieb meldete nämlich dem Vater, Kaufmann Mirus habe durch einen Expressen die kurze Meldung ihm zugehen lassen, daß er gegenwärtig auf die früher gemachte Bestellung durchaus nicht reflectire, sondern, weil er schon anderweit mit Waaren reichlich versehen sei, dieselbe als gar nicht geschehen betrachtet wissen wollte. Der Brief des reichen Handelsherrn, fügte Christlieb noch hinzu, sei so kurz und herb, daß er vermuthen müsse, derselbe wolle alle Beziehungen mit Ammer für immer abbrechen. Der Weber legte das Schreiben zusammen und steckte es zu sich. Er sah ernst, ja düster vor sich hin, ohne einen Laut von sich zu geben. Nur die Röthe seines Gesichts und das starke Anschwellen der Ader auf der Stirn wurden zum Verräther der Gedanken, die in ihm aufstiegen. Er ließ das aufgetragene Mittagsbrod unberührt stehen und rauchte, statt zu essen, eine Pfeife Tabak. Nach Tische sprengte Fürchtegott auf schaumbedeckten Rosse in den Hof, warf die Zügel einem gebieterisch herangerufenen Dienstboten zu und befahl ihm, das Pferd eine Zeitlang herumzuführen und es dann sorgfältig abzureiben. Als er die finstere Miene des Vaters am Fenster des Thurmzimmers bemerkte, grüßte er etwas verlegen und trat in's Schloß. Der Vater empfing ihn kühl. Hast du Jemand in der Stadt gesprochen? fragte Ammer. Außer meinen jungen Freunden Niemand, versetzte Fürchtegott. Wir spielten gestern Abend während des Unwetters ein paar Partieen Billard, wobei ich das Glück hatte, eine Wette zu gewinnen. Schon wieder, sagte Ammer. Und du weißt doch, daß ich es nicht gern sehe, wenn du so nutzlos Geld verthust! 225 Es trifft ja nicht deine Kasse, Vater, erwiderte der junge Lebemann, der sich bereits zu fühlen begann. Mit dem mir ausgesetzten Taschengelde werde ich doch wohl thun und lassen können, was mir behagt? Ammer seufzte. Es zeugt von Leichtsinn, lieber Sohn, bemerkte er nach einer Pause, und Leichtsinn ist für einen Kaufmann, der du ja werden willst, immer eine sehr üble Eigenschaft. Hast du sonst nichts gehört? Ja, daß der Blitz das alte Nest hier bald angezündet hatte, sagte Fürchtegott heiter, die Landleute aus dem Thale erzählten sich's heute Morgen, als ich auf dem Keller frühstückte. Groß wäre das Unglück nicht gewesen, denn so, wie das Haus jetzt aussieht, kann es doch unmöglich lange noch bleiben. So lange mich Gott am Leben läßt, Fürchtegott, und so lange ich noch ein Wort über das Meinige zu sagen habe, bleibt Schloß Weltenburg in diesem seinem jetzigen Zustande. Wenn ich todt bin und sechs Fuß tief unter der Erde liege, könnt ihr thun, was ihr wollt. Mein Gott, erwiderte Fürchtegott, ich mache dir ja durchaus keine Vorschriften, ich äußere ja nur eine Ansicht, spreche einen Wunsch aus. Daß du das alte Geniste nicht einreißen wirst, weiß ich ohnehin. Du kannst es ja kaum hören, daß man von Neuerungen spricht, daß man sie lobt. Weil ich erst prüfe, ehe ich ein Ding annehme, das mir unbekannt ist. Aber lassen wir das, mein Sohn; es gibt Wichtigeres zu thun. In einer halben Stunde fahre ich nach der Stadt und von dort weiter nach Hause. Wann ich wieder komme, kann ich nicht bestimmen. Ich erwarte deßhalb, daß du ein offenes Auge hast auf Alles, was um dich her vorgeht. Du inspicirst und befiehlst ja lieber, als daß du mir daheim zur Hand gehst. Es ist also hier ein Boden für dich. Nur bedinge ich mir aus, daß du nicht hart und unfreundlich gegen die Arbeitsleute bist und nicht den vom Glück emporgehobenen Junker spielst. Du hast die Anlage und den Trieb dazu, aber ich duld' es nicht. Ich werde nur auf unser Bestes sehen, sagte Fürchtegott mürrisch. Thu's und Gottes Segen möge mit dir sein. Adieu! Ich habe einen schweren Gang vor, fügte Ammer nachdrücklich hinzu. Wäre dies 226 Alles nicht mein Eigenthum durch Gottes gnädige Fügung, so hatte ich heute nicht Ursache, mit schwerem Herzen Jemand eine Bitte vorzutragen, die Vielleicht durch eine Beleidigung beantwortet wird. Nun – es kommt ja Alles von oben herab, Freudiges und Trauriges, und durch Trübsal geläutert zu werden, ist das Loos aller Menschen. Die düstere Miene, der fast traurige Ton der Stimme des Vaters machten den Sohn verstummen. Nicht einmal eine ferne Frage wagte er zu thun; es ward ihm ganz unheimlich, und er fühlte sich erst wieder frei und erleichtert, als der alte Planwagen, den der eigensinnige Weber noch immer beibehielt, wenn er zu fahren genöthigt war, den gewundenen Fahrweg hinab in's Flußthal rollte. Viertes Kapitel. Kaufmann und Weber. Unterwegs entwarf Ammer eine Menge Pläne, um den Kaufmann, seinen langjährigen Freund, zu einer Sinnesänderung zu bewegen, allein keiner gefiel ihm. Seine Zuflucht zu einer Bitte zu nehmen widerstrebte seinem Charakter, auch hätte er damit ja sich selbst eines Unrechts geziehen, was er weder konnte noch wollte. Gehandelt aber mußte werden, sonst standen ihm große Verluste bevor. Denn ward es bekannt, das Mirus nicht mehr bei ihm arbeiten lasse, so mußte nothwendig sein Ruf als Weber darunter leiden. Diesen Ruf sich zu erhalten, war Hauptzweck seines Ganges. Ihm würde Ammer Großes geopfert haben, denn dieser Ruf, der mit ihm gewachsen war, der ihn umgab, wie die Luft, die er athmete, war sein höchstes Gut, seine größte Ehre auf Erden. Mit ihm wollte er leben und sterben. Als sein unscheinbares Fuhrwerk die Stadt erreichte, war der Weber in seinen Entschlüssen nicht weiter gekommen, als beim Einsteigen in Weltenburg. Er mußte jetzt dem Zufalle, dem Augenblicke Alles überlassen. 227 Die Kniee zitterten dem Weber, als er das Haus des Kaufmannes betrat. Mirus war auf seinem Zimmer und, wie der Buchhalter ihm sagte, ganz allein. Er erbat sich, den Weber zu melden. Bei Leibe nicht! sagte Ammer ihn zurückhaltend. Ich bin kein aparter Freund vom Warten und zu einem großen Herrn fehlt meinem alten Freunde der ganze Zuschnitt. Ich meine, es wird besser sein für uns Beide, wenn ich mein eigener Bote bin. So stieg denn Ammer die Treppe hinauf, ging leisen Schrittes über den breiten und langen Vorsaal, und klopfte ziemlich hart an die Thüre des Kaufmanns. Ein entsprechend lautes Herein! antwortete auf diese starke Frage. Im nächsten Augenblicke standen beide Männer einander gegenüber, Ammer hoch aufgerichtet, seine feste Gestalt halb auf seinen Rohrstock stützend, der Kaufmann gebückt, beunruhigt, vor Aerger keines Wortes mächtig. Ammer schüttelte mißbilligend sein weißlockiges Haupt, das volle Haar mit dem Hornkamme tiefer in den Nacken streichend. Es ist mir so eben kund geworden durch ein paar Zeilen, die mein Aeltester mir zugesendet, daß Sie ein gegebenes Wort brechen wollen, Herr Mirus, begann der Weber mit unsicherer Stimme seine Rede. Ich habe mich fast darüber erschrocken, also daß ich kaum von der Stelle konnte und das Wort mir auf der Lippe erstarb. An die dreißig Jahre und auch darüber war ich gewohnt, ein Wort von Kaufmann Mirus weiter zu geben, wie einen Wechsel. Mit dem letzten Versprechen hab' ich's auch so gehalten und nun will das Haus Mirus und Compagnie nicht gut dafür sein! Herr, ich sollte meinen, Sie müßten begreifen, daß solch' unerhörte Kunde einem Mann, wie ich bin, wohl in die Glieder schlagen könne! Ist's an dem? Mirus hatte seine goldene Dose wohl zehnmal auf- und zugeklappt, und mehrere Prisen genommen. Jetzt versetzte er stotternd, denn Aerger, Aufregung und Verdruß ließen ihn keine Worte finden. Herr, ich muß Ihr sagen, mit – mit – Betr – mit falschen, zweizüngigen Leuten ist kein Geschäft – partout kein Geschäft! Wer ist zweizüngig? gegenfragte in stolzer Haltung der Weber. Hab' ich je zu Ihnen in doppelzüngiger Weise gesprochen? So wahr ich meinem Schöpfer erkenntlich bin für all' die unverdiente Gnade, die er mir erwiesen bis zu dieser Stunde, ich wüßte nicht, in welcher 228 Minute meines Daseins der Schalk solchen Wortes oder Gedankens sich bei mir hätte verstecken können. Dann will ich's Ihnen sagen, Herr Ammer, erwiderte Mirus gefaßter. Als vor drei oder vier Monaten die Herrschaft Weltenburg unter'n Hammer kam, erklärte man vor der ganzen Versammlung, der heimliche Herrnhuter, Lazarus Wimmer, habe sie gekauft und doch sind Sie der Besitzer, sind es, wie ich freilich zu spät erfahren habe, gewesen von dem Augenblicke an, wo mir das Schloß entrissen ward. Wie nennt man das bei euch Webern, he? Hab' ich für Anderer Handlungen einzustehen? Andere handelten in Ihrem Auftrage. Advocat Block, der alte Ränkeschmied – Ist nur mein Rechtsanwalt, nichts weiter. Herr, ich muß Ihr sagen, platzte der heftige Mirus heraus, gerade weil dieser Block, dieser Satansmensch, statt Ihrer in Weltenburg erschien, kann ich nicht mehr Ihr Freund sein. Wer meinem Todfeind sein ganzes Vertrauen schenkt, stellt sich von selbst und mit Vorbedacht auf die Seite meiner Gegner. – Sie brauchen mich ja ohnehin nicht mehr, – Sie befrachten ja eigene Schiffe und schicken Ihre Waaren direct nach der neuen Welt! – Herr, ich muß Ihr sagen, das Alles sind Praktiken, schlechte Angewohnheiten, Winkelzüge, Ueberschliche – Mit Verlaub, Herr Mirus! rief jetzt Ammer in so gebieterischem Tone, daß der Kaufmann verstummte. Danken Sie es meiner schwer bekümmerten Seele, daß ich mit Ihnen nicht verfahre nach weltlichem Recht. O ja, mein Herr Mirus, Ammer im Rohr ist freilich nur ein armer, dummer Weber, aber ein Stück Reputation hängt an jedem Fädchen Garn, das durch seine oder seiner Leute Finger läuft. Offen und gerade, schlicht und ehrlich war mein Thun von Jugend auf, und wenn in letzter Zeit mein Geschäft mehr in's Große getrieben ward, so geschah es, weil die Welt mich drängte und mein Schöpfer mir ungesucht Mittel zuwies, die ich als rechtlicher Familienvater nutzbar anzulegen verpflichtet war. D'rum bemüht hab' ich mich nicht, und's Briefschreiben ist nicht meine Sache. Auf die Thürklinke muß der Mann schlagen, der mit mir in Verbindung treten will. Thut's Einer, so nehme ich mein Käppchen vor ihm ab und nöthige ihn auf 229 christliche Manier herein, aber hinauswerfen laß ich weder einen solchen Gast von irgend einem Andern, noch steht es mir an, mir im eigenen Hause von Fremden Vorschriften machen zu lassen. Derohalben, mein Herr Mirus, wollte ich den Kaufmann gebeten haben, es möge sich derselbe mit losen, unschicklichen und beleidigenden Redensarten gegen den Weber nicht gar zu sehr vergehen. Könnte sonst geschehen, daß ich mich doch wider Willen des Block bedienen müßte! Mirus fühlte, daß er zu weit gegangen war, er suchte deßhalb einzulenken. Man muß sich gegenseitig menagiren, Herr Ammer, versetzte er, lassen Sie uns also in Ruhe ein Abkommen treffen. Beliebt's Platz zu nehmen? Ammer folgte dieser Einladung mit finsterm Gesicht. Er schob einen der mit gemustertem Sammet überzogenen, an dem Holzrande mit gepreßtem Leder eingefaßten Stühle mitten in's Zimmer, setzte sich und stützte seine Bibermütze auf den Rohrstock, den er mit beiden Händen umfaßte. Nun, so reden Sie, sprach er. Ich bin bereit, auf jegliche Frage Antwort zu geben. Sie haben zu viel zu thun, mein lieber Ammer, sagte jetzt der Kaufmann, und da möcht' ich nicht gern stören, vorzüglich, weil ich auch nicht zurückgesetzt oder vernachläßigt sein will. Kommt bei mir niemalen vor, erwiderte Ammer sehr bestimmt. Sag' ich Jemand zu, daß ich ihm dienen will, so geschieht es. Der arbeitenden Hände gibt es genug, und weil Gott mir einigen Mammon verliehen hat, den ich wieder Andern zufließen lasse, damit er mir Segen trüge, so fehlt es mir nie an ausreichenden Kräften. Seit den letzten Monaten erst sind wieder einige zwanzig tüchtige, gewandte und fleißige Leute von mir in Brod und Lohn genommen worden. Aber es quält Sie diese große Vermehrung der Menschen, es wächst Ihnen das Geschäft über den Kopf und macht Ihnen Kummer. So Einer ein Amt hat, so warte er seines Amtes! versetzte Ammer trocken. In meinen Augen ist derjenige ein schlechter Mann, der ein gegebenes Wort nicht hält, eine eingegangene Verbindlichkeit nicht erfüllt. Lieber zu Grunde gehen, als unehrenwerth dastehen! 230 Mirus machte sich auffallend viel mit seiner Dose zu schaffen. Nun, mein lieber Herr Ammer, sagte er nach kurzem Schweigen, ich denke wohl, es gibt für rechtschaffene Menschen noch einen Mittelweg, den sie einschlagen können, ohne Schaden an ihrer Ehre oder ihrem eigenen Gewissen zu leiden. Man trifft ein Abkommen – Herr, ich muß Ihr sagen – das nennt man kaufmännisch verfahren. Kann wohl sein, sagte Ammer, sein breites Kinn auf den mit der Mütze bedeckten Stockknopf stützend. Nun also, fuhr Mirus fort. Wie ich höre und Sie gewissermaßen ja auch selbst zugestehen, wollen Sie vom Weber zum Kaufmann aufsteigen, lassen Sie uns demnach kaufmännisch handeln. Wenn ich nun aber nichts davon hören will? Das würde unrecht von Ihnen sein. Genug, Herr Ammer, ich wünsche meine Bestellung zurück zu nehmen. Die Weben sind halb fertig. Machen Sie sie ganz fertig und offeriren Sie dieselben Ihrem werthen Freunde, Herrn Wimmer, sagte Mirus lächelnd. Wimmer kann sie nicht brauchen. Ich auch nicht. Das mußten Sie wissen, ehe Sie die Waare bei mir bestellten. In vierzehn Tagen werde ich sie abliefern. Auf Ihre Gefahr hin, Ammer! Ich schicke sie zurück, so wahr ich der Kaufmann Mirus bin! Und ich werde Sie in solchem Falle verklagen, so wahr mein Rechtsanwalt Block heißt! Dann sind wir ewig Feinde! Ewig? – Das wissen wir nicht; hier auf Erden vielleicht, allein ich habe Gott zum Zeugen, daß die Schuld nicht auf mich fällt! Ammer, sagte Mirus aufstehend und sich dem unbeugsamen Weber nähernd, nehmen Sie Vernunft an! Es läuft schnurstracks gegen mein kaufmännisches Gewissen, mit Ihnen in fernerer Verbindung zu bleiben. Alle meine Pläne haben Sie oder Ihre Helfershelfer gekreuzt, alle meine Hoffnungen sind dadurch zerstört worden! Sie betreiben ein heimliches Compagniegeschäft mit Wimmer, von dem ich weiß, daß er ein schlechter, gewissenloser und rachsüchtiger Mann ist – ich warne Sie, Ammer! – Sie stecken mit Block zusammen 231 und spielen mit ihm unter einer Decke, der mich zu vernichten geschworen hat, weil ich einmal gegen ihn einen Proceß gewann; Sie kaufen mich aus unter fremdem Namen und ruiniren damit meine ganze irdische Wirksamkeit! Wie, Ammer, können Sie wirklich glauben, daß nach solchen Vorkommnissen, die alle begründet sind, ich noch in Geschäftsverbindung mit Ihnen bleiben soll? Man kann Kleinigkeiten vergessen, aber Alles, seine ganze kaufmännische Ehre – Herr, ich muß Ihr sagen – die könnte unter solchen Verhältnissen nur ein Hottentotte nicht für gefährdet halten. Ammer hatte dieser Entgegnung seines langjährigen Geschäftsfreundes in der angedeuteten Stellung zugehört, ohne eine Miene zu verziehen. Dennoch werden Sie die Bestellung bezahlen müssen, sagte er jetzt fest. Was Sie fernerhin zu thun haben, werden Sie am besten selbst ermessen können. Ein ganzer Mann ist in schwierigen Lagen immer sein sicherster Rathgeber. Sie haben nichts zu erwidern auf meine Bemerkungen? fragte der äußerst geärgerte Kaufmann. Was soll ich darauf erwidern? entgegnete Ammer. Herr Wimmer ist stets ein Freund von mir gewesen und hat sich als solcher bewiesen. Was er sonst noch für Nebenabsichten haben mag; ob er Andere bevortheilte, ob er rachsüchtig und schlecht ist, habe ich nicht zu untersuchen. Ich bin nicht sein Gewissensrath, und die Geheimnisse seines Herzens hat, glaub' ich, der kluge Herrnhuter auf dieser Welt schwerlich irgend Jemand mitgetheilt. Vorsicht ist nöthig, wenn man mit ihm zu thun hat, und vorsichtig bin ich. Selbst wenn er mir übel wollte, unter die Füße kriegte er mich doch nicht, denn ich bin – meinem Schöpfer sei es gedankt – noch allezeit wacker bei Kräften. Das wäre denn Eins. Zum Zweiten bin ich Besitzer von Weltenburg geworden, ohne mir diesen Besitz zu wünschen oder zu erschleichen. Mein Anwalt glaubte meinen Söhnen Gutes zu thun, wenn er die Herrschaft für mich erstände. Ich sagte nicht direct nein, und so ward sie mein Eigenthum. Nun, und daß er Wimmer's Namen vorschob, fällt Ihnen das so ungewöhnlich auf? Mich will bedünken, es war ein ehrenwerther Zug von Block, daß er, mit Ihnen schon gespannt, einen Ihrer Freunde nicht als Gegner nennen wollte. Wo Sie also 232 Hinterlist und Schlechtigkeit entdecken, finde ich nur rücksichtsvolle Artigkeit. Mirus trat dicht an den Weber heran. Ammer, sagte er, seine Hand auf die Schulter des alten Mannes legend, vieljähriger, lieber Freund, halten Sie die Augen offen und lassen Sie sich nicht blenden von dem überhellen Glanze, der gerade jetzt Ihren Lebensweg beleuchtet! Er macht mir keine Freude, versetzte Ammer düster, mit weit offenen Augen in's Leere blickend. Da er aber doch einmal hereingedrungen ist und fortwährend lockend um meine Füße zittert, kann ich nicht zu ihm sagen: geh! du bist mir lästig. Ich will lieber bei weniger Licht ruhig leben und ohne zu erblinden dereinst die Welt verlassen. Sie sagen selbst, daß Sie in Ihren neuen Verhältnissen sich nicht glücklich fühlen, bemerkte der Kaufmann. Ich glaube es, denn ich schmeichle mir, ein wenig in Ihrer Seele lesen zu können. Dennoch fürchte ich nicht sowohl diese Umgestaltung Ihres äußern Lebens, als – Ihre Freunde. Ich weiß, Ammer, daß sie Ihnen nicht wohl wollen, daß hinter jedem freundlich klingenden Worte ein Abgrund von Tücke gähnt! Geben Sie mir Beweise! Das kann ich nicht. Weßhalb nicht? Weil ich sie nicht besitze. Dann wäre mir's nicht zu verargen, wenn ich Sie für einen Verleumder hielt. Aber Ammer! rief Mirus in heftiger Aufregung; wie ist es möglich, daß Sie so grenzenlos verblendet sein können! Wenn ich es wirklich sein sollte, was ich noch nicht glauben kann, erwiderte der Weber, so muß es im Rathschlusse Gottes so vorher bestimmt sein. Dem Herrnhuter hab' ich Unrecht gethan in frühern Jahren – ich legte Eis auf ein glühend heißes Herz und erkältete es damit. Der Mann erholte sich langsam, aber warm und freudig schlug sein Puls nie wieder. Daran war ich Schuld, Herr Mirus, und wäre ich ein Mensch gewesen von schwachen Gaben und leicht reizbaren Nerven, es hätte wohl sein können, diese meine eigene Rechte hätte für mich die Gestalt einer Teufelskralle angenommen und mir 233 die Luftröhre zugedrückt, wenn ich bei schaurigem Mondlicht, wo Schatten und Nebel mit einander spielen und sich oft recht häßliche Gesichter schneiden, einsam durch's pfeifende Rohr ging. Ich hab's nicht gethan, Herr Mirus, und dafür preis' ich meinen Schöpfer. Der Herrnhuter aber ward still, fromm – Andere sagen ein Frömmler – er reichte mir die Hand, der ich den Glücksring abstreifte, noch eh' er es ahnte; er sprach zu mir: Bruder, die Lehre Christi schreibt vor: Liebe deine Feinde! Er legte meine kalte, zitternde Rechte auf sein matt klopfendes Herz, indem er mit wehmüthigem Lächeln sagte: Fühlst du, Freund, es schlägt schon wieder und wird bald ganz munter plaudern und springen, wie die Herzen aller andern Menschen. Liebe mich, wie ich dich liebe, und sei mein Freund! Da konnte ich nicht nein sagen, Herr Mirus, denn ich hätt' es für eine große Sünde gehalten. Und seitdem hab' ich dem Herrnhuter mit Vorsicht vertraut, mit ihm geworben um weltliches Glück, und Wimmer – ich muß es bekennen zu seinem Ruhme, selbst wenn dies Bekenntniß mir und den Meinen zum Nachtheile gereichen sollte – Wimmer hat seit jenem Tage nicht aufgehört, feurige Kohlen auf mein Haupt zu sammeln, dergestalt, daß von der immer erneuerten Gluth derselben meine Haare erbleichten und ich nun vor der Zeit einhergehe als Greis! Lachen Sie jetzt über den einfältigen Weber, Herr Mirus, wenn Sie können, aber wagen Sie nicht mehr, den Herrnhuter einen schlechten Menschen zu nennen! Mirus seufzte. Er schien gerührt von den Worten des Webers, die, je länger er sprach, von ihrer anfänglichen Herbheit viel verloren. Nach einer Weile gab er ihm die Hand. Gut denn, sagte er. Meine Schuldigkeit habe ich gethan. Daß sie nichts fruchtet, sehe ich leider ein und bedauere es zugleich, aber ich will weder ungerecht sein gegen Sie, noch gegen Andere. Um Eins aber bitte ich, alter Freund! Seien Sie wachsam und haben Sie besonders ein Auge auf Ihren Sohn Fürchtegott! Der junge Mensch ist schon jetzt im Begriff, unheilvolle Nebenwege zu wandeln. Und zum Schluß die Versicherung, daß ich mich nach keinem anderen Lieferanten umsehen will. Wir verstehen uns, denk' ich, und – Herr, ich muß Ihr sagen – was Sie mir da erzählt haben, ist mir tief in die Seele gedrungen. 234 Mirus nahm eine starke Prise und bot dem Weber die Dose, der dem Beispiele des Kaufmanns mechanisch folgte. Es ist mir lieb, daß wir als Freunde scheiden können, versetzte Ammer. Ihre Kundschaft gehört zu meiner Reputation. Just darum, nicht des Gewinnes wegen, ist sie mir von so großem Werth. Das Andere, setzte er mit gedämpfter Stimme und die Augen niederschlagend hinzu, müssen wir wohl dem Herrn anheim stellen. Mein Gebet wendet sich in dieser Angelegenheit früh und Abends an den himmlischen Vater, allein mein Kummer wächst noch immer und wenn nicht ein Wunder geschieht oder – was ich für gleich erachte – ein rechtzeitiges Unglück das üppig aufsprossende Unkraut vernichtet, so wird es mit mächtigem Arm mich umschlingen und tief beugen! Dennoch will ich nicht verzagen, noch kleingläubig mich erweisen. Es sind ja die Kinder, an deren Thun uns Gott seinen Willen kund gibt und uns bisweilen andeutet, wie unsere Rechnung steht! Beide Männer schüttelten sich schweigend die Hand. Sie waren gründlich versöhnt und verstanden sich, dem Blicke nach zu urtheilen, in dem sie sich begegneten, wohl mehr, als sie in Worten aussprachen. Mirus begleitete den Weber bis vor die Hausthür und Ammer verließ den Kaufmann mit der Ueberzeugung, daß er sich in demselben einen zuverlässigen Freund erworben habe, auf dessen kräftige Unterstützung er zählen dürfe, wenn vielleicht Andere ihm früher oder später untreu werden sollten. Fünftes Kapitel. Familienleben. Im Baumgarten hinter dem Hause unseres Freundes ging es sehr lebhaft zu. Ein halbes Dutzend Menschen war beschäftigt, gefärbtes Garn, das man zum Trocknen aufgehängt hatte, jetzt auszuschlagen, von den Stangen zu nehmen und in Körbe zu packen. 235 Die leicht gekleideten Arbeiter thaten dies in der fröhlichsten Stimmung, bald schwatzend und scherzend, bald eine Volksmelodie leise dazu summend. In den breiten Kronen der Obstbäume zwitscherten die Vögel und aus dem dunkeln Blättergefach lauschten eine Menge röthlich schimmernder Aepfel. Bisweilen fiel wohl auch eine frühreife Frucht herab in's Gras, was dann jedesmal eine Unterbrechung der Arbeit herbeiführte, indem von den rüstig Thätigen jeder dieselbe zu erhaschen sich bemühte. Noch lebhafter war es auf der Straßenseite. Hier stand Wagen an Wagen gereiht von der Wohnung Ammer's bis hinauf an die Lehde, wo der Weg gegen das Rohr abbog. Vor jedem mit grauleinener Plane überdeckten Wagen stampften starke, wohlgenährte Rosse, deren klimpernder Messingschmuck an den hohen, mit blutrothen Tuchstreifen verzierten Kumten ein ununterbrochenes Geräusch hervorbrachten. Die Leinendecken der Wagen waren auf einer Seite aufgerollt, damit die auch hier beschäftigten Arbeiter mit Bequemlichkeit die Ballen und Packen aufladen konnten, welche vier kräftige Gesellen aus den Vorrathskammern des reichen Webers herbeischafften. Christlieb und sein junger Schwager, Albrecht Seltner, führten bei dieser Verladung die Aufsicht, und gewiß konnte der accurate Weber zu diesem Geschäft keine sorgsamere, gewissenhaftere Menschen finden. Sobald ein Wagen beladen war, traten beide junge Männer zusammen, um ihre Aufzeichnungen zu vergleichen, die dann jedesmal trefflich zusammenstimmten. Ungefähr einen Steinwurf entfernt von der Straße nach Westen zu erhob sich jetzt ein kleines allerliebstes Häuschen, das so nett und blank aussah, als ob es geschäftige Hauskobolde in jeder Nacht vom Giebel bis zur Kellertreppe scheuerten. Das Erdgeschoß bestand aus übereinandergelegten Holzbohlen, die mit schwefelgelber Oelfarbe angemahlt waren. Wo bessern Haltes wegen noch eine besondere Befestigung sich nöthig machte, bemerkte man zahlreiche große Holznägel, deren Knöpfe in schimmerndem Weiß prangten. Die Fenster waren klein, aber blank, und die Umrahmung derselben etwas grell saftgrün angestrichen. Vor der Thür war eine Laube angebracht, die ein noch sehr jugendliches Geisblatt mit zarten Ranken zu umspinnen begann. Ueber derselben am reinlichen Fachwerk des Obergeschosses hing eine 236 große, von zahllosen Kugeln durchlöcherte Scheibe, ein geputztes Mägdelein darstellend, das mit huldvollem Lächeln einem schmucken Krieger die Hand reichte. Die Brust dieses Kriegers war durchsichtig gemalt, d. h. an der Stelle, wo das Herz sich befindet, sah man dies auf der Scheibe in Natur. Ein wohlgezielter Büchsenschuß hatte dies Herz durchlöchert und den glücklichen Schützen, Albrecht Seltner, zur Würde eines Schützenkönigs erhoben. Auf der Südseite dieses neuerbauten Hauses, das so einladend und glückverheißend aussah, als müsse es ein Asyl heiligen Friedens sein, waren Arbeiter mit der Anlage eines Blumengartens beschäftigt. Die Rabatten und schmalen Gänge, welche zwischen denselben hinliefen, waren schon abgesteckt und mit Buchsbaum eingefaßt. Kleine Rosenbäumchen, noch etwas dürftig von Aussehen, fehlten auf keinem der Beete. Levkoien, Goldlack und ein sehr schöner Flor voller Nelken standen in Blüthe. Auch die weithin duftende Reseda, Salbey und einige andere wohlriechende Zierpflanzen, wie der Landmann sie liebt, hatte das noch im Entstehen begriffene Gärtchen aufzuweisen. Einige Birnbäume, Pfirsichreiser und junge Weinreben sollten in Zukunft an dem Spalier zum Giebel hinaufsteigen, der sich voll nach Süden kehrte. An der äußern Einfassung dieses Lustgartens arbeitete man soeben, indem einige Maurer und Handlanger fein behauene Säulen prächtig glänzenden blaugrauen Granites in die Erde einließen und ein paar Zimmerleute zwischen diesen Säulen ein hübsch geschnitztes Staket befestigten. Dies Häuschen mit seiner freundlichen Umgebung hatte Ammer seiner Tochter erbauen lassen. Sie bezog es, vollkommen und nach damaligen Begriffen überaus glänzend eingerichtet – denn es fehlte kein Nagel der etwa gebraucht wurde – an ihrem Hochzeitstage. Die Ausstattung, welche der reiche Weber seiner Tochter mitgab, hatte nicht ihres Gleichen. Sie machte deßhalb auch wirklich in weitem Umkreise Aufsehen, wie Ammer vorhergesagt, und das Haus des jungen Paares war unstreitig das geschmackvollste im ganzen Orte. Auch sonst war Ammer darauf bedacht gewesen, seinem Schwiegersohn den ersten Anfang möglichst zu erleichtern. Wie wir wissen, besaß der Weber Feld und Wald. Von diesem trat er Albrecht mehr als die Hälfte bei seiner Verheirathung ab, wobei er jedoch zur 237 Bedingung machte, daß sein Eidam die Bewirthschaftung selbst übernehmen müsse. Ich will nicht, sagte er, daß wenn ich zu dir komme an einem stillen Nachmittage oder Sonntags nach der Kirche, das Brod, das ich esse, auf anderer Leute Acker gewachsen ist. Unter dieser Feld- und Waldmark befand sich auch jenes Stück Land, das Ammer vor längeren Jahren durch einen langwierigen Proceß von dem Vater seines Schwiegersohnes an sich gebracht hatte. Es war dabei, wie bereits angedeutet wurde, nicht gar zu ehrlich hergegangen, Ammer fühlte sich deßhalb stets bedrückt, wenn er daran dachte, und damit ein früheres Unrecht ohne Aufsehen wieder vollständig gut gemacht werden möge, schenkte er jenen Landstrich nebst einem Theil seines ihm wirklich zugehörenden Grundes und Bodens dem dankbaren Tochtermanne. – Flora saß jetzt mit ihrer Mutter unter der Laube vor der Thür ihres allerliebsten Hauses und strickte. Das junge blühende Weibchen sah in ihrer einfachen reinlichen Tracht reizend aus, und zwar nicht, weil sie eine Schönheit genannt werden konnte, sondern weil sich im Glanz des reinen Auges und auf ihrem rosigen Gesicht das Glück einer mit der Welt vollkommen zufriedenen Seele abspiegelte. Von ihrem etwas höher gelegenen Standpunkte aus konnten Mutter und Tochter das geschäftige Durcheinander der arbeitenden Männer, das Gehen und Kommen Christlieb's und Albrecht's, die unermüdlich im Eifer des Wirkens waren, sowie das nach und nach erfolgende Abfahren der schwer befrachteten Fuhrwerke übersehen. Außerdem gewährte dieses lauschige Plätzchen eine sehr schöne Ein- und Aussicht auf die Landschaft, besonders nach dem hohen Gebirgswall im Osten und die in der Thalsohle des Flusses sich ausbreitende vielthürmige Stadt. Flora ließ jetzt ihr Strickzeug in den Schooß sinken und sah schärfer auf die Häuserreihe, die an der abwärts führenden Straße lag. Ich hab' doch Recht, Mutter, sprach sie mit selbstgefälligem Lächeln. Femie wird's nicht mehr lange machen und sie ist Braut. Jetzt eben erhielt sie ein Geschenk. Sie hat ja auch 's Alter, meinte Frau Anna. O ja, sagte Flora; so viel ich weiß, ist sie nur ein halbes Jahr jünger, als ich. Deßwegen brauchte sie aber nicht zu heirathen. Ein anderer Grund drängt sie dazu. 238 Und das weißt du so genau? Ganz bestimmt, Mutter! Es ist der pure Neid, der ihr keine Ruhe mehr läßt. An meinem Hochzeitstage hat sie sich die Augen ganz roth geweint vor Aerger. Seitdem geht sie jeden Sonntag in's Feld, um den Burschen in die Augen zu sehen. Nun hat sie einen gefangen, und gib Acht, um die Kirmeß hält sie Verlobung. Es stört dich doch nicht, will ich hoffen? Mich? Wie könnt' es! Ich kann mich nur kaum des Lachens enthalten, wenn ich gar so deutlich sehe, daß ein Mädchen mit ungestümer Hast auf's liebe blanke Ehejoch zusteuert. Drückt dich's etwa schon? fragte lächelnd die Mutter. Flora erröthete. Bei Leibe nicht! versetzte sie. So mein' ich's nicht; vielmehr könnt' ich Gott alle Tage auf meinen Knieen danken, daß er mir einen so braven Mann zugeführt hat. Ich bin ganz zufrieden, liebe Mutter, und wüßte auch wirklich nicht, worüber ich Klage führen sollte. Eins nur, Mutter, fügte sie leise rufend und mit flüsternder Stimme hinzu, damit die nahen Arbeitsleute ihre Worte nicht verstehen möchten, Eins kann mich zuweilen recht sehr betrüben. Was könnte das sein? Bruder Fürchtegott liebt uns nicht, sagte Flora betrübt, und ihre klaren Augen füllten sich mit Thränen. Kind, wie kommst du auf so unselige Einfälle! rief Frau Anna erschrocken. Es sind keine Einfälle, Mutter, es ist die bittere, nackte Wahrheit, betheuerte Flora. Erinnerst du dich noch des Abends am Ostertage, wo Albrecht um mich anhielt? Nun, damals machte ja Vater den großen Gewinn im kaiserlichen Lotto, worüber er so sehr erschrak, daß wir Alle besorgten, er könne wohl krank werden. Dann gingen die Brüder noch zusammen aus und Fürchtegott kam mit Blut befleckt wieder heim. Tags darauf hatte Vater eine ernste Unterredung mit ihm, in der er dem Leichtsinn verdientermaßen die Wahrheit sagte. Fürchtegott gab unziemende Antworten und dem Vater überlief die Hitze. Er warf ihn aus seinem Cabinet und ließ ihn acht Tage lang nicht mehr vor sich. – Weißt du noch, wie wir damals den erzürnten Vater baten, er möge dem unverständigen jungen Menschen vergeben? Es war ein trauriges Leben in jenen Tagen; denn der Vater grämte 239 sich, daß er sichtlich verfiel und sein Haar binnen wenigen Wochen schier weiß wurde. Dann erst schlug Fürchtegott in sich und sprach das Wort aus, das der Vater von ihm forderte, und das ihm so schwer über die Lippen ging. Seitdem war der Friede im Hause wieder hergestellt. Denke doch nicht an längst vergangene Dinge, Florel, sagte Frau Anna. Junge Menschen sind oft unbändig und hartnäckig. Fürchtegott ist einmal, was die Unbeugsamkeit seines Willens anbelangt, ganz und gar nach dem Vater geartet. Hätte Vater damals liebreicher zu ihm gesprochen, so wäre es wohl anders gekommen. Das ist schon Recht, meinte Flora. Da es nun aber doch einmal so weit kam und gegenseitig Alles vergeben wurde, müßte Geschehenes doch auch wirklich vergessen sein. Leider ist dem nicht so. Der Bruder trägt nach und das schmerzt mich, denn es kann ihm nimmer zum Segen gereichen. Ich habe doch nichts davon bemerkt, Kind, auch hat der Vater nie etwas davon geäußert. Er weiß es nicht, sagte Flora. Würde ich's doch ebenfalls nicht glauben, wären mir nicht Beweise davon in die Hände gekommen. Beweise, fragte die Mutter beunruhigt. Die unwiderleglichsten, fuhr Flora fort. Vor etwa vierzehn Tagen kam er spät von Weltenburg zurück, wo Bruder Christlieb ihn abgelöst hatte. Euer Haus war schon geschlossen, wir aber hatten noch Licht. Um nicht zu stören, blieb Fürchtegott bei uns über Nacht. Am Morgen, als ich die Kammer wieder in Ordnung bringen will, fällt mir ein zusammengeknittertes Papier in die Augen, das unter'm Bette lag. Ich hebe es auf, sehe Schrift darauf und entdecke des Vaters Namen. Die Hand erkannte ich sogleich, es waren Fürchtegott's weit ausgestreckte Buchstaben. Das machte mich neugierig und ich fing an zu lesen. Es war ein Briefentwurf an – Flora stockte. An wen? fragte die Mutter. An Wimmer – Wimmer! wiederholte Frau Anna, faltete die Hände und blickte wie bittend gen Himmel. Und was enthielt er? fragte sie weiter. Fürchtegott schrieb darin dem Herrnhuter, er möge sich noch einige Monate gedulden, dann könne er die Maske fallen lassen und zeigen, 240 wer er sei!! Wolle ihm dann der Vater noch immer die Wege vertreten, so werde er ihm die Zähne weisen. Er könne kaum den Tag erwarten, wo er als freier Herr aufzutreten ein Recht habe und die ganze Kleinigkeitskrämerei des Vaters mit einem Ruck werde über den Haufen werfen können. – So ungefähr lautete der Inhalt jenes lieblosen Schreibens, das ich wohl verwahrt habe. Ob der Brief wirklich von Fürchtegott abgesendet worden ist, kann ich freilich nicht wissen; doch fürcht' ich es. Ich habe zu Niemand ein Wort davon geäußert, selbst vor meinem Albrecht hielt ich den betrübenden Fund geheim, um nicht Mißtrauen in seine arglose Seele zu streuen. Den Bruder beobachtete ich im Stillen, und da hat mir freilich Manches gar nicht gefallen, Mutter! Glaubt Fürchtegott sich ganz unbeachtet, so zieht er jedesmal, wenn er mit Vater gesprochen oder einen Auftrag von ihm erhalten hat, eine verächtliche Miene, ja bisweilen lacht er ihn sogar hinterrücks aus, und das ist nicht Recht; das ist geradezu schlecht und unchristlich, und ich hätte den Bruder, dem doch wahrlich nichts abgeht, für besser gehalten. Flora vergoß reichliche Thränen, die durchsichtigen Thauperlen gleich auf ihren Strickstrumpf herabfielen. Die Mutter suchte die Tochter zu beruhigen, und das lieblose und jedenfalls sehr tadelnswerthe Verfahren Fürchtegott's durch sein heißes Blut einigermaßen zu entschuldigen. Das wollte jedoch die junge Frau nicht zugeben. Ich würde dir beipflichten, liebe Mutter, sagte Flora, wenn der Bruder im Zorn oder im Moment heftiger Aufregung, wo Niemand seiner selbst ganz mächtig ist, so gehandelt hätte; allein dies ist nicht der Fall. Nach langem stillen Grübeln, während das mildeste Lächeln sein Gesicht verklärt, setzt er sich hin und macht dem erbitterten Herzen Luft in Worten, die ihn vor Gott und Welt verklagen! Wüßt' ich nur, was mein Pathe dazu sagt, oder könnte man ein Mittel ausfindig machen, um dem verschlossenen, stets geheimnißreichen Herrnhuter auf den Grund seiner Seele zu schauen. Frau Anna befand sich in großer Verlegenheit. Gewöhnt, seit dem ersten Tage ihrer Verheirathung immer nur dem Willen Ammer's nachzuleben, fehlte es der braven Frau an der nöthigen Selbstständigkeit, die Muth und Kraft gibt zu eigenen Entschlüssen. Auch fürchtete sie den Ausbruch eines Haders im Schooße der Familie, in den bisher 241 so friedlichen Räumen ihres Hauses. Diesen zu vermeiden, oder doch so lange wie möglich hinauszuschieben in ungewisse Ferne, war sie bereit zu jeglichem Opfer. Ein richtiger Instinkt, ein den meisten Frauen eigenes geistiges Tastgefühl sagte ihr, daß mit jedem Tage mehr Zündstoff sich in ihrer Häuslichkeit anhäufe, der plötzlich einmal in wildverzehrender Flamme auflodern müsse, wenn man nicht behutsam jede Reibung vermeide. Ammer – das wußte sie – war vielfach gereizt, weil der solide Grund seines ganzen Lebens halb durch seine Schuld, halb durch Andere, verrückt worden war. Ohne gefesselt zu sein, fühlte er sich abhängig von unangreifbaren Mächten, die außerhalb seines Gesichtkreises bald für, bald gegen ihn tausend geschäftige Hände regten. Die seinem Sinne, seiner wirklichen Ueberzeugung widerstrebende Richtung Fürchtegott's vermehrte diese Reizbarkeit. Einfache Unterdrückung, Härte in der Behandlung des anders gearteten Sohnes waren nicht die zu gutem Ende führenden Mittel, und doch kannte der Weber in der starren Einseitigkeit seines rechtlichen Strebens und Wollens keine andere, oder sie lagen außerhalb der Grenzen seines selbstischen Wesens. Darum bangte auch ihm vor der Zukunft. Fürchtegott endlich, voll ungebändigter Jugendkraft, ehrgeizig, ruhmsüchtig, stolz auf den Besitz, der schon jetzt sein Eigenthum war, längst überdrüssig der engen, bescheidenen Verhältnisse, in denen des Vaters stillere Natur sich am wohlsten befand, voll Lebenslust und abenteuerlichen Sinnes, wartete nur auf den Augenblick, wo das weltliche Gesetz ihm eine offene Opposition gegen den eignen Vater gestatten würde. Die Kindesliebe wurde gänzlich von seinem Ehrgeiz unter die Füße getreten. Er sah in den Ermahnungen des Vaters nur Hemmschuhe für sein großes Streben, von dem er glaubte, es müsse der Welt nützen, ihm aber zu hohen Ehren und Würden verhelfen. Solche Widersprüche, so widerstrebende Elemente, geeint in einer Familie, zusammengedrängt auf kleinem Raume, konnten sich unmöglich auf lange Zeit vertragen. Dennoch hoffte Frau Anna einen Zusammenstoß verhindern zu können, wenn es ihr gelang, diese Kräfte zu theilen, ihnen an verschiedenen Orten eine Wirksamkeit anzuweisen. Und dies war ihr großentheils bisher gelungen, ohne daß Ammer ihre Vermittelung ahnte. Sie hatte, freilich ganz unmerklich, die Einrichtung getroffen, daß bald die Brüder zusammen, bald einzeln 242 in Weltenburg sich aufhielten, bald von dem Vater dort abgelöst wurden. Ein kurzes Zusammentreffen des Vaters mit Fürchtegott war dann nicht gefährlich, denn es gab immer Dinge zu besprechen, die auf den Kern des Zwistes, welcher in Beider Brust ruhte, niemals zurückführen konnten. Frau Anna gründete die Richtigkeit ihres Calculs auf diese Zerstreuung und Theilung der Interessen Aller; war es aber später unmöglich auf dieser Basis weiter zu operiren, so glaubte sie, die Verhältnisse selbst würden eine zeitweilige Entfernung Fürchtegott's aus dem elterlichen Hause fordern. Geschah aber dieses, so war jede Friedensstörung vermieden. Die Mittheilung Flora's zerstörte nun leider den Friedenstempel, den Anna in ihrem wohlwollenden Herzen für Alle vorsorglich aufgebaut hatte. Eine heimliche Correspondenz seines Sohnes mit Wimmer mußte den ganzen Zorn, die unbeugsame Strenge Ammer's wach rufen, sobald er die leiseste Kunde davon erhielt. Von einer solchen Entdeckung war Alles zu fürchten, mithin mußte man Alles aufbieten, um diese unmöglich zu machen. Anna sagte deßhalb mit ruhiger Gelassenheit zu ihrer Tochter, auf deren Verschwiegenheit in einer so wichtigen Frage sie sich vollkommen verlassen konnte: Verwahre den dummen Zettel recht sorgsam, lieb' Florel. So gar schlimm, wie es aussieht, wird es wohl nicht sein. Recht ist's nicht von Fürchtegott, daß er solche Worte auf Papier schreibt und herumwirft, als wäre gar nichts daran gelegen. Wer weiß aber, ob er auch wirklich den Brief abgeschickt hat? Ich kann's nicht recht glauben, denn er muß ja fürchten, daß Wimmer das Schreiben an den Vater zurückkehren läßt. Meint es der Herrnhuter auch gut mit dem Vater? fragte Flora. Wie magst du daran zweifeln! Weil er einen doppelten Blick hat, Mutter! Menschen, die so aufblicken können, wie Herr Wimmer, sind gewiß nicht ehrlich. Mir ist's immer, wenn ich ihm so g'rad' in die Augen sehe, als blickte ich in einen tiefen finsteren Abgrund, und unten zuckten rothe Flammen. Im Leben würd' ich einen Mann mit solchen Augen nicht geheirathet haben, und wäre er so mächtig wie Bonaparte. Frau Ammer verfärbte sich. Es ist Angewohnheit, weiter nichts, sagte sie beruhigend. Menschen, die so viel beten, und deren 243 Glaubensmeinungen ein fortwährendes Augenaufschlagen verlangen, bekommen gewöhnlich einen doppelten Blick. Deßhalb können Sie doch gut, treu, zuverläßig und die uneigennützigsten Freunde sein. Flora schüttelte den Kopf, ohne jedoch die Ansicht der Mutter weiter zu bestreiten. Die Wagen waren inzwischen sammt und sonders expedirt, und als die junge Frau hinüber sah nach dem Gewese ihres Vaters, bemerkte sie Albrecht, der zugleich mit Christlieb dem Hause zuschritt. Geschwind trocknete sie die letzte Thräne ab, stand auf und eilte dem geliebten Mann entgegen. Wie du heiß bist, Albrecht! sagte sie, ihm die Stirn befühlend. Gelt, du hast wacker mit zugegriffen? Und auch du, Christlieb, siehst aus, als kämst du gerades Wegs vom Backofen. 's war nicht der Rede werth, mein Herzblatt, versetzte Albrecht, die schlanke Gestalt seines jungen Weibes zärtlich umschlingend. Dafür ist nun auch Alles in Ordnung. Wir haben doppelte Listen gemacht, die Vorbühne aufgeräumt, damit neue Zufuhr Platz findet, und wenn der Vater von Weltenburg kommt, braucht er keinen Finger zu rühren. Ja, du bist gut, sagte Flora, während Frau Anna ihrem Schwiegersohne durch einen Handdruck dankte. Beide junge Männer nahmen jetzt Platz neben den Frauen in der Laube. Der Vater bleibt lange aus, sprach Christlieb. Er wird sich erschrocken haben über meinen Brief, und doch konnte ich nicht schweigen. In Geschäften erschrickt sich Vater nicht leicht, meinte Flora, der Aerger aber wird ihm die Stirn kraus ziehen, und 's kann wohl auch sein, daß der Kamm dabei um ein paar Zinken ärmer wird. Neugierig bin ich, wie er dem Herrn zu Leibe geht, meinte Albrecht. Tritt Mirus schroff und hartnäckig auf, so gibt es einen reellen Proceß. Um Gottes Willen nicht! rief Frau Anna. Lieber zehnmal dulden als processiren! Wir haben vordem gesehen, was dabei heraus kommt. Geht's sehr gut, so bringt es Feindschaft unter Freunde und zehrt an unsern besten Lebenskräften. Dennoch wird der Vater durch das ungerechtfertigte Verfahren des Herrn Mirus genöthigt sein, diesen Schritt zu thun, liebe Mutter, bemerkte Christlieb. Nicht um sein Recht zu wahren, sondern um 244 nicht in der Achtung der Menschen zu sinken, muß Vater gegen Mirus klagen. Da kommt uns der unheimliche Advocat wieder ins Haus, sagte Frau Anna. Mich überläuft's eiskalt, wenn ich nur den obersten Mützenzipfel des Menschen sehe. So, denk' ich, müßte der leibhaftige Gottseibeiuns sich benehmen, wenn er als Mensch die Erde betrete, um arglose Seelen zu verschlingen. Da hab' ich nun einen ganz andern Geschmack, Mutter, fiel Flora ein, die wieder fleißig die Hände beim Strickstrumpf rührte. Mir macht Block eigentlich Spaß, denn man weiß augenblicklich, wie man mit ihm d'ran ist. Bei jedem Worte, das er spricht, denk' ich, gib wohl Acht, der will dich fangen, und zeigt er eine freundliche Miene, so sehe ich mich um, damit er nicht Zeit gewinnen kann, mir hinterrücks eins zu versetzen. Kurz und gut, der Block ist ein unbezahlbares Prachtexemplar eines Menschen, wie er sein soll, damit andere Leute ehrlich bleiben können. Viel schwerer ist's, sich gegen die frommen Kopfhänger zu schützen, denn gegen sie hat Niemand eine Waffe. Albrecht freute sich der naiven Aeußerungen und der kecken Zuversicht seiner jungen Frau. Er drückte ihr die Hand. Du hast jederzeit Recht, Florel, sagte er. Frauen und Mädchen sind unter allen Umständen die sichersten Erlöser von allem Schlechten. Vor einem frommen Frauenauge muß selbst der übermüthigste Bursche das seinige senken, und den Urvater alles Bösen ergreift beim Anblick eines so ewig reinen Himmels die Angst der Hölle, die ihn doch zur Verführung treibt. Es heißt, der Teufel habe keine Macht über den Menschen, wenn dieser ein Kreuz bei sich trage oder den Namen unsers Herrn ausspreche; ich denk' aber, der Böse kann sich gar nicht in die Nähe eines Menschen wagen, dessen Schutz und Schirm ein liebendes, von Himmelsluft durchglänztes Frauenauge ist. Was du schnackst, erwiderte Flora. Gut, daß es Niemand hört, die Leute müßten sonst glauben, du hättest eine eingebildete Putzdocke oder einen rechtschaffenen Simpel zur Frau. Gib dich zufrieden, erwiderte mit glücklichem Lächeln Albrecht. Ein andermal, wenn du mich schief ansiehst, will ich die Wange auf der andern Seite beschweren. Verwöhnt sollst du nicht werden, mein 245 Herz; aber die Sonne muß doch leuchten und wärmen, wenn keine Wolken am Himmel stehen. Da klappert richtig unser Fuhrwerk, fiel Frau Anna aufhorchend ein. Auch die Uebrigen schwiegen. In einiger Entfernung hörte man ein eigenthümlich klirrendes Geräusch, als ob ein hohles Eisen über harte Steine gerollt werde. Das Geräusch kam langsam näher. Wahrhaftig, sagte Christlieb, es ist des Vaters Gefährt! Ich hör' es ganz deutlich an dem klirrenden Radreifen. Schon vor drei Wochen, als wir zusammen in die böhmische Bleiche fuhren, war der Reifen locker. Ich wollt' ihn wieder befestigen lassen, aber Vater meinte, er hielte noch, um ein paar Mal nach Weltenburg zu fahren, und dem Schmiede eher, als es hoch Noth sei, etwas Verdienst zu geben, wäre weggeworfenes Geld. Alle verließen die schmucklose Laube, um das Haupt der Familie an der Thüre seiner Wohnung zu begrüßen. Sechstes Kapitel. Ein Brief. Christlieb reichte dem Vater die Hand beim Aussteigen und bemühte sich, die Gemüthsstimmung in dem Ausdruck seiner Mienen zu sondiren. Diese stumme Frage an den alten Weber beruhigte den Sohn. Ammer's Auge war klar, sein Gesicht ruhig, auch trat er stramm auf die Füße, schüttelte sich die Heuhalme ab, die während der Fahrt auf der schlecht gehaltenen Straße sich an seinen Rock angehängt hatten – denn das Futter für sein Pferd pflegte der vorsichtige Mann jederzeit als Unterlage für seine Füße zu benutzen – und fragte ziemlich heiter, ob nichts Außergewöhnliches vorgefallen sei? Da auch hierauf die Antwort zufriedenstellend lautete, schüttelte Ammer den Seinigen der Reihe nach die Hand und verfügte sich in sein Cabinet, um den Reiserock mit der bequemen Hauskleidung zu vertauschen. Die Meerschaumpfeife in der Hand, trat er später wieder 246 ins Wohnzimmer, klopfte Flora auf die glühenden Wangen, erkundigte sich zärtlich nach ihrem Befinden, drohte Albrecht scherzend mit dem Finger, indem er sagte: Ich rathe dir Gutes! Halt' mir das Kind, wie ein rechtschaffener Christ und ein ehrlicher Mann! und eröffnete dann seiner Tochter, daß er den Abend bei ihr zubringen wolle. Ein Gericht frisch gesottener Schmerlen oder ein paar Forellen müsse sie schaffen; er habe gerade Appetit darauf und der Fischer sei wohl damit versehen. Flora war mit dieser väterlichen Weisung sehr zufrieden; schmeichelnd hing sie sich an seinen Arm, nahm ihm die Pfeife, um sie in ihrem eigenen Hause anzuzünden, und geleitete den alten Vater nach dem schon erwähnten laubenartigen Vorbau. Da litt es jedoch den Weber noch nicht. Er gewahrte die Arbeitsleute beim Garten und verfügte sich auf der Stelle nach der Giebelseite des Hauses, um mit eigenen Augen sowohl das fertige, wie das werdende Werk derselben zu prüfen. Mit Kennermiene untersuchte Ammer das Holz des aufzurichtenden Staket's, kniete auf die Erde, um mit dem Auge zu messen, ob die granitnen Säulen auch in gerader Richtung ständen, maß die Vertiefungen, in die man sie eingelassen hatte, und belobte, Alles gut befindend, die Arbeiter. Nur mit dem Gärtner war nicht zufrieden. Den Buchsbaum fand er nicht frisch genug, zu stark beschnitten und zu tief in die Erde gesenkt. Statt einiger Moosrosenstöcke hatte er lauter Centifolien gepflanzt; an den jungen Kirschbäumen fand er die Occulation mangelhaft, und die Rabatten für Zierblumen waren nach seiner Ansicht zu schmal gerathen. Nur das große, lange Spargelbeet hatte seinen Beifall, ebenso die zur Erbauung von Frühgurken eingerichteten, mit schräger Glasbedachung versehenen Beete. Erst nach gründlicher Durchmusterung aller dieser Anlagen, die er für seinen Schwiegersohn machen ließ, kehrte er zur Laube zurück, ließ sich Feuer geben und schien sich in der Umgebung der Seinen recht behaglich zu fühlen. Nach einigen an Christlieb und Albrecht gerichteten Fragen, welche speciell die Geschäftsführung berührten, bezeigte er Lust, sein Herz auszuschütten. Er räusperte sich ein paar Mal, strich den Kamm in den Nacken, that einige Züge aus der vollkommen in Brand gerathenen Pfeife, und sagte: 247 Wunderliche Leute sind doch diese Herrnhuter. Andere ehrliche Christenmenschen danken Gott, wenn es ihnen vergönnt wird, eine Angelegenheit mündlich zu besprechen und zu einem gedeihlichen Ende zu führen; stecken aber Herrnhuter dazwischen, so kann man immer darauf wetten, daß gleich hinter einer abgemachten Sache noch irgend etwas verborgen liegt, dem durch eine briefliche Mittheilung auf die Beine geholfen werden soll. Euch haben sie nichts eröffnet? Kein Wort, versetzte Christlieb. Als sie deine Abwesenheit erfuhren, kutschirten sie gleich weiter. Hast du Briefe erhalten? fragte Albrecht. Just, als ich am Posthause vorüberfuhr, sagte Ammer. Und was mich am meisten wundert, es steht nichts drin von Wichtigkeit. Denn daß der Wimmer sich anmaßt, mir nochmals unser getroffenes Abkommen in's Gedächtniß zu rufen, ist eine übertriebene Vorsicht, die ich ihm übel nehmen könnte, wüßte ich nicht seine Art und Weise zu schätzen. Die Hauptsache ist ohne Zweifel das Briefel da. Bei diesem Worte zeigte Ammer den beiden jungen Männern einen fein couvertirten Brief mit einem Siegel, dessen Embleme den adligen Verfasser verriethen. Ein Brief von Graf Alban! sagte Christlieb. Und nicht an dich, Vater Ammer? fragte Albrecht. Nein! Mit mir hat der Herr Graf noch nicht Briefe gewechselt. Das Schreiben ist an einen Andern, einen Jüngern. Jetzt weiß ich's, Vater, fiel Christlieb ein. Kann's mir denken, fuhr der Weber etwas ernster fort, muß aber doch gestehen, daß es mir nicht sonderlich gefällt. Ich habe mir schon Gedanken darüber gemacht! Flora trat eben wieder aus der Hausflur, wo sie bisher mit ihrer Mutter das Nöthige zur Bereitung des von ihrem Vater gewünschten Abendbrodes abgesprochen hatte. Als sie Ammer's letzte Worte vernahm und den mit dem rothen Siegel nach oben gekehrten Brief auf der Bank liegen sah, fragte sie hastig: An wen, Vater, und von wem? Ammer ergriff das Schreiben wieder, schlug Flora damit sanft auf die rosigen Lippen und zeigte ihr die Adresse. 248 Da lies, neugierige Eva'stochter! sagte er lächelnd. Verborgen kann jungen Weibern ja doch nichts bleiben, es sei denn, die Männer ließen sich ungestört von euch quälen. – Ja, ja, der Bruder hat's schon weit gebracht in der Welt, fuhr er mit einem Anflug von Ironie fort. Schon jetzt schreiben Barone und Grafen an ihn, wie lange wird's dauern, und auch fürstliche Correspondenten finden sich ein. Aber freilich, 's ist auch ein schmucker Junge. Wenn er zu Pferde sitzt, die Mütze auf einem Ohr oder ganz vorn auf der Stirn, und dahinsprengt mit verhängtem Zügel, als wär' er unter den Don'schen Kosaken jung geworden, muß er den Weltleuten wohl gefallen, 's ist mir nur bange, es könne mit der Zeit, je mehr der Reiter gewinnt, desto mehr der Mensch dabei verlieren! – Aber das sind dumme Webereinfälle, die in's vorige Jahrhundert gehören, als der größte deutsche Fürst noch einen steif gedrehten Zopf trug. Ein Klapps darauf, daß sie in's Gras beißen! Andere Zeiten, andere Sitten! Flora's Brust wogte vor heftiger Aufregung. Purpurröthe überflammte ihr liebliches Antlitz, und indem sie die zierlichen Hände über dem Busen faltete, sprach sie: Vater, willst du den Brief nicht öffnen? Fürchtegott ist ja dein Sohn. Bei Leibe nicht! versetzte Ammer. Briefe sind eine gar kostbare Waare, die, wenn man sie verletzt, einem sehr theuer zu stehen kommen können. Flora gedachte wieder des früher aufgefundenen Schreibens und ihre Bedenken mehrten sich. Graf Alban hat sich am Ende wohl gar verschrieben, sagte sie unbefangen. Gewiß, Vater, so wird es sein. An dich ist der Brief gerichtet und Fürchtegott ist dem vielbeschäftigten Herrn in die Feder gelaufen. Erbrich den Brief mit gutem Gewissen. Ammer sah bald seine Tochter, bald deren still lächelnden Mann und Christlieb an. Dann schob er die Mütze in den Nacken und sagte: Gott verdopple mich, ich kann's jetzt begreifen, wie Adam so dumm sein konnte, sich eines Apfelbisses wegen aus dem Paradiese jagen zu lassen! Engel nennt man euch Weiber. Ja, schöne Engel seid ihr! Hat man mit Noth und Mühe sich selbst überwunden und zum Besten gezwungen, dann kommt ihr angeschwebt, freilich 249 engelhaft, zart und schmeichelnd, und wispert uns mit süß verführerischer Stimme so lange 'was vor, bis wir uns berücken lassen, und trotz Gewissen und Gelöbniß gerade das thun, was wir anfangs verwerflich fanden. Mich sollst du aber doch nicht fangen in deinem Netz, kleine Hexe! Wär' ich dein Mann, ich legte dir ein Schloß vor den Mund, dann hätt' ich doch wenigstens nur das Kreuzfeuer deiner Augen auszuhalten, bei dem allein man auch schon den Kopf verlieren kann, was Albrecht zu bezeugen im Stande sein wird. Frau Anna kam jetzt auch noch dazu, und fragte was es gebe? Flora glaubte eine Unterstützung in der Mutter zu finden, und schlug daher nochmals die Eröffnung des eingegangenen Briefes vor. Anna jedoch, gewöhnt, immer nur dem Willen Ammer's zu folgen, enthielt sich jeder Meinungsäußerung, und so blieb es denn bei dem Bescheide des Vaters. Morgen früh, wenn Leisetritt vorbeikommt mit seiner Fuhre, sagte Ammer, nimmt er den Brief mit zur Stadt. Gar viel Wichtiges wird nicht darin stehen. Vielleicht ist's eine Missionsangelegenheit, denn ich konnte letzthin merken, daß Fürchtegott sich hat bereden lassen, eine Monatsbeisteuer zu diesen frommen Bestrebungen zu bewilligen. Solche Gelder, und wären's auch nur ein paar Batzen, fordern die genauen Herrnhuter sich pünktlich ein, weil aus vielen Schwingen voll Batzen sich zuletzt Düten mit Speciesthalern füllen lassen. Während dieser Bemerkungen steckte Ammer den Brief wieder zu sich. Flora ward dadurch genöthigt, ihre Gedanken für sich zu behalten, denn der Vater würde jedenfalls verdrießlich geworden sein, hätte jetzt noch Jemand Opposition gemacht. Dagegen war sie fest entschlossen, alle ferneren Schritte ihres Bruders noch schärfer als bisher zu beobachten, um einem harten Zusammenstoß zwischen Vater und Sohn, oder auch lieblosen und unkindlichen Handlungen Fürchtegott's vorzubeugen. Ammer war auffallend heiter, heiterer fast, als ihn die Seinigen seit dem Hochzeitstage Flora's gesehen hatten. Wo steckt dein Vater heut Abend? fragte er seinen Schwiegersohn. Er läßt doch sonst nicht auf sich warten, wenn er die Florel vor der Thür sitzen sieht. Sollt' was Neues in der Zeitung stehen? Nicht doch, Vater Ammer, erwiderte Albrecht. Er ist über Land gegangen schon heute früh und vermuthlich bleibt er weg bis morgen. 250 So! Nun, dann ist's auch gut. Mich trieb's nur, ihm etwas zu sagen. Geht's den Vater allein an? fragte Albrecht. Es betrifft uns Alle, versetzte der Weber, aber es ist 'was Gutes. Wißt, ich habe mir den Mirus fest an die Hüften gebunden! Du bist mit ihm ausgesöhnt? sagte Christlieb. Gott Lob, daß dir dies gelungen! Ich habe mich förmlich entsetzt, als der Brief mit der Abbestellung ankam. War's mir doch selber nicht wohl dabei, sprach Ammer. Jedennoch kenn' ich den Mirus und verstehe ihn zu fassen an seiner schwachen Seite. Genug, der Mann ist jetzt mein, und ich glaube für immer! Nur müssen wir fein aufpassen, denn nicht Alles in unserer weitläuftigen Bekanntschaft ist wohl bestellt. Es wächst Unkraut unter dem Waizen, liebe Kinder, das entweder der Teufel selber oder unzuverlässige Freunde bei nächtlicher Weile hineingesäet haben. Laßt uns das ausjäten mit Vorsicht und ohne Murren. Auch der falsche Freund ist zu brauchen, wenn man ihn klug behandelt. Durchgreifen mit Gewalt kann ich nicht, es würde mich ruiniren. Also bleibt mein Wahlspruch: immer fein sacht und sicher vorwärts! Weder Albrecht noch Christlieb vermochten zu errathen, was der Vater beabsichtigte und wohin seine dunkeln Worte zielten. Die geheimnißvolle, dabei aber entschlossene Miene hielt sie ab, weiter in ihn zu dringen, und das Gespräch würde jedenfalls in's Stocken gerathen sein, hätte Frau Anna nicht angekündigt, daß die Forellen bereits über dem Feuer stünden und es ihr angenehm wäre, wenn die Männer Platz am gedeckten Tische nehmen wollten. Ammer ließ sich nicht zum zweiten Male einladen. Er hatte den ganzen Tag nur wenig genossen und freute sich, nach längeren Störungen endlich wieder einmal im friedlich-stillen Kreise seiner Angehörigen ein Mahl, wie er es liebte, einnehmen zu können. Er klopfte seine Pfeife aus, steckte sie in die äußere Seitentasche seiner weiten Jacke und folgte dem Rufe Anna's, indem er sagte: Nun, so laß mal sehen, ob du's noch verstehst, heut zu Tage eine Forelle eben so gut zu sieden, als dazumal, wie wir uns versprochen hatten. 251 Siebentes Kapitel. Die Entdeckung. Acht Tage später trabte Fürchtegott auf seinem muthigen Rosse Herrnhut zu. Der Brief des Grafen hatte ihn zwei Tage nach der Ankunft in Weltenburg erreicht. Das Schreiben war wirklich an ihn gerichtet und enthielt eine kurze, aber dringende Einladung desselben an den jungen Mann, den Brüderort sobald wie möglich zu besuchen. Gerade die Nichtangabe des Zweckes reizte Fürchtegott's Neugierde, und obwohl er sich sagen konnte, daß sein Vater allerhand Einwendungen haben werde, den Besuch im besten Falle wenigstens zu verzögern, so war der in seinen Vorsätzen jetzt bereits sehr hartnäckige Jüngling doch fest entschlossen, sich durch nichts zurückhalten zu lassen. Um auf kürzestem Wege zum Ziele zu kommen, siegelte Fürchtegott den Brief des Grafen wieder ein, legte nur wenige Zeilen an den Vater mit bei und erklärte eben so einfach als fest, daß er nur Christlieb's Ankunft in Weltenburg erwarte, um der gräflichen Einladung Folge zu geben. Sollte jedoch der Bruder am dritten Tage nach Absendung seines Briefes in Weltenburg nicht eintreffen, so würde er sich genöthigt sehen, die Oberaufsicht über die Bauten dem Architecten zu übertragen, um dem Grafen gegenüber nicht als Mann ohne Bildung und Erziehung zu erscheinen. Mit welchen Gefühlen Ammer diesen Brief las, kann man sich denken. Im ersten Augenblick bäumte sein verletztes Vatergefühl, sein Stolz als Haupt der Familie sich auf, wie ein ergrimmter Löwe und wäre der rücksichtslose Sohn ihm vor Augen getreten, so würde es höchst wahrscheinlich eine sehr heftige Scene gegeben haben. Als er aber die Herbigkeit der Worte einigermaßen überwunden hatte, beschlich den Vater eine heimliche Freude. Diese Entschiedenheit im Wollen, obwohl sie zu frühzeitig sich geltend machte, war der ganze 252 unverfälschte Abdruck seines eigenen festen Charakters. Daß der Sohn so ganz nach ihm zu gerathen schien, schmeichelte seinem Stolz als Vater, und weil er sich zugleich sagen mußte, daß bei kluger Leitung dieser starke Wille, dies ungestüme Drängen nach einem großen Ziele doch auch eine bedeutende Zukunft habe, verzieh er Fürchtegott. Seine Antwort lautete zustimmend, nur verlangte er, Fürchtegott solle vorerst nach der Ankunft seines Bruders in Weltenburg zu ihm kommen, da er ihm einige Aufträge an Wimmer mitzugeben habe. Es war ein prächtig heller Tag. Die Bedachung des Observatoriums auf dem Hutberge am Ende des Gottesackers leuchtete wie ein glänzender Stern auf dem tiefblauen Grunde des Himmels. Die weit gestreckte Kette der Gebirge mit ihren Kämmen, Rücken und Kuppen war in jenes weiche, duftige Blau getaucht, das nur dem Süden eigen zu sein pflegt, das aber in den Grenzgebirgen Böhmens an sehr warmen Sommertagen nicht selten vorkommt und der ganzen Landschaft eine italienische Färbung gibt. Auf den Feldern waren die Landleute beschäftigt, die späteren Sommerfrüchte einzuheimsen. Hie und da aus den Thälern, in deren Schutz die Dörfer malerisch unter Buschwerk und Granitgeklipp sich lagern, hörte man das Geläut weidender Viehheerden. Wo die Sonne an hochliegenden Stoppelfeldern recht anprallte, legten viele geschäftigen Hände Flachs auf, damit er »röste« und sich dann leichter »brechen« lasse. Noch höher auf den Waldwiesen schimmerten weit ausgedehnte Bleichen, als wären sie mit schmelzendem Silber übergossen, und häufig sah man über dem blendend weißen Grunde farbige Regenbogen aufblitzen, die jedoch eben so schnell wieder verschwanden, als sie entstanden. Diese bunten Lichtbogen rührten von den Wasserstrahlen her, welche die Bleicher durch das Anfeuchten der Leinewand verursachten, das mittelst hölzerner Wurfschaufeln geschieht, um das Wasser gleichmäßig und in weitem Kreise zu vertheilen. Bisweilen schenkte Fürchtegott diesen interessanten Bildern seine Aufmerksamkeit, im Ganzen aber war er zu sehr mit seinen Gedanken beschäftigt und von erwartungsvoller Unruhe gequält, um lange bei der Außenwelt verweilen zu können. Es war ihm unangenehm, daß er der sehr großen Hitze wegen sein Pferd nicht mehr anstrengen konnte, denn obwohl er fast immer, wo der Weg es zuließ, einen 253 ziemlich scharfen Trab ritt, ward ihm die Zeit doch entsetzlich lang. Und er besaß noch keine eigene Uhr! Dem sparsamen Vater wollte es durchaus nicht einleuchten, daß der minderjährige Sohn eines schlichten Leinwebers mit solch einem, damals allerdings noch sehr theuern Luxusartikel versehen sein müsse, solle er in der Welt der Bildung für voll gelten. – Gegen Mittag erreichte Fürchtegott den Brüderort. Die Straßen waren still und menschenleer wie immer, und an beiden Seiten mit saftigem Gras überwuchert. Fürchtegott stieg vor dem Gemeinlogis ab, übergab sein heiß gewordenes Pferd dem Hausknecht und bestellte für sich eine Erfrischung. Lange indeß hielt er es in dem mit zahllosen Fliegen überfüllten Gastzimmer, die einem schwärmenden Bienenstock gleich um ihn summten, nicht aus. Punkt zwölf Uhr machte er sich nach der schön gelegenen Gartenwohnung des Grafen, in der Voraussetzung, es werde die gewählte Stunde gerade die passendste Zeit zum Besuch eines so vornehmen Mannes sein, da er ja gehört und auch wohl gelesen hatte, daß reiche und vornehme Personen erst in den spätern Nachmittagsstunden das übliche Mittagsmahl einzunehmen pflegten. Diesmal hatte sich jedoch der angehende Weltmann verrechnet. Graf Alban war gerade bei Tafel, nur nicht im eigenen Hause, sondern bei einem der bedeutendsten Mitglieder der Brüdergemeinde. Auf diesen Bescheid hin wollte sich Fürchtegott wieder entfernen, allein dies gab der sehr artige Bediente durchaus nicht zu. Gemäß der Weisung des Grafen, welcher den jungen Ammer erwartete, geleitete der Bediente den stattlich aussehenden Jüngling in das Wohnzimmer Alban's und bat ihn, sich es hier so lange gefallen zu lassen, bis sein Gebieter wieder heimkehre, was sicherlich nicht gar lange dauern werde. Füchtegott kannte diesen Raum. Es war dasselbe Zimmer, in welchem ihn der Graf bei seinem ersten Besuche empfangen hatte. Auch die Mobilien kamen ihm wie alte Bekannte vor, wie denn die ganze schlichte Einrichtung keine Aenderung erlitten hatte. Nur spielte um die hohen, hellen Fenster jetzt dunkles Weinlaub, durch dessen breite Blätter neugierige weiße Windenköpfchen lauschten und ewig nickend zum Fenster hereingrüßten. 254 Einige Zeit lang ließ der junge Ammer seine Blicke über die großen sammtartigen Rasenplätze des Gartens schweifen, in deren Mitte ein kleiner Kreis von Georginen wuchs, eine ihrer Theuerung wegen damals noch wenig gehegte Zierpflanze. Später sah er sich etwas genauer im Zimmer um, wobei er mancherlei früher nicht beachtete Gegenstände gewahrte, die ihn mehr als der stille Garten mit seinen trefflich erhaltenen Granitwegen fesselten. An der Wand über dem Sopha hing ein gar wunderbar gearbeiteter Gürtel, wie Fürchtegott früher nie einen gesehen hatte. Wer diesen Gürtel verfertigt haben möge, welchen Zweck oder Nutzen er habe, wußte er durchaus nicht zu errathen. Daneben sah er einen netzartigen Beutel, in dem eine Pfeife stack, beide Utensilien von einer Arbeit und Form, die auf ihre außereuropäische Herkunft schließen ließ. Seine Neugierde wurde immer größer, der Wunsch, seine Kenntnisse zu vermehren, wuchs zur Leidenschaft. Auf dem Arbeitstische des Grafen lagen Briefe, Manuscripte, Bücher, wie damals. Diese zu berühren, hielt den jungen Ammer eine Scheu vor allen geistigen Erzeugnissen ab, vielleicht, weil er sich zu schwach oder doch für unzureichend geschult glaubte, um darüber ein Urtheil fällen zu können. Nur ein schmales, dünnes Büchlein mit Goldschnitt, sehr fein eingebunden und mit der deutlichen Inschrift in Golddruck: »Dem hochverehrten Herrn Grafen Alban seine dankbare Freundin unter den Heiden« zog ihn magnetisch an. Der Graf hat eine Freundin unter den Heiden, sprach er zu sich selbst, unverwandt seine Augen auf das anziehende Büchlein heftend. Wie mag einer solchen Freundin wohl zu Muthe sein, wenn sie an die fernen Lieben im Vaterlande denkt! – Ob es Briefe sind oder Gebete, die sie dem Grafen sendet? Ob er wohl gar mit ihr in ferner Welt gelebt und Theil genommen hat an der Bekehrung der Heiden? – Mag sie schon lange ihrem Berufe leben oder gar für die Dauer dieses Lebens verpflichtet sein, unter jenen halb oder ganz wilden Volksstämmen sich auszuhalten? – Diese verschiedenen Fragen drängten sich Fürchtegott auf und wiederholten sich so schnell und immer von Neuem, daß er dem Drange seines Herzens endlich nachgab und mit schüchterner Hand nach dem Büchlein griff. Da er etwas zitterte, berührte er ganz unmerklich eine 255 kleine silberne Schelle, die einen leisen, sanft erschallenden Ton von sich gab, vor dem der junge Ammer dennoch so stark erschrak, daß er zurückfuhr und sich scheu umblickte, als stehe er im Begriffe, ein Verbrechen zu begehen. Dennoch streckte er die Hand noch einmal nach dem verführerischen Büchlein aus, diesmal schon etwas zuversichtlicher und ohne zu zittern. Er ergriff es, trat schnell zurück und nahm in dem Lehnsessel Platz, der dem Tische zunächststehend, dem Grafen als Arbeitsstuhl diente. Als Fürchtegott das Heft öffnete, fiel ihm der Name Erdmuthe Gottvertraut in die Augen. Zittern befiel ihn; es überrieselte ihn bald heiß, bald kalt, und er fühlte, daß je nach dem heißeren Aufwallen oder dem stockenden Laufe des Blutes er bald erbleichen, bald erröthen müsse. Das Liebesmahl, die Abschiedsrede des greisen Bischofs, die stille, betende Schaar der Brüder und Schwestern, dann das Umwandeln der Scheidenden, ihr Aufblick zu ihm, ihr brennend heißer Kuß: Alles stand in so lebendigen Farben wieder vor ihm, als sei es erst gestern geschehen. Erdmuthe Gottvertraut, wiederholte er laut, den sonderbar schmeichelnden Namen wohl zehnmal lesend. Wie es ihr wohl ergehen mag! Ob sie glücklich ist, oder sich zurücksehnt nach dem Vaterlande, nach ihren Verwandten, nach der heimathlichen Luft und den heimischen Sitten? Er schlug ein Blatt um und das Wort » Tagebuch «, mit sichern festen Zügen geschrieben, sah ihn geheimnißvoll, verheißungsreich an. Sollte er starkmuthig oder gleichgiltig den Spiegel von sich werfen, aus dessen lockender Tiefe ihm das Bild einer neuen Welt entgegentreten konnte? Fürchtegott vermochte es nicht. Der Name des reizenden Geschöpfes, das ein paar Secunden lang an seinem Munde gehangen hatte, war ihm nicht fremd. Er hatte geistig Theil an ihrem Wohl und Wehe. Sie gehörte ihm an wie der Schatten, der nur im Licht uns sichtbar wird. Ein wunderbar heller Moment des Lichtes aber war es für ihn gewesen, als Erdmuthe Gottvertraut mit vielleicht unbewußtem Kusse als Schwester von ihm Abschied nahm. Ohne weiter zu fragen, ob es erlaubt sei, in die Geheimnisse eines Dritten einzudringen, begann Fürchtegott, Alles um sich her vergessend, die Tagebuchblätter der fernen Heidenbekehrerin zu lesen. 256 Achtes Kapitel. Aus dem Tagebuch einer Missionärin. Voll Dank gegen den Höchsten, aber mit Zagen und innerlichem Bangen bestieg ich spät am Abend den Wagen, der mich wohl für immer meinem Heimathlande entführen wird. Ueber meine Stimmung in jenen Stunden der ungeheuersten geistigen Bewegung vermag ich keine Rechenschaft zu geben. Nicht bloß das jüngst Vergangene, auch die Gegenwart schien mir ein Traum zu sein. Mein leibliches Theil freilich lebte, aber meine Seele lag gebettet in rosenrothem Gewölk, das von Engeln getragen, über Berge, Thäler, Flüsse und Ströme fortglitt! In der bescheidenen Hütte am Waldsaume, dort, wo das verrufene Moor beginnt, saß ich im Geiste wieder zu den Füßen der Großmutter, die mich erzogen hat. Das Spinnrad schnurrte, die graugestreifte Katze spann, und die Großmutter sang mit näselnder Stimme, aber mit der ganzen Innbrunst eines gottergebenen Gemüthes ein Lied von Paul Gerhard oder Fürchtegott Gellert. Dieses Untertauchen in die längst entschwundene Kindheit tröstete mich und erhob mich über die ersten stechenden Schmerzen der Trennung. Johannes sprach immer sehr liebevoll zu mir, doch habe ich wenig von dem gehört, was er mir vortrug. War dies Sünde, o dann, gütiger Gott, dann vergib einem zerknirschten Herzen diese Nichtachtsamkeit! Noch ist er mir ja fremd, wenn auch vom Schicksal bestimmt. – Einen vom Himmel, von unserm Erlöser uns selbst zugeführten Bräutigam muß man ja lieben und ehren. – Und ich will nimmer – so der Heiland nicht seine Hand von mir abzieht – den thörichten Jungfrauen gleich sein, denen es an Oel mangelte, als der Bräutigam kam. – Zwölf bis fünfzehn Meilen liegen hinter mir. Ich sitze in einem kleinen, freundlichen Zimmer, das außer zwei Stühlen und einem Tisch keine andere Verzierung aufzuweisen hat, als eine sehr alte, vom Rauch 257 geschwärzte Landkarte an der Wand. Diese Karte soll Amerika vorstellen, das Land meiner Bestimmung, meine zukünftigen Wirksamkeit. Ich habe mir es wohl zwanzigmal schon betrachtet, ohne mich darauf zurechtfinden zu können. Oben in einer Ecke steht mit lateinischen Lettern »Amerika« geschrieben, aber ich finde weder den Mississippi, noch den mexikanischen Meerbusen, noch Guiana \&c. \&c. darauf verzeichnet. Es mag wohl eine sehr unzuverlässige Karte sein. Freilich liegt es vielleicht an mir, denn die Geographie konnte ich in der Schule nie gut begreifen. Vor einer Stunde ist Johannes wieder gekommen. Er hat Extrapost bestellt, damit wir schneller und sicherer reisen können. In acht Tagen geht das Fahrzeug unter Segel, das mich über das Weltmeer tragen soll. – – Wenn ich daran denke, fühle ich ein Aufhören meines Pulses. Ich fürchtete mich schon als Kind vor jedem Wasser und nun – nun soll ich monatelang auf der unermeßlichen See zubringen! – – – O vergib, mein Gott und Heiland, der schwachen Magd, die du berufen hast, deines Namens Ehre zu verkündigen in Urwäldern und Steppen! Ich werde mich gewöhnen, ich werde stark werden und sicherlich niemals verzagen! Johannes wird mein Stock und mein Stab sein, und will ich dennoch straucheln, so klammert mein Geist sich an das heilige Wort des Johannes in der Wüste, der mit gesegnetem Wasser das Haupt des Herrn taufte, ehe er sein hohes, heiliges, welterlösendes Lehramt antrat. – Johannes hat mich mit einem ausgesucht herrlichen Blumenstrauße beschenkt. Diese Blumen sollen mich begleiten bis in die neue ferne Welt. Ich will die duftigsten davon auf meinem Herzen tragen, wenn sie verwelkt sind, und so oft ihr Duft meine Geruchsnerven berührt, soll ein frommer Gedanke, das Gebet meines stets Buße thuenden Herzens als Brieftaube zurück in die Heimath fliegen und überall mit grüßendem Finger anklopfen, wo ich auch nur eine Secunde lang gern verweilte. – – – Sonderbar! Noch keine Nacht habe ich verbracht, ohne, daß die lautbeschwingten Engel des Traumes mich zurückführten in das Bethaus zu Herrnhut. Immer befand ich mich unter den theilnehmenden Brüdern und Schwestern. In jeder Nacht segnete mich die Hand des 258 Bischofs, brach ich das Brod der Liebe, reichte ich den Brüdern und Schwestern Hand und Stirn zum Abschiedskusse! – – Hand und Stirn! – Und einer der Brüder, einer den ich nicht kannte, küßte mir die thränenfeuchte Lippe! Noch zittere ich, wenn ich dieses Kusses gedenke; mein Herz zuckt und bebt, wenn ich mich des Blickes, der Verwirrung erinnere, die aus dem Antlitze des jugendlichen Bruders sprach. Möge es ihm wohlgehen und der schuldlose Kuß eines Mädchens, das für ewig damals Abschied nahm vom heitern Leben der Welt und ihren Verlockungen, ihm reichen, reichen Segen bringen! – Johannes weiß nichts von jenem Kusse. – Ob ich es ihm gestehen muß? Mich dünkt, nöthig und von der Religion geboten ist es nicht. – – Sonderbar war es doch. – Wie mochte er heißen, jener Bruder? Ob er dereinst auch in den Weinberg des Herrn berufen werden wird? – Mir wär's ein Trost, wenn ich's erführe, denn es würde mich stärken und mit bezwingendem Feuerhauch die Rede meines Mundes beleben. Heute habe ich das erste Seeschiff gesehen. Mir wurde ganz bang vor diesen schwimmenden Colossen, die so stolz und sicher über die Wellen fortgleiten. Schon übermorgen soll ein solches wunderlich aussehendes Haus meine Wohnung werden auf unbestimmte Zeit. Ich habe es mit Johannes besucht und mich im Innern desselben umgesehen. Eine kleine Cajüte, in der ich mich kaum bequem umdrehen kann, soll Wohn- und Schlafzimmer sein. Alles ist sauber und gut, nur so entsetzlich eng. Doch tröstet mich die Versicherung des Capitäns, eines freundlichen, aber wortkargen Mannes, daß ich stets, wenn es mir gefiel, auf dem Deck verweilen könne. – Furchtbar betäubend ist das Lärmen in und am Hafen. Es schreit und rennt Alles durcheinander, daß eine an stilles Leben gewöhnte Person, wie ich es bin, vor Erstaunen und Bangigkeit ganz verstummt. Wenn ich über die Straße gehe, fürchte ich mich zu verirren; denn die Straßen sind meistens eng, krumm und auf beiden Seiten mit himmelhohen Häusern besetzt. – Ueber meine schlichte Tracht müssen sich die Leute hier wundern, denn sie bleiben häufig stehen und sehen mir nach. Fürchtete ich nicht einen Auflauf zu erregen, so hätte ich wohl auch bisweilen Lust, den hier herumwandelnden Leuten 259 nachzusehen, da es mitunter ganz wunderliche Trachten gibt. Weil sich dies aber für mich und für meinen Beruf nicht schickt, gehe ich stets still für mich hin und blicke nur zuweilen verstohlen bald rechts, bald links. Lebe wohl, theures, geliebtes Land meiner Kindheit! Möchte es mir vergönnt sein, dich wieder zu betreten, wenn auch erst spät! – O ich fühle es, ruft Gott mich jenseits des großen Weltmeeres ab und muß ich meine sterbliche Hülle betten zur ewigen Ruhe in fremde Erde: dann wird mein unsterblich Theil, bevor es sich aufschwingt zu den lichten Sternenhöhen der Seligen, noch einmal zurückkehren in's alte, theure Vaterland, und dort jeden Ort besuchen, der mir lieb geworden ist, wo ich Freude und Leid erfahren habe! – Ach, sie wissen es nicht, die Glücklichen, wie das Herz sich mit tiefer, tiefer Trauer umschleiert, wenn das Vaterland unseren Blicken entschwindet, wenn die Ufer sich weiter und immer weiter entfernen, und endlich nur noch ein Schatten der Welt, die bis dahin unser war, über dem Wasserspiegel zittert! – – Das Schiff schwankt furchtbar, daß ich kaum zu schreiben vermag. – Wir haben die rothe Tonne hinter Cuxhaven passirt und befinden uns schon im offenen Meere! Johannes sieht bleich aus und klagt über Schwindel, mir ist noch ganz wohl. Der Capitän lachte, als ich ihn beim Rollen und Schäumen der Wogen fragte, ob auch Gefahr dabei wäre? Ein flauer Wind ist's, sprach er, pfropfte sich ein Stück Tabak in den Mund und steckte beide Hände in die Seitentaschen seines bequemen Rockes. – Wunderliche Menschen sind diese Seeleute, kurz, grob, phlegmatisch, dann wieder unglaublich thätig, immer heiter und wie es mir scheint gutmüthig. Wenn sie nur nicht so lästerlich fluchten! – Ich erbot mich, ihnen zur Unterhaltung ein Gebet oder ein Lied unseres begeisterten Wohlthäters, des Grafen von Zinzendorf, vorzulesen, in meinem Leben aber werde ich die Gesichter nicht vergessen, die mir bei diesem doch gewiß christlichen Vorschlage der Steuermann und der erste Mat machten. Ich preise dich, mein Herr und Erlöser, von ganzem Herzen, daß du mich die Seekrankheit glücklich hast überstehen lassen! Es ist 260 eine harte Prüfung, die Gott dem sündigen Menschen mit dieser Krankheit auferlegt. Auch der Stärkste, der Gottergebenste, der Demüthigste wird schwach und richtet sündhafte Bitten an den Höchsten. Wie bald doch verzagen wir, wenn Schmerzen uns foltern! Wie leicht bewältigt Kleingläubigkeit unser besseres Wissen! Wie schnell erschlafft der Wille im Kampfe mit einem Gegner, der keine angreifbare Blöße gibt! – Aber wenn wir den Kampf überstanden haben, wie gewaltig, wie herrlich zeigt sich dann Gott in seiner Allmacht! – Welch einen wunderbar herrlichen Anblick gewährt das Meer! Wenn ich so über Bord blicke und hinabsehe in die unergründliche blaugrüne Tiefe der Wogen, dann bemächtigt sich meiner bisweilen ein sonderbares Gefühl. Ich möchte hinabspringen in diesen fluthenden Kristall und mich von ihm schaukeln und tragen lassen bis an der Welt Ende. Auf jeder fortgleitenden Woge vermeine ich den Geist Gottes zu erkennen, aus jedem Rauschen und Emporspritzen des silbernen Schaumes, der den Bug des Schiffes umkreist, haucht mich der Odem des Schöpfers an! Ja, das Meer mit seinen Wundern, seinen Schrecken, verkündigt uns an jedem Morgens auf's Neue, wie groß und allmächtig der Herr ist! – Den Matrosen aber habe ich schweres Unrecht gethan, das ich im Gebet ihnen abbitte. – Obwohl sie ein wenig zu viel der Zunge freien Lauf lassen und oft nicht bedenken, was sie sagen, sind sie doch gut und fromm. Ich sah es letzthin in der Nacht, wie der Mond das Meer mit heiligem Lichtschein übergoß und zahllose Sterne am dunklen Zenith funkelten, daß sie mit den Augen ein Gebet sprachen, obwohl die Lippen ein weltliches Lied sangen. Gestern sahen wir in einiger Entfernung fast senkrechte Wasserstrahlen aus dem Meere aufsteigen. Es war ein Wallfisch, der sich gemüthlich fühlen mochte. Bald darauf erschien sein ganz plumper Rücken über der Wasserfläche, was ganz so aussah, als ob eine Insel aus der Tiefe auftauchte. Mehr als dies beschäftigte mich ein wunderbar zierliches Seethierchen, das sich häufig in der Nähe des Schiffes zeigte und oft eine geraume Zeit mit uns segelte, als wolle es gar nicht mehr von uns lassen. Der Capitain meinte, es sei ein Schaalthier. Ich hielt diesen wunderbaren Bewohner des Meeres für einen winzigen 261 Nachen mit einem eben so zierlichen purpurrothen Segel. Den Namen des sonderbaren Geschöpfchens, das ganz allerliebst aussieht, habe ich leider vergessen. Wir befinden uns im Golfstrome. Das Meer wogt und schäumt gewaltiger, die Lüfte wehen lind und weich, der Himmel ist tief blau. Ich fühle, daß wir in eine heißere Zone eintreten. Unsere Reise war bisher ungemein glücklich. Weder Sturm noch Windstille haben uns aufgehalten, dennoch sehne ich mich wieder nach Land. So herrlich und groß der Anblick des Meeres ist, man fühlt sich doch nicht dauernd heimisch auf dem unsichern Elemente. Vielleicht auch vermag die Kleinheit unseres Geistes diese ewige Unendlichkeit nicht zu ertragen. Erst auf dieser ungeheuern Wasserwüste begreift man ganz das tiefe, poetische Bibelwort: »Der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser!« – Ja, wohl ist es Gottes Geist, der um uns webt, den wir im Rauschen des Windes, im dumpfen Gebrause der Wogen hören. Diese unmittelbare Nähe des Ewigen, dieses Ruhen an seiner Brust, die wir nicht sehen, macht uns befangen, bang; denn wir fühlen ja, daß wir solcher Gnade nicht werth sind! – – Morgen sollen wir nach den Berechnungen des Capitäns Land sehen, und zwar, wie er sagt, das Festland Amerika's. Wir kreuzen vor der Mündung des Orinoko. Das Meer ist spiegelglatt, denn seit einigen Stunden fühlt man keinen Luftzug. Auffallend ist es mir, daß ich bis jetzt keine Beschwerden von der veränderten Luft spüre, während Johannes fortwährend leidet, namentlich an Schwindel. So hoffe ich denn zu Gott, daß er mir Kraft schenken, meine Gesundheit stärken und mich ausrüsten wird mit allen Gaben, die eine Missionärin besitzen muß, will sie den Irrenden die Wege bahnen, welche zur Erlösung führen. Land! schallt es herab von der Bram-Saling, und Alles lugt aus, um die ersten Linien zu entdecken, die uns die Küsten Surinam's verkünden sollen. Noch vermag ich keinen Schimmer der neuen Welt am Horizont aufzufinden, obwohl der Capitän und sämmtliche 262 Mannschaft behauptet, man sehe wirklich die Küste. Ihre Augen sind geübter, auch kennen sie ja die Gegend, denn sie machen die Reise schon zum fünften oder sechsten Male. – – Ich habe gebetet und mir ist wohl. – Vor uns immer deutlicher aus dem blauen Meere heben sich die schönen Bergspitzen des Landes, das ich in Zukunft als Heimath betrachten soll. Ach, es winkt mir zu mit tausend reizenden Bildern. Farbiger Duft, durchsichtiger Glanz, Licht in Licht getaucht kündigt es sich mir an, während die tropische Sonne die Fluth in geschmolzenes Gold verwandelt, und dennoch, dennoch würden die flachen, nebelumhüllten Gestade an der Mündung der Elbe mich mehr entzücken! – Was ist der Mensch in seiner Schwäche! Wie quält und peinigt ihn das Herz, auch wenn es ein Wohnhaus ist der reinsten, uneigennützigsten Gottes- und Menschenliebe! – Ich vermag es nicht, mich zu freuen, daß die starke Hand des Herrn sich so mächtig erwiesen hat an mir schwachem Geschöpf, und doch sollte ich anbetend vor ihm niedersinken und ihn preisen ohn' Aufhören! – – Horch, die Matrosen begrüßen mit jubelndem Hurrah das erste Segel, das vom Lande unserm Schiffe zusteuert! – Vor Sonnenuntergang noch kann ich wieder Gottes heilige Erde betreten, kann vielleicht unter freundlichen Menschen, wenn schon sie mir fremd sind, herzliche Aufnahme finden. – Sei mir gnädig, du mein Heiland! Halte und stütze mich, daß ich nicht strauchle! Laß die Gedanken sich nicht rückwärts der Heimath zuwenden, sondern richte sie auf das große Ziel, auf die heilige Aufgabe, die mir geworden ist. Nur einmal, das letzte Mal möge mein geistiges Auge den Moment festhalten, wo die Lippe des jungen Bruders mir den Abschiedskuß gab! – Adieu auf ewig, Heimathland! Ein ewiges Lebewohl den Schwestern und Brüdern! Still, dumpf, finster wie ein Sargdeckel sinkt Vergessenheit auf alles Vergangene. Todt ist das Mädchen Erdmuthe, zu neuem Leben erweckt steigt die Missionärin Gottvertraut an das Land der Indianer! – Still! Johannes naht. Er kommt, mich hinauszuführen unter die jubelnden Matrosen und mir die Palmen- und Bananenwälder zu zeigen, in deren Schatten ich wandeln, wirken, lehren, vielleicht, ach vielleicht auch sterben soll! – – 263 Bis hierher hatte der junge Ammer gelesen, ohne einmal aufzublicken. Seine Pulse flogen, seine Augen glänzten. Eine geistige Aufregung, verbunden mit unklarer Leidenschaft, hatten sich so ganz des jungen Mannes bemächtigt, daß er weder sah noch hörte. Die liebreizende Gestalt der scheidenden Herrnhuterin, wie er sie beim Liebesmahle erblickte, gaukelte wieder vor seinen Augen. Nur erschien sie ihm jetzt in strahlender Lichtfülle. Nicht allein die Missionärin zog ihn an, die schon so Vieles erfahren, so Ungewöhnliches, das sie nur mit wenigen Federzügen andeutete, erlebt hatte, mehr noch fesselte ihn das Weib, das, ob auch tausend von Meilen entfernt, doch immer noch des Augenblickes gedachte, der sie ihm zuführte. Fürchtegott war geistig nicht mehr in Europa. Er wandelte am Quai von Paramaribo; er träumte die glücklichsten Zukunftsbilder unter rauschenden Palmen. In dieser Verzückung bemerkte er nicht, daß kurze Zeit ein spähendes Gesicht durch das von Weinlaub halb verdeckte Fenster blickte, daß später die Thür des Gemaches, in dem er weilte, leise geöffnet ward, und Wimmer vorsichtig eintrat. Fürchtegott, im Lehnstuhle des Grafen sitzend, kehrte der Thür den Rücken zu und hätte den schleichenden Herrnhuter nur im gegenüber hängenden Spiegel erblicken können, wenn seine Gedanken nicht eben an den Ufern des Surinam geweilt hätten. Wimmer glitt wie ein grauer kühler Schatten, den Kopf mit seinem gewöhnlichen breitkrempigen Hute bedeckt, bis dicht hinter den Stuhl des Lesenden. Hier blieb er, den Athem anhaltend, einige Augenblicke stehen, den Jüngling beobachtend. Als er sich überzeugt hatte, daß Fürchtegott gänzlich überwältigt, ja bezaubert war von dem Inhalt der seidenweichen Blätter, die zwischen seinen Fingern rauschten, spielte ein wohlgefälliges Lächeln um die schmalen, bläulich-weißen Lippen Wimmer's, während im Auge ein satanisch-glückliches Feuer glühte. Er nickte befriedigt mit dem Kopfe, faltete, alter Angewöhnung folgend, die knochigen Hände, und verschwand leise und unhörbar, wie er gekommen war. Noch einmal legte sich das fahle Gesicht des alten Speculanten an die Scheiben, ohne daß Fürchtegott es gewahrte, dann zog er sich zurück. Unser junger Freund aber fuhr fort in dem Tagebuche der Missionärin zu lesen. 264 Vier Monate später. Mein Herz ist müde, meine Seele betrübt. Werde ich auch Kraft gewinnen, um auszuharren? Schon sind Wochen vergangen, ohne daß ich außer Johannes und dem holländischen Prediger in der Wüste, wie sich van Selvbeleev nennt, einen Europäer erblickt habe. Die Wildniß ist meine Wohnung geworden, das Gethier der Wälder mein Umgang. Dennoch preise ich die Ehre des Höchsten mit dankbarem Herzen, denn ich weiß, daß seine Güte und Gnade grenzenlos sind. Aber mein weltlicher Theil sehnt sich nach dem Brod des Lebens, das man im erkennenden Wort, im süßen Wohllaut der heiligen Muttersprache von des Nächsten Lippe bricht. Ach, und dies Brod, von dem mein Geist lebt, mangelt mir gänzlich! – Johannes kränkelt! Er kann sich nicht an das feucht-heiße Clima gewöhnen. – Bleierne Schwere legt sich auf seine Glieder, seine Augen entzünden sich, er fiebert! – Ach und wie soll ich ihn pflegen, nur geschützt von einem fliegenden Zeltdach? Am Tage peinigt ihn die Gluthhitze der tropischen Sonne, des Nachts mehrt der starke, regenartige Thau sein Fieber. – Und doch darf ich nicht ermatten, nicht verzagen, denn die jungen Heiden, die rund um mich wohnen, müssen ja einsehen lernen, daß der Glaube an den Gott, den ich predige, jegliches Ungemach vergessen macht. – – Johannes befindet sich heute wohler. Er hat mich unterstützt bei den Lehrstunden, auch der holländische Prediger, durch seinen langen Aufenthalt unter den Indianern vertrauter mit ihren Sitten und besser von dem unterrichtet, was man diesen Naturkindern vortragen darf und wie man es ihnen beibringen muß, damit es sie anspricht und haften bleibt, geht mir fleißig zur Hand. Und doch, von wie geringem Erfolg sind unsere gemeinschaftlichen Bestrebungen! Der Gott, den wir predigen, gewinnt bei den Meisten nur Macht durch die bunten Geschenke, die er ihnen zur Taufe mitbringt! – Gewiß, das Wort des Erlösers ist ein tiefes und bedeutsames, das seine Apostel hinaussendet in die Welt, um die Heiden zu taufen, allein die damit verbundene Aufgabe, die doch darin bestehen soll, nur den wahrhaft zum Christenthum Bekehrten erst zu taufen, übersteigt oft die Kräfte jeglichen Sendbotens! – Ach, und diese Sendboten sind 265 nicht immer erleuchtet vom heiligen Geiste! Sie reden nicht mit Engelszungen, ihr Wort ist nicht geschöpft aus dem Brunnen des heiligsten Glaubens; sie sind nicht durchdrungen, nicht überzeugt von der göttlichen Wahrheit der Lehre, die sie predigen! Söldlinge der Kirche, die sie bezahlt, durchstreifen sie Wälder und Berge, fangen Menschen mit buntem Flittertand, gießen Wasser auf ihre Scheitel und schreiben dann an die Oberhirten in Europa, sie hätten so und so viele Heiden bekehrt und dem Christenthume zugeführt! – Soll ich den Ankläger spielen? Soll ich, die schwache, aber willige Frau, mir anmaßen, die Männer zu meistern? Und doch treibt mich das Gewissen dazu, denn wahrlich, gibt es irgend eine Todsünde, so begeht sie derjenige Religionslehrer, der leichtfertig, unter dem Vorgeben Seelen dem Himmel Christi zu gewinnen, weltlichen Lohns wegen nur Seelen verführt. Besser ein guter Heide bleiben, als ein schlechter, heuchlerischer, unlauterer Christ werden! Worte ohne Liebe sind tönende Schellen. Die Wahrheit dieses Gedankens hat sich mir neulich bestätigt. Zwei junge Indianer, Söhne eines Häuptlings, der vor Jahren im Kampfe mit einem feindlich gesinnten Stamme fiel, sind durch meine Bemühungen dem Christenthume gewonnen worden. Beide besitzen große geistige Fähigkeiten. Sie begreifen leicht, ihre Herzen sind weich und bildsam, und ich darf, ohne ruhmredig zu sein, behaupten, daß meine Vorträge Eindruck auf sie machten. Ich forderte sie nicht auf, ihren heidnischen Göttern zu entsagen, ich erzählte ihnen nur gleichnißweise, was Christus gethan, gelitten, erstrebt hatte. Endlich kamen sie demüthig bittend aus eigenem Antrieb zu mir und ersuchten mich, ich möge sie taufen und in den Bund der Christen aufnehmen. Meine Seele jubelte vor Entzücken und Begeisterung, denn ich glaubte mir sagen zu dürfen, daß ich jetzt wahrhaft zwei Seelen der heiligen Lehre von der Welterlösung, wie unser Heiland sie predigt, gewonnen habe. Beide Brüder wurden von diesem Tage an die mildesten, zufriedensten, friedliebendsten Menschen. Ganz von selbst legten sie ihren alten kriegerischen Schmuck ab, kleideten sich europäisch und fingen an das grausame Vergnügen der Jagd mit der stilleren und segenbringenderen Beschäftigung des Ackerbaues und der Viehzucht zu vertauschen. Schon glaubte ich die Jünglinge 266 der europäischen Civilisation und der christlichen Milde völlig gewonnen; da erweckte der Anblick eines ihrem Stamme feindlichen Kriegers den alten Adam in ihnen. Kaum sahen sie den wehenden Federbusch des herausfordernd mit seinem Tomahawk durch die Büsche schreitenden Häuptlings, so begann ihr indianisches Blut zu kochen. Nie im Leben sah ich ein solches Bild innerlich tobender Leidenschaften auf einem Menschenantlitz. Sie erkannten in dem bemalten Krieger den Mörder ihres Vaters, und Rache! Rache! war ihr einziger Gedanke. Schon hatte sich der Eine mit einer Axt bewaffnet, während der Andere mit Riesenkraft einen jungen Baum umbrach, um den Todfeind damit anzugreifen. Da gab mir Gott übermenschlichen Muth. Das Wort des Lebens in der Hand, trat ich zwischen den wilden, heidnischen Krieger und meine jungen bekehrten Freunde. Ich weiß nicht mehr, was ich sprach, aber der Geist Gottes muß meine Worte beseelt haben. Wie gelähmt, bezaubert standen die Jünglinge mir gegenüber. Je länger ich redete, desto mehr verlor sich der Wuthausdruck auf ihren dunkeln Zügen. Die Waffen entglitten ihren Händen, sie knieeten vor mir nieder und küßten das Buch, aus dem ich ihnen gelehrt hatte, Gott und seinen heiligen Sohn lieben zu lernen. Das Wort der Liebe hatte beinahe ein Wunder erwirkt. Sie gelobten mir, nie mehr auf Rache zu sinnen, sondern ihrem Feinde zu vergeben. Um diesem dies kund zu thun, winkten sie dem Häuptlinge, sprachen zu ihm und gaben zu erkennen, daß sie ihren Vorsatz auf die bei jenen Völkerstämmen übliche Weise bekräftigen wollten. Alle drei nahmen Platz in meiner Zelthütte und rauchten die Friedenspfeife. Am Schlusse der Ceremonie schenkte mir der fremde Krieger Pfeife und Tabaksbeutel zum Andenken, desgleichen seinen schön gearbeiteten Gürtel, indem er durch Zeichen zu verstehen gab, daß diese Gegenstände mir, sollte ich dereinst in gefahrvolle Lagen unter Männern seines Volkes kommen, als Talisman dienen würden. – Wie dankte ich Gott für diesen erhebenden Sieg des Christenthums über wilde Leidenschaften! Zum ersten Male während meines Wirkens fühlte ich mich wahrhaft glücklich, ja selig! Denn ich hatte drei Menschen durch das Wort der Liebe mit Gott versöhnt und wahrscheinlich auch gründlich gebessert. 267 Heute sind Briefe aus Deutschland angekommen. O wie sehne ich mich nach einem Wort, einem Gruß aus der Heimath! Ein unendliches Weh zittert durch mein Herz, wenn ich der Lieben gedenke, die ich vielleicht nie wieder sehe. Dann bin ich nur noch die schwache Creatur von Staub, ein Spiel der Winde, hinfällig, wie ein Kind, ohne eigene Kraft, ohne eigenen Willen. Gottes Hand allein kann mich aufrichten, sein Wort nur mich trösten! – Aber ich will ringen und beten, daß ich die Anfechtung besiege, und mich würdig zeige des Rufes, der an mich ergangen ist. Der hochwürdige Bischof und Graf Alban haben mir geschrieben. Liebe, liebe Worte! Sie ruhen jetzt auf meiner Brust neben den längst verwelkten Blumenhäuptern, die Johannes mir als letztes Liebeszeichen beim Abschied aus der Heimath überreichte. Keiner der Lieben ist gestorben – alle Schwestern senden mir apostolische Grüße. – Ich bin ganz glücklich in meiner Waldeinsamkeit. – – Aber von Ihm steht nichts in dem Schreiben. – Sie können es ja auch nicht ahnen, daß eine Flocke meines Herzens in der alten Welt zurückgeblieben ist und sich verwandelt hat in einen Schmetterling, der rastlos über der versunkenen Gruft schwebt, in der mein weltliches Theil schon lange begraben liegt. Die Stelle aber, wo jene Flocke vom Herzen sich losriß, schmerzt immer, immer! Selbst im Augenblicke der Heiligung, wo ich als Heidenbekehrerin Gott mich näher fühle, erscheint dieser Schmerz nur gemildert, nicht gehoben. – Ich werde beiden hochverehrten Herren schreiben und dem Grafen die Geschenke übersenden, die mir der versöhnte Häuptling gegeben. Mich wird wohl die Liebe Gottes und jener unsichtbare Schild gegen Gewaltthat schützen, den jede schuldlose Frau mit einem Blicke ihres reinen Auges vor sich aufrichtet. Fürchtegott konnte nicht umhin, einen Blick auf die Gegenstände zu werfen, deren Erdmuthe erwähnte, und die schon vorher seine Neugierde erregt hatten. Aber das Tagebuch enthielt noch mehrere eng beschriebene Blätter, und der junge Ammer zitterte vor Verlangen, auch noch den Inhalt dieser zu erfahren. Er las daher weiter. 268 Schön ist diese Welt doch. Wer vermag die Majestät eines Urwaldes und das Leben in demselben zu beschreiben! Wir Europäer, gewöhnt an ein gemäßigtes Clima, an einen Pflanzenwuchs, eine Farbenmischung, welche diesem Clima entspricht, wir bleiben vor Verwunderung stehen, schon wenn wir nur die »Augenbrauen« des Urwaldes betreten, wie man die Pflanzenwelt poetisch nennt, welche in diesem Lande die eigentliche Welt des Waldes umsäumt. Unsere Dichter nennen den Wald grün und sprechen von grüner Waldnacht. Dies Bild ist nicht anwendbar auf die tropischen Wälder. Hier begegnen wir allen nur denkbaren Farben-Nuancen, vom zartesten Weiß bis zum gesättigtesten Schwarz, vom leuchtendsten Grün bis zum brennendsten Roth, während alle Abstufungen von Blau, Gelb, Grau in dies doppelt flammende Farbenfeuer eine reizende Abwechslung der feinsten und malerischsten Schatten werfen. Dieser Ueberschwenglichkeit von prächtigen Farben entspricht die Größe und Form der Pflanzen und Bäume. Es gibt Blätter, die getheilt, ja geviertheilt, noch den ganzen Menschenleib umhüllen, der kleinste Ast mancher Bäume würde in Europa für einen mächtigen Stamm gehalten werden und ihre Höhe erreicht, ja übertrifft sogar die manches deutschen Münsters. Hunderttausende solcher Stämme aber, von Millionen wunderbar farbiger Vögel aller Größen bevölkert, bilden den Urwald! Es ist ein Dom, den Gott sich selbst erbaut hat, ein Dom, in dessen heiligem Dunkel Raum genug ist für die Gläubigen aller Religionen. – Man schelte mich nicht ob dieses Wortes! Gewiß verehre ich Christum mit glaubensstarker Inbrunst, aber so egoistisch religiös möcht' ich sagen, kann ich inmitten des ewig zum Schöpfer der Welt betenden Urwaldes nicht sein, daß ich den Andersgläubigen verächtlich über die Schulter ansähe oder ihn tadelte, weil er in einer anderen Stellung, mit andern Gebehrden, in anderer Sprache zu Gott spricht. Wie ich die Sprache des Indianers nicht verstehe, vermag ich vielleicht, auch den Sinn der Glaubenssätze nicht gleich zu fassen, auf denen das Heil seiner Zukunft ruht. Diese Indianer sind voll poetischer Gedanken selbst in der größten Wildheit ihres Naturells, und die Vorstellungen, welche sie von dem Leben nach dem Tode haben, müßten sich mit den christlichen Lehren vereinigen lassen, könnte man sie, wie bunte Glasstückchen in ein Kaleidoskop werfen und sie 269 so lange drehen, bis sie den strahlenden Stern der christliche Liebeslehre bildeten. Einige Tage war ich recht betrübt. – Ich bin nicht werth, ein Kind Gottes zu heißen. Immer kreuzen weltliche Gedanken mein dem Ewigen, dem Himmel geweihtes Thun, und so vernichte ich von selbst das Gewebe, aus dem ich mir eine Himmelsleiter flechten will. – Bin ich wirklich meinem Eidschwur treu geblieben? Vergaß ich nie, daß ich gelobt habe, eine demüthige Magd des Herrn zu werden, unermüdlich in seinem Dienst, nie ermattend in meinem Berufe? – O, ich muß mich leider arger Vergehungen anklagen! – Letzthin habe ich getanzt, – getanzt mit Wilden ferner Prairien! Ich ward freilich dazu gezwungen, aber ich hätte stärker sein und mich nicht zwingen lassen sollen. Aus den Gebirgen ist eine betrübende Kunde eingetroffen. Feindliche Stämme haben die von den Sendboten der Brüdergemeinden bekehrten Indianer überfallen und ein entsetzliches Blutbad unter ihnen angerichtet. Alle, welche dem Tomahawk und dem Skalpmesser entgingen, sind in die Wälder geflüchtet, wo sie in Gemeinschaft mit Affen und Papageien leben. Wir sollen unter Escorte von einer ausreichenden Anzahl Truppen dahin aufbrechen, den tief Gebeugten Muth zusprechen, sie wieder sammeln in die Hände des Glaubens und ihnen neue Wohnsitze anweisen, während unsere kriegerische Begleitung den Auftrag hat, die feindlichen Wilden zu züchtigen. Hoch erhaben über Flur und Wald raste ich auf moosbewachsenem Felsrücken. Die Welt zu meinen Füßen gleicht, aus solcher Entfernung gesehen, einem göttlichen Eden. So ist es auch mit unseren Gedanken. Sie dünken uns stets gut und recht, wenn wir sie nicht prüfen, halten wir aber die Lupe strenger Forschung über sie, so entdecken wir allerhand unlautere Auswüchse daran. – Die Thäler und Wälder unter mir dampfen, als brächten sie dem Ewigen ein Brandopfer. Obwohl um mich und über mir der heilige Gottesfrieden einer großen Natur waltet, höre ich doch das Athmen der Erde, vernehme ich das Seufzen und Röcheln des elementarischen Lebens, das 270 den unermeßlichen Erdkörper bewegt und schüttelt. Bergströme stürzen tosend in tiefe Schlünde, ein Windhauch fährt pfeifend durch die Kronen der Blätter, unter Moos und Gestrüpp raschelt die glitzernde Schlange. Das Auge Gottes aber wacht über dem herrlichen Ganzen und vergoldet weit, weit im Osten die Wogen des Meeres, die mit murmelndem Rauschen die Küsten zweier Hemisphären küssen. Wie glücklich wäre ich, könnte ich nur ein paar Secunden lang mich mit Bewußtsein in jenen Schaum des Meeres verwandeln, der sprühend am Strande Deutschlands verstäubt! Unsern vereinigten Bemühungen ist es gelungen, die zerstreuten jungen Christen zu sammeln. Ein schönes, von hohen Felsen umschlossenes Thal, fruchtbar, luftig und in steter Verbindung stehend mit den bewohnteren Ansiedlungen soll künftig ihr Wohnort sein. Es ist beschlossen, daß Johannes und ich mich ebenfalls daselbst niederlassen sollen, um wo möglich der Ansiedlung mehr Festigkeit zu geben. Ein District wird uns angewiesen, den wir lehrend und predigend zu bereisen haben. Dieser ganze District soll der Cultur gewonnen mit Verkehrsstraßen überzogen und auf's Engste mit der Mutterstadt am Strande verbunden werden. Dadurch hofft man diesen sich stets wiederholenden verheerenden Einfällen der wilden Indianer aus den Gebirgen und der Steppe besser vorbeugen oder sie doch leichter bewältigen zu können. – Mir gefällt dieser Plan recht wohl, obschon ich hinter der geistlichen Maske ein sehr weltlich lächelndes Gesicht lauern sehe. Die Kaufleute in Paramaribo suchen neue Absatzwege im Innern des Landes. Sie kennen die Leidenschaften aller Wilden für gewisse glänzende Artikel, für schillernde Stoffe, und sie verstehen es ganz meisterhaft, den in der Rechenkunst schlecht bewanderten Naturkindern für werthlose oder doch fast werthlose Dinge ihre größten Schätze abzulocken. Weltlich gesinnte Menschen von Geist nennen das Civilisation unter die Wilden bringen, religiöse Heuchler erblicken darin eine Verbreitung des Christenthums, die arme, einfache Missionärin aber, die nichts anderes will, als ihrem Heiland und Erlöser im Geiste und in der Wahrheit dienen, schlägt ihr thränenumschleiertes Auge zum Himmel auf und fragt in Demuth »den großen Geist«, 271 wie der Indianer sagt, ob solche Wege auch erlaubt sind, wenn ein großer Zweck damit erreicht werden soll und kann? Heute bin ich recht freudig überrascht worden. Ich habe heimathliche Farben, die drei weißen Thürme Hamburgs im rothen Felde an der Gaffel eines herrlichen Barkschiffes gesehen. Geschäfte riefen mich aus dem heiligen Schatten der Berge in die Stadt, wo ich mit Bekannten den Hafen besuchte, der eben voll einer Menge neu angekommener Schiffe lag. Das Hamburger Fahrzeug ankerte dicht am Strande. Die Matrosen sangen in bekannter Weise, indem sie die Ladung aus dem Raume emporwanden. Es waren Ballen, gepackt, wie man es bei mir zu Hause gewohnt ist. Ich fragte einen holländischen Handelsherrn, der eben von dem Hamburger Schiffe kam, was dasselbe geladen habe? »Deutsche Leinwand,« lautete die Antwort. »Das Schiff kommt von New-York. Ich habe die Ladung gekauft. Ammer heißt der Rheder.« Diese hastig gesprochenen Worte machten mich staunen. Ammer! – eine Stunde von meinem Geburtsorte gibt es der Ammer mehrere. Es sind lauter Weber. Einer derselben hat mich aus der Taufe gehoben! – – Mein Gott, mein Gott, wenn ich von Einem der Besatzung oder vom Capitän doch genaue Kunde erhalten könnte! – – So glücklich, so innerlich ruhig, so sicher im Arm des Allmächtigen, unseres allliebenden Vaters, habe ich mich lange nicht gefühlt. Das Hamburger Barkschiff gehört wirklich einem Ammer, nicht aber meinem Pathen. Es soll der reichste Mann des Dorfes ** sein, und Wimmer, der Bruder und Freund des Grafen Alban, ist sein Compagnon! Wie wunderbar, wie seltsam verschlungen gestalten sich doch die Pfade der Sterblichen! Die Ladung des Schiffes war – so erzählte der Capitän – ursprünglich für New-York bestimmt, weil aber dort die Preise der Leinenwaaren bei Ankunft zu niedrig standen, verkaufte ein Speculant die ganze Ladung nach Paramaribo, wo es an Leinen gerade mangelte. So kam das Fahrzeug hieher und sein Rheder verdient fast das Doppelte. Der Capitän hat versprochen, Briefe mitzunehmen. In drei bis vier Wochen geht er wieder in See, und wahrscheinlich kommt er schon Anfang des nächsten Jahres wieder, weil das 272 Geschäft glänzend zu werden verspricht. Er will dann Kunde aus meiner lieben Bergheimath, von all' den theuern Seelen mir bringen, deren Wohlergehen ich stets in meinen Gebeten vom Höchsten erflehe. Von den Ammern wußte der Capitän gar nichts zu erzählen. Er kennt die Leute nicht einmal, nur eine Firma »Ammer \& Compagnie«, die aber von andern Leuten verwaltet wird, soll seit Kurzem in der großen Landesmetropole an der Niederelbe aufgetaucht sein. Es sind Alles Herrnhuter, behauptet er, die mit diesem sehr einträglichen Handelszweige sich beschäftigen. Einen Sohn des reichen Ammer hofft er nächstens zu sehen. Derselbe lernt die Handlung und soll später der eigentliche Chef des neuen Hauses werden. – – Aber was plaudere ich da mit mir selbst, was beschäftige ich mich mit weltlichen Dingen, die mich nichts angehen, und vernachlässige darüber meine heiligen Pflichten! – Vergib mir, mein Herr und Heiland, daß die unaustilgbare Liebe zur Heimath so ganz mein Herz erfüllen konnte! – Ich will mich bessern und streng prüfen, damit ich nicht abermals in Anfechtung falle, und mein Geist sich vom Ewigen und Himmlischen dem Irdischen und Vergänglichen zuwende! Gott hat das heiße Gebet seiner schwachen und sündigen Magd erhört. Ich habe mein Herz bezwungen – es ist still, wohl auch ein ganz klein wenig schüchtern geworden. Die Gedanken schweifen nicht mehr abwärts über das Weltmeer, sie bestricken mich nicht mehr mit schillerndem Zauberblendwerk, ich habe sie gefesselt, daß sie mich nicht fürder stören und zerstreuen, wenn ich des Herrn Ruhm und Ehre verkündigen soll. Morgen will der Capitän Anker lichten. Die Matrosen jubelten, als ich heute Morgen an Bord ging, um meine Briefe abzuliefern. Ich habe an die Schwestern und meine nächsten Verwandten geschrieben, und Allen, Allen tausend Grüße der Liebe gesendet. Auch denen, die da schlafen im Herrn unter grüner Erddecke, auch denen habe ich aus der Verbannung, in die der Herr mich gesendet, Grüße zugerufen. Mögen ihre seligen Geister mich als schützende Engel umschweben, mich schirmen, tragen, und kräftigen, wenn der Wille schwach 273 ist und das Herz in seiner Bangigkeit, in seinem tiefen, heißen Drange nach der Heimath oft brechen will! Der Wind ist umgeschlagen, die Barke kann noch nicht segeln. – Der Capitän fluchte, die Mannschaft war verstimmt, aber ich, – ach, ich freute mich unendlich, als der flatternde Wimpel so lieblich grüßend zu mir herüberwinkte. Es ist doch noch ein Streifchen Heimath, das da oben am Mast in der blauen Luft schimmert. Die Planken des Schiffes sind aus deutschen Eichen gezimmert und haben, Gott weiß, wie lange, lange Jahre den Saft deutscher Erde eingesogen. So lange dies Schiff im Hafen schaukelt, so lange bin ich nicht einsam, nicht völlig abgetrennt vom unvergeßlich theuern Vaterlande. Ich habe noch ein paar Zeilen an den Grafen geschrieben und darin alle Brüder vom Aeltesten bis zum Jüngsten ausdrücklich grüßen lassen. Und damit er sieht, daß ich der Heimath stets zugethan bleibe in Liebe und Treue, will ich ihm auch diese Aufzeichnungen noch mit überschicken. Ruft der Herr mich dereinst ab, sei's früh, sei's spät, so haben sie doch für Niemand Werth, wie für meine deutschen Brüder und Schwestern. So seid denn gesegnet, ihr Seufzer meines Herzens, und betretet statt meiner die Heimath. Ich aber will noch einen Blick des Abschieds auf den Wimpel werfen, dann mein Moskitonetz über die thränenden Augen ziehen und westwärts wandern, den Bergen und Wäldern zu, wo ich wirken, schaffen, beten und wohl auch dereinst sterben soll zur Ehre des Heilandes und seiner hochheiligen Lehren. Der Herr sei und bleibe mit mir, Amen! – Hier endigten die Tagebuchblätter Erdmuthe's. Fürchtegott ließ das zierliche Bändchen in seinen Schooß fallen und richtete träumerisch seine Augen auf die Wand, wo der Gürtel mit der Friedenspfeife des versöhnten Häuptlings hing. So saß er lange, von Niemand gestört, ohne eine Fiber zu rühren. In seinem Herzen war eine ganz neue Welt aufgegangen, eine Welt, die gar nichts gemein hatte weder mit der Umgebung seines bisherigen Lebens, noch mit den realistischen Bestrebungen, an denen die Seele des Jünglings hing. Diese Welt ward von einer andern Sonne beleuchtet, von anders flimmernden Sternen 274 des Nachts beschienen. Ein unnennbares Weh durchzuckte sein Herz, ein Weh, von dem er gar keine Ahnung gehabt, das ihn unglücklich und glücklich zugleich machte. Ich muß sie sehen, ich muß sie bald sehen! dachte er anfangs unzählige Male, bis er es deutlich aussprach und von seiner eignen Stimme erweckt, zusammenschrak. Er sprang auf, betrachtete das Tagebuch, drückte es leidenschaftlich an seine Lippen und wollte es wieder auf den Tisch legen, als er hinter sich husten hörte. Fürchtegott wendete sein erhitztes Gesicht seitwärts und erblickte den Grafen, der vor wenigen Augenblicken eingetreten sein mußte. Die Bestürzung des jungen Ammer erreichte jetzt den höchsten Grad. Verwirrt, wie er war, vermochte er weder ein Wort der Begrüßung, noch der Entschuldigung hervorzubringen. Er fühlte sich schuldbeladen und stand, von Purpurröthe übergossen, vor dem Grafen, als erwarte er in schulmeisterlicher Weise von ihm eine Strafpredigt zu hören. Graf Alban aber lächelte, reichte dem verblüfften Jünglinge die Hand und sagte, mit der Linken auf das Tagebuch der Missionärin deutend, mit wohlwollender, väterlich milder Stimme: Haben Sie darin gelesen? Fürchtegott wagte jetzt sein Auge zu dem vornehmen Mann zu erheben, und da er in ein sanft lächelndes Gesicht sah, erwiderte er schüchtern: Die Langeweile, Herr Graf – die Einsamkeit – ich wußte nicht – aber ich erlaubte mir – Schon gut, junger Freund, unterbrach der Graf den Verschüchterten. Es freut mich, daß Sie diese Aufzeichnungen einer gottergebenen Seele gefunden haben; sie waren ohnehin für Sie bestimmt und sind zum großen Theil Ursache, daß ich Ihnen schrieb, um mich recht ungestört mit Ihnen in einer für uns Beide sehr wichtigen Angelegenheit zu besprechen. Fürchtegott, in so vertraulicher Weise angeredet, kehrte seine Fassung jetzt schnell zurück. Er fühlte seinen Muth mit der Wichtigkeit wachsen, die ihm der Graf freiwillig beilegte. Jede Spur von Furcht und Beschämung war verschwunden, nur der thatenbegierige, abenteuerlustige, begüterte Jüngling stand vor dem Manne, dessen Eröffnungen dem jungen Ammer die Pforten einer noch unbekannten Welt 275 erschließen sollten. Die Zukunft deckte noch ein undurchdringlicher Schleier, aber er sollte schon in den nächsten Augenblicken fallen und damit für Fürchtegott ein Wendepunkt in seinem Leben eintreten, der ihn vielleicht auf die schwindelnde Höhe des Glückes emportragen, vielleicht auch in den Abgrund namenlosen Elends hinabstürzen konnte. Er hatte dem Grafen gegenüber Platz genommen und lauschte begierig den Mittheilungen, welche dieser vielerfahrene, in hundert Geheimnisse eingeweihte Mann ihm machen würde. Ich habe Sie zu mir beschieden, junger Freund, begann Graf Alban, um Ihnen zu eröffnen, daß es jetzt unerläßlich wird, das nächste nach dem amerikanischen Continent abgehende Schiff zu begleiten. Herr Wimmer, unser gemeinschaftlicher Freund, Ihr und Ihres Herrn Vaters Geschäftsführer wider Willen, hat mir die Sachlage klar vorgetragen und mich gebeten, das Weitere statt seiner einzuleiten. Seine Schüchternheit hält ihn ab, Ihren Vater abermals zu bestürmen, noch dazu, da es sich gegenwärtig nicht um eine einfache Zusage, um ein passives Geschehenlassen handelt, sondern um eine vielleicht lang dauernde Trennung des Vaters vom Sohne. Dennoch muß gehandelt werden, denn verlieren wir Zeit, so entschwindet der günstige Augenblick, von dem das Gelingen und der Bestand des so glücklich eingeleiteten Unternehmens abhängt. Es fragt sich jetzt nur, ob Sie Muth und Unternehmungsgeist genug besitzen, um in so jungen Jahren eine so wichtige Geschäftsreise antreten zu können. Fürchtegott's Pulse klopften hörbar. Die Mittheilung des Grafen machte ihn schwindlich, berauschte ihn förmlich. Die Erfüllung aller lang genährten Wünsche, die so ganz unerwartet, ungerufen ihm geboten ward, hätte den Jüngling zu jeder That entschlossen gefunden. Er sagte deßhalb auf der Stelle zu. Ihre Willigkeit freut mich, fuhr Graf Alban fort. Es wird jetzt vor Allem Ihre Aufgabe sein, den Herrn Vater zu benachrichtigen, ihm die Nothwendigkeit der Reise anschaulich zu machen und seine Einwilligung zu erwirken. Da ich weiß, daß Herr Ammer in dieser Beziehung möglicherweise abweichende Ansichten haben und darauf bestehen dürfte, werde ich Ihnen ein Begleitschreiben mitgeben. Jedenfalls beharren Sie fest auf der Forderung, Ihr Herr Vater möge Ihnen völlige Freiheit in Bezug Ihrer Handlungen bewilligen. Sind Sie dazu bereit? 276 Fürchtegott bejahte ohne das geringste Bedenken. Die Empfehlung des Grafen, der Hinterhalt, den er an demselben hatte, ließ ihn keine Schwierigkeiten erblicken. Nun hören Sie weiter, junger Freund, sprach Graf Alban. Es ist Ihnen da ein Büchlein in die Hände gefallen, das, wenn es Ihnen sonst Vergnügen macht, einen unterhaltenden Reisegefährten für Sie abgeben kann. Erdmuthe Gottvertraut scheint sich Ihrer sehr flüchtigen Begegnung noch gern zu erinnern. Das zeugt von tiefem Gemüth, von liebevollem Herzen. Ob Sie der kleinen, zarten Missionärin inzwischen auch gedacht haben, danach zu fragen, habe ich kein Recht. Surinam ist aber nicht bloß ein Land, wo der Menschenfreund das Samenkorn christlicher Liebe ausstreuen soll, ihm ist auch die fast nicht minder wichtige Aufgabe geworden, mit der Lehre von der ewigen Liebe die Segnungen europäischer Cultur unter die wilden Indianerstämme zu verpflanzen. Diese Aufgabe erfüllt Niemand sicherer als der Kaufmann. Und darin, mein junger Freund, liegt die große Bedeutung des Handels. Nicht bloß irdische Glücksgüter zu erwerben, spannen wir die Segel an unsern Raaen auf, obwohl ohne dieselben keine himmlischen Güter zu erstreben sind; der größere Zweck des Welthandels ist die Verbreitung milder Sitten, edler Gewohnheiten, mannigfacher Kenntnisse über den ganzen Erdkreis. Der Welthandel knüpft unter den Völkern verschiedener Racen ein unauflösbares Freundschaftsband, und was der Religion und ihren Boten oft nicht möglich wird, weil um das helle Licht selbst des reinsten und geläutertsten Glaubens immer auch die dunkeln Schatten schwer zu unterdrückenden Aberglaubens kreisen: das vermag der Handel mit dem durchdringenden, Allen verständlichen Ton seiner metallreichen Stimme. Ohne Handelsverbindungen unter den Heiden werden unsere begeistertsten Missionäre immer nur Prediger in der Wüste bleiben. Der Gewinn lockt, fesselt, regt die Leidenschaften des Rohen wie des Gebildeten auf. Er ist für uns, die wir dem Himmel dienen wollen, die Angel um Seelen zu fangen. Geht also der Welthandel mit der apostolischen Mission Hand in Hand, so erfüllt sich das Wort des Gottessohnes, der seine Jünger zu Menschenfischern machen wollte. Sie sehen also, junger Freund, wie wichtig der Schritt ist, den Sie thun sollen, welche Tragweite der Gedanke hat, der Herrn Wimmer vorschwebte, als er den Entschluß 277 faßte, nicht bloß mit den vereinigten Staaten Nordamerikas, sondern auch mit dem Süden dieses großen Continentes in Verbindung zu treten. Sie werden demnach sowohl New-York als auch Paramaribo besuchen. Herrnhut sendet den blinden Heiden seine Liebesboten und die Betriebsamkeit des Welthandelsherrn schickt ihnen Kleider, damit die Bekehrten ihre Blöße decken und auch äußerlich das Kennzeichen gesitteter, dem Christenthum gewonnener Individuen tragen können. Fürchtegott war längst überzeugt. Er würde die unausführbarsten Verbindlichkeiten eingegangen sein, so völlig bezaubert hatten ihn die Worte des Grafen. Sein Ehrgeiz, der Wunsch und Trieb, etwas Außerordentliches zu erreichen, alle seine Gleichalterigen zu überflügeln, sich einen großen Namen, einen mächtigen Einfluß in beiden Hemissphären zu erwerben, hoben ihn hoch empor über die flache Wirklichkeit. Graf Alban, dem diese Bezauberung des Jünglings nicht entging, hielt es für gut, ihn aus seinem träumerischen Schwärmen in die reale Welt zurückzuführen. Sie kennen jetzt, sprach er nach einer Pause, die Bestimmung, die ich und mein Freund Ihnen zugedacht haben. Ueberlegen Sie, bis zu welcher Zeit Sie die Einwilligung Ihres Herrn Vaters zu erhalten glauben. Ich muß dies sehr bestimmt wissen, denn es hängt Großes davon ab. Meine zahlreichen Freunde in der neuen Welt müssen von Ihrer Ankunft unterrichtet werden, damit Sie einen geebneten Boden und Hände finden, die sich Ihnen hilfereichend entgegenstrecken. Vergessen Sie nie, junger Freund, daß weitverzweigte Verbindungen die sichersten Stützen unseres eigenen Vortheils sind! Der Einzelne kann allerdings auch ohne diese Krücken sein Fortkommen in der Welt finden, er kann sich sogar ohne dieselben wohler, unabhängiger, befriedigter fühlen, zu wirklicher Macht aber wird er dann niemals gelangen. Dem jungen Ammer leuchtete dies ein, weil er in den Worten des Grafen seine eigenen Wünsche lebendig werden sah. Zugleich sah er im Geiste die Gestalt seines alten Vaters vor sich, dessen lebenslanges Streben ja gerade ein Widerspiel dessen gewesen war, was der Graf als Endziel aller Machtgewinnung hinstellte. Nein, rief er sich selbst zu, wie der Vater will ich nicht leben! Mir soll die ganze Welt sich erschließen, und während ich wirke, Großes schaffe 278 und Ruhm erringe, will ich alle Schätze der Erde um mich aufhäufen und in ihrem Besitze schwelgen! Dünken Ihnen vierzehn Tage eine hinlänglich lange Zeit? fragte der Graf, da er keine Antwort von Fürchtegott erhielt. Gewiß, Herr Graf, gewiß, stotterte der mit seinen Phantasien ringende Jüngling. Es hat ja Eile, wie Sie sagen, und da soll der Vater sich nicht lange besinnen. Dann leben Sie wohl, junger Mann, fuhr Graf Alban fort, indem er aufstand und Fürchtegott freundlich die Hand reichte. Gehen Sie jetzt zu Herrn Wimmer. Er wird Sie schon längst erwartet haben. Binnen einer Stunde sende ich Ihnen das versprochene Schreiben an den Herrn Vater. Zögern Sie nicht länger, als Sie müssen, um Ihre Heimath zu erreichen. Ich werde inzwischen sehr thätig sein, damit nichts unterlassen bleibt, was Ihnen – so hoffen wir kurzsichtige Menschen – zu Erreichung Ihrer großen Pläne und Entwürfe förderlich sein kann. Der junge Ammer fühlte, daß er entlassen war. Er verbeugte sich stumm vor dem einflußreichen Manne und wollte gehen. Da rief ihn Graf Alban nochmals an. Vergessen Sie nicht das Tagebuch, das Ihnen so zu gefallen schien. Wenn Sie bisweilen darin lesen, wird dies, glaube ich, Einiges beitragen, Sie in Ihrem Vorhaben zu befestigen. Es rührt von einer edlen Seele her, die wohl Anlage hat, eine christliche Märtyrerin zu werden. Adieu. Auf Wiedersehen in vierzehn Tagen! Neuntes Kapitel. Die Begegnung im Walde. Die Sonne stand schon niedrig und warf lange Schatten, als Fürchtegott die Villa des Grafen verließ. Auf dem Brüderorte lag die Ruhe eines tiefen Gottesfriedens ausgebreitet. Kein Mensch war in den Straßen zu sehen, der junge Ammer hörte beim Gehen den Wiederhall seiner eigenen Schritte. Selbst die Thätigkeit der 279 Bewohner schien für heute aufgegeben zu sein, denn außer dem feinen Gehämmer eines Goldschmiedes vernahm unser Freund kein Geräusch in den freundlichen, saubern Häusern. So erreichte Fürchtegott die Wohnung des Kaufmannes. Das lang anhaltende Läuten der Hausglocke beim Oeffnen der Thüre verjagte die vielen Phantasiegestalten, die um sein Haupt wirbelten und ihm kaum gestatteten, einen klaren Gedanken zu fassen. Martha trat aus ihrer Kammer, grüßte den Jüngling freundlich und bat ihn, er möge nur ja sogleich auf das Zimmer ihres Herrn gehen, der schon lange auf ihn warte. Ein beängstigendes Gefühl bemächtigte sich des jungen Ammer, als er die Stimme des schlauen Handelsherrn beim Anklopfen ein weiches Herein! rufen hörte. Wimmer saß an seinem Pult und rechnete. Die Abendsonne gab seinen fahlen Zügen eine jugendliche Frische, die sie fast anziehend erscheinen ließ. Ein Handschlag und warmer Händedruck begrüßten den Sohn des Freundes. Wimmer zeigte sich gerührt. Er schlug die Augen zum Himmel auf und weinte verstohlen eine Thräne. Du kommst spät, lieber, junger Freund, sprach er, aber ich sehe es an deinen Mienen, daß du guter Entschlüsse voll bist. Darum danke ich dem Herrn in meinem Herzen, der meine heißen Bitten so gnädig erhört hat! Bist du ganz unterrichtet? Ich glaube es zu sein, versetzte Fürchtegott und theilte die Hauptpunkte der mit dem Grafen gepflogenen Unterredung dem Handelsherrn in der Kürze mit. Gut, gut, sprach Wimmer, wir sind ganz einig und Alles, was ich gewünscht, scheint nun endlich in Erfüllung gehen zu wollen. Komm, mein Freund und Bruder, und setze dich. Ich habe dir nur wenig, aber Wichtiges zu sagen. Sieh hier dies Buch, das du schon von früher kennst. Es ist mein Hauptbuch und enthält die Bilanz des Geschäftes, das wir nun seit Jahr und Tag mit einander geführt haben. Gott und unser Heiland, in deren geheiligten Namen es begonnen ward, ist uns gnädig gewesen. Du und dein Bruder, ihr seid nicht blos wohlhabende, ihr seid reiche Leute geworden durch meine zur glücklichen Stunde unternommene Speculation. Ach ja, bin ich auch schlicht und still, ein scharfes Auge und richtiges Urtheil in Handelsangelegenheiten ist mir 280 gegeben und – Gott sei dafür gepriesen – bis heute treu geblieben. Was wird mein lieber, alter, braver Freund sagen, wenn er hört, daß an fünfzigtausend Thaler mit dieser zweimaligen Schiffsexpedition verdient worden sind! Fünfzigtausend! wiederholte mit freudestrahlendem Gefühl der junge Ammer, die lange Zahlenreihe überblickend, auf welche der hagere Zeigefinger des Herrnhuters deutete. So ist es, mein Freund, bekräftigte Wimmer. Bei diesem Anfang wollen wir aber nicht stehen bleiben. Es soll jetzt mit doppelter Kraft gearbeitet werden. Du weißt wohl, daß dein Vater die Heiden in Amerika durchaus bekleiden will – aus Eigensinn, nun so muß sein Freund darauf denken, ihm dies christliche, gottgefällige Geschenk doppelt wieder einzubringen. Wie danke ich dem Heilande, daß er mir dazu Mittel und Wege gezeigt hat! O, es ist so süß und angenehm, Andern Gutes zu thun, Liebes zu erweisen. Wimmer überwältigte abermals die Rührung und nöthigte ihn, sich die Augen zu trocknen. Wenn du heim kommst, lieber junger Freund, kannst du's dem Vater und den Geschwistern sagen, wie Gott mein Handeln gesegnet hat. Es darf es jetzt die ganze Welt wissen. Du bist in wenigen Tagen mündig und dein eigener Herr. Das wird dem Vater gar lieb sein, da er auf diese Weise sich nicht mehr zu quälen braucht, ob er auch Recht thut, wenn er sein Webergeschäft in kaufmännischem Sinne betreibt. Nur laß dich nicht irre machen, falls der Vater im ersten Augenblick ein böses Gesicht zu der Botschaft von deiner nahe bevorstehenden Abreise zieht. Es gibt sich schon, und wenn man erst mündig ist, braucht man sich, auf rechtem Wege wandelnd, ein Bischen väterliches Brummen nicht anfechten zu lassen. Verstehst du? Fürchtegott winkte bejahend mit dem Kopfe. Sein Geist entwarf schon Pläne, wie er am besten die überraschende Mittheilung machen solle. Er wollte zugleich erfreuen, verblüffen und imponiren. Sein unmäßiger Ehrgeiz im Gefühle des Reichthums verdreifachte seinen Muth. Das ganze Dorf sollte erfahren, daß er der väterlichen Gewalt als reicher Herr entrückt werde und daß er der Mann sei, ein solches Glück zu benutzen. Sie sollen mit mir zufrieden sein, Herr Wimmer, sagte Fürchtegott mit Selbstvertrauen. In's Unabänderliche hat sich der Vater 281 immer gefügt, er wird es auch diesmal thun, um so leichter, als ja die gewichtigsten Beweggründe zu meiner Abreise vorliegen. Wimmer drückte dem jungen Mann wiederholt die Hände. Sprechen konnte er vor lauter Rührung nicht. In überwallendem Gefühl schloß er endlich den Jüngling in seine Arme und küßte ihm wiederholt die Stirn. Gott segne dich! Gott sei mit dir und seine Engel geleiten dich auf allen deinen Wegen! Mit diesen Worten entließ er Fürchtegott. Gleichzeitig überbrachte der Bediente des Grafen Alban ein Schreiben an den alten Ammer und überreichte es dem ungeduldig harrenden Sohn. Als der Bediente sich entfernt hatte, sprach Fürchtegott: Nun wird es auch hohe Zeit aufzubrechen. Nehmen Sie vorläufig herzlichen Dank für Ihre väterliche Liebe und für die Vorsicht Ihres Handelns, Herr Wimmer. Nie, nie werde ich so viele Liebe, so große Selbstaufopferung vergessen! Leben Sie wohl. Wenn Sie mich wiedersehen, klopfe ich nicht mehr als Webergeselle an Ihre Thüre, sondern als selbstständiger Handelsherr und Rheder. Der Herrnhuter konnte sich nicht versagen, seinen lieben Schützling nochmals zu umarmen. Dann geleitete er ihn bis vor die Thür. Zehn Minuten später ritt Fürchtegott an dem Hause Wimmer's vorüber. Lächelnd warf ihm der alte Herr Kußhände durch's Fenster zu. Als der Hufschlag des Davoneilenden sich in der Ferne verlor, lachte der Herrnhuter wirklich, nicht laut, nur dumpf. Es klang wie ein heiseres Röcheln. Die Sonne schien nicht mehr in's Zimmer, das Gesicht des Bruders sah wieder fahl aus wie sonst; die breiten braunen Lider lagen schwer auf den Augen, wenn er sie aber von Zeit zu Zeit aufschlug, fuhren Lichtblitze aus den grauen Sternen, die nichts von Liebe, Duldung und Freundschaft verriethen. So saß Wimmer lange, das röchelnde Lächeln verstummte, er ward still. Auf dem Brüderhause schlug die Betglocke. Mechanisch faltete der Handelsherr die Hände, blickte gen Himmel, und indem er, die Lippen zum Gebet öffnete, sprach er sanft lächelnd: Der liebe, gute Mensch! Mit welcher Freudigkeit reitet er in sein Verderben! – – 282 Fürchtegott war überglücklich. Wenn es auf dieser Welt einen Zustand der Erhebung geben kann, in dem das Individuum gleichsam ganz aufgeht, und wo es gewissermassen ein anderes wird, so befand sich gegenwärtig der junge Ammer in diesem Zustande. Ein Meer irdischer Seligkeit umfluthete ihn. Erde, Luft und Himmel leuchteten vor seinen Blicken. Das Säuseln der Tannen, unter deren dunklen Behängen er dahintrabte, klang ihm wie Musik, das Plätschern und Rauschen des kristallenen Bergwassers im Wiesengrunde, wo eine Schaar Irrlichter ihre gaukelnden Sprünge machten, schien ihm ein Preisgesang zum Leben der Schöpfung. Er war so vertieft, daß er dem Pferde die Zügel ließ und nicht auf den Weg achtete. Der vielen Baumwurzeln halber mußte er im Walde Schritt reiten, was dem Thiere sehr angenehm zu sein schien, denn es ging immer langsamer. Ein heftiger Stoß gegen einen harten Gegenstand, der Fürchtegott den Hut vom Kopfe warf, führte den Träumer wieder in das Reich der Wirklichkeit zurück. Er hielt sein Roß an, stieg ab, um den verlorenen Hut anzunehmen, und sah sich um. Es war sehr dunkel geworden; die hohen Tannen gewährten nach keiner Seite hin Aussicht, und als der junge Ammer zur Erde blickte, gewahrte er, daß er den Weg verloren hatte. Mitten im Walde, in solcher Dunkelheit, ohne Sternenschimmer – denn nach dem heißen Tage hatte sich jetzt der Himmel dicht mit Wolken bedeckt – war es fast unmöglich, sich zurecht zu finden, wenn nicht der Zufall ihm auffällig günstig war. Diese Entdeckung beunruhigte Fürchtegott. Die Waldungen an der Grenze und namentlich in dieser Gegend standen damals in dem Rufe, einer verwegenen Diebs- und Räuberbande zum Aufenthalt zu dienen. Hatte nun auch der junge Ammer keine Kostbarkeiten zu verlieren, so wäre ihm ein Zusammentreffen mit solchen Landstreichern doch sehr fatal gewesen. Sie würden seinen Namen erforscht, ihn dann wahrscheinlich freigelassen, später aber gewiß Gelegenheit genommen haben, den Vater zu besuchen. Aergerlich über diesen Unfall, ritt Fürchtegott auf gut Glück fürbaß, dem Pferde schmeichelnd und dem Instinct des Thieres vertrauend. Bald ward das Gehölz dünner, die Bäume niedriger. Es zeigte sich Unterholz, hinter welchem moorige Wiesenstrecken sichtbar 283 würden. Ein schmaler Pfad lief in vielfachen Krümmungen durch dieses Gesträuch, dem das kluge Thier unseres Freundes, die Ohren spitzend, behutsam folgte. Noch immer fand sich Fürchtegott nicht zurecht, denn an einer weiten Aussicht hinderten ihn theils der schwarze Saum des in großer Ferne seitwärts fortlaufenden Waldes, theils die ziemlich niedrig ziehenden Wolken. Vorsichtig ritt er weiter. Das Pferd hob zuweilen den Kopf und schnupperte in die Luft, als wittere es irgend etwas Ungewöhnliches. Gleichzeitig spitzte es wohl auch die Ohren. Jetzt bog der Pfad um eine scharfe Ecke des fortziehenden Gesträuches und ein trüber Lichtschimmer leuchtete aus dem sich hier wieder schließenden Walddickicht dem Verirrten entgegen. Fürchtegott's Pferd wieherte und begann von selbst auf den gaukelnden Schein zuzutraben. Bald erkannte der junge Ammer unter hohen Kieferstämmen eine niedrige Hütte. Es war ein altes Waldwächterhaus, das längst nicht eigentlich bewohnt ward, das jedoch bisweilen die Torfgräber als Zufluchtsort benutzten, wenn sie durch schlechtes Wetter vom Heimgange aus der eine Viertelstunde weiter gelegenen großen Torfgrube abgehalten wurden. In diese Gegend verlor sich Niemand gern; denn gerade sie stand in dem übelsten Rufe. Und wenn irgend ein Ort mit seiner Umgebung sich zum Versteck für verdächtige oder auf verbrecherische Thaten sinnende Menschen eignete, so war es die Umgegend der Torfgräberei und der leer stehenden, bereits halb verfallenen Waldhütte. Nach allen Richtungen hin war keine menschliche Wohnung unter zwei Stunden zu erreichen. Ueberall traf man entweder hohe Kiefern- und Fichtenwaldung oder niedriges Gestrüpp. Zwischen beiden breiteten sich quellenreiche Wiesen aus, die höchstens ein Fußgänger leichten Schrittes betreten konnte, da ihre grün schimmernde Grasdecke entweder Torfmoore oder unergründliche Sümpfe verhüllte. Fürchtegott überlief es bald heiß, bald kalt, als er gewahrte, wo er sich befand. Ungefähr anderthalb Stunden westlich am Saume des Waldes mit der schönen Aussicht auf zwei sich einigende Flüsse und das Gebirge lag der verrufene Moor, dessen Erdmuthe Gottvertraut in ihrem Tagebuche erwähnte. Dort hatte die junge Missionärin als Kind gelebt. In jener Gegend sollte es nicht geheuer sein, wie denn die ganze walderfüllte Strecke Landes mit seinen Moorbrüchen und 284 Torfgräbereien dem Volksglauben nach ein Aufenthalt für Diebe und gaunerisches Gesindel, sowie von Gespenstern bevölkert war. Während Fürchtegott sich all der unheimlichen Erzählungen, der Räubereien, Mordthaten und unerklärlichen Erscheinungen erinnerte, die in dieser Gegend vorgekommen sein sollten, schallte ihm von der Waldhütte her ein barsches: Halt! Wer da? entgegen. Fürchtegott zog den Zügel seines Pferdes so heftig zurück, daß es bäumte und schnaubte. Er wäre gern auf der Stelle umgekehrt, hätte er nur einen sichern Pfad gekannt; da dies weder möglich noch auch rathsam war, klopfte er den Hals seines Thieres, um es zu beruhigen, und sagte etwas schüchtern: Gut Freund! Wer seid Ihr? fragte die erste barsche Stimme von der Waldhütte her, während ein Licht im Innern sich fortbewegte, eine Thür sich knarrend öffnete und eine dunkle, hohe Männergestalt außerhalb der Hütte unter den rauschenden Fichten sichtbar ward. Ein Verirrter, gab unser Freund zur Antwort. Ich würde erkenntlich sein, wenn mich Jemand auf den rechten Weg geleiten wollte. Wer kennt den rechten Weg! entgegnete der Vorige mit einem Anflug von Hohn und Bitterkeit. Wißt Ihr nicht, daß man hier zu Lande, an den Grenzen der »Hundetürkei«, wie man die wendischen Marken nennt, allen der Wege Nichtkundigen auf ihre Fragen antwortet: Geht sich aller Wege recht? – Nein, Herr Verirrter! Wer unser Revier betritt, ist vorläufig unser Gast oder, im Nothfall, unser Gefangener. Tretet näher! Für Euer Roß soll gesorgt werden, und wenn Ihr Erkenntlichkeit nicht bloß auf den Lippen tragt, sondern auch das Innere Eurer Hand etwas davon wissen laßt, so könnt Ihr ein Abendessen und einen erquickenden Trunk ebenfalls hier finden. Nach dieser Einladung hielt es Fürchtegott für klüger, abzusteigen und sich in das Unvermeidliche zu fügen. Zudem klang die Stimme des Sprechenden zwar barsch und gewissermaßen befehlshaberisch, aber nicht gerade unfreundlich. Man konnte eher etwas Wehmüthiges im Tonfall erkennen; auch mußte der Unbekannte ein Fremder sein, denn er sprach weder den Dialect der Provinz noch ein reines Hochdeutsch. Fürchtegott schwang sich demnach aus dem Sattel und überließ dem bereits herangetretenen Bewohner der Waldhütte den Zügel des Thieres. Es war ein schlanker, sehniger Mann von hohem Wuchs 285 und stark gebräuntem Gesicht, mit langen, kohlschwarzen Haaren und stechenden, kleinen, ebenfalls schwarzen Augen. Seine Kleidung verrieth Dürftigkeit, obwohl verschiedene Zierrathen daran sichtbar waren. Als unser Freund die Hütte betrat, bemerkte er auf der Diele, die aus geschlagenem Lehm bestand, an niedrigem Herdfeuer noch zwei Frauen. Auf der Diele selbst stand eine zerbrochene Laterne mit einem fast ganz niedergebrannten Lichtstumpfe. Es sind richtig Gauner, dachte Fürchtegott, bot den Frauen guten Abend und sah sich in dem öden, unwirthlichen Raume nach einem Sessel um, ohne jedoch ein derartiges Möbel entdecken zu können. Die Frauen antworteten nicht. Sie bemühten sich, das Feuer anzufachen und es heller brennen zu machen, was seine Schwierigkeiten hatte, da das Brennmaterial offenbar aus frisch abgebrochenen Kieferästen bestand. Die ganze Hütte war mit Rauch angefüllt, der unserm Freund recht unangenehm in die Augen biß und ihm Thränen entlockte. Selbst im Athmen fühlte er sich anfangs beengt. Bald jedoch verlor sich das Peinliche des ersten Entrées, der Rauch verzog sich etwas, das Feuer loderte prasselnd hell auf und zeigte nunmehr erst die davor sitzenden Gestalten in schärferen Umrissen. Beide waren nicht hübsch, die Aeltere hatte sogar sehr harte, finstere Züge, anziehend aber fand sie Fürchtegott. Und als jetzt der Unbekannte aus einer Art Verschlag zurück in den erhellten Raum trat und der volle Schein der Flamme auf ihn fiel, orientirte sich Fürchtegott. Er wußte, daß er Zigeuner vor sich habe. Gleichzeitig wurde auch er selbst erkannt; denn die Jüngere der beiden Frauen sprang hastig auf ihn zu, verbeugte sich, ihre Arme über der Brust kreuzend, ceremoniös vor dem Jünglinge, und sagte: Herr, du hast mir zwar wehe gethan, aber ich grüße dich doch mit dem Gruße des Glückes! Das Mädchen ergriff dabei seinen Stock und führte diesen an ihre Lippen. Rückwärts gehend, näherte sie sich wieder dem Herdfeuer, setzte sich neben ihre Gefährtin und begann abermals die Flamme anzufachen. Koch dem Herrn ein paar Eier, befahl jetzt der schlanke Mann; er ist vom Wege abgekommen und will nur diese Nacht uns mit seiner Gesellschaft beehren. Doretta, meine Reiseflasche! 286 Die jugendliche Person stand sofort auf, eilte in den Verschlag, wo der Fremdling das Pferd des jungen Ammer untergebracht hatte, und kam schnell mit einer schön geschliffenen Flasche, in der eine gelblich-rothe Flüssigkeit schimmerte, und mit einem ebenfalls geschliffenen Becher zurück. Fürchtegott erkannte jetzt mit einiger Beschämung in Doretta dieselbe Zigeunerin, die er am Abend des heftigen Unwetters an der Waldschenke so hart, ja fast grausam von sich gestoßen hatte. Er war verwirrt, schlug die Augen nieder und wagte das waldgeborene Kind nicht mehr anzublicken. Doretta dagegen holte jetzt flink und scheinbar in fröhlicher Laune einen Kessel nebst Dreifuß herbei, die ältere Gefährtin brachte Wasser und Eier, breitete ein Tuch auf dem Lehmboden aus und bereitete Alles zu einem frugalen Abendessen vor. Euer Wohl, Herr, sagte der Zigeuner zu Fürchtegott, den Becher mit der goldgelben Flüssigkeit bis zum Rande füllend und ihm denselben kredenzend. Nach nächtlichem Umirren auf unsichern Pfaden wird Euch dieser ächte Syrakuser trefflich munden. Der angenehme Duft des süßen Weines überwand bei unserm Freunde sogleich jede Bedenklichkeit. Er that seinem Gastfreunde Bescheid, fühlte ein durchwärmendes Feuer seine Glieder durchströmen und kam nunmehr zu der Ueberzeugung, daß er von diesen harmlosen Menschen, die selbst als Ausgestoßene ruhelos von Land zu Land irrten, für seine persönliche Sicherheit nichts zu fürchten habe. Bald waren die Eier gar; Doretta lud Fürchtegott ein, es sich wohl schmecken zu lassen und setzte als Nachtisch Weißbrod und Honig auf. Hätte man nicht in Ermangelung von Tisch und Bank sich auf die feuchtkühle Erde niederkauern müssen, so würde der Verirrte sich in dieser abenteuerlichen Umgebung ganz gemüthlich gefühlt haben. Nur das Ungewohnte belästigte ihn etwas, und erst, als er der Entbehrungen gedachte, welche Erdmuthe Gottvertraut unter den Indianern schon erlebt haben mochte, fand er seine gegenwärtige Lage noch ganz behaglich. Euch ist heute ein großes Glück begegnet, sagte der Zigeuner, als das Mahl beendigt war, nochmals den Becher mit dem südlichen Weine füllend. Wie könnt Ihr das wissen? 287 Euer Auge sagt es mir. Fürchtegott ward nachdenklich, blickte in die goldene Fluth des Bechers und trank. Ein sanfter Finger berührte seine Schulter. Als er sich rasch umwandte, sah er in das trüb lächelnde, braune Antlitz Doretta's. Wünschest du etwas? fragte er das Mädchen. Eure Hand, gnädiger Herr. Ich will Euch sagen, was Ihr thun müßt, um das Glück fest an Eure Fersen zu bannen. Sträubt Euch nicht, fiel der Zigeuner ein, einen kurzen Pfeifenstummel am Herdfeuer anzündend. Doretta ist klug; sie hat prophetische Träume, und wem sie freiwillig die Zukunft deutet, dem bindet sie Glück ein. Fürchtegott hätte gern widerstanden und doch wagte er es nicht, um die vagabondirende Familie nicht zu erzürnen. Auch konnte er einer gewissen Neugier nicht Meister werden, durch Vermittelung einer dritten Person den Schleier lüften zu lassen, der die nächste wie die fernste Zukunft ihm verbarg. So entschloß er sich denn, Doretta seine Rechte zu reichen. Das junge Mädchen betrachtete die Linien lange Zeit aufmerksam, schüttelte den Kopf, zog die Stirn kraus und ließ sie endlich, indem sie dieselbe schnell umkehrte und mit ihren Lippen berührte, ohne ein Wort zu sagen, fallen. Nun, du schweigst? sagte der Zigeuner, der am Herd auf der Erde lag, den schwarzlockigen Kopf auf den einen Arm stützte und gemächlich seine Pfeife rauchte. Ist's dunkel, daß du nichts erkennen kannst? Ich will nicht sprechen, erwiderte Doretta ernst, und begann die Ueberreste der Speisen aufzunehmen. Sie hat mir wohl nichts Erfreuliches mitzutheilen und darum will sie lieber ganz schweigen, meinte Fürchtegott, der über das sonderbare Betragen des Mädchens bestürzt und auch ein wenig beleidigt war. Doretta will mich strafen, weil ich sie schon früher einmal abgewiesen habe. Es wäre besser gewesen, gnädiger Herr, Ihr hättet mir damals erlaubt, die Linien Eurer Hand zu betrachten, entgegnete das Mädchen, dann würde sich das Glück, das Euch jetzt über den Kopf wächst, vielleicht in angemessene Grenzen haben bannen lassen. 288 Alberne Dirne, sagte der Zigeuner, wie mag je auf eines Menschen Haupt zuviel des Glückes herabströmen! Doretta zuckte die Achseln, trat nochmals zu Fürchtegott, sah ihn scharf und prüfend an und sagte dann: Ihr werdet Alles erreichen, gnädiger Herr, Alles, was Ihr wünscht, wenn Ihr immer gerecht seid und Euch durch nichts verblenden laßt. Durch helleren Sonnenschein führt nur selten eines Sterblichen Lebensbahn, wie die Eurige. Aber Ihr dürft nicht übermüthig, nicht sicher, nicht glücklich werden im Glücke! Ihr müßt immer vorsichtig bleiben, immer hinter Euch blicken, dürft Euch nie gehen lassen, dürft nie unbedingt Euren Neigungen folgen, sonst bringt Euer Glück Euch um, oder Ihr erstickt in der Fülle des Segens, die sich um Euch häuft. Beherziget immer diese Worte, und Ihr werdet nie Ursache haben, Euch selbst zu beklagen! Doretta hatte ruhig, gemessen, aber nicht freudig und am allerwenigsten in prophetischem Tone gesprochen. Fürchtegott war verstimmt. Er glaubte dem Mädchen und schalt sie doch im Herzen eine Betrügerin, die von der Gelegenheit Vortheil ziehen und sich für die schnöde Behandlung rächen wolle, die er ihr bei der ersten Begegnung hatte zu Theil werden lassen. Der Doppelsinn, welcher fast allen Prophezeiungen eigen ist, weßhalb sie eben stets in Erfüllung zu gehen pflegen, ängstigte ihn und machte ihn unsicher. Um diese Gedankenqual möglichst abzukürzen, bat er seinen Gastfreund, ihm eine Lagerstatt für die Dauer der Nacht anzuweisen. Der Zigeuner willfahrte diesem Verlangen mit großer Zuvorkommenheit, indem er den jungen Mann nach dem Verschlage geleitete, wo in der Nähe des Pferdes, das ruhend am Boden lag, ein duftiges Moosbett dem Müden gar einladend winkte. Fürchtegott hörte, daß der Fremde die Thür der Hütte verriegelte, er vernahm noch kurze Zeit ein leises Geflüster, das ab und zu etwas lauter ward und ganz so klang, als ob man Doretta ihrer wunderlichen Worte wegen mit Vorwürfen überhäufe. Endlich verstummte auch dies, und ein fester, völlig traumloser Schlaf entrückte den Jüngling allen Freuden, Wünschen und Täuschungen des wachen Lebens. 289 Zehntes Kapitel. Die Trennung. Am nächsten Morgen bestieg Fürchtegott sein Roß schon bei Sonnenaufgang, nachdem er den wunderlichen Wanderern, die ihn so freundlich in der ihnen selbst nicht zugehörenden Hütte aufgenommen, ein reiches Geldgeschenk überreicht hatte. Für diese Freigebigkeit überhäuften sie den Scheidenden noch mit vielen Segenswünschen, und verhießen ihm abermals Glück, Reichthum und Ehre in überschwenglicher Menge. Die Ungeduld, sein Schicksal möglichst bald entschieden zu sehen, trieb Fürchtegott zur Eile. Er ließ das Pferd ununterbrochen traben, selbst auf Wegstrecken, wo es gefährlich war, schnell zu reiten. So erreichte er die Wohnung seiner Eltern sehr früh am Tage, traf jedoch die ganze Familie schon in voller Thätigkeit. Ammer war gerade ungewöhnlich heiter, was selten vorkam, in den letzten Monaten seit der Erwerbung Weltenburg's aber sich fast ganz bei ihm verloren hatte. Als er seines Sohnes ansichtig ward, öffnete er das Schiebfenster seines Cabinets, grüßte hinaus und sagte: Nun, du bist heute wohl auch noch vor den Hühnern aufgestanden? Oder hast du vielleicht gar eine freie Nacht gemacht in irgend einer der verlornen Schenken um Ninive? Fürchtegott's Wangen färbte ein höheres Roth, denn er mußte sich sagen, daß das erlebte Abenteuer einer Freinacht wohl gleich zu erachten sei. Da er jedoch nicht gewillt war, dies Zusammentreffen mit Zigeunern seinen Vater wissen zu lassen, versetzte er munter: Guten Morgen, Vater, und viele Grüße von Herrn Wimmer. Er war noch arg verschlafen, als der Hufschlag meines Pferdes heute Morgen alle Herrnhuter aus ihren süßesten Träumen aufschreckte. Dennoch blieb er sich und seinem Charakter treu, denn lächelnd grüßte er mich und rief mir nach: »Gott und der Heiland mögen dich 290 geleiten. Nimm Segens- und Liebesgrüße mit für den lieben Bruder und die junge Frau Schwester!« – Das versprach ich dem frommen Manne und übergebe sie hiermit dir zu zeitgemäßer Weiterbeförderung. Ammer lachte. Er schob das Fenster zu, indem er sagte: Spute dich und laß hören, was du sonst Neues erfahren hast. Die Mutter trägt den Kaffee auf. Ich rechne mir, eine gute Schaale mit fettem Rahm wirst du nach dem scharfen Morgenritt nicht verachten. Die Sachen gehen vortrefflich, dachte Fürchtegott, einem der herbeikommenden Gehilfen das Pferd übergebend. Die kleine schwarze Hexe hat am Ende doch Recht mit ihren wunderlich klingenden Prophetenworten. Nun, Glück zu! Man muß das Eisen schmieden, so lange es heiß ist; an mir soll es gewiß nicht liegen, wenn die überseeische Speculation in grauen Nebeldunst zerrinnt. Vertrauensvoller denn je zuvor trat er in's Wohnzimmer, wo er bereits Vater und Mutter nebst seinem Bruder Christlieb vorfand. Letzterer war am Abend vorher von Weltenburg gekommen; um wegen Bauangelegenheiten mit dem Vater Rücksprache zu nehmen. Gleich nach genossenem Frühstück wollte er auf seinen Inspectionsposten zurückkehren. Wie schon oft zuvor setzte man sich jetzt an den viereckten Familientisch, der mit weißer Damastdecke überbreitet war und jene großen, rundlich geformten Tassen mit rothen Blümchen bemalt zeigte, die man damals liebte und deren Werth in der Güte des Materials, nicht in der äußern Form zu suchen war. Sie bestanden nämlich aus dem feinsten Meissener Porzellan. Fürchtegott berichtete während des Frühstücks zuerst über Wimmer's Aufträge, die als rein kaufmännischer Act mit kurzen Worten sich erledigen ließen. Ammer nickte nur beifällig mit dem Kopfe und sprach dem beliebten Getränk mit bestem Appetit zu. Nun, und was hatte der Herr Graf so Wichtiges mitzutheilen? fragte er jetzt, seine Sammetmütze mit rascher Handbewegung etwas mehr aus der Stirn schiebend. Das jetzt genau und ausführlich zu erfahren bin ich doch begierig. Habe die ganze Nacht von dem Herrn Grafen geträumt, und mich baß mit ihm gerungen, wie vordem Erzvater Jacob mit dem Herrn, also daß ich fast athemlos von der 291 schweren Arbeit des Traumes erwachte, wie eben die Sonne im thauigen Gras sich spiegelte. Laß also hören! Fürchtegott fühlte sein Herz stärker schlagen. Er wußte, daß die nächste Stunde einen Wendepunkt nicht bloß in seinem Leben, sondern in der ganzen Stellung der Familie Ammer bezeichnen werde. Indeß, schon darauf vorbereitet, war er entschlossen und im Voraus gegen jeden etwaigen Einwurf gewappnet. Graf Alban hat mir eröffnet, begann Fürchtegott mit etwas unsicherem Tone, der indeß bald seine volle Festigkeit annahm, daß es nothwendig geworden ist zur Begründung unseres transatlantischen Credites, jenes ferne Land selbst zu besuchen – Wie! fiel ihm der Vater in's Wort, die eben zum Munde erhobene Tasse beinahe verschüttend. Nach Amerika, zu den wilden Indianern, zu den verruchten Menschenfressern soll ich reisen? Fürchtegott lächelte so verschmitzt und überlegen, wie Wimmer zu lächeln pflegte, wenn er seiner Sache bereits gewiß war. Das verlangt Graf Alban nicht, fuhr er fort. Aber ich sehe, du bist echauffirt, Vater, meine Mittheilung hat dich überrascht. Vielleicht wäre es dir lieber, zu erfahren, wie Graf Alban selbst darüber denkt. Ich habe einen Brief für dich von dem umsichtigen, vielgereisten und gelehrten Herrn erhalten. Mit diesen Worten überreichte er das Schreiben des Grafen dem Vater. Ammer betrachtete einige Augenblicke das gräfliche Siegel, seufzte tief auf und erbrach den Brief. Während des Lesens verdüsterten sich seine Züge immer mehr, die Stirn zeigte tiefe Runzeln, er schob die Mütze so weit nach hinten, daß sie über die Stuhllehne auf die Diele fiel und die Morgensonne, die freundlich durch die hellen Fenster leuchtete, das fast schneeweiße Haar des alten Mannes mit goldigem Schimmer überglänzte. Als der Vater den Brief zu Ende gelesen hatte, legte er ihn offen vor sich auf den Tisch, klopfte mit dem Zeigefinger seiner rechten Hand auf die Schrift und sprach sein strenges Antlitz Fürchtegott zukehrend: Weißt du, was da geschrieben steht? 292 Ich habe den Brief nicht gelesen, Vater, versetzte Fürchtegott; nach dem aber, was Graf Alban mir mündlich mitgetheilt hat, kann ich den Inhalt desselben errathen. Bist du einverstanden mit dem Grafen? Ich habe Grund, dies vermuthen zu dürfen. Bedenke wohl, mein Sohn, sagte Ammer etwas milder, bedenke wohl, daß du nicht eher mit dem Grafen einverstanden sein kannst, als bis ich, dein Vater, meinen Consens, wie die Juristen sagen, zu diesem Abkommen gegeben habe. Weßhalb, Vater? Weil du mein Sohn bist, und der Sohn seinem Vater so lange unterthan ist, als er noch nicht selbstständig geworden. Das weiß ich und daran hab ich auch gedacht, als Graf Alban mir eröffnete, mit welch großen Plänen er sich trägt. In vierzehn Tagen, wird Graf Alban dir geschrieben haben, muß Alles geordnet, ein unwiderruflicher Beschluß gefaßt sein. Von heute an gerechnet bin ich in zehn Tagen mündig, mithin nach unserm Landesgesetz selbstständig zu handeln befähigt. Deßhalb, lieber Vater, wirst du einsehen, daß ich durchaus keine Ursache hatte, die so ungemein vortheilhaften Vorschläge des Grafen kühl von der Hand zu weisen. Ammer verstummte ob dieser Bestimmtheit seines Sohnes. Er sah bald ihn, bald Christlieb, bald Frau Anna an, als wolle er sich vergewissern, daß er sich wirklich noch unter den Seinigen befinde. Und du könntest mich verlassen, lieber Sohn? sprach er jetzt mit bewegter Stimme, indem eine Thräne an seinen Wimpern perlte. Ich bin etwas hinfällig geworden die letzten Monate her. Die Sorgen haben mir arg zugesetzt, weil ich über zu viel meine Hand ausstrecken muß, damit mir es nicht verloren gehe und ich statt Ehre Schande davon trage. Für euch Kinder, nicht für mich habe ich gelebt und gearbeitet. Euch zu Gefallen bin ich mir selbst untreu geworden, habe gewagt oder Andere wagen lassen, und nun es zum Guten – wie wir kurzsichtige Menschen meinen – ausgeschlagen ist, nun ich mit Bangen und Zagen auf das Erworbene, Gewonnene blicke und nicht weiß, ob ich mich freuen oder darüber trauern soll: nun wolltest gerade du mich verlassen, der du doch mehr als deine Geschwister an dem Irdischen hängst? 293 Die Pflicht gebietet es, sagte Fürchtegott eisig kalt. Die Pflicht gebietet dir, eine Stütze deines alten Vaters zu sein. Gerade das werde ich, wenn ich die große Reise nach der neuen Welt antrete. Du kannst dich dazu nicht entschließen, das weiß ich, Christlieb hat keinen Trieb dazu, mir aber sagt's mein ahnendes Herz, daß ich dort in der Ferne mein Glück machen werde, daß ich reich begütert zurückkehre. Dann will ich dich mit allem Glanze dieser Welt umgeben, will dich pflegen und dich nie wieder verlassen, jetzt aber muß ich, oder ich bin ein verlorener Mensch! Ein verlorener Mensch! wiederholte seufzend, die Hände faltend der alte Weber, fast bittend die Augen auf seinen Sohn richtend, dessen Gesicht vor innerer Bewegung stark geröthet war. O Gott, gibt es denn Niemand, der im Stande ist, mir zu rathen! Christlieb, Mutter, so sagt ihm doch, daß er ganz sicher ein verlorener Mensch sein muß, wenn er der verführerischen Lockung nicht widersteht. Frau Ammer umarmte Fürchtegott, mit ihrer milden Stimme ein leises: Bleibe bei uns! flüsternd. Christlieb ergriff die Hand des Bruders und sagte: Füge uns nicht so großes Herzeleid zu! In diesem Moment ward die Zimmerthür geöffnet und Flora, blühend wie eine Rose, trat ein. Das fröhliche Lächeln, das ihre Lippen umspielte und der sicherste Herold ihres Glückes war, machte einem ängstlichen Zittern Platz, als sie die Gruppe am Tische erblickte. Was geht hier vor? fragte sie bang, hastig zu ihrem Vater eilend, ihre Arme um seinen Nacken legend und sein weißes Haupthaar küssend. Dann auf Fürchtegott blickend, erhob sie warnend ihre kleine rechte Hand und sagte: Bruder, Bruder, du hast böse Gedanken und willst dem Vater Gutes mit Bösem vergelten. Gott segne dich, Florel! sagte Ammer, die Tochter zu sich niederziehend und sie küssend. Es ist gut, daß du kommst, Florel; sprich mit ihm, rede ihm in's Gewissen. Du hast eine gute Stimme, deine Worte sind immer durchsichtig wie Bergquellwasser. Was er mir verweigert, dir wird er's nicht abschlagen können! Die Augen Flora's und Fürchtegott's begegneten sich jetzt. In den Blicken Beider lag eine Welt von Gedanken, Beide aber erkannten sich auch sogleich als starre Gegner. 294 Thu's nicht, Bruder! sagte Flora fest und ernst. Zwar weiß ich nicht genau, was du vorhast, aber ich lese es in deinen Augen, daß es sich mit der Liebe zu Gott und zu den Eltern nicht verträgt. Er will nach Amerika gehen, um – um reich, übermenschlich reich – und hintennach elend zu werden, sagte Ammer. Das wirst du nicht thun, wenn der Vater nicht seine Einwilligung dazu gibt, meinte Flora. Das werde ich thun, versetzte Fürchtegott mit eiserner Entschlossenheit. Herr Wimmer will es, Graf Alban hat mein Wort – Beide bitten den Vater, unser Glück, das im ersten Aufkeimen begriffen ist, nicht eigensinnig zu zertreten. Soll ich kleinlicher Rücksichten wegen ein großes, herrliches Ziel aufgeben, oder, nur um recht gehorsam und kleinbürgerlich ehrbar zu erscheinen, der großen Welt mit ihrem Wagen und Ringen feig den Rücken kehren? – Nimmermehr! Ich folge dem an mich ergangenen Rufe, und jetzt, noch in dieser Stunde soll es entschieden werden! Fürchtegott machte sich aus der Umarmung der Mutter los und trat hart an den Stuhl des Vaters. Laß mich in Frieden ziehen, Vater! sagte er. Es ist ein Ruf des Schicksals, der an mich ergeht. Ich muß ihm folgen, soll ich nicht feig, nicht undankbar erscheinen! Ammer schüttelte verneinend das Haupt. Du weigerst dich, Vater? Ich befehle dir, bei mir zu bleiben, weil ich ein Recht dazu habe. Du bist nicht mündig, ich bin als Vater dein Vormund. Warte noch ein Jahr, dann magst du thun, was du für Recht hältst. Ich werde dich nicht hindern, wenn ich mich auch nicht deiner Handlungen sollte erfreuen und rühmen können. Graf Alban hat mein Wort, Vater. Sein Brief muß es dir sagen. – Das Schiff, das mich nach der neuen Welt hinübertragen soll, hat schon die halbe Ladung eingenommen. Es ist dem, es ist in zehn Tagen mein Eigenthum, das alsdann auf dem Wasser schwimmt. Kannst du mir wehren, dahin zu gehen, wo mein Eigenthum lagert? Es ist vergängliches Gut, Fürchtegott! sprach Ammer. Wer an Vergängliches seine Seele hängt, wird in und mit dem Vergänglichen 295 dereinst sich selbst verlieren. Hier, hier, an des Vaters Brust, hier ist zur Zeit deine Heimath! Auch der Mensch ist vergänglich, sagte Fürchtegott schneidend kalt. Wohl dem, der bei Zeiten sich einen Palast von festem Stoffe baut, er braucht dann im Alter die Stürme nicht zu fürchten. Du frevelst, Bruder! rief Flora. Gedenke des alten, guten Wortes, sagte die Mutter: Bleibe im Lande und nähre dich redlich! Fürchtegott lachte laut auf. Ja, Mutter, versetzte er, das heißt mit andern Worten: Ziehe die Kattunjacke wieder an, setze dich hinter den Webstuhl und handhabe den Schützen nach wie vor. – Wer's kann, der mag es thun, ich bin dazu nicht geboren. Also gebt mir Freiheit, volle Freiheit, sonst bin ich genöthigt, sie mir selber zu nehmen. Willst du davonlaufen? fragte Ammer. Ich lasse dich in die Zeitung rücken. Das thust du nicht, weil du damit deinen ehrlichen Namen beflecken würdest. Gib mir lieber deinen Segen. Ich kann nicht segnen, was ich als ein Unglück betrachten muß. Ich bitte dich darum, Vater, flehentlich, auf den Knieen. Und wirklich sank Fürchtegott vor dem Vater nieder und umschlang seine Kniee. Segne mich, Vater, denn so wahr ein Gott im Himmel lebt, ich muß in die weite ferne Welt hinaus! Ammer sah ernst auf den vor ihm knieenden Sohn herab. Wieder schüttelte er sein weißlockiges Haupt, seine Lippen zitterten, die Hände bebten, und indem Thränen des Schmerzes seine Augen verschleierten, sagte er fast tonlos: Ich kann nicht. Mein Segenswort würde mich tödten. Entschlossen stand Fürchtegott auf. Bleibt es bei diesem Bescheid, Vater? sagte er, dessen Hand erfassend und krampfhaft drückend. Ich war nie wankelmüthig, mein Sohn, das weißt du, versetzte Ammer. Bei mir hieß es immer: Ein Wort, ein Mann! Es ist mir lieb, daß du mir damit den Weg zeigst, den ich gehen muß, erwiderte Fürchtegott. Daß mir ein gegebenes Wort höher steht, als dein gut gemeintes väterliches Bedenken, gerade das soll dir 296 beweisen, daß ich dein ächter Sohn bin. – Lebt wohl, Alle! Verdammt mich nicht, zürnt mir nicht! Ich verlasse ohne den Segen des Vaters das väterliche Haus, einen Fluch werdet ihr mir hoffentlich nicht als Zehrpfennig nachschleudern. Wenn wir uns dereinst wiedersehen, dann urtheilt ihr hoffentlich anders als heute. Lebt wohl, Gott schütze unser Haus und gebe uns seinen Frieden. Der ungestüme Jüngling verließ das Zimmer, ehe Jemand ihn zu halten vermochte. Als Christlieb ihm nacheilen wollte, hielt der Angstruf Flora's ihn zurück. Der Vater sank, von convulsivischen Krämpfen geschüttelt, vom Stuhle, während die bläulichen Lippen flüsterten: So lieben die Kinder ihre Eltern! Eine wohlthätige Ohnmacht umschattete den Geist des tief gebeugten Mannes. Als er nach einer halben Stunde wieder zu sich kam, erfuhr er, daß Fürchtegott auf seinem Pferde in wilder Hast davon gesprengt sei, und die vereinten Bitten Flora's und Christlieb's, den Vater doch jetzt nicht zu verlassen, nicht im Geringsten beachtet habe. 297 Zweite Abtheilung. Moderne Götzendiener. Erstes Buch. Erstes Kapitel. Die große Welt. Ein trüber, windiger Septemberabend ließ die ohnehin einförmigen Ufergegenden an der Niederelbe recht unfreundlich erscheinen. Der starke Westwind trieb graue niedrig ziehende Wolken über Feld, Wald und Haide, drückte den Rauch, der aus den Schornsteinen oder den Dachlucken der nach altsächsischer Weise erbauten Häusern aufstieg, niederwärts, daß er nebelartig um die Wohnungen lagerte, und wühlte die Wellen des immer mehr sich verbreiternden Elbstromes so gewaltig auf, daß die darauf fortziehenden Schiffe in starke Bewegung geriethen. Der Tag neigte sich schon, als ein offener Wagen mit drei Reisenden in Hope anlangte. Der Jüngste der Reisenden, die dem Handelsstande anzugehören schienen, erkundigte sich sogleich im Gasthause nach einem Schiffer, dessen Namen er nannte, indem er fragte, ob das begehrte Fahrzeug in Stand gesetzt und seiner gewärtig sei. Der Schiffer befand sich in einem Nebengemach, stellte sich sofort dem Fremden vor und erklärte sich zur Abfahrt bereit. Der junge Mann selbst war mit dieser Bereitwilligkeit sehr zufrieden, und da er Eile zu haben schien, begnügte er sich, ein Glas Wein zu trinken, worauf er ohne Verzug dem Schiffer an den windigen Landungsplatz folgte. 300 Hier lag ein kleiner Ewer, der zur Aufnahme des jungen Mannes schon von Lüneburg aus bestellt worden war. Fürchtegott Ammer – denn ihn haben wir vor uns – betrat die schwanken Bretter unter stärkerem Herzklopfen, mißtrauisch die gelbe wallende Fluth betrachtend, die am Kiel des Ewers sich schäumend brach. Bald glitt der Ewer durch die Wellen, mehr von der ablaufenden Fluth als von dem Winde unterstützt, der zu Thal segelnden Schiffen nicht besonders günstig war. Der Schiffer, ein mittelgroßer, breitschultriger Mann, sprach nur wenig, und da Fürchtegott das Bedürfniß der Unterhaltung ebenfalls nicht spürte, so wurden zwischen dem Schiffsführer und dem Passagiere nur selten einige Worte gewechselt. Ungeachtet dieser gegenseitigen Schweigsamkeit langweilte sich der junge Ammer durchaus nicht. Er hatte in den letzten Wochen so viel Bedeutendes erlebt, daß er noch Monate von der Erinnerung zehren konnte, wenn sich seine Natur überhaupt dazu hingeneigt hätte. Da er sich aber um die Vergangenheit nur selten kümmerte, sondern nach Art rastlos strebender Menschen immer nur seine Blicke auf die Zukunft richtete, mußte sein Geist wohl Beschäftigung finden beim Erblicken der Thürme Hamburg's, die schon seit geraumer Zeit in der Ferne sichtbar waren und mit jeder Viertelstunde näher kamen. Inzwischen ging die Sonne unter, der Himmel überzog sich mit immer dunkleren Wolkenbehängen, über den Strom lagerten sich Nebel, und bald vermochte Fürchtegott Ammer nichts mehr als die trübgelbe Woge und die schwarzen Ufergelände zu erkennen. In seinen Mantel gehüllt saß er am Mastbaume und starrte unverwandt in die graue nebelreiche Ferne. Der Ewerführer mußte kreuzen, weil der Wind zu stark wehte. So oft er die rothbraunen Segel umlegte, schnalzte er allemal mit der Zunge und sagte dabei: Düvel up! was zwar Fürchtegott nicht verstand, ihn aber, da es sich regelmäßig wiederholte, doch unterhielt. Bald sah man zur Rechten Lichter schimmern, man hörte Geräusch und Lärm, und etwa eine gute Stunde nach Sonnenuntergang zeigte das Mastengewimmel und hinter demselben die vielen aufblitzenden Lichter, daß man Hamburg erreicht habe. Der junge Ammer blickte verwundert nach allen Seiten. Jetzt legte der Ewer an unter einer solchen Menge sich drängender 301 oberländischer Kähne, daß der an solches Leben und Treiben Ungewohnte befürchtete, es könne ein Unglück geschehen. Das Rufen und Lärmen, das Schreien und Zanken am Ufer war betäubend. Er bat deßhalb den Schiffer, daß er behilflich sein möge, ihm in diesem bunten Durcheinander Jemand zu verschaffen, der ihn nach dem Innern der großen, ihm völlig fremden Stadt geleite. Dat sall wol sien, sagte kurz und trocken der Schiffer, sein Fahrzeug befestigend. Als dies geschehen war, half er dem jungen Manne sein Gepäck, das aus einem einzigen, nicht sehr großen Koffer bestand, an's Land tragen, rief einen Droschkenführer und stellte es in den Wagen. So, sprach er, seine Mütze ziehend, jetzt ist der junge Herr sicher wie in Abrahams Schooß. Zahlung ist schon im Voraus geleistet, ich bitte deßhalb bloß um ein Trinkgeld und wünsche gute Geschäfte. Fürchtegott drückte dem Manne ein Geldstück in die Hand, sagte dem Kutscher Straße und Hausnummer, die er beide seinem Gedächtniß fest eingeprägt hatte, und rollte nun, sich bequem in den weichen Kissen wiegend, in das Gewühl der engen Straßen hinein, die ihn mit gar wunderlichen Augen ansahen. Unfern des Binnenhafens, »bei den Mühren«, lag die Wohnung des Mannes, von welchem der junge Ammer weitere Ordre erhalten sollte. Dieser Mann nannte sich Erichson, stammte aus Schweden, war in Christiansfelde erzogen worden und ein sehr intimer Freund Wimmer's. Erichson hatte in seinem Aeußern manche Aehnlichkeit mit Wimmer. Er war für gewöhnlich still oder doch wortkarg, wenn er aber sprach, so geschah es ganz in der Weise strenger Herrnhuter, sanft, mit etwas salbungsvoller Stimme und immer demuthvoll. Ein lächelnder Zug spielte dabei stets um Erichson's Lippen. Fürchtegott würde sich in der sehr comfortable eingerichteten Wohnung dieses Herrn ganz heimisch gefühlt haben, wäre ihm nicht Alles so fremd, so ganz anders vorgekommen. Selbst die Sprache klang ihm fast unverständlich, denn Erichson sprach das Hochdeutsch mit scharfem, nordschleswig'schen Accent. Dies und ein sich fort und fort wiederholendes Lächeln, so oft Fürchtegott den Mund zum Sprechen öffnete, machten diesen verlegen. Der provincielle Dialect, dessen sich der, noch nie in die Welt gekommene 302 Weberssohn befleißigte, klang dem Zöglinge der Christiansfelder Brüdergemeinde auch höchst sonderbar. Noch größer ward Fürchtegott's Bestürzung, als der Abendtisch geordnet ward, der Kessel auf dem Theecomfort, eine Maschine, aus welcher der Sohn der Grenzgebirge Böhmen's gar nicht klug werden konnte, zu singen begann, und jetzt die wohlbeleibte Madame Erichson hereinrauschte, dem Jünglinge freundlich zulächelte und sogleich mit geläufiger Zunge in breitestem Hamburger Plattdeutsch nach hunderterlei Dingen fragte. Fürchtegott sperrte Mund und Nase auf, strengte vergebens sein Gehör an, um den Sinn des ihm völlig fremden Idioms zu errathen, ward vor Angst bald roth, bald blaß, und sah sich zuletzt genöthigt, durch verlegenes Stottern zu antworten. Damit war jedoch Madame Erichson durchaus nicht zufrieden. Die redselige Dame wollte um jeden Preis von dem fremden, jungen Manne, den Wimmer brieflich so warm empfohlen hatte, unterhalten sein. Sie begehrte Auskunft über seine Familienverhältnisse, wollte wissen, ob er schon verlobt sei, wie viele Geschwister er habe, ob es der Mutter schwer geworden, sich von ihm zu trennen, und dergleichen mehr. Je rascher und dringender aber Frau Erichson fragte, in desto tieferes Schweigen hüllte sich der verschüchterte Jüngling. Selbst sein Appetit verlor sich vor lauter Bangigkeit, so daß er die treffliche Tasse Thee und das schmackhafte Fleisch, das ihm die freundliche Frau gar reichlich vorgelegt hatte, kaum anzurühren vermochte. Ihr Gatte bemerkte lächelnd, daß der junge Mann des Plattdeutschen nicht mächtig sei, wenn sie Hochdeutsch sprechen wolle, werde die Unterhaltung gewiß sehr bald in Fluß kommen. Jetzt war es an Madame Erichson verlegen zu werden, denn dieser ächten Tochter der Marsch war es nie in den Sinn gekommen, sich der hochdeutschen Sprache zu bedienen. Lesen konnte sie es zur Noth wohl, gesprochen hatte sie es nie, und wollte sie ganz aufrichtig sein, so verstand sie es nicht einmal vollkommen, am wenigsten ein Hochdeutsch mit so stark ausgeprägtem mitteldeutschen Accent. Madame Erichson wäre gern ärgerlich geworden, wenn sie nur gewußt hätte, gegen wen sie ihren Aerger auslassen sollte. Sie hatte sich schon seit Tagen auf die Ankunft des jungen Ammer gefreut, von dem Herr Wimmer so viel Liebes und Gutes gemeldet, und nun 303 konnte sie sich mit dem frischen, wohlgebauten Jünglinge nicht einmal unterhalten! Alle ihre Pläne scheiterten an ihrer Nichtkenntniß des Hochdeutschen. Sie hatte sich vorgenommen, Fürchtegott alle Herrlichkeiten der großen Stadt zu zeigen, ja sogar zu erklären; sie wollte ihm zu Ehren eine große Gesellschaft bitten, mit ihm zu Lande und zu Wasser ausfahren – denn sie war eine überaus lebenslustige Frau – und nun verstand man sich nicht! Das war denn doch gar zu arg! Es hätte nicht noch der spöttischen Bemerkung ihres Mannes bedurft, um die würdige Matrone vollends in Harnisch zu bringen. Da sich aber Herr Erichson durchaus nicht abhalten ließ, in seiner trockenen, sanften Weise der lieben Ehehälfte gute Lehren zu geben, machte sich die höchlichst Geärgerte, so bitter Getäuschte in lebhaften Worten Luft, indem sie alle Schuld auf das tolle Volk schob, das sich einfallen ließ, den großen Thurm von Babel zu bauen. Gäbe es nur eine Sprache, wie es doch von Gott und Rechtswegen sein solle, so könnten sich alle Menschen leichtlich verständigen, während man jetzt bei dem unsinnigen Sprachgemisch Noth habe, Jemanden seine Ab- oder Zuneigung in verständlicher Rede zu erkennen zu geben. Gott sei Dank, daß bei sothanem Uebelstande der Mensch wenigstens noch Augen und Hände habe, die beide zusammen das ersetzen müßten, was der Mund nicht sprechen könne. Nach diesem Herzenserguß, dem Erichson sehr gelassen zuhörte, während er tapfer zulangte, wendete sich die Matrone abermals zu Fürchtegott, der mit wahrer Verwunderung die Volubilität der Zunge seiner Beschützerin und die sonderbar klingenden Worte, die ihm meistentheils völlig unaussprechbar dünkten, vernommen hatte. Wirklich legte jetzt Madame Erichson, zum höchsten Ergötzen ihres Mannes, die liebenswürdigste Miene auf, denn er fand sie nie reizender und unterhaltender, als wenn sie sich Jemand angenehm zu machen versuchte. Ihre Augen sagten also dem jungen unerfahrenen Ammer, daß sie bereit sei, ihm den kurzen Aufenthalt in Hamburg so angenehm und erheiternd wie möglich zu machen, daß sie ihn wie einen Sohn liebe, daß sie ihn wahrhaft in's Herz geschlossen habe. Fürchtegott begriff diese, ihm zwar ganz neue, Sprache so ziemlich, nur kam ihm die Zärtlichkeit der schon bejahrten Dame höchst spaßhaft vor, weil er glauben mußte, Madame Erichson sei im Begriff, sich in ihn zu 304 verlieben. Diesem Glauben sich hingebend, verlor sich bei Fürchtegott die bisherige Befangenheit sogleich. Er ward munter, ja lustig, und da er ganz auf das Mienenspiel der Matrone einging und ungefähr durch Blicke und Gebehrden erwiderte, so gewährte die Unterhaltung der beiden gezwungenen Stummen einem Dritten das ergötzlichste Schauspiel. Dieses Genusses erfreute sich denn in vollstem Maße Herr Erichson, der sich gar nicht satt sehen konnte an der Pantomime, die von Seiten seiner Frau mit Eifer und Leidenschaft, von Seiten Fürchtegott's mit schalkhaftem Uebermuth aufgeführt wurde. Dabei vergaß Madame Erichson nicht, ihrem Gaste die besten Bissen vorzulegen, und Fürchtegott, dem mit Ueberwindung der anfänglichen Schüchternheit der gesundeste Appetit zurückgekehrt war, ließ es sich trefflich schmecken, ohne deßhalb sein Gesten- und Mienengespräch mit der liebenswürdigen Dame des Hauses zu unterbrechen. So wurde es ziemlich spät. Dem Sohne des Webers verstrich der erste Abend unter fremden Menschen höchst vergnüglich. War ihm auch Manches auffällig, konnte er auch nicht begreifen, wie es möglich sei, mit Unbekannten so vertraut umzugehen, so gefiel ihm doch auch wieder dieser Weltton und steigerte seine Begierde, recht viel zu sehen, recht weit zu reisen. An die Heimath dachte er gar nicht mehr. Das ihn umgebende Neue, das im Augenblick noch in die Schleier einer trüben Septembernacht gehüllt war, beschäftigte ihn ganz und ausschließlich. In Ammer's Hause war man, wie wir schon früher bemerkt haben, gewohnt, zeitig zur Ruhe zu gehen. Diese Gewohnheit hatte auch Fürchtegott bis jetzt beibehalten. Kam die Zeit heran, wo die Familie sich zu trennen pflegte, so fühlte Fürchtegott immer eine Neigung zum Schlafe. Nur heute war dies nicht der Fall gewesen. Die lebhafte, aber eigenthümliche Unterhaltung mit Madame Erichson trug ohne Zweifel viel dazu bei, mehr aber noch mochte auf Fürchtegott die große Lebhaftigkeit in den Straßen täuschend wirken und ihn glauben machen, es sei noch ziemlich früh, während doch der Zeiger der Uhr bereits auf Mitternacht zustrebte. Endlich wies Madame Erichson dem jungen Reisenden das für ihn in Stand gesetzte Gemach an und sagte ihm freundlichst gute Nacht. Draußen ward es allgemach auch stiller, bis denn nur noch die Rassel 305 der Nachtwächter und der monotone Ruf derselben sich in das Rauschen des Windes mischte, ein Doppelgeräusch, das Fürchtegott bald in Schlummer wiegte. – Die Sonne vergoldete schon die zahlreichen Fensterreihen der gegenüberliegenden Häuser, als er am nächsten Morgen erwachte. Ueber Nacht hatte sich der Wind gedreht und die Wolkenmassen zerstreut. Es war etwas kühl, aber hell. Eiligst schlüpfte Fürchtegott in die Kleider, öffnete ein Fenster und sah hinaus. Dieser erste Blick in die neue Welt erschreckte ihn beinahe, denn was da vor ihm lag, war ihm so wunderbar, so eigenthümlich fesselnd, daß er sich gar nicht satt daran sehen konnte. Nicht bloß die himmelhohen Häuser mit den spitzen Dächern, den wunderlich geformten Giebeln, den fast nur aus Fenstern bestehenden Wänden, machten einen nicht zu beschreibenden Eindruck auf ihn, viel mehr noch zog der Strom lauten Lebens ihn an, der schon zu so früher Tagesstunde durch die Straßen fluthete. Das Rufen der Fischhändlerinnen, der Gemüseverkäufer, der Milchleute, die seltsamen Trachten der Vierländerinnen und der Bewohner der Elbinseln: dies Alles nahm Auge und Ohr des jungen Ammer so ganz in Anspruch, daß er sich selbst darüber vergaß. Am meisten aber fesselte ihn der Anblick des Binnenhafens mit den vielen hundert Masten, dem schmalen Strich glänzenden Wassers, den er von seinem Fenster aus bemerken konnte, und der Wolke weiß glänzender Segel, die weiter in der Ferne im Morgenwinde wallten. Dieser erste Blick auf den Hafen, in dem es von Kähnen und Schuten wimmelte, machte das Herz des jungen Ammer schwellen. Er fühlte sich froh und reich in diesem Anblick, und wenn er dachte, daß eins jener Schiffe, deren Mastenspitzen er jetzt nur noch aus der Ferne sah, bereits ihm selbst zugehöre, hätte er vor Freude aufjauchzen mögen. Daß er selbst sich diesen Besitz nicht erworben hatte, daß er durch einen Dritten ihm zugefallen war, ja, daß er ihn sein nannte um den Preis, des eigenen Vaters Ruhe vernichtet, den Frieden und das Glück des elterlichen Hauses zerstört zu haben: daran dachte Fürchtegott im Hochgenuß seiner Freude nicht. Da er bereits Leben im Hause vernahm, verließ er sein Schlafgemach, stieg die Treppe hinab und trat in das Fremdenzimmer. Er fand es leer, aber auf das Sauberste geordnet. An den beiden, fast 306 eben so breiten als hohen, dabei kristallklaren Fenstern standen wohl an zwanzig Blumenstöcke in schön geformten, zum Theil sogar kostbaren Blumentöpfen. Der Fußboden war silbergrau gemalt und glänzte als hätte man ihn mit Lack überstrichen. Blüthenweiße, reiche und faltige Gardinen umgaben in wolkenartigen Formen die Fenster. Die Möbel waren, wie er sich bald überzeugte, von massivem Mahagony. Mein Gott, welch ein Reichthum! sagte er unwillkürlich halblaut. Wer hat noch je gehört, daß man Stühle und Tische aus purem Mahagonyholz anfertigt! Und Spiegel mit goldenen Rahmen! Und ein so glänzender Messingkessel, der immer kocht! – Was würde Flora dazu sagen, und erst der Vater! Ein Schatten des Unmuths zog über Fürchtegott's Stirn, als er des Vaters gedachte. Schnell aber verscheuchte er diese ihm unbequeme Erinnerung, und fest der Gegenwart sich wieder zuwendend, sprach er: Was da! Bin ich nicht mündig, frei, mein eigener Herr? Das Glück der Zukunft wird Alles wieder in das rechte Geleise bringen. Bald kam auch Herr Erichson und ein hübsches Dienstmädchen, das den Kaffeetisch in Ordnung brachte. Madame Erichson blieb vorerst unsichtbar. Der Freund Wimmer's machte jetzt am hellen Tage keinen ganz so guten Eindruck auf den jungen Ammer, als am Abend vorher. Er sah gewissermaßen ledern aus, etwas gelangweilt, war dabei ungeachtet seiner äußern Freundlichkeit kühl, in sich zurückgezogen, und konnte einen stets lauernden Zug nicht gut verbergen. Indeß leuchtete Fürchtegott sogleich ein, daß ein Mann solchen Schlages im Verkehr mit Andern große Vortheile erringen müsse. Erichson war Schiffsmakler. Durch ihn hatte Wimmer das amerikanische Geschäft eingeleitet und später den Kauf eines eigenen Fahrzeuges besorgen lassen. Auch wußte Fürchtegott, daß Erichson einen gewissen Antheil an dem Geschäft habe, da er unter der Hand bei rentabeln kaufmännischen Unternehmungen sich zu betheiligen pflegte. Während des Frühstücks eröffnete er dem jungen Reisenden, in welcher Weise sie am zweckmäßigsten den Tag zubringen wollten, damit Fürchtegott zugleich Nutzen und Vergnügen davon habe. Sie müssen wissen, mein junger Freund, sagte er, daß wir Hamburger Geschäftsleute sind, die eigentlich niemals Zeit haben, 307 ausgenommen, wenn wir zur Stärkung des Körpers und Geistes etwas genießen. Bei uns ist Alles wohl geordnet. Zu gewissen Stunden des Tages thun wir dies, zu andern jenes, und zwar ohne Unterbrechung oder Abänderung Jahr aus Jahr ein. Dieser Pünktlichkeit, Ordnungsliebe und Solidität verdanken wir unsern guten Ruf als Handelsherren in der alten und neuen Welt; sie sind die Grundpfeiler unserer Wohlhabenheit, unserer bürgerlichen Freiheit, unserer trefflichen staatlichen Einrichtungen. Darum beneiden wir auch andere größere Staaten nicht um ihre Macht, denn offen gesprochen gewährt uns die unbegrenzt freie Bewegung, welche die republikanische Verfassung unseres kleinen Staates Allen gestattet, weit mehr Macht, gibt uns weit größeren Einfluß in fernen Ländern, als mancher sogenannte große Staat zu besitzen sich rühmen kann. Ein Hamburger in Ost- oder Westindien ist immer geachtet und geschätzt, was ein Kurhesse, ein Badenser, ein Würtemberger oder Sachse nicht ganz in gleicher Weise dürfte behaupten können. Darum preisen wir auch Gott und seinen heiligen Sohn für diese uns verliehenen Gaben und Güter, und sind nicht begierig nach größeren. Bemerkungen solcher Art begriff der junge Ammer sehr gut, da er Sinn für alles Praktische hatte. Er hörte deßhalb auch stets aufmerksam zu, wenn von derartigen Dingen die Rede war, weil er gern lernen und von den Erfahrungen Anderer für sich selbst und sein dereinstiges Handeln möglichst viel profitiren wollte. Um nicht unnöthig Zeit zu verlieren, fuhr Herr Erichson fort, werden Sie mich zuerst an den Hafen begleiten. Sie müssen sehen, wie ein Seehafen sich ausnimmt, und wie ein Seeschiff im Innern construirt ist. Haben wir das abgethan, so bleibt uns vielleicht noch Zeit zu einem Besuche bei Ihrem Compagnon, wo nicht, sprechen wir ihn an der Börse und gehen dann nach Tische zu ihm. Das wollen wir, weil es so viel nicht auf sich hat, dem Zufall überlassen. Fürchtegott war natürlich mit diesen Anordnungen vollkommen einverstanden und konnte nur nicht begreifen, warum Herr Erichson keine Anstalt zum Aufbruch machte. Er saß noch in seinem bequemen Morgenrock und rauchte bedächtig eine Pfeife. Die Unruhe, die Sehnsucht, die den jungen Ammer verzehrte, der von allem dem, was er sehen sollte, noch gar nichts kannte, war in Erichson's Herzen freilich 308 längst erloschen. Der Schiffsmakler strebte nicht mehr, er rechnete nur, und da seine Rechenkunst auf solidem Grunde ruhte, so pflegte er sich selbst nie zu verrechnen. Höchstens stellte sich ein Fehler im Facit heraus, wenn andere Geschäftsfreunde nicht ebenso vorsichtig wie er selbst Verlust und Gewinn gegen einander abwogen. Erst nach neun Uhr Vormittags war der Makler zu Fürchtegott's Verfügung. Dieser hatte sich, da er weder rauchte, noch irgend eine andere Unterhaltung auffinden konnte, die ihm die Zeit verkürzte, ein paar Mal auf die Straße gewagt, nicht um in das Gewühl der Menschen sich zu stürzen, sondern nur, um einigermaßen einen Begriff von diesem rastlosen Treiben zu bekommen und sein Auge etwas daran zu gewöhnen. Es ward ihm fast schwindlig von all dem Fahren, Gehen, Drängen, Rufen. Und dabei gab es wieder so viel zu sehen, daß er am liebsten vor jedem Hause stehen geblieben wäre, um alle Gegenstände, die seinem scharfen Auge auffielen oder merkwürdig erschienen, seinem Gedächtnisse recht tief einzuprägen. Fürchtegott athmete auf, als Herr Erichson, nach damaliger Sitte sehr fein gekleidet, einen großen Rohrstock in der Hand, ihm eröffnete, daß es nun Zeit sei an den Hafen zu wandern. Dieser Rohrstock, ja selbst die Farbe des Gehrockes, den der Makler trug, erinnerten ihn wieder flüchtig an seinen Vater, wobei er vorübergehend ein schmerzliches Stechen in der Brust fühlte. Wir müssen uns etwas beeilen, sagte Erichson. Es ist Fluth, da kommen Schiffe auf, und ich habe einige Capitäne, die ich schon gestern erwartete, nothwendig zu sprechen. Wenige Minute später schritt der Makler mit seinem jungen Begleiter die Häuser beim neuen Krahn entlang, wo Fürchtegott Noth und Mühe hatte von Ewerführern, Schiffsknechten und Arbeitsleuten nicht umgerissen zu werden. Denn während zur Rechten die vielfenstrigen Häuser mit den schmalen Thüren, den balconartigen Holzvorbauen unter schattigen Bäumen, den steil emporsteigenden Treppen und den vielen Kellern, in denen es wimmelte, wie in einem Ameisenhaufen, seine Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen, fesselte ihn zur Linken wieder zuerst das Schiffsgewühl und jenseits des Hafens die malerische Häusergruppe am Kehrwieder. In seiner Schaulust achtete er nicht auf das Nächste und erhielt deßhalb von allen Seiten Püffe 309 und Stöße. Jetzt erst begriff Fürchtegott die Bangigkeit Erdmuthe's, die in diesem rollenden Lärm und Leben kaum aufzublicken gewagt hatte. Erichson bemerkte die Verlegenheit seines jungen Begleiters und lächelte. Könnten Sie nur acht Tage hier verweilen und wären genöthigt häufige Geschäftsgänge zu machen, so würden Sie sich bald daran gewöhnen, sagte er. Folgen Sie mir aber jetzt und lassen Sie vorerst das Bewundern sein. Zum Umsehen eignet sich ein offener Wagen besser. Da ist das Baumhaus, fuhr er fort, mit seinem Stocke nach dem seltsam aussehenden Gebäude deutend, da wollen wir ein Boot besteigen und uns unverweilt in den Jonashafen hinausrudern lassen. Das Baumhaus! wiederholte Fürchtegott mit einer Art von Andacht, denn er gedachte der unbefangenen, glücklichen Jugendzeit, wo er, noch Schulknabe, einmal auf seinem Weihnachtstische den Robinson Crusoe gefunden und dies für alle phantasiereichen Kinder so reizende Buch während des Winters wohl zehnmal durchgelesen hatte. Hier am Baumhause, am Hafenquai hatte sich ja der junge Robinson herumgetrieben, ehe er seine abenteuerliche Reise antrat. In gewisser Beziehung wollte es dem jungen Ammer scheinen, als habe seine eigene Lage mit der jenes jungen Mannes, der so schwere Prüfungen erfahren sollte, eine entfernte Aehnlichkeit. Dem Winke des stattlichen und hier wohlbekannten Maklers folgend, eilte einer der vorhandnen Bootführer in kurzer Seemannsjacke, einen glänzend schwarzen, niedrigen Hut auf dem blonden Haare, die Treppe hinab und löste eines jener hübsch geformten, meistens grün gemalten kleinen Fahrzeuge, die hier stets vorräthig sind. Fest und sicher trat Erichson in den Nachen, schwankend und ein wenig zaghaft folgte Fürchtegott. Dieser hatte schon wieder etwas zu bewundern, denn dem Baumhause schief gegenüber, am Ende des Kehrwiederwalles, lag ein der Ausbesserung bedürftiges Seeschiff auf dem Stapel, dessen Dimensionen dem Sohne des Binnenlandes ganz ungeheuer vorkamen, obwohl es nur ein mittelgroßer Schooner war. Nach dem Rummel- und Jonashafen! befahl der Makler, sich neben seinen Schützling auf die Bank niedersetzend. Der Bootführer nickte und brachte durch behutsame Ruderschläge den Nachen in's freie Fahrwasser. 310 Jetzt erst bekam Fürchtegott das Baumhaus mit seinem fensterreichen Aufsatze und seinem Pfahlunterbau, welcher der Fluth Durchgang gestattet, ganz zu Gesicht, desgleichen den Hafen der Seeschiffe, von deren Raaen zahllose Segel halbgerefft im frischen, leisen Winde sich bauschten. Dieser Anblick überraschte unsern Freund dermaßen, daß er die erklärenden Worte Erichson's fast ganz überhörte, und unverwandt nur das gewaltige, lebensvolle und in der That großartige Gemälde seinem Gedächtnisse einzuprägen bemüht war. Auf der anschwellenden Fluthwelle glitten zwischen den gewaltigen Rümpfen der großen Schiffe zahlreiche Schuten und kleine Boote hin und wieder, die meisten mit langen oder kurzen Ruderschlägen dem Binnenhafen zusteuernd. Da passirte der Nachen unserer Freunde Schuten, die fast bis an den Rand mit den goldgelben Körnern russischen Waizens aus den Küstenländern des schwarzen Meeres angefüllt waren. Die Führer derselben starke, schlanke Männer, im Hemdärmel, einen gewöhnlichen Hut auf dem Kopfe, bedienten sich an langen Stangen befestigter Hacken, die oben in eine Spitze ausliefen, um jetzt sich an den Hafenpfählen festhackend, die schwere Fracht vorwärts zu treiben, dann wieder das spitze Ende gegen die starken Pfähle stoßend, auf dem Borde fortschreitend, dem Fahrzeuge mehr Schwung zu geben. Hier begegneten ihnen andere lasttragende Kähne, die hochaufgepackt waren mit Baumwollenballen, mit Säcken frischen Kaffees, der selbst hier im Freien einen feinen, eigenthümlichen Geruch verbreitete. Dann bemerkte Fürchtegott wieder tief im Wasser gehende Kohlenschiffe, oder ein paar Ewer, von Fluth und Wind begünstigt, rauschten pfeilschnell dem Hafen zu, diese, um Heu und Stroh, jene, um Torf, noch andere, um Unmassen von Gemüsen oder Milch der viel verbrauchenden Stadt zuzuführen. Dies unablässig rührige Leben, diese enorme Thätigkeit, dies ganze Ensemble einer mit den verschiedenartigsten Kräften rastlos arbeitenden Welt mußte den jungen Ammer wohl fesseln. Sein Instinkt sagte ihm, daß hier im Hafen Hamburgs die Welt bereits ein anderes Aussehen gewinne, als in den lieblichen Thälern seiner bergigen Heimath. Auch dort war man thätig und arbeitsam, aber mehr nur still für sich selbst, ohne innigen Zusammenhang mit dem großen Ganzen. Selbst das Verhältniß seines Vaters zu den vielen Webern, 311 die er beschäftigte, war ein anderes, in sehr bestimmten Grenzen eingeengtes, während hier mit dem erweiterten Horizont ein unbegrenztes Feld der Thätigkeit dem Unternehmungsgeist des strebenden Menschen sich aufthat. Das Ebben und Fluthen des Meeres, das ja auch die Wellen des gelben Stromes in lebhaftere Bewegung setzte, lieh dieser Thätigkeit Tag für Tag neue Schwingen, trug jetzt die aus dem Innern des Landes kommenden Güter fern gelegenen Städten und Ländern zu und schaukelte dann die Erzeugnisse und Schätze fremder Zonen und Völker wieder auf dem Rücken des rückwärts rollenden Stromes wie von selbst denen entgegen, die Lust hatten und Anstalten trafen, sich ihrer zu bemächtigen. Das Boot glitt zwischen den Reihen der vor Anker liegenden Schiffe fort, deren Borde nach Fürchtegott's Dafürhalten haushoch über dem Wasserspiegel hervorragten. Gewissermaßen hatte er auch Recht, denn ihm schwebte der Maßstab der einstöckigen Weberhäuser in den heimischen Bergthälern vor Augen. Viele Schiffe löschten gerade, was das Leben in einem Seehafen immer mehrt. Ueberall hörte man das monotone Singen der arbeitenden Matrosen, welche beschäftigt waren, die im Raume aufgestauten Güter emporzuwinden und sie vom Bord wieder in die bereit liegenden Schuten hinabzulassen, auf denen dann besonders angestellte Bootsleute sie durch die Kanäle zu den Speichern der Kaufleute weiter beförderten. Häufig begegnete man Nachen, in denen außer dem Ruderer nur ein einzelner Herr saß. Solche pflegte Erichson zu grüßen, worauf er dem jungen Ammer sagte: Das war Herr N. N., Besitzer dreier Briggs, die nach Westindien fahren. Gestern ist eine derselben von Jamaika zurückgekommen \&c. \&c. Fürchtegott's Respect vor der großartigen Handelsthätigkeit und merkantilen Macht der grandiosen Stadt wuchs durch solche Bemerkungen immer mehr, zugleich aber auch die Lust, sich eine ähnliche Stellung zu erringen, um mit den Thätigsten und Unternehmendsten um die Wette ringen, den Größten es gleich oder womöglich gar noch vorthun zu können. Um dem jungen Ammer den großartigen Anblick des Hafens in seiner ganzen Ausdehnung zu verschaffen, befahl Erichson dem Bootführer, bis dicht an den Strand der Insel Steinwarder zu rudern, 312 dann die Elbe quer zu durchschneiden bis gegen den Altonaer Hafen, und so rückwärts wieder in den Jonashafen einzulaufen. Man kann sich denken, wie das Herz Fürchtegott's auf dieser Tour sich weitete! Ein glücklicher Zufall wollte, daß gerade sechs Dreimaster, mit Segeln bedeckt, den Strom in majestätischer Ruhe heraufschwammen, und einen in der That prachtvollen Anblick gewährten. Erichson, der ein scharfes, und für die Takelage eines Schiffes sehr geübtes Auge hatte, erkannte schon von Weitem, welcher Nation sie angehörten, und machte seinen jungen Begleiter darauf aufmerksam. Die vordersten beiden sind Engländer, sagte er, dann kommt ein Hamburger Fahrzeug, das mir ganz so aussieht, als wäre es die Herrn X zugehörende »Wassernixe«. Der Segler links von diesem ist ein Schwede, jener rechts ein Spaniole, und der hinterste ein Amerikaner. Ich sage Ihnen, lieber Freund, die Amerikaner sind fixe Jungen. In Allem, was sie angreifen, liegt Sinn, und man muß Augen und Ohren offen halten, und kurz sein mit den Worten, wenn man ihnen einen Vortheil abgewinnen will. Ich sag' Ihnen das, damit Sie es bei Zeiten beherzigen und sich nicht übervortheilen lassen. Für Anderer Unglück haben sie drüben wenig Herz. Wer dort nicht reussirt, wird für ungeschickt gehalten, und Einfältige, Gutmüthige, allzu Vertrauensvolle müssen »gerupft« werden, sagen die Yankees. Das Boot glitt jetzt Altona schief gegenüber durch die Wellen, so daß Fürchtegott mit Einem Blick das Schiffsgewimmel im Hafen übersehen konnte, ein Anblick, der jedem Binnenländer unvergeßlich bleibt. Erichson deutete mit seinem Rohrstocke auf ein nahe an der Landungsbrücke liegendes Fahrzeug, das sich durch seinen schlanken, eleganten Bau vor den andern nahebei ankernden Schiffen auszeichnete, und sagte: Sehen Sie den prächtigen Schooner dort? Wie gefällt er Ihnen, junger Freund? Fürchtegott gerieth in einige Verlegenheit, denn noch wußte er nicht mit Bestimmtheit anzugeben, welches der vielen Schiffe ein Schooner, welches eine Brigg u. s. w. sei. Er antwortete deßhalb mit einer Gegenfrage, indem er von Herrn Erichson zu wissen begehrte, welchen Schooner er meine. Der Makler hob abermals seinen 313 Stock und bezeichnete nunmehr das Schiff so genau, daß der junge Ammer sich nicht mehr irren konnte. Nun, versetzte Letzterer, es sieht ganz schmuck aus, und wenn es ein rascher Segler ist, mag sein Besitzer, besonders im Fall er von Schifffahrt etwas versteht, sich wohl darüber freuen. So freuen Sie sich denn, junger Freund. Es ist das »gute Glück« und gehört Ihnen zu. In fünf Minuten werden Sie persönlich davon Besitz genommen haben. Jetzt ließ Fürchtegott seine Blicke mit stolzem Wohlbehagen auf dem stattlichen Fahrzeuge ruhen, dessen glänzend schwarzer Rumpf hoch über dem gelben Wasserspiegel emporragte, dessen Masten wie neu polirt erschienen, dessen Tau- und Segelwerk so überaus sauber, zierlich und fein sich zeigte. Das Ding ist in Amerika gebaut, sagte Erichson. Es läuft, als stünd' es auf Rädern, sobald sich ein paar Segel an seinen Raaen blähen, und wer darauf fährt, der sitzt beinahe so sicher, als läge er in des braven Erzvaters Abraham Schooße. Als es die erste Reise von New-York hierher gemacht hatte in einer Zeit, wie kaum je ein Schiff gleicher Bauart vorher, und es hier verkauft werden sollte, hab' ich's in Herrn Wimmer's Auftrage an mich gebracht. Damals wußte ich noch nicht, daß die Firma »Ammer, Söhne und Compagnie« darauf denke, ihre Producte in eigenen Schiffen seewärts zu versenden. Aber da sind wir. Bootsmann, Ahoi! Der Herr Rheder will an Bord! Ueber die Schanzkleidung schauten ein paar runde Matrosengesichter herab auf den Makler und seinen Begleiter. Gleich darauf senkte sich das Fallreep und Fürchtegott setzte, noch nicht an das Schaukeln des Bootes auf dem etwas bewegten Strome gewöhnt, fast taumelnd seinen Fuß auf die unterste Stufe, um zum ersten Male die Bretterwohnung zu betreten, die schon nach wenigen Tagen auf unbestimmte Zeit sein bleibender Aufenthalt werden sollte. Der Capitän, ein noch ziemlich junger Mann, begrüßte die Herren mit großer Zuvorkommenheit, und unterließ nicht, den jungen Ammer sogleich auf eine Art, die durchaus nichts Auffallendes hatte, mit dem Wissenswertesten bekannt zu machen, damit er schnell in seinem Eigenthum heimisch werden möge und die Einrichtung eines Seeschiffes ihm nicht länger eine fremde Welt bleibe. Fürchtegott war dem vorsichtigen 314 Manne für diese Aufmerksamkeit, diesen weltmännischen Tact aufrichtig dankbar, achtete genau auf Alles, was der Capitän sagte, fragte, wenn er etwas nicht sogleich verstand, und bereicherte in Zeit einer halben Stunde seine Kenntnisse bedeutend. Zum Glück war die Mannschaft größtentheils im Raume beschäftigt, die bereits eingenommene Ladung zu stauen. Als er in Begleitung des Capitäns und des Maklers in diese dunkle und immer etwas dunstige Höhle hinabstieg, ward ihm sonderbar zu Muthe. Obwohl in einer noch ganz fremden Welt, wehte es ihn hier unten doch wie Heimathluft an. Er stand wieder mitten im Lagerhause seines Vaters, nur daß es hier nicht so licht war, daß es anstatt nach frisch gebleichtem Linnen, nach Theer roch. Sonst war Alles, wie daheim. Das waren die ihm wohlbekannten Kisten, die stets ein und dieselbe Form hatten; das war das Zeichen, das sein Vater gewöhnlich selbst dem Holze einer jeden Kiste einzubrennen pflegte. Ein Anflug von Rührung ergriff ihn momentan, doch suchte der nach Größerem strebende Jüngling dieser Gefühlsaufwallung schnell Meister zu werden, um keinen Augenblick sein Ziel aus den Augen zu verlieren. Nach einstündigem Aufenthalt verließ unser Freund seinen Schooner mit großer Befriedigung. Inzwischen war die Ebbe eingetreten, und wie früher Kähne und Fahrzeuge aller Art überseeische Waaren von den Schiffen nach den Speichern schafften, so schwammen jetzt eben so bedeutende Waarenmassen nach den im Strome ankernden Schiffen, um nach fernen Ländern versendet zu werden. Gerade, als das leichte Boot Fürchtegott's abstieß, näherte sich eine große Schute, ganz vollgepackt mit Kisten, die alle den Stempel Ammer's trugen und für Amerika bestimmtes Linnen enthielten. Fürchtegott warf einen zufriedenen Blick auf die ihm zugehörenden Schätze, die er jenseits des Weltmeeres in lauteres Gold sich verwandeln sah. Als der Nachen beim Baumhause wieder anlangte, konnte der junge Ammer es doch nicht über sich gewinnen, diesem schon seit langer Zeit ihm interessanten Gebäude vorüber zu gehen. Er fragte den Makler, ob noch Zeit zu einem Besuche des Baumhauses übrig sei, und da die Antwort bejahend lautete, befanden sich Beide gleich darauf unter einer Menge breitschultriger, wohlgenährter Männer, von denen die Meisten Englisch sprachen. 315 Erichson bezeichnete diese seinem Begleiter als englische und amerikanische Schiffscapitäne. Es gab aber auch noch andere Besucher, die Fürchtegott mit großer Aufmerksamkeit, zugleich aber auch mit einer Art Ehrfurcht betrachtete, als der Makler ihm flüsternd ihren Namen nannte. Es waren schon bejahrte Männer von klugem Aussehen, sonst bürgerlich schlicht in ihrem Benehmen. Sie unterhielten sich bei einem Glase Portwein in plattdeutscher Sprache über Handelsgegenstände, weßhalb der eigentliche Inhalt des Gesprächs dem jungen Manne verloren ging. Ihm genügte es, zu wissen, daß er in diesen einfach gekleideten Männern einige der reichsten Kaufleute vor sich sah. Männer, die über Millionen verfügten, deren Schiffe auf allen Meeren schwammen, die mehr als einmal durch Seeunglück Hunderttausende verloren, diese Trauerbotschaft aber mit einer Ruhe hingenommen hatten, als wäre gar nichts geschehen. Der Aelteste dort, fügte Erichson leise hinzu, der die Zeitung liest, kam ohne alle Mittel nach Hamburg, und jetzt zählt er unter die Millionäre. Er war stets vorsichtig, aber nicht karg, wenn es sich um Großes handelte. Sein Landhaus, das er seit einigen Jahren sich hat bauen lassen, zeugt von edlem Geschmack, von Sinn für Kunst. Er sieht es gern, wenn Fremde ihn besuchen, er selbst aber lebt persönlich nicht besser, als der einfachste Bürger. Auf Fürchtegott machten diese Bemerkungen tiefen Eindruck. Was diesem gelang, sagte er sich im Stillen, warum sollte es dir unerreichbar sein? Ich bin auch nicht verwöhnt worden in meiner Jugend. Der Vater ist auch schlicht und sparsam, obwohl er Herr von und auf Weltenburg geworden ist und es mit manchem Grafen aufnehmen könnte. Ich werde also diesen Vorbildern nacheifern und wer weiß, ob sich dann nicht vielleicht nach zehn oder zwanzig Jahren der jetzt noch so ganz unbekannte Sohn des Webers Ammer in einen der größten Rheder und Kaufleute dieser Welthandelsstadt verwandelt hat! Während er sich an solchen Gedanken letzte, schlürfte er mit Behagen ein Glas Wein und betrachtete mit besonderem Vergnügen eine an der Wand hängende Flußkarte der Niederelbe von Hamburg bis Cuxhaven. Die vielen Sande und Untiefen, welche darauf verzeichnet waren, die sonderbaren Namen, die viele derselben führten, gewährten ihm eine höchst anziehende Unterhaltung. Erichson mußte endlich zum 316 Aufbruch mahnen, sonst würde unser Freund stundenlang hier geblieben sein, wo so Vieles sich vereinigte, was ihn anzog und festhielt. Still und nachdenklich durchwanderte er an der Seite seines Begleiters die gewühlvollen Straßen, nur mit halbem Ohr auf das hörend, was Erichson sprach. Die Menschen, so mancherlei Auffallendes sie bei genauerer Beobachtung für den jungen Ammer gehabt haben würden, jetzt machten sie eben so wenig Eindruck auf ihn, als die Häuser, an denen er Vorüberwandelte, und deren Bauart er beim ersten Schritt auf die Straße so merkwürdig, ja seltsam gefunden hatte. So kamen sie gegen zwölf Uhr Mittags wieder in Erichson's Wohnung an, wo die stattliche Frau vom Hause in reicher Kleidung den jungen Gast zwar stumm, aber mit einem so glücklichen Lächeln begrüßte, daß Fürchtegott Mühe hatte, ernsthaft zu bleiben, und der steife Makler mit schlauer Miene nur ein verwundertes: »Ach, prächtig aufgetackelt!« halblaut vernehmen ließ. Der sehr lecker aussehende Frühstückstisch, auf welchen der Makler unverweilt zusteuerte, übte auch auf Fürchtegott eine bedeutende Anziehungskraft aus. Er lehnte deßhalb die pantomimische Einladung der geschmückten Dame des Hauses durchaus nicht ab, sondern ließ vielmehr der Kochkunst derselben alle Ehre widerfahren. Dabei begann das ergötzliche Unterhaltungsspiel von gestern Abend auf's Neue, und zwar mit einer Lebhaftigkeit, die Erichson nur merkwürdig fand, Madame Erichson aber nach beendigtem Frühstück zu dem Ausrufe bewog: Dat is en prächtigen Minschen! Töf, Ohler, weer he in de Marsch baren und könn' he spreken as en richtigen Minschenkind, ick wörr man dull, beestig dull. Erichson kannte seine brave Frau. Er legte deßhalb bei diesem naiven Bekenntniß beide Hände auf seinen Leib und lachte so herzlich, daß ihm die Thränen über die Wangen herabliefen. Madame Erichson ward dadurch zu weiteren Erläuterungen veranlaßt, die sie mit geläufigster Zunge hervorbrachte, und Fürchtegott, der nur dunkel ahnte, daß seine Persönlichkeit zu diesem komischen Auftritte Anlaß gegeben haben möchte, lehnte am Fenster und amüsirte sich königlich an dem wunderlich gearteten Ehepaare. 317 Zweites Kapitel. An der Börse. Der beabsichtigte Besuch auf dem Comptoire des Geschäftsführers mußte unterbleiben, da die Börsenzeit mit schnellen Schritten herannahte und der Makler diese um keinen Preis hätte versäumen mögen. Jedenfalls treffen wir auf der Börse mit Herrn Elias Beinheim zusammen, sprach Erichson. Dann kann er uns gleich mittheilen, wann er ungestört ist. Sie werden an dem Manne Ihre Freude haben, sag' ich! Proper, durch und durch proper, treu wie Gold, und ein Geschäftsmann, der seines Gleichen sucht! Es zeugt von meines lieben Bruders in Christo tiefer Menschenkenntniß, daß Herr Wimmer gerade diesen Beinheim sich zum Compagnon für Sie ausgesucht hat, obwohl er ihn nie von Angesicht zu Angesicht sah, sondern nur aus seinen Briefen kannte. Fürchtegott, dem heute schon so viel Ungewöhnliches vorgekommen war, daß es in seinem Kopfe bereits etwas bunt durcheinander lief, sah diesem Zusammentreffen mit Spannung entgegen, und freute sich, als der Makler abermals Hut und Stock ergriff, um die Wanderung nach der Börse anzutreten. So lebhaft wie jetzt hatte Fürchtegott die Straßen noch gar nicht gesehen. Aus allen Gassen und Twieten kamen hastig ausschreitende Menschen, strebten den Hauptstraßen zu und bildeten in ihrem Vorwärtseilen ein bewegtes, murmelndes Menschenmeer. Der junge Ammer konnte sich dies Drängen und Hasten nicht recht erklären, denn er wußte in jenem Augenblicke noch nicht, daß die Börse das Herz einer Handelsstadt ist, von dessen Pulsschlägen das Wohl und Wehe Hunderttausender abhängt. Seine an Erichson gerichtete Frage, weßhalb denn jeder Kaufmann die Börse besuche, blieb unbeantwortet, ein ganz eigenthümlicher Blick des Maklers nur sagte ihm, daß er von einem angehenden Handelsherrn eine so müßige und thörichte 318 Frage nicht erwartet hätte. Erst als man das unscheinbare alte Gebäude mit dem von Linden beschatteten Vorraum erreichte, löste sich Erichson's Zunge, und indem er auf die summenden Tausenden hindeutete, die hier versammelt waren, um für die nächsten vier und zwanzig Stunden den Schritt der Zeit zu ordnen, in welcher die Handelswelt lebt, sprach der Makler stolz: Das ist die Börse! Eine Versammlung von Männern, die alle ihr Einmaleins ganz genau kennen. Das Gewühl der Durcheinanderdrängenden imponirte Fürchtegott, nur wollte es ihm nicht klar werden, wie man in solchem Gesumme, wo Tausende sprachen und doch Keiner verstanden ward, wichtige Handelsgeschäfte abschließen könne. Er beobachtete aufmerksam die Physiognomien der Versammelten, er sah an der Lebhaftigkeit der Gebehrden Einzelner, daß es sich wohl um Wichtiges handeln möge, aber der Schlüssel, der ihm die Pforte zu diesem öffentlichen Geheimnisse öffnen sollte, das ihn so räthselhaft umfluthete, wollte sich nicht finden. Erichson hatte ein paar Secunden mit mehreren Männern gesprochen und Einiges in seine Schreibtafel notirt. Jetzt trat er mit erheitertem Gesichte wieder zu Fürchtegott und sagte: Gutes Geschäft heute! Habe eben ein paar tausend Marc Banco verdient. Sie? Jetzt? Vor zwei Secunden. Der junge Ammer fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Er fühlte, daß ihm der Kopf zu schmerzen begann, daß er, ein Neuling in dieser Welt, von Allem was um ihn vorging, nichts verstand. Und doch war er Rheder! Doch gehörte er gewissermaßen mit zu den Lenkern und Ordnern des wunderbaren Organismus, den man Welthandel nennt! Bin neugierig, ob Herr Elias Beinheim kaufen wird? sagte Erichson halb für sich, halb zu seinem jungen Begleiter. Was kaufen? fragte Fürchtegott. Wäre freilich gewagt, aber auch gut daran zu verdienen, wenn's einschlüge. Fürchtegott wagte seine Frage nicht zu wiederholen. Er suchte in den Mienen des Maklers zu lesen, konnte aber auf den ziemlich 319 unbeweglichen Zügen desselben doch nichts entdecken, als eine sich etwas breit ablagernde Zufriedenheit. Endlich kommt er! rief Erichson. Endlich! Und wie es scheint ganz vergnügt. Ist ihm gewiß gut eingeschlagen, der letzte Kauf. Ein hochgewachsener, hagerer, beinahe knochig zu nennender Mann mit sehr strengen Zügen schritt auf Erichson zu und reichte ihm die Hand. Dem Ansehen nach mochte er etwa sechzig Jahre alt sein. Seine Kleidung war noch ganz altväterisch, ein ziemlich sicheres Zeichen, daß er dem Alten mehr als dem Neuen anhange und vertraue. Er trug Strümpfe und Schnallenschuhe. Sein Rock war sehr lang, bequem, von feinem Tuche, aber ohne eigentliche Form. Ueber den Kragen herab fiel ein Zopf, zu dem der etwas abgetragene, dreieckige Hut nicht übel paßte. Fürchtegott fand das Aeußere dieses streng, ja hart blickenden Mannes durchaus nicht anziehend, und konnte nicht begreifen, wie es möglich war, daß Erichson in diesem sauertöpfischen Gesicht etwas von Vergnügen entdecken mochte. Seine Verwunderung sollte sich jedoch um ein Beträchtliches steigern, als der Makler in dem Hagern ihm den Herrn Elias Beinheim, den Compagnon der Firma »Ammer, Söhne \& Comp.« vorstellte. Die beiderseitige Begrüßung der einander geschäftlich so eng Verbundenen gestaltete sich äußerst kühl; denn machte Beinheim auf den jungen Mann einen entschieden abstoßenden, ja widerwärtigen Eindruck, so mochte dieser junge, so blühend und unerfahren aussehende Mensch dem im Comptoir unter Handelsbüchern und bei Rechnungsabschlüssen ergrauten Kaufmanne auch kein besonderes Vertrauen einflößen. Ein in plattdeutscher Mundart geführtes Gespräch zwischen Erichson und Beinheim, von dem Fürchtegott nur einzelne Worte verstand, handelte von so eben zum Abschluß gediehenen Geschäften. Während desselben blitzte einigemale etwas in den Zügen Beinheim's auf, das man für einen matten Versuch, freundlich aussehen zu wollen, halten konnte. Nach Beendigung desselben wandte sich der steife ernste Mann zu unserm Freunde, reichte ihm nochmals die Hand und sagte: Es freut mich, Herr Ammer junior, Sie persönlich kennen zu lernen. Ist immer gut, wenn Geschäftsleute sich Auge in Auge sehen – gibt mehr Vertrauen. Von Herrn Wimmer habe ich viel Gutes 320 von Ihnen und Dero Herrn Vater vernommen, man hat Sie mir als sehr praktisch geschildert. Ist immer die Hauptsache, Herr Ammer. Mit praktischen Leuten macht sich ein Geschäft von selbst. Ich selber bin ungeheuer praktisch. Wir hatten Ihnen heute noch einen Besuch zugedacht, Herr Beinheim, bemerkte Erichson. Stören wir wohl, wenn wir nach Tisch, so gegen sechs Uhr etwa vorkommen? Im Gegentheil! Wird mir zur größten Ehre gereichen, den Herrn, dessen Namen unsere Firma schmückt, in meinem Hause empfangen zu können. Wie gefällt Ihnen Hamburg? Fürchtegott brach in Lobeserhebungen aus, die, weil sie ungezwungen waren und ihm warm aus dem Herzen kamen, den besten Eindruck auf den steifen, pedantischen Compagnon machten. Das höre ich gern, sagte Beinheim, dem Jünglinge zum dritten Male die Hand reichend. Ich sehe, Sie passen in's Geschäft, und werden, denk' ich, bald ungeheuer praktisch sich anlassen. Damit endigte die erste Unterhaltung Fürchtegott's mit seinem Compagnon oder richtiger dem Factotum der Firma, die den Namen Ammer trug. Beinheim lüftete ein wenig den Hut, grüßte kühl und ging seines Weges. Rund um die Börse fing es wieder an, lebendig zu werden; die Gruppen der Sprechenden lösten sich auf, Alles kam in schiebende und rollende Bewegung und nach wenigen Minuten zerstreuten sich die versammelten Tausende eben so rasch, wie sie gekommen waren. Gott Merkur hatte seine Gläubigen zu seinen Füßen gesehen und versprochen, ihnen für die nächsten vier und zwanzig Stunden noch ein unbedingt gnädiger Herr sein zu wollen. Drittes Kapitel. Ein Besuch bei dem Compagnon. Auf dem Nikolaithurm verhallten die letzten Accorde des Glockenspieles, das damals allstündlich sich wiederholte, als Fürchtegott in Begleitung des Maklers Erichson die »holländische Reihe« hinabschritt, 321 um Beinheim einen Besuch abzustatten. Jetzt gegen Abend war dieser Stadttheil nicht mehr stark belebt, es waltete sogar eine gewisse feierliche Stille, wie an Festtagen. Nur wenn Fürchtegott einen neugierigen Blick durch die hellen Fenster der stattlichen alten Häuser warf, konnte er bemerken, daß die Bewohner derselben nicht feierten. Ueberall sah er emsig Schreibende an schrägen Comptoirpulten, die für das, was sich draußen auf der Straße zutrug, keinen Sinn zu haben schienen. Sehr merkwürdig und interessant war unserem Freunde der tiefe Kanal, der mitten durch die Straße floß oder vielmehr die Scheidewand der Häuser- und Speicherreihen bildete. Er konnte nicht umhin, stehen zu bleiben und dem Treiben auf dieser Wasserstraße zuzusehen, die mit größeren und kleineren, meistentheils schwer beladenen offenen und flachen Fahrzeugen fast bedeckt war. Unter den meisten Speichern lagen solche Schuten, und die Winden an den wunderlich geformten, stark getheerten Krahnen waren in ununterbrochener Thätigkeit. Außer dem Knarren dieser Winden, dem Klirren einer Kette, dem eintönigen Ruf eines Bootsführers oder eines auf den Speichern beschäftigten Arbeiters und dem leisen Gesäusel der Linden, deren ziemlich viele an den Speichern standen und deren Laub jetzt von der untergehenden Sonne mit Gold bestreut ward, ließ sich nichts hören. Erichson, der gern mit der Zeit geizte, weil er die Richtigkeit des englischen Sprichwortes » Time is money « längst vollkommen begriffen hatte, drängte Fürchtegott vorwärts, um den Geschäftsfreund nicht zu verfehlen. Und so sah sich denn der junge Ammer recht gegen seine Neigung genöthigt, eine Gegend kaufmännischen Lebens und großartiger Handelsthätigkeit, die ihn ungemein fesselte, schon nach wenigen Minuten wieder zu verlassen. Beinheim wohnte auf dem »holländischen Brook«. Die gewaltigen, hohen Giebelhäuser, von unten bis oben mit Oelfarbe angestrichen, und da und dort neben der Thür eine rauschende Linde, gefielen unserem Freunde. Alles sah stattlich, reich, eigenthümlich aus. Und zur Linken der stille, tiefe Fleeth, auch hier umrahmt mit Holzkrahnen, verknüpfte die hier lebende Kaufmannswelt unmittelbar mit dem segenbringenden Strome, mithin mit der ganzen nahen und fernen Welt. 322 Vor einem der stattlichsten Häuser dieser im kaufmännischen Sinne höchst fashionablen Straße blieb Erichson stehen. Hier wohnt Herr Beinheim, sagte der Makler, die Hausthüre öffnend und Fürchtegott den Vortritt lassend. Dieser wunderte sich, nur den Namen des Bewohners an der Thür auf glänzendem Messingschilde zu erblicken, ohne Firma über der Thür. Ueberhaupt fiel es ihm auf, daß man gerade in der eigentlichen Stadt der Großhändler keine Firmen fand, was seiner Meinung nach den Verkehr erschweren mußte. Er konnte sich's nicht erklären, wie man jederzeit in der großen volkreichen Stadt leicht und bequem diese oder jene Firma auffinden möge. Eine weite und tiefe Diele, mit großen Quadern ausgelegt, nahm unsere Bekannten auf. Am Ende derselben sah man durch ein großes und hohes Fenster in einen allerliebsten Garten. Die Diele war äußerst sauber, das ganze Haus glänzend und rein, als werde es von unsichtbaren Händen stündlich von oben bis unten gefegt. Unfern der Hausthür bemerkte Fürchtegott eine Art Glasgehäuse, wenigstens hatte dieses sonderbare Gemach, in dem eine ältliche Frau strickend saß, Aehnlichkeit mit einem fast nur aus Fenstern bestehenden Käfige. An diese Person im »Zibürken« wandte sich Erichson mit der Frage: ob Herr Beinheim zu Hause sei? Die Alte nickte, eine langen forschenden Blick auf die jugendlich schlanke Gestalt Fürchtegott's werfend. Erichson schritt über die Diele nach hinten, wo jetzt sein Begleiter eine schwarze Tafel über einer Thür mit der Inschrift erblickte: Ammer Söhne und Compagnie . Beim Lesen dieser Worte fühlte Fürchtegott sein Herz hörbar klopfen. Der Makler klopfte stark an die Thür, und ein festes, aber kaltes Herein! antwortete. Herr Beinheim's Comptoir hatte wenig Ansprechendes. Es war klein, ziemlich hoch und so mit Pulten vollgepfropft, daß man sich zwischen denselben förmlich durchzwängen mußte. Außer dem Prinzipal fand sich im Augenblick Niemand in diesem Heiligthum. Herr Beinheim selbst saß auf einem ungepolsterten Comptoirschemel mit sehr hohen Füßen und schmaler, kurzer Lehne. Er sah ernst, fast verdrießlich aus, so daß man sich in seiner Nähe nicht eigentlich behaglich fühlen konnte. Am meisten fielen unserm jungen Freunde die 323 verschiedenen Gegenstände auf, die von der Decke herab über dem Schreibpulte Beinheims hingen. Fürchtegott sah da eine Schreibfeder, einen Bleistift, ein Stück Gummielasticum und eine Papierscheere. Jeder dieser Gegenstände lief in Rollen, so daß sie sich auf- und niederziehen ließen, je nachdem sie benutzt werden sollten. Herr Beinheim hatte diese Einrichtung für nöthig und zweckmäßig erachtet, weil er es nicht ertragen konnte, einen Gegenstand, den er selbst in Gebrauch hatte, von einem Anderen benutzt zu sehen. Dies achtete er einer Entweihung gleich, und um dies ein- für allemal zu verhindern, kettete er Alles, was ausschließlich sein Eigenthum sein und bleiben sollte, in erwähnter origineller Weise an. Höflichkeit in gewöhnlichem Sinne kannte Beinheim nicht. Das Wesen der Höflichkeit lag so ganz außerhalb seiner Natur, daß er ein ganz Anderer gewesen sein würde, hätte er sich dasselbe aneignen wollen. Einen Ersatz dafür mußte die trockene Kürze bilden, deren sich Herr Beinheim befleißigte. Ein flauer Händedruck, verbunden mit einem Winke, der die Bedeutung hatte, daß man Platz nehmen solle, war die ganze Begrüßung. Dann schloß er ein Fach seines hohen Pultes auf, nahm einen Folianten heraus, blätterte darin und legte ihn Fürchtegott vor, indem er sagte: Da ist die Bilance. Wir können mit dem Anfange zufrieden sein. Fürchtegott sah auf die Zahlen, deren Größe ihn anzog, und da er schon bei Herrn Wimmer einige Kenntnisse in der kaufmännischen Buchführung erlangt hatte, begriff er leicht, was in der vorgelegten Rechnung am wichtigsten war. Nach dem reinen Gewinn, der in dem werthvollen Buche verzeichnet stand, durfte er sich und seinem Bruder zu Wimmer's bisherigen Speculationen gratuliren. Es macht sich noch besser, mein Herr Ammer, bemerkte Beinheim, als Fürchtegott das Buch wieder bei Seite schob, wenn erst Einer der Unternehmer in Person die Verhältnisse drüben in der neuen Welt in Augenschein nimmt. Wäre gern selbst gegangen, bin aber zu alt, zu stumpf, zu bequem und auch zu starr – kann mich nicht mehr in Andere fügen. Die Jugend ist da besser am Platze. Danke es meinem alten Freunde, Lazarus Wimmer, daß er so gut gewählt hat. Nicht wahr, sie sind auch zufrieden, Herr Ammer? 324 Fürchtegott gab seine Zufriedenheit zu erkennen, obwohl der Mann, mit dem er ja doch von jetzt an in engste Verbindung treten mußte, ihm gar nicht gefiel. Das Comptoir dünkte ihm ein Gefängniß zu sein, Herr Beinheim ein Verhörrichter, dem es Vergnügen, ja Genuß bereitete, mit trockenen, harten, peinlichen Fragen einem Dritten alle Geheimnisse des Lebens abzugewinnen. Wir sind heute Vormittag schon an Bord des »guten Glückes« gewesen, sprach Erichson, und haben die Ladung einnehmen sehen. Es wollte mir aber scheinen, als sei noch viel Raum im Schiffe. Die Sendung Herrn Ammer's reicht nicht zu, das Schiff zu befrachten. Ist so und soll so sein, Herr Erichson, versetzte der Kaufmann, und über sein lederfarbenes Gesicht glitt ein kaum merkliches Lächeln. War calculirt – soll hoffentlich von gutem Nutzen sein, was ich vorhabe. Haben Sie andere Waaren außer meinen Geweben mit in die neue Welt zu versenden? warf Fürchtegott fragend ein, der im Bewußtsein seines Geldes und der Macht, die er besaß, schon dreister ward. Ein spitzer Blick aus Beinheim's kalten Augen erschreckte ihn fast, er fühlte sich jedoch sofort wieder beruhigt und sicher, da sein Compagnon hinzufügte: Denke so etwas zu thun, versteht sich, mit Ihrer Erlaubniß. Sollen davon wissen – kommen Sie! Herr Beinheim verschloß das Hauptbuch, steckte den Schlüssel zu sich, bedeckte sein spärliches Haar mit einer sehr alten, zergriffenen Lederkappe, nahm einen großen Schlüssel von der Wand neben seinem Arbeitspulte und verließ, seinen Gästen stumm winkend, das Comptoir. Durch einen langen düstern Gang geleitete sie Herr Beinheim über einen von hohen Gebäuden umgebenen Hof nach einer schmalen Pforte, die zu einem abgesonderten vierstöckigen, aus Fachwerk leicht gebauten Hause führte. Diese Pforte erschloß der Kaufmann und nöthigte seine Begleiter, einzutreten. Fürchtegott wäre lieber zurückgeblieben, denn ein unangenehmer, das Athmen erschwerender Dunst erfüllte das Innere des sehr geräumigen Gebäudes und verursachte dem Jünglinge Beängstigungen. Indeß seine Neugier war doch größer, und so entschloß er sich mit unsichern Tritten eine steile Treppe hinanzuklimmen, die in das erste Stock führte. Erichson und Beinheim folgten. 325 Oben angekommen, betraten die drei Männer einen saalartigen Raum, der durch mehrere sehr kleine Fenster nur dürftig erleuchtet ward. In diesem Raume würde es jetzt schon völlig Nacht gewesen sein, hätten nicht einige Laternen, die am Gebälk der Wände befestigt waren, ein spärliches Licht verbreitet. Der schon erwähnte seltsame Dunst war hier noch schärfer, als im unteren Raume. Zugleich bemerkte Fürchtegott wallartig aufgeschichtete dunkle Massen, die hier lagerten und durch welche sich schmale Gänge fortzogen. Er sah den Makler fragend und herausfordernd zugleich an, denn er befand sich wirklich in einiger Verlegenheit, da er durchaus nicht zu errathen vermochte, welche seltsame Stoffe Herr Beinheim, der Compagnon der Firma »Ammer Söhne u. Comp.« hier wohl aufgestapelt haben möchte. Beinheim, der den Jüngling nicht aus den Augen ließ, errieth seine Gedanken, darum zeigte er mit einem gewissen Stolz auf die hoch geschichteten unklaren Massen und sagte zuversichtlich: Das ist Gold, pures Gold! Wird Ihnen dereinst gar wohl gefallen, mein bester Herr Ammer! Erichson nickte beifällig mit dem Kopfe und rieb sich vergnügt lächelnd die Hände, indem er sagte: Ich verstehe, werther Herr Bruder, verstehe. Aber ich muß bewundernd bekennen, daß Sie doch eigentlich spitzbübisch klug sind! Bei näherer Besichtigung der in den weiten Räumen aufgehäuften Gegenstände glaubte Fürchtegott theils unregelmäßig geformte Stücke Tuch der verschiedensten Farben darin zu erkennen. Vom tiefsten Schwarz bis zum brennendsten Roth mit allen dazwischen liegenden Mitteltinten, gestreifte und carrirte, geschmackvolle und geschmacklose Muster: es war in dieser ungeheuern Niederlage von Millionen großer und kleiner Fetzen für jedes Bedürfniß gesorgt. Der junge Ammer, durch die außerordentliche Menge neugierig gemacht, schritt die schmalen Zwischenräume auf und ab, und erlaubte sich, hin und wieder einen Packen zu befühlen und genauer zu betrachten. Es waren zweifellos Stückchen Tuch, einige ganz und sauber gehalten, andere mehr oder weniger gebraucht. Mit großer Accuratesse aber hatte eine ordnungsliebende Hand die verschiedenartigsten Muster von einander geschieden, und nur Zusammenpassendes in ein 326 Paquet oder Bündel geschnürt, so daß trotz des eigentlich widerwärtigen Stoffes das so geordnete doch immer in gewissem Sinne als verkäufliche Waare gelten konnte, falls sich überhaupt für derartige Abfälle irgendwo Käufer fanden. Beinheim ergötzte sich offenbar an dem Staunen, das sich in Fürchtegott Ammer's Mienen spiegelte. Mit Nachdruck bedeutete er seinem Compagnon wiederholt, daß Alles, was hier lagere, und womit der Speicher bis zum obersten Bodenraum vollgepfropft sei, nur aus verbrauchten Dingen, aus dicken und dünnen, feinen und groben Tuchlappen bestehe. Und das nennen Sie Gold, Herr Beinheim? fragte Fürchtegott, ungläubig die Nase rümpfend, als er den Raum durchschritten hatte und bei einer Gruppe Arbeiter stehen blieb, die beschäftigt waren, das Material zu sichten und Zusammengehöriges übereinander zu schichten. So nenn' ich es, bekräftigte der Kaufmann, und wollen Sie Zeuge sein, wie man aus Lappen und Lumpen, die bei uns in Europa fast werthlos und deßhalb billig zu haben sind, in der neuen Welt Gold macht, gedenke ich den noch frei gebliebenen Raum Ihres Schoners mit diesen Packen vollzustopfen. Es hat nichts zu sagen, wenn sie auch während der Ueberfahrt leiden sollten. Meine Handelsfreunde in Amerika sind nicht penible. Fürchtegott hörte stirnrunzelnd zu. Er war nahe daran, zu glauben, der alte kluge Kaufherr wolle sich über ihn lustig machen und seiner Unerfahrenheit etwas aufbinden. Der überaus pfiffige, dabei kalt überlegene Ausdruck seines listigen Gesichtes bestärkte ihn noch darin. Sah er dann aber wieder auf Erichson und dessen ernste, befriedigte Mienen, so ward er in seinen Vermuthungen wieder schwankend. Ich fürchte nur, Herr Beinheim, versetzte der junge Ammer etwas zögernd, der Geruch dieser alten Sachen kann sich dem frischen Linnen mittheilen und es dadurch verderben. Mein Vater würde sehr scheel dazu sehen und wahrscheinlich nach einer solchen Erfahrung keinen Faden mehr nach Amerika schicken. Was geht mich und uns Ihr Herr Vater an! versetzte Beinheim stolz. Sind Sie nicht selbstständig, und machen wir nicht von heute an durch unseres gemeinsamen Freundes, Herrn Lazarus Wimmer's 327 Vermittelung, Geschäfte auf eigene Hand? Will der Herr Vater später sein Eigenthum nicht mehr auf den Schiffen der Herren Söhne versenden, nun gut, so mag er sie im Lande an Bauer und Bürger auf Jahrmärkten und durch Landkrämer verhandeln lassen. Den Gebrüdern Ammer wird es nicht an Händen fehlen, um Waaren in Menge herzustellen. Uebrigens kann ich Ihnen, mein werther Freund und Compagnon, die Versicherung geben, daß Ihre Befürchtungen unnütz und grundlos sind. Diese Worte beruhigten Fürchtegott, weil sie seiner Eitelkeit schmeichelten. Er fühlte sich dem erfahrenen Kaufherrn gleich und ebenbürtig, und Recht mußte er ihm geben, wenn er bedachte, daß all' sein zukünftiges Handeln ja ganz und gar unabhängig sei von des Vaters möglichen Bedenken und Einsprüchen. Es wäre mir dennoch angenehm, Herr Beinheim, sagte er, wenn Sie mich gefälligst etwas tiefer in den Geschäftsgang einweihen und über die Wege belehren wollten, die Sie einzuschlagen gedenken, um – Sie verzeihen das Wort – aus Lumpen und Lappen Gold zu machen. Brav gesprochen! versetzte Beinheim. Ich sehe schon, Herr Wimmer hat nicht zu viel Gutes von Ihnen gesagt. Kehren wir zurück in's Haus. Der Thee wird schon auf uns warten. Da sollen Sie denn erfahren, wie ein Kaufmann speculiren muß, um es zu etwas zu bringen. Schweigend verließen die drei Männer den dunkeln Speicher. Im Vorderhause nahm sie ein gemüthlich ausgeschmücktes Wohnzimmer auf, dessen Fenster der Straße zugekehrt waren. Hier brannte bereits Licht, der Tisch war gedeckt, der Kessel sang; kurz, es war eine Räumlichkeit, in der man nur gern verweilen mochte. Nachdem die Haushälterin still den Thee bereitet hatte, entfernte sie sich. Fürchtegott wagte, seine Frage zu wiederholen, und Beinheim, im gewöhnlichen Geschäftsverkehr kurz, streng, ja bisweilen fast grob, gab dem verwundernd zuhörenden jungen Ammer folgende Aufschlüsse: Amerika, mein Freund, ist ein Land, in dem es nur zweierlei Menschen gibt, nämlich sehr kluge, civilisirte, und ganz dumme, uncivilisirte. Zu der ersten Sorte gehören alle Weißen, Eingeborene wie Eingewanderte, zu der letzten die sogenannten Urbewohner des 328 unermeßlichen Continents, d. h. die verschiedenen Indianerstämme, die sich gegenseitig aus blinder Eifersucht skalpiren und auffressen, und das dumme Negervolk, das die speculativen Europäer verteufelt witzig »Ebenholz« nennen und ein brillantes Geschäft durch klugen Verkauf dieser stockdummen schwarzen Simpel machen. Freilich schimpfen die Humanitätsschwärmer und Philanthropen diese Ebenholzhändler Seelenverkäufer und wollen sie damit zu großen Sündern stempeln; aber, mein Gott, was sollte denn aus der Welt, aus Handel und Wandel werden, wenn man erst bei diesen Schwindelköpfen anfragen wollte, ob es wohl erlaubt, moralisch und was weiß ich sonst noch sei, diesen oder jenen eben begehrten Artikel zu einem Handelsartikel zu machen! Erichson mußte herzlich lachen, indem er behaglich den köstlich duftenden Thee schlürfte. Ich sag's ja, warf er dazwischen, Sie sind spitzbübisch klug, Freund Beinheim. Ich halte mich gar nicht für besonders klug, mein sehr werther Freund Erichson, erwiderte Ammer's Compagnon, aber ich glaube durch langjährige Erfahrung einige kaufmännische Praxis gewonnen zu haben. Und diese ist für mich maßgebend bei jedem Geschäft, das ich abschließe, bei jedem Unternehmen, das ich wage. Der Makler nickte beifällig mit dem Kopfe und Beinheim fuhr fort: Indianer und Neger kennen weder den Werth des Geldes noch den Werth der Waaren. Sie schätzen Alles nach dem Wohlgefallen ab, das es beim Anblick ihren dummen Augen gewährt, weil sie nicht rechnen, nicht calculiren gelernt haben. Darum halten sie häufig, ja sogar gewöhnlich werthlose Dinge für äußerst werthvoll, während die kostbarsten Gegenstände ihnen kaum beachtenswerth dünken. Wenn nun ein verständiger, richtig urtheilender, mit europäischer Bildung gesegneter Mann die Dummheit dieser Halbmenschen benutzt, indem er ihnen gibt, mit vollen Händen gibt, was sie wünschen, und dafür entgegennimmt, was sie mit aller Gewalt los sein wollen, kann in solchem Handeln wohl irgend ein billig denkender Christenmensch etwas Widerrechtliches oder gar Unmoralisches und Schlechtes entdecken? Handel und Wandel kennen keine Freundschaft, sagte der Makler, mithin ist jeder Handeltreibende berechtigt, vor Allem zuerst seinen Vortheil im Auge zu behalten. 329 Das mein' ich auch, fuhr Beinheim fort, sich wieder an seinen jungen, mit größter Spannung zuhörenden Compagnon wendend. Sie haben sicherlich schon früher gehört, daß die Wilden Alles, was blinkert, blitzt und glänzt, ungemein lieben; weßhalb denn auch alle Naturforscher, die sich in unbekannte Länder, unter uncivilisirte Nationen oder Volksstämme wagen, mit dergleichen Dingen sich versehen, um die Wilden damit zu beschenken und sie sich auf solche Weise zu Freunden zu machen. Glasperlen, unächte Corallen, gegossene und geschliffene Zierrathen von Zinn, Federn, buntes Wollenzeug und ähnliche Dinge haben für alle Wilden den größten Werth. Sie behängen sich damit auf die lächerlichste Weise und sind am stolzesten, wenn sie am abgeschmacktesten sich aufgeputzt haben. Nun erlaube ich mir zu erwähnen, mein junger Freund, daß unsere Missionäre vor einiger Zeit in ihren Berichten über den Fortschritt des Christenthums unter den Heiden in Südamerika die Bemerkung mit einfließen ließen, daß es schwer halte, diesen wunderlichen Naturkindern die Lehre von der Liebe in's Herz zu pflanzen, wenn man sie nicht zugleich mit etwas beschenke, das ihnen gefalle. Man habe die Erfahrung gemacht, daß Indianer und Neger sich leicht bekehren und taufen ließen, wenn man ihnen irgend ein Kleidungsstück oder auch nur ein Fragment eines solchen gebe, in das sie sich – versteht sich nach ihrem eigenen Geschmacke – hüllen könnten. Wilde, die man auf solche Art dem Christenthume zuführe, seien stets dankbar, wünschten immer mehr ihren Augen gefällige Gegenstände zu besitzen und händigten dafür Jedem, der ihnen solche Dinge liefere, unaufgefordert kostbare Edelsteine, Gold, Silber und andere werthvolle Sachen ein, ja drängten ihnen dieselben sogar auf. Als ich dies las, leuchtete es mir sogleich ein, daß sich diese der indianischen Natur innewohnende Eigenthümlichkeit vortheilhaft für den europäischen Handel müsse ausbeuten lassen. Ich machte also einen kleinen Versuch mit bunten, recht in die Augen fallenden Tuchen, die ich im Ganzen kaufte, zu Röcken und Schürzen verarbeiten ließ und hinüber schickte. Der Gewinn dafür war ein fabelhafter. Perlen und Goldstaub, Edelsteine aller Art gab das dumme Volk für ein brennendrothes Stück Tuch, das nur einige Groschen werth war. Das Geschäft, schrieb mir ein Holländer von drüben, würde sich noch viel brillanter gestaltet haben, wären die Fetzen recht buntfarbig gewesen! 330 – Darauf hin habe ich nun weiter calculirt und Alles, was ich an bunten, viel- und einfarbigen Tuchstücken auftreiben konnte, an mich gekauft, um es nach und nach zu verschiffen und mir es von den dummen amerikanischen Wilden mit Gold aufwiegen zu lassen. Wie groß oder wie klein das Stück sei, darauf kommt es diesen getauften Kannibalen wenig an. Je bunter der Rock, desto mehr ist er ihnen werth. Wir fordern nicht, wir tauschen nur, und wir können mit Zuversicht darauf rechnen, daß bei diesem merkwürdigen Tauschhandel das Hundertfache, bisweilen sogar noch mehr verdient wird. Jetzt, lieber Herr Ammer, denke ich, wird meine Liebhaberei für allerdings etwas unangenehm riechende alte Stücke Tuch Ihnen wie Weihrauch und Myrrhen die Nase kitzeln, und Sie werden schwerlich diese so kostbare Fracht nicht in Ihr Schiff nehmen. Fürchtegott besaß genug praktischen Tact, um zu begreifen, daß eine derartige Speculation, die sich auf die Unkenntniß und die spielerischen Neigungen eines Naturvolkes basirte, überaus gewinnbringend sein müsse. Er war ferner hinlänglich von kaufmännischem Geist durchdrungen, um einen sich darbietenden Vortheil nicht aus der Hand zu geben, weil sich vielleicht einige Skrupel dagegen vom streng moralischen Standpunkte aus erheben ließen. Der Werth jeglicher Sache ist ja stets illusorisch, ändert sich je nach Umständen und Bedürfnissen und ist deßhalb völlig unberechenbar. Fürchtegott billigte daher die Handlungsweise Beinheim's vollkommen. Begehrten die ungebildeten Indianer Amerika's Stoffe, die sich in Europa massenhaft vorfanden, waren sie über die Farben derselben entzückt, und tauschten sie diese ein für Gegenstände, welche den Europäern mangelten und gerade deßhalb bei diesen hoch im Preise standen; so wäre es mehr als thöricht gewesen, einen solchen Tauschhandel von der Hand weisen zu wollen. Muß doch ohnehin der Kaufmann oft genug ungeheure Summen auf's Spiel setzen, um im glücklichen Falle Großes zu gewinnen. Er gab deßhalb Herrn Beinheim seine volle Zustimmung und ersuchte ihn, von den erwähnten Stoffen so viel als immer möglich an Bord des »guten Glückes« bringen zu lassen. Wohl; ich bin ungeheuer praktisch, erwiderte der Compagnon, und da ich mit Vergnügen bemerke, daß Sie ebenfalls Sinn dafür haben, werden wir gute Geschäfte zusammen machen. 331 Erichson hatte schon einigemale nach der Uhr gesehen. Er hatte seiner sehr pünktlichen Gattin das Versprechen geben müssen, nach acht Uhr mit dem jungen Ammer wieder zu Hause sein zu wollen. Dies Versprechen zu halten, daran war ihm viel gelegen; denn obwohl der Makler in allen rein geschäftlichen Angelegenheiten vollkommen Herr seines Willens war und nie eine Einmischung seiner wackern Frau zu fürchten hatte, erfreute er sich doch einer gleich großen Unabhängigkeit nicht in Hinsicht der häuslichen Ordnung. Hier schaltete Madame Erichson vollkommen unbeschränkt. Namentlich hielt sie mit unerbittlicher Strenge auf das Heimkommen des Maklers zu einer bestimmten Stunde. Erlaubte sich Erichson diese Zeit dann und wann zu überschreiten, so konnte Madame Erichson aufhören liebenswürdig und zärtlich zu sein. Das Gerücht wollte sogar wissen, daß in solchen Fällen die Gardinenpredigten stundenlang gedauert hatten, und mit einer Vernehmbarkeit gehalten worden waren, an der sich mehr als ein Nachbar mit erbauen konnte. Da Erichson aus Erfahrung wußte, daß seine Gattin, einmal gereizt, keine Rücksicht vor Fremden nahm, so war ihm begreiflicher Weise sehr viel daran gelegen, Fürchtegott Ammer diesen Genuß nicht zu Theil werden zu lassen. Herr Beinheim war einigermaßen eingeweiht in die häuslichen Freuden seines Geschäftsfreundes; er hielt ihn deßhalb nicht länger auf, sondern drängte vielmehr selbst zum Aufbruche, indem er mit eigenthümlichem Lächeln zu Fürchtegott sagte: Sie müssen wissen, Herr Ammer, Madame Erichson, meines lieben Freundes verehrte Frau Gemahlin, ist ganz ungeheuer praktisch! – Guten Abend, guten Abend! Auf Wiedersehen morgen an der Börse! – Als Fürchtegott ziemlich spät und von der lebhaften Unterhaltung seiner Gönnerin während des Abendessens nicht wenig ermüdet, sich auf seinem Zimmer fand, fühlte er sich in einer bisher nie gekannten Stimmung. Dieser erste Tag in der großen Welt hatte ihm ganz neue Gesichtskreise eröffnet. Er war um eine Menge Erfahrungen reicher geworden, denn jeder Schritt, den er that, enthielt für ihn eine Belehrung. Diesem ungeheuern, unübersehbaren Reichthum eines Lebens gegenüber, das für die Zukunft arbeitete, erschien ihm seine Vergangenheit so farblos, daß er mit Widerwillen daran dachte. Dies ewige, tonlose Einerlei stieg jetzt in der Erinnerung vor ihm auf, wie ein 332 grauer, kalter Nebel. Keine Macht der Erde würde ihn vermocht haben, wieder zurückzukehren in jene alten Verhältnisse. Armer Vater! bedauernswerthe Mutter! rief er aus, noch einen Blick auf den Binnenhafen werfend, dessen Wasserstreifen der Mond mit flimmerndem Silber bestreute. Wie herrlich, wie freudenvoll könntet ihr leben, wüßtet ihr nur erst, was leben heißt! – Aber Vater will es ja nicht wissen! Vater befindet sich ja am wohlsten in seinen beschränkten Verhältnissen. Darum auch paßten wir nicht zu einander, und es war gut, daß ich die Ketten brach und als selbsteigener Mann meinen Neigungen folgte und dem Rufe, welcher durch des Grafen und Wimmer's Stimme an mich erging. Mit diesen und ähnlichen Gedanken beschäftigt, entschlief unser Freund, um von bunten Träumen umgaukelt, bald als armer Weberbursche den Karren zu schieben, bald in unbekannten Gegenden, in ferner Welt, umgeben von wunderbaren Pflanzen und seltsamen Thiergestalten, die ganze Nacht ein vielbewegtes Leben zu führen. Die wenigen Tage seines Aufenthalts in Hamburg benutzte Fürchtegott theils zu kleinen Ausflügen in die reizende Umgegend der opulenten Handelsstadt, wobei Madame Erichson seine treueste Begleiterin und ein unermüdlich sprechender Cicerone war, theils zur Besichtigung der Stadt, die so viel Merkwürdiges darbot. Er vergaß darüber jedoch nicht, sich auf die bevorstehende Reise vorzubereiten, sich möglich genau mit dem Geschäft bekannt zu machen, wobei Herr Beinheim, der »ungeheuer praktische« Mann, ihm nach Kräften behilflich war, weßhalb denn auch Fürchtegott täglich einige Stunden auf dem entsetzlich engen Comptoir des trockenen und strengen Mannes arbeitete und dabei mehrfach Gelegenheit hatte, die seltsamen Eigenheiten desselben kennen zu lernen. Inzwischen hatte das »gute Glück« seine volle Ladung eingenommen, das Schiff ward klar gemacht, und Fürchtegott mußte an Bord gehen. Madame Erichson ließ es sich nicht nehmen, ihren Schützling dahin zu begleiten. Es war der trefflichen Dame durch ihre Ausdauer gelungen, dem gelehrigen Jünglinge die allernöthigste Kenntniß des Plattdeutschen beizubringen, so daß Ammer in den letzten Tagen seines Aufenthaltes wirklich das Wagniß unternahm, mit der Gattin seines gastlichen Wirthes einzelne plattdeutsche Redensarten zu wechseln, worüber sich dieselbe über alle Maßen freute. Fürchtegott mußte 333 ihr wiederholt das Versprechen geben, von Amerika an sie zu schreiben. Sie erinnerte ihn nochmals daran an Bord des »guten Glückes«. Erst als schon der Anker aufgewunden war, und bereits die Segel entfaltet wurden, trennte sie sich von dem lieben jungen Menschen, eine Thräne der Rührung zwischen den Wimpern zerdrückend. Das »gute Glück« aber, auf dessen Hinterdeck, nahe dem Steuerrade, Fürchtegott Ammer stand, über das Geländer gebeugt, in den Strom, auf den Mastenwald des Hafens und auf die Häusermassen der geräuschvollen Stadt hinabblickend, glitt mit schwellenden Segeln stromabwärts und war schon nach einer halben Stunde den Blicken des Maklers und seiner Frau entschwunden, die auf leichtem Boote jetzt durch den Hafen zurück nach dem Baumhause fuhren. Viertes Kapitel. Ein Freundes-Besuch. Es war wieder Mai. Blüthenschnee bedeckte die Obstbäume des Dorfes, in dessen Häusern hundert arbeitsame Hände hinter den Webestühlen sich regten. Im Garten des jungen Seltner saß, von der Sonne beschienen, die schräge Strahlen über die Waldhöhen herabsandte, Flora in heller Kleidung. Die junge Frau sah nicht mehr so blühend und freudenvoll aus, wie früher. Sie war etwas bleicher geworden und um den frischen vollen Mund legte sich bisweilen ein Schmerzenszug. Jetzt aber lächelte sie, so froh, so selig, wie nur eine junge Mutter lächeln kann, die ein liebliches Kind auf ihren Knieen wiegt. Ein blühender, von Gesundheit strotzender, rundwangiger Knabe, der etwa zwei Monate alt sein mochte, lag auf Flora's Schooße und langte mit den kleinen, vollen Händchen nach den Bandenden, die von dem Häubchen der glücklichen Mutter herabhingen und im warmen Winde über das Gesicht des Kleinen hin- und herflatterten. Das Kind folgte mit großen, verwunderten Augen dem 334 Spiel der Bänder und strampelte heftig mit den Füßchen, wenn sie seinen Händchen bei einer Seitenbewegung der Mutter entschwanden. Ein Ruf Albrecht's machte Flora aufhorchen. Wünschest du etwas? sagte die junge Frau, ihren sonnigen Sitz auf dem grünen Rasenplatze verlassend und mit dem lächelnden Knaben dem Fenster zuschreitend, durch dessen geöffnete Scheiben der kräftige Vater stolz und heiter auf sein junges Weib sah. Die Mutter winkte, erwiderte Seltner. Der Pathe des Kleinen ist gekommen, wenn ich recht gehört habe. Er wird nur ein paar Stunden bleiben, denn er kommt aus dem Königreiche und will noch vor Nacht wieder daheim sein. Mach' dich also parat, Herzensfrau, putze den Jungen hübsch heraus und laß uns hinübergehen zu den Eltern. Der Pathe hat ja den herzigen, kleinen Bengel seit dem Tauftage nicht mehr gesehen. Der wird keine schlechten Augen machen, wenn er sieht, wie prächtig der Junge zugenommen hat in den paar Wochen. Flora pflegte sich nicht zu putzen. Ihre Kleidung war stets rein und sauber, deßhalb genügten bei ihr nur wenige Minuten, um auch im gewöhnlichsten Hauskleide sich vor Fremden sehen zu lassen. Dem kleinen Otto ward ein frisches, mit Rosaband verziertes Häubchen aufgesetzt, dann nahm ihn Flora auf den Arm und schritt an Albrecht's Seite über die Straße nach der Wohnung der Eltern. Schon als sie aus der Thür traten, gewahrten sie den Vater mit Otto's Pathen auf der Bank vor dem Hause sitzen. Ammer's starkes Haar war in den letzten Monaten ganz weiß geworden, was dem stattlichen Manne ein ungemein ehrwürdiges Ansehen gab; sonst konnte man dem rüstigen Weber das Alter nicht anmerken. Sein Auge blickte hell und fest in die Welt, die Hand zitterte nicht, seine Stimme klang laut, wie sonst, und wenn er sprach, lag Kern in dem, was er sagte. Seine Gesichtszüge aber glichen einem Acker, den die Sorge gepflügt und den der Kummer mit Saamen bestreut hat. Ammer rauchte seine Meerschaumpfeife und hörte aufmerksam einer Auseinandersetzung seines Freundes, des Kaufmann Mirus zu, der seinen ersten Enkel aus der Taufe gehoben hatte. Ich weiß davon noch nichts, mein werther Herr Gevatter, sagte er, als Mirus seine Rede beendigte, denn gesprochen habe ich seit der Zeit den Herrnhuter nicht mehr. Ich konnt' es nicht über mich 335 gewinnen, obwohl es mir vielleicht besser gewesen wäre und wohl auch christlicher; allein der Kummer fraß mir zu scharf am Herzen, so daß ich viel mit mir zu kämpfen hatte, um nicht ungerecht zu werden gegen Unschuldige. So haben Sie also gar keine Nachricht? Ich persönlich nicht, meine Firma in Hamburg dagegen ist, wie ich unter der Hand erfuhr, ganz gut unterrichtet. Hat er Ihnen geschrieben? Ja, von Liverpool das erste Mal, von den canarischen Inseln das zweite Mal. Und kindlich, nicht wahr? Ammer lächelte sehr sonderbar. O ja, erwiderte er. Die Worte klangen soweit ganz freundlich, und waren recht nett gestellt, aber der Hochmuthsteufel guckte doch aus jedem Buchstaben heraus, und daß die heutige Jugend zehnmal klüger sei, als wir Alten, die wir den siebenjährigen Krieg mit erlebt haben, das konnte ein Blinder zwischen den Zeilen lesen. Wann erwarten Sie ihn zurück? Kann's nicht sagen, Herr Gevatter, ist mir auch offen gestanden gar nicht viel daran gelegen. Meine Kinder sind jetztund alle mündig. Ich habe mich in's Unvermeidliche gefunden, ob auch unter Zürnen und Zagen, und so kann und will ich weiter nicht mehr in ihr Thun und Treiben hineinreden. Meine Sache, werther Herr Mirus, bleibt gesondert von dem Geschäft, das unter der Firma Ammer Söhne und Comp. geführt wird. Der alte Ammer im Rohr »wirkt«, wie wir Weber vom alten Schlage insgemein zu sagen pflegen, und können die Ammer Söhne etwas gebrauchen von meiner Arbeit, nun, so wird's der Alte liefern, so gut er kann. Herr, ich muß Ihr sagen, versetzte Mirus, ich billige das, wenn ich auch vielleicht die Sache selbst anders beurtheile, als Sie. Allem Vermuthen nach lucrirt die erwähnte Firma, wird groß und verdrängt wohl gar manche jetzt ganz geachtete durch ihren Glanz und ihr Glück. Glück aber trägt nur dann bleibende Früchte, wenn es beständig ist. Darum billige ich die Separation. Mein Aeltester, nahm wieder Ammer das Wort, hat die Oberleitung der Fabriken in Weltenburg übernommen, wie Sie wissen. 336 Christlieb interessirt sich dafür: er hat Geschick dazu, ist fleißig und sehr aufmerksam, und so habe ich gedacht, es könnte sich möglicherweise mit der Fabrik erhalten lassen, was unter Umständen bei dem Handel über's Weltmeer verloren gehen dürfte. Das ist nur so eine Weberansicht, mein Herr Mirus, dennoch, mein' ich, hat sie Hand und Fuß, und man kann im Nothfall darauf bauen, was sich beim Wasser nicht jederzeit thun läßt. Ganz meine Ansicht, versetzte Mirus. Nun möcht' ich aber gerne wissen und, falls Sie davon einige Kenntniß haben, von Ihnen erfahren, in welcher Verbindung Graf Alban, der Gönner Ihres Sohnes, mit dem ränkesüchtigen Advocaten Block steht. Der Einäugige ist bekanntlich mein specieller Feind, und wenn er mir irgendwo schaden kann, so glaub' ich, thut er's mit vielem Vergnügen; allein ich habe Grund zu vermuthen, daß er es auch mit andern Menschen nicht gut und redlich meint, selbst wenn er ihnen scheinbar redlich dient. Kennen Sie den Grafen Alban? Nicht eben genau. Es ist mir aufgefallen, ihn während der letzten Wochen wiederholt mit dem Advocaten ausfahren und conferiren zu sehen. Ich glaube, die beiden Herren sind auch in Weltenburg gewesen. Ist mir nicht bewußt, obwohl es gern sein kann, erwiderte Ammer. Ich selber habe die dortigen Arbeiten seit Ende Februar nicht mehr besichtigt, und Christlieb, der ja schon lange dort lebt, hat in seinen Briefen eines solchen Besuches nicht erwähnt. Vermuthen Sie, daß Block Intriguen spinnt? Herr, ich muß Ihr sagen, es ist schwer, darüber in's Klare zu kommen. Ich traue dem Manne nicht, und darum sehe ich vielleicht schwärzer, als es nöthig wäre. Was mir jetzt Bedenken erregt, ist, daß Block zu Vielen dient und unter diesen Vielen auch entschiedenen Gegnern. Herr Wimmer correspondirt ebenfalls mit ihm. Wozu hätte Wimmer den Block nöthig! sagte Ammer. Der sanftmüthige Bruder ist ja so überaus glücklich gewesen, niemals einen Proceß führen zu müssen. Gerade deßhalb hat sein Verkehr mit Block eine tiefere Bedeutung, fiel Mirus ein. Ich hielt es für Freundespflicht, Ihnen diese Mittheilung zu machen, damit Sie vorsichtig sind. Läßt man sich nicht 337 überraschen, so bleibt man stets Herr der Situation. Aber still – da kommt die junge Frau mit meinem Pathen. Mirus stand auf und ging der glücklich lächelnden Flora, die an der andern Seite des Hauses bis jetzt mit ihrer Mutter gesprochen hatte, gar freundlich entgegen. Wer den ernsten Kaufmann nur von seinem Comptoir her kannte, der mußte sich wundern über die Freundlichkeit, ja Liebenswürdigkeit, die er jetzt der jungen Mutter gegenüber entfaltete. Man sah ihm die Freude über das Gedeihen seines kleinen Pathen an, den er jetzt von Flora's Arm nahm und ihn tänzeln ließ. Dem Kleinen schien das Schweben in der warmen, weichen Mailuft gar wohl zu behagen, denn er arbeitete mit Händen und Füßchen und ein glückliches Lächeln wollte sich auf dem noch unausgebildeten Gesichtchen entwickeln. Als Mirus das Kind Flora zurückgab, sprach er: Herr, ich muß Ihr sagen, das ist ein Capitaljunge und damit er's bleibe und es in doppelter Beziehung werde, bitte ich, bewahren Sie ihm das da auf von seinem alternden Pathen, der wohl eines Morgens nicht wieder aufsteht, wenn es so fortgeht mit Sorgen und Kümmernissen aller Art. Bei diesen Worten überreichte er der jungen Mutter ein Etui, das ein sehr werthvolles goldenes Besteck für den kleinen Otto enthielt. Flora erschrak, als sie es öffnete, über die Größe des Geschenkes und ward dadurch in einige Verlegenheit gesetzt, der Kleine aber griff begierig nach dem blitzenden Metall, das im Strahl der Sonne prächtig funkelte. Ha, ha, sagte Mirus erfreut, der Handbewegung seines Pathen folgend, der Junge wird frühzeitig klug werden. Er hat's schon jetzt weg, was auf Erden am meisten gilt, und greift danach, damit er es fassen und halten lerne. Nun, Gott segne dich, mein Kind! Schaden kann's nicht, wenn du ein klein wenig nach deinem Pathen geräthst, denn – und dabei ergriff er das Händchen des Kleinen und spielte mit ihm – Herr, ich muß Ihr sagen, es ist nicht Alles schlimm, was unter diesem fahlen Rocke sich verbirgt! Jetzt fing das Kind an zu weinen, vielleicht, weil es über den harten und lauten Ton erschrak, womit Mirus diese letzten Worte gesprochen hatte. Flora entfernte sich deßhalb mit Otto und ging in's Haus, wo die Mutter in gewohnter Weise geschäftig war. Seltner 338 setzte sich neben Ammer auf die Bank, nachdem er mit kräftigem Händedruck dem reichen Handelsherrn für das seinem Knäbchen so eben gegebene Geschenk gedankt hatte. Wie steht das Wiener Geschäft? fragte jetzt Mirus, auf der andern Seite des Webers Platz nehmend. Was ich im Königreiche davon hörte, verspricht Gutes. Sie brauchen viel da unten an der Donau, besonders in bunten Zeugen, und wer's versteht und in Leipzig einen zuverlässigen Freund hat, der kann dort einen mächtigen Griff thun. Ewig Schade, daß jene gesegneten Landstriche deutscher Cultur und Industrie nicht zugänglich sind! Herr, ich muß Ihr sagen, wäre die Donau ein deutscher Strom bis in's schwarze Meer, ich glaube fast, Herr Ammer, in Konstantinopel errichtete ich selber eine Commandite! Der alte Weber lächelte. 's ist doch eine grausam wunderliche Zeit, sagte er nach kurzem Bedenken, während er aus dem sehr verbrauchten ledernen Tabaksbeutel seinen Meerschaumkopf wieder füllte. Jung und Alt sinnt Tag und Nacht darauf, wie's mehr an sich reißen, größern Einfluß gewinnen, allerwärts gebietend werden will. Ich glaube, der Bonaparte hat die ganze Welt aus ihrer alten, stillen, zufriedenen Lage gebracht! Ach ja, der Bonaparte! Nun, nun, nur abwarten! Wird auch noch klein beigeben, wenn's letzte Pulver von der Pfanne blitzt! Sie haben doch die Verbindung mit Wien nicht aufgegeben? fragte Mirus mit einiger Besorgniß. Habe es nicht, möchte es aber wohl, mein werther Herr Gevatter, erwiderte Ammer. Seit mir der Versucher mit brennendem Finger die Stirn berührte vor Jahr und Tag, also daß ich aus eitel sündigem Drange in wahrer Herzensangst mich bestimmen ließ, dem Zufall die Hand zu reichen, der da oft die Armuth bestiehlt und den Reichen als falscher Freund noch mehr bereichert: seitdem komme ich nicht mehr los von Wien! 's ist mein Verhängniß, das ich, wie manches Andere, tragen muß. Herr, ich muß Ihr sagen, das verstehe ich nicht. Und doch ist nichts einfacher, Herr Mirus, fiel Albrecht ein. Der Vater setzte vor Jahr und Tag ins Lotto und gewann eine Quinterne. 339 Ach ja, unterbrach ihn der Kaufmann. Weiß noch, was es für Spectakel gab in der Stadt, als es ruchbar ward; weiß auch, daß der Ertrag jener Quinterne mich um den Besitz Weltenburgs gebracht hat. Was Sie nicht zu bereuen brauchen, fiel Albrecht ein. Weltenburg ist in die rechte Hände gekommen, denn es gibt vielen Hunderten Arbeit und Brod, seit mein Schwiegervater die Fabriken angelegt hat, denen mein Schwager Christlieb mit so viel Einsicht vorsteht. Doch um kurz zu sein, mögen Sie wissen, daß seit jenem glücklichen Treffer Herr Zobelmeier, der mit farbigen Stoffen, wie sie bei uns gemacht werden, nach der Levante einträgliche Handelsgeschäfte treibt, kein Vierteljahr vorübergehen läßt, ohne uns zu besuchen und mit neuen Aufträgen zu beehren, denen wir uns denn nicht entziehen können. Genau so ist's, mein Herr Mirus, bekräftigte Ammer, und eben weil es so ist, bin ich ein gebundener Mann, der sich nicht mehr frei rühren kann, wie vordem, als ich mich weder um den levantinischen noch den amerikanischen Handel kümmerte. Thut nichts, Herr Ammer, bemerkte Mirus. In geschäftlichen Dingen muß Jeder dem Zeitgeiste Opfer bringen, sonst wird er überflügelt. Habe nichts dagegen, versetzte Ammer, dennoch wäre es mehr nach meinem Sinne, wenn man die Sache stiller betriebe. Was mir nicht gefällt, mein Herr Mirus, sehen Sie, das ist das Nebengeschäft des allezeit lustigen Zobelmeier. Mirus blickte den Weber fragend an, da er nicht wußte, welches Nebengeschäft gemeint sei. Ist doch keine Gefahr dabei, sagte Albrecht beruhigend, und zu Mirus gewendet, fuhr er fort: Der Vater hat nun einmal eine Antipathie gegen das Lottospiel, und weil Herr Zobelmeier regelmäßig nicht eher wieder geht, bis man ein paar Nummern besetzt hat, darum mag der Vater nicht gern mit ihm verkehren. Die letzten Nummern zog Ihr Pathe. Mirus schwieg, sah gerade vor sich hin und zeichnete mit seinem Stocke Figuren in den Sand. Hinter den Waldhöhen ging die Sonne in Gold, weithin den Kranz der Gebirgskette mit den davor liegenden Flecken, Dörfern, Meierhöfen, Schlössern und Kirchen hell bestrahlend. Es war ein entzückender Anblick, da man bei der durchsichtig klaren 340 Luft stundenweit jeden Gegenstand genau erkennen konnte und das Sonnenfeuer in der Ferne auf dunklem Baumgrunde oder an Felsenkanten und Platten fortfluthend, sich in goldviolette, glänzende Schatten auflöste. Haben Sie nie im Lotto gespielt? fragte Albrecht. Es kostet wenig und ist eigentlich recht bequem. Herr, ich muß Ihr sagen, versetzte Mirus, seine Zeichnenkunst im Sande einstellend, was das Spiel anbelangt, war ich von jeher ganz gleicher Ansicht mit meinem Freunde Ammer; vor dem Lotto aber hat man sich jetzt in Sonderheit in Acht zu nehmen. Man kann dabei in Schaden kommen. Wie das? fragte Albrecht. Mirus stand auf und reichte dem Weber die Hand. Davon ein andermal, sagte er kurz. Es wird Zeit, daß ich aufbreche. Adieu, mein werther Freund! Das Wiener Geschäft, möcht' ich bitten, recht munter fortzusetzen. Es gibt eine Stütze für die Zukunft; den Zobelmeier als Lotterie-Collecteur lassen Sie aber doch das nächste Mal recht tüchtig ablaufen. Ich mein's gut und – Herr, ich muß Ihr sagen – sollte mich schier schwer verdrießen, wenn Sie Ungelegenheiten davon haben sollten. Obwohl Ammer, gerade durch diese Bemerkungen des vorsichtigen Kaufmannes beunruhigt, mit raschen Fragen in ihn drang, weigerte sich Mirus doch, jede nähere Auslassung zu geben. Mit der Versicherung, es habe vor der Hand, da ja sein Pathe der eigentliche Lottospieler sei, nichts auf sich, empfahl er sich und schlug die Straße nach der Stadt ein. Was sollte das heißen? sagte Ammer zu seinem ebenfalls nachdenklich gewordenen Schwiegersohne. Sollte kürzlich ein schärferes, landesherrliches Verbot gegen dies vom Satan selbst erfundene Spiel erlassen worden sein? Müßt' es rein übersehen haben in der Zeitung und lese doch immer sehr genau alle Bekanntmachungen, Steckbriefe und dergleichen. Ist mir das viel unterhaltender, als das trügerische Lärmmachen in der Politik, wo Einer immer den Andern zum Narren hat und Jeder für den besten Trompeter das mehrste Geld ausgibt, gerade so, wie Jahrmarkts, wenn die Inhaber von Schaubuden ihr hirnverbranntes Zeug mittelst Sprachröhren ausposaunen lassen. 341 Wer weiß, Vater! versetzte Albrecht Seltner. Herr Mirus hat ja seine Eigenheiten, zu denen auch die gehört, daß er es ungern sieht, wenn Jemand Geld wagt für eine Sache, wo man zwanzig Mal Verlust haben kann, um möglicherweise einen kleinen Gewinn zu erhaschen. Er weiß, daß sein Pathe Zahlenlose gezogen hat, nun und da – Hm, hm, hm! Mag so sein, unterbrach Ammer den Sprechenden. Ist ein grausam vorsichtiger Mann, mein Herr Mirus, ein Mann, auf den man sich verlassen kann zu jeder Zeit. Hat ihn verdrossen – Herr ich muß Ihr sagen – fügte er befriedigt lächelnd hinzu, daß der kleine Schlingel seine schuldlosen Finger schon in den Sündentopf hat stecken müssen und muß ihm, wie ich wohl behaupten darf, ganz und gar darin beipflichten, dem ehrenwerthen, soliden und treuen Kaufmann Mirus. Laßt mir also den kleinen Jungen nicht wieder in den Papierstreifen wühlen, Albrecht, wenn du nicht willst, daß ich dir nach altmodischer Webermanier den Zettel aufmache. Während dieser Rede, die Ammer halb ernst, halb scherzhaft sprach, war er dem voranschreitenden Schwiegersohne in's Haus gefolgt, wohin den Ersteren das glücklich lächelnde Gesicht Flora's zog, die es dem Kleinen gestattete, mit beiden Händen an die Fensterscheiben zu schlagen, an denen die letzten Funken der versinkenden Sonne verglommen. Fünftes Kapitel. Das umgestaltete Weltenburg. Das ehemalige Besitzthum derer von Weltenburg hatte eine ganz andere Gestalt angenommen. Mit Ausnahme des alten Schlosses mit seinen malerischen, hohen Giebeln und steilen Dächern, mit dem schwerfälligen, stumpfen, von allerhand Schlinggewächsen übersponnenen Thurme war Alles anders geworden. Das mächtige Thal, an dessen hügeliger Senkung das Schloß sich erhob, belebte jetzt eine ganze Colonie rühriger Arbeiter. Den Fluß bändigten, selbst bei schwer niedergehenden Wolkenbrüchen in den Gebirgen, feste und hohe Dämme. 342 Zu beiden Seiten desselben, durch hohe Brückensteige mit einander verbunden, sah man jetzt eine Reihe wohnlicher, aber kleiner Häuser, vor deren jedem sich ein Blumengarten befand. Unterhalb des sogenannten Schloßberges, da, wo der gebahnte und gut erhaltene Fahrweg zum Schlosse hinaufführte, lag ein langgestrecktes Gebäude, die Garnspinnerei, die nach englischem Muster erbaut, ganz englisch eingerichtet war, und einen geborenen Engländer zum Werkführer hatte. In einem andern Gebäude befand sich die von sechs Pferden in Bewegung gesetzte Mangel, ein drittes schloß die Glättwerke in sich, deren man sich bei gewissen Stoffen bedienen mußte, um denselben die von den Käufern gewünschte spiegelglatte Appretur zu geben. Eine Wasser- und Walkmühle und einige andere Einrichtungen, wie sie großartig betriebene Anlagen solcher Art erfordern, gruppirten sich um die genannten Gebäude. Das Ganze gewährte ein recht erquickendes Bild, nicht bloß, weil sich eine schöpferische Kraft, ein rastloses Streben in dieser rasch aufblühenden Schöpfung verrieth, sondern auch, weil alle dabei Beschäftigten mit Liebe und Hingebung arbeiteten und dadurch den Segen der Arbeit verdoppelten. Das Etablissement der Gebrüder Ammer zu Weltenburg verschaffte sich bald einen bedeutenden Ruf in der Nähe und Ferne. Die geringe Entfernung von der einflußreichen Handelsstadt, die Anlegung einer guten Straße dahin, zu deren Erhaltung die gegenwärtigen Besitzer von Weltenburg jährlich eine bestimmte Summe ausgesetzt hatten, die malerische Umgebung des Schlosses mit seinem jetzt ebenfalls in besseren Stand gesetzten Park, verleiteten nicht selten Fremde, dem großartigen Etablissement einen Besuch abzustatten. Wie gewöhnlich war die Zahl derer, die aus weiterer Entfernung kamen, bedeutender, als die ganz in der Nähe wohnender Besucher. Namentlich verirrten sich Städter nur höchst selten nach Weltenburg, sei es, daß es ihnen nicht behagte, eine altadelige Besitzung in eine Fabrik verwandelt zu sehen, sei es, weil der wachsende Reichthum des früher kaum beachteten Webers die weniger glücklichen Bürger mit Neid erfüllte und sie deßhalb abhielt, die neue Schöpfung in Weltenburg zu besichtigen. Christlieb Ammer, der, wie bereits erwähnt wurde, schon seit Monaten seinen bleibenden Aufenthalt in Weltenburg genommen hatte, war deßhalb nicht wenig erstaunt, als er eines Tages, da er gerade vom Schlosse 343 zur Spinnerei hinabsteigen wollte, ein paar ihm wohlgesinnte Persönlichkeiten Arm in Arm die gewundene Straße zum Schlosse hinaufsteigen sah. Anfangs glaubte er seinen Augen nicht trauen zu dürfen, bald aber konnte er nicht mehr zweifeln. Sie waren es, die Glücklichen, die so wenig Wünsche und doch so vielen Aerger hatten, weil es ihnen an Arbeit fehlte. Der gelehrte Candidat der Gottesgelahrtheit, Herr Still, und seine sehr wirthliche und herrschsüchtige Frau Sempiterna schritten wirklich selbander auf das Thor Weltenburgs zu. Häufige Bewegung in freier Luft und unausgesetzte Thätigkeit, die Christlieb Ammer sich selbst nach Gutdünken wählen konnte, hatten seinem früher etwas gedrückten oder abhängigen Wesen mehr Spannkraft gegeben. Er sah frisch und kräftig aus, das Gesicht war etwas gebräunt, das Auge blickte frei in die Welt. Nicht mehr ein wohlhabender Webergehilfe, sondern ein angehender Fabrikherr, der es bei gutem Glück noch weit in der Welt bringen konnte, stand der älteste Sohn des alten Ammer im Rohr vor der Eingangspforte des Schlosses. Als Christlieb nicht mehr über die Persönlichkeiten der beiden Ankömmlinge in Zweifel sein konnte, ging er ihnen entgegen, um sie als alte Bekannte seines Vaters zu empfangen. Frau Sempiterna, von untersetzter Statur, dabei wohlgenährt und mit einem Uebermaß kostbarer Kleider behangen, war etwas warm geworden bei Ersteigung des Hügels. Indem sie jetzt, am Arme des stets gehorsamen Gatten, stehen blieb, um Athem zu schöpfen, rief sie schon aus der Ferne dem heranschreitenden Christlieb zu: Guten Morgen, mein Lieber! Schön ist es hier, das muß man sagen, aber, wenn man doch einmal Geld besitzt wie Heu und es mit Gewalt hinauswerfen will, so wäre es zweckmäßig gewesen, einen etwas bequemern Weg zu dem alten Krähennest anzulegen. Seien Sie bestens gegrüßt und willkommen geheißen auf Weltenburg! versetzte Christlieb in der heitersten Stimmung. Hätte ich ahnen können, daß mir von Ihnen, meinen Verehrten, ein Besuch bevorstände, so würde ich für die Frau Candidatin einen Tragsessel an den Fuß des Schloßhügels beordert haben. Da nimm dir ein Beispiel daran, Candidat Still, sprach Frau Sempiterna zu ihrem Gatten, ihre Worte mit unsanftem Händedruck 344 begleitend. Der junge Mensch ist gegen dich ein wahres Kind, aber Lebensart hat er, das muß ich sagen, und galant gegen Frauen ist er, das ist die volle Wahrheit, während es dir gelehrten Unmenschen doch in deinem ganzen Leben, in unserer dreißigjährigen musterhaften Ehe auch noch nicht einmal in deinen benebelten Sinn gekommen ist, auch nur daran zu denken, daß deine Frau, die vom Grauen des Tages bis tief in die Nacht hinein nur für dich sorgt, schafft und sich abmüht, einmal eines Trag- oder Lehnsessels bedürftig sein könnte. Bei der langen Satzbildung, durch welche Frau Sempiterna sich auszeichnete, verließ sie am Schluß dieser vorwurfsvollen Rede der Athem auf's Neue, während ihr Gesicht hochroth ward. Herr Still suchte sie zu beschwichtigen, indem er kleinlaut sagte: Nun, nun, mein Kind, habe nur Geduld! Ach ja, Geduld! das kenne ich schon, das ist dein Lieblingswort, wenn du keinen Entschuldigungsgrund für deine Nachlässigkeit hast, fiel Frau Sempiterna ein. Dann zu Christlieb gewandt, fuhr sie fort: Herr Ammer, Sie müssen entschuldigen, daß wir ohne vorherige Anmeldung, so zu sagen, Ihnen in's Haus fallen. Aber es hielt mich nicht mehr, nach Allem, was die Leute mir von Weltenburg erzählten. Gibt es doch nichts, wovon man mehr und täglich sprechen hört in der Stadt, als von den Kunstspinnereien des Herrn Ammer. Da sagte ich zu meinem Candidaten: Candidat Still, sagte ich, wenn du nicht ganz der Welt abgestorben bist und deine rechtschaffene Frau nur ein ganz klein wenig noch achtest; so thust du mir die Freude, am ersten, besten schönen Tage mit mir nach Weltenburg zu fahren. Fuhrlohn für die Kalesche kannst du von deinem Taschengelde nehmen. Wenn du täglich nur zwei Pfeifen Tabak weniger rauchst, so hast du es in vier Wochen reichlich wieder erspart. Wirklich, Herr Ammer, er raucht zu viel, mein Candidat, er raucht geradezu sündlich. Aber ich muß mich fügen, ich arme schwache Frau! Denn einen Eigensinn hat er, mein Candidat, einen Eigensinn, der kann beim verbohrtesten altlausitzer Bauer nicht schlimmer gefunden werden. So schone doch deine Lunge, liebe Sempiterna, sprach Candidat Still sanft. Der junge Herr Ammer kennt ja schon unser Beider Leiden. Beider? sagte gedehnt Frau Sempiterna. Nun du kannst wohl mitreden von beiden! Hat den ganzen langen, geschlagenen Tag nichts 345 zu thun, als in seinen alten Scharteken zu wühlen, oder im Garten herumzugehen, um die Raupen abzulesen, wird gehegt wie ein Hühnchen, und will noch von Leiden sprechen! O Undank, Undank! – Ich sage Ihnen, lieber junger Herr Ammer, es geht in der ganzen weiten Welt nichts über das Laster des schwarzen Undanks! Aber jetzt will ich mich nicht ärgern, sondern als ehrbare Frau mich rechtschaffen freuen an dem, was es Schönes auf Erden gibt. Führen Sie uns herum. Candidat Still schwieg. Er wagte nicht einmal zu seufzen, nur ein bittender Blick auf Christlieb sagte diesem, was der mehr als zu viel regierte Mann der Wissenschaft von seiner ehrbaren Frau Gemahlin zu leiden habe. Wollen Sie nicht zuvor etwas ausruhen, verehrte Frau Candidatin? fragte Christlieb, sich mit den unerwarteten Gästen dem alten Schloßgebäude zuwendend. Ich weiß nicht genau, ob alle Arbeiter in Thätigkeit sind, was ich leicht veranlassen kann, wenn Sie nur wenige Augenblicke verziehen wollen. Larifari, mein lieber junger Herr! fiel Frau Sempiterna ein. – Das sind Flausen, von denen ich nichts hören mag. Ich habe zu meinem Candidaten gesagt: Candidat Still, sagte ich, gib Acht! Ueberraschen wollen wir den jungen Menschen, wie ein Dieb in der Nacht, damit man sehen kann, wie er's treibt. Und da will ich bald dahinter kommen, ob die ganze, neumodische Anlage mit Verstand oder mit Unverstand getrieben wird. Ja, ja, mein lieber junger Mann, das habe ich gesagt, und das darf ich sagen; denn ich verstehe 'was von ordentlicher Wirthschaft und Hausregiment. Und wenn Sie meinen Worten nicht glauben wollen, so fragen Sie den Herrn Advocaten Block, der wird's Ihnen wieder erzählen. Ein tüchtiger Mann, der Block, etwas hart, aber brav. Wenn mein Candidat nur eine Ader von ihm hätte! Aber ich will mich ja nicht ärgern, und darum vorwärts in die Fabrik. Wie wäre es möglich gewesen, solchem Drängen zu widerstehen! Christlieb fügte sich lächelnd den Befehlen der Frau Sempiterna, und schritt an der Seite seiner Gäste der Spinnfabrik zu, dessen dröhnende Räume Candidat Still mit kaum zu verbergender Aengstlichkeit betrat. Denn allem geräuschvollen Leben – außer der scheltenden Zunge 346 seiner Ehehälfte – entwöhnt, beunruhigten den nur in seinen Büchern lebenden Stubengelehrten diese ungewohnten Töne. Wir unterlassen es, die innere Einrichtung einer Spinnfabrik zu beschreiben, da gegenwärtig wohl Jeder eine derartige Anstalt besichtigt hat. Ungeachtet des häufigen Räusperns und der Unruhe, die Candidat Still merken ließ, war Frau Sempiterna nicht eher befriedigt, bis sie Alles genau besichtigt hatte. Selbst um die Erlaubniß bat sie einen der Arbeiter, ihm beim Vorlegen des schimmernd weißen Flachses ein paar Secunden lang behülflich sein zu dürfen. Befriedigt und sehr erheitert verließ sie die dunstigen Räume, wo das Klirren und Schwirren so vieler Stahlräder einen Lärm verursachte, der fast die menschliche Stimme übertönte. Candidat Still war bis zur Betäubung davon angegriffen und sah ganz blaß aus. Frau Sempiterna glühte dagegen. Ihr sehr robuster Körper hatte nie Anwandlungen von Schwäche gefühlt, obwohl sie nicht ganz frei gesprochen werden konnte von einigen fingirten Ohnmachten. Sie sind Ihres Vaters braver Sohn, sagte sie, wieder in's Freie tretend, indem sie Christlieb einen derben Schlag auf die Schulter gab. Das ist Alles nett und blank und die Leute müssen sich tüchtig rühren, wollen sie etwas Brauchbares auf die Spindeln bringen. Siehst du, Still, das nenn' ich arbeiten, wirken, schaffen. Das setzt in Respect und nützt in der Zeit. Aber dein Studiren und Kritzeln, das nützt Niemand. Das macht nur wirr und unpraktisch und füllt den Kopf mit Nebeln, die sich dergestalt vor die Augen legen, daß die Studirten zuletzt am hellen Tage selbst mit doppelter Brille nichts mehr sehen. Meine Hochzeitsrobe gäbe ich drum, wenn ich deinen gelehrten Krimskrams in ein so schönes Stück Fabrik verwandeln könnte. Der arme Mann, obwohl schon längst an derartige Zurechtweisungen seiner zärtlichen Ehehälfte gewöhnt, fühlte sich durch diese letzte Aeußerung doch im Innersten verletzt. Er würde aufgebraust sein, hätte dies sein friedliebendes Temperament zugelassen, allein weil er sich überhaupt nie zu einer Heftigkeit fortreißen ließ und mehr noch, weil er die allzubewegliche Zunge seiner praktischen Gattin fürchtete, brachte er es auch jetzt nur zu einem unverständlichen Brummen. 347 Und das steht Alles unter Ihrer Leitung und Aufsicht? fragte Frau Sempiterna, an der Seite ihres Gatten langsam dem alten Schlosse zuschreitend, und noch mehremal ihre Blicke nach dem lärmenden Gebäude zurückwendend, das sie so eben verlassen hatte. Christlieb Ammer, ich verehre Sie. Reichen Sie mir Ihre Hand, damit ich sie drücken kann. Lächelnd willfahrte der angehende Fabrikherr den Wünschen der Candidatin, deren sonderbares Wesen ihm wie Allen, die öfter mit ihr zusammen kamen, hinlänglich bekannt war. Aber nun sagen Sie mir, junger Herr, fuhr Frau Sempiterna fort, ihren linken Arm kräftig in die Seite stemmend, sagen Sie mir, was beginnt denn nun eigentlich der Alte? Sitzt er noch immer an seinem Rohr, sortirt Garn, gibt Werften aus, liest's Wochenblatt, rückt die Mütze und moquirt sich über die Welt und ihr freilich bisweilen verwunderliches Treiben? Und die Frau Mutter – gerathen ihr die polnischen Karpfen noch immer so gut? Kommt sie gar nicht hierher in dies neue Paradies der Ammer? Und das feine Schwesterchen, die zierliche, gutherzige Flora, sie wiegt einen Buben, hab' ich gehört? – Mein Gott, mein Gott, was kann doch rasch aus den Menschen werden! Hab' sie gekannt, die Flora, wie sie noch im Sand und Staub herumruschelte und nun ist sie schon Mutter und Hausbesitzerin obendrein! Aber nun gar der Herr Bruder! Nein, lieber Christlieb, das geht mir denn doch über die Spitzenhaube! Ein Seefahrer werden, über's Weltmeer segeln, unter die Wilden gehen, großmächtige Handelsverbindungen bei den Andernpopen – Antipoden, liebe Frau, Antipoden heißt es! corrigirte Candidat Still die gesprächige Frau. Meinetwegen Popen oder Poden – mir ist's alleinerlei – genug dorthin in die unbekannte, weltweite Ferne fortziehen und nicht einmal seinen alten Bekannten Adieu sagen: nein, lieber Christlieb, das nehmen Sie mir nicht übel, das hätte ich von Ihrem Bruder wahrhaftig nicht vermuthet! Dennoch müssen Sie meinen Bruder entschuldigen, verehrte Frau Candidatin, versetzte Christlieb, dem es schwer ward ernsthaft zu bleiben. Die Reise Fürchtegott's ward unter ganz eigenthümlichen Verhältnissen angetreten und überraschte uns Alle so plötzlich, daß mein Bruder das Abschiednehmen selbst im väterlichen Hause ganz und gar vergaß. 348 Was Sie sagen! Also auf holländische Manier ist er in die weite Welt gegangen? Nun warte, Musje! Wenn der Weltläufer einmal wiederkommt, da will ihm den Kopf tüchtig zurechtsetzen dieser Unarten wegen. Unter diesem Gespräche hatte man das Eingangsthor von Weltenburg wieder erreicht. Christlieb Ammer lud Frau Sempiterna nochmals ein, das Innere des alten Schlosses in Augenschein zu nehmen, erhielt aber eine abschlägige Antwort. Ich komme nächstens 'mal wieder, fügte sie hinzu, und dann will ich mich in dem alten Fuchsneste ebenfalls umsehen. Für heute habe ich genug und mag mir durch nichts den wohlthuenden Eindruck stören lassen, den mir die Arbeiter dort und die ganze Einrichtung des Etablissements gemacht haben. Ich weiß jetzt, daß Sie ein braver, junger Mann sind und daß der Herr Vater eigensinnigen Andenkens Ihrethalben den Kopf einen Zoll höher tragen darf. Möge es Ihnen wohl gehen und Sie viel Freude an der auf Ihnen lastenden Arbeit haben! – Still, Still, wann werde ich beklagenswerthe Frau das von dir sagen können? Der Candidat lächelte bittersüß, nahm den Arm seiner Frau und sagte mit aller ihm zu Gebote stehenden Freundlichkeit: Weiß ich doch zu schätzen, was ich an dir, mein Herz, besitze! Der Erfolg meiner Arbeit wird dir erst sichtbar werden, wenn ich nicht mehr bin. Nun, das gebe Gott! erwiderte Frau Sempiterna heiter, indem sie einen tiefen Knicks vor dem jungen Ammer machte, sich noch einmal nach der Spinnerei umsah und dann am Arme ihres Gatten langsam den Schloßweg wieder hinabschritt. Christlieb sah dem seltsamen Paare, das sich gegenseitig ohne Noth das Leben schwer machte, kopfschüttelnd nach. Dabei gewahrte er auf der am Flußufer sich nach dem Berggelände fortziehenden Straße eine Staubwolke, die rasch auf derselben fortrollte und somit Weltenburg immer näher kam. Bald erkannte er einen Reiter, der in mäßigem Trabe seinem Thiere Zeit ließ. Um Schloßhügel angekommen, bog der Reiter von der Fahrstraße ab, grüßte das herabkommende Paar, das ihm hier begegnete, und ließ nun das Pferd im Schritt den gewundenen Weg nach Weltenburg hinaufsteigen. 349 Der aufwirbelnde Staub hatte sich verzogen und Christlieb erkannte jetzt in dem näherkommenden Reiter Herrn Wimmer. Eine Minute später hielt der Herrnhuter schon vor der Eingangspforte, zog grüßend seinen breitkrempigen Hut, klopfte dem schnaubenden Rößlein den Hals, schwang sich aus dem Sattel und sagte, mit der Reitgerte an die Stulpenstiefeln schlagend: Grüß' Gott, lieber Freund und Bruder! Habe lange nicht mehr das Vergnügen gehabt, dich oder Einen der Deinigen von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Sind doch alle wohlauf, die lieben Eltern und die junge Frau Schwester? Nun, will's hoffen – siehst ja recht froh und keck in die schöne Gotteswelt hinein. Aber rufe doch einen Knecht heran, mein Lieber, daß er mein treues Thier abzäume und ihm etwas Labung gebe, sobald es sich verschnauft hat. Wir Beiden haben gar viel Wichtiges mit einander zu sprechen. Christlieb winkte einem im Schloßhofe befindlichen Knechte, der sogleich herzutrat und, den Fremden kühl grüßend, dessen Pferd in Empfang nahm. Gib dem Rößlein eine halbe Hand voll Brod, mein Freund! rief Wimmer dem Knechte nach, es ist daran gewöhnt nach scharfem Ritt. Auch wirst du wissen, daß ein rechtschaffener Christ sich zuerst seines Thieres erbarmen soll, will er selbst dereinst auf Erbarmen hoffen der vielen Thorheiten und Sünden wegen, die er wissentlich und unwissentlich begeht in einem Leben voll Wandel und Zerstreuung. Wimmer schüttelte Christlieb Ammer die Hand und ergriff darauf seinen Arm. Komm, komm, sprach er. Gott hat Großes an dir gethan, du magst also fröhlich sein in Demuth. Komm, damit ich erzähle und du hörest. Mit diesen Worten zog er den jungen Fabrikherrn mit sich fort über den Schloßhof und verschwand mit ihm unter dem eigenthümlich gewölbten Portale des Thurmes von Weltenburg. 350 Sechstes Kapitel. Neue Nachrichten. In jenem Zimmer zu ebener Erde, wo vor mehr als Jahresfrist der alte Ammer sich bereit erklärt hatte, auf die Speculationen des Grafen Alban und Wimmer's unter Bedingungen einzugehen, die damals näher bezeichnet wurden, finden wir jetzt wieder den schlauen Herrnhuter neben Christlieb sitzen. Letzterer hört mit ungetheilter Aufmerksamkeit den Worten des Kaufherrn zu, während er einen uneröffneten Brief häufig besieht und zwischen den Fingern dreht. Ueberschlage jetzt einmal die letzten zwei oder drei Jahre in deinem Gedächtniß, lieber junger Freund, schloß der alte Herrnhuter seine Rede, und dann frage dich, ob du die Gegenwart der Vergangenheit oder diese jener vorziehst. Damals warst du ein armer Bursche, der mit wenigen Groschen in der Tasche auf der Landstraße sich mit Karrenschieben abquälen mußte und kaum einen Trunk Wasser ohne Erlaubniß des Vaters zu genießen wagte; jetzt bis du Disponent über ein Vermögen, dessen Größe du eben so wenig kennst wie ich, hast einen Namen in der Handelswelt und darfst nur winken, um dir Hunderte dienstbar zu machen. Ich hoffe, du siehst jetzt vollkommen ein, wie richtig ich die Zeit beurtheilte und wie Recht ich hatte, trotz der Abneigung deines Vaters, meines viellieben Freundes, auf meinen Vorschlägen zu deines und deines Bruders Besten unweigerlich zu verharren. Ich habe dies immer anerkannt, Herr Wimmer, und sage Ihnen aufrichtigen Dank dafür, entgegnete der junge Ammer. Auch bin ich weit entfernt, Ihren Rathschlägen mein Ohr zu verschließen, im Gegentheil, ich möchte mir dieselben auch in Zukunft erbitten. Nur meinen Vater umzustimmen, wird nicht in meinen Kräften stehen. Die Abreise meines Bruders, die mehr einer Flucht nach vorausgegangenem Bruche mit dem Vater glich, hat eine Bitterkeit in dessen Herzen 351 zurückgelassen, die, wenn überhaupt, nur die Zeit zu verwischen vermag. Sie dürfen nicht vergessen, Herr Wimmer, daß zu viel auf den Vater einstürmte, der dadurch aus dem ihm lieb gewordenen, ruhigen Lebensgange gerissen, Alles über sich zusammenstürzen sah. Aus Liebe zu uns hat er dennoch in Alles gewilligt, allein Freude an unserm Streben, an dem Gelingen unserer Unternehmungen wird er schwerlich jemals haben. Er behauptet, die Art, wie man jetzt Handel und Wandel betreibe, verhärte die Herzen, mache lieblos und egoistisch, und könne deßhalb dem Herrn unmöglich angenehm sein. Es ist das Loos Aller, die Gutes wollen, daß sie verkannt werden, versetzte Wimmer, seine Augen zum Himmel aufschlagend. Aber je mehr unsere Lieben uns verkennen, desto näher rücken sie unserm Herzen und desto mehr ist es unsere Pflicht, ihnen Gutes zu erweisen, wenn auch wider ihren Willen. Du bist jetzt unterrichtet von dem glücklichen Fortgange unseres Unternehmens. Dein eigener Bruder schreibt dir darüber, ist hoch erfreut, daß Gott seine Bemühungen so segnet, und daß Fürchtegott kein Abgefallener vom Herrn ist, wird ja schon aus der so innigen Theilnahme ersichtlich, die er dem Missionswesen in Surinam zollt, und worüber er so Rührendes berichtet. Er hat ja auch ganz nach dem Wunsche des Vaters gehandelt, indem er einen Theil der Waaren den Missionären unentgeltlich überlieferte, damit sie die Heiden kleiden und sie unserm Herrn und Heilande zuführen. Dennoch wird der Vater nicht sehr freundlich zu diesem Anliegen blicken. Es ist auch kaum möglich, demselben zu entsprechen, denn eine Menge anderer Kunden wollen ebenfalls befriedigt sein. Es fragt sich deßhalb, wie lange Sie Zeit geben können? Drei Monate, vielleicht auch vier sind dir gewiß. Aber dann ist ja die Schifffahrt vielleicht schon schwierig wegen der Herbststürme. Vielleicht, lieber junger Freund, gewiß ist dies nicht. Gesetzt aber auch, alle deutschen Gewässer wären schon mit dichtem Eise belegt, so ist es doch unerläßlich, daß man die Fracht in Händen hat. Es läßt sich unter der Hand auch damit ein Geschäft machen, und der Kaufmann darf sich keine Gelegenheit entschlüpfen lassen, die ihm irgend einen Verdienst zuführt. 352 Sie müssen dies besser zu beurtheilen wissen als ich, Herr Wimmer, erwiderte Christlieb Ammer. Darum werde ich auch nichts unversucht lassen, um zu rechter Zeit die gewünschte Quantität Leinenwaaren herbeizuschaffen. Indeß eine Bedingung muß ich dabei machen, um im Fall der Noth ein gegebenes Versprechen auch halten zu können. Laß hören, sagte der Herrnhuter auflauschend. Es muß mir gestattet sein, unter der Hand von Andern zu entnehmen, durch Vermittelung Anderer herbeizuschaffen, was möglicherweise des Vaters Kräfte nicht liefern könnten, vielleicht auch nicht wollen dürften. Es sei dir gern verstattet, sprach Wimmer, unter einer Gegenbedingung. Und diese wäre? Die durch Andere beschafften Linnen müßten den eurigen ganz gleich und mit dem Stempel des Vater Ammer versehen sein. Christlieb überlegte einige Zeit, ehe er auf dieses Verlangen einging. Zögernd sagte er dann zu. Wimmer bemerkte hierauf mit schlauem Lächeln: Das Aeußere fällt dabei am schwersten in's Gewicht. Sieh also genau darauf, daß die Appretur, die Form, die Art der Verpackung derjenigen vollkommen gleich sei, die von der Mangel deines Vaters kommt, und ich stehe für das Uebrige. Vertrauen Sie mir und Sie sollen zufrieden sein, bekräftigte Christlieb. Ueber Wimmer's fahle Züge glitt ein recht garstiges Lächeln, als er dem Jünglinge die Hand reichte und mit salbungsvollen Worten ihm dankte. Und was fängst du mit dem Briefe da an? fragte er jetzt pressirt. Es wird mir nichts übrig bleiben, erwiderte Christlieb, als mein eigener Bote zu sein. Abgeliefert muß er ja doch werden und da er versiegelt ist – So darf ihn nur derjenige erbrechen, an den er gerichtet war, fiel Wimmer ein. Sehr richtig, mein Freund. Indeß können auch Umstände eintreten, wo die Oeffnung eines Briefes durch Fremde sogar geboten, wo es Pflicht eines Freundes, eines Christen ist. Solche Fälle kommen in unserer freilich aus lauter Schwestern und Brüdern 353 bestehenden Gemeinde nicht ganz selten vor. Wäre dein Vater einer der Unsrigen, – Würden Sie diesen Brief öffnen? Nein, sagte der Herrnhuter, ich würde dies nicht thun, aber ich dürfte es. Uebrigens ist es auch nicht nöthig. Dein sehr vorsichtiger Bruder, den der Herr mit vielen seltenen Gaben ausgerüstet hat, ist so klug gewesen, diesen Brief, den du schon so lange mit wechselnder Neugierde betrachtest, zu copiren und einem an mich und den würdigen Freund und Bruder Graf Alban gemeinschaftlich gerichteten Schreiben beizulegen. Du kannst also, wenn es dich beruhigt, Einsicht davon nehmen, ehe dein Vater erfährt, was sein ferner Sohn ihm zu eröffnen für unerläßlich hält. Mit diesen Worten überreichte Wimmer dem erstaunten Jünglinge den offenen Brief seines Bruders. Christlieb schwankte einige Augenblicke, nicht wissend, was er thun solle. Denn ihm erschien es unerlaubt, sich mit dem Inhalte eines nicht an ihn gerichteten Briefes früher bekannt zu machen und ohne Wissen dessen, an den er geschrieben war. Erst als Wimmer ihn nochmals dazu aufforderte, durchlas der junge Mann mit Aufmerksamkeit das ziemlich lange Schreiben. Was sagst du dazu? sprach der Herrnhuter, als Christlieb das Blatt nachdenklich auf den Tisch legte. Meinst du nicht, es müsse meinen viellieben Freund recht innerlich erquicken? Es kommt sehr darauf an, versetzte der junge Ammer, von welchem Gesichtspunkte man diese Nachrichten betrachtet. Mein Vater ist häufig anderer Meinung, als die Meisten, weil er die Dinge anders beurtheilt, die Zeit anders auffaßt. Was viele erfreut und entzückt, läßt ihn kalt, ja macht ihn sogar niedergeschlagen oder düster. Es wäre deßhalb nicht unmöglich, daß diese so erfreulich klingenden Mittheilungen seine Stimmung verschlimmerten; denn Sie dürfen nicht vergessen, daß selbst das Andenken an die Abreise meines Bruders bei dem Vater jederzeit gemischte Empfindungen weckt. Wimmer neigte beistimmend sein Haupt, die Augen fest auf den jungen Mann heftend. Du sprichst die Wahrheit, lieber Bruder, sagte er bedächtig und fügte mit einem Seufzer hinzu: Ach, wie schwach ist doch der Mensch, selbst der gute! Da hast du ein lebendiges Beispiel an deinem braven 354 Vater. Er betrübt kein Kind, er flieht Streit und Zank, er ist mildthätig und ein Freund aller Armen und Nothleidenden, dennoch vermag er es nicht, eine scheinbare Beleidigung zu vergessen, weil sie ihm von seinem eigenen Sohne zugefügt ward. Ach, wie haben wir Alle Ursache zu beten und zu bitten, damit wir nacheifern unserm großen Vorbilde, dem Herrn und Heilande! – Aber da kommt mir, wie ich glaube, ein glücklicher Gedanke. Was meinst du? Soll ich dich begleiten? Es ist sehr lange her, daß ich deinen Vater, meinen viellieben Freund, nicht mehr gesehen habe. Auch nach meiner Pathe, der Flora, die jetzt schon glückliche Mutter ist, sehnt sich mein theilnehmendes Herz. Ja, ja, lieber Christlieb, das ist ein Gedanke von Oben, mir eingegeben, damit ich ein gutes Werk stifte, nämlich Vater und Sohn wieder dauernd versöhne. Entschließe dich und laß uns, wenn deine Geschäfte es erlauben, unverweilt aufbrechen. Christlieb ergriff diesen Vorschlag mit Wärme. Wußte er auch, daß sein Vater im Stillen Mißtrauen gegen Wimmer hegte, weil eine doppelte Handlungsweise dem Herrnhuter nachzuweisen war, so glaubte er doch, eine Zusammenkunft beider Männer werde am leichtesten die eingetretene Spannung aufheben. Außerdem vermochte auch Wimmer viel mehr über den Vater, wie er selbst, falls der Brief seines Bruders die beabsichtigte Wirkung nicht haben sollte. Dies bedenkend, traf Christlieb sofort Anstalt zum Aufbruche. Der uns schon bekannte alte, mit einer Plane überspannte Wagen, um dessen Räder jetzt neue Reife gelegt worden waren, ward angespannt, und nachdem Christlieb dem Fabrikaufseher die nöthigen Weisungen ertheilt hatte, verließ er mit dem alten Herrnhuter die Herrschaft Weltenburg. Siebentes Kapitel. Der Todte im Rohr. An schönen Maitagen ist eine Wanderung oder eine Luftfahrt durch die an Obstbäumen so reichen Thäler an dem Grenzgebirge Böhmens ein hoher Genuß. Die smaragdgrünen Wiesen, der mit 355 Wohlgerüchen die Landschaft erfüllende Blüthenschnee der zahllosen Aepfelbäume, das Murmeln und Rauschen kristallheller Bäche, die fast jedes Dorf bewässern und in deren durchsichtiger Welle Forellen sich sonnen: dies Alles gewährt, im Verein mit der dunkelblauen Gebirgswand in Süd und West, ein überaus prächtiges Landschaftsbild. Das Auge Wimmer's, der auf seinen einsamen Ritten durch's Land in der Regel zu sehr mit sich selbst, mit seinen Gedanken und weit aussehenden Plänen beschäftigt war, ruhte jetzt, wo ihn Christlieb angenehm unterhielt und ihn auf einzelne malerische Schönheiten der Gegend aufmerksam machte, mit Wohlgefallen auf diesen Herrlichkeiten, die der junge Lenz enthüllte. Im Verkehr mit der Jugend lebt man wieder auf, bemerkte er lächelnd, dem jungen Gefährten im Wagen die Hand drückend. Wie würde ich glücklich sein, hätte Gottes Gnade mir einen Sohn vergönnt. Aber das sollte nicht sein, weil der Herr mich prüfen und läutern wollte. Nun entbehre ich dieses Glück und sinne Tag und Nacht, wie ich Andere, die ich liebe, statt meiner glücklich machen kann. Eine Thräne glänzte an den grauen Wimpern des Herrnhuters, während seine Augen auf den scharf umrissenen Kuppen des Gebirges ruhten, dem die Reisenden bereits sehr nahe gekommen waren. Wimmer sah weit und scharf in die Ferne, er konnte daher auf einer der höchsten Erhebungen des Grenzkammes deutlich eine hohe Stange gewahren, an deren oberster Seite ein Fähnlein oder etwas dem Aehnliches flatterte. Auch Christlieb Ammer war dies Merkzeichen nicht entgangen. Wozu hat man wohl dort auf dem hohen Hübel die Stange aufgerichtet? meinte Wimmer. Habe ich sie doch früher nie gesehen! Sollte es wohl eine Lärmstange sein, um Signale zu geben, falls der Krieg, der uns bisher verschont hat, sich auch in diese Gegend ziehen sollte? Ich halte es für ein Feldmesserzeichen, bemerkte Christlieb. Dort oben läuft die Grenze Böhmens, die wohl nicht ganz genau regulirt sein wird. Wozu flatterte sonst das Fähnlein an der Spitze? Während Beide noch die ihnen auffallende Stange beobachteten, verschwand plötzlich das wehende Fähnlein an der Spitze, gleichzeitig aber entdeckte weiter in der Ferne das weittragende Auge Wimmer's eine zweite ähnliche Stange. 356 Du kannst Recht haben, sagte er zu seinem jugendlichen Begleiter. Sie werden die Grenzen vermessen. Das muß, denk ich mir, ein recht verdrießliches Geschäft sein, theils, weil die Vermesser durch Dick und Dünn laufen, auf Felsen, Baumstümpfen und Moorbrüchen herumhocken müssen, theils, weil sie mit allerhand verdächtigem Gesindel zusammentreffen können, das immer an den Grenzen herumlungert, sei's nun, um zu schmuggeln oder um einsame Wanderer auszuplündern. Besonders gegenwärtig, hab' ich mir sagen lassen, soll es wieder überaus unsicher an den Grenzen sein. Deßhalb will ich mir auch ein paar Pistolen kaufen, wenn ich nächstens wieder einmal genöthigt bin, ein paar Geschäftsfreunde im Königreiche zu besuchen. Inzwischen hatten die Reisenden die Höhe erreicht, von der aus man den Wohnort Ammer's, das Rohr und jene mehrfach erwähnte Straße erblicken konnte, die das Rohr entlang über die steinige Lehde nach dem Gebirge führte. Gerade auf der Höhe sah man einen starken Trupp Menschen beisammen stehen. Die Straße selbst war ungewöhnlich lebhaft. Frachtwagen, mit vier und sechs Pferden bespannt, hielten drei hintereinander in der Lehde, und von mehreren Seiten strömten viele Menschen, die meisten rasch vorwärts strebend, dem Trupp am Rohr zu, der solchergestalt immer ansehnlicher ward. Was kann das sein? sprach Christlieb, der jenen Zusammenlauf zuerst gewahrte. Wimmer richtete ebenfalls seine grauen Augen dahin, beobachtete einige Secunden den sich drängenden Menschenknäuel und meinte dann trocken, sie würden es ja bald erfahren, da sie ganz nahe vorüberkommen müßten. Wenige Minuten später bog das Fuhrwerk auf die Gebirgsstraße ab und näherte sich dem Orte des Zusammenlaufs. Wimmer ließ halten und stieg mit seinem jungen Gefährten aus. Noch ehe sie den Trupp erreichten, erfuhren sie von Zurückkommenden durch an sie gerichtete Fragen, man habe am höchsten Rande des Rohres einen Leichnam gefunden, der jetzt auf eben dem Wege nach dem Gericht hier in der Nähe niedergelegt worden sei, weil der Gerichtsarzt zufällig dazu gekommen sei und sich den Mann etwas genauer betrachte. Wimmer bezeigte keine Lust, sich weiter um den Todten zu kümmern, der ihn ja nichts anging, Christlieb aber, welcher noch niemals einen Verunglückten solcher Art gesehen hatte, war neugierig und zog 357 den Herrnhuter mit sich fort, die Reihen der Menschen, welche die Tragbahre umstanden, sanft durchbrechend. Der Todte, ein kräftiger Mann mit trotzigen, sonnenverbrannten Zügen trug die Uniform eines Grenzjägers. Mehrere tiefe Wunden am Kopfe und starke Verletzungen an beiden Händen deuteten auf einen gewaltsamen Mord. Der Mann des Gesetzes war vermuthlich Schmugglern in die Hände gefallen und von diesen im Handgemenge erschlagen worden. Nur mußte es auffallen, daß man den Todten so weit von der Grenze entfernt und noch dazu an einem Orte fand, wo sich weder Schmuggler verbergen, noch Grenzjäger aufhalten konnten. Daß hier nicht Alles in Ordnung, vielmehr Manches höchst räthselhaft sei, leuchtete selbst dem Gedankenlosesten ein. Wie immer bei solchen Vorkommnissen, sprachen die Herbeigeeilten über das Unklare des Falles, theilten sich gegenseitig ihre Ansichten mit und erschöpften sich in einer Menge theils wahrscheinlicher, theils unwahrscheinlicher Hypothesen. Mittlerweile waren die requirirten Gerichtspersonen herbeigekommen und begaben sich nach Besichtigung des Allen unbekannten Mannes zu dem Orte, wo man ihn gefunden hatte. Dieser war nur eine geringe Strecke entfernt, weßhalb Viele der Herbeigeeilten den Herren folgten. Auch Christlieb mit Wimmer schloß sich diesen an. Oben am Ende des Rohres, wo der Waldberg sich steil erhob, lag dieser Ort. Bei genauer Untersuchung entdeckte man unverkennbare Spuren eines Sturzes von der Höhe des waldigen Gipfels, weßhalb die Gerichtspersonen sich anschickten, diesen zu erklimmen. Ehe sie aber ihr Ziel erreichen konnten, trat aus dem Dickicht am Rande des Gipfels eine seltsame Gestalt, die sogleich das Augenmerk Aller ward und Einzelne sogar zu dem Ausrufe fortriß: Da ist der Mörder! Diesem Rufe folgte ein heiseres Lachen und die gutmüthig gesprochenen Worte: Behüte, behüte! Ich, der nicht einmal eine gefangene Maus in's Wasser schmeißen kann, ich werd' doch wohl keinem Menschen 's Genick abbrechen. Gott bewahre jede Christenseele vor solcher Unthat! Aber, meine Herren, fuhr er fort, seinen durch's Alter etwas formlos gewordenen dreieckigen Hut ziehend und ein graues Haupt enthüllend, während das faltenreiche Gesicht sich zu einem grinsenden Lächeln 358 verzog, wollen Sie wohl so niederträchtig sein und vollends hier heraufkrabbeln, so werden Sie Ihr blaues Wunder sehen. Die am Rohre stehende Menge hatte längst schon den possirlichen alten Glassammler Leisetritt erkannt und Niemand fiel es ein, den harmlosen Mann für den Mörder des Grenzjägers zu halten. Als die Herren vom Gericht die Höhe erklommen hatten, denen mehrere Andere, unter diesen auch Christlieb, folgten, sprach Leisetritt zu Ersteren: Wollen's die Gefährlichkeit haben und unter den Büschen hier durchkriechen, so können Sie sehen, daß Zwei oder Drei einen Dritten, der geblutet, hier durch den Wald getragen haben. Diese Spur geht über zwei Stunden weit im Zickzack durch Wald und Gestrüpp und endigt hart am Grenzpfahle, wo ein schmaler Steg zur Höhe des Gebirges hinaufsteigt. Heute Morgen, als ich aus der Glashütte kam, wollt' ich mehr im Schatten meinen Heimweg antreten, und schlug deßhalb die Richtung nach dem Kamme ein. Da fielen mir im weichen Erdreich tiefe Fußtritte auf, die unordentlich durcheinander liefen, als ob ein paar richtige Kerle sich wacker rabatzt hätten. Ich bück' mich niederwärts und schlendere weiter, immer dem Getrampel der Fußtritte folgend. Es müssen verteufelte Kerle gewesen sein mit stark bezweckten Stiefelsohlen. Wie ich nun so fortschleiche, schimmert auf dem weißen Moosgeflecht etwas Rothes. Ich bücke mich nieder und sehe, daß es geronnenes Blut ist. Jetzt werd' ich innerlich rapplig und 's Herz fängt mir an zu schlagen, daß mir schier fast der Athem fehlt. Das Blut wird immer mehr und steht bald gar in einem kleinen Tümpel. Gerade da hört das Getrampel auf, aber am Boden ist ein Eindruck, als ob ein Mensch schwer darauf niedergefallen und sich hin und her gewunden hätte. Von dieser Stelle zieht sich die Spur fort bis hieher, und da muß Jemand hinunter gestürzt worden oder hinunter gefallen sein. Was mir aber ganz verwunderlich vorkommt, das sind Papierfetzeln mit Ziffern, 's ist freilich Alles kurz und klein gerissen, aber die Ziffern sind doch noch auf den rund herum verstreuten Stücken zu erkennen. Nach diesem langen Vortrage, wohl dem längsten, welchen der alte Glassammler während seines ganzen Lebens gehalten hatte, erbot 359 sich Leisetritt, die Herren vom Gericht nach der von ihm bezeichneten Stelle zu begleiten, wozu sich dieselben nach kurzer Berathung entschlossen. Christlieb eilte jetzt den steilen Abhang zum Rohr wieder hinab, wo Wimmer längst schon ungeduldig seiner harrte. Es war nicht klug von dir, junger Freund, sprach er, seinen Arm ergreifend, hinauf zu klettern zu dem gedankenlosen Schwätzer. Man kann bei solchen Vorfällen gar leicht in ganz ärgerliche Händel verwickelt werden. Das Paviansgesicht wird es zu spät bereuen, den Herren den Weg nach dem Mordplatze gezeigt zu haben. Ich möchte jenen Platz dennoch sehen, meinte Christlieb. Freund, versetzte der Herrnhuter, laß dir rathen! Man lebt auf dieser unvollkommenen Erde nur dann ruhig, wenn man sich um Alles, was einem nichts angeht, auch nicht kümmert! Kann es dir Vergnügen machen, einen zerstampften Boden, mit Menschenblut besudelt, zu betrachten? Aber die zerrissenen Papiere! Ja so, die Papiere! Nun, mein lieber Bruder, ich möchte wetten, diese Papiere bekommt außer den Gerichtspersonen jetzt Niemand mehr zu sehen. Sie werden die Schnitzel aufsammeln und in die Acten legen, und dort werden sie bleiben, bis sie vermodern. Sollten sie nicht zur Entdeckung der Mörder führen? Darüber, lieber Freund, habe ich gar kein Urtheil. Es ist ja möglich; aber ich sage dir, danke Gott und deinem Heilande, daß du jene Papierfetzen mit den darauf befindlichen Zahlen nicht gesehen, vielweniger gar betastet hast! Während dieser Unterhaltung hatten sie ihr Fuhrwerk wieder erreicht, nahmen jetzt darin Platz und setzten ihren Weg fort, der sie nach Verlauf von zehn Minuten vor die Wohnung des alten Ammer brachte. 360 Achtes Kapitel. Ein Brief aus der neuen Welt. Flora bemerkte die Ankommenden zuerst, eilte an den Wagen, freute sich, den Bruder so unerwartet wieder zu sehen, und begrüßte Wimmer, der ihr sein freundlichstes Gesicht zeigte, mit einiger Verlegenheit. Ist der Herr Vater für einen Freund zu sprechen? fragte der Herrnhuter, seine Augen niederschlagend und mit der Krempe seines Hutes sich Luft zufächelnd. Habe Wichtiges zu melden, schöne, junge Frau, und komme deßhalb mit dem lieben Bruder, weil es doppelt Vergnügen gewährt, Freuden gemeinschaftlich zu genießen. Inzwischen war man auch in Ammer's Hause des haltenden Fuhrwerkes ansichtig geworden. Frau Anna öffnete die Hausthüre, nickte Wimmer zu und reichte ihrem Sohne mit Mutterzärtlichkeit die Hand. Der Weber jedoch, der in seinem Stübchen weilte, kam nicht zum Vorschein. Wir stören doch nicht, Mutter? Vater ist doch wohl und heiter? fragte Christlieb. Er spricht mit dem Färber, versetzte die Mutter. Es ist ihm unlieb, daß man vor Kurzem auf seinem Grund und Boden einen Menschen gefunden hat, der wahrscheinlich von bösen Leuten erschlagen worden ist. Der Färber hat sich den Todten besehen und erzählt nun dem Vater, was er weiß. Auch wir hatten diesen unerfreulichen Anblick, versetzte Wimmer. Aber lassen wir die Todten ruhen, bitten wir zu Gott, daß er die Sünder bekehre und ihnen gnädig sei, und wenden wir uns den Lebenden zu, die uns nahe stehen! Ach, sieh da, mein Freund und Bruder! rief er, als auf der etwas dunkeln Hausflur der alte Weber erschien. Wie freut es mich, nach so langer Zeit dich so rüstig und wohlbehalten wieder zu finden! Deine Hand, lieber Bruder, und 361 mögest du noch viele Tage sehen, so reich an Glück und Freude, wie ich glaube, daß es der heutige ist! Ammer wehrte dem Herrnhuter nicht, doch gestattete er diese herzliche Begrüßung mehr als er sie erwiderte. Ernst und kühl ruhte sein Auge fragend und forschend zugleich auf den Zügen Wimmer's, glitt dann hinüber auf den Sohn, und während er dem Letzteren die Hand reichte, sagte er den Blick abermals Wimmern zukehrend: Gott segne deinen Eingang, wenn es sich wirklich so verhält, wie du sagst! Ein stummer Händedruck war die Antwort des Herrnhuters, der wie immer, wenn er im Innersten ergriffen oder gerührt war oder wenn er Andere glauben machen wollte, er sei es, nicht sprach, sondern die Augenlider halb zudrückte, um seine aufkeimende Rührung männlich nieder zu kämpfen. Eine Viertelstunde später saßen alle Mitglieder der Familie Ammer, der alte Seltner nicht ausgeschlossen, um den großen viereckten Lindentisch, um die wichtige Mähr zu hören, welche Christlieb und Wimmer ihnen mitzutheilen gekommen waren. Es ist gut, sprach der alte Ammer, den Brief seines Sohnes erbrechend, man soll niemalen undankbar sein und so Jemand uns eine Liebe anthut, selbige nicht mit harten Worten lohnen. So will ich auch deine Worte in Ehren halten, Freund Wimmer, und mich nicht einmal darüber auslassen, obwohl vielleicht Grund dazu vorhanden wäre. Du meinst, der Herr habe mich und mein Haus gesegnet, nun, so du es meinst, will ich es annehmen, weil ich denke, es kann nicht möglich sein, daß ein alter Jugendfreund mir und den Meinen nicht Gutes wünschen sollte. Nun bin ich aber begierig, wie der übermüthige Bursche denkt, der vor drei Vierteljahren – auch zum Heile seines alten Vaters – einen so seltsamen Abschied nahm. Ich bin nicht mehr der flinkenste Briefleser, denn meine Augen schlagen mir fehl seit einigen Monaten und mit den Brillen kann ich mich nicht befreunden. Drum mag Christlieb vortragen, was der – was der Sohn seinem Vater zu sagen für gut befindet. Mit diesen Worten reichte Ammer den von Fürchtegott erhaltenen Brief seinem ältesten Sohne. Christlieb entfaltete das Schreiben und las: 362 »Liebe Eltern und Geschwister! »Seit ich Euch meine glückliche Ankunft auf dem Festlande Amerika's meldete, hat sich Vieles zugetragen, das ausführlich zu erzählen, mir überaus viel Zeit kosten würde. Ich will mich deßhalb nur auf das Wichtigste beschränken, um so mehr, als ich fürchte, daß Du, lieber Vater, wenn Du noch bist, wie ehedem, leicht die Geduld dabei verlieren und sagen könntest: den Matsch hätte er auch für sich behalten können.« Da, fiel Ammer ein, ein erster Nasenstüber für mich, wofür ich pflichtschuldigst hiemit gedankt haben will. Dabei nahm er sein Käppchen ab, als wenn er Jemandes Gruß erwidere. Weiter im Texte, mein Sohn. Flora wechselte ängstliche Blicke mit ihrer Mutter und Albrecht; Beide jedoch bedeuteten ihr durch Zeichen, sie möge schweigend das Ende der Vorlesung abwarten. »In New-York, wo es mir sehr wohl gefallen hat, steht unser Haus auf festem Grunde. Es kommt bloß darauf an, daß wir unermüdlich vorwärts streben, nicht ruhen und rasten, jederzeit auf ein reiches Lager halten und den Yankee's die Schliche ablauern. Letzteres ist ganz besonders nöthig, um zu lucriren, denn diese Amerikaner verstehen es besser als in Europa die Juden, den Leuten ein X für ein U zu machen, weßhalb sie auch die meisten Europäer übervortheilen. Mir selbst, glaube ich, ist dies Malheur nicht passirt, weil ich die Fingerzeige unseres Hamburger Geschäftsführers von Anfang an beherzigte. Dieser Aufmerksamkeit habe ich es zu verdanken, daß an unserer diesmaligen Sendung durchschnittlich volle hundert Procent gemacht worden sind. So stehe ich denn, Gott sei Dank, jetzt »in meinen eigenen Schuhen«, wie der Amerikaner sagt, und brauche mich vor Niemand zu bücken, was – nebenbei bemerkt – hier in der neuen Welt auch nicht viel helfen würde. Aber es muß nun daheim bei Euch aus einem andern Tone gehen. Du, lieber Bruder, mußt durchaus darauf sehen, die Waaren etwas coulanter herzustellen. Wie Vater sie seither zu liefern pflegte, ist sie zwar tadellos, aber das Ansehen, wie man es größtentheils hier haben will, fehlt ihr.« Ammer's Mütze saß schon lange im Nacken, jetzt flog sie vollends herab, der Weber griff nach dem Hornkamme und strich sich zweimal durch sein volles greises Haar. 363 Seht, seht, seht! sprach er, mit dem Daumen und Zeigefinger auf den Tisch trommelnd. Das muß ja dort drüben über'm großen Wasser eine Welt sein zum Entzücken! Will mir das verdrehte Volk vorschreiben, wie ich die Waaren zubereiten soll, mir, dem ältesten Weber in beiden Lausitzen! Ei, so schmeißt mir doch gleich alle Schlichtköpfe entzwei, daß kein Faden mehr hält; denn ich bin gut dafür, der fürwitzige Neu-Amerikaner wird mir gleich auch Vorschriften machen, wie ich gebleichtes Linnen packen soll! Ammer hatte diese Worte mehr scherzhaft als bitter gesprochen, obwohl man es seiner stark gerunzelten Stirn ansah, daß der Aerger ein Ungewitter in ihm kochte. Christlieb nahm den Brief wieder auf und las weiter. »Engländer, Irländer und Schotten sind in dieser Beziehung den Deutschen weit voraus. Sie richten sich genau nach den Liebhabereien, den Launen und Ansprüchen ihrer Abnehmer und bereiten ihre Waaren gerade so, wie diese sie haben wollen. Darum machen sie denn auch fast ohne Ausnahme vortreffliche Geschäfte und werden immer reich. Wir Deutsche und besonders auch wir Lausitzer sind zu wenig speculativ, die Vorliebe für das Alte, die uns angeboren ist, und das eigensinnige Verharren auf einem Punkte läßt uns hinter der Zeit zurückbleiben, und wenn wir das nicht alsbald abändern, verdrängen uns hier drüben die pfiffigeren Belfaster.« Was für Kerle? fragte Ammer, der ruhig, aber mit ernster Miene den Worten des Briefes lauschte. Belfast, mein lieber Bruder, ist eine Stadt in Irland, fiel Wimmer in sanftestem Tone ein, deren betriebsame Handelsleute sehr viel Linnenwaaren nach Amerika, wie in die ganze Welt verschicken. Es sollen, wie ich von vielen Erfahrenen gehört habe, ganz grausam kluge Kaufleute sein. Nun, die Ammer'sche Waare wird es an Güte mit dieser Belfaster wohl aufnehmen können, sagte Ammer, mit stolzer Zuversicht. Christlieb fuhr fort: »Ich denke mir, lieber Bruder, daß die Spinnfabrik auf Weltenburg – ein prächtiger Name, dessen ich mich bisweilen in vornehmen Kreisen bediene – bereits im Gange sein wird. Ist dies der Fall, so nimm bei Leibe zum Einschlage kein Handgespinnst mehr, sondern 364 bloß Maschinengarn. Es gibt dies ein viel besseres Ansehen und die Kaufleute in der neuen Welt greifen mit wahrer Gier darnach. Ich glaube auch, daß es im Ganzen billiger sein wird, als das auf dem Handspinnrad oder gar auf der Spindel gewonnene.« O ja, warum denn nicht, bemerkte Ammer, indeß kann's auch kommen, daß die Waare weniger hält, und wovon soll dann der Arme leben, der sich nur durch Spinnen sein Brod verdienen kann? Aber das hat kein Herz, wenn nur der Beutel recht fett wird. Möchte nicht todt in der neuen Welt sein. »Alles zusammen genommen,« las Christlieb weiter, da der Vater sich wieder zur Ruhe begeben hatte, »wir müssen mehr auf äußern Glanz sehen, wie bisher, ferner sehr viel liefern, um nicht überflügelt zu werden, und dürfen uns durch keinerlei Vorurtheile stören oder behindern lassen. Das, lieber Vater, wird auch Dir jetzt mehr und mehr einleuchtend werden, und da Du ja doch nur Deinen Kindern Gutes wünschen kannst, wir beiden Brüder auch, seitdem wir mündig geworden sind, das begonnene Unternehmen mit eigenen Mitteln und auf eigene Rechnung weiter verfolgen, so wirst Du, im Fall Deine Ansichten von den unsrigen abweichen, dieser Meinungsverschiedenheit wegen, unsere kaufmännischen Speculationen gewiß nicht beschränken wollen. Im Fall eines nicht zu bekämpfenden Widerwillens Deinerseits, lieber Vater, könnten wir ja ganz in der Stille und ohne daß es Jemand merkte, uns vollständig separiren. Herr Advocat Block würde dazu gewiß gern die Hand bieten und die Freunde, Herr Wimmer und Graf Alban, Dir liebevoll mit Rath und That zur Seite stehen. Glaube ja nicht, lieber Vater, daß ich eine Geschäftstrennung wünsche, ich berühre diesen Punkt nur, um keine Stockung eintreten zu lassen, denn wenn Du Dich weigertest, diese Winke zu beherzigen, so würden uns sehr große Verluste bevorstehen.« Also doch, sprach der alte Weber halblaut vor sich hin, den Kopf auf seine Brust senkend und mit den Daumen der zusammengefalteten Hände wirbelnd. Freund Mirus hat Recht gehabt! Nun, es thut nichts. Man wird ja alt und stumpf; weßhalb sollte man sich nicht bei Zeiten von Geschäften frei machen, die nur drücken, niemals erfreuen können. Ich merk's, der Schnee auf meinem Scheitel blendet 365 die Augen der frisch blühenden Jugend. Nun, will mir's überlegen. Steht sonst noch 'was in dem Briefe? Er ist bald zu Ende, sagte Christlieb. Du willst doch das Uebrige noch hören? Und wären's noch zwanzig Seiten, versetzte Ammer. Solche Weisheit wird nicht von allen Dächern gepredigt, weßhalb sie auch nicht allseitig verstanden werden kann. Ich jedoch, ich, der alte Weber am Rohr, ich verstehe sie und ich bin auch schon dabei, im praktischen Leben den besten Gebrauch davon zu machen. Also immer heraus mit dem Rest! Christlieb kam dieser Aufforderung nach und las das Folgende mit größerer Eile und ohne jegliche Betonung. »Von New-York segelten wir mit zum Theil neuer Ladung nach Surinam. Die Reise war kurz und glücklich. Auch hier, wo ich erst seit einigen Tagen bin, weßhalb ich mich noch nicht zurechtfinden kann in den hiesigen Gewohnheiten, scheint uns das Glück begünstigen zu wollen. Was Vater für die Missionäre an Waaren bestimmt hat, ist bereits deren Agenten übergeben worden. Ich kann nicht leugnen, daß diese Schenkung mir fast das Herz zerreißen wollte. Was hätte sich durch kluge Verwerthung gerade hier damit gewinnen lassen! Schade, lieber Bruder, daß wir kein Baumwollengeschäft haben. Damit müßte man goldene Berge verdienen können. Ueberlege doch mit Herrn Wimmer, ob in Weltenburg nicht Platz ist für eine zweite Fabrikanlage. Ich würde dann, ehe ich meine Rückreise nach Europa antrete, hier Anknüpfungen für ein Geschäft treffen, worüber das Nähere nur mündlich besprochen werden kann. »Herzensgrüße an Mutter, Schwester Florel und ihren Krauskopf. Ich hoffe, wenn ich zurückkomme, springt dem gereisten, viel erfahrenen Onkel ein kleiner Krauskopf entgegen. »Bleibt gesund und schreibt bald. Noch habe ich keine Zeile von Euch erhalten. Dir aber, lieber Vater, wünsche ich vor allen Dingen Zufriedenheit des Gemüthes, Ruhe im Herzen und bitte Dich, mir vergeben zu wollen, weil ich dem Drange meiner Seele mehr gehorchte, als Dir. Es war nicht Ungehorsam, der mich forttrieb, sondern die Stimme Gottes, die ich vom Weltmeer herüber mich rufen hörte. Gott aber sollen wir jederzeit mehr gehorchen, als den Menschen. 366 »Lebt tausendmal wohl, grüßt alle Freunde und Bekannten, auch Herrn Mirus und Candidat Still – den verzwickten Leisetritt nicht zu vergessen – und laßt gute Nachricht hören Euern liebetreuen Sohn und Bruder Fürchtegott Ammer, »Paramaribo, Mitte Januar 18...« Die Wirkung dieses Briefes auf die verschiedenen Zuhörer war eine sehr verschiedene. Während Frau Anna dem Himmel laut Dank sagte, daß es dem fernen Sohn unter den Wilden, wie sie sich ausdrückte, bisher wohl ergangen sei und ihr Schwiegersohn geneigt war, ihr darin beizustimmen, verdüsterten sich die lieblichen Züge Flora's immer mehr, bis am Schlusse der Ausdruck tiefster Herzenstrauer sie wie ein dunkler Schleier völlig überdeckte. Sie hatte die Hände gefaltet und sah, ganz in Gedanken versunken, vor sich hin. Ammer verhielt sich ebenfalls eine Zeit lang still und nachdenklich, dann griff er mit einiger Hast nach dem Briefe, zerknitterte ihn, steckte das Papier in die Seitentasche seiner bequemen Hausjacke, die er für gewöhnlich bei der Arbeit trug, und stand auf, indem er Wimmer einen fast gebieterischen Wink gab, ihm zu folgen. Der Herrnhuter wagte nicht, diese befehlshaberische Einladung auszuschlagen, er hüstelte, warf Anna einen vielsagenden und doch schwer zu enträthselnden Blick zu, lächelte Flora, die fast erschreckt aufsah, freundlich an, und folgte dem voranschreitenden Weber in dessen Cabinet. Neuntes Kapitel. Eine ernste Unterredung Hier setzte sich Ammer auf das hart gepolsterte Kanapee und zog Wimmer neben sich nieder. Er entblößte sein schneeweiß Haupthaar und kämmte es wiederholt zurück in den Nacken, während sein scharfes Auge den versteckten Freund fixirte. Endlich sprach er: Wie lange ist's wohl her, seit wir hier ein Abkommen eigenthümlicher Art miteinander trafen? Ich weiß noch genau, daß ich mich 367 sträubte und dir hartnäckig widersprach; aber ich ließ mich von deiner glatten Zunge, von deiner sanft schmeichelnden Stimme bethören. Seitdem habe ich aufgehört ein glücklicher Mann zu sein. Lieber Bruder, sprich doch nicht so lieblos und sündhaft, fiel Wimmer ein. Hat Gott dich nicht gesegnet mit reichen Gütern? Hat er dir nicht im Ueberflusse gegeben, was uns die Tage der Welt erheitert, was uns Freunde erwecken, uns in Trübsalen wenigstens die Qual erleichtern helfen kann? Und hast du ein Recht zu klagen, weil deine Kinder gesund sind und sich ihrer Selbstständigkeit freuen? Wieder ruhte das Auge des alten Webers flammend auf dem Herrnhuter, der vor diesem Blick den seinigen senkte. Wimmer, sagte Ammer, es ballen sich Zweifel um meine Seele, wie finsteres Gewölk um die untergehende Sonne nach einem brütend heißen Sommertage. Dann rütteln und schütteln die beiden Geschwister Angst und Kummer an meinem müden Herzen, daß ich es ordentlich fühle und fast unter den zuckenden Schmerzen zu wanken beginne. Du sagst, deine Handlungsweise habe mir Segen gebracht, denn meine Kinder seien sehr, sehr reiche Leute. Freilich, freilich, sie und ich, wir haben zusammen manchen Scheffel Geld, aber, aber – die Eintracht der Seelen, die Liebe, die unseres Lebens Stab sein soll, die uns trösten und beseligen muß, wenn Trübsal über uns kommt: diese Eintracht und Liebe hat der zur Vorderthüre meines Hauses hereinrollende Goldstrom zur Hinterthür hinausgedrängt. Und das ist ein schweres Unglück! Lieber Bruder in Christo – Still, Wimmer, mische den Herrn nicht in unsere weltlichen Angelegenheiten! Christus hat damit nichts zu schaffen, und wie ich gegen dich gesinnt bin und wie du mir gegenüber stehst, mögen wir meinethalb ein Brüderpaar sein, über dem irgend eine unheimliche Macht seine schwere Hand hält, der Herr, den wir unsern Erlöser nennen, hat nichts damit zu schaffen. Du bist aufgeregt und darum ungerecht, lieber Bruder. Ammer stand auf und hielt ihm das zusammengedrückte Schreiben Fürchtegott's vor. Sprich, sagte er bitter, ist das ein Brief, wie ihn der Sohn an seinen Vater schreiben darf, wenn er ihn liebt, wenn er ihm Freude 368 machen, die alten Tage ihm mit dem goldigen Dämmer froher Hoffnung verklären will? Wo steckt das Herz in diesem Schreiben? Wo regt sich eine Fiber? Und der Mensch lebt ein paar tausend Meilen entfernt von der Heimath! Zwischen ihm und seinen Eltern rollt die unendliche Wasserwüste des Oceans – ein Windstoß kann das Schiff, das ihn zurückführen soll in die Heimath, spurlos versenken in grundlose Tiefen; und dennoch, dennoch glimmt kein Flämmchen Kinderliebe auf diesen spitzen kalten Worten! Aber freilich, davon weißt du nichts, kannst du nichts wissen, denn du bist ja nicht Vater! Jetzt, wo Ammer sich gerade abwendete, lächelte Wimmer nur unmerklich, aber sehr seltsam. Es war, als träte nur eine Secunde lang der Herzschlag auf sein Gesicht. Er seufzte, indem er antwortete: O hätte ich doch Kinder! Aber ich kann sie ja nicht haben, du weißt es. Ammer schrak zusammen und wandte sich wieder dem Herrnhuter zu. Sein Antlitz war bleich, die Angst, die sein Herz zerwühlte, malte sich in den zermarterten Zügen. Was soll ich thun, wenn er wiederkommt? sprach er rathlos vor sich hin. Du breitest deine Arme aus, lieber Bruder, sagte Wimmer, führest den Heimkehrenden in dein Haus, schlachtest ein Kalb und feierst mit deiner Familie und deinen Freunden ein fröhliches Fest. Könnt' ich ihn dadurch wieder festbinden an mein Herz, so würd' ich's thun, versetzte Ammer, aber Fürchtegott hat sich losgesagt von mir, von uns Allen. Sein Gott ist der Mammon. Ihm allein dient er, ihn zu mehren würde er – ich fürchte es beinahe – ein Verbrechen begehen können. Und wer hat ihn diese Wege wandeln gelehrt? – Hier trat der Weber rasch an den Herrnhuter heran. – Du, der du dich rühmst, mein ältester und treuester Freund zu sein! Wimmer zog sich gelassen beide Stiefel herauf, sah dann den ergrimmten und erschütterten Weber ruhig an und sprach: Es ist Sitte der Kinder dieser Welt, daß sie diejenigen schmähen, denen sie danken sollten. Mich wundern deßhalb nicht deine harten Worte, lieber Bruder, allein wohl wünsche ich, und flehe deßhalb zu unserm Herrn und Heilande, daß es mir gelingen möge, dich andern Sinnes zu machen. Denn so du mir mißtrauest und mich fliehest oder 369 vielleicht gar verfolgest, würdest du dir nur selbst größeren Kummer bereiten. Zwar bin ich im Vergleich mit dir arm zu nennen, weil ich weder Weib noch Kind habe, dafür aber hat Gott mich begnadigt, das Vertrauen deiner Söhne, deren Talente ich achte, zu erwerben. Verführest du nun hart und unväterlich gerade mit dem, der – ich weiß nicht, warum – am meisten an mir hängt, so würdest du ihn nur ganz von dir entfernen und ihn mir in die Arme führen. Ist nun dies nicht deine Absicht, so sei ihm lieber ein milder Vater und lege nicht jedes Wort, gleich beschädigten Ducaten, auf die Goldwaage. Diese Worte, sanft, mit einem Anflug von Rührung und in fast klagendem Tone gesprochen, machten einen tiefen Eindruck auf Ammer. Er sah sich plötzlich auf einem Terrain angegriffen, wo ein fortgesetzter Kampf für ihn die traurigsten Folgen haben konnte. Wimmer, sagte er matt, seine Hand dem Herrnhuter entgegenstreckend, Wimmer, raube mir nicht noch mehr von meiner Kinder Liebe, als du schon jetzt mir genommen! Es würde nicht gut enden! Ich will es gern und zu deiner Ehre glauben, daß nicht versteckte Absichten deinen Handlungen zu Grunde lagen, obwohl dieser trübe Gedanke mich häufig beschlichen hat und beschleichen mußte; den Schmerz eines Vaters, dessen Kinder sich nach und nach von ihm abwenden in Trotz und Eigendünkel, wirst du, obwohl ein kinderloser Mann, wenigstens nachfühlen. Was nützt mir die Welt, die du dem Fürchtegott durch deine kaufmännischen Vorspiegelungen in seine Phantasie gestellt hast? Kann mir diese Welt unklarer Einbildungen und Hirngespinnste die Liebe ersetzen, die der Junge mir entzieht? Meinst du, daß der Händedruck eines Kindes, von Zärtlichkeit dictirt, durch Gold sich aufwiegen läßt, das nicht zart und warm, wie ein verwandter Pulsschlag, sondern kalt und hart, wie die Herzlosigkeit selbst, das Innere unserer Hand berührt. Ich wüßte nicht, was ich thäte, wenn du mir den Fürchtegott so unschuldig, rein und mir zugethan wiederbrächtest, als er vor dem Tage war, wo ich dir hier mit Wort und Handschlag ein unglückseliges Versprechen gab. Nicht Eigennutz, lieber Bruder, nur Liebe sprach damals aus mir, wie noch heute, betheuerte Wimmer. Aber die Herzen der Menschen sind Bächen zu vergleichen, die der Sonnenschein des Glückes vertrocknet und der Regen und Thau schwerer Prüfungstage wieder mit dem 370 Weihwasser der Liebe und Zärtlichkeit füllt. Nun, wer weiß, ob der Fürchtegott nicht auch von dem Faustschlag eines harten Schicksals dereinst in Gedanken zurückgeführt wird in seine Kindheit? Ammer seufzte. Er legte seine Hand auf die Schulter des Herrnhuters, sah ihn mit seinen tiefen, blauen Augen lange und fest an und sprach dann: Nein, schlecht bist du nicht, sonst hättest du diesen Blick in das Innerste deiner Seele nicht auffangen können im Spiegel deines Auges, ohne zu blinzen, aber du rechnest zu viel, du hast große Freude an Zahlen, und darüber vergißt du Liebe und Freundschaft. Und den Fürchtegott hast du angesteckt damit. Die Geldgier hat sich seit der Zeit des unerfahrenen, jungen Menschen bemeistert, dermaßen, daß sie wie eine verheerende Seuche eine gute Eigenschaft nach der andern aufzehrt und ihn ganz und gar beherrscht. Seinen Schöpfer würd' er verleugnen und verrathen für Geld. Er ist abgefallen vom Gott der Liebe, dem wir Alle dienen sollen in Demuth und Ergebenheit, und den du ja immer auf den Lippen trägst! Ein Götzendiener kniet er vor dem Mammon mit ausgebreiteten Armen und sieht, daß des vergänglichen Gutes nur immer mehr ihm zuströme. – Und das vergällt mir das Leben, Wimmer; das macht mich unglücklich mitten im reichen Besitz zeitlichen Glückes; das wird mich noch, so keine Aenderung eintritt, mit Fürchtegott's dereinstiger Rückkehr aus der neuen Welt, grambeladen in die Grube bringen, und mein letzter Seufzer wird eine Anklage vor Gott sein, die deinen Namen flüstert! Ammer's Stimme zitterte, und ein paar Thränen rieselten in den Furchen seiner Wangen herab. Wimmer aber erfaßte die Hand des so tief Erschütterten und sagte: Lieber Freund und Bruder! Wolltest du nur Vertrauen fassen und glauben! Der Mensch, der da irrt und mannigfach fehlt gegen das Gesetz, ist deßhalb nicht als verloren zu betrachten. Steht es doch geschrieben in der Schrift: »Wen der Herr lieb hat, den züchtiget er«, und anderwärts wieder: »Es wird mehr Freude sein im Himmel über einen Sünder, der Buße thut, denn über viele Gerechte!« – Durch unsere Fehltritte lernen wir die Wahrheit kennen. So wird auch dein Sohn, nachdem er frevelte und sündigte, durch die 371 Läuterung geistiger Trübsal zur Erkenntniß kommen und als dein gehorsamer Sohn die letzten Tage deines Lebens dir verherrlichen. Diese Worte des Herrnhuters schienen nicht ohne Eindruck auf den Weber zu bleiben. Ammer zeigte sich hoffnungsreicher, über sein trübes, verdüstertes Antlitz lief der Widerschein eines hoffenden Lichtstrahles. O möchtest du wahr sprechen, Wimmer! sagte er mit tiefer Bewegung. Ich würde ihm Alles vergeben und vergessen, und den Tag seiner Rückkehr als einen Festtag feiern, so lange ich lebte. Du wirst es können, lieber Bruder! Der Herr verläßt ja die Seinen nicht; du wirst aber deinen Sohn dir um Vieles leichter wiedergewinnen, wenn du an die Stelle der Härte Liebe und Milde, an die Stelle des Trotzes Nachgiebigkeit und Willfährigkeit setzest. Was ist auch daran gelegen, ob du nun widerhaarig bleibst oder den Zeitläufen dich fügend gewährst, woran jetzt noch mit ganzer Jugendwärme das Herz deines Sohnes hängte? Wenn es nur eine Prüfung wäre, ein Wink, der ihm für später Halt gebieten soll, so würde ich mich nicht sträuben. Nichts anderes soll und wird es sein, sprach Wimmer zuversichtlich. Laß ihm jetzt seinen Willen, damit er vollkommen frei sich bewegen kann und befriedigt wird. Um so leichter wird es alsdann, ihn mit freundlichen Worten zu zügeln. Du mußt auch bedenken, daß dies Gehen- und Geschehenlassen deinerseits der einzige Weg ist, in gutem Einvernehmen mit den Söhnen zu bleiben. Sie sind nun einmal selbstständig und da hilft in alle Ewigkeit bloßer eisenharter Widerstand nicht. Je härter der Widerstand, desto heftiger der Gegendruck, und das führt nie zu erwünschtem Ziele. Ja, ja, es ist so, versetzte Ammer seufzend. Ich sehe ein, daß du jetzt Recht hast, aber es will mir nicht in den Sinn, daß du früher, als du mich zu bestimmen wußtest, gleicherweise im Rechte gewesen sei'st. Weil ich mich damals aus Freundschaft schwach zeigte und nachgiebig, muß ich jetzt aus Liebe zu den Meinigen geschehen lassen, was meiner festen Ueberzeugung nach nicht förderlich ist zu ihrem Seelenheil. Der Mensch denkt und Gott lenkt! sagte Wimmer mit ergebungsvollem Aufblick zum Himmel. Fügen wir uns also seinem 372 unerforschlichen Willen und hadern wir nicht, wenn er uns in unserer Kurzsichtigkeit auch Wege führt, die uns nicht gefallen wollen. Ammer's Schweigen sagte dem Herrnhuter, daß er seine ferneren Pläne nicht mehr kreuzen werde. Die Sonne war hinter den Waldhöhen untergegangen und beleuchtete nur noch die hohen Gebirge im Osten mit verglühendem Flammengold. Der alte Weber trat an's Fenster und sah hinaus in die bei solcher Abendbeleuchtung doppelt bezaubernde Landschaft. Aus der Ferne hörte man Glockengeläut. Ammer entblößte sein Haupt, faltete die Hände, indem er sich mit den Ellenbogen auf's Fensterbrett stützte, und betete. Wimmer störte ihn nicht. Zum Schein faltete er ebenfalls die Hände und bewegte die Lippen. So möge uns denn Gott helfen, Amen! schloß Ammer sein Feierabendgebet. Laß uns jetzt sehen, was es drüben gibt. Ich höre, daß man laut wird. So endigte eine Unterredung, welche der schlaue Herrnhuter nicht mit ganz leichtem Herzen begonnen hatte. Jetzt war er beruhigt, und heitern Antlitzes trat er hinter dem Weber in's Familienzimmer. Hier hatten sich inzwischen die Zurückgebliebenen ebenfalls mit Fürchtegott und dem Inhalte des eingelaufenen Briefes beschäftigt. Bei Beurtheilung desselben bildeten sich zwei Parteien, indem Albrecht und Flora entschieden ihren Unwillen über den Ton aussprachen, den Fürchtegott sich dem Vater gegenüber erlaubt hatte; die Mutter und mit ihr Christlieb fanden diesen entschuldbar, obwohl sie zugaben, daß Fürchtegott seine Wünsche und Vorschläge in andere Worte hätte kleiden können. Flora nannte den Brief lieblos, unkindlich, hart, ja sogar höhnisch, und vergoß über diese Unkindlichkeit des fernen Bruders Thränen; Christlieb dagegen meinte, der Brief sei in kaufmännischem Style abgefaßt und da könne von überfließender Liebe nicht die Rede sein. Auch dürfe man nicht vergessen, daß die ferne Welt, die vielen neuen, gewaltigen Eindrücke, endlich das Glück den Bruder, der ohnehin niemals Sinn für sentimentale Regungen gezeigt, völlig bezaubert habe, und im Rausch dieser Bezauberung seien ihm die Worte stolz und gebieterisch, wie seine augenblickliche Stimmung gewesen, in die Feder gelaufen. Da beide Ansichten sich vertheidigen ließen und die verschieden Urtheilenden fest auf der ihrigen beharrten, 373 so kam es zu keiner Einigung. Flora ward zuletzt sogar beinahe heftig und machte Miene, ihrem Bruder und selbst der Mutter zu grollen. Zum Glück wurden die Streitenden durch lautes Geräusch von Außen in ihrem unerquicklichen Gespräche gestört. Eine ansehnliche Menge Menschen kam laut sprechend und lebhaft gesticulirend die Straße herab und schlug den Weg nach dem Schulzen oder Richter ein. Mitten in dem Gewühl trug man den Leichnam des erschlagenen Grenzjägers. Etwas später folgte der Wagen der Gerichtspersonen, welche zur Besichtigung sowohl des Ermordeten, wie des Ortes, wo man diesen fand, herbeigekommen waren, und hinter diesen, umgeben von einer kleinen Zahl Bekannter, kam Leisetritt mit seinem klirrenden Karren, der von zwei starken zottigen Hunden gezogen ward. Flora vergaß den Gegenstand des Zankes, als sie den Glassammler erblickte, klopfte an's Fenster, schob es auf und rief ihm zu: Halt' doch einen Schlag, Leisetritt! Du wirst wohl Appetit haben auf einen kleinen Wachholder; komm', versuch' unsern jüngsten, und sag' uns, was das für eine Geschichte ist mit dem todten Grenzjäger. Leisetritt zog seinen formlosen Dreikantigen, lachte mit seinem Paviansgesicht, befahl den Hunden sich niederzulegen, und trat in's Haus. Als er eben die Zimmerschwelle überschritt, vernahm Ammer das Geräusch des lärmenden Haufens, und fand jetzt den Glassammler bereits von Frau Anna und seinen Kindern umringt in der Stube. Ei, ei, ei, sprach der Weber, was sind das für Geschichten, die da eben in meinem Rohr vorgehen! Und du hast, wie mir gesagt wurde, die Spur aufgefunden und den Herren vom Gericht die Wege gewiesen? Leisetritt lachte leise in sich hinein. Ja, Herr Ammer, versetzte er, diesmal habe ich dem Gerichte wirklich die Wege gewiesen, 's ist eine närrische Geschichte und ich glaube, es wird eine excellent prächtige Untersuchung geben, und in Jahr und Tag ein paar Hinrichtungen, und eine sehr schöne neue Mordgeschichte für den Leierkastenmann, gedruckt in diesem Jahr und mit der anziehenden Redensart: »Reine Wahrheit! kein Gedichte!« Hat man die ruchlosen Mörder entdeckt? fragte Wimmer. Mit Verlaub, soweit ist das hochpreisliche Gericht noch nicht gekommen, fuhr Leisetritt fort, mit schnalzender Zunge den dargereichten 374 Wachholder ausschlürfend. Aber die Herren haben Spuren gefunden, grausam schöne Blutspuren und andere dazu; auch einen übersponnenen Knopf und ein paar Büschel Haare. Und das haben sie Alles aufgehoben und fein säuberlich eingepackt. Auch haben sie die Fußtritte ausgemessen und ordentlich künstlich einen Abdruck davon gemacht in einen Klumpen Thon, daß es ganz aparte schön aussah, wie alle Nagelkuppen von der Sohle drin sitzen blieben, so natürlich, daß es eine wahre Freude war, und endlich habe auch noch zu allerletzt die Papierschnitzel aufgesammelt, so viel davon zu finden waren; aber alle haben s' doch nicht gekriegt. Leisetritt lachte überaus pfiffig und schlug dabei auf die Tasche seines halblangen Rockes. Hast doch nicht lange Finger gemacht? sagte Ammer. Behüte, behüte! erwiderte der Glassammler. Der Wind jagte ein paar von den Fetzen vor mir her über's Heidelbeerkraut, und weil ich 'was Schwarzes darauf sah und doch für's Leben gern wissen wollte, was es wohl sein möchte, schoß ich dem Papier nach und habe etliche davon erwischt. Sie sehen putzig aus, die Dinger. Mit diesen Worten nahm Leisetritt ein paar der erwähnten Papierstücke aus seiner Jacke und reichte sie dem Weber. Dieser gab sie, weil es bereits stark dunkelte, an seinen Sohn. Sieh du zu, was drauf steht, sagte er, ich kann's doch nicht mehr erkennen. Christlieb empfing die Stücke, entfaltete sie und konnte bemerken, daß einzelne große Zahlen darauf gemalt waren. Diese Zahlen waren zerrissen, nach einigem Probiren gelang es jedoch Christlieb und Albrecht, die sich zusammen an den Tisch setzten, einige der Stücke so zusammen zu fügen, daß ein Ganzes daraus entstand und die Zahl 77 dabei zum Vorschein kam. Was soll das nun bedeuten? sagte Ammer, nachdenklich, seine Blicke darauf heftend. Na, Herr Ammer, 's Gericht hat's vielleicht schon ein Bissel 'raus, fiel Leisetritt ein, dem es gelungen war eine zweite Zahl zusammen zu bringen. Mehr als zwei Zahlen, schien es, hatte keins der zerrissenen Papiere enthalten. Vor ein paar Monaten stand's im Wochenblatt und auch in der Zeitung obendrein, hab' ich mir sagen 375 lassen, daß diesseits der Grenze 's Lottospiel im Königreiche verboten sei bei schwerer Strafe. Weil's aber noch Viele gibt auch bei uns, die's böhmische Glück lieber haben, als die böhmische Religion, so kehren sie sich nicht an's Verbot, sondern setzen immer noch in's Lotto. Nun passen's ihnen aber drüben im Königreich scharf auf, also daß es nicht gar leichtlich angeht, und da haben die Leute eine pfiffige Erfindung gemacht, um sicher zu gehen und melden's sich gegenseitig durch Zeichen, ob's gut ist zu spielen oder nicht. Diese Bemerkungen des Glassammlers blieben für Alle unverständlich. Man ersah daraus nur, daß auf irgend eine Weise Gesetzesübertretungen vorgekommen sein mußten, daß diese im Zusammenhange standen mit dem verbotenen Lotto und daß bisher noch unermittelte oder unklare Vorgänge den Mord des Grenzjägers mit diesem Lottoverbot in Verbindung brachten. Ammer beunruhigte diese Entdeckung. Er gedachte der Nummern, die erst vor Kurzem sein kleiner Enkel hatte ziehen müssen, und ohne sich lang zu besinnen oder Jemand etwas davon zu sagen, ging er in sein Cabinet, zog den Tischkasten auf, nahm die daselbst verwahrten Zahlen heraus, zerriß sie, ohne sie eines Blickes zu würdigen, und streute sie aus dem Fenster. Schauer durchrieselte sein Gebein, wenn er sich zurückversetzte im Geiste und des Gewinnes gedachte, der ihm später den Besitz Weltenburgs verschafft und ihn mit so vielen Kümmernissen außerdem noch beschenkt hatte. Seitdem haßte er das Spiel und erschrak davor, wenn man es nur nannte. Um nun mit Einem Mal ein Ende zu machen, dünkte es ihm am Kürzesten, die Terne, welche sein Enkel besetzt hatte, zu vernichten. Damit glaubte er jegliches Unglück von sich und seiner Familie für immer abwenden zu können. Als Ammer wieder zurück kam, schickte sich Leisetritt zum Fortgehen an. Der Weber wünschte ihm glückliche Heimkehr und gab ihm noch in seiner Weise ein paar gute Lehren mit auf den Weg. Christlieb geleitete den Alten bis vor die Hausthür. Als er sich hier mit ihm allein sah, sprach er, flüsternd: Leisetritt, brauchst du die Papiere? O ja, zum Fensterputzen. Ueberlasse sie mir. Du sollst ein paar Gulden dafür haben. 376 Nun, Christlieb, das ist nach Feierabend wacker viel. Wenn's denn sein muß, meinetwegen. Leisetritt langte die Papierstücke heraus, Christlieb empfing sie und legte dafür zwei ganz neue Guldenstücke in die Hand des Glassammlers. Gott seg'n es, sprach dieser, seinen Filz rückend, und mög' es Christlieb Ammer dermaleinst viel Glück im heiligen Ehestande bringen! Gute Nacht, Leisetritt. Stolpere nicht, und gelingt mein Anschlag, so werd' ich deiner gedenken. Zehntes Kapitel. Die überraschende Nachricht. Christlieb Ammer gehörte zwar zu den aufgeklärteren jungen Leuten, dennoch war er weder ganz frei von Aberglauben, noch konnte er sich gewisser Einflüsterungen enthalten, an denen das Volk großentheils heute noch hängt, die es als Orakelspruch achtet. Wir wissen, daß Christlieb zuerst die Bekanntschaft Zobelmeiers machte und daß dieser ihn veranlaßte, eine Terne im Lotto zu besetzen. Er that es, ohne zu gewinnen. Inzwischen war der Vater dem Beispiele des Sohnes gefolgt, hatte dabei dem Zufalle völlig freies Spiel gelassen, und siehe da, das launenhafte Glück warf ihm Hunderttausend in den Schooß! Es ist Volksglaube, daß man mit erborgtem Gelde glücklich spielt; dasselbe gilt von Zahlen, die Jemand aufgedrungen worden oder die man irgendwo findet. Schon ein zufälliges Erlangen derselben wird für ein günstiges Zeichen gehalten. Ferner glaubt man fest daran, daß alles verbotene Spiel Glück bringe, selbst ein offenbares Unrecht, eine Unredlichkeit, die dabei mit unterläuft, kann das Glück eher anlocken und festhalten, als vertreiben. Von diesen verführerischen Lockungen förmlich umstrickt, glaubte Christlieb Ammer einen Griff in die dunkel verhüllte Zukunft thun 377 zu dürfen. Er hatte das Glück nicht aufgesucht, ein Fremder brachte Nummern, die es sich auserlesen haben konnte, in's Haus, spielte sie ihm in die Hände! – Sollte er sie von sich weisen? Sollte er sie gleichsam auf die Straße werfen, damit ein Dritter sie auffange, der weniger skrupulös war, als er selbst? Und was ging ihn das Verbot an? Es bedurfte ja nur einiger Zeilen an Zobelmeier und Alles war bestens geordnet. So trug denn der Sohn eben so verschwiegen die Glücksnummern zur Thür hinein, wie sie einige Minuten früher der Vater zum Fenster hatte hinausflattern lassen. Das Thun Beider blieb Allen ein Geheimniß. Schon während des Gesprächs mit dem Glassammler hatte es angefangen stark zu dunkeln; es war daher für heute an eine Rückkehr des jungen Ammer mit dem Herrnhuter nach Weltenburg nicht mehr zu denken. Frau Anna traf Anstalten, für Wimmer das Gastzimmer herzurichten, und Flora mußte für eine kräftige Abendmahlzeit die Sorge übernehmen. Ammer zeigte sich, nachdem eine offene Aussprache gegen den alten Freund ihm das Herz erleichtert hatte, völlig unbefangen und sogar cordial. Er war gesprächig, erzählte Anecdoten, brachte längst vergessene Geschichten aus früher Jugend wieder auf's Tapet und kam endlich auf den ermordeten Grenzjäger und die an dem Orte der Blutthat vorgefundenen Papiere. Plötzlich ward er ernst und sah nachdenklich vor sich hin. Was ist dir, Vater? fragte Flora, den Abendtisch deckend. Je mehr ich mir's überlege, sprach Ammer, desto mehr will mir's einleuchten, daß wir dem alten, geschwätzigen Narren die Papierstücke entweder gar nicht hätten zurückgeben oder ihn anhalten sollen, sie dem Gerichte auszuliefern. Sie gehören mit zu dem, was die klugen Herren von der Feder Corpus delicti nennen. Wer weiß, ob sie nicht gerade mit zur Entdeckung der Mörder beitragen könnten! – Hm, hm! – Ich denke, es kann nichts schaden, wenn ich mich selber noch aufmache und dem Leisetritt in's Gewissen rede. Am Ende gäbe es sonst noch ein Unglück mit dem fatalen Funde. Du kannst ja lieber Jemand schicken, bemerkte Christlieb, oder ich will statt deiner hingehen. Hast Recht, ruf mir den Färber. 378 Christlieb entledigte sich eiligst seines Auftrages, und ein paar Minuten später war der Färber, ein zuverlässiger und besonnener Mann, auf dem Wege zu dem alten Glassammler. Wimmer streifte sein ihm zur Gewohnheit gewordenes, nach Frömmelei schmeckendes Wesen ab und war ungewöhnlich heiter. Die Reminiscenzen seines Freundes erweckten auch in ihm alte Erinnerungen, und so gab es denn bei Tische eine recht angenehme und erheiternde Unterhaltung. Flora und die Uebrigen verloren schon deßhalb ihre üble Laune, weil sie den Vater so gut gestimmt sahen, was eine nicht eben alltägliche Erscheinung war. Sie schlossen daraus, daß die Unterredung mit dem Herrnhuter seine Zweifel beseitigt, seine Bedenken gehoben, seine Bekümmernisse abgeworfen haben müsse. Sage mir aber jetzt, alter Freund, sprach er während der Abendmahlzeit, warum mischt sich eigentlich Graf Alban in eure Handelsangelegenheiten? Ich habe früher immer geglaubt, dem sehr kenntnißreichen Herrn liege nur das Seelenheil der Brüder und derer, die sich im Stillen zu ihnen halten, am Herzen, und nun hat er doch seine Hand zwischen deren weltlichen Angelegenheiten. Das ist mit wenigen Worten gesagt, erwiderte Wimmer. Die Brüdergemeinden besitzen keinen Mann, welcher die überseeischen Länder gründlicher kennen gelernt hat, als Graf Alban. Seine Erfahrungen, die er im Süden und Norden Amerika's als Missionär eingesammelt, die genaue Kenntniß der Zustände, Verhältnisse und Bedürfnisse aller wilden Völkerstämme jener unermeßlichen Länder befähigen ihn mehr als irgend Jemand, denen, die in irgend einer Weise mit denselben verkehren müssen, wohlwollende Winke zu ertheilen. Die Brüder thun deßhalb nichts, ohne zuvor seine Meinung gehört, seinen Rath eingeholt zu haben. Graf Alban ist dadurch für unsere Gemeinde eine Art Vorsehung geworden, und während er von Hause aus nur den heiligen Zwecken der evangelischen Mission dient, fördert er doch auch durch sein kluges und vorsichtiges Rathen deren weltliches Gedeihen, indem die Mittel der Brüder zur Bekehrung der Heiden sich mehren. Graf Alban hat also keinen wirklichen Antheil an euern Geschäften? fragte Ammer. Nicht den geringsten. 379 Und doch schrieb er mir damals, als mein Sohn die große Reise antreten sollte! Ihm vor Allen habe ich das hartnäckige Beharren des trotzigen Jungen auf seinem Vorhaben zu danken. Ich leugne nicht, daß mich dies beunruhigte, daß es mich ärgerlich machte, und wäre mir der lang aufgeschossene Bengel nicht stehenden Fußes auf und davon gegangen, so hätte es wohl sein können, der alte Ammer im Rohr wäre mit ein paar altlausitzischen Redensarten dem Herrn Grafen in die Stube gefallen. Es geschah dies auf den Wunsch deines Sohnes, erwiderte Wimmer. Fürchtegott aber ist deßhalb vollkommen zu entschuldigen. Der willige, für seinen Beruf schon damals – ich möchte fast sagen – fanatisch eingenommene Mensch war sich bewußt, dein Mißfallen erregt zu haben. Er konnte sich's im Voraus sagen, daß du nie und nimmer freiwillig in eine so weite Reise, in ein so weit aussehendes Unternehmen willigen würdest. Er gestand mir und dem Grafen, daß die Stimmung zwischen dir und ihm, durch die Verhältnisse hervorgerufen, eine dergestalt gespannte geworden sei, daß es nur einer geringen Veranlassung bedürfe, um einen vollständigen, vielleicht nie wieder gut zu machenden Bruch herbeizuführen. Einem so großen Unheile wollte Fürchtegott vorbeugen, und deßhalb erbot sich Graf Alban, dir in der bewußten Angelegenheit zu schreiben. Anfangs war ich dazu entschlossen, indeß, du weißt, lieber Bruder, es hatte sich auch zwischen uns die erkältende Nebelatmosphäre des Mißtrauens bereits gelagert, und so glaubte ich, ein Brief von mir, auch wenn er noch so ruhig, überlegt und sanftmüthig abgefaßt wäre, würde dein Mißfallen erregen und ganz das Gegentheil von dem bewirken, was wir beabsichtigten. Daß ich dich richtig beurtheilt hatte, bewies der unfreundliche, leider auch zu übereilte Fortgang des ungestümen Fürchtegott. Wider Erwarten der Uebrigen nahm Ammer diese Auseinandersetzung mit größter Ruhe, ja selbst mit nicht zu verkennender Freundlichkeit auf. Er nickte beifällig mit dem Haupte, ließ sich, was er nur bei guter Laune zu thun pflegte, von Flora seine Meerschaumpfeife reichen und erwiderte, als sie glücklich in Brand gerathen war: Es hat doch sein Gutes, wenn ein paar Menschen, die einander lange kennen und zwischen denen etwas unklar geworden ist, sich 380 unumwunden aussprechen. Hätte ich gewußt, was ich jetzt weiß, mir wäre viel Kummer erspart worden. Na, so schenk' ein, Anna, dir selber und auch der Florel dazu. Auf zukünftiges, gutes Einvernehmen und eine glückliche Heimkehr des Reisenden in's Vaterland und's Vaterhaus! Mit Freuden und ohne Rückhalt ließen Alle diesem Trinkspruch die Gläser klingen. Wimmer ward sehr gerührt und mischte seinen Wein mit ein paar Thränen. Noch schlürften die Zufriedenen die goldenen Perlen vom Rhein, als der Färber von seiner Sendung zurückkam. Christlieb wechselte ein wenig die Farbe. Na, hast du die Dinger? fragte Ammer, ohne aufzusehen. Was sagte Leisetritt? Herr, erwiderte der Gefragte, der Glassammler läßt Euch sagen, es thue ihm grausam sehr leid, daß er weder Euch noch dem Gerichte den Gefallen thun könne, denn er habe das unnütze Geschmier auf dem Heimwege in 'n Mühlbach geschmissen. Christlieb's Wangen nahmen ihre gewöhnliche Farbe wieder an, er athmete frei auf und schlürfte behaglich den Rest seines Weines. Der Narr! brummte Ammer. Na, warte nur! Wenn ich dich wieder zu Gesicht kriege, will ich dir deinen Wirrkopf schon zurecht setzen. – Aber, was ist dir, Anton? Du siehst ja aus wie eine frisch gebleichte Leinwand! Ja, ich hab' mich auch grausam sehr erschrocken, Herr! Gibt's irgendwo Feuer? Sie zünden wieder an seit ein paar Monaten. Hab's lange merken können; wird sich wieder um die fremden Arbeiter aus dem Königreiche und aus Schlesien handeln. Nein, Herr, es steht kein Feuerzeichen am Himmel. Ich habe noch 'was Schlimmeres vernommen. Nun, was denn? Ist's ein Geheimniß, das Niemand mitgetheilt werden darf? Das nicht, Herr, – Sie erzählten's vor dem Kretscham. Ein Reitender hatte es gebracht. So erzähle doch, lieber Freund, warf Wimmer ein. Es heißt; sie haben ihn. Wen? sprach Ammer, die Mütze in den Nacken schiebend. Den Mörder des Grenzjägers, sagte Anton. 381 Desto besser, so kommt kein Unschuldiger in Untersuchung und keines redlichen Mannes Ehre wird beschädigt. Wer ist's? Ach, das eben hat mich erschreckt, daß ich noch jetzt wie Espenlaub zittere! Na, na! sagte Ammer. Ein Mensch von deinem Knochenbau zittert wohl nicht gleich. Ist's ein Bekannter? So bekannt, daß sein Name weit hinausreicht über die Grenzen des Landes. Der Herr erschrickt sich auch, wenn ich ihn nenne. Ammer hörte auf zu rauchen und sagte: Nenne ihn. Ich will ihn hören. Der Reitende, versetzte der Färber, der Reitende nannte den – Advocaten Block! Ein Blitzschlag aus heiterm Himmel hätte die Anwesenden nicht furchtbarer erschüttern können, als diese wenigen Worte. Ammer entfiel die Pfeife; sein Gesicht ward fast aschfarben. Anna faltete die Hände und schlug die Augen zum Himmel auf. Wimmer senkte seine Blicke und summte die Melodie eines ihm geläufigen Chorals. Die Uebrigen sprangen auf, um dem Vater nahe zu sein, dessen stark zitternde Bewegungen das Herannahen einer Ohnmacht vermuthen ließen. Ammer jedoch wehrte die Kinder ab und sagte mit so fester Stimme, als er es im Augenblicke vermochte: Bleibt, bleibt! Ich komme auch darüber hinweg. Geliebt hab' ich ihn nie, den Block, aber daß er so 'was Schlechtes thun könne, das hätt' ich nimmer geglaubt! 383 Zweites Buch. Erstes Kapitel. Im Urwalde. Am hohen Ufer des Surinam, unter drei neben einander stehenden Pallisadenpalmen, deren schlanker Wuchs sie jetzt in der tropischen Nacht gleich fein ausgemeißelten Säulen erscheinen ließ, auf denen das dunkle, von zahllosen flimmernden Sternen besäete Himmelsgewölbe ruhte, war ein Zelt aufgeschlagen. Um ein beinahe ausgebranntes Feuer lagerten vier Männer, von denen zwei schon an ihrer Kleidung als Europäer zu erkennen waren. Ihre Gefährten zeigten die dunkle Gesichtsfarbe der Eingebornen des Landes. Die Inwohner dieses, nach der Flußseite zu offenen Zeltes schienen zu schlafen, wenigstens bewegte sich Keiner von ihnen. Die beiden Europäer lagen, in ihre Decken gehüllt, im Hintergrunde, während die beiden Eingebornen wie bronzene Statuen zunächst dem Feuer, und zwar einander gegenüber, Platz genommen hatten. Von Zeit zu Zeit schlug aus dem verglühenden Aschenhaufen eine scharfe, rothe Flamme auf, flackerte Secunden lang auf und nieder und verlosch dann plötzlich wieder. Bei dem Aufflammen solcher vereinzelter Lichtblitze hob wohl einer der Indianer unmerklich sein Haupt und ließ scharf markirte Züge sehen, die jetzt von einem schläfrigen Augenpaar nur matt belebt erschienen. 384 Im nahen Walde herrschte tiefe Ruhe. Außer dem dumpfen Gemurmel des Flusses vernahm man nichts als das klingende Gesäusel der Palmenkronen. Nur aus der Ferne, wo das Gebüsch dichter ward, drang manchmal ein rufender Ton herüber, der wie das Echo der Stimme des Naturgeistes langsam auf den schwingenden Luftwellen ausklang. Nach Mitternacht änderte sich die Scene. Der Wind, bisher aus Osten wehend, hatte sich südwärts gedreht und berührte mit feuchtwarmen Schwingen den Urwald. Ueber dem Untergebüsch und in den dunklen Laubgrotten, welche der Hochwald bildete, begannen rothe Flämmchen zu tanzen, auf und nieder zu steigen, bald in dem üppigen Pflanzenwuchse, der die Erde überwucherte, sich festzusetzen, bald durch die Kronen der Bäume und um die prachtvollen, federartigen Fächer der Palmen zu schwärmen. Auch an den Flußufern zeigte sich dies bewegte, wunderbar fesselnde Flammengewimmel, das von den aufgescheuchten großen Leuchtkäfern, den Laternenträgern, herrührte. Gleichzeitig ward der ganze Urwald lebendig. Hier zirpten Hunderte von Cicaden, dort pfiffen aus sumpfiger Flußniederung Kickfrösche, oder die seltsamen Bewohner dieser Gegenden, die Bauskröten ließen ihre lächerlich schnarrenden und dumpfen Töne hören, als wollten sie den fremden Gästen des Waldes ein Concert geben. Aus der Ferne endlich rollte es bisweilen wie Donnergetöse eines aufziehenden Wetters. Es waren Brüllaffen, die vom Winde in ihrer Nachtruhe gestört, ihren Verdruß darüber durch jene donnerähnlich tönenden Brülllaute zu erkennen gaben. Die Indianer, von Jugend auf an dieses Leben im Walde gewöhnt, ließen sich nicht dadurch in ihrer Ruhe stören. Statuenartig steif, den Kopf nur wenig nach vorn gebeugt, blieben sie ruhig am erloschenen Feuer sitzen, ihre Gewehre quer über den Schenkeln haltend. Die Europäer dagegen erwachten und der Jüngste von ihnen sprang sofort auf und sah halb erschrocken, halb neugierig durch den offenen Zeltspalt hinaus in die Nacht, wo die tanzenden Funken der Laternenträger sich mit dem blauweißen Geflimmer der Sterne um die Herrschaft stritten. Beim Aufspringen stieß er seinen Gefährten unwillkürlich hart an, weßhalb dieser, sich streckend und noch mit dem Schlafe ringend ihm zurief: 385 Bleib doch, es ist nichts. Solche Töne muß man hören können, ohne sich aus süßen Träumen davon aufschrecken zu lassen. Der Morgen nähert sich und da beginnt die Thierwelt des Urwaldes lebendig zu werden. Ahme unsern Führern nach. Wenn ich's könnte, warum nicht? Aber meinst du, ich sei in die Wildniß gezogen, um ruhige Tage und Nächte zu verleben? Nicht doch! Ich will lernen; ich will mit diesen meinen Augen sehen, wodurch ein Urwald der Tropen sich von einem deutschen Eichen- oder Fichtenwalde unterscheidet, um, wenn ich dereinst wieder zurückkehre in's alt werdende Europa, den daselbst still Fortlebenden sagen zu können, was anders ist in der neuen Welt, als in der alten. Sein Gefährte lachte und suchte sich eine bequemere Lagerstelle aus. Man wird nicht auf dich hören, oder doch den Kopf dazu schütteln, sagte er. Treibt dich sonst nichts in die Wildniß, so hättest du keinen Schritt aus Mynheer Vanderholst's Comptoir zu thun brauchen. Mich treibt aber noch etwas Anderes in die weite, weite Welt. Nun, und darf man das nicht wissen? Wenn du schweigen kannst, und das Vertrauen eines Freundes nicht mißbrauchst, sehr gern. Ich stamme von angelsächsischem Blute, sprach mit Nachdruck der zweite Zeltbewohner, sich jetzt ebenfalls erhebend. Sage mir getrost, Ammer, was dieser capriciöse und nebenbei sehr kostspielige Zug in die Wildniß zu bedeuten hat. Ich bin immer bereit dir zu dienen, werde aber nie ein Wort von dem, was du mir etwa mittheilen magst, über meine Lippen gehen lassen. Fürchtegott Ammer hatte sich auf leisen Sohlen bis an die Zeltöffnung vorgeschlichen: hier horchte er kurze Zeit auf die sonderbaren Stimmen im Walde, ergötzte sich an dem Funkengeschwärm der Laternenträger, und trat, als er sonst nichts Auffälliges oder Beunruhigendes gewahrte, wieder zurück in das luftige Nomadenhaus. Nachdem er sich auch überzeugt hatte, daß die beiden Indianer fest eingeschlafen waren, setzte er sich auf sein verlassenes Lager und sprach: Du weißt, lieber Walter, daß meiner Reise nach Amerika für mich recht unangenehme Auftritte in der Heimath vorangingen. Gern will ich zugeben, daß dieselben, hätte mich ein anderer Geist regiert, durch größere Fügsamkeit zu vermeiden gewesen wären. Allein ich bin nun 386 einmal ein Mensch, der vom Moment fortgerissen, bezaubert wird, der entweder rasch und kühn handelt oder lieber gar nichts thut. Ihr Gelehrten nennt das ja Temperament. Hat mir nun also die Natur oder, wie der Vater sagen würde, mein Schöpfer, ein so geartetes Temperament gegeben, so meine ich, es müsse auch Bestimmung oder Schicksal meines Erdenlebens sein, was sich sonst Gutes oder Uebles an dies mir verliehene Temperament knüpft, mit allen seinen Folgen zu tragen. Das klingt ja ungemein ernsthaft, unterbrach ihn Walter, ein junger Arzt, der im Hause Vanderholst's lebte und dort die Bekanntschaft unsers jungen Freundes gemacht hatte, den er seines raschen und meistentheils heitern Wesens wegen schnell lieb gewann und deßhalb ihn auf seiner Reise in die von Weißen noch wenig besuchten Urwälder Surinams zu begleiten versprach. Ich will nicht hoffen, daß du mit verbotenen Gedanken dich trägst. Ziehst du etwa auf Eroberungen aus? Wenn du es so nennen willst, warum nicht? fuhr Fürchtegott fort. Ich habe sogar eine sehr bestimmte Veranlassung, um nicht zu sagen, Aufforderung dazu, denn von meiner Person ist in diesen Wildnissen gewiß schon häufig die Rede gewesen. Walter lachte. Ohne daß dich Jemand kennt? In der That, das finde ich originell und hast du Recht, so kann ich dir deine Hinneigung zum Fatalismus nicht verargen. Immer scherze, sagte Fürchtegott, ich habe dennoch ein Recht, so zu sprechen. Freilich hat mein Auge nie zuvor einen tropischen Urwald gesehen, lange vorher aber, ehe ich noch daran denken konnte, eine Reise nach Surinam unternehmen zu wollen, schritt ich schon als mein eigener geistiger Doppelgänger über den Wipfeln dieser Bäume fort. Ich verstehe dich nicht, sprach Walter, ich warne dich aber mein Freund, laß deiner Phantasie nicht zu sehr die Zügel schießen, denn ein derartiges geistiges Schwärmen ist in diesem feucht-heißen Klima häufig, ja fast immer mit ernsthaften Fiebererkrankungen verbunden. Unser Freund sah nachdenklich in die durchleuchtete Nacht hinaus, die man jetzt nicht mehr todt nennen konnte. Im Gegentheil, die im Walde sich aufhaltenden, verschiedenen Thiere lärmten, als wollten sie 387 mit ihren grellen, jetzt krächzenden und schreienden, dann wieder hohl bellenden Stimmen eine Schaar eingedrungener Feinde daraus vertreiben. Dazwischen vernahm man das Rauschen des Südwindes, der die tausend und aber tausend Kronen gewaltiger Riesenbäume schüttelte und die Wellen des Surinam kräuselte. Bist du wohl früher mit einem oder dem andern der hier im Lande lebenden Missionäre zusammengetroffen? fragte Fürchtegott nach kurzer Pause seinen Begleiter. Zusammengetroffen nicht eigentlich, entgegnete Walter, denn ich muß bekennen, daß ich mich für diese Heidenbekehrer, diese Epigonen des Apostelthums wenig interessire. Mir ist es von jeher so vorgekommen, als sei bei diesen Menschen das apostolische Wesen nur eine scheinheilige Maske, um mittelst derselben die unwissenden Wilden leichter bethören und sich Unterthan machen zu können. Diese Ansicht scheint hier unter der Menge allgemein verbreitet zu sein, erwiderte Fürchtegott. Dennoch glaube ich, man thut den Missionären Unrecht. Nicht Alle verfolgen bloß eigennützige Zwecke, es gibt unter ihnen auch wirklich Auserwählte Gottes, die getrieben vom Heiligen Geiste des Evangeliums zu predigen hieher gehen. Weißt du das so gewiß? Ich weiß es, und weil ich es weiß, sitze ich jetzt hier. Walter sah den jungen Ammer fragend und ungläubig an. Es mögen zwei Jahre her sein, fuhr dieser fort, daß ein deutscher Missionär, Namens Johannes, nach Paramaribo kam. Er machte damals mit seiner jungen Frau, einem schwärmerischen Gemüthe, einiges Aufsehen, wie ich sehr genau weiß, und hat das Gerücht, welches über das Weltmeer zurückdrang in die Heimath des frommen und willigen Bruders, nicht gelogen, so sind ihm und seiner ihn begleitenden jungen Frau viele Bekehrungen gerade unter den am schwersten zugänglichen Indianerstämmen gelungen. Wahrhaftig, sagte Walter, jetzt erinnere ich mich dieses Mannes. Es war ein hagerer, bleich aussehender Mann, äußerst still, und den Freuden und Vergnügungen der Welt gänzlich abgewandt. Ganz recht, ganz recht! – Man bedauerte damals seine Frau, die niedliche, kleine Herrnhuterin, die Aller Augen auf sich zog und um deren Besitz mancher reiche Mynheer den schlichten, stillen Mann im braunen Rock 388 beneiden mochte. Die etwas leichtfertige Gesellschaft Paramaribo's erzählte sich viel von dem auffallenden Paare und fand es höchst originell, und freilich auch sehr unbegreiflich, daß die kleine Frau aus überschwänglicher Liebe zu dem Missionär diesen in die Wälder begleiten wollte. Ausgeführt muß sie ihren Vorsatz wohl haben, denn das seltsame Pärchen war eines Tages verschwunden und ist seitdem nicht wieder in Paramaribo gesehen worden. Fürchtegott's Wangen färbten sich während dieser Mittheilungen röther; jetzt fragte er: Hast du nie wieder etwas von dem Prediger-Missionär Johannes gehört? Nein, sagte Walter, auch kümmerte ich mich nie um die Heidenbekehrung. Mir hat es von jeher wichtiger und verdienstlicher geschienen, die Menschen leiblich gesund zu machen, als ihre Seelen mit religiösen Einbildungen zu verkümmern. Aber weßhalb interessirst du dich denn so gewaltig für den Mann? Weil ich Aufträge für ihn aus Europa mitgebracht habe, versetzte Fürchtegott Ammer. Ja, du staunst, und dennoch verhält es sich so. Walter mußte herzlich lachen. Nun, das muß ich sagen, sprach er, die deutschen Herrnhuter verstehen das Geschäft gründlich. Während sie, ich weiß nicht, womit Handel treiben und unermüdlich sind im Anknüpfen neuer Verbindungen an allen Ecken und Enden der Welt, haben sie den Kopf voller Bekehrungsgedanken. Also du treibst in der Stille auch ein wenig Proselytenmacherei? Gehörst du vielleicht gar der Brüdergemeinde an? Keineswegs, versetzte Fürchtegott, weil ich aber wesentlich Mitgliedern dieser Gemeinde mein aufblühendes Glück verdanke, weil sie mich unterstützen, meine Unternehmungen billigen, meine Pläne fördern, bin ich gern bereit, mich ihnen dankbar zu beweisen. Kennst du den Grafen Alban? O ja, sagte Walter heiter, so genau wie den Bruder Fitzliputzli's. Man sagt, es sei ein sehr frommer Mann und wenn ihm die Gläubigen noch nicht göttliche Ehrfurcht erwiesen, so soll es bloß daran liegen, daß seine Glatze noch nicht groß genug ist, um sie für den aufgehenden Mond zu hatten, wenn er bei einbrechender Nacht auf hohem Söller stehend das Himmelsgewölbe betrachtet. 389 Laß deine Scherze, Freund, nahm Fürchtegott etwas verstimmt das Wort wieder. Graf Alban ist eine höchst respectable Persönlichkeit. Von ihm habe ich Briefe an den Prediger-Missionär Johannes, und nun zu meiner Zufriedenheit die Handelsgeschäfte meines Hauses erledigt sind, bin ich verpflichtet, den, wie es den Anschein hat, beinahe verschollenen Mann um jeden Preis aufzusuchen. Darum habe ich mir zu Führern diese beiden kräftigen Indianer erwählt, die mir als ehrliche Neubekehrte empfohlen worden sind. Du wirst jetzt, denk' ich, meine Reise stromaufwärts mitten in den Urwald nicht mehr bloß abenteuerlich finden, mich aber, nun du den Zweck derselben kennst, hoffentlich auch nicht verlassen, weil das Romantische derselben dadurch vielleicht etwas an ursprünglichem Reiz verliert. Nach dieser Darlegung der Verhältnisse, von denen Walter allerdings keine Ahnung gehabt hatte, betrachtete er die Reise von einem andern Gesichtspunkte, obwohl er einige leise Zweifel in Bezug auf die wahre Absicht seines Freundes nicht ganz zu unterdrücken vermochte. Da über dem schwarzen Waldsaume im Osten bereits der Himmel sich mit fleckigem, weißen Gewölk überdeckte, beschlossen die Reisenden aufzubrechen. Ein Ruf weckte die Indianer, rasch ward das Zelt abgebrochen, zusammengerollt und, während der Tag vollends anbrach, auf unbetretenem Pfade in die Waldung tiefer eingedrungen. Für die beiden Europäer war die fernere, mit großen Beschwerlichkeiten verbundene Reise durch schwer zugängliche Wildnisse von vielfachem Genusse. Der tropische Pflanzenwuchs, seine Farbenpracht, die häufig ganz seltsamen, eben deßhalb das Auge fesselnden Formen desselben, ferner die buntbefiederten Vögel, die zahlreichen Papageien und Arrase, die possierlichen Affen, die bald neugierig, bald die abscheulichsten Grimassen schneidend, auf Palmen und Immergrüneichen hockten oder einander in den kecksten Sprüngen von Baum zu Baum verfolgten: dies Alles unterhielt, gab Anlaß zu den mannigfachsten Gesprächen und machte alle Mühen vergessen, ließ alle Gefahren unbedeutend erscheinen, obwohl die letzteren bisweilen bedenklich genug waren. Schon hatten die Freunde vier Tage lang die Wälder durchirrt und noch immer zeigte sich keine Spur menschlicher Niederlassungen, Fürchtegott ward nachdenklich und äußerte zu seinem Begleiter, ob 390 man den Indianern wohl trauen dürfe oder auf seiner Hut sein müsse, um nicht etwa von ihnen in einen Hinterhalt gelockt zu werden. Walter theilte diese Bedenken nicht. Es fällt mir nicht auf, sagte er, daß wir noch kein indianisches Dorf gesehen haben. Unsere Führer meiden ein Zusammentreffen mit ihren Landsleuten absichtlich, um nicht selbst feindlicher Behandlung sich auszusetzen. Bekehrte sind nämlich denjenigen, welche fest halten an ihren alten barbarischen Sitten und Gebräuchen, sehr verhaßt. Betrifft man sie und kann sich ihrer bemächtigen, so entgehen sie selten dem Tode. Sie werden dem Zorn ihrer Götter geopfert, häufig durch grausame Martern, ja es ist nicht ungewöhnlich, daß in solchen Fällen selbst die abscheuliche Sitte, Menschenfleisch zu essen, bei einigen der wildesten Stämme noch Vertreter und Liebhaber findet. Die Europäer haben in der Regel nichts von den Ureinwohnern zu fürchten, ausgenommen, man reizt sie und ruft in ihnen den Durst nach Rache auf. Sie wissen, daß sie von den Weißen Vieles lernen können. Darum begegnen sie fremden Reisenden gern freundlich, sind immer erbötig, einen Tauschhandel mit ihnen einzugehen, und nicht selten haben ganz einsame Wanderer solcher Art Monate lang die gastlichste Aufnahme unter diesen Kindern der Natur gefunden. Wahrscheinlich dringen unsere Führer auf Umwegen nach dem Gebirge, wo gegenwärtig, der gesunderen Luft wegen, die Missionäre gewöhnlich ihren dauernden Aufenthalt nehmen. Diesen verlassen sie freilich oft, weil sie lehrend und predigend von Stamm zu Stamm, von Dorf zu Dorf pilgern, wobei sie denn auch bisweilen mehrere Wochen als Nomaden in Zelten unter freiem Himmel campiren oder im Schooße des Waldes unter breitästigen Sycomoren ihre Wohnung aufschlagen. Diese Auseinandersetzung des Freundes verscheuchte die trüben Gedanken, die bereits Fürchtegott's freudige Naturbetrachtung beeinträchtigten. Er sollte indeß bald erfahren, daß Walter die indianischen Führer richtig beurtheilt hatte. Am Abend des fünften Wandertages zeigten sich nämlich in einer Entfernung von etwa zehn geographischen Meilen im Westen blaue, verlockende Bergsäume. Der Urwald war nicht mehr so undurchdringlich, wie in den ersten Tagen, selbst Spuren eines Jagdpfades, der nicht ganz selten betreten zu werden schien, kreuzten die Indianer. Diese Spuren veranlaßten die Führer der 391 Freunde zur Abhaltung einer kurzen Berathung, worauf sie in nordwestlicher Richtung weiter vordrangen. Man entfernte sich dadurch scheinbar wieder von dem erblickten Gebirge, wenigstens konnte man den emporragenden Kamm desselben am nächsten Morgen nicht mehr entdecken. Neues Bedenken verursachte im Laufe dieses Tages unserem Freunde ein höchst eigenthümliches Geräusch, dessen Entstehung er sich auf keine Weise erklären konnte. Auch Walter zeigte sich weniger heiter und sorglos, als gewöhnlich. Die Reisenden hörten nämlich, anfangs sehr fern und dumpf, später in größerer Nähe und deßhalb auch deutlicher und stärker, einen Knall, bald vereinzelt und in langen Pausen sich wiederholend, bald rasch auf einander folgend. Er hatte die größte Aehnlichkeit mit einem Pistolenschuß, nur daß er nicht so scharf und gellend klang. Auch die Indianer lauschten diesem Tone, sprachen eifrig miteinander, stießen dabei ein den europäischen Pilgern unbekanntes Wort mehrmals unter lebhaften Gebehrden mit funkelnden Augen und ihre Büchsen wie im Triumph schwingend aus, und konnten überhaupt eine ausgelassen heitere Laune nicht mehr verbergen. Sind das Freudenschüsse oder was mag dies Geknalle sonst zu bedeuten haben? sprach der besorgte Fürchtegott. Walter zuckte die Achseln, machte ein komisches Gesicht und sagte resignirt: Bin völlig außer Stande, mit einer vernünftigen Antwort zu dienen. In diesem Augenblicke öffnete sich der Urwald; die Riesenbäume mit ihren undurchdringlichen Laubkronen hörten auf, eine ganz andere, aber wunderbar üppige, farbenstrahlende Vegetation von bezaubernder Schönheit lag in unübersehbarer Breite vor den Blicken der Ueberraschten und kündigte ihnen das nahe Aufhören des Waldes selbst an. Jubelnd schwangen die Indianer abermals ihre Feuerwaffen, deuteten auf die prangende Pracht des Niederwaldes und riefen, ihre flammenden Augen den Europäern zukehrend und mit der Linken vorwärts zeigend: Cancantri! Cancantri! Dicht vor ihnen aus dem wehenden Blätter- und Blüthenwalde, über dem außer schlanken Palmen eine Menge wunderbar gestalteter Bäume sichtbar wurden, die ganz so aussahen, als ließen sich ihre 392 breiten Stämme scheibenartig auseinander schieben und dadurch beträchtlich ausdehnen, ward jetzt wieder schnell hinter einander der räthselhafte Knall vernehmbar und machte die Freunde abermals stutzig. Cancantri! Cancantri! riefen von Neuem die Indianer und tanzten vor Freude und Glückseligkeit. Fürchtegott vermuthete, die Indianer wollten mit diesem Rufe ihre heimathliche Gegend bezeichnen, und richtete deßhalb einige darauf bezügliche Fragen an sie. Die Indianer lachten und klärten den Europäer über seinen Irrthum, den sie höchst ergötzlich fanden, mit vieler Zuvorkommenheit auf. Es war der riesige, so wunderbar gestaltete Cancantri-Baum, der durch das Platzen seiner großen Blüthenknollen schon von fern den Indianern angezeigt hatte, daß die Region des Urwaldes bald überschritten sei. Dieser Baum, der zur Zeit der Blüthe über dem grün schimmernden Fächerwerk seiner vom Hauptstamme auslaufenden, breiten Fortsätze eine schneeweiße Bedachung reizender Blüthen trägt, bietet den wunderbarsten Anblick und eine von der schöpferischen Natur selbst für die Bewohner dieser heißen Tropenländer mitten im Sonnenbrand erbaute, phantastische, kühle Laubwohnung. Es ist der poetischste Baum der Welt, der Liebling der Indianer Surinam's und der treueste Beschützer ihrer leicht gezimmerten Hütten. Wo der Cancantri seine Fächerschirme in die goldblaue Luft ausbreitet und seine schattigen Nischen bildet, in deren Inneres herab der Lockenschmuck seiner weißen Riesenblüthen hängt: da siedelt der Indianer sich gerne an; im Schutze dieser Baumnischen schlägt er nicht selten seine Hütte auf, an deren Schwelle er Abends ruht, wenn die Leuchtkäfer der heißen Zone wandernden Lichtern gleich in zahllosen Schwärmen über den thauigen Purpurkelchen phantastisch geschmückter Gewächse geräuschlos auf- und niedergaukeln. Mit diesem kunstlosen und doch so wunderbar schönen Cancantri-Hause läßt sich nichts auf Erden vergleichen. Fürchtegott konnte wohl zuweilen in Erstaunen gesetzt, äußerst selten aber von irgend etwas freudig entzückt werden. Jetzt aber riß ihn die Großartigkeit, die Pracht und Fülle dieser tropischen Pflanzenwelt doch zu einem lauten Freudenruf hin. Einen Anblick, wie er sich dem erstaunten Europäer darbot, hatte er in seinen phantastischsten 393 Träumen nicht einmal geahnt. Da lag sie vor ihm, die Augenbraune des Urwaldes, sonnenbeglänzt, wie ein auf die Erde gebreiteter Regenbogen. Und weit in die Ferne, am Rande dieser hundertfarbig blitzenden und funkelnden Welt stieg das Gebirge auf, von so durchsichtigem Duft überhaucht, als sei es erbaut aus Amethyst und Lapislazuli. Bei Gott, dies ist ein wunderbares Paradies, sprach Fürchtegott nach minutenlangem Anschauen der vor ihm entfalteten Naturherrlichkeiten. Und diese Heimath konntet ihr mit dem dunstigen Aufenthalte in den Straßen einer Stadt vertauschen? setzte er hinzu, sich an die Indianer wendend. Dazu gehört wirklich große Selbstüberwindung oder Verlockungen ganz eigener Art. Ich glaube, in dieser Natur könnte ich ewig leben, ohne je wieder das Bedürfniß nach Veränderung, nach alten Gewohnheiten zu fühlen. Vermiß dich ja nicht zu hoch! warnte Walter. Hast du erst acht Tage hier gesessen und auch Bekanntschaft gemacht mit den mancherlei kleinen und großen Unannehmlichkeiten, die sich unter dieser lockenden Farbendecke verbergen, so bist du all' des Schimmers überdrüssig und ein kaufmännisches Waarenlager hat zehnmal mehr Anziehungskraft für deinen verdorbenen, inneren Menschen. Walter lachte, Fürchtegott achtete jedoch vorerst noch nicht auf die ein wenig spöttisch klingende Rede des Freundes. Neben den Indianern fortschreitend, sagte er: Gibt es Wohnungen in diesem zaubervollen Lande? Bisweilen, Herr, antwortete der rothbraune Sohn der Wälder in schlechtem Holländisch, denn diese Sprache war den mit den Europäern verkehrenden Eingebornen außer ihrem eigenen Idiom allein verständlich. Diese herrliche Gegend ist demnach unbewohnt, ein wüst und wild liegendes Paradies? Der Geist böser Krankheiten bewohnt es, sagte einer der Führer. Der rothe Mann besitzt nicht Kraft genug, um mit diesem Geist zu kämpfen. Er wird matt, kurzathmig, die Muskeln erschlaffen ihm und mit schlotternden Gliedern legt er sich nieder unter die brennenden Blumenblätter und schließt seine Augen für immer. Da hast du dein Paradies, sagte Walter. Ja ja, lieber Freund, unter den Tropen ist noch weniger Alles für Gold und Edelstein zu 394 halten, was glänzt und funkelt, als in dem nicht ganz so bunt aufgeputzten Europa. Wo wohnen denn eure Stammesbrüder? fragte Fürchtegott, ein wenig mißmuthig und jetzt schon mit gleichgiltigerem Auge die wunderbar schöne Natur betrachtend. Dort, jenseits der blumigen See, wo die Hügel sich an die Füße der Berge schmiegen. Treffen wir dort auch die europäischen Prediger? Wir werden ihnen begegnen, sagte der Indianer, denn sie wandern von Ort zu Ort, wie die Wolke, welche das Land mit Wasser begießt, wenn der Feuerathem des großen Lichtes es ausgedorrt hat. Und wie weit ist es bis zu jenen Hügeln? Eine Tagereise, Herr, wenn uns die Thiere dieses blühenden Pflanzengartens nicht zu weiten Umwegen nöthigen. Also auch giftige oder reißende Thiere haben Besitz von diesem Paradiese genommen? Viele, sehr viele, Herr, sagte mit ernster Miene der Indianer. Der Leopard, der Panther und die Unze schlafen unter dem weißen, wallenden Moos der Bäume, im Sumpf wälzt sich der Kaiman, und die Klapper- und Brillenschlange theilt gern das Lager mit dem ermüdeten Menschen. Es ist gefährlich in dieser schönen Wildniß unter freiem Himmel zu übernachten. Meinst du jetzt noch, es sei hier gut Hütten bauen? fragte Walter seinen jungen Freund. Dieser holte tief Athem und versetzte: Die Welt bleibt, wie ich merke, überall dieselbe. In Europa, wo es weder giftige Schlangen noch gefräßige Alligators gibt, übernehmen die Menschen das Geschäft Beider, und hier, wo die Einwohner die Kinderschuhe einer naturwüchsigen Unschuld bei aller Barbarei noch nicht ganz ausgezogen haben, ist die Thierwelt wenigstens eben so viel Herr der Erde, als der vernunftbegabte Mensch, der ein Ebenbild Gottes sein soll und auch sein will. Freund, fiel Walter ein, halte dich nicht mit unnützem Philosophiren auf. Damit kommst du in diesem jungfräulichen Lande nicht weit. Du weißt nun, daß alle Paradiese nur zur Augenweide der verderbten Menschenbrut da sind, nicht um sich darin niederzulassen. Richte also dein Augenmerk auf die etwas weniger anlockende 395 Ferne und denke daran, daß du als ein Sendbote einflußreicher Männer zu den Sendboten des Christenthums ziehest. Du hast Recht, erwiderte Fürchtegott. Ich will wieder praktisch werden. Damit überwindet man zuletzt doch am sichersten auch die größten Schwierigkeiten, und, was noch höher anzuschlagen ist, man läßt sich nicht täuschen, weder von der Natur noch von den Menschen. Diesem Vorsatze blieb Fürchtegott von jetzt an auch treu. Sein jugendlicher Geist, der seit einiger Zeit von den neuen Eindrücken, die er täglich empfing, dem Schönen und Erhabenen viel zugänglicher geworden war, wandte sich wieder der realen Welt zu. Befand er sich dabei auch nicht in einer glücklichen Stimmung, so vermied er doch wieder alle nutzlosen Aufregungen, und ein heiterer Gleichmuth, der ihn befähigte, stets völlig ruhig zu urtheilen und zu handeln, gab seinem Thun eine gar sichere Stütze. Am Abend dieses Tages ruhten die Freunde bereits außerhalb der eigentlichen Region des Waldes. Sie schlugen ihr Zelt unter dem schirmenden Fachwerk eines ganz vereinzelt stehenden Cancantri-Baumes auf, und hatten in diesem Asyl das Glück, noch einmal, nur in größerer Entfernung, das zauberhaft berückende Leben der Nacht in dieser unbetretenen Welt zu bewundern. Am Morgen zogen sie weiter westwärts. Schon nach zweistündigem Wandern sahen sie eine starke Rauchsäule hinter niedrigen Hügelrücken aufsteigen, wie von einem Brande. Die Indianer jauchzten, schwangen ihre Waffen und erklärten den Europäern, dies sei das erste indianische Dorf. Mit erwartungsvollem Herzklopfen schritt Fürchtegott die Hügel hinan. Auf dem Gipfel angekommen, überblickte er ein weites, fruchtbares Thal, dessen grüne Feldmarken von einem Flusse bespült wurden, der seine silberblitzenden Wellen dem fern im Vorwalde still fortziehenden Surinam zuführte. In malerischer Zerstreuung gruppirten sich auf weit ausgedehntem Raume leicht gezimmerte Hütten, umschattet von herrlichem Gebüsch. Im Hintergrunde dieses lieblichen Thales stieg das Gebirge empor. Etwa in der Mitte der Niederlassung, auf welcher die Blicke der beiden Freunde mit Wohlgefallen ruhten, erhob sich aus einem Kranze schlanker Palmen die Rauchsäule, welche den Wanderern zuerst das Vorhandensein menschlicher Wohnsitze verkündigt hatte. 396 Zweites Kapitel. Die Begegnung. Unschlüssig lagerten sich unsere Freunde an einer schattigen Stelle. Die auffallende Ruhe in der Niederlassung und der räthselhafte Rauch, der ununterbrochen zwischen den Palmen emporwirbelte, machten sie stutzig. Waren es friedlich gesinnte Eingeborene, die hier in einer Abgeschiedenheit, um welche sie Dichter und Philosophen hätten beneiden können, ihren Neigungen lebten, oder befand sich die männliche Bevölkerung der Hütten etwa auf einem kriegerischen Streifzuge? Diese Fragen legten sich sowohl Fürchtegott als Walter vor, und daß auch die Indianer nicht völlig sicher waren, ob man einen freundlichen oder feindlichen Empfang bei den Einwohnern des schönen Thales finden werde, ging aus dem vorsichtigen Umherspähen, dem lebhaften Gedankenspiel und dem gänzlichen Schweigen Beider nur zu deutlich hervor. Nach längerem Harren richtete Walter folgende Fragen an die Führer: Kennt ihr diese Niederlassung? Beide schüttelten das Haupt. Wofür haltet ihr die Bewohner der Hütten? In diesem Augenblicke verzog sich der Rauch, man hörte einen Gesang, verbunden mit verworrenem Rufen Vieler, das jedoch bald verstummte und durch singende Stimmen übertönt ward. Die Melodie, welche ein lauer West zu den Hügeln trug, ähnelte vollkommen einem Choralgesange, obwohl kein Wort davon zu verstehen war. Jetzt sprangen die Indianer freudig auf, indem sie sagten: Es sind weiße Prediger, wir treffen Freunde! Unverweilt brachen die Lagernden wieder auf und stiegen, obwohl mit Vorsicht, ins Thal hinab, indem sie alle Gebüsche möglichst vermieden. Nun ward es auch lebendig bei einzelnen Hütten. Man sah 397 Frauen und Kinder vor den Thüren, und von dem Kreise, welchen die Palmengruppe bildete, schritten eine beträchtliche Menge festlich geschmückter Indianer, von mehreren Männer in europäischer Tracht begleitet. Diesem Trupp näherten sich jetzt die Ankömmlinge, schon von fern durch Zeichen des Friedens ihre freundlichen Gesinnungen verkündigend. Ernst gaben die Bewohner der Niederlassung ebenfalls durch Zeichen zu erkennen, daß man die Fremden gastlich aufnehmen werde. – Ein Viertelstunde später finden wir unsere Freunde im Innern einer der größten Wohnungen des glücklichen Dorfes wieder, umgeben von mehreren, meistentheils sehr ernst blickenden und eine stolze Würde zur Schau tragenden Indianern und drei Europäern. Fürchtegott empfängt so eben aus der Hand des Hausherrn die Friedenspfeife, die er mit seltsamen Gefühlen und mit einer Art Andacht annimmt, um der Sitte zu huldigen. Nachdem diese Ceremonie vorüber und somit ein friedliches Zusammenleben der Weißen mit den rothen Männern sicher angebahnt ist, wendet sich der Häuptling mit der Frage an unsere Freunde, was sie in diese entlegene Gegend geführt habe? Der Sprache unkundig verdolmetscht diese einer der Europäer, worauf denn Fürchtegott Ammer eine genügende Antwort gibt. Die rothen Männer waren zartfühlend genug, nach diesem kurzen, politischen Examen sich zurückzuziehen, weil sie es den fremden Ankömmlingen ansehen konnten, daß diesen eine ungestörte Unterhaltung mit den vorgefundenen Landsleuten sehr erwünscht sein werde. Diese Landsleute waren umherziehende Missionäre, hatten so eben in der Mitte jener Palmen, über deren Wipfeln die Rauchwolke stand, eine Anzahl Männer getauft, und dabei mit Bewilligung der bekehrten Indianer Alles, was diese an ihr früheres Heidenthum später wieder hätte erinnern können, auf besonders zu solchem Zwecke errichteten Scheiterhaufen feierlich den Flammen übergeben. So erklärte sich die verrätherische Rauchsäule, deren Entstehung die Freunde sich nicht zu deuten wußten. Das Anstimmen des evangelischen Chorals »Nun danket Alle Gott« hatte die Feierlichkeit geendigt. Fürchtegott pries sein gutes Glück und seinen Stern, der ihn so gut geführt hatte, und wendete sich mit Fragen an die Prediger-Missionäre, von deren Beantwortung seine ferneren Beschlüsse, sein weiteres Vordringen in die Wildniß abhängen mußten. 398 Sind Ihnen, werthe Landsleute, die Namen aller Missionäre, die in diesen Gegenden das Wort von Christus verkündigen, genau bekannt? sprach er zu dem Aeltesten und, wie es ihm scheinen wollte, auch Mildesten der drei Prediger. Er wählte diese, von Natur seinem Charakter eben nicht zusagende Redeweise, weil ihm die Phraseologie der ächten Herrnhuter alten Styls vollkommen geläufig war und ihm jetzt Alles daran lag, für fromm und rechtgläubig zu gelten. Wenn der Heiland mein Gedächtniß nicht hat schwach werden lassen, wofür ich ihm ja auch danken würde als sein unwürdiger und demüthiger Knecht, versetzte der Prediger, so glaube ich mit gutem Gewissen diese Frage mit einem zuversichtlichen Ja beantworten zu dürfen. Dann kennen Sie gewiß den gegenwärtigen Aufenthalt Ihres Collegen und Bruders im Herrn, des Predigers Johannes? fragte Fürchtegott, während sein Herz so heftig zu klopfen begann, daß er die Worte nur mit Mühe über seine Lippen bringen konnte. Die sanften Züge des Missionärs nahmen einen wahrhaft verklärten Ausdruck an. Seine schwärmerischen Augen blickten in den tiefblauen Himmel, und während er die Hände betend zusammenlegte, erwiderte er: O ja, dem Heiland sei Dank, den kenne ich. Und geht es ihm wohl? fragte Fürchtegott hastig weiter. Sehr wohl, lautete die Antwort. Lebt er weit von hier? Ein glückliches Lächeln überstrahlte das Antlitz des frommen Missionärs, während er versetzte: Lieber Freund und Bruder in Christo, diese Frage kann ich unmöglich mit völliger Bestimmtheit beantworten. Ich hoffe und glaube, daß er nicht weit von hier weilt, ja für meine Seele ist die beglückende Annahme eine Erquickung, daß er unsere Unterredung vielleicht hört, indem er ja leicht mitten unter uns sein kann – Johannes! unterbrach Fürchtegott den Sprechenden. Gewiß, fuhr der Missionär fort. Es hat dem Herrn gefallen, den frommen Dulder schon vor einigen Monaten abzurufen und jenen Schaaren der Seligen beizugesellen, die da ausruhen von ihrer Arbeit in der unmittelbaren Nähe ihres Heilandes und sich erquicken am Gesange des nie verklingenden Hallelujah. 399 Also todt! sagte Fürchtegott wie in Gedanken, und glühende Röthe überflammte sein bisher sehr bleiches Gesicht. Johannes, der Prediger ist gestorben! Im Glauben an seinen Herrn und Meister, und beglückt und beseligt in dem Gedanken, Gott gedient zu haben, soweit seine Kräfte reichten. Kennen Sie des Verewigten Ruhestätte? fragte Fürchtegott, mit festem Willen seine Bewegung bemeisternd. Ich kenne sie, mein Freund, und will Ihnen den Ort beschreiben, denn ich darf wohl annehmen, daß ich in Ihnen einen sehr vertrauten Freund des Seligen vor mir sehe. Statt einer Antwort machte Fürchtegott ein stummes Zeichen der Bejahung. Nun so hören Sie und merken Sie genau auf meine Worte, begann der Missionär. Eine halbe Tagreise von hier flußaufwärts öffnet sich ein lieblich bewaldetes Thal, von steilen Felsgebilden und hohen Bergkuppen so wunderbar umrahmt, daß die heißen Strahlen der Sonne nur gebrochen in die kühlen Gründe desselben hinabdringen. Diese merkwürdig geschützte Lage verleiht jenem Thale eine wahrhaft paradiesische Temperatur und macht es zu einem der gesundesten Aufenthaltsorte in diesem so überheißen Lande. Dort lebte der fromme Johannes; dorthin kamen die von ihm und seiner treuen Gattin Bekehrten, um ihren Lehrer zu sehen, und Trost und Kraft aus dem Honig seiner Rede zu saugen. In jenem Thale unter zwei gewaltigen Sycomoren haben wir betend und weinend seinen verblichenen Leichnam in den Schooß der Mutter Erde gebettet, die ihn tragen und wiegen möge bis zum Tage der Auferstehung. Der tiefinnige Ton des Sprechenden, der ungekünstelte Schmerzensausdruck in den so ruhigen Mienen des gottergebenen Missionärs machten auf Fürchtegott einen gewaltigen Eindruck. Auch Walter, der mehr zum Scherzen aufgelegt war und zu manchen Stunden dem ganzen Missionswesen mit scharfer Geißel zu Leibe gehen konnte, ward gerührt. In des jungen Ammer's Seele kreuzten sich nach Anhörung dieser Erzählung eine Menge Gedanken. Vergangenheit und Zukunft knüpften in schnell entstehenden und momentan ihn entzückenden Bildern einen wunderbaren Freundschaftsbund. Er sah sich im Geiste 400 wieder daheim – vor seinem innern Gesicht lag der stille Friedhof der herrnhuter Brüdergemeinde, ein Grabstein mit dunkeln Buchstaben schimmerte zu seinen Füßen, und jenseits desselben wandelten zwei Frauengestalten in Trauergewandung. Er schwieg eine Zeitlang, in tiefes Sinnen verloren. Die reizvolle Umgebung, in die ein abenteuerlicher Drang oder göttliche Bestimmung ihn geführt, existirte nicht mehr für ihn, sein aufgeregter Geist schwärmte in ungemessenen Weiten. Endlich führte ihn die Berührung und ein sanftes Wort des Predigers wieder zurück in die Gegenwart. Mein Bruder ist betrübt, sprach der fromme Mann. Es ist ihm in Johannes gewiß ein sehr lieber Freund gestorben. Fürchtegott richtete zerstreut die Frage an den Missionär: Was ist seit dem Tode Johannes aus dessen Wittwe geworden? Erdmuthe lebt und lehrt, versetzte der Gefragte. Sie ist eine so edle, reine, große Seele, daß, wenn es Heilige gibt, sie dereinst gewiß einen Ehrenplatz unter denselben einnehmen wird. Und wo lebt und lehrt Erdmuthe Gottvertraut? fragte Fürchtegott auf's Neue. Sie hat ihre Hütte unfern des Thales, das ich dir beschrieben, und in dessen kühlem Schatten der Prediger Johannes ruht, aufgeschlagen. Du findest ihren Wohnort ohne Führer, mein Bruder. Merke auf meine Rede und präge dir fest ein, was ich dir sage. Hinter den Sycomoren am Grabhügel des Verewigten wirst du Spuren eines Pfades entdecken. Dieser Pfad führt an den schönen Abhängen des Thales fort bis zu einem hohen Plateau, das sich durch die Zahl und Größe seiner unvergleichlich schönen Cancantribäume auszeichnet. Dort lebt Erdmuthe, die fromme Dulderin, umgeben von einer Anzahl von ihr getaufter Indianer und Indianerinnen, die sie wie ein höheres Wesen verehren. Ist sie glücklich? fragte Fürchtegott mit erschreckender Heftigkeit. Kann die zarte, europäische Frau glücklich sein unter Halbwilden? Mein Bruder, versetzte der Prediger-Missionär. Du scheinst zu vergessen, daß die sie umgebenden Indianer Christen, fromme, herrnhutische Christen sind, wie wir selbst; daß sie im Bade der heiligen Taufe den alten Adam ausgezogen und einen neuen Menschen 401 angelegt haben mit Beten und Seufzen, und du weißt ja wohl und begreifst, was da geschrieben steht im Worte Gottes: »Unter allerlei Volk, wer Gott fürchtet und Recht thut, der ist ihm angenehm!« Fürchtegott fühlte, daß er unvorsichtig eine lieblose Aeußerung gethan hatte, die er jetzt wieder gut zu machen suchte. Verzeihe, sprach er zu dem Missionär, deine Nachrichten haben mich zu gewaltig erschüttert und meinen Geist schier übermäßig angegriffen. Ich glaubte einen Freund in diese meine Arme schließen zu können, und finde statt seiner einen Grabhügel, dessen Blumen ich nur mit meinen Thränen benetzen kann. Diese Gewißheit, lieber Bruder, hat mich ungerecht gemacht. Auch ist meiner Sendung gewissermaßen die Spitze abgebrochen, denn ob die Wittwe des Predigers Johannes meine Aufträge ihrem ganzen Inhalte nach auszuführen vermag, ist mir im Augenblicke noch unklar. Nun aber, fuhr er fort und reichte dem Missionär die Hand, nun empfange von Herzen den Dank eines Bruders für deine Mittheilungen. Ich darf nicht länger hier weilen. Die Pflicht ruft mich, weiter zu wandern, um in Seinem Dienste als treuer Knecht erfunden zu werden. Dir, du wackerer Kämpfer im Heere des Herrn, wünsche ich Glück und Segen, damit du noch viele so schöne Tage sehen mögest, wie den heutigen, wo eine Schaar dem Herrn Gewonnener dankbar zu dir aufblickt. Mit einem Bruderkuß verabschiedete sich Fürchtegott Ammer von dem Missionär und seinen Begleitern, rief dann seinen indianischen Führern zu, die inzwischen ein lebhaftes Gespräch mit ihren Stammgenossen geführt hatten, und schickte sich darauf zur Weiterreise an. Die Prediger und einige der Neubekehrten begleiteten die beiden Europäer bis an die Grenze der Niederlassung, während Frauen und Kinder aus dem Schatten ihrer Wigwams den Fremden neugierig nachsahen. Als man sich getrennt hatte und die prachtvolle Niederlassung bereits einige hundert Schritt hinter unsern Freunden lag, berührte Walter den Arm Fürchtegott's und redete ihn folgendermaßen an: Weißt du, Freund, daß du einen Weg dahinwandelst, der nicht eigentlich für so profane Füße, wie die deinigen, geebnet wurde? Du hättest Schauspieler werden müssen. Der junge Ammer sah ihn mit großen Augen verwundert an. 402 Ganz gewiß, fuhr Walter fort. Wenn ich bedenke, wie natürlich du Ton und Haltung eines lehrbegierigen Herrnhuters, vielleicht ohne es recht zu wissen, im Gespräch mit dem Missionär annahmst, so möchte ich fast bedauern, daß ein so köstliches Nachahmungstalent der Bühne verloren gegangen ist. Oder steckt wirklich eine herrnhutische Ader in dir? Fürchtegott lachte. Nein, Freund, erwiderte er. Ich bin ein zu großes Weltkind, liebe Glanz, Vergnügen, irdische Güter aller Art zu sehr, als daß ich mich dem geflissentlichen Kopfhängen mit Herz und Seele ergeben könnte. Aber du weißt, daß, wenn man ein großes Ziel erreichen will, man auch oft genöthigt ist, mit den Wölfen zu heulen. Ich füge mich einfach den Verhältnissen; ich bin fromm und gläubig, weil eine fromme Atmosphäre mich umfluthet. Schlürfe ich Seeluft, so klopft mein Herz anders und die Lippe spricht andere Worte, und falle ich räuberischem Gesindel in die Hände, so wäre es nicht unmöglich, daß ich mich, um Leben und Freiheit wieder zu erhalten, zum Schein an einer ihrer wenig lobenswerthen Unternehmungen betheiligte. Der weise Salomo oder war's ein Anderer, hat es ja schon gepredigt, man solle sich in die Zeit schicken. Gut, versetzte Walter, ich kenne jetzt deine Weltansicht so ziemlich und will dir ob derselben keine Vorwürfe machen, eine Frage aber wirst du mir noch beantworten, nicht wahr? Wenn ich kann, weßhalb nicht? Hast du wirklich Aufträge der Brüder, die in diese entfernten Gegenden dich führen? Zweifelst du daran? Ja, seit der Unterredung mit dem Missionär. Warum? Weil du ihm tüchtig etwas vorgeflunkert hast. Schadet ihm das? Nicht, daß ich wüßte, mir aber hat es viel genützt, denn ich nähere mich, durch seine Auslassungen trefflich unterstützt, viel rascher, als es ohne seine Weisungen hätte geschehen können, dem Orte meiner Bestimmung. Also du bist gewiß und wahrhaftig beauftragt, unter die Heiden zu gehen und den Missionären Instructionen zu überbringen? Du, das arge Weltkind, ein Bote frommer Heidenbekehrer? 403 Und darüber geräthst du in so gewaltiges Erstaunen? sagte Fürchtegott. Ich hätte dir mehr Weltklugheit zugetraut. Weißt du denn gar nicht oder hast du es nie beachtet, weil es freilich nicht in dein Fach gehörte, daß die Obern dieser predigenden Missionäre sehr fromme Christen und nebenbei auch sehr kluge Handelsleute sind? Es ist gewiß ein Verdienst, Seelen zu retten, aber es macht viel Freude, sein Gut sich nebenbei mehren zu sehen. Wenn nun das Eine durch das Andere erreicht werden kann, glaubst du, es sei in diesem Falle der herrnhutische Bruder so thöricht, die Hand nicht auszustrecken nach dem Mammon, nicht niederzufallen vor dem goldenen Kalbe? Mein Freund, du irrst. Wir sind allzumal – materiell gesinnte Menschen und ich bin ein Sendling unter die Heidenbekehrer, um weltliche Geschäfte besser noch als bisher in Flor bringen zu können. Jetzt kennst du das Ziel dieser abenteuerlich scheinenden Reise. Hab' ich's erreicht, so werde ich auf Flügeln des Windes diese schöne Wildniß verlassen, und vielleicht mich nach der Himmelsgegend wenden, unter deren Horizont das alte Europa liegt. Walter hatte dem Freunde mit Aufmerksamkeit zugehört, jetzt sagte er, sich ein wenig auf's Aushorchen legend: Also Handelsgeschäfte willst du unter den Heiden und mit den Heidenbekehrern machen? Und das ist Alles, was dich hierher treibt? Ich hoffte auch alte Bekannte wieder zu sehen, sagte Fürchtegott kühl, wodurch sein Begleiter veranlaßt wurde, dem Gespräch eine andere Wendung zu geben. Walter ahnte, daß der junge Kaufmann ein Geheimniß in seine Brust verschließe, das er einem Dritten entweder nicht enthüllen könne, oder nicht wolle. Mit weiteren Fragen in ihn zu dringen, schien nicht zeitgemäß zu sein. Schon nach dreistündiger Wanderung erkannten die Reisenden, daß sie dem beschriebenen glücklichen Thale sich näherten. Sie befanden sich wieder vollkommen in der erhabenen Einsamkeit der tropischen Natur. Ungeheure Baumriesen ragten mit ihren schlanken Wipfeln in schwindelnde Höhe empor. Schlinggewächse, wie sie Fürchtegott nie gesehen, umrankten in zahllosen Windungen die colossalen Stämme und schütteten aus dem dunkeln Laubgewirr der Baumkronen ein reiches Füllhorn duftender Blüthen, das an zartem Pflanzengefaser netzartig zur Erde herabhing und wie ein colossaler Schleier im Luftzuge 404 erzitterte. Oder prachtvolle Moose quollen schäumenden Bächen gleich aus dem breiten Geäst gewaltiger Bäume oder flatterten im Winde wie Bärte versteckter Riesen. Alles war wunderbar, fesselnd, großartig, aber keines Menschen Fuß weilte in dieser Gegend. Nur die Thierwelt schien sich wohl in dieser totalen Einsamkeit zu befinden, denn selbst die schüchternsten Vögel ließen sich durch das Erscheinen der fremden Wanderer nicht stören, sondern sahen mit klugen Augen ihnen neugierig nach und schüttelten höchstens ihr buntfarbiges Gefieder in der goldblauen, sonnendurchleuchteten Luft. Gegen Abend betraten die Freunde das beschriebene Thal. Obwohl die Sonne noch ziemlich hoch stand, fiel doch schon seit längerer Zeit kein Strahl derselben in diese Bergbucht. Die Luft war von wohlthuender Weiche, die smaragdgrünen Bergmatten erquickten das Auge; das Gebüsch bildete köstliche Bosquets und die von dem hohen Bergrücken herabspringenden Quellen eilten unter Kichern und Plaudern dem größeren Bache zu, der mit seinen klaren Wellenaugen dies versteckte Paradies neugierig betrachtete. Fürchtegott glaubte nicht mehr in Südamerika zu sein. Das war europäische Vegetation; so klang das Lied der Berggewässer, so rauschten die Bäume, so schlug der Buchfink, so hämmerten Specht und Häher. Ein glückliches Gefühl bemächtigte sich beider Freunde, und stumm reichten sie sich die Hände. Nach halbstündiger Wanderung entdeckten sie die von dem Missionär ihnen bezeichnete Sycomoren-Gruppe, unter deren Schatten sich das Grab befinden sollte. Bald standen sie neben dem unscheinbaren Hügel, den eine liebevolle Hand mit Blumen besteckt hatte. Dies mußte erst vor Kurzem geschehen sein, denn viele waren noch fast ganz frisch. Mitten auf dem Grabe lag ein schmaler Stein, der in nicht sonderlich gerathenen Buchstaben die Worte trug: »Dem Andenken des evangelischen Missionärs Johannes Gottvertraut seine dankbaren Jünger im Herrn.« Obwohl Fürchtegott Ammer den Mann, der unter diesem Hügel schlief, nie mit Augen gesehen hatte, überwältigte ihn doch die Rührung und eine unwiderstehliche Macht drückte ihn beinahe gewaltsam auf die Kniee nieder. Walter folgte seinem Beispiele, während die 405 dunklen Gestalten der beiden Indianer bewegungslos in einiger Entfernung stehen blieben. Fürchtegott faltete die Hände zum Gebet, seine Lippen bewegten sich, hätte ihn aber Jemand gefragt, was er bete, in welche Worte er die Empfindungen seines Herzens an diesem Grabhügel kleide, so würde er darauf keine Antwort haben geben können. Er handelte wie ein Träumender, und als er jetzt gewahrte, daß ein paar Thränen seinen Augen entfielen, da sprang er rasch auf, kehrte dem Grabe den Rücken zu und schritt durch die Gruppe der Sycomoren, um den Pfad zu suchen, der nach dem mit so verführerischen Worten geschilderten Plateau geleiten sollte. Nach einigem Hin- und Hergehen fand man Fußspuren, die indeß schwer zu verfolgen waren in dem hohen üppigen Graswuchse, welcher das ganze gesegnete Thal erfüllte. Den scharfen Augen der Indianer, von frühester Jugend an das Aufspüren schwer zu entdeckender Pfade gewöhnt, war es jedoch ein Leichtes, sich hier zurecht zu finden. Sie schritten voran, gefolgt von den Freunden, und schon nach halbstündigem Emporklimmen in schmaler, mehrfach sich windender Schlucht, erreichten die Wanderer die Hochebene. So viel Neues, Eigenthümliches und Wunderbares Fürchtegott in den letzten Tagen auch anzustaunen gehabt hatte, es ward jetzt durch den Anblick der vor ihm liegenden Landschaft doch gänzlich verdunkelt. Die am wolkenlosen Himmel langsam versinkende Sonne warf goldene Duftschleier über das ganze gegen Westen mäßig ansteigende Plateau, das von drei Seiten schön geformte Hügelzüge begrenzten. Die zahllosen Cancantribäume auf der mehrere Stunden breiten Hochfläche erschienen in diesem Abendsonnenglanz von blühenden Rosenlauben überwölbt zu sein, denn der Schnee ihrer die grünen Fächer überdachenden Blüthenfülle erschien rosig angehaucht. Hin und wieder zeigten sich grasende Heerden, und über den Rosenbaldachinen tanzten tiefblaue oder auch purpurfarbene Rauchsäulen, je nachdem sie ein Sonnenstrahl traf oder der feine Schatten einer schlanken Palme sie deckte. Diese Rauchsäulen verliehen der ganzen wunderbar reizenden Gegend einen ungemein friedlichen Anstrich. Es hätte nicht noch der mancherlei thierischen Töne, nicht des fröhlichen Jauchzens spielender Kinder bedurft, um den Freunden die Gewißheit zu geben, daß sie hier eine jener wenigen Oasen wirklichen Weltglückes betraten, an 406 denen die Erde so reich sein könnte und die doch nur so selten zu finden sind, und fast immer nach kurzem Bestehen durch feindlich heranbrausende Stürme mit dem Flugsande der Unzufriedenheit oder der Mißgunst Fremder wieder überschüttet werden. Ein schmaler Pfad, anfangs wenig betreten, später sich zum Wege ausbreitend, führte auf die schönste Gruppe der Cancantribäume zu, und bald bemerkten die Freunde mit freudigem Erstaunen, daß in der natürlichen Fächerumzäunung jedes dieser wunderbaren Bäume eine reizende Hütte stand, aus deren Schornstein Rauch aufwirbelte und durch das Laubwerk und das Blüthendach dringend, seinen weithin erkennbaren Wimpel stillen Friedens in die sonnige Luft emporflattern ließ. Drittes Kapitel. Erdmuthe Gottvertraut. Es war Nacht, die dunkelblaue Himmelskuppel glich jetzt einem sammetnen Baldachin mit Sternen bestickt. Ueber der grünen Erde, in dem zarten Gefieder der Pflanzen, auf dem Blüthenchaos der Bäume nistete auch nicht die kleinste Nebelflocke. Die Luft glänzte in der ganzen wunderbaren Durchsichtigkeit der Tropen und wehte lind fächelnd durch die offenen Fenster der im Schatten der Bäume jetzt kaum mehr sichtbaren Hütten. In eine dieser Hütten führen wir den Leser. Sie ist klein und schmucklos, das Mobiliar entbehrt aller Eleganz. Unerfahrene Hände scheinen es zur Nothdurft aus frisch gefällten Bäumen gezimmert zu haben. Nur den Fußboden überbreiten kunstreich geflochtene Matten aus Palmenbast. Diese Flechtereien würde man in Europa höchst wahrscheinlich sehr theuer bezahlt haben, denn sie konnten, auch was Zeichnung und Schattirung betraf, für Meisterwerke gelten. In einer Ecke der Wohnung bildeten aus gröberem Stoff über einander gehäufte Matten ein leidlich bequemes Lager. Vor 407 demselben stand ein Tisch, auf diesem eine Lampe. An der Wand über dem Bett hing das Bild des Gekreuzigten, unter demselben ein indianischer Bogen nebst einem Köcher, gefüllt mit schön gefiederten Pfeilen. Nur zwei Personen befanden sich in diesem schmucklosen und doch so eigenthümlich anziehenden Gemach, ein Mann und eine junge Frau. Das dem vollen Licht der Lampe zugekehrte Gesicht des Mannes läßt uns in diesem Fürchtegott Ammer erkennen. Er sitzt auf roh gearbeitetem Schemel vor dem Tisch, hat beide Hände gefaltet und blickt unverwandt in die blassen, von himmlischer Milde wahrhaft verklärten Züge der Frau, die ihm gegenüber auf dem Ruhebett Platz genommen hat. Das kleine blüthenweiße Häubchen auf dem blonden Haar, so schlicht, ja fast nonnenhaft mit den beiden Seitenbändern um das Kinn schließend, das zurückgenommene schöne Haar, das sich nie zur koketten Locke gekräuselt hat, das weiße, bis dicht an den Hals hinaufreichende Brusttuch verrathen uns die herrnhutische Schwester. Der schwarze bauschige Tuchrock, den sie trägt, verbunden mit den schwarzen Kreppschleifen auf Busentuch und Häubchen lassen uns eine in tiefe Trauer Versenkte erkennen. Die Herrnhuterin, welche das Schicksal hierher verschlagen hat, befindet sich in großer Gemüthsaufregung. Offene Briefe in ihrem Schooße scheinen dieselbe hervorgerufen zu haben; sie müssen aber doch mehr Freudiges als Trauriges enthalten, denn sie erfaßt sie jetzt mit ihren beiden schmalen, durchsichtig weißen Händen und drückt sie wiederholt an ihre Lippen. Fürchtegott ist diesen Bewegungen bisher schweigend gefolgt, um die Ergriffene nicht zu stören. Jetzt, wo die Herrnhuterin ihm mit einer raschen Wendung die Hand reicht, um ihm zu danken, spricht er: Man liebt Sie sehr, Erdmuthe, in Ihrer Heimath. Graf Alban sprach immer nur mit wahrer Begeisterung von Ihnen und wie der Bischof von Ihnen und Ihrem bisherigen Wirken unter den Heiden denkt, muß Ihnen sein eigenhändiger Brief gesagt haben. Erdmuthe Gottvertraut lächelte glücklich, eine Thräne zerdrückend. Er meinte es immer gut mit mir armen Magd, der hochwürdige Bischof, versetzte die Missionärin. Seine Worte waren Manna für meine Seele, von der sie sich nährte im Brand der Wüste. Wenn ich 408 zurückdachte an ihn, ward ich immer frei und froh, selbst mitten im Unglück, mitten im Schmerz. Auch die tiefste Wunde vermag der Wunder-Balsam eines theilnehmenden Wortes zu heilen. Erdmuthe, sagte Fürchtegott mit unsicherer Stimme, verließen Sie gerne und ohne großen Schmerz die alte Welt, als das Loos Ihnen einen Gatten und einen Bestimmungsort zugleich gegeben hatte? Ich vergaß Alles über dem Ruf, der an mich ergangen war, gab die Missionärin zur Antwort. Eigentlich dachte ich damals, fuhr sie nach kurzem Sinnen fort, über das, was mir künftig bevorstehen könnte, gar nicht nach. Ich lebte in einer fortwährenden Gemüthsaufregung, die mir zum Ueberlegen keine Zeit ließ. Das Loos war geworfen, es hatte mich unter die Auserwählten gestellt, und der Mann, der mir Schirm und Stütze sein sollte, harrte des Augenblickes, die Braut und Gattin als treue Lebensgefährtin auf einem höchst wahrscheinlich sehr mühe- und dornenvollen Pfade zu begrüßen. Aber Sie kannten gewiß den Mann, welchen des Himmels Rathschluß Ihnen zuführte? fragte der junge Ammer. Erdmuthe erröthete unmerklich und versetzte völlig unbefangen und mit einer bewundernswürdigen Gottergebenheit: Ich hatte früher von ihm erzählen hören und zwar nur Rühmliches. Johannes ward zu den befähigtsten Brüdern gerechnet. Seine Geduld, seine Sanftmuth, seine Liebe, seine Ausdauer in Durchführung eines einmal gefaßten Entschlusses erregten die Bewunderung aller Brüder und verschafften ihm die Achtung der Vorsteher. Das Herz zog ihn in die Ferne, unter die blinden Heiden. Er wollte gar nicht, oder nur als Prediger des Evangeliums leben und wirken. Wäre sein Körper so kräftig gewesen wie sein Geist und sein Wille, er würde Großes erreicht und dereinst als gefeierter Apostel der Christenheit noch in späten, späten Zeiten fortgelebt haben. So brach sein Körper vor der Zeit zusammen. Die letzten Worte hatte Erdmuthe mit sichtlicher Begeisterung gesprochen. Das Andenken des Mannes, den Gottes Rathschluß ihr zugeführt, war ihr heilig und hatte sie ihn auch nie in weltlichem Sinne und in irdischer Weise geliebt, so klammerte sie sich doch mit inniger Hingebung an ihn fest und würde gern für ihn in den Tod gegangen sein. 409 Sie haben gewiß recht viel Schweres erfahren, recht trübe Tage und Wochen hier verleben müssen, sagte Fürchtegott. Gänzlich unbekannt mit den Gewohnheiten und Sitten des Landes, der Sprache nicht mächtig, mußten Sie sich unaussprechlich unglücklich fühlen. Nein, erwiderte die trauernde Missionärin mit verklärendem Lächeln. Unglücklich konnte ich wohl nicht sein, weil ich meinen Gott und den Glauben an ihn so fest in mir trug, wie die Mutter das werdende Kind unter ihrem klopfenden Herzen. Schwäche aber und Zaghaftigkeit haben mich bisweilen befallen, und oft sogar recht lange. In so schwerer Zeit half mir entweder fortgesetztes Gebet, recht schwere, körperliche Arbeit und – ich muß es gestehen – das Vertiefen in den Gedanken an eine mir vielleicht doch noch bevorstehende Rückkehr in's Vaterland! In der Heimath, in meinem schönen Berglande lebten ja alle meine Verwandten, alle Freunde und lieben Schwestern. Die Erinnerung an sie belebte mir die Einsamkeit mit lieblichen Gestalten, die ich willkürlich zu mir rufen, mit denen ich mich, ohne zu sprechen, nur in süßem Denken lange unterhalten konnte. Ein solches Hinübersegeln meiner Seele, wie Johannes es nannte, beglückte und stärkte mich für lange Zeit. Und sonderbar muß es wohl in solchen Stunden mit mir gewesen sein, denn Johannes meinte, ich schlummere, weil ich bleich und regungslos, die Augen fest geschlossen, Stunden lang dieser beglückenden Unterhaltung mit meinen Lieben in Europa mich hingeben konnte. Gedachten Sie denn auch des letzten Zusammenseins mit den Brüdern? warf jetzt Fürchtegott schüchtern fragend ein, während er die sanfte Missionärin nicht anzublicken wagte. Warum kommen Sie darauf? entgegnete überrascht Erdmuthe. Weil ich davon wiederholt erzählen hörte. Ach ja, ich kann es mir denken. Graf Alban gehört ja zu meinen Führern. Er hat Ihnen gewiß die feierliche Einsegnung und Entlassung geschildert. Sie schwieg befangen und Fürchtegott bemerkte, daß ihr Busentuch sich stärker hob und senkte. Graf Alban hat gewiß nicht unterlassen, in dem Ihnen übersandten Schreiben auch des Ueberbringers zu gedenken, nahm Fürchtegott abermals das Wort. Ich habe es nur dem großen Vertrauen und 410 der väterlich-liebevollen Theilnahme zu danken, daß ich zu so wichtiger Botschaft würdig befunden wurde. Meine rein weltliche Beschäftigung konnte mich dazu nicht eigentlich befähigen. Allein Graf Alban, ein Freund auch meines Vaters, wünschte, daß im Interesse der evangelischen Mission Handelsverbindungen mit den noch nicht bekehrten Indianerstämmen angeknüpft werden möchten, und in dieser Absicht trug er mir auf, das Terrain zu sondiren und etwa Nöthiges für die Zukunft vorzubereiten. O verzeihen Sie, sprach entschuldigend Erdmuthe, und griff nach dem Schreiben des Grafen. Noch habe ich die darauf bezügliche Stelle seines Briefes nicht gelesen. Ich brach ab, als ich gewahrte, daß die geistliche Botschaft erledigt sei. Erdmuthe rückte näher zur Lampe und begann den Schluß des erhaltenen Briefes langsam und mit voller Aufmerksamkeit zu lesen. Die Blicke des jungen Ammer hingen erwartungsvoll an den so zarten und milden Zügen der Missionärin. Mein Gott, sagte sie und schlug schüchtern das Auge zu Fürchtegott auf, Sie sind also jener Ammer, von dem ich schon einmal früher gehört habe? Wie ist mir doch! Der bin ich, versetzte unser Freund, ja, Erdmuthe, ich bin jener Ammer, den Sie in Ihrem Tagebuche nennen. In meinem Tagebuche? unterbrach ihn die Missionärin zerstreut und beunruhigt. Was können Sie von meinem Tagebuche wissen? Fürchtegott griff in die Brusttasche seines Rockes und holte das uns schon bekannte, zierliche Büchlein hervor, dessen Inhalt ihn so wunderbar gefesselt und zu allen nachfolgenden Schritten begeistert hatte. Erdmuthe erschrak beim Erblicken dieses Büchleins so heftig, daß ihre Lippe verstummte. Der junge Ammer war bereits aufgestanden, vor der Missionärin niedergekniet und sprach jetzt, während er wiederholt die feinen Hände der jungen Wittwe küßte: Lebt in Ihrer Erinnerung nicht auch heute noch der Schattenriß eines Jünglings, der ohne sein Wissen und Wollen Ihnen in einem der wichtigsten Augenblicke Ihres Lebens gleichsam den Weg vertrat? In diesen Selbstbekenntnissen, die Sie dem Grafen Alban vor langer Zeit als ein Zeichen Ihrer Anhänglichkeit und Hochachtung sandten, gaukelte jener Schatten noch vor ihrer Seele. Sie trugen ihn fort 411 über's Meer, gleich einem Amulet, das in Ihr Herz hinabgesunken war und Niemanden sichtbar ward, als Ihnen allein. Der Besitz des nunmehr schon abberufenen Johannes vermochte jene Erinnerung nicht zu verwischen; sie lebte fort in Ihnen, rein und keusch, so rein und keusch, wie jener Kuß, der im Augenblick des Abschieds der Unbekannte Ihnen auf die jungfräuliche Lippe drückte. Der Sohn des reichen Ammer und jener Fremde beim Liebesmahle sind ein und dieselbe Person. Er liegt jetzt vor Ihnen und bittet, daß Sie nach so langer Zeit ihm anhängen wollen mit gleicher Treue, wie früher! Die junge Wittwe bebte vor Aufregung und Ueberraschung. Thränen entstürzten ihren Augen, sie begann laut zu schluchzen. Dabei legte sie beide Hände wie segnend auf das Haupt des Knieenden. Fürchtegott ließ die Erschütterte gewähren. Als sie sich etwas mehr beruhigt hatte, ergriff sie des Jünglings Hände und bat ihn leise, er möge aufstehen. Dann erhob auch sie sich, schritt durch den engen Raum des Gemaches und trat unter die Thür, den Blick gen Himmel wendend. Fürchtegott trat an ihre Seite und ergriff ihre Hand. Erdmuthe, sprach er mit ungewöhnlicher Weichheit, Erdmuthe, Sie sind eine glaubensstarke Frau und besitzen ein von allen irdischen Schlacken geläutertes Herz; ich wate in einem Meer von Irrthümern und menschlichen Schwächen, und habe vielleicht mehr Anlage zum Schlechten als zum Guten. Ein räthselhaftes, unerklärliches Schicksal hat uns zusammengeführt, und bin ich auch kein gläubiges Gemüth, so kann ich doch auch nicht zweifeln, daß es Gottes unerforschlicher Wille gewesen ist, durch dieses Zusammenführen größere Zwecke zu fördern. Wie Sie seit jener ersten Begegnung mich still im Gedächtnisse trugen, so lebte Ihr Bild fort in meinem Herzen. Es war mir jener Augenblick, wo Ihr Mund mich küßte, so heilig, daß niemals ein Wort davon über meine Lippen gekommen ist. Ich liebte Sie, Erdmuthe, ich liebe Sie noch, und ich kann noch in diesem Augenblicke nicht glauben, daß Ihr tieffühlendes Herz dem braven Manne, der jetzt dort unten im Thale unter den rauschenden Sycomoren ausruht von den Mühen des Lebens, mehr zugehört habe, als jenem in Ihrer Erinnerung fortlebenden Schattenbilde des jungen Freundes, wie Sie mich nennen. Sprechen Sie, Erdmuthe! Geben Sie der 412 Wahrheit die Ehre! Erleuchten Sie mit einem Wort das Dunkel, das noch meine Gegenwart und meine Zukunft verhüllt! Fürchtegott Ammer, versetzte die erschütterte Missionärin, seien wir von dieser Stunde an Bruder und Schwester! Ich bedarf der Ruhe, des Nachdenkens, der Prüfung. Die Wege des Herrn sind wunderbar und unerforschlich, aber er führet Alles herrlich hinaus. Bedenke, mein Bruder, daß es mein Beruf ist, das Evangelium zu verkünden den unwissenden Völkern dieses weiten und herrlichen Landes. Gott hat mich gestärkt, auch in tiefer und schwerer Trübsal; er hat mir immer Kraft verliehen, daß ich zu tragen vermochte, was mir auferlegt ward. Aber er hat mir auch Freuden gegeben, an denen meine Seele sich erquickt, an denen mein oft recht banges Herz immer auf's Neue erstarkt. Es ist mir gelungen, hier in dieser stillen Abgeschiedenheit dem Herrn eine Gemeinde zu gründen, an welcher er – so glaube ich – Wohlgefallen hat. Alle, die hier wohnen, lieben und verehren mich. Ich bin ihnen Mutter, Rathgeber, Prediger, Lehrer, und bisweilen sogar, fügte sie mild lächelnd hinzu, Vorsehung. Mir aber sind diese dem Heidenthum durch meine Bemühungen abgerungenen Seelen theuer geworden, als wären sie mein Eigenthum. Ich umfasse sie alle mit derselben Liebe, gleich einer Mutter ihre Kinder, und ich weiß nicht, mein Bruder, ob ich leben könnte, wenn ich von diesen meinen Kindern im Herrn scheiden sollte. Erdmuthe breitete während der letzten Worte ihre Arme aus, als wolle sie den um sie Wohnenden allen zugleich ihren Segen ertheilen. Und wenn die Aeltesten dich abriefen, Erdmuthe, würdest du einem solchen Rufe ungern Folge leisten? fragte Fürchtegott, überzeugt, daß die Missionärin ihn liebe, aber einen schweren Kampf mit dem zu bestehen haben würde, was sie ihre Pflicht, ihren Beruf nannte. Daran, mein Bruder, ist wohl nicht zu denken, erwiderte die junge Wittwe. Es wäre auch nicht gut für die so jungen Christen. Sie würden einem andern Prediger nicht mit der Liebe anhangen, die sie an mich kettet. Darum werden die Aeltesten mich nicht abrufen. Dann, meine Schwester, müssen wir uns in sehr, sehr kurzer Zeit wieder trennen, sprach aufseufzend Fürchtegott. Diese Trennung, Erdmuthe, wird mich unglücklich machen, denn ich fühle es schon jetzt, und will und kann es nicht länger vor dir geheim halten, daß ich 413 dich nie vergessen kann, und daß ein Leben ohne dich für mich nur ein halbes sein wird! Erdmuthe, du hast gewirkt und gebaut für den Himmel, du hast Gott, wie ihr sagt, Seelen geworben, du stehst rein und groß, eine hehre Lichterscheinung vor diesen bekehrten Indianern. Verschwinde ihnen plötzlich als eine solche, und ihr Glauben an den Gott, den du ihnen kennen gelehrt hast, wird völlig unerschütterlich sein. Sie werden dich verehren als Heilige, als ihren Schutzengel. Du aber kannst völlig befriedigt zurückkehren in die Welt und auch hier Segen verbreiten in weitem Umkreise. Laß uns beten, mein Bruder, damit wir nicht in Anfechtung fallen, versetzte Erdmuthe mit schwer verhaltener Rührung. Siehe, es ist spät geworden, ich erkenn' es an dem Stande der Gestirne. Gehe hinüber zu deinem Freunde; er wird auf dich warten. Ueberlasse mich der Einsamkeit, lieber Bruder! Da werde ich mich prüfen; da werde ich erfahren, was das menschliche Herz ist; da wird Gott mich erleuchten und mich retten vor mir selbst! Gute Nacht, Fürchtegott – fürchte Gott! Die letzten Worte sprach Erdmuthe mit warnender Stimme. Zugleich drängte sie den Jüngling sanft über die Schwelle und ehe er sich noch besinnen konnte, fiel die aus Rohr und Bast gezimmerte Thür zu und ward von Innen rasch verriegelt. So sah er sich denn genöthigt, mit einem Herzen voll überströmender Sehnsucht, unbefriedigt, ja sogar ohne große Hoffnung die Hütte aufzusuchen, die man den Fremden und ihren Führern zur Wohnung angewiesen hatte. Viertes Kapitel. Die Trennung. Körperlich und geistig abgespannt, verbrachte Fürchtegott die Nacht in unruhigem, traumreichen Schlummer. Früh am Tage erweckte ihn und seinen Freund ein wohlthuender Choralgesang. Eine zahlreiche Versammlung indianischer Männer und Frauen hatte sich in weitem Kreise um Erdmuthe's Hütte gruppirt, um hier ihre Morgenandacht 414 zu halten. Nach Beendigung des Gesanges trat die Missionärin unter sie und las mit zum Herzen dringender, milder, aber überzeugender Stimme einen Psalmen in der Sprache des Stammes, dem die Bekehrten angehörten. Walter und Fürchtegott, die unbemerkt Zeugen dieses Auftrittes waren, fühlten sich Beide davon ergriffen. Es war so viel Naturwahrheit in dem, was da draußen von den Indianern geschah. Es gab unter den Versammelten keinen Zerstreuten, keinen Zweifler, keinen Spötter. Und darum machte dieser einfache, ungekünstelte Gottesdienst unter dem tiefblauen Dome des Himmels einen wahrhaft erhebenden Eindruck. Ich glaube beinahe, sagte Walter, wenn ich lange hier bleiben sollte, würde ich zuletzt selbst Heidenbekehrer. Du, scheint mir, bist schon bekehrt, denn du machst heute eine so fröhliche Miene, als wolltest du noch vor Sonnenuntergang deine erste Predigt halten. Wir werden vor Abend der Niederlassung wieder den Rücken kehren, versetzte Fürchtegott. Meines Auftrages, den ich im Namen der Gemeinde zu überbringen hatte, habe ich mich bereits gestern Abend entledigt, heut bleibt mir nur noch übrig, meine eigenen Angelegenheiten zu ordnen, und dies muß innerhalb weniger Stunden ebenfalls geschehen. Du bist merkwürdig ernsthaft, um nicht zu sagen bewegt, erwiderte Walter. Solltest du beunruhigende Mittheilungen von der kleinen, blassen Missionärin erhalten haben? Fürchtegott legte seinen Arm in den des Freundes. Walter, sprach er, deine Ahnung trog dich nicht. Diese Herrnhuterin, die so frühzeitig zur Wittwe geworden, sah ich schon früher. Ein gegenseitiger Blick verband unsere Seelen für immer, obwohl wir uns nie sprachen. Das Schicksal entführte Erdmuthe – ich glaubte sie verloren. Da kam mir zufällig Kunde von ihr zu, aus der ich mit freudigster Bewegung die Gewißheit ihrer Gegenliebe erfuhr. Seitdem litt es mich nicht mehr in der alten Welt. Der Glanz, die Hoffnung auf reichen Gewinn stählten meine Thatkraft, mein Herz aber schlug nur der Stunde entgegen, wo es mir vergönnt sein würde, die verloren geglaubte Geliebte von Angesicht zu Angesicht wieder begrüßen zu können. Diesen glücklichen Tag habe ich gestern durchlebt, und Erdmuthe weiß jetzt, was ich für sie fühle. 415 Walter schüttelte zu dieser Eröffnung den Kopf. Freund, sprach er nach kurzem Sinnen, ich glaube, du hast da einen dummen Streich gemacht. Tief eingeweiht in herrnhutisches Treiben bin ich zwar nicht, ich müßte mir aber ganz falsche Vorstellungen von diesen Leuten gemacht haben, wenn ich glauben könnte, daß sie eine Missionärin mit einem Manne ziehen lassen sollten, der mit weltlichen Dingen sehr viel, mit himmlischen desto weniger bis jetzt zu schaffen hatte. Und bist du denn auch gewiß, daß die junge Wittwe deine Neigung erwidert? Schon der Gedanke eines Zweifels wäre Sünde und Beleidigung meinerseits, versetzte mit Feuer der junge Ammer. Stände Erdmuthe nicht – um herrnhutisch zu sprechen – im Dienste des Herrn, würde sie gewiß noch heute mir folgen. Was sie mir rauben oder längere Zeit vorenthalten kann, ist allerdings ihre Stellung. All mein Dichten und Denken muß deßhalb darauf gerichtet sein, sie aus dieser Stellung abzurufen. Gelingt mir dies – und es muß gelingen – hört Erdmuthe auf Missionärin zu sein, so wird einer Verbindung mit mir nichts mehr im Wege stehen. Vielleicht doch, bemerkte Walter. Du äußertest neulich, daß dein Vater ein etwas sonderbar gearteter Mann sei und daß du nicht in allzu herzlichem Einvernehmen mit ihm stehest. Wenn er nun nichts von einer Schwiegertochter hören will, die Jahrelang mit wilden Indianern, Mulatten und Negern auf Du und Du gestanden hat? Du lästerst, erwiderte Fürchtegott, denn du thust zwei edle Menschen, Erdmuthe und meinem Vater, gleich großes Unrecht. Es ist wahr, das Band, das mich dem Vaterhause verknüpfte, hat sich stark gelockert, gelöst aber ist es noch nicht; ja mir ahnt fast, daß die Zuführung einer so braven und frommen Tochter, wie Erdmuthe es ist, mir die Liebe und Zuneigung des Vaters wieder vollkommen gewinnen würde. Mein Vater ist fromm, ohne kopfhängerisch zu sein, und Erdmuthe, bilde ich mir ein, ist ein Menschenbild recht nach dem Herzen Gottes. Noch während dieses Zwiegesprächs der Freunde bereitete sich draußen eine ganz eigenthümliche Scene vor. Die Indianer hatten sich nach gesprochenem Gebet entfernt, die Missionärin war, wie immer, still und nachdenklich in ihre Hütte zurückgekehrt. Nun aber erschienen mehrere junge indianische Mädchen in leichte wollene Gewebe 416 gekleidet. Jedes von ihnen trug ein aus Bast geflochtenes Körbchen, diese in der Hand, jene auf dem Haupte, und in jedem dieser Körbchen lag irgend ein Geschenk für ihren Schutzengel Erdmuthe. Mit den glücklichsten Mienen von der Welt legten die Indianerinnen ihre Geschenke vor der Hütte der Missionärin nieder und entfernten sich dann eiligen Laufes, ohne den Dank ihrer Lehrerin und Erzieherin abzuwarten. Die Freunde hatten diesem Schauspiele mit wachsendem Vergnügen zugesehen. Jetzt, als die Indianerinnen sich nach allen Seiten hin über das grüne Plateau zerstreut hatten und verscheuchten Rehen gleich unter den malerischen Gruppen der Cancantribäume verschwanden, sagte Walter zu Fürchtegott gewandt: Beim Himmel, ich kann es begreifen, wie das Leben in der Wildniß oder doch unter Volksstämmen, die der Cultur erst gewonnen werden sollen, selbst für verwöhnte Europäer einen unwiderstehlichen Reiz haben kann! Diese Naturmenschen geben sich ohne Scheu ihren Gefühlen hin und drücken sie in ungezwungenster Weise aus. Wir überlegen, ehe wir selbst den edelsten Regungen unseres Herzens folgen, ob das, was wir gern thun möchten, auch mit den giltigen Regeln der Sitte und Wohlanständigkeit vereinbar sei, oder ob es Jemand geben könne, der es zu belachen wagen möchte. Fürchtegott fühlte die Wahrheit dieser Worte, erwiderte jedoch nichts darauf. Sein ganzes Augenmerk war in diesem Augenblick auf einzelne Gruppen Indianer gerichtet, die bald hier, bald dort zu ihrer Arbeit gingen und deren Tracht seine Gedanken urplötzlich zurückversetzte in die Heimath der industriellen alten Welt. Dabei leuchteten die Augen des jungen Mannes, als hätte er eine Quelle Reichthums entdeckt. Erst, nachdem er sich bezwungen, gab er dem Freunde zur Antwort: Für Leute, die nichts Höheres kennen, als unberührt vom beunruhigenden Lärm der Welt zu leben, mag dieses Vegetiren unter gutherzigen Kindern, deren schlimme Neigungen man nur nicht reizen muß, etwas überaus Angenehmes haben; wer aber etwas Bleibendes erringen, wer Andern Anstoß geben will zu nie rastendem Vorwärtsstreben, der würde sich doch bald genug selbst in diesem Paradiese langweilen, und solche Naturen, glaub' ich, hat Gott uns Beiden verliehen. 417 Ob auch der frommen Missionärin? sagte Walter forschend. Sie ist und war nie ein Weltkind, wie ich aus deinen Aeußerungen erfahren habe; sie wird jetzt dem Welttreiben Europas, wo überall das Interesse, der Eigennutz, nirgend die reine Menschenliebe vorwaltet, noch weniger Geschmack abgewinnen können. Und doch müßte ihr dies möglich sein, sollten deine Wünsche gekrönt werden. Die wahre Liebe vermag mehr als dies, bemerkte Fürchtegott, und ob ihre Liebe wahr und innig ist, ob sie ihr höher steht als alles Andere auf Erden, das will ich jetzt mit klaren Worten aus ihrem eigenen Munde hören. Walter fühlte sich nicht verpflichtet, dem Freunde abzurathen oder gar ihn abzuhalten. Er sagte ihm deßhalb ein von herzlichen Glückwünschen begleitetes Lebewohl und ging mit den beiden indianischen Geleitsmännern durch Urwälder und Steppen in die prachtvolle Hochebene, um die Niederlassung und den etwaigen Einfluß der christlichen Lehre auf deren Gestaltung etwas näher in Augenschein zu nehmen. – Erdmuthe empfing unsern Freund mit jener ruhigen Heiterkeit, die in sich abgeschlossene Naturen als ihnen eigenthümliche Atmosphäre umgibt. Fürchtegott traf sie noch bei ihrer Privatmorgenandacht. Die Bibel lag aufgeschlagen auf dem Tische und über die schon vergilbten Blätter des noch aus Europa stammenden Buches hielt sie die Hände. Du hast schon Gottesdienst gehalten, liebe Schwester, redete sie Fürchtegott nach der ersten gegenseitigen Begrüßung an. Pflegst du diese christlich frommen Uebungen täglich mit deinen jungen Zöglingen vorzunehmen? Sie handeln nicht nach Vorschrift oder weil es ihnen von mir befohlen wird, erwiderte Erdmuthe, sondern ganz nach freiem Entschlusse. Wenn ihr das Bedürfniß fühlt, lehrte ich ihnen, euch gemeinschaftlich mit Gott zu unterhalten oder euch gegenseitig durch Anstimmung eines christlichen Liedes zu erheben, so versammelt euch, wie und so oft ihr mögt, vor der Thür meiner Hütte, und ihr werdet zu jeder Zeit in mir eine freudige Hirtin eurer Seelen, eine Pflegerin eurer guten Vorsätze finden. So kommt es denn, daß oft Tage vergehen, ohne daß irgend Jemand sich zum Gebet hier einfindet. Aber glaube ja nicht, mein Bruder, daß diese jungen Christen 418 darum ihres Wohlthäters vergäßen. Sie wandeln dann in die freie Natur, wenn sie ihre Arbeit gethan haben, und bewundern den Allerhalter in der Allmacht und Pracht der Schöpfung. Mancher Prediger hielt es für unerläßlich, den Neubekehrten das Vergnügen der Jagd zu untersagen, weil es leider häufig in ungezügelte Leidenschaft umschlägt, die dann nicht selten einen grausamen blutdürstigen Charakter annimmt. Ich fand jedoch dieses Verfahren nicht zweckdienlich, am wenigsten bei einem Volksstamme, der seit undenklichen Zeiten fast ausschließlich von der Jagd lebte und dessen Vorstellungen eines seligen Lebens nach dem Tode sich an wildreiche Jagdgründe knüpfen. Deßhalb ließ ich ihnen gern diese Gewohnheiten, nur bemühte ich mich, sie zum Nachdenken über ihr Thun zu veranlassen, den Maßstab christlicher Vorschriften daran zu legen und dann dem zu folgen, was reife Prüfung und ruhiges Urtheil ihnen sagen werde. So gelang es mir, in nicht gar langer Zeit, die Jäger in meiner kleinen Gemeinde nicht auszurotten, wohl aber die Leidenschaft der Jagd, die frevelhafte Schößlinge treibt, zum bloßen Geist und Körper stärkenden Vergnügen abzudämpfen. Glaube mir, mein Bruder, mit einem Herzen voll Liebe und Geduld ist es leicht, Menschen zu bilden und zu beherrschen, nur muß der, welcher Andere leiten will, sich nie von dem Dünkel der Selbstüberhebung kitzeln lassen. Nur Bescheidenheit veranlaßt zu einer Nacheiferung, welche Segen bringt. Die Ruhe, Klarheit und Bestimmtheit in Allem, was Erdmuthe sprach, imponirten dem jungen Ammer. Er mußte sich zu seiner eigenen Demüthigung gestehen, daß, wenn er auch möglicherweise in rein weltlichen Dingen mehr berechnende Klugheit als die Missionärin besitze, ihm doch alles aus tiefster Ueberzeugung entsprossene feste und unwandelbare Urtheil abgehe. Er fühlte die durchgebildete, geistige Ueberlegenheit Erdmuthe's, und war dies auch in mancher Beziehung drückend, so ließ sich doch mit vieler Zuversicht dem Wort und Entschluß eines so klaren Charakters unter allen Umständen vertrauen. Indem er für das eben Gehörte der Missionärin seinen Dank ausdrückte, wagte er zugleich die Frage um Entscheidung über sein Schicksal an sie zu richten. Du bist einig mit dir, theure Schwester, sprach Fürchtegott, darum rede und trage einen Antheil des Friedens, der in dir wohnt, in mich über. 419 Zögernd versetzte Erdmuthe: Ich habe in vergangener Nacht schwer zu kämpfen gehabt, mein Freund. Die Lage, in der ich mich befinde, ist eine sehr sonderbare. Du kennst ja meine innersten Gedanken seit meiner Abreise aus der Heimath, ich darf also dir gegenüber so offen sein, wie vor dem Richterstuhle meines eigenen Gewissens. Was hülfe es mir jetzt, wollte ich verheimlichen, daß nur das Gebot der Aeltesten, der Zwang der Pflicht, die mir der Beruf auflegte, mich dem heimischen Strande zu entführen vermochte? Hätte ich dem Zuge des eigenen Herzens folgen dürfen, ach, Fürchtegott, ich wäre wohl nie über die Grenze der nächsten Gebirgswälle hinausgekommen! Einmal dem Schicksal oder meiner Bestimmung mich willenlos hingebend, indem ich mich nur als Werkzeug eines Höheren betrachtete, fand ich mich bald in mir selbst, in meinen Gedanken und Wünschen zurecht. Ich darf es dir gestehen, daß ein wunderbar dunkles Sehnen mich dir im Geiste immer wieder zuführte, so oft ich mich auch deßhalb verklagte und mir Vorwürfe machte. Dein Bild stand nicht im Spiegel meiner Erinnerung, wenigstens nicht in festen Umrissen. Der Blick hatte dich mächtiger noch gestreift, als meine Lippe die deinige. Aber deine ganze Gestalt war eins mit mir geworden, und wenn ich später an Johannes Seite wandelte, ohne ihn scharf anzublicken, so meinte ich immer deine Nähe zu fühlen. – Später verlor sich dies, und seit ich in der Wildniß meinen dauernden Wohnsitz nahm, hat mich diese lockende Täuschung nicht mehr beunruhigt. Nun trittst du plötzlich wieder vor mich hin, mein theurer Freund und während ich glaubte, ich hätte mich gänzlich und für ewige Zeiten besiegt, muß ich erfahren, daß unser Herz ein gar schwer zu bezwingender Feind ist. Du rufst mich, und ich möchte deinem Rufe Gehör schenken; du gehst und ich werde bleiben, wo des Höchsten Wille mich hingestellt hat, aber du nimmst den Frieden mit dir, der seither meiner Hütte und meiner Seele treuester Wächter war! Das ist nicht gut, allein ich betrachte es als eine neue Prüfung, die der Herr mir schickt, um mich noch mehr zu läutern und dann mich fester mit seiner Hand zu halten. Erdmuthe schwieg, die heftige, innere Bewegung hinderte sie weiter zu sprechen. Fasse ich den Sinn deiner Worte recht, sagte Fürchtegott beengt, so wendest du dich von mir. 420 O nein, entgegnete die Missionärin, das habe ich nicht gesagt, werde ich nie sagen, aber ich darf und will die mir anvertraute Heerde nicht verlassen, ohne abgerufen zu werden. Sollte auch mein Herz ganz vereinsamen, und tiefe Bekümmerniß mein unzertrennlicher Gefährte für alle noch übrige Lebenstage sein; ich würde dennoch nicht klagen und nicht anders handeln. Fürchtegott athmete beruhigter auf. Kannst du mir mit Hand und Mund versprechen, daß du dies buchstäblich jederzeit halten wirst? Weßhalb sollte ich mich dessen weigern, mein Freund, ich stelle mich mit diesem freien Entschlusse Gott zur Verfügung und mich dünkt, dies ist unser Aller heiligste Pflicht! Gib mir also darauf deine Hand! Erdmuthe reichte Fürchtegott ihre Rechte. Dieser hielt sie lange fest und drückte wiederholt seine Lippen darauf. Sie wird mir Segen bringen, sagte er, Segen, Heil und inneres Glück, wie allen denen, über welche sie sich je betend erhoben hat. Ich danke dir, Erdmuthe, und gehe jetzt von dir ohne Schmerz. Ungefähr in Monatsfrist werde ich Surinam verlassen. Bis dahin wirst du mir Briefe nach Paramaribo senden. Von mir erhältst du ebenfalls Nachricht. Bedarfst du irgendwie in rein weltlichen Dingen kräftiger Unterstützung oder solltest du mir Wichtiges zu sagen haben, so wende dich an meinen Freund Walter. Er ist unterrichtet und deines unbedingten Vertrauens werth. Erdmuthe sagte zu und so schienen durch eigenthümliche Verkettung der Verhältnisse zwei Herzen, die schon Jahre lang für einander schlugen, abermals auf ungewisse Zeit, vielleicht sogar für immer, von einander getrennt zu sein. Als Fürchtegott einige Stunden später sich mit seinen Begleitern zur Abreise rüstete, vermochte Erdmuthe ihre Erschütterung kaum mehr zu bewältigen. Sie begleitete den Freund bis zu den Sycomoren im Waldthale. Hier reichte sie ihm zum letzten Male die Hand am Grabhügel ihres Gatten, wiederholte ihr Versprechen und trennte sich. Fürchtegott sah die Gestalt der Geliebten, von der ihn zum zweiten Male ein unerbittliches Schicksal trennte, lange noch unter den Sycomoren weilen, bis eine Wendung des Thales sie für immer seinem Auge entrückte. 421 Fünftes Kapitel. Briefe aus der Heimath. Ohne Unfall erreichten die Reisenden nach etwa achttägiger Wanderung durch früher nicht betretene Gegenden die Hauptstadt Surinam's. Auf dieser Rückreise machte Fürchtegott Entdeckungen, die ihm wichtig schienen. Die Indianer hatten nämlich schon früher erzählt, daß in mehr südlicher Richtung, wo die Waldung weniger dicht und in Folge dessen der Anbau mitten im Lande leichter zu bewerkstelligen sei, schon leidlich gute Verbindungsstraßen sich befänden, welche die Indianerdörfer durchzögen. Diese Mittheilung stimmte trefflich mit den Bemerkungen Erdmuthe's in ihrem Tagebuch zusammen. Fürchtegott wollte sich nun gern mit eigenen Augen von diesen cultivirenden Vorarbeiten überzeugen und wandte sich deßhalb den bezeichneten Gegenden zu. Ungeachtet des verlängerten Weges freute er sich doch seines Entschlusses. Er hatte Gelegenheit, mitten unter ein indianisches Leben zu kommen; er konnte dabei beobachten, was diesen Naturmenschen besonders lieb und werth sei und in welcher Weise sich am vortheilhaftesten ein Tauschverkehr mit ihnen anknüpfen lasse. Sein praktischer Blick unterstützte ihn dabei, und hätte er nicht um Erdmuthe Sorge getragen, er würde hochentzückt in die lebhafte Hafenstadt wieder eingezogen sein. So hielt die Sehnsucht nach der verlassenen und vielleicht nie zu gewinnenden Geliebten die Freude über seine sonstigen vielversprechenden Entdeckungen etwas nieder. In Paramaribo waren inzwischen Briefe aus Europa für unseren Freund eingelaufen, die ihn lebhaft aufregten und mehrere Stunden so ausschließlich beschäftigten, daß er alles Andere darüber vergaß. Es wird nöthig sein, ein paar dieser Schreiben hier wörtlich folgen zu lassen. Fürchtegott griff zuerst nach einem Briefe Wimmer's, dessen eckige Schriftzeichen eine wunderbare Anziehungskraft für ihn hatten. 422 Der alte Herrnhuter ließ sich gegen den jungen Rheder folgendermaßen aus: »Mein lieber junger Freund und Bruder! »Es hat dem Herr gefallen, mich sonderlich zu begnadigen. Dein Vater, der alte Starrkopf, ist in sich gegangen, hat mir seine Hand zur Versöhnung gereicht und versprochen keinen Lärm mehr zu machen Deinetwegen. Daran magst Du erkennen, daß Ausdauer und festes Beharren auf einem Punkte immer Früchte trägt. Frei hab' ich Dich auch gemacht nach allen Seiten hin, so daß uns Niemand mehr drein reden wird. In Weltenburg schnurret es, daß die Zwerge ausziehen würden aus den alten Bergen, wäre das gottlose Volk nicht schon seit Jahrhunderten durch das christliche Glockengeläute vertrieben worden. Dein Bruder ist brav und schickt sich prächtig an. Die Wollspinnerei ist schon in Angriff genommen und da es an baaren Mitteln nicht gebricht, so wird sie schon unter Dach sein, wenn Du mit des Heilandes Willen glücklich zurückkommst. »Deine Frau Mutter hat es gut auf Dich, nicht so die Schwester, meine Pathe. Die kleine Frau ist zu ehrlich, um Dich ehrlich zu finden. Aber, mein junger Freund und Bruder, ehrlich und klug zusammen währt länger, als Ehrlichkeit, die sich Blößen gibt. Bleibe mir nur fein treu in allen Dingen, und ich will den Staub schon wieder fortblasen, der sich auf Deiner Schwester blaue Augensterne gelagert hat. »Mit Vanderholst mach' es fest. Ich habe schon Rücksprache mit mehreren Arbeitern genommen. Sie meinen es gehe, und fange man es nur klug an, so leide Niemand darunter. Dein Vater darf freilich nichts davon wissen. »Advocat Block ist in Haft. Er hat einen sehr dummen Streich gemacht, von dem ich aber aus Vorsicht nicht weiter reden mag. Graf Alban läßt Dich grüßen und bitten, mitten im Drang des Irdischen nicht zu vergessen, daß diese irdische Scholle doch nur eine Schule sein soll für den Himmel, und daß Alles, was wir thun, – ein Loblied sein muß auf den Herrn, damit wir die Gnade unseres Heilandes verdienen, trotz unserer Sünden, die so zahlreich sind, wie der Sand am Meere! Auch ich schließe mich dieser Bitte an, vergesse nie Dein und Deiner Sendung zu gedenken im brünstigen Gebet am 423 Morgen und Abend, und bleibe Dir zugethan in wandelloser Liebe als Dein Bruder und Freund in Christo Lazarus Wimmer.«         Ueber Fürchtegott's Züge lief ein fast spöttisches Lächeln, als er diese Zuschrift weglegte, um eine zweite zu entfalten, er erkannte seines alten Vaters bereits zitternde Handschrift. Unter starkem Herzklopfen erbrach er das Siegel. Ammer schrieb: »Mein lieber Sohn! »Allem Vermuthen nach muß es Dir sonderbar gut ergehen in der Fremde, sonst würdest Du wohl nicht so trutziglich gerad' vor Dich hinsehen und eine so scharfe Rede führen. Mich freut's zwar aufrichtig, daß sich mein Sohn als ein richtiger Ammer kund gibt auch unter den Heiden und anderem Volk, jedennoch wäre es mir grausam lieb, so ich unter der Kraft und dem Willen auch einige Demuth des Herzens entdecken möchte. Finde davon in Deinem Schreiben wacker wenig, und das gefällt mir nicht. Schaffe das ab ein nächstes Mal und ich werde mich freuen. »Der Wimmer ist ein Tausendsasa. Wir waren hart aneinander, aber das Licht der Wahrheit und Freundschaft brachte uns wieder auf heitere ebene Wege. Bin's nun zufrieden, wie Ihr's treiben wollt, separirt wird jetztund aber noch nicht! Das stände mir schön an, nun ich's schier gebracht habe bis zum Herrn auf Weltenburg, daß ich allein fortklepperte mit meinen alten Gezehen , während die Herren Söhne im Sturmwind in's Große hineinwirthschafteten. Nein, lieber Sohn, es bleibt, wie's gewesen ist bisher. Wird's mir zu schwer, so packe ich schon von selber ein und setze mich zur Ruhe auf dem alten Thurm in meinem Schlosse. Die Aussicht von seiner Zinne ist aparte schön und auch 'was weit, so daß Einer mit einem guten Mond- oder Sonnengucker von der neumodischen Manier bis halb an's Ende der Welt sehen kann. Und unten zu Füßen liegt die schöne Gotteswelt mit all ihren Freuden und Leiden. Da rauchen die Schornsteine, die Bienen fliegen summend über das Wiesenfeld, und wenn die Sonne in Gold geht, brennen Wald und Thal, also, 424 daß ich mich einmal recht deutlich an die Stelle Mosis versetzen konnte, als er in Rauch und Flamme den Herrn sah. »Nun, mein Sohn, ich denke, bis jetzt bist Du zufrieden mit Deinem alten Vater. Ich thu' nur, was ich vor meinem Gewissen verantworten kann, und weil selbiges etwas eng gerathen, fällt's mir wohl schwer zu Zeiten ohne lange Ueberlegung alsogleich zu jeglichem Vorschlage beistimmend zu nicken. Ich thu's gern, wo ich die Handhabe sehe, die mich steuert und trägt, wenn der Fuß straucheln will. »Die Mutter ist, Gott Lob, wohl auf, aber immer 'was still, die Geschwister thun ihre Pflicht. Die Florel hat einen Jungen, der Otto heißt, und wär's einer kaiserlichen Prinzessin Junge, wohl auch 'mal Otto der Große heißen könnte. Mein Herr Mirus hat Gevatter gestanden, Gott wolle es ihm lohnen! »Letzthin sind böse Geschichten hier vorgefallen, die mir Sorge und Unruhe genug machen. Es läuft eben viel schlechtes Gesindel herum auf Gottes Erdboden, und mancher, der ein gefälteltes Jabot trägt oder gar einen gekrausten Busenstreifen und brillantene Hemdeknöpfe, ist ein größerer Schuft, als solch ein armer Teufel, der wegen ein paar im Zwielicht ausgegrabener Kartoffeln auf dem verkehrten Ackerbeet in doppelfarbiger Hose und Jacke die Gasse kehren oder Holz schlagen muß. »Da wäre ich wohl fertig. Fällt mir just nichts von Wichtigkeit ein. Also lebe wohl und halte Gott vor Augen und im Herzen. Guten Wind zur Heimkehr! Apropos, die Florel möchte gern eine indianische Halskette haben. Schaff's, wenn Du kannst, sollt' es Dich auch ein paar holländische Ducaten kosten. Das Weibervolk bleibt in alle Ewigkeit eitel und mithin zugänglich den Verführungskünsten, die uns das Paradies gekostet haben. Zur nächsten Kirmes, die auf Weltenburg gefeiert werden soll, will sie's tragen, das närrische Mädel – Weib wollte ich sagen. – Nochmals Gott befohlen. Empfange den Segen Deines alten Vaters, und laß Dich mit Heiden und Menschenfressern nicht in gefährliches Tractiren ein. Dein treuer Vater Ammer.«         Dieser Brief beruhigte Fürchtegott und erfüllte seine Brust mit neuen und schöneren Hoffnungen. Ja, das war sein wunderlicher, so 425 starrer und doch wieder so körniger Vater. Derb, geradezu, voll Sonderbarkeiten, aber doch ein seelenguter Mensch alten Schlages, alter Zeit. Fürchtegott wollte anfangs antworten, bald jedoch besann er sich eines Andern, da er sich sagen mußte, sein Brief würde die Heimath nicht früher erreichen, als ihm dies unter günstigen Witterungsverhältnissen persönlich möglich sei. Freute es nun Fürchtegott, die Schatten sich verziehen zu sehen, die bisher eine kalte und störende Scheidemauer zwischen ihm und dem Vater gebildet hatten, so glaubte er doch den Rathschlägen desselben nicht geradezu wörtlich und nach allen Seiten hin nachkommen zu müssen. In diesem Punkte fühlte sich Fürchtegott beinahe verletzt, denn er, der Heimische in beiden Hemisphären, mußte doch ein sichereres Urtheil über die Verhältnisse in der alten wie in der neuen Welt haben, als ein Mann, der kaum je über die Grenzsteine seines Geburtsortes hinausgekommen war und dessen Blick nur an das Nahe, Alltägliche, Greifbare gewöhnt, das Ferne unmöglich richtig und vorurtheilsfrei aufzufassen vermochte. Aus diesem Grunde legte der junge Ammer gar kein Gewicht auf die Schlußäußerung in seines Vaters Briefe. Mit Heiden und Menschenfressern, wie Ammer sich ausdrückte, zu tractiren, hielt er gerade jetzt für äußerst gewinnbringend. Das war auch trotz aller herrnhutischer Phrasen die Meinung, ja der bestimmte Rath Wimmer's, und darum glaubte Fürchtegott nichts Besseres thun zu können, als wenn er seine Absicht ohne Säumen sofort zur That werden lasse. Eine mehrere Stunden dauernde Unterhaltung mit dem phlegmatischen Holländer Vanderholst, einem gewiegten, bei aller Vorsicht aber unternehmenden Kaufmann, bestärkte unsern Freund noch in seinem Vorhaben, Vanderholst führte die Agentur des Hauses »Ammer Söhne \& Compagnie« in Paramaribo und ganz Surinam, und mußte schon deßhalb zu Rathe gezogen werden. Sehr befriedigt kehrte Fürchtegott von diesem Geschäftsgange zurück, ging an den Hafenquai und ließ sich an Bord seines Schiffes »das gute Glück« rudern, um Rücksprache mit dem Capitän zu nehmen; denn es war sein Plan, Surinam unmittelbar nach Einnahme der Rückfracht zu verlassen. Diese Rückfracht sollte diesmal aus Artikeln bestehen, von denen sicherlich 426 nur geringe Quantitäten auf europäischen Märkten vorhanden sein konnten. Namentlich fiel Fürchtegott's Augenmerk auf die schon erwähnten Decken von Palmbast, ferner auf Gewebe von zarten Fasern der Kokusnußpalme, auf Rohrgeflechte von eigenthümlich schönen Formen, und endlich auf gestickte Gürtel, in deren Verfertigung die indianischen Frauen Meisterinnen waren. Alle diese Artikel ließen sich höchst vortheilhaft eintauschen gegen Glasperlen und bunte Tuchstücke. Letztere verarbeiteten die Indianer zu schurzartigen, kurzen Röcken, und zwar nicht ohne Geschmack, obwohl dieser etwas von dem des civilisirten europäischen Salonmenschen abweichen mochte. Alle Indianer, besonders die noch nicht von den evangelischen Missionären bekehrten, gaben ihre kostbarsten Besitzthümer für derartige Tuchstücke hin, und bildeten sich etwas Rechtes ein, wenn sie, gleich Harlekinen, die hohe Federkrone auf dem Haupte, in so bunt schillernder Tracht einherstolziren konnten. Einigemale ließen sich so wunderlich aufgeputzte Häuptlinge selbst in Paramaribo sehen, wahrscheinlich um den handeltreibenden Europäern in ihren einfarbigen grauen oder braunen Röcken durch ihr Erscheinen recht zu imponiren. Sie sahen wenigstens mit wahrer souveräner Verachtung auf dieselben herab, bemerkten aber dabei freilich nicht, daß diese verachtenden Blicke mit einem sehr klugen und milden Lächeln entsprechend erwidert wurden. So vergingen einige Wochen unter angestrengter, doch nicht ermüdender Thätigkeit. Fürchtegott hatte ungemein viel anzuordnen. Bald mußte er da, bald dort seine Meinung abgeben. Hier trug ihm ein allzu vorsichtiger Mann sein Bedenken vor, dort traute man der in der kaufmännischen Welt noch so wenig bekannten und deßhalb nicht hinlänglich accreditirten Firma nicht. Alle diese verschiedenen und nicht immer angenehmen Geschäfte abzuwickeln, bedurfte es der ganzen Energie des jungen Kaufmannes und Rheders, um dennoch rasch und glücklich zum Ziele zu kommen. Gewöhnlich genügte eine einmalige Rücksprache der Bedenklichen mit Fürchtegott und ein Vorzeigen der von Graf Alban erhaltenen Empfehlungsbriefe, womit unser Freund nicht sehr sparsam war, schon weil es seinen Ehrgeiz, seine Eitelkeit kitzelte, ein anfangs kühles oder barsches Entgegenkommen durch Anwendung dieses, jederzeit praktischen Mittels in die devoteste Ergebenheit umschlagen zu sehen. 427 Endlich war Alles geordnet. Die Ladung im Schooner war gestaut, der Capitän wartete nur auf eine frische Brise, um den Hafen von Paramaribo verlassen zu können. Fürchtegott's Unruhe wuchs mit jeder Stunde, denn noch immer harrte er vergebens auf Briefe von Erdmuthe Gottvertraut, ohne die er unmöglich die Küsten Surinam's verlassen durfte. Der Capitän drängte zur Eile, er drohte sogar, absegeln zu müssen ohne den Rheder, wenn dieser sich noch länger weigere an Bord zu gehen. Zum Glück schlug in dieser großen Bedrängniß der Wind plötzlich um, es trat völlige Windstille ein, verbunden mit furchtbarer Hitze, die eine Sistirung aller Geschäfte, so weit sie nicht völlig unabweisbar waren, nöthig machte. So unwohl sich körperlich auch Fürchtegott in dieser ihn träg und brühwarm umfluthenden Atmosphäre befand, diesmal dankte er dem tropischen Clima, daß es sich als Retter in's Mittel gelegt hatte. Und wirklich, noch während die infernalische Temperatur unbeweglich über Stadt und Land ihre glühenden Fittiche ausgebreitet hielt, langte ein Bote Erdmuthe's mit den verheißenen Briefen an Graf Alban und die Aeltesten der Brüdergemeinde an. Was diese, wie es den Anschein hatte, sehr umfangreichen Schreiben enthalten mochten, war in diesem Augenblick Fürchtegott völlig gleichgiltig. Er sah nur zu, ob in dem Paquet nicht ein Brief für ihn liege, und da er nicht umsonst darnach suchte, erbrach er das fein zusammengefaltete Papier mit Ungestüm und durchflog es mit gierigen Blicken. Erdmuthe schrieb: »Mein Freund und Bruder! »Ob ich Recht oder Unrecht thue, indem ich an Dich, bevor Du diesen Welttheil verläßest, noch einige Worte richte, mag Der entscheiden, dessen Name über alle Namen ist. Im Geist gehöre ich Dir an durch Gedanken und stilles Gelöbniß; ich bin vor Gott, dem Allwissenden, Deine Braut, Fürchtegott, allein bis diesen Augenblick kann nur das allsehende Auge Gottes von unserm in der Einsamkeit und der heiligen Stille der Nacht geschlossenen Herzensbunde etwas wissen. »Noch weiß ich nicht, ob mich der Heiland, wenn ich dereinst vor ihm erscheine, dieses Herzensbundes halber frei sprechen wird. Er sagt freilich, die Liebe solle alle Menschen umschlingen, aber er meint jene 428 allgemeine Nächstenliebe, die ein Ausfluß Gottes ist und in der wir athmen, von der wir leben. »Doch darüber wollen wir nicht rechten, noch grübeln, schon weil keine Zeit dazu gegeben ist. Mich drängt es, nochmals mein Herz auszuschütten vor Dir, mein Bräutigam vor dem Herrn, ehe Du Dich hinauswagst in die große, wilde Wasserwüste, die schon das Grab zahlloser Tausende geworden. Ich habe Dir noch eine Bitte vorzutragen, die Du beherzigen wirst, weil Du mich liebst. »Siehe, mein Bruder, die Magd, welche der Herr gerufen hat in seinen Weinberg, daß sie die Trauben lese von den fruchtbaren Reben und die unfruchtbaren mit dem Wasser der Hoffnung und des Glaubens tränke, sie ist jetzt niedergeschlagen und irrt nicht selten einsam durch die Nacht, um Trost zu finden im Aufblick zu dem gestirnten Himmel, der ihr noch immer ein gar starker Halt gewesen ist in bangen Tagen. Aber seit ich, eine Sendbotin des Erlösers, nun Braut und Geliebte eines Erdensohnes, ihm nicht mehr allein, ja wohl zu wenig angehöre, seitdem trösten mich die Sterne nicht, und der Thau, welcher die Erde netzt, dient meinem Herzen nicht mehr zum lindernden Balsam. Ich fürchte, daß ich eine Unwürdige geworden bin vor dem Herrn, und eben weil ich dies glaube, bitte ich Dich, bei dem hochwürdigen Herrn Bischof oder dem vielvermögenden Grafen Alban ein Fürwort für mich einzulegen. Gram und Kummer und ach – ich muß es gestehen – Gewissensbisse müßten mich verzehren, müßte ich es selbst ansehen, wie ich, eine Unwürdige, aus der Gnade des Herrn Entlassene, die Schöpfung, welche ich begründet, selbst wieder zerstörte! Das kann weder der Herr, unser Aller Vater und Richter, wünschen, noch könnten es die Aeltesten der Gemeinde verantworten, wenn sie einer so schwachen Kraft so Großes ohne Unterstützung überlassen wollten. »Aus diesen Worten, mein Freund, wirst Du errathen, für welches Anliegen ich in dieser wichtigen Stunde Deine wärmste Verwendung erflehe. Ich bin die Aeltesten angegangen, mir einen Gehilfen, einen begeisterten Lehrer und Prediger des Evangeliums zur Unterstützung zu senden, und wie ich die Brüder kenne, werden sie diese Bitte einer Vereinsamten, einer Verwaisten sicherlich nicht abschlagen. »Dich aber, mein Bruder, nehme Gott in seinen hochheiligen Schutz! Mögen die himmlischen Heerschaaren die Raaen Deines Schiffes 429 halten, wenn der Sturmwind sie zu zerbrechen droht, und den Kiel frei und heil hinwegtragen über alle Klippen und Riffe der tückisch rollenden Meerfluth! »Lebe wohl, mein Freund und Bruder! Noch glaube ich Dich wieder zu sehen. Mögen die Tage, die zwischen diesem Schreiben und jenem Augenblicke liegen, den Gedanken des Schöpfers gleichen, vor welchen Jahrtausende nicht mehr sind und nicht längere Dauer haben, als das kaum sichtbare Zucken einer blinzenden Augenwimper! Mit Herz und Seele in ewig treuer Liebe Deine Erdmuthe.«         Von diesem Schreiben war Fürchtegott nicht sehr erbaut. Es verstimmte ihn, ohne daß er sich genaue Rechenschaft über den Grund seiner Verstimmung ablegen konnte. Hätte das Schiff nicht aufgetackelt, jede Secunde des Absegelns gewärtig, im Hafen gelegen, er wäre vielleicht noch einmal in's Innere des Landes vorgedrungen, um zu erfahren, wie Erdmuthe gestimmt sei. Ihn sah aus diesem Briefe mit zweifelhaftem Muthe eine Unschlüssigkeit an, die er bis dahin nie im Charakter der Missionärin bemerkt hatte. Dann glaubte er wieder, sie liebe ihn nicht; es reue sie, daß sie sich ihm gegenüber schwach gezeigt, daß sie sich zu Aeußerungen habe hinreißen lassen, die vielleicht einer Heidenbekehrerin übel ausgelegt werden konnten, wären sie vor Zeugen gefallen. Die Meldung des Capitäns, der Wind sei jetzt günstig und bei nächster Fluth werde er die Anker lichten, verscheuchte diese selbstquälerischen Gedanken unseres Freundes. Es blieb nichts übrig, als sich in Geduld zu fassen. Noch einmal wurden einige Freunde besucht, noch einmal schüttete Fürchtegott sein Herz an der Brust Walters aus, der ihm Muth und Hoffnung zusprach, und bestieg dann die Planken seines Schiffes, das, von frischem Winde erfaßt, rasch hinaustrieb auf die hohe See. An den Mastbaum gelehnt, sah Fürchtegott zurück nach den schön bewaldeten Küsten Surinams, bis sie im rollenden Goldnebel der niedergehenden Sonne seinen Blicken für immer entschwanden. 430 Sechstes Kapitel. Block und Mirus. Um die alterthümlichen Mauern und breiten Schornsteine des Bürgerthurmes in der zum Flusse abwärts führenden Gasse heulte der Weststurm. Dicke, schwere Regenwolken zogen in unabsehbaren, immer von Neuem sich ergänzenden Geschwadern über die Bergkämme und entluden sich in wahren Sturzbächen. Der finstere, schaurige Abend verödete frühzeitig die Straßen der Stadt, die sonst vom Verkehr stark belebt waren. Selten eilte hart an den Wänden der Häuserreihen eine einzelne Person fort, um nicht unter die Rinnenausgüsse zu gerathen, die aus gräulichgestalteten blechernen Schlangen- und Drachenköpfen das von den Dächern zusammenströmende Wasser weit auf die Straße hinabschleuderten. Aus einem stark vergitterten Fenster des erwähnten Bürgerthurmes schimmerte trüber Lampenschein in die stürmische, finstere Regennacht. Der matte Schimmer lief aber nur über spitze Dächer fort, erklomm Brandmauern und Schornsteine und beleuchtete höchstens auf Liebesabenteuer ausgehende Kätzchen, von der Straße aus konnte ihn Niemand bemerken. Gerade unter diesem Thurmfenster ging gemessenen Schrittes, in ihren Mantel gehüllt, eine Schildwache auf und nieder. Im besten Zimmer des Bürgerthurmes, das weder geräumig, noch mit übertriebener Eleganz ausmeublirt war, saß an vierecktem Eichentisch, auf einem Schemel mit steifer Lehne Advocat Block, beschäftigt, bei der schlecht brennenden Lampe sich die Langeweile mit Lesen zu vertreiben. Es war ein großer Foliant, der vor ihm lag, und da es uns erlaubt ist, unsichtbar an den Advocaten hinanzutreten und über seine Schulter einen Blick in das Buch zu werfen, bemerken wir, daß es die Fahrten und Thaten des vielberüchtigten Lips Tullian sind, in denen Advocat Block allem Anscheine nach sehr eifrig studirte. 431 Der Gefangene, dessen hagern, spärlich beharrten Scheitel die hohe, schwarze Sammetmütze bedeckt, ist bleich, seine Züge sind hart, die buschigen Brauen verdecken das kleine, graue Auge, das ihm geblieben ist, fast ganz. Dem Anscheine nach ist er voll Aerger und Ingrimm, nicht aber niedergeschlagen. Der höhnische Zug um den Mund, der etwas Diabolisches hat, deutet auf allerhand kühne Entwürfe, die der gewandte und gefürchtete Rechtsgelehrte in seinem erfinderischen Kopfe trägt. Block ist, wie wir wissen, eingezogen worden, weil der Verdacht auf ihm ruhte, den im Rohr aufgefundenen Grenzjäger erschlagen, oder doch bei dieser Mordthat sich betheiligt zu haben. Seit jenem Tage galt er dem Volke für den Mörder, und Jedermann bezeichnete ihn als solchen, vielleicht, weil gerade die Menge der Ansicht war, derjenige, dem es leicht sei die schwierigsten Processe zu führen, ohne genau die Moral dabei ängstlich zu Rathe zu ziehen, könne allenfalls wohl auch selbst eine verbrecherische Handlung begehen. Es waren bereits Monate vergangen, Block hatte wiederholte Verhöre zu bestehen gehabt, allein bis jetzt konnte der Untersuchungsrichter des erreichten Resultates sich nicht eben rühmen. Der schlaue Advocat leugnete einfach die That, behauptete, man begehe himmelschreiendes Unrecht, daß man überhaupt ihn eines so abscheulichen Verbrechens für fähig halten könne, und wußte alle an ihn gestellte Fragen mit einer Schärfe, Kaltblütigkeit und wohlberechneten Feinheit zu beantworten, daß dem Inquirenten selbst der Angstschweiß dabei ausbrach. Zweierlei nur verdächtigte den Advocaten schwer und gestattete seine Entlassung selbst gegen Erlegung bedeutender Caution in keiner Weise. Dies war die Unmöglichkeit, sein Alibi nachzuweisen, und der auf dem Mordplatze aufgefundene übersponnene Knopf. Dieser Knopf fehlte auf dem aller Welt bekannten Rocke des Advocaten, dieser Knopf war unbedingt im Kampfe abgerissen, dieser Knopf endlich war den übrigen am Rocke befindlichen vollkommen gleich. Die Auffindung desselben leitete auch zuerst die Aufmerksamkeit auf Block und gab die erste Veranlassung zu seiner Vorladung und Verhaftung. In Berücksichtigung seiner bürgerlichen Stellung gestattete man dem Gefangenen mancherlei Andern entzogene Vergünstigungen. Man gewährte ihm Licht, Schreibmaterialien und Bücher. Dagegen bewachte 432 man ihn doppelt scharf, indem man ihm eine Wache unter das Fenster seines Gefängnisses, eine zweite unmittelbar vor die Thüre des Kerkers stellte. Von diesen Vergünstigungen machte nun auch der Advocat den weitesten Gebrauch, nur wunderte sich Jedermann über den seltsamen Geschmack, den der Gefangene hinsichtlich der von ihm begehrten Lectüre entwickelte. Block las, anstatt wissenschaftliche, juristische Bücher zu begehren, fast nur Biographien großer Verbrecher. Was ihn veranlaßte, sich gerade in diese Art Lectüre zu vertiefen, erfuhr natürlich Niemand. Die Rathhausuhr, deren Glockenschelle zersprungen war, hatte eben mit blechern klingendem, schrillendem Tone halb neun geschlagen, als der Gefangene sehr stark mit dem schweren, metallenen Widderkopfe an die Eingangspforte des Bürgerthurmes klopfen hörte. Dies war nichts Seltenes, da der Gefangenmeister häufig neuen Gästen, wenn auch oft nur auf wenige Stunden, Herberge in seinem Revier anweisen mußte. Bald darauf aber hörte Block auf dem Gange mehrere Stimmen, die Wache schulterte und präsentirte sodann, wie das Klirren des Gewehres ihm verrieth, und gleich darauf ward die Thüre seines Kerkers geöffnet. Eine Stimme, in der er den Stadtrichter erkannte, sagte zu einem Andern: Also zwei Stunden! Auf Wiedersehen! Ohne zu antworten, trat eine Person in's Gefängniß, die Thür ward verschlossen und der Advocat fand sich jetzt gemüßigt, langsam zur Seite zu sehen, seinen Sitz zu verlassen und mit erhobener Lampe dem unerwarteten Besuche entgegen zu leuchten. Bestürzt trat er rasch wieder zurück, setzte, nicht ohne einen Anflug von Zittern, die Lampe auf den Tisch und lehnte sich selbst, die Arme über der Brust kreuzend, gegen denselben. Sie, Herr Mirus? sprach er mit verhaltenem Groll. Sie besuchen mich, und noch dazu so spät am Abend? Haben Sie etwa in Ihrer Feindseligkeit gegen mich einen neuen Moment aufgefunden, um mich gründlich zu verderben? Wäre dies meine Absicht, Herr Advocat, erwiderte Kaufmann Mirus, so stände ich nicht hier. Ich wüßte dann andere Wege einzuschlagen. 433 So sprechend, schritt er dann ebenfalls nach dem Tische, umging diesen und setzte sich auf die an der Wand befindliche Pritsche, wo für den Bewohner dieser Zelle das Nachtlager aufgeschlagen war. Mit Erlaubniß, sagte der Kaufmann. Es ist ein widerwärtiges Wetter draußen, der Sturm versetzt einem den Athem, und ich bin schier müde geworden. Ich muß es wohl erlauben, versetzte Block mürrisch. Ein Gefangener hat ja keinen Willen. Mirus überhörte diese Bemerkung oder vielmehr er wollte sie nicht hören, und sagte: Sie wundern sich, Herr Advocat, mich hier zu sehen? Ja, das thue ich wirklich, und wie ich glaube, mit sehr gutem Grunde. Herr, ich muß Ihr sagen, fuhr in sehr ernstem Tone der würdige Kaufmann fort, ich habe meinerseits gar keine Ursache, Ihnen gefällig zu sein. Wo Sie bisher konnten, traten Sie mir in den Weg, legten mir heimlich Fallstricke, suchten mich auf alle erdenkliche Weise zu schädigen. Advocat Block lächelte giftig, rieb sich vor Vergnügen die Hände und sagte in seiner Art glücklich: Ja, das that ich, bei Beelzebub! – denn ich will den Namen Gottes nicht unnützlich im Munde führen – und ich bedaure nur, daß ich Ihnen nicht noch schärfer auf Ihr zähes Fell habe rücken können. Aber es geschah Alles auf dem Wege Rechtens und Sie waren deßhalb nicht im Stande, mit Ihren armseligen Pfuschern von Advocaten mir persönlich etwas am Zeuge zu flicken. Man thäte demzufolge wohl ein gutes und gottergebenes Werk, erwiderte Mirus, wenn man geruhig zusähe, wie Sie für so viel Schlechtes, das Sie unter dem Deckmantel des Gesetzes straflos ausübten, jetzt endlich gehangen würden? Block riß sein einziges Auge so weit auf, als er konnte, und indem er seine lange, hagere Gestalt weit über den Tisch vorbeugte, daß sein Gesicht scharf von der Lampe beleuchtet ward, sagte er: Das ist eben der Spaß. Man möchte wohl, aber man kann nicht! – Dabei lachte er heiser in sich hinein und rieb sich abermals selbstzufrieden die magern, knochigen Hände. 434 Was würden Sie wohl thun, Herr Advocat, nahm Kaufmann Mirus wieder das Wort, wenn Sie diesen Käfig für immer verlassen könnten? Ich würde einen satanischen Proceß gegen unsere Criminaljustiz führen und mich freuen, wenn ich sie bei unserm Landvolke um allen Credit brächte. Haben Sie Hoffnung frei zu werden? Geht Sie das etwas an? Oder können Sie etwas dazu thun? Vielleicht, sagte Mirus trocken. Vielleicht? wiederholte Block. Ich möchte doch wissen, wie Sie das anfangen wollten. Herr, ich muß Ihr sagen, fuhr der Kaufmann fort, obwohl Sie es um mich nicht verdient haben, daß ich nur einen kleinen Finger Ihrethalben krümme, widersteht es doch meinem angeborenen Rechtsgefühle und meinem guten Gewissen, Jemand, und wär' es auch mein Feind, unschuldig leiden zu sehen. Ich bewundere Ihr Zartgefühl, warf der Advocat mit höhnischem Zucken der Lippen ein. Also Sie wissen, daß ich unschuldig bin, und können es beweisen? Ja, Herr Advocat, das kann ich, sagte Mirus fest, aber nur, wenn Sie zuvor einen Pact mit mir schließen. Ich würde mich dabei am Ende dem Teufel selbst verschreiben müssen, versetzte Block. Aber lassen Sie hören. Ich sage Ihnen im Voraus, ich bin egoistisch, sehe nur auf mein Bestes und mache mir nichts daraus, wenn ein paar Andere dabei zur Hölle fahren. Was haben Sie zu proponiren? Herr, ich muß Ihr sagen, wenn Sie mir statt eines Eides in diese meine reine Hand geloben, künftig keine ungerechte Sache mehr anzunehmen, und vor Allem, in keinerlei Weise, unter keiner Bedingung, nicht für Berge von Gold dem Herrnhuter Lazarus Wimmer mehr zu dienen, mache ich mich anheischig, Sie aus Ihrer Haft zu erlösen und stehe dafür ein, daß die Ehre Ihres Namens unbeschädigt bleibt. Das können Sie nicht, sagte der Advocat brummig. Der Kaufmann Mirus, mein Herr Advocat, kann immer was er sagt. 435 Weßhalb verlangen Sie, daß ich Wimmer nicht mehr dienen soll? fragte Block lebhaft. Ist er schlechter als hundert Andere? Ist sein Geld leichter? Führt er etwa ungerechte Processe? Nein, das thut er nicht. Dazu ist der Herrnhuter viel zu vorsichtig. Man kann aber andern und zwar grundbraven Leuten schaden, ohne mit ihnen zu processiren! Das versteh ich nicht, erwiderte Block. Wimmer ist mein Client, so gut wie Andere, und wenn ich dereinst frei werden sollte und man mir die Praxis nicht legt, so werde ich meinen juristischen Beistand dem Herrnhuter nicht entziehen. In diese Lage werden Sie, beharren Sie auf Ihrem Eigensinn, niemals kommen. Ich bedaure gestört zu haben. Mirus stand auf und schritt der Thür zu. Block folgte ihm mit seinem giftigsten Blick. Als der Kaufmann schon die Hand erhob, um anzuklopfen, sprach der Advocat. Vergleichen wir uns, Herr Mirus. Dieser wendete sich gleichgiltig halb um, indem er sagte: Was bieten Sie? Meine Hand, daß ich Sie künftighin Frieden lasse. Ist zu wenig. Ich will Herrn Wimmer an einen andern Rechtsgelehrten empfehlen. Wäre ein maskirtes Geschäft. Nein, Herr Advocat, offenes Geschäft, gutes Geschäft! Sie brechen für immer mit Wimmer und seinem ganzen Anhange, besonders auch mit dem Grafen Alban, und dienen dagegen mir und meinen Freunden, wenn ich es verlange. Ach, das ist etwas Anderes, sagte Block ungleich geschmeidiger. Das ist ein rechtlicher Clientenwechsel, wogegen sich nichts einwenden läßt, und die Firma Mirus hat meines Wissens noch immer recht einträgliche Processe geführt. Unter dieser Bedingung bin ich der Ihrige, versteht sich, daß Sie zuvor Ihr Versprechen erfüllen können. Mirus hatte sich wieder auf die Pritsche an der Wand gesetzt und der Advocat nahm Platz auf seinem Schemel. Sind Sie jetzt zufriedengestellt? fragte Block nochmals. Ich denke, daß ich es sein kann, versetzte der Kaufmann. Also, Ihre Hand! Da ist sie, sagte Block, und zwar ohne Rancüne. 436 Ohne Rancüne! Jetzt hören Sie mich an! Sie erinnern sich gewiß noch des Tages, an welchem die Verordnung wegen Verbot des Lottospieles herauskam. Hatten Sie an jenem Tage nicht Besuch von zwei Männern aus dem Grenzdorfe ***? Der Advocat sann einige Zeit nach und bejahte alsdann. Kannten Sie jene Männer? Sie waren nie früher bei mir gewesen. Wissen Sie, was sie wollten? Sehr genau. Sie fragten, ob es möglich sein werde, auf dem Wege der Petition die erwähnte Verordnung rückgängig zu machen. Und was sagten Sie darauf? Ich rieth den Narren, sie sollten trotz des Verbotes spielen, sagte der Advocat ärgerlich. Werden Sie nicht ingrimmig, sprach der Kaufmann weiter. Ich kann Ihnen jetzt noch mehr sagen. Sie ertheilten jenen Männern, deren Namen Sie nicht wußten, nicht nur den eben zugestandenen Rath, sondern Sie spielten selbst das verbotene Spiel und besetzten gleiche Nummern mit denselben. Da Mirus schwieg, fragte Block: Nun, und was weiter? Jene Männer, welche sehr nöthig Geld brauchten, fuhr Mirus fort, ersannen eine List, die zu sicherm Gewinn führen mußte. Sie hatten Vertraute im Königreich, ebenfalls geldbedürftig, wie sie selbst, unternehmend dabei, tollkühn und im Nothfall zu jeder That entschlossen. Mit diesen setzten sie sich in Verbindung und verabredeten untereinander, daß sie von den Gipfeln der Berge eine Art Correspondenz unter sich mit Flaggen und solchen Dingen einrichten wollten. Auf die Weise ließen sich im Augenblick der Ziehung die herausgekommenen Nummern besetzen und es war also bisweilen, – denn oft konnte man diesen Schritt nicht wagen – ein Gewinn zu machen. Mirus hielt inne und beobachtete den Advocaten, der ruhig an seinem Tische saß und unverwandt in das aufgeschlagene Buch blickte. Da Block nichts erwiderte, fuhr der Kaufmann fort: Ein Grenzjäger, der Paschern auflauerte, bemerkte zufällig diese Signale, ward aufmerksam, schlich vorsichtig den Operirenden näher und entdeckte das trügerische Spiel. Um sicher zu gehen, zog er sich 437 wieder zurück, machte aber gehörigen Orts Anzeige davon. Man beauftragte ihn, seine Beobachtungen fortzusetzen, und wenn abermals das Signalisiren geschehen würde, die dabei Betheiligten festzunehmen. Noch wußte weder jener Gensdarme noch die Behörde, was eigentlich mit dem Aufziehen verschiedenfarbiger Fähnchen und in einer bestimmten Ordnung, Größe und Form bezweckt werden sollte; deßhalb umstellte man die Berghöhen, auf deren Gipfeln die Unbekannten in so seltsamer Weise miteinander correspondirten. Am Abend vor dem Tage, wo man den Todten im Rohr fand, fuhr eine einspännige Kalesche in das Grenzdorf *** und hielt daselbst vor dem Wirthshause. Es stieg ein einzelner Mann aus in einem langen grauen Rocke, der durch seine fast thalergroßen, mit feiner, grauer Seide übersponnenen Knöpfe sich auszeichnete. Jedermann erkannte in dieser respectablen Persönlichkeit den berühmten Rechtsanwalt Block, dem es wohl schwerlich einfallen wird, leugnen zu wollen, daß an genanntem Tage seine Anwesenheit wegen eines aufzusetzenden Testamentes in dem Gerichtskretscham zu *** nöthig war. Ich habe dies nie in Abrede gestellt, bemerkte Block, und eben weil ich dies nicht kann, auch mein Weg genau an dem Mordplatze vorüberführte, bin ich in so schlimmen Verdacht gerathen. Herr, ich muß Ihr sagen, sprach Mirus ernst und würdevoll, wäre ich an der Stelle des Advocaten gewesen, so hätten sie mich nicht in den Bürgerthurm gesteckt. Vielleicht aber kann der Advocat den Grund recht genau angeben, weßhalb es geschah und geschehen mußte? Und wenn er diesen Grund nicht angeben will, fragte Block, den Kopf hochmüthig in den Nacken werfend, wird man ihn dazu zwingen können? Advocat Block kennt die Gesetze; er weiß sehr genau, daß man ihn nach langem Inquiriren und Torquiren zuletzt aus Mangel mehreren Verdachts freisprechen muß. Kann sein, meinte der Kaufmann, um die Praxis aber und um den guten Namen möchte es dann geschehen sein. Block lachte höhnisch und schlug sich dann auf die Tasche. Ehre und Achtung läßt sich, wie Alles in der Welt, mit Geld kaufen. Auch würde Advocat Block so dumm nicht sein, in diesem Neste von engherzigen Philistern seine noch übrigen Lebenstage zubringen zu wollen. 438 Mirus zuckte die Achseln. Mir würde das jede Stunde verbittern, sagte er, indeß die Ansichten und die Charaktere sind verschieden, und Jeder handelt nach seinen eigenen Gedanken. Der Zufall hat mich nun aber wider Ihren Willen zum Mitwisser dessen gemacht, was nur Sie und noch zwei Andere wissen könnten, und ich will nicht schweigen. Block entfärbte sich ein wenig, behielt aber doch seine kühle, an Gleichgiltigkeit streifende Haltung bei. Sie wollen mich also blamiren? fragte er nach einer Weile. Wenn Sie mich zwingen, muß ich es thun, um mein Gewissen zu salviren. Wer hat mich verrathen? Der Zufall. Dann wissen Sie auch, daß ich unschuldig bin. Weil ich es weiß, sitze ich hier. Block lächelte wieder. Es ist schade, sagte er, daß Sie Gott im Zorn zum Kaufmann gemacht hat. Sie hätten Advocat oder lieber noch Criminalist werden müssen. Niemand kann einen Feind in gehässigerer Weise verfolgen, als Sie. Ich will Ihnen etwas sagen, Herr Mirus! Sie wollen mich zwar retten, aber ich hasse Sie dessenungeachtet! Soll ich weiter erzählen, erwiderte der Kaufmann, oder wünschen Sie, daß ich mich von hier unmittelbar zum Stadtrichter verfüge? Er ist vorbereitet und erwartet mich, wenn Sie nicht zu erweichen sind. Block kämpfte einen harten Kampf mit sich, endlich sprach er: Sie haben mein Wort, und ein Schuft, der mir nachsagen will, ich hätte, um eine Schwäche zu verbergen, mein Wort gebrochen. Nach einer Pause ernsten Nachsinnens erzählte der Advocat: Während ich zu Abend aß im Gerichtskretscham, kamen jene beiden Männer, die früher das wunderliche Anliegen an mich gestellt hatten. Sie grüßten mich, genossen ebenfalls etwas und gingen dann ihres Weges. Eine Stunde später fuhr ich fort, schlug den Waldweg ein und kam an die bewußte Stelle. Dort stand ein Grenzjäger. Er hielt mich an und suchte nach verbotenen Waaren – denn Sie müssen wissen, daß jener Weg die Grenze mehrmals kreuzte und dort gerade wieder ins Land einbog. – Da ich nichts Steuerbares bei 439 mir hatte, ließ ich mich in ein Gespräch mit dem Menschen ein. Er war auf den Tritt meines Wagens getreten und schwazte sorglos. Da hörte man ein Pfeifen, die Pferde scheuten und um nicht das Genick zu brechen, griff der Arme nach mir, erfaßte einen meiner Knöpfe und riß ihn mir, da die Pferde fortjagten, gänzlich ab. Gegen einen Baumstamm rennend, schlägt die Kalesche um, aber die wild gewordenen Thiere blieben stehen. Als ich mich aufrappelte, sah ich die beiden Männer vor mir. Sie sahen ängstlich und verlegen aus. Herr Advocat, redete mich der Verwegenste an, Sie könnten uns einen Gefallen thun. Habt Ihr gestohlen? fragte ich barsch. Ungefähr, wie der Herr Advocat auch, sagte der Andere und grinste mich an, daß ich drohend meinen Stock gegen ihn erhob. Keine Gewaltthat, Herr, rief der Erstere. Wir wollen's kurz machen. Ja, Herr, wir haben den Kaiser bestohlen, denn wir beluxten seine Lotterienummern. Das hat uns Geld eingetragen. Die Grauröcke sind uns aber auf den Hacken und lassen uns nirgends durch. Wenn Sie uns aus der Patsche helfen, sind wir gewiß erkenntlich. Nehmen Sie die Nummern an sich, damit die Kerle, wo sie uns betreffen, nichts bei uns finden. Ich nickte stumm mit dem Kopfe, der Sprecher greift in die Tasche und zieht ein paar Papierfetzen heraus. Welche haben gewonnen? frage ich. Die da, sagt er, und zeigt auf ein paar Zahlen, die ich selber besetzt hatte. Da übermannte mich der Aerger, ich kriege ihn an der Gurgel und schüttle ihn, indem ich rufe: Schuft, die Nummern gehören mir! – Nun packt der Andere auch zu – wir ringen und drängen hin und wieder. In diesem Augenblicke hat der Grenzjäger uns erreicht – er weiß schon, um 'was es sich handelt, nennt mich bei Namen, droht uns alle anzuzeigen, erhascht die Nummern und zerreißt sie. Ein paar Knittelhiebe treffen seinen Kopf durch den einen der mir bekannten Männer – ich sehe, daß es Ernst wird, rufe Hilfe und eile von dannen, um zu sehen, ob ich meines Kutschers habhaft werden kann. Aber ich verfehle den Weg, höre immerfort schreien, kehre um, erreiche den Ort des Kampfes und finde die verröchelnde Leiche! Die Männer waren verschwunden. Mir schien es, als rausche es überall in den Büschen. Mein Gott, 440 denke ich, trifft man dich hier, so giltst du für den Mörder, denn ich sah wahrlich nicht zum Besten aus, hatte Schrammen im Gesicht und an den Händen. So renne ich denn dummerweise über Stock und Stein auf und davon, und treffe erst eine gute Viertelstunde waldabwärts meinen Wagen. Der Kutscher sieht mich verwundert an. Na, sagt er, Sie haben bei der Balgerei wohl auch 'was abgekriegt? – Balgerei? antworte ich, was fällt dir ein? – Ach, ich hört' und sah es ja, wie Sie den Kerl um die Ohren schlugen! Damit steigt er ein und wir fahren weiter. Ich treibe zur Eile an, komme auch glücklich nach Hause, höre aber schon am andern Mittag, daß man im Rohr einen erschlagenen Grenzjäger gefunden habe. Abends um acht tritt der Gerichtsdiener ein und ladet mich zum Stadtrichter. Das Andere wissen Sie. Von alle dem haben Sie dem Richter nichts erzählt? fragte Mirus. Daß sie mich hätten hängen können? fuhr Block auf. Glauben Sie, ich füge zur Unvorsichtigkeit auch noch die Dummheit? Die beste Vertheidigung in meiner malitiösen Lage war kluges Schweigen und keckes Leugnen. Es sprach Alles gegen mich, meine blutigen Hände und mein zerkratztes Gesicht; es hätte auch noch der Aussage des Kutschers und des verfluchten Knopfes bedurft, um mich zum Mörder zu stempeln. Mit einem einzigen von so vielen Indicien hätte ich den ehrlichsten Kerl von der Welt an den Galgen gebracht. Die beiden Männer aber, deren Namen ich nicht wußte, und von denen nie wieder die Rede war, konnte ich nicht zur Stelle schaffen, wenn nicht ein Ungefähr sie der Gerechtigkeit in die Hände lieferte. Herr, ich muß Ihr sagen, fiel Mirus dem Advocaten in's Wort, das Ungefähr ist eingetreten, und weil mir's scheint, als wolle Gott seine Hand noch nicht ganz von Ihnen abziehen, hat er mich, Ihren Todfeind, in dieser ernsten Sache zum Mittelsmann gemacht. Die Mörder sind der That geständig, gestraft aber können sie nicht werden, denn ihr Mund ist verstummt auf ewig! In Block's gewöhnlich eisig kalten Zügen ward jetzt eine Bewegung sichtbar, die eine schwache innere Rührung anzeigen konnte. Wär' ich ein Herrnhuter, sagte er, so würde ich die Hände falten, die Augen verdrehen und de- und wehmüthig ausrufen: O, du mein 441 Herr und Heiland, wie danke ich dir für diese unverdiente Gnade. Da ich aber nur ein schlichter Advocat bin, ein sogenannter Höllenbrand, wie Viele meinen, so frage ich Sie: Wie zum Teufel sind Sie zur Kenntniß dieser Umstände gekommen? Gottes Fügung oder die göttliche Vorsehung hat das so angeordnet, erwiderte Mirus. Es würde Ihnen deßhalb ganz wohlanständig sein, Herr Advocat, wenn Sie sich ein wenig demüthigen wollten vor dem Herrn, der sich in seiner Langmuth gnädig gegen Sie bewiesen hat. Aber es ist nicht meines Amtes, den Fürsprecher und Moralprediger zu machen und da Ihnen, wie ich sehe, Ihr Spitzkopf unter der Mütze schon zu heiß wird, will ich ordnungsgemäß berichten und meines mir von einer höheren Macht gewordenen Auftrages mich vollends entledigen. Ich bin begierig, die Wendung zu erfahren, die mich in den Augen der Welt wieder ehrlich macht, sprach Block, schon wieder in seinen spöttischen Ton verfallend. Mich riefen vor einigen Tagen Geschäfte nach G . . . zum Fabrikanten M . . . . . erzählte Mirus, dem ich schon vor längerer Zeit Aufträge ertheilt hatte. Während ich, ganz vertieft in unsere Angelegenheiten, mit dem mir wohlbekannten Manne mich unterhalte, tritt der Nachbar ein mit der Meldung, drei Häuser weiter liege ein Mann in den letzten Zügen. Er sei von einem Baume gestürzt, dem er die Wildzweige habe stutzen wollen, und erwarte nun mit zerbrochenem Rückgrat unter heftigen Schmerzen seine Auflösung. Man habe schon zum Pfarrer geschickt, auch einen Reitenden abgefertigt, um den zunächst wohnenden Arzt herbeizurufen. Der Verunglückte aber winde sich in entsetzlichen Körper- und Seelenschmerzen auf seinem Lager, verlange Gerichtspersonen und Zeugen, und stoße wiederholt die Worte aus: Advocat Block! Der unglückliche Advocat Block! Diese Erzählung machte mich stutzig. Wenn's erlaubt wäre, sagte ich zu M . . . . ., so möchte ich den Mann wohl sehen. Allem Vermuthen nach hat er ein Geständniß abzulegen, sein Gewissen zu erleichtern von einem Geheimniß, ehe der Tod ihn ereilt. Sollte er den Advocaten Block genauer kennen? Sollte er über ihn etwas wissen? Block ist ja des Mordes an dem Grenzjäger so gut wie überführt, sprach M . . . . . 442 Aber nicht geständig! bemerkte ich. Das ist merkwürdig, sagte M . . . . ., zieht sich seine Jacke an und winkt mir. Kommen Sie nur mit, spricht er, der Mann verlangt nach Zeugen. Sie sind hier allen Leuten bekannt, Ihr Name ist als der eines Ehrenmannes geachtet weit und breit; man kann Ihnen als meinem Freund den Zutritt nicht wehren. So gingen wir denn selbander in das bezeichnete Haus, vor dessen Thür sich schon ein Trupp Neugieriger gesammelt hatte. Gleichzeitig mit uns erschienen die Gerichtsleute, ein paar Minuten später der Pfarrer. Wir traten in eine niedrige, dunstige Stube, eine ächte Weberstube. Auf der Ofenbank auf einer Pferdedecke oder »Kotze«, wie der Bauer sich ausdrückt, lag der Verunglückte mit bleichen, verzerrten Zügen. Der Todesschweiß hatte dem armen Manne eine Krone durchsichtiger Perlen um die Stirn geflochten, die ihn mehr drücken mochten, als weiland den Herrn die stachliche Dornenkrone. Der Mann ächzte und stöhnte, daß es einen Stein hätte erbarmen können. Und dazwischen rief er stammelnd: Advocat Block! Ach, der arme Block! Kennt Jemand von den Anwesenden den Advocaten? fragte jetzt der Dorfrichter, und da Niemand Antwort auf diese Frage gab, trat ich vor und bemerkte, der Genannte sei zwar kein Freund von mir, wohl aber kenne ich den so Beklagenswerthen recht gut. Wie menschenfreundlich war das von Ihnen, sagte Block. Ich sollte eigentlich gerührt werden und Ihnen dafür um den Hals fallen, weil ich aber ein so verflucht dürrer Teufelsbraten bin und die Entwickelung dieser Criminalgeschichte mich weit mehr interessirt, als Ihre christliche Gesinnung, so bitte ich nur um gefällige Fortsetzung. Es hört sich Ihnen ganz prächtig zu. Herr, ich muß Ihr sagen, fuhr Kaufmann Mirus in seiner Erzählung fort, wir Alle, die wir in jener hochwichtigen Stunde an's Sterbelager des Unglücklichen versammelt waren, wir fühlten damals die Macht und Nähe des Herrn. Der dem Tode bereits Verfallene beichtete und der Gerichtsschreiber schrieb die Beichte nieder. Und als er geendet hatte, setzte der Bedauernswerthe mit zitternder Hand seinen Namen darunter, so gut es gehen wollte, und wir andern Alle 443 thaten desgleichen. Die Beichte des Armen aber lautete dahin, daß er und sein Begleiter, der inzwischen auswärts vom Tode ereilt worden ist, die Mörder des Grenzjägers seien, daß sie den Todten fortgeschleppt hätten in der Hoffnung, man würde die eigentliche Mordstelle nicht auffinden, und daß Advocat Block gänzlich unschuldig sei. Das Alles bestätigte er durch eine Menge Einzelnheiten so genau, daß Niemand an der Wahrheit seiner Aussagen zweifeln konnte. Als er geendet und die Absolution empfangen hatte, ward er still. Die Schmerzen minderten sich, er betete ernst und ergeben, bat Gott um Gnade und Vergebung und verschied darauf lächelnden Angesichtes. Ich aber eilte zurück, begleitet von Richter und Pfarrer, und machte von dem Geschehenen Anzeige. Darauf ward mir gestattet, Sie in dieser Angelegenheit zu besuchen, und ich denke, Herr Advocat, daß ich jetzt für den vielen Aerger und Kummer, den Sie mir in zwanzig Jahren gemacht, mich genügend gerächt habe. Ich danke Ihnen, sagte der Advocat. Wir bringen's auf's Kerbholz. Es ist das eine hübsche Episode in meinem etwas monoton gewordenen Leben, und es freut mich, daß durch die infamen Lottospieler mir ein Stück Romantik zwischen die Füße geworfen worden ist. Schade nur, daß der wirkliche Mörder der weltlichen Gerechtigkeit entschlüpfen mußte! Ich würde den Teufelskerl mit Vergnügen die Galgenleiter haben erklimmen sehen. Und nun, gute Nacht, lieber Herr Mirus. Daß ich für gewisse Dienstleistungen erkenntlich sein kann, soll Ihnen die Zukunft lehren. Mirus klopfte an die Kerkerthür, sie ward geöffnet und eine stumme gemessene Verbeugung beider Männer bildete den Schluß ihrer inhaltreichen Unterredung. 444 Siebentes Kapitel. Eine merkwürdige Verwandlung. Die Kunde von Block's vollständig erwiesener Unschuld und Freilassung durchlief wie ein Lauffeuer Stadt und Land, und bildete für Wochen fast das ausschließliche Tagesgespräch. Da genaue Angaben über die Art und Weise, wie die Unschuld des Advocaten an den Tag gekommen, nicht in die Oeffentlichkeit gelangten, so schmückte die Phantasie des Volkes die nur den allgemeinen Umrissen nach Gemeingut Aller gewordene Entdeckungsgeschichte des wirklichen Mörders so abenteuerlich aus, daß kein Bänkelsänger sich einen besseren Stoff für Unterhaltungen auf Jahrmärkten wünschen konnte. Und in der That erschien einige Wochen später ein Volkslied, das die wunderbare Mordgeschichte im Leierkastenton behandelte und den Advocaten nicht wenig verherrlichte, worüber Block selbst, der auf allen Gassen seine eigenen Schicksale singen hörte, nicht sonderlich erbaut war. Von allen Bekannten des Advocaten kam durch diese völlig unerwartete Wendung Niemand in größere Verlegenheit, als die jederzeit zungengewandte und urtheilsfertige Frau Sempiterna Still, in deren Behausung Block bekanntlich wohnte. Die Ablieferung ihres Miethsmannes, vor dessen Kenntnissen und praktischer Wirksamkeit die praktische und gewandte Frau den größten Respect gehabt, zog ihr anfangs eine wirkliche Ohnmacht zu. Sie war, als sie den Zusammenhang erfuhr, dermaßen erschrocken, ja entsetzt, daß ihr jedes Wort buchstäblich im Gaumen stecken blieb. Mit wahrem Abscheu sah sie die Fortschaffung besonders des grauen Rockes an, der so stark gegen den Advocaten zeugte. Seit ihrer Verheirathung mit Still war sie nie so lange und so ruhig auf ihrem Zimmer geblieben, das sie der gelehrten Atmosphäre wegen, die in den nur wenig gelüfteten Räumen sich festgesetzt hatte, wenig liebte. Es mußte ihr wohl unheimlich vorkommen in ihrem 445 eigenen Hause, und deßhalb suchte sie jetzt die Gesellschaft ihres Gatten, der sich über das Vorgefallene gar nicht ausließ und zu dem, was man sich erzählte, höchstens verwundert den Kopf schüttelte. Im Uebrigen änderte dies Ereigniß seine gewohnte Lebensweise durchaus nicht. Nachdem aber Frau Sempiterna den ersten Schreck in sich verarbeitet hatte, änderte sich auch ihr Benehmen. Sie sprach mit Jedem über den entsetzlichen Vorfall, war empört über den Schimpf, den der Advocat ihrem Hause angethan, ließ mit einem Worte kein gutes Haar an dem peinlich Angeklagten, und drang bald mit Bitten, bald mit Scheltworten in Still, er solle die »Sündenbude«, wie sie sich ausdrückte, je eher, je lieber verkaufen. Mit diesem Anliegen stieß sie aber bei ihrem stets willigen und nachgiebigen Gatten gegen alles Erwarten auf hartnäckigen Widerstand. Der Candidat weigerte sich entschieden, in seiner ruhigen Weise, ohne viel Worte zu machen, aber so fest, daß Frau Sempiterna bald einsah, es werde ihr diesmal ein harter Kampf aus dieser Weigerung erwachsen. Da jedoch die resolute und herrschsüchtige Frau immer von Neuem auf ihre Forderung zurückkam, erklärte Still eines Tages rund heraus, sie solle sich um die Küche und das übrige Hauswesen kümmern, Geschäfte aber und Angelegenheiten, die Frauen nichts angingen, den Männern überlassen. Sempiterna fuhr wie ein Sprühteufel im Zimmer herum, allein Still war gepanzert, blieb taub gegen die Schmähungen seiner Ehehälfte, schnitt aber zuletzt ihre nicht enden wollende Rede mit der harten Drohung ab, er werde sich eher scheiden lassen, als ihrem dummen Verlangen genügen. In der That, der sanfte Candidat erlaubte sich, mit recht indignirter Miene und mit wegwerfendem Tone das Anliegen seiner Gattin »dumm« zu nennen. Von diesem Augenblicke an zeigte Frau Sempiterna Anlage zum Philosophiren. Sie ward stiller, dachte über den Wandel alles Irdischen nach, und kam zu der Ueberzeugung, daß ihr unerfahrener, so leicht zu regierender Mann nur darum eine so unerlaubte Selbstständigkeit zu entwickeln beginne, weil ihr die Stütze des ränkevollen Advocaten fehle. Sie bedauerte deßhalb die That Block's, schmähte ihn nach wie vor und brach sichtlich über das ganze Männergeschlecht den 446 Stab, indem sie alle Männer wankelmüthig, unzuverlässig, voller Marotten, eigensinnig bis zur Tollheit, egoistisch und herzlos nannte. Candidat Still war mit dieser Verwandlung seiner Frau ganz zufrieden. Er hatte sich nie glücklicher gefühlt, war nie weniger in seinen Studien gestört worden, als seit der Verhaftung des Advocaten. Die keifende Stimme Sempiterna's ließ sich nur dann hören, wenn das Mädchen aus Nachlässigkeit es versäumte, beim Umwechseln eines großen Geldstückes die zurückerhaltene kleine Münze nachzuzählen. Es war vorgekommen, daß in solchen Fällen ein paar Pfennige gefehlt hatten, und diesen Ausfall am Wirthschaftsgelde mußte dann die unachtsame Dirne tragen. Diese fast gänzliche Umgestaltung im Hause des friedfertigen Candidaten machte diesen selbst lebenslustiger, als er es je gewesen war. Die Nachbarn hatten schon nach wenigen Wochen den ganz unerhörten Anblick, den stillen Gelehrten mit erhobenem Kopfe, selbstständig und keck ausschreitend in seinem Garten umherwandeln und – man hätte es nicht glauben sollen – ein Studentenlied ganz vernehmbar singen zu hören. Ja, eines schönen Abends, als sich Still, die Gänge auf- und abgehend, eine frischgestopfte Pfeife selbstzufrieden anzündete, bemächtigte sich seiner eine wahrhaft olympische Begeisterung, und ohne zu fragen, daß er sich damit zum Stadtgespräch machen werde, sang er, so gut es seiner rauhen Kehle gelingen wollte: Knaster, den gelben, Hat uns Apollo präparirt, Und uns denselben Recommandirt. Edite, bibite etc. Sempiterna stand am Küchenfenster und rang die Hände. Aber, Still, rief sie hinunter. Die Kinder weisen ja auf dich! Willst du mich denn mit aller Gewalt in die Grube bringen oder soll man dich von Staatswegen in's Tollhaus schicken lassen. Still dämpfte seinen lauten Gesang zu leisem Brummen ab, nickte Sempiterna, deren Stimme ihn sonst zum raschesten Davonlaufen brachte, freundlich zu und sagte: Sorge dich nicht, liebes Weib, mein Singen bringt weder mich noch Andere in's Tollhaus. Ich freue mich meines Daseins und darum 447 jauchzt meine Seele auf in Tönen eines mir von der Studentenzeit her noch im Gedächtniß gebliebenen Liedes. Frau Sempiterna machte sich und ihrem Zorn zwar durch einen schreiartigen Seufzer Luft, die Gesangeslust des Candidaten aber konnte sie damit nicht unterdrücken. Es war nicht mehr zu bezweifeln, die Wendung, welche das Schicksal Block's genommen, hatte den Candidaten emancipirt. Und so segnete denn Still gewissermaßen die Unthat seines früheren Miethsmannes, ohne ungerecht zu sein gegen die vortrefflichen Eigenschaften, welche Frau Sempiterna als sparsame Wirthin und ordnungsliebende Gattin von jeher entwickelt hatte. Mit der Befreiung des Advocaten aus dem Gefängnisse gerieth Frau Sempiterna in eine neue Verlegenheit. All' ihr Raisonnement, die vielen zweideutigen, ja verleumderischen Aeußerungen, zu denen sie sich hatte fortreißen lassen, hatten einen Widerhall bei zahlreichen, alten Frau Basen gefunden und waren somit Gemeingut der ganzen Stadt geworden. Erkundigte sich Jemand nach dem Ursprung irgend einer nachtheilig klingenden Rede über Block, so hieß es bei weiterer Nachfrage gewöhnlich: Frau Candidatin Still habe es gesagt! Nun aber drehte sich plötzlich der Wind, der Advocat ward als völlig unschuldig der Haft entlassen, und zu dem Bedauern, das man jetzt dem unwürdig Behandelten zollte, gesellten sich auch mancherlei Hochachtungsbezeugungen. Außer einer Menge Beglückwünschungsbriefen sendeten dem juristischen Veteranen seine Collegen eine silberne Bürgerkrone und die Schulburschen brachten ihm sogar ein Fackelständchen. Frau Sempiterna gerieth in große Bestürzung. Wie gern hätte sie jetzt jedes Wort, das sie über ihren Inwohner gegen Andere unbedachtsam herausgelassen, wieder zurückgenommen! Sie verwünschte die unglückselige Geläufigkeit ihrer eigenen Zunge und bat ihren Gatten, der sie wiederholt, obwohl sehr mild und vorsichtig, auf diese ihre größte Schwachheit aufmerksam gemacht hatte, im Geiste ihre nicht in freundlichstem Tone gehaltenen Entgegnungen ab. Halb und halb hoffte sie, jetzt abermals ganz wieder Hahn im Korbe, d. h. unbeschränkte Herrin ihres Hauses und auch Beherrscherin ihres Candidaten zu werden. Insoferne war die Rückkehr Block's ihr erwünscht. Auch störte es ihr empfindliches Gemüth nicht, daß der finstere, steife und kalte Advocat geraume Zeit in so einem Geruch gestanden. 448 Ihr eigenes Unrecht gegen den der Freiheit und bürgerlichen Thätigkeit wiedergegebenen Mann suchte sie durch ein zuvorkommendes Wesen wieder gut zu machen; sie traf ferner mit schlauer Umsicht Vorkehrungen, damit ihre früheren Aeußerungen möglichst dadurch entkräftet werden möchten. Frau Sempiterna fürchtete nämlich, der streitsüchtige alte Herr, dem für sich oder Andere zu processiren, Lebensbedürfniß geworden war, könne und werde ihr einen entsetzlichen Injurienproceß an den Hals werfen, der für sie selbst leicht ehrenrührig endigen und sehr, sehr viel Geld kosten dürfte. Diesem Unglück vorzubeugen, bedurfte es der ganzen Schlauheit eines mit solchem Rüstzeug wohl ausstaffirten Weiberkopfes. Advocat Block nahm jedoch gar keine Notiz von dem, was die Leute, Freunde und Feinde, während der Dauer seiner Haft Gutes oder Schlechtes von ihm erzählt hatten. Als Menschenkenner und Menschenhasser kannte er die Gelüste der Massen sehr wohl und mußte sich selbst sagen, daß dem ersten Steinwurf auf ihn ein ganzer Steinhagel gefolgt sein werde. Dafür Rache zu nehmen an irgend einer Persönlichkeit, gleichviel, ob diese zurechnungsfähig war oder nicht, erschien ihm kleinlich. Er wußte sich zu hoch erhaben über dem gedankenlos schwatzenden vornehmen und geringen Pöbel, so daß ihm diese Verleumdungen keine Secunde lang die Heiterkeit seiner Seele gestört haben würden, hätte er diese überhaupt noch besessen. Candidat Still empfing seinen alten Hausgenossen mit all der herzigen Gutmüthigkeit, die sein ganzes Wesen charakterisirte, einen Umgang mit dem bissigen und unheimlichen Manne anzuknüpfen, vermochte er jedoch nicht. Es würde dies seinen innern Frieden gestört haben. Auch konnte er sich selbst es nicht verbergen, daß ihm vor dem Advocaten graue. Dies in seiner Seele verborgen nistende Grauen, das er sich wohl hütete gegen irgend Jemand zu äußern, steigerte sich bis zum Entsetzen, als eines Morgens zu früher Stunde der Advocat in sein stilles, mit Büchern vollgepfropftes Museum trat. Still erschrak dergestalt, daß er weder aufstand, noch den Gruß des Eintretenden erwiderte. Ohne darauf zu achten, ergriff Block einen der wenigen wackligen Stühle von alterthümlicher Form, schob ihn an die Seite des Candidaten und setzte sich neben diesen. Still schwieg noch immer. Seine 449 ganze Aufmerksamkeit war auf einen einzigen Punkt an der Kleidung des Advocaten gerichtet, der freilich Jedem bemerkbar werden mußte. Der Advocat trug den alten, grauen, langen Rock mit den übersponnenen Knöpfen. Da, wo ihm der unglückliche Grenzjäger wider Willen einen derselben abgerissen hatte, war jetzt die schadhafte Stelle mit einem Kreuz von schwarzem Tuche ausgebessert. Block wollte symbolisch damit darthun, daß er unschuldig gelitten habe und zugleich über das Geschehene trauern. Man ließ ihn von Obrigkeitswegen zwar wissen, daß eine so auffällige Tracht nicht gestattet werden könne, er wenigstens nicht auf der Straße in einem solchen Anzuge erscheinen dürfe; allein Block achtete dieser Weisung absichtlich nicht. Mein lieber Herr Candidat, redete Block den Hausherrn an, Sie wissen, daß die Welt mir bitter Unrecht gethan hat. Es heißt nun freilich, als guter Christ müsse man gerade dafür besonders dankbar sein, und zwar zuvörderst Gott, der das Unrecht in seiner unergründlichen Weisheit zuließ, und sodann den Eseln von Menschen, die es ausübten. Nun steife ich mich aber aus Grundsatz schon seit geraumer Zeit darauf, kein guter Christ in diesem Sinne zu sein, weil ich es mit meinen Begriffen von Recht und Gerechtigkeit nicht vereinbaren kann. Folgt daraus von selbst, lieber Herr Candidat, daß ein Kerl von Kopf und Energie, so Einer ihn bei hellem Tageslicht vor allem Volk in's Gesicht gespukt und einen Schurken geheißen hat, sich eclatant rächen muß. Und das will ich redlich und mit Freuden thun. Herr Advocat! stotterte der erschrockene Still. Ja, rächen will ich mich, fuhr Block fort. Sie sollen sich wundern, meine Feinde! Der alte Block wird ihnen so viel Teufelszeug zwischen die Füße werfen, daß das ganze Gesindel darüber purzeln und im Fallen mit den hirnlosen Köpfen die Perrücken dazu verlieren soll. Hallunken, infame! Er rieb sich die Hände im Vorgenuß der zu nehmenden Rache, zog die Stirne kraus und riß sein einziges Auge weit auf, mit durchbohrendem Blick den zusammengedrückt neben ihm sitzenden Candidaten ansehend. Aber, mein Gott, was soll das mir? versetzte mit weinerlicher Stimme der erschrockene Still, Wollen Sie etwa noch Rache an mir nehmen, weil – weil – 450 Weil Ihre Frau eine leichtfertige Zungendrescherin ist? fiel Block, höhnisch lachend ein und schlürfte mit Behagen eine Prise. Dann den Deckel seiner Dose zweimal auf- und zuklappend und mit den Fingern darauf trommelnd, setzte er hinzu: Bah! daß man sie ein wenig stäupe, ich meine mit zurechtweisenden Redensarten vor dem Rügengericht, hätte Frau Sempiterna wohl verdient, weil sie aber ein Weib ist und in meinen Augen kein Weib für vollkommen verständig gelten kann, mag sie mit der Angst davon kommen. Block nahm abermals eine Prise und Still athmete wieder auf. Um meine Rachepläne auszuführen zu können, fuhr der Advocat fort, muß ich diese Stadt verlassen. Das Ihnen anzuzeigen und zugleich meine Wohnung aufzukündigen, erlaubte ich mir, Sie so frühzeitig in Ihren Studien zu stören. Candidat Still war über diese Eröffnung sehr erfreut, doch ließ er sein Entzücken den Advocaten äußerlich nicht merken. Es bedurfte dazu keiner großen Verstellung, denn diese würde dem arglosen Manne schwerlich gut gelungen sein. Er bedauerte aufrichtig, einen so langjährigen Hausgenossen für immer zu verlieren, obwohl er ihn eigentlich immer gestört, oft sogar in ganz empfindlicher Weise genirt hatte; dann aber war es ihm wieder erwünscht, eine Persönlichkeit, die nach dem Vorgefallenen Gegenstand der allgemeinsten Aufmerksamkeit bleiben mußte, nicht täglich um sich sehen zu dürfen. Binnen drei oder vier Tagen werde ich abreisen, sprach der Advocat. Ich gehe zuvörderst in die Residenz, um dort an geeignetem Orte die erforderlichen Einleitungen zu meinem Rachewerke zu treffen. Ich will es ihnen eintränken. Einen Proceß will ich führen, daß man davon reden soll noch nach fünfzig Jahren! Der Candidat, der keine Idee von einem Proceß hatte und nur wußte, daß Processe viel Geld kosten und mit großen Unannehmlichkeiten verbunden sind, hörte nicht einmal gern davon sprechen. Um doch etwas zu erwidern, da es ihm schien, als warte der Advocat darauf, sagte er: Was wird denn aber aus Ihrer Praxis, wenn Sie uns verlassen wollen? Die hänge ich an den Nagel, versetzte Block lachend. Ich habe mir, Gott Lob, etwas verdient und kann es aushalten. Mit Weib 451 und Kind bin ich nicht belastet, mithin kommt wenig darauf an, ob mein Hab und Gut mit dem zu beginnenden Processe darauf geht. Hinterlassen will ich meinen Erben, die lauter Kopfhänger sind, nichts. Wenn ich sterbe – und ich werde unsern Freund Hein schon heranschleichen fühlen – verbrenne ich den Rest meines Vermögens. Ha, ha, ha! Die Narren sollen nichts als ein Aschenhäufchen finden! Candidat Still konnte nicht unterlassen, über diese seltsamen Vorsätze seine Verwunderung durch wiederholtes Kopfschütteln auszudrücken. Machen Sie Ihre Frau mit meinem Entschlusse bekannt, Herr Candidat, endigte Block die Unterredung. Sie wird mich wahrscheinlich vermissen und deßhalb darauf zu denken haben, einen andern Miethsmann heranzuziehen. Der ich mich gehorsamst empfehle. Block war bereits aufgestanden, nahm bei den letzten Worten seine hohe schwarze Mütze ab und machte eine steife Verbeugung. Kaum hatte er das Zimmer verlassen, so stürzte Frau Sempiterna mit zornglühendem Gesicht herein. Sie hatte offenbar gehorcht und das Loblied, welches der giftige Advocat von ihr gesungen, sehr deutlich vernommen. Erbärmlicher Wicht von einem Manne! rief sie dem Candidaten zu. Nicht einmal vertheidigt hast du deine Frau? Das hatte der Rechtsver – Frau Sempiterna konnte nicht ausreden. Der erschrockene Candidat faßte sich ein Herz, umschlang die Theure mit der Linken und drückte seine Rechte fest auf ihren Mund, indem er ihr schreckensvoll in's Ohr raunte: Still, still, mein lieber Engel! Proceß! Er führt Proceß! Diese Worte bewirkten Wunder. Sempiterna verstummte augenblicklich; die Röthe des Zornes wich bleicher Furcht. Die Arme weit ausbreitend, sank sie gerührt dem Candidaten an die Brust und lispelte ahnungsvoll: Er führt Proceß, der Entsetzliche! Still war hocherfreut, die Ergrimmte durch dieses Zauberwort besänftigt und sich selbst einen Auftritt erspart zu haben, der ihm zwar nicht neu war, den er aber durchaus nicht zur Erhöhung seines ehelichen Glückes für nöthig erachtete. 452 Achtes Kapitel. Der unerwartete Besuch. In Weltenburg hatten die letzten vier Monate abermals große Veränderungen hervorgebracht. Neue Gebäude waren entstanden, um in der von Fürchtegott angedeuteten Weise das Fabrikgeschäft zu vergrößern. Handelsverbindungen in Süd und Ost machten es nöthig, einen eigenen Correspondenten zu engagiren, der in mehreren Sprachen sich geläufig ausdrücken konnte. Besonders hatte man die Levante scharf im Auge und arbeitete darauf hin, Stoffe, die dort gesucht und mithin gut bezahlt wurden, in großen Massen zu fabriciren. Da der alte Ammer seinem Sohne Christlieb freie Hand ließ, so unternahm dieser Manches, wovon der Vater gar nichts wußte. Nur Wimmer blieb genau unterrichtet und ließ es sich nicht verdrießen, entweder persönlich von Zeit zu Zeit auf Weltenburg zu erscheinen, oder instruirende Briefe an Christlieb zu schreiben, die dieser auch regelmäßig aus Achtung vor den Erfahrungen des Herrnhuters befolgte. So schoß das neu etablirte Geschäft rasch in Blüthe, das darauf verwandte Capital kehrte zurück in die Hände der Eigenthümer und vergrößerte sich in dem Verhältniß, wie es coursirte. Das Land zählte die Ammer alsbald unter die reichsten Familien; sie selbst wußten sich Nicht genau abzuschätzen, der alte Ammer widersprach jedoch nicht, wenn man ihn scherzweise einen Millionär nannte. Christlieb, der nicht der ächte Sohn seines Vaters hätte sein müssen, wäre er ganz frei gewesen von Eigenheiten, begann jetzt im Gefühle des sich mit jedem Tage mehrenden Reichthums, Spielereien zu treiben, die seine Neigungen, seine geheimen Wünsche verriethen. Auf dem runden verwitterten Thurme des alten Schlosses, dessen Baulichkeiten ein neuer Flügel in modernem Styl angefügt wurde, pflanzte er einen gewaltigen Flaggenstock auf, den er wohl scherzweise seinen »Weberbaum« nannte. Sonn- und Feiertags, bisweilen aber auch 453 in der Woche, flatterte an diesem Flaggenstocke eine Fahne, entweder in den Farben der Provinz oder der Stadt, zu deren Jurisdiction Weltenburg gehörte. Das Wappen der frühern Besitzer des Schlosses war herabgenommen und an dessen Stelle das sehr einfache Zeichen der Ammer mit einer Schnörkelei darüber, die sich allenfalls zu einer Freiherrnkrone zusammenziehen ließ, eingemauert worden. Der junge Fabrikant hörte sich gern Herr von Weltenburg nennen, und man sah es ihm an, daß er sich gegen eine Standeserhöhung sicherlich nicht gesträubt haben würde. Obwohl gutmüthig von Natur und in keiner Weise schlimm geartet, brachte der sich mehrende Reichthum, veränderter Umgang und die Führung eines so großartigen, weitgreifenden und einflußreichen Geschäftes, doch eine andere Färbung in seinen Charakter. Untergebenen begegnete er nicht mehr so freundlich, wie ehedem; wer von ihm etwas zu erlangen wünschte, den ließ er auf eigenthümliche Weise seine Erhabenheit fühlen. Christlieb spielte mit einem Worte den gebietenden Herrn und zeigte Anlage zu allerhand feudalistischen Mucken. Dies machte ihn freilich bei allen denen, die von ihm abhängen, weil sie ihre Existenz aus seiner Hand empfingen, nicht beliebt, indeß war doch in der Sache selbst nichts zu ändern. Ammer, der Vater, mied Weltenburg, so lange er konnte, und mußte er sich einmal dort zeigen, so konnte ihm Niemand nahe kommen, denn er war dann jedesmal in einer gereizten Stimmung, ohne derselben Worte zu leihen. Die Kunde von der Unschuld des Advocaten Block hatte sowohl in Weltenburg wie im Wohnorte Ammer's freudige Sensation erregt. Dem alten Weber fiel mit dieser Nachricht, wie man zu sagen pflegt, ein Stein vom Herzen, denn es drückte ihn Tag und Nacht, daß sein langjähriger Rechtsbeistand, dessen Schwächen er allerdings wohl kannte, zu einem gemeinen Verbrecher geworden sein sollte. Die Freude über seine Freilassung war bei Ammer so herzlich, daß er ihn eigenhändig in einem Briefe beglückwünschte, so ungern er auch schrieb, und ihn zu sich einlud, um in der freien Natur von den gehabten Leiden und Kümmernissen sich erholen zu können. Block antwortete nicht, theils, weil es keine Geschäftsangelegenheit war, theils, weil er persönlich auf Herzensregungen keinen besondern Werth legte; dennoch freute ihn die Theilnahme des Alten, denn er mußte sich sagen, daß diese 454 Beglückwünschung eine ungekünstelte sei und ohne versteckte Absichten. Jetzt, als er sich entschlossen hatte, die Stadt zu verlassen, wo er doch nie mehr aus dem Munde der Leute gekommen sein würde, erinnerte sich Block wieder der erhaltenen Einladung und da ihn Geschäfte nicht abhielten, beschloß er, den alten Freund zu besuchen. In seiner Zerstreuung aber hatte er nicht daran gedacht, daß Ammer noch immer sein unscheinbares Weberhaus bewohne, und so kam es, daß Block, anstatt nach Ammer's Geburtsort, nach Weltenburg sich auf den Weg machte. Christlieb befand sich in seinem Thurmzimmer mit Brieflesen beschäftigt, als ihm der Advocat gemeldet wurde. Erschrocken, als habe man ihn bei einer unerlaubten Handlung ertappt, packte er die Schriften schnell zusammen und verschloß sie in sein Pult. Kaum hatte er den Schlüssel zu sich gesteckt, so trat der Advocat herein. Ihr habt Euch hier verteufelt nett eingerichtet, sagte er mit seiner scharfen Stimme zu dem jungen Ammer, na, und dazu mußte man den alten Starrkopf fast zwingen. Wer hat's nun am besten gemacht, he? Der knöcherne, grobe Rechtsverdreher, wie Ihr mich hinter'm Rücken nennt, oder der Weber, der immer ein Stück Predigt hält, wenn unser einer den Stier bei den Hörnern faßt? Christlieb hieß den Advocaten freundlich willkommen, konnte aber nicht sogleich alle Befangenheit los werden. Die im Schlosse befindlichen Personen machten sich nach und nach alle etwas im Hofraum zu thun, näherten sich dabei dem Fenster und warfen einen Blick auf den so merkwürdig gewordenen Mann. Block entging weder die Befangenheit Christlieb's, noch die Neugierde der Unterthanen desselben. Seid Ihr närrische Menschen, fuhr er, höhnisch lachend, fort, indem er sich bequem in dem großen Lehnstuhl niederließ, der dem alten Weber gewöhnlich zum Ausruhen diente; seit mich die Hochweisen eingesperrt haben, komme ich mir vor wie ein Schwanzstern, den auch alle Leute angaffen. Meinetwegen! Aber sagt, wo steckt der Alte? Hilft er drüben in der Fabrik, wo es rasselt, als kämpfe ein Heer eingesperrter Dämonen, etwa mit haspeln? Das kann er bleiben lassen. Sagt's ihm, daß ich hier bin, und daß ich nach so langer Zeit mich ordentlich sehne, wieder einmal frei vom Herzen mit einem ganzen Menschen zu plaudern. 455 Christlieb bedauerte, diesen Wunsch nicht erfüllen zu können, da weder sein Vater noch sonst Jemand von seiner Familie auf Weltenburg sich aufhalte. Block war dies zwar unangenehm, indeß ließ er sich die Stimmung dadurch nicht verderben. Gut denn, sagte er, so vertreiben wir uns zusammen die Zeit. Laßt mich zuerst einmal die Aussicht sehen. Als ich den alten Bau für Euch erstand, hatte ich nicht Zeit überall herumzuklettern, jetzt bin ich geschäftslos, lebe nur dem Vergnügen und spintisire, wie ich allen Nichtswürdigen Schwärmer in die Rocktasche practiciren kann. Hättet Ihr nicht Lust gehabt zur Juristerei, wenn man Euch von Jugend auf den Sinn darauf gerichtet? Jammerschade, daß kein Ammer Jurist geworden ist! Ein Königreich müßtet Ihr Euch erprocessiren können. Wisset Ihr, warum ich die Juristerei jeder andern Wissenschaft, jeder andern Beschäftigung vorziehe? Der junge Ammer verneinte, indem er die Thür zur Thurmtreppe öffnete und den Advocaten vorausgehen ließ. Ich will's Euch sagen, aber blos für Euch allein – braucht's den Andern, die doch nichts davon verstehen, nicht auf die Nase zu binden. Seht, fuhr er fort, mit juristischen Kenntnissen haltet Ihr Euch den Teufel vom Leibe, und könnt Ihr ihn nicht entbehren, so holt Ihr ihn Euch damit. Ich hoffe, Ihr sollt es noch erleben, dies Schauspiel mit eigenen Augen zu sehen. Ich werd' es Euch bereiten. Ich verschreibe mir jetzt den Teufel; er soll mir helfen. Christlieb mußte über diese Betheuerungen des einäugigen Advocaten lachen, die er für Aufschneidereien hielt, wie sie ihm der Ingrimm über die erlittene Behandlung auf die Lippen trieb. In sofern fand er sie eben so natürlich als entschuldbar. Ihr lacht? sprach Block weiter, den Fuß auf die Plattform setzend, und sein scharfkantiges Gesicht mit einem wilden Blick dem jungen Manne zukehrend. Seht Euch vor, daß Ihr nicht einmal dafür weinen müßt! Was macht der alte herrnhutische Duckmäuser? Meinen Sie damit Herrn Wimmer? fragte Christlieb. Ja, ja, Herrn Lazarus Wimmer, erwiderte Block, mit rascher Bewegung die gewöhnliche, demüthige Haltung des Bruders nachahmend und seine Stimme zu trüber Sanftheit mäßigend. 456 Meines Wissens, versetzte der junge Ammer, ist er rüstig wie immer, und arbeitet unermüdlich, heute für die Welt, morgen für den Himmel. Jetzt lachte Block. Trefft Ihr mit Mirus zusammen? fragte er. Bisweilen. Sagt's Wimmer, mit dem Mirus müsse er sich auf einen guten Fuß stellen. Sind die Herren denn übel auf einander zu sprechen? gegenfragte Christlieb. Ich weiß von nichts! Nicht? Nun dann werden sie wohl einig sein, sagte der Advocat gleichgiltig, legte die Hände auf den Rücken und sah in die Gegend hinaus, die im bunten Schmuck des Herbstes einen eigenthümlichen Eindruck machte. Was habt Ihr da für einen Lappen aufgezogen? fragte der Advocat nach einer Weile, die Fahne an dem Flaggenstocke gewahrend. Das sind ja die böhmischen Farben. Und auch die unserer Stadt. Richtig, aber wozu. Es sieht gut aus und – ich bin Patriot, erwiderte mit scheuem Blick der Fabrikant. Block erhob drohend den Finger und sah ihn durchbohrend an. Hütet Euch, Christlieb Ammer, sprach er, die Worte scharf betonend, daß Ihr nicht auf verbotenen Wegen Reichthümer suchen geht! 's ist ein gefährlich Ding, mit dem selbst erfahrene Juristen nicht jederzeit umzuspringen verstehen! Daß ich's Euch nur sage, die Stange da oben und mehr noch, die Flaggen daran, sind nicht unbeachtet geblieben. Ich komme, Euch zu rathen, diese Spielerei (Block sprach das Wort sehr langsam) wieder abzuschaffen. Geschieht's mit des Vaters Genehmigung? Christlieb verneinte kopfschüttelnd. Um so mehr herunter mit dem Lappen! sagte der Advocat, ergriff die Schnur und ließ die Fahne herabgleiten. Ich habe jetzt genug von der Aussicht, die Luft zehrt; kommt und gebt mir 'was zu essen! Wann kehrt der Bruder zurück? Wir erwarten ihn täglich, versetzte Christlieb, die Thurmtreppe wieder hinabsteigend. Vielleicht ist er schon unterwegs zu uns, bestimmte Nachrichten sind noch nicht eingelaufen. 457 Block schien mit dieser unsichern Auskunft zufrieden zu sein. Wie in früheren Tagen, wenn er Ammer besuchte, ließ er sich's vortrefflich schmecken, that dabei die frappantesten Aeußerungen, die Niemand ungeneckt ließen, schimpfte auf alle Welt, machte sich selbst lächerlich, und war dann wieder plötzlich so ernsthaft, daß es schwer hielt zu ermitteln, welche der vielen widersprechenden Charakterseiten wohl eigentlich die wahre oder doch faßbare dieses sonderbaren Mannes sein möge. Er verweilte den ganzen Tag auf Weltenburg, ging Christlieb nicht von der Seite, ließ sich überall herumführen, durchspähte jeden Winkel und erkletterte zuletzt sogar das Gerüst, aus dessen Gebälkumzäunung der neue Schloßflügel emporstieg. Erst spät am Abend verließ der Advocat das Schloß, dem jungen Bewohner desselben viele Grüße an »die Alten« auftragend und beim Abschiede ihn mehrmals mit merkwürdigem Mienenspiel und erhobenem Finger warnend. Christlieb gab dieser Besuch, der zwar dem Anscheine nach seinem Vater gelten sollte, viel zu denken. Er beeilte sich, die vorhin weggeschlossenen Briefe, sobald er sich allein sah und unbeachtet wußte, wieder hervorzuholen, einzelne davon auszulesen und sofort zu vernichten. Einen bereits früher angefangenen beendigte er sodann und adressirte ihn an Zobelmeier in Wien. Die Fahnen am Flaggenstocke sah man aber seit jenem Tage nicht wieder wehen, außer Sonntags in den Nachmittagsstunden, wenn die Sonne Gebirge und Thäler hell beleuchtete. Neuntes Kapitel. Das Wiedersehen. Dicke, schwere Nebel verhüllten seit mehreren Tagen Gebirge und Ebene. Des Nachts fiel starker Reif und ein eisig kalter Wind aus Nordwest machte den Aufenthalt im Freien höchst unerquicklich. Endlich, als die niedrig ziehenden Nebel sich hoben und zu Wolken 458 gestalteten, begann es zu schneien und zwar in einer Weise, die in Gebirgsländern immer für das untrügliche Zeichen eines früh eintretenden, strengen Winters gehalten wird. Es rieselte ganz feiner Schneestaub auf die gefrorene Erde herab und hüllte binnen wenigen Stunden alle Gegenstände weit und breit in die glänzend weiße Tracht des Winters. Wimmer mußte an diesem Tage – es war Anfang Novembers – länger als gewöhnlich auf die Ankunft der Post warten, die damals nicht in so fliegender Schnelligkeit wie heutigen Tages zahlreiche Meilen in einer verhältnißmäßig nur geringen Stundenzahl zurücklegte. Schnell- oder Eilposten gab es in jenen Tagen noch nicht, man begnügte sich mit einem zweirädrigen offenen Karren, der sogenannten Reitpost, auf welchem sich der Postillon stundenlang auf den fast unbefahrenen Wegen stoßen lassen mußte, um nur eine Meile weit zu kommen. Die bequemste Beförderung Reisender geschah in der berühmten »chursächsischen gelben Kutsche«, die aber regelmäßig fünf, wohl auch sechs Tage brauchte, um aus den Ebenen Leipzig's bis in das bergische Grenzland vorzudringen. Diese Kutsche sollte Vormittags schon in Herrnhut eintreffen und für Wimmer das große Briefpaquet mitbringen, das er sich wöchentlich einmal von Leipzig schicken ließ. Nun hatte aber die Glocke auf dem Bethause schon drei Uhr nach Tische geschlagen, und noch immer hörte man keinen Ton eines Posthornes. Wimmer öffnete ein paarmal das Fenster und steckte den Kopf in den unaufhörlich herabrieselnden Schnee hinaus. Die Gassen des Brüderortes waren menschenleer, der Schnee lag bereits einen Schuh hoch und nach der Dicke der Luft zu schließen, mußte das Wetter im Freien noch ungleich heftiger sein. Stecken geblieben sind sie, ich kann's mir denken, sprach er zu sich selbst. Oben bei Holzkirch oder Eisenrode fegt sicher der Wind vom Tschernebog gewaltig herein und legt ellenhohe Schneemauern über die Straße. Martha! He, Martha, geh' doch in's Gemeinlogis und frag' nach, ob der Herr Graf heute Morgens von seinem Ausfluge zurückgekommen ist. Schwester Martha, die Haushälterin, warf ein großes Tuch zum Schutze gegen Schnee und Wind über den Kopf, fuhr in dicke, 459 rindslederne Schuhe und stapelte, bis über die Knöchel in den weißen Flocken versinkend, nach dem nur einige hundert Schritte entfernten Gemeinlogis. Der Herrnhuter blätterte unterdessen in einer Menge auf seinem Arbeitspulte liegenden Schriften, zerriß einige, numerirte andere und legte die so geordneten in ein besonderes Fach. Schon nach zehn Minuten kam Martha zurück mit der Nachricht, Graf Alban habe Herrnhut des schlechten Wetters wegen gar nicht verlassen und die Post müsse sogleich ankommen, denn man höre ganz deutlich das Schmettern des Posthornes durch den dicht fallenden Schnee. Eine Stunde später hielt Wimmer das sehnlich erwartete Briefpaquet in den Händen. Es war diesmal auffallend groß und dick, so daß der sonst nicht neugierig zu scheltende Bruder es mit vieler Hast erbrach. Ach! rief er freudig aus. Briefe von meinem Hamburger Correspondenten! Laß doch sehen, was der mir zu eröffnen hat! Der Brief war von Herrn Beinheim und enthielt Folgendes: »Lieber Herr und Bruder! »So eben habe Nachricht erhalten, daß drei Schiffe, die bei dickem Wetter einige Tage bei Helgoland ankern mußten und später beinahe auf Dicksand festgerathen wären, in Cuxhafen eingelaufen sind. Unser »gutes Glück« befindet sich darunter. Alles wohl an Bord. Viel conträren Wind gehabt unterwegs, bis über die Shetlandsinseln nördlich durch Sturmböen verschlagen worden. Das Schönfahrsegel gerissen, sonst nichts beschädigt an der Takelage. Ladung voll und gut. Werth eine halbe Million Marc Banco. Indianische Matten, Paradiesvögel und ähnliches Zeug Hauptfracht. Denke die Sachen gut zu verkaufen; habe heut schon an der Börse herumgehorcht. »Herrn Ammer junior erwarte schon übermorgen. Ist ungeheuer praktisch der junge Mensch – möchte wohl, ich hätte eine Tochter, gäb' sie ihm auf der Stelle. – Da Sie wünschen, daß er unverweilt heimkehren soll, will ich ihn nicht halten. Ein Tag wird genügen, um uns zu verständigen. In Geschäftssachen bin ich ungeheuer praktisch und liebe die Kürze. »Herr Erichson hat Trauer, seine werthe Frau Ehewirthin ist heimgegangen, Gott segne sie. Hatte sich etwas übernommen mit fetten Speisen bei einem Besuch in der Marsch; muß ihr auf das Geblüt 460 gefallen sein, denn ein Schlagfluß raffte sie dahin. Schade, sehr schade, war ungeheuer praktisch, die brave Frau! Wird jetzt immer seltener in dieser flüchtigen, neumodischen Zeit. »Bitte, werther Herr Bruder wollen dafür sorgen, daß nächstes Frühjahr mit Aufgang des Eises zwei volle Schiffsladungen abgehen können. Nettes und festes Geschäft drüben in Amerika mit Yankee's und Wilden. Liebe das – immer baar Geld oder gute Waare. Ist ganz ungeheuer praktisch. Mit Bruderkuß im Herrn Dero wohlaffectionirter                 Beinheim.«         Dies Schreiben verklärte das Gesicht des alten Herrnhuters. Lange sah er schweigend auf die Schriftzüge des Kaufmannes, dann begannen seine Lippen sich zu bewegen und einzelne Worte, Brosamen von der Tafel seines Gedankenlebens, entfielen seinem Munde. Ich bin erhört, flüsterte er; Alles, was ich mir erbat von den dunkeln Mächten – vor einigen Jahren – sie gaben es. Der Alte, mein lieber Freund, er bricht zusammen . . . Die Kinder werden groß – reich – stolz – kalt. – O, wie süß thut dies meinem verwaisten, kinderlosen Herzen! – – Und Anna? – Gott segne die Gute! – – Sie wird noch Thränen weinen – o ja, – aber der Purpur, in den sie hinabrinnen, der sie auffängt, läßt ihre Farbe nicht erkennen. – – O, wie grundgütig ist doch der Herr, daß er so gerne hilft, Allen, die ihn gläubig bekennen! Wimmer raffte die Papiere zusammen, da er Martha vor der Thüre hörte, öffnete seine kaufmännische Correspondenz und vertiefte sich in dieselbe, während die noch immer recht hübsche und sauber aussehende Haushälterin den Kaffee servirte. Hast du bemerkt, Martha, redete er die Schwester an, daß die Katze in den letzten Tagen sich häufig putzte? Wir werden Besuch erhalten. So? erwiderte diese gleichgiltig. Ist dir das so ganz einerlei? Ach, du mein Heiland, sagte Martha, was zu uns kommt von Fremden, könnte eben so gern wegbleiben; denn gewöhnlich sind es recht langweilige Menschen. 461 Ja, gewöhnlich, Martha, versetzte Wimmer; diesmal geschieht aber das Ungewöhnliche. Wir erhalten Besuch aus der neuen Welt. Was Sie sagen! rief freudig erstaunt die Haushälterin aus, und goß vor Verwunderung die schön gemalte Mundtasse ihres Herrn so übervoll, daß das angenehm duftende Getränk auf die feine Damastserviette herabträufelte und diese befleckte. Ei, ei, unvorsichtiges Kind! schalt in freundlichem Tone der Herrnhuter, da verdirbst du mir ein liebes Andenken. Die Serviette da gehörte vor sehr langen Jahren einem jungen Mädchen, das mir damals nicht gleichgiltig war. – Aber, laß nur, laß, und werde nicht roth bis über die Ohren! Was meinst du, soll der Fremde, der für uns kein Fremder ist, ein paar Tage bei uns logiren? Mein Gott, sagte Martha, am Ende ist's der junge Herr, der – der – Na, gucke doch zurück in dein Gedächtniß, du fromme Magd! Fällt dir zuletzt doch wohl noch der Rechte ein, den ich meine. Der junge Herr Ammer? Wimmer nickte und rieb sich schmunzelnd die Hände. Getroffen, Martha, getroffen! Jener fröhliche, rasche, aufgeweckte Jüngling, der uns verschiedene Male besuchte und einmal sogar, o, ich weiß es noch ganz genau – zum Scherz eines deiner weißesten Schwesterhäubchen sich aufsetzte und so geputzt zum Fenster hinaussah; er kehrt zurück aus dem fernen Surinam! Schon ist er in Hamburg oder wohl noch weiter herein in's Land. Ich denke, der wird uns gar Mancherlei erzählen können und die Einförmigkeit unseres Alltaglebens mit dem Vortrage fremdartiger und wunderbarer Begebenheiten recht heiter ausschmücken. Sieh nur zu, Martha, daß er uns nicht zu früh auf- und davonläuft. Denn Herr Fürchtegott Ammer, jetzt Großhändler und Rheder, ist ein Weltmann geworden, dem es schwerlich in unserm stillen, einfachen und anspruchslosen Brüderorte gefallen wird. Und überdies ist er ein ganzer Ammer, zäh wie Rebholz und hart wie Granit. Es gehört Kunst dazu, mit ihm fertig zu werden. Aber der Liebe, Martha, der Bruder- und Nächstenliebe, weißt du, ist Alles möglich. Martha versprach, nichts zu unterlassen, wodurch sie den von so weiter Reise Zurückkehrenden fesseln könnte, und ging besonders darüber 462 mit sich selbst zu Rathe, welche Speisen sie dem reichen, jungen Herrn wohl vorsetzen müsse. Nicht ohne Grund nahm sie nämlich an, daß ein Reisender, der über Jahr und Tag sein Vaterland nicht gesehen, am liebsten auch mit der in demselben gebräuchlichen Küche wieder Bekanntschaft machen werde. Nach genossenem Kaffee ließ sich Wimmer von Martha seinen Mantel bringen, um durch Wind und Schneegestöber nach der Wohnung des Grafen sich zu begeben, mit dem er noch vor Ankunft des sehnlichst Erwarteten viel Wichtiges zu besprechen hatte. Es war schon finstere Nacht, als der Herrnhuter von diesem Besuche wieder in seine stille Behausung zurückkehrte. Seinem Aussehen nach mußte er innerlich recht zufrieden sein. Er blieb gegen seine Gewohnheit lange auf, um eigenhändig mehrere Briefe zu schreiben, die er am andern Morgen auch selbst auf die Post beförderte. Zwei Tage später zeigte Fürchtegott durch ein paar flüchtig hingeworfene Zeilen, die er beim Schiffsmakler Erichson geschrieben hatte, an, daß er binnen acht Tagen bestimmt in der Heimath eintreffen werde, indem er mit untergelegten Pferden »nach Art fürstlicher Couriere«, wie er sich ausdrückte, zu reisen sich entschlossen habe. Wimmer versäumte nicht, diese Nachricht unverweilt weiter zu befördern, d. h. seinen alten Freund Ammer damit zu überraschen. Der Brief, welchen er dem Weber durch einen Expressen zufertigen ließ, schloß mit den Worten: »Siehe, mein Freund und Bruder, der Herr hat es wohl gemacht mit uns Allen, und darum wollen wir ihm danken und fröhlich sein. Die Freude des Wiedersehens wird aber nur dann sich verwandeln in ein wahres Familienfest, und in ein allgemeines Hallelujah unserer Herzen, wenn wir sie gemeinschaftlich in Liebe und Eintracht genießen. Hat es nun unserm Herrn und Heilande gefallen, die Wege zu ebnen und darüber auszubreiten die weiche Decke seines Wohlwollens, damit wir uns nicht verwunden an Steingeklippe und anderen Unebenheiten, so danken ihm für solche Wohlthat seine Kinder wohl dadurch am innigsten, daß sie die winterliche Natur bewundern in ihrer Pracht und sich zusammenfinden in dem Orte, wo sie des Himmels Schutz nicht entbehren können, weil er sich selbst nennt des Herrn Hut.« 463 So, sprach Wimmer, als er das ziemlich ausführliche Schreiben nochmals durchlas, jetzt wird mein alter, lieber Starrkopf zwar ein wenig brummen und über die herrnhutischen Redensarten böse Glossen machen, allein kommen wird er doch, und ich denke, mit der ganzen Sippschaft. Das macht einen guten Eindruck auf den jungen Herrn Rheder und gibt ihn mir völlig zu eigen. Umarmen wir uns unter Freudenthränen, geben uns den Bruderkuß und ziehen derweile mit unsichtbarem Finger die Schlinge vollends zu! – – – Ja, ja, so ist es. Lazarus Wimmer kann sich nun ruhig schlafen legen, denn »die Rache ist mein, ich will vergelten, spricht der Herr!« Wimmer faltete die Hände über dem Schreiben und murmelte unverständliche Worte, während seine braunen, breiten Augenlider sich fast gänzlich schlossen. Dann siegelte er den Brief und übergab ihn zu schleunigster Beförderung dem harrenden Boten. – – Am Martinstage desselben Jahres jagten über die mit tiefem Schnee bedeckte, in der hellen Mittagssonne gleich Diamanten funkelnde Schneedecke drei sogenannte »Rennschlitten«, deren sich in damaliger Zeit nur sehr Reiche oder Vornehme bedienten. Jeder Schlitten war mit zwei muthigen Pferden bespannt, die reiche Schellenbehänge trugen. In der scharfen Kälte wirbelte der Schnee wie Staub auf, die Luft flimmerte von Milliarden kleinen Eistheilchen, und die hohen Kämme der Grenzgebirge strahlten majestätisch im Schmuck ihrer winterlichen Umhüllung. Die drei Schlitten strebten in möglichst gerader Richtung dem hochgelegenen Herrnhut zu, dessen Dachgiebel man in der durchsichtigen Winterluft schon in weiter Ferne erkannte. An eine Straße, überhaupt an gebahnte Wege kehrten die Schlittenführer sich nicht. Theils gab es gar keine gut ausgefahrene Bahn, theils bedurfte man einer solchen nicht, da die hohe Schneedecke fest gefroren war und fast überall Pferde und Schlitten trug. Eine Stunde nach Mittag wurden die Bewohner Herrnhut's durch Peitschengeknall, durch sehr starkes, fast harmonisch klingendes Schellengeläut und durch das nicht ganz wohltönende Geschmetter dreier Posthörner an ihre Fenster gelockt. Drei geräumige Schlitten, deren Insassen durch Pelze und Wildschuren gegen Wind und Kälte trefflich geschützt waren, flogen die ewig stillen Gassen entlang und hielten vor 464 dem Hause des Herrn Lazarus Wimmer. Hastig ward die Thür von innen geöffnet, daß die angestoßene Glocke gar nicht mehr aufhören wollte zu läuten und in ihrem schwächeren Gebimmel fast wie ein langsam verhallendes Gewimmer eines schwer Leidenden erklang. Ein junger Mann eilte die granitenen Stufen hinab auf die Straße, trat an den vordersten Schlitten und umarmte die darin sitzenden, pelzverhüllten beiden Gestalten mit feurigem Ungestüm. Der Herrnhuter sah dieser Scene, auf der Schwelle seines Hauses stehend, lächelnd zu, nickte gegen alle drei Schlitten und führte die inzwischen dem ersten Entstiegenen, in deren Mitte der junge Mann ging, in das wohldurchwärmte Zimmer. Einige Minuten später finden wir hier den alten Ammer mit seiner Frau auf dem Kanapee sitzen. Zu den Füßen Beider knieet Fürchtegott, fein und modisch gekleidet, wie ein Großstädter. Er ist kräftiger und voller geworden. Das bräunliche Haar lockt sich um die dunkelfarbige Stirn, um Lippe und Kinn kräuselt sich ein blonder Bart. Fürchtegott sieht mit glücklichem Blicke zu Vater und Mutter auf, die beide ihre Hände wiederholt auf sein Haupt legen. Frau Anna kann sich dabei nicht der Thränen enthalten, Ammer aber bezwingt sich mit Gewalt und wird somit auch Meister seiner Rührung. Hinter Fürchtegott in einer zweiten Gruppe bemerken wir seinen Bruder Christlieb nebst Flora und Albrecht. Die letzten Beiden halten sich fest umschlungen und Flora lehnt ihr liebliches Gesicht schluchzend an die Schulter ihres Mannes. Am Fenster endlich steht Wimmer und neben diesem, die Blicke fest auf Fürchtegott und dessen Eltern heftend, der Kaufmann Mirus. Nun laßt's gut sein, Kinder, sprach Ammer, als er fühlte, daß seine Stimme nicht von der gewaltigen Aufregung des Wiedersehens erstickt werde. Wir haben Ursache, Gott allesammt zu danken, daß er uns diese Stunde und in solcher Weise hat erleben lassen. Nun wollen wir aber auch resolut sein, uns zusammenfassen und einen richtigen Weg in Friede und Freundschaft mit einander wandeln, damit wir noch etwas Rechtes in der Welt vorstellen können. Fürchtegott stand auf und wandte sich jetzt seinen Geschwistern zu. Christlieb vermochte nicht zu sprechen, als er den Bruder nach so langer Trennung wieder in seine Arme schloß. Flora brach in ein 465 fast convulsivisches Weinen aus und stammelte dazwischen: Nun ist's ja gut – du bist wieder unser – Niemand soll dich uns noch einmal rauben! Dann schlang sie beide Arme um den Nacken des Zurückgekehrten, des Wiedergefundenen, und küßte ihn mit schwesterlicher Zärtlichkeit. Mirus hatte während dieser Begrüßungsscene verschiedene Prisen genommen. Jetzt schlug er den Deckel der goldenen Dose vernehmbar zu, und sprach: Herr, ich muß Ihr sagen, das Weibergeflenn gehört nicht zu denjenigen Dingen, die ich gern sehe und höre. Nach meinem Bedünken gibt es allhier auch mehr zu lachen als zu weinen; denn unser Auge und somit unser Herz erfreut sich an der Erscheinung eines jungen Mannes, der sich ganz allerliebst herausgemacht hat auf seinen Reisen, und der, wie mir's scheint, nicht verdorben und verwildert zurückkehrt in den Schooß seiner Familie, sondern ausgerüstet mit mancherlei nützlichen Kenntnissen, bereichert durch Erfahrungen und voll frohen Hoffnungen. So ist es, Herr Mirus, sagte Fürchtegott, jetzt auch dem langjährigen Geschäftsfreunde seines alten Vaters die Hand darreichend: Ich denke, es ist mir gut gewesen, daß des Himmels Fügung mich einige Zeit in die Welt hinausschleuderte, und darum möchte ich kaum das nunmehr, Gott Lob, Vergangene nicht erlebt haben. Es hat mich geläutert, mich ruhiger und vorsichtiger gemacht, und von jetzt an getraue ich mir, versprechen zu können, daß ich ein betriebsamer, ruhiger, guter Bürger werden und bleiben will. Das ist brav, versetzte Mirus, kräftig in die Hand Fürchtegott's einschlagend. Gute, fleißige und ruhige Bürger bilden den festesten Untergrund eines glücklichen Staates, dem so leicht Niemand, weder innere noch äußere Feinde etwas anhaben können, und – Herr, ich muß Ihr sagen, – wenn das Haus »Ammer, Söhne und Compagnie« und die alte Firma Mirus mit ihrer Energie und ihren Mitteln einem Staate redlich zu dienen entschlossen sind, da halten die Grundmauern desselben, hoff' ich, noch eine Weile aus. Mit dieser praktischen Wendung kam eine heitere Ruhe über die Gesellschaft. Das Gespräch ward allgemein und ungezwungen. Alle fühlten sich eines Zwanges entledigt, der früher lange Zeit die 466 Herzen beengt, jede freie Meinungsäußerung niedergehalten hatte. Ammer erschien in dem sichern Bewußtsein, daß jetzt eine wirkliche Ausgleichung aller geistigen Differenzen, die so lange Zeit hindurch sein Familienleben getrübt hatten, eingetreten sei, wahrhaft verjüngt, und Fürchtegott, in dessen glänzenden Augen die Freude des gegenwärtigen und die Hoffnung eines noch unbekannten zukünftigen Glückes leuchtete, dem außerdem noch der Stolz, sich selbst errettet zu haben, auf der Stirne geschrieben stand, bewegte sich frei, leicht und in munterster Laune. Bald war die lebhafteste und interessanteste Unterhaltung im Gange, woran Jeder nach Vermögen Theil nahm. Hauptsprecher war natürlich Fürchtegott, denn an ihn richteten Alle unaufhörliche Fragen, die immer beantwortet werden mußten. Frau Anna und Flora waren die Stillsten, Anna, weil sie sich von jeher gern in sich selbst zurückzuziehen und mehr zu hören als zu reden pflegte, Flora, weil der Bruder für sie ein ganz anderes Wesen geworden war, das sie im Augenblick noch nicht vollständig zu fassen und zu beurtheilen verstand. Im Zorn, ein fast Verlorener, stürmte er vor so langen Monden von dannen, nicht des bittenden Rufes ihrer Aller achtend, und jetzt stand er so frisch, so schön, so männlich vor ihr, daß sie fast zweifelte, ob dieser Fürchtegott auch wirklich ihr ächter Bruder sei. Der Entfliehende war in Flora's kindlich reinem Gemüth ein großer Frevler, und den aus ungemessenen Fernen freiwillig Heimgekehrten mußte sie wider Willen bewundern und verehren. Ammer selbst, an dessen Seite Fürchtegott Platz genommen, ward nicht müde, ihm die wunderlichsten Fragen vorzulegen, über welche die Uebrigen oft lachten, die aber Fürchtegott mit der lobens- und liebenswürdigsten Geduld und Bereitwilligkeit beantwortete. Meinethalben lacht, so viel ihr wollt, sagte der alte Weber gutmüthig. Da ich in meinen Jahren und bei meinen Gewohnheiten doch niemals bis an's große Wasser komme, noch gar über dasselbe hinaus, muß ich mir's doch von dem jungen Volke, das – wer weiß, – vielleicht gar noch einmal über Länder und Meere hinwegfliegen wird, beschreiben lassen. Und zu genau und ausführlich kann eine solche Beschreibung für meinen alten etwas schwer zugänglichen Weberkopf gar nicht gerathen. 467 Wimmer hatte viel zu thun, denn es war sein fest ausgesprochener Wunsch und Wille, seine Freunde einmal bei sich zu Gaste zu sehen. Mit einer Liebenswürdigkeit, die man ihm kaum hätte zutrauen mögen, machte er den Wirth und führte zum ersten Male seit ihrer Verheirathung, Frau Anna zur Tafel, die von Martha's und zweier helfenden Schwestern geschickten Händen festlich geschmückt und mit den besten Delicatessen bestellt war. Martha's Hoffnung, womit ihr Gebieter ihr geschmeichelt hatte, den von seiner Reise um die halbe Welt Zurückgekehrten einige Tage bei sich zu sehen, ging jedoch nicht in Erfüllung. Fürchtegott's Eltern und mehr noch die von mancherlei Ahnungen geängstigte Flora, der es nicht möglich war, ein rechtes Herz zu Wimmer zu fassen, bestanden darauf, Fürchtegott müsse sie begleiten. Anfangs widersetzte sich der Heimgekehrte diesem Ansinnen, weil er noch höchst wichtige Nachrichten Graf Alban zu überbringen hatte, dieser aber, was namentlich Wimmer sehr bedauerte, in Gemeindeangelegenheiten nach einem in der Haide gelegenen Brüderorte gereist war. Den verschiedenen Ansichten, machte nach längerem Hin- und Widerreden Herr Mirus durch einen Machtspruch ein Ende, ob aus eigenem Antriebe oder von Flora dazu aufgefordert, die wiederholt mit ihm sprach, wie sie denn überhaupt zu seiner Einsicht unbedingtes Vertrauen hatte, blieb unermittelt. Genug, Mirus dictirte, indem er sich an Fürchtegott wendete: Herr, ich muß Ihr sagen, ein junger Mann, der zweimal den großen Ocean befahren hat, ohne, gleich dem Propheten Jonas, in den Magen eines Wallfisches – oder ist's ein Hai gewesen – zu spazieren, und dem die Menschenfresser in den amerikanischen Wäldern weder ein Fingerglied noch ein Ohrläppchen abgebissen haben, wär's auch nur aus purer Neugierde und Schleckerei geschehen: ein solcher von Gott selbst sichtbarlich beschützter Mensch gehört erst ein paar Tage ganz allein den Seinigen. Nachher kann er wieder reisen und mit und für Heiden und Indianer ebenfalls auch Grafen und Fürsten dienen. Fürchtegott entschloß sich demnach, seine Eltern zu begleiten, und als Abends ein kalt flimmernder Sternenhimmel in Millionen Lichtblitzen auf den Eis- und Schneegefilden wiederstrahlte, eilte der 468 Weitgereiste im Schlitten der Eltern dem so lange vermißten heimathlichen Herde am Rohr entgegen. Erst gegen Mitternacht erreichte man das Dorf. Der treue Wächter Bello, obgleich er seinen Herrn witterte, schlug doch ein paarmal an, als aber die Thür geöffnet ward, sprang das kluge Thier nach Begrüßung Ammer's und Flora's, sogleich an Fürchtegott empor und leckte ihm, freundlich winselnd, Gesicht und Hände. 469 Drittes Buch. Erstes Kapitel. Ein Geständniß. Ein Zeitraum von mehr als drei Jahren liegt zwischen den folgenden und den zuletzt mitgetheilten Ereignissen. Die politische Weltlage war inzwischen eine andere, wenn auch nicht den Wünschen Aller vollkommen genügende geworden. Auf den ungeheuern Kriegslärm, in dessen Kanonendonner die Krone des gallischen Cäsar zersplitterte, folgte eine Stille, die fast unheimlich gegen die Rührigkeit der letzten Jahre abstach. Dennoch freuten sich Bürger und Bauer der neuen Wandelung, denn so bedeutend die Glücksgüter Einzelner durch die kriegerischen Zeitläufe sich vermehrt haben mochten, das Allgemeine hatte doch nur Schaden darunter gelitten. Ueberall sah man zerstampfte oder schlecht angebaute Fluren. Ganze Dörfer lagen entweder noch in Trümmern oder erstanden aus Schutt und Asche, und wenn solche neu aufgebaute Ortschaften dem Auge auch einen erfreulichen Ruhepunkt darboten, waren sie dennoch kein Zeichen befestigten Glückes, wahrhafter Zufriedenheit, gesicherten Vermögens, sondern ein Erzeugniß, das die Nothwendigkeit erheischte und die schwere Zeit gebieterisch forderte, um aus der Ferne hereindrohendem vielleicht noch größerem Drangsale dadurch zu entgehen oder doch zu begegnen. Während des Krieges, unter dem namentlich auch die mitteldeutschen Staaten schwer zu leiden hatten, trafen den Handel nach allen 470 Seiten hin gewaltige Schläge. Große Häuser, die seit mehreren Menschenaltern mit reichen Mitteln großartige Geschäfte machten, mußten wegen mangelnder Zahlungsfähigkeit Anderer im Auslande sich theils einschränken, theils ganz zurückziehen. Dagegen war es manchem bisher unbeachtet gebliebenen Hause gelungen, durch irgend eine kühne Schwenkung oder einen unerwarteten Zufall sich größere Geltung zu verschaffen und von Andern gezwungen oder freiwillig aufgegebene Geschäftszweige an sich zu reißen. Dies Glück hatten namentlich einige Handeltreibende, die in früheren Jahren nicht für Kaufleute galten: wir meinen die eigentlichen Leinwandproducenten, also die Weber. Viele dieser Leute, wohlhabend, ja begütert, gewannen, während der Kaufmann, der nicht zugleich Producent war, Verlust auf Verlust zu tragen hatte. So überflügelte die Production, indem sie sich zugleich auf den kaufmännischen Vertrieb legte, den nicht producirenden Kaufmann. Umsichtige speculative Köpfe legten neben der arbeitenden Maschine, gleichviel ob diese von Menschenhänden oder von Elementarkräften in Bewegung gesetzt ward, kaufmännisch eingerichtete Comptoire an, gründeten in den größeren Handelsstädten des In- und Auslandes Commanditen und beherrschten durch diese schnell entfaltete Manövrirkunst die ganze, ihnen zinsbar gewordene Handelswelt eben so vollständig, als Napoleon I. seit seiner Erhebung zum französischen Kaiser die europäische Politik. Daß die Familie Ammer zu diesen theils durch eigene Kraft, theils durch ein seltenes Zusammentreffen vieler Glücksumstände Emporgehobenen gehörte, haben wir in dem Vorhergehenden darzuthun versucht. Von den Kriegsereignissen ward sie nur indirect berührt. Außer Durchzügen einzelner Heerabtheilungen und häufig sich wiederholenden Einquartierungen, schwang die Kriegsfurie die Brandfackel der Zerstörung nicht in unmittelbarer Umgebung der Ammer'schen Besitzungen. Auf die Handelsgeschäfte derselben hatte sie noch weniger Einfluß, man müßte denn die um einige Monate verzögerten Ablieferungen ihrer überaus werthvollen Versendungen nach Nord- und Süd-Amerika mit in Anschlag bringen wollen. Der zweite Pariser Frieden fand die Ammer bereits in so gesicherten Vermögensumständen, daß jedes Handelswagniß, das nicht außer aller Berechnung der einschlagenden Zeitverhältnisse lag, von ihnen 471 mit ziemlich gewisser Aussicht auf Erfolg unternommen werden konnte. Reichten die eigenen Mittel dazu nicht hin, so eröffnete sich den Gebrüdern Ammer von allen Seiten ein nicht leicht zu erschöpfender Credit. Der Arme glaubte an ihren Stern und drang ihnen fast mit Gewalt seine unbedeutenden Ersparnisse auf, so daß ihnen, hätten sie dazu Neigung bezeigt, in gewissem Sinne die halbe Bevölkerung der Provinz dienstbar geworden wäre. In der That war dies auch in sofern wirklich der Fall, als eine sehr große Anzahl von Arbeitskräften von der Familie Ammer abhing, mit ihrem Glücke selbst zu größerem Wohlstande gelangen und im entgegengesetzten Falle mit ihnen in unergründliches Elend hinabgestürzt werden mußten. Die »Gebrüder Ammer«, wie sich seit Fürchtegott's Rückkehr aus Amerika die Firma nannte, besaßen sechs eigene Schiffe, darunter zwei Fregatten. Sie hatten Commanditen in New-York, Philadelphia, Paramaribo, Buenos Ayres, Triest und Smyrna, und dachten ernstlich daran, ihren weitreichenden Arm auch nach dem Norden Europa's, nach St. Petersburg und Archangel, endlich, um den Weg nach Asien sich offen zu halten, nach dem rasch aufblühenden Odessa auszustrecken. Der Vater, zum Unterschiede aller übrigen Ammer und auch seiner Söhne, gewöhnlich Ammer im Rohr, wohl auch der Weber schlechthin genannt, wußte zwar um diese Geschäfte, kannte die ungeheuern Verbindungen seiner Söhne und ließ sich auch bisweilen, wenn er gerade recht gut gelaunt war, von den in wunderbarer Eintracht lebenden Söhnen erzählen, was sie Alles schon erreicht hatten und zu erstreben noch beabsichtigten; selbst activen Theil nahm er an diesen Geschäften nicht. Wohl aber gewährte es ihm aufrichtiges Vergnügen, zu hören, daß seine Solidität, seine vortreffliche Waare, seine große Einfachheit und Pünktlichkeit der Grundstein dieses großartigen, fast schwindelnden Baues sei. Sein eigenes Webergeschäft war begreiflicherweise dadurch ebenfalls in viel größeren Schwung gekommen. Ohne, daß er es recht merkte, mehrte sich die Zahl seiner von ihm selbst beschäftigten Arbeiter, und mit einer Anwandlung von Schrecken fand er eines Tages, als er Abrechnung hielt, daß er deren mehr als fünfhundert besaß und allwöchentlich ein paar Frachtwagen mit eigenen Producten an die »Gebrüder Ammer« expedirte, die für deren Weiterbeförderung Sorge trugen. 472 Auf Weltenburg waren die Gemächer des alten Schlosses, ohne ihnen den alterthümlichen Charakter zu rauben, gänzlich restaurirt worden. In diesen Räumen, die werth gewesen wären, ein Musenhof zu sein und Troubadours oder deutsche Minnesänger aufzunehmen, hätte jeder Fürst seine Residenz aufschlagen können. Diese prächtig geschmückten Hallen und Corridore genügten jedoch der Prachtliebe der Gebrüder Ammer noch nicht, und deßhalb hatten sie einen neuen Flügel anbauen lassen, der große, weite Säle neben elegant eingerichteten Zimmern enthielt, die wohl geeignet waren zur Aufnahme der ausgesuchtesten Gäste. Seit dem letzten Herbst war der Schloßbau, der neue sowohl wie der alte, beendigt. Aber beide Baue standen leer oder wurden nicht eigentlich bewohnt, denn weder Christlieb noch Fürchtegott waren verheirathet, und den alten Ammer hatte bisher alles Bitten und Drängen seiner Söhne nicht bewegen können, aus seinem gemüthlichen Weberhause in die grandiosen, aber kalt aristokratischen Gemächer von Weltenburg überzusiedeln. Drei Zimmer nur, die kleinsten, neben einander gelegen, mit der Aussicht auf das Flußthal und den schönsten Theil des südwestlich streichenden Gebirgszuges, bestimmte er sich, wie er im provincialen Dialect zu sagen pflegte, zu seinem Ausgedinge , wenn er contract werden und am Schaffen und Wirken keinen Gefallen mehr finden sollte. Das größte dieser Zimmer enthielt einen mit großer Meisterschaft geschnitzten Kamin, in dem wohl ein paar Jahrzehnte keine trauliche Flamme mehr geleuchtet und gewärmt haben mochte. Die Brüder hatten in moderner Weise, ohne die künstlerisch schöne Einfassung des Kamins anzutasten, hinter demselben einen Ofen anbringen lassen, so daß, wollte Jemand das ungemein einladende und anheimelnde Zimmer im Winter bewohnen, die Durchwärmung desselben keine Schwierigkeiten machte. Diese Zimmer bewohnte der alte Ammer bei seinen von Zeit zu Zeit sich wiederholenden Besuchen auf Weltenburg. Er setzte sich dann, namentlich gegen Abend, wenn die Sonne die malerischen Conturen der Gebirge scharf hervortreten ließ, an das hohe, epheuumsponnene Bogenfenster und prägte das wunderschöne Landschaftsbild fest seiner 473 Seele ein. In solchen Augenblicken begegnete es dem alten Weber wohl, daß er sich der Erwerbung Weltenburgs freute, was sich für gewöhnlich nicht behaupten ließ. Entsprechend dieser großartigen und prunkenden Einrichtung des alten wie neuen Schlosses war das äußerliche Auftreten der Gebrüder Ammer. Beide hatten das Mannesalter erreicht, waren stattliche Gestalten und trugen in ihren Zügen das Gepräge von Menschen, die an rastloses gedankliches Arbeiten gewöhnt sind. Beide Brüder kleideten sich städtisch und zwar sehr elegant. Die feinsten Stoffe waren ihnen nicht zu gut, nicht zu theuer. Doch vermieden sie, gleichviel ob aus Grundsatz, aus eigenthümlichem Geschmack oder Caprice, die gäng und geben Moden, wie sie Deutschland aus Frankreich überliefert worden, mitzumachen. Der Schnitt ihrer Kleider war etwas abweichend von der streng französischen Mode, er war voller, reicher zu nennen und trug entschieden das Gepräge der Kaiserstadt an der Donau. Auf diesen Geschmack thaten sich die Brüder etwas zu Gute, indem sie Allen, die mit ihnen im Verkehr standen oder traten, damit zu erkennen geben wollten, daß sie in Wien heimisch seien. Das levantinische Geschäft erforderte einen fortwährenden Verkehr mit Wien. Diesen leitete, nach geschlossener Uebereinkunft, ausschließlich Christlieb, während der transatlantische Handel in Fürchtegott's Händen lag. Christlieb hatte zu besserer Orientirung wiederholt Wien besucht und reiste, nachdem auch dieser Geschäftszweig geordnet worden war und die erfreulichsten Resultate auswies, regelmäßig zweimal des Jahres dahin. Der letzte Ausflug Christlieb's an die Donau hatte über zwei Monate gedauert; seine Rückkehr erfolgte nicht mit der kaiserlichen Post oder, wie dies in der ersten Zeit geschah, auf dem »Stellwagen«, Christlieb erschien eines Tages vor Weltenburg in einem der elegantesten Wiener Wagen, den er sich in der Kaiserstadt gekauft hatte. Diese Equipage machte nicht geringes Aufsehen. Die ältesten und reichsten Familien der Stadt besaßen nicht ein entfernt ähnliches Gefährt. So oft einer der Brüder oder Beide, bequem und vornehm in den elastischweichen Kissen desselben ruhend, sich auf den Straßen der Stadt sehen ließen, verursachten sie fast einen Auflauf. Auf ebenem 474 Wege hörte man diesen meisterhaft gebauten Wagen kaum rollen, so zweckmäßig wiegte er sich in seinen starken Federn. Ein paar junge, gleichfarbige, feurige Rappen, die sehr viel Geld kosteten, wurden ebenfalls angeschafft, und damit ja nichts fehlen möge, die Besitzer desselben zu vornehmen Leuten zu stempeln, brachte man ein Phantasiewappen an jedem Wagenschlage an. Der alte Ammer machte große Augen, als er den neuen Fortschritt seiner Söhne auf der breiten Straße der Cultur zum ersten Male erblickte. Er besah sich die Equipage von allen Seiten genau, betrachtete das närrische Phantasiewappen, auf dem sich der stumpfe Thurm von Weltenburg befand, erprobte mit den Händen die Elasticität der mit himmelblauem Sammet überzogenen Sitzkissen, und ging kopfschüttelnd von dannen. Hast du die Karrete an Zahlungsstatt annehmen müssen? fragte er seinen Sohn. Ein paar tausend Gulden ist sie wohl werth? Christlieb erwiderte, er habe die Equipage, da sie ihm über alle Maßen gefallen, deßhalb gekauft, damit der Vater, dem das Gehen ja doch allgemach schwer werde, recht bequem eine Spazierfahrt darin machen könne. In der Prachtkarrete? versetzte Ammer. Soll mich Gott bewahren, mich auf sammetne Kissen zu setzen! Mein Lebtage habe ich keinen Fürsten in solchem Wagen kutschiren sehen, und ich, ein schlichter Weber, sollte so fahren? Bei Leibe nicht! Und der alte Trotzkopf hielt Wort. Er machte zwar den Söhnen weder Vorwürfe, noch setzte er ihnen mit Vorstellungen zu; aber nie bestieg er den Wiener Wagen. Er bemühte sich vielmehr jetzt, wo die erwachsenen Söhne immer eleganter und vornehmer erschienen, sich darauf richteten, es den Reichsten im Lande gleich zu thun und ganz und gar die Manieren Altadliger annahmen, schlichter denn je aufzutreten. Das mit grauer Leinwand überspannte, leichte Korbwägelchen blieb nach wie vor sein Lieblingsfuhrwerk. In diesem klappernden und auf holperigen Wegen unangenehm stoßenden Gefährt besuchte Ammer seine Freunde in der Stadt, in ihm erschien er vor dem Portal seines Schlosses. Bisweilen trug er gerade dann noch seine alte Weberkleidung, nämlich weißwollene, weit über das Knie hinaufreichende Strümpfe, 475 die oberhalb des Kniees festgeschnallt wurden, Schuhe mit schweren, silbernen Schnallen, eine weite, blautuchene Jacke mit silbernen Knöpfen und einen seines hohen Alters wegen in's Röthliche schimmernden dreieckigen Filzhut. Ungeachtet der schwer oder gar nicht zu vereinigenden Ansichten des alten Vaters mit denen seiner von der Neuzeit gleichsam besessenen Söhnen, war doch seit Fürchtegott's Rückkehr aus Amerika kein eigentliches Zerwürfniß mehr vorgekommen. Mochte der starrsinnige Vater darauf Verzicht geleistet haben, gegen die ihm gewaltsam entgegendrängende Zeitströmung anzukämpfen, oder fürchtete er eine abermalige Trennung, vielleicht einen feindlichen Bruch? Darüber vermochte Niemand Aufschluß zu geben, denn Ammer schwieg gegen Jedermann hartnäckig. Selbst Flora, die am leichtesten des Vaters Gedanken errieth, blieb im Unklaren. Dagegen freuten sich Alle über des Vaters Ruhe, seinen im Ganzen heitern Sinn, und bemühten sich deßhalb auch ihm möglichst zu Gefallen zu leben. Mit Herrnhut verkehrten die Brüder sehr viel, namentlich Fürchtegott. Dieser ritt wenigstens monatlich einmal von Weltenburg nach dem Brüderorte und logirte dann häufiger bei dem Grafen Alban als bei Wimmer. Letzterer war und blieb der Alte. Seine Natur schien von Eisen zu sein, denn wie oft er auch tagelange Reisen auf seinem bereits etwas stumpf werdenden Klepper machte, oft in dem abscheulichsten Wetter: nie fühlte er von solchen Strapatzen die geringste Beschwerde. Weltenburg suchte Wimmer ebenfalls einige Male im Jahre heim, weilte ein oder zwei Tage daselbst, freute sich, wenn er bemerkte, daß irgendwo etwas verbessert, eine neue zweckmäßige Einrichtung getroffen worden war und er die Ueberzeugung mit sich nehmen konnte, daß die Gebrüder Ammer immer angesehenere und mächtigere Herren in der Handelswelt wurden. Beim Abschiede drückte er den Brüdern dann wohl die Hand und sagte mit seinem ganz unnachahmlichen Augenaufschlage: Seht, liebe Brüder, das hat Gott gethan, und mich hat er begnadigt, die Hand dazu herzuleihen. Saß er wieder auf seinem Klepper, so zog er grüßend den breitkrempigen Hut, schlug mit der Gerte auf die gelbe Stulpe seines Stiefels und setzte lächelnd hinzu: 476 Wenn ich euer Glück sehe, liebe Brüder, muß ich immer wieder unserer Begegnung an der Kapelle beim Feldbrunnen gedenken. Das war ein wahrer Tag des Segens! Gott gebe Bestand bis an's Ende! Bei seinem Jugendfreunde, dem alten Ammer, zeigte sich Wimmer nur selten, beide Männer standen jedoch mit einander in gutem Einvernehmen und wechselten jährlich ein paarmal Briefe mit einander. Nach dieser Darlegung der äußern und innern Verhältnisse der Familie Ammer nehmen wir den Faden unserer Erzählung wieder auf. Am Ostersonnabend des Jahres 18.., als Frau Anna glücklich den letzten Fladen vom Färber aus dem Backofen hatte holen lassen, und von der anstrengenden und peinlichen Arbeit dieses schweren Tages ungewöhnlich geröthet war, rollte die Wiener Equipage die Gasse herein und hielt vor Ammer's Thür. Fürchtegott stieg aus, begrüßte die Mutter mit Herzlichkeit und fragte, ob der Vater sein Mittagsschläfchen schon gehalten und, ohne daß er ihn störe, zu sprechen sei? Die Mutter bejahte, deutete lächelnd auf das angenehm duftende, noch warme Gebäck und sagte: Er wird gar nicht mehr lange warten, obwohl er heute Morgen noch schlimmer als in anderen Jahren mit Worten und spöttischen Redensarten mir zugesetzt hat. Gerathen sind sie und das hat Vater gerochen. Darum hustet er schon seit einer halben Stunde im Stübel. Flora und ich, wir haben zusammen gebacken. Otto half mit einrühren, der Bengel! Aber ein prächtiger Junge ist's doch. Ich mußte für ihn einen Kuchen allein backen, sonst hätt' er sich aus der Kraft geflennt. Er hat ihn auch selber geschoben und nun ist er ganz glücklich, der liebe Herzensjunge! – Du bist doch munter, und Christlieb auch? Kommt er zum Fest herüber? Frau Anna sprach selten so viel. Wenn sie es aber that, so war dies ein Zeichen, daß nichts Unangenehmes vorgefallen und sie recht zufrieden mit sich und der ganzen Welt sei. Fürchtegott verhieß das Nachkommen des Bruders für den zweiten Festtag, und trat in's Zimmer. Als Ammer den festen Tritt eines Mannes hörte, öffnete er die Thüre seines Cabinetes und ging, wie er den stattlichen Sohn erblickte, diesem mit herzlichem Gruße entgegen. Du hast etwas auf dem Herzen, sprach der alte Weber, nachdem er den Sohn scharf angeblickt. Ist ein Unglück passirt? 477 Im Gegentheil, erwiderte Fürchtegott. Ich habe dir von einem Glück zu erzählen, wenn du davon hören willst. Ammer forderte ihn durch ein kurzes Kopfnicken dazu auf, seine Gesichtszüge nahmen aber gleichzeitig einen ernsteren Ausdruck an. Du hast schon wiederholt angedeutet, begann der vornehme Sohn, daß du es gern sähest, wenn wir Brüder uns verheiratheten. Christlieb will nicht, wenigstens noch nicht so bald, ich aber, lieber Vater, habe mich unter der Hand umgesehen, gewählt und bin nun entschlossen, dir eine Schwiegertochter zuzuführen. Ammer's Antlitz hatte sich schon wieder erheitert. Je nun, erwiderte er scherzend, da es einmal göttliches und menschliches Gesetz ist und die ganze Einrichtung der Welt es mit sich bringt, daß die Menschen sich paaren, so wüßte ich nicht, warum ich mich weigern sollte, deiner Auserwählten den Platz an meinem Tische einzuräumen. Mir zu Gefallen kann sie schon morgen die Osterfladen bei uns mit probiren. Aber sag' mir, Junge oder Herr Sohn! ist's ein Stadt- oder Landkind? Jung oder alt? Arm oder reich? Und wie heißt sie? Du kennst sie, die ich mir zur Lebensgefährtin auserkoren habe, nicht, lieber Vater, sagte Fürchtegott. Obwohl ich sie schon lange Jahre im Herzen trage und deßhalb auch genau weiß, daß ich in ihrem Besitze unaussprechlich glücklich werden muß, war es mir doch nicht vergönnt, sie zu sehen, zu sprechen und mich zu erklären. Das wird romantisch, warf Ammer heiter ein. Nun, und wie hast du's denn angefangen, um sie dir zu erobern? Ich begegenete ihr jenseits des Oceans – in der neuen Welt! sagte Fürchtegott mit Nachdruck. Wie? versetzte halb ungläubig der alte Ammer. In der neuen Welt? Du bringst mir doch nicht eine braunrothe Tochter in's Haus mit tättowirtem Gesichte und einer Federkrone, ein indianisches Häuptlingskind, von denen du uns so viel erzählt hast? Lächelnd erwiderte der Sohn: Meine Braut ist eine Landsmännin, die ich hier in unserer Beider Heimath zuerst, freilich nur auf Augenblicke sah, die ich drüben in Surinam näher kennen lernte und die mir gern für immer angehören will, sobald du, der Sitte gemäß, deine Einwilligung dazu gibst. Erdmuthe – so heißt meine Braut 478 ist die Wittwe eines herrnhutischen Missionärs und ein Engel an Herzensgüte, treuer Liebe und aufopferndem Wesen. Still, still! versetzte Ammer abwehrend. Engel sind alle Mädel und Weiber, wenn man verliebt ist, später schlagen sie ab und zu auch in's Gegentheil um. Aber muß es denn gerade eine Herrnhuterin sein? Du weißt, lieber Sohn, ich habe aus mancherlei Gründen nicht viel vor mit den Herrnhutern. Und nun gar die herrnhutischen Weiber! Und eine Missionärin! Du bist just kein Heiliger, dich ziehen die Freuden der Welt mehr an, als gut ist. Wie kannst du zu solcher stillen Herrnhuterin passen? Wie willst du mit ihr Seide spinnen? Hast du das Alles reiflich überlegt? Ja, Vater, erwiderte Fürchtegott. Ich habe Zeit gehabt, mein Herz zu prüfen, nicht Wochen, sondern Jahre lang. Als ich die Reise nach Amerika antrat, wußte ich bereits, daß Erdmuthe's Seele an der meinigen hing. Ich fand sie drüben in paradiesischer Einsamkeit unter von ihr zum Christenthum Bekehrten wieder – als Wittwe! Nie sah ich eine würdigere Trauer, nie eine in ihrem Schmerz gefaßtere Seele. Damals verlobte ich mich ihr und gestern – gestern, mein Vater, habe ich nach Jahrelangem Harren die Zusage erhalten, daß sie mir jetzt unverweilt ihre Hand zum ewigen Bunde reichen kann! An diese Eröffnungen knüpften sich Mittheilungen, die uns bereits hinlänglich bekannt sind. Ammer erfuhr jetzt von seinem Sohne, unter wie sonderbaren Umständen er die gewesene Missionärin zum ersten Male gesehen, wie er sie in seine Arme geschlossen habe ohne sein Zuthun. Er erzählte ferner von dem bei Graf Alban gefundenen Tagebuch der jungen Frau und von der fesselnden Zauberkraft, mit der es ihm Herz und Sinne bestrickt. Zuletzt eröffnete er dem über diese eigenthümliche Verkettung wunderbarer Schicksale erstaunten, aber durchaus nicht unfreundlich davon berührten Vater, daß die mächtigen Verbindungen des Grafen Alban und seine väterlich warme Verwendung die Zurückberufung Erdmuthe's zur Folge gehabt. Jetzt schon befinde sie sich wieder auf vaterländischem Boden und zeige ihm an, daß sie binnen wenigen Tagen in Begleitung seines erprobten Freundes, des Arztes Walter, in Herrnhut eintreffen und vorerst dort im Schwesternhause weitere Nachrichten von ihm abwarten werde. 479 Ammer freute sich unverhohlen über den Entschluß seines Sohnes. Mein lieber Sohn, sprach er nach längerer Pause, es sind in früheren Tagen Dinge zwischen uns vorgekommen, die uns wohl hätten auseinander bringen können. Ich hab' mich aber immer menagirt und so verständigten wir uns wieder. Heirathen stiften auch bald Frieden, bald Unfrieden; zu denjenigen Thoren aber, deren es unter uns leider sehr Viele gibt, welche es die Kinder entgelten lassen, daß sie einen andern Geschmack haben, als vordem wohl Sitte war, möchte ich nicht gern gehören. Gefällt dir also deine herrnhutische Geliebte, so nimm sie hin in Gottes Namen. Nur bitte ich mir aus, laß mich sie zuvor sehen; denn es könnte mich doch verdrießen, wenn du in diesem Punkte gar zu sehr aus der Art geschlagen wärest. Fürchtegott zeigte sich voll Dankes gegen den Vater, da er aus diesen Aeußerungen schon entnehmen konnte, daß seiner dereinstigen Verbindung mit Erdmuthe nichts im Wege stehen werde. Das Erscheinen der Mutter, der Flora alsbald folgte, unterbrach das Gespräch auf kurze Zeit. Ammer vermochte jedoch in der Freude seines Herzens nicht lange zu schweigen und machte deßhalb Frau und Tochter mit dem Vernommenen bekannt. Und nun gratulirt ihm und freut euch redlich! setzte er hastig hinzu, um jedes etwa mögliche Bedenken mit diesen Worten zu erdrücken, da er im Herzen doch überzeugt war, Fürchtegott habe gut gewählt. Frau Anna's Natur war nicht widersprechend geartet. Ihr traten bei des Vaters Mittheilung sofort Thränen in die Augen, und während sie mit einer stummen Bewegung Gott dankte, zog sie den stattlichen, hochgewachsenen Sohn an sich und küßte ihn mit mütterlicher Zärtlichkeit. Etwas zurückhaltender zeigte sich Flora. Es war nicht Neid oder Mißgunst, die ihr dazu Anlaß gaben, sondern die Befürchtung, der leidenschaftliche Bruder möge sich von einer verschmitzten Abenteurin haben täuschen lassen. Erst als sie die näheren Angaben erfuhr, auch vom eigenen Vater vernahm, daß Fürchtegott Jahre lang verschwiegen und treu der so weit Entfernten unwandelbar seine Neigung bewahrt habe, erschien der Bruder ihr in einem viel edleren Lichte. Liebt er treu und wahr, sagte sie zu sich selbst, dann ist er gerettet und sicher 480 vor allen Nachstellungen, und ist seine Braut eine Herrnhuterin von Geist und Herz, so dürften viele Männer seine glückliche Wahl beneiden. Ungefähr dasselbe, nur mit etwas anderen Worten, sagte sie auch Fürchtegott, indem sie fragend hinzufügte, ob Bruder Christlieb auch schon darum wisse? Noch nicht, erwiderte Fürchtegott. Ich wollte das edle; anbetenswerthe Weib nicht in's Gerede bringen, darum war ich vor Allem darauf bedacht, Erdmuthe mir in jeder Hinsicht zu sichern, ehe die Welt etwas davon auch nur ahne, wie viel weniger erfahre. Ammer billigte dies Verfahren, erklärte aber nochmals in sehr bestimmten Worten, er begehre die fromme Heidenbekehrerin zu sehen, und da Fürchtegott einige Hoffnung zu haben glaubte, sie werde bereits am Ostertage Herrnhut erreichen, waren Alle es zufrieden, daß Fürchtegott schon am nächsten Morgen sich nach dem Bruderorte begeben solle. Zweites Kapitel. Eine Verlobung. Die Glocken läuteten auf allen Dörfern die Feier des Auferstehungsfestes ein, als Fürchtegott in seinem bequemen Wagen, der in allen Ortschaften die Vorübergehenden, seiner ungewöhnlichen Form und Eleganz wegen, zum Nachsehen nöthigte, Herrnhut zufuhr. Da er zeitig aufgebrochen war, erreichte er den Ort ziemlich früh. Er begab sich unverweilt in das Landhaus des Grafen, mit dem er jetzt völlig ungenirt verkehrte, ließ sich melden und ward sogleich angenommen. Sie kommen zur guten Stunde, mein Freund, redete Graf Alban den reichen Besitzer von Weltenburg an. Ich habe Ihnen Mittheilungen der wichtigsten und erfreulichsten Art zu machen. Verzeihung, Herr Graf, fiel Fürchtegott ein, wenn ich mich zuerst nach dem erkundige, was mir vor Allem am Herzen liegt. Hat Erdmuthe geschrieben? 481 Nein, erwiderte mit feinem Lächeln Graf Alban, statt eines Briefes ist sie gestern selbst gekommen. O, Gott segne Sie ob dieses Wortes! sprach der junge Mann voll inniger Herzensfreude. Meine Eltern sind bereits unterrichtet, der Vater milder, heiterer denn je gestimmt, und wenn ich Erdmuthe bewegen kann, unverweilt mir zu folgen, um den Segen meines alten Vaters zu erflehen, so bin ich überzeugt, er schließt sie so väterlich innig und dankerfüllt in seine Arme, als hätte Gott selbst sie ihm zugeführt. Wo werd' ich sie treffen? Haben Sie, Herr Graf, schon Worte mit der edlen Dulderin gewechselt? Graf Alban nöthigte den heftig Bewegten zum Niedersitzen. Erst erholen Sie sich, junger Freund, sprach er, und werden Sie Herr über sich selbst. Es ist nie gut, in überströmendem Gefühle Wichtiges zu beschließen oder zu unternehmen. Nach ein paar Stunden sollen Sie Erdmuthe sehen; zuvor jedoch muß auch sie auf Ihr Kommen vorbereitet werden, denn mich dünkt, die Vielgeprüfte hat in den letzten Jahren, seit Sie ihr begegneten in den schönen Wildnissen Surinam's, mehr gelitten, als während ihrer Entbehrungen unter den Heiden. Ich erfuhr, daß sie leidend – nicht krank, sondern eben nur von starken Gemüthserschütterungen geistig stark angegriffen sei. Fürchtegott sah ein, daß der Graf vollkommen Recht habe. Er fügte sich deßhalb ohne Widerrede in die Anordnungen desselben, obwohl die zwei Stunden sich ihm zu einer Ewigkeit ausdehnten. Endlich schlug es eilf Uhr und der Graf lud den jungen Mann ein, ihm zu folgen. Gehen wir in's Schwesterhaus? fragte Fürchtegott. Nein, mein Freund und Bruder, versetzte mit einer gewissen Feierlichkeit Graf Alban, im Bethause, wo Erdmuthe Ihnen von dem unsichtbaren Freunde, der unser Aller liebevoller Beschützer ist, zugeführt ward, sollen Sie heute die Wiedergefundene begrüßen. Es ist uns gut, daß wir im Vollgefühl zeitlichen Glückes auch der himmlischen Güter eingedenk sind, ohne die wir doch entwurzelten Bäumen gleichen, die jeder Windstoß umstürzen kann. Erdmuthe ging als Braut des Herrn in die weite Welt. Sie hat Ihm treu gedient, bis man sie abrief, und wenn sie nach ihrer Wallfahrt zu den Heiden, denen sie das Evangelium der Liebe predigte, jetzt zurückgekehrt ist, um 482 als weltliche Braut einem braven Manne anzugehören, so werden die Seelen aller der Seligen, denen ihr Finger den Lichtpfad des Heils zeigte, sie als Brautführerinnen umschweben und einen Reigen um sie bilden, der allem Gemeinen, Frevlen, Sittenlosen, ja allem Gewöhnlichen unzugänglich ist. Sie, mein junger Freund, sind wacker und edel, aber die Welt hat vielleicht etwas zu viel Theil an Ihnen. Darum sollen Sie geweiht werden durch unser Aller gemeinsames Gebet, und der Friede des Herrn wird auf Ihrem Haupte ruhen, mit Ihrem Hause und mit Ihren Thaten sein, so lange Sie nicht von dem Herrn weichen! Fürchtegott schwieg, ergriffen von den eindringlichen Worten des Grafen. In wenigen Minuten hatten sie das Bethaus erreicht und traten in dessen schmucklose Hallen. Obwohl Jahre zwischen diesem und dem ersten Besuche Fürchtegott's in dem Versammlungsorte der Brüder lagen, machte er doch den Eindruck eines wohlbekannten Raumes auf ihn. Aber er war bewegt bis zur Erschütterung. Zu den Reihen der Brüder vorschreitend, reichte ihm jeder derselben die Hand. Einer Vorstellung bedurfte es nicht, denn jeder von einem Bruder Eingeführte galt der Gemeinde ebenfalls für einen solchen. Auch die Schwestern waren zum Theil schon versammelt. Jetzt nahte der Bischof, derselbe, welcher damals Erdmuthe eingesegnet hatte, und nun, geführt von den zwei ältesten Schwestern, trat die heimgekehrte Missionärin in den Saal. Erdmuthe Gottvertraut trug die einfache Wittwenkleidung, die jeglichen Schmuckes entbehrt. Dennoch fesselte ihre Erscheinung. Denn die junge Wittwe unterschied sich von allen sie umgebenden Schwestern durch eine gewisse Majestät, durch einen Zauber des Blickes, in dem sich Liebe und Milde mit Siegesgewißheit paarten, und weit entfernt von sinnlichem Reiz, doch Herzen gewinnen, ja berücken mußte. Sie war noch bleicher, als Fürchtegott Ammer sie in Surinam gefunden; gerade diese tiefe Blässe erhöhte in den Augen des jungen Mannes ihre Schönheit. Der Bischof erhob sich und sprach ein kurzes Gebet mit ergreifender, noch immer sonorer Stimme. Darauf hielt er eine jener zum Herzen dringenden Reden, die nicht eigentlich Predigten heißen können, noch auch sein wollen, weil sie aber gewöhnlich dem Bedürfnisse der 483 Gemeinde, oft sogar nur dem Momente angepaßt sind, nie spurlos verhallen. Er sprach von den Segnungen christlicher Sendboten, die als Säeleute des Herrn berufen sind, unter fremden Himmelsstrichen den Samen der Liebe auszustreuen, gleichviel, ob der Boden, auf welchen dieser Samen fällt, ein fruchtbarer oder unfruchtbarer, mit Steinen und Dornen überdeckter sein möge. Daran knüpfte er Betrachtungen über die Worte, daß dem Gerechten seine Werke nachfolgten, und erläuterte dieselben in so ergreifender Weise, daß eine lebhafte Rührung in den Reihen der Brüder und Schwestern sich bemerkbar machte. Endlich forderte er die Versammelten auf, eine jener von Gott Gerufenen, die mit Liebe und Ausdauer, mit Demuth und Glaubensfreudigkeit ihre Pflicht als apostolische Missionärin treu erfüllt habe, bis die Aeltesten der Gemeinde ihr zugerufen, sie möge nun ausruhen von ihrer Arbeit, zu begrüßen und freudig als Schwester wieder aufzunehmen. Ein kaum merklicher Wink veranlaßte die Begleiterinnen der Heimgekehrten diese selbst dem Bischof zuzuführen. Erdmuthe wollte dem ehrwürdigen Greise die Hände küssen, dieser aber faßte die Zitternde, zog sie an sich, gab ihr den Bruderkuß und sagte: Nicht mir, dem Heilande allein gebührt die Ehre. Der Herr segne deinen Eingang, wie er deinen Ausgang gesegnet hat! Der Herr gebe Frieden deiner Seele, jenen schönen Frieden des starken Glaubens, den du gepredigt hast mit Engelslippen unter den Heiden und dadurch Seelen gewonnen dem Himmelreich! Der Herr erleuchte dich ferner und gebe zu Begleitern durch's Leben dir die Engel der Zufriedenheit und Geduld, damit dem Mund, nie ein Wort der Klage hören lasse und die Schläge deines Herzens ein fortgesetztes Loblied seien zum Preise Dessen, der dich geschaffen hat. Amen! Die Hände des Bischofs ruhten auf dem Haupte der tief Erschütterten. Graf Alban näherte sich jetzt mit Fürchtegott der von Allen mit Andacht betrachteten Gruppe. Hochwürdiger Bruder, sprach er, dies ist der Mann, dem die Schwester sich vermählen will für die Dauer dieses Lebens. Er bittet, ihn im Angesicht aller Brüder und Schwestern derjenigen zu verloben, die Gott ihm in der Wildniß auserwählt zu seiner künftigen Lebensgefährtin. 484 Der Bischof reichte Fürchtegott die Hand, zog ihn zu sich heran und küßte seine Stirn. Hierauf legte er die Hand des jungen Mannes in die der gewesenen Missionärin. Die Blicke Beider trafen sich in diesem heiligen Moment. Fürchtegott Ammer, sagte der Greis, ich verlobe dich im Namen Dessen, der über alle Namen ist, dessen Rathschlüsse wunderbar und unerforschlich sind, und der da immer unser Bestes will, auch wenn wir es nicht immer einsehen können; ich verlobe dich Erdmuthe, der nachgelassenen Wittwe des in dem Herrn verstorbenen Missionärs, Johannes Gottvertraut. Sei ihr eine Stütze auf dem dornigen Wege durch's Leben, behüte ihre Seele als ein dir anvertrautes Heiligthum, und liebe sie so rein und wahr und treu, daß eure Herzen eins werden und ihr Gott und Menschen gleich angenehm bleibet, so lange ihr lebet! Berauscht von dem ihm gewordenen Glück, das er jetzt fest in seine Arme schloß, vergaß Fürchtegott dem ehrwürdigen Greise zu danken. Die geliebte Gestalt ruhte an seinem Herzen, leise schluchzend. Seine Lippen küßten wiederholt das weiche, blonde Haar, das unter dem schlichten Häubchen hervorsah, und als er seine Blicke erhob, war der Saal beinahe von allen Brüdern und Schwestern verlassen. Nur Graf Alban und die Führerinnen Erdmuthe's standen in einiger Entfernung. Erdmuthe entzog sich sanft den Armen ihres Geliebten, trat zu den Schwestern und drückte ihnen dankend die Hände. Ich werde euch nie vergessen, sagte sie weich. Ihr bleibt meinem Herzen immer die Nächsten. Dann wandte sie sich wieder zu Fürchtegott, umarmte ihn, trat auf den Grafen zu und sprach: Sie waren der Mittler, Herr Graf, zwischen ein paar verwaisten Herzen. Möge Gott Ihnen dafür lohnen! Und nun, nicht mehr mein Bruder, sondern mein Herr, fuhr sie mit einem Anflug heitern Humors zu Fürchtegott gewendet fort, nun bitte ich vor Allem, führe mich in das Haus deiner Eltern, daß ich mir auch deren Liebe und Achtung erwerbe und so deiner ganz würdig mich zeige. Erst als die beiden Verlobten in Begleitung des Grafen das Bethaus verließen, fiel es Fürchtegott auf, daß er den alten Wimmer 485 nicht unter den Brüdern gewahrt hatte. Es war ihm dies angenehm, weßhalb, wußte er sich selbst nicht genau zu sagen. Auch daß er ihn nach der Rückkehr in die Behausung des Grafen daselbst ebenfalls nicht traf, machte ihm Freude. Dafür trat ihm schon unter der Hausthür sein Freund Walter aus Paramaribo entgegen. Dieser junge Mann hatte mit anerkennenswerther Aufopferung dem Dienste Erdmuthe's sich geweiht. Unter seiner Führung hatte sie, nach erfolgter Abberufung durch die Aeltesten, die von ihr begründete Gemeinde verlassen. Walter sorgte wie ein Bruder für sie, während ihres ziemlich lange dauernden Aufenthaltes in der geräuschvollen Hafenstadt Surinams und pflegte sie während der Ueberfahrt, die wiederholter Stürme wegen eine Menge Unannehmlichkeiten in ihrem Gefolge führte. Die Begrüßung der Freunde war herzlich. Du hast's erreicht, Octavio! sprach Walter heiter, dem Freund auf die Schulter klopfend. Damals, als wir noch mit einander im Urwalde herumkrochen und Abends, ehe wir uns schlafen legten, die Füße uns doppelt verhüllten, damit uns die Vampyrmäuse nicht das Blut aussaugen möchten, hatte ich nicht geglaubt, daß ich dich im Vaterlande als Bräutigam würde umherwandeln sehen. So weit bring' ich's nicht, ich armer Schelm, setzte er seufzend hinzu. Weiß der liebe Gott, wie's kommt, alle Mädchen mögen mich gern, mich aber zu heirathen, dazu hat kein einziges Courage. Ich glaube, ich habe das ganze weibliche Geschlecht, soweit das nicht schon an den Mann gebracht ist, zu Geliebten, die Hand für immer gibt mir nicht das liebebedürftigste Geschöpf. Mich soll es aber nicht unglücklich machen. Wozu wäre ich denn Arzt geworden? Doch wohl nur, um Andern zu helfen, wo es nöthig ist. So bin ich denn überall ein gern gesehener Gast, heute als Brautführer, wenn es an einem so gutmüthigen Thoren fehlt, morgen heile ich als Heftpflaster klaffende Wunden, schlage ein andermal dergleichen in Gestalt eines Skalpells, um gar zu unruhig gewordenes Blut wieder fein sanft durch die ihm angewiesenen Kanäle fließen zu lassen, versenke mich als Sonde in schmerzende Geheimnisse und lindere als kühlendes Bäuschchen von Charpie offenes Weh. Ich bin mit einem Wort das unentbehrliche Factotum für eine Familie, deren Glückshimmel bisweilen von drohendem Gewölk verdunkelt wird, aus dem bald da, bald dort ein Blitzstrahl niederfährt, sei's nun, um 486 zu zerstören, bloß, um zu schrecken oder zu warnen. Willst du mich als solches Universalmittel für innere und äußere Schätzen in Lohn und Brod nehmen, so bin ich dein mit Haut und Haar! So ist's mir recht, Bin dein Diener, bin dein Knecht! Ein langer, heißer Händedruck Fürchtegott's dankte dem erprobten Freunde. Ich denke, sprach der Glückliche, wir bleiben von jetzt an unzertrennlich verbunden. Nicht aber mein Knecht oder Diener, mein Bruder und Freund sollst du sein. Das Haus der Ammer ist groß, es hat Raum für Alle, die ihm gewogen sind. Und wie dein Rath mir nicht entging in der neuen Welt, so oft ich desselben bedurfte, so wirst du mir diesen auch in der Heimath nicht entziehen, wenn die Verhältnisse schwierig werden und das Wort eines treuen und redlichen Freundes schwerer in's Gewicht fallen sollte, als Stufen lauteren Goldes. Graf Alban hatte für ein frugales Mahl gesorgt. Während die Wiedervereinten dasselbe einnahmen, hatte Erdmuthe Gelegenheit, manche merkwürdige Scene ihres bewegten Lebens dem Grafen mitzutheilen. Da nämlich Beide in fortwährendem brieflichen Verkehr mit einander geblieben waren, und häufig von der Missionärin entsendete Briefe über den Zustand der kleinen Christengemeinden unter den Indianern Surinam's Gegenstand langer Unterhaltungen in den Versammlungen der Aeltesten gewesen waren, konnte Graf Alban die frühere Missionärin leicht an Ereignisse und Vorgänge erinnern, welche Beiden wichtig sein mußten. So verging die Zeit auf die angenehmste Weise und hätte Fürchtegott nicht wiederholt an baldiges Aufbrechen gemahnt, so würde man bis spät unter Gesprächen beisammen geblieben sein, die ziemlich erschöpfend ein Thema behandelten, das allen wahren Freunden des Christenthums stets wichtig bleiben muß. Fürchtegott jedoch hatte durchaus keine Ruhe. Er konnte, was ihm weder Graf Alban noch Walter verdachte, den Augenblick kaum erwarten, wo er die Auserwählte seines Herzens, die ihm vor Kurzem feierlich vor dem Angesicht der ganzen Gemeinde Verlobte, seinen Eltern und Geschwistern als Braut vorstellen sollte. 487 Eine Stunde vor Sonnenuntergang fuhr Fürchtegott Ammer's Equipage vor. Erdmuthe erschrak vor der blendenden Eleganz dieses Wiener Wagens. O nein, ich bitte! sprach sie zögernd: das ist kein Wagen für eine arme Missionärin. Für mich ist ein Korbwagen zu gut. Das muß ich sagen, bemerkte Walter, du hast dich nicht übel eingerichtet. Den blauen Himmel über dir, im Himmel sitzend, fährst du, den fertigen Engel im Arm, geradeswegs in's Himmelreich hinein. Fürchtegott lächelte, indem er den Wagenschlag öffnete und Erdmuthe einzusteigen nöthigte. Diese aber zögerte und sagte bewegt: Mein theurer Freund, ist es auch recht, die mittellose Magd des Herrn aus der Rohrhütte in der Wildniß so plötzlich mitten in den Glanz der großen, reichen Welt zu führen? Zürne nicht, mein Freund, aber mir wird bange im Herzen vor solcher Pracht und Herrlichkeit. Nicht, daß ich fürchte, übermüthig und stolz zu werden, nur die Befangenheit wird an die Stelle der Offenheit treten, wenn du mich mit so ungewohntem Schimmer umgibst. Du wirst mich stumm machen, statt mittheilsam, und das Brod der Liebe werde ich nicht in treuen Worten, ach nein, nur in schweigsamen, todten Küssen reichen können. Laß uns lieber demüthig sein, mein lieber, lieber Fürchtegott! Der junge Ammer gerieth bei dieser Erklärung in eine seltsame Stimmung. Die köstliche Natürlichkeit dieser unverdorbenen, dem Weltleben so gänzlich abgewandten Seele entzückte ihn, und doch hätte er ihr harte Worte sagen mögen. Ihn freute es, die aus der weiten Welt Heimgekehrte, die er sich mit seinen heißesten Pulsschlägen erobert hatte, mitten in den lachenden Glanz seines durch rastlose Strebsamkeit erworbenen Reichthums führen zu können. Er war stolz auf Erdmuthe, ihrer großen und seltenen Eigenschaften wegen; aber es würde ihn gekränkt haben, wäre irgend Jemand auf den Einfall gekommen, ihm Vorschriften machen zu wollen, in welcher Weise er sein Vermögen anwenden solle. Diese, seinem Dafürhalten nach zu weit getriebene Bescheidenheit Erdmuthe's verletzte ihn und ein erster Mißton lief schrillend über die Saiten seiner Seele. Zögere nicht länger, meine theure Erdmuthe, sagte er, während er fühlte, daß ihm das Blut zu Gesichte stieg. Dieser Wagen ist mein, oder wenn du das lieber hörst, meines Bruders, denn er hat ihn 488 gekauft. Die Zeit verrinnt, und wollen wir die Eltern noch wach treffen, so müssen wir eilen. Es geht langsam auf unsern schlecht gehaltenen Wegen. Also rasch, mein Herz! Fasse dich nur, du wirst dann schon merken, daß sich's auf diesen Polstern bequemer sitzt, als auf deinem Mattenlager in Surinam. Mehr von Fürchtegott gehoben, als selbst gehend, stieg Erdmuthe in den Wagen. Sie zitterte und ein feuchter Glanz schimmerte in den zauberisch schönen Augen, deren himmlische Milde Jedermann entzücken mußte. Schnell sprang Fürchtegott ihr nach, schlang seinen Arm um ihren Leib und bedeckte ihren Mund mit leidenschaftlichen Küssen. Walter stieg gelassen ein und nahm Platz auf dem Rücksitze. Ein prächtiger Doctorwagen, sagte er schalkhaft. Wenn meine künftige Frau Gebieterin ihren Abscheu gegen weiche Kissen in himmelblauer Umhüllung nicht sollte überwinden können, so werde ich wohl gleich Gebrauch von meiner Kunst machen müssen. Ich verschreibe dann zu besserer Heilung von allzuweit getriebener Bescheidenheit, weil dieselbe eine Schwäche ist und jede Schwäche der Gesundheit des ganzen Menschen Schaden bringen muß, daß sie zur Stärkung ihrer zu reizbaren Nerven täglich ein- bis zweimal an meiner Seite in dieser himmelblauen Muschel, genannt Wiener Wagen, spazieren fahren soll. Mit heiterer Miene reichte er dem fein lächelnden Grafen die Hand, während Erdmuthe von dem bewährten Freunde noch durch eine stille Kopfbewegung Abschied nahm. Fürchtegott grüßte noch mehrmals mit der Hand, die schon längst unruhig stampfenden Rosse zogen an, und die elegante Equipage, zwei der glücklichsten und doch von den widersprechendsten Empfindungen gepeinigten Menschen tragend, rollte, von den Blicken vieler Neugierigen angestaunt, in den nahegelegenen rauschenden Fichtenwald hinein. 489 Drittes Kapitel. Im Elternhause. Am zweiten Osterfeiertage war die Thür des alten Ammer von einem sich immer auf's Neue ergänzenden Schwarm harmloser Neugierigen förmlich belagert. Der greise Weber kümmerte sich eben so wenig wie die übrigen Hausbewohner um die Schaar der Gaffer; vielleicht wäre es ihm sogar erwünscht gewesen, wenn deren Zahl sich noch vermehrt hätte. Ein glücklicherer Tag war, so lange Ammer, wie er zu sagen pflegte, handthierte, noch nicht über seinem Hause aufgegangen. Durch die unter Flora's Anleitung von den Mägden dreimal geklärten Fensterscheiben gewahrten die draußen am grüngemalten Gartenstaket Lehnenden eine die ganze Breite des Wohnzimmers einnehmende Tafel. Ein feines Damasttuch, so stark geglättet, daß es an den Ecken weit abstand, überbreitete dasselbe, und was Frau Anna von seltenem Geschirr besaß, das ward heute aufgesetzt. Dadurch überlud man die Tafel dergestalt, daß sich trotz allen Hin- und Wiederschiebens der vielen Porzellangefäße doch keine rechte Symmetrie herstellen ließ. Flora that zwar das Möglichste, weil aber nichts entfernt werden sollte, blieben der Geräthschaften doch immer zu viele. Ein bisher im Hause des Webers nicht gesehener Mann war das beständige Augenmerk der Neugierigen. Der Schnitt seines Frackes hatte etwas Ausländisches, auch fielen die langen schwarzen Haare, die er gescheitelt trug, den Zuschauenden auf. Dieser Mann war Walter, der sich in seiner zuthunlichen Weise sogleich mit Flora eng befreundet hatte und jetzt, von der glücklichen, jungen Frau bereits ziemlich eingeweiht in Küche, Keller und sonstige Geheimnisse des Ammer'schen Hauses, die Rolle eines anstelligen Haushofmeisters mit wahrer Virtuosität durchführte. Walter half demnach bei Anordnung der Tafel, so schwer oder unmöglich es war, in dieses Chaos wirkliche Ordnung 490 zu bringen. Er legte geschriebene Zettel auf die Teller, ja brach sogar Servietten. Flora schlug vor Erstaunen und Freude die Hände zusammen, als sie bald da ein Schiffchen auf silberblankem Zinnteller stehen, bald einen Fächer daraus emporwachsen sah. Diese Kunst verstand sie nicht auszuüben, obwohl sie schon früher davon gehört hatte. Walter war sogleich erbötig, die aufmerksame, junge Frau darin zu unterweisen, und so gelang es Flora nach einigen Versuchen ebenfalls Serviettenschiffchen vom Stapel laufen zu lassen. Um die Stunde, wo bei heiterm Wetter die Dorfbewohner ihren Feldspaziergang zu machen pflegten, um auf den schon früher beschriebenen Waldhöhen blühende Weidenzweige abzubrechen und die ersten Kinder des erwachenden Lenzes zu einem Strauße zu sammeln, wurde heute in Ammer's Hause getafelt. Am Abend zuvor war der Weltumsegler Fürchtegott, wie man den jungen Ammer gewöhnlich nannte, spät von Herrnhut zurückgekommen und zwar in Begleitung seiner Braut. Diese Kunde lief von Haus zu Haus, und obwohl Niemand eine Ahnung hatte, woher diese Braut eigentlich stamme, wer sie sei, so erfand doch sofort die Fama eine Geschichte, die, von dem Einen erzählt, bereitwillig von Allen geglaubt wurde. Nach dieser Erzählung hatte Fürchtegott sich die einzige Tochter eines steinreichen Pflanzers zum Weibe erkoren. Außer den unermeßlichen Reichthümern, welche sie ihm zubrachte, war sie selbstverständlich jung und ein wahrer Ausbund von Schönheit. Sie trug nur golddurchwirkte Kleider von ganz eigenthümlichem Schnitt, verstand kein Deutsch, sondern sprach Spanisch und Englisch, und wenn sie ausging, trugen zwei junge Schwarze, die sie mitgebracht, hinter ihr her große Wedel von Pfauenfedern, entweder um sie gegen die Strahlen der Sonne damit zu schützen, oder auch ihr ununterbrochen frische Luft zuzufächeln. Daß nach dieser wunderbar klingenden Erzählung Alle überaus begierig waren, die reiche, schöne Fremde mit eigenen Augen zu sehen, bedarf wohl nicht der Erwähnung. Nach längerem Harren sollten die Neugierigen für ihre Ausdauer belohnt werden. Die sehnlichst Erwartete trat an der Hand des jungen Ammer in's Zimmer und nahm zugleich mit den übrigen Mitgliedern der Familie Platz an der festlich geschmückten Tafel. Nicht aber eine hohe, strahlende Schönheit mit wallendem Lockenhaar, 491 umrauscht von goldstrotzenden Kleidern, mit kostbaren Perlengewinden und Diamanten geschmückt, trat ein, sondern eine fast zu einfach gekleidete Herrnhuterin, an deren allerdings sehr fein gebauter und weißer Hand nur ein einziger Goldreif schimmerte. Weder Gold- noch Perlenketten umschlangen den Hals. Ihr, wie es schien, volles, blondes Haar bedeckte das Allen gar wohl bekannte Häubchen, dessen die Schwestern sich bedienen. Da aber dieses Häubchen nicht einmal mit Rosaband unter dem Kinn befestigt war, sondern mit einfacher weißer Schleife, mußte man sich schweigend sagen, die Braut des reichsten jungen Mannes der Provinz sei schon einmal verheirathet gewesen. Mit dieser unerwarteten Enttäuschung verminderte sich augenblicklich die Schaulust der Menge. Wer konnte auch an einer verwittweten Herrnhuterin viel zu bewundern finden, wer überhaupt mochte noch Interesse haben für eine so schlichte Persönlichkeit! Schon nach wenigen Minuten hatten Wald und Flur mehr Anziehungskraft für die Neugierigen als das, was im Wohnzimmer des steinreichen Webers geschah, und ehe man sich's versah, stand Niemand mehr an dem grüngemalten Staket, welches den um das halbe Haus laufenden Blumengarten des alten Ammer einfaßte. Nur dann und wann schielte ein Vorübergehender nach den Fenstern, deren untere Schieber aufgeschoben waren, um in das etwas niedrige Zimmer frische Luft strömen zu lassen. Ammer im Rohr war das Verhalten der Menge nicht entgangen, und mochte er bisweilen auch gern bewundert werden als ein nicht alltäglicher Mensch, so konnte es ihm doch noch mehr Vergnügen machen, wenn die reine Neugierde Gedankenloser keine Befriedigung fand. Er lachte daher recht herzlich, als er die langen, vor Erstaunen bald dummen, bald ärgerlichen Gesichter bemerkte, die sich noch einmal fest an das Staket drückten und dann verschwanden. Erdmuthe saß zwischen ihrem Verlobten und dessen Vater. Diesmal hatte Fürchtegott durch seine Wahl die ganze Zufriedenheit seines Vaters sich erworben. Der alte, eigensinnige und bisweilen etwas sehr wunderliche Mann würde zwar auch jedes andere unbescholtene Mädchen, das der Sohn ihm als Braut zugeführt, freundlich aufgenommen haben, ohne gerade nach ihren Vermögensumständen zu fragen; schwerlich jedoch hätte er sich recht von Herzen gefreut, wenn 492 Fürchtegott mit einer reichen, vornehmen, anspruchsvollen und etwas verzogenen Weltdame in sein unscheinbares Haus getreten wäre. Die Herrnhuterin war ihm nicht deßhalb lieber, weil sie der Brüdergemeinde angehörte, sondern ihres bescheidenen Auftretens wegen, und daß sein anspruchsvoller und oft nur zu hochmüthiger Sohn gerade diese Schwester unter Tausenden sich erwählte, war ihm Beweis dafür, daß neben mancher tadelswerthen Eigenschaft doch eine tiefe und edle Leidenschaftlichkeit Raum in seinem Herzen finden könne. Ein fröhlicheres Familienfest, als die ohne alles äußere Gepränge erfolgende Verlobung Fürchtegott's mit Erdmuthe war in Ammer's Hause noch niemals gefeiert worden. Der Frieden, welchen die gewesene Missionärin gepredigt hatte und der seit Jahren unbestritten Besitz von ihrer Seele genommen, schien mit ihr zugleich die Wohnung Ammer's betreten zu haben. Dem mild und still waltenden Wesen Erdmuthe's gegenüber verlor alles Harte, Starre, gemein Leidenschaftliche seine Kraft. Sie bändigte mit Einem Blicke alle Leidenschaften und Begierden, und wenn sie sprach, so schmeichelten sich der Ton ihrer Stimme, wie der Gehalt und die Wahrheit ihrer Worte gleich linderndem Balsam in Ohr und Herz der Zuhörer. Ammer verhehlte seine Freude über die getroffene Wahl seines Sohnes nicht, eben so wenig machte er ein Geheimniß aus den Gefühlen, die ihn bewegten. Er sprach es in seiner treuherzigen, offenen Weise gegen Erdmuthe offen aus, daß durch ihren Eintritt in sein Haus ein neuer belebender Sonnenblick in sein schon etwas winterlich kühl und nebelreich gewordenes Leben gefallen sei. Du bist mir in's Stübel gesprungen, sagte er zu der mild lächelnden Braut, wie der Frühling, der in unseren Bergen auch oft zwischen Mitternacht und Sonnenaufgang über die Berglehnen in die Thäler und Gründe hereinfliegt. Ich denk' immer, ich höre die Nachtigall schlagen oder den Triller der ersten Lerche in der bläulich schimmernden Luft verhallen, wenn du sprichst, und so thust du meinem alten Herzen wohl, und das werd' ich dir nie vergessen, bis zum letzten Athemzuge. Es konnte nicht helfen, auch Erdmuthe mußte sich zu diesem körnigen alten Manne hingezogen fühlen, der für das Muster eines rechtlichen Webers gelten konnte. Es war Alles gediegen an dem 493 stattlichen Greise, der durch Thätigkeit und Ausbauer, zu denen sich freilich seltenes Glück gesellte, eine so große Macht sich zugeeignet hatte. Von allen Familiengliedern war aber doch Niemand innerlich so erfreut, als Flora. Das immer nur dem Rechten zugewandte Gemüth der jungen Frau hatte ihrem Bruder, dessen Schwäche sie kannte, allen Kummer vergeben, den er den Eltern durch sein eigenmächtiges Handeln bereitet. Die Wahl Erdmuthe's, die sie mit leidenschaftlicher Heftigkeit als Schwester in ihre Arme schloß, machte Alles gut. Sie segnete jetzt sogar den Tag, wo Fürchtegott ohne Zustimmung des Vaters die Heimath verlassen hatte, und als sie im traulichen Gespräch mit der Verlobten die näheren Umstände ihres geistigen Bekanntwerdens erfuhr, erschien ihr des Bruders ganzes Auftreten in viel milderem Lichte; nur konnte sie nicht begreifen oder fand es doch nicht ganz entschuldbar, daß Fürchtegott seine Neigung vor Jedermann geheim gehalten. Ihr, der liebevollen, theilnehmenden Schwester, meinte sie, hätte er sich doch anvertrauen können. Das wäre sogar gewissermaßen seine Pflicht gewesen, denn sie habe ja auch ihre Neigung zu Albrecht nicht verheimlicht. Fürchtegott scherzte über diese schwesterlichen Zumuthungen und meinte, es habe doch wohl so sein sollen. Was ihn betreffe, so sei er ganz zufrieden, daß Alles sich so gefügt habe. Das vorherige Besprechen einer so wichtigen Angelegenheit würde ihn nur gestört, seine Zuversicht geschwächt und ihn dadurch in unnöthige Zweifel und Aengste gestürzt haben. Erdmuthe's Verhältniß zu den übrigen Mitgliedern der Familie Ammer ward sonach ein in jeder Hinsicht angenehmes. Frau Anna sah ihre neue Tochter oft lange mit eigenthümlichen Augen an, umarmte sie dann heftig und sagte: Liebe, liebe Erdmuthe! Du wirst unser Aller guter Engel sein! Dann mußte die Herrnhuterin wieder erzählen, bald von sich, bald von den Wilden, mit denen sie Jahre lang zusammengelebt, und auf welche Weise es ihr möglich geworden, von Natur so wildgeartete und unbändige Naturen doch zu zähmen, ja sogar sich unterthan zu machen. Ueber diese vielen Fragen und dem unerschöpflichen Born der Unterhaltung vergaß man fast die leiblichen Genüsse, wenigstens ließ 494 man diesen nicht in der bei so feierlicher Gelegenheit sonst üblichen Weise ihr Recht widerfahren. Immer auf's Neue gab es wieder etwas zu erzählen, nicht allgemein Bekanntes zu erläutern, und während Alle mit großer Spannung solchen Erklärungen lauschten, ruhten Hände und Lippen. Fürchtegott war hoch erfreut, ja beglückt über die Macht, welche das bloße Erscheinen Erdmuthe's übte. Er hätte vor übergroßer Freudigkeit laut aufjauchzen mögen, da nun dies aber nicht wohl thunlich, und noch weniger schicklich war, begnügte er sich mit Zärtlichkeitsäußerungen gegen seine Braut. In diesem ganzen Kreise befand sich nur Einer, der nicht vergnügt schien. Dies war Christlieb, der am ersten Osterfeiertage von Weltenburg herübergekommen und sogleich mit der Nachricht von Fürchtegott's Verlobung durch seinen eigenen Vater überrascht worden war. Auch ihm gefiel Erdmuthe, er hätte sie vielleicht, wäre sie nicht die Braut des Bruders gewesen, selbst lieben können, obwohl ihn bisher jede weibliche Schönheit ziemlich kühl gelassen hatte. Aber er fühlte sich beengt in ihrer Nähe. Einen vernünftigen Grund, aus welchem dies seltsam beengende Gefühl entsprang, wußte er nicht anzugeben, und dennoch konnte er es nicht los werden. Endlich glaubte er einen Anhaltspunkt in der gar zu großen Einfachheit seiner zukünftigen Schwägerin gefunden zu haben. Diese schmucklose, allen Glanz verschmähende, ihn vielleicht gar verdammende Schwester, die gelehrt und gepredigt hatte, gleich den Aposteln, die schon deßhalb an weltlichen Dingen, weil sie vergänglich sind und leicht die Beute der Motten und des Rostes werden können, keinen Gefallen finden durfte, wenn sie wirklich von Herzen der Brüdergemeinde angehören wollte: sie mußte sich selbst entweder nie glücklich fühlen in den mit fürstlicher Pracht ausgeschmückten Hallen von Weltenburg, oder den Bruder dahin vermögen, sich dieser äußeren Zeichen seines Reichthums zu entkleiden. Um nicht durch sein zerstreutes Wesen, das bei der bisherigen lebhaften Unterhaltung glücklicherweise von Niemand bemerkt worden war, später noch aufzufallen, beschloß er, seine Schwägerin zu erforschen. Er fragte daher, wann sie Weltenburg zu besuchen gedenke? 495 Erdmuthe wandte ihr, von dem vielen Sprechen und der Freude, die sie durchrieselte, fein geröthetes Gesicht ihm zu, indem sie naiv entgegenfragte: Weltenburg? Wahrhaftig, das weiß ich nicht, denn ich kenne den Ort gar nicht. Ist er schön gelegen und merkwürdig? Na, das muß ich sagen, fiel Ammer heiter ein, wüßte ich nicht schon, daß ihr Beiden bis über die Ohren in Liebe und Seligkeit schwimmt, so würde mich diese Unkenntniß meiner kleinen, lieben Schwiegertochter darüber aufklären. Andere junge Herren, wenn sie um ein Mädchen freien, kollern ihm zuvor allerhand blinkernde Kostbarkeiten unter die Augen, damit sie davon geblendet werden, oder sprechen von ihren Schlössern, die weit oben hinter der spanischen See mitten hinein in die blaue Luft gebaut sind, daß es nur so seine Art hat; und mein großmächtiger Herr Sohn vergißt über seinen Liebesgedanken ganz und gar, daß er halbpart Herr auf unserm Schlosse Weltenburg ist? Mein Fürchtegott Herr eines Schlosses? sagte Erdmuthe und die Rosen auf ihren Wangen verwelkten ziemlich rasch. Ja, ja, meine liebe, fromme Schwester, fuhr Ammer fort; es hat meinem Schöpfer gefallen, mich wunderbar zu segnen mit weltlichen Gütern und ich danke ihm dafür in Demuth und Bescheidenheit. Weil ich aber als ein alter Mann, der sich an Neues, selbst wenn es besser ist, als das Alte, nur schwer gewöhnt, nicht gern aus meinen vier Pfählen herauswollte, so lange ich noch rührig handthieren kann, hab' ich das Schloß den Söhnen überlassen. Für die jungen Herren, welche die Welt mehr sahen als ich schlichter Weber, paßt das besser, und dir, mein liebes, feines Töchterchen, werden die Füßchen wohl nicht gleich müde werden, wenn du auch ein paarmal des Tages die Treppen auf und abwandeln mußt. Gewiß nicht, mein Herr Vater, versetzte Erdmuthe, ich bin nur ganz und gar nicht dazu angethan, eine Schloßfrau vorzustellen. Kind, das lernt sich! meinte Ammer. Ihr Weiber habt in diesem Punkte ein merkwürdiges Talent, euch rasch zu verwandeln. Hast du erst acht Tage lang in deinem Schlosse zugebracht, wird's dir vielleicht schwer fallen, hier in dies niedrige Weberhaus wieder einzutreten. 496 O nein, nein, mein Vater! sprach Erdmuthe hastig. Nie kann, nie soll dies geschehen! Das Einfache, Glanz- und Prunklose wird und soll immer meine Heimath sein. Ich würde untreu werden meinem Wort, das ich dem Herrn gelobt, als ich seinen Lehren und Vorschriften gemäß zu leben versprach. Ich weiß, Glanz und Pracht müssen sein; sie sind nöthig wie die Sterne am Nachthimmel, sie gehören zur Einrichtung dieser Welt! Aber ich, bester Vater, ich bin nicht würdig und nicht fähig, in prunkenden Gemächern einherzugehen. Nicht wahr, bester, liebster Fürchtegott, das verlangst auch du nicht von deiner Erdmuthe? Diese mit starker Bewegung gesprochenen Worte wären wohl geeignet gewesen, die Freude zu stören, Ammer jedoch wollte sich nicht stören lassen. Darum versetzte er, ehe irgend ein Anderer etwas erwidern konnte, in der heitersten Laune: Habe nur keine Furcht, meine kleine schüchterne Taube. Der Herr auf Weltenburg, der da als dein verlobter Bräutigam neben dir sitzt, ist viel zu gescheidt, als daß er dir zumuthen würde, du solltest gegen deine Neigung oder deinen Willen wie eine mittelalterliche Burgfrau in Sammt, Seide und Edelsteinen einherrauschen, 's ist mir ganz angenehm zu hören, daß die weibliche Eitelkeit dein Herz fest verschlossen gefunden hat. Damit wirst du meinen prachtliebenden Sohn recht weise im Zaume halten. Und will er nicht, wie seine kluge Frau es für zweckdienlich erachtet, da wende dich nur dreist an den alten Weißkopf! O, mein Kind, der alte Ammer kann sich 'was einbilden auf seinen starren Nacken! Es hat ihn noch kein Fürst beugen können, und wird es auch Niemanden gelingen, als – Gott woll' es verhüten – dem ungeheuersten Unglück! Also, will dein Mann dereinst zu hoch hinaus, so klopfe nur keck an's Schiebefenster, und da wollen wir beide die zu hoch aufschießenden Zweige ihm mit der Scheere der Liebe stutzen. Aber sehen mußt und sollst du Weltenburg. Und wie du's dann haben willst, so werd' ich's dir einrichten lassen. Darauf hast du hier meine Hand! Erdmuthe küßte die Hand ihres Schwiegervaters und schien vollkommen beruhigt. Fürchtegott schwieg, obwohl er mancherlei auf dem Herzen hatte. Christlieb verhielt sich ebenfalls still, beobachtete aber sehr scharf sowohl seinen Bruder als dessen fromme Braut, 497 und konnte nicht umhin, sich zu gestehen, daß aus der großen Verschiedenheit der Charaktere und Neigungen dieser beiden Menschen, die sich einander für's Leben verbinden wollten, ein ganzes Gebirge von Schwierigkeiten und Widersprüchen emporsteigen könnte, das wohl alles Glück, das sie im Augenblick sich träumten, zu verdunkeln, wo nicht ganz zu erdrücken geeignet sein möchte. Walter, dessen scharfer Beobachtung nicht entgangen war, daß die unerwartete Frage Christlieb's die vorher so gänzlich heitere Atmosphäre wie ein in weiter Ferne ausklingender Donnerschlag vibriren machte, bemühte sich, das Gespräch wieder auf andere Gegenstände und dadurch die Aufmerksamkeit Aller von Weltenburg abzulenken. Er begann deßhalb von Surinam zu erzählen, schilderte die Contraste der dort angesiedelten Europäer mit den Ureinwohnern des Landes und entwickelte dabei ein so köstliches komisches Darstellungstalent, daß in sehr kurzer Zeit sämmtliche Tischgäste in die heiterste Stimmung versetzt wurden. Der alte Ammer mußte zuletzt laut auflachen, und auch Frau Anna, deren still betrachtende Natur selten in ausgelassene Heiterkeit umschlug, konnte vor Lachen gar nicht mehr zu Athem kommen. Erdmuthe gab zu, daß wer, wie eben Walter, ein Auge für das Komische besitze, allerdings sehr viel höchst Wunderliches in jenem tropischen Lande auffallend und in hohem Grade lächerlich finden müsse. So endigte denn das Familienfest in der heitersten Weise. Später als gewöhnlich begab man sich zur Ruhe, zuvor aber ward noch festgesetzt, daß Erdmuthe bis zu ihrer Vermählung mit Fürchtegott im Hause Ammer's bleiben, die Vereinigung der Liebenden aber zu Pfingsten stattfinden solle. Viertes Kapitel. Bedenkliche Symptome. Ein Gewitter mit Sturm, Regen und leichten Hagelschauern war über das Gebirge hereingebraust, hatte die Fluren erfrischt, und zog jetzt in nordöstlicher Richtung nach den endlosen Forsten der großen 498 Haiden. Aus dem dunklen Gewölk, das sich immer weiter entfernte, zuckten noch häufige Blitze und dumpf rollte der Donner mit wenigen Unterbrechungen, indem das Echo der Berge den verhallenden Schall von Thal zu Thal weiter fortpflanzte. Vor dem großen Fabrikgebäude in Weltenburg saßen zwei Männer, die man schon an ihren Kleidern als Arbeiter erkannte. Sie verzehrten ihr Vesperbrod und beobachteten dabei bald den Zug der Wolken, bald ließen sie ihre Blicke hinab in's Thal schweifen, wo hin und wieder auf den gegen die Berge zu smaragdgrün schimmernden Wiesenmatten die Sonne goldgelbe Lichtabschnitte zeichnete. An der Straße und zwischen den Häusern zeigten sich blühende Obstbäume, die, vom Winde leicht bewegt, mit den herabträufelnden Regentropfen auch eine Menge Blüthen abschüttelten. Die Fabrik feierte. Aus dem Flußthale herauf schritt der Walkmüller, oft stehen bleibend und sich nach den Wolken umsehend, denen er noch nicht recht traute. Bekannt mit den Gewitterstürmen dieser Gegend, besorgte er immer Wolkenbrüche, die freilich gefährlich genug werden konnten und schon einmal die ganze Walkmühle, ungeachtet ihres sehr festen Unterbaues, zerstört hatten. Traf ihn ein derartiger Unfall auch nicht direct, so schädigte er ihn doch; denn er hatte die Walkmühle von den Gebrüdern Ammer pachtweise übernommen und mußte contractmäßig jeden Monat eine bestimmte Anzahl Weben für die Versendung zubereiten. Als er jetzt die Arbeiter vor der Spinnerei gewahrte, gesellte er sich zu ihnen und sagte: Ihr habt heute ja gar vornehmen Besuch. Vornehmen wohl nicht, erwiderte einer der Arbeiter, aber respectabeln. Wie Ihr wollt, meinte der Walkmüller. Ich denke, es wird doch gut sein, wenn hier auch einmal eine Wirthschafterin einzieht. Seit die jungen Herren sich ganz niedergelassen haben im neuen Schloßgebäude, ohne daß eine Frau zum Rechten sieht, gefällt mir Vieles nicht besonders. Das geht wohl Jedem so, versetzte lachend der andere Arbeiter. Wenn sich aber die Beiden nur sonst gut mit einander vertragen, wird das nächstens schon anders werden. Der Walkmüller trat noch einen Schritt näher, und sprach mit gedämpfter Stimme: 499 Habt Ihr gehört, wann die Hochzeit sein soll? Man spricht von Pfingsten, meinte einer der Arbeiter. Das wäre demnach in drei Wochen. Hm, hm! Ist Euch das nicht recht? O gewiß. Aber sagt: wie gefällt Euch die Braut des jungen Herrn? Ich hätte mir 'was Anderes ausgesucht, versetzte der Arbeiter, welcher zuerst gesprochen hatte. Wer hätte gedacht, daß eine arme Herrnhuterin, und noch dazu eine Wittwe, Herrin von Weltenburg werden sollte! Nein, da wäre ich in's Land hineingefahren, links oder rechts, hätte mich nach dem schönsten, reichsten und vornehmsten Mädel erkundigt und wär's eines Grafen Tochter gewesen, und die hätte ich angesprochen. Ja, das hättest du gethan, die Ammer sehen die Welt aber mit andern Augen an, als wir übrigen gewöhnlichen Menschenkinder. Das eben ist's, sprach der Vorige. Seht, Walker, ich will Euch 'was verrathen. Die beiden jungen Herren haben nicht viel weniger Schrullen, als der Alte, nur sind sie anderer Art. Besonders der Jüngste; seitdem der die Welt und noch 'was mehr gesehen hat, seitdem ist schwer mit ihm auskommen. Weiß der liebe Gott, wo ihn der Schuh drückt – aber er drückt ihn gewiß und wahrhaftig – glücklich und zufrieden ist er trotz seines Reichthums doch nicht. Ist's etwa sein Bruder oder der alte Vater? sagte der Andere bedeutungsvoll. Keiner ist's! Und das läßt sich auch begreifen. Das Geld drückt sie. Sie können nicht ruhig schlafen, wie unsereins. Wenn sie sich Abends auf ihre gesteppten Seidenkissen niederlegen und nur eben die Augen schließen, raschelt's in allen Winkeln, aus den Tapeten mit den prächtigen Goldblumen daran gucken und lachen eine Menge kleiner Teufel, springen heraus aus ihrem Versteck, erklettern die mit grüner und purpurrother Seide umhängten Betten und setzen sich den Schlummernden auf's Herz und auf die Pulsadern. Dann quälen die Millionäre entsetzliche Träume von Räubern, die einbrechen und ihnen die zusammengehäuften Schätze nehmen, oder sie sehen sich auf der See schwimmen, ein Sturm wühlt die unermeßlichen Gewässer auf, thürmt sie zu Bergen, zerreißt sie in gähnende Abgründe und da hinunter treibt der Teufel das Schiff mit Mann und Maus und 500 allen Schätzen. Wenn sie dann erwachen, sind sie matt und elend, und kalter Schweiß rinnt ihnen von Stirn und Schläfen. Woher weißt du das? fragte der Walkmüller. Ich weiß es, sagte trocken, aber bestimmt der Vorige. Das geht allen Reichen so. Sie wüßten ja auch sonst nicht, daß es Elend gibt auf der Welt. Was wir andere armen Creaturen mit vollem Bewußtsein, mit allen unsern Sinnen erleben müssen, das spielt und orgelt den Reichen des Nachts der Traum vor. Gerechtigkeit muß sein, es gäbe aber keine auf Erden, wenn es anders wäre. Der Walkmüller schüttelte den Kopf. Merkt Ihr nichts? sagte er nach einer Weile. Ist Alles noch so, wie vor drei, vier Jahren, als die Sache hier erst in Gang kam? Nicht so ganz, erwiderte der zweite Arbeiter, aber es ist nichts schlechter, sondern Alles eher besser geworden. Warum aber, sagt mir, warum hat das Flachsspinnen aufgehört? Warum wird immer und immer nur Baumwolle gearbeitet? Ich begreife gar nicht, wo die Herren diese ungeheuern Massen hinschaffen, und weiß wieder nicht, wo sie ihr Garn zu den Leinewanden hernehmen, die sie in die neue Welt versenden. Was kümmert's uns, wenn wir nur richtig bezahlt werden? versetzte der Arbeiter. Und an Geld ist bei den Ammern bis jetzt noch kein Mangel. Mag sein, versetzte der Walkmüller, ich meines Theils weiß aber auch, daß Herr Christlieb Ammer jüngst einen bösen Verdruß gehabt hat. Weßhalb? Wegen einer Kiste feiner Linnen. Sie war durch Wimmer befördert worden, sollte mit den andern nach Amerika, blieb aber, auf welche Weise, habe ich nicht ermitteln können, in Hamburg. Dort wurde sie an einen sehr accuraten Mann, einen reichen Gutsbesitzer, irgendwo dort herum verkauft, und er behauptet, er sei betrogen. Die Leinewand sei nicht reines Linnen, es sei Baumwolle darunter gewesen. Da habt Ihr Euch sicherlich etwas aufbinden lassen. Gewiß und wahrhaftig nicht! betheuerte der Walkmüller. Es ist so, wie ich sage, und seitdem hat auch Herr Christlieb Ammer keinen rechten Geist. Wenn die reichen Herren nur nicht aus lauter 501 Uebermuth Schwindelgeschäfte treiben! Der alte Schleicher, der Wimmer, der ab und zu auf seinem spatlahmen Pferde hier hereinreitet, und dann immer Stunden lang mit den beiden Herren zusammensteckt, sieht mir gerade aus, als habe er Handgeld vom Teufel in allen Rocktaschen. An frommen, gottesfürchtigen Redensarten läßt er's freilich nie fehlen, auch gibt er zuweilen Trinkgelder, es ist aber trotz alledem ein schlechter Kerl, sonst schielte er nicht so gräulich oder schlüge nicht immer die Augen nieder, wenn er mit einem Unbekannten spricht. Sollte deßwegen der älteste der beiden Brüder neulich des Nachts so plötzlich verreist sein? warf Einer der Arbeiter ein. Aber nein, das kann damit nicht in Verbindung stehen, denn er ritt ja nach Böhmen, nicht nach Herrnhut. Still! sagte der Walkmüller. Die Herrschaften kommen aus dem neuen Schlosse zurück. Ich möchte nicht, daß es aussähe, als hätten wir nichtsnutzige Reden geführt. Eine Pracht ist's doch, den alten Herrn zu sehen! Wie er sich stramm hält und wie fest er auftritt! Dabei sieht er jedem gerad' in's Gesicht und zuckt nicht, und wenn Einer Feuer dicht vor seinen Augen anschlüge, 's ist ein ganzer Mann! Wie der, werden die Söhne nicht, wenngleich sie weiter in der Welt herumgekommen sind, viel vornehmer aussehen, und obendrein noch ein paar fremde Sprachen so flink und firm, wie unsereiner sein Deutsch, reden können. Die Arbeiter traten unter die Thür der Spinnerei, wo sie, ohne selbst bemerkt zu werden, Alles, was draußen in der unmittelbaren Nähe des Schlosses vorging, beobachten konnten. Der Walkmüller betrachtete nochmals den Himmel und die Gebirgswand, über deren blauem Saume sich schon wieder neue Wetterwolken zeigten, und stieg wieder den Hügel hinab zu seiner Pachtung. Von dem neu erbauten Schloßflügel schritten, in lebhafter Unterhaltung begriffen, der alte Ammer, begleitet von Frau Anna, seinen beiden Söhnen, Flora und Erdmuthe, gegen den alten Bau. Die Gebrüder Ammer waren, wie schon seit Jahren, höchst elegant nach der allerneuesten Mode gekleidet. Auch Flora trug wenigstens sehr reiche Kleider, wenn schon deren Schnitt vielleicht eine Modedame feinsten Styls nicht ganz befriedigt haben würde. Nur Ammer und seine Frau hatten ihre alte Tracht beibehalten. Ebenso ging Erdmuthe noch immer in 502 ihrer Schwesterkleidung, ohne die geringste äußere Auszeichnung als die ihres eigenthümlich geformten Häubchens. Am Thorwege, welcher in den Hofraum des alten Schlosses führte, von dessen plattem Thurme heute zur Begrüßung der künftigen Herrin die Flagge wehte, blieb die Gesellschaft stehen. Fürchtegott erfaßte die Hand seiner Braut und sagte: Hast du dich noch nicht anders besonnen, liebe Erdmuthe? Du würdest mir einen recht großen Gefallen thun. Ich hatte mich so darauf gefreut, dich überraschen, dich später in den für dich so freundlich und bequem eingerichteten Räumen in wohlthuender Stille und Sanftheit walten zu sehen. Und nun magst du nicht einmal darin wohnen! Mein Freund, erwiderte Erdmuthe, mißdeute nicht meine Abneigung gegen diesen Glanz. Er beunruhigt mich, macht mich befangen und unfrei, und würde sehr bald die in meinem Herzen wohnende Zufriedenheit mit seinem Geflimmer verschütten. Hättest du mich früher auf all' diese Herrlichkeiten vorbereitet, vielleicht wären sie mir dann weniger störend. Da dies nicht geschehen ist, so bitt' ich dich, Lieber, nöthige mir nicht eine Hülle auf, die zu meinem innersten Sein und Wesen nicht paßt! Fürchtegott mußte an sich halten, um nicht heftig zu werden. Aber das ist Eigensinn, liebe Erdmuthe, oder Einbildung, sagte er. Und beide muß unser Verstand zu besiegen wissen. Erdmuthe sah ihren Verlobten mit sonderbaren Augen an, so lange, bis dieser ihren Blick nicht mehr ertragen konnte. Eigensinnig war ich nie, lieber Freund, versetzte sie dann, aber ich beharrte immer bei dem, was ich nach reiflicher Prüfung für Recht erkannte. Ich will dich ja nicht tadeln, daß du dich in dieser kostbaren Einrichtung so wohl gefällst. Ich kann es recht gut begreifen, und an sich ist es auch nicht sündhaft, sich mit solchem Glanz und Prunk zu umgeben, wenn uns der Herr reiche Mittel dazu verliehen hat. Allein Werth, mein Freund, wirklichen, bleibenden Werth haben alle diese Dinge nicht. Sie sind eben so vergänglich, wie alles Irdische. Sie zerfallen in Staub und Moder, wie dies mein unscheinbares Kleid, und was man nie vergessen sollte: sich an solchen Tand gewöhnen heißt nicht Gott, sondern dem Mammon dienen. Es 503 weiß Keiner von uns, wie lange er im Besitze dessen bleibt, was er heute noch sein nennt! Darum soll sich Niemand überheben; denn schickt ihm der Herr früher oder später eine Prüfung, so besteht er sie ungleich schwerer, als derjenige, der niemals vergessen hat, sich in Demuth vor dem Allmächtigen zu beugen und alles Aeußerliche gering zu achten. So mild und sanft auch Erdmuthe diese Worte sprach, Fürchtegott ward dennoch sehr unangenehm davon berührt. Ich hätte nie geglaubt, sagte er in scharfem, lieblosen Tone, daß Frauen sich so tief in's Predigen hineinleben könnten. Bedenke doch, Liebe, daß du nicht mehr in Surinam unter eben getauften Helden herumschweifst, sondern umgeben bist von Christen, die gar nicht mehr genau zu sagen wissen, wann sie dieser Gnade theilhaftig geworden sind. O, spotte nicht, mein Freund! erwiderte Erdmuthe ernst. Es wäre gar schlimm mit uns bestellt, wenn das Christenthum uns alt oder unbequem erschiene. Wohl den Menschen, denen es ewig so neu, so der Rede, Beachtung und des Nachdenkens werth bleibt, wie jenen in ihrem Gott Beruhigten, die es aus voller Ueberzeugung mit Herz und Mund eben erst bekannten. Wir wollen darüber nicht streiten, liebe Erdmuthe, erwiderte Fürchtegott. Dir gegenüber würde ich doch immer im Nachtheile bleiben, weil ich zu wenig Gewandtheit, wohl auch zu wenig Kenntniß von diesen gar heiligen Dingen besitze. Ich werde das Weltkind niemals ganz in mir todt schlagen, so groß auch mein Respect vor einem feinen Leben in Christo ist, wie man das, wenn ich nicht irre, in der Sprache deiner Brüder nennt. Ammer, der mit den Uebrigen seitwärts gegangen war, um den vollen Anblick des alten Schlosses recht zu genießen, das jetzt von der Sonne glänzend hell beschienen ward, kam wieder heran, und da er auf den Mienen Beider einen Zug des Unmuthes oder leichter Verstimmung bemerkte, sprach er in zutraulich heiterm Tone: Seid ihr noch immer nicht einig? Nun, da muß ich mich wohl in's Mittel legen und befehle deßhalb: mein Herr Sohn wird meiner lieben Schwiegertochter ein paar Zimmer im alten Schlosse einrichten lassen und zwar ganz nach ihrem Geschmacke, ich aber werd's bezahlen. 504 Und nun still! So hat Jeder von euch seinen Willen. Der da, dem es ganz besonders angenehm ist, wenn er seine Hand auf Sammet oder Seide kann spielen lassen, mag sich täglich, wenn er allein sein muß der Arbeit wegen, in eins seiner kostbaren Prachtgemächer setzen, während meine kleine bescheidene Tochter in ihrem schmucklosen Zimmer sich eben so glücklich fühlt. Hat denn der Schloßherr sich satt gesehen an seinen Tapeten und Spiegeln und Kronleuchtern, und bedarf er der Stärkung, da wird er gar flink herüberspringen zu seiner feinen Frau und in ihren Augen das Glück finden, das er unter dem kalten Glanz der Welt doch vergeblich suchte. Ist's so recht, ihr Strudelköpfe? Ja, mein Vater, so ist's recht, sagte jetzt ebenfalls heiter Erdmuthe, dem ehrwürdigen Vater dankend die Hand reichend. Was du einleitest und ausführst, muß immer das Rechte sein, fuhr sie fort, denn es kommt bei dir Alles aus einem Herzen voll Liebe. Du willst nicht paradiren, du willst immer nur Gutes thun. Still, still, kleine Herrnhuterin! versetzte Ammer, ihre Hand zärtlich drückend. Wenn du oft so von mir und zu mir sprichst, könnte ja am Ende der Sohn eifersüchtig auf seinen eigenen Vater werden. In Fürchtegott's Gemüth ließ diese Unterredung unauslöschliche Spuren zurück. Daß Erdmuthe Alles, was ihm persönlich theuer war, nicht besonders achtete, ja gewöhnlich für vollkommen entbehrlich hielt, beunruhigte den jungen, ehrgeizigen und stolzen Mann in peinlichster Weise. Er war noch lange nicht am Ziele, erst der Anfang einer Laufbahn, die seinen Namen in den Annalen der Industrie verewigen sollte, war seiner Meinung nach von ihm betreten, und Erdmuthe, jetzt seine Braut, bald sein ihm angetrautes Weib, konnte es kaum ertragen, mit gleichgiltigem Auge das zu betrachten, was er doch sein rechtmäßig erworbenes Besitzthum nannte! Es war ihm zwar recht angenehm, daß sein Vater bisher die schlimmsten Hindernisse durch sein gewissermaßen harmlos gebieterisches Zureden wenigstens scheinbar aus dem Wege geräumt und Erdmuthe's Bedenken, die in ihrer religiösen Ueberzeugung lagen, beschwichtigt hatte. Das konnte und durfte aber nicht immer so bleiben. Mit Erdmuthe's Einzug auf Weltenburg endigte der wohlthuende oder besänftigende Einfluß des Vaters. Sie sah ihn vielleicht in Wochen 505 nicht, sie mußte sich an ihren Gatten halten, in ihn sich fügen, seinen Wünschen zu genügen suchen, oder – das Band, das zwei so heiß und innig liebende Herzen vereinigte, mußte sich auf der einen oder andern Seite lockern. Diese Gedanken machten Fürchtegott schweigsam, während er an der Seite seiner nur zu schlicht gekleideten Braut nach dem Hofraume des alten Schlosses ging. Hier standen bereits die Wagen angespannt, welche den alten Ammer und seine Begleitung wieder heimfahren sollten. Zur Herfahrt hatte man sich des uns schon bekannten klirrenden und stoßenden Gefährts bedient, das Vater Ammer wenige Jahre nach seiner Verheirathung sich schon zulegte, um weitere Touren im Gebirg, namentlich bei schlechter oder unbeständiger Witterung darin zu machen. In diesem Wagen befanden sich zwei Hängesitze, die zur Noth vier Personen fassen konnten. Zu größerer Bequemlichkeit und weil er es überhaupt nicht gern sah, daß seine Braut in diesem Klapperkasten stundenlang sich auf den schlechten Wegen hin- und herwerfen lasse, hatte Fürchtegott seinen Wiener Wagen anspannen lassen, und lud jetzt die Mutter ein, sich desselben zugleich mit Erdmuthe zu bedienen. Den Vater forderte er nicht dazu auf, weil er einer abschläglichen Antwort bei diesem gewiß war, und daß Flora den Vater nicht allein werde fahren lassen, konnte er sich ebenfalls sagen. Kaum jedoch hatte Frau Anna in ihrer Gutmüthigkeit die prächtige Equipage ihrer Söhne bestiegen, als Erdmuthe, gleichsam als sähe sie dieselbe gar nicht, nach ihres Schwiegervaters unscheinbarem Korbwagen ging und die Thür desselben öffnete. Fürchtegott trat, blaß im Gesicht, als stehe ihm eine Ohnmacht bevor, an die Geliebte und sagte mit zitternder Stimme: Geh zur Mutter, Erdmuthe! Laß mich, Freund! erwiderte diese sanft und ohne jegliche Spur von Aufregung. Dein Vater fährt in diesem Wagen; wir sind ganz zufrieden und recht vergnügt gewesen unterwegs; weßhalb sollen wir uns halbiren? Schone deine Rappen, lieber Fürchtegott, setzte sie freundlich lächelnd hinzu, sie bedürfen auch der Ruhe; wenn ich aber nächstens mit dir fahre, mein Herz, will ich dir den Gefallen thun und mich recht groß und breit in die unpassende Chaise setzen. Lebe wohl, mein Freund, behalte mich lieb und bleibe demüthig. Glaube 506 mir, Liebster, Demuth verleiht dem Herzen eine gar wunderbare Ruhe und sänftigt und bändigt alle Stürme, die es durchschauern! Fürchtegott vermochte nicht zu antworten. Er sah Erdmuthe kalt, fast entsetzt an. Den Druck ihrer Hand erwiderte er nicht. Die Mutter hatte inzwischen die Equipage wieder verlassen und stieg mit Flora's Hilfe ebenfalls in den Korbwagen. Jetzt kam Ammer, der noch einige geschäftliche Fragen an Christlieb gerichtet, und fragte: Nun, habt ihr euch eingeschachtelt? Ganz prächtig, Papa, versetzte Erdmuthe. Bleibt nur der Abend schön und kommen die Wolken dort hinter den Bergen nicht gar zu früh herauf, so wollen wir recht heiter sein, wenn wir tüchtig zusammengeschüttelt werden. Ammer hatte sich schon neben Flora gesetzt. So gefällst du mir, sagte er. Immer munter mit Manier und nicht gar hoch hinaus mit dem Kopfe. Merkt's euch, ihr Beiden! rief er seinen Söhnen zu, und nehmt euch ein Exempel daran, also daß die Welt nicht dermaleinst von euch sagen kann: Hochmuth kommt vor dem Falle! – Und nun, Gott behüt' euch. Fahr' zu, Joseph! Der Korbwagen des alten Webers klapperte den gewundenen Weg vom Schloßhügel hinunter, Fürchtegott sah ihm mit verstörtem Antlitz nach, bis er die Fahrstraße erreicht hatte und Joseph das Pferd durch einige ermahnende Zurufe in einen langsamen Trab setzte. Fünftes Kapitel. Eine Unterredung der Brüder. Von Christlieb's Hand berührt, wendete sich Fürchtegott um, einen tiefen, lauten Seufzer ausstoßend. Du gehst einen ganz falschen Weg, lieber Bruder, sagte Christlieb. Deine Liebe zu Erdmuthe macht dich blind und darüber kommst du in's Taumeln und Stolpern, daß du schweren Schaden nehmen kannst. Bedenke, daß Erdmuthe Braut ist. Alle Bräute sind eigensinnig, 507 wenn nicht von Natur, so doch aus Grundsatz, mit Absicht. Ein Geliebter dient der Geliebten und läßt sich Alles von ihr bieten. Der klügste Liebhaber ist der gefälligste Sklave seiner Braut. Später ändert sich das. Capricieuse Bräute werden gewöhnlich die gehorsamsten Frauen. Und auch das liegt in den Verhältnissen, in höchst weisen Natureinrichtungen. Eine Frau hat ihre Freiheit verloren, sie ist ein Theil des Mannes, der ihr Herr geworden. Das weiß jede, die kluge am besten. Darum fügen sie sich dann auch allen billigen Wünschen ihrer Männer. Du sprichst sehr weise und fast so gescheidt, als hättest du an dir selbst schon einmal diese Erfahrung gemacht, entgegnete Fürchtegott. Auch magst du vielleicht Recht haben; ich fürchte jedoch, es gibt, wie überall, so bei Bräuten ebenfalls Ausnahmen. Erdmuthe kann zu diesen Ausnahmen gehören, wie sie ja überhaupt eine eigenthümliche Erscheinung unter ihren Schwestern ist. Was sie als Braut will, weil sie es für Recht erkennt, indem sie leider immer nach herrnhutisch-religiösen Principien handelt, wird sie als Frau ebenfalls, vielleicht sogar noch hartnäckiger wollen. Und das ertrüg' ich nicht, beim ewigen Gott, ich ertrüg' es nicht! Komm in's Schloß, sagte Christlieb, den Bruder mit sich fortziehend. In vier Wochen ist Erdmuthe deine Frau und vier Wochen vermögen oft gar Vieles zu ändern. Sie wird unsere ganze Energie herausfordern, meinte Fürchtegott. Und gerade darum muß ich sie lieben! Ich möchte sie, wenn sie so sanft und mild sich mir widersetzt, mit diesen meinen Händen erst erwürgen, und dann wieder küssen! Bekämpfe vor Allem deine Leidenschaft, erwiderte der Bruder. Begegnest du Erdmuthe kühl, wird sie aus Furcht, deine Liebe verscherzen zu können, sich viel nachgiebiger zeigen. Und wenn sie auf ihrem Widerstande beharrt? Wenn sie ihn selbst auf Dinge ausdehnt, die ich gern entfernt wünsche? Soll ich dann in jeder Secunde daran erinnert werden, daß sie eine Herrnhuterin ist, daß sie Missionärin war? Ich will das nicht, so hoch ich's achte und anschlage. Meine Frau soll aufhören, die Mütze der Schwestern zu tragen, und sich kleiden, wie andere ehrliche Leute. Ich muß den Leuten ja lächerlich vorkommen, wenn Jeder Gelegenheit hat zu 508 sagen: der reiche Herr auf Weltenburg hat eine Herrnhuterin geheirathet, damit des Himmels Segen seinen weltlichen Bestrebungen nicht fehle. Was die Leute sagen, das wollen wir uns nicht anfechten lassen. Alles Gute ist verlästert, alles Große mit Koth beworfen worden, so lange die Welt steht. Keine Zeit, nicht der höchste Culturstand eines Volkes, wird darin wesentliche Veränderungen hervorbringen. Laß uns nur zusehen, daß wir nicht abbiegen und in die Irre gerathen. Um dem zu entgehen, ist es nöthig, daß wir uns besprechen und in voller Uebereinstimmung handeln! Ist etwas vorgekommen, das uns Schaden bringt? versetzte Fürchtegott, jetzt ganz wieder Geschäftsmann und alle seine Gedanken nur auf das Ziel gerichtet, dem sein Leben gewidmet war. Höre mich an, sagte Christlieb, den Bruder in sein Arbeitszimmer im Thurme führend. Du wirst dann mit deiner Ansicht nicht zurückhalten. Fürchtegott horchte gespannt auf die Mittheilungen seines Bruders, der ihm folgende Eröffnungen machte: Du gabst nach deiner Rückkehr aus der neuen Welt bekanntlich unsern nur von uns Brüdern beschäftigten Arbeitern die Weisung, gemischte Leinen anzufertigen. Vanderholst hatte dich darauf aufmerksam gemacht und Wimmer billigte den Vorschlag. Wir haben dadurch viele Tausende verdient, warf Fürchtegott ein, und die neuesten Ladungen müssen das Doppelte abwerfen. Ohne Zweifel, sagte Christlieb, indeß hat sich ein fataler Zufall recht hemmend in den Weg gelegt. Wie so? Der Zusammenhang ist mir durchaus nicht klar, fuhr Christlieb fort, ich weiß nur so viel, daß Herr Beinheim mittelst eines Couriers Wimmer vor einigen Tagen benachrichtiget hat, er habe es für unerläßlich nöthig erachtet, die nach Paramaribo bestimmte Waarensendung unverweilt durch ein drittes Haus nach Nordamerika abgehen zu lassen. An wen dort? Ich weiß es nicht, auch Wimmer ist nicht weiter unterrichtet. Herr Beinheim hat nur noch hinzugefügt, erreiche diese Sendung Surinam, so sei es sicher die letzte, die wir dorthin schicken könnten. Man hat eine ganz fatale Entdeckung gemacht! 509 Die Mischung? Christlieb bejahte. Die nächsten Sendungen müssen aus tadellos reinem Leinen bestehen, sagte Fürchtegott entschlossen. Wir nehmen lauter Handgespinnst und lassen uns es vom Vater besorgen. Merken sie's auch drüben in Nordamerika und müssen wir's auf unsere Kappe nehmen, so machen wir öffentlich bekannt, daß man uns betrogen hat. Bei Vanderholst finden sich keine Briefe, die uns der Lüge zeihen könnten, unsere Correspondenz verbrennen wir noch heute. Ganz recht, erwiderte Christlieb, wer aber kann wissen, ob Wimmer reinen Mund gehalten hat; ob die uns Dienenden, wenn wir bei ihnen plötzlich die Arbeit stellen lassen, schweigen? Es wissen's ihrer an hundert! Verdammt! Und dann, fuhr Christlieb fort, geht uns der gehabte Gewinn fast ganz verloren, wenn wir an Alle nur ächt leinene Waaren versenden. Thut nichts, sagte Fürchtegott, den Verlust halten wir aus; wenn nur das Geheimniß nicht verrathen wird. Weiß der Vater? – Kein Wort! fiel Christlieb ein. Er darf auch keine Ahnung davon erhalten. Unsere eigenen Spinner – Sind vollkommen zu täuschen, sagte Fürchtegott. Was sie spannen, ging von jeher, wie ich mich wiederholt vernehmen ließ, in's Wiener und Triester Geschäft. Und so klug ist Keiner von Allen, daß sie errathen können, wie und auf welche Weise wir die letzten Jahre her die amerikanischen Waarensendungen herstellen ließen. Es ist mir nur um's Renommée zu thun, bemerkte der Bruder. Offen gestanden hatte der ganze Handel, den du noch während deines Aufenthaltes in Surinam vorschlugst, nicht meinen Beifall. Der Vater pocht, wie du weißt, auf seine Reellität; kein größeres Lob gibt es für einen Mann in seinen Augen, als wenn man ihn einen »richtigen reellen« Mann nennen kann. Erfährt er nur den Schatten eines Wortes von dem, was wir auf eigene Faust versucht haben, ich glaube, er verstößt uns noch jetzt oder der Schreck stürzt ihn in's Grab! Fürchtegott war bleich geworden. Er ging unruhig, die Arme verschränkt, im Zimmer auf und nieder. Laß uns vorsichtig sein und um des Himmels Willen nicht den Kopf verlieren! sagte er nach einer 510 Pause. Ich trage allerdings die meiste Schuld, wenn man das Bestreben eines Kaufmannes, sein Gut zu mehren, wie immer die Gelegenheit sich ihm darbietet, Schuld zu nennen berechtigt ist. Glückt es und glückt es lange, so hebt uns die Welt in den Himmel und preist unsere Klugheit und Umsicht, indem sie uns zugleich Väter des Volkes nennt, da wir einigen tausend Menschen Arbeit und Brod geben; glückt es nicht, so verdammt man uns ungehört. Wer aber denkt nur an das Unglück, wenn er mit eigenen Augen sah, wie klug angefaßte Speculationen ganz Mittellose in kurzer Zeit zu Millionären machten. Ich will dich keineswegs des Leichtsinns zeihen, sprach Christlieb. Haben wir zusammen gewonnen, so wollen wir auch, schlägt das Glück um, zusammen verlieren. Gewonnen! rief Fürchtegott. Wie steht es denn mit dem Lotto? Du hast doch regelmäßig fortgespielt? Leider ja, erwiderte Christlieb, und wäre es möglich gewesen, immer genau aufzupassen, so hätten wir schon drei Ternen einsäckeln können. Drei Ternen? Und wir haben nicht eine? Zur Zeit noch nicht. Das Signalisiren ist zu gefährlich, deßhalb hab' ich's aufgegeben, wenigstens von hier aus. Ich muß, will ich dem Glück noch einmal in den Arm fallen, jedesmal des Nachts bis hart an die Grenze reiten. Dort an einem gewissen Orte sind von einem äußerst verschmitzten Köhler Vorkehrungen getroffen, um die gezogenen Nummern zu erfahren. Könnte ich an jedem Ziehungstage, ohne Aufsehen zu erregen, mich dahin verfügen, so wäre ich sicher, bald einen Treffer mein zu nennen. Versuch's auf alle Weise, drängte Fürchtegott. Wir sind freilich um Geld nicht verlegen, man kann aber von diesem edlen Metalle nie genug in Händen haben, besonders wenn so ungeheure Verluste in Aussicht stehen. Und dabei ist's nicht einmal möglich, den bereits begonnenen Handel in der bisher eingehaltenen Weise ganz aufzugeben. Wir haben der Kunden in den Vereinigten Staaten zu viele, die gerade nur halbleinene Waaren begehren. Mit diesen müßte man sich verständigen, sagte Christlieb. Die Hauptsache ist, dem Sturme vorzubeugen, der von den peinlich soliden 511 Häusern gegen die Firma »Gebrüder Ammer« losbricht, wenn sie unleugbare Beweise in die Hände bekommen. Ich weiß Rath, sprach Fürchtegott. Da ich auf dem Punkte stehe, mich zu verheirathen, und ich deßhalb in den letzten Wochen weniger streng in rein geschäftlichen Angelegenheiten gewesen bin, kann es unsern Leuten nicht auffallen, wenn ich scheinbar mein nachlässiges Wesen bis Pfingsten beibehalte. Du mußt dagegen die Pünktlichkeit selbst sein, dabei den Arbeitern streng auf die Finger sehen, Niemand merken lassen, daß Sorgen dich drücken, und vor Allem auch nicht den Schein irgend einer Blöße dir zu Schulden kommen lassen. Mein Bräutigamsstand gibt mir ein Recht herumzuschwärmen, d. h. zwischen Weltenburg, der Stadt und meines Vaters Wohnorte. Ob ich des Nachts hier oder wo anders weile, kann und wird Niemand auffallen. Während nun unsere Arbeiter wähnen, ich sei bei meiner Braut, besorge ich mit größter Vorsicht und Unermüdlichkeit die Entwickelung und Ordnung dieser überaus wichtigen Angelegenheit, und vertrete des Nachts an der Hütte des Köhlers zugleich deine Stelle. Welche Nummern spielst du? Immer dieselben, sagte Fürchtegott. Außer dem Treffer des Vaters behalte ich diejenigen bei, welche ich beim ersten Zusammentreffen mit Zobelmeier diesem aufgab, und endlich die von Leisetritt am Mordplatze des Grenzjägers gefundenen. Sie hatten noch immer entschiedenes Glück. Gut, erwiderte der entschlossene, zu raschem Handeln stets bereite Fürchtegott. Noch heute Nacht statte ich dem Köhler einen Besuch ab, und morgen bei Sonnenaufgang klopfe ich an die Thür des schlauen Herrn Wimmer. Vielleicht vermag er mir einige nähere Winke zu geben, damit man nicht zu sehr im Dunkeln tappt und durch zufälliges Fehlgreifen die schlimme Sache noch schlimmer macht, als sie ist. Christlieb billigte die Vorschläge seines Bruders und ertheilte ihm die nöthigen Vorschriften, um, ohne verdächtig zu erscheinen, Eingang bei dem Köhler zu erhalten. Dann verschlossen und verriegelten sie die Thür des Arbeitsgemaches, Christlieb öffnete sein Pult, beide Brüder suchten eine Reihe von Briefen aus dicken, wohlgeordneten Paqueten, Fürchtegott zündete 512 Feuer im Kamin an, und bald waren die verrätherischen, ihr Vermögen wie ihre Ehre bedrohenden Blätter in ein schwarzes, raschelndes Aschenhäufchen verwandelt. Sechstes Kapitel. Zwei wichtige Besuche. Zehn Uhr, sagte Fürchtegott Ammer, die Schläge der Schloßschelle zählend. Nun ist es hohe Zeit, daß ich aufbreche. Sei meinetwegen ganz ruhig, lieber Bruder. Unsere Angelegenheiten stehen noch nicht so schlecht, daß man ihnen nicht mit geschickten Schwenkungen abermals einen neuen Aufschwung geben könnte. Die Leute im Schlosse sind doch alle zur Ruhe? Sie schlafen schon seit einer halben Stunde. Dann komm! Ich führe das Pferd über den Rasen, damit man den Hufschlag auf dem Steinpflaster nicht hört, du öffnest behutsam das Thor und schließt es eben so wieder. Kein Mensch weiß dann morgen, wohin der junge Herr auf Weltenburg sich gewandt hat. Denn vor Sonnenaufgang gibt es aller Wahrscheinlichkeit nach einen tüchtigen Regenguß, der die Spur der Hufe im weichen Sandboden ziemlich auslöschen dürfte. Behutsam gingen die Brüder nach dem Stallgebäude, der flinke Renner, ein schöner, kräftiger Goldfuchs, ward aufgezäumt, in angedeuteter Weise vor das Schloßthor geführt, und wenige Minuten später flog Fürchtegott lautlos, wie ein Schatten, den Schloßberg hinab. Die Nacht war trüb und schwül. Schwere, dunkelzusammengeballte Wetterwolken lagen über den Kämmen der Grenzberge. Im Zenith funkelte da und dort ein vereinzelter Stern. Auf Weltenburg herrschte der Frieden der Nacht. In den Fabrikgebäuden schimmerte kein Licht, auch in den hübschen Wohnungen der Arbeiter bemerkte man keine Lebensregung. 513 Nur von der Walkmühle her klang dumpf das eintönige, hohle Geräusch der Stampfen, das Rollen des Räderwerkes, das Rauschen der stürzenden Wasser. Fürchtegott begegnete Niemand. Mit vorgebeugtem Leibe, sein Roß scharf antreibend, jagte er im Flußthale aufwärts, bog rechts ab in ein schmaleres Thalbecken und befand sich bald mitten im Walddickicht. Des schlechten Weges halber mußte er hier Schritt reiten. Durch die Kronen der hohen Fichten fuhr pfeifend der Wind. Es begann zu tröpfeln, einzelne Blitze erleuchteten den Wald so grell, daß Pferd und Reiter stutzten. Obwohl Fürchtegott keine Furcht kannte, beschlich ihn doch ein Gefühl von Bangigkeit, denn die jetzt rasch auf einander folgenden Blitze ließen die alten Bäume in so abenteuerlichen Gestalten erscheinen, daß er oft Vermummte zu erblicken wähnte, die drohend ihre Arme gegen ihn erhoben. Bald brach das Unwetter mit heftigen Donnerschlägen und stromartigem Regen los und raste, die Bäume schüttelnd, wohl auch einen niederbrechend, durch den Wald. Der starke Wind vertrieb es jedoch bald oder peitschte es vor sich her, so daß schon nach Verlauf einer Viertelstunde der Himmel sich lichtete und nur ein feiner Regen noch spärlich durch die Nadelholzwaldung niederrieselte. Kurz vor Mitternacht entdeckte Fürchtegott den Meiler des Köhlers. Seitwärts, im Schutze eines phantastisch gestalteten Felsen, der hoch über die Wipfel der Bäume emporragte, stand die Hütte. Der junge Ammer stieg ab und führte das Pferd am Zügel weiter. Er klinkte an der Thür der Hütte, fand sie jedoch verschlossen. Auf wiederholtes Klopfen fragte eine barsche, tiefe Männerstimme: wer so spät Eingang begehre? Fürchtegott nannte seinen Namen. Sogleich ward die Thür entriegelt und in derselben zeigte sich die Gestalt eines Mannes von fast übermenschlicher Größe. Es war der bezeichnete Köhler, einer jener Waldmenschen, wie sie in den dichten Grenzwäldern, in Gebirgsthälern und in den vereinzelten Hütten der öden Hochebenen Deutschlands nicht selten zu finden sind. Dort unter dem Schauer findet Ihr Pferd Schutz und Futter, sagte der Bewohner des Waldes, nach einer aus Tannenzweigen erbauten leichten Hürde deutend. Fürchtegott befestigte hier seinen 514 Renner und trat mit dem Köhler in dessen Hütte. Als deren Eigner Licht anzündete, erschrak er fast und trat ein paar Schritte zurück. Ich kenne Sie nicht, Herr, sagte er. Was begehren Sie? Auch Ihr seid mir unbekannt, versetzte der junge Ammer, nichtsdestoweniger bin ich der Genannte, nur, daß ich diesmal die Stelle meines Bruders, den Ihr kennt, eingenommen habe. Hier der Beweis. Ein Blatt Papier, worauf Christlieb Ammer in dem Köhler wohlbekannten Zügen seinen Namen geschrieben hatte, hob sofort dessen Zweifel. Es ist gut, sagt er, ich sehe jetzt, daß ich Ihnen trauen kann. Sie müssen diese Vorsicht entschuldigen, gnädiger Herr, denn dies kleine Nebengeschäft, das mir freilich ein hübsch paar Gulden jährlich abwirft, ist mit vieler Unruhe und sogar mit Gefahren verbunden. Aber was thut man nicht um das liebe Leben! Ich weiß, ich weiß, erwiderte Fürchtegott. Uebrigens sehe ich in Eurem Thun nichts Unrechtes. Das Glück finden hat noch Niemand schaden gebracht, will ich aber finden, so muß ich vorher suchen, und die Sache recht betrachtet, thun wir Beide doch nichts anderes, als daß wir den Gelegenheiten nachspüren, die uns das Glück mit einiger Sicherheit und etwas früher als Andern in die Hände spielen. Der Köhler lachte. Gerade so denk' ich auch, gab er zur Antwort, und ist das liebe Glück zu gelegener Zeit recht gut gelaunt, so gelingt's einem armen Teufel wohl auch einmal, etwas Ordentliches zu erwischen. Wißt Ihr, wann drüben wieder gezogen wird? Bestimmt weiß ich das nicht, Herr. Früher war's leichter, aber Sie kennen ja den Grund, weßhalb die Ziehungstage schon seit längerer Zeit geheim gehalten werden. Gewöhnlich indeß werde ich doch unterrichtet. Der Wirth auf *** macht sich häufig den Spaß, seine Mooshütten zu illuminiren, was die Besucher des Berges gern sehen. Dabei brennt er wohl auch ein paar Feuerräder ab und läßt zum Schluß eine Rackete, die blaue oder weiße Leuchtkugeln wirft, steigen. Wenn ich solche fliegende Lichter sehe, muß ich aufpassen am nächsten Abend. Ein Transparent mit Zeichen sagt mir dann die Nummern. Besetzt für mich oder meinen Bruder, was dasselbe ist, hier diese Zahlen. Ihr könnt es doch Euerem Freunde drüben mittheilen? 515 Euer Schaden soll es nicht sein, wenn wir gewinnen. Hier ist Geld, und nun paßt wohl auf! Damit händigte Fürchtegott dem Köhler ein Papier mit darauf bezeichneten Zahlen nebst einer wohlgefüllten Börse ein. Der Waldbewohner dankte, versprach sein Bestes zu thun und hielt dem jungen Herrn auf Weltenburg beim Aufsteigen den Steigbügel. Wenn ich nicht wiederkommen sollte, sagte dieser und es geschieht dennoch, was wir wünschen, so entsendet einen zuverlässigen Boten nach Weltenburg. Einer von uns Brüdern ist dort immer zugegen. Gute Nacht! Die Nacht war inzwischen hell geworden. Ein glänzender Sternenhimmel flimmerte durch die Waldwipfel, die ein lauer Westwind schüttelte. Fürchtegott ritt einen Holzweg hinab, kreuzte im Trabe eine Lichtung und erreichte bald das freie Feld. Die Grenze lag schon weit hinter ihm. Gegen sein Erwarten bemerkte er jetzt, daß der nächste Weg nach Herrnhut an seinem Geburtsorte vorüberführen müsse. Diesen schlug er denn auch unverweilt ein. Gegen drei Uhr Morgens flog er im raschen Ritt am Rohr vorbei. Als er die Häuser erreichte, hielt er das schnaubende Roß an und ließ es im Schritt gehen. Im Hause des Vaters, das so friedlich in der Umhegung des Blumengartens lag, rührte sich Niemand. Sie schlafen Alle in Frieden, sprach der nächtliche Reiter zu sich selbst, und Keiner von ihnen ahnt, daß Einer, der auch glücklich sein und ruhig schlafen könnte, wenn die Welt nicht so viele verlockende Gelüste verbärge, jetzt hier auf schweißtriefendem Rosse seine Straße dahin zieht dem Orte zu, von dannen uns viel Heil gekommen ist und – wer weiß es – vielleicht noch mehr Unheil kommen wird! – – Es muß sich bald zeigen, ob Wimmer es redlich mit uns meint, oder ob er wie andere egoistische Menschen handeln wird, die nur so lange Freunde bleiben, als wir im Glücke leben! Als Fürchtegott die Gasse hinabtrabte, schallte der Hufschlag des Pferdes laut durch die Nacht. Sogleich schlug der wachsame Bello im Hause des Vaters an, ja es kam ihm sogar so vor, als öffnete Jemand ein Fenster in der Kammer. Ohne sich umzusehen, jagte der junge Ammer, von Furcht und Hoffnung getrieben, durch das Dorf, schlug nun die ihm wohlbekannten Richtwege ein, wobei er es nicht sehr genau nahm und bisweilen auch eine Hecke oder eine sogenannte 516 »Stieglitz« übersprang, mit denen man Wege bezeichnet, die von Reitern und Fuhrwerken nicht betreten werden sollen. Er gönnte weder sich noch seinem Pferde Rast, das allerdings zu Ertragung von Strapatzen geeignet war, und so kam er schon eine gute Stunde nach Sonnenaufgang in dem Brüderorte an. Im Gemeinlogis stieg er ab, wartete noch eine Viertelstunde, stärkte sich durch ein Glas Malaga, und verfügte sich hierauf zu Herrn Wimmer. Martha öffnete dem Herrn auf Weltenburg die Thür und versprach, ihren Gebieter sogleich zu benachrichtigen. Beim Himmel, sagte der junge Ammer zu sich selbst, diese dienende Person geht beinahe in feinerem Zeuge einher, als meine Braut! Nein, das ist wirklich nicht zu ertragen und muß anders werden, mag auch Alles drunter und drüber gehen! Wimmer ließ unsern Freund nicht lange warten. Mit den freundlichsten Worten, den wärmsten Händedrücken empfing er ihn. So früh auf und schon hier! sagte er. Da mußt du ja gegen zwei oder drei Uhr Morgens aufgebrochen sein. Allerdings, erwiderte Fürchtegott. Sie wissen, daß man frühe Gewohnheiten nicht gern ablegt. Die Morgenstunden sind meinem alten Vater noch heute die liebsten zur Arbeit und mir geht es, besonders wenn ich Wichtiges vorhabe, nicht anders. Je früher auf, desto schneller ist die Arbeit gethan, die auf uns harrt. Hast Recht, lieber Freund, sagte der Herrnhuter. Morgenstunde hat Gold im Munde! Das ist bei Euch buchstäblich wahr geworden. Bis jetzt schien es so, erwiderte Fürchtegott, nun aber will es mir scheinen, als könne sich das Blatt wenden. Wimmer schlug seine Augen langsam zu seinem jungen Freund auf, indem er bedächtig sagte: Das meinst du doch nicht, weil etwas Störendes vorgekommen ist? Gerade darum, Herr Wimmer, meine ich es, versetzte Fürchtegott, und just deßhalb und zwar deßhalb allein bin ich hier. Die letzten Wochen war ich aus bewußten Gründen zu zerstreut, um alle meine Gedanken den Geschäften zuwenden zu können. Inzwischen hat mein Bruder das Vorgefallene mir mitgetheilt, und da ich darüber in große Unruhe gerathen bin, warf ich mich unverweilt auf's Pferd und eilte zu Ihnen. Ich bitte Sie, Herr Wimmer, geben Sie mir ohne 517 Umschweife Aufklärung, ganze, genügende Aufklärung! Sagen Sie mir, wie es möglich gewesen ist, daß unser eigenes Fabrikat, richtig signirt, an unsere zuverlässigen Agenten versendet, dieses nach Amerika bestimmte Fabrikat auf deutschem Boden verkauft werden konnte? Ich begreife dies nicht, denn ich sehe hier durchaus keinen Zusammenhang. Wir könnten es ja untersuchen lassen, mein lieber Freund, erwiderte Wimmer, allein dazu rathen möchte ich nicht. Sieh, mein Bruder, du mußt denken, eine Ohrfeige, die man von einem Unbekannten unversehens erhält, ist keine Beleidigung. Man hat sie für eine wohlmeinende Warnung zu halten, künftig besser aufzupassen. Genau so geht es im Handel. Bin ich über einen Stein des Anstoßes gefallen und habe mir dabei die Nase beschädigt, so gebe ich fortan mehr Obacht, falle so leicht nicht wieder und breche am allerwenigsten den Hals. Schon gut, werther Freund, allein das ist ein Trost, keine Erklärung. Wie kommen unsere Waaren in die Hand eines Fremden? Das will und das muß ich wissen, sonst bleibt mir keine andere Annahme übrig, als die, daß irgendwo ein Verräther, ein heimlicher Feind sich an mich herangeschlichen hat unter der Maske der Freundschaft! Du bist zu hitzig, lieber Bruder, sagte Wimmer sanft und gelassen. Gibt es keinen Zufall, der uns bisweilen gar böse Streiche spielt? Ist's unmöglich, daß durch irgend ein Versehen beim Einschiffen eine Kiste nicht an Bord gekommen, daß man sie unwissentlich oder wissentlich in der Schute zurückbehalten hat? Dies Alles sind Möglichkeiten. Welche dieser Möglichkeiten sich nun in eine wirkliche Thatsache verwandelt hat, kommt gar nicht in Frage. Das Factum, das uns, das besonders dich und deinen Bruder trifft und das deßhalb womöglich aus der Welt geschafft werden muß, ist der Verkauf des Leinenzeuges als von euch herrührendes Fabrikat. Sollte wirklich Lärm geschlagen werden, so macht man einfach bekannt, daß jenes Leinenzeug nicht von euch herrührte, daß man nur eine von euren Kisten benutzt habe, und gib Acht, es spricht kein Mensch mehr davon. Aber unsere überseeische Kundschaft? Wird mit ächtem Leinenzeug vollständig befriedigt. Du weißt ja, daß Beinheim, rasch handelnd, der Ladung eine andere Bestimmung gegeben hat. 518 Sollte das genügen? Ich fürchte, Herr Wimmer, es ist um meine Ruhe geschehen. Denken Sie an meinen Vater! Wimmer lächelte spöttisch. Mein lieber, alter Freund würde sich schwer ärgern, sagte er, vielleicht gar dergestalt erboßen, daß ihn der Schlag träfe! – – Na, na, junger Freund, noch ist es nicht so weit gekommen. Aber sei vorsichtig in Zukunft! Habe dich immer gewarnt. Wenn's mißglückte, das neue Geschäft, mein' ich, mir würdest du keine Vorwürfe machen können, denn ich brachte es nicht in Vorschlag. Aber Sie billigten es höchlichst und rieben sich so erfreut die Hände, als wir Sie mit dem entworfenen Plane bekannt machten, als sei in der kaufmännischen Welt nie etwas Klügeres ausgeheckt worden. Ja, das that ich, versetzte Wimmer, und pfiffig ausgedacht ist es auch, nur bei der Ausführung, dünkt mich, hättet ihr noch viel vorsichtiger zu Werke gehen müssen. Wir? Trifft uns irgend eine Schuld? Nicht doch! Wer spricht von Schuld! Aber warum, junger Freund, warum gebt ihr das Flachsspinnen plötzlich ganz auf? Warum spinnt ihr so lange nichts als Baumwolle und verschickt doch so unermeßlich viel Leinenwaaren? Nennt ihr das auch klug? Das hat mein Bruder zu verantworten, nicht ich, sprach Fürchtegott düster. Siehst du, lieber, junger Freund! Dein Bruder aber hat mich nicht zuvor gefragt. Als die Einrichtung fertig, die Spindeln in schönstem Laufen waren, da sah ich sie zum ersten Male! Und Sie fanden sie vortrefflich und hießen Alles gut. Ja, freilich! Was hätte ich denn anders thun sollen? Es war ja gar nichts mehr zu ändern. Hatte ich darauf gedrungen, so würden die Leute den Kopf geschüttelt und Verdacht geschöpft haben! Wir sind demnach im eigenen Netz gefangen, sagte der junge Ammer. Wer klug ist, läßt sich nicht fangen, versetzte der schlaue Herrnhuter. Thue, was ich dir sage. Um das Geschehene kümmert ihr euch nicht im Geringsten. Arbeitet nur fort, aber ohne Verweilen, und seht darauf, daß die nächste Sendung tadellos ausfalle. Dann legt ihr Ehre ein und die Lästerer müssen verstummen. Noch eine Frage, Herr Wimmer: Haben Sie oder Andere, mit denen Sie correspondiren, über diese Angelegenheit Briefe gewechselt? 519 Ist dies der Fall, so bitte ich um deren Vernichtung. Auf Weltenburg findet sich nichts dergleichen. Wir haben bereits ein gründliches Autodafé gehalten. Ei sieh, das ist klug! Das flößt mir wieder Respect ein vor eurer Umsicht. Hast vollkommen Recht. Briefe tauchen gar nichts, wenn sie nicht rein sind, wie ein neugeborener Gedanke. Aber sei ruhig! Ehe Christlieb von mir Kunde erhielt, hatte ich mir schon beim Verbrennen dieser alten, häßlichen Schreibereien einen Eierkuchen gebacken. Der hat mir recht wohl gemundet, mein lieber Freund und Bruder! Und nun bist du doch beruhigt? Ich bitte, ich bitte! Kein Echauffement! – Willst demnächst heirathen, noch dazu eine frühere Heidenbekehrerin, eine Art Heilige. Da darf man nicht aufgeregt, nicht zerstreut sein! – Nun, ich hoffe, du wirst in den weichen Armen dieser kleinen Heiligen bald selbst ein Heiliger werden, wenn auch nur ein Heiliger, wie die Welt ihn brauchen kann. Es lag etwas in dem Tone des Herrnhuters, das Fürchtegott Bedenken erregte, dennoch glaubte er vorerst die drohendste Gefahr von sich und seinem Bruder abgewendet. Es freut mich, Herr Wimmer, sagte er, von Ihnen zu hören, daß Sie die Nothwendigkeit einsehen, reine Wirthschaft zu machen. Ich werde jetzt mit Ihrer Erlaubniß an Herrn Beinheim schreiben, den einzigen Mann in Deutschland und Europa, der meines Wissens von unserm überseeischen Geschäft unterrichtet ist. Herr Beinheim ist, wie er selbst sagt, ein ungeheuer praktischer Mann, mithin wird es bei ihm nur eines Winkes bedürfen, um ihn das Rechte treffen zu lassen. Bereitwillig räumte Wimmer dem Herrn von Weltenburg sein eigenes Pult ein, Fürchtegott schrieb, siegelte den Brief und steckte ihn zu sich. Soll Martha das Schreiben nicht zur Post befördern? fragte der alte Kaufmann. Ich will es zuvor meinem Bruder zeigen, erwiderte Fürchtegott. Nach dem Vorgefallenen scheint es mir sehr wichtig, daß wir Beide, auf deren Schultern die Firma der »Gebrüder Ammer« ruht, um Alles wissen, was wir gegenseitig thun, sei es nun wichtig oder unwichtig. Brav, mein lieber Freund! sagte Wimmer. Ein vorsichtiger Kaufmann hat jedes Unternehmen doppelt in der Tasche. Ich gratulire zu deiner Zukunft. 520 Damit endigte die Unterhaltung des Herrnhuters mit dem jungen Herrn auf Weltenburg. Als Letzterer in den Nachmittagsstunden seinen alten Freund und Rathgeber ungleich leichter verließ, als er gekommen war, sah dieser ihm lange nach, wiegte dann bedächtig den Kopf und sprach: Er traut mir nicht mehr unbedingt, aber es thut nichts, unter die Füße kriegen beide Herren den alten Wimmer nicht. Erst gilt es Weltenburg, dann den Vater, und zuletzt kommt wohl auch der alte Wimmer an die Reihe, wenn mein Heiland diesen Kelch nicht an mir gnädiglich vorübergehen läßt. Siebentes Kapitel. Familienscenen. Unter duftender Jasmin- und Geisblattlaube saß Flora und band für ihren kleinen Otto, der, seine beiden Arme über einander gelegt, sich auf das Knie der Mutter stützte und mit vergnügten Augen zu ihr aufsah, einen Kranz aus Feldblumen, die der Knabe auf den Fluren gepflückt hatte. Als sie damit fertig war und ihn dem Kinde reichen wollte, streckte sich über Otto's Kopf eine Hand aus und nahm ihn Flora. Rasch und sehr unwillig kehrte sich der Knabe um, indem er in ärgerlichem Tone sagte: Wer nimmt mir meinen Kranz? Ich will ihn haben. Diese ärgerliche Stimme verstummte jedoch, als er die Räuberin seines Kranzes erkannte. Hinter ihm stand nämlich Erdmuthe, mit glücklichem Auge auf den Kleinen herablächelnd und den duftenden Kranz heiter scherzend bald auf den lockigen Scheitel des Knaben niedersenkend, bald ihn wieder emporhebend. Otto griff wiederholt danach, ohne sich ihn wiedererobern zu können. Gib mir den Kranz! sagte er ungeduldig. Wenn du bittest und artig bist, erwiderte Erdmuthe. Nur artige Kinder verdienen mit Kränzen geschmückt zu werden. 521 Bitte, bitte, liebe Tante, schenke mir den schönen Kranz! sagte hierauf ohne Widerstreben der Knabe. Sogleich drückte Erdmuthe das Blumengewinde auf Otto's Scheitel, hob den Knaben auf, küßte ihm Stirn und Mund und ließ ihn dann wieder auf die Erde herabgleiten. Otto lachte in ausgelassener Lust, setzte sich den Kranz fester und sprang hinaus in den Garten, wo er unaufhörlich und ohne zu ermüden die Gänge kreuz und quer auf und nieder lief. Erdmuthe setzte sich neben Flora, die ihren Strickstrumpf wieder aufgenommen hatte und rüstig Maschen schürzte. Du hast eine merkwürdig glückliche Gabe, Kinder zu behandeln und deinem Willen zu beugen, sprach Flora. Otto ist zwar ein herzensgutes Kind, aber sehr eigensinnig, und nur selten gelingt es mir, hat er sich einmal auf etwas gesteift, ihn davon zurückzubringen, ohne daß es zuvor heftiges Geschrei gibt. Und wenn du ihn nur ansiehst, folgt er dir spielend, fast willenlos. Liebe Schwester, versetzte Erdmuthe, diese Kunst, wenn es eine genannt werden kann, ist ein Ergebniß meines vergangenen Lebens, meines Wirkens als Lehrerin. Wo hätte ich bleiben sollen in der Wildniß, ohne jegliche Hilfe und Unterstützung Anderer, wenn Gott mir nicht immer nahe geblieben wäre, mit seiner Kraft und Gnade, wodurch es mir gelang, in mein Wesen, in mein Wort und meinen Blick eine bändigende Gewalt zu legen? Diese Kraft, die ich mir aneignete in meinem früheren Wirkungskreise, ist, scheint es, mir treu geblieben, und ich glaube, dafür habe ich dem Herrn zu danken, denn oft will mich bedünken, es werden Zeiten kommen, wo es mir schlimm ergehen könnte, wenn sie mich verließe. Erdmuthe faltete die Hände und eine Thräne schimmerte in ihren wunderbar tiefen und glänzenden Augen. Sei nicht trüb, meine süße Seele! sprach Flora, die Herrnhuterin umschlingend und ihre Augen küssend. Es wird gewiß Alles gut werden und alle deine Wünsche werden sich erfüllen. Mein Bruder zeigt sich ja seit eurer letzten Unterredung viel nachgiebiger. Ich hätte nie geglaubt, sagte nach kurzer Pause Erdmuthe, daß der Mann, welcher drüben in Surinam, als er mich wiederfand, aus Liebe zu mir, hätte ich es gewünscht, vielleicht selbst Missionär 522 geworden wäre, hier inmitten weltlicher Glücksgüter das Aeußere dem Innern, den Schein dem Wesen, die Schaale dem Kerne so hartnäckig vorziehen könnte. Ich habe ihn besiegt durch die feste Ruhe meines Begehrens, es ist wahr, dennoch fügt er sich dieser ihn zwingenden Macht nur mit Widerstreben. Kein Engel treibt ihn, der Dämon der Weltlust sitzt noch immer verkappt in seinem Herzen, und wer kann wissen, wie lange er unthätig bleibt? Darum habe ich alle Ursache, den Herrn zu flehen ohn' Unterlaß, meine Schwester, daß er mir Kraft gebe, die bösen Neigungen des geliebten Mannes durch den Frieden meines Blickes zu erdrücken. Es wird dir gelingen, liebe Erdmuthe, erwiderte Flora zuversichtlich. Hast du doch uns Alle gleichsam bezaubert. Der Vater, mit dem eigentlich, wenn er seinen Kopf aufsetzen wollte, niemals ein Auskommen war, schlägt er dir 'was ab? Niemals! Ich glaube, er kletterte, falls du übermüthig genug sein solltest, ein so thörichtes Verlangen an ihn zu stellen, dir zu Gefallen, auf den höchsten Baum, um einen Staarmatz zu haschen. Hat er's doch geschehen lassen, daß du ihm sein Haar schneiden durftest. Das hätte ein Anderer versuchen sollen! Der würde schön abgeblitzt sein. Und wie sieht die Mutter dir jeden Wunsch an den Augen ab! Mit welcher Dienstwilligkeit läuft mein Albrecht für dich! Wie fliegen alle Dienstboten, wenn du nur den Gedanken laut werden läßt, einen Wunsch äußern zu wollen! – Nein, liebe Erdmuthe, dir kann auf die Dauer Niemand widerstehen. Die wildeste Natur wirst du leicht bändigen, den widerspenstigsten Willen ohne Mühe brechen. Und gelingt dir dies bei ganz Fremden, wie sollte der, welcher dir der Liebste auf Erden ist, dem du als Heilige vorschwebst, dieser fast göttlichen Allgewalt grollenden Widerstand entgegensetzen? Solcher Widerstand, gründete er sich eben nur auf die Verehrung vergänglicher Güter, würde den Himmel meines Glückes auch trüben, sagte Erdmuthe. Traurig sein oder gar verzagen würde ich deßhalb nicht, denn wir sollen ja immer kämpfen, damit wir nicht laß werden. Da kommt Albrecht, fiel Flora ein. Er wird uns Nachricht aus der Stadt bringen, ob die Vorschläge Fürchtegott's Billigung gefunden haben. Flora stand auf, um ihrem Gatten entgegen zu gehen, Erdmuthe folgte in einiger Entfernung. Auch Otto, welcher den Vater 523 ebenfalls gesehen hatte, sprang jubelnd durch den Garten, um der Mutter in der Begrüßung noch zuvor zu kommen, was ihm denn auch zu seiner großen Freude gelang. Albrecht Seltner übergab seiner künftigen Schwägerin einen Brief Fürchtegott's, welchen Erdmuthe, die Gänge des Gartens durchwandelnd, aufmerksam las. Sie kam dann wieder in die Laube, wo das glückliche Paar mit Otto, dessen Kranz schon etwas zerzaust aussah, freundlich plauderte. Nun, was schreibt der Bruder? fragte Flora. Lächelnd erwiderte Erdmuthe: Er ist es zufrieden. Mit den zärtlichsten Worten gibt er seine volle, rückhaltslose Einwilligung. Zweifelst du jetzt noch an seiner Liebe, an deiner Kraft? Erdmuthe schüttelte den Kopf. Nicht mir ist dies zuzuschreiben, sondern Ihm, Ihm ganz allein, der da oben unsichtbar, aber allmächtig waltet; der den Sternen ihre Bahnen anweiset, die Sonnen entzündet, daß sie das Weltall mit ihren ewigen Flammen erwärmen, und der unsere Herzen läutert, daß sie seinen Ruhm verkünden! Ich danke Ihm dafür in Demuth! Es lag nichts Gemachtes in diesen Aeußerungen Erdmuthe's; sie waren der Ausfluß ihres innersten Wesens und deßhalb machten sie auch auf Albrecht und Flora tiefen Eindruck. Flora schlang ihren Arm um den Leib der jungen Wittwe und sagte, sie liebevoll anblickend: Weißt du, daß ich meinen Bruder ganz unbeschreiblich beneide? Er hat binnen acht Tagen das Glück, dich immer zu besitzen, dich immer um sich zu haben; wir Andern, die wir doch auch so gern Theil an dir haben möchten, wir sehen dich vielleicht kaum in Wochen auf Stunden. Es wird uns, bist du erst ausgeflogen, recht einsam hier vorkommen. Wir werden dich alle und überall vermissen. Erdmuthe wollte diese Ansicht bestreiten, was ihr jedoch, da sogleich auch Albrecht gegen sie Partei nahm, nicht gelang. Später fand sich Frau Anna ebenfalls ein, die zwar wenig sagte, an deren ganzem Behaben man aber sehr wohl merken konnte, daß sie den Augenblick, wo Erdmuthe von ihr Abschied nehmen würde, um dem Manne ihrer Wahl zu folgen, nicht zu den glücklichen zählen werde. Zuletzt kam noch der alte Ammer, der sich von Herzen über die 524 vernünftige Fügsamkeit seines Sohnes freute, und weil dies vorläufig das Wichtigste war, alles Uebrige unberührt ließ. Ammer setzte sich neben Erdmuthe, nahm einen beschriebenen Bogen Papier aus seiner Tasche, legte diesen vor sich auf den kleinen in der Laube befindlichen Gartentisch und sagte: Jetzt, meine Tochter, wollen wir Musterung halten über das Volk, welches Theil haben soll an der Hochzeit meines Jüngsten. Du hast allerwärts freie Wahl, und wer dir nicht recht ist, der bleibt weg. Als Landeskind wirst du die Meisten schon kennen. Das Verzeichniß war ziemlich lang, da nicht bloß die ganze Verwandtschaft der Ammer bis in die fernsten Glieder zu diesem wichtigen Familienfeste geladen wurde, sondern auch eine ganze Anzahl sogenannter Standespersonen, mit denen der alte Weber in irgend einer Verbindung entweder noch stand oder doch früher gestanden hatte. Unter diesen figurirten obenan der regierende Bürgermeister der wohlhabenden und betriebsamen Handelsstadt, zu deren Jurisdiction Weltenburg gehörte, ferner der Stadtrichter, einige Senatoren und Scabini , sowie verschiedene Kaufleute. Als Erdmuthe's Blicke auf den Namen Block fielen, fragte sie, wer dieser sei? Dachte mir's wohl, versetzte Ammer lächelnd, daß du hier einen Schlagbaum durchlegen würdest. Nun, ich kann dir sagen, meine kleine Heilige, der Mann ist viel besser, als sein Ruf. Ich mag ihn nicht gerade zum Wächter an der Himmelsthür bestellen, denn ich glaube, Advocat Block ließe mitunter auch ein räudiges Schaf unter die reinen Lämmer hineinspringen, aus purem Spaß; dennoch ist der Mann nicht zu verachten. Sein Aeußeres freilich wie sein ganzes Auftreten hat etwas Abstoßendes. Mir ist er aber lieb geworden, besonders in der letzten Zeit nach der Affaire, die ihm bei einem Haare den Hals gekostet hätte, weil er sich dabei nach meinem beschränkten Weberverstande vortrefflich benommen. Hätte sich richtig den Hals abschneiden lassen, wäre der Mirus nicht gewesen. Der Proceß freilich, den er nachträglich aus Malice oder Caprice gegen das Gericht angezettelt, ist ihm theuer zu stehen gekommen. Ihn also, meine liebe Tochter, habe ich mit aufgeschrieben, weil ich ihm doch Dank schuldig bin von früherher, und weil ich nebenbei wünsche, daß die alten 525 Feinde in meinem Hause einen offenen und ehrlichen Freundschaftsbund schließen mögen. Zu christlicher Versöhnung sollen wir allen unsern Nebenmenschen jederzeit Gelegenheit geben, sagte Erdmuthe, darum, mein vortrefflicher Papa, soll dein gefürchteter Rechtsmann beim Hochzeitsschmause deinem wackern Freunde Mirus gegenüber sitzen. Ich selbst bin erbötig, ihnen die Gläser zu kredenzen, aus denen sie symbolisch ewige Freundschaft schlürfen sollen. Wer aber, sag' mir, wer ist der lateinische Gärtner? Lache mich nicht aus, kleine Heilige, versetzte Ammer scherzend. Einen kenntnißreicheren Blumisten und Kenner der Obstbaumzucht findest du weit und breit nicht. Alle meine Aurikel – und ich denke mein Aurikelflor kann sich sehen lassen – sind von dem lateinischen Gärtner, und hätte ich nicht sein famoses Mittel gegen die Raupen an meinen Obstbäumen angewendet, könnte ich zum Nachtisch weder einen gesunden Borsdorfer noch einen ächten Stettiner aufsetzen. Warum heißt er denn aber der lateinische Gärtner? fragte Erdmuthe mit liebenswürdiger Neugierde. Wenn du ihn sprechen hörst, wirst du diese Bezeichnung leicht erklärlich finden. Herr Justus, wie er mit seinem gewöhnlichen Namen heißt, ist durch die lateinische Schule gelaufen, und da er ein sehr treues Gedächtniß besitzt, so sind viele lateinische Worte darin hängen geblieben, die er in seinen Gesprächen gern anbringt. Advocat Block meint freilich, der lateinische Gärtner schieße viele Böcke bei der Anwendung seiner Redensarten und unterläßt deßhalb nie, Herrn Justus zurecht zu weisen; mein Blumist ist jedoch mit einem gar störrigen Gemüth begabt und achtet nicht im Geringsten auf solche Zurechtweisungen. Derohalben, mein Kind, hört es sich grausam schön zu, wenn genannte Beide sich mit einander in einen richtigen Discours einlassen. Beileibe laß uns einen so unschuldigen Spaß nicht verderben, Väterchen! sagte munter Erdmuthe. Der lateinische Gärtner darf bei meiner Hochzeit durchaus nicht fehlen. Dann darfst du mir aber auch den Oberförster nicht streichen, sagte Ammer. Er ist ungeachtet seiner Schwächen und seltsamen 526 Angewohnheiten doch ein wahrer Kernmensch, ein rechter Prachtkerl, wie der ungeschliffene Bauer sagt, und wo er sich einfindet bei einer Gesellschaft, da bleibt die Trauer vor der Thür stehen und begehrt vergeblich einen Batzen als Abfindungsgeld. Ich werde mich bemühen, mein wackerer Papa, versetzte Erdmuthe, diesem Gaste dadurch eine Ehre zu erweisen, daß ich meine Freude über seine Mittheilungen laut zu erkennen gebe. Alle andern von Ammer Bezeichneten waren Erdmuthe nicht bekannt und deßhalb ziemlich gleichgiltig. Daß als besondere Ehrengäste weder Graf Alban noch Wimmer, ebenso Candidat Still und seine ehrbare Gattin nicht fehlen konnten und durften, versteht sich von selbst. Die Hochzeit sollte zwar anfangs nach Fürchtegott's Vorschlage in den glänzenden Räumlichkeiten des neu erbauten Schloßflügels von Weltenburg gefeiert werden, der junge Handelsherr fand aber in der ganzen Familie eine so starke Opposition, daß er diesen Gedanken sehr bald aufgab. Der schärfste Gegner außer Erdmuthe, war sein eigener Vater. Hier in diesem Weberhause mit den gelbbemalten Balken, sprach er, sind die Ammer ausgekrochen, haben sich, nachdem sie flügge geworden, hinausgewagt und sich etwas versucht in der Welt. Und weil sie ein gut Stück Arbeitskraft mitbrachten, ist es ihnen gelungen, etwas zu werden. Der Alte sitzt aber noch immer auf demselben harten Sessel und an demselben fichtenen Tische, wo er die erste Werfte ausgab. Da will er denn auch, daß sein Sohn, und wär' er so groß geworden, wie weiland der Bonaparte, in diesem kleinen Weberhause, der Wiege seines Glückes, als rechtlicher Mann sein Hochzeitsessen sich schmecken lasse. Damit war die Sache entschieden, Fürchtegott widersprach nicht weiter, und Frau Anna hatte nun schon Wochen vorher alle Hände voll zu thun, um dieses zweite Hochzeitsfest in ihrem Hause so glänzend und vollständig wie möglich herzurichten. Der Freund ihres Sohnes, der Arzt Walter, der ihre Schwiegertochter so treu über's Weltmeer geleitet, ging der geschäftigen Frau in dieser plagenreichen Zeit emsig zur Hand. Wo er konnte, sprang er zu und half, ohne sich durch aufdringliches Wesen unnütz zu machen. 527 Zu Allem zeigte er Geschick, und so vertrat er während der letzten Wochen fast die Stelle eines gut gesinnten Koboldes. Denn hatte Frau Anna auch nur im Vorübergehen einen Wunsch geäußert, so fand sie ihn sicher am nächsten Morgen beim Erwachen schon verwirklicht. Achtes Kapitel. Ein schwer wiegendes Hochzeitsgeschenk. Im Sprüchwort wie im Glauben des Volkes heißt es, weder ein Glück noch ein Unglück pflege sich vereinzelt einzustellen, das eine, wie das andere habe jederzeit Begleiter. Dieser Glaube sollte sich jetzt in der Familie Ammer auf's Neue bewahrheiten. Wenige Tage vor dem Hochzeitsfeste traf ein Brief aus Wien ein, welcher den Brüdern die frohe Mittheilung brachte, daß sie das seltene Glück gehabt, zu gleicher Zeit in der letzten Lottoziehung eine Ambe und eine Terne zu gewinnen. Beide Brüder waren über diese Botschaft erfreut, gaben sich aber gegenseitig das Wort, nichts davon verlauten zu lassen. Das Spielen im Lotto war neuerdings abermals bei strenger Ahndung verboten worden, und man durfte kaum erwarten, daß die bürgerliche Stellung eines dagegen Handelnden diesen vor der angedrohten Strafe schützen werde, sobald man ihn überführen könne, daß er wirklich gespielt habe. Aus diesem Grunde beschlossen die Brüder, die erhaltene Nachricht sowohl vor ihren zahlreichen Arbeitern und Untergebenen, wie ganz besonders auch vor dem Vater geheim zu halten. Zobelmeier in Wien ward unverweilt von diesem Beschlusse benachrichtigt und zugleich angehalten, den sehr bedeutenden Betrag auf die Waaren zu schlagen, damit es aussehe, als sei das einzusendende Geld nicht gewonnen, sondern verdient. Christlieb, welcher seit der gemachten Entdeckung besonders bedenklich geworden war, und eine gewisse Unsicherheit in Allem, was er 528 unternahm, schwer verbergen konnte, glaubte sich und den Bruder auch durch diese Vorsichtsmaßregel noch nicht hinlänglich geschützt. Er fürchtete beinahe das Eintreffen des Geldes, das, wie wir wissen, freilich nicht sowohl erspielt, als auf unredliche Weise mit Hilfe Anderer künstlich erschlichen war. Er nahm deßhalb Fürchtegott bei Seite und sagte zu ihm: Ich hab' es mir gelobt, nie wieder das Glück zu versuchen, sobald es mir einmal gelächelt haben würde. Ich will und werde von jetzt an nie wieder spielen. Deinen Versicherungen zufolge haben wir etwas wirklich unser Geschäft Gefährdendes nicht zu befürchten. Laß uns nun vorsichtig sein und uns nicht abermals durch glänzende Vorspiegelungen Anderer zu gewagten Speculationen verleiten lassen! Diesen Gewinn wünsche ich nicht in unserm Geschäft zu verwenden. Eine geheime Angst warnt mich davor. Mich dünkt, es kann uns nur Segen bringen, wenn er das Eigenthum eines Schuldlosen wird. Ich mache deßhalb deiner Braut damit ein Geschenk. Fürchtegott wollte anfangs nicht darauf eingehen, der Bruder drang aber so lange mit Bitten und Vorstellungen in ihn, bis er seine Zustimmung gab. Sieh, lieber Bruder, sagte Christlieb, es ist so viel besser. Erdmuthe besitzt kein eigenes Vermögen. Willst du nun nicht, daß ich als Schwager ihr ein so ansehnliches Geschenk mache, so kannst du es ihr ja nach Landessitte als Morgengabe einhändigen. Mich dünkt, daran wird weder Erdmuthe noch selbst der Vater Anstoß nehmen. Sie erhält dadurch ein von dem Unsrigen völlig getrenntes Vermögen, das ihr stets verbleibt, auch falls wir vom Unglück verfolgt werden sollten, was Gott verhüten möge. Die Morgengabe ist unantastbar und so ist die Zukunft deiner Frau in jeder Weise gesichert. Fürchtegott leuchtete dies ein, und so ging denn der nicht eben allzu rechtliche Gewinn an Erdmuthe über, noch ehe er in die Hände der beiden Brüder gelangte, oder die damit Beschenkte etwas davon erfuhr. Ammer's Wohnung war mittlerweile der Schauplatz rastloser Thätigkeit gewesen. Vieles darin mußte umgestaltet werden. Man war nicht darauf eingerichtet, ein solches Heer von Gästen zu bewirthen, wie es diesmal sich einfinden sollte. Das gewöhnliche Wohnzimmer konnte die Geladenen nicht fassen, selbst wenn jegliches Möbel daraus 529 entfernt und das Cabinet noch dazu genommen ward. In dieser Noth faßte der alte Ammer einen kühnen Entschluß. Ueber dem Färbe- und Mangelhause befand sich das Lager. Dieser Raum, dem freilich aller Schmuck fehlte, konnte leicht an hundert Personen beherbergen. Mehrere ziemlich große Fenster erhellten ihn, neue glatt gehobelte Dielen machten ihn sogar geeignet zum Tanzboden. Hier soll die Hochzeit gefeiert werden, entschied der Weber, und traf sofort Anstalten, um den etwas wüst aussehenden Raum einigermaßen wohnlich einrichten zu lassen. Zimmerleute und Tischler mußten in größter Eile das etwa Fehlende ergänzen, selbst einen Tapezier berief man, um seinen Rath und seine Vorschläge zu hören. Die schlecht gekalkten Wände, ebenso die aus blanken Brettern bestehende Decke wurden nun von den geschickten Händen der Arbeitsleute mit leichten Stoffen faltig überkleidet, so daß die geräumige Halle am Tage vor dem wichtigen Feste einen ganz feenhaften Anblick gewährte und Ammer großes Vergnügen machte. Man schmückte nun noch Fenster und Thüren mit Guirlanden, brachte einige Kronleuchter an und ersetzte die schmale und steile Treppe, welche in diesen improvisirten Saal geleitete, durch eine in aller Schnelligkeit gezimmerte neue breitere. Vor der Hauptthür des Hauses, nach der Gasse zu, ward eine Ehrenpforte errichtet, an der eine Menge Lampen mit bunt gefärbtem Wasser befestigt wurden, um dieselbe Abends zu illuminiren. Diese Ehrenpforte, auf deren Gipfel die Namenschiffern Fürchtegott's und Erdmuthe's, von aufknospenden Blümchen künstlich gearbeitet, prangten, war ein ganz besonderer Gegenstand der Neugierde für Alle, welche an Ammer's Hause vorübergingen. Dem schwesterlichen Zureden Flora's war es gelungen, Erdmuthe zur Ablegung ihrer herrnhutischen Tracht am Trauungstage zu bewegen. Es leuchtete der verständigen, in ihren Urtheilen milden und billigen jungen Frau ein, daß Fürchtegott ein Recht habe, eine etwas weltlichere Tracht an diesem Tage von ihr zu verlangen. Ebenso machte sie keine Einwendungen, als ihr Bräutigam sie zu der harrenden eleganten Equipage geleitete, die das Brautpaar der etwas ferneren Kirche zuführen sollte. Sämmtliche Hochzeitsgäste folgten in Wagen von gar verschiedener Form und zweifelhaftem Werthe. Von den geladenen Gästen waren alle bis auf einen einzigen pünktlich eingetroffen. Advocat Block ließ sich entschuldigen, wie er sich 530 ausdrückte, um nicht aus seiner Ruhe zu kommen. Seit er nämlich seine Praxis aufgegeben und den unklug begonnenen Proceß verloren hatte, lebte er völlig zurückgezogen in der Nähe der Residenz, wo nur ein paar Jugend- und Studiengenossen von Zeit zu Zeit zu ihm kamen. Der starre Rechtsanwalt versprach aber später das junge Ehepaar zu besuchen, denn er sei, hieß es in dem an Ammer gerichteten Schreiben über die Maßen neugierig, wie eine ehrbare Frau, die einige Jahre als Heidenbekehrerin den Herrn Pastoren in's Handwerk gepfuscht habe, eigentlich aussehe. Uebrigens wünschte er der ganzen Familie Ammer vieles Glück und unterließ nicht, am Schlusse anzudeuten, daß er doch mitgeholfen habe, den Grundstein des Glückes zu legen und zu befestigen. Bei Tafel war die zahlreiche Tischgesellschaft sehr heiter. Walter hatte es sich angelegen sein lassen, die Winke Flora's und ihres Vaters genau zu beachten, und diesem zufolge Persönlichkeiten neben einander zu setzen, die sich entweder gern sahen, oder, weil sie leicht in lebhaften Disput geriethen, wesentlich zur Unterhaltung einer gemischten Gesellschaft beitrugen. Da sah man den regierenden Bürgermeister neben Graf Alban; ein paar nichts weniger als fromme Senatoren hatten Herrn Wimmer in die Mitte genommen, der sich von dieser Umgebung zwar geehrt, nicht aber recht behaglich in ihr fühlte, weil er doch genöthigt war, die schillernde Schlangenhaut seiner stets zur Schau getragenen Frömmigkeit treulich beizubehalten. Indeß verstand er es, sich mit vieler Klugheit zu benehmen, ja, er hatte sogar die Befriedigung, seine Nachbarn einige Male, namentlich gegen Ende der Tafel, durch ein paar sanft aufgeworfene Fragen ein wenig in Verlegenheit zu setzen. Auf der anderen Seite, links vom Brautpaar, ging es besonders lebhaft zu. Dort geriethen der Oberförster, dem seine grüne, reich mit Gold gestickte Jägeruniform gar stattlich zu Gesichte stand, der lateinische Gärtner Justus, der Kaufmann Mirus und Candidat Still in einen so ergötzlichen Streit über das wahre Wesen der Kriegslist, daß sie die ganze übrige Gesellschaft darüber vergaßen. Anfangs lauschten nur Einzelne auf das immer lebhaftere Gespräch, bald aber schwiegen außer den Genannten alle übrigen Tischgäste völlig und der Moment, wo das Verstummen Aller von den laut Disputirenden 531 plötzlich entdeckt wurde, war so höchst komisch, daß ein wahrhaft homerisches Gelächter Alle zugleich ergriff. Selbst Erdmuthe ward davon angesteckt und ließ gegen Fürchtegott die Aeußerung fallen, sie hätte nicht geglaubt, daß weltliche Freuden und erlaubte Genüsse wirklich so erheitender Natur sein könnten. Fürchtegott zeigte sich viel ernster, als man ihn zusehen gewohnt war. Dies fiel jedoch Niemand auf, da Jedermann begreiflich fand, daß die Erreichung eines so herrlichen Zieles, nach dem er Jahre lang gestrebt, ihn wohl still und in sich gekehrt machen könne. Dagegen war Christlieb fast ausgelassen lustig. Die ungewöhnlich lang dauernden Tafelfreuden wurden immer geräuschvoller, da besonders die bejahrteren Herren sich nicht sehr nöthigen ließen, dem wohlversorgten Weinkeller des reichen Webers zuzusprechen. Diese nach Verlauf einiger Stunden sich rasch steigernde Lebendigkeit im Gespräch und Gebehrdenspiel beunruhigte Erdmuthe. Sie erlaubte sich, ihren Schwiegervater einige Male ernst und bittend anzublicken und dadurch ein baldiges Aufheben der Tafel zu veranlassen. Noch war es nicht spät am Tage. Die Sonne schimmerte in mattem Glanze durch weich flockiges Gewölk, ein warmer West spielte mit Blättern und Blumen und lockte die Gäste hinaus ins Freie. Hier suchte ein Theil derselben den schattigen Baumgarten auf, Andere, besonders die jüngeren Mitglieder der Gesellschaft, zogen es vor die nahen Waldhöhen zu besteigen, und einige älteren Herren forderten den Hochzeitsvater auf, sie nach der Gegend zu führen, die ihm seinen Beinamen gegeben, und ihnen die in der Nähe des Rohres sich befindende Stelle mit der berühmten schönen Aussicht zu zeigen. Ammer war sogleich dazu bereit. Er stellte sich an die Spitze seiner überaus munter gestimmten Begleitung und überließ inzwischen Haus und Wirthschaft der vorsorgenden Aufsicht Walter's mit Anna, Flora und Christlieb. Fürchtegott mit seiner jungen Gattin, die ihm heute in der feinen weltlichen Tracht, welche sie angelegt hatte, noch viel reizender und liebenswürdiger erschien, folgte dem voranschreitenden Trupp in einiger Entfernung. Am äußersten Ende des Rohres, wo man die am Waldsaume fortziehende Häuserreihe überblicken konnte und die weiteste Aussicht 532 über die aus grünen Laubhecken und Baumgruppen hervorblickenden Häuser des Ortes, nach der Stadt in der reichen Thalmulde und auf die duftigen blauen Gebirgskämme hatte, blieb der Weber stehen. Er stützte sich auf seinen Rohrstock, sah wohlgefällig auf die vor ihm sich ausbreitende Landschaft und nickte stolz mit dem Kopfe. Das ist der Punkt, mein hochweiser Herr Bürgermeister, sagte er, und da gerade unter uns liegt das Rohr. In der That, erwiderte der überraschte Rathsherr, um diesen Platz könnte man den Webermeister beneiden. Ammer nickte abermals, denn es schmeichelte seiner Eitelkeit, ein Stück Land sein zu nennen, um das ihn schon Hunderte bloß der unvergleichlichen Aussicht wegen beneidet hatten. Ich will's meinen, mein hochweiser Herr Bürgermeister, fuhr er fort. Wär' ich ein Graf von den Einsichten und dem Vermögen des Herrn Grafen Alban, dem so Vieles, was unser einer nicht zu fassen vermag, möglich ist, und hätt' ich's Geld nur so zum Wegwerfen, wie's unter den Grafen heutzutage auch unterschiedliche gibt, just hieher oder meinetwegen auch noch ein hundert Fuß höher, dort auf den Steinfelsen, wo ich verwichen bald Hals und Beine gebrochen hätte, weil ich einer Blindschleiche nachruschelte, dorthin ließ ich mir ein Schloß bauen, so schön wie's Weltenburger, das ja zur Hälfte auch mein Eigenthum ist. Unter vier Thürmen aber thät' ich's nicht, wenn ich ein richtiger Graf wäre, und mein Wappen pflanzt' ich auf über'm Thore, daß man es eine gute Stunde weit sehen könnte. Weil ich aber bloß ein Weber bin, und es mit Gottes Hilfe auch zu bleiben gedenke, und mir jede Zaspel Garn selber auslesen muß, soll ein vernünftig Stück Leinewand daraus werden, das meinem Namen keine Schande macht: so bleibe ich dort unten sitzen in meinem Hause, wo die Musikanten jetzt eben den ersten Tusch blasen, um die jungen Leute zum Tanze hereinzulocken, 's ist zwar nicht mehr aparte vornehm, aber 's hält doch warm, und ich habe Leute gekannt, die in einem quadersteinernen Schlosse mit Spiegelfenstern und vergoldeten Wetterstangen gar erbärmlich froren. 533 Während dieser Rede Ammer's war Mirus an ihn herangetreten, und als er sich jetzt mit unverkennbarem Selbstgefühl im Kreise seiner Begleiter umsah, versetzte der stets solide und dabei sparsame Kaufmann: Herr, ich muß Ihr sagen, ist mir aus der Seele gesprochen. So handeln, daß man seinem Namen keine Schande macht, daß er makellos bleibt vor uns und Andern: das ist's, was den ächten Kauf- und Geschäftsmann ziert. Mirus reichte seinem langjährigen Freunde die Hand und bot darauf allen Uebrigen eine Prise aus seiner goldenen Dose. Das Rohr quer durchschneidend, ging der Weber mit seinen Gästen nach der steinigten Lehde, über welche die Communicationsstraße führte. Hier blieb er bei einem großen Feldsteine stehen. Meine sehr lieben Gäste, sprach er, hier sind wir, wenn mir recht ist, auf einem merkwürdigen Punkte, denn da hat's vor alten Zeiten 'mal eine grausam blutige Schlacht gegeben. Da? fragte Candidat Still. Nun, nicht gerade auf dem Flecke, aber so rund herum. Ist mir nicht bekannt, Herr Ammer, sagte der in der Provinzialgeschichte wohl bewanderte Mann. 's steht im Chronikbuche, versetzte der Weber, aber das lesen die gelehrten Herren nicht, weil's ihnen zu ordinär, zu schlechtweg geschrieben ist. Ihr seid doch auch zu Hause in unserer Geschichte, lieber Justus, sprach der Candidat zu dem lateinischen Gärtner, erinnert Ihr Euch nicht? Ich denke eben darüber nach, mein sehr gelehrter Herr Candidat, versetzte dieser. Carpzow spricht von mehr als einer Schlacht in dieser Gegend. Obwohl dort von einer Schlacht am Berge absonderlich die Rede ist, denn genannter vir doctissimus fügt in parenthesi dazu Mons , würde sich dennoch auch die hiesige Stelle als Schlachtort bezeichnen lassen. Es ist ein locus , welcher sich abwärts erstreckt vom Berge. Gewiß, im Carpzow steht's. Aber was, mein lieber Justus, was steht dort? fragte der Candidat. Wer schlug sich hier mit wem? Nu, wer denn sonst, als Männer mit Männern, fiel Ammer ein. Ob's Fleischhauer oder Tuchmacher gewesen sind – und so 'was 534 mit von der Sorte wird's wohl dabei gegeben haben – das macht mir kein Bauchgrimmen. Ritterliche Räuber, die dazumal überall das große Wort führten, haben sicherlich auch nicht weit davon gelegen; denn den Satanskerlen in ihren eisernen Kamisolen schwoll dazumal der Kamm. Aber, meine werthen Herren, das ist all' eins! 's hat hier vor vier- oder fünfhundert Jahren eine richtige Pelzwäsche gegeben; ob dabei die Schafpelze mehr Wamse gekriegt haben oder die Zobelschwänze, das ist mir justement egal. Ist's ein Fund für die gelehrten Buchmacher, so soll mich ein halber Gulden nicht reuen, wenn mir Einer oder der Andere Schwarz auf Weiß nachweisen kann, wer eigentlich zuerst den Rummel angefangen hat. Die Rathsherren mußten über den lebhaft gewordenen Weber, der in seiner Hartnäckigkeit sich diese Schlacht niemals hätte nehmen lassen, lächeln. Der Candidat schwieg kopfschüttelnd, und die Gesellschaft trat wieder den Rückweg an. Vom Hochzeitshause her vernahm man die Töne einer rauschenden Musik. Der Abend senkte sich. Schon dampften die Thäler und erfüllten die Wiesengründe am Flusse mit bläulichem Nebeldunst, dessen oberer Rand von der Sonne vergoldet ward. Ammer gewahrte Erdmuthe am Arm ihres jungen Gatten. Das klare Auge der Glücklichen hing an Fürchtegott's Blicken, der ihr viel Angenehmes gesagt haben mußte, denn ihr liebliches, blasses Gesicht strahlte wie verklärt. Als sie des Vaters ansichtig ward, sprach sie zu Fürchtegott: Bitte, bitte, einen Augenblick! Ich muß den lieben Papa ganz in der Stille um eine Gefälligkeit ersuchen. Sie ließ den Arm Fürchtegott's los und trat zu Ammer, der ihr vergnügt zulächelte und freundlich die Wange klopfte. Ein paar Secunden später fühlte Fürchtegott seine Schulter berührt. Er kehrte sich um – Kaufmann Mirus stand neben ihm. Letzterer ergriff den Arm des jungen Mannes und ging mit ihm seitwärts: Mein lieber Freund, sprach der Kaufmann, Sie haben sich heute einem, wie es den Anschein hat, braven und frommen Weibe vermählt. Ein Mann, dem dies gelingt, hat immer von Glück zu sagen. Denn wird das Heiligthum unseres Hauses nicht von einem Engel behütet, so schlüpfen gar bald durch alle Ritzen und Spalten neidische 535 Dämonen herbei und zehren den Segen auf, den rechtliche Arbeit anhäuft. Ich sage rechtliche Arbeit , wiederholte mit scharfer Betonung der gewissenhafte Kaufmann. Andere Arbeit wird niemals, wenigstens nicht lange von Segen begleitet. Das will ich als erfahrener, praktischer Geschäftsmann, als redlicher Christ und als ältester und stets zuverläßig gebliebener Freund Ihres würdigen Herrn Vaters Ihnen als goldene Regel empfehlen. Herr, ich muß Ihr sagen, fuhr er fort, wer es wohl meint mit seinen Freunden, der thut Jedem einen Gefallen, wenn er ihm offen die Wahrheit sagt. Mich drängt's dazu, junger Herr, aus Liebe zu Ihrem Vater und aus Vorsorge für Ihre Zukunft, auch wenn Ihnen meine Worte nicht wohl gefallen sollten. Wählen Sie Vorsicht, Klugheit und gerades Wesen zu Begleitern durch Ihr Leben. Bestreben Sie sich auch in den weiteren Kreisen, die das Glück Ihnen angewiesen, den Fußstapfen Ihres Vaters zu folgen; handeln und wandeln Sie nur auf rechten Wegen, und geben Sie vor Allem Acht, daß, wenn Sie Ihre Producte verschicken, nicht so grobe Irrthümer wieder vorkommen, wie letzthin, wo ich drei Ballen baumwollene und halbleinene Waaren statt reiner Leinwand erhalten habe. Es ist bloß des reellen Namens wegen, mein Lieber! Ich hatte es nicht bemerkt, und erfuhr es also erst aus Hamburg, wohin ich einen der Ballen versendete. Die Sache ist aplanirt, junger aber unvorsichtiger Handelsherr, ein zweites Mal möchte dies schwieriger sein. Uebrigens verlassen Sie sich auf den alten Mirus. Er kann schweigen. Nehmen Sie dies als wohlgemeintes Hochzeitsgeschenk. Es wird Ihnen, denk' ich, mehr Segen bringen als Geld und Geldeswerth. Mirus sah den zum Tode erschrockenen und leichenblassen Fürchtegott mit seinen durchdringenden Augen lange scharf an, schüttelte ihm die Hand und verließ ihn mit den etwas herber gesprochenen Worten: Nun denn, gute Besserung! Glücklicherweise war Erdmuthe, mit Vater Ammer in ein scherzhaftes Gespräch vertieft, die Verwandlung Fürchtegott's entgangen. Dieser zwang sich mit eiserner Gewalt, äußerlich ruhig zu bleiben, obwohl eine entsetzliche Angst Besitz von seinem Herzen nahm. Als Erdmuthe sich mit glücklichem Lächeln ihm wieder zuwandte, riß er sie mit Ungestüm an seine Brust und küßte sie leidenschaftlich. 536 Aus dem Hochzeitshause klangen die lockenden Töne eines raschen Walzers. Komm, süßes Herz, sprach Fürchtegott, komm und laß uns fröhlich sein mit den Andern! Sieh, wie sie lustig durch den lichterfüllten Raum fliegen, die festlich geschmückten Kinder der heitern Welt! Dieser Tag, meine kleine Heilige, gehört der Welt und ihren Freuden ausschließlich. Wenn du Theil daran nimmst, so heiligst du sie durch deine bloße Gegenwart! Fürchtegott bat so liebevoll, sein Auge glänzte, die Pulse klopften hörbar. Nie hatte ihn Erdmuthe in so merkwürdiger Bewegung gesehen, und da sie wirklich glaubte, es sei die Aufregung des Glückes, das den geliebten Mann in eine Art von Verzückung versetzte, so vermochte sie die Bitte nicht abzuschlagen. Sie neigte gewährend das feine Haupt und bald sah man das schöne Paar unter den Tanzenden. Lange freilich vermochte Erdmuthe, schon der Ungewohntheit wegen, nicht diesem Vergnügen sich hinzugeben. Sie begnügte sich deßhalb, dem Tanze an Frau Anna's Seite zuzusehen, ohne zu verlangen, daß auch Fürchtegott darauf verzichten solle. Dieser schien durch die Musik und durch die Aufregung immer mehr und mehr in eine bacchantische Begeisterung versetzt zu werden. Nur selten sah man ihn kurze Zeit rasten. In solchen Pausen eilte er dann regelmäßig zu Erdmuthe, sprach zärtliche Worte zu ihr und wußte immer auf's Neue ihre Besorgnisse, er könne seiner Gesundheit schaden, scherzend zu beseitigen. Bisweilen erschienen zwei Persönlichkeiten im Saale, die einem ruhigen und gänzlich unbefangenen Beobachter alsbald aufgefallen sein würden. Es waren dies der Kaufmann Mirus und Wimmer, der Herrnhuter. Beide Männer hatten sich mit bemerkenswerther Geschicklichkeit den ganzen Tag über zu meiden gewußt, während es bekanntlich in Ammer's Plane lag, nur Freunde an seiner Tafel sehen zu wollen. Er selbst war zu beschäftigt, auch zu vergnügt, um daran zu denken, zwei Männer einander zuzuführen, über deren gegenseitig feindliche Gesinnungen nur unzuverlässige Gerüchte von Mund zu Mund liefen. Während Ammer mit den älteren Gästen die schöne Aussicht aufsuchte, hatte sich Wimmer einigen Andern zum Führer angeboten in den verschiedenen Localitäten des Webers, die zur schwunghaften 537 Betreibung seines Geschäftes nöthig waren. Hier war der Herrnhuter vollkommen zu Hause und konnte mithin eben so gut wie Ammer selbst als erklärender Cicerone fungiren. Die aufmerksamste Zuhörerin unter den ihn Begleitenden war Frau Sempiterna, die sehr oft Fragen an Wimmer richtete und weder die großartige Färberei noch die Mangel eher verließ, bis sie von Allem ganz genau unterrichtet war. Ihr Gemahl würde eine sehr anzügliche und demüthigende Gardinenpredigt zu hören bekommen haben, wäre das Verhältniß zwischen den beiden wunderlichen Gatten seit Block's Auszuge nicht wesentlich ein anderes geworden. Still hörte einfach nicht mehr zu, wenn Frau Sempiterna das Bedürfniß fühlte, ihr Herz zu erleichtern. Er ließ sie stehen, auch reden, so viel und so laut sie wollte, er selbst ging aber lachend davon. So oft Mirus oder Wimmer in den Saal traten, was fast immer abwechselnd geschah – nur selten sah man beide Männer gleichzeitig und dann jedesmal an den entgegengesetzten Enden – suchten die Augen eines Jeden nur Fürchtegott, der, vom Zauber des Tages ergriffen, nichts um sich her beachtete, vielleicht auch nicht beachten wollte. Wie ein paar dunkle Schatten, die einer den andern fliehen, und doch gern mit einander kämpfen möchten, umkreisten Beide die Reihen der fröhlichen Tänzer langsamen Schrittes, Mirus stolz emporgerichtet, Wimmer gebückten Hauptes. Dies regelmäßige Kommen und Gehen beider Männer machte einen unheimlichen Eindruck, und nur ein einziger Mensch unter allen Gästen gewahrte erst tief in der Nacht dies Auf- und Abwandeln, dies Erscheinen und Verschwinden des Kaufmanns und des Herrnhuters. Er schwieg, aber er schürzte einen Knoten in seinem Gedächtniß, um künftig ein scharfes Auge auf Beide zu haben. Nach Mitternacht endlich fühlte Fürchtegott das Bedürfniß nach Ruhe. Der Tanz kam ihm jetzt schaal, nüchtern, fast sündhaft vor. Die Hitze im Saal drückte ihn unerträglich. Sein Kopf brannte, alle Fibern zitterten. Er eilte zu Erdmuthe und fragte, ob sie bereit sei, dem lauten Vergnügen den Rücken zu kehren. Erfreut reichte die junge Frau dem geliebten Gatten die Hand. Wie du glühst, Theurer! sagte sie besorgt. Mein Gott, wie kann man sich so aufregen und daran Vergnügen finden! Nicht wahr, mein geliebter Freund, das wirst du von jetzt an nie wieder thun? 538 Laß uns nach Weltenburg aufbrechen, versetzte Fürchtegott. Ich bin des Lärmens nun überdrüssig. Ich muß allein sein, bei dir, mein Engel, damit mir wieder wohl wird. Komm, Geliebter, sprach Erdmuthe, ihren Arm um Fürchtegott's Nacken legend und mit ihm den Saal verlassend. Frau Anna, desgleichen Ammer und Flora folgten. Es ist Zeit, daß wir uns trennen, Vater, sagte Fürchtegott. Mögen die andern springen und jubeln bis zum Morgen, wir wollen in der Stille das Glück genießen, das der Himmel uns verliehen. Die Nacht ist still und warm. In zwei Stunden schon können wir in Weltenburg sein, und morgen früh habe ich dann das Vergnügen, meinem kleinen Herzensweibe die prächtige Umgebung unseres gemeinsamen Eigenthumes von der Plattform des Thurmes im Morgensonnenglanz zu zeigen. Bald fuhr der Wagen vor. Das Rollen desselben hatte eine Anzahl Gäste aufmerksam gemacht und aus dem Saale gelockt. Eine neugierig gaffende Menge erfüllte die Gasse. Erdmuthe nahm Abschied von Ammer und Frau Anna. Sie hing jetzt an dem Halse Flora's, die sie nicht von sich lassen wollte, Fürchtegott ermahnte zur Eile. Als er mit der Geliebten den Wagen bestieg, warf er noch einen Blick auf das Vaterhaus und die Umstehenden. Da sah er die hochaufgerichtete Gestalt des ernst blickenden Mirus, auf der andern Seite des Wagens lehnte am Gartenstaket der Herrnhuter. Seine Augen waren nicht zu erkennen, der breiten Lider wegen, die über sie herabhingen. Er nickte den Neuvermählten zu, ein klein wenig den breitkrempigen Hut lüftend, mit dem er sich zum Schutz gegen die thaufeuchte Nachtluft bedeckt hatte. Fürchtegott überrieselte es wie Fieberschauer. Er hörte das Weinen der Geigen vom Tanzsaale her, das in seine Ohren tönte wie lautes Wehklagen. Die Erde schien unter ihm zu wanken, so glänzend hell auch die Sterne am wolkenlosen Nachthimmel funkelten. Fort, fort, so eilig wie möglich! rief er dem Kutscher zu, grüßte mehrmals Eltern und Geschwister, und drückte dann, tief und schwer aufathmend, seine glühende Stirn an die weiche, kühle Wange Erdmuthe's. 539 Dritte Abtheilung. Geprüfte Seelen. Erstes Buch. Erstes Kapitel. Rückblicke. An dem Nordabhange eines der vielen steilen Paßwege über das Gebirge lag unter hoher Tanne, deren dunkle Nadelbehänge beinahe die Erde berührten, ein Mann. Unter seinen Kopf hatte er einen schweren Pack geschoben, der einem Sacke von grober Leinwand ähnelte, oben aber zugeschnürt war. Grobe, weite Beinkleider von gleichem Stoffe, nur durch langen Gebrauch stark abgenutzt, plumpe Stiefel, eine blautuchene Jacke und ein rothbaumwollenes Tuch, lose um den sehnigen Hals geschlungen, bildeten die dürftige Kleidung des Wanderers. Der Weg zog sich weiter abwärts über kahle, grauweiße Sandsteinblöcke fort, auf denen man hie und da tiefe Radspuren bemerkte, oder er senkte sich in tiefe Schlünde, die mit Geröll angefüllt und zu beiden Seiten mit üppig wucherndem Brombeergesträuch, auch wohl bisweilen mit mannshohen Königskerzen, bewachsen waren. Erst tiefer unten, in einer Entfernung von wohl zwei Stunden, blickte aus sonnigem Thale der braunrothe Thurm einer Kirche und weiterhin sah man Ziegeldach an Ziegeldach sich reihen bis an die begrünten Hügel, welche den Horizont im Norden begrenzten. 542 Der rastende Wanderer hatte die Augen geschlossen und beide Hände unter den Kopf gelegt, um die heißeste Tageszeit in dieser Lage abzuwarten. Ein lautes Pfeifen, das er anfangs für die rufende Stimme eines Waldvogels hielt, machte ihn aufhorchen, als es nach und nach näher kam. Gleichzeitig vernahm er Tritte, und bald zeigte sich in der obern Windung des Passes die stattliche Figur eines gemächlich herabklimmenden Mannes, der sich zur Unterhaltung ein Liedchen pfiff. So oft sein Fuß auf dem steilen und glatten Sandstein ausglitt, was häufig der Fall war, unterbrach er sein Liedchen und brummte oder stieß unverständliche Worte aus. Einige Augenblicke richtete sich der unter dem schattigen Tannenbaum Siesta Haltende halb auf, da er aber sah, daß er von keinem Wegelagerer bedroht werde, nahm er ruhig seine frühere Lage wieder ein und schloß abermals die Augen, als wolle er schlafen. Der fröhliche Wanderer kletterte indeß vollends die felsige Stiege herab und zeigte sich jetzt als ein Mann in den besten Jahren, schlank von Wuchs und in einer Kleidung, die schon von Weitem seinen Charakter, seine Stellung in der Welt errathen ließ. Der lange Rock von dunklem Tuche, die hohen, blanken Stiefel und die schwarze Halsbinde mit dem feinen, weißen Rande unter dem Kinn ließen den katholischen Geistlichen nicht verkennen. Gegenüber der Tanne, auf der andern Seite des Pfades, lag ein moosbedeckter Sandsteinblock. Diesen erwählte jetzt der zweite Wanderer zum Ruhesitze, nahm seinen Hut ab, trocknete sich den Schweiß von der Stirn, strich die etwas kurzen und dünnen Haare zurück und schlug dann mit seinem Stocke auf ein paar kleinere, im Wege liegende Sandsteinbrocken, die, was nicht selten ist, einen leise verhallenden Ton von sich gaben. Jetzt bewegte sich der Liegende, richtete sich auf und begrüßte den Sitzenden mit dem üblichen »guten Tag«. Ein heißer Johannistag, entgegnete der Sitzende, den Gruß erwidernd. Man hat an sich selbst genug zu tragen, wie schwer mag es Euch erst werden, die Ihr solche Lasten über die Berge schleppen müßt. Hätte man auf der Welt nichts Schlimmeres zu dulden, erwiderte der Mann unter der Tanne, so wäre man wohl auch aufgelegt, sich unterwegs ein Lied zum Zeitvertreib zu pfeifen. Geht der geistliche Herr sammeln auf die Dörfer? 543 So ist es, versetzte dieser, ein barmherziger Bruder aus Prag, die alljährlich in den Grenzdörfern einsprechen, um milde Gaben für die Pflege Kranker zu erbitten, welche die humane Brüderschaft Jedem, gleichviel, welchem Religionsbekenntnisse der Bedürftige angehören mochte, bereitwilligst angedeihen ließ. Da könnten wir einander Gesellschaft leisten, sagte der Andere, wenn nämlich der geistliche Herr sich nicht an meinem Rock stößt. Wie könnte ich! sagte der barmherzige Bruder. Ich werde mich unterhalten, dabei meine Kenntnisse erweitern, und brauche vor langer Weile nicht mehr zu pfeifen. Zu viel Güte, erwiderte der Mann unter der Tanne. Ein armer Mensch wie ich, der Jahraus Jahrein mit Niemand zusammenkommt, als mit den Spinnern im Gebirge, hat selten Gelegenheit, etwas zu lernen. Ich weiß selber so viel wie nichts, wie könnte ich Andern und gar einem Gelehrten, einem geistlichen Herrn von meiner Armuth etwas abgeben! Doch, doch, mehr als Ihr glaubt, sagte der Geistliche. Ihr blickt in Verhältnisse, die Tausenden unbekannt bleiben, weil man die Kreise gering achtet, die Ihr gründlich kennt. Ihr verkehrt mit Menschen, die auch ein Glied bilden in der großen Kette, welche das Volk ausmacht. Gewiß, wenn man Euch fragte, Ihr würdet mehr zu erzählen wissen, als mancher vornehme Herr, der mit Vieren von einem Ende der Welt zum andern fährt. Nun so fragt, lieber Herr, versetzte der Andere munter, indem er rüstig aufsprang, seinen schweren Packen auf den Rücken hob, den starken Dornstock ergriff und, beide Hände darauf stützend, den barmherzigen Bruder mit offenen, gutmüthigen Augen ansah. Sind Sie wieder bei Kräften, so können wir aufbrechen. Die Zeit wird uns rascher vergehen, als da vom Kamm herunter, wo man jeden Schritt mit Winkelmaß und Zirkel hätte ausmessen mögen. Der Geistliche war bereit. Indem er behutsam voranschritt und dem schwer Bepackten vorsorglich die sicher zu betretenden Stellen des noch immer beschwerlichen Pfades andeutete, sagte er: Der Aussprache nach müßt Ihr ein Schlesier sein, aus der Gegend vom Iserkamme her? 544 Da bin ich zu Hause, erwiderte dieser, ich habe mich aber auch sonst im Lande weit und breit umgesehen, weil's das Geschäft so verlangt. Ihr sagtet vorhin, warf der Geistliche ein, daß Ihr viel mit den Spinnern des Gebirges verkehrtet. Hinauf auf die Kämme und breiten Kammwiesen bin ich nie gekommen, weil das, – fügte er mit schalkhaftem Lächeln hinzu – mein Geschäft wenig fördern dürfte. Es soll aber den armen Leuten dort oben seit Jahren nicht allzu gut gehen. Wie mag das kommen? Darüber, gelehrter Herr, ließe sich Vieles sagen. Ganz genau weiß ich selber auch nicht Bescheid, was ich aber so hörte, hat mich wohl einen Blick in die Verhältnisse thun lassen, so daß ich wenigstens darüber sprechen kann. Ich bin begierig, Eure Ansicht zu erfahren. Ehedem, d. h. schon vor längeren Jahren, fuhr der Gebirgsmann fort, hatten die Leute in den Bergen, nach ihrer Art zu leben, guten Verdienst. Sobald der Herbst kam, und später, wenn es ganz zuwinterte, spann Alt und Jung, und schmolz der Schnee im Frühjahre, konnten sie die Arbeit ihrer Hände leicht verwerthen an die großen Garnhändler, die mit Pferd und Wagen nach den Gebirgsdörfern kamen. Das ist jetzt anders geworden, nicht auf einmal, sondern nach und nach, eigentlich ganz unmerklich. Die Leute sind aber übel daran und kommen arg zurück. Und wie läßt sich diese traurige Erscheinung erklären? Tragen die kriegerischen Zeitläufe Schuld daran? Schwerlich, Herr, es mag wohl mehr im Ganzen liegen, in den veränderten Ansichten der Menschen und in der Sucht, alle gute Leinewand ganz und gar abzuschaffen. Der barmherzige Bruder hemmte seine Schritte und wartete, bis der ihm folgende Gebirgsmann an seiner Seite stand. Das ist doch wohl noch keinem vernünftigen Menschen eingefallen? sagte er. Nie habe ich ein Wort davon gehört. Es spricht auch Niemand davon, dennoch muß es sich so verhalten, denn wie wäre es sonst möglich, daß nur äußerst wenig Handgespinnst jetzt begehrt wird? Daß selbst das Feinste im Preise gesunken ist und daß nur selten einer von den großen Fabrikanten ein paar Schock des besten Garnes monatlich verarbeiten läßt? 545 Und doch stand die Weberei nie zuvor in solcher Blüthe, meinte der geistliche Herr, einen waldigen Wiesenpfad einschlagend, der gerade auf ein großes Gehöft zuführte. Der Gebirgsmann schüttelte den Kopf. Das ist bloße Rederei, sagte er. Der Weber sind freilich mehr geworden als je zuvor, gehoben aber hat sich das Geschäft, der Nahrungszweig selbst nicht, denn wer heut zu Tage mit dem »Schützen« umgeht, der hat immer auch schon die Nähnadel eingefädelt, mit der er sich den Bettelsack nähen kann, wenn's einmal über Nacht ein Ende nimmt. Die letzten Worte sprach er bitter, gab seinem schweren Packen einen kräftigen Ruck und legte den Stock quer unter denselben, ihn an beiden Enden fassend, um sich dadurch die Last etwas zu erleichtern. Ihr habt doch nicht selbst traurige Erfahrungen gemacht? forschte der Geistliche weiter. Ich selber nicht, lautete die Antwort, mein Bruder aber, wenn er noch lebte, könnte davon erzählen. Doch wozu über nicht zu ändernde Dinge unnütze Worte verlieren! Eins steht fest, lieber Herr, es gibt schon seit Jahren wenig reelle Weber mehr. Darum darben die Flachsspinner im Gebirge; darum hält man wenig vom Handgespinnst und darum haben wir meistentheils schlechte Leinwand. Schlechte Leinwand mag ich aber noch weniger leiden, als das baumwollene Zeug, was jetzt so viele Tausende dem besten Linnen vorziehen. Der geistliche Herr aus Prag konnte auf diese Bemerkungen seines Begleiters nichts erwidern, da er sich auf ein Feld versetzt sah, wo er sich durchaus nicht heimisch fühlte. Man hatte inzwischen das Gehöft erreicht, die Gegend öffnete sich, ein prächtig bewaldetes Thal, in dessen Tiefe ein klarer Fluß rauschte, ward sichtbar, und weiter thalabwärts zeigten sich hohe Gebäude, deren Wände und Fenster jetzt in der Nachmittagssonne hell erglänzten. Wie heißt der Ort dort mit den vielen prächtigen Häusern? fragte der barmherzige Bruder. Weltenburg, versetzte der Gebirgsmann. Ein schönes Besitzthum, obwohl ich keine Lust verspüre, dort zu wohnen. Weltenburg? wiederholte nachdenklich der Geistliche. Gehört das nicht den reichen Ammer? 546 Die reichen Ammer nennt man die Herren von Weltenburg, erwiderte etwas düster der Mann mit dem Packen. Ich weiß nicht, ob das Gerücht wahr spricht, aber ich mag die Herren nicht, obwohl ich häufig mit ihnen verkehre. Ihr verkauft ihnen wahrscheinlich Gebirgsgarn? Ja, Herr, und erhalte dafür pünktlich reelle Bezahlung. Und deßhalb mögt Ihr sie nicht leiden? Das hat einen andern Grund, Herr. Ihr habt etwas auf dem Herzen; wenn Ihr sprecht, wird Euch leichter werden. Kann sein, erwiderte der Gebirgsmann, ich spreche nur nicht gern davon, weil ich Niemand Unrecht thun mag. Da wir nun aber doch einmal darauf gekommen sind, kann ich's Ihnen ja wohl sagen. Ich habe außer meiner eigenen Familie auch noch die Wittwe meines Bruders zu ernähren, und da muß ich mich wacker rühren, um durchzukommen. Und doch wollen das die Ammer auf Weltenburg niemals einsehen. So oft ich sie auch bediene, wie sie's wünschen mögen, bei der Bezahlung wird doch jedesmal abgezogen. Jetzt wissen Sie, weßhalb ich nicht in dem prächtigen Schlosse wohnen möchte. Der barmherzige Bruder bemühte sich, den Garnhändler auf andere Gedanken zu bringen. Er führte an, daß Geschäftsleute wie die Herren von Weltenburg gewöhnlich mit weit mehr Sorgen belastet seien, als man glaube, daß Sparsamkeit bei Ordnungsliebe und Pünktlichkeit ihnen Niemand zum Vorwurf machen dürfe, da sie ja sicherlich Verbindlichkeiten der mannigfachsten Art zu erfüllen haben würden. Dann würden Männer mit so ausgebreiteten Geschäften von Zahllosen bestürmt, von Manchem auch wohl in unziemlicher Weise und dies verstimme sie dann und ließe sie vielleicht hart erscheinen, ohne daß man ihnen mit Grund einen solchen Vorwurf machen könne. Der alte Ammer, schloß er seine längere Auslassung, war ein grundehrlicher, dabei in hohem Grade mildthätiger Mann. Ich weiß nicht, ob er noch leben mag; unsere Brüderschaft ehrte ihn sehr, wie er auch uns wieder gewogen war. Meine älteren Collegen besuchten ihn jährlich zweimal, und nie verließen sie sein Haus ohne reiche Geschenke von ihm zu erhalten. 547 Da haben Sie Recht, lieber Herr, versetzte der Garnhändler. Wären die Herren Söhne nach dem Vater gerathen, so müßte jetzt in Weltenburg das Himmelreich auf Erden anzutreffen sein. Allein in den jungen Herren, die freilich jetzt auch nicht mehr die Allerjüngsten sind, ist Alles ausgeartet. Darum – mit Verlaub – hass' ich sie eigentlich, obwohl ich mir sagen muß, daß dies unchristlich, vielleicht gar sündhaft ist. Die Wanderer waren jetzt dem Schlosse mit seinen vielen Nebengebäuden so nahe gekommen, daß sie die ganze großartige und schon von Außen imponirende Anlage überblicken konnten. Jedermann mußte schon bei diesem Anblick überzeugt sein, daß die Eigenthümer einer so ausgedehnten Besitzung durch ihre großen Mittel mächtig und vielgebietend dastehen müßten. Dieser Eindruck verlor sich auch nicht, je näher man den Gebäuden kam, denn überall sah man unverkennbare Zeichen nie ruhender Thätigkeit. An der im Thale liegenden Walkmühle trennten sich die Wanderer. Der barmherzige Bruder stieg den Schloßberg hinan, der Garnhändler wandte sich nach einem abgesondert liegenden nur einstöckigen Hause mit grünen Jalousieen, über dessen Thür auf langer schwarzer Tafel mit weithin leuchtenden Buchstaben die Worte zu lesen waren: Comptoir der Gebrüder Ammer. – Während der aus den Gebirgen kommende Garnhändler in dieses tritt und der barmherzige Bruder dem Portale des alten Schlosses zuschreitet, werfen wir einen Blick auf die Vergangenheit, um uns im Schooße der Familie, deren Schicksale uns beschäftigen, zu orientiren. – Es sind Jahre vergangen seit jener Nacht, wo Fürchtegott seine junge Gattin nach Weltenburg führte. In dieser langen Zeit hatten die Ammer viel Trübes erfahren. Eine Reihe von Unfällen, die, sich oft wiederholend, wie Nadelstiche prickelten und Niemand Ruhe gönnten, störten den Frieden der ganzen Familie. Wenige Wochen nach Fürchtegott's Vermählung wurden die Brüder eines Tages von der Nachricht erschüttert, das Haus Zobelmeier in Wien habe plötzlich seine Zahlungen eingestellt, der Chef desselben sei flüchtig geworden, das Geschäft versiegelt. Die Gebrüder Ammer hatten Wechsel auf jenes Haus laufen, welches für sie die Hauptagentur ihres Handels nach der Levante besorgte. Diese Wechsel mußten 548 vor Allem gedeckt werden, um größeres Unglück zu verhüten. Deßhalb entschloß sich Christlieb, genau vertraut mit den Verhältnissen, ohne Säumen nach Wien zu reisen, um durch seinen Einfluß wenigstens den vollen Ausbruch eines Concourses zu verhindern und überhaupt zu retten, was etwa noch zu retten sein möchte. Allein noch ehe er abreisen konnte, traf ein Eilbote auf Weltenburg ein, den Zobelmeier selbst entsendet hatte. Dieser überreichte den Brüdern ein Schreiben, dessen Inhalt sie in die größte Bestürzung versetzte. Es war zur Kenntniß der Behörden gekommen, daß durch Anwendung geheimer List ein ansehnlicher Gewinn im Lotto an die Ammer gefallen war, nähere Nachforschungen, die man in größter Stille und äußerst behutsam anstellte, warfen ein verdächtigendes Licht auf Zobelmeier, man bemächtigte sich unerwartet seiner Papiere, fand einen bisher unbeachtet gelassenen Zettel von Christlieb Ammer's Hand, und gab darauf unverweilt Befehl, diesen Mann, dessen Name wohl bekannt war und der, seines großen Einflusses wegen, der Behörde wichtiger als jeder andere erschien, zu verhaften, sobald er die Grenze überschreiten werde. Christlieb's zitternder Hand entfiel dies Unglückspapier, er selbst war dem Umsinken nahe. Nur Fürchtegott's resolutes Wesen, das noch immer bei jedem bedeutenden Unfälle eine außergewöhnliche Spannkraft entwickelte, richtete den Niedergeschmetterten wieder auf. Die persönliche Freiheit mußte um jeden Preis gesichert werden. Nach langem Hin- und Hersinnen erklärte Fürchtegott eine offene Anfrage an geeignetem Orte durch einen unbetheiligten Dritten für das sicherste Auskunftsmittel. Es galt nur, das eigene Vermögen zu retten und – gleichviel auf welche Weise – den drohenden Verhaftsbefehl für immer aufzuheben. Dem ungemein klugen Vorgehen Fürchtegott's gelang wirklich Beides, freilich erst nach mehreren Monaten und mit sehr großen Geldopfern. Christlieb durfte ungefährdet den Kaiserstaat wieder betreten, das in Stocken gerathene Geschäft ward geordnet, die abgebrochenen Verbindungen auf's Neue angeknüpft, allein es gingen weit über hunderttausend Gulden dabei verloren! Diesen Verlust würden beide Brüder leichter verschmerzt haben, wäre es ein solcher gewesen, von dem sich sprechen ließ. Aber man 549 mußte ihn geheim halten, durfte ihn nicht einmal den Nächststehenden ahnen lassen. Dies peinigte und drückte die Brüder, machte sie bisweilen unsicher, sogar unentschlossen in wichtigen Geschäftsangelegenheiten und entwickelte in Beiden eine gewisse Schärfe, die sie am unangenehmsten ihre Untergebenen, und unter diesen wieder die Abhängigsten mehr als Andere fühlen ließen. So kam es, daß bald das Gerücht sich verbreitete und immer mehr Kraft gewann, die reichen Gebrüder Ammer seien harte, herzlose Menschen, denen es bisweilen Vergnügen gewähre, Bedürftige zu quälen und sie ihre unbegrenzte Macht fühlen zu lassen. Die Brüder selbst ahnten nichts davon, sie hatten auch nicht die Absicht, Andere ungerecht zu behandeln, denn welch scharfe und leicht verwundende Spitzen und Hacken in ihrem Charakter sich angesetzt hatten, das vermochten sie schon darum nicht zu beurtheilen, weil ihnen alle Selbstprüfung fremd war und sie, im Gefühl gethanen Unrechtes, sich alle mögliche Mühe gaben, jeden Gedanken, jede Erinnerung daran gänzlich in sich zu ertödten. Um in allen rein geschäftlichen Dingen völlig unabhängig zu sein, vielleicht auch um trübere Stimmungen den Näherstehenden leichter verheimlichen zu können, erbauten sie jenes kleine, aber comfortable eingerichtete Haus mit den grünen Jalousieen, das entfernt vom Schlosse mitten zwischen den rastloser Arbeit gewidmeten Etablissements lag. Dahin verlegten die Gebrüder Ammer ihr Comptoir. Fast wider Erwarten gelang die Ausgleichung der Wiener Fatalität so geräuschlos, daß nicht einmal der ewig spionirende Wimmer die geringste Kunde davon erhielt. Mit diesem Gelingen begnügten sich aber die Brüder nicht. Sie waren freilich reich, dennoch schmerzte sie der gehabte Verlust, und gerade, weil die Schuld ihnen ganz allein zufiel, wollten sie das Verlorene auch wiedergewinnen. Die einmal glücklich überstandene Gefahr machte sie vorsichtig. Nicht durch Umgehung der Gesetze wollten sie ihr Besitzthum vermehren, kaufmännische Genauigkeit sollte ihnen von jetzt an eine ungleich festere Brücke zu sicherem Gewinne bauen. Ihr Herz hing bereits dergestalt an dem blinkenden Metall, daß sie es gegen Andere unverhohlen aussprachen, das größte Unglück auf Erden sei der Nichtbesitz des Geldes. Damit war auch der 550 Grundsatz kundgegeben, man dürfe nie aufhören, eine Habe zu mehren. Bei den ungeheuern Verbindungen der Gebrüder, bei den vielen tausend Händen, welche sie beschäftigten, die von ihnen abhingen, waren immer große Summen zu verdienen, wenn man den Arbeitern unmerkliche Abzüge machte. Die Concurrenz eines Mächtigeren hatten die Brüder nicht zu fürchten, im Gegentheil, sie verbanden sich Andern durch Einführung eines solchen Verfahrens. Die Gelegenheit dazu war bald gefunden. Eine Handelsstockung von nur einigen Wochen, die aber doch hemmend auf die Production zurückwirkte, nöthigte die Brüder zu der längst beabsichtigen Erklärung gegen ihre Arbeiter, wobei sie es diesen anheimstellten, ob sie gänzliche Entlassung einer so geringfügigen Lohnverkürzung vorzögen. Was man vorausgesehen hatte, geschah. Kein Einziger verließ die Arbeit, vielmehr baten eine ansehnliche Zahl erst neu dazu Gekommener, die Herren auf Weltenburg möchten doch ihre Hand nicht von ihnen abziehen. Rentirte schon dies Manöver, so warf ein anderes, das dem rastlos thätigen Gehirn Fürchtegott's entsprang, noch ungleich größere Summen ab. Die ernste Warnung des Kaufmann Mirus an seinem Hochzeitstage, die ihm den Himmel seiner Flitterwochen gar sehr trübte, hatte doch gute Folgen. Die alten Kunden in Amerika, die nur deßhalb von dem ihnen gespielten Betruge nichts gemerkt hatten, weil zufällig die ersten Sendungen jener unsoliden Waaren raschen Absatz in die westlichen Staaten und überhaupt in das Innere des unermeßlichen Landes fanden, konnten seit jenem ersten Drohworte nicht besser bedient werden. Die Gebrüder Ammer waren, um in jeder Hinsicht solid bleiben zu können, so vorsichtig, daß sie sich nur für eine geringere Quantität verpflichteten, und die so Bedienten erhielten fort und fort nur Waaren von den alten Ammer'schen Webstühlen. Diese überaus kluge Machination befestigte den Credit auf's Neue, und weil man jetzt einen nicht mehr wankenden sichern Grund hatte, auf dem man zu jeder Zeit fußen konnte, war in anderer Weise schon wieder etwas zu wagen, ohne sich selbst zu schaden. In Surinam fand die leichtere, mit Baumwolle gemischte Leinwand ungleich mehr Beifall als die ächte. Dort sah man mehr auf 551 das Aeußere und wäre vielleicht nicht einmal abgeneigt gewesen, eine besonders anmuthig in's Auge fallende Apretur mit höheren Preisen zu bezahlen. Auf diese Apretur ward demnach jetzt ganz außerordentliche Sorgfalt verwandt, dagegen war der Stoff von gar keiner Haltbarkeit. Aber auch hier blieb den klugen Brüdern das Glück treu. Ihre Agenten in Surinam waren befriedigt, erneuerten regelmäßig ihre Bestellungen und sendeten pünktlich den Betrag dafür in guten Papieren auf die ersten europäischen Häuser ein. Erforderten alle diese schwierigen Unternehmungen auch viele Arbeit, war deren Zustandekommen mit Sorgen und Aerger mancherlei Art verbunden, dennoch würde die Welt die Gebrüder Ammer zu den vom Glück selten Bevorzugten gezählt haben. Ein trauriges Ereigniß aber, das schon im dritten Jahre nach Fürchtegott's Verheirathung eintrat, stürzte die ganze Familie in tiefe Betrübniß. Vater Ammer hatte auf Zureden seiner Söhne eine neue Einrichtung in der Färberei treffen lassen, um gewissen Stoffen, die in der Levante stark begehrt wurden, mittelst derselben eine besonders glänzende Farbe geben zu können. Dazu bedurfte es der Verwendung einer giftigen Substanz, die nur verabfolgt wurde, nachdem deren Verwendung in genügender Weise nachgewiesen worden war. Ammer selbst war ein zu vorsichtiger Mann, als daß durch eine Vernachlässigung seinerseits irgend Jemand hätte gefährdet werden können; allein er wußte nicht – und man hatte es ihm zu sagen vergessen – daß während des Kochens der geringste damit in Berührung kommende Funke die Substanz sofort entzünde. Es war tief im Herbst, das Wetter hell, aber windig, als Ammer noch vor Schlafengehen die erwähnten Ingredienzen zum Gebrauch für den nächsten Tag vorbereiten wollte. Der starke Wind schlug dabei heftig die Thür der Färberei zu, wehte von dem brennenden Lichte eine glimmende Flocke ab und trieb sie in den brodelnden Kessel. Sogleich schlug eine dunkelrothe Lohe hoch auf bis an die Decke, der Kessel strömte über, erstickender, die Lungen schwer belästigender Rauch erfüllte den Raum, und ehe der erschrockene, von dem giftigen Dunst fast betäubte alte Mann sich noch besinnen konnte, stand das ganze Gebäude bereits von der Sohle bis zum Giebel in hellen Flammen. 552 Ammer stürzte hinaus in die Nacht. Die rothe Gluth, von der Windsbraut erfaßt, rollte fort über die nächsten Gebäude, und ehe noch irgend Jemand an Rettung oder Hilfe denken konnte, stand das ganze Gewese des reichen Webers, das Haus des Nachbars Seltner und mehrere andere in vollen Flammen. In den vom Winde strudelnd umhergetriebenen Feuerflocken versengten die weißen Haare des alten Mannes, der, um das Wichtigste der Vernichtung zu entreißen, in sein Cabinet stürzte. Eiligst erschloß er hier mit zitternder Hand, während Schauben und Sparren schon von der gefräßigen Lohe verzehrt wurden, einen Wandschrank, entnahm demselben mehrere Papierrollen, schnallte sich möglichst schnell eine schwere Geldkatze um den Leib, knöpfte seinen Rock fest zu, sah sich nochmals um in den ihm so theuern Räumen, wo er so viel verlebt, so manche bange Stunde durchgekämpft hatte, und wollte nun sein dem Untergange verfallenes Eigenthum für immer verlassen, da prasselte, als er eben das Wohnzimmer durchschritt, ein Theil des aus Holzwerk gezimmerten Giebels nieder in die Gasse. Der immer heftiger vom Gebirge hereinfegende Wind jagte die Flammen dem Weber gerade entgegen, so daß in wenigen Secunden die mit Oelfarbe und einem Lacküberzuge angemalte Hausthür sofort in Brand gerieth. Ammer schrie nach Hilfe und suchte durch die Hinterthür zu entkommen. Allein hier wirbelten die Flammen des Färbehauses, die bereits auf die Wohnung Seltners hinübergesprungen waren und jetzt über den nächsten Gruppen der Obstbäume ein roth glühendes Gewölbe bildeten, ihm toddrohend entgegen. Dennoch mußte die Flucht über brennendes Gebälk am Boden, durch stürzende Schindeln, Latten und niederprasselndes Stückwerk gewagt werden. Ammer faltete die Hände über seiner breiten Brust, betete laut und entfloh dann mit dem Rufe: Sei und bleibe bei mir, mein Gott und Herr bis an's Ende! Es gelang ihm, mit unbedeutenden Brandwunden die Trümmer zu überspringen. Schon glaubte er sich gerettet, da schnurrte der letzte Rest des zusammenbrechenden Schaubendaches, dessen hoher First mit breiten Ziegeln belegt war, herab, einige der größten Ziegelstücke erreichten den Fliehenden, er stürzte nieder unter lautem Schmerzensruf, 553 und wie Rauch und Flammen über ihm zusammenschlugen, vergingen dem Aermsten die Sinne. Als der greise Weber wieder zum Leben erwachte, sah er an seinem Schmerzenslager seine Gattin, die weinende Flora, beide Seltner, Vater und Sohn, und seinen Enkel Otto, der den Großvater mit seltsamen Augen betrachtete. Der Brand wüthete noch immer. Die zur Rettung Herbeigeeilten waren nur auf Einengung des entfesselten Elementes in gewisse Grenzen bedacht. Die einmal vom Feuer ergriffenen Gebäude mußte man bei dem Forttoben des Windes und der heftigen Gluth verloren geben. Ammer war schwer verletzt. Der herbeigerufene Arzt fand ihn nicht allein von mehreren Brandwunden beschädigt, er bemerkte auch, daß der alte Mann die rechte Schulter ausgesetzt und den linken Fuß gebrochen hatte. Diese Nachricht berührte den bis dahin so rüstigen Mann so schmerzlich, daß er sich kaum der Thränen zu enthalten vermochte. Also doch noch ein Krüppel geworden auf meine alten Tage! sagte er bekümmert. Nun, es wird hoffentlich nicht mehr lange dauern, und der Herr folgt dem Gehäuse, das ihn bis dahin beherbergt hat. Ammer besaß aber eine eiserne Constitution. Trotz der heftigen Körperschmerzen, die ihn Tag und Nacht peinigten, und ungeachtet der tausend Sorgen, die auf ihm lasteten, blieb er geistig doch frisch, wie sonst. Von seinem Lager aus disponirte er über geschäftliche Angelegenheiten, ließ sich die Risse zu dem Neubaue zeigen und von den Architecten und Polirern erklären, was ihm undeutlich daran war, verfügte über die erforderlichen Geldmittel, ja prüfte sogar die Weben, die allwöchentlich seine Arbeiter ihm ablieferten. Darüber vergingen Wochen. Endlich war der alte Herr wieder so weit hergestellt, daß er sein Lager verlassen konnte. Da freilich gewahrte er zu seinem großen Verdruß die Unfähigkeit, ohne Hilfe und Stütze Anderer auch nur einen Schritt thun zu können. Der rechte Arm blieb schwach; er konnte sich seiner nur bedienen, wenn er einen festen Ruhepunkt hatte. Ihn selbstständig zu bewegen, dazu fehlte es Muskeln und Sehnen an Kraft. Der gebrochene Fuß war auch nach den Versicherungen aller Aerzte vollkommen kunstgerecht 554 geheilt, allein biegen konnte ihn der Weber nicht. Fußblatt und Knöchelgelenke schienen in eine feste, starre Masse zusammengewachsen zu sein. Bei dieser Entdeckung sank Ammer wieder zurück in seinen Lehnstuhl und wiederholte die Schmerzensworte: Also doch ein Krüppel! – Dies unvorhergesehene Brandunglück, von dem auch noch mehrere Andere betroffen wurden, war ein schwerer Schlag für die Familie Ammer. Der Verlust an weltlichen Gütern ließ sich kaum berechnen. Außer den Werthpapieren und der zum Glück nicht übergroßen Summe baaren Geldes, welche der Weber gerade im Hause vorräthig hatte, war Alles ein Raub der Flammen geworden. Das ganze reiche Lager an fertigen Waaren, ein großer Vorrath des feinsten Garnes war verbrannt. Und weder diese Waaren noch die Baulichkeiten hatte Ammer versichert! Seine praktischeren Söhne forderten ihn wiederholt auf, diese Vorsichtsmaßregeln auf alle mögliche Fälle doch ja nicht zu vernachlässigen; sie führten ihm zu Gemüthe, daß Graf Alban, ebenso Wimmer und der alte, grämliche Mirus gleichfalls diese neue Einrichtung für zweckmäßig erklärt und Alle davon Gebrauch gemacht hätten; Ammer schüttelte consequent den Kopf und sagte hartnäckig: Nein! Will mein Schöpfer mich strafen oder prüfen, sprach er, so wird er's dann erst recht thun, wenn ich aus purem Mißtrauen oder aus eitel Verstandesübermuth so frech bin, zwischen mich und seine allmächtige Hand einen Streifen Papier zu schieben. Wer's verantworten kann vor seinem christlichen Gewissen, mag es thun, ich für mein Theil spreche früh und Abends mein Bitt- und Dankgebet, und lasse dem Herrn freie Hand und freies Spiel allüberall nach seiner unerforschlichen Weisheit. Diesen Verlust an Hab' und Gut, so bedeutend er war, und so sehr er unmittelbar nach der Katastrophe eine Menge Menschen drückte, verschmerzte Ammer von Allen zuerst und am leichtesten. Er machte ihn selber nicht arm, und das Verlorne war ja durch Arbeit wieder zu gewinnen; schwerer dagegen konnte er sich an seine körperliche Gebrechlichkeit gewöhnen. Da Flora's Haus von den Flammen verschont geblieben war, richteten Vater und Mutter sich vorläufig ganz bei ihr ein. Ammer konnte hier vom Fenster aus den Bau gewissermaßen leiten und 555 überwachen, und hatte eine Freude daran, die vielen Gebäude täglich mehr emporwachsen und endlich sich vollenden zu sehen. Nach gänzlicher Beendigung auch der innern Einrichtung, die den Bedürfnissen der Neuzeit etwas mehr entsprach, als die des abgebrannten alten Hauses, wollte der Weber wieder Besitz davon nehmen, allein schon die erste Besichtigung machte ihn anderen Sinnes. Nichts war so, wie es sonst gewesen, wie er es von Jugend auf gewöhnt war. Alles war schöner, nach Ammer's Behauptung aber viel, viel unbequemer. Dies machte ihn mürrisch, über die Maßen eigensinnig und oft sogar zänkisch. Seine besten Arbeiter konnten ihn nicht mehr befriedigen. Er verwarf Alles, fand überall zu tadeln, und wenn er dann seine Aussetzungen rechtfertigen wollte und der rechte Arm ihm den Dienst versagte, gerieth der alte Mann in einen stillen Ingrimm, daß die Nächststehenden mit vereinten Bitten in ihn drangen, er möge sich doch fortan schonen und das ganze Geschäft, das ihm doch keine Freude mehr gewähre, für immer aufgeben. Anfangs weigerte sich Ammer hartnäckig, da aber die angedeutete Stimmung und in Folge deren auch die heftigen Scenen sich wiederholten, der gebrechliche Mann auch durchaus nicht zu bewegen war, den zweckmäßigen Neubau zu beziehen, kam er nach einiger Zeit selbst zu der Einsicht, es sei besser für ihn, wenn er das Arbeiten und Sorgen jetzt Andern überlasse. Nach langen und ausführlichen Unterhandlungen, an denen seine sämmtlichen Kinder Theil nahmen, übertrug Ammer seinem Schwiegersohn Albrecht Seltner das Geschäft, ließ das neu erbaute Haus auf ihn umschreiben und setzte sich selbst zur Ruhe. Als diese Uebertragung rechtskräftig beendigt war, seufzte Ammer, denn er kam sich jetzt überflüssig vor in der Welt. Ich wollte, nun käme bald mein Schöpfer, sagte er, berührte meine Augen mit seinem Finger und spräche: Komm Alter, ich will dich sehen und dich verstehen lehren die Gefilde der Seligen und die Räthsel des Glaubens. Aber so leicht wird es mir nicht werden. Mein Herz, ich fühl's, schlägt noch gar zu weltlich und sodann ist's auch sündhaft, hab' ich mir allzeit vorpredigen lassen, sich selber den Tod zu wünschen, zumal wenn man noch zu leben hat und Kinder, 556 die einen alten, hinfälligen Menschen, wenn's sein muß, pflegen können. Darum: wie der Herr will! Ammer's Gemüthsstimmung heiterte sich auf. Er mochte gern am Fenster sitzen, mit Otto oder auch, wenn die Zeit es ihr erlaubte, mit Flora plaudern, und auf die Arbeitsleute, besonders auf die Garnschläger achten, die an sonnigen Tagen stets einige Stunden damit beschäftigt waren, gefärbte oder auch nur gebrühte Garne auf Stangen zum Trocknen aufzuhängen und dann so lange auszuschlagen, bis jeder Faden sich wieder von dem andern gelöst hatte. Es bedurfte zu dieser für den Fabrikanten wichtigen Arbeit sehr zuverlässiger Leute, weil sie Vorsicht und Ausdauer erheischt. Es kam daher auch nicht selten vor, daß der Finger des alten Mannes an das Fenster klopfte, wenn einer der Garnschläger auch nur zufällig in dieser Beziehung sich eine kleine Nachlässigkeit zu Schulden kommen ließ. Bei trübem oder gar bei Regenwetter gab es leider nichts zu beobachten. An solchen Tagen fuhren kaum einige Frachtwagen vorüber, und wenn nicht das Spiel der Wolken, das Verschwinden und Wiedersichtbarwerden der Bergkuppen in den rollenden feuchten Nebeln ihm einige Unterhaltung gewährte, fühlte Ammer bald Langeweile. Er griff dann wohl nach einem Chronikbuche und blätterte darin, allein des Lesens ungewohnt, schmerzten ihn sehr bald die Augen. Auch enthielten die Geschichten für ihn nichts Neues, denn er hatte sie wohl zehnmal schon gelesen. Seltner, der es bald merkte, daß sein Schwiegervater Zerstreuung suchte, legte, ohne vorher anzufragen, ein paar Volksschriften neueren Datums auf das Fensterbrett. Ammer sah sie an, las Titel und Jahreszahl und schob sie dann ungelesen bei Seite. Weßhalb? konnte Niemand erfahren, denn er verlor darüber kein Wort. Bisweilen machte es dem in seiner gezwungenen Unthätigkeit sich unwohl fühlenden Greise Vergnügen, mit seinem Enkel Mühle zu spielen. Er freute sich dann, beim Ansetzen der Steine den aufgeweckten Knaben in die Irre zu führen, ließ ihn aber aus Gutmüthigkeit stets gewinnen. Fast ein ganzes Jahr hatte der alte Ammer dies Leben mit leidlicher Geduld ertragen, da erklärte er plötzlich, es sei ihm unmöglich, länger mit ansehen zu müssen, wie Andere arbeiteten und er selbst, 557 obwohl er noch wohl bei Kräften sich fühle, dem lieben Gott die Tage abstehle. Das neu erbaute Haus hatte er schon lange nicht betreten. Der Buchhalter bewohnte jetzt die für ihn selbst bestimmt gewesenen Zimmer. Er mochte, wie er ohne Umschweife erklärte, nicht mehr sehen, daß Andere, wenn auch ihm zunächst stehende, auf seinem Revier handthierten. Ich bin nichts mehr nütze allhier, sagte er, und darum werde ich auswandern zum Mai. Im alten Thurme auf Weltenburg will ich den Wächter machen. Dort kann mir Erdmuthe 'was vorplaudern oder meinetwegen auch vorlesen, und sind wir beide des weltlichen Wirrwarrs überdrüssig, so reden wir zusammen von himmlischen Dingen. Flora sah es zwar ungern, daß der alte, seit dem unglücklichen Brande der Pflege so bedürftige Vater die Heimath ganz verlassen wollte, dennoch wagte sie auch nicht, ihm abzurathen. Ammer traf Anstalten, welche bewiesen, daß sein Entschluß ihm Ernst und unwiderruflich sei, und Ende Mai übersiedelte er wirklich mit Anna, seiner treuen, nie ungeduldig werdenden Pflegerin, nach Weltenburg. Dort bezog er die schon erwähnten alterthümlichen Zimmer im alten Schlosse, die ihn so oft der prächtigen Aussicht wegen gefesselt hatten. Zweites Kapitel. Dunkle Aussichten. Nach diesem Rückblick in die Vergangenheit wenden wir uns der Gegenwart wieder zu, und treten zuerst mit dem Gebirgsmanne in das Comptoir der Gebrüder Ammer. Hier finden wir in einem besonders abgegrenzten Zimmer Christlieb allein. Der noch junge Mann hat sichtlich gealtert. Seine Züge sind fahl und hart, die tiefliegenden Augen fliegen stets scheu von einem Gegenstände zum andern und fallen durch ihren Mangel an Glanz seltsam auf. Man sieht es dem 558 reichen Mann an, daß er seit Jahren Tag und Nacht rastlos gearbeitet haben muß, daß aber alle Arbeit die Sorge nicht von seinem Lager, nicht hinter seinem Schreibstuhle zu vertreiben vermocht hat. Christlieb sieht Rechnungen durch und bemerkt sich den Gesammtbetrag derselben auf einem Zettel mit Rothstift. Ein leises Klopfen stört ihn in seiner Beschäftigung. Er fährt unmerklich zusammen, wie stark nervöse Menschen bei jedem Geräusch zu thun pflegen, dann ruft er Herein! Die Thür öffnet sich und der Mann aus dem schlesischen Gebirge, jetzt ohne seinen Packen, tritt in's Comptoir. Bitte um Entschuldigung, Herr Ammer, wenn ich störe, sprach respectvoll der Gebirgsmann. Ich habe dreimal geklopft und war schon Willens umzukehren, als ich des Herrn Stimme hörte. Ach, Ihr seid es, Bolder, sagte Christlieb etwas zerstreut. Habt Ihr ein Anliegen? Ich bringe Garn, Herr, das feinste aus dem ganzen Gebirge im Umkreise von zehn Meilen. Ich glaube, es wird des Herrn Billigung finden. Ist's viel? O nein, ein paar Schocke. Was soll's kosten? Ich lass' es dem Herrn noch zum alten Preise, obwohl ich es eigentlich nicht kann. Dann behaltet's für Euch; ich habe Garn mehr, als ich brauche. Ich verlange ja nicht mehr, sagte Bolder so bescheiden und freundlich, als verstecke sich hinter seinen Worten eine Bitte. Darf ich's hereinbringen? Meinetwegen, sagte verdrießlich Christlieb, sich abermals über seine Rechnungen beugend. Ich habe nicht viel Zeit, macht also rasch. Bolder eilte hinaus und kam sogleich mit einem Bündel des feinsten Garnes, das einen nicht unangenehmen, reinen Flachsgeruch verbreitete, zurück. Christlieb warf nur von der Seite einen Blick darauf und befühlte es mit prüfendem Finger. Nicht wahr, Herr, das ist noch ein Gespinnst, worüber man sich freuen kann? Hab's schon besser und auch feiner gehabt, erwiderte Christlieb kühl, ergriff die Feder, schrieb eine Zahl auf Papier, setzte seinen Namen darunter und gab es dem Garnsammler. 559 Hier, sprach er, laßt Euch den Betrag vom Cassirer auszahlen. Einer Quittung bedarf's nicht, denn Ihr könnt ja doch nicht schreiben. Bolder nahm den Zettel und betrachtete die Zahl. Das ist zu wenig, Herr, sagte er betrübt. Mir ist's beinahe schon zu viel, ich geb' nicht mehr. Bedenkt, was ich für Risiko dabei habe! Der Handel geht nicht mehr wie sonst. Seit sie die Schnellbleiche erfunden, ist mit reellen Waaren nichts mehr zu verdienen. Ich muß zusetzen alle Jahre, und wenn ich Unglück habe mit dem Versenden, wenn wohl gar eins meiner Schiffe zu Grunde geht oder leck wird und mit halb verdorbener Ladung in der neuen Welt ankommt, muß ich bei richtig befundener Verklarung den Schaden allein tragen. Ich sag' Euch, Bolder, greift zu! Wenn Ihr wieder kommt, geb' ich nicht mehr so viel. Sie kennen meine Verhältnisse, Herr Ammer – O ja, aber Ihr kennt die meinigen nicht, Bolder. Glaubt meinem Worte, Ihr würdet mit mir nicht tauschen, obschon ich Herr auf Weltenburg bin. Das mag wohl sein, dennoch bitt' ich – Geht, Bolder, wenn wir Freunde bleiben sollen. Ich gebe, was ich aufgeschrieben habe, keinen Deut mehr! Bolder seufzte und verließ das Comptoir. Christlieb sah ihm von der Seite nach und als er den Gang hinabgeschritten war, griff er hastig nach dem Bund Garn, löste die Schnur, welche es zusammenhielt, und betrachtete die seidenweichen, untadeligen Fäden mit sichtbarem Wohlgefallen. Diesmal, sagte er lächelnd, diesmal werde ich meinem ewig unzufriedenen Bruder doch wohl zu Dank gekauft haben. Der Himmel weiß es, ich thue es ungern. Bolder braucht es wirklich. Er ist der beste Sammler im Gebirge und macht ihn uns ein Anderer abspänstig, so würden wir Mühe genug haben, den Verlust zu ersetzen. Aber was soll man thun? Jeder ist sich doch selbst der Nächste, und je billiger der Einkauf, desto sicherer der Verdienst. Wenn er nur nicht etwa wieder hereinkäme, um sich über das Geld zu beschweren. Ich wäre am Ende schwach genug, ihm das Agio nachzuzahlen, nur um nicht in sein unglückliches Gesicht sehen zu müssen, das mir dann regelmäßig viele Nächte hintereinander im Traume erscheint. 560 Bolder kam jedoch nicht. Christlieb sah ihn bald darauf nachdenklich zwischen den Spinnereien nach dem zu Thal führenden Wege gehen. Etwas später trat Fürchtegott sehr erhitzt in's Cabinet. Was hast du? fragte Christlieb den Bruder. Du bist doch in dieser Hitze nicht ausgeritten? Wohl, erwiderte dieser. Das ewige Sitzen, Rechnen und Schreiben verdickt das Blut. Ich kann es nicht aushalten. Ein recht toller Ritt, womöglich immer im Galopp, erhitzt mich zwar, stimmt mich aber auch wieder heiter. Wo warst du? Bei der Försterei. Im Walde war es köstlich; hätte ein Luftzug die Bäume bewegt, man würde am liebsten ganz dort geblieben sein. Die Jäger haben, genau betrachtet, doch ein weit naturgemäßeres Leben, als wir Handelsleute. Hast du gekauft? Ja. Billig? Sehr billig. Es ist auch nöthig; unsere Verluste sind zu bedeutend gewesen in den letzten Jahren, und wenn wir auch ferner vor neuen verschont bleiben, haben wir doch alle Ursache, sparsam zu sein. Im letzten Jahre konnten wir doch nicht klagen. Gewiß nicht, allein ich lebe ewig in Furcht. Die Briefe Beinheim's klingen so wunderlich, und Wimmer schreibt gar nicht mehr. Beide werden alt, sagte Christlieb, und Beide haben von jeher ihren Jargon gehabt. Das kennst du ja schon! Das ist's nicht allein, erwiderte Fürchtegott. Ich fürchte eine veränderte Handelsrichtung. Kann man sich ihrer bemächtigen, während sie im Entstehen begriffen ist, so würde der Unterschied von wenig Belang sein, überrascht sie uns aber und erhalten wir erst sichere Kunde, wenn sie bereits fertig ist, so dürften wir schwer darunter leiden. Unsere Producte müssen immer gehen, erwiderte Christlieb zuversichtlich. Die Façon und mancherlei Anderes mag der Mode unterworfen sein, den Stoff selbst kann die Welt nicht entbehren. Und wir sind ja biegsam, machen es den Andern theils nach, theils thun wir es ihnen zuvor. 561 Du bist wie der Vater, sagte Fürchtegott, der wird auch noch beim letzten Athemzuge behaupten, seine Art, Handel zu treiben, sei die beste gewesen. In gewissem Sinne hat er auch Recht. Sie war immer sicher und darum gut. Unsere balancirt auf der scharfen Schneide der Willkür unserer Abnehmer. Fürchtegott antwortete nicht, sondern las die für ihn bereit liegenden Briefe. Als er damit fertig war, fragte er den Bruder: Ist sonst etwas vorgekommen? Mir ist nichts bekannt. Dann will ich zum Vater gehen. Er hat mich zu sprechen gewünscht, und bisweilen muß man ihm doch zu Gefallen leben. Kommst du bald nach? Sobald ich mit dem Rechnungsauszuge fertig bin. Nun denn, auf Wiedersehen! Fürchtegott verließ das Comptoir, ging jedoch nicht zum Vater. Er ward schon seit Wochen von innerer Unruhe gepeinigt, die ihn nirgend lange rasten ließ. Seiner Umgebung konnte diese auffallende Verwandlung nicht gänzlich verborgen bleiben, obwohl der junge Mann einige Fortschritte in der Kunst der Verstellung gemacht hatte und sein Gesicht selten ein klarer Spiegel seines Innern war. Was ihn in diese Unruhe versetzte, wußte Niemand, selbst Christlieb erhielt auf seine dahin zielenden Fragen keine bestimmte Antwort. Da inzwischen in geschäftlicher Hinsicht weder Stockungen vorkamen noch beunruhigende Nachrichten eingingen, nahm Christlieb an, der Bruder möge körperlich leidend sein. In dieser Ansicht bestärkten ihn die häufigen weiten Touren, welche Fürchtegott zu Pferde machte, und von denen er, wenn auch nicht immer heiter, doch jederzeit gesprächig zurückkehrte. Ueberdies war er ein ebenso kühner als leidenschaftlicher Reiter geworden, so daß er für ein tadelloses Roß bereitwillig eine bedeutende Summe ausgab, auch wohl selbst dem Geschäft sich einige Tage entziehen konnte, wenn irgendwo ein Wettrennen veranstaltet ward oder eine renommirte Kunstreitergesellschaft ihre anziehenden Vorstellungen eröffnete. Dreimal schon war er, um sich diesen Genuß zu verschaffen, in der Residenz gewesen und jedesmal gleichsam neu aufgelebt zurückgekommen. 562 Obwohl der jüngere Ammer nicht weniger mit Sorgen zu kämpfen hatte, war er doch bei Weitem nicht so stark gealtert, als Christlieb. Dies mochte in seiner Lebensweise liegen, die zu manchen aristokratischen Gewohnheiten hinneigte. Außer seinen häufigen Spazierritten spielte er Billard und ging oft mit auf die Jagd. Nur zum Tanzen wollte sich keine Gelegenheit zeigen. Christlieb dagegen enthielt sich aller derartigen Vergnügungen, da er keinen Gefallen daran zu finden vorgab. Verließ er Abends das Comptoir, so machte er regelmäßig einen Spaziergang in's Thal, durchwanderte den Schloßgarten, Park genannt, und bestieg dann den Thurm, in dessen oberstem Theile er sich ein kleines Gemach hatte einrichten lassen. Dort blieb er oft bis tief in die Nacht hinein sitzen, um ungestört lesen zu können. Wir überlassen beide Brüder sich selbst und betreten jetzt den alten Schloßbau. Hier lagen in dem geräumigen ersten Stock drei in einandergehende Zimmer. Das größte derselben, einen Vorsprung in der Mauer bildend, war jenes schon früher beschriebene mit dem alterthümlichen Kamine. Statt der Tapeten bedeckten die Wände alte Landschaftsgemälde, die noch immer recht gut erhalten waren, obwohl sie das Gemach verdüsterten. An einem der großen, hohen Bogenfenster, das dunkler Epheu umrankte und unter dessen oberstem Sandsteinbogen ein Schwalbennest hing, stand ein Rollstuhl. In den weichen Polstern desselben saß der alte Ammer. Er trug noch immer sein volles, weißes Haupthaar, durch den halbmondförmigen Kamm zurückgestrichen in den Nacken. Ueber die schwarzsammetnen Beinkleider waren dicke, weißwollene Strümpfe weit über das Knie heraufgezogen, und die leidenden Füße steckten in weichen, bequemen Pelzstiefeln. Der früher so fleißige Weber hielt einen Krückenstock in der Linken, hatte den lahmen rechten Arm auf das weiche Fensterpolster gelehnt, und sah bald hinaus in die sonnige Landschaft, bald lächelte er freundlich der jugendlichen Frau zu, die auf niedrigem Sessel neben ihm saß und ihm vorlas. Diese Frau war sehr sauber, aber einfach gekleidet, und wäre gewiß durch ihr Aeußeres nicht aufgefallen, hätte sie nicht die herrnhutische Schwesterhaube getragen. Wir erkennen in dieser 563 Gesellschafterin des verunglückten Webermeisters seine jugendliche Schwiegertochter Erdmuthe. Du bist müde, Papa, sprach sie, das Buch, aus dem sie vorgelesen, weglegend. Es ist auch auffallend schwül heut; du mußt ein wenig Mittagruhe halten. Lege nur das müde Haupt zurück in den Sessel. Ich wehre dir die Fliegen ab, Väterchen, und damit du nicht gestört wirst, gebe ich zuvor Befehl, Niemand zu dir zu lassen, nicht einmal die Mutter. Ammer wendete sein Gesicht Erdmuthe zu, reichte ihr die Hand und sagte: Wo du bist, da ist der Frieden. Deine Einrichtungen und Vorkehrungen sind immer gut. Rasch eilte Erdmuthe durch das ungemein wohnliche Gemach und wollte eben die dunkle, hohe, schwere Eichenthür öffnen, als sie klopfen hörte. Sie trat ein paar Schritte zurück und lauschte. Klopfte nicht Jemand? fragte der Greis, wieder in die Landschaft hinausblickend. Hindere ihn nicht einzutreten, meine Tochter; mein Schlaf kommt immer zurecht, denn du weißt ja, ich gehöre jetzt zu den ächten, richtigen Freiherrn. Ammer lächelte gutmüthig. Indem klopfte es zum zweiten Male und auf das sofortige laute Herein! des gebrechlichen Alten trat der barmherzige Bruder in das Gemach. Erdmuthe erkannte sogleich den katholischen Geistlichen in dem Fremden, und indem sie sich gemessen vor ihm verbeugte, forderte sie ihn durch eine Handbewegung auf näher zu treten, indem sie sprach: Belieben Ew. Hochwürden Platz zu nehmen? Der barmherzige Bruder erwiederte die Verbeugung der jungen Frau, indem er sagte: Ich muß sehr um Entschuldigung bitten, daß ich es wage, so ganz ohne vorangegangene Anmeldung hier einzutreten. Man sagte mir, Herr Ammer, der ehemalige Weber in **, lebe jetzt hier, und da unsere Brüderschaft diesem vortrefflichen Manne vielen Dank schuldig ist, konnte ich unmöglich hier vorübergehen, ohne den würdigen Wohlthäter zahlreicher Menschen von Angesicht zu Angesicht kennen zu lernen und mich nach seinem Befinden zu erkundigen. Ich glaubte hier oben, wohin ein Dienstbote mich wies, irgend Jemand zu finden, 564 bei dem ich nähere Erkundigungen würde einziehen können, und nun – Ja, mein Herr Pater oder Caplan, unterbrach ihn jetzt Ammer, sichtlich erheitert, da hätten Sie lange warten müssen. Schloß Weltenburg ist freilich mein Eigenthum, oder vielmehr, die paar Steine, welche die Wände der von mir bewohnten Zimmer bilden, gehören mir, aber an die vornehmen Manieren und Sitten kann ich alter Knabe, der Zeit seines Lebens immer nur mit gemeinen Leuten verkehrt hat, mich nicht gewöhnen. Ich besitze, obwohl ich ein ganz erbärmlicher Krüppel bin, weder Bediente noch Kammerdiener. Mein Krückenstock da ist mein Führer, mein Rollstuhl die Equipage, in der ich aus einem Zimmer in's andere kutschiere, und hier meine kleine Heilige behütet ihren alten Schwiegervater besser, als die Erzengel die hochseligen Märtyrer. Also nur näher heran, und seien Sie mir recht von Herzen willkommen. Der geistliche Herr nahm dem alten Weber gegenüber Platz. Zu meinem großen Bedauern muß ich hören und sehen, sprach er, daß auch Sie den Prüfungen, welche Jedem bevorstehen, nicht entgangen sind. Ich hoffe aber, daß Ihre Seele nicht darunter leidet. Ihr freies, klares Auge wenigstens deutet auf ein heiteres Gemüth. Gott sei Dank, versetzte Ammer, dem der Besuch des barmherzigen Bruders gar nicht unerwünscht kam, weil er sich von jeher mit diesen trefflich unterrichteten Herren gern unterhalten hatte; jetzt, nun ich das Schlimmste, ich meine den Anfang des Nichtsthuns überwunden habe, jetzt beginne ich die Welt und Alles, was geschieht, mit ganz andern Augen zu betrachten. Früher war ich der Meinung, das allzuviele Nachdenken ohne sichtbaren Zweck sei vom Uebel, davon bin ich itzund zurückgekommen. Ich denke eigentlich jederzeit ohne bestimmten Zweck nach, und wenn ich Methusalem's Alter erreichen sollte, glaube ich, würde noch eine Art Philosoph aus mir. Die Sonne schien jetzt hell in's Zimmer und ihr heißer Strahl fiel auf das Antlitz des Greises. Ammer ergriff deßhalb seinen Krückenstock und schob sich mit Hilfe desselben in seinem Rollstuhl etwas mehr vom Fenster zurück. Was gibt es Neues im Königreiche? fragte er. 565 Der Geistliche lächelte fast ironisch. Wenn Sie mein Geburtsland damit meinen, Herr Ammer, erwiderte er, so bin ich freilich nicht der Mann, welcher Ihnen viel erzählen kann von dem, was dort Neues geschieht. Hier draußen über den Bergen aber, wie wir drinnen wohl manchmal sagen, hier scheint sich mehr geändert zu haben, als bei uns. Ich hörte unterwegs davon sprechen. Ammer ward aufmerksam. Was könnte das sein? fragte er. Es schlägt recht eigentlich in Ihr Fach; aber freilich, da Sie selbst schon seit längerer Zeit sich von Geschäften zurückgezogen haben, wird Ihnen auch Manches entgangen sein. Nun, da wäre ich wirklich begierig, ein wenig von Ihnen zu erfahren. Ammer kehrte sich um und gab Erdmuthe durch einen Augenwink zu verstehen, daß er mit dem barmherzigen Bruder allein zu sein wünsche. Erdmuthe verließ stillschweigend das Zimmer. Wer war diese zarte, wie es scheint, innerlich leidende Frau? fragte der geistliche Herr. Ammer holte tief Athem. Meine Schwiegertochter, versetzte er seufzend, ein Gemüth voll wahrer unerschöpflicher Christenliebe, ein Herz, rein und treu wie Gold, und eine edle, jeder Aufopferung fähige Gattin. Ich wußte nicht, daß die Herren auf Weltenburg – Zu den Herrnhutern gehören, wollen Sie sagen? fiel ihm Ammer in's Wort. Nein, das konnten Sie nicht wissen, weil bisher noch kein Ammer der Brüdergemeinde sich angeschlossen hat. Ich weiß auch nicht, ob es jemals geschehen wird; wenn aber die Brüder viele solcher Mitglieder zu den ihrigen zählen, wie diese meine Schwiegertochter, so möchte ich wohl wünschen, daß alle Menschen Herrnhuter würden. Wir kennen keine Heilige in unserer protestantischen Kirche, Herr Pater, dennoch will es mir manchmal vorkommen, als sei dies ein Mangel unseres Bekenntnisses; denn Menschen mit solchen Gesinnungen, wie die Frau da, die uns eben verlassen hat, nimmt's mit dem heiligen Nepomuck und, wenn's sein muß, glaub' ich, auch mit dem heiligen Antonius auf, von denen uns doch die Legenden erzählen, daß sie rechte Kerle gewesen sind. 566 Ammer sprach diese Worte mit Feuer, fast mit Begeisterung, und der sammelnde Bruder war zu sehr gebildeter Priester, als daß er dem lahmen, wohlwollenden Greise zu widersprechen Miene gemacht hätte. Ich freue mich aufrichtig, Sie in so guter Gesellschaft zu sehen, sagte er mit freundlicher Theilnahme. Danke, danke, erwiderte ungeduldig Ammer, und nun, mein Hochwürdiger, was können Sie mir von Veränderungen mittheilen, die hier bei uns vorgegangen sein sollen? Der barmherzige Bruder erzählte, was er aus den Mittheilungen des Garnsammlers erfahren hatte und knüpfte daran noch einige moralisirende Bemerkungen. Ammer ward darüber sehr nachdenklich. Hochwürden haben mir da wirklich etwas zugeflüstert, wovon ich noch von Niemand ein Wort vernommen bis heute, sprach er. Es ist mir lieb, so wenig mein Herz sich deßhalb in Freude regt. Bin ich auch alt und hinfällig und kann diesen Stuhl nicht mehr verlassen ohne Anderer Hilfe, so denke ich doch, ein Wort von mir, zu rechter Zeit gesprochen, soll nicht allerwärts ungehört verhallen. Sie sind beunruhigt, Herr Ammer, sagte der sammelnde Bruder, verzeihen Sie mir, wenn ohne mein Wissen und Willen ein Theil der Schuld auf mich zurückfällt. Was Schuld, Herr Pater, Dank hab' ich Ihnen zu sagen. Ein Unkraut, das eben keimt, läßt sich entfernen, das schon in Blüthe und Frucht geschossene streut weithin den Samen des Unheils und ist nicht mehr auszurotten. Führt Sie vielleicht Ihr Weg nach der Stadt? Ich hoffe, schon morgen daselbst einzutreffen. Dann möchte ich mir von Ihnen eine Gefälligkeit erbitten. Ich bin gern zu jedem Dienst bereit, Herr Ammer. Dienen ist Christenpflicht; Gehorsam und Dienstwilligkeit sind heilige Vorschriften unseres Ordens. Es lebt mir in der Stadt ein Freund, sagte Ammer, ein geradsinniger Mann, etwas schroff im Auftreten, zackig und abstoßend von Außen, aber im Inneren lauteres Gold. Der Mann heißt Mirus und ist Kaufmann. Sie können ihn leicht finden. Er wohnt am Markt. Wollten Sie ihn mündlich von mir grüßen und hinzufügen, 567 es wäre mein Wunsch, den Herrn zu sprechen, sobald seine Zeit es erlaubte, so wird diesen Liebesdienst unser Schöpfer und Herr Ihnen dereinst hoch anrechnen. Verlassen Sie sich auf mein Wort. Hier meine Hand, Herr Ammer. Der greise Mann schüttelte die Hand des katholischen Priesters, ihm mit einem warmen Blicke dankend. Zugleich stieß er wiederholt mit seinem Stocke gegen die Diele. Erdmuthe trat ein. Auf einen stummen Wink des Greises kam sie näher, drückte dem sammelnden Bruder ein versiegeltes Papier in die Hand und sprach: Möge es Vielen zum Segen und zur Erquickung gereichen, Hochwürden! Der Priester dankte durch eine stumme Verbeugung und empfahl sich. Drittes Kapitel. Die Unterredung. Erdmuthe nahm wieder Platz auf dem niedrigen Sessel zu Ammer's Füßen. Der Greis, beide Hände auf den Krückenstock legend, sah hinaus in die sonnige Luft, man konnte jedoch an dem Ausdruck seiner Augen bemerken, daß nicht die Außenwelt ihn beschäftigte, sondern sein Blick nach Innen gerichtet war. Du denkst, bester Vater, sagte Erdmuthe, ihren Arm auf seine Kniee legend und theilnehmend zu ihm aufblickend. Hat der Besuch des Bruders dich beunruhigt? Ammer schüttelte den Kopf. Beunruhigt hat er mich nicht, erwiderte er, wohl aber gibt er mir zu denken. Wie heißt es doch in der Schrift? »Wir sind allzumal Sünder und ermangeln des Ruhms, den wir vor Gott haben sollen.« – Ja, ja, so ist es. Ruhm begehren wir wohl, aber leider nur Ruhm, den die Welt gibt, den rechten, der von Oben kommt, den stoßen wir von uns wie einen räudigen 568 Hund. Und sollten doch auf unsern Knieen bitten, daß er bei uns bleibe alle Tage bis an unser Ende. Du bist bewegt, Vater. Soll ich dir vorlesen aus dem Leben der Missionäre? Das wird dich unterhalten, erquicken, deinen Geist in ferne Gegenden versetzen und von allerlei Trübem, das hier um dich schwirrt und Nebelkreise um deine reine Stirne legt, abziehen. Ammer ließ seine lahme Rechte vom Krückenstocke herab auf das dicht an sein Knie gebeugte Haupt Erdmuthe's gleiten und sagte: Gute, fromme Seele! Wie schwer würde ich zu tragen haben an der Last meiner Jahre, und an den Schmerzen, die mir die Welt bereitet, hätte mein Schöpfer mir nicht vergönnt, in dein von gutem Geist erleuchtetes Auge zu sehen. Verlasse mich nicht, Erdmuthe, wenn dereinst der Sturm an den Grundvesten meines Hauses rütteln sollte, und nun lies mir vor aus deinen prächtigen, belehrenden Büchern. Erdmuthe küßte die Hand des Greises, nahm dann ihr Buch wieder zur Hand und las mit wohltönender Stimme die merkwürdigen Schicksale und Abenteuer eines Missionärs unter den Malayen. Da Ammer nicht Alles verstand, unterbrach er die Lesende oft, und Erdmuthe erklärte mit würdiger Bescheidenheit dem Greise, was er wünschte, und setzte die Lectüre erst fort, wenn er sagte, es sei nun genug, er begreife jetzt, was der gelehrte Buchschreiber gemeint habe. In dieser friedlichen Beschäftigung wurden Beide durch den Eintritt Fürchtegott's gestört. Erdmuthe legte sofort ein Zeichen in das Buch, schlug es zu und verließ ihren Sitz, um Fürchtegott entgegen zu gehen. Dieser duldete mehr die Umarmung seiner Gattin, als daß er sie erwiderte, obwohl er sie mit seltsam flammendem Auge betrachtete. An ihrer Hand trat er zu dem Vater, nach dessen Befinden er sich in reinem Geschäftstone erkundigte. Du hast mich lange warten lassen, mein lieber Sohn, sagte Ammer, ihn scharf ansehend. Weßhalb läßt du dich immer erst bitten, ehe du zu mir kommst? Ist es dir eine Last, mit deinem alten Vater zu sprechen? Die Geschäfte, du weißt – Sie machen dir unruhige Stunden, fiel Ammer ein. Ach ja, ich weiß zwar nicht, aber ich habe so meine eigenen Gedanken über die Geschäfte von heute. 569 Bist du schon wieder mißtrauisch? warf Fürchtegott empfindlich ein. Siehst du, Vater, das ist's, was mich verdrießlich macht, mich verletzt. Immer fragst du die Kreuz und die Quer, daß Einem die Geduld ausgeht. Alles willst du wissen, und wenn man dir mit größter Bereitwilligkeit antwortet, so bist du nie zufrieden, tadelst das Geschehene und sähest es am liebsten, man machte es ohne Widerrede nach deinen Vorschriften. Das Letztere kann ich nicht, mithin finde ich es überflüssig, darüber zu sprechen. Recht so, sagte Ammer. Immer schlage den Alten auf den Mund. Gar lange hält er doch nicht aus, so schweigt er; und wenn nur der Mund erst still geworden ist, so wird das Auge wohl auch nicht gar lange wachsam bleiben. – Weißt du auch, daß ich Grund habe, dir nicht volles Vertrauen zu schenken? Grund? Den möchte ich kennen. Es ist mir gar mancherlei zu Ohren gekommen, mein Sohn. Die Welt munkelt dies und das und erzählt sich wunderliche Geschichten. Die Welt! erwiderte lachend Fürchtegott. Wenn ich nicht annehmen soll, daß meine Frau, über deren zu großer Theilnahme an weltlichen Angelegenheiten ich bis jetzt zu klagen durchaus keine Ursache hatte, dich von den Dingen unterrichtet, welche in der Welt sich ereignen, möchte ich die Behauptung aufstellen, du sei'st darüber nicht unterrichtet. Das bin ich auch nicht; dennoch kann ich dem Winde nicht verbieten, er solle nicht rauschen, und meinem Ohre nicht, es solle nicht hören. Ich habe gehört und nicht lauter Gutes, mein Sohn, und darum begehre ich als dein wohlmeinender Vater, von dir zu erfahren, was Andere mir nicht mittheilen können. Weigere ich mich dessen? Sprich, wenn ich antworten kann, werde ich nicht schweigen. Denkst du immer daran, daß deine Arbeiter zugleich deine Nebenmenschen sind, und behandelst du sie als solche? Hat mich etwa Jemand verklagt? fragte Fürchtegott leicht erröthend. O nein, sagte Ammer. Das würde Keiner wagen, denn vergäßest du über dem Gewinn die Milde, so würde eine Klage denjenigen, der sie mir vortrüge, später sicher in's Unglück stürzen. 570 Nun, erwiderte der vornehme Sohn mürrisch, so darf ich mit gutem Gewissen behaupten, daß über mich Niemand sich beschweren kann. Ich drücke Keinen, sollte sich dennoch irgend Jemand gedrückt fühlen, so steht es ihm ja frei, mit mir sich zu verständigen, auch hat er volle Freiheit, zu gehen, wenn es ihm bei mir nicht gefällt. Mein Sohn, versetzte Ammer, ich will dir weder Vorschriften machen, noch Rath ertheilen. Kenne ich ja doch, was die junge Welt davon hält. Weil ich aber noch der alten angehöre, mach' ich's, wie weiland unser Herr und lege meine Ansicht in einem Gleichniß dir an's Herz. – Siehe mein Sohn, es lebte vor Zeiten ein Mann, den speiste Gott nicht mit Manna, das er des Nachts vom Himmel fallen ließ, sein tägliches Brod war harte Arbeit und Trübsal. Der Mann aber blieb schlicht und wacker, und es gelang ihm nach langer Zeit, sich emporzuschwingen, also daß er weltliches Gut in Fülle erwarb, und alsbald des Reichthums fast schier zu viel bei ihm ward. Da vergaß er, daß er ehedem ein gar kärgliches Leben geführt hatte, der Besitz machte ihn stolz, übermüthig und hart, und wenn ein Bedürftiger ihn ansprach um Hilfe, da wendete er sich kalt von ihm ab oder er half in einer Weise, die mehr eine Strafe als eine Wohlthat für den Bedürftigen war. Das trieb der Uebermüthige viele, viele Jahre. Da trat der Herr eines Tages zu ihm und sagte, indem er ihn berührte: Du bist lange genug im Glück gewesen, damit nun deine Seele von dem Purpurstaube nicht verschüttet werde, der da abfliegt von den kostbaren Gewändern, welche du trägst, magst du die letzten Jahre in tiefer Finsterniß zubringen. Kehre in dich in dieser Nacht der Sinne und reinige deine Seele von den Flecken, die sie jetzt beschmutzen. Da ward der Mann blind und bedurfte der Hilfe Anderer. Und er rief an Vornehm und Gering, daß sie ihn führen möchten, und wenn Einer seine Stimme nicht hörte oder seinen bittenden Ruf nicht beachtete, da strauchelte der Arme und litt viele, viele Schmerzen Ammer schwieg und sah dem Sohn fest in's Gesicht. Ist das Alles? fragte Fürchtegott. Es ist ein Gleichniß, so verständlich, mein' ich, daß wer nur hören will, den Sinn desselben wohl fassen kann. Fürchtegott wendete sich plötzlich zu Erdmuthe, die bisher schweigend dieser Unterredung beigewohnt hatte. 571 Liebes Herz, sprach er, lernt der Vater das Alles von dir? In früheren Jahren mußten wir uns wohl auch zuweilen von ihm zurechtweisen lassen, und nahmen das gern an, wie es christlichen Kindern geziemt. Es geschah aber in einer mehr derben Manier; jetzt spricht der Vater fast wie ein Apostel, und dieser Sprache bin ich, zu weit entfernt von apostolischer Weisheit, weit schwerer zugänglich. Erdmuthe ergriff die Hand ihres Gatten und erwiderte: Fürchtegott, ich habe dir Hand und Herz und mich selbst zu eigen gegeben, weil ich dich liebte; ich werde auch nie von dir weichen, nie dich allein die Wege der Welt ziehen lassen; Eins nur, mein Freund, bitte ich: bändige die Leidenschaften, die dich beherrschen, und frevle nicht mit Worten und Gedanken! Sie zog ihn mit sich zu dem Lehnstuhle des Greises. Hier, mein Freund, fuhr sie fort, sich auf ein Knie vor Ammer niederlassend, hier ist eine Stelle, die uns heilig sein soll. Du schmähst mich in Gedanken, weil ich mitten im Reichthume mich nicht entäußern will der Einfachheit, die mir Glück und Frieden gebracht hat; du verlachst meine Gespräche und meine Beschäftigungen, die, wenn sie auch ein irdisches Ziel haben, doch nie der Zukunft ganz vergaßen, und du findest es albern, daß ich als Frau die Hülle nicht ablegen will, in der mich der Herr dereinst gesegnet hat. Das ist Unrecht, mein Freund, und trübt unser Glück, vor Allem das deines Vaters. Versprich mir, dies ändern zu wollen, und gelobe es bei dem Haupte deines greisen, jetzt eben von dir beleidigten Vaters. Erdmuthe sprach mild und doch so ernst, daß jedes ihrer Worte wie ein Befehl klang. Ihr gewöhnlich sehr bleiches Gesicht überglänzte eine feine, durchsichtige Röthe. Fürchtegott erstarb das Wort auf den Lippen. Er stand verwirrt, unschlüssig neben ihr. Folge meinem Beispiele, werther Freund, sagte Erdmuthe in demselben ernst-milden Tone des Befehlens. Wir demüthigen uns nicht, wir ehren uns nur, wenn Vater Ammer ohne unsere Bitte seine Hand auf unsere Häupter legt und spricht: Gehet hin in Frieden! Wie es geschah und wie es geschehen konnte, wußte Fürchtegott selbst nicht, aber er sah sich plötzlich neben Erdmuthe niedergebeugt, die zitternde Hand des Vaters berührte seine Stirn und das Gelöbniß war, wenn auch nicht in Worten, gethan. 572 Ich danke dir, Freund meiner Seele, sagte jetzt Erdmuthe mit jenem wunderbaren Zauber ihres Wesens, der Alle entzückte und ihr zu dienen und zu huldigen nöthigte, und indem sie liebreich lächelnd den so ganz anders gearteten Gatten in ihre Arme schloß, sank Fürchtegott überwunden an ihr Herz. Ohne Aufforderung reichte er jetzt dem Vater die Hand, und wenn er auch nicht sprach, so lag doch in seinen Blicken das Geständniß einer Bitte. Ich will nach deinen Worten handeln, lieber Vater, sprach er nach einer Weile, so schwer es auch sein mag, Welt und Herz dauernd mit einander zu versöhnen. – Aehnliche Scenen waren schon einige Male vorgekommen, seit Ammer auf Weltenburg lebte. Bisweilen hatte es den Anschein, als würden sie durch das ganz eigenthümliche Wesen und Walten Erdmuthe's veranlaßt. Hätte die Welt ahnen können, was in den Räumen des alten Schlosses vorging, so würde sich bald das Gerücht überall hin verbreitet haben, der junge Ammer lebe in einer höchst unglücklichen Ehe. Wahrhaft glücklich konnte man den zwischen Fürchtegott und Erdmuthe geschlossenen Bund in der That nicht nennen, und dennoch liebten Beide einander mit einer leidenschaftlichen Innigkeit. Die äußern Verhältnisse einerseits, die Verschiedenartigkeit der Charaktere Beider andererseits ließen es aber nicht zu, diese leidenschaftliche Liebe vor Andern zu bekennen. Fürchtegott war zu stolz, um sich vor den Augen der Welt eine Blöße zu geben; auch kam es ihm nicht in den Sinn zu bitten, wo er befehlen zu dürfen glaubte, hätte er nur im Voraus wissen können; ob ein Befehl von Wirkung sein werde. Erdmuthe dagegen trug die felsenfeste Ueberzeugung in sich, es müsse ein Tag, eine Stunde, ein Augenblick im Leben ihres Gatten sich einstellen, der ihn von selbst zur Umkehr zwingen und ihr ganz zu eigen geben werde. Wie dies zu bewerkstelligen sein möchte, darüber sann die ehemalige Missionärin zwar häufig nach, es fiel ihr jedoch nicht ein, selbst unmittelbar darauf hinzuwirken, da sie ihrer religiösen Ueberzeugung nach die Umkehr Fürchtegott's der Gnade Gottes anheim geben zu müssen glaubte. Das junge Ehepaar blieb kinderlos und dies mochte mit zu der Verstimmung beitragen, die man häufig an Fürchtegott wahrnehmen konnte. Sein Benehmen gegen Erdmuthe, die schon am Tage nach 573 der Vermählung in ihrer gewohnten einfachen Kleidung wieder erschien, und durch alles Bitten des Gatten nicht zur Ablegung des Schwesterhäubchens zu bewegen war, blieb fast immer kühl, nicht selten etwas ironisch. Den spöttisch-ironischen Ton schlug Fürchtegott am leichtesten an, wenn er seine Frau als Vorleserin und gewissermaßen Lehrerin seines Vaters traf. Ueberhaupt mußte er sich darin finden, Erdmuthe in den schmucklosen Räumen aufzusuchen, die der alte Ammer nach ihrem Wunsche für sie auf seine eigenen Kosten hatte einrichten lassen. Weiße Wände ohne Spiegel und ein Meublement, an dem keine Spur von Zierrath oder gefälligem Schmuck zu entdecken war, zeichneten den Aufenthalt Erdmuthe's aus. Hier lebte sie, wenn sie allein sein wollte. Von den allerdings mit unnützer Pracht ausgestatteten Zimmern ihres Gatten, der ein fast krankhaftes Wohlgefallen an Glanz und Schimmer fand, hielt sie sich fern. Sie würde selbst die Wohnung ihrer Schwiegereltern noch zu reich und verschwenderisch gefunden haben, wäre Ammer in Folge seines Unfalles nicht der sorgsamsten Pflege und größerer Bequemlichkeit bedürftig gewesen. Die Vorliebe Erdmuthe's für alles Prunklose, ja im gewissen Sinne für das Aermliche, und das hartnäckige Wohlgefallen Fürchtegott's an Glanz und Pracht ließen sich unmöglich vereinigen. Dieser mochte aus männlichem Trotz nicht nachgeben, und bei Erdmuthe war es eine Art religiöser Scheu, eine heilige Keuschheit des Gemüthes, die sie abhielt, Theil zu nehmen an der Verschwendung ihres Gatten. So geschah es, daß Beide sich immer nur in den Zimmern der Eltern trafen, ausgenommen, wenn sie bisweilen einen gemeinschaftlichen Spaziergang im Park machten oder zusammen ausfuhren. Auch dann waren sie nur selten allein, sondern entweder von Christlieb oder Walter begleitet, der als Hausarzt und Freund ebenfalls einige Zimmer auf Weltenburg bewohnte und Allen unentbehrlich geworden war. Hatte Erdmuthe ihrem Gatten eine Mittheilung zu machen, die zu Erörterungen und Auseinandersetzungen Veranlassung geben konnte, so erwählte sie Walter zur Mittelsperson, und umgekehrt gab Fürchtegott seine Willensmeinung ebenfalls durch den Mund seines Freundes kund, wenn er bei etwaiger Gegenrede Erdmuthe's heftig zu werden besorgen mußte. So hatte sich zwischen dem jungen Ehepaar eine Etikette gebildet, die kaum in hochfürstlichen Häusern strenger gehandhabt werden konnte. 574 Und dennoch würde man ihnen Unrecht gethan haben, hätte man behaupten wollen, Fürchtegott und Erdmuthe liebten einander nicht, sie fühlten sich in ihrer gegenseitigen Gebundenheit, in der schroffen Verschiedenheit ihrer Naturen unglücklich. Es war nichts als ein Kampf geheim gehaltener oder in strenge Formen eingeengter Liebe und diese Liebe wird für Beide erst dann eine beseligende, das Leben verklärende werden, wenn Einer oder der Andere den starrsinnigen Gegner vollständig besiegt. Viertes Kapitel. Der Schatten des Unglücks. Es hatte wirklich den Anschein, als werde die zuletzt mitgetheilte Unterredung Fürchtegott's mit seinem Vater und das Zureden Erdmuthe's nicht ohne Folgen bleiben. Die Brüder besuchten den Vater regelmäßig alle Tage, bald jeder allein, bald zusammen, und es kam wiederholt vor, daß sowohl Christlieb wie Fürchtegott Fragen an den Greis richteten, in deren Beantwortung schon eine Entscheidung, mithin auch ein Wink lag, wie zu verfahren sei. Diese Veränderung zum Bessern, dieser erste Schritt zu einem mehr geschlossenen und friedlichen Zusammenleben Aller erheiterte Ammer und beglückte Erdmuthe. Sie glaubte jetzt den Weg betreten zu haben, auf welchem sie ihrem Gatten nachschleichen, ihn mit liebenden Armen umfassen und endlich für immer sich und den Eltern ganz wieder erobern könne. In diesem sichern Gefühle ihres Glückes setzte sie sich hin und machte Flora von dem Vorgegangenen Anzeige. Der Brief war überhaupt das Auskunftsmittel, dessen die im Herzen so einigen Schwägerinnen sich gewöhnlich bedienen mußten, um ihre Ansichten auszutauschen, denn Flora war ebenso sehr an ihre Häuslichkeit gebunden, wie Erdmuthe. Nur an hohen Festen oder den Geburtstagen der Eltern fanden regelmäßig gegenseitige Besuche Statt, doch wählte man als Sammelplatz, schon aus 575 Rücksicht auf den leidenden Vater, gewöhnlich Weltenburg, so daß die eigentliche Heimath der Ammer mehr und mehr verwaiste, obwohl das Geschäft unter der umsichtigen und reellen Thätigkeit Albrecht Seltner's in gedeihlichster Blüthe stand. Einige Monate nach Ammer's Uebersiedelung bemerkte Flora, daß Albrecht oft nachdenklich wurde und, wenn es seine Zeit erlaubte, mit finsterm Gesicht die Gänge des seit dem Brande vergrößerten Gartens auf- und abschritt. Sie drang wiederholt mit Fragen in ihn, konnte jedoch keine befriedigende Antwort erhalten. Klug und vorsichtig, wie sie war, beschloß sie nunmehr, den geliebten Mann ganz im Geheimen zu beobachten, ohne ihn je wieder mit neuen Fragen zu bestürmen. Sie achtete auf die täglich einlaufenden Briefe und wie diese bei der Durchsicht auf Albrecht's Stimmung wirkten. Da Seltner nur das Geschäft seines Schwiegervaters, dies aber im weitesten Umfange übernommen hatte, so stand er zwar in fortwährender Verbindung mit seinen Schwägern, eigentlichen Theil an deren Handelsverkehr nahm er jedoch nicht. Das Ammer'sche Geschäft erfreute sich fortwährend des Rufes untadeligster Solidität und Seltner unterließ nicht, seinerseits diesem Rufe Ehre zu machen. Bei ihren stillen Beobachtungen konnte es nun Flora nicht verborgen bleiben, daß Albrecht gewöhnlich von den Briefen ihrer Brüder in eine eigenthümlich unruhige Stimmung versetzt ward. Sie mußte unwillkürlich der Vergangenheit gedenken und wie Fürchtegott unter dem Schutze Wimmer's, ja gewissermaßen von diesem veranlaßt, gegen den Vater intriguirt oder ihm doch zuwider gehandelt hatte. Auf dieser Fährte angelangt, hielt sie es für Pflicht, mit gerader Frage in Albrecht zu dringen, um zu erfahren, ob dieser gegründeten Anlaß zu seinem unruhigen Wesen haben möge. Du verbirgst mir etwas, Albrecht, sagte sie eines Tages, als dieser wieder sehr zerstreut von der Lectüre seiner Briefe zurückkam. Wie sehr du mir auch verheimlichen magst, was dich beunruhigt, ich weiß es doch, Liebster, denn ich besitze noch immer die Gabe, in deinen Augen zu lesen, wie damals, als du bereits innerlich entschlossen warst, um mich zu werben, dir aber meines lieben polternden Vaters wegen der Muth dazu fehlte. Fürchtegott schreibt dir unangenehme Dinge, gesteh' es nur. 576 Es ist so etwas der Art, erwiderte Albrecht. Dein Bruder verlangt von mir, was ich nicht kann und nicht will. Er verlangt Unerlaubtes. Man kann es so nennen, wenn man deines Vaters Gewissen hat. Besitzest du ein anderes? Albrecht, fügte das gutherzige, ehrliche Weib mit Lebhaftigkeit hinzu, ich glaube, es wäre der Tod meiner Liebe, wenn du anders dächtest! Was verlangt mein Bruder? Du weißt genug, versetzte Albrecht, begnüge dich jetzt. Ich mag nichts von seinen Vorschlägen wissen und damit – ich versichere dich – existiren sie überhaupt nicht mehr. Das werde ich ihm heute ganz kurz melden und somit hat dies sich immer von Neuem wiederholende Drängen ein Ende. Weitere Forschungen Flora's blieben resultatlos. Sie erfuhr nichts von ihres Bruders Anliegen; selbst ein darauf bezüglicher Brief an Erdmuthe brachte in seiner Beantwortung keine Aufklärung. Die Schwägerin gebrauchte darin die gar mannigfacher Deutung fähigen Worte: »Fürchtegott kämpft einen schweren Kampf mit seinem eigenen guten Herzen und den Forderungen der Welt. Er wird ihn bestehen und als Sieger daraus hervorgehen, allein vorher werden wir noch böse Tage sehen.« Daraus vermochte Flora nicht klug zu werden, indeß ließ sich auch Erdmuthe, vielleicht weil sie selbst gänzlich im Finstern tappte, auf eine weitere Auseinandersetzung oder Erläuterung ihrer Worte nicht ein. Seltner zeigte nach diesem erstmaligen Abschütteln einer aus der Ferne gegen ihn geworfenen Schlinge auch wirklich viele Wochen lang sein gewohntes unbefangenes Gesicht. Ohne weder rechts noch links zu blicken, ging er den geraden, ihm vorgezeichneten Weg, und wenn er auch mehr als sein starrer Schwiegervater auf die Erfindungen und Verbesserungen der Neuzeit achtete, so ließ er sich doch nicht leichtsinnig davon bestricken, sondern nahm etwas wirklich Fördersames erst nach wiederholten mit größter Vorsicht angestellten Versuchen an. Allein Fürchtegott gab seinen Plan nicht auf. Als er vermuthen durfte, man habe vergessen, daß er seinem Schwager nur ihnen bekannte Vorschläge von einigem Risico gemacht habe, trat er abermals, diesmal jedoch in etwas anderer Form, damit hervor. Er bedurfte 577 Albrecht's und darum konnte er ein längeres Zurückhalten dieses Mannes, dessen Namen ein gänzlich unbescholtener war, nicht entbehren. Seltner antwortete auf diese neuen Anträge keine Sylbe, aber er zog Erkundigungen ein, was ihm bei der Kenntniß der meisten mit seinen Schwägern verbundenen Arbeiter leicht ward. Diese Erkundigungen öffneten ihm die Augen, trieben ihn aber auch zu einem raschen Entschlusse, ohne daß irgend Jemand das, was er zu thun beabsichtigte, ahnen konnte. Dies muß ein Ende nehmen, sprach er zu sich, oder nicht wir allein sind unwiederbringlich verloren, auch der Handel unserer ganzen Provinz und damit der Wohlstand zahlloser Tausende ist für immer untergraben. Albrecht's Rechtlichkeit hielt ihn von jedem Schritte zurück, der nur entfernt einen Schein gesetzlosen Verfahrens hätte verbreiten können. Er schrieb an Niemand, denn alle schriftliche Auslassungen mußten, geriethen sie zufällig in die Hände Uneingeweihter oder Feinde, gefährlich, wo nicht verderblich werden. Er entschloß sich, so schwer es ihm fiel, zu einer längeren Reise. Flora war über diesen unerwarteten Entschluß allerdings ganz erstaunt, fand ihn aber, als Albrecht ihr seine Gründe ruhig entwickelte, ohne ihr die wahre Veranlassung zu offenbaren, vollkommen gerechtfertigt. Diese Reise Seltner's dauerte mehrere Wochen. Als er endlich zurückkehrte, erschrak Flora über sein Aussehen. Sie hielt ihn anfangs für krank, beruhigte sich indeß mit den wiederholten Versicherungen des geliebten Mannes, der Alles nur den ungewohnten Strapatzen, der gänzlichen Ruhelosigkeit und den vielen Sorgen Schuld gab, die während einer so langen Abwesenheit von Haus und Geschäft auf ihm gelastet. Albrecht kehrte zurück, ohne seinen Zweck erreicht zu haben. Erst jetzt, als er wieder daheim am Rohr saß, sagte er sich, daß er etwas völlig Nutzloses unternommen habe. Der Schwerpunkt der ungeheueren Handelsverbindungen seiner Schwäger lag nicht in Europa, sondern drüben in Amerika. Dort wurzelte der tausendästige Baum des Glückes, in dessen Schatten sie sich bisher gesonnt, von dort allein mußte der Sturm herüberbrausen über das Weltmeer, der sie zerschmettern, von der Erde für immer wegfegen konnte. Die Gewißheit, daß er, sollte das Furchtbare wirklich geschehen, nicht retten, nicht 578 einmal helfen könne, erschütterte seine Gesundheit. Sein ganzes Sinnen und Trachten war darauf gerichtet, wie im Fall der Noth dem Allerentsetzlichsten vorgebeugt werden möchte, und in dieser Hinsicht traf er seine Vorkehrungen. Seltner's Reise fiel in die Zeit, wo jener geschilderte Auftritt zwischen Fürchtegott, Erdmuthe und dem Vater sich zutrug. Von all diesen Vorgängen in Weltenburg erfuhr selbst Flora nichts, sie blieben mithin auch deren Manne verborgen. Wenn aber auch Seltner ausführliche Kunde davon erhalten hätte, würde er sich doch schwerlich bewogen gefühlt haben, nur ein Wort darein zu reden. Unmittelbar nach seiner Heimkehr wollte Albrecht nochmals ernstlich mit seinen Schwägern sprechen und ihnen vorstellen, was sie Alles auf's Spiel setzten und welche traurige Zukunft sie sich, ihrer Familie und zahllosen Andern bereiten könnten, wenn sie ihr seit Jahren eingehaltenes Verfahren nicht alsbald aufgäben. Nach reiflicher Ueberlegung hielt er aber auch dies nicht für klug und zweckdienlich. Ich fürchte, sie sind dergestalt gebunden, daß nicht einmal ein Einhalten mehr möglich ist, sagte er bekümmert zu sich selbst. Die Schlingen liegen ihnen um ihre Füße, daß ein einziger Ruck sie zum Fallen bringen, sie ihren schlauen Feinden wehrlos in die Hände liefern muß. Seltner beobachtete nun unverbrüchliches Stillschweigen gegen Jedermann, auch gegen Flora, ganz in der Stille aber forschte er unermüdlich, um nur einigermaßen einen Einblick in die Geschäftslage seiner Schwäger zu erhalten. Allein, wie sehr er sich anstrengte und mühte, er blieb darüber in völliger Ungewißheit. Inzwischen schöpfte Christlieb, der außer dem Wiener Geschäft nur die eigentliche Fabrik überwachte und den transatlantischen Handel nur oberflächlich kannte, selbst Verdacht. Er wartete von einem Tag zum andern, ohne ein Wort gegen seinen Bruder zu äußern; als aber die Anzeichen immer bedenklicher, zugleich auch immer bedrohlicher wurden, vermochte er nicht mehr zu schweigen. Liebster Bruder, sagte er, als mit dem ankommenden Postpaquet abermals die ganze transatlantische Correspondenz ausblieb, obwohl die Paquetschiffe als richtig eingelaufen angezeigt waren, was hat dies Schweigen unserer Correspondenten zu bedeuten? Seit anderthalb Monaten 579 kein Brief weder von New-York noch New-Orleans, keine Nachrichten aus Washington, Charlestown und Cincinnati, kein kleinstes Blättchen Papier aus Surinam! Wie erklärst du dir dies räthselhafte Schweigen! Es beunruhigt mich schon längst, erwiderte Fürchtegott, und doch weiß ich keinen andern Rath, als ruhig zu warten, bis es unsern Correspondenten beliebt, wieder einmal die Federn einzutauchen. Ich würde ohne Sorgen sein und mich zufrieden geben, hätten in den letzten vier Monaten heftige Stürme auf den Meeren gewüthet, denn alsdann ließe sich annehmen, daß unsere Schiffe süd- oder nordwärts weit verschlagen, vielleicht gar von treibenden Eisbergen eingeschlossen worden waren; aber nicht allein ist das Wetter günstiger denn je in einem früheren Jahre gewesen, wir wissen sogar, daß alle unsere Schiffe glücklich und ohne die geringste Havarie in die verschiedenen Häfen der neuen Welt eingelaufen sind. Es ist völlig unbegreiflich, sagte Fürchtegott so zerstreut, daß Christlieb eine qualvolle Bangigkeit überfiel. Weißt du wirklich nichts? fragte er dringend. Du hast mich in den letzten drei Monden nie dein Briefpaquet öffnen lassen. Nichts, gar nichts, erwiderte Fürchtegott wie vorher; aber es ist zum Verzweifeln, zum Rasendwerden, fügte er hinzu. Was soll mit unsern neuen Waaren geschehen? fuhr Christlieb fort. In drei, höchstens in fünf Wochen ist die Sendung complett und wir haben keine Ordre! Bedenke die enormen Kosten, die Baarsummen, die wir darauf verausgabt haben! Zähle die Wechsel zusammen, die auf uns laufen, von denen beinahe die Hälfte binnen sechs Wochen bezahlt sein muß und – ich bitte dich, Bruder – sieh in unsere Kasse! Die ganze Valuta für die große transatlantische Sendung fehlt noch, und diese beläuft sich weit über eine Million! Wir müssen uns mit Papieren aus der Levante helfen oder – borgen! Das Erstere ist unmöglich, das Zweite erregt Verdacht. Die Summe ist zu groß. Hat Wimmer noch immer nicht geschrieben? Nein, sagte Fürchtegott kurz. An ihn habe ich schon wiederholt gedacht; er allein kann uns auch aus dieser fatalen Verlegenheit helfen, wenn die Rimessen uns wirklich ausbleiben sollen. Er kennt ja unsere Verhältnisse, er hat uns gewissermaßen in Händen, weil die 580 meisten Geschäfte durch seine Hände gegangen sind, aber ich muß gestehen, daß ich mich nur sehr ungern ihm entdecken möchte. Dennoch muß es geschehen und zwar bald, sagte Christlieb entschlossen. Noch länger zaudern wollen, hieße die Erde zum eigenen Grabe mit geschäftiger Schaufel aufwerfen. Du mußt schon morgen aufbrechen, Bruder, mußt dringende Rücksprache mit Wimmer nehmen, und ich setze mich hin und mache inzwischen die Bilance. Es ist um so nöthiger, daß wir energisch handeln, weil ich bereits unter unsern Arbeitern eine verdächtige Stimmung zu meinem größten Entsetzen seit einigen Tagen bemerkt habe. Fürchtegott konnte dem Drängen des Bruders nicht widerstehen. Er begriff die Nothwendigkeit schnellen und energischen Handelns und so ward seine Abreise auf den nächsten Morgen unwiderruflich festgesetzt. Eine schwerere Nacht hatten wohl beide Brüder noch nicht durchlebt. Nachdem sie, unaufschiebbare Geschäfte vorschützend, den Vater früher als sonst verlassen, begab sich Fürchtegott in seine glänzenden, öden Gemächer, während Christlieb, ein Paquet Rechnungen in der Hand, auf sein kleines Thurmzimmer hinaufstieg, um dort noch ungestört zu arbeiten. Unruhe, Furcht vor der Zukunft, wohl auch Vorwürfe, die er sich machte, und die als erste, leise Mahnungen des Gewissens um seine Seele schwirrten, ließen Fürchtegott nicht ruhen. Er wagte nicht, zu Bette zu gehen, aus Furcht vor quälenden Traumbildern. Schon geraume Zeit war sein Schlaf nicht mehr ein wohlthuendes Ausruhen nach mühevoller Arbeit, eine Erquickung des Körpers und der Seele; ihm ward die Nacht fast immer zur Qual. Kaum schloß er die Augen, so mußte er rastlos thätig sein, mußte kämpfen und ringen mit phantastischen Gebilden, die sich ihm feindselig erwiesen, oder er jagte auf mastlosem Schiffe steuer- und führerlos über das stürmende Weltmeer, und unter sich in unergründlicher Tiefe sah er Weltenburg, wie es bald von Nebeln umhüllt, bald in seltsamem Feuerdunst strahlend immer weiter von ihm sich entfernte, bis er nichts mehr von dem ganzen glänzenden Besitzthume erblickte, als das von grünen Epheublättern umsponnene Bogenfenster des Zimmers, wo sein Vater wohnte. An diesem Bogenfenster bemerkte er das ehrwürdig weiße Haupt des Vaters, wie es sich rastlos bewegte und die ehrlichen blauen 581 Augen zornig und vorwurfsvoll unverwandt zu ihm, dem ruhelos Segelnden, emporblickten. Diesem nächtlichen Traumspuk zu entgehen, verließ Fürchtegott Ammer nach zehn Uhr den neuerbauten Schloßflügel und trat hinaus in's Freie. Die Nacht war sternenhell und warm. Im Park sang eine späte Nachtigal ihre verlockenden Lieder. Vom Thal herauf scholl das Rauschen des Flusses über das Wehr und das monotone Gestampf der Walken. Fürchtegott schritt dem Neubau entlang nach den Spinnereien, die jetzt feierten. Das Arbeiten des Nachts hatte er nie eingeführt, weil sein Bruder die damit verbundene große Feuersgefahr fürchtete. Die Spinner der Gebrüder Ammer durften deßhalb auch nicht über harte Behandlung oder angestrengte Arbeit Klage führen. Vor dem größten dieser Gebäude blieb er stehen und betrachtete die im Sternenschein jetzt matt glitzernden Fensterreihen. Dies ist die Geburtsstätte, die Wiege unseres Unglücks, sprach er dumpf. Gehen wir zu Grunde, so haben wir in diesen Mauern den Beginn des Verderbens zu suchen, das uns verschlingt. Er ging weiter, stieg hinab in die Thalmulde, betrat die über den Fluß führende Brücke, lehnte sich an das Geländer und sah hinunter in die klaren Wellen, die hier langsam und leise murmelnd in engem Bette weiter zogen. Das Wasser ist tief, sagte er zu sich selbst, ein kecker Sprung kühlte mir Stirn und Brust. Ich könnte auch das Geländer zerbrechen – dann würde Niemand auf verdächtige Gedanken kommen. Aber ich will zuvor doch lieber noch den Herrnhuter sprechen. Er soll beichten oder ich setze ihm Daumschrauben an. Den Hügel zum Schloß wieder hinaufsteigend, bemerkte Fürchtegott das Licht im obersten Thurmgemache. Auch weiter unten schimmerte hinter zugezogenen weißen Vorhängen noch der Schein einer trüb brennenden Lampe. Erdmuthe betet und der Bruder rechnet! sprach er nachdenklich weiter schreitend. Ihr mildes Antlitz spiegelt den Frieden wieder, der in ihrem Herzen wohnt, und von der Stirne des Bruders werden dicke Schweißtropfen rinnen. Sie, die Arme an weltlichen Gütern, die sie stets verschmähte, die sie nicht einmal aus meiner Hand 582 annahm, als ich sie ihr schenkte: sie ist reich in ihrer Armuth, während wir darben unter Haufen Goldes! – Trübe, böse, unbegreifliche Welt! – Wohl dem, der bei Zeiten deinen Täuschungen zu entfliehen vermag! Ihn verfolgen weder Strafe noch Reue! Mitternacht war längst vorüber, als Fürchtegott wieder seine Zimmer betrat. Er warf sich angekleidet auf die schwellenden Polster des Divans und ließ die Lampe brennen. Nur Ruhe suchte er, nicht Schlaf. Als sich dennoch das Bedürfniß danach bei ihm einstellte, sprang er auf, durchwandelte die Zimmer und zündete sich eine schwere Havanna-Cigarre an, um sich leichter zu ernüchtern. So erwartete er die Morgendämmerung. Beim Aufgang der Sonne sattelte er eigenhändig seinen Goldfuchs und stieg dann die Thurmtreppe hinan, um den Bruder nochmals zu sprechen. Dieser kam ihm entgegen. Seinem angegriffenen Aussehen nach hatte er entweder die ganze Nacht angestrengt gearbeitet oder vor Sorgen nicht schlafen können. Die Augen lagen tief in ihren Höhlen und glänzten wie im Fieber. Fürchtegott fragte aber nicht nach dem Befinden des Bruders; er drückte ihm nur die Hand und sagte bedeutungsvoll: Wenn ich wieder komme, bringe ich Gewißheit. Bis dahin reinen Mund und laß tüchtig arbeiten! Christlieb bejahte kopfnickend, begleitete den Bruder in's Thor und sendete dem Davoneilenden noch tausend stille Glückwünsche nach. Fünftes Kapitel. Neue Hoffnungen. Anfangs ließ Fürchtegott seinen Goldfuchs rasch austraben, später ritt er langsamer, weil er zu sehr mit seinen Gedanken beschäftigt war, um auf das Thier zu achten. Auch hielt ihn ein unerklärliches Etwas zurück, und schien ihm in den Zügel zu fallen, so daß er immer langsamer vorwärts kam. 583 In der Waldschenke, wo er vor vielen Jahren das arme Zigeunermädchen hart behandelte, rastete Fürchtegott. Er mußte jenes Tages, jener Scene wieder gedenken, und das ganze Erlebniß, auf das er damals gar keinen Werth gelegt, stand jetzt wieder deutlich vor ihm. Wie hatte sich seit jener Zeit Alles verändert! Mit welcher Lebenslust war er damals an den Wagen des Grafen getreten, wie siegesgewiß sah er in die Zukunft, die zwar noch unenthüllt, aber doch nur von rosigem Schimmer umglänzt, vor ihm lag! Und jetzt? – Auf schwindelnder Höhe stehend, gähnten ihn auf allen Seiten die furchtbarsten Schlünde an. Er hatte erreicht, was er als Jüngling wünschte, fast mehr erreicht, als er zu hoffen, zu begehren jemals wagte. Die Welt hatte sich ihm aufgethan, und unermeßliche Reichthümer rollte das Weltmeer an die Schwellen seiner Speicher. Aber er war nicht froh in seinem Besitz geworden. Kaum ein Dreißigjähriger, zeigten sich schon graue Haare an seinen Schläfen, und fühlte er sich auch körperlich noch kräftig, geistig noch ungebrochen, die Heiterkeit des Gemüthes war schon seit Jahren, ohne daß er es wußte, gänzlich verschwunden. Aus allem Glanz, den er um sich aufgehäuft hatte, blickte ihn nur die Sorge tausendgestaltig an. Und selbst dieser Reichthum – er wußte nicht mehr, ob er ihn sein nennen, ob er noch stolz darauf sein durfte! Wieder gedachte er der Zigeunerin, die er gemißhandelt und die ihm später vor seiner Reise nach Amerika in der verlassenen Torfhütte so seltsame Worte zugerufen. Jetzt möchte ich sie sprechen, sie um Rath fragen! dachte er, ohne das aufgetragene Frühstück, das er vorhin bestellt hatte, zu berühren. Ich bedarf des Rathes eines Unparteiischen und würde ihn gern mit Gold aufwiegen. Es stellte sich aber weder ein wahrsagendes Zigeunermädchen noch irgend ein Anderer ein, um den sorgenvollen Kaufmann zu ermuthigen, der im festen Vertrauen auf die Unwandelbarkeit des Glückes und in dem sichern Gefühl des Besitzes zu viel gewagt hatte. Als Fürchtegott sein Roß wieder bestieg, kam von der andern Seite her ein Wagen und bog in die Umhegung des Gasthauses ein. Der Wagen hielt und der darin Sitzende stieg aus. Es war der Kaufmann Mirus. Auch dieser hatte den jungen Herrn von Weltenburg bemerkt, grüßte und redete ihn an. 584 Schon so früh auf der Reise? fragte er den Reiter. Herr, ich muß Ihr sagen, wenn Geschäftsleute mit der Sonne zu Pferde steigen oder sich in eine bezahlte Kalesche setzen, haben sie immer gegründete Ursache dazu. Gewiß, Herr Mirus, erwiderte Fürchtegott. Zum bloßen Vergnügen trabe ich nicht in die Welt hinein, und, da Sie selbst ein so ungemein pünktlicher Geschäftsmann sind, darf ich wohl annehmen, daß auch Sie höchstens das Nützliche mit dem Angenehmen verbinden. Kann sein, daß Sie Recht haben, sagte Mirus, bin aber ganz ruhig, habe die Nacht sanft geschlafen und sehe nicht übernächtig aus. Herr, ich muß Ihr sagen, sobald der Mensch verheirathet ist, will sich alles Nachtschwärmen nicht mehr für ihn schicken. Fürchtegott erröthete, während er lächelnd erwiderte: Diesmal hat der kluge Kaufmann sich doch geirrt. Das Schwärmen bei Tag und Nacht ist dem vielbeschäftigten Ammer junior schon längst vergangen; dafür muß er desto angestrengter arbeiten, und will der Tag nicht zureichen, so muß die Nacht bisweilen aushelfen. Aendern Sie das, junger Herr, versetzte Mirus trocken. Bin auch nicht faul gewesen, habe jederzeit viel zu thun gehabt und dennoch nie des Nachts gearbeitet. Aber ich verstand freilich meine Zeit einzutheilen, und führte Buch auch über Tag und Nacht. Ist zu empfehlen, mein Herr Ammer auf Weltenburg. Wird dabei alt, ohne zusammen zu schrumpfen und den fröhlichen Muth zu verlieren. Fürchtegott wendete sein Pferd. Glückliche Reise! sagte er und sprengte davon. Wünsche ein Gleiches, rief der alte Kaufmann ihm nach, fürchte aber, setzte er leise hinzu, wird lange suchen müssen, ehe er den eiligen Flüchtling bei einem dünnen nachblätternden Bändchen wieder erfassen kann. Fürchtegott ließ jetzt seinen Goldfuchs laufen, so rasch er wollte. Das Zusammentreffen mit diesem kühlen, zähen und fast groben alten Handelsherrn war ihm unheimlich. Er wagte nicht zu fragen, wohin sein Weg ihn führen werde, denn er fürchtete eine Antwort zu hören, die ihn beunruhigen konnte. Trug er doch bereits der Sorgen so viele, daß eine noch größere Anhäufung derselben ihn unfähig zu jedem überlegten Entschlusse gemacht haben würde. 585 Als er die rothen Dächer des Brüderortes über dem schwarzen Tannenwald auftauchen sah, klopfte sein Herz so stark, daß er kurze Zeit rasten mußte. Dann ritt er zögernd in die rein gefegte Straßen hinein. Herr Wimmer ist nicht zu Hause, sagte Martha, als sie den ihr wohlbekannten Herrn auf Weltenburg in die Hausflur treten sah. Nun, dann wird er wohl bald wiederkommen, erwiderte Fürchtegott. Ich werde warten. Wenn der Herr Zeit haben, weßhalb nicht? sagte die Haushälterin. Indeß kann ich nicht bestimmen, wie lange dies dauern dürfte. Wo ist denn Herr Wimmer? fragte Fürchtegott zerstreut. Verreist, Herr Ammer, schon seit mehreren Tagen und ganz weit, fast so weit, daß man's kaum ausdenken kann. Fürchtegott fühlte, daß sein Blut stockte, daß sein Herz ihm still stand. Verreist? wiederholte er. Und du weißt weder wohin, noch wann er zurückkommt? Hat er meine Briefe denn nicht erhalten? Ist dem Herrn Alles nachgeschickt worden, wie er befohlen hat, versetzte Martha. Dann mußt du doch den Ort seines Aufenthaltes wissen? Nein, sagte die Haushälterin. Die Briefe werden in ein Papier gesiegelt und an einen Herrn G., der sie weiter befördert, in die Residenz geschickt. Diese Reise Wimmer's trug nicht zur Verminderung der Sorgen des jungen Ammer bei. Der Herrnhuter machte wohl Ausflüge und zwar ziemlich häufig; diese hatten aber jederzeit einen bestimmten Zweck, und Ziel derselben waren regelmäßig einige in der industriellen Welt bekannte Ortschaften am Fuße des Gebirges. Die Residenz hatte Wimmer seit undenklicher Zeit nicht besucht, und eine noch weitere Reise anzutreten, ohne daß sehr wichtige Gründe dazu drängten, lag gar nicht in dem Charakter des immerhin etwas bequemen Hagestolzen. Als er nach einigen an Martha gerichteten Kreuz- und Querfragen die Ueberzeugung gewann, daß die Haushälterin wirklich nicht unterrichtet sei, beschloß Fürchtegott dem Grafen einen Besuch abzustatten. Graf Alban ist sicherlich eingeweiht auch in die geheimsten Verhältnisse Wimmer's, sprach er, sich selbst beruhigend. Von ihm also 586 werde ich erfahren können, was meinen alten Gönner so plötzlich und ohne daß selbst seine nächsten Geschäftsfreunde nur eine Ahnung davon haben, in die verhaßte große Welt hinaustreibt. Zehn Minuten später zog Fürchtegott die Glocke an der friedlichen Gartenwohnung des Grafen. Der Bediente öffnete und bejahte die Frage unseres Freundes, ob Graf Alban zu Hause sei. Dann melde mich sogleich, sagte er. Ich habe Eile, habe höchst wichtige Angelegenheiten mit dem Herrn Grafen zu besprechen. Bei Nennung von Fürchtegott's Namen kam Graf Alban diesem bis an die Schwelle seines Zimmers entgegen, begrüßte ihn auf das Freundlichste, drückte ihm wiederholt die Hand und versicherte, daß es ihm großes Vergnügen gewähre, nach so langer Zeit ihn wieder einmal bei sich zu sehen. Fürchtegott mußte sogleich eine Menge Fragen, die seinen Eltern, seiner Gattin und andern nächsten Verwandten galten, beantworten, denn Graf Alban nahm an der ganzen Familie Ammer wohlwollenden Antheil und freute sich unverhohlen, wenn er hörte, daß es ihr wohlgehe und daß Unfälle, von denen sie heimgesucht worden war, von der Alles heilenden Zeit, wenn nicht gänzlich in Vergessenheit gerathen, so doch mehr und mehr verschmerzt wurden. Nachdem Fürchtegott den Grafen in dieser Beziehung befriedigt hatte, lenkte er das Gespräch auf die Gemeinde, erkundigte sich nach einigen von ihm bekannten Persönlichkeiten und fragte endlich, scheinbar ganz unbefangen, ob Herr Wimmer vielleicht in Gemeindeangelegenheiten verreist sei? Aus der Antwort des Grafen ging hervor, daß dieser ebensowenig als die Gebrüder Ammer von Wimmer's Reise unterrichtet war. Jetzt vermochte Fürchtegott nicht länger an sich zu halten. Bekümmert sprach er: Das ist ja überaus seltsam. Dem Grafen fiel der trübe Ton Fürchtegott's auf, und als er den jungen Mann jetzt schärfer in's Auge faßte, erschrak er noch mehr über dessen Aussehen. Ist Ihnen unwohl? fragte er besorgt, oder bekümmert Sie wohl gar etwas? Herr Wimmer steht ja in so lebhaftem Briefwechsel mit Ihnen. 587 Fürchtegott sah ein, daß es Thorheit sei, jetzt den Zurückhaltenden spielen zu wollen. Er kannte die wohlwollenden Gesinnungen Graf Alban's; er wußte, daß sein Einfluß, sein Wort, nöthigenfalls seine Fürbitte bei allen Herrnhutern, wo sie auch in der Welt leben mochten, Widerhall und Anklang finden würden. So erschien dem Bedrängten plötzlich seine gefahrvolle Lage in einem weniger trüben Lichte, und ohne lange zu zögern, sprach er mit der ganzen Wärme eines tief bewegten Herzens, die Hand des Grafen krampfhaft zwischen seinen beiden pressend: Herr Graf, edler, uneigennütziger Mann, Sie sehen einen Unglücklichen vor sich! Lieber Freund! fiel Graf Alban ein. Hören Sie mich, Herr Graf, dann urtheilen und rathen Sie mir, wenn Sie können, fuhr Fürchtegott in fliegender Eile fort. Sie kennen das Band, das uns an Herrn Wimmer knüpft; Sie wissen, wie wir auf seine Veranlassung und zum Theil auf Ihren eigenen Rath unsere Handelsverbindungen von Monat zu Monat vergrößerten; wie es uns durch Regsamkeit, Unterstützung Bemittelter und mächtige Empfehlungen, unter denen Ihre eigenen, Herr Graf, stets in erster Reihe genannt werden müssen, gelang, unsern Producten einen bisher nicht gekannten Absatz in der neuen Welt zu verschaffen. Auf ihren eigenen Wunsch, Herr Graf, traten wir mit den Missionären und deren Agenten in Verbindung, um den Handel als Mittel zu einem großen Zweck zu benutzen. Was ich persönlich während meines Aufenthaltes in Surinam in dieser Beziehung gethan, eingeleitet und für die Zukunft gearbeitet habe, davon will ich hier nicht sprechen, um nicht ruhmredig zu erscheinen. Sie, edler Mann, Sie vor Allen billigten meine Schritte; nie vorher, waren Sie so freundlich gegen mich zu äußern, hatten die Sendboten der evangelischen Brüdergemeinde eine so reiche Saat der Liebe unter den Heiden aufsprossen sehen, als seit die Gebrüder Ammer ihre Producte den Wünschen jener Naturmenschen angemessen herzustellen sich bereit erklärten. Wir sind Kaufleute, verehrter Herr Graf, wir mußten also, ohne den heiligen Zweck aus den Augen zu verlieren, doch auch darauf denken, bei unserm mit vielen Sorgen verknüpften Handel zeitlich zu gewinnen. Wir benutzten deßhalb, meistentheils auf den Rath erprobter 588 Freunde Wimmer's, glückliche Chancen und fanden uns Jahre lang in unseren Speculationen und Berechnungen nie getäuscht. So wuchs mit dem Glück unser Muth, mit dem Muthe unsere Speculation. Wir bedurften, in den letzten Jahren zu den außerordentlichen Unternehmungen, die wir durchzuführen gewissermaßen durch die kaufmännische Ehre verpflichtet waren, des Credites und wir beuteten ihn aus im weitesten Sinne des Wortes. Auch hier lauteten Wimmer's Antworten stets beistimmend. Erst seit etwa Jahresfrist ward er zurückhaltender, stiller, was uns Brüdern nicht auffallen konnte. Wir hielten es für die natürliche Folge des Alters. Mit seiner Schweigsamkeit nahm begreiflicherweise auch seine Schreiblust ab, doch ließ er nie einen Geschäftsbrief unbeantwortet. Nur seit etwa sechs Wochen blieben wir ohne alle Antwort. Aus kaufmännischem Vertrauen oder, wenn Sie wollen aus einer Art kindlicher Anhänglichkeit an den Mann, durch dessen alleinige Vermittlung wir uns von einfachen Webern zu Welthandelsherren aufgeschwungen haben, in deren Händen gegenwärtig das Wohl, das Glück und die Zukunft eines sehr großen Theiles der Bewohner dieser Provinz liegt, überließen wir Herrn Wimmer auch später, als wir unsere Firma ganz allein für uns hier und anderwärts besaßen, die Weiterbeförderung unserer transatlantischen Correspondenz. Diese so überaus wichtige Correspondenz fehlt seit Wochen, und jetzt, wo wir es wissen, daß sie eingetroffen sein muß, wo wir unverweilt disponiren müssen, soll nicht Alles aus Rand und Band gehen, jetzt hat Herr Wimmer eine Reise auf unbestimmte Zeit angetreten und Niemand weiß, wohin! Versetzen Sie sich in unsere Lage, Herr Graf, und urtheilen Sie, welche kaum zu ertragenden Sorgen in dieser entsetzlichen Bedrängniß auf uns lasten. Graf Alban hatte dem Erregten theilnehmend und aufmerksam zugehört. Jetzt versetzte er mit der ihm eigenen ruhigen Würde, die ihn nie verließ: Ich begreife vollkommen Ihre Besorgnisse, werther junger Freund, und verhehle Ihnen auch nicht, daß mir das ganz unerklärliche Verfahren meines alten Freundes, Herrn Wimmer's, sonderbare Bedenken erregt. Was aber auch geschehen sein mag, es wird sich ja bald aufklären und Alles wieder ordnen lassen. Das Wichtigste im 589 Augenblicke ist, daß man Ihnen hilft. Kennt Ihr Herr Vater die bedrängte Lage, in der Sie sich befinden? Er ahnt sie nicht, darf sie nicht ahnen! Ich begreife. Haben Sie sich sonst Jemand entdeckt oder vielleicht durch die Unruhe, die Sie beherrscht, verrathen? Weder mündlich noch schriftlich. Außer meinem Bruder lebt selbst mein eigener Schwager in gänzlicher Unkenntniß. Sie bedürfen Deckung? fragte Graf Alban. Auf Fürchtegott's Antlitz trat die Röthe der Scham und halb und halb des Zornes, als er stumm bejahte. Seien Sie ruhig, sie soll Ihnen werden, sagte der Graf. Wie lange haben Sie noch Zeit? Nur wenige Wochen. Das genügt. Ich selbst bin freilich nicht reich genug, um die Wechsel eines Hauses von der Bedeutung der Gebrüder Ammer auch nur zum sechsten Theile einlösen zu können, aber ich habe Freunde und Verbindungen unter den Brüdergemeinden, denen schon Schwereres möglich geworden ist. Es wäre mehr als undankbar, wollte die Gemeinde den Mann einem blinden Zufall überlassen, der mehr als die begabtesten, gotteifrigsten Prediger-Missionäre durch seine Handelsthätigkeit das Werk des Evangeliums gefördert hat und somit gleichsam selbst ein nicht unwürdiger Jünger unseres Heilandes geworden ist. Fassen Sie Muth, mein Freund! Schon zweimal gingen Sie, nicht bloß getröstet, sondern beglückt aus diesem Zimmer, Sie sollen es zum dritten Male nicht als ein Hoffnungsloser verlassen. Die Brüder werden Ihnen helfen. Nur haben Sie Acht, daß Ihre Verlegenheit nicht bemerkt wird. Es ist weltklug und doch nicht unerlaubt, sich stark zu stellen, wenn man bereits schwach ist. Es wäre vielleicht ganz zweckmäßig, fänden Sie eine schickliche Gelegenheit, Ihre so schwere Bedrängniß durch ein Fest zu verdecken, welches die Menschen beschäftigt, das ihnen zu sprechen gibt. Ach, des Vaters Geburtstag! sagte aufathmend der zu neuem Leben erwachende Fürchtegott. Recht, recht, sprach der Graf. Feiern Sie des Vaters Geburtstag. Veranstalten Sie ein Fest, von dem die halbe Provinz spricht. Ich werde nicht dabei fehlen. Und es soll ein Geburtstag sein, der Ihnen 590 die Pforten eines neuen, schöneren, ruhigeren Lebens öffnet! Binnen wenigen Tagen werden Sie von mir hören. Wenn auch nicht völlig beruhigt, so doch bedeutend erleichtert, verabschiedete sich Fürchtegott von dem wohlwollenden, menschenfreundlichen und zu helfen stets bereiten Grafen. Es war ihm jetzt fast lieb, den alten Wimmer nicht getroffen zu haben, obwohl ihm dessen hartnäckiges Schweigen, mehr noch die in geheimnißvoller Stille angetretene Reise viel zu denken gab. Allein, wie er sich auch abmühte, den Anlaß zu entdecken, welcher dem Herrnhuter zu seinem auffallenden Verfahren Grund gegeben haben möge, sein Sinnen und Denken blieb in dieser Hinsicht völlig resultatlos. Sechstes Kapitel. Das Briefpaquet. Körperlich und geistig erschöpft, traf Fürchtegott erst spät wieder in Weltenburg ein. Außer dem dämmernden Lichtschimmer in Erdmuthe's Wohnung lag der weitläufige Schloßbau dunkel und schweigend vor ihm. Kaum jedoch näherte sich der späte Reiter der Pforte, so bewegte sich diese geräuschlos in ihren Angeln, und ein todtenbleiches Gesicht sah zu ihm empor. Christlieb? fragte Fürchtegott, rasch aus dem Sattel springend. Du lebst in Sorgen. Du bist es, versetzte der Bruder beklommen. Du kommst so spät, und ich vergehe vor Angst! Hast du ihn gesprochen? Nein, sagte Fürchtegott fest und zuversichtlich, um den Geängsteten zu ermuthigen, aber das thut nichts. Es ist so vielleicht noch besser. Das thut nichts, sprichst du, und unsere Noth vergrößert sich mit dem Ablauf jeder Secunde! Wir haben Besuch gehabt und es sind Briefe angekommen – ein großes Paquet – nur für dich! Seit 591 sechs Stunden liegt es schon vor mir und unter meinen Füßen fühl' ich ein Erdbeben, so oft meine Blicke es berühren! Briefe! wiederholte Fürchtegott. Von Wimmer? Nein, von unserm Correspondenten und Agenten in Hamburg. Ach, von Beinheim! Der Mann ist ja ungeheuer praktisch, fügte er scherzend hinzu. Gib Acht, er meldet uns Gutes. Es werden Anweisungen eingegangen sein. Gott gebe! sagte Christlieb, noch immer niedergeschlagen. Aber der Besuch beunruhigt mich sehr. Kaufmann Mirus? sagte Fürchtegott, und sein Herz begann stärker zu klopfen. Hast du ihn gesprochen? Er war beim Vater, erwiderte Christlieb, ganz allein – wohl vier Stunden lang. Niemand weiß, was die Beiden mit einander verhandelt haben. Als er endlich fortging, ließ der Vater Erdmuthe rufen und sich aus dem alten Gesangbuche das Lied: »Wer nur den lieben Gott läßt walten« vorlesen. Dabei weinte er ganz laut, er schluchzte beinahe – ich konnt' es auf dem Corridor hören – denn die Angst ließ mir keine Ruhe. Erdmuthe fragte, was ihm fehle. Da sagte er: Nichts, meine kleine Heilige. Ich fühlte nur so ein Drücken auf dem Herzen; du hast's fortgeweht mit deinen Engelslippen – nun bin ich wieder leicht. – Hierauf schickte er deine Frau wieder fort und Mutter mußte bei ihm bleiben. Mich aber – mich, setzte Christlieb erschüttert hinzu, mich, lieber Bruder, wollte der Vater nicht sehen. – Er könnte blind werden, ließ er mir sagen, wenn er in meine Augen blicke! Mirus hat uns verklagt, murrte Fürchtegott ingrimmig. Ich dachte mir's wohl, konnt' es aber nicht hindern. Nun, ich hoffe, er verrechnet sich, wie mancher Andere! – Komm, Bruder, und sei ein Mann! Foppen dich die Nerven, so trinke Wein. Wir müssen den Kopf oben behalten. – Wimmer ist fort – verreist – wohin? darüber wird der Teufel oder Beelzebub oder sonst einer seiner Brüder wohl die beste Auskunft geben können. – Aber ich lasse mir von einem Pferdefuß nicht auf die Zehen treten. Ich war bei Graf Alban, habe mich entdeckt und die feierliche Zusage von ihm erhalten, daß er im Fall der Noth mit seinen und seiner zahlreichen Freunde Mitteln für uns eintritt. 592 Gott sei gelobt! rief Christlieb. Wenn der Graf Wort hält, dann sind wir außer Gefahr. Er wird und muß es, sagte Fürchtegott zuversichtlich. Und nun gib mir die Briefe. Wo hast du sie? Oben im Thurmzimmer. Ich weiß nicht, wie es kam, aber ich hielt sie im Comptoir nicht für sicher. Deßhalb nahm ich sie mit mir, als ich dasselbe nach dem Weggang aller Uebrigen verließ. Ich bin erschöpft, Bruder, erschöpft bis zur Ohnmacht. Hole Wein und etwas Brod, aber nur trockenes Brod, nichts weiter. Benachrichtige auch nicht Erdmuthe, daß ich wieder hier bin. Ich kann sie jetzt doch nicht sprechen, ihr Anblick machte mich vielleicht gar unschlüssig, falls Beinheim's Nachrichten nicht erfreulichster Art sein sollten. Während Christlieb dem Bruder die begehrten Erquickungen holte, löste Fürchtegott voll banger Erwartung die Siegel des vor ihm liegenden Briefpaquets. Eine Menge Briefe, alle von transatlantischen Correspondenten, fielen ihm entgegen. Auch von Beinheim fand sich ein Schreiben vor, das Fürchtegott zuerst entfaltete. Der alte Handelsherr schrieb: »Mein Werthester, Habe von Anfang an wenig Freude an der Neuerung gefunden, die Sie zu treffen für gut hielten. Herr Vanderholst mag recht calculiren in seiner Weise, mich kümmert das aber nicht. Er ist ein Holländer, hat anderes Blut als Unsereiner, und überdies sitzt er drüben in der neuen Welt, wir in der alten. Blieb deßhalb lieber bei den Tuchlappen, denn ich bin gern immer ungeheuer praktisch. Jetzt, mein werther Herr und Freund, haben Sie gehandelt, wenn Sie nicht verschlucken können, was drüben die Yankee's Ihnen eintränken. Bitter schmeckt's, aber nur hinunter damit! Ich bin ungeheuer praktisch. Und haben Sie's jetzt satt mit dem halbschierigen Krame, so treten Sie als Compagnon in mein Geschäft. Es ist weniger glatt von Außen, aber sicher, Freund, sicher! Und Sicherheit ist immer ungeheuer praktisch. Bitte um baldigen Bescheid. Der ich hochachtungsvoll verharre ergebenst Beinheim.«         593 Ohne eine Miene zu verziehen, erbrach jetzt Fürchtegott einen Brief nach dem andern, las ihn aufmerksam durch und legte ihn offen vor sich hin. Er gab keinen Laut von sich, aber er ward immer blässer, die Hände begannen zu zittern, kalter Schweiß rieselte auf die ausgebreiteten Papiere herab. So traf ihn der zurückkommende Bruder. Christlieb, in dem Glauben, der starke Ritt und die geistige Aufregung hätten den Bruder in diesen Zustand körperlicher Schwäche versetzt, reichte ihm unverweilt Brod und Wein. Nimm, sprach er, es wird dich stärken. Fürchtegott trank das gereichte Glas auf einen Zug aus. Mehr! sagte er mit lallender Zunge, noch immer Briefe öffnend, lesend und sie zu den übrigen legend. So trank er rasch hintereinander vier Gläser. Er hatte die Lectüre beendigt. So, sprach er aufstehend und seinen Bruder auf den verlassenen Sessel niederdrückend. Jetzt lies du, und ich will Mundschenk sein. Unsere Firma heißt »Gebrüder Ammer«, wir müssen deßhalb aus brüderlicher Liebe Alles, was wir unter dieser Firma verdienen, gleich unter uns vertheilen. Du kannst dir übrigens das Geschäft bequem machen, indem du nur einen einzigen Brief zu lesen brauchst, denn sie lauten alle vollkommen gleich, als hätte man sie nach einer Schablone abgefaßt. Christlieb folgte der Aufforderung seines Bruders, allein weniger stark von Charakter als Fürchtegott, verließ ihn schon nach Durchlesung des ersten Schreibens die Kraft zur Einsicht der übrigen. Er schlug beide Hände über sein Gesicht, beugte sich nieder und legte so den Kopf auf die mit dem Angstschweiß seines Bruders getränkten Papiere. Fürchtegott hörte ihn röcheln, wie einen Sterbenden. Er schenkte das leere Glas voll. Nimm! sprach er. Der Wein erfreut des Menschen Herz, behaupten die Altmeister einer feinen Küche. Wir wollen's probiren. Noch sind wir nicht verloren. Graf Alban hat mir Hilfe zugesichert, er muß sein Versprechen halten, schon der Gemeinden wegen, in deren Interesse wir gehandelt. Mögen sie's wissen, daß sie getäuscht worden sind, mögen sie die Zahlung verweigern, mögen sie processiren; die Firma steht fest, so lange Herrnhut für uns bürgt. Es lebe Graf 594 Alban und seine Freunde diesseits und jenseits des Oceans! Dies Glas weihe ich der Zukunft, an deren Pforte er als Schließer steht. Er leerte es zur Hälfte, dann rüttelte er den immer noch stöhnenden Bruder, bis dieser sich ermannte und den Rest des Weines wie ein Träumender schlürfte. Ohne zu sprechen sank er wieder zurück in seine vorige Stellung. Die heisere Schelle von Weltenburg schlug die zweite Morgenstunde und noch immer saßen die Brüder in dem kleinen Thurmgemache neben einander. Fürchtegott's Vorstellungen, verbunden mit den belebenden Geistern des Weines, hatten Christlieb schon längst aus seiner Betäubung oder fernem apathischen Hinbrüten wieder zu vollem Leben erweckt. Ihre gegenseitigen Mittheilungen erleichterten wenigstens vorübergehend die Last des Schmerzes, der sie beinahe erlegen wären. Vor Allem hielt sie die Hoffnung der gräflichen Zusage aufrecht. Einig mit sich, nur der unabwendbaren Nothwendigkeit zu weichen, beriethen sie den Plan ihres ferneren Handelns in den nächsten Wochen. Uns steht Niemand im Wege als Mirus und Wimmer, sagte Fürchtegott, Beide müssen deßhalb unschädlich gemacht werden, vorausgesetzt, was leider für uns noch ein zu ermittelndes Geheimniß ist, daß sie uns schaden wollen oder können. Mirus mag in seiner Weise ein braver Mann sein, der es ganz ehrlich meint, namentlich mit dem Vater, dennoch kreuzt er mit seinen peniblen Begriffen von Solidität und ehrlichem Handel unsere Pläne dergestalt, daß er uns noch viel gefährlicher werden kann als ein offen operirender Feind. Dennoch möchte ich auf möglichste Schonung gerade dieses Mannes dringen, bemerkte Christlieb. Ich vermag nicht zu beweisen, daß er sich freundschaftlich gegen uns gezeigt habe, eher ließen sich Beispiele für das Gegentheil anführen, aber ich weiß, daß er den Vater liebt und Wimmer haßt. Von dem Herrnhuter später, sprach Fürchtegott. Er kommt nicht in Betracht, so lange Graf Alban auf unserer Seite steht, und außerdem, wer kann wissen, ob er nicht gerade diese Reise vor Jedermann so geheim gehalten hat, um uns zu nützen? Es liegt etwas in dem einsamen Charakter dieses ungewöhnlichen Menschen, das mich vermuthen läßt, er könne in aller Stille für uns handeln, und wenn Alles 595 durch seine kluge Vermittelung geschlichtet und wieder geordnet ist, lächelnd vor uns hintreten und sagen: Da, liebe Brüder, mache ich euch ein christliches Geschenk, ein andermal verfahrt aber klüger. Dagegen fürchte ich Mirus. Er hat mich durchschaut, schon seit Jahren, und den Vater gegen uns erbittert. In welchem Lichte müssen wir ihm erscheinen! sagte Christlieb. Was sollen wir zu unserer Entschuldigung anführen? Ueberlasse das dem Zufall und einer glücklichen Eingebung des Augenblickes. Seine Anklage wird uns der beste Fingerzeig sein. Du schwankst, du bist eingeschüchtert, du kannst auch nicht dreist auftreten, wenn es die Noth erheischt. Tritt also mir die Erörterung dieses ärgerlichen Punktes ab. Wie steht die Bilanz? Gut, es fehlt nur an baaren Mitteln. So laß uns hoffen. Die Arbeiter ahnen doch nichts? Christlieb sagte achselzuckend: Manchmal besorge ich, daß sie etwas Ungewöhnliches erwarten, und dann scheint es mir wieder zweifelhaft. Wüßte ich, wie man sie mit einer geschickten Täuschung gänzlich verblenden könnte, so würde wenigstens keine Stockung eintreten. Für diese Täuschung hat der richtige Tact des gewandten, die Welt kennenden Grafen den besten Ausweg gefunden. Wir müssen demnächst mit ganz enormem Glanz auftreten, dürfen in keiner Weise karg oder kleinlich erscheinen und vor Allem nicht säumig im Zahlen sein. Ich werde die nöthigen Summen auftreiben, um diese Karte unseres Glücksspieles reich mit Gold zu besetzen. Ein Fest, wie es Weltenburg, wie es die ganze Provinz noch nie gesehen, soll arrangirt werden und zwar zu Ehren des Mannes, dem wir den Besitz dieses Schlosses verdanken. Des Vaters siebzigjähriger Geburtstag soll die reich decorirten Schloßhallen von Weltenburg mit der glänzendsten Gesellschaft des Landes erfüllt sehen. Vergißt du des Vaters Abneigung gegen alle rauschenden Feste und seine Hinfälligkeit? Ich vergesse nichts, Bruder. Der Vater wird uns nicht hindern, er wird unser Verfahren sogar billigen, sobald die Einflüsterungen des alten Mirus durch mich entkräftet worden sind. Und wie lange, glaubst du, kann man ihn über unsere wahre Lage täuschen? 596 Für immer, d. h. bis an seinen Tod. Graf Alban's gegebenes Wort ist mir ein ganzes Vermögen werth. Christlieb schien ruhiger zu werden. Was fangen wir mit diesen Briefen an? fragte er, einen scheuen Blick auf die unordentlich durch einander geworfenen Schreiben werfend. Man muß den Unseligen doch antworten. Morgen! sagte Fürchtegott. Einige Stunden Ruhe werden uns helle Gedanken in das fieberheiße Gehirn träufeln. Laß sehen, wie glücklich wir im Erfinden sind. Wer weiß, ob unser Schöpfer uns nicht aus demselben Holz geschnitzt hat, aus dem man sagt, daß man Poeten mache! Fürchtegott erschien in seiner Aufregung fast heiter, und Christlieb, der sich eben so leicht von Umständen wie von Menschen leiten ließ, ward dadurch oberflächlich beruhigt. Die Lage der Brüder war in der That eine verzweifelte. Sämmtliche Abnehmer ihrer Waaren sowohl in den vereinigten Staaten, wie in dem Süden Amerika's und auf den Antillen hatten sich geweigert, die letzte Sendung anzunehmen, weil Alle gleichzeitig die Entdeckung machten, daß sie statt der gewünschten reinen Leinwand eine Mischung aus Linnen und Baumwollen empfangen hatten. Wie sie zu dieser Entdeckung gekommen, war noch unermittelt. Sie drohten nun mit öffentlicher Bekanntmachung dieser Fälschung, im Fall die Firma »Gebrüder Ammer« sich weigern sollte, gegen Tragung aller Kosten die unächten Waaren wieder anzunehmen und dagegen ächte für einen billigeren Preis zu senden. Ging die Firma auf diese Bedingungen ein, so wollte man aus Rücksichten der Billigkeit und Humanität schweigen, von einer Zahlung aber könne vor genügender Regulirung dieser Angelegenheit unter allen Umständen nicht die Rede sein. Nur zwei Häuser in Boston und Philadelphia machten eine Ausnahme. Sie allein waren stets reell bedient worden. Die von beiden eingehenden Zahlungen ermöglichten vorerst den Brüdern, das grenzenlose Unglück, das sie betroffen, den Augen der Welt zu verbergen. 597 Siebentes Kapitel. Ammer und seine Söhne. Schlummerlos wie die Brüder verbrachte auch der alte Ammer diese Nacht. Sein scharfes Ohr vernahm den Hufschlag des spät heimkehrenden Sohnes; er hörte die Tritte der Brüder auf der knarrenden Wendeltreppe, welche in die oberste Etage des Thurmes führte. Während die Söhne ihr Gehirn anstrengten, um Rettungspläne zu ersinnen, überdachte der Vater sein Leben, es prüfend Jahr nach Jahr vor seinem Geiste aufrollend. Er war nicht selbstsüchtig und anmaßend genug, um seine Vergangenheit tadellos, fehlerfrei zu finden, ach nein! Auch er hatte geirrt, gefehlt, bisweilen wissentlich, öfter in dem unklaren Drange, das Gute zu wollen, ohne es doch erreichen zu können. Was Andere entschuldbar gefunden hätten, das machte sich der alte Mann schon zum Verbrechen. So erhob er im Gedanken selbst eine Anklage gegen sich, die jetzt schwer auf dem Vielgeprüften lastete. Mit seinen Söhnen mußte er sprechen, denn die Ehre seines Namens war für immer verloren, wenn die Eröffnungen seines alten Freundes Mirus nicht auf bloßen kaufmännischen Voraussetzungen beruhten. Was er aber den beiden jungen Männern sagen sollte, darüber konnte er mit sich selbst nicht einig werden. So verging die Nacht. Erst gegen Morgen schlief der Greis einige Stunden, aber dieser Schlaf erquickte ihn nicht, denn schreckhafte Träume gaukelten um seine Seele. Die Brüder gaben sich ihren gewohnten Arbeiten hin. Niemand erfuhr, in welche Lage sie gedrängt waren, was Alles in der nächsten Zukunft geschehen konnte, wenn Graf Alban entweder sein Versprechen zu halten nicht vermochte oder sonst Umstände eintraten, die dies unmöglich machten. Gegen Mittag ließ endlich der alte Vater beide Söhne zu sich entbieten. Sie folgten dieser Einladung unverweilt. Unterwegs vom 598 Comptoir in die Wohnung des Vaters sprach Keiner ein Wort, nur ihre Blicke begegneten sich einige Male bedeutungsvoll, und gaben sich schweigend zu erkennen, daß sie einander verstanden. Ammer war allein in seinem Zimmer. Er saß in seinem Rollstuhle neben dem Tische, der mit weißer Damastserviette überdeckt war. Vor ihm lag das Buch Hiob aufgeschlagen, in dem er wohl gelesen haben mochte. Beim Eintritt seiner Söhne wendete er den Kopf ein wenig und machte mit der kräftigen linken Hand eine gebietende Bewegung. Tretet mir gegenüber, sprach er, und laßt mich euch einmal in die Augen sehen. Ich habe immer gehört, daß jeder ehrliche Mann den Blick eines Gerechten aushalte und sei er auch scharf wie ein zweischneidig geschliffener Dolch, oder so blendend, wie das Feuer, welches der Herr im Wetter auf die Erde herabschleudert. Dahingegen erinnere ich mich, gelesen zu haben, daß sündhafte Menschen und schwer beladene Gewissen keinem Ehrenmanne grade in's Auge schauen sollen. Die Brüder hatten bereits dem ernst blickenden und in strengem Tone sprechenden Vater gegenüber Platz genommen, nicht aber mit der Miene Schuldiger oder Bittender, sondern mit jener Nonchalance, die anzeigen sollte, daß sie zwar aus Achtung vor dem alten Manne seine Einfälle anhören wollten, daß sie dies aber durchaus nicht als eine ihnen obliegende Pflicht betrachten möchten. Du sprichst seltsam, Vater, erwiderte Fürchtegott. Ich will nicht hoffen, daß du uns für Diebe hältst. Ich spreche seltsam und ihr handelt seltsam, gab Ammer zur Antwort, und ich habe, denk' ich, ein Recht so zu sprechen, weil es mein fester Vorsatz ist, nicht zu gestatten, daß ein Makel auf meinen reinen Namen sich festsetze, welcher losen Buben Anlaß geben könnte, mit Fingern auf mich zu deuten. Seht, diese meine Haare sind grau und endlich weiß geworden mit Ehren. Ich will nicht in die Grube fahren, bis daß jedes einzelne ausgefallen ist, wenn meine Kinder mich um die Reputation bringen, die mir höher stand, als äußerlicher Glanz und eitel hohle Pracht! Vater, vermiß dich nicht! sagte Christlieb mit bittender Stimme. 599 Ammer beugte sich hastig vorn über und indem er heftig und wiederholt mit seinem Krückenstocke auf den Tisch schlug, rief er den Söhnen stirnrunzelnd und mit heiß aufflammenden Augen zu: Habt ihr Waaren verfälscht, he? Habt ihr baumwollene Lappen in die Welt geschickt und drauf geschrieben, es sei altes, gutes, haltbares Linnen? Habt ihr das gethan, ihr – Herren auf Weltenburg? Der Krückenstock des erzürnten Webers schlug nochmals dröhnend auf den Tisch und im Zucken der Aufregung raffte er das aufgeschlagene Bibelbuch damit herab. Hat man uns dessen bezichtigt? fragte Fürchtegott, eine bequeme nachlässige Stellung einnehmend. Denkt ihr, ich alter Mann führe mit meiner lahmen Hand in die blaue Luft hinein und griff nach dem, was da herumfliegt, um es zusammen zu ballen, mir vor die Füße zu werfen und aus purem Eigensinn oder Langeweile mir einen Stein des Anstoßes daraus zu formen? Ich bin kein Thor, der sich selbst mit spitzer Hacke auf's Herz schlägt, um sich zu martern, denn ich fühlte niemalen die Stimmung und Lust in mir, zu den Märtyrern und Heiligen gezählt zu werden. Wenn aber die erprobte Redlichkeit zu mir tritt, mir auf die Schulter klopft und sagt: Ammer, reiß die Augen auf und sieh um dich, es zerrt eine leichtfertige Hand an dem Gewande deiner bürgerlichen Ehre herum und hat schon ein Loch hineingerissen: da fahr' ich auf und greife nach der frevlen Hand; und kann ich sie packen, und mein Schöpfer stärkt mir noch einmal die alten Sehnen und Muskeln, so brech' und zermalm' ich solche Hand, ohne danach zu fragen, von wessen Körper sie ein Theil ist! – Redet, ihr Herren aus der neumodischen Zeit, habt ihr dem Kaufmann Mirus jederzeit reines Leinenfabrikat, gestempelt mit meinem Stempel, geliefert? Ammer's Auge lag wie ein versengender Sonnenstrahl auf den Mienen seiner Söhne. Dennoch ertrugen sie den Blick des Forschenden. Fürchtegott versetzte kalt: Ist uns niemals eingefallen, Vater. Wenn Herr Mirus baumwollene Zeuge von uns begehrte, hat er sie eben so gut erhalten, wie jeder Andere. Ist es etwa verboten, mit baumwollenen Artikeln Handel zu treiben? 600 Es ist nichts verboten, als der Betrug, der schlau vorbereitete und durchgeführte Betrug! rief Ammer, ergrimmt über den eiskalten Ton des Sohnes, den er für schuldig hielt. Mirus hat niemals Baumwolle statt Leinwand von euch gefordert, und dennoch habt ihr zu so unerhörtem Frevel euch aus elender, gemeiner Gewinnsucht verleiten lassen! Fürchtegott lächelte mitleidig. Wenn du nicht schon so heftig erbittert gegen uns wärest, fiel er ein, so könnte ich dir dies Räthsel, das Mirus freilich nicht begreifen wollte, mit wenigen Worten lösen. Bin sehr begierig auf diese Lösung, bitte aber zu bedenken, daß mit neumodischen Flausen meinem alten ehrlichen Webergewissen keine Narrenkappe aufzusetzen ist. Löse es, wenn du kannst. Ach, ich sehe ein, sprach Fürchtegott seufzend, du bist voreingenommen gegen uns; es wird mir demnach nichts helfen, wenn ich dir auch die ganze Wahrheit sage. Sage sie! Die Wahrheit schändet Niemand; sie kann selbst begangenes Unrecht zuweilen wieder gut, ob auch nicht ungeschehen machen. Herr Mirus, sagte Fürchtegott leichthin, indem er ein prächtiges ostindisches Taschentuch entfaltete und damit den Staub von seinen sehr elegant gearbeiteten Glanzstiefeln wischte, Herr Mirus erhielt durch einen bloßen Zufall, durch eine Verwechselung jene Kiste, von der hier ganz allein die Rede sein kann. Wir vermißten sie später und konnten uns ihr Verschwinden durchaus nicht erklären. Trotz allen Suchens fand sie sich aber nicht wieder. Erst lange nachher brachten wir in Erfahrung, daß der peinliche, alte Herr sie erhalten hatte, was uns sehr ärgerlich war. Es hätte dem erfahrenen Kaufmanne, der so gern von seiner Redlichkeit spricht, wohl angestanden, uns Meldung zu machen, als er die Kiste entdeckte, denn von uns konnte man doch schwerlich verlangen, daß wir an alle unsere Kunden dieser Bagatelle wegen durch die halbe Welt ein Circulär laufen ließen, um zu ermitteln, wo sie geblieben, an wen sie zufällig gekommen war. Herr Mirus schwieg aber, schwieg lange und sprach erst, als uns durch sein beharrliches Schweigen der Verdacht des Betruges treffen mußte. Der Inhalt der Kiste ward durch einen Dritten verkauft, bemerkte Ammer. Nicht Mirus entdeckte, daß er statt Linnen nur Halbleinen erhalten, sondern der, welcher die Kiste kaufte. 601 Mag sein, fiel Fürchtegott ein, indeß kann uns dies gar nicht zur Last fallen. Nie früher und auch nie später ist dieser Fall wieder vorgekommen. Hätte Mirus, als er von seinem Abnehmer die ärgerliche Kunde erhielt, unverweilt uns Anzeige davon gemacht, so würden wir gewiß nicht säumig gewesen sein, den Fehler einer Verwechselung in genügender Weise wieder zu verbessern. Gut, ich will dir glauben, sagte etwas ruhiger der alte Ammer, dennoch ist es Thatsache, daß ihr mit gemischter Leinwand handelt und dadurch euern Ruf untergrabt, vielleicht schon untergraben habt. Könnt ihr das leugnen, und habt ihr nicht immer mir in's Gesicht behauptet, ihr triebt das Geschäft unverwandelt, wie ich es getrieben, es euch gelehrt habe, nur daß ihr es zehnfach erweitert hattet? Warum sollten wir dies leugnen, Vater? So habt ihr mich betrogen, ihr – Lotterbuben! Fürchtegott zuckte zusammen, alle Farbe entwich aus seinen Wangen, er sah den ergrimmten Vater an wie ein Geist. Ich glaubte in meiner schlichten Weise Christen erzogen zu haben, und nun sitzen zwei Lügner vor mir in feinen Kleidern, fuhr der Alte fort. Wollte, ihr müßtet den linnenen Kittel wieder anziehen und ich könnte euch meine reine Hand reichen zum Gruße als Ehrenmänner. Jetzt that es Noth, ich verbänd' mir die Augen, damit ich euch nicht sähe und der Gram ob eurer Unredlichkeit mir nicht das Herz abfresse. Fürchtegott sprang auf und stellte sich dem Vater gegenüber. Die Arme zusammenschlingend versetzte er: Es hat Alles seine Grenzen, Vater, auch die Rechte der Eltern über die Kinder. Was du an uns gethan, wir danken dir's, seit wir jedoch Männer geworden sind, haben wir verlernt, auf bloße Winke zu gehorchen, und seit wir als Männer selbst denken und prüfen, wollen wir den schulmeisterlichen Ton eines grillenhaften Vaters eben so wenig hören, als die Ruthe küssen, die uns schlägt. Es könnte sich ereignen, Vater, daß die zu Männern herangereiften Söhne in solchem Ausnahmsfalle die Ruthe zerbrechen oder sich wie Männer wehrten. Die Beleidigung unter sechs Augen wollen wir verzeihen, für Beleidigungen, von denen die Welt unterrichtet wird, gibt es den Schutz der Gesetze. Und es wäre wohl nicht das erste Mal, daß ein Advocat den Söhnen gegen den Vater diente. Hast du noch mehr 602 auf dem Herzen, so schleudre es von dir. Ich meinestheils habe Lust, dieser artigen Unterhaltung noch eine Viertelstunde meiner Zeit zu opfern, für eine längere Dauer würde ich jedoch danken müssen. Ammer hatte sich während dieser Worte mit Hülfe seines Krückenstockes langsam aus dem Stuhle erhoben, die Mütze war dabei seinem Haupte entfallen und das volle silberne Lockenhaar rollte in glänzenden Ringeln um das stolze Gesicht des ehrwürdigen Greises. Er sah den Sohn mit wunderbaren Augen an, sich fest auf den Krückenstock lehnend. Fürchtegott, Fürchtegott! sagte er jetzt mit einer Stimme, die wie der Ruf eines warnenden Gottes klang, du versündigst dich schwer, aber ich will dich nicht strafen. Die Schuld, die du leugnest, steht mit flammender Schrift geschrieben auf deiner Stirne! Du hast mich belogen und du belügst mich jetzt wieder. Lüge bleibt Lüge, mag man sie beschönigen, wie man will! – Du drohst mir, deinem alten, rechtlichen Vater, mit dem weltlichen Gerichte. Nun immerhin! Geh', du Entarteter, von den Dämonen des Reichthums Besessener, geh' und hetze deine Advocaten gegen mich, ich werf' sie zu Boden mit sammt ihren Gesetzen durch einen Blick meines Auges. Fürchtegott, Fürchtegott, du wandelst die Wege des Verderbens, des weltlichen wie des ewigen! Kehre um! Wasche den Lotterbuben ab, den der Vater dir als Kennzeichen in's Herz gedrückt, und wenn du ein anderer, ein besserer Mensch geworden bist, dann komm' wieder! Zitternd sank der alte Mann zurück in seinen Stuhl. Die bebenden Füße berührten die Bibel. Er wollte sich bücken um sie aufzuheben. Christlieb kam dem Vater zuvor. Ammer's Auge haftete auf dem Blicke seines ältesten Sohnes. Er nahm ihm die Bibel aus der Hand. Da, sprach er, Christlieb unverwandt ansehend, das ist die Schrift, von der die Christenheit glaubt, es stände der Wille Gottes drin, den er kundgegeben dem sündhaften Geschlecht der Menschen. Ich alter Mann hab's auch geglaubt und glaub's noch. Wenn ihr neumodischen Herren mit dem weiten Gewissen gleicher Meinung seid und nicht Alles verlacht, was in dem alten Bibelbuche steht, so legt jetzt drei Finger eurer Rechten darauf, hier oben auf das Kreuz, darüber das Auge Gottes gemalt ist, und schwört, daß ihr mich nicht belogen, 603 sondern jederzeit ehrlichen Handel getrieben habt, wie ich, mit allerlei Volk, diesseits und jenseits der großen Wasser. Schwört, so wahr euch Gott helfe und sein heiliges Evangelium! Zweimal schon hatte es geklopft, allein weder Ammer, der Vater, noch seine Söhne hörten den Störer in der gewaltigen Aufregung, die sich Aller bemeistert hatte. Der alte Weber wiederholte nochmals mit gebieterischer Stimme sein: Schwört! den Söhnen die Bibel hinhaltend. Schon trat Fürchtegott vor und streckte seine Rechte aus, obwohl erdfahle Bläße sein Gesicht überzog, nur Christlieb wich zaudernd zurück. Da ward geräuschvoll die Thüre geöffnet und eine Stimme, die sofort die verhängnißvolle Situation veränderte, rief in das Zimmer hinein: Richtig! Tres faciunt collegium! Darum geht es auch so überaus laut zu. Der Herr Vater hält den Herren Söhnen, wie es scheint, eine Vorlesung. Bitte um Entschuldigung, wenn ich störe; kann aber nicht helfen. Durch einen von allen Seiten sanctionirten, Staats- oder vielmehr Familienvertrag derer von Weltenburg und des Herrn Ammer, beigenannt »im Rohr«, ist mir die Verpflichtung auferlegt worden, für das Wohl sämmtlicher Mitglieder der Ammer bestens, d. h. nach Befragung und Begutachtung meines rite examinirten und promovirten ärztlichen Gewissens Sorge zu tragen. In Folge dieses gegen- und allseitig genehmigten Familien- oder Burgvertrages bin ich genöthigt, die gegenwärtig gepflogene, allzu lebhafte, ja, dem Anscheine nach sogar leidenschaftliche Unterhaltung eines Vaters mit seinen Söhnen zu unterbrechen. Dem Alter ist es noch weniger gut als der Jugend, daß es sich ereifert. Ich decretire deßhalb, als wohlbestallter Leibarzt aller Bewohner Weltenburg's, ganz besonders aber des Herrn Ammer senior, der die seltsame Grille besitzt, zu allen Tages- und Nachtzeiten sich für dreißig Jahre jünger zu halten als sein Taufschein, dies aufregende, die Gehirnnerven angreifende und den Herzschlag in bedenklicher Weise beschleunigende Gespräch sofort abzubrechen. Gleichzeitig befehle ich den geehrten Herren auf und zu Weltenburg, bekannt in Alt- und Neu-England, nicht minder im Feuer- und Kaffernlande als »Gebrüder Ammer«, sich in ihre fürstlichen Apartements zu begeben, sintemal ein alter, 604 leicht reizbarer Weber, der nicht aller seiner Gliedmaßen Meister mehr ist, solchen sinnlosen Spectakel ohne Nachtheil für seine Gesundheit gar nicht vertragen kann. Die Herren werden von mir, wegen Mangel an Schlaf, ein Opiat erhalten, und dem alten, ehrwürdigen Herrn Ammer wird Brause-Limonade die trefflichsten Dienste thun. Sie sind entlassen, meine Herren, der Arzt befiehlt, wo der Wille anderer Gestrenger nicht mehr ausreicht. Wer mich übrigens, seines Zustandes wegen, allein zu sprechen wünscht, der weiß mich jederzeit zu finden. Diese mit schalkhafter Miene und in scheinbar heiterster Stimmung gehaltene Rede entfloß dem Munde Walter's, dessen unbemerktes, aber scharfes Beobachten längst schon einen Sturm zwischen Vater und Söhnen vermuthen ließ. Er kleidete mit Absicht seinen Vortrag in ein schalkhaftes Gewand, um eine Handlung zu verhindern, deren Folgen unabsehbar sein mußten. Seine List gelang, Ammer legte, während Walter sprach, die Bibel auf den Tisch, lehnte sich zurück und zeigte alsbald die Züge eines Mannes, dem vor Allem körperliche und geistige Ruhe Noth thut. Die Brüder gewannen inzwischen ebenfalls Zeit, sich zu sammeln, und da eine matte Handbewegung des gänzlich erschöpften Vaters für sie ein Wink zu sein schien, daß sie sich entfernen möchten, verließen sie das Zimmer des Greises, einige sprechende Blicke mit dem Allen gleich befreundeten Arzte wechselnd, der gleichsam als ein Bote von Gott im Augenblick der höchsten Noth erschienen war. Achtes Kapitel. Ein ungebetener Gast. In Folge dieser gewaltsamen Erschütterungen erkrankte Ammer. Walter fürchtete den Ausbruch eines hitzigen Fiebers, der alte Weber besaß aber eine so unverwüstliche Natur, daß schon nach wenigen 605 Tagen die Hilfe des Arztes nicht mehr erforderlich war, und er bald eben so kräftig und geistig klar wie früher wieder in die Welt schaute. Zwischen Vater und Söhnen dauerte die Spannung fort, doch nöthigte die Weltklugheit beide Theile, den weit aufklaffenden Riß Andern möglichst zu verbergen. Walter übernahm als Vertrauter Aller unter der Hand das Amt eines Vermittlers, verdiente sich aber, wie fast immer in solchen Fällen, Niemandes Dank. Durften auch die Brüder und ganz besonders Fürchtegott den trefflichen Menschen als treu ergebenen Freund betrachten, in ihre weltlichen Verhältnisse, die in Folge der Zeitumstände so seltsam verwickelt sich gestaltet hatten, wollten sie ihn doch nicht blicken lassen. Da nun die eigentliche Veranlassung der herben Verstimmung zwischen dem Vater und seinen Söhnen dem Vermittler ein Geheimniß bleiben mußte, so konnten auch seine Bemühungen nur Geringes wirken. Es ward durch sie kein Frieden, nur ein grollender Waffenstillstand geschlossen. Walter hoffte nun durch die Befragung Erdmuthe's tiefer in die Verhältnisse eingeweiht zu werden, diese jedoch, die immer stiller, trauriger und nachdenklicher ward, schwieg hartnäckig, und ließ endlich auf wiederholtes Drängen des wohlmeinenden Arztes die Aeußerung fallen, ihre Zeit sei noch nicht gekommen. Ein Glück für die Brüder war es, daß überhäufte Geschäfte ihre Thätigkeit mehr als gewöhnlich in Anspruch nahmen. Sie hatten damit eine Jedermann einleuchtende Entschuldigung für die Vernachlässigung des Vaters, den sie seit jenem traurigen Auftritte nicht mehr sahen. Inzwischen geschah Manches in Weltenburg, was nicht ganz spurlos vorübergehen konnte. In den Spinnereien wurden Einrichtungen getroffen, die auf eine lauere Betreibung des Baumwollengeschäftes hindeuteten. Die Brüder entließen aber ihre Arbeiter nicht, im Gegentheil, sie zahlten den plötzlich zum Feiern Gezwungenen einen vollen Wochenlohn aus und versprachen ihnen sogar Zulage, falls sie sich schnell mit der Flachsspinnerei vertraut machen wollten. Dies gab viel zu sprechen, und da eben eine beträchtliche Anzahl ganz feierte und ihre Mußezeit nach Belieben verwenden konnte, so hieß es bald in der ganzen Umgegend von Weltenburg, die Gebrüder Ammer wollten demnächst den Handel mit baumwollenen Stoffen ganz aufgeben und nur noch Linnen fabriciren. 606 Was die feiernden Arbeiter erzählten, sprach sich bald weit und breit im Lande herum. Es ward von Fremden Mancherlei hinzu erfunden, von Andern geglaubt, von Hunderten weiter erzählt, und so ballte sich über den Häuptern der ruhelos arbeitenden Brüder eine Wolke zusammen, die je nach den Umständen befruchtenden Regen oder verheerende Blitze aus ihrem Schooße auf sie herabschleudern konnte. Eines Morgens, Ende Juli, traf der Walkmüller mit einigen Arbeitern zusammen, die aus der Waldschenke zurückkamen und in fröhlichster Stimmung waren. Schon von Weitem hörte er sie singen und jodeln. Als sie ihn bemerkten, blieben sie stehen, um ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen. Was ist Euch denn zugestoßen? sagte Leberecht. Die liebe Sonne meint's gut mit uns und Allem, was da lebet, mag's laufen, kriechen oder fliegen, und Ihr steht da, seht dem Herabschäumen des Wassers zu und macht dabei ein Gesicht, als ob Ihr wünschtet, da unten im Strudel zu liegen. Hätte auch nichts dagegen, erwiderte der Walkmüller. Wenn Einer sieht, daß es mit ihm rückwärts geht, fehlt die Courage. Nun, geht's mit Euch denn rückwärts? fragte der Arbeiter. Das wißt Ihr nicht? Die Herren haben mir ja gekündigt. Nach einem halben Jahre soll die Walke ganz eingehen. Ja, warum denn? fragte Leberecht. Da fragt die Herren, die können's Euch sagen, d. h. wenn sie Lust dazu haben. Ich schlage mich so mit allerhand Gedanken. Doch nicht mit bösen? Der Walkmüller zuckte die Achseln. Wie Ihr's nehmen wollt, erwiderte er. Es will mir vorkommen, als wenn die goldenen Füße der Stühle, auf denen die Ammer sitzen, in heftigem Feuer ständen und nahe am schmelzen wären. Die Arbeiter lachten. Was Ihr Euch einbildet! Die Ammer sind die reichsten Handelsherren im ganzen Lande. An hundert Matrosen führen ihre Schiffe über alle Meere. Wenn die Post kommt, ist immer ein eigner Kasten für die Ammer drauf, in dem die Gelder verschlossen werden, die allwöchentlich in ihre Truhen fließen. Nein, Walkmüller, das sind eitel thörichte Einbildungen. Wenn die Ammer 607 aufhören reiche Leute zu sein, dann hört auch die Sonne auf zu scheinen und zu wärmen. Nicht voreilig! sagte der verdrießliche Walkmüller. Ich hab' so meine Anzeichen, die mich noch niemals betrogen. Wenn ein Licht erlöschen will, flammt's zuvor gern ein paarmal noch recht hell auf. Gerade so machen's auch die Reichen. Sie bestecken und umhüllen sich mit Allem, was glänzt, funkelt und recht in die Augen fällt. Damit soll die Menschheit geblendet werden. Hintennach kommt auf einmal der Ruin, und dann hat alles Funkeln ein Ende. Haben sie denn nicht alle Hände voll zu thun? erwiderte Leberecht. Richten sie nicht neue Spindeln für uns zu und bezahlen sie uns nicht besser als sonst? Thun das etwa Leute, die nicht wissen, wo's Geld wächst, he? Oder die sich's von Andern gegen hohe Zinsen borgen müssen? Im Trüben fängt man Fische, meinte der Walkmüller. Kann aber auch sein, fügte er hinzu, daß ihnen der Hochmuth zu Kopfe gestiegen ist und sie vor Uebermuth nicht mehr wissen, was sie beginnen sollen. Man könnt' auf solche Gedanken verfallen, sieht man die Vorkehrungen zum Geburtstage des alten Herrn. Seht, das gefällt mir, Walkmüller, fiel der Arbeiter ein. Der alte, lahme Herr feiert im nächsten Monat seinen siebzigjährigen Geburtstag und hat fünfzig Jahre auf eigene Rechnung handthiert. Aus einem kleinen Weber ist in dieser Zeit ein großer Herr, ein Schloßbesitzer geworden, seine Söhne sind Kaufherren und ihre Wechsel gelten drüben in der neuen Welt und bei Mongolen und Chinesen eben so gut, wie hier. Wer's so weit gebracht hat durch eigene Kraft, der darf wohl den Kopf in den Nacken werfen und fragen: Was kostet die Welt? Will mir's überlegen, ob ich ein Stück davon an mich bringe! Der Alte hat's um die ganze Weberei verdient, daß man ihn ehrt. Es heißt sogar, er solle zu seinem Geburtstage einen Orden kriegen. Darum sind auch die Minister eingeladen. So? sprach der Walkmüller. Und das wißt Ihr so genau? Leichtgläubige Narren! Die Minister haben mehr und Wichtigeres zu thun, als bei einem gewesenen Weber einen Löffel heiße Suppe zu essen. Eingeladen sind Viele! versetzte der Gefährte Leberechts, und darunter Grafen und Herrn. Es müssen ein paar Hundert Personen 608 zusammenkommen, wenn nicht einige ausbleiben. Seit vierzehn Tagen schon wird im neuen Schloßflügel geputzt, polirt und Sammt und Seide massenhaft verschnitten, um die Säle wahrhaft fürstlich auszustaffiren. Solche Pracht soll noch gar nicht erfunden sein. Zwanzig Kronleuchter haben die Herren direct aus Wien kommen lassen, und alle zwanzig sind reich vergoldet, daß es einem ordentlich vor den Augen flirrt, wenn man sie nur ansieht. So ist's, sagte der Walkmüller. Die unnützen Dinger kosten mehr, als zwanzig arme Familien in einem Jahre verzehren dürfen, und wenn ich einen Stein nehme und schmeiße ihn hinein, da ist der ganze Plunder keinen Zehnkreuzer mehr werth. Wißt Ihr, wie das vernünftige Leute nennen, die das Geld zu schätzen verstehen? Dumme, unsinnig dumme Verschwendung! Der Alte gibt's aber doch zu, erwiderte Leberecht, und der hat, wie alle Welt weiß, sein Lebtag kein Wohlgefallen an unnützen Geldausgaben gehabt. Ob er es zugibt, weiß ich nicht, sagte der Walkmüller; daß er es nicht hindern kann, ist mir dagegen sehr einleuchtend. Wenn sich ein paar Hunde um einen Knochen beißen, bleibt immer derjenige im Besitze des Knochens, der die schärfsten Zähne hat. Ihr denkt unwürdig von den Brüdern, sprach Leberecht; die tragen den Alten auf den Händen. Vielleicht haben sie's gethan, erwiderte der Walkmüller, gegenwärtig vermuthe ich, daß sie sich die Augen nicht ausweinen würden, wenn plötzlich ein Schlaganfall ihn hinraffte. Ich hab' zufällig einem Gespräch der Herren zugehört, ohne daß ich just Verlangen darnach trug. Die Haare standen mir dabei zu Berge und ich sagte mir im Stillen, wo solcher Unfriede, solche Bitterkeit, solcher Grimm und Haß zwischen Vater und Söhnen herrscht, da zieht auch das Glück aus! Das Glück ist verletzbar, wie die unsichtbaren Hauskobolde, die uns nur so lange treu und ehrlich dienen, als wir in der Furcht des Herrn bleiben. Hier wurden die Sprechenden durch die Ankunft einer ganzen Schaar Arbeiter unterbrochen, die sich irgendwo gütlich gethan haben mußten, denn sie waren ausgelassen munter und brachten in ihrer glücklichen Laune den freigebigen Herren auf Weltenburg ein Lebehoch 609 nach dem andern. Sie nahmen die mit dem Walkmüller Sprechenden in die Mitte, zogen, so breit die Straße war, Arm in Arm weiter, und wankten, immerwährend singend und jauchzend, den Hügel hinan, um endlich in der großen Spinnerei zu verschwinden. Der Walkmüller folgte den Singenden mit den Augen, ließ dann noch lange seine Blicke auf den stattlichen Gebäuden und dem alten Schlosse von Weltenburg ruhen, und trat endlich mit den Worten: Wem wird das Alles dereinst gehören? in die feiernde Mühle. – Ammer erfuhr das Vorhaben seiner Söhne zuerst durch Walter. Dieser war gewissermaßen beauftragt, den alten Herrn auszuhorchen. Wozu wollen sie's thun? fragte er den Arzt. Etwa mir zu Ehren? Hat mein Schöpfer bisher seine Hand über mir gehalten, wird er's auch ferner thun, bis die Stunde meiner Abberufung herannaht. Ich sag' zu ihr: sei willkommen, denn ich kann abkommen. Lieber wär' mir's, mein Herr Doctor, sie ließen es sein. Ich hab's ungern, daß die Leute viel von mir reden. Es läuft immer 'was Ungewaschenes mit dazwischen. Ihre Söhne, Herr Ammer, versetzte Walter, glauben diese Festlichkeit ihren Geschäftsfreunden schuldig zu sein. Mit Veranstaltung eines glänzenden Festes können sie, wie sie mir auseinandergesetzt haben, unmöglich noch lange zögern. Es ist eine Aufmerksamkeit gegen alle diejenigen, deren Hilfe und Unterstützung sie bedurften, um die großen Erfolge zu erringen, deren sie bisher sich zu erfreuen hatten. Ihnen aber, Herr Ammer, gebührt doch unter Allen die höchste Ehre, der Zoll des innigsten Dankes. Herr, sagte Ammer, wenn's just so wäre, wie Sie sagen, könnt' ich's wohl loben; daß man aber wieder mit maskirtem Gesicht spricht, sehn Sie, das verdrießt mich. Jedennoch will ich nicht stören, beileibe nicht! Mein alter Vater pflegte zu sagen: wie man sich bettet, so liegt man, und ich füge hinzu: schluckt einer zu gierig, so verdaut er schwierig. Also lasse man den Herren Söhnen ihren Willen, besonders, da ich's nicht zu hindern wüßte. Und sagen Sie ihnen, ich würde mich 'nüber schleppen in ihr Prachtschloß, wenn ich die Zinken blasen und die Pauken brummen hörte. Ansehen wollt' ich mir die Herrlichkeit, genießen aber möcht' ich nichts davon. 610 So leichten Kaufs glaubten die Brüder nicht davon zu kommen. Sie bezeugten sich daher gegen Walter sehr dankbar, baten ihn, auch Erdmuthe günstig zu stimmen, und waren unermüdlich in Vorbereitungen, um nur nichts zu versäumen und zu vergessen. Von den Eingeladenen hatten fast Alle zugesagt. Jeder war begierig, die reichen Besitzer Weltenburg's als Wirthe in ihren, wie das Gerücht ging, feenhaft glänzenden Räumen zu sehen. Ein kurzes Jahrzehnt hatte diese Fülle des Glückes über die Brüder ausgeschüttet. Manchem der Geladenen war es wohl noch erinnerlich, wie die jetzigen Herren auf Weltenburg in leichter Kattunjacke, bestäubt und schweißtriefend, den Schiebkarren geschoben, um ihres Vaters Gewebe nach den entfernten Bleichen am Queiß zu fahren. Seit sie Fabrik- und Handelsherren geworden waren, hörten die Meisten nur von dem ungeheuern Glück der Ammer sprechen, sehen ließen sich die Herren gar nicht oder nur selten. Es nahmen deßhalb eine Menge Menschen die ihnen zugekommene Einladung mehr aus Neugier, als aus wirklichem Interesse für die Familie an. So nahte endlich der langvorbereitete, sehnlich und doch auch wiederum mit Bangen erwartete Tag heran. Ammer mußte es sich gefallen lassen, am frühen Morgen durch ein Ständchen begrüßt zu werden. Dies Ständchen brachten ihm die Arbeiter der Fabrik mit Beihilfe einiger aus Böhmen zu diesem Behufe verschriebener Musikanten. Der Greis war freundlich genug, aus dem Fenster zu sehen und auf das dreimalige Lebehoch seine Mütze zu ziehen. Auf's Reden ließ er sich nicht ein. Es war ihm nicht so gut zu Muthe, als könne er viel Heiteres und Gutes sagen. Die Atmosphäre drückte ihn, und als er jetzt der vielen Flaggen ansichtig ward, die man ihm zu Ehren auf allen Gebäuden aufgepflanzt hatte, ward er düster und schweigsam. Er rief Erdmuthe und ließ sich von ihr vorlesen, anfangs weltliche Geschichten, später ein Kapitel aus dem Buche »Jesus Sirach«. Als Erdmuthe diese Lectüre beendigt hatte, fragte sie Ammer: Bist du heute Wirthin? Ich habe Fürchtegott versprochen, bei dem Feste nicht zu fehlen, versetzte sie, indeß verstehe ich zu wenig von diesen weltlichen Einrichtungen, um wirklich als Wirthin auftreten zu können. Dafür sind Andere bestellt, ich bin nur die Frau des Schloßherrn. 611 Dann schmücke dich, meine Tochter, sagte der Greis, ihr sanft die bleiche Wange streichelnd. Schmücke dich recht ordentlich, da wir heute doch ganz und gar weltlich sein müssen. Du wirst deinen Gatten dadurch erfreuen und nicht ein Ziel für Spötter werden. Wenn du es wünschest, bester Vater, so will ich mich schmücken, obwohl der Magd des Herrn, deren Herz voll Sorgen, voll Bangen und Zagen ist, die Gewänder der Baalskinder eine schwere Last sein werden. Erdmuthe ging und schmückte sich. Als sie abermals in Ammer's Zimmer trat, hätte sie der Greis beinahe nicht erkannt. Die kleine, bescheidene Herrnhuterin stellte sich als Salondame vor, ohne ihr Inneres mit dieser schimmernden Hülle in Einklang bringen zu können. Sie hatte in dieser ihr gänzlich fremden Tracht ungefähr das Ansehen einer geschminkten Leiche. Erdmuthe fühlte den Eindruck ihrer Erscheinung auf Ammer und lächelte trüb. Recht so, bester Vater, sprach sie, gib immerhin deinen Widerwillen zu erkennen, der sich in dir regt gegen mich. Die Lüge ist nie liebenswürdig, sie wird ewig häßlich bleiben und alle Edlen immer abstoßen. Dennoch werde ich das Ende dieses Tages in dieser Umhüllung erwarten. Ich thue Buße. Und einer Büßerin bedarf es wohl unter so Vielen, die heute alle mit unbußfertigen Gedanken hier zusammenkommen. Ammer zog die Herrnhuterin an seine Brust und küßte ihre Stirn. Bleibe bei mir, sprach er, denn es will Abend werden, dünkt mich, und mein Lebenstag geht stark auf die Neige! Er setzte sich in seinen Rohrstuhl, stieß ihn mit Hilfe des Krückenstockes an's Fenster und beobachtete die Straße, auf der es jetzt von heranrollenden Kutschen, welche die geladenen Gäste nach Weltenburg führten, immer lebendiger wurde. Hier blieb Ammer, zu dem sich bald auch Frau Anna gesellte, in Nachdenken vertieft sitzen, bis Flora und Albrecht eintraten, die der greise Vater über Monatsfrist nicht mehr gesehen hatte. Beide Theile fanden einander verändert. Albrecht kam dem Vater gemessener, ceremoniöser vor, als er ihn früher gekannt hatte, und dieser fand den Schwiegervater so düster, daß er nach der Ursache dieser auffallenden Verwandlung nicht einmal fragen mochte. Nur die 612 Bemerkung konnte er nicht unterdrücken, daß er sich die Grille der Brüder, wie er es nannte, nicht recht zu erklären wisse. Ammer gab darauf keine Antwort. Er schmeichelte mit Flora, die sich neben ihn setzen, ihm von seinem Enkel erzählen und mittheilen mußte, was derselbe zu jeder Stunde des Tages treibe. Unter diesem Geplauder verging die Zeit rasch. Mittlerweile waren die Gäste von Fern und Nah angekommen. Der innere Schloßhof wimmelte von Pferden und Wagen und die festlich geschmückten Räume des Neubaues strahlten schon ein Meer von Licht aus. Bald auch vernahm man erst leise, dann lauter das lustige Schmettern der Trompeten, die zum frohen Mahle riefen. In diesem Augenblicke erschienen Christlieb und Fürchtegott, von Walter und den vornehmsten Geschäftsführern begleitet, in Ammer's Gemach. Er hatte seit der geschilderten Scene seine Söhne nicht wieder gesehen und die Begegnung war ungeachtet des festlichen Tages, der sie veranlaßte, doch keine wohlthuende. Da man aber von beiden Seiten das Vergangene nicht weiter berühren, wohl aber die Gelegenheit benutzen wollte, um vor den Augen der Welt ein glänzendes Schauspiel aufzuführen, beherrschte man sich, und die Brüder gewannen Zeit, theils durch den Mund des unbefangenen Walter dem Jubilar ihre Glückwünsche darbringen zu lassen, theils selbst einige schüchterne Worte von göttlicher Fügung und dergleichen zu stammeln. Der Beglückwünschte hörte ruhig zu, das Ganze hinnehmend wie ein Schicksal. Auch als die Brüder jetzt vortraten und jeder derselben dem Vater den Arm reichte, um ihn zur bereits harrenden Gesellschaft zu leiten, widerstrebte er nicht. Gefolgt von den Uebrigen, ließ er sich über die hell erleuchteten, mit Dienern gefüllten Corridore nach dem rauschenden Saale führen. Beim Eintritt des ehrwürdigen Greises in den von Menschen fast überfüllten Raum spielte die Musik einen Jubelmarsch, unter dessen Klängen, von allen Seiten freudig begrüßt, der gebrechliche Alte nach einem Sitz geleitet ward, den man besonders für ihn und Anna bereitet hatte. Mit vielem Geschmack war am obersten Ende der mittelsten Tafel, an welcher die angesehensten Gäste saßen, aus grünem Epheu eine Laube erbaut, die genau dem Fenster des Zimmers glich, an welchem Ammer so gern in die Landschaft hinausblickte, wo er die 613 meisten Abende hinter den violetten Waldsäumen die Sonne versinken sah. Rechts und links von diesem Sitze, den eine reizende Draperie in den Farben der Provinz überwölbte, so daß, aus der Ferne gesehen, jene grüne schimmernde Laube in glänzendem Gewölk zu ruhen schien, hatte man Ammer's Lieblinge, Flora und Erdmuthe, placirt. In den bis dahin so trüben, ja verdüsterten Mienen des alten Webers leuchtete ein Freudenstrahl auf bei diesem Anblick. Er drückte seinen Söhnen unwillkürlich die Hand und es hatte ganz den Anschein, als würde der Plan der Brüder, die große Welt über ihre gefahrvolle Lage zu täuschen, den Vater aber zu versöhnen, vollkommen glücken. Bald auch belebte ein fröhlicher Geist die Gäste. Unter ihnen fehlte kein Freund des Jubelgreises, mit Ausnahme des Advocaten Block, der zwar zugesagt hatte, aber nicht eingetroffen war, und Wimmer's, von dem die Brüder noch immer nichts wußten. Dieses auffallende Schweigen brachte sie auf die Vermuthung, der gleichsam Verschollene möge irgendwo in der Ferne verunglückt sein. Auch Graf Alban, der die Brüder mit der frohen Botschaft überraschte, daß jede beliebige Summe ihnen schon in den nächsten Tagen ausgeantwortet werden solle, sobald sie es wünschten, wußte nichts von ihrem gemeinsamen Freunde. Die Gebrüder Ammer hielten Wort. Das Fest auf Weltenburg verdunkelte Alles, was man je Aehnliches der Art in der Provinz gesehen hatte. Es war nicht nur die fabelhafte Pracht der Ausschmückung, die selbst dem in der Welt weit und breit bewanderten Grafen Alban Worte des Lobes und der Bewunderung entlockte, sondern das ganze Arrangement, das sich sogar auf die unmittelbare Umgebung des Schlosses erstreckte. Mit Einbruch der Nacht flammten Park und Waldung in bengalischem Farbenfeuer, alle Gebäude Weltenburg's bedeckten sich mit Tausenden von Lampen, und von der Zinne des alten Thurmes leuchteten in riesigen Buchstaben die Worte: » Dem Vater Ammer Heil! « ein paar Stunden weit in's Land hinein. Die zahlreiche Gesellschaft war voll des Lobes über den Geschmack der Gebrüder Ammer, und man gab dies den Anordnern des Festes von verschiedenen Seiten zu erkennen. Die Freuden der Tafel, welche mit den auserlesensten Speisen besetzt war, wurden noch erhöht durch 614 sinnige Trinksprüche, die sich häufiger wiederholten, je gemüthlicher sich die anfangs einander fremden Elemente verschmolzen. Ammer, dem zu Ehren schon manches Glas geleert worden war, erwachte zu ungekünstelter Theilnahme, auch Flora und Erdmuthe, die oft Worte und Winke miteinander wechselten, theilte sich der allgemeine Hauch der Freude mit, und je öfter ein Toast ausgebracht wurde, je lauter die Hörner und Trompeten in das Rufen der Fröhlichen, in das Klirren der Gläser schmetterten, desto weiter entfernten sich die Schatten der Bangigkeit, die so lange um manche Seele gelagert. Schon nahte das Ende der Tafel; da trat Fürchtegott auf, erhob sein Glas und rief mit lauter Stimme, überzeugt, daß der Bau seines Glückes jetzt fester gekittet und gefugt dastehe, denn je: Einem alten Freunde unseres Vaters, einem Manne, dem wir zumeist verdanken, was wir jetzt unser nennen, einem Bruder im Herrn, der uns mehr als Freund und Rathgeber war: ihm, dem Fernen erklinge der Becher! Glück, Heil und langes Leben Herrn Lazarus Wimmer. Das Jubeln der Gäste, das Zusammenklingen der Gläser ward von dem Tusch der einfallenden Musik übertönt. In diesem allgemeinen Freudentaumel achtete man nicht auf ein Flüstern der Diener, von denen mehrere mit bestürzten Mienen vom Corridor in den Saal und gleich darauf wieder hinaus eilten. Plötzlich schrie Flora so laut auf, daß augenblicklich Todtenstille eintrat. Nur hie und da klang noch ein Glas oder das klirrende Geräusch eines niedergelegten Messers ward noch vernommen; ein paar Secunden später hätte man ein Blatt können fallen hören. Aller Augen kehrten sich dem oberen Ende der Tafel zu, wo Flora saß. Die junge Frau war aufgestanden und sah mit stieren Augen nach der Gegend, wo die Brüder ihren Platz hatten. Jetzt fühlte sich Fürchtegott von einem Finger an der Schulter berührt. Er wandte sich um und blickte in das faltige, erdfahle Gesicht des Mannes, dem er eben Glück, Heil und langes Leben gewünscht hatte. Wimmer sah den jungen Ammer starr an, nicht lächelnd wie sonst, sondern hart und kalt. Fürchtegott erbebte vor diesem Blick, denn er wußte, daß er ihm nicht Gutes prophezeie. 615 Bitte sehr um Entschuldigung, lieber Bruder, sagte jetzt Wimmer, eine Handbewegung gegen die Gesellschaft machend, als wolle er sie zum Schweigen auffordern. Du läßt etwas viel darauf gehen, wie ich sehe. Nun, ich mag es wohl leiden, daß der Mensch sich ein Vergnügen macht, nur darf er, ehe er verschwendet, nicht vergessen, seine Verpflichtungen gegen Andere zu erfüllen; denn ehrlich, lieber, junger Bruder, ehrlich währt am längsten. Was sagst du wohl, wenn ich behaupte und zugleich beweise, daß deine Ehrlichkeit schon längst beide Beine gebrochen hat? – Still, still, kleiner Zeisig! Sollst dein Liedlein alsobald ganz bequem im Käfig singen können! – Mit gebrochenen Gliedern kann man nicht gehen, ich habe deßhalb ein paar Krücken mitgebracht. Wimmer richtete sich hoch auf, und indem er mit seinem Quäckerhute gegen die Thüre winkte, rief er laut, daß man es von einem Ende des geräumigen Saales zum andern hören konnte: Herein, ihr da draußen! Vier Gerichtsdiener traten ein, und näherten sich dem Platze, wo der Herrnhuter stand. Die Gesellschaft gerieth in Unruhe und Bestürzung. Frau Ammer rang verzweiflungsvoll, ohne eine Sylbe über ihre bebenden Lippen zu bringen, die Hände. Ammer saß mit vorgebeugtem Oberkörper neben ihr und bemühte sich vergeblich, aufzustehen. Erdmuthe und Flora standen hinter ihm. Jetzt griff Wimmer in die Brusttasche seines abgetragenen grauen Rockes und zog ein Papier hervor. Fürchtegott Ammer, sprach er laut, fast kreischend, du wirst verhaftet wegen überführten Betrugs! Das Gericht hat die Beweise in Händen. Es ist mir leid, aber die Gerechtigkeit muß ihren Lauf haben und Ehrlichkeit geht noch über Freundschaft. Dann machte er eine steife Verbeugung gegen die Gesellschaft, auf seinem Gesicht stand wieder das stereotype Lächeln, das Jeder an ihm kannte, und indem er sagte: Bitte die Herrschaften, sich nicht weiter stören zu lassen, wandte er sich zum Gehen. Die Stimme des Grafen hielt ihn zurück. In wessen Namen, sagte Graf Alban bewegt, geschieht das, mein Bruder? 616 Wimmer setzte, recht wie zum Hohne, seinen Hut auf, erhob die magere Hand und sprach: Im Namen aller Gemeinden, die er betrogen hat! Fort mit dem Verbrecher! Fürchtegott ward bald roth, bald blaß. Er wollte reden, aber er vermochte es nicht. Die Kehle war ihm wie zugeschnürt, er fürchtete ersticken zu müssen. Widerstrebend, mit ihnen ringend, folgte der Unglückliche den Schergen, die sich seiner bereits bemächtigt hatten. Da fiel sein Blick auf das Antlitz des Vaters. Er sah den ehrwürdigen Greis in der Umrahmung des Epheus gerade so den Kopf bewegen, wie er ihn schon oft in seinen folternden Träumen erblickt hatte. Bei diesem Anblick schrie er krampfhaft: Mein armer, armer Vater! fiel in Zuckungen und brach zusammen. Ammer hatte dieser ganzen Scene lautlos beigewohnt. Seine Blicke waren fest auf den Sohn gerichtet. Als er ihn fortführen sah, hörte man ihn laut schluchzen und die Nächststehenden bemerkten, wie große Thränen über seine bleichen Wangen herabrollten. 617 Zweites Buch. Erstes Kapitel. Ein schwerer Gang. Vom Thurme der Haupt-Stadtkirche bliesen die »Stadtpfeifer«, wie man damals das städtische Musikchor nannte, einen ernsten Choral. Man feierte den achtzehnten October und mit ihm die Befreiung vom französischen Joche. Es gab jedoch Sonderlinge, die bei der jedesmaligen Wiederkehr dieses halb politischen Festtages den Kopf schüttelten und nichts davon wissen wollten. Zu diesen Sonderlingen gehörte auch Candidat Still. Dieser bescheidene Gelehrte, welcher selten einen Sonntag im Jahre die Kirche versäumte, überhaupt ein großer Freund guter Predigten war, vielleicht, weil es ihm niemals hatte gelingen wollen, selbst eine gute Predigt zu halten, mied an diesem Tage die Kirche. Selbst zornig werden konnte er, freilich nur innerlich und auf seinem verstäubten Studirzimmer, wenn er das viele Glockengeläute und die vom Thurme herabklingende Melodie des Chorales vernahm. Er nannte dies eine Entweihung des Gottesdienstes. Die Witterung war überaus herbstlich. Wiederholte starke Nachtfröste hatten alle Bäume entblättert, ein orkanartiger Sturm brauste über das Land und hielt die Menschen in ihren Wohnungen. Candidat Still las in der Chronik seiner Vaterstadt und machte hin und wieder Randbemerkungen. Er ging nämlich damit um, das 618 für die Provinzial-Geschichte nicht unwichtige Buch mit kritischen Erläuterungen neu herauszugeben und es fortzuführen bis auf die neuesten Tage. Der lateinische Gärtner hatte ihm zu dieser Arbeit, die den Candidaten schon geraume Zeit beschäftigte, sehr schätzbares Material geliefert; denn Justus führte ein genaues Tagebuch, seit er die lateinische Schule hatte verlassen müssen. Darin war nicht das geringste Vorkommniß vergessen, insofern es mit seiner Vaterstadt in irgend einer Verbindung stand. Sogar eigene Meinungsäußerungen, Betrachtungen über weltliche Begebenheiten und kirchliche Dinge fanden sich in den ziemlich voluminösen Aufzeichnungen des gewissenhaften Mannes, und so eigneten sich diese Vorarbeiten ganz besonders als zuverlässige Quellen eines mit Geist sichtenden Chronisten. Ein schüchternes Klopfen unterbrach den fleißigen Gelehrten in seiner interessanten Arbeit, die ihn die Feier des politischen Festtages und das abscheuliche Wetter gänzlich vergessen ließ. Er rief dem Klopfenden zu, einzutreten, wäre aber beinahe zusammengefahren vor Schreck, als eine sehr gekrümmte, hagere Figur mit einem affenartigen Gesicht sich durch die Thür schob und fortwährend Kratzfüße machte. Ist doch wahr, was in der Schrift steht, sagte der wunderliche Gast, jetzt aus dem Complimentenmachen in ein regelmäßiges Knicken übergehend, seine Pelzmütze drehend und den gelehrten Herrn gutmüthig anlachend. »Wer da anklopfet, dem wird aufgethan«, heißt's in der Schrift, und wenn der Klopfer auch nur ein armer Schlucker ist, dem vom vielen Bücken in einem fast achtzigjährigen Leben der Rücken krumm ward, wie ein Fiedelbogen. Ich habe dem hochgelehrten Herrn Candidaten respectvoll einen schönen Gruß zu überbringen. Still's anfänglicher Schreck über die seltsame Erscheinung wich einer Anwandlung von Heiterkeit. Dafür sage ich meinen besten Dank, lieber Mann, aber wer seid Ihr und wer läßt mich grüßen? An mir ist nicht viel gelegen, entgegnete der Fremde, nur widerstrebend und erst nach zahlreichen Knixen den dargebotenen Stuhl annehmend. Mein Geschäft ist's Glasscherbelsuchen. Ich habe mich davon ernährt, ziemlich so lange ich lebe, und 's ist auch immer gegangen, freilich zu manchen Zeiten nicht gar aparte steif. Aber ich 619 hatte immer Freunde, mein hochgelehrter Herr Candidat, die mir immer 'was zuwiesen und bisweilen auch einmal eine Mahlzeit gaben. Und da bin ich ehrlich durch's Leben gekrabbelt und werd' mich mit Gottes Hilfe zu seiner Zeit wohl auch glücklich in's Himmelreich hineinfinden. Getauft bin ich Ehrenfried Leisetritt. Still erinnerte sich jetzt, diesen Namen oft gehört zu haben, denn Leisetritt war fast in jedem Hause der Stadt bekannt, weil er überall nach zerbrochenen Gläsern und Flaschen fragte, die er, wie wir wissen, nach der nächsten Glashütte schaffte und dort verkaufte. Auch Frau Sempiterna hatte verschiedene Male mit dem wunderlichen Manne gehandelt, obwohl bei ihrer großen Ordnungsliebe verhältnißmäßig nur wenig Geschirr und Glas in ihrem Hause zerbrochen wurde. Habt Ihr ein Anliegen, Leisetritt? fragte der Candidat, da es ihm schien, als stehe der Alte an, sich offen gegen ihn auszusprechen. Ein Anliegen? Ich? Behüte, behüte! Wie dürfte ich! Aber ein Anderer und zwar ein Besserer als ich hat ein Anliegen an den Herrn Candidaten. Dürft Ihr den Mann nicht nennen? Freilich darf ich, aber – sehen Sie – es geht mir der Name schwer über die Lippen, weil er eigentlich so gar groß ist und sich mit dem Respect nicht recht verträgt, den ich vor ihm habe. Faßt Euch ein Herz, dann wird's schon gehen, sagte Still ermuthigend. Nun, Sie kennen ihn ja auch und am Ende gar noch besser, als ich selber, fuhr Leisetritt fort, denn er war auch in seiner Herrlichkeit ein gar umgänglicher Mann, nur 'was kurz zuweilen und nicht viel für's Widersprechen. Und nun liegt er verlassen in seinem großen Schlosse und der Kummer frißt ihm schier das Herz ab. Hat's wahrhaftig nicht verdient, das grausame harte Geschick, der brave Herr Ammer! Tausenden hat er geholfen in früheren Tagen, Hunderte hat er in's Brod gesetzt, hat seinem Land Ehre gemacht und 's Geschäft in die Höhe gebracht; und nun hat ein Sturmwind des Unglücks, der über's Weltmeer hereinfuhr in's Land, ihn zusammengebrochen, daß er sich kaum mehr zu rühren vermag, und Einem schier die Augen übergehen, wenn man's sehen muß. 620 Der gute Herr Ammer! sagte Still. Ach ja, ich erinnere mich noch jener Augustnacht und mich friert, wenn ich nur daran denke. Aber ich hörte letzthin, die Sachen ständen nicht so schlimm, es würde sich ein Vergleich abschließen lassen. Davon hab' ich keine Wissenschaft, erwiderte Leisetritt. Es werden vermuthlich Jahre in's Land gehen, ehe sie fertig werden mit der verwickelten Geschichte, denn von Processen, hochgelehrter Herr Candidat, leben gar Viele, und es ist meines Wissens niemals Brauch gewesen in unserm Lande, eine Streitsache geschwind zu Ende zu bringen. Man hat jetzt keine Freude mehr auf Weltenburg. Die Fabriken feiern. An allen Thüren klebt das Gerichtssiegel. Der junge Herr, ich meine der Christlieb, wankt umher wie ein Schatten. Er ist grau und alt geworden vor der Zeit. Ja, sie haben einen tiefen Fall gethan, sagte der Candidat seufzend, aber sie waren auch gar zu übermüthig, die beiden Herrn Söhne des wackern, alten Webers. Ihre Verschwendung überstieg alle Begriffe und mußte sündhaft genannt werden. Der alte Herr konnt' es auch nicht leiden. Drum vertrug er sich in der letzten Zeit nicht gut mit den Söhnen. Aber was hilft das Alles! Jetzt ist das Unglück einmal da und der beklagenswerte Mann bedarf der Hilfe. Ich komme heute von Weltenburg, und da hat mich der Alte gebeten, ich möge dem Herrn Candidaten einen schönen Gruß sagen und er wünschte Sie grausam gern zu sprechen. Mich? Sie, den Herrn Candidaten Still. Was kann Herr Ammer von mir wollen? sagte der ängstliche Gelehrte, dem es außerdem gar nicht genehm war, sich in seinen Studien unterbrochen zu sehen. Wer weiß, ob er nicht Ihren geistlichen Rath begehrt, meinte Leisetritt. Er hat's mir auf die Seele gebunden, dem gelehrten Herrn Candidaten diesen Auftrag auszurichten, und der gottesgelehrte Herr wird ja wohl am besten wissen, was er jetzt zu thun hat. Leisetritt stand auf und wollte sich mit einigen Kratzfüßen entfernen. Ich bitte, bleibt! sagte Still, ihn festhaltend. Das ist nicht so schnell gethan, wie Ihr glaubt. Man muß doch einen Wagen haben, 621 man muß Geld in die Hand nehmen, und meine Frau soll darauf vorbereitet werden. Das sind Alles Dinge, worüber man, ehe man handelt, nachdenken muß. Da kann ich dem Herrn Candidaten doch vielleicht einen Rath ertheilen, sagte mit possierlichem Lächeln der Glassammler. Ich macht' es, als meine Dritte noch lebte, immer wie ich wollte, wenn sie nicht gleicher Meinung mit mir war, und wollte sie zu laut und zu viel reden über mein Thun, wenn ich wiederkam, da kriegt' ich sie regelmäßig mit der Drohung still, daß ich gleich wieder auf und davon gehen würde. Einen Wagen kann ich besorgen. Einen Augenblick! sagte Candidat Still, sich rasch besinnend. Ja, das geht! Er kleidete sich schnell an und indem er mit Leisetritt zugleich Zimmer und Haus verließ, sprach er: Jetzt glaubt meine Frau, ich gehe auf die Bibliothek. Mein Wegbleiben beunruhigt sie nicht, sie hat bloß eine Aversion vor dem Geld ausgeben. Einige Stunden später erblickte der Candidat den stumpfen Thurm Weltenburg's über schwarzer Fichtenwaldung emporragen, die jetzt von dem heftigen Sturm wie ein brandendes Meer brauste. Die neu aufgeführten Gebäude lagen still und verwaist in der herbstlichen Landschaft. Vor den versiegelten Thüren hatte der Wind kleine Sandwälle zusammengetrieben oder abgewetzte Buchen-, Linden- und Kastanienblätter bildeten dunkle, raschelnde Häufchen. Selbst ein dünner Graswuchs zeigte sich bereits vor einzelnen Gebäuden. Ueber das Wehr rauschte der eingedämmte Fluß in breiten silbernen Schaumwellen. Die Walkmühle war verlassen, der betretene Steeg über den Fluß weiter oben ganz abgebrochen. Nirgend sah man die Spuren arbeitsamer Hände, wohl aber zeigten sich allerwärts unverkennbare Merkmale eines schnell überhand nehmenden Ruins. Das sicherste Kennzeichen des traurigen Umschwunges, welcher in Weltenburg Statt gefunden hatte, war das zahlreich herumlagernde Bettelvolk, das man früher nie daselbst gesehen. Mit dem Sturze der Gebrüder Ammer hörte auf der Stelle alle Arbeit auf, und war es auch noch nicht erwiesen, daß das Geschäft gänzlich und 622 für immer eingehen werde, so mußte es doch vorläufig auf längere Zeit sistirt werden, da das Gericht eingeschritten war. Aus allen Büschen sahen jetzt hungrige Gesichter. Jeder Wanderer auf der Straße wurde in flehendem Tone angesprochen, jeder Wagen von einem Trupp ärmlich bekleideter Menschen verfolgt, die alle um Gottes Barmherzigkeit willen um Almosen baten. Das Aussehen der meisten dieser Bittenden sprach schon für deren Bedürftigkeit. Es war nicht Scheu vor der Arbeit, welche diese Menschen in eine so beklagenswerthe Lage versetzte, sondern wirklich und zwar zu plötzlich eingetretener Arbeitsmangel. Fanden auch Einzelne durch Vermittlung Anderer ein Unterkommen, wie sie es wünschen konnten, die große Mehrzahl blieb im Augenblick unversorgt, und gerade diese lebten von der Hand in den Mund und hatten sich schon wenige Tage nach der Unterbrechung des großen Ammer'schen Geschäftes vollständig aufgezehrt. Candidat Still sah diese Verwandlung, diesen erschreckenden Wechsel irdischen Glückes mit tiefer Bekümmerniß. Der weich geartete Mann, der in seiner Einsamkeit wohl oft der Armen in ihrer Noth gedacht, nie aber dem Elend in das tief eingesunkene Auge geschaut, nie die abgezehrte Hand eines vor Hunger Verschmachtenden in der seinigen gefühlt hatte, war über diesen Anblick fast zu Thränen gerührt. Am Schloßberge ließ er halten, um den Rest des Berges zu Fuße vollends zurückzulegen. Mit schwerem Herzen stieg er die neu angelegte, jetzt schon verwildernde Straße hinan. Er blieb mehrmals stehen, theils um Athem zu holen, denn er war etwas engbrünstig, theils, um sich mehr zusammenzufassen; denn was mochte der alte starre Weber ihm, dem harmlosen Candidaten der Gottesgelahrtheit, der keinerlei Einfluß besaß, der die Welt und ihre Praktiken nur vom Hörensagen kannte, mitzutheilen haben! Dies quälte Still dergestalt, daß er selbst am Portal des Schlosses am liebsten wieder umgekehrt wäre. Indeß vertrug sich ein so feiger Rückzug doch nicht mit der ihm angeborenen Gutmüthigkeit und seinen Ansichten von Menschenliebe und Christenpflicht; auch schien man sein Kommen bereits früher bemerkt zu haben, denn Christlieb eilte mit großen Schritten über den Schloßhof, um den Candidaten zu begrüßen. 623 Willkommen, willkommen! rief der junge Ammer, dem zögernd heranschreitenden Candidaten beide Hände zum Gruße entgegenstreckend. Wie freut es mich, daß Sie so schnell den Wunsch des Vaters erfüllen! Wir haben recht schwere Tage durchlebt, und wer mag wissen, was uns Alles noch bevorsteht! Still erwiderte den Händedruck des jungen Mannes, ohne etwas zu entgegnen, aber sein Auge suchte in den Mienen des vor wenigen Monaten noch so reichen Mannes zu lesen. Leisetritt hatte nicht zu sehr in's Schwarze gemalt. Aus diesen Gesichtszügen war aller jugendliche Reiz entflohen, die Augen Christlieb's glichen düster brennenden Ampeln in einem Grabgewölbe. Er sah nicht gerade alt, aber fahl aus. So etwa dürfen wir uns einen Menschen vorstellen, den der Fluch Gottes getroffen und der nun unter dem furchtbaren Gewicht dieses Fluches, von Menschen und Thieren gemieden, fortwandelt, mitten im Leben, das um ihn scherzt und lacht, ganz allein, nach Erlösung ruft, aber nie Erhörung findet. Christlieb's Haare waren dünn geworden und fast gänzlich ergraut. Dabei fiel es dem Candidaten auf, daß der sonst so elegant gekleidete Stutzer, der von Wien immer die allerneuesten Moden und Stoffe mitbrachte, jetzt in der ganz unscheinbaren Tracht eines Landmannes sich ihm vorstellte. Ist Herr Ammer krank? fragte endlich Candidat Still, als er an Christlieb's Seite bereits das alte Schloß betreten hatte. Krank wohl nicht eigentlich, versetzte dieser, obschon man ihn auch nicht gesund nennen kann. Vater hat nur oft recht schwere Stunden, und weil er jetzt Niemand mehr sieht, leider auch nicht sehen mag, verfällt er auf gar seltsame Gedanken. Können Sie ihn denn nicht zerstreuen? Etwa durch Lectüre? Christlieb lächelte wie ein Gefallener, der vergebens Buße thut und doch nicht Gnade findet. Meinen Sie mich? sagte er. Ach, mein lieber Herr Candidat, Sie kennen nicht unser Leben auf Weltenburg und noch weniger unsere Qualen. Mein Bruder sitzt im Gefängniß und das mag, besonders für ihn bei seiner heftigen Gemüthsart, eine schreckliche Strafe sein, aber ich glaube beinahe, es müßte ein Vergnügen, eine Lust gewähren, sich einsperren zu lassen, würde man dadurch der Existenz entzogen, 624 zu welcher ich verdammt bin. Wissen Sie, was es heißt, Herr Candidat, die Stimme eines geliebten Vaters täglich, oft stündlich zu hören, seinen bedauerlichen körperlichen Zustand zu kennen, und ihn doch nicht sehen, ihm keine Handreichung thun zu dürfen? Dies Loos, Herr Candidat, ist mir zugefallen. In seinem ersten Grimme hat der Vater geschworen, die Buben – so nennt er uns noch heute – die sein Haupt mit Schande bedeckt haben, in diesem Leben nie wieder sehen zu wollen. Sie kennen des Vaters eisenharten Sinn. Vielleicht reut ihn der Schwur, vielleicht gar quält er ihn, aber damit wird es doch nicht anders. Es sind zwei Monate vergangen, seit der schrecklichen Nacht und noch – noch habe ich den Vater nicht wiedergesehen! Ueber Christlieb's eingefallene Wangen rieselten ein paar Zähren. Still faltete die Hände, hatte aber kein Wort des Trostes für den Unglücklichen. Endlich sagte er, weil ihm etwas Anderes nicht einfallen wollte: Wen Gott lieb hat, den züchtigt er! Ach, dann stehen wir sehr gut angeschrieben bei unserem Herrgott, erwiderte Christlieb bitter, denn seine züchtigende Hand ruht wahrlich schwer auf uns! Sie hatten jetzt den Corridor erreicht, auf welchem eine Reihe von Zimmern sich öffnete, man sah aber weder einen Diener noch eine Magd, noch hörte man sonst ein Geräusch. Es war still wie im Grabe oder in einer Kirche. Die Tritte der beiden Männer hallten wider auf dem langen düstern Gange, den sie hinabschritten. Christlieb blieb stehen. Ich will jetzt wieder auf meine Warte steigen, sprach er. Dort orgelt mir der Sturm Melodieen vor, wie ich sie brauchen kann. Seine Donner übertönen die Stimme meines Grames und ich fühle mich dann etwas erleichtert. Dort die zweite Thür rechts führt zu dem Zimmer des Vaters. Wenn Sie klopfen, wird die Mutter, die jetzt Thürhüterin geworden ist, Ihnen öffnen. Gott geleite Sie. Christlieb lief eilig, nur mit den Zehen die Sandsteinfließen berührend, den Gang hinab nach der Treppe, welche in das obere Gestock des Thurmes hinaufführte. Still klopfte an die bezeichnete Thür, diese ward von innen geöffnet und er stand im nächsten Augenblicke der Gattin des alten Ammer gegenüber. 625 Zweites Kapitel. Ein Auftrag Ammer's. Frau Anna war nie eitel, nie anspruchsvoll gewesen. Sie hatte sich jederzeit mit vielem Tact innerhalb der Grenzen zu halten gewußt, in die sie ihr Stand verwies. Darin harmonirte sie völlig mit ihrem Gatten, dem ja nichts mehr zuwider war, als das Hochhinauswollen, wie er wohl zuweilen sagte. Auch als das Glück sie mit Reichthümern überschüttete, blieb sie doch immer die einfache Frau des Webers. Nur auf langes Zureden ihrer vornehm gewordenen Söhne hatte sie in den letzteren Jahren feinere Stoffe getragen und den Schnitt ihrer Kleider städtischer Mode unterworfen. Allein diese modernen Kleider, die zu ihrem ganzen übrigen Wesen nicht paßten, standen der guten Frau durchaus nicht. Ammer, der gern derbe Ausdrücke liebte, wenn er Gelegenheit fand, eine Thorheit zu geißeln, meinte, sie sähe in dem neumodischen »Gelumpe« aus, wie eine Krautscheuche. Schon dies verleidete Anna die städtischen Kleider, weßhalb sie nur ungern darin erschien. Nach der unglücklichen Katastrophe packte sie dieselben sogleich in eine Truhe, verschloß sie und legte ihre alte ländliche Tracht wieder an. Die Angst um den jüngsten Sohn, der Gram um die ganze Familie und die Sorgen um den Gatten hatten Frau Anna sehr altern lassen. Candidat Still fand statt der wohlgenährten Webersfrau ein gekrümmtes Mütterchen, dessen faltenreiches Gesicht in dem einfachen, weißen Häubchen fast verschwand. Das Zimmer war sehr dunkel, denn eine spanische Wand, die fast bis an die Decke reichte, theilte es in zwei Hälften, so daß die eine Hälfte zunächst der Thür ein Vorzimmer bildete. Diese spanische Wand war beweglich, und konnte nach Belieben verkürzt und verlängert werden. Hinter derselben hielt sich Ammer auf. Er hatte die Theilung des Zimmers angeordnet, weil er von Niemand in den Tagen der Prüfung, wie er sagte, überrascht werden wollte. 626 Still hörte die Stimme seines alten Bekannten mit tiefer Bewegung. Sie klang heiser und hart. Wer stört uns, Mutter? fragte er, mit seinem Stocke auf die Diele klopfend. Herr Candidat Still will dich besuchen, antwortete Frau Anna, diesmal mit leichtem Herzen. Er hat sich von dem schlimmen Wetter nicht abhalten lassen. Treten Sie heran, Sie halber Mann Gottes, sagte Ammer; denn wenn ein Pastor einen ganzen Mann Gottes vorstellt, muß ein Candidat doch wenigstens ein halber sein. Wie sieht's aus in der Stadt? Singen die Schüler noch, wenn ein ehrlicher Mann begraben wird, und müssen die Schullehrer noch mitlaufen in ihren schwarzen Mänteln? Möcht' gern 'was Neues erfahren, weil mich das Alte so schwer drückt. Candidat Still trat, während Ammer diese Worte zu ihm sprach, hinter die spanische Wand und ward jetzt des ehemaligen Webers ansichtig. Die harten Schläge des Schicksals hatten den alten Mann körperlich noch nicht gebrochen. Er konnte freilich seine Gliedmaßen nicht mehr gebrauchen, er war älter geworden und hagerer, aber seine großen, blauen Augen blickten noch so feurig in die Welt, wie ehedem. Still erstaunte über den Kopf des Alten. Diesen Kopf würde ein Maler wunderbar schön gefunden haben, denn um das hagere, blasse Gesicht mit den markirten Zügen, dem festen, starken Kinn, dem hart zusammengekniffenen Munde ringelten sich ein paar dünne silberne Locken. Die hohe Stirn war kahl, denn sein starkes Haupthaar war dem alten Manne in den letzten zwei Monaten massenhaft ausgefallen. Er trug deßhalb den Kamm nicht mehr, sondern ließ die ihm noch verbliebenen Ueberreste flattern und sich kräuseln, wie sie eben mochten. Sehen Sie mich nicht so verwundert an, mein lieber Herr Candidat, sprach Ammer, die Befangenheit des von Natur so nüchternen Still bemerkend. Es ist mir von Herzen lieb, daß Sie meinen etwas altväterischen Boten respectirt haben und zu mir kommen in meine Einsamkeit. Ich bin, was ja die Welt schon weiß, ein herunter gekommener Mann. Der Greis sah grimmig vor sich hin. Aus seinem Blick war alle Liebe, alle Milde gewichen. Er schien mit einem großen Entschlusse sich zu tragen. 627 Unser Aller Herr und Gott wird Sie nicht verlassen, Herr Ammer, meinte der Candidat. Kann's auch nicht recht glauben, aber ich möchte doch selber noch die Fingerspitzen rühren, damit es wenigstens aussähe, als wär' ich ein Mann. Was dahingegangen ist in die Winde – und meine – ein Krampf unterbrach den ruhigen Fluß seiner Rede – die da haben genug Windfänge ausgespannt – das wird keines Gerechten Gebet wieder bringen. Ist mir auch in meinem Alter wenig daran gelegen. Aber meinen ehrlichen Namen will ich nicht in die Rabousche geben. Der soll herausspringen aus der Masse, die man hinausschüttet zur Beute für gierige Menschen mit Rabenherzen. Mit meinem Krückenstocke will ich danach suchen und haschen, bis ich ihn erwische, und dann soll er der Deckstein meines Grabes sein, in das ich die von der stürmischen Reise durch's Leben müden Gebeine hinabsinken lasse. Ammer sprach dies Alles hart, mit einer gewissen Wildheit in Blick und Ausdruck, so daß der Candidat für sein geistiges Wohl besorgt ward. Sie werden auch noch Freudentage sehen, Herr Ammer, tröstete Still den alten Weber. Nie, mein Herr Candidat, nie! Und wenn mein Schöpfer tausend Regenbogen ausspannte über die Erde und seine Sonne flimmerte darauf in den prachtvollsten Farben, es bliebe doch Nacht in meiner Seele! Es will kein Licht mehr brennen da drin, fuhr er etwas wehmüthiger fort, mit dem Zeigefinger auf seine breite, helle Stirn tupfend. Böse Wetter oder Grabesluft oder Verwesungsdunst – nennen Sie's, wie Sie wollen – erfüllt sie ganz. Es ist der Ueberrest der Opfer, die darin verbrannt worden sind: Elternliebe, Vertrauen auf das Wort meiner Nebenmenschen, Glaube u. s. w. Leuchte ich hinein mit einem Lichtstumpfen in den heißen Knochenkasten – hui – aus lischt es, als führe ein giftiger Wind in die Flamme! – Nein, es ist zu Ende mit der Freude, Herr Candidat. Will aber auch keine mehr haben auf Erden. Ich will nur – und die lahme Hand umklammerte fester den Krückenstock, ihn hart auf die Diele stoßend, – ich will nur noch Gerechtigkeit! Kalt und starr hing Ammer's Blick auf den ängstlichen Mienen des Candidaten, der gar nicht errathen konnte, was der seltsame Alte, dessen Geist er gestört glaubte, von ihm begehren möge. 628 Ich muß Hilfe haben in meiner Noth, fuhr er nach kurzer Pause fort, und mir fehlt's an einem Menschen, auf den ich mich verlassen kann. Da ist zwar die Erdmuthe, ein Weib ohne Fehl, wie kein zweites gelebt seit dem Sündenfalle, aber zu weichherzig und mild, und eben ein Weib. Schreiben kann ich nicht, denn der Herr hat mir in Flammen die Hand gelähmt. Da dacht' ich in der schweren Stunde der Angst, Sie, Herr Candidat, könnten der Mann sein, der mir seine Fingerspitzen darreichte, wenn ich Sie darum bäte. Sie sind harmlos und gehören nicht der Sorte Menschen an, die man gemeinhin Kinder der Welt nennt. Zu Ihnen allein habe ich noch Vertrauen. Wollen Sie diesen Rest des Vertrauens nicht vollends in mir zerpflücken, so dienen Sie mir. Werther Herr Ammer, sagte Still, wie gern bin ich bereit zu helfen. Aber ich habe so wenig Kenntniß von weltlichen Dingen und in das, was man Geschäfte nennt, konnte ich mich niemals finden. Es bedarf keinerlei Kenntniß zu meinem Auftrage, der einfache gute Wille reicht dazu hin, erwiderte Ammer. Lassen Sie mich schweigen von dem Vergangenen, fuhr er fort, es frommt nicht, daran zu denken. Mein Jüngster sitzt, einer schweren Unthat bezüchtigt, Tausende von Händen feiern und der bleiche Hunger hält Wache vor den Hütten derer, die einst freudige Tage in Demuth darin verlebten. Ich selbst darbe noch nicht – Gott sei Dank! – ich helfe, wo ich kann, und so oft mich ein Bedürftiger anspricht. Aber ich muß doch weise haushalten mit dem Meinigen, falls es zum Processiren kommt. Und dahin möcht' ich's gern bringen, nicht der Jungen wegen, sondern um meinen Namen zu retten. In Ihrer Bedrängniß, in Ihrem Kummer wollen Sie noch einen Proceß anfangen? Fange ich ihn nicht an, so wird mir der Proceß gemacht, versetzte Ammer. Es ist Vieles dunkel in der Sache, darum soll Licht hineingebracht werden. Der Mirus, mein Freund, wäre schon der Rechte, aber den Mann muß auch die Tarantel der neuen Zeit gestochen haben, denn er ist in seinen alten Tagen verreist, Gott weiß wohin! Wird ihm diese Reise viel Geld kosten und nachher ihn krippen. Und der Block hat auch nichts wieder von sich hören lassen. Wollen Sie, Herr Candidat, an den Mann schreiben? Sie verdienten sich einen Gotteslohn. 629 Still lebte wieder auf. Mit dem größten Vergnügen, sprach er, und da Sie mein Schreiben ja doch lesen müssen, so soll es allsogleich geschehen. Ammer nickte beistimmend. Hab's vermuthet, daß Sie einen Unglücklichen nicht werden verschmachten lassen. So schreiben Sie denn in meinem Auftrage und Namen, daß ich den Herrn Advocaten zu sprechen dringend begehre, daß ich seinen Rath und seine Hilfe nicht missen kann und daß er mich besuchen solle, so bald als möglich. Zum Zweiten aber, mein Herr Candidat, reisen Sie auf meine Kosten nach Herrnhut zum Grafen Alban und laden auch diesen zu mir ein. Er ist ein mildgesinnter, wohldenkender Mann, der keinen Wohlgefallen hat an irgend Jemandes Verderben. Durch ihn will ich den Stand der Dinge klar kennen lernen. Still willfahrte dem alten Weber. Der Brief ward mit gewandter Feder zur vollsten Zufriedenheit Ammer's abgefaßt. Ihn persönlich auf die Post zu geben, gelobte der willfährige Candidat. Ammer schien zufrieden und beruhigter. Der gutmüthige Gelehrte glaubte jedoch den eigenthümlich gearteten Mann nicht verlassen zu dürfen, ohne einen Versöhnungsversuch gemacht zu haben. Er nannte deßhalb Christlieb und bemerkte, daß er den jungen Mann sehr verändert, sehr vergrämt gefunden habe. Ammer's Züge nahmen den früheren strengen, ja grimmigen Ausdruck an. Bloße Veränderung wird da wenig helfen, sagte er kalt. Der ganze alte Mensch muß vermodern und verwelken, und aus Staub und Asche ein neuer sich erheben, sonst ist keine Rettung. Besser, der Mensch geht zu Grunde in Reue und Buße, als daß er zum Schimpf aller Guten frevelhaft fortlebe. Er trauert, daß er das Antlitz seines Vaters so lange nicht mehr gesehen. Ist ihm gut, fiel Ammer ein, und wird er es auch nicht wieder sehen, es sei denn, daß er vor mich treten und mir beweisen könne, nicht seine Schuld allein habe dieses Unheil herbeigeführt. Gerade darum will ich den Advocaten sprechen und ein unbefangenes Wort mit dem Grafen reden. Ich bin nicht unversöhnlich, mein werther Herr Candidat, aber es muß Alles in Ordnung bleiben. Geschworen 630 hab' ich meinem Schöpfer, die – die Bedauernswerthen nicht zu sehen, bis das beschafft worden, und ich halte meinen Schwur, sollten auch Herz und Auge darüber brechen. Still war überzeugt, daß jedes weitere Zureden den Starrsinn des consequenten Greises nur vermehren könne, und brach deßhalb das Gespräch ab. Vorläufig meinen Dank, sagte Ammer, als der Candidat sich zum Fortgehen anschickte. Eilen Sie jetzt, und gebe der Herr zu jedem Schritte, den Sie thun, sein Gedeihen. Auf dem Corridor traf Still wieder mit Christlieb zusammen. Was begehrte der Vater? fragte der Geängstigte in fieberhafter Aufregung. Ruhe und Muth, mein Freund, sagte Still. Ihr Vater ist erbittert, wohl auch etwas verbittert, aber nicht unversöhnlich. Segnet Gott die Wege, die ich jetzt zu wandeln habe, so hoffe ich auch noch die Freude zu erleben, Vater und Sohn versöhnt zu sehen. Mit freundschaftlichem Händedrucke verabschiedete sich der Candidat, um muthvoller, als er gekommen war, nach der Stadt zurückzufahren. Drittes Kapitel. Des Candidaten Still Zusammentreffen mit den Herrnhutern. Frau Sempiterna schmollte. Still ließ sich jedoch davon nicht stören. Er schob seine Chronikbücher und Manuscripte bei Seite, bestellte trotz des fortdauernden, stürmischen Wetters persönlich einen Wagen für den nächsten Tag und zeigte sich zur Verwunderung seiner höchst unzufriedenen Gattin viel praktischer, als je zuvor. Das thut er für stockfremde Menschen, sagte sie kopfschüttelnd, und wenn er mir die Wolle halten soll, die ich zu seinen eigenen Winterstrümpfen verbrauche, verwirrt er mir den ganzen Strang. Man könnte doch gleich weinen vor Aerger über solche Verkehrtheiten der Männer. 631 Sempiterna weinte indeß nicht, sondern begnügte sich mit sehr gemäßigtem Brummen. Still war überaus geschäftig, dabei aber auch für seine eigene Person besorgt. Der lange Weg über die hochziehende Straße in offener Kalesche – einen andern Wagen konnte er nicht erhalten – war keine Vergnügungsreise, und da das immerwährende Stubensitzen ihn verweichlicht hatte, so mußte er auf warme Kleidung Bedacht nehmen. Mit hochgestellten Personen war Still nie im Leben zusammengekommen. Seine an Blödigkeit streifende Schüchternheit hielt ihn ab, vornehme Verbindungen zu suchen. Graf Alban kannte er von Ansehen aus früheren Tagen her. Mit ihm, der überhaupt seinen Adel nicht stolz zur Schau trug, hatte er sogar schon Worte gewechselt, und da ohnehin der Graf in jüngeren Jahren als Prediger auf den Inseln des chinesischen Meeres gelebt und gewirkt hatte, betrachtete ihn Still in gewissem Sinne als Collegen. Er fühlte deßhalb weder Befangenheit noch Angst, als er, ungeachtet seiner warmen Kleidung, ziemlich durchfroren, vor dem Thor des gräflichen Gartenhauses ausstieg. Graf Alban empfing den Candidaten, dessen er sich flüchtig erinnerte, mit zuvorkommender Freundlichkeit, seine Züge verdüsterten sich aber, als Still das Begehren Ammer's vortrug. Erlaubten es meine Geschäfte, sagte der Graf, nachdem er den Candidaten ruhig angehört hatte, so würde ich unverweilt den vielfach bedrängten, alten Herrn besuchen. Leider aber bin ich dergestalt mit Correspondenzen überhäuft, daß ich in den nächsten Wochen keine Zusage geben kann. Indeß sollte ich meinen, ein Brief würde mein persönliches Erscheinen ersetzen können. Es kommt ja tausendfach im Leben vor, daß die Person durch einen Brief vertreten wird. Candidat Still erlaubte sich, auf die große Wichtigkeit hinzudeuten, die der Weber gerade auf ein Gespräch mit dem Grafen legte. Ich glaube Ihnen gern, Herr Candidat, erwiderte Graf Alban, dennoch kann ich dem Wunsche Ammer's nicht entsprechen. Ich weiß wohl, fuhr er fort, wir Herrnhuter sind dem alten Herrn zu Dank verpflichtet, und gern, ich gestehe es, gern möchte ich ihm beistehen, ihm irgend etwas Liebes erweisen. Allein, wie soll man in dieser traurigen Angelegenheit seine Hand dazwischen stecken, ohne sich selbst 632 zu beschmutzen! Die Söhne des alten Herrn haben schmachvoll und undankbar an uns gehandelt, und uns zehnmal mehr dadurch geschadet, als des Vaters erprobte Redlichkeit uns nützte. Nie im Leben hätte ich geglaubt, daß so junge Männer aus Liebe zum Gewinn in kurzer Zeit so tief sinken könnten! Den Candidaten überlief es bei diesen Aeußerungen bald heiß, bald kalt. Entgegnen konnte er nichts, da ihm alles Verständniß abging, und wollte er gutmüthig entschuldigen, so konnte er sich in den Augen des Grafen lächerlich machen. Räthselhaft ist es mir nur, fuhr Graf Alban fort, daß der jüngere Ammer einen vollen Monat vor der Entdeckung seiner Unredlichkeiten die Stirn haben konnte, sich mir zu entdecken und mir dabei die frechsten Lügen in's Gesicht zu sagen. Ich war nahe daran, selbst Theilnehmer seiner Betrügereien zu werden, was er wahrscheinlich klug berechnend beabsichtigt haben mag. Zum Glück traute mein erfahrener Freund, Herr Wimmer, schon seit langer Zeit nicht und nur seiner Vorsicht, seinem raschen Handeln und seinem Schweigen gegen Jedermann habe ich es zu danken, daß ich den Brüdern nicht die enormen Summen vorschoß, welche zu decken waren. Zwei Tage später würde das geschehen sein, die Lüge hätte triumphirt und wir, die wir halfen, waren die Geprellten und mußten doch schweigen. Still begriff von dem Allen nichts. Er erwiderte deßhalb auch keine Sylbe, sondern bat nur, und zwar in sehr herabgestimmtem Tone, der Graf möge die Güte haben, dies Alles Herrn Ammer in seinem Briefe recht deutlich und ausführlich auseinanderzusetzen. Graf Alban sicherte ihm dies nochmals zu und versprach dem Candidaten, das Schreiben nach Verlauf von zwei oder drei Stunden einzuhändigen. In großer Unruhe ging Still straßauf straßab, ohne des heftigen Sturmes zu achten, der noch immer mit ungebrochener Gewalt forttobte. Es bangte ihm vor der Rückkehr, vor der Heftigkeit Ammer's, der ja ihm und seiner Ungeschicklichkeit das Mißlingen der ganzen Sendung Schuld geben konnte. Während dieses zweck- und ziellosen Umherwanderns hörte er sich unerwartet bei Namen rufen. Er blieb stehen und sah sich um, allein die Straße war leer. Da rief es zum zweiten Male und nun erst 633 gewahrte Still an dem geöffneten Fensterflügel eines Parterrezimmers ein Gesicht, das er zu erblicken nicht erwartete. Sie haben sich wohl verirrt, lieber Herr und Bruder in Christo? redete der im Fenster Liegende den Candidaten an. Treten Sie doch herein. Mein schlichtes Haus wird geehrt, wenn der Fuß eines so wahrhaftigen Gottesgelehrten und getreuen Arbeiters im Weinberge des Herrn die Schwelle desselben überschreitet. Haben uns lange nicht mehr gesehen. Mein Auge streifte Sie, erinnere ich mich recht, beim großen Prunkfeste auf Weltenburg. Ist seitdem wohl etwas still geworden dort, wie? Ein böses, böses Ereigniß! Hab' mich selbst davor erschrocken, wahrhaftig! Aber es mußte dennoch geschehen zu Ehren der Gerechten. Hat Herrn Ammer senior etwas stark angegriffen – wie? – Ach ja, konnte mir's denken. Armer Mann! Theurer, beklagenswerther Freund! Wimmer erhob sich, griff in die Tasche seines faltigen Hausrockes und trocknete sich mit einem weißen Linnentuche die Augen. Er betrachtete das Tuch und sagte dann: Das ist noch ein Ueberrest von der guten alten Ammer'schen Waare. Treffliche Arbeit, wahrhaftig! Ein Faden wie der andere, man hat noch jetzt seine Freude daran. Die Kinder webten's, als sie noch in die Bleiche fuhren. Die guten Jungen! – Wollte ihnen aufhelfen und dann verwarfen sie sich. – Aber freilich, sie wurden mit dem Gelde, das ihnen von allen Seiten zuströmte, alsbald hochmüthig; sie beteten nicht und da fielen sie in Versuchung und Stricke! – – Just beim Trocknen meiner oft thränenden Augen entdeckte ich den Betrug. – Bedaure sie aber doch, die armen, jungen Menschen. – Ich will für sie bitten, recht wie ein Vater und Bruder. – Sie sind so schon genug gestraft. Sind arm geworden, oder werden's doch künftig sein, und die Ehre, ach, ach die Ehre ist verloren für immer! Wie mich das dauert – ich kann's wahrhaftig nicht sagen! Er zog abermals das Tuch hervor und trocknete damit seine von Thränen überfließenden Augen. Candidat Still, obwohl unerfahren in allen weltlichen Angelegenheiten, gingen doch beim Anblick dieses Mannes die sonderbarsten Gedanken durch den Kopf. Er wußte, daß Wimmer ein Freund der Familie Ammer gewesen war, daß auf sein Begehr die Verhaftung 634 Fürchtegott's stattgefunden hatte. Die Thränen des alten Herrnhuters schienen ihm jetzt erkünstelt, wie das ganze sonderbare Wesen des schwer zu beurtheilenden Mannes. Ohne ein Wort zu erwidern, sah er ihn forschend an. Wimmer schlug die Augen nieder. Will's Gott und mein Heiland, sagte er, so gedenke ich meinen alten, lieben Freund bald wieder zu sehen. Es wird hohe Zeit, daß wir vollends Abrechnung halten mit einander, denn ich fühle auch täglich meine Kräfte mehr sinken und gedenke mich deßhalb zur Ruhe zu setzen, um als frommer Christ mich in Demuth vorzubereiten auf mein letztes Stündlein. – Aber bitte, bitte, Herr Candidat, treten Sie doch ein! Meine Haushälterin soll Ihnen eine ächte Tasse Mokka bereiten. Feines Getränk das – stärkt die Nerven; sag' Ihnen, wär' ein vortreffliches Mittel, den armen, eingesperrten Jungen frisch zu erhalten. Ist aber sehr, sehr kostbar, weßhalb man es dem Fürchtegott jetzt nicht empfehlen kann. Nicht Haushalten, mein lieber Herr und Bruder in Christo, nicht Haushalten kommt unmittelbar nach den sieben Todsünden! Still entschuldigte sich mit dringenden Geschäften. Wimmer's Redseligkeit und seine sich stets von Neuem wiederholenden Anspielungen auf das der Familie Ammer zugestoßene Unglück schienen eine gewisse Absichtlichkeit zu haben, die seinem Dafürhalten nach an Hohn streifte. Der Alte soll es doch wissen, sagte Still zu sich selbst. Er hat ja lange genug mit dem Schleicher gehandelt, er muß ihn besser kennen, als ich. Ich werde ihm mittheilen, was er mir da vorgeplaudert hat. Wimmer grüßte lächelnd und schlug das Fenster zu. Still ging wieder nach dem Gartenhause des Grafen, der inzwischen einen langen Brief an Ammer geschrieben hatte und diesen dem Candidaten jetzt übergab. Grüßen Sie den leidenden, alten Herrn recht freundlich von mir, sagte Graf Alban. Ich bin etwas weitläufig geworden, um einige dunkle Punkte schärfer beleuchten zu können. Mein verehrter Freund wird nach Lesung dieses Schreibens mir vollkommen Recht geben und sicher keinen Proceß anfangen. Es ist ein entsetzlicher Schlag, der 635 die Familie getroffen hat. Die Schuldigen werden schwer dafür büßen müssen. Der Herr hat von Glück zu sagen, daß er nicht mit all den Seinigen an den Bettelstab kommt. Was er ungern that, wozu er sich erst nach langem Zureden entschloß, die Separation seines ursprünglichen Geschäftes von dem der Firma »die Gebrüder Ammer« ist jetzt seine Rettung und kann auch den Söhnen nach vollständig ausgebrochenem Banquerott noch von bedeutendem Nutzen sein. Leer an Hoffnungen verließ Still den Brüderort. Hatten seine Mühewaltungen auch bei Block keine besseren Folgen, so mußte man die Ammer verloren geben. Unterwegs überlegte der Candidat, was er thun solle. Ammer erwartete ihn wahrscheinlich persönlich in Weltenburg, um sogleich direct Erkundigungen von ihm einziehen zu können. Ein abermaliges Zusammentreffen mit dem nervös reizbaren, auffahrenden und zu heftigen Ergüssen geneigten Weber schien ihm unter obwaltenden Umständen gar nicht erwünscht. Was der Graf geschrieben, wußte er nicht, und daß er mit Wimmer zusammengetroffen, daß dieser ihn einen Blick in eine verborgene Kammer seines Herzens hatte thun lassen, ließ sich eben so gut brieflich melden, als die Versicherung des alten Speculanten, daß er mit seinem alten Freunde demnächst Abrechnung zu halten gedenke. Still wollte weder Ursache zur Aufregung und zur Erzürnung Anderer werden, noch selbst darunter leiden. Er schrieb deßhalb, in seiner Behausung wieder angekommen, sogleich an den greisen Weber, fügte seinen Zeilen den größeren Brief des Grafen bei und gab beide Schreiben unverweilt auf die Post. Mit Frau Sempiterna hatte der Candidat am Abend dieses Tages noch ein nicht ganz freundschaftliches Gespräch durchzuführen. Erst als der sehr genauen und haushälterischen Frau die wiederholte Versicherung von Seiten ihres Gatten geworden war, daß er außer seiner Zeit kein Opfer gebracht habe, gab sie sich nach und nach zufrieden über die närrischen Liebhabereien ihres Bücherwurms und dessen unbegreifliche Dienstwilligkeit für nichts und wieder nichts. 636 Viertes Kapitel. Es tagt. Vor Ammer lagen zwei geöffnete Briefe. Auf beiden hafteten die Blicke des Greises, während tiefe Runzeln seine breite Stirne durchfurchten. Frau Anna blickte einige Male schüchtern um die halb zurückgeschobene spanische Wand und beobachtete mit sorgenvollen Mienen den schweigsamen Gatten. Schon zum sechsten Male kehrte sie wieder und noch immer saß Ammer in der früheren Haltung vor dem Tische und starrte auf die Briefe. Die Sorge ließ die Geängstigte nicht länger zaudern. Sie hustete leise und redete den Gatten an. Vater, sprach sie, du hast doch nicht abermals schlimme Nachrichten erhalten? Das Paquet war stark, es kam wohl weit her? Ammer sah seiner Frau ernst ins Gesicht. Nimmst du eine auffallende Veränderung an mir wahr? fragte er. Warum? Ich denke mir, ein Mensch, der Gott geschaut, müsse sich unterscheiden von allen anderen Creaturen dieser Welt, und wieder meine ich, daß ein irrender Sterblicher, vor dessen Angesicht unerwartet der Satan tritt, ebenfalls ein anderes Ansehen erhalten müsse. Glücklicherweise ist uns Beides nicht vergönnt, sagte Frau Anna. Die hohe Weisheit des Schöpfers hat uns vor solchen Schrecknissen bewahrt. Ammer schüttelte sein fast kahles Haupt. Du irrst, erwiderte er, dem ist nicht so. Gott den Herrn erblickt wohl selten oder nie Einer von denen, die sich gern alle Gottes Kinder nennen, mit dem Satan aber kommen wir zuweilen in Berührung, ohne daß wir's ahnen. Mir ist er auch schon begegnet, Mutter, aber immer in verhüllter Gestalt. Dennoch hat er mir die Hand gedrückt. Jetzt aber trat er gerade vor mich hin, und Auge in Auge faßten wir einander. 637 Das hat mich gepackt im Innern, als berste die Erde unter mir; meine Seele lechzt nach himmlischem Balsam und das Herz blutet, denn ich fühl's, wie schwere, heiße Tropfen darin niederfallen. Er neigte sein Haupt auf die Brust und holte röchelnd Athem. Anna wußte nicht, was der seltsam Bewegte meine. Die Briefe aufzunehmen, die ihn ohne Zweifel in solche Stimmung versetzt hatten, durfte sie nicht wagen. Nach einiger Zeit richtete sich Ammer wieder auf und sagte mit ungewöhnlich sanfter Stimme. Hat Christlieb heute nach mir gefragt? Anna's Busen hob sich. Schon zweimal, erwiderte sie. Er war's auch, der mir die Briefe übergab. So, so; nun es ist gut. Was macht denn Christlieb? Die Mutter faltete dankend die Hände. Nie seit zwei vollen Monden war eine ähnliche Frage über die Lippen des Vaters gekommen. Sie hoffte, daß er seinen Sinn geändert habe, daß er dem tief Gebeugten endlich verzeihen wolle. Christlieb liest viel, sagte sie ängstlich. Er hat sich Bücher geben lassen von Erdmuthe. Das ist Recht, sprach Ammer zerstreut. Jetzt geh', Mutter! Laß Niemand ein. Ich muß durchaus Ruhe haben, denn mein Geist ist sehr müde geworden von der Erscheinung, die vor mir aufstieg! Einen Seufzer unterdrückend, zog sich Anna, die für den Verstand ihres Gatten besorgt war, hinter die spanische Wand zurück. Jetzt griff der Greis hastig, mit zitternden Händen und funkelnden Augen wieder nach den Briefen und durchlas sie nochmals. Graf Alban's Auseinandersetzung gab Ammer die Ueberzeugung, daß dieser Mann immer nur das Beste seiner Söhne gewollt habe. Er ersah ferner daraus, wie Christlieb und Fürchtegott, namentlich aber Letzterer, seit seiner Rückkehr aus Amerika, aufgefordert durch dortige Agenten, lange Zeit unter dem Deckmantel der Ammer'schen Verpackung halbleinene Waaren anstatt ächter Leinewand eingeführt hatten. Dieser Handel war unbemerkt betrieben worden, bis angeblich Wimmer zuerst die Entdeckung desselben machte. Ein sofort an alle mit den Brüdergemeinden in Verbindung stehende Firmen erlassenes Circulär des Herrnhuters unterrichtete diese, forderte sie zu genauer Untersuchung der nächsten Sendung auf und verlangte, falls diese 638 sich als unächt erweisen sollte, Sistirung der Zahlung. Leider bestätigte sich der Verdacht Wimmer's und zwar in solchem Umfange, daß noch ernstere Maßregeln nöthig wurden. Graf Alban erfuhr, wie er jetzt Ammer sehr ausführlich auseinandersetzte, von allen diesen Vorgängen nichts. Selbst als Wimmer urplötzlich und ganz in der Stille verreiste, um den betrügerischen Handel gänzlich zu inhibiren und sich zu seinen weiteren Schritten die erforderlichen Documente zu verschaffen, hatte er noch keine Ahnung davon, denn er theilte dem alten Ammer Belege mit, in welcher Weise er Vorkehrungen zur Deckung der Wechsel seiner Söhne traf. Erst die Zurückkunft Wimmer's und die Verhaftung Fürchtegott's, deren Nothwendigkeit der Herrnhuter später nachgewiesen, mußte den Grafen ebenfalls anderen Sinnes machen und der Gerechtigkeit freien Lauf lassen. Dies waren, der Hauptsache nach, die Mittheilungen des Grafen. Sie entbehrten eben so wenig der Milde als der Bestimmtheit und gaben dem Vater wenig Hoffnung, den Ruin seiner Söhne, den Sturz des Hauses, das seinen Namen trug, verhindern zu können. Aehnliches, wenn auch nicht in diesem Zusammenhange, war dem Weber von anderer Seite mitgetheilt worden. Es stimmten diese Angaben mit den Aussagen des Kaufmannes Mirus in vielen Dingen überein, die Arbeiter sogar wurden zu Anklägern seiner Söhne, indem sie die Wahrheit bestätigten. Alles schien verloren. Die Gebrüder Ammer hatten – daran konnte jetzt Niemand mehr zweifeln – wissentlich schlechte Waare für gute verkauft. Gesetzt, das Gericht sprach sie nach längerer Untersuchung frei, in der Handelswelt mußte sie dieses Ereigniß um allen Credit bringen, und dem Banquerott konnte auf keine Weise vorgebeugt werden. Ammer hatte bis zu dem Augenblick, wo er den Brief des Grafen empfing, das härteste Urtheil über seine entarteten Söhne gefällt. Bei wiederholter Ueberlesung der gräflichen Auseinandersetzung aber stiegen ihm Zweifel auf, nicht an der Schuld seiner Söhne, sondern an deren Urheberschaft. Christlieb und Fürchtegott konnten nichts gewußt haben von Wimmer's gegen sie gerichteter Thätigkeit. Wimmer mußte sie also hintergangen, mit überlegter Schlauheit sie in ein Netz gelockt haben, das sie für immer stürzte. Entweder log Graf Alban, oder Wimmer hatte seit Jahren diesen Sturz der Familie 639 Ammer vorbereitet. Als dritte Möglichkeit endlich ließ sich noch annehmen, daß auch der Graf, ja daß sämmtliche mit den Brüdergemeinden in genauester Verbindung stehende Agenten an diesem auffallenden Verfahren betheiligt seien. Diese Entdeckung, der allerdings noch die volle Gewißheit fehlte, schleuderte einen Feuerbrand in die Seele des alten Webers, der seine verglimmende Lebenskraft zu hell brennender Lohe anfachte. Er soll mir Rede stehen, sagte er, wie ein gereizter Tiger um sich blickend. Kommen will er ja von selbst, schreibt mir der Candidat, um, wie er sagt, Abrechnung mit mir zu halten. – Ha, ich wollt' er wär' schon da! Hier, mir gegenüber will ich ihn hinpflanzen und meine Blicke sollen ihn festpflöcken an die Stelle, wo er steht, daß er nicht wanken noch entfliehen kann, bis er gebeichtet. – Hat er mich hintergangen, ist seine gleißnerische Rede der Honigseim gewesen, der die Söhne mir und dem redlichen Wandel abspänstig machte, so soll der Fluch meines verrathenen Herzens ihn treffen, daß er zusammenstürzt, wie ein vom Blitz Erschlagener! – O, ich ahne schon seine Beweggründe; ich wittere die Saat, aus der diese giftigen Früchte erwuchsen, um mein Haus zu überwuchern und es zu begraben unter ihrer verderblichen Wucht! Aber ich weiche ihm nicht! – untergehen will ich, wenn es beschlossen ist in Gottes Rathschluß, aber nicht allein. Mit mir und meinen Söhnen stürzt auch er in die Grube, die er mit geschäftigen Händen uns aufgewühlt hat! Der ergrimmte alte Mann, der diese Worte nur halblaut murmelte, rief jetzt mit fester Stimme nach Anna, die unverweilt nach dem Begehr ihres Gatten fragte. Wo ist unser Doctor? sprach Ammer. Ich muß mit ihm reden und seine Hilfe in Anspruch nehmen. Walter lebte seit der betrübenden Katastrophe, welche die Familie Ammer betroffen hatte, sehr zurückgezogen. Seine Versuche, den Vater milder gegen die Söhne zu stimmen, blieben erfolglos. Er mußte, wollte er den eigensinnigen, alten Mann nicht auch gegen sich selbst aufbringen, günstigere Momente abwarten, um dann seine Bemühungen von Neuem wieder aufzunehmen. Um nicht ganz müßig zu sein, trat Walter mit Christlieb Ammer in ein intimeres Verhältniß. Die feindselige Haltung des Vaters und 640 die gedrückte Stimmung Christlieb's machten diesen mittheilsam gegen den speciellen Freund seines Bruders, und so erhielt Walter einen ziemlich klaren Ueberblick der Verhältnisse. Mußte er sich nun auch sagen, daß die Brüder sich schwer vergangen hatten, so glaubte er sich doch auch wieder der Ueberzeugung hingeben zu dürfen, daß noch nicht Alles verloren sei. Nur mußte man die rechten Wege einschlagen, durfte nicht heimlich handeln, Fehlerhaftes nicht beschönigen, Strafbares nicht rechtfertigen wollen. Walter lag Alles daran, Fürchtegott zu sprechen. Da er in keinen verwandtschaftlichen Beziehungen zu der Familie stand, glaubte er leicht Zutritt zu dem Verhafteten zu erlangen. Er hielt darum an, ward aber kurz abgewiesen. Der menschenfreundliche Arzt wendete sich nunmehr an Mirus, dessen rechtliche Gesinnung er häufig von dem alten Ammer hatte preisen hören. Dieser hörte ihn zwar an, zeigte aber nicht die geringste Neigung, für seinen gefangenen Freund einen Finger zu rühren. Mirus antwortete mürrisch, abgebrochen, sprach von Hochmuth und Dünkel superkluger Jünglinge, und meinte schließlich, wie Einer sich bette, müsse er auch liegen. Diese letztere Erfahrung entmuthigte Walter. Er begnügte sich fortan mit ruhigem Zuwarten, verkehrte mit Christlieb und Erdmuthe, sah den vergrämten alten Herrn nur äußerst selten, und stellte seine Hoffnung auf die Zukunft. Die ihn plötzlich ereilende Aufforderung, den kränkelnden Greis zu besuchen, überraschte den treuen Freund der Familie. Walter säumte keinen Augenblick; wenige Minuten nach dem an ihn ergangenen Ruf saß er bereits dem Weber gegenüber. Wenn Sie ein richtiger Helfer in der Noth sind, redete Ammer den jungen Mann an, so können Sie jetzt zeigen, was Sie vermögen. Ich habe Sie von jeher für einen zuverlässigen Freund gehalten, der das Laster des Eigennutzes und der Selbstsucht nicht kennt. An Ihrer treuen Hand bestieg Erdmuthe, die arme Taube, die schwankenden Bretter des Fahrzeuges, das sie über das Weltmeer zurück in die lang entbehrte Heimath tragen sollte. Sie haben die schwache Frau mit dem starken Herzen bis in mein Haus geleitet und für solchen Liebesdienst nichts beansprucht, als fortan dieselbe Luft mit denen athmen zu dürfen, die Ihnen lieb geworden sind. Ob Sie's 641 inzwischen bereuten, was Sie damals für ein großes Glück hielten, werden Sie am Besten wissen. Man schlürft schon lange auf Weltenburg nicht mehr Lebensluft ein. Diese Gänge und Zimmerreihen, welche der Hochmuth der neuen Zeit prunkend aufgeputzt hat, sind mit Stickluft angefüllt, welche die Brust Aller beklemmt. Aber Sie sind dennoch nicht auf- und davongegangen. Als Freund in der Noth haben Sie sich bisher bewährt, und so denk' ich, es könnte ja möglich sein, daß Sie auch Rath und Rettung aus diesem Drangsale wüßten, das Sie genügend kennen. Ammer heftete seine tiefliegenden blauen Augen fragend auf das Antlitz des Arztes, der über diese Anrede nicht wenig erstaunte. Wären Sie nicht überzeugt, Herr Ammer, erwiderte Walter, daß ich jedes Opfer zur Rettung Ihrer Familie gern bringen würde, so sähen Sie mich gegenwärtig nicht Ihnen gegenüber. Wohl gesprochen, Herr Doctor, sagte der Weber. Ich weiß, daß Sie willig sind, aber ich weiß nicht, ob Sie auch werden verrichten können, wozu ich Sie auserlesen habe. Entsprechen meine Kräfte dem guten Willen, so dürfen Sie auf mich zählen. Ammer schob seinen Rollstuhl einen Schritt vor. Sie sollen mir einen Fuchs fangen helfen, sagte er mit funkelnden Augen. Es ist Gefahr dabei, werther Freund, aber es brächte Ehre und Ruhm, wenn's gelänge. Als weitgereister Mann und als Kenner von Gegenden, wo reißende Thiere so häufig sind, wie bei uns die Feldmäuse, fürchten Sie, rechn' ich mir, auch die schärfsten Zähne einer Bestie nicht. Kenne ich erst ihr Lager und das Revier, in dem sie sich aufhält, so werden sich auch Mittel finden lassen, ihrer habhaft zu werden. Ammer stieß mit seinem Krückenstocke auf die Diele. Nun denn, sprach er, so schaffen Sie mir meinen gefangenen Sohn hieher an einem Tage und zu einer Stunde, die ich bezeichnen werde, sobald ich sie selbst erst kenne. Wird dies möglich sein? fragte etwas kleinlaut bei von dieser Forderung überraschte Walter. Es muß möglich sein, so über uns, hinter dem blauen Gewölbe des Himmels und auf den Welten, deren Leuchten wir des Nachts 642 bewundern, ein gerechter Herrscher thront, erwiderte Ammer. Es hat meinem Schöpfer gefallen, mich zu demüthigen zu einer Zeit, wo Hand und Fuß nicht mehr meinem Willen gehorchten. Ich nehm' es hin, als eine Prüfung. Damit meine Kinder, geblendet von dem Silberblick des Reichthums, nicht zu Verbrechern würden, hat seine mächtige Hand die Säulen zerschlagen, auf deren Kapitälen das glänzende Dach meines Hauses ruhte. Das erkenne ich in Demuth und will nicht weiter unnütze Klagen darüber führen. Wir haben auch allzumal gefehlt und also Strafe verdient. Aber es lebt ein Anderer, der schuldiger ist denn wir Alle, so Gott mein Auge nicht mit höllischem Feuer blendet. Müssen wir dulden für unsere Sünden, so soll derjenige , welcher sie heimlich gezeugt, nicht leer ausgehen für seine Missethaten. Ich hab' mir gelobt, seit ein Lichtstrahl von Oben nach langem Bitten in die Nacht meines Grames gefallen ist, Gericht zu halten, bevor ich sterbe. Wird bei diesem Gericht auch der Stab gebrochen über mich selbst, so werd' ich doch nicht zusammenbrechen darunter, gleich einem schuldbewußten Verbrecher. Der feierliche Ton in der Rede des Greises machte einen tiefen Eindruck auf Walter. Ammer sprach ohne Leidenschaft, aber mit einer Entschiedenheit, die nur das Ergebniß reiflicher Ueberlegung sein konnte. Mir verbleibt nicht mehr gar viel Zeit, fuhr der Weber fort, da sein jugendlicher Zuhörer nichts erwiderte, denn ich fühle das Nagen des Alters in dem Mark meiner Gebeine. Also muß gehandelt werden. Und ich weiß es, mein Schöpfer wird die Schleife des unsichtbaren, geheimnißvollen Bandes, dessen Enden Seele und Leib verknüpfen, nicht lösen, bevor ich dieses beschafft habe. Nicht im Finstern tappend, das Gewissen beschwert mit unklarem Verdacht, nein, im vollen Licht der Wahrheit will ich Abschied nehmen von der Erde, die mich getragen und genährt unter Sorgen und Mühen, also daß ich Ursache habe dem Herrn dafür zu danken. Brechen Sie auf, noch in dieser Stunde, setzte er lebhafter hinzu. Gehen Sie zu meinem Schwiegersohne und sagen Sie diesem willigen Manne, ich hätte die Spur des Schuftes entdeckt, der uns an den Rand des Verderbens heimlich hingedrängt. Dieser Mann heiße Wimmer. Haben Sie meinem Schwiegersohne dies gesagt, dann übergeben Sie ihm diese beiden Briefe, die Sie zuvor gern selber lesen können, 643 und dringen darauf, daß er zu Mirus eile. Trifft er den Kaufmann nicht, so muß er ihn aufsuchen, und soll er täglich ein paar Pferde zu Tode jagen. Mirus hat mächtige Verbindungen. Durch seine Vermittelung öffnet sich der Kerker meines Sohnes. Es ist mir gleichgiltig, ob das Gericht den Gefangenen auf Ehrenwort ziehen läßt, oder gegen Bürgschaft. Füge mich auch drein, daß sie ihm ein Dutzend Häscher zur Begleitung mitgeben. Haben aber muß ich ihn, hier auf Weltenburg, sonst kann ich nicht verrichten, wozu mich Gottes Stimme treibt! Walter fühlte die Briefe in seiner Hand, die Ammer rasch zusammenfaltete und ihm aufdrängte. Wollen Sie einem alten Manne zu seinem Recht, zu einer erlaubten – Rache die Hand bieten? fragte der Greis dringend, während ein convulsivisches Zittern seine Glieder schüttelte. Ich will! sagte Walter entschlossen. Dann geleite Sie der Gott aller Gerechten! – Ammer's zitternder Hand entsank der Krückenstock. Er besaß aber noch Kraft genug, beide Hände gegen den Arzt auszustrecken, der sie feurig ergriff und dann eiligen Schrittes das Gemach verließ. Anna, welche dieser Unterredung hinter der spanischen Wand zugehört hatte, hauchte dem fortstürmenden Freunde nur ein leises: Gott sei mit Ihnen! nach. Fünftes Kapitel. Unerwartete Freunde. Die Lectüre der von Ammer erhaltenen Briefe ließ Walter dunkel ahnen, daß es sich um Enthüllung eines mit größter Schlauheit angelegten und durchgeführten Bubenstückes handelte, allein eine Handhabe, auf die man sich stützen könne, vermochte er dennoch nicht zu entdecken. Angenommen aber auch, Andere, besser Unterrichtete, in das Leben des alten Ammer tief Eingeweihte konnten die aufgefundenen 644 Spuren mit Glück weiter verfolgen, welche Schwierigkeiten waren vorher zu überwinden, wie viele und große Hindernisse zu beseitigen! Inzwischen konnte ja auch der Gegner seine Minen springen lassen und alle Rathschläge kluger Ueberlegung zu Schanden machen. In einer Aufregung, die seinem besonnenen Charakter von Natur fremd war, erreichte Walter den früheren Wohnort Ammer's. Albrecht Seltner war glücklicherweise daheim. Flora, die in Folge der gewaltigen Schicksalsschläge viel gelitten hatte und seitdem fortwährend kränkelte, bestürmte den Arzt mit Fragen, die sich alle auf das Befinden der Eltern, namentlich des Vaters bezogen. Walter gab beruhigende Antworten und ließ sogleich die Bemerkung mit einfließen, daß sein diesmaliges Erscheinen eng mit der Lage der ganzen Familie zusammenhänge und daß, seiner Meinung nach, an die nächsten Schritte und Vorkehrungen sich höchst wahrscheinlich die ganze Zukunft der Ammer knüpfen werde. Weitere in möglichster Ruhe vorgetragene Eröffnungen unterrichteten Albrecht und Flora hinlänglich, um ihnen Terrain zu einer gesicherten Operationsbasis zu geben. Flora ward erschüttert, gerührt. Ich ahnte es immer, bester Albrecht, sagte sie, die Hände über ihrem Busen faltend. Du weißt, daß ich abrieth, daß ich dich und die Mutter zu Vertrauten machte lange zuvor, ehe der Bruder die Reise nach der neuen Welt antrat. Aber ihr redetet immer zum Besten; ihr wolltet nicht unwürdigen Verdacht hegen gegen den Mann, der, wie ihr meintet, der eigentliche Gründer unseres gemeinschaftlichen Glückes sein sollte. Leider war dein Blick klarer, als der unsrige, sagte Albrecht. Das kam daher, daß du mit dem Herzen, wir nur mit dem Verstande den Herrnhuter beurtheilten. Uebrigens vermag ich noch jetzt allerhand Zweifel nicht ganz zu unterdrücken; denn ich kann die wahre Veranlassung seines verstockten, feindseligen Verfahrens nicht entdecken. Der Vater weiß sie gewiß, meinte Flora. Darum verliert nur ja keine Zeit, sondern handelt rasch und vorsichtig. – Wenige Stunden später fuhr der bekannte Planwagen Ammer's, den Seltner wieder neu hatte ausbessern lassen, über den Markt der Stadt und hielt vor dem Hause des Kaufmannes Mirus. Albrecht und Walter stiegen mit schweren Herzen ab. Der Hausknecht lehnte 645 am Fenster der Flur und verzehrte mit gesundem Appetit sein Vesperbrod. Als er den Fabrikanten gewahrte, rückte er sein Lederkäppchen und machte Anstalt, ihm entgegen zu gehen, um, wie dies gewöhnlich sein Geschäft war, die im Wagen befindlichen Waaren in Empfang zu nehmen und auf's Lager zu tragen. Albrecht Seltner erwiderte kurz den Gruß des nicht eben übertrieben höflichen Menschen, indem er sogleich resignirt die Frage hinwarf: Herr Mirus ist wohl verreist? Gewesen, versetzte trocken der Knecht. Heute Morgen ist Herr Mirus wieder zu Lande. Auch Besuch hat er sich mitgebracht, und zwar einen ganz merkwürdigen. Seltner überhörte die letzten Worte und fragte, ob der Kaufmann zu sprechen sei? Er habe Eile und müsse sogleich mit demselben reden. Verboten hat mir's der Herr nicht, Jemand, der nach ihm fragt, zu ihm zu lassen. Wenn Sie also Geschäfte mit Herrn Mirus haben, so verfügen Sie sich nur hinauf in seine Stube. Mirus war nicht allein. Auf dem Sopha oder Kanapee, wie man dies altväterische und bereits sehr abgenutzte Möbel richtiger nannte, saß ein großer hagerer Mann, dessen Antlitz dem am Fenster stehenden Kaufmanne zugekehrt war, als Seltner in Begleitung Walter's eintrat. Das Geräusch der wieder in's Schloß fallenden Thür veranlaßte den Sitzenden sich umzukehren, und mit unheimlichem Erstaunen blickte Seltner in die harten, tiefgefurchten Züge des einäugigen Advocaten. Walter, der diese Persönlichkeit nicht kannte, fragte seinen Begleiter, dessen Unruhe er bemerkte, leise, wer der Einäugige sei, erhielt jedoch keine Antwort, da Mirus, die Eintretenden erkennend, ungewöhnlich freundlich ihnen entgegenging und Beiden die Hand reichte. Bringen Sie mir schon die neuen Tischzeuge? sagte Mirus zu Seltner. Da haben Sie tüchtig arbeiten lassen. Ich erwartete Sie vierzehn Tage später. So lange werden Sie sich wohl auch gedulden müssen, Herr Mirus, erwiderte Seltner. Heute komme ich ohne Waaren, aber dennoch in Geschäften und zwar in sehr dringenden. Ich weiß nicht, ob es erlaubt ist, in Beisein eines Dritten über eine Angelegenheit zu sprechen, die meine Familie betrifft? 646 Herr, ich muß Ihr sagen, fiel Mirus hier ein, der Mann, den ich gegenwärtig in meinem Haus beherberge, ist Ihnen, denk' ich, wohl bekannt. Advocat Block hat seiner Zeit Ihrem Herrn Schwiegervater redlich gedient, aber wenig Dank dafür gehabt. Jetzt ist er zur Stelle und es wäre wohl möglich, daß er noch einmal mit seinen Kenntnissen einem alten Bekannten einen Dienst erweisen könnte. Kommen Sie also, was ich stark vermuthe, schon aus Ihrer Begleitung, im Auftrage meines sehr ehrenwerthen Geschäftsfreundes, so dürfen Sie ohne Umschweif reden. Sie sehen hier nur Freunde, nicht Gegner Ihrer Familie. Nicht jedem Andern würde Seltner auf diese einfache Zusage hin unbedingtes Vertrauen geschenkt haben, allein Mirus war eine so durch und durch redliche, so ohne allen Makel dastehende Persönlichkeit, daß ein Wort von ihm mehr galt, als die Unterschrift manches Andern. Seltner glaubte daher nicht bloß, einen Freund Ammer's vor sich zu sehen, er wußte in diesem Augenblicke bereits, daß sowohl der Kaufmann wie der Advocat der Familie gewonnen waren, die vor gänzlichem Ruin zu retten und vor den Verfolgungen versteckter Gegner fernerhin zu schützen, er selbst gekommen. Wenn dies der Fall ist, sagte er, so gehen unsere Wege allerdings zusammen. Ja, Herr Mirus, fuhr er fort, wir Beide sind im Begriff, nach Freunden auszuspähen, da mein Schwiegervater Nachrichten von größter Wichtigkeit erhalten hat. Zeigen Sie dem Herrn das Schreiben des Grafen, sprach er, zu Walter gewandt; es wird Ihnen, Herr Mirus, mehr Aufschluß geben, als eine lange, mündliche Auseinandersetzung, in der manches Wesentliche vergessen werden könnte. Walter überreichte dem Kaufmann Graf Alban's Brief. Mirus trat wieder an's Fenster, denn es dämmerte bereits, die Freunde aber nahmen dem Advocaten gegenüber Platz, der bis jetzt noch kein Wort gesprochen hatte. Er fixirte Beide nur scharf mit seinem einen stechenden Auge, und sah überdies aus wie ein Mensch, der von Nichts weder angenehm noch unangenehm erregt werden kann. Mirus nahm während der Lectüre des Briefes mehrmals eine Prise aus seiner goldenen Dose, die er stets mit sich führte. Endlich schlug er das umfangreiche Schreiben zusammen und gab es Walter wieder zurück. 647 Herr, ich muß Ihr sagen, sprach er, den Deckel seiner Dose auf- und zuklappend, es harmonirt dies sehr genau mit meinen eigenen Erkundigungen. Ich denke deßhalb, es wird nunmehr Zeit sein, gemeinsam zu handeln, damit Unschuldige nicht in Elend gerathen und weniger Strafbare doch mit milder Buße davon kommen. Mein Herr Advocat und lieber Freund, fuhr Mirus fort, sich jetzt ausschließlich an Block wendend, wir haben in früheren Jahren uns gehaßt, weil ein Dritter sich zwischen uns schob und wir uns demnach gegenseitig verkennen mußten. Wie leicht es ist, den ehrlichsten Mann zu verdächtigen, wie ein Windhauch ein zur Unzeit verwehtes Papier, ein durch Zufall abgedrehter Knopf auf das Haupt auch eines Ehrenmannes schmählichen Verdacht ohne jeglichen Grund häufen kann, davon wissen Sie mehr als wir Andern zu erzählen. Allein der Gerechte hat niemals Ursache sich zu fürchten. Das haben Sie ebenfalls erfahren. Und hätte Sie damals nicht die schwere Prüfung getroffen, wer weiß, ob Sie nicht heute noch mein feindseligster Gegner und der eifrigste Anwalt eines Mannes wären, der aus persönlicher Rache und kleinlichem Haß so großes Unglück über so Viele gebracht hat. Ich bin also der Meinung, daß selbst ungerechte Prüfungen in unsern Augen nothwendig sind zur Durchführung göttlicher wie menschlicher Gerechtigkeit auf Erden. Ich könnte ordentlich vergnügt sein und gegen meine Lebensordnung verstoßen, weil ich gewahr werde, daß sich jetzt Alles vereinigt, um einen Bösewicht am Kragen zu packen. Herr, ich muß Ihr sagen, der Tag, wo der Wimmer baumelt, wird für mich ein Festtag sein. Block lächelte spöttisch. Er baumelt nicht, Herr Mirus, sagte er trocken. Die Verbrechen dieses Schlaukopfes können durch weltliche Gerichte nicht bestraft werden. Wissen Sie das so gewiß, Herr Advocat? So gewiß, mein Herr Mirus, daß ich keine Feder ansetzen würde, um gegen den Herrnhuter zu processiren. Was ich Ihnen schon früher gesagt habe, wiederhole ich jetzt. Ist es Ihr Wunsch und Wille, den Mann, der Ihrem Freunde und dessen ganzer Familie unter der Maske treuester, hingebendster Freundschaft so unglaublich viel Böses zugefügt hat, zu strafen, so können Sie nur sogenannte moralische Mittel gegen ihn anwenden. Mein unmaßgeblicher Rath wäre: zwicken 648 Sie sein Gewissen! Man sagt, Gewissensbisse seien schmerzhafter als jede körperliche Tortur. Die Tortur ist schon längst in civilisirten Staaten abgeschafft, ich wüßte mich aber nicht zu erinnern, daß unsere humane Gesetzgebung es verbiete, Jemand, den man haßt, den man strafen und vernichten will, durch geistige Martern langsam zu Tode zu quälen. Ich glaube also, es ist dies, weil eben nicht verboten, gesetzlich erlaubt, und da es nur auf die Methode ankommt, die man dazu wählen will, so ist man auch nicht verhindert, eine scheinbar humane der inhumanen vorzuziehen. Haben Sie nicht gehört, meine Herren, daß schon Menschen zu Tode gestreichelt worden sind? Herr Wimmer ist ein sanfter Mann gewesen sein ganzes Leben lang, was also hindert Sie, Sanftmuth mit Sanftmuth zu vergelten, und den ewig Bruderliebe Lächelnden ganz sanft, aber ohne Unterbrechung zu streicheln, bis er lachend die Seele aushaucht? Block lachte ebenfalls, während er sein einziges Auge fragend von Einem auf den Andern gleiten ließ. Herr, ich muß Ihr sagen, versetzte Mirus, obwohl ich mich zum Christenthum bekenne, möchte ich einen Feind doch nicht mit sammetnen Handschuhen an der Gurgel packen. Aber lassen wir das vorerst. Mir will es wichtiger scheinen, zu hören, was uns die Herren da mitzutheilen oder vorzuschlagen haben. Walter ergriff jetzt das Wort und trug Ammer's Bitte in Bezug auf Fürchtegott vor. Recht, sagte Block. Das ist ein Geschäft für unsern Freund, welches er vortrefflich versteht. Wollen Sie Ihren Liebling, den Wimmer, nicht todt streicheln, was mir ziemlich einerlei ist, so gehen Sie vorläufig dem Stadtrichter um den Bart, damit er Ihnen erlaubt, in das Gesicht des armen übertölpelten Jungen zu sehen. Seltner verdroß zwar diese wegwerfende Manier des Advocaten, über einen in mancherlei Fährnissen geprüften Mann zu sprechen, er hielt aber an sich, um den, je nach Umständen sehr brauchbaren Mann nicht zu erzürnen. Ohnehin kannte er ja die Redeweise des Rechtsgelehrten von früherher und wußte, daß er Niemand ungeneckt lassen konnte, selbst wenn er es gut meinte. Während Mirus unentschlossen im Zimmer auf- und abschritt und dabei häufig eine Prise nahm, sprach der Advocat zu Seltner: 649 Wie geht's Eurem Papa, junger Mann? Und was macht die kleine Frau? Ich mochte sie verteufelt gern leiden in ihren Klötzelpantoffeln, und hätt' ich mich nicht geschämt, ihre Patschhand in's Gesicht zu kriegen, wär' ich dreist genug gewesen, ihr einmal in Euerm Beisein die frischen Lippen zu küssen. O, es gab 'mal eine Zeit, wo ich Glück hatte bei den Weibern. Das ist aber lange her, und später rissen sie aus vor mir, als hätte mich der Gottseibeiuns zu seinem Schleppenträger ernannt. – Na, also wie geht's der Frau Liebsten? Seltner antwortete ruhig, aber kühl. Block lachte und kniff sein Auge zu. Dummer Kerl! sprach er. Nimmt mir einen schlechten Witz richtig übel. Bitte demüthigst um Vergebung! Er nahm seine hohe Sammetmütze ab und verbeugte sich tief vor dem Fabrikanten. Wißt Ihr, daß Ihr der Klügste von Allen gewesen seid? fuhr er dann fort. Euch kann der Teufel und seine Großmutter nichts anhaben, wenn auch ganz Weltenburg in den Schooß der Erde oder, was ganz dasselbe ist, in den Magen heißhungriger Gläubiger hinabsinkt. Von Euch allein können die Ammer gerettet werden. Jetzt trat Mirus zu Block. Herr Advocat, sagte er, ich hab' mir die Sache reiflich überlegt, und ich denk', so wird es gehen. Wimmer ist zwar sehr schlau, aber stärker noch als seine Schlauheit ist die Lust in ihm, sich an dem Kummer des Gestürzten zu weiden. Wie wär's, wenn wir ihn einlüden, ihm was vorspiegelten, damit er sich stehenden Fußes aufmachte und hieher käme? Dann machten Sie einen sanften Versuch mit Ihrer Streichelmethode und streichelten ihn vollends nach Weltenburg. Meinen Sie? erwiderte Block. Ich werd' es aber schwerlich thun. Meine Liebhaberei war es nie, für Andere die Kastanien aus dem Feuer zu holen. Man verbrennt sich oft genug die Pfoten auch ohne das. Herr, ich muß Ihr sagen, fiel Mirus ein, als ich vor so und so vielen Jahren Ihnen die Riegel des Gefängnisses öffnete, dachte ich nicht so. Das war Ihre Sache, mein Herr Mirus. Es muß Jeder wissen, was er thut, und ich, ich kenne die Rechte! 650 Eben deßhalb kommt es Ihnen zu, energischer anzutreten, als wir Laien. Im Gegentheil, sagte Block. Ich habe noch lange Zeit. Erst rührt ihr den Brei ein, und wenn er fertig ist, und so dick gerathen, daß ihr dran kleben bleibt, wie die Fliegen auf Leimruthen, schneid' ich euch mit dem Messer des heiligen Tertullian und Vulpian wieder los. Herr, ich muß Ihr sagen, fuhr Mirus auf, das ist ganz und gar nicht freundschaftlich von Ihnen, das nenn' ich niederträchtig undankbar handeln! Nur nicht hitzig, lieber Freund und Retter! sagte Block. Ich finde vielmehr, es liegt eine bodenlose Dankbarkeit meinem Verfahren zu Grunde. Oder ist's etwa nicht christlich, einen Freund aus einer bedenklichen Lage zu befreien? Und ist's nicht doppelt verdienstlich, wenn es auf eine Weise geschieht, an der man als Rechtsgelehrter seine Freude hat? Man will doch auch einen Spaß bei der Teufelei haben. Sie sind ein wahrer – Freund, mein Herr Mirus, fiel der Advocat ein. Und der war ich im Grunde immer, auch wenn es bisweilen nicht den Anschein hatte. Wären Sie z. B. damals Herr auf Weltenburg geworden, als ich es für den Herrnhuter erstand, so würde Wimmer nicht eher geruht haben, bis er Sie unter den Füßen gehabt und Sie wie einen Igel hätte herumkollern können. Mirus spielte mit seiner Dose und wendete sich zu Seltner und Walter. Wann möchten Sie den jungen Ammer sprechen? fragte er. Uns ist jede Stunde recht, erwiderte Walter. Zeit dürfen wir wohl schon deßhalb nicht verlieren, damit Wimmer uns nicht zuvorkommt. Geschieht nicht, warf Block ein. Leute, die sich sicher fühlen, nehmen sich Zeit und sind immer dumm. Wimmer aber ist sicher. Also heute Abend um sieben Uhr, sprach Mirus, noch eine starke Prise nehmend und die bis dahin nicht aus seiner Hand gekommene Dose einsteckend. Um sieben Uhr pünktlich wollen Sie wieder hier sein. Ich gehe, um die Erlaubniß zu erwirken, den Gefangenen 651 sprechen zu dürfen. Geben Sie mir die Briefe. Damit die Zeit Ihnen nicht lang werden möge, rathe ich, gehen Sie auf den Rathskeller. Dort finden Sie Zeitungen, wenn auch keine Menschen. Der Herr Advocat begleitet Sie wohl. Nein, sagte Block trocken. Ich bleibe hier sitzen und zähle die Fliegen, die dort auf Euerm verpfuschten Portrait herumspazieren und Eure Nase beschnüffeln. Wenn's dunkel wird, gehe ich aus. Ich hab' einen Besuch zu machen. Mein ehemaliger Wirth, der sanftmüthige Candidat Still, freut sich gewiß, wenn er mich wiedersieht, und Frau Sempiterna, seine ehrbare Ehewirthin, gibt mir wahrscheinlich Gelegenheit, sie in diese meine Arme zu fassen, denn ich weiß genau, sie erschrickt sich beim Anblick dieses liebevollen Gesichtchens. Dies wird denn für mich ein hohes Gaudium sein. So sind die Rollen für uns Alle schicklich vertheilt. Spielt nun Jeder mit Liebe und Talent, so kommt 'was Tüchtiges dabei zu Stande. Also, Adieu auf Wiedersehn! Mirus verabschiedete sich von seinem Gaste und verließ zugleich mit Seltner und Doctor Walter sein Haus. Herr, ich muß Ihr sagen, sprach er, Beiden die Hand schüttelnd, es ist ein seltsam gearteter Gesell, dieser Advocat; dennoch sitzt ein tüchtiges Stück Ehrlichkeit in seinem versteinerten Herzen. Es macht ihm Spaß, sich recht teuflisch zu stellen, und doch hilft er zuweilen, wo jede Hilfe schon verloren schien. Unser Herrgott hat wunderliche Kostgänger. So schieden die Freunde, der Kaufmann, um sein gegebenes Versprechen zu lösen, Seltner und Walter, um in traulichem Zwiegespräch ihr nächstes Handeln zu berathen. 652 Sechstes Kapitel. Im Kerker. An den weiß getünchten Wänden des kleinen Zimmers malte das herabgebrannte, nur von Zeit zu Zeit hell aufflackernde Licht phantastische Schatten. Draußen heulte der Wind um die Schornsteine und jagte schrillend die Wetterfahne auf ihren verrosteten Spillen hin und her. Auf ärmlichem Lager lag schwer athmend ein junger Mann. Er schlief, aber bange, schwere Träume mußten ihn quälen, denn auf der bleichen Stirn, über welcher die braunen Locken seines reichen Haares unordentlich herabhingen, perlten dicke Schweißtropfen. Obwohl es nicht sehr warm im Zimmer war, schien der Schlummernde doch an Hitze zu leiden. Er hatte sich die Kleider auf der Brust gelöst und drückte die festgeballte Rechte im Schlafe gegen das Herz, während seine Linke schlaff herabhing und fast die Diele berührte. Wir befinden uns in Fürchtegott's Kerker. Der junge Kaufmann, welchen im Augenblicke stolzer Siegesgewißheit das gebieterische Wort des Mannes, dem er ein Lebehoch ausbrachte, gleichsam aus allen Himmeln herabstürzte, hatte seit jener Stunde Niemand von seiner Familie mehr gesehen. Als er die erste Ueberraschung dieses plötzlichen und schrecklichen Glückwechsels überwunden, wollte er sein Heil durch Bestechung versuchen. Er versprach dem Aufseher, gegen dessen Betragen er sich übrigens in keiner Weise beschweren konnte, eine ansehnliche Summe, wenn er ihm erlauben wolle, ein paar Briefe zu schreiben und diese pünktlich an ihre Adresse zu befördern. Diesem Antrage, den Fürchtegott am ersten Tage seiner Haft zweimal wiederholte, antwortete jedoch nur ein ablehnendes Achselzucken. Obwohl diese Pflichttreue den leidenschaftlichen und in Folge der langen, geistigen Aufregung nervös höchst reizbar gewordenen jungen Mann empörte, mußte er sich doch entweder gelassen in das 653 Unabwendbare fügen oder sich zu andern Schritten entschließen. Zum Bitten war Fürchtegott zu stolz; es würde ihm schwer geworden sein, gegen einen ihm völlig Gleichstehenden eine ernsthafte Bitte auszusprechen, wie vielmehr gegen ein Individuum, dem er in seinem ungemessenen Dünkel kaum gleiche Menschenrechte mit sich selbst zuerkannte. Er hüllte sich deßhalb in Schweigen und hoffte auf Nachricht, entweder von seinem Bruder, seinem Schwager, oder sonst irgend jemand Anderm; denn er war fest überzeugt, daß seine Haft nur von kurzer Dauer sein könne und daß Graf Alban, mit dem er ja Alles schon früher durchgesprochen hatte, die vielleicht nur aus kaufmännischer Vorsorge ergriffenen Maßregeln durch seinen Einfluß und seine Fürsprache wieder rückgängig machen werde. Als nun aber Tag nach Tag verging, als eine ganze Woche sich zu Ende neigte, ohne daß er die geringste Kunde von den Seinen erhielt, ja, als man ihn wiederholt mit Verhören zu peinigen begann, in denen er allerdings ein hartnäckiges Schweigen und Leugnen sich zur Maxime machte, da begann er das Aergste zu fürchten. Seine Zuversicht schwand, sein Muth brach. Er fing an, sich unwohl zu fühlen, obwohl er nicht eigentlich kränkelte. Der Mangel an Beschäftigung, die Sorge um den zeitlichen Besitz, an dem jetzt, wo er mehr denn je gefährdet, ja vielleicht sogar schon verloren war, seine ganze Seele hing, versetzte ihn in fieberhafte Aufregung. Die Einsamkeit des Kerkers war für den an abwechselnden Lebensgenuß Gewöhnten eine unsagbare Pein. Mit wenigen Schritten durchmaß er das kleine Gemach, das freilich nicht comfortable eingerichtet war, als Gefängniß aber doch immer noch anständig genannt werden konnte. Er hätte schreien, toben, mit den Fäusten gegen die Thür donnern mögen, um die innere Unruhe zu beschwichtigen, die ihn aufrieb. Allein sein Verstand sagte ihm doch, daß er dadurch seine Lage nur verschlimmern werde. Erschien nun der bedauernswerthe Gefangene äußerlich auch ruhig, die Gluth des verheimlichten Grimmes fraß unter sich, steigerte seine Reizbarkeit und magerte ihn sichtlich ab. Ohne krank zu sein, fieberte Fürchtegott immer. Am quälendsten aber war für ihn die Nacht, oder wenn der Schlaf den müden Körper überfiel, was nicht gar selten auch am hellen Tage geschah. 654 Den Aufseher dauerte dieser in der That bedenkliche Zustand des jungen Gefangenen, weßhalb er auf eigene Veranlassung hin ihm eine Erleichterung zu verschaffen bemüht war. Mit freudiger Miene sagte er ihm eines Tages, daß er gern an Jedermann schreiben dürfe, nur müßten diese Briefe unversiegelt der Behörde zur Weiterbeförderung übergeben werden. Ich will sterben, nicht schreiben, versetzte Fürchtegott auf diesen Vorschlag, kehrte dem Gefängnißwärter den Rücken und würdigte diesen seitdem keines Blickes mehr. Selbst die kurzen Nachrichten, die der mitleidige Mann bisweilen wie im Selbstgespräch seinem Gefangenen von den Personen gab, die ihm theuer und werth sein mußten, beachtete Fürchtegott nicht. Er schwieg trotzig, genoß wenig und verfiel immer mehr. In dieser schweren Bekümmerniß gewährte nur die wiederholte Lectüre jener Tagebuchblätter, die zuerst seine Sehnsucht nach Erdmuthe zur heißen Flamme angefacht hatten, dem Gefangenen einige Zerstreuung. Diese Aufzeichnungen der ehemaligen Missionärin, in denen sich ihr kindlich reines Herz, ihr edles Wollen so ungekünstelt und wahr kund gab, trug Fürchtegott immer bei sich. Sie waren ihm früher ein Talisman gewesen, der ihn vor jeglichem Unfall behütet, ihn glücklich in die Wildniß geführt und zum ersehnten Ziele hingeleitet hatte. Mit einem gewissen Aberglauben klammerte sich auch noch der verwegen handelnde Weltmann, der von der Lust am Irdischen umstrickt war, an ihn. Konnte er auch nicht sagen, daß Erdmuthe seinen Wünschen gänzlich genüge, daß er sie noch eben so leidenschaftlich liebe, als früher, es hielt ihn doch immer eine gewisse heilige Scheu ab, irgend etwas, das von ihr kam, das sie berührt, besessen hatte, mit Unachtsamkeit oder geringschätzig zu behandeln. Lange Zeit hatten Erdmuthe's Tagebuchblätter unbeachtet auf Fürchtegott's Brust geruht. Die trüben Lebenswirren, die sich auf seinem Wege häuften, ließen ihm keine Zeit übrig, an diese Seufzer einer wahrhaft christlichen Seele zu denken. Sie wurden vergessen, wie so Vieles, und hätte der Zufall sie seinem Eigenthümer entführt, würde dieser Verlust schwerlich so bald von ihm bemerkt worden sein. Erst jetzt fielen sie dem Einsamen wieder in die Hände. Mehr um die Zeit zu tödten, als weil sein Herz ihn dazu trieb, durchblätterte 655 Fürchtegott das zierliche Büchlein. Bald aber fesselten ihn Gedanken und Ausdruck. Das war die Stimme eines von ihm selbst himmelweit verschiedenen Wesens. Welche unendliche Liebe, welche Dankbarkeit, welche Ergebenheit blickte ihn wie mit verklärten Engelsaugen aus jedem Worte an! So konnte nur ein mit Gott völlig versöhntes, ein gleichsam in Gott lebendes Gemüth schreiben. Fürchtegott las und las wieder, und je mehr er sich in Erdmuthe's Herzens- und Seelenergüsse vertiefte, desto schmerzlicher empfand er den Abstand zwischen sich und ihr. Diese Wahrnehmung gab dem Verlassenen viel zu denken. Sie machte ihn unglücklich, und doch war es ihm nicht möglich, seine Gedanken einem andern Gegenstande zuzukehren. Er las und las, bis er die Worte auswendig wußte. Eine Sehnsucht nach Erdmuthe, wie er sie nie gefühlt, seit er sie sein nannte, erfüllte jetzt wie ein Heimwehschmerz seine Seele. Was hätte der Aermste geopfert, wäre es ihm vergönnt gewesen, sie zu sich zu rufen! In der Einsamkeit des Kerkers, dünkte ihn, müßte er an Erdmuthe's Busen alle Schmerzen der Erde, allen Druck, alles Elend der Welt vergessen. Und dieses große Herz, sprach Fürchtegott zu sich selbst, habe ich achtlos von mir gestoßen! Und dennoch, dennoch kam nie ein Wort der Klage, des Vorwurfes über ihre Lippen! Wahrhaftig, sie ist eine Heilige, wie Vater sie nennt! O, und ich, ich bin ein Undankbarer, ein Frevler vor Gott und der Liebe, die uns bessern, heiligen soll! Seitdem kam eine mildere Stimmung über den Gefangenen, aber der Friede der Seele floh ihn fortwährend. Die Qual seiner Nächte rieb ihn mehr auf, als die Sorge um das Zeitliche, die Sehnsucht nach Erdmuthe und die Vorwürfe, welche sein Gewissen ihm machte. So oft er die Augen schloß, sah er das bleiche, vorwurfsvolle Antlitz seines greisen Vaters, wie es in ewiger Bewegung ihm zugekehrt blieb. Selbst das Gebet, zu dem Fürchtegott bisweilen seine Zuflucht nahm, befreite ihn nicht von diesem unangreifbaren Feinde seiner Nächte. Auch jetzt blickte er ihn wieder an, unverwandt, und sein Herz zog sich krampfhaft zusammen, als ruhe der Blick Gorgo's auf dem Träumenden. Der kalte Schweiß rieselte über seine zermarterten Züge, die herabhängende Hand hob sich abwehrend gegen das quälende 656 Gespenst; er röchelte, stöhnte, schrie endlich laut auf, Erdmuthe's Namen nennend, und erwachte. O Gott! sprach er, tief aufathmend und sich emporrichtend auf seinem Lager. Immer derselbe Traum. Er ist ein Theil meines Selbst geworden, er nistet in meinem Gehirn, und nichts, nichts kann ihn mehr vertreiben. Könnte ich mir doch nur den grollenden Vater versöhnen! Sein müdes, in Schweiß gebadetes Haupt auf beide Hände stützend, blieb Fürchtegott sitzen. Er dachte nicht eigentlich, er ließ seine Gedanken schwärmen. Dies zerstreute und beruhigte ihn einigermaßen. Bald durchwanderte er die Urwälder der Tropen, bald stand er auf hohem Top und blickte über die unermeßliche Meeresfläche, deren alleinige Grenze das blaue Himmelsgewölbe war. Dann sah er sich wieder als Jüngling, die Karre schiebend oder Garn scheerend, während der rüstige Vater freundliche Worte mit ihm wechselte. Wie lange er so dem Spiel seiner Gedanken gelauscht haben mochte, wußte Fürchtegott nicht. Ein Geräusch vor der Thür störte es und machte ihn aufhorchen. War das nicht Walter's Stimme? fragte er sich. Ich kenne sie unter Tausenden. Walter, ach Walter! rief er laut aus, könntest du mir doch Trost und Rettung bringen, wie du mir Freund und Führer warst durch die Wälder Surinam's! Ich kann es, mein armer, lieber Freund! antwortete Walter, der jetzt zugleich mit Seltner und Mirus in das Gemach des Gefangenen trat. Ja, du schwer Geprüfter, ich bringe Trost und hoffentlich auch Rettung. Noch hat uns Gott nicht ganz verlassen. Freundestreue, uneigennützige Freunde haben sich um uns geschaart, und ihren vereinten Bemühungen wird es gelingen, die scheinbar so verwickelten Angelegenheiten deiner Familie zu entwirren und hoffentlich auch wieder zu ordnen. Du sollst deinen Vater wiedersehen, er hat nach dir verlangt. Schon morgen wird es dir gestattet sein, gegen Ehrenwort diesen Kerker zu verlassen. Das Alles verdanken wir Herrn Mirus, der sich unser Aller eifrigst angenommen hat. Mirus? sagte Fürchtegott mit verdüstertem Auge, indem er Walter und seinem Schwager Seltner beide Hände reichte. Ich hielt Herrn 657 Mirus für einen meiner Gegner, denn er war es, der den Vater durch seine Mittheilungen zuerst gegen uns aufbrachte. Herr, ich muß Ihr sagen, fiel der alte, gewiegte Großhändler ein, Sie haben sich als ein junger Mann von sehr schweren Begriffen gezeigt. Meine wohlgemeinten Verwarnungen schlugen Sie eigensinnig in den Wind, und zweimal warnen ist nicht meine Manier. Bildete mir stets ein, etwas zu verstehen vom Handel; war nie leichtfertig in meinen Unternehmungen, speculirte jederzeit mit Verstand. Nur einmal habe ich mich verspeculirt. Das war damals, als der Herr Vater mich durch den geistlichen Herrn aus Prag zu sich citiren ließ und ich ihm reinen Wein einschenkte. Glaubte Recht zu thun und bin auch jetzt noch gleicher Meinung, aber die Speculation schlug doch fehl. Herr, ich muß Ihr sagen, wollte die Gebrüder Ammer retten, zur Umkehr bewegen, drängte Sie aber nur vorwärts zum Sturze. War das eine erbärmliche Speculation! Mirus nahm eine Prise und reichte Fürchtegott die Dose. Dieser dankte. Nun, fuhr der Kaufmann fort, da es so schnell zum Brechen kam, war es meine Pflicht, in der Stille mich umzuthun und nachzufragen, durch welchen Wind denn eigentlich das große, schwer beladene Glücksschiff der Ammer gescheitert sei. Wollte mir anfangs scheinen, es säße nur festgekeilt auf spitzem Korallenriff, sah aber bald, daß es stark leck war. Verzweifelte dennoch nicht, sondern setzte meine Nachforschungen fort. Der feindliche Luftzug strich direct herein von Herrnhut. Im Kopfe Wimmer's ward er gebraut, wie ich von jeher vermuthet hatte. Herr, ich muß Ihr sagen, wußte jetzt genug. Kenne den Wimmer, ist ein Schleicher, ein Meineidiger. Kann's und werd's beweisen, und gedenke ich damit dem Friedensstörer den Garaus zu machen. Vor langen Jahren schon sagt' ich's dem Bruder Christlieb, der aber nicht daran glauben wollte, denn die Sonne der Ammer stieg damals grade leuchtend über der Glatze des Herrnhuters herauf. Fürchtegott sah noch immer ungläubig aus, denn wenn er auch eben keine Ursache hatte, freundlich an Wimmer zu denken, so konnte er sich doch eben so wenig von der völligen Uneigennützigkeit des Kaufmannes überzeugen. Es würde mich freuen, erwiderte er, die dargebotene Hand des Handelsherrn kühl mit seinen Fingerspitzen berührend, wenn Sie mir 658 zu beweisen vermöchten, daß Ihre Handlungsweise nicht mit zur Beschleunigung unseres Falles beigetragen hat. Was Herrn Wimmer betrifft, so wird er mir nach beendigter Untersuchung doch wohl gegenüber treten müssen. Dann habe ich auch noch ein Wort mit ihm zu reden. Aber bedenken Sie wohl, Herr Mirus, daß dieser Mann nicht allein steht, daß er weder Gutes noch Schlimmes ohne vorherige Ueberlegung thut, ja, daß er Beides dergestalt zu verschmelzen weiß, daß ihm schwerlich ein wirkliches Vergehen nachgewiesen werden dürfte. Herr, ich muß Ihr sagen, entgegnete Mirus, kenne meine Leute, und kannte den Wimmer noch ehe er fromm ward. Ist durch mich zu etwas gekommen, hat's mir aber schlecht gedankt. Und weil ich jetzt Gelegenheit finde, es ihm wieder zu bezahlen, will ich der frommen Bestie an's Fell. Soll mich herzinnig freuen, wenn sie recht lustig zappelt. Fürchtegott forschte weiter, allein Mirus verweigerte jede fernere Auslassung. Wollen ihn erst haben, zwischen zwei Feuern haben, und dann reell mit ihm tractiren, sagte er. Soll auch ganz frei ausgehen, nur den ehrlichen Namen will ich ihm zuvor abnehmen und lachend in meine Tasche stecken. Ist ein sehr probates Mittel, böse Herzen zahm zu machen. Fürchtegott erkundigte sich nun mit einiger Befangenheit nach seinen Eltern und Geschwistern, fragte Walter fast heimlich, wie Erdmuthe sich befinde, wie sie wohl gegen ihn gesinnt sei, und erhielt ziemlich beruhigende Antworten. Vergiß jetzt das Vergangene, sagte Walter, und richte dein ganzes Augenmerk nur auf das Kommende. Es ist ein Sturm durch unser Aller Leben gebraust, der schwere Verheerungen angerichtet hat. Noch müssen wir manches nachfolgenden Windstoßes gewärtig sein, allein trotz dem Allem haben wir doch nicht Veranlassung, zu verzweifeln. Geprüft, geläutert, weiser und vorsichtiger wirst du aus dieser Krisis hervorgehen und wenn auch weniger reich an vergänglichen Gütern, doch im sichern Besitze unvergänglicher dich glücklicher fühlen, als früher. So hoffe und vertraue der Treue deiner Freunde! Albrecht Seltner sprach in ähnlichem Sinne. Er erzählte Fürchtegott von Flora, theilte ihm mit, daß des Vaters altes Geschäft bisher noch durchaus keine Nachwehen von den Erschütterungen fühle, die 659 vielleicht mit dem Verlust Weltenburg's endigen dürften, und trug durch diese Versicherung wesentlich bei zur Beruhigung des geistig und körperlich sehr angegriffenen Schwagers. Mirus versprach, am andern Tage noch vor Mittag wieder zu kommen, um den Gefangenen der Freiheit zurück zu geben. Herr, ich muß Ihr sagen, fügte er beim Abschiede noch hinzu, die Luft wird Ihnen wunderbar wohl thun, und werden Sie große Augen machen, wenn Sie meine Wohnung betreten. Ist tüchtiger Succurs eingetroffen, damit auch der Schlaueste keinen Spalt zum Entschlüpfen benutzen kann. Gute Nacht! Fürchtegott war wieder allein. Das Gehörte beunruhigte ihn bald, bald fühlte er sich dadurch gehoben. Schon daß er den Vater wiedersehen sollte, war ihm ein Zeichen von dessen versöhnlicher Gesinnung. Nur wie Mirus darthun wollte, daß Wimmer sich mit so schwerer Schuld belastet habe, wie er sagte, konnte er nicht begreifen. Gutes wünschte er dem Herrnhuter nicht, im Gegentheil, er würde es gern gesehen haben, hätte auch ihn ein düsteres Schicksal ereilt. Denn er war längst überzeugt, daß Wimmer absichtlich seinen Sturz vorbereitet habe, wenn er auch die Motive dieses verwerflichen Verfahrens nicht zu errathen vermochte. Um seine Aufregung zu beschwichtigen, griff er abermals nach Erdmuthe's Tagebuchblättern. Sein Herz klopfte stärker als gewöhnlich, es flirrte ihm vor den Augen. Morgen, morgen soll ich sie wiedersehen! sprach er leise zu sich selbst. Wie sehr ich mich sehne nach ihrem Anblick, so bangt mir doch auch davor. – Wie wird sie mich wohl empfangen? – Ob sie mich wirklich noch liebt, mich, der ich ihr gegenüber doch als Verbrecher dastehe. Fürchtegott saß lange vor dem Tagebuche. Er war zu aufgeregt, um schlafen zu können. Auch fürchtete er die quälerischen Träume, die mit dem Niedersinken der Wimpern alpähnlich auf seine Seele fielen. So wachte er bis nach Mitternacht. Dann übermannte ihn der Schlaf, am Tische sitzend. Das helle Schmettern eines Posthorns erweckte ihn wieder. Er vernahm das rasche Rollen eines Wagens auf der stillen Straße. Eine halbe Stunde verging und das Posthorn ließ sich abermals vernehmen. Aus dem fernen Gerassel entnahm 660 er, daß der vorhin angekommene Wagen weiter fahre. Zu so später Nachtstunde trafen damals keine regelmäßige Posten ein; es konnte also nur eine Extrapost, vielleicht ein Courier sein. Der muß sehr eilig haben, dachte er, daß er bei diesem unangenehm stürmischen Herbstwetter des Nachts in die Gebirge hineinfährt. Fürchtegott fühlte sich sehr erschöpft und seit langen Wochen zum ersten Male verbrachte er den Rest der Nacht in erquickendem, traumlosen Schlummer. Siebentes Kapitel. Nach Weltenburg. Am Frühstückstische des Kaufmanns Mirus ging es ungewöhnlich laut zu. Der alte Herr sah selten so viele Gäste auf einmal bei sich, und ebenfalls gegen seine Gewohnheit ließ er exquisite Speisen und feinen Wein auftragen. Von Letzterem gab es sogar drei Sorten, alten Rüdesheimer, vortrefflichen Burgunder und ächten Malaga. Der lauteste Sprecher an dem Tische des heute so merkwürdig freigebigen Kaufmannes war Advocat Block. Speise und Trank hatte der kenntnißreiche, mit mancherlei diabolischen Eigenschaften ausgerüstete Rechtsgelehrte, wie wir wissen, niemals verschmäht. Die letzten Jahre konnten ihn wohl verdrießlich machen und ihm Veranlassung geben, mehr noch als früher menschliche und göttliche Einrichtungen einer schonungslosen Kritik zu unterwerfen, seinen guten Appetit hatten sie nicht einmal abgestumpft. Er ging deßhalb den übrigen Gästen des Kaufmannes mit gutem Beispiele voran und langte tüchtig zu. Den braungelb schimmernden Rheinwein im schön geschliffenen Pokale erst gegen das Licht haltend, dann mit Kennermiene prüfend und mit einem Anfluge von Andacht langsam schlürfend, sagte er zu Mirus: Für diesen Wein spreche ich Euch von allen kaufmännischen Sünden frei, denn sündhaft seid und bleibt Ihr, mögt Ihr nun kaufen 661 oder verkaufen. Aber solcher Wein wäscht alle Flecken von Eurer Seele ab; und wenn Ihr jetzt stürbet, und St. Petrus sähe nicht recht genau zu bei Eurem Herantritt zur Himmelsthür, so ließ er Euch wahrhaftig, trotz Eurer sehr starken Anlage zur Stößigkeit, als schneeweißes Lämmlein hineinspringen. Auf Euer Wohl, Mirus! Gott erleuchte Euch, daß Ihr in Zukunft immer nur solch ächtes Gewächs führt, und Euern Gästen nicht, wie es bei Euch sonst üblich war, mit dem vermaledeiten vaterländischen Gebräu auf acht Tage die Zunge ruinirt. Wißt Ihr, Mirus, daß Euer schlechter Meißner aus Zitschewich mich auch mit zu Euerm Gegner machte? Block riß sein Auge weit auf, schob die Sammetmütze auf die eine Seite, daß sein merkwürdig spitzer Schädel halb entblößt ward, und sah den Kaufmann mit komischer Ernsthaftigkeit an. Mirus mußte lachen. Es sieht Ihnen ähnlich, versetzte er, obwohl ich der Meinung bin, der saure Wein hätte sich mittelst einiger Goldfüchse bei Ihnen versüßen lassen. Sie waren immer ein Verehrer der gelben Farbe, mein Herr Advocat, was ich Ihnen, so es gewünscht wird, beweisen kann. So? Nun, da laßt doch Euern Beweis hören. Er ist, ich wette, gerade so sauer, wie Euer früheres Lieblingsgetränk. Herr, ich muß Ihr sagen, konnte die Erfahrung zu wiederholten Malen machen, daß hochgelber Wein, wie dieser Rüdesheimer, hochgelbes Gold und ins Gelbliche schimmernde Weibsleute Euer absonderlicher Geschmack waren. Konnten Sie's doch gestern Abend nicht aushalten; um ruhig und süß zu träumen, mußten Sie erst Ihrer früheren Hauswirthin, der schweigsamen und friedfertigen Frau Sempiterna Stillin, in ihr citronenfarbiges Antlitz sehen. Jetzt lachte nicht bloß Mirus, auch die jüngern beiden Männer, Albrecht und Walter, konnten ihre Heiterkeit nicht mehr verbergen. Block aber verzog sein Gesicht zu einer malitiösen Fratze, und indem er dem Kaufmanne die Zähne wies, erwiderte er, sein Auge zukneifend und das Weinglas von Neuem erhebend: Ihr seid ein Satan, Mirus, aber es thut nichts, Euer Rüdesheimer ist doch gut, und deßhalb absolvire ich Euch. Beide stießen miteinander an, denn ungeachtet ihrer sehr verschiedengearteten Charaktere und der früheren Jahre langen Feindschaft hatten 662 sie sich doch geraume Zeit ihrem wahren Wesen nach erkannt, und blieben einander innig zugethan. Nur das Necken konnten sie nicht lassen. Apropos, nahm der Advocat abermals das Wort, habt ihr in vergangener Nacht den Spektakel gehört? So lange ich lebe, ist es nie früher einem Postillon eingefallen, mit solcher Ausdauer das Horn zu blasen und durch seine schauerlichen Töne ehrliche Leute um ihre Nachtruhe zu bringen. Hab's auch vernommen, das Lärmen, erwiderte Mirus. Herr, ich muß Ihr sagen, muß ein Courier gewesen sein, oder ein Kerl, der viel Trinkgelder übrig hat. Kenne unsere Postillone; die blasen nur dann uno tenore , wenn sie ordentlich gespickt werden. Mirus erkundigte sich hierauf mit großer Theilnahme nach dem Candidaten und Frau Sempiterna, und Block, der keinen versteckten Hohn in den Worten des Kaufmanns bemerkte, gab bereitwillig Antwort. Ein sonderbarer Mann, dieser Still, sagte er. Als ich noch meiner Praxis oblag und häufig mit unangenehmen Besuchen lange Unterredungen halten mußte, wich er mir geflissentlich aus, als wäre ich ein gefährlicher Mensch. Nun kann es wohl vorgekommen sein, daß ich ihn bisweilen mit seltsamem Auge angeblickt habe, denn es amüsirte mich, wenn der runde kleine Mann dabei zusammenfuhr, als habe ihn eine giftige Schlange gestochen. Und seine Frau, die an sich auch eine recht brave Creatur ist, wenn man die gewöhnlichen Schwächen aller Weibsleute, die allerdings in ihr sehr ausgebildet sind, abzieht, mochte ich gern ein klein wenig an der Nase herumführen. Das gab denn ein immerwährendes Bangen, Sehnen, Fürchten, Erschrecken. Ich war der schwarze Mann, der Popanz, welcher das ganze Still'sche Haus beherrschte, so daß es meinen Launen sich fügen, nach meiner Pfeife tanzen mußte. Dies Alles nun hat sich seitdem geändert. Die gesprächige Sempiterna ist stiller und fügsamer, der Candidat lauter und widerhaariger geworden. Seht, das freut mich, weil er doch seine Mannheit herauszukehren verstanden hat, aber ich kann's Euch bei Allem, was mir heilig ist, zuschwören, ein hohes Seelengaudium würde es mir doch gewähren, könnte ich beide wunderlichen Leute noch einmal umkrempeln, und zwar so, daß der Candidat wieder unterducken müßte, und die alte Gluckhenne, die freilich keine Küchlein zu hüten hat, abermals den Hahn im Korbe spielte. 663 Rein zu meinem Plaisir wünschte ich mir zur Ausführung dieses ganz leichten Kunststückes Zeit und Gelegenheit. Glaub's, Herr Rechtsanwalt, versetzte Mirus. Ihr Herren von der Juristerei haltet's nicht lange aus, wo die Palme des Friedens und der Oelzweig weht. Darum werdet Ihr auch nicht in den Himmel kommen. Doch, sagte Block, und das noch dazu leichter und sicherer als ihr Jünger Merkurs. Wir disputiren uns hinein, und beweisen dem heiligen Petrus im allerschlimmsten Nothfalle, daß er eigentlich der Cerberus sei, mithin gar nicht vor der Himmelsthüre mit dem Schlüssel spiele, Ihr aber könnt, habt Ihr sehr großes Glück, Euch höchstens hineinschmuggeln. Block kniff sein Auge wieder zu, lachte innerlich vergnügt, und schlürfte mit unbeschreiblichem Behagen den trefflichen Rheinwein des Kaufmannes. Mirus blieb dem Rechtsgelehrten eine passende Antwort nicht schuldig, dieser replicirte in geeigneter Weise, und so spann sich denn das einmal angeschlagene Thema noch einige Zeit in ergötzlicher Weise fort, ohne daß Einer oder der Andere sich durch die allerdings bisweilen etwas spitz ausfallenden Bemerkungen verletzt gefühlt hätte. Albrecht und Walter machten bei diesem Wettstreit der muntern alten Herren die Beobachter, und Walter äußerte später, daß er bedaure, nicht mit dem Zeichnenstift umgehen zu können, weil eine flüchtige, aber wahrheitsgetreue Skizze der beiden in scherzhafter Rede sich Streitenden ein prächtiges Genrebild abgegeben haben müsse. So kam die Zeit heran, welche der Stadtrichter zur Abholung Fürchtegott's aus dem Gefängniß festgesetzt hatte. Mirus drängte zum Aufbruche. Es ward ausgemacht, daß Block und Albrecht im Hause des Kaufmannes verbleiben, dieser aber mit Walter den ihrer Harrenden abholen sollten. Fürchtegott erschien frischer, als ihn die Freunde Abends vorher gefunden hatten, nur zeigte sein ganzes Wesen eine fieberhafte Erregung, die dem Arzte nicht gefiel. Indeß hoffte er auf die Heilkraft der Luft und einen, wie er glaubte, herzlichen Empfang von Seiten des Vaters. Mit vollen, durstigen Zügen sog Fürchtegott die Luft der Freiheit ein, obwohl der Tag neblig und kalt war und wenig Lockendes hatte. Beim Erblicken des Advocaten wechselte er die Farbe, weil er dem 664 ränkevollen Manne nicht recht vertrauen zu können vermeinte. Mirus indeß beruhigte ihn in dieser Beziehung und gab ihm die Versicherung, daß gerade Block ihm und dem Vater mehr als irgend ein Anderer dienen werde bei dem, was er beabsichtige. Nur habe man durchaus keine Zeit mehr zu verlieren, denn es sei unerläßlich, sich vor einer nochmaligen Zusammenkunft mit Wimmer vollkommen und bis in die geringsten Details zu verständigen. Auch Block trieb zur Eile. Gegen seine Gewohnheit sprach er fast gar nicht, so daß, da auch die Uebrigen, jeder für sich, mit ihren Gedanken beschäftigt waren, die Fahrt nach Weltenburg Allen unendlich lange dünkte. In die schweigsame Gesellschaft kam erst wieder ein regeres Leben, als die Mauern des alten Schlosses mit den verlassenen Nebengebäuden über der Thalwand sichtbar wurden. Achtes Kapitel. Ein Abschied für immer. Mit eigenthümlichen Gefühlen sah Fürchtegott den Wagen in's Flußthal hinabrollen, das er vor einigen Monaten in tiefer Nacht, aber von dem farbigen Glanz bengalischer Flammen übergossen, als Gefangener halb ohnmächtig verlassen hatte. Wie trostlos, öde, kalt und traurig lagen jetzt die Werkstätten des Fleißes da, auf welche er ein so schönes Zukunftsbild sich erbaut. Ein lachender Dämon ließ ihn erreichen, was er als Jüngling sich gewünscht, aber kaum sah er sich im Besitz der Güter, an denen seine ganze Seele hing, da zertrümmerte er unter hämischem Gelächter den schimmernden Bau und trieb ihn aus dem künstlich erschaffenen Paradiese. Vor dem Schenkhause am Fuße des Schloßhügels stand eine mit zwei Pferden bespannte Kalesche. Eben als der Wagen unserer Bekannten von der Thalstraße auf den zum Schlosse führenden Weg abbog, trat ein Postillon aus der Thür und warf den Thieren noch einmal Heu in die vorgestellte kleine Krippe. 665 Wer mag mit diesem Fuhrwerk angekommen sein? sagte Fürchtegott. Sollte Graf Alban – He, Schwager! unterbrach Mirus den Sprechenden, indem er im Wagen aufstand und dem Postillon zuwinkte. Wo kommst du her und wo fährst du hin? Der Gefragte sah sich phlegmatisch um und stieß zugleich wiederholt mit dem Absatz seines Stiefels gegen die Speichen des einen Vorderrades, die, wie der Kaufmann jetzt erst bemerkte, aus roh zugehauenem, ganz frischem Buchenholze bestanden. Ei, versetzte der Postillon übelgelaunt, am liebsten führe ich zum Teufel in die Hölle, denn dorthin, glaub' ich, gehört der Kerl, mit dessen Fortschaffung ich mich die ganze vergangene Nacht habe abquälen müssen. In vergangener Nacht? sagte aufhorchend Fürchtegott. Kommst du aus – Aus Herrnhut, mit Verlaub, fiel der Postillon ein. Es war schon sehr spät, als ich einspannte, auch gefiel mir die Fuhre von Herrnhut bis in die Stadt nicht, denn der Weg ist grundlos von dem vielen Regen. Und doch sollte es eilig gehen. Da verlor ich denn von dem vielen Stoßen gegen die mordverbrannten Steinklumpen, die die Frachtfuhrleute in den morastigen Weg geschmissen hatten, schon auf dieser verfluchten Strecke eine Speiche. Es war Mitternacht vorüber, als ich die Stadt erreichte. Ich begehrte einen andern Wagen für meinen Passagier, aber der Postmeister behauptete, er habe keinen. So mußte ich also mit dem wackeligen Untergestell weiter kutschiren. Zum Unglück kenne ich die Gegend nicht, denn ich bin von der preußischen Grenze zu Hause; finster war's auch, daß man seine eigene Hand kaum finden konnte, und so warf ich richtig im Walde um. Mein Passagier fluchte, obwohl er gar heilig aussieht, und bis dahin immer von Bruderliebe und dem Heilande gesprochen hatte. Aber es half nichts, er mußte sich's gefallen lassen, daß wir ganz langsam, Schritt für Schritt, fuhren. Ab und zu mußte der alte Herr auch mit anfassen und den Wagen aus einem tiefen Geleise heben helfen. Er schnitt Gesichter dabei, daß es gar spaßig anzusehen war; und so haben wir uns denn die ganze Nacht und den Vormittag noch dazu so fortgekröpelt und sind nun seit einer knappen Stunde hier. 666 Und dein Passagier? forschte Mirus weiter. Der hat sich erst gütlich gethan, denn er scheint auf Essen und Trinken etwas Rechtes zu halten. Vor ein paar Minuten ist er hinaufgegangen in's alte Schloß; wenn er wiederkommt, was ein paar Stunden dauern kann, wie er mir sagte, wollen wir noch vor Abend die Stadt erreichen und dort soll übernachtet werden. Wie heißt der Herr? fragte Fürchtegott. Kann's nicht sagen, erwiderte der Postillon. Es ist nicht meine Art, die Leute auszufragen, die ich fahren muß, das überlasse ich Andern, die mehr Courage haben, als ich. Wohnt er in Herrnhut? Vermuthlich; grau und heilig genug wenigstens sieht er aus. Er trägt einen Hut mit niedrigem Kopfe. Ungefähr so eine Kappe hat er auf seinem verwitterten Schädel. Und erst jetzt ist er von hier nach dem Schlosse gegangen? Vor wenigen Minuten. Wenn Sie ein Bissel geschwind zufahren, und einem armen Teufel nicht Löcher in's Kamisol fragen, können Sie ihn noch an der Thür erwischen. Es scheint Ihnen ja doch viel gelegen zu sein an dem alten Herrn. Ich danke; da hast du ein Trinkgeld. Fahr zu, Kutscher, sagte Mirus. Eilig flog der Wagen den schräg aufsteigenden Hügel hinan. Es ist Wimmer, beim ewigen Gott! Beinahe wäre er uns zuvorgekommen. Aber Gott selbst hat Hemmketten um die Räder seines Wagens geschlungen. – Während dieses Gespräch am Fuße des Schloßhügels geführt ward, schritt Wimmer über den innern Hof Weltenburg's, ohne daß irgend Jemand des unerwarteten Ankömmlings in der grauen, nebligen Atmosphäre ansichtig geworden war. Am Fuß der Wendeltreppe blieb der Herrnhuter stehen, nahm seinen breitkrempigen Hut ab, strich sich die dünnen Haare aus der Stirn und knöpfte zweimal den Rock auf und wieder zu, weil er immer ein oder das andere Knopfloch nicht finden konnte. Die Hände zitterten ihm, und als er zu Boden sah, bemerkte er, daß auch sein linker Fuß in einer unfreiwilligen, bebenden Bewegung leise gegen die Sandsteinfließen klopfte. 667 Wimmer trug einen Stock, stieß jetzt mit der Hornspitze desselben die Ueberreste des morastichen Bodens von den Stiefeln, die in Folge des Herumwatens im Walde daran hängen geblieben waren, und blickte dann scheu und verstohlen um sich, die braunen Augenlider matt und halb aufschlagend. Er befand sich auf derselben Stelle, wo vor mehreren Jahren der Blitz an dem Eisengeländer niederfuhr, als er im Verein mit Graf Alban den Jugendfreund überredet hatte, auf eigene Rechnung Rheder zu werden. Der Treppe gegenüber, welche zu den bewohnten Zimmern der ersten Schloßetage empor führte, lag jenes Thurmgemach des Erdgeschosses, wo Ammer gewissermaßen aus freiem Entschluß seine Söhne zu Welthandelsleuten ernannte. Ein kaltes Lächeln glitt über Wimmer's Züge, seine farblosen, schmalen Lippen bewegten sich, und indem er nach alter Gewohnheit mechanisch mit dem Stocke gegen seine Stiefeln schlug, lispelte er leise: Es ist Alles in Erfüllung gegangen; Bitte und Gebet sind erhöret, treffen wir also Anstalt zum Abschiede, denn gar lange wird mein lieber Bruder diese Wandelungen nicht überleben. Ich will ihm nur zurufen: Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, gepriesen sei sein Name immerdar! ihm dann die Hand drücken und heimgehen, um auf mein Stündlein zu harren. So sprechend, setzte Wimmer den Fuß auf die erste Treppenstufe, griff mit der Rechten nach der kalten Eisenstange des Geländers und stieg langsam und mehr denn einmal rastend, in die erste Etage hinauf. Niemand hörte den Unerwarteten. Es war und blieb so still im Schlosse, als sei es unbewohnt. Wimmer erreichte den Corridor und harrte hier einige Secunden, sich auf den Stock stützend, und abermals den Hut abnehmend. Der Kopf war ihm heiß, er fächelte sich Kühlung zu, als ströme ihm die glühende Luft eines schwülen Sommertages entgegen. Jetzt ging er weiter, den Corridor entlang. Vor jeder Thür blieb er stehen, in gebückter Stellung horchend, ob er wohl Stimmen oder Geräusch wandelnder Menschen drinnen vernehme. Er kannte das Zimmer seines alten Freundes nicht; nur daß es im ersten Stock des weitläufigen Schlosses gelegen sei, wußte er. Schon hatte er einige 668 Thüren zu öffnen gesucht, allein sie waren alle verschlossen. Anklopfen wollte er nicht, weil er den Jugendfreund zu überraschen gedachte. Endlich wich eine Thür seinem Drucke, er trat ein und befand sich Frau Anna gegenüber. Die Verwunderung, das Erschrecken Beider war gleich groß. Anna fuhr bei dem Anblick des Herrnhuters, der unhörbar, wie ein grauer Schatten, durch die Thür schritt, innerlich zusammen, und Wimmer erschrak über die Verwüstungen, welche die letzten Monate im Antlitz der Frau, die er einst seine Braut nannte, angerichtet. In diese tief gefurchten und dennoch milden Züge hatten Kummer, Sorge und Schmerzen vereint unauslöschbare Zeichen eingegraben. Frau Anna begrüßte den unerwarteten Gast nicht, nur ein halblauter Aufschrei entglitt ihren Lippen. Diesen Schrei hörte Ammer, der sich von Erdmuthe vorlesen ließ. Was ist dir, Mutter? fragte er. Hast du dich gestoßen? Ich hörte die Thür öffnen. Anna schwieg, eine Stuhllehne erfassend und Wimmer mit bezeichnender Handbewegung andeutend, daß er sich entfernen solle. Der Herrnhuter hatte sich aber schon gefaßt, und als jetzt die Stimme Ammer's nochmals dieselbe Frage wiederholte, antwortete Wimmer: Ein alter Freund, lieber Bruder, dessen Tage gezählt sind, wünscht seine Lieben noch einmal zu sehen und zu sprechen, ehe denn er abgerufen und versammelt wird zu denen, die vor ihm heimgegangen. Hinter der spanischen Wand vernahm man ein starkes, schurrendes Geräusch, dann das heftige Aufstoßen eines Stockes. Im nächsten Augenblicke zeigte sich die eingefallene Gestalt des Gelähmten an der etwas zurückgeschobenen Wand. Seine Blicke ruhten auf dem Herrnhuter. Tritt heran, du Gezeichneter, sagte Ammer, sich mit Mühe beherrschend, tritt heran, daß ich dich betrachten und mir dein Bild einprägen kann in meine Seele. Es hat mich verlangt nach dir schon geraume Zeit und meine Gedanken lechzten nach deiner Rede, wie ein Dürstender nach süßem Wasser. Vater, schone dich und die Deinen! bat Erdmuthe, die in ihrem einfachen, weißen Schwesterhäubchen wie ein schirmender Engel neben dem zitternden Greise stand. Zu dieser nur sanft gelispelten Bitte 669 veranlaßte Erdmuthe der Ton Ammer's, der dumpf, gepreßt, zürnend klang. Wimmer schritt vor, er nahm erst jetzt seinen Hut ab, und indem er ihn seitwärts auf einen Pfeilertisch legte, sagte er mit freundlichem Lächeln: Armer Freund! Ach, ich sehe es mit Betrübniß, daß auch bei dir die Tage gekommen sind, von denen wir Alle sagen, sie gefallen uns nicht. Und begreifen kann ich's gar wohl, lieber Bruder. Du hast viel gelitten in dieser Zeit, hast viele Kämpfe in dir und mit der bösen Welt durchleben müssen, und was das Allertraurigste, dich derer nicht rühmen können, auf die ein Vater doch gern stolz zu sein pflegt. Ja, lieber Freund und Bruder, ich habe mit dir empfunden und getragen deine Schmerzen, aber leider war es mir nicht vergönnt, sie mildern zu können, vielmehr legte mir der grundgütige Gott in seiner unerforschlichen Weisheit die schwere Last auf, daß ich sie sogar noch mehren mußte. Ammer war zurückgesunken in seinen Rollstuhl. Die lahme Rechte hing über der Lehne und zuckte bei jedem Worte des Herrnhuters, indem die Hand sich krampfhaft ballte. Mit der Linken umfaßte er den Krückenstock. Die Blicke des alten Webers funkelten, aber er hielt an sich und ließ Wimmer ungestört sprechen. Erst als dieser schwieg, sagte er: Du sprichst ein wahres Wort. Gemehrt hast du meine Schmerzen, gefoltert meine Seele und in's Elend gestoßen meine Kinder. Noch aber sind wir nicht ganz verloren, denn die Hand des Herrn, die da züchtigte, war stark über uns Schwachen und zeigte uns diejenigen, welche gegen uns sich auflehnten aus eitel weltlichen Trieben und gemeiner Rachsucht. Wimmer, fuhr er heftiger fort, den Krückenstock drohend gegen den Herrnhuter erhebend, Wimmer, du hast mein Leben vergiftet – hast mir mit süßen Heuchelworten meine Söhne gestohlen – hast sie gelehrt, der Weltlust nachzulaufen und niederzuknieen vor dem goldenen Kalbe, auf welchem der Fluch des Herrn lastet von Ewigkeit her! – Du hast meine Kinder zu großen und mächtigen Herren gemacht, hast ihnen abgestreift die Kittel der Genügsamkeit, Bescheidenheit und Demuth – du hast sie umgürtet mit den schimmernden Gewändern, die das Licht unserer Augen entzücken und die 670 Reinheit der Seele beflecken, und als du sie erhöht, als du sie zu Götzendienern erzogen hattest, da stießest du die morschen Stützen ab, welche den Thron trugen, auf dem sie saßen, also, daß sie einen tiefen, tiefen Fall thaten, und zum Gespött wurden für Andere. Mir aber, du Gezeichneter, mir zerfleischtest du das Herz, mir zertratest du jeden Keim und Sproß der Liebe, die früher wie ein schattiger Baum ihre Blätterkronen in mir entfalteten, und die rothe Lohe der Flamme, welche aufzuckt aus dem Pfuhl der Hölle, ließest du meinen Scheitel versengen! Sprich jetzt, du falscher Freund, warum hast du mir das gethan? Wimmer lehnte an der Wand, denn Ammer hatte ihm keinen Stuhl angeboten. Er wechselte häufig die Farbe während der tief Gekränkte sprach, dessen Worte wie Donnergeroll klangen, dessen Flammenblicke er nicht ertragen konnte. Wie Ammer jetzt sein ehrwürdiges Haupt mit den zürnenden Zügen und den weißen Locken gegen ihn schüttelte, fuhr er zusammen, denn diese Locken verwandelten sich in zischende Schlangen. Mehr aber noch als der zürnende Greis peinigte ihn die zu Ammer's Füßen sitzende, zarte Gestalt Erdmuthe's, die unbeweglich ihre klaren Engelsaugen auf ihn heftete und durch die zwingende Gewalt ihrer Blicke ihm mehr und mehr die künstliche Ruhe raubte, in die er sich gehüllt hatte. Du verklagst mich schwer, lieber Bruder, sagte Wimmer, mit Gewalt sich fassend, aber deine Beschuldigungen prallen ab von dem Panzer, welchen die Unschuld um meine Brust gelegt. Es ist wahr, ich wollte deine Kinder groß machen und reich, und ich hab's auch gethan, aber ich bin mir nicht bewußt, ihnen jemals zugeraunt zu haben, sie sollten sich in Gemeinschaft begeben mit den Söhnen Baals und abweichen auf die krummen Pfade der Unredlichkeit, die niemals zum Frieden führen. Das thaten die Bedauernswerthen aus eigenem Wohlgefallen an der Sünde, und weil es Pflicht der Nächsten- und Bruderliebe ist, Irrende auf den rechten Weg zurückzuleiten, war ich genöthigt, ihnen scheinbar wehe zu thun, und dir selbst schweren Kummer zu bereiten. Siehe, mein Freund, darum eben komm' ich ja zu dir heute. Dieser Gang, glaube es mir, ist mir sauer geworden, weil ich es aber nicht ertragen kann, daß irgend Jemand und zumal ein theurer Freund, mich in falschem Verdacht habe und mir 671 zürne, trete ich vor dich hin, damit ich rechtfertige mein Thun und dich mir versöhne, ehe denn mein Herr und Heiland zu mir sagt: Gib Frieden, denn du hast genug gearbeitet und darfst nun eingehen zu deines Herrn Freude! Es ward jetzt vernehmlich an die Thür geklopft und gleich darauf hörte man die Tritte mehrerer Männer. Wer kommt? fragte Ammer, ohne seine zornfunkelnden Augen von Wimmer zu verwenden. Dieser kehrte die Blicke der Thür zu und seine Gesichtsfarbe ward aschgrau. Freunde, erwiderte Mirus. Herr, ich muß Ihr sagen, wir kommen, glaub' ich, gerade zur guten Stunde. Der Herr verläßt die Seinen nicht, sprach Erdmuthe mit rührender Glaubensinnigkeit, indem sie ihre zarten Hände wie betend erhob und sich dann fester an den Greis schmiegte. Gleich darauf sah sich Ammer von den uns bekannten Freunden umgeben, in deren Mitte seine beiden Söhne dem Vater sich näherten. Beide eilten dem Vater entgegen, traten aber zurück, als der strenge Blick seines Auges sie traf. Anstatt in seine Arme zu stürzen, beugten sie sich und blieben so gebückt vor ihm stehen. Mein Stock sollte auf euch niederfahren, gleich dem Blitz aus dem Schooß der Wetterwolke, sagte er düster, denn ihr habt mich und meinen Namen beschimpft vor der Welt, und weder Buße noch Reue kann diesen Schimpf wieder rein waschen; weil ich aber schon weiß, daß ihr nicht die treibenden Federn waret, welche die Vernichtungsmaschine in Bewegung setzten, sondern nur deren verblendete Werkführer, verschlucke ich den Fluch, der mir ob eurer Uebelthaten schon auf der Zunge schwebte. Hebt jetzt eure bethörten Köpfe auf, steckt Licht in eure blinden Augen, wendet euch um, dann sagt mir, wo die Schlange sich ringelt, die mit ihrer geifernden Giftzunge mich und euch, ja mein ganzes Haus bespritzen und austilgen wollte aus dem Gedächtniß aller Ehrlichen. Die Söhne ermannten sich. Fürchtegott suchte das Auge Wimmer's. Er näherte sich dem Herrnhuter, ergriff dessen Rechte, riß sie empor, und sagte, indem sein blasses, eingefallenes Gesicht eine auffallende Aehnlichkeit mit den Zügen seines Vaters annahm, der schweigend den Bewegungen des Sohnes folgte: 672 Sie haben mir immer gesagt, Herr Wimmer, daß der Heiland Sie liebe und Ihnen an dieser Liebe Alles gelegen sei. Schwören Sie jetzt bei diesem Heilande, der ja auch der meinige und unser Aller Erlöser ist, daß Sie es immer ganz redlich mit uns gemeint haben, daß Sie uns nie doppelsinnige Rathschläge ertheilten, daß Sie aus lauterer Liebe zu uns, aus wahrer uneigennütziger Freundschaft so handelten, wie sie gehandelt, daß Sie uns nie auf schlimme Wege wissentlich geleitet. Können Sie dies mit gutem Gewissen und auf die Hoffnung hin schwören, dereinst selig zu werden, so will ich Abbitte thun vor Ihnen und ohne Murren tragen, was auch Gott ferner über mich verhängen mag. Das Auge des jungen, so schnell gealterten Mannes ruhte so ernst, so heiß fordernd auf dem Herrnhuter, daß dieser die drei Finger zum Schwure erhob, allein ein Zittern lief durch alle seine Glieder. Wenn er's thut, sprach Mirus kalt, so schwört er falsch, wie damals, als er mir das Capital abschwur, das ich ihm geliehen, weil er kein Geld nehmen wollte von Ammer, seinem Todfeinde! Herr, ich muß Ihr sagen, damals flüsterte mir der junge Bruder, der nun etwas stark grau geworden ist, in's Ohr, er hasse den Weber, und würd' es ihm eine grausam große Freude gewähren, könne er ihm so oder so das Genick brechen. Konnt' ihm nicht vergessen, daß er mehr Liebe geweckt in dem Herzen eines Mädchens, als er selbst; konnt' ihm das eben so wenig vergessen, als daß Gott ihn arm und den Weber wohlhabend gemacht hatte. Herr, ich muß Ihr sagen, ging mich nichts an, denn ich kümmerte mich ungern um das Thun Anderer. Ich gab dem Wimmer das verlangte Capital, ohne einen Schein in Händen zu haben. Später braucht' ich's und forderte es zurück. Da leugnete der Schalk, und als ich ihn drängte, schwur er mir's ab. Seitdem ward er reich. Das Glück der Welt schleuderte ihm Satan vor die Füße, das Glück des Himmels wird sein Heiland wohl ein Bischen schmälern. Wimmer vermochte die erhobene Rechte nicht mehr zu halten, sie sank herab, steif, schwer, als sei sie gelähmt. Seine Gesichtsmuskeln zitterten, sein ganzer Körper bebte. Gott wird dich strafen, Wimmer! sprach Ammer mit seiner erschütterten, festen Stimme. Mir ist niemalen am Unglück eines 673 Andern etwas gelegen gewesen, aber ich glaub' beinahe, die Wucht des Irdischen hat durch dein Handeln sich dergestalt an mich gehängt, daß ich eine Freudenregung spürte in meinem sündigen Herzen, wenn es dir schlimm erginge. Aber ich will meinen Schöpfer bitten, daß er diese Schlacken abschlage von meiner Seele und sie reinigen helfe durch das Gebet der Gerechten! Der Engel da zu meinen Füßen, eine treu erfundene Magd des Herrn, den du nur mit den Lippen bekennst, wird mir verhelfen zu dieser Gnade Gottes. Wimmer hatte sich wieder gefaßt. Sein geistiger Stolz gestattete ihm nicht, sich schuldig zu bekennen. Er wollte bleiben, was er immer geschienen. Mit gewaltsam erzwungenem Lächeln erwiderte er jetzt, die ruhelosen Augen matt zum Himmel aufschlagend: Ich danke dir, mein Herr und Heiland, daß du mich würdig erfindest zu so harter Prüfung! Ich will euch nicht schmähen und verlästern, weder dich, mein Bruder, daß du so Böses mir zugetraut, noch dich, junger Freund, der du in meinem Herzen die erste Stelle einnahmst, noch endlich den schlimm gearteten Kaufmann Mirus, dessen Gedächtniß in so seltsam verworrenem Zustande sich heute noch eben so befindet, wie vor einigen zwanzig oder dreißig Jahren. Ach nein, das will ich nicht! Ich will dulden und leiden, wie er es gethan, der uns ein Vorbild gelassen hat, daß wir sollen nachfolgen seinen Fußstapfen. Er lästert Gott! sagte Mirus entsetzt. Sein ganzes Leben war eine Gotteslästerung, fiel Ammer ein. Ich hab' ihn zu spät erkannt, den Wolf in Schafskleidern, der in meine Hürde brach und beinahe mich und die Meinen erwürgt hätte. Wo ist der Brief, der ihn überführt? Wimmer behielt seine fromm lächelnde Miene bei, während Mirus das Schreiben des Grafen Alban Ammer überreichte. Dieser entfaltete es und zeigte auf die Unterschrift. Jedes der Worte, die hier geschrieben stehen, zeugt gegen dich, sprach der Weber. Es ist ein Bruder, der dich verklagt, ohne es zu wollen, denn er glaubt an dich. Graf Alban, einer der edelsten, die eurer Gemeinde angehören und je angehören werden, hat dir die Maske abgerissen. Leugne noch, wenn du kannst! Wimmer betrachtete die Unterschrift und las. Als er das Schreiben an Ammer zurückgab, sagte er kalt: 674 Du hast Recht, es zeugt gegen mich, aber ich leugne Alles, was darin geschrieben steht. Statt Liebe und Friede, die ich brachte, gibst du mir Haß und Krieg zurück. Du hast viele Hilfstruppen geworben, denen ich nicht begegnen kann mit gleicher Kraft. Weil ich aber eingedenk des liebsten Jüngers unseres Herrn und seiner Worte, der da sagte, wenn er in die Versammlung der Gemeinde trat: Liebet euch unter einander! niemals das Schwert mit dem Worte vertausche, gehe ich von dannen mit friedfertigen Gesinnungen und überlasse es dir, mir durch das Gesetz zu beweisen, daß ich gethan habe, wessen du mich zeihest! Er griff nach seinem Hute, um eine für ihn unhaltbar gewordene Position zu verlassen. Da trat ihm Advocat Block in den Weg, der sich bis dahin beobachtend im Hintergrunde gehalten hatte. Sie vergessen, Herr Wimmer, sprach der Advocat, sein stechendes Auge so weit aufreißend, als es ihm möglich war; Sie vergessen, daß Sie aus einem Klagenden ein Verklagter geworden sind. Man wird Sie also nicht ruhig Ihres Weges ziehen lassen, sondern Sie packen, und kann's mit Manier geschehen, Ihnen den Pelz ausklopfen. Es liegen genug Gründe vor, die eine Verhaftung rechtfertigen. Wimmer sah den Advocaten giftig an, indem er verächtlich antwortete: Sind Sie auch hier? Ach, nun wird es erst hell vor meinen Augen! Ich sehe jetzt, wo ich mich befinde. Ein des Mordes Angeklagter und wegen nicht hinreichenden Verdachtes Freigesprochener tritt als Anwalt auf für verbrecherische Banquerottirer! Wimmer kehrte sich um gegen Ammer und dessen Söhne, setzte den Hut auf, erhob den Arm und rief mit lauter Stimme: Ja, Banquerottirer seid ihr, ich sprech' es laut aus und werd' es jetzt verkündigen auf allen Straßen, da ihr meine unergründliche Liebe mit so unerhörtem Undank belohnt. Der gewesene Advocat da kann vergiftete Pfeile gegen mich schnitzen helfen, processiren darf er nicht mehr, denn man hat ihm schon lange die Praxis gelegt. Daß aber ihr betrogen habt, weiß das Gericht, und dies Gericht soll über die unehrlichen Handelsleute Urtheil sprechen und sie hinausstoßen aus der Gesellschaft aller Redlichen! Mirus ergriff den Arm des Herrnhuters. 675 Herr, ich muß Ihr sagen, sprach der Kaufmann, Sie haben zwar den Hanf zu ihren Schlingen gut gedreht, die Knoten aber schlecht geschürzt. Man ist nicht müßig gewesen, während der milde, liebevolle Bruder einem Maulwurfe gleich die Erde unterwühlte, wo das Haus der Ammer sich erhob. Man hat gesucht und auch gefunden; und zieht es der fromme Bruder vor, statt eines Vergleiches die Gerechtigkeit ihren Gang gehen zu lassen, so möge er zusehen, wohin sein guter Name zuletzt sich flüchtet! An den Galgen, wohin er gehört! sagte Block. Persönlich kann man solche Creaturen nicht aufknüpfen, weil die Strafgesetzgebung nicht ausreicht gegen Winkelzüge schlauer Frömmler, aber in effigie soll er doch baumeln, der Herr Bruder. Wimmer lächelte. Hat sonst noch Jemand hier ein Anliegen an mich? fragte er, ergriff seinen Stock und schlug damit an die gelben Stulpen seiner Stiefel. Wimmer, sprach Ammer, du siehst mich nie wieder auf Erden. Rechtfertige dich oder bekenne, daß du dich frevelhaft vergangen an mir und meiner Familie. Bereust du, so will ich dir vergeben! Der Herrnhuter nahm nochmals den Hut ab, schlug die Augen zum Himmel auf und sagte flehend: Ich bitte dich, mein Herr und Heiland, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie thun! Dieser frevelnde Hohn empörte den alten Ammer, weil er ihm so ganz das von Lug, Trug und Heuchelkünste überfließende Herz des Frömmlers enthüllte. Er fuhr jäh empor aus seinem Sessel, daß alle Umstehende fast vor ihm erschraken. So fahre denn hin, du Falscher! rief der Erbitterte, sein Haupt gegen ihn schüttelnd. Fahr' hin, du Verderber meiner Kinder, du Vergifter meines Alters! Sei vermaledeit in Zeit und Ewigkeit! Wie ich bisher gebetet habe für Alle, mit denen ich lebte und wandelte und besonders für dich, so will ich, gibt mein Schöpfer mir Athem dazu, jeden Seufzer zu einem Fluch für dich verwandeln! Fahr' hin, Verführer meines Blutes! Möge dein Auge erblinden und dein Fuß straucheln! Möge dein Pfad bestreut sein mit Gift, daß du Tod einathmest bei jedem Schritte! Mögen die Seufzer und Klagen der 676 Ammer sich in einen Schwarm racherufender Geister verwandeln und dich bedecken wie eine Wolke! Die Angst sei dein Begleiter, die Falschheit deine Stütze, und wenn einst dein Auge bricht, so mögest du mich und meine Kinder sehen und mit diesem Anblick hinunterstürzen in die unergründete Tiefe, welche die Ewigkeit heißt! – Fort, fort, aus meinen Augen! Eine heftige Handbewegung des Greises schleuderte den Krückenstock gegen den Herrnhuter, der dem Wurfe auswich. Ammer war in der Heiligkeit seines Zornes furchtbar anzusehen. Wimmer schrak innerlich zusammen vor dieser fluchenden, grimmen Prophetengestalt. Er kehrte sich um und schritt lautlos von dannen. Ammer's Kräfte waren erschöpft. Wie gebrochen sank er nieder. Seine Hände zitterten, die Augenlider schlossen sich; er röchelte, wie ein Sterbender. Alle umdrängten den geliebten Greis. Leidenschaftlich ergriffen die Söhne die matten, erkaltenden Hände des tief Erschütterten und fast schreiend rief Fürchtegott: O Vater, Vater! Verlaß uns nicht so! Vergib deinen schuldbeladenen Kindern, ehe dein Geist sich emporschwingt zu den Höhen der Seligen! Vater, Vater, deinen Segen! Fürchtegott schluchzte, Christlieb küßte unter Thränen die Hand des Vaters. Ammer's Lippen bewegten sich. Langsam die Hände erhebend und nach den Söhnen tappend, bis er die Häupter derselben berührte, sprach er, ohne die Augen zu öffnen: Ich vergebe euch! Lebet und wirket in Frieden! Erdmuthe legte ihre Hand auf das Haupt des Greises und indem sie sich zu Fürchtegott neigte, sprach sie: Das Leid ist aus. Die Vergebung eines Sterbenden bringt Segen und Frieden! 677 Drittes Buch. Erstes Kapitel. Eine neue Ueberraschung. Es war Ende November. Ein heftiger Schneesturm machte die Wege ungangbar und erschwerte den Verkehr namentlich zwischen Ortschaften, welche im Gebirge lagen und nicht durch stark befahrene Straßen untereinander verbunden waren. Auch Weltenburg theilte dies Schicksal mit vielen andern Orten. Als noch die Fabriken in voller Thätigkeit waren, fühlte man auf Weltenburg diesen Uebelstand allerdings weniger, jetzt aber, wo außer den wenigen Bewohnern des Schlosses alle früher daselbst lebenden Arbeiter ausgewandert waren, um anderwärts neue Beschäftigung und Lebensunterhalt zu suchen, betrat das schöne Flußthal Niemand mehr. In der Handelswelt war der Fall des Hauses Ammer eine längst bekannte Thatsache. Eine Wiederaufnahme des Geschäftes konnten die Brüder weder wünschen noch beanspruchen. Es zeigte sich zwar im Laufe der Untersuchung, daß eine Menge Zwischenfälle zu diesem Sturze beigetragen haben mochten; das Verhalten der unternehmenden Brüder erschien weniger leichtfertig, als es zuerst den Anschein hatte; man entdeckte vielmehr Spuren, die ferner Stehende als die eigentlichen Urheber der erschütternden Katastrophe bezeichnete: indeß ließen diese Spuren sich schwer verfolgen, ja man nahm Anstand, darauf zu dringen, um die 678 Verwickelung nicht noch größer zu machen. Das Sicherste schien den Hauptbetheiligten, die größtentheils außer Landes, mehrere in Amerika lebten, ein Vergleich zu sein. Von einem processualischen Verfahren abzusehen, rieth den Parteien schon die Klugheit. Den unausgesetzten Bemühungen des Kaufmannes Mirus, der als Rathgeber den klugen und listigen Advocaten Block stets zur Seite hatte, war es gelungen, der traurigen Angelegenheit diese Wendung zu geben. Man zog durch Vermittelung des Grafen Alban, der jetzt mit Entrüstung das unehrenhafte Verfahren Wimmer's erkannte und diesem deßhalb für immer sein Haus verbot, einflußreiche Persönlichkeiten zu Rathe, legte diesen im Interesse sowohl der betheiligten Gemeinden, wie der Familie Ammer die Thatsachen vor, machte auf die Wichtigkeit einer gütlichen Schlichtung aufmerksam und erzielte damit wenigstens so viel, daß die Brüder nach Austrag der Sache freie Hand gewannen, um in anderer Weise ein neues Geschäft, wenn auch nur mit geringen Mitteln, begründen zu können. Ammer mußte schon seit Wochen das Bett hüten. Die Trennung von Wimmer, die seine leidenschaftliche Natur so gewaltig erschütterte, konnte doch die zähe Lebenskraft des starken Mannes nicht gänzlich aufreiben. Sein eiserner Wille, verbunden mit der Glaubensstärke, die ihn in schweren Stunden immer aufrecht gehalten, mochten wohl auch dazu beitragen. Obwohl seine Körperkräfte täglich mehr abnahmen, sein Geist blieb frisch und klar. Es schien, als habe er sich neu gekräftigt, seit der Schatten des unheimlichen Herrnhuters nicht direct mehr in die Lebenskreise des alten Webers hereinragte. Die Besorgnisse aller ihn Umgebenden beschwichtigte Ammer mit den Worten: Es hat keine Noth mit mir itzund. Zu Ende bin ich zwar bald mit dem Leben, das fühl' ich schon, jedennoch wird mein Schöpfer mich sicherlich nicht früher ausspannen, bis ich das Ende mit angesehen. Wohl habe ich es geahnt vordem, und konnte es doch nicht hindern, weil meine Hand nicht ganz rein war. Darum mußte diese Prüfung über mich kommen. Jetzt, wo die Wolken sich verziehen und die Sonne durchbricht, jetzt hab' ich mir wieder Ruhe erkämpft, und ich denke, meine letzte Stunde soll, gefällt's dem Herrn, eine fröhliche sein. 679 Mit seinen Söhnen lebte Ammer in vollem Frieden. Es war rührend anzusehen, wie namentlich Fürchtegott jeden Wunsch des Vaters, noch ehe dieser ihn äußerte, zu errathen und zu befriedigen suchte. Hätte nicht die schwierige Entwirrung der Geschäftsangelegenheiten drückend und gar häufig schwer beunruhigend auf dem ehedem so stolzen Manne gelastet, das stille Familienglück der Versöhnten wäre vollständig gewesen. – Christlieb und Walter waren zusammen nach der Stadt gefahren, um einem letzten Termine beizuwohnen. Während ihrer Abwesenheit brach der wilde Schneesturm aus und verhinderte sie an der Rückkehr nach Weltenburg. So lang es Tag blieb, achtete man auf dem Schlosse wenig auf das Toben des Wetters, als aber der Abend hereinbrach und bald einer entsetzlichen Finsterniß wich, zeigte Niemand eine größere Unruhe als Ammer selbst. Ich weiß nicht, wie es kommt, sprach er, als Anna ihn nach dem Grunde seines Seufzens fragte, aber mir ist bange, als sei der Herr mir nahe. Dies Stürmen gefällt mir nicht. Ich hab's selbst erlebt, als ich noch jung war, daß solches Schneetreiben die stärksten Männer erstickte. Bin selber beinahe einmal umgekommen, und hatte doch nur einen halbstündigen Weg zu machen. Fürchtegott glaubte den Vater auf andere Gedanken zu bringen, wenn er von dem Toben einer sturmbewegten See erzählte, weßhalb er eine lebhafte Schilderung davon entwarf. Während man so zwischen Furcht und Hoffnung lebte, vernahm man plötzlich Schellengeläute vor dem Thore. Gott Lob, sie sind es! sagte Ammer, dankend seine abgemagerten Hände faltend. Ich will recht sanft schlafen, wenn ich sie erst wiedersehe und endlich die Gewißheit habe, daß ihr Brüder wieder ganz frei seid! Bald hörte man auch Tritte; als aber Fürchtegott die Thür öffnete, trat ihm Albrecht Seltner, nicht Walter mit dem Bruder entgegen. Woher kommst du? sagte etwas erschrocken der Getäuschte. Bist du in diesem Wetter im Freien? Albrecht begrüßte den Vater, brachte Grüße von Flora und Otto, reichte Anna und Erdmuthe die Hand und sprach dann: 680 Mich führt heute, trotz des entsetzlichen Wetters, die blanke Neugier zu euch. Vielleicht wißt ihr's auch schon? Was sollen wir wissen? versetzte Ammer. Die Zeitungen lese ich nicht mehr, seit uns das Unglück passirt ist, und Besuche verlaufen sich nach Weltenburg selten, zumal bei Schnee und Hagelwetter. Seit vier oder fünf Tagen haben wir keinen städtischen Rock gesehen. Dennoch, Vater, bringe ich wirklich eine Neuigkeit. Ist sie erfreulicher Art? fragte Erdmuthe. Wie man's nimmt, sagte Albrecht. Uns berührt sie nur, insofern ein Bekannter davon betroffen wird. Ammer richtete sich auf und sah dem Schwiegersohn in's Gesicht. Du sprichst von dem Manne, dessen Namen ich nicht gerne nenne. Hab' ich Recht? So ist es. Heute Morgens in der Frühe erhielt ich durch den alten Leisetritt die Nachricht, er habe Banquerott gemacht. Alle verstummten, Ammer nur faltete die Hände und sagte dann ernst: Das wäre ein Gottesgericht! Mir ist wohl, daß ich nicht die Hand ausgestreckt habe, um ihm sein Besitzthum zu entreißen. Aber wie ist das gekommen? Genaueres wußte mir der Glassammler nicht zu erzählen, berichtete Albrecht. Er hatte nur gehört, Wimmer sei banquerott und seit zwei Tagen flüchtig geworden. Den Gerüchten zufolge, die in der Nachbarschaft Herrnhut's umliefen und von Mund zu Munde weiter erzählt wurden, muß Graf Alban eine mächtige Rolle dabei gespielt haben. Die Herrenhuter sind merkwürdige Menschen. Bei aller Milde und Humanität können sie unterweilen doch auch hart bis zur Grausamkeit sein. Du vergibst mir, Albrecht, daß ich dich unterbreche, nahm Erdmuthe das Wort. Grausamkeit wird Niemand, der die Brüdergemeinden genau kennt, ihnen vorzuwerfen haben, wohl aber, mein Freund, sind sie streng gerecht, wenn die Unredlichkeit Gerechte übervortheilt, Schuldlose in's Unglück stürzt. Die Brüder warnen und ermahnen wie unser Herr dies ebenfalls gethan hat; allein hilft weder Warnung noch Mahnung, dann verstehen sie auch zu strafen. Und den unwürdig Befundenen, den Mann, der gegen die Grundsätze der 681 Brüder handelte, der ein Schimpf der Gemeinde werden will, schonen sie nicht. Er wird als ein Aussätziger betrachtet und als solcher behandelt. Ungefähr dasselbe erzählte Leisetritt, fuhr Albrecht fort. Die Leute wollten wissen, man habe dem Scheinheiligen einen Wink gegeben, daß er sich je eher, je lieber entfernen solle. Ob ihn nun diese Weisung, falls sie wirklich erfolgte, fortgetrieben hat oder ob andere Beweggründe dazu mitwirkten, wer mag es wissen! Mir erschien diese Nachricht wichtig genug, um mich sogleich auf den Weg zu machen, so schlimm auch das Wetter tobte. Selbst Flora, die sonst doch so sehr besorgt zu sein pflegte, hielt mich nicht zurück. Geh' nur mit Gott, sprach sie, und überbring' die Kunde dem Vater. Sie wird ihn aufrichten, ihn wieder gesund machen, denn wenn ein Schuft seinen Lohn empfängt, muß sich jeder Rechtschaffene darüber freuen. Ammer schüttelte mißbilligend sein Haupt. Die Züge, von der langen Zeit hart und streng geworden, hatten etwas Geisterartiges. Mein Schöpfer möge mich bewahren, sprach er, daß ich über das Unglück eines Nebenmenschen, auch wenn er mir Böses gethan hat, frohlocken sollte. In der Aufregung, in einer zornigen Aufwallung kann wohl solch ein unüberlegtes Wort sich über unsere Lippen stehlen; überlegt man's aber ruhig, so nöthigt es uns eher zur Bitte als zur Freude. Ist's, wie du sagst, so hat er ein schweres Kreuz mit sich herumzutragen. Es wird ihm die Schultern wund drücken und Schwielen in sein Gehirn pressen. Verdientes Kreuz wiegt schwerer, als zur Prüfung uns auferlegtes. Armer, an seinem Schöpfer irre gewordener Mann! – Hätte ich ihn jetzt hier, oder wüßte ich, wo ich ihn träfe, es wäre möglich, daß ich nochmals ganz leise an sein Herz klopfte und anfragte, ob er jetzt anderen Sinnes geworden sei? Ob er die Tage, die uns der Herr etwa noch schenken möchte zur Vorbereitung auf Jenseits, mit mir gemeinschaftlich verbringen und unsere Seelen dennoch versöhnen wollte? Das Herz des Menschen ist wandelbar und unschlüssig und mir will's nicht gefallen, daß ich wissen muß, wie es, so nahe dem Grabe, einen Menschen gibt, der mir grollt, vielleicht auch gar mir flucht. Ich habe freilich mein Unrecht an ihm lange schon gesühnt, aber den Keim zu seiner verkehrten Gedankenrichtung legte doch meine Hand zuerst mit in seine Seele. 682 Erdmuthe's sanftmüthige Züge verklärten sich während dieser Worte. Jetzt stand sie auf, knüpfte die losen Bäder ihres Häubchens unter dem feinen runden Kinn fest und sagte: Bester Vater, ich kenne einen Weg, der zum Heile führt. Der Herr will mich erleuchten, ich fühl's! Es ist nicht geistiger Stolz, der mich so sprechen läßt, es ist Gottes Wille, der sich oft am mächtigsten zeigt in den Schwachen. O, wie oft hat dies Gefühl mich erwärmt, mich beseligt, als ich noch das Kreuz predigte den braunrothen Söhnen des Waldes in Surinam! Glaube mir, Vater, und du, mein theurer Gatte, den mir ja Gottes wunderbare Führung auch wiedergegeben, als ich schon fürchten mußte, dich verloren zu haben, glaubt mir, ich rette den scheinbar Verlorenen, wenn ich ihm die Hand reichen und Worte mit ihm reden kann, wie der Mund Gottes sie mir in's gläubige, dankerfüllte Herz legt! – Albrecht, fuhr sie in wunderbarer Begeisterung glühend fort, ich begleite dich. Wir eilen nach Herrnhut, erkundigen uns dort nach dem Verschwundenen. – Glaube mir, seine Spur wird uns nicht entgehen, und sind wir ihm erst auf den Fersen, so holen wir ihn sicher ein. Aber wir dürfen nicht zögern. Noch heute, noch in dieser Stunde müssen wir aufbrechen! Alle erstaunten über Erdmuthe's Wesen, das der Verzückung glich. Bedenke, was du forderst! sagte Albrecht. Draußen häuft der Sturm Hügel von Schnee über einander; kein Weg ist fahrbar, die Pferde vermögen in der eisigen Luft kaum zu athmen. In solcher Sturmnacht von hier aus über die hohen Ebenen nach dem Brüderorte aufbrechen, hieße sich leichtsinnig in Todesgefahr stürzen! Dürfen wir den zeitlichen Tod fürchten, wenn wir durch entschlossenes Handeln eine Seele vom ewigen Tode retten können? Es ist unmöglich, Erdmuthe! Wir verirren uns in diesem Schneetreiben in der ersten Stunde, und nie erblickst du Herrnhut, viel weniger den Geflüchteten! O wie kleingläubig bist du! sagte sanft lächelnd Erdmuthe. In den meisten Menschen nistet doch ein Zug der Schwäche, die schon Petrus so zaghaft machte. Sieh, auch ich hatte und habe noch Stunden, wo ich schwanke, aber wenn der Geist der Liebe in uns lebendig ist, dann hält und trägt uns die allmächtige Hand Gottes! Wolltest du mir folgen, gewiß, wir eilten leicht und sicher dahin über die 683 rollenden Schneestrudel, wie des Herrn Fuß dereinst über die schäumenden Wogen des Meeres ging! Man hatte Mühe, diesen schönen Bekehrungseifer der jungen Frau zu bekämpfen. Was aber auch die einzelnen Glieder des traulichen Familienkreises immer gegen die Ausführbarkeit ihres Vorschlages einwenden mochten, Erdmuthe schlug jeden Einwurf mit ihrer Glaubenskraft nieder. Wer im Herrn lebt und in seinem Dienste Gefahren sich aussetzt, mit dem ist auch der Herr, sagte sie. Die Jünger und Apostel zögerten nicht, dem Rufe zu folgen, der an sie ergangen war, als es die Ausbreitung der neuen Lehre galt. Die Meisten starben als Märtyrer, aber ihr Blut düngte den Boden, in dem das Kreuz aufgepflanzt ward. Nur durch solche Aufopferung, durch solche Todesfreudigkeit konnte das Erlösungswerk des Weltheilandes ganz vollbracht werden; nur wenn wir in den Fußstapfen dieser herrlichen, großen Menschen wandeln, vollbringt es sich noch fortwährend. Und wir haben nicht einmal entfernt mit so großen Hindernissen zu kämpfen, wie die Apostel und die ersten Anhänger des Christenthums. Gegen uns tritt nicht ein fein gebildetes, machthabendes Volk auf, das geübt in allen Künsten des Lebens, geschult in der Dialectik alter Philosophen, seine Künste gegen uns spielen läßt. Unsere Gegner bekämpfen uns ferner nicht mehr mit Feuer und Schwert, sondern höchstens mit höhnischem Achselzucken. Nein, meine Freunde, ich kann euch nicht Recht geben. Wollt ihr in der That und Wahrheit Nachfolger Christi sein, so dürfen Sturm und Regen, überhaupt das Toben der Elemente den schon erhobenen Fuß nicht zurückhalten. Wir dienen Gott nur dann wahrhaft und fördern seine Herrschaft auf Erden, wenn wir ihm ganz ohne Rückhalt, zu jeder Zeit dienen! Ammer winkte der beredten Frau Beifall zu und den Andern ward es schwer, wo nicht unmöglich, ihrem Drängen zu begegnen. Du bist meine kleine Heilige, sagte der Kranke, und läge ich nicht hier der Stunde harrend, die mir erschließen soll die Pforte zum ewigen Frieden, so streckte ich wohl meine Hand aus und gäbe dir meinen Segen mit auf deinen Weg. So aber möchte ich meine Bitten vereinigen mit denen der Uebrigen und dir zurufen: bleibe bei mir! Ich fühl' es, mein Kind, daß ich nicht mehr gar lang diese Welt 684 betrachten werde. Mein Auge wird dunkel also, als stiegen Nebel auf in mir, nicht außer mir, und ein sonderbares Ahnen und Sehnen kommt über mich. Wenn aber meine Stunde naht, so möcht' ich dich nicht missen, meine Tochter! Es kam Friede, wenn nicht in mein Haus, doch in mein Herz, als du über meine Schwelle tratest. Du hast dein frommes Auge auf mich gerichtet, als die große Trübsal hereinbrach, du hast den da, der dich fand und trotz seiner weltlichen Verblendung erkannte in deiner geistigen Größe, errettet aus großen Gefahren. Darum, Erdmuthe, lege deine Hand auf meine Schläfe. Sie wird mir Kühlung und Ruhe bringen. So sanftem Bitten konnte Erdmuthe nicht widerstehen. Während sie den Wunsch des immer schwächer werdenden Greises erfüllte, hörte man vom Thal herauf durch die rauschenden Windstöße ängstliches Rufen, das Albrecht und Fürchtegott beunruhigte. Sie verließen unverweilt das Krankenzimmer, um, begleitet von den beiden Knechten, die noch auf Weltenburg geblieben waren, nachzusehen, was es wohl gäbe. Der Schneesturm bebte noch immer mit ungeschwächter Kraft fort und machte einen Gang in die von eisigen Nebeln erfüllte Nacht wirklich gefahrvoll. Um nur einigermaßen sich zurecht zu finden, trugen die Knechte große Laternen. Als die vier Männer aus dem Thorweg traten, erscholl abermals der Ruf. Es muß Jemand zu Schaden gekommen sein, sprach Albrecht, und zwar in der Gegend der Walkmühle, denn von dort her schallt die Stimme. Die Suchenden wendeten sich nun nach dieser Gegend, sie mochten jedoch kaum dreißig Schritt durch tiefe Schneewehen weiter gewatet sein, als die rufende Stimme sich von der entgegengesetzten Seite her vernehmen ließ. Wir müssen vorsichtig sein und Antwort geben, sagte Fürchtegott. Hört man uns, so erwidert man den Ruf ebenfalls und wir verlieren die Richtung nicht. Im Schneetreiben bricht sich wegen der vielen Windwirbel in den obern Luftschichten, der Schall, und verlockt in die Irre. Wirklich erhielten die laut Schreienden alsbald in regelmäßigen Zwischenräumen Antwort. Sie bemerkten, daß die Verirrten eine 685 ziemliche Strecke im Flußthale sich befanden und strebten nun dahin. Nach etwa viertelstündigem Wandern erreichten sie einen fast ganz in Schnee versunkenen Schlitten. Das einzige Pferd war, vom Wege abbiegend, auf den zugefrorenen Fluß gerathen, hier eingebrochen und hatte ein Bein gebrochen. Durch das Arbeiten und Schlagen des armen Thieres war der Schlitten umgestürzt und von herantreibenden Schneewellen schnell überschüttet worden. Mit freudigem Erstaunen und doch auch wieder von Schreck überrieselt, erkannten die zu Hilfe Kommenden in den Verirrten Christlieb und Walter. Ihr seid unsere Lebensretter, sprach der Arzt. Gott lohn es euch! Nie hätte ich geglaubt, daß man auf doch bekannten Wegen so ganz in die Irre gerathen könnte. Sind wir denn noch weit von Weltenburg? Kaum zehn Minuten, erwiderte Albrecht. Und seit länger als einer Stunde fahren wir, glaub' ich, hier im Kreise herum! sagte Christlieb. Hätte ich nicht an einigen Merkmalen erkannt, daß Weltenburg nicht mehr fern sei, ich glaube wirklich, ich hätte Walter's Drängen nachgegeben, der wiederholt behauptete, wir müßten uns weiter rechts halten. Aber kommt! Das arme Thier müssen wir seinem Schicksal überlassen, den Schlitten können wir bei ruhigem Wetter herausgraben. Wie geht's daheim? Fürchtegott unterrichtete den Bruder und erklärte ihm zugleich die Anwesenheit Albrecht's. Also auch ihr wißt diese Neuigkeit? sagte Christlieb ganz heiter. In der That, die Nachricht ist nicht aus der Luft gegriffen. Wimmer ist wirklich fort und auch banquerott. Uebrigens kann ich euch mittheilen, daß unsere eigenen Angelegenheiten heute zum Abschluß gekommen sind. Mirus sowohl als der alte Block haben sich dabei als Ehrenmänner benommen. Danken wir Gott, daß es ihren Bemühungen gelungen ist, einen, den Verhältnissen nach, leidlich günstigen Vergleich zu Stande zu bringen. Auf diese Weise allein konnte dem wirklichen Banquerott vorgebeugt werden. Weltenburg ist uns allerdings verloren, aber wir retten das Vermögen deiner Frau, das ich damals ihr zuzuschreiben rieth. Albrecht's Wesen ward in keiner Weise von unsern Gläubigern bedroht, die sich schon deßhalb leichter beruhigen ließen, weil unsere Fahrzeuge ihnen hinreichende Deckung 686 gaben. Am schwersten wird es uns werden, neue Verbindungen in Amerika für die Fortsetzung unseres Linnenhandels anzuknüpfen. Diese Absatzquelle haben uns die heimtückischen Machinationen unseres falschen Freundes im Augenblick leider gänzlich verstopft. Freilich ist er selbst mit dabei zu Grunde gegangen; denn beim Zusammenbrechen unserer gemeinsamen Unternehmungen konnte Wimmer seine Nichtbetheiligung nicht nachweisen. Unsere Aussagen, unsere Bücher, die Angaben anderer Geschäftsfreunde und vor Allem das Zeugniß des Grafen Alban zeihen ihn der Lüge, der Heuchelei, der Absicht, mittelst Betruges Andere übervortheilt zu haben. Dies allein schon hätte genügt, ihm den Proceß zu machen. Seinen zeitlichen Ruin aber führte das Capital herbei, welches der Vater ihm damals geliehen hatte, das er als uns zugehörig gebucht, mit dessen Ertrage er das ganze überseeische Geschäft begründete. In dem Streben, uns zu verderben, hatte Wimmer früher durch des Vaters Geld erworbene Summen mit zu dem gemeinsamen Betriebscapital geworfen. Dies nun zu scheiden war weder thunlich, noch gingen die Anwälte der Gläubiger darauf ein. So stürzte denn der Fluch, der gewissermaßen an diesem so vielfach gemißbrauchten Gelde hängt, den Mann, der damit wuchernd uns um unsere ehrlichen Namen zu bringen trachtete und von jeher getrachtet hat. Ein kurzes Billet an Mirus, das uns dieser heute vorzeigte, spricht dies in widerwärtig giftiger Weise aus. Weil er verhaftet und noch weiter verfolgt und gerichtlich belangt zu werden fürchtete, hat er die Flucht vorgezogen. Man glaubt, er wird sich nach Hamburg gewendet haben, um von dort nach Amerika zu gehen, wo er in Pennsylvanien Freunde und Gesinnungsgenossen besitzen soll. Diese Mittheilungen machte Christlieb seinem Bruder und Schwager theils während des Ganges nach Weltenburg, theils am Bette des sehr erschöpften Vaters, der sie ruhig hinnahm. Anna und Erdmuthe hörten ziemlich gleichgiltig zu, nur schien Letztere über die Meldung entzückt zu sein, daß schon nach wenigen Wochen Weltenburg von der Familie Ammer geräumt werden solle. Auch dafür haben wir dem Himmel zu danken, sprach sie freudig ergeben. Die Erwerbung dieses Schlosses machte euch stolz, übermüthig und egoistisch. Mit seinem Verlust zieht die Bescheidenheit und 687 jener wahre Humanismus wieder in eure Herzen ein, die Niemand mehr schmücken, als den Christen. So führt Gott durch Kummer und Trübsal die Seinigen zur Erkenntniß und zu jener Freudigkeit, die nun in einem kindlich schuldlosen oder einem im Feuer der Prüfung geläuterten Herzen Wurzel schlägt. Zweites Kapitel. Wimmer. Wir müssen uns jetzt einige Wochen zurückversetzen, um uns nochmals mit einem Manne zu beschäftigen, der so lange unsere Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Als Wimmer, belastet mit dem Fluche seines ehemaligen Jugendfreundes, Schloß Weltenburg verließ, war er zum ersten Male seit langer Zeit nicht zufrieden mit sich selbst. Zwar konnte er sich nicht tadeln, daß er der Heftigkeit des so tief beleidigten Webers kaltblütige Ruhe entgegengesetzt, daß er überhaupt diesem Manne gegenüber nach seinem Dafürhalten nie aus der Rolle gefallen war. Er konnte mit dem Erreichten sich wohl begnügen. Wollte er doch nichts, als den vom Glück über Hunderttausende hoch Emporgehobenen sehen, wie er jetzt gedemüthigt, ein Gelähmter, Machtloser dalag, umgeben von Kindern, die er nie anblicken konnte, ohne sich selbst zu verklagen, ohne ihnen still zu grollen. Der Name Ammer war kein makelloserer mehr im Munde des Volkes. Das Wort Ammer galt nicht mehr, wie sonst; man bemäkelte es, man zuckte die Achseln, und die Aeußerung: sie wollten zu hoch hinaus, wollten es Allen zuvorthun, darum gingen sie zu Grunde oder sanken in wenig beachtete Kleinheit hinab, lief mit allerhand ehrenrührigen Nebenbemerkung durch's Land. Befriedigte einerseits den schadenfrohen Mann dies Ergebniß seiner Handlungsweise, so beängstigte ihn andererseits die offene Parteinahme für Ammer von Menschen, denen er, weil er sie für Egoisten 688 gehalten, diese nie zugetraut. Weber Mirus noch Block waren in seinen Augen als einfach persönliche Feinde zu fürchten, wohl aber konnten sie gefährlich werden, wenn gemeinsame Pläne sie innig verbanden, und wenn sie es darauf anlegen sollten, ihm Schaden zuzufügen. Während er den Schloßhügel hinunterstieg, klangen noch immer die Worte des erzürnten Webers in seinen Ohren. Er bemühte sich freilich, diese Töne fortzulächeln, er fing sogar zur Zerstreuung an, ein Lied zu trällern, aber der Fluch saß zu fest in seinem Gedächtniß. Wie ein Rabe krächzte er fort und fort, bis ihm dabei fast unheimlich zu Muthe ward. Wimmer ließ sich Wein geben, um auf lustigere Gedanken zu kommen, aber der Wein erheiterte ihn nicht. Er machte ihm Herzklopfen und die Stimme des Webers klang noch in seinem Innern lauter als zuvor. Die Luft wird mich kräftigen, sprach er zu sich selbst, bezahlte seine Zeche und fuhr der Stadt zu. Unterwegs aber peinigte ihn der Postillon mit Fragen, die er, wenn auch nur kurz und verdrossen, doch beantworten mußte, um ihn nicht noch neugieriger zu machen. Der Mensch wollte durchaus erfahren, was die Herren, die so angelegentlich nach ihm gefragt, wohl auf dem alten Schlosse gewollt haben mochten. Dies Aushorchen brachte ihn immer und immer wieder in das Zimmer Ammer's zurück, oder es hielt ihn vielmehr ganz darin fest, so daß er sich zuletzt selbst erblickte, wie er an der Wand lehnte und der erzürnte Mann seine weißen, langen Locken gegen ihn schüttelte. Verstimmt und unschlüssig, betrat der Herrnhuter nach einer ermüdenden Reise sein leeres Haus, dessen geräuschlose Stille ihn diesmal mehr als sonst unangenehm berührte. Zwar sorgte Martha in gewohnter Weise für seine Bedürfnisse, aber was sie auch that, es geschah doch Alles nur aus Pflichtgefühl, nicht aus Liebe. Wimmer hatte es kaum jemals so schmerzlich empfunden, daß ihn auf der ganzen weiten Welt Niemand liebe, daß er völlig allein stehe unter so vielen Tausenden, daß kein Herz sich betrüben, kein Auge sich mit Thränen füllen werde, wenn ihn ein Unglück treffe oder der Tod ihn dahin raffe. Das kommt davon, daß sie mich verließ, daß ich keine Kinder habe, sagte er düster, indem er sein Pult öffnete und sich mit den 689 Rechnungsbüchern zu schaffen machte. Ich wollte ihre Kinder an mich knüpfen, sie mir dienstbar machen – ich wollte dies, um die Leere auszufüllen, die ich seit ihrem Wortbruche fühlte, und auch um mich an ihm , der mir sie stahl, zu rächen. – – Es ist mir geglückt, aber ihre Kinder hassen mich nun doch und fluchen mir wie der Vater! – – Das, ach, das habe ich schlecht gemacht! – Es wird nun eine böse Zeit kommen für mich, der ich schon jetzt entgegenarbeiten muß. Wimmer vertiefte sich in seine Bücher, machte Auszüge, hin und wieder änderte er auch eine der großen Zahlen, mit denen die Folioseiten angefüllt waren. Ich muß mich vorsehen, wenn die rachsüchtigen Menschen die Oberhand behalten sollten, sprach er. Ist mein Buch in Ordnung und stehen nur die Brüder zu mir, so kümmert alles Andere mich wenig. Sie müssen doch falliren und das überkommt mein alter Freund nicht. Dann bin ich am Ziele. Ich wünsche nur noch, daß sie später genöthigt werden, mich doch im Guten wieder anzusprechen; – thun sie's, so will ich ihnen helfen und alles Geschehene soll zwischen uns vergessen sein. Wimmer arbeitete zwei Tage ununterbrochen in seinen Büchern, verwendete dann andere zwei Tage zum Briefschreiben und glaubte sich schon gesichert, als eine Botschaft des Grafen ihn zugleich überraschte und beunruhigte. Graf Alban schrieb in einem steif geschäftlichen Style, den er sonst vermied, daß er »Herrn Wimmer«, nicht »seinen lieben Bruder« nothwendig sprechen müsse. Dabei gab er die Stunde an, wo er für den Handelsherrn zu Hause sein werde. Ungern und voll banger Ahnungen folgte Wimmer dieser gewissermaßen befehlenden Einladung. Der Graf empfing ihn kühl und gemessen. Wimmer's Blicke glitten ruhelos von einem Gegenstande zum andern, und blieben endlich auf der Friedenspfeife haften, welche Erdmuthe dereinst ihrem verehrten, väterlichen Freunde aus der schönen Wildniß Surinam's als Andenken geschickt hatte. Herr Wimmer, begann Graf Alban, ich habe Sie in einer Angelegenheit zu mir beschieden, die ich höchlichst bedaure. Es sind Klagen über Sie eingegangen, die nicht bloß Sie allein als Geschäftsmann, Mensch und Bruder, sondern die leider auch unsere ganze Gemeinde 690 compromittiren. Die Aeltesten haben in Erfahrung gebracht, daß Sie sich unerlaubter Mittel bedienten, um den Gebrüdern Ammer Schaden zuzufügen. Still! Unterbrechen Sie mich nicht! Leugnen wird Ihnen sehr wenig helfen. Wir sind genau unterrichtet, da wir Zeit hatten, uns zu erkundigen. Die Verhaftung Fürchtegott Ammer's nöthigte zu Nachforschungen. Ich selbst stand lange an, dem Drängen entfernter Freunde nachzugeben, weil ich Sie für den uneigennützigsten Freund der Ammer gehalten. Erst, als mir von den verschiedensten Seiten die klarsten Beweise übersendet wurden, daß Sie in feindseligster Weise und äußerst schlau den Fall der Ammer vorbereitet, übersah ich den ganzen Plan Ihres seltsamen Spieles. Es kann mir nicht in den Sinn kommen, einem Manne von Ihrem Alter jetzt Moral predigen zu wollen, mein Wunsch und mein Streben geht einfach dahin, unsere Brüdergemeinden makellos zu erhalten, Ihnen aber womöglich eine öffentliche Schmach und eine beschämende Demüthigung zu ersparen. – Herr Wimmer, Sie waren – das weist Ihre Handlungsweise aus – im Herzen nie einer der Unsern; Sie borgten sich die äußere Maske, Sie liehen von uns das große, edle Vertrauen, dessen sich die mährischen Brüder diesseits und jenseits des atlantischen Oceans erfreuen ihrer unantastbaren Redlichkeit halber, um im sicheren Schutz dieser erborgten Eigenschaften Ihre egoistischen Gelüste, Ihre unlauteren Neigungen befriedigen zu können. Es ist Ihnen dies, wir wissen es, leider bis zu einem gewissen Grade gelungen, weiter aber soll Ihr Triumph nicht gehen. Sie sind am Ziele, man hat Sie entlarvt. Die Gemeinde wird aber aus Rücksicht auf Sie sowie ihrer eigenen Ehre halber schweigen und das Andern zugefügte Unrecht möglichst wieder auszugleichen suchen, wenn Sie, Herr Wimmer, die Gemeinde und den Brüderort verlassen. Ich sehe wohl, daß es auch unter uns Rachsüchtige gibt und schlecht Geartete, versetzte Wimmer, die selbst die Ehre eines doch jederzeit thätig gewesenen Bruders nicht achten. Noch kann ich nicht glauben, verehrter Freund und Bruder, daß man wirklich so ungerecht sein und mich ungehört verbannen wird. Mit derselben kühlen Ruhe, welche das Benehmen des Grafen kennzeichnete, sagte dieser: Hegen Sie nicht leere Hoffnungen! Auch bitte ich, beehren Sie mich fernerhin nicht mehr mit dem Namen 691 eines Bruders. Die Gemeinde wird Sie verdammen, weil sie sehr genau weiß, daß Sie schuldig sind und man Ihnen also kein Unrecht zufügt. Ich bin als ein näherer Bekannter von Ihnen, mit dem für mich persönlich sehr unangenehmen Auftrage von den Aeltesten beehrt worden, das, was Sie bereits wissen, Ihnen zu eröffnen. Ich habe mich dieses Auftrages ohne Umschweife und ohne Lieblosigkeit entledigt, und frage jetzt nochmals, ob Sie die Ihnen gelassene Zeit benutzen oder eine im entgegengesetzten Falle nicht ausbleibende Untersuchung abwarten wollen? Wenn ich nun auf meinem Recht bestehe, mein Bruder, wird die Gemeinde dann wüthen gegen ihr eigenes Fleisch und Blut? Sie wird den Makel, der ihr im Augenblick anhaftet, ausätzen. Die arme Gemeinde! sagte Wimmer, Sie sollte klüger und vorsichtiger sein, denn wenn sie mich verstößt, weiß sie wirklich nicht, welchen Schaden sie sich selbst zufügt. Sie wird ihn zu tragen verstehen, und zwar ohne Murren, versetzte der Graf, Sie kennen jetzt meinen Auftrag, haben Ihre eigene Zukunft in der Hand und dürfen sich nicht beschweren, wenn Ihnen später etwas Menschliches begegnen sollte. Adieu, Herr Wimmer! Der alte Speculant machte dem Grafen eine stumme, steife Verbeugung, während seine grauen Augen giftige Blicke auf ihn schossen. Ohne noch ein Wort zu erwidern, verließ er die Villa, schritt nachdenklich in seine Wohnung zurück und schloß sich hier ein. Wimmer schwankte lange, ehe er einen unwiderruflichen Entschluß faßte. Er widerstrebte ihm, seinen Gegnern zu weichen und doch mußte er sich sagen, daß er verloren sei, wenn der Graf die Wahrheit gesprochen. Um sicher zu gehen, schrieb er an einige sehr vertraute Freunde, die, bekannt mit seinen Verhältnissen, ebenfalls genaue Kunde von der Stimmung der Brüder gegen ihn haben mußten. Die Antworten auf diese Anfragen lauteten einhellig beunruhigend und unterstützten die Weisung des Grafen. Wimmer war niedergeschmettert, aber er wollte weder schwach erscheinen, noch seinen Feinden den Triumph eines Sieges gönnen. Zittern sollen Sie vor mir, sprach er zähneknirschend, in aller Eile zusammenraffend, was er von werthvollen Gegenständen besaß. Frei will ich bleiben, um ein späteres Handeln selbst bestimmen zu können. 692 Mögen sie inzwischen mich verleumden, mich verfolgen, es kommt wohl noch ein Tag, wo ich mich wieder sehen und hören lassen kann. Entschlossen, den Brüderort vorläufig zu verlassen, trug er Martha auf, das Haus zu hüten, bestieg seinen Klepper und ritt, hinter sich einen wohlgefüllten Mantelsack, lächelnd von dannen. Niemand erfuhr, wohin er sich gewendet. Erst als seine Flucht ruchbar ward, lief das Gerücht um, die bekannte Person des Herrnhuters sei an der böhmischen Grenze gesehen worden. Das bald darauf einfallende heftige Schneegestöber verwischte jede Spur des Geflüchteten. Drittes Kapitel. Die Heimkehr. Ueber die Bergstraße herein gegen das Rohr flogen sechs Schlitten, von denen die drei vordersten bedeckt waren. Die Pferde erschienen dicht mit Reif überzogen, denn es war bitter kalt. Als sie das Rohr erreichten, zügelten die Führer ihre Pferde, um auf der glatt abschüssigen Bahn nicht etwa umzuwerfen, denn der scharfe Luftzug hatte hier nur geringe Schneemassen liegen lassen und die Passage dadurch etwas beschwerlich gemacht. Unterhalb des Rohres stiegen aus den Schornsteinen des Weberortes hohe Rauchsäulen in die stille, kalte Winterluft empor, und das Klappern und Klirren der Stühle aus den vielen sauber gehaltenen Häusern und Häuschen machte auf Fremde und Durchreisende einen wohlthuenden Eindruck. Man fühlte aus der ganzen Haltung des Dorfes, daß die Bewohner desselben nicht reich, aber zufrieden sein mußten, und daß diese Zufriedenheit wieder das Ergebniß unermüdeter Thätigkeit, strenger Arbeit war. Die meisten dieser Häuser, auch die stattlicheren, mit Ziegeln gedeckten, waren zum Schutz gegen die strenge Winterkälte »versetzt«, d. h. die Eigenthümer hatten festgeflochtene Strohbündel um die aus 693 Holzbohlen bestehenden Wände wohl an zwei Fuß dick aufgehäuft und dieselben mittelst kreuzweise übereinander gelegten Latten befestigt. Die solchergestalt »versetzten« Häuser gewährten einen ganz malerischen Anblick, namentlich dann, wenn die Anhäufung der winterlichen Strohumhüllung mit einigem Geschmack und symmetrisch angebracht war. Auch die frühere Wohnung Ammer's, das jetzige Besitzthum Albrecht Seltner's, zeigte sich in angegebener Weise »versetzt«. Auf den Firsten sämmtlicher Gebäude funkelten die vergoldeten Spitzen mehrerer Blitzableiter, eine Vorsichtsmaßregel, welche die häufigen und schweren Gewitter nöthig machten, die während des Sommers fast regelmäßig zünden, wo man diese Franklinische Erfindung vernachlässigt. Vor diesem Hause hielten die Schlitten. Flora, die von dem näher kommenden lauten und harmonischen Schellengeläut schon auf die Schwelle der Thür gelockt worden war, trat jetzt, ihren Sohn Otto an der Hand, rasch auf den ersten Schlitten zu, stieg auf die Kufe und blickte unter die Bedachung. Gott Lob, Gott Lob! sprach sie erheitert. Da hab' ich euch ja endlich wieder! O, wie will ich euch pflegen und lieben! Ich habe Alles genau so herrichten lassen, wie es vor dem Feuer war. Du wirst dich ganz heimisch und heimlich dabei fühlen, Vater! Und du, beste Mutter, dir habe ich gerade wieder solch einen Drehschemel machen lassen, wie du ihn sonst hattest, wenn du dich Abends zum Spinnen an den Ofen setztest. Du brauchst nicht zu spinnen, bei Leibe nicht! Aber ich dachte, der Drehschemel würde dir Freude machen. Auch die alten Bilder habe ich in der mir von früher noch bekannten Ordnung aufgehangen, und da Albrecht oder ein Gehilfe bisweilen ein paar Stunden zu weben pflegt, um die Kunst nicht ganz zu verlernen, so steht auch ein Webstuhl in der Ecke. Während Flora dies Alles rasch und in heiterster Stimmung in den Schlitten hineinsprach, sprang Seltner heraus, half Frau Anna von dem Gefährt und hob dann mit starkem Arm seinen Schwiegervater, den alten Ammer heraus, ihn rasch in's Haus tragend. Mittlerweile waren aus den nächsten beiden Schlitten die Brüder Christlieb und Fürchtegott mit Walter und Erdmuthe gestiegen. Alle begaben sich eilig in's Haus, die glückliche Flora nebst Otto herzlich begrüßend. Von den drei offenen Schlitten luden später die Färbeknechte und 694 Kutscher eine Menge Kisten, Kasten und Koffer, denn Herr Ammer und seine Söhne hatten das bereits verkaufte Weltenburg für immer verlassen, und wollten nun an den Orte, wo das Glück die ersten vielversprechenden Keime getrieben, die ersten Blüthen angesetzt, die so reiche Früchte getragen hatten, nach Ueberstehung heftiger Lebensstürme ein neues, stilleres, wenn auch weniger glänzendes Leben beginnen. Diese Uebersiedlung Ammer's, oder, wie der Greis sagte, dieser Heimgang fand etwa vierzehn Tage nach Abwickelung der Geschäftsverhältnisse seiner Söhne statt. Alle hatten ihn gewünscht, so viel auch mit diesem Glückswechsel der verkleinerungssüchtigen Welt Gelegenheit zu mißliebigen Bemerkungen gegeben war. Weltenburg kam in die Hände eines englischen Hauses, das die Besitzung besonders deßhalb an sich brachte, weil die vorhandenen baulichen Einrichtungen die Wiedereröffnung von Spinnereien ohne Schwierigkeiten gestatteten. Ammer saß jetzt in einer ganz eigenen Stimmung an derselben Stelle, wo er so viele Jahre vordem, wenn er ausruhte von der Arbeit, die Abende zugebracht hatte. Flora hatte das Wohnzimmer wirklich ganz so wieder einrichten lassen, wie sie es von früher her kannte. Selbst eine schwarzwälder Uhr mit dem Kukuk, welcher bei jedem Glockenschlage sein »Kukuk« rief, fehlte nicht. Für diese Aufmerksamkeit dankte Ammer der geliebten Tochter nur durch wiederholte Händedrücke. Uebermannt von Rührung, vermochte er geraume Zeit nicht zu sprechen. Erst als der muntere Otto dem Großvater von seinem eigenen Thun und Treiben ein Langes und Breites vorplauderte und Frau Anna jetzt wieder in althergebrachter Weise den blank gescheuerten Lindentisch mit weißer Damastserviette überbreitete, fand er Worte. Wahrhaftig, Mutter, sagte er, seinen Enkel mit beiden Armen umschlingend, die alten Zeiten kehren wieder! Wußte ich doch in den letzten Jahren gar nicht recht, wie mir zu Muthe war. Jetzt sehe ich wieder hinunter in's Thal, drüben blinken die Thürme der Stadt, ich höre das Geklapper der »Gezehe« und dort sitzt richtig Nachbar Jeremias noch an seinem fichtenen Tisch, wie ich ihn immer sitzen sah, wenn ich ab und zu manchmal über das Stacket hinüberschielte. Ja, ja, grüß' Gott, Alter! Es ist auch Zeit, daß du dich wieder sehen läßt. Konnte es ihm freilich nicht verdenken, daß er Weltenburg 695 nicht leiden mochte. – Da kommt er, noch rasch und stramm, als wäre er ein mittlerer Fünfziger! Jeremias Seltner, dem das Glück der Ammer nie behagt und deßhalb auch nie ihn aus seiner engen Lebensbahn gedrängt hatte, trat jetzt in's Zimmer und schüttelte dem Alten herzlich die Hand. Endlich wird es wieder ein vernünftiges Bissel Leben hier geben, sprach er. So lange du und deinen Kindern das Schloß am Halse hing, konnt' ich's nicht loben. Es war mir rein unmöglich, dich dort zu besuchen, und lieb ist's mir wohl, daß du nicht darauf drangst und mir deßhalb auch nicht gram wurdest. Jetzt, denk' ich, soll's hier wieder einmal nach altmodischer Weberart hoch hergehen. Ammer schüttelte den Kopf. Nicht mehr gar lange, Bruder Jeremias, sprach er. Das Feuer, das mir mein Haus verzehrte und mich späterhin forttrieb, hat mich zu arg beschädigt. Und nachher kam das große Unglück. Das nahm mir die Kräfte vollends mit, Seltner. Aber jedennoch denk' ich noch einmal Weihnacht zu feiern im Kreis der Meinen und wär's möglich, was ich freilich bezweifeln muß, so möcht' ich wohl auch noch eine Christnacht in der Kirche mitmachen. Jetzt kam Erdmuthe mit Flora aus der obern Etage zurück, wo die mitgebrachten Habseligkeiten von den beiden jungen Frauen einstweilen aufbewahrt worden waren. Sie reichte dem Greise die Hand, küßte ihm die hohe breite Stirn und umarmte dann mit hingebender Zärtlichkeit ihren Gatten, der in gar seltsame Gedanken vertieft auf der schmalen Holzbank hinter dem Webstuhle saß und spielend die Lade hin- und herbewegte. Fürchtegott war das ganze Ebenbild des Vaters geworden, nur weniger stark. Hätten statt der schon ergrauten Haare weiße Locken sein Gesicht umspielt, so hätte man Vater und Sohn wohl für Brüder halten können. Ich danke dennoch Gott heute mehr, als damals, wie wir unter dem Jauchzen der Geigen in deinen glänzenden Muschelwagen stiegen, um nach Weltenburg zu fahren, sagte Erdmuthe, eine Freudenthräne zwischen den Wimpern erdrückend. Damals betraten wir eine Welt, die uns nicht eigenthümlich zugehörte. Wir sollten uns nach ihr umformen, unser innerstes Wesen verleugnen und weil dies unmöglich war, strauchelten, wir. Erst der Fall gab uns die volle Besinnung wieder und diese zeigte uns den Pfad zur Rettung. Jetzt, mein 696 theuerster Seelenfreund, im Besitz wahrer Zufriedenheit, werden wir uns nie zurücksehnen nach jenem Flittertand falschen Glanzes, der Herzen trennen, nie aber einigen kann. Wir wollen arbeiten und im Schweiße unseres Angesichtes uns vorbereiten auf die uns verheißene vollkommnere Welt. Fürchtegott lächelte, der Gattin die Hand küssend. Du kannst Recht haben, sagte er. Bin ich erst hier wieder eingewohnt, so ist's nicht unmöglich, daß du mich eines schönen Morgens noch einmal »den Schützen schieben« siehst. Nur glaub' ich, ich befasse mich nicht mehr mit dem für mich begrabenen Geschäft. Es knüpfen sich daran gar zu viel trübe Erinnerungen. Vielmehr denk' ich, um mit dem Vater zu sprechen, ich greif's fein vorsichtig und nicht gar groß auf andere Weise an. Die Weberei hat in den letzten Jahren wieder einen großen Fortschritt gemacht. Es ist ein verbesserter Webstuhl erfunden worden, und bin ich erst hier wieder im Gange und alle andern Wunden sind vernarbt, werd' ich's mit der neuen Weberei doch versuchen, aber fein vorsichtig und ganz stäte. Jetzt mußte Erdmuthe lächeln, der alte Ammer aber wendete sich seinem Sohne zu, nickte ihm mit vielsagendem Blicke Beifall und wiederholte scharf betonend die Worte: Ja, ja, immer fein vorsichtig und ganz stäte! Man bleibt dann jederzeit Herr seiner selbst, seiner Mittel und greift nicht weiter als man sehen kann. – Die Zurückkunft Ammer's in seinen Geburtsort war für alle Bewohner desselben ein Ereigniß. Zwar dachten nicht Alle gleich, denn dem früher so glücklichen Weber fehlte es nicht an Neidern und Feinden, immerhin aber konnte man ohne Uebertreibung annehmen, daß bei Weitem die große Mehrzahl sich darüber freute. Es ist schon zu Anfang dieser Erzählung erwähnt worden, wie segensreich der Einfluß Ammer's auf eine Menge Familien wirkte; wie er dort wirklich Darbenden durch freiwillige Gaben aufhalf, hier augenblicklich Bedürftige durch Rath und That unterstützte. Sein eigenes Beispiel spornte Viele an, ihm nachzueifern, hielt Manche ab, ihren Neigungen den Zügel schießen zu lassen, und somit konnte man behaupten, daß die bloße Nennung seines Namens ein moralisches Gewicht in die Wagschaale des Lebens Aller im Orte legte. 697 Dies war seit Ammer's Uebersiedelung nach Weltenburg anders geworden. Schon in den letzten Jahren, noch während Fürchtegott's Aufenthalt in der neuen Welt, zeigte sich der reiche Weber weniger mittheilend, als ehedem. Die weit verbreiteten Verbindungen, das Anwachsen stets neuer Sorgen, die Menge Lasten und Kümmernisse, die ihn drückten, machten ihn verschlossen, barsch und schreckten deßhalb Manchen, der sich früher mit größtem Vertrauen ihm näherte, ab, den jetzt so reichen Mann mit einer Bitte auch nur vorübergehend zu behelligen. Später, als Fürchtegott sich mit der ehemaligen Missionärin verheirathete, war Ammer aus andern Gründen wenig zugänglich, und als endlich der unglückliche Brand sein Haus zerstörte, sah Jeder ein, daß bei so großen Verlusten wenig Neigung auch bei einem Begüterten vorhanden sein konnte, Hilfsbedürftigen als bereitwilliger Retter oder Helfer sofort beizuspringen. Dennoch that Ammer, wenn er zufällig erfuhr, daß irgendwo ohne Verschulden ein Bedrängter litt, auch damals noch Gutes; nur mit seiner Abreise nach Weltenburg, um ganz dort zu bleiben, hörten diese weniger bekannten als tief empfundenen Unterstützungen für immer auf. Der ganze Ort erlitt daher durch die Entfernung des reichen Webers einen höchst empfindlichen Verlust. Jetzt, wo das Glück auch diesen begünstigten Mann seine Launen so schwer hatte fühlen lassen, gedachten Viele an das früher genossene Gute, und ohne für die Zukunft Aehnliches beanspruchen zu wollen, da ja die Verhältnisse in der Ammer'schen Familie ganz anders geworden waren, ließ Anhänglichkeit an den würdigen Greis, wohl auch eine nicht ganz kleine Dosis Neugier einer Anzahl Dorfbewohner keine Ruhe, als das Gerücht von der Heimkehr der ganzen Familie sich von Haus zu Haus verbreitete. Schon nach wenigen Stunden fanden sich erst die nächsten Nachbarn, dann auch ferner Wohnende im Hause Seltner's ein, um den vielgeprüften Greis, wohl auch, um die früh gealterten Söhne wieder zu sehen und ihnen ein paar glückwünschende Worte zu sagen. Ammer freute diese, wie er glauben mußte, im Allgemeinen ungeheuchelte Theilnahme. Er fühlte sich wieder heimisch; dies Kommen und Gehen so vieler Bekannter hatte etwas Patriarchalisches, und obgleich sowohl Anna, wie auch Flora und Erdmuthe dem Andrange 698 immer neuer Freunde gern gewehrt hätten, indem sie fürchteten, eine solche fortwährende Aufregung des sehr geschwächten Vaters könne die nachtheiligsten Folgen für dessen Gesundheit haben, begehrte Ammer selbst doch Jeden zu sehen und zu sprechen. So ward dieser erste Tag im Hause seines Tochtermannes, das er ja auch als sein eigenes betrachten durfte, dem hinfälligen Greise zu einem wahrhaften Freudentage. Er unterließ nicht, besonders Jüngere auf die großen Wandelungen aufmerksam zu machen, die nicht bloß mit ihm selbst, sondern mit seiner ganzen Familie vorgegangen seien. Daran knüpften sich von selbst Betrachtungen der belehrendsten Art. Ammer sprach mit bewundernswürdiger Offenheit über sein Geschick. Er pries es sogar, ungeachtet der schweren Schläge, die sein ganzes Haus betroffen hatten, ja, er stand nicht an, gerade diese letzte Wandlung eine wohlthätige zu nennen, weil sie sein eigenes Herz, das bisweilen auch stolzen Regung Raum gegeben, demüthig gemacht, seine Kinder aber in der Fülle der Jahre den Willen Gottes kennen gelernt habe. Mancher verließ das Haus Albrecht Seltner's mehr erbaut, als wenn er eine in banalen Redensarten und schlecht angewandten Bibelcitaten sich bewegende Predigt mit angehört hätte. Und Ammer, einmal erregt, gefiel sich in der Rolle eines mild Belehrenden. In seinem Polsterstuhle ruhend, die müde Rechte auf den Krückenstock stützend, saß er, umgeben von allen Kindern, mitten im wohl durchwärmten Zimmer. Stunde nach Stunde verging und, als endlich der letzte Besuchende sich vorher entfernte, wunderte sich der glückliche Greis, daß die schwarzwälder Uhr auf zehn aushob. Otto, der den lieben, so lange vermißten Großvater nicht verlassen wollte, war zuletzt doch, an seinem Knie ruhend, eingenickt, selbst Frau Anna, die Platz in dem bequemen Drehschemel genommen und in dieser traulichen Umgebung sich wieder recht wohl fühlte, lehnte schon längst mit über der Brust gekreuzten Armen in ihrem Stuhle und neigte das müde Haupt, dessen Haarflechten Alter und Sorgen ebenfalls gebleicht hatten, auf die Brust herab. Unter Allen am wenigsten Beifall fanden diese vielen Besuche bei dem Brüderpaar. Sie fühlten, daß ihnen die Begrüßungen nicht galten, daß es für sie eigentlich besser gewesen wäre, sie hätten nichts 699 davon weder gesehen, noch erfahren. Des Vaters Freunde, die jetzt erschienen, um ihn zu beglückwünschen, konnten nicht aufrichtig auch ihre Freunde sein. Waren sie selbst doch die eigentliche Veranlassung zu des Vaters Unternehmungen gewesen, hatten sie doch den am Alten hängenden Mann vermocht, dem bewegteren Treiben einer Welt sich anzuschließen, die er nicht kannte, in der er nur unsicher tappend oder dem Worte Anderer vertrauend, es Andern gleich thun konnte. Sie hatten den Vater um seine Ruhe, später um sein Vermögen gebracht. Sie waren schuld, daß er als ein Schiffbrüchiger heimkehrte in den stillen Hafen, wo er die erste Jolle befrachtete, die seines Glückes Schiff mit Gütern aller Art versehen sollte. Freilich konnten sie mittelbar auch als diejenigen bezeichnet werden, die ihn nach langer Irrfahrt zurückgeleitet in die Heimath, allein sie selbst befanden sich doch bei solchen Betrachtungen nicht sonderlich wohl. Aus diesem Grunde hielten Christlieb und Fürchtegott sich möglichst zurückgezogen während der ab und zugehenden Besuche. Sie vermieden es, mit Bekannten zu sprechen, und da es genug zu ordnen und zu besorgen gab, um, wenn auch nur für den Augenblick das Allernöthigste für die Zukunft vorzubereiten, so konnten beide Brüder ein längeres Zusammensein oder vertraulicheres Begegnen mit den Besuchenden vermeiden. Das ist mir lange nicht begegnet, Kinder, sprach Ammer, jugendlich heiter, aber bedenklich erhitzt, als der Letzte ihm auf baldiges Wiedersehen die Hand geschüttelt und das Haus verlassen hatte. Mich dünkt wahrhaftig, ich werde wieder jung. Wären nur die alten Gebeine nicht so eigensinnig steif und lahm, und der Kopf nicht so seltsam schwer. – Sieh, die Mutter schläft auch, und der kleine Krauskopf da zu meinen Füßen schnarcht gar, als ob eine Katze vor lauter Freude spänne. Vergeßt nicht, Kinder, für so viel Liebe und Gnade heute noch Gott zu danken! Ich denke, mir wird wohl sein, wenn seine Engel mich einlullen. Gute Nacht beisammen! Erdmuthe und Flora, ihr sollt mir noch die Hand reichen, wenn ich schon ruhe. – Mir läuft das Herz ordentlich über vor Wonne, daß ich euch endlich, endlich allesammt wieder habe – zwar etwas bestoßen da und dort, aber – Gott sei gepriesen – doch unverloren, Alle unverloren! – 700 Ammer erhob sich mit Hilfe seines Krückenstockes aus dem Stuhle. Führt mich in die Kammer, sagte er zu seinen Söhnen. Das müssen wir morgen anders einrichten, die Treppe hinauf und dann wieder hinunter kann ich das lahme Gebein nicht alltäglich schleppen. Rechne mir deßhalb, Albrecht wird mir derweile sein Cabinet einräumen. Ich treib' es ja doch nur noch eine kurze Zeit, ehe ich mich ganz und für immer verabschiede, um zu erfahren, wie der Herr das Weltregieren treibt. – Nochmals, gute Nacht! Die Brüder trugen den sehr erschöpften Vater mehr als sie ihn führten, die Treppe hinauf, und bald herrschte im Hause Seltner's eine so tiefe Ruhe, daß man das Rieseln des Schnees vernahm, der, vom leisen Westwind getrieben, an die Fenster surrte. Viertes Kapitel. Das Ende eines Gerechten. Auch die nächsten Tage brachten noch keine Ruhe, denn nun erschienen von allen Seiten die Freunde aus der Ferne, um ebenfalls den Vielgeprüften ihre Glückwünsche darzubringen. Daß unter diesen weder Mirus, der treu Erfundene, noch Candidat Still, der sich nicht genug wundern konnte, wie er ohne sein Wissen und Wollen ein Werkzeug zur Rettung der Familie Ammer geworden sei, nicht fehlten, versteht sich von selbst. Aber auch ferner Stehende fanden sich ein, und so treffen wir sowohl den aufschneiderischen Oberförster wie den lateinischen Justus in traulicher Unterhaltung mit dem Greise, der, umgeben von so vielen theilnehmenden Seelen, die bittern Erfahrungen der letzten Monate wirklich zu vergessen schien. Walter, der sich mit sammt den Brüdern in dem ursprünglich für Flora erbauten Hause wohnlich eingerichtet hatte, rieth zwar wiederholt zu größerer Schonung, Ammer jedoch schlug alle seine Ermahnungen und Warnungen in den Wind. Hat es meinem Schöpfer gefallen, sprach er, mich wieder einzusetzen, in das Reich meiner alten Herrlichkeit, dem ich hochmüthig 701 Valet sagte, so will ich die paar Freudenstunden auch recht gründlich genießen, die er mir noch darin vergönnt. Flackert dabei in heranwehendem Freudenhauche das Licht meines Lebens vollends aus, je nun, was thut's! Es ist immer die Hand der Milde und Liebe, die mir das zufügt, und ein Abscheiden von der Welt, während Freunde um uns sind, stelle ich mir nicht allzu schwer vor, obwohl jeglichen Menschen vor dem Tode ein leiser Schauer und ein Frösteln überrieselt. So verlebte Ammer eine ganze Woche. Niemand bemerkte eine Veränderung in seinem Wesen, seinem Benehmen, nur sein Gesicht verwandelte sich merkwürdig. Es ward knöcherner, die Zügen steifer, als man sie je gesehen, und in den großen, blauen Augen des ehrwürdigen Greises leuchtete ein Glanz, vor dem Mancher erschrak, wenn der Alte ihn plötzlich anblickte. Endlich ward es wieder still im Hause Albrecht Seltner's. Ammer bewohnte das Cabinet des Schwiegersohnes, das ziemlich an derselben Stelle wieder erbaut worden war, wo früher der Weber in rühriger Thätigkeit und geräuschlosem Streben so große Erfolge vorbereitet hatte. Nur etwas größer war dieser Raum geworden. Hier unterhielt sich Ammer durch die stets offen stehende Thür mit den im Wohnzimmer befindlichen Personen. Bisweilen humpelte er wohl selbst hinüber, um an den Fenstern die Runde zu machen und nach dem Wetter auszuschauen, denn das große Familienzimmer gewährte nach zwei Himmelsgegenden und besonders auf das hohe Grenzgebirge eine freie Aussicht. In den Abendstunden besuchte regelmäßig Jeremias Seltner den Jugendfreund, um den Rest des Tages mit ihm zu verplaudern. Diese Abendstunden waren für Ammer die genußreichsten des ganzen Tages. Er durchlief und überschlug dann im Gespräch mit Seltner sein ganzes vergangenes Leben und liebte es bei allen wichtigern Epochen, mochten sie nun erfreulicher oder unerfreulicher Art sein, mit einem gewissen Wohlgefallen zu verweilen. Des Irrthümlichen der letzten Jahre ward dabei ebenfalls gedacht, nicht aber mit herben Worten, sondern ruhig prüfend, indem er ohne Leidenschaft und Bitterkeit das Geschehene recapitulirte. Eines Abends sagte Ammer zu dem alten Freunde: 702 Was meinst du, Jeremias? Ist's wohl zu billigen, daß meine Söhne es mit der neu erfundenen Weberei versuchen wollen? Du darfst's mir nicht verdenken, Alter, daß ich 'was ängstlich um mich sehe, wenn ich überschlage, was die Neuerungen mich und den Meinigen gekostet haben, und doch mag ich keine Einwendungen dagegen machen, weil's ja doch eine reelle Weberei ist, so wenig ich die Sache auch begreifen kann. Du meinst den Jaquardstuhl? erwiderte Jeremias Seltner. Gerade diesen Zippelzappel mit der Musterrolle oberhalb der Lade. Nun, lieber Freund, damit kann ein kluger Kopf viel Gutes stiften. Ich hab' mir die Sache genau besehen, und wär' ich nicht zu alt, würden mir die Augen nicht blöde und hätte ich überhaupt noch die Kräfte dazu, so versuchte ich's wohl selber auf dem Jaquardstuhle. Ich sage dir, Freund, es ist dies eine Erfindung, die jedenfalls mehr Segen bringt, als die Berthel Schwarz'sche. Mit dem Jaquardstuhle, von dem ich glaube, daß er sich noch bedeutend verbessern läßt, werden sich Gewebe herstellen lassen, die es an Sauberkeit und Schönheit mit dem feinsten Groß-Schönauer Damast aufnehmen. Das meint mein Fürchtegott auch, erwiderte Ammer nachdenklich. Vor ein paar Tagen fuhr er nach W***, um bei einem meiner ältesten Weber aus der früheren Zeit sich einen solchen Stuhl genau zu betrachten. Er hat sich die ganze sinnreich zusammengesetzte Maschine auseinander nehmen und die Einrichtung derselben zeigen lassen. Dann war er flugs bei der Hand, um sie ohne Mithilfe eines Andern wieder zusammen zu setzen. Jetzt ist er dabei, eine Musterrolle abzuzeichnen, und wenn er damit fertig sein wird, will er selbst, wie er mir sagte, ein Muster erfinden. Auch der Christlieb zeichnet von früh bis in die Nacht, und überläßt alles Andere deinem Sohne. Laß sie, mein Freund, sprach Jeremias Seltner. Der Christlieb besitzt keine gewöhnlichen Anlagen zum Zeichnen. Es ist Schade, daß er das nicht früher bemerkt hat. Aber so ist's; was man nicht versucht, das lernt man nicht kennen; und so gehen eine Menge Talente ungekannt verloren, die, hätten sie Gelegenheit gehabt, sich auszubilden, vielleicht Treffliches leisten und Hunderten damit nützen konnten. Christlieb, scheint mir, ist ein geborener Musterzeichner. Seine Ruhe, seine Accuratesse und Ausdauer befähigen ihn dazu ganz besonders. Der 703 unruhigere Fürchtegott dagegen, der eine lebhafte Phantasie besitzt, wird sehr bald gute und originelle Muster angeben können. Geschieht dies und arbeiten dann Beide einander in die Hände, so können, ja müssen sie sich in einigen Jahren einen recht anständigen Wirkungskreis schaffen, der es mit dem verlorengegangenen Welthandel wohl aufnehmen kann, wenn er sich auch in viel enger gezogenen Grenzen bewegt. Ammer war mit dieser Ansicht des Freundes vollkommen einverstanden. Er sah es nun gern, wenn die Brüder bisweilen in sein Zimmer kamen und ihm die gemachten Zeichnungen vorlegten. Die Erklärungen begriff der intelligente Mann sehr bald, wie es ihm auch einleuchtete, daß die neue Construction des Webstuhles ein vielverheißender Fortschritt sei. Während nun so die Glieder der Familie Ammer ein immer enger sich verschlingendes Band der Liebe und gegenseitigen Duldung vereinigte, schwanden die Kräfte des alten Vaters unmerklich. Seine Umgebung würde kaum Notiz davon genommen haben, hätte Ammer nicht selbst Aeußerungen gethan, die auf eine schnell überhand nehmende Schwäche hinwiesen. Er weigerte sich, sein Zimmer zu verlassen, und beschäftigte sich, auf dem Sopha liegend, mit dem Ausschneiden von Sternen, Figuren, Bäumen und Häusern für seinen Enkel, der dem Großvater keine Ruhe ließ, weil dieser dem Knaben versprochen hatte, einen Weihnachtsbaum recht schön und bunt für ihn aufzuputzen. Ammer besaß in solchen Handarbeiten ungewöhnliches Geschick; er flocht die zierlichsten Gebilde aus buntem, schillerndem Papier und ergötzte damit Otto, der nach Art lebhafter Kinder nicht genug so glänzender Sächelchen bei Seite schaffen und zu fernerweitem Gebrauche aufbewahren konnte. So gelang es dem körperlich immer matter werdenden Greise, die Wünsche seines Enkels zu befriedigen. Selbst den Tannenbaum putzte er ihm auf. Bei dieser Beschäftigung bemerkte man, daß seine Hände heftig zitterten. Auch verfiel Ammer's Gesicht mit jedem Tage mehr. Walter, der in der Stille den Greis sehr aufmerksam beobachtete, ohne ihm durch Vorschriften und Verhaltungsmaßregeln die Laune zu verderben, gab den Brüdern einen Wink, indem er sie auf die mit raschen Schritten nahende Katastrophe vorbereitete. 704 Der Vater erlebt das neue Jahr nicht, sprach er. Sein Lebensöl ist bis auf den letzten Rest verzehrt. Aber ich hoffe, nun ein gesicherter Frieden in seine Seele eingezogen ist, daß sein Ende sanft und völlig schmerzlos sein wird. Er wird, wie er es sich wünschte, gleich einem verlöschenden Lichte aufflackern. Drei Tage vor dem Feste begehrte Ammer plötzlich Candidat Still zu sprechen. Er gab keinen Grund dafür an, aber er verlangte mit einem Anflug von Hast, daß man den Mann alsbald herbeischaffe. Es ward deßhalb unverweilt ein Bote nach der Stadt gesendet, um den Candidaten zu holen. Inzwischen rief Ammer die Seinigen an sein Lager. Er war ruhig und gefaßt. Kinder, sprach er mit matter, immer klangloser werdender Stimme, in vergangener Nacht sah ich die Ewigkeit offen. Heute werde ich abberufen und zwar noch vor Nacht. Wenn die Sonne hinter den Hügel hinuntersinkt, wird meine Seele sich emporschwingen zu den Wohnungen, die der Herr für uns bereit hält. Ich will also Abschied nehmen von euch, nicht mit Klagen und Weinen, sondern dankend für Alles, was Gott mir gegeben hat. Durch mancherlei Fährniß sind wir von ihm geführt worden, und war's bisweilen schwer, so konnten wir's doch tragen. Viel hab' ich euch nicht zu sagen. Ich wünsche nur Dreierlei und hinterlasse euch dies als mein Vermächtniß. Zum Ersten: bleibet in Gott, so bleibet ihr auch in der Liebe zu euch und Andern; zum Zweiten: vergesset nicht, was ihr erlebt habt, damit ihr dem Hochmuthe nicht Raum gebt und der Böse keine Macht gewinne über euch; und endlich zum Dritten: thuet wohl, wo ihr könnt, und solltet ihr nochmals hören von ihm, der mich und euch geschädiget, so sehet zu, daß ihr ihn an euch kettet mit Banden der Liebe und bringt ihm die Verzeihung eines Sterbenden! So ihr dies thuet, werd' ich sanft ruhen im Schooße der Erde, die unser Aller Brautbett ist, in dem wir der Ewigkeit vermählt werden! Ammer's Augen waren schon gebrochen, noch während er sprach. Seine Hand griff tastend nach den Seinigen. Ist er noch nicht da? fragte er, das erkaltende, müde Haupt in die Kissen drückend. Ich wünschte, daß er den Segen über mich sprechen sollte, wenn mein Schöpfer die Seele von mir genommen. Er war immer ein schlichter, redlicher Mann, ohne viele Worte, und just 705 weil ihm das Reden auf der Kanzel nicht glücken wollte, verstand er's im Zimmer desto besser, Freunden zum Herzen zu sprechen. Der Sterbende wiederholte noch einige Male seine Frage nach Still. Endlich hörte man einen Wagen. Er hielt vor Seltner's Hause. Gleichzeitig trat ein hoher Mann in dunklem Mantel auf die Flur. Er ist es, sprach Ammer, ohne sich zu bewegen. Wer begleitet ihn? Christlieb führte den Candidaten an das Lager des Vaters. Ein barmherziger Bruder aus Prag, sagte Fürchtegott, bittet um ein Viaticum. Euern Segen – Euern Segen! lallte der Sterbende. Der katholische Geistliche, welcher von Weltenburg kam, wo er Ammer noch zu treffen hoffte, fragte jetzt, wie es dem Greise ergehe? Die Bestürzung Aller gab ihm zu spät Antwort. Er stirbt? fragte er. O, so lassen Sie mich mit Ihnen vereint an seinem Lager beten. Der Tod eines Gerechten mehrt den Segen der Ueberlebenden. Ammer athmete nicht mehr. Während der Candidat, den Segen leise und gerührt sprechend, ein dreimaliges Kreuz über die Stirn des Greises schlug, umknieten die Uebrigen das Sterbelager, Einige betend, Andere leise weinend. Auch der barmherzige Bruder betete. Dann erhob er sich und verließ, von Niemand gefolgt, das Zimmer des Verblichenen. In der Wohnstube legte er einen Brief auf den Tisch. Sie werden ihn finden, sprach er leise. Möge er wirken, was er soll. Ich habe meine Pflicht gethan. Fünftes Kapitel. Eine Versöhnung. Eine allgemeine Trauer ging durch die Provinz, als sich die Kunde von dem Ableben Ammer's verbreitete. Mit ihm war ein Mann gestorben, der ungeachtet des herben Mißgeschickes der letzten 706 Jahre die Handelsthätigkeit und besonders die Industrie verschiedener Zweige auf eine früher nie gekannte Höhe gehoben hatte. Wohin man hörte auf den großen, volkreichen Dörfern, deren Einwohner sich fast ausschließlich von der Weberei ernähren, überall ward der Name Ammer als derjenige genannt, der Leben und Regsamkeit in das Geschäft gebracht, in dessen Schule sich gewissermaßen viele hundert dankbare Schüler gebildet hatten, die, Manche als selbstständige Fabrikanten, in seinem Sinne und Geiste fortwirkten und dadurch wieder andere Hunderte der von Ammer ausgegangenen Thätigkeit zuführten. Man durfte sich daher nicht wundern, daß sein Tod Viele tief erschütterte. Dieser starre, aber bemittelte und in seinem Thun consequente Weber hatte thatsächlich mehr genützt, als mancher sogenannte große Mann, der mit Ordenssternen, die er nur seiner zufälligen Stellung, nicht seinen Verdiensten zu verdanken hat, in der Welt herumläuft. Daß es seiner Charakterfestigkeit und zuverlässigen Freunden gelungen war, noch gerade zur rechten Zeit die zu weit gegangenen Söhne vom Abgrunde zurückzureißen, machte nicht bloß außerordentliches Aufsehen, es dankten ihm dafür auch Tausende, denn der wirkliche Untergang der Ammer würde Zahllose, ja ganze Ortschaften in's Elend, viele Familienväter in Verzweiflung und Tod gestürzt haben. Der Sitte gemäß wartete man volle sieben Tage, ehe man den Verstorbenen beerdigte; eine Sitte, von der nur in höchst dringenden Fällen oder in Folge eines von der Behörde eingegangenen Befehles abgewichen ward. Der strenge Frost erlaubte dieses Hinzögern. In dieser langen Zeit wurden alle Vorkehrungen zu einem höchst glänzenden Begräbnisse getroffen. Mehr als vierhundert Personen erhielten specielle Einladungen zu dieser ernsten Feierlichkeit. Wer sonst einem Verstorbenen aus besonderer Anhänglichkeit, Achtung oder sonstigen Gründen »das letzte Geleite«, wie man zu sagen pflegt, geben will, bleibt dies unbenommen. Es wird Niemand daran verhindert, Niemand zurückgewiesen. Daher kommt es vor, daß bei Beerdigungen von Persönlichkeiten, die sich einer seltenen Popularität erfreuten, »Grabegänger« viele Stunden weit herkommen. Man kennt sogar Einzelne, welche eine Art Geschäft aus diesen Grabegängen machen, und zu diesem Behufe fast immer, aus einer eigenthümlichen Leidenschaft, Beerdigungen beizuwohnen, unterwegs sind. 707 Ob auch bei Ammer's Beisetzung solche Grabegänger aus Liebhaberei sich eingefunden, ist uns nicht bekannt geworden, gewiß aber ist, daß Keiner von denen, die auch nur entfernt einmal mit dem Abgeschiedenen in Verbindung gekommen waren, die mittelbar oder unmittelbar von ihm oder später von den Söhnen abhingen, bei dem Begräbnisse fehlte. Man schätzte die Zahl derer, welche dem Sarge Ammer's folgten als sogenannte »Leidtragende«, auf mehrere Tausende. Diese bildeten einen Leichenzug, wie man seit Menschengedenken keinen ähnlichen gesehen hatte. Auch Abgeordnete der Brüdergemeinde bemerkte man, unter diesen den Grafen Alban, der schon zwei Tage vor dem Begräbnisse angelangt war. Die große Aufregung, welche dieser Todesfall weit und breit hervorbrachte und die ganz besonders die Hinterlassenen des Webers in den ersten Tagen zu gar keiner Ruhe kommen ließ, hatte die Auffindung des Briefes verhindert, welchen am Sterbtage der barmherzige Bruder in der Wohnung Seltner's zurückgelassen. Flora fiel derselbe zuerst in die Hände; da er nun aber an den Vater adressirt war und der unersetzliche Verlust, den sie erlitten, ihr ganzes Wesen durchschütterte, glaubte sie nichts Unerlaubtes zu thun, wenn sie das Schreiben unerbrochen bis nach der Beerdigung zurücklegte. Sie dachte auch wirklich nicht früher daran, als nach der Rückkehr von dem ziemlich fern gelegenen Kirchhofe, wo sich die Mitglieder der Familie und die vertrautesten Freunde des Verstorbenen bei Seltner wieder versammelten. Jetzt überreichte Flora den Brief ihrem Gatten, der, weil die Adresse den Namen Ammer nannte, ihn seinen Schwägern einhändigte. Christlieb erbrach und las ihn. Er wechselte die Farbe. Alle umstanden ihn erwartungsvoll. Das ist mehr als seltsam, sprach er nach kurzem Schweigen. Hört, was da zu lesen ist. Der Brief lautete: »Im Namen eines Unglücklichen hält Schreiber dieses sich für verpflichtet, Herrn Ammer den Vater und dessen Söhnen die Anzeige zu machen, daß sie ein gutes Werk thun würden, wenn sie nicht zauderten, nach R*** zu eilen, um dort im Kloster der Barfüßer sich zu melden und weitere Aufschlüsse sich vom Bruder Guardian zu 708 erbitten. Ein im Namen und zum Wohle aller Menschen, weß Glaubens dieselben immer sein mögen, sammelnder barmherziger Bruder.« Im ersten Augenblicke waren Alle über diese räthselhaft klingenden Worte dermaßen erstaunt, daß sie selbst den großen Verlust vergaßen, den sie gehabt. Niemand wußte sich den Zusammenhang zu erklären, Niemand zu sagen, welcher barmherzige Bruder sich zum Briefträger für einen Ungenannten bereitwillig aufgeworfen haben möge. Es durchwanderten mehrere dieser Priester die Gebirgsdörfer, keiner derselben war jedoch streng auf einen bestimmt abgegrenzten Bezirk angewiesen. Endlich fiel es Seltner ein, daß am Sterbetage des Vaters einer dieser geistlichen Herren am Lager des Sterbenden gekniet und gebetet hatte. Flora, die doch eine Thorheit begangen zu haben fürchtete, gestand zögernd, sie habe den Brief gefunden und bei Seite gelegt, später aber wirklich gänzlich vergessen. Man sann und rieth hin und her, ohne zu einem Ziele zu kommen. Da sprach Graf Alban, welcher der Eröffnung des Briefes beiwohnte und den man ebenfalls mit dessen Inhalt bekannt machte: Könnte dieser Unglückliche, von welchem hier die Rede ist, nicht ein Mann sein, den wir Alle sehr genau kennen? Wer, außer einem Einzigen, vorausgesetzt, daß er noch lebt, dürfte mit dem Verstorbenen dringend zu sprechen, oder seine Söhne zu sehen wünschen? Wimmer! riefen zugleich die Brüder mit Flora und Erdmuthe. O Gott, Wimmer! sagte Frau Anna, beide Hände über ihre durch häufige Thränen gerötheten Augen deckend. Ich vermuthe, Sie sind auf rechter Fährte, fuhr Graf Alban fort. Es ist mir aufgefallen, daß man ungeachtet aller Nachforschungen gar nichts mehr von dem Verschollenen gehört hat. Man glaubte, er würde irgendwo wieder zum Vorschein kommen, da es ihm nicht an Anhängern fehlt, die wohl etwas für ihn thun könnten, wenn er in seiner eigenthümlich gewinnenden Weise Jemand zu bereden sich angelegen sein ließ. Martha, seine treue Haushälterin, hat ihn vermißt und redlich beweint. Sie ist vor Kurzem in's Schwesterhaus zurückgekehrt, da das kleine Besitzthum ihres bisherigen Brodherrn ebenfalls die Beute seiner Gläubiger ward. Meines Wissens ließen sich die 709 Spuren des Geflüchteten bis nach Böhmen verfolgen. Auf der Glashütte, wo er eingesprochen war, verloren sie sich. Damals begann das große Schneetreiben. Die Wege wurden ungangbar, es kamen in jenem furchtbaren Wetter viele Menschen und Thiere um, Wimmer aber war verschwunden. Die Meisten von uns glaubten, auch ihn möge das böse Wetter auf einsamer Gebirgsstraße ereilt und irgendwo in eine versteckte Schlucht gestürzt haben. Diese Worte machten einen tiefen und beunruhigenden Eindruck auf die Brüder. Beide waren unschlüssig, theils, weil man ja doch nicht wissen konnte, wer der Unglückliche sein möge, theils, weil sie, falls wirklich der schlimm geartete Herrnhuter damit gemeint war, einen Widerwillen fühlten, mit dem ihnen so feindselig gesinnten Manne nochmals zusammen zu treffen. Sie äußerten diese Meinung unverhohlen gegen den Grafen und zugleich schlug Fürchtegott vor, Jemand in das bezeichnete Kloster zu schicken, um vorerst Nachfrage zu halten. Es bliebe ihnen dann ja immer noch unbenommen, zu thun und zu lassen, was sie für gut fänden. Wir dürfen wohl annehmen, entgegnete Graf Alban, daß hier ein gutes Werk Ihrer harrt. Diese barmherzigen Brüder sind ohne Ausnahme sehr wackere Christen. Wenn sie für Jemand bitten, muß er der Hilfe bedürftig sein. Nun aber liegen zwischen heut und jener Bitte schon acht volle Tage. Da drängt die Zeit. Wollen Sie also helfen, wollen Sie dem Rufe, der an Sie ergeht, Folge leisten, so dürfen Sie nicht zaudern, weder als Christen, noch als Menschen! Gewiß, meine Freunde, Sie handeln ganz im Sinne des edlen Mannes, dessen sterbliche Hülle wir heute zur Ruhe gebettet haben, wenn Sie thun, was der barmherzige Bruder von Ihnen begehrt. Sind Sie dazu gewillt und entschlossen, so bin ich gern erbötig, Ihr Begleiter zu sein, werden Sie aber durch gewichtige Gründe davon zurückgehalten, nun, dann will ich allein diesen Gang auf mich nehmen. Vielleicht komme ich noch früh genug, um einem Bekümmerten, einem tief Gebeugten, von Gewissensbissen Gefolterten die Stirn zu kühlen mit dem Weihwasser des ewigen Lebens! Diese Entschiedenheit des Grafen machte die Brüder schnell andern Sinnes. Beide erklärten ihre Bereitwilligkeit, nach R*** 710 aufzubrechen, um dem ihrer Harrenden, wer es auch sein möchte, den begehrten Trost zu bringen. Laßt mich euch begleiten, sprach jetzt Erdmuthe. Schon früher war es mein Wunsch, mit dem Manne zu sprechen, der uns Allen so viel Leid zugefügt hat. Damals hieltet ihr mich zurück, weil Gott seine Schneewellen über die Erde rollte und der Athem des Sturmes auch einem Liebeswerke feindlich begegnen konnte. Heute schlafen die Elemente. Wir werden die alten Klostermauern des freundlichen Städtchens noch vor Abend erblicken, und, will's Gott, noch vor Nacht ein gutes Werk stiften. Fürchtegott hatte zwar mancherlei Einwände gegen diese Begleitung Erdmuthe's, allein er war genöthigt, diesmal sich zu fügen. Erdmuthe's fester Wille fand einen sehr starken Hinterhalt an dem Grafen, der mit sanftem Lächeln zu Fürchtegott sagte: Wehren Sie ihr nicht, junger Freund. Der Drang, Kranken Heilung zu bringen, ist stark in ihr entwickelt. Sie wird glücklich sein, wenn sie ihm folgen kann, und wer mag wissen, ob nicht gerade das Wort einer Frau da, wo die Mahnungen der Männer erfolglos bleiben, einen schönen Sieg erringt? Schweigend, wenn auch ungern, ließ es Fürchtegott geschehen, daß Erdmuthe sich reisefertig machte. Als man den Wagen bestieg, den man der unsichern Wege halber im Gebirge ungeachtet des hohen Schnees dem Schlitten vorzog, sprach Christlieb zu seiner Mutter: Sollten wir morgen noch nicht zurückkommen, so laßt Euch dies nicht kümmern. Ist er es, den wir finden, so scheiden wir nicht eher, als bis wir uns geeinigt haben. Das aber kann bei dem sonderbar versteckten Charakter eine geraume Zeit in Anspruch nehmen. Nach Verlauf von zwei Stunden erblickten die Reisenden die Kirche des hoch gelegenen Städtchens. Auf den Kreuzen des Klosters, das vor demselben an einer Thalsenkung mit der Aussicht auf das nahe Gebirge lag, verloschen die letzten Funken der winterlichen Sonne. In dem einzigen Gasthofe am Marktplatze ließ man den Wagen stehen und begab sich sogleich nach dem Kloster. Unterwegs dahin fiel es den Männern erst ein, indeß man möglicherweise Erdmuthe den Eintritt verwehren könne, da der Orden der Barfüßer eine strenge Observanz beobachtet und Frauen in die 711 geheiligten Räume seiner Klöster niemals Zutritt gestattet. Erdmuthe jedoch hatte guten Muth. Wenn sie erfahren, daß ich vor meiner zweiten Verheirathung Missionärin war, sprach sie, machen die guten Mönche gewiß eine Ausnahme. Wir Missionärinnen gehören ja gewissermaßen auch einem Orden an, und meiden wir auch nicht den Umgang mit Männern, so, denk' ich, kann man uns doch eines unheiligen Lebenswandels nicht bezichtigen. Ueberdies kommen wir ja auch nicht als Neugierige. Ich bin keineswegs begierig, die Zellen der armen Barfüßer zu besuchen oder ihren Andachtsübungen beizuwohnen, nur als barmherzige Schwester einem Leidenden die Hand zu reichen, war und ist noch jetzt mein Streben. Graf Alban zog die Schelle der Klosterpforte, die grell forttönend in allen Theilen des ziemlich weitläufigen Gebäudes gehört werden mußte. Von der Kirche her scholl dumpfer Gesang, denn es war um die Zeit der ersten Abendhora. Nach Verlauf einiger Minuten erschien der Bruder Guardian, öffnete die innere Thür, welche den Eingang zum eigentlichen Kloster noch von der äußern, oben mit einem Holzgitter versehenen Pfortenthür trennte, und fragte, wer und zu welchem Zwecke man Eingang begehre? Graf Alban erkundigte sich, ob vor Kurzem ein barmherziger Bruder aus Prag das Kloster besucht und ob in demselben ein Leidender Aufnahme gefunden habe? Nennen sich der Herr vielleicht Ammer? fragte der Mönch. Ich nicht, erwiderte der Graf, aber diese meine Begleiter gehören der Familie Ammer an. Man bezeichnete mir das Haupt derselben als hinfälligen Greis, sagte der Guardian. Dieses Haupt haben wir heute in kühle Erde gebettet. O, dann treten Sie ein, sprach der Mönch, sichtlich ergriffen und schnell die Pforte öffnend. Er schien dabei gar nicht auf Erdmuthe zu achten, die auf Fürchtegott's Arm gestützt zugleich mit den Uebrigen in das Sprechzimmer trat. Sie haben wohl die Gefälligkeit eine kurze Zeit zu verziehen, Verehrte, der Mann, welcher das Haupt der Ammer zu sprechen begehrte, ist seit der Abreise unseres geistlichen Bruders viel schwächer 712 geworden und überhaupt ein seltsamer Charakter. Wer kann wissen, ob er nicht gerade jetzt mit bösen Geistern ringt und in diesem Zustande unfähig ist, Sie zu sprechen? Der Arme hat schwer zu leiden und schon dieser entsetzlichen Leiden willen ist ihm die Ruhe wohl zu gönnen. Die beiden dienenden Brüder, die Tag und Nacht an seinem Lager wachen, entsetzen sich nicht selten über die gotteslästerlichen Worte, die er, von Körper- und Seelenschmerzen gleich heftig gepeinigt, ausstößt. Als sich unsere Freunde wieder allein sahen, sprach Fürchtegott: Es ist Wimmer, unser beklagenswerter Gegner. Wie aber kommt er hieher, in's Kloster dieser Barfüßer? Bald wird uns darüber Gewißheit werden, versetzte der Graf. Was dem Irrenden auch zugestoßen sein mag, es ist geschehen zu seiner Rettung. Erdmuthe befiel eine seltsame Unruhe. Sie ging ungewöhnlich lebhaft im Sprechzimmer auf und nieder. Der Guardian kam zurück und lud die Fremden ein, ihm in's Krankenzimmer zu folgen. Der unglückliche Mann ist still, sprach er. Er hatte nichts dagegen, die Gebrüder Ammer vor sich zu lassen, denn, sagte er, einmal begegne ich ihnen doch noch und es ist besser, daß ich sie jetzt wiedersehe, als vielleicht an einem Orte, wo man nicht einmal mehr Herr seiner Zunge ist. Was der arme Kranke damit sagen wollte, weiß ich nicht. Der Guardian führte nun die späten Ankömmlinge über lange, hallende Corridore, an deren äußerstem Ende er eine Thür öffnete. Das Gemach war traurig genug. Kahle, schmucklose Wände, ein Fenster ohne Vorhänge, jetzt mit einem Laden verschlossen, zwei Schemel, ein kleiner schmaler Tisch von Fichtenholz und am Boden ein niedriges Lager aus einigen Matratzen bestehend. In der Mitte dieses wenig einladenden Zimmers hing von der Decke herab, eine irdene Lampe, deren Schein ein trübes Licht rund umher verbreitete. Auf diesem Lager erblickten die Eintretenden die hagere Gestalt eines Mannes, dessen Arme bis zu den Ellenbogen mit dichten Hüllen umwickelt waren. Sein Scheitel war fast kahl, die Züge verzerrt und eingefallen. Alle erkannten sogleich den alten Herrnhuter, den ehemals so rüstigen Kaufmann Wimmer. 713 Seid ihr doch gekommen? redete dieser sie an, indem er einen vergeblichen Versuch machte, seinen Oberkörper aufzurichten. Nur immer heran, ich kann euch nichts mehr anhaben, denn es hat meinem Schöpfer gefallen, würde der Alte sagen, wenn er noch lebte und fromm thun könnte, mich zum Krüppel zu schlagen in seiner unergründlichen Weisheit. Während Wimmer diese Worte mühsam und mit heiserer, kaum verständlicher Stimme herausstieß, hatten die dienenden Brüder ihn behutsam aufgerichtet, dennoch mochte auch diese sehr vorsichtige Bewegung ihm furchtbare Schmerzen verursachen, denn er schrie laut auf und sagte in scheltendem Tone: Zerreißt mich doch nicht vor der Zeit mit euern Tatzen! Bin ich erst des Teufels Eigenthum, muß ich mir's gefallen lassen, ob er mich fein brüderlich behandeln oder wie einen Kerl tractiren wird, der sich ungern in seinem feuerfarbenen Reiche niederläßt. Ein schauerliches Stöhnen unterbrach diesen höhnenden Redefluß des Gemarterten. Als er sich wieder etwas erholt hatte, richtete er seine tief eingesunkenen, funkelnden Augen erst auf den Grafen, dann auf die Brüder, und ließ sie endlich auf Erdmuthe ruhen. Dann lachte er, daß die Brüder zusammenschraken. Ha, ha, ha, ha! Ihr habt richtig nicht getraut, daß ich euch packen und zerschmeißen würde, wie hohle Scherben! Darum mußte die Fromme mitkommen und ihr Brautführer, über die ich freilich keine Gewalt habe. – Nun, es ist Alles gleich, und mir schon recht. – Also der Alte, der mich so lästerlich verfluchte, ist abgefahren? – Bon , wünsche glückliche Reise! Es freut mich, daß er drüben Quartier bestellen kann. Invaliden gehören zusammen und ich bin jetzt ebenfalls Invalide, wie euer Vater es war. Nur hat mich nicht die Flamme, sondern ihr Todfeind, das Eis, zum Krüppel gemacht. Ha, ha, ha, ha! da heißt's, der Teufel hole die Seinen in feuriger Gestalt! Es war eine recht niederträchtige und dumme Teufelei von ihm, daß er mir statt heißer Asche, kalten Schnee in die Augen warf, um wenigstens meine Knochen zu erhaschen. Denn ganzbeinig hätte er kein Zipfelchen meines Haares erwischt, der alberne, nach Seelen lüsterne Kerl. 714 Aus jedem Worte des Leidenden sprach eine ingrimmige Verzweiflung und die Furcht vor dem täglich, ja stündlich näher heranrückenden Tode. Ihr Ammer, fuhr er fort, ihr habt immer Glück. Ihr macht's gerade wie die Katzen; wirft man euch kopfüber von der schwindelndsten Höhe hinunter in den Abgrund, der nur zwei Fuß breit ebenen Raum darbietet, so kommt ihr gewiß mit beiden Füßen gerade auf diese ebene Stelle, und schüttelt euch höchstens. Das Genick ist euch nicht zu brechen, weder im Guten noch im Schlimmen. Euer Glück hat mich besiegt, nicht eure Klugheit, noch die eurer Freunde und Anhänger. – Hätte der Alte, der mir mit seinen plumpen Weberstiefeln die Hürde eintrat, in der ich mich niederlassen und Gutes thun wollte nach meines Herrn und Heilandes Willen, mir nicht so lästerlich viele Flüche nachgeschleudert, so daß mir von dem unnützen, wüsten Lärm Sehen und Hören verging auf Wochen: ich hätte mich nicht verirrt mit meinem stegekundigen Klepper in der wilden Sturmnacht, als mich euer Glück herausgebissen aus meinem stillen Hause. Wimmer richtete seine geisterhaft funkelnden Augen fest auf die Brüder, ein dumpfes, pfeifendes Röcheln entrang sich der Brust, und indem er beide verhüllte Arme wimmernd vor Schmerz gegen sich erhob, sprach er weiter: Da hat sich das Glück der Ammer angehängt, und unten an den Beinen lastet's mit Centnergewicht. Eures Vaters Fluch, der mich dämelig machte, überheulte zehnfach den Sturm der Novembernacht und schrie immer hinter mir drein und meinem Rößlein: hinunter, hinunter! Und da mußte ich wohl folgen und mich bücken. Der Schnee fiel dichter und immer dichter, die Eispfeile bohrten sich wie feine, spitze Schwefelflammen in meine Augen, daß ein rollender Feuerpfuhl in grellen rothen Flammen um, unter und über mir loderte, und von allen Seiten über mich hinstrudelte, bis er mir die Sehkraft vernichtet hatte und schwarze Nacht über mich kam. Drei Tage später erst kehrte mir die Besinnung zurück und das Licht der Augen. Ich sah sie wieder, die vermaledeite Welt, und mich selbst. Meinem Rößlein war der parteiische Herr Himmels und der Erde gnädig gewesen in jener Nacht; er hatte es erfrieren lassen im Schneesturme. Mir aber ließ er aus Gnade und Barmherzigkeit, und wie mir von früh bis Abends 715 diese frommen Klosterbrüder jetzt vorsingen, zu meiner Seelenrettung nur Arme und Beine erfrieren, damit ich still liegen bliebe und mich nicht wehren könne, weder gegen die Wespen, die ihre giftigen Stacheln in mein Gehirn bohren, noch gegen die bittern und scharfen Worte rechtgläubiger Bekehrungseiferer! – Ich dachte, der Tanz solle rascher zu Ende gehen, wenn ich den, der dies Unglück über mich gebracht, mit der für mich sehr schweren Bitte anginge, er solle den Fluch von mir nehmen. Aber da thut er mir, um nicht aus seiner Glücksrolle zu fallen, den malitiösen Tort an, noch vorher zu sterben. Dank's ihm der Teufel! Erschöpft von Schmerz und der Anstrengung des Sprechens schloß Wimmer die Augen und sank röchelnd, das Haupt unruhig von einer Seite zur andern werfend, auf sein ärmliches Lager zurück. Ihrer Gewohnheit gemäß und wohl auch, um selbst ihren Muth beim Anblick dieses erschütternden Jammerbildes nicht zu verlieren, begannen die beiden dienenden Brüder lateinische Gebete herzusagen. Unsere Freunde waren von tiefstem Mitleid ergriffen und wären gern zu jeglichem Opfer bereit gewesen, hätte ein solches dem Unglücklichen überhaupt Linderung seiner qualvollen Leiden bringen können. Während Erdmuthe, auf Christlieb's Schulter gelehnt, ihren Thränen freien Lauf ließ, beugte Fürchtegott sich nieder zu dem Lager des Leidenden. Herr Wimmer, sprach er, wenn Sie zurückblicken in die Vergangenheit und Ihr Gedächtniß Ihnen treu ist, dann werden Sie sich auch erinnern, daß nicht wir feindlich gegen Sie auftraten. Es möge jetzt ununtersucht bleiben, welche Gründe Ihre Handlungen leiteten. Gott hat uns schwer geprüft, uns zuletzt den Vater genommen; er hat Sie fühlen lassen, daß er allein mächtiger ist, als Tausende von uns. Nach solchen Erfahrungen, sollte ich meinen, wäre es billig, daß wir uns allesammt mit Eins die Hände reichten, nicht kleinlich Schuld gegen Schuld abwögen, sondern rasch und ohne zu mäkeln das Wort der Versöhnung aufrichtig und ohne Hinterhalt sprächen. Ein häßliches Zucken bewegte die Gesichtsmuskeln des Unglücklichen. Du hast gut reden, versetzte er. Du bist die Katze, die auf die Beine kam, als ich meinte, sie würde den Schädel sich spalten zum 716 Entsetzen des Alten, der mir das Glück der Welt gestohlen und meine Seele im Innersten geschädigt. Ich bin elend geworden und weiß, daß ich dahinfahren muß, von wannen noch Keiner zurückgekommen. Ob sie dort die Schalmeien blasen, wenn die Engelein tanzen und ihre Röcklein schwenken, oder ob die Musik der Ewigkeit aus eitel Zähnegeklapp der sogenannten Verdammten besteht, wird mir zeitig genug offenbar werden. Der Fluch deines Vaters brennt mir in Herz und Hirn. Der ihn ausstieß, lebt nicht mehr, er kann ihn also auch nicht von mir nehmen. Ich denke deßhalb, es wird christlich sein, wenn ich Gleiches mit Gleichem vergelte. So seid denn ihr, an deren Fersen das Glück dieser Welt haftet, seid ewig – Gesegnet! rief mit Prophetenton Erdmuthe, neben Fürchtegott sich niederbeugend zu Wimmer's Schmerzenslager. Ich sah' es geschrieben auf deiner Stirn, über deren Falten bereits unsichtbare Hände die Schleier des Todes zusammenlegen, daß jener große Augenblick auch dir naht, vor welchem selbst todeswürdige Verbrecher zittern. Nicht Fluch, nein, ein Segensspruch soll über deine Lippen gleiten, ehe der Sendbote erscheint, den der Herr abschickt, um die Seelen einzusammeln, die er hinausstreute mit dem stillen Wunsche, daß sie wirkten und lebten zur Verherrlichung seines Namens! Wimmer, dereinst mein Bruder, ich rufe zurück in dein Gedächtniß alle die Tage, wo du im Verein mit den Brüdern das Brod der Liebe brachst. Es ist nicht möglich, daß du es thatest, ohne dabei bewegt zu werden, ohne Regungen jener heiligenden Bruder- und Schwesterliebe in dir zu fühlen, die das Band ist aller derer, welche sich zu unserm Bunde bekennen. Du magst uns verlassen haben, Bruder Wimmer, im Zorn einer trüben Secunde, verloren bist du uns dennoch nicht; denn wer das Brod mit uns brach und den Kelch der Liebe mit uns theilte, der kann niemals unser Feind und Gegner werden! Darum, du Armer, Gequälter, oft Getäuschter, öffne den Mund zum Lobe des Herrn, nicht zum Fluche deines Nächsten! – Ich, die Gattin des Mannes, der ein Sohn deines Freundes ist, der nach vielen traurigen Erfahrungen auch abgeworfen hat die Schlacken des Bösen, ich, die gewesene Missionärin, der es unter dem Beistande des Heilandes gelang, selbst Wilde zu zähmen: ich öffne deinen Mund der Liebe und Vergebung, indem ich im Namen und Auftrage des Verewigten, den Fluch 717 von dir nehme, den Ammer ausstieß im Augenblicke des Zornes, und den er, wie ich weiß, hundertmal bereute! Sei gesegnet von mir, du Geprüfter! Der Herr Himmels und der Erden nehme von dir die Last irdischer Schmerzen und lasse dich eingehen zu deines Herrn Freude! Ueber Erdmuthe war jene Begeisterung gekommen, die eine Eigenschaft und besondere Begabung aller Propheten ist. Sie sprach mit so hinreißender Beredtsamkeit, mit solcher Innigkeit des Gefühls, mit einer Ueberzeugung und Glaubenskraft, daß jeder Hörer von der Allgewalt dieser Worte bezwungen werden mußte. Nicht bloß Christlieb und der Graf, auch die beiden dienenden Barfüßer beugten während ihrer Rede die Knie und umgaben betend das Lager des Leidenden. Wimmer hatte während dem seine Augen geschlossen. Mit den erfrorenen Händen machte er Bewegungen, als wolle er sie falten. Seine Züge wurden milder, er hörte auf zu röcheln. Als Erdmuthe ein sanftes Amen flüsterte, bemerkte sie, daß Wimmer die Lippen bewegte und ein Lächeln auf die blassen, eingefallenen Wangen trat. Sie kann doch Recht haben, sprach er kaum hörbar. Mit ihrem Segensspruche hören die Schlangen auf zu nagen an meinem Herzen, und ein Thau des Friedens fällt lindernd auf meine glühende Stirn. Ich will ihnen doch nicht fluchen, ich will lieber sagen: möge Gott sie segnen, wenn sie es verdient haben. Die Barfüßer beteten. Graf Alban legte seine Hand auf die Stirn des Leidenden. Mein Bruder, sprach er bewegt, mit schwerem Herzen riß ich mich damals los, als mir offenbar geworden waren die Irrwege, die mit Vorbedacht einer der Unsrigen eingeschlagen hatte. Jetzt wird es Licht wieder auch in seinem Geiste, denn eine reine Hand und ein gotterfüllter Mund hat Wunder gethan an dir, du Armer! Fühle denn, wie wohl es thut, wenn der Haß vertrieben wird von dem Licht der Liebe, das Alles erfüllt rund umher! Von jenem Licht, in dessen Aether die Sonnen sich bewegen, das im Stein, im Moos, in jedem Grashalm, jeder Blume leuchtet, und das als Gottes heiliger Odem uns, seine Kinder, erfüllt! Meine Hand, die ich damals dir entziehen mußte zu deinem Heile, lege ich jetzt auf dich, mein Bruder. Du bist mir und Allen, was du immer warst! Lebe in Frieden, wenn du 718 noch leben sollst, und gehe hin in Frieden, wenn deine Zeit abgelaufen ist! Die Mönche beteten noch immer; von der Kirche herauf klangen Orgeltöne und der monotone Gesang der zweiten Abendhora. Im trüben Schimmer der matt brennenden Ampel bemerkten sämmtliche Anwesende, daß aus den fest geschlossenen Lidern des regungslos Daliegenden Thränen sickerten. Er ist versöhnt mit uns und seinem Gott, sagte zuversichtlich Erdmuthe, indem sie sich erhob. Die Hände hat Gott ihm gelähmt, weil er mit ihnen gefrevelt oft und arg; diese Hände können wir ihm also nicht drücken zum Zeichen der Versöhnung und Vergebung. Berühren wir ihm deßhalb nach Brüdersitte die Stirn und sprechen dazu ein mildes Wort der Liebe. Erdmuthe war die Erste, welche dem Leidenden dies Wort zuflüsterte. Wimmer bewegte kaum merklich Lippen und Augen, aber man gewahrte an dem Ausdruck seiner Mienen, die jetzt eben so mild und sanft sich zeigten als sie früher hart und verzerrt gewesen waren, daß sein Starrsinn gebrochen, daß die Rache und der Haß der Vergebung und Liebe gewichen seien. Christlieb und Fürchtegott richteten noch einige Fragen an Wimmer, erhielten aber keine Antwort. Sein Geist schwärmt, sagte Graf Alban. Ich habe diese Verwandlung schon mehrmals erlebt und immer noch war sie ein sicherer Vorbote baldiger Auflösung. Ich glaube, wir werden in sehr kurzer Zeit diesen Versöhnten ebenfalls der Erde wiedergeben. Da dem Leidenden nach dieser erschütternden Scene möglichste Ruhe nöthig zu sein schien, gaben sie dem Pater Guardian einen Wink und verließen die Zelle. Noch immer sangen die Mönche die Hora. Im Erdgeschosse des Klosters angekommen, schimmerte Lichterglanz vom Kreuzgange her, welcher zur Kirche führte. Ist es erlaubt? sprach Graf Alban, zum Guardian gewandt. Ich weiß, daß im Innern der Klosterkirche eine Nachahmung der casa sacra di Loretto sich befindet. Die Schwester hier hat längst gewünscht, dieselbe zu sehen. Ein Wink des Guardian sagte dem Grafen, daß die Bitte gewährt sei. Unsere Freunde betraten das Innere der Klosterkirche. 719 In der casa sacra brannte eine silberne Ampel. Der kleine Altar war trotz des Winters mit duftenden Blumen geschmückt. Erdmuthe trat in den weihraucherfüllten Raum. Sie kniete nicht, aber sie betete für die Ammer, für Wimmer, für ihre Bekehrten in Surinam. Auch für sich selbst schickte sie einen Seufzer zum Himmel, denn sie glaubte noch schwach zu sein und etwa in der Zukunft drohenden Versuchungen nicht durch eigene Kraft widerstehen zu können. Die Klosterschelle schlug die neunte Stunde, als unsere Freunde das düstere Gebäude verließen. Draußen funkelten und blitzten die Sterne am dunkeln Nachthimmel. Die Straßen waren schon still, nur der Schnee knisterte unter ihren Tritten, als sie, Jeder in seine eigene Gedanken vertieft, nach dem Gasthofe zurückgingen. Sechstes Kapitel. Schluß. Erst am Sylvesterabende kehrten die Brüder mit Erdmuthe aus R*** zurück. Graf Alban war an demselben Tage direct nach Herrnhut abgereist. Zu diesem längeren Aufenthalte wurden sie durch das Ableben Wimmer's veranlaßt, der noch vor Mitternacht nach der erfolgten Versöhnung mit den Gebrüdern Ammer, scheinbar ohne große Schmerzen, gestorben war. Der Pater Guardian machte unsern Freunden sofort Anzeige von diesem Ereigniß, und da sowohl die Brüder, wie auch Graf Alban es für schicklich hielten, der Beerdigung des Mannes beizuwohnen, der so hart bestimmend in ihr Leben eingegriffen hatte, schrieb einer der Brüder an Seltner, meldete das Vorgefallene und zeigte diesem an, daß sie erst nach erfolgter Beerdigung des Verblichenen zurückkommen würden. Die Bestattung Wimmer's war sehr einfach. Da es in R*** keinen protestantischen Kirchhof gab, eben so wenig einen protestantischen Geistlichen, wollte man den Verstorbenen anfangs nach dem 720 nächsten Orte transportiren. Den Vorstellungen des Grafen indeß gelang es, diese Bedenken zu beseitigen. Die große und wahre Religiosität, welche die Mönche an den allerdings andersgläubigen Fremden bemerkt zu haben vermeinten, schien eine Aufnahme der Hülle des in ihrer Pflege, unter ihren Händen Verstorbenen zu entschuldigen, und so gestattete man denn die Einsenkung desselben in die geweihte Erde. Der Graf hatte ebenso wenig, als die Brüder und Erdmuthe etwas dagegen, daß am Grabe, wo Alban einige ergreifende Worte sprach, der prächtige Gesang » O Sanctissima, o piissima « von Chorknaben angestimmt ward, noch daß der fungirende Pater in der Kirche eine Seelenmesse für den Abgeschiedenen las. Frau Anna begrüßte ihre Söhne mit eigenthümlichen Gefühlen. In diesem stillen, duldenden Gemüth ging jetzt der Morgenstern eines nie gekannten Friedens auf. Sie leugnete nicht, daß sie sich vergangen habe gegen Wimmer, aber, sprach sie, ich konnte dennoch nicht anders; mein Herz zog mich unaufhaltsam zu dem Manne, der euer Vater war, und seit jenem Tage verfolgte mich und uns Alle der Beleidigte, der ja, Gott Lob, endlich auch versöhnt worden ist. Möge er sanft ruhen im Grabe, sanfter als das Leben ihn führte. Uns Andern aber, die wir noch leben und wirken sollen, uns gebe er Kraft, daß wir uns sammeln und würdig werden der Gnade, die sich an uns so seltsam erwiesen hat! Dieser letzte Wunsch der Wittwe Ammer's ging buchstäblich in Erfüllung. Mit dem neuen Jahre begann ein neuer Lebensabschnitt für die ganze Familie. Christlieb und Fürchtegott ergaben sich mit ausdauernder Vorliebe dem Betriebe der Jaquardweberei und da ihnen von früherher alle Kunstgriffe des Handwerks bekannt, wenn auch nicht mehr geläufig waren, so bedurfte es nur einiger Monate, um sie selbst zu einem Versuche zu befähigen. Schon um Ostern sah man Fürchtegott in dem Hause, das früher Flora bewohnte, hinter dem ersten Jaquardstuhle sitzen und rüstig arbeiten. Einige Wochen später stand ein zweiter im Zimmer, an dem sich Christlieb zu schaffen machte; doch wollte es diesem, der jetzt ein ganz besonderes Wohlgefallen am Zeichnen neuer Muster fand, und sich deßhalb mit Eifer dieser Beschäftigung ergab, weniger glücken als dem Bruder. 721 Den Welthandel gaben beide Brüder auf, obschon ihnen von alten Freunden nach erfolgter gänzlicher Ausgleichung vortheilhafte Anträge gemacht wurden. Hätten sie darauf eingehen und nochmals etwas wagen wollen, so würde es ihnen wahrscheinlich beim zweiten Versuche besser geglückt sein, als beim ersten. Fürchtegott wäre wohl auch zu neuem, energischen Vorgehen zu bewegen gewesen, allein Erdmuthe, die kein Heil, keinen Frieden für die Familie darin sah, rieth so lange und mit solcher Entschiedenheit davon ab, daß ihr Gatte alle Anträge von der Hand wies. Er zog es vor, mit alten, soliden Häusern, die er von früherher kannte, in dauernder Verbindung zu bleiben und an diese seine Erzeugnisse zu liefern, die schon nach wenigen Jahren einen bedeutenden Ruf auch jenseits des atlantischen Oceans besaßen. Die Firma Ammer aber änderten die Brüder, um Niemand Anstoß zu geben. Das Haus, deren Chefs ehedem die geldmächtigen Brüder waren, nahm den Namen »Seltner und Compagnie« an. Mit dieser Veränderung des Geschäfts mußte nothwendig auch eine Umgestaltung aller Verhältnisse innerhalb der Kreise sich verknüpfen, auf welche die Ammer mit ihrem Schwager Seltner einwirkten. Alle diejenigen, welche von den Genannten abhängig waren, in wiefern sie mit ihnen und auf ihre Veranlassung arbeiteten, schwangen sich vom gewöhnlichen oder Zwillichweber zum kunstreicheren Jaquardweber auf, und war mit dieser Veränderung des Geschäfts, das eben erst gelernt werden wollte, auch nicht sogleich eine günstige Umgestaltung der materiellen Lage Aller verbunden, so konnte eine solche doch nicht lange ausbleiben, da sich Alle einer entschieden aufblühenden Thätigkeit hingaben. So wurden denn die Gebrüder Ammer, freilich erst nach Verlauf eines Jahrzehnts, die Gründer und Schöpfer des Glückes für viele Familien. Schon aus angeborenem Rechtsgefühl ließen sie es sich angelegen sein, alle früheren Arbeiter, von denen Viele in eine gar trübe Lage gekommen waren, wieder an sich zu ketten, und somit eine Schuld, die sie oft gedrückt, nach und nach gegen zahlreiche Familien abzutragen. Kaufmann Mirus, der noch eine Reihe von Jahren lebte, und, obwohl er immer lederfarbener ward, doch nie über Unpäßlichkeit zu klagen hatte, billigte das Verfahren der Brüder und ließ es nicht an Empfehlungen fehlen, um den von ihnen gelieferten Artikeln mehr 722 Verbreitung und Absatz zu verschaffen. Er war mit dieser Wendung so wohl zufrieden, daß er nie unterließ, denjenigen der Ammer'schen Familie, welcher ihn in Geschäftsangelegenheiten besuchte, zu Tische zu laden. Er setzte diesem dann sogar ächten Rheinwein vor, indem er, die goldene Dose auf- und zuklappend, sprach: Herr, ich muß Ihr sagen, Sie haben verdient, daß man sich angreift. Ist ein Verfahren, das ein reeller Mann nur loben kann. – Gelang es solchergestalt den Brüdern, nach und nach die Wunden zu heilen, die sie, wenn auch nicht ganz durch eigenes Verschulden, Andern geschlagen hatten, und sich selbst zu einer stillen Ruhe, zu gesicherter Lebensstellung durchzuarbeiten, so trugen die beiden Frauen, Flora und Erdmuthe, wesentlich bei zur Verschönerung des Familienlebens und zur geistigen Ausbildung des heranwachsenden Geschlechts. Erdmuthe, die kinderlos blieb, fühlte einen unwiderstehlichen Drang zum Lehren, und da es ihr an Gelegenheit fehlte, diesem Drange im Umgange mit Erwachsenen vollkommen zu genügen, so gründete sie eine Art Kinderschule, d. h. sie ward Vorsteherin und Leiterin einer jener Anstalten, in denen die unbeschäftigte Kinderwelt zweckmäßige Beschäftigung findet. Und der Einfluß Erdmuthe's auf die Kinder des Ortes, wo sie lebte, war ein so großer, daß man auch aus benachbarten Ortschaften dieser Herzensbildnerin bald eine Anzahl Kinder anvertraute. So setzte gewissermaßen die sittsame, feinfühlende, lehreifrige Herrnhuterin ihre Wirksamkeit als Missionärin auch jetzt noch fort. Sie ward eine Missionärin für Kinderseelen, und wenn je der Ausdruck »innere Mission« eine segensvolle Bedeutung gehabt hat, so war diese Bedeutung der segensreichen, Seelen und Herzen bildenden Wirksamkeit beizulegen, welche Erdmuthe in harmloser Stille, ohne alle Prätension und ohne jeglichen Anspruch auf weltliche Anerkennung mit nie ermüdender Ausdauer trieb. Ihrem Herzensdrange folgend, machte sie oft weit und breit beschwerliche Wanderungen in's Gebirge, um zu hören und zu sehen, wo sie etwas helfen, wo sie ein verwahrlostes oder der Verwahrlosung entgegen gehendes Geschöpf retten könnte. Sie verdiente sich den Namen »Engel des Gebirges«, den das Volk ihr dankbar beilegte und der ihr bis an ihren Tod, der nur zu früh erfolgte, verblieb. 723 Advocat Block zog nach Ammer's Tode wieder zu Candidat Still, mit dem er sich fortan sehr wohl vertrug, wenn er auch bisweilen einen malitiösen Scherz sich erlaubte, ohne den ihm nun einmal das Leben schaal und flach vorkam. Frau Sempiterna gewöhnte sich das Schelten mit den Jahren ganz ab und konnte ihrem Gatten einigen Respect nicht versagen, seitdem derselbe die große goldene Medaille wegen Anerkennung seiner Verdienste um Erforschung und Darstellung der Provinzial-Geschichte erhalten hatte. Nicht bloß die Chronik seiner Vaterstadt war von dem fleißigen Gelehrten neu bearbeitet und in lesbares Hochdeutsch umgeschrieben worden, auch die Kirchengeschichte hatte durch ihn einen höchst werthvollen Beitrag erhalten, indem er die Reformationsgeschichte der Provinz nach gründlichem Quellenstudium lichtvoll darstellte. Walter ließ sich als Arzt in der Gegend nieder, besuchte die Brüder wöchentlich wenigstens einmal und erwarb sich durch seine Geschicklichkeit und sein zuvorkommendes Wesen die Liebe und das Vertrauen namentlich der Landleute in hohem Grade. Frau Anna überlebte ihren Gatten nur wenige Jahre, auch Jeremias Seltner folgte dem Jugendfreunde bald nach. Nur der alte Glassammler schien unsterblich zu sein. Er fuhr als neunzigjähriger Mann noch immer mit seiner »klimprigen Waare«, wie er sagte, nach der Glashütte, trug fort und fort seine altmodische Tracht und versah nebenbei den Dienst eines Briefboten zwischen den einzelnen Ortschaften. Er erlebte noch die Verlobung Otto Seltner's mit einer Schülerin Erdmuthe's, die einige Jahre nach dem Heimgange dieses Engels in Menschengestalt gar festlich begangen ward. Christlieb blieb unverheirathet. Er bildete sich zum geschicktesten Musterzeichner der Provinz aus, gründete später eine Musterzeichner-Schule und stand als solcher in eben so hohem Ansehen, wie sein Bruder Fürchtegott als Erfinder eigenthümlicher und geschmackvoller Muster. Beide Brüder erreichten kein hohes Alter. Die schweren Sorgen der ersten Mannesjahre schienen ihre Lebenskräfte früh aufgerieben zu haben. Sie starben beide in einem Jahre, bald nach der Verheirathung ihres Neffen Otto. Nur Seltner und Flora lebten 724 und erfreuten sich jener Gemüths- und Herzensruhe, die das Erbtheil von Charakteren zu sein pflegt, welche sich ohne Schwierigkeit in die Verhältnisse schicken können und jeden glücklichen Tag als eine Blüthe betrachten, die das Leben dem Menschen nur zum Geschenk, zum Schmucke, nicht als eine täglich zu fordernde Gabe überreicht.