Robert Schweichel Die Falkner von St. Vigil Roman aus der Zeit der bayrischen Herrschaft in Tirol 1. Kapitel Die Messe in dem Kirchlein auf der Fronwiese von St. Lorenzen war zu Ende. An der Stelle, wo das Kirchlein stand, war vor Jahren ein Christusbild gefunden worden, das bei dem frommen Tiroler Landvolk in einem besonderen Ansehen stand, seit Österreich nach langen, stets erneuerten Kämpfen zu Füßen Napoleons lag und Tirol durch den Frieden von Preßburg Friede von Preßburg – Nach der Schlacht bei Austerlitz (2. Dezember 1805), in der die verbündeten Russen und Österreicher geschlagen wurden, sah sich Kaiser Franz II. (1768-1835) gezwungen, auf die Bedingungen Napoleons einzugehen und am 26. Dezember 1805 den Frieden zu Preßburg zu unterzeichnen. Österreich mußte u. a. Venetien an Italien, Tirol und Vorarlberg an das unter Napoleons Botmäßigkeit stehende Bayern abtreten. in das neugeschaffene Königreich Bayern eingefügt worden war. Hatte der neue Herrscher auch alle geschlossenen Wallfahrten und Prozessionen verboten, so konnten seine Beamten doch nicht verhindern, daß an Sonn- und Feiertagen viele Leute aus dem Pustertal und den Nebentälern nach St. Lorenzen kamen, um in dem Kirchlein auf der Fronwiese die Messe zu hören. Auch an diesem Sonntag des Jahres 1807 war die Menge sehr zahlreich, und während nach Beendigung der heiligen Handlung ein Teil den Weg nach dem nahen Bruneck einschlug, auf dessen hochthronendem Schloßturm das blauweiße Banner Bayerns in der klaren Sommerluft flatterte, bewegte sich ein anderer, größerer Teil über die Fronwiese nach dem Dorfe St. Lorenzen. Verstreut in der dunklen Masse bemerkte man manche hellblaue Soldatenjacke und manchen Tschako neben den breitkrempigen Spitzhüten. Die Träger jener blauen Jacken aber waren weit davon entfernt, die fromme Sammlung der Landleute zu teilen. Sie hatten sich nur eingefunden, um ihren Spaß zu haben, und die finsteren Mienen der Tiroler steigerten ihre Ausgelassenheit nur noch, statt sie zu dämpfen. Besonders hatten es die Soldaten auf die Frauen abgesehen, unter denen sich manch hübsches Gesichtchen fand, sowohl unter den kräftigen, blonden Töchtern des bajuvarischen Stammes, der im Pustertal selbst und in dessen nördlichen Abzweigungen seinen Sitz hatte, wie auch unter den bräunlichen, zierlichen Ladinerinnen Ladinerinnen – Ladiner; Bezeichnung der in Südtirol (im Enneberger und Grödner Tal sowie in einigen Nebentälern) wohnenden rätoromanischen Bevölkerung. Ihre Umgangssprache ist das Ladinische, ein Dialekt des Rätoromanischen. des Gader- und Vigiltales im Süden. Dem vielfach mit deutschem Blut gemischten romanischen Stamm gehörte wohl das junge Mädchen an, das, achtlos dessen, was um sie her vorging, an der Seite eines schon ältlichen Mannes seinen Weg verfolgte. Es war ein liebliches, fast noch kindliches Gesicht, das der flache schwarze Hut mit seinem breiten Rand beschattete. Auf ihren runden Wangen waren noch die Spuren von Tränen erkennbar, und ihre braunen Augen leuchteten unter den langen Wimpern in frommer Verklärung. Ihr Anzug war ärmlich, aber das blaue Fürtuch Fürtuch – Schürze, Brusttuch über dem kurzen schwarzen Rock, dessen unzählige Falten um rote Strümpfe spielten, schien eben erst aus der Wäsche gekommen. Und die mit Zwirnspitzen besetzten Hemdärmel, die bis zu den Ellbogen reichten, waren zwar von grobem Leinen, doch weiß wie frisch gefallener Schnee. Das Mieder aus schillerndem Stoff schloß sich eng an den bräunlichen Hals an. Das schwarzbraune Haar war sorgfältig geglättet und zu zwei dicken Zöpfen geflochten, die frei über den Rücken herabfielen. Die derbsohligen Schnürstiefelchen des Mädchens waren bestaubt. Sie trug einen verdeckten Korb am Arm, und ihre Hände waren über einem Rosenkranz verschlungen. Ihr Begleiter, dessen Haar bereits stark mit Grau gemischt war, hielt sich gebückt, als ob er die Sünden der ganzen Welt auf seinen breiten Schultern trüge, und sein Schritt war unsicher und schleppend. Sein rundliches Gesicht blühte von Gesundheit. Es war glatt rasiert und trug an der linken Wange und am Kinn die frischen Spuren des ungeschickt gehandhabten Schermessers. Eine fleischige Stumpfnase stand zwischen wasserblauen Augen, die apathisch vor sich hin dämmerten. Sein Schlapphut, seine Joppe und die kurzen Lederhosen waren ziemlich abgetragen. Auch er hielt in den braungebrannten Händen einen Rosenkranz. Plötzlich schrie das Mädchen erschrocken auf. Ein Arm hatte ihren Leib umfaßt, und ein schnurrbärtiges Gesicht beugte sich zu dem ihren, um es zu küssen. Bevor der Zudringliche jedoch seine Absicht ausführen konnte, wurde er mit einem kräftigen Ruck zurückgerissen, und eine Stimme rief: »Lasset's gut sein, Herr Soldat! Für die Bayern sind unsere Gitschen Gitsche – junges Mädchen nit gewachsen.« Der Soldat, seinem Rangabzeichen nach ein Korporal, wandte sich zornig um und fand sich einem jungen, kräftigen Burschen gegenüber, der ihn aus glänzend schwarzen Augen herausfordernd und zugleich geringschätzig betrachtete. Auch das Mädchen hatte sich nach dem Burschen umgedreht und starrte ihn mit halbgeöffnetem Mund fast bestürzt an. Ihr Begleiter ergriff sie am Arm und zog sie hastig mit sich fort durch die Menge, die sich um ihren Retter zu stauen begann. »Wie kann sich der Bauernlümmel unterstehen, mich anzurühren?« schnob der Korporal den Burschen an. Dieser sah sich wie suchend nach allen Seiten um, wobei sein Auge eine Sekunde lang auf dem davoneilenden Mädchen haftete, und fragte dann gedehnt: »Hat der Herr Soldat etwa mit mir gered't?« »Bombenelement, will der Tölpel mich foppen?« rief der Bayer, kirschrot vor Zorn. »Jetzt marsch, auf die Wache mit dir! Du sollst schon noch lernen, dich an des Königs Rock zu vergreifen!« Ein Murren erhob sich unter den Zuschauern. Der schwarzäugige Bursche aber machte keine Miene, dem Befehl nachzukommen; er steckte vielmehr beide Hände in seinen Leibgürtel und sagte: »Schau, wir Tiroler tragen unsere eigenen Röck. Wer die Hand nach unsern Gitschen ausstreckt, der greift in die Nesseln. Nach Lümmeln und Tölpeln mußt du dich bei dir daheim umsehen; bei uns gibt's keine. Das merk dir, und jetzt mach dich fort.« »Fort mit ihm!« erscholl es ringsum. Der Korporal rollte die Augen wild, und ungeschreckt durch die drohenden Gesichter, rief er, indem er die Hand nach dem Burschen ausstreckte: »Im Namen des Königs, du bist mein Arrestant!« Eine Flamme schoß aus den schwarzen Augen des Burschen, und seine Faust traf den Korporal so gewaltig vor die Brust, daß er zurücktaumelte, wobei ihm der Tschako vom Kopfe fiel. Der Bursche war wie verwandelt; die schlanke Gestalt hoch aufgerichtet, mit blitzenden Augen, jeden Muskel gespannt, stand er da. Der Bayer griff nach seinem Seitengewehr. Gleichzeitig aber wurde er von den Fäusten der Nächststehenden gepackt, herumgewirbelt und fortgestoßen. Ein letzter Ruck schleuderte ihn aus dem Menschenknäuel weit auf die Wiese hinaus. Ein schallendes Gelächter begleitete seinen Fall, und ihm nach flog in hohem Bogen sein kübelartiger Tschako. Das junge Mädchen, das die unschuldige Veranlassung des Streites gewesen, hatte mittlerweile St. Lorenzen erreicht, wo ihr Begleiter bei den ersten Häusern links in eine schmale Gasse einbog, die zur Brücke über die Rienz und in das offene Land führte, »Es ist besser, Stasi, wann wir uns gleich heimmachen«, meinte der Alte, nachdem er sich an der Ecke ängstlich umgesehen hatte. Auch Stasi hatte sich umgeschaut, und hoch aufatmend sagte sie: »Aber wir können langsamer gehen, Ohm. Es kommt uns keiner nach.« »Ach, diese schrecklichen Soldaten!« seufzte der Alte, und als sie die Brücke überschritten hatten, fügte er hinzu: »Laß uns weiterbeten, Kind.« Beide griffen zu ihren Rosenkränzen. Der Ohm, der die Füße nicht vom Boden heben zu können schien, schlurfte mitten auf der Landstraße, die sich in weitem Bogen allmählich aufwärts krümmte und sich an einzelnen Gehöften und kleinen Weilern vorüber, zuletzt an den Ruinen der Michaelsburg entlang in das Gader- oder Enneberger Tal hineinzog. Während der Alte ganz in seinen Rosenkranz vertieft war, schien seine Nichte, die, um den Staub, den der Ohm aufwirbelte, zu vermeiden, auf dem festeren Wegrand hinschritt, ihre Gedanken nicht zum Gebet sammeln zu können. Nur selten sonderten ihre Finger ein Kügelchen an der Schnur ab, und nach einer Weile fragte sie: »Onkel David, ist er's denn wirklich gewesen?« Dieser antwortete: »Ja, ich weiß nit; wen meinst du?« »Den auf der Fronwiesen. War das der Ambros vom Klosterhof?« »Ja freilich«, versetzte Onkel David. »Du mußt ihn doch kennen.« »Was kümmern mich denn die Buben?« fragte sie mit einem Anflug von Verwunderung. »Ich hab noch nimmer nach ihnen ausgeschaut. Und gar nach dem vom Klosterhof!« setzte sie mit einem Erröten hinzu. »Freilich, was kümmern dich die Buben, und gar der«, wiederholte der Alte. »Du kommst ja auch nirgend hin als in die Kirchen, wo er wohl nit oft zu finden ist.« Stasi führte in der Tat ein sehr zurückgezogenes Leben, und dies war ihr erster Ausflug aus dem heimatlichen Vigiltal. Den Vater hatte sie schon vor mehreren Jahren verloren, und die Mutter war krank. Da hatte sie denn als einziges Kind hart zu schaffen. Die Freuden und Vergnügungen, die andere Mädchen ihres Alters genossen, kannte sie nur aus den Erzählungen ihrer Freundinnen, und diese seltenen Plauderstündchen brachten die einzige Abwechslung in ihr eintöniges Dasein, das ihr die Grämlichkeit der kranken Mutter wahrlich nicht erleichterte. Sie selbst besaß mehr den stillen Charakter des Vaters mit der Neigung zum Sinnen und Träumen, und so überkam sie denn oft, wenn sie mit einer Handarbeit bei der Mutter saß, eine tiefe Traurigkeit und Schwermut und ein Sehnen nach irgend etwas, was sie nicht zu nennen wußte. David Fenchler, der Bruder ihrer Mutter, betete wieder mit halb-lauter, singender Stimme, da die Nichte auf seine letzte Äußerung still geblieben war. Stasi hatte den hübschen Kopf auf die Brust sinken lassen, und ihre weich gewölbten Lippen zuckten mitunter ein wenig. Es beunruhigte sie, daß es gerade Ambros Falkner gewesen war, der sie gegen den zudringlichen Soldaten in Schutz genommen hatte. So hübsch er war, so übel war der Ruf, in dem er stand. Er galt für den gottlosesten und wildesten Burschen im ganzen Vigiltal. Ein Seufzer schwellte Stasis Brust, und sie griff zu ihrem Rosenkranz, um sich der Gedanken an den wilden Brosi, wie er genannt wurde, zu entschlagen; allein es wollte ihr nicht gelingen, und nach einer Weile sagte sie: »Es ist doch verwunderlich, Ohm, daß er dem Herrn Hannes so gar nit ähnlich ausschaut, und sie sind doch Brüder!« Der Ohm richtete zwar seine öden wasserblauen Augen auf sie, aber er blieb die Antwort schuldig. Verführerischer als die Worte seiner Nichte war in sein Ohr das Plätschern eines Quells gedrungen, der im Schatten einiger Kirschbäume aus einem gemauerten Bildstock Bildstock – die einfachste Form der in katholischen Gegenden meist auf Hügeln, an großen Heerstraßen und Kreuzwegen aufgestellten Betsäulen, die Wanderern zur Verrichtung der Andacht dienen. Der Bildstock besteht aus einem freistehenden hölzernen Pfeiler mit einem Weihwasserbecken und einer Nische, in der ein Kruzifix oder Heiligenbild angebracht ist. rieselte. Zu ihm lenkte er seine Schritte. Nachdem er aus der Röhre getrunken, sagte er: »Laß mich ein bissl verschnaufen, hier ist gut sein.« Er ließ sich in dem dürftigen Schatten auf einem roh zum Sitz behauenen Stein nieder, und während er ausruhte, wendete Stasi ihre Blicke über die Felder und verstreuten Gehöfte auf das Tal zurück. Der Knopf des Kirchturms von St. Lorenzen, der schlank zwischen den weißen Häusern aufstieg, glitzerte in der Sonne, und die Leidensstationen, Leidensstationen – bildliche Darstellungen der 14 Abschnitte des Leidensweges Jesu, die für die katholische Andacht meist auf bergan führenden Wegen aufgestellt sind. die sich von der Kirche bis zur Kapelle hinzogen, schimmerten wie Perlen auf dem grünen Grunde der Fronwiese, die jetzt völlig verlassen dalag. Links von dem Dorf, wo die vorstrebenden Berge das Pustertal verengten, erhoben sich auf steil abfallendem Schieferfels, an dem die Rienz aufblitzend vorüberglitt, die weitläufigen, zum Teil bereits verfallenen Gebäude des ehemaligen Klosters Sonnenburg. Rechts, im Nordosten, schwebte eine weißliche Wolke über den bewaldeten Bergen, die das Städtchen Bruneck mit seinem Schloß, das einst die Sommerresidenz der Bischöfe von Brixen gewesen, dem Auge entzogen. Es waren die Schneefelder und Gletscher des Rieserferners. Sonntägliche Stille ruhte auf der freundlichen Landschaft, und der würzige Geruch von frischem Heu erfüllte die flimmernde Luft. »Was er für glanzige Augen hat«, kam es unbewußt über die Lippen des Mädchens. »Meinst du den Ambros?« fragte der Ohm und trieb damit der erschrockenen Stasi das Blut in die Stirn. »Freilich, der hat so rechte, echte Teufelsaugen.« »Komm, Ohm«, rief Stasi hastig. »Es ist Zeit, daß wir weitergehen.« Sie wartete auch nicht, bis der Alte aufgestanden war, sondern setzte sich gleich in Bewegung. Onkel David hatte einige Mühe, sie einzuholen; dann mahnte sie dauernd zur Eile. Damit erreichte sie jedoch nichts, und sie mußte ihren Schritt mäßigen. »Ja, ich weiß nit«, spann er den Gedanken weiter, den ihre vorherige Äußerung in ihm angeregt hatte, »wir hatten in unserm Refektorium Refektorium – der gemeinschaftliche Speisesaal in Klöstern. ein Bild Das stellte die Versuchung des Heilands dar, wie ihm der Teufel alle Herrlichkeiten der Welt weist. Der hatt just solche große schwarze Feueraugen.« »Ach, Onkel David, ich mein, der Soldat«, stotterte seine Nichte. »Freilich, wo die hinkommen!« sagte er. »Ach ja, ach ja! Und wir sollten bei dem Bild immer daran denken, daß wir unsre unsterbliche Seel nit in Gefahr bringen durch Schlemmen in Essen, und Trinken. Du lieber Gott, es gab Fastentag genug. Zuweilen aber hatten wir's gar gut!« Er wiegte seinen dicken Kopf, seufzte und versank in Erinnerungen an sein Klosterleben, dem die Einverleibung Tirols in Bayern ein Ende gemacht hatte. Er hatte dem Orden der Kapuziner angehört, und die braune Kutte schien ihm noch immer beim Gehen um die Beine zu schlenkern. Sie schritten am Fuß der Höhe hin, auf der die aus verschiedenen Jahrhunderten stammende Michaelsburg thronte. Es mußte einst ein großer, wuchtiger Bau gewesen sein; gegenwärtig waren die Gebäude und Ringmauern, von denen mehrere hintereinander aufstiegen, mit Ausnahme eines viereckigen Turmes nur noch Ruinen und Trümmer. »Grüß Gott!« rief eine frische Stimme hinter Onkel und Nichte. Stasi widmete sich eifrig ihrem Rosenkranz; ihre Finger aber zitterten. Sie hatte die Stimme sofort erkannt, obgleich sie sie erst einmal in ihrem Leben gehört hatte. Es war jedoch für sie nicht schwer, die Stimme wiederzuerkennen, denn während David neben dem Brunnen ausruhte, hatte sie ihren Beschützer von der Fronwiese her auf der Landstraße näher kommen sehen. Ohne den Ohm wäre sie bei seinem Anblick davongelaufen. Beklommen hatte sie den Augenblick erwartet, da sie von Ambros eingeholt würden, und nun, da es geschehen war, traf sie seine Stimme wie ein Schlag aufs Herz. »Wir haben ja den gleichen Weg«, fuhr der Bursche fort, indem er an Stasis Seite kam. »Es ist langweilig, so allein seine Straßen zu stapfen.« Stasi beugte den Kopf ganz tief, als wolle sie ihr Gesicht besser gegen die Sonnenstrahlen schützen. Onkel David richtete seine Augen mit einem Schimmer von Verwunderung auf den stattlichen Burschen und murmelte: »Ja, ich weiß nit, die Landstraß ist halt für jeden.« »Natürlich!« lachte Ambros auf die versteckte Abweisung. »Also gehen wir zusammen.« David griff wieder zu seinem Rosenkranz. Stasi ging mit gesenktem Kopf weiter. Ambros betrachtete die beiden abwechselnd, und ein übermütiges, doch lautloses Lächeln spielte um seine bärtigen Lippen. Ein Waldstück nahm die drei Wanderer auf. Mächtige Tannenzweige breiteten ihren grünen Schirm, durch den nur hin und wieder ein Sonnenstrahl drang, über ihnen aus. Die Vögel zwitscherten in der erquickenden Dämmerung, und am Halse einer scheckigen Kuh, die zwischen dem buschigen Unterholz weidete, erklang dann und wann das Glöckchen. Ambros stieß ein wohliges »Ah!« aus und streckte sich. Stasi, die nun keinen Vorwand mehr hatte, ihren Kopf zu neigen, schaute seitwärts in den Wald. Sie fühlte, daß sie sich eigentlich recht kindisch betrug und daß ihr Benehmen unartig war. Sie war Ambros doch Dank schuldig! Als sie aber zu ihm hinblickte, begegnete sie seinem feurigen Auge, und ihr Blut begann in den Ohren zu sieden und zu brausen, so daß sie kein Wort von dem verstand, was er gerade zu ihr sagte. Dann hörte sie den Oheim antworten: »Wir haben eine Bittfahrt nach St. Lorenzen getan von wegen meiner armen Schwester.« Bei der Erwähnung ihrer Mutter faßte sich Stasi ein Herz. »Ach ja, die Mutter ist gar so krank«, sagte sie. Tränen traten ihr in die Augen, und sie brach ab. »Aber dann hättet Ihr zum Doktor nach Bruneck gehen sollen«, entgegnete Ambros. »Was kann das Beten helfen? Davon wird keiner gesund.« Stasi machte entsetzte Augen, und David seufzte. Etwas minder rücksichtslos fragte Ambros, ob sie denn nie einen Arzt zu Rate gezogen hätten. Mit Zagen in Ton und Blick versetzte das Mädchen: »Die Krankheit ist ja eine, wo sich keiner auskennt. Was kann da ein Doktor helfen? Alles hat meine Mutter gebraucht, was ihr weit und breit geraten worden ist. Es hat aber alles nix geholfen. Zuletzt, im heurigen Frühjahr, ist der Ohm bei dem Gamsmanndl gewesen.« »Was, bei dem alten Gamsmanndl, dem Hexenmeister in Monthan?« fragte Ambros, offenbar belustigt. »Ich hab gemeint, der verständ sieh nur auf Freikugeln.« »Er hat auch nix gewußt«, fuhr Stasi fort. »Aber der Herr Hannes Falkner, der hat meiner Mutter einen Kräutertrank geraten, daß sie wenigstens nit gar so arge Schmerzen in der Brust hat beim Husten.« Ambros lachte laut auf, und als sich das Mädchen, dadurch verletzt, von ihm abwendete, sagte er: »Ich hab bloß über das Kräuterweibl gelacht. Ja, ja, der Herr Bruder kennt alles, was unter dem Himmel wächst.« »Ja, ich weiß nit, ein Kräuterweibl ist doch der Herr Kurat Kurat – in der katholischen Kirche der Priester, dem die Seelsorge über einen bestimmten Sprengel obliegt. nit«, raffte sich David zu einer ungewöhnlichen Energie auf. »Aber wie ist's denn gekommen, daß deine Mutter so krank geworden ist?« fragte Ambros, den Vorwurf des ehemaligen Mönchs unbeachtet lassend. »Wer's nur wüßt!« seufzte Stasi, ohne ihn anzusehen. »Es war an einem heißen Tag mitten in der Kornernt, und die Mutter half die Garben hinauftragen nach unserm Gehöft. Das ist schwere Arbeit, denn das Feld ist steil. Die Mutter war dazumalen noch stark und kräftig, wie's mancher Mann nit ist. Und wie sie eben wieder mit einem Garbenbündel auf dem Kopf heraufgestiegen ist und sich in der Scheuer ein wenig verruht, da ist's auf einmal über sie gekommen. Wie ein Eisstrom ist's gewesen, hat sie oft erzählt, daß sie zusammengeschaudert ist in der Hitz. Und nachher ist sie den Husten nit mehr losgeworden, der ihr alle Kräft genommen hat.« »Das ist freilich eine traurige Geschicht«, murmelte der Bursche. »Es kann ja gar nit mit rechten Dingen zugegangen sein – das meinen auch alle Leut«, ergänzte Stasi. »Natürlich nit; eine Hex hat deine Mutter angeblasen, das ist gewiß,« konnte sich Ambros nicht enthalten, hierauf wieder zu spotten. Stasi blickte ihn aus ihren klaren braunen Augen vorwurfsvoll an und entfernte sich so weit wie möglich von ihm. Ärgerlich über sich selbst, rief er: »Kreuz, Stern, Hagel! Wie kann einer so was Ungescheites glauben! Da ist ja kein Verstand drinnen. Es gibt keine Hexen. Alte Weiber freilich, die einem Böses wünschen, die gibt's schon die Menge, und kommt mir eins in die Quer, wann ich meinen Stutzen auf dem Rücken hab, dann ist's mit dem Glück auch richtig nix. Kommt mir aber zuerst eine saubere Gitsche über den Weg, nachher hat alles verspielt, was fliegt oder auf vier Läufen geht.« Er hatte im Sprechen seinen Schritt beschleunigt und war jetzt wieder an Stasis Seite. Mit einem ausdrucksvollen Blick auf sie drehte er seinen schwarzen Schnurrbart. Sie aber verfolgte stumm ihren Weg, die Blicke auf den Rosenkranz geheftet. Nach einer Weile fragte er sie fast ungeduldig, ob sie böse auf ihn sei. Und als er hierauf keine Antwort erhielt, rief er mit hochmütigem Trotz: »Schau, ich sag's heraus, was ich denk, und wem's nit gefallt, der mag's bleibenlassen. Zum Teixel«, Teixel – Teufel fuhr er fort, »sei doch lustig! Der Mensch lebt nur einmal, und zum Beten hast noch Zeit genug, wann du ein altes Weibl sein wirst. Jedes Ding hat seine Zeit. Gelt, Vater David, Ihr habt in Eurem Kloster auch nit bloß gebetet! Woher kämen sonst die lustigen Stücklein, die man sich just von den Kapuzinern erzählt?« Der Alte seufzte, und Ambros scherzte weiter: »Jetzt, da steht eine Kapelle, wo alle Sünden vergeben werden im Wein. Auch der Durst hat seine Zeit, und ich hab nie einen so schönen gehabt wie just in diesem Augenblick. Kommt, ich zahl eine Rote.« Er wies auf das Wirtshaus von Salen, das rechts an der hier etwas breiteren Bergstraße vor ihnen lag. Den Wald hatten sie bereits seit einiger Zeit hinter sich gelassen. Stasi erhob Einspruch gegen Ambros' Vorschlag und forderte den Ohm durch Augenwinke auf, ihr beizustehen. Ehe sich aber der Ohm zum Widerstand gegen die Versuchung aufzuraffen vermochte, hatte Ambros dessen Nichte bei der Hand gefaßt und zog die Widerstrebende zum Wirtshaus hin. David folgte ihnen mit einem Anflug von Schmunzeln. In der Wirtsstube befanden sich nur zwei Gäste, Bauern aus dem an der Gader liegenden Kirchdorf Salen, die gerade ihre Zeche bezahlten und dann fortgingen. Ambros bestellte Wein, setzte sich auf die Fensterbank und forderte Stasi auf, neben ihm Platz zu nehmen. Sie aber rückte sich einen Stuhl ihm gegenüber an den Tisch. Als die Wirtin Wein und Brot gebracht hatte, schenkte Ambros ein und sagte, mit seinen Gästen anstoßend: »Dies bring ich euch auf gute Freundschaft!« Seine Blicke aber erklärten, daß er damit nur das Mädchen meinte, und ihr reichte er auch über den Tisch hin die Hand, nachdem er sein Glas auf einen Zug geleert hatte. Zögernd legte sie ihre Hand in die seine, und er drückte sie so stark, daß Stasi aufschrie. Er lachte. Der Ohm, der unterdessen sein Einschlagemesser hervorgezogen hatte, sagte: »Jetzt laß uns essen, Stasi!« Sie nahm aus ihrem Korb, den sie auf den Boden gestellt hatte, geräuchertes Fleisch und Ziegenkäse und lud Ambros ein mitzuhalten. Er dankte. David wurde durch die Speisen an die Ursache der Verzögerung ihrer Mahlzeit erinnert, und er fragte, indem er sich ein tüchtiges Stück von dem Fleisch abschnitt, welchen Ausgang der Handel auf der Fronwiese genommen habe. Stasi wurde rot. »Der Soldat wurde von unseren Männern fortgeschoben, so daß wir nit rechtschaffen aneinanderkommen konnten.« »Gott sei gelobt«, atmete Stasi auf. »Blitz und Hagel!« grollte Ambros. »Dir erbarmt der Lump noch? Jetzt spring einer den Madln bei!« »Ach, ich dank dir ja sehr«, antwortete sie verschüchtert. »Aber es wär doch schrecklich gewesen, wann's ein Unglück um meinetwillen gegeben hätt.« Ambros warf seinen Spitzhut unmutig neben sich auf die Bank, und David verbesserte seine Stimmung nicht, als er, mit vollen Backen kauend, bemerkte: »Ja, ich weiß nit; es ist doch gut, daß du dich gleich nachher fortgemacht hast. O diese Soldaten!« Ambros wurde feuerrot vor Zorn und schlug mit der Faust auf den Tisch, daß die Gläser tanzten. »Heiliges Sakrament!« rief er. »Die weiße Feder hätt ich gezeigt? Ich, der Ambros Falkner?« Stasi starrte ihn erschrocken an, und der Ohm ließ für einen Augenblick die Hände mit dem Fleisch, dem Brot und dem Messer auf den Tisch sinken. Dann wiegte er seinen schweren Kopf und sagte: »Du kennst die Bayern nit, aber ich hab's erfahren, wie sie mit einem umspringen. Heilige Mutter Gottes, wann ich an die Nacht denk, wo sie in unser Kloster zu Klausen eingebrochen sind! Ich werd's mein Lebtag nit vergessen.« Wieder schüttelte er den Kopf. Ambros murrte, während er sich mit gespreizten Fingern durch die schwarzen Locken fuhr: »So was von mir zu glauben!« Das Mädchen schaute ihn bittend an; er schenkte sich ein, stürzte das volle Glas hinunter und rief dann: »Eigentlich ist's lustig, daß ich davongelaufen sein soll!« Er lachte laut und ungezwungen auf. »Jetzt, Vater David, erzähl selber mal, wie's in jener Nacht gewesen ist.« »Ja, ich weiß nit«, begann dieser in seiner verschwommenen Weise. »Wir lagen schon alle in unsern Betten, als die Soldaten hereinbrachen. Wie der böse Feind tobten sie durch die Kreuzgänge und durch alle Zellen – kaum daß sie uns Zeit ließen, unsere Kutten überzuwerfen. Sie schlugen alles kurz und klein, und mit Kolbenstößen trieben sie uns alle in den Hof. Unserm gnädigen Herrn Abt und dem Rotbart hatten sie die Händ mit Stricken gebunden. Von dem Rotbart wirst wohl schon gehört haben?« Ambros verneinte, und David fuhr fort: »Wir nannten ihn immer den Rotbart; er selbst schreibt sich aber Jochem Haspinger, und zu St. Martin im Gsiesertal ist er daheim. Wie er noch ein Bürschlein war, so neunzehn oder zwanzig Jahre alt, ist er aus der Priesterlehr weggelaufen, um sich mit den Franzosen zu schlagen. Geistlicher hat er werden sollen, aber es hat ihn nimmer gelitten, und er ist mit dem Stutzen ausgezogen. Wie nachher alles in Italien zu End gewesen ist, da ist er in unser Kloster gekommen. Aber den Grimm gegen die Franzosen hat er nit abgetan, und wie wir haben bayrisch werden müssen« Er warf einen spähenden Blick auf die offenstehende Tür und setzte mit gedämpfter Stimme hinzu: »Wie Feuer geht ihm das Wort aus dem Munde.« »Wie er in die Kutte hat kriechen können, nachdem er Pulver gerochen hat, das will mir nit eingehen«, äußerte Ambros mit einem Anstrich von Verachtung. »Aber was haben die sakrischen Bayern nachher mit ihm angestellt?« »Ja, ich weiß nit«, versetzte der ehemalige Kapuziner. »Fortgeschleppt haben sie ihn und den Herrn Abt. Uns andern wurde gesagt, daß wir gehen könnten, wohin wir wollten; unsere Ordenskleider aber sollten wir abtun. Und dann haben sie uns zum Hoftor hinausgestoßen auf die Gassen und haben dabei ihr Gespött getrieben. Da bin ich denn nach St. Vigil zu meiner Schwester gegangen, die mit dem Kaspar Larseit ist verheiratet gewesen. Wohin hätt ich auch gehen sollen? Ich hatte niemand auf der Welt mehr.« Er seufzte und trank. Stasi, die ihm mit Rührung zugehört hatte, obgleich sie seine Geschichte sicherlich schon längst kannte, streichelte voller Mitleid seinen Oberarm. Er wiegte wieder seinen Kopf hin und her und schob dann ein großes Stück Käse in den Mund. Ambros hatte unterdessen seine Pfeife hervorgezogen und mit Stahl und Stein Feuer geschlagen. Den brennenden Schwamm auf den Tabak drückend, fragte er: »Und deine Kutten, Ohm, was ist aus der geworden?« Stasi warf dem unverbesserlichen Spötter einen vorwurfsvollen Blick zu. David Fenchler aber flüsterte, während er sich über den Tisch vorbeugte: »Ja, ich weiß nit, glaubst du nit auch, daß unser Ordenshaus in Klausen und die andern wieder Klöster werden?« »Brr!« machte Ambros, und David seufzte resigniert: »Wie Gott will. Die Kutten liegt in meinem Kasten daheim, und in ihr will ich begraben werden.« »Amen!« sagte Ambros und stützte sich mit dem rechten Ellenbogen auf den Tisch, wobei er die Finger in seinem Haar vergrub. Durch die Rauchwölkchen betrachtete er Stasi und verfolgte die Brocken, die sie von dem Brot abbrach, bis zu ihrem roten Mund und den weißen Zähnen. Sie wurde darüber verlegen und hörte auf zu essen. Eine Gesellschaft von Landleuten, Männer und Frauen, die ebenfalls von St. Lorenzen kamen, traten in die Wirtsstube. Einer unter ihnen erkannte in Ambros den Helden von der Fronwiese; er begrüßte ihn als solchen und pries sein mannhaftes Auftreten, worauf die anderen in sein Lob einstimmten. Er habe es dem Bayern gut gezeigt, wie er sich gegen Frauen zu betragen habe, versicherten sie, und dabei traf Stasi mancher neugierige Streifblick aus den weiblichen Augen. Ambros machten die Lobsprüche ungeduldig, und als jetzt an Stelle der Wirtin der Wirt hereinkam, um sich nach den Wünschen der neuen Gäste zu erkundigen, rief er: »Zahlen!« »Eins nach dem andern!« versetzte bedächtig der Wirt, ein Mann, kräftig und knorrig wie eine Eiche. Geduld war jedoch nicht die Sache des Kloster-Ambros, und so warf er den Betrag seiner Zeche auf den Tisch, stülpte seinen Hut auf und befahl: »Kommt!« Damit schritt er zur Tür hinaus, und Stasi, die inzwischen die kleinen Fleisch- und Käsereste, die der Appetit des Ohms verschont, in ihren Korb gepackt hatte, gehorchte nebst David, als verstünde sich das von selbst. »Potztausend, seht mir den Prinzen!« spöttelte der Wirt; aber Ambros hörte es nicht mehr. Der Weg zog sich unmerklich und mit kurzen Unterbrechungen stetig am rechten Ufer der Gader in die Höhe, immer dem Lauf des Flusses entgegen, wobei er den Aus- und Einbiegungen des östlichen Talrandes folgte. Ein quer vorgelagerter Berg in der Gestalt einer grünen Riesenglocke verbarg das Pustertal im Rücken der Wanderer. Die schmale Sohle des Enneberger Tales füllte ganz die muntere Gader aus. Die stark abschüssigen Hänge bekleideten grüne Matten, blühender Flachs und reifendes Korn. Die Höhen beherrschte dichter Wald, aus dessen schwärzlichem Nadelgewirr hier und dort nacktes, wunderlich geformtes Gestein gen Himmel ragte. Zuweilen neigte sich der Wald auch bis zur Gader hinunter, und der Schatten, den die mächtigen Rottannen boten, war den Wanderern sehr willkommen. Verstreut zwischen den steilen Matten und Feldern lagen die rotbraunen Holzhäuser der Älpler auf steinernem Unterbau, dessen Kalkbewurf sich blendend von dem grünen Grunde abhob. Wo es der Raum gestattete, drängten sich die Hütten auch zu einem Dörflein zusammen, mitunter um ein kleines Kirchlein mit zwiebelartigem, grünem Turmdach, oder es grüßte ein solches einsam von einem Vorsprung des westlichen Talrandes herüber. Jede Wendung der schmalen Straße, die zuweilen den Boden unter sich verlor und als Brücke an steiler Felswand hing, zeigte den drei Wanderern ein neues liebliches Landschaftsbild in sonnig blauem Duft. Stasi, die ihr heimatliches Tal bisher noch nie verlassen hatte, ließ ihre braunen Augen froh umherschweifen, während David Fenchler zur Verdauung den Rosenkranz betete. Ambros mußte dem Mädchen die Namen der einzelnen Ortschaften nennen. »Ach, du lieber Gott, wie ist es doch so schön auf der Welt!« rief sie einmal und hob die Augen mit einem Leuchten zu dem Burschen auf. »Blitz, was du für Gamslichterl hast!« murmelte er, und es wurde ihm ganz warm ums Herz. »Bist wohl auch ein Jager?« fragte sie. »Freilich!« »Ich begreif's nit, wie einer die unschuldigen Tierlein schießen kann«, bemerkte Stasi. »Tut es dir denn nimmer leid, wann so ein hübsches Tierl, das noch eben so lustig umhergesprungen ist, von deiner Kugel das Leben lassen muß?« Ambros lachte. »Nein, das hat mir noch nimmer leid getan.« »Oh!« sagte sie leise. Sie waren auf eine Brücke gelangt, die über einen Wildbach führte. Links stieg der Fels senkrecht auf. Es sickerte nur wenig Wasser herunter; aber die mächtigen Blöcke, die das Bett füllten, zeugten von der Gewalt des Elements im Frühjahr und Herbst. Einige entwurzelte Tannen lagen quer über dem Bett des Baches, das eine kurze Strecke unterhalb der Brücke einen zweiten Absturz bildete. Jenseits der Brücke drangen die Felsen in scharfem Winkel vor. Die ganze Partie lag in dichtem Waldschatten. Unterholz und Blattpflanzen gediehen üppig in der feuchten Atmosphäre. War es die kühle, feuchte Luft, die Stasi erschauern ließ? Sie sah sich nach dem Ohm um und ging dann mit beschleunigten Schritten weiter. David war eine Strecke zurückgeblieben. An einigen Stellen verkündeten Votivtafeln durch Bild und Schrift, daß sich dort ein Unglücklicher in der Dunkelheit, während eines Schneesturmes oder im Rausch zu Tode gestürzt hatte. Der ehemalige Mönch betete bei einer jeden Tafel »für die Erlösung der armen Seele aus dem Fegefeuer«. Stasi rief ihm über den Bach hinüber zu, er möge sich beeilen. Als sie um die Felsenecke gebogen war, gewahrte sie ein wenig oberhalb des Weges im Schatten einer alten Birke, die einsam unter den Tannen stand, einen bemoosten Stein, der wie eine Rasenbank zum Sitzen einlud. Stasi lief hinauf und setzte sich nieder, um hier den Ohm zu erwarten. Der Stein bot Raum für zwei, und so nahm Ambros neben Stasi Platz. »Hier ist gut sein«, sagte Ambros und legte den Arm um die Hüften seiner Nachbarin. Sie aber schob seinen Arm leise zurück. »Bist du so scheu?« fragte er. Sie bückte sich, ohne zu antworten, und rupfte einige Grashalme aus dem Boden. Und das Bücken war es wohl, was ihr das Blut in die Wangen trieb. Fünf Halme hatte sie gepflückt, und nun bat sie Ambros, diese in der Mitte zwischen Daumen und Zeigefinger zu halten. »Was soll's denn?« fragte er. Sie wollte einen Kranz knüpfen, um zu erfahren, ob ihr Bittgang der Mutter helfen würde. Das Orakel kam jedoch nicht zustande. Es ließ sich das Rollen eines Wagens vernehmen, und kaum hatte Stasi die entgegengesetzten Enden von zwei Halmen verknüpft, als ein Einspänner mit drei Personen um die Ecke bog. Ein junger Mann, der kutschierte, und zwei Frauen waren die Insassen des Gefährts. Stasi bemerkte den Wagen zuerst und rief: »Da kommt deine Schwester Lisei.« »So laß sie kommen«, versetzte Ambros gleichmütig, ohne den Kopf nach dem Fuhrwerk hinzuwenden. Stasi blickte ihn erstaunt an. »Die schöne Müllerin, die Afra Arigaya, sitzt neben ihr«, fügte sie hinzu. »Meinetwegen«, erwiderte er in demselben Ton wie vorher. Nur der kutschierende Bursche bemerkte das Paar. Er winkte verschmitzt mit den Augen hinauf und trieb das Pferd an. Da die Straße hier eine Strecke ohne Steigung hinlief, rollte das Gefährt rasch vorüber. Stasi vergaß ihren Kranz und folgte dem Wagen mit den Augen, und während sie diese dann wieder Ambros zuwendete, fragte sie, ob er denn nicht mit seiner Schwester zusammen in St. Lorenzen gewesen sei. »Es wird wohl so gewesen sein«, gab er zu. »Aber ich mußt doch nachschauen, ob der verdammte Korporal der Stasi nit nachgeschlichen war.« Er lachte. Stasi erhob sich und ging auf die Landstraße, wo nun auch die gebeugte, breitschultrige Gestalt des Ohms auftauchte. Scham und Verdruß darüber, daß Ambros ihr absichtlich nachgegangen war, trieben ihr fast die Tränen in die Augen. »Jetzt hab ich halt gemeint, daß du mitgefahren wärst«, äußerte David Fenchler zu dem langsam herabsteigenden Burschen. »Es war noch Platz auf dem Wagen.« »Neben der schönen Müllerin, freilich!« spottete Ambros. »Nein, da war kein Platz mehr«, versetzte der Alte naiv. »Aber neben ihrem Stiefsohn, dem Jerg.« Ambros hatte sich wieder an des Mädchens Seite gemacht. »Gelt, du nähmst keinen alten Mann, wie die Afra?« fragte er. »Ach du, mein Herrgott, ich weiß auch gar nit, wie sie es hat tun können«, antwortete Stasi zögernd; denn sie wollte eigentlich überhaupt nicht mehr mit ihm reden. »Wenn eine so bildsauber ist, so blitzsauber wie sie ...« »Bah!« unterbrach Ambros sie geringschätzig. »Nein, das ist doch gewißlich wahr!« geriet sie in Eifer. »Und ich kann sie in der Kirchen nimmer genug anschauen.« »Aber ich weiß eine, die tausendmal schöner ist als sie«, versetzte er mit gedämpfter Stimme, und als sie ihn darauf fragend anblickte, fuhr er fort: »In deiner Kammer, da hängt ein Spiegel an der Wand; wann du den fragst, der wird dir sagen, wie sie geheißen ist« »Jetzt gar!« rief sie verwundert. »Wann's die Stasi Larseit dem Spiegel nit glauben will, dann sag ihr: ich hab's gesagt. Und der Ambros Falkner lügt nit!« flüsterte er, sich zu ihr beugend. »Geh doch!« stotterte sie weinerlich. »Es ist schlecht von dir, daß du mich narrst. Ich hab dir nix zuleid getan.« »Ja, ein Narrl bist, und ein liebes«, sagte er zärtlich. »Ist's denn ein Schimpf für eine Gitsche, wann sie hübsch ist? Mir gefallt keine so wie du.« Er legte seinen Arm um sie und drückte sie an sich, und sie ließ es im ersten Augenblick geschehen. Sie war wie betäubt. Dann aber drängte sie ihn mit dem Ellenbogen entschieden von sich, ließ den hübschen Kopf noch tiefer auf die Brust sinken und begann zu weinen. Sie war überzeugt, daß er seinen Spott mit ihr treibe, sonst hätte er ein so unbedeutendes Ding wie sie nicht mit der schönen Afra vergleichen können! Sie war lediglich um einige Jahre jünger als die Mühlerin. Ärgerlich über ihre Tränen, deren Ursache er durchaus mißdeutete, drehte Ambros an seinem Schnurrbart. Noch hatte es ihm keine Dirne übelgenommen, wenn er sie einmal umgefaßt. Sie hatten ihm vielleicht mit lachendem Munde ein scharfes Wort an den Kopf geworfen. Aber Tränen! »Was weinst denn?« rief er. »Der Bub und das Madl, die gehören zusammen, das hat unser Herrgott schon selber so gefügt. Schau, wie sich dort die Gitsche an den Jagerbub anschmiegt!« Er deutete auf den Peitlerkofl, der sich vor ihnen, im Süden, mächtig emporzuheben begann. Der nackte Kalkfelsen glich in der Nachmittagsbeleuchtung wirklich einem bärtigen Männerkopf, an dessen linke Wange sich ein kleineres, bartloses Gesicht lehnte. Stasi schaute hin und lächelte. »Die haben einander schon so lang lieb, als die Welt steht, und werden's nimmer müd«, sagte Ambros. »Im Regen und Sonnenschein, ob's donnert und blitzt oder schneit oder ob die Rosen blühen, er hält sie an sein Herz gedrückt und laßt sie nimmer aus!« Wieder legte er seinen Arm um Stasi, und sie murmelte beklommen: »Oh, ich bitt dich!« »Ja, und mir ist's, als hört ich ihn jauchzen vor Lust«, rief er und stieß selbst einen so lauten Jauchzer aus, daß es von den Bergen widerhallte. Ein nicht minder kräftiges »Juch! Juch!« antwortete, und das Paar prallte betroffen auseinander. Der Ruf erscholl wie vom Peitlerkofl her; jedoch mußte der Rufer ganz nahe sein und nur die Windung der Straße ihn den Blicken entziehen. »Das kann doch der Jerg nit sein! Der muß ja jetzt schon über Palfrad hinaus sein«, äußerte Ambros und beschleunigte seinen Schritt. Stasi blieb stehen und wartete auf den Ohm. Der Rufer entpuppte sich wirklich als der junge Arigaya, und als Stasi und David die Straße vor sich überblicken konnten, gewahrten sie ihn sowie Lisei und Afra, die neben dem auf der Straße haltenden Wagen standen und Ambros entgegenschauten. Jetzt wird's lustig! sagte dieser zu sich selbst, und die Stimme erhebend, fragte er, was es gebe. Das Pferd hatte sich einen Stein zwischen Eisen und Huf des rechten Vorderfußes eingetreten, wo er so fest stak, daß er ohne Werkzeug nicht entfernt werden konnte. Der Unfall war schon vor einiger Zeit geschehen, und da das Pferd infolgedessen lahmte, waren die Passagiere aus dem Wagen gestiegen und zu Fuß weitergegangen. In dem kleinen, einsamen Wirtshaus von Palfrad, das fast auf der Scheitelhöhe der nun steiler ansteigenden Straße in geringer Entfernung vor ihnen lag, hoffte Jerg ein Stemmeisen und einen Hammer zu bekommen. Auf Ambros' Jauchzer hatte die Gesellschaft haltgemacht. Lisei schlug bei dem Erscheinen ihres Bruders verwundert die Hände zusammen, und auch Afra öffnete ihre schönen schwarzen Augen vor Erstaunen weit. Als sie jedoch hinter Ambros dessen beide Wandergefährten erblickte, wandte sie sich ab und preßte ihre dunkelroten Lippen unmutig zusammen. Jerg, ihr Stiefsohn, strich sich mit heimlichem Lachen das etwas langer spitze Kinn. Ambros grüßte unbefangen und ließ sich von Jerg den Schaden zeigen. »Also doch ins Garn gegangen!« flüsterte Jerg mit einem Zwinkern seiner kleinen Augen, während er den Vorderfuß des Pferdes in die Höhe hob. Ambros untersuchte das blessierte Glied aufmerksam. »Da ist vorläufig nix zu machen«, sagte er laut, und Jerg lachte über die zweideutige Antwort. »Aber wo kommst denn jetzt erst her?« fragte Lisei. »Wir hatten gemeint, daß du längst voraus wärst. Wir haben in St. Lorenzen auf dich gewartet und gewartet.« »Und jetzt bin ich halt da«, entgegnete er kurz. Lisei sah nach Stasi und warf dann ihrem Bruder einen vorwurfsvollen Blick zu. Stasi hatte die Augen gesenkt und ihren Schritt verlangsamt. Was mußten Lisei und die junge Müllerin von ihr denken? Und Ambros und Lisei standen noch immer auf der Straße, während sich Jerg mit dem lahmen Pferd bereits in Bewegung gesetzt hatte und seine Stiefmutter ihm folgte. »Warum gehst denn nit?« fragte Ambros ungeduldig seine Schwester, die gleich ihm von hoher, schlanker Gestalt war, ihm sonst aber nicht ähnlich sah. Sie war blond und eigentlich nicht hübsch und war auch älter als ihr Bruder. »Ich warte auf die Stasi Larseit«, antwortete sie gelassen. »Aber ich bitt dich, Brosi, du hast der Frau Arigaya kein Wörtlein gesagt, und sie hat uns doch beide eingeladen, mit ihr nach St. Lorenzen zu fahren. Was muß sie bloß von dir denken!« Damit ging sie Stasi ein paar Schritte entgegen, und Ambros schlenderte verdrießlich der schönen Müllerin nach. Diesen Beinamen verdiente Afra mit vollem Recht, und sie mochte sich dessen bewußt sein. Sie trug ihre jugendlich volle Gestalt mit viel Stolz. Als Ambros, der sich keineswegs beeilte, sie eingeholt hatte, nahm sie keinerlei Notiz von ihm, und eine Strecke gingen beide stumm nebeneinander her. Ambros machte keine Anstalten, sie anzureden. Da maß ihn die junge Frau mit einem Blick von oben bis unten und sagte: »Das muß man gestehen: der Ambros Falkner hat Lebensart! Wann's nach der Lisei gegangen wär, säßen wir noch beim Sonnenwirt in St. Lorenzen und warteten auf ihn.« Der Blick, selbst aus so schönen Glühaugen, war mehr, als Ambros zu ertragen vermochte. Statt sich zu entschuldigen, zog er die Schultern in die Höhe, und Afra fuhr gereizt fort: »Und er bittet wegen seiner Grobheit nit einmal um Entschuldigung.« »Wann die Frau Arigaya meint, daß ich mir die Bitt abdringen lass', da kennt sie mich schlecht!« trotzte Ambros. »Oh, es ist nit so schwer, wie er sich einbildet, den Herrn Falkner zu kennen«, antwortete sie kalt. »Ich hab's der Lisei auch gleich gesagt, als wir beide wie die Narren im Wirtshaus saßen « »Was?« unterbrach er sie rauh. »Daß du dem einfältigen Ding, der Stasi, nachgelaufen bist«, schoß es ihr über die bebenden Lippen. »Oder ist's etwa nit wahr?« »Und warum sollt ich nit, wenn's mir gefiel?« fragte er herausfordernd. Ein dunkles Feuer überglitt Afras Gesicht. Schweigend wandte sie sich von ihm ab. »Zankt ihr euch wieder mal?« rief Jerg, der, den lahmen Gaul am Zügel führend, nur wenige Schritte vorausging. »Sie hat recht, Frau Mutter, daß sie ihm den Kopf wäscht. Den ganzen Spaß, den wir uns von der Fahrt versprochen haben, hat uns der ungezogene Mensch verdorben.« Afra richtete stolz den Kopf auf. »Wie lustig war's auf der Hinfahrt!« fuhr Jerg in treuherzigem Ton fort. »Selbst der Schweißfuchs hat vergnügt die Ohren gespitzt. Der verdammte Bayer! Aber brav war's von dir, Ambros, daß du dich der Larseit angenommen hast. Ist eine saubre Gitsche, die einem schon gefallen kann.« Er sagte das hin, ohne den Kopf umzuwenden. Hätte ihm Afra ins Gesicht sehen können, so wäre ihr das hämische Zucken um seinen breiten Mund nicht entgangen. Aber es bedurfte dessen nicht; sie fühlte die Spitzen aus seiner treuherzigen Redeweise heraus und drückte die Hand aufs Herz. »Na, allemal kann man nit lustig sein!« fing er wieder an. »Hil, Fuchs!« Dann sang er mit gequetschter Stimme: »A schöns Dirndl liebn Is a Freud auf der Welt, Aber der Neid ist dabei Wie der Teixl beim Geld.« »Und wann dich der Teixel singen hört, da kriegt er Krämpf!« rief Ambros. »So fein wie du kann ich's freilich nit«, versetzte Jerg. »Ich hab aber ein so gutes Gehör, daß ich jeden Vogel gleich am Pfeifen erkenn.« »Wie andere den Esel an den langen Ohren«, rief Ambros. »Oder den Pfarrer am Predigen«, gab Jerg ruhig zurück. »Denn der Rock allein tut's nit.« »Nein«, entgegnete Ambros mit einem gewaltsamen Lachen, »denn sonst würde mancher den Pfau für 'ne Nachtigall halten.« Afra zuckte zusammen. Sie blieb ein paar Sekunden stehen und blickte mit starren Augen in das Tal hinunter. Als sie weiterging, blinkte etwas an ihren schwarzen Wimpern. Jerg blieb Ambros nicht die Antwort schuldig; beide überboten sich in einem stachligen Humor. Der des jungen Klosterbauern aber hatte etwas Hastiges und Gezwungenes, als wollte er Afra zeigen, daß er sich aus ihrer Ungnade nichts mache. Lisei und Stasi folgten harmlos plaudernd. Stasi war noch verlegener geworden, als Lisei sie angeredet Doch in deren Ton und Wesen lag so viel Freundliches, Mütterliches, daß Stasi ihre Schüchternheit schnell überwand. Sie hätte Lisei gern überzeugt, daß sie an der Begleitung ihres Bruders unschuldig war, aber sie vermochte es nicht, Ambros zu erwähnen. Lisei wußte es übrigens durch eine Bemerkung aus David Fenchler herauszulocken, wie sie zu der Gesellschaft ihres Bruders gekommen waren. Stasi atmete sichtlich erleichtert auf, und fortan war es ihr, als sei Lisei ihre Schwester. Als sie mit den Vorausgegangenen vor dem kleinen Wirtshaus von Palfrad zusammentrafen, lud Ambros alle zu einem Trunk Wein ein, während Jerg seinen Schweißfuchs wieder zu Gang brachte. Stasi wehrte hastig ab: »Ach nein, wir müssen nach Hause!« Und sie zupfte den Ohm an der Joppe. Lisei kam ihr zu Hilfe, indem sie ihr die Hand reichte und sagte: »Du hast recht, Kind! Die Nachbarin, die deine Mutter in Obhut genommen hat, wird wohl schon sehnlichst auf dich warten. Komm gut nach Haus!« »Unsinn! Hat sie so lange gewartet, kann sie auch noch länger warten!« rief Ambros mit zusammengezogenen Brauen. Stasi aber zog den Ohm mit sich fort. Sie beschleunigte ihren Schritt so, daß es aussah, als fliehe sie. Erst nachdem sie den Höhepunkt des Weges erreicht hatte und Palfrad hinter ihr versunken war, nahm sie wieder auf den schlurfenden Gang Davids Rücksicht. Nun schwang sich die Straße nach Osten herum, und zu Füßen der beiden Wanderer breitete sich das Vigiltal, zu dessen Sohle der Weg mit mancher Kehre hinabstieg. Frei schweifte der Blick über das anfangs schmal eingeschnittene Tal bis zu den Dolomiten, die sich im fernen Osten kulissenartig in den Bannwald hineinzuschieben schienen. Von dorther kam der Vigilbach an Mühlen und kleinen Weilern, über deren graue Dächer Obstbäume und einzelne Ulmen ihr Gezweig breiteten, vorübergetänzelt, entlang dem mit prächtigen Tannen bestandenen Bergrücken, der das Vigiltal im Süden von dem Gadertal scheidet. Links blickten das feste Haus von Asch, die stattliche Dechanei mit der schönen Kirche von Enneberg und weiter hinten das halb unter Laub begrabene Kirchlein von Hof auf das Tal hinunter, dessen grüne Abhänge mit einzelnen Gehöften und braunen Hüttengruppen überstreut waren. Heckengänge durchzogen die abschüssigen Felder, und von dem Bannwald her grüßte der Kirchturm von St. Vigil. Von dem Sanften und Lieblichen wurde der Blick allmählich zum Großartigen übergeleitet, und Stasis braune Augen leuchteten über die Hütten, Dörfer, Felder und Kirchen, über die Höhen mit ihren Tannen- und Lärchenwäldern und blieben an den mächtigen Felsen im Hintergrunde haften, die die Nachmittagssonne in durchsichtigen Alabaster mit weichen blauen Schatten verwandelte. Wunderliche Gestalten waren es, die das Spiel der Einbildungskraft herausforderten. Da schimmerte die mächtige, nackte Schädeldecke des Kreuzkofls, dessen Fuß im Gadertal wurzelt, neben der Doppelwölbung des Piz-Peres, und dahinter stemmte die Eisengabel ihre braunen Klippen der grünen Brandung des Waldes entgegen. Gegenüber streckten sich drei steinerne Riesenfinger, die in der Sonne golden glänzten, zum blauen Himmel, und der Piz-Peres daneben mit seinem langherabwallenden Tannenbart hätte Stasi an Michelangelos Moses erinnert, wenn ihr dieses Bildwerk bekannt gewesen wäre. Neben dem sinnenden Moses trat stolz wie ein König der Paratscha hervor, und zwischen ihnen schien sich schäumend ein Sturzbach in den Bannwald zu ergießen. Es war eine Mur, Mur – Schlamm- und Schuttmassen, die sich nach starken Niederschlägen oder plötzlicher Schneeschmelze an Gebirgshängen abgelagert haben. deren so viele von den Felsen niedergegangen waren und den Wald in der Tiefe durchrissen hatten. Weiter hin, bis zu dem im bläulichen Duft verdämmernden Col de Rü, erstreckte sich die steile Wand des Monte Sella, dessen Gipfel wuchtigen Burgen und ummauerten Städten glichen, und der rötliche Stein, von der Sonne durchglüht, ließ sie in brennende Abendröte getaucht erscheinen. David hatte sich auf einem Stein am Wege niedergelassen und harrte geduldig, bis sich seine Nichte an ihrem Heimattal satt gesehen. Sie stand, ganz in den Anblick versunken, mit gefalteten Händen da, bis das Rasseln eines Wagens sie aufschreckte. Sie warf einen scheuen Blick auf das Fuhrwerk. Ambros war nicht darauf. Wer vermochte auch dessen Sinn zu beugen? Als er dem Wagen folgte, fand er David allein am Wege sitzend. »Ja, ich weiß nit«, erklärte der Alte, indem er sich mühsam erhob, »deine Schwester hat die Stasi mitgenommen. Sie war freilich auch müd genug.« Ambros biß die Zähne zusammen. »Das arme Ding!« fuhr David fort, während er sich neben dem Burschen weiterschob. »Schon um drei Uhr in der Früh sind wir von Haus aufgebrochen, um zur Messe in St. Lorenzen nit zu spät zu kommen.« Ambros zerrte stumm an seinem Schnurrbart, und David begann wieder an seinem Rosenkranz zu fingern. »So laß doch, zum Teixel, das ewige Beten!« fuhr ihn der Bursche wütend an. Entsetzt öffnete der Alte seine wasserblauen Augen so weit wie möglich. Aber er unterließ das Beten. Die Wanderschaft wurde dadurch nicht unterhaltsamer, denn David Fenchler war in dem Kloster stumpf geworden und wußte nichts zu reden, und Ambros mochte in seinem Verdruß nicht den Mund auftun. 2. Kapitel Der Klosterhof bildete den stattlichsten Ansitz im ganzen Vigiltal. Wo sich dies gegen Norden erweitert und ausbuchtet, lag er auf einem Bühel Bühel (Bühl) – Hügel inmitten seiner Wiesen und Felder, die sich sanft gegen den Vigilbach hinabsenkten. Gleich einem Diadem von Smaragden, dessen mittelstes Juwel das Spitzhörndl bildete, erhoben sich hinter dem Klosterhof die waldreichen Berge, und ihm zu Füßen drängten sich die grauen Häuser und Schindeldächer des kleinen Fleckens Monthan eng an dem Bach zusammen. Bei dem Weiler zweigte sich von der Heerstraße, die in einem weiten Bogen weiter nach dem eine gute Viertelstunde entfernten St. Vigil, dem Hauptort des Tales, führte, ein schmaler Weg aufwärts zum Klosterhof ab. Dieser Weg, zwischen den Feldern wie versunken, trennte die Wirtschaftsgebäude, die ein längliches offenes Viereck bildeten, von dem etwas vorgeschobenen Wohnhaus, dessen Eingang sich auf der dem Spitzhörndl zugekehrten Nordseite befand. Der Ansitz hieß Klosterhof, weil hier zu der Zeit, da das Vigiltal noch dem reichen Frauenkloster Sonnenburg im Pustertal gehörte, ein Meier des Klosters gewirtschaftet hatte, dessen besondere Pflicht es gewesen war, für die tägliche Leibesnahrung der Frau Äbtissin von Sonnenburg und ihrer Gefolgschaft zu sorgen, wenn sie zur Sommerfrische in St. Vigil weilte. Das große steinerne Haus an der Kirche des Ortes, in dem sich gegenwärtig das Landgericht und das Steueramt befanden, war die Sommerresidenz der Klosterfrauen gewesen. Und aus jener Zeit stammte die hohe Mauer, die Hofraum und Garten nach außen abschloß. Für die Lebenslust der frommen Frauen hatte die Mauer jedoch kein Hindernis gebildet, und man erzählt, daß sich das Tor stets gastfreundschaftlich aufgetan, sooft die Ritter von Brack, deren Stammburg Asch, unweit der Enneberger Dechanei, mit ihren vier Erkertürmchen in das Tal herunterschaut, oder andere werte Freunde zu Besuch kamen. Ihre Lebenslust soll mitunter selbst dem hochwürdigsten Bischof von Brixen ein Schnippchen geschlagen und seinem Interdikt sogar mit den Spießen und Schwertern ihrer getreuen Vasallen aus dem Vigiler und Gadener Tal getrotzt haben. Von einem Herrn Franz Wilhelm von Brack weiß man zu sagen, daß es für ihn eine besondere Belustigung gewesen sei, von seinem festen Hause aus auf fahrende Mönche zu schießen, als ob es Spatzen oder Meisen gewesen wären. Doch das Geschlecht derer von Brack horstete längst nicht mehr in Asch, und das Kloster Sonnenburg war von Kaiser Joseph II. Joseph II. – (1741-1790), römisch-deutscher Kaiser; verfolgte eine Politik des sogenannten aufgeklärten Absolutismus. Er wollte Österreich durch innere, auf eine Zentralisierung und Stärkung der Staatsgewalt gerichtete Reformen festigen, um dann dessen Besitzungen auszudehnen. Seine mannigfaltigen reformerischen Maßnahmen, deren wichtigste die Aufhebung der Leibeigenschaft war, richteten sich auch gegen die katholische Hierarchie, mit dem Ziel, den Monarchen anstelle des Papstes zum Haupt der katholischen Kirche in Österreich zu machen. Unter Josephs Regierung wurden zahlreiche Klöster aufgehoben, ihr Vermögen eingezogen und aus dem konfiszierten Klostergut staatliche Unterrichtsanstalten errichtet. Nach Josephs Tod wurden die von ihm eingeleiteten Reformen, die besonders bei den feudalen Grundherren stärksten Unwillen hervorgerufen hatten, eingestellt. Die aufstrebenden Schichten des österreichischen Bürgertums, vor allem Unternehmer, die ihre Fabriken erst aufbauten, sowie junge Beamte und Lehrer traten weiterhin für die Durchführung der Reformen ein und wurden zu Trägern des sogenannten Josephinismus, womit man später die Gesamtheit der wirtschafts-, sozial- und kirchenpolitischen Reformgedanken Josephs II. bezeichnete. aufgehoben worden. Die Scheuern des ehemaligen Küchenhofes und die geräumigen Stallungen für die Rinder, die auf der Alm sommerten, erwiesen sich in gutem Zustand, wie auch das große Wohnhaus, dessen unteres Stockwerk massiv war. Die Kalksteinmauern waren außerordentlich dick, zum Schutz gegen die Strenge des langen Winters; denn das Vigiltal liegt sehr hoch, höher als der Brocken. Die Fenster mit ihren kleinen runden und eckigen Scheiben, die in Blei gefaßt waren, lagen tief in der Mauer, und Goldlack, Reseda und Nelken blühten in den Nischen. Das obere Stockwerk war aus starken Balken gefügt und hatte ein nach allen Seiten weit vorspringendes Dach, unter dem sich auf der nach Süden gekehrten Front des Hauses eine Galerie oder Laube hinzog, deren Geländer und Pfeiler gleich den Dachfirsten auf den Giebelseiten mit Schnitzwerk verziert waren. Die Schnitzerei war zwar roh, aber nach gutem Muster ausgeführt. Den Vorplatz vor der Haustür, zu der man acht bis zehn Stufen hinaufstieg, umgab eine Steineinfassung von durchbrochener Arbeit, und ein Kreuzgewölbe, das auf gemauerten Pfeilern ruhte, überdachte ihn. Als Kaiser Joseph II. zur Regierung gelangt war, hatten die frommen Frauen von Sonnenburg dem drohenden Sturm gegen diejenigen Klöster, die keinem gemeinnützigen Zweck dienten, dadurch vorzubeugen gesucht, daß sie von ihrem mehr als fürstlich großen Grundbesitz unterderhand soviel wie möglich veräußerten. Geld und Wertpapiere waren leicht in Sicherheit zu bringen, aber Grund und Boden konnte man nicht an den Fersen mitnehmen. Damals war denn auch der Klosterhof in erbliches Eigentum des derzeitigen Meiers übergegangen. Er hatte den halben Betrag der Kaufsumme bar erlegt, und die andere Hälfte war hypothekarisch auf den Hof eingetragen worden. Das war unter dem Vater des jetzigen Klosterbauern, Joseph Falkners, zustande gebracht worden. Die Falkner hatten schon seit undenklichen Zeiten als Meier auf dem Klosterhof gesessen und waren auf ihm zu beachtlichem Wohlstand gekommen. Auf Wunsch der Klosterfrauen war der Kaufvertrag bis zur Aufhebung des Klosters Sonnenburg geheimgehalten worden. Als das gefürchtete Ereignis eintrat, war Joseph Falkner bereits seit einigen Jahren seinem Vater als scheinbarer Meier auf dem Klosterhof gefolgt. Der nun ans Licht gezogene Kaufvertrag war unanfechtbar; nur stellte sich bei dieser Gelegenheit heraus, daß die Sonnenburger Himmelsbräute, wenn auch ohne Falsch wie die Tauben, so doch auch klug wie die Schlangen gewesen waren und die Hypothek längst an einen Kaufmann in dem überaus gottseligen Brixen, namens Wagenbühler, verpfändet hatten. Dem Klosterbauern war es gleichgültig, wessen Schuldner er künftighin sei. Da der Zinsfuß niedrig war, dachte er an keine Ablösung der Hypothek, denn er konnte seine Ersparnisse, wenn er sie nicht in den Strumpf tun wollte, vorteilhafter anlegen – etwa in Darlehen an kleine Bauern, die just in der Klemme steckten. Joseph Falkner, nach seinem Besitz der Klosterbauer genannt, war seit etwa einem Dutzend Jahre Witwer. Die Ehe war nicht glücklich gewesen, was niemand so schwer empfunden hatte wie Lisei, das erste Kind aus dieser Ehe, das seit dem Tode der Mutter auf dem Klosterhof die Wirtschaft führte. Wenn man Vefa, die unverheiratet gebliebene Schwester des Klosterbauern, die dem greisen Pfarrer von St. Vigil wirtschaftete, über die Ehe urteilen hörte, so traf alle Schuld an dem Unglück die Frau ihres Bruders. Natürlich, denn sie hatte ihr das Regiment auf dem Klosterhof übergeben müssen, und außerdem war Kathi Straßer nicht nur ein blutarmes Mädchen gewesen, sondern hatte auch alle Versuche Vefas und deren Mutter – die ihren Mann überlebt hatte – sich in ihre häuslichen und wirtschaftlichen Angelegenheiten einzumischen und sie zu hofmeistern, mit Energie zurückgewiesen. Vefa versicherte, daß sie noch heute nicht die Verblendung ihres Bruders begreifen könne, ein solches Geschöpf zur Klosterbäuerin erhoben zu haben. Sie vergaß eben eine Kleinigkeit: Kathis Schönheit. Andere erinnerten sich dieses hübschen Mädchens noch mit Wohlgefallen, so Herr Moltenbecher, der Pfarrer von St. Vigil. Wie viele halbe Spezial hatte ihm die schöne Kathi kredenzt! Denn sie war vor ihrer Verheiratung Herrenkellnerin im »Stern« von St. Vigil gewesen, und der alte Herr, der trotz seines Polterns lieber lachte als weinte, hatte oft seine Freude an der »spritzigen« Gitsche gehabt. Ja, sie war bildschön gewesen, und Ambros sah ihr ähnlich. Allerdings hätte der Klosterbauer schwerlich im Ernst daran gedacht, sie zu heiraten – wie sehr ihre Schönheit ihm auch in die Augen gestochen – wenn seine Eitelkeit sich nicht in das Spiel gemischt hätte. Denn Kathi hatte nichts als ihre Schönheit besessen. Ihre Eltern waren arme Häusler in dem Dörflein Pleiken, das hoch über dem Kreuz der Straße liegt, die aus dem Gadertal in das von St. Vigil führt. Frau Straßer stammte aus dem Venetianischen, von wo die armen Mädchen und Frauen Jahr für Jahr zu den Erntearbeiten in das Pustertal und dessen Nebentäler heraufkamen. Eitelkeit aber ist Ehrgeiz in der Narrenkappe, und die des jungen Klosterbauern war mit vielen Schellen besetzt. Da er der reichste Bursche im Tal war, hielt er sich in jeder Beziehung für den ersten, und leider wurde er darin von seinen Schmeichlern eifrigst bestärkt. Der Hafer stach ihn um so mehr, als ihn sein Vater bei Lebzeiten scharf im Zügel gehalten hatte und er sich nur außer Seh- und Hörweite des Alten durch Großtun und noch einiges Schlimmere hatte schadlos halten können. Und solch einen verflixten Burschen, wie er es in seiner Vorstellung war, wagte Kathi mit Gleichgültigkeit zu behandeln! Ja, sie wagte noch mehr und gab ihm, so deutlich es ihre geläufige Zunge vermochte, zu verstehen, daß er nach ihrer Schätzung dem jungen Kaspar Larseit, der nur einen kleinen Ansitz in St. Vigil sein eigen nannte, nicht das Wasser reiche. Auch kümmerte es die schmucke Kathi gar nicht, ob die Honoratioren im Herrenstübl des »Sterns« zuhörten, wie sie den geldprotzigen Burschen abkanzelte. Kathis Herz mochte ein bestochener Richter sein, aber das Urteil, daß sich der junge Klosterbauer mit seinem bevorzugten Nebenbuhler weder an Wohlgestalt noch an Findigkeit messen könne, galt ziemlich allgemein; und daß er dem Kaspar Larseit auch an Körperkraft nicht gewachsen war, mußte er eines Nachts, als beide aus dem »Stern« kamen, mit Schmerzen erfahren. Er gab vor, in der Dunkelheit gefallen zu sein, aber nicht einmal Vefa glaubte ihm. Um den Spöttereien seiner Kameraden ein Ende zu machen, mußte er nun wohl den Beweis führen, daß ihm kein Ding unmöglich sei. Statt seine erfolglosen Bemühungen um die Gunst der schönen Kathi einzustellen und sich für besiegt zu erklären, hielt er nach Herkommen und Brauch um ihre Hand an. Der Klosterhof wog schwer, und seine Geschenke zeugten für seine Freigebigkeit. Kathi ließ sich verblenden, noch mehr ihre Eltern. Über den Widerstand seiner Schwester und seiner Mutter gegen eine solche Verbindung schritt er rücksichtslos hinweg – war er doch seit dem Tode des Vaters das Oberhaupt der Familie und somit sein Wille Gesetz. Die Eitelkeit des Klosterbauern feierte einen glänzenden Triumph. Kaspar Larseit konnte den Wankelmut Kathis lange nicht verschmerzen, und als er sich nach mehreren Jahren ebenfalls verheiratete, geschah es lediglich, weil er in seiner Wirtschaft einer Frau bedurfte. Für Kathi aber kam bald die Erkenntnis, daß die Kirche sie zum Elend eingesegnet hatte, denn wo der Segen nicht in den Herzen ruht, da betet ihn auch kein Geistlicher vom Himmel herab. Der Klosterbauer, dessen Eitelkeit durch den Besitz der schönen Kathi befriedigt war, entpuppte sich als eine halsstarrige, herrschsüchtige Natur, die keinen Widerspruch vertrug. Auch ein freigebiger Mann war er nicht, und die Hoffnungen auf bessere Tage, die Kathis Eltern auf seine Versprechungen gegründet hatten, lösten sich in Rauch auf. Er sah nur dann nicht aufs Geld, wenn er sich aufspielen konnte oder wollte. Der erste Akt seiner ehelichen Souveränität bestand darin, daß er seinen Schwiegereltern den Hof verbot. Die armen Straßers waren für den herrischen Bauern kein passender Umgang. Damit war der eheliche Krieg erklärt, und Vefa und deren Mutter, die auf dem Altenteil saß – eine Frau, die für gutmütig galt, weil sie einfältig war – bliesen die Fackel nach Kräften an. Dennoch wäre es Kathi vielleicht gelungen, mit ihrem Mann auszukommen, wenn sie sich bereit gefunden hätte, seinen Schwächen zu schmeicheln oder sie wenigstens zu schonen. Allein, dazu war sie zu ehrlich und zu heißblütig, und mehr noch stand dem der Vergleich mit Kaspar Larseit im Wege. Der Vergleich mußte sich ihr aufdrängen, und das schlimmste war, daß Joseph Falkner ihn argwöhnte. Der Klosterbauer mochte sich selbst so hoch schätzen, wie er wollte – darüber, daß er den Sieg über Kaspar nur durch sein Geld davongetragen hatte, konnte er sich nicht hinwegtäuschen. Diese widerwillige Erkenntnis ließ seinen Haß gegen Kaspar Larseit nicht absterben, und sein Mißtrauen, daß Kathi fortfahre, ihn zu seinem Nachteil mit jenem zu vergleichen, machte es für ihn fast zur Wollust, seine Frau zu demütigen, wo er konnte. Die Geburt Liseis gestaltete das Verhältnis noch übler. Der Klosterbauer war so fest überzeugt gewesen, daß sein erstes Kind ein Knabe sein müsse, daß er anfangs an die Geburt eines Mädchens nicht glauben wollte. Noch nie hatte in dem Geschlecht der Falkner ein Mädchen zuerst die Wände beschrien! Was ihm widerfuhr, war daher so ungeheuerlich, daß er der Tatsache fassungslos gegenüberstand. Voller Verachtung drehte er Mutter und Kind den Rücken. Die alte Falkner und Vefa samt ihrem Anhang teilten seine Ansichten und Gefühle und ließen es Kath gleichfalls mit fortwährenden Nadelstichen spüren, daß eine Großbauerntochter an ihrer Stelle ihre Pflicht getan haben würde. Auch das zweite Kind war ein Mädchen, das jedoch zu seinem Glück bald nach der Geburt starb. Kathi war nach Heiligkreuz im Gadertal gewallfahrtet, und nun doch ein Mädchen! Sie kam sich unter den Weibern wie geschlagen vor, und der Fluch, der auf ihr zu lasten schien, zerbrach und zerrieb ihre moralische Widerstandskraft gegen den Klosterbauern und die Seinigen. Die endliche Niederkunft mit einem Sohn kam für sie zu spät. Der Klosterbauer aber feierte Ambros' Geburt mit einem Tauffest, wie es das Vigiltal an Großartigkeit noch nicht erlebt hatte. Neun Monate danach erhob ein zweiter Knabe, der dann den Namen Hannes erhielt, ein nur zu berechtigtes Wehgeschrei über die Freude, der er sein Dasein verdankte. Für den Vater existierte nur Ambros auf der Welt, und er sprach auch immer nur von seinem Kind, seinem Sohn, nie von seinen Kindern oder Söhnen. Ambros allein war sein Erbe, und auf ihn sollte eines Tages der Klosterhof ungeteilt übergehen, während Lisei mit einem kleinen Heiratsgut abgefunden werden sollte. Hannes aber ward schon in der Wiege zum Geistlichen bestimmt Das theologische Studium verursachte nur geringe Kosten, weil es auf den Schulen, Universitäten und Seminarien nicht an Freitischen und Stipendien für angehende Apostel fehlte, und der Klosterbauer war überzeugt, daß er an Hannes nicht väterlicher handeln könne, als daß er der Kirche die weitere Sorge für ihn überließ. Die Kirche war ja die große Versorgungsanstalt der jüngeren Bauern- und Adelssöhne. Hierin wurzelte ihre Lebenskraft und Macht. Auf dem Klosterhof drehte sich fortan alles nur um Ambros. Es gab dort für alle nur noch die einzige Aufgabe, den Majoratserben zu warten und zu pflegen, und seine Mutter war nur noch die erste Magd ihres Mannes. Verbitterten Gemüts, von Reue verzehrt, von ihrem Manne mißachtet und von Ambros tyrannisiert, führte sie mit Lisei und Hannes, gegen den sie eine tiefe Abneigung empfand, ein trostloses, mühseliges Dasein, bis sich ihrer endlich, nachdem ihr die Schwiegermutter vorausgegangen, der Tod erbarmte. Der Klosterbauer mochte nicht wieder heiraten, obgleich es an Spekulationen auf die Hand des reichen Witwers natürlich nicht fehlte. Das Los Kathis schreckte niemand ab. Außerdem war sie auch zu stolz gewesen, um das Elend, das sie sich selbst bereitet hatte, zur Schau zu tragen. Der Klosterbauer war kaum als Junggeselle von den Weibern so umschmeichelt worden wie als Witwer, und er ließ sich bereitwillig von ihnen schöntun. Warum sollte er jedoch noch einmal heiraten? Lisei, die beim Tode der Mutter vierzehn Jahre alt gewesen und schon während deren langwieriger Krankheit mit Hilfe der Großmagd dem Haushalt hatte vorstehen müssen, war eine tüchtige Wirtin, und einen Erben hatte er auch. Und was für einen! Ein Edelmann hätte auf einen solchen Erben wie Ambros stolz sein müssen, meinte der Vater. Wild und unbändig war er? Bah! Solche werden später die gesetztesten Leute! Und er dankte seinem Schöpfer, daß sein Ambros kein Duckmäuser war. Nein, ein Duckmäuser war Ambros wahrlich nicht, und er wuchs wie ein Füllen in völliger Freiheit heran, während sein Bruder Hannes, von dem Pfarrer auf das Gymnasium vorbereitet, die lateinische Schule in Brixen durchlief. Ob Hannes Berufung zum Geistlichen fühlte oder nicht, danach ward nicht gefragt. Wann wäre auch dem Klosterbauern eingefallen, bei seinen Entschlüssen, seinem Tun und Lassen auf andere Rücksicht zu nehmen? Daß er mit den Jahren nicht nachgiebiger geworden war, erkannte man sogleich, wenn man ihn ansah, wie er jetzt in Hemdärmeln, die Mütze von Iltisfell auf dem Kopf, in seiner Wohnstube stand und mit den Fingern ungeduldig auf die Tischplatte trommelte. Es war ein hartes, hochmütiges Gesicht mit vorgewölbten Brauen, von denen einzelne Haare über die stahlgrauen, stechenden Augen herabhingen. Der Kopf saß mit einem kurzen, dicken Hals auf den breiten Schultern. Seine Ungeduld galt seiner Schwester Vefa, die an der Kante des Tisches auf der Fensterbank saß und mit süßlich gefaltetem Mund auf ihn einredete. Sie war eine kleine, rundliche Person mit lebhaften Farben, glatt und sauber, wie es einer ordentlichen Pfarrwirtin geziemte. Hübsch war sie schwerlich je gewesen; ein milder Nachsommer entschädigte sie jedoch für den reizlosen Frühling und verbarg die Altjungferlichkeit unter matronlicher Fülle. Die übergroße Sorgfalt ihres Äußeren gab übrigens dem Verdacht Raum, daß sie nicht abgeneigt war, das Nordlicht auf ihren Wangen für die Röte des Frühlingsabends auszugeben. Nach ihrer Überzeugung war es ihr nur darum nicht möglich gewesen, in den Stand der heiligen Ehe zu treten, weil ihr Heiratsgut allzu karg bemessen gewesen. Um so eifriger suchte sie nun anderen die Ehepforten zu erschließen, und im Augenblick war sie eifrig dabei, diesen Pförtnerdienst ihrer Nichte zu leisten, wobei sie großmütig die Abneigung vergaß, die sie bisher von Kathi auf deren Tochter übertragen hatte. Aber die Geduld des Klosterbauern schien erschöpft, und rücksichtslos warf er in den Redefluß Vefas den Stein: »Aus euch Weibsbildern werde der Teixel klug! Zweimal hat dich der alte Arigaya sitzenlassen, und jetzt redst du seinem Buben das Wort, als ob er dein eigener Sohn wär!« »O lieber Bruder!« faltete Vefa bittend die fetten Hände. Er aber rief grob: »Ach was, es soll wohl nit wahr sein, daß du dir auf den Sägemüller Hoffnung gemacht hast, zuletzt wieder, als seine erste Frau gestorben war? Meinetwegen, was geht's mich an! Aber in dem, was du da redet, ist kein Verstand. Himmlischer Herrgott, du weißt ja, daß die Lisei mit dem Schmied in St. Vigil einig geworden ist, und meinetwegen mag sie heiraten, wen sie will.« »Mit dem Wolf Lechner!« zischte Vefa und dehnte den Namen, als könnte sie nicht genug Verachtung hineinlegen. »Und er ist obendrein aus Bayern zugewandert!« »Mir ist's gleich, wo er her ist, ich heirat ihn nit«, versetzte der Klosterbauer. »Er versteht übrigens seine Sach ordentlich und ist zufrieden mit dem, was die Lisei mitbringt. Mit dem Jerg Arigaya laß mich aus. Er ist für die Lisei viel zu jung. Bevor der Ambros mir nit eine Söhnerin Söhnerin – Schwiegertochter zuführt, lass' ich die Lisei nit aus dem Haus, das weißt du, und bis dahin könnt sie leicht eine alte Jungfer werden wie du. Die Jüngste ist sie sowieso nit mehr.« Vefa ließ den Stich des Bruders auf ihren Taufschein aus diplomatischen Gründen unbeachtet. »Der Jerg ist höchstens ein bis zwei Jahr jünger als die Lisei!« rief sie. »Das macht nix aus, und er wartet schon. Er mag die Lisei gar so gut leiden« »Möcht wohl wissen, was dem Spaßvogel an der Lisei gefallen könnt! Hübsch ist sie doch nit.« »Es ist aber so«, versicherte Vefa. »Weshalb wär er sonst gestern mit ihr und seiner Stiefmutter nach St. Lorenzen gefahren?« »Schau, wie du wieder gescheit bist!« spottete der Klosterbauer. »Ich hab halt gemeint, daß die Sach auf was anderes gespitzt gewesen ist. Ist doch ein Teufelsbub, der Ambros!« »Um so mehr wär's an der Zeit, daß unser Ambros sich nach einer Frau umtut«, bohrte die Schwester eifrig weiter. »Er braucht nur die Hand auszustrecken, und zehn Gitschen griffen nach jedem Finger. Mit dem Warten wär's daher für die Lisei so schlimm nit. Zudem ist der alte Arigaya ein reicher Mann und der Jerg sein einzig's Kind. Daß von der Stiefmutter noch Kinder kommen, glaub ich nit, und von solcher Verwandtschaft hat man doch seine Ehr.« Der Bruder warf ihr einen bösen Blick zu; denn mißtrauisch, wie er war, hörte er aus ihrer letzten Äußerung eine Anspielung auf die Verwandtschaft, in die er selbst hineingeheiratet hatte. Vefa erkannte ihren Mißgriff und suchte den ungünstigen Eindruck rasch zu verwischen, indem sie schmeichelte: »Es gibt im ganzen Vigiltal keinen angeseheneren Mann als den Klosterbauer, und einen klügeren gibt's auch nit. Um unsern Ambros brauchen wir nit zu sorgen, und wann sich daher eine gute Partie für die Lisei bietet, kannst du sie ruhig ziehn lassen. Eine gute Partie wär's doch, wann der Alte dem Jerg die Sägemühl abträt.« »Aber das tut der Alte nimmer!« lenkte der Klosterbauer ein und schien den Schmied ganz vergessen zu haben. »Seine Frau gibt's nit zu, und ich kann's ihr nit verübeln, daß sie ihr junges Leben genießen will. Geht's auf der Mühl nit zu, als ob nix wie Feiertag im Kalender stünden? Damit würd's nachher aus sein. Denn woher soll's Geld zum lustigen Leben kommen, wann der Müller auf dem Altenteil sitzt? Red nit weiter von der Sach! Es fallt kein Kuppelpelz dabei für dich ab.« Diese Gründe waren nicht leicht zu widerlegen, und daher schwieg Vefa. Sie netzte mit den Lippen die Spitze ihres Zeigefingers und strich nachdenklich ihre Brauen glatt, während ihr Bruder sich anschickte, zu den Heumachern auf die Wiese zu gehen. »Nix zerbrochen?« rief es durch die offene Stubentür. Der Klosterbauer verneinte. »Aber kommt herein, Meister Hartwanger«, fügte er hinzu, »und verschnauft Euch.« »Das schlag ich nit aus«, antwortete der Rufer, ein schon bejahrter Mann, der ein Gestell mit Glasscheiben auf dem Rücken trug. Grüßend trat er über die Schwelle und stellte seinen Stock, auf den er seine Schirmmütze stülpte, in die nächste Ecke, worauf er sich vorsichtig seines Glaskastens entledigte. »Uff, das macht warm! Aber gesegnetes Wetter fürs Heuen«, sagte er, während er ein blaugewürfeltes Tuch hervorzog, mit dem er sich die schweißtriefende Stirn trocknete. »Man muß's halt nehmen, wie's ist«, meinte der Klosterbauer resigniert. »Freilich«, bemerkte Hartwanger und setzte sich Vefa gegenüber an die andere Ecke des Tisches auf die Fensterbank. Er hatte kluge, ehrliche Augen, und als klug und rechtschaffen galt er überall, wohin er kam – und das war weit und breit in den Dörfern und Hütten der Gebirgstäler. Sein Geschäft beschränkte sich aber nicht auf das Flicken und Erneuern zerbrochener Fensterscheiben. Er war der Ratgeber, Vermittler und Kommissionär für alle Welt. Wenn den Leuten im Gebirge irgendeine Angelegenheit zuviel Kopfzerbrechen machte oder sie aus Not und Sorge keinen Ausweg wußten, dann setzten sie ihre letzte Hoffnung auf Hartwanger. Bei seiner Verständigkeit und Erfahrung wußte er dann auch in den meisten Fällen Rat und Hilfe, und dabei war er verschwiegen wie ein Beichtiger. Obgleich er gesprächig war – denn es gehörte zum Geschäft, den Leuten Neuigkeiten aufzutischen und somit die Zeitung zu ersetzen – glitten ihm anvertraute Geheimnisse dennoch nie über die Lippen. Der Klosterbauer hatte inzwischen aus einem altmodischen Eckschrank eine halbvolle Flasche mit Kirschwasser und ein Gläschen genommen. »Wie schaut's denn aus in der Welt?« fragte er, nachdem er dem Gast zugetrunken und dieser ihm Bescheid getan hatte. »Ja, wie soll's ausschaun?« entgegnete Hartwanger. »Übel schaut's aus, wann ich auch nit verreden verreden – verkennen, bestreiten will, daß manches besser geworden ist, seitdem der Bayer Herr im Land ist.« »Oho!« rief der Klosterbauer, der sich unterdessen einen Stuhl an den Tisch geschoben hatte. »Nein, alles was wahr ist!« versicherte ruhig der Glaser. »Es geschieht jetzt bei uns doch was für die Schulen, und die Kinder werden zum Lernen angehalten. Auch mit unsern Gerichten ist's besser geworden. Es geht damit ordentlicher und schneller, und wann jetzt einer einen Handel hat, so braucht er nit mehr bis zum Jüngsten Tag auf einen Spruch zu warten.« »So, so, das mag wohl richtig sein«, sagte der Wirt und fügte mit Selbstgefälligkeit hinzu: »Ich hab mein Lebtag keinen Prozeß noch einen Anstand mit den Gerichten gehabt.« »Dazu kann einer gelangen, eh er's sich versieht«, meinte der Glaser. »Aber dann noch eins, Bauer, das müßt auch ihr merken! Seitdem der bayrische Schlagbaum nit mehr da ist, kommt von drüben vieles billiger ins Land, was wir vordem mit dem teuersten Groschen haben bezahlen müssen.« »Ja, und auch das schlechte Geld und die hohen Steuern, die einer kaum noch aufbringen kann!« grollte der Klosterbauer. »Dennoch hab ich mir sagen lassen, daß wir nit mehr zahlen als die im Bayerland drüben«, entgegnete Hartwanger. »Wir sind freilich ein armes Volk, und das macht einen Unterschied.« »Und die Aufhebung der Klöster?« bemerkte Vefa. »Und daß wir nit mehr in Prozession zu den Heils- und Gnadenörtern betfahren betfahren – wallfahrten dürfen?« »Das ist freilich die Kehrseite von der Sach, und die schaut schwarz genug aus«, gab Hartwanger zu. »Und ist es denn wahr, daß der Bayer die Bildstöck an den Straßen verunehrt hat?« fragte Vefa. »Leute, die gestern in St. Lorenzen waren, haben's erzählt.« »Ja, man hört's wohl von vielen Orten«, seufzte Hartwanger. »Heut morgen hat der Kreishauptmann in Bruneck die Kapelle auf der Fronwiesen zu St. Lorenzen zuschließen lassen.« »Heilige Mutter Gottes, weshalb denn?« rief Vefa. »Es soll gestern auf der Wiesen Händel gegeben haben, und dabei ist den Soldaten übel mitgespielt worden«, berichtete der Glaser. »Davon hat der Ambros nix zu vermelden gewußt«, bemerkte der Klosterbauer mit einem Kopfschütteln, und der Gast fragte: »Ist der auch dort gewesen?« Als das bejaht wurde, machte er ein eigentümliches Gesicht; es schien anzudeuten, daß er sich's jetzt erklären könne, wenn es Streit auf der Fronwiese gegeben hatte. Von Vefa gedrängt, weitere Mitteilungen über den Hergang zu machen, antwortete er aber, daß er wegen der Sache nicht weiter nachgefragt habe. Reibungen zwischen Bayern und Tirolern seien ja etwas Alltägliches. Vefa warf ihrem Bruder einen Blick zu, der ihn an den Schmied Wolfgang Lechner erinnern sollte. Die Miene des Klosterbauern blieb jedoch undurchdringlich. Er verstand es, hinter kalten, starren Augen zu verbergen, was er nicht sehen lassen wollte. »Ich hab bloß noch gehört, daß der Kreishauptmann die heiligen Gefäße aus der Kapell hat wegnehmen lassen, damit ja keine Messe mehr dort gelesen werden kann«, fügte der Glaser seinen Mitteilungen noch hinzu. »Aber das ist ja schrecklich!« stöhnte Vefa. »Wir haben alleweil zwei Päpst«, fuhr der Glasermeister fort, »aber der in Rom soll bei uns nix mehr zu sagen haben. Die Bischöf von Trient und von Chur oder Meran hat die Regierung aus dem Land gewiesen, weil sie die Gebote des heiligen Vaters höher geachtet haben als die des Königs von Bayern, und wer von den geistlichen Herrn fest zum Papst steht, der fahrt übel. Mancher Pfarrer bat darum schon vom Amt ins Gefängnis wandern müssen, wann er nit hat flüchten können. Sehr sanft wird dabei mit ihnen nit umgesprungen.« »Wann so was meinem geistlichen Herrn geschäh – bei seinen Jahren hätt er den Tod davon«, rief Vefa beunruhigt. »Ja, der Bayer ist gar herb und gewalttätig«, nickte Hartwanger. »Da hat mancher, der bei sich daheim zu nix gut war, bei uns einen Posten erwischt und spielt sich jetzt auf – je gröber, je besser. Sie schmeißen mit den Schimpfwörtern mir so um sich. Nix als dumme Bauernlümmel sind wir in ihren Augen. Sie meinen, es ging uns noch viel zu gut. Gleich sind sie mit dem Stock bei der Hand. Und ein Rentmeister im Mühltal, der hat sich gar zu sagen vermessen, es müßt noch dahin mit uns kommen, daß wir Gras fressen.« »Daß dich ...!« schmetterte der Klosterbauer zornig die Faust auf den Tisch. »Es wird ihm wohl nit vergessen werden«, meinte der Glaser. »Ja, ja, sie wissen sich halt nit zu lassen vor Hochmut und Übermut, und gnade Gott dem, der sich nur ein uneben Wort über das fremde Regiment verlauten laßt! Für den gibt's nit Recht noch Urteil.« »Wo aber soll das nur hinaus?« fragte der Klosterbauer mit finster zusammengezogenen Brauen. »Der Topf geht so lang zum Brunnen, bis er bricht«, versetzte Hartwanger mit gedämpfter Stimme. »Aber an alledem ist nur der Napolium schuld. Seitdem der Meister in der Welt ist, geht alles drunter und drüber. Wie's ihm gefallt und paßt, so müssen die Völker ihre Herrn wechseln, als ob sie schwarze Sklaven wie in dem Amerika wärn. Und die Herrn sind auch nit besser dran. Sie müssen tanzen, wie der Franzosenkaiser pfeift. Keiner kennt sich mehr in seinem eignen Land aus. Heut ist der Schlagbaum rot und weiß angestrichen, morgen blau und weiß. Es weiß keiner mehr, wann er sich zu Bett tz legt, als was er morgen aufstehn wird. An den grünen Tischen, da schneidern sie und schneidern sie.« »Da könnt einer ja des Teixels werden!« murrte der Klosterbauer und schenkte sich ein Schnäpschen ein. Dem Gast bot er keinen an. Vefa machte jedoch seine Unhöflichkeit gut und, übernahm mit süßlichem Mundspitzen die Rolle der Hebe. Hebe – in der griechischen Mythologie Tochter des Zeus und der Hera; die Mundschenkin der Götter im Olymp. Ihr Bruder fuhr unterdessen fort: »Die Steuern werden immer größer und die Bankozettel Bankozettel – die in den von Napoleon besetzten süddeutschen Ländern als Ersatz für die Gold- und Silberwährung herausgegebenen Valutenscheine, die im Laufe der Kriegs- bzw. Besatzungsjahre im Wert immer mehr sanken. und Kupfermünzen immer kleiner im Wert. Dazu stecken sie unsre jungen Burschen unters Militär und können nit genug Soldaten kriegen« »Um dem Napolium die Kastanien aus dem Feuer zu holen!« warf der Glaser ein. »So daß einer nur noch um schwern Lohn Leut für die Feldarbeit finden kann«, fuhr der Klosterbauer fort. »Grundschlecht sind die Zeiten.« Er schob seine Pelzmütze verdrießlich hin und her, und Hartwanger nickte zustimmend. »Wenn nur einmal rechtschaffen Frieden in der Welt würd, so könnt noch alles gut werden«, meinte er. »Jetzt liegt der Preuß auch am Boden, wie alle anderen. Und sein Freund, der Russ, soll just von dem Napolium Schläg gekriegt haben, wie sie in Bruneck erzählen. Aber was hilft's, wann sie auch Frieden schließen – morgen gibt's wieder neue Händel irgendwo anders.« Vefa warf ihrem Bruder einen bedeutungsvollen Blick zu und sagte: »Ihr habt recht, Meister, und da denk ich: es ist nit gut in solchen Zeiten, wann der Mensch allein ist. Zu zweien tragt sich's leichter.« »Ja, will die Jungfer denn noch heiraten?« fragte Hartwanger mit einem für Vefa nicht eben schmeichelhaften Erstaunen. »Wann Ihr einen wüßtet, der mir ansteht, warum denn nit?« zierte sie sich halb im Scherz, halb im Ernst. »Sie hat ja auch erst ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel«, höhnte ihr Bruder. Vefa protestierte mit einem zornigen Gesicht, obgleich ihr Bruder den Nagel auf den Kopf getroffen hatte. »Weiß der Teixel, ihr Weibsleut habt alle dasselbe Unglück«, fiel er ihr ins Wort. »Euern Taufschein hat immer die Katz gefressen, so daß ihr nie wißt, wie alt ihr seid.« »Wen wollt Ihr denn unter die Haub bringen?« lenkte der Glaser ab. »Der Sepp muß mich auch immer foppen; er ist solch ein Spaßvogl«, beruhigte sich Vefa. Der Glasermeister machte verwunderte Augen zu der Behauptung, daß der Klosterbauer ein Spaßvogel sei. Dieser Mann, der immer in breitspuriger Würde einherging, als wolle er den Leuten zurufen: Aufgeschaut, hier kommt der reiche Klosterbauer!, der sollte Späße treiben? »Ich hab unsern Ambros gemeint«, fügte Vefa hinzu. »Mit dem hat's schon noch Zeit«, wehrte ihr Bruder ab. »Ich war älter als er, wann ich geheiratet hab.« »Jung gefreit, hat niemand gereut! Und reden kann man ja davon«, meinte die Schwester. »Reden kann man freilich alleweil davon«, gab der Klosterbauer zu. »Ja, das kann man schon«, meinte auch der Glaser. »Aber eine recht Feine muß's sein, Meister«, rief Vefa. »Weibertratsch!« brummte ihr Bruder. »Schönheit ohne Geld tut's nit. Die Schönheit vergeht, das Geld bleibt. Ich hab's Gott sei Dank nit nötig, aufs Geld zu schaun; aber die Zeiten sind schwer, und Geld, das gibt allewege eine feine Musik.« »Ihr kommt ja weit im Land umher, Meister Hartwanger«, nahm Vefa wieder das Wort. »Wann Ihr also eine Junge, Schöne und Reiche wißt, dann denkt an unsern Ambros.« »Das ist ein seltener Vogel, den Ihr fangen wollt!« lachte der Glaser. »Mit dem Geld zumal will in diesen unruhigen Zeitläuften keiner rausrücken.« »Gelt, Ihr könnt aber auch durch die Täler weit und breit mit der Latern suchen, eh Ihr einen Buben find't, der unserm Ambros das Wasser reicht!« rief Vefa lebhaft, und ihr Bruder bestätigte gelassen: »Der Bub ist freilich mein eigen Fleisch und Blut; aber was wahr ist, das muß wahr bleiben.« »Ein Prachtbub ist's«, nickte Vefa stolz ihrem Bruder zu. Hartwanger hüstelte. »Die Gitsche, die den Ambros freien soll«, äußerte er, »wird noch was mehr nötig haben, als was die Jungfer vorher aufgezählt hat. Sie muß eine starke Hand haben, um den Ambros bei den Hörnern zu nehmen.« »Die wird er sich schon ablaufen«, bemerkte der Klosterbauer, indem er sich mit einer Miene in die Brust warf, die andeuten sollte, daß auch er seinen wilden Hafer gesät habe und daß es dennoch jetzt in St. Vigil keinen respektableren Mann als ihn gebe. »Freilich, du warst auch ein Wilder«, schmeichelte die Schwester, und die Hochmutswinkel seines Mundes verzogen sich wohlgefällig. »Einen wilden Stier zu bändigen ist nit jeder Dirne ihr Geschmack«, sagte Hartwanger trocken. »Soll's denn im Ernst gelten?« Vefa bejahte eifrig, während der Klosterbauer ein gedehntes »Meinetwegen« vernehmen ließ. »Also der Ambros will heiraten? Hätt's nimmer gedacht«, schüttelte der Glaser den Kopf und sah die Geschwister tragend an. »Tut Euch nur um, Meister, und schiebt's nit auf die lange Bank!« mahnte Vefa, einer Antwort ausweichend. »Das wird nix nutzen, wenn der Ambros nit mit Euch einverstanden ist«, warf Hartwanger ein. »Denn Ihr wißt ja, wann der Ambros nit will, so will er halt nit.« Der Klosterbauer zog die Brauen in die Höhe, erstaunt und befremdet, daß man seinem Willen gegenüber von dem eines andern sprach, und vollends von dem seines Sohnes. Darauf etwas zu erwidern, hielt er nicht der Mühe wert. Vefa aber sagte: »Darüber laßt Euch kein graues Haar wachsen. Er wird schon wollen, wann Ihr ihm eine recht Feine aussucht. Das ist die Hauptsach! Und ihre Verwandtschaft muß was vorstellen in der Welt. Er und sein Vater sind noch immer ein Herz und eine Seel gewesen.« Darin hatte sie recht; denn Ambros hatte bisher noch immer seinen Willen durchgesetzt. Die Schwäche des Klosterbauern gegen ihn war die Eitelkeit, mit der er sich in dem Sohn spiegelte. »Abgemacht also«, sagte Hartwanger, und die beiden Männer reichten sich zur Bekräftigung über den Tisch die Hände. Vefa war sehr zufrieden mit sich. Endlich würde wieder eine standesgemäße Bäuerin auf dem Klosterhof residieren, und das war ihr Werk! Sie ließ ihre Augen über das vom Alter tief gebräunte Hausgerät gleiten und dachte sich in dieser etwas düsteren Umgebung, zu der das Holzgetäfel gut paßte, eine junge, schöne Klosterbäuerin aus reichbegüterter Sippe. Hartwanger störte sie aus diesen Zukunftsträumen auf, indem er sich zum Aufbruch rüstete. »Da es solche Eil hat«, scherzte er, »will ich mich nur gleich auf die Brautschau machen.« Vefa begleitete ihn bis St. Vigil, während sich der Klosterbauer auf die Wiese begab, wo. sämtliches Gesinde, auch Ambros und Lisei, damit beschäftigt war, das frische Heu um Pfähle, durch die Querstäbe gezogen waren, in Raufen zu stellen. 3. Kapitel Frau Larseit ruhte in einem mit Bettkissen ausgepolsterten Armstuhl, und Stasi saß mit einer Handarbeit in der Nähe eines der beiden Fensterchen. Die einst so rüstige Frau war bleich und abgezehrt; in den durchsichtig mageren Händen hielt sie einen Rosenkranz, und ihre unheimlich großen Augen waren auf ein schlichtes Kruzifix an der getäfelten Wand neben der Kammertür gerichtet. Es bestand ein schneidender Gegensatz zwischen Mutter und Tochter. Hier das junge, aufblühende Leben, das eine rote Nelke, die sich Stasi hinter das Ohr gesteckt hatte, gleichsam symbolisierte – und dort der bleiche Tod! Seine Mahnungen vernahm die Witwe in dem Ticken der alten Wanduhr, in dem Bohren des Holzwurms, und schmerzlich zuckte es um ihre Lippen, während ihre Augen auf dem Kreuz ruhten. Kein Wunder war nach dem Bittgang ihrer Tochter an ihr geschehen; vielmehr fühlte sie sich kränker als zuvor. Sie war stets eine fromme Frau gewesen, und seit ihr Bruder David bei ihr Schutz vor dem Leben gesucht, gegen das er sich rat- und hilflos wie ein Kind fühlte, war sie es noch mehr geworden. Das Beten verstand er aus dem Grunde, und sie beteten viel, sehr viel miteinander. Der Gedanke an den Tod war für sie voll Bitternis. Nicht das Sterben als solches war ihr schrecklich – denn es brachte ihr Erlösung von ihren Leiden – sondern es bekümmerte sie schwer, daß sie ihr unerfahrenes Kind in der Welt allein zurücklassen sollte. Außer David besaß Stasi keinen Verwandten, und der Ohm bedurfte vielmehr selbst einer kräftigen Führung, als daß er ein junges Mädchen zu leiten imstande gewesen wäre. Hatte er doch nicht einmal den schrecklichen Ambros von seiner Nichte fernzuhalten gewußt! Stasi hatte es der Mutter noch am Abend selbst erzählt, erregt durch die Fülle der neuen Eindrücke, die sie auf der Bittfahrt gesammelt hatte. Frau Larseit hätte fast lieber gesehen, wenn der freche Soldat ihre Tochter geküßt, als daß Ambros sie beschützt hätte. Nein, sie wußte dem jungen Falkner hierfür keinen Dank. Die Beziehungen, in denen ihr Mann einst zu dessen Mutter gestanden, waren ihr unbekannt. Kaspar Larseit hatte das Geheimnis seiner ersten und einzigen Herzensneigung mit ins Grab genommen. Der durchaus praktische Sinn seiner Frau hätte für eine solche Romantik auch kein Verständnis gehabt. Es war eine Vernunftheirat gewesen, und beide Teile waren im ganzen gut dabei gefahren. Leider war Stasis Vater zu früh gestorben, als daß er viel hätte vor sich bringen können. Immerhin hatte er seiner Familie den kleinen Hof schuldenfrei hinterlassen. Jene alten Geschichten beeinflußten Frau Larseits Urteil über Ambros also nicht. Aber gab es irgendeine Teufelei, bei der der Bursche nicht als Rädelsführer genannt worden wäre? Sie hatte ihrer Tochter gegenüber wegen seines Heimgeleits weiter keine Bemerkungen gemacht, um so schärfer aber hatte sie ihren Bruder unter vier Augen ins Gebet genommen. Eine sanftmütige Frau war sie nie gewesen, und durch die Krankheit war sie darüber hinaus sehr reizbar geworden. David hatte zerknirscht wie ein armer Sünder vor ihr gestanden; denn sie hatte ja wie immer, so auch diesmal, recht gegen ihn, tausendmal recht Er war so beschränkt und unbeholfen – was hätte er tun sollen? Und was würde er in Zukunft tun können? Dieser ratlose Mensch, der, wie eine Uhr, nur ging, wenn er aufgezogen war, und der von seiner Schwester jeden Morgen zu seinem Tagewerk aufgezogen werden mußte, sollte in Zukunft Stasis Beschützer sein? Ach, wenn die Klöster nicht aufgehoben wären, dann hätte Frau Larseit wohl gewußt, wo sie ihr unschuldiges Kind nach ihrem Tode vor allen Fallstricken der bösen Welt würde bewahren können! Die Aufregung, die ihr diese Gedanken und Erwägungen verursachten, zog ihr einen heftigen Hustenanfall zu, und Stasi sprang in die Küche, um einen Kräutertee, der in der warmen Herdasche stand, zu holen. Es war derselbe Trank, von dem sie Ambros auf dem Rückweg von St. Lorenzen erzählt hatte. Frau Larseit lag, noch erschöpft von dem Anfall, in ihren Kissen, als derjenige, der ihr die lindernden Kräuter empfohlen hatte, in das Stübchen trat. Gleich seinem Bruder war er von stattlicher Größe, aber er war hager wie ein Stock und schmal in der Brust, und sein Gesicht sah bleich und leidend aus. Er trug hohe Stiefel und einen langen Primizrock Primizrock – der schwarze Rock, den der neugeweihte katholische Priester anläßlich seiner ersten selbstgelesenen Messe, der Primiz, zum Zeichen seiner Würde trägt. von dunkelblauem Tuch; denn er hatte seine theologischen Studien beendet und war nun zum Kuratprovisor für St. Martin im Gadertal bestimmt worden. Vor etwa vierzehn Tagen war er von Innsbruck nach Hause zurückgekehrt, um sich erst körperlich ein wenig zu erholen, bevor er in seine Stellung eintrat. Eine große weiße Blechkapsel mit vielen Beulen hing ihm an einem Riemen über die Schulter. Herr Hannes war schon in seiner Kindheit ein eifriger Botaniker gewesen, und stets hatte man ihn, wenn er in den großen Sommerferien zu Hause gewesen – wo sich außer Lisei niemand um ihn kümmerte – mit seiner Botanisierbüchse in den Bergen umherstreifen sehen. Das war ein Tun und Treiben, dessen Zweck die guten Vigiler nicht begriffen, und daher nannten sie ihn spöttisch das Kräuterweibl. Die von Vater und Mutter zurückgewiesene Liebe hatte sich zu den Pflanzen geflüchtet. Sie waren die in eine ideale Welt reichenden Wurzeln seines Herzens, das aus dem kargen Boden, in dem es mit seinen Erdwurzeln haftete, nicht die erforderliche Nahrung zu ziehen vermochte. Auf diesen Wanderungen war Hannes schon vor Jahren mit Stasi bekannt und vertraut geworden. Er hatte sie eines Tages beim Pilzesuchen getroffen und daran gleich eine botanische Lektion geknüpft; denn es lag etwas Lehrhaftes in seinem Wesen, das die Zeit immer mehr entwickelt statt abgeschwächt hatte. Stasi war damals noch ein Kind gewesen, ein liebliches Kind, das aus seinen sanften Augen halb verwundert, halb träumerisch in die Welt geblickt. Über dem theoretischen und praktischen Unterricht in der Pilzkunde war es spät geworden, und Hannes hatte Stasi nach Hause begleitet, um sie bei der Mutter, deren Schelte sie fürchtete, zu entschuldigen. Frau Larseit hatte denn auch Gnade für Recht ergehen lassen und das Herrle mit einem Glas Milch traktiert. Seitdem war er in allen Sommerferien als Schüler wie auch als Student ein häufiger Gast auf dem kleinen Ansitz gewesen, und der Empfang, der ihm jetzt von Mutter und Tochter zuteil wurde, bewies, daß er beiden willkommen war. Die Augen der Mutter grüßten ihn mit einem plötzlich helleren Schimmer, während Stasi ihm vertraulich zulächelte und ihm flink einen Stuhl bereitstellte. Er hatte Stasi einen Strauß Edelweiß mitgebracht. Stasi liebte die Blumen, und er kam selten, ohne ihr etwas Hübsches oder Seltenes von seinen Streifzügen durch Flur und Wald mitzubringen. Sie dankte ihm hocherfreut. Hannes setzte sich zu der Kranken; ein heiteres Licht lag auf seinem hageren Gesicht, das dem seiner Schwester sehr ähnelte. Beide hatten dieselben graublauen Augen. Wie immer, so lieh er auch jetzt den Klagen der Kranken ein geduldiges Ohr, während er eine hörnerne Schnupftabaksdose zwischen seinen langen, dünnen Fingern drehte. Seine Augen ruhten auf der zierlichen Gestalt Stasis, die, am Tisch stehend, ihre Blumen in einem Glas ordnete und sich dann wieder zu ihrer Handarbeit setzte. Der Kuratprovisor nickte zuweilen zu dem ausführlichen Krankenbericht der Mutter, warf auch dann und wann ein tröstendes Wort ein, immer aber kehrten seine Augen, über denen die Stirn zwei leuchtende Buckel bildete, zu seiner kleinen Freundin zurück. Ihr hübsches, weißes Profil hob sich deutlich von dem hellen Hintergrunde des Fensters ab, an dem sie saß, und Glanzlichter streiften ihr reiches, dunkelbraunes Haar. Von Zeit zu Zeit sah auch sie zu Hannes hinüber und lächelte freundlich, namentlich wenn er etwas sagte. »Ach«, seufzte Frau Larsejt, »was hab ich denn so schwer gesündigt, daß mir der Heiland ein so schweres Kreuz aufgeladen hat?« Der junge Geistliche nahm eine Prise und sagte, während er die heruntergefallenen Körnchen von seinem Rock stäubte: »Sünder sind wir alle. Ich hab Euch aber schon die Ursach Eures Leidens erklärt. Ihr habt Euch in stark erhitztem Zustand der scharfen Zugluft im Stadel Stadel – Scheune ausgesetzt.« Die Kranke schüttelte ungläubig den Kopf. Die Erklärung war ihr zu einfach und natürlich, um sie gelten zu lassen. Frau Larseit hatte so viel über ihren Zustand nachgegrübelt, mit ihrem Bruder gebetet und über die Sünden der Welt gestöhnt, daß sie zu der Überzeugung gelangt war, die wahre Ursache liege in ihrer besonderen Sündhaftigkeit. Wie wohl wäre ihr gewesen, wenn Hannes sie bei dieser ihrer Sündhaftigkeit herzhaft gepackt und gerüttelt und geschüttelt hätte! Aber Hannes war kein frommer Eiferer, wenn er auch noch frisch von der geistlichen Politur glänzte, die er in dem Seminar erhalten hatte, und von seiner jungen Würde noch etwas eingenommen war. »Frau Larseit«, entgegnete er auf deren Protest mit einer gewissen Salbung, indem er ihren Arm mit zwei Fingern berührte, »statt Euch einer besondern Sündhaftigkeit anzuklagen, solltet Ihr Euer Leiden mit Geduld tragen.« Die Kranke beugte sich näher zu ihm und flüsterte: »Aber was wird aus meinem Kind, wenn mich mein Heiland zu sich ruft? Sie ist noch so jung, und die Zeiten sind gar so gottlos.« Hannes erschrak vor dieser Frage. Er strich sich mit der Hand über die Stirn und ließ sie eine Weile über den Augen ruhen. Stasi sah nach der Wanduhr und verließ die Stube. Es war an der Zeit, für das Abendessen zu sorgen. »Ach, Herr Hannes, daß keiner mehr ins Kloster gehn darf!« nahm die Mutter wieder das Wort. »Sonst könnt ich ruhig sterben!« »Die Stasi ins Kloster?« rief er, und seine bleichen Wangen röteten sich lebhaft. »Das junge, blühende Madi ins Kloster? Das verhüt Gott! – Aber«, fuhr er, seine Erregung bezwingend, fort, »Eure letzte Stund steht wohl noch eine gute Weil aus, und ich will dran denken. Es wird sich wohl Rat schaffen lassen.« Er nahm eine ungewöhnlich große Prise und setzte dann hinzu: »Ich will der Stasi gern zur Seit stehn, als ob sie meine leibliche Schwester wär.« »Ich wollt, Sie wärn ihr wirklicher Bruder!« versetzte die Mutter. »Dann könnten Sie das Kind mit sich auf Ihre Pfarr nach St. Martin nehmen, und sie würd Ihnen die Wirtschaft führen.« Er atmete tief auf, und um seine schmalen Lippen spielte wieder, wie bei seiner Begrüßung Stasis, ein Lächeln. Stasi, die er wie eine jüngere Schwester liebhatte, seine Wirtin! Das war ein freundlicher Gedanke. Und während er ihm nachhing, verfolgte die Kranke den ihrigen. Sie dachte an Ambros und daran, wie verschieden doch die Brüder seien. Und sie überlegte, ob sie Hannes nicht bitten solle, um Stasis willen ein Auge auf seinen Bruder zu haben. Aber sie unterließ es, weil der Aufenthalt des jungen Geistlichen in dem Vigiltal nur noch von kurzer Dauer sein sollte, und klagte lediglich darüber, daß auf David gar kein Verlaß sei. Er sei selbst wie ein Kind und habe keinerlei Menschenkenntnis. »Ach ja«, wiederholte sie, »wann Sie, Herr Hannes, meiner Stasi ihr Bruder wärn!« Stasi hatte mittlerweile in der Küche Feuer angezündet und den Kessel darüber gehängt. Nun trat sie aus dem Hause, um aus dem Gärtchen Schnittlauch zu holen. Die frische, erquickende Luft einsaugend, blieb sie einige Sekunden auf der Türschwelle stehen und ließ die Augen über das Tal schweifen, über das sich die Ruhe des nahenden Abends breitete. Der kleine Ansitz der Familie Larseit hing an der Sonnenseite eines der Berge über St. Vigil, dessen Schindeldächer sich gegen den Bannwald hin und auf der anderen Seite an dem Bachufer zusammendrängten. Einige Häuser, darunter die Schneidemühle Arigayas und das Wirtshaus »Zum Stern«, lagen jenseits des Baches am Fuß des Höhenzuges, über dessen Einsattelung, das Jöchl genannt, ein Pfad in das Gadertal führte. Wald krönte die Höhe des Jöchls, und davor lag ein einsamer Hof, aus dessen Schlot blauer Rauch kerzengerade in die stille Luft stieg. Zwischen den beiden Hüttengruppen des Dorfes erhob sich auf weitem, grünem Plan die Kirche mit dem Friedhof, und ringsum verstreut lagen das Gerichtsgebäude, das Schulhaus, die Pfarre und vor der Bruscia, Bruscia – Brusca; gestrüppreiches Walddickicht. aus der die Dolomiten mit ihren weichen, blauen Schatten aufragten, die Oberförsterei. Der Hang brach nur wenige Meter vor Stasi ziemlich steil nach St. Vigil ab, und deshalb lief eine dichte Schutzhecke aus Schlehdorn den schmalen Weg entlang, der von Osten her nach dem Ansitz führte. David kam, eine Karre mit frischem Grasfutter vor sich herschiebend, den Heckenweg entlang. Das ungeschmierte Rad quiekte und pfiff. »Jetzt wird die Bleß auch bald kommen«, rief er seiner Nichte zu, als er vor dem Stall haltmachte. Die Bleß war die Larseitsche Kuh, die mit ihren anderen Artgenossen, die von den Vigilern wegen des täglichen Milchbedarfs nicht auf die Alp geschickt wurden, tagsüber im Bannwald weidete. Stasi nickte dem Ohm ein Ja zu und ging nach dem Gärtchen. Es war ein reizendes Stückchen Erde – dank dem Ohm, der es in seinen Mußestunden sorgsam pflegte; denn er war ein Blumenfreund. Das Prachtstück des Gärtchens bildete ein Rosenbaum, der so alt war wie Stasi. Ihr Vater hatte ihn an ihrem Tauftage gepflanzt. Er war mit Knospen und Blüten geradezu überschüttet, und deren Wohlgeruch, vermischt mit dem der Nelken, des Lavendels und der Reseda, erfüllte die Luft. Stasi drückte ihr hübsches Gesicht in die Rosen. Wie süß betäubend das duftete! Sie schnitt den Lauch ab und ging dann langsam zu einem Bänklein, das unter Geisblattranken an der Hausmauer stand. Ein paar Minuten hatte sie wohl noch Zeit, bis das Wasser über dem Feuer kochte. Sie setzte sich nieder, legte die Hände in den Schoß und atmete in langen Zügen die balsamische Luft ein. Läutete es unten in St. Vigil nicht das Ave Maria? Stasi wurde sich dessen nicht deutlich bewußt. Es klang wie eine sanfte Musik aus weiter, weiter Ferne. Plötzlich taten sich ihre halbgeschlossenen Augen weit auf. Was war das? Brauchte sie nur an Ambros zu denken, um ihn leibhaftig vor sich zu sehen? Ja, sie hatte an ihn gedacht; aber sie wurde sich dessen erst bewußt, als sie ihn jenseits des Zaunes stehen sah und leise ihren Namen rufen hörte. Es überkam sie fast ein Grauen, und sie saß wie gelähmt. »So komm doch her!« bat er, und sie erhob sich mechanisch und trat näher zu ihm hin, während sie die Augen wie verzaubert auf den hübschen Burschen gerichtet hielt. »Gestern hast dich ohne Abschied von mir aus dem Staub gemacht, so kannst mir jetzt wohl die Hand geben«, sagte er und streckte ihr die seine über das Staket hin. Zögernd reichte sie ihm die Hand. Sie wußte nicht, wie ihr geschah. »Warum bist denn so zag, kleines Madl?« fragte er, ihre Hand festhaltend. »Ich bitt dich, geh weg!« flüsterte sie beklommen. »Ich tu dir ja nix zuleid«, beschwichtigte er sie, fügte aber gleich mit einem Aufblitzen seiner Augen hinzu: »Oder hat dir die Müllerin etwa einen Floh ins Ohr gesetzt?« »Ach nein, sie hat auf dem ganzen Weg kein Wörtlein zu mir gered't«, versicherte Stasi. »Aber ich bitt dich, geh weg!« Und sie versuchte, ihre Hand frei zu machen. Aber er hielt sie fest. »Ja, warum soll ich denn von meinem Glück fortgehn? Es sieht uns ja keiner«, rief er und blickte ihr mit feuriger Zärtlichkeit in die Augen. Sie wollte sich dem Banne entziehen und sah zur Seite. Aber es nützte nichts: Sie mußte, ob sie wollte oder nicht, die Augen wieder auf ihn richten. Das Blut stieg ihr in die Wangen. »Stasi!« flüsterte er. »Ach, laß mich doch!« flehte sie in größter Verwirrung. »Ich muß die Bleß melken.« Er hatte Mitleid mit ihr, und die Bleß kam auch eben an der Hecke entlang bedächtig nach Hause spaziert. Als sie aber die fremde Gestalt an dem Staket gewahrte, blieb sie stehen und muhte. »Wann du mir eine von den schönen Rosen da schenkst, will ich gehn«, sagte Ambros und deutete auf den Rosenbaum. Stasi blickte unentschlossen von ihm auf den Strauch. »Ich bitt dich gar schön, du liebes Dirndl«, schmeichelte der Bursche. Da pflückte Stasi eine von den Rosen und reichte sie ihm über den Zaun. »Jetzt dank ich dir auch tausendmal!« rief er, an der Blume riechend. »Und morgen komm ich wieder, aber später, wann's dunkel ist« »Ach nein, nein!« wehrte sie erschrocken ab. Er aber scherzte: »Ach ja, ja, du mein herzliebster Schatz!« Er schwenkte die Rose zu ihr hin – so recht mit Teufelsaugen, würde David gesagt haben – und verschwand in der Richtung nach dem Klosterhof, woher er gekommen war. Stasi bedeckte ihr brennendes Gesicht mit den Händen. Es war ihr, als habe sie mit der Rose ein Stück von ihrem Leben weggegeben. Das Herz war ihr so schwer von Angst und Weh, daß sie hätte weinen mögen. Und die Rosen, Nelken und Reseda dufteten so betäubend. Sie floh nach dem Hause. Den Schnittlauch vergaß sie. Vor der Tür begegnete ihr Hannes. Er bot ihr wie gewöhnlich zum Abschied die Hand. Stasi ergriff sie in ihrer Aufregung und Verwirrung mit ihren beiden Händen an Daumen und Kleinfinger und wollte sie küssen, wie sie es als Kind bei dem Herrn Pfarrer zu tun gewohnt war. Hannes aber entzog sie ihr hastig und entfernte sich mit großen Schritten. Nach einer Weile blieb er stehen und sah zurück. Stasi war verschwunden, und sich selber scheltend, ging er langsam weiter. Was war ihm nur eingefallen, sich so schroff gegen Stasi zu benehmen? Weshalb hatte ihm der versuchte Handkuß einen Stich ins Herz gegeben? Er war jetzt immerhin ein geistlicher Herr und hatte auch nichts dabei gefunden, daß sie ihn nicht mehr einfach bei seinem Vornamen, sondern Herr Hannes nannte. Selbst seine Geschwister und der Vater nannten ihn so; das war einmal so Brauch. Das Wörtchen Herr erhob ihn über den Stand, aus dem er hervorgegangen war, und er fühlte sich als junger Priester. Dennoch … Ja, was denn? Warum schlug sein Herz heute nicht so gleichmäßig wie sonst, wenn er bei Stasi und ihrer Mutter gewesen war? Hatte er Stasi nicht immer wie eine Schwester liebgehabt, wie Lisei? Nein, nicht wie Lisei! Denn diese war ihm zugleich Mutter gewesen. Er blickte um sich, als ob er den Pfad verloren habe. Der aber lag deutlich vor ihm, so schmal er war: den Hang hinunter zur Landstraße, die von St. Vigil her einen weiten Bogen um das tiefe, steinige Bett beschrieb, das die vom Spitzhörndl kommenden Wasser in den Vigilbach leitete. Kurz vor der Brücke über den Spitzhörndlbach, der im Frühjahr und Herbst zuweilen gewaltig toste, berührte der Pfad die Heerstraße. »Mein Jesus, was ist das?« murmelte Hannes beklommen und zog den Hut, in dem sein Kopf bis zu den Ohren stak, noch tiefer ins Gesicht. Dann wurde es ihm plötzlich zu heiß, und er riß den Hut vom Kopfe. Tief atmend blieb er stehen, und seine Augen richteten sich auf die kleine Kirche von Hof, die auf einem Bergvorsprung über dem Klosterhof thronte und bereits von den Abendschatten verschleiert wurde. Es waren Torheiten und Einbildungen, denen er sich hingab. Die Unterredung mit der Kranken über Stasis Zukunft hatte ihn aufgeregt, nichts weiter, und er setzte seinen Hut wieder auf. Wenn sich seine Gefühle für Stasi von denen für Lisei unterschieden, wenn sie zutraulicher und herzlicher waren, als er eingestehen wollte, so hatte das seinen Grund darin, daß sie ohne Beimischung, nicht wie seine Empfindungen für Lisei, sondern rein brüderlicher Natur waren. Wirklich, er hatte Stasi herzlich lieb und wollte ihr, wie er es ihrer Mutter versprochen, ein treuer Bruder, ein geistlicher Freund und Führer in dieser bösen Welt sein. Es war eine schöne Mission, die er an dem Mädchen zu erfüllen hatte, und die Augen des jungen Priesters leuchteten. Dann dachte er an seine Predigt. Herr Moltenbecher hatte ihn aufgefordert, am nächsten Sonntag für ihn zu predigen, damit die Leute in St. Vigil erführen, daß er seine Sache ordentlich verstehe. Und nun überlegte sich Hannes seine Predigt, wobei er sich Stasi als sein Auditorium dachte. Auch die Augen seines Bruders leuchteten – vor Übermut, als er zur selben Zeit im Wirtshaus »Zum Stern« seinem Freunde Jerg gegenübersaß. Sein rechter Arm ruhte mit der leicht geschlossenen Hand lässig auf der Tischplatte, den Daumen der linken hatte er in den Achselausschnitt des Brustlatzes gehängt, und der Hut, aus der Stirn zurückgeschoben, hing ihm fast im Nacken. Im Hutband stak die Rose Stasis, und Jerg schelte spöttisch danach. »Beschau sie dir nur recht!« stichelte Ambros. »Gefallt dir das Blüml? Nachher laß uns darum raufen. Komm!« »Wann's noch von Gold wär!« versetzte Jerg achselzuckend. »Solche Rosen gibt's genug auf der Welt. Wer weiß, wo du die da gestohlen hast!' »Ja, wer weiß?« Ambros drehte die Enden seines Schnurrbarts in die Höhe. »Du stiehlst keine Rosen von wegen der Dornen.« »Wozu sollt ich mir auch die Finger zerstechen?« fragte der andere. »Es gibt Gitschen genug, die mir Rosen schenken. Gelt, wann ich die Stasi um ein Rösl bitten tu, schenkt sie mir gleich ein schöneres wie deins. Ich bin gestern gut Freund mit ihr geworden.« »Himmel, Hagelwetter, du lügst!« brauste Ambros auf, und der junge Müller, der lediglich hatte herausbekommen wollen, wessen Geschenk die Rose war, lachte aus vollem Halse. Ärgerlich, daß er dessen List nicht gleich gemerkt hatte, stürzte Ambros sein Glas Wein hinunter. Jerg Arigaya, der aus Erfahrung wissen mochte, daß man seinen Scherz mit Ambros nicht zu weit treiben durfte, sagte ablenkend, indem er sich das braune Haar aus der niederen Stirn strich: »Du bist ein Glückspilz! Mir läuft das Wasser den Bach hinunter statt aufs Rad. Es ist zum Tollwerden! Meinem Vater seine Frau schneid't mir das Wasser ab. Ich soll sparn, sagt der Alte.« »Ja, wie denn?« fragte Ambros naiv. Eine solche Zumutung hatte sein Vater an ihn noch nie gestellt. Der Klosterbauer wußte das Geld wohl zu schätzen, vielleicht mehr als der alte Arigaya, aber seinem Ambros ließ er es daran nicht fehlen, denn der sollte zeigen, daß er der Erbe des Klosterhofes sei. Es war auch eine Freude, zu sehen, wie sorglos Ambros mit den Zwanzigern und den Bankozetteln seines Vaters umging. Dafür war dann der Jubel groß, wenn er in die Schenke oder auf den Tanzboden kam. Er brachte erst den richtigen Schwung in das Vergnügen; die Kehlen wurden durstiger, und die Musikanten fühlten neue Kräfte in ihren Lungen und Fingern. Und erst dann, wenn es zum Raufen kam! War der Ambros nicht dabei, fehlte die rechte Schneid. Mit den Menschen ging er übrigens ebenso sorglos um wie mit dem Gelde. Wie hätte es auch anders sein sollen, da er daheim von Kindheit auf daran gewöhnt worden war, sich als den Mittelpunkt der Welt zu sehen, und da es ihm bei seinem Geld auch nicht an Schmeichlern und Schmarotzern gebrach. Wem nicht gefiel, was er sagte oder tat, der mochte ihm aus dem Wege gehen oder ihn zur Rechenschaft ziehen; dann focht er es aus, und zwar mit Freuden. Diese letzte Eigenschaft machte seine Freundschaft für Jerg sehr wertvoll. Denn dieser hatte gewöhnlich keinen Löffel bei sich, wenn es dazu kam, die Suppe, die sie sich beide gemeinschaftlich oder auch er allein eingebrockt hatten, auszuessen. Ambros war immer leicht zu bewegen, die ganze Verantwortung zu übernehmen, und Jerg schaute dann mit Seelenruhe zu, als ginge ihn die ganze Sache nichts an. Er war ein lustiger Bursche und deshalb überall gern gesehen; aber er verbarg unter seiner Lustigkeit ein gut Teil von Schlauheit. – Die Ermahnungen des Vaters zur Sparsamkeit schienen seine gute Laune verdorben zu haben, und er murrte auf die Frage seines Freundes: »Ich soll seine Dummheit ausbaden, daß er noch einmal gefreit hat. Zum Henker!« »Dich hat wohl der Sonntag gestern blank gemacht?« fragte Ambros »Wenn du Geld brauchst, sag's nur.« »Der Alte hat schon noch rausrücken müssen«, antwortete Jerg. »Aber ich mag das dumme Gered dabei nit leiden. Ich soll sparn, damit mein Alter mit seiner jungen Frau um so lustiger leben kann, damit er sie putzen und ihrer Sippe den Bettelranzen vollstopfen kann. Nit zwei Hemden hat sie gehabt, wie sie auf die Mühl gekommen ist; aber jetzt schau sie einer an!« Ambros klopfte mit der leer gewordenen Flasche auf den Tisch, um die Zeche zu bezahlen. Es berührte ihn unangenehm, daß Jerg seiner Stiefmutter sogar ihre Kleider nachrechnete. »Ich bin mündig und brauch keinen Vormund mehr«, verfolgte Jerg seinen Ärger weiter, wobei er wild in seinen Haaren wühlte. »Mein Alter brauchte eher einen als ich. So kann's nit weitergehen. Was meinst, wann ich heiraten tät, Ambros?« Dieser lachte hell auf. »Freilich«, meinte Jerg, indem er nachdenklich sein spitzes Kinn umfaßte, dabei aber lauernd auf Ambros schielte, »es müßt eine Reiche sein. Ich mag nit länger bei dem Alten um jeden Kreuzer betteln. Ja, eine Reiche muß's sein.« In diesem Augenblick kam Moideli, die Kellnerin des »Sterns«, in die Stube und trat zu den beiden Burschen an den Tisch. Ambros legte seinen Arm um ihren schlanken Leib und scherzte mit ihr. Sie ging lustig auf seinen Ton ein, wußte sich ihm aber geschickt zu entziehen, als er sie küssen wollte. Jerg kaute unterdessen an seinen Nägeln. »Jetzt, was meinst denn zu meinem Plan?« nahm er das vorige Thema wieder auf, als er mit Ambros den Bach abwärts ging. »Versuch's«, antwortete Ambros zerstreut. »Hat sich was mit dem Versuchen!« rief Jerg. »Ja, wann man bei dem Versuch nit gleich fürs Leben festsäß …« »Anders wird's wohl nit ausgehn, wann du eine Schürz voll Geld willst«, versetzte Ambros gleichgültig. Lebhafter aber setzte er hinzu: »Ich tät mich dreimal besinnen, eh ich zum Pfarrer ging.« »Ja, du!« murmelte Jerg. Sie waren an die Sägemühle gekommen, die nur in geringer Entfernung vom »Stern« lag. Ein großer Wolfshund kam ihnen entgegengelaufen und sprang schmeichelnd an Ambros hoch. Das geschah mit solchem Ungestüm, daß ein anderer als Ambros wohl das Gleichgewicht verloren hätte. Er aber stand fest, klopfte dem Tier den Kopf und reizte es zu noch gewaltigeren Sprüngen. Jerg wünschte eine gute Nacht, wandte sich aber noch einmal um und rief Ambros nach: »Grüß deine Schwester von mir!« Ambros antwortete nicht. Er spielte mit dem Hund, der ihm das Geleit gab, indem er in großen Sätzen vor ihm hersprang und dann wieder zu ihm zurückkehrte und liebkosend an ihm emporstrebte, bis er den Brückensteg bei Monthan erreicht hatte. »Jetzt gehst nach Haus, Lupattino«, sagte Ambros. Der Hund sah ihn an und blieb schweifwedelnd stehen. Als Ambros die Brücke über den Bach passiert hatte, bellte Lupattino dumpf auf und jagte dann nach der Mühle zurück. Den Gruß, den Jerg ihm aufgetragen, ließ Ambros unbestellt, obgleich er die Schwester mit ihrem Verlobten zu Hause unter dem Vordach sitzend fand. Mit einem kühlen Wort ging er an dem Paar vorüber, und Lisei folgte ihm mit einem Seufzer ins Haus, um ihm das aufgehobene Abendessen zu geben. Ambros kehrte sich nicht an die Hausordnung, und der Klosterbauer sah es ihm nach, wenn er bei den Mahlzeiten fehlte. Das Verhältnis zwischen den beiden künftigen Schwägern war nicht sehr gut Die Verschiedenheit des Alters und mehr noch die der Charaktere war zu groß zwischen ihnen. Wolf Lechner war zu ernst und gesetzt, als daß er das wilde Treiben des jüngeren Ambros hätte billigen können. Er besaß viel Gutmütigkeit und ließ sich deshalb persönlich wohl manche Rücksichtslosigkeit und Überheblichkeit von dem Bruder seiner Braut gefallen; aber er duldete sie nicht gegen Lisei. Auf Ambros' Seite trug es nicht wenig dazu bei, ihn dem Schmied abgeneigt zu machen, daß dieser ein Bayer war. Lisei war zu verständig, um nicht zu erkennen, daß Wolf Lechner gegen den Bruder nicht nur im Recht war, sondern es auch gut mit ihm meinte. Um so mehr schmerzte es sie, daß Ambros dem Mann, der ihrem Herzen so teuer war, solche Abneigung entgegenbrachte. Denn sie liebte Ambros trotz all seiner Schwächen und Fehler, liebte ihn, obgleich ihm schon in der Wiege im reichsten Maße zugefallen war, wonach sie stets hatte hungern müssen: die Liebe des Vaters. Des Menschen Herz ist ein schwer zu ergründendes Ding. Lisei war die Leidensgefährtin und Vertraute ihrer Mutter gewesen, und dennoch hatte deren Erbitterung gegen den Klosterbauern in ihrer jungen Brust nicht Wurzel gefaßt, dennoch hatte sie die Lieblosigkeit, Ungerechtigkeit und Härte, die sie selbst in erheblichem Maße vom Vater erfahren, keineswegs mit Neid auf Ambros erfüllt. Ja, sie hatte unter seinen Mißhandlungen schwerer gelitten als die Mutter, denn sie liebte ihn und hatte diese Empfindung sorgsam verbergen müssen, um die Mutter nicht noch unglücklicher zu machen. Warum liebte sie den Vater? Die Stimme der Natur ist so trügerisch, daß auf sie kein Verlaß ist. Vielleicht erkannte Lisei, in der durch das Unglück früh eine ungewöhnliche Beobachtungsgabe geweckt worden war, trotz der Liebe, die sie für ihre Mutter fühlte, deren große Charakterschwäche. Soweit ihre Erinnerungen zurückreichten, boten sie ihr kein Bild des Selbstvertrauens von der Mutter, die bereits innerlich gebrochen gewesen. Sie kannte sie nur in leidenschaftlichen Aufwallungen, denen jedesmal um so größere Mutlosigkeit und Verzagtheit zu folgen pflegte, und Lisei war es, die ihr dann Trost und Mut hatte zusprechen müssen. Gegen die Inkonsequenz und Schwäche der Mutter mochte ihr die ewig gleiche Rücksichtslosigkeit und Härte des Vaters als Charakterstärke erschienen sein, und männliche Kraft ist immer sicher, von dem weiblichen Geschlecht bewundert zu werden. Vielleicht muß noch etwas anderes zur Erklärung herangezogen werden: Lisei hatte sich nicht verhehlen können – das Gerechtigkeitsgefühl ist bei Kindern bekanntlich stärker als die Liebe – daß das Verhalten der Mutter gegen den Vater nicht vorwurfsfrei gewesen war, daß ihn die Mutter oft gereizt und ihm Gleiches mit Gleichem vergolten hatte. So lag die Annahme nahe, daß das Benehmen der Mutter seine Fehler geschärft und zugespitzt hatte und daß er anders gewesen wäre, wenn die Mutter ihn geliebt hätte. Hier mischte sich für Lisei das Mitleid ein, und es trieb sie, dem Vater zu ersetzen, was ihm die Mutter nicht gewährt hatte. Um das Verhältnis der Eltern zueinander richtig beurteilen zu können, fehlte Lisei übrigens das wichtigste Moment. Durch welche Bekenntnisse auch die Mutter ihr Herz gegen die Tochter entlastet hatte, wenn Lisei, namentlich bei ihrem letzten Krankenlager, während der Dämmerstunde an ihrem Bett gesessen – von dem Wankelmut ihres Herzens gegen Kaspar Larseit hatte sie nicht sprechen mögen, und der Name des so schwer Gekränkten war nie über ihre Lippen gekommen. Sie hatte ihr Kind, das einzige Wesen, das mit Liebe an ihr hing und das all die Leidensjahre hindurch ihr einziger Trost gewesen war, nicht zur Richterin über sich aufrufen wollen. Hatte sie eine Schuld auf sich geladen, so hatte sie sie durch ihre unglückliche Ehe wahrlich hart genug gebüßt. Nur das hatte sie Lisei gestanden, daß sie sich durch den Reichtum des Klosterbauern habe verleiten lassen, diesen gegen ihre Neigung zu heiraten. Eines Tages, nicht lange vor ihrem Tode, hatte ihr Lisei aus einer Lade ein Schächtelchen holen müssen. Es enthielt die ersten Geschenke, die ihr der Klosterbauer gemacht und die sie seit ihrer Verheiratung nie wieder getragen hatte. Lisei sollte sie als Warnung aufbewahren, ihr Herz nicht durch Schmuck und Reichtum verführen zu lassen. Lisei hatte bei dieser Ermahnung nur gefühlt, daß sie alle Schätze der Welt mit Freuden für ein wenig Liebe des Vaters hingegeben hätte. Ein wenig Liebe! Als ob der Klosterbauer das geringste Verständnis für sie gehabt hätte! Er hatte nicht die leiseste Ahnung davon, daß Lisei auf sein Vatergefühl irgendwelche Ansprüche erhob. Die schüchternen Annäherungsversuche des Kindes hatte er entweder gar nicht bemerkt oder rauh zurückgewiesen, und wie er in der Unermüdlichkeit, mit der sich Lisei der Wirtschaft annahm und für seine persönlichen Bedürfnisse und Bequemlichkeiten sorgte, noch heute nichts als ihre Schuldigkeit sah, so war ihm ihre unerschöpfliche Geduld, mit der sie sich von Kindesbeinen an der Wartung ihrer Brüder unterzogen, nur die Erfüllung einer selbstverständlichen Pflicht gegen Ambros gewesen. Sie wäre übel gefahren, wenn sie es darin irgendwie versehen hätte – mußten sie und Hannes doch sowieso schon als Sündenböcke für Ambros dienen. Vielleicht hatte sich in Liseis Kinderherz die Hoffnung geregt, durch ihre Liebe zu Ambros den Weg zum Herzen des Vaters zu finden. Gewiß ist, daß sie ihn um seiner Bevorzugung willen nicht beneidete, sondern fortfuhr, ihn von Herzen liebzuhaben, und daß sie es sich nach dem Tode der Mutter angelegen sein ließ, ihn zum Guten zu lenken. Welchen Erfolg aber konnten ihre Bemühungen haben, da der Vater ihn in jeder Weise verzog und da jeder, der bei dem Klosterbauern etwas durchsetzen oder sich bei ihm beliebt machen wollte, dem Buben schmeichelte? Lisei schmeichelte dem Bruder nie, aber all ihre Bitten und Vorstellungen, die sie ihm wegen seiner Torheiten und Tollheiten machte, wurden durch den Vater, der sein Wohlgefallen an ihnen gar nicht verbarg, gelähmt und vereitelt. »Ja, ja, das wird ein echter Falkner!« pflegte er zu sagen, und Lisei war von solcher Seelengüte, daß sich Ambros kein Gewissen daraus machte, daraufhin zu sündigen. Lisei mochte jetzt sechsundzwanzig Jahre alt sein. Die Zeit war ihr in den Sorgen und Mühen um den Vater, die Brüder und die Wirtschaft dahingeflogen, so daß sie für nichts anderes Sinn gehabt hatte. Ihre Freundinnen hatten eine nach der anderen ihren eigenen Herd gegründet; für sie jedoch waren die Männer so gut wie nicht auf der Welt gewesen. Wäre sie hübsch gewesen, so hätten sie die jungen Burschen wohl gezwungen, sich mit ihnen zu beschäftigen. Da sie es nicht war und zudem ein über ihre Jahre hinaus verständiges und ernstes Wesen hatte, schenkten ihr nur diejenigen einige Beachtung, die die einzige Tochter des Klosterbauern für eine gute Partie hielten. Als der Klosterbauer aber den Bewerbern mitteilte, daß Lisei nur ein sehr kleines Heiratsgut erhalten würde und überhaupt an ihre Verheiratung nicht eher zu denken wäre, als bis Ambros sich beweibt hätte, zogen sie sich zurück, und Lisei sah sie ohne Bedauern scheiden. Wolf Lechner war mit Lisei auf der Hochzeit des Sägemüllers mit der schönen Afra bekannt geworden. Der alte Arigaya, der große Stücke auf den Schmied hielt, hatte gemeint, die Tochter des Klosterbauern wäre eine geeignete Frau für ihn, und Lechner war bei sich bald derselben Ansicht geworden. Lisei hatte anfänglich gar nicht darauf geachtet, daß der Schmied um ihre Gunst warb; denn der Gedanke an einen eigenen Hausstand lag ihr ferner als je, und sie betrachtete sich selbst bereits als eine alte Jungfer. Das sagte sie auch dem Schmied, als sie seine Absicht merkte, und sie teilte ihm ferner mit, daß sie kein Geld besitze. Dem Schmied war es aber nicht um Geld zu tun, denn er wußte bereits von dem Sägemüller, wie es um ihre Mitgift stand. Lisei wollte nicht begreifen, daß jemand sie um ihrer selbst willen zum Weibe begehren könnte und etwas Liebenswertes an ihr fände. Wolf aber kannte ihren Wert besser als sie selbst und ließ sich nicht abweisen. Nun, er war ein Mann, der einem Mädchen wohl gefallen konnte, und zu jung für Lisei war er auch nicht; er mochte wohl sechs Jahre mehr zählen als sie. Außerdem war er so kräftig gebaut, wie es ein tüchtiger Schmied sein mußte, und selbst Ambros hätte Bedenken getragen, sieh mit ihm in einen Ringkampf einzulassen. Der mächtigen Gestalt, mit einer Brust, die breit und hoch wie ein Panzer gewölbt war, entsprach der Kopf mit dem Wald von rötlichblondem Haar. Rötlich war auch der krause Vollbart, in dessen Schatten die Lippen wie eine Granatblüte glühten. Das Schönste aber waren seine Augen, die unter der breiten Stirn in blauem Feuer strahlten. Es war schwer, ihren Blick zu ertragen, wenn er in Zorn geriet. Allein, er geriet höchst selten in Zorn; denn er war friedfertigen Gemüts und dabei von männlich schlichtem Wesen und bedächtigem Verstande. Der Klosterbauer hatte auch ihm die Bedingung gestellt, daß die Hochzeit hinausgeschoben werden müsse, bis sich Ambros verheiratet hätte. Auch darauf war Wolf, obgleich mit schwerem Herzen, eingegangen. Sah er doch, wie schlecht Liseis tätige, stets opferbereite Liebe von den Ihren belohnt wurde und wie der Vater sie nur aus Eigennutz im Hause festhielt. Seitdem waren zwei Jahre verflossen, und die Zeit hatte nicht wenig dazu beigetragen, die Neigung zwischen Wolf und Lisei zu festigen. Ihre Liebe war keine gärende Leidenschaft; sondern ein ruhiger, tiefer Strom. Eines ruhte in dem anderen voll Zuversicht und Treue. Inzwischen allerdings war ein Umstand eingetreten, der es Wolf immer lebhafter wünschen ließ, seine Braut aus den häuslichen Verhältnissen zu befreien und unter sein eigenes Dach zu führen. Als er auf seiner Wanderschaft nach St. Vigil gekommen war, hatte Tirol noch zu Österreich gehört. Was ihn dorthin verschlagen hatte, war der Wunsch gewesen, die Menschen nicht nur an den großen Heerstraßen kennenzulernen, wo die ewig rollende Lebensflut ihre Eigentümlichkeiten abschleift. Er war ein geschickter und fleißiger Arbeiter, und der Meister in St. Vigil hatte es verstanden, ihn festzuhalten. Als er sich nach dessen Tode selbst als Meister in dem Ort hatte niederlassen und das Grundstück des Verstorbenen erwerben wollen, hatte ihm die Gemeinde freilich alle möglichen Schwierigkeiten in den Weg gelegt und bei der öffentlichen Versteigerung des Anwesens den Preis weit über den Taxwert hinaufgetrieben. War er doch ein Fremder! Persönlich hatte man nichts gegen ihn einzuwenden gehabt und sich, da er vorwärtskam, allmählich ganz mit ihm ausgesöhnt. Die Abtretung Tirols an Bayern, die Härte, mit der die neue Regierung in dem Lande verfuhr, hatte das gute Verhältnis aber zu stören begonnen. Man fing wieder an, sich zu erinnern, daß Lechner aus dem verhaßten Bayern stammte. Die älteren Leute zogen sich mit wenigen Ausnahmen allmählich kühl von ihm zurück, und auch die Jugend verbarg kaum ihre feindliche Gesinnung gegen ihn. Sein Wunsch, Lisei sobald wie möglich heimzuführen, mußte sich daher lebhafter als sonst in ihm regen. Denn da sie einer der ältesten und angesehensten Familien des Tales angehörte, durfte er wohl mit großer Wahrscheinlichkeit darauf hoffen, durch die Verbindung mit ihr wieder festen Fuß in der öffentlichen Meinung zu fassen. Die unfreundliche Art, mit der ihm Ambros eben bei seiner Heimkunft wieder begegnet war, lenkte seine Gedanken abermals auf diesen Punkt; und daran dachte er, während er auf Liseis Rückkehr aus dem Hause wartete. Um ihn her herrschte Stille; nur der Nachtwind flüsterte melancholisch in den Laubkronen bei den Stadeln, und melancholisch tönte auch das Murmeln des Brunnens am Hause. Der aus dem schwarzen Föhrenkranz sich auf wölbende Höcker des Spitzhörndls zeichnete sich deutlich gegen den gestirnten Himmel ab. »Er meint's nit bös«, sagte Lisei, als sie wieder auf den Vorplatz kam, und legte Wolf begütigend die Hand auf den Arm, während sie sich zu ihm setzte. Wolf seufzte. »Ich weiß schon ganz gut, wie er's meint«, erwiderte er mit gedämpfter Stimme. »Aber es ist nit das, woran ich just eben dacht. Nach dem, was du mir von eurer gestrigen Fahrt nach St. Lorenzen erzählt hast, hat der Ambros wieder eine neue Liebelei im Feuer. Da ist nit dran zu denken, daß er bald heiratet, und wir können doch nit bis in die Ewigkeit warten. Wir sind beide nit mehr so jung, daß ein paar Jahr mehr oder weniger nix ausmachen würden.« »Die arme Stasi!« seufzte Lisei. »Aber recht hast mit unsern Jahren, ich mein, mit den meinigen, und hab's dir ja immer vorgestellt, daß ich zu alt für dich bin.« »Und ich sag nein! Wir könnten ganz glücklich und zufrieden sein und verlieren unsre beste Zeit um der andern willen! Solln wir uns denn erst kriegen, wann wir graue Haar haben?« »Ich werd dich auch mit grauen Haaren liebhaben, Wolf«, versicherte Lisei mit einem Lächeln. »Aber so lang wird's ja nit dauern, und wir müssen schon Geduld haben, wo wir's nit ändern können.« »Warum können wir's denn nit ändern?« entgegnete er mit einer Regung des Unmuts. »Jedes Ding will ein End haben. Ich hab mein Auskommen für uns beid, und du bist mündig. Ich will noch ein letztes Mal mit deinem Vater reden und ihm sagen, daß wir noch – meinetwegen bis nächste Ostern – warten wolln, aber nit länger.« »Und wann der Vater nein sagt?« fragte Lisei beklommen. »Du weißt, er nimmt nix zurück, was er einmal gesagt hat« »Was ich von ihm verlang, ist nix Unrechtes und Unvernünftiges. Wann er sich dawidersetzt, zeigt er, daß ihm an deinem Glück nix gelegen ist, und dann bist du's dir selbst und mir schuldig, daß du an unsere Zukunft denkst. Du bist mündig, Lisei, und wir brauchen deines Vaters Einwilligung nit, wann wir Hochzeit machen wohn.« »Ach, Wolf, was führst im Sinn?« rief sie betroffen. »Das geht doch nit an. Jetzt, wo der Vater alt wird und meine Sorge erst recht braucht, da kann ich ihn und die ganze Wirtschaft doch nit wildfremden Leuten überlassen und fortgehen, fortgehen gar ohne seinen Willen.« Wolf legte seinen Arm um ihre Schulter und sagte liebevoll: »Bin ich dir denn nix, daß du allein an deinen Vater denkst? Und wann er noch gut gegen dich wär oder dir auch nur ein einzig's Wörtlein gegönnt hätt, daß er mit deinem Schaffen zufrieden ist und deine Bravheit anerkennt. Aber freilich – anerkennen, was andre tun, das liegt nit in seiner Art! Es könnt ja einer daraufhin was von ihm fordern als Lohn!« »Wie kannst nur so daherreden, Wolf?« entgegnete sie mit leisem Vorwurf. »Ich verseh wohl manches, daß er mit mir nit zufrieden sein kann. Es ist meine Schuld, Wolf!« Er drückte sie fester an sich. »Schon gut, ich will gegen den Klosterbauer nix reden. Aber denk auch ein bißl an dich und an mich, Lisei. Mich drängt nit bloß die Ungeduld, dich endlich als Frau zu haben. Schau, Lisei, du hast keinen auf der Welt, der fest zu dir steht, als mich, und so hab ich keine Seel hier, die mich liebhat, als dich. Die Leut mögen mich nimmer leiden, weil ich ein Bayer bin. Jetzt, wohin ich schau, sind sie mir deshalb abgünstig. Bist du erst meine Frau, nachher mögen sie schief gucken, soviel sie wolln, da mach ich mir nix draus. Aber sie werden sich dann schon geben.« »Aber das ist ja furchtbar«, seufzte sie. »Ich kann's nit verstehn, daß dir einer zuwider sein soll, dir, der du so rechtschaffen bist und mit Wissen und Willen noch keinem was zuleid getan hast. Die Leut sind wohl hitzig, aber schlecht sind sie nit. Und was kannst denn dafür, daß du ein Bayer bist? Es ist ja ganz ungescheit, daß sie dir's anrechnen. Aber würden sie nit Ursach haben, schlecht von uns beiden zu denken, wann ich gegen Vaters Willen deine Frau würd? Ach, Wolf, wann er einen Zorn auf uns hat – wie könnten wir beid dann glücklich sein? Ich könnt's nimmer.« Er seufzte, und sie fuhr fort, indem sie seine freie Hand mit ihren beiden ergriff und ihm in die Augen sah: »Du bist doch ein so guter, geduldiger Mensch, und jetzt soll's auch bei dir heißen: ›Biegen oder brechen!‹ Kann denn eine, die keine gute Tochter ist, eine gute Frau sein? Ich bitt dich recht sehr, hab doch nur noch eine kleine Weil Geduld!« »Leg's dir nur erst alles ordentlich zurecht, was ich gesagt hab«, entgegnete er, ihre Hand drückend. »Später reden wir dann noch weiter drüber. Ich dräng dich jetzt nit« Sie schüttelte den Kopf, und nach einer Weile sagte sie: »Ich bin gar nit dagegen, daß du mit dem Vater sprichst und ihm alles ordentlich vorstellst. Aber ich bitt dich herzlich, brich's nit gleich mit ihm entzwei! Ich hab dich gar so lieb, Wolf, und ich ertrüg's nit, wann ihr zwei auseinanderkämt« »Sei nur still«, tröstete er sie. »Solang du nit annimmst, was ich dir vorgeschlagen hab, solang kann's zu nix führn, mit deinem Vater zu brechen.« Er lenkte das Gespräch auf etwas anderes. Beide waren jedoch mit dem Vorschlag, den er gemacht hatte, innerlich noch zu sehr beschäftigt, als daß die Unterhaltung nicht ins Stocken geraten wäre. Noch saßen sie eine Weile stumm nebeneinander. Dann stand Lechner auf, und Lisei gab ihm das Geleit bis an die vordere Hausecke. »Beschlaf's dir!« lautete sein letztes Wort, wobei er ihr die Hand bot. Und sie erwiderte mit vollem Blick: »Was ich in Treuen tun kann, darin werd ich dir immer zu Willen sein, das weißt genau, Wolf. Behüt dich Gott!« 4. Kapitel Die Sonne war hinter der Pfeilerspitze verschwunden, verblaßt waren die Köpfe und Zacken des zerklüfteten Hochgebirges, und mit grauen Füßen kam die Nacht leise durch das Tal geschritten. In ihren dunklen Schleiern stand ein Bursche an dem Gartenzaun, auf den er sich mit beiden Armen gelehnt hatte. Rosen, Nelken und Geißblatt dufteten, und er mußte ein großer Blumenfreund sein, daß ihn der Wohlgeruch so lange festhielt Denn er war und blieb allein. Nach einer Weile öffnete er das Staket und setzte sich auf das Bänklein unter dem Geißblatt, wo Stasi gestern gesessen hatte. Stasi war überzeugt, daß niemand in dem Gärtchen auf sie wartete. Sie konnte doch nicht wissen, daß der Bursche der Ansicht war, ein Nein auf den Lippen der Mädchen bedeute ein Ja in ihrem Herzen. Den ganzen Tag über hatte sie sich gesagt, daß er nicht kommen würde. Warum sollte er denn auch kommen? Er konnte doch nicht jeden Abend eine Rose von ihr haben wollen! Als es dann Abend geworden und sie in der Dunkelheit am Fenster saß – denn Licht wurde im Sommer nicht angezündet – unterwühlte die Neugierde ihre Überzeugung. Aber sie wäre jetzt um alle Schätze der Welt nicht in den Garten gegangen; sie hätte ja vor Scham in die Erde sinken müssen, wenn sie ihn getroffen hätte. Fühlte sie doch, wie sie in der Dunkelheit rot wurde, als jetzt etwas Dunkles an dem Fensterchen vorüberglitt. Ein Gespenst war es nicht, denn sie hörte deutlich den Weg knirschen, und als nichts mehr zu hören war, hätte sie vor Unmut fast geweint, daß ihre Bitten ihm so gar nichts galten. Nein, sie galten Ambros nichts, und er war absichtlich an dem Hause vorübergegangen, um es ihr zu zeigen. Er fand sich auch am folgenden Abend wieder an dem Gartenzaun ein; aber das Glück war ihm nicht holder, und ebenso ungünstig schienen ihm die Sterne des nächsten. Es war ihm noch nie geschehen, daß er einem Mädchen zu Gefallen umsonst etwas unternommen hätte, und er wurde zornig auf Stasi, daß sie ihn zu narren wagte, zorniger aber noch auf sich selbst, daß er sich von ihr narren ließ. Wie würde die schöne Afra triumphieren, wenn sie wüßte, daß er sich Abend für Abend von dem jungen Ding äffen ließ, er, der Ambros Falkner! Es überlief ihn siedend heiß. Aber jetzt sollte die Sache ein Ende haben, gelobte er sich zähneknirschend, als er am Freitag wieder vergebens gewartet hatte, und langsam an dem Häuschen der Witwe vorübergehend, sang er laut: »Wann kommst du aber wieder, Herzallerliebster mein, Und brichst die roten Rosen Und trinkst den kühlen Wein? Wann's schneiet rote Rosen, Wann's regnet kühlen Wein; So lang sollst du noch harren, Herzallerliebste mein.« »Wer mag denn das sein?« fragte Frau Larseit in der dunklen Stube; sie erhielt jedoch keine Antwort. David, der im Halbschlaf auf der Ofenbank hin und her schwankte, wußte es nicht, und Stasi, die den Sänger gleich erriet, ließ trübselig den hübschen Kopf sinken. So hatte er also alle Abende am Gartenzaun auf sie gewartet, und nun ging er auf Nimmerwiedersehen! Wie war ihr das Herz schwer! Warum war sie denn auch an all den Tagen nicht ein einziges Mal in das Gärtchen gegangen, nachdem sie das bei der Abendmahlzeit gebrauchte Geschirr gesäubert hatte? Sie hatte es doch sonst getan! Sie begriff es nicht. Und jetzt würde er nimmer wiederkommen! »Es schneit ja nimmer rote Rosen und regnet nimmer kühlen Wein, außer auf das Grab!« seufzte Stasi auf dem Bänklein unter dem Geißblatt Der Abend war außerordentlich schwül, und über der Kornspitze, die ihre Fichtenkrone im Süden neben dem Jöchl zum Himmel erhob, wetterleuchtete es. Stasi hatte es in der stickigen Stubenluft nicht aushalten können, und sie war ja auch sicher, daß Ambros nicht kommen würde. Sie war dessen ganz sicher, aber trotzdem lauschte sie auf das leiseste Geräusch, ob es nicht etwa ein Fußtritt wäre. Es war aber immer nichts; er kam nicht. Was er wohl treiben mochte? Im Tal, jenseits des Baches, sah sie ein Licht blinken. Es kam aus dem »Stern«. Da fiel ihr ein, daß Sonnabend war, und sonnabends wurde im »Stern« gesungen. Mutschleitner, der Wirt, der aus dem Pustertal stammte, war in jüngeren Jahren als Mitglied einer Tiroler Sängergesellschaft durch manches Herrn Land gezogen. Er hatte sogar die Ehre gehabt, vor dem »guten Kaiser Franz« zu singen, worauf er immer noch ein wenig stolz war. Schlachtmusik und Kanonendonner hatten aber die frischen Stimmen der Sangesbrüder und Zitherspieler übertönt. Vor dem Waffengetöse mußten die Musen verstummen, und so hatte sich denn die Gesellschaft zerstreut. Mutschleitner war heimgekehrt, hatte ein Weib genommen und mit seinen Ersparnissen den »Stern« in St. Vigil erworben. Der Liebe zur holden Frau Musika hatte er jedoch nicht entsagt, sondern sie vielmehr fleißig weiter gepflegt und sich die besten Stimmen im Orte zusammengesucht, mit denen er nun sonnabends im »Stern« übte. Noten kannte keiner von ihnen, auch Mutschleitner nicht; das tat aber nichts. Der Wirt sang oder spielte auf der Zither jedem seine Stimme so lange vor, bis er sie auswendig wußte. Ambros gehörte auch zu den Sängern. Er hatte einen schönen Bariton, und der klang Stasi seit gestern abend fortwährend in den Ohren: »Wann kommst du aber wieder, Herzallerliebster mein?« Ach, er kam ja nimmer, nimmer wieder, wenn es ihm ihr Herz auch voll Bangen und Verlangen nachsang! Und es war daher ein recht trauriges Gesichtchen, das ihr am Sonntag morgen aus dem kleinen Spiegel entgegenblickte, vor dem sie ihr schwarzbraunes Haar kämmte und flocht. Sie hatte nur wenig geschlafen; denn die Mutter hatte eine böse Nacht gehabt, und darauf wollte Stasi auch zunächst die Ursache ihrer Niedergeschlagenheit schieben. Heute war zwischen Stasi und David verabredet worden, sich in die Krankenwache zu teilen. Stasi sollte nach der Messe den Ohm ablösen, der Hannes gern predigen hören wollte. Sie wäre am liebsten ganz zu Hause geblieben; aber die Mutter duldete es nicht und trieb zur Eile. Das zweite Geläut verklang bereits, als sie aus dem Häuschen trat. Es war zu spät, um im Garten noch schnell ein Sträußchen für ihr Gürtelband zu pflücken, und sie eilte die Hecke entlang, an deren Ende ein Fußsteig begann, der im Zickzack durch ein steiles Kornfeld abwärtsführte und hinter den letzten Häusern von St. Vigil den Talboden erreichte. Die Leute waren schon alle in der Kirche, als Stasi auf dem Friedhof anlangte. Hastig tauchte sie die Fingerspitzen in das Weihwasser, dessen Becken in dem Portal angebracht war; aber ein jähes Erschrecken ließ sie vergessen, das Kreuz zu schlagen. Denn neben dem Becken stand Ambros und blickte sie finster an. Wie betäubt gelangte sie in die Kirche, wo gerade die Messe begann. Stasi wagte nicht ein einziges Mal die Augen aufzuschlagen, aus Furcht, Ambros' finsteren Blicken zu begegnen. Da flüsterte ihre Nachbarin ihr zu: »Schau, der wilde Brosi ist auch mal wieder in der Kirch! Er steht uns just gegenüber.« Stasi hob ein wenig die Lider, senkte sie aber schnell wieder, denn ihr Blick war dem seinen begegnet. War es Täuschung, daß sein Gesicht jetzt gar nicht so finster war wie bei dem Zusammentreffen im Portal? Sie mußte sich davon überzeugen! Wieder begegnete sie seinem Auge, und sie wurde rot. Aber finster waren seine Mienen nicht; seine Augen leuchteten vielmehr wie – nun, wie damals, als sie ihm die Rose geschenkt. Erschrocken heftete sie die Augen auf ihr Gebetbüchlein. Allein, die Buchstaben und Worte flossen ineinander. Unbewußt hob sie die Lider, und ein langer Blick traf Ambros. Aber ihre Augen waren nicht die einzigen, die auf ihm ruhten. Auch die schöne Afra hatte ihn herausgefunden; schwer war es nicht, denn seine schlanke Gestalt überragte die Umstehenden. Sie preßte die weichen, vollen Lippen fest und fester zusammen. Was fand er nur an Stasi, daß sie, Afra, plötzlich so ganz von ihm vergessen worden war? Daß er sie auch jetzt nicht bemerkte! Sie hatte darüber die ganze Woche gegrübelt und musterte Stasi jetzt mit jenem kritischen Scharfblick, den nur Frauen füreinander haben. Nun, im ganzen war Stasi ja leidlich hübsch; wenn man aber jeden Teil des Gesichts für sich betrachtete, so fand sich doch manches daran auszusetzen, und das eine hätte anders sein müssen, um zu dem anderen zu stimmen. Nein, es war ein ganz unregelmäßiges Gesicht, und nur auf den ersten flüchtigen Blick konnte man sie allenfalls für gerade nicht häßlich gelten lassen. Sie war ein ganz unbedeutendes Ding, und dennoch gab Ambros ihm den Vorzug vor ihr. Der Geschmack der Männer ist unbegreiflich! Nicht ein einziges Mal war er, der seinen Freund Jerg sonst so oft besucht hatte, während der letzten Woche in die Mühle gekommen, was sogar ihrem Mann aufgefallen war – denn sie war in den letzten Tagen auffallend schlechter Laune gewesen. Der alte Arigaya hatte die schöne Afra eigentlich aus Großmut geheiratet. Sie war die Tochter eines Freundes, der als Müller zu Pikolein im Gadertal gesessen und bei einer Überflutung der Gader derartig zu Schaden gekommen war, daß er sein Gewerbe hatte aufgeben müssen und nach langem Siechtum in den dürftigsten Verhältnissen gestorben war. Afra war unter den vielen Kindern, die er hinterlassen, die zweitälteste. Arigaya hatte sich der Familie nach besten Kräften angenommen und auch die beiden Söhne ein Handwerk lernen lassen. Der ältere war Zimmermann, der andere Maurer geworden, und beide verdienten jetzt in der Fremde ihr Brot. Afra war stets unter den Kindern seines Freundes Arigayas Liebling gewesen. Sie war fleißig, wirtschaftlich und trotz der Armut, in der sie dann gelebt, immer heiteren Sinnes gewesen, und so hatte er sieh denn nach dem Tode seiner Frau entschlossen, sie zu heiraten. Es war Afra unter den obwaltenden Verhältnissen nicht schwer geworden, dem guten, alten Mann ihre Hand zu reichen, und sie hatte auch bisher keine Ursache gefunden, es zu bereuen. Jerg freilich hatte dieser zweiten Heirat seines Vaters scheel zugesehen, und Afra wußte sehr gut, daß er ihr und den Ihrigen nichts Gutes gönnte. Nur diese zweite Heirat war schuld gewesen, daß sich der Alte nach dem Tode seiner ersten Frau nicht zur Ruhe gesetzt und dem Sohne die Mühle abgetreten hatte. Jerg vergab Afra die Vereitelung seiner Hoffnungen nicht und rechnete ihr jeden Kreuzer, den sie für sich ausgab, als einen Raub an seinem Vermögen an. Vielleicht hätte sie, oder vielmehr ihr Mann, sparsamer sein können. Aber er sah es gern, wenn sich seine junge, hübsche Frau, die übrigens seinem Hauswesen sehr tüchtig vorstand, trefflich putzte, und man konnte es ihr schwerlich verargen, daß ihr der plötzliche Wohlstand etwas zu Kopfe gestiegen war. Das fröhliche Leben, das mit ihr in die Mühle eingezogen war, hatte den Alten regelrecht verjüngt, und war er stolz auf den Beifall, den sie bei den Leuten fand, so war sie keineswegs gleichgültig gegen ihn. Sie war sich ihrer Reize wohl bewußt und freute sich des Eindrucks, den sie machte, durchaus. In Pikolein hatte sich niemand darum gekümmert, ob die arme Dirne hübsch oder häßlich war; jetzt aber hieß sie die schöne Müllerin, und jung und alt warb um ihre Gunst. Auch Ambros. Nichts schmeichelte ihrer Eitelkeit so sehr, als daß auch er, der reichste, schönste und stolzeste Bursche im ganzen Tal, ihr den Hof machte. Er tat es aber in einer Weise, die sie fortwährend reizte. Was hätte sie darum gegeben, wenn sie ihn öffentlich in Gemeinschaft mit ihren anderen Verehrern ihren Triumphwagen hätte ziehen sehen! Dazu war er jedoch nicht zu bewegen, und fast schien es, als verlange er, daß Afra ihm schöntue. Wenn andere Burschen um sie herum waren, stand er beiseite, kalt, fast verächtlich. Die Frucht erschien ihm säuerlich und nicht des Verlangens wert, wenn er sah, daß sie von anderen begehrt wurde, und sie hatte heimlich schon manche Träne über die ungezogene Rücksichtslosigkeit geweint, mit der er ihr das Wohlgefallen an den Huldigungen der Burschen vorzuwerfen pflegte. Welches Recht hatte er dazu? Keines, wenn ihr Herz ihm keins gab! Ihr Herz aber wollte ihm ebensowenig wie den anderen ein Recht einräumen. Sie spielte mit dem Feuer, und wenn es von seiner Seite mitunter heftig aufloderte, erschrak sie wohl und wehrte ihn mit stolzer Miene ab; dennoch spielte sie weiter. Wie Lupattino, den grimmigen Wolfshund auf der Mühle, der nur ihr folgte wie ein Lamm, so wollte sie auch den wilden Ambros zähmen, und scherzhafterweise nannte sie ihn auch zuweilen das Wölfchen. Und jetzt hatte sich Lupattino plötzlich von ihr abgewandt! Ihre tödlich verletzte Eitelkeit konnte es nicht glauben und ertragen. Mit welchen Künsten hatte ihn Stasi an sich gelockt? Das Geschöpf sah so unschuldig aus, als ob es kein Wässerchen trüben könnte. Aber das war nur Verstellung und Scheinheiligkeit! Ihre Blicke, die sie, wenn sie sich unbeachtet glaubte, auf Ambros schoß, verrieten es. Oh, sie verstand das Augenspiel! Aber Afra wollte ihre Künste schon zuschanden machen! Ambros mußte blind sein, wenn er sie und Stasi nebeneinander sah und dann auch nur eine Sekunde noch an das unbedeutende Ding dachte! Nicht nur, um Ambros hierzu Gelegenheit zu bieten, sondern auch, um Stasi ihre Verachtung für ihre Koketterie fühlen zu lassen, suchte sie in die Nähe des Mädchens zu gelangen, als der größte Teil der Andächtigen nach der Messe die Kirche verließ. Diese Absicht gelang ihr auch; nur kam es nicht zu dem gewünschten Vergleich, denn Ambros hatte schon zuvor die Kirche verlassen. Stasi aber, die der Müllerin einen freundlichen Gruß schuldig zu sein glaubte, weil sie von ihr am vergangenen Sonntag im Wagen eine Strecke mitgenommen worden war, erhielt aus Afras schönen Augen einen so verächtlichen Blick, daß sie ganz betroffen wurde. Gern hätte sie ihrer Nebenbuhlerin den Vortritt gegönnt, allein, das Gedränge hinderte sie daran, und so ging sie demütig und verlegen neben der schönen Afra her bis zum Portal, wo die sich stauende Menschenflut beide voneinander trennte. Stolz trat Afra aus dem Portal. Die silbernen Kettchen an ihrem grünseidenen Mieder und ihre goldenen Ohrgehänge blinkten in der Sonne, und ihre runden Arme leuchteten unter den breiten, schneeweißen Spitzen aus Taufers. Taufers – gem., das Taufertal in Südtirol Von ihren Händen, die das Gebetbüchlein umfaßt hielten, hing ein Rosenkranz von roten Korallen mit einem goldenen Kreuzlein herab … Da stand Ambros! Die Blicke der beiden trafen sich. Er grüßte gleichgültig, und sie tat, als ob sie es nicht bemerke. Als Stasi aus der Kirche kam, gesellte er sich ohne weiteres zu ihr und begleitete sie, weil sie nicht zur Predigt bleiben konnte. Viele Frauen benutzten ebenfalls die Pause, um daheim schnell einen Blick nach Kind und Küche zu tun oder dem Rentmeister die fälligen Steuern ins Haus zu tragen, während die Männer sich zum größten Teil außerhalb des Kirchhofs zusammenfanden, an dessen Mauer sich eine Bank entlangzog. Stasi war es in ihrer Betroffenheit über Afras feindliche Blicke gar nicht aufgefallen, daß Ambros sie angeredet hatte, und merkte auch nicht, daß sie ihm, statt hinter der Kirche links durch das Dorf zu gehen, zwischen den Häusern an der Oberförsterei vorbei geradeaus in den Bannwald folgte. Sie mußte sich schließlich gegen seine Vorwürfe verteidigen, daß sie ihn alle Abende umsonst hatte warten lassen. Sie habe ihm ja kein Versprechen gegeben, meinte sie, im Gegenteil! Aber sie gab zu, daß nichts langweiliger sei als vergebliches Warten, und der Eifer rötete ihre Wangen. Wirklich, es tat ihr leid, daß er den weiten Weg immer vergebens gemacht hatte, und sie hob die braunen Augensterne treuherzig zu ihm auf. Die Bruscia breitete ihre Tannenzweige über ihnen aus, und Ambros schien auf dem Grunde ihres Herzens lesen zu wollen. Er legte seinen Arm um ihre Gestalt, und sie standen still und schauten einander in die Augen, ganz, ganz tief, und dann fühlte Stasi die bärtigen Lippen des Burschen auf ihrem Mund. Darüber erschrak sie, aber sie konnte unter seinem Kuß nicht aufschreien, nur ein erstickter, ersterbender Laut wurde hörbar. Die Bruscia breitete ihre Tannenzweige diskret über die beiden. »Ach, Ambros!« klagte Stasi mit gesenkten Lidern. Er aber drehte lächelnd seinen Schnurrbart. Tränen begannen unter ihren Wimpern bervorzuperlen. »Warum weinst denn?« fragte er zärtlich. »Ich hab dich ja von Herzen lieb!« Verschämt schaute sie zu ihm auf und drückte dann den Kopf gegen seine Brust. Er hielt sie still umfaßt, und über ihnen in der grünen Walddämmerung zwitscherten und lockten die Vögel. »Komm!« flüsterte Stasi nach einer Weile, und Hand in Hand gingen sie langsam weiter. Ein Lächeln schimmerte aus den Augen des Mädchens. Sie kamen an die Mur, die bei ihrem Niedergange vom Piz-Peres im Jahre 1677 St. Vigil zerstört hatte. Die breiartigen Massen, die sich in breitem Strom quer durch das Tal bis zu dem am südlichen Rande der Mur rauschenden Vigilbach geschoben hatten, waren längst zu Stein erhärtet, und auf ihrer verwitterten Oberfläche, in deren Mitte ein Bergwasser rieselte, hatten sich zarte Tannenstämmchen anzusiedeln begonnen. Die Natur duldet nichts Totes, und Ambros und Stasi lebten wie sie, voll und ganz dem Augenblick hingegeben. Sie sprachen nichts, von Zeit zu Zeit aber blieben sie am Rande der Mur, die sie aufwärts verfolgten, stehen, sahen sich an und küßten sich. Es gab viele solcher Stationen, bis die Mur unter ihnen lag. Ein schmaler Weg wand sich links zu gewaltigen Steinblöcken hinauf, die unweit von Stasis Heimstätte auf abschüssiger Halde standen. Braune, hochbeinige Ziegen grasten bei den Steinen, und eine von ihnen hatte den Scheitel des größten Felsblocks erklommen und schüttelte bedächtig ihren langen Patriarchenbart – sicherlich über das Schauspiel unter ihr: Stasi hatte sich auf die Fußspitzen erhoben und ihre beiden Arme um den Hals ihres Begleiters geschlungen, und unter seinen Küssen den Kopf zurückbeugend, schloß sie die Augen. Dann schwang Ambros sie, als wäre sie nur eine Feder, hoch in die Luft, indem er sich rundum drehte; dann preßte er sie mit aller Kraft wieder an seine Brust, und sie lächelte glückselig wie ein Kind. Plötzlich riß sie sich los und lief dem Hause zu. »Ich wart auf dich!« rief Ambros ihr nach. Aber sie schüttelte nur verneinend den Kopf, ohne sich umzusehen. Wie zierlich sie an der Hecke dahinlief! Der schwarze, faltige Rock und die blaue Schürze spielten wie Wellen um ihre rotbestrümpften Füße. In der Nähe des Hauses mäßigte sie ihren Schritt, und von der Türschwelle sah sie noch einmal zu Ambros zurück, wobei sie beide Hände auf ihr Herz drückte. Im nächsten Augenblick war sie verschwunden ... Afra – und nicht sie allein – hatte wohl bemerkt, wie Ambros Stasi angeredet und mit ihr den Kirchhof verlassen hatte. Sie löste sich aus dem Kreise, den ihre Freunde und Verehrer um sie gebildet hatten, und schritt, sich in den Hüften wiegend, auf ihren Mann und den Klosterbauern zu, die im Gespräch beisammenstanden. Sie mußte ein wenig Unheil stiften. Ungestraft sollte Ambros ihre Eitelkeit nicht verletzt haben, und es würde sich bestimmt eine günstige Gelegenheit finden, gebührend Rache an ihm zu nehmen. Sie lächelte, und ihr Mann, eine hagere, von den Jahren bereits gebeugte Gestalt, blickte ihr, auf seinen Krückstock gestützt, wohlgefällig entgegen. »Ist's denn wahr, Klosterbauer, daß der Herr Hannes heut predigen wird?« fragte sie, und auf dessen Bejahung fügte sie hinzu: »Da müßt Ihr heut eine rechte Freud haben!« »Hat mich auch Geld genug gekostet«, versetzte jener, sich breitbeinig hinstellend. »Darum ist also Euer Ambros heut wieder mal zur Kirch gekommen?« rief Afra. »Hast wohl gemeint, um deinetwillen?« scherzte ihr Mann, und der Klosterbauer lachte breit »Aber Mann!« warf Afra den Kopf auf. »Nun, nun«, beschwichtigte er, »hättst ihn selber fragen und Frieden mit ihm schließen solln. Denn daß ihr beiden euch wieder mal gezankt habt, ist doch klar.« Afra zuckte die runden Schultern und sagte: »Ich hab bloß gefragt, weil ich geglaubt hab, daß er wegen der Stasi Larseit gekommen wär!« Der Klosterbauer zog die Brauen in die Höhe. Er konnte den Namen Larseit noch immer nicht nennen hören, ohne daß es ihm einen Stich gab. »Dacht ich mir doch gleich, wie ich dich so daherkommen sah, daß dich der Schelm im Nacken hat!« rief der Müller. »Jetzt zieh schon die Schleus auf!« »Oh, es ist gar nix Spaßhaftes dabei!« entgegnete sie. »Ich hab nur nit gewußt, daß der Ambros und die Larseit miteinander bekannt sind. Wie sie aus der Kirch gekommen ist, da hat sie der Ambros gleich angesprochen, und nachher sind sie zusammen fortgegangen.« »Ist doch ein Teufelsbub!« sagte der Müller kopfschüttelnd. Der Klosterbauer aber starrte unbewegt ins Blaue. »Und ein hübsches Paar ist's«, schielte Afra nach ihm. »Das muß man lassen. Schad, daß die Stasi so arm ist.« »Unsinn!« rief der Klosterbauer grob und nahm ohne weitere Rücksicht auf die schöne Afra das Gespräch mit ihrem Mann wieder auf. Afra strich lächelnd an ihrer Schürze herunter und ging. Von den männlichen Kirchenbesuchern hatte sich ein großer Teil auf dem Anger vor dem Kirchhof zusammengestellt, einige saßen auch auf der langen Bank an der Mauer. Auf der äußersten Kante der Bank hockte, sein Pfeifchen rauchend, der Löffel-Franz, so genannt nach den geschnitzten Löffeln, die einen Teil seiner Waren bildeten, mit denen er in den Bergen Handel trieb. Außer den Löffeln führte er Rechen, Schaufeln, Dengelstöcke, Schwefelspäne, Salzgefäße und dergleichen. Seine Waren, die er während des Winters selbst angefertigt, lagen neben ihm auf dem Boden. Einige Kauflustige nahmen sie in Augenschein, der Löffel-Franz achtete ihrer jedoch nicht, denn das eigentliche Geschäft begann erst nach dem Gottesdienst. Er betrachtete die jungen Männer, die er lachen und scherzen hörte, und sagte mißbilligend: »Schau mir einer die Buben an! Haben sie nit die Hüt mit Blumen besteckt, als ob es Hochzeit gäb? Ist denn kein Bayer im Land? Das wird lustig werden, wann mal vom Spitzhörndl dort das Kreitfeuer Kreitfeuer – Kreidefeuer; Signalfeuer, das zum Zeichen eines feindlichen Einfalles auf den Höhen angezündet wurde. aufbrennt!« »Was gibt's denn?« fragte man und trat näher. Das Lachen hörte auf. Der Löffel-Franz spuckte erst aus, bevor er antwortete. »Ich mein nur so«, grollte er. »Den roten Adler haben sie an die Kette gelegt, und ihr seid lustig.« »Sei still!« warnte einer und deutete mit den Augen über die niedrige Kirchhofsmauer. Dort standen Lisei und ihr Verlobter im Gespräch, und Wolf sah plötzlich alle Augen jenseits der Mauer auf sich gerichtet, und zwar mit einem Ausdruck, der ihm die Zornröte ins Antlitz trieb. Mit gutem Gewissen hielt er den Blicken stand, und als er sich daraufhin mit Lisei entfernte, sagte er bitter: »Jetzt hast dich selbst überzeugen können, wie sie gegen mich gesinnt sind.« Der Löffel-Franz aber fragte: »Was leidet ihr die Horcher unter euch, wann ihr sie kennt?« »Freilich, was leiden wir, daß uns die Mücken stechen?« lachte Jerg, der sich auch unter den Zuhörern befand. Er war der Warner gewesen. Gleich darauf saß der Löffel-Franz wieder allein auf der Bank bei seinen Waren. In der Kirche hatte die Predigt begonnen. Hannes stand auf der Kanzel, und als er von der erhöhten Stelle aus auf die zahllosen Köpfe schaute, die er alle kannte, als er seinen Vater, gleich den übrigen, zu seinen Füßen sitzen sah, mochte er wohl einigen Stolz empfinden und seine Seele den Druck abwerfen, der auf ihr gelastet hatte, soweit er zurückzudenken vermochte. Der Klosterbauer saß mit emporgezogenen Augenbrauen steif da, als ob es sein Amt wäre, jedes Wort von Hannes auf der Waage des unbestechlichen Richters zu prüfen. Die Glückwünsche seiner Freunde nach beendigtem Gottesdienst nahm er mit einer Miene auf, als verstehe es sich ganz von selbst, daß ein Falkner gut predigen könne. Er nahm die Ehre des Erfolges auf sein Haupt; dem armen Hannes kam der neue Schößling, den des Vaters Hochmut trieb, nicht zugute. Afra sah sich während der Predigt immer nach Ambros um. Aber er fehlte, und Stasi auch. So war es denn unzweifelhaft, daß er sich nur um des Mädchens willen vorher in der Kirche eingefunden hatte, und in dem Herzen der schönen Frau gärte es von Gefühlen, die mit christlicher Liebe nichts zu tun hatten. Ihre Eitelkeit wetzte das Messer für Ambros, der zu dieser Zeit in dem Lärchenwald über dem Gehöft der Witwe Larseit lang ausgestreckt auf dem Rücken lag. Er hatte die Hände unter dem Kopf gefaltet und schaute durch das feingefiederte Laub in den Himmel. Er dachte an nichts und träumte auch nicht. Ihn, der sonst immer etwas tun, der immer in Bewegung sein mußte und ein ewiges Getriebensein in sich verspürte, erfüllte zum erstenmal in seinem Leben eine wunschlose, selige Ruhe. Brütende Stille war um ihn. Erst als die Glocke von St. Vigil mit leisem Summen zu ihm herauftönte, erhob er sich und trat unter die Bäume am Waldrand. In der Tiefe strömten die Menschen aus der Kirche, standen noch eine Weile in Gruppen beieinander und zerstreuten sich dann heimgehend auf Wegen und Stegen, zwischen Feldern, Wiesen und Hecken. Er sah den Sägemüller mit seiner Frau der Brücke zuschreiten, nachdem sie sich von seinem Vater und Lisei verabschiedet hatten. Aber der Narben lacht, wer Wunden nie gefühlt. Er gewahrte, daß Jerg seine Schwester begleitete, während der Klosterbauer mit stattlicher Würde voranging; und er sah Herrn Moltenbecher mit seinem Bruder, den jener untergefaßt hatte, über den Anger nach dem Pfarrhaus gehen. Hannes sollte heute bei seinem ehemaligen Lehrer speisen, und Ambros fühlte bei dem Gedanken, daß ihn sein eigener Magen mahnte. Er suchte den nächsten Abstieg in der Richtung des Klosterhofes. Das Saatkorn der Verdächtigung, das Afra in die Brust des Klosterbauern gesenkt hatte, war auf steinigen Acker gefallen. Es war zu ungereimt, daß Ambros irgendwie ernstlich an die Tochter Kaspar Larseits denken sollte; zudem war ja Hartwanger auf der Brautschau für ihn. Der Klosterbauer dachte so wenig noch an Afras Äußerungen, daß kein Argwohn in ihm erwachte, als Ambros während des Essens freimütig gestand, daß er die Predigt des Bruders gar nicht mit angehört habe. »Auf die Berg bin ich gestiegen und hab in den Himmel hineingeschaut, ob den Engeln denn wirklich das Herz im Leib lacht«, setzte er hinzu. Da ließen alle fragend die Messer ruhen, und Ambros erklärte: »Ja, hast du's denn nimmer gehört, Vater? Die Muhme Vefa behauptet's, daß sonntags selbst den lieben Englein der Mund wäßrig wird, wann sie den guten Geruch von ihrem Kochen, Backen und Braten aus dem Pfarrschornstein verspürn. Und weil heut der Hannes dort zu Gast ist, da gibt's gewiß eine Extrafreud für sie.« »Oh, du gottloser Bub du!« schalt der Klosterbauer und schmunzelte. Lisei aber sah ihn bekümmert an, und als sie ihn am Nachmittag auf der Galerie pfeifen hörte, ging sie hinauf, um mit ihm über Stasi zu reden. Denn auch sie hatte ihn mit dem Mädchen fortgehen sehen und konnte sich daher leicht vorstellen, weshalb er die Predigt geschwänzt hatte. Er putzte an seinem Stutzen und ließ sich durch Liseis Kommen in seinem Pfeifen nicht stören. Sie setzte sich auf einen umgestürzten Zuber und sah ihm schweigend zu. »Schieß schon los!« rief er endlich. »Jetzt soll ich doch die Predigt zu hörn kriegen, aus der ich weggelaufen bin.« »Ich wollt, ich könnt zu dir reden, wie's unser Herr Hannes versteht«, seufzte die Schwester. »Denn Zeit wär's wohl endlich, daß du zum Guten einlenkst. Ach, Brosi, soll denn das immer so fortgehn in Saus und Braus? Der Vater wünscht auch, daß du ein gesetzter Mensch wirst. Ihm könntest du mit nix eine größere Freud machen. Du solltest doch dran denken, daß du der künftige Klosterbauer bist und daß du alt genug bist, endlich ans Heiraten zu denken, meint der Vater.« »Meint der Vater?« Ambros sah verwundert von seiner Beschäftigung auf. »Und das hat er zu dir gemeint?« »Ach nein, wie sollt er! Die Muhme hat mir heut morgen davon gered't.« »Da bin ich doch neugierig, in was für einen Kochtopf die mich stecken will!« scherzte er. Lisei entgegnete mit dem Anflug eines Lächelns: »Den Topf haben sie noch nit ausgesucht, sie und der Vater. Die Muhme Vefa hat mir aber erzählt, daß der Vater dem Hartwanger, wie er das letztemal hier gewesen ist, den Auftrag gegeben hat, sich nach einer Frau für dich umzuschaun.« »Das ist lustig!« lachte er laut. »Möcht wohl sehn, wie die beschaffen ist, von der der Hartwanger glaubt, daß sie mir gefallen könnt!« »Wirf's nit so weit von dir!« mahnte Lisei. »Warum denn?« fragte er, während er das Schloß, das er inzwischen eingeölt hatte, wieder an die Büchse schraubte. »Ach so, ich versteh!« Er pfiff leise. »Du willst mich rasch unter die Haub bringen, damit du nit länger auf deinen Wolf zu passen brauchst« Liseis Wangen röteten sich ein wenig stärker, aber ruhig entgegnete sie: »Nein, Brosi, daran hab ich nit gedacht. Wir können schon noch warten, wann's sein muß.« »Wie die Juden auf den Messias«, spöttelte er. »Zum Teixel, Lisei, warum läßt den Lechner nit laufen? Du könntest jeden Tag einen Bessern haben.« »Nein, Bruder, einen Bessern nit«, versetzte sie warm. »Du tätst auch nit so reden, wann du ihn kennen würdst. Was hat er dir nur getan, daß du ihm so zuwider bist? Mir tut's weh, Brosi.« »Was könnt der mir auch tun?« rief er hochfahrend, indem er sein Haar aus der Stirn schüttelte. »Aber er ist ein Fremder, ein verdammter Bayer ist er!« »Er hat sich in der Gemeind eingekauft mit einer Feuerstell und als Meister«, entgegnete Lisei nachdrücklich. »Darum gehört er zu uns, und er hält auch in allen Stücken zu uns. Seine Schuld ist's doch nit, daß wir haben bayrisch werden müssen! Und hat er darunter nit ebensoviel zu leiden wie wir? Er hat mir auch oft erzählt, daß die Menschen in Garmisch, wo er daheim ist, in Oberbayern, ganz dieselben sind wie in unserm Tirol. Sie haben denselben Glauben wie wir, sie reden dieselbe Sprach wie die Deutschtiroler, und ihr Land schaut aus wie das unsrige. Es könnt einer weit, weit ins Oberbayrische hineinwandern, sagt er, und würd nimmer glauben, daß er nit mehr in unserm Tirol ist. Ich hatt immer gehofft, daß du dem Wolf ein rechter Bruder sein würdst, und er ist dir gut gesinnt, wann er auch in seiner Verständigkeit nit alles loben kann, was du anstellt. Jetzt hast du dich aber auch zu seinen Widersachern gestellt. Du mußt doch wissen, daß alles, was du gegen ihn sinnst und tust, auch deine Schwester trifft«Sie sah ihn traurig an, und er murrte unbehaglich: »Na, Lisei!« Mit einem wehmütigen Lächeln fuhr sie fort: »Als wir zwei noch Kinder warn und du wolltst den armen Hannes, der sich gegen dich nit wehrn konnt, drücken und zausen, da hab ich wohl manchmal mit dir gerungen und gerauft, wann du im Guten nit hören wolltst. Jetzt ist's mit dem Raufen zwischen uns vorbei, sonst tät ich's, von wegen dem Unrecht, das du dem Wolf tust.« »Ja, Mut hast gehabt, das ist wahr!« lachte er, und sie setzte hinzu: »Ich geb dir auch jetzt keine Ruh, bis du's eingesehen hast, daß der Wolf Lechner der bravste Mensch ist. Und daß du's weißt: von ihm lassen tu ich nit!« »Meinetwegen. Im Grund geht's mich nix an«, erwiderte er, ihr die Hand reichend. »Na, Lisei, ich will dir nit entgegen sein.« »Und, gelt, Brosi, allzulang wirst uns nit warten lassen?« rief sie, seine Hand herzlich schüttelnd. »Du meinst, weil der Hartwanger auf die Brautschau gegangen ist?« fragte er achselzuckend. »Bah!« »Ich wollt deine Frau liebhaben, als ob's meine wirkliche Schwester wär«, versicherte Lisei mit Wärme. »Alleweil denk ich nit daran«, äußerte er sorglos, indem er Hahn und Pfanne seines Gewehrs federn ließ. »Und die Stasi Larseit?« fragte die Schwester leise. Er schaute sie mit großen Augen an. »Bruder!« bat sie und streckte die Hand gegen ihn aus. »Ich weiß nit, was du willst«, versetzte er. »Ja, die Stasi, das ist eine Gitsche, so lieb, wie es keine zweite auf der Welt nit gibt. Und ich will keinem raten, sie in den Mund zu nehmen! Auch von dir leid ich's nit!« »Aber du selbst bringst sie ins Gered der Leut!« rief seine Schwester eindringlich. »Sie ist gut und lieb, ja, aber was soll daraus werden?« »Ja, was soll denn daraus werden?« fragte er halb ärgerlich, halb verwundert. »Kann denn einer kein Wort mit einem hübschen Madi reden, ohne daß gleich der Glockenstreich angeht? Feurio!« »Du denkst immer nur an dich«, sagte die Schwester bekümmert. »Du kannst auch nit wissen, wie ein Madl ganz anders denkt und fühlt. Und jetzt gar so ein junges Ding, wie es die Stasi ist, und so ganz unerfahrn! Ich hab neulich manches mit ihr gered't, auf der Heimfahrt von St. Lorenzen. Sie ist noch ein Kind. Ach, Brosi, der ist leicht was in den Kopf gesetzt, und sie hält es fest mit dem Herzen! Deine Frau kann sie doch nit werden, und nachher ist ihr Unglück fertig fürs ganze Leben.« »Daß ihr Gitschen doch gleich ans Heiraten denken müßt!« rief er ärgerlich. »Als ob der Mensch allein dazu auf der Welt wär! Da ist ja kein Verstand nit drin.« »Ja, du steifst dich immer auf deinen Verstand und tust das Gegenteil!« antwortete Lisei etwas heftig. »Ich bitt dich, Brosi, nimm's zu Herzen, was ich dir vorgestellt hab!« Er aber schulterte seinen Stutzen und ging in seine Stube. Wonnig lachte vor ihr das Tal mit seinen grünen Matten, seinen reifenden Kornfeldern und seinen rosig erblühenden Buchweizenäckern. So recht sonnig-behaglich lagen die braunen Holzhäuser eingenestelt in dem Grün der Wiesen und Gebüsche, und zart und träumerisch erhoben sich die Dolomiten über den Tannenwäldern. Lisei sah das alles nur durch einen grauen Flor. Nicht lange nach der Unterredung verließ Ambros den Klosterhof. Den Stutzen auf dem Rücken, die silberbeschlagene Pfeife im Mund, so schlenderte er sorglos zwischen den Feldern und über die Triften nach St. Vigil. Am Rande des Bannwaldes begann das Schießen nach der Scheibe, die jenseits des Baches vor der Felsenwand aufgestellt war. Es war ein lustiges, eifriges Knallen – infolge der Reden des Löffel-Franz am Vormittag vielleicht eifriger als gewöhnlich, und manch stachliger Scherz auf die Bayern traf mit den sicheren Kugeln ins Schwarze. Wolf Lechner hatte sich schon seit mehreren Wochen nicht mehr auf dem Stande blicken lassen. Manch herbes Scherzwort galt ihm persönlich, namentlich aus dem Munde des stets spottlustigen Jerg. Der Klosterhof war zu weit entfernt, als daß Lisei das Schießen hätte hören können. Stasi aber vernahm das Knallen der Büchsen und das Einschlagen der Kugeln deutlich, und es lockte sie von dem Bett, das die Mutter heute nicht verlassen hatte, ans Fenster. Sie gewahrte die Schützen an der Waldecke, aber sie konnte Ambros unter ihnen nicht erkennen, obgleich das Herz ihre jungen Augen schärfte. Sie saß ganz still, legte die Hände im Schoß zusammen und stellte sich vor, daß er jetzt zu ihrem Häuschen hinaufschaue und ihre Blicke sich begegneten. Sie nickte ihm zu und schalt sich dann, daß sie so kindisch war. Er konnte ja ihren Gruß nicht wahrnehmen; aber sie sah ihn ganz deutlich vor sich stehen. Ach, wie war es nur möglich, daß er sie lieben konnte? Es überschauerte sie, daß ihr ohne alles Verdienst ein so großes Glück zugefallen war. Groß? Es war ja ganz ohne Ende! – Warum sie ihn nur den Wilden nannten? Sie bedeckte ihr glühendes Gesicht mit den Händen, denn sie dachte an die leidenschaftliche Gewalt, mit der er sie an seine Brust gedrückt und herumgewirbelt hatte. Sie lächelte. Die Sonntagsruhe war so recht dazu geeignet, sich in das süße Gefühl einzuspinnen und wenn Stasi sonst die Mußestunden des Sonntags mit einem unverstandenen, schwermütig gefärbten Sehnen zugebracht hatte, so erfüllte ihr Herz heute ein glückseliger Rausch. Ambros hatte Stasi nicht gesagt, ob er sich abends am Gartenzaun einfinden würde; sie war jedoch überzeugt, daß er kommen würde, und sie warf manchen Blick auf den Kreuzkofl und den Pares, die ihre Sonnenuhr waren. Noch ruhte das volle, warme Licht auf ihnen. Als Stasi nach einer Weile wieder hinsah, erschienen sie wie von einem leichten Schleier verhüllt. Rasch wob er sich um alle Gipfel des zerrissenen Kalkgebirges und wurde dichter und dunkler. Die Kirche von St. Vigil stand in einem fahlen Licht. Kein Blatt bewegte sich an den Bäumen. In das Ave Maria klang ein dumpfes Murren hinein. Das unsichere Licht und der drohende Himmel hatten die Schützen schon vorher veranlaßt, das Schießen einzustellen. Die älteren Männer waren nach Hause gegangen, die jungen Leute hatten sich in den »Stern« zurückgezogen. Ambros saß nicht gerade in der rosigsten Laune unter ihnen – drohte doch seine Hoffnung, Stasi am Abend wiederzusehen, buchstäblich zu Wasser zu werden. Auf dem Stand war er der Ausgelassenste gewesen. Die anderen neckten ihn, und er gab scharfe Antworten. Mutschleitner holte seine Zither, spielte erst ein Stücklein und hob dann an: »Mir ist so wohl Auf den Bergen von Tirol …« Alle stimmten ein. Urplötzlich stand die ganze Stube in bläulichem Feuer, und unmittelbar darauf folgte ein Schlag, der die Fenster erklirren ließ. Der Gesang brach jäh ab, und Ambros warf in die Stille hinein die Worte: »Jetzt fangt droben das Kegelschieben an.« Es lachte jedoch niemand. Das Gewitter zog bald vorüber, aber es regnete weiter, und die Luft blieb schwül. Ambros mußte sich darein finden, Stasi heute nicht mehr zu sehen. Als der Donner nur noch in der Ferne grollte, erhob sich ein weißköpfiger Alter, um heimzugehen. Dabei rief er Ambros zu: »Du sollst nit solche sündhafte Reden führn. Wer Gott lästert, des freut sich der Teixel. Nimm dich in acht!« »Der Teixel ist auch was Recht's!« murrte Ambros und hüllte sich in dichte Tabakswolken. »Gelt, das würdest ihm nit ins Gesicht sagen?« rief Jerg. »Warum nit?« trotzte Ambros. »Aber es gibt eben keinen.« Es erhob sich ein allgemeines Geschrei über diese kühne Behauptung. »Was braucht's einen Teixel in der Welt?« überbot sie Ambros. »Die Menschen tun schon seine Sach ohne ihn. Stern und Hagel, könnt der Böse schlimmer im Land hausen, als es der Bayer und der Franzos tun?« »Nein, da hat er recht!« rief es von allen Seiten. Mutschleitner schlug einige starke Akkorde auf seiner Zither an und räusperte sich zu einem Lied, um von dem gefährlichen Thema abzulenken. Aber die Burschen ließen sich nicht davon abbringen, zumal der Wein bereits die Köpfe erhitzt hatte. Der Sternwirt drang nicht durch, und nachdem die Bayern, Franzosen und der Teufel eine Weile bunt durcheinandergeworfen worden waren, machte Jerg den Vorschlag, daß Ambros, um den Streit zu entscheiden, den Teufel rufen sollte. Gäbe es einen, so käme er gewiß, denn er sei ja gut Freund mit Ambros. Schallendes Gelächter belohnte den Vorschlag; nur Ambros verzog keine Miene. »Ich will's tun«, sagte er ruhig, »wann mich der Jerg als Zeuge um Mitternacht auf den nächsten Kreuzweg begleiten will.« Jerg streckte abwehrend beide Hände vor sich hin. »Oder sonst einer von euch«, rollte Ambros seine Augen umher. Keiner verspürte Lust dazu, und einige der Burschen schlichen sich sacht davon. Die Zurückbleibenden lachten sie aus. »Es muß doch mit euerm Christentum allesamt schlecht beschaffen sein, daß ihr auf das Vaterunser oder sonst ein fromm Sprüchlein nit vertraut! Dagegen kann der Böse nit an.« Eine rauhe Stimme war es, die diese Äußerung getan; sie kam von einem Mann, der von den Gästen am Tisch bei dem Ofen allein zurückgeblieben war. Er hatte still dort gesessen, aus einer kurzen Holzpfeife qualmend und nur dann und wann an einem Glase Branntwein nippend. Es war das Gamsmanndl aus Monthan, bekannt in allen Tälern durch sein großes Jagdglück. So viele Gemsen wie er hatte noch nie ein Sterblicher erlegt; freilich wollte man wissen, daß er sich auf Freikugeln verstände. Seines Zeichens war er Gerber; da jedoch die Gemsenjagd für ihn eine Leidenschaft war wie für andere das Spiel, vermochte ihm sein Handwerk auf keinen grünen Zweig zu helfen, und sein bestes Zeug, das er zur Feier des Sonntags angelegt hatte, verriet seine mißliche Lage. Er war kein junger Mann mehr – das bezeugten die grauen Fäden in seinem mächtigen Schnurr- und Knebelbart. Gesicht und Hände schienen in brauner Lohe gebeizt, und an seinem Leib war kein überzähliges Lot Fleisch. Seine dunkelbraunen Augen, die jetzt unter dem Schlapphut hervor auf die jungen Leute gerichtet waren, hatten den festen, scharfen Blick eines Falken. »Das Gamsmanndl!« murmelten die Burschen, und Ambros rief ihm zu, er möge sich zu ihnen setzen. Als er der Aufforderung nachkam, zeigte sich, daß das Diminutiv Diminutiv – Verkleinerungsform eines Wortes. gut auf ihn paßte: Er war kaum von mittlerer Größe. »Du mußt freilich wissen, ob das Mittel gegen den Bösen hilft«, spöttelte Jerg. »Ja, das weiß ich!« versetzte das Gamsmanndl mit einem Ernst, der ihn überhaupt nie verließ. Keiner hatte ihn je lachen hören oder lustig gesehen. »Es hilft in jeder Not und Gefahr, nur in einer nit.« »Und das wär?« rief es neugierig ringsum. »Ja, gegen die Geister und Gespenster, die zur Straf umgehn müssen, da hilft kein Beten«, sagte das Männlein. »Ob's wahr ist?« zweifelte einer, und ein anderer, den seine Kameraden Sebi nannten, rief: »Holla, Ambros, das wär ein Stücklein für dich, das solltest du erproben!« »Warum nit?« entgegnete dieser. »Sag mir nur, wo ich welche finden kann.« »Oh, ich sollt meinen, du brauchst bloß um Mitternacht auf den Kirchhof zu gehn«, gab Sebi an. »Weiter nix?« fragte Ambros. »Meinetwegen.« »Tu's nit, Ambros!« warnte das Gamsmanndl und legte ihm die Hand auf den Arm. Doch Ambros rief: »Wann du also was an deinen seligen Großvater auszurichten hast, Sebi – heut um Mitternacht will ich's bestelln. Als Botenlohn zahlst am nächsten Samstag, wann wir zum Singen herkommen, jedem von uns eine Halbe.« »Es gilt, es gilt!« lärmten die übrigen durcheinander, mit Ausnahme des Gamsmanndls, das nur den Kopf schüttelte. »Und was soll ich ihm von dir ausrichten, Sebi'?« fragte Ambros. »Der Sebi will frein und hat kein Geld«, scherzte Mutschleitner. »Frag den Alten, wo der Sebi einen Schatz heben kann«, fügte Jerg hinzu. »Da braucht einer die Toten nit zu verinkommodieren«, meinte ein dritter. »Das weiß ja jeder, daß unter den Zirbeln halbwegs am Anstieg zum Jöchl ein Schatz vergraben liegt.« »Oder in den Kellern vom Schloß Asch«, ergänzte ein anderer. »Es ist ihm freilich schlimm beikommen, denn der Ritter von Brack hütet ihn, der wilde Franz Wilhelm, der in der Ebene vor Corvara ist erschlagen worden.« »In welcher Gestalt geht er denn um?« fragte wieder ein anderer. Darüber waren die Ansichten geteilt, und aus jeder entwickelte sich irgendeine Schatzgräber- oder Gespenstergeschichte. Die meisten konnten hierzu einen Beitrag liefern. Man rückte enger zusammen sprach mit gedämpfter Stimme und scheute sich, in die dunklen Ecken der Stube zu blicken. Manchem lief es fröstelnd über den Rücken. Ambros erzählte Schauergeschichten von dem wilden Jäger, die das Gamsmanndl mit feierlichem Kopfnicken bestätigte. Jerg berichtete einige Stücklein von dem Berggeist Orco, der gern die Menschen foppe, aber schwere Vergeltung an denen übe, die ihn selber neckten. Schließlich tat das Gamsmanndl die Pfeife weg, schlürfte die Neige seines Branntweins aus und hob eine Geschichte von der verfallenen Mühle im Bannwalde an. Seine rauhe, monotone Stimme, die Unbeweglichkeit seines braunen Gesichts, aus dem die Augen wie die eines Raubvogels glänzten, steigerten noch das Grausen seiner Erzählung. Die Mühle, deren Schauplatz sie war, lag eng eingeklemmt zwischen dem Bach und den schroffen Wänden des Pares, so daß sie nur schwer zugänglich war. Ihr letzter Eigentümer sei ein schrecklich habsüchtiger Mensch gewesen, dem nichts heilig war. In das Brotmehl habe er immer einen großen Teil zerriebenen Kalk gemischt, und zuletzt habe er seine Seele dem Bösen für ein Paar Glückswürfel verkauft. Damit habe er spielen dürfen, wo und wann er gewollt, nur nicht in der heiligen Weihnacht. Verstieße er gegen diese Bedingung, so sollte es jedesmal ein Leben derjenigen kosten, die ihm die Liebsten auf der Welt waren, zuletzt sein eigenes. Zum Zeichen, daß seine Zeit gekommen wäre, würde er sieben Augen werfen. »Kisten und Kasten hat er mit dem Silber und Gold gefüllt, das ihm die Würfel einbrachten«, fuhr das Gamsmanndl fort, »und ihr könnt euch schon vorstellen, daß er in seiner Gier nit achtgehabt hat auf die heilige Zeit. So hat er denn das Leben seiner Frau und seiner Kinder verwürfelt, und wie zuletzt in einer heiligen Weihnacht die sieben Augen sind gefallen …« Ein schreckliches Heulen und Pfeifen unterbrach ihn. Seine Zuhörer wurden blaß, und den meisten sträubte sich das Haar. »Just so war's damals! Ein furchtbarer Sturm erhob sich«, begann der Erzähler wieder. Da schlug die Wanduhr die Mitternachtsstunde. Das Gamsmanndl verstummte. Als die Uhr ausgeschlagen hatte, stand Ambros auf. Auch er war ein wenig blaß geworden; doch seine Stimme klang wie gewöhnlich. »Jetzt geh ich auf den Kirchhof«, sagte er. »Vielleicht krieg ich den Müller zu sehn, wie er umgeht in glühenden Ketten, das Gesicht im Genick.« Einige schlugen das Kreuz, die anderen starrten ihn mit weitgeöffneten Augen an. Mutschleitner versuchte, ihn von seinem Vorhaben dadurch abzubringen, daß er ihn auf das draußen tobende Unwetter aufmerksam machte. Ambros aber ließ sich nicht halten, und durch das Brausen, Heulen und Pfeifen vernahmen die Zurückbleibenden das krachende Zuschlagen der Haustür. Eine Windsbraut raste vom Col de Ril her durch das Tal, und Ambros hatte sich mit aller Kraft gegen die Haustür stemmen müssen, um ins Freie zu gelangen. Gleich darauf riß es ihm den Hut vom Kopf. Er machte keinen Versuch, ihn wiederzufinden. Undurchdringliche Finsternis umgab ihn, und sie war erfüllt von Staub, Sand, Blättern und abgerissenen Zweigen. Es war ihm unmöglich, auch nur einen halben Schritt weit zu sehen, und nur mit allergrößter Mühe behauptete er sich gegen die Gewalt des Wirbelsturmes. Zur Linken hörte er den Bach tosen, doch konnte er weder ihn noch die Brücke erkennen. Er blieb stehen, um den Gewittersturm vorübersausen zu lassen. Da tobte es über dem Bannwalde auf, ein unheimlicher Donner erfüllte das Tal, und eine Sintflut begann aus den Wolken zu stürzen. Dunkelheit, schwärzer als zuvor, umgab den tollkühnen Burschen. Der Blitz hatte ihm jedoch gezeigt, daß er noch eine gute Strecke von der Brücke entfernt war, und er schritt vorsichtig weiter, wobei er über manchen im Wege liegenden Stein stolperte. Wieder flammte ein Blitz auf und unmittelbar darauf ein zweiter und dritter in anderer Richtung. Es waren mehrere Gewitter über dem Tale zusammengetroffen. überall ein Flimmern und Aufzucken. Und der Donner rollte unaufhörlich gleich dem Brüllen von Geschützen in der Schlacht. Dazwischen rauschte und zischte der Regen und toste der im Nu angeschwollene Bach. Beim Leuchten der Blitze gelang es Ambros, die Brücke zu finden. Eine blaue Feuerkugel fuhr durch den Regen, und der nachfolgende Donnerschlag warf Ambros betäubt gegen das Brückengeländer. Aus dem Bergwald zu seiner Rechten brannte eine Riesenfackel auf. Der Regen löschte sie jedoch bald wieder aus, und es trat eine Pause in dem Aufruhr ein; nur der Regen rauschte durch die Finsternis weiter. Kaum aber hatte Ambros das andere Bachufer gewonnen und begann den Anger hinaufzugehen, als das Toben und Wüten von neuem anhob. Jetzt lohte der ganze Himmel in fahlem Lichte auf. Die Kirche, die auf dem Plan verstreuten Häuser, die Berge ringsum und die Dolomiten dahinter dämmerten gespenstig bleich durch die Regenmassen. Die Welt schien unterzugehen in Flammen und Fluten, und unter brüllendem Donner versank sie in jäher Finsternis. Bleich blickten die Gesichter im Wirtshaus drein. Einige beteten, andere machten bei jedem Wetterschlage das Zeichen des Kreuzes. Keiner sprach. Nur das Gamsmanndl saß ruhig da und rauchte aus seiner Holzpfeife, die es wieder gefüllt hatte. Mutschleitner ging in der Stube hin und her und warf zuweilen einen Blick auf die Wanduhr. Nach einer Weile brachte er eine Flasche Kirschwasser und nötigte seine Gäste zum Trinken. Das Feuerwasser regte die Geister wieder ein wenig an. »Wann er nur glücklich über den Bach gekommen ist!« äußerte der Wirt. »Nach Haus hat er sich gemacht, und wir sitzen hier wie die Narren!« meinte Jerg. »Ich kenn ihn. Morgen wird er uns alle auslachen.« Sebi verteidigte den jungen Falkner. Es könnte niemand von ihm behaupten, daß Reden und Tun bei ihm zweierlei seien. »Ein Prahlhans ist er!« rief Jerg giftig. Das Gamsmanndl richtete seine Falkenaugen auf ihn und sagte unter einer Rauchwolke: »Das lügst in deinen Hals hinein. Wer so viel Mut hat wie der Ambros, der überlaßt das Prahlen andern. Wir beide sind manches liebe Mal zusammen den Gemsen nachgestiegen; da erfahrt man's schon, ob einer das Herz auf dem rechten Fleck hat oder nit. Was der sich in den Bergen getraut, das getrau ich mir nit mal. Er hat zuviel von dem, was dir fehlt, und das wird noch sein Unglück werden.« Jergs Antwort war daß er ein Gesicht schnitt, und Mutschleitner sagte: »Du mein Heiland, wie das wieder blitzt und kracht! Bei dem Wetter bleiben selbst die Gespenster daheim!« »Fangt Ihr wieder davon an?« rief einer von den Burschen grämlich. Da, Schritte! Die Stubentür ward aufgestoßen, und Ambros erschien, barhäuptig und von Nässe triefend. Das schwarze Haar klebte regenschwer an seinem bleichen Gesicht. »Was glotzt ihr mich an, als ob ich selber ein Geist wär?« rief er mit rauher Stimme. »Da bin ich! – Mit dem Sebi seinem Großvater hab ich nit reden können. Der hat bei dem Hundewetter nit vor die Grabtür kommen wolln.« Diese Worte brachen den Bann, der auf den Burschen lag. Sie atmeten auf, und einige schrien: »Hurra!« »Ja, bist denn wirklich auf dem Friedhof gewesen?« fragte Jerg lauernd. Statt einer Antwort hob Ambros einen Gegenstand von der Schulter und hielt ihn mit beiden Händen den Burschen hin. Sie fuhren betroffen zurück: Es war ein kleines Grabkreuz, das am Fußende abgebrochen war. »Ambros, Ambros, das geht über den Spaß!« äußerte der Wirt bedenklich. »Den Teixel war's bei dem Wetter ein Spaß!« runzelte Ambros die Stirn. »Ich wußt ja, daß ihr mir nit glauben würdet. Einen Schnaps, Wirt! Da schaut nach, wer mir den Schein ausgestellt hat!« Er warf das Kreuz mitten unter die Flaschen und Gläser auf den Tisch, und während die anderen die zum Teil schon verloschene Inschrift auf dem Holz zu entziffern versuchten, stürzte er den Branntwein hinunter, den Mutschleitner ihm eingeschenkt hatte. Jerg warf ihm einen bedeutungsvollen Blick zu und sagte gedehnt: »Der Name schreibt sich Kaspar Larseit.« Ambros zuckte zusammen, sagte aber nichts. Dann atmete er tief auf, nahm das Kreuz und gab es dem Sternwirt mit der Bitte, es einstweilen zu verwahren. Mutschleitner ermahnte die Anwesenden, über den Vorgang zu schweigen, und sie versprachen es. Ambros hatte sich unterdessen sein Schießzeug umgehängt, und mit einem kurzen »Gute Nacht, allesamt!« verließ er die Stube. »Ich komm mit!« rief ihm Jerg nach. Aber Ambros wartete nicht. Nun rüsteten sich auch die übrigen zum Heimweg und geleiteten einander. Nur das Gamsmanndl drückte sich vor der Tür still davon. Es hatte mittlerweile aufgehört zu regnen; noch aber blitzte es über den Bergen und murrte von ferne. Kein Stern stand am Himmel. 5. Kapitel Der Gewitternacht folgte ein Regentag. Alle Feldarbeit mußte ruhen. Graue Wolken wälzten sich von Südwest über das Jöchl ins Tal hinein und schoben sich zwischen den Bergen durcheinander; und wenn es einen Augenblick schien, als ob sie sich lichten wollten, wenn Felsen und Wälder phantastisch aus ihnen auftauchten, so ballten sie sich im nächsten Augenblick nur um so dichter zusammen und hüllten alles in Grau und sprühenden Regen. Es war am Nachmittag. Kein Mensch war auf den Feldern, kein Vogel in den Lüften. Ein roter Regenschirm bewegte sich einsam durch das trostlose, monotone Geriesel. Er kam vom Klosterhof her, und unter ihm stapfte der junge geistliche Herr in seinen hohen Stiefeln. Bei solchem Wetter werden selbst die Gesunden melancholisch, um wieviel mehr erst die Kranken! Herr Hannes übte sich in den samaritischen Pflichten seines künftigen Amtes, indem er die Witwe Larseit besuchte. Er hatte Stasi bei seiner gestrigen Predigt nicht in der Kirche bemerkt und schloß daraus, daß sich der Zustand ihrer Mutter verschlimmert haben müsse. Er traf Frau Larseit im Bett an; sie war allein. Stasi hatte häusliche Arbeiten zu verrichten, und David war zum Schullehrer gegangen – der wie er ein großer Blumenfreund war – um sich mit ihm über eine neue Kakteenart zu unterhalten. Ruthler hatte die schöne rote Blume durch Vermittlung des Oberförsters Planta, dessen Bruder Arzt in Mailand war, aus Italien erhalten. Hannes hatte erst eine kleine Weile bei der Kranken gesessen – und zwar, wie hinzugefügt werden muß, in einer Zerstreutheit, die eigentlich schlecht zu dem menschenfreundlichen Zweck seines Besuches paßte – als Stasi hereinkam. Ihr hübsches Gesicht strahlte, und es mochte dessen Widerschein sein, der hell über die Züge des Kuraten glitt. Sie hatte noch geschwind, nachdem sie ihre Arbeit getan, von dem kleinen Hof hinter dem Hause einen Blick zum Himmel geworfen, und es hatte ihr geschienen, als ob er sich über dem Jöchl aufkläre. Heute abend, so hoffte sie, würde sie Ambros wiedersehen, und nun fand sie in der Stube ihren Jugendfreund, der für sie zum Bruder ihres Ambros geworden war, und als solchen begrüßte sie ihn mit einer lieblich verschämten Herzlichkeit. Hätte er in unseren Tagen gelebt, so hätten ihn die Ärzte auf Blutarmut taxiert. Er aber glaubte in diesem Augenblick, daß er zuviel Blut habe – fühlte er doch sein Herz ganz voll davon, hörte er es doch an den Schläfen singen! Stasi, die für gewöhnlich ein stilles Wesen hatte und zum Verdruß der Mutter wenig »gesprächsam« war, fing heute gleich lebhaft an zu reden. Sie bedauerte, daß sie gestern zur Predigt nicht habe in der Kirche bleiben können, weil sie den Ohm von der Krankenwacht bei der Mutter habe ablösen müssen. Es kam ihr vom Herzen und ging zum Herzen, daß sie den Herrn Hannes gar zu gern gehört hätte. Der Ohm habe ihnen so viel von seiner Predigt erzählt und ihn nicht genug loben können. Die Mutter bestätigte alles in breiter Ausführlichkeit, und dann wandte sich das Gespräch dem schrecklichen Unwetter am Abend zu. Stasi hatte sich nicht auf ihren gewöhnlichen Platz in der Nähe des Fensters gesetzt, sondern war am Kopfende des Bettes stehengeblieben. Hannes vermochte nicht den Blick von ihr zu wenden. Das Lob, das seiner jungen Priesterwürde, auf die er sich erst jüngst gesteift, hätte schmeicheln sollen, war für ihn so gut wie verloren. Er hörte nur wenig davon. Ein Gedanke verfolgte ihn, ein unglücklicher Gedanke. Es schien ihm, als habe er das Mädchen noch nie recht angesehen. Er erinnerte sich wenigstens nicht, daß ihm seine kleine Jugendfreundin je so lieblich vorgekommen wäre. Er hatte ihre äußere Erscheinung immer nur in dem Lichte ihres sanften, liebevollen Charakters gesehen, und jetzt …! Er holte seine Horndose hervor und nahm mit zitternden Fingern eine Prise. Aber es war keine Täuschung von seiner Seite, wenn Stasi ihm in neuem Reiz erschien. Die Ursache ahnte er freilich nicht, ahnte nicht, daß es das Glück der jungen Liebe war, das ihrem Lächeln den bestrickenden Zauber, ihren Blicken den tiefen, seelenvollen Schimmer verlieh. Armer Johannes! Da kam David nach Hause, und Stasi, die das Gesicht der Stubentür zugekehrt hatte, erschrak über sein verstörtes Aussehen. Sie trippelte ihm entgegen, und er stöhnte mit einer wahren Jammermiene, wobei er nach dem Bett seiner Schwester schaute: »Ach, das Kreuz! Das Kreuz!« Was war ihm geschehen? Ihm selbst war nichts geschehen. Ach nein – er hatte ja auch einen Ableger der neuen Kakteen in seiner Joppe, den er nun aus einer Papierhülle hervorzog und dem besorgt herantretenden Kuraten zeigte, der sich allerdings im Augenblick nicht sonderlich zu botanischen Studien aufgelegt fühlte. Stasi schüttelte ihn ein wenig am Arm, damit er ordentlich rede; allein, sie schüttelte seine Gedanken dadurch nur noch mehr durcheinander. Er hatte sich auf dem Heimweg immer überlegt, wie er die unerfreuliche Sache erzählen sollte, ohne seine kranke Schwester zu erschrecken. Er würde es dem Lehrer auch gar nicht geglaubt haben, sagte er, obgleich er dem Ruthler alles glaube – wenn er es nicht mit eigenen Augen gesehen hätte. Alle Leute im Ort unten hätten es gesehen und sprächen von nichts anderem. Natürlich sprachen sie von nichts anderem; denn das schlechte Wetter hielt die Leute untätig in ihren Häusern fest. Der Mesner hatte beim Morgenläuten entdeckt, daß das Kreuz am Grabe Larseits abgebrochen war. Das hätte durch den Sturm verursacht sein können; allein, das Kreuz war spurlos verschwunden. Es handelte sich also um eine Grabschändung, und später war dann auch durch den Tischler der Name des Täters bekanntgeworden. Was Ambros zu einer solchen Freveltat bewogen hatte – darüber schwebte noch ein Geheimnis. Hannes mußte all dies aus dem Ohm herauskatechisieren. Stasi erblaßte zu Tode, als der Name des Frevlers genannt wurde. War es ihr schon fürchterlich, daß Ambros überhaupt eine solche Tat begangen –wie sollte sie es fassen, daß er sie gerade am Grab ihres Vaters verübt hatte? Sie schlug das Fürtuch vors Gesicht, aber weinen konnte sie nicht. Das Herz war ihr wie zerdrückt. Die Mutter stöhnte auf ihrem Lager, dies sei der letzte Nagel zu ihrem Sarge. David hatte sich auf die Ofenbank geflüchtet, von wo er kläglich nach seiner Schwester hinüberschaute und seinen dicken Kopf wiegte. Hannes ging in der Stube auf und ab. Er wollte trösten, aber das Faktum der Grabschändung und der Täter waren nicht wegzuleugnen. Es würde sich ja aufklären, wie und warum alles geschehen wäre – das war alles, was er zu sagen wußte; und es verfing nicht. Der Schmerz der Frauen erfüllte sein Herz mit Bitterkeit gegen den Bruder. Er setzte sich auf den Stuhl am Fenster, auf dem Stasi zu sitzen pflegte, und brütete vor sich hin. In der Stube hörte man nichts als das Weinen Stasis, das Ächzen der Mutter und das Ticken der Wanduhr, während vor dem Fenster unaufhörlich der Regen von den Dachschindeln träufelte. Plötzlich erklang auf dem gestampften Lehmboden des Flurs ein fester Schritt, und die Stubentür tat sich auf. Stasi ließ die Schürze sinken und schrie auf. Der Eindringling war Ambros. Die Kranke wandte den Kopf nach der Tür und fragte mit schwacher Stimme, wer da sei. »Ich bin's, der Ambros Falkner!« sagte dieser und trat näher. Da richtete sich die Kranke im Bett auf und starrte ihn aus ihren eingesunkenen Augen mit aufflammendem Zorn an. »Grabschänder!« zischte sie und sank kraftlos in die Kissen zurück. Hannes trat dem Bruder in den Weg und bat ihn leise, fortzugehen. Nach seiner gottlosen Tat wäre dies der letzte Ort, wohin er hätte kommen dürfen. Ambros schob ihn beiseite und sagte, den Blick auf Stasi gerichtet, die den Kopf auf die Brust hatte sinken lassen: »Ja, Frau Larseit, ich hab Euern Zorn verdient. Ich hab Euch ein schweres Herzeleid angetan, aber ich hab Euch nit kränken wohn, gewiß nit. Bloß die Finsternis ist schuld gewesen, daß ich nit hab erkennen können, wem sein Grab es war.« Die Witwe kehrte den Kopf nach der Wand, und Hannes versuchte nochmals, den Bruder zum Fortgehen zu bewegen. Ambros möge nur jetzt die Kranke schonen und ihm mitteilen, was er etwa zu seiner Entschuldigung vorzubringen hätte; er würde es getreulich wiederberichten. Ambros aber rief, indem er sich das Haar aus der Stirn strich: »Nein, Frau Larseit, ich geh nit eher fort, als bis Ihr mir die Dummheit vergeben habt. Hört doch nur an, wie es gewesen ist!« Er erzählte, wie man seinen Mut habe auf die Probe stellen wollen und wie es zu den Folgen gekommen sei. Die Kranke verharrte in ihrer abgewendeten Lage. Johannes aber gewann als Priester die Oberhand über den Menschen, und er rief: »Unseliger, siehst du nit ein, daß du durch deine Herausforderung der Toten Gott gelästert hast? Und du bildest dir ein, daß er solchen Frevel ungestraft lassen würde?« »Davon ist jetzt nit die Red«, erwiderte Ambros heftig, und sich mehr zu Stasi als zu ihrer Mutter wendend, fuhr er fort: »Ich schwör's euch bei allen Heiligen, daß ich das Grabkreuz nit angerührt hätt, wann's nit gar so finster gewesen wär. Ihr sollt dabei auch nit zu Schaden kommen. Ich bin schon am Morgen beim Tischler gewesen und hab ein neues Kreuz bestellt. Das alte war sowieso schon angefault« Stasi hatte zögernd und zaghaft die Augen zu ihm aufgeschlagen. Verhielt es sich wirklich so, wie er erzählte? Hatte er weder ihr noch der Mutter ein Leid antun wollen? Ambros las die Frage in ihren nassen Augen. Er legte die Hand aufs Herz und schwor, daß er die lautere Wahrheit gesprochen habe. Hannes seufzte. In die Wangen Stasis kehrte das Blut zurück, und ihre Brust hob sich ein wenig freier. Die Mutter kehrte ihr Gesicht wieder Ambros zu. Sie glaubte ihm nicht. Einem gottlosen Menschen wie ihm käme es auf eine Lüge und einen Meineid nicht an. Er brauste auf. Dummheiten habe er vielleicht manche begangen, aber gelogen nie, und einen Menschen um Verzeihung gebeten auch noch nie. Sich bezwingend, fuhr er etwas ruhiger fort: »Aber es ist ja auch ganz unmöglich, daß ich Euch hab kränken wollen. Da, die Stasi kann's bezeugen, wann Ihr mir nit glauben wollt. – O Stasi, ich bitt dich, sag's doch der Mutter, daß es ganz unmöglich ist« »Ja, Mutter, ich glaub ihm«, flüsterte Stasi nach einem kurzen, inneren Kampf mit glühenden Wangen. Ambros ergriff stürmisch ihre Hand, zog sie vom Stuhle auf und rief triumphierend: »Da hört Ihr's! O Stasi, du bist ein braves Madl!« Frau Larseit blickte ihre Tochter und darauf Ambros an, und eine Ahnung, die ihr fürchterlicher war als der Grabfrevel, ängstigte ihr Herz. »O mein Heiland!« zuckten ihre Lippen. »Was ist das? – Stasi'!« Stasi schlug die Augen nieder, und Ambros trat verlegen bald auf den einen, bald auf den andern Fuß. Halb lachend rief er schließlich: »Es ist schon so! Schaut, ich bin der Stasi von Herzen gut, und sie mir auch. Gelt, Stasi?« Er warf einen Blick voll feuriger Zärtlichkeit auf die über und über Errötende und fuhr fort: »Just darum ist auch in alle Ewigkeit nit daran zu denken, daß ich Euch mit dem dummen Kreuz einen Schimpf hab antun wolln. Das wär ja gar kein Verstand nit! Ja, Frau Larseit, die Stasi hier und ich, wir haben einander lieb von Herzen, und wann Ihr nix dagegen habt, dann wird die Stasi meine Frau.« Ein Geräusch veranlaßte ihn, sich umzusehen, und er begegnete den weitgeöffneten Augen Davids. »Grüß Gott, Ohm!« nickte er dem Alten zu. Aber nicht David hatte das Geräusch verursacht. Hannes war aus der Stube verschwunden. Frau Larseit lag mit geschlossenen Augen unbeweglich und stumm. Stasi fiel neben dem Bett auf die Knie und flehte: »O Mutter, Mutter!« Da schlich sich auch David davon, der wie verloren dagestanden. Ambros begann seinen Hut zu zerknüllen. »Ach mein Heiland, warum hast du mich verlassen?« ächzte die Frau verzagt Ambros aber rief: »Just im Gegenteil! Die Stasi wird's gut haben als meine Frau, und Ihr auf Eure letzten Tag auch – das versprech ich Euch!« Die Kranke richtete sich mühsam auf dem rechten Ellenbogen hoch und keuchte mit glitzernden Augen: »Lieber will ich mein Kind hier gleich tot hinfalln sehn, als es dir geben! Du bist ein Mensch, dem nix heilig ist auf der Welt, und ich verschreib mein Fleisch und Blut nimmer dem Bösen, solang noch Atem in mir ist« Stasi schrie verzweifelt auf. Ambros aber machte eine Miene, als habe er nicht richtig gehört Wie, er, der Erbe des Klosterhofes, warb um Stasi, und die Mutter wies ihn zurück? »Aber das hat ja keinen Verstand nit!« begann er. Die Kranke jedoch fiel ihm röchelnd ins Wort: »Geh und laß dich hier nimmer wieder sehen. Ich leg meine Verwünschung auf die Schwellen dort; darüber sollst zu Tode fallen, wann du wiederkommst. Mein Heiland wird eine Sterbende erhörn.« Erschöpft sank sie zurück. Stasi lag fast besinnungslos mit dem Kopf auf dem Bettrand. Ambros stülpte seinen Hut auf, und mit einem flammenden Zornblick auf die Kranke rief er: »Ich geh schon! Aber über Eure Verwünschung werd ich nit stolpern noch fallen. Die gilt mir nix; darüber lach ich. Von der Stasi aber laß ich nit, und wann Ihr auch alle Heiligen gegen mich aufruft! Das sollt Ihr wissen. Ihr kennt mich nit, und darum sag ich Euch: Was der Ambros Falkner einmal gelobt hat, das hält er!« Krachend fiel die Tür hinter dem wilden Burschen zu. Es blieb lange still in dem Stübchen; nur Stasis Schluchzen war zu hören. Die Mutter lag regungslos wie eine Tote. Endlich bewegte sie die Lippen und seufzte: »Ach, was bin ich für eine geschlagene Frau!« Und wieder nach einer Weile zischelte sie: »Ich hab sie gehütet wie meinen Augapfel; ich begreif nit, wie's hat geschehen können!« Sie dachte vergeblich darüber nach. Stasi sollte ihr alles berichten. Diese erhob ihr tränennasses Gesicht, wußte aber nicht, was sie sagen sollte. Sie stand mühsam auf, setzte sich auf den Bettrand und sann. All ihr Denken war verwirrt, und sie vergaß, worüber sie nachsinnen sollte. »Du hast ihn ja doch nur einmal gesehn! Wie kann er dein Herz so schnell betört haben?« wehklagte die Mutter. Stasi schaute sie mit einem Blick wie aus einer andern Welt an und schüttelte leise den Kopf. Dann ergoß sich ein mattes Rot über ihr trübseliges Gesicht. Sie stotterte und stammelte etwas von der Rose, die sie Ambros geschenkt habe, sowie von dem gestrigen Kirchgang, und abermals in Tränen ausbrechend, rief sie: »Ach, Mutter, ich weiß ja selber nit, wie's gekommen ist; aber ich hab ihn lieb fürs Leben.« Die Mutter, unfähig, sich in dem Herzen ihrer Tochter zurechtzufinden, ließ sie weinen. Sie selbst hatte ihren Mann zwar liebgehabt; aber bei ihrem auf das Praktische gerichteten Sinn war das Bedürfnis ihres Herzens leicht zu befriedigen gewesen. Sie schob alle Schuld auf Ambros: Er habe sich die Jugend und Unerfahrenheit ihrer Tochter zunutze gemacht. Stasi solle seinen Versicherungen keinen Glauben schenken, er spiele nur in sündhafter Weise mit ihr. Wenn sie auch zugeben wolle, daß er nicht auf den Kirchhof gegangen sei, um das Grab ihres Mannes zu beschimpfen, so bliebe doch seine Gottlosigkeit bestehen. Denn was wäre gottloser, als in der Mitternachtsstunde die Geisterwelt und den Fürsten der Hölle, an die doch alle guten Christen glaubten, herauszufordern? Das habe ja auch der Kurat seinem Bruder ins Gesicht gesagt Stasi wußte hierauf nichts zu erwidern, wie sehr sie all dies auch schmerzte. Aber sie schüttelte den Kopf, als die Mutter davon sprach, daß sie ihn vergessen würde, wenn sie ihn nicht wiedersähe. Es sei ja ganz unmöglich, daß er sie so schnell umstrickt haben könne, und Wiedersehen dürfe sie den schrecklichen Menschen nimmer, nimmer. Ach, daß Stasi nicht in ein Kloster gehen könnte! In den heiligen Mauern, beim Beten und Singen mit den frommen Frauen wäre sie aus den Fallstricken des Versuchers bald befreit worden, ja, da hätte er sich nie an sie herangewagt. Oh, was für eine Welt war das! In sich versunken wie ein Bild des Jammers, saß Stasi da, und in ihrem jungen Herzen wurde es bei den Ermahnungen und Beschwörungen der Mutter öde, finster, kalt. Es kam wie eine Lähmung über sie; sie fühlte und dachte nichts mehr und hatte keine Tränen. »Laß uns beten, Kind, laß uns beten!« rief die Mutter ängstlich; aber Stasi konnte nicht beten. Hannes konnte es auch nicht. Er lag vor dem bis zur Decke reichenden Holzgitter, das die Apsis Apsis – Altarnische. mit dem Hochaltar von dem übrigen Teil der Kirche trennte, einsam in der trüben Dämmerung auf den Knien. Der Vorhang, der bisher sein Innerstes vor ihm selbst verhüllt hatte, war zerrissen, und die Erkenntnis hatte ihn wie ein Orkan erfaßt und in die Bruscia hinausgejagt. Wie lange er sich dort im Regen unter den triefenden Bäumen umhergetrieben hatte, wußte er nicht; er fühlte nur, daß er bis auf die Haut durchnäßt war. Er hatte den Regenschirm auf seiner Flucht bei Frau Larseit zurückgelassen, und seine beschmutzten Kleider verrieten, daß er auf der Erde gelegen hatte. Wo er kniete, waren die Fliesen naß. Der zerklüfteten Eisengabel gegenüber lag ein kleiner See, dessen grünes Wasser im Dickicht alter Tannen schlummerte. Nur um die Mittagsstunde an sonnigen Tagen öffnete er sein klares Auge. Bemooste Felsblöcke, die einst von dem Gipfel der Eisengabel herabgestürzt sein mochten, lagerten zwischen den gewaltigen Stämmen. Dort hatte Hannes zuletzt gesessen oder gelegen, von dort hatte ihn ein Brausen über seinem Haupte aufgejagt. Es war der Wind gewesen, der sich erhoben. Wie die Flamme aus trockenem Reisig, wenn ein brennender Span daran gehalten wird, rasch und hoch auflodert, so war das Bewußtsein seiner Liebe zu Stasi in einer jähen Feuersäule in ihm emporgestiegen, als Ambros das Mädchen zur Zeugin für sich aufgerufen hatte. Der Brennstoff war schon lange in seinem Herzen aufgehäuft gewesen, ohne daß er es wußte. Der Regen vom Himmel hatte das Feuer nicht zu löschen vermocht, und das Beten wollte es auch nicht tun. Dort stand die Kanzel, auf der er noch gestern so stolz auf seine priesterliche Mission das Haupt erhoben hatte! Er wagte nicht hinzusehen. Gesenkten Hauptes schlich er an der Kanzel vorüber. Wie war der Priester in ihm gedemütigt worden! Ein unsäglich bitterer Zug umspannte seine schmalen Lippen. Es hatte aufgehört zu regnen; der Wind hatte die Wolken auseinandergerissen, und in Fetzen hingen sie nun an den Bergwäldern und Felsen, von denen sie allmählich aufgesogen wurden. Die Dolomiten erhoben ihre weißen Glieder aus den Wolken und Dünsten. Hier glänzte ein Haupt, dort eine Schulter in der untergehenden Sonne auf. An den Gräsern und Fruchthalmen funkelten Regentropfen, und wenn der Wind die Bäume schüttelte, sprühten Diamanten von ihren Kronen. Die Vögel kamen unter den schützenden Zweigen und Dächern hervor; Schwalben blitzten in niedrigem Fluge über die Felder hin, und hier und da versuchte eine Meise oder eine Ammer schüchtern den Wohllaut ihrer Kehle. Die Wolken in dem Gemüt des jungen Geistlichen zerstreute kein Luftzug. Müde ging er zwischen den Stangenzäunen, die die Landstraße auf beiden Seiten einfaßten, weiter. Ein Ziel hatte er nicht, aber seine Füße trugen ihn mechanisch nach Hause. Auf der Brücke, die über den Spitzhörndlbach führte, blieb er stehen und schaute in die wirbelnden Fluten. Sonst enthielt der Bach nur wenig Wasser; heute war er vom Regen stark angeschwollen und brauste und toste zwischen den Steinen, über denen er schäumend zusammenschlug. Die Wellen fluteten triumphierend über jedes Hindernis fort, und Hannes fragte sich, warum er sich widerstandslos einem fremden Willen gebeugt habe. Er erinnerte sich, wie er in seinen ersten Universitätssommerferien von Innsbruck über den Brenner nach Hause gewandert war, nur einen mühsam ersparten Gulden in der Tasche – denn der Vater hatte ihn stets sehr knapp gehalten; war er doch nicht der Erbe des Klosterhofes. Ja, wäre es dem Ambros in den Sinn gekommen, sich studierenshalber in Innsbruck aufzuhalten – der hätte den Hosensack voller Batzen gehabt und hätte es nicht nötig gehabt, seine Füße demütig heute unter diesen, morgen unter jenen Tisch zu stecken, um sich wenigstens einmal am Tage satt zu essen. Aber Hannes hatte auf jener Wanderung nicht der Demütigungen durch fromme Almosen gedacht. Nie war ihm die Welt so schön erschienen. Bisher hatte er den Beruf, für den er vom Vater bestimmt worden war, als etwas Selbstverständliches hingenommen; keine religiösen Skrupel hatten sich in ihm geregt, als er vom Brenner auf Glockensaß und das gen Süden streichende Eisacktal hinabgeschaut Aber zum erstenmal hatte seine Seele ihre Schwingen frei von jedem Druck entfaltet, hatte er den Impuls von reicheren Lebens- und Geisteskräften in sich gespürt, als in einer Soutane Soutane – Gewand der katholischen Geistlichen. Raum haben durften. Warum, so hatte er sich damals gefragt, sollte er diesen Antrieben nicht folgen, nicht auf seinen botanischen Studien, zu denen ihn sein vereinsamtes Herz seit seinen Knabenjahren hingezogen, seine Zukunft gründen, nicht sein ganzes Leben der Erforschung der Welt widmen, die mit ihren blühenden Tälern und grünen Höhen, ihren rasch dahinbrausenden Wassern und still leuchtenden Fernern Ferner (Firner) – Gletscher so herrlich vor ihm lag? Ja, warum nicht? Aber er hatte nicht den Mut gehabt, mit seinem Wunsch vor die stahlharten Augen des Vaters hinzutreten. Nannten sie ihn nicht daheim spöttisch das Kräuterweibl? Andeutungen, die er zu Lisei gemacht, waren von dieser nicht verstanden worden. Wie hätte er auf Verständnis beim Vater hoffen dürfen, der überdies nur seine schnelle Abfindung wollte? Er hatte seinen Wunsch erstickt. – Jetzt schalt er sich einen Feigling, dem es nur an Mut gefehlt habe, um den Kampf mit dem Dasein zu wagen. Er mußte an den Landrichter von St. Vigil denken, vor dessen josephinischen Ideen josephinische Ideen – s. Anm. 12 – Joseph II. er gestern erst ganz beiläufig von Herrn Moltenbecher gewarnt worden war, obgleich der hochwürdige Herr selber den Umgang mit ihm nicht scheute und an bestimmten Tagen mit ihm zusammen im Herrenstübl des »Sterns« am Bostontische Bostontisch – für das populäre Boston-Kartenspiel reservierter Tisch, der in kaum einem Gasthaus der damaligen Zeit fehlte. saß. Herr Zeugen – so hieß er – war wie Hannes als Sohn eines Bauern ebenfalls zum Theologen bestimmt gewesen. Aber er hatte den Mut besessen, seiner eigenen Neigung zu folgen, obwohl der Vater seine Hand von ihm abgezogen; er hatte sich durch eigene Kraft unter schweren Entbehrungen emporgearbeitet und war jetzt glücklicher Gatte und Vater. Seine Frau war Erzieherin in einem adligen Hause gewesen. Verzagt ließ Hannes den Kopf auf die Brust sinken und riß sich von der Brücke los. Für ihn gab es kein solches Glück; er hatte es verscherzt. Er ging nach Hause. Seine Stube lag im oberen Geschoß. Lisei hatte gemeint, es schicke sich nicht mehr für ihn, daß er als geistlicher Herr noch wie in seiner Schülerzeit mit Ambros die Kammer im Giebel teile. Er war nicht mehr der nur geduldete jüngere Sohn, sondern der Herr Kurat, dessen Anwesenheit dem Klosterhof zur Ehre gereichte. Lisei hatte ihm die Stube so schmuck hergerichtet, wie es in ihren Kräften stand, und ihm vor allen Dingen ihre Lieblingsblumentöpfe vor die Fenster gestellt. So stattlich hatte Hannes noch nie gewohnt, weder in seinem Pensionat in Brixen, wo er in einer kleinen, unheizbaren Dachkammer hatte wohnen müssen, noch in Innsbruck. Aber er legte wenig Wert auf seine äußere Umgebung und sein körperliches Behagen, und so setzte er sich auch jetzt, ohne seine nassen Kleider abzulegen, an den Tisch, den seine Herbarien bedeckten, und lehnte das Gesicht in die aufgestützten Hände. Umsonst hatte er die Kirchenväter und Kasuisten, Kasuisten – Gemeint sind hier die Vertreter der theologischen Kasuistik, welche lehrten, daß in Konflikten zwischen Pflicht und Gewissen stets eine solche Entscheidung zu treffen ist, durch die das religiöse Gewissen beruhigt wird. Mit den Grundsätzen der theologischen Kasuistik, die die kirchliche Sittenlehre als oberstes göttliches Gesetz hinstellte, mußte jeder angehende Priester vertraut sein. , Moralphilosophie, Dogmatik, Kirchengeschichte und Hermeneutik Hermeneutik – hier: die Kunst, biblische Schriften auszulegen. auf sein Herz gehäuft. Mit einem Schlage hatte es den ganzen Tumulus Tumulus – Grabhügel. auseinandergeworfen. Aber es war zu spät. Seine Gelübde banden ihn, Gelübde, die von dem Priester fordern, daß er mehr als ein Mensch sein soll. Mehr! rief es bitter in seiner Brust. Welche Anmaßung, das sein zu wollen, welche Selbsttäuschung, das sein zu können! War es nicht ein Hohn auf die Gottheit, durch ein Gelübde gewaltsam auseinanderreißen zu wollen, was sie als ein einiges Wesen erschaffen? Verbot sie der Blume, der sie den Wohlgeruch gegeben, zu duften? Hatte ihm die Gottheit das Herz geschenkt, so konnte sie nicht von ihm fordern, daß er es töte! Das war nicht der Gott des Evangeliums der Liebe, der solches von ihm heischte! Ein Abgrund von Gedanken tat sich vor ihm auf. Ihn schwindelte. Alles schwankte. Fast taumelnd erhob er sich und riß ein Fenster auf. »Es ist das Fieber!« murmelte er und atmete die einströmende kühle Luft mit tiefen Zügen. Plötzlich schrak er zusammen. Eine männliche Gestalt kam durch den dämmernden Abend auf den Hof zugeschritten, und er erkannte seinen Bruder. Weshalb hatte er gegen sein Gelübde getobt? Es half ihm ja nichts, wenn er auch seine Ketten bräche: Stasi war und blieb für ihn verloren; denn sie liebte seinen Bruder. Und mit dieser Qual in der Brust sollte er fortleben? Ächzend warf er sich wieder vor seinem Tisch auf den Stuhl und vergrub das Gesicht in den Händen. Dunkelheit umgab ihn, Fieberfrost durchschüttelte ihn. Erschöpft suchte er endlich sein Bett auf, aber der Schlaf floh ihn. Durch die Stille der Nacht hörte er die Wanduhr in der Stube des Vaters die halben und ganzen Stunden schlagen. Das Blut rollte ihm heiß und schwer durch die Adern, und sein Denken verwirrte sich zu phantastischen Bildern, über die er keine Gewalt hatte. Immer wieder aber durchriß sie das stechende Bewußtsein seiner unerwiderten Liebe. Dann brütete er darüber, wie er so lange neben Stasi hatte hinleben können, ohne sein Herz zu entdecken – bis neue Phantasien ihn gefangennahmen. Wie anders wäre es gekommen, wenn er sich seiner Liebe früher bewußt geworden wäre! Dann trüge er nicht die Tonsur; dann hätte die Liebe ihm den Mut verliehen, sich seinen eigenen Weg durch das Leben zu bahnen, und er zweifelte nicht, daß es ihm gelungen wäre, dann auch Stasis Herz zu gewinnen. Hannes vergegenwärtigte sich die traulichen Stunden, die er mit Stasi verbracht hatte. Wie war sie doch immer lieb zu ihm gewesen! Er sah ihre sanften braunen Augensterne lächelnd und staunend auf sich gerichtet, während er ihr den Organismus einer Pflanze zeigte und dabei dozierte. Plötzlich fand er sich in die Öde des Hochgebirges versetzt. Er hatte sich verirrt und suchte vergebens einen Ausweg. Welche Richtung er auch in dem Labyrinth der grauen Felsenblöcke einschlug – überall gelangte er an jähe Abgründe. Der Angstschweiß brach ihm aus. Da erscholl eine Stimme: »Pflücke von den Alpenrosen dort; sie werden dir den Weg zeigen!« Nicht weit von sich erblickte er ein Gebüsch voller Blüten, das er zuvor nicht bemerkt hatte, und tat, wie ihm geheißen. Mit dem blühenden Zweig in der Hand begann er seine Wanderung von neuem, und jetzt entdeckte er einen Abstieg, der zu einem wunderlieblichen Tal führte. Frohen Herzens betrat er den schmalen, schwindelnden Pfad. Plötzlich vertrat Ambros ihm den Weg. Erbittert suchte er ihn fortzudrängen. Er rang mit ihm; sein Atem keuchte. Es war ein wildes, haßerfülltes Ringen. Da wich der Boden unter seinen Füßen, und mit einem gellenden Aufschrei stürzte er in die Tiefe. Er erwachte. Schon war es Tag, und im Hause wurde es lebendig. Noch pochte sein Herz mit heftigen Schlägen. Tief aufatmend, beglückwünschte er sich, daß er nur geträumt hatte; aber das bittere Gefühl gegen den Bruder verließ ihn auch im wachen Zustand nicht. Mußte ihm denn Ambros überall im Wege stehen? Um seinetwillen war er vom Herzen des Vaters ausgeschlossen, um seinetwillen hatte er Geistlicher werden müssen, und wieder war er es nun, der ihm die Liebe Stasis geraubt hatte! Eine große Zuneigung hatte zwischen dem sorglos, wild und lärmend dahinlebenden Ambros und dem stillen, verschüchterten Hannes nie bestanden. Ambros hatte den jüngeren Bruder wie seine ganze Umgebung tyrannisiert und sich in seinem Tun und Treiben nie darum gekümmert, ob er jenen verletze oder nicht. Naturanlage und äußere Verhältnisse hatten ihre Charaktere schon früh in einen großen Gegensatz zueinander gestellt, und durch die Verschiedenheit ihrer Erziehung und Bildung war die Kluft zwischen ihnen von Jahr zu Jahr noch erweitert worden. Wenn es Ambros zu der Zeit, als beide noch die Dorfschule besuchten, neidlos ertragen hatte, daß ihn der Fleiß des jüngeren Bruders überstrahlte, so hatte er sich selbst doch den Ruhm vorbehalten, Herrn Ruthler durch seine dummen Streiche zur Verzweiflung zu bringen, war der Gymnasiast und selbst der Student für Ambros und seine Kameraden nur ein Gegenstand geringschätzigen Mitleids oder des Spottes und der Fopperei gewesen, weil Hannes weder Geschmack an ihren wilden Vergnügungen fand noch die dazu erforderliche robuste Gesundheit besaß. Ob Hannes dagegen wohl immer sein Licht unter den Scheffel gestellt und nicht zuweilen seine überlegenen Kenntnisse herausgekehrt hatte? Schwerlich! Und nun, da aus dem »Herrle« ein geistlicher Herr geworden und er, von der allerherbsten Erfahrung des Lebens durchschüttert, Glück und Verdienst gegeneinander abwog – wer wollte ihn der Überheblichkeit anklagen, wenn er die Schale mit dem eigenen Verdienst sinken sah, wenn er sich für den besseren Menschen hielt, für geeigneter, Stasi glücklich zu machen, als der in seiner Selbstsucht und Leidenschaft rücksichtslose Ambros? Es wurde ihm schwer, sich aufzuraffen, denn seine Glieder waren ihm wie zerschlagen. Indessen achtete er seines körperlichen Zustandes nicht, sondern wanderte etwa eine halbe Stunde später, nachdem er seine Kleider von den Spuren des gestrigen Nachmittags gesäubert hatte, mit seiner Botanisiertrommel den steinigen, ausgefahrenen Weg nach Monthan hinunter. Er hatte das gemeinsame Frühstück nicht abgewartet, sondern sich mit einem Glas Milch und einem Stück Brot begnügt und dann nur hinterlassen, daß er bei dem Pfarrer in St. Martin zu tun habe und vermutlich einige Tage ausbleiben werde. Es war eine Flucht Er fürchtete sich, dem Bruder, den er sich im Übermut glücklicher Liebe vorstellte, und Stasi zu begegnen, bevor er in sich zur Klarheit gelangt wäre. Vielleicht würde er es einrichten können, daß er seine amtlichen Funktionen in St. Martin sofort anträte. Die Sonne war über der rötlichen Sellawand heraufgekommen; die südlichen Kuppeln und Zacken des Kalkgebirges schwammen im Licht, und goldene Strahlen schossen den Bergrücken entlang, hinter dem das Gadertal lag, und entflammten den Wald auf der Höhe. Aus den gelblich sich färbenden Getreidefeldern stiegen die Lerchen singend in die kalte Morgenluft auf. Bei dem Kapellchen, wo der Weg vom Klosterhof in die Heerstraße mündete, erinnerte sich Hannes, wie er hier an dem Begräbnistage seiner Mutter mit Lisei gesessen hatte. Sie waren nach der Beerdigung von Vefa heimgeschickt worden, während Ambros den Vater und dessen Gäste zu dem Trauermahle, das im »Stern« abgehalten wurde, hatte begleiten dürfen. Er entsann sich, daß er Lisei gebeten hatte, sie möge nicht so herzbrechend weinen; denn ihr Schmerz hatte ihn mehr betrübt als der Tod der Mutter. Und Lisei hatte ihre Tränen getrocknet und ihn gebeten, daß er den Vater liebhaben möge, den Vater, von dem er nicht wiedergeliebt wurde, wie er fühlte und wußte. Liebkosend hatte sie ihm verheißen, daß ihn der Vater wieder liebhaben würde, wenn er ein braves Büble bliebe. Bewegt hatte er es versprochen; aber er hatte sein Herz nicht zwingen können, und alle seine Bravheit hatte ihm den Vater nicht nähergebracht. Doch das war es nicht, was sich ihm jetzt aufdrängte; es war vielmehr der Gedanke, daß Lisei es sich hatte so angelegen sein lassen, sein Herz dem Vater zuzuwenden, obgleich sie selbst von ihm nicht geliebt wurde. Er hatte es damals schon gewußt, und darum war es ihm unfaßbar gewesen, wie sie den Vater liebhaben konnte. Da aber hatte sie seinen Kopf an ihre Brust gedrückt, damit er ihr nicht in das glühende Gesicht sähe, und ihm das Geheimnis ihres Herzens zugeflüstert. Und er wußte, daß sie die Wahrheit gesprochen; ihr ganzes weiteres Leben bis auf diese Stunde hatte es bewiesen. Daran erkannte er, daß die Liebe nicht rechtet noch Lohn heischt und daß ihn Lisei, wenn sie ihm ins Herz sehen könnte, ebenso ermahnen würde, alle Mißgunst und Eifersucht gegen Ambros aus seiner Brust zu reißen, wie sie ihn damals ermahnt, den Vater zu lieben. Es war stiller in ihm, als er die kleine Kapelle verließ. Bei der Mühle von Monthan ging er über den Bach und an dessen linkem Ufer aufwärts. Sonnenlichter spielten auf den tanzenden Wellen unter ihm, die sich wie in jugendlichem Übermut auf die Mühlenräder stürzten. Geduld! dachte der Wanderer. Arbeit wird den Übermut brechen; Mühlen aller Art harren auf den kecken Sprößling des Bannwaldes und beugen seinen Nacken unter das Joch der Dienstbarkeit, ehe er sich durch die schmale, steile Waldschlucht von Zwischenwasser in die Arme der Gader werfen darf. Wie viele Mühlen muß die geistige Naturkraft des Menschen treiben, sich selber schulend durch Unterwerfung unter die Arbeit! Auch sie darf nicht frei und zügellos fortstürmen. Bezwinge dich selbst! Entsage! Hannes bog hinter dem »Stern« in den Wald ein und begann in dessen Schatten zum Jöchl hinanzusteigen. Einmal, als er sich ein wenig ausruhte, fiel ihm ein, daß das Kreuz trennend zwischen Ambros und Stasi stünde. Mochte die Liebe Stasis auch mächtiger sein als der Schmerz ihres kindlichen Gefühls, mochte sie auch dem Frevler vergeben – ihre Mutter war eine viel zu bigotte Frau, als daß sie das gleiche täte. Aber nur einen Augenblick lang fühlte sich Hannes bei diesem Gedanken frei von Schmerzen. Er würde nichts gewinnen, wenn Stasi für den Bruder ebenso wie für ihn verloren wäre, wohl aber würde sie unglücklich, wie er selbst es war. Und vor nur wenigen Stunden hatte er sich gerühmt, daß er besser sei als Ambros! Endlich hatte er die Höhe des Jöchls erreicht, und bald darauf stand er jenseits am Bildstöckl. Zu seinen Füßen lag das grüne, von dem Silberfaden der Gader durchschlängelte Alptal mit seinen Weilern und Sennhütten – von dem auf breiter Felsenbrust ruhenden Riesenkopf des Peitlerkofls, dem er gerade gegenüberstand, bis zu den Gletschern und Firnen der Marmolada im fernen Süden. Unmittelbar unter Hannes lag das nächste Ziel seiner Wanderung, das Kirchdorf St. Martin, und dahinter, etwas höher hinauf, der viereckige Turm der alten Feste Thurn mit den vielfenstrigen Burghäusern. Links davon bog ein liebliches Seitental ab, aus dem – am Fuße der Geißleralp, über die ein Paß in das Grödnertal führte – die weißen Häuschen von Campil durch den blauen Morgenduft schimmerten. Neben der Geißleralp streckte sich der Langkofl hin, gleichsam als Verbindungsglied zur Marmolada, aus deren Schneefeldern sich drei schwarze Kegel in den Schleiern der aufwallenden Dünste erhoben. Die von dorther strömende Gader schmiegte sich blinkend an den Fuß des ins Vigiltal schauenden Kreuzkofls, der in mächtigen Felsenterrassen aufstieg, glitt dann an St. Martin vorüber und den Peitlerkofl entlang bis zu dem malerischen Pikolein, dort, wo der Bergrücken, auf dem der einsame Wanderer stand, sich vorschiebend, das Tal gen Norden abzuschließen schien. Hannes rief seine Blicke, die dem Laufe der Gader durch das weidenreiche Hochtal gefolgt waren, zurück und ließ sie auf den Schindeldächern und dem Kirchturm von St. Martin ruhen. Lange stand er so; dann hob ein schwerer Seufzer seine Brust. Niemandem zur Freude war er auf die Welt gekommen! Niemand hatte sein Dasein gewünscht! Ja, ein solches Leben war am besten ein- und abgeschlossen in der Kirche – in der Kirche, die gegründet war auf den Fels der Entsagung! Er begann den Abstieg nach St. Martin. 6. Kapitel Ambros war voll Grimm gegen sich und die ganze Welt. Es war ihm unfaßbar, daß er aus freien Stücken um Verzeihung gebeten hatte und abgewiesen worden war – abgewiesen von der Witwe Larseit, nachdem er ihrer Tochter als Sühne sogar Herz und Hand angetragen hatte. Aber er war nicht der Mann, der sich in solcher Weise behandeln ließ. Es kam ihm nicht in den Sinn, Stasi aufzugeben. Allein, es wollte ihm nicht gelingen, mit ihr zusammenzukommen. Umsonst wartete er abends am Gartenzaun auf sie. Er brach eine von ihren Rosen und legte sie auf das Bänkchen unter dem Geißblatt, zum Zeichen, daß er dagewesen. Die Rose war am nächsten Abend verschwunden, doch Stasi fand sich nicht ein, nicht jetzt noch später. Er suchte David bei der Feldarbeit auf, um Stasi durch ihn in den Garten zu bestellen. David war ja Zeuge des Auftritts am Krankenbett gewesen und mußte einsehen, daß das Benehmen seiner Schwester keinen Verstand habe. Ob der Alte es einsah oder nicht – gewiß war, daß er eine viel zu große Furcht vor seiner Schwester hegte, um die Botschaft zu übernehmen, und das heftige und hochfahrende Wesen des Burschen war am wenigsten dazu geeignet, ihm Mut zu machen. Er schlug hinter Ambros ein Kreuz; denn so hart war ihm noch nie zugesetzt worden, und er stellte sich vor, wie seine Schwester ihn loben würde, wenn sie um die Mannhaftigkeit wüßte, mit der er dem Versucher widerstanden. Jedenfalls hatte sich Ambros als ein schlechter Versucher erwiesen; denn der Teufel ist schlau und versucht nichts durch Gewalt zu erreichen. Wenigstens behaupten das die Frommen, die es wissen müssen, da sie sich am meisten mit ihm zu schaffen machen. Doch für den Glauben gibt es keine inneren Widersprüche, und David setzte sich in den Schatten einer Eberesche und begann mit großer Genugtuung sein Vesperbrot zu verzehren. Nach einiger Zeit aber seufzte er und betrachtete kopfschüttelnd das Stück Brot, das er in der Hand hielt. Ach, was war das doch für ein wunderliches Ding, das die Leute Liebe nannten! Seine Nichte hatte sich doch früher nie um die jungen Burschen gekümmert, und jetzt war es auf einmal, als ob es außer diesem Ambros für sie nichts auf der Welt gäbe! Weshalb war das nur so? Trotz allen Kopfschüttelns und Seufzens vermochte er es nicht zu ergründen, und er nahm sich vor, einmal mit Hannes darüber zu reden. An Hannes dachte auch Ambros, nachdem er David verlassen hatte, und er stampfte ärgerlich mit dem Fuß, als er zu Hause erfuhr, daß der Bruder von seiner Wanderung ins Gadertal noch nicht zurückgekommen sei. War es denn nicht auch zum Haarausraufen, daß sich Hannes umhertrieb, wenn er seiner so nötig bedurfte? Hannes sollte sein Botengänger zu Stasi sein, und Ambros meinte, die Kranke müßte sich zufriedengeben, wenn jener ihr vorstellte, daß die Geschichte mit dem Grabkreuz nichts auf sich gehabt habe. Er hielt den Grabfrevel in der Tat damit für abgetan, daß er ein neues, größeres und schöneres Kreuz, als es das alte gewesen, für Kaspar Larseit bestellt hatte, und machte daher große Augen, als eines Morgens einer der drei Landjäger, die nebst einem Korporal ihr Standquartier in St. Vigil hatten, auf dem Klosterhof erschien und ihn zu Gericht beschied; wo er sich wegen des Grabfrevels vor Herrn Zengerl verantworten sollte. »Was, wegen der dummen Geschieht soll ich noch gar aufs Amt kommen?« rief er. »Ich hab ja alles richtig gemacht« »Ja, was weiß ich?« meinte der Landjäger. »Also, was willst du noch?« fragte Ambros. »Ja, du sollst aber Samstag aufs Amt kommen«, beharrte jener. »Ich hab dort nix zu schaffen«, entgegnete Ambros. »Ich lass' dem Herrn Landrichter sagen, daß die Sach abgetan ist. Weiter hab ich mit ihm nix zu reden.« »Was geht's mich an?« meinte der Landjäger nach kurzem Nachdenken. »Ich hab dich bestellt. Aber weißt, mit dem Gericht ist nit gut Kirschen essen.« Ambros zuckte verächtlich die Achseln, und der Landjäger hängte sein Gewehr, auf dessen Lauf er sich während des Gespräches mit beiden Händen gestützt hatte, wieder über die Schulter und ging mit den Worten davon: »Na, grüß dich Gott! Aber du solltest doch lieber kommen. Die Leut sind fuchswild über die Geschicht.« Das waren sie wirklich, und Herr Moltenbecher hielt am nächsten Sonntag auf der Kanzel eine gewaltige Strafrede wider die Gottlosigkeit der Jugend, wobei er das Gebaren der Bayern im Lande deutlich genug als die Quelle dieses gottlosen Geistes bezeichnete. Nie hatte Frau Larseit so viel Besuch in ihrer kleinen Stube gesehen wie in diesen Tagen. Nachbarinnen und Bekannte gaben einander die Türklinke in die Hand, um die Kranke wegen der Grabschändung zu bedauern – was natürlich nicht geschehen konnte, ohne die volle Schale des Abscheus über den Frevler auszugießen. Zu hören, wie derjenige, der uns gekränkt hat, von anderen mit sittlicher Entrüstung schlechtgemacht wird, ist für die gewöhnliche Menschenkreatur ein wirksamer Trost, und Frau Larseit genoß ihn in vollen Zügen und gewann zugleich die Überzeugung, daß Ambros noch viel schlechter sei und sie viel schwerer beleidigt habe, als sie sich bisher vorgestellt hatte. Die arme Stasi mußte alles mit anhören und dazu schweigen. Ambros' allgemeine Verurteilung machte ihren unerfahrenen Kopf irre, jedoch nicht ihr Herz. Mochte das Üble, das ihm von seinen Richterinnen nachgesagt wurde, auch einen Kern von Wahrheit enthalten – hinsichtlich des Grabfrevels taten sie ihm unrecht. Davon war Stasi überzeugt, und während sie sich der schrecklichen Donnerschläge und lohenden Blitze in jener Nacht erinnerte, fühlte sie sich zur Bewunderung seines Mutes getrieben. Ein anderer als Ambros hätte schwerlich das Herz zu einem solchen Wagestücklein gehabt. Und in all ihrem Herzeleid und ihrer Verzagtheit erfüllte es sie mit einem süßen Stolz, von dem mutigsten Buben der ganzen Talschaft geliebt zu werden. Nein, an seiner Liebe zu ihr konnte sie nicht zweifeln, und während die guten Nachbarinnen ihn schmähten, Gott dankend, daß ihre Söhne nicht wie er seien, verteidigte Stasi ihn eifrig bei sich selbst. Aber ach! Sie durfte ja Ambros nicht lieben! Die Mutter hatte es verboten. Frau Larseit fühlte, daß ihre Tage gezählt seien, und die Vorstellung, daß Stasi die Beute jenes gottlosen Menschen werden könnte, bettete sie auf Dornen. Stasi hatte ihr versprechen müssen, Ambros keine Zusammenkunft mehr zu gewähren, und die Arme wagte nicht, ungehorsam zu sein. Auch behielt die Mutter sie scharf im Auge und gestattete ihr am nächsten Sonntag nicht, selbst in Begleitung Davids nicht, zur Kirche zu gehen. Stasi erblickte aber kein Unrecht darin, die Rose, die Ambros auf die Bank gelegt hatte und die sie am nächsten Morgen fand, nicht dort welken zu lassen, sondern in ihr Gebetbuch zu legen. Wie süß es ihr entgegenduftete, wenn sie vor dem Schlafengehen das Buch öffnete. Sein Bild tauchte dann vor ihr auf und wob sich in ihre Träume. Im Laufe des Montags kehrte Hannes zurück; seine Blechkapsel war mit botanischen Schätzen und Versteinerungen, an denen namentlich das Grödnertal so reich ist, vollgestopft. Er selbst schien noch hagerer geworden. Niemand jedoch bemerkte es, selbst Lisei nicht. Auf dem Klosterhof herrschte Bestürzung und Aufregung. Ambros war am Morgen verhaftet worden. Da er sich am Sonnabend nicht dem Gericht gestellt hatte, war er von zwei Landjägern abgeholt worden. Wie ein Rasender hatte er sich zur Wehr gesetzt, und die Landjäger hatten schließlich von der blanken Waffe Gebrauch machen müssen. Blut war geflossen; Ambros war durch einen Säbelhieb über den Kopf zu Boden gestreckt worden. Blutend, mit zerfetzten Kleidern und gebundenen Händen hatten ihn die Jäger fortgeschleppt. So berichtete Lisei bekümmert dem Bruder. Der Klosterbauer, der zugegen war, stapfte in der Stube auf und ab; sein Gesicht war braunrot vor Zorn, und er focht mit den geballten Fäusten in der Luft. Er war eben von St. Vigil zurückgekehrt, wohin er gegangen war, um die sofortige Freilassung seines Sohnes zu verlangen. Aber er hatte Ambros nicht einmal sehen dürfen, denn der Landrichter war der Ansicht gewesen, daß es für den wilden Burschen besser wäre, wenn man ihn erst ruhiger werden ließe. Mit seinen Verletzungen hätte es nichts auf sich. Auch nach des Vaters Meinung war der Grabfrevel durch die Ersetzung des Kreuzes getilgt; und hatte es schon seinen Stolz verletzt, daß man seinen Sohn, den Erben des Klosterhofes, wie einen gemeinen Verbrecher zu behandeln wagte, so hatte ihn Herrn Zengerls Weigerung, Ambros freizulassen, vollends erbittert. Vergebens hatte der Landrichter ihm begreiflich zu machen versucht, daß sich Ambros durch seine Widersetzlichkeit gegen die Obrigkeit eines neuen Vergehens schuldig gemacht habe. Hannes, der ihn nun durch dasselbe Argument zu beschwichtigen versuchte, hatte keinen besseren Erfolg. »Wer ist denn dieser Mensch, dieser Larseit, daß die Kreuzgeschicht nit abgetan sein soll? Ich sag, sie ist abgetan, ich, der Klosterbauer, sag's!« So schrie er und schlug mit der Faust auf den Tisch. Hannes ging auf seine Stube. War es aber sonst, sobald er von einer botanischen Exkursion heimkam, sein erstes Geschäft, die mitgebrachten Pflanzen zu betrachten, zu sortieren und zu pressen, so blieb die Trommel heute ungeöffnet. Seine Gedanken waren bei Stasi. Wie mußte ihr Herz darunter leiden, Ambros im Gefängnis zu wissen! Dann begann sich in ihm der Unwillen zu regen, daß Ambros ihr dieses Leid nicht erspart habe. Auch in diesem Falle hatte der Bruder nur auf sich allein Rücksicht genommen, war er wie immer nur dem Antrieb des Augenblicks gefolgt. Es konnte nicht wahre Liebe sein, was er für Stasi empfand, und die an Wahnsinn grenzende Wildheit, mit der er sich nach Liseis Schilderung gegen seine Verhaftung gewehrt hatte, brachte Hannes zu der Oberzeugung, daß sich Stasis Lebensglück in üblen Händen befände. Er ging mit lebhaften Schritten hin und her; dann strich er sich mit der Hand über Stirn und Augen. Nein, es war keine Aufwallung der Selbstsucht, von der er gegen Ambros erfüllt war, sondern nur lauteres Mitgefühl mit seiner Jugendfreundin. Er hatte ja auf seiner Wanderung mit seinem Herzen abgeschlossen, und die Kräuter und Blumen auf den Bergen wußten um die blutigen Schweißtropfen, mit denen er seine Liebe niedergerungen hatte. Aber auch wenn er entsagt hatte, brauchte ihn Stasis Wohl und Wehe nicht gleichgültig oder gar kalt zu lassen! Auf die Bitte Liseis, die dem Gefangenen Essen und andere Kleider geschickt hatte, entschloß er sich am nächsten Morgen zu einem Gang nach dem Gerichtshaus. Herr Zengerl gewährte seinen Wunsch, Ambros sprechen zu dürfen, bereitwillig. Der Landrichter war ein Mann von einigen vierzig Jahren, und seine derbknochige Gestalt und die etwas groben Züge des breitstirnigen Kopfes deuteten auf seine Abstammung aus bäuerlichem Geschlecht. Sein Anzug war zwar städtisch, doch nur nach den unsicheren und antiquierten Vorstellungen, die sich der Vigiler Dorfschneider von einer solchen Tracht machte und mit ungeschickter Schere und grober Nadel nachzubilden versuchte. Strickähnlich umschlang das Halstuch den verknitterten Kragen des Hemdes aus derbem Hausgespinst, und das dicke, lange nicht verschnittene Haar, in dem er nach seinen Gedanken zu wühlen pflegte, haßte den Zwang der Kultur, gegen den sich der ganze Mann sträubte, oder richtiger: er hatte aufgehört, der Natur, die allmählich zurückeroberte, was ihr die Kultur einst streitig gemacht hatte, Widerstand zu leisten. Der Einfluß der bäuerlichen Atmosphäre, in die ihn sein Beruf zurückversetzt hatte, nagte bedenklich an den feineren Formen, die er sich auf Schulen und Universitäten erworben hatte. Sein Wesen war offen und derb, eher phlegmatisch als lebhaft, und seine Sprache nachlässig wie sein Anzug. Hannes fand ihn in das Lesen einer Zeitung vertieft. Es war die »Augsburger Allgemeine«, die damals schon europäischen Ruf genoß, aber unter der strengen Zensur, die die französische Polizei in den Staaten der deutschen Bundesgenossen Napoleons ausübte, von Tag zu Tag in ihrem politischen Teil dürftiger wurde und durch reichlichen Weihrauch, den sie dem Imperator streute, den Verdacht vaterländischer Gesinnung von sich abzuwehren versuchte. Das Glacis von Braunau war noch rot von Palms Blut, Palms Blut – Der Buchhändler Johann Philipp Palm war als der Verfasser und Verbreiter der Schrift »Deutschland in seiner tiefsten Erniedrigung« auf Napoleons Befehl am 26. August 1806 in Braunau standrechtlich erschossen worden. und es gelüstete keinen, durch sein Martyrium ein weiteres Zeugnis von Deutschlands tiefer Erniedrigung abzulegen. – Herr Zengerl hielt die Zeitung gemeinschaftlich mit dem Pfarrer, dem Steuereinnehmer und dem Oberförster Planta, und Mutschleitner ließ sie durch einen Boten wöchentlich einmal von der Post in Bruneck abholen, durch welche Dienstleistung er das Recht erwarb, sie zuletzt im Herrenstübl seines Wirtshauses auszulegen. Außer dem Schullehrer und dem Korporal des Landjägerpostens sah aber kaum jemand die Blätter ein – aus dem einfachen Grunde, weil die herrischen Bauern mit wenigen Ausnahmen deutscher Schrift und deutschen Druckes nicht kundig waren, wenn auch der Verkehr mit dem Pustertal die Kenntnis der deutschen Sprache für sie notwendig machte. »Sie wolln den Trotzkopf zur Räson bringen?« sagte der Landrichter zu Hannes. »Ich fürcht, es wird dazu härterer Zangen bedürfen, als uns beiden zu Gebot stehn. Ich hab mich erst eben müd mit ihm gered't. Da das Grab Larseits in keiner böswilligen Absicht von ihm beschädigt worden ist, würde er mit einer kleinen Straf davongekommen sein; nun werd ich ihn wohl ein vier Wochen hierbehalten müssen wegen seiner tätlichen Widersetzlichkeit gegen die Obrigkeit. Indessen hab ich ihm gesagt, daß er gleich nach Haus gehn könnt, wann er mir durch Handschlag versprechen wollt, sich nach Beendigung der Ernte freiwillig zur Verbüßung seiner Straf wieder zu stelln. Ich weiß ja, wie knapp überall die Arbeitskräft sind. Die Leut müssen ja statt der Sichel den Kuhfuß Kuhfuß – Soldatenausdruck für das alte Infanteriegewehr, der schon Ende des 16. Jahrhunderts vorkommt und auf den Büchsenmacher Georg Kuhfuß (gest. um 1600 in Nürnberg) zurückgeleitet wird, der das Radschloß verbesserte. in die Hand nehmen. – Aber er war ebensowenig wie gestern der Alte zu der Einsicht zu bringen, daß er sich gegen das Gesetz vergangen hat. Ihm sei Gewalt geschehn, und dagegen hätt er das Recht, sich zu wehrn. Dabei blieb er. Verwunderlich ist's kaum – sind doch unsre Zuständ wahrlich nit dazu angetan, das Rechtsbewußtsein im Volk zu klären und zu befestigen. Wann das Schwert die Welt regiert und die Gewalt mit Ländern und Völkern Schacher treibt, wie soll da die Achtung vor Gesetz und Recht gedeihn?« »Und vor Gott und seiner heiligen Kirch«, schaltete der Kurat ein. Herr Zengerl griff mit zwei Fingern in sein lockeres Halstuch und zerrte daran, als ob es ihm zu eng wäre. Dann rief er den Bürodiener, der Hannes zu seinem Bruder führen sollte, und dem jungen Geistlichen die Hand reichend, sagte er: »Kaiser Karl V. konnt nit zwei Uhren gleichgehend machen – wem sollt es mit den Geistern gelingen? Und wo ist denn die Garantie, daß die Kirchenuhren die Zeit richtig angeben?« Das Gefängnis war nur über zwei Stiegen zu erreichen, und der Bürodiener, dessen Dienst sich Gericht und Steueramt teilten und der nun auch noch den Posten des Kerkermeisters versehen mußte, blieb auf jeder fünften Stufe stehen, um Atem zu schöpfen; denn er war engbrüstig und konnte trotzdem das Reden nicht lassen. »Es war grauslich, wie er anfangs getobt hat«, erzählte er von Ambros. »Wissen's, so wie der Bär, der vor etlichen Jahren auf der Alp von Fodara Vedla in den leeren Schweinstall sich verirrt gehabt hat. Der Senn hat ihn drinnen brummen hörn und hinter ihm zugeriegelt Es war eine verwunderliche Geschicht« Hannes, der mit seinen Gedanken noch bei den stark nach Josephinismus Josephinismus – s. Anm. 12 – Joseph II. schmeckenden Äußerungen des Landrichters verweilte, bemerkte, daß ihm die Geschichte bekannt sei, und der Kerkermeister versicherte, daß der ehrwürdige Herr sie freilich kennen müsse. Und darum erzählte er sie zu Ende: wie Meister Braun den ganzen Bau umgeschmissen habe, wie er davongetrabt, zwei Tage später aber von Sampogna, dem Gamsmanndl, geschossen worden sei. »Ja, es war eine merkwürdige Geschicht!« schloß er. Sein Atem war zu Ende, und er mußte still sein und sich verschnaufen. »Und das Essen, was ihm vom Klosterhof geschickt worden ist, das hat er nit angerührt. So schönes Essen!« fing er im Weitersteigen wieder an. »Aber so sind sie: der eine so, der andre so. Als vor ein vier Jahren etwan der Prusadatsch aus Zwischenwasser hier gesessen hat, von wegen daß er gedroht hatt, seinen Vater totzuschlagen – es war in Erbschaftssachen, die immer die schlimmsten sind, und der Alte hat sich geforchten und ihn selbst angegeben – der hat den ganzen Tag gesungen und gepfiffen. Das ist mein letzter Gefangner gewesen.« Sie waren vor einer starken, mit mächtigem Schloß versehenen Tür angekommen, und der asthmatische Zerberus zog einen großen Schüssel aus seiner Joppe. Mit Mühe drehte er ihn im Schloß herum, was ein unangenehmes Kreischen verursachte. Dem Schließer tat es aber offenbar wohl, denn es war der Heroldsruf seiner gegenwärtigen Würde, und er grinste. Ein scharfer, würziger Geruch drang Hannes entgegen, als sich die Tür knarrend öffnete. Er kam von dem Majoran, dem Lavendel und dem Pfefferkraut, den Kamillen und Zwiebeln, die die Frau Landrichter in der Zelle aufbewahrt hatte, bis diese für ihren augenblicklichen Bewohner hatte geräumt werden müssen. Die Zelle war hell und luftig. Sie lag in der nordwestlichen Ecke der ehemaligen Sommerresidenz der Klosterfrauen und bot nach beiden Himmelsgegenden die weiteste Aussicht im ganzen Hause. Die Schönheit dieser Aussicht aber wurde durch die Gitter vor den beiden Fenstern etwas beeinträchtigt, und Ambros konnte seinem künftigen Schwager jetzt aus eigener Erfahrung das Zeugnis ausstellen, daß er ein tüchtiger Schmied sei. Wolf Lechner hatte die Gitter erneuern müssen, als das Quartier für Prusadatsch bestellt worden war; und daß er kein brüchiges oder blättriges Eisen dazu verwendet – davon hatte sich Ambros bereits durch kräftiges Rütteln an den Stäben überzeugt. Die Ausstattung des luftigen Stübchens war ein wenig einfach. Sie bestand nur aus einem Schemel, einem Tisch und einer Bettstelle – alles aus weißem, kernigem Tannenholz, wie es ringsum auf den Bergen wuchs – und in der Bettstatt lag ein Strohsack mit einer wollenen Decke. Ambros hockte auf dem Schemel und kaute an den Nägeln seiner rechten Hand. Den linken Arm, mit dem er einen Säbelhieb hatte abwehren wollen, trug er in einer Binde. Der Hieb über den Kopf war glücklicherweise flach gefallen. Er hatte seinen Rücken der Tür zugekehrt und rührte sich nicht, als sie aufging. Denn er wollte zeigen, daß ihn alles, was während seiner Gefangenschaft mit ihm und um ihn geschähe, völlig gleichgültig lasse. Als er aber bei dem Gruß des Eintretenden die Stimme seines Bruders erkannte, schnellte er auf und streckte Hannes mit unverkennbarer Freude die gesunde Rechte entgegen. »Der Herr Bruder!« rief er. »Endlich! Da setzen Sie sich her!« Er faßte ihn bei der Schulter und drückte ihn auf den Schemel, während der engbrüstige Gefängniswärter von außen wieder die Musik des verrosteten Schlosses spielen ließ. Die Freude, die Ambros über den Besuch des Bruders zeigte, war etwas zu Seltenes, als daß Hannes nicht von ihr bewegt worden wäre, und mit Wärme fragte er: »Und wie geht's dir, Brosi? Was macht dein Arm?« »Es ist nit der Mühe wert, davon zu reden«, versetzte Ambros, der vor Hannes stehengeblieben war. »Die Frau Zengerl hat mir die Geschicht nachgesehn und den Ritz verbunden. Sie ist halt ein gutes Fraule, und eine Musik kann sie Ihnen machen! Da ist der Mutschleitner mit seiner Zither nix gegen. Gestern abend, wie ich auf meinem Bett gelegen hab und die Fenster haben offengestanden, da hat sie unten in ihrer Stub das Klavier geschlagen. Ja, das ist eine Musik gewesen!« Hannes pflichtete ihm bei, denn auch er hatte die Frau Landrichter einige Male, da er an schönen Sommerabenden zufällig an dem Hause vorübergegangen war, spielen hören und hatte mit Wohlgefallen gelauscht, obgleich er nur wenig musikalisch war. »Und was machen sie zu Haus?« fragte Ambros. »Ich hab gesehn, daß sie heut morgen an der Monthaner Feldmark das Korn zu schneiden angefangen haben. Und ich muß hier sitzen!« »Sie vermissen dich auf dem Klosterhof auch alle schmerzlich bei der Arbeit«, sagte Hannes und bot dem Bruder seine Dose an. »Aber wir erleichtern uns eine unangenehme Lag wahrlich nit durch Ungeduld.« »Wo soll ich denn die Geduld hernehmen, zum Teixel?« rief der Bruder und stopfte den Tabak rasch in die Nase. »Soll ich sie mir etwa aus den Fingern saugen? Denn weiter hab ich ja nix zu tun.« Mißmutig setzte er sich Hannes gegenüber auf die Tischkante. »Und doch gibt es so manches zu denken, wozu du jetzt Muße hast«, meinte Hannes. »In der Freiheit bist du schwerlich dazu gekommen, dir klarzumachen, wie sehr du gegen göttliche und weltliche Gesetze gefehlt hast« »Oho!« rief Ambros und sprang vom Tisch. »Ich soll gefehlt haben? Hab ich dem Larseit nit ein funkelnagelneues Kreuz machen lassen, wie es kein andrer auf seinem Grab hat? Mir ist Unrecht geschehn, schreiendes Unrecht! Aber Gewalt ist kein Recht, und wann ich ein Messer bei mir gehabt hätt, bei Gott, ich würd die Lümmel von Landjägern schon abgeführt haben und säß jetzt nit hier!« »Ambros, Ambros, was für schreckliche Reden und Wünsche!« mahnte Hannes erschrocken. »Ich sollt meinen, daß du schon Unheil genug angestiftet hast!« »Es wünscht halt jeder, was ihm paßt«, versetzte Ambros finster. »Ja, du wünschst nur, was dir selber paßt, und überlegst bei deinen Handlungen nie, ob sie andern schweres Herzeleid verursachen oder nit!« rief Hannes mit vorwurfsvollem Blick. »Ach, Sie meinen die Alte?« entgegnete Ambros mit lässigem Ton. »Hab ich sie denn nit gebeten, daß sie mir die dumme Geschicht vergeben möcht? Ich könnt mich noch heut ohrfeigen, daß ich ein solcher Esel gewesen bin! Ich hab gegen die Frau Larseit getan, was ich gegen keinen andern Menschen auf der Welt getan hätt. Und sie? Mordelement!« »Und sie?« fragte Hannes in der größten Spannung. »Und sie – sie hat dir nit verziehn?« »Ja, wissen Sie denn nit, wie's zwischen uns ausgegangen ist?« murrte Ambros. »Freilich, Sie warn schon vorher fortgegangen. Die und mir vergeben! Die Frommen sind immer die Schlimmsten. Ganz unsinnig ist sie gewesen. Und ich sollt gleich das Genick brechen, hat sie mich verwünscht, wann ich noch einmal über ihre Stubenschwell käm. Na, davor fürcht ich mich nit! Vom Verwünschen ist noch keiner gestorben.« Hannes' Herz klopfte bei dieser Mitteilung mit starken Schlägen. Sie hatte ihm nicht verziehen, und es war aus zwischen ihm und Stasi! In der nächsten Minute schämte er sich jedoch vor sich selber und fingerte verlegen an seiner Tabaksdose. Er wagte es nicht, Ambros anzusehen. Dieser fuhr fort, während er sich mit dem linken Schenkel wieder auf die Tischkante setzte: »Und darum hab ich mit Schmerzen darauf gewartet, daß Sie wieder nach Haus kämen. Die Alte hält so große Stück auf Sie, und wann Sie ihr als Geistlicher vorstelln, daß ihr Zorn auf mich gar keinen Sinn und Verstand nit hat, nachher gibt sie sich wohl im Guten. Denn das soll sie sich nit einbilden, daß ich von der Stasi lassen werd. Und Selbiges solln Sie auch der Stasi von mir sagen.« Hannes starrte ihn mit weitgeöffneten Augen an. »Das – das soll ich ausrichten?« stotterte er, und sich emporraffend, fuhr er fort: »Ambros, Ambros, ist dir denn nix heilig? Nit einmal der Wunsch und Wille einer Sterbenden? Denn die Tag der Frau Larseit sind gezählt« »Ja, wie reden Sie denn?« entgegnete der Bruder mit einiger Verwunderung. »Von wegen meiner mag sie so ruhig sterben, als sie kann. Es ist doch nix Unrechtes, wann ich Sie bitt, daß Sie die Alte zur Vernunft bringen? Ich hab's ihr schon dazumalen selbst gesagt, daß ich von der Stasi nit lass', und darüber ist kein Reden weiter. Will sie sich auf Ihr Vorhalten nit geben, nachher geht's auch so.« »Das kann nit dein Ernst sein!« rief Hannes lebhaft. »Du kennst den Spruch der Heiligen Schrift: ›Der Mutter Segen bauet den Kindern Häuser …‹« »So viel hab ich schon noch von der Kinderlehr behalten, wie das Sprüchlein etwa ausgeht«, unterbrach ihn der Bruder. »Aber ich weiß auch, daß mich nit die Verwünschungen der Frau Larseit noch die ganze Höll von der Stasi abwendig machen. Und jetzt will ich Ihnen auch ein Sprüchlein hersagen, Herr Bruder. Nämlich: Die geistlichen Herrn verstehn von der Lieb nix. Das ist so, als wann unsereins lateinisch reden wollt und hat es doch nimmer gelernt. Schaun Sie, Herr Hannes, Sie können's halt nit wissen, was es mit der Lieb für eine Sach ist. Ich hab die Stasi nit zu sehn gekriegt, seitdem damals ihre Mutter so teufelsmäßig gegen mich aufgefahren ist; aber ich weiß, daß sie mir von ganzem Herzen zugetan ist, und also wird uns auch der Papst in Rom nit auseinanderreden und -beten.« Hannes hatte den Kopf auf die Brust sinken lassen. Er sollte nicht wissen, was Liebe ist? Ambros stand auf, legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte: »Nix für ungut, Herr Hannes, bös war's nit gemeint« Der Bruder blickte mit einem Seufzer auf, und als er Ambros in so zuversichtlicher Haltung vor sich stehen sah, als er ihm in die schwarzen, blitzenden Augen schaute, da begriff er, daß Stasi seinen Bruder lieben mußte. Er nahm eine Prise, um sich zu sammeln; dann begann er mit etwas unsicherer Stimme: »Ich soll dir bei Frau Larseit das Wort reden. Aber wie könnt ich das mit gutem Gewissen? Ich würde es tun, wann ich Vertraun zu deinem Charakter hätt. Denk nur daran, was dich hierhergeführt hat! Keine rechtschaffene Mutter würde einem Burschen, der so leichtsinnig und wild ist wie du, das Glück ihres Kindes anvertraun. Ich wär ebenso leichtsinnig wie du, wann ich Frau Larseit bereden wollt, dir ihren größten Schatz anzuvertraun. Prüf dich erst, läutere dich! Du hast jetzt Zeit dazu.« Ambros, der sich unterdessen auf den Rand seiner Bettstelle gesetzt hatte, verzog spöttisch das Gesicht »Freilich, wann Sie so schlecht von mir denken, dann wundert's mich nit, daß es andre auch tun. Zum Teixel, ich will mich nit besser machen, als ich bin; aber was Schlechtes kann mir keiner nachsagen, und der Stasi bin ich just recht, so wie ich bin. Jetzt hab ich Sie gebeten, daß Sie sich an mir und der Stasi als ein lieber Bruder erweisen möchten; aber Sie kehrn den Priester heraus. Gut, gut! Schöne, glatte Wort habt ihr alle auf der Zung; wann's aber drauf ankommt, sie wahr zu machen, dann sind die hochwürdigen Herrn nit zu Haus. Meinetwegen! Aber glauben Sie doch ja nit, daß Sie oder die Alte ihr Stück gegen mich durchsetzen werden! Ich brauch mich nit erst lang zu prüfen, denn ich weiß, was ich will, und ich schwör's Ihnen bei meiner Seligkeit, daß die Stasi meine Frau wird. Was sich nit biegen will, muß brechen.« »Gewalt! Ja, die ist stets dein letztes Mittel gewesen!« rief Hannes unwillig. »Verschwör dich nit!« fuhr er bittend fort »Du kannst das Madl nit glücklich machen.« »Nit glücklich?« lachte Ambros zornig auf, und seine folgenden Worte trieben dem Bruder alles Blut vom Herzen in den Kopf, so daß er aufstand und an das nächste Fenster trat, um die Glut seines Gesichts zu verbergen. »Freilich, auf Ihre Weise nit, nit mit Singen und Beten! Denn das ist's doch allein, was Sie unter Glück verstehn. Aber auf unsre Weise werden wir zwei schon glücklich werden, die Stasi und ich – verlassen Sie sich drauf! Dazu braucht's halt nix weiter, als daß wir uns liebhaben.« Hannes hatte mit beiden Händen die Gitterstäbe erfaßt und seine heiße Stirn gegen das Eisen gedrückt. Es dauerte eine gute Weile, bis er sich wieder so weit gefaßt hatte, um das Wort ergreifen zu können. »Deine Auffassung von Glück ist eine sehr oberflächliche«, begann er, indem er sich Ambros wieder zuwendete. »Du hast mir vorgeworfen, daß ich statt des Bruders den Geistlichen gegen dich herausgekehrt hätt. Du irrst! Ich hab als Bruder und Stasis Freund zu dir gesprochen. Jetzt soll der Geistliche zu dir reden. Deine Begriffe von Glück ahnen nix von der Heiligkeit des Standes, in den du mit Stasi treten möchtest. Erwartest du von deiner Ehe Segen …« »Schon gut, Herr Kurat!« unterbrach ihn Ambros rauh, indem er sich das Haar aus der Stirn strich und aufstand. »Was Sie da sagen wolln, hat Zeit bis zum Brautexamen vor dem Herrn Pfarrer. Ich hab frei von der Leber weg gered't, und Sie wissen jetzt, wie's steht. Entweder – oder! Wann Sie lieben könnten und heiraten dürften wie unsereins, dann würden Sie verstehn, wie mir ums Herz ist. So sind's doch bloß Worte.« »Und du bildst dir ein, Verblendeter, daß es keine höhere Liebe gibt als diejenige, die du fühlst?« rief Hannes mit starker Stimme. Ambros zuckte mit den Achseln. »Das weiß ich nit. Ich weiß bloß, daß kein Gott und kein Teixel mir die Stasi streitig machen soll. Nix für ungut; aber mit einer höhern Lieb wüßt ich nix anzufangen.« Er ging an das nächste Fenster, schaute hinaus und begann zu pfeifen. Hannes schritt auf und nieder, und Kleinmut war in seinem Herzen. »Auf eins will ich dich doch noch aufmerksam machen«, begann er endlich. »Du glaubst deiner Sach bei Stasi so gewiß zu sein. Aber du kennst sie nit so genau wie ich. Sie ist stets eine gehorsame Tochter gewesen, und du kannst dich drauf verlassen, daß sie nimmer gegen den Willen ihrer Mutter handeln wird.« »Das wird sich ja ausweisen«, antwortete Ambros über die Schulter, und sich ganz umdrehend, fügte er hinzu: »Sie kennen sich gut aus unter all dem Kraut und Unkraut, was da wächst auf Erden. Aber unter dem Kräutlein, was da ist Gitsche geheißen, da weiß ich halt besser Bescheid.« Er lachte. »Ich hab die Stasi nit gezwungen, daß sie mich liebhaben soll, und wann sie jetzt eine gehorsame Tochter sein kann, dann ist's ja gut. Aber ich werd's keinem glauben als ihr selbst, nit Ihnen und nit ihrer Mutter.« Hannes seufzte. Dann pochte er an die Tür, um dem Wärter, der auf dem Gange hatte warten wollen, das Zeichen zum Öffnen zu geben. Zu Ambros sagte er: »Es wird wohl einige Zeit währn, bis wir uns wiedersehn.« Er teilte ihm mit, daß er am nächsten Sonntag bereits in sein Amt eintrete. Der Pfarrer von St. Martin war auf eine bessere Stelle berufen worden und hatte sich gern bereit gefunden, Hannes sofort seine Herde zu übergeben. Der Gefängniswärter rasselte an der Tür mit seinen Schlüsseln. Niedergedrückt verließ Hannes das Gefängnis. Er fühlte sich klein gegen Ambros, dessen Leidenschaft und Willensstärke ihm unwillkürlich Achtung einflößten. Darüber vergaß er die unangenehmen und harten Dinge, die er zu hören bekommen hatte. Ach, wenn er nur einen Teil von der Festigkeit besäße, mit der sein Bruder auf seinem Willen beharrte, dann wäre er nicht genötigt gewesen, sich zu jener höheren Liebe aufzuschwingen, mit der Ambros nichts anzufangen wußte! Und verlieh ihm diese höhere Liebe die aus dem Herzen quellende Tapferkeit, mit der Ambros für seine Liebe eingetreten war? War es nicht Selbsttäuschung oder gar priesterliche Scheinheiligkeit, von einer höheren Liebe zu reden, da er bei den Worten des Bruders nur zu sehr empfunden, daß er noch keineswegs auf dem Gipfel der Entsagung stand, den er bereits erklommen zu haben wähnte? Warum hatte er dem Bruder nicht zugerufen, daß auch er die Liebe kenne, daß auch er nur ein Mensch sei? War es denn unmöglich, daß der Priester den Menschen auf die Höhe der Entsagung rettete? Oder konnte man ein wahrer Priester sein, wenn man die Schmerzen des Menschentums nicht in der eigenen Brust erfahren hatte? In solchen Gedanken war er fortgegangen, ohne des Weges, den er eingeschlagen, zu achten. Der Gesang zweier Kinderstimmen veranlaßte ihn, die Blicke von dem Geröll vor seinen Füßen zu erheben. Die Kinder, ein Knabe und ein Mädchen, waren durch eine Hecke von ihm getrennt. Der Knabe lag auf dem Rücken im Grase; zum Schutz gegen die Sonne hatte er sich sein Hütlein aufgesetzt und darüber die Hände verschlungen. Das Mädchen hockte mit angezogenen Knien neben ihm, und vor ihr stand eine Ziege und fraß ihr die Feldblumen, die sie gepflückt hatte, aus der Hand. Hannes gewahrte, daß er kaum fünfzig Schritt von dem Ansitz der Witwe Larseit entfernt war, und vor dem Hause stand Stasi; aber sie sah ihn nicht. Sie hatte Wäsche zum Trocknen über die Schlehdornhecke gebreitet und blickte nun, ganz in sich versunken, auf das Gerichtshaus hinunter. Sie wußte bereits um Ambros' Verhaftung und auch um den heftigen Widerstand, den er dabei geleistet hatte. Dieser neue Zuwachs ihres Herzeleids trug jedoch eher dazu bei, ihre Liebe zu stärken als zu schwächen. Der wilde Mensch – nun lag er gefangen und verwundet in jenem Hause unten, von dem sie nur den First sehen konnte, der über die Kronen zweier großer Alpenweiden im Vorhof aufragte. Die Vögel zwitscherten gewiß in den Laubkronen; sie waren frei und lustig, er aber war einsam und krank! Er hatte auf der Welt keinen mehr außer ihr, und sie durfte nicht zu ihm, ihn nicht pflegen und trösten! Der junge Geistliche war bei ihrem Anblick wie angewurzelt stehengeblieben; das Herz bebte ihm in der Brust. Die Kinder hinter der Hecke sangen von der Jungfrau Maria, die durch das Meer wanderte, da der Schiffsmann sie nur unter der Bedingung übersetzen wollte, daß sie seine Frau würde. Da fand sie im Meere einen Marmorstein; auf dem kniete sie nieder und betete für die ganze Christenheit … Hannes raffte seinen ganzen Mut zusammen und ging weiter, langsam, ganz langsam. Das Knirschen seiner Sohlen auf dem Kies weckte Stasi aus ihrer Versunkenheit »Ach, Sie sind wieder da?« rief sie, indem sich ein heller Schein über ihr liebliches Gesicht breitete; und sie lief ihm entgegen. »Sie kommen von ihm? Ach, sagen Sie doch, wie's ihm gebt?« Um seinetwillen also freut sie sich meiner Rückkehr! zog es fröstelnd durch sein Gemüt, und da er nicht sofort antwortete, rief sie ängstlich: »Steht's so schlecht mit ihm, daß Sie's mir nit sagen wolln?« »Nein, nein, es geht ihm gut«, sagte er jetzt hastig. Ihre Brust hob sich erleichtert. Hannes blickte zur Seite. Ach, wie liebte sie seinen Bruder! »Und dennoch sind Sie so traurig, lieber Herr Hannes?« fragte sie mit ihrer sanften Stimme. »Seine körperlichen Verletzungen sind ohne Bedeutung«, erwiderte er mit einem tiefen Atemzuge. »Aber wohin soll's zwischen euch führn? Gedenk doch deiner Mutter!« Stasi ließ den Kopf sinken. »Ach, schelten Sie mich doch nit auch!« bat sie, und mit Tränen an den Wimpern zu ihm aufschauend, fügte sie hinzu: »Ich kann ja nix dafür, daß ich immer an ihn denken muß, und er ist doch so unglücklich jetzt« »Und wann er unglücklich ist, so hat er's sich selbst zuzuschreiben!« versetzte Hannes entschlossen. »Was man verschuldet hat, das muß man büßen. Aber Ambros dünkt sich im Recht; er bereut sein Tun nit, er trotzt. Die Gesetze gelten ihm nix, nix der Wille deiner sterbenden Mutter. Auf seinen Willen allein steift er sich und auf die Gewalt. Und aus den Händen eines solchen Menschen erwartest du das Glück deines Lebens? Stasi! Stasi!« Die Augen des Mädchens öffneten sich weiter und weiter. »Auch Sie brechen den Stab über ihn? Er ist doch Ihr leiblicher Bruder!« sagte sie mit leise zitternden Lippen. »O du armer Brosi!« »Stasi!« stotterte er. »Ich wär nit dein aufrichtiger Freund, wann mir dein Wohl nit höher ständ als die Rücksicht selbst auf den eignen Bruder. Glaub mir, ich beurteil ihn richtig.« Aber Stasi wandte sich schmollend von ihm ab und fing an, sich wieder mit der Wäsche zu beschäftigen, von der noch ein Teil in der Wanne lag. Hannes ging mit gesenktem Haupt ins Haus. Als Stasi später in die Stube kam, betete er der Kranken laut vor. Was konnte er auch weiter tun, als Frau Larseit, nachdem sie ihm die schweren Sorgen anvertraut, die ihr Ambros' Liebe zu ihrer Tochter verursachte, auf die Vorsehung zu verweisen, ohne die kein Haar vom Haupte des Menschen falle? Für die Kranke war es eine große Beruhigung, daß Ambros auf vier Wochen im Gefängnis saß, und Stasi mußte es wiederholt mit anhören, wie sie Gott dafür dankte. Hannes wiederholte seinen Versuch nicht, als Arzt der Seele nach Eisen und Feuer zu greifen und Ambros aus dem Herzen Stasis herauszuschneiden und herauszubrennen. Wo hätte er angesichts ihrer traurigen Augen den Mut dazu hernehmen sollen? War der drohende Verlust der Mutter nicht schon Leid genug für sie? Ein Arzt muß starke Nerven haben, und Hannes war bisher nur gewöhnt, selber zu leiden, nicht aber diejenigen, die er liebte, leiden zu sehen. Selbst Lisei ahnte nicht, was Hannes litt. Der Priester stand zwischen ihm und der Schwester und ließ kein Vertrauen zu derjenigen zu, die ihm doch von seiner Kindheit an zugleich Mutter gewesen war und der er es verdankte, daß sein Herz unter der Lieblosigkeit daheim nicht wie in der Fremde verkümmert war. Nur seine Sorge um das Verhältnis zwischen dem Bruder und Stasi ließ er sie teilen. Wie in seiner Schülerzeit, wenn die großen Ferien zu Ende waren, so schied er auch jetzt, sein Ränzel auf dem Rücken, geräuschlos von dem Klosterhof. Wegen der Erntearbeiten konnte man auf dem Hofe weder Pferd noch Knecht entbehren. Lisei versprach, ihm seine Sachen nachzuschicken. 7. Kapitel Überall im Tale sanken unter den Sicheln die goldenen Halme. Ambros blickte aus den Fenstern seines Gefängnisses auf die fleißigen Schnitter und Binderinnen und nagte verdrossen an seiner Unterlippe. Es reute ihn jetzt, daß er dem Landrichter nicht sein Wort hatte geben wollen, sich nach Beendigung der Erntearbeiten freiwillig zur Verbüßung seiner Strafe wieder zu stellen. Zuweilen überkam ihn wohl der Gedanke, daß Herr Zengerl vielleicht auch jetzt noch bereit wäre, ihn unter jener Bedingung freizulassen, allein, er brachte es nicht über sieh, nun um das zu bitten, was ihm vorher entgegenkommend angeboten worden war. Es war für den kräftigen, gesunden Burschen – seine Armwunde heilte schnell – keine geringe Pein, zur Untätigkeit und Einsamkeit gezwungen zu sein, während draußen an den sonnigen Abhängen überall die Menschen emsig schafften. Zwar handelte es sich um die Arbeit, bei der der Schweiß am reichlichsten von den Stirnen tropfte; aber es war auch die munterste, denn sie brachte den Lohn für alle Mühen und Sorgen eines ganzen Jahres. Ambros glaubte die Stimmen der Leute und die Scherzreden, die zwischen Schnittern und Binderinnen hin und her flogen, zu hören, und von Unmut und Ungeduld verzehrt, rüttelte er an seinem Gitter, um sich seiner inneren Qual zu entledigen. Durch das westliche Fenster konnte er den Klosterhof sehen. Dort stand er die Tage über und verfolgte die fortschreitende Arbeit. Er vergegenwärtigte sich, wie es sonst gewesen, da er an ihr und den lustigen Mahlzeiten teilgenommen, nachdem das Ave-Maria den Feierabend verkündet hatte. Und dann sah er eines Tages das Gespann die letzten Garben auf den Hof fahren, und während dort das Fest des Sichelhängens fröhlich begangen wurde, wälzte er sich in der Dunkelheit unruhig auf seinem Strohsack hin und her. Unter ihm spielte die Frau Landrichter auf dem Klavier. Wenn ihn aber sonst die Töne beschwichtigt hatten, so verfehlten sie an diesem Abend ihre Wirkung auf ihn, und selbst Stasis Bild tauchte nicht wie sonst aus den melodischen Wogen auf. Die Felder waren leer, und von den hohen Stoppeln wehte den Gefangenen die Langeweile von Tag zu Tag empfindlicher an. Er schlief viel; aber da er nicht immer schlafen konnte, blieben viele leere Stunden auszufüllen. Der Klosterbauer ließ sich nicht sehen. Er blieb dabei, daß seinem Sohne Unrecht geschehen sei, und er wollte dem Richter, dem er deshalb grollte, kein gutes Wort geben, um Ambros besuchen zu dürfen. Ja, er redete sich mit Vefas Nachhilfe in die Überzeugung hinein, daß dieses Unrecht auch eine Folge der Neuerungen sei, die der Bayer ins Land gebracht habe. Wolf Lechner begann diese Anschauung zu spüren, wenn er auf den Klosterhof kam. Lisei besuchte den Bruder an den Sonntagnachmittagen, der einzig freien Zeit, über die sie verfügte. Ihre Besuche bildeten für den Gefangenen eine Oase in der Wüste seiner Langenweile. Und die Stunde, die sie bei ihm zubringen durfte, verging ihm bei ihren Mitteilungen von dem, was sich die Woche über etwa auf dem Klosterhof oder im Tal zugetragen hatte, rasch genug. Von ihr erfuhr er auch, daß Hannes sein Amt in St. Martin angetreten hatte. Er nahm es mit einem Achselzucken auf. »Der ist jetzt auch unser Bruder gewesen«, äußerte er darauf mit einem Anflug von Bitterkeit »Wann einer den schwarzen Rock anzieht, hört er auf, ein Bruder zu sein.« Lisei begriff, worauf er hinzielte, und wandte ein, daß er dem Bruder unrecht tue. Sie wollte mehr sagen und versuchen, ob ihrer herzlicheren, weiblich sanften Vorstellung nicht gelänge, womit Hannes gescheitert war. Ambros aber unterbrach sie mit der Bemerkung, es müsse jeder seinen eigenen Acker pflügen. Stasi erwähnte er nicht, weder jetzt noch später, und Lisei stand bekümmert von ihrem Vorhaben ab. Die Weigerung des Bruders, ihm in seiner Herzensangelegenheit behilflich zu sein, hatte Ambros' bisherige hochmütige Gleichgültigkeit gegen die Menschen in eine ebenso ungerechtfertigte Geringschätzung verwandelt. Sie sollten sehen, daß er niemandes bedürfe, um seinen Willen durchzusetzen, und darin bestärkte er sich in seinem einsamen Brüten. Um so ungeduldiger aber machte ihn die Haft, und seine Ungeduld verlangsamte wiederum von Tag zu Tag den Schneckengang der Zeit. Man konnte es an den Kerben ablesen, die er als Kalendarium täglich in die Tischkante schnitt, wie seine Ungeduld zunahm. Mit jeder Sonne, die hinter der Pfeilerspitze unterging, wurden die Schnitte tiefer und breiter. Mit jeder Sonne aber wurde auch der Faden dünner, der Frau Larseit an das Leben knüpfte, und die Sorge und der Schmerz um die sterbende Mutter drängten in Stasis Brust alle anderen Gefühle und Gedanken zurück. Die Mutter nutzte jedes hellere Aufflackern der erlöschenden Lebenslampe, um ihr Kind zu ermahnen, daß es gut über sein Herz wache. Der Hinweis des jungen Kuraten auf die göttliche Vorsehung beruhigte sie trotz ihrer bigotten Frömmigkeit nicht; ihr praktischer Sinn mochte nicht dem Himmel überlassen, was sie selbst noch tun konnte. Auch ihr Bruder David erhielt manche Ermahnung und genaue Anweisung, wie er es nach ihrem Hinscheiden in der Wirtschaft halten solle. Eines Tages schickte sie ihn zu dem Pfarrer von St. Vigil; denn sie fühlte, daß sie sich nicht länger gegen den Tod zu wehren vermochte, und Herr Moltenbecher sollte sie für die letzte Reise vorbereiten. David weinte unterwegs wie ein Kind; er fühlte sich verlassener als damals, da er plötzlich aus dem Kloster in die Welt gestoßen worden war. Unterdessen winkte die Sterbende ihre Tochter an ihr Lager, und mit fast erloschener Stimme hauchte sie: »Wein nit, ich bin bald erlöst. Aber du … aber du …« All ihre Kräfte sammelnd, fuhr sie fort: »Du bist immer ein gutes Kind gewesen, ich kann's nit anders sagen. Aber die Welt ist so hart. Ach, womit hab ich's verdient, daß ich dich schon jetzt verlassen muß? – Wann dein Vater noch lebte, könnt ich ruhig sterben. Ach, daß er sich zu Tod hat stürzen müssen! Wie sie ihn damals heimbrachten, und er war tot …« »O Mutter, denk doch jetzt nit daran!« schluchzte Stasi auf. Frau Larseit war aus Erschöpfung verstummt. Nach einer Weile begann sie wieder: »Ich hab dir alles vorgestellt, was ich konnt. Versprich mir, daß du mit dem Ambros Falkner nix mehr zu schaffen haben willst!« Stasi fiel erschrocken an dem Bett auf die Knie. »Versprich's mir, damit's dir wohlgeh auf Erden!« mahnte die Kranke eindringlicher. »Laß ab von ihm, Stasi! Versprich das deiner sterbenden Mutter.« »O Mutter, Mutter!« jammerte das Mädchen händeringend, das Gesicht von Tränen überströmt »So soll ich denn in die Grube fahrn mit dieser Angst um dich auf dem Herzen?« stöhnte die Mutter. »Wie willst du leben ohne meinen Segen? Stasi, Stasi, Gott wird's rächen, daß du dein Herz den Bitten deiner sterbenden Mutter verschließt!« Stasi krümmte sich in unsäglichem Weh. Durfte sie die Mutter mit der Angst, die sie in ihren abgezehrten Mienen, in ihren brechenden Augen las, dahinscheiden lassen? Die Pflichten des kindlichen Gehorsams der Schmerz um die Sterbende, der Nachdruck, den die schreckliche Majestät des Todes ihren Vorstellungen und Beschwörungen verlieh – all das stürmte auf Stasi ein, betäubte, überwältigte sie. Verzweifelt, völlig außer sich rief sie: »Verwünsch mich nit, Mutter! Ich versprech's.« Schwer fiel ihre Stirn auf die Kante der Bettstelle. Aus den Zügen der Sterbenden schwand die Angst, und ihre matten Augen blinkten auf. Mühsam legte sie die Rechte auf das Haupt ihres Kindes. Das Geläut des Totenglöckleins trug seine Trauerbotschaft auch in das Gefängnis. Ambros ahnte jedoch nicht, daß ihn die Botschaft so nahe anginge. »Da ist wer gestorben ...«, sprach er gleichgültig vor sich hin und stellte sich vor, daß jetzt überall, wo der Glockenton vernommen würde, die Leute die Hände falteten. Er selbst aber tat es nicht. Erst abends, als der Schließer noch einmal nach seinem Gefangenen sah und ihm einen Krug mit frischem Wasser zum Nachttrunk in die Zelle stellte, erfuhr er, wer gestorben war. »Aber das kann nit sein!« behauptete er gereizt, und als jener, der inzwischen wieder zu Atem gekommen war, die Nachricht redselig bestätigte, wandte er sich still ab und hörte nicht weiter auf ihn. Die plötzliche Einmischung des Todes in seine Herzensangelegenheit durchschauerte ihn unheimlich. Er hatte daran nie gedacht, daß Stasis Mutter sterben könnte, bevor er seinen Willen gegen sie durchgesetzt hätte. Dann erfaßte ihn ein Groll gegen den Tod, und es hätte nicht viel gefehlt, so hätte er mit der Faust zornig den Tisch eingeschlagen. Der Tod hatte ihm hinterrücks den Sieg entwendet, ihn betrogen! Die Frau hätte noch nicht sterben dürfen! »Jetzt hat sie wahrhaftig gemeint, sie hätt mich untergekriegt«, murrte er. Erst als Frau Zengerl unter ihm auf ihrem Instrument zu spielen begann, löste sich seine ungebärdige Stimmung allmählich, und er dachte an die arme Stasi, die an der Leiche ihrer Mutter weinte. Und er konnte nicht fort und sie trösten! Noch dreimal mußte die Sonne mit ihren ersten Pfeilen den Wetterhahn auf dem Kirchturm von Pleiken über der Schlucht von Zwischenwasser treffen, ehe er frei wurde. So lange hätte der Tod doch wohl noch auf seine Beute warten können! Am nächsten Morgen hatte er einen glücklichen Einfall. Er ließ durch den Schließer um Feder, Tinte und Papier bitten, da er einen wichtigen Brief zu schreiben habe. Sein Gesuch wurde anstandslos bewilligt. Er wollte an Stasi schreiben; nun, da ihre Mutter tot war, würde der Brief ja wohl an seine richtige Adresse gelangen. Mit Eifer ging er an die Arbeit, und sich mit beiden Armen breit auf den Tisch lehnend, begann er: »Herzallerliebste Stasi!« Da stand es mit großen, ungelenken Buchstaben auf dem groben Conzeptpapier. Zufrieden las er sich die beiden Worte laut vor. Aber nun weiter? Tief beugte er sich auf das Blatt, als sei er kurzsichtig, und endlich malte er langsam weiter: »Da mir vermellt worden iß, das Deine Mutter tot ist …« Hier folgte ein Klecks, der ihn ärgerlich die Feder wegwerfen ließ. Aber der Klecks durfte nicht bleiben, und so leckte er ihn, wie er als Schulbube getan, mit der Zunge auf. Darauf wühlte er eine gute Weile in seinem Haar, und dann stolperte die Epistel weiter: »... und ich nit rauß kann was mich gans wilt macht so schreib ich Dir. Liebste Stasi ...« »Himmel, Herrgott, ist das ein saures Stück Arbeit!« seufzte er, und als ihm der engbrüstige Zerberus das Mittagessen brachte, das ihm täglich von Lisei geschickt wurde, war er noch nicht über die »liebste Stasi« hinaus. Er kam auch nicht weiter. Zwar wußte er ganz genau, was er dem Mädchen sagen wollte – nämlich, daß er sie liebe und daß die Liebe sie über ihren schweren Verlust trösten würde – aber die geeigneten Worte für seine Gefühle wollten nicht kommen, obgleich er sich das Haar zerwühlte und die Feder zerkaute. Es war aber auch der erste Brief, an dem er sich in seinem Leben versuchte, ja es war anzunehmen, daß er weder Griffel noch Feder zur Hand genommen hatte, seit er der Gelehrsamkeit des Meisters Ruthler körperlich entwachsen war. Was hätte er auch zu schreiben gehabt? Er gab die Korrespondenz auf, und nachdem sich der Schließer mit dem Rest des Essens – seiner Beute – entfernt hatte, zerriß er das Geschreibsel und streute die Fetzen zum Fenster hinaus. Die Kinder, die unten auf dem Anger spielten, haschten jauchzend nach den weißen Papierstückchen, die wie Schmetterlinge in der Luft flatterten. Von Tinte und Feder machte Ambros aber noch Gebrauch. Er malte seinen Vor- und Zunamen mit großen Buchstaben auf die Tischplatte. Wenn der Klosterbauer um diese Verewigung gewußt hätte, so hätte er den Tisch auf seine Kosten abhobeln lassen. Denn war und blieb er auch davon überzeugt, daß seinem Sohne Unrecht geschehen, so ging es ihm doch gegen den Strich, daß man dem Erben des Klosterhofes nachsagen könnte, er habe im Gefängnis gesessen. Ambros dachte sich wohl nichts dabei, als er seinen Namen seinen etwaigen Nachfolgern überlieferte. Das Nachdenken in der Einsamkeit hatte ihn nur noch in seiner Ansicht bestärkt, daß er seine Strafe nicht verdient habe. War er doch kein Dieb oder Mörder! Und diese Auffassung ließ ihn seine Haft nicht als einen Fleck auf seinem Namen betrachten – so empfindlich er auch sonst hinsichtlich dessen war, was er seine Ehre nannte. Er trat denn auch, als endlich die Stunde seiner Freiheit schlug, mit dem alten, stolzen Gleichmut unter seine Freunde, die sich unter den Weiden auf dem Hofe des Gerichtshauses zu seinem Empfang versammelt hatten. Innerlich wünschte er sie an einen Ort, der nicht das Paradies war. Wohl hatte er mit der Erinnerung an sie manchen langweiligen Augenblick seiner Gefangenschaft getötet, hatte sich unter sie auf die Kegelbahn und in den »Stern« versetzt, war mit seinen Gedanken sonnabends im Sängerkränzchen unter ihnen gewesen und hatte sie zu den Lustbarkeiten des großen Viehmarktes begleitet, der, wie gewöhnlich, unmittelbar nach der Kornernte in Bruneck stattgefunden. Allein, nicht die Sehnsucht nach ihnen trieb ihn so hastig die Treppen hinunter, nachdem ihm der Schließer mit wehmütigem Gesicht angekündigt, daß er frei sei. Kaum daß er sich die Zeit genommen, dem Manne zum Abschied die Hand zu reichen, der nun in der leeren Zelle droben auf dem Schemel saß und trübselig der Tatsache gedachte, daß es nun zu Ende wäre mit den guten Bissen vom Klosterhof, an denen Ambros ihm stets den Löwenanteil hatte zukommen lassen. Die jungen Burschen begrüßten den Freigelassenen mit einem kräftigen Hurra. Sie wollten ihn mit sich in das Wirtshaus schleppen, um das frohe Ereignis beim Wein zu feiern. Da er sich aber entschieden hiergegen wehrte, schickten sie sich an, ihn nach dem Klosterhof zu begleiten. In das Lachen und Scherzen hinein warf plötzlich die Kirchenglocke ihr Trauergeläute. »O weh!« rief Sebi. »Das ist ein schlimmer Angang!« Jerg, der sich vor den anderen mit glückwünschendem Handschütteln an Ambros gedrängt hatte, raunte diesem mit einem lauernden Blick zu: »Sie begraben die alte Larseit.« Alle schauten nach dem Zuge aus, von dem jedoch noch nichts zu sehen war. Schon aber vernahm man die Sänger durch das Geläute hindurch. Dann tauchte die hagere Gestalt des Schullehrers auf, der den aus Knaben und einigen Männern bestehenden Sängerchor leitete. Hinter den Sängern ragte ein mächtiges Kreuz auf und kam näher und näher. Der pausbäckige, flachshaarige Junge des Mesners, ausstaffiert mit einem nachschleppenden roten Rock und einem weißen Hemd darüber, trug es dem greisen Pfarrer voran. Die Burschen vor dem Gerichtshause nahmen ehrerbietig die Hüte ab. Auf den Schultern von vier kräftigen Männern, deren braune Knie sich zwischen Strümpfling und Hose vordrängten, schwankte der Sarg. Sie hatten neue, rotbunte Baumwolltücher um die Hüte gebunden, die mit künstlichen Blumensträußen geschmückt waren. Tuch und Strauß waren der Dank, den sie für den letzten Liebesdienst erhalten, den sie der Toten erwiesen. Den Sarg verhüllte eine Decke von ausgebleichtem rotem Manchestersamt mit einem großen goldenen Kreuz und einer breiten goldenen Borte. Die Decke war Eigentum der Kirche, und diese breitete sie über jeden auf seiner letzten Erdenfahrt. Dem Sarge folgte paarweise das kleine Trauergeleit, das mit Ausnahme David Fenchlers nur aus Frauen und Mädchen bestand. David und Stasi, die den kleinen Zug anführten, trugen brennende Kerzen in der Hand. Dem Ohm rollten unaufhörlich die Tränen über die Wangen; Stasi schritt bleich und gesenkten Hauptes neben ihm, und die Art, wie sie die Kerze hielt, verriet, daß sie auf nichts, was außer ihr vorging, achtete. Ein Murmeln des Mitleids erhob sich bei ihrem Erscheinen unter den Burschen, und als der Zug auf den Kirchhof schwenkte, empfingen die Frauen, die die Neugierde dort hingelockt hatte, das Mädchen mit lauten Ausrufen des Bedauerns. Alle mochten sie wegen ihres freundlichen, stillen, bescheidenen Wesens gern. Die Burschen hatten vergessen, weshalb sie zusammengekommen waren – nur Jerg nicht; er blickte sich verstohlen nach Ambros um, um den Eindruck zu beobachten, den Stasis Anblick auf ihn machen würde. Ambros aber war verschwunden. Die Zeremonie ging ihren Gang, und dann war alles vorüber. Stasi reichte den Frauen, die ihrer Mutter die letzte Ehre erwiesen, stumm ihre eiskalte Hand. Den Kopf auf die Brust gesenkt, ging sie mit David nach Hause, langsam, gebrochen und von einem fieberfrostartigen Zittern durchschüttert. Tränen hatte sie keine mehr; als die Grube über dem Sarge zugeschaufelt worden war, waren sie noch ein mal gewaltsam hervorgebrochen und dann versiegt. Tränenlos blickte sie sich in der Stube um, die nach den frischen Tannenzweigen auf dem Fußboden roch. Dann setzte sie sich auf ihren gewohnten Platz, legte die Hände im Schoß zusammen und starrte mit brennenden Augen vor sich hin. David ertrug den jammervollen Anblick nicht; er schlich in den Kuhstall, wo er sich auf einer umgestürzten Karre niederhockte. Stasi beherrschte nach all der schmerzlichen Aufregung und Geschäftigkeit voller Tränen, gedämpfter Worte und Gebete, die die letzten Tage erfüllt hatten, nur ein Gefühl: das der Leere. Jetzt gab es nichts mehr zu tun. Keine Arbeit wurde mehr von ihr gefordert, keine Pflege, keine Liebe. Alles war zu Ende, alles leer in ihr und um sie herum, leer, kalt und öde die ganze Welt. Da hörte sie ihren Namen rufen. Sie erkannte die Stimme, obwohl sie zitterte. Aber sie blieb regungslos sitzen; sie war ja tot. Ambros war blaß wie sie, und nicht allein seine Stimme zitterte bei ihrem Anblick. Erst als er ihren Namen wiederholte, wandte sie langsam den Kopf zu ihm hin, sah ihn mit einem langen, traurigen Blick an und flüsterte: »Armer Ambros!« Er wollte sich ihr nähern; sie aber winkte mit einer matten Gebärde ab, und nach einer Weile sagte sie leise, ohne die traurigen Augen von ihm zu wenden: »Du armer Mensch, siehst du nit das Grab?« »Stasi!« rief er erschrocken. Sie sah wieder auf ihre gefalteten Hände. »Es ist das Grab meiner Mutter«, murmelte sie. Er starrte sie mit weitgeöffneten Augen an und stammelte: »Jesus Maria, was ist dir?« Sie bewegte die Lippen, aber erst nach einer Weile gelang es ihr, sich verständlich zu machen. »Ich hab's ihr gelobt, daß es aus sein soll zwischen uns«, sagte sie, und während sie den Kopf auf die Brust sinken ließ, fügte sie tonlos hinzu: »Es ist alles aus.« »Aus soll's sein zwischen uns?« fuhr Ambros jetzt auf. »Das hast du gar nit geloben können, denn du hast dich vorher mir versprochen. Du gehörst mir!« Eine matte Röte zeigte sich auf Stasis Wangen und verschwand sogleich wieder. Sie schüttelte stumm den Kopf, ohne ihn zu erheben. Ambros aber fuhr ungestüm fort: »Ich bitt dich um aller Heiligen willen, Stasi, das kann ja nit sein! Wir haben Hand in Hand vor deiner Mutter gestanden, und sie hat kein Recht gehabt, uns auseinanderzureißen. Du hast mir dein Herz geschenkt, und ich geb's nimmer heraus. Ich will ohne dich nit leben!« Wie sollte sie ohne ihn leben? Der Schmerz sprengte die Erstarrung ihres Herzens, und sie klagte: »Ich hab's gelobt, und jetzt kann's nit anders sein. Sie hätt sonst nimmer ruhig sterben können, und jetzt bitt ich dich: geh fort!« Sie hob die gefalteten Hände bittend zu ihm auf und sah ihn mit ihren sanften Augen wie ein sterbendes Reh an. Er aber stampfte mit dem Fuß auf und rief: »Sie hat dich gezwungen! Das gilt nit« »O sei doch ruhig!« flehte sie und stand mühsam auf. »Es hat ja sein müssen. Verzeih mir doch, daß ich dir wehtu!« »Verzeihn soll ich dir, daß du mir das Herz zertrittst?« grollte er und schleuderte seinen Hut fort »Jesus, Stasi, bist mir denn gar nit mehr gut?« Sie zitterte, schwieg aber und bedeckte die Augen mit den Händen. Als er keine Antwort erhielt, fuhr er eindringlich fort: »Ich will gehn, wann du mir nit mehr gut bist; aber sag's mir! Sieh mich an und sag's mir mit demselbigen Mund, der mich geküßt hat!« Ihre Brust wogte auf, aber sie schwieg noch immer. Da zog er ihr die Hände vom Gesicht weg, und nun stotterte sie unter hervorquellenden Tränen: »O Ambros, frag mich nit, laß mich! Gott wird's rächen, wann ich meineidig bin.« »Aber meineidig gegen mich kannst sein! Das rächt Gott nit?« rief er vorwurfsvoll »Ein abgezwungenes Gelöbnis gilt nit Stasi, Stasi, ist denn die rechtschaffene Lieb was Unrechtes, daß der liebe Gott sie strafen soll?« Stasi blickte ratlos um sich. Ambros aber fuhr leidenschaftlich fort: »Da schau her, Stasi! Da ist die Schwellen, auf die deine Mutter ihre Verwünschung gelegt hat, wann ich nit von dir lassen würd! Und hier steh ich und bin nit drüber gefalln oder auch nur gestolpert! Du siehst: wann sich zwei Herzen lieben wie meins und deins, nachher ist alles Drohn und Verwünschen nix wie Wind.« »Ich hab's gelobt!« jammerte Stasi und rang die Hände. »Du hast gelobt, mich liebzuhaben!« rief er und legte seine Arme zärtlich um ihren Leib. »Das hast gelobt Wann die Lieb nit Treue halten will, dann müßt ja die Welt in Stücke gehn. Und ich weiß, daß du mich liebhast wie ich dich. Gelt, Stasi, es ist so! Schau mir doch nur einmal ins Gesicht! Bin ich denn nit mehr dein lieber Ambros?« Scheu blickte sie ihn an. Da war es um ihre letzte Widerstandskraft geschehen. Schluchzend lehnte sie den Kopf an seine Brust. Er atmete rasch und heiß und ließ sie weinen. Sanft drückte er ihren Kopf an sich, streichelte ihr Haar und flüsterte zärtliche Worte. So fand David sie. Er trat so leise auf, als ob seine Schwester noch krank läge. Beim Anblick des Liebespaares stutzte er und öffnete seine verschwommenen Augen so weit er konnte. Stasi löste sich verwirrt aus den Armen des Burschen; der aber hielt sie bei der Hand fest und rief: »Schau, Ohm, die Stasi ist jetzt meine Braut!« »Ja, ich weiß nit ...«, murmelte David mit einem fassungslosen Blick auf seine Nichte, worauf er sich auf die Ofenbank setzte und nach der Bettstelle der Verstorbenen starrte. Stasi ging zu ihm und bat leise: »Ohm, lieber Ohm, sei doch gut mit mir. Ich hab ihn so lieb.« »Ach ja, Kind«, stammelte er und sah sie kläglich an. Sofort aber wanderten seine Augen wieder nach dem Sterbelager seiner Schwester, und er ächzte: »Ach, wann das deine Mutter wüßt!« Stasi fuhr erschrocken zurück. Ambros tröstete sie; sie sei seine Braut vor den Lebendigen und den Toten, und er fragte den Alten herausfordernd, ob er etwas dagegen einzuwenden hätte. »Deine Schwester mußt froh sein, daß die Stasi nit verlassen ist, sondern einen hat, der fester zu ihr steht, als du's auf deinen alten Beinen kannst, alter Ohm!« Er umfaßte Stasi und zog sie an sich. Als David seine Nichte so innig an den hübschen, stattlichen Burschen geschmiegt sah, mußte er dessen letzten Worten beipflichten, und er murmelte: »Freilich, ich bin alt, und du bist jung!« »Aber jetzt muß ich zu meinen Leuten, die sich gewiß wundern, daß sie noch nix von mir zu sehn gekriegt haben«, sagte Ambros nach einer Weile. »Adjes, herzliebster Schatz! Jetzt sind wir Bräutigam und Braut!« Er preßte Stasi fest an seine Brust und küßte sie trotz ihres Sträubens wieder und wieder. David sah verlegen zur Seite. »Adjes, Ohm!« Und schon war Ambros zur Tür hinaus. Auf dem Klosterhof hatte Lisei schon mehrere Male nach dem Bruder ausgeschaut. Sie hatte sein Leibgericht bereitet und mußte es auftragen lassen, obgleich er noch nicht da war. Die Jungmagd hatte das Glockenbrett auf dem Hofe angeschlagen, und der Vater hatte Liseis Namen bereits scharf zur Tür herausgerufen. Er tat sich auf seine pedantische Pünktlichkeit etwas zugute. Er wußte ebensogut wie Lisei und das Gesinde, daß Ambros heute aus der Haft entlassen worden war; aber das war kein Grund, um von der gewohnten Ordnung abzuweichen. Ja er hielt heute fast noch strenger darauf als sonst und gedachte des Sohnes mit keiner Silbe. Ambros' Rückkehr sollte nicht als etwas Außergewöhnliches aufgefaßt werden; denn er wollte dessen Gefangenschaft in absolutes Schweigen gehüllt wissen. Niemand sollte jener unerfreulichen Tatsache gedenken, und als nun Ambros während des Essens mit einem lebhaften: »Grüß Gott allerseits!« in die Stube trat, Lisei von ihrem Sitz aufsprang und ihn bei beiden Händen faßte und das Gesinde grinsend und kichernd seinen Gruß erwiderte, führte der Klosterbauer erst den Löffel, den er eben aus der Schüssel geschöpft hatte, zum Munde und sagte dann, seinen Dienstboten einen strengen Blick zuwerfend, gleichmütig: »Grüß Gott! Setz dich und iß!« Er selbst aß anscheinend ruhig weiter. Seine Verstellung half ihm jedoch nichts; denn Ambros rief, indem er zulangte: »Schau, mein Leibessen! Ja, wann's nach der Lisei gegangen wär, würd ich mit einem Bauch wiedergekommen sein. – Na, Vater, daß du mich nit ein einzigs Mal besucht hast! Warum bist denn nimmer gekommen?« »Iß erst!« entgegnete dieser. Ambros war indessen zu aufgeregt, als daß er die Ablenkung verstanden hätte. Er aß zwar, doch kam er dabei immer wieder auf die Zeit seiner Abwesenheit von Hause zu sprechen, bald durch eine Frage nach den Vorgängen auf dem Hof, bald durch eine Bemerkung über seine Gefangenschaft. Sie lag ja nun hinter ihm, und in dem Frohgefühl darüber erschien ihm manches in einem komischen Licht, selbst die peinigende Langeweile; und der Humor, mit dem er sie schilderte, brachten seine Zuhörer oftmals zum Lachen. Auch der Klosterbauer konnte gelegentlich ein Schmunzeln nicht unterdrücken, und in seinen stählernen Augen gewann mehr und mehr der Stolz auf Ambros die Oberhand. Wenn man dem Burschen zuhörte, mußte es ein Vergnügen sein, eingesperrt zu sein, und nichts konnte lustiger sein als der Verdruß, mit dem er den Leuten, die mit ihren Kühen, Pferden, Schweinen und Ziegen aus dem Tal nach dem Brunecker Markt gezogen waren, von seiner festen Burg aus nachgeschaut haben wollte. »Ja«, sagte der Klosterbauer, indem er die Augen schlau zusammenkniff und schmunzelte, »ich hab in Bruneck auch an dich gedacht; und auch was mitgebracht hab ich dir.« »Was denn?« fragte Ambros, und der Vater erwiderte, während er dem Kuhbuben einen Wink gab, das Dankgebet zu sprechen: »Im Stall steht's.« Er schmunzelte auch behaglich, als er sich daraufhin zur Mittagsruhe in den Sorgenstuhl setzte, dessen Lederbezug durch Alter und Gebrauch schwarz und blank geworden war. Ambros war unterdessen dem Großknecht gefolgt, der ihn nach dem Pferdestall führte. »Das ist's«, sagte der Großknecht und klopfte einem Apfelschimmel auf den prallen Schenkel. Es war ein kräftiges Gebirgspferd, das sich bei der Liebkosung mit leisem Schnauben umsah. Ambros betrachtete und untersuchte es mit Kennermiene, und der Knecht lobte, daß es so sicher gehe wie eine Katze auf einem Dachfirst. Der Bauer habe es billig erstanden. Es seien überhaupt wenig Käufer in Bruneck gewesen, fügte er hinzu; aus Österreich und dem Reiche draußen hätten sie ganz gefehlt, und daher habe mancher sein Vieh unverkauft wieder nach Hause treiben müssen. »Dann ist's wohl nit so lustig wie sonst dort gewesen?« fragte Ambros, während er dem Apfelschimmel das Maul öffnete und die Zähne untersuchte. Der Großknecht schüttelte verneinend den Kopf. Alle Welt habe darüber geklagt, daß die Zeiten so teuer seien und daß man kein Geld kriegen könne. »Und sie würden noch schlechter werden, hat es geheißen«, berichtete er und lehnte sich mit beiden Armen auf den Rücken des Pferdes. »Es ist viel davon gered't worden, daß wir noch mehr Steuern zahln solln und daß eine neue Getränksteuer soll aufgelegt werden.« »Oho!« rief Ambros, und der andere fuhr fort: »Ja! Und da hat sich jeder nochmal rechtschaffen satt trinken wolln, dieweiln der Wein und Schnaps noch billig ist; aber lustig ist keiner dabei geworden. Den Bayern und Franzosen mögen da wohl die Ohren geklungen haben; denn sie sind doch an allem schuld. Besonders in dem Peter Hueber seiner Wirtschaft, da ist's immer wie in einem Bienenkasten aus- und eingegangen und hat einer vor Summen sein Wort nit hörn können. Ist aber kein Lachen und Singen gewesen. Unten in dem gewölbten Hausraum, in der Schenkstuben und auch auf dem Tanzboden über zwei Stiegen, da hat einer kaum einen Platz kriegen können. Der Peter Hueber ist aber auch ein Mann, der Bescheid weiß in der ganzen Welt und besser noch, sagen sie, als es in den Zeitungen geschrieben steht. Ja, der ist gescheit, und auf sein Wort kann einer getrost ein Haus baun.« »Ich kenn ihn schon«, schaltete Ambros ein und ließ das Auge noch einmal wohlgefällig über das neuerstandene Tier gleiten. »Ja, wer kennt ihn nit!« meinte der Großknecht. »Der Hofer vom Sand im Passeier kann nit bekannter sein im ganzen Land, als es der Peter Hueber hier herum ist in allen Tälern. Wann das aber wahr ist von der neuen Steuer, wo soll da unsereins für seine paar Kreuzer noch zu einem guten Trunk kommen? Das Wetter soll die sakrischen Bayern erschlagen!« Ambros klopfte dem Schimmel lachend auf den Hals und verließ den Stall. Draußen dehnte und reckte er seine kräftige Gestalt und betrachtete nachdenklich die Zacken und Schroffen, Schroffen – Felsklippen die in der klaren, schon herbstlich getönten Luft mit scharfen Linien über den Wäldern standen. Er dachte aber weder an die neue Getränkesteuer noch an die Bayern, sondern daran, daß jetzt die Zeit sei, auf Gemsen zu pirschen; und er überlegte, ob er nicht Sampogna, das Gamsmanndl, auffordern sollte, morgen in der Frühe mit ihm ins Hochgebirge zu steigen. Er sprang auf seine Stube und zündete sich die lang entbehrte Tabakspfeife an; dann rüstete er sich, um das Gamsmanndl in Monthan aufzusuchen. Als er wieder herunterkam, trat auch der Klosterbauer eben aus seiner Stube, und beide verließen zusammen das Haus. Der Alte erkundigte sich nach Ambros' Vorhaben, und als er es erfahren, äußerte er: »Kann's mir schon vorstelln, daß dich's nach einer rechtschaffenen Bewegung verlangt, nachdem du so lang stillgelegen hast. Jetzt, was sagst zu dem Schimmel?« Die Antwort erwartend, stellte er sich breitbeinig hin. Ambros lobte das Pferd und meinte: »Mit so einem Gespann, da könnt sich einer schon sehn lassen vor den Leuten.« »Das will ich meinen!« nickte der Klosterbauer, und mit einem lauernden Blick fuhr er fort: »Wann du zweispännig fahrn willst, wär wohl Rat zu finden. Zu St. Georgen im Tauferstal, Taufers – gem., das Taufertal in Südtirol da soll ein Apfelschimmel zu haben sein, der zu dem unsrigen paßt, wie ich in Bruneck gehört hab. Könntest ja mal hin und ihn dir ansehn; das kostet nix.« »Das wär 'ne Sach!« rief Ambros erfreut. »Da will ich doch gleich am nächsten Sonntag nach St. Georgen. Wer ist denn der Eigentümer?« »Eckschlager heißt er und ist der reichste Bauer von St. Georgen. Wir sprechen schon noch weiter drüber. Will dich jetzt nit weiter aufhalten.« Er nickte Ambros mit zusammengekniffenen Augen zu und wandte sich zur Tenne, aus der der Taktschlag des Dreschflegels klang. Um seinen breiten Mund lag wieder das Schmunzeln wie am Mittag. Das Gamsmanndl, das Ambros am Schabebock damit beschäftigt fand, Ziegenfelle von den Haaren zu befreien, war ein zu leidenschaftlicher Jäger, um nicht auf dessen Vorschlag sofort einzugehen; und es wurde zwischen ihnen verabredet, daß sie sich am nächsten Morgen um zwei Uhr bei dem Monthaner Kapellchen treffen wollten. Sampognas Gerberei war bachabwärts das letzte Haus im Orte. Auf der Landstraße kam dem heimkehrenden Ambros ein Wagen entgegen, vor dem des Sägemüllers Schweißfuchs trottete. Arigaya selbst lenkte den Gaul, und neben ihm saß seine Frau. Der Alte hatte geschäftlich in Zwischenwasser zu tun, und dorthin ging die Fahrt. »Schau, schau, der Ambros!« rief er schon von weitem und hob den rechten Arm mit der Peitsche in die Höhe. Er hätte nicht nötig gehabt, seine Frau darauf aufmerksam zu machen, denn sie hatte Ambros schon längst erspäht; ihr Gesicht war von einer jähen Röte überzogen. Als ihr Mann dann anhielt und in seiner gutherzigen Weise Ambros zu seiner wiedererlangten Freiheit beglückwünschte, zeigte Afras Miene jene Lauigkeit, mit der man einem gleichgültigen Bekannten zu begegnen pflegt. Stumm und zerstreut hörte sie der Unterhaltung der beiden Männer zu. Sie hatte sich in ihren Sitz zurückgelehnt und ihre schönen Augen blickten bald auf das Pferd, das von Zeit zu Zeit mit Hinterfuß oder Schweif die Herbstfliegen von sich abwehrte, bald glitten sie über die Äcker, die, bereits frisch eingesät und eingeeggt, nun braun zwischen den noch grünen Wiesen lagen, oder aber sie verfolgten die dahinziehenden weißen Wölkchen. Kaum daß ihre Augen einmal flüchtig über Ambros hinstreiften, der auf der Seite ihres Mannes stand und den rechten Fuß auf eine Speiche des Hinterrades gesetzt hatte. Unbefangen plauderte er mit dem gesprächigen Alten. Er hatte sich nie Skrupel gemacht über die rauhe Art, in der er mit Afra gebrochen; kaum daß er während der langen Zeit, die seitdem verflossen, einmal an sie gedacht hätte. Nun war es ihm dennoch lieb, daß ihr Zorn gegen ihn verraucht war – fühlte er sich selbst doch durch die wiedergewonnene Freiheit und den Sieg seiner Liebe gegen die ganze Welt versöhnlich gestimmt Er sagte daher auch zu, als ihn Arigaya schließlich einlud, sich bald einmal auf der Mühle sehen zu lassen. Afra unterstützte die Einladung nicht; sie mochte sie überhört haben, denn sie war eben damit beschäftigt, den Regenschirm, der auf den Boden des Wagens geglitten war, aufzuheben. Aber sie reichte Ambros die Hand und nickte, die Lippen bewegend, als er, glückliche Verrichtung wünschend, von dem Wagen zurücktrat. Der Müller war durch die Begegnung heiter gestimmt. Zwar erkannte er die Schwächen und Fehler in dem Charakter des jungen Klosterbauern sehr gut, doch dessen offenes und frisches Wesen – mochte es auch nur zu leicht in Rücksichtslosigkeit und Sturm ausarten – tat ihm wohl, und das im Augenblick um so mehr, je weniger er mit seinem eigenen Sohn zufrieden war. Er war überzeugt, daß Ambros seinem Vater, wenn dieser noch einmal geheiratet hätte, nicht gleich nachrechnen würde, was er seiner Frau zufließen ließe, und daß er sich noch weniger, wie es Jerg tat, dafür durch hämische Anspielungen und spitze Bemerkungen an seiner Stiefmutter rächen würde. Erst vor einigen Tagen war es deshalb zwischen ihm und seinem Sohn zum Streit gekommen. Er hatte geglaubt, sich durch eine offene Aussprache mit Jerg verständigen zu können; und er hatte ihm vorgehalten, daß das Vermögen sein durch mühevolle Arbeit erworbenes Eigentum sei, mit dem er schalten und walten könne, wie ihm beliebe, daß Mühle und Äcker nach seinem Tode Jerg zufallen würden und daß es gewissenlos wäre, wenn er nicht dafür Sorge trüge, daß seine Frau nach seinem Ableben nicht mittellos zurückbliebe. Jerg sei mit Geld von ihm nie knappgehalten worden; er könne aber nicht verlangen, daß er, der Vater, sich um seinetwillen Entbehrungen auferlege. All das war jedoch in den Wind geredet gewesen, weil der Alte sich entschieden geweigert hatte, auf den Vorschlag, mit dem Jerg nun offen herausgekommen war, einzugehen und sich auf den Altenteil zu setzen. Wäre er allein gewesen, so hätte er vielleicht um des Friedens willen die Zügel aus der Hand gegeben; aber der Gedanke an Afra steifte seinen Widerstand. – »Was redst du denn davon, daß mir alles einmal gehörn soll, die Mühle und die Landwirtschaft?« hatte Jerg darauf giftig gerufen und die Tür hinter sich zugeschlagen. »Bis es dahin kommt, sind wir durch die Mutter und ihre Leut verlumpt! Seh ich denn nit, was sie ihnen alles zusteckt an Mehl und Butter und Speck und was weiß ich alles?« Diesen Gegensatz vor Augen, sang jetzt der Alte Ambros' Lob. Seine Frau blieb stumm. Sie hatte ihre vollen Lippen zusammengepreßt, und ihre dunklen Brauen zuckten von Zeit zu Zeit wie vor Ungeduld. Plötzlich sagte sie: »Du hättst ihn nit einladen solln!« »Wieso denn nit?« fragte er verwundert, und als sie dumpf zurückfragte, was er in der Mühle solle, versetzte er: »Wann nix andres, so bringt er frische Luft in die Mühl. Du weißt schon, wie ich's mein. Es ist schon was, mal einen Menschen zu sehn, der nach unserm Herrgott und der ganzen Welt nix fragt, sowenig wie die Tannen, die dort auf dem Berg wachsen. Wann ich tot bin – und lang werd ich's ja nit mehr machen – und du heiratst wieder – denn das wirst du ja doch – dann wollt ich, du könntst den Ambros kriegen. Da würdest deines Lebens froh werden.« Afra stieß einen Laut aus, den er für Lachen hielt, und er lachte selbst. Ihn, Ambros, heiraten! Schreck und Zorn erfüllten ihr Herz – Zorn gegen sich selbst. Und er machte sie einen Augenblick blaß. Sie hatte dem wilden Burschen seine Unart vergeben und ihre verletzte Eitelkeit niedergerungen. Ambros sollte und mußte ihr gleichgültig sein, und sie hatte ihm auch eben erst gezeigt, daß er es war. Ihr Stolz litt nicht, daß ein anderes, wärmeres Gefühl für ihn in ihr aufkam. Ihn heiraten! Sie hätte ihn erwürgt, wenn er in diesem Augenblick zwischen ihren Händen gewesen wäre. Ambros war noch nicht lange wieder zu Hause, als sich Jerg mit einigen Freunden auf dem Klosterhof einfand. Da sich Ambros am Morgen heimlich von ihnen fortgeschlichen hatte, sollte er nun mit ihnen in den »Stern« kommen; denn der Tag seiner Freiheit mußte doch gefeiert werden. Dem Klosterbauern war es nicht recht, daß die Gefängnisstrafe seines Sohnes den Leuten gar durch ein Gelage ins Gedächtnis geprägt werden sollte. Deshalb lud er die Burschen ein, als seine Gäste auf dem Hof zu bleiben. »Potz Stern, ich will doch auch was von meinem Buben haben!« rief er. »So viel Wein, wie ihr auf seine Gesundheit trinken mögt, hab ich wohl noch im Keller. Und ihr könnt mir glauben, daß es kein Schabser Schabser – der in Tirol als sauer bekannte Wein aus der Gegend um Schabs (zwischen Valser- und Lüsental). ist, wo einer, der davon getrunken hat, sich nachher nachts immer im Bett umkehrn muß, damit ihm der Krätzer kein Loch in den Magen frißt« Lisei mußte ein gehöriges Abendessen zubereiten. Der Wein, den der Klosterbauer dazu auftischte, war zwar kein saures Gewächs aus Schabs, aber von dem besten Faß, das der Keller barg, war er auch nicht Von diesem zapfte der Alte nur eine Halbe für sich selbst. Das junge Volk hatte keine Weinzunge. Es ließ sich denn auch Essen und Trinken munden und war fröhlich und guter Dinge. Jerg hatte sich bei Tisch neben Lisei gesetzt und holte sie geschickt aus, wann Ambros am Vormittag nach Hause gekommen sei. Er argwöhnte, weshalb sich Ambros am Morgen von seinen Freunden fortgestohlen hatte, und Lisei bestärkte ihn ahnungslos in seinem Verdacht. Es war immer gut, sich in die Geheimnisse der anderen einzubohren! Man konnte nicht wissen, wozu solche Kenntnisse einmal brauchbar waren! Nach dem Abendessen erschien noch mehr Besuch: Bekannte des Klosterbauern – Herrenbauern wie er. Die einen kamen allein, die andern mit ihren Frauen, und einige brachten auch ihre Töchter mit. Sie erwähnten nicht, daß sie Ambros' wegen kämen, und begnügten sich, diesem und dem Vater die Hand zu schütteln. Nach ihrer Ansicht war ihr bloßer Besuch an diesem Tage ein hinlänglicher Beweis für den Klosterbauern, daß sie an allem, was ihn betraf, Anteil nähmen. Auch Vefa und Lechner stellten sich ein, und Ambros tat, was er noch nie getan: Er ging dem Schmied entgegen und schüttelte ihm die Hand – zur stillen Freude Liseis. Vefa war ganz Süßigkeit, als sie ihrem Neffen zu seiner Freiheit gratulierte. Bei ihrem Bruder allerdings fuhr sie mit ihrem Glückwunsch übel ab, und es dauerte eine Weile, bis sie über dem »dummen Gänsegeschnatter«, das er ihr zum Dank an den Kopf geworfen, ihre Fassung wiedergewann. Während sich nun die älteren Leute zusammensetzten, bedächtig über Haus, Hof, Vieh, Kind, Magd und alles, was ihrer war, redeten und über die bösen Zeitläufte klagten, gab Jerg dem jungen Volk Rätsel auf, erzählte Schnurren, machte Kunststücke und ließ seine Witzbolzen durch den Tabakrauch sausen, mit dem die Pfeifen von alt und jung die Stube füllten. Die Lichter glühten nur noch wie rote Pünktchen durch die blauen Wolken. Die Lungen aber schien der Qualm nicht anzufechten; denn das Brausen der Stimmen und das Gelächter wurden immer lauter und ausgelassener, und es bedurfte nur noch der Andeutung eines Scherzes – mochte er beschaffen sein, wie er wollte – um die Gitschen und Frauen vor Lust aufkreischen zu lassen. Ambros neckte sich mit den hübschen Dirnen, und Lisei hatte sich mit Wolf in eine stille Ecke gesetzt, wo sie ungestört ein verständiges Wort miteinander reden konnten. Vefa versuchte, ihre Nichte durch Blicke und Winke aus der Ecke zu locken, um Jerg Gelegenheit zu geben, sich dem Mädchen angenehm zu machen. Sie hatte ihren Plan, aus den beiden ein Paar zu machen, keineswegs aufgegeben, und Jerg selbst hatte sich ihren dahin zielenden Andeutungen gegenüber nicht ablehnend verhalten. Vefa hatte deshalb sogar ihre Abneigung gegen Afra überwunden – die sie beschuldigte, ihr das Herz des alten Angaya hinterlistig entwendet zu haben – und war in der letzten Zeit häufig auf die Mühle gekommen. Noch aber war es ihr nicht gelungen, den zähen Jerg völlig in Fluß zu bringen. Er wollte eine reiche Frau, und es war bekannt, daß Liseis Heiratsgut nur gering war. Vefa hoffte freilich, daß es ihren Vorstellungen und Schmeichelkünsten, die dem Bruder stets das Bild seiner Unübertrefflichkeit vor Augen hielten, gelingen würde, den Klosterbauern zu einem großmütigen Auftun seines Beutels zu bewegen; allein, Jerg rechnete nur mit Tatsachen. Liseis Verhältnis zu dem Schmied kümmerte ihn nicht. So frei von Eitelkeit war er nicht, daß er nicht davon überzeugt gewesen wäre, Wolf Lechner, der ja überdies ein Bayer war, mit Leichtigkeit aus dem Sattel heben zu können, sobald nur die Geldfrage in Ordnung sein würde. Eben wegen der Geringschätzung, mit der er auf den Schmied herabsehen zu können glaubte, reizte es ihn nun aber, daß Lisei seinen Darbietungen keine Aufmerksamkeit schenkte, und von dem genossenen Weine angeregt, begann er allerlei Gesalzenes und Gepfeffertes von den Bayern zu erzählen. Wem die Sticheleien galten – darüber war niemand im Zweifel; auch Wolf wurde aufmerksam. Liseis bittender Blick ließ ihn sich ruhig verhalten, und er kehrte Jerg seinen breiten Rücken zu. Sein ehrliches Gesicht aber nahm einen traurigen Ausdruck an. – Die feindselige Stimmung gegen ihn war im Wachsen; die Leute überlegten nicht, daß Wolf unter der Fremdherrschaft ebenso schwer zu leiden hatte wie sie selbst. In der letzten Zeit war es wiederholt vorgekommen, daß kleine Buben in die Schmiede hineingeschrien hatten: »Bayer! Bayer!« – Der Klosterbauer hielt ihn nach wie vor hin. »Ich halt dich nit, wann du nit länger warten willst«, hatte der Alte ihre letzte Unterredung abgeschlossen. Jerg stellte Lechners Geduld auf eine harte Probe. Jetzt erzählte er eine Geschichte, wie ein altes Weiblein den Teufel überlistet habe, obgleich er, um es zu schrecken, in einer grimmigen Gestalt erschienen sei: Er habe ausgesehen wie ein rußiger Schmied. Und des weiteren beschrieb ihn Jerg so boshaft deutlich, daß sich alle Augen nach der Stelle richteten, wo Wolfs rotblonder Löwenkopf durch den Tabakqualm dämmerte. Vefa schlug mit einem jauchzenden Aufschrei die Hände zusammen. Wolf stand langsam auf. Ehe er jedoch den Mund öffnen konnte, rief Ambros: »So hat er nit ausgeschaut; das ist nit wahr.« Als Jerg die gewaltige Figur des Schmiedes sich erheben sah, bekam er um das Herz herum ein unbehagliches Gefühl. Rasch wandte er sich zu Ambros und sagte: »Du mußt's freilich besser wissen als wie ich. Weil du nit an ihn glauben willst, hat er dich an einen Ort gelockt, wo es keinem gefalln mag, und hat dich gründlich festgesetzt.« »Ja!« rief Ambros in das aufflatternde Gelächter hinein. »Er schaut halt aus wie ein Aff, und langweilig ist er auch. Ich hab ihn zuerst gar nit erkannt und ihm zugerufen: Grüß Gott, Jerg!« Alle lachten, selbst die Alten, die durch die Sticheleien auf die Bayern allmählich aufmerksam geworden waren und zugehört hatten. Deutlich vernehmbar war in dem Chor das kurze, harte Lachen des Klosterbauern. Nur Vefa und Lisei stimmten nicht ein. Jerg aber warf Ambros aus seinen kleinen Augen einen bösen Blick zu. Vefa, die nicht begriff, weshalb ihr Neffe die Partei Lechners nahm, versuchte Jerg über seine Abkanzelung zu trösten, und auch Lisei kam zu ihm, um des Bruders Unart gegen den Gast durch ein freundliches Wort gutzumachen. Jerg nutzte die Gelegenheit aus, um feurige Kohlen auf Ambros' Haupt zu sammeln. Es sei freilich kein feines Stücklein von Ambros gewesen, äußerte er zu Lisei; aber einem Freunde, mit dem zusammen er schon oft Maikäfer von den Bäumen geschüttelt habe, könne er nichts nachtragen. Er habe nun einmal so ein gutes Herz; und wen er lieb hätte, der könnte mit ihm machen, was er wollte. Wolf aber hegte einigen Zweifel an seinem guten Herzen; denn er sagte später zu Lisei: »Deinem Bruder ist es zwar gleich, ob ihm einer freund oder feind ist, aber glaub mir: der Jerg vergißt ihm das nimmer.« Er ahnte nicht, daß er selbst die größte Ursache hätte, sich vor Jerg zu hüten. »Hast ja dem Lechner seine Kant gehalten«, sagte der Klosterbauer, als sich die Gäste entfernt hatten und Ambros ihm eine gute Nacht Wünschte, um auf seine Kammer zu gehen. »Er ist doch mein Schwager«, erwiderte dieser. »Meinetwegen, was geht's mich an!« versetzte der Vater. »Aber von Wegen der Schwagerschaft – hm!« Er schloß die offene Stubentür, zu der Lisei eben die leeren Flaschen und Gläser hinausgetragen hatte, und fuhr dann fort: »Hat wohl noch gute Weg mit der Verwandtschaft, wann du nix dazu tust.« Als ihn Ambros daraufhin fragend ansah, sagte er, indem er sich bequem in seinem Armstuhl niederließ: »Bevor du der Lisei nit den Ehsprung vorgemacht hast, wird aus ihrer Heirat nix – das weißt du.« »Wann's weiter nix ist! Dazu könnt wohl Rat werden!« lachte Ambros. »Ja?« fragte der Klosterbauer mit zwinkernden Augen. »Das ist gescheit. Eine junge Söhnerin im Haus, das tät mir schon gefallen. Und sie würd's gut treffen, da keine Schwieger Schwieger – Schwiegermutter auf dem Klosterhof nit da ist. So eine Schwieger – und ist sie noch so klug – kann's halt nit lassen, sich in der jungen Frau ihre Sachen einzumengen. Katz und Hund kommen eher in Fried miteinander aus als Schwieger und Söhnerin. Also, was meinst?« Ambros stieg das Blut ins Gesicht, und mit einem tiefen Atemzug fragte er, ob der Vater wirklich im Ernst spreche. »Ein Spaß ist das Heiraten schon nit!« versuchte dieser zu scherzen. »Deswegen mein ich, wann du am nächsten Sonntag nach St. Georgen fahrst, schau dir auch dem Eckschlager seine Tochter an. Hab den Hartwanger in Bruneck auf dem Markt getroffen; der kennt den Eckschlager. Er hat dreißig Küh winters im Stall stehn, und hübsch ist die Gitsche auch, hat mir der Hartwanger gesagt« »So?« rief Ambros gedehnt »Jetzt, wann ich heiraten will, brauch ich dazu nit den Hartwanger. Ich kann mir schon allein eine aussuchen.« »Der Hartwanger kommt weit im Land herum und schaut den Leuten in die Töpf«, bemerkte der Vater. »Er hat auch bloß gemeint, der Eckschlager in St. Georgen, der wär einer, wo das Anklopfen lohnt. Du schaust dir seinen Apfelschimmel an, und gefallt dir die Gitsche nit, nachher tut's wohl eine andre. Aber sie wird dir schon gefalln.« »Nein, Vater, sie gefallt mir nit!« sagte Ambros entschieden. Der Klosterbauer machte verwunderte Augen. »Ja, kennst sie denn?« »Das braucht's gar nit«, antwortete Ambros. »Aber da wir mal davon reden: ich hab mir schon selbst eine ausgesucht, die mir paßt.« Der Alte blickte ihn eine Sekunde lang mit zusammengekniffenen Augen an; dann fragte er trocken: »Also, du hast schon gefunden, was dir paßt? Wer ist denn die Reiche und Feine?« »Eine Feine ist's freilich, und bildsauber ist sie auch«, rief der Sohn. »Ob sie reich ist oder nit, danach hab ich nit gefragt. Nein, Geld hat sie nit.« »Jetzt, wer ist's?« fragte der Vater, die Stirn krausend. »Ja, das rätst wohl nimmer. Die Stasi Larseit ist's!« Der Klosterbauer glaubte im ersten Augenblick, nicht richtig gehört zu haben; dann schnellte er auf und schrie: »Bist du toll?« Sein Gesicht glühte wie in Feuer getaucht. »Weshalb sollt ich denn toll sein?« fragte Ambros gelassen. »Verrückt bist – ganz verrückt!« schnob der Alte und rannte in der Stube hin und her. »Die Stasi Larseit!« Er lachte höhnisch auf. »Nein, Geld hat die freilich nit, und die nennt er fein!« »Vater!« drohte Ambros. Der Klosterbauer trat mit einer kurzen Wendung dicht vor ihn hin und funkelte ihn mit zornglühenden Augen an. Ambros hielt den Blick standhaft aus und sagte: »Ich weiß gar nit, weshalb du so wütig bist? Komm, setz dich daher, Vater, und laß uns vernünftig von der Sach reden.« Der Alte prallte zurück, als ob er einen Stoß vor die Brust bekommen hätte, und knickte dabei auf die hinter ihm stehende Fensterbank. Er starrte Ambros an, als zweifle er wirklich an dessen Verstand. Der aber legte den einen Schenkel über die Tischkante und begann: »Schau, Vater, lieber wär's mir schon gewesen, wann dir die Stasi angestanden hätt. Aber ich getröst mich, daß sie dir gefallen wird, wann du sie erst kennengelernt hast. Sie ist kreuzbrav, und sie wird dich liebhaben, als ob du ihr eigner Vater wärst. Alleweil ist doch die Hauptsach, daß sie mir gefallt« Er machte eine Pause. Da aber der Vater, der inzwischen beide Ellenbogen auf die Tischplatte gestützt hatte und, die Hände in seinem strohgelben, mit Grau gemischten Haar vergraben, regungslos vor sich hin stierte, fuhr er fort: »Ja, das ist die Hauptsach, denk ich. Denn ich will mit ihr leben, und nit du. Geld hat sie freilich keins; aber das braucht's auch nit Geld allein macht nit glücklich, und ich bin ja reich genug.« »Du?« warf der Klosterbauer jäh den Kopf auf. »Und du meinst, damit wär alles gut? Eine Betteldirn als Söhnerin – dazu soll ich ja und amen sagen? Es ist ums Haar auszuraufen! Ins Narrenhaus lass' ich dich sperrn samt deiner Betteldirn!« »Eins will ich dir doch gesagt haben, Vater«, flammte Ambros auf. »Die Stasi schimpfieren, schimpfieren – beschimpfen das leid ich nit, Vater! Von keinem nit, auch von dir nit!« »Jetzt aber ist's genug!« schrie der Klosterbauer und schlug mit der Faust wild auf den Tisch. »Willst du deinem Vater Vorschriften machen und ihm drohen, du – du – du …« Der Zorn nahm ihm die Sprache, und es mochte auch der heiße Blick des Sohnes sein, der ihn das Scheitwort unterdrücken ließ. Ambros hatte das Bein vom Tisch genommen und sagte mit erzwungener Ruhe: »Ich hab dir nur bekanntgeben wolln, daß ich so was nit leiden tu. Es ist nit der Stasi ihre Schuld, daß sie arm ist, und keine Schand ist's auch nit! Jetzt, was hast du gegen sie?« »Was ich gegen sie hab?« knirschte der Alte. »Himmel, Herrgott, ist's denn nit tausendmal genug, daß sie nix hat? Und wann du noch mehr wissen willst: ich mag sie nit, und wann sie dem Kaiser seine Tochter wär!« »Daß du sie nit magst, ist doch kein Grund für mich«, entgegnete der Sohn, indem er die Brauen zusammenzog. »Darin ist ja kein Verstand nit. Ich bin kein Kind mehr, und also verlang ich ordentlichen Bescheid, weshalb du die Stasi nit magst.« »Was, ist's nit genug, wann ich als dein Vater sag: ich mag sie nit? Oder bin ich nit mehr Herr in meinem eignen Haus? Bist du dein eigner Herr, daß du mich nit mehr zu fragen brauchst? Denkst, du kannst tun und lassen, was du willst, und ich müßt nach deiner Pfeif tanzen? Oho!« »Schon gut!« versetzte Ambros mit ungeduldigem Achselzucken. »Mit dir ist heut nit zu reden. Morgen ist auch noch ein Tag.« Er wollte die Stube verlassen. Der Klosterbauer aber rief: »Mensch, Willst denn dein ganzes Lebensglück mit Gewalt in den Brunnen werfen? Ganz Vigil und jeder, der dich kennt, wird sich über dich lustig machen. ›Schau, da geht der Ambros!‹ werden sie sagen. ›Hat immer zu höchst hinauswolln und hat jetzt die Betteldirn geheiratet, ha, ha!‹« »Laß's nur einen probiern!« schrie Ambros mit geballten Fäusten. »Alle werden's!« entgegnete der Klosterbauer heiser und lockerte sein Halstuch. Er stand auf und stellte sich an eines der Fenster, auf dessen kleine Scheiben er heftig zu trommeln begann. »Keiner wird's!« protestierte Ambros und fuhr gemäßigter fort: »Warum sollt er's auch? Die Stasi steht in einem Ansehn, daß sie mich beneiden werden. Das kannst mir glauben, das ist gewißlich wahr. Schau, Vater, wir zwei beid, du und ich, sind ja immer gute Freund zusammen gewesen und werden auch in diesem Stück gut miteinander auskommen. Überleg's dir nur erst recht. Ich kann schon noch warten.« »Und wann du bis in die Ewigkeit wartst – ich werd nimmer ja sagen«, wandte sich der Vater zu ihm um, und mit einer Ruhe, die in schneidendem Gegensatz zu seinen blutunterlaufenen Augen stand, fuhr er fort: »Du meinst, ich hab Geld genug? Ja, das hab ich, Gott sei Dank! Und du hast bis jetzt davon gelebt wie ein Graf. Aber ich werd für dich keins mehr haben, wann du auf deinem Stück bestehst. Noch bin ich der Klosterbauer! Und mit meinem Willen kommt mir die – Larseit nit auf den Hof! Das ist mein letztes Wort.« »Und ich nehm's nit an!« rief Ambros energisch zurück. »Die Stasi wird meine Frau – das beschlaf dir!« »Nein, nein und nochmal nein!« überschrie ihn der Klosterbauer und hämmerte dazu mit beiden Fäusten auf den Tisch. Ambros verließ die Stube. Lisei, die die laut streitenden Stimmen gehört hatte, kam ihm ängstlich fragend entgegen. Er schob sie jedoch beiseite, ohne ihr Rede zu stehen. In der Stube regte sich nichts, und als Lisei die Tür öffnete, sah sie den Vater zusammengesunken auf seinem Lehnstuhl sitzen, dessen Arme er mit beiden Händen umfaßt hielt. Das Haar war ihm über die Stirn gefallen, und das breite Kinn ruhte auf seiner Brust. Besorgt eilte Lisei zu ihm und rief seinen Namen. Er hob langsam den Kopf, blickte sie wie geistesabwesend an und ging dann, ohne ein Wort zu sagen, in seine nebenan liegende Schlafkammer. Wie sollte er es auch fassen und begreifen, daß sein einziger Sohn, sein Erbe, sein Stolz, die Tochter seines Todfeindes zur Klosterbäuerin machen wollte! 8. Kapitel Ambros saß auf dem Stuhl am Kopfende des Bettes, in dem die Witwe Kaspar Larseits gestorben war. Er hatte sich bequem zurückgelehnt, die Hände in den Taschen und die Füße weit von sich gestreckt. In einer Ecke stand sein Stutzen mit der darüber gehängten Jagdtasche, und daneben auf dem Fußboden lag ein Gemsbock. Draußen schienen die Kalkfelsen in dunkle Flammen verwandelt, die über dem Walde still zum Himmel lohten. Ambros war eben von der Jagd gekommen; auf der Mur, die einst St. Vigil zerstört, hatte er sich von Sampogna getrennt und Stasi dann seine Jagdbeute gebracht. Es war sein Wunsch gewesen, daß sie gleich einen Teil davon zum Abendessen herrichtete. Da die Zubereitung aber zuviel Zeit in Anspruch genommen hätte und er sehr hungrig war, hatte ihn Stasi zu ihrem Abendbrot, das gleich fertig sein würde, eingeladen. Nun ging sie geschäftig zwischen Küche und Stube hin und her und deckte den Tisch. Ambros sah ihr mit einem Wohlgefallen zu, das sich deutlich in seinem Gesicht ausdrückte. Er kam sich vor, als sei Stasi bereits seine Frau. Stasi lächelte ihm hin und wieder herzlich zu, und es freute sie, ihn bewirten zu können; aber über ihrem Lächeln und ihrer Freude lag ein Flor. Wie hätte sie auch vergessen können, daß aus dieser Stube erst gestern ihre Mutter hinausgetragen worden war? Ihre Liebe erschien ihr wie ein Diebstahl, so daß sie dem Zuge ihres Herzens nicht frei zu folgen wagte. Ambros bemerkte davon nichts; denn ein müder und hungriger Mensch ist ein schlechter Beobachter. Und als das Essen kam, zu dem er durch einen kleinen Burschen, den David vom nächsten Gehöft requiriert, eine Maß Wein aus dem »Stern« hatte holen lassen, dachte er zunächst nur daran, sich zu sättigen. Er aß stumm wie David und nickte nur dann und wann zu Stasi hinüber, die ihre Speisen selbst kaum berührte. Ihn anzuschauen und zu sehen, wie vortrefflich es ihm schmeckte, war für sie die beste Nahrung. »So! Jetzt bin ich wieder ein Mensch!« rief er, als er den letzten Bissen mit einem Trunk hinuntergespült hatte. Dann zog er Stasi zu sich, um sie zu küssen. Sie aber bog mit einem bedeutungsvollen Blick auf David den Kopf weg. Der Ohm hatte nichts bemerkt; er aß noch immer, und zwar mit ungewöhnlich nachdenklicher Miene. »Ach was, sind wir nit Brautleut?« sagte Ambros. »Der Ohm muß sich dran gewöhnen.« Dieser blickte auf, hatte jedoch nicht gehört, wovon die Rede war; und als er keine Erklärung erhielt, aß er weiter. »Ich selbst kann mich noch nit dran gewöhnen«, äußerte Stasi errötend. »Laß mir Zeit!« »Ist's so schwer?« scherzte Ambros. »Weißt du noch«, fragte sie mit einem wehmütigen Lächeln, »wie du eines Abends da draußen zornig gesungen hast, daß du erst wiederkommen würdst, wann's schneit rote Rosen, wann's regnet kühlen Wein?« »Ja, freilich«, erwiderte er. »Aber ich hab damals nit gewußt, daß du nit zu mir herauskommen konntest.« »Ich denk auch nur daran, wie das Lied ausgeht«, sagte sie leise. »Wie der Bub nachher einen Spaß aus der Drohung machen will und mit Wein und Rosen wiederkommt, da fallt er über des Madls Grab. – Jetzt bist du wiedergekommen, und auch zwischen uns ist ein Grab. Ich wollt, es wär das meinige!« Tränen stiegen ihr in die Augen. »Laß doch das! Du lebst ja und sollst leben«, bat er, und zu seinem Glase greifend, fuhr er lebhaft fort: »Sind auch die Rosen im Garten draußen abgeblüht, hier ist Wein! Den trinken wir auf unsre Lieb, und Sie wird blühn und gedeihn!« Stasi und David mußten mit ihm anstoßen und ihre Gläser bis auf den letzten Tropfen austrinken; denn jedes Tröpflein, so meinte der Bursche, enthielte einen Segen und dürfte ihrer Liebe nicht verlorengehen. »Ich will schon dafür sorgen, daß du glücklich wirst, Stasi«, begann er wieder, »und deine Mutter im Himmel kann sich über nix mehr freuen, als daß du glücklich bist auf Erden.« Der Streit mit dem Vater hatte seine Zuversicht nicht erschüttert. Wenn ihm eine unangenehme Empfindung davon zurückgeblieben war, so hatte er sie bei den Anstrengungen und der Lust der Jagd im Hochgebirge von sich abgeschüttelt wie der Falke den Regen. Das Gefühl der Kraft, die er so lange nicht gebraucht, hatte ihn gleichsam berauscht und zu Tollkühnheiten getrieben, so daß ihn selbst das Garnsmanndl, das wahrlich vor keiner Gefahr zurückschreckte, einige Male hatte warnen und zurückhalten müssen. Seinem Kraftgefühl war nichts unmöglich erschienen, und einem Adler gleich hatte er sich gedünkt, als er von den Höhen des Monte Sella herabgeschaut in die Täler und auf die Ferner und Gletscher, die sie mit ihren Armen umspannten – von der gewaltigen Brust der Hohen Tauern bis zu den Dolomiten des Ampezzotales im Süden, von den silbern funkelnden Alpen des Zillertales im Norden bis zu den leuchtenden Fingern der Stubaier-, Ötztaler- und Ortlergletscher, die sich im Westen dem Engadin entgegenstreckten. Er hatte seinen Fuß auf den Nacken der Welt gesetzt, während tief, tief unter ihm in dumpfer Kluft der Klosterbauer atmete! »Ja, ich weiß nit«, krächzte David, die Augen auf die Bettstelle seiner verstorbenen Schwester gerichtet. »Was weißt nit, alter Ohm?« fiel ihm Ambros ins Wort »Was deine Leute … was der Klosterbauer zu der Stasi als deiner Braut sagen wird?« »Laß ihn sagen, was er will!« rief Ambros. »Ihr könnt euch schon denken, daß er sich sperrt und sperrn wird; aber das tut nix. Er wird sich schon geben, wie er sich immer gegeben hat, wann ich was von ihm gewollt hab!« David schüttelte den Kopf. Aus Stasis Mienen wich die ängstliche Spannung, in die sie dessen Frage versetzt hatte. Ambros sprach ja so zuversichtlich, und er mußte doch seinen Vater besser kennen als sie. Wie hätte sie seine Zuversicht nicht teilen sollen? Dennoch seufzte sie: »Ich wollt, du wärst ein armer Bub, Ambros!« »Dank schön«, lachte er. »Mir ist's lieber, daß es ist, wie's ist!« Es war spät, als er nach Hause kam. Der Klosterbauer lag noch wach im Bett und hörte die Stiege unter Ambros' Tritt ächzen. Der Alte selbst ächzte unwillkürlich auf; denn der Gedanke an Stasi war es, der ihn nicht schlafen ließ, und er ahnte, daß Ambros von ihr käme. Er war voll Erbitterung gegen das Mädchen und blieb es. Wenn ihm die Zumutung, eine arme Schwiegertochter willkommen zu heißen, unter allen Umständen schon unerträglich gewesen wäre, so erhielt sie in dem gegenwärtigen Falle noch einen besonders scharfen Stachel dadurch, daß es sich um die Tochter des Mannes handelte, über den er zwar vor der Welt triumphiert, gegen dessen Überlegenheit er sich aber innerlich aufgebäumt hatte und dem er die Schuld daran beimaß, daß seine Ehe unglücklich gewesen war. Stasi selbst zieh er der niedrigsten Denkungsart: Eine rechtschaffene Maid hätte es seinem Sohne nie vergeben, daß er sich an dem Grabe ihres Vaters vergangen hatte. Liebe? – Er glaubte an keine Liebe; sie war ein Unsinn. Die Frau des reichen Ambros Falkner zu werden – das freilich konnte eine solche Bettlerin schon reizen! Hatte Kath ihn selbst nicht auch bloß um des Geldes willen geheiratet? Er merkte nicht – wie es Leute seines Schlages nie gewahren – in welchen Widerspruch er sich verwickelte, indem er, der selbst keine Macht auf Erden als die des Geldes anerkannte, es Stasi als Verbrechen anrechnete, daß sie, wie er voraussetzte, aus Geldgier handelte. Aber er wollte die Netze, in denen sie Ambros gefangenhielt, schon zerreißen. Denn daß sie den Burschen mit allerlei Künsten schlau umgarnt haben müßte – daran zweifelte er keinen Augenblick. Oh, sie sollte ihn kennenlernen, die schlaue Verführerin! Den Widerstand seines Sohnes würde er schon brechen. Wem war es denn bisher gelungen, seinem Willen mit Erfolg zu trotzen? Niemandem! Ambros hatte er bisher zu sehr verwöhnt; wenn er ihm den Brotkorb höher hängte, müßte er zu Kreuze kriechen. Ambros mit leerer Tasche war eine Unmöglichkeit! Den Weg der Güte bei Ambros zu versuchen, fiel ihm nicht ein. Wo er die Macht zum Befehlen zu besitzen glaubte, gab es für die anderen nur ein Gehorchen. Seine Haltung wurde noch steifer und hochmütiger als sonst, und seine Anordnungen gab er kurz und mit harter Stimme. Es sollte jeder erkennen, daß er ein eiserner Mann sei. Die Heiratsangelegenheit erwähnte er gegen Ambros mit keinem Wort; er wartete, bis sie an ihn käme, und Ambros, der ihm Zeit lassen wollte, sich mit dem Stand der Dinge auszusöhnen, tat das gleiche. Schwerlich wäre er so geduldig gewesen, wenn ihn nicht die Trauerzeit Stasis zu warten genötigt hätte. Im übrigen verhielt er sich in der Hoffnung auf einen glücklichen Ausgang dem Vater gegenüber, als wäre nichts zwischen ihnen vorgefallen. Er verrichtete guten Mutes seine Arbeit, und wenn er früher die Abende im Wirtshaus versessen hatte oder mit den anderen ledigen Burschen durch die umliegenden Bergwälder gestrichen war, so verbrachte er sie jetzt bei Stasi. Weder die Finsternis noch der Regen oder die Stürme des Herbstes hielten ihn davor zurück, und bei dem Unwetter war es um so traulicher in dem Stübchen. David, inzwischen zum Vormund seiner Nichte bestellt, war stets zugegen, aber er störte das Paar nicht. Er schaukelte sich auf der Ofenbank, betete leise seinen Rosenkranz oder schlief. Übrigens hatte er an Ambros wieder einen Halt gewonnen; denn dieser riet ihm jetzt, welche Arbeit in der Wirtschaft vorzunehmen wäre, und besprach alles Nötige mit ihm. Freilich wurde Ambros leicht ungeduldig; aber David war es von seiner Schwester her gewohnt, in dieser Beziehung nicht sanft behandelt zu werden, und das Gefühl, daß ihn eine starke Hand lenke, tat ihm wohl. Lisei sah dem Kommenden mit innerer Unruhe entgegen. Zwar sagte sie sich, daß Ambros der Liebling des Vaters sei – und sie konnte auch nicht leugnen, daß ihm der Vater zuletzt immer nachgegeben hatte, wenn beide einmal in Zwiespalt miteinander geraten waren – doch in einem solchen Zustand wie nach dem jüngsten Streit hatte sie den Vater noch nie gesehen, und es entging ihr nicht, daß es fortwährend in ihm gärte. Sie selbst hatte bei dem geringsten Anlaß unter seiner Gereiztheit zu leiden. Gerade jetzt empfand sie es wieder besonders schmerzlich, daß sie dem Vater so gar nichts galt, und Wolf hatte wohl recht, wenn er ihr von jeder Einmischung abriet. Er stellte ihr vor, daß sich nur der mit einiger Aussicht auf Erfolg einmischen könnte, der Einfluß auf den Klosterbauern hätte, und das sei am Ende Ambros selbst. Aber es liege kein Grund vor, Ambros zum Verzicht auf Stasi zu bewegen, denn an dem Ernst seiner Neigung könne man jetzt nicht mehr zweifeln, und von Stasi höre man nur Gutes. Überdies sei keine Gefahr im Verzuge; denn es müßten noch sechs bis sieben Monate verstreichen, ehe Ambros mündig würde. Stasi selbst bat Ambros, den Vater nicht zu drängen. Sie beobachtete den Klosterbauern in der Kirche, und sein hartes Gesicht flößte ihr Furcht ein. Ambros scherzte und koste ihre Beklommenheit hinweg. Sein Selbstvertrauen und ihre Liebe verliehen ihm eine unbegrenzte Macht über sie. Am Abend vor Allerseelentag bat sie Ambros, am nächsten Nachmittag mit ihr auf den Kirchhof zu kommen. »Wann meine Mutter dich so gut kennengelernt hätt wie ich«, sagte sie, »so würd sie mir nit das Versprechen abgenommen haben, von dir zu lassen.« Der Allerseelentag brachte klares, kaltes Wetter. Die Höhen hatten bereits ihre weißen Wintermäntel umgenommen, und die Tannen auf den Bergen waren leicht bepudert. Auf dem Kirchhof fanden sich viele Menschen. Sie schmückten die Gräber ihrer Lieben mit Schnüren von roten Vogelbeeren und stellten brennende Lichter darauf. Andere beteten oder standen in wehmütig sinnender Betrachtung an den Hügeln. Die Flämmchen der Kerzen flackerten nur leise in der stillen Luft. Sie flimmerten golden oder rötlich wie Schmetterlinge über den gezierten Gräbern, als wollten sie sich emporschwingen. Es erregte großes Aufsehen, als Ambros und Stasi auf dem Kirchhof erschienen. Das Gerücht, daß der Erbe des Klosterhofes um die arme Stasi Larseit würbe, war bereits überallhin gedrungen; jetzt erhielt es seine Bestätigung. Ambros begegnete den neugierigen Blicken mit stolzer Abweisung. Stasi und David schmückten den Grabhügel der Verstorbenen, und Ambros pflanzte dann mit ihnen eine brennende Kerze, die ihm Stasi gab, auf das Grab seiner Widersacherin. Den Hut in den Händen, blickte er auf die leise zitternden Flämmchen, während Stasi betete. Er gedachte nicht der Verstorbenen; die drei Lichter erinnerten ihn an drei andere, die er einst ebenfalls auf einem Grabe hatte brennen sehen und auf deren Flammen er genauso geblickt hatte wie auf diese jetzt, sich wundernd, daß der Wind sie nicht auslöschte. Es war auch am Tage Allerseelen gewesen, an dem ersten nach dem Tode seiner Mutter. Lisei hatte ihn an deren Grab geführt, auf dem sie dann ihre Kerzen abgebrannt hatten. Das dritte Licht hatte seine Großmutter aus Pleiken entzündet. Es war das erste- und letztemal gewesen, daß er mit der Ahne zusammengetroffen war, und während der ganzen Zeit hatte er nicht mehr an sie gedacht. Jetzt sah er sie ganz deutlich vor sich und erinnerte sich der Ungebärdigkeit, mit der er sich ihrer Liebkosungen erwehrt hatte. Seltsam, wie einem dergleichen nach so vielen Jahren plötzlich wieder einfällt! Stasi erhob sich. Sie sah Ambros an und sagte leise: »Jetzt gehn wir erst zu deiner Mutter und nachher zu meinem Vater.« Ambros willigte schweigend ein. Das Grab seiner Mutter befand sich auf der entgegengesetzten, südlichen Seite der Kirche. Lisei stand dort, bemerkte aber die Herankommenden nicht sogleich, weil sie ihnen im Gespräch mit einer Frau den Rücken zuwandte. Die Frau trug einen schwefelgelben Mantel und eine hohe, bienenkorbförmige Mütze von schwarzer Schafwolle. Das wenige Haar, das die Mütze sichtbar werden ließ, war schneeweiß, während die starken Brauen, die bei der Nasenwurzel zusammenflossen, noch ganz schwarz waren. Unter ihnen leuchteten große, dunkle Augen aus einem schwarzgelben Gesicht, das voller Runzeln, Falten und Fältchen war. Über dem eingesunkenen Mund sprang eine scharf gekrümmte Nase vor. Die Alte, die sich mit beiden Händen auf einen Krückstock stützte, war von einer hexenartigen Häßlichkeit; diese vergaß man jedoch, sobald man ihr in die schwarzen, noch lebhaft glänzenden Augen blickte. Als sie Ambros gewahrte, hörten ihre vertrockneten Lippen auf, sich zu bewegen, und ihre Augen wichen nicht mehr von ihm. Er aber machte ein verwundertes Gesicht und fragte sich, ob er wache oder träume. Die Alte konnte niemand anders sein als diejenige, an die er gerade gedacht hatte, und Lisei, die sich jetzt umdrehte, bestätigte es dadurch, daß ihr beim Anblick des jungen Paares ein Schatten übers Gesicht huschte. »Na, grüß Gott, Ahne!« sagte Ambros und streckte ihr lässig die Hand hin. Die Alte hielt sie fest und rief, während sie ihn fortwährend anschaute, tiefbewegt: »Ich wußt es gleich, daß du meiner armen Kath ihr Sohn bist. Wie aus den Augen geschnitten bist ihr. Und hier an ihrem Grab muß ich ihre Kinder endlich einmal wiederfinden! Nach der Ahne hat keins von euch gefragt, und hab doch eure Mutter unterm Herzen getragen.« Ambros zuckte die Achseln, und Lisei blickte verlegen zur Seite. Sie mochte der Greisin, die sie auf dem Hügel ihrer Mutter angetroffen, nicht sagen, daß die eigene Tochter in der Vergällung ihres Gemüts nur mit Bitterkeit ihrer Eltern gedacht und besonders die Mutter als an ihrer unglücklichen Ehe schuldig verklagt hatte. Frau Strasser wartete auf keine Erklärung, sondern fuhr fort: »Ihr braucht mir nix zu sagen, ich kenn ja euern Vater, ja, den kenn ich! O ja! O ja! Nit einmal den Tod Kathis hat uns der Klosterbauer vermelden lassen, und wir haben es lang nit gewußt, mein Mann und ich, daß sie gestorben war. Und sie ist unser einzigs Kind gewesen. Mein Mann hat aus dem Leben gehn müssen, ohne seine Enkelkinder mit seinen leiblichen Augen geschaut zu haben. Jetzt schlagt mein letztes Stündlein wohl auch; da hab ich noch ein letztesmal an dem Grab meiner armen Kathi beten wolln.« Sie wischte sich mit dem Rücken ihrer knöchernen Hand eine Träne aus dem Auge und fuhr, ohne die Zeichen der Ungeduld, die Ambros gab, zu beachten, fort: »Und du hast deine Mutter nit vergessen, Ambros? Willst ihr eine Kerzen aufs Grab stecken? Ach, mein Heiland, wie du ihr doch gar so ähnlich bist!« »Ist schon recht, Ahne!« rief er ungeduldig. »Bist kurz angebunden? Ja, das war meine selige Kath auch«, versetzte die Großmutter mit einem zärtlichen Blick. Unterdessen war Lisei, dem Zuge ihres guten Herzens folgend, zu Stasi getreten die sich verlegen hinter Ambros versteckt hielt, und hatte ihr die Hand geboten. Sie konnte doch Stasi für die Unvorsichtigkeit ihres Bruders, sich öffentlich mit ihr zu zeigen, nicht verantwortlich machen! Und zudem wollte sie den Leuten, die sich neugierig in der Nähe des Grabes sammelten, dadurch, daß sie Stasi unbeachtet ließe, nicht noch mehr Stoff zum Gerede geben, als sie so schon hatten. »Ja, wer ist denn die Gitsche da, mit der du gekommen bist?« fragte Frau Strasser nun ihren Enkel, und Lisei nannte ihren Namen, indem sie Stasi näher heranzog. »Die Stasi Larseit?« wiederholte die Ahne, wobei sie die verlegen Errötende mit großen Augen ansah. »Dem Kaspar Larseit seine Tochter?« »Freilich!« rief Ambros. »Was ist denn da Verwunderliches bei? Und damit du's gleich weißt, Ahne, die Stasi Larseit ist meine Braut.« Damit faßte er das Mädchen bei der Hand. Die Greisin schlug die dürren Hände zusammen, wobei ihr der Krückstock entfiel, und starrte abwechselnd ihren Enkel und Stasi an. »Seine Braut!« murmelte sie. »Dem Kaspar seine Tochter und dem Klosterbauer sein Sohn sind Brautleut! O du mein Heiland, wie soll ich denn das verstehn?« »Was ist denn dabei weiter zu verstehn?« fragte Ambros ungeduldig, und Lisei bat die Ahne, indem sie ihr den aufgehobenen Krückstock reichte, daß sie sich um der Leute willen beruhigen möge. »Ja, kommt fort!« sagte Ambros. »Die Maulaffen brauchen nit zu hörn, was wir miteinander zu reden haben.« Er ging mit Stasi voran, und die Großmutter folgte, auf den Arm ihrer Enkelin gestützt, unter fortgesetztem Kopfschütteln. Sie konnte es nicht fassen, daß die Kinder der beiden Männer, die sich um ihrer Tochter willen so bitter gehaßt, in Liebe zueinander gefunden hätten, und sie gönnte dem Klosterbauern einen solchen Ausgang keineswegs. Wenn es einen Menschen gab, dem sie alles Üble gönnte und wünschte, so war es der Klosterbauer. All die langen Jahre hindurch, seit ihre Tochter der Rasen deckte, hatte sie in sich den Gedanken genährt, daß dem Klosterbauern das Böse, das er ihrer Kath angetan, eines Tages vergolten würde. Sie hatte bis jetzt in der Hoffnung gelebt, daß sie nicht eher sterben würde, als bis ihn die Vergeltung ereilt hätte. Und nun hatte sie seinen Sohn und Kaspars Tochter als Brautleute an Kathis Grab gefunden! – Ihr Leib war morsch geworden; aber die siebzig und einige Jahre hatten die Glut ihres südlichen Blutes nicht gekühlt. Nur einmal sagte sie: »Und der Kaspar Larseit ist auch tot! Es ist dazumalen viel davon gered't worden, als er verunglückte.« Lisei bemerkte, daß Stasi kürzlich auch ihre Mutter verloren habe. »Ja, ja!« meinte die Ahne. »Wann einer alt wird, hat er nix wie Gräber um sich herum.« Ambros führte die Frauen zu dem Bäcker, dessen Haus am Kirchplatz stand und mit dem Rücken an den Bach grenzte. Der Bäcker besaß Schankgerechtigkeit; jedoch verkehrten bei ihm fast ausschließlich Knechte, Holzfäller und Gesellen. Ambros wählte diese Trinkstube, weil dort um diese Tageszeit kaum Gäste – zumindest niemand von seiner Bekanntschaft – zu vermuten waren. Er fand sich darin auch nicht getäuscht: die Stube war leer. Er ließ roten Wein und Brot bringen. Die Großmutter wandte, während sie sich das weiße Brot schmecken ließ, kein Auge von ihrem Enkel und Stasi, die ihr gegenübersaßen. Sie nickte dem Mädchen freundlich zu und sagte: »Das begreift sich schon, daß der Ambros dich liebhat. Ach, wann meine Kathi und der Kaspar noch lebten, die würden an eurer Brautschaft wohl ihre Freud haben!« »Die solln ihre Freud dran haben! Wieso verwundert's dich so sehr, daß wir Brautleut sind?« rief Ambros. »Jetzt sag's, Ahne!« »Wie der ungeduldig ist!« sagte diese, sich zu Lisei wendend. »Laßt eine alte Frau nit mal in Frieden das gute Brot essen! So gut wird's mir nit alle Tag geboten. Kann freilich auch nix mehr schaffen als stricken« Ambros stürzte hastig sein Glas Wein hinunter. Er faßte die Äußerung der Großmutter als einen Vorwurf gegen seinen Vater auf und schämte sich dessen vor Stasi, die die alte Frau mit mitleidigen Blicken betrachtete. Lisei seufzte. »Und du bist dem Klosterbauer als Söhnerin recht?« fragte die Greisin jetzt Stasi. Diese sah verwirrt zu Boden. Ambros aber rief: »Was fragst noch, o sie mir als Frau recht ist?« Der eingefallene Mund der Alten verzog sich zu einem Grinsen, und ihre schwarzen Augen blitzten schadenfroh. »Ich hab's gewußt!« rief sie triumphierend. »Jetzt zahlt's unser Herrgott dem Klostersepp heim, was er an meinem Kind gesündigt hat! Durch sein eignes Kind und Herzblatt zahlt er's ihm heim!« Sie atmete tief auf und lachte höhnisch. »Ahne, wie kannst nur so reden?« rief Lisei erschrocken. »Geh doch!« zischte die Alte, wobei sie mit der Schulter eine Bewegung gegen die neben ihr sitzende Lisei machte, als wolle sie sie fortdrängen. »Du hältst's mit dem Klosterbauer! Das hab ich schon auf dem Kirchhof aus deinem Reden gemerkt. Aber der da« – sie zeigte mit dem hageren, schwärzlichen Finger auf Ambros – »der wird seine Mutter an ihm rächen! All das gebrannte Herzeleid, was der hochmütige Klosterbauer meiner Kathi und mir angetan hat – der wird's ihm vergelten! Der reiche Mann hat gemeint, er könnt dem Armen sein Lamm wegnehmen. Jetzt mag er zusehn, wie er vor dem Kaspar Larseit seiner Tochter besteht! Ich hab gebetet, daß ich diesen Tag noch erleben möcht, und jetzt ist er da! Ach! Ach! Ach!« Ihre Augen glühten, und Stasi fürchtete sich vor ihr wie vor einer Wahnsinnigen. Lisei saß in banger Erwartung da. Ambros aber rief mit finsterem Gesicht: »Aus dem Gered da werd der Teixel klug! Jetzt, Ahne, will ich wissen, was das alles zu bedeuten hat! Heraus damit! Was hatte mein Vater mit dem Kaspar Larseit zu schaffen?« »Was sie miteinander zu schaffen hatten?« fragte die Großmutter dagegen, und ihr Blick flimmerte heiß auf Ambros und Stasi. Dann legte sie ihre beiden mageren Hände mit gespreizten Fingern auf den Tisch und sagte, indem sie sich gegen Ambros vorbeugte: »Dein Vater hat dem Kaspar die Braut abwendig gemacht, und das war deine Mutter!« Lisei stieß einen zitternden Seufzer aus, während ihr Bruder feuerrot wurde. Stasis Augen hingen weit geöffnet an den welken Lippen der greisen Frau, die mit aufgeregter Hast fortfuhr: »Nit geruht hat er, bis er uns das Herz vergiftet gehabt hat mit seinem verfluchten Reichtum! Geliebt hat er sie nimmer, aber sie war die Schönste im ganzen Tal, und weil sie ihn nit mocht, hat er zeigen wolln, daß er für sein Geld alles haben kann. Jetzt weißt, weshalb er sich keine liebere Söhnerin wünschen kann als dem Kaspar seine Tochter! Die Kathi war dem Kaspar so zugetan, und erwar auch ein so guter Mensch! Wie glücklich würden sie miteinander geworden sein! – Ach du mein Heiland …!« fuhr sie bewegter fort. »Wann wir das Unglück hätten voraussehn können – die Zung würden wir uns eher abgebissen haben, mein seliger Mann und ich, als daß wir ihr zugered't hätten, den Klosterbauer zu nehmen! Aber wir warn gar so arm, und was hat er uns nit für goldene Berg versprochen! Da hat sie denn zuletzt ja gesagt um unsertwilln.« Große Tränen begannen ihr über die runzligen Wangen zu rollen. Auch Lisei und Stasi weinten. Ambros starrte finster vor sich hin; ihn beschäftigte nur ein Gedanke, und er hörte kaum hin, als die Ahne nach einer Weile wieder das Wort nahm. »Und wie hat's ihr der Klosterbauer gelohnt!« begann sie mit einem Zittern der Stimme, in dem sich das Neuerwachen ihres Zornes verriet. »Da, die Lisei weiß's noch besser wie ich, wie der rohe Mensch sie mißhandelt hat! Die Lisei hat's ja mit ansehn müssen, Tag für Tag, wie schlecht er oft gegen sie gewesen ist und was sie hat aushalten müssen! Und das soll ihm alles so hingehen? Er soll mein Kind und den Kaspar unglücklich gemacht haben, bloß um seinen Willn zu haben? Da könnt einer ja den Respekt vorm lieben Gott verliern! Aber nein, jetzt zahlt's ihm sein eigner Sohn heim, und ich kann's mir vorstelln, wie's seinem Hochmut ins Herz stößt, daß er dem Kaspar seine Tochter als Söhnerin auf dem Klosterhof wird leiden müssen!« Sie lachte schrill auf. Lisei aber, deren Wangen sich vor Erregung gerötet hatten, rief, wodurch sie Ambros, der bei den letzten Worten der Großmutter fragend aufgeblickt hatte, zuvorkam: »Ach, Ahne, wie kannst du das verantworten, daß du den Ambros noch mehr gegen seinen eignen Vater aufwiegelst? Recht hast, daß der Vater gegen dem Ambros seine Heirat ist, und ich versteh jetzt auch, warum. Aber wann der Ambros sein Stück gegen den Vater durchsetzen könnt und dein rachsüchtiger Wunsch geht in Erfüllung, Ahne – wer hat nachher drunter zu leiden als wir alle und die Stasi am meisten?« Sie reichte dieser über den Tisch hin die Hand und sagte herzlich: »Leg's mir nit übel aus, daß ich so red. Ich bin dir nit gram, ach, ganz gewiß nit! Aber ich muß reden, wie ich's für recht halt und wie mir ums Herz ist. Ja, Stasi, mir sollt als Schwester keine lieber sein als du. Aber das wirst einsehn, daß du nit glücklich sein kannst, wann dir der Vater so zuwider gesinnt ist« Stasi zog leise ihre Hand zurück, begrub ihr Gesicht in der Schürze und schluchzte. »Ist das ein Weibergetratsch!« brauste Ambros auf und schlug mit der Faust auf den Tisch, so daß die Großmutter zusammenschreckte und vergaß, was sie hatte sagen wollen. Gleich darauf rief sie: »Ja, die Lisei hat kein Herz. Wann's nach ihr ging, kämen der Ambros und die Stasi ebensowenig zusammen wie ihre Mutter und der Kaspar, und sie würden unglücklich, bloß damit dem Klosterbauer sein Wille geschieht!« Lisei antwortete nicht hierauf. Sie ging zu Stasi und versuchte sie zu beruhigen. Ambros aber rief: »Mag die Lisei wolln, was sie will – ich weiß, was ich will!« »Freilich! Ich hab's dir auch gleich angesehn, daß du dir nit die Butter vom Brot nehmen laßt«, entgegnete die Alte und streichelte mit ihren hageren Fingern seine auf dem Tisch liegende Faust, die er jedoch zurückzog. »Ach, Stasi!« wandte sich Lisei unterdessen an das schluchzende Mädchen. »Dazumalen, wie wir aus St. Lorenzen zurückgekommen sind, hast mir erzählt, daß du deinen Vater gar so liebgehabt hast. Es kann dich daher nit kränken, daß ich den meinigen auch liebhab.« Stasi hatte die Schürze vom Gesicht genommen und erwiderte leise, ohne Lisei anzusehen: »Ach nein, kränken tut's mich nit.« Lisei legte den Arm um ihre Schulter und küßte sie auf die Wange, während Ambros nachdrücklich sagte: »Jetzt laß das Weinen, Stasi! Der Vater wird sich geben, so wahr ich hier sitz.« »Ja, du wirst deinen Willen schon durchsetzen«, nickte die Ahne und wischte sich mit dem Rücken der rechten Hand den Mund. Darauf trank sie. Stasi blickte scheu zu Lisei auf, und diese meinte mit dem Versuch eines Lächelns: »Er ist ja dem Vater sein Liebling.« Stasi sah wieder vor sich nieder. Sie weinte nicht mehr, aber sie war ganz blaß. Lisei streichelte ihr leise das Haar und kehrte dann auf ihren Platz zurück. Eine Weile hörte man nur das Brausen des Vigilbaches, auf den die Fenster der Schenkstube hinausblickten. Ambros brach das allgemeine Schweigen zuerst, indem er die Großmutter fragte, ob sie zu Fuß von Pleiken heruntergekommen sei. »Ja, wann ich noch so rüstig wär!« antwortete sie. »Als ich noch eine junge Gitsche war und wir kamen aus dem Venetianischen herauf zu den Erntearbeiten im Pustertal, ja, da hab ich nimmer gewußt, was Müdigkeit ist. Wann die andern kein Glied mehr rührn konnten nach dem Ährenschneiden – den lieben, langen Tag über, in den Tälern oder auf den Bergen – und in die Stadeln krochen, sobald sie den letzten Löffel Polenta Polenta – italienisches Nationalgericht; ein dicker Brei aus Maismehl und Salz, der nach dem Erkalten gewöhnlich in fingerdicke Schnitten zerteilt und meist mit einem Zusatz von Käse gebacken wird. verschluckt hatten, dann haben wir, unser drei oder vier lustige Dirnen, die wir immer zusammenhielten, noch bis in die halbe Nacht hinein gesungen und gesprungen. Ach ja! Ach ja!« Ein Bauer aus Pleiken, der Leinwand nach St. Vigil gebracht, um sie blau färben zu lassen, hatte die Alte mitgenommen und sein Fuhrwerk dann im »Stern« untergestellt. Ambros erbot sich, dem Mann zu sagen, daß er die Ahne auf der Heimfahrt vom Bäcker abholen solle, und verließ die Stube. »Gelt, Stasi, das ist ein Bub!« nickte die Ahne hinter ihm her. Das Mädchen wurde rot. »Der wird sich durch den Klosterbauer nit unglücklich machen lassen, wie es meine Kathi geworden ist. Laß den Kopf nit hängen, Kind! Den Ambros kriegt der Klosterbauer nit unter. Ja, es gibt keinen in der Welt, der nit zuletzt seinen Meister findet!« Stasi schüttelte mit einem traurigen Blick auf sie leise den Kopf. »Ahne«, fragte Lisei, indem sie sich mit einem Seufzer ihrem Nachdenken entriß, »kannst denn deinen Haß auf den Vater nit fahrn lassen? Jetzt erst weiß ich's, wie unglücklich meine Mutter gewesen ist. Ich hab's mir ja nimmer so vorstelln können, denn der Name von dem Kaspar Larseit ist nimmer über ihre Lippen gekommen. Aber tragt denn der Vater allein die Schuld an ihrem Unglück? Hast du nit mitgeholfen dazu? Du hast's ja vorhin selbst erzählt! Ach, Ahne, wie wär doch alles so ganz anders gekommen, wann du meine arme Mutter nit zur Untreu gegen den Kaspar Larseit bered't hättst! Und glaubst du denn, daß der Vater glücklich gewesen ist? Wann beide nit frei von Schuld gegeneinander warn – ach, mein Gott, mein Gott, ich gäb ja mein Herzblut dafür, daß ich sie davon reinigen könnt! – dann haben sie's beide schwer gebüßt durch die langen Jahr ihres unfriedlichen, unglücklichen Lebens. Und jetzt, Ahne, kannst du deinen Haß nit begraben, sondern säst neuen Haß und neuen Unfrieden aus und bist doch selber nit rein von Schuld! Laß ihn fahrn, den Haß, ich bitt dich, Ahne!« Sie streckte der Großmutter, die ganz in sich zusammengesunken war und in einem fort stöhnte, ihre Hand hin. »Ich kann nit, ich kann nit!« ächzte sie. »Ach, wie kannst so grausam reden, daß ich schuld bin an dem Unglück meiner Kathi! Den blauen Himmel hätt ich ihr unter die Füß breiten mögen!« »Ja, Ahne«, entgegnete Lisei, »du hast sie glücklich machen wolln, aber es ist zu ihrem Unglück ausgeschlagen. Als die Mutter schon dem Tod nah gewesen ist, da hat sie noch zu mir gesagt: ›Lisei, laß dein Herz nimmer vom Reichtum verlocken!‹« Da schrie die alte Frau auf und umschlang den Hals ihrer Enkelin und küßte sie unter gewaltsam hervorstürzenden Tränen. »Ich will ihn nit mehr hassen!« schluchzte sie. »Aber, oh, das ist gar so schwer!« Stasi stand sacht auf und stellte sich ans Fenster. Die Rechte auf das Herz gepreßt, blickte sie mit trüben Augen auf die nahe vorbeistrudelnden Wellen, und allmählich neigte sich ihre Stirn gegen die kleinen, kalten Scheiben. Sie hörte weder das Rauschen des Baches noch die Worte Liseis und ihrer Großmutter, die sich über die verstorbene Klosterbäuerin unterhielten. Erst Ambros' Stimme weckte sie wieder aus ihrem Sinnen und Träumen. Aber seltsam, die Stimme hatte etwas Hartes, das ihr fremd war! Selbst bei starker Erregung hatte sie nicht diesen trockenen, scharfen Ton. Stasi rückte an ihrem Hut und drehte sich um. Ambros hatte der Ahne mitgeteilt, daß der Mann aus Pleiken reisefertig sei und mit seinem Wagen vor der Tür stehe. Dann nahm er ein paar zerknitterte Bankozettel aus der Tasche und reichte sie der Großmutter mit den Worten: »Ich werd mit dem Vater reden, daß du nit mehr zu darben brauchst. Nimm das einstweilen und kauf dir gutes weißes Brot dafür.« Die Alte stieß seine Hand zurück und rief leidenschaftlich: »Ich will von deinem Vater kein Geld nit! Ich nehm nix; ich brauch nix!« Auf einen vorwurfsvollen Blick Liseis hin setzte sie hinzu: »Ich kann das nit; es würd mir auf der Seel brennen. Meinen Haß will ich ja gern begraben; aber sein Geld nehm ich nit!« Ambros machte weiter keinen Versuch, ihr das Geld aufzudrängen. Er rief den Bäcker und bezahlte die Zeche. Die Ahne bat Lisei unterdessen, recht bald nach Pleiken zu kommen. Auch Stasi und Ambros bat sie darum und küßte dann alle drei. »Kommt ja bald!« wiederholte sie vor der Tür. »Denn jetzt hab ich auf der Welt nix mehr zu tun, als auf den Tod zu warten. – Und für dich will ich den lieben Gott bitten«, wandte sie sich an Stasi und küßte sie noch einmal, »daß du glücklich wirst mit dem Ambros. Du hast ein liebes Gesicht« Stasi lächelte wehmütig. Ambros half der Ahne auf das einspännige Wägelchen. »Wir kriegen Schnee«, meinte der Bauer und trieb den schwerfälligen Gaul an. Lisei, Ambros und Stasi gingen den Anger am Spitzhörndlbach entlang. Alle drei blieben stumm, und als sie die gekrümmte Landstraße erreichten, trennten sie sich – Stasi und Lisei, indem sie sich die Hand reichten und dabei einander in die Augen sahen. Plötzlich warf sich Stasi an Liseis Brust, und dann lief sie Ambros nach, der schon den Pfad aufwärts zu ihrer Hofstätte eingeschlagen hatte. Der Pfad war zu schmal, um beiden nebeneinander Platz zu lassen, und so ging Stasi mit gesenkter Stirn hinter Ambros her, der fortwährend an seinem Schnurrbart fingerte. Eine Krähenschar zog krächzend über ihnen hin. Ambros blieb stehen, drehte sich um und sagte: »Herr Gott, Stasi, wer hätt das gedacht!« Er nahm den Hut ab, strich sich durch das Haar, wandte sich, den Hut wieder aufsetzend, nach vorn und ging weiter, ohne sich näher zu erklären. Stasi fragte auch nicht. Als sie den breiteren Weg erreicht hatten, der sich hinter der bereits entlaubten Hecke hinzog, blieb Ambros, auf Stasi wartend, wieder stehen und sagte: »Jetzt haben wir das Grab von deinem Vater ganz vergessen.« »Ich hab's nit vergessen; aber es ist besser so«, gab Stasi leise zur Antwort. Er faßte sie leicht an der Hand, und sie gingen weiter. Nach einer Weile fragte er, indem er sich von dem Gedanken, der ihn beschäftigte, gewaltsam losriß, warum sie so still sei. »Oh, wir haben ja so viel gehört, Brosi«, versetzte sie. »Ja, aber ich will nit dran denken. Himmel, Sakrament, ich will nit!« rief er und stampfte dazu mit dem Fuß. »Ach, was nützt denn das?« fragte sie und blickte ihn scheu von der Seite an. »Ich bitt dich, sei nit so wild! Ich muß an alles denken, was deine Ahne erzählt hat, an alles, alles – und daß die Lisei recht hat« »Ich hab auf der Lisei ihr Reden nit groß achtgegeben«, versetzte er. »Womit hat sie recht?« Stasi antwortete nicht sogleich. »Ich hab's mir nit vorgestellt, daß dein Vater mir so zuwider gesinnt ist«, sagte sie endlich ganz leise. »Ach was!« Er machte eine geringschätzige Handbewegung. Stasi bemerkte sie nicht; denn sie hatte den Kopf abgewendet und sah über die kahle Hecke auf den Kirchhof hinunter, wo noch hier und da die Lichtlein auf den Gräbern flimmerten. Große, eisigweiße Wolken mit grauen Rändern zogen von Westen her das Tal herauf. »Es kann ja auch nit anders sein; jetzt versteh ich's«, sagte Stasi so leise wie vorher und pflückte mechanisch ein vereinsamtes, noch grün gebliebenes Blättchen von der Hecke. »Es wird auch nimmer anders werden nach dem, was zwischen deinem und meinem Vater geschehn ist Er wird mich nimmer als Söhnerin annehmen.« »Darauf willst hinaus?« rief Ambros mit einem rauhen Lachen. »Deshalb laß dir kein graues Haar nit wachsen. Ich sag dir, er wird!« »Nit im Guten!« erwiderte sie und hob die Augen, die voll Tränen standen, zu ihm auf. »Ach, Brosi, es ist ja schon so viel Hader und Feindschaft auf dem Klosterhof gewesen, und jetzt soll ich dich gar mit deinem Vater verfeinden? Das kann ich nit!« Die Wimpern vermochten ihre Tränen nicht mehr aufzuhalten, und sie tropften langsam ihre Wangen hinunter. »Was meinst denn, was geschehn soll?« fragte Ambros, der bei ihren Worten stehengeblieben war, mit dumpfer Stimme. »Es ruht kein Segen auf unsrer Lieb«, antwortete Stasi mit zitternden Lippen. »Ich bitt dich, Brosi, laß ab von mir! Denk nit mehr an mich!« »Was braucht's einen andern Segen, als daß wir zwei uns liebhaben?« Seine Brauen zogen sich zusammen. »Auf alles übrige pfeif ich!« Sie legte ihre Hände beschwörend gegen seine Brust. »Wann du deinen Vater auch zu deinem Willen zwingst – mir wird er nimmer das Unrecht vergeben, das er meinem Vater angetan hat. Er wird immer dran denken, sooft er mich sieht, und du wirst's nit dulden wolln. Ich bitt dich, Ambros, wie können wir das ertragen? Laß uns in Freundschaft voneinander scheiden! Es war unrecht, daß ich dir damals nachgegeben hab.« »Voneinander scheiden – in Freundschaft?« brach nun das Gewitter aus ihm hervor. Wenn es ihr so leicht fiele, ihn aufzugeben, ihn, der um ihretwillen der ganzen Welt die Stirn zu bieten bereit wäre, dann wolle er nur gleich gehen. Er sehe ja daraus, daß sie ihn nicht liebhabe, ihn nie geliebt habe. An ihrer Freundschaft sei ihm nichts gelegen. »Allmächtiger Gott, wie kannst mir so grausam aufs Herz schlagen?« klagte sie, die Hände ringend. Nur an ihn allein denke sie ja, fuhr sie verzweifelt fort. Ihn nicht lieben? Sähe er denn nicht ein, daß sie ihn nur freilassen wolle, damit er nicht unglücklich würde? Was läge ihr an dem eigenen Glück und Leben? Um sein Glück wolle sie mit Freuden sterben; aber sein Zweifeln an ihrer Liebe sei bitterer als der Tod. Sie wollte ihm entsagen, ihn von sich weisen, und umklammerte nun seinen Hals, um durch seine Augen auf den Grund seiner Seele zu dringen. Ihr tränenverschleierter Blick war so angst- und verzweiflungsvoll, daß sein ungerechter Zorn entwaffnet wurde. Leidenschaftlich drückte er sie an sich. Lisei war unterdessen zu Hause angekommen. Der Klosterbauer brummte über ihr langes Ausbleiben. Schon seit einer halben Stunde habe er auf seine Jause gewartet. Das war ihr Lohn dafür, daß sie eben erst so warm und erfolgreich für ihn gegen die Großmutter eingetreten war! Aber sie hatte es nicht um des Dankes willen getan, und sie dachte auch nicht daran, wenngleich ihr seine Schelte heute noch weher tat als sonst. Sie beeilte sich, ihm Brot und geräucherten Schinken aufzutragen, und stellte die Flasche mit Kirschgeist dazu. Darauf setzte sie sich ans Fenster und sah den Weg hinunter, auf dem ihr Bruder nach Hause kommen mußte. Das Herz war ihr schwer. Sie hätte um des Vaters willen gewünscht, daß Ambros und Stasi nicht mit der Ahne zusammengetroffen wären. Ja, in ihr selbst entwickelte sich aus dem Schmerz, den ihr die Mitteilungen der Großmutter verursacht hatten, ein tiefes Mitleid mit dem Vater. War er doch für seinen Eigensinn, ihre Mutter durchaus besitzen zu wollen, so hart bestraft worden! Und sie glaubte nun selbst zu verstehen, weshalb er ihre eigene schüchterne Liebe stets zurückgewiesen hatte. Seine unglückliche Ehe hatte ihm den Glauben an die Liebe überhaupt genommen. Denn aus welchen Gründen er ihre Mutter auch geheiratet – er hatte doch wohl im stillen gehofft, daß ihm mit ihrem Besitz auch ihre Neigung zufallen würde. Lisei vermochte es sich nicht anders vorzustellen. Und wer war nach ihrer Denkungsart bemitleidenswerter als ein Mensch, der den Glauben an die Liebe verloren hatte? Doch nein, noch hatte er sie nicht völlig verloren! Sein Herz hing ja noch an Ambros! Aber nun hatten die Enthüllungen der Ahne wohl gar die Achtung ihres Bruders vor dem Vater unterwühlt! Der Klosterbauer stieß bei seiner Jause dann und wann einen knurrenden Laut aus. Ein Zeichen von Wohlbehagen war das nicht. Der Allerseelentag hatte seine Galle aufgeregt. Das Grab seiner Frau hatte er an diesem Tage nie besucht, und ohne den Zwiespalt mit Ambros hätte er den Tag auch heuer wie immer unbeachtet vorübergehen lassen. Diesmal aber hatte der Tag seine Erinnerungen an seine Frau und Kaspar Larseit neu belebt. Während Lisei das Grab ihrer Mutter geschmückt, hatte er der Zeit seiner Brautwerbung gedacht, als ob nur Wochen und nicht viele, viele Jahre seitdem verflossen wären, und der alte Haß gegen Kaspar hatte sich mit frischen, scharfen Stacheln in sein Fleisch gebohrt. – Und die Tochter dieses Menschen wollte Ambros heiraten, während er die reichste Partie machen konnte! »Was sitzt denn da wie ein Bildstockl« murrte der Alte nach einer Weile, warf das Messer geräuschvoll auf den Tisch und schlug mit der flachen Hand den Pfropfen in die Flasche. »Gibt's nix zu tun?« »Ich hab nur warten wolln, bis du gegessen hättst«, gab Lisei sanft zur Antwort. »Ich hab gegessen«, nörgelte er weiter. Lisei blieb jedoch still. Sie trug die Überbleibsel der Jause fort und kam mit einem brennenden Licht zurück; denn es war, während der Klosterbauer vesperte, in der Stube allmählich dunkel geworden. Sie stellte die Branntweinflasche in den Eckschrank, säuberte den Tisch und ging dann auf die Vortreppe hinaus, um auf ihren Bruder zu warten. Die schlechte Laune des Vaters war wenig dazu geeignet, ihr das Herz leichter zu machen. Ambros erschien bald darauf; er sprang aber nicht wie sonst elastisch die Vortreppe hinauf, sondern trat auf jeder Stufe fest auf. »Ich bitt dich, Ambros!« flüsterte Lisei, ihn aufhaltend. »Sprich doch nur heut nit von deinen Angelegenheiten mit dem Vater.« »Ob heut oder morgen – es ist alles eins!« entgegnete er rauh und ging in die Wohnstube. Lisei folgte ihm besorgt. »Guten Abend, Vater!« In seiner Stimme war wieder jener harte Ton, der Stasi zuvor in der Schenkstube des Bäckers aufgefallen war. Der Klosterbauer, der, seine Pfeife rauchend, im Lehnstuhl saß, erwiderte den Gruß unverständlich. Ambros setzte sich auf die Bank an der Tischkante und starrte ins Licht. Lisei hielt sich im Hintergrund. »Schaust ja aus, als ob du auch Allerseelen gefeiert hättst!« äußerte der Klosterbauer, nachdem er einige Sekunden lang durch die Rauchwolken seiner Pfeife nach dem Sohn geschielt hatte. »Ja, ich bin auf dem Kirchhof gewesen«, versetzte Ambros, ohne den Blick von dem Licht zu wenden. »Scheinst ja seit einiger Zeit ein absonderliches Gefallen an dem Ort zu haben«, spöttelte der Vater. Ambros richtete die Augen scharf auf ihn und sagte gedehnt: »Ich hab dort die Frau Strasser aus Pleiken, unsere Ahne, getroffen.« Der Klosterbauer zuckte kaum merklich zusammen, rauchte aber schweigend weiter. Ambros fuhr fort: »Ihr Mann ist tot, und sie muß sich gar kümmerlich behelfen. Du mußt was für sie tun, Vater.« Er warf den Hut neben sich auf den Tisch. »Das sollt mir einfallen!« rief der Klosterbauer verächtlich. »Was geht sie mich an?« Er blies große Rauchwolken von sich. »Sie ist doch die Mutter von deiner verstorbenen Frau!« entgegnete Ambros, und seine Augen, die fest auf den Vater gerichtet waren, hatten einen noch schärferen Ausdruck als seine Worte. »Es kann dir wenig Ehr vor den Leuten einbringen, daß du sie hungern laßt.« Die Zornader auf der Stirn des Alten schwoll dick an. »Meine Ehr?« schnob er. »Ich will dir raten, mir nit an den Wagen zu fahrn! Schämen solltst dich, daß du dich von der alten Vettel gegen deinen eignen Vater hast aufhetzen lassen! Aber freilich – Bettelpack ist jetzt deine liebste Gesellschaft.« »Vater!« schrie Ambros auf und erblaßte. Der Vater jedoch fuhr in schneidendem Ton fort: »Meinst, ich kenn den Vogel nit, der aus dir pfeift? Wann du deinen Vater ehrn würdst, wie's deine Pflicht ist, dann hättst der alten Strasser das Schandmaul gestopft, statt auf das zu horchen, was ihr der Haß auf mich eingegeben hat. Gleich bist mit der Faust parat, wann dich einer nur schief anschaut. Aber wann dir einer fein um den Bart geht, da laßt du selbst deinen eignen Vater schimpfiern! Ich hab dich für einen klugen Menschen gehalten, aber du bist dumm, ganz dumm. Du merkst nit, daß sie durch dich ihren Vorteil suchen, sie und die andre, die doch wohl auch dabei gewesen ist.« »Ich bitt dich, laß die Stasi aus dem Spiel!« rief Ambros mit wogender Brust. Der Klosterbauer aber ging schonungslos weiter vor. Ambros solle endlich den Meister in ihm erkennen. Wenn er nicht völlig den Verstand verloren hätte, würde er erkennen, daß Stasi nur ihr Spiel mit ihm treibe. Auf sein Geld allein habe sie es abgesehen; Klosterbäuerin wolle sie werden, und dazu wäre ihr kein Mittel zu schlecht. Ambros saß eine Sekunde regungslos und buchstäblich mit offenem Munde da – so unfaßlich war ihm die gegen Stasi erhobene Verdächtigung. Dann schnellte er von der Bank hoch und rief mit einer durch die Aufregung anfangs noch gequetschten Stimme: »Das ist alles erlogen! Das red't der Haß aus dir, den du auf ihren Vater hast! Jesus, hast denn nit schon Unrecht genug getan, Vater? Du zwingst mich dazu, daß ich davon reden muß. Erst hast meine Mutter dem Larseit abwendig gemacht – das war schlecht – nachher hast meine Mutter wie einen Wurm mit Füßen getreten – das war erst recht schlecht – und jetzt drängst dich mit Lügen zwischen mich und die Stasi, bloß weil du ihr nit rechtschaffen ins Gesicht sehn kannst – das ist das schlechteste von allem!« Hier konnte sich Lisei nicht länger zurückhalten; entsetzt über die schonungslosen Worte des Bruders, eilte sie zu diesem hin, packte mit einem starken Griff seinen Arm und rief, ihn rüttelnd: »Um Gottes willen, wie kannst so zu deinem Vater sprechen?« Der Klosterbauer war im Begriff gewesen, sich von seinem Stuhl zu erheben; die Vorwürfe des Sohnes aber hatten ihn zurückgeworfen. Wie eine Lawine, die ins Rutschen kommt, waren sie immer schneller und heftiger auf ihn niedergestürzt. Die Pfeife war ihm entfallen. Er war darauf gefaßt gewesen, daß ihn die Mutter seiner verstorbenen Frau bei Ambros verlästert hätte – auf ihre Enthüllung seines Verhältnisses zu Kaspar jedoch nicht. Und da er selbst erst kurz vorher an all jene Umstände gedacht hatte, so war ihm jetzt, als wäre plötzlich ein Gespenst vor ihm aus dem Boden aufgestiegen. Die Ähnlichkeit des Sohnes mit seiner verstorbenen Frau, namentlich die seiner zornsprühenden Augen mit den ihren, war ihm nie so zum Bewußtsein gekommen wie jetzt. Sie verursachte ihm fast ein Grauen, und er starrte Ambros mit weitgeöffneten Augen aus einem fall gewordenen Gesicht an. Lisei eilte von dem Bruder zu ihm und legte ihm, was sie noch nie gewagt, den Arm um den Nacken. »Vater, liebster Vater, rechne ihm doch seinen Zorn nit an! Er ist ja dein Ambros, der dich liebhat!« Der Klosterbauer achtete ihrer nicht. Sein Anblick aber brachte Ambros wieder zu sich. Mit offen ausgestreckter Hand auf den Vater zugehend, sagte er: »Nun ja, Vater, wir beide wohn uns nit verzürnen. Gib mir dein Jawort von wegen der Stasi, und was du meiner Mutter und dem Kaspar Larseit Übles getan hast, das soll alles vergeben und vergessen sein.« Der Vater stieß die Hand zurück und schüttelte den Arm seiner Tochter von sich. Er sprang auf und rang schwer atmend nach Worten. Lisei kam ihm zuvor, und dem Bruder einen beschwörenden Blick zuwerfend, flehte sie mit leiser, zitternder Stimme: »Oh, liebster Vater, hör doch bloß ein Wort von mir: Red't doch jetzt nit weiter miteinander! Du weißt ja, was der Ambros für ein Hitzkopf ist. Und von wegen der Ahne, so hab ich ihr vorgestellt, was für ein Unrecht sie gegen dich hat, und sie hat's auch eingesehn.« Ambros schwankte einen Augenblick und schickte sich dann an, die Stube zu verlassen. Der Klosterbauer aber herrschte ihn an, er solle dableiben. Und während er Lisei mit einer ungeduldigen Armbewegung von sich wies, rief er heiser: »Ich will ein End machen. Ich hab dir zu sehr den Willn gelassen; jetzt will ich doch sehn, ob's noch Zeit ist, dich zu meistern! Meine Einwilligung kriegst du nimmer, und ich sag dir: Du gehorchst, oder es geht übel aus!« »Droh mir nit, Vater! Es nützt dir nix«, versetzte Ambros mit finsterer, entschlossener Miene und kreuzte die Arme über der Brust. Der Blick des Klosterbauern war wie spitzes, weißglühendes Eisen auf ihn gerichtet. »Lisei!« rief er nach einer Weile dumpf, ohne jedoch die Augen von Ambros abzuwenden. »Du hast gehört, was ich ihm gesagt hab; du sollst mir's bezeugen! – Du willst also nit gehorchen?« fuhr er zu Ambros fort. »Nit in dem Stück, Vater. Ich kann's nit!« entgegnete Ambros, die Arme über der Brust lösend. »Nein!« »Gut!« keuchte der Klosterbauer. »Dann hör mein letztes Wort: Der Donner soll mich erschlagen, und verwünscht will ich sein hier und ewiglich, wann du auch nur einen Kreuzer von mir kriegst. Über meine Schwell kommt mir die Betteldirn nimmer. Jetzt heirat sie oder heirat sie nit – mir ist's gleich. Wir zwei beide sind fertig miteinander.« »O Vater, Vater, sei doch nit so hart!« rang Lisei angst- und qualvoll die Hände und wandte sich darauf an den Bruder, er möge den Vater um Gottes willen bitten. Aber beide achteten nicht auf sie. Ambros griff nach seinem Hut und fragte mit einer äußerlich eisigen Ruhe: »Ist das wirklich dein letztes Wort?« »Ja, so wahr mir Gott helfe!« rief der Vater und schlug sich beteuernd mit beiden Fäusten auf die Brust. Ambros ging zur Tür. Lisei flog ihm nach und versuchte ihn zurückzuhalten, indem sie mit beiden Händen seinen Arm ergriff. Er riß sich mit Gewalt los und warf die Tür hinter sich ins Schloß. Seine Schwester schrie verzweifelt auf. Der Klosterbauer stand stumm und steif wie eine Säule. Draußen knarrte die Stiege. Ambros ging auf seine Kammer und packte seine Sachen zusammen. Wie sie ihm in die Hand fielen, so warf er sie ungeordnet in eine Lade, die er dann verschloß. Darauf verließ er den Klosterhof. Keine Nacht mehr wollte er unter dem väterlichen Dach zubringen. Er lenkte seine Schritte nach St. Vigil. In der Schmiede wollte er nächtigen. 9. Kapitel Der Novembersturm pfiff, sang und heulte durch das Gadertal. Einen besseren Tummelplatz konnte er sich nicht wünschen, denn das Tal war nach Norden hin offen. Daher herrschte hier auch, besonders in dem oberen Teil, ein viel rauheres Klima als in dem gegen Norden geschützten Vigiltal. Es eignete sich wenig zum Getreidebau, und seine Bewohner waren überwiegend auf die Viehzucht angewiesen. Da dieser Erwerbszweig im Verhältnis zum Ackerbau nur wenige Hände erfordert, war die überschüssige Bevölkerung genötigt, ihr Brot in der Fremde zu suchen. Die Männer zogen alljährlich als Handwerker verschiedenster Art ins Weite, während sich die Mädchen namentlich in Südtirol als Mägde zu verdingen suchten. Nach Südtirol bot das Grödnertal, das sich zwischen Klausen und Bozen öffnet, von dem einige Stunden südlich von St. Martin gelegenen Colfosco aus über das Grödnerjoch eine nahe Straße. Rauh und scharf wie das Klima des oberen Gadertals war auch der ladinische Dialekt seiner ärmlichen Bewohner, und der Kurat, Johannes Falkner, hatte sein Ohr erst an ihn gewöhnen müssen, als er von seiner Pfarre zu St. Martin Besitz ergriff. Ein Wohlleben war es nicht, das Hannes unter seinen Ochsen mästenden und Schafe und Gänse züchtenden Pfarrkindern führte. Schmalhans war meist Küchenmeister, und die Hände des jungen Geistlichen hatten in den wenigen Monden, seit er am östlichen Fuße des Peitlerkofls predigte, taufte, kopulierte, Messen las, die Kranken tröstete und die Toten begrub, von Spaten und Hacke eine harte Haut bekommen. Wie die meisten Häuser von St. Martin, so war auch das Pfarrhaus aus Stein gebaut; denn Steine lagen ja überall genug zur Hand. Aber die Wohnstätte war klein und ärmlich, und der geistliche Hirt hauste kaum besser als die Herde. Er hatte bei Anbruch des Herbstes selber zu Schnitzmesser, Hammer und Kelle greifen müssen, um sein Haupt vor den eindringenden Wassern des Himmels zu schirmen, wie er auch bei seinem Einzug eigenhändig die beiden Räume, die ihm zur Schlaf-, Studier- und Amtsstube dienten, frisch geweißt hatte. Sauberkeit war der einzige Schmuck der Wohnung – dank der Wirtin, einer Witwe, die Hannes von seinem Amtsvorgänger übernommen hatte. Auch sonst besaß er an ihr einen wahren Schatz; aber er wußte es nicht und erfuhr es erst später. Sie wurde in St. Martin, ihrem Geburtsort, von alt und jung nur La Bona Uschina, die gute Nachbarin, genannt. In dieser Bezeichnung lag eine kleine Ironie; sie bezog sich nicht allein auf ihr gutes Herz, sondern auch auf ihre Geschicklichkeit als Bona Uschina, von den Leuten alle möglichen kleinen Gefälligkeiten in Gestalt von Naturalien zu Nutz und Frommen ihres geistlichen Herrn zu erlangen. Hier waren es gelegentlich ein paar Eier, dort ein wenig Wachs oder Honig, hier etwas Wolle für Winterstrümpfe, da ein kleiner Beitrag an Gerste zur Mast ihrer Gänse. Die Leute gaben ihr gern, und wenn jemand in St. Martin schlachtete oder buk, so vergaß er auch die »gute Nachbarin« nicht. Eigentlich hieß sie Carlotta Tyfona. Die beiden Räume, die sich Hannes zu seinem ausschließlichen Gebrauch vorbehalten hatte, waren ganz mit Holz ausgekleidet; jedoch besaß nur der größere, unmittelbar am Flur gelegene einen Ofen. Durch den Flur, in dessen Hintergrund sich die Küche befand, wurde das Haus genau in zwei Hälften geteilt. Der Ofen bestand aus groben, grünen Kacheln, und um seine beiden freistehenden Seiten zog sich eine Bank. Darüber befand sich ein Gestänge zum Trocknen nasser Sachen. Die Möbel waren von ungebeiztem Tannenholz, mit Ausnahme einer Truhe, die ehemals grün angestrichen gewesen war. Ein Kleiderschrank, zwei Stühle mit Strohsitzen, ein großer Tisch, an dem Hannes zu schreiben und zu studieren pflegte, ein kleinerer in einer Ecke und ein schmales Büchergestell bildeten die ganze Ausstattung der Stube, aus der eine enge Tür in die anstoßende Schlafkammer des Geistlichen führte. Die kleinen, nach Osten gelegenen Fenster waren, abgesehen von zwei oder drei Scheiben, durch das Alter ziemlich erblindet. Wenn die in Blei gefaßten, eckigen Scheiben von der Morgensonne beschienen wurden, spielte das Licht auf den Dielen in allen Regenbogenfarben. Die Hauptfüllung des Büchergerüstes bildeten sorgfältig zugebundene Packen von grauem Löschpapier: das Herbarium des jungen Kuraten. Mit Büchern waren die Fächer nur spärlich bestellt. Die größte Zahl bestand aus den Schulbüchern, mit deren Hilfe sich Hannes zu seiner Würde emporgeschwungen hatte. Das handlichste Fach enthielt das unentbehrliche geistliche Rüstzeug. Daneben fanden sich zwei in deutscher Sprache abgefaßte botanische Lehrbücher, von denen das eine das Linnésche System, Linnésches System – das künstliche Pflanzensystem des schwedischen Naturforschers Karl v. Linné (1707-1778), der die noch heute gebräuchliche wissenschaftliche Benennungsweise der Tiere und Pflanzen mit lateinischen Gattungs- und Artnamen schuf. , das andere das natürliche System Jussieus System Jussieus – das von dem französischen Botaniker Bernard de Jussieu (1699-1777) begründete, auf einem Fragment Linnés aufbauende und von Antoine Laurent de Jussieu (1748-1836) weiterentwickelte natürliche Pflanzensystem. vertrat. An sie reihte sich, die Bibliothek erschöpfend, ein Teil von Buffons Buffon – George-Louis Leclero Graf von Buffon (1707-1788), französischer Naturwissenschaftler; seine illustrierte, in fast alle Sprachen übersetzte »Allgemeine und spezielle Naturgeschichte« war eines der verbreitetsten Bücher seiner Zeit. Naturgeschichte in sehr abgenutztem Zustand: die »Geschichte der Vierfüßler« in deutscher Übersetzung und die »Epochen der Natur«, ins Italienische übertragen. Beide hatte Hannes für wenige Kreuzer bei einem Trödler in Innsbruck erstanden. Auf dem obersten Brett lagen verschiedene Petrefakte, Petrefakte – Versteinerungen. wie man sie im oberen Gader- und Grödnertal häufig findet. Ein Kalkstein mit scharfen Muschelabdrücken diente zum Beschweren von Papieren auf dem Schreibtisch, und über diesem an der Wand hing ein schwarzes Holzkruzifix mit einem schlecht gearbeiteten Christus, der einem gebleichten Gerippe glich. In dem Ofen prasselte ein mächtiges Feuer – an Holz litt Hannes bei dem damaligen Waldreichtum keinen Mangel –, und in der Stube herrschte eine hochgradige Wärme, während draußen der Nordsturm durch das Tal fegte. Hannes saß mit der Feder in der Hand vor seinem Arbeitstisch, und neben dem groben Papier, das er mit großen Schriftzügen bedeckte, lagen mehrere getrocknete Pflanzen. Hannes war mit ihrer Beschreibung beschäftigt. Die Arbeit erwies sich als das einzige Mittel, um das Opfer, das ihm Pflicht und Notwendigkeit auferlegten, mit freier Seele zu vollbringen. Mit einem Feuereifer, der keinerlei Rücksicht gegen sich selbst kannte, hatte er sich, sobald er die Pfarre von St. Martin übernommen, den Obliegenheiten seines Amtes unterzogen. Er war in alle Hütten gegangen, um sich mit seinen Pfarrkindern und ihren Lebensverhältnissen bekannt zu machen. Unermüdlich hatte er die Gesunden und Kranken mit seinem Rat und Trost unterstützt. Jedem Anliegen stand sein Ohr offen, jedem Bedürfnis war sein Geist zugänglich, aufnahme- und hilfsbereit. Zu seinen botanischen Ausflügen war ihm dabei nur wenig Muße geblieben, und er hatte absichtlich nur äußerst selten die Pflanzenkapsel umgehängt; denn er scheute die Gedanken und Erinnerungen an Stasi, die auf solchen Streifzügen nicht abzuwehren waren. Um so eifriger las und studierte er, oft bis tief in die Nacht hinein – nicht in seinem Brevier, sondern im Linné, Jussieu und Buffon. Er war darüber noch magerer geworden, was seiner Bona Uschina viel Kummer bereitete. Erstens verklagte seine Magerkeit sie unschuldigerweise bei der Gemeinde, daß sie ihre pfarrköchliche Pflicht gegen ihn nicht erfülle, und zweitens hegte sie für ihn mehr ein mütterliches Gefühl, als daß sie ihn als ihren Brotherrn betrachtet hätte. Sie selbst hatte einen Sohn, der als Schneidergeselle in die Welt gezogen und verschollen war. Wenn er noch lebte – und sie hoffe es –, dann war er jetzt in dem Alter ihres Kuraten. Sie hätte viel darum gegeben, diesem zu mehr Fleisch zu verhelfen. Übrigens hätte sie es selbst gebrauchen können; aber sie meinte, ihre eigene Hagerkeit habe nichts zu bedeuten. Auch war sie von kleiner Gestalt und dabei flink wie ein Wiesel. Die Liebe des armen Hannes teilte das Schicksal der Pflanzen. Sobald der Herbst kommt und die Erde sich zum Winterschlaf rüstet, welken ihre Blüten und Blätter und sterben ab; die Wurzel aber behält ihre Lebenskraft, und der warme Schneemantel, den der Winter über die Erde breitet, schützt sie vor dem Erfrieren. – Das Hoffen, Wünschen und Begehren von Hannes' Liebe war abgestorben, nicht aber das Gefühl selbst. Das ruhte tief und still in seinem Herzen. Als er an einem düsteren, regnerischen Herbsttag eines der Herbarien geöffnet, hatte er sich des Gedankens nicht erwehren können, daß seine Liebe nun auch solch eine getrocknete und entfärbte Blume sei wie die, die da mit Bezeichnung ihres Namens, Fundortes und Datums zwischen den grauen Blättern lagen. Aber während er mit dem Auge des Botanikers die getrockneten Pflanzen betrachtet, hatte er sie wieder in blühendem Zustand auf den Fluren gesehen, und er hatte den Entschluß gefaßt, sie zu beschreiben. Das war kein müßiger Gedanke gewesen; es konnte eine Bereicherung der Wissenschaft bedeuten, wenn er eine Monographie der Alpenflora des Vigil- und Gadertales lieferte, und er hatte das Gefühl gehabt, als wäre er bisher im Nebel gewandelt und stünde jetzt plötzlich in sonniger Klarheit. Sofort war er an die Arbeit gegangen. Er hatte mit der Flora des Vigiltales begonnen, und diese Beschäftigung gewährte ihm glückliche Stunden. Freilich mußte er noch oft die Feder aus der Hand legen, weil diese und jene Pflanze Erinnerungen in ihm weckte, die mit dem wissenschaftlichen Zweck der Arbeit nichts zu schaffen hatten. So auch in diesem Augenblick. Er erinnerte sich, daß er die Pflanze, zu deren Beschreibung er schon die Feder eingetaucht, an jenem Sonntag, da er in St. Vigil gepredigt, nachmittags auf einem einsamen Spaziergang gepflückt hatte. Es war eine Brunelle, und sie hatte noch etwas von ihrem starken Duft bewahrt. Wie hell hob sich dieser Sonntag von dem grauen Hintergrund seines vorhergehenden Lebens ab! Doch nur einen Moment, und er versank in der schwärzesten Nacht. Auf dem Flur ließ sich das Stampfen von Füßen vernehmen, die sich von Schnee zu befreien suchten. Die Prophezeiung des Bauern aus Pleiken am Allerseelentag war eingetroffen: Während der Nacht hatte starker Schneefall eingesetzt, der den folgenden Tag über anhielt. Eine weiße Decke breitete sich glitzernd über das ganze Tal. Frau Carlotta Tyfona steckte ihr schmales Gesicht mit den blanken schwarzen Augen in die Studierstube und rief: »Hochwürden, da sind welche, die Sie sprechen wolln.« »Ich bin's, der Ambros!« erscholl eine helle Stimme, und im gleichen Augenblick wurde die kleine Frau beiseite geschoben. Ambros kam nicht allein. Hinter ihm trat Stasi in die Stube, und den Schluß bildete der Ohm David. Hannes, der sich rasch von seinem Strohstuhl erhoben hatte, wurde ganz rot vor Überraschung, und wie im Traum nur fühlte er, daß ihm der Bruder die Hand schüttelte, und hörte er, wie dieser mit einem gezwungenen Lachen rief: »Gelt, das hätt sich der Herr Bruder nit vorgestellt, daß uns der Wind daherwehn würd! Stark genug ist er schon.« Hannes' Augen ruhten auf Stasi, die verlegen lächelte, und verlegen stand auch David an der Tür. Der Kurat fuhr sich' mit der Hand über die Stirnbuckel und sagte dann hastig: »Ja, ja, seid willkommen! Setzt euch doch hin.« Er selbst ging mit seinem Beispiel voran und begann den Deckel seiner Horndose, die er vom Schreibtisch genommen, mit dem Ärmel zu polieren, während sich seine Gäste nach Sitzgelegenheiten umsahen. Ambros ergriff von dem zweiten Strohsessel Besitz, und Stasi und David setzten sich nach einigem Zögern auf das entfernteste Ende der Ofenbank, ohne jedoch ihre Mäntel abzulegen. »Was schafft ihr denn?« fragte Hannes, zum Bruder gewandt, wartete aber dessen Antwort nicht ab, sondern stand wieder auf und verließ mit großen Schritten die Stube. »Ach, Ambros, mir ist so bang!« flüsterte Stasi. Ambros aber rief ihr zu: »Sei doch nit zag!« Er änderte seine Stellung, indem er sich rittlings auf den Stuhl setzte, und blickte, die Lehne mit den Händen fassend, neugierig in dem Stübchen umher. So dürftig hatte er sich das Heim seines geistlichen Bruders nicht vorgestellt, und er schüttelte den Kopf. Unterdessen kam Hannes zurück. Er bemerkte Ambros' Verwunderung und sagte: »Die Jünger unsres Herrn hatten's wohl kaum so gut. Aber trinkt ein Gläschen; das wird euch wärmen.« Frau Carlotta folgte ihm mit einer Flasche und Gläschen, und ihre blanken Augen glänzten noch mehr als gewöhnlich. Sie hatte gehört, daß der stattliche Bursche der Bruder ihres geistlichen Herrn sei, und schloß daraus, daß die hübsche Gitsche, die ihn begleitete, seine Braut sein müsse. Sie bedachte Stasi daher auch mit besonders freundlichen Blicken, und als sie gewahrte, daß das Mädchen noch immer in ihrem dicken Mantel an dem glühenden Ofen saß, rief sie: »Ach, Herr Pfarrer, wie können Sie das nur dulden!« Sie stellte Flasche und Gläser schnell auf den Tisch in der Ecke und half dem Mädchen, sich aus den Hüllen herauszuschälen. »O welch süßes Herzchen!« fuhr sie bewundernd fort. »Schaun's doch nur, Hochwürden!« Hannes wagte nur einen scheuen Blick auf Stasi zu werfen, die in ihrem Erröten über die Schmeichelei einer Mairose glich. Angelegentlich erkundigte er sich bei David nach dessen Schwester, und dieser schüttelte mit einem trübseligen Blick auf Stasi den Kopf. Hannes bemerkte erst jetzt, daß sie ganz schwarz gekleidet war, und versuchte, seine Unzufriedenheit über sich selbst hinter einem Räuspern zu verbergen. Still ging er zu seinem Stuhl. Ambros, der inzwischen ein Schnäpschen getrunken hatte, legte seinen Arm mit einem stolzen »Gelt!« um Stasis Taille. Frau Carlotta nickte ihm mit einem strahlenden Gesicht zu und trippelte dann zur Tür hinaus, um in ihrem Stübchen zu überlegen, wie sie das Brautpaar würdig bewirten könnte. Es war keine leicht zu lösende Frage. Aber hieß sie nicht La Bona Uschina? Die Nachbarn würden ihr sicher gern aushelfen. Es sollte jedoch anders kommen. Ambros zog Stasi vor den Sitz seines Bruders und sagte: »Was nutzt's, daß die Stasi bildsauber ist? Wir sind zwei gar arme Leut, und der Herr Bruder muß uns aus der Not helfen; deshalb sind wir zu ihm gekommen.« Als ihn Hannes darauf fragend ansah, fuhr er fort: »Die Sach ist, daß ich mit dem Vater Streit gehabt hab.« Stasi machte sich sacht von ihm frei und schlich sich, um ihre Verlegenheit zu verbergen, zu dem Ohm auf die Ofenbank, während Ambros berichtete, wie es um ihretwillen zwischen dem Vater und ihm zum Bruch gekommen war. Hannes war äußerst betroffen. Daß der Vater die arme Stasi nicht mit offenen Armen als Schwiegertochter willkommen heißen, sondern sich mächtig sträuben würde – das hatte er selbst voraussetzen müssen. Aber er hatte nicht erwartet, ja nicht für möglich gehalten, daß der Klosterbauer lieber sein rechtes Auge ausreißen als seine Einwilligung geben würde. Er fand dafür keine andere Erklärung als den Hitzkopf seines Bruders, und so sagte er denn nach kurzem Nachdenken mit einem Anflug von Unwillen: »Du bist da wieder in deiner gewohnten raschen Weis verfahrn. War's denn die Stasi nit wert, daß du dich gegen den Vater mäßigtest? Wie ist da nur wieder einzulenken?« »Einzulenken ist da gar nit!« rief Ambros erregt. »Weil die Stasi arm ist und er mich zwingen möcht, die reiche Eckschlagerin aus St. Georgen zu heiraten. Aber das ist noch nit alles, ich hab davon zu Ihnen nit reden mögen, aber was hilft's!« Er teilte dem Bruder mit einer gewissen Hast mit, was ihm die Ahne auf dem Kirchhof über den Vater, die Mutter und deren Verlobungsverhältnis zu Kaspar Larseit erzählt hatte. »Und jetzt wissen Sie, weshalb der Alte so störrisch ist!« schloß er. Sein Bruder preßte die schmalen Lippen fester und fester zusammen und drehte nervös seine Dose zwischen den Fingern. Ja, jetzt wußte er den Grund; aber die Gedankenkette, die sich daran hängte, führte ihn von Ambros und Stasi ab. Er gedachte seines liebeleeren Daheims, zu dem ihn ja die – gleichviel, durch welche Mittel – erzwungene Ehe seiner Mutter verurteilt hatte. Das war der Fluch, der auf ihrer aller Leben lastete! Er ließ den Kopf auf die Brust sinken, und die Bitterkeit, die ihn erfüllte, spiegelte sich deutlich in seinem Gesicht wider. Da fühlte er sich am rechten Arm berührt. Es war Stasi, die zu ihm getreten war und seine Aufmerksamkeit erregen wollte. »Ach, Herr Hannes«, sagte sie kaum hörbar; doch nicht auf ihn, sondern auf Ambros waren die Augen gerichtet. »Ich hab's ihm ja vorgestellt und ihn gebeten, daß er von mir ablassen möcht. Unsre Lieb bringt uns keinen Segen.« Aus der Ecke am Ofen, wo David saß, ließ sich ein schwerer Seufzer vernehmen. Ambros, der sich wieder rittlings auf den Stuhl gesetzt hatte und wild in seinen Haaren wühlte, rief mit blitzenden Augen: »Oho, den Segen erzwingen wir uns schon noch!« In Hannes dagegen riefen Stasis Worte einen Gedanken wach, der sein bleiches Gesicht rötete: In dem Herzensbunde der beiden war der Fluch gesühnt, den er selbst eben erst wieder so herb empfunden hatte! In diesem Gedanken, den er jedoch nicht aussprach, ging auch die Erinnerung an die Einwände unter, die er früher selbst gegen die Verbindung gemacht hatte. Er legte einen Moment die Hand über die Augen; dann sagte er: »Ich werd euretwegen mit dem Vater reden.« Diese Worte verbreiteten jedoch nur über Stasis liebliches Gesicht einen Schimmer der Freude. Ambros sagte dagegen: »Nein, Herr Hannes, damit erreichen Sie vom Vater nix! Das ist vergebens. Alles, was Sie ihm vorstelln könnten, hab ich ihm schon selbst gesagt. Schaun Sie, Herr Bruder, der Vater glaubt immer noch, daß ich zu Kreuz kriechen werd. Wann ihm aber da ein Riegel vorgeschoben wird und er sieht, daß er dagegen nix machen kann, nachher wird er sich schon geben. Was kann er denn auch anders tun, wann die Stasi erst wirklich meine Frau ist? Ich bin ja doch sein Erbe. Oder meinen Sie, daß er dem Wolf Lechner, dem Bayer, den Klosterhof verschreiben wird? Ja, da kennen Sie ihn schlecht! Und darum, lieber Herr Hannes«, schloß er tief aufatmend, indem er Stasis Hand ergriff, »darum sind wir zu Ihnen gekommen, daß Sie uns den kirchlichen Segen geben.« »Ach, ach!« seufzte David in seiner Ecke und schüttelte seinen dicken Kopf. Hannes aber schnellte von seinem Stuhl auf und starrte bald Ambros, bald die in Purpur erglühte Stasi an. »Jetzt, was kann denn anders geschehn, als daß Sie uns vor dem Altar zusammengeben?« setzte Ambros zuversichtlich hinzu. »Hier, der David Fenchler, was der Vormund von der Stasi ist, ist damit einverstanden. Und Sie müssen doch einsehn, daß ich mit dem, was ich vorhin aufgestellt hab, recht hab!« Hannes hatte sich wieder hingesetzt und rieb sich die Stirn. Die Gründe des Bruders konnte er nicht widerlegen. Auch in seiner Vorstellung war der Klosterhof von dem Namen Falkner nicht zu trennen. Mochte der Vater noch so hartherzig sein – sein Bauernstolz würde es sicher nie dulden, daß sein Grundbesitz nach seinem Tode in fremde Hände überginge und sein Name in dem Vigiltal erlösche. Bestimmt, er würde klein beigeben, sobald Ambros erst verheiratet wäre. Aber das war es nicht, was jetzt in der Brust des Kuraten wühlte. Er, er sollte über Stasis Ehe den Segen sprechen? Sollte ihm auch nicht der letzte, bitterste Tropfen aus dem bitteren Kelch. den ihm die Liebe reichte, erspart bleiben? »Solln wir denn wieder fortgehn, wie wir gekommen sind?« fragte Ambros ungeduldig. »Sie sind doch unsre letzte Hoffnung. ›Mein Bruder hilft uns gewiß!‹ hab ich der Stasi gesagt. Und Sie haben ja auch ihrer Mutter versprochen, daß Sie ihr ein Beistand sein wolln.« »Aber ich kann euch nit helfen!« rief Hannes nun. »Es ist ganz unmöglich. Du vergißt, Ambros, daß du nit mündig bist! Ohne Zustimmung des Vaters darf nit einmal das Aufgebot, geschweige denn die Trauung erfolgen. Das ist gesetzliche Vorschrift.« Stasi löste bestürzt ihre Hand aus der des jungen Burschen, und David ergriff jetzt zum erstenmal das Wort. »Ja, ich weiß nit, das hab ich auch gemeint«, sagte er. Ambros ließ sich jedoch dadurch nicht abschrecken. »Schon recht«, rief er, »aber ich hab halt gemeint, daß der Herr Hannes mein Bruder ist und ein übriges tun wird. Wer wird denn in diesen unruhigen Zeiten groß nachfragen, ob ich heut schon großjährig bin oder nit und ob Sie uns mit oder ohne Einwilligung des Vaters getraut haben?« »Es geht nit, wann ich auch wollt!« ächzte der Kurat und streckte abwehrend beide Handflächen gegen die Brautleute aus. »Das Gesetz und meine Amtspflicht verbieten's mir.« Stasi warf sich an die Brust des Ohms und begann zu weinen. »Es geht alles, wann man einen Willen dazu hat!« entgegnete Ambros mit finsteren Brauen. Hannes zog sein blaugetüpfeltes Taschentuch aus der hinteren Rocktasche und trocknete sich die Stirn. Stasis Tränen schnitten ihm in die Seele. »Ich kann's ja nimmer verantworten!« seufzte er. »Aber das kann der hochwürdige Herr Bruder verantworten«, wandte Ambros vorwurfsvoll ein, »daß ich mit der Stasi nit zusammenkommen kann, bloß weil unser Vater einen Haß auf den ihrigen hat?« Hannes protestierte entschieden dagegen. Zuviel Unheil sei aus dieser Feindschaft bereits entstanden. »Was kann's dir verschlagen«, fuhr er fort, »wann du noch die wenigen Monate wartst, bis du großjährig bist? Auch mußt du dir doch erst eine Stellung suchen, bevor du heiratst. Du hast ja gegenwärtig nix, wohin du dein Haupt legen kannst.« »Je nun, so schlimm ist's halt nit«, erwiderte Ambros mit einem Seitenblick auf Stasi, die sich wieder zu dem Ohm gesetzt hatte und die eine seiner großen, harten Hände zwischen den ihren hielt, »Die Stasi Larseit dort hat mich als Großknecht gedungen, weil ihr Ohm mit der Wirtschaft nit recht zu Rand kommt, seitdem seine Schwester tot ist.« »Das geht nit, das darf nit sein! Solang ihr nit verheiratet seid, dürft ihr nit Hausgenossen sein!« rief der Kurat mit großer Lebhaftigkeit und wurde ebenso rot wie Stasi. »Ja, was ist da zu tun?« fragte Ambros gedehnt. »Soll ich mir die gute Stell verschlagen, bloß weil der Herr Hannes ein ebenso hartes Herz hat wie unser Vater? Auf den Klosterhof zurück geh ich nit!« Hannes seufzte. Jeder Ausgang war ihm verstellt. Er war ratlos. Ambros schielte aus den Augenwinkeln nach ihm, während er, die rechte Hand am Ellenbogengelenk des andern Armes, mit den Fingern der Linken seinen Schnurrbart strich. »Du darfst das nit tun, hörst?« sagte Hannes nach einer Weile mit eindringlichem Ernst, und als der Bruder darauf die Schultern in die Höhe zog, wandte er sich zu Stasi. Ihr und David wollte er als Freund und Geistlicher ins Gewissen reden. Es gab in den Tiroler Bergen nur zu viele Ehen, die des kirchlichen Segens entrieten, entweder weil die Leute zu arm waren, um die Trauungskosten bezahlen zu können, oder weil der Verbindung von seiten der Gemeinde oder Geistlichkeit Hindernisse in den Weg gelegt wurden. Hannes führte jedoch seinen Vorsatz nicht aus; denn Stasi schaute ihn, indem sie die gefalteten Hände erhob, aus ihren sanften braunen Augen so traurig und bittend an, daß er den schon geöffneten Mund wieder schloß. Wie lieblich war sie doch! Er fuhr sich mit der Hand über sein kurzes, gelbliches Haar, über Stirn und Augen. Es lag in seiner Macht, Stasi glücklich zu machen und ihre Ehre zu wahren! Wo war nun der größere Opfermut, dessen er sich einst in seinem Innern gegen den Bruder gerühmt hatte? Schon bei ihrem ersten Anruf seiner Freundschaft wich er zurück! Er wandte sich zu seinem Schreibtisch, unter dessen Papieren er den Schlüssel zur Sakristei zu suchen begann. Endlich fand er ihn. »So kommt denn in Gottes Namen!« seufzte er. Die Freude, die bei diesen Worten in den Gesichtern der Liebesleute aufleuchtete, sah er nicht, aber er vernahm sie in dem kleinen Aufschrei Stasis, und ein schmerzliches Lächeln zuckte um seine blutleeren Lippen. Er stülpte seinen Hut auf und sprach draußen mit Frau Carlotta, während Ambros das geliebte Mädchen in den Mantel hüllte und es dabei fest in seine Arme drückte. Frau Carlotta sollte neben David als Trauzeugin dienen, und gleich nach den anderen erschien auch sie in der Kirche, erhitzt von der Eile, mit der sie sich ein wenig sauber gemacht hatte, und von der Aufregung über das bevorstehende Ereignis. Etwas neugierig war sie wohl auch, weshalb der Sohn des reichen Klosterbauern hier so plötzlich und in aller Stille getraut wurde; aber sie stellte keine Frage danach. Sie würde es ja gelegentlich erfahren, und nach ihrer Überzeugung hätte ein Heiliger eher ein Unrecht begehen können als ihr geistlicher Herr. Und was für ein schönes Paar war es, über das ihr Herr Hannes den Segen sprechen sollte! Die kleine Kirche war leer, und es herrschte darin eine eisige Luft. Doch die Kälte war nicht die Ursache, weshalb Stasi sich zitternd an Ambros schmiegte. Von der Mittagsseite fielen einige bleiche Sonnenstrahlen in die Kirche; aber sie trafen nicht den Hauptaltar. Auf der andern Seite rüttelte der Nordwind ungestüm an den Fenstern. Dann und wann knarrte die Kirchentür; denn man hatte von den nächsten Häusern aus den Kuraten mit seinen Gästen nach der Kirche gehen sehen. Der Küster und Frau Tyfona waren ihm gefolgt, und die Neugierde lockte die Leute aus den warmen Stuben. Hannes erschien in seinem weißen Meßgewand noch blasser als gewöhnlich. Eine Rede hielt er dem Brautpaar nicht, sondern beschränkte sich auf die vorgeschriebenen Formeln. Seine etwas hohle Stimme klang mit dumpfem Murmeln durch den öden, kalten Raum. Auch Hannes spürte die Kälte nicht; dennoch zitterten seine Hände, als er sie dem Bruder und Stasi, die vor ihm knieten, segnend auf die Köpfe legte. Nur sie und die beiden Zeugen, die hinter ihnen standen, vernahmen sein Amen. David wiederholte es laut. Er war weniger zerfahren als sonst, und während die kleine Frau Carlotta bei der Zeremonie in Rührung und Tränen zerfloß, bildete sich in ihm die Vorstellung, daß seine Schwester nun auch zufrieden sein würde, da es Hannes war – auf den sie immer so große Stücke gehalten –, der die Ehe einsegnete. Mit einem Lächeln in den verschwommenen Augen blickte er auf das Paar und wartete, bis Stasi für ihn Zeit haben würde. »Jetzt wird deine Mutter des ewigen Lebens froh werden«, flüsterte er seiner Nichte zu. Er küßte sie zärtlich auf beide Wangen. Das war für Stasi das köstlichste Hochzeitsgeschenk, das ihr überhaupt hätte gemacht werden können, und unter glücklichen Tränen stammelte sie: »Ach, Ohm! Lieber, guter Ohm!« Auch Frau Carlotta küßte Stasi mit großer Zärtlichkeit, und zu Ambros sagte sie: »Die Mannsleut taugen zwar all nit viel – Gott sei's geklagt –, und wann die Madln gescheit wärn, täten sie nimmer heiraten, und Sie werden auch nit besser sein als die andern; aber das sag ich Ihnen, Herr Falkner, wann Sie das Kind nit glücklich machen, dann gibt's keinen schlechtem Menschen, den die liebe Sonn bescheint – Und jetzt wolln wir machen, daß wir wieder in die warme Stuben kommen! Der Herr Kurat kommt schon nach.« Hannes war in der Sakristei verschwunden; den Küster hatte er mit einem Wink fortgeschickt Stolz und triumphierend wie ein Sieger führte Ambros seine junge Frau, deren blühende Farben von der inneren Erregung gedämpft waren, aus der Kirche. Stasi ging wie im Traum an seiner Seite. Das Häuflein Neugieriger, das am Ende des Mittelganges harrte, ließ den kleinen Hochzeitszug stumm an sich vorüber. In den Blicken, die sich die Leute zuwarfen, stand deutlich ein Wohlgefallen an dem jungen Paare zu lesen. Als sich Hannes später in der Pfarrstube einfand, lag auf seiner stark ausgeprägten Stirn ein Schimmer, hervorgerufen durch den kalten Schweiß, der sie in der Einsamkeit der Sakristei bedeckt hatte. Stasi küßte ihm die Hand – nicht verwirrt wie damals, als sie Ambros die Rose geschenkt, sondern mit einem tief dankbaren Blick. Hatte sie doch aus dieser Hand erhalten, was sie für ihr höchstes Glück hielt Ambros schüttelte dem Bruder fast den Arm aus dem Gelenk. Hannes blieb still und nachdenklich; dann setzte er sich an seinen Arbeitstisch und begann zu schreiben. Unterdessen hatte Frau Carlotta ein Essen bereitet. Auch eine Flasche Wein, die sie noch flink aus der Schenke geholt hatte, stellte sie auf den Tisch. Hannes trank gewöhnlich nur Wasser. »Wartet nit auf mich«, murmelte der Kurat weiterschreibend, und Frau Carlotta winkte den Gästen, sich an den Tisch zu setzen und zuzulangen. Nur David aber ließ es sich bedächtig schmecken. Ambros war voller Ungeduld, den Heimweg anzutreten, nachdem er seinen Zweck erreicht hatte, und Stasi vermochte nichts anzurühren. Es war ihr seltsam beklommen zumute; sie hielt die Hand ihres Mannes fest und hatte nur ein mattes Lächeln für die freundlichen Worte, mit denen die gute Nachbarin sie zu ermutigen versuchte. Um Hannes beim Schreiben nicht zu stören, sprach Frau Carlotta nur mit gedämpfter Stimme, und so hörte man deutlich die ungemütliche Musik, die der Nordwind zu dem wunderlichen Hochzeitsmahl aufspielte. Die kleine Frau konnte sich einer schlimmen Vorahnung für das Glück des jungen Paares nicht erwehren. Sie griff rasch nach der Flasche, schenkte die Gläser voll und rief, mit Ambros und Stasi anstoßend: »Glück und Segen! Glück und Segen!« Da erhob sich auch Hannes; die Gänsefeder hinter das Ohr steckend, ergriff er sein Glas und stieß auf das Wohl der Neuvermählten an. »Ich hab den Vater von dem Geschehnen in Kenntnis gesetzt und ihn für uns beide um Verzeihung gebeten«, wandte er sich darauf an den Bruder. »Ich hoff, daß meine Gründe und Vorstellungen sein Herz wenden werden. Ihr beide aber mögt eingedenk sein, daß Gott eure Herzen zusammengeführt hat, um durch eure Lieb der Eltern Irren, Fehlen und Leiden zu sühnen.« Er kehrte zum Schreibtisch zurück, schrieb noch einige Zeilen, worauf er den Brief faltete und siegelte und Ambros übergab, der ihn auf den Klosterhof schicken sollte. Ambros, der mit den Augen bereits Hut und Mantel suchte, versprach es leichthin, als handele es sich um eine Gefälligkeit, die nur den Bruder, nicht ihn selbst beträfe. Als er und Stasi dann reisefertig waren, rief er jedoch, Hannes die Hand schüttelnd, mit Herzlichkeit: »Gott vergelt's Ihnen, daß Sie uns geholfen haben, und wann Sie mal in der Klemm stecken, dann denken Sie an mich! Gott soll mich strafen, wann ich Sie nit herausbeißen tu!« »Am besten wirst mir dadurch danken, daß du Stasi glücklich machst«, entgegnete Hannes mit einiger Anstrengung. »Und wann du das Fluchen laßt!« fügte er fester hinzu. Er trat ans Fenster und sah ihnen nach; dann neigte er den Kopf und murmelte: »Consummatum est!« Consummatum est! – (lat.) Es ist vollbracht! – Letztes Wort Christi am Kreuz (nach Johannes 19, 30). Frau Carlotta, die ihnen bis vor die Haustür das Geleit gegeben und Stasi wieder und wieder geküßt hatte, als ob sie ihre Tochter wäre, seufzte, indem sie in ihre Stube zurückkehrte: »Arme Taub! Arme Taub!« Sie wußte nun aus den Äußerungen ihres Kuraten, warum die Trauung so ohne alle Umstände vor sich gegangen war. Ambros deckte Stasi mit seinem Körper vor dem Sturm, gegen den er die rechte Schulter vorstemmte. David, der sich seinen Hut mit dem Taschentuch festgebunden hatte, schlurfte gekrümmt hinter ihnen her. Hätte es das Brausen des Sturmes nicht unmöglich gemacht, so hätte Hannes den fröhlichen Jauchzer gehört, den Ambros jenseits des Flüßchens als letzten Gruß zurücksandte. Das Jöchl war bereits zu tief eingeschneit, als daß es einen Übergang gestattet hätte; die Wanderer mußten daher den weiteren Weg talabwärts bis zur Einmündung des Vigilbaches bei Zwischenwasser verfolgen. Wie eisig ihnen auch der Nord entgegenwehte – Ambros und Stasi fühlten ihn nicht. Ambros brach des Sturmes Gewalt für Stasi, und zuweilen ging er rückwärts, um sich an seiner kleinen Frau zu weiden, deren braune Augen ihn aus dem vor Kälte glühenden Gesicht still und glückselig anleuchteten. Jenseits der Gader erhob sich über steil abfallenden Wänden der Peitlerkofl, dem der Schnee eine weiße Halskrause umgelegt hatte. Ambros neckte Stasi damit, daß sie auf dem Heimweg von St. Lorenzen von dem Jagerbub und seinem Schatz gesprochen; jetzt seien sie beide dennoch ein Paar. Stasi blickte ihn mit einem verschämten Lächeln an. Plötzlich lief sie mit ausgestreckten Armen auf ihn zu und warf sich an seine Brust. »Juch, juch, mein kleines Fraule!« scholl es übermütig in den Sturm, und im Wirtshaus zu Zwischenwasser hielten sie fröhliche Rast Zwei Tage später stand der Klosterbauer morgens auf der Schwelle seines Kuhstalls und überschaute mit Wohlgefallen seine Rinder, die nun wieder ihr Winterquartier bezogen hatten und in langer Reihe an den Krippen standen. Da kam ein kleiner Bursche auf den Hof, der einen Brief in der Hand trug. Seine roten Backen waren schwarz von Ruß, und die Hand, die den Brief hielt, war nicht sauberer. Es war der Lehrjunge Wolf Lechners, dem Klosterbauern nicht unbekannt Von wem der Brief sei, fragte dieser gedehnt Der Junge zeigte grinsend seine blendendweißen Zähne. Daß ein so großmächtiger Mann wie der Klosterbauer das nicht wußte! »Ja, mein Meister schickt ihn«, rief er und galoppierte davon. Eile mit Weile – so schickte es sich für den Großbauern. Der Klosterbauer steckte den Brief in die Tasche, sah noch eine Weile dem Fressen der Rinder zu, ging dann zu den Dreschern auf die Tenne und warf erst noch einen Blick in den Pferdestall – alles mit Gemessenheit –, ehe er sich in seine Stube begab. Breit pflanzte er sich in seinen Lehnstuhl und erbrach den Brief. Zuerst sah er nach der Unterschrift auf der zweiten Seite. »Ja, was hat mir der denn zu schreiben,« murmelte er, als er den Namen seines jüngeren Sohnes las. Statt sich jedoch aus dem Brief darüber zu unterrichten, schloß er die Augen bis auf ein Spältchen, was seinem Gesicht einen lauernden Ausdruck gab. Dann züngelte es wie Triumph um seinen Mund. Nach seiner Ansicht konnte das Schreiben nichts anderes enthalten als eine Fürbitte, Ambros wieder in Gnaden aufzunehmen, und hierin bestärkte ihn der Umstand, daß der Brief durch Wolf Lechners Hände gegangen war. Er hatte nicht ein einziges Mal nach Ambros gefragt, seit dieser den Klosterhof verlassen, denn er war überzeugt, daß sich der ungehorsame Sohn schon wieder einfinden würde. Mochte Ambros alle Zügel zerreißen – der goldene Zügel, den er, der Klosterbauer, in der Hand hielt, bändigte ihn, und nun hatte er ja auch um die Vermittlung seines Bruders in St. Martin nachgesucht! Oh, sie steckten alle unter einer Decke: die Brüder, der Schmied und Lisei! Aber sie kannten den Klosterbauern schlecht, wenn sie sich einbildeten, daß er Ambros nun auch gleich die Hand entgegenstrecken würde! Erst sollte Ambros noch eine gute Weile zappeln. Er setzte sich behaglich zurecht. »Lieber Vater«, begann er zu lesen, und bei sich brummte er: »Hat sich was!« Plötzlich ging ein Laut durch das Haus, der so fremd, so unheimlich war, daß alle, die ihn hörten, namenloser Schrecken überkam. Es klang halb wie der Aufschrei eines wilden Tieres, halb wie das Lachen eines Wahnsinnigen. Die Mägde in der Küche unterbrachen jäh ihre Arbeiten. Lisei flog nach der Wohnstube. Der Anblick, der sich ihr hier darbot, hielt sie zitternd auf der Schwelle fest. Der Klosterbauer tobte wie ein Besessener in der Stube umher und schlug mit den Fäusten nach allem, was ihm in die Quere kam. Er hämmerte auf den Tisch, gegen den Ofen, gegen die Schränke. Ein Stuhl, der ihm im Wege gestanden haben mochte, lag zerbrochen auf der Erde. Den Brief des Kuraten hatte er kurz und klein gerissen, und seine Fetzen lagen über den Fußboden verstreut. Bevor die erschrockene Lisei sich fassen und eine Frage stellen konnte, stürmte der Klosterbauer geradewegs auf die Tür zu, und wäre Lisei nicht schnell beiseite gesprungen, hätte er sie niedergerannt. Er fuhr zum Hause hinaus und vom Hofe. Die Knechte blickten ihm wie versteinert nach. Alle Würde, ohne die sie sich ihn bisher nicht hatten vorstellen können, war von ihm gewichen, weggewischt wie der Goldschaum von einem Weihnachtsapfel. Das gesamte Gesinde lief an der Ecke des Wohnhauses zusammen. In seinen Werktagskleidern, ohne Mantel, die abgenutzte Iltispelzmütze auf dem wirren Haar, verfolgte der Klosterbauer hastig die Straße nach St. Vigil. Nur eines Gedankens war er sich in seiner unbeschreiblichen Wut bewußt. Er eilte nach der Pfarre. Vefa, die sich in ihrer Stube befand, hörte ihn die Magd nach dem Pfarrer fragen und eilte sofort neugierig herbei. Aber schon schloß sich hinter ihm die Tür der Studierstube, und es blieb Vefa nichts übrig, als von der oft erprobten Schärfe ihres Gehörs Aufschluß über das Geschäft ihres Bruders bei Herrn Moltenbecher zu erwarten. Der Klosterbauer sprach denn auch laut genug, um diese Erwartung seiner Schwester nicht zu täuschen. Der Pfarrer betrachtete den Klosterbauern mit einigem Kopfschütteln, denn er bemerkte sofort dessen bis zur Verstörtheit aufgeregtes Wesen. Der Klosterbauer fing auch gleich, ohne die Aufforderung zum Reden abzuwarten, von seiner Angelegenheit an, und wenn er sonst darauf hielt, mit langsamer Bedächtigkeit zu sprechen, so wollte der noch immer in ihm kochende Zorn jetzt keinem Wort vor dem andern Raum gönnen. Er redete heftig und verworren und focht dazu mit den Händen in der Luft herum. Der alte Herr hielt es für das beste, die Redeflut des Klosterbauern fortsprudeln zu lassen, bis sie sich erschöpft hätte. Die Hände über dem Bäuchlein gefaltet, hörte er schweigend zu und schüttelte nur zuweilen den weißen Kopf oder schoß aus seinen kleinen Augen einen scharfen Blick auf den Erregten. »Schau, schau, schau! Das hätt ich dem Hannes nit zugetraut!« war alles, was er äußerte, als der Klosterbauer fertig war. »Oh, der Hannes!« sprudelte dieser wieder los und ballte die Faust. »Dem werd ich's schon noch weisen, daß er an mich denken soll zeitlebens! Aber jetzt, die Eh ist ungültig, weil ich nit meinen Konsens gegeben hab und der Ambros unmündig ist. Sie müssen auseinander, der Ambros und die Larseit! Und das verlang ich von Ihnen, denn Sie sind der Pfarrer in unsrer Gemeind.« »Nur ruhig Blut, Mann«, versetzte Moltenbecher, wobei er die Rechte ein wenig hob. »Die Sach geht mich gar nix an, und ich hätt höchstens mit dem Hannes ein Hühnchen zu rupfen, weil er mir die Traugebührn weggeschnappt hat. Der Sohn des reichen Klosterbauern wird sich natürlich nit haben lumpen lassen, hei« Wenn es seine Absicht war, mit diesem Scherz einen Tropfen sänftigendes Öl auf das Klosterbauern zornig wogendes Gemüt zu gießen, so war sie verfehlt. Der Klosterbauer fand den Scherz ebensowenig nach seinem Geschmack, wie er der lauschenden Vefa gefiel, und er grollte, daß er nicht zum Spaßen gekommen sei. »Je nun«, entgegnete der Geistliche gelassen, »jedes Ding hat zwei Seiten, und Ihr seid alt genug, Klosterbauer, um das auch zu wissen. Ihr seid erbittert, daß der Ambros ohne Eure Einwilligung geheiratet hat, und wollt die Ehe für ungültig erklärn lassen, gut! Aber ich werd Euch die andre Seit der Angelegenheit zeigen. Ihr trotzt auf Euer Recht, aber Ihr vergeßt, daß der Ambros auch ein Recht hat. Seht, Klosterbauer, wann er mit seinem Anliegen zu mir gekommen wär, statt zu seinem unerfahrnen Bruder zu gehn, so würd ich ihn zwar nit getraut haben – denn ich mag in diesen bösen Zeiten nix mit den weltlichen Gerichten zu tun haben –, aber ich hätt ihm gesagt: Da der Vater dir ohne jeden vernünftigen Grund seine Einwilligung verweigert, so trag beim Gericht darauf an, daß er dazu gezwungen wird! Und ich sag Euch, Klosterbauer, das Gericht würd ihn ermächtigt haben, ohne Eure Zustimmung sich aufbieten und traun zu lassen.« »Was?« schrie der Klosterbauer. »Ich hätt keinen Grund nit?« »Oh, Gründe habt Ihr schon, das weiß ich«, erwiderte Herr Moltenbecher, »aber keinen einzigen, der stichhaltig wär. Darum rat ich Euch, daß Ihr gute Miene zum bösen Spiel macht. Ihr könnt von hier stehenden Fußes aufs Gericht gehn und auf Ungültigkeit der Ehe klagen. Vielleicht erreicht Ihr Eure Absicht, vielleicht auch nit. Eins aber ist ganz bestimmt, Klosterbauer: kein weltlicher Richterspruch zerreißt das Band, mit dem die Kirche Euern Sohn und die Stasi verbunden hat. Vor der Kirche bleiben sie Mann und Frau, bis der Tod die Ehe trennt. Kein Teil kann zu einer neuen Ehe schreiten, solang der andre Teil noch nit das Zeitliche gesegnet hat. Sie können getrennt leben, aber verheiratet bleiben sie. Versteht Ihr mich, Klosterbauer?« Dieser verstand ihn nur zu wohl, und die Eröffnung traf ihn wie ein Keulenschlag. Dann aber rief er: »Gleichviel, auseinander müssen sie!« »Und warum müssen sie?« fragte der Pfarrer gelassen. »Die Stasi ist ein sittsames, frommes und fleißiges Madl, und wann Euer Ambros noch auf einen guten Weg zu bringen ist, dann geschieht's durch sie. Ihr braucht mich deshalb nit so bös anzuschaun. Was ich von dem Madl sag, ist die lautere Wahrheit. Sie ist für den Ambros tausendmal zu gut. Aber das soll alles nit gelten, weil sie zu ihrem Kopfkissen keinen Geldsack hat wie Ihr. Jetzt aber seht Ihr, daß das Geld allein nit glücklich macht. Was, Mann, hätt Euch der Ambros sonst den ganzen Bettel vor die Füß geworfen?« »Trotz ist's!« schnob der Klosterbauer. »Aber ich werd's ihm zeigen, daß er damit gegen meinen Willn nit aufkommt! Sie müssen auseinander!« Herr Moltenbecher machte mit der Hand eine abwehrende Bewegung und sagte mit schärferer Betonung: »Trotz nennt Ihr's, weil er nit auf Eure, sondern auf seine Weise das Glück versteht. In Euch steckt der Trotz, Klosterbauer! Ich will Euch auch sagen, was Euch in Euerm Trotz steift: Ihr könnt den Span nit vergessen, den Ihr mit dem Kaspar Larseit gehabt habt!« »Was hat der denn hier zu tun?« murrte der Klosterbauer. Herr Moltenbecher aber fuhr, näher an ihn herantretend, fort: »Könnt Ihr's leugnen? Ihr habt dem Kaspar Larseit schweres Unrecht angetan, und darum haßt Ihr ihn – das ist so der Lauf der Welt. Ihr habt auf seine Kosten glücklich werden wolln, und das ist fehlgeschlagen; folglich muß er's entgelten. Und Euer Haß auf ihn ist um so giftiger, weil Ihr das Bewußtsein nit los werdet, daß er von Euch beiden der bessere Mann war.« Dem Pfarrer hierin recht zu geben war denn doch von dem Dünkel des Klosterbauern zuviel verlangt, Die Berührung dieses wunden Flecks veranlaßte ihn, sich nur um so protziger zu gebaren. Er stellte sich breit hin, zuckte verächtlich die Schultern und sagte: »Der? – Aber dazu bin ich nit hergekommen, Hochwürden!« »Wirklich nit?« fragte dieser mit einem spöttischen Blick und faßte den Klosterbauern bei einem Knopf seiner Joppe. »Aber man muß den Teufel zwicken, wann er in der Klemm sitzt. Da ich Euch einmal in der Wäsch hab, sollt Ihr mir auch fein gesäubert daraus hervorgehn. Ja, ja, Klosterbauer, wann Ihr auch all Euer Geld, Haus, Hof und Vieh in Eure Schal nehmt – es drückt sie nit gegen die des Larseit herunter. Aber Behauptungen allein tun's nit. Ich will Euch also was erzähln! Setzt Euch und hört mir zu!« Der Klosterbauer blieb jedoch stehen und verschanzte sich hinter seiner hochmütigsten Miene. Der Pfarrer ließ sich nieder, und nachdem er sich das Käppchen auf dem silberweißen Haar zurechtgerückt hatte, begann er: »Ihr erinnert Euch doch noch des Tags, an dem wir Euer unglückliches Weib zur ewigen Ruh bestatteten? Gut. Das Trauermahl wurde im ›Stern‹ gehalten, und Ihr ließt was draufgehn. Es war ja die Klosterbäuerin, die begraben worden war! Ja, ja, es ging hoch her bei dem Gedächtnismahl! Der Toten gedacht freilich keiner dabei. Ich hab mir sagen lassen, daß schon die Sterne am Sommerhimmel standen, als die Leidtragenden, des süßen Weins voll, nach Haus taumelten. Wärn ein schöner Brauch, diese Trauermahlzeiten, wann man dabei der lieben Verstorbenen gedächt! Bei Euch aber dienen sie nur dazu, um der Völlerei zu frönen. Nun, ich hatt mich früh davongemacht, und wie ich heimkomm, wer wartet hier auf mich? Der Kaspar Larseit! Was er wollt, Klosterbauer? – Seht, er hatte die Kathi nimmer vergessen. Er hat gemeint, es gäb keine größere Sünd auf der Welt als die Untreu, und es war ihm schrecklich, daß Euer Weib mit dieser Sünd auf dem Herzen, zu der Ihr sie verlockt hattet, Klosterbauer, vor ihren ewigen Richter treten sollt. Im ›Stern‹ merkte man auch, daß wohl kein Jahr vergehn und eine neue Klosterbäuerin auf Euerm Hof wirtschaften würd. Man trank wohl gar auf das Wohl der künftigen Klosterbäuerin. Und der Kaspar Larseit legte mir Geld auf den Tisch, damit ich für Euer verstorbenes Weib Messen lesen sollt und Fürbitte tät. Ihr aber habt nit daran gedacht. Ich denk, Klosterbauer, er war der bessere Mann! Er hat der Toten ihre Schuld gegen ihn vergeben. Ihr aber wollt Euer Unrecht, das Ihr an dem Mann begangen habt, noch heut nit einsehn, verfolgt den Unschuldigen mit Euerm Haß noch übers Grab hinaus und wollt ihm sogar noch sein Kind opfern!« Er selbst war gerührt von dem schönen Herzenszug Larseits, von dem er berichtet, und in seinen Augen glänzte ein feuchter Schimmer. Der Klosterbauer jedoch blickte störrisch und finster zu Boden. Ehe er sich durch den Toten für überwunden erklärt hätte, hätte er den Kopf lieber auf den Richtblock gelegt. Es schärfte seinen Haß nur, daß der Pfarrer den Verstorbenen über ihn stellte, und zugleich fraß der Zorn an seinem Herzen, daß er sich wie ein Schulbube herunterputzen lassen mußte, ohne dreinfahren zu können. Er schnitt es Ambros aufs Kerbholz. »Nehmt Euch also ein Beispiel!« fuhr der geistliche Herr fort, nachdem er eine Weile vergebens auf eine Äußerung des Klosterbauern gewartet hatte. »Laßt Euern Groll fahrn und gebt den Leutchen Euern Segen.« »Auseinander müssen sie!« stieß der Klosterbauer jetzt wild heraus und stampfte mit dem Fuß. »Ihr schwätzt wie ein Starmatz immer dasselbe Wort!« wallte nun auch der Pfarrer auf und erhob sich. Gemäßigter setzte er hinzu: »Ich hab von Eurer Schwester gehört, daß Ihr dem Ambros die Tochter vom reichen Eckschlager in St. Georgen zum Weib geben wolltet. Weder aus dieser Partie noch aus einer andern kann nun was werden. Denn ich wiederhol Euch: alles, was Ihr von den Gerichten erwirken könntet – ich glaub aber nit, daß Ihr was erreichen werdet, und Ihr hättet dann noch den Spott obendrein –, wär eine Trennung von Tisch und Bett; eine Ehescheidung gibt's zwischen katholischen Christen nit.« Er redete jedoch in den Wind; der Klosterbauer war zu keiner Versöhnung zu stimmen, und das Vergebliche seiner Bemühungen erkennend, entließ ihn der Pfarrer schließlich mit einem Seufzer. Vor der Stubentür empfing Vefa, den Finger auf den Mund gelegt, ihren Bruder und wollte ihn in ihr Stübchen ziehen. Er aber schüttelte sie rücksichtslos von sich ab und stieß in seinem Zorn Worte gegen Ambros und Hannes aus, daß der alte Herr, der sie deutlich vernahm, erschrocken ein Kreuz schlug. Als der Klosterbauer nach seinem Hof zurückging, trat er auf, als wollte er das Geröll unter seinen Schuhsohlen zermalmen. Vefas Herz war von dem Erlauschten zu voll, als daß Sie nicht nach einer teilnehmenden Seele verlangt hätte, und sobald Herr Moltenbecher sich zum Mittagsschläfchen hingelegt hatte, eilte sie nach der Sägemühle. Sie fand Arigaya und seine Frau in der Wohnstube, und statt eines Grußes warf sie sich mit dem Jammerruf »Ach, das Unglück!« auf den nächsten Stuhl. Der Müller, der mit seinen Holzrechnungen beschäftigt war, schaute etwas verwundert auf. Afra aber, die ihm gegenüber am Tisch saß und nähte, fragte mit spöttischer Teilnahme, ob ihr eine Partie, die sie schon am Bändel zu haben geglaubt, plötzlich ins Wasser gefallen sei. Vefa warf der schönen Müllerin, deren Wangen nicht mehr so rosig wie sonst blühten, einen bösen Blick zu und sagte spitz: »Ihr habt freilich Euern Spaß dran, wann andern Leuten das Herz bricht!« »Wem bricht's denn?« fragte der Alte trocken, und seine Frau meinte: »Aber Mann, merkst denn nit, daß es der Jungfer ihrs ist? Mich wundert's, daß du noch ein Stücklein davon ganz gelassen hast.« Der Scherz kam mit einer auffallenden Herbheit über ihre Lippen. Zwar wußte sie, daß ihr Mann nie daran gedacht hatte, Vefa zu seiner Frau zu machen, aber seit ihrer letzten Begegnung mit Ambros auf der Fahrt nach Zwischenwasser war wiederholt der Wunsch in ihr aufgetaucht, daß irgendeine andere an ihrer Stelle wäre. Vergeblicher Stolz, mit dem sie sich gegen ihr Herz wehrte! Es hätte ihn stärken sollen, daß Ambros sein damaliges Versprechen nicht gehalten und sich auf der Mühle nicht hatte blicken lassen; allein, es hatte ihn unterwühlt, und sie wußte bereits, daß er am Allerseelentage mit Stasi auf dem Kirchhof gewesen war. Wenn sie frei gewesen wäre, als sie ihn kennengelernt hatte, wäre es nie zum Bruch zwischen ihnen gekommen. Wie anders dann alles! Die Kette klirrte an ihren Händen. Ihr Mann lachte gutmütig über ihre Stichelei, die Vefa vor Zorn feuerrot machte. Schon fältelte sie süßlich den Mund zu einer giftigen Entgegnung, als Jerg aus dem Werkraum in die Stube kam, und statt die Bosheit herauszuschleudern, flötete sie: »Da ist der Jerg! Der kann's Euch ebensogut sagen wie ich: Er ist gewiß dabeigewesen – ist er doch dem Ambros sein bester Freund.« Afra fühlte einen Stich im Herzen; hastig nahm sie die Arbeit, die sie bei Vefas Eintritt hatte auf den Schoß sinken lassen, wieder auf und beugte den Kopf darüber. Jerg schaute die Anwesenden fragend an und erkundigte sich, wovon die Rede sei, wobei er zugegen gewesen sein sollte. Nein, wie diese Mannsleut sich verstelln können!« rief Vefa. »Gesteht's doch nur! Denn zu ändern ist es doch nit mehr, obgleich Ihr Euch schon vorstelln könnt, was es für meinen armen Bruder und für mich für ein Donnerschlag gewesen ist. Aber wahr muß's sein, Ihr erweist Euch als ein echter Freund von dem Ambros! Ihr seid stumm wie's Grab, und lustig genug wird's auf der Hochzeit in St. Martin schon zugegangen sein.« »Schwatz du dem Teixel ein Ohr ab!« rief Jerg grob. »Da soll einer draus klug werden!« »Also auch vor Euch hat er's geheimgehalten?« fragte Vefa. »Und Ihr wißt nit, daß der Ambros sich in St. Martin von seinem Bruder mit der Stasi Larseit hat traun lassen?« Die Wirkung dieser Mitteilung auf die Hörer zeigte sich zunächst in deren Schweigen, und ein paar Sekunden lang vernahm man nichts als das Zischen der großen Säge in dem Werkraum und das Brausen, mit dem das Wasser auf das Triebrad fiel. Afra hatte den Kopf tief auf ihre Näharbeit gesenkt, um ihr Erblassen zu verbergen, während Jerg seine kleinen dunklen Augen durchdringend, fast durchbohrend auf Vefa gerichtet hielt. Der alte Arigaya strich kopfschüttelnd über ein vor ihm ausgebreitetes Papier, dessen Zahlen er geprüft hatte. »Und das soll kein Unglück sein!« seufzte Vefa. »Je nun, für den Klosterbauer mag's wohl eins sein«, nahm der Alte jetzt das Wort. »Hat mit dem Ambros immer gar hoch hinaus wolln. Aber ob auch für den Ambros? Der hätt schlechter fahrn können. Die Larseit ist eine brave Gitsche – das weiß ganz Vigil.« »Freilich, freilich, selbiges hab ich meinem Bruder auch gesagt«, log Vefa und blickte Jerg dabei bedeutungsvoll an. »Aber Ihr wißt, die Stasi ist dem Klosterbauer viel zu gering, und er ist darüber ganz aus dem Häuschen, auch gegen den armen Hannes, der sie heimlich getraut hat. Fuchswild ist der Klosterbauer auf ihn. Verwünscht und verflucht hat er ihn vor meinen hörenden Ohren, daß mir die Knie vor Schreck gezittert haben – ihn und den Ambros auch. Ja, auch den Ambros, obgleich er sein Herzblättchen ist.« Afra schrie laut auf und ließ ihre Arbeit fallen. »Na, na, es wird nix so heiß gegessen, wie's gekocht wird!« beschwichtigte ihr Mann. Jerg, der mit nachdenklichem Gesicht dagestanden und dabei sein spitzes Kinn mit der einen Hand umfaßt gehalten hatte, ging, ohne ein Wort zu verlieren, in den Mühlenraum zurück. »Gott geb's!« seufzte Vefa. »Aber mein Bruder ist wie der Ambros: was sich ihm nit biegen will, zerbricht er. So wütend hab ich ihn in meinem ganzen Leben noch nit gesehn. Er hätt keine Söhne mehr, und ich sollt ihm stillschweigen, schrie er. Und verübeln kann ich's ihm nit. Wann ich bedenk, was der Ambros ihm für eine angesehne Söhnerin hätt ins Haus führn können! Und wirft sich so weg!« »Oho, Jungfer Vefa!« versetzte der Müller unwillig. »Ihr vergeßt, daß es der Klosterbauer seinerzeit nit besser gemacht hat! Und was das Wegwerfen betrifft, da wolln wir halt nit untersuchen, wer sich weggeworfen hat! Nix für ungut, Jungfer Vefa!« Diese bewegte sich kampflustig auf ihrem Sitz hin und her. Afra hatte den Kopf in die Hand gestützt und regte sich nicht. Ein Blick auf sie, die ja auch ein armes Mädchen gewesen war, machte Vefa klar, daß sie besser daran täte, zu schweigen. »Ja, ja, ja«, seufzte sie und stand auf, um fortzugehen. Nur der Müller erwiderte ihren Gruß. Die junge Frau achtete ihrer nicht noch regte sie sich. 10. Kapitel Stasi konnte es noch immer nicht recht fassen, daß sie nun wirklich Ambros' Frau war. Sie mochte sich, während sie an ihrer Aussteuer gearbeitet, den Ehrentag, der ihr Mädchenleben beenden sollte, anders ausgemalt haben, als er sich wirklich gestaltet hatte. In aller Ruhe hatte sie sich der Aussteuer gewidmet, denn damit hatte es ja keine Eile gehabt; voraussichtlich hätte noch viel Zeit verfließen müssen, bevor der Klosterbauer willfährig gestimmt gewesen wäre. Nun war sie plötzlich wie von einem Wirbelsturm vor den Altar gerissen worden; keine Brautkrone mit flatternden Bändern hatte ihr Haupt geschmückt, keine Brautjungfern hatten ihr das Geleit gegeben, keine Böllerschüsse hatten dem heimatlichen Tal ihre Ehren verkündet. Ihre ganze Umgebung war die altgewohnte: in diesem Stübchen, zwischen diesen Schemeln, Tischen und Kästen hatte sich ihr ganzes bisheriges Leben abgespielt. Nach der alten Wanduhr neben dem Ofen hatten schon ihre Kinderaugen geschaut, um zu sehen, ob nicht bald Essenszeit wäre oder ob der Vater nicht bald nach Hause käme. Sicherlich träumte sie nur! Aber da legte Ambros seinen Arm um sie und zog sie an seine Brust. Sie war wirklich seine Frau; sie gehörte ihm, und er gehörte ihr – fürs ganze Leben. Aller Kummer, alle Angst, alle Herzenskämpfe ihres kurzen Brautstandes gingen in dem einen großen Glück auf, und es trug für Stasi nicht wenig dazu bei, daß sie ihr liebes Heim nicht aufzugeben und Ambros in neue Verhältnisse zu folgen brauchte, die sie anfangs sicherlich verwirrt und geängstigt hätten und in denen sie ihren Ambros nicht so ganz hätte besitzen können, wie sie ihn hier ihr eigen nannte. Die Novemberstürme brausten durch die Bergwälder, und der Schnee deckte das Tal zu. Um so traulicher wurde es in dem Häuschen unterhalb des Lärchenwaldes. Stasi schaltete und waltete in gewohnter Weise fort, doch der Mittelpunkt ihrer ganzen Tätigkeit war »ihr Mann«. Nur für ihn sorgte sie; es ihm bequem zu machen, ihm an den Augen abzulesen, wie und was er gern hätte – nur daran dachte sie. Ambros freilich griff vielfach störend in die Ordnung ein, indem er seine eigene Beschäftigung unterbrach, um nachzusehen, was seine Frau tue, um mit ihr zu scherzen. Selbst am Kochherd war sie vor seinen Überfällen nicht sicher, und manches Gericht verdarb durch seine Schuld. Wie schön war es, wenn Ambros aus Stall oder Scheune in die warme Wohnstube kam und sich seinem hübschen Weibchen gegenüber an den Tisch setzte! Am schönsten aber waren die langen Abende. Obgleich die Sonne jetzt schon bald nach drei Uhr hinter dem Waldrücken, der das Gadertal barg, verschwand, waren die Abende für Ambros und Stasi nicht zu lang. Dann saßen sie am Ofen, in den noch einmal Holz nachgelegt war, Ambros mit der Pfeife im Mund und Stasi mit ihrem Spinnrad, und sie plauderten und flüsterten, liebkosten und neckten sich. Das Feuer prasselte dazu, das Spinnrad schnurrte, die Wanduhr tickte, und David murmelte seinen Rosenkranz oder schnarchte. Zuweilen las er auch mit monotoner Stimme aus einem Buch vor, das er vom Schullehrer entliehen hatte, oder Ambros sang lustige Gestanzeln Gestanzeln – eigtl. Stanzen (achtzeilige Strophen); in Süddeutschland übliche volkstüml. Strophenform für balladenhafte oder humoristische Lieder und Liebeslieder. Am ersten Sonntag nach der Hochzeit erhielt das glückliche Paar den Besuch von Lisei und Wolf. Lisei machte ein sehr ernstes Gesicht; sie wußte durch ihren Bräutigam, dem Ambros die Besorgung des verhängnisvollen Briefes anvertraut hatte, was in St. Martin geschehen war. Wie konnte sie dem jungen Paare Glück wünschen, da sie Zeugin der Wut gewesen, in die der Vater durch die Nachricht von jener Heirat versetzt worden war? Sie zürnte dem Bruder und mehr noch Stasi, daß sie in ihrem Leichtsinn die Schiffe hinter sich verbrannt hatten. An dieser Tatsache war freilich nichts mehr zu ändern; aber Lisei liebte ihren Bruder zu sehr und war zu ehrlich, um den beiden eine heitere Miene zu zeigen. Sie mußte ihnen ihren Leichtsinn vorhalten. Stasi fühlte, daß sie vor ihrem Richter stehe; sie war ganz rot und verlegen und wagte nicht, Lisei anzusehen. Ambros aber sprang der Schwester jubelnd entgegen, umfaßte sie und tanzte mit ihr in der Stube umher, obwohl sie sich heftig sträubte. Als sie endlich dazu kam, von dem furchtbaren Zorn des Vaters zu erzählen, meinte Ambros mit großer Gemütsruhe, daß er von dem Brief auch gar keine andere Wirkung erwartet habe; es wäre gut so: um so schneller würde der Vater sich austoben und wieder schön Wetter werden. Sorglos fragte er, was denn dem Vater auch anders übrigbliebe, als sich mit seiner Verheiratung abzufinden. Er habe doch nur den einen Ambros zum Sohne und Erben. Seine Zuversicht beschwichtigte auch Lisei, und sie ging auf Stasi zu, die sich noch immer beklommen zurückhielt, und küßte sie herzlich. Stasi lebte auf und beeilte sich, ihre Gäste nach besten Kräften zu bewirten, und ihr sanftes, freundliches Wesen gewann ihr vollends Liseis Herz und die Freundschaft des Schmiedes dazu. Sie verstehe ihre Sache ordentlich, rühmte Lisei ihre Schwägerin auf dem Heimweg, und nach einer Weile fügte sie hinzu, daß der Vater seinen Zorn gewiß fahren lassen würde, wenn er sehen könnte, wie glücklich beide wären. Wolf erwiderte ausweichend, es müsse sich nun erweisen, ob der Klosterbauer den Ambros wirklich wie ein Vater liebhabe. Er dachte daran, wie glücklich auch sie sein könnten, wenn Lisei dem Beispiel ihres Bruders folgen würde. Er selbst hätte sich um den Zorn des Klosterbauern ebensowenig gekümmert wie Ambros. Aber er wußte, daß Lisei jetzt noch weniger als früher zu bewegen sein würde, gegen den Willen des Vaters mit ihm vor den Altar zu treten – und er konnte sie darum nur achten und schwieg. »Ja, ich war recht bös auf die Stasi«, nahm Lisei wieder das Wort und lächelte. »Aber sie ist halt noch ein Kind! Wer kann da bös bleiben, wann sie einen so tief anschaut mit ihren klaren, unschuldigen Augen? Es ist, als ob man in einen tiefen Brunnen guckt.« Wolf meinte, Ambros komme ihm gegen sie wie ein Prinz vor, der sich um der Liebe willen in einen armen Teufel verkleidet habe. Und Stasi blicke auch so glückselig demütig zu ihm auf, als ob er ein wirklicher Prinz wäre. Ambros selbst erschien sein gegenwärtiges Leben in der Tat wie eine Art Komödie, wie ein köstlicher Scherz, der über kurz oder lang damit enden müßte, daß er Stasi im Triumphzug auf den Klosterhof führte. Vorläufig lag ihm daher nichts ferner als der Wunsch, daß diese wonneselige Weltabgeschiedenheit ein Ende nähme. Dennoch sollten die Leute nicht etwa glauben, daß er sich mit Stasi vor dem Vater versteckt halte, wie das Gerücht zu besagen schien. So etwas glaubte er jedenfalls aus den Mitteilungen Davids, der regelmäßig die Kirche besuchte, schließen zu müssen. Er willigte daher eines Sonntags darein, mit Stasi, die ihn schon wiederholt darum gebeten hatte, zur Kirche zu gehen. Bevor sie aufbrachen, mußte er sich jedoch gefallen lassen, daß Stasi erst seinen Anzug musterte und ihm das Halstuch sorgfältiger knüpfte; denn jetzt, so meinte sie, sei sie dafür verantwortlich, daß er ordentlich vor den Leuten erschiene. Ambros kam das sehr komisch vor, und er trieb, während sie an ihm herumputzte, so viele Possen, daß der Akt ungebührlich viel Zeit in Anspruch nahm. Sie waren ausgelassen wie zwei Kinder. Wenn die Leute, die noch auf dem Kirchhof beisammenstanden, erwartet hatten, daß der beim Klosterbauern in Ungnade gefallene Ambros eine demütige Figur machen würde, so fanden sie sich entschieden getäuscht, und ihre heimliche Schadenfreude mußte erheblich Not leiden. Ambros trat mit seiner gewohnten lässigen Sicherheit auf und blickte frei und stolz um sich, während Stasi verschämt die Augen niederschlug. Nicht er, sondern seine Bekannten fühlten sich unsicher und verlegen. Er grüßte, hielt sich aber nicht auf, sondern schlenderte der Kirchentür zu, und Stasi folgte ihm. Da vertrat ihm Jerg den Weg. »Also, endlich kommst wieder zum Vorschein?« sagte er treuherzig. »Hab schon ganz vergessen, wie du ausschaust. Na, freilich! Hahaha! Die Flieg im Honigtopf!« Wieder lachte er, und zu Stasi gewendet, fuhr er fort: »Aber die junge Frau wird's gar nit glauben, daß wir zwei beide immer die besten Freunde gewesen sind. Ladet mich nit mal zur Trauung ein! Potztausend, was haben wir zwei nit für lustige Streich ausgeheckt! Und das Gesicht von deinem Alten möcht ich gesehn haben, wie er von der Geschicht gehört hat!« Abermals lachte er. »Oh!« rief Stasi, und Ambros sagte ziemlich scharf: »Laß das!« Jerg legte beteuernd die Hand aufs Herz und erwiderte: »Nein, wahrhaftig, ich hätt an deiner Stell ebenso gehandelt. Mag sich der Alte auf den Kopf stelln; das ist bloß zum Lachen. Und was ich sagen wollt: Gestern abend war's mit dem Singen im ›Stern‹ recht langweilig. Ohne dich hat's keine Schneid. Deine Frau erlaubt's schon, daß du an den Samstagen wieder hinkommst.« Stasi lächelte darüber, daß sie Ambros etwas zu erlauben haben sollte. Unterdessen war von den Bekannten einer nach dem andern herangekommen, und sie alle stimmten Jerg bei, daß Ambros an den Singabenden nicht länger fehlen dürfe. Jerg hatte ihnen eine bequeme Brücke zu der alten Vertraulichkeit geschlagen, und Stasi vernahm mit innerem Stolz, wie sehr allen an dem Verkehr mit Ambros gelegen war. Ambros versprach zu kommen. Doch es war Zeit, in die Kirche zu treten. Der Klosterbauer war schon da. Er saß mit seiner Schwester und Lisei auf seinem gewöhnlichen Platz links vom Mittelgang, fast unmittelbar unter der Kanzel, das Portal im Rücken. Ambros trat mit seiner Frau gleich in eine der nächsten Bänke auf der rechten Seite. Im Begriff, sich hinzusetzen, gewahrte er die Seinen, und das Blut drang ihm stärker in die Wangen. Während Stasi in Andacht versunken war, mußte Ambros immer wieder nach dem Vater hinübersehen, von dem er nur das gelblich-graue Haar und die breiten Schultern wahrnehmen konnte. Der Klosterbauer regte und rührte sich während des ganzen Gottesdienstes nicht, und diese Unbewegtheit begann Ambros eigentümlich zu reizen. Er beherrschte jedoch seine Mienen, so gut er konnte; denn er war sicher, daß er und Stasi von all denen, die sie kannten, beobachtet würden. Darin täuschte er sich auch nicht. Keiner aber hatte ein so aufmerksames Auge für ihn und den Klosterbauern wie der lustige Jerg, dem nichts entging – weder der eisige Blick, mit dem der Klosterbauer, als er sich nach Beendigung des Gottesdienstes erhob und zum Gehen wandte, seinen Sohn anstarrte, noch die Lähmung, die Ambros an seiner Stelle festzubannen schien. Beide waren nach dem Amen des Geistlichen gleichzeitig aufgestanden – Ambros, als ob er mit Ungeduld auf das Wort gewartet, und der Klosterbauer mit jener steifen Langsamkeit, die seine Würde ausmachte –, und nun begegneten sich ihre Blicke. Nur einen Moment ruhte das Auge des Klosterbauern kalt, stechend und fremd auf dem Sohne und wandte sich dann so gleichgültig von ihm ab, als hätte es die Wand getroffen. Kein Muskel zuckte in seinem Gesicht. Ambros flimmerte es vor den Augen, und er sah nichts, selbst nicht die traurige Freundlichkeit, mit der die Schwester ihm und seiner Frau zunickte. Mit zornsprühenden Augen packte er Stasi am Handgelenk und riß sie mit sich aus der Bank und aus der Kirche. Draußen vor dem Portal blieb er stehen und ließ die Kirchengänger an sich vorüber. Er hielt Stasi noch immer fest und schien nicht zu hören, wie sie ihn, geängstigt durch sein Benehmen, leise bat, ihr nicht weh zu tun. Hatte ihn der Vater in der Kirche nicht sehen wollen, so wollte er ihm nun hier vor allen Leuten entgegentreten und ihm seine Frau vorstellen. Schon kam der Klosterbauer in der ganzen Steifheit seines Hochmutes herangeschritten. Da trat der Sägemüller mit seiner Frau auf Ambros und Stasi zu und begrüßte sie mit herzlichem Glückwunsch. Ambros mußte ihm notgedrungen danken, und unterdessen ging der Klosterbauer an der Gruppe vorüber, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Auch Afra begrüßte Ambros. »Viel Glück!« sagte sie lächelnd, und im nächsten Augenblick reichte sie Stasi mit einer raschen Bewegung die Hand. Aber sie sprach dabei nichts, und wenn die Rosen auf ihren Wangen in der letzten Zeit etwas verblaßt waren, so wurden sie jetzt noch um eine Schattierung lichter. Sie schaute Stasi mit einem tiefen Blick an, während sie ihr die Hand kräftig drückte, und zog sie dann nach dem Glockenturm hin mit sich fort. Hier ließ sie Stasis Hand fahren und sagte mit einem tiefen Aufatmen: »Mein Mann hat deinen Vater gut gekannt und auch dem Ambros seine Mutter, schon zu der Zeit, als sie noch Kellnerin im ›Stern‹ gewesen ist. Er hat mir erzählt, wie sie auseinander gekommen sind, und jetzt ist's Gottes Wille …« Den Schluß vermochte sie nicht über ihre Lippen zu bringen, und das verräterische Herzblut ließ die verblichenen Rosen auf ihren Wangen frisch erblühen. »Ach ja, das hat der Herr Hannes auch gesagt«, bemerkte Stasi, »und darum hat er uns zusammengegeben. Aber der Klosterbauer will's nit gelten lassen.« »Was der Klosterbauer ist«, fiel hier der Müller ein, der mit Ambros den beiden jungen Frauen gefolgt war und ihre letzten Worte gehört hatte, »so laßt ihn nur mucken; er wird schon zur Vernunft kommen. Es ist kein Stamm so knorrig, die Säg geht doch hindurch! Wann's am Morgen regnet, gibt's einen schönen Abend. Ich red wohl selbst bei Gelegenheit ein Wörtlein mit dem Alten.« In dem Augenblick kam Wolf heran, und Ambros schaute sich lebhaft um und fragte nach seiner Schwester. »Sie laßt dich und die Stasi grüßen«, sagte Wolf. »Sie hat's etwas eilig gehabt und ist mit dem Vater heim.« »So eilig?« rief Ambros gedehnt. Wolf schien es nicht zu hören. »Wir gehn ja ein Stück Wegs mitsammen«, äußerte er. Darauf verabschiedeten sie sich von Arigaya und seiner Frau. Als diese über den Anger nach der Brücke gingen, sah der Müller seinen Sohn mit Vefa vor dem Pfarrhaus stehen. »Weiß der Himmel, was die beiden immer miteinander zu verhandeln haben!« sagte er kopfschüttelnd. »Was Gutes ist's schwerlich.« »Sie wird ihn wohl verheiraten wolln«, meinte Afra zerstreut, und auch sie blickte nach den beiden hin. Oder galt ihr Blick Ambros, der den Kirchhof durch die kleine Pforte auf der Südseite verlassen hatte und nun mit Stasi und Wolf zusammen dem oberen Dorf zuging? Es war ein langer, schmerzlicher Blick, den sie ihm nachsandte, und dann seufzte sie tief auf. »Freilich, der Jerg kann einem das Herz schwer machen!« hörte sie ihren Mann sagen. Auch Ambros bemerkte das Paar vor der Pfarre, und im Weitergehen äußerte er: »Auch die Muhm scheint's sehr eilig gehabt zu haben.« »Ja, die pfeift mit dem Klosterbauer auf demselben Loch«, erwiderte Wolf mit sorgenvoller Miene. »Und die Lisei wohl nit?« fragte Ambros heftig. »Nein, die Lisei nit«, sagte Wolf nachdrücklich. »Denn sie hat dich lieb, tausendmal lieber als du sie!« »Drum hat sie sich auch seit jenem ersten Sonntag nit wieder bei uns sehn lassen«, meinte Ambros ironisch. Wolf begnügte sich damit, ihn mit seinen strahlendblauen Augen fest anzublicken. Dann sagte er: »Sie wär schon längst gekommen; aber sie darf nit.« »Sie darf nit?« rief Ambros stehenbleibend. »Komm nur weiter«, mahnte der Schmied und fügte hinzu: »Der Klosterbauer hat's ihr verboten.« »Ach Gott, ist der hart!« klagte Stasi, während auf der Stirn ihres Mannes die Zornader schwoll. Ob der Klosterbauer von Liseis Besuch bei ihrem Bruder wußte oder nicht, vermochte Wolf nicht zu sagen. Der Alte hatte sich darüber nicht geäußert; feststand, daß er ihr jeden Verkehr mit Ambros untersagt hatte. Da Ambros sich selbst fremd gemacht habe, sollte er auch fremd bleiben, und keinerlei Fäden sollten mehr zwischen ihm und dem Klosterhof gesponnen werden. »Und sie gehorcht!« knirschte Ambros. »Was bleibt ihr denn übrig, da sie mit dem Vater leben muß?« fragte der Schmied. »Auf diese Art find't sie wohl Gelegenheit, dir zu nützen. Mit einem Seufzer fügte er hinzu: »Freilich, besser ständ's um uns alle, wann du damals meinem Rat gefolgt wärst, als du nach dem letzten Streit mit deinem Vater bei mir die Nacht zugebracht hast. Du hättst auf den Klosterhof zurückkehrn und dich noch eine Weil schicken solln.« »Was hilft's denn der Lisei, daß sie sich schickt?« brauste Ambros auf. »Unter die Füß wird sie getreten, das ist alles.« Sie waren mittlerweile vor der Schmiede angekommen, und Wolf sagte stehenbleibend: »Not bricht Eisen, aber Gewalt schafft Gewalt! Bei deinem hastigen Zufahrn ist auch von unserm Glücksrad der Reifen gesprungen.« Ambros ging mit großen Schritten weiter, so daß Stasi Mühe hatte, an seiner Seite zu bleiben. Sie beobachtete ihn ängstlich, denn sie sah, daß etwas in ihm wühlte. Sie selbst beunruhigte der Vorwurf Wolfs, daß Ambros durch sein rasches Handeln das Glück seiner Schwester gefährdet habe. Er jedoch dachte nicht daran. Als sie hinter dem Dorf unter den Tannen weiterschritten, von deren Zweigen der Wind oder der Fuß eines Vogels dann und wann Schneeflocken auf sie herabstreute, sagte er, seinen Spitzhut mit einem Ruck tief über die Stirn ziehend: »Ja, das ist's! Als verlorner Sohn soll ich heimkehrn! Dahin möchten sie mich bringen – auch der Wolf –, daß ich vor dem Vater auf die Knie falln und ihn um Gottes willen bitten soll, er möcht mir doch verzeihn!« Stasi legte ihm beschwichtigend die Hand auf den Arm. Er funkelte sie mit düster glühenden Augen an und rief mit einem Hohnlachen: »Der Ambros, der wilde Ambros, vor dem Klosterbauer demütig auf den Knien! Gelt, Stasi, so könnt ich dir gefalln?« »Red nit so!« bat Stasi. »Warum nit?« fragte er mit bösem Humor. »Dann ist die Sach auf einmal abgetan, und du bist morgen Klosterbäuerin!« Stasi sah ihn vorwurfsvoll an und sagte: »Ach, Ambros, ich hab mich dir nit aufgedrängt, und um meinetwillen sollst dich nit demütigen. Mir liegt nix daran, Klosterbäuerin zu werden, das weißt! Bitt den Vater um Verzeihung, ja; aber wie ein verlorner Sohn sollst du ihm nit unter die Augen treten, und gar um meinetwillen – das ertrüg ich nimmer, das würd mir's Herz abdrücken. Ach Ambros, ich bin ja so stolz auf dich!« »Bist du?« fragte er und nahm sie in seine Arme. »Und du willst nit, daß der wilde Ambros zahm wird?« »Zahm schon«, wehrte sie sich gegen seine Küsse, »aber dabei stolz – nit stolz wie ein Haushahn, sondern wie …« »Ein Zaunkönig!« fiel er lachend ein. »O du böser Mensch!« schalt sie, gleichfalls lachend. »Nein, stolz wie ein Adler.« In heiterer Stimmung kamen die beiden nach Hause. Es ließ sich indessen nicht vermeiden, daß der Klosterbauer, so wie er in der Kirche erschienen war, unwillkürlich wieder vor Ambros' Augen trat. Wenn der Bursche auch die Hoffnung nicht aufgab, daß jener sich eines Besseren besinnen würde, so konnte er sich doch nicht verhehlen, daß seine Rolle des verwunschenen Prinzen länger dauern könnte, als er vorausgesetzt hatte. Aber was lag daran, da er mit Stasi glücklich war? Allein, es ist ein übel Ding, sich geflissentlich daran erinnern zu müssen, daß man glücklich ist. Wer zu rechnen anfängt, mag immer noch sehr reich sein; doch der sorgenlose Genuß des Reichtums hat einen dunklen Punkt. – Der Gedanke an den Eisblick des Vaters verdarb Ambros zuweilen die gute Laune, und der Ärger darüber, daß er sie sich dadurch verderben ließ, verbesserte seine Stimmung auch nicht. Er war doch sonst kein Grillenfänger, und um sich auf andere Gedanken zu bringen, beschloß er, am Samstag zum Sängerkränzchen zu gehen. Stasi selbst erinnerte ihn an sein Versprechen; er sitze viel zuviel zu Hause, daran sei er nicht gewöhnt, und am Ende würden die Leute wirklich glauben, daß er unter ihrem Pantoffel stünde. Es kam Ambros höchst drollig vor, daß er unter dem Regiment seiner kleinen Frau stehen sollte, und er nahm von Stasi mit Lachen Abschied, als er nach dem frühen Abendessen fortging. Im »Stern« wurde er mit lautem Jubel empfangen, und von allen Seiten reichte man ihm die Gläser entgegen. Jerg hatte gewettet, daß er nicht kommen würde; denn gingen die Vögel zu Nest, sei es mit dem Singen vorüber. Nun war der Jubel auf Jergs Kosten um so größer, und Mutschleitner trug den verwetteten Wein mit der Bemerkung auf, Jerg könnt von Glück sagen, daß er seine Wette just noch vor Toresschluß verloren habe; in Kürze wäre sie ihm teuer zu stehen gekommen. Die nun ausgeschriebene Tranksteuer sei ein verteufelt Ding. Um so mehr Grund, den Wein nicht zu schonen! Ambros' Anwesenheit wurde wie ein Fest gefeiert, und er ergriff wieder wie in alten Tagen den Kommandostab. Frischer und freudiger erklangen die Chöre, und höher sprühte die Lust auf. Mutschleitner trug zur Gitarre seine hübschesten Lieder vor und begleitete die komischen darunter so wirkungsvoll mit seinen treuherzig schalkhaften Blicken und Mienen, daß von dem dröhnenden Gelächter der Zuhörer die Fenster zu springen drohten. Auch Ambros, der gleich den meisten seine Joppe abgeworfen hatte, gab ein schelmisches Lied zum besten, und als Mutschleitner auf der Zither einen Schuhplattler anschlug, forderte er Moideli, die Kellnerin, zum Tanz auf. Den Spitzhut auf das rechte Ohr gedrückt, trat er übermütig den Takt und schlug sich klatschend auf die prallen Schenkel, die nackten Knie und an die Absätze, während sich das schlanke Moideli, die eine Hand in die Hüften gestemmt, in der anderen einen Zipfel ihres Fürtuches haltend, zierlich vor ihm drehte. Die Zuschauer jauchzten, und Ambros machte immer tollere Sprünge. Seine großen schwarzen Augen blitzten und flammten. – Später als sonst trennte man sich. Am andern Tag hatte Ambros ein unbehagliches Gefühl, nicht so sehr infolge des reichlich geflossenen Weines als wegen des Tanzes mit Moideli. Es wollte ihn denn doch bedünken, daß es sich für einen verheirateten Mann nicht schicke, sich mit einer Kellnerin zu drehen. Und betroffen kraute er sich im Haar, als er seine Barschaft nachzählte. Er hatte sich nicht nur wie ein Junggeselle aufgeführt, sondern dabei auch das Geld nicht geschont, als ob er noch der reiche Kloster Ambros wäre. Dahin also war es mit ihm gekommen, daß er, der früher die Gulden nicht geachtet hatte, jetzt die Kreuzer erst umwenden mußte, ehe er sie ausgab? Und dann traf es ihn wie ein Donnerschlag, daß das Geld, das er sorglos vertan hatte, nicht ihm, sondern seiner Frau gehörte. Die wenigen Gulden, die er vom Klosterhof mitgebracht hatte, waren längst ausgegeben. Er besaß nichts. Jeder Bissen des guten Essens, das Stasi für den Sonntag zubereitet hatte, schmeckte ihm bitter. Es war das Brot seiner Frau, das er aß! Das war unerträglich und mußte ein Ende haben. Aber wie? Mit Gewalt war hier nichts zu erzwingen, und so wandte sich seine Erbitterung zunächst gegen die Herzlosigkeit des Vaters, durch die er in eine so demütigende Lage versetzt worden war. Stasi versuchte die finsteren Wolken, die sie auf seiner Stirn lagern sah, zu zerstreuen; er aber wies sie ungeduldig und zuletzt mit barschen Worten zurück. Sie schaute ihn mit weitgeöffneten Augen an, worauf sie sich still in eine Ecke setzte und weinte. Ihre Tränen machten ihn nur noch verdrießlicher, statt ihn zu rühren. Das fehlte ihm noch, daß sie ihn mit ihren Launen quälte! Sie weinte um so stärker; es war ja so deutlich, daß er sie nicht mehr liebhatte! Hätte er sie sonst so hart angelassen, hätte er ihr nicht wenigstens jetzt, da er sah, wie unglücklich sie sich fühlte, ein gutes Wort gegönnt? Er tat es nicht; abgewendet von ihr, saß er hinter dem Tisch, blickte finster in die qualmende Flamme des Lichtstocks und kaute an seiner Pfeifenspitze. Die Weiber hätten auch gar keinen Verstand, grollte er in sich hinein. Stasi könnt sich doch selbst sagen, daß ihn die Unversöhnlichkeit des Vaters verstimme; aber wie alle anderen habe sie nur ihre Liebe im Kopf, als ob ein Mann nicht an Wichtigeres zu denken hätte. Es war gar zu albern! Aber warum sagte er ihr nicht, was dieses Wichtigere war? Eher hätte er sich die Zunge abgebissen! Er schämte sich des Grundes, ohne es sich einzugestehen. Stasi suchte ihr Lager auf, um ihren Jammer über ihr verlorenes Glück unter der Bettdecke zu ersticken. Ambros blieb noch eine Weile sitzen und brütete über sein vermeintliches Kreuz und Elend. Mit einem Seufzer stand er endlich auf. Als er aber Stasis hübsches, verweintes Gesicht so blaß und unglücklich unter der Decke hervorgucken sah, konnte er sich nicht enthalten, sie zu küssen. Sie blickte ihn durch die betränten Wimpern ungewiß an, und dann schlang sie ihre Arme um seinen Nacken und zog seinen Kopf an ihre Brust. Der Frieden war ohne Worte geschlossen. Wäre es jetzt nur Frühling gewesen! Gab es während des Winters in der kleinen Wirtschaft überhaupt wenig zu tun, so wurde dieses Wenige noch dadurch vermindert, daß es zwischen David und Ambros geteilt wurde, und so hatte der kraftstrotzende Bursche, der die ganze Arbeit spielend allein hätte verrichten können, mehr Muße, als für ihn ersprießlich war. Die bösen Gedanken kehrten wieder. Die Enge der Verhältnisse begann sich spürbar zu machen; er vermißte manches, woran er auf dem Klosterhof gewöhnt gewesen. Es kam ihm selbst erbärmlich vor, daß er sich dadurch verstimmen ließ – hatte er sich doch durch eigene freie Entscheidung in die Lage versetzt, die ihn nun drückte. Allein, soviel er sich immer auf seinen Verstand eingebildet hatte – das Vernünfteln wollte nicht viel nützen. Für Stasi war es ein Glück, daß David mit ihnen hauste. Manchen Ausbruch von Ambros' übler Laune, der sonst sie getroffen hätte, lenkte der Alte wie ein Blitzableiter auf sich. Aber nicht jedes Unwetter vermochte er an sich zu ziehen, und immer häufiger überzog sich der Ehehimmel mit Wolken … Hannes hielt Stasi für glücklich, und es fiel ihm nicht auf, daß er von ihr und seinem Bruder keine Nachricht erhielt. Der junge Geistliche arbeitete fleißig an seiner Beschreibung der Alpenflora. Ihr widmete er die ganze Muße, die ihm seine amtlichen Obliegenheiten gestatteten, und mit ihrem Fortschreiten kam Ruhe über seine von den schweren Kämpfen zerwühlte Seele. Er arbeitete nicht mehr, um sich zu betäuben, sondern aus einem wachsenden inneren Drang heraus. Fiel sein Blick in der Dämmerung, wenn er die Feder niederzulegen genötigt war, auf den Kalkstein mit den Muschelabdrücken, der seine losen Papiere beschwerte, so spann er wohl seltsame Gedanken daran. Wie sich jener Masse, bevor sie zu Stein gehärtet war, die Gestalt von Schaltieren eingedrückt, so hatte sich in sein Herz das Bild Stasis geprägt. Jener Stein gab noch nach ungezählten Jahrtausenden Kunde von einem erloschenen Tiergeschlecht und lehrte, daß dieses Tal, wo jetzt Wohnungen der Menschen standen und ihre Herden sommers auf grünen Almen weideten, einst Meeresboden gewesen und daß es eine Zeit gegeben, in der das jetzt starr zum Himmel ragende Kalkgebirge eine in den Meeresfluten gebundene Substanz gewesen war. Ähnlich würde vielleicht das Werk, das er unter der Feder hatte, wenn nicht der Nachwelt, so doch der Mitwelt von dem Gefühl zeugen, das sich seinem Herzen so tief eingedrückt hatte: von der Liebe, deren kristallisierter Niederschlag es war. Vielleicht zöge es die Blicke der Kenner auf sich, und dann … Hannes rieb sich die Stirn. Auch er hatte davon gehört, daß König Max König Max – Maximilian I. Joseph (1756-1825), bis 1805 Kurfürst von Bayern, wurde im Frieden von Preßburg, der Bayern wesentliche Gebietserweiterungen (u. a. Tirol) brachte, von Napoleon I. zum König gemacht. Unfähig, das neugeschaffene Königreich selbst zu regieren, überließ der in jeder Hinsicht unbedeutende Maximilian die oberste Leitung der Staatsgeschäfte seinem Minister Montgelas. und sein Minister Montgelas Montgelas – Maximilian Joseph Graf von Montgelas (1759-1838), wurde beim Regierungsantritt Maximilians I. als Kurfürst (1799) bayrischer Minister der Auswärtigen Angelegenheiten. Er verstand es, sich dem ausschließlich an der Vergrößerung seiner Hausmacht interessierten Fürsten so unentbehrlich zu machen, daß dieser ihm nach der Umwandlung Bayerns in ein Königreich (1805) die politische und administrative Lenkung des Staates uneingeschränkt überließ. Montgelas, der 1785 Bayern hatte verlassen müssen, weil er Mitglied des aufklärerische, antikirchliche und weltbürgerliche Ideen verbreitenden Illuminatenordens war, führte in seiner Innenpolitik eine Reihe von Reformen nach französischem Vorbild durch. Er beseitigte feudale und kirchliche Privilegien, hob zahlreiche Klöster auf, deren Vermögen er zur Verbesserung der Landwirtschaft, des Verkehrs und des Bildungswesens verwandte, und zentralisierte Justiz und Verwaltung. In seiner Außenpolitik verfolgte er während der Napoleonischen Periode das Ziel, aus der Zertrümmerung des deutschen Reiches den größtmöglichen Vorteil für das bayrische Königshaus zu ziehen und Bayern zum führenden Staat innerhalb des von Bonaparte geschaffenen Rheinbundes zu machen. fähige und bedeutende Männer ohne Unterschied des Glaubens und des Vaterlandes in die Verwaltung, an die Gerichtshöfe, Universitäten und Schulen holten und daß nach der Aufhebung der Klöster gebildete Geistliche an die überall neugegründeten Schulen berufen worden seien. Hannes dachte an die Möglichkeit, daß auch er, wenn seine Arbeit gelänge, auf einen Lehrstuhl berufen werden könnte. Er dachte nicht daran, wie bitter die aufklärerischen Bestrebungen des Königs von den Frommen ohne Unterschied gehaßt wurden und daß Montgelas in ihren Augen als der leibhaftige Antichrist galt. In solchen Augenblicken vergaß der Gelehrte den Geistlichen. Eines Tages – es war in der Weihnachtswoche – wurde Hannes durch Boten zu einer Pfarrerkonferenz in der Dechanei von Enneberg eingeladen. An dem bestimmten Tage machte er sich schon beim Morgengrauen auf den Weg. Er wollte vor der Konferenz noch die Ahne in Pleiken besuchen. Seit den Mitteilungen seines Bruders hatten sich seine Gedanken wiederholt mit ihr beschäftigt. Auch hier gab es ein altes Unrecht zu sühnen. Ambros hatte die Ahne in seinem Glück sicherlich ebenso vergessen wie den Bruder. Es mußte etwas für sie getan werden. Hannes wollte sie zu sich nehmen. Die Stube und die Kammer, die Frau Carlotta bewohnte, waren geräumig genug, um auch ihr ein Obdach zu gewähren. Den Hut nach seiner Gewohnheit tief über die Ohren gezogen, die hagere Gestalt in den schon recht fadenscheinig gewordenen Mantel gehüllt – dieses Kleidungsstück hatte bereits mit Hannes die Universität bezogen –, so maß er mit langen Schritten den Weg; und unter den Sohlen seiner hohen blanken Stiefel knirschte der hartgefrorene Schnee. Enger schoben sich zu beiden Seiten die Berge zusammen und ließen zuletzt nur noch Raum für den schmalen Weg und den unmittelbar daneben tänzelnden Fluß, der in dieser Enge keine Eisfesseln duldete. Dann kam von rechts her zwischen Erlen, an denen noch das welke braune Laub raschelte, der Vigilbach hindurchgeschossen, und Hannes schritt an den Häusern von Zwischenwasser vorüber: an den Schneidemühlen mit ihren Holzgärten, dem Kirchlein und den Gehöften, die von steilen Waldbergen eingeschnürt waren. Frostnebel erfüllten die Schlucht; wie von Silber übersponnen erschien das Gezweig des Buschwerks am Bach, und an den Schindeldächern hingen Eiszapfen. Die Berggipfel wurden bereits von der Morgensonne beschienen. Hannes wandte sich hinter den letzten Häusern des kleinen Ortes nach links und begann auf einem schmalen, steilen Fußpfad, der durch dichtes Unterholz führte, aufwärts zu klimmen. Über ihm breiteten uralte Tannen ihr mächtiges, von Schnee belastetes Geäst aus. Bald kreuzte er die Straße, die sich, von St. Lorenzen kommend, abwärts schlang, und kurz darauf trat er am Fuße eines steilen Ackerfeldes in den Sonnenschein hinaus. In der Tiefe dampfte der Vigilbach, und von Osten her blinkten die Schneehäupter der Dolomiten. Weiter stieg Hannes nach kurzem Aufatmen auf gezacktem Pfad, der ihn über das Schneefeld zu verstreut liegenden Höfen führte. Wie Schwalbennester unter entlaubten Kirschbäumen hingen sie am Abhang. Höher hinauf mündete der Pfad in einen schmalen Fahrweg, der den Wanderer wenige Minuten darauf nach Pleiken brachte. Es war ein ärmlicher Ort. Eine Gruppe dürftiger Häuser drängte sich dicht um das Kirchlein; die übrigen Hütten klebten hier und dort an den Abhängen. Die Matten und Haferfelder, die zu ihnen gehörten, säumte weiter unten ein Waldkranz. Von diesem verdeckt, zog die Landstraße das Gadertal abwärts nach Palfrad, während von Süden her der Peitlerkofl frei herübergrüßte. Gen Osten wurde das Auge des Kuraten, vorüberschweifend an der hoch und stattlich thronenden Kirche Ennebergs, von den mächtigen Kalkfelsen, die St. Vigil umschlossen, aufgefangen. Die winterlichen Morgennebel, die in der Tiefe wallten und wogten, ließen St. Vigil selbst nicht erkennen. Nur dann und wann ging vom Bache her ein Blinken durch den Nebel. Auf der Nordseite trat der Wald dicht an das Dorf heran, und nacktes Gestein wies seine Zähne dem Himmel. Hannes warf einen flüchtigen Blick um sich. Er war vom Steigen erhitzt und empfand daher den scharf über die Höhe streichenden Ostwind um so beißender. Rasch wendete er sich der nächsten Hütte zu, unter deren Tür im gleichen Augenblick ein alter Mann erschien, der trotz der Kälte in Hemdsärmeln war. An den Füßen trug er plumpe Holzschuhe. Er mochte den Geistlichen schon vom Fenster aus beobachtet haben. Als ihn Hannes nach der Wohnung der Frau Strasser fragte, antwortete er kopfschüttelnd mit der Gegenfrage, was denn der hochwürdige Herr von ihr wolle. Gleich aber setzte er hinzu: »Ja, ja, die Frau Strasser, freilich! Da weiß der Löffel-Franz Bescheid.« Und barhäuptig und ohne Rock, wie er war, führte er Hannes um die Kirche herum nach einem verfallenen Häuschen, in das er dem Kuraten voran hineinging. Er öffnete eine Tür und rief: »Du, Franz, hier ist ein geistlicher Herr, und er fragt nach der Strasser.« Daraufhin setzte er sich auf die Fensterbank, um in aller Gemächlichkeit zu erfahren, weshalb der Fremde nach der alten Frau frage. Hannes mußte sich bücken, um in die Stube zu gelangen, die mit heißer Stickluft und dem Geruch von frischem Holz und Tannenharz erfüllt war. Außer dem Löffel-Franz, den er von Jugend auf kannte, befanden sich dessen Frau und Tochter in der Stube – alle drei mit dem Anfertigen von Holzwaren beschäftigt, mit denen der Löffel-Franz hausierte. Der Hausherr, der eben einen Harkenstock glättete, stand respektvoll von der Schnitzbank auf, worauf Frau und Tochter sich ebenfalls von ihren Sitzen erhoben. Hannes winkte ihnen, daß sie sich in ihrer Arbeit nicht stören lassen sollten, und sah sich nach einem Sitz für seine müden Glieder um. Die Frau brachte ihm einen Strohstuhl. Der Löffel-Franz blieb mit dem Schnitzmesser in der Hand stehen und sagte: »Wann Sie wegen Ihrer Großmutter hergekommen sind, dann kommen Sie zu spät, Herr Pfarrer.« »Wie das?« fragte Hannes erstaunt. »Da mich der gute Alte hier zu Euch geführt hat, nahm ich an, daß die Ahne bei Euch wohnt« »Freilich!« erwiderte der Löffel-Franz. »Sie hat auch hier gewohnt, seitdem ihr Mann gestorben war; aber sie ist fort – schon seit drei Wochen etwa.« Der Alte auf der Fensterbank nickte, als wolle er die Mitteilung bestätigen, und Hannes rief mit noch größerem Erstaunen: »Fort – und wohin? Wo hält sie sich gegenwärtig auf?« »Ja, wann's Hochwürden nit wissen, der doch ihr Enkel ist …«, äußerte der Löffel-Franz etwas scharf, lenkte dann aber mit der Bemerkung ein, die Alte habe das Heimweh bekommen und sei in ihr Geburtsdorf im Venetianischen zurückgekehrt. Diese Nachricht erschien Hannes unglaublich – mußte doch die Ahne nach seiner ungefähren Schätzung wenigstens siebzig Jahre alt sein »Dennoch!« bekräftigte der Löffel-Franz. Das Heimweh sei schon seit dem Tode ihres Mannes nicht mehr von ihr gewichen. Jeden Herbst und Winter habe sie davon gesprochen, daß sie in ihre südliche Heimat zurückkehren wolle, wo die Menschen auch im Winter nicht frören. »Aber sie hat nit fortgekonnt, es hat sie was festgehalten.« Er begegnete dem fragenden Blick des Geistlichen, und indem er sich auf die Kante der Schnitzbank setzte, fügte er hinzu: »Nix für ungut, Herr Falkner! Wir wissen hier in Pleiken alle Bescheid, wie die Sachen zwischen ihr und dem Klosterbauer gestanden haben.« Der Gast auf der Fensterbank stimmte wieder durch ein Kopfnicken bei, und der Löffel-Franz, der sich ebensowenig wie die anderen um ihn kümmerte, fuhr fort: »Am Tag Allerseelen letzthin ist sie nach St. Vigil, um das Grab ihrer Tochter noch einmal zu sehn. Wie sie dann ist zurückgekommen, ist sie ganz anders gewesen als sonst. Still ist sie gewesen und in sich gekehrt und hat mitten in der Arbeit auf ihre Spindel oder die Nadeln vergessen. Hat auch nit davon gered't, was ihr etwan in St. Vigil geschehn war. Und dann hat sie ihre wenigen Habseligkeiten zu Geld gemacht und hat sich weder von mir noch von meinem Weib bedeuten lassen, daß sich in so später Jahreszeit und bei so rauhem Wetter selbst ein junger und kräftiger Mensch bedenken würd, die weite Reis durch das Pustertal und das Ampezzotal zu unternehmen. Sie hat sich aber nit halten lassen. Unterwegs träf sie wohl gute Menschen genug, die ihr beiständen, hat sie gemeint. Da ist sie denn gegangen. Drei Wochen sind's her.« Hannes hatte den Bericht mit keinem Wort unterbrochen. Peinlich genug war es ihm, zu hören, daß die unerquicklichen Familienverhältnisse so allgemein bekannt waren, doch konnte er sich darüber mit den Leuten unmöglich in Erörterungen oder Erklärungen einlassen. »Wir wolln hoffen, daß sie ihre Heimat glücklich erreicht hat«, sagte er nach einem kurzen, nachdenklichen Schweigen und erhob sich. »Ja, Hochwürden«, versetzte der Löffel-Franz, indem er gleichfalls aufstand. »Es hat ihr ordentlich frische Kraft gegeben, daß sie endlich in ihre Heimat zurückkäm, und eine arme alte Frau find't in der ganzen Welt barmherzige Seelen. Es wünscht sich jetzt wohl auch mancher andre aus Tirol fort, so lieb er's hat. Was gilt denn der Tiroler noch in seinem eignen Land? Als einen Hund ästimiert ihn der Bayer!« Hier öffnete der Alte auf der Fensterbank zum erstenmal den Mund. »Ja, das sei Gott geklagt!« seufzte er. Hannes erwiderte hierauf nichts. Er dankte dem Löffel-Franz für seine Auskünfte, erteilte allen den Segen und entfernte sich. Der Alte, der ihn geführt hatte, blieb zurück – gab doch der Besuch des Kuraten Stoff zur Unterhaltung. »Der ist zag«, murrte der Löffel-Franz. In fast gerader Linie und nur wenig abschüssig lief der schmale Fahrweg, der Hannes zuletzt nach Pleiken geführt hatte, den nördlichen Abhang entlang, vorüber an der ehemaligen Stammburg der Ritter von Brack, nach dem kaum eine Viertelstunde entfernten Enneberg. Der Weg war mit zahlreichen Kirschbäumen bepflanzt, die wie schwarze Gerippe dastanden. Hannes schritt, in tiefes Grübeln versunken, unter ihnen hin. Was konnte die Ahne bewogen haben, so plötzlich ihre zweite Heimat aufzugeben? Wäre er Zeuge der Vorhaltungen gewesen, die Lisei ihr gemacht hatte, so hätte er vielleicht die Lösung des Rätsels gefunden … So lange, lange Jahre hatte sie von der Hoffnung gezehrt, daß dem Klosterbauern einst vergolten würde, was er an ihrer Tochter verbrochen, und nun hatte sie durch ihre Enkelin erfahren müssen, daß sie selbst nicht ohne Schuld an dem Unglück Kathis sei. Es war natürlich, daß sie sich wieder und wieder dagegen sträubte, die eigene Schuld anzuerkennen; allein, in den schlaflosen Nächten, die ihr das Alter bereitete, drängten sich ihr die Erinnerungen an all die Vorhaltungen, Überredungskünste, Schmeicheleien und Drohungen auf, die sie angewandt hatte, um ihre Tochter willfährig zu machen. Umsonst versuchte sie ihr aufgestacheltes Gewissen damit zu beschwichtigen, daß der Sohn Kathis und Stasi einander liebten und miteinander glücklich werden würden. Sie kannte den Klosterbauern zu gut, als daß sie sich mit der Hoffnung hätte betrügen können, er werde seinen Haß gegen Kaspar Larseit fahren lassen und dessen Tochter als Söhnerin willkommen heißen. Wenn Stasi reich gewesen wäre – vielleicht! Angst und Grauen überkamen sie bei der Vorstellung, daß ihre Schuld auch noch über die Kinder Kathis und Kaspars Unglück bringen müsse; ihr Verstand verwirrte sich. Sie fand keine Ruhe mehr, sie mußte fort. Dadurch, daß sie die rauhen Berge Tirols hinter sich ließ, glaubte sie alles von sich abzuschütteln … Hannes kam zu früh zur Konferenz; er war jedoch nicht der erste in der Dechanei, die unmittelbar neben der schönen Kirche lag. In dem Zimmer, das ihm zugewiesen wurde, traf er schon zwei Amtsbrüder aus dem unteren Gadertal an. Ein Frühstückstisch stand bereit, und die beiden Adjunkten des Dechanten, die den Gottesdienst in Pleiken und Hof versahen, luden den Ankömmling ein, sich zu erfrischen. Der Dechant war noch nicht anwesend. Die beiden Herren aus dem unteren Gadertal hatten einen guten Appetit mitgebracht; indessen hinderte sie seine Befriedigung nicht, sich in allerlei Vermutungen über den Zweck der Konferenz zu ergehen. »Ich fürcht, es betrifft unsern hochwürdigsten Herrn Bischof von Brixen«, äußerte der ältere der beiden Pfarrer. »Man hatte ihn damals nach Innsbruck geladen, weil man hoffte, ihn in Güte für die Regierung zu gewinnen. Jetzt wird man sich wohl überzeugt haben, daß er ebenso fest zu Rom steht wie die hochwürdigsten Herren von Chur und Trient, und ihn deren Schicksal teiln lassen. Bald werden wir in Tirol eine Herde ohne Hirten sein.« Hannes horchte auf. Im Ringen mit seinem Herzen hatte er in seinen Studien Vergessenheit gesucht. Nur wie ein Traum schwebte ihm die Erinnerung an die Gewaltmaßregeln vor, die der Generalkommissar von Bayern, Graf von Welsberg, gegen die Bischöfe von Chur und Trient ergriffen hatte. Durch die Unterhaltung seiner beiden Kollegen aus dem Gadertal, zu denen sich bald noch andere Pfarrer der Diözese Enneberg gesellten, gewannen die Ereignisse jetzt für ihn lebhaftere Farben. Die seltene Gelegenheit eines mündlichen Verkehrs, die die anberaumte Konferenz bot, ergriffen die geistlichen Herren – ohne daß sie dabei das Essen und Trinken vergaßen – begierig, um die näheren Umstände, von denen jene Gewaltmaßregeln der Regierung begleitet gewesen, durchzusprechen und die empfangenen Eindrücke auszutauschen. Die Bischöfe von Trient und Chur, die nach Innsbruck geladen worden waren, um sich dort der Staatsgewalt zu unterwerfen, hatten das Ansinnen des Generalkommissars von sich gewiesen. Da sie fest geblieben waren, hatte man den Bischof von Trient als Gefangenen nach Salzburg und den Bischof von Chur durch Bewaffnete über die Landesgrenze geführt und beide ihrer Ämter enthoben. Neu war für den schweigend zuhörenden Kuraten von St. Martin das Nachspiel dieser Vorgänge. Er erfuhr, daß Herr von Hofstetten, der Kreishauptmann von Bruneck, nach Meran gekommen war und die dortige Geistlichkeit zu sich berufen und aufgefordert hatte, einen Revers zu unterzeichnen, durch den sie sich von dem Bischof von Chur lossagte und der Regierung Gehorsam gelobte. Auf ihre Weigerung hin waren die Wortführer – der Stadtpfarrer Patschnider, der Geistliche Rat Lutz und drei Priester des Seminars – verhaftet worden. Die letzteren hatte der Kreishauptmann über die Grenze bringen lassen, die anderen waren teils in Innsbruck, teils in Trient eingekerkert worden. Nach all diesen Vorgängen schienen neue Gewaltmaßnahmen gegen die Kirche unausbleiblich, und die geistlichen Herren regten einander durch unheilvolle Prophezeiungen mehr und mehr auf. Einhellig verurteilten sie die Regierung, nur Hannes blieb still; und Herr Moltenbecher, der sich als letzter eingefunden hatte, gab dem Gedanken aller mit den Worten Ausdruck: »Die Kirch zur bloßen Magd des Staats zu machen, das ist der Zweck der Regierung!« Der Dechant ließ die Herren in das Konferenzzimmer bitten. In seiner Haltung lag mehr Festigkeit als geistlicher Stolz, und bei der Begrüßung der Kollegen wußte er bei aller Kordialität den Unterschied der hierarchischen Stellung zu wahren. Er knüpfte an die Vorgänge in Innsbruck an. Es lag eine darauf bezügliche Verordnung der Regierung vor, von der er den Geistlichen seines Bezirkes, obgleich sie zum Bistum Brixen gehörten, Mitteilung zu machen hatte. Danach sollte der Klerus, der bisher dem des Amtes entsetzten und geächteten Bischof von Chur, dem Freiherrn Karl Rudolf von Buol-Schauenstein, unterstellt gewesen war, vom 1. Januar 1808 ab dem Bischof und Konsistorium von Augsburg Gehorsam leisten. Wer zu dem Geächteten oder seinem Vikar weiterhin Verbindungen unterhielte, von ihm Befehle empfinge und sie ausführte, würde fortan als Staatsverbrecher angesehen werden. Dann kam der Dechant zu dem Punkt, der ihn und all seine Pfarrer persönlich anging: In dem Erlaß wurde ferner befohlen, daß jeder Seelsorger Tirols fortan das königliche Regierungsblatt zu halten und den darin veröffentlichten Allerhöchsten Erlassen in kirchlichen Angelegenheiten unverbrüchlich nachzukommen habe. Bestürzt blickten die Geistlichen einander an. Der Dechant legte das Schriftstück, aus dem er die Verordnung vorgelesen hatte, vor sich auf den Tisch und sagte, den Blick auf das Papier geheftet: »Die Tragweite dieses Mandates ist klar, und die Verfügungen, die unsere Kirche mit gebundenen Händen der weltlichen Macht überantworten, werden nicht auf sich warten lassen.« Ein Murmeln erhob sich, und während er die Augen im Kreise umherschweifen ließ, fuhr er fort: »Ich muß es Ihrem Gewissen überlassen, welche Stellung Sie zu diesen Verfügungen einnehmen wollen. Ein Recht, sich in die Angelegenheiten unserer Kirche zu mischen, besitzt die Regierung nicht; es ist die Gewalt, der wir uns gegenübergestellt sehen. Der Furchtsame, der Ehrgeizige wird sich beugen.« Man protestierte lebhaft. Der Dechant sagte: »Ich habe meiner Pflicht gegen die Regierung genügt, indem ich Ihnen die Verfügung zur Kenntnis gebracht habe. Weiter habe ich mit ihr nichts zu schaffen. Wir sind Diener der Kirche, nicht Diener der bayerischen Krone. Die Gebote Gottes stehen über denen der Kaiser und Könige.« Es sei die heiligste Pflicht ihres Apostelamtes, in dieser Zeit schwerer Prüfungen fest zu ihren Gemeinden zu stehen, die sich durch die Maßregeln der Regierung in ihrem Gewissen beängstigt fühlten. Wenn es ihnen etwa bestimmt wäre, für ihren Glauben zu leiden, so könnte sie die Überzeugung stärken, daß die Kirche schließlich dennoch siegen würde. »Noch hat keiner«, so schloß er, »der sich mit der Kirche entzweite, seit König Samuel ein glückliches Ende genommen.« Herr Moltenbecher erlaubte sich die Frage, wie sich der Bischof von Brixen, dessen Krummstab Krummstab – Würdezeichen des Bischofs; ein gekrümmter Hirtenstab. das Pustertal samt seinen Nebentälern hütete, zu den Forderungen der Regierung stelle. »Kann darüber ein Zweifel herrschen?« fragte der Herr Dechant dagegen. »Mag auch von beiden Seiten noch der Schein eines guten Einvernehmens gewahrt werden – unser hochwürdigster Herr Bischof wird den Rechten unserer Kirche kein Titelchen vergeben, davon dürfen Sie überzeugt sein. Den gegenwärtigen Forderungen der Regierung gegenüber ist eine Reserve nicht länger möglich. Es ist Bayern, das der Kirche das Schwert in die Hand zwingt.« Aufgeregt trennte sich die Versammlung. Ein Teil der geistlichen Herren setzte die Konferenz noch in dem gegenüberliegenden Wirtshaus fort, obgleich bekannt war, daß der Herr Dechant den Wirtshausbesuch seiner Pfarrer ungern sah. Um seine Adjunkten davon abzuhalten, lieferte er ihnen die Maß Wein um zwei Kreuzer billiger als der Wirt gegenüber. Es half aber nicht viel. Hannes begleitete seinen ehemaligen Lehrer, der sich gegen ihn noch immer des Du bediente, nach St. Vigil. Herr Moltenbecher hatte seine gute Laune eingebüßt, und er seufzte schwer, als sie bei der Kirche nach dem Glisiabach hinunterstiegen, der in der tiefen Einbuchtung zwischen Enneberg und Hof sonst in Kaskaden von den Felsen stürzte und im Grunde eine Mühle trieb, jetzt aber, zu phantastischen Eisgebilden erstarrt, an den nackten Steinen hing, Moltenbecher war kein streitbarer Priester wie der Dechant, und nun sah er noch am Spätabend seines Lebens das stille Hochtal in den Kampf hineingerissen und den Frieden aus dem Lande fliehen. Am meisten bekümmerte ihn das Schicksal seiner Gemeinde nach seinem Tode. Die Bischöfe hatten nur noch das Recht des Vorschlages bei freigewordenen Pfarrstellen; die Regierung wählte und ernannte den Kandidaten durch ein Patent. Daß sie keinen bestallte, auf dessen unbedingten Gehorsam sie nicht rechnen konnte, verstand sich nach der jüngsten Verordnung von selbst Als Hannes den alten Herrn trösten wollte, schüttelte der den Kopf. »Ich zweifle nit am endlichen Sieg der Kirche, aber die friedlichen Zeiten, auf die du mich verweist, liegen mir zu fern. Vielleicht würd ich für sie auch nit mehr taugen. Ich seh so manches zum Licht drängen, was ich nit mehr versteh. Das Alte zerbröckelt, und das Neue hat noch keine erkennbare Gestalt.« Auf einer Planke überschritten sie bei der Mühle den Glisiabach und folgten dessen Lauf durch ein Gehölz in Richtung Monthan. »Ich seh nur, daß die ganze Welt wie ein Wasser aufgerührt und trüb ist«, nahm der Pfarrer von St. Vigil wieder das Wort. »Allerwärts nix als Hader und Streit, im Großen wie im Kleinen. Auch zwischen deinem Vater und dem Ambros ist kein gutes End abzusehn.« Er berichtete dem betroffenen Hannes, daß der Klosterbauer die Gültigkeit der Ehe angreifen und Ambros enterben wolle. Vefa war die Quelle, aus der er schöpfte. Hannes wollte sich bei Monthan verabschieden, um durch persönliches Einwirken auf den Vater den Frieden wiederherzustellen. Herr Moltenbecher aber hielt ihn davon zurück. »Wann durch vernünftige Vorstellungen von dem Alten was zu erreichen wär, so hätt ich's erreicht«, sagte er. »Ich hab ihm den Kopf gewaschen, und nit mit laulichem Wasser. Du richtest vollends nix aus, denn dir mißt er die Schuld bei, daß der Ambros sein Stück durchgesetzt hat. – Ein Vater ist er dir niemals gewesen, und so wird's dich nit allzusehr packen, lieber Freund, wann ich dir sag: Du hast keinen Vater mehr. Du hast nur noch eine Mutter: die Kirche.« Dennoch »packte« es Hannes; er war tieferschüttert. Während ihm der Pfarrer freundlich zusprach, lächelte er nur bitter. Dort auf dem Hügel lag der stattliche Klosterhof, und seine vielen Fenster glitzerten in der Mittagssonne. Es war nicht mehr sein Vaterhaus. So riß ein Faden, der ihn an die Menschen knüpfte, nach dem anderen. Nun ja, der römisch-katholische Priester durfte eben keine Familie, keine Heimat haben – seine Kirche sollte alles für ihn sein. Hannes hob aber keineswegs stolz das Haupt. Den Blick vor sich auf den Boden gerichtet, stieg er nach dem Ansitz der Larseits hinauf, nachdem er sich vor der Pfarre von Herrn Moltenbecher verabschiedet hatte. Wie mochte Ambros den Fehlschlag seiner Berechnungen tragen? Herr Moltenbecher hatte ihm darüber nichts zu sagen gewußt. Vor der Haustür blieb er einen Augenblick stehen und preßte die Hand aufs Herz. Ambros, Stasi und David saßen beim Mittagsmahl. Auf dem Tisch dampfte eine Schüssel mit goldgelber Polenta. Stasi sprang, als sie den jungen Geistlichen erblickte, mit einem frohen Schrei auf. David verzog den Mund zu einem lautlosen Lachen, und Ambros empfing den Gast, indem er sich lässig zur Tür wandte und langsam aufstand, mit den Worten: »Schau, der Herr Bruder!« Hannes glaubte aus dem Ton einen Vorwurf herauszuhören, daß er das junge Paar nicht schon früher besucht habe, und bemühte sich, seiner Antwort einen heiteren Anstrich zu geben: »Wann der Bauer seine stille Zeit hat, dann muß ihm der Pfarrer heran und der Doktor!« Ambros wünschte, es gäbe keine stille Zeit »Oho, das sagst du?« rief sein Bruder und wollte einen Scherz daran knüpfen; aber er fand keinen. Er hatte keine humoristische Ader. Stasi hatte inzwischen reines Geschirr geholt, auch einen besonderen Teller, denn es schickte sich doch für einen geistlichen Herrn nicht, aus der gemeinschaftlichen Schüssel mitzuessen. Hannes aber verschmähte den Teller, und für eine Weile tauchten alle vier ihre Löffel still in den goldenen Maisbrei. Die Beschäftigung des Essens hinderte den Kuraten indessen nicht, die anderen zu beobachten. Der Gesichtsausdruck seines Bruders gefiel ihm nicht, und Stasi warf verstohlen besorgte Blicke auf ihren Mann. Dieser murrte: »Ihr Brief, Herr Hannes, hat den Vater nit andern Sinns gemacht.« »Leider hab ich's schon vernommen«, seufzte Hannes, und Stasi sagte leise: »Und die Lisei darf auch nit mehr zu uns kommen.« Ambros warf hastig den Löffel hin und rief: »Ist's denn nit zum Tollwerden, daß sich der Alte nit dreinfinden will?« »Es versteht sich von selbst, daß dir die Härt des Vaters weh tut; aber das Grübeln darüber tut nit gut«, meinte Hannes. »Du verschlimmerst deine eigne Lag nur dadurch.« Stasi warf ihm einen dankbaren Blick zu, und er fuhr fort: »Du solltest dich vielmehr darauf richten, daß es vielleicht noch lang, lang dauern kann, bis dem Vater deine Heirat ansteht. Und nehmen wir den Fall an, daß er dir gram blieb?« Ambros fuhr so jäh in die Höhe, daß Hannes sich beeilte, beschwichtigend hinzuzusetzen: »Es ist nur eine Annahme; ich sag nit, daß es geschehn wird. – Doch ich seh, daß niemand mehr ißt!« Ambros griff nach seiner Pfeife, und Stasi ging, den Tisch abräumend, hin und her. David begab sich mit einem Stückchen Brot auf den Hof und fütterte die Hühner. Das tat er täglich; doch heute wiegte er dabei den schweren Kopf nachdenklich hin und her. Eine Ahnung der Ursache für Ambros' unwirsches Wesen in der letzten Zeit begann in ihm aufzudämmern. Der Kurat hielt Umschau in dem Stübchen, wo er so manche gute Stunde zugebracht hatte. Es hatte sich nichts darin verändert; nur das große Bett, in dem die Witwe krank gelegen, war fortgeschafft worden. Es stand in der Kammer nebenan als Ehebett, und an seiner Stelle hing das Schießzeug seines Bruders an der Wand. Der Stuhl in der Nähe des Fensters, auf dem Stasi zu sitzen pflegte, während er mit der Kranken geplaudert, stand noch an der alten Stelle, und die alte Uhr tickte wie sonst – Was hatte sie alles hinweggetickt? Auch das Glück, das Stasi von Ambros erwartet hatte? Es kam Hannes vor, als sei ihr liebliches Gesicht viel ernster geworden, als liege ein Schatten über dem sinnenden Ausdruck ihrer Augen. Er strich sich mit der Hand über die Stirn und die eigenen Augen. »Halten Sie's denn wirklich für möglich, daß der Vater hart wie ein Stein bleiben könnt?« fragte jetzt Ambros, seine Spannung hinter dichten Rauchwolken verbergend. Hannes nahm eine Prise und erwiderte, daß er an des Bruders Stelle eine solche Möglichkeit wenigstens ins Auge fassen würde. »Du kannst's ja ruhig abwarten«, sagte er ergänzend, »da du mit deiner Frau glücklich bist. Laß die Zeit walten und trüb nit durch Grübeln euer beider Lebensglück. Was willst eigentlich? Du bist jetzt dein eigner Herr und stehst auf deinem eignen Grund und Boden! Also schaff zu, als ob's keinen Klosterhof auf der Welt gäb!« »Mein eigner Herr?« versetzte Ambros bitter. »Bin ich hier was andres als der Großknecht von meiner Frau? Ihr gehört alles; ich hab nix!« »Ach Ambros, wie kannst nur so reden!« schrie Stasi, die in dem Augenblick wieder in die Stube gekommen war, schmerzlich auf. »Gehört dir nit alles, was ich hab?« Die Tränen traten ihr in die Augen. »Und gehört deiner Frau nit alles, was dein ist, jetzt und künftig?« fragte Hannes unwillig. »Rechnet denn die Lieb? Ist sie nit stolz und glücklich, im Geben wie im Empfangen?« Stasi hatte sich zu ihrem Mann gesetzt und bat ihn, seine Hand streichelnd, er möge doch gut sein. Hannes aber fuhr nach einem Griff in seine Schnupftabaksdose fort: »Du übertreibst außerdem! Hättst auf dem Klosterhof etwa nit für deine Frau und die Kinder, die euch der Himmel noch schenken wird, gearbeitet und in Zukunft arbeiten müssen?« »Just darum!« grollte Ambros, den bittenden Blicken seiner Frau ausweichend. »Der Mann soll die Frau ernährn, und nit umgekehrt!« »Ernährst du sie etwa nit, indem du ihren Hof bewirtschaftest?« fragte der Bruder dagegen. »Ist euer Hof nur klein, um so fleißiger und sorgsamer wirst wirtschaften müssen, damit's den Deinigen an nix gebricht« »Vor der Arbeit hab ich mich mein Lebtag nit gescheut!« hielt Ambros dem anscheinenden Verdacht des Bruders entgegen, und Stasi rief zur Bestätigung: »Ach nein, er macht sich ja fortwährend was zu schaffen! Er kann ja nimmer stillsitzen.« Der Kurat nickte nur. Er hatte sehr wohl herausgehört, daß es die beschränkten Verhältnisse waren, vor denen Ambros zurückschreckte. »Die Stasi hat recht«, rief Ambros, wobei er seine Frau mit dem linken Arm umfaßte und den rechten Arm an sich zog und energisch fortschnellte. »Wozu hat der Mensch seine Kräft, wann er sie nit brauchen kann? – Dabei fallt mir ein, daß ich den Kuhstall ausbessern muß, solang das Wetter schön ist« Stasi lächelte und drückte verstohlen die Hand, die er um ihren Leib gelegt hatte. Hannes bestärkte ihn in seiner besseren Stimmung. Als er aber Abschied genommen, begleitete ihn die Sorge, daß er den Dämon, der sich in seinem Bruder regte, nur für den Augenblick beschwichtigt habe. Angesichts dieser Sorge war es ihm um Stasis willen, deren Glück er gefährdet sah, doppelt schmerzlich, daß ihm der Klosterhof verschlossen war. Sollte er dem Vater noch einmal schreiben? Doch das Schicksal seines ersten Briefes war nicht ermutigend. Er lenkte seine Schritte nach der Schmiede Wolf Lechners, um der Schwester durch ihren Bräutigam einen Gruß zu schicken. Vielleicht wußte Wolf einen Rat. Im Gegensatz zu seinem Bruder hatte ihm das ruhige, sichere und verständige Wesen des Schmiedes von jeher Achtung eingeflößt Wolf stand unter dem Vordach seiner Schmiede und war gerade dabei, Hufeisen zu schärfen. Der Eigentümer des Pferdes stand dabei. Es war ein Bauer aus Pikolein, der geschäftshalber nach St. Vigil gekommen war. Er kannte Hannes und erbot sich, ihn in seinem Schlitten, den er im »Stern« eingestellt hatte, bis Pikolein mitzunehmen. In einer Stunde etwa gedachte er aufzubrechen. Hannes nahm das Anerbieten mit Dank an, und Wolf führte ihn, nachdem er seine Arbeit beendet, in seine Stube, die neben der Werkstatt lag. Man merkte der Stube nicht an, daß sie von einem Junggesellen bewohnt wurde – so ordentlich sah es in ihr aus. »Daß Sie nach dem, was geschehn ist, jetzt nit auf den Hof gehn mögen, versteh ich«, sagte der Schmied, als ihm Hannes den Zweck seines Besuches mitgeteilt hatte. »Niemand tut das mehr leid als der armen Lisei.« Er bestätigte, daß der Klosterbauer auf Hannes einen ebenso großen Zorn wie auf Ambros habe. Man müsse die Zeit walten lassen und mit gelinden Schlägen nachhelfen, meinte er. Die Kraft allein tue es beim Schmieden nicht, man müsse vor allen Dingen das Eisen kennen, das man unter dem Hammer habe. Was Lisei und er tun könnten, um den Alten allmählich zu besänftigen, das würde gewiß geschehen. Von den Sorgen, die ihn infolge von Ambros' übereilter Verbindung mit Stasi hinsichtlich seines eigenen Lebensglücks bedrückten, schwieg er. Er wußte ja, daß Hannes in der besten Absicht gehandelt hatte, und es lag nicht in seiner Art zu klagen, am allerwenigsten, wo er, wie in diesem Falle, überzeugt war, daß ihm der andere nicht helfen könnte. Die Sonne des kurzen Wintertages war bereits untergegangen, und es dunkelte schon, als Hannes und Wolf unter dem Vordach der Schmiede die letzten Worte wechselten. Keiner von ihnen ahnte, daß sie einander erst nach Jahren wieder begegnen würden. Hannes begab sich, wenig ermutigt, in den »Stern«, um auf den Pikoleiner zu warten. In der Herrenstube, wo bereits die Öllampe über dem Tisch angezündet war, traf er den Landrichter und den Oberförster beim Vesperschoppen. Die beiden Herren luden ihn ein, sich zu ihnen zu setzen, und der Landrichter sagte: »So ist die Konferenz in Enneberg doch zu was gut gewesen; man würd Sie sonst wohl gar nit mehr in St. Vigil zu sehn kriegen.« »Moltenbecher hat erzählt, daß er zur Konferenz müßt«, erklärte der Oberförster, während er seinen silberbeschlagenen Meerschaum mit Tabak füllte. »Die Verordnung der Regierung in bezug auf die Geistlichkeit steht übrigens schon im Regierungsblatt, das Mutschleitner gestern aus Bruneck mitgebracht hat Auch die Erhöhung der Tranksteuer fürs neue Jahr ist darin publiziert. Nur so fortgefahrn – so gewinnt man die Tiroler!« »Darf man fragen, was in Enneberg beschlossen worden ist? Oder ist's Amtsgeheimnis?« fragte der Landrichter und hielt sein halbgefülltes Glas gegen das Lampenlicht. »Was können die Herrn beschlossen haben, wann nit eine Abweisung der bayrischen Forderung?« kam der schwarzbärtige Oberförster dem Kuraten zuvor. »Ein Beschluß konnt von der Konferenz wohl nit gefaßt werden«, äußerte Hannes, »wann wir auch alle der Meinung warn, daß sich die Kirch unmöglich diesen Eingriffen in ihre uralten Rechte fügen kann.« »Die uralten Rechte!« wiederholte der Landrichter, wobei ein Lächeln um seine Lippen spielte. »Wann überhaupt ein Recht vor Gewalt beständ in unsrer Zeit, so braucht' der Klerus nur den Friedensvertrag von Preßburg für sich anzurufen.« »Ihr macht mich lachen, Freund Zengerl!« rief der Oberförster Planta und klopfte den Fidibus, dessen er sich zum Anzünden des Tabaks bedient hatte, heftig an seinem Pfeifenrohr aus. »Darin ist ausdrücklich festgestellt worden«, fuhr der Landrichter fort, »daß Tirol bei seinen ererbten Privilegien, Rechten und Freiheiten belassen werden soll und daß unsre ständische Verfassung, unsre religiösen Institutionen und Gebräuch nit angetastet werden solln. Auf diese Bedingungen hin hat Tirol dem König von Bayern die Treu gelobt!« »Ach!« rief Hannes aus, indem sich sein Gesicht tiefer rötete. »Und dennoch wagt man, unsre Bischöf zu entsetzen und zu bannen und unsre Priester in die Gefängnisse zu stecken! Und dennoch verbietet man dem Volk das Wallfahrten nach den Gnadenörtern!« »Geduld, Geduld, mein Bester, das ist erst der Anfang!« höhnte Planta ingrimmig. »Auch dürfen Sie ja nit glauben, daß Bayern sein Wort in den andern Stücken besser gehalten hat und hält. Unsre ständische Verfassung existiert nit mehr, und obgleich Tirol nach wie vor von der Konskriptionspflicht Konskriptionspflicht – die nach Altersklassen bestimmte, bedingte Verpflichtung der Staatsbürger zum Kriegsdienst, die noch Befreiung durch Loskauf (Erstattung einer bestimmten Summe oder Stellung eines Vertreters) zuließ. Auch die für die Truppenkontingente des Rheinbundes benötigten Mannschaften wurden auf dem Wege der Konskription ausgehoben. befreit bleiben sollt, werden unsre jungen Männer zum Kriegsdienst im Interesse des Franzosenkaisers gezwungen und verwildern unter den Rheinbundstruppen. Rheinbundstruppen – die Truppenkontingente der 16 deutschen Fürsten, die sich auf Drängen Napoleons im Jahre 1806 zu einem Staatenbund unter dem Protektorat Frankreichs, dem Rheinbund, zusammengeschlossen hatten. Das bayrische Kontingent betrug 30 000 Mann. . Die Steuern werden uns nach fremdem Gutdünken auferlegt, und wir haben nur noch das Recht, zu zahln und das Maul zu halten!« Er blies dichte Rauchwolken von sich. Herr Zengerl hatte unterdessen mit der Hand in seinem Haar gewühlt, wie es seine Angewohnheit war. Jetzt sagte er, sich räuspernd: »Dazu macht sich die materielle Not von Tag zu Tag fühlbarer. Die Sperr zwischen Tirol und Bayern ist zwar gefalln; dafür aber hat Napoleon das ganze europäische Festland mit der Kontinentalsperre Kontinentalsperre – die im Jahre 1806 von Napoleon verhängte Sperre des europäischen Festlandes für alle englischen Waren, mit der er Englands Wirtschaft einen tödlichen Schlag versetzen wollte. Diese Blockade erfüllte jedoch die Hoffnungen nicht, die die französische Bourgeoisie auf sie gesetzt hatte, da der europäische Handel Mittel und Wege fand, die Sperre zu umgehen. Trotz Napoleons Dekret vom 19.10.1810, das über die schließlich erhobene 50prozentige Kontinentalsteuer hinaus die Verbrennung und Vernichtung aller beschlagnahmten englischen Waren anordnete, erblühte der Schleichhandel mit diesen immer mehr. Die Kontinentalsperre fand 1813 ihr Ende. umklammert, die die Preise für alle Bedürfnisse zu einer kaum noch erschwinglichen Höh hinauftreibt. Nehmen Sie ferner die Verschlechtrung des Gelds, die hohen Steuern und die andern übeln wirtschaftlichen Maßregeln, das Stocken von Handel und Wandel infolge der ewigen Kriegsunruhen und den tief erschütterten Kredit in Verbindung mit dem schlechten Hypothekenwesen! Mancher wohlhabende Mann in den Städten wie auf dem Land ist dadurch bereits an den Bettelstab gebracht worden. Auch in unserm Tal häufen sich die Schuldklagen und fruchtlosen Exekutionen, und ich kenn manchen, der hart vor der Gant steht« »Das ist ja schrecklich!« murmelte der Kurat. »Schrecklich?« rief der Oberförster mit seiner tiefen, starken Stimme. »Es ist viel schrecklicher, daß wir uns das gefalln lassen! Himmlischer Herrgott, wann ich so sonntags die Büchsen am Stand knalln hör …!« Er starrte mit düsteren Augen in die Rauchwolken. Hannes machte erschrocken eine abwehrende Bewegung. »Wo solln wir denn Recht suchen gegen die Vergewaltigung durch die bayrischen Obersten, Kommissarien und Kreishauptleut, wann nit bei uns selbst? – Treibt man Tirol nit zum Äußersten?« fragte Herr Planta. Herr Zengerl, der sinnend in sein Glas blickte, sagte: »Als unsre Nachbarn, die Schweizer, einst von den österreichischen Landvögten vergewaltigt wurden, da erhoben sie sich wie ein Mann. Draußen im Reich ist vor ein paar Jahrn ein Dichter gestorben – Schiller hieß er –,der hat ein Drama draus gemacht. Da heißt's an einer Stell: Wenn der Gedrückte nirgends Recht kann finden, Wenn unerträglich wird die Last – greift er Hinauf getrosten Mutes in den Himmel Und holt herunter seine ew'gen Rechte, Die droben hangen unveräußerlich Und unzerbrechlich wie die Sterne selbst. Der alte Urstand der Natur kehrt wieder, Wo Mensch dem Menschen gegenübersteht – Zum letzten Mittel, wenn kein andres mehr Verfangen will, ist ihm das Schwert gegeben …« Wenn der Gedrückte nirgends Recht kann finden ... – Mit diesen Worten feuert Stauffacher im 2. Akt von Schillers Drama »Wilhelm Tell« seine Landsleute an, das Joch der Unterdrückung abzuschütteln. Er hatte die Verse nur mit halber Stimme und ohne Pathos, aber doch mit Nachdruck gesprochen und dabei mit zurückgebogenem Kopf in das Licht der Lampe über dem Tisch geblickt, als läse er dort die Worte Schillers ab. Die Wirkung, die sie auf den heißblütigen Oberförster ausübten, äußerte sich darin, daß er seinen mächtigen schwarzen Schnurrbart strich und rief: »Das ist mir aus der Seel gesprochen! Das sind goldne Worte! Und Sie sagen, der Mann ist tot? Das muß ein großer Mann gewesen sein. Trinken wir auf sein Gedächtnis!« Er erhob sein Glas, und auch Hannes tat ihm Bescheid. Dieser fühlte sich von allem, was er gehört, wie von einem Wirbelsturm ergriffen. Es war ihm sehr angenehm, daß Moideli jetzt meldete, daß der Mann aus Pikolein angespannt habe. Er mußte allein sein, um das Gehörte zu überdenken und sich zurechtzufinden. Der Landrichter lud ihn ein, bald wiederzukommen; in dieser bösen Zeit müsse man sich enger aneinanderschließen, um sich die bedrückte Brust wenigstens durch gelegentliche Aussprachen zu erleichtern. Der Oberförster aber rief: »Ja, ja, Herr Pfarrer, zum letzten Mittel ist uns das Schwert gegeben!« Stark atmend saß Hannes in dem rasch dahingleitenden Schlitten. Droben am klaren Winterhimmel glitzerten die Sterne. Hannes schaute zu ihnen auf und dachte daran, wie er sich selber um seiner Liebe willen auf das unveräußerliche Menschenrecht hatte stellen wollen. Nun verwiesen auch diese Männer in ihrem Schmerz um die traurige Lage des Vaterlandes darauf. Vaterland! War es für ihn nicht nur leerer Klang? Hatte er denn ein anderes Vaterland als die Kirche? Eine Feuerflocke war in seine Brust gefallen, und sie brannte fort … »Aber was hilft das alles!« seufzte unterdessen der Oberförster und klopfte seine Meerschaumpfeife aus. »Dem Schwert fehlt die Faust und den Fäusten der Kopf!« »Sie halten das Schwert am Himmel für einen Kometen?« scherzte der Landrichter, in seinen Haaren wühlend. »Freilich, Tirol könnt jetzt einen Michael Geismayer brauchen; darin hätten Sie recht.« »Michael Geismayer? Wer ist denn das?« fragte Herr Planta. »Sie haben nie von dem Sekretär des Bischofs von Brixen und nachmaligen Zöllner zu Klausen gehört? Es sind allerdings dreihundert Jahr her, daß Michael Geismayer sein Wesen trieb. Zur Zeit des deutschen Bauernkriegs war's; er wollt nach dem Vorbild der Schweiz aus Tirol eine freie Eidgenossenschaft machen, eine christliche Republik – ohne Pfaffen. Der Mann hatte große Gedanken und eine gewaltige Tatkraft, und der gemeine Mann stand zu ihm von Innsbruck bis Trient. Nun, das Unternehmen scheiterte, und so zog er sich mit seinen Mannen durch das Gadertal auf das venetianische Gebiet zurück. Dort wurd er auf Anstiften des Erzherzogs Ferdinand und des Bischofs von Brixen ermordet.« »Ermordet?« rief der Oberförster. »Doch hoffentlich nit durch Tiroler?« »Nein, zwei Spanier überfieln ihn zu Padua im Schlaf und brachten seinen Kopf nach Innsbruck«, antwortete Herr Zengerl. »Gott sei Dank, daß es nit unsre Landsleut warn!« atmete der Oberförster auf und leerte sein Glas. »Also der Klerisei wollt dieser Geismayer an den Kragen?« fragte er darauf mit gedämpfter Stimme. Der Landrichter nickte, in Sinnen verloren. »Wär ihm sein Stück gelungen, so könnten wir heitrer in die Zukunft blicken!« sagte er nach einer Weile. »Jetzt stehn wir mit dem Klerus Schulter an Schulter gegen Bayern. Da wird so manche gute Saat zerstampft werden. Wann nur die von den Bayern in unserm Land eingerichteten und reformierten Schulen und Lehranstalten wenigstens ein halbes Jahrhundert älter wärn!« »Was kommt's darauf an?« fragte der Oberförster und stand auf. »Für die Unabhängigkeit des Vaterlands zahl ich jeden Preis.« »Wohl, wohl, aber was nachher kommen wird, das gibt zu denken«, versetzte Herr Zengerl, indem er den Rest seines Weines austrank und gleichfalls aufstand. »Sehn Sie nur, wie die Schwarzen in Bayern den Pöbel gegen die liberaln Institutionen der Regierung und die von ihr berufnen Männer hetzen! Das gibt zu denken.« »Sie sind und bleiben ein hartgesottner Voltaireaner!« Voltairianer – Anhänger des französischen Philosophen, Historikers und Dichters François-Marie Arouet, genannt Voltaire (1694-1778). Die meisten philosophischen Schriften Voltaires sind von einem leidenschaftlichen Haß gegen die Kirche erfüllt, so daß ihm die Pariser Geistlichkeit bei seinem Tod ein kirchliches Begräbnis verweigerte. rief der Oberförster lachend. »Ich kann mich nit mit Schiller bescheiden, daß der Mensch auch in Ketten frei sein soll«, entgegnete der Landrichter, und als sie auf dem Kirchplatz voneinander schieden, fügte er hinzu: »Wann wird der Retter kommen diesem Land?« 11. Kapitel Es schneite seit Mittag. Die Luft war unbewegt, und sanft und langsam sanken die weißen Flocken nieder. Arigaya war mit seinem Sohn und den zur Aushilfe gemieteten Knechten in die Bruscia gefahren, um die während des Sommers dort gefällten und von den Bergflanken zu Tal gestürzten Baumstämme nach der Schneidemühle zu schlitten. Andere Wirte von St. Vigil waren in ähnlicher Weise damit beschäftigt, das Nutz- und Brennholz auf ihre Höfe zu schaffen. So herrschte denn trotz des Schneefalls ein reges Leben unter den moosbärtigen Föhren des Bannwaldes, und Jerg sorgte dafür, daß es auch lustig war. Seine immer etwas stachlige Laune regte sich seit einiger Zeit frischer denn je, und es war ihm gleichgültig, ob er seine Scherze an einem herrischen Bauern, einem Bauernsohn oder einem Knecht ausließ. Er gab jedem das Seine, und man mußte gestehen, daß er die Leute je nach ihrer Art zu nehmen wußte. Namentlich bei den Knechten galt er denn auch für einen »recht gemeinen«, lustigen Burschen, und die Spitzen seiner gegen Bayern und Franzosen gerichteten Witze drangen ins Fleisch der Lachenden und hakten sich fest. Afra überließ sich unterdessen der Ruhe, die in der Wirtschaft auf kurze Zeit einzutreten pflegte, sobald die Hauptmahlzeit vorüber war. Sie hatte zwar eine Arbeit zur Hand genommen und sich damit, da es in der Stube durch den Schneefall ziemlich dunkel war, in die Nähe des Fensters gesetzt, aber sie ließ die Hände sehr bald in den Schoß sinken und schaute den Schneeflocken zu, die, groß und dicht, in langsamen Drehungen vom Himmel herabschwebten. Das Mühlrad stand still, und das Schweigen ringsum verlockte zum Träumen. Aber die dunklen Augen der schönen jungen Frau blickten weniger träumerisch als verzagt hinaus. Grau und trübe erschien ihr das ganze Leben, und sie hatte an nichts mehr Freude: nicht an der eigenen Schönheit, nicht an den Bemühungen der Männer um ihre Gunst, nicht am Wohlleben. Wortkarg und durch den geringsten Widerspruch gereizt, ging sie ihren häuslichen Geschäften nach. Ihr Mann zerbrach sich vergebens den Kopf über den Grund der Umwandlung ihres Wesens und suchte alles mögliche hervor, um sie heiter zu stimmen. Er fühlte sich ja am glücklichsten, wenn alles um ihn her lachte und fröhlich war, und in letzter Zeit mochte sein Verlangen nach heiteren Gesichtern um so lebhafter geworden sein, je kälter der Schatten wurde, den der Sohn in sein häusliches Leben warf. Die eigene Spannkraft ließ nach, und er begann sein Alter zu fühlen. Wie erschrocken aber wäre er gewesen, wenn er gesehen hätte, wie sich Afras Augen jetzt mit Tränen füllten, wie sie beide Arme auf das Fensterbrett legte, den Kopf auf die Arme sinken ließ und heftig zu weinen begann. Wahrscheinlich hätte er jedoch die Veranlassung für diese Tränen auf den Brief geschoben, den Mutschleitner von seiner letzten Ausfahrt nach Bruneck mitgebracht hatte. Der Brief, der dort schon längere Zeit auf der Post gelegen hatte, stammte von Jacopo Vigo, dem älteren der beiden Brüder Afras, und enthielt die Nachricht, daß dieser im vergangenen Herbst, da er sich nicht freigelost habe, da er sich nicht freigelost habe – s. Anm. – Konskriptionspflicht zum Militärdienst eingezogen worden sei und sich jetzt in München befinde, wo die Tiroler Rekruten ausgebildet würden. Er habe dadurch eine gute Stellung als Sattlergeselle verloren. Nun bat er die Schwester, sich doch ja ihrer Mutter anzunehmen, da er nun wohl zu deren Unterstützung auf viele Jahre nichts mehr beitragen könnte. Es hieße, so meldete der Brief weiter, daß sie nach Spanien geschickt würden. Der arme Jacopo hatte großes Heimweh nach seinen Bergen. Er komme sich, schrieb er, in der weiten Ebene vor, als ob er auseinanderfließe. Aber er und seine Landsleute müßten ihr Heimweh vor ihren bayrischen Kameraden verbergen, um von ihnen nicht gehänselt und verspottet zu werden. Von den Exerziermeistern würden sie schlecht behandelt, und die Unteroffiziere seien rohe Menschen, die vor nichts in der Welt Respekt hätten. Der Brief schloß mit den Worten: »Einer, der's nit hat aushalten können, ist fortgelaufen. Aber sie haben ihn wiedergekriegt und totgeschossen. Die Bayern nennen das Kriegsgesetz. Er war aus Mils im Oberinntal daheim. Etliche von uns sind aber in dem bunten Rock schon ganz bayrisch worden und vermeinen nit anders, als daß sie jetzt die Herren der Welt wären. Mir will's das Herz abstoßen, wann ich daran gedenken tu, daß wir Tiroler für die Franzosen fechten müssen.« Der Brief war traurig genug; aber darüber weinte Afra jetzt nicht. Es war ein Ausbruch der völligen Mutlosigkeit, die sie überwältigt. Sie hatte ihre Liebe zu Ambros tapfer unterdrückt; sie hatte ihre eifersüchtige Regung gegen Stasi bekämpft und ihrer Liebe entsagt. Damit war aber auch jeglicher Reiz von ihrem Leben abgestreift worden, und sie wünschte, sie wäre tot und der Schnee draußen rieselte auf ihr Grab. Die Tränen erleichterten sie. Sie richtete endlich wieder den Kopf auf und trocknete sich die Augen. Plötzlich zuckte sie zusammen. Auf dem schmalen Uferweg, der etwas höher lag als die Mühle, bewegte sich von der Brücke her eine Gestalt, die etwas hinter sich herschleifte. Wer und was es war, vermochte sie bei dem dichten Schneefall nicht deutlich zu erkennen; dennoch begann ihr Herz heftig zu klopfen. Jetzt blieb die Gestalt gerade dem Fenster gegenüber eine Sekunde lang stehen und kam dann auf die Mühle zu. In demselben Augenblick schoß Lupattino mit fröhlichem Bellen aus seiner Hütte und umsprang den Fremden in ausgelassener Freude. Es war Ambros. Afra hörte ihn auf dem Flur den Schnee abschütteln, nach den Werkräumen gehen und zurückkommen. Sie saß wie festgebannt auf ihrem Stuhl, und das Blut stockte in ihrem Herzen. Dann öffnete sich die Stubentür. Ambros grüßte und fragte nach dem Müller. Beim Klang seiner Stimme drang Afra das Blut brausend zu Kopf, und es dauerte wohl eine Sekunde, bis sie ihm Auskunft geben konnte. Sie stand dabei auf und strich über ihre Schürze, um ihn nicht anzusehen. Er wollte wieder gehen. Nun aber hielt sie ihn mit der Bemerkung zurück, daß ihr Mann bald wiederkommen müsse. Oder könnte sie eine Bestellung an ihn ausrichten? Ambros wollte nur einige Bretter kaufen; seit dem Tode Larseits sei nichts Ordentliches geschehen, um die Wirtschaftsgebäude instand zu halten, so daß jetzt überall Reparaturen nötig seien. Er tat diese Äußerung mit einer Bitterkeit, die Afra auffiel. Sie lud ihn ein, die Rückkehr des Müllers abzuwarten, und indem sie selbst ihren früheren Platz wieder einnahm, sagte sie: »Ja, es hat manches einen guten Anschein; wann einer aber näher zuschaut, ist's baufällig.« Sie hegte dabei keinerlei Hintergedanken; Ambros jedoch traf die Bemerkung, als ob sie seinen Verhältnissen gälte. Er sah scharf zu Afra hinüber, erwiderte aber nichts. Mit düsterer Miene drehte er an seinem Schnurrbart. Afra hatte sich wieder über ihre Arbeit gebeugt. Vergebens wartete sie auf ein Wort des Gastes. Er, der sonst immer so lebhaft war, verhielt sieh stumm wie ein Fisch. »Was macht denn Eure Frau?« unterbrach Afra schließlich die drückende Stille, wobei sie sich zum Fenster drehte, um einen neuen Faden in die Nadel zu ziehen. »Was sagt Ihr?« fragte er zerstreut. »Ihr seid fein aufmerksam. Woran denkt Ihr nur?« »Je nun, es gibt so mancherlei zu denken«, erwiderte Ambros. »Das sollt die Stasi wissen!« lachte Afra. »Ein junger Ehmann, der an was andres als an seine hübsche Frau denkt!« Er blieb ernst und zuckte mit den Schultern. Afra beugte sich von neuem über ihre Arbeit. Das ernste Achselzucken von Ambros beschäftigte sie so, daß sie kaum sah, wohin ihre Nadel fuhr. Konnte er ihre Äußerung in solcher Weise aufnehmen, wenn er Stasi wirklich liebte? Das Herz klopfte ihr heftig. Ambros sah ihr eine Weile zu, dann sagte er: »Ihr könntet mir einen Gefalln tun, Müllerin!« Sie blickte von ihrer Arbeit zu ihm auf, und er fuhr fort, indem er sich erhob und zu ihr herantrat: »Ihr verkehrt doch mit meiner Schwester, und der Vater will's nit leiden, daß sie zu uns kommt. Jetzt möcht ich doch mal mit ihr reden.« »Ja, freilich, ich will zu ihr gehn«, erklärte sich Afra schnell bereit. »Die Mühl hat ihr doch der Klosterbauer nit verboten, und sie kann ja auch nix dafür, wann Ihr sie hier trefft. Wann soll sie kommen?« »Die Müllerin ist eine kluge Frau!« lachte Ambros. »Mir ist jede Zeit recht. Der Lisei wird aber der Sonntag am besten passen.« »Ist recht. Also nächsten Sonntag nachmittag«, sagte Afra, und Ambros war damit einverstanden. »Daß einer krumme Weg gehn muß, um mit seiner Schwester zusammenzukommen!« setzte er unmutig hinzu. »Aber Ihr könnt doch wenigstens miteinander zusammenkommen«, äußerte sie. »Mir wird's nit so leicht mit meinem Bruder, und er braucht mich jetzt vielleicht nötiger wie Ihr die Lisei.« Sie erzählte, daß Jakob habe Soldat werden müssen, und holte seinen Brief aus dem Tischkasten. Ambros setzte sich auf den Stuhl, von dem sie aufgestanden war, und sie blieb bei ihm stehen, während er las. Ein tiefer Seufzer hob ihre Brust; er hörte ihn, las aber ruhig weiter, denn er bezog ihn auf den Inhalt des Briefes. Wenn er aufgeschaut hätte, wäre er seinen Irrtum gewahr geworden. Ihre Augen ruhten mit einer traurigen Innigkeit auf ihm, die ihr Herz wider Willen verriet. Sie selbst erschrak über ihren Seufzer und trat tiefer in die Stube zurück. »Wann mein Bruder nur nit auch eine Dummheit macht!« sagte sie. »Er hat ein so großes Heimweh.« »Besser von den Bayern totgeschossen werden, als ihr Brot im Soldatenrock essen!« entgegnete Ambros mit finsterem Gesicht und legte den Brief zusammen. »Diese Leuteschinder! Ach, ich wollt, ich könnt ihnen an den Kragen!« Er warf das Schreiben auf den Tisch, stützte den Ellenbogen auf das Fensterbrett und starrte mit zusammengezogenen Brauen in den fallenden Schnee. Plötzlich sprang er auf und rief: »Herr Gott, wann ich drauflosschlagen könnt! Ach!« Er atmete tief auf. »So sind die Männer!« stellte Afra mit erzwungenem Lachen fest. »Drauflosschlagen wolln sie, aber an ihre Weiber denken sie nit.« »Das gäb Luft!« murmelte Ambros. »Luft, derweilen Eure Frau daheim in Angst um Euch vergeht?« warf ihm Afra mit gespanntem Blick vor. »Ja, Luft!« rief er. »Ich brauch Luft! Nachher wär's gut. Aber 's geht halt nit. Ich kann's der Stasi nit antun.« Afra wendete sich ab und kramte in dem Tischkasten, um die jähe Glut ihrer Wangen zu verbergen. »Ihr hättet nit heiraten solln«, sagte sie nach einer Weile. Darauf blieb er die Antwort schuldig. Er war wieder ans Fenster getreten und blickte in den Schnee hinaus. Gehört hatte er ihre Bemerkung zwar, aber er legte ihr kein Gewicht bei – nicht jetzt. Er verfolgte die Vorstellung, die der Brief in ihm erweckt hatte. Im Kampf gegen die Bayern und Franzosen würde er die Kräfte regen können, mit denen er in seiner jetzigen Lage nichts anzufangen wußte! Da würde er die Erbitterung gegen seinen Vater an den Feinden auslassen können, da würde er nicht das Brot seiner Frau essen! Dieser letzte Gedanke war wiedergekommen; Hannes behielt leider recht, und mehr als das! Die Vorstellung, vielleicht bis zum Tode des noch so rüstigen Vaters in seinen beschränkten Verhältnissen ausharren zu müssen, richtete sich als Schreckgestalt vor ihm auf und malte ihm seine Vergangenheit mit übertrieben glänzenden Farben. Aus den Schneeflocken tauchte die große, gebeugte Gestalt des Müllers auf. Etwas später folgte in Begleitung Jergs und der Knechte das Schlittengespann mit den Baumstämmen. »Jetzt schau, wie gut's die Weiber haben!« lachte der Alte, Ambros die Hand schüttelnd. »Da muß ich draußen das schlechte Wetter ertragen und mich ärgern, daß es der Schnee den Pferden so schwer macht, und derweilen sitzt meine Frau hier im Warmen und Trocknen und ist vergnügt mit dir. Jetzt will ich's aber auch so gut haben!« Er breitete seinen nassen Mantel über das Ofengestänge und ließ sich behaglich am Tisch nieder. Ambros sollte sich zu ihm setzen und mit ihm schwätzen. Dieser verspürte jedoch dazu wenig Lust und brachte sein Anliegen vor. »Freilich, freilich, ein junger Ehmann hat immer Eil, nach Haus zu kommen!« scherzte der Müller. »Ich kann's mir denken, daß deine Frau schon sehnsüchtig nach dir ausschaut. Gelt, Müllerin?« »Wie kann ich denn das wissen?« fragte Afra kurz. »Potztausend!« lachte er. »Wie lang ist's denn her, daß wir verheiratet sind? Da schau einer! Am End hältst mich gar für einen alten Mann, nach dem's nit mehr lohnt auszuschaun?« Wieder lachte er herzlich; dann stand er auf und führte Ambros in den Holzschuppen neben der Mühle. Ambros suchte sich nach seinem Bedarf Bretter aus und belud damit seinen Handschlitten, den er vor der Tür hatte stehenlassen. Afra sah durch das Fenster zu, wie er hin und her ging; aus ihren Mienen war die Entmutigung, die ihr erst kurz vorher Tränen herausgepreßt hatte, verschwunden und an deren Stelle ein gewisser Trotz getreten. Jerg, der mit den Knechten beschäftigt war, die Baumstämme vom Schlitten zu werfen, rief Ambros laut beim Vornamen. Der Herr Freund möge auf ihn warten; er sei gleich fertig und wolle ihn ein Stück begleiten. Ambros entschuldigte sich; er habe keine Zeit. Er mochte nicht seinen beladenen Schlitten ziehen, während Jerg neben ihm herbummelte. Die Knechte hatten inzwischen ihre Hebel unter einen der Stämme geschoben und drückten nun gleichzeitig mit aller Kraft. Der Baum rollte in den Schnee, und Jerg rief: »Da liegt er!« Er lachte, während er Ambros nachsah, der sich mit seinem bretterbeladenen Handschlitten entfernte. In Jergs Gedanken war es Ambros, der da lag. Seit er das Zusammentreffen »seines besten Freundes« mit dem Klosterbauern in der Kirche beobachtet hatte, stand es bei ihm fest, Lisei zu seiner Frau zu machen – nicht, weil er jetzt auf eine größere Mitgift hoffen durfte, sondern weil er damit rechnete, an Ambros' Stelle zu treten. Er belustigte und berauschte sich an der Vorstellung, was Ambros für ein Gesicht machen würde, wenn er seinen Freund Jerg eines Tages als Klosterbauern aus den Fenstern des stattlichen Gehöftes gucken sähe. Jerg stellte Betrachtungen über sich an. War er langweilig? War er ein Affe? Jetzt lohnte es die Mühe, sich ernstlich um Lisei zu bewerben! Und wo sich eine Gelegenheit bot, näherte er sich ihr als Freund ihres Bruders, bedauerte das Zerwürfnis zwischen diesem und dem Vater und bestellte Größe an sie von Ambros, obgleich ihm keine aufgetragen waren. Der armen Lisei tat es wohl, mit ihm von ihrem Bruder und von Stasi, die er sehr lobte, sprechen zu können, und sie hielt ihn für einen guten, treuherzigen Menschen. Wie hätte sie auch ahnen sollen, daß er unterdessen nur auf eine günstige Gelegenheit wartete, um den Schmied unschädlich zu machen! Um die Abneigung der Vigiler gegen Wolf zu schüren, bedurfte es keiner großen Geschicklichkeit, und jetzt bot die neue Getränksteuer dem Intriganten eine feste Handhabe. Die Verteuerung von Wein und Schnaps schuf in ganz Tirol böses Blut, und überall kam es in den Trinkstuben zu tumultarischen Auftritten. So auch bei Mutschleitner und dem Bäcker. Es hätte nicht viel gefehlt, und die Erbitterung wäre gegen die Wirte losgebrochen, obgleich diese unter der neuen Steuer und den damit verbundenen Scherereien am meisten und unmittelbarsten zu leiden hatten. Es war das Verdienst des jungen Arigaya, daß der Sturm an ihnen vorüberbrauste und sich ein anderes Opfer suchte. Jerg besaß jedoch eine so große Bescheidenheit, daß er niemanden sein Verdienst ahnen ließ. Es war am Samstag, da die Leute wie gewöhnlich früh Feierabend machten und ihren Wochenlohn in der Tasche trugen. Lechner arbeitete noch. Seine muskulösen, nackten Arme führten den wuchtigen Schmiedehammer wie spielend, und jeder klingende Schlag lockte einen Sprühregen von Sternen aus dem weißglühenden Eisen auf seinem Amboß. Der Feuerschein der Esse lag auf seinem berußten Gesicht und seiner gelben Löwenmähne. Plötzlich rief der kleine Bursche, der den Blasebalg zog: »Meister, schaut Euch um! Da sind Leut!« Der Vorbau der Schmiede war mit Menschen gefüllt, und der Feuerschein, der auf die Gesichter der Nächststehenden fiel, zeigte Wolf, daß sie nicht als Freunde kämen. Und als er, sich umwendend, seine Arbeit unterbrach, erscholl starkes Stimmengebraus. Mit dem Hammer in der Hand trat er den Leuten entgegen, und sie wichen vor seiner mächtigen schwarzen Gestalt zurück. Ein Schreien und Pfeifen empfing ihn. Sein Auge überflog die im Dunkeln wogende Masse, und mit einer Stimme, deren schmetterndem Klang eine augenblickliche Stille folgte, fragte er, was man von ihm wolle. Ein wüstes Geschrei war die Antwort, und wieder dröhnte seine Stimme: »Einer soll reden!« Aber an einen Wortführer hatten die Leute in ihrer Aufregung nicht gedacht, und so rief es durcheinander: »Mach dich fort von hier! – Wir mögen dich nit länger leiden! – Geh! – Fort! – Fort!« »Oho!« rief Wolf, indem er die Vordersten, die wieder heranzudrängen begannen, durch eine drohende Bewegung mit seinem Hammer in Respekt hielt. »Gehör ich nit so gut wie ihr zur Gemeind? Hab ich mich nit unter euch eingekauft?« »Bayer!« schrie es aus dem Haufen heraus. »Wir wolln keinen Bayer unter uns! – Weg mit dem Bayer! – Schlagt ihn tot, wann er nit geht!« »Der Gewalt weich ich nit!« schmetterte Lechner und reckte den kräftigen, bewehrten Arm. »Gott hat mich als Bayer geschaffen wie euch als Tiroler. Drum bin ich ebensoviel wie ihr. Und jetzt macht euch fort« oder ihr sollt mein Eisen kennenlernen!« Ein Wutgeheul, mit gellendem Pfeifen untermischt, brach los. In dem roten Feuerschein, der aus der Schmiede kam, zuckten geballte Fäuste empor, flammten blutgierige Augen. Ein Stein sauste an Lechners Kopf vorbei, prallte gegen die Mauer hinter ihm und fiel polternd auf die Dielen des Vorbaues. Zwei kräftige Holzknechte stürzten sich, den Haufen durchbrechend, auf den Schmied, aber ein Stoß von seinem Hammer warf sie zurück. Sie rissen die nächsten mit sich. Ein Steinhagel prasselte gegen das Haus, und klirrend zersprangen mehrere Fensterscheiben. Da aber brauste auch das Blut in Wolf auf; er schleuderte den Hammer hinter sich in die Schmiede, packte die nächsten mit seinen Riesenfäusten, schlug sie gegeneinander und schleuderte sie dann gegen die Masse. Einen dritten, der in diesem Augenblick ein Messer auf ihn zückte, schlug er mit der Faust nieder. Die Menge stutzte, und Wolf benutzte den Moment, um sich in die Schmiede zurückzuziehen. Kaum aber hatte er die Tür von innen verriegelt, so krachte eine ganze Salve von Steinen gegen sie. Das war der Anfang eines anhaltenden Bombardements, das von wildem Schreien, Pfeifen und Jubeln begleitet wurde. Die Fensterscheiben zersplitterten klingend und klirrend; die Mauern knirschten von abprallenden oder streifenden Wurfgeschossen, und dann begann es dumpf gegen die Tür zu pochen, als ob mit Holzscheiten dagegen gestoßen wurde. Lechner ergriff eine Eisenstange, entschlossen, sein Leben so teuer wie möglich zu verkaufen, falls die aus starken Bohlen gefügte Tür den Stößen nachgeben sollte. Seine Augen flammten wie blaue Blitze aus dem rußigen Gesicht. Der kleine Lehrbursche hatte sich in irgendeinem Winkel verkrochen. Auf einmal erscholl draußen ein triumphierendes Hurra. Das Steinwerfen hörte auf, und statt dessen vernahm Wolf ein eigentümlich prasselndes Geräusch auf der Gasse, das von Gelächter und Hohnrufen auf ihn begleitet wurde. Dumpfe Schläge und Fußtritte, die über ihm hörbar wurden, ließen ihn nicht lange in Ungewißheit über das, was im Gange war: Man deckte das Dach der Schmiede ab! Indessen hatte der weithin durch die Nacht hallende Lärm nicht nur nahezu die ganze Einwohnerschaft des sporadisch-langgestreckten Ortes herbeigelockt, sondern auch den Landjägerposten aufmerksam gemacht. Freilich bestand dessen ganze Macht nur aus drei Mann und einem Korporal, aber es waren entschlossene und gutbewaffnete Männer, und das Flimmern ihrer auf die Büchsen gepflanzten Bajonette verlieh der Aufforderung ihres Führers, die Gasse vor der Schmiede zu räumen, den nötigen Nachdruck. Ganz ohne Widersetzlichkeit von seiten der erhitzten Tumultanten ging es aber nicht ab; es gab manchen Kolbenstoß und zerrissene Kleider, und einige von den Wildesten mußten festgenommen werden. Lechner hatte bei dem Einschreiten der Landjäger die schwere Eisenstange aus der Hand gelegt, und als es auf der Gasse still geworden war, zündete er ein Licht an und ging in seine Wohnstube, die einige Stufen höher lag als die Werkstätte. Hier sah es wüst aus. In den beiden Fensterrahmen hing nur noch die verbogene und zerrissene Bleieinfassung der kleinen Rauten, die selbst völlig zertrümmert waren. Ihre Scherben mischten sich auf dem Fußboden mit den hereingeschleuderten Steinen und dem Kalk, den diese von den Wänden geschlagen hatten. Auch auf Wolfs Bett lagen Steine. Die Tassen und Gläser, die auf dem Gesims eines Schrankes gestanden hatten, waren nur noch ein einziger Trümmerhaufen. Die Tür des Schrankes war, geborsten und auch der Ofen vielfach beschädigt. Während Wolf den angerichteten Schaden besichtigte, kam der Lehrjunge aus seinem Schlupfwinkel hervor, und mit seiner Hilfe machte sich der Schmied daran, Schutt und Trümmer aus der Stube zu schaffen und die Ordnung einigermaßen wiederherzustellen. Eine Magd hielt Wolf nicht; eine Frau aus der Nachbarschaft besorgte ihm die Wirtschaft. Nachdem er mit Hilfe seines kleinen Burschen das Bett in die Nebenstube geschafft hatte – die verschont geblieben war, da sie auf einen kleinen, durch eine Mauer von der Gasse getrennten Hof hinausging und da die Fensterläden in der Vorderstube geschlossen waren –, kehrte er in die Werkstatt zurück, wo er die Glut in der Esse wieder anfachte und neue Kohlen aufschüttete. Den Lehrburschen hieß er zur Ruhe gehen. Er selbst zog sich einen Schemel vor die Esse, stützte den Kopf in die Hand und schaute düsteren Sinnes in die Glut. Von Zeit zu Zeit hob ein tiefer Seufzer seine Brust. Nun war das Schlimmste geschehen, das er befürchtet hatte! Bis Mitternacht wohl saß er so in traurigem Brüten vor den verglimmenden Kohlen, und der folgende Morgen ließ ihn seine Lage in keinem freundlicheren Licht erscheinen. Da es Sonntag war, wurde es vor und nach dem Gottesdienst vor der Schmiede von Neugierigen nicht mehr leer, und zu den Leuten aus St. Vigil gesellten sich die Kirchgänger aus Monthan und den an den umliegenden Talabhängen und auf dem Jöchl verstreuten Hütten und Gehöften. Die Leute besichtigten die Schutthaufen vor der Schmiede, deren Tür und Fenster geschlossen waren, betrachteten die Steine, die zerbrochenen Schindeln und die nackten Dachsparren. Dabei machten sie laut ihre Glossen, die schadenfroh genug ausfielen. Der Haß gegen Wolfs Nationalität erstickte die angeborene Gutmütigkeit der Leute. Wolf hielt sich in seiner Hinterstube auf. Er hatte seinem Lehrling gleich nach dem Frühstück einen freien Tag gegeben. Sein Entschluß war gefaßt, und er wartete nur noch auf das dritte Geläut, um möglichst unbeachtet das Haus verlassen zu können. Noch aber hatte die Glocke nicht angeschlagen, als er an den Läden der Vorderstube ein leises Pochen vernahm. Er fragte, wer da sei, und die Stimme, die ihm antwortete, war die Liseis. Er öffnete die Tür der Schmiede, und fast im gleichen Augenblick fiel ihm Lisei um den Hals und brach in Tränen aus. Die ruhige Besonnenheit die ihr sonst eigen war, hatte sie ganz verlassen. Wolf zog sie schnell herein und schob den Riegel vor die Tür. Er selbst war so ergriffen, daß er nicht gleich Worte fand. Stumm führte er sie, um ihr den Anblick seiner verwüsteten Wohnstube zu ersparen, durch die Küche in das Hinterzimmer. Lisei hatte unterdessen gewaltsam ihre Aufregung niedergezwungen und erzählte hastig, daß sie vor der Kirche von dem nächtlichen Tumult gehört habe und daraufhin gleich zu ihm gelaufen sei. Nun aber wollte sie sich von ihm nichts verhehlen lassen und stieß, ehe er es verhindern konnte, die Tür zur Wohnstube auf. Die hier herrschende Kälte und die durch die geschlossenen Läden verursachte Dämmerung ließen den verwüsteten Raum noch unheimlicher erscheinen. Betroffen stand Lisei auf der Schwelle. »Nun, nun, es hätt noch schlimmer werden können!« tröstete Wolf und zog sie sanft zurück. »Wann jetzt der Zufall nur den Hartwanger herführn wollt, damit er neue Fenster einsetzt!« fügte er hinzu und nötigte Lisei, sich hinzusetzen. »Das ist ja schrecklich!« murmelte Lisei. »Aber die Leut werden ihrer Straf nit entgehn. Wer sie nur gegen dich aufgehetzt hat?« »Du weißt's ja«, entgegnete er. »Es ist der Haß gegen meine Landsleut, den ich hab entgelten müssen. Drum wird auch die Straf, wann sie eine kriegen, die Leut noch mehr gegen mich aufbringen. Das Eisen ist brüchig; daraus laßt sich nix Gutes schmieden.« »Um Gottes willen, was meinst damit?« fragte sie ängstlich. »Ja, Lisei«, seufzte er und legte seine Hand beschwichtigend auf die ihre, »es nützt alles nix. Statt Eisen gibt's nur noch Schlacken. Ich kann mich nit länger in St. Vigil halten. Ich hab's kommen sehn, wie du weißt, und jetzt bin ich vogelfrei. Um deinetwillen, Lisei, hab ich's bis jetzt ausgehalten und alles ertragen; aber das führt jetzt zu weiter nix. Sie haben mich gemieden, als ob ich den Aussatz hätt; mochten sie's tun – ich hatt ja dich! Gestern abend haben sie mir angekündigt, daß ich von hier fortmüßt, und sie werden nit eher ruhn, als bis sie ihr Stück durchgesetzt haben.« Aus Liseis Gesicht wich die Farbe, und er fuhr bewegt fort: »Es ist hart, Lisei. Aber du bist klug und mutig, und wir dürfen nit wie Kinder die Augen vor dem zumachen, was uns droht.« »Was können sie dir denn anhaben?« stammelte sie. »Ich hab schon in den letzten Monaten wenig zu tun gehabt«, antwortete er und nahm ihre Hand sanft in die seinen. »Aber ich hab die schlechten Zeiten dafür beschuldigt Seit gestern abend kenn ich die Ursach. Sie werden mir die Arbeit ganz entziehn, mich in meinem Gewerb zugrund richten, mich aushungern. Das werden sie tun, wann ich nit gutwillig fortgeh.« Lisei stürzten die Tränen aus den Augen. Sie entzog Wolf ihre Hand und hielt sich die Schürze vor das Gesicht. Wolf strich sich mit beiden Händen das widerspenstige Haar aus der Stirn und sagte: »Wann du meinst, daß ich's drauf ankommen lassen soll, dann will ich hierbleiben. – Aber schau«, fügte er hinzu, »wann ich mein bißchen Ersparnisse zusetz und ich komm an den Bettelstab, nachher haben wir beide verspielt, du und ich.« »Freilich«, seufzte Lisei und ließ die Schürze sinken. »Und von dir lassen, das tu ich nit, weil ich's nit kann«, kam es tief aus seinem Herzen. Sie sah ihn traurig an und sagte leise: »Ach, du Armer! Ich hab's dir ja vorgestellt, wie du um mich gefreit hast, daß du eine andre nehmen möchtst.« »Wann du mich liebbehalten willst, Lisei, so ist noch nix verlorn!« rief er. »Jetzt ist das Unglück da, und ich bin schuld dran!« fuhr sie trübselig fort. »Aber glaub mir doch, ich hab dich gegen den Willn von meinem Vater nit heiraten können, und seitdem der Ambros aus dem Haus gegangen ist, wär er ganz verlassen, wann ich nit bei ihm blieb.« Er bat, sie möge davon still sein, und setzte hinzu: »Es würd jetzt auch nit mehr anders werden, selbst wann der Klosterbauer zustimmen tät und du morgen meine Frau würdst. Dich mit Wissen in mein Unglück reinziehn – dazu hab ich dich viel zu lieb.« Sie reichte ihm mit einem wehmütigen Blick die Hand und fragte dann, indem sie seine Hand fest drückte, was er zu tun beabsichtige. Der Schmied in Zwischenwasser hatte einen Gesellen, der sich schon längst als Meister niederzulassen wünschte; ihm wollte Lechner seine Schmiede verkaufen oder verpachten, während er selbst in seine Heimat nach Garmisch in Oberbayern zurückzukehren gedachte. Bei seiner Geschicklichkeit als Schmied zweifelte er nicht daran, dort oder anderswo Arbeit zu finden. Sobald es ihm gelungen wäre, in seiner Heimat festen Fuß zu fassen, wollte er Lisei nachholen. Wolf hoffte, daß ihm das Glück günstig sein würde. Während er aber weiter über seinen Plan sprach, begannen Lisei wieder die Tränen aus den Augen zu tropfen. Sein Vorschlag bedeutete ja für sie Trennung von dem einzigen Menschen, der in Liebe und Treue zu ihr stand, und sie bedurfte seiner mehr denn je, seit Ambros den Hof verlassen hatte. Nicht nur, daß der Vater seinen Groll auf Ambros an ihr ausließ – er haderte auch mit ihr, daß sie kein Bube war. Um seinetwillen hatte sie ihre häuslichen Leiden vor Wolf so gut wie möglich verhehlt; nun aber überwältigte sie all dies, und sie lehnte ihr weinendes Gesicht an Wolfs Schulter. Er suchte sie mit seiner Überzeugung zu trösten, daß ihre Trennung nicht von langer Dauer sein werde, und sie schluckte ihre Tränen gewaltsam hinunter, denn sie wollte ihm an Mut nicht nachstehen – war sie doch überzeugt, daß ihm die Trennung ebenso schmerzlich war wie ihr. Da er ihr sagte, daß er, als sie kam, im Begriff gewesen sei, nach Zwischenwasser zu gehen, trieb sie ihn nun an, keine Zeit zu verlieren. Sie begleitete ihn bis Monthan; denn sie mochte jetzt nicht in die Kirche gehen und sich den neugierigen Blicken der Leute aussetzen, die ja alle wußten, daß sie Lechners Braut war. Wolf versprach, auf dem Rückweg zum Klosterhof zu kommen und ihr Bericht zu erstatten. Bei der Kapelle in Monthan trennten sie sich. Lisei mußte den Schmied jedoch noch einmal zurückrufen. Sie hatte in ihrem Kummer vergessen, daß sie Afra das Versprechen gegeben, nachmittags mit ihrem Bruder in der Mühle zusammenzutreffen. Dort möge Wolf sie abholen, bat sie. Er willigte nach kurzem Bedenken ein. »Du kannst mir's nit verübeln«, äußerte er, »daß ich am liebsten keinen von den Vigilern mehr sehn möcht. Und daß just die schöne Müllerin für deinen Bruder Boten geht …« »Ach, Wolf, wie kannst nur!« rief sie mit einem vorwurfsvollen Blick. »Es bricht ja alles, Lisei, und nur du stehst fest«, rief er mit hervorbrechendem Weh, riß Lisei an seine Brust und küßte sie auf den Mund. – Eilig entfernte er sich dann. Mochte sein Verdacht gegen Ambros grundlos sein – gewiß ist, daß sich Afra, während ihr Mann nach dem Mittagessen auf seinem Lehnstuhl ein Schläfchen machte, zum Empfang ihrer Gäste sorgfältiger putzte, als sie es in der letzten Zeit getan hatte. Der Müller bemerkte es und freute sich über ihr gutes Aussehen, als sie, hin und her gehend, den Tisch ordnete, die geblümten Tassen mit den blankgeputzten Zinnlöffeln hinstellte und das frische Gebäck auftrug, das sie selbst am Vormittag gebacken hatte. Die Gäste sollten mit Kaffee bewirtet werden, obgleich die Kontinentalsperre dieses Genußmittel ebenso wie den Zucker derart verteuert hatte, daß beide in den Haushaltungen der Armen und Unbemittelten nicht mehr vorkamen. Jerg war nicht zu Hause; sonst hätte er es schwerlich unterlassen, dem Vater mit Anspielungen auf Afras Verschwendung weh zu tun. Er spazierte die Landstraße entlang, von der aus er den Klosterhof sehen konnte. Wolf war beseitigt! Sein Kinn selbstzufrieden streichelnd, weidete er sich an dem Anblick seines künftigen Besitzes. Es war ihm, als singe der hartgefrorene Schnee unter seinen Schritten: »Kluger Bursch – Klosterjerg.« Er hatte vormittags beim Kirchgang überall herumgehorcht, ob man ihn etwa mit dem nächtlichen Tumult in Verbindung brächte, aber niemand hegte einen Verdacht gegen ihn, und so genoß er behaglich seinen Triumph. Hätte ihn in dieser Stimmung ein Bettler angesprochen – er hätte ihm ein Almosen gegeben. Unterdessen waren Ambros und Stasi auf der Mühle eingetroffen und von dem Müller mit Herzlichkeit, von seiner Frau mit unbefangener Freundlichkeit empfangen worden. Der Alte betrachtete Afra und seine Gäste mit blinkenden Augen; ihm war ja nie wohler, als wenn er junge Menschen um sich hatte, und er war jetzt um so froher, als er seine Frau nach langer Zeit wieder einmal heiter sah. Das Gespräch wandte sich gleich dem nächtlichen Aufruhr zu, dessen Getöse auch Ambros und Stasi in ihrem Haus auf der Höhe gehört hatten, ohne sich die Ursache erklären zu können. Ambros war dann am Morgen hinuntergegangen, um Erkundigungen einzuziehen, und hatte mit großer Bestürzung erfahren, wem der Tumult gegolten. In die übel zugerichtete Schmiede hatte er vergebens Einlaß begehrt Wolf war schon auf dem Wege nach Zwischenwasser gewesen. »Auch das ist dem Vater seine Schuld«, äußerte Ambros. »Hätt er den Lechner nit immer hingehalten mit der Hochzeit, bloß weil er die Lisei nit aus dem Haus lassen will, so würd dem Schmied keiner Übles gewollt haben.« »Dann wird er jetzt wohl einsehn, daß er endlich Ernst machen muß«, meinte der Müller. »Denn das müßt Mode werden, daß ein Rauf Betrunkener ein Gemeindemitglied so mir nix, dir nix austreiben könnt! Es ist schon wahr, daß der Schmied diesem und jenem ein Dorn im Aug ist, weil er ein geborner Bayer ist. Er ist aber ein stiller, fleißiger und verständiger Mann, auf den die Gemeind stolz sein kann.« Stasi warf ihm für das ehrenvolle Zeugnis, das er dem Schmied ausstellte, einen freundlichen Blick zu. Arigaya fuhr, ihr zunickend, fort: »Die Gemeind muß ihm den Schaden ersetzen, und da der Klosterbauer dran schuld ist, so werd ich in der Gemeind drauf antragen, daß er mehr als die andern zahlt. Das hat sich das Gesindel wohl nit träumen lassen, daß es mit seinen Steinwürfen den Lechner und die Lisei vor den Altar treiben würd!« schloß er lachend. Auch die anderen lachten, und Afra forderte Stasi auf, sich in Erwartung Liseis ihre Wirtschaft anzusehen. Stasi fand in der Mühle manches zu bewundern. Die ganze Einrichtung zeugte von Wohlstand, und als Afra in der Schlafstube zuletzt ihre Kleidertruhe öffnete und ihren Putz zeigte, seufzte Stasi unwillkürlich. Sie beneidete Afra nicht. Der Seufzer galt Ambros. Die guten und schönen Sachen, die sie sah, gaben ihr erst eine klare Vorstellung von dem, was Ambros entbehrte, und sie dachte sich, daß auf dem Klosterhof alles gewiß noch viel schöner und reicher sei. »Ach, glaub's nur, der Reichtum macht nit glücklich!« rief Afra. »Du bist viel glücklicher als ich. Du liebst deinen Mann, und er liebt dich.« Stasi errötete, schwieg aber; denn von ihren Herzensangelegenheiten mochte sie nicht reden. Sie liebte Ambros mehr als je. Seit sie wußte, was ihn drückte, war ihre Liebe ja das einzige, womit sie sein Opfer – er hatte ja alle Herrlichkeit um ihretwillen hingegeben – einigermaßen vergelten konnte. Darum ertrug sie auch sein unwirsches Gebaren und die Ausbrüche seines heftigen Wesens geduldig. Sie litt vielmehr um ihn als durch ihn, und immer noch durchbrach seine Liebe zu ihr wieder die Wolken, die sie oft genug verhüllten. Afra warf ein rotseidenes Gürtelband, das sie eben in der Hand hielt, mit einer verächtlichen Bewegung in den Kasten und seufzte. Da fragte Stasi leise: »Liebst du denn deinen Mann nit? Er scheint doch ein so guter Mensch zu sein.« »O gewiß«, rief Afra verwirrt, »aber … aber die Männer machen's einem oft so schwer, sie liebzuhaben. Das wirst du auch schon erfahrn haben.« Stasi schüttelte den Kopf. War in ihrem Falle jemand anzuklagen, so war es nach ihrer Überzeugung nicht Ambros, sondern sie selbst. Sie hätte fest bleiben und sich nicht gegen den Willen seines Vaters von ihm zur Ehe bereden lassen sollen. »Wann's so ist, wie du sagst«, erwiderte sie, »dann ist's wohl unsre eigne Schuld.« »Oh, du bist gut!« stöhnte Afra, die vor ihrer Truhe kniete, und stand auf. »Wann ich doch auch so gut wär!« Sie umarmte Stasi leidenschaftlich und rief dann, ihr Gesicht an deren Schulter bergend: »Er ist ein alter Mann!« »Ach, du mein himmlischer Herrgott!« stammelte Stasi erschüttert. »Er ist ja gut, so gut«, schluchzte Afra, »aber ich bin noch so jung!« Stasi drückte sie voll Mitleid inniger an sich. »Ich wollt, ich wär häßlich wie die Nacht; dann hätt er mich nit geheiratet!« stieß Afra heftig hervor, Indem sie sich aus Stasis Armen aufrichtete. »Dann wär ich frei!« Da begegnete ihr Auge den mitleidigen Blicken Stasis, und sie stockte und wurde feuerrot. Stürmischer noch als zuvor umschlang sie Stasi. Dann holte sie aus der Kleiderlade ein Kästchen hervor, das ihren Schmuck enthielt, nahm ein Kettchen mit einem silbernen Kreuz heraus und hängte es Stasi, ehe diese sich dagegen wehren konnte, um den Hals. Stasi solle es doch annehmen, bat sie und küßte die Verlegene; es sei ja an sich ganz wertlos. Daß es ein Geschenk des Müllers war, erwähnte sie nicht. Vielleicht dachte sie in diesem Augenblick auch nicht daran. Einige Minuten später kehrten beide in die Wohnstube zurück. Der Müller forderte Stasi mit scheinbar ernster Miene auf, ihm Bericht über ihre Inspektion zu erstatten und ihm nur schonungslos die Wahrheit zu sagen; denn er wisse schon, daß seine Frau von der Wirtschaft nichts verstehe. Stasi tappte auch richtig in die Falle, und er lachte herzlich, als sie eifrig die Verteidigung seiner Frau übernahm. Ambros stellte unterdessen einen Vergleich an, das heißt, der Vergleich drängte sich ihm vielmehr auf, als er die beiden jungen Frauen hereinkommen und nebeneinander stehen sah, und sein Stolz erhielt eine neue Wunde. Es war Stasis ärmlicher Anzug, der ihm neben Afras schönen Kleidern peinlich auffiel; und er schämte sich, daß er Stasi nicht so zu putzen vermochte, wie es seiner Frau gebührte. Er fühlte sich gedemütigt, und Stasi verschlimmerte die Sache noch, als sie, unbeschreiblich liebreizend in der Verlegenheit darüber, daß sie den Scherz des Müllers nicht gleich entdeckt hatte, zu ihm kam und ihm das Kreuz zeigte, das sie von Afra geschenkt bekommen hatte. Er empfand es wie einen Stoß gegen sein Herz – nicht nur, daß seine Frau das Geschenk angenommen hatte und sich darüber freute, sondern auch, daß man seiner Frau ein Geschenk zu machen wagte. Man hielt ihn also für einen armen Teufel, dem man ohne weiteres ein Almosen geben konnte! Das Blut stieg ihm zu Kopf, und wer weiß, wozu er sich hätte hinreißen lassen, wenn der Müller nicht mit der Aufforderung dazwischengekommen wäre, am Tisch Platz zu nehmen. Er wollte nicht länger auf Lisei warten. Seine Frau ging hinaus und erschien dann mit einer riesigen braunen Kaffeekanne wieder. Lisei folgte ihr fast auf dem Fuße. »Laßt euch ja nit störn!« bat sie und hatte schon ihren Mantel abgelegt, ehe ihr Stasi, die aufgesprungen war, helfen konnte. Sie küßte ihre Schwägerin mit schwesterlicher Herzlichkeit und reichte dem Bruder mit einem warmen Blick die Hand. Der Müller hatte sich unterdessen ebenfalls erhoben und sagte, ihre Hand schüttelnd: »Das Best kommt immer zuletzt!« Er schob den Lehnstuhl aus der Ofenecke an den Tisch und drang darauf, daß Lisei diesen Ehrenplatz einnähme. Lisei aber drückte den Alten selber mit sanfter Gewalt in den Lehnstuhl und setzte sich neben ihn. Afra, die inzwischen die Tassen mit dem braunen Trank gefüllt hatte, machte seinem fortgesetzten Protest dadurch ein Ende, daß sie ihn aufforderte, den Kaffee, nach dem er vorher so ungeduldig verlangt, nicht kalt werden zu lassen. Für eine gute Weile hörte man nur das Klappern der Tassen und Löffel. Afra schenkte fleißig ein und nötigte die Gäste, ihrem Gebäck tüchtig zuzusprechen. Den gesegnetsten Appetit bewies ihr Mann; und dazwischen nickte er von Zeit zu Zeit seiner Frau zu, um zu zeigen, wie vortrefflich sie ihre Sache gemacht habe. Er aß und trank – zur stillen Verwunderung Stasis – auch noch gemächlich fort, als die anderen schon dankend ihre Tassenköpfe umgekehrt hatten. Lisei war nicht anzumerken, wie schwer sie sich innerlich bedrückt fühlte. Ihre Stimme klang ruhig wie immer, und ihre Mienen zeigten den gewohnten freundlichen Ernst. Sie war ja nicht gekommen, um Trost zu holen, sondern um Trost zu bringen, und sie lächelte Stasi zu, sooft deren Blicke den ihren begegneten. Es war ein ermutigendes Lächeln; denn es entging ihr nicht, daß Stasi, wenn sie sich unbeobachtet glaubte, mit einer gewissen Ängstlichkeit zu Ambros hinübersah, der in keineswegs heiteren Gedanken mit seinem Kaffeelöffel spielte. Aber sie ahnte nicht, welch bösen Geist er in sich nährte. Afra sprach viel und lebhaft und lachte oft, und ihre großen schwarzen Augen hatten einen ungewöhnlichen Glanz. Wie unscheinbar nahm sich, alles in allem, Stasi neben ihr aus! Und Ambros fragte sich, was ihn nur bewogen habe, seine ganze Zukunft um dieses unscheinbaren Wesens willen aufs Spiel zu setzen. Endlich schob auch der Müller seine Tasse zurück und sagte, seiner Frau heimlich einen Wink gehend: »So, jetzt will ich mal ein bissl nach dem Wetter ausschaun. Ihr nehmt's mir wohl nit übel. Es ist so meine Art.« Ambros aber hielt ihn mit den Worten zurück: »Unsertwegen bleibt nur hier! Was mir die Lisei zu sagen hat, das weiß ich schon.« »Je nun, wann ich und meine Frau euch nit im Weg sind, Kinder«, meinte der Müller mit einem fragenden Blick auf Lisei, »dann wird ja wohl das Wetter draußen noch das alte sein – auch auf dem Klosterhof.« Es war das alte, auch auf dem Klosterhof. Lisei gestand es mit einem Seufzer. Sie hatte von keiner Sinnesänderung des Vaters gegen Ambros zu berichten. Der Müller nickte. »Heut vor acht Tagen auf dem Kirchgang, da hab ich ihn mir mal ordentlich vorgenommen. Hatte meine Säg ordentlich scharf gemacht und ließ alles Wasser aufs Rad, aber ein Stück Eisen hätt ich eher durchschnitten als seinen Eigensinn.« »Auch Wolf hat mit all seinen Vorstellungen bei ihm nix ausrichten können«, seufzte Lisei. Stasi saß ängstlich da. Auf der Stirn ihres Mannes war die Zornader dick angeschwollen. Er ballte die Faust. Ehe er aber ein Wort sagen konnte, rief der Müller mit einer abwehrenden Handbewegung gegen ihn: »Sei still und vergiß nit, daß er dein Vater ist! Du bist wütig auf ihn, aber mir kann er nur leid tun wie einer, der in seiner Blindheit nit weiß, was er verscherzt. Laß ihn! Die Stund wird schon noch kommen, wo ihm die Augen aufgehn werden, und wann nit eher, so doch auf seinem Totenbett.« »Auf seinem Totenbett!« wiederholte Ambros mit zornigem Lachen. »Oh!« rief Stasi, in Tränen ausbrechend. »Und ich bin an allem Schuld!« Lisei legte den Arm auf ihre Schulter und flüsterte tröstend: »Nit du! Nit du!« Der Müller sah Ambros durchdringend an und deutete dann mit den Augen auf Stasi. Düster richteten sich Ambros' Blicke auf sie. Afra hatte ihre Arme über dem Busen gekreuzt; unbeweglich saß sie da, und unbeweglich ruhten ihre Augen auf Ambros. Nur ihre Nasenflügel zitterten leise. Ihr Mann schüttelte den Kopf, legte die Pfeife auf den Tisch und sagte: »Wie kann die kleine Frau nur so ungeschickt reden! Natürlich ist sie schuld an allem, und wer den Ambros kennt, der wird's ihr nit abstreiten, ja, ja, ja! Laßt doch den Klosterbauer in Gottes Namen laufen, wann er durchaus sein eigner Feind sein will! Was wollt ihr? Ihr seid doch jung und gesund und habt einander lieb! – Gelt, Ambros«, wandte er sich zu diesem, »es ist ein großes Unglück, so eine kleine, liebe, hübsche Frau zu haben! Ja, ja, ja! So eine kleine Frau, die wie das Lamm Gottes all deine Sünden auf sich nimmt! Was meinst du, Frau?« drehte er sich jetzt zu Afra, wobei er mit dem rechten Arm eine Bewegung machte, als wolle er sie anstoßen. »Was meinst, wie unglücklich ich bin, daß du mich genommen hast!« Abermals lachte er, und dabei gewahrte er nicht, daß Afra unwillkürlich zusammenzuckte. Stasi hatte sich bei seinen Worten allmählich aufgerichtet. Sie blickte Ambros durch ihre Tränen an, als wolle sie ihn um Verzeihung bitten, und ging schüchtern zu ihm hin. Er drückte sie an sich, und sie flüsterte: »Ach, Brosi, ich möcht ja gern sterben, damit du glücklich bist!« Afra ging geräuschlos aus der Stube. Der Müller winkte Lisei, daß sie sich wieder an seine Seite setzen möge, und als sie seinem Wunsch nachgekommen war, sagte er, sich nachdenklich über das spärliche Haar streichend: »Ja, ja, ja, wann einer so sein Leben lang dem Glück im Schoß gesessen hat, dann kommt's ihm nachher schwer an, wann er die Nüss' mit seinen eignen Zähnen aufbeißen soll. Aber 's muß doch mal sein, und ich wünscht ihm« – er schielte nach Ambros hin –, »daß er deine gesunden Zähne hätt, Lisei.« »Mich laßt nur aus dem Spiel, Müller«, versetzte sie mit einem matten Lächeln. »Es gibt Nüss', die auch für meine Zähne zu hart sind; und dann – es sind ja bloß Weiberzähne!« »Ich weiß wohl, worauf du zielst!« gab er zur Antwort »Aber es gibt halt in jedem Unglück ein Glück, und taugt der Baum nit zum Balken, so taugt er zu Brettern. Laß den Kopf nit hängen von wegen gestern abend. Das ist jetzt eine Gelegenheit, wo ich's der Gemeind ordentlich vorstelln werd, was sie an dem Schmied für einen rechtschaffenen Mann hat. Mein Wort als Gemeindevorstand gilt doch wohl noch was, und sie solln ihn nit forttreiben von hier – darauf geb ich dir die Hand!« Lisei leuchtete die helle Freude aus dem Gesicht, und die sehnige Hand des alten Arigaya war sicherlich selten so herzlich gedrückt worden wie jetzt von der bedauernswerten Lisei. Aber während der Müller ihr sein Wort gab, für Wolf einzutreten, gebrauchte Vefa auf dem Klosterhof fleißig ihre Zunge, um das Band zwischen dem Schmied und Lisei vollends zu zerschneiden. Wie der alte Arigaya, so saß auch der Klosterbauer in seinem Armstuhl; Vefa hatte sich einen Strohsessel zu ihm herangeschoben und sprach mit gedämpfter Stimme auf ihn ein. Er hatte die Hände über dem Bauch gefaltet und beide Ellbogen auf die Stuhllehnen gestützt; unablässig drehte er die Daumen umeinander, während er mit seinen harten Augen ins Leere starrte. Eine Antwort erhielt die Schwester nicht. Doch bedurfte sie deren auch kaum; denn sie wußte ja, daß ihm die Brautschaft zwischen Lisei und Wolf nie ganz angenehm gewesen war. Und daher zweifelte sie nicht, daß er die jetzt sich bietende Gelegenheit benutzen würde, um mit dem Schmied entschieden zu brechen. Täte er es nicht, so stellte er sich damit jetzt und für immer auf die Seite der verhaßten Bayern. Er wendete Vefa einen Augenblick sein Gesicht zu und fuhr dann fort, die Daumen umeinander zu bewegen, wobei er sich etwas vorbeugte und sich fester auf die Ellbogen stützte. Und wäre es dann mit der Brautschaft zu Ende, spann Vefa ihren Faden weiter, nachdem sie sich mit der Zunge die Lippen benetzt hatte, wer würde dann an Wolfs Stelle treten können, wenn nicht Jerg Arigaya, der einzige Sohn des reichen Müllers? »Freilich«, murmelte der Klosterbauer, die Augen auf den Fußboden geheftet. Das Wort sollte aber weniger eine Zustimmung zu ihrem Gedankengang als vielmehr eine Andeutung sein, daß sie jetzt dort angelangt sei, wo er sie schon lange erwartet hatte. Seit Ambros mit Stasi verheiratet war, hatte sie ihm so oft das Lob des jungen Müllers gesungen, daß es kein Wunder war, wenn er voraus wußte, worauf sie hinauswollte. Er ließ sie die Vorteile einer Verbindung zwischen Jerg und Lisei nach Herzenslust herausstreichen, ohne sie zu unterbrechen. Sie legte sich sein Schweigen zwar zum Guten aus, aber es war ihr doch etwas unbehaglich, und sie suchte die Wirkung ihrer Worte in seinen Mienen zu lesen. Diese verrieten ihr jedoch nichts, und wenn die Augen der Spiegel der Seele sind, so hatte ihn der Klosterbauer verhängt. Er hatte die Lider zusammengedrückt, wie es seine Gewohnheit war, wenn er den andern mehr sagen lassen wollte, als dieser beabsichtigte. »Und dies und das!« fiel er Vefa plötzlich ungeduldig in die Rede und tat die Augen weit auf. »Das alles weiß ich längst im Schlaf auswendig. Jetzt, wie denkst du's dir denn eigentlich, wann der Jerg die Lisei heiratet?« Vefa starrte ihn mit einem Gesicht an, das alles andere als klug genannt werden konnte. »Wann sie sich heiraten?« wiederholte sie, und dann sagte sie, den Kopf halb abwendend: »Aber Bruder!« »Heilige Mutter Gottes, ist das eine Gans!« rief der Klosterbauer und richtete sich steif in seinem Stuhl auf. »Ich will wissen, was das End von alldem sein soll!« »Nun, lieber Bruder«, entgegnete sie beleidigt, indem sie den Kopf hin und her wiegte, »so viel Verstand wie du hat freilich keiner. Aber ich kenn kluge Leut, die darum doch eine Dummheit angestellt haben, worüber sie sich noch in ihrem Alter die grauen Haar ausraufen möchten.« Der Bruder warf ihr einen bösen Blick zu. Sie aber sagte, während sie ihre Schürze mit dem Rücken der Hand energisch glattstrich: »Ja, das tun sie. – Was kann's für ein andres End haben, als daß der alte Arigaya den jungen Leuten die Mühl übergibt und sich zur Ruh setzt?« »Weiter nix?« fragte er lauernd. »Ja, das übrige ist doch nachher deine Sach«, entgegnete Vefa. »Wann die Lisei die reichste Heirat im Tal machen kann, wirst du's auf die Mitgift ja auch nit ansehn. Es ist ja niemand mehr da, an den du sonst noch zu denken brauchst. Und wann dir mal das Wirtschaften zu schwer wird oder du das Zeitliche segnest – wir müssen ja leider Gottes alle einmal sterben, lieber Bruder … Ja, stell's dir nur vor, wann zum Klosterhof auch noch die Mühl und alles in eine Hand kommt!« Der Klosterbauer hatte sich in seinen Sessel zurückgelehnt und betrachtete aufmerksam die Stubendecke. Seine Schwester fuhr in ihrem süßesten Ton fort: »Überhaupt, lieber Bruder, die Lisei schlagt dir viel mehr nach als …« Sie hatte Ambros' Namen auf den Lippen, hielt es jedoch für besser, ihn nicht auszusprechen, und sagte ablenkend: »Ich mein, sie ist eine echte Falkner, und wann's dir nit paßt, wo du doch so sehr an ihre Wirtschaft gewöhnt bist, so brauchst sie gar nit aus dem Haus zu tun, selbst wann sie den Jerg heiratet.« »Und das ist das End davon!« rief er, indem er sich mit einem Schwung auf die Füße stellte. »Ich nehm den Jerg auf den Hof, und er wird mein Erbe!« »Das wär vielleicht das Beste«, flötete Vefa, die seine funkelnden Augen nicht sehen konnte. Denn er war an den Eckschrank getreten, aus dem er die Schnapsflasche nahm und daraus einen tüchtigen Zug tat. »Ein andermal mehr davon!« sprach er, die Flasche fortstellend, in den Schrank hinein. »Ja, überleg's dir«, sagte sie, indem sie aufstand, beide Hände in die Hüften stemmte und den Oberkörper reckte. »Aber du mußt doch endlich wissen, was du tun willst!« Sie trat an den Tisch, um sich in dem Spiegelchen zu betrachten, das zwischen den Fenstern über der Bank hing. Während sie sich die Augenbrauen glattstrich und den Hut zurechtrückte, meinte sie: »Ja, das mußt du wissen; denn wann du willst, kannst du ja alles wieder gutmachen. Sie glauben's auch – er wenigstens glaubt's. Ich hab's vom Jerg. Weil du wegen der Heirat nit ans Gericht gegangen bist.« In dem Augenblick drehte sie sich um und sah über ihre rechte Schulter ins Glas zurück. »Er glaubt, daß du zuletzt doch noch ja und amen sagst« »Glaubt er?« schrie der Bruder mit flammendem Gesicht. »Ist der Klosterbauer solch ein Schwachkopf?« »Mein Himmel, wie kannst dich über die Geschicht bloß noch immer so ärgern?« entgegnete Vefa mit einem Achselzucken. »Daß dich keiner biegt, wann du's nit selbst willst, das weiß jeder. Der Jerg weiß das auch und hat deshalb einen großen Respekt vor dir, ja. Und jetzt behüt dich Gott, lieber Bruder. Adjes!« Der Klosterbauer dankte ihr nicht für den frommen Wunsch, mit dem sie ihn selbstzufrieden verließ. Sie konnte in der Tat zufrieden sein – hatte sie doch ihrem Bruder wie immer nach dem Munde' geredet und dabei dennoch ihr Stücklein gefördert! Jerg würde sie loben; der hatte eine viel bessere Meinung von ihrer Klugheit als ihr Bruder. Das war ein höflicher Mensch, und der spottete nicht wie Ambros über ihr gutes Herz. Freilich, der Apfel fällt nicht weit vom Stamm! Von dem Sohn der Kathi war es daher kein Wunder, daß er keinen Sinn für Familienehre hatte und sich bei jeder Gelegenheit über seine Tante lustig machte. Nur ihr gutes Herz war schuld, daß sie sich bis jetzt geduldig von ihm hatte hänseln lassen, und wie alle klugen Leute, wenn sie vom Rathaus kommen, erinnerte sie sich jetzt ganz genau, daß sie ihrem Bruder mehr als einmal vorausgesagt hatte: »Gib acht, der Ambros macht uns allen noch einmal Unehr!« Nun war es eingetroffen, und sie konnte ihre Hände in Unschuld waschen. Sie tat es und war im reinen mit Ambros. Ihr Bruder dagegen war es noch lange nicht. Er wetzte immer noch seinen Groll, als ob er noch nicht scharf genug wäre. Die Zeit füllte die Kluft, die ihn von Ambros trennte, nicht aus, sondern erweiterte sie. Nie hatte er sich leichter gefühlt als an jenem Tage, an dem Kaspar Larseit gestorben war. Er hatte sich eine Halbe von seinem besten Rotwein aus dem Keller bringen lassen und den Tod des bitter Gehaßten als einen Sieg gefeiert. Und nun sollte er dennoch der Unterliegende sein? Nun sollte all sein Hab und Gut jenem Kaspar Larseit in dessen Tochter zufallen? Darüber konnte der Klosterbauer nicht hinwegkommen. Eines Tages war er nach Bruneck gefahren, um sich bei dem dortigen Advokaten zu erkundigen, ob die Ehe seines Sohnes nicht für null und nichtig erklärt werden könne. Doch der Advokat hatte ihm dasselbe gesagt wie Herr Moltenbecher. Ja, er hatte hinzugefügt, daß eine weltliche Ehescheidung nur möglich wäre, wenn Ambros selbst darauf antrüge. Der Landrichter in St. Vigil hätte ihm dieselbe Auskunft geben können; aber der alte Falkner gewann es nicht über sich, einem Manne, der ihn kannte, zu gestehen, daß es einen gäbe – und dieser eine war sein eigener Sohn! –, der seinen Kopf gegen ihn, den willensstarken Klosterbauern durchgesetzt hätte. Daß er selber den Trotz seines Sohnes krönen sollte, wenn auch erst auf seinem Totenbett, konnte ihm keiner zumuten, und er hätte Ambros schon damals in Bruneck testamentarisch von der Erbfolge ausgeschlossen, wenn Lisei kein Mädchen gewesen wäre. Sie zur Erbin des Klosterhofes einzusetzen – mit dem Gedanken konnte er sich nicht versöhnen. Es wäre gleichbedeutend mit dem Erlöschen der Falkner als Klosterbauern. Nach seiner Ansicht hatte es nie eine Zeit gegeben, in der die Falkner nicht auf dem Klosterhofe gesessen hätten, wenn auch vor seinem Vater nur als Küchenmeier des Klosters. Der ganze Verdruß und Ärger, den er bei Liseis Geburt darüber empfunden, daß sie kein Knabe war, regte sich wieder in ihm. Es kam ihm wie ein Selbstmord vor, den Besitz des Klosterhofes auf Lisei zu übertragen, aber er fand trotz allem Grübeln keinen Ausweg und hatte auch keinen aus Vefas Reden herausgehört. So viel stand jedoch bei ihm fest, daß Wolf Lechner den Klosterhof niemals erheiraten sollte, und mißtrauisch wie er war, bildete er sich ein, daß der Schmied in der Stille darauf spekuliere. Diese Vorstellung machte ihn gegen Lechner nicht freundlicher gesinnt. Als Wolf mit Lisei, die er von der Mühle abgeholt hatte, auf den Hof kam, saß der Klosterbauer auf der Bank hinter dem Tisch und las. Ein dünnes, gelbes Talglicht aus Liseis Fabrikation leuchtete dem Alten bei seiner Beschäftigung. Es war der Kalender für das Jahr 1808, soeben zu Brixen, der Bischofsstadt, auf grauestem Löschpapier gedruckt, in den er vertieft war oder zu sein schien. Er hielt ihn mit beiden Händen weit von sich und bildete mit den Lippen langsam die Worte, die er las. Durch den Gruß seiner Tochter und ihres Bräutigams ließ er sich nicht stören. Die jungen Leute setzten sich Hand in Hand auf die Ofenbank und flüsterten miteinander. Nach einer Weile legte der Klosterbauer den Kalender hin, rückte sich die Mütze in die Stirn und fragte, indem er nach seiner Pfeife langte, die neben ihm auf dem Tisch lag: »Jetzt, was denkt Ihr zu tun?« Bisher hatte er gegen den Schmied stets das Du gebraucht. Diesem entging denn auch der Wechsel in der Anrede nicht, und Lisei beschwichtigend die Hand drückend, entgegnete er gelassen: »Die Frag möcht ich Euch zurückgeben. Ihr kennt Euch unter den Leuten von St. Vigil besser aus als ich. Was ist zu tun?« »Ich sollt meinen, daß das einfach genug ist«, sagte der Klosterbauer gedehnt. »Daß Ihr nit länger in St. Vigil bleiben könnt, nachdem Euch die Leut gestern abend den Paß geschrieben haben, das müßt Ihr doch einsehn.« »Meint Ihr?« fragte Wolf ebenso gedehnt. »Je nun, wer weiß? Ich halt dafür, daß der Bayer noch Herr im Land ist, und Eure Paßgeschicht könnt ihm leichtlich nit anstehn. Was? Bis Bruneck sind's ja kaum vier Stunden.« Der Klosterbauer schoß einen Blick in das Halbdunkel, von dem das Paar in seiner Ecke umgeben wurde, und blies dann eine dicke Rauchwolke aus dem schiefgezogenen Mund. »Nein, Vater, das ist dem Lechner sein Ernst nit!« rief Lisei und trat an den Tisch. »Der Müller hat mir versprochen, daß er ihm das Wort reden will in der Gemeind, damit sie ihr Unrecht gegen ihn einsieht.« »Das wird was Rechts helfen!« meinte der Klosterbauer geringschätzig. »Just das hab ich der Lisei auch gesagt«, bemerkte der Schmied. »Aber es würd helfen, wann Ihr das Eurige dazu tätet, Klosterbauer.« Er stand nun auch von der Ofenbank auf und fuhr, neben Lisei an den Tisch tretend, fort: »Es ist dreierlei möglich. Ich kann mein Recht gegen Euch alle bei den Gerichten suchen, und Ihr wißt so gut wie ich, daß mich die bayrische Regierung in Schutz nehmen würd. Die Vigiler würden es wohl dann schön bleiben lassen, mich noch weiter zu vermolestiern. Die Bayern greifen hart zu – Ihr habt ja auch davon gehört. Aber pläsierlich ist's nit, unter Menschen zu wohnen, die einem nit mal die Luft zum Atmen gönnen, obgleich ich keinem von euch je was in den Weg gelegt hab. Lieber geh ich weg; und wär's nit um der Lisei willen – es würd mir, bei Gott, nit schwer werden, euch allen den Rücken zu kehren. Mit Vergnügen tät ich's, Klosterbauer! Denn es ist keiner unter euch, um den mir die Augen naß würden. Ich bin deshalb auch in Zwischenwasser gewesen und hab mit dem Geselln vom Schmied dort gered't. Pescol heißt er. Und ich hab's der Lisei schon erzählt, daß er morgen rüberkommen und sich mein Grundstück ansehn will. Und ich denk, daß wir wohl handelseinig werden.« »Das ist gescheit, daß Ihr Euch dreinschickt«, meinte der Klosterbauer, der von dem Sprechenden halb abgewendet dasaß und, ohne aufzublicken, dichte Wolken vor sich hin blies. »Wirklich, ist's das? Und Lisei?« fragte der Schmied, wobei er sich, den Oberkörper vorbeugend, mit beiden Fäusten auf den Tisch stützte und den Klosterbauern aus nächster Nähe mit seinen blauen Augen anblitzte. Wie der Alte den Löwenkopf des Schmiedes so dicht vor sich sah und sein Blick auf dessen gewaltige Fäuste fiel, mußte er unwillkürlich an die Kraftprobe denken, die Wolf am Abend zuvor abgelegt hatte und von der beim Kirchgang viel gesprochen worden war. Er fühlte sich wie unter einem Bann und wurde nur um so erbitterter gegen Wolf, der nun fortfuhr: »Ich frag Euch also, Klosterbauer, ob Ihr mir und meiner Lisei endlich Euer Wort halten wollt. Das ist das Dritte. Als ich um die Lisei freite, habt Ihr Euch ausbedungen, daß ich sie erst heimführ, wann der Ambros geheiratet hat, und ich bin's zufrieden gewesen. Jetzt ist kein Grund mehr da, weshalb wir noch länger warten solln; denn der Ambros hat längst eine Frau genommen.« Der Klosterbauer zuckte in die Höhe, als hätte er plötzlich einen Peitschenhieb bekommen. Er wurde kirschrot im Gesicht. »Der Ambros?« stieß er mit funkelnden Blicken heraus. »Der Ambros hat geheiratet – das könnt Ihr nit leugnen«, fiel ihm der Schmied ins Wort. »Die Bedingung, die ihr der Lisei und mir gestellt habt, ist also erfüllt. Daß Euch die Heirat nit ansteht, tut mir wahrlich leid. Aber schaut, Klosterbauer, das ist kein Grund, den Ihr uns entgelten lassen könnt. Ist Euch der Ambros aufsässig geworden, so ist Euch die Lisei dagegen immer eine gute und gehorsame Tochter gewesen, und so solltet Ihr jetzt endlich ein Einsehen haben und ihr nit mit schwarzem Undank lohnen, wo es sich um ihr Lebensglück handelt.« »O Vater, sei doch gut!« bat Lisei. »Ich will's dir auch mein ganzes Leben lang danken und der Lechner auch.« »Was soll's denn?« schrie der Klosterbauer. »Jetzt, wo sie den Bayer ausgetrieben haben, jetzt soll ich ihm meine Tochter nachwerfen? Seid Ihr verrückt?« Wolf erfaßte Liseis Hand und sagte: »Daß ich ein Bayer bin, habt Ihr immer gewußt. Und glaubt doch ja nit, daß ich mein Recht auf die Lisei aufgeb, wann ich auch von St. Vigil fortmüßt! Ich hab Euer Wort, und ich kann's mir nit vorstelln, daß sich der Klosterbauer nachsagen lassen wird, daß auf sein Wort kein Verlaß nit ist. Ihr werdet Eure Ehr nit wegwerfen und selbst beschmutzen! Seht, Klosterbauer, da hab ich eine beßre Meinung von Euch als Ihr selbst.« Der Klosterbauer knirschte innerlich vor Wut, aber er konnte gegen diese Worte nichts einwenden, wenn er sich nicht selbst als ehrlos hinstellen wollte. Wolf zog Lisei dicht an sich und fuhr fort: »Aber ich denk nit dran, fortzugehn. Wann ich morgen mit der Lisei zum Pfarrer geh und der alte Arigaya stellt der Gemeind ihr Unrecht gegen mich vor, dann möcht ich doch wissen, wer mich hier noch austreiben will! Die Leut werden sich geben, und darum, Klosterbauer ...« Er brach plötzlich ab. Ein eigentümliches Geräusch, das sich aus der Richtung von St. Vigil her durch den stillen Abend vernehmen ließ, machte ihn aufhorchen. Auch der Klosterbauer richtete sich lauschend auf, und Lisei blickte ihren Verlobten mit ängstlicher Spannung an. Es war kein Zweifel: der Ton, der deutlich, wenn auch nach St. Vigil zu schwächer werdend, herüberklang, war Trommelschlag. »Jesus Maria! Was ist das, Wolf?« fragte Lisei betroffen mit leiser Stimme. Wolf stand stumm und unbeweglich wie eine Säule. Der Klosterbauer aber warf ihm einen verächtlichen Blick zu und sagte, an das dick gefrorene Fenster tretend: »Da wärn ja die Bayern!« Der Schmied stöhnte tief auf. Ferner und ferner dröhnte der Trommelschlag. 12. Kapitel Der Trommelschlag lockte alle Leute aus den Häusern diesseits und jenseits des Vigilbaches und am Bannwald. Alles, was nur die Füße regen konnte, lief mit dem Ruf »Die Bayern kommen!« nach dem Kirchanger. Aber sie waren bereits da, die Bayern. Fünfzehn Mann hoch, der schlagende Tambour voraus, marschierten sie eben über den Kirchplan auf das Schulhaus zu. Ein Offizier mit gezogenem Degen führte sie, und seine Klinge und die Gewehrläufe der Mannschaft blinkten im Sternenschein. Der Korporal des Landjägerpostens zeigte ihnen das Schulhaus, vor dem sie in zwei Gliedern Front machten. Das Spiel hörte auf, der Offizier kommandierte: »Gewehr ab!«, und dumpf dröhnten die Kolben auf den gefrorenen Boden. Dicht zusammengedrängt standen die Vigiler und betrachteten mit beklommener Neugierde die Soldaten, die sich müde auf ihre Gewehre lehnten. Der Offizier und der Korporal begaben sich ins Haus; in der Schulstube flackerte ein Licht, das zuletzt hinter eines der gefrorenen Fenster gestellt wurde. Dann kam der Offizier mit seinem Begleiter wieder heraus, und hinter ihnen im Türrahmen erschien der Schullehrer Ruthler, dem seine Frau über die Schulter schaute. Gleichzeitig entstand Bewegung in der lautlosen Menge der Dörfler; der alte Angaya bahnte sich einen Weg zu den Soldaten und redete den Kommandierenden, noch ein wenig kurzatmig von seinem eiligen Gang, mit den Worten an: »Grüß Gott, Herr Offizier, was schaffst denn?« »Der Gemeindevorsteher, Herr Oberleutnant«, erklärte der Korporal. Der Oberleutnant, von dessen Gesicht der Schirm des Tschakos und der aufgeschlagene Mantelkragen kaum mehr als einen starken, bereiften Schnurrbart und eine von der Kälte gerötete Nasenspitze erkennen ließen, maß ihn mit einem langen Blick und sagte dann: »Da der Kerl Deutsch versteht, will ich ihm selbst sagen, was ich schaffe. Jetzt, Alter, sperr deine verdammten Ohren auf!« »Weißt, Herr Offizier«, versetzte Arigaya, »ein solches Deutsch versteh ich halt nit. Aber red schon.« Der Oberleutnant schlug eine kurze, rauhe Lache auf. »Das gefällt mir!« rief er. »Ich komme hierher, um die Bauernlümmel Mores zu lehren, und der Kerl liest mir die Leviten!« »Die bayrische Sprach versteh ich halt auch nit«, entgegnete der Alte gelassen. »Aber red nur: Was soll's?« Die Vigiler hatten sich unterdessen ganz dicht herangedrängt, um besser zu hören, was die beiden miteinander sprachen. Kein Laut, kein Zeichen, keine Miene verrieten indessen, ob sie verstünden oder nicht, was der Offizier dem Müller auftrug, obgleich jener mit einer rauhen, etwas schleppenden Stimme laut genug sprach. Dann stieg Anigaya auf die Vortreppe des Schulhauses, und nachdem er dem Meister Ruthler und seiner Frau flüchtig zugenickt, wandte er sich seinen Landsleuten zu und rief: »Liebe Freunde und Nachbarn! Ich hab euch was zu sagen. Da der Herr Offizier nit mit euch zu reden weiß, soll ich euch sagen – da ich denn doch euer Gemeindevorstand bin –, daß er mit seinen Soldaten von wegen des gestrigen Rummels hergeschickt ist. Ja, und ich soll euch sagen, daß die Soldaten ihre Gewehr mit Kugeln geladen haben, und wann der Spektakel gegen den Schmied wieder losgehn sollt, werden sie schießen. Jetzt, vor ihren Kugeln fürchten wir uns wohl nit; aber ihr werdet ja Ruh halten, das weiß ich, und daher wird euch nix geschehn. Die Soldaten werden hier im Schulhaus bleiben, und ich bitt die jungen Leut, die da sind, daß sie möchten helfen, die Schulstub auszuräumen. Auch muß für die Soldaten zur Nacht Stroh hergeschafft werden. So, das ist alles, was ich euch zu sagen hab.« Er stieg wieder von der Treppe herunter. Schweigend hatten ihn die Vigiler angehört, und in Schweigen verharrten sie weiterhin. Es regte sich auch niemand, um der Bitte des Müllers nachzukommen. Die Soldaten mußten daher selber die Stube ausräumen, und sie verfuhren dabei nicht gerade säuberlich und behutsam. Die Kinder aber jubelten, als sie die Schultische und -bänke auf die Straße fliegen sahen. Auch das Stroh zum Nachtlager wäre wohl schwerlich herbeigeschafft worden, wenn der Oberleutnant, der sich diesmal des Landjäger-Korporals als Dolmetscher bediente, den Bauern nicht gedroht hätte, seine Soldaten zum Fouragieren auszuschicken, falls das Stroh nicht binnen einer Viertelstunde zur Stelle wäre. Das half mehr als selbst die Versicherung des Müllers, daß die Unkosten aus dem Gemeindesäckel erstattet würden. Die Knechte, die das Stroh brachten, warfen die Bunde jedoch vor dem Hause lässig auf die Erde und verloren sich unter der Menge. »Heiliges Kindl, ist das ein störrisches Volk!« rief der bayrische Offizier zornig. »Ja, schau, Herr Offizier«, erwiderte der Müller, »wir sind's halt nit anders gewohnt, als daß wir unsre Sachen unter uns allein abmachen. Wann du bloß wegen des Rummels herausgekommen bist, so hättst mit deinen Soldaten ruhig daheim bleiben können. Jetzt hast nix davon, als daß du morgen wieder zurückmarschiern mußt. Dabei werden bloß dem König seine Schuh zerrissen.« Darüber mußte der Oberleutnant trotz seiner üblen Laune denn doch lachen, und er entgegnete: »Jedenfalls nehmen Eure steinigen Bergstraßen des Königs Sohlen arg mit, und auch den Mann, der auf ihnen tritt. Darum, Alter, will ich jetzt, nachdem meine Leute untergebracht sind, auch zusehen, daß ich zur Ruhe komme. Was ist das für ein Haus hier nebenan?« Es war die Pfarre. »Brr!« machte der Bayer. »Da zieh ich das schlechteste Wirtshaus vor.« »Unserm geistlichen Herrn wird's recht sein«, meinte der Müller. »Er ist schon etwas alt, und ihr Bayrischen habt ja kein Christentum.« Er erbot sich, den Offizier nach dem »Stern« zu führen. »Es ist nur gut, daß Ihr das von uns wißt«, versetzte der Bayer mit einem eigentümlichen Blick und drehte seinen dicken Schnurrbart. Dann sprach er leise mit seinem Unteroffizier, dem er noch einige Verhaltungsmaßregeln gab, und winkte dem Müller, mitzukommen. Ein Soldat folgte ihm mit einer Jagdtasche, die sein Gepäck enthielt. Darauf zerstreuten sich auch die Vigiler, und der Wachtposten, der in seinem hellgrauen Mantel vor dem Schulhause auf und ab stampfte, blieb die einzige lebende Seele auf dem weiten Anger. Die Frauen und Kinder kehrten nach Hause zurück, während sich die Männer in den Schenkstuben des Bäckers und Mutschleitners sammelten, wo bald kein Platz mehr zu finden war. Auch der Klosterbauer stellte sich nach dem Abendessen im »Stern« ein. Er wollte durch sein Kommen zu verstehen geben, daß auch er den Schmied fallenlasse. Jerg deutete sein Erscheinen denn auch in diesem Sinne und machte ihm mit zuvorkommender Geschäftigkeit Platz. Der Klosterbauer beachtete es jedoch nicht; würdevoll auf seinen Stock gestützt, blickte er sich in der von den brennenden Kienspänen nur notdürftig erhellten Stube um und schritt dann auf den Ecktisch am Ofen zu, wo der alte Anigaya mit einigen älteren Männern saß. Die Tür, die daneben in die kleine Herrenstube führte, war geschlossen. Dort verzehrte der Oberleutnant einsam sein Abendessen und blieb auch allein. Weder der Landrichter noch der Oberförster, noch der Steuerrendant fanden sich heute zu ihrem gewohnten Abendtrunk ein, und Moideli, die den einsamen Gast bediente, erwies sich seinen Versuchen, sich mit ihr zu unterhalten oder mit ihr zu schäkern, völlig unzugänglich. Seine Art, mit ihr zu scherzen, war auch nicht gerade fein. Er war kein ganz junger Mann mehr, und das System Napoleons, die Truppen seiner deutschen Bundesgenossen, die für ihn nur Kanonenfutter waren, zu demoralisieren, um die Vaterlandsliebe in ihnen zu ersticken, mochte auch auf den Oberleutnant nicht ohne Wirkung geblieben sein. Bei ihren Gläsern fanden die Vigiler allmählich die Sprache wieder, die sie angesichts der Soldaten verloren zu haben schienen; aber sie redeten nur mit gedämpfter Stimme. Manchem mochte das Gewissen schlagen, während er an den Sturm auf die Schmiede dachte. Jerg trug ein sorgloses Wesen zur Schau, doch fanden seine Späße keinen Anklang. Die Leute fühlten sich beunruhigt und bedrückt. »Mich wundert's, daß Ihr den Offizier nit auf Euern Hof genommen habt!« stichelte der Blaufärber gegen den Klosterbauern. »Euer Schwiegersohn hat doch seine Landsleut nach Vigil eingeladen.« Dem Klosterbauern verging der Atem. Der alte Arigaya aber widersprach dem Färber, und zwar so laut, daß ihn alle in der Stube verstehen konnten. Es wäre ihm jedoch schwerlich geglückt, den Schmied von jenem Verdacht zu reinigen, wenn er nicht bessere Beweise als seine Bürgschaft gehabt hätte. Denn da er nicht leugnen konnte, daß Wolf am Morgen in Zwischenwasser gewesen war, blieb es immerhin möglich, daß der Schmied von dort aus einen Boten nach Bruneck geschickt hatte. Der Müller hatte den Oberleutnant auf dem Wege zum »Stern« gefragt, wie die Kunde von dem Tumult so schnell in Bruneck bekanntgeworden sei, und da es sich um kein Dienst- oder gar Staatsgeheimnis. handelte, hatte ihm jener mitgeteilt, was er wußte. Der Korporal des Landjägerpostens hatte über den Tumult nach Bruneck Bericht erstattet, weil er sich mit seinen drei Mann zu schwach fühlte, den Schmied zu schützen, falls sich der Angriff auf dessen Person und Eigentum wiederholen sollte. »Ob der Schmied die Bayern gerufen hat oder nit, das ist jetzt gleichgültig«, versetzte darauf der Klosterbauer. »Sie sind hier, und er ist schuld dran. Wär er kein Bayer, würd ihm nix geschehn sein.« Er blickte mit einer Miene um sich, als wolle er die anderen auffordern, den Trumpf, den er ausgespielt hatte, zu stechen – falls sie könnten. Sie konnten es nicht; denn die Tatsache, daß die Bayern da waren, war nicht wegzuleugnen, und man erinnerte sich der Geschichten, die von dem wüsten Treiben der Soldaten in diesem und jenem Dorf erzählt wurden. »Da kommt einer, der von alldem ein Liedlein zu singen weiß!« sagte der Wirt, als in diesem Augenblick die Tür aufging und Meister Hartwanger mit seinem Glaserkasten auf dem Rücken in die Stube trat. Jerg rief lachend: »Die Raben sammeln sich, wo ...« »Schon recht!« fiel ihm der Meister ins Wort. »Wann ihr den Leuten die Fenster einwerft, muß der Glaser kommen. Hab das lustige Klirrn bis Bruneck gehört.« Man machte ihm mit Blicken auf die Nebenstube Zeichen, daß er nicht so laut sprechen solle, und Mutschleitner sagte dem Neuankömmling, während er ihm behilflich war, den Glaserkasten an einen sicheren Stelle unterzubringen, wer dort sei. »Freilich«, meinte Hartwangen, »im Haus des Gehenkten soll man nit vom Strick reden.« Leise fügte er hinzu: »Ich soll dich vom Peter Flueber grüßen; ihr sollt die Zähn zusammenbeißen, was auch geschehn mag.« Die Blicke beider Männer trafen sich verständnisvoll. Dann entfernte sich Mutschleitner, um die leer gewordene Flasche eines Gastes wieder zu füllen, und Hartwanger folgte der Einladung des Klosterbauern, sich an seinen Tisch zu setzen und zu berichten, was es in der Welt Neues gäbe. »Das Neuste gibt's ja bei Euch hier«, entgegnete der Glaser. »Daß es just Euch hat treffen müssen, Klosterbauer, tut mir leid.« »Wie hätt ich denn das zu verstehn?« fragte der Klosterbauer, die Augenbrauen befremdet in die Höhe ziehend, während die anderen neugierig die Köpfe verbogen. »Ich hab doch erzähln hörn, daß der Aufruhr gestern Euerm künftigen Schwiegersohn gegolten hat«, versetzte Hartwanger, der nicht der Mann war, sich von dem Klosterbauern einschüchtern zu lassen. »Meint Ihr, daß ich ein schlechterer Tiroler bin wie Ihr oder irgendwer anders?« fragte Falkner mit der hochmütigsten Miene. »Der muß ein schlechter Tiroler sein, der sich in diesen Zeiten seinen Eidam unter den Bayern sucht! Einem Bayer geb ich meine Tochter nit, und wann's der König selber wär!« »Nein, Klosterbauer!« rief der Müller. »Das Wort mußt du zurücknehmen.« »Was der Klosterbauer gesagt hat, das hat er gesagt«, erwiderte dieser und schlug bekräftigend mit der Faust auf den Tisch. Hartwanger sah ihn eine Weile mit seinen klugen, ehrlichen Augen an und sagte: »Das ist freilich was andres. Dann ist bei dem Rummel mehr zerbrochen, als mein Glaserkitt wieder ganzmachen kann. Ja, ja, der Klosterbauer denkt nur ans Vaterland, darüber kann alles übrige in Stücke gehn. Das muß man loben. Ein Elend ist's freilich, wieviel Glück von unschuldigen Menschen in diesen Zeiten unter die Füß getreten wird. Das haben sich die Herrn am grünen Tisch wohl nit vorgestellt, als sie Tirol von Österreich abschnitten, daß der Schnitt mitten durch so viele Herzen ging! Und es darf nit mal schrein, wann's weh tut. Wer schreit, kriegt Schläg! Es ist halt ein väterlich Regiment. Da erzähln sie von einem alten Priester, den die Soldaten weggeschleppt haben, weil er sich an das Verbot der Regierung nit gekehrt und mit dem Vikar des geächteten Bischofs von Chur in Verbindung gestanden hat. Und daß ihn der Oberst Dittfurt unterwegs eigenhändig mit Faustschlägen traktiert hat. Na, 's ist noch nit aller Tag Abend! Aber Geduld muß einer haben, warten muß einer können.« Er hatte die Stimme allmählich sinken lassen, und je leiser er sprach, desto schärfer drangen die Blicke seiner Zuhörer auf ihn ein. Als er schwieg, hörte man an dem Tisch der Großbauern mehrere Minuten lang keinen Laut. »Je nun, die Bayern ziehn wohl morgen wieder ab«, nahm schließlich der Müller das Wort. »Denn zu tun ist ja hier nix mehr für sie.« »Das kann man denn doch so genau nit wissen«, meinte der Glaser. »Wollen's abwarten in Geduld. Derweilen wünsch ich Euch allen eine wohlschlafende Nacht.« Mutschleitner leuchtete ihm nach seiner Kammer, und dort saßen beide noch eine geraume Weile in leisem Gespräch beisammen. Als Hartwanger am nächsten Morgen mit seinem Glaserkasten zur Schmiede ging, bemerkte er nichts, was auf den Abmarsch der Soldaten gedeutet hätte. Von der Schmiede her aber vernahm er zu seinem Erstaunen Hammerklang. Lechner arbeitete wie gewöhnlich, und sein Lehrling zog den Blasebalg. Er vollendete die Arbeit, bei der er am Sonnabend durch den Angriff auf sein Haus unterbrochen worden war. Statt sich marschfertig zu machen, traten die Soldaten morgens auf dem Anger zum Exerzieren an. Das ungewohnte Schauspiel lockte aber nur die Kinder herbei, die sich der im Freien aufgehäuften Tische und Bänke aus der Schulstube als Tribüne bedienten. Froh über den unverhofften Feiertag, genossen sie das militärische Schauspiel und machten große, verwunderte Augen zu dem seltsamen Klang der Worte, die der drillende Unteroffizier mit zornrotem Gesicht ausstieß. Ihre unschuldigen Ohren verstanden glücklicherweise nicht das Schimpfen und Fluchen, womit er die Mannschaft überschüttete. Unterdessen war Herr Zengerl im Gerichtshause mit der Untersuchung des Tumults gegen den Schmied beschäftigt. Es war bei seiner patriotischen Gesinnung eine peinliche Pflicht, die er zu erfüllen hatte. Durch die Aussagen der Landjäger und der wegen des Aufruhrs verhafteten Inkulpaten Inkulpaten – Angeschuldigter, Angeklagter wurden viele Leute bloßgestellt. Der Name Jerg Arigayas tauchte nicht auf. Der Landrichter hatte gerade eine Liste derjenigen Personen angefertigt, die zum nächsten Morgen auf das Amt geladen werden sollten, als der asthmatische Bote und Schließer einen Herrn zu ihm hereinführte, der soeben in einem Schlitten angekommen war. Es war ein kleiner Herr in einem Mantel mit vielen kurzen Kragen, der sich ihm mit geschäftsmäßiger Höflichkeit als Auditor Auditor – (österr.) Auditeur, Rechtsgelehrter bei Militärgerichten. Stiermann, Spezialkommissar des Kreishauptmanns von Bruneck, vorstellte. Der Gesichtsausdruck des Landrichters mochte dessen unangenehme Überraschung zu deutlich verraten haben; denn Herr Stiermann beeilte sich, indem er seine Vollmacht überreichte, hinzuzufügen, daß der Maßregel des Kreishauptmanns von Hofstetten keineswegs ein Mißtrauen gegen den Landrichter zugrunde liege; die Regierung wünsche nur rasch klare Einsicht in den Fall zu gewinnen, der ihr in mancher Beziehung höchst bedenklich erscheine und das schnelle Ergreifen wirksamer Maßregeln offenbar notwendig mache. Herr Zengerl brummte etwas Unverständliches vor sich hin und vertiefte sich in das Schreiben, während der Auditor seinen Mantel ablegte und sich mit einer wohlgepflegten Hand das zierlich gekräuselte blonde Haar auflockerte. Der Mann machte überhaupt den Eindruck des Zierlichen, besonders neben der derbknochigen Gestalt des äußerlich etwas nachlässigen Landrichters. Der Auditor in seiner modischen Tracht und seinem gepflegten Äußeren hätte besser in einen Gesellschaftssaal der Hauptstadt als in die bäuerliche Gerichtsstube gepaßt. Sorgfältig stäubte er erst mit seinem weißen Taschentuch den plumpen Lederstuhl ab, bevor er dem Landrichter gegenüber Platz nahm. Der Mann hatte scharf ausgeprägte, doch regelmäßige Züge sowie eine schmale, hohe Stirn. Etwas Starres lag in diesen Zügen, das noch erhöht wurde durch eine graue Gesichtsfarbe, von der sich nur die schmalen Lippen mit einem matten Rot abhoben. Wenn er etwas in den Akten nachlas, nahm er seine Zuflucht zu einem goldenen Lorgnon, das er an einem schwarzen Seidenbande trug. Auf den Landrichter machte der Kommissar den Eindruck, als habe er die Kälte, die draußen herrschte, mit ins Zimmer gebracht, und er fühlte sich dessen unwandelbarer bürokratischer Höflichkeit gegenüber anfangs in dem Bewußtsein seiner zwanglosen und nichts weniger als weltmännischen Manieren etwas befangen. Er versuchte auch, seinem Benehmen etwas mehr Form zu geben, fiel aber bald in sein gewohnten Wesen zurück, und als ihn der Kommissar ersuchte, über den Stand der Angelegenheit, die sie beide beschäftigte, zu berichten, tat er dies, indem er beide Hände in die Hosentaschen steckte und sich auf seinem Stuhl zurücklegte, so daß dieser nur auf den hinteren Füßen stand. »Sie sehn, daß die verdammte Geschicht in ihren Motiven von Anfang bis Ende klar genug ist«, schloß er und ließ den Stuhl auf den vorderen Beinen zur Ruhe kommen. Der Kommissar machte eine kleine Verbeugung, schob die Rechte in die Weste und sagte: »Aus Ihrem Resümee, Herr Landrichter, geht hervor, daß der Aufruhr seine Ursache in der Unzufriedenheit mit einer Maßregel der Königlichen Regierung hat und daß er sich symbolisch gegen den Schmied, weil er ein Bayer ist, gerichtet hat. Darum eben wiegt dieser Fall besonders schwer. Es muß ein Exempel statuiert werden, um den aufrührerischen Geist zu unterdrücken und den Bayern in Tirol die Sicherheit der Person und des Eigentums zu gewähren, die sie in ihrem eigentlichen Vaterlande genießen – ein Exempel für die Verführten und die Verführer.« »Einen andern Verführer als das Getränksteuergesetz vermag ich in dem gegenwärtigen Fall nit zu entdecken«, wandte Herr Zengerl ein. »Mag sein«, entgegnete der Kommissar. »Im allgemeinen steht es aber anders. Dieser sogenannte Nationalhaß der Tiroler gegen die Bayern muß aufhören; er ist unnatürlich, ein Rest barbarischer Zeiten. Er wäre längst verschwunden, wenn er nicht von der Geistlichkeit dieses Landes fortwährend geschürt würde. Und warum das? Die Königliche Regierung ist von den besten Intentionen beseelt; sie will ihre Untertanen ohne Unterschied des Namens der Nacht des Aberglaubens und der Unwissenheit entreißen, die Segnungen der Aufklärung und Bildung verbreiten, die Sittlichkeit fördern und den Wohlstand des Landes heben.« »Die Intentionen erkenn ich alle an«, versetzte der Landrichter und legte das Federmesser, mit dem er unterdessen an seinen Nägeln geschnitzelt hatte, auf den Tisch. »Aber schaun Sie, Herr Kommissar, Sie verlangen von den armen Leuten zuviel. Wie können sie an die guten Absichten den Regierung glauben, wann diese dabei das arme Tirol mit Steuern überbürdet und das Volk in seinem Glauben verletzt? Da liegt der Has im Pfeffer!« »Es ist mir angenehm, daß Sie diese Punkte berührt haben.« Herr Stiermann neigte den Kopf gegen den Landrichter. »Man muß die Verhältnisse mit einem freieren Blick auffassen, und die Königliche Regierung tut das. Ich bestreite nicht, daß die Steuern für Tirol relativ hoch sind; allein, die Ursache davon liegt sowohl in unseren kriegerischen Zeiten wie auch in den erheblichen Kosten, die es erfordert, die von Österreich bisher unbeachtet gelassenen Quellen des Wohlstandes in diesem Lande zu öffnen. Aber kann man den Wohlstand eines Landes fördern, ohne die Summe der Kenntnisse seiner Bewohner zu vermehren? Tirol aber ist blind gegen seinen Vorteil, und wenn es störrisch das Gute zurückweist, das ihm von der gegenwärtigen Landesregierung geboten wird – wer anders trägt die Schuld als die Geistlichkeit? Weil eine aufgeklärte und gebildete Nation für die römische Priesterherrschaft verloren wäre, darum muß Tirol in Unwissenheit, Armut und Aberglauben versunken bleiben! Darum muß das Märchen von dem gefährdeten Glauben herhalten! Oder ist es etwa nicht dieses Märchen, mit dem die Geistlichkeit die Massen gegen die Intentionen der Königlichen Regierung zu fanatisieren sucht? Ist es nicht diese von den Jesuiten ausgegebene Parole, mit der man in Bayern Seine Majestät zu zwingen versucht, Leute wie Feuerbach, Feuerbach – Paul Johann Anselm Ritter von Feuerbach (1775-1833), deutscher Strafrechtslehrer und Kriminalist, Vater des berühmten materialistischen Philosophen Ludwig Feuerbach; wurde 1804 von Montgelas mit der Ausarbeitung eines bayrischen Strafgesetzbuches beauftragt und tat 1806 durch seinen Entwurf zur Abschaffung der Folter den ersten Schritt zur Beseitigung der Mißbräuche in der bayrischen Kriminaljustiz. Berühmt geworden ist er vor allem durch seine Abschreckungstheorie, worin er im Gegensatz zur Kantschen Straftheorie die Abschreckung als Zweck einer Strafe bezeichnet. Schelling, Schelling – Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling (1775-1854), romantischer, pantheistischer Naturphilosoph; war einer der Hauptvertreter der Identitätsphilosophie, d.h. der Anschauung, daß Gegensätze, wie z. B. Materie und Geist, aus dem gleichen Urgrunde, dem Absoluten, entsprungen und lediglich Äußerungsformen eines Gemeinsamen seien. – Im Jahre 1808 wurde Schelling von Montgelas (s. Anm. 41) als Generalsekretär der Königlichen Akademie der Bildenden Künste nach München berufen. Thiersch Thiersch – Friedrich Thiersch (1784-1860), deutscher Philologe; begründete 1812 das mit der Akademie verbundene Philologische Institut in München, wurde 1826 Direktor des Philologischen Seminars der Universität und weilte 1831-1832 in Griechenland, wo er an der Regierung teilnahm und namentlich für die Wahl des Prinzen Otto von Bayern zum König wirkte. 1848 wurde er zum Präsidenten der Bayrischen Akademie der Wissenschaften gewählt. Ihm ist die Wiederbelebung der philologischen Studien in Bayern zu danken. und andere, die aus der Fremde berufen worden sind, um Bayern der Kultur des neunzehnten Jahrhunderts zuzuführen, aus ihren Stellungen zu entlassen? Als ob eine aufgeklärte Regierung heutzutage irgendein Interesse daran haben könnte, daß ihre Untertanen nach einer bestimmten Fasson selig würden! Nicht das Singen und Beten macht die Menschen gut Lernen, Erkennen, Wissen, Arbeiten – das entwickelt das sittliche Bewußtsein, das macht den Menschen gut und zugleich vermögend.« »Freilich, freilich!« murmelte der Landrichter. »Das unterschreib ich.« Der Kommissar fuhr fort – stets mit derselben starren Miene und ohne daß seine Lebhaftigkeit das Grau aus seinem Gesicht verdrängt hätte: »Das leibliche und geistige Wohl seiner Angehörigen zu fördern – darin beruht die Aufgabe des Staates. Wer sich diesen Staatszwecken, gleichviel in welcher Absicht, widersetzt, den muß die Staatsgewalt zwingen, sie zu erfüllen, oder ihn unschädlich machen. Bemüht sich unsere Geistlichkeit um diesen Zweck? Nein! In welchem Staat der Geistliche auch fungiere – seine Interessen haben ihren Mittelpunkt in Rom. Diese Zwiespältigkeit der Interessen ist unverträglich mit dem Staatszweck und muß daher aufhören. Die Priesterweihe darf dem Betreffenden nicht mehr den Freibrief ausstellen, sich auf Befehl des Mannes in Rom ungestraft dem Staatszweck zu widersetzen. Wenn die Geistlichkeit noch die Interessen ihrer Gemeinden verträte, wenn sie noch als deren Mandatar aufgefaßt werden könnte! Aber die Gemeinde ist in der katholischen Kirche seit dem vierten Jahrhundert mundtot, und seitdem unterhandeln die Pfaffen über die Köpfe des Volkes hinweg mit der Staatsgewalt. Unterhandeln wie von Staat zu Staat! Welche Anomalie! Zeigen Sie mir außer der Kirche noch eine andere gesellschaftliche Institution, der es gelungen wäre, sich dem Staat nicht nur gleichzustellen, nein, ihn sogar zu beherrschen und seine Interessen den ihrigen unterzuordnen! Und wie die Entwicklung der Völker durch dieses unnatürliche Verhältnis aufgehalten worden ist, das, sollte ich meinen, steht in der Geschichte keines Volkes so deutlich wie in der des deutschen verzeichnet. – Nun wohl, Bayern hat den alten Kampf um die Wiederherstellung der natürlichen Ordnung aufgenommen. Die gesellschaftlichen Interessen müssen sich den staatlichen beugen. Es ist möglich, daß wir unterliegen, aber wir werden bis zum Äußersten kämpfen, und ich sage Ihnen, der Kampf wird erneut entbrennen und wieder und wieder, bis die usurpierte Macht der römischen Geistlichkeit gebrochen ist.« »Gegen Ihre Staatstheorie wend ich nix ein«, erwiderte Herr Zengerl und räusperte sich. »Aber ein freimütig Wörtlein müssen Sie mir schon gestatten. Audiatur et altera pars! Audiatur et altera pars – (lat.) Man höre auch den anderen Teil (die Gegenseite). Schaun Sie, Herr Kommissar, ein andres ist die richtige Erkenntnis des Zwecks und ein andres die Anwendung der richtigen Mittel. Man hat's in Tirol mit der Verwirklichung der Absichten, von denen Sie sprachen, mindestens etwas zu eilig. Und auch wohl in Bayern. Montgelas ist ein Mann, den ich aufrichtig hochachte; er ist der Nation mit seinen Ideen weit voraus. Aber das ist ein ebenso großes Unglück, als wenn es sich umgekehrt verhielte. Der Boden ist für seine Ideen nit ordentlich vorbereitet – bei uns hier gewiß nit. Schlimmer noch ist, daß man kaum die Saat ausgestreut hat und schon Frucht verlangt. Kaum ist der Prozeß eingeleitet, so soll auch schon das Urteil gesprochen werden!« »Sie hätten recht, Herr Landrichter, wenn man der Entwicklung durch die Zeit vertrauen könnte«, antwortete der Kommissar, indem er seine wohlgepflegten Hände betrachtete, deren rechte ein Siegelring mit einem roten Stein schmückte. »Aber es fehlt in Tirol der gute Wille. Man will nicht vorwärts; man widersetzt sich, wo man es tun zu können glaubt, und so bleibt der Regierung nichts anderes übrig, als die Leute zu ihrem Besten zu zwingen. Tirol hat es sich selbst zuzuschreiben, wenn die Königliche Regierung ohne Schonung durchgreift. Die Unvernunft frei gewähren zu lassen – von dem bösen Willen gar nicht zu sprechen – hieße mit verschränkten Armen zuschauen, wie der Staat aus den Fugen getrieben wird. Darum muß auch in dem speziellen Falle, der uns hier beschäftigt, mit Energie durchgegriffen werden, zum warnenden Exempel!« Er streckte die Hand mit dem Siegelring nach der Liste der Vorzuladenden aus, und Herrn Zengerl erschien der rote Stein des Ringes wie ein Blutstropfen auf der weißen Hand. Er seufzte; denn er war überzeugt, daß dieser Mann mit der unbeweglichen Miene unerbittlich durchgreifen würde, und deutlicher noch als damals im Gespräch mit dem Oberförster sah er das Gute, das Tirol aus der Herrschaft Bayerns erwachsen konnte, durch die Hast und Rücksichtslosigkeit der Beamten selber, die Montgelas nach Tirol geschickt hatte, im Keime zerstört. Inzwischen hatte sich durch den Kutscher aus Bruneck, der seinen Schlitten im »Stern« eingestellt hatte, die Nachricht verbreitet, daß ein bayrischer Kommissar angekommen und im Gerichtshause abgestiegen sei. Später hieß es, der Oberleutnant sei auf das Gericht beschieden worden, und dann sah man die Landjäger mit Gewehr und Seitengewehr von dort herkommen, und während der eine den Weg nach Monthan einschlug, gingen die beiden anderen, der eine hier, der andere dort, in die Häuser. Wo sie auf wenige Minuten eintraten, ließen sie die Leute in Bestürzung zurück. Sie überbrachten gerichtliche Vorladungen für den nächsten Vormittag um 9 Uhr. Unruhe, Sorge und Angst bemächtigten sich der ganzen Bevölkerung, nicht nur in St. Vigil, sondern auch in Monthan, und schon lange vor 9 Uhr standen am folgenden Morgen die Einwohner beider Orte in dichten Massen vor dem Gerichtshause. In dem Vorhof, der durch ein eisernes Gitter zwischen gemauerten Pfeilern von der Gasse getrennt war, kampierten die Soldaten. Sie hatten ihre Gewehre unter den entlaubten Bäumen in zwei Pyramiden zusammengestellt, vor denen ein Posten auf und ab ging, während der Korporal der Landjäger mit einem seiner Leute am Tor stand. Er ließ niemanden ein außer den Vorgeladenen. Die ungewöhnlichen Vorkehrungen waren nicht geeignet, die allgemeine Besorgnis und Angst der Freunde und Angehörigen der Zitierten herabzumindern. Sie wirkten auf die Gemüter wie die Anzeichen eines drohenden Bergsturzes. Das unheimlich Schreckhafte dieser Anzeichen drückte sich in dem Wort »Der Kommissar!« aus, den bisher niemand zu Gesicht bekommen hatte. Herr Zengerl hatte nicht umhin gekonnt, dem Auditor seine Gastfreundschaft anzubieten, die dieser auch angenommen und deshalb das Gerichtshaus seit seiner Ankunft nicht mehr verlassen hatte. Seine persönliche Bekanntschaft hatte nur der Oberförster gemacht, der zusammen mit dem Oberleutnant von Herrn Zengerl eingeladen worden war, ihm den Abend mit seinem Gast durch eine Bostonpartie töten zu helfen. Der Oberförster war dann am frühen Morgen in die Bruscia gegangen. Unruhig und mit dumpfem Brausen wogte die Menschenmenge vor dem Gerichtshaus hin und her. Gruppen bildeten sich und lösten sich wieder. Jeder wollte von dem andern wissen, was es geben würde. Niemand wußte es. Der alte Arigaya und auch Hartwanger, der noch in St. Vigil geblieben war, wurden fortwährend mit Fragen bestürmt. Ihre Bemühungen, die Leute durch den Hinweis auf den bekannten Gerechtigkeitssinn des Landrichters zu beschwichtigen, verfingen nicht. Die Aufregung wuchs von Minute zu Minute, und die Soldaten nährten sie noch, indem sie den Wartenden durch das Gitter hindurch Gesichter schnitten und einander laut spöttische Bemerkungen zuriefen. Der Trommelschläger, der der Spaßmacher unter ihnen zu sein schien, ahmte sogar zum allgemeinen Gaudium seiner Kameraden das Wehklagen der Frauen nach. Der Oberleutnant ließ sie gewähren. Er ging gemächlich auf dem Hof hin und her, die linke Hand auf das Gefäß seines Degens gedrückt, so daß dieser waagerecht hinter ihm wegstand; von Zeit zu Zeit gähnte er, drehte an seinem Schnurrbart, zupfte an seinen Handschuhen oder schaute nach der Turmuhr, unbekümmert um die aufgeregten und finsteren Mienen der Dörfler und die Drohungen, mit denen die Menge die Neckereien der Soldaten zu beantworten anfing. Nur einmal blieb er stehen und lachte kurz auf. Eine Stimme hatte dem Tambour zugerufen: »Nimm dich in acht! Wann ich dich unter die Fäust krieg, gerb ich deine eigne Haut zum Trommelfell; darauf soll euch allen der Satan den Marsch zur Höhen schlagen!« Das Gamsmanndl mußte in großen Zorn geraten sein, daß es in solcher Weise aus seiner gewohnten Schweigsamkeit herausgetreten war. Zu Ambros, der neben ihm stand, fuhr er auf Ladinisch fort: »Hättet ihr gestern auf mich gehört, würden wir die blaue Satansbrut samt ihren Ofengabeln zum Tal hinausgeworfen haben. Haben wir nicht im Notfall unsere Stutzen daheim hängen? Aber ihr seid alle wie nasses Stroh; da kann man Feuer hineinwerfen, und es brennt nicht.« »Mach du uns keine Geschichten!« mischte sich Mutschleitner ein. »Ich hab's dir schon gestern gesagt. Es wird schon brennen, wann's Zeit ist. Die Bayern tragen ja fleißig Holz zu.« »Und derweilen werden wir selber von ihnen geschmort!« rief eine jugendliche Stimme. »Solln wir das leiden? Ambros, was meinst?« Die Frage wurde von vielen wiederholt. Ambros blickte sich um. Die jungen Burschen hatten sich allmählich um ihn geschart, seit er auf dem Anger erschienen war, und wie in früherer Zeit erwarteten sie von ihm, daß er den Ausschlag gäbe. Die Kampflust leuchtete ihnen hell aus den Gesichtern. Ambros' breite Brust hob sich, und seine Augen blitzten, »An die Gewehre!« ertönte auf dem Hof das Kommando. Ein Landjäger war aus dem Hause gekommen, hatte ein paar Worte mit dem Offizier gesprochen und war wieder zurückgegangen. Auf das weithin schallende Kommando des Oberleutnants wurde es in der Menge draußen still, und in fast atemloser Spannung folgte jedes Auge den Bewegungen der Soldaten, die sich vor der Tür des Gerichtshauses mit angezogenen Gewehren aufstellten. Der Oberleutnant verschwand für eine Weile im Hause. Als er zurückkam, folgte ihm ein Landjäger mit aufgepflanztem Seitengewehr, und hinten diesem erschienen paarweise alle die, die vor das Amt zitiert worden waren, mit auf dem Rücken gebundenen Händen. Es waren zehn junge Leute. Ein bewaffneter Landjäger bildete den Schluß. Die Gefangenen wurden von den Soldaten in die Mitte genommen, und der Zug setzte sich in Bewegung. Der Korporal mit seinem Landjäger schloß sich ihm an. Ein allgemeiner Aufschrei der Menge empfing die Gefangenen bei ihrem Erscheinen im Hof. Es war ein Schrei, in dem sich Schrecken, Jammer und Zorn mischten, ein Schrei, so herzdurchdringend, daß der Offizier einen Augenblick stutzte und dann hastig mit dem Degen winkte. Der Tambour begann zu schlagen. Weinend, schreiend, klagend und fragend umdrängte die Masse den Zug, der sich nur langsam fortzubewegen vermochte. Die Gefangenen gingen, teils mit finsteren oder wild-trotzigen Mienen, teils verzagt, einige mit Tränen in den Augen zwischen den Soldaten, die fortwährend die Menge von sich abwehren mußten. Das ununterbrochene Wirbeln der Trommel hinderte die Gefangenen daran, sich ihren Landsleuten verständlich zu machen, und der Oberleutnant setzte allen Fragen, mit denen er über das Schicksal der Gefangenen bestürmt wurde, ein mürrisches Schweigen entgegen. Der Zug bewegte sich über den Anger nach dem Schulhause. Als er an der Ecke des Kirchhofs, der Schule gegenüber, angelangt war, kam ihm eiligst Herr Moltenbecher entgegen. Der hochwürdige Herr war in Hausrock und Schuhen, und ein Käppchen bedeckte sein silber-weißes Haar. »Der Herr Pfarrer!« rief es in der Menge, und es klang wie ein, hoffnungsvolles Aufatmen. Herr Moltenbecher machte dem Oberleutnant schon von weitem Zeichen, und dieser befahl dem Tambour, seine Stöcke ruhen zu lassen, und ließ dann haltmachen. »Ich bitt Sie, mein Herr Offizier«, rief der Greis mit raschem Atem, »was hat der Auftritt zu bedeuten? Was soll mit den armen Menschen geschehn, die Sie da gebunden mit sich führn?« »Hm, Herr Pfarrer«, versetzte der Oberleutnant, »die Kerle haben eingestandenermaßen an dem Spektakel gegen den Schmied teilgenommen und sollen jetzt dafür ihren Lohn kriegen. Jeder fünfundzwanzig!« Ein Aufschrei all derer, die es gehört hatten, erhob sich, und von den Gefangenen kamen die flehenden Rufe: »Helft uns! Rettet uns!« Der Pfarrer trat erschrocken einen Schritt näher und rief: »Das ist unmöglich! Das barbarische Urteil darf nit vollstreckt werden. Warten Sie damit wenigstens, bis ich mit dem Herrn Kommissar Rücksprach genommen hab. Ich bitt, ich beschwör Sie bei allem, was Ihnen teuer ist: Gedulden Sie sich nur so lang!« Dem Oberleutnant mochte es nicht unlieb sein, von dem Kommando einer Exekution befreit zu werden, die für sein Ehrgefühl wenig erfreulich war. Er erklärte sich nach einem kurzen Nachdenken bereit den Pfarrer nach dem Gerichtshause zurückzubegleiten, und übergab das Kommando dem Unteroffizier, der den Zug nach dem Schulhause weiterführte. Herr Moltenbecher, der unterdessen den alten Arigaya entdeckt hatte, winkte diesem, ihn als Gemeindevorsteher zu begleiten. In der Gerichtsstube diktierte der Herr Kommissar dem Schreiber eine Proklamation, die an der Kirchentür angeheftet werden sollte. Er ging dabei in der Stube auf und ab, die linke Hand auf dem Rücken, die rechte zwischen Busenstrich und Weste. Der Landrichter saß am Tisch und wühlte sich im Haar; bald nahm er das Federmesser, bald eine Feder vom Tisch auf und warf sie wieder von sich. Der Blick, den er dem Pfarrer zuwarf, als dieser mit seinen Begleitern hereintrat, war nicht ermutigend ... und trägt die Gemeinde den Schaden, der von den Tumultanten an dem Hause des Schmiedes Wolfgang Lechner angerichtet worden ist, und zahlt besagtem pp. Lechner ein Schmerzensgeld von einhundert Gulden«, diktierte der Kommissar eben den Schluß, worauf er in seinem Gang innehielt und den Pfarrer fragend ansah. Dieser ergriff denn auch sogleich das Wort, schilderte die große Aufregung, die die ungewöhnliche Maßnahme des Kommissars hervorgerufen habe, und bat, von ihrem Vollzug Abstand zu nehmen. »Ich vermute, daß Sie im Auftrage Ihres Herzens zu mir kommen«, begann der Kommissar, der ihn unbewegt angehört hatte. »Als Seelsorger der Gemeind und mit deren Vorsteher.« Der Kommissar machte eine kleine, förmliche Verbeugung und sagte mit einem scharf zugespitzten Ton: »Nun wohl, mein Herr Seelsorger, hätte Ihnen die Wohlfahrt Ihrer Gemeinde stets so warm am Herzen gelegen wie in dieser Stunde, dann befände sich die Regierung nicht in der unangenehmen Lage, ein Exempel statuieren zu müssen. Hätten Sie die Gemeinde stets zum Gehorsam gegen die Obrigkeit angehalten, hätten Sie ihr die Lehre unseres Religionsstifters von der Nächstenliebe ordentlich eingeschärft, dann wäre diese Auflehnung gegen die Verordnung der Königlichen Regierung unterblieben, und hätte sich nicht in dem Haß gegen einen Mann dokumentiert, dessen einziges Unrecht es unter Ihnen ist, der Nation anzugehören, in der unser erlauchtes Königshaus wurzelt.« Herr Moltenbechen blickte bei diesen unerwarteten Vorwürfen wie verloren um sich. Dann legte er die Hand aufs Herz und rief: »Der Himmel ist mein Zeuge, daß ich meines heiligen Amtes immer nach bestem Wissen und Gewissen gewaltet hab. Aber es soll hier nit von mir geredet werden. Ich bin jeden Augenblick bereit, meinem Richter Red zu stehn, dem weltlichen wie dem ewigen. Es handelt sich um die Unglücklichen, die, von ihrer Aufregung verführt, gegen die Gesetz verstoßen haben. Ich bitte nit um Gnad für sie, sondern um Gerechtigkeit. Was sie gegen das Gesetz gefehlt haben, das solln sie auch nach dem Gesetz büßen. Aber nit nach Willkür, nicht einige für alle, nicht zehn für hundert! Oder soll die Abstrafung jener zehn nur der Anfang einer Exekution sein, für deren richtige Bezeichnung ich kaum einen Namen hab? Nein, mein Herr Kommissar! Auch die Regierungen stehn unter dem Gesetz, nit über ihm! Sie solln's überwachen, nit unter die Füß treten!« Der Landrichter nickte ihm zu. Der Kommissar aber entgegnete: »Das Exempel, das ich an den zehn aufstellen lasse, wird genügen, Ihre Gemeinde für alle Zukunft zu warnen. Die Sache wird damit abgetan sein. Aber hüten Sie sich, mein Herr Pfarrer«, fuhr er fort, indem er sein Lorgnon vor die Augen brachte und den Geistlichen damit von Kopf bis Fuß maß, »hüten Sie sich, daß Sie nicht selbst das Gesetz übertreten, indem Sie die Regierung schmähen. Pochen Sie nicht zu sehr auf Ihr Gewand! Die Geduld der Regierung, als deren Vertreter ich zu Ihnen spreche, ist nahezu erschöpft. Sie fordert Gehorsam ohne Unterschied des Standes.« »Verfahrn Sie mit mir, wie's Ihnen beliebt«, erwiderte Herr Moltenbecher erregt, »nur nehmen Sie den barbarischen Urteilsspruch zurück! Woher soll dem gemeinen Mann die Achtung vorm Gesetz kommen, wann er erfahrn muß, daß die Regierung es selbst nit achtet? Man redet ihm vor, daß sie nur sein Bestes will, daß sie ihn aufklärn und zum Menschen machen will – und sie entwürdigt die Menschheit in ihm, raubt ihm die Selbstachtung, indem sie ihn mit Stockschlägen behandelt, als ob er ein Hund wär.« »Ich will diese Äußerungen nicht gehört haben«, sagte der Kommissar. Ich rechne sie Ihrem greisen Haar zugute. Der aufsässige Geist Tirols fordert die unnachsichtige Strenge der Regierung heraus. Es bleibt bei meiner Entscheidung.« Er verbeugte sich kurz, um dem Geistlichen anzudeuten, daß er entlassen sei. Von dem Müller hatte er gar keine Notiz genommen. Der Pfarrer aber rief: »Nein, mein Herr Kommissar, es darf dabei nit sein Bewenden haben! Sein Sie menschlich, lassen Sie den Prozeß seinen vorschriftsmäßigen Gang gehn, lassen Sie dem Gesetz seinen Lauf! Ihre Härte verdirbt alles! Werfen Sie nur einen Blick auf die erregten Menschen draußen. Noch hoffen sie auf Gerechtigkeit! Wann Sie das grausame Urteil vollstrecken lassen, so steh ich für nix ein.« Der Kommissar blieb unbewegt. Geringschätzig zuckte er mit den Achseln. »Mög Ihnen Gott in Ihrer letzten Stund nit sein Ohr verschließen, wie Sie jetzt Ihr Ohr der Stimme der Menschlichkeit verschließen«, fuhr der Greis bewegt fort, wobei ihm Tränen in die Augen traten. »Herr, mein Gott, du hast den Menschen nach deinem Bild geschaffen! Wie ist es möglich, daß kein Funke von deiner Gerechtigkeit in der Brust dieses Mannes glimmt? Herr Kommissar, der Sie hier stehn im Namen des Königs, handeln Sie auch als ein König! Gewinnen Sie ihm die Herzen dieser armen Leut durch Menschlichkeit! Sie wolln zehn strafen für alle! Wohl! Die Straf trifft alle ins Herz, die Schuldigen wie die Unschuldigen. Und wann nun die Erbitterung über die erlittene Schmach die Leut zum Äußersten treibt, wann Blut fließen sollt – über wessen Haupt käm es, wann nit über das Ihrige? Wolln Sie Ihre Hand in Unschuld waschen, indem Sie den Befehl Ihres Herrn vorschützen? O daß meine Stimm bis zu den Stufen des Throns dringen könnt! Ihr König würd Sie als einen schlechten Diener von sich weisen. Seine Diener solln ihm die Herzen der Tiroler gewinnen, und Sie treiben das Land durch Ihre Tyrannei zur Verzweiflung!« Der Kommissar hatte ein Aktenstück vom Tisch genommen und blätterte darin, während der Pfarrer sprach. Jetzt warf er das Aktenheft wieder auf den Tisch und wandte sich mit ruhiger Miene an den Offizier: »Herr Oberleutnant von Reitzenstein, der geistliche Herr ist Ihr Gefangener. Sie werden ihn mit sich nach Bruneck führen.« Der Landrichter fuhr betroffen von seinem Stuhl auf, und der Müller erbleichte. Selbst der Oberleutnant war betreten. Der Kommissar aber trat an den Tisch und unterzeichnete die Proklamation, die an die Kirchentür geschlagen werden sollte. »Laßt den Kopf nit hängen, alter Freund!« ermutigte der Pfarrer den Müller. »Tut mir den Gefalln und laßt meine Haushälterin wissen, daß ich den Herrn Oberleutnant in meinem leichten Anzug nit füglich nach Bruneck begleiten kann.« Herr von Reitzenstein, der leise mit dem Kommissar sprach und ihn, wie es schien, zu bewegen suchte, von der Verhaftung des Geistlichen abzustehen, machte ein zustimmendes Zeichen, und niedergeschlagen entfernte sich der Müller. Seine Mitteilung, daß der Pfarrer ein Gefangener sei, jagte wie ein Sturm über den ganzen Platz – von den Gruppen, die auf dem Hofe des Gerichtshauses auf die Entscheidung des Kommissars gewartet hatten, bis zu denen, die den Soldaten vor dem Schulhause in ängstlicher Spannung gegenüberstanden. Alle liefen zusammen, und Angaya mußte auf die Bank außerhalb der Kirchhofsmauer steigen und die unglaubliche Nachricht ausführlich bestätigen. Zorniges Geschrei, lautes Wehklagen und Verwünschungen gegen den Kommissar folgten der Erzählung. Ruthler, der Schullehrer, machte den Vorschlag, zu beten. »Beten?« rief Ambros. »Solln wir den Pfarrer steckenlassen? Wer ein Schießeisen im Haus hat, der denkt jetzt nit ans Beten!« Seine Augen flammten über die Menge hin, und die Burschen drängten sich zu ihm, während andere dem Lehrer auf den Kirchhof folgten. Ambros aber warf in das Schreien, Klagen und Wimmern die Worte: »Wer ein Mann ist, der holt sein Schießzeug, und in Monthan sehn wir uns wieder!« Hartwanger wollte abmahnen, aber schon eilten Ambros und Sampogna in verschiedenen Richtungen davon, und ihr Beispiel zündete bei allen Entschlossenen. Arigaya war unterdessen zur Pfarre gegangen. Er mußte sich selbst mit Hut, Mantel und Stiefeln des Geistlichen beladen; denn die Magd war nicht zu finden, und Vefa hatte völlig den Kopf verloren. Sie jammerte nur über ihr eigenes Schicksal. Sie sei der unglücklichste Mensch auf der ganzen Welt; keine Seele kümmere sich um sie; ihr Bruder, der Klosterbauer, sei an all dem Unheil schuld; er habe freilich auch nie auf die Ehre der Falkner Rücksicht genommen. Was solle nun aus ihr werden? Es hätte nicht viel gefehlt, und sie wäre dem Müller in ihrem Herzeleid um den Hals gefallen. Der aber wehrte sich und machte, daß er nach dem Gerichtshaus zurückkam. So schnell er konnte, eilte er an der Schule vorbei, vor der zwei Bayern und zwei Landjäger Posten standen, während der Oberleutnant in einiger Entfernung von ihnen auf und ab ging. Sein volles, rotes Gesicht war finster wie eine Gewitterwolke. Ein kleines Häuflein von Dorfbewohnern hatte sich mit verstörten Mienen gegenüber an der Kirchhofsmauer dicht zusammengedrängt. Dem alten Müller zitterte das Herz. Vor dem Tor des Gerichtshauses hielt der Schlitten des Kommissars, den der Schreiber soeben geholt hatte. Der asthmatische Schließer lehnte am Torpfosten und sprach mit dem Kutscher. Als Arigaya mit den Kleidungsstücken über dem Arm vorbeikam, warf er einen Blick auf den Korporal der Landjäger, der sich gerade in der Haustür zeigte, und brummte: »Es gibt manchen guten Dienst, den einem der Teixel gesegnet!« Der Kommissar hatte sein Geschäft beendet und fuhr ab. Auch in den höflich-kühlen Abschied, den er von dem Landrichter nahm, ließ er etwas Dienstliches einfließen. Die Pflichten eines Richters seien oft schwer zu erfüllen, aber das Herz dürfe nicht dareinreden. Die Hand des Arztes dürfe nicht zittern; es gebe Wunden, die nur das Eisen heile. Herr Zengerl ließ bei diesen Worten seine Rechte in der Hosentasche verschwinden und zerrte mit der Linken an seinem Halstuch, um sich vor seiner Gewohnheit zu bewahren, den Leuten zum Abschied die Hand zu schütteln. Der Kommissar dachte nicht daran, ihn dazu zu verführen. Er zog, während er sprach, den Handschuh über die Hand mit dem dunkelroten Stein, dankte mit einer Verbeugung für die genossene Gastfreundschaft und schwang sich, ohne Herrn Moltenbecher eines Blickes zu würdigen, zur Tür hinaus. »Halten Sie's für möglich, daß die Regierung in München eine Vorstellung davon hat, welcher Werkzeug sie sich in diesem Land bedient?« fragte der Pfarrer, als der Kommissar sich entfernt hatte, und seufzte tief auf. Der Landrichter zuckte die Achseln. »Wir wissen nur das eine bestimmt, daß wir von diesen Werkzeugen keine Schonung zu erwarten haben. Und darum ist's ganz gut, daß wir jetzt einen dieser Wölf kennengelernt haben, die mit ihren Zähnen den Leib Tirols zerfleischen.« Eine ähnliche Vorstellung mochte auch der Kutscher des Kommissars mit seinem Fahrgast verbinden. Als sie nämlich nach Monthan kamen, wo sich bereits die Männer mit ihren Büchsen bei der Kapelle zu sammeln begannen, und der Kommissar seinen Rosselenker nach der etwaigen Bedeutung dieser Erscheinung fragte, versetzte dieser treuherzig, er könne es sich nur so erklären, daß sie vielleicht eine Wolfsjagd vorhätten. »Wölfe in Tirol?« rief der Kommissar ungläubig. »Je, nun«, grinste der Kutscher vor sich hin, »es brechen wohl zuweilen welche ins Land ein.« »Henker! Bluthund!« erscholl es hinter dem Schlitten, und der Kommissar fragte wieder, was die Leute riefen. Der Kutscher entschuldigte sich, daß er die ladinische Sprache nicht verstünde. Sie wünschten dem gnädigen Herrn wohl eine glückliche Reise, meinte er und trieb das Gespann zu schnellerer Gangart an. Während der Schlitten durch die enger und enger werdenden Windungen des Tales fast geräuschlos dahinglitt, verstärkte sich die Zahl der bewaffneten Burschen und Männer bei Monthan von Sekunde zu Sekunde. Eine Bodenschwellung, die von der Landstraße durchschnitten wurde, verbarg sie vor jedem, der sich von der Brücke des Spitzhörndlbaches her näherte. Nun fand sich auch Ambros ein, und es schien selbstverständlich, daß er die Führung übernahm. Die Frauen und Kinder, die die Neugierde aus dem Dorf herbeigelockt hatte, schickte er in die Häuser zurück. Seine Mannen ordnete er in drei Haufen. Mit dem mittleren, dessen Kommando er sich selbst vorbehielt, besetzte er die Landstraße an der Stelle, wo sie nach Monthan einmündete. Die beiden anderen Gruppen sollten die Feldränder rechts und links besetzen, sobald die Soldaten auf dem Wegeinschnitt bis dicht an das Dorf herangerückt wären. Das Gamsmanndl übernahm die Führung des rechten Haufens; die des linken vertraute Ambros einem Bauern mit langem weißem Haar an. Keiner sollte von seinem Stutzen eher Gebrauch machen, als bis Ambros durch ein Schwenken seines Hutes das Zeichen gäbe. Ambros traf alle diese Anordnungen ohne viele Worte, kurz und bestimmt. Dann ging er rechts über das Feld hinauf, um Ausschau zu halten, während die anderen unter manch rauhem Scherz ihre Flinten und Büchsen luden und schußbereit machten. Von St. Vigil her tönte das Mittagsgeläut über das Feld; aber es dachte wohl dort heute niemand ans Essen. Kein Rauch stieg aus den Schloten in die frostklare Winterluft. Ambros hatte Stasi, als er sein Schießzeug von der Wand genommen, nur eilig zugerufen, daß es der Befreiung des Pfarrers gelte, und sie hatte nicht versucht, ihn zurückzuhalten, obgleich ihr die Knie gezittert hatten. Ihm pochte das Herz vor Kampflust, als er auf der Höhe der Bodenschwellung stand, von der aus er St. Vigil und die Landstraße, die sich zwischen Stangenzäunen nach der Brücke des Spitzhörndlbachs hinaufkrümmte, frei überblicken konnte. Er wünschte, es gäbe ein ordentliches Raufen und er zöge von Monthan aus in den Krieg. Seit Afra ihm den Brief ihres Bruders zu lesen gegeben, wandten sich seine Gedanken immer wieder dem Soldatenleben im Felde zu. Im Schlachtgetümmel, so meinte er, müsse ihm frei und leicht werden. Da kamen hinter dem Gerichtshause die Soldaten hervor, begleitet und gefolgt von einem Haufen Männer und Frauen. Ambros richtete sich straff auf. Sein scharfes Jägerauge erkannte den Pfarrer, der den Soldaten an der Seite des Oberleutnants vorausschritt. Von den Vigilern, die dem Pfarrer das Geleit gaben, blieben allmählich die einen und anderen zurück, aber sie standen noch lange auf der Straße und schauten dem Zuge nach. An der Brücke machten die letzten halt, und Herr Moltenbecher drehte sich noch einmal zu ihnen um und erhob segnend die Hände. Ambros ging eiligen Schrittes zu den Seinen zurück. »Sie kommen«, sagte er, »Jetzt still und aufgepaßt!« Das Gamsmanndl tat noch ein paar Züge aus seiner Holzpfeife und steckte diese dann weg. Lautlos harrten die Schützen. Ambros stand vor seinem Haufen. Er hatte seinen Stutzen über die linke Schulter gehängt, während die anderen ihre Büchsen schußbereit hielten. Die Soldaten, die froh sein mochten, aus St. Vigil weg zu sein, hatten ein Lied angestimmt. Näher und immer näher kam der Gesang. Bald wurden die Tritte auf dem hartgefrorenen Schnee hörbar. Dann sah man den Oberleutnant und den Pfarrer und hinter ihnen das erste Glied der Soldaten. Herr von Reitzenstein prallte beim Anblick der auf ihn gerichteten Büchsen zurück und kommandierte Halt. »Was soll das?« rief er. »Warum versperrt ihr mir den Weg?« Ambros trat, ohne seinen Stutzen von der Schulter zu nehmen, ein paar Schritte vor und sagte mit lauter Stimme: »Laßt unsern Herrn Pfarrer aus; nachher könnt Ihr ruhig weitermarschiern.« »Plagt Euch der Teufel?« rief der Offizier zurück. »Gleich gebt Raum, oder es ergeht Euch übel!« »Mit dem Herrn Pfarrer gibt's keinen Durchgang hier!« versetzte Ambros. »Sei gescheit, Herr Offizier, mit deinen paar Puffern richtest du gegen unsre Stutzen nix aus.« Herr von Reitzenstein wurde dunkelrot vor Zorn. »Ich verlange Gehorsam im Namen des Königs!« brüllte er. »Ich werde den Tambour drei Wirbel schlagen lassen; hast du dich nach dem dritten Wirbel mit den Leuten nicht entfernt, laß' ich Feuer geben.« »Was würd dir denn das helfen?« fragte Ambros spöttisch. »Schau dich erst ein bißl um, du sitzt wie der Fuchs im Eisen!« Er wies auf den Wegrand zur Linken und Rechten, auf dem inzwischen die beiden anderen Haufen erschienen waren und die Soldaten in den Flanken und zugleich im Rücken bedrohten. Der Oberleutnant fluchte entsetzlich. »Gleichviel, wir müssen vorwärts!« schäumte er. »Fällt das Gewehr!« »Um Himmels willen, halten Sie ein!« beschwor ihn der Pfarrer, und sich zu seinen Pfarrkindern wendend, ermahnte er sie, von ihrem gewalttätigen Vorhaben abzulassen. Mit bewegten Worten stellte er ihnen das Unglück vor, das sie über sich und die Ihren zu bringen im Begriff seien. Er wisse wohl, daß sie aus Liebe zu ihm handelten; aber sie würden ihm ihre Liebe viel besser beweisen, wenn sie heimgingen. Seine Freiheit könne er nicht aus blutbefleckten Händen annehmen, und das schwerste Gefängnis wäre für ihn nicht so bitter zu ertragen wie die vorwurfsvollen Blicke, mit denen ihre Mütter, Frauen und Kinder all die unter ihnen, die um seinetwillen etwa das Leben verlören, von ihm zurückfordern würden. »Das Blut, das ihr vergießen wollt, kommt über mein altes Haupt«, schloß er, und Tränen flossen ihm über die verschrumpften, roten Wangen. Diese Vorstellung machte Eindruck. Die Leute sahen einander unschlüssig an, und wie so oft im Leben balancierte die Entscheidung auf einer Nadelspitze. Da rief Ambros: »Mitnichten, Herr Pfarrer! Wir werden den Blauröcken kein Haar krümmen, wann sie nit anfangen. Aber kann einer dran denken, wie sie eben die armen Menschen drüben traktiert haben, ohne daß ihn die Faust juckt? Wie ich am Schulhaus vorübergekommen bin, hab ich sie schrein hörn. Aber wir wolln's nit heimzahln nach Verdienst. Die Bayern solln durchschlüpfen, wann sie den Herrn Pfarrer hierlassen wolln!« Der Pfarrer war geschlagen. Der Hinweis auf die Mißhandlung der Gefangenen hatte dem Schwanken der Leute ein Ende gemacht; sie nahmen wieder eine entschlossene Haltung an, und ihre Mienen wurden drohender als zuvor. Herr Moltenbecher gab aber die Hoffnung, den blutigen Zusammenstoß abzuwenden, nicht auf und trat näher an den mittleren Haufen heran, um ihn eindringlicher zu ermahnen. Kaum hatte er jedoch mit bittend erhobenen Händen zu sprechen begonnen, als ihn Ambros mit den Worten unterbrach: »Jetzt hat das Reden ein End!« Und ehe sich's der Geistliche versah, umklammerte ihn der Bursche mit seinen kräftigen Armen, hob ihn trotz allem Sträuben hoch und warf ihn regelrecht den Seinen zu, die unter Jubelgeschrei und Lachen rasch zugriffen und ihren Seelsorger festhielten. Die anderen Haufen stimmten hell in das Gelächter ein. Gleichzeitig krachte aus den Reihen der Soldaten ein Schuß. Der Unteroffizier, hitziger und flinker als sein Vorgesetzter, hatte ihn abgefeuert, um Ambros an der Ausführung seines Husarenstücks zu hindern. Die Kugel tat keinen Schaden; dem Knall aber folgte ein jähes Verstummen des Gelächters. Ambros fuhr, seine Büchse von der Schulter reißend, blitzartig herum. »Halt! Halt!« schrie der Offizier, der während der Vorstellungen des Pfarrers Muße genug gehabt hatte, seinen Zorn der Erkenntnis unterzuordnen, daß er mit seinen Leuten verloren wäre, wenn es zum Kampf käme. Aber es war zu spät. Ambros unterließ es auf den Zuruf hin zwar, das Zeichen zum allgemeinen Angriff zu geben, aber im selben Augenblick stürzten sich die durch den Schuß aufs äußerste erbitterten Monthaner und Vigiler, die zu beiden Seiten des Weges standen, auf die Soldaten, die ihre Aufmerksamkeit hauptsächlich auf Ambros und seinen Haufen gerichtet hatten. Die Wucht des Doppelstoßes war so unerwartet und gewaltig, daß die Soldaten bereits die Kolben und kaum minder harten Fäuste der Bauern spürten und sich entwaffnet sahen, ehe sie an Widerstand auch nur denken konnten. Mit Mühe nur hielt Ambros seinen eigenen Haufen davon ab, sich gleichfalls auf die Bayern zu werfen. Er selbst aber sprang vor und riß den Oberleutnant zurück, der sich mit geschwungenem Degen in das Gewühl stürzen wollte. Wutschnaubend befreite sich der Offizier und wandte sich gegen Ambros, der den auf ihn gezückten Degen mit seinem Stutzen beiseite schlug, so daß die Klinge zersprang.Unterdessen schrie der Pfarrer fortwährend: »Frieden! Haltet Frieden!« und strebte nach dem Kampfplatz. Seine Beichtkinder aber, denen Ambros ihn anvertraut hatte, schienen den gewohnten Respekt vor dem hochwürdigen Herrn völlig verloren zu haben: Sie ließen ihn nicht fort. In wenigen Minuten war alles vorüber. Die siegreichen Haufen kehrten lachend mit den erbeuteten Gewehren in ihre vorigen Stellungen zurück, und Herr von Reitzenstein überschüttete seine Leute, die übel zugerichtet waren, mit seinem ohnmächtigen Zorn. Wild schleuderte er ihnen die Frage entgegen, wo sie ihre Gewehre hätten. Sie sollten sie wiederholen. Aber es rührte sich keiner, und mancher hätte sich auch nicht rühren können – so schmerzten ihn die Glieder. Die einen ließen die Köpfe hängen, die anderen starrten ihn an, als ob sie an seinem Verstande zweifelten. Er schien auch wirklich nahe daran, ihn zu verlieren. »Von den Bauernlümmeln entwaffnet, geprügelt!« brüllte er außer sich. »Entehrt! Entehrt!« »Meinst wohl, es ist eine Ehr für uns, von euch geprügelt zu werden?« rief ihm Ambros zu. »Jetzt kannst mit deinen Leuten ruhig weiterziehn, Herr Offizier; wir tun euch nix mehr.« Der Oberleutnant knirschte mit den Zähnen, und indem er das Gefäß seines zerbrochenen Degens dem ersten besten seiner Untergebenen an den Kopf schleuderte, schrie er diese an: »Elende Kerls! Soldaten wollt ihr sein? Feige Hunde seid ihr! Schmachvoll! Schmachvoll!« Herr Moltenbecher näherte sich ihm und wollte ihn trösten. Er aber riß seinen Mantel auf, warf den Tschako auf die Erde und schnaubte: »Was stehen die Bauernlümmel mit ihren geladenen Büchsen da? Laß sie Feuer geben! Schießt! Schießt! Lieber hier tot auf dem Platz bleiben, als ehrlos nach Bruneck abziehen! Gebt uns die Gewehre wieder! Die Gewehre!« Den Pfarrer jammerte der Mann, und er warf Ambros einen bittenden Blick zu. Ambros drehte seinen schwarzen Schnurrbart in die Höhe und rief nach kurzem Besinnen, so daß ihn alle hören konnten: »Jetzt, Leut, ich mein, wann der Offizier verspricht, daß er sich ruhig trolln will, dann können wir ihm wohl die Gewehr zurückgeben. Was kann euch an den schlechten Schießprügeln liegen? Sie treffen ja nit mal auf fünfundzwanzig Schritt. Aber ich will euch doch geraten haben, sie vorher in die Luft abzufeuern. Es könnt sich sonst einer von den Bayern ein Leid damit antun.« Dieser Zusatz gab den Ausschlag. Die Bauern zeigten sich keineswegs gewillt, ihre Trophäen herauszurücken. Laut protestierten sie dagegen. Dann aber erhob sich ein schallendes Gelächter, und nach kurzem Durcheinanderreden richteten sich die Läufe der erbeuteten Gewehre gen Himmel und entluden sich unter einem allgemeinen Hurra. Der Oberleutnant gab das verlangte Versprechen, und seine Mannschaft erhielt ihre Waffen wieder. Mittlerweile war nach dem kurzen Kampfgetöse alles, was sich in den Häusern gehalten hatte, herbeigeströmt, und ein alter Mann sagte: »Ehrlich gerauft und ehrlich vertragen, das ist halt der Brauch bei uns!« Er zog eine Flasche aus seiner Joppe, trank und reichte sie dem ihm nächststehenden Soldaten. Darauf kam manche Flasche mit Kirsch- und Pflaumenwasser und Enzian zum Vorschein, und die Bayern mußten gehörig Bescheid trinken. Sie taten es mit herzhaften Schlucken, und man schüttelte einander die Hände.Der Oberleutnant, der den Stumpf seines Degens, den der Tambour aufgehoben, zornig in die Scheide gestoßen hatte, durfte den treuherzig gereichten Versöhnungstrunk nicht zurückweisen. Er fügte sich mit guter Miene, konnte sich aber nicht enthalten, Ambros zuzurufen: »Treffen wir uns wieder, dann gnade dir Gott!« Ambros lachte. Er erklärte sich bereit, die Sache sofort mit ihm auszutragen, und dehnte seine kräftige Gestalt. Aber ein Ringkampf lag nicht im Sinne des Oberleutnants, und Ambros sagte mit blitzenden Augen: »Mir wird's eine Freud sein, wann wir mal ordentlich aufeinandertretren. Wem unser Herrgott dann gnädig ist, dir oder mir, wird sich ausweisen!« Herr von Reitzenstein zog mit seiner Mannschaft ab. Die Zurückbleibenden scharten sich mit einem fröhlichen Hurra um ihren Pfarrer und schickten sich an, den Befreiten auf dem kürzesten Wege nach St. Vigil zurückzubegleiten. Die Berge hallten von dem immer frisch ausbrechenden Jubel wider. Knaben und Mädchen umschwärmten den Zug, den der Pfarrer und Ambros anführten, und als man den Spitzhörndlbach, über den Eis und Schnee eine feste Brücke gebaut, überschritten hatte, lief das kleine Volk voraus nach St. Vigil, wo man das Schießen gehört hatte und angstvoll des Ausganges harrte. Herr Moltenbecher scherzte mit Ambros und behauptete, daß dieser ein schlechter Christ sei, weil er sich nicht gescheut habe, seine Hand an die geheiligte Person eines Priesters zu legen. Er habe damit ein Sakrileg Sakrileg – Kirchenfrevel, Gotteslästerung. begangen und müsse sich bei der nächsten Beichte auf eine strenge Buße gefaßt machen. Dann wäre es wohl noch eine größere Sünde, meinte Ambros, wenn jemand den Papst am Schopfe packte, um ihn vor dem Ertrinken zu retten. »O weh!« rief der Pfarrer in komischem Erschrecken über den schlüpfrigen Boden, auf den er sich begeben hatte. Da kamen die Vigiler dem Zuge, der sich über die Triften am Bache aufwärts bewegte, jubelnd entgegen. Frauen und Männer drängten sich heran, um dem Pfarrer die Hände oder den Mantel zu küssen, und dem alten Herrn rollten die Freudentränen über die Wangen. Viele schüttelten auch Ambros die Hand, unter ihnen der alte Müller, Hartwanger und der Oberförster, während Herr Zengerl ihm von weitem zunickte. Auch Afra kam mit strahlendem Gesicht auf ihn zu, drückte ihm die Hand und ging aufgeregt neben ihm her. Ringsum vernahm man nur Lachen und Jubeln. Plötzlich begann die große Kirchenglocke feierlich zu läuten, und die jungen Burschen ließen in ihrem frohen Übermut die scharf geladenen Stutzen in die Luft knallen. 13. Kapitel Der Klosterbauer hatte es mit seiner Würde nicht vereinbar gehalten, sich neugierig unter die Menge in St. Vigil zu mischen. Wenn er sich nachträglich berichten ließ, was dort geschehen war, so führte das den Leuten vor Augen, welch ein Abstand zwischen ihm und ihnen bestand. Seine bäuerlich-aristokratische Gesinnung prägte sich in dem Sprichwort aus: »Wer sich unter die Treber mischt, den fressen die Schweine.« Und was gingen ihn die etwaigen Folgen des Tumults an, nachdem er sich öffentlich von Wolf Lechner losgesagt hatte? Ganz geheuer war ihm jedoch wegen der Verleugnung des Schmiedes nicht; denn da er nur von sich selbst eine gute Meinung hegte, erschien es ihm immerhin möglich, daß Wolf die Anwesenheit der Soldaten benutzte, um in irgendeiner Weise sein Mütchen an ihm zu kühlen. Er hüllte sich daher nur um so tiefer in die Würde eines herrischen Bauern und achtete just an diesem Tage streng darauf, daß die gewohnte Ordnung und Arbeit auf dem Klosterhof eingehalten wurde. Man hätte ihn füglich mit einem jener Senatoren im alten Rom vergleichen können, die wie die Statuen auf ihren kurulischen Stühlen Kurulische Stühle – Amtssitz des Magistraten, hier die Senatoren im alten Rom gemeint. saßen, als die Gallier die Stadt plünderten. Das Schießen und Hurrarufen, das von Monthan herüberschallte, lockte ihn dennoch auf die Galerie seines Hauses. Die Bodengestalt verbarg ihm aber die dortigen Vorgänge. und er sah auf dem Schneefeld nur einige Menschengruppen, die gleich darauf verschwanden, als ob die Erde sie verschlungen hätte. Schon wollte er seinen Beobachtungsposten verlassen, als ein Geräusch wie fernes Meeresbrausen sein Ohr traf. Im gleichen Augenblick gewahrte er eine schwarze Menschenschlange, die über den Schnee heraufzuzüngeln begann und sich langsam in Richtung auf St. Vigil fortbewegte. Der Klosterbauer fand sich einem Rätsel gegenüber, das noch geheimnisvoller wurde, als er nun auch die Vigiler auf der Weide am Bach zusammenströmen sah und das Jubeln, aus dem einzelne Jauchzer wie Raketen aufstiegen, sowie das Knallen und feierliche Glockengeläut vernahm. Es wollte ihn plötzlich bedünken, als sei er es seiner Eigenschaft als Mitglied des Gemeinderates wohl doch schuldig, von dem außerordentlichen Vorkommnis Notiz zu nehmen, und da er auf das geräucherte Schweinefleisch mit Sauerkraut, woraus sein Mittagsmahl bestanden hatte, plötzlich einigen Durst verspürte, beschloß er, im »Stern« einen Schoppen zu trinken. Bedächtig rüstete er sich zum Ausgang, und würdevoll, als schreite er zur Kirche, begab er sich auf dem kürzesten Weg, der bei Monthan über die Laufbrücke führte, zum »Stern«. Vor der Tür des Wirtshauses traf er mit Hartwanger zusammen, der eben mit seinem Glaserkasten auf dem Rücken herauskam und im Begriff stand, das Vigil- und Gadertal geschäftlich abzusuchen. Ein Hurrageschrei ertönte jenseits des Baches. Es kam von der Pfarre her, die wegen des davorstehenden Schulhauses vom »Stern« aus nicht sichtbar war. Der jubelnde Lärm galt aber nicht Herrn Moltenbecher, den man nach seinem Hause begleitet hatte, sondern seinem Befreier, Ambros, der jetzt im Triumphzug nach dem »Stern« geführt wurde. »Was hat das zu bedeuten?« fragte der Klosterbauer den Glaser, wobei er seinen Stock vor sich in den Schnee bohrte und beide Hände auf den Knauf legte. »Das hat zu bedeuten, daß ihr euch hier eine hübsche Supp eingebrockt habt«, antwortete jener. »Euch Vigilern hat man gut Geduld predigen. Da gehn sie hin, prügeln die Soldaten durch und entreißen ihnen den Pfarrer!« Er sagte es mit einer Mischung von Verdruß und Vergnügen und berichtete dem verblüfft aufhorchenden Klosterbauern kurz die Ereignisse des Morgens. »Was draus werden wird, weiß der Himmel«, schloß er. »Aber Euerm Ambros ist's zu danken, daß der alte geistliche Herr jetzt nit als Gefangner nach Bruneck unterwegs ist. Da kommen sie!« Bei der Erwähnung seines Sohnes nahm die Miene des Klosterbauern jenen Ausdruck eisigen Hochmuts an, mit dem er alles, was er nicht hören oder sehen wollte, wegzustarren pflegte. So stierte er dem fröhlich lärmenden Schwarm entgegen, der sich dem Wirtshaus näherte. Wäre er allein gewesen, so hätte er wahrscheinlich den Herankommenden den Rücken zugedreht und sich langsam entfernt. In Gegenwart Hartwangers aber hielt er sich zu dem Beweis verpflichtet, daß seine Charakterstärke nichts zu erschüttern vermöge, und er hielt stand – weniger dem Hirsch ähnlich, den die Meute gestellt hat, als dem Stier auf der Alm, der den Gegner erwartet. Ambros stutzte, als er des Vaters ansichtig wurde, und das Lachen und Lärmen seiner Begleiter verstummte plötzlich. Im nächsten Augenblick jedoch trat er, dem Antrieb seiner gehobenen Stimmung folgend, mit ausgestreckter Rechten auf den Klosterbauern zu und rief aus voller Brust: »Grüß Gott, Vater! Wir wolln einander nit mehr zuwider sein und vergessen, was geschehn ist. Laß uns wieder Freund sein und zusammen hineingehn!« Der Klosterbauer jedoch nahm die Hände nicht von dem Stockknauf, auf den er sich stützte, und mit harter Stimme versetzte er nach kurzem Zögern: »Wärst du ein gehorsamer Sohn gewesen, dann brauchtst mich jetzt nit hier vor all den Leuten um Verzeihung zu bitten. Ich hab's dir vorgestellt, was geschehn würd, aber du hast's nit anders gewollt. Jetzt iß aus, was du dir selbst eingebrockt hast« Unter den Zuschauern erhob sich ein lautes Murren. Ambros aber rief mit glühenden Wangen: »Ich hab dich nit um Verzeihung gebeten, denn dazu hab ich keine Ursach nit. Aber schau, Vater, wann in diesem Augenblick mein ärgster Feind zu mir käm, ich würd ihm meine Hand geben, und alles sollt vergessen sein.« Hartwanger raunte dem Klosterbauern zu: »So reicht ihm doch die Hand! Ihr habt alle gegen Euch, und er bleibt doch Euer Sohn!« Der Klosterbauer aber entgegnete, während er sich mit seinen stählernen Augen unter den Anwesenden umschaute: »Da hört Ihr's! So spricht er mit seinem Vater!« »Sein Vater ist auch danach!« rief eine Stimme, und eine andere, die ein mehrfaches Echo fand, übertraf sie noch an Lautstärke: »Der Ambros hat recht!« »Hat er recht, dann kann er ja zufrieden sein«, erwiderte der Klosterbauer, wobei er sich aufrichtete. »Ich bin's auch. Der Klosterbauer ist keine Windfahn auf dem Kirchturm! Ihr mögt alle zusammen blasen, soviel ihr wollt – ich dreh mich nit. Und jetzt weiß ja wohl jeder Bescheid!« »Vater!« rief Ambros, von seiner Leidenschaftlichkeit überwältigt, während der Klosterbauer sich bereits zum Gehen wandte. »Den Spott hat dir der Teixel auf die Zung gelegt! Jetzt nehm ich alle, die hier stehn, zu Zeugen! Wir sind alle dem Herrn Pfarrer in seiner Not beigesprungen; wann ich dich aber vom Tod erretten könnt und braucht bloß die Hand aufzuheben – nit den kleinen Finger tät ich rührn! Du bist tot für mich!« Der Klosterbauer winkte mit der Hand hinter sich, als wolle er zu verstehen geben, daß all das nur leere Worte für ihn seien. Ambros schob den Gewehrriemen auf seiner linken Schulter zurecht und schritt stolz aufgerichtet ins Wirtshaus. Die anderen standen noch einen Augenblick wie gebannt unter dem Eindruck seines schrecklichen Gelöbnisses; dann löste sich allmählich einer nach dem andern von der Gruppe und folgte ihm schweigend. Hartwanger ging kopfschüttelnd dem Klosterbauern nach. Ihn einzuholen, verspürte er kein Verlangen; dennoch geschah es, weil der Klosterbauer in scheinbarer Gemächlichkeit dahinschritt, und zwar auf dem Fußpfad, zu dem sich der anfangs fahrbare Weg hinter Arigayas Mühle verengte. Der Glaser redete den Klosterbauern jedoch nicht an, und dieser blieb ebenfalls stumm. So gingen sie hintereinander nach Monthan hinunter und über die Brücke, gegen die der Bach wie in übermütigem Spiel kleine, blinkende Eisschollen trieb, die er vom Uferrand losgebrochen hatte. Auf der Landstraße ließ der Klosterbauer den Meister an sich herankommen und sagte im Weitergehen: »Meinetwegen könnt Ihr allerwärts erzähln, was da droben beim ›Stern‹ eben geschehn ist.« »Ich bin kein Geschichtenträger!« versetzte der Glaser trocken. Nach einer Weile fügte er hinzu: »Aber glaubt doch ja nit, daß Euch die Leut wegen Euerm Verhalten etwa rühmen werden! Es kann einer auf seinen Reichtum hin viel sündigen – das ist leider so in der Welt. Aber glaubt mir, das Stücklein, das der Ambros den Bayern aufgeführt hat, das wiegt schwerer hei den Menschen als der Klosterhof und Eure Geldsäck. Jetzt, da Ihr selber davon angefangen habt: wie soll das nur enden zwischen Euch? Bedenkt, Klosterbauer, daß die alten Tag Euch schon am Kragen haben!« »Meint Ihr, ich hätt mich in der Komödie vorhin nit ausgekannt?« fragte der Klosterbauer im Ton selbstgefälliger Überlegenheit »O ja, der Klosterbauer merkt nix! Dem kann man schon was vormachen! Weil ich auf die heimliche Trauung nit angebissen hab, weil's mit dem Stücklein gefehlt war, da hat er gedacht: Wann ich jetzt den Alten vor all den Menschen herkrieg, da zwing ich ihn schon, da muß er sich geben! Jetzt hat er mich für tot erklärt; er soll sich wundern, wann ich's erst wirklich bin!« Sie waren mittlerweile bei der Kapelle angekommen, und der Klosterbauer schlug mit einem kurzen, bösen Auflachen den Weg nach seinem Hof ein, ehe Hartwanger etwas erwidern konnte. Er hätte auch schwerlich gleich eine Antwort bereit gehabt; denn eine solche Ausdeutung des Auftritte vor dem »Stern« hatte er am wenigsten erwartet. Zur selben Stunde schickte Wolf seinen Lehrburschen nach Zwischenwasser und ließ Pescol sagen, daß er am nächsten Vormittag nach St. Vigil heraufkommen möge, um den Kaufvertrag über die Schmiede abzuschließen. Das grausame, summarische Strafverfahren des bayrischen Kommissars überzeugte Wolf, daß seines Bleibens in St. Vigil nicht länger war, selbst wenn der alte Arigaya nachdrücklich für ihn einträte. Der Müller hätte sich nur bloßgestellt, ohne ihm zu nützen. Sehr vorteilhaft konnten die Bedingungen, unter denen Pescol Haus und Werkstatt, wie sie standen und lagen, zu übernehmen bereit war, gerade nicht genannt werden, und auch die Anzahlung die er zu leisten vermochte, war nur geringfügig. Doch Hartwanger der bei den Verhandlungen der beiden Parteien am Morgen des Montags zugegen gewesen war, als er die zertrümmerten Fensterscheiben in der Schmiede ergänzt hatte, war der Ansicht gewesen, daß sich Lechner in den schweren Zeiten, da sich das Geld wie ein Dieb versteckt hielt und selbst durch dreifache Sicherheit nicht hervorzulocken war, beglückwünschen könne, überhaupt einen Käufer gefunden zu haben. Überall in Tirol seien gegenwärtig die schönsten Häuser und Bauernhöfe für ein Butterbrot zu haben, und an ein Steigen der Preise sei nicht zu denken. Pescols zerknüllte Bankozettel in der Tasche, ging Wolf zum letztenmal nach dem Klosterhof, um von Lisei Abschied zu nehmen. Das war wohl der sauerste Gang seines Lebens. Hinsichtlich seiner eigenen Zukunft war er voller Vertrauen auf seine Arbeitskraft, und der Schmerz darüber, daß er seine neue Heimat verlassen müsse, wurde durch das Gefühl zurückgedrängt, das unerträglich gewordene Verhältnis zu den Vigilern nun abschütteln zu können. Aber Lisei! Sie war der Eckstein in dem Bau seiner Zukunft, und er wußte von Hartwanger, daß der Klosterbauer öffentlich erklärt hatte, daß er ihm, dem Bayern, seine Tochter nie geben würde. Er wollte seine Rechte auf Lisei nicht aufgeben und sah doch kein Mittel, sich diese Rechte zu sichern. Wohin er den Fuß auch setzte – überall wich der Boden unter ihm. In diesen sorgenschweren Gedanken fand er sich plötzlich dem Klosterbauern selbst gegenüber, der gerade um die Ecke seines Wohnhauses bog. Er stand im Begriff, sich zur Gemeinderatssitzung zu begeben, die der Müller einberufen hatte, um über das Urteil des Kommissars, soweit es den Schmied betraf, Beschluß zu fassen. Fast wäre er mit Lechner zusammengeprallt. »Holla, was wollt Ihr denn noch?« fragte der Klosterbauer grob. Wolf hatte nicht nötig, den Kopf aufzuheben, um dem Klosterbauern ins Gesicht zu blicken, denn dieser reichte ihm nur bis zu den Spitzen seines rötlichen Bartes. »Ja so, Ihr seid's«, sagte er, seine Gedanken sammelnd. Er komme, um von seiner Braut Abschied zu nehmen, da er morgen in der Frühe St. Vigil verlasse. »Braut!« wiederholte der Klosterbauer das von Lechner betonte Wort, wobei er die Mundwinkel herabzog und die Unterlippe vorschob. Der Schmied achtete scheinbar nicht darauf, sondern fuhr in seiner ruhigen Sprechweise fort: »Und so will ich denn auch Euch gleich Lebwohl sagen – bis ich wiederkommen kann. Denn wiederkommen tu ich eines Tags, Klosterbauer. Es wird mir ja in meinem eignen Vaterland nit fehln, und dann hol ich die Lisei.« Der Klosterbauer trat einen Schritt zurück und starrte ihn an. Lechner ließ sich jedoch nicht irremachen, sondern führte seine Rede gelassen weiter: »Ein Jahr kann darüber wohl hingehn. Aber die Lisei wartet schon gern noch so lang, und Eure Einwilligung hab ich ja. Ihr habt freilich am Sonntag abend da im ›Stern‹ was hingeschwätzt; aber das war bloß Eure Aufregung über den Einzug der Soldaten, und es hat auch keiner für Ernst genommen. Ich am wenigsten, Klosterbauer. Denn der Klosterbauer wird sich doch nit öffentlich hinstelln und selbst laut in die Welt schrein, daß er ein wortbrüchiger Schuft ist.« Diesem stieg das Blut zu Kopf; aber er fühlte unter dem Bann der strahlenden Augen des Schmiedes seine Kehle wie zugeschnürt. Er hatte regelrechte Furcht, und Lechner wandelte ein an Verachtung streifendes Mitleid mit dem Manne an, der jeden, bei dem er es ungeahndet tun zu können glaubte, rücksichtslos unter die Füße trat. »Schaut, Klosterbauer«, sagte der Schmied, indem er näher zu ihm herantrat und ihm seine mächtige Hand auf die Schulter legte, »die Lisei ist die einzige unter Euern Kindern, die Euch immer aufrichtig liebgehabt hat. Wär's anders, dann wärn wir schon längst Mann und Frau und hätten uns den Henker drum gekümmert, ob's Euch genehm gewesen wär oder nit. Die Lisei hat ein goldnes Herz, und ich kann mir nit vorstelln, daß einer so niederträchtig sein kann, das einzige Herz, das an ihm hängt, zu peinigen und mit Füßen zu treten. Ein Vater sein eignes Kind, und jetzt Euer einziges Kind, Klosterbauer! – Und wie gesagt, ich komm wieder!« »Was wollt Ihr?« raffte sich der Klosterbauer auf. »Jetzt könnt Ihr doch nit Hochzeit halten. Ihr habt meiner Tochter jetzt nix zu bieten, und wann Ihr soweit seid, laßt sich ja weiter drüber reden. Glückliche Reis denn! Ich muß fort.« Lechner aber drückte ihm die Hand etwas fester auf die Schulter und erwiderte: »Nur noch ein Wort! Vorreden braucht kein Nachreden. Ich will Euch bloß noch sagen, daß ich Euch bei dem Wort festhalt, das Ihr mir und der Lisei gegeben habt. Komm ich wieder, und Ihr habt derweilen die Lisei unglücklich gemacht, dann …« Seine breite Brust schwoll hoch auf, und seine Augen strahlten von einem Feuer, das der andere nicht zu ertragen vermochte. »Dann, Klosterbauer, dann sei Gott Euch gnädig! – Und jetzt will ich Euch nit weiter aufhalten.« Der Klosterbauer taumelte fast davon, und der Schmied blickte ihm nach, bis er auf dem zwischen den Feldern mehr und mehr sich verlierenden Weg verschwunden war. Dann stöhnte Wolf tief auf. Er hatte dem Klosterbauern seine Meinung gesagt! Das war, wie er fühlte, sein ganzer Gewinn, und schweren Herzens, wie vorher, stieg er die Steintreppe zur Haustür hinauf. Lisei reichte ihm mit einem traurigen Blick die Hand. Sie erriet, weshalb er kam. Auch ihr war es nach den jüngsten Vorgängen klar, daß er nicht in St. Vigil bleiben könnte. Ach, warum wird dem Herzen so schwer zu tragen, was ihm der Verstand aufbürdet! »Du wirst einen harten Stand gegen den Vater haben, wann ich fort bin«, sagte Wolf. »Er wird's dir nimmer freistelln, ob du auf mich warten willst; denn du bist nit mehr die arme Lisei, die er mir hat geben wolln, weil ich mit dem Wenigen zufrieden war, was du mitbringen solltst. Du bist jetzt des reichen Klosterbauers einziges Kind und seine Erbin.« »Ach, heilige Mutter Gottes, das kann ja nit sein!« rief Lisei erschrocken. »Wie könnt ich denn den Brosi aus seinem Recht drängen?« »Um dessen Recht kümmert sich der Klosterbauer nit mehr«, antwortete der Schmied. »Zwischen den beiden ist's für alle Zeit aus.« Lisei seufzte, und er fuhr mit gedämpfter Stimme fort: »Drum muß zwischen dir und mir alles klar sein, Lisei. Da dein Vater uns sein Wort nit halten wird, darum überleg's dir noch einmal frei, was du tun willst. Stell's dir vor, als ob wir zwei beid einander nix versprochen und nix gelobt hätten. Ich geb dir dein Wort zurück und werd dich nit weniger lieb und wert behalten, wann du jetzt auch willst, daß wir fürs ganze Leben voneinander scheiden solln. Sag's ganz frei heraus, Lisei, was du denkst und willst – ich sag zu allem ja und amen!« Sie hatte, während er redete, auf ihre im Schoß gefalteten Hände niedergeschaut. Nun hob sie ihre klaren Augen mit einem tiefen Blick zu ihm auf und sagte: »Ich weiß, daß du bloß aus Gutheit so redst; sonst würden mir deine Worte wie ein Schwert durchs Herz gehn. Ach, Wolf, ich hab seit Sonntag morgen an nix andres gedacht, als ob ich nit von dir lassen sollt um deinetwilln. Du mußt dein Leben in der Welt von vorn anfangen, und da würd ich für dich bloß eine schwere, schwere Last sein. Das hab ich mir immer vorgehalten, Wolf. Aber jetzt, wo ich weiß, wie du gesinnt bist: nein! Dir hab ich mich aus freien Stücken und ganzem Herzen verlobt, und dir bleib ich zugetan in Treu.« Sie streckte ihm beide Hände entgegen, und er erfaßte und drückte sie in herzlicher Bewegung. »Amen!« sprach er. »Jetzt werd ich schaffen, als ob ich vier Arme hätt.« Er legte seinen Arm um sie und zog sie sanft an sich. »Laß nur recht oft von dir hörn, damit ich weiß, wo du bist und wie's dir geht«, bat Lisei, wobei sie tapfer mit den heraufquellenden Tränen kämpfte. Er versprach es. Dann blieben beide eine Weile stumm. Lisei begannen die Tränen leise über die Wangen zu rollen, und Wolf schaute sich in der Stube um und dachte an die schönen Stunden, die er hier zwischen den dunklen Möbeln mit Lisei verlebt hatte. »Von dem Herrn Hannes hätt ich gern noch Abschied genommen«, sagte er. »Aber über St. Martin ist's ein Umweg von fast vier Stunden, und die Tag sind noch immer so kurz. Grüß du ihn noch von mir, wann du ihn siehst. Und, Lisei, wann dir der Vater Überlast antut – der Herr Hannes wird dir raten und helfen.« Lisei schlang ihre Arme um seinen Nacken und weinte laut auf. Seine Worte zeigten ihr jäh ihre traurige Vereinsamung, wenn auch er nun gegangen sein würde. »Arme Lisei!« murmelte er erschüttert. Da drückte sie sich gewaltsam die Tränen aus den Augen und begann sich zu erkundigen, ob er für die Reise auch ordentlich versehen sei. Sie fragte nach allem und bat ihn, sich doch ja in acht zu nehmen, damit er nicht unterwegs krank würde. Darauf verließ sie ihn für kürze Zeit, um ihm eine Wegzehrung zurechtzumachen, und er nahm das Gebotene um ihretwillen mit Dank an. Dann setzte sie sich wieder zu ihm auf die Ofenbank, ergriff seine Rechte und preßte sie zärtlich zwischen ihren beiden Händen. »Daß ich dir auch gar nix zum Andenken mitgeben kann!« sagte sie leise. »Aber es ist alles so schnell gekommen!« »Es braucht kein Andenken«, versetzte er. »Denn ich trag dich in meinem Herzen und denk an dich, wo ich auch bin.« Lisei drückte seine Hand, und eine Weile saßen beide stumm ihren Gedanken hingegeben. Der Tag verglomm. »Wo du morgen um diese Zeit wohl schon bist?« versuchte sich Lisei ihren traurigen Gedanken zu entreißen. »Ja, laß sehn! Da bin ich wohl schon in Unter-Vintl, vielleicht auch schon durch die Mühlbacher Klaus. In Mühlbach bleib ich zur Nacht, wann meine Fuß das Wandern noch nit verlernt haben. – Sie werden doch nit!« Er wollte in diesen Zusatz einen scherzhaften Ton legen, aber es mißlang. Lisei versuchte zu lächeln, aber auch das glückte nicht, und so schwiegen beide wieder. In der Stube wurde es dunkler und dunkler. Plötzlich stand Wolf auf, und Lisei folgte seinem Beispiel. Die Herzen waren ihnen wie zugeschnürt. »Es muß sein«, murmelte er. »Laß den Mut nit sinken, lieb's Herz!« »Ja, Wolf«, antwortete sie leise mit zuckenden Lippen. Er zog sie an seine Brust, und sie lehnte weinend ihre Stirn gegen seine Schulter. Sanft strich er ihr mit seiner großen, schwieligen Hand über das Haar. »Behüt dich Gott, herzlieber Schatz!« klang es dumpf durch die tiefe Dämmerung. Die Tür fiel hinter Lechner ins Schloß. Schwerfällig und langsam klang sein Fußtritt auf den Steinstufen. In der Mitte über dem Bannwald schwebte die erste feine Sichel des zunehmenden Mondes an einem blaßgrünen Himmel, und darunter blinkte der Abendstern. Der Schmied schaute nicht auf. In seiner Stube setzte er sich, ohne Licht anzuzünden, an den Tisch, legte die Arme kreuzweise auf die Platte und ließ das Gesicht auf die Arme sinken. Er war allein in der Schmiede; seinen Lehrbuben, den Peseol zu sich nehmen wollte, hatte er zu den Eltern geschickt. Ein Pochen am Fenster störte ihn auf. An der Stimme, die seinen Namen rief, erkannte er den Müller. Er zündete einen Kienspan an und leuchtete damit in die dunkle Werkstatt hinaus. Seine sonst so treuherzige Miene war düster. Oder schien es dem Müller bei der in der Zugluft hin und her wehenden Flamme nur so? Aber Lechners Gesichtsausdruck veränderte sich nicht, als beide dann einander gegenübersaßen und der Span, fest in den Lichtstock geklemmt, gleichmäßig sein Licht verbreitete. Schweigend hatte Wolf dem Gast einen Stuhl an den Tisch gestellt; auch fragte er nicht nach seinem Begehren. »Vielleicht kann ich dir worin zu Dienst sein?« begann Arigaya, sich in der Stube umsehend. Sein Blick blieb auf einer mit Stricken umschnürten Kiste haften, die mitten in der Stube stand. Wolf schüttelte den Kopf. Er war bereits mit Peseol übereingekommen, daß dieser ihm die Kiste, die seine Habseligkeiten enthielt, nachschickte, sobald er darum schreiben würde. Arigaya zog eine große lederne Brieftasche hervor und begann Geld auf den Tisch zu zählen. Der Schmied sah ihm einige Sekunden lang erstaunt zu und fragte dann, was das bedeuten solle. Es waren die hundert Gulden Schmerzensgeld, zu denen der Kommissar die Gemeinde von St. Vigil verurteilt hatte. Über Wolfs Gesicht flammte ein roter Schein, und voller Bitterkeit stieß er hervor: »So ist's recht! Ihr werft dem Ausgetriebnen ein Almosen nach. Ein Guldenzettel auf mein zerstörtes Glück macht alles wieder gut!« »Nimm's nit so herb!« bat der Müller. »Es ist gerecht, daß dir die Gemeind in etwas deinen Verlust ersetzt. Gott weiß, wie lieb es mir wär, wann du nit fortzugehn brauchtst; und so denkt wohl noch mancher andre, wann er's auch nit offen bekennt.« »Ja, von dir weiß ich's, und dir gilt's nit, was ich sag«, versetzte der Schmied. »Aber das Geld da steck wieder ein; ich nehm's nit. Ich lass' mir das Unrecht, was mir geschehn ist, nit von euch abkaufen. Das ist Blutgeld.« Des Müllers Gegenvorstellungen vermochten ihn nicht umzustimmen. »Meint ihr denn«, rief er, »weil mir Unrecht geschehn ist und weil ich ein Bayer bin, drum soll ich frohlocken über die Gewalt und Grausamkeit, mit denen meine Landsleut gegen euch verfahrn sind? Verteilt das Geld unter den armen Menschen, die für alle haben büßen müssen und die vielleicht nit mal die Schuldigsten gewesen sind. Ich will den Haß, den ihr auf mich und meine Landsleut habt, nit noch mehr schürn, indem ich das Sündengeld von euch annehm.« Arigaya mußte die Scheine wieder einstecken. Er werde der Gemeinde mitteilen, wie brav Wolf gesinnt sei, versicherte er. »Und wann du hier einen Freund nötig hast, dann weißt, wo du ihn findst!« Er reichte Wolf die Hand, und dieser schüttelte sie kräftig. Die Sonne war noch nicht über den Col de Rü heraufgekommen, als Wolf Lechner am nächsten Morgen die Schmiede hinter sich verschloß. Den Schlüssel nahm er mit, um ihn seinem Nachfolger in Zwischenwasser auszuhändigen. Einen derben Stock in der Rechten, über seinen Kleidern denselben Wanderkittel und auf dem Rücken dasselbe Felleisen, mit dem er vor sechs oder sieben Jahren seinen Einzug in St. Vigil gehalten hatte – so zog er jetzt wieder von dannen. Sein Herz aber war nicht das unbeschwerte von damals. Niemand gab ihm das Geleit, und keine menschliche Seele begegnete ihm. Es war bitter kalt, und die Hecken und Bäume waren wie mit blinkendem Silber von Reif übersponnen. Als Wolf jenseits des Spitzhörndlbachs die Feldhöhe erreichte, blieb er stehen und schaute nach dem Klosterhof hinüber. Wann würde er wiederkommen? Und würde er Lisei noch wiederfinden, wie er sie verlassen hatte? Wer vermochte ihm darauf Antwort zu geben? In dem Wirtshaus von Salen, bei dem sich die Bergstraße rechts von der Gader abwendete, hielt er eine kurze Rast. Es war die herkömmliche Haltstelle für den Verkehr zwischen Bruneck und dem Gebirge. Vor dem Hause standen einige Schlitten, die Rundholz und Bretter in das Pustertal hinunterführten. Die Knechte saßen in der Schenkstube beim Glase; auch einige Männer aus Salen waren dort. Sie redeten lebhaft miteinander, und Wolfs Eintritt wurde kaum bemerkt Selbst der Wirt, der bei seinen Gästen hockte, blickte nur flüchtig über die Schulter nach dem Ankömmling und überließ dessen Bedienung seiner Frau, die hinter dem Schenktisch strickte. Wolf ließ sich an einem freien Tisch nieder, holte seine Wegkost hervor und trank dazu hin und wieder ein Schlückchen von dem Kirschwasser, das er sich bestellt hatte. Seine eigenen Angelegenheiten beschäftigten ihn zu sehr, als daß er auf die Unterhaltung der anderen geachtet hätte. Aber nannten sie nicht eben seinen Namen? Er hatte sich nicht getäuscht: die Leute unterhielten sich über ihn und die jüngsten Ereignisse in St. Vigil. Sie billigten und lobten das Verhalten der Vigiler gegen ihn, und der Wirt meinte, es wäre nicht übel, wenn man es mit den Bayern anderswo ebenso machte. Hauptsächlich aber drehte sich das Gespräch um die Befreiung des Pfarrers Moltenbecher aus der Gewalt der Soldaten. Der eine wollte über den Vorgang genauer unterrichtet sein als der andere; man erzählte, verbesserte und stritt miteinander. Die Überrumpelung der Soldaten schwoll dabei zu einem blutigen Gefecht an, und als der Wirt dem widersprach und auf die kleine Zahl der Bayern verwies, die er nach St. Vigil hatte marschieren und von dort zurückkommen sehen, fand er keinen Glauben. Man jubelte über die Niederlage der Soldaten und ließ Ambros hochleben. Wolf beglich still seine kleine Zeche und ging. Es war nicht das letzte Mal, daß er auf seiner Wanderschaft durch das Pustertal Zeuge wurde, wie sich die Leute über das ihn so nahe berührende Ereignis unterhielten. Wie sich das Wasser der Gader in die Rienz und das der Rienz in die Eisack ergießt, so schien die Kunde von dem Geschehen in St. Vigil durch die Täler zu fließen, und wohin sie kam, frohlockten die Menschen. Auch die drei Männer, die zu Bozen in dem Hinterstübchen des Kaffeesieders Franz Anton Nessing beisammensaßen, unterhielten sich darüber, oder richtiger: der eine von ihnen erzählte, und die beiden anderen hörten aufmerksam zu. Der Erzähler war Peter Hueber, der Wirt des Gasthauses »Zum Hirsch« in Bruneck, ein Mann von etwa vierzig Jahren, dessen rundliches Gesicht und breite Stirn ein festes, energisches Gefüge zeigten. Franz Anton Nessing war der älteste von den dreien, und durch sein so schlichtes braunes Haar zog sich hier und da schon ein Silberfaden. Seine hohe, quergefurchte Stirn, die Spitz zulief, bildete an den Schläfen scharfe Kanten, und dichte Brauen überspannten die blauen Augen, zwischen denen sich kühn eine kräftige Nase vorbog. Der Mund wurde zum Teil von einem starken Schnurrbart verdeckt. Nessings Augen leuchteten in ruhiger Klarheit. Er wie Hueber waren städtisch gekleidet, während der dritte, eine kräftige, breitschultrige Gestalt von mittlerer Größe, Joppe und Brustlatz trug. Statt der Bundschuhe und Strumpflinge hatte er jedoch hohe Reitstiefel an. Sein ovales Gesicht umrahmte – gegen die damalige Sitte der Tiroler Landleute – ein Vollbart, der wie flockige blau-schwarze Seide bis auf die Mitte der Brust herabfiel. Das kurzgeschorene dunkle Haupthaar hing ein wenig in die runde, nach oben sich verbreiternde Stirn herein, und die großen schwarzen Augen hatten einen tiefen, sanften Blick. Die Nase war leicht gewölbt und endete in weichen Flügeln, die die Scheidewand etwas sichtbar machten. Der Mund war nicht gerade klein, bildete aber eine schön geschwungene Linie. Um die weich gewölbten Lippen, deren Rot der dunkle Bart lebhaft hervortreten ließ, spielte in diesem Augenblick ein Zug schalkhafter Anmut. Auf dem Schild seines Leibgurts waren die Buchstaben A und H zu lesen. Den »bärtigen Andrä« nannten die Leute den weit und breit bekannten Mann, der etwas über vierzig Jahre zählte. Es war der Wirt am Sand im Passeiertal: Andreas Hofer. Er lachte hell auf, als Peter Hueber erzählte, wie Ambros plötzlich den Pfarrer auf seinen Armen fortgetragen habe, und nachdem der Wirt aus Bruneck den Ausgang des Handels berichtet hatte, rief er mit fröhlichen Augen: »Das haben die Buben gut gemacht! Wackre Buben! Den Namen von dem Ambros Falkner will ich mir doch merken.« »Ja, wann er zu gehorchen verstünd!« wandte Hueber ein. »Aber davon will er nix wissen.« Anton Nessing schüttelte den Kopf und meinte: »Mir will die Sach nit gefalln. Der Hofstetten kann und wird sie nit ruhig hinnehmen, und die Vigiler werden übel an die Kost kommen. Statt zwanzig Mann wird er ihnen eine Kompanie über den Hals schicken, wann's vielleicht in diesem Augenblick nit schon geschehn ist!« »Der Kreishauptmann soll sich freilich vor Wut nit zu lassen wissen«, entgegnete Hueber. »Dem Oberleutnant von Reitzenstein hat er vierzehn Tag Stubenarrest gegeben, und seine Mannschaft sitzt auf vier Wochen im Torturm hinter den eisernen Gardinen. Aber du irrst! Durch eine Kompanie Soldaten lassen sich die Vigiler nit ins Bockshorn jagen! Die schlagen sie lustig zum Tal hinaus. Und sollt's auch ein Bataillon oder gar ein Regiment sein. Wann die Vigiler nur rechtzeitig Wind kriegen – und dafür werd ich schon sorgen –, so solln sich die Bayern wohl vergebens die Schädel einrennen. Dazu braucht's nur, daß auf der schmalen Bergstraßen durchs Gadertal die Brücken über die Schründ und an den Felswänden abgebrochen werden, und die Bayern sitzen in der Falle, können nit vorwärts und nit rückwärts und werden von den Höhen herunter in die Gader gefegt wie die Fliegen an der Stubendecke von einem Salbeistrauch ins Feuer. Ich wünscht, es käm dazu! Das Maß der Bayern ist voll!« »Und wann's dazu käm – was nützt der Putsch?« fragte Nessing. »Vielleicht zündet er hier und dort; um so schlimmer für uns! Die Aufständ werden einzeln niedergeschlagen, unsre Kraft wird gelähmt, und der Bayer bleibt auf seiner Hut. Ich mein, wir müssen noch warten.« »Warten! Warten!« rief Hueber unmutig. »Ich hatt auch den Freunden in St. Vigil sagen lassen, daß sie sich still halten sollten. Was hat's genutzt? Die Leut wolln sich nit mehr zurückhalten lassen. Und ich mein, bricht's jetzt im Vigiltal los, so fliegt das Feuer über ganz Tirol.« »Und der Augenblick wär gar günstig!« fiel Andreas Hofer mit einer vollen, weichklingenden Stimme ein. »Ihr wißt ja, daß der Napoleon auf Spanien losgeht; da solln ihm denn die deutschen Bundestruppen die Kastanien aus dem Feuer holn. Die Deutschen gelten ihm doch bloß als Kanonenfutter, und so müssen sie voran. Die bayrischen Regimenter sind auch schon auf dem Marsch, und an ein Umkehrn ist nit zu denken. Drum mein ich freilich, daß der Hofstetten sich besinnen wird, eh er jetzt was gegen die Vigiler unternimmt. Aber er ist ein Hitzkopf, wie ihn der Hueber uns beschrieben hat; und geht er los und das Feuer brennt auf, dann, liebe Freund, ist's Gottes Wille, daß wir nit länger warten solln, und er wird uns auch den Sieg leicht machen!« Hueber stimmte ihm lebhaft zu. Der besonnene Nessing aber sagte: »Daß uns Gott unter solchen Umständen den Sieg verleiht, obgleich wir mit unsern Vorkehrungen noch nit fertig sind, ist möglich. Aber ihn auf die Dauer behaupten – das können wir nit allein; dazu brauchen wir Beistand, und von einem solchen ist noch nix zu spürn. Ihr kennt das letzte Schreiben noch nit; vorgestern ist's aus Wien angelangt.« Er zog einen Brief aus der Tasche, faltete ihn auseinander und begann mit gedämpfter Stimme zu lesen. Der Inhalt stand scheinbar in gar keinem Zusammenhang mit dem vorhergegangenen Gespräch, und ein Unbeteiligter hätte sich nicht wenig über das große Interesse gewundert, das die drei Männer an ihm nahmen. Das Schreiben handelte von einer Liebesgeschichte. Das aber war nur das Gewand, in das sich das große Ziel hüllte, das die drei Männer seit fast einem Jahr verfolgten: die Befreiung ihres Vaterlandes von der Fremdherrschaft. Als der Landrichter Zengerl auf dem Kirchplatz von St. Vigil mit dem Dichter seufzte: »Wann wird der Retter kommen diesem Lande?«, da war das Hinterstübchen in Nessings Kaffeeschenke schon längst zum Rütli Tirols geworden. Nicht in den Köpfen betitelter Politiker und Diplomaten, sondern in den warmen patriotischen Herzen der drei befreundeten Männer aus dem Volke war das große Werk geboren worden, und von ihnen war die erste Anregung am Wiener Kaiserhof ausgegangen. Anton Nessing, der die Feder dieses Dreimännerbundes war – wie später der schwarzbärtige Andrä dessen Schwert –, hatte sich dem jungen Erzherzog Johann eröffnet. Der Tiroler Anton Steger, der als Büchsenspanner im Dienste des Kaisers Franz stand, war der Kanal, durch den der Briefwechsel hin- und herging, und Joseph Kugstatscher, der wackere Postmeister von Bozen, trug Sorge für die sichere Beförderung der Liebesbriefe durch die Post. Erzherzog Johann Erzherzog Johann – Johann Baptist Joseph Fabian Sebastian, Erzherzog von Österreich (1782-1859). Im 3. Koalitionskrieg der verbündeten Russen und Österreicher gegen Napoleon, der 1805 begann, widmete er sich vornehmlich der Bewaffnung Tirols und Vorarlbergs und trat an die Spitze des österreichischen Armeekorps, das sich den Franzosen und Bayern entgegenstellte. Unterstützt von dem Tiroler Landvolk, brachte er den Bayern unter Deroy Anfang November 1805 die erste Niederlage am Strubpaß bei. In den auf den Preßburger Frieden (Dezember 1805) folgenden Jahren entwarf er den Plan eines Volkskrieges in den österreichischen Alpenlanden und rief im März 1809 nach dem Wiederausbruch der Feindseligkeiten zwischen Frankreich und Österreich die Tiroler zur Erhebung auf. Als Befehlshaber des innerösterreichischen Heeres schlug er den Vizekönig Eugen (s. Anm. 87 – Eugen Beauharnais) zuerst bei Pordenone, dann am 16. April entscheidend bei Sacile. Die Niederlage bei Wagram (6. 7. 1809), der am 14. Oktober 1809 der Friedensschluß zu Wien folgte, lähmte die weitere Initiative Johanns. – Im Jahre 1848 wurde Erzherzog Johann von den Liberalen in der Frankfurter Nationalversammlung zum Reichsverweser gewählt; in dieser Rolle hat er sich bald offen auf die Seite der fürstlichen Reaktion gestellt. hatte die Hand, die ihm Tirol in den drei einfachen Männern entgegenstreckte, lebhaft ergriffen; doch die Angelegenheit wollte nicht in Fluß kommen. An der Spitze der Staatsgeschäfte stand zwar mit dem Grafen Stadion Graf Stadion – Johann Philipp Karl Joseph Graf von Stadion (1763-1824), österreichischer Staatsmann; betrieb als Botschafter in Petersburg eifrig die Bildung einer Koalition mit Rußland und wurde nach dem Preßburger Frieden (s. Anm. 1) mit dem Außenministerium betraut. Er war Josephiner (s. Anm. 12 – Joseph II.) und hatte die Absicht, Österreich im Innern zu reformieren, seine äußere Macht wiederherzustellen und es an die Spitze eines wiederbefreiten Deutschlands zu bringen. Die Reform des österreichischen Heerwesens und die Bildung einer Landwehr waren größtenteils sein Werk. Der unglückliche Ausgang des auf sein Bestreben unternommenen Krieges von 1809 gab dem stockreaktionären Kaiser Franz I. den willkommenen Vorwand, den von Stadion verfolgten innenpolitischen Kurs radikal zu ändern. Stadion wurde entlassen. An seine Stelle trat Metternich, der Vertreter des Hochadels und der Bankiers. ein Mann, der das Beste Österreichs zu fordern bemüht war, aber die Partei, die ihn am Hofe und in der Gesellschaft trug, besaß nicht den ernsten Willen, die Hindernisse zu besiegen, die sich dem Minister auf der Bahn der Reformen entgegenstellten. Die Überzeugung des Grafen Stadion, daß sich der Kaiserstaat in ähnlicher Weise wie Preußen nach der Katastrophe von Jena durch die Entbindung und Entfaltung der im Volke schlummernden Kräfte regenerieren müsse, mochte noch so lebhaft sein – über Ansätze und einzelne Versuche kam er nicht hinaus. Dazu war die hocharistokratische Reaktion zu mächtig. Sie hatte den blutigen Lehren, die Österreich durch die jüngste Zeit erteilt worden waren, nichts entnommen und träumte nur davon, die Zustände auf den Standpunkt der mittelalterlichen Feudalität zurückzuschrauben. Diese Partei ging mit den Jesuiten Hand in Hand und hatte auf der andern Seite ihre Bundesgenossen in den Emigranten, die die Säkularisierung der geistlichen Reichsstände Säkularisierung der geistlichen Reichsstände – Der Reichsdeputationshauptschluß zu Regensburg (1803) bestimmte die Entschädigung der durch die Abtretung des linken Rheinufers im Frieden von Lunéville (1801) um ihren Besitz gebrachten Fürsten und die Einziehung (Säkularisation) von 23 Bistümern. und die Errichtung der Rheinbundstaaten in Österreich angesammelt hatten. Unter der Wiederherstellung Deutschlands verstand sie nur die Restauration ihrer geistlich-weltlichen Herrschaft sowie ihrer Pfründe. Aber wenn es vielleicht auch noch möglich war, diese Parteien durch ihre selbstsüchtigen Interessen gegen die Herrschaft Napoleons und seiner Satrapen in Bewegung zu setzen – wie wollte man die in allen Ecken der Hofburg raunende Furcht vor dem demokratischen Geist der Volksheere zum Schweigen bringen? Wenn man die Tiroler heute zum Aufstand für Österreich ermutigte – wer stünde dafür, daß sie sich morgen nicht gegen das Kaiserhaus wendeten? Und diese Furcht war es denn auch, die den Plan des Erzherzogs Karl, Erzherzog Karl – Karl Ludwig Johann, Erzherzog von Österreich und Herzog von Teschen (1771-1847), österreichischer Feldherr; begann seine selbständige militärische Laufbahn 1796 mit der Ernennung zum Reichsfeldmarschall. Napoleon erkannte in ihm den bedeutendsten aller seiner Gegner. Nach dem Frieden von Lunéville (1801) zum Hofkriegspräsidenten und 5 Jahre später zum Kriegsminister mit unumschränkter Vollmacht ernannt, widmete sich Karl, zusammen mit Graf Stadion (s. Anm. 59), der Reform der Armee. Die spanische Patriotenpartei ließ ihn am 31. Mai 1808 zu Saragossa als König Spaniens ausrufen, er lehnte jedoch diese Würde ab. Er setzte sich energisch für die Organisation einer österreichischen Landwehr ein, sprach sich aber 1809 gegen den Krieg aus, in dem er dann bei Wagram (6. 7. 1809) verwundet wurde. Nach der Entlassung Stadions büßte er, ebenso wie Erzherzog Johann, jeden Einfluß ein. das österreichische Heer nach dem Vorbilde Scharnhorsts und Gneisenaus umzugestalten. schon in der Wiege, in der er jetzt eben lag, verkrüppeln ließ. Den größten und traurigsten Einfluß aber übte jener glänzende Schwarm von Männern und Frauen, die kein anderes Interesse als ihr Vergnügen hatten und von Genuß zu Genuß taumelten. In der Pestluft, die diese Gesellschaft ausatmete, erstickte alles Bessere und faulte das Mark der Entschlossenheit. Unter solchen Umständen konnte der Erzherzog Johann die Patrioten in Bozen immer nur zur Geduld mahnen und auf die Zukunft vertrösten. Sie aber hatten darum die Hände nicht in den Schoß gelegt, sondern jeder hatte in seinem Kreise zuverlässige Freunde geworben. Der solide Grund, auf dem sie langsam fortbauten, war die allgemeine Wehrhaftigkeit und Waffengeübtheit Tirols. Knallten doch überall an den Sonn- und Feiertagen vor und nach dem Gottesdienst die Büchsen nach den Scheiben! Fast in jeder Hütte hing ein Schießzeug, und außerdem gab es im Lande noch Waffen genug vom Jahre 1805 Jahr 1805 – Wiederbeginn des Krieges gegen Napoleon, der mit der für die verbündeten Österreicher und Russen unglücklichen Schlacht bei Austerlitz (2. 12. 1805) endete. her, da sich Erzherzog Karl mit der Absicht getragen, in Tirol eine allgemeine Landwehr zu errichten. Auch an kundigen Führern fehlte es seit dem Schützenauszug im Jahre 1797 Schützenauszug im Jahre 1797 – Als Napoleon zu Anfang des Jahres 1797 von Oberitalien aus gegen Österreich vordrang, erhob sich im Rücken der Franzosen die patriotisch gesinnte Bevölkerung, insbesondere die Tiroler, unter denen sich Andreas Hofer (1767-1810), der spätere Führer des Tiroler Volkskampfes von 1809, als Kommandeur einer Schützenkompanie besonders hervortat. nicht. Andreas Hofer hatte sich einen Namen gemacht, der ruhmvoll durch die Alpentäler klang, und wer den bärtigen Andrä, der durch seine Geschäfte weit im Lande herumgeführt wurde, nicht von Angesicht zu. Angesicht kannte, der hatte doch von seiner Tapferkeit und seinem unerschütterlichen Gottvertrauen gehört. Der Brief, den Nessing heute seinen Freunden vorlas, mahnte zwar auch wieder zur Geduld, er enthielt aber wenigstens einen Hoffnungsschimmer. Der Schleier der Liebesgeschichte barg die Mitteilung, daß die Erzherzöge Johann und Karl eine Unterredung mit dem Kaiser, dem erdichteten Brautvater, gehabt hätten. Zwar habe derselbe auch jetzt noch nicht seine Zustimmung zu der Partie gegeben, aber er habe auch nicht mehr nein gesagt. Unbildlich gesprochen, erhellte aus dem Brief, daß die Frage der Kriegsbereitschaft Österreichs verhandelt worden war. Leider stehe es damit schlimm; die Kassen seien erschöpft, und die Rüstungen könnten daher nur langsam fortschreiten. Indessen sei Erzherzog Karl voll Feuereifer und betreibe die militärischen Angelegenheiten mit Nachdruck. Die Freunde sollten den Mut nicht sinken lassen und die von ihnen geplante Organisation, die völlige Billigung finde, rüstig weiterführen. »Jetzt, ihr lieben Freund, wer hat recht behalten?« fragte Hofer, nachdem Nessing zu Ende gelesen hatte. »Hat unser Herrgott ein Einsehn und ein Erbarmen mit der Not Tirols?« »Freilich!« versetzte Hueber nicht ohne Spott. »Da das Kind vor Hunger schreit, denken sie daran, den Acker zu pflügen. Wann, meint ihr denn, wird das Brot gebacken sein?« »Wir brauchen halt auch noch Zeit, um bereit zu sein«, bemerkte Nessing. »Die neue Getränksteuer treibt uns zwar die Wirte im ganzen Land in die Arm – die Regierung hat sie sich durch diese Maßnahme alle zu erbitterten Feinden gemacht –, aber es ist doch noch manche Masch an dem Netz zu stricken. Über den Brenner sind wir noch lang nit hinüber.« »Alleweil kommen wir auch über den Berg«, sagte Hofer gelassen. »in Sterzing und Gossensaß haben wir bereits Freund, und auch im oberen Inntal spinnt's sich sacht an. Also Geduld, Freund Hueber! Unser guter Kaiser Franz wird uns nit steckenlassen, und meine Ahnung sagt mir, daß der Tag unsrer Befreiung nit mehr fern ist.« Nessing lächelte unmerklich zu dem naiven Vertrauen, das der treuherzige Sandwirt in seinen »guten Kaiser Franz« setzte. Hueber meinte: »Dir ahnt immer nur Guts, Freund Andrä!« Dieser versetzte: »Dahingegen muß ich doch Einsprach tun! Aber ich wollt, es wär so. Schaut, wie ich heut morgen von Haus gen Meran ritt und dacht so an unser armes Tirol, wie sie in München oder Innsbruck wieder neue Drangsal gegen unsern Glauben ausgeheckt haben, da hat's mich in meiner Kümmernis auf einmal so frisch und warm angeweht, als ob's plötzlich Frühling worden wär, als ob ich durch einen Rosengarten ritt, und war doch um mich her nix als eitel Schnee und Eis. Da ward ich fröhlich in meinem Herzen; denn ich wußt wohl, was das bedeutet.« Seine Augen leuchteten von einem inneren Glanz, und mit einem Lächeln fuhr er fort: »Drum laßt uns auf Gott vertraun und nach Wien schreiben, daß sie sich eilen möchten mit ihren Rüstungen; denn dem Bräutigam brennt's schon gar zu heiß unter seinem Brustlatz. Im übrigen aber tät er seine Sachen ordentlich.« »Am besten wär, sie schickten uns einen her«, meinte Hueber. »Der sah dann mit eignen Augen, wie's steht.« »Ja, wann der junge Erzherzog Johann selbst kommen könnt!« sagte Hofer. »Aber das geht nit an. Und so ein Schreiber, der sieht nur immer, was er sehn will, nit wie's wirklich ausschaut. So ein Schreiber ist viel zu klug, als daß es in der Welt anders ausschaun könnt, als er's sich vorstellt.« Nessing und Hueber lachten, und dann verabredeten die drei mit ruhigem Bedacht noch manches über ihr Vorhaben, für das ihre Herzen so warm schlugen. »Und jetzt, ihr lieben Freund, frisch ans Netzstricken, wie's der Nessing nennt!« scherzte der Sandwirt, indem er mit Hueber aufbrach. Vor dem Hause trennten sich ihre Wege. Andreas Hofer bestieg in dem Wirtshaus »Zur Sonne« sein Pferd, das er dort eingestellt hatte, und trabte munter gen Meran. Sein langer schwarzer Bart wehte im Winde wie eine Fahne. Peter Hueber war angeblich auf Weinkauf nach Bozen gekommen, und als er von dem »Goldenen Engel«, wo er eingekehrt war, abfuhr, lagen auf seinem Wägelein einige Weinfäßchen. Alle drei aber strickten fleißig und umsichtig weiter, und alle Heerstraßen und Bergpfade entlang, bis in die einsamsten Täler hinein, liefen allmählich die Fäden und verschlangen sich zu einem Netz, das sich über ganz Tirol breitete. Die Wirtshäuser an den Straßen und Berglehnen bildeten in diesem Netz die Knotenpunkte; von ihnen gingen die Fäden nach allen Richtungen aus, in ihnen verknüpften sie sich … Die Jugend von St. Vigil kostete ihren Triumph über die Mannschaft des Oberleutnants von Reitzenstein voll aus. War Ambros durch seine rasche Entschlossenheit die Führerschaft zugefallen, so verlangten seine alten Freunde und Kameraden nun von ihm, daß er sie auch ausübe; sie wollten ihn bei ihren Zusammenkünften in den Wirtshäusern nicht missen. Er schloß sich denn auch nicht aus. Aber er war nicht mehr der alte. Merkten es seine Kameraden nicht, so gewahrte es doch Stasi, daß ihm die rechte Herzensfreudigkeit bei dem lustigen Treiben fehlte. Eine düstere Glut glomm in seinen Augen. Während die Jugend eine Gelegenheit herbeiwünschte, um sieh mit den Unterdrückern Tirols ernstlich zu messen – denn der durch die Verhaftung des Pfarrers herbeigeführte Zusammenstoß mit den Bayern war nach ihrem Geschmack gar zu harmlos verlaufen –, fehlte es unter den älteren und namentlich den vermögenderen Leuten nicht an solchen, die im Geiste schon die Soldaten racheschnaubend mit Feuer und Schwert in St. Vigil einfallen sahen. Besitz ist keine Quelle, aus der man Mut trinkt, und so scharten sie sich instinktmäßig um den Klosterbauern, der die Niederlage, die er vor dem Wirtshaus erlitten hatte, mit großer Genugtuung in einen Sieg über Ambros sich verkehren sah. Ja, ja, der Klosterbauer traf mit seinem Tun immer das Richtige, wenn man es auch mitunter nicht gleich erkannte! Wer so wie Ambros dem eigenen Vater trotzte, von dem könnte es nicht wundernehmen, wenn es ihm gleichgültig wäre, ob um seinetwillen ganz Vigil zugrunde ginge. Indessen geschah das Gefürchtete nicht. Murat, Murat – Joachim Murat (1767-1815), General Napoleons und Gatte von dessen Schwester Karoline; hatte u. a. hervorragenden Anteil an den französischen Siegen bei Austerlitz (2. 12. 1805), Jena (14. 10. 1806) und später bei Dresden (26./27. 8. 1813). Im Sommer 1808 zur Niederschlagung des Aufstandes nach Spanien geschickt, zog er am 23. April 1808 an der Spitze der französischen Armee in Madrid ein, erhielt daraufhin jedoch nicht, wie er gehofft hatte, den spanischen Thron, sondern das Königreich Neapel. 1814 fiel er von Napoleon ab und trat auf die Seite der Alliierten. Ein Jahr später allerdings begann er ohne Kriegserklärung wieder die Feindseligkeiten gegen Österreich. Am 13. Oktober 1815 wurde er bei Pizzo von italienischen Patrioten gefangengenommen und erschossen. der Schwager Napoleons, befand sich auf' dem Marsch nach Spanien. Der Rheinbund hatte die Truppen stellen müssen, und Bayern war genötigt gewesen, Tirol zu entblößen. Der Kreishauptmann von Hofstetten mußte daher sein heißes Verlangen, die Vigiler zu züchtigen, einstweilen unterdrücken; denn mit der kleinen Macht, die ihm zu Gebote stand, in die Engpässe des Gader- und Vigiltals einzudringen wäre Wahnsinn gewesen. Statt der bayrischen Soldaten erschien eines Tages in St. Vigil ein Gerichtsbote mit einer Vorladung für den Pfarrer vor den Kreishauptmann. Er war beauftragt, Herrn Moltenbecher die Vorladung persönlich zu übergeben und sich den Empfang von ihm bescheinigen zu lassen. Vefa weigerte sich jedoch, ihn vorzulassen, denn der hochwürdige Herr sei krank und liege zu Bett. Sie sprach die Wahrheit. Die Aufregung über die jüngsten Ereignisse hatte den Greis auf das Krankenlager geworfen. Aber er hatte nicht gewollt, daß der Arzt aus Bruneck geholt würde; er sei nur müde. Und er schalt Vefa ob ihrer wehleidigen Miene, daß sie ihm nicht gönne, sich einmal in seinem langen Leben ordentlich auszuruhen. Vefa stellte sich breit vor die Tür der Schlafstube, stemmte die Hände in die Hüften und fragte den Boten der Justiz, dessen Nase wie eine Fackel über seinem dicken Schnurrbart glühte, ob die Bayern nicht genug daran hätten, den hochwürdigen Herrn krank gemacht zu haben, sondern ihn noch umbringen wollten. Wenn er den Mut dazu hätte, sollte er sie nur anfassen und mit Gewalt von der Tür fortzudrängen versuchen. Den Mut dazu hätte er schon, versetzte der Bote mit großer Gemütsruhe, und wenn die Jungfer jünger wäre, würde er gern herzhaft zugreifen. Mit so alten Sachen aber befasse er sich nicht. Vefa kreischte wild auf, und der Bote hielt es für geraten, sich aus dem Bereich ihrer Fingernägel zurückzuziehen. In diesem Augenblick wurde die Tür von innen geöffnet, und der Dechant von Enneberg, der sich eben bei dem Pfarrer befand, erschien auf der Schwelle und erkundigte sich nach der Ursache des Lärms. Er hieß den Boten eintreten. »Er sieht, guter Freund, daß ich alleweil nit nach Bruneck kommen kann«, sagte Herr Moltenbecher, nachdem er einen Blick auf die Vorladung geworfen, und scherzend setzte er hinzu: »Der Herr Kreishauptmann ist zwar ein großmächtiger Herr, aber es hilft nix, daß er mir zuruft: ›Steh auf aus deinem Bett und wandle!‹« »Und wenn er Wunder wirken könnte, so dürften Sie dennoch seinem Ruf nicht Folge leisten!« rief der Dechant und legte seine Hand auf die des Pfarrers, die bereits den Bleistift des Boten ergriffen hatte, um den Empfangsschein zu unterzeichnen. »Nicht vor dem Kreishauptmann von Bruneck haben Sie sich zu verantworten; Ihr Richter ist der Herr Bischof von Brixen! Sie dürfen Ihrer Stellung nichts vergeben; Sie müssen gegen die ungesetzmäßige Forderung des Kreishauptmanns protestieren!« »Freilich, freilich, ich muß protestiern«, seufzte der alte Herr kläglich, und der Dechant ging in die nebenan liegende Studierstube des Pfarrers, um den Protest zu Papier zu bringen. Der Bote hüstelte in seine vorgehaltene Hand. Geduldig wartete er auf dem ihm angewiesenen Stuhl, bis der Dechant mit dem Schreiben fertig war. Er hatte die Hände übereinander auf den Knopf seines dicken Amtsstockes gelegt und wandte kein Auge von dem Kranken. Einmal räusperte er sich, als ob er reden wolle; es kam aber kein Wort über seine Lippen. Der Dechant trat wieder in die Stube, und der Bote versprach, den Protest getreulich abzugeben. »Aber helfen wird das nit; das kennen wir!« meinte er, seinen Rock zuknöpfend. »Und da Hochwürden so krank ist … Hier oben ist das Wetter doch gar zu rauh.« Er ging. Der Dechant und Herr Moltenbecher tauschten einen Blick miteinander. »Da sei Gott für, daß ich meine Gemeind im Stich lass'!« sagte Herr Moltenbecher leise, und der Dechant nickte. 14. Kapitel Um die Kirche von St. Vigil bewegte sich ein Zug von Schlitten und trabte dann lustig mit Schellenklang und Peitschenknall in die Bruscia hinein. Sein Ziel waren die etwa zwei Wegstunden entfernten Sennhütten von Tamers. Es war am Nachmittage vor Aschermittwoch, und der Fasching sollte fröhlich begraben werden. Die Honoratioren, die herrischen Bauern, der Müller und der Blaufärber nahmen alle teil an dem Zuge, den Vefa mit einem Seufzer des Bedauerns an ihrem Fenster vorüberziehen sah. Wäre ihr geistlicher Herr nicht krank gewesen, so säße auch sie in einem der Schlitten, wahrscheinlich in dem ihres Bruders. War es doch ihr Werk, daß der Klosterbauer, der selbst keinen Anteil an der Lustbarkeit nahm, nicht nur sein Gefährt mit dem Apfelschimmel hergegeben, sondern Lisei sogar genötigt hatte, Jergs Einladung anzunehmen! Nun saß Afra statt ihrer neben Lisei, und Jerg kutschierte. Das Zweigespann Angayas lenkte Ambros, und seine Insassen waren Stasi und der alte Müller. Der Oberförster Planta führte den Zug an. In seinem Schlitten saßen außer seiner Frau und seiner halberwachsenen Tochter Herr Zengerl und dessen Gattin, eine feine, etwas blasse Frau. Ein glänzendes Schauspiel bot der Zug gerade nicht. Die Schlitten waren schmucklos und plump und wurden von starkknochigen, schwerfälligen Gebirgspferden gezogen, die keine Freunde lebhafter Bewegung sind. Aber das tat der guten Laune der Fahrenden keinen Abbruch; die Bahn war prächtig und dazu das Wetter still und sonnig. Scherzhafte Zurufe flogen hin und her; der beschneite Wald erscholl von starkem und kunstvollem Peitschenknallen, wobei der Schnee von den Ästen auf die Fahrenden herabstäubte, und fort und fort läuteten die Schellenbehänge der Pferde. Wo der Weg sich verbreiterte oder über eine Lichtung lief, suchte einer dem andern zuvorzukommen. Dann gab es ein kurzes Jagen, Gelächter, Schelten und Hurrarufen. Jerg besonders erwies sich als ein ehrgeiziger und gefährlicher Wetteiferer. Des Klosterbauern Apfelschimmel war das beste Pferd im ganzen Zuge, und Jerg überholte einen Schlitten nach dem anderen. Wäre es schicklich gewesen, hätte er die Führung des Zuges übernommen. »Platz da, der Klosterbauer kommt!« rief er im Vorbeijagen mit triumphierendem Lachen, und die anderen lachten auch. Er fühlte sich mit den Zügeln des Apfelschimmels in der Hand, als wäre er bereits des Klosterbauern Schwiegersohn und Erbe, und in diesem Sinne rief er Ambros, der ihn ruhig vorüberließ, die Worte zu: »Jetzt hab ich dich überholt!« Dabei knallte er mit der Peitsche, als ob er Viktoria schösse. Afra höhnte, daß er das durch eigene Kraft nimmer fertig brächte. Lisei aber empfand, während sie in ihres Vaters Schlitten an Ambros vorüberfuhr, das nun unheilbar gewordene Zerwürfnis zwischen Bruder und Vater nur noch schmerzlicher. Sie hatte Ambros und Stasi freundlich gegrüßt, von Ambros aber nur ein kühles Kopfnicken zum Dank erhalten, als gehöre er nicht mehr zu ihr. – Ach, wer gehörte denn noch zu ihr? Wo mochte Wolf jetzt sein? Und mit solchen Gedanken zum Fasching fahren zu müssen! Eine Lichtung, die die ganze Breite der Talsohle einnahm, tat sich auf. Nur einzelne Wettertannen standen darauf. Es waren Riesenbäume, die auf ihren weit nach allen Seiten sich erstreckenden Ästen wohl den Schnee von vielen hundert Wintern getragen haben mochten. Lange Moosbärte und funkelnde Eiszapfen hingen an den Ästen. Zur Linken stieg die rötliche Sellawand zu schwindelnder Höhe empor, und nur hier und da deutete eine schmale Schneeleiste, Leiste – Berghang auf der nacktes Gesträuch wurzelte, darauf hin, daß die ungeheure Wand keine ganz ununterbrochen senkrechte Fläche bildete. An ihrem Fuße lagen, die Sennhütten von Tamers, die als Zwischenstation für die Viehherden von St. Vigil dienten, wenn im Frühjahr die Almen in den Hochalpen noch nicht zu befahren waren und wenn die Witterung gegen den Herbst hin droben bereits zu rauh wurde. Die Hütten lagen in hellem Sonnenschein, der der Felswand trotz des Winters einen warmen Ton verlieh, und silbern funkelte in der Höhe die phantastische Zackenkrone. Musik empfing die Ankömmlinge vor dem geräumigen Hirtenhause, dessen Tür mit grünen Tannenzweigen umsteckt war. Sie klang in der freien Luft ein wenig schwach, denn die Kapelle bestand nur aus einer Klarinette, einer Geige und einem Baß. Auf dem Dach wehte das rotweiße Banner Tirols, und der Jubelruf, mit dem die Landesfarben von den Männern begrüßt wurden, übertäubte vollends die Anstrengungen des musikalischen Kleeblatts. Nur einige klägliche Töne der Klarinette, dem Schreien eines Kindes ähnlich, waren dazwischen vernehmbar. Die große Stube des Hirtenhauses war ebenfalls reich mit Tannengrün geschmückt. Mutschleitner, der die Bewirtung übernommen hatte, war schon am Morgen mit seiner Frau, Moideli und einem Knecht nach Tamers vorausgefahren, um alles herzurichten, und sie hatten sich jetzt tüchtig zu tummeln, um das Verlangen der Gäste nach warmen und erwärmenden Getränken zu befriedigen. Was war das für ein lustiges Brausen und Schwirren! Selbst der wortkarge Steuereinnehmer taute auf, nachdem er ein Glas heißen Wein getrunken hatte, und die Frau Landrichter vergaß die geistige Vereinsamung, in der sie mit ihrer überlegenen Bildung unter den Vigilern lebte. Nun aber gab der Oberförster den Musikanten ein Zeichen und trat mit Frau Zengerl zu einem Schleifer an. Es war seine Idee gewesen, den Fasching mitten in der Waldeinsamkeit zu feiern. Fortan gehörte der Jugend das Feld. Die älteren Männer flüchteten sich in eine sichere Ecke, wo sie ungestört trinken und politisieren konnten; die Matronen schauten dem Tanze zu, der Zeit gedenkend, da sie sich selber als flinke Gitschen auf der Diele gedreht hatten. Jerg spielte den Großartigen. Er wollte nicht nur Lisei zeigen, wie freigebig er war, sondern auch Ambros fühlen lassen, daß Moses und die Propheten aus dessen Tasche ausgewandert waren. Wenn er mit Lisei zum Tanz antrat, zog er stets eine ganze Handvoll Silbersechser und Bankozettel hervor, so daß es alle sahen, und warf dann prahlerisch die doppelte und dreifache Gebühr in den Musikantenteller. Mit lauter Stimme rief er den Wirt oder Moideli und machte ebenso seine Bestellungen. Er ließ immer vom Besten bringen und lud auch Ambros und Stasi dazu ein. Es käme ihm nicht darauf an, die ganze Welt zu traktieren, so vergnügt sei er, äußerte er. Ambros war aber jetzt noch weniger als früher der Mann, sich traktieren zu lassen, und überhörte die Einladung geflissentlich. Stasi, die sich gleich anfangs zu Lisei gesetzt hatte, dankte, weil sie es unschicklich fand, daß ein Junggeselle verheiratete Leute traktieren wollte und obendrein so prahlerisch tat. Sie begriff nicht, wie Lisei so freundlich zu ihm sein konnte. Dieser war es allerdings peinlich genug, daß er durch sein Benehmen fortwährend die Aufmerksamkeit auch auf sie zog; doch sie glaubte, daß er es wirklich gut meine, und so lieh sie dem »besten Freunde« ihres Bruders geduldig ihr Ohr und tanzte mit ihm und mit jedem, der sie dazu aufforderte. Wie traurig sie auch innerlich war, so hielt sie es doch für ihre Pflicht, ihre Stimmung zu verbergen, da sie sich einmal in der Gesellschaft befand. Sie hatte ja eine langjährige Übung darin, alles, was sie persönlich bedrückte, in sich zu verschließen und zu überwinden und den Menschen eine ruhige Haltung zu zeigen. Es schien aber, als ob man allgemein das Bedürfnis empfände, ihr wegen der jüngsten Ereignisse eine Art Ehrenerklärung zu geben; denn die älteren Leute kamen zu ihr und redeten mit ihr, und von den ledigen Burschen forderten die meisten sie zum Tanz auf. Niemand freute sich über diese Auszeichnung mehr als Stasi – nicht nur weil sie Lisei hochschätzte, sondern auch, weil sie deren wahre Empfindungen erriet. Jerg aber sagte einmal, wie in einer Anwandlung von Eifersucht: »Was ist das? Ich hab dich hergeführt als meine Tänzerin, und jetzt hab ich so gut wie nix von dir! Das leid ich nit!« Lisei ließ die Äußerung unbeachtet. Afra aber konnte sich, als sie darauf mit Ambros tanzte, die Bemerkung nicht verkneifen: »Der Jerg tut grad so, als ob er's auf deine Schwester abgesehn hätt!« Ja, er müsse immer seinen Spaß haben, meinte Ambros. Darauf entgegnete Afra: »Du kennst ihn nit. Ihr kennt ihn alle nit!« »Wann er sich den Mund bei der Lisei verbrennen will, wer kann's ihm wehrn?« versetzte Ambros gleichmütig. »Er weiß ja, wie's mit ihr steht.« Diese letzten Worte machten Afra stumm. Wußte sie nicht, wie es mit Ambros stand? Und dennoch …! Stasi konnte nicht tanzen. Sie wäre deshalb auch gern zu Hause geblieben; allein, Ambros hatte darauf bestanden, daß sie mitkäme. Es war weniger eine Bitte als ein Befehl gewesen, und Stasi hatte über seinen herrischen Ton in der Stille geweint und dann gehorcht. War er seit dem feindseligen Zusammenstoß mit dem Vater vor dem »Stern« nicht mehr der Kloster-Brosi, so wollte er den Leuten zeigen, daß er immer noch der Ambros Falkner war und jenen durch seinen persönlichen Wert aufwog. Er war der Ambros Falkner, und die Stasi war die Frau des Ambros Falkner – das sollten die Leute gegen den Klosterbauern öffentlich anerkennen, und darum war er zur Fastnacht gekommen. Demgemäß hatte er auch vor Beginn des Tanzes zu seiner Schwester geäußert: »Der Vater meint, jetzt gelt ich nix mehr, weil ich nit mehr der Erbe vom Klosterhof bin; da soll er doch schaun, wie er sich irrt!« Wie schmerzlich Lisei auch das unheilbar gewordene Zerwürfnis zwischen Vater und Bruder war – sie freute sich doch über diese Äußerung, denn diesen Stolz auf sich selbst hatte sie ja dem Bruder immer gewünscht; war es doch das ruhige Vertrauen auf die eigene Kraft und Tüchtigkeit, was sie an Wolf so hoch schätzte. Der Schmied pflegte allerdings nicht mit solchem an Herausforderung streifenden Stolz um sich zu blicken, wie es Ambros tat; aber Lisei bemerkte dies wohl nicht, und wenn, so hielt sie es der größeren Jugend des Bruders und seinem feurigen Temperament zugute. Als der Oberförster den Tanz eröffnete, forderte Ambros seine Frau auf. Ihre Entschuldigung, daß sie nicht tanzen könne, wollte er nicht gelten lassen, und auch Lisei redete ihr zu. Ambros würde sie schon sicher führen, und es schicke sich, daß sie beide auf dem ersten Tanzvergnügen, das sie als junges Ehepaar besuchten, auch zuerst miteinander tanzten. Aber die Sache ging nicht gut aus. Obwohl Ambros ein vorzüglicher Tänzer war, kam die arme Stasi wiederholt aus dem Takt. Er brachte sie auf ihren Platz zurück, und sein Ärger machte sich in den Worten Luft: »Du kannst auch gar nix!« Das wollte seine Frau sein und konnte nicht einmal einen elenden Schleifer tanzen! grollte es in ihm fort All die Mädchen und jungen Frauen, gleichviel, ob sie hübsch oder häßlich waren, beschämten sie! Wenn sie sich lustig drehten und sprangen – wer saß allein an der Wand? Die Frau vom Ambros Falkner! Es war zum Tollwerden! Stasi war tiefbetrübt. Allerdings war Ambros für den mißglückten Tanz mitverantwortlich; denn warum hatte er trotz ihrer Erklärung darauf beharrt? Aber sie maß sich selbst die größere Schuld bei, weil sie ihm nachgegeben, trotz ihres Zagens mit heimlicher Freude nachgegeben hatte. Es war ja ein Beweis seiner Liebe, daß er durchaus mit ihr tanzen wollte, und es war lange her, seit er das letzte Mal seinen Arm um sie geschlungen hatte. Sie hatte vor Herzklopfen keinen Ton von der Musik gehört, und dann hatte sich die ganze Stube samt all den Menschen um sie zu drehen begonnen. Lisei versuchte sie zu trösten: sie sei nicht ungeschickt und solle nur mehr Vertrauen zu sich haben, dann würde es ein zweites Mal schon besser gehen. Stasi wollte aber keinen zweiten Versuch wagen, weder mit Jerg, der sich dazu erbot, noch mit sonst einem der jungen Burschen, die sie um ihres Mannes willen auffordern kamen. Es wäre für sie kein Vergnügen gewesen, sich mit einem andern herumzudrehen, selbst wenn sie eine gute Tänzerin gewesen wäre. Ambros' wegen wünschte sie, daß sie sich auf die Kunst so trefflich verstünde wie Afra. Ambros und Afra waren unstreitig das gewandteste und auch das hübscheste Paar auf der Tanzdiele, und Stasi hörte, wie sie von den Zuschauern gelobt wurden, wenn sie miteinander tanzten – was sehr oft geschah. Sie fand es natürlich, daß ihr Mann als der beste Tänzer am häufigsten die beste Tänzerin aufforderte, und wenn ihre Blicke den Bewegungen des Paares folgten, so war es doch nur Ambros, den sie sah. Die schöne Müllerin aber tanzte nicht nur gut, sondern auch mit Leidenschaft. Sie war mit der Zeit in eine Erregung geraten, die sie kaum noch zu beherrschen vermochte, und aus ihren großen, tief-dunklen Augen flammte die heiße Glut ihres Herzens zu Ambros empor. Er legte sich über das, was ihre Blicke verrieten, keine Rechenschaft ab; aber ihr Feuer trieb auch ihm das Blut schneller und heißer durch die Adern, und ungestümer und wilder schwang er Afra in seinen Armen, stampfte den Boden und jauchzte, daß das Blockhaus erzitterte. »Ja, die beiden passen gut zusammen«, meinte Jerg zu Lisei, und mit spöttisch zwinkernden Augen fügte er hinzu: »Alte Lieb rostet nit!« Er sagte es, während er mit Lisei der Forlane zuschaute, die Ambros und Afra gerade zum besten gaben. Die Forlane, heute fast gänzlich vergessen, war ein alter venetianischer Bauerntanz, den die von der Nordküste der Adria zu den Erntearbeiten heraufkommenden Frauen und Mädchen im Pustertal und dessen Nebentälern bekanntgemacht haben mochten. Sie wurde von einem, höchstens zwei Paaren ausgeführt. Ambros und Afra tanzten allein, und um sie hatte sich ein dichter Kreis von Zuschauern gebildet, der seinen Beifall wiederholt laut zu erkennen gab. Es war ein ausgelassen lustiger Tanz. Lisei sah sich bei Jergs Worten erschrocken um, denn er hatte laut genug gesprochen, um auch von Stasi gehört zu werden, falls sie, wie Lisei befürchtete, hinter ihnen stand. Vielleicht war es gerade Jergs Absicht, seinem »besten Freunde« einiges Unkraut unter den Weizen zu streuen. Stasi aber war, wie viele andere, auf eine der an den Wänden befindlichen Bänke gestiegen, um über die Köpfe der Davorstehenden hinweggucken zu können. Sie hatte nichts gehört; sie war ganz Auge, und ein Lächeln umspielte ihre gewölbten Lippen. Das Lächeln erstarb jedoch allmählich, und ihr liebliches Gesicht wurde immer ernster und trüber, je feuriger das Paar in dem Staub und Tabaksqualm sich drehte und sprang, sich suchte und floh, und vollends, als Afra sich zuletzt, wie unfähig eines längeren Widerstandes, von Ambros haschen ließ, beide sich, ohne von der Stelle zu weichen, in wildem Wirbel herumdrehten und er sie zum Schluß hoch in die Höhe hob, indem er plötzlich, wie am Boden festgewurzelt, stehenblieb. Sobald sich Lisei überzeugt hatte, daß Stasi die Bemerkung Jergs nicht vernommen hatte, hielt sie ihm seine Ungehörigkeit ernstlich vor. Er solle bedenken, daß beide verheiratet seien und daß Afra überdies seine Mutter sei. »Die Frau von meinem Vater, ja, das ist sie leider! Und er ist blind«, entgegnete er. »Aber, meiner Treu, du hast recht; ich sollt nit alles heraussagen, was ich denk. Ich kann nix dafür, daß mir das Herz auf der Zung sitzt. Wann's anders wär, wär ich nit der lustige Jerg. Ehrlich währt am längsten. Wann ich erst verheiratet bin, tanz ich bloß noch mit meiner Frau oder gar nit mehr.« »Ja, denkst denn ans Frein?« fragte Lisei etwas verwundert »Wann einer sich die Römer abgelaufen hat, denkt er schon dran«, versetzte er mit einem lauernden Blick. »Auf Geld brauch ich nit zu sehn; aber brav müßt sie sein und gescheit, weißt du, und nit zu jung, so daß sie mich in allen Stücken verstehn kann. Eine, die bloß so am Äußerlichen hängt, die ist nit für mich. Sie muß mir ins Herz sehn können. Ich weiß, daß ich zu weich und gutmütig bin; da muß sie mit ihrem Verstand für mich eintreten und mir die Hand auf den Mund legen, wann mir das Herz über die Lippen springen will.« Nichts lag Lisei ferner als die Ahnung, daß er auf sie selber zielte. Ihre unbefangene Antwort, daß es dergleichen Gitschen wohl genug gebe, verhallte in dem Beifallsgetöse, das den letzten Takten der Forlane folgte. Jerg aber hatte wieder das Herz auf der Zunge, und mit dem Glase in der Hand rief er Ambros, als dieser mit Afra aus dem Gewühl der Zuschauer zu ihren Plätzen zurückkehrte, übermütig zu: »Jetzt tu mir Bescheid! Wetter, das war ein schmuck Stücklein!« Ambros trank einen Schluck aus dem gebotenen Glase. »Gesundheit!« sagte er und bestellte bei Mutschleitner eine Halbe Wein. »Und jetzt stoßen wir alle miteinander an!« rief Jerg, während er die Gläser auf dem Tisch füllte. Auf das, was wir lieben!« Er stieß sein Glas geflissentlich an das Liseis. Stasi, die bisher mit gesenkten Lidern dagesessen, schaute beklommen zu Ambros auf. In demselben Augenblick streckte ihr Afra das Glas entgegen und stieß mit einem so tiefen, glühenden Blick an, daß Stasi unwillkürlich mit der Linken nach ihrem Herzen griff. Ambros kam mit seinem Glase lässig nach. »Aber deiner Frau hat die Forlane nit gefalln«, sagte Jerg zu ihm, nachdem er getrunken hatte. »Der Geschmack ist halt verschieden.« »Was versteht sie davon?« entgegnete Ambros mit einem Achselzucken und setzte sich neben Afra, deren Brust von dem Tanz noch heftig wogte. Lisei übernahm die Verteidigung Stasis, die rot geworden war. Mit einem ernsten Blick auf ihren Bruder sagte sie: »Mir hat der Tanz auch nit gefalln; er ist gar so wüst.« Afra strich ihren schwarzen, faltenreichen Rock glatt. Als sie die Augen wieder hob, begegnete sie denen ihres Stiefsohnes, die stechend auf sie gerichtet waren. Ein Blitz zorniger Verachtung traf ihn. Der Oberförster und andere kamen mit ihren Gläsern heran, um mit Ambros anzustoßen und ihm und der Müllerin zu sagen, wie gut sie die Forlane getanzt hätten. Afra warf Lisei einen triumphierenden Blick zu und scherzte und lachte mit den Männern. Auch der alte Angaya fand sich ein; er freute sich, daß seine Frau so heiter war, und äußerte, daß er selber in seinen jungen Jahren für einen der besten Forlanetänzer gegolten habe. »Ach du!« rief Afra mit einer Mischung von Ungeduld und Spott; und er versetzte: »Das junge Volk will's nie glauben, daß wir Alten auch mal jung gewesen sind. Aber wie gut du deine Sach auch gemacht hast – hier, dem Ambros Falkner seiner Mutter hättst nimmer das Wasser gereicht. Das war die beste Forlanetänzerin im ganzen Vigiltal.« Über Liseis Angesicht zog ein Schatten. Sie sah vor sich nieder, um Afras Augen zu vermeiden, die jetzt vollends triumphieren mochten. Die schöne Müllerin aber nickte Stasi zu und lachte. In diesem Augenblick ließen die Musikanten eine Fanfare ertönen und lenkten dadurch die allgemeine Aufmerksamkeit auf zwei Burschen, die eine große Strohpuppe von notdürftig menschlicher Gestalt hereintrugen. Sie war mit vielen bunten Bändern aufgeputzt und stellte den Fasching vor, der zum Schluß nach alter Sitte begraben werden sollte. Allgemeiner Jubel begrüßte den Prinzen Karneval. Man ordnete sich paarweise, um ihn zum Opfertode zu begleiten, und die Musik stellte sich an die Spitze. Vor der Haustür verteilten Mutschleitner und sein Knecht brennende Kienfackeln. Ein übermütiger Bursche sprang die Leiter hinauf, die am Dach lehnte, holte unter erneutem Jubel die Fahne vom First und trug sie dem Zuge voran. In der Stube blieben nur Stasi und Lisei zurück. Ambros hatte Afra mit sich fortgezogen. Jerg war von Lisei bedeutet worden, sich eine andere Partnerin zu suchen. Sie selbst wollte die vernachlässigte Stasi bewegen, sich mit ihr dem Zuge anzuschließen, um nicht aufzufallen; allein, Stasi weigerte sich. »Ich kann nit, ich kann nit! Mir ist so angst«, flüsterte sie erregt, und sobald beide allein waren, schlang sie ihre Arme um Liseis Hals und brach in Tränen aus. »Ich hätt nimmer geglaubt, daß deine Frau so zimperlich ist«, sagte unterdessen Afra zu Ambros, und dieser versetzte rauh: »Red nit von ihr!« Nach altem Brauch hätte die Puppe, die den Fasching darstellte, in ein fließendes Wasser geworfen werden müssen. Ein solches war jedoch nicht in der Nähe, denn die Quellen des Vigilbaches lagen wohl eine Stunde talabwärts, und der Brunnen bei den Sennhütten bildete eine feste Eismasse. Die Strohpuppe sollte daher verbrannt werden, und eine Stelle, wo die mächtigen Wettertannen einen fast kreisrunden Platz bildeten, war dazu ausersehen worden. Dorthin begab sich der lustige Trauerzug mit den qualmenden Fackeln unter den Klängen der Geige und Klarinette, während über den Zacken und Köpfen der kreidigen Felsen der Vollmond stand, den nur dann und wann leichtes Gewölk verschleierte. Manch schlechter Witz wurde über die Strohnatur des Faschingsprinzen gerissen. »Aber wie soll er denn heißen?« hörte man es durcheinanderrufen. »Wir begraben ihn, und er ist noch nit mal getauft!« Viele Namen wurden vorgeschlagen, fanden aber nur teilweise Zustimmung. Da schrie eine Stimme: »Montgelas!« – »Der Antichrist!« ergänzte eine andere, und ein allgemeines Bravo belohnte den Kecken. »Ja, ja, Montgelas soll er heißen!« rief es von allen Seiten. Aber jetzt übertönte der Vorschlag: »Bonaparte!« den Lärm, und Montgelas war geschlagen. Es war Ambros, der den Namen gerufen hatte. »Bonaparte! Bonaparte soll brennen!« erhob sich der allgemeine Schrei, und mit ihm wurde die Puppe in das Feuer der Kienfackeln gestürzt, die man inzwischen auf einen Haufen geworfen hatte. Die Instrumente kratzten und quiekten einen Tusch. Jubelschreie, Jauchzer, Hurrarufe und das immer wiederkehrende »Bonaparte! Bonaparte!« zerrissen die stille Nacht. Hochauf loderte die Flamme. Zugleich faßten sich alle an den Händen und sprangen um den Scheiterhaufen herum. Es war ein phantastisches Schauspiel, die Menschen in der Doppelbeleuchtung von Feuer und Mondlicht zwischen den bärtigen Schirmtannen im Kreise herumspringen zu sehen. Die riesigen Bäume, die der Mond mit silbernem Dunst umgab, schienen an den Spitzen der Äste zu brennen. Die Gesichter der Menschen glühten bald dunkelrot auf, bald flog ein Schatten über sie, oder sie schauten gespenstisch bleich. Dazu strichen und bliesen Geige und Klarinette unermüdlich, und das Schreien, Jubeln und Lachen erfüllte weithin den Bannwald. Plötzlich, als das Feuer der Fackeln wieder hoch aufloderte, sprang der Bursche, der die Tiroler Fahne schwenkte, über den Scheiterhaufen. Der Reigen stockte einen Moment, und die Musik brach ab; dann aber erscholl mit unbeschreiblicher Begeisterung und immer von neuem der Ruf: »Hoch Tirol! Hoch Österreich!« Der Landrichter und der Oberförster, die zuschauend außerhalb des Kreises standen, blickten einander bedeutungsvoll an. »Das geht nun alles auf ein Kerbholz«, sagte nach einer Weile der Landrichter. »Mögen sie's meinetwegen in Bruneck erfahrn«, versetzte der Oberförster. »Wir erleben's noch, daß der Ruf durch alle Täler schallt!« Herr Zengerl schüttelte den Kopf, und langsam dem Zuge folgend, der sich wieder, jetzt eilig und ungeordnet, nach dem Hause zurück begab, sagte er: »Man muß den Feind mit seinen eignen Waffen schlagen. Für Napoleon kämpfen die Ideen der Französischen Revolution. In Preußen macht man sich den Geist der großen Zeit zunutz; man räumt den Schutt der mittelalterlichen Institutionen fort, damit die Volkskraft Raum und Luft zur Entwicklung findet. Österreich rührt und regt sich nit. Die Befreiung könnt nur gelingen, wann ganz Deutschland sich erhöb. Aber wo ist Deutschland? Wir sind Tiroler, Österreicher, Bayern, Preußen; aber Deutsche sind wir nit!« »Ihr seht wieder mal gar zu schwarz, alter Freund!« warf der Oberförster ein. »Der Geist des Volkes ist gut.« »O ja – beim Wein und der Fiedel! Hörn Sie nur, wie er schon wieder stampft!« entgegnete Herr Zengerl ironisch und deutete nach dem Hause. »Wer denkt noch an das Hoch, das er dort bei den verglimmenden Bränden ausgebracht hat? Den Fasching haben sie begraben; den alten Adam hätten sie begraben solln!« »Was, ist denn der Aschermittwoch schon angebrochen, daß Ihr eine Bußpredigt haltet?« scherzte Planta. »Euch macht das Zeitunglesen melancolisch. Wann Ihr wie ich im freien Feld und grünen Wald lebtet, so würdet Ihr immer nur das Nächste scharf ins Aug fassen. Was schiert mich Deutschland? Ich bin Tiroler und will Tiroler bleiben! – Jetzt aber ist das Nächste, daß wir dem Fasching ein letztes Glas weihn!« Er zog den Landrichter mit sich ins Haus, wo, wie er sich ausdrückte, das Halali gestampft wurde. Der Kehraus war in vollem Gange, oder richtiger: in vollem Rasen, als ob nun erst die rechte Lust anfinge, und er raste fort – ein Knäuel zuckender Leiber in einer dichten Staubwolke, aus der heisere Schreie und wildes Lachen brachen –, bis der Klarinettist keinen Atem mehr hatte und Geiger und Bassist kraftlos die Arme sinken ließen. Dann war es, als ob der wilde Jäger durch den Forst jage. Allmählich verstummte jedoch das Schreien, Lachen, Singen und Peitschenknallen; die kalte Nachtluft dämpfte die Erregung, und man hörte bald nichts mehr als das melancolisch eintönige Klingen der Schellen und gelegentlich ein Schnauben der Pferde, wenn diese vor den phantastischen Gestalten scheuten, mit denen das ungewisse Mondlicht die Bruscia bevölkerte. Der Mond ist ein unheimlicher Zauberer, und von den Frauen und Mädchen schmiegten sich manche ängstlich an die Männer oder zogen ihre Tücher über die Augen, um die Gespenster in den weißen Gewändern nicht zu sehen, die dort im Dickicht lauerten, hier in stummer Wehklage die Arme gen Himmel streckten oder dort zusammengekrümmt am Wege hockten. Mancher Bursche suchte sein Mädchen zu erschrecken, indem er es plötzlich anstieß und auf die Geister deutete, die der Mond aus Sträuchern, Bäumen und Felsblöcken schuf. Jerg versuchte es mit Lisei und Afra, aber beide waren mit ihren eigenen Gedanken zu beschäftigt, als daß sie ihm Aufmerksamkeit geschenkt hätten. Lisei dachte an Wolf. Wie war doch die Lust und das Lärmen in der Sennhütte von Tamers ohne ihn so schal gewesen! Um so tiefer sehnte sie sich nun, da sie ungestört seiner gedenken konnte, nach ihm. Afra sprach kein Wort; sie wiegte sich noch tanzend in Ambros' Arm, fühlte seinen heißen Atem an ihren Wangen und schalt sich eine Närrin mit all ihren Herzenskämpfen, War es denn ihre Schuld, daß ihre Liebe mächtiger war als ihr Wille? Hatte sie es nicht redlich gemeint mit ihrer Entsagung? Sie wollte sich ja nicht zwischen Ambros und Stasi drängen; sie begehrte Ambros nicht. Aber durfte sie ihn darum auch nicht lieben? Wem schadete sie, wenn sie ihn liebte? Stasi verlor ja nichts dadurch. Es war keinem zum Vorteil oder Nachteil, und nur sie selbst litt darunter, wenn sie fortfuhr, ihr Herz zu quälen. Sie wollte lieben! Tiefer hüllte sie sich in ihren Mantel und schloß die Augen, um noch einmal das Glück durchzukosten, das sie im Tanz mit Ambros gefunden. Ihr Mann ließ sich unterdessen redselig über das Fest aus, das für ihn um so schöner gewesen war, je vergnügter er Afra gesehen hatte; er erhielt aber nur von Stasi hin und wieder eine Antwort. Ambros lenkte stumm das schwerfällige Gespann des Müllers. Die Mißstimmung gelangte in ihm mehr und mehr zur Herrschaft. Afras Bemerkung über Stasi kam ihm wieder in den Sinn und nährte seinen Verdruß. Es schien ihm das richtige Wort zu sein, daß Stasi zimperlich war. Sie wußte sich nicht in die Menschen und das Leben zu schicken und nahm alles zu schwer. Wie hatte er nur glauben können, daß sie ihm auf dem Fest Ehre machen würde? Das Blut stieg ihm zu Kopfe, wie er sich vorstellte, daß die Leute wohl gar gelacht hätten, als sein Versuch, mit ihr zu tanzen, mißlang. Ja, wenn Afra seine Frau wäre! Es wehte ihn wie ein warmer Hauch an, und dann ruckte er den Gäulen plötzlich in die Zügel. War er eingeschlafen gewesen und hatte geträumt? Er wußte es nicht. Eben hörte er den Müller sagen, daß er sich oft wundere, wie gut seine Frau alles könne, da sie doch als blutarme Gitsche keine Gelegenheit gehabt habe, es zu lernen. Warum besaß Stasi nichts von Afras Geschicklichkeiten? knüpfte Ambros daran seinen Gedanken, und den dunklen Faden weiterspinnend, fragte er sich, welche Eigenschaften Stasi besäße, daß er sie durchaus habe heiraten müssen. Er dachte nicht an das Wort seines Bruders, daß die Liebe nicht rechne noch wäge. Wenn der Kopf zu rechnen beginnt, steht das Herz am Rande des Bankrotts. Was konnte Stasi gegen das ungeheure Opfer, das er für ihren Besitz gebracht hatte, in die Schale werfen? Was? Was? Er schalt sich einen Fastnachtsnarren, der es verdiente, daß ihn die Leute auslachten. Er hätte vor Ingrimm die ganze Welt zerschlagen mögen. Stasi zollte dem Müller nur eine scheinbare Aufmerksamkeit. Der Aufbruch von den Sennhütten war für sie eine Erlösung gewesen; allein, der Gedanke, daß Ambros sie nicht mehr liebe, daß Afra ihm wohl mehr gälte als sie, dieser Gedanke, der mitten im Fest wie ein Gespenst vor ihr aufgestiegen, war ihn gefolgt. In dem Entsetzen, das sie beschleichen wollte, griff Stasi nach allem, was ihre Wahrnehmungen Lügen strafen konnte. Die Feierlichkeit der Nacht, in der das lustige Zurufen von Schlitten zu Schlitten, das Auflachen und Singen allmählich verstummten, machte auch sie ruhiger, und das Mondlicht, das alles sänftigend umhauchte, beschwichtigte ihr wundes Gemüt. Es war ja unmöglich, daß die mächtige Liebe zu ihr, die Ambros bewogen hatte, ihr alles zum Opfer zu bringen, so plötzlich erloschen sein sollte. Wenn seine Leidenschaften auch hoch aufzulodern pflegten, so waren sie doch kein Strohfeuer wie das jener Faschingspuppe, das die Bruscia weithin mit seinem Schein erfüllt hatte. Und war denn in der letzten Zeit nicht so vieles auf ihn eingestürmt, das sein gereiztes und oft unfreundliches Wesen erklärte und somit entschuldigte? Sie verweilte bei den Augenblicken, in denen seine Liebe wieder hell und heiß zum Durchbruch gekommen war. Afra mochte viel schöner, geschickter und klüger sein als sie – sie, Stasi, hatte es ja stets anerkannt –, aber in einem Punkte mußte die schöne Müllerin ihr den Vorrang einräumen, selbst wenn es denkbar gewesen wäre, daß eine verheiratete Frau ihre Neigung auf den Mann einer anderen zu werfen vermocht hätte: So wie sie vermochte keine den wilden Ambros Falkner zu lieben! Die silberne Dämmerung im Walde und das sanfte Klingen der Schellen versenkten sie in ein waches Träumen, und sie lächelte in dem Bewußtsein eines süßen Zaubers, der sie der Liebe ihres Mannes gewiß machte. »Da wartet der Jerg auf uns!« unterbrach der alte Arigaya das Schweigen, in das auch er zuletzt versunken war. Sie hatten die Mur erreicht, die einst St. Vigil zerstört. Jerg war aus der Reihe der Schlitten herausgefahren und hielt seitwärts. Ambros bog ebenfalls aus der Bahn und machte hinter ihm halt. Darauf sagte der Alte: »Ihr werdet nit noch bis zur Mühl mitfahrn und dann zu Fuß das End wieder zurückgehn wolln. Geruhsame Nacht denn und kommt gut nach Haus!« Man nahm einen raschen Abschied voneinander, in den aus den inzwischen vorüberfahrenden Schlitten Grüße hineingerufen wurden. Stasi reichte der schönen Müllerin, die zu ihrem Mann in den Schlitten stieg, scheu und hastig die Hand. Es kostete sie Überwindung. Jerg fuhr Lisei nach dem Klosterhof, und Ambros und Stasi gingen zu Fuß nach Hause. Stasi ging hinter ihrem Manne her. Der Mond stand hinter Wolken, die ihren Schatten über die Schneefläche der Mur warfen; gen Norden aber trafen seine Strahlen hell die Spitzen der Berge und ließen den Mosesbart des Piz-Peres wie funkelndes Silber herabwallen. Nach einer Weile, als der Weg aus der Murkluft sich aufwärts zu winden begann, erfaßte Stasi die herabhängende Linke ihres Mannes. Er wollte sie ihr mit einer mehr unwillkürlichen als absichtlichen Bewegung entziehen; aber sie hielt sie mit sanfter Gewalt fest, und ihr zärtlich bittender Blick beschämte ihn. »Gedenkt dir's noch, wann wir diesen Weg zum ersten Mal Hand in Hand wie jetzt gegangen sind, Brosi? fragte sie nach einigen Schritten leise. Jener schöne Sommersonntagsmorgen, an dem er Stasi unter würzig duftenden Tannen zum ersten Mal geküßt hatte, während in den Zweigen über ihnen die Vögel fröhlich sangen, wurde ihm plötzlich gegenwärtig. Er wandte finster das Gesicht ab. Warum erinnerte sie ihn daran? Wollte sie ihm Vorwürfe machen? War es nicht genug, daß er sich eben auf der Fahrt wegen seiner Überhastung selber bitter angefallen hatte? Aber Stasi war weit davon entfernt, ihm Vorwürfe zu machen. Sie drang nicht einmal auf eine Antwort, sondern umspannte mit ihrer kleinen, von der Arbeit gehärteten Hand die seine nur noch fester. Er empfand den Druck in seinem Herzen und begann schwerer zu atmen. Was war aus ihm geworden, daß er, der sonst so trotzig die Verantwortung für sein Tun auf sich zu nehmen pflegte, unterwegs seine Frau angeklagt hatte? Wenn er Stasis Besitz mit zu großen Opfern erkauft hatte, so war er allein schuld! Er schämte sich. »Ja, damals war's Sommer!« murmelte er. »Wir haben seitdem Schweres zu tragen gehabt«, sagte sie sanft. »Jeder für sich und beide zusammen, aber …« Sie brach ab, und er merkte es nicht. Hätte er ihr ins Gesicht geschaut, so wäre ihm nicht entgangen, daß sie lächelte. Aber er wagte es nicht. Er hatte nie daran gedacht, daß auch sie ihre Opfer gebracht, und nun war es ihm, als ob er eine schwere Last bergan trüge. Doch was nützte es, daran zu denken? Mit dieser Erkenntnis war das Geschehene nicht auszulöschen. Sie waren beide zum Unglück aneinandergekettet, und er hob trotzig die Stirn. Mittlerweile waren sie droben bei den mächtigen Felsblöcken angekommen, und Stasi hielt Ambros, der weitergehen wollte, zurück Sie war vom Steigen etwas außer Atem gekommen. Er blieb stehen, betrachtete die im Mondlicht weißschimmernden Steine und sagte: »Du hast vorhin noch was sagen wolln.« »Ja, Brosi«, versetzte sie und versteckte ihr Gesicht hinter seinem Arm. »Aber ich sag's dir lieber zu Haus, wo uns keiner hört.« »Wer hört und sieht uns denn hier?« fragte er ungeduldig. Sie schwieg wie unschlüssig. Dann legte sie ihm die rechte Hand auf die Schulter, hob sich auf die Fußspitzen und brachte ihren Mund dicht an sein Ohr. Aber es dauerte wohl eine Sekunde, bevor ein Wort über ihre Lippen kam. Es waren wenige Worte, die sie ihm hauchleise zuflüsterte. Wie ein Blitz wandte er sich zu ihr und starrte sie an. Sie stand mit gesenkten Lidern vor ihm, und ihre Wangen glühten im Mondlicht wie zwei rote Rosen. »Stasi!« stammelte er. »Herr Gott, ist's wahr?« Sie warf ihre Arme um seinen Hals und drückte ihr Gesicht an seine Brust. »Juch! Juch!« klang es über das Tal hin. Ambros nahm seine Frau auf beide Arme und trug sie wie ein Kind die Hecke entlang. »Juch! Juch!« Stasi schmiegte sich dicht an ihn und blickte durch Freudentränen zu ihm auf. Jerg und Lisei vernahmen den Jauchzer, aber an Ambros dachten beide nicht. Jerg meinte, es sei einer, der des Guten zuviel habe. Peitschenknallend fuhr er auf den Klosterhof, wo alles in tiefem Schlaf lag. Lisei ging nach dem Pferdestall und rief laut den Namen eines Knechtes hinein. Darauf kehrte sie zu Jerg zurück, dankte ihm für das Vergnügen, das er ihr bereitet, und wünschte ihm eine gute Nacht. Er hielt sie bei der Hand fest und sagte; »Nein, so gehn wir nit auseinander! Du bist mir noch was schuldig.« »Was denn?« fragte sie verwundert Er antwortete nicht sogleich; denn der Knecht, den sie gerufen hatte, kam schlaftrunken aus dem Stall und nahm das Gefährt in Empfang. »Nein, mein Schlittenrecht laß' ich mir nit nehmen!« fuhr Jerg darauf fort. »Ich krieg einen Kuß von dir.« »Ach, laß doch den Spaß!« versetzte sie mit einem Achselzucken. »Wir kennen einander ja von klein auf.« Um so weniger dürfe sie ihm den Kuß verweigern, bestand er auf seinem Recht. »Ich soll wohl glauben, daß dir wunder was dran liegt?« fragte sie. »Geh, geh, ich bin ein altes Madl! Gut Nacht!« Sie entzog ihm kräftig die Hand und wandte sich dem Hause zu. »Ich schenk ihn dir doch nit!« rief er ihr nach und machte sich auf den Heimweg. Er war zufrieden mit sich, daß er seine Werbung um Lisei so geschickt eingefädelt hatte. Es konnte gar nichts schaden, wenn sie ihn für etwas verliebt hielt Am folgenden Morgen erfuhr man nach der Messe, die einer der beiden Adjunkten des Dechanten gelesen, eine Neuigkeit. Während man in den Sennhütten von Tamers den Fasching fröhlich begangen hatte, war bei schon einbrechender Dunkelheit ein Arzt aus Bruneck in der Pfarre erschienen, ohne von Herrn Moltenbecher gerufen worden zu sein. Er sei von dem Kreishauptmann von Hofstetten geschickt, um den Gesundheitszustand des geistlichen Herrn zu untersuchen, habe er sich ausgewiesen. So berichtete Vefa dem Klosterbauern laut genug, um auch von den in der Nähe Stehenden vernommen zu werden, und bald hatte sich um beide ein dichter Kreis gebildet »Das mag dann wohl so die bayrische Mod sein«, meinte der Klosterbauer und sah sich im Kreise um. »Weil der Herr Pfarrer nit zum Termin gekommen wär, sagt der Doktor«, fuhr Vefa fort. »Und wann das die Mod bei den Bayrischen ist, was hat der grobe, rotnäsige Mensch damit zu schaffen, der neulich dem Herrn Pfarrer die Vorladung gebracht hat? Der war auch dabei und hat mich immer so giftig angeschaut mit seinen Schnapsaugen und hat immer in seinen Schnurrbart geschnoben. Das ist mein ärztlicher Beistand, hat der Doktor gesagt, der Doktor Ostler – Ihr kennt ihn ja –, und hat gelacht, und mein Herr Pfarrer hat auch gelacht, aber wie der Heiland vorm Landpfleger. Und dann ist die Magd gekommen und hat mich abgerufen aus der Krankenstub. Sie hat Wasser holn wolln, aber da haben zwei Landjäger innen an der Haustür gestanden und haben sie nit hinausgelassen. ›Mein himmlischen Herrgott, was hat denn das zu bedeuten?‹ hab ich sie gefragt, aber sie wußten nix. Sie sollten keinen hinaus noch herein lassen; das war alles. Da ist mir der Schreck in die Glieder gefahrn, daß ich mich hab hinsetzen müssen.« »Als ob's da noch ein Fragen gebraucht hätt, was sie wollten!« rief der Klosterbauer in das Murmeln und Murren hinein, das sich unter den Zuhörern erhob. Vefa hatte nur noch wenig zu berichten. Nachdem der Doktor Ostler seine Untersuchung beendet, habe der Gerichtsdiener die Landjäger fortgeschickt. Später sei dann der Doktor mit dem Gerichtsboten wieder weggefahren. Was ihrem geistlichen Herrn eigentlich fehle, habe sie von dem Doktor nicht herausbekommen können. Er habe ihr nur aufgetragen, den Pfarrer rechtschaffen zu pflegen. »Als ob er mir das noch zu sagen braucht!« schloß sie beleidigt. Die Mitteilung, daß man den Herrn Pfarrer bei Nacht und Nebel nach Bruneck hatte schaffen wollen, nur wegen dessen Krankheit aber davon Abstand genommen habe, sprach sich auf dem Kirchhof schnell herum und machte die Aschermittwochsstimmung der Leute noch trüber. Man fragte sich besorgt, wie es werden sollte, wenn Herr Moltenbecher das Zeitliche segnete. In dieser gedrückten Stimmung lauschte man dem Geflüster über die nächtlichen Vorgänge in den Bruscia um so begieriger. Man legte besonderes Gewicht darauf, daß das Banner Tirols durch das Feuer gefeit worden sei. Dabei hatte man wohl die reinigende und schützende Kraft im Sinn, die den Osterfeuern zugeschrieben wird. Jerg, der dem Klosterbauern und Lisei auf dem Heimweg eine Strecke das Geleit gab, nannte das Narrenpossen, und der Alte pflichtete ihm bei. Diesem behagte es viel mehr, zu hören, wie wacker sich sein Apfelschimmel bei der Fahrt gehalten habe, und Jerg lobte das Pferd nach Kräften. »Der Bub hat Verstand«, äußerte der Klosterbauer zu seiner Tochter, als Jerg sie verlassen hatte, und nach einer Weile setzte er hinzu: »Die Hörner hat er sich jetzt abgelaufen. Ja, ja, der wird sein Väterliches nit wie ein Narr für ein hübsches Gesicht wegwerfen!« »Geld und Gut allein machen auch nit glücklich«, beantwortete Lisei sanft den auf ihren Bruder gerichteten Stich. »Freilich, du kannst das sagen!« versetzte er höhnisch. »Hübsch bist nit, und jung bist auch nit! Wer dich wohl ohne Geld und Gut nehmen möcht?« »Von mir ist ja nit die Red«, entgegnete sie, von seiner Brutalität schmerzlich berührt. »Der Lechner hat ja immer gewußt, daß ich ihm nit viel mitbringen kann.« »Der Lechner!« rief der Klosterbauer mit einer Verwünschung und schalt Lisei eine schlechte Dirne, daß sie an den Bayern überhaupt nur noch dächte. Sie verdiente, daß alle Mädchen im Tale mit Fingern auf sie wiesen. Er rate ihr im guten, den Namen des Schmiedes nicht mehr in den Mund zu nehmen. Er würde jetzt mit allem ein Ende machen. Lisei blickte ihn traurig an, erwiderte aber nichts; denn sie mochte auf der offenen Landstraße mit dem Vater nicht streiten, zumal sie von Kirchengängern belebt war. Mehr als die harten, drohenden Worte des Vaters schmerzte es sie, daß er ihnen, wie Wolf vorausgesagt hatte, sein Wort nicht halten würde, und darüber trat ihr das Blut in die Wangen. Mit gesenktem Kopf ging sie weiter. Die Prüfung ihrer Treue hatte begonnen, und Wolf hatte noch immer kein Lebenszeichen von sich gegeben! Endlich erhielt sie Nachricht von ihm. Der alte Arigaya, der in Bruneck gewesen war, um eine Rechnung für gelieferte Bretter einzuziehen, kam eines Tages auf den Klosterhof und steckte Lisei einen Brief zu, den er aus der Stadt mitgebracht hatte. Wolf meldete, daß er glücklich in Innsbruck angekommen sei und in der Schmiede, die für die bayrische Garnison arbeite, gut lohnende Beschäftigung gefunden habe. Lisei möge nur noch eine kleine Weile mutig ausharren, denn sobald der Franzosenkaiser seine Absichten in Spanien verwirklicht hätte, müßten ja endlich Ruhe und Frieden in die Welt kommen. Jerg behielt unterdessen sein Ziel unverrückt im Auge und suchte sich dem Klosterbauern angenehm zu machen, wo sich eine Gelegenheit dazu bot. Wolf und Ambros waren aus dem Wege geräumt; er brauchte nur noch die Hand auszustrecken, und der Klosterhof wäre sein! Eines Nachmittags kam der alte Müller aus dem Werkraum in die Wohnstube gestürzt, und zwar in einer Aufregung, wie Afra sie an ihrem für gewöhnlich so ruhigen Mann noch nie bemerkt hatte. Es war um die Zeit der Jause, Jause – Zwischenmahlzeit, Vesperbrot , und Afra sah, daß seine Hand zitterte, als er sich ein Schnäpschen einschenkte, so daß der Kirschgeist über den Rand des Glases auf den Tisch floß. »Jetzt, stell's dir vor«, sagte er, nach dem Gläschen greifend, »der Jerg will heiraten!« »Ja, ist denn das so was Verwunderliches?« fragte Jerg, der in diesem Augenblick in der Stubentür erschien, mit kühler Ruhe. Seine und Afras Augen begegneten sich, und die junge Frau rief mit einem kurzen Auflachen: »Er will die Lisei heiraten; das hab ich mir längst gedacht!« »Die Mutter hört's Gras wachsen«, spöttelte er, während der Vater ein erstauntes Gesicht machte. »Du hast es längst gedacht und mir nix davon gesagt?« warf er seiner Frau vor, und als sie darauf bloß mit den Schultern zuckte, fügte er hinzu: »Freilich, es hätt auch nix genutzt, wann ich's früher erfahrn hätt. Aber, mein himmlischer Vater, es ist doch gar zu kraus, daß er's just auf die Lisei abgesehn hat! Und ich, ich soll den Freiwerber für ihn machen!« »Wer anders soll denn bei dem Klosterbauer für mich werben, wann du's nit tun willst?« fragte Jerg, indem er sich ebenfalls ein Gläschen einschenkte. »Du bist doch mein Vater.« Afra ließ wieder ein kurzes, scharfes Auflachen hören. »Was ist denn dabei Spaßhaftes?« fuhr ihr Mann sie ärgerlich an, und zu seinem Sohn gewendet, rief er: »Aber Mensch, hast denn ganz vergessen, daß die Lisei schon Braut ist?« »Gewesen!« entgegnete Jerg, der unterdessen seinen Schnaps getrunken hatte, mit aller Seelenruhe. »Übrigens, ob Braut oder nit«, setzte er mit einem stechenden Blick auf Afra hinzu, »die Mutter da kann's ja dem Vater sagen, daß man den einen heiraten und den andern liebhaben kann.« Afra fuhr mit flammenden Augen von ihrem Sitz auf. Bevor sie ihrem Zorn jedoch Luft zu machen vermochte, rief der Alte empört: »Du bist ein durch und durch schlechter Bursch! Jesus Maria, daß ich einen solchen Menschen zum Sohn haben muß!« »Meine Schuld ist's doch nit!« versetzte Jerg höhnisch. »Tu, um was ich dich gebeten hab, und du bist mich los.« »Ich weiß gar nit, warum du dich so ereiferst?« fragte Afra ihren Mann, blickte aber dabei, die Arme übereinandergeschlagen, fortwährend den Sohn mit blitzenden Augen an. »Du kannst ruhig sein; einen so elenden, falschen Kerl wie den da nimmt die Lisei noch lang nit, und wann sie auch nit Braut wär!« »Jetzt will ich der Mutter doch geraten haben, daß sie den Mund hält!« drohte Jerg. »Denn wann der Vater auch in ihre Hübscheit so vernarrt ist, daß er blind ist – ich bin's nicht! Und die Falschheit …« Er konnte den Satz nicht zu Ende sprechen, denn plötzlich fühlte er die knöcherne Hand seines Vaters mit einem solchen Nachdruck auf seiner linken Backe, daß er zur Seite taumelte. Der Alte stand hochaufgerichtet vor ihm, und seine sonst so milden Augen glühten vor Zorn. Jerg machte ein unbeschreiblich verblüfftes Gesicht. Afra war erschrocken auf ihren Stuhl zurückgesunken. Der Alte legte ihr beschwichtigend die Hand auf die Schulter. Wohl eine Minute lang sprach niemand ein Wort. Jerg war der erste, der sich faßte. »So kommen wir nit zum Ziel!« begann er und rieb sich die brennende Backe. »Ich mein doch, daß ich dir dein Lästermaul gestopft hab!« sagte der Vater verächtlich. »Nein, laß ihn reden, wann er was Schlechtes von mir weiß!« rief Afra mit Tränen in den Augen. Jerg hatte dem Vater bei dessen Worten einen tückischen Blick zugeworfen, wie ein Hund, der nicht zu beißen wagt. Doch trotz seiner Feigheit konnte er seine Zunge nicht ganz im Zaume halten, und er sagte: »Ach, was gehn mich die Geschichten der schönen Müllerin an! Ich hab mit meinen eignen genug zu tun! Ich weiß auch gar nit, warum der Vater so aus dem Häuschen ist von wegen der Lisei; er ist ja dabeigewesen, wie der Klosterbauer erklärt hat, daß er sie dem verdammten Bayer, dem Lechner, nimmer gibt. Warum soll ich sie mir also von einem andern wegheiraten lassen?« Der Alte hatte sich an den Tisch gesetzt; seine hagere Gestalt war ganz zusammengekrümmt, und er sagte kein Wort. »Eine beßre Frau könnt ich nit kriegen; das muß der Vater doch einsehn«, fuhr Jerg fort und setzte sich dem Alten gegenüber. »Und eine, die dem Vater als Söhnerin lieber wär, auch nit. Die Lisei ist jetzt die reichste Gitsche im ganzen Gader- und Vigiltal, und ich sollt meinen, daß der Klosterhof nit zu verachten ist. Denn daß der Hof jetzt an der Lisei hängt und daß ihr auch zufällt, was der Alte sonst noch beiseite gelegt hat – hat er doch hier und dort eine Menge Gilten Gilten (Gülten) – Zinsen ausstehn –, das ist doch klar.« »Also ums Geld allein ist's dir zu tun! Und du willst den Ambros Falkner, den du immer deinen besten Freund nennst, um sein Erb bringen?« warf Afra, unfähig, sich zu beherrschen, mit glühenden Wangen ein. »Mit dem Erb ist's vorbei!« versetzte Jerg und strich sich sein langes Kinn. »Und was das Geld anbelangt – du lieber Gott! Die Müllerin weiß wohl, daß ich nit der erste sein würd, der bloß von wegen dem Geld heiraten tät; und ich brauch nit mal die Augen dabei zuzumachen.« Der Müller richtete den Oberkörper jäh auf und ballte die Faust. Jerg erfaßte rasch mit beiden Händen die Tischkante und beugte sich zurück, so daß der Stuhl, auf dem er saß, auf den hinteren Beinen balancierte. »Was ist denn schon wieder los?« rief er mit ärgerlichem Trotz. »Kann ich nit mal sagen, daß mir die Lisei gefallt, wann schon das Geld die Hauptsach ist? So ein Narr bin ich nit, daß ich in diesen schlechten Zeiten eine arme Gitsche frein sollt. Freilich, wann der Vater den Daumen nit gar so fest auf den Beutel gedrückt hätt – wer weiß, ob ich je an die Lisei gedacht hätt!« »Ich hätt wohl ruhig zusehn solln, wie mich der Liederjan an den Bettelstab bringt?« grollte der Vater. »Na, schon gut! Ich bin jetzt vernünftig geworden«, erwiderte Jerg. »Wilde Füllen werden die besten Pferd. Dafür kann der Vater mir jetzt auch was zu Gefalln tun und beim Klosterbauer für mich um die Lisei anhalten. Einen Fleischergang würd der Vater nit tun; die Vefa hat alles ordentlich eingefädelt.« »Dacht ich's doch, daß die alte Jungfer die Kupplerin gemacht hat!« rief Afra, die Hände zusammenschlagend. Ihr Mann sah den Sohn mit großen Augen an und sagte: »Und wie heißt's weiter im Lied? Der Jerg Arigaya übernimmt die Sägemühl, die Äcker und Wiesen, und der Alte zieht aufs Altenteil! Ist's nit so?« »Darüber ließ sich ja noch weiter reden«, bemerkte Jerg mit einem Achselzucken. »Das Liebste wär's mir schon, wann sich der Vater zur Ruh setzen wollt; alt genug ist er dazu. Es wird aber drauf ankommen, was der Klosterbauer will. Er hat ja die Lisei nimmer vom Hof lassen wolln, bis er nit eine Söhnerin hätt. Jetzt ist's schon möglich, daß er von mir verlangt, daß ich auf den Hof zieh. Es würd mir freilich gegen den Strich gehn, mit dem Klosterbauer unter einem Dach zu hausen – das muß ich gestehn. Aber wir werden ja sehn.« Der alte Müller strich sich wiederholt mit der Handfläche über Stirn und Augen, blieb aber stumm. Der lustige Jerg fuhr, nachdem er einige Sekunden lang auf eine Antwort gewartet hatte, in einem kühlen, geschäftsmäßigen Ton fort: »Wann's sich besser passen sollt, daß sich der Vater zur Ruh setzt, nachher brauch ich mit dem, was ich an den Altenteil zu leisten haben werd, nit zu knausern, wann die Lisei meine Frau wird. Der Vater und auch die Müllerin werden daher einsehn, daß es auch ihr Vorteil ist, wann ich die Lisei heirat. Sie werden um so bessere Tag haben. Die Müllerin wird freilich nit mehr für ihre Leut so tief in den Buttertopf und in den Mehlkasten greifen können wie bisher. Man kann's aber nit allen recht machen. Ich werd also dem Klosterbauer einen Wink geben lassen, daß er dich am nächsten Sonntag erwarten darf.« Er stand auf. Der Vater drehte ihm seinen Oberkörper voll zu und sagte dumpf: »Nimmer werd ich deshalb auf den Klosterhof gehn!« »Ja, wieso denn nit? Was hast denn noch für Einwendungen zu machen?« fragte Jerg mit ungeheucheltem Erstaunen. »Wann du gemeint hast«, atmete der Vater tief, »daß ich die Hand dazu bieten würd, um die Lisei unglücklich zu machen, dann kennst mich schlecht. Ich werd nit helfen, sie und den Wolf Lechner auseinanderzubringen. Was der Klosterbauer tut, ist seine Sach. Und wann die Lisei auch nit mit dem Schmied versprochen wär, so bist du doch der letzte, dem ich bei ihr das Wort reden tät. O du mein blutiger Heiland, daß es der Vater seinem eignen Sohn ins Gesicht sagen muß, daß er ihn für zu schlecht ästimiert, um ihn einem braven Madi zum Mann zu wünschen! Lieber müßt ich ja die Lisei ins Grab wünschen als in dein Bett! Lieber biß ich mir die Zung ab und spuckt sie dir vor die Füß, als daß ich für dich auf die Freit ging!« Die kleinen Augen Jergs funkelten. »Wer mich bei dir so schwarz angemalt hat, das weiß ich und werd den Dank nit schuldig bleiben!« zischte er, nach seiner Stiefmutter schielend. »Das ist nit wahr!« flammte diese auf. »Ich hab dir nie was in den Weg gelegt. Aber du bist immer mein Feind gewesen, seit ich zuerst den Fuß in dies Haus gesetzt hab, und du hast jede Guttat, die dein Vater mir und den Meinigen erwiesen hat, beneidet und mit deinem Geifer bespien! Oh, ich kenn mich schon aus in dir!« »Und wär ich wirklich so ein schlechter Kerl und noch schlechter, so ist das doch kein Grund nit, weshalb ich nit dem Klosterbauer sein Eidam werden soll!« versetzte Jerg. »Es ist ein gutes Geschäft, und alles übrige ist doch bloßes Geflunker, womit keiner einen Hund hinterm Ofen hervorlockt. Ich nenn das Kind beim rechten Namen und verlang daher auch nix weiter, als daß der Vater für mich wirbt, weil's doch einmal so Brauch ist in der Welt und damit die Sach einen ordentlichen Schick hat. Sieht der Vater seinen eignen Vorteil nit ein, na, dann werd ich auch ohne ihn fertig werden!« Er verließ die Stube. Der Alte saß regungslos am Tisch, den Kopf in die Hände gestützt. Afra ging nach kurzem Zögern zu ihm und sagte: »Das war rechtschaffen von dir, Mann, daß du dem Jerg nit zu Willen gewesen bist!« Er hob sein Gesicht, das tiefbekümmert war, zu ihr auf und seufzte: »Die Gier nach Geld hat ihn ganz vergiftet! Himmlischer Herrgott, warum muß er mein Sohn sein? Aber schlag dir seine Heimtücken aus dem Sinn.« Afra legte den Arm um seinen Hals und drückte ihr Gesicht in sein Haar. 15. Kapitel Stasi war auf den Bodenraum ihres Häuschens gestiegen und kramte unter dem Gerümpel aller Art, das sich im Laufe der Zeit dort angesammelt hatte. Ambros stand in der Küche am Herdfeuer und goß Kugeln für seinen Stutzen, während David im Stall der Kuh und den Ziegen ihr Mittagsfutter gab. Nach einiger Zeit hörte Ambros sich von seiner Frau rufen. Er möge heraufkommen und ihr helfen. »Was gibt's denn?« fragte er. Als er mit dem Oberkörper durch die Bodenluke gekommen war, blieb er stehen und wiederholte seine Frage nach Stasis Begehren. »Siehst du, was ich hier hab?« fragte Stasi dagegen. Er verneinte; denn es war unter dem Dach so finster, daß er überhaupt nichts sah. »Was ist's denn?« Stasi antwortete jedoch nicht. Er stieg noch ein paar Leitersprossen höher, und als sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, fing er an zu lachen. Stasi stand wenige Schritte von ihm neben einem Ding, das große Ähnlichkeit mit einer Wiege hatte. »Was lachst denn, du dummer Brosi du?« rief sie, ebenfalls lachend. »Nimm's und trag's hinunter!« »Ja, wozu denn?« »Jetzt hör einer den Buben an! Ich will sie rein machen und nachsehn, ob was dran auszubessern ist.« »An dem alten Gerümpel?« versetzte er. »Das laß nur ruhig stehn.« »O du böser Bub! Jetzt schilt er mich gar ein altes Gerümpel!« entgegnete sie, dicht an ihn herantretend, und zauste ihn am Haar. »Die Wiege ist just so alt, wie ich bin.« »Also so klein bist du auch mal gewesen und hast mäh, mäh gemacht?« scherzte er. Stasi lachte. Dann wiederholte sie ihre Bitte, daß er die Wiege hinunterschaffen möchte. »Nit doch!« weigerte sich Ambros. »Mein Bub soll eine neue Wieg haben. Gleich heut nachmittag will ich hingehn und eine bestelln.« »Aber Wozu ist denn das nötig?« wandte sie ein. »Diese hier ist gewiß noch ganz gut, und wir können das Geld sparn.« »Sparn! Sparn!« rief er ärgerlich. »Was, nit einmal so viel soll ich an meinen ersten Buben wenden? Komm herunter!« »Ach, Brosi, nimm's doch nit gleich so scharf!« bat sie. »Siehst denn nit ein, daß wir besser täten, unser bissl Geld zusammenzuhalten, anstatt uns unnütze Ausgaben zu machen? Das wär ja die reine Verschwendung, und wir haben's doch nit dazu!« Ein Verschwender sei er nicht, versetzte er unwirsch, und sie hätte es am wenigsten nötig, ihm vorzuwerfen, daß er arm sei. Damit stieg er die Leiter hinunter, während sie ihm erschrocken nachrief, daß es ihr nicht eingefallen sei, ihm Vorwürfe zu machen; nur ihre Lage habe sie ihm vorstellen wollen. Als David etwas später zum Mittagessen in die Stube kam, hatte Stasi rote Augen, und Ambros aß in verdrossenem Schweigen. David sah beide verstohlen an, und das Herz schwoll ihm traurig. Es war ein kurzer Sonnenblick gewesen, der nach der Fastnacht in das Häuschen gefallen war. Er hatte auch auf den Ohm, den Ambros' herrisches Wesen schwerer und schwerer drückte, belebend gewirkt. Nun war alles wieder trübe, und die Augen des Alten richteten sich unwillkürlich auf die Stelle, wo das Bett seiner Schwester gestanden hatte. Stasi bemerkte diesen Blick, und sie mußte vom Tisch weggehen, um ihre heraufquellenden Tränen zu verbergen. Ambros warf den Löffel hin, holte seine frisch gegossenen Kugeln hervor und begann die Bärte daran wegzuputzen. »Das blinkt wie Silber und ist doch nur Blei«, äußerte David, nachdem er eine lange Weile von der Ofenbank aus, auf die er sich zur gewohnten Mittagsruhe zurückgezogen, auf die blitzenden Kräusel geschaut hatte, die unter Ambros' Messer von den Kugeln abfielen. Ambros hob lebhaft den Kopf. »Es glaubt mancher, er hat einen Schatz, und es ist bloß Blendwerk«, sagte er mit bitterem Lachen. Es war David schwerlich in den Sinn gekommen, eine Anspielung zu machen, und er hätte auch Ambros' Antwort als eine allgemeine Wahrheit hingenommen, wenn sie nicht von dem bitteren Lachen begleitet gewesen wäre. Dadurch wurde er stutzig. Grübelnd wiegte er seinen schweren Kopf hin und her, und plötzlich war es, als ob er einen elektrischen Schlag erhalten hätte. Er blickte sich wie verloren in der Stube um und fand sich allein. Ambros hatte die Kugeln weggetan, seinen Hut genommen und das Haus verlassen. »Jesus Maria! Jesus Maria!« stöhnte David leise. »Arme Stasi!« Er drückte die gefalteten Hände zwischen den Knien zusammen und ließ den Kopf auf die Brust sinken. Zwei dicke Tränen rollten ihm langsam aus den Augen. In Ambros war die alte Wunde wieder aufgebrochen, die sein Stolz seit der letzten Begegnung mit dem Vater notdürftig überharscht hatte. Er war von Hause fortgegangen, um die Wiege zu bestellen; Stasis Einwendungen erschienen ihm höchst abgeschmackt. Die wenigen Gulden, die die Wiege kosten würde, könnte er schon anschaffen, wenn es not täte, dachte er. Er schalt Stasi beschränkt; und darum müßte sie lernen, sich seinem überlegenen Verstande unterzuordnen. Sie hatte zu gehorchen; denn er war der Herr! Oder bildete sie sich etwa ein, daß sie ihn nach Belieben gängeln könnte, weil der Hof ihr gehörte? Statt zum Tischler ging er zu dessen Nachbarn, dem Bäcker, und ließ sich ein Glas Branntwein einschenken, um seinen Verdruß hinunterzuspülen. Die Schenkstube war leer, und Ambros setzte sich an den Tisch zwischen den Fenstern, den Rücken der Stube zugekehrt. Der Bäcker wollte ihm Gesellschaft leisten, erhielt aber nur kurze, unwirsche Antworten und überließ ihn daher sich selbst. Ambros stützte den Kopf in beide Hände und starrte in das vor ihm stehende Glas, das er zur Hälfte geleert hatte. Wie er in der Stille, die ihn umgab, den Bach vor den Fenstern rauschen hörte, fiel ihm ein, daß er am Allerseelentage zum letztenmal hiergewesen war, und die wenigen Monate, die seitdem vergangen waren, dünkten ihn Jahre – Jahre des Glücks? Er sah nur Schatten. Er sah wieder das schwarzbraune, runzlige Gesicht der Ahne vor sich und hörte sie von seinem Vater erzählen. Sie hatte recht behalten: Der Vater hatte kein Herz in der Brust! Aber was kümmerte ihn der Vater? Er wollte nichts mehr von ihm, er war fertig mit ihm! Hastig stürzte er den Rest seines Glases hinunter. Der Gedanke, den er ertränken wollte, tauchte jedoch in anderer Gestalt wieder auf. Er selbst sollte Vater werden! Wie war ihm die Welt verwandelt erschienen, als ihm Stasi in der ersten Stunde des Aschermittwochs das Glück, das seiner harrte, ins Ohr geflüstert hatte, und wie war er sich selbst als ein ganz anderer vorgekommen – so fest und stolz im Leben wurzelnd, so von froher Kraft durchdrungen, so ganz nun ein Mann! Und nun sollte sein Bube – er vermochte es sich nicht anders vorzustellen, als daß sein Kind ein Knabe sein müßte – ein Aschermittwochskind werden, bestimmt, nur die Fasten des Lebens kennenzulernen! Nicht einmal eine eigene Wiege sollte es haben! Gut, er begehrte nichts für sich; er hatte sich sein eigenes Los geschmiedet, und der Vater sollte nicht die Schadenfreude haben, daß es ihn zu Boden druckte. Aber welch andere Zukunft würde seinem Sohne blühen, wenn er noch der Erbe des Klosterhofes wäre! Er stampfte mit seinem Glas auf den Tisch und ließ es sich nochmals füllen. Der Wirt machte im stillen seine Glossen darüber. Ambros war, wie er wußte, kein Schnapstrinker; aber freilich: wenn das Geld nicht mehr ausreicht, um den Verdruß in Wein zu ertränken, dann kommt der Branntwein an die Reihe. Ambros war nicht der erste, der ihm zu dieser Beobachtung Gelegenheit bot. Der Branntwein schürte Ambros' Groll. Er fragte sich, ob es seine oder nicht vielmehr des Klosterbauern Schuld wäre, wenn sein Sohn zu einem Leben voll schwerer Arbeit und Entbehrung geboren würde. War er nicht vollkommen im Recht, wenn er dem Klosterbauern alle Schuld beimaß? Warum sollten er und seine Nachkommen es entgelten, wenn der Vater noch über das Grab hinaus den Vater Stasis haßte? Es war Unsinn, Verrücktheit, und er ärgerte sich, daß er dem Vater in dem Streit um Stasi nicht noch ärgere Dinge gesagt hatte. In Gedanken erneuerte er den Streit mit ihm und sagte ihm das Schlimmste, das ihm seine erregte Leidenschaft eingab. Plötzlich zuckte er auf. Hatte der Vater das Wort, das er im Geiste zu hören glaubte, bei ihrem damaligen Streit wirklich gebraucht, oder rief er es sich nur selbst zu? Es war die Stimme des Vaters, die er vernahm: »Du brauchst eine, die den Kopf vor den Leuten so hoch trägt wie du, und das kann eine Arme nit!« Das Blut in seinen Wangen schien sich zu entzünden, und er ballte die Faust, daß er darauf nichts zu erwidern wußte. Nein, das konnte Stasi nicht; darin hatte der Vater recht – hatte er es doch auf der Fastnacht sattsam erfahren! Er begriff nicht, wie er die Warnung seines Vaters so ganz hatte außer acht lassen können. Wieder stützte er den Kopf, jetzt zwischen die geballten Fäuste, und starrte mit weitgeöffneten Augen vor sich hin. Es wollte ihn bedünken, als hätte der Vater alles vergeben und vergessen, wenn Stasi nur verstanden hätte, etwas vorzustellen. Er verglich sie mit seiner Schwester; auch Lisei war gut und sanft, und dennoch wußte sie sich bei den Knechten und Mägden auf dem Klosterhof in Ansehen zu erhalten und mit allen Menschen unbefangen und mit ruhiger Schicklichkeit zu verkehren. Sie vergab sich trotz aller Freundlichkeit nichts gegen niedere Leute, und daß sie ihre Haltung auch gegen Höherstehende zu behaupten wußte – davon hatte er sich erst neulich in den Sennhütten von Tamers zu überzeugen Gelegenheit gehabt. Er wünschte, daß er Stasi nie geheiratet hätte. Sie paßte in keiner Beziehung zu ihm und zog ihn herunter, während er sie neben sich zu stellen versuchte. Sie war so schwerfällig, so kleinlich und beschränkt! Er hatte ihr seine ganze glänzende Zukunft geopfert und mußte sich nun von ihr vorhalten lassen, daß er ihre paar lumpigen Kreuzer nicht zusammenhalte! Himmel, Herrgott! Er schlug mit der Faust auf den Tisch, daß das Schnapsglas fast umgefallen wäre. War es ihm auch nicht an der Wiege gesungen – setzte er seinen Gedankengang fort –, daß er eines Tages ein armer Teufel sein würde, so war es immerhin zu ertragen. Aber wie ein Tagelöhner für Weib und Kind zu schanzen, daß ihm das Blut unter den Nägeln hervorspritzte – in Wirklichkeit allerdings hatte er bisher alle Arbeit David fast allein tun lassen –, das ging denn doch über den Spaß! Zu nichts weiter dazusein im Leben, als für Weib und Kind ein Stück Brot zu schaffen! Dazu auch noch für den alten Schwachkopf von Ohm, der ihn nichts anging! Und wenn ihm seine Frau noch das Leben erleichtert hätte! Aber sie nahm alles so schwer. Sprach er einmal ein ernstes Wort mit ihr – gleich kamen ihr die Tränen in die Augen! Und war er einmal lustig, schnitt sie ein Gesicht, als ob er ein Verbrechen begangen hätte! Sie war ganz das Ebenbild ihrer verstorbenen Mutter. Er leerte sein Glas und trat an das nächste Fenster. Schräg gegenüber lag die Mühle Arigayas; Ambros blickte nach dem weißlichen Schindeldach hinüber und mußte daran denken, in welch guter Laune die schöne Müllerin stets wäre, obgleich sie es wahrlich auch nicht leicht hätte. Denn für das junge, schöne und lebenslustige Weib mußte der alte Mann doch wohl oft genug eine Last sein. Er wunderte sich, daß ihm das früher nie eingefallen war. Jedenfalls ließ sie keinen merken, daß sie ein Kreuz trug, und er erinnerte sich an die lustigen Stunden, die er früher in der Mühle verlebt hatte. Er gedachte auch der Fastnacht im Bannwald. Ja, das war eine Frau, die zu dem Ambros Falkner gepaßt hätte! Vor einer solchen Söhnerin wäre der Hochmut des Klosterbauern trotz all ihrer Armut geschmeidig geworden! Vor längerer Zeit war auf dem Viehmarkt in Bruneck eine Menagerie ausgestellt gewesen, und Ambros hatte gesehen, wie eine junge Frau einen Löwen allerhand Kunststücke hatte machen lassen. So, meinte er, hätte die schöne Afra durch ihr Wesen auch den Klosterbauern gezähmt. Es waren müßige Gedanken, und er wollte sich von ihnen abwenden. Aber das nach der Mühle wogende und sprühende Wasser zog seine Gedanken dorthin; Afras blühende Gestalt trat ihm immer deutlicher vor Augen, und es war ihm, als ob er wieder mit ihr die Forlane tanzte. Unwillkürlich drehte er die Spitzen seines Schnurrbarts in die Höhe. »Unsinn!« murmelte er, indem er sich vom Fenster abkehrte. Er wollte zahlen und heimgehen. Bei dem Gedanken an zu Hause seufzte er. Wie langweilig war es daheim, und wie munter wußte Afra immer zu plaudern! Stasi war so wenig gesprächig – kaum daß sie den Mund auftat, wenn er sie nicht etwas fragte! Und vollends David, der sich stumpfsinnig auf der Ofenbank hin und her wiegte, wenn er nicht gedankenlos Gebete murmelte! Er zahlte und schlug den Weg nach der Brücke ein. Seit der Fastnacht war er nicht in der Mühle gewesen, und es wurde doch, wenn er nicht für einen ganz ungeschliffenen Menschen gelten wollte, endlich Zeit, sich zu erkundigen, wie dem alten Arigaya und seiner Frau das Waldfest bekommen sei. Afra stand in der Haustür und spielte mit Lupattino, der, sobald er Ambros kommen sah, seine Herrin verließ und ihm in großen Sätzen über den Steg entgegensprang. Das Gesicht der jungen Frau glühte – vielleicht vom Spiel mit dem Wolfshund, dessen Liebkosungen Ambros kaum abzuwehren vermochte und der nun wieder zu Afra zurück sprang. »Mich wundert's, daß der Lupattino dich noch kennt«, sagte sie und reichte ihm die Hand. »Wann's die Müllerin wundert«, versetzte er, ihre Hand kräftig schüttelnd, »so soll das wohl heißen, daß sie selbst ein kurzes Gedächtnis für ihre Freund hat?« »Du kehrst den Spieß geschickt um!« lachte sie. »Nein, wen ich für meinen Freund halt, den vergeß ich nit wieder, selbst wann er's hundertmal verdient, daß ich's tät.« Sie bückte sich, klopfte Lupattinos Kopf und hieß ihn Raum geben, damit der Gast ins Haus treten könnte, worauf sie selbst Ambros voran in die Stube ging. Ihr Spiel mit dem Hund mußte wohl sehr lebhaft gewesen sein, denn ihre Flechten, die sie tief im Nacken zusammengelegt trug, hatten sich von den Nadeln befreit und hingen bis über die Hüften herunter. Wie sie so über die Wölbung des Rückens glitten, schien sich Afras schlanke, doch volle Gestalt höher zu heben und elastischer zu werden. Ambros spürte ein Verlangen, nach den üppigen Flechten zu greifen. »Mein Mann wird wohl gleich kommen«, sagte Afra in der Stube. »Sitz doch nieder.« »Oh, ich hab mit dem Müller just nix zu reden«, erwiderte er. »Ich war hier in der Näh; da bin ich auf einen Augenblick vorgesprochen.« Sie setzte sich ihm gegenüber, und als sie sich zurücklehnte, fühlte sie den Druck der heruntergefallenen Flechten. Mit einem verlegenen »Ach!« griff sie nach ihnen und warf sie aufstehend über die Brust. »Was du für prächtige Zöpf hast!« rief Ambros bewundernd. »Willst mir schmeicheln?« fragte sie mit einem Lachen, das deutlich genug verriet, daß sie die Schmeichelei freute. Sie trat ein wenig von ihm weg und begann, den Kopf neigend, die Flechten wieder aufzustecken. Ambros schaute ihr still zu, und ihre Unterarme, von den kurzen, mit Zwirnspitzen besetzten Hemdärmeln unbedeckt, dünkten ihn wunderbar weiß und rund. Auch Afra schwieg unterdessen; ihre schwarzen Augen ruhten auf Ambros, und um ihre vollen Lippen spielte ein leises Lächeln. Sie konnte sich unmöglich darüber täuschen, daß er sie mit Wohlgefallen betrachtete, und ein süßes Erschrecken überkam sie. Als sie ihr Haar wieder befestigt hatte, neckte sie Ambros, daß er inzwischen so andächtig dagesessen hätte wie in der Kirche. Sie wollte wissen, woran er gedacht habe. Aber sie wartete seine Antwort nicht ab, sondern fuhr fort zu scherzen und zu plaudern, und bald waren beide mitten in den Erinnerungen an den Fastnachtstanz. »Ach, war das schön!« seufzte sie, lehnte sich, die weißen Arme unter dem Busen verschränkend, auf ihrem Stuhl zurück und blickte ihn aus halbgeschlossenen Augen träumerisch an. »Bei Gott!« bestätigte er, seinen Schnurrbart streichend. Plötzlich lachte sie hell auf. Sie erinnerte sich, wie einer Dirne der Schuh vom Fuß geflogen war, als ihr Tänzer sie in die Luft geschwungen hatte. Der Schuh war wie eine Bombe zwischen die älteren Männer in der Ecke gefallen und hatte dem Oberförster, der eben trinken wollte, das Glas zerschlagen. Sie erzählte Ambros, der es nicht gesehen hatte, davon, und beide lachten ausgelassen. »Ja, Glück und Glas, wie leicht bricht das!« rief sie darauf. »Aber Was tut's? Man muß es nur gut in acht nehmen; dann hält's schon vor. Meinst nit?« »Freilich, wann's nit ein Zufall zerschlägt!« lachte er. Sie schreckte leicht zusammen; dann aber lachte auch sie und rief: »Drum soll einer nit fragen, was nachher kommt, wann er das Glück in der Hand hält.« Ihre Augen flammten in die seinen. »Ja, wer das Glück beim Schopf zu packen kriegt, der soll's festhalten!« versetzte er. »Zum Teixel, es hätt vorhin nit viel gefehlt, und ich hätt dich bei deinen Zöpfen gepackt!« »Bin ich das Glück?« lachte sie und wurde bis über die Augen rot »Ja, ich weiß nit«, entgegnete er etwas verlegen. »Aber ich hab's abgemalt gesehn als ein schönes Weibsbild, das auf einer Kugel steht. Warum sollst du's nit sein?« »Aber ich steh auf einem Mühlrad!« lachte sie noch stärker. »Um so besser!« rief er. »Die Kugel rollt fort, und das Mühlrad dreht sich immer auf derselben Stell. Da weiß einer doch, wo er das Glück zu finden hat.« Sie schlug die Augen nieder und sagte ablenkend: »Der eine sucht's hier, der andre dort. Weißt du, wo dein Freund, der Jerg, es sucht?« Ambros zuckte mit den Schultern. Was kümmerte es ihn? »Auf dem Klosterhof«, verkündete Afra. »Jetzt laß mich aus!« rief er ungläubig. »Du hast davon schon in Tamers gered't; aber es ist kein Verstand nit drin.« »Weißt du's besser?« fragte sie. »Damals hab ich bloß einen Verdacht gehabt; jetzt ist's aber gewiß. Denn er hat vom Müller verlangt – und ich bin dabeigewesen –, daß er für ihn um deine Schwester werben sollt. Der Müller hat's ihm aber abgeschlagen.« Ambros war plötzlich sehr ernst geworden. »Eine Reiche hat er immer haben wolln, das weiß ich«, murmelte er. Dann aber fügte er zuversichtlich hinzu: »Es hat doch keinen Verstand, denn die Lisei ist treu wie Gold. Und wann sie's auch vielleicht nit erlangen kann, daß sie dem Wolf seine Frau wird – ich bitt dich, den Jerg nimmt sie nimmer! Die Lisei und der Spaßmacher, ja, die stimmten gut zusammen!« »Und ich sag's dir nochmal: Du kennst ihn nit!« rief Afra eindringlich. »Du hältst ihn für ehrlich, weil du selber ehrlich und offen bist. Er hat dir geschmeichelt und dir nachgeäfft; darum glaubst du, daß er dir gleicht. Aber seine Späß sind nur Verstellung! Er ist eine boshafte, giftige Kröt! Das ist er.« »Dann nimmt ihn die Lisei erst recht nit«, versetzte er. »Aber der Klosterbauer wird sie zwingen, wann sie nit will!« warf Afra ein. »Zu was Unrechtem laßt sich die Lisei nit zwingen, und überdies ist sie mündig«, behauptete Ambros. Afra schüttelte ihren hübschen Kopf und sagte: »Eine Gitsche ist kein Bub.« »Nein, das ist zweierlei«, pflichtete er ihr mit einem so trockenen Ernst bei, daß sie lachen mußte. »Ach geh! Mit dir ist kein ernstes Wort nit zu reden. Ihr Männer wißt freilich auch nit, wie's so einem armen Madl zumut ist, das einen heiraten muß, den's nit mag. Und nachher! Ihr Mannsleut könnt tun und lassen, was ihr wollt; ihr geht und kommt, wie's euch gefällt, während wir armen Weiber …« Sie verstummte vor dem mitleidigen Blick, den Ambros auf sie richtete, und wandte verlegen das Gesicht ab. Er nahm nachdenklich seinen Schnurrbart zwischen die Lippen, und nach einer Weile sagte er: »Ja, recht hast! Es geht nix über die Freiheit!« »Oh, für euch! Aber wir dürfen nit die Hand danach ausstrecken«, rief sie lebhaft. »Glaubst denn, daß wir nit auch danach verlangen? Frag nur deine Schwester, wann sie erst ein Jahr mit dem Jerg verheiratet sein wird!« »Zum Teixel mit dem Jerg!« brauste er auf. Sie schlug zum Scherz ein Kreuz. »Du bist noch immer der alte!« sagte sie. »Gleich schlagt bei dir das Feuer zum Dach hinaus. Aber ich wollt's schon löschen, wann ich deine Frau wär.« »Ja, wie denn?« fragte er. Sie wiederholte die Worte, und beider Augen begegneten sich und blieben aneinander hängen. Afra drehte das Gesicht nach dem Fenster. Ambros stand auf. »Willst denn schon gehn?« fragte sie, ohne sich umzusehen, nach einigen Sekunden. »Ja, ich will gehn«, antwortete er rauh. Sie strich sich mit den Händen übers Haar und stand langsam auf. »Meinem Mann wird's leid tun, daß du nit auf ihn warten willst«, sagte sie. »Komm wenigstens bald wieder.« Er nickte. Afra folgte ihm mit den Augen, und nachdem die Tür hinter ihm zugefallen war, erhob sie beide Arme, focht die Hände über ihrem Kopf zusammen und schaute mit leuchtendem Blick zur Balkendecke hinauf, wobei sich ihre Lippen halb öffneten. Ambros kam in noch schlechterer Laune nach Hause, als er fortgegangen war. Er suchte die Ursache dafür in Afras Mitteilungen über Jergs Werbung um Lisei und murrte, daß er überall nur Unangenehmes zu hören bekomme; die ganze Welt sei langweilig und griesgrämig geworden. Niemand war in all diesen Tagen griesgrämiger als der Klosterbauer. In seinem Entschluß, alle Verhältnisse endlich klarzustehlen, kaute er all den Ärger und Zorn wieder, der in ihm gegoren hatte, seit der Bruch mit Ambros erfolgt war; und Lisei mußte es entgelten. Wenn sie ein Bube gewesen wäre, hätte alles einen glatten Verlauf genommen. Ob der Falkner, der nach ihm auf dem Klosterhof sitzen würde, mit Vornamen Ambros oder anders hieß, war ja gleichgültig, und alles wäre mit einem Federstrich geordnet gewesen. Daß aber der Klosterhof der Tochter folgen und der alte Name erlöschen sollte, daran stieß er sich noch immer – mochten auch durch eine Verbindung Liseis mit Jerg die beiden größten Vermögen zusammenflielßen. Der reichste Mann im Tal hieße dann nicht Falkner, sondern Arigaya. Lisei ließ die Stürme auf sich einbrausen, ohne ihr Verhalten gegen den Vater zu ändern und ohne ihm zu verraten, wie sehr sie litt. Auch in ihrem Benehmen gegen das Gesinde blieb sie dieselbe. Ihr Gerechtigkeitssinn hätte ihr nicht erlaubt, die Dienstboten all die Kränkungen entgelten zu lassen, die sie leiden mußte. Sie wartete ergeben, bis sich der Sturm ausgetobt haben würde, und ihr Trost war Wolfs Brief, den sie auf ihrem Herzen trug. Mit Jerg verkehrte sie in der alten Weise; sie sah in ihm nur den Freund ihres Bruders. Er war auf sein Schlittenrecht nicht zurückgekommen, und wenn er sich vertraulicher an sie anschloß und häufiger als früher auf den Klosterhof zu Besuch kam, so kehrte er ein gesetztes Wesen heraus, das ihr wohltat. Der Klosterbauer meinte, es stecke in dem Burschen mehr gesunder Menschenverstand, als er ihm zugetraut hätte, und wenn er es früher arg getrieben habe, so sei er von Ambros dazu verführt worden. Der Alte erinnerte sich der Klagen über seinen Sohn, die in früheren Jahren häufig bei ihm eingelaufen waren, und glaubte jetzt an sie. Es gab nichts Schlechtes, das er jetzt nicht von Ambros geglaubt hätte. Eines Sonntagnachmittags hatte Lisei in ihrer Kammer den Brief Wolfs vor sich ausgebreitet. Die ungelenken, aber handfesten Buchstaben mahnten sie an seinen ehrlichen und kernigen Charakter. Sie war mit ihren Gedanken so sehr in den Brief vertieft, daß sie nicht auf die Stimmen achtete, die schon seit einiger Zeit in der Wohnstube unter ihr laut geworden waren. Erst als sie auf dem Flur unten ihren Namen rufen hörte, wurde sie aufmerksam. Es war die Stimme des Vaters, die nach ihr rief. Sie steckte den Brief in ihr Mieder und ging hinunter. In der Wohnstube fand sie Vefa und Jerg, und die Muhme begrüßte sie mit ihrem süßesten Mundspitzen. Jerg reichte ihr mit einem verlegenen Gesicht stumm die Hand. Der Vater, der auf seinem Lehnstuhl saß, befahl ihr, eine Flasche Wein und Gläser zu holen und, als sie damit zurückgekehrt war, einzuschenken. »Und jetzt kredenz dem Jerg das Glas«, fuhr er zu kommandieren fort. »Er ist dein Bräutigam.« Lisei wandte sich in jähem Erschrecken dem Vater zu. Alles Blut war aus ihrem Gesicht entwichen. Sie wollte sprechen, vermochte es aber nicht. »Bist taub?« rief der Klosterbauer ungeduldig. »Du sollst dem Jerg den Brauttrunk bringen!« Lisei regte sich nicht. Sie starrte den Vater mit weitgeöffneten Augen an, während Jerg sich heftig das Kinn rieb. Dem Klosterbauern schwoll die Zornader. Vefa kam dem Ausbruch des Unwetters zuvor. »Ach, lieber Bruder!« flötete sie. »Wie kannst nur so mit der Tür ins Haus falln? Dergleichen sagt man doch einem Madl nit wie ein Straßenräuber, der einem mit der Pistol auf der Brust den Geldbeutel abfordert! Natürlich ist das arme Ding zum Tod erschrocken. Laß mich nur machen! Komm, Lisei, setz dich zu mir und beruhig dich; du wirst dich in dein großes Glück schon finden.« Sie winkte Lisei mit einem zärtlichen Blick zu sich; doch diese wich einen halben Schritt zurück, und der Klosterbauer rief grob: »Dummer Weibertratsch! Was sie wissen muß, weiß sie. Die Sach ist abgemacht, und jetzt gehorch, oder …« Er erhob sich drohend. Lisei, der das stockende Blut gewaltsam ins Gesicht zurückgeströmt war, stotterte mit einem flehenden Blick auf ihn: »Du weißt, daß ich dir nit gehorchen kann!« Jerg faßte seinen ganzen Mut zusammen, streckte Lisei seine Hand hin und sagte mit dem treuherzigsten Tone, den er aufzubringen vermochte: »Komm, Lisei, ich bin dir so herzlich gut!« »Mir?« fragte sie und richtete die Augen mit einem solchen Blick auf ihn, daß er seine Augen zu Boden schlagen mußte. »Du weißt doch, daß ich mit dem Wolf Lechner versprochen bin!« Der Vater stieß einen dumpfen Wutschrei aus und ballte die Faust. Nun sprang Vefa rasch dazwischen. Lisei aber rief in herzzerreißendem Ton: »Ja, schlag mich! Schlag mich tot! Dann ist alles gut. O Vater, du selbst hast mich mit dem Lechner verlobt! Wie kann denn nun der da mein Bräutigam sein? O Jerg, schäm dich doch, daß du den Lechner so hinterlistig verdrängen willst! Mein Gott, mein Gott! Gilt denn keine Treu mehr auf Erden?« »Ungeratene Dirn!« knirschte der Klosterbauer mit verzerrtem Gesicht und stieß seine Schwester gewaltsam beiseite. Jerg jedoch, der plötzlich einen glücklichen Ausweg aus der kläglichen Rolle, die er bisher gespielt hatte, erspähte, fiel ihm mit den Worten in den erhobenen Arm: »Halt, Klosterbauer, das leid ich nit! – Hab keine Angst, Lisei!« wandte er sich zu dieser. »Er soll dir nix tun!« Und wieder zu dem Alten, dessen Arm er festhielt: »Nein, Klosterbauer, wann die Lisei jetzt auch gar herb gegen mich ist, so solltet Ihr ihr doch um meinetwillen nix zuleid tun. Potztausend!« Vefa raunte unterdessen ihrer Nichte zu, sie möge jetzt dem Vater aus den Augen gehen, und zitternd in ihrer Aufregung befolgte Lisei den Rat, während der Klosterbauer sich noch, wenn auch nur schwach, gegen Jerg sträubte. »Der Klosterbauer ist zwar weit und breit der klügste Mann, das weiß jeder«, sagte Vefa, »aber solche Sachen verstehn wir Fraun besser anzufassen.« Ihr Bruder, der sich von Jerg losgerissen hatte, griff nach einem der vollgeschenkten Gläser und stürzte den Inhalt hinunter, um den Brand seines Zornes zu löschen. Jerg sah ihn verschmitzt an und meinte selbstgefällig, daß er mehr bei Lisei gewonnen habe, indem er sie verteidigte, als der Vater durch seine Drohungen. »Unsinn! Sie soll gehorchen!« schnob der Klosterbauer und warf sich in seinen Lehnstuhl. »Ja, ja, sie wird schon gehorchen«, versicherte Vefa. »Aber wozu solchen Lärm machen? Soll's von dem Gesind im ganzen Tal herumgetratscht werden, daß der Klosterbauer seine Tochter mit Gewalt gezwungen hat, den Jerg zu nehmen? Ich hab's dir gleich vorgestellt, daß du mich zuerst mit ihr reden lassen solltst.« »Und sagt ihr nur, daß sie mir schweres Unrecht tut von wegen dem Lechner«, fügte Jerg hinzu. »Ich will niemand verdrängen, aber ein Herz hab ich doch auch.« Vefa nickte ihm zu, und nach einer Weile folgte sie ihrer Nichte. Aber sie kam sehr bald wieder. Lisei hatte sich in ihrer Kammer eingeriegelt und weder auf ihr Pochen noch auf ihr Rufen geöffnet. Der Klosterbauer lachte höhnisch. Vefa verbarg ihren Verdruß unter der leicht hingeworfenen Äußerung, daß die Sache ja keine Eile habe. »Schwätzt ihr miteinander, soviel ihr wollt! Ich werd ihren Eigensinn schon brechen!« rief ihr Bruder und schlug mit der Faust auf die Lehne seines Armstuhls. »Damit auch sie aus dem Haus läuft, wie der Ambros!« bemerkte Vefa schärfer, als es sonst ihre Art war. »Und was wird nachher aus dem Klosterhof?« Der Klosterbauer sah sie betroffen an, und sie fuhr mit süßem Mundspitzen fort: »O lieber Bruder, verdirb mir doch nit die einzige Freud, den Jerg und die Lisei miteinander glücklich zu machen Sie passen so gut zusammen, und mein Herz sagt mir, daß sie miteinander glücklich sein werden.« Sie warf einen fast schwärmerischen Blick auf Jerg, der sich mit verschränkten Armen auf den Tisch gestützt hatte und unverwandt, mit eingekniffenen Lippen, auf das Glas starrte, das Lisei ihm hatte kredenzen sollen. Der Klosterbauer murmelte etwas, was große Ähnlichkeit mit dem Lieblingstitel hatte, den er seiner Schwester zu geben pflegte. Diese redete sogleich weiter: »Ja, mein Herz sagt mir, daß sie füreinander bestimmt sind. – Aber jetzt muß ich wieder nach meinem Kranken sehn. Ach Gott! Ach Gott! Er löscht aus wie eine heruntergebrannte Kerzen.« Sie schüttelte trübselig den Kopf. Dann strich sie ihr blaues Fürtuch glatt und sagte hastig: »Behüt dich Gott, lieber Bruder! Der Jerg kommt wohl mit?« Jerg erhob sich langsam. Mit fragendem Blick reichte er dem Klosterbauern die Hand. »Was ich gesagt hab, das hab ich gesagt!« rief dieser, ohne seinen bequemen Stuhl zu verlassen. Das war nun zwar ein tröstliches Wort für den Jerg, aber es verlieh ihm doch nicht jenes Gefühl, mit dem er den Klosterhof zu verlassen sich ausgemalt hatte. Wie hatte er zu triumphieren geglaubt, wenn er als des Klosterbauern Eidam heimginge! Vefas mahnender Hinweis auf Ambros hatte ihm ein Unbehagen verursacht, das ihn nicht verlassen wollte; und hatte er bis dahin in der Vorstellung geschwelgt, wie er sich breit vor den Vater und seine Stiefmutter hinstellen und ihnen zurufen würde: Schaut, mich an, hier steht der künftige Klosterbauer! – so hielt er es jetzt für geraten, seine Bräutigamswürde einstweilen noch zu verbergen. Was half ihm des Klosterbauern Zusicherung, wenn Lisei bei fremden Leuten in Dienst trat? Nein, das unruhige, lauernd-nachdenkliche Gesicht, mit dem er neben Vefa herging, war nicht das eines glücklichen Bräutigams! Der Vogel, dem er mit einem Sprung an die Kehle zu fahren gedacht hatte, saß noch sicher auf dem Dach. Es war eine eigentümliche Angst, mit der Lisei in ihrer Kammer saß und auf ihre im Schoß zusammengelegten Hände schaute, ohne daß sie zu weinen vermochte. Es war ihr, als ob die Berge ringsum auf sie einstürzten und sie lebendig begruben. Wie konnten sie auch noch feststehen, da es keine Treue mehr auf Erden gab? Wohl hatte Wolf sie gewarnt, daß der Vater ihnen sein Wort nicht halten würde; aber es zeigte sich jetzt in ihrer Betäubung, daß sie es nicht geglaubt hatte. Hatte es ihr stets heimlich weh getan, daß Wolf ihren Vater nicht so hoch stellte, wie sie es in ihrer Liebe tat, so ging es ihr nun wie ein Schwert durchs Herz, daß Lechner recht behalten sollte. Eine schmerzlich brennende Scham über die Wortbrüchigkeit des Vaters überzog ihre Wangen. Nicht genug, daß derselbe Mensch, der sein einmal gegebenes Wort wie einen unerschütterlichen Felsen hinzustellen pflegte, seine Ehre gleichgültig wegwarf – er wollte auch sie zur Treulosigkeit verführen und gar zwingen! Es gibt kaum etwas Schmerzlicheres, als diejenigen, die man liebt, nicht länger achten zu können. Und dieser Schmerz begann nun Lisei die bittersten Tränen herauszupressen. Ihre Liebe hatte um alle Schwächen und Fehler des Vaters einen Mantel geworfen: Er war stets ein Ehrenmann gewesen! Und das hatte sie als den gesunden, starken Kern in der stachligen Schale betrachtet. Nun erwies sich auch dieser Kern als angefault! Lisei vermochte den Gedanken nicht auszudenken; die Sinne vergingen ihr. Es wurde dunkel, und Lisei trocknete ihre Tränen. Ihre hauswirtschaftlichen Pflichten riefen sie, und sie unterzog sich ihnen wie immer; nur still und bleich war sie dabei. Toni, die Großmagd, arbeitete ihr geschickter und flinker als sonst in die Hände. Sie hatte in behaglicher Sonntagsruhe in der Küche gesessen, als der Klosterbauer seine Tochter heruntergerufen, und die Stimmen in der Wohnstube waren zu laut gewesen, als daß sie sich den Vorgang dort drinnen nicht hätte zusammenreimen sollen. Voll Mitleid beobachtete sie Lisei. Auch der Klosterbauer schielte während des Abendessens verstohlen zu ihr hin, jedoch nicht mitleidig, sondern grollend. Sie bemerkte es nicht; wie geistesabwesend saß sie vor ihrer Schüssel, und dann und wann schien es, als ob es sie fröre. Als das Abendessen vorüber war, das Gesinde sich entfernt hatte und der Klosterbauer seine Pfeife anzündete, um zum Sonntagabendtrunk in den »Stern« zu gehen, bat sie ihn mit leise zitternder Stimme, noch einen Augenblick dazubleiben; sie möchte mit ihm reden. »Was soll's?« murrte er. »Versprich mir doch, daß du mich ruhig anhörn willst«, bat sie. »Nur das eine einzige Mal im Leben, Vater! Ich will gar nit von mir reden. Mit mir kannst ja machen, was du willst; aber um deinetwillen tut's mir so weh, was du mit mir im Sinn hast! Du stehst weit und breit in einem Ansehn wie kein andrer, und ich bin immer stolz drauf gewesen, daß ich deine Tochter bin – wann dir auch nix an mir liegt.« »Mach's kurz!« brummte er. »Jetzt, Vater«, fuhr sie fort, »wie soll ich's nur verstehn, daß du die nämliche Sach zweimal verkaufen willst? Ich gehör doch dem Wolf Lechner …« Der Klosterbauer unterbrach sie mit einer Stimme, die hart wie Stein war. Er wolle sich mit ihr nicht herumärgern, wie er sich mit ihrem Bruder geärgert habe. Sie kenne seinen Willen; deutlicher könne er nicht reden, und damit sei die Sache ein für allemal zwischen ihnen abgetan. Er ließ sie stehen und warf die Tür mit solcher Gewalt hinter sich zu, daß die Fenster klirrten. Lisei rang die Hände. Der Klosterbauer trat noch, ehe er das Haus verließ, in die Küche, wo die Knechte und Mägde beisammensaßen, und befahl dem Pferdeknecht, seinen Wagen mit dem Apfelschimmel für den folgenden Morgen um sieben Uhr bereitzuhalten. Die Fahrt wurde jedoch einstweilen vereitelt; denn es erhob sich in der Nacht eines jener Unwetter, wie sie dem Frühling vorauszugehen pflegen, und dauerte ununterbrochen bis zum Abend des zweiten Tages fort Liseis Seelenzustand an den folgenden Tagen glich dem Wetter draußen: er war verworren, aufgeregt, trostlos. Indessen brachte ihr das Stürmen und Regnen ein Gutes, ohne daß sie es wußte. Das Unwetter hinderte Vefa daran, auf den Klosterhof zu kommen, um, wie sie es ihrem Bruder versprochen hatte, Lisei zur Vernunft zu bringen; und auch Jerg ließ sich nicht blicken. Er war ein kluger Feldherr und wollte erst abwarten, bis Vefa eine Bresche in die Festung gelegt hätte, bevor er selbst zum letzten Sturm anrückte. Der Klosterbauer verwünschte sowohl das Wetter wie auch Vefa und Jerg; er wollte ohne viel Federlesens zu Ende kommen. Die traurigen Mienen Liseis machten ihn wütend, obgleich er sich nicht ärgern wollte; und wie der Sturm draußen, so tobte er im Hause und in den Wirtschaftsgebäuden umher. Es war für alle eine Erlösung, als er am Morgen des dritten Tages wegfuhr – nach Bruneck zum Notar. Der schöne Morgen veranlaßte auch den Kuraten Hannes, einen längst gehegten Vorsatz auszuführen. Die Kunde von der Erkrankung des Pfarrers Moltenbecher war zu ihm gedrungen, und er machte sich auf, um ihn zu besuchen. Er schlug den Weg über das Jöchl ein, und verlockt von der warmen Märzsonne, setzte er sich droben auf die Bank neben dem Bildstock. Die Regengüsse der letzten Tage hatten den Schnee im Tal bereits an vielen Stellen vertilgt. Auf den Höhen lag die Winterdecke anscheinend noch unberührt, so auf der Brust des Peitlerkofs, der einen spitzen Eishut trug, und auf dem Scheitel des Kreuzkofls, der in gewaltigen Terrassen aus dem Gadertal hinanstrebte. Das Gebüsch am Bildstock trug bräunlich angehauchte Knospen; Hannes hatte sie untersucht, ehe er sich niederließ. Es mochte noch eine gute Weile dauern, bis sie sich öffneten; allein, sie waren doch ein untrügliches Zeichen, daß die Natur aus ihrem langen Winterschlaf zu erwachen begann. Auch das leise Murmeln, mit dem der schmelzende Schnee in unzähligen Rinnsalen zu Tal sickerte, verkündete es. Der Himmel war reingefegt von allen Wolken, und die zahlreichen Fenster der alten Feste Thurn, die sich mit ihren ungleichen Burghäusern und ihrem viereckigen Turm über St. Martin erhob, blinkten golden in der Morgensonne. Die schmale Brust des Kuraten erweiterte sich durch das Einatmen der feuchten Märzluft. Sein Gesicht aber, über das der tief herabgezogene Hut einen Schatten warf, war blaß wie immer. La Bona Uschinas mütterliche Pflege wollte ihm nicht gedeihen: Geistige Unruhe verzehrt den Leib. Hartwanger war nach den stürmischen Ereignissen in St. Vigil mit seinem Glaserkasten das Gadertal aufwärts gewandert und auch nach St. Martin gekommen. Durch ihn wußte Hannes von dem Angriff auf die Schmiede und allem, was sich daran geknüpft hatte – bis zu dem letzten erbitterten Zusammenstoß zwischen dem Klosterbauern und Ambros. Alles brach dort zusammen, ohne daß er helfen konnte! Die Befreiung des Pfarrers aus den Händen der Soldaten war ein Aufblitzen, das ihn die Schwärze des Horizonts nur um so deutlicher erkennen ließ. Wohin er die Blicke richtete, zogen drohend finstere Wolken auf; nachtdunkel breitete sich der Himmel über ganz Tirol. Er hatte sich ganz einspinnen wollen in seine Arbeit über die heimatliche Alpenflora, aber sie war seit der Pfarrerversammlung in der Dechanei zu Enneberg mehr und mehr ins Stocken geraten. Die Unterredung mit dem Landrichter und dem Oberförster hatte den Vorhang, der ihm bisher die Welt verhüllt, zerrissen, hatte seinen Blick von dem Persönlichen auf das Allgemeine, von seinen privaten Interessen auf das Vaterland gelenkt. Wie hätte er sich noch länger mit ganzer Seele in die Betrachtung des Kleinen vertiefen und Pflanzen beschreiben können, während der Fuß eines fremden Herrschers sein Volk zu Boden trat! Was waren die Leiden, durch die er sich mit blutendem Herzen hindurchgerungen, gegen die, unter denen sein Vaterland ächzte? Und noch immer kamen neue dazu. Das Regierungsblatt, das er jetzt zu halten genötigt war, brachte Erlasse über Erlasse, die zu der immer fühlbarer werdenden materiellen Not und dem politischen Druck einen immer schärferen Gewissenszwang fügten. Nachdem die allgemeinen Wallfahrten nach den Gnadenörtern und die besonderen Bittgänge der Gemeinden schon früher verboten worden waren, traf jetzt ein Interdikt nach dem anderen die öffentliche Abbetung des Rosenkranzes und der Lauretanischen Litanei, Lauretanische Litanei – eine aus Ehrentiteln Marias zusammengesetzte Litanei, die 1558 nachweisbar in der italienischen Stadt Loreto (Lauretum) gesungen wurde, wohin nach der Legende das Wohnhaus der Mutter Maris von Engeln getragen worden sein soll. den Gottesdienst in der Adventszeit und die Messe in der Christnacht. Selbst das Läuten des Sterbeglöckleins ward untersagt. Diese Maßregeln bewirkten indessen das gerade Gegenteil von dem, was die Regierung beabsichtigte. Nie waren die Kirchen Tirols an den Sonntagen und an den von der Regierung übriggelassenen Feiertagen so voll gewesen wie jetzt. Die Macht der Geistlichen, die gebrochen werden sollte, erstarkte mit jedem Tage mehr. Auch die Gemeinde von St. Martin schloß sich enger um ihren Seelsorger. Hatte sich Hannes in der ersten Zeit den Pflichten seines Amtes hauptsächlich darum mit solchem Eifer unterzogen, um seine Liebe zu Stasi zu überwinden und den brennenden Schmerz der Entsagung zu betäuben, so war ihm nun ein höheres Ziel aufgegangen. Die Verse, die der Landrichter aus Schillers »Wilhelm Tell« angeführt hatte, klangen in ihm fort, wenn auch weniger den Worten als dem Sinne nach. Sie wurden für ihn zu einer inneren Stimme, die ihn für die ewig unveräußerlichen Rechte seiner unterdrückten Mitmenschen einzutreten mahnte, und die Mannhaftigkeit, mit der sich sein ehemaliger Lehrer, Herr Moltenbecher, seiner Gemeinde gegen die grausame Willkür des bayrischen Kommissars angenommen hatte, wurde dem noch innerlich Zagenden zum Vorbild. Der Zweck des Ganges, auf dem er begriffen war, versenkte ihn, während er auf der Bank ruhte, wieder in die Gedanken, die ihn seinen botanischen Studien untreu gemacht hatten. Ein Ausruf der Überraschung veranlaßte ihn schließlich, sich umzusehen. Lisei war eben aus dem Walde getreten und näherte sich nun flinken Schrittes dem Bildstock. »Lisei!« rief er, nicht weniger verwundert, indem er aufsprang und seiner Schwester entgegenging. Sie ergriff seine Hand und wollte sie küssen. Er aber schloß sie lebhaft in seine Arme und küßte sie auf den Mund. Liseis Augen wurden feucht. »Du wolltest zu mir«, fragte er, »um endlich auch einmal nach dem armen Hannes zu sehn?« Er wisse ja, wie schwer es ihr wurde, sich einmal von Hause frei zu machen, entschuldigte sie sich. Nun, da der Vater nach der Stadt gefahren sei, habe sie sich aufgemacht. »Ich mußt mit Ihnen reden«, fügte sie hinzu. »Sie solln mir mit Ihrem Rat helfen.«Sie erzählte ihm von Jergs Werbung und dem heftigen Auftritt, den sie infolgedessen mit dem Vater gehabt hatte. »Ich kenn mich nit mehr aus in dem, was Recht und was Unrecht ist. Soll denn heut nit mehr gelten, was gestern gelobt worden ist? Wann ein Vater seinem Kind das Wort bricht, das ist ja noch viel schrecklicher, als wann ein Priester lügt. Und jetzt achtet der Vater seine eigne Ehr nit mehr und verlangt auch von mir, daß ich schlecht sein soll! Ich kann's vom Vater nit verstehn, daß er eine so schwere Sünd begehn will. Ich hab's ihm vorhalten wolln, aber er hat mir verboten, mit ihm zu reden. Und darum bin ich zu Ihnen gekommen, damit Sie den Vater vor so schwerem Unrecht gegen sich selbst bewahrn möchten.« Hannes fingerte an seinen Taschen nach der Tabaksdose, aber er fand sie nicht, obgleich er sie bei sich trug – so sehr hatten ihn die Worte seiner Schwester erregt. Darauf war er nicht gefaßt gewesen, daß ihre Liebe zum Vater so stark wäre. Wie hatte es dieser nur erreicht, von Lisei so geliebt zu werden, daß sie auch in ihrer jetzigen Lage in erster Linie an ihn dachte? »Sie wolln mir nit helfen?« fragte sie kleinlaut, als er nicht gleich antwortete. »O gewiß«, versetzte er mit einem warmen Blick. »Hab ich dich richtig verstanden, so bist du entschlossen, Wolf dein Wort zu halten.« »Ja, wie könnt's denn anders sein?« entgegnete Lisei und erzählte, daß sie Wolf bei seinem Scheiden von St. Vigil nochmals die Treue gelobt habe. »Und ist er nit der bravste Mensch auf der Welt?« fuhr sie fort »Da, lesen Sie nur, wie fest er auf mich vertraut!« Sie reichte Hannes den Brief des Schmiedes. Deutlicher als ihre Worte redeten die Flecken auf dem Papier, durch die die Schriftzüge an manchen Stellen verwaschen waren, von ihrer innigen Liebe. Nachdenklich legte Hannes, nachdem er gelesen, das Schreiben zusammen, und es Lisei wiedergebend, sagte er: »Du stehst zwischen deiner Lieb zum Vater und deiner Lieb zu Wolf. Eins ist gewiß: wie du dich auch entscheiden magst – eine Einbuße wirst du erleiden. Drum prüf dein Herz und dann tu, was deine innere Stimme dich heißt. Darauf kommt's an, liebe Schwester, daß wir in den Prüfungen unser sittliches Wesen bewahrn, daß wir vor dem Richterstuhl unsres Gewissens bestehn. Der Vater wird kein Mitleid mit dir haben.« Lisei seufzte und nickte einigemal leise mit dem Kopf. Hannes gedachte der eigenen schweren Herzenskämpfe, und eine Weile saßen beide schweigend nebeneinander. »Ja, Lisei«, nahm Hannes schließlich wieder das Wort und legte seine Hand auf die der Schwester, »der Vater wird kein Mitleid mit dir haben, und Schweres steht dir wohl bevor; aber du wirst wie immer tun, was Pflicht und Gewissen dir raten. Niemand weiß das so gut wie ich, liebe Schwester.« Er hatte seine Dose gefunden und nahm langsam eine Prise. Mit ihr entschied er sich, Lisei etwas Besseres als seinen geistlichen Zuspruch zu geben: sein Vertrauen. »Jedem Sterblichen wird der Leidenskelch geboten«, begann er sanft »Auch der Geistliche ist nur ein Mensch; auch ihm bleiben schwere Seelenkämpfe nit erspart. Vergiß, daß ich unter diesem alten Mantel das Kleid des Pfarrers trag. Auch dein Bruder hat sein Herz bezwingen müssen, um der Pflicht zu gehorchen.« »Ach Gott, auch Sie?« fragte Lisei mit trauriger Verwunderung. »Auch ich«, bestätigte er. »Ich will's dir nit verschweigen.« Er schob sich den Hut aus der Stirn und legte für eine Weile seine Hand über die Augen. Leise fing er dann an, von seiner Liebe zu Stasi zu erzählen, doch nannte er weder ihren noch einen anderen Namen. Anfangs war es, als ob er einen halb entschwundenen Traum erzähle; und wie wenn sich ihm dieser allmählich deutlicher vergegenwärtigte, so wurde seine Mitteilung nach und nach wärmer, farbenreicher und die Schilderung seiner Leidenschaft, seiner Verzweiflung und der Schmerzen seines Ringens ergreifender. Lisei flossen die Tränen herab, und als er geendet hatte, umschlang sie seinen Hals und rief: »O Hannes, was hast du aushalten müssen!« »Es ist überwunden«, sagte er tief aufatmend und machte sich sanft aus ihren Armen frei. »Überwunden?« wiederholte sie. »Ach, Bruder, kann denn das Herz zu lieben aufhörn, wann's einmal liebt?« »Nein, Lisei, das vermag es nit«, versetzte er mit leuchtenden Augen. »Aber die Lieb, die unter tausend Schmerzen der einen allein gehört hat, den Mitmenschen zuzuwenden – das vermag es! Was haben mich früher die Leiden meines Nächsten gekümmert, was die des Vaterlands? Mein Herz war selbstsüchtig und verstockt in der Lieb zu der Einzigen.« Lisei ergriff seine Hand und küßte sie. Wer die Einzige gewesen sei, fragte sie nicht. Der Name tat ja auch nichts zur Sache; er konnte das Vertrauen, das er ihr geschenkt hatte, nicht kostbarer machen. Bewegt schwiegen beide. Nach einiger Zeit stand Lisei auf und sagte, sie wolle jetzt, wenn es ihr der Bruder nicht übelnehme, lieber nach Hause gehen und ihn ein andermal besuchen. Hannes begleitete sie, da es, wie er ihr nun mitteilte, seine, ursprüngliche Absicht gewesen war, Herrn Moltenbecher zu besuchen. Hand in Hand stiegen sie durch den Wald abwärts, auf demselben Pfad, über den er einst sein Herzeleid so schwer den Berg hinaufgetragen hatte. Als sie auf dem Kirchplatz voneinander schieden, versicherte Lisei, jetzt habe sie wieder Mut, und Hannes nickte zufrieden. Der Pfarrer streckte, seinem ehemaligen Schüler beide Hände entgegen, und sein abgezehrtes Gesicht, über dessen weiße Bartstoppeln lange kein Schermesser gekommen war, färbte sich ein wenig. Ihm fehle nichts, wehrte er die teilnehmenden Erkundigungen des jungen Geistlichen ab; nur müde sei er, als ob er einen steilen Berg erstiegen hätte. Aber das tue nichts; habe er doch Zeit, sich auszuruhen. »Volle, volle Zeit! Denn die Herrn in Bruneck sind gar zärtlich um mich besorgt«, fügte er mit gedämpfter Stimme hinzu, indem er mit den Augen auf die Tür zum Nebenzimmer deutete. »Sie haben mir einen Vikarius geschickt; vor einer Stund etwa ist er angekommen. Vefa hat ihn in meinem Studium einquartiert. Nun, ich werd's ja nit mehr brauchen. Die Bücher hab ich dir vermacht, das übrige der Vefa. Mein Haus ist bestellt. Meine Gemeind hatt ich freilich andern Händen zu hinterlassen gehofft als diesem Priester mit dem – Regierungsfuß.« Er lachte über das letzte Wort still vor sich hin. Hannes wollte ihm die Todesgedanken ausreden; er würde sich bald wieder kräftig fühlen. »Nein, nein, liebes Kind!« entgegnete der Pfarrer. »Meine Zeit ist zu End und die Feder eingetunkt, um auf die letzte Blattseit das Finis zu schreiben, Ihr jungen Leut mögt nun sehn, wie ihr mit den Welthändeln fertig werdet und euch des Höllengeists entledigt, der die Welt in Gestalt des Korsen mit Feuer und Schwert durchrast, – Nein, Kind, schau mich nit so trübselig an! Laß uns von erfreulicheren Dingen reden!« Er fuhr fort, mit Hannes zu plaudern, erzählte und ließ sich erzählen. In der Tat, er hatte alle irdischen Sorgen von sich abgeschüttelt, und es trat sogar dann und wann ein Zug jenes derben Humors hervor, der ihm in seinen gesunden Tagen so reichlich zur Verfügung gestanden hatte. Mitten in der Unterhaltung fielen ihm jedoch die Augen zu, und er schlummerte ein. Hannes verhielt sich ganz still und betrachtete wehmütig das welke und so friedliche Antlitz des Schlafenden. Auf dem Kirchturm begann das Mittagsgeläut, und der Pfarrer erwachte. »Ich glaub, ich hab ein wenig geschlafen«, lächelte er. »Wovon sprachen wir doch?« Hannes hatte zuletzt von den Versteinerungen erzählt, die im Grödnertal gefunden wurden, und Herr Moltenbecher sagte: »Richtig! Das ist sehr wunderbar.« »Man könnt sie eine Bilderschrift nennen, die dem Menschen offenbart, was lang vor seinem Erscheinen auf Erden geschehn ist«, bemerkte Hannes. »In den fünf Tagen, die vor seiner Erschaffung verflossen sind?« fragte Herr Moltenbecher und drohte Hannes gutmütig mit dem Finger. Hier steckte die Magd den Kopf durch die leise geöffnete Tür herein und meldete, daß der Herr Vikar den Herrn Kuraten bitten lasse, bevor er fortginge, auf einen Augenblick zu ihm zu kommen. »Was kann er nur von mir wolln?« fragte Hannes verwundert den alten Pfarrer. »Sie haben mir seinen Namen noch gar nit genannt.« »Meiner Treu, ich erinnere mich nit«, antwortete Herr Moltenbecher nach einigem Nachsinnen. »Mein Kopf wird schwach. Du siehst, das Neue ist nit mehr für mich. Aber geh nur zu ihm. Geh nur gleich und komm nachher wieder.« Hannes kam der Aufforderung nach. Der Vikar, der vor dem Büchergerüst stand und die kleine Bibliothek des Pfarrers musterte, wandte sich mit einer raschen Bewegung dem Eintretenden zu. »Lacedelli!« rief Hannes höchlich überrascht. Er befand sich einem seiner Studiengenossen von Innsbruck gegenüber. »Ich hörte in der Nebenstube eine mir bekannte Stimme«, sagte der Vikar, »und da ich von der Magd erfuhr, daß Sie hier wären, konnte ich dem Verlangen nicht widerstehen, Sie gleich zu begrüßen.« Hannes fand nicht gleich ein Wort der Erwiderung. Angelo Lacedelli, der Sohn eines Gastwirts aus Cortina, hatte in dem Priesterseminar zu Innsbruck, das er nur gewählt, um sich der deutschen Sprache vollkommen mächtig zu machen, für einen der fähigsten Köpfe gegolten. Er hatte bei den Professoren in hoher Gunst gestanden, und nun fand ihn Hannes als einen Anhänger der bayrischen Regierung wieder! Aber nicht der Vikar, sondern er war verlegen, als er nun der mittelgroßen, geschmeidigen Gestalt mit den lebhaften schwarzen Augen und der intelligenten, etwas fliehenden und von dichtem schwarzem Haar umkräuselten Stirn gegenüberstand. Angelo Lacedelli war ein schöner Mann. Er hatte Hannes im Ampezzaner Dialekt, der in seinem Munde fast den Schmelz des Venetianischen gewann, begrüßt. Jetzt vertauschte er ihn mit der deutschen Sprache. Er sagte, vielleicht, um Hannes über seine unverkennbare Befangenheit hinwegzuhelfen: »Lassen Sie uns deutsch reden wie in Innsbruck; denn das Ladinische ist doch nur eine Bauernsprache und zu dürftig für den Gedankenaustausch. Die Dialekte sterben aus, müssen aussterben, weil sie von der Kultur überholt worden sind; und wir Ladiner werden uns wohl für Deutschland entscheiden müssen, da alle unsere Interessen dorthin gravitieren – mag uns auch Italien sympathischer sein.« »Ja, wir Tiroler gehörn zu Österreich«, antwortete Hannes schlicht. Um Lacedellis Lippen spielte ein unmerkliches Lächeln; er ließ die Äußerung jedoch unbeantwortet, sondern lenkte auf die botanischen Studien seines Besuchers ab, um die er von Innsbruck her wußte, und äußerte, daß auch er sich ein Steckenpferd für seine Mußestunden auserwählt habe. Er trage sich mit der Absicht, ein Wörterbuch der ladinischen Sprache anzulegen. »Das ist auch eine Art botanischen Studiums – die Herbarisierung einer geistigen Alpenflora«, sagte er. Unterdessen war die Magd hin und her gegangen und hatte den Tisch gedeckt – für zwei Personen. Der Herr Pfarrer lasse den Herrn Kuraten bitten, mit dem Herrn Vikar zu speisen, berichtete sie. Sofort versicherte Angelo Lacedelli, wie sehr er sich freuen würde, wenn Hannes sein Mahl teilen wollte; und dieser konnte die Einladung nicht füglich ablehnen. Hannes kam sich recht steif vor gegenüber dem Vikar, der in zuvorkommender Weise den Wirt machte und dabei unbefangen von ihrem gemeinsamen Leben in Innsbruck, von ihren dortigen Kameraden und deren Schicksalen plauderte und schließlich auf Herrn Moltenbecher sowie dessen Gemeinde, über die er sich zu orientieren wünschte, zu sprechen kam. »Hoffentlich ist das Vorurteil gegen die vereidigten Geistlichen noch nicht bis in dieses einsame Hochtal gedrungen?« fragte er zwar lächelnd, doch mit einem etwas gespannten Blick. »So haben Sie sich also wirklich der Regierung unterworfen?« rief Hannes, wobei sich sein Gesicht höher rötete. »Allerdings«, versetzte Lacedelli ruhig. »Befiehlt uns nicht der Stifter unserer Religion, der Obrigkeit gehorsam zu sein und dem Kaiser zu geben, was des Kaisers ist? Was wollen Sie? Es gab für mich keine andere Möglichkeit, zu einem Amt zu gelangen, als der Regierung zu gehorchen, und ich wollte wirken.« »Grad von Ihnen hätt ich einen solchen Schritt für unmöglich gehalten«, erwiderte Hannes. »Ich erinnere mich, welch große Hoffnungen unsre Lehrer in Sie setzten.« Lacedelli lächelte. »Gibt es denn nur den einen, seit einem Jahrtausend vorgezeichneten Weg, um diese Hoffnungen zu erfüllen? Aufrichtig, Herr Collega, was sind das für große Erwartungen, die ein armer Dorfpfarrer hegen kann? Sie wissen ebensogut wie ich, daß für unsereins die geistliche Laufbahn mit der Dorfpfarre abgeschlossen ist. Die Zeiten sind längst vorüber, in denen die Weltgeistlichkeit zu hohen Ehren emporsteigen konnte. Der Weg zu ihnen führt nur noch durch die Klöster. Nehmen Sie an, ich besäße den Ehrgeiz – von Fähigkeiten will ich nicht reden –, nach Ansehen und Bedeutung in der Kirche zu streben, so werden Sie mir zugeben müssen, daß es mir bei der Erstarrung unserer hierarchischen Ordnung unmöglich gewesen wäre, ihn zu befriedigen. Die Regierung hat diese Hierarchie durchbrochen, und Sie sollten sie mit mir preisen, denn sie hat uns Pfarrer aus dem Joch niederer Dienstbarkeit erlöst. Wir haben aufgehört, die glebae adscripti glebae adscripti – (lat.) die zu einem Stück Erde Gehörenden, d. h. die Leibeigenen. der Kirche zu sein. Wissen und Fähigkeit eröffnen auch uns freie Bahn.« »Es ist freilich richtig, daß wir Landgeistliche gewissermaßen an die Scholle gekettet sind«, mußte Hannes zugeben, »aber der Preis, den Sie für Ihre Freiheit gezahlt haben, ist enorm. Verzeihn Sie mir, daß ich's offen aussprech! Für diese Freiheit haben Sie sich dem Unterdrücker unsres Vaterlands zur Dienstbarkeit verpflichtet. Ach, der Ehrgeiz ist etwas Schreckliches!« »Beruhigen Sie sich! Der Ehrgeiz hat keinen Anteil daran«, entgegnete Angelo Lacedelli mit blitzenden Augen. »Ich bin aus demselben Holz wie neun Zehntel unserer Landgeistlieben. Einen Abfall vermag ich jedoch in dem Schritt, den ich getan habe, nicht zu erkennen. Es ist wahr: die Regierung hat in ihren Maßregeln die religiösen Gefühle des Volkes wenig geschont; allein, wann und wo hätten diese Maßregeln das Dogma unserer Kirche angegriffen? Überall sind es nur die Disziplin und äußere Formen, die von ihnen getroffen werden. Keine Glaubenslehre, kein Sakrament ist angetastet worden. Nur der Macht des Heiligen Vaters, seine militärisch disziplinierte Armee von Geistlichen zu politischen Zwecken, selbst gegen das Landesoberhaupt fremder Staaten, zu verwenden, will man eine Schranke setzen. Ein neuer Geist flutet mächtig durch die Zeit, und gleich jenem dänischen König, der dem heranrollenden Meere befehlen wollte, vor seinem Stuhle haltzumachen, so will man in Rom den Geisteswogen befehlen, vor dem Heiligen Stuhl zu ersterben!« »Welche Freiheit, die durch Ströme von Blut gewatet ist und die einen Napoleon erzeugen konnte!« Der Vikar, der nach seinem Glase gegriffen hatte, um seine trocken gewordene Kehle anzufeuchten, versetzte: »Ich bin weit davon entfernt, Napoleon für einen Apostel der Freiheit zu halten. Ich sehe in ihm nichts als einen ehrgeizigen Eroberer. Aber er kann den Geist der Revolution, aus der er hervorgegangen ist, nicht abschütteln. Die Ideen der Freiheit hängen an den Sturmesschwingen, mit denen er über die Erde braust, und sie sinken als Saat in die Furchen, die sein Schwert zieht. Man nennt ihn die Geißel Gottes, und man hat recht. Die Throne Europas sind unter seinem ehernen Tritt zusammengebrochen oder doch in ihren Fundamenten geborsten, weil die Fürsten ihre Völker durch Knechtschaft entgeistigt hatten. Wollen Sie behaupten, daß die Kirche an der Verkommenheit der Völker keine Schuld trage? Nun, da ist dieser Kaiser der Neufranken in die Welt gekommen als Racheengel. Er zwingt die Fürsten, die verrotteten Zustände zu verbessern, und die Völker beginnen zu erwachen. Mögen sie sich auch noch schlaftrunken die Augen reiben – sie werden schon zu dem Bewußtsein kommen, daß die alte Knechtschaft zu Ende ist. Soll ich mich gegen das Bessere verschließen, bloß weil ich ein Geistlicher des römisch-katholischen Glaubens bin? Soll ich mich mit den Jesuiten und Finsterlingen in der Kutte verbünden; um das wohltätige Licht auszulöschen und die alte Nacht zurückzubringen? Nein, und tausendmal nein! Ich will ein Diener Gottes sein und bleiben, aber nicht als willenloser Knecht Roms, sondern als freier Staatsbürger!« »So gilt Ihnen das Vaterland nix?« fragte Hannes, von der Beredsamkeit Lacedellis verwirrt. »Sie verkaufen Tirol für ein Linsengericht. Welche Verblendung! Hörn Sie nur, Herr Collega, wie das Land unter der von Ihnen so hochgepriesenen Regierung ächzt! Sehn Sie denn nit, wie unser armes Volk unter der Bürde dieser Zeit verschmachtend zu Boden sinkt? – Timeo Danaos et dona ferentes!« Timeo Danaos et dona ferentes – (lat.) Ich fürchte die Danaer (gemeint sind die Griechen überhaupt), besonders wenn sie Geschenke bringen. – Mit diesen Worten warnt der Priester Laokoon in Vergils »Aeneis« die Trojaner, das von den Griechen bei ihrem scheinbaren Abzug vor Troja zurückgelassene hölzerne Pferd – das sprichwörtlich gewordene unheilbringende »Danaergeschenk« – in die Stadt hereinzubringen. »Das Herz blutet freilich, wenn alte, liebgewohnte Bande gewaltsam zerrissen werden«, erwiderte der andere mit verfinstertem Blick. »Und die Menschenwürde empört sich dagegen, als Ware behandelt zu werden. Glauben Sie mir, ich habe das alles in mir selbst durchgefühlt. Aber was vermögen wir gegen die unwiderruflich gewordenen Tatsachen, und was hat Österreich getan, was tut es jetzt selbst, um den unabwendlich gewordenen Forderungen der Neuzeit gerecht zu werden? Soll ich darum schmollend beiseite stehen, weil Tirol einmal zu Österreich gehört hat, und das Gute zurückweisen, weil es meinem Vaterlande von München und nicht von Wien aus geboten wird? Wenn unser Volk das Gute nicht zu erkennen vermag, wenn es bei dem Übergang in den neuen Zustand leidet, wenn man es vielleicht zu rauh und rücksichtslos anfaßt, nun, so erkenne ich eben meine priesterliche Aufgabe darin, ihm in dieser Krisis beizustehen, es zu trösten und zu belehren, es dem Besseren entgegenzuführen. Ich will meine Fähigkeiten verwenden, um das Werk der Humanität zu fördern, auf daß der Mensch dem Ebenbilde, nach dem er erschaffen worden ist, ähnlicher und ähnlicher werde. Die Vertiefung der Erkenntnis ist die Veredelung des Glaubens. Sie werden mich daher nicht für glaubenslos oder auch nur für einen schlechten Priester halten dürfen, weil ich es zum Gedeihen der Staaten, zum Wohl der Menschheit für notwendig erachte, daß die Allmacht des Heiligen Stuhles eingeschränkt wird.« Hannes schüttelte den Kopf und seufzte, in Nachsinnen verloren. Angelo Lacedelli aber lächelte: »Ich hoffe, wir werden uns noch verständigen.« 16. Kapitel Schweigend saß Hannes der jungen Frau seines Bruders gegenüber. Ambros war nicht daheim; er war oft von Hause abwesend und kümmerte sich wenig um die Wirtschaft. Als Hannes heraufgekommen war, hatte ihn Stasi mit einem freudigen Aufleuchten ihres hübschen Gesichts begrüßt; aber das Licht in ihren Mienen war allmählich erloschen, während er, noch erregt von der Debatte mit dem Vikar – die freilich für beide Teile erfolglos geendet –, lebhafter als gewöhnlich erzählte. Stasi lächelte nur matt, während sie eifrig fortarbeitete. Er schaute ihr wie in früheren Tagen auf die fleißigen Finger, und nach einer Weile zog er mit einer gewissen Hast seine Horndose hervor. Dieses winzige Hemdlein, an dem Stasi nähte! »Ja, ja, das ist der Lauf der Welt!« murmelte er. »Das Alter stirbt, und neues Leben wird geborn.« Stasi beugte sich über ihre Arbeit; aber sie lächelte nicht. Im Gegenteil, ihre Mienen wurden trüber und trüber. Ach, mein Gott, mein Gott! seufzte Hannes innerlich; dann begann sich in ihm der Zorn gegen seinen Bruder zu regen, und es fuhr ihm heraus: »Gesteh nur, der Ambros ist nit gut zu dir!« »Ach nein, ach nein! Sie tun ihm unrecht!« rief sie rasch, indem sie den Kopf aufrichtete und ihn flehend anblickte. Er glaubte ihr nicht; doch fühlte er, daß ihm selbst seine innige Freundschaft für sie kein Recht gäbe, den Schleier zu heben, in den die Keuschheit des Herzens ihren Kummer hüllte. Sie mochte seinen Zweifel in seinen Augen lesen; denn sie zwang sich, heiter zu scheinen, und begann von diesem und jenem zu reden. Aber er nährte das Gespräch nicht, und es ging aus wie ein mühsam aus der Asche geblasenes Flämmchen. Es zerrte und riß in seiner Brust Stasi vermochte ihre Tränen nicht mehr zurückzuhalten und wandte den Kopf ab, um sie zu verbergen. Hannes schnellte von seinem Sitz auf. »Stasi!« rief er in schneidendem Schmerz. Sie schluchzte laut auf. Er entwich. Es blieb ihm kein Zweifel mehr, daß sie sich unglücklich fühlte, und Schmerz und Reue peinigten ihn. Er hatte es ja im voraus gewußt, daß Ambros nicht der Mensch wäre, um Stasi glücklich zu machen, und dennoch hatte er sich der Verbindung der beiden nicht nur nicht widersetzt, wie es seine Freundespflicht erfordert hätte, sondern ihr selbst den Segen gegeben. Welche Gründe ihn dazu bewogen hatten, daran dachte er jetzt nicht; er fühlte nur den Stachel des Gewissens, daß er seine Überzeugung hatte schweigen lassen. Er war es, der Stasi unglücklich gemacht hatte, und nicht sie allein! Die Folgen jener unseligen Trauung drohten nun auch Lisei ins Elend zu stürzen, und er, er trug die Schuld an alledem! Was konnte er tun, um seine Schuld zu sühnen? Unterdessen versuchte Vefa auf dem Klosterhof, ihre Nichte zur Vernunft zu bringen, wie sie es nannte. Nur Halsstarrigkeit sei es von Lisei, wenn sie sich weigere, Jerg zu heiraten. In der Halsstarrigkeit gleiche sie ihrem Vater; aber von dem Stolz, mit dem er auf die Ehre und das Ansehen seiner Familie bedacht sei, besitze sie nichts, sonst hätte sie sich überhaupt nicht an den hergelaufenen Schmied gehängt. Lisei hatte sich um des Vaters willen in ihrem Leben so manches von Vefa gefallen lassen, und auch jetzt nahm sie deren Vorwürfe, soweit sie persönlich von ihnen betroffen wurde, geduldig hin. Aber die Verunglimpfung Wolfs duldete sie nicht, und sie erklärte dies mit einer so ruhigen Festigkeit, daß Vefa ganz kleinlaut wurde. »Heilige Mutter Gottes! Ich will ja gegen den Schmied nix gesagt haben!« stotterte sie und machte sich mit ihrem Fürtuch zu schaffen. »Nein, gewiß nit, obgleich er mich immer über die Achseln angesehn hat. Aber einen Bayer kannst doch nit heiraten! Und da ist jetzt auch der Vikar; der schwört auf Napoleon und will von Österreich nix wissen und auch nix vom Papst und unserm heiligen Glauben. Für ein Linsengericht hat er Tirol verkauft, ja!« Mit einem Stoßseufzer fügte sie hinzu: »Ach, die Welt ist den Gottlosen überantwortet, wie mein geistlicher Herr immer sagt. Und du willst auch den Gottlosen zufalln? Aber ich bitt dich, bedenk doch dein Seelenheil! – Da kommt dein Vater!« Sie wollte dem Klosterbauern, der aus Bruneck zurückkam, geschäftig helfen, seinen Mantel auszuziehen. Er aber stieß sie unwirsch zurück. Lisei beachtete er gar nicht. Er hatte sein Testament, das Ambros zum Universalerben erklärte, umgestürzt. In dem neuen wurden seine beiden Söhne mit je fünfzig Gulden abgefunden. Lisei ganz an Ambros' Stelle zu setzen, dazu hatte er sich nicht entschließen können. Universalerbe sollte Liseis ältester Sohn aus ihrer Ehe mit Georg Arigaya sein, unter der Bedingung, daß er den Namen Falkner annähme. Bliebe die Ehe jedoch kinderlos oder entsprössen ihr nur Töchter, so sollte Lisei die Nutznießung bis zu ihrem Tode haben, worauf im ersteren Falle das gesamte Vermögen des Erblassers an die Pfarre von St. Vigil fiele, im zweiten Falle nur der Klosterhof, während das bewegliche Vermögen der ältesten Tochter zugesprochen würde. Stürbe der Klosterbauer, bevor Lisei und Jerg kirchlich verbunden wären, und weigerte sich Lisei nach seinem Tode, Jerg zu heiraten, so sollte sie, wie ihre Brüder, fünfzig Gulden erhalten und die Kirche von St. Vigil sofort Universalerbin werden. Die Zinsen sollten zur Hälfte zur Verbesserung des Pfarreinkommens, zur andern Hälfte zu einem Stipendium für einen aus St. Vigil gebürtigen Studenten der Theologie verwendet werden. Die Beratungen mit dem Notar zu Bruneck über diese letztwilligen Bestimmungen hatten in dem Klosterbauern noch einmal die ganze Galle gegen Ambros erregt, und auch gegen Lisei, denn sie, ein Frauenzimmer, hatte er in die Erbfolge des Hofes einschieben müssen! Sein Gesicht war eine drohende Wetterwolke. Schwerfällig ließ er sich auf seinen Lehnstuhl nieder, und als ob Lisei, die ihn besorgt beobachtete, gar nicht in der Stube wäre, sagte er zu seiner Schwester: »Es ist gut, daß du da bist! Du kannst der Lisei sagen, daß sie entweder den jungen Arigaya heiratet oder wie ihr Bruder ohne einen Kreuzer vom Hof geht. Darauf hab ich heut in Bruneck mein Testament gemacht Abgemacht! – Gibt's was Neues?« Aber das Neue, das er soeben kundgetan, war für Vefa, obgleich es die Erfüllung ihrer Wünsche für Jerg enthielt, dennoch zu unerwartet, als daß sie seine Frage hätte beantworten können. Lisei erblaßte. »Freilich, lieber Bruder«, begann Vefa endlich mit einem tieferen Aufatmen, und ihren Mund süßlich spitzend, hob sie nun von der Ankunft des Vikars Lacedelli zu erzählen an. Lisei verließ geräuschlos die Stube. Ein tiefes Weh, daß der Vater nun doch seine Ehre wegwarf, erfüllte ihre Brust. Seine Drohung, daß sie den Hof verlassen müßte, wenn sie nicht gehorchte, erschreckte sie nicht; denn sie war ja von Kindheit auf an schwere Arbeit gewöhnt, und auch jetzt ging sie trotz ihrer tiefen Bekümmernis ihren häuslichen Geschäften wie immer nach. Ein anderes gesellte sich dazu: Wie oft hatte sie in ihrer Sehnsucht nach der Zuneigung des Vaters eine Gelegenheit herbeigewünscht, um ihm durch eine Tat ihre Liebe deutlich zu offenbaren! Nun bot sich eine solche Gelegenheit, und sie konnte sie nicht ergreifen, weil es sich nicht um ihr Glück allein handelte. Vefa erschien, sooft sie in der Pfarre abkommen konnte, auf dem Klosterhof und tat, was in ihren Kräften stand, um Liseis Festigkeit zu untergraben, während der Vater die ganze Härte seines Wesens gegen sie herauskehrte. Die letzte Magd auf dem Hof hatte es besser als sie. Anderes als böse Blicke und Scheltworte bekam sie nicht mehr von ihm. Es war in ihm ein ewiges Grollen, das bei der geringsten Veranlassung ausbrach, und es fehlte nur noch, daß er sie tätlich mißhandelt hätte. Warum machte sie den peinlichen Tagen nicht ein Ende, indem sie entweder das edle Beispiel der Entsagung, das Hannes ihr gegeben, nachahmte oder in fremde Dienste ging? Ja, warum tat sie es nicht? Sie hatte sich geweigert, von dem Recht ihrer Großjährigkeit Gebrauch zu machen, als die Katastrophe noch nicht hereingebrochen war. Konnte sie es jetzt tun, nachdem sie erfahren, wie schwer den Vater der Einsturz aller Hoffnungen, die er auf Ambros gesetzt, getroffen hatte? Nun, da er diese Hoffnungen wenigstens zum Teil auf sie übertragen hatte – sollte sie den Schlag gegen ihn wiederholen, sie, die ihn liebte? Mochte er immerhin in Ambros seinen Ehrgeiz geliebt haben, darum hatte er nicht minder schwer gelitten und Lisei wußte wohl, was sie alles getan hatte, um ihm die Wucht jenes Schlages weniger fühlbar zu machen. Wer würde sich seiner annehmen, wenn ihre Weigerung, Jerg zu heiraten, seinem Ehrgeiz auch den letzten Halt raubte? Die Person des jungen Müllers war bisher bei ihren inneren Kämpfen gar nicht in Betracht gekommen. Sie war seit langen Jahren an den Verkehr mit Jerg gewöhnt, und wenn dessen zur Schau getragene stete Lustigkeit ihrem ernsten Sinn auch wenig zusagte und sie den lockeren Kameraden ihres Bruders auch nicht zu achten vermochte, so war er ihr doch gerade nicht widerwärtig oder verhaßt. Haß war ihr überhaupt bisher fremd geblieben, und ihre Aufrichtigkeit konnte einfach an keine Hinterlist glauben. Jerg aber hütete sich, ihr in dieser Krisis unliebsam zu begegnen. Vefa hatte ihm getreulich die Äußerung ihres Bruders über seine letztwillige Verfügung hinterbracht, und er überließ es nun ihr, die goldene Frucht für ihn vom Baume zu schütteln, während er seinerseits den Klosterbauern etwas in Geduld zu erhalten suchte, damit er Lisei zu keinem verzweifelten Entschluß triebe. Er selbst drängte Lisei nicht, redete in ihrer Gegenwart sogar für sie gegen den Klosterbauern, wenn dieser gar zu herb mit ihr war, und kam auch nicht allzu häufig auf den Hof. Lisei sollte erkennen, wie er sie zu schonen beflissen war. Die Enthaltsamkeit fiel ihm nicht eben schwer, da Liseis wortkarge Gemessenheit ihn hauptsächlich auf die Unterhaltung mit dem Klosterbauern anwies, was er nicht sonderlich vergnüglich fand. Daß er in den Gesprächen mit dem Alten sein Licht nicht unter den Scheffel stellte, verstand sich von selbst, und der Klosterbauer fühlte sich mehr und mehr zu ihm hingezogen; denn Jerg entwickelte einen bäuerlichen Geschäftsverstand, wie er jenem noch bei keinem andern so schneidig vorgekommen war. Lisei fand indessen nicht gleich eine Gelegenheit, um mit ihm ungestört, ohne Zeugen zu reden. Nun fügte es sich, daß eines Nachmittags der Klosterbauer nach Tamers ging, um eine letzte Inspektion über seine dort befindlichen Rinder zu halten. Am nächsten Morgen sollte die gesamte Herde auf die Alpen getrieben werden. Jerg, der davon wußte, beschloß, sich die Abwesenheit des Klosterbauern zunutze zu machen, um Lisei endlich das Jawort abzudringen. Sie war gerade in der Milchkammer, die im Erdgeschoß lag, beschäftigt, als Jerg sich einfand. Die Tür stand offen. »Man mag kommen, wann man will: du bist immer fleißig!« begrüßte er sie. »Es gibt auch immer zu tun«, versetzte sie, ohne ihre Arbeit zu unterbrechen. »Stör ich?« »Nein, es ist mir lieb, daß du gekommen bist«, erwiderte sie. »Das gefällt mir; das hast mir noch niemals gesagt!« rief er. Lisei beendete schweigend ihre Arbeit; dann forderte sie ihn auf, mit ihr hinaufzugehen. In der Stube sagte sie: »Mir ist's lieb, daß du gekommen bist, weil ich mit dir zu reden hab. Setz dich doch hin.« »Und ich mit dir«, versetzte er, indem er sich auf die Bank am Tisch niederließ. »Schau, wie gut das zusammentrifft!« »So red!« sagte sie und lehnte sich erwartungsvoll mit der Hüfte gegen die Tischkante. »Nein, das wär keine gute Art, wann ich den Anfang machen wollt!« scherzte er. »Die Gitsche muß man immer vorausgehn lassen. Und du weißt halt auch, was ich von dir möcht.« »Was du verlangst, kann nit sein; und du weißt, weshalb's nit sein kann«, entgegnete sie mit einem flüchtigen Erröten. »Drum bitt ich dich: steh davon ab!« »Nein, ich weiß nix!« erwiderte er mit frecher Stirn. »Wieso denn?« »Ja, muß ich dich denn daran erinnern, daß ich schon längst mit dem Wolf Lechner versprochen bin?« fragte sie mit einem leichten Stirnrunzeln. »Ach so! Darauf hatt ich ganz vergessen!« rief er gedehnt »Der Lechner ist ja auch fort und kommt schwerlich wieder, und dein Vater hat den Verspruch für aufgehoben erklärt. Sonst freilich – potztausend! Glaub's mir, es hat mir um deinetwillen recht weh getan, daß der Schmied von hier hat fortmüssen. Als ich von dem Rummel gehört hab, da hab ich zuerst an dich gedacht. Bei Gott! Aber zu ändern ist's doch nit mehr.« »Ihr habt dem besten Menschen schweres Unrecht getan«, entgegnete sie mit traurigem Ernst, »und wer der Hetzer gewesen ist, dem wird's schon noch heimkommen. Aber ich will jetzt davon nit reden. Wann ich dir damals leid getan hab, so kannst du's jetzt beweisen; denn der Lechner wird wiederkommen, um mich heimzuführn, und ich werd auf ihn warten. Das haben wir einander versprochen und gelobt. Du mußt also einsehn, daß ich deine Frau nit werden kann.« Jerg vermochte sich eines unbehaglichen Gefühls nicht zu erwehren. Es wäre doch fatal, wenn Wolf wiederkommen sollte! Allein, das hatte wohl gute Wege, und er ermutigte sich selbst in dem Ausruf, daß der Klosterbauer seine Einwilligung nie geben würde. »Das mag schon sein; aber das ist doch nit deine Sach«, versetzte Lisei. »Jetzt, wo du weißt, wie's mit dem Lechner und mir steht, kannst du nit mehr darauf bestehn, mich heiraten zu wohn. Es ist ein Schimpf, den du mir damit antust.« »Ein Schimpf?« wiederholte er, seine kleinen Augen weit aufreißend. »Ja ein Schimpf!« wiederholte auch sie. »Gibst du mir dadurch nit zu verstehn, daß du mich für eine hältst, die einen wetterwendischen Sinn hat?« Jerg fuhr sich langsam über Stirn und Augen, und als er die Hand sinken ließ, zeigte er ein betrübtes Gesicht. Kläglich sah er Lisei an, und kläglich sagte er: »Ach, das Unglück! Durchs Feuer ging ich für dich, bei Gott! Und ich soll dir einen Schimpf antun wolln! Ich hab gemeint, du hättet es mir längst angemerkt. Du kannst mich doch nit für so schlecht halten, daß ich dich von deinem Vater begehrt hätt, wann ich dir nit zugetan wär! O du blutiger Heiland, ich hab dich doch lieb, Lisei!« »Das wär freilich ein Unglück für dich«, sagte sie kühl und ging zu einem Stuhl, der Jerg gegenüber an der Wand stand. »Aber es kann ja nit sein; ich bin ja meinen Jahrn nach ein altes Madl, und hübsch bin ich auch nit ... »Ich bin ebenso alt wie du!« warf er ein. »Aber als Mann bist viel jünger als ich«, fuhr sie fort »Du bist noch ein junger Bub und bist reich und kannst jeden Tag ein Madl haben, das jung und hübsch ist und dich wieder liebhat. Nein, Jerg, du redst dir bloß ein, daß du mich liebst. Du bist bloß seit vielen Jahrn an mich gewöhnt, weil ich die Schwester von deinem besten Freund bin. Du wirst auch schon einsehn, daß es so ist, wann du ein wenig drüber nachdenken willst.« Er hatte sich von dem Geständnis seiner Liebe eine große Wirkung erhofft und war nun innerlich äußerst wütend, daß sein bester Fechterstreich nur die Luft verwundet hatte. Laut jedoch seufzte er: »Dennoch ist's so! Kann denn nit aus Gewohnheit und Freundschaft rechte Lieb werden? Wie ich das wüste Leben mit dem Ambros und den andern hab satt gehabt und zu Verstand gekommen bin, da hab ich erkannt, wie gut und brav und klug du bist; und das bleibt dem Menschen fürs Leben, wann das bißchen Hübscheit und die Jugend weg ist. Als ich dir in Tamers damals die Frau beschrieb, wie ich sie mir wünscht, da hab ich halt nur an dich gedacht.« »Ach, bin ich denn noch nit unglücklich genug? Muß auch das noch kommen?« rief Lisei betrübt. »Aber ich kann dir nit helfen, wie leid du mir auch tust«, fuhr sie mit festerer Stimme fort. »Der Lechner hat mein Wort, und schlecht an ihm werd ich nit. Jetzt hat er mir aus Innsbruck geschrieben, daß er sich fest auf meine Treu verläßt« »Wann's nur das ist!« bemerkte Jerg und haschte mit der hohlen Hand eine Fliege, die in seiner Nähe über den Tisch spazierte. »Wieviel Brautschaften sind in der Welt nit schon auseinandergegangen und gehn noch täglich auseinander!« »Wann's nur das ist?« wiederholte sie und sah ihn mit großen Augen an. »Freilich, wann dir die Treu nix gilt …!« »Wie du auch gleich alles wendest!« fiel er rasch ein, um seine Unvorsichtigkeit gutzumachen. »Ich hab nur gemeint, ein Wort, das man in Treuen gegeben hat, kann man auch in Treuen zurücknehmen. Du sollst nit schlecht an dem Lechner handeln, nein, nein, nein! Bei Gott nit! Wer hindert dich denn, dem Lechner ganz offen zu schreiben, wie die Sach hier steht? Er ist doch einmal ein Bayer, und kein Tiroler würd einem Bayer seine Tochter zur Frau geben. Jeder würd just so handeln wie der Klosterbauer. Ja, das würd er! Es hülf dir auch nix, wann ich dir mein Herz opfern tät. Tret ich heut zurück, so zwingt dich der Klosterbauer morgen, einen andern zu heiraten. Du vergißt, daß der Hof mit deiner Hand geht. Da würd's an Freiern nit fehln, und für den Klosterhof verlangt dein Vater einen Schwiegersohn. Was ist da zu machen?« Lisei war bestürzt; denn sie mußte ihm recht geben. Jerg beobachtete sie verstohlen, und wenn Lisei nicht mit nachdenklicher Stirn in ihren Schoß geschaut hätte, wäre ihr das triumphierende Aufblitzen in seinen Fuchsaugen nicht entgangen. »Mich kennst du«, fuhr er fort, »und wann du mich nimmst, dann weißt du wenigstens, was du kriegst. So bin ich von den Übeln, zwischen denen du zu wähln hast, noch das kleinste. Es ist lustig, daß ich das von mir sagen muß! Der Klosterhof zählt für mich nit, denn ich bin ja selbst reich genug. Ich will bloß dein Herz, und drum hab ich auch alles getan, was ich konnt, damit daß der Vater dir das Leben nit gar so schwer macht. Ein andrer würd sich nit so zwischen dich und ihn stelln. Und auch ich vermag's nimmer länger; denn deinem Vater reißt die Geduld. Er besteht drauf, daß nach der Sichelhenke, Sichelhenke – Erntefest wann das Korn herein ist und die Stoppeln untergepflügt sind, die Hochzeit sein soll.« Lisei richtete mit einem halblauten Schrei den Kopf auf, und er beteuerte wie mit einem unterdrückten Seufzer: »Ja, das verlangt er. Du weißt, wann er sich einmal was vorgenommen hat, dann soll's auch gleich geschehn und fertig sein. Wir sind darüber auch in Streit geraten, weil ich dich nit drängen wollt und immer gehofft hab, daß ich noch dein Herz gewinnen würd. Es ist rechtschaffen von dir, daß du dem Schmied dein Wort halten willst; aber wann du ihm alles deutlich hinschreibst, wie ich's dir vorgestellt hab, dann wird er selbst drauf dringen, daß du euern Verspruch aufhebst. Von mir braucht dabei gar nit die Red zu sein; denn führ ich dich nit heim, so tut's ein andrer. Freilich würdest du's mit keinem andern, den dir der Vater aufzwingen wird, so gut haben wie mit mir; daraufhin kennst mich ja. Und schau, Lisei, es würd sich auch sonst wenig ändern für dich. Denn der Vater verlangt, daß wir hier auf dem Klosterhof bei ihm wohnen solln. Gefalln tut mir das freilich nit sehr – schau, ich bin ganz aufrichtig –, und lieber übernähm ich die Mühl, wo wir unsre eignen Herrn wärn, aber um deinetwilln hab ich auch dazu ja gesagt. Bei Gott!« »Es geht nit!« rief Lisei aufgeregt. »Jetzt erkenn ich wohl, daß du wirklich ein gutes Herz hast; aber's geht nit. Hör mich nur ruhig an. Wann mir auch der Lechner mein Wort zurückgibt, drum bin ich nit frei. Ich hab wohl gemeint, daß ich dem Vater versprechen möcht, daß ich, solang er lebt, den Wolf nit heiraten will – wann er mich nur nit zwingt, dich zu nehmen. Verzeih mir doch ja, daß ich das sag; ich will dir damit nit weh tun. Jetzt müßt ich sagen: dich oder einen andern. Aber ich kann keinen andern heiraten, und wann du auf deinem Stück bestehst, dann muß ich vom Hof gehn. Glaub's mir, es wird mir gar schwer werden; aber ich muß. Ich kann dich nit lieben und werd dich nimmer lieben, wie ich's als deine Frau tun müßt – Nein, laß mich jetzt nur alles heraussagen, damit wir reinen Tisch zwischen uns machen. Ich soll dir vor dem Pfarrer Lieb und Treu geloben, und ich würd falsch schwörn. Denn ich könnt dir den Schwur nimmer halten, weil ich den Wolf Lechner immer im Herzen tragen werd, immer und immer. Ich müßt als deine Frau mit dir leben und würd den Wolf lieben! So schlecht kann ich nit sein! Es nützt nix, wann er mir auch sein Wort zurückgibt – ich würd doch nit aufhörn, ihn zu lieben. Ich würd ihn nur noch lieber haben, weil er mir ein so großes Opfer hat bringen und um meinetwilln auf sein eignes Glück hat verzichten können. Ja, Jerg, er würd mich freigeben, aber es nimmer verwinden; denn das weiß ich, daß er mich ebenso liebhat wie ich ihn. Mir würd's keine Ruh lassen, und es würd mich ganz elend machen, daß ich den Lechner unglücklich gemacht hab, den besten Menschen, den's auf der Welt gibt. Sag nit, daß ich mir das alles ausdenken tu! Nein, ich hab's ansehn müssen mit meinen eignen Augen und hab's mitgefühlt in meinem Herzen, was das für ein Elend ist und wie's den Menschen wie in einem Mörser zerstößt. Und wann du das Elend über mich brächtst, ich würd dich drum hassen, oh, ich würd dich so hassen! Und du könntst ja auch nit glücklich sein und würdst mich ebenso hassen wie ich dich. Drum kann ich deine Frau nit werden, und käm nach dir ein andrer, so würd ich ihm dasselbe sagen wie dir, offen und ehrlich.« Ihr Gesicht glühte. Jerg hatte mit niedergeschlagenen Augen Lisei angehört; denn sie sollte nicht in ihnen lesen, daß ihn ihre Gründe völlig kaltließen. Ob Lisei ihn liebte oder nicht, daran lag ihm nichts. Mochte sie als seine Frau, soviel sie wollte, an den Schmied denken, wenn ihr Herz danach begehrte. Aber er war überzeugt, daß sie Wolf bald vergessen würde; die harte Lebensarbeit ließ keinen Raum für die Fortdauer solcher Gefühle, an die er selber überhaupt nicht glaubte, weil er sie nicht begriff. »Ja, das ist recht traurig«, sagte er und hob langsam die Augen auf. »Aber ich dank dir, daß du mir das alles offen gesagt hast. Du hältst ebensowenig hinterm Berg wie ich. Mit der Aufrichtigkeit kommt einer am weitesten. Jetzt ist's doch ein Trost für mich, daß du mich ein bissl leiden magst. Es wär auch gar zu schrecklich für mich gewesen, wann du einen Haß auf mich gehabt hättst. Du wirst mir nit glauben, wann ich dir sag, daß du den Wolf vergessen wirst. Nein, vergessen wirst ihn nit. Ich mein, daß du eines Tags mit andern Gedanken an ihn denken wirst als heut. Der Mensch ist so wunderlich! Was er nit haben kann, just das verlangt er, und hinterher begreift er's meistens nit, weshalb er so versessen drauf gewesen ist. Wann er sein Stück durchgesetzt hat, nachher sieht er ein, daß es ihn gar nit so glücklich macht, wie er gehofft hat. Dem Ambros ist's auch so gegangen. Die Stasi hat durchaus sein werden müssen; auf keine Vernunft hat er nit gehört – was hab ich ihm nit alles vorgestellt! –, den Klosterhof hat er für sie weggeworfen, und jetzt?« »Heilige Mutter Gottes, was sagst du da?« fiel Lisei ihm erschrocken in die Rede. »Der Brosi ist nit glücklich mit seiner Frau?« Jerg überließ Lisei eine Weile ihrer Bekümmernis, dann begann er: »Ja, das ist gar traurig. Aber jetzt siehst, daß ich recht hatt! Es ist kein Verlaß auf die Lieb. Dein Bruder hat um der Lieb willn die Armut gewählt, und jetzt drückt sie ihn, und die Lieb tröstet ihn nit. Wer weiß, wie's dir ergeht, wann du wie er den Vater aufgibst und dein Erb dazu. Die Armut ist ein bittres Kraut, und von der Lieb kann der Mensch nit leben. Es ist was Ungewisses mit ihr, und kein Feuer brennt ewig! Ich sag dir das alles, weil du einen großen Verstand hast, Lisei. Du hast viel Schweres erfahrn im Leben, und darum kann einer schon anders mit dir reden als mit den übrigen Madeln. Du weißt, daß das Leben ein verdammt ernstes Ding ist, und hast auch gewiß schon manchen Herzenswunsch drangeben müssen. Hinterher tragt man's. Ja, du wirst mit andern Gedanken wie jetzt an den Schmied denken, wann du willst. Du mußt's nur wolln, und du wirst es.« »Niemals!« schüttelte Lisei den Kopf. »Der Lechner und ich sind beide keine Kinder mehr gewesen, als wir uns einander verlobt haben. Und als der Lechner fortgegangen ist, da haben wir gewußt, was wir taten.« Sie stand auf. Auf die schmalen Lippen Jergs, der noch sitzen blieb, trat ein Lächeln der Überlegenheit. »Du wirst schon wolln, sobald du ruhiger geworden bist«, sagte er. »Du wirst dir die Sach von alln Seiten betrachten, wie du sie jetzt kennst. Dann wirst einsehn, daß du nit nötig hast, dem Vater den Stuhl vor die Tür zu setzen. Eben weil du und der Lechner keine Kinder mehr seid, drum werdet ihr dem Verstand sein Recht geben. Ich weiß jetzt, wie's mit deinem Herzen beschaffen ist, Lisei, und ich lass' dir jede Zeit, daß du mit deinen Schmerzen fertig werden kannst. Ich mein, das ist auch eine echte Lieb, die ich dir damit erweisen tu. Ich biet dir die Hand, um dich vor größerm Unglück zu bewahrn, und ich lass' dir Zeit, damit du nachher ruhig an den Wolf wie an einen guten alten Freund zurückdenken kannst.« »Es hilft alles nix«, versetzte Lisei und trat an den Tisch, auf den sie sich mit der flachen Hand leicht stützte. »Du hast ein gutes Herz, aber's hilft nix.« »Gib mir jetzt keine Antwort!« rief er, indem er aufstand. »Überleg dir erst alles ordentlich und schreib's dem Wolf ganz genau, wie deine Lag hier ist. Was er dir dann zu tun anrät, dem will ich mich fügen, wann's auch gegen mich ausschlagen sollt. Aber das wird nit geschehn.« Lisei schüttelte den Kopf. »Behüt dich Gott, Lisei!« sagte er und gab ihr mit einem kräftigen Druck die Hand. »Uff!« atmete er auf, als er im Freien war. »Ist das ein zähes Holz! Aber jetzt hat die Säg gefaßt, und durch geht sie!« Er steckte die Daumen in die Armausschnitte seines Brustlatzes und ging pfeifend seines Weges. Lustig klang es durch die beginnende Abendstille. Er hielt seine Sache für gewonnen und gab der Geschicklichkeit, mit der er die arme Lisei umgarnt hatte, alle möglichen Schmeichelnamen. Ein Kunststück ist's gewesen, daß dir keiner so bald nachmacht! lobte er sich selbst, und zum Lohn dafür beschloß er, sich im »Stern« eine halbe Spezial zu gönnen. Um nicht an der väterlichen Mühle vorüberzumüssen, schlug er den Pfad über den Spitzhörndlbach ein. Der Schnee, der noch auf dem Scheitel der Kalkfelsen lag, leuchtete wie rosige Glut, und nun schlug die Flamme zum Himmel empor und verwandelte die droben schwebenden Wölkchen in Feuerflocken. Jerg blickte nur einmal in die Höhe und stellte sich vor, was das für einen Brand im ganzen Tal geben würde, wenn es eines Tages hieße: Morgen macht der Jerg Arigaya mit der Lisei Falkner Hochzeit! Gute Nacht, Sägemüller! Grüß Gott, Klosterjerg! begrüßte er sich selbst, wobei er seinen breiten Mund zu einem Grinsen verzog. Und dann rechnete er. Die zur Mühle gehörige Landwirtschaft wollte er gleich bei seiner Verheiratung dem Vater abnehmen; die Felder lagen so, daß sie bequem mit dem Klosterhof vereinigt werden konnten, und der Vater war wohl zu alt, um neben der Mühle noch der äußeren Wirtschaft vorstehen zu können. Auch mußte hier wie auf dem Klosterhof ein anderer Schwung hineinkommen. Als er über die Trift am Bach zum Kirchplatz heraufkam, bemerkte er vor dem Pfarrhaus viele Menschen; aber sie verhielten sich ganz still. Neugierig näherte er sich der Menge und erfuhr, daß der Pfarrer im Sterben liege. Der Dechant von Enneberg war geholt worden, um ihn mit den Sakramenten zu versehen. Jerg ging ruhig davon. Es beschwerte sein Gewissen nicht einen Augenblick, daß seine Hetzerei gegen Wolf Lechner die Schuld an der Krankheit und dem Tode des Pfarrers trüge. In der Haustür vom »Stern« stand Moideli und sah nach der Pfarre hinüber. Sie war allein daheim; auch Mutschleitner und seine Frau waren nach dem Sterbehaus gegangen. Jerg wollte mit ihr anbändeln; aber gehörte er schon überhaupt nicht zu denen, die bei ihr in Gunst standen, so stimmte sie das nahe Ende des Pfarrers viel zu ernst, um zu scherzen. Sie brachte Jerg den verlangten Wein in die leere Wirtsstube und überließ ihn sich selbst. Nun, Jerg war sich fidele Gesellschaft genug, und als er sich das erste Glas einschenkte, fiel ihm ein, wie ihm Ambros eines Abends an derselben Stelle gegenübergesessen und ihm angeboten hatte, um Stasis Rose an seinem Hut zu raufen. »Wann sie noch von Gold wär!« hatte er damals dem Übermütigen geantwortet. Jetzt hatte er sich eine goldene Rose gewonnen, und die des Ambros war verwelkt und entblättert. Das war lustig! Er tat einen tiefen Zug aus seinem Glas und schmatzte mit den Lippen. Eben verließ der Dechant unter Vortritt des Mesners das Pfarrhaus. Das Erscheinen des Dechanten war das Zeichen, daß Herr Moltenbecher tot war; dennoch hörte man kein Klagen und Weinen. Die Leute standen wie eingewurzelt; sie schienen noch etwas zu erwarten. »Mit Gunst, Ehrwürden«, rief eine Stimme, die dem Blaufärber von St. Vigil gehörte, »aber wir hörn die Sterbeglocke nit!« »Wißt ihr denn nicht, liebe Freunde, daß die Regierung das Läuten des Sterbeglöckleins verboten hat?« fragte der Dechant. Die Bestürzung war allgemein. So weit also sei es unter der bayrischen Regierung gekommen, stellte man fest, daß mit einem Christenmenschen nicht mehr Umstände gemacht würden als mit einem Hunde. »Warum dulden wir's?« fragte Sampogna, das Gamsmanndl, und schob den Riemen seiner Büchse auf der Schulter zurecht. Er war nachmittags mit Ambros auf dem Paratscha gewesen, wo er den Horst eines Adlers vermutete, dem jüngst einige Ziegen zur Beute gefallen waren. Ein angefressenes Gamszicklein, das die beiden Jäger in einer Klamm Klamm – Felsenschlucht (mit Wasserlauf) des Paratscha gefunden, hatte den Verdacht verstärkt. Ihr Pirschen war indessen erfolglos geblieben, und während Ambros nach Hause gegangen, war das Gamsmanndl auf dem Rückweg bei der Pfarre stehengeblieben. »Ja, warum dulden wir's?« fragte auch der Färber. »Was können wir denn tun?« hieß es dagegen, und die Weiber klagten, daß sie jetzt ganz verlassen wären; denn den Vikar könne man nicht als einen rechten Priester gelten lassen, sonst hätte ja auch der Herr Pfarrer in seinem letzten Stündlein nicht nach dem Herrn Dechanten geschickt. Nein, der Vikar Angelo Lacedelli galt den Vigilern nicht für einen rechten Priester. Als er zum erstenmal die Kanzel bestiegen hatte, da war die Kirche gedrängt voll gewesen; aber nicht die Andacht, sondern die Neugierde hatte die Menschen angelockt. Man wollte sich doch den Vikar ansehen, den nicht der Bischof von Brixen, sondern die bayrische Regierung berufen hatte. Wenn nun auch selbst das mißtrauischste Auge an den Bewegungen und Worten, mit denen er die Messe zelebriert, keine Neuerung zu erspähen vermocht und seine Predigt sich von jeder Ketzerei ferngehalten hatte, so hatte es ihm dennoch nichts genützt; er war ein vereidigter, das heißt von der Kirche abgefallener Priester! Seine Zuhörer hatten wohl empfunden, daß sie ein frischerer, feurigerer Geist aus seinem Munde anwehte, und der weibliche Teil hatte kaum einen Laut des Staunens unterdrücken können, als er vor den Altar getreten war – so schön hatte er ausgeschaut; aber er war kein Diener Gottes, sondern ein Diener der verhaßten Regierung. Der Bann, unter dem sie seine persönliche Erscheinung und seine herzergreifende Beredsamkeit gehalten hatte, war draußen auf dem Kirchhof geschwunden, nachdem die Leute eine Weile beieinander gestanden und sich angesehen hatten. Keiner hatte das verhängnisvolle Wort aussprechen mögen; aber in allen Augen war es zu lesen gewesen, und jedes bedächtige Kopfschütteln hatte es verkündet: Er ist ein Abtrünniger, ein Ketzer! Vefa hatte den Unsinn herumgetragen, den sie aus dem belauschten Gespräch des Vikars mit ihrem Neffen herausgehört hatte. Wer konnte nun noch daran zweifeln, daß Angelo Lacedelli von den Bayern nach St. Vigil geschickt worden war, um die Seelen mit seinen Irrlehren zu verderben? Um sich mit den Verhältnissen seiner Pfarreingesessenen bekannt zu machen und ihr Vertrauen zu gewinnen, ging der Vikar in die Hütten und Häuser der Leute. Zwar wurde er überall ehrerbietig aufgenommen – denn der Respekt vor dem geistlichen Rock steckte den Leuten zu tief im Blut, und die Ladiner sind überdies von Natur höflicher als ihre deutschen Landsleute –, allein, zutunlich wurden sie nicht, und es gelang ihm nicht, ihnen persönlich näherzukommen. Sie deckten sich mit ihrer Höflichkeit oder taten, als verständen sie nicht, was er wollte, und ein: »Ja, das wird schon so sein!« war alles, was er ihrer Zähigkeit abzupressen vermochte. Die Großbauern taten, als käme er zu einer Revision ihrer Keller und Speisekammern, und diese erschlossen sie ihm bereitwillig. Der Klosterbauer, dem er um die Zeit der Jause seinen Antrittsbesuch machte, ließ auftragen, als wäre der liebe Gott bei ihm zu Gast. Vierhundert Gulden betrug die ganze Einnahme der Pfarre von St. Vigil; da sollte der Herr Vikar sehen, was so ein herrischer Bauer dagegen vermöge – trotz Steuerdruck und Kontinentalsperre! Der Herr Vikar solle nur nach Kräften zulangen, es mache nichts aus, wieviel er esse und trinke, nötigte der Klosterbauer fleißig und vereitelte damit jeden Versuch des jungen Geistlichen, das Gespräch von der Wirtschaft, den Kühen und Ziegen auf persönliche Zustände und Verhältnisse überzuleiten. Das ganze Benehmen des Klosterbauern sagte: Du kannst lange spionieren, ehe du von mir etwas herauslockst! Das Mißtrauen stand zwischen Lacedelli und den Leuten wie eine unübersteigbare Mauer. Es ließ auch keinen näheren Umgang mit dem Landrichter und dem Oberförster zu. Als Beamte der bayrischen Krone hatten sie allerdings Rücksichten gegen den Vikar zu nehmen, und sie mußten ihm ihre Häuser offenhalten, wie sie in der Herrenstube des »Sterns« eine Unterhaltung oder eine Partie Boston mit ihm nicht ablehnen konnten. Hierbei machte der Steuereinnehmer, der nur zur Berechnung den Mund auftat, den Vierten; er war eine lebende Bostontabelle und schrieb die Bete Bete – Spieleinsatz bzw. Strafsatz für den Verlierer beim Kartenspiel. an. Herr Planta schmollte, und grollte innerhalb seiner vier Pfähle und fluchte auch wohl etwas als frommer Waidgesell, wenn er einen Abend in der Gesellschaft des Vikars hatte zubringen müssen. Der freisinnige Landrichter stimmte zwar in manchen Fragen mit dem Vikar überein, doch trennte sie der Haß, den er gegen Napoleon und seine Satrapen hegte, während der Vikar das Genie des Korsen bewunderte. Zudem war es Herrn Zengerl, der sich in seinen Manieren wie in seiner Kleidung gehenließ, nicht sehr behaglich in der Gesellschaft des geistesregen Vikars, der seine Worte schönrednerisch zu setzen wußte und sich mit jener Glätte benahm, die die Priester mit den Diplomaten gemein haben. Als der Vikar eines Abends mit guter Miene zum bösen Spiel von dem Mißtrauen der Leute erzählte, das ihn fast zu einem Hexenmeister stempele, bemerkte der Landrichter, indem er sich sein strickartig gebundenes Halstuch noch mehr lockerte: »Ja, Herr Vikar, zur Zeit der Hexenprozesse hat auch mancher Pfarrer auf den Scheiterhaufen steigen müssen. Heut sind die wirklichen Scheiterhaufen nur noch für englische Waren im Gebrauch, aber die moralischen Hexenbrände dauern noch immer fort.« Der Oberförster blies zustimmend dichte Rauchwolken aus seiner Meerschaumpfeife. Der Vikar meinte, daß es daher um so nötiger wäre, die Spinngewebe des Aberglaubens aus den Köpfen wegzufegen. Herr Zengerl pflichtete ihm bei. »Aber es ist ein Augiasstall, Augiasstall – verwahrloster Stall, in dem Augias, der sagenhafte König von Elis, 3000 Rinder hielt und den Herkules in einem Tag ausmisten mußte. Bildlich für verrottete Zustände. den Sie reinigen wolln!« fügte er hinzu. »Und ich möcht Sie weniger mit einem Hexenmeister als mit Herkules vergleichen: Das Amt, das Ihnen die Regierung gegeben hat, ist ein Nessusgewand.« Nessusgewand – in der griechischen Sage vergiftetes, verderbenbringendes Gewand. Der Vikar zuckte leicht zusammen. »So raten Sie mir«, bat er, »wie ich das Mißtrauen, dem ich überall begegne, entkräften kann.« Herr Zengerl wühlte in seinen Haaren und zog dann die Schultern in die Höhe. Wenn es die Zeit nicht täte …, meinte er gedehnt und ließ den Satz unvollendet. Aber die Zeit tat es nicht. Die Kirche wurde leerer und leerer. Die Leute gingen zur Andacht nach Hof und Enneberg und sogar nach Zwischenwasser. Nur ein paar Greise und Krüppel waren seine Zuhörer und kamen zu seinem Beichtstuhl. Die Kranken begehrten nicht seines Trostes, die Sterbenden nicht der letzten Ölung durch ihn. Und jetzt hatte selbst Herr Moltenbecher in seiner letzten Stunde nicht nach ihm verlangt, sondern den Dechanten holen lassen, obgleich sich sein Verhältnis zu dem alten Mann allmählich freundlicher gestaltet hatte. Er hatte es für seine Menschenpflicht gehalten, dem Pfarrer seine Mußestunden zu widmen, um ihm die Langeweile zu vertreiben. Wohnte er doch unter seinem Dach, aß er doch von seinem Brot! Er hatte mit ihm geplaudert, ihm vorgelesen und mit ihm Schach gespielt, geduldig wartend, daß der Kranke darüber einschliefe. Religiöse und politische Fragen waren unberührt geblieben, und der Pfarrer hatte mit der Selbstsucht des Kranken mehr und mehr auf ihn Beschlag gelegt. Er hatte sich gut unterhalten und über die Warnungen Vefas, die für sein Seelenheil fürchtete, nur gespöttelt. Sein Korn sei geschnitten, hatte er sie beruhigt, da könne der Wolf nicht mehr hinein; und er hatte sie geneckt, daß sie wohl fürchte, von dem Vikar aus seinem Testament verdrängt zu werden. Vielleicht war sie auch in diesem Punkte nicht ohne Besorgnis; denn einem abtrünnigen Priester, so meinte sie, könne man in keiner Beziehung etwas Gutes zutrauen; und sie ließ es an kleinen Unaufmerksamkeiten und Vernachlässigungen nicht fehlen, die es einem Gast zu Gemüt führen, daß man seiner gern ledig wäre. Sie sehnte sich geradezu danach, daß der Vikar durch irgendeine Beschwerde darüber einen Anlaß böte, ihren inneren Groll gegen ihn offen herauszulassen. Er beklagte sich jedoch über nichts, und seine kühle Höflichkeit, mit der er auf ihre Stellung in der Pfarre Rücksicht nahm, nötigte sie, sich Zwang anzutun. Er kostete den Schmerz eines Mannes, der sich der besten Absicht bewußt ist und überall verkannt und zurückgestoßen wird. Mußte er nicht jede Hoffnung fahren lassen, in seiner Gemeinde wohltätig zu wirken und die Menschen allmählich für den Geist der neuen Zeit zu gewinnen? Wand an Wand mit ihm ruhte der Tote, und entmutigt fragte er sich, ob die Zufriedenheit eines engbegrenzten Lebens, wie jener es geführt hatte, nicht jedes höhere Streben aufwöge. Wie heiter hatte der Greis dem Tode entgegengesehen, in welchem Frieden war er gestorben! Durch das offene Fenster kamen allerhand Nachtinsekten herein, umkreisten das Licht, das auf dem Tisch brannte, und versengten sich. Der Vikar blickte auf die kleinen Leichen, die den Tisch bedeckten, und mit einem bitteren Gefühl verglich er sein Schicksal dem ihren. Hatte nicht auch er sich die Flügel an dem Licht verbrannt, dem er nachstrebte? Verblendet – so hatte Hannes ihn genannt. War es nicht vielleicht die Flamme eines Lichtstümpfchens, was er für die Sonne hielt? »Was ist Wahrheit?« seufzte er. Doch nein, eine neue Zeit war angebrochen, und Entsagung wäre Verrat aus Feigheit gewesen! Der Gewaltige, der aus dieser Zeit hervorgegangen war, besaß auch die Macht, die Welt vor dem Rückfall in die alte Finsternis zu bewahren! Wenn je, so besaß er sie jetzt! Lag doch nun auch Spanien zu seinen Füßen! Ein Aufstand, der in Araniuez ausgebrochen, war rasch niedergeschlagen worden, und die jüngsten Zeitungen hatten gemeldet, daß Ferdinand VII Ferdinand VII – (1784-1833), Sohn Karls IV. von Spanien; wurde am 19. März 1808, als in Aranjuez die Empörung des Volkes gegen das verhaßte Regime zum Ausbruch kam, jubelnd als König begrüßt, mußte seinem Vater jedoch kurze Zeit später auf Veranlassung Napoleons die Krone zurückgeben und stellte sich unter den Schutz Bonapartes, der ihm erst Ende 1813 den spanischen Thron wieder anbot. Nach seiner Rückkehr aus Frankreich ließ er in Spanien eine blutige kirchliche und politische Reaktion mit Inquisition einsetzen und sah sich erst durch den Januaraufstand 1820 genötigt, die Konstitution von 1812 wiederherzustellen. aufgehört hatte zu regieren. Joseph Napoleon, Joseph Napoleon – Joseph Bonaparte (1768-1844), ältester Bruder Napoleons I.; wurde nach dessen Thronbesteigung zum kaiserlichen Prinzen, 1806 zum König von Neapel und im Juni 1808 zum König von Spanien ernannt, wo er sich nur unter dem Schutz der französischen Waffen behaupten konnte. Nach der Niederlage der Franzosen bei Vittoria (21. 6. 1813) floh er aus Spanien. , der Bruder des Kaisers, war zum König von Spanien ernannt worden. Von den Wogen der Ostsee bis zum Kap Spartivento, Kap Spartivento – Südspitze des italienischen Festlandes im Ionischen Meer. von der Weichsel bis zu den Küsten des Atlantischen Ozeans herrschte der Frankenkaiser. Wer wollte gegen die Macht sich stemmen wer sie erschüttern? Das war der Fels, auf dem sich die neue Kirche aufbaute – eine Kirche, frei von dem Despotismus der Priesterkaste, ein Glauben, neugeboren durch Einkehr in das Gewissen! – Teilzunehmen an diesem Bau, bist auch du berufen! ermannte sich Lacedelli. Das Geschrei der Menge und ihre Feindschaft sollten ihn nicht beirren! Ausharren im Kampf war das Losungswort! Als ob es der Bach ihnen zugetragen hätte, so ging die Kunde, daß der Pfarrer von St. Vigil das Zeitliche gesegnet habe, von Ort zu Ort, von Hütte zu Hütte, und überall sprach man davon, daß er die Sterbesakramente nicht von seinem Vikar habe empfangen wollen und daß die Totenglocke nicht geläutet worden sei. Die ganze Talschaft strömte zu dem Begräbnis in St. Vigil zusammen. Der tote Pfarrer wurde zu einer Standarte, um die sie sich sammelten. Lacedelli seinerseits war sich dessen klar bewußt. Sein letzter Zweifel daran mußte an dem Verhalten des Dechanten und seiner beiden Adjunkten, des Pfarrers von Zwischenwasser und des Kuraten von St. Martin, schwinden. Der Dechant hatte die geistlichen Herren ausdrücklich zu dem Begräbnis eingeladen und ihnen nicht das Pfarrhaus, sondern den »Stern« zum Versammlungsort bestimmt. Sie kamen auch nicht in die Kirche, wo Lacedelli über dem vor dem Hochaltar stehenden Sarg die üblichen Totengebete las, sondern hatten sich nach dem Friedhof begeben und sich an der offenen Grube aufgestellt. Kampf war also die Losung, und deshalb tönte die Stimme des Vikars nicht murmelnd durch das Gotteshaus, sondern klang wie Metall. Stolz war seine Haltung, und stolz trug er den schönen Kopf, der sich wie bronziert von dem weißen Meßgewand abhob. Die Menge aber fühlte sich durch das Wegbleiben der Geistlichen beunruhigt, und der Vikar sah die Köpfe zu seinen Füßen wie die Ähren eines Kornfelds im Winde wogen. Was konnte ihre Abwesenheit anders bedeuten, als daß sie mit dem abtrünnigen Priester keine Gemeinschaft halten durften? Die Leute schwankten, ob sie bleiben oder sich ebenfalls entfernen sollten, und von denen, die dem Portal am nächsten waren, schlichen sich viele hinaus. Die Unruhe wuchs. Was würde es am Grabe geben? Es mußte sich etwas ereignen, und als der Sarg hinausgetragen wurde, drängten sich ihm die einen hastig voraus, während die anderen sich ihm in einem ungeordneten Haufen nachschoben. Aller Augen hingen in höchster Spannung an den schwarzen Gestalten der Geistlichen und ließen nicht von ihnen ab. Es geschah indessen nichts Ungewöhnliches, denn der Herr Dechant war viel zu klug, als daß er dem Feinde durch eine ungesetzliche Handlung einen Vorteil gewährt hätte, und die Zeremonien nahmen ohne Störung ihren Verlauf. Der Vikar vollzog sie mit Würde, im Blick die gleiche Festigkeit, mit der ihm das Auge des Dechanten begegnete. Hannes war vielleicht unter all den Menschen der einzige, der der Bestattung mit aufrichtiger Betrübnis beiwohnte. Er hatte den Verstorbenen seit seiner Begegnung mit Lacedelli nicht wiedergesehen. Erst die Stimme des Dechanten gemahnte ihn wieder an die besonderen Umstände, unter denen die Beerdigung stattfand. Die Grube war zugeschaufelt, der Vikar hatte das letzte Amen gesprochen und stand im Begriff, sich zurückzuziehen – da rief der Dechant, daß es weithin vernehmbar war: »Laßt uns von dem Grabe nicht scheiden, liebe Freunde, ohne noch ein besonderes Gebet für die Seelenruhe des teuren Verstorbenen gesprochen zu haben. Wir alle haben ihn ja gekannt und geliebt und hochgehalten, weil er feststand in dem Glauben unserer heiligen Kirche!« Mit einer unverkennbar frohen Hast kam man der Aufforderung nach. Lacedelli preßte die Lippen zusammen; denn er verstand sehr gut, was der Dechant mit diesem Gebet bezweckte und weshalb er die kirchliche Glaubenstreue des Verstorbenen betont hatte. Da aber nichts Gesetzwidriges darin lag, konnte er nichts dagegen tun und schloß sich selbst dem Gebet an, das gleichsam ein Triumphgesang über ihn war. Hannes sah ihm mitleidig nach, als er sich in die Kirche zurückzog, und einige Sekunden später folgte er ihm. Er fand ihn in der kleinen Sakristei aufgeregt hin und her gehend. Noch hatte er das Meßgewand nicht abgelegt. »Ach!« rief er Hannes mit glühenden Augen entgegen. »Ist Ihr Herr Dechant jetzt zufrieden? Nicht genug, daß er durch sein Fortbleiben aus der Kirche diese meine Gemeinde als durch mich entweiht hinstellt – er muß ihr auch noch deutlich machen, daß die Ruhestätte des Toten erst durch sein Gebet die echte und rechte Weihe erhalte. Sagen Sie ihm, daß er zu früh triumphiert! Ich fürchte ihn nicht – nicht ihn, Sie alle nicht!« Hannes hob beschwichtigend seine Hände und versicherte, daß ihm nichts ferner liege, als sich an der Demütigung seines ehemaligen Studiengefährten zu weiden. Er sei gekommen, um eine inständige Bitte an ihn zu richten, doch er wolle sich gern auf eine gelegenere Zeit bescheiden. Lacedelli blickte ihn durchdringend an. »Ihre Bitte muß in der Tat wichtig sein«, sagte er mit einem Anflug von Ironie, »da Sie ihretwegen die Gemeinschaft mit mir nicht scheuen.« »Sie ist wichtig um Ihretwillen«, versetzte Hannes. »Die Worte, mit denen Sie mich empfingen, haben Ihre Lage hier genau bezeichnet. Wie wolln Sie wirken, wann Ihre Gemeind vor Ihnen zurückweicht, Sie allein läßt? Die schönen Gaben, die Ihnen verliehen sind, müssen auf diese Weis nutzlos rosten. Es gibt nur ein Mittel, das Vertraun der Menschen zu gewinnen: Verfolgen Sie die Bahn, die Sie eingeschlagen haben, nit weiter! Ich bitt Sie herzlich drum.« Das Gesicht des Vikars färbte sich dunkelrot »Ah!« rief er, mit seinem Zorn ringend. »Ich weiß, daß Sie es redlich meinen, und darum will ich Ihnen antworten. Sie verwechseln die katholische Kirche mit Ihrer Hierarchie. Was Sie von mir verlangen, heißt unter das Joch der Priesterherrschaft zurückkehren. Denn dahin hat es Rom ja längst gebracht, daß der Priester die Stelle der Kirche einnimmt. Habe ich unrecht, Herr Kurat? Was ist denn der Glaube dieser armen Menschen, die auf die Aufforderung des Herrn Dechanten fast jauchzend auf die Knie fielen? Der Priester! Statt die Menschheit zur Freiheit zu erziehen, hat die Geistlichkeit sie zur bedingungslosen Unterwürfigkeit unter Rom erzogen; statt die Gemüter zum Glauben zu erwecken, hat sie den Glauben mehr und mehr veräußerlicht und an die Stelle des Gewissens und der Überzeugung den Priester gesetzt. Ohne ihn gibt es keinerlei Beziehungen des Laien zu Gott. Der Priester allein hat die göttliche Wahrheit in Besitz und Verschluß und teilt davon dem Laien mit nach eigenem Ermessen. Hat er sie etwa durch ein besonderes geistiges Ringen erworben, durch eine besondere Heiligung, die er in sich vollzogen hat? Ach, Herr Collega, wir beide wissen es ja, daß wir durch nichts dergleichen zu ihr gelangt sind, sondern lediglich durch Handauflegung und Ordination! Ordination – Einsetzung eines Geistlichen in sein Amt; in der katholischen Kirche die Weihe zur Vornahme heiliger Handlungen. Und so geht es aufwärts von Stufe zu Stufe bis zu dem Heiligen Stuhl. Nicht gute Taten, nicht Gebet, keine Lauterkeit des Herzens und keine Reue führen den Menschen zu Gott – der Priester allein leitet ihn dorthin. Der Priester besorgt alles. Der Priester betet, absolviert, erteilt Indulgenz, Indulgenz – Ablaß; nach der katholischen Lehre Erlaß »zeitlicher« Strafen. Gnade, Heil und öffnet und schließt die Pforten des Paradieses. Was Wunder, wenn der Katholizismus bei dieser Allmacht und Unfehlbarkeit der Priesterkaste zu äußerem Formwesen, zum geistlosen Buchstaben geworden ist? – Nun wohl, ich will aus dem Felsen, zu dem die katholische Kirche versteinert ist, den lebendigen Quell schlagen; ich will die Gemüter zum Glauben zurückführen, das religiöse Gewissen von den Toten auferwecken. Und jetzt kommen Sie und ermahnen mich, davon abzustehen, mich dem Despotismus der Hierarchie zu unterwerfen, die all das Übel verschuldet hat, an dem unsere Kirche bis in die tiefsten Wurzeln krankt! Hat es denn in Ihrem Leben nie eine Stunde gegeben, in der Sie den Druck dieser Sklaverei empfunden haben? Hat sich Ihr Gewissen, Ihre Überzeugung nie dagegen empört?« Hannes, der ihm mit pochendem Herzen zugehört hatte, den Hut unter den linken Arm geklemmt und in den Händen seine ungeöffnete Horndose, fühlte, wie ihm bei diesem Appell das Blut in die Wangen stieg, und er vermied es, dem feurigen Auge des Vikars zu begegnen. Er schwieg, und es entstand eine kleine Pause. »Sie haben entsagt und sich gefügt«, sagte der Vikar, der ihn verstanden hatte. »Ich vermag Ihrem Beispiel nicht zu folgen. Mich ruft die Stimme der Menschheit, und ich werde kämpfen!« »Mich ruft die Stimme meines Nächsten«, äußerte Hannes leise und blickte ihn traurig an. »O daß eine Kraft wie die Ihre dem Vaterland in seiner Not verlorn ist! Ich bin nit zum Reformator berufen und fühl, daß ich nit die Gabe besitz, Ihre Überzeugung zu erschüttern. Nur bedenken Sie, daß die Freiheit, für die Sie schwärmen, aus dem Boden des Vaterlands herauswachsen muß wie das Edelweiß auf unsern Alpen. Ihren Ideen fehlt das Erdreich, in dem sie Wurzeln schlagen könnten. Ihre Saat fällt hier auf unfruchtbarn Acker.« »So werde ich ihn düngen, und wenn es sein muß, mit meinem Herzblut«, lächelte der Vikar. Sie schieden, jeder mit einem tiefen Blick in des andern Auge. Unterdessen wogten die Menschen auf dem Friedhof und dem Anger durcheinander. In den Gruppen, die sich bildeten, fielen schadenfrohe und harte Äußerungen über den Vikar. Man erörterte die Frage, was anzufangen wäre, wenn der Vikar der Nachfolger Moltenbechers würde. Es sei doch unmöglich, die Kinder von dem abtrünnigen Priester unterrichten zu lassen. Just darauf habe es die Regierung abgesehen, hieß es. Wenn es so stände, meinten andere, dann täte man am besten, mit dem Vikar so wie seinerzeit mit dem Schmied Lechner zu verfahren. Vefa gehörte zu den Aufgeregtesten und Erbittertsten. Es hatte sie schon gereizt, daß sich die geistlichen Herren nicht wie üblich vor der Beerdigung im Trauerhause versammelt hatten, wo sie einen Imbiß bereitgestellt hatte. Nun lud sie die Herren dazu ein; der Dechant aber dankte für alle: man setze sich nicht mit einem Ischariot Ischariot – Judas Ischariot, Gestalt aus dem Neuen Testament; verrät Christus für 30 Silberlinge zu Tisch und teile nicht das Brot mit ihm. Die Geistlichen verließen den Kirchhof. Vefa wiederholte zu jedermann, daß der Vikar ein Ischariot sei, und das Wort schlug ein. Einzelne Stimmen riefen nach einem Strick, damit er sich hängen könnte. Vefa schwor, daß sie keine Stunde länger mit ihm unter einem Dache bliebe; am morgigen Tag wolle sie die Pfarre ausräumen. Der Ischariot solle zusehen, wer ihm in den vier nackten Wänden wirtschafte. »Da tät die Muhm doch unrecht«, spottete eine Stimme neben ihr; »denn ist der Vikar ein Ischariot, so verkuppelt sie ihr eignes Fleisch und Blut. Einen bessern Herrn kann sie also nit finden?« Vefa zuckte zusammen, als wäre sie mit nacktem Fuß in Dornen getreten, und dann schoß sie davon, ohne sich nach dem Sprecher umzusehen. Sie hatte gleich an der Stimme erkannt, daß es ihr Neffe Ambros war, der sie verhöhnte. »Ach, Brosi, das hättst nit sagen solln!« flüsterte Lisei, die sich ihm in demselben Augenblick mit Afra genähert hatte. »Ist's etwa nit wahr?« fragte Ambros heftig. Afra, die von Frische und Schönheit strahlte, legte den Finger auf die Lippen. »Kommt beiseit, wann ihr davon reden wollt«, sagte sie leise und lenkte die Schritte den Geschwistern voraus nach einer einsameren Stelle. Lisei erkundigte sich unterdessen nach Stasi, und Ambros antwortete kurz und ungeduldig, daß sie zu Hause geblieben sei. Sie hatte in ihrem Zustand das Gedränge in der Kirche und auf dem Friedhof gescheut; über die Schlehdornhecke droben, die mit weißen Blüten wie überschneit war, hatte sie dem Begräbnis zugeschaut Lisei gedachte mit einem stillen Seufzer der Bemerkungen Jergs über ihren Bruder, und ihrem weiblichen Scharfblick entging es auch nicht, daß Ambros, obgleich er wie alle Welt zu dem Begräbnis sein bestes Zeug angelegt hatte, durchaus nicht sonntäglich oder stattlich wie sonst aussah. Es lag ein Anflug von Vernachlässigung über seiner Erscheinung. »Ich bin's gewesen, die deinem Bruder erzählt hat, daß der Jerg Arigaya um dich freit«, nahm jetzt Afra das Wort. »Er hat's mir immer nit recht glauben mögen.« »Ich hätt den Jerg selbst schon drum gefragt, wann er mir nit immer aus dem Weg ging«, sagte Ambros. »Auf eine Reiche hat er's freilich immer abgesehn gehabt, das weiß ich. Aber für so ungescheit hätt ich ihn nit gehalten, daß er die Hand nach dem Klosterhof ausstrecken würd!« »Bloß um eine Reiche soll's ihm zu tun sein?« fragte Lisei stockend. »Natürlich hat er dir's nit von der Seit vorgestellt«, schaltete sich Afra ein. »Denn das wirft einer der Gitsche doch nit ins Gesicht, daß ihm bloß an ihrem Geld gelegen ist. Gegen seinen Vater hat er kein Hehl draus gemacht.« Lisei machte ein trauriges Gesicht. Nicht ihre Eitelkeit war verletzt, sondern ihr redliches Gemüt. Mit einem tiefen Atemzuge sagte sie: »In dem, was mir der Jerg vorgestellt hat, weshalb ich ihn heiraten sollt, war manches so uneben nit. Ob er mich bloß wegen dem Klosterhof begehrt oder nit, das macht jetzt nix aus. Ich kann mich nit zu ihm zwingen, und wann mich auch der Vater aus dem Haus stößt, wie er mir gedroht hat.« »Jerg als Klosterbauer – das ist lustig!« rief ihr Bruder mit höhnischem Auflachen. Drohend fuhr er fort: »Laß dir nit bang machen, Lisei! Der Jerg soll dich schon fein in Ruh lassen. Ich werd ein Wörtlein mit ihm reden, daß ihm die Lust auf den Klosterhof ein für allemal vergehn soll.« Aber Lisei wurde durch diese Versicherung nichts weniger als beruhigt, und sie beschwor Ambros, sich nicht einzumischen. Sie würde schon allein mit Jerg ins reine kommen. »Dein Bruder meint, weil wir Fraun nit gleich mit der Faust parat sind, drum richten wir gegen die Mannsleut nix aus«, scherzte Afra. »Aber still! Wann man an den Wolf denkt, ist er nit weit« Ambros drehte lebhaft den Kopf nach der Richtung hin, in die die Augen der schönen Müllerin deuteten, und richtig: nicht weit von ihnen stand Jerg, halb verdeckt durch das prunkvolle Grabkreuz, das der Klosterbauer seiner Frau hatte setzen lassen. Ambros sah nur noch seinen Rücken; denn als sich Jerg von seiner Stiefmutter entdeckt fand, verlor er sich rasch unter den Menschen, die sich eben vor dem Kirchenportal zusammenzudrängen begannen. Immer mehr Leute strömten dorthin, und auch Ambros folgte mit Lisei und Afra dem Zuge. Die lange und hagere Gestalt des Kuraten von St. Martin ragte aus dem Menschenknäuel hervor. Als Hannes aus der Kirche gekommen war, hatte der Blaufärber von St. Vigil, der mit anderen in der Nähe des Portals gestanden, laut gerufen: »Da kommt unser künftiger Herr Pfarrer!« Die anderen griffen das Wort lebhaft auf. Ja, Hannes sollte ihr Pfarrer werden, riefen auch sie. Und von Mund zu Mund ging der Ruf weiter. Hannes solle gleich dableiben und von der Pfarre Besitz ergreifen, schlug der Färber vor. »Nach der Pfarre! Nach der Pfarre!« riefen unzählige Stimmen. Nur mit Mühe gelang es Hannes, sich Gehör zu verschaffen. Wurden aber die Nächsten still, so dauerte der Lärm unter den Fernerstehenden fort, indem sie fragten, was es gebe, was Hannes sage, und in Beifall ausbrachen, als sie erfuhren, um was es sich handelte. Hannes versuchte den Leuten begreiflich zu machen, daß sie nicht das Recht hätten, sich ihren Pfarrer zu wählen, und es nicht bei ihm stehe, eine solche Wahl anzunehmen. Neues Geschrei unterbrach ihn: Der Pfarrer sei um der Gemeinde willen da, und folglich müßten sie auch das Recht haben, ihn zu wählen. »Freilich!« – »Jawohl!« – »Ruhe!« – «Stille!« – »Laßt den Herrn Falkner reden!« – so rief es durcheinander. Hannes gab es auf, sich verständlich zu machen, und wandte sich nur an seine nächste Umgebung. Auch Herr Moltenbecher habe seine Nachfolge gewünscht, sagte er ihnen. Der Herr Dechant habe es ihm mitgeteilt und es auch nach dem Wunsch des Verstorbenen an den hochwürdigsten Herrn Bischof in Brixen berichtet Die Bischöfe hätten jedoch nun das Recht des Vorschlages; die Ernennungen gingen von der Regierung aus. Man müsse daher die Entscheidung der Regierung abwarten, und er mahnte, es in Ruhe zu tun. Er selbst würde mit Freuden einem Ruf nach St. Vigil folgen, denn ihm könnte ja nichts lieber sein. Diese Versicherung wurde mit großem Jubel aufgenommen, und man gab Hannes allmählich Raum, damit er sich entfernen konnte. Dabei mußte er unzählige Hände schütteln. Er selbst hatte keinen Glauben an seine Berufung. 17. Kapitel Es fiel allgemein auf, daß der angesehenste Mann der ganzen Talschaft bei dem Begräbnis des Pfarrers fehlte. Der Klosterbauer war nicht erschienen. Indessen war es nicht der heimliche Groll – den er gegen den Verstorbenen hegte, weil dieser die Partei seines Sohnes genommen hatte –, weshalb er fehlte. Wie Lisei auf die vielen Fragen, die nach ihm gestellt wurden, erklärte, waren sie zusammen vom Klosterhof fortgegangen; auf dem Wege nach Monthan aber war ihnen ein Bote aus Bruneck mit einem Brief für ihren Vater begegnet. Da der Bote den Brief nur gegen Unterzeichnung des Postscheins auszuhändigen beauftragt war, so sei der Vater wieder umgekehrt, während sie ihren Weg fortgesetzt habe. Weshalb er nicht nachgekommen wäre, nachdem er den Boten abgefertigt, wußte Lisei nicht anzugeben. Jerg war es lieb, daß der Klosterbauer nicht zugegen war. Er hoffte nun ungestört seine Angelegenheit mit Lisei zu Ende zu bringen. Als er sich aber Lisei gerade nähern wollte, kam ihm seine Stiefmutter zuvor, und dann sah er beide mit Ambros zusammenstehen. Mißtrauisch beobachtete er sie und gelobte sich, es ihnen zu vergelten, wenn sie ihm Unkraut unter seinen Weizen säen sollten. Er beschloß, Lisei auf ihrem Heimweg aufzulauern, und während die allgemeine Aufmerksamkeit auf Hannes gerichtet war, entfernte er sich von dem Kirchhof und schlenderte über die Trift nach dem Vigilbach. Er mußte lange warten, und um sich die Zeit zu verkürzen, versuchte er eine kleine Schar von Gänsen, die es sich in einer geschützten Bucht des Baches wohl sein ließen, in das heftig strudelnde Wasser zu scheuchen. Mit einem der Tiere gelang es ihm, und er lachte hämisch, als es von den raschen Fluten fortgerissen wurde. Das Element war indessen barmherziger als der Mensch und warf den ängstlich schreienden Vogel eine Strecke bachabwärts ans Ufer. Jetzt kam Lisei, jedoch nicht allein. Ihr Bruder Hannes begleitete sie, und beide sprachen angelegentlich miteinander. Jerg drückte im ersten Augenblick ärgerlich die Hand zur Faust zusammen, dann aber durchblitzte ihn ein Gedanke, der ihm sehr glücklich schien. Wie, wenn er Hannes gegen Afra und Ambros ausspielte? Hatten ihm diese beiden – er zweifelte nicht daran – bei Lisei zu schaden versucht, dann war Hannes ein trefflicher Bundesgenosse für ihn. Er hatte keine allzu hohe Meinung von dem Verstand des Kuraten – hatte sich doch Hannes in seinen Schülertagen, wenn er zu den großen Ferien daheim gewesen, wehrlos von ihm hänseln lassen! Es dünkte ihn daher ein leichtes, Hannes für seine Sache zu gewinnen, wenn er sie in demselben Licht darstellte, wie er es bereits bei Lisei getan hatte, und zwar in deren Gegenwart. Jerg schloß sich den Geschwistern, die still vorübergehen wollten, mit unbefangener Miene an. Dem Klosterbauern müsse doch wohl etwas zugestoßen sein, äußerte er, und er wolle daher Lisei auf den Hof begleiten, um sich zu erkundigen. Lisei und ihr Bruder schwiegen, und Jerg fuhr fort: »Wann ich ungelegen bin, will ich wieder gehn, aber ich hab halt gemeint, Lisei, daß der Herr Kurat weiß, wie wir beid miteinander stehn.« »Und wie stehn wir denn miteinander?« fragte Lisei unwillig, indem sie stehenblieb. »Potztausend, bist du so hitzig?« lachte Jerg. »Ich hab bloß gemeint, ob du dem Herrn Kurat schon alles gesagt hast, was ich dir neulich vorgestellt hab? Wann du's getan hast, so wird er mir recht geben, das weiß ich.« »Das offne Feld ist wohl nit der geeignete Ort, um solche Dinge zu besprechen«, gab Hannes kühl zur Antwort »Nein, liebsten Herr Hannes«, rief Lisei, »da er davon angefangen hat, will ich ihm auch gleich Bescheid geben. Was ich dir neulich schon gesagt hab, dabei bleib ich. Mein Jawort kriegst nimmer, nit mit Gutem, nit mit Gewalt!« Trotz seiner Selbstbeherrschung verfärbte sich Jerg. Auf eine so entschiedene Ablehnung war er nicht gefaßt gewesen. »Das spricht der Ambros aus dir!« entfloh es ihm. In der nächsten Sekunde jedoch war er wieder Herr seiner selbst und fuhr fort: »Ja, der Ambros! Denn der Herr Kurat Falkner hat zuviel Verstand, um sich auf deine Seit zu stelln.« »Genug!« rief Hannes und streckte Jerg die Rechte mit gespreizten Fingern abwehrend entgegen. »Ja, ich stell mich auf die Seit meiner Schwester. Du rühmst meinen Verstand. Nun wohl, er reicht hin, um zu begreifen, daß alle Vernunftgründ, durch die du Lisei für dich zu stimmen versucht haben magst, an einem treun Herzen ohnmächtig zerschelln. Drum steh ab von deiner Werbung! Oder willst Lisei durchaus aus ihrem Vaterhaus vertreiben?« »Und mein Herz soll nix gelten?« begann Jerg von neuem und schlug sich mit der Faust auf die Brust, in der es vor Wut kochte. Lisei wandte sich ab, um seinem Auge nicht zu begegnen. Wie war es nur möglich, daß er immer noch von seinem Herzen redete! Hannes aber sagte mit wachsendem Unwillen: »Wann du ein Herz besäßest, so würdst nit taub sein gegen die Stimmen der Ehr und Scham. Sie gebieten dir, Lisei freizulassen!« »Freilassen soll ich sie?« zischte Jerg. »Fragen Sie doch den Klosterbauer selbst, ob ich's gewesen bin, der von der Heirat zuerst angefangen bat! Ist nit seine Schwester, die Vefa, zu mir gekommen und hat mir angelegen, wie gut's dem Klosterbauer passen tät, wann ich und die Lisei ein Paar würden? Freilassen soll ich die Lisei? Gehn Sie doch hin auf den Klosterhof und versuchen Sie, ob Sie die Lisei von Ihrem Vater frei predigen! Nachher wolln wir zwei miteinander weiterreden!« Er ging wütend davon, entschlossen, seine Werbung nicht aufzugeben. Er war von sich selbst überzeugt, daß er noch nicht am Ende seines Witzes angekommen sei. »Jetzt ist's besiegelt«, sagte Lisei leise vor sich hin, als er gegangen war. Es klang, als ob sie sich durch die Entscheidung erleichtert fühlte, und sie dankte ihrem Bruder, während sie zusammen ihren Weg fortsetzten, daß er ihr so treu zur Seite gestanden hatte. »Mein Haus ist auch dein Haus, das versteht sich von selbst«, versetzte Hannes. »In einem Punkt hat der Jerg aber recht.« Welcher Punkt es war, darüber äußerte er sich nicht, und in Nachdenken versunken, bemerkte er auch nicht den fragenden Blick der Schwester. Als sie jenseits des Spitzhörndlbaches den Uferrand erstiegen hatten und der Klosterhof aus dem jungen Getreide und den Wiesen wie aus grünen Meereswogen auftauchte, blieb Hannes stehen und sagte: »Ich werd mit dem Vater reden; ich begleit dich auf den Hof.« »Heilige Mutter Gottes, das ist ja unmöglich!« rief Lisei erschrocken. »Was würd das geben?« »Ich hätt's längst tun solln!« entgegnete Hannes ruhig. »Schon damals, als ich erfuhr, daß der Vater meinem Brief wegen Ambros und Stasi keine Beachtung geschenkt hatt. Ja, schon damals wär's meine Pflicht gewesen!« fuhr er fort, während sich eine Blutwelle in seine hageren Wangen ergoß. »Aber ich war feig.« »Ach, herzliebster Bruder, wie können Sie sich selbst nur so schelten, Sie, der so mutig das Schwerste getragen hat?« wandte Lisei ergriffen ein. »Vielleicht hab ich auch nur aus Mutlosigkeit gelitten«, versetzte er mit einem melancholischen Lächeln. »Es wär vieles, vieles anders gekommen, wann ich zur rechten Zeit die rechte Tapferkeit gehabt hätt. Auch dieser Auftritt mit Jerg eben wär uns wohl erspart geblieben, wann ich dem Vater schon damals männlich gegenübergetreten wär. So will ich denn jetzt das Versäumte nachholn.« Lisei schüttelte den Kopf. »Sie werden den Vater nit andern Sinns machen, sondern ihn noch mehr aufbringen gegen sich«, sagte sie besorgt. »Komm nur!« meinte er zuversichtlich. »Du warst zugegen, als man mich in St. Vigil bewegen wollt, der Nachfolger von Herrn Moltenbecher zu werden. Glaubst, daß sich auch nur eine Stimm für mich erhoben hätt, wann sie wüßten, daß ich nur den Mut des Duldens besitz? Ich werd die Pfarre nit erhalten, denn ich müßt mich der Regierung unterwerfen, wie's Angelo Lacedelli, der Vikar, getan hat; und dazu werd ich mich nimmer entschließen. Aber in jenen Zurufen vernahm ich das Vertraun, daß ich den Mut haben würd, die Rechte der Gemeind und der Kirch gegen die Willkürmaßnahmen der Regierung zu vertreten. Laß uns also gehn.« Die Schwester blieb jedoch stehen. Sie bewunderte den Mut, den ihm die Liebe zu ihr eingab; aber sie sah für keinen Teil Gutes daraus erwachsen, wenn er seinen Vorsatz ausführte. Darum bat sie ihn jetzt nochmals und eindringlicher, davon abzustehen. Sie dankte ihm für den Beweis seiner Liebe; es würde aber ihr Los nur erschweren, wenn es ihm nicht gelänge, den Vater umzustimmen; und hierzu bestünde vorderhand keine Hoffnung. Um ihretwillen sollte sich das Verhältnis zwischen Vater und Bruder nicht noch schroffer gestalten. Das Bewußtsein, im äußersten Falle auf die Hilfe des Bruders rechnen zu können, würde ihren Mut kräftigen; aber ihre eigene Sache müßte sie selbst führen. Es wurde ihr nicht leicht, Hannes von seinem Vorsatz abzubringen, und schon läutete die Mittagsglocke, als die Geschwister in der Nähe des Klosterhofs voneinander schieden. Lisei fand den Vater in der Stube am Tisch, auf dem viele Papiere lagen, manche darunter von Staub und Alter vergilbt: Rechnungen, Schuldverschreibungen, Hypothekenscheine. Er war in Hemdsärmeln, und das Haar hing ihm unordentlich über die Stirn. Beide Arme auf den Rand des Tisches gelehnt, las er in einem Schriftstück, das er vor sich ausgebreitet hatte. Zur gleichen Zeit saß Ambros in der Sägemühle, wohin er Afra nach dem Begräbnis begleitet hatte. Es war zwar ein Wochentag, und die Leidtragenden waren allmählich zu ihren Arbeiten zurückgekehrt, aber für Ambros gab es keine Wochentage. Die Arbeit auf dem kleinen Hof war ihm zu gering. Für zwei gab es zuwenig zu tun, und so überließ er alles David allein. Der Vergleich mit der Wirtschaft auf dem Klosterhof, wo er meistens auch nur mit Hand angelegt, wenn es ihm gefallen hatte, stand stets im Hintergrunde, und es kam ihm wie ein Spott auf seine Arbeitskraft und zugleich wie eine Demütigung vor, daß er nun so im Kleinen mit Kleinem als Herr und Knecht in einer Person seine Tage hinbringen sollte. Die Zukunft, die er seinem Kinde würde bieten können, erschien ihm so erbärmlich, daß es nicht lohnte, darum einen Tropfen Schweiß zu vergießen. Wenig oder nichts machen keinen Unterschied. War es dem Klosterbauern recht, daß sein Name von Bettlern im Tal geführt würde – ihm konnte es auch recht sein; und es gab Augenblicke, in denen er es sich beim Kirschwasser als Wollust ausmalte, dem Vater als ein Lump gegenüberzutreten und ihm zuzurufen: »Schau her, das hast aus deinem eignen Fleisch und Blut gemacht!« Müßig zu Hause zu liegen, brachte er jedoch auch nicht fertig, und so trieb er sich überall umher, voll Unruhe und Unbefriedigung und sich selber zur Last. Der Bäcker sah ihn oft genug in seiner Schenkstube, die dem Klosterambros sonst viel zu gering gewesen war; in den »Stern«, wo er seinen alten Kameraden begegnet wäre, mochte er nicht gehen. Allein, weder Schnaps noch Kartenspiel betäubte das nagende Gefühl in seiner Brust. Auch in die Sägemühle ging er wieder; er hatte Afra ja versprochen wiederzukommen. Ob der alte Arigaya bei seinen Besuchen zugegen war oder nicht, war ihm gleichgültig. Er suchte nur Unterhaltung und Zerstreuung, und in Afras Gesellschaft verging ihm die Zeit wie im Fluge. Sie war immer gesprächig, immer heiter, und selbst seine übelste Laune hielt vor ihr nicht stand. Konnte Stasi nicht ebenso sein? Aber die war immer schweigsam, immer ernst, immer traurig. War es nicht fast wie eine Gnade, wenn sie ihm einmal ein freundliches Gesicht zeigte? Ihre Augen waren oft rot und geschwollen vom Weinen, und er konnte das Weinen nicht leiden. War es ihm da zu verargen, wenn er es zu Hause langweilig fand und nicht immer Stasis vergrämtes Gesicht vor Augen haben wollte? War das Leben nicht schon ohnedies schwer genug? Der alte Arigaya war schon im Werkraum bei der Arbeit. Das Brausen des Wassers aufs Rad, das Zischen und Schnaufen der Säge vertrieb am besten die unangenehmen Gedanken. Die wieder häufiger gewordenen Besuche Ambros' erregten kein Arg in ihm; im Gegenteil, sie waren ihm willkommen, denn sie stimmten seine Frau heiter und verwandelten ihr Wesen in Sonnenschein, der sein altes Herz erquickte. Mit seinem Sohn redete er nur noch über die dringendsten Geschäftsangelegenheiten, und Jerg ließ sich außer zu den Mahlzeiten in der Wohnstube nicht blicken. In der Stube war es angenehm kühl, denn das weit vorspringende Dach hielt die Strahlen der Mittagssonne ab, und das Rauschen und Brausen des Baches lud zur behaglichen Ruhe und auch wohl zum Träumen ein. Ambros aber kaute verdrossen an seinem Schnurrbart. Obgleich er mit dem Vater ganz fertig zu sein geglaubt, mochte die Hoffnung, daß dessen Haß gegen ihn nicht über den Tod hinaus dauern würde, irgendwo in seiner Brust noch einen Versteck gefunden haben. Lisei hatte ihm und dem Bruder von dem neuen Testament des Vaters erzählt Afra hatte ihren Hut abgelegt und verwahrt und stand nun mit verschränkten Armen vor ihm. Ihre großen, schwarzen Augen ruhten mit einem Glanz auf ihm, der ihm, wenn er nicht mit so unliebsamen Gedanken beschäftigt gewesen wäre, das heimliche Gefühl ihres Herzens hätte verraten müssen. Stolz, Eifersucht und Entsagung drängten ihre Liebe nicht mehr zurück. Sie glaubte damit an Stasi kein Unrecht zu begehen, weil sie Ambros nicht begehrte. Ja, er brauchte ja nicht einmal zu ahnen, daß er von ihr geliebt wurde. Wenn es wahr ist, daß kein Feuer so heiß brennt wie heimliche Liebe, so ist es nicht minder gewiß, daß dieses Feuer, wo es im Herzen brennt, das ganze Wesen durchglüht. Und ob solch Feuer nicht, trotz aller Wacht darüber, heimlich zündende Funken versprüht? »Laß doch das Zersinnen! Der Jerg ist's wahrlich nit wert«, sagte Afra und verzog schmollend ihre vollen Lippen. »Der Jerg ist ein Schuft!« rief er aufschauend. »Ich versteh's nit, wie ich so gut Freund mit ihm hab sein können.« »Weil er dir schön getan hat; das ist einfach genug«, versetzte sie. »Sein drittes Wort ist immer der Ambros gewesen. Denn da du unter den Buben das meiste gegolten hast, so hat's ihm ein Ansehn gegeben, dein Freund zu sein. Seine Lustigkeit ist aber das Narrenseil, an dem er euch alle geführt hat!« »Magst wohl recht haben«, murmelte er, sie betrachtend. Auch sie trug wegen des Begräbnisses ihren Sonntagsstaat. Wie aus dem Ei geschält sah sie aus, und ihre kurzen Hemdsärmel mit den breiten Spitzen wetteiferten an Weiße mit ihren runden Armen. »Mit leern Taschen lernt einer die Menschen besser kennen als wie mit volln!« lachte sie, und dicht vor seinen Stuhl tretend, fuhr sie lebhaft fort: »Und jetzt, weil wir davon reden: ist die Armut denn ein so großes Unglück? Ihr Männer wißt euch freilich nimmer zu helfen und hängt an euern Gewohnheiten wie die Klett am Rock. Wann die Lisei in Dienst geht, wird sie kaum so schwer zu arbeiten haben wie jetzt, und ich mein halt, daß sie deinem Vater das Brot, das sie bei ihm ißt, teurer bezahlen muß, als es anderwärts kostet. Ich weiß, was es heißt: arm sein; aber ich bin nimmer so vergnügt und glücklich gewesen wie dazumaln, wo's daheim mitunter an Brot gefehlt hat. Damals hab ich an allem eine Freud gehabt: wann die Sonn geschienen hat wann am Sonntag morgen die Glocken geläutet haben und die Schwalben wiedergekommen sind. Du kannst's dir freilich nit vorstelln an was so eine junge, arme Gitsche ihre Freud hat. »Doch«, sagte er und haschte nach ihrer Hand, die sie ihm achtlos überließ, während sie fortfuhr: »So lustig bin ich gewesen wie kein Maikäferl nit, und wann ich mir ein schönes rotes Blüml hinters Ohr gesteckt hab, da hab ich ganz drauf vergessen, daß mein Kittel Flicken gehabt hat. Ach, es war eine schöne Zeit!« Sie blickte ihm mit einem wehmütigen Lächeln in die Augen, und beider Blicke wurden tiefer und tiefer. »Aber tauschen möchtet jetzt doch nit wieder, gelt?« fragte Ambros mit einem eigentümlich gedrückten Ton. »Gleich auf der Stell, wann ich wieder ein freies Madl werden könnt!« rief sie lebhaft, und Ambros die Hand entziehend und an den silbernen Kettchen ihres Mieders und der Schleife ihres Fürtuches zerrend, fuhr sie mit glühenden Wangen fort: »Was liegt an all dem Plunder? Mit tausend Freuden würd ich alles hier lassen, alles, alles, und wann ich barfuß davongehn müßt! Meinetwegen mag alles der Teixl holn!« »Ja, mag alles der Teixl holn!« wiederholte er erregt und umfaßte mit beiden Armen ihren Leib. Sie stemmte die Hände gegen seine Schultern und entwand sich ihm wortlos. Er sprang auf. »Ja, ich wollt, wir wärn beid von allem los und ledig!« rief er und umfaßte sie von neuem. Stürmisch drückte er sie an sich und küßte sie. »Oh, tu's doch nit!« murmelte sie und hatte doch nicht die Kraft, sich frei zu machen. Dann schmiegte sie sich immer fester an ihn an und ließ es geschehen, daß er sie wieder und wieder küßte. Ein tiefer, summender Ton weckte beide aus ihrem Rausch. Es war die Mittagsglocke. »Du mußt gehn!« flüsterte Afra und hielt ihn dennoch an beiden Händen fest, und er dachte nicht daran, ihrer Mahnung zu folgen. Mit beiden Armen umschlang er ihre Schultern und küßte ihren Mund wie ein Wahnsinniger. Ohne ein Wort des Abschieds stürmte er davon. Stasi und David hatten bereits zu Mittag gegessen, als Ambros nach Hause kam. Er wollte nicht, daß Stasi mit den Mahlzeiten auf ihn wartete, wenn er nicht zur rechten Zeit da war, und sie hatte sich endlich gefügt. Worein hätte sich ihre Liebe zu ihm nicht gefügt? Sie machte ihm keine Vorwürfe wegen seiner unregelmäßigen Lebensweise, keine wegen seines Müßiggangs und ertrug seine Verdrossenheit wie sein Aufbrausen und die Rauheit, mit der er sie dann behandelte, ohne Klagen. Sie selbst arbeitete mit David um so angestrengter, und der Ohm war froh, daß Ambros sich nicht mehr um die Wirtschaft kümmerte. Er hatte ruhigere Tage, und es ging auch alles glatter seinen Gang, seit er mehr auf sich selbst angewiesen war und durch kein ungeduldiges Kommandieren mehr eingeschüchtert wurde. Er überlegte mit Stasi, was zu tun sei, und wußten sie beide nicht Rat, so halfen die Nachbarn. Wenn nur Stasi nicht gar so wehleidig dreingeschaut hätte, wäre er jetzt so zufrieden wie in seinem Kloster gewesen. Ihr Kummer schnitt ihm tief ins Herz, und er sann immer darüber nach, wie er ihr eine Freude machen könnte. Er hatte das Gärtchen neben dem Hause wieder in Ordnung gebracht und hegte und pflegte es mit der größten Sorgfalt; aber Stasis Lob, daß er alles so schön gemacht habe, machte ihn nicht froh, da sie nicht mehr wie sonst in der Dämmerung oder in den stillen Stunden des Sonntags das Bänkchen unter dem Geißblatt aufsuchte. Er zwang sich, gesprächig zu sein, wenn er mit ihr allein war, und erzählte ihr von seinem Klosterleben, den Mönchen, dem roten Haspinger und dessen Haß gegen die Franzosen; aber er merkte wohl, daß sie ihm nur scheinbar zuhörte. Es waren freilich alte Geschichten, die sie schon öfter von ihm gehört hatte, und seine zerfahrene, schleppende Erzählweise war nicht dazu geeignet, ihnen neuen Reiz zu verleihen und Stasi von der Beschäftigung mit ihrem Gram abzulenken. Stasi grübelte immerzu. Das Schrecklichste, was sie sich einst vorgestellt hatte, war ja nun wirklich eingetroffen. Ambros liebte sie nicht mehr! Trotz allem Sträuben konnte sie sich gegen diese Erkenntnis nicht länger verschließen. Warum, wodurch hatte sie das verdient? Darüber brütete sie Tag und Nacht; doch hörte niemand sie klagen und jammern. Nur wenn sie sich allein wußte, machte sich ihr zusammengepreßtes Herz Luft, und dann schrie sie laut vor Schmerz und Verzweiflung. Wenn eine Liebe, für die Ambros alle seine Aussichten auf Besitz und Reichtum hingegeben hatte, von so kurzer Dauer war, was hatte dann noch Bestand? Nun reute es ihn. Er sagte es ihr nicht; denn davon hielt ihn noch ein Rest seines Stolzes oder Trotzes ab, dem es immer unerträglich gewesen war, anderen die Verantwortlichkeit für sein Tun zuzuschieben, und vollends einem Weibe! Aber sie fühlte und sah, daß es ihn reute. Und hatte nicht auch sie ihm das Höchste zum Opfer gebracht? Um seinetwillen war sie meineidig geworden, hatte sie den Schwur gebrochen, den sie der sterbenden Mutter geleistet. In ihren Schmerz, ihre Verzweiflung mischte sich ein Grauen vor etwas, was sie noch treffen mußte. Die schwere Stunde, der sie entgegensah, erfüllte ihr Gemüt ganz und gar mit der schwärzesten Schwermut. Ach, warum war sie es nicht, die man dort unten in die Erde legte, dachte sie, während sie vor dem Hause der Bestattung des Pfarrers zuschaute. Aber nein, sie durfte an keine Erlösung durch den Tod denken! Sie mußte leben um des anderen Lebens willen, das sie unter ihrem Herzen trug, leben für ihr Kind, das der Sünde des Meineids entsprossen! Jetzt begriff sie, weshalb die Hoffnung, die sie auf dieses neue Leben gesetzt hatte, zusammengebrochen war; und keine neue Hoffnung ließ sich an die Geburt des Kindes knüpfen. Das Herz der armen Stasi klopfte stärker, als sie den Schritt ihres Mannes vernahm. Ambros bemerkte nicht, daß sich ihre Blicke bei seinem Eintritt erhellten. Er sah absichtlich fort, und als sie aufstand, um das für ihn warm gestellte Essen aus der Küche hereinzuholen, kehrte er sich ab. David schlurfte hinter seiner Nichte aus der Stube. Ambros schleuderte seinen Hut weg und fuhr sich mit allen zehn Fingern durch das Haar. Das Blut brauste ihm in den Ohren. Wie, war er ein solch erbärmlicher Kerl geworden, daß er seiner Frau nicht mehr ins Gesicht sehen konnte? Stasi fand ihn, den Kopf in beide Hände gestützt, am Tisch sitzend. »Gesegn's dir Gott!« sagte sie leise, indem sie eine irdene Schüssel mit Roggenmus vor ihn hinstellte. Dann hob sie seinen Hut vom Fußboden auf, legte ihn beiseite und setzte sich ihrem Mann gegenüber, der unterdessen hastig zu essen begonnen hatte. Er sah immer nur auf die Schüssel und seinen Löffel; aber er fühlte, daß Stasis Augen auf ihm ruhten. Es wurde ihm unerträglich, und schon wollte er sie anfahren, was sie ihm fortwährend auf den Mund zu schauen hätte. Das Wort blieb ihm jedoch in der Kehle stecken; denn als er die Augen hob, trafen sie das Kreuzchen an ihrem Hals, das Afra ihr einst geschenkt hatte. Es war ihr aus dem Mieder geschlüpft, als sie sich nach seinem Hut gebückt hatte. Er zuckte unwillkürlich zusammen; dann überflog eine jähe Röte sein Gesicht, und den Löffel auf den Tisch werfend, schrie er sie mit ausbrechender Heftigkeit an, sie solle das Kreuz abtun. »Ja, was hast denn?« fragte sie erschrocken und griff mit der Rechten nach dem Kreuzchen, als wolle sie fühlen, was ihn daran ärgern könnte. Er aber wiederholte seine Forderung nur noch leidenschaftlicher. »Du sollst das nit tragen! Tu's ab, oder ich reiß es dir vom Hals!« Er sprang auf. Sie erschrak noch mehr. »Bleib doch nur ruhig!« bat sie. »Ich tu's ja gern ab, wann du willst; ist mir doch nix dran gelegen.« Bevor sie jedoch damit zu Rande kam, griff er schon mit beiden Händen in das dünne Kettchen, an dem das Kreuz hing, zersprengte es, warf alles zu Boden und stampfte mit dem Fuß darauf. Stasi saß bleich und zitternd da, und es überkam sie die tödliche Furcht, daß er den Verstand verloren habe. So wütend hatte sie ihn noch nie gesehen. »Heilige Mutter Gottes, was hat dir denn das unschuldige Kreuzlein getan?« stammelte sie. »Ja, unschuldig!« lachte er ingrimmig auf. »Ich wollt, ich könnt sie auch zertreten wie ihr Kreuz, die teuflische Hexe, die Schlange!« Er gab dem Schmuck mit seinen schweren Nagelschuhen einen letzten Tritt. Ein Schrei entrang sich Stasis Kehle. An Afra hatte sie die Liebe ihres Mannes verloren! Jetzt wußte sie es. Er hatte aus seinen Besuchen auf der Mühle kein Hehl gemacht und zuweilen auch die Grüße bestellt, die Afra ihm aufgetragen; aber sie hatte sich nichts Arges dabei gedacht. Jetzt sah sie plötzlich wie auf einer chinesischen Zauberscheibe Afra in der Kirche mit feindseligem Blick an sich vorüberschreiten, sah sie Ambros mit dem schönen Weib in der Sennhütte von Tamers die Forlane tanzen. Ambros stand bei ihrem Schrei einen Augenblick wie in den Boden gewurzelt; dann griff er nach seinem Hut und eilte mit einem scheuen Blick auf sie aus dem Hause. Stasi merkte nichts davon. Ihr Gehirn wirbelte. Mit weitgeöffneten Augen starrte sie auf den zertretenen Schmuck. Da lag das Kreuz, das ihr Afra selbst umgehängt und das sie bisher arglos getragen hatte. Da lag es und war zertreten; doch das schwere Kreuz des Elends, das Afra ihr auferlegt, war nicht von ihr genommen, es brannte sich in ihr Fleisch ein. Mit einem gellenden Schrei sprang sie auf. Der Bach würde den Brand löschen! Zwei Arme fingen sie in der Tür auf. Es war Hannes, der von Lisei zurückkam. Stasi blickte verstört zu ihm auf. Jetzt erkannte sie ihn, riß sich los und lief in die Schlafkammer, deren Tür sie hinter sich verriegelte. Hannes stand betroffen da. David kam hinter ihm in die Stube. Er hatte Ambros toben hören und wollte noch einmal nach Stasi sehen, bevor er wieder an die Arbeit ging. »Was ist nur geschehn?« fragte Hannes mit, gepreßter Stimme und deutete auf den zertretenen Schmuck. Das verstümmelte Kreuz und Stasis verstörtes Wesen erfüllten ihn mit einem schrecklichen Argwohn. David schüttelte den Kopf. »Und wo ist sie?« fragte er. Hannes sagte es ihm. »Kommen Sie!« flüsterte David und führte den Kuraten ins Gärtchen zu der Bank unter dem Geißblatt, wo er sich niederließ. »Aber so reden Sie doch, um Himmels willen!« rief Hannes, während er sich ebenfalls setzte. »Was ist vorgefalln?« »Ja, ich weiß nit«, ächzte der Alte. »So wüst schrein und stampfen hab ich ihn noch nimmer gehört.« »Er hat sie tätlich mißhandelt?« fuhr Hannes entsetzt auf. »Ja, ich weiß nit«, schüttelte der Alte den Kopf. »Aber das hat er wohl noch nimmer getan. Ach, daß Sie gekommen sind! Ich weiß gar nit mehr, was ich anfangen soll. Sie ist gar so unglücklich.« Hannes seufzte tief auf, und David begann allen Kummer, der sich in ihm aufgehäuft hatte, dem Kuraten zu vertrauen. Hannes ließ ihn reden – wie er auch, dem jeweiligen Antrieb gehorchend, in seinen Mitteilungen hin und her schweifte, einem Kahn gleich, der sich von' der Uferkette losgerissen hat und nun den Bewegungen von Wind und Wetter folgt »Und sie nimmt den schlechten Menschen noch in Schutz«, schloß er. »Sie habe ihn unglücklich gemacht, weil sie gegen ihn nit standhaft geblieben ist, sagt sie.« Wie diese Mitteilungen dem jungen Geistlichen in die Seele schnitten, kann man sich leicht vorstellen. Aber er blieb stumm. Er hatte sein Gesicht mit der Rechten verdeckt, indem er den Ellbogen mit der linken Handfläche unterstützte. David wiegte seinen großen Kopf trübselig hin und her. Nach einer Weile hob er wieder an: »Ja, ich weiß nit, sie hat an nix keine Freud mehr. Abends, wann ich den Rosenkranz hersag, betet sie wohl mit, aber nach einer Weil wird sie still, und ich merk's, daß ihre Gedanken weit weg sind. Dann hat sie so einen nach einwärts gekehrten Blick, daß es fast grausig ist. Einmal hat sie zu mir von ihrem Tod gered't und wie's dabei mit ihr gehalten werden sollt. Wann das Kind nur auch stürb, hat sie gesagt, und die Tränen sind ihr aus den Augen gestürzt ›Heilige Mutter Gottes, welche Sünd!‹ hab ich gerufen. Da ist sie ganz erschrocken gewesen und hat gestottert: ›Ja, ja, es darf nit sein!‹ Ach, was ist das für ein Jammer!« Zwei dicke Tränen rollten ihm über die Wangen. Hannes war ganz in sich zusammengesunken. Während David Hannes auf der Bank unter dem Geißblatt, wo Stasi einst so gern zu sitzen pflegte, in dieser Weise zum Vertrauten seines Kummers machte, ohne zu ahnen, daß er diesem damit glühende Kohlen aufs Herz schüttete, stürmte Ambros durch den Lärchenwald oberhalb seines Gehöfts, eine Beute seines schlechten Gewissens und der Wut darüber. Er konnte sich nicht verhehlen, daß Stasi seine Untreue erraten hatte, und wenn er in diesem Augenblick seine Hände um Afras weißen, runden Hals hätte schlingen können, so würde er sie in seinem Grimm erwürgt haben. Dann aber lockte wieder sein Trotz gegen den Stachel des Gewissens. Nun ja, er hatte Afra geküßt. Was war weiter dabei? War das eine Todsünde? Er liebte Stasi nicht; es war ein dummer Streich gewesen, daß er sie geheiratet hatte. Aber sollte er deshalb fortan wie ein Mönch leben? Er und ein Mönch! Und da war Afra – himmlischer Herrgott, mit was für Augen sie ihn anschaute! Er stieß sie von sich und riß sie wieder an sich und küßte sie wie ein Rasender. Hier gebunden, dort gebunden, und er strengte sich vergebens an, die Stricke zu zerreißen. Aber sie mußten reißen! Er mußte frei werden von Stasi, von Afra, von allen! Er war dabei auf einem Pfad, der ihm zufällig unter die Füße gekommen, immer weiter gegangen. Schmale grüne Täler hatten in der Tiefe neben ihm gelegen, rieselnde Wasser seine Wege gekreuzt; aus Wäldern heraus war er auf duftende Matten getreten und hatte sich wieder in Busch und Wald verloren; an weidenden Kühen war er vorübergekommen, und in der Ferne war der Jauchzer eines Geißbuben erschollen; aber er hatte auf nichts geachtet. Höher und höher war er gekommen, und kühler wurde die Luft, die er atmete. Auch das bemerkte er nicht. Der Pfad wurde immer unkenntlicher, und in einem steil ansteigenden Fichtengehölz verlor er sich ganz; Ambros ging jedoch immer weiter, quer durch den Wald. Es war ihm ja gleichgültig, wohin er kam, und die Leidenschaften wühlten in ihm fort. Ein breiter, grüner Rücken mit einem kleinen Höcker in der Mitte reckte sich jenseits des Waldes vor ihm in die Höhe, und verwundert blieb er stehen. Es war der Gipfel des Spitzhörndls, an dessen Fuß er stand. »Meinetwegen!« murmelte er vor sich hin und begann den mit kurzem, rauhem Gras bewachsenen Abhang schräg hinaufzusteigen. Nun stand er oben. Mit tiefen Zügen sog er die kalte Luft ein und nahm den Hut ab, um sich die heiße Stirn zu kühlen. Als Knabe war er in jedem Jahr wenigstens einmal auf dem Spitzhörndl gewesen: am Johannistag, Johannistag – Tag Johannes des Täufers, der 24. Juni, der noch heute mit dem traditionellen, vom Sonnenwendfest übernommenen Johannisfeuer gefeiert wird. da er mit den anderen Buben aus St. Vigil hier oben den Scheiterhaufen errichtet und bei einbrechender Dunkelheit in Brand gesteckt hatte und dann Feuerräder den Berg hatte hinunterlaufen lassen. Nun war er schon seit einigen Jahren nicht mehr heraufgekommen. Die starke körperliche Bewegung hatte das Stürmen in ihm einigermaßen beschwichtigt. Der großartige Blick in die Tiefe und die Weite zog ihn wenigstens eine Zeitlang von seinen unseligen Gedanken ab. Zu seinen Füßen lag das Pustertal, durchströmt von der Rienz, deren Wellen um den Schieferfelsen des ehemaligen Klosters von Sonnenburg blinkten. Dem Zuge des Tals gen Osten folgend, schweifte Ambros' Blick über die ehrwürdig kahlen Riesenhäupter der Dolomiten, von denen die einen rötlich, die andern grau oder weiß gefärbt waren, bis nach Lienz, wo sie, das Pustertal abschließend, in gewaltigen Stufen hinabzusteigen scheinen. Offen lagen vor ihm die von der weiten Talebene bei Bruneck nach Norden in das bewaldete Mittelgebirge hineinstrahlenden grünen Täler von Gsies, Antholz und Taufers, überragt von dem Rieserferner, dessen Schneefelder einen silbernen Hintergrund für das graue Schloß von Taufers bildeten. Im Nordosten türmten sich die ungeheuren Massen der Hohen Tauern, des Großglockners und des Großvenedigers zu den Wolken auf, die ihre Gletscher und Firnen vor dem Betrachter verbargen. Um so heller blitzten, strahlten und funkelten die zahllosen Zinken und Zacken der Zillertaler Alpen. Wie ein silbernes Diadem umfaßten sie die grünen Täler und Berge zu Ambros' Füßen. Westlich von den in der Sonne blinkenden Schneezacken tauchten jenseits Sterzing und Brixen aus wehenden Schleiern die Eisfelder der Stubaier Alpen, die Ötztaler Gletscher und die Kolosse des Ortlers. Es war ein kokettes Spiel, das sie mit ihren Nebelschleiern trieben; jeden Augenblick drapierten sie sich anders, stets lockend die Reize verratend, die sie zu verhüllen bemüht schienen. Nach Süden sich wendend, hatte Ambros sein freundliches Heimattal unmittelbar unter sich, dahinter den Peitlerkofl und die sanft geschwungenen Berglinien des Eisacktals bis zu den aus leuchtendem Firnschnee aufragenden Zinnen der Marmolata. Daran schlossen sich dann gegen Lienz zu, das großartige Rundbild vollendend, die von Sonnenduft umdämmerten Dolomiten des Ampezzotals. Mitten in dieser Herrlichkeit blieben Ambros' Blicke lange auf einen kleinen Punkt gerichtet: auf das graue Schindeldach der Schneidemühle von St. Vigil. Gewaltsam wandte er sich endlich davon ab, wieder nach Norden. Wie schön war die Welt, diese grünen Täler mit den verstreuten Wohnstätten der Menschen in dem warmen Goldton der Nachmittagssonne, darüber die ernsten Wälder und, über diese weit emporragend, die stolzen Berge mit ihren funkelnden Kronen! Seine Brust dehnte sich. Das alte Kraftgefühl schwellte seine Muskeln; ein Ruck, und er war frei! »Frei!« rief er und machte eine Bewegung mit den Armen, als ob er wirklich Fesseln sprenge. Stolz richtete er sich auf, und sein Auge flammte. Frei, und hinaus in die weite Welt! Er stieg hinab. Unterhalb des Föhrenwaldes, in den der Fuß des Spitzhörndls auf der Mittagsseite tauchte, waren die Matten ganz rot von blühenden Alpenrosen, durch die er beim Anstieg achtlos hindurchgegangen war. Jetzt pflückte er einen Strauß von ihnen und schmückte seinen Spitzhut damit Weitergehend, summte er vor sich' hin: »Ein Gamsbart auf 'm Hut, Im Herzen frischen Mut, Das Büchserl in der Hand, Für Gott und Vaterland Gibt der Tiroler gleich Sein Blut und Leben hin, Drum bin ich stolz, Daß ich Tiroler bin.« Es war die erste Strophe eines Liedes, das sie oft im »Stern« gesungen hatten. Plötzlich brach er ab und rief: »Heiliges Kreuz, darauf hatt ich in den Tod vergessen!« Bei dem Begräbnis am Morgen war das Gamsmanndl zu ihm gekommen und hatte ihm zugeraunt, daß er sich am Abend im »Stern« einfinden, aber niemand etwas, davon sagen solle. Mit bedeutungsvollem Augenzwinkern war der Kleine wieder im Gedränge verschwunden, bevor ihn Ambros hatte fragen können, was er dort solle. Diese geheimnisvolle Bestellung kam ihm jetzt wieder in den Sinn, und über deren Zweck nachgrübelnd, stieg er auf einer stark abschüssigen Halde in das schmale Wiesental hinunter, das sich von dem Vigiltal gegen das Spitzhörndl hin tief in die Berge erstreckte. Auf dem Hinweg hatte er es oberhalb umgangen. Die kleinen Fenster eines Gehöfts links auf der Höhe glühten in der untergehenden Sonne wie Feuer. Über den Wiesengrund, durch den der Spitzhörndlbach floß, schwebte bereits ein weißlicher Nebel. Der Bach rauschte leise, und im Grase zirpten die Heuschrecken. St. Vigil lag in dem letzten verblassenden Dämmerschein des Tages, und die Kinderstimmen, die die Stille des Abends so frisch und melodisch zu unterbrechen pflegen, waren bereits verstummt, als Ambros über den Dorfanger nach der Brücke schritt. Der Vigilbach allein sang seine ewige Melodie, in die jeder hineinlegt, was ihn bewegt – der eine Heiteres, der andere Trauriges. Sie paßt zu allen Stimmungen. Das Gamsmanndl erwartete Ambros bereits. Er saß an einem Ecktisch allein und im Dunkeln. Ein einziges Licht brannte auf dem langen Haupttisch, an dem sich fünf Männer, unter ihnen der Sternenwirt, gegenübersaßen. »Jetzt, warum hast mich herbestellt?« Mit diesen Worten nahm Ambros neben dem Gamsmanndl Platz. »Red nit so laut!« flüsterte Sampogna, wobei er seine kurze Pfeife für einen Augenblick aus dem Munde tat »Es gibt einen Spaß.« »Zum Spaßen bin ich just nit aufgelegt«, entgegnete Arnbros. »Wirst schon aufgelegt sein!« meinte das Gamsmanndl zuversichtlich. Mutschleitner kam an den Tisch. Ambros bestellte sich eine Wurst, Brot und Wein, und während der Wirt seinen Auftrag ausführte, musterte er flüchtig die anderen Gäste. Es waren der Färber, der Bäcker, der Einhofbauer vom Jöchl und ein Fremder, den das Garnsmanndl als den Steinbauern aus Pleiken bezeichnete. Alle hatten eckige, knorrige Gesichter, und wenn das des Bäckers und des Färbers eine entwickeltere Intelligenz als die der beiden anderen zeigten, so lag in den Augen des Einhof- und des Steinbauern ein düsterer Trotz. Sie sprachen, seit Mutschleitner aufgestanden war, kein Wort miteinander, und wenn nicht dann und wann ein Rauchwölkchen aus ihren Pfeifen aufgestiegen wäre, hätte man sie für Wachsfiguren halten können, so unbeweglich saßen sie da. Als sich der Wirt wieder zu ihnen gesetzt hatte, bewegten alle die Köpfe zu ihm hin, und er sprach ganz leise mit ihnen. »Eine wunderliche Gesellschaft!« murmelte Ambros und machte sich über die Speisen her. »Was haben sie nur miteinander vor? Den Bäcker hab ich auch noch nimmer hier zu Gast gesehn. – Jetzt red, was gibt's?« »Einen Spaß«, wiederholte das Gamsmanndl trocken. »Iß derweiln nur ruhig fort und mach kein Aufhebens. Der Spaß gilt dem Bayer und Franzos.« Ambros richtete lebhaft den Kopf auf. »Wann du mich zum Narrn halten willst …«, begann er. Der kleine Gerber ließ ihn jedoch nicht ausreden. »Hör nur zu und sag nix!« flüsterte er. »Im Herrnstübl sitzen noch der Sergeant und der Steuereinnehmer beim Spiel; die brauchen uns just nit zu hörn. Iß ruhig weiter!« Er legte seine Pfeife auf den Tisch und fuhr, näher zu Ambros heranrückend, in leisem Ton fort: »Ja, der Spaß ist auf den Bayer gemünzt. Wir werden wohl unsern Span mit ihm ausmachen können. Ich hab einen Vogel davon pfeifen hörn. – Aber ich red kein Wort weiter, wann du nit still bleibst!« unterbrach er sich. »Was, bist ein Jager und kannst nit ruhig bleiben? Mußt der Gams in die Witterung kommen!« »Schon gut!« zwang sich Ambros zur Ruhe. »Was war das für ein Vogel, den du hast pfeifen hörn?« »Neulich in der Nacht, wo der Herr Pfarrer gestorben ist, da gab er Hals«, nahm das Gamsmanndl wieder das Wort. »Du warst schon heimgegangen. Es gab einen Mordslärm, von wegen daß die Totenglock nit geläutet werden sollt. Wär's nach mir gegangen, hätten wir das Pförtle unten im Turm aufgebrochen, wo die Glockensträng herunterhängen; aber der Mutschleitner hat mich davon abgehalten. ›Laß die Totenglock jetzt nur still sein‹, hat er zu mir gesagt, ›sie wird nachher um so heller klingen, wann Tirol aufersteht!‹ Und dann sind wir zusammen fortgegangen, hierher, und haben hier beisammengesessen, mutterseelenallein, bis tief in die Nacht hinein. Kurios war's; hab den Mutschleitner immer nur angeschaut, weil er den Schalk im Nacken hatt, und hab gemeint, der müßt jetzt gleich zum Vorschein kommen. Aber das war gefehlt.« »Aber von dem, was ihr geschwätzt habt, davon läßt du kein Wörtlein heraus«, brummte Arnbros mit vollem Munde. Das Gamsmanndl trank erst einen Schluck aus seinem Glas und strich sich den Zwickelbart, bevor er mit einem humorvollen Augenzwinkern fortfuhr: »Der Mutschleitner behält doch recht. Ich sollt dir noch nix sagen, hat er gemeint. Auf dich zählen könnten wir ja doch sowieso, und du wärst zu hitzig, dieweiln die Sach doch wohl noch eine Weil verziehn müßt. Ich hab aber gemeint, daß ich mit dir reden wollt, damit daß du deine Gedanken auf was zu richten hast. Denn schau«, fuhr er noch leiser als zuvor fort und legte seine magere Hand, an der die Sehnen hoch hervortraten, so daß sie einem Hahnenfuß glich, beschwichtigend auf Ambros' Arm. »Du kannst dich nit hineinfinden, daß dir der Klosterbauer den Stuhl vor die Tür gesetzt hat, und läßt alles gehn, wie's gehn mag. Also hab ich gemeint, daß du auf andre Gedanken gebracht werden mußt.« Ambros wollte aufbrausen, aber es lag etwas so Ungewohntes in dem sonst so festen Blick Sampognas, daß er beschämt den Kopf senkte. »Gut also«, fuhr Sampogna nach einer Sekunde fort und zog seine Hand mit einem leichten Druck zurück. »So unzufrieden wie wir hier sind die Leut allerorten in ganz Tirol mit der bayrischen Wirtschaft, und darum, hat mir der Mutschleitner vertraut, hat sich ein Bundschuh Bundschuh – Bauernschuh mit langen Binderiemen, Symbol und Name der weitverzweigten Bauernverschwörungen, die sich von 1493 an 20 Jahre hindurch im Oberrheingebiet, vor allem 1502 im Bistum Speyer, gegen die unerträglichen Steuern und gegen die Leibeigenschaft bildeten und Vorläufer des Großen Deutschen Bauernkrieges von 1525 waren, in dem sich auch die Tiroler Bauern unter Führung Michael Geismeiers erhoben. aufgetan wie dazumalen, als der arme Mann auch so hart ist gedrückt worden wie jetzt von den Edelleuten, Schreibern und Pfaffen. Ich hab davon erzähln hörn, als ich noch auf der Wanderschaft gewesen bin. So ein Bundschuh geht jetzt auch wieder durch die ganze Bauernschaft von Tirol und hat sein heimlich Wesen allerwärts. Der Mutschleitner weiß darum, und wann's Zeit ist, wird zur selbigen Stund im ganzen Land der rote Adler der rote Adler – Landeswappen Tirols. aufgeworfen. Dann mögen die Blauen und der Franzos zuschaun, wie sie mit heilen Knochen aus unsern Bergen herauskommen. Das wird ein Jagen werden! In der Johannisnacht gieß ich Freikugeln dazu. Jetzt, was sagst zu dem Spaß?« »Und das ist gewißlich wahr?« fragte Ambros in größter Spannung. »Freilich«, bestätigte das Gamsmanndl. »Die dort am andern Tisch reden auch davon.« »Herr Gott!« rief Ambros mit wogender Brust und blitzenden Augen. »Und wann – wann geht's los?« »Pst!« machte Sampogna. »Im Herrnstübl haben sie aufgehört zu spielen.« Das Gamsmanndl griff nach seiner Pfeife und setzte sie gemächlich in Brand, während Ambros in seiner Aufregung den Hut auf seinem Kopf hin und her schob. In dem Herrenstübl wurden Stühle gerückt, und Mutschleitner ging auf den Flur. Gleich darauf hörte man ihn den beiden Gästen eine gute Nacht wünschen. Dann trat er in das Herrenstübl, hieß Moideli, die die gebrauchten Gläser und Flaschen wegtrug, zu Bett gehen, löschte die über dem Tisch hängende Öllampe und kam wieder in die Schenkstube, die Verbindungstür offenlassend. »He, Wirt!« rief ihn Ambros an, der seine Aufregung nicht mehr zu beherrschen vermochte. »Jetzt zahl ich ein Flascherl, aber du mußt sie ankreiden, denn Geld hab ich keins mehr. Der Bayer soll hin sein! Darauf sollt ihr alle mit mir trinken!« An dem andern Tisch drehten sich die Köpfe nach ihm hin, und es ließ sich jenes kurze, halb unterdrückte Lachen vernehmen, wie es der Erregung eigen ist, in der leicht jedes Wort zündet. Mutschleitner hatte mit den Leuten in der Tat über denselben Gegenstand gesprochen wie das Gamsmanndl mit Ambros. »Eil mit Weil!« sagte der Wirt. »Es wird wohl noch viel Wasser in die Gader fließen, eh dein frommer Wunsch an den Bayern in Erfüllung geht. Ihr sollt nit verzagen, wann's auch just gar so wüst bei uns ausschaut; das ist meine Meinung gewesen, weshalb ich hier zu den Mannen gered't hab, und sie solln ihren Bekannten auch wieder Herz machen. Unser Herrgott verlaßt keinen ehrlichen Tiroler nit. Wir schlüpfen wohl alle lieber heut als morgen aus dem Schuh, der uns drückt. Aber wir müssen noch warten; denn wann dem Bayer die Prügelsupp mit Bohnen gut bekommen soll, dann muß sie auch ordentlich gar gekocht sein. Die Flaschen zahl ich gern selbst, und auch eine zweit. Setzt euch nur her zu den andern, du und das Gamsmanndl! Ich werd euch nachher sagen, worauf wir trinken wolln.« Ambros und Sampogna leisteten seiner Aufforderung Folge. Er selbst füllte erst aus dem Tönnchen, das auf dem Schragen in der Stube lag, zwei Flaschen mit rotem Wein, bevor auch er seinen früheren Platz wieder einnahm. »Jetzt wißt ihr, was im Werk ist«, ergriff er wieder das Wort. »Wollt ihr dabeisein?« »Wie kannst noch fragen?« rief Ambros hitzig. Die anderen zögerten wohl eine halbe Sekunde mit ihrer Antwort. Sie bedachten sich nicht, aber sie mußten das Ja tief herausholen aus ihrer Brust, und dann reichten sie alle Mutschleitner die Hand. »Ein Mann, ein Wort!« nickte Mutschleitner. »Ihr werdet zu keinem von der Sach reden, dem ihr nit traun könnt wie euch selbst, und steht mir bei, daß es in unserm Tal ruhig bleibt, bis ich euch sag, daß es Zeit ist. Sorgt derweiln in euern Häusern für einen Ort, wo man Pulver und Gewehre sicher verstecken kann, und schafft für eure eignen Stutzen so viel Pulver und Blei, als ihr könnt, ohne Verdacht zu erregen. Die Instrument müssen gut gestimmt sein, daß es nachher eine reine Musik gibt, wann das Konzert losgeht. Daß der Kaiser Franzl mit seinen Österreichern zur rechten Zeit einfalln wird, darauf könnt ihr euch verlassen.« Ein Murmeln und eine Bewegung ging um den Tisch. »Aber's muß einer dabeisein, der den Ton angibt und den Takt schlägt!« äußerte der Bäcker mit einem Räuspern. »Ja, einen Kopf muß die Geschicht haben«, murmelte auch der Färber, und der Jöchl- und der Steinbauer nickten dazu. Nur das Gamsmanndl rauchte seine Pfeife mit einer Miene, als kümmere ihn die ganze Verhandlung nicht »Freilich, einen Kopf und ein Herz muß unsre Sach haben«, stimmte Mutschleitner zu, der unterdessen sämtliche Gläser gefüllt hatte. »Ihr kennt den Wirt vom Sand im Passeier; was meint ihr zu dem Kopf?« Er schaute sich rings am Tische um. Die Augen der anderen bohrten sich förmlich in ihn hinein. Das Gamsmanndl blinzelte Ambros zu und sagte: »Der beste und tapferste Schütz im ganzen Land!« »Ja, der Sandwirt ist echt in der Farb!« bestätigte der Blaufärber. »Also, worauf wir trinken wolln«, erhob Mutschleitner sein Glas. »Der bärtige Andrä soll leben!« Ein unwiderstehlicher Zug riß alle von ihren Sitzen auf. Mit glänzenden Augen stießen sie die Gläser zusammen und leerten sie. »Unsere Sach ist gut und gerecht!« rief der Einhofbauer vom Jöchl. »Wär's nit so – der Hofer würd die Hand nit dran legen«, bemerkte Mutschleitner. »Wer von uns tät's, wann wir uns der Not noch anders zu erwehrn wüßten?« fragte der Steinbauer mit düsterem Blick und drückte seine Faust gegen die Tischplatte. »Ob wir den Oberförster und den Landrichter nit in unsern Bund ziehn sollten?« warf der Färber eine wichtige Frage auf. »Gut österreichisch sind sie!« »Laßt die Herrn außen, sag ich!« rief der Steinbauer mit gerunzelter Stirn. »Die Herrn und wir Bauern – das gibt ein ungleich Gespann. Sie sind zu klug für uns. Meint ihr, sie werden sich dem fügen, was so schlichte Leut, wie der Hofer ist, verordnen? Die Städtischen wissen ja immer alles besser wie wir, und nun gar die Schreiber und Advokaten!« »Der Steinbauer hat recht!« pflichtete diesem der Jöchlbauer nachdrücklich bei, »Ich sag nix gegen den Herrn Zengerl und den Herrn Planta – es sind rechtschaffne Leut –, aber was wir unter uns angefangen haben, das wolln wir auch unter uns zu End führn.« »Das ist auch meine Meinung«, sagte Mutschleitner bedächtig. »Wer unter den Städtischen, den Studierten und Edelleuten ein Herz für Tirol hat, der wird sich uns schon anschließen, wann wir unsre Büchsen von der Wand nehmen.« »Wann's nur erst losging!« rief Ambros in sprühender Ungeduld. »Auch der Tag wird kommen«, tröstete Mutschleitner und verteilte den Rest des Weins. »Für heut wolln wir auseinandergehn. Den letzten Tropfen Wein, den letzten Tropfen Blut für Tirol!« Sie tranken den Toast und schieden mit einem kräftigen Händedruck voneinander. Mutschleitner verschloß hinter ihnen die Haustür. Ambros fühlte die Erde nicht unter seinen Füßen. War denn das noch die Kirche von St. Vigil, dort die alten Berge und darüber im Funkeln und Flimmern, so weit sein Auge reichte, die alten Sterne? Das fragte er sich. Kein Gedanke daran, daß daheim zwei Augen in Kummer und Gram über ihn wachten und weinten! Auch Hannes wachte in dieser Nacht noch lange in der einsamen Studierstuhe seines Widdums, Widdum (Witthum) – Pfarrgut, kirchl. Amtsbereich die mannigfaltigen Eindrücke des Tages nachfühlend und überdenkend. Er stand an einem Wendepunkt seines Lebens. Das Vertrauen, das andere in ihn setzten, überwand sein Mißtrauen gegen sich selbst, beflügelte seine Fähigkeiten und seinen Mut Der Zuruf der Leute auf dem Kirchhof von St. Vigil, daß er der Pfarrer werden solle, wurde für ihn zur Stimme Gottes. Sollte er gegen ihren Ruf taub bleiben, weil ihm die Sanktion der weltlichen Macht fehlte? Taub bleiben hieße, sie an Glauben und Vaterland zugleich verzweifeln lassen; denn beides war für sie eins. 18. Kapitel Kein Schlaf hatte Stasi, wenn auch nur auf Augenblicke, die Herz und Hirn zerwühlende Qual vergessen lassen, und sobald es Tag geworden, hatte sie sich geräuschlos vom Bette erhoben und angekleidet. Ambros schlief fest, und ein angenehmer Traum hatte den verdrossenen Geist, der sonst auf seinen Brauen thronte, verscheucht. Wie er nur so ruhig schlafen kann! dachte die arme Stasi, indem sie ihn betrachtete. Und jetzt, während sie in der Küche das Frühmahl bereitete – was war das? Sie hörte Ambros in der Stube pfeifen und singen, so heiter wie in der Jugendzeit ihres Glücks. Dann fand sich David zum Frühstück ein, und sie hörte ihren Mann mit ihm scherzen und lachen. Er konnte trotz seines schuldigen Gewissens fröhlich sein! Hatte er denn sein gestriges wildes Gebaren gegen sie vergessen? Er hatte es vergessen und fühlte sich frei wie der Sperber in den Lüften. Krieg, Kampf und Schlachtgetümmel, wonach er sich wie nach einer Erlösung gesehnt hatte, standen ja nun in bestimmter Aussicht. Als Stasi mit dem dampfenden Mehlmus in die Stube kam, scherzte er auch mit ihr. Da er vergnügt war, verlangte er in seiner naiven Selbstsucht, daß auch sie es sein sollte. Es war ihr mit dem tiefen Weh im Herzen unmöglich, auf seinen Ton einzugehen, und er wurde verdrießlich, sprach kein Wort weiter, aß schnell sein Frühstück und ging fort. Die Bedauernswerte fühlte eine Eiseskälte näher und näher an ihr Herz dringen und betete, die heilige Mutter Gottes möge sie durch den Tod von ihrem Elend erlösen. Ambros ging zu dem Gamsmanndl nach Monthan. Er mußte jemand haben, mit dem er über das große Unternehmen, in das er gestern eingeweiht worden war, reden konnte. Als er über den Kirchplatz kam, sah er den Wagen Arigayas vor der Tür des Pfarrhauses stehen und dessen Knecht Möbel heraustragen. Vefa machte ihr Wort wahr und räumte die Pfarre. Sie zog aber nicht zu ihrem Bruder; denn sie wollte den regen Verkehr mit den Gevatterinnen von St. Vigil nicht entbehren; dazu lag ihr der Klosterhof zu entfernt und einsam. Sie hatte sich in dem oberen Teil des Ortes ein Stübchen bei dem Färber gemietet, dessen Haus das stattlichste war. Es zählte drei Stockwerke, und seine Außenwände waren mit bunten Bildern von Engeln und Heiligen bemalt, denen jedoch die Unbill des Wetters übel mitgespielt hatte. Der Abzug aber war für Vefa kein Triumph, wie sie erwartet hatte. Es sei gut – das war alles gewesen, was ihr der Vikar erwidert, als sie ihm nach dem Begräbnis Moltenbechers angekündigt hatte, daß sie die Pfarre verlassen werde. Gut sollte es sein, wenn sie ginge? Es war unerhört! So nichtachtend wurde eine Frau behandelt, die dem verstorbenen Pfarrer länger als dreißig Jahre gewirtschaftet und Wohl und Wehe mit ihm getragen hatte? Sie wäre an dieser Demütigung fast erstickt; sie war ihr so unbegreiflich, daß sie, selbst als das Fuhrwerk, das sie sich von dem Müller zum Umzug erbeten hatte, schon vor der Tür stand, noch hoffte, der Vikar würde sie zu bleiben bitten. Lacedelli aber hatte seinen Hut genommen und war am Bache aufwärts dem Bannwald zugegangen, um ihr nicht im Wege zu sein. In der Bruscia, dort, wo der Bach breit und klar plätscherte, fand der Vikar den Fischer beim Forellenfang. Er schaute ihm eine Weile zu und kaufte ihm zwei Stück von seiner Beute ab. In seinem Taschentuch trug er sie heim; sie sollten ihm zum Mittagbrot köstlich munden. Aber es stand in dem Buch seines Schicksals geschrieben, daß er sie nimmer verspeisen sollte. In der Pfarre sah es, als er zurückkam, öde und leer aus. Eine morsche Bettstelle ohne Kissen, ein Schreibpult, ein kleiner Schrank und das Gestell mit den Büchern, die der Verstorbene seinem Schüler Hannes vermacht hatte, waren alles, was Vefa als Inventar der Pfarre zurückgelassen hatte. Alle übrigen Möbel, die Betten, die Vorhänge an den Fenstern und die frommen Bilder an den Wänden waren verschwunden, und in der Küche war weder Topf noch Pfanne, weder Teller noch Glas, noch sonst irgendein Geschirr oder Gerät zurückgeblieben. Auch die Magd hatte den Staub des Pfarrhauses von ihren Füßen geschüttelt. Der Vikar mußte lachen. Seine Lage war allerdings übel genug. Er mußte sein Mittagsmahl im »Stern« einnehmen, wie es der Zufall gerade bot, und Frau Mutschleitner ließ sich nur nach langem Sträuben von ihrem Mann, der ihr aus Klugheitsrücksichten zuredete, dazu bewegen, für den Verlassenen zu kochen, bis er sich seine Wirtschaft eingerichtet haben würde. Die Frau Landrichter half ihm mit demselben Widerstreben mit Bettstücken aus und lieh einstweilen zwei Stühle und einen Tisch. Der junge Geistliche mußte selbst nach Bruneck reisen, um ein paar Töpfe und das unentbehrlichste Geschirr einzukaufen. Eine Magd zu finden mißlang ihm jedoch. Kein Mädchen wollte bei dem abtrünnigen Priester dienen. Schließlich ließ sich der asthmatische Merkur und Zerberus des Landgerichts dazu herbei, ihm morgens aufzuwarten, die Stube zu kehren, Wasser vom Brunnen zu holen und Holz zu spalten. Sein Frühstück und sein Abendessen mußte er sich selbst bereiten. Er war ein Geächteter. Zu der Öde und Unwirtlichkeit seines Hauses paßte der Zustand des Pfarrgartens. Die Gemüsebeete waren noch im Frühjahr bestellt und bis zum Auszug Vefas gepflegt worden; denn das hatte in das Küchendepartement gehört. Sie boten daher noch eine Zeitlang einen verhältnismäßig frischen Anblick. Um die Blumenbeete und Ziersträucher, die Herr Moltenbecher stets selbst sorgend behütet, hatte sich jedoch niemand gekümmert. Jetzt wucherte auf den Beeten das Unkraut, und die Stockrosen, für die der Verstorbene eine große Vorliebe gehabt hatte, waren wie der Sonnenglanz verkümmert und vertrocknet. Rauhhaarige Kürbisstengel krochen wie Wurmungeheuer über die ungesäuberten Kieswege; die Johannis- und Stachelbeerhecken sowie die Fliederlauben verwilderten, und die Obstbäume waren voller Raupennester. Angelo Lacedelli bemerkte das alles kaum. Er verstand nichts von der Gartenkunst und hatte keinen Sinn für sie. Nur selten sah man ihn einmal in dem Garten spazierengehen. Während er die Entscheidung abwartete, ob er zu bleiben oder sein Zelt anderswo aufzuschlagen habe, arbeitete er fleißig an seiner Wörtersammlung der ladinischen Dialekte, nicht ahnend, daß das erste Werk dieser Art erst siebzig Jahre später das Licht der Welt erblicken würde. Sein Mut blieb indessen stark; denn er war überzeugt, daß der Sieg seiner Sache, der größeren Beharrlichkeit, zufallen müsse. Was hätte seine Ausdauer auch ermüden sollen, da seine Lage nicht schlimmer werden konnte, als sie war? Die Passivität, zu der er sich gezwungen sah, wollte freilich seinem feurigen Temperament wenig zu sagen. Noch weniger behagte sie Ambros. Immer wieder kam er zu Mutschleitner und erkundigte sich, ob das Zeichen zum Aufstand noch nicht gegeben sei. Es war ihm langweilig, wenn der Sternenwirt, Sampogna, der Färber und der Bäcker bei ihren Zusammenkünften über die Vorbereitungen und Mittel zum Aufstand ratschlagten. Das Zeichen zur Erhebung solle endlich gegeben werden, das sei alles, was not tue. Tirol würde auch ohne den Beistand Österreichs mit seinen Bedrückern fertig werden. Er hatte für nichts mehr Sinn als für den Kampf, und nun kam ein Umstand hinzu, der seine Ungeduld aufs höchste steigerte. Gegen Abend des Tages nach dem Begräbnis des Pfarrers erhielt Afra einen merkwürdigen Besuch. David Fenchler, der seinen Fuß noch nie in die Mühle gesetzt hatte, erschien. Afra erwartete eine Botschaft von Ambros; David aber übergab ihr ein kleines Päckchen und sagte, Stasi schicke es. Als sie es öffnete, kam der Schmuck zum Vorschein, den sie einst Stasi geschenkt hatte. In dem Zustand, in den ihn Ambros versetzt hatte, erkannte sie ihn nicht gleich wieder und fragte verwundert, was sie damit solle. »Ja, ich weiß nit«, antwortete David, denn er wußte es in der Tat nicht. »Ich hab's Euch abgeben solln, und die Stasi hat gemeint, daß Ihr schon wissen würdet, weshalb.« Aus eigenem Antrieb fügte er hinzu: »Der Ambros hat das Kreuzlein so zugerichtet. – Und jetzt will ich denn wieder gehn.« Afra steckte den Schmuck, ohne eine weitere Frage zu stellen, in die Tasche. Sie begriff, daß Stasi ihr die Freundschaft kündigte. Warum Ambros aber das Kreuz zertreten hatte, blieb ihr ein Rätsel. Nun, er würde es ihr ja lösen – mußte er doch bald kommen. Stasis Eifersucht lockte ein mitleidiges Lächeln auf ihre Lippen. Aber Ambros kam nicht, nicht an diesem Abend noch im Laufe der nächsten Tage, und Afra verlor ihre Ruhe. Sollte Stasi zum zweiten Mal den Sieg über sie davongetragen und Ambros ihr auch jetzt wieder entrissen haben, jetzt, nachdem sie seine Küsse auf ihrem Munde gefühlt hatte? Wehe Stasi und ihm dann! Er hatte ihre Leidenschaft wachgerufen, und diese duldete keinen Damm, keinen Zügel mehr. Wie sie ihn liebte, so konnte sie ihn auch hassen. Eines Feierabends saß ihr Mann, wie immer nach dem Essen seine Pfeife schmauchend, auf einem der Rundhölzer, die vor der Mühle aufgestapelt waren; Es war ein warmer Tag gewesen, und die beginnende Kühle lockte auch Afra aus dem Hause. Wie sie noch neben ihrem Mann stand, näherte sich Ambros vom »Stern« her, und ein dunkler Feuerschein überflog ihr Gesicht. Mit fest zusammengepreßten Lippen erwartete sie ihn. Frisch und frei, wie damals, als er den Pfarrer befreit hatte, den Spitzhut keck auf das rechte Ohr gerückt, kam er heran. »Wißt Ihr schon?« rief er mit ungewöhnlich leuchtenden Augen und fügte, ohne die Gegenfrage abzuwarten, hinzu: »Die Spanier haben wieder zu den Waffen gegriffen.« »So, so, so!« sagte der Müller bedächtig. »Ja!« rief Ambros, der von seiner Neuigkeit so ganz erfüllt war, daß er Afras düster-trotzige Haltung nicht bemerkte. Er setzte sich zu dem Müller und streckte die Hand nach Afra aus, um sie an seine Seite zu ziehen. Sie aber schlug die Schürze über ihre Arme und blieb stehen. Es verhielt sich, wie er sagte. Ungeschreckt durch das furchtbare Blutgericht, das Murat über die Aufständischen von Aranjuez die Aufständischen von Aranjuez – Am 18. März 1808 kam es in der spanischen Stadt Aranjuez zu einer Volkserhebung gegen das korrupte und brutale Regime des sogenannten Friedensfürsten Manuel Godoy (1767-1851), des Günstlings und Geliebten der spanischen Königin Marie Luise von Parma. Godoy wurde gestürzt und König Karl IV. (1748-1819) von dem erbitterten Volk gezwungen, vorübergehend zugunsten seines Sohnes Ferdinand (s. Anm. 72) abzudanken. Der Aufstand wurde durch Murat (s. Anm. 64) blutig niedergeschlagen. gehalten, hatten sich die Spanier abermals gegen die französische Herrschaft erhoben. Mutschleitner, der eben aus Bruneck zurückgekommen war, hatte die Nachricht mitgebracht und manches von dem Heldenmut zu erzählen gewußt, mit dem sich die Spanier in Saragossa schlügen. Diese ausführlichen Nachrichten mochten wohl aus Wien in das Hinterstübchen des Kaffeesieders Nessing zu Bozen gelangt sein und begannen sich nun von dort aus durch das weiter und weiter verzweigte Geäder der Verschwörung über ganz Tirol zu verbreiten. Die Zeitungen erwähnten den Aufstand nur als eine ganz unbedeutende Ruhestörung. Die Aufregung, in die er durch Mutschleitners Mitteilung versetzt worden war, hatte Ambros nach der Mühle getrieben. Er mußte sich Luft machen, und mit blitzenden Augen erzählte er, wie selbst Frauen sich an dem Kampf beteiligten und an Todesverachtung mit den Männern wetteiferten. »Und solln wir Tiroler uns von den Spaniern beschämen lassen?« rief er. »Jetzt ist auch für uns die Zeit da, nach dem Stutzen zu greifen!« Und fortgerissen von seiner Begeisterung, vertraute er seinen Zuhörern, daß man auch in Tirol nur auf das Zeichen zur Erhebung warte und daß ein geheimer Bund existiere, an dessen Spitze Andreas Hofer stehe. Afra hatte sich längst still an seine Seite gesetzt, und er hatte im Eifer seines Berichts die Hand auf ihre runde Schulter gelegt. Sie ließ es geschehen und duldete den Druck, der zuweilen recht unsanft war. Er hielt sie ja fest als die Seine! Der Alte hatte seine Abendpfeife erlöschen lassen. Die Ellenbogen auf die Knie und das Gesicht in die Hände gestützt, hörte er Ambros zu. »Das ist ein gefährlich Stück, was ihr da vorhabt«, sagte er nach einer Weile, als Ambros seine Mitteilungen beendet hatte, und richtete sich auf. »Ob es glückt, steht bei Gott. Aber ich will dabeisein, mit meinem Rat wenigstens, denn mitzutun, bin ich wohl schon was zu alt.« »Es muß glücken!« rief Ambros energisch. »Ja, ja, es ist weit mit uns gekommen«, fuhr der Müller fort. »Alles kann einer ertragen, aber wann uns die Bayern zwingen, in die Wälder und Einöden zu gehn, um uns an dem wahren Glauben zu erquicken, das ist zuviel.« Ambros blickte ihn fragend an, und er fuhr fort: »Der Löffel-Franz ist gestern bei mir gewesen. Er kam mit seinem Kram aus dem Gadertal zurück übers Jöchl. Hat er dir nit auch Botschaft gebracht von deinem Bruder, dem Herrn Kuraten?« »Ach so, von wegen morgen nachmittag«, versetzte Ambros kühl. »Bei mir gewesen ist er nit, aber der Mutschleitner hat mir davon gesagt. Wann wir erst dem Bayer und Franzos predigen, wird's von allen Bergen widerhalln.« Er stand lachend auf. Schon erfüllten die Abendschatten das Tal. »Gehst du morgen nit hinauf?« fragte Afra, mit einem tiefen Blick zu ihm emporschauend. »Vielleicht«, meinte er; doch sein Blick sagte ja. Dann ging er. Der Müller und seine Frau blieben noch eine Weile draußen sitzen, beide mit ihren Gedanken über das, was sie von Ambros vernommen hatten, beschäftigt. Es waren seltsame Gedanken, die Afra bewegten und ihr das Blut schneller durch die Adern trieben, so daß sie die Kühle nicht fühlte, die ihren Mann zuerst ins Haus zurückzugehen veranlaßte … Im Westen, oberhalb Monthan, lag unter den Tannen des mächtigen Bergrückens, über den die Einsattelung des Jöchls zum oberen Gadertal führt, eine kleine Waldblöße. Kein Weg noch Steg leitete zu ihr; eine schmale, steinige Straße, die ein Waldgehöft mit Monthan verband, zog tief unter ihr durch den Tann. Nach dieser versteckt gelegenen Wiese hatte Hannes die Gemeinde von St. Vigil heimlich durch den Löffel-Franz entbieten lassen, und um die festgesetzte Stunde war der Platz voll Menschen, Männer und Frauen, die, um keinen Verdacht zu erregen, einzeln oder in kleinen Gruppen von verschiedenen Seiten durch den Wald heraufgestiegen waren. Sie alle trugen ihre Werktagskleider, unterhielten sich aber nur flüsternd, als ob sie in einer Kirche wären. Afra hatte sich allein eingefunden; ihrem Mann war das Steigen bei seinem Alter zu beschwerlich. Auch Lisei kam. Sie hatte sich jedoch, durch ihre häuslichen Geschäfte gehalten, etwas verspätet, und als sie auf die kleine Blöße hinaustrat, hatte der Gottesdienst schon au gefangen. Barhäuptig lauschten die Männer der Stimme des Kuraten, der sich an dem südlichen, etwas höher gelegenen Rand der Wiese mit einem Büchlein in der Hand aufgestellt hatte. Neben ihm im Grase lagen seine Pflanzentrommel, sein Hut und sein Stock. Er stand in dem schmalen Schatten, den die Tannen auf diese Seite warfen, während der übrige Teil der Wiese im vollen Sonnenlicht lag. Lisei mischte sich still unter die Frauen und Mädchen, wobei sie ihre nächsten Nachbarinnen mit einem vertraulichen Kopfnicken grüßte und die Versammlung flüchtig überschaute. Da war auch Ambros. Er lehnte seitlich mit untergeschlagenen Armen an dem Stamm einer Tanne und hatte Hannes fast den Rücken zugekehrt. Worauf er nur so unverwandt seine Blicke gerichtet hielt? Ob er Stasi mitgebracht hatte? Lisei bemerkte sie nicht, wohl aber entdeckte sie Afra. Galten ihr die Blicke des Bruders? Doch in Liseis Ohr tönten die Worte: »Pilatus aber sprach zu ihnen: Was hat er Übles getan? Aber sie schrien noch viel mehr: Kreuzige ihn.« Es war die Geschichte der Leiden und der Auferstehung Christi nach dem Evangelium des Markus, die Hannes aus dem Büchlein verlas, und Lisei richtete ihre ganze Aufmerksamkeit auf ihn. Seine Stimme klang wie das Murmeln eines Baches über die Wiese; Finkenschlag tönte aus dem Wald, und sanft rauschten die Tannenwipfel. Harzgeruch erfüllte die Luft. Dann steckte Hannes sein Buch in die Tasche, räusperte sich und begann die Predigt. Seine dumpfe Stimme gewann Helle und Kraft. Er verglich die Leiden und die Auferstehung Christi mit der Lage der Kirche und erzählte, wie der Kaiser der Neufranken seine Hand frevelhaft nach dem Besitztum des Heiligen Vaters ausstrecke, wie er ihm die Legationen von Ancona, Urbino und andere bereits entrissen habe und sich anschicke, Rom zu besetzen. Dann ging er zu den Verfolgungen des Glaubens in Tirol über und schilderte mit starken Worten die Willkür und Härte der Fremdherrschaft. Jedoch sollten seine Zuhörer darum nicht verzagen; denn wie Jesus, bevor er zum Himmel gefahren, es denen verheißen, die da glaubten, so würden die bayrisch-französischen Teufel ausgetrieben, und so würde die Schlange des Unglaubens und der Gewalt vertilgt werden. Wie die Religion Christi nicht am Kreuz erloschen, sondern aus Grabesnacht zur Weltleuchte erstrahlt sei, so würde der wahre Glauben über die falschen Priester und Gewaltknechte triumphieren und Tirol aus seiner Entwürdigung und Schmach zu neuer Herrlichkeit auf erstehen. In diesem Augenblick stieß das Gamsmanndl Ambros mit dem Ellbogen an und deutete nach oben. Hoch über der Waldblöße schwebte ein Adler mit ausgebreiteten Flügeln. »Das ist der Gamsmörder«, flüsterte Sampogna, den die Jagdleidenschaft alles um ihn vergessen ließ. Aber auch Hannes, der die Augen begeistert in die Höhe gerichtet hatte, gewahrte den mächtigen Vogel, und er rief, zum Himmel weisend: »Seht das Zeichen!« Alle schauten hinauf, und nach dem Schweigen einer Sekunde erscholl es: »Ein Zeichen! Der Adler Tirols!« »Ja«, rief Hannes mit glänzenden Augen, »wie der Herr mit seinen Jüngern wirkte und das Wort durch Zeichen bekräftigte, also gibt er auch uns, die wir in seinem Geist hier versammelt sind, ein Zeichen, daß der Adler Tirols eines Tags wieder auf freien Schwingen über unsern Bergen schweben wird. Er ist das Zeichen, daß Gott in uns Schwachen mächtig sein wird; denn er leidet kein Unrecht. Drum wird er auch mit uns Barmherzigkeit haben, daß wir uns unsrer Knechtschaft entledigen.« Zündend trafen seine Worte die Herzen. Die meisten Frauen weinten vor Begeisterung. Lisei war in tiefster Seele erschüttert und lauschte noch andächtig, als er schon den Segen gesprochen hatte. Die Bewegung, die nun um sie her entstand, und das laute Sprechen in ihrer Nähe brachten sie in die Gegenwart zurück. Von den Männern traten viele zu Hannes heran, während Ambros und Afra im Westen zwischen den hohen Tannen, die die Lichtung umsäumten, verschwanden. Schweigend gingen sie eine Weile nebeneinander her. Afra hatte sinnend den Kopf geneigt und die Hände leicht ineinandergefaltet. »Ich hätt nimmer geglaubt, daß es mein Bruder so gut kann«, äußerte Ambros schließlich. »Wir haben ihn immer das Kräuterweibl genannt, weil er für nix keinen Sinn gehabt hat als für die Pflanzen, und jetzt red't er auf einmal von Tirol und der Freiheit wie die Apostel am Pfingsttag!« »Ja, so hat er gered't«, pflichtete ihm Afra bei und tat die Hände auseinander. Tief aufatmend, fuhr sie fort: »Gestern hast erzählt, daß es allerwärts in Tirol in den Herzen brennt; so brennt's auch in seinem – und in mir brennt's auch.« »Das ist die Lieb in dir«, scherzte er. Sie schüttelte leise den Kopf. »Seit du gestern abend fortgegangen bist, ist ein Brausen in mir gewesen wie Feuer im Ofen«, sagte sie. »Jetzt weiß ich, was es bedeutet. Dein Bruder hat's mir ausgelegt. Wann das Zeichen gegeben wird, zieh ich mit dir aus und streit an deiner Seit.« Er sah sie überrascht an. »Du?« rief er und lachte. »Ja!« versetzte sie fest. »Du wirst mir's weisen, wie eine Büchs geladen wird.« Er lachte noch immer; dann sagte er; sich den Schnurrbart streichend: »Der sauberste Schütz wärst du schon. Aber Büchsen- und Kanonenkugeln sind keine Zuckererbsen, und die Musik, die sie aufspieln, ist kein Schleifer.« »Spott nit!« entgegnete sie mit einer Falte zwischen den Brauen. »Mir ist der Tanz recht, den sie aufspieln. Glaubst denn, daß ich weniger Mut hab als die spanischen Madln? Kommt nachher eine Kugel geflogen und trifft mich an deiner Seit – das ist ein seliger Tod.« »Ans Sterben denkst?« fragte er bestürzt. »Was wär's Großes?« gab sie ihm ruhig zurück. »Ist denn das ein Leben, das ich bis jetzt geführt hab? So fortgehn kann's nit mehr, jetzt nimmer. Du kannst's auch nit weiter so aushalten. Ich versteh das aus mir, und ich mein, wann der Glockenstreich angeht in unsern Tälern, dann bricht der Ostertag an für uns beid.« Sie schlang ihre Arme um seinen Hals und blickte ihm tief in die Augen. Er drückte sie fest gegen seine Brust, und ihre Lippen wollten sich nicht wieder voneinander trennen. Unter ihren verzehrenden Küssen ging ihr bisheriges Leben in Brand auf. Endlich gingen sie weiter, immer der sich neigenden Sonne entgegen. Ambros hielt den rechten Arm um Afras Schulter geschlungen, und sie schmiegte sich an ihn, doch nicht demütig. Unversehens zeigte sich unter ihnen das einsame Waldgehöft, und sie blieben stehen. Blaue Rauchwölkchen stiegen aus dem Schlot, und ein Mann spaltete vor dem Blockhaus Holz. Eine Frau trat mit einem Kind auf dem Arm aus der Tür. »Mir ist recht geschehn, daß ich als leichtherzige Gitsche gemeint hab, mit der Lieb ist's nix«, sagte Afra mit einem unterdrückten Seufzer. »Du bist mein guter Kamerad!« rief er. »Laß fahrn dahin!« Nach einer Weile fuhr er, halb zu sich selbst redend, fort: »Es ist wunderlich. Eigentlich hat mir nimmer keine jeso gut gefalln wie du, und dennoch – ja, du wärst die rechte Frau gewesen, die zu mir paßt.« »Komm fort!« bat sie und wandte sich nach rechts, in das Gehölz zurück, um dem Bilde des ehelichen Glücks zu entfliehen, das das Waldgehöft bot. Dann sagte sie: »Es war zu spät für uns beid, als wir uns kennenlernten. Nimm's, wie's ist« Er drückte sie heftig an sich, und sie fuhr fort: »Was gewesen ist, ist gewesen, und was morgen sein wird, das wissen wir nit. Es hat ja jetzt nix einen Bestand in der Welt; der Krieg wirft alles durcheinander. Fest ist nur unsre Lieb. Ich bin dein, und du bist mein.« »Ja, du bist mein«, murmelte er und zog sie mit sich nieder ins Moos und küßte sie. »Herr, mein Gott, wie hab ich dich so lieb!« rief sie mit Tränen der Leidenschaft in den Augen. »Ich hab's nimmer wahrhaben wolln und hab mit meinem Herzen gerungen, und du hast nix davon merken und wissen solln.« Sie preßte seinen Kopf mit aller Gewalt gegen ihren Busen. »Oh, lieb mich doch auch!« bebten ihre Lippen. »Lieb mich! Lieb mich!« Plötzlich entstand in den schwärzlichen, von Sonnengold durchsprengten Wipfeln, die sich wie ein Dach, von schlanken rötlichen Säulen getragen, über ihnen ausbreiteten, ein häßliches, vielstimmiges Kreischen. Es kam von zankenden Elstern. Ambros sprang ärgerlich auf. Da wirbelte der Schwarm in die Luft; aber das Gekreisch dauerte fort, und daß es das diebische Volk nicht bei dem Schimpfen bewenden ließ, zeigten die herunterstiebenden Federn. Ambros hob einige davon auf und steckte sie in sein Hutband. Sie seien zum Einölen des Flintenschlosses gut, bemerkte er zu Afra, die unterdessen ebenfalls aufgestanden war; und lachend setzte er hinzu: »Gelt, die verstehn das Keifen so gut wie alte Weiber.« Afra erwiderte nichts. Sie faltete ihre Hände über seinem Arm zusammen, und so stiegen beide in Richtung auf Monthan hinunter. »Das war auch ein Zeichen«, äußerte Afra nach einiger Zeit. »Wovon denn?« fragte er. »Daß Neid und Eifersucht allerwärts in der Welt keinem ein Glück gönnen mögen«, versetzte sie. »Schau, das hast gut ausgelegt!« rief er. »Aber's gibt schon noch Mittel gegen den Neid und dergleichen: da!« Er zeigte ihr seine geballte Faust. Der Pfad, der von Monthan zur Schneidemühle führte, war anfangs von den Bergabhängen und dem Bach so eingeengt, daß zwei Personen nebeneinander nicht Raum hatten. Afra ließ Ambros vorausgehen. Nach einigen Schritten zog sie etwas aus der Tasche. Blitzend fuhr es durch die Luft und versank in dem strudelnden und schäumenden Wasser. Es war das Kreuz mit dem Kettchen, das ihr Stasi zurückgeschickt hatte. Ambros wollte sich vor der Mühle von Afra verabschieden. Sie aber bat ihn, noch mit hereinzukommen. Es sei gar so öde mit dem Müller allein, flüsterte sie, und er folgte ihr zu seinem Unglück. Vater und Sohn waren in der Wohnstube. Jerg wartete bereits auf das Abendessen und hatte sich inzwischen auf der Ofenbank ausgestreckt. Ambros zuckte es in den Brauen, als er ihn erblickte. »Endlich!« rief Jerg, während er sich langsam aufrichtete. »Die Frau Mutter ist wohl satt vom Wort Gottes, daß sie uns so lang hungern läßt? – Na, grüß Gott, Brosi.« Afra ließ seine Äußerung unbeachtet, und Ambros warf, dem Alten die Hand schüttelnd, die Bemerkung hin, daß Jerg ja auch hätte satt werden können, wenn er hinaufgekommen wäre. Das hätte ihm noch gefehlt, meinte Jerg und gähnte. Er wüßte seine Zeit besser anzuwenden. »Ja, du verstehst's, deine Zeit wahrzunehmen!« rief Ambros mit einem verächtlichen Blick. Der Müller lenkte ab, indem er Ambros aufforderte, zu berichten, wie es auf der Waldblöße zugegangen sei. Ambros erzählte. Afra rüstete unterdessen, zwischen Stube und Küche hin und her gehend, den Tisch zum Abendessen, stellte die Schüsseln auf und legte Löffel und Messer dazu. Zuweilen fügte sie Ambros' Mitteilungen eine Bemerkung oder eine Ergänzung bei. Ambros wurde es warm, wie er die Worte seines Bruders wiederholte. Jerg lachte dann und wann spöttisch dazwischen. Es machte sich darin sein Groll gegen Hannes Luft, und als der Adler erwähnt wurde, schlug er sich mit der flachen Hand auf den Schenkel und rief: »Schau, ich hab den Hannes immer für einen Dummkopf gehalten; aber er versteht seine Sach wie jeder Schwarzrock. Es ist lustig, wie einfältig die Leut sind; da hätt ich doch beisein mögen, um die Gesichter zu sehn! Gelt, Ambros, das muß dir auch Spaß gemacht haben; du glaubst ja nit einmal an den Teixel!« »Seitdem ich dich recht kenn, fang ich an, an ihn zu glauben«, sagte Ambros gedehnt, und ein Blitz schoß aus seinen Augen auf Jerg. »Es zwingt dich keiner zuzuhörn, wann's dir leidig ist«, rief diesem der Vater zu und bat Ambros fortzufahren. »Wir reden wohl noch ein andermal davon«, lehnte Ambros ab und drehte an seinem Schnurrbart. Jerg zuckte mit den Schultern, und da Ambros stumm blieb, sagte er: »Jetzt, was soll das Predigen von deinem Bruder? Wann der Vikar davon hört – und wie sollt er nit –, wird er's anzeigen, und der Hannes und ihr alle kommt in Teixels Küch. Ich bin froh, daß ich nit dabeigewesen bin.« »Glaub's!« warf sein Vater bitter ein. Jerg aber fuhr, unbekümmert darum, fort: »Ich könnt's euch beweisen, anders als mit Worten, daß ich den Bayern nit grün bin. Bei Gott, das könnt ich! Aber so dumm bin ich nit, daß ich Hab und Gut und Leben aufs Spiel setz, bloß weil's mich kitzelt, große Wort vor den Leuten zu machen. Ihr schreit: ›Freiheit! Vaterland!‹, und sie antworten drauf mit Kanonen, Säbeln und Flinten. Es ist ja alles Unsinn, und für das Vergnügen, an Österreich zu schossen statt an Bayern, verbrenn ich mir nit die Finger.« »Nein, du holst dir lieber mit andrer Leut Finger die Kastanien aus dem Feuer!« bemerkte Afra, die inzwischen wieder in die Stube gekommen war. »Ich hab's bisher nit gewußt, daß die Müllerin gar so gewissenhaft wär, wann's sie nach einem Leckerbissen verlangt«, versetzte Jerg mit einem stechenden Blick auf sie. Ambros stand jäh von seinem Stuhl auf. »Und mancher schnappt schon nach einem fetten Bissen – da fahrt ihm eine Faust über die Fuchsschnauz.« Er brachte die Worte nur mühsam heraus. »Und das da, an deinem Hut, das sind wohl Federn von dem Adler, der über die Lichtung geflogen ist?« rächte sich Jerg. »Ihr habt sie wohl mitsammen im Wald aufgelesen, du und die Müllerin?« »Himmlischer Herrgott, was bist du für ein hundsgemeiner Bub!« stöhnte der Alte. »Jedem das Seine«, meinte Jerg trocken. »Ja, jedem das Seine!« rief Ambros mit flammendem Gesicht und riß die Federn aus seinem Hutband. »Ich hab sie für dich aufgehoben, der du grad so schwatzhaft bist wie eine Elster und ebenso diebisch!« Er schleuderte ihm die Federn ins Gesicht »Staffierst dich ja gern mit fremden Federn aus, daß dich die Leut für einen rechten Hahn halten solln, und bist doch ein feiger Lump. Wehrlose Weiber zu lästern, dazu reicht dein Mut!« »Jetzt, das geht übern Spaß!« zischte Jerg, dem alles Blut aus dem Gesicht gewichen war, und blickte wie suchend um sich. Er stand auf, und während sein Vater und Afra Ambros zu beruhigen versuchten, erfaßte er mit raschem Griff vom Eßtisch das nächste Messer und rief, die Hand mit der Waffe hinter sich bergend: »Noch bin ich nit verlumpt wie du; noch hab ich nit im Gefängnis gesessen wie du, noch hab ich keinem andern seine Frau verführt wie du und der eignen nit die Treu gebrochen!« Aus Ambros Kehle rang sich ein dumpfer Laut; er schüttelte den Müller und dessen Frau von sich ab und stürzte mit geballter Faust auf Jerg zu. Vor seinen Augen blitzte das Messer, und er prallte zurück. »In deine Fratz soll sich keine mehr vergaffen!« schrie Jerg mit tückischem Augenfunkeln. Schon aber hatte Ambros mit beiden Händen den schweren Holzstuhl, auf dem er vorher gesessen, ergriffen, und ein furchtbarer Schlag schmetterte Jerg nieder. Afra wollte ihm in den Arm fallen, doch es war zu spät. Sie taumelte entsetzt zurück, und ihr Mann ächzte. Blutend lag Jerg am Boden und regte kein Glied mehr. Ambros starrte mit weitgeöffneten Augen auf ihn, während seine Hand noch krampfhaft die Lehne des Stuhls umfaßt hielt. »Barmherziger Gott, du hast ihn totgeschlagen!« rief Afra und rang die Hände. »Flieh! Flieh!« Da durchbebte es Ambros, und er ließ den Stuhl fahren. »Ach, du unglückseliger Mensch!« wehklagte Afra und warf sich, alles vergessend, neben Jerg auf den Boden. Ambros entfloh. Der Alte war blasser als der Tote; seine Augen rollten zwischen diesem und Afra hin und her. Dann ging er in den Werkraum und befahl dem Knecht, das leichte Wägelchen anzuspannen und den Doktor aus Bruneck zu holen. Seine Stimme war kaum verständlich. Als er zurückkam, kniete Afra noch neben Jerg und bemühte sich, das Blut zu stillen. Sie kehrte ihrem Manne ein geisterbleiches Gesicht zu und flüsterte: »Er ist tot!« Er bewegte die Lippen, brachte aber kein Wort hervor. Sie trugen den Entseelten in seine Kammer und legten ihn auf das Bett. Kalter Schweiß bedeckte die Stirn des Alten, und er zitterte, als ob er selbst der Mörder wäre. Ambros eilte am Bache aufwärts, über die Brücke, schneller und immer schneller, als ob er gejagt würde. Ruthler sah ihn vom Fenster aus am Schulhaus vorüberstürmen und sagte zu seiner Frau: »Der Falkner läuft, als ob's daheim brennt. Kannst dich parat halten, Alte.« »Es eilt noch lang nit«, versetzte diese. »Komm jetzt und iß. Bist wieder so lang auf dem Klosterhof gewesen.« Ja, es brannte, aber nicht daheim, sondern in Ambros' Herzen, und auch vor seinen Augen brannte es blutrot. Dies war keine Täuschung: Die Dolomiten standen in flammender Abendglut. Ihn aber dünkte es, als ob sie mit Blut übergossen wären, mit dem Blut, das unter Jergs Haar hervorquoll, und er sah nichts anderes. Wenn ihm die Kinder, die auf dem Kirchanger spielten, und die Ziegen, die eben von der Weide kamen, nicht rasch ausgewichen wären – er hätte sie umgerannt; und die Kinder starrten ihm, vor Schreck gelähmt, nach, so unheimlich war er ihnen erschienen. Keuchend, in Schweiß gebadet, mit starren, unheimlich gleißenden Augen stürzte er zu Hause in die Stube, nach der Wand, an der sein Schießzeug hing. Er sah weder Stasi noch David. »Jesus! Ambros, was hast?« rief das unglückliche Weib, zitternd vor Schreck, und schwankte zu ihm. »Ich muß fort!« keuchte er, indem er sich die Kugeltasche umhängte und die Büchse vom Nagel riß. »Fort?« bebte sie und ergriff ihn mit beiden Händen am Arm. »Fort? Wohin? Barmherziger Gott, was ist dir geschehn? Was hast du vor? Ambros!« Er richtete die glitzernden Augen auf sie und starrte sie eine Sekunde lang an. »Du?« rief er und fügte, mit einem Ruck emporschnellend, dumpf hinzu: »Den Jerg hab ich erschlagen!« Er eilte hinaus, verfolgt von einem markerschütternden Schrei. Wie die Hölle glühte vor ihm das Rauhtal; die steinernen Flammen ringsum aus der Bruscia leckten gen Himmel. Ambros sprang in die Schlucht am Piz-Peres hinunter und über die Mur, die einst St. Vigil vernichtet hatte, in den Bannwald. So hatte nun die niedergehende Mur seiner Leidenschaft sein Lebensglück zerstört! Aber er dachte weder daran noch an etwas anderes. Nur ein Bild stand ihm immer vor Augen, und immer wieder sah er Jerg unter seinem Schlage blutend zusammenbrechen. Geröll knirschte unter seinen Sohlen; ein Nebenarm des Vigilbachs hatte einen breiten Streifen des Waldbodens damit bedeckt, und ein Wassergeäder durchzog es. Ambros durchschritt achtlos die plätschernden Rinnsale, die er nicht überspringen konnte, und er suchte weder die Schrittsteine noch die Brücke, die ihn, weiter rechts, trockenen Fußes hinübergebracht hätte. Der Wald, den ein starker Harzgeruch erfüllte, nahm ihn wieder auf. Unter den Birken, Tannen und Rüstern begann es zu dunkeln. Der Brand der Berge erlosch; wie fahle Totengesichter schauten sie auf den Flüchtling, der plötzlich die Büchse von der Schulter riß. Wer war der wüste Gesell, der dort neben ihm herhuschte und jetzt ebenfalls die Flinte herunterriß? Es war sein eigenes Bild, das sich bei dem letzten blassen Tagesschein in dem kleinen See unter den Klippen der Eisengabel abspiegelte. Mit einer Anwandlung von Scham über seine Schreckhaftigkeit ging er weiter. War es mit dem Ambros Falkner so weit gekommen, daß er sich fürchtete? Es wurde finster, und Ambros mußte langsamer und vorsichtiger ausschreiten, um nicht über die Steine und Wurzeln auf dem ausgefahrenen Wege zu fallen. Ein Stern blinkte durch das Geäst über ihm und verschwand wieder. Ein leises Flüstern in den Blättern war alles, was er vernahm. Die Aufmerksamkeit, die er auf den Weg wenden mußte, drängte das blutige Bild des Erschlagenen zurück. Da waren die Sennhütten von Tamers unter der Sellawand, und die riesigen Wettertannen mit ihren Moosbärten standen im Sternenlicht. Hütten und Hürden standen leer, denn die Sennen waren mit den Rindern längst zu Berg gefahren. Ambros ging an den Brunnen neben den Blockhütten; ein brennender Durst plagte ihn, und er trank gierig das eisige Wasser, das über eine Borkenrinne in einen darunter stehenden Trog floß. Mit einem Seufzer der Befriedigung richtete er sich endlich auf, lüftete den Hut und strich sich mit den Fingern durch das Haar, das ihm an Stirn und Schläfen klebte. Er sah zum Himmel auf, ließ aber die Blicke schnell wieder sinken; dann setzte er den Hut auf und zog ihn tief über die Augen. Die Sterne blinkten ihn wie drohend an und erstickten den Vorsatz, in den Hütten zu rasten. Und wieder verschlang ihn die Wildnis. Erst jetzt fragte er sich, wohin er fliehen solle. Er fand jedoch keine bestimmte Antwort. Gleichviel wohin, nur fort aus dem Vigiltal! Er dachte nicht daran, daß der Übergang über den Col de Rü in der Dunkelheit unmöglich war. Der Aufstieg aus dem Rauhtal nach den Sennhütten von Fodara vedla, den er auf seinen Jagdgängen oft gemacht hatte, mochte ihm wohl glücken; aber den Abstieg in das Boitetal hatte er nie versucht. Der Paß wurde überhaupt höchst selten einmal betreten. Nach einiger Zeit erschien es ihm zweifelhaft, ob er auch nur den Aufstieg finden würde. Der hintere Teil des Bannwaldes, Pöderü oder Pöderua genannt, war wohl noch nie von der Axt berührt worden, und dicht wie ein Mauergeflecht stand unter den alten Bäumen das Unterholz. Der schmale Fahrweg hörte bei den Sennhütten von Tamers auf, und die Andeutung eines Steges, die weiter durch das Dickicht zum Fuß des Passes führte, hatte Ambros verloren. Mußte man doch selbst am hellichten Tage gut aufpassen, um nicht von ihm abzuirren. Ambros wußte nicht, wo er sich befand, und schon dachte er daran, sein Lager in dem Gebüsch aufzuschlagen, als es ihn durchblitzte: Wie ein wildes Tier, das sich im Dickicht vor dem Jäger zu verstecken sucht! Aus dem Jäger war ein Wild geworden, und vielleicht jagte man schon seiner Spur nach! Das trieb ihn weiter. Nach einer Weile, in der er sich bald nach rechts, bald nach links hatte wenden müssen, um das Unterholz zu durchbrechen, sah er es weißlich durch die Bäume schimmern. Plötzlich hörten die Bäume auf, und er befand sich auf dem Boden eines weißen Kessels, dessen Wände sich fast senkrecht bis an die Sterne zu erheben schienen. Niedergegangene Muren und abgebröckelte Kalksteine bedeckten den ganzen Boden. Ambros atmete auf. Dort, etwas zur Linken, wo es schien, als sei aus dem Rande des Kessels ein Stück herausgebrochen, führte der Paß in das Boitetal. Wie er die Blicke dorthin richtete, war es ihm, als habe der Himmel darüber einen blassen Schein. Sollte es nur eine Täuschung sein, hervorgerufen durch die Kalkberge ringsum, oder begann bereits der Morgen zu dämmern? Letzteres dünkte Ambros unmöglich; denn mehr als drei Stunden konnten nicht verflossen sein, seit er von Hause geflohen war. Rasch schritt er über das Geröll. Senkrecht erhob sich vor ihm die Felswand; doch seitlich zeigte sich eine Schurre, Schurre – (Holz-)Gleitbahn, Rutsche etwa drei bis vier Fuß breit. Das war der Aufstieg zum Col de Rü. Seine Neigung betrug etwa drei Viertel eines rechten Winkels. Ambros hängte sich die Büchse quer über den Rücken und begann die Bergfahrt. Nicht einmal blieb er stehen, nicht einmal schaute er zurück; er dachte weder zurück noch voraus, es war alles dumpf in ihm. Weiter oben wurde der Pfad allmählich weniger steil; Gesträuch und Alpenrosen begannen den Boden zu bedecken, und ein eiskalter Luftstrom wehte dem Flüchtling von Osten her entgegen. Rechter Hand erhoben sich graue Felsen, zur Linken lag der tiefschwarze Schatten eines Tales, und jenseits dämmerten die Höhenzüge des Monte Sella in blassem Sternenschein. Am Rande einer flachen Grasmulde machte er halt, um Atem zu schöpfen. Sein umherschweifendes Auge war voll Trotz. Der kalk-weiße, durch Rasenstreifen und Gebüsch vielfach zersplitterte Pfad, auf dem er in der letzten halben Stunde vorwärtsgeschritten war, wandte sich hier links nach den Sennhütten von Fodara vedla hinauf. Ambros schritt pfadlos quer durch eine Mulde. Jenseit der Einsenkung gewahrte er vor sich ein goldgelbes Leuchten. Es war der Mond, der gerade über den dunklen Bergrändern im Osten heraufkam. Ambros hatte eine Halde betreten, aus deren Boden überall nacktes Gestein aufragte. Unheimlich stand es mit seinem Schatten in dem grauen Silberdunst, den das Nachtgestirn über die Halde hauchte. Sie glich einem Kirchhof mit gewaltigen Leichensteinen. Ambros wandte sich zwischen ihnen hin und her, als ob er irgendein Grab suchte. Bald verschwand er hinter den Blöcken oder in ihrem Schatten, bald tauchte er wieder in dem Schein des höher schwebenden Mondes auf und warf selber phantastische Schatten. Seine Schritte dämpfte das kurze, graue Gras zwischen den Steinen, so daß kein Geräusch, kein Ton die unheimliche Stille unterbrach. Ambros hatte zuletzt eine nördliche Richtung eingeschlagen und beschleunigte nun seine Schritte. Er kämpfte gegen das Gefühl an, das ihm die Brust zusammenschnürte, als er sich an jene wilde Nacht erinnerte, in der er auf dem Kirchhof von St. Vigil das Kreuz Kaspar Larseits abgebrochen hatte. Damals hatte ihm bei dem Krachen des Donners und dem Flammen der Blitze, in denen die Gräber der Toten mit ihren Kreuzen hell aufleuchteten, kein Nerv gezuckt, und jetzt erschrak er vor seinem eigenen Schatten, vor dem Kreuz auf der Paßhöhe, vor den Felsblöcken im Mondlicht. Aber die Toten, die dort in ihren Gräbern schliefen, standen erst am jüngsten Tage auf, das wußte er, und den Toten in der Mühle zog seine Schuld hinter ihm her. Es war ihm, als lauere er hinter den Felsblöcken und weide sich mit schadenfrohen Blicken an seiner Angst. Nein, diesen Triumph sollte Jerg nicht genießen! Er drehte sich um und rief: »Komm hervor!« Vielleicht dachte er die Worte auch nur; aber er hatte den Mut, sein Auge über die von dem ungewissen Mondlicht übergossene Halde schweifen zu lassen – wenn auch nur eine Sekunde lang –, und ruhiger schritt er weiter. Sein Gehirn aber begann wieder zu arbeiten. Warum floh er eigentlich? fragte er sich. Hatte er Jerg nicht nur in der Notwehr erschlagen? Er war kein Mörder! Er versuchte sich zu erinnern, wie es zu der Tat gekommen war; aber nur die Stachelreden Jergs waren in seinem Gedächtnis haftengeblieben, nicht die Beschimpfung, die er selber dem Lästerer entgegengeschleudert hatte. Jerg trafen die Folgen seiner eigenen Schuld! Warum sollte er also fliehen? Er erreichte eine kleine, in Felsen eingezwängte Alm, auf der eine elende Hütte stand, vermutlich von Wildheuern Wildheuer – Alpenbauer, der an gefährlichen Hängen heut (Heu macht) hergestellt zum Unterschlupf bei gar zu bösem Wetter. Ambros öffnete die Tür, konnte sich jedoch nicht entschließen, hineinzugehen. Das Mondlicht, das durch die klaffenden Spalten der Bretterwände fiel, zeigte ihm das von Rauch geschwärzte Innere. Er setzte sich auf die Schwelle und legte sein Gewehr schußfertig und handgerecht neben sich. Er wollte eine Weile ausruhen und dann heimkehren. Was konnte ihm denn Schlimmes geschehen, wenn er zu Hause das Gericht erwartete? Der Müller und Afra konnten ja bezeugen, daß er die Tat nur in gerechter Notwehr begangen hatte. Wenn man ihn eine Zeitlang einsperrte, so war das bei weitem nicht so schlimm, wie unstet in der Fremde umherzuirren. Dann hatte er wenigstens Ruhe – Ruhe! Die Müdigkeit überwältigte ihn, und er schlief ein. Sein Schlaf dauerte jedoch nur wenige Minuten, und jäh wurde er wieder wach. Er hatte im Traum mit den Landjägern gerungen; sie hatten ihn überwältigt und in Ketten gelegt. Er hatte schaudernd das kalte Eisen an seinen Gliedern gefühlt und fühlte es noch im Erwachen. Es fror ihn, aber er war noch frei, Gott sei Dank! Nein, sie sollten ihn nicht in das Kriminalgefängnis nach Bruneck schleppen, solange er noch ein Glied rühren konnte! Er griff nach seinem Stutzen, als müsse er sich gleich zur Wehr setzen, und wollte aufspringen; aber es gelang ihm nicht, denn er war steif von der Müdigkeit und von der Kälte auf der Paßhöhe. Fünf Stunden war er nun schon ohne Rast unterwegs. Er untersuchte seinen Jagdranzen. Seine Feldflasche fand sich zwar darin, aber sie war leer. Mühsam erhob er sich und fing an, die Arme kreuzweise über die Brust zu schlagen, um sich zu erwärmen. Er mußte in ein fremdes Land gehen – das stand fest. Tausendmal lieber in der Fremde betteln, als die Freiheit verlieren! Daß man ihn auch in der Fremde ergreifen und an die bayrischen Gerichte ausliefern könnte, daran dachte er nicht. Er hängte seine Büchse, die er unterdessen an die Hütte gelehnt hatte, wieder über die Schulter und ging weiter. Sein Schritt war schwerfällig, schleppend. Eine stumpfe, wie aus mächtigen Blöcken aufgetürmte Pyramide, die zur Linken vor ihm im Mondlicht auftauchte, war sein Wegweiser. Es waren die Trümmer eines Bergsturzes, und Ambros, dessen Schritt sich allmählich wieder gefestigt hatte, befand sich bald inmitten der weit umhergestreuten Steine. Unter ihm in der Tiefe lag der Anfang des Boitetals. Nach dort hinunter war der Felsen zusammengebrochen, und die ungeheuren Blöcke lagen wüst durch- und übereinander. An ihrem Fuße flimmerte im Mondlicht, das blendend die jenseitigen Kalkwände des schmalen Tales beschien, ein einsames Haus, und an ihm vorüber spann sich in einem dünnen Silberfaden die Aqua di Campo Croce. Ambros ließ sich auf einem der umherliegenden Steine, die die Zeit bereits mit Moos umhüllt hatte, nieder, um seine Kräfte zum Abstieg zu sammeln. Wie friedlich lag die Hütte von Campo Croce dort unten! So still lag jetzt wohl auch sein eigenes Heim im Silberlicht des Mondes, das über der Bruscia schwebte. Sein eigenes Haus! Er hatte keine Heimat mehr; sein Lebensglück war jäh zusammengestürzt wie der Fels neben ihm, und darunter lag alles begraben. Der Aufschrei Stasis durchschnitt seine Seele. Er ächzte und bedeckte das Gesicht mit den Händen. Aber für Reue war sein Gemüt noch lange nicht reif, und statt seinen Jähzorn anzuklagen, begann sich sein Groll gegen Jerg von neuem zu regen. Dieser war es, der ihn von Weib, Hof und Vaterland fortgetrieben! Fluch über den schlauen Fuchs, der sich in sein Erbe zu schleichen gedacht! Nun war ihm der Appetit danach für immer vergangen, und Lisei war jetzt auch frei. Ach, es war doch gut, daß er Jerg niedergeschlagen hatte! Was lag an einem solch erbärmlichen Burschen? Keiner hätte dessen nichtswürdige Sticheleien und Verleumdungen ruhig ertragen und dazu die giftigen Mienen, die noch mehr sagten als seine Worte. Er sah ihn wieder vor sich, sein Blut wallte wieder auf, und er schlug ihn abermals nieder. Oh, wie oft würde er ihn noch im Geiste niederschlagen, wie oft ihn noch im Geiste bleich und blutig zu seinen Füßen liegen sehen, so wie jetzt! Wenn er nur diesem Anblick entfliehen könnte! Er schnellte auf. Fort! Aber die Knie zitterten ihm. Östlich der Stelle, an der er sich befand, zeigte sich ihm ein geeigneter Abstieg. Hart am Rande des Abgrundes ging es anfangs hinunter über scharfkantigen Schotter, der mehr als einmal unter seinen Sohlen lebendig wurde. Mit großen Sätzen sprang er vorwärts, das ganze Gewicht seines Körpers auf die Hacken werfend. Nach zwanzig Minuten hatte er eine Art Straße erreicht, die nach dem einsamen Haus von Campo Croce führte. Er überlegte, ob er dort nicht um ein Nachtlager bitten solle. Aber er wußte nicht, wie er die Fragen der Leute nach dem Woher und Wohin mitten in der Nacht beantworten sollte. Sie mußten Verdacht schöpfen, ihm ansehen, daß er ein schlechtes Gewissen habe, und er wollte die Verfolger nicht auf seine Spur leiten. Er umging das Haus und folgte dem Wässerlein auf dem linken Ufer talabwärts. Das schmale Tal, dessen Abhänge dicht bewaldet waren, erweiterte sich ein wenig, und er kam an einer Gruppe von Häusern vorüber, die sich jenseits des Baches an die Berge drückten. Dann gelangte er an ein kleines Dorf, in dem die Hunde bei seiner Annäherung ein wütendes Gebell erhoben. Aber das Gebell weckte niemanden auf; wenigstens blieben die Läden und Türen geschlossen. Das Gekläff verhallte hinter ihm, und wieder umgab ihn die unheimliche Stille, die kaum durch das leise Gurgeln des Baches neben ihm unterbrochen wurde. Allmählich kam es wie eine Betäubung über ihn, ein Halbschlaf, aus dem er auffuhr, sobald sein Fuß an einen im Wege liegenden Stein stieß. Wie ein Betrunkener schwankte er von einer Seite des Weges auf die andere. Dann schreckte er plötzlich wieder auf, doch nicht weil er gestrauchelt war, sondern weil er Stimmen zu hören glaubte. Die Stimmen ertönten vor ihm, und er blieb horchend stehen; aber er sah niemanden, obgleich es hell genug war – wenn auch nicht mehr so hell wie bei seinem Abstieg in das Boitetal. Seine Sinne waren sofort wieder ganz klar geworden, und er erkannte das Zischen, Brausen und Klingen eines Wasserfalls. Er befand sich dicht an einem Kessel, in den der Bach silbern aufblinkend von Stein zu Stein hinuntersprang. Auch andere Wässerlein woben gleitende Silberschleier, spielten in kleinen Kaskaden über die Wände und hüpften in der Tiefe lustig miteinander davon. Über die Waldwipfel blickten marmorbleiche und rötlich angehauchte Felsenhäupter, und darüber erhob sich der prismatische Gipfel des Monte Tofana. Ambros wußte den Namen nicht; er gewahrte die stolzen Berge nur dadurch, daß er zum Himmel aufschaute, um etwa die Zeit zu erkunden. Die Sterne waren nicht mehr erkennbar, und die Kanten des Monte Tofana, des Col Rossa und des Taburio schimmerten safrangelb. Ambros reckte sich, gähnte laut und ging auf dem um den Kessel des Pian di Luova sich abwärts krümmenden Wege weiter. Das Waldtal verengte sich wieder, und unter den Bäumen herrschte Dunkelheit. Schärfer als das Gewissen begann Ambros das Nagen des Hungers zu spüren. Um ihn zu betrügen, zog er seine Pfeife hervor. Doch er steckte sie gleich wieder in die Tasche; es war ihm unmöglich zu rauchen. Bei den nächsten Häusern, auf die er stieße, wollte er anklopfen und ein Stück Brot kaufen. Aber er ging und ging, und nicht Haus noch Hütte zeigte sich. Eine Vogelstimme erhob sich leise im Holz und verstummte nach kurzem Zwitschern, dann eine andere, schon lauter. Die gefiederten Schläfer erwachten allmählich. Bleich und kalt breitete sich der Himmel über dem Waldtal aus; unter den Zweigen aber wurde es immer munterer. Nah und fern, hüben und drüben zwitscherte, pfiff und trillerte es, und die Boite murmelte den Baß in das fröhliche Konzert. Der Specht begann sein rasches Trommeln, und der Himmel wurde blau. Schwerfällig, mit gesenktem Kopf schritt Ambros durch die Walddämmerung. Sein Gesicht war aschgrau, eine tiefe Falte stand zwischen seinen Brauen, und die Arme hingen ihm schlaff am Leibe herunter. Alles freute sich des neuen Tages, und nur er war dazu verurteilt, in der Nacht zu bleiben und als ein Ausgestoßener umherzuirren, freudlos und friedlos. Er zog den Hut tiefer über die Stirn, auf der ein Zeichen brannte, das die Vögel nicht sehen sollten – und auch die Sonne nicht, wenn sie heraufkam. Plötzlich schweiften die bewaldeten Berge, die ihn bisher eingeengt hatten, zur Rechten und Linken auseinander, und die Boite floß, einen weiten Bogen beschreibend, in ein breites Tal hinaus. Es war das Ampezzotal. In der Ferne, wo das Silberband der Boite im Wiesengrün verschwand, dämmerte durch die Morgennebel ein schlanker, spitzer Kirchturm: Cortina! Gewaltig bauten sich im Osten die Dolomiten auf und zwangen selbst Ambros ein flüchtiges Staunen ab. Was wollten die Kalkberge seiner Heimat gegen diese Ungeheuer bedeuten, aus deren Kiefern sich der Monte Tofana, der Cristallo, der Antelao, der Pelmo, und wie sie sonst heißen mochten, gleich riesigen Stoßzähnen in den Himmel bohrten? Auf ihren Spitzen lag der Glanz der noch tief hinter ihnen stehenden Sonne, und den Cristallo, den König dieser Berge, schmückte eine flimmernde Lichtkrone, während über dem Tale noch bläulicher Nebeldunst ruhte. Ambros hatte seine Büchse von der Schulter genommen und maß, mit beiden Händen auf ihre Mündung gestützt, vom Fuße des Monte Cristallo aus die Entfernung bis Cortina. Sie mochte wenigstens zwei gute Stunden betragen, und er war sterbensmüde. Als er sich nach einer Stelle umsah, wo er eine Weile sicher würde rasten können, bemerkte er links auf der Höhe, von der die Landstraße, die vor ihm die Boite auf einer steinernen Brücke überschritt, herunterkam, die Ruinen eines Schlosses. Aus dichtem Gesträuch erhoben sich zerbröckelte Ringmauern zwischen starken Türmen, von denen einer noch in seiner ganzen Höhe erhalten war; dahinter zeigten sich die Trümmer verschiedener Bauten mit kleinen viereckigen oder schmalen, spitzbögigen Fenstern. Die Ruinen hatten einst das feste Schloß Peutelstein gebildet, das von den deutschen Kaisern zum Grenzschutz gegen die Venetianer erbaut und, nachdem es eine Zeitlang im Besitz Venedigs gewesen, zuletzt von Kaiser Maximilian Kaiser Maximilian – (1459-1519), deutscher Kaiser; schlug 1492 bei Villach die Türken und erbte 1496 das Land Tirol. Sein Versuch, auch Italien seinem Hause einzuverleiben, scheiterte besonders an dem Widerstand der Venezianer. in wehrhaften Stand gesetzt worden war. Es war verfallen mit der sinkenden Macht der Dogen, Dogen – die seit dem 8. Jahrhundert von den Bürgern gewählten, im Laufe der Zeit immer mehr an Macht einbüßenden Staatsoberhäupter der Republik Venedig. Durch den Frieden von Campo Formio, der 1797 den Krieg zwischen Österreich und Frankreich beendete, hörte die Republik und damit auch die Dogenwürde auf zu bestehen. deren Erbschaft Napoleon den Habsburgern zugewiesen, im Frieden von Preßburg ihnen aber wieder entrissen und dem Königreich Italien unter Eugen Beauharnais, Eugen Beauharnais – Engène de Beauharnais, Herzog von Leuchtenberg und Fürst von Eichstätt (1781-1824), Sohn der späteren Kaiserin Joséphine; wurde 1804 von seinem Stiefvater Napoleon zum französischen Prinzen und 1805 zum Vizekönig von Italien ernannt. 1806 vermählte ihn der Kaiser mit der Prinzessin Amalie Auguste von Bayern, adoptierte ihn ein Jahr darauf und bestimmte ihn zum Erben des Königreichs Italien. 1817 erhielt er von seinem Schwiegervater, König Maximilian I. (s. Anm. 40 – König Max), die Landgrafschaft Leuchtenberg und das Fürstentum Eichstätt. seinem Stiefsohn und Schwiegersohn des Königs von Bayern, einverleibt hatte. Seitdem bildeten die Ruinen des Schlosses den Markstein, an dem die Grenzen von Österreich, Bayern und Italien zusammenstießen. Ambros stieg zu den Ruinen hinauf; er zwängte sich, ohne den Eingang zu suchen, durch das Buschwerk, schwang sich über ein niedriges Stück Ringmauer und kletterte dann aus dem inneren Hof durch ein Bogenfenster, dessen Basis im Schutt begraben lag, in das Schloßgebäude. Eine Halle, deren Wölbung zum Teil eingestürzt war, empfing ihn. Daß er hier nicht der erste Gast war, bewiesen die angebrannten Äste und Kohlen sowie die in einer Ecke der Halle aufgehäufte Asche. Oft genug mochte hier ein Feuer angezündet worden sein, denn die Decke war nach der Öffnung hin, durch die der Himmel hereinschaute, von Rauch geschwärzt. Ambros sah sich nicht weiter um. Er streckte sich unweit der Feuerstelle auf den Boden, legte den Stutzen, nachdem er sich überzeugt hatte, daß die Pfanne mit Pulver gefüllt war, mit gespanntem Hahn neben sich und schob den Jagdranzen als Kissen unter den Kopf. Jetzt stehen sie daheim auf und gehen an die Arbeit, und ich muß mich wie ein Raubtier vor dem Tageslicht verkriechen! – das war sein letzter bitterer Gedanke, und gleich darauf fiel er in einen tiefen Schlaf. Aber Stasi war nicht unter denen, die sich zur Arbeit erhoben. Sie lag in Fieberphantasien. Eben schickte sich in der vorderen Stube Frau Ruthler zum Fortgehen an. David rührte und regte sich nicht. Er starrte nur immer auf die kleine, mit einem Tuch verhüllte Leiche, die vor ihm auf dem Tisch lag. Frau Ruthler erbot sich, auf dem Heimweg gleich das Grab zu bestellen. Es blieb ungewiß, ob er sie vernommen hatte. Seine Gedanken taumelten fortwährend im Kreise: Ambros, Stasi, das Kind … 19. Kapitel Afra saß in einer Ecke der Wohnstube; ihre Gedanken weilten nicht bei dem Erschlagenen, sondern bei dem Flüchtling. Um ihretwillen hatte Ambros die schreckliche Tat begangen, ihre Ehre hatte er verteidigt und gerächt. Wie unglücklich mußte er sein, und zwar durch sie! Sie sah ihn vor sich, wie er mit verstörter Miene aus der Stube gegangen war, und so sah sie ihn in der Wildnis umherirren, mit der schweren Bluttat auf dem Gewissen. Ihr Herz brannte, aber ihre Augen blieben trocken. Ihr Mann hatte nirgends Ruhe. Er ging zwischen der Stube und der Kammer, wo Jerg leblos auf dem Bette lag, hin und her, und sooft er in die Wohnstube kam, sah er nach der Wanduhr. Er hatte dem Knecht befohlen, das Pferd nicht zu schonen. Aber eher als in sechs Stunden konnte der Arzt nicht zur Stelle sein. Es war wohl nicht die Sorge um den Sohn allein, die ihn rastlos umtrieb. Auf seine Frau warf er nur dann und wann einen scheuen, verstohlenen Blick. Sie merkte es nicht. Eben kam er wieder von Jerg zurück; da blieb er aufhorchend stehen und trat dann ans nächste Fenster. Jenseit des Steges, der über das abschüssige Ufer zur Mühle führte, hatten sich viele Menschen angesammelt. Der nach dem Arzt geschickte Knecht hatte im Vorüberfahren im Dorfe erzählt, daß auf der Mühle ein Unglück geschehen sei. Eben kam der Landjägerkorporal mit einem seiner Leute über den Steg. Viele drängten sich ihnen neugierig nach. Der Müller ging ihnen entgegen. Afra hörte die Stimmen und Schritte auf dem Flur, blieb aber in ihrem Winkel sitzen. Es kümmerte sie nichts mehr. »Ja, ja, ich weiß, Ihr müßt Euern Bericht machen«, sagte der Müller mit gedämpfter, schleppender Stimme und führte den Korporal zu Jergs Kammer, die bald von Neugierigen vollgestopft war. Jerg konnte sich wahrlich keiner besonderen Beliebtheit bei den Vigilern rühmen; dennoch entflammte sein Anblick ihren Zorn gegen den Mörder. Mit lauten Verwünschungen des Täters drang man in den Müller, er solle den Hergang erzählen. Der Alte aber schwieg und wandte kein Auge von dem Korporal, der zunächst den Befund des Erschlagenen festzustellen versuchte. Sein Begleiter hatte Mühe, ihm dazu den nötigen Raum zu schaffen. Man spürte keinen Atem, und das Herz stand still; jedoch waren die Glieder noch nicht von der Totenstarre ergriffen. »Der wird schwerlich noch einen hänseln«, murmelte der Korporal, indem er sich von Jerg zu dem Müller wandte und diesen aufforderte, den Täter anzugeben und den Hergang zu erzählen. Es trat Totenstille ein. Der Alte seufzte; zögernd nannte er Ambros. Es war wohl keiner unter den Anwesenden, der den Namen des Täters nicht schon gewußt hätte; denn der Knecht hatte in dem lauten Streit Ambros' Stimme erkannt und von ihm gesprochen. Die Bestätigung durch Arigaya versetzte die Leute in abermalige Erregung, und der Korporal mußte nachdrücklich Ruhe gebieten. Der Müller blickte sich langsam um und sagte mit festerer Stimme, mehr zu den beiden Landjägern sprechend: »Ihr wißt ja, wie's geht, wann zwei junge Leut einen heimlichen Span aufeinander haben: da hat jedes Wort doppelte Schneid, und gleich gibt's ein Raufen. Ich hab sie nit auseinanderhalten können. Es war ein unglücklicher Schlag, den der Ambros mit dem Schemel geführt hat. Aber der Jerg hatt ein Messer zu fassen gekriegt« Der Korporal war damit nicht zufrieden. Er wollte wissen, worüber beide in Streit geraten waren. Der Müller zögerte mit der Antwort. Da rief einer von den Anwesenden: »Laßt doch den alten Mann in Frieden! Es weiß ja jedes Kind, daß es von wegen dem Klosterhof gewesen ist, den der Jerg da hat erheiraten wolln. Wann mir einer mein Erb hinterrücks wegschnappen wollt – ich verstünd auch keinen Spaß.« Ein zustimmendes Gemurmel erhob sich, und der Müller sagte erleichtert, während ihm eine feine Röte in das hagere Gesicht stieg: »Ja, das war dem Ambros sein Groll.« Der Korporal zwirbelte an seinem Schnurrbart, blickte bald den Müller, bald den Verwundeten an und sann darüber nach, was er noch fragen solle. Es fiel ihm nichts ein, und so beschloß er, dem Herrn Landrichter Bericht zu erstatten. Er entfernte sich mit seinem Untergebenen, und ein Teil der Leute folgte seinem Beispiel. Andere blieben noch zurück und wollten das traurige Ereignis mit dem Alten durchsprechen. Er aber dankte ihnen für ihre nachbarliche Teilnahme und bat sie, ihn allein zu lassen. Da gingen auch sie. Es war Nacht geworden, als sich der Alte von dem Schemel am Fußende des Bettes erhob und wieder in die Wohnstube trat. Hier brannte ein Licht auf dem Tisch, der sich noch in demselben Zustand befand, wie Afra ihn zum Abendessen gedeckt hatte. Das Licht mußte lange nicht geputzt worden sein, denn es hatte eine lange Schnuppe, die mit glühendem Kopf aus der trüben Flamme ragte. Afra saß neben der Uhr, an deren Gehäuse sie den Kopf gelehnt hatte. Ihr Mann gewahrte sie erst, als er das Licht ergriff, um nach der Zeit zu sehen. Ihre Augen waren mit einer unheimlichen Starrheit auf ihn gerichtet. »Vor drei Stunden kann er nit dasein«, seufzte er, das Licht wegstellend, und ließ sich auf der Ofenbank nieder. Da traf sein Blick das Messer, das Jerg entfallen war. Das Licht spiegelte sich in der Klinge. »Ach, das ist ein großes Unglück für uns alle!« murmelte er und schob das Messer mit dem Fuß unter die Ofenbank. Afra schwieg, doch ihre großen schwarzen Augen blieben immer noch auf ihn gerichtet. Er bemerkte es nicht, denn er sah zu Boden. Ganz zusammengesunken saß er da. Er war in den letzten Stunden sehr, sehr alt geworden. Sie bemerkte es wohl, und dennoch regte sich in ihr kein Mitleid mit ihm. »Wann der Ambros nur deinem Rat gefolgt ist und hat sich fortgemacht«, begann er nach einer Weile und hob die Augen zu ihr auf. »Die Landjäger warn da. Aber dein Nam ist in dem Handel nit genannt worden, soll's auch nit werden.« Sie zuckte zusammen. Daran hatte sie noch nicht gedacht, daß der Schimpf, den Jerg ihr angetan, und damit ihre Liebe zu Ambros in die Öffentlichkeit gezerrt werden könnte. Sie wurde noch blasser. Er bemerkte ihre Erregung und suchte sie mit der Versicherung zu beruhigen, daß von ihm niemand etwas Näheres über den Streit erfahren werde. »Schon von wegen der Predigt des Hannes droben«, fügte er hinzu. »Oh, du bist so gut!« stammelte Afra und fuhr, zu ihm tretend, fort: »Der Jerg hat in seiner Giftigkeit mehr gered't, als er vor Gott verantworten kann. Glaub's mir doch ja! Du sollst alles wissen.« Er wollte ihr wehren; denn was konnte sie ihm sagen, das er nicht schon erraten hatte? Zu ihrem Geständnis nickte er traurig mit dem Kopf und sagte leise: »Es hat freilich so kommen müssen. Armes Weib!« Da kamen ihr die Tränen. Sie warf sich neben ihm auf die Ofenbank und schluchzte an seiner Schulter. Er ließ sie eine Zeitlang ungestört weinen; dann sagte er mit einem Seufzer: »Ich hab's gut mit dir gemeint, als ich dich zu meiner Frau macht, aber der Mensch soll nit klüger sein wolln als unser Herrgott. Gleich gehört zu gleich. Du bist immer gut zu mir gewesen und hast mich in Ehrn gehalten. Das werd ich dir nimmer vergessen.« Sie schlang den Arm um seinen Hals und weinte nur noch heftiger. »Ja, ja, es ist nit anders: in der Jugend fordert das Herz sein Recht«, fuhr er nach einer Weile fort und machte sich sanft aus Afras Arm frei. »Es ist das Mühlrad des Lebens, und die Lieb treibt's um.« Er riet ihr, sich niederzulegen, bis der Doktor käme. Aber sie wollte nicht. Wie hätte sie Schlaf finden können? Als sie gewahrte, daß er wieder nach Jerg sehen wollte, hieß sie ihn das Licht mitnehmen. Seit sie ihm ihre Liebe zu Ambros gestanden hatte, fürchtete sie sich nicht mehr vor der Dunkelheit. Der Mond schien in die Stube herein, und sie dachte wieder an Ambros, mit dem sie in den Kampf um die Freiheit Tirols hatte ziehen wollen und der nun das Vaterland meiden mußte. Auch ihr Mann dachte an ihn, während er am Bette seines Sohnes saß, und seine hagere Gestalt krümmte sich mehr und mehr zusammen. Er merkte nicht, wie das Licht schwelend erlosch, die Morgendämmerung in die Stube kroch und ihr fahles Gesicht heller und heller wurde. Es mochte um die dritte Stunde sein, als er durch das Rauschen des Baches, der unter dem Fenster der Kammer vorüberfloß, Räderknirschen vernahm. Langsam richtete er sich auf und strich mit der Hand über das Gesicht. Es sollte ihm niemand anmerken, was er gedacht hatte! Afra hatte unterdessen bereits den Doktor an der Haustür empfangen, und er hörte ihn rufen: »Beim heiligen Hippokrates, wann er tot ist, hättet Ihr mich nit aus dem Bett zu jagen brauchen!« Die Natur hatte ihn mit einem Paar kräftiger Lungen ausgestattet, und Grobheit gehörte damals und noch lange danach zum ärztlichen Handwerk. Zu einem höflichen Arzt hätte niemand Vertrauen gehabt, und am wenigsten der Landmann. Doktor Ostler besaß diese Tugend in großem Maße, wie bereits Vefa verspürt hatte, als er im Auftrage des Kreishauptmanns von Hofstetten erschienen war, um den Gesundheitszustand des Pfarrers Moltenbecher zu untersuchen. Er stand am Anfang der Vierziger, war von gedrungenem Körperbau und hatte ein Gesicht, das der gute Tiroler Wein und der häufige Aufenthalt in der freien Luft braunrot gefärbt hatten. Seine Krankenbesuche auf dem Lande machte er gewöhnlich zu Pferde, und im stundenweiten Umkreis von Bruneck kannte man den frommen Doktorschimmel und seinen Herrn in dem flaschengrünen Reitrock mit den blanken Messingknöpfen und den großen Seitentaschen. Dazu trug er gelbe Lederhosen und Stulpenstiefel mit schweren Anschnallsporen. Eine am Sattelknopf hängende Ledertasche enthielt sein »Handwerkszeug«. Jetzt trug er die Tasche am Riemen in der Hand, und über den Rock hatte er für die Nachtfahrt einen Mantel geworfen. »Also das ist das Unglückswurm?« rief er, an Jergs Bett tretend. »Donnerwetter, sieht der aus! Jetzt schafft warmes Wasser. Daran habt Ihr natürlich nit gedacht, daß man das braucht, um ihm das Blut abzuwaschen. Wie solltet Ihr auch!« Afra eilte nach der Küche, und Doktor Ostler fühlte Jerg den Puls, legte das Ohr aufs Herz und betastete mit gespreizten Fingern den Kopf. Dann begann er, ohne sieh um den Müller zu kümmern, Scheren, Messer, Heftpflaster, Sonden, Scharpie und dergleichen aus seiner Tasche auszupacken und setzte sich, nachdem er alles auf dem Tisch ausgebreitet, auf den Schemel, am Bette, stemmte, den Oberkörper vorbeugend, beide Hände auf die Knie und sagte: »Schemelbeine? Was?« »Ach, freilich«, seufzte der Müller. »Aber ich bitt Euch: Ist er tot?« »Noch nit; aber was nit ist, kann noch werden«, lautete die wenig tröstliche Antwort »Und jetzt hätten wir, bis das Wasser warm ist, Zeit, auf die Nachtfahrt ein Schnäpschen zu nehmen. Aber das sag ich Euch, mit Euerm Giftzeug, dem Enzian, bleibt mir vom Leib!« Der Müller holte die gewünschte Herzstärkung und versicherte, ein Stengelgläschen füllend, daß es gutes Kirschwasser sei. »Glaubt Ihr wirklich, daß er sterben muß?« fragte der Alte mit ängstlicher Spannung. »Heiliger Galen!« Galen – Claudius Galenus (131 – etwa 200), nächst Hippokrates der berühmteste Arzt des Altertums und zugleich der fruchtbarste Schriftsteller auf dem Gebiet der Heilkunde. schnob der Doktor, nachdem er das Gläschen geleert hatte. »Sterben müssen wir alle einmal; ob an Schemelbeinen oder einer andern gesegneten Krankheit, darauf kommt's doch nit an.« »Es ist mein einziges Kind«, sagte Arigaya leise. Doktor Ostler blickte ihn scharf an, strich sich mit beiden Händen über das kurze blonde Haar rings um den Kopf und murrte: »Wer hangen soll, ersauft nit!« Afra brachte eine Schale mit warmem Wasser, der Doktor schlug seine Rockärmel in die Höhe und begann seine Operationen. Der Müller und seine Frau, die einander bei der Hand gefaßt hatten, schauten ihm in der peinlichsten Spannung zu, kaum daß sie zu atmen wagten. Jerg gab kein Lebenszeichen von sich. Der Doktor murmelte einmal: »Heiliger Äskulap, das ist ja ein Prachtschädelbruch!« Und diese Entdeckung schien ihm Freude zu machen. Er öffnete den Mund nicht wieder, als bis er die Wunde gereinigt – das Haar ringsum hatte er wegrasiert –, Scharpie Scharpie – früher gebräuchliches Verbandzeug, bestehend aus Fäden, die man durch Zerzupfen von Leinwandstreifen gewann. hineingetan und mit Heftpflaster überklebt hatte. Afra mußte eine Kompresse in das kalte Wasser des Baches tauchen, und er schärfte ihr ein, den Umschlag mindestens alle zehn Minuten zu erneuern. Die Wunde auf der Stirn hatte er mit stählernen Nadeln zusammengeheftet »Für heut wärn wir fertig«, sagte er dann und begann seine Instrumente sorgfältig zu reinigen. »Nehmt ihn ordentlich in acht und befolgt genau die Vorschriften, die ich Euch noch geben werd. Einem solchen Bauernschädel kann man schon was zutraun; aber wie der Schädel, so war auch die Faust, die den Schlag geführt hat. Es steht schlecht mit ihm, verdammt schlecht. Ich geb keinen Pfifferling für sein Leben.« »Gottes Wille gescheh!« seufzte der Müller mit einem kummervollen Blick, während Afra mit gesenktem Kopf aus der Stube ging. »Daran werden wir wohl nix ändern«, brummte Doktor Ostler. Er wusch sich in Jergs Waschgeschirr die Hände und sagte, nachdem er seine Instrumente in die Tasche gepackt hatte, rauh: »Donnerwetter, laßt die Nas nit hängen, Mann! Gelingt's uns, den Burschen wieder zum Bewußtsein zu bringen, stelln wir ihn auch wohl wieder auf die Beine.« Arigaya sah ihn mit einem langen Blick an; dann sagte er: »Ihr müßt noch warten, bis das Pferd ordentlich gefressen und sich verruht hat; nachher fahr ich Euch selber zurück. Kommt in unsre Stub; meine Frau wird derweilen wohl für einen Kaffee gesorgt haben.« »Laßt dem Gaul nur Zeit«, äußerte der Doktor, ihm folgend. »Ich muß doch noch eine Weile zuschaun, wie's der Patient treibt. Sie haben zuweilen ganz merkwürdige Einfälle.« Afra hatte in der Tat für einen Kaffee gesorgt und brachte ihn bald. Mißtrauisch kostete ihn der Doktor, worauf er das heiße Getränk mit Behagen schlürfte. Afra nötigte auch ihren Mann zum Trinken. Dann verließ sie die Männer, um Jerg einen frischen Umschlag zu machen. Mit einem finsteren Ausdruck in dem schönen Gesicht stand sie vor seinem Bett. Er trug die Schuld, daß sie alle unglücklich waren! Ihn hatte nur die gerechte Strafe für seine boshafte Zunge getroffen. Voll Bitterkeit gegen ihn dachte sie an ihre Zukunft. Es war eine trostlose Perspektive, die sich vor ihr eröffnete. Doktor Ostler zündete sich nach dem Frühstück seine kurze Reisepfeife an und machte einen Spaziergang ins Dorf. Er blieb auffallend lange weg. In Jergs Zustand war inzwischen keine Veränderung eingetreten. Um acht Uhr fand sich der Schullehrer auf dem Klosterhof ein. Er hatte in den letzten Tagen viele Briefe für den Klosterbauern schreiben müssen: Mahnbriefe an säumige Schuldner und Kündigungen kleiner Hypotheken. Die Arbeit war noch nicht beendigt. Seine Schule hatte während der ganzen schönen Jahreszeit Ferien. Auf dem Klosterhof wußte man noch nichts von den traurigen Ereignissen des gestrigen Abends, und Ruthler schwieg darüber. Es durfte ja auf dem Klosterhof nicht von Ambros gesprochen werden, und er fürchtete, seine Beschäftigung zu verlieren, wenn er es täte. Er war zu alt geworden, um sich, wie früher in den langen Ferien, bei den Bauern als Knecht zu verdingen, und daher war er froh, durch seine Schreibereien wenigstens eine Kleinigkeit verdienen zu können. Bei sich aber gedachte er heute des Tages – es war lange, lange her –, an dem er in heller Verzweiflung auf den Hof gekommen war, um sich über Ambros zu beklagen. Keiner war unter seinen Schülern so unbändig gewesen wie der Klosterbrosi, und er hatte ihn nimmer züchtigen dürfen. Aber da war er gut angekommen bei dem Klosterbauern. »Ich dank meinem Schöpfer, daß mein Sohn kein Duckmäuser ist!« – so ungefähr hatte ihm der Vater damals geantwortet. Nein, der Ambros war kein Duckmäuser geworden! Wenn Ruthler nicht reden wollte, so tat es Vefa, die mit hochrotem Gesicht in die Stube gestürzt kam und dabei Lisei, die sie zurückhalten wollte, weil der Vater beschäftigt sei, mit sich zerrte. Sie war in der Sägemühle gewesen; doch hatte Afra ihrer Neugierde keine Geduld entgegengebracht, hatte sie auch Jerg nicht sehen lassen und ihr mit herben Worten die Wege gewiesen. Und nun stellte sich gar Lisei ihr entgegen! Die Unglücksbotschaft schoß ihr wie ein Wasserfall von den Lippen. Was der Klosterbauer Wichtiges zu tun hätte, schrie sie, daß er nicht hören könne, daß der Ambros den Jerg ermordet habe. Jerg sei tot, Ambros sei entflohen; die Landjäger, die ihn hätten verhaften sollen, hätten das leere Nachsehen gehabt. »Und vor Schreck darüber ist die Stasi zu früh in die Wochen gekommen«, krächzte sie weiter. »Und das Kind ist tot gewesen, und jetzt liegt sie selbst im Sterben. Und ihr wißt von nix. Und da sitzt doch der Schulmeister, der's euch hätt erzähln können!« Lisei fielen vor Entsetzen die Arme schlaff am Leib herunter. Dem Klosterbauern schwollen die Adern auf der Stirn und an den Schläfen dick an; blauschwarz standen sie in dem braunen Gesicht, und seine Augen flimmerten unter den überhängenden Brauen. »So hat's kommen müssen! Das hat noch gefehlt«, zischte er, und sich gegen Ruthler wendend, der den Kopf tief auf das Papier gebückt hatte, fuhr er fort: »Und Ihr sitzt da und könnt das Maul nit auftun?« Plötzlich kehrte er sich gegen seine Tochter und schrie sie an: »Da schau, wohin der Trotz gegen mich führt! Wirst ihn jetzt noch in Schutz nehmen, den Mordbuben?« »Der Ambros ein Mörder? Ich kann ... ich kann's nit glauben!« ächzte Lisei mit bebenden Lippen. »Der Jerg ist auch noch nit tot«, wagte der Schullehrer zu bemerken. »Ich hab heut früh den Doktor gesprochen. Ein Wunder wär's freilich, wann er davonkäm, hat er gemeint.« »Was liegt an dem Jerg?« schrie der Klosterbauer. »Mein Nam, mein ehrlicher Nam!« Und er griff sich mit beiden Händen ins Haar. Ruthler blickte starr auf das Tintenfaß vor ihm. Er scheute sich, dem Auge des Mannes zu begegnen, der auch jetzt nur an sich zu denken vermochte. Lisei durchblitzte die Erinnerung an die Drohung, die ihr Bruder bei dem Begräbnis des Pfarrers gegen Jerg ausgestoßen hatte; die Kraft versagte ihr, sie sank bebend auf den nächsten Stuhl und verbarg das Gesicht in den Händen. Vefa riß mit ihren Worten den Schleier von dem weg, was Lisei zu sehen sich fürchtete. »Und wann unser ehrlicher Nam durch den Ambros in Schand geraten ist – wer anders ist schuld daran als die Lisei?« rief sie. »Weil der Ambros nit hat leiden wolln, daß der Jerg mit ihr den Klosterhof heiratet, darum sind die beiden aneinandergeraten. Der Müller, der dabeigewesen ist, hat's offen erklärt.« »Und sie wird ihn heiraten, trotz alledem! Noch bin ich der Klosterbauer!« schrie dieser mit einem Faustschlag auf den Tisch dazwischen. »Ja, du bist schuld, daß er auf den Tod liegt«, fuhr Vefa giftig gegen Lisei fort. »Wann du nicht so eigensinnig gewesen wärst, sondern dem Jerg gleich dein Jawort gegeben hättst, nachher hätt der Ambros eingesehn, daß es mit dem Klosterhof für ihn zu End ist, und er würd sich gegeben haben. Meinst, ich weiß nit, wie ihr alle, du, der Ambros und die Mühlerin, euch gegen den armen Jerg zusammen verschworen habt, noch zuletzt beim Begräbnis meines seligen Pfarrers? Jetzt hast du den Ambros zum Totschläger gemacht. Aber das kommt alles von deiner Mutter her. Und warum? Weil der Apfel nit weit vom Stamm fällt.« Lisei hatte ihre Hände sinken lassen und zeigte ein ganz weißes Gesicht. »Was ich getan hab, das kann ich vor meinem Gewissen verantworten«, wandte sie sich mit vor Erregung zitternder Stimme an Vefa. »Aber du kannst's nit verantworten, daß du noch Steine nach meiner toten Mutter wirfst. Das ist schlecht von dir, oh, so schlecht! und auch der Vater sollt's von dir nit leiden. Ist's noch nit genug für dich, daß du ihr das Leben vergällt hast, wo du konntest?« »Hör sie!« kreischte Vefa und schlug die Hände zusammen. »Ja, hör mich!« fuhr Lisei, außer sich, fort, während sie aufstand und Vefa einen halben Schritt näher trat. »Du und ihr alle habt schweres Unrecht getan. Auch der Vater! Ihr habt sie nimmer liebgehabt; ihr habt nimmer einen Menschen auf der Welt liebgehabt als euch selbst, keinen, nit meine Mutter, nit meine Brüder, nit mich! Und jetzt ist der Sturm losgebrochen, den eure Lieblosigkeit gesät hat. Das ist das Strafgericht Gottes!« Vefa starrte sie mit weitgeöffneten Augen an, und der Klosterbauer, der eine Miene gemacht, als hätte er Lisei bisher nicht richtig verstanden, brüllte: »Sie ist toll, rein toll!« »Ach, du hast recht; denn ich hab mein ganzes Leben lang gehofft und gehofft, daß du mich ein wenig liebhaben würdest, und ich hätt mein Herzblut dafür hingegeben«, versetzte Lisei mit heraufquellenden Tränen. »Jetzt ist alles verloren. Heilige Jungfrau, erbarm dich unser!« Sie verließ, um ihre Tränen zu verbergen, rasch die Stube, aus der sich der Schullehrer Ruthler schon vor ihr fortgestohlen hatte. »Sie hat wahrhaftig den Verstand verlorn!« rief der Klosterbauer Vefa bekam einen Anfall von Lachkrampf. Statt ihr Hilfe zu leisten, schrie der Bruder sie an, ob er denn in einem Tollhause wäre. Das ganze Leben kam heute, wohl zum erstenmal, seit Joseph Falkner als eigener Herr auf dem Klosterhof wirtschaftete, aus dem gewohnten Geleise. Auch das Ingesinde Ingesinde – zum Hof gehörende Gesinde, im Gegensatz die Tagelöhner war verstört durch die Geschehnisse am Abend vorher, von denen die Kunde nun auch zu ihm gedrungen war. Lisei eilte zu Stasi. Trotz der großen Erregung, in der sie sich befand, behielt ihr Schritt seine gewohnte Gemessenheit. David war nicht zu Hause. Bei der Kranken in der Kammer saß ein halbwüchsiges Mädchen, das an einem riesigen Wollstrumpf strickte. Es war Mona, die jüngste Tochter der Frau Ruthler, die diese zur Pflege der Kranken heraufgeschickt hatte. Stasi warf sich trotz ihrer Schwäche unruhig in ihrem Bett hin und her. Sie erkannte Lisei nicht. Ihre Augen glänzten vom Fieber, das in ihrem Blut glühte. Ihr Anblick drückte Lisei fast das Herz ab. Nach einer guten Weile ließen sich schwerfällige Schritte in der Stube nebenan vernehmen, und Mona flüsterte: »Da ist der Vater David!« Lisei rückte der Kranken noch einmal die Kissen zurecht und küßte sie leise auf die brennende Stirn. Sie schärfte dem Mädchen ein, recht still und umsichtig zu sein, und versprach ihr einen von ihren Röcken wenn sie ihre Sache ordentlich machte. Dann ging sie zu David hinein. Er war von dem Begräbnis des Kindes, das nie das Licht der Welt erblickt hatte, zurückgekommen. In ein Tuch geschlagen, hatte er die kleine Leiche auf den Kirchhof getragen, und außer ihm war nur der Totengräber zugegen gewesen. An einer Stelle, wo das vom Kirchendach tröpfelnde Regenwasser das kleine Grab treffen mußte, war sie bestattet worden. Dieses Wasser ersetzte die heilige Taufe und schützte die Seele des Kindes vor der ewigen Verdammnis, hatte David gemeint. »Wann die Stasi stirbt, so hat der Ambros auch sie umgebracht, wie das Kind und den Jerg«, sagte er mit ungewöhnlicher Energie zu Lisei und erzählte ihr, wie Ambros am Abend vorher in die Stube gestürmt und Stasi vor Schreck über seine Bluttat ohnmächtig zu Boden gefallen sei. »Aber es hat mir gleich damals geschwant«, fuhr er fort, »damals, als er die Stasi in St. Lorenzen kennengelernt hat, daß daraus nur Unglück kommen würd.« Er erwähnte das Bild der Versuchung in seinem Kloster und versicherte, daß der Böse darauf mit ebensolchen Augen, wie Ambros sie habe, dargestellt gewesen sei. Lisei schlug unwillkürlich ein Kreuz. »Das hat die Stasi damals auch getan, wie ich's ihr erzählt hab«, rief David. »Aber der Satan fürchtet sich vor keinem Kreuz mehr. Sie werden ja auch allerwärts umgehaun. Und das Kind hätt auch nimmer leben können, selbst wann's zur rechten Zeit geboren wär. Die Frau Ruthler hat mich daran erinnert, daß das Brautbett von keinem Geistlichen ist eingesegnet worden.« Er setzte sieh auf die Ofenbank und ächzte kläglich. »Aber wir dürfen die Stasi nit sterben lassen!« versuchte Lisei ihn zu beruhigen und zu ermutigen. »Wir müssen den Kopf oben behalten!« »Ach, ach, ach!« stöhnte er und wiegte seinen Kopf. »Es hilft ja alles nix. Der Doktor hat gesagt, daß ihr Leben nur noch an einem Haar hängt.« Wie er erzählte, war Frau Ruthler dem Doktor bei ihrem Heimweg am Morgen auf dem Kirchplatz begegnet und sofort wieder mit ihm heraufgekommen. Er hatte versprochen, durch den Müller eine Arznei aus Bruneck zu schicken. Diese Mitteilung gewährte Lisei einigen Trost. Wenn der Doktor Ostler eine Arznei schicke, so habe er noch Hoffnung, Stasi am Leben zu erhalten, meinte sie, und um so weniger dürfe David verzagen. »Wir wolln die arme Stasi recht pflegen, Vater David!« Es gelang ihr, dem Alten wieder Mut zu machen, und sie ließ fortan keinen Tag vorübergehen, ohne – wenn auch nur auf ein Viertelstündchen – nach Stasi zu sehen. Sie brachte immer etwas für deren Pflege mit, mal eingekochten Kirschsaft, eine Zitrone oder Zucker, mal feine Hafergrütze, frisches Weißbrot oder dergleichen. Doktor Ostler kam jeden zweiten oder dritten Tag entweder auf seinem Schimmel oder mit dem Wagen des Müllers heraus. Meistens stellte er sich gegen Abend ein und blieb die Nacht in St. Vigil, wo er inzwischen die Bekanntschaft des Landrichters und des Oberförsters gemacht hatte; und in ihrer Gesellschaft ward dann mancher Schoppen im »Stern« geleert. Es war die Zeit, in der die Arbeit dem Landmann nicht gestattete, krank zu sein, und daher gebrach es dem Doktor nicht an Muße für Jerg und Stasi. Ihm hatte es die letztere vor allen Dingen zu danken, daß sie nicht aus Gutherzigkeit umgebracht wurde. Das Unglück, von dem sie betroffen worden war, erregte unter den Frauen von St. Vigil das größte Mitleid, und alle wollten mit Rat und Tat mit Hausmitteln und Leckerbissen helfen. Die Grobheit des Doktors aber flößte David und der kleinen Mona eine solche Furcht ein, daß sie niemanden zu Stasi ließen. Auch Lisei achtete genau darauf, daß die Vorschriften des Arztes befolgt wurden. Des Doktors Urteil über Stasi lautete stets: Abwarten! Lisei drängte alle eigenen Sorgen zurück; dennoch verließ sie der Gedanke an jenes Wort nicht mehr, das sie ihrem Vater und Vefa zugerufen hatte: das Strafgericht Gottes! In ihrer Erregung war es ihr entschlüpft, und nun wirkte es als schreckliche Offenbarung auf sie selbst zurück. Am Krankenbette Stasis fand die Vorstellung neue Nahrung, und mit Bangen und Grausen lauschte Lisei auf die Phantasien, von denen die Ärmste gequält wurde. Bald waren es Selbstanklagen, die die Bewußtlose murmelte, bald flehte sie ihre Mutter mit herzzerreißenden Tönen um Verzeihung an. Dann wieder rief sie Ambros mit den zärtlichsten Namen oder rang mit Afra um ihr Kind das diese töten wollte, und stieß heftige Verwünschungen gegen sie aus. Zuweilen rief sie nach dem Vater um Hilfe oder drückte ihr Kind mit glückseligem Lächeln an sich, wiegte es in ihren Armen und sang zu ihm und bat die Mutter, daß sie es segne. Wieder wütete sie gegen sich selbst, verfluchte sich, daß um ihres Meineides willen ihr Knabe habe sterben müssen, und geriet in ein Rasen, daß die kräftige Lisei sie kaum im Bette festzuhalten vermochte. Lisei wußte genug, um in den Bildern, die das Fieber verworren und verzerrt widerspiegelte, die Züge der Wahrheit zu erkennen, und zugleich sah sie aus den Wahngebilden eine neue Schuld ihres Bruders Ambros, die schrecklichste, die es für sie gab, hervorgrinsen. Aber wer war rein von Schuld? War sie selbst es? Sehnsüchtig verlangte sie nach ihrem Bruder Hannes. Er war eines Tages oben gewesen, aber sie war zu spät zu Stasi gekommen, um ihn noch anzutreffen. David versprach, sie gleich zu benachrichtigen, wenn er wiederkäme. Der Klosterbauer schien ihre häufigen Entfernungen vom Hofe nicht zu bemerken, wenigstens fragte er sie nie darum. Die Hauswirtschaft litt freilich nicht unter ihren Samaritergängen; denn sie arbeitete, daheim um so angestrengter, und die Mägde setzten eine Ehre darein, ihr in dieser traurigen Zeit durch pünktliche Erfüllung ihrer Obliegenheiten förderlich zu sein. Es war eine Teilnahme durch die Tat, die sie dankbar anerkannte. Nur der Vater wußte von keiner Teilnahme, und mit keiner Silbe mehr erwähnte er die jüngsten schrecklichen Ereignisse. Alle Mußestunden, die ihm die ländlichen Arbeiten übrigließen, verbrachte er mit seinen Schuldverschreibungen und Gülten. Gilten (Gülten) – Zinsen . Inzwischen begannen die Mahnbriefe, die der Schullehrer für ihn hatte schreiben müssen, ihre Wirkung zu tun. Er unternahm manchen Gang auf das Landgericht, und dieser und jener Schuldner kam auf den Hof, um von ihm Geduld und Nachsicht zu erbitten. Aber er blieb hart, und zuweilen gab es lauten Streit. Mancher ging in zornigem Schelten davon, anderen stand die Verzweiflung deutlich im Gesicht, noch andere suchten um Liseis Vermittlung bei dem Vater nach und schilderten ihr die Not daheim und den unausbleiblichen Ruin, falls der Klosterbauer auf der weiteren Verfolgung seines Rechts bestünde. Sie zu trösten war alles, was Lisei zu tun vermochte. Es schien ihr, als sei sie vom Schicksal dazu bestimmt, alles Unglück und allen Jammer an sich zu ziehen wie der Monte Sella oder der Kreuzkofl die Wetterwolken. Eines Nachmittags brachte ihr Mona die Botschaft, daß Hannes sie bei Stasi erwarte. Erst nach dem Abendessen konnte sie abkommen, und das hatte sich ungewöhnlich in die Länge gezogen; denn Hartwanger hatte sich eingefunden und war zu Gast geblieben. Auch mit ihm mußte der Klosterbauer Geschäftliches verhandelt haben. Als Lisei in die Stube gekommen war, um den Tisch zum Mahl zu richten, hatte sie beide über den Papieren gefunden, die sie nun schon so gut kannte, und der Glaser hatte mit einem Bleistift, dessen Spitze er mit den Lippen angefeuchtet, in seiner Brieftasche geschrieben. Während des Essens war dann der Klosterbauer aufgeräumter gewesen, als Lisei ihn seit langer Zeit gesehen hatte, der Glasermeister dagegen um so nachdenklicher. Der Tag war gleich dem vorhergehenden sehr heiß gewesen – eine Qual für die Kranken, doch vortrefflich für die bevorstehende Ernte. Golden standen die Kornfelder im Tal und auf den unteren Berghängen. Die Ähren reichten der schlanken Lisei, die langsam und müde zwischen den Feldern dahinschritt, bis zur Schulter. Kaum vermochte sie die Bürde des eigenen und fremden Leids noch zu tragen. Die Sonne war bereits von den Bergen im Westen verdeckt; die Luft jedoch hatte sich nicht abgekühlt, und die Schwüle war erfüllt vom Gezirp der Grillen in den Feldern, Wiesen und Hecken. Aber auch dieses leise Getön hatte etwas Müdes. Leichtes Gewölk schwebte über den verglühenden Dolomiten. Auch auf der Terrasse, auf der das kleine Gehöft Stasis lag, war es nicht kühler. In dem Gärtchen neben dem Hause begoß David gerade die Blumen, die er in diesem Jahre umsonst für Stasi gepflegt hatte; vergebens hatte der prächtige Rosenstock geblüht. Der Alte berichtete Lisei, daß der Doktor vor etwa einer Stunde dagewesen sei und wiederkommen wolle. Heute müsse sich die Krankheit entscheiden, habe er gesagt. Lisei ging traurig ins Haus. Traurig-stumm reichten die Geschwister einander die Hand; dann ging Lisei auf den Fußspitzen zu der Kranken, und Hannes setzte sich wieder auf den Strohstuhl in der Nähe des Fensters, von dem er sich bei Liseis Eintritt erhoben, und öffnete wieder sein Brevier, in dem er vorher anscheinend gelesen hatte. Er las auch jetzt nur Worte, keinen Sinn. Der Schmerz um Stasi machte ihn wehrlos gegen die Erinnerungen, und jeder Moment seines Lebens, seit er sie kannte, ward ihm wieder gegenwärtig. Alles in der Stube war für ihn voll Sinn und Bedeutung, und dort war die Schwelle, auf die Frau Larseit ihren Fluch gelegt hatte. Ambros war nicht darüber gestolpert, aber sein Fuß hatte Stasis ganzes Lebensglück zertreten. Lisei kehrte nach einer Weile von dem Krankenbett zurück. Stasi lag im Paroxysmus Paroxysmus – höchste, krampfhafte Steigerung eines Krankheitszustandes. des Fiebers, und zudem herrschte in der Kammer eine Bruthitze. Lisei schob sich einen Stuhl zu ihrem Bruder heran. »Ich fürcht, sie übersteht's nit«, sagte sie niedergeschlagen. Hannes legte sein Brevier auf das Fensterbrett und strich sich langsam über das hagere Gesicht, das einen bleichen Goldton hatte. Er blieb stumm. »Ach, wie schrecklich ist dies alles!« begann Lisei wieder mit bebender Stimme. »Ja, es ist viel Schreckliches geschehn, seit wir uns auf der Waldwiesen gesprochen haben«, erwiderte er leise. »Wann der Mensch wie das Tier einzig und allein dem Trieb seiner Selbstsucht folgt, dann kann Unheil nit ausbleiben. Gott läßt seiner sittlichen Weltordnung nit spotten.« »Mir bangt, daß auch ich durch meine Selbstsucht zu dem Unglück beigetragen hab«, seufzte Lisei. »Ich muß mir immer vorstelln, daß Ambros die Tat nit begangen hätt, wann ich mich nit geweigert hätt, den Jerg zu nehmen.« Ihre Worte fielen dem Bruder schwer auf die Seele. Wenn sie sich dessen anklagte, mußte er sich selbst einer viel größeren Schuld zeihen. Daraus, daß er gegen seine innere Überzeugung und unter Nichtachtung der bestehenden Gesetze Stasi und Ambros vermählt hatte, war ja alles Unglück erwachsen! Er sprach diesen Vorwurf, der ihn oft genug gequält hatte, jetzt offen aus. »Ach ja, es ist wohl keiner unter uns von Schuld ganz rein«, kam es traurig über Liseis Lippen. »Und dafür müssen wir jetzt büßen in Leid und Schmerzen«, murmelte er. »Freilich, aber Sie, herzliebster Bruder, hatten die beste Absicht, als Sie den Ambros und die Stasi zusammengaben.« »Und geschah es etwa aus unlautern Beweggründen, daß du dich weigertest, den Willen des Vaters zu tun?« fragte er, ihre Hand ergreifend. »Ich seh nit ein, wie du das Unglück hättst verhüten können, wann du dich dem Eigennutz des Vaters aufgeopfert hättst.« »Vielleicht wär's mir dann gelungen, den Vater mit Ambros auszusöhnen und auch mit Ihnen, liebster Herr Hannes«, versetzte die Schwester. »Vielleicht geläng's mir noch, wann Gott den Jerg am Leben erhält.« »Lisei, Lisei!« rief Hannes betroffen. »Ich bitt dich, was geht in dir vor? Woran denkst du? Und die Treu, die du Wolf gelobt hast?« Sie ließ den Kopf sinken, und er fuhr fort, während er ihre Hand inniger umfaßte: »Kennst du mich so schlecht, daß du dir einbildest, ich könnt für meinen Teil um den Preis deines Lebensglücks auch nur im entferntesten eine Aussöhnung mit dem Vater wünschen?« »Wie Sie neulich im Wald droben gepredigt haben, da ist mir erst ganz deutlich geworden, was alles zwischen dem Wolf und mir liegt«, sagte jetzt Lisei, den Bruder mit einem trüben Lächeln anblickend. »Der Wolf hat immer ein Herz zu uns gehabt; aber wir können ja nimmer zusammenkommen. Er ist ja ganz unschuldig an dem Leid und Übel, das seine Landsleut uns Tirolern zugefügt haben, aber all das Leid und Übel, wie Sie es dargestellt haben, liegt zwischen uns. Der Haß reißt uns auseinander. Wie ein wilder Bergstrom geht er zwischen uns durch und duldet nit Brücken noch Steg von Herz zu Herz.« »Arme Schwester«, sagte Hannes bewegt. »Lechner ist ein ehrenhafter Mann; aber es ist leider wahr: das Elend unsres schönen Vaterlands liegt zwischen euch. Und wann du auch mutig den Strom durchwaten wolltst, du dürftest schwerlich glückliche Tag in der Fremde finden, an der Seit eines Mannes, dessen Landsleut Tirol knechten und mißhandeln.« »Er würd das Leben für mich lassen, wann's sein müßt, und ich ließ es für ihn«, versetzte Lisei. »Auch er wird's sich längst deutlich gemacht haben, daß wir nimmer zueinander kommen können. Und ich hab jetzt oft an das denken müssen, was Sie mir einmal bei dem Bildstöckl auf dem Jöchl erzählt haben. Sie haben Ihr Kreuz so mutig auf sich genommen und getragen, und als Sie neulich so unerschrocken von dem wahren Glauben und von dem Vaterland gepredigt haben, da hab ich wohl gewußt, warum es Ihnen so tief aus dem Herzen ist herausgekommen. Ich hab an all dies immer wieder und wieder denken müssen, wann ich da drinnen am Bett der armen Stasi gesessen bin, und hab mir den Kopf zermartert, wie ich ihr helfen könnt. Ach liebster Herr Hannes, sollt ich denn die Schuld, in die der Vater und Ambros gefalln sind, nit sühnen können, wann ich mein Kreuz auf mich nähm, wie Sie's getan haben? Wann ich jetzt dem Jerg seine Hand aus freien Stücken annähm, hab ich mir vorgestellt, dann müßten sie alle ihre Erbitterung und ihren Haß aufeinander vergessen. Der Ambros ist der Unglücklichste von allen, und ich hab ihn immer in meinem Herzen getragen, als wär ich seine Mutter. Vielleicht kann ich auch der Stasi helfen, wann ihr die Heiligen das Leben lassen.« Von seiner Untreue gegen Stasi mochte sie selbst zu Hannes nicht reden, und dieser war von ihrem Edelmut so ergriffen, daß er nicht gleich eine Antwort fand. Er griff nach seiner Tabaksdose. Da erschien der Doktor. David, der, nach dem er die Pflanzen begossen, auf der Schwelle der Haustür gesessen und seine Betrübnis für sich allein im Gebet zu ersticken versucht hatte, folgte ihm. »Uff, ist das schwül!« sagte der Doktor, und sein Atem erfüllte die Stube mit Weingeruch. Er gebrauchte übrigens beim Sprechen nicht die volle Kraft seiner Lungen, wie er es in der Mühle getan hatte. Seine schweren Sporen – er war zu Pferde nach St. Vigil gekommen – hatte er abgeschnallt, und ihre Räder schauten aus der Seitentasche seines Reitrocks. »Grüß Gott, Jungfer Falkner«, fuhr er fort. »Beiläufig eine Neuigkeit, Herr Pfarrer! Ich hörte eben im ›Stern‹, daß Lacedelli von der Regierung zur Nachfolge in St. Vigil ernannt ist.« Hannes entgegnete, daß er es nicht anders erwartet habe. »Freilich!« zuckte der Doktor die Schultern. »Quos Deus perdere vult, dementat prius.« Quos Deus perdere vult, dementat prius – (lat.) Die, die Gott verderben will, verblendet er vorher. – Es handelt sich hier um die anfechtbare Übersetzung eines griechischen Erläuterungsverses zu Sophokles' »Antigone«. Mona, die in der Kammer gesessen und den Doktor sofort an der Stimme erkannt hatte, war in die Küche geschlüpft und brachte jetzt die angezündete Schnabellampe, die sie auf den Tisch stellte. Es herrschte bereits tiefe Dämmerung in der Stube. »Und jetzt wolln wir nach unsrer Kranken schaun«, nahm Doktor Ostler wieder das Wort, strich sich das Haar mit beiden Händen in die Höhe und ergriff die Lampe. An der Schwelle drehte er sich noch einmal um und sagte: »Ihr braucht mir nit nachzukommen; es ist schon ohnedem heiß genug in der Kammer. Wann Ihr aber etwas tun wollt, Jungfer Lisei, dann kneift den Daumen. Oder betet um ein gehöriges Donnerwetter, damit sich die Luft abkühlt.« Hannes schaute auf den matten, zitternden Schein, der durch die halboffene Kammertür auf die Dielen hereinfiel, und verglich damit Stasis Leben. Aber er wollte stark sein und riß sich gewaltsam von dem Gedanken los, der seine Kraft unterwühlte. War das Christentum nicht die Religion des Todes? Und er, ein Priester dieses Glaubens, wollte sich vom Schmerz übermannen lassen, weil sich eine Seele, die in der kurzen Spanne ihres Daseins so viel schweres Leid erfahren hatte zur ewigen Seligkeit aufzuschwingen im Begriff stand? Der Mensch in ihm war jedoch mächtiger als der Priester. Er ging geräuschlos vor das Haus. Unterdessen fühlte Doktor Ostler Stasi den Puls und zählte die Schläge, während er auf seiner dicken silbernen Taschenuhr den Sekundenzeiger verfolgte. Der Puls raste. Sanft legte er den Arm Stasis wieder auf das Deckbett, stemmte die Fäuste auf seine Schenkel und betrachtete die Kranke mit so ingrimmigen Augen, daß man hätte annehmen müssen, sie sei seine ärgste Feindin. Es war einer jener Momente, in denen der Arzt die Ohnmacht seiner Wissenschaft fühlt. »Hab dem Teufel, der ihn schon am Kragen hatt, den Jerg abgejagt«, murrte er. »Ist freilich ein Sprüchlein, das heißt: Unkraut vergeht nit. – Aber jetzt ist's Zeit, daß wir Vernunft annehmen, Frau. Donnerwetter!« Aber Stasi schien nicht Vernunft annehmen zu wollen, und näher rauschte der Todesengel, der an Jergs Haupt vorübergestrichen war. Jerg war nach einem heftigen Wundfieber zum Bewußtsein gekommen und besserte sich langsam. Vor einigen Tagen hatte Doktor Ostler dem Müller sagen können, er möge jetzt, wenn er Lust hätte, ein Glas Wein auf die Gesundheit seines Sohnes trinken. Und er hatte den Zusatz gemacht: »Ob's lohnt, daß ich ihn vom Galgen geschnitten hab, müßt Ihr besser wissen als ich.« Der Vater hoffte es, hoffte, daß seinem Sohn die harte Lehre, die er erhalten, zum Besten gedeihen würde. Afra aber vernahm die Botschaft mit finster zusammengezogenen Brauen. Sie haßte Jerg und wünschte seinen Tod. Sollte der Mörder ihres Glücks genesen und sich des Lebens freuen, während Ambros als ein Geächteter umherirren mußte? Wiederum wünschte sie, daß das Bekenntnis ihrer Liebe zu Ambros ihren Mann zornig gemacht hätte: dann hätte sie ihn verlassen und Ambros gesucht und gefunden. Und sie träumte davon, wie sie an seiner Seite unstet, doch glücklich über die Erde wanderte. Daß die Blutschuld von Ambros genommen war, änderte an ihren Empfindungen gegenüber Jerg nichts. Ihren Mann bekümmerte es tief, sie so unglücklich zu sehen, und er zürnte Ambros darob. Wäre es ein lediger Bursche gewesen, der ihre Liebe errungen hätte, so hätte sich ein gutes Ende absehen lassen. Bei seinem hohen Alter konnte es ja nicht mehr lange währen, und sein Tod würde Afra frei machen. Aber Stasis Tod zu wünschen – einer solchen Schlechtigkeit war er unfähig. Er dachte daran, Jerg nach dessen Wiederherstellung sein ganzes Anwesen zu überlassen und mit Afra irgendwo anders hinzugehen, etwa in deren Heimat. Vielleicht würde es Afra in einer anderen Umgebung leichter, sich in das Unvermeidliche zu fügen. Sein Vorschlag ließ sie gleichgültig. »Wozu?« versetzte sie. »Ich kann mir das Herz nit aus der Brust reißen.« »Nein, das kannst du nit«, seufzte er. »Aber schau, alles könnt ich dem Ambros vergeben, nur das nit, daß er dich so unglücklich gemacht hat, er, der eine so gute Frau sein eigen nennt Das ist eine doppelte Schlechtigkeit von ihm. Und das solltest auch du dir sagen.« Afra verteidigte Ambros nicht Sie blickte ihren. Mann mit düster brütenden Augen an, und über ihre Lippen glitt nur die Frage:, »Bin ich besser als er?« Da öffnete sich die Stubentür und ließ Vefa ein, die sich sonntäglich sauber geputzt hatte. Sie mußte schnell gegangen sein, denn ihr Gesicht war hochrot, als hätte sie am Herdfeuer gestanden. »Was wollt Ihr noch hier?« wandte sich der Müller unmutig gegen sie. »Ich sollt meinen, daß Ihr hier schon Unheil genug angerichtet habt.« »Nein, wie Ihr mich anfahrt!« rief sie betroffen. »Ihr seid auch einer von denen, die das Glück zum Fenster hinauswerfen möchten, wann man's ihnen zur Tür hereinbringt« »Nennt Ihr das ein Glück, daß mein Sohn beinah erschlagen ist und die Stasi im Sterben liegt?« fragte Arigaya bitter. »Wollt Euch wohl dessen gar noch rühmen?« »Was hab ich mit dem Ambros zu schaffen?« protestierte sie. »Für den Jerg bring ich was, das ihn bälder gesund machen wird als alle Arznei, und die Stasi wird auch nit sterben. Die Lisei hat mir gesagt, daß das Schlimmste überstanden ist. Ich komm eben vom Klosterhof. Bei ordentlicher Pfleg wird sie schon wieder auf die Beine kommen, hat der Doktor gemeint, und Ihr braucht Euch nit um sie zu sorgen. Freilich, mit ihrem Kopf, da schaut's übel aus. Das Fieber ist weg, aber sie redet irr.« »Jesus, Maria und Joseph!« rief der Müller erschreckt. Afra wurde bleich. Vefa betrachtete beide fast mit Verwunderung; dann sagte sie: »Ja, sie hat den Verstand verlorn; das hat sie jetzt davon, daß sie den Ambros mit ihren Künsten an sich gelockt hat! Und jetzt möcht ich den Jerg sprechen. Ich hab was an ihn auszurichten.« Der Müller schien sie nicht zu hören, und sie mußte ihren Wunsch wiederholen. »Laßt ihn in Ruh!« versuchte sie der Alte abzuwehren. »Er ist noch etwas schwach, und Eure Botschaften taugen den Teixel. Heilige Mutter Gottes, die arme Stasi!« »Ach was, von der ist jetzt nit die Red!« versetzte Vefa und machte mit der Rechten eine wegwerfende Bewegung. »Aber was meint Ihr, wann ich Euch sag, daß mich die Lisei schickt? Die hat doch wohl bei Euch einen Stein im Brett? Ja, und damit Ihr's gleich wißt – denn ich nehm einem alten Freund seine Grobheit nit übel: die Lisei sträubt sich nit mehr gegen den Jerg.« Mit triumphierender Miene stand sie vor dem Müller, der sie nur stumm anzuschauen vermochte, während Afra eine kurze, höhnische Lache aufschlug. Vefa warf mit einem Seitenblick auf Afra den Kopf auf und sagte zu dem Müller: »Gelt, da bleibt Euch der Mund vor Verwunderung offenstehn? Jetzt habt Ihr das Glück im Haus, und das bringt keinen um.« Sie eilte aus der Stube, und gleich darauf hörte der Alte ihr Pochen an der Kammertür seines Sohnes. 20. Kapitel Es verhielt sich so, wie Vefa sagte. Der Tod, der Stasis fieberheiße Stirn schon zu berühren schien, hatte sich von ihr abgewendet; zögernd und widerwillig entfernte er sich, doch der Geist der Armen blieb verdunkelt. Doktor Ostler vertröstete darauf, daß sich mit der Kräftigung ihrer leiblichen Gesundheit auch ihr Verstand allmählich wieder aufhellen würde. Diese Hoffnung erfüllte sich nicht. Langsam gewann die schwache Lebensflamme bei der sorgsamen Pflege, die ihr von Lisei und David zuteil wurde, an Nahrung und Stetigkeit; in dem geistigen Zustand trat jedoch keine Änderung ein. Die Vergangenheit schien aus Stasis Gedächtnis getilgt zu sein, und der Name ihres Mannes kam nie über ihre Lippen. Meistens lag sie still da oder redete flüsternd mit sich selbst. Nur einmal fragte sie nach ihrem Kinde, und als David, der ihr nicht die Wahrheit zu gestehen wagte, sie durch die Versicherung zu beschwichtigen versuchte, daß es schlafe, lächelte sie und schien zufrieden. Ihr bejammernswerter Zustand entschied über Liseis Vorsatz, Wolf zu entsagen. Das Unrecht, das von allen Seiten begangen worden war, mußte gutgemacht werden, und Lisei hoffte es zu können, wenn sie Jergs Frau würde. Der Entschluß kostete sie freilich noch manchen schweren Kampf; aber das Beispiel ihres Bruders Hannes ermutigte sie. Sein Opfer erschien ihr als das größere, denn er hatte seine Liebe Gott geopfert; ihre Entsagung würde der Frieden und die Versöhnung der Ihren belohnen. Sie bat Hannes, ihren Entschluß und dessen Beweggründe Wolf mitzuteilen, damit er sie ihres Wortes entbände. Und dann traf eines Tages dessen Antwort ein. Wolf, der sich noch immer in Innsbruck befand, wo ihm die fortwährenden Kriegsrüstungen reichlichen Verdienst brachten, entsprach dem Wunsche Liseis. Ihrem Wunsche! Wer vermochte zu sagen, ob sich in den gespannten Empfindungen, mit denen sie Wolfs Antwort erharrt, nicht dennoch die Hoffnung geregt hatte, daß er sie nicht freigeben würde? David mußte ihr das Schreiben, das an sie selbst gerichtet war, vorlesen. Mit kreidebleichem Gesicht hörte sie zu. Sie konnte nicht weinen; aller Schmerz hatte sich nach innen gekehrt, und erst daheim auf ihrer Kammer löste sich der Krampf ihres Herzens in Tränen … Der erste Ausgang des genesenen Jerg galt dem Klosterhof. Die Kornernte hatte begonnen, und überall auf den Feldern fiel das Goldgelock unter den Sicheln. Der Anblick der fleißigen Menschen freute Jerg ebensowenig wie der schöne, sonnige Tag. Die Verletzung hatte auf seiner Stirn eine häßliche Narbe zurückgelassen, und so frei von Eitelkeit war er nicht, daß er Ambros deshalb nicht gegrollt hätte, als er beim Ankleiden sein Gesicht wieder im Rasierspiegel erblickte. Um die Narbe zu verdecken, hatte er den Hut tief über die Stirn gezogen. Auf dem Klosterhof fand er keine menschliche Seele; alle waren auf den Feldern. So suchte er Lisei denn dort auf. Es war um die Vesperzeit, und die Schnitter und Binderinnen saßen im Schatten einer Hecke, in dem ein Fäßchen mit gemischtem Wein aufgestellt war. Toni, die Großmagd, bemerkte Jerg zuerst und rief verwundert: »Ja, was will der denn hier?« Da wandten sich ihm alle Köpfe entgegen, und eine Dirne meinte, er sehe aus wie das Leiden Christi. »Freilich, wann der Ambros einem zur Ader laßt, dann besorgt er's gründlich«, bemerkte der Großknecht und biß gemächlich in sein Brot. »Der kann jetzt geisten gehn«, rief eine muntere Gitsche, und eine andere fügte hinzu: »Wann er zum Brenteln brenteln – Abendbesuche abstatten geht, braucht ihm das Dirndl nit aufzutun. Da fahrt er durchs Schlüsselloch.« In das Gelächter, das darüber entstand, sang ein Mäher: »Ich bin ja noch z' jung Und zum Gangsteigen z' schwach – Bitt dich recht schön, mein Vater, Trag mir's Leiterle nach!« Unterdessen war Lisei von der Erde aufgestanden und Jerg einige Schritte entgegengegangen. Nicht ohne Beklommenheit reichte sie ihm die Hand und fragte: »Was schaffst du?« »Es hat mich halt nit länger daheim geduldet«, versetzte er, seinen Ärger über das Gespött der Knechte und Mägde unterdrückend. »Ich mußt doch von dir selber hörn, daß die Vefa nit geflunkert hat. Aber laß uns ein wenig beiseit gehn.« Lisei zögerte einen Augenblick; dann ging sie entschlossen voraus. Als sie außer Hörweite der Arbeiter war, blieb sie stehen. Jerg nahm den Hut ab, um sich den Schweiß von der Stirn zu trocknen. Wie ein dicker, blutroter Blitz zackte die erhitzte Narbe unter dem Haar hervor gegen das rechte Auge, und Lisei erschrak. Jerg bemerkte es und sagte mit einem bitteren Lachen: »Gelt, der Ambros hat mich gut gezeichnet! Jetzt ist's leicht, mir einen Steckbrief zu schreiben. Aber das kommt davon, daß ich nit von dir hab lassen können.« Sie wußte, daß nicht sie, sondern der Klosterhof es war, von dem er nicht hatte lassen mögen; aber sie schwieg darüber und erwiderte: »Ich will gutzumachen versuchen, was mein Bruder an dir verbrochen hat. Drum hab ich eingewilligt, deine Frau zu werden, wann du meine Bedingungen annimmst.« »Ein Handel ist's also?« scherzte er. »O weh, da werd ich nit reich genug sein, um dich zu kaufen! Wer wär's auch, wann du dich nach deinem Wert schätzt?« »Laß das Scherzen!« versetzte Lisei ernst und fuhr mit höher geröteten Wangen fort: »Ich hab den Lechner gebeten, daß er mir mein Wort zurückgibt. Wie mein Herz zu ihm steht, weißt du. Wann du von mir nit mehr verlangst, als daß ich meine Pflichten gegen dich erfüll, nachher will ich deine Frau werden. Ich will's dir geloben vor mir selber wie vor Gott, daß ich mit keinem sündigen Gedanken an den Lechner denken und in Treu zu dir halten will als deine Frau in allen Stücken. Nimmst du das an?« Warum sollte er es nicht annehmen? Es war ihm ja gleichgültig, ob Lisei ihn liebte oder nicht – wenn nur seine Habsucht befriedigt wurde! Er habe manchen Feind, äußerte er, aber Lisei solle denen, die ihn anschwärzten, nicht glauben. Er tröste sich damit, daß sie ihn in der Ehe schon noch besser kennen und auch lieben lernen werde. Lisei schüttelte ein wenig den Kopf; sie erwiderte jedoch nichts, sondern wiederholte nur ihre Frage. »Potztausend, das ist abgemacht!« rief er. Sie atmete tief auf, pflückte ein paar Blätter von der Hecke, neben der sie standen, und fuhr dann fort: »Aber du mußt mir auch geloben, daß du dem Ambros alles von Herzen vergeben und ihm nix nach tragen willst.« »Meiner Treu, das will ich dir gern geloben«, antwortete er sofort »Du weißt ja, daß ich ein so gutes Herz hab, und hier ist meine Hand drauf.« Es war eine kalte, feuchte Hand, die er Lisei reichte. »Und du versprichst mir auch«, fuhr sie, seine Hand festhaltend, fort, wobei sie ihre grauen, klaren Augen fest auf ihm ruhen ließ, »daß du mir nach besten Kräften helfen willst, daß der Vater dem Ambros verzeiht.« Wenn sie die Sonne von ihm verlangt hätte – er hätte sie ihr versprochen. Aber er antwortete nicht sogleich; denn ihre Forderung erweckte sein Mißtrauen. Willigte Lisei etwa nur in die Heirat, um Ambros den Klosterhof zuzuwenden, nachdem es ihr gelungen wäre, den Vater mit ihm auszusöhnen? Nun, mit seinem Wissen und Willen sollte die Aussöhnung gewiß nicht zustande kommen, und mit erheuchelter Bewunderung rief er: »Bist du eine Schwester! Das hat mich ganz stumm gemacht Aber ich glaub nit, daß sich dein Vater durch mich wird erweichen lassen. Dennoch will ich um deinetwillen alles tun, was ich kann.« »Ho, Lisei, was stehst da und schwätzt? Solln die andern für dich arbeiten?« erscholl da die Stimme des Klosterbauern, der mit einer Sichel in der Hand über das Feld geschritten kam. Die anderen hatten inzwischen die Arbeit wieder begonnen. Die Vesperzeit war vorüber. Jerg hielt Lisei, die sich entfernen wollte, zurück und sagte zu dem herankommenden Klosterbauern: »Die Lisei hat eingewilligt, meine Frau zu werden.« Der Klosterbauer sah seine Tochter von der Seite an und brummte: »Drum braucht sie die Arbeit nit zu versäumen!« Lisei ging ruhig davon, aber ihr Herz war tieftraurig. »Du bist also wieder auf den Beinen?« sagte der Klosterbauer darauf zu Jerg und betrachtete ihn von Kopf bis Fuß. »Mußt Euch wohl durch den Augenschein davon überzeugen, da Ihr mir während meiner ganzen Krankheit nit nachgefragt habt«, versetzte Jerg etwas spitz. Der Klosterbauer verzog hochmütig den Mund. Wie hätte er seinen Fuß in die Mühle setzen sollen, da der alte Arigaya sich geweigert, für Jerg um Lisei zu werben? Wenn Jerg das nicht von selbst begriff, so dünkte es ihn auch überflüssig, es ihm zu erklären.Da er schwieg, nahm Jerg wieder das Wort. »Euer Herzenssohn hat mich nit ganz totgeschlagen, und da die Lisei sich jetzt als eine gehorsame Tochter ausweist, so möcht ich Euch fragen, Klosterbauer, wie wir zwei beid zueinander stehn? Vorreden machen keine Nachreden.« »Dein Kopf muß wohl noch etwas schwach sein«, erwiderte der Klosterbauer. »Ich sollt meinen, daß wir längst alles abgesprochen haben. Du ziehst zu mir auf den Hof, und nach meinem Tod wirtschaftest du darauf.« »Ja, so war's abgemacht«, nickte Jerg. »Aber man kann doch nit wissen, ob der Has nit einen Haken schlägt. Ihr seid gewiß ebenso wie ich von Herzen froh, daß die Lisei ein Einsehn gehabt hat, und da könnt's ja leicht geschehn, daß Ihr in Eurer Herzensfreud, wann Euch die Lisei drum bittet, den Ambros wieder zu Gnaden aufnehmt und ihm ein Kalb schlachtet. Was kümmert Euch dann der Jerg und die Lisei? Die schickt Ihr' bachab. Im Grund ist der Ambros ja auch immer ein guter Sohn gegen Euch gewesen, und auch sein Bruder hat Euch immer zu Lieb gelebt« »Bist toll geworden?« schrie der Klosterbauer zornig. »Kennst du den Klosterbauer so wenig, daß du ihm so was zu bieten wagst?« »Ich biet dem Klosterbauer gar nix als meine Hand«, entgegnete Jerg und hielt ihm seine Hand hin. »Schlagt ein! Es bleibt also bei unsrer Abmachung. Und wann soll die Hochzeit sein?« Der Klosterbauer schlug mit noch immer zornigen Blicken ein. Dann murrte er: »Das ist doch keine Art nit, daß man davon auf freiem Feld red't. Mach nur, daß du erst wieder zu Kräften kommst. Der Wind bläst dich ja um. Das wär mir was, wann dich die Lisei auf dem Kirchgang an der Joppen festhalten müßt, damit du nit fortgeweht wirst.« Er lachte rauh. Jerg erwiderte: »Ja, ja, macht Euch nur lustig auf meine Kosten, das tut wohl. Ich hab auch recht lachen müssen, wie ich mich zuerst wieder im Spiegel beschaut hab. Das kommt davon, hab ich zu mir gesagt, wann einer sich beikommen läßt, dem Klosterbauer sein Söhner Söhner – Schwiegersohn zu werden. Der Klosterbauer hat zwar einen starken Willen, aber dem Ambros seine Faust ist noch stärker. Na, behüt Euch Gott, Schwiegervater!« Er nickte dem Klosterbauern spöttisch-vertraulich zu und entfernte sich. Dieser sah ihm mit unbehaglichem Gefühl eine Weile nach und ging dann auch wieder an die Arbeit. Mit mehr Energie, als nötig war, umfaßte er mit der Linken die Halme unterhalb der Ähren, und zischend, als ob Wasser auf glühendes Eisen fiele, durchschnitt die Sichel sie. Seine Binderin hatte Mühe, ihm zu folgen. Jerg fühlte sich um so behaglicher und lachte bei sich über die Bedingungen, die ihm Lisei gestellt hatte. Sie ließen ihn seine künftige Frau recht einfältig erscheinen, und er war ganz zufrieden, daß sie nicht klüger war. Klüger? Es gab für ihn überhaupt keinen klugen Menschen, und auch den Klosterbauern übersah er. Sie waren alle dumm! An dem Sonntag, nachdem die letzten Garben auf dem Klosterhof eingefahren waren, holte er Lisei nach der Schneidemühle ab, um sie »seinen Leuten« als Braut vorzustellen. Lisei selbst hatte es gewünscht. Der Müller empfing sie in seiner gewohnten gutmütigen Art; nur war er schweigsamer als sonst und seine Haltung gebückter. Afra hielt sich zurück, und Lisei vermochte es nicht über sich, das Wort an sie zu richten. Sie vermied es, den Blicken der schönen Sünderin zu begegnen, die mit einer gewissen Spannung auf ihr ruhten, als suchten sie das Rätsel zu ergründen, das Liseis plötzliche Entschließung, Jerg zu heiraten, umgab. Ihr Mann sprach sich offen aus. »Du hast eingewilligt, dem Jerg seine Frau zu werden, und ich kann mir keine liebere Söhnerin wünschen«, sagte er. »Ich hab nit für ihn werben mögen; aber im stillen hab ich gehofft, daß du ja sagen würdst. Wann Jerg noch zum Guten zu lenken ist, dann kann's eine rechtschaffne Frau wie du; ja, das hab ich immer bei mir gedacht. Und jetzt mag unser Herrgott seinen Segen geben, daß du deinen Entschluß nimmer bereust« Er küßte Lisei auf beide Wangen. Jerg aber meinte spöttisch: »Das war ein recht erbaulicher Segen. Hat die Müllerin nit auch einen Glückwunsch für uns?« »Die Lisei wird am besten wissen, was sie tut«, erwiderte Afra darauf kalt »Wie man sich bettet, so schläft man.« »Nu, an guten Betten fehlt's ja wohl nit auf dem Klosterhof, was, Lisei?« spöttelte Jerg. »Setz' dich doch hin, Lisei«, nötigte der Müller ablenkend, trat an den Tisch, auf dem Afra etwas zur Bewirtung aufgestellt hatte, und füllte die Gläser. Als er aber eines davon ergriff, um auf das Wohl des Brautpaares zu trinken, legte Lisei die Hand auf seinen Arm und sagte: »Daß Ihr so gut gegen mich seid, daraus erkenn ich, daß Ihr mir meine Schuld an dem Unglück, das den Jerg getroffen hat, nit nachtragt. Vergebt auch meinem Bruder; ich bitt Euch von Herzen drum.« Ein Schatten legte sich über das durchfurchte Antlitz des Alten, und er entgegnete, das Glas mit dem Handrücken langsam zurückschiebend: »Es kommen wohl noch viele andre Tag, wo wir davon reden können.« »Nein, Müller, eine Güte, um die einer zweimal bitten muß, ist nur eine halbe Güte«, wandte Lisei bittend ein. »Ihr habt ja den Ambros immer gern leiden mögen, und darum werdet Ihr nit hartherziger sein als der Jerg, der doch am meisten von ihm gelitten hat« Der Müller und seine Frau drehten gleichzeitig die Köpfe nach Jerg hin, der sich unterdessen wie ein unbeteiligter Zuschauer auf die Ofenbank gesetzt hatte. Er nickte feierlich mit dem Kopf, und als Lisei ihn jetzt zu ihrem Beistand aufrief, sagte er, indem er sich mit beiden Händen auf die Kante der Bank stützte und dazu die Beine wie Glockenschwengel bewegte: »Na, Vater, ich hab ihm um der Lisei willen meinen Stirnschmuck vergeben, den ich offen vor allen Leuten trag; also könnt Ihr wohl auch ein wenig großmütig sein. Macht auch Ihr als guter Christ einen Strich unter Eure Rechnung. Die Jugend ist nun mal heißblütig und hitzig.« Lisei vermochte den boshaften Sinn seiner Worte nicht zu verstehen, denn sie hatte mit Jerg über die Ursache seines Streits mit Ambros nicht reden mögen. Der Alte aber sah Afra hei den Worten seines Sohnes bekümmert an, und diese rief mit Verachtung in Ton und Blick ihrem Stiefsohn zu: »Was hast du denn zu vergeben? Er hat dich für dein Lästermaul gezüchtigt, und jetzt zeigst du, daß du das Leben nit wert bist, das dir unser Herrgott gelassen hat.« »Was ist denn los?« fragte Jerg mit verstellter Verwunderung. »Ich sammle feurige Kohlen auf dem Ambros sein Haupt, und dafür dreht jetzt die Frau Mutter den Spieß um. Merk dir's, Lisei, wann du mal nit leiden willst, daß der gute Nam von deinem Vater beschimpft wird. Ja, so geht's in der Welt« Der Vater hatte ihm mit aufwallender Heftigkeit in die Rede hineingerufen, er solle schweigen. Jerg aber hatte sich nicht stören lassen, und der Blick, den er bei der Apostrophe an seine Braut auf Afra geworfen, hatte Lisei alles verraten. Sie begriff jetzt, warum der Müller sich weigerte, Ambros zu verzeihen, und der Gedanke, daß er um die Untreue seines Weibes wisse, spiegelte sich in ihren Mienen so mitleidig ab, daß dem Alten darüber eine feine Röte in die Wangen stieg. »Und die arme Stasi hat darüber den Verstand verlorn«, kam es unwillkürlich, wie in Verfolgung jenes Gedankens, über ihre Lippen. Afra schien die allerdings ganz leise gesprochenen Worte nicht vernommen zu haben. Sie stand wie herausfordernd da, die Arme unter dem Busen gekreuzt und die vollen Lippen fest aufeinandergedrückt. Ihre Augen ruhten auf ihrem Manne und folgten ihm, als er jetzt mit einem Seufzer nach seinem Lehnstuhl ging und sich niederließ. Jerg hatte sich gegen den Ofen zurückgelehnt und betrachtete die anderen mit innerer Schadenfreude. Lisei trat nach kurzem Zögern zu dem Müller heran. Er richtete den gesenkten Kopf auf und sagte, ehe sie sprechen konnte: »Ich will mich bezwingen, Lisei, so schwer's mir wird, nit um meinetwillen.« Seine Blicke wanderten zu Afra hinüber, und er wiederholte: »Nit um meinetwillen. Ich bin ein alter Mann und leg mich wohl bald zur ewigen Ruh hin. Das soll mein Angebind zu deiner Hochzeit sein, daß ich dem Ambros seine Schuld vergeb.« Er reichte Lisei die Hand, und sie küßte sie und dankte ihm mit Tränen in den Augen. Afras Brust wogte hoch auf; ihre verschränkten Arme lösten sich, und sie wandte sich rasch dem nächsten Fenster zu und blickte unverwandt hinaus, um ihre feucht werdenden Wimpern zu verbergen. »Amen!« sagte Jerg mit spöttischer Salbung und erhob sich. »Und jetzt, da alles so schön ein End in Fried und Freundschaft genommen hat, können wir eins trinken. Du sollst leben, Lisei!« Er ergriff eines der vollgeschenkten Gläser, schwenkte es gegen Lisei und leerte es. Lisei achtete seiner nicht; sie hielt noch immer die Hand des Müllers in der ihren, und er flüsterte mit einem Wink auf seine Frau: »Sei auch ein wenig gut zu ihr; sie ist so unglücklich.« Laut setzte er, während er aufstand, hinzu: »Laßt uns jetzt alle etwas essen.« Lisei vermochte seiner Einladung jedoch nicht Folge zu leisten. Das Herz war ihr zu voll, und auch Afra rührte sich nicht. Lisei schickte sich zum Fortgehen an, und Jerg sah sich nach seinem Hut um; er wollte sie begleiten. Es war ihm ganz erwünscht, auf gute Art aus der Mühle fortzukommen. Lisei lehnte jedoch seine Begleitung mit der Äußerung ab, daß sie noch zu Stasi hinaufzugehen beabsichtige. »Mir auch recht«, sagte er gleichmütig und steckte die Hände in seinen Leibgurt. Innerlich aber verdroß es ihn, daß seine Braut sowenig Umstände mit ihm machte. Nun, die Zeit war ja nicht mehr fern, da er der Meister sein würde! Afra war unterdessen vom Fenster zurückgetreten, und Lisei reichte auch ihr die Hand, nachdem sie dem Müller zum Abschied versprochen hatte, nächstens wiederzukommen. Afra nahm jedoch ihre Hand nicht an, sondern sagte: »Ich hab noch mit dir zu reden; komm!« Lisei drückte ihren flachen Hut fester in die Stirn und ging zur Tür. Jerg rief ihr noch nach, daß er abends auf den Klosterhof kommen würde; dann schob er sich einen Stuhl an den Tisch und sagte: »So, jetzt wolln auch wir ein vernünftiges Wort miteinander reden, von wegen dem, was ich der Lisei als Heiratsgut zubring. Denn das könnt Ihr doch nit denken, Vater, daß ich als dem Klosterbauer sein Eidam mit leern Händen auf den Hof ziehn werd. Wer nix hat, stellt auch nix vor. Die Schneidemühl mögt Ihr meinethalben behalten ... und was zu ihrem Betrieb und Euerm Unterhalt an Land nötig ist.« »Sprich nur weiter«, versetzte der Alte kurz und griff nach seinem noch immer unberührten Glas … Unterdessen gingen Lisei und Afra schweigend nebeneinander den Bach aufwärts und über die Brücke. Die Landjäger spielten vor ihrem Quartier auf dem Kirchplatz Boccia. Boccia – Spiel mit Kugeln, von denen eine als Ziel ausgeworfen wird, der man dann die übrigen möglichst nahe zu bringen versucht. Vom Stand am Saum des Bannwaldes tönte den beiden Frauen das Knallen der Büchsen entgegen. Angelo Lacedelli saß lesend in seinem verwilderten Pfarrgarten. Er hatte unter den Büchern Moltenbechers, die Hannes noch nicht hatte abholen lassen, einen Virgil gefunden und begleitete nun Äneas in die Unterwelt, deren Schrecken ihm allerdings ein Lächeln abnötigten. – Seit er seine Vokation erhalten, hauste er übrigens nicht mehr allein in der Pfarre. Er hatte eine ältere Schwester, die unverheiratet geblieben war, zu sich genommen. In seinem Verhältnis zu der Gemeinde hatte sich jedoch nichts geändert. Zwar hatte er den Triumph genossen, daß der Dechant von Enneberg ihn in sein Amt hatte einführen müssen, dafür aber war er in der nächsten Nacht und auch noch in einigen späteren durch einen Höllenlärm vor seinem Hause – eine Musik von Kuhglocken, Bratpfannen und Milchtrichtern, die als Trompeten gedient – aus dem Schlaf geschreckt worden. Der Unfug hätte sich wohl noch öfter wiederholt, wenn Lacedelli nicht den guten Einfall bekommen hätte, sich am nächsten Sonntag auf der Kanzel für die Ständchen zu bedanken. Er hatte zwar nur wenige Zuhörer gehabt, doch war seine Äußerung bald genug bekanntgeworden, und seitdem hatte er Ruhe. Um so geschlossener wurde der passive Widerstand gegen ihn; denn Mutschleitner, der Bäcker und der Färber, das Gamsmanndl und der Jöchlbauer blieben nicht untätig, und immer zahlreicher wurden im Vigiltal die Mitglieder des Bundes für die Befreiung des Vaterlandes. Lacedelli wie auch die Landjäger hatten nicht die leiseste Ahnung von der Existenz dieser Verschwörung, obgleich kein Hokuspokus mit Dolch und Totenkopf, schrecklichen Schwüren und Androhung blutiger Feme gegen die Verräter, wie sie sonst mit Verschwörungen untrennbar verbunden zu sein pflegten, die Mitglieder zum Schweigen verpflichtete. Obwohl zuletzt an die sechzigtausend Menschen, darunter viele Frauen, in das Geheimnis eingeweiht waren, fand sich dennoch kein Verräter unter ihnen, und der Ausbruch überraschte die Bayern und Franzosen völlig unvorbereitet. Der Anblick des Geistlichen inmitten seiner verkümmerten Stockrosen legte auf Afras Lippen die Frage: »Und du willst wirklich den Jerg Arigaya heiraten? Weißt du, was das heißt, mit einem zusammenleben müssen, den du nit liebst, selbst wann er der beste Mensch ist?« »Ich hör's aus deiner Frag heraus, wie schwer das sein muß«, antwortete Lisei mild. »Und dieser Jerg!« fuhr Afra erregt fort. »Wie hast du um seinetwilln nur den Lechner aufgehen können, wann er auch hundertmal ein Bayer ist?« »Darüber hast doch gewiß nit mit mir reden wolln«, lehnte Lisei die Fortsetzung des Gesprächs über diesen Gegenstand ab. Afra schwieg, und stumm gingen beide, das obere Dorf vermeidend, über den Anger weiter. Der Bannwald nahm sie auf. Lisei wandte sich links und verzögerte ihren Schritt mehr und mehr, um Afra zum Sprechen Gelegenheit zu geben. Diese starrte in die grüne Waldtiefe hinein. Durch sie hat wohl Ambros seine Flucht genommen! dachte sie, und es war ihr, als sähe sie seine Gestalt eben in der Ferne verschwinden. »Nein, von dir hab ich nit reden wolln«, begann sie mit einem Seufzer. »Aber du sollst die Wahrheit darüber hörn, warum dein Bruder den Jerg niedergeschlagen hat. Meine Ehr hat er gegen den boshaften Affen verteidigt. Mit dem Messer hinterrücks in der Faust hat der Jerg mich und ihn beschimpft. Du hast vorhin selbst gehört, wie seine giftige Zung keinen schont, nit einmal den eignen Vater.« »Es hat mir geahnt«, seufzte Lisei, und nach einer Weile fuhr sie, mehr klagend als vorwurfsvoll, fort: »Du kannst die Schuld an dem Elend, das aus dem Ambros seiner unseligen Tat gefolgt ist, nit von dir auf den Jerg werfen wolln. Deine Untreu und dem Ambros seine, die trägt alle Schuld. An eurer Untreu ist der Verstand der armen Stasi zerscheitert; denn sie hat sie durchschaut. Verbirg dir deine eigne Schuld nit! Dem Ambros seine Gewalttat ist bloß der Tropfen gewesen, der den vollen Eimer zum Überlaufen gebracht hat. Er und du, ihr habt das Herz der armen Stasi mit bittren Schmerzen gefüllt, bis es zuviel geworden ist.« »Ich hab keine Schuld zu bereun«, versetzte Afra mit düsterem Blick. »Die Stasi tut mir leid, ja; aber ich hab nix zu bereun. Ist die Lieb eine Schuld – warum haben's die Heiligen zugelassen, daß ich den Ambros lieb? Die Schuld trifft die Stasi, weil sie mir sein Herz abwendig gemacht hat.« »Ich bitt dich! Du weißt nit, was du redst!« rief Lisei erschrocken und fuhr, ihre grauen Augen durchdringend auf Afra heftend, fort: »Wann du ihn schon geliebt hast, bevor er die Stasi gekannt hat – denn das willst du doch sagen –, war deine Lieb nit schon damals eine Sünd? Hattst du nit schon damals deinem Mann Treu gelobt. Ach, Afra, Afra! Wann die Treu zerbricht, stürzt alles über uns zusammen, auf uns herab. Das ist die Säul, die das Leben trägt.« »Es ist alles zusammengebrochen«, sagte Afra dumpf. »So laß uns gemeinschaftlich Hand anlegen, das Leben wieder aufzubaun«, bat Lisei. »Wieder aufbaun?« rief Afra mit glühenden Wangen. »Mein Leben ist bloß von außen bunt bemalt gewesen; innen war alles hohl und leer. Ich kann dir ins Gesicht sehn, ohne mit der Wimper zu zucken, denn ich hab nix getan, nix mit Wissen und Willen, um den Ambros an mich zu locken! Ich lieb ihn, und der Müller weiß und begreift's, daß ich ihn lieben muß. Du begreifst's nit, denn wie könntst du sonst den Lechner aufgeben für diesen Jerg? Liebst du den Lechner?« Bei diesen Worten ergriff sie Lisei am Handgelenk, zog sie zu sich heran und schaute ihr forschend in die Augen. »Ja, ich lieb ihn«, versetzte Lisei sanft, ohne die Lider vor den blitzenden Augensternen Afras zu senken. »Nein, nein!« schrie diese heftig. Lisei machte ihre Hand frei und ging schweigend weiter. Nach einer Weile blieb sie wieder stehen, ließ Afra herankommen und sagte: »Du hast mir wohl nix weiter zu sagen?« »Ja, du sollst nit falsch richten über mich!« rief Afra. »Meine Lieb ist rein, und ich hab keine Ursach, sie zu verstecken. Er liebt die Stasi nit, er liebt mich, und das ist mein Recht gegen euch alle. Ich lieb ihn, und er liebt mich – das ist unser Recht gegen die ganze Welt« Lisei schüttelte traurig den Kopf. »Ich richte nit«, entgegnete sie sanft. »Du bist unglücklich, wir sind alle unglücklich: das ist die Straf für unsre Schuld. Ob du auch trotzt – du mußt sie hinnehmen. Drum bitt ich dich: sei ergeben! Ich will dir tragen helfen; kann ich doch mit dir fühlen, was du leidest.« Afra antwortete jedoch nicht, sondern starrte mit weitgeöffneten Augen über Lisei hinweg, und als diese sich umdrehte, war auch sie nicht wenig betroffen. Sie befanden sich in der Nähe des abschüssigen Feldes, über das ein hin- und herlaufender Pfad zu den mächtigen Steinblöcken unweit von Stasis Gehöft emporführte. Es war dasselbe Feld, auf dem sich die Witwe Larseit einst beim Hinauftragen der Garben den Tod geholt hatte. Bleich wie der Tod, nur notdürftig bekleidet und mit wirrem Haar kam jetzt Stasi den Pfad zwischen den Stoppeln herabgeschwankt, Stasi, die vor drei Tagen zum erstenmal das Bett verlassen hatte. Lisei flog ihr entgegen. »Um Jesu willen, Stasi, wie kommst du hierher?« rief sie mit keuchendem Atem. Stasi lächelte geheimnisvoll. »Komm mit«, flüsterte sie, »wir wolln mein Kind suchen.« »Dein Kind suchen?« wiederholte Lisei erschüttert. Stasi nickte und fuhr fort: »Sie haben mein süßes Bübchen versteckt, weil ich schlecht war. Aber ich werd's finden, und dann werd ich gut sein, und dann wird auch meine Mutter wieder gut sein und schlafen. Weißt du, es ist schrecklich, wann eine tot ist und kann nit schlafen. Ach, ich weiß, wie das ist – Aber ich kann jetzt nit länger mit dir schwätzen; ich muß mein Kind suchen, mein Kind!« Sie wiederholte das letzte Wort wie zu sich selbst, und ihre Augen begannen unruhig zu flackern. Lisei umschlang sie mit stummem Jammer und hielt sie fest. Es war die höchste Zeit, denn Stasis schwache Kräfte waren erschöpft, sie drohte zusammenzusinken. Widerstandslos ließ sie sich zurückführen. Lisei mußte sie fast tragen; wie eine welke Blume hing sie in ihren starken Armen. In dem Heckengang kam ihnen Onkel David entgegen, so schnell es seine Unbeholfenheit erlaubte. Er war ganz verstört über das plötzliche Verschwinden Stasis, die er kaum eine Viertelstunde zuvor, da sie still wie an den vorhergehenden Tagen in der Stube saß, verlassen hatte, um die Kuh zu melken. Mona hatte er erlaubt, ihre Eltern auf ein Stündchen zu besuchen. Lisei hatte dem Mädchen für die sorgsame Wartung der Kranken nicht nur den versprochenen Rock, sondern auch eine neue Schürze geschenkt, und darin hatte sie sich den Ihren zeigen wollen. Der Vorfall überzeugte Lisei, daß sie nicht länger säumen dürfe, Stasi unter eine sorgfältigere Obhut zu stellen, als David und die kleine Mona zu bieten vermochten. Schon damals, als es keinem Zweifel mehr unterlag, daß Stasi geisteskrank geworden sei, hatte Hannes den Vorschlag gemacht, sie in seine Obhut zu nehmen, sobald es ihr körperlicher Zustand erlauben würde. Gleich am nächsten Morgen schickte Lisei einen Boten zu ihrem Bruder und, ließ ihm sagen, daß der Zeitpunkt nun da sei und sie Stasi im Laufe der Woche nach St. Martin bringen werde. Von Mutschleitner borgte sie das Gefährt. Es war eine traurige Reise, um so trauriger, als auch der Himmel keinen Sonnenstrahl schickte. Regengewölk zog am Himmel hin, und die Felder im Tal zeigten nur noch Stoppeln. Liseis Bemühungen, Stasi ihrer Apathie zu entreißen, waren immer nur von kurzem Erfolg. Hannes und Frau Carlotta empfingen die Ankömmlinge vor der Tür des bescheidenen Pfarrhauses. Stasi erkannte ihren Schwager und lächelte ihm zu wie in ihren Mädchenjahren, als wäre er noch ihr guter Kamerad von damals. Der guten Uschina, die bei ihrem Anblick in Tränen ausbrach, erinnerte sie sich nicht. Sie bat Hannes, er möge der guten Frau sagen, daß sie nicht weinen solle. »Die Tränen verbrennen das Herz wie Feuer«, setzte sie hinzu, indem sie mit Hannes Hand in Hand in die Stube ging. Lisei folgte ihnen, während Frau Carlotta noch die Lade, die Stasis Sachen enthielt, und die Betten abladen half und in ihre Stube bringen ließ, die die Kranke fortan mit ihr teilen sollte. Sie kam bald nach, umarmte Stasi, liebkoste sie und plauderte mit ihr; zuletzt nahm sie sie mit sich, um ihr das Haus und den Garten zu zeigen. Hannes hatte kein Wort hervorbringen können. Er hatte sich vor seinen Schreibtisch gesetzt und das Gesicht in beide Hände gestützt. Lisei betrachtete ihn mitleidigen Blickes. In jener Nacht, die über Stasis Leben und Tod entschieden, hatte sie aus seiner Erschütterung das Geheimnis seines Herzens erraten. Indessen versuchte sie nicht, ihn zu trösten, denn da er ihr den Namen derjenigen verschwiegen, um derentwillen er so viel gelitten hatte und noch litt, hielt sie es für zudringlich, ihm zu zeigen, daß sie ihn wisse. Als sich Frau Carlotta mit Stasi entfernt hatte, erhob er sich und sagte: »Haben wir nit unrecht, die Unglückliche zu beklagen? Wir sollten sie vielmehr glücklich preisen, daß sie all das Schreckliche, das auf ihre Seele eingestürmt ist, vergessen hat. Sie leidet nit mehr!« Er strich sich mit der Hand über die Stirn und fuhr mit festerer Stimme fort: »Verzeih, daß ich dich bei deinem ersten Besuch in meinem Heim nit einmal ordentlich willkommen geheißen hab. Du wirst finden, daß es ein wenig ärmlich bei mir ausschaut. Nun, ich bin ja nimmer ein Schoßkind des Glücks gewesen, und Bedürfnislosigkeit ist Freiheit. Lacedelli würd sie wahrscheinlich die Freiheit des Barbaren nennen. Doch das Wichtigere für dich: Wolf hat noch immer nit geantwortet« »O doch«, versetzte Lisei und gab ihm den Brief Wolfs, den sie zu sich gesteckt hatte. Er schlug das Blatt auseinander und las. Wolf schrieb, daß er sie sich um alle Königreiche der Welt nicht abkaufen ließe; wenn sie selbst aber ihr Wort zurückverlange, so verstehe es sich von selbst, daß er sie nicht halte. Um zurückzutreten, bedürfe es für ihn gar keines weiteren Grundes, als daß sie frei sein wolle; denn ein anderes Recht auf sie als das, welches ihr Herz ihm gebe, besitze er nicht. Das alles schrieb er mit der Schlichtheit eines großen Herzens. Den Schmerz, den ihm Liseis Entschluß verursachte, hatte er männlich zu unterdrücken versucht; Lisei aber, die mit im Schoße zusammengelegten Händen zuhörte, fühlte ihn von neuem heraus, und Tränen flossen ihr unaufhörlich über die Wangen. Mit keinem Worte gedachte er des Anteils, den die Handlungsweise des Vaters an ihrem Entschluß hatte, noch erwähnte er Jerg. Auch Hannes war ergriffen, und nachdem er den Brief wieder zusammengefaltet hatte, sagte er, ihn Lisei zurückgebend: »Er ist's wert, daß du um ihn weinst« Ihre Tränen gehörten aber nicht allein dem Schmerz; es mischte sich in sie das süße Bewußtsein, daß sich Wolf Lechner auch in dieser schweren Prüfung bewähre, daß er sie nicht verkenne und seine Achtung und Liebe für sie fortdauere. Hannes machte sich unterdessen mit den Papieren auf seinem Schreibtisch zu schaffen, um die Schwester ungestört sich selbst zu überlassen. Sie küßte Wolfs Brief und verbarg ihn in ihrem Mieder. Nach einer Weile trocknete sie sich mit ihrem Fürtuch die Augen. »So ist's also entschieden«, wandte sich der Bruder jetzt zu ihr. »Und wie stehst du jetzt mit dem Vater? Ist er milder gegen dich geworden, seitdem du dich entschlossen hast, seinen Willen zu tun?« Lisei mußte es verneinen. Er war eher rauher als milder gegen sie geworden. Kein Zeichen, kein Wort der Anerkennung war ihr für ihre Fügsamkeit zuteil geworden. Hannes nickte nachdenklich. »Mögen dich denn die Heiligen in ihren Schutz nehmen«, sagte er nach einer Weile. »Laß mich deinen Hochzeitstag wissen, damit ich an ihm noch besonders für dich bete!« »Ach, herzliebster Bruder, Sie wolln nit hinkommen?« fragte Lisei betroffen. »Laß es gut sein!« versetzte er. »Nur das versprech ich: Wann dir die Last zu schwer wird, wann deine Kräft dich verlassen wolln, dann ruf mich, und ich werd an deiner Seit sein.« Lisei blickte ihn traurig an, drang aber nicht weiter in ihn. »Kann ich dir sonst noch einen Wunsch erfülln?« fragte er nach einer Weile. Sie schüttelte den Kopf. Lechner zu danken, wollte sie selbst versuchen. Sie nahm ihren Regenschirm, den sie vorhin in eine Ecke gestellt hatte. Um Stasi nicht durch ihren Abschied aufzuregen, hielt sie es für geraten, sich in deren Abwesenheit zu entfernen. Hannes zog sie in seine Arme und küßte sie wiederholt mit besonderer Herzlichkeit. Der Wagen rollte mit ihr davon. Quer über das Gadertal zogen die grauen Wolken, und dann und wann sprühte feiner Regen herab. Auch in Liseis Brust war es trübe; doch allmählich hellte es sich auf. Hatte sie nicht schon einen Erfolg errungen, indem es ihr geglückt war, den schwer beleidigten Müller gegen Ambros versöhnlich zu stimmen? Wie hätte sie verzagen sollen, da sie nun Wolfs schönen Brief erhalten hatte! Bei der Kapelle von Monthan verließ sie den Wagen, der nach St. Vigil weiterfuhr, und ging zu Fuß zum Klosterhof. Auf der überwölbten Vortreppe fand sie den Vater zusammen mit Jerg. Der Vater saß, seine Pfeife rauchend, auf der Bank, während Jerg mit den Händen in den Hosentaschen an der steinernen Türeinfassung lehnte. Die Unterhaltung zwischen ihnen mochte nicht erfreulicher Art gewesen sein, denn der Klosterbauer blies hastig große Rauchwolken von sich. »Du kommst just recht«, empfing Jerg seine Braut, indem er sich aus seiner bequemen Stellung aufrichtete. »Ich hab's eben mit dem Vater abgesprochen, daß in vier Wochen unsre Hochzeit sein soll. Morgen bestell ich das Aufgebot« Er legte den Arm um ihre Taille und spitzte den Mund. Sie aber drängte ihn von sich und schaute mit gespanntem Blick den Vater an. Das Gesicht des Klosterbauern wurde noch mürrischer, doch sagte er kein Wort. »Ich bin mit allem zufrieden, was der Vater bestimmt«, äußerte Lisei und ging ins Haus, um ihr gutes Zeug, das sie zur Fahrt angelegt hatte, mit ihren Werktagskleidern zu vertauschen. Die Stiege ächzte unter ihren Füßen ungewöhnlich laut. »Du hast's ja wirklich eilig, als ob die Lisei dich vom Strick freiheiraten soll«, brummte der Klosterbauer. »Nein, es ist bloß, weil ich nit zeitig genug zu so einer Kron von Schwiegervater kommen kann, wie's der Klosterbauer ist«, gab Jerg spöttisch zur Antwort, indem er sich wieder gegen den Türpfosten lehnte. Der Alte warf ihm unter seinen überhängenden Brauen hindurch einen bösen Blick zu. »Nein, wahrhaftig, Klosterbauer«, versetzte sein künftiger Schwiegersohn trocken, »so feine Späß wie Ihr krieg ich nit fertig. Ihr seid freilich den Leuten in allen Stücken überlegen.« Dergleichen Scharmützel waren zwischen den beiden nichts Seltenes, seit Lisei eingewilligt hatte, Jerg zu heiraten. Aller Groll über seine durch Ambros zerstörten Hoffnungen goren in dem Klosterbauern noch einmal auf, und auch gegen Jerg kehrte sich seine gereizte Stimmung, wobei er allerdings gewöhnlich den kürzeren zog. Jerg war geistig viel gewandter und schlagfertiger als er; doch suchte er den Alten zu schonen, soweit es seine Lust an boshaften Stichen gestattete. Der Klosterbauer sollte nur seine Überlegenheit erkennen; denn er sah sehr wohl ein, daß er von vornherein vorbauen müsse, wenn er von dessen despotischer Natur nicht für alle Zeit unterjocht werden wollte. Er trachtete aber nicht nur danach. »Und just deshalb, Klosterbauer, weil Ihr mir überlegen seid, deshalb müssen wir's gerichtlich abmachen, was jeder von uns von dem andern zu fordern und ihm zu leisten hat«, nahm Jerg nach einer kleinen Pause, wieder das Wort und lenkte damit auf den Gegenstand zurück, bei dessen Besprechung sie von Lisei unterbrochen worden waren. Jerg stand dem Klosterbauern nicht mit leeren Händen gegenüber. Es war ihm gelungen, seinen durch das häusliche Unglück gebeugten Vater dahin zu bringen, daß er ihm seine Äcker und Wiesen, die von dem Klosterhof bequemer als von der Schneidemühle aus zu bewirtschaften waren, abgetreten hatte. Nur einen kleinen Teil des Landes hatte der alte Arigaya sich vorbehalten, und da der Vertrag darüber in den nächsten Tagen abgeschlossen werden sollte, verlangte Jerg, daß bei dieser Gelegenheit auch gleich sein Verhältnis zu dem Klosterbauern rechtskräftig geregelt würde. Der Klosterbauer aber fuhr fort, sich gegen jede schriftliche Abmachung überhaupt zu sträuben. Wozu bedurfte es dessen? Sein Testament sei gemacht, und bis zu seinem Tode würde Jerg ganz als Sohn auf dem Hofe schalten und walten. Wäre sein Wort etwa nicht ebensogut wie des Kaisers Siegel? Jerg bestritt dies nicht, nur meinte er, des Kaisers Siegel hätte auch nur Wert auf dem Papier. Geschäft sei Geschäft. Er war zähe, der Klosterbauer war es nicht minder, und so dauerte denn der Streit manchen lieben Abend fort. Weder die väterlichen Gefühle noch die Versprechungen, noch der Grimm des Klosterbauern machten auf Jerg Eindruck, und er ruhte nicht eher, als bis er alles, Punkt für Punkt, schwarz auf weiß hatte. Er versuchte auch Lisei, die wider Willen Ohrenzeugin des Streites wurde, hereinzuziehen: es seien ihrer beider Interessen, für die er kämpfe. Lisei lehnte es jedoch entschieden ab, sich einzumischen; aber sie beschwor Jerg unter vier Augen, gegen den Vater nicht so hartnäckig auf seinen Forderungen zu bestehen. Sie erreichte damit natürlich nichts. Wenn sie aber etwa noch einen Zweifel gehegt, daß nicht sie, sondern ihr Mahlschatz Mahlschatz – Brautgabe, Verlobungsgeschenk es war, den Jerg begehrte, so mußte er jetzt schwinden, und er schwand. Jerg fuhr indes fort, sich gegen sie zu betragen, als verlange er nichts als ihre Hand. Scheute er sich vor sich selbst, ohne Maske aufzutreten, oder scheute er die klaren, ernsten Augen Liseis, der die Verlogenheit und Heuchelei seiner Gefühle noch schrecklicher als seine Habsucht war? Liseis Bestimmtheit, die sie bei aller Milde zu wahren wußte, sowie ihre sittliche Haltung brachten ihn oft zu einem inneren Zähneknirschen. Es war nur gut, daß der Tag näher und näher kam, an dem er ihr den Daumen würde aufs Auge drücken können! Mischte sich Lisei nicht in den Streit der Männer, so versuchte es Vefa um so mehr, die jetzt häufig auf den Klosterhof kam und ihrer Nichte durchaus mit Rat und Tat bei der Aussteuer helfen wollte. Nach ihrer Überzeugung war es ausschließlich ihr Verdienst, daß die auf beiden Seiten so glänzende Partie zustande kam, und darum betrachtete sie sich jetzt auch als die Unentbehrliche, ohne deren Ratschläge nichts geschehen könnte und dürfte. Lisei war plötzlich in ihren Augen ein unerfahrenes Ding geworden, und sie bekam sogar Anwandlungen von Zärtlichkeit gegen sie. Jerg ironisierte sie, und der Klosterbauer schob sie rücksichtslos beiseite; nur Lisei zeigte sich ihr gegenüber duldsam. Ihrer Hilfe bedurfte Lisei nicht; denn ihre Ausstattung lag teils noch von ihrer verstorbenen Mutter her, teils schon von ihr selbst in der Stille beschafft – freilich nicht für ihre Verbindung mit Jerg Arigaya – fast fertig da. Mit welchen Empfindungen sie die Aussteuer jetzt musterte, mag man sich leicht vorstellen. Welche Hoffnungen, welche freundlichen Zukunftsbilder hatte sie in jedes selbstgefertigte Stück hineingewebt, – gestrickt oder -genäht! Die Sorge für die fehlenden Möbel überließ sie gern der geschäftig sich zudrängenden Muhme, die nun ihren Bruder zu überreden versuchte, mit ihr deshalb nach Bruneck zu fahren. Der Klosterbauer wollte nichts davon wissen. Da Lisei auf dem Hofe blieb, war für den jungen Hausstand nur einiges zu ergänzen, und er beharrte darauf, die Sachen von dem Dorftischler anfertigen zu lassen, zumal es damit keine Eile habe. Einstweilen könne man sich mit dem Vorhandenen einrichten. – Ob er sich nicht schäme, er, der reichste Bauer der Talschaft, sein einziges Kind mit altem Gerümpel auszustatten? ereiferte sich Vefa. – Nein, er schäme sich nicht, und wenn sie ihren Jerg wieder in die Schürze packte und nach der Mühle zurücktrüge, wäre es ihm auch recht. Lisei saß auf der Fensterbank und nähte an ihrer weißen Brautschürze. Mit einem raschen Entschluß legte sie ihre Arbeit weg, und noch ehe Vefa sich von ihrer nicht geringen Verblüffung erholt hatte, trat sie zum Vater heran und sagte: »Noch ist's Zeit, Vater! Oh, ich versteh's ja, wie du dich nit darein finden kannst, daß nach dir kein Falkner mehr auf dem Klosterhof wirtschaften soll. Vergib dem Ambros, ruf ihn zurück, und alles ist gut! Ich will ihn suchen gehn und nit eher ruhn, als bis ich ihn gefunden hab. Vater, vergib ihm! Du wirst ja doch mit eher Frieden in dir finden.« Der Vater sah sie aus zusammengekniffenen Augen an und rief: »Meinst, ich soll vergessen, wie mir der Ambros vor allen Leuten zugerufen hat, daß er nit den kleinen Finger rühren würd, wann er mir auch damit das Leben retten könnt?« »Nit vergessen, Vater – vergeben, vergeben!« bat Lisei eindringlicher und legte ihre Hand auf seinen Arm. Er schüttelte sie ab und rief mit beißendem Hohn, der in Zorn umschlug: »Also, da hinten herum soll der Weg doch noch zuletzt zu dem verlaufnen Schmied führn? Freilich, das wär euch ein rechtes Gaudium, wann ihr den Alten doch noch herumkriegtet! Oho, ich kenn euch alle, dich auch mit dem Gesicht, als könntest kein Wässerlein trüben und als ob dir die ganze Welt unrecht tät! Ja, Frieden will ich endlich haben – vor euch, und dazu ist der Jerg just der rechte Mann, ihn mir zu verschaffen!« Damit ging er aus der Stube. Lisei seufzte tief auf. Daß der Vater Jerg zu seinem Schutz aufrief gegen seine eigenen Kinder, Jerg, der ihr gelobt hatte, sich bei dem Vater für Ambros zu verwenden – das tat ihr mehr weh als der Fehlschlag ihrer Bitten; war sie doch darauf gefaßt gewesen, daß sie Geduld haben müsse. »Das muß ich denn doch sagen, aus dir und deinem Vater wird kein Mensch klug«, begann jetzt Vefa. »Was soll denn das alles bedeuten?« Lisei, die sich wieder an ihre Arbeit gesetzt hatte, ließ die Hand mit der Nadel sinken. Sie gab der Muhme keine Erklärung, sondern versuchte sie nur zu bewegen, daß sie ihren Einfluß auf den Klosterbauern verwende, um diesen mit Ambros auszusöhnen. »Ich soll für den Ambros bitten, der deinen Bräutigam fast totgeschlagen' hat? Gott steh mir bei!« rief Vefa mit großen Augen, und auch sie verließ die arme Lisei. Die Hochzeitsbitter, mit Blumensträußen und bunten Bändern aufgeputzt, wanderten durch das Tal und sagten auf den Höfen der Großbauern, in der Oberförsterei und vor der Frau Landrichter ihre Einladungssprüchlein her. Zur Pfarre von St. Martin kamen sie nicht. Lisei war zugegen, als die Liste der Gäste von ihrem Vater und Jerg aufgestellt wurde. Ihr Bruder Hannes blieb von beiden unerwähnt, und auch sie schwieg. Als Jerg an diesem Abend nach Hause ging, gab sie ihm das Geleit bis vor die Tür, und dort sagte sie: »Einen Gast, an dessen Einladung du zuerst hättst denken solln, hast du vergessen: meinen Bruder, den Herrn Kuraten!« »Potztausend, da hast recht! Nein, wie einer auch so vergeßlich sein kann!« rief Jerg, mit den Fingern schnalzend. »Gib dir keine Müh, mich täuschen zu wolln«, versetzte. Lisei. »Hannes würd auch mit kommen, selbst wenn ihr ihn um der Welt willen einladen wolltet O Jerg, Jerg, warum bist du nur so falsch gegen mich?« »Bei Gott, Lisei, du tust mir unrecht!« begann er im Tone erheuchelter Entrüstung. Doch sie fiel ihm, ihre schmerzliche Bewegung niederkämpfend, insWort: »Du weißt, was du mir gelobt hast, und ich wollt dir nur eins sagen. Kannst du's nit begreifen, warum ich mich entschlossen hab, deine Frau zu werden, so sollst du doch wissen, daß ich nit ruhn noch rasten werd, bis es mir gelungen ist, den Vater mit meinen Brüdern und Stasi auszusöhnen. Du kennst jetzt den einzigen Weg, der zu meinem Herzen führt. Gut Nacht!« Sie ging ins Haus zurück. Jerg kniff die Unterlippe zwischen die Zähne und ballte die Faust. Er war wütend auf Lisei und wütend auf sich, daß er sich so etwas von ihr stillschweigend hatte bieten lassen. Aber sie sollte noch nachträglich ihre Antwort erhalten, und als er den Weg nach Monthan hinunter eingeschlagen hatte, blieb er stehen, wandte sich gegen das Haus zurück und stieß einen lauten Jauchzer aus. Lisei schickte ihrem Bruder Hannes durch Boten einen Zettel, auf dem das Datum ihres Hochzeitstages stand. Als der Morgen dieses verhängnisvollen Tages über den Bergen zu grauen begann, verließ Lisei den Hof, auf dem noch alles schlief. Auf der Vortreppe lagen haufenweise Scherben von Flaschen und Töpfen, mit denen der Klosterhof am Abend zuvor dem Brautpaar zu Ehren von der lärmlustigen Jugend bombardiert worden war. Über das bleiche Gesicht Liseis, die während der Nacht kein Auge zugetan hatte, zuckte es schmerzlich: Gleich dem Glas lag auch ihr Lebensglück in Scherben. Doch sie mußte und wollte stark sein. Geschwind und festen Fußes schritt sie durch die Morgendämmerung. Ihr Ziel war der Kirchhof von St. Vigil. Dort kniete sie am Grabe ihrer Mutter nieder. Sie hatte der Toten viel anzuvertrauen, und ihr ganzes Herz bis in die geheimsten Falten schüttete sie vor ihr aus. Als sie endlich aufstand, leuchtete der ganze Himmel in Rosengluten und goldenen Tinten. Über dem Col de Bü erhob sich in stiller Feierlichkeit und Majestät die Strahlenkrone des ewigen Lichts. Liseis Tränen waren versiegt; nur ein Glanz von ihnen schimmerte noch in ihren Augen, und eine feierliche Ruhe breitete sich über ihr Gesicht. Sie brach noch ein Zweiglein von dem Efeu, der das Grabkreuz umrankte, und kehrte dann nach Hause zurück. Im Dorf begann es lebendig zu werden, und auf dem Klosterhof fand Lisei die Mägde unter dem Beistand einiger junger Knechte damit beschäftigt, die Säulen des Vordachs und den Türrahmen mit Tannengewinden zu schmücken, aus deren Grün in lebhaften Farben Astern strahlten. Sie waren nicht wenig erstaunt, daß Lisei schon so früh einen Gang gemacht hatte, wenn sie auch sonst gewöhnlich im Hause zuerst auf den Beinen war. Die Bemerkungen, die sie machten, nachdem Lisei mit einem freundlichen Gruß ins Haus gegangen war, waren für Jerg nicht schmeichelhaft. Sie standen alle auf der Seite Liseis gegen den Bräutigam, dem zu Ehren sie gewiß keine Kränze gewunden hätten. Dazu hegten die Knechte gegen ihn noch einen besonderen Groll, weil er an Ambros' Stelle das Erbe des Klosterhofes antreten sollte. Die patriarchalischen Anschauungen der Zeit hatten daran wohl ebensoviel Anteil wie die persönliche Zuneigung zu den Geschwistern. Herrschaft und Gesinde bildeten eben eine geschlossene Gemeinschaft, und es mußte ein schlechter Dienstbote sein, wer die Ehre seines Hofes nicht wie seine eigene empfunden und vertreten hätte. Unterdessen war Lisei in die Wohnstube gegangen, wo sie ihren Hut ablegte und sich still niedersetzte. Sie wartete auf das Erscheinen des Vaters, den sie in seiner nebenan gelegenen Schlafkammer sich räuspern und bewegen hörte. Sie brauchte nicht lange zu harren. Schwerlich aber war sie es, die der Klosterbauer an diesem Morgen zuerst zu sehen erwartet hatte; denn er blieb einen Augenblick im Türrahmen seiner Kammer stehen und fragte dann, ganz in die Stube tretend, trocken, was es denn gebe. Lisei hob die Augen, die sinnend auf ihren im Schoß zusammengelegten Händen mit dem Efeuzweig geruht hatten, und stand auf. »Ich wollt dir heut zuerst einen guten Morgen bieten«, sagte sie sanft. Er ging stumm zu seinem Lehnstuhl und setzte sich. Sie fuhr, indem sie sich ihm gegenüberstellte, fort: »Da heut mein Hochzeitstag ist, Vater, und jetzt ein neues Leben für mich beginnt, so wollt' ich dir abbitten, alles womit ich dich bisher wissentlich und ohne es zu wissen gekränkt hab. Vergib mir auch, Vater, daß ich mich so lang deinem Willen widersetzt hab, den Jerg zu nehmen. Du weißt ja, warum es mir schwer geworden ist, dir in diesem Stück zu gehorchen.« »Schon gut!« wehrte er ab. »Besser wär's freilich gewesen, wann du immer den Spruch im Herzen gehabt hättst, daß du Vater und Mutter ehrn sollst, damit's dir wohl ergeh. Ich will wünschen, daß du dem Jerg eine beßre Frau wirst, wie du gegen mich als Tochter gewesen bist« Liseis bleiches Gesicht rötete sich ein wenig. »Was ich dem Jerg heut vor Gott geloben werd, das werd ich auch halten«, sagte sie. »Aber den Spruch hab ich immer im Herzen getragen. Ich hab dich immer geehrt, und mein größtes Unglück ist's immer gewesen, daß du von meiner Lieb nix hast wissen wolln. O Vater, wann du mich je nur ein wenig hättst liebhaben wolln!« »Worte habt ihr alle genug, du und deine Brüder!« runzelte der Klosterbauer die Stirn. »Aber ich weiß, was dahinter zu suchen ist. Ihr denkt alle nur an euch allein, und auf der Welt hab ich keine größern Feind als meine eignen Kinder. Aber den Klosterbauer kriegt ihr nit unter! Das sag ich dir nochmals, und jetzt ist's genug. Geh und putz dich an!« »So kann ich nit von dir fortgehn, Vater«, entgegnete sie mit sanfter Festigkeit, wobei sie ihn traurig ansah. »Ich würd mit einem Unrecht gegen dich, gegen meine Brüder und gegen mich selbst vor den Altar treten, wann ich dich stillschweigend in deinem Mißtraun ließ. Und achtest du's denn so gar nix wert, was ich nach deinem Willen in der nächsten Stund zu tun bereit bin, daß du mir dafür mit einmal erlauben willst, dir zu sagen, was ich auf dem Herzen hab?« Der Klosterbauer wandte sich verdrießlich in seinem Lehnstuhl halb von ihr ab. Er sah denn doch ein, daß er sie heute reden lassen müsse; aber er war entschlossen, auf ihre Worte nicht zu achten. »Ja, Vater, ich hab dich immer von ganzem Herzen geliebt«, nahm sie, unbeirrt durch seine Gebärde, mit einem tiefen Atemzuge abermals das Wort »Du glaubst mir nit; aber wann's nit aus kindlicher Lieb zu dir geschah – weshalb hätt ich mich dann weigern solln, den Wolf Lechner ohne deine Einwilligung zu heiraten? Du konntest mich daran nit hindern, denn wir warn mit deiner Zustimmung verlobt, und ich war mündig.« »Und der Ambros hatt dir ein so schönes Beispiel gegeben!« konnte er sich nicht enthalten, höhnisch einzuwerfen. Lisei aber erwiderte: »Zu der Zeit, von der ich red, kannte der Ambros die Stasi kaum. Nachher hat der Wolf, wie sehr er mich auch geliebt hat, nimmer mit mir davon gesprochen. Dazu war er zu redlich. Er wußt, daß ich dich nun erst recht nit wider deinen Willen verlassen würd. Und weil ich dich liebhab und den Ambros, drum soll mich der Jerg heimführn. Verzeih mir, Vater, daß ich's sag, aber weder dein Befehl noch deine Streng haben mich dazu vermocht, wie sehr's mich auch geschmerzt hat, daß ich dir nit gehorchen konnt, und wie weh mir auch deine Lieblosigkeit getan hat. Ich wär, wie der Ambros, vom Hof gegangen, denn die Treu, die ich dem Lechner aus frein Stücken gelobt hatt, stand mir zuhöchst, wann's Gott mit anders gewollt hätt« »Gott? Gott?« rief der Alte, während er sich seiner Tochter wieder ganz zuwendete und mit beiden Händen die Lehnen seines Stuhls packte. »Ich glaub's wohl, denn ich hatt dich zur Erbin des Klosterhofs eingesetzt, unter der Bedingung, daß du den Jerg heiratst« »Heilige Jungfrau, hilf mir!« stieß Lisei schmerzlich hervor, indem sie die Hände zur Decke erhob. Erregt fuhr sie fort: »Du hattst den Brosi aus dem Haus gestoßen um seiner Lieb willen; du hattst dem Wolf dein Manneswort gebrochen, und aus Haß gegen den Ambros und aus Haß gegen ihm wolltst du mich zwingen, den Jerg zu heiraten. Nur an dich allein hast du gedacht; deinem Willen durchzusetzen, das war dir das Höchste. Da brach das Strafgericht Gottes herein.« »Und es hat gerecht gerichtet«, sagte der Klosterbauer mit starker Stimme und flimmernden Augen. »Es hat den Buben, der's wagte, seinem Vater frech zu trotzen, als Totschläger in die weite Welt gejagt und die Dirn, die er sein Weib nennt, verrückt gemacht. Wohl dir, daß dich das Strafgericht Gottes gewarnt hat.« »Ja, das hat es, aber anders, als du meinst!« versetzte Lisei mit leiser Stimme. »Ich sah, wie du unter den Folgen deiner Härt gegen Ambros gelitten hast, nit weil du ihn liebtest, denn das hast du nimmer getan, sondern weil er dich mit seinem Ungehorsam und Trotz in dem getroffen hatt, woran dein Herz allein hing: in deinen Absichten mit dem Klosterhof, und weil er in seiner trotzigem Lieb just die Tochter deines Feindes sich auserwählt hatt. Wann ich dich mit lieben tät, Vater – würd ich je bemerkt haben, wie schwer dich der Schlag getroffen hatt und wie du voll Unfrieden warst in dir selber? Ja, der Ambros hat sich schwer an dir vergangen, schwerer noch an andern. Das erkenn ich und fühl ich tausendmal tiefer wie du. Schau, wie meine Mutter gestorben ist, da hab ich mir gelobt, daß ich nach besten Kräften ihre Stell vertreten wollt an meinen beiden Brüdern. Hab ich's irgendworin nachher versehn – darin gewiß mit, daß ich sie nit gehegt und gepflegt und liebgehabt hätt, als ob ich ihre Mutter gewesen wär. Und wann ich des Brosis wirkliche Mutter wär, ich könnt das Schwert um seines Tuns willen nit schmerzlicher in meinem Herzen tragen. Drum hab ich mich unter allen Schmerzen um ihn gefragt, ob mit gutzumachen ist, was er getan hat. Da hab ich den Wolf gebeten, daß er mich meines Worts freigibt, und er hat's getan; und Hannes, der ein Diener Gottes ist, hat mich drum gesegnet und betet in diesem Augenblick, daß mir mein Vorhaben gelingen mög. Da hab ich Jerg meine Hand zur Sühn geboten, und so bitt ich dich jetzt, Vater, nimm mein Opfer an und vergib dem Ambros seine große Schuld an dir!« Mit Tränen in den Augen kniete sie vor dem Klosterbauern nieder und erhob flehend die Hände zu ihm. Er drückte sich in die tiefste Ecke seines Lehnstuhls, wobei er den linken Arm mit der geballten Faust fest über die Brust legte, und sah sie unter die zusammengezogenen Brauen hindurch scheu, mißtrauisch und stechend an. Es regte sich etwas in seinem Herzen, das ihm neu war; aber das alte Mißtrauen wollte es nicht aufkommen lassen. Er schwieg, und während Lisei mit aller Herzensinnigkeit, deren sie fähig war, fortfuhr, ihn zu bitten, daß er sie nicht mit Jerg zum Altar gehen lassen möge, ohne ihr diesen schwersten Gang ihres Lebens durch ein Wort der Vergebung zu erleichtern, überkam es ihn, daß er nicht verzeihen könnte, ohne sich selbst schuldig zu bekennen. Sollte er Lisei bei sich selbst recht geben und sich vor dem Richterstuhl des eigenen Gewissens des Eigennutzes und der Lieblosigkeit und Härte gegen seine Kinder anklagen? Das gewann er nicht über sich. Und hatte er unrecht, so durfte er es nicht zugeben! Der Klosterbauer hatte nie unrecht! »Steh auf!« murrte er schließlich. Lisei gehorchte und wartete, daß er weiterspreche. Als es nicht geschah, sagte sie mit zitternder Stimme: »Ich begreif ja, daß es dir schwer wird, dem Brosi zu vergeben, daß es dir unmöglich ist, jetzt gleich auf der Stell und ganz zu verzeihn. Drum verlang ich nix von dir als ein einzigs Wort, daß du deinen Groll zurückdrängen willst, daß du mir erlauben willst, später wieder mit dir darüber zu reden. Ich lieb dich und den Ambros so sehr, daß es mir gewiß gelingen wird, euch miteinander auszusöhnen. Und der Ambros ist gewiß schon heut nit mehr der alte. Was er durch seinen Leichtsinn und seinen Jähzorn über sich gebracht hat, ist ja so schrecklich, daß er in sich hat gehn müssen. Als ein Beßrer wird er zu uns zurückkehrn, und ich bitt dich, Vater, stell dir doch nur vor, was für ein prächtiger Mensch er sonst ist und wie du mit Recht immer so stolz auf ihn gewesen bist! Wer im ganzen Tal käm ihm gleich?« Es schien ihr, als ob sein hartes Auge milder würde, und sie schlang ihren rechten Arm schmeichelnd um seinen Hals und küßte ihn auf die Wange. Es war der erste Kuß, den sie dem Vater in ihrem Leben zu geben wagte. Da stieß er sie rauh zurück und rief: »Meinst, daß du mich mit solchen Weibskünsten fangen kannst?« »Und ist das alles, was du mir auf meine Bitten zu antworten hast?« fragte Lisei verzagt. »Kann dich denn nix erweichen, Vater?« Entschlossener fuhr sie fort: »Aber du darfst mich mit abweisen! Du mußt die Sühn annehmen, die ich dir biet« »Ich muß?« fragte er weniger höhnisch als verwundert und maß seine Tochter mit hochgezogenen Brauen. War denn das dieselbe Lisei, die sonst vor einem zornigem Blick oder Wort von ihm scheu und stumm zurückgewichen war? Eine Flamme überloderte Liseis ganzes Gesicht, und mit bewegter Stimme sagte sie: »Ich bin heut früh am Grab meiner Mutter gewesen und hab gebetet, daß ich den Weg zu deinem Herzen find. Und ihr ganzes Leben ist an mir vorübergezogen, und ich hab gebetet, daß die Mutter Gottes mir Kraft geb, das schwere Kreuz zu tragen, das ich von heut an auf mich nehmen will; denn du weißt, daß ich den Jerg nit lieben tu! Wann du entschlossen bist, dem Ambros nimmer zu vergeben – warum soll ich das Kreuz auf mich nehmen? Ich begehr ja nix für mich. Wann du entschlossen bist, dann freilich, Vater, dann müssen sich unsre Weg heut scheiden. Aber ich weiß, daß ich dich erbitten werd.« Sie richtete ihre schlanke Gestalt hoch auf und redete mit leiser, doch klarer Stimme weiter, während ihre grauen Augen wie Regentropfen vor der Sonne erglänzten. »Es ist keiner unter uns allen, die wir den Namen Falkner tragen, der ganz rein von Schuld ist an dem Unglück, das auf uns ruht, nit ich, nit Hannes, nit Ambros, nit du, Vater, und nit die Tote. Wir alle haben durch unsre Selbstsucht den Zorn Gottes heraufbeschworn, und wir alle werden zugrund gehen, wann wir nit einander vergeben und verzeihn. Aus Lieb zu dir, aus Lieb zu den Brüdern will ich das Kreuz auf mich nehmen. Ich verlang kein andres Glück vom Leben, als daß ich eurer aller Händ zum Frieden ineinanderlegen darf. Dann wird der Zorn Gottes gesühnt sein. Laß mich nit ohne Hoffnung aus der Stub gehn, sonst stürzt alles zusammen. Treib mich nit von dir wie deine Söhne! Hab doch Barmherzigkeit mit dir selbst! Nur ein Wort, Vater! Nein, gib mir bloß die Hand, zum Zeichen, daß du versuchen willst, dem Ambros zu vergeben.« Nur einmal hatte der Klosterbauer die Augen zu Lisei aufgeschlagen, dann waren sie zu Boden gesunken und dort haftengeblieben. »Liebe!« kam es jetzt aus seinem Munde. »Ich glaub nit dran. Nit eins von euch hat mich geliebt; denn Lieb ist gehorchen ohne Bedingung.« »Vater!« schrie Lisei in tiefstem Schmerze auf. »Bedingung gegen Bedingung denn«, fuhr er, ohne darauf zu achten, fort und hob die Augen wie mit einiger Mühe zu ihr auf. »Schaff mir den Ambros her, und wann er auf dieser Stell vor mir auf den Knien liegt, wo du gekniet hast, und mich reumütig bittet: ›Vergib mir!‹, dann – dann will ich zuschaun, ob ich's kann!« »Vater, ich dank dir!« Sie ergriff seine Hand, die er ihr anfangs entreißen wollte, und küßte sie wieder und wieder. Seim Gesicht war dabei finster wie die Nacht, und in seiner Brust wogte ein Chaos. Lisei ging in ihre Kammer. Den kleinen Efeuzweig, den sie vom Grabe ihrer Mutter gepflückt hatte, flocht sie heimlich in ihre stattliche Brautkrone. 21. Kapitel Jerg rauchte auf der Vorlaube des Klosterhofes seine Morgenpfeife, wobei er sich mit beiden Unterarmen auf das Geländer lehnte. Es war am Tage nach der Hochzeit und für eine Morgenpfeife eigentlich schon etwas spät. Lisei war längst in dem großen Haushalt tätig. Von der Hochzeit würde man im Tale noch lange reden. Wie wenig die Partie auch dem heimlichen Ehrgeiz des Klosterbauern entsprach, so hatte er doch bei der Ausrichtung nicht gespart. St. Vigil sollte daran erinnert werden, daß er der reichste Großbauer der Talschaft war. Für Vefa, die die Rolle der Hausfrau übernommen hatte – Lisei konnte ja nicht Braut und Wirtin zugleich sein –, war es der stolzeste Tag des Lebens gewesen. Er hatte nicht nur ihre Bemühungen, die beiden reichsten Familien zu verbinden, gekrönt, sondern ihr auch Gelegenheit geboten, ihr auf der Pfarre ausgereiftes Kochkünstlergenie allseitig im höchsten Glanze zu entfalten. Schon acht Tage zuvor hatte sie sich des Küchendepartements auf dem Klosterhofe bemächtigt, und nun ruhte sie in Liseis bisheriger Schlafkammer noch auf den Lorbeeren, die sie von den zahlreichen Gästen geerntet hatte. Auf keinem unter ihnen aber hatte ihr hausfrauliches Auge fürsorglicher geruht als auf dem alten Arigaya, und wenn der Müller, der freilich ein starker Esser war, heute nicht krank lag, so war es nicht ihre Schuld. Er war allein dagewesen, denn Afra hatte sich entschieden geweigert, der Hochzeit ihres bittergehaßten Stiefsohnes beizuwohnen. Um Liseis willen war er hingegangen und hatte deshalb auch nicht auf das kühle Verhalten des Klosterbauern geachtet, der es ihm noch immer nachtrug, daß er es abgelehnt hatte, für Jerg zu werben. Er war wohl unter den Gästen der einzige gewesen, der die Beweggründe ahnte, aus denen Lisei die Frau seines Sohnes geworden, und der sich ihre auffallende Blässe zu erklären vermochte. Schwerlich aber hatte in St. Vigil schon eine Trauung stattgefunden, bei der unter den unbeteiligten Zuschauern das Gefühl drohenden Unheils so allgemein gewesen war … Die Kirche von St. Vigil war fast ebenso voll wie bei dem Begräbnis des Pfarrers Moltenbecher, und Angelo Lacedelli vollzog die Trauung. Der Klosterbauer hatte gewollt, daß die Ehe in Enneberg von dem Dechanten eingesegnet wurde, und zwischen den Brautleuten war es darüber zu einem ersten harten Streit gekommen; denn Lisei hatte sich auf die Seite des Vaters gestellt, und auch Vefa hatte ihre ganze Beredsamkeit gegen eine Trauung durch den Judas Ischariot aufgeboten, wie sie Lacedelli zu nennen fortfuhr. Jerg jedoch hatte in Scherz und Ernst, mit Spott und vernünftigen Gründen auf dem neuen Pfarrer bestanden. Sein Triumph über Ambros wäre nicht vollständig gewesen, wenn er Lisei nicht just in St. Vigil zum Altar geführt hätte! Diesem Grund konnte er freilich nicht offen bekennen; aber mit einem anderen hatte er bei dem Klosterbauern durchgeschlagen, und Lisei hatte sich fügen müssen. Er sei gewiß ein ebenso guter Tiroler, wenn nicht ein besserer als all jene, die da hinter der vorgehaltenen Hand auf die Bayern schimpften, hatte er versichert, aber es wäre doch geradezu Verrücktheit, der Regierung offen Trotz zu bieten, indem man Lacedelli überginge und sich an den römisch gesinnten Dechanten wendete. Man habe es ja in St. Vigil schwer genug erfahren, wie die bayrische Regierung dareinführe, wenn ihr etwas gegen den Strich ginge. An anderem Orten, wo sich die Leute gegen die von ihr eingesetzten Geistlichen gesträubt hätten, habe sie eine Kompanie Soldaten ins Quartier gelegt, die auf Kosten der Gemeinde schwelgten und praßten und jedem Übermut trieben, bis die Bauern sich fügten. Auf St. Vigil hätte der Kreishauptmann von Hofstetten noch einen altem Span, und der Klosterbauer könne sich darauf verlassen, daß es ihn jener gelegentlich entgelten lassen würde, daß er nicht nur der Vater des Ambros sei, sondern auch der des Kuraten Hannes, der durch seine heimlichen Predigten die Leute in ihrem Widerstand gegen den Pfarrer von St. Vigil unterstütze. Es sei doch nicht anzunehmen, daß die Regierung um die Bergpredigten des Hannes nicht wisse. Wie lange es der Klosterbauer wohl aushielte, wenn man ihm eine halbe Kompanie Soldaten auf den Hof legte! Aber welche Wirkung konnte der Ehesegen eines abtrünnigen Priesters haben? Das war es, was sich die Zuschauer bei der Trauung fragten. Ein solcher Segen konnte keine Kraft haben und galt nichts vor Gott! Lisei dachte ebenso, und es durchrieselte sie eisig, als sie den blonden Kopf unter die Hand Lacedellis beugte. Was half die schöne Traurede, die er hielt und in der er darauf hinwies, daß der wahre Segen aus dem Herzen der jungen Eheleute erblühen müsse, wenn der Segen Gottes nicht ausbleiben sollte? Die Mehrzahl der Anwesendem hörte daraus nur das Geständnis des meineidigem Priesters, daß er seinem Segen selbst nicht die Kraft beimaß, die Gott doch jedem seiner echten, geweihten Diener verlieh; und so prophezeiten sie Jerg und Lisei alles mögliche Unglück. Wenn Lacedelli den Zuhörern hätte ins Herz blicken können, so wäre er erschrocken gewesen, wie weit sie davon entfernt waren, die Religion innerlich zu fassen, und wie groß der Groll gegen ihn war, den er damit in ihrer Brust schürte. Andere wieder verargten es dem Klosterbauern, daß er seine Tochter durch den abtrünnigen Pfarrer trauen ließ. Wenn sich ein so angesehener und unabhängiger Mann wie er dem Despotismus der Fremdherrschaft in Glaubenssachen fügte, wo sollte dann der Arme und Schwache den Mut zum Widerstande hernehmen? Das war auch die Meinung des Löffel-Franz, der sich in der Hoffnung, ein Geschäft zu machen, mit seinem Kram eingefunden und auf der Bank an der Kirchhofsmauer etabliert hatte. Das Gamsmanndl stimmte ihm bei, und als der Hochzeitszug von der Kirche unter fortwährendem Schießen heimbegleitet wurde und vom Klosterhof her der Böller krachte, da ärgerte er sich über die Pulververschwendung. Als ob es keine Bayern und Franzosen im Lande gäbe! Der Löffel-Franz aber sagte ausspuckend, er traue dem Jerg nicht über den Weg. Es könne von dessen Seite kein rechtschaffenes Raufen mit Ambros gewesen sein, sonst würde er sich nicht das Haar so tief über die Stirn herunterkämmen, um die Narbe zu verbergen. Das Mißtrauen, das die ehrlichen Leute in ihn setzten, und die schlimmem Prophezeiungen, zu denen die Trauung durch Lacedelli Veranlassung gab, hätten bei Jerg nicht das Gewicht eines Strohhalms gehabt, auch wenn er darum gewußt hätte. Er hatte sein Ziel erreicht! Und als es der Zufall wollte, daß der Böller auf dem Klosterhof beim drittem Schuß zersprang – glücklicherweise ohne Schaden anzurichten –, da nahm er es in innerem Widerspruch zu den Gästen als ein gutes Vorzeichen: Das Regiment der Falkner auf dem Klosterhofe war zu Ende, und das seine begann. Mit diesem Gefühl blickte er am Morgen nach seiner Hochzeit von der Galerie des Klosterhofes auf das Tal. Die Bergwälder funkelten im Sonnenschein, und die Dolomiten warfen blaue Schatten. Jetzt hieß er der Kloster-Jerg, und wie lange noch, so würde er der Klosterbauer sein! Er hätte viel, sehr viel darum gegeben, wenn Ambros ihn in diesem Augenblick hier oben hätte stehen sehen können. Nun, auch dieser Triumph würde ihm ja wohl eines Tages noch zuteil werden! War er ein Affe, so verstand er auch wie ein solcher zu klettern – über die Schultern der hochmütigen Dummköpfe in die Höhe! Auf dem Hof wurde das Brett angeschlagen, das als Glocke diente. Das Gehämmer rief zum Mittagessen. Jerg aber blieb ruhig auf der Vorlaube und wartete, daß seine Frau ihn rufen käme. So wollte er es fortan halten. Statt Liseis erschien nach einiger Zeit der Gänsejunge und rief durch die offene Tür hinaus: »Du sollst zum Essen kommen, laßt dir der Bauer sagen.« Jerg bequemte sich, hinunterzugehen. Alle saßen schon um den Tisch herum und aßen, obenan der Klosterbauer, Lisei ihm zur Linken; zur Rechten stand ein leerer Stuhl für Jerg. »Hast wohl noch geschlafen, daß du die Glock mit gehört hast?« fragte der Klosterbauer, den vollen Löffel zum Munde führend. »Ich mag's nit leiden, daß einer zur rechten Zeit nit da ist. Merk dir's.« »Oho, was blast Ihr da für ein Lied?« versetzte Jerg ärgerlich. »Bin ich Euer Knecht?« »Ob Knecht, ob nit – die gleiche Ordnung gilt für alle«, bemerkte der Klosterbauer. »Mußt das Liedlein schon nachsingen, das ich vorblas.« »Das wird mitunter halt schlecht zusammengehn«, warf Jerg ein. »Der Mutschleitner hat bei unserm Singen immer gemeint, daß mein Ohr nit gut ist.« Er hätte die Lacher auf seiner Seite gehabt, wenn nicht der Klosterbauer, der immer bedächtig weiteraß, die trockene Bemerkung gemacht hätte: »Wirst auf dem Klosterhof schon das richtige Ohr kriegen. Ich red immer gar deutlich.« »Man könnt's fast einem Zaumpfahl nennen«, meinte Jerg und tauchte seinen Löffel in die für die Familie bestimmte gemeinschaftliche Schüssel. Er verschluckte seinen Verdruß. Eine zweite gemeinsame Schüssel stand vor dem Gesinde, das sich verstohlene Blicke zuwarf. Der Klosterbauer ließ es auch später nie an Deutlichkeit gegen Jerg fehlen. Hatte Ambros tun und lassen können, was ihm beliebte, so war der Alte jedoch weit davon entfernt, Jerg die gleiche Freiheit einzuräumen. Er gestattete keine Eingriffe in seine Rechte, und als ob er seines verschlagenem Eidams heimliche Herrschergelüste durchschaut hätte, wachte er eifersüchtig über seine Souveränität. Der Nachdruck, den er auf sie legte, mochte um so schärfer ausfallen, weil er sich dem Vorwurf machte, gegen seine Tochter schwach gewesen zu sein. Denn als Schwäche erschien ihm, daß er ihr an dem Hochzeitsmorgen nicht jede Hoffnung auf eine Aussöhnung mit Ambros genommen hatte. Daß sich Ambros vor ihm demütigen würde, daran glaubte er nicht einen Augenblick. Lisei aber war nicht zu entmutigen. Die offene Aussprache mit dem Vater und die wenn auch noch so schwache Hoffnung, die sie aus dieser Unterredung mit vor den Altar genommen hatte, waren ihr an dem schwersten Tage ihres Lebens eine Stütze gewesen und blieben es. Zermürbt nicht das Feuer schließlich auch den härtestem Stein? Warum sollte nicht ihre stete Liebe zuletzt doch noch das Herz des Vaters erweichen, das gebundene Metall darin flüssig machen und die Schlacken des Mißtrauens verbrennen? Zudem gewährte ihr ihre Verheiratung, wenn sie auch auf dem Klosterhof blieb, eine freiere Stellung gegen den Vater, als sie als Mädchen eingenommen hatte. Die Zuversicht, den Preis für das Opfer, das sie mit ihrer Heirat gebracht hatte, schließlich dennoch zu erringen, erhielt sie auch gegen Jerg aufrecht. Leicht wurde es ihr wahrlich nicht. Nun sollte sie es entgelten, daß sie sich so lange und energisch gesträubt hatte, die Seine zu werden; und auch dafür, daß es ihm nicht glücken wollte, dem Klosterbauern die Zügel des Regiments zu entreißen, suchte er sich an ihr zu rächen. Er ließ keine Gelegenheit ungenutzt, sie zu kränken und zu verletzen, sei es, daß er Wolf schlechtmachte oder sie selbst verhöhnte, sei es, daß er ihren Vater vor ihr verspottete oder sie vor den Leuten zu demütigen versuchte. Seine gemeine Natur streifte die Hülle ab; aber es gelang ihm nicht, Lisei aus ihrer Selbstbeherrschung herauszutreiben und ihre ruhig-kühle Zurückhaltung gegen ihn zu durchbrechen. Ihre Wahrhaftigkeit und Pflichttreue in Verbindung mit der Stärke ihres Willens und der Hoffnung, das Ziel ihres Strebens doch noch zu erreichen, verliehen ihr eine Überlegenheit über ihn, gegen die er sich vergebens aufbäumte. Die Ehe brachte ihr keine Enttäuschung; sie war darauf gefaßt gewesen, daß sie schwer zu leiden haben würde, und das Bewußtsein, für diejenigen zu dulden, die sie liebte, erhob sie. Es kam keine Klage über ihre Lippen. Aber sie legte nicht die Hände in den Schoß. Schon auf ihrer Hochzeit hatte sie mit Herrn Zengerl, dem Landrichter, über Ambros gesprochen und zu erfahren versucht, welche Strafe ihren Bruder treffen würde, wenn er zurückkehrte. Herr Zengerl hatte sie beruhigt. Da Jerg glücklich davongekommen sei und eine Absicht auf Tötung nicht angenommen werden könne, hätte Ambros nur eine kurze Gefängnisstrafe zu verbüßen, ja er würde vielleicht ganz frei ausgehen, wenn Jerg nicht etwa gegen ihn klagte. Die Hauptsache war nun, Ambros zu finden und zur Rückkehr zu bewegen. Dazu dünkte Lisei das Gamsmanndl die geeignetste Persönlichkeit, und eines Tages begab sie sich zu ihm. Die Zeit der Gemsenjagd war angebrochen, und Sampogna versprach bereitwillig, auf seinem Ausflügen mach Ambros zu forschen. Er hätte es auch ohne Liseis Bitten getan. Auch die unglückliche Stasi verlor sie nicht aus den Augen; dann und wann besuchte sie den Ohm David, um sich nach ihr zu erkundigen. David, dem auf Liseis Rat hin die kleine Mona zu wirtschaften fortfuhr, ging zuweilen sonntags mach St. Martin, um Stasi wenigstens zu sehen, und von diesem traurigen Anblick und den Erinnerungen an sie zehrte er in seiner Vereinsamung. Stasi genoß in dem bescheidenem Pfarrhause von St. Martin die sorgsamste Pflege. Ihr trauriges Schicksal gab ihr die vollste Anwartschaft auf das gute Herz der Frau Carlotta, und wenn diese schon um ihres geistlichen Herrn willen alles tat, was sie vermochte, um die Arme zu hegen und zu pflegen, so wurde selbst deren fixe Idee für sie zu einem sympathischen Bande. Blieb doch auch sie der festen Überzeugung, daß ihr verschollener Sohn nicht tot sei. Stasi blühte unter ihrer mütterlichen Pflege wieder auf. Sie war freundlich, still und folgsam; doch die Gegenwart blieb für sie tot. Nur mit ihrer Mutter und ihrem Kinde beschäftigte sich ihr Geist. Die Vorstellung, daß man das kleine Wesen, das sie geboren, vor ihr versteckt halte, weil sie ungehorsam gegen die Mutter gewesen sei, wich nicht von ihr, und mehr als einmal entfloh sie im unbewachten Augenblicken aus der Pfarre, um es zu suchen. Willig ließ sie sich dann jedoch von Hannes oder Frau Carlotta wieder zurückführen oder auch von den Bewohnern des Tals, unter denen die schöne Irrsinnige bald bekannt geworden war. Sie in ihrer Stube einzuschließen war unmöglich, da die Gefangenschaft ihre Aufregung bis zum höchstem Grad steigerte. Dagegen pflegte nach solchen Wanderungen eine Ruhepause bei ihr einzutreten, in der sie dann, vor sich hinredend, stundenlang still dasitzen konnte. Wenn Hannes zu seiner Schwester geäußert hatte, man müsse Stasi eher glücklich preisen als beklagen, denn sie leide nicht mehr – war ihr Leben dann noch ein Leben zu nennen? Nicht leiden heißt nicht leben. Hannes hatte einst gewünscht, daß Stasi seine Schwester wäre, um sie in seine Pfarre nehmen und gegen die Welt schützen zu können. Jetzt war sie seine Hausgenossin – ein zerstörtes Ebenbild Gottes! Um das Weh, das ihr Zustand ihm verursachte, niederzuringen, gab er sich in seiner amtsfreien Zeit mit verdoppeltem Eifer der Arbeit an dem großen Werke hin, das die Aufgabe seines Lebens geworden war: die Befreiung seines Vaterlandes vom der Fremdherrschaft. Er trat mit den Pfarrern des oberen Gadertals im Verbindung, um auch sie dafür zu gewinnen, was nicht schwerhielt. Keine Alp lag ihm zu fern und zu hoch, als daß er sie nicht erstiegen und den Sennen das Evangelium der Freiheit und der Vaterlandsliebe gepredigt hätte. Er war nicht der einzige Wanderprediger dieser Art in Tirol. Joachim Haspinger hatte seine Internierung in Bayern, wohin er nach der Aufhebung des Kapuzinerklosters zu Klausen im Eisacktal geschleppt worden war, durchbrochen und zog nun im Pustertal und dessen nördlichen Nebentälern vom Alp zu Alp und blies den Leuten mit seinem Feueratem glühenden Haß gegen Bayern und Franzosen in die Seelen. Mit dem Kruzifix in der Hand predigte er den Vernichtungskampf. Die Sennhütten waren dem Flüchtling Asyl und Tempel zugleich. Die Bedrängnis des Vaterlandes bildete wie gewöhnlich auch den Gegenstand der Unterhaltung zwischen dem Oberförster Planta und Herrn Zengerl, als sie eines Spätnachmittags im dem Garten des Landrichters beisammensaßen. Frau Zengerl leistete ihnen Gesellschaft und hörte ihnen, mit einer Handarbeit beschäftigt, aufmerksam zu, während ihr Söhnchen auf einem Stock in den Gängen des sauber gehaltenem Gartens umherritt, mit einem hölzernen Säbel in die Luft hieb und dazu rief: »Nieder mit den Bayern! Tod den Franzosen!« Nach einer Weile kam er zu den Männern herangesprengt, stieg vom Rosse und sagte: »So, Papa, jetzt hab ich sie alle umgebracht« »Das ist brav, mein Jung«, lächelte der Vater und streichelte ihm die glühenden Wangen. Herr Planta aber meinte, nachdem der Kleine wieder fortgelaufen war, es hätte doch seine Bedenken, die Kinder dergleichen zu lehren, und der Landrichter könnte deshalb leicht in Verdrießlichkeiten mit seinen Vorgesetzten geraten. Frau Zengerl pflichtete ihm mit einem Seufzer bei. Ihr Mann aber sagte: »Die Jugend muß im Haß gegen unsre Unterdrücker erzogen werden; denn wer soll uns von ihnen befrein, wann nit sie? Die Generation, der wir angehörn, ist durch die lange Mißregierung korrumpiert; aus ihr erstehn uns keine Befreier. Mut und Tatkraft sind lahmgelegt, und das heutige Geschlecht ist keines Opfers für das Allgemeine fähig.« »Das glauben Sie ja selbst nit, alter Freund!« entgegnete der Oberförster. »Oder würden Sie nit ebenso freudig wie ich zur Büchs greifen, wann's zu einer allgemeinen Erhebung käm? Wir beide sind doch schwerlich Ausnahmen von unsern Zeitgenossen. Der Druck ist zu hart, als daß ihn das Volk noch lang schweigend tragen sollt. Ich erinnre mich, wie beredt Sie selbst darüber eines Abends zum Kuratem Falkner warn. Wir sind zwar keine Spanier, aber daß der Geist im Volk gut ist, davon könnten Sie sich leicht selbst überzeugen.« Sich vorsichtig umschauend und seine Stimme dämpfend, fuhr er fort: »Es ist eben der Kurat von St. Martin, der diesen guten Geist nährt. Ich weiß es von meinen Forstarbeitern, die mir vertraun. Sie haben den heimlichen Predigten beigewohnt, die er einigemal dort drüben im Wald gehalten hat, und aus ihren Mitteilungen zu schließen, predigt er den offnen Aufstand. Heut nun hat mir ein Waldwärter vertraut, ein Mann mit graun Haarn, daß Falkner nach drei Tagen abermals einen Gottesdienst abhalten will, und zwar diesmal bei den Sennhütten von Tamers bei Anbruch der Nacht Was hindert uns, dabeizusein? Ich bin entschlossen hinzugehn. Begleiten Sie mich!« Der Landrichter schüttelte den Kopf. »Ich mag von dieser Verquickung vom Politik und Religion nix wissen«, antwortete er. »Der Kurat Falkner ist gewiß ein ehrlicher Mann und meint's ehrlich mit der Befreiung Tirols, ich zweifle mit daran. Aber das Kreuz ist zu allen Zeiten ein bedenkliches Banner gewesen. Mag das Kriegsgeschrei lauten, wie's will, gleichviel, welche Losung die Geistlichkeit ausgibt – der Sieg unter dem Banner des Kreuzes führt immer zur Knechtung der Geister. Bayern hat sich mit dem Geist der Neuzeit durchtränkt; aber man kann sich nit zu den Prinzipien der Freiheit bekennen und zugleich andern Völkern das Joch auferlegen. Das ist ein Zwiespalt, an dem Bayern zerscheitern muß. Das traurigste für uns aber ist, daß aus diesem Zusammenbruch die Kirche, das heißt die Priesterschaft, als Herrscherin hervorgehn muß.« »Aus Ihnen spricht heut wieder der Voltairianer oder Josephiner!« versetzte der Oberförster und strich sich unmutig den schwarzen Bart. »Sie wolln die Unabhängigkeit Tirols und stoßen doch den mächtigen Bundesgenossen zurück.« »Im Ernst, Bester, ich bin nie ein Voltairianer gewesen«, antwortete der Landrichter in seiner langsamen Art, während über seine derben Zuge ein Lächeln glitt. »Ich würd längst aufgehört haben, es zu sein, wann ich's je gewesen wär. Das Verhängnis, das über Europa hereingebrochen ist, ist zu furchtbar, als daß vor ihm die geistreich-frivole Negation hätt bestehn können. Dergleichen irrlichternde Flämmchen leuchten auf, wann die Gesellschaft zu einem Sumpf geworden ist, und sie erlöschen, wann sie sich zu regeneriern beginnt. Die Bundesgenossenschaft des Priesters weis ich darum doch zurück. Der Humanitätsgedanke des Christentums, der der moralisch verkommnen alten Welt gegenüber Wunder gewirkt hat, ist in der Kirch erloschen. Aber ihn zu töten, das hat die Priesterschaft nit vermocht. Die großen Geister haben dem aus der Kirch gewiesenen Gedanken aufgenommen und mit ihrem Herzblut genährt und erzogen, und heut leuchtet er in erhöhtem Glanz aus den Werken eines Lessing, Schiller und Goethe. An diese der Menschheit zur Freiheit voranleuchtenden Sterne glaub ich. Das ist mein Ketzertum, wann Sie wolln.« Er griff in sein locker umgeschlungenes Halstuch und weitete es noch mehr, als ob es ihm zu eng wäre. »Daß ich just kein Pfaffenfreund bin, das wißt Ihr, Landrichter«, sagte Herr Planta nach einer Weile und stand auf. »Aber ich mein, daß zuerst die Fremdherrschaft abgeschüttelt werden muß; nachher kommt das übrige. Dann mögen wir zuschaun, daß uns der Pfaff nit über den Kopf wächst, aber unbeschadet des Glaubens, versteht sich. Ich für meinen Teil werd nach Tamers gehn.« Er verabschiedete sich. Herr Zengerl gab ihm bis an die Gartenpforte das Geleit und kam dann langsam zu seiner Frau zurück. Er warf den Hut neben sich auf die Bank und begann im seinem Stirnhaar zu wühlen und zu zupfen. Seine Frau betrachtete ihn mit bekümmerter Miene. »Der Planta ist ein glücklicher Mann«, begann er schließlich. »Er ist mit seinem ganzem Wesen auf die Tat gestellt. Auch ich möcht die Tat, ich erkenn ihre Notwendigkeit; aber das Unheil, das ihr folgen wird, lähmt mich. Ich wollt, ich wär bei der Theologie geblieben oder nimmer aus der bäuerlichem Sphäre herausgetreten. Es ist ein Unglück, wann man nit wie alle Welt in seiner Umgebung zu denken vermag.« Seine Frau pflichtete ihm im stillen bei. Auch sie fühlte sich ja mit ihrer Bildung und ihrem Talent in ihrer Umgebung vereinsamt. Er fuhr fort: »Und welch ein Elend ist's, das Brot einer Regierung zu essen, die man stürzen möcht! All meine Wünsch und Gedanken sind gegen sie gerichtet, und dennoch dien ich ihr. Du glaubst nit, wie ich mich dadurch vor mir selbst entwürdigt fühl, und ich ertrag's nit länger!« »Ich glaub's«, erwiderte seine Frau leise und legte ihrem Arm um den Knaben, der eben wieder herangekommen war. »Aber du kannst dir das Zeugnis ausstellen, daß du deine Pflichten gewissenhaft erfüllt hast. Komm ins Haus! Ich will dir vorlesen oder vorspielen, um den melancholischen Dänenprinzen zu verscheuchen!« »Ja, ja, man muß zu schlafen versuchen«, versetzte er. »Nein, mein lieber Freund!« rief sie lächelnd. »Du sollst nit schlafen. Wenn uns die Zustände, in denen wir leben, keinen Halt gewähren, wenn die Welt wie vom einem wüstem Taumel ergriffen scheint, was vermag uns dann zu stärken, zu erheben und mit neuen Hoffnungen zu erfüllen, wenn nit die Kunst?« »Du hast recht«, entgegnete er und gab ihr einen herzhaften Kuß. Den Knaben, der hüpfend und plaudernd den Kopf bald zum Vater, bald zur Mutter wendete, an der Hand zwischen sich führend, verschwanden sie im Hause. Zur selben Zeit – die Sonne war bereits von den Bergen verhüllt – schritt Hartwanger, der bei Montham über den Bach gegangen war, an der Mühle Arigayas vorüber nach dem »Stern«. Die Last des Traggestells mit den Glasscheiben schien seine kräftige Gestalt nur wenig zu drücken. Aus der Schenkstube des »Sterns«, deren Tür offenstand, vernahm er Zitherklänge. Mutschleitner spielte, und ihm gegenüber saß, mit dem Rücken an die Wand gelehnt, das Gamsmanndl, die kurze Pfeife zwischen den Zähnen. Er war der einzige Gast, und neben ihm auf der Bank lagen Rucksack, Alpstock und Stutzen. Vor ihm stand ein halbgeleertes Branntweinglas. »Musikantenblut verleugnet sich nimmer!« scherzte Hartwanger, nachdem er seinen Glaserkasten in Sicherheit gebracht hatte, und setzte sich zu den beiden an den Tisch. »Gute Zeiten, schlechte Zeiten – er kann das Klimpern nit lassen.« »Nun«, versetzte Mutschleitner und drückte das linke Auge halb zu, »ich spiel wie David vor dem König Saul, um sein Herz fröhlich zu machen.« »Was gibt's denn?« fragte Hartwanger, zu Sampogna hinüberschielend. Der verzog keine Miene. »Zweierlei verdrießt ihn«, antwortete der Wirt an seiner Stelle. »Erstens kommt er von der Jagd heim und hat nix geschossen, und zweitens hat er noch immer keine Spur von dem Ambros aufgefunden.« »Und das soll mich wohl nit verdrießen?« murrte der kleine Gerber. »Ist's doch, als ob die Erd den Buben verschluckt hätt! Auf keiner Alm weit und breit ist er gesehn worden, weder von den Sennen noch von den Wildheuern. Heut hab ich die Gamsen Gamsen sein lassen und bin über den Col de Rü das Boitetal hinabgegangen bis Peutelstein. Nix! Keine menschliche Seel weiß was von ihm.« »Das ist freilich eine schlimme Nachricht«, sagte der Glaser ernst. »Ich hatt gehofft, daß er noch zur rechten Zeit wieder zum Vorschein kommen würd. Und derweilen hat der junge Arigaya die Lisei heimgeführt und sitzt auf dem Klosterhof, wie ich in Zwischenwasser gehört hab.« »Der Teixl hol den Fuchs!« rief das Gamsmanndl, trank sein Glas aus und stellte es kräftig wieder auf den Tisch. »Ja, der Ambros wird uns fehln«, meinte Mutschleitner und setzte mit gedämpfter Stimme gegen den Glaser hinzu: »Wir können ganz offen reden, der Sampogna gehört zu uns. Doch zunächst, Meister, was schafft Ihr?« Hartwanger bestellte sich eine Halbe Roten. Mutschleitner holte sie und machte dabei die Stubentür zu. »Ich wüßt keinem, der besser dazu taugen tät, unsre Schützen zu führn, wann das Zeichen kommt, als ihn«, sagte er. »Keinem würden sie so bereitwillig folgen wie dem Ambros.« »Er steht auch als Führer des Vigiltals auf der List«, bemerkte Hartwanger. »Auf alle Fäll müßt Ihr aber bei Zeiten darauf denken, wer statt seiner die Talschaft führn soll, wann er nit wieder zum Vorschein kommt. Es könnt leichtlich geschehn, daß das Zeichen nit mehr lang auf sich warten läßt.« Mutschleitner beugte sich gespannt zu ihm über den Tisch, während Sampogna die Pfeife aus dem Munde tat, den Kopf zurücklehnte und einem blauen Ring zur Decke aufsteigen ließ. Der Glaser nahm einem Schluck aus seinem Glase, wischte sich den Mund mit seinem blau und weiß gewürfelten Tuch, das er aus der Brusttasche zog und dann wieder zusammenfaltete, und sagte, es wegsteckend: »Im Spanien brennt's allerorten auf. Wie Flugfeuer geht der Aufstand durchs Land. Wird er an einer Stell niedergeschlagen, bricht er an einer andern aus. Die Rheinbundtruppen und was von Franzosen dort ist, ist festgenagelt. Der Kampf ist ein ganz grausamer, mörderischer, und es müssen immer frische Soldaten nachgeschickt werden. Da ist die Gelegenheit für uns gar günstig, und in Österreich fangen sie endlich in aller Still an zu rüsten.« »Ist das gewiß?« fragte Mutschleitner eindringlich, und der Glaser versicherte, daß es die Wahrheit sei. »Geheim kann's freilich nit lang bleiben«, setzte er hinzu, »denn der Franzos hat seine Spion ja überall. Aber sie werden's ja im der Hofburg wohl verstehn, ihn am der Nas herumzuführn, bis sie nit mehr hinterm Berg zu halten brauchen.« »Bah, der Franzos?« sagte das Gamsmanndl verächtlich. »Jetzt bin ich ganz dem Ambros seiner Meinung, der nit warten wollt, bis die Österreicher fertig sind, um loszuschlagen. Ich glaub halt auch, daß wir schon allein mit dem Franzos fertig werden.« »Meint Ihr?« fragte ihn Hartwanger mit einem eigentümlichen Lächeln. »Je dennoch, Ihr könntet Euch täuschen. Es sind tapfre Leut, das muß ihnen der Neid lassen, und es ist nit mit allen so leicht fertig zu werden wie mit dem Offizier in Salen. – Ja, wißt Ihr von der Geschieht nix?« wandte er sich an dem Wirt, der gespannt aufhorchte. »Mir ist sie heut mittag im Salener Wirtshaus erzählt worden. Aber der Sampogna wird Euch besser berichten können als ich. Ist ja selber dabeigewesen.« Unter dem dicken, eisgrauen Bart des Gamsmanndls tauchte ein nebelhaftes Lachen auf. Wenn der dabeigewesen wäre, äußerte Mutschleitner, dann wundere er sich nicht, daß er nichts davon gehört habe; bei dem falle alles wie in einen Brunnen. »Als ob einer auf der Welt nix weiter zu tun hätt, als zu schwätzen!« versetzte Sampogna und schlürfte die letzten Tröpfchen aus seinem Glase. »Laßt's Euch nachher vom dem Hartwanger erzähln.« »Ist der aber maulfaul!« rief der Glaser. »Schon gut, jetzt soll er zur Straf seine eigne Geschicht zu hörn kriegen.« Das Gamsmanndl schüttelte nur ein wenig dem Kopf; Hartwanger warf ihm einem neckisch drohendem Blick zu und begann folgendes zu erzählen: Sampogna war von dem großen Brunecker Markt, der noch schlechter als im Vorjahr gewesen, heimgekehrt. Selbst sein gutes Gamsleder hatte er unter dem Wert abgeben müssen. Für den Ertrag hatte er Pulver und Blei gekauft. Andere hatten gar keine Geschäfte gemacht. Als Sampogna zu Salen das Wirtshaus betrat, saßen da drei junge Offiziere, ein Franzose und zwei Bayern, die einen Spazierritt von Bruneck herauf gemacht hatten, denn es war ein schöner Tag. Das Gamsmanndl freute der Anblick nicht; er gedachte seinen Wein schnell zu trinken und sich fortzumachen. Die jungen Herren aber waren sehr lustig, und die Erscheinung des Gamsmanndls – sein geringer Wuchs, seine Hagerkeit, der starke, graue Schnurr- und Knebelbart in dem schwarzbraunen, mageren Gesicht, aus dem die Nase sich mächtig vorkrümmte – war ganz dazu geschaffen, ihre Aufmerksamkeit zu erwecken und ihrem Übermut als Zielscheibe zu dienen. Was sie über ihn redeten, konnte der wetterharte Alte freilich nicht verstehen, denn sie welschten miteinander; ihre Blicke und ihr Lachen jedoch verstand er um so besser. Das verdroß ihn, und er gedachte es nicht zu dulden. Er zog seine Pfeife hervor, setzte den Tabak in Brand und fragte, nachdem er ein paar kräftige Züge getan, die Herren wären wohl zur Froschjagd ausgeritten. Er tat die Frage auf deutsch, denn Ladinisch hätten sie wohl ebensowenig verstanden wie er ihr Französisch. Wieso er das meine, fragte der eine Bayer. Je nun, weil sie ihre Froschspieße umgebunden hätten, gab das Gamsmanndl zur Antwort und wies mit seiner Pfeifenspitze auf ihre Degen. Da wurde der Franzose, der wohl auf seinen Kriegszügen durch Deutschland etliche Brocken von der Landessprache aufgelesen hatte, fuchswild, schlug an seinen Degen und schrie, er solle sich hüten, daß er ihn nicht aufspieße. Das Gamsmanndl erwiderte kaltblütig, mit der Nadel könne er ja beim bestem Willen keinen Menschen umbringen. Hier sei ein Guldenzettel, den wolle er darauf verwetten, daß es der Franzose nicht könne. Er solle es an ihm selbst einmal versuchen; nur mit seinem Hütlein wolle er sich wehren. Somit zog er einen Bankozettel aus seiner Brieftasche, legte ihn vor dem Offizier auf den Tisch und stellte sich, mit dem Hut in der Hand, breitbeinig vor ihn hin. Drei Stöße sollte der Franzose mit seinem Degen auf ihn führen dürfen. Hier schaltete das Gamsmanndl, das bisher, ohne eine Miene zu verziehen, seine Pfeife geschmaucht hatte, ein bestätigendes Kopfnicken ein, und Mutschleitner rief: »Alle Wetter, plagt dich denn der Böse?« Der Glaser tat einen Schluck aus seinem Glase und nahm dem Faden seiner Erzählung wieder auf. »Ihr mögt Euch vorstelln, wie die Offiziere ihn darauf groß angeschaut haben, erzählt mir der Wirt. Dann sind sie in ein schallendes Gelächter ausgebrochen. Es sollt gelten, riefen sie, eins gegen drei, und jeder warf seinen Guldenzettel zu dem des Gamsmandls auf den Tisch. Der Franzos stellt sich in Positur, zierlich, wie er's auf dem Fechtboden gelernt haben mocht, und ihm gegenüber stand das Gamsmanndl mit dem Hütlein in der Rechten, den sichern Jägerblick auf die Spitz des Degens gerichtet. Ein paar Gäst, die noch anwesend warm, der Wirt und seine Frau hatten sich in die Ecken hinter die Tische geflüchtet. Jetzt fiel der Franzos aus; da hatt der Hut auch schon die Kling gefangen, und der Franzos zappelte an ihr wie ein Fisch an der Angel.« Sampogna legte seine Pfeife vor sich auf den Tisch, und wieder zitterte unter seinen grauen Bartspitzen ein stilles Lachen. »War's vorher Scherz gewesen, so sollt's jetzt Ernst werden«, fuhr der Glaser fort. »Der Franzos tänzelte um das Gamsmanndl herum und suchte es durch mancherlei Finten irrezuführn. Aber das Aug des Alten hier ließ sich nit täuschen, und wieder traf der Degen nur den Filz. ›Alle Wetter!‹ brummten die Bayern und suchten den Franzos zu bereden, daß er's genug sein lassen möcht. Der aber war jetzt wild geworden und wollt nit hörn. Es ist ganz grauslich anzuschaun gewesen, sagt die Wirtin, wie der Franzos mit mordlustigen Blicken immer im Kreis um das Gamsmanndl herumgegangen ist. Dann ist er auf einmal zugesprungen wie die Katz auf die Maus ...« »Aber's war gefehlt«, fiel Sampogna ein. »Beinah hätt mir der Stoß den Hut aus der Hand gerissen, so kräftig war er. Aber just weil er zu kräftig war, bog sich die Kling in meinem alten Filz und verfing sich. Heidi, weg flog sie! Da schaut's die drei Stich; zugeheilt sind sie derweilen nit« Er warf seinen Hut auf den Tisch, und während ihn Mutschleitner betrachtete, sagte der Glaser: »Ein Kreuzsternhagel langt nit, was die Bayern zusammengeflucht haben, und der Franzos hat dazu mit Händen und Füßen gewelscht. Aber das Gamsmanndl hat seinen Gewinn eingesackt und ist seine Straßen weitergezogen.« Mutschleitner rieb sich lachend die Hände. »Geärgert hat's mich nur, daß mir der verdammte Bratspieß, wie er gegen die Wand flog, die Halbe Wein vom Tisch geschmissen hat«, murrte der kleine. Gerber. »Hatt erst ein Schlücklein davon getrunken!« »Dabei sollst du mit zu kurz gekommen sein«, tröstete ihn der Wirt, ging und zapfte eine Flasche von seinem besten Faß. Der Glaser aber moralisierte: »Ja, ja, so sind sie, diese Soldaten, ein übermütig Volk, dem ein Menschenleben für nix gilt. Es hätt kein Hahn danach gekräht, wann Euch der Franzos über dem Haufen gestochen hätt, Gamsmanndl.« »Wär mir recht geschehn, wann er's hätt fertigbringen können«, versetzte dieser, seine Pfeife wieder anzündend. »Sobald werden die drei wohl keinen Tiroler wieder hänseln«, bemerkte Mutschleitner. »Und wo soll in diesen wüstem Zeitläuften die Achtung vor dem Menschenleben herkommen? Weiß doch keiner im bunten Rock, der heut den Bauer prügelt und die Madln küßt, ob ihn morgen noch die liebe Sonn bescheinen wird. Der Napoleon treibt ja die Menschen in die Schlachten wie der Metzger die Schafherden zur Schlachtbank. Die Deutschen immer voran.« »Freilich«, begann Hartwanger, schwieg aber, da in diesem Augenblick Moideli in die Stube kam, in der es mittlerweile dunkel geworden war. Der Wirt hieß sie ein Licht bringen. Sampogna sagte: »Wann man die Kugeln mit dem Hut auffangen könnt wie die Degenstöß, wär's ein gut Ding.« »Du bist ja kugelfest oder weißt doch ein Sprüchlein, das fest macht«, neckte Mutschleitner. Darauf schwieg er, und als Moideli das Licht gebracht und sich wieder entfernt hatte, ergriff Hartwanger vom neuem das Wort. »Der Krieg in Spanien muß unsinnig viel Menschen kosten. Sie sagen, daß dem Spanier jedes Mittel gleich gut ist, um sich der Feinde zu entledigen. Wer nit im offnen Kampf fallt, der wird heimlich erschlagen, oder Dolch und Gift raffen ihn weg.« »Du blutiger Heiland!« murmelte Mutschleitner schaudernd. »Geschieht ihnen recht«, meinte Sampogna. »Sind sie dem Spanier mit wie Räuber ins Land gefalln!« »Aber eins hat das Gamsmanndl nit bedacht«, bemerkte der Glaser, »nämlich, daß auch wir Tiroler herhalten müssen, um die Löcher wieder zuzustopfen, die die Kugeln unter den Bayern machen. Es ist halt so, wie der Mutschleitner gesagt hat: Seine eignen Völker schont der Napoleon. Die Deutschen müssen sich für ihn die Finger verbrennen. Wo die Fürsten vom Rheinbund und der König von Bayern die Soldaten herkriegen, das gilt ihm gleich. Und also: eine neue Rekrutierung ist ausgeschrieben durch ganz Bayern und Tirol. In wenigen Tagen werdet ihr die Verordnung allerwegen an den Kirchentürn angeschlagen finden.« Wohl eine Minute lang blickten Mutschleitner und Sampogna den Sprecher in stummer Betroffenheit an. »Das ist eine böse Nachricht«, sagte der Wirt endlich. »Und es wird diesmal in Tirol hoch hinaufgegriffen werden, bis ins fünfundzwanzigste oder dreißigste Jahr, wann nit noch höher«, ergänzte Hartwanger seine Nachricht und fügte voll Bitterkeit hinzu: »Warum soll's auch der Bayernkönig mit uns Tirolern mit wie der Napoleon mit dem Deutschem machen? Zum Kanonenfutter sind wir Tiroler gut. Das schafft zugleich Still im Land.« »Heiligs Kreuz, jetzt hätt ich beinah geflucht!« rief das Gamsmanndl und preßte seine knorrige Faust nachdrücklich auf den Tisch. »Das würd ja unsre kräftigsten jungen Leut treffen. Wann sie den bunten Rock anziehn müssen, wer soll dann die Bayern und Franzosen aus unsern Tälern hinausschlagen? Wir Alten? Das darf nit sein!« »Nein, das darf nit sein!« pflichtete ihm der Wirt bei. »Freilich darf's nit sein«, nickte Hartwanger, »oder Tirol bleibt im bayrischem Joch für alle Ewigkeit. Das ist auch die Meinung der andern, und darum hat mir der Peter Hueber in Bruneck gedruckte Zettel mitgegeben, die sollt ich unterwegs verteiln. Das hab ich denn auch redlich getan und hab davon den Wirten in Salen, Palfrad und Zwischenwasser gegeben, daß sie's herumschicken, jeder in seinem Kreis. Ihr hier werdet's ebenso machen und die Schrift denen ausdeuten, die nit lesen können oder nit Deutsch verstehn. Von Zwischenwasser hab ich den Löffel-Franz in Pleiken beschickt; war aber auf der Wanderschaft mit seinem Kram, und statt seiner kam die Frau. Da ich ihr traun könnt, wie der Wirt sagt, so ist die Sach dort oben auch besorgt.« Er vergewisserte sich, daß die beiden Türen der Schenkstube geschlossen waren, und brachte dann aus dem Rückenpolster seines Glaserkastens einige gedruckte Zettel zum Vorschein. Die drei Männer steckten die Köpfe dicht zusammen, und Hartwanger las mit flüsternder Stimme vor, was auf dem groben, grauen Papier stand. Es war ein Aufruf, der sich im feuriger Sprache an die Vaterlands- und Freiheitsliebe der Tiroler wandte, und es hieß wörtlich darin: »Der ist ein Feiger und Verräter, der sich als Rekrut unter die bayrischen Fahnen wegschleppen läßt. Flüchtet eure Jünglinge in Feld und Wald und ins hohe Gebirg!« Hartwanger gab jedem seiner Zuhörer zwei Zettel. Das würde für St. Vigil genügen, meinte er und bat sie, vorsichtig zu sein. »Und der Aufruf kommt von dem bärtigen Andrä?« fragte Mutschleitner, nachdem beide ihre Zettel sorgfältig weggesteckt hatten. Der Glaser schüttelte den Kopf. »Von Wien kommt er«, flüsterte er. »Ihr seht daraus, daß unsre Sach wirklich vorwärtsgeht Der Hofer, wird freilich wohl dazu geraten haben. Wir dürfen uns selber halt nit ohnmächtig machen.« »Jetzt, den möcht ich sehn, der nit lieber in die Berg schlüpft als in die bayrische Montur!« äußerte das Gamsmanndl. »Es ist halt auch keine leichte Sach, von Haus und Hof und von den Seinigen ins Elend zu wandern«, sagte der Glaser ernst. Mutschleitner griff einige Akkorde auf seiner Zither. Sein scharfes Ohr hatte den Kies vor dem Hause knirschen hören. Es kamen noch einige Gäste, junge Burschen, die nach Wein und Karten riefen. Das Gamsmanndl reckte seine steifen Glieder und machte sich auf den Heimweg. Sein letztes Wort war: den Ambros finde er doch noch. Hartwanger ließ sich ein Nachtessen geben und zog sich dann auf die ihm angewiesene Schlafkammer zurück, wo er die aufgetrennte Naht an dem Kissen seines Glaserkastens mit einem geschwärzten Faden wieder zunähte. Nadel und Zwirn führte er stets bei sich. Am folgenden Tage nach dem Frühstück ging er auf den Klosterhof, jedoch ohne sein Glasergerät; denn er wollte später übers Jöchl in das obere Gadertal. Auf dem breiten Scheitel des Kreuzkofls lag der erste Schnee, und es war bitterkalt. Der Vigilbach hüpfte eilig über die Steine und stürzte sich mächtig auf die Räder der Mühlen, als ob er sich warm machen wolle. Die Stampfen der Lohmühle in Monthan gingen dröhnend auf und nieder, und vom Klosterhof scholl dem Glaser der Schlag der Dreschflegel in munterem Takt entgegen. Der Klosterbauer stand auf dem Weg zwischen dem Wohnhaus und den Wirtschaftsgebäuden und schaute nach den gepuderten Häuptern der Kalkberge, die in der Sonne funkelten. In einigen Tagen mußten die Herden von den Hochalpen zu Tal steigen. Breitbeinig, den Leib vorgestreckt und die Hände auf dem Rücken ineinandergelegt, erwartete er den herankommenden Glaser. »Grüß Gott, Klosterbauer!« Dieser hob seine rechte Hand lässig bis in die Region seiner Pelzmütze, wandte sich um und schritt dem Glaser voran bedächtig ins Haus. Erst in der Wohnstube brach er das Schweigen: »Ihr habt lang auf Euch warten lassen. Aber setzt Euch.« Hartwanger folgte der Einladung mit einem leichten Achselzucken. Der Klosterbauer blieb vor ihm stehen, legte die Hände wieder auf den Rücken und sagte in offenbar gereiztem Ton: »Warum red't Ihr nit? Was habt Ihr ausgerichtet in der Sach?« »Nix, Klosterbauer«, entgegnete Hartwanger, und die Worte schienen ihm schwer über die Lippen zu gehen. Im Gesicht des Klosterbauern zuckte es seltsam. »Ihr – Ihr wollt doch mit sagen, daß Ihr das Geld ...« Er vollendete nicht. Der Glaser aber antwortete: »Ja, Klosterbauer, ich komm mit leern Händen.« Der Alte ging mit unsicheren Schritten zu seinem Armstuhl und ließ sich schwerfällig nieder. »Laßt Euch nit umwerfen, Mann!« suchte Hartwanger ihn zu ermutigen. »Ihr mußtet drauf gefaßt sein, daß es so kommen könnt. Ich hab's Euch vorausgesagt, als ich das letztemal hier war. Ich bin von Pontius zu Pilatus gegangen; aber die Zeiten sind gar zu schlecht, und das Geld will nit heraus. Es gibt nix Feigeres als das Geld.« Der Klosterbauer hatte den Kopf auf die Brust sinken lassen und atmete schwer. Es blieb ungewiß, ob er den Glaser gehört hatte oder nicht, und dieser verhielt sich still. Der Mann tat ihm leid. »Aber das ist doch nit möglich!« raffte sich der Klosterbauer endlich auf. »Eine größre Sicherheit wie ich kann kein König und kein Kaiser bieten. Ihr müßt's den Leuten nit ordentlich vorgestellt haben. Ein solcher Hof! Und zur ersten Stell! Keine Gülten sonst auf dem Hof!« Hartwanger ließ dem Vorwurf umgerügt. Die Botschaft, die er brachte, war zu bitter, obgleich der Klosterbauer einigermaßen auf sie hätte vorbereitet sein müssen. Dem Klosterbauern war das Kapital gekündigt worden, das noch von seinem Vater her auf dem Hofe stand. Das war der Inhalt des Briefes gewesen, der ihm an jenem Morgen ausgehändigt worden war, als er im Begriff gestanden, mit Lisei zu dem Begräbnis des Pfarrers Moltenbecher zu gehen. Als sein Vater den Hof von dem Kloster Sonnenburg erworben hatte, war, wie man sich erinnern wird, etwa die Hälfte der Kaufsumme hypothekarisch eingetragen und diese Hypothek von den Klosterfrauen unterderhand dem Kaufmann Wagenbühler im Brixen zediert worden. Der alte Wagenbühler hatte das Zeitliche gesegnet, und der Sohn, der das Geschäft fortführt, war durch das Stocken von Handel und Wandel in der unruhigen, vertrauenslosen Zeit in die Krida Krida – Konkurs geraten. Die Schuldforderung an den Klosterhof war in die Konkursmasse geworfen und von den Kuratoren gekündigt worden. Als Hartwanger zum letztenmal auf dem Hof gewesen, hatte ihm der Klosterbauer den Auftrag gegeben, das nötige Geld in aller Stille heranzuschaffen, und dessen Bedenken, daß es schwerlich glücken werde, hochmütig abgewiesen. Ja, er war fast geneigt gewesen, dessen Bemerkungen über die Geldarmut und Kreditlosigkeit der Zeit als eine persönliche Beleidigung aufzufassen. Bückten sich nicht, wenn er in Geschäften nach Bruneck kam, die Kaufleute und Händler vor ihm, als ob er ein Graf wäre, und suchten sie ihm nicht ihrem Kredit mit aller Gewalt aufzudrängen? War sein Name nicht so gut wie bares Geld, drehten nicht die Leute selbst auf dem großen Viehmarkt die Köpfe nach ihm um, wenn es hieß: Da kommt der Klosterbauer? Und jetzt, da der Klosterhof unter Brüdern gut ein Drittel mehr wert war als zu der Zeit, da ihm sein Vater erworben, jetzt sollte kein ehrlicher Mensch auf ein so sicheres Unterpfand lumpige zwölftausend Gulden leihen wollen? So viel etwa betrug die Hypothek. Nun war dennoch der undenkbare Fall eingetreten! »Ich hab an alle Türn geklopft, wo ich Geld vermuten kommt«, sagte der Glaser. »Aber vielleicht seid Ihr selbst glücklicher; versucht's! Noch habt Ihr Zeit dazu. Hier sind die Dokument, die Ihr mir damals anvertraut habt« Er zog ein in Papier geschlagenes Päckchen aus der Tasche und legte es auf den Tisch. Der Klosterbauer aber grollte: »Und Ihr habt mich dazu bewogen, meine ausstehenden Forderungen nit weiter einzuklagen und die erhobenen Klagen nit weiter zu verfolgen!« »Freilich tat ich das«, entgegnete Hartwanger ruhig. »Was wär auch dabei herausgekommen? Mit gut der Hälft Eurer Schuld- und Hypothekenschein könnt Ihr Euch die Pfeif anstecken; das hab ich Euch schon damals gesagt. Das Prozessiern und Subhastiern Subhastieren – öffentlich versteigern hätt Euch nur Euer gutes Geld gekostet, ohne Euch einen Heller einzubringen. Wo nix ist, da hat auch der Klosterbauer sein Recht verlor. Und was die übrigen betrifft, so geht's ihnen just wie Euch. Laßt Ihr ihnen Zeit, so werden sie zahln, es sind ehrliche Leut; drängt Ihr sie zur Gant, so habt Ihr die Güter auf dem Hals und doch keinen Pfennig in der Taschen! Wer mag heut Bauernhöf kaufen? Die Steuern, die auf ihnen lasten, sind schon jetzt fast unerschwinglich, und der Krieg in Spanien schraubt sie noch immer höher. Wer noch Geld hat, der vergräbt's lieber. Das bringt zwar nix ein, kostet aber auch nix. Und endlich, Klosterbauer, erinnert Euch: wann einer Kredit verlangt, darf er den Leuten nit zeigen, daß ihm das Messer an der Kehl sitzt. Das hab ich Euch damals vorgestellt. Es hat schon Gered genug gemacht allerwärts, wie Ihr auf einmal angefangen habt, das Eurige mit Gewalt einzutreiben. Wo ich dazumaln hingekommen bin, hat's geheißen, daß es schlecht mit Euch stehn müßt« Der Klosterbauer griff sich mehr wütend als verzagt ins Haar und schrie: »Und das muß mir, mir geschehn, dem Klosterbauer!« »Es ergeht manchem ebenso wie Euch«, gab ihm der Glaser einen leidigen Trost. »Ihr braucht bloß an den Wagenbühler zu denken. War das ein Haus! Dem galten tausend Gulden noch nit einmal soviel wie Euch hundert, und jetzt liegt's doch am Boden. Die Zeit schüttert wie ein Erdbeben. Aber einen Ausweg gibt's vielleicht für Euch doch noch. Der Jerg ist ja inzwischen Euer Tochtermann geworden. Warum wendet Ihr Euch nit an den alten Müller? Er gilt doch für einen wohlhabenden Mann.« Der Klosterbauer schnellte von seinem Sitz auf. »An den Arigaya soll ich mich wenden?« rief er, in seinem alten Hochmut zurückfallend. »Dem meine Tochter als Söhnerin zu schlecht war?« »Jetzt, wann ich das glaub!« entgegnete Hartwanger, wobei er seine klugen, braunen Augen weit öffnete. »Aber ich sag Euch, es ist so!« rief der Klosterbauer heftig. »Hat er sich nit geweigert, für den Jerg um sie zu werben? Und seine Frau – ja wer ist denn die, daß sie nit einmal zur Hochzeit gekommen ist? Oho, so weit ist der Klosterbauer denn doch noch nit, daß er denen ein gut Wort geben sollt!« »Ja, wann Ihr Euch nit dazu verstehn könnt, dann bleiben Euch nur noch die Wucherer«, sagte Hartwanger. »Um was streitet Ihr Euch denn!« fragte da Jerg, der bei den letzten Worten in die Stube getreten war. »Und was solln die Wucherer?« Hartwanger schwieg; der Klosterbauer kehrte sich dem nächsten Fenster zu und begann an die Scheiben zu trommeln. Jerg beobachtete beide eine Sekunde lang und sagte dann: »Die Wucherer sind kluge Leut. Die haben heutzutag den Schaumlöffel in der Hand, und mit dem Schaum schöpfen sie zugleich das Fett von der Supp. Wollt Ihr ein Geschäft mit ihnen machen, Klosterbauer?« »Was geht's dich an!« murrte dieser, ohne sich umzusehen. »Nix geht's mich an«, versetzte dieser gleichmütig und dennoch mit einem lauernden Blick. »Ich hab's immer gern mal versuchen wolln, ob sie denn wirklich so pfiffig sind, wie sie verschrien werden. Wann Ihr also ein Geschäft mit ihnen habt, so will ich's besorgen; ich nehm's mit ihnen wohl auf. Dem Jerg hat noch keiner über den Löffel balbiert.« »Was stehst du da und schwätzt?« rief der Klosterbauer und wandte sich zu ihm. »Du hast hier nix zu schaffen; geh an deine Arbeit.« Anstatt ihm zu gehorchen, setzte sich Jerg mit einem Schenkel auf die Tischkante und meinte: »Die Arbeit wird nit kalt. – Nu, Klosterbauer, Ihr solltet mich doch zu Rat ziehn; denn vergeßt nit, daß wir, das heißt meine Frau und ich, die Supp mit ausessen müssen, die Ihr etwa einbrockt. Bloß um ihrer Schönheit willen hab ich die Lisei nit genommen.« Mit einem spöttischem Lachen ergriff er das Päckchen, das auf dem Tisch lag, schlug die Hülle auseinander und begann die Papiere, die es enthielt, zu lesen. Dem Klosterbauern schwebte eine zornige Erwiderung auf den Lippen. Hartwanger winkte ihm jedoch, still zu sein, und wagte: »Wann Ihr selbst mit nit dem Müller reden wollt, so mag's am besten der Jerg tun. Erfahrn muß er's ja doch einmal; ob heut oder morgen, das macht keinen Unterschied.« Der Hochmut des Klosterbauern sträubte sich jedoch mächtig gegen diesen Vorschlag. Hartwanger fuhr fort, ihm zuzureden. Jerg nahm ein Dokument nach dem andern zur Hand; doch dabei entging ihm kein Wort von dem, was jene beiden sprachen. »Scheint ja ein schönes Sümmchen in den Papieren zu stecken«, sagte er schließlich, entschlossen, sich Licht zu verschaffen. »Und darauf soll Euch jetzt der Jud oder mein Alter Geld borgen! Ist's nit so?« »Nein, so ist's nit«, erwiderte Hartwanger »So redet in Gotts Namen!« rief der Klosterbauer resigniert. Er warf sich in seinem Lehnstuhl und stützte den Kopf in die Hand, die Augen mit ihr verdeckend. Klar und ohne Umschweife setzte der Glaser dem jungen Arigaya die Sachlage auseinander. Jerg ließ ihn ohne Unterbrechung reden; das einzige Zeichen seiner innerem Spannung war ein kaum merkliches Zittern seiner Rechten, mit der er sich dann und wann an das spitze Kinn faßte. Als Hartwanger schwieg, lachte er wie ein Verrückter; dann wurde er kreidebleich und begann, zischend vor Wut, den Klosterbauern mit Vorwürfen zu überhäufen. Eine Falle habe er ihm gestellt, um ihm seine Tochter aufzuhalsen. Der Klosterbauer sei ein Schwindler, ein alter Gauner und Betrüger. Bei diesen Beschimpfungen wich auch dem Klosterbauern das Blut aus dem Gesicht. Langsam stand er auf; unheimlich drohend glitzerten seine Augen, seine Rechte ballte sich zur Faust. Hartwanger trat rasch zwischen beide; er packte Jerg an der Schulter, riß ihn zurück und schüttelte ihn derb. Statt dergleichen alberne Beschuldigungen auszustoßen, sollte er seinen Verstand zusammennehmen wenn er welchen hätte. Wenn er sich seiner Verschlagenheit vorhin gerühmt habe, so solle er sie jetzt anwenden, damit der Klosterhof nicht zur Gant komme; er solle schauen, ob er das Geld von seinem Vater bekäme. Jerg riß sich los. »Gelt, jetzt bin ich sein lieber Jerg? Was kümmert er mich und sein Hof! Mag er zur Höll fahrn!« schrie er und rannte aus der Stube, deren Tür er hinter sich zuschmetterte. Der Klosterbauer stand noch immer mit krampfhaft geballter Faust da. Die Pelzmütze war ihm vom Kopfe gefallen, und das mit Grau gemischte gelbe Haar hing ihm über die Stirn. Hätten seine Mundwinkel nicht gezittert und gezuckt – man hätte ihn für eine Statue halten können. Er möge die Worte Jergs nicht auf die Waagschale legen, redete ihm der Glaser zu. Jerg würde zur Vernunft kommen und einsehen, daß es sein eigenes Interesse sei, die Gant vom Klosterhofe abzuwenden. Der Alte stützte sich mit beiden Händen auf die Lehnen seines Armstuhles und ließ sich nieder. Er bewegte die Lippen, als ob er spreche, und er sprach mit sich; er wiederholte die Schimpfworte, die Jerg ihm zugerufen hatte. Sie nagten in diesem Augenblick schärfer an ihm als der drohende Bankrott »Der alte Arigaya wird helfen«, tröstete ihn Hartwanger. »Tut er's nit, kann er's nit – ich hab für Euch getan, was ich konnt. Weiß Gott, ich hätt die schöne Provision wohl brauchen können! An zerbrochnen Fenstern fehlt's nach wie vor nit; aber die Leut lassen's dabei bewenden. Lumpen und Papier tun's auch, sagen sie. Ich hab halt kein Glück mit Euern Aufträgen, Klosterbauer, und so will ich denn gehn. Um Euch an die Wucherer zu wenden, dazu braucht Ihr mich nit. Würd auch die Hand nimmer dazu bieten. Es wär für Euch erst recht der Ruin, wann er auch vielleicht auf ein Jahr hinausgeschoben würd. Was ich für meine Gäng zu fordern hab, wolln wir berechnen, wann ich aus dem obern Gadertal zurückkomm. Also Gott befohln!« Der Klosterbauer sagte kein Wort, und er hielt ihn nicht zurück. Jerg kam bald zur Vernunft. Er saß ganz in sich zusammengekrümmt auf dem Futterkasten im Pferdestall und kaute an den Nägeln. Die Knechte waren alle beim Dreschen, und er war allein in dem Dunkel, durch das dann und wann ein sanftes Schnaufen der Pferde und ein Klirren ihrer Halfterketten tönte. Der Apfelschimmel, dessen Stand ihm am nächsten war, wandte zuweilen dem Kopf nach ihm und betrachtete ihn mit seinen klaren, ruhigen Augen. Plötzlich schnellte Jerg in die Höhe wie eine zusammengeringelte Schlange, die durch den Anblick irgendeiner Beute aus ihrer scheinbaren Ruhe gebracht wird, und verließ den Stall. Er ging den Weg nach Monthan hinunter. Zum Mittagessen war er noch nicht zurück, und es wurde ohne ihn eingenommen. Die Knechte wußten Lisei keine Auskunft über ihn zu geben, und der Klosterbauer schien nicht zu bemerken, daß er fehlte. Der Alte trug seine gewöhnliche Miene zur Schau. Nur aus der Deutlichkeit, mit der er jedes Wort aussprach, hätte man erraten können, daß seine Ruhe eine erzwungene war, und zwischen jedem Wort machte er eine kleine Pause. Lisei warf manchen besorgten Blick auf ihn. Sie kannte diese Anzeichen eines drohenden Gewitters. Auch zum Vesperbrot stellte sich Jerg nicht ein. Der Klosterbauer hatte seit dem Mittagessen die Stube nicht verlassen. Brütend saß er im Lehnstuhl, und nur zuweilen erhob er sich und machte ein paar rasche Gänge durch die Stube. Lisei kam, nachdem sie die Abendmilch besorgt hatte, zu ihm. Er sollte sich aussprechen – mochte sich das drohende Unwetter auch über ihr entlade. Er saß wieder auf seinem alten Platz. Sie fing zunächst von gleichgültigen Dingen zu reden an. Er gab keine Antwort, denn er hörte nicht. Da tat sich die Tür auf, und Jerg stolperte über die Schwelle herein. Er hatte den Hut tief in den Nacken geschoben; sein Gesicht war auffallend gerötet, und feuerrot glühte die Narbe auf seiner Stirn. Wenn nicht sein Aussehen Lisei über seinem Zustand belehrt hätte, so hätte es der unsichere Schritt getan, mit dem er näher kam. Er war berauscht. Er hatte seinen Zweck beim Vater nicht erreicht. Der Müller hatte ihm erklärt, daß er eine so große Summe, wie er sie forderte, nicht besitze, und sich überhaupt geweigert, seine Ersparnisse herzugeben. Seine Frau sollte nicht auf Jergs Barmherzigkeit angewiesen sein, wenn er die Augen schlösse; das hieße, ihr den Bettelsack vermachen. Um seine innere Wut zu dämpfen, war Jerg in den »Stern« gegangen; doch wie in allen solchen Fällen hatte das Feuer des Weins die Glut im ihm nur verstärkt. Lisei trat ihm rasch entgegen, um ihn aus der Stube zu führen, aber er stieß sie zurück und sagte, mit dem Zeigefinger auf dem Klosterbauern deutend, mit schwerer Zunge: »Ich hab erst noch ein Wörtlein mit dem da zu reden, mit dem goldenen Schwiegervater, ha, ha, ha!« »Bring ihn zu Bett!« herrschte der Klosterbauer seine Tochter an. Jerg wies Lisei abermals zurück, ergriff sie jedoch dabei am Handgelenk und rief: »Schau dir den Mann da an! Das ist unser lieber Schwiegervater. Mein Alter hat gesagt, ich soll Achtung vor seinen grauen Haaren haben, und mehr solch dummes Zeug. Aber ich hab keine Achtung davor, und am wenigsten vor dem alten Gauner da!« »Wirst du schweigen!« donnerte der Klosterbauer, sich drohend erhebend, während Lisei ihren Mann mit freundlichen Worten zu bewegen versuchte, mit ihr zu gehen. »Nix da!« rief er und focht mit der Hand durch die Luft. »Mit deinem Regiment ist's zu End. Ganz aus ist's mit dir!« schrie er. Dann stützte er sich mit der Linken auf die Tischkante und höhnte: »Da wir alleweil so gemütlich beisammen sind, so will ich auch mal ein Wort reden. Betrunken bin ich? Oho! Lang noch nit! Aber der Wein war gut. Prosit, Schwiegervater! Und er hat mir die Augen klar gemacht, ganz klar, sag ich Euch. Donnerwetter! Ich hab mich immer für einen besonders feinen Kopf gehalten, aber der Klosterbauer ist mir doch über. Donnerwetter, hat der den Jerg an der Nas herumgeführt! Da bringt er's wirklich fertig, daß ich ihm die Lisei abnehm. Klosterhof hieß der Speck. Hat sich was mit dem Klosterhof! Herausreißen sollt ich den bankrotten, verlumptem Gauner aus der Patsch!« Der Klosterbauer hatte ihn reden lassen; denn die Zunge eines Betrunkenen bringt man ebensowenig zum Schweigen, wie man die Quelle eines Flusses mit der Hand zuhalten kann. Jetzt aber übermannte den Alten der Zorn, und es wäre Jerg übel ergangen, wenn nicht Lisei, obwohl ihr das Herz stockte, den Vater mit ihren Armen umschlungen und unter Aufbietung ihrer ganzen Kraft zurückgehalten hätte, indem sie ihm beschwor, sich zu mäßigen, aus Achtung vor sich selbst. Jerg lachte laut »Ist das ein Spaß!« rief er, und plötzlich in Wut geratend, fuhr er fort: »Oh, die verdammten Spitzbuben verstehn sich! Und ich Esel hab ihnen das Netz anstricken müssen, in dem sie mich gefangen haben! Warum lacht ihr nit über den Tölpel?« schrie er. »Gelt, das war ein Spaß für dich, du alter Sünder, wie der Schmied sein Bündel hat schnürn müssen!« »Hör ihn nit, Vater!« bat Lisei angstvoll und schlang abermals den Arm um seinen Nacken. Der Klosterbauer atmete röchelnd und wurde abwechselnd rot und blaß. »Er soll aber hörn!« schrie Jerg und schlug mit der Faust auf den Tisch. »Er soll hörn, und auch du … du … du …« Er konnte das häßliche Wort nicht finden, mit dem er Lisei bezeichnen wollte. Statt dessen lachte er und rief: »Ja, das war ein fein Stücklein vom dem Jerg! Das ganze Dorf hat er auf den Schmied gehetzt und hat den Wolf zum Tal hinausgehetzt, und keiner hat's gemerkt, und die Hunde haben obendrein noch die Prügel gekriegt!« Lisei stieß einem wilden Schrei aus und wäre zu Boden gesunken, wenn sie jetzt der Klosterbauer nicht gehalten hätte. »Juch!« lärmte Jerg mit voller Lunge. »Das ist ein Gaudium! Aber Geld gibt's nit. Juch!« wiederholte er und suchte im Zickzack die Tür. 22. Kapitel Ein Sonnenstrahl, der ihm auf das Gesicht fiel, weckte Ambros aus seinem tiefen, traumlosen Schlaf in dem Winkel der zertrümmerten Halle des Peutelsteins, wo er sich, körperlich und geistig erschöpft, hingestreckt hatte. Er mußte sich erst besinnen, wie er hierhergekommen und was geschehen war. Dann aber griff er rasch nach dem neben ihm liegenden Stutzen und sprang auf. Seine blutige Tat stand ihm wieder grell vor Augen, und sein erster Antrieb war, zu fliehen. Noch befand er sich auf bayrischem Boden. Er näherte sich der Fensterwölbung, durch die er in der Frühe eingestiegen war, und ein Blick nach dem Himmel sagte ihm, daß er lange geschlafen hatte; die Sonne hatte die Mittagshöhe wohl schon seit einigen Stunden überschritten. Unter ihm breitete sich ein unabsehbares Wipfelmeer, aus dem nackte Klippen aufragten. Der Monte Cristallo und seine Gesellen schimmerten und leuchteten wie Marmor. Hinter Cortina lag die italienische Grenze; das wüßte Ambros. Ob er dorthin oder nach Österreich flüchten sollte, darüber hatte er noch keinen Entschluß gefaßt. Seim Herz zog ihn nach dem Kaiserstaat. Nachdem er eine Weile aufmerksam gelauscht hatte, ohne irgendein Geräusch zu vernehmen, sicherte er den Hahn seines Gewehres, hängte dies über die Schulter und schritt auf eine Tür zu, die den Fenstern gegenüber aus der Halle führte. Er betrat einen gewölbten Korridor von mäßiger Breite, in dem er sich nach rechts wandte und nach kurzer Strecke an eine Stelle gelangte, zu deren linker Seite eine breite, steinerne Treppe von etwa einem Dutzend Stufen abwärts zu einem Portal führte, das sich auf den inneren Schloßhof öffnete. Üppig sproßte das Gras zwischen den Steinen, mit denen der Hof gepflastert war, und die Haufen herabgestürzter Trümmer waren mit Nesseln und anderem Unkraut überzogen. Das Grün hob sich lebhaft von den schwärzlichen Mauern der verfallenen Gebäude verschiedenen Stils ab, die den Hof umschlossen. Der Ausgang befand sich in dem östlichen Flügel und führte durch einen runden, krenelierten kreneliert – von französisch creneau, Zinne, Schießscharte Torturm von ungeheurer Dicke. Das Tor war schmal und niedrig, denn der Peutelstein war eben keine fürstliche Residenz, sondern eine Feste gewesen, und diese einstige Bestimmung verlieh noch den Ruinen einen finster trotzigen Charakter, den der warme blaue Himmel über ihnen eher verschärfte als milderte. Ambros, der sich vor allen Dingen orientieren wollte, durchschritt das Tor, dessen Gewölbe von seinen Tritten dumpf widerhallte. Vor ihm, etwas tiefer, lag die äußere Umfassungsmauer, die von sogenannten Pfefferbüchsen Pfefferbüchse – wie ein Trommelrevolver, hier aber mehrere Gewehrläufe gebündelt, dadurch sehr schwer zu handhaben flankiert wurde. Auch an diesen Verteidigungswerken hatte der Zahn der Zeit bereits stark genagt und überall Breschen gebrochen. Diese gestatteten Ambros einen Blick in die Schlucht, durch die sich der von Cortina nach Schluderbach führende Weg heraufkrümmte, der bei Toblach in das Pustertal mündete. Heute nimmt dessen Stelle eine schöne, breite Serpentine ein, die aus den Steinen des Schlosses Peutelstein erbaut ist. Die Feste, die einst den Aufgang zum Rienztal wehrte, hat das Material zu einer länderverknüpfenden Straße hergeben müssen, auf der ein reger Verkehr entstanden ist, seit man begonnen hat, den Holzreichtum des Ampezzotales auszunutzen. Zu Anfang des Jahrhunderts herrschte dort noch Öde und Wildnis, und Ambros, der außen am Tore stehengeblieben war, erblickte auch im Osten nur aufschwellenden Wald, über dem die Pfeiler, Platten und Zinnen der Kalkgebirge des oberen Rienztales in der Sonne dämmerten. In dieser Richtung lag Österreich. Doch wie sollte er durch Wald und Gebirge den Weg dorthin finden? Jetzt begann sich auch der Hunger, und zwar in der empfindlichsten Weise, zu melden. Einige Schluck Wasser, die er nachts mit der hohlen Hand aus der Boite geschöpft, waren alles gewesen, was er seit länger als vierundzwanzig Stunden genossen hatte. Er spähte, ob er nicht irgendwo zwischen den Tamnenwipfeln Rauch aufsteigen sähe. Aber er spähte vergebens, und mit einem schweren Seufzer kehrte er in den Schloßhof zurück, um hier die Dunkelheit abzuwarten, bei der er es wagen dürfte, mach Cortina zu gehen.Er setzte sich auf die plumpe Sandsteineinfassung des ehemaligen Brunnens, über den die Ruinen ihre Schatten warfen, und versuchte das Knurren seines Magens zu vergessen, indem er seine Gedanken auf die Zukunft richtete und sich fragte, was er in der Fremde beginnen solle. Allein, das Gestern erwies sich mächtiger als das Morgen und riß ihn zurück zu seinem blutenden Opfer. Auf dem Gemäuer hinter ihm hatte eine junge Birke Wurzeln gefaßt. Eine Meise kam geflogen, setzte sich auf einen Ast des Bäumchens und begann ihren zarten Gesang. Ambros schnellte in die Höhe. Eine Sage oder ein Märchen fiel ihm ein, daß die Seele der Erschlagenen in Gestalt eines Vogels den Mörder verfolge und ihn durch ihren Gesang aufscheuche, wo er raste. Der Gesang in der Stille und Einsamkeit der düsteren Ruinen trieb ihn fort. Er verließ den Schloßhof und kletterte durch eine Lücke der Umfassungsmauer im die Schlucht hinunter. Bei der Bewegung kam ihm der Mut oder der Trotz wieder. Er, der in der Mitternachtsstunde unter Donner und Blitz die Toten aus ihren Gräbern herausgefordert hatte, floh am lichten Tage vor einem Vögelchen! Aber damals war sein Gewissen noch rein gewesen. Nein, es war nicht das Gewissem, es war der Hunger, der ihn schwach machte! Und entschlossen schlug er den am der Boite hinlaufenden Weg nach Cortina ein. Die Straße vor ihm lag ganz verlassen, und nur einem Bärenführer begegnete er nicht weit vor dem Städtchen. Der langsam sich fortschiebende Petz diente einem Affen in roter Jacke als Reittier. Der Mann, der Ambros einen italienischen Gruß zurief, trug den schweren Tanzstock seines Ernährers und auf dem Rücken eine Trommel. Es war schwer zu entscheiden, wer ruppiger aussah: die Tiere oder ihr Führer. Ambros bedauerte den Meister Braun, den König der Berge, der an der Kette durch die Länder geschleppt wurde, um auf den Plätzen in Dorf und Stadt vor Kindern und Schaulustigen zu tanzen. Herr Gott, wenn sie dich so in Ketten durchs Land schleppten! dachte er im Weitergehen und schüttelte sich. Doch nein, solange er noch seinen treuen Stutzen besaß, sollten sie ihn nicht fangen! In der Hauptstraße, die durch das Städtchen führte, fand er bald einen Bäckerladen. Eine kleine, kugelrunde Frau bediente ihn. Er schob das Brot in seine Jagdtasche, obgleich es ihm sehr schwer wurde, nicht sofort davon zu essen. Die Frau mußte ihm einen Zwanziger wechseln – denn er wollte nicht als armer Teufel erscheinen –, und unterdessen erkundigte er sich, wie weit es noch bis zur Grenze sei. Eine Stunde noch, lautete die Antwort. Aquabuona sei das letzte Tiroler Dorf, und von dort hätte er ungefähr noch eine halbe Stunde bis zu den italienischen Grenzsteinen. »Wollt Ihr hinüber?« fragte die Frau, die ihn jetzt aufmerksam betrachtete, und als er bejahte, fuhr sie fort: »Ja, ja, es geht jetzt manches junge Blut hinüber. Aber mit der Flinten? In Aquabuona ist die Maut, Maut – der bayrische und österreichische Zoll. und die bayrischen Grenzjäger passen schärfer auf alles, was aus Tirol hinüber will, als auf diejenigen, die aus dem ehemaligen Venetianischen kommen. Wann Ihr keinem Paß habt, ist's gefehlt.« Das war eine schlimme Nachricht, und die wohlgenährte Bäckerin merkte ihrem Kunden deren üblen Eindruck an. »Aber ich muß hinüber!« sagte Ambros dumpf. »Freilich, denn sonst wärt Ihr wohl nit so weit hergekommen«, versetzte die Frau mitleidig. »Ich hör's an Eurer Sprach, daß Ihr kein Ampezzaner seid. Aber was ist da zu tun? Ja, ja, es sind traurige Zeiten!« »Kann man denn nit hinüber, ohne durch Aquabuona zu gehn?« fragte Ambros. »Das sollt man wohl können«, versetzte sie. »Aber Ihr kennt Euch in der Gegend nit aus, und ich kann Euch die Wege nit beschreiben. Wann nur jemand da wär, um Euch zu führen!« »Dann muß ich versuchen, mich in der Nacht durchzuschleichen«, sagte Ambros entschlossen. Dagegen protestierte die Frau ganz erschrocken. Das wäre noch gefährlicher; denn die Bayern schössen gleich, wenn sie in der Dunkelheit etwas bemerkten. »Aber jede Kugel trifft nit!« meinte Ambros. »Heilige Mutter Gottes, daraufhin sein junges Leben zu wagen!« rief die gutmütige Frau und schlug entsetzt die fetten Hände zusammen. »Nein, das laß ich nimmer zu. Wartet, ich will mich ein wenig besinnen; vielleicht fällt mir was ein. Es kamen sonst oft Leute herüber – Ihr wißt schon, die Zölle sind gar zu hoch.« Sie setzte sich und blickte Ambros nachsinnend an. Diesem begann die Zeit lang zu werden. Vielleicht wüßte sie ihm einen zuverlässigen Menschen im Ort zu nennen, der ihm einen Rat geben könnte. »Das ist gescheit!« rief sie lebhaft. »Ja, ja, da ist die Croce Bianca bei der Kirch. Gesegnet sei die Madonna!« Dieser letzte Ausruf galt einer Frau, die eben mit einem kleinen Bündel in der Hand in den Laden trat Es war eine dürftig gekleidete Bäuerin von einigem dreißig Jahren, in deren Gesicht Sorge und schwere Arbeit ihre Zeichen eingegraben hatten. Die Bäckerin fuhr sogleich fort: »Das junge Blut da muß über die Grenz. Ihr müßt ihn mitnehmen, wann Ihr zurückgeht. Wann geht Ihr?« Die Bäuerin heftete ihre Augen auf Ambros, zwei blaue, scharfe, kalte Augen, und wandte sich dann wieder der Bäckersfrau zu. Nach einer kurzen Weile sagte sie mit einer rauhen Stimme: »Da Ihr's wünscht, will ich schaffen, daß es geschehen kann. Im einer Stund gehn wir. Es ist aber gut, wann er mit seinem Stutzen vorausgeht, nach Aquabuona zu, bis wo der erste Weg rechts nach dem Wald abbiegt. Im Wald soll er auf uns warten.« Ambros schüttelte der, gutmütigem Bäckersfrau herzlich die Hand und ging. »Ach, ist das ein Elend!« seufzte diese hinterher. »Wie mancher Bursch hat nit in diesen Jahren schon seinen letzten Bissen Tiroler Brot bei mir gekauft! Dem da sieht man's auch an, daß es ihm nit an der Wiegen gesungen ist, daß ihn die Bayern aus dem Land treiben würden.« »Den Fluch Gottes über sie!« sagte die andere leise, und ein Strahl von Haß schoß aus ihren Augen. Darauf legte sie ihr Bündel auf einen Stuhl, entknotete es und nahm zwei Pakete heraus, die sie der Bäckerin reichte. »Ich hab mir vorgestellt, daß Ihr mit dem Kaffee vom letztenmal und der Bäcker mit seinem Tabak zu Rand sein würdet. Es ist von jedem ein Pfund. Den Preis wißt Ihr.« Das runde, rote Gesicht der Bäckerin wurde noch röter vor Vergnügen. Schnell barg sie die Päckchen im der Schublade des Tisches und sagte: »Ach, ist das ein Segen, daß es noch gute Menschen auf der Welt gibt wie Euch. Ohne Euch würd ich schon längst nit mehr wissen, wie Kaffee schmeckt. Man muß ihn ja mit Silber aufwiegen. Wer kann das? Und mit dem Tabak ist's ebenso, sagt mein Mann.« Sie lud die Frau ein, sich niederzusetzen, und bewirtete sie in der Freude ihres Herzens mit Wein und Brot. Unterdessen hatte Ambros Cortina verlassen. Manches Auge aus den Gruppen, die bei der beginnenden Abendkühle vor den Haustüren standen, hatte ihm wohlgefällig nachgeblickt. Vor der Stadt begann er endlich seinen Hunger zu stillen, und essend ging er weiter. Dabei spähte er wachsam in die Ferne, um jeder unliebsamen Begegnung rechtzeitig auszuweichen. Den Cristallo, den Antelao und den Palmo, deren Spitzen sich allmählich rosig färbten, würdigte er keines Blickes. Die ihm bezeichnete Stelle, wo sich von der Heerstraße rechts ein Weg abzweigte, hatte er bald erreicht, und etwas später warf der Wald seinen Schatten über ihn. Er lagerte sich hinter dichtem Unterholz am Wegrande und verzehrte hier den Rest seines Brotes. Ein tiefes Aufatmen folgte dem letzten Bissen. Das Gefühl der Sättigung gab ihm wenigstens einen Teil seiner früheren Sorglosigkeit wieder. Dennoch wünschte er jene Frau herbei. Die im Walde herrschende Stille und die zunehmende Dämmerung wollten ihn bedrücken. Endlich erschien die Unbekannte, hinter zwei Männern herschreitend, auf einem Waldpfad, der unweit der Stelle, wo Ambros lagerte, die Straße erreichte. Alle drei trugen leere Kraxen auf dem Rücken. Ambros trat hervor, und die Frau flüsterte: »Das ist er.« »Komm«, sagte der Mann, der an der Spitze ging, ohne stehenzubleiben, und Ambros folgte ihnen. Da die Männer große Schlapphüte trugen, hatte Ambros in der Dämmerung, die inzwischen eingetreten war, von ihren Gesichtern so gut wie nichts erkennen können. Es waren kräftige Gestalten; der zweite zeigte einen breiten, gedrungenen Wuchs, während der Führer schlanker und ebenmäßiger gebaut war. Stumm bewegte sich der kleine Zug auf der allmählich steiler ansteigenden Straße, und nur das Klirren und Knirschen des Gerölls unter den benagelten Schuhen war hörbar. Die Mühe des Steigens verbot das Reden von selbst. Nach einiger Zeit nahm die Straße völlig den Charakter eines Holzweges an; auch zog sie sich jetzt waagerechter unter den mächtigen Tannen hin, und bald verriet nur noch das gelegentliche Aufschimmern des Gerölls, daß man sich überhaupt noch auf einem Wege befand. Als die Wanderer eine Weile auf dieser Strecke fortgeschritten waren, blieb der hinter dem Führer gehende Mann stehen und ließ die Frau an sich vorüber. Ambros wollte ihrem Beispiel folgen; der Mann schloß sich ihm jedoch an und sagte im Weitergehen leise in deutscher Sprache: »Ich war dazumalen auf der Fronwiesen von St. Lorenzen, als du den Soldaten lehrtest, Achtung vor unsern Madln zu haben. Wie du vorhin aus dem Busch tratst, hab ich dich gleich wiedererkannt. Aber sei ruhig, ich verrat's nit, wer du bist. Es verschüttet's mit den Bayern einer gar leicht. Ich bin der Planatscher aus Prags am See. Auf dem Seekofl, der sich nach dort zu steil wie eine Wand abbaut, wirst du wohl dann und wann gewesen sein. Du und das Gamsmanndl, ihr seid weitum bekannt von wegen eurer Jägerstücklein. Und auch davon haben die Menschen viel gered't, wie du euern Pfarrer aus der Soldatenschar herausgeholt hast.« Ambros war anfangs nicht wenig betroffen, sich hier mitten in der Wildnis plötzlich erkannt zu sehen; indessen beruhigte ihn die Versicherung Planatschers wieder, und er drückte diesem stumm die Hand. Planatscher fuhr nach einigen Schritten fort: »Der uns vorausgeht, ist aus Serravalle im Venetianischen daheim. Crespo wird er geheißen; ob's sein wirklicher Nam ist, weiß ich nit. Er hat sich weit in der Welt herumgetrieben und spricht viele Sprachen, auch Ladinisch und etwas Deutsch. Die Schleichwege nach Cortina, ins Österreichische und in das Eisack- und Etschtal kennt keiner so gut wie er.« »Ihr seid also Pascher?« Pascher – Schmuggler fragte Ambros. Fast verwundert über die Frage, bejahte Planatscher. »Du wirst nit gleich wissen, was du in der Fremde anfangen sollst«, fügte er hinzu. »Aber ich rat dir nit, bei uns zu bleiben.« Damit schritt er schneller aus, Ambros winkend, daß er zurückbleiben solle. Crespo, wie Planatscher den Führer genannt, hatte inzwischen den Holzweg verlassen und einen schmalen Pfad eingeschlagen, der schräg in die Höhe führte. Es war völlig Nacht geworden, und zwischen den Zweigen blitzte dann und wann ein Stern auf. Ein scharfer Wind strich rauschend durch die Baumwipfel. Ambros folgte den anderen in demütigenden Gedanken. Er hatte sich sonst nie darum gekümmert, was die Menschen von ihm dachten; jetzt erfuhr er von Planatscher, welche gute Meinung sie von ihm hegten, und er mußte sich sagen, daß er sie nicht mehr verdiene und daß auch Planatscher sich mit Abscheu von ihm wenden würde, wenn er wüßte, um welcher Tat willen der Ambros Falkner in der Gesellschaft von Schmugglern nachts über die Berge flüchtete. Das waren bittere Vorstellungen. Der Zug bewegte sich stetig fort, jetzt, den Wald verlassend, über eine steinige Halde, wo über den Köpfen der Wanderer Stern bei Stern glänzte, dann abwärts und wieder durch Tannenwald. Als dieser durchschritten war, blinkten in der Tiefe zur Linken Lichter auf, und Crespo rief über die Schulter zurück: »Jetzt aufgeschaut, Jäger! Wir können um deinetwillen nit warten, bis der Mond aufgeht« Die Warnung war nicht überflüssig; denn der Pfad wurde gefährlich. Schmal und mit kantigen Felsentrümmern überschüttet, lief er an einer Bergflanke abwärts, zur Linken der Abgrund, aus dem ein Brausen durch die Dunkelheit näher und näher herauftönte. Es war der Monte Antelao, an dessen Abhängen die Wanderer hinschritten und, nachdem sie um eine scharfe Ecke gebogen, zuletzt die Fahrstraße erreichten, neben der in der Tiefe die Boite tosend der Vereinigung mit der Vallesina entgegeneilte. Auf der Straße blieb Crespo zum ersten Male stehen und wartete, bis Ambros herangekommen war. »Jetzt kann man ein Wort reden«, sagte er, neben diesem weitergehend. »Wohin soll die Reise denn eigentlich gehen?« »Darauf werd ich mich erst besinnen«, antwortete Ambros. »Du mußt dich wohl auch erst besinnen, woher du kommst?« fragte der Pascher spöttisch. »Ein Ampezzaner bist du nit, das hör ich aus deiner Sprach.« »Kümmert's dich?« fragte Ambros zurück. »Du machst kurzen Prozeß; aber es gibt Leut, die mit deinen Antworten schwerlich zufrieden sein werden«, entgegnete Crespo. »Unsere Landjäger sind sehr neugierig, und wenn sie dich mit dem Schießprügel umherlaufen sehen, könnten sie dich leicht mehr fragen, als dir lieb ist.« Ambros schwieg darauf, und Crespo sagte gedehnt: »Du bist stolz. Daher wird's wohl keine Kleinigkeit sein, weshalb ein Kerl wie du aus dem Land gegangen ist. Wir treten italienische Erde.« »Du klopfst auf den Busch, aber's springt kein Has heraus«, erwiderte Ambros trocken. Crespo fragte nicht weiter. Im Sternenschein vor ihnen lag ein Dorf. In keinem Hause brannte mehr Licht. Nur die Hunde waren wach und schlugen bei den Tritten der Schmuggler auf der Gasse an. Etwa hundert Schritt hinter dem Dorfe zeigte sich ein einzelnes Gehöft. Hier klopfte Planatscher, der mit der Frau vorausging, an eines der kleinen Fenster des Wohnhauses. Drei Schläge tat er gegen die dunklen Scheiben, und als Ambros und Crespo herankamen, wurde eben die Haustür geöffnet. Eine Gestalt erschien auf der Schwelle und tauchte wieder in das finstere Haus zurück. Die Frau und Crespo gingen hinein, und Planatscher forderte Ambros auf, ihm die Hand zu reichen, um ihn zu führen. Die Haustür wurde hinter ihnen wieder verschlossen. »Hier bleiben wir die Nacht«, sagte Planatscher, während er Ambros durch den dunklem Flur in eine Stube führte, wo gleich darauf ein blaues Flämmchen aufzuckte und dann ein Kienspan sein rotes, qualmendes Licht zu verbreiten begann. Das Licht fiel auf einem Mann in Hemdsärmeln, demselben, der die Haustür geöffnet hatte und der jetzt den Span in einen Leuchter klemmte. Dabei gähnte er. »Bring Wein!« befahl Crespo, nachdem er sich seines Traggestells entledigt hatte, und setzte sich an den Tisch, auf dem das Licht brannte. Ambros begehrte vor allem Dingen etwas zu essen – wenn überhaupt für Geld und gute Worte etwas zu haben wäre; denn die Stube, in deren Hintergrund ein Bett stand, trug nicht dem Charakter einer Wirtsstube. »Für Geld und gute Worte kannst du von dem wackern Brunello alles verlangen, sogar seine Seel, wenn er sie nit bereits einem andern verschrieben hat«, rief Crespo. Brunello, wie der Wirt genannt worden war, beachtete den derben Scherz nicht. Er hatte seine von schweren Oberlidern halb verdeckten Augen auf Ambros gerichtet und betrachtete ihn mit einem schnellen, scharfen Blick, der die bäuerliche Einfalt oder Stumpfheit, die den vorherrschenden Charakter seines von schwärzlichen Bartstoppeln umrahmten Gesichts bildete, Lügen strafte. Dem wirren Haar merkte man an, daß er eben aus dem Bett aufgestanden war. Auch hatte er sich nicht die Zeit genommen, Schuhe anzuziehen; er war barfuß. Ohne ein Wort zu sagen, ging er aus der Stube, kehrte aber bald mit einem großen Weinkrug und Gläsern zurück. Ambros mußte etwas länger warten, bis ihm eine steinharte Wurst, ein grünlicher Käse und ein mehrere Tage altes Brot vorgesetzt wurden. Inzwischen hatte er Muße, die Physiognomien seiner Reisegefährten zu studieren. Planatscher, der sich mit der Frau auf die Fensterbank gesetzt hatte, mochte nahe den Vierzigern und mit Crespo von gleichem Alter sein. Er hatte ein hageres; bartloses Gesicht von gutmütigem Ausdruck und braune, melancholische Augen. Crespo leerte, als der Wein kam, rasch zwei Gläser hintereinander, worauf er seinen Hut nach dem Bette warf, aber das Ziel verfehlte. Der Hut fiel auf die Erde und blieb dort liegen. Mit allen zehn Fingern strich sich Crespo durch das Haar, das kohl-schwarz und kraus wie das eines Mohren war. Breit und niedrig war die Stirn, die es umzirkelte, breit und energisch die Bildung von Kinn und Mund, rundlich an ihrem Ende die aufgestülpte Nase. Die starken, schwarzen Brauen flossen zusammen, und die ungewöhnlich großen dunklen Augen glühten in dem fast olivenfarbenen Gesicht wie Kohlen. Um Lippen und Kinn schimmerte es bläulich, denn Crespo hatte sich in Cortina rasieren lassen. Im linkem Ohr trug er einen kleinen silbernen Ring und unter dem unsauberen Hemdkragen ein rotseidenes Tuch mit lang herabfallenden Zipfeln. Der Mann mochte trotz seiner vierzig Jahre nicht frei von Gefallsucht sein; entschieden aber prägte sich in seinen Zügen eine starke Sinnlichkeit aus. Der Eindruck, den er auf Ambros machte, war kein angenehmer. Nachdem Brunello das Abendessen für Ambros gebracht hatte, setzte er sich zu Crespo, und beide flüsterten angelegentlich miteinander. Planatscher nahm immer kleine Schlückchen aus seinem Glase. Die Frau hatte die Hände im Schoße zusammengelegt und starrte unbeweglich darauf hin. Planatscher gewahrte, daß Ambros sie beobachtete, und sagte mit einem melancholischen Lächeln: »Das ist meine Frau.« »Aber unser Herrgott allein weiß darum!« warf Crespo, der Krauskopf, ein, dem die Unterredung mit Brunello nicht hinderte, auf das zu hören, was die anderen sprachen. Der Frau stieg das Blut im die sonnenverbrannten Wangen. Ihr Mann aber sagte mit einem Achselzucken: »Freilich, der Pfarrer war uns zu teuer, und umsonst tun's die Pfaffen nit. Gelt, Martha, drum halten wir doch fest zusammen!« Er legte seine Hand auf die der Frau, in deren blauen, kalten Augen ein mildes Licht aufdämmerte. »Es wär ja auch alles gut, wann wir nur nit von daheim hätten fortmüssen!« seufzte sie. Crespo schenkte sich und Brunello, der sich inzwischen Schuhe angezogen hatte, ein, stieß mit ihm an und rief, nachdem er getrunken: »Heute hier, morgen dort; das ist das wahre Leben!« Diese Philosophie fand bei den drei andern keinen Anklang. Planatscher rückte näher zu Ambros, der an der Schmalseite des Tisches saß, und sagte: »Wer kann die schwern Abgaben noch aufbringen? Wie der Amtsbot auch unsre beiden Ziegen hat pfänden wolln – die Kuh hatt er schon längst geholt –, da hab ich den roten Hahn auf mein Dach gesetzt. Das Haus lag abgelegen, so daß keinem andern ein Schaden dadurch geschehn kommt Jetzt mögen sie zuschaun, wer ihnen von der Brandstätten schoßt.« schossen – Steuern zahlen schoßt – zuschießen, zuzahlen Schoß (Schösser) – Steuer, Abgabe Die Frau begann zu weinen; ihr Mann aber rief heftig: »Wein nit! Es kommt die Zeit schon noch, wo wir ihnen alles mit zehnfachen Zinsen heimzahln!« Ambros mochte nicht weiteressen. Düster schaute er vor sich hin. Wie freudig hatte noch gestern die Hoffnung auf diese Zeit seine Brust geschwellt! Und jetzt war er ein Ausgestoßener, und an seiner Händ klebte das Blut, nicht des Landesfeindes, sondern des Landsmannes! Er blieb stumm und mochte den Mann, der nur den eigenen Besitz, doch kein fremdes Leben zerstört hatte, nicht ansehen. Brunello war aus der Stube gegangen. Crespo hatte unterdessen seine Pfeife hervorgezogen und angezündet Jetzt spottete er: »So sind diese Tedeschi Tedeschi – (ital.) die Deutschen. Statt dem Kerl das Messer zwischen die Rippen zu stoßen, verbrennt er sein eigen Haus und Hof! Du bist übrigens ein Undankbarer. Verdienst du jetzt in einer einzigen Nacht nit mehr als vordem im deinem Hungerpalast in einem halben Jahr? Und du bist ein freier Mann! Was kümmern dich die Vögte und Büttel und wessen Herrn Rock sie tragen, ob des Österreichers, des Bayern oder des Franzosen? Ich hab vieles versucht in der Welt, aber über den Pascher geht nix!« Er zog einen Tabaksbeutel hervor und warf ihn Planatscher mit der Aufforderung zu, sich eine Pfeife daraus zu stopfen. Auch Ambros lud er dazu ein, hinzufügend: »Greif zu, mein schmucker Jägersmann; so ein feines Kraut wird dir nit alle Tage geboten!« Ambros ließ die Einladung jedoch unbeachtet. Er stützte die Stirn in die Hand und schwieg. Der Schmuggler fuhr fort: »Cospetto di Bacco, Cospetto di Bacco – (ital.) Ausruf im Sinne von: Potztausend! der Pascher ist der König der Welt! Er raucht den feinsten Tabak, er trinkt den besten Wein – der hier freilich ist nur ein elender Säuerling –, und die schönsten Mädchen sind ihm hold! Die Gefahren, die ihn umdrohen, sind das Salz seines Lebens. Nur der Feigling fürchtet sie.« »Und hinter all der Herrlichkeit steht das Zuchthaus!« warf die Frau bitter ein. »Das ist nur für die Dummen!« rief der Krauskopf verächtlich. »Für uns ist gute Zeit – dank dem Bonaparte, der die Engländer kaputtmachen will. Wir brauchen nur zuzugreifen und haben die Hände voll Gold. Auf das Zugreifen zur rechten Zeit kommt es an. Ei, sagt doch, ob dieser kleine Bonaparte heute Kaiser wär, wenn er es nit verstanden hätte, zur rechtem Zeit zuzugreifen. Dem Mutigem gehört die Welt, und wem's glückt, der hat auch die Ehren! Denn die Menschen sind wie die Hunde: wer ihnen das Weiße im Auge zeigt, vor dem klemmen sie den Schwanz ein und drücken sich in den Winkel. Diavolo! Diavolo – (ital.) Teufel; sehr beliebtes Fluchwort der Italiener. Ich war just in Venedig ans Land gestiegen – hatte in Peru nach Gold und Edelsteinen gesucht und war froh, daß ich mich als Matrose verdingen konnte, um nur wieder nach Hause zu kommen. Wie ich an der Riva Schiavoni Riva Schiavoni-Riva degli Schiavoni; Küstenstrich von Venedig, der sich östlich an den Kai der Piazzetta anschließt. ans Land springe, ist das erste, was ich höre, daß der Bonaparte vor Venedig zu rücken droht. Jetzt ist gute Zeit, denke ich, jetzt gibt's Krieg! Mit Haut und Haar wird der Löwe des heiligen Markus die Franzosen verschlingen! Ist doch sein Brüllen ein Schrecken gewesen für alle Christen und Heiden im Europa und Asien. So lauf ich nach der Piazetta, wo der Palast der Dogen steht; ist auch viel Volks dort, aber alles mäuschenstill. Kein Jubel, kein Kriegsgeschrei, und die Nobili Nobili – ehemals die adeligen Geschlechter Venedigs, die an der Regierung teilhatten. schleichen wie die blassen Gespenster umher. Was soll denn das heißen? frage ich. Ja, es hieß, daß der Doge samt dem hohen Rat der Republik beschlossen hätte, nit zu rüsten und sich gegen den Franzosen nit zu verteidigen, in der Annahme, daß ihm der Franzos, wenn der Löwe ganz still läge und freundlich mit dem Schweif wedelte, nix tun würde. Dem Löwen! Corpo di Cristo! Corpo di Cristo – (ital.) Körper Christi; beliebter Fluch der Italiener. Krach, brach der ganze Plunder zusammen, und tags darauf tanzten wir auf dem Markusplatz um das Feuer, in dem das goldene Buch, worin unsere Adelsgeschlechter eingezeichnet waren, verbrannt wurde, und die französische Militärmusik spielte dazu auf: ›Ca ira‹. Ça ira – (franz.) Es wird gehen. – Name eines französischen Revolutionsliedes, dessen Text von einem Straßensänger namens Ladré stammt und mit dem Refrain schließt: »Ah, ça ira, ça ira, ça ira! Les aristocrates à la lanterne!« (»Es wird gehen. – Die Aristokraten an die Laterne!«) Und anderwärts soll's nit viel anders gewesen sein. Da kommt dieser kleine, gelbe Teufelskerl von Korsika Teufelskerl von Korsika – Gemeint ist Napoleon I. (1769-1821), der einer korsischen Patrizierfamilie entstammte. – ich hab ihn später in Mailand gesehen –, ein Griff, ein Stoß, und die Welt ist sein!« »Mut und Glück hat er freilich«, rief Ambros, den Kopf aufwertend. »Aber darum bleibt er doch ein Räuber! Und sie werden ihm schon noch an den Kragen kommen und aus ihm herausschütteln, was er mit List und Gewalt eingesackt hat!« Gleichmütig versetzte Crespo: »Meinetwegen; aber ich glaub's nit. Und schade wär's auch. Denn nachher käme wieder die alte Schlafmützigkeit in die Welt, und die Polizei würde uns wieder in die alten Windeln wickeln. Wehe dem, der dann auch nur die kleine Zehe rührt! A Diavolo! Aber ich will dir was sagen, Jäger, lieber geh ich dann als freier Mann in die Berge! Und wer das Herz auf dem rechten Fleck hat, wird's ebenso machen.« Da kam der Wirt wieder in die Stube. Er trug eine brennende Handlaterne und mahnte, daß es Zeit wäre, zur Ruhe zu gehen. Die Frau war bereits auf ihrem Sitz eingeschlafen. Crespo schenkte sich aus dem Weinkruge den Rest ein. Die Pfeifen wurden ausgeklopft und weggesteckt, und Brunello führte die Gesellschaft durch eine Hintertür über dem Hof, auf den die Stube blickte, in der man sich bisher befunden hatte. Der Laterne hätte es nicht bedurft, denn der Mond war inzwischen aufgegangen, und auf dem Hofe herrschte fast Tageshelle. Brunello leitete seine Gäste über eine steile Stiege auf den Heuboden, der sich über dem Kuhstall befand. Er blieb auf der obersten Stufe stehen, hob die Laterne in die Höhe und leuchtete, bis sich jeder im dem duftigen Heu eine Lagerstelle gesucht hatte. Ohne den Wunsch einer guten Nacht entfernte er sich; die Laterne nahm er mit Ambros hatte sich so fern wie möglich von dem anderen sein Lager in dem Heu gesucht, und bald verrieten ihm deren tiefe, regelmäßige Atemzüge, daß sie eingeschlafen waren. Ihn floh der Schlaf. Planatscher begann wie eine Trompete zu schnarchen, und in dem Stall unten rasselten die Ketten der Kühe bei jeder Bewegung, die die Tiere machten. Das war es jedoch nicht, was Ambros am Einschlafen hinderte, und auch nicht das Mondlicht, das durch die verschobenen und zerbrochenen Dachschindeln hereinfiel. Sowie er die Augen schloß, stand seine unglückliche Tat vor ihm, beging er sie wieder, sah er Jerg blutend hinstürzen, sah er die entsetzten Gesichter Afras und ihres Mannes, und in seinem Ohr dröhnten die Worte: »Du hast ihn erschlagen!«, gellte der fürchterliche Schrei seines Weibes. Jede Einzelheit stellte sich mit schrecklicher Deutlichkeit vor ihn hin, obgleich damals alles wie im einem Rausch vor seinen Augen verschwommen war. Und dann dachte er an die Zukunft. Hier lag er nun mit Schmugglern im Heu versteckt! Wo würde er morgen eine Zuflucht finden? Vogelfrei war er, ewig würde er von Versteck zu Versteck flüchten müssen, bis er zusammenbräche und ergriffen würde! Seim Blut erstarrte zu Eis. Und dann knüpfte sich an das unheimliche Ende wieder der blutige Anfang. Er vermochte den Kreis, in dem er pochenden Herzens umhergehetzt wurde, nicht zu durchbrechen. Erst gegen Morgen fiel er in einen Schlaf, der von häßlichen Träumen beunruhigt wurde. In Schweiß gebadet, erwachte er. Das Tageslicht strömte durch die geöffnete Dachluke herein. Seine Gefährten hatten dem Heuboden bereits verlassen. Auch er stieg hinunter. Der Kopf war ihm wüst, die Glieder schmerzten ihn. Er ging zum Brunnen, der in einer Ecke des Hofes gurgelte, und wusch sich. Das kalte Wasser erfrischte ihn. Auf dem Hofe sah es unordentlich aus, und die Wirtschaftsgebäude wie auch das Wohnhaus befanden sich in einem Zustand der Vernachlässigung. Ein menschliches Wesen bemerkte Ambros nicht. Er ging ins Wohnhaus, und in der Hinterstube, wo noch vom gestrigen Abend Weinkrug, Gläser und Teller auf dem Tische standen, fand er Crespo allein. Planatscher und dessen Frau seien mit Brunello aufs Feld gegangen, um diesem beim Kleeschnitt zu helfen, erklärte der Krauskopf deren Abwesenheit und lud Ambros, auf eine irdene Schale deutend, ein, sein Frühstück nachzuholen. Die Schüssel enthielt einen Rest Mehlmus, das kalt und steif geworden war. Ambros legte den hölzernen Löffel, dem er ergriffen hatte, gleich wieder hin. »Du hast einen langen, schwerem Schlaf gehabt«, äußerte Crespo, »und hast geächzt und gestöhnt, als ob dich der Alp drückte. Oder war's was andres?« Ambros antwortete nicht. Der andere griff nach dem leeren Weinkrug und stampfte damit heftig auf den Tisch. Eine Magd erschien im Türrahmen, und Crespo forderte Branntwein. Als das Verlangte gebracht wurde, nötigte er auch Ambros, davon zu trinken. »Das macht Herz!« sagte er und fragte dann seinen Tischgenossen, wohin er weiter seine Schritte zu lenken gedächte. Er selbst hatte Geschäfte in Belluno und forderte Ambros auf mitzukommen. »Für einen, der stark und mutig ist, weiß ich dort Arbeit genug. Oder willst du Soldat werden? Dann kannst du dich in Belluno anwerben lassen. An Kanonenfutter ist immer Mangel, und es wird keinem nachgefragt, woher er kommt. Dazu braucht's nix weiter, als gesunde Gliedmaßen, und die hast du. Kriegst ein Stück Welt zu sehen, kommst nach Spanien. Vive l'Empereur! Vive l'Empereur! – (franz.) Es lebe der Kaiser! Das lernt sich leicht rufen. He?« »Für die Franzosen soll ich kämpfen?« brauste Ambros auf. »Nun?« fragte Crespo lauernd. »Unter uns bist du ebenso sicher wie im Soldatenrock und bleibst ein freier Mann. Sonst könnte es, da du dich nit ausweisen kannst, leicht geschehen, daß dich die Polizei aufgreift und den Bayern ausliefert. Jetzt komm nur, ich muß aufbrechen. Unterwegs können wir weiter davon reden. Der Planatscher und seine Frau folgen uns später.« Er bezahlte bei der Magd, die auf sein abermaliges Klopfen erschien, die Zeche und litt nicht, daß Ambros seinen Anteil daran entrichtete. Dann brachen beide auf, Crespo ohne seinen Kraxen. Das Gehöft lag in einer öden, steinigem Gegend und eignete sich wegen seiner Einsamkeit vortrefflich zum Depot für Konterbande, die nach Cortina hinübergeschafft werden sollte. Die Landschaft wurde noch öder, je weiter Ambros und Crespo in die Venetianischen Alpen eindrangen. Noch kamen sie an ein paar kümmerlichen Weilern vorüber; dann stießen sie auf keine menschliche Wohnung mehr, und Stunde um Stunde wanderten sie auf einer elenden Straße durch eine wahre Steinwüste, während neben ihnen im der Tiefe die Piave brauste. Crespo erzählte unterwegs, wie er als achtzehnjähriges Bürschlein von Hause fortgelaufen sei, weil er das Stillsitzen nicht habe ertragen können – denn er hätte Korbflechter wie sein Vater werden sollen –, und wie er sich auf der Jagd nach dem Glück in der Welt umhergetrieben habe. Das Glück hatte er nicht gefunden oder nicht festzuhalten vermocht; denn ein rollender Stein setzt kein Moos an. Und sein heißes Blut hatte den Genuß stets höher geschätzt als dem Besitz. Aber er hatte die Welt und das Leben mit hellen Augen betrachtet, und die Frucht davon war eine Verachtung der Menschen. Er verachtete sie und war trotzdem voll Selbstgefälligkeit, und die Abenteuer, die er seinem im düsterem Schweigen dahinschreitenden Gefährten erzählte, waren alle darauf berechnet, seine Unerschrockenheit, seine Verschlagenheit und sein Glück bei den Frauen in helles Licht zu stellen. Jetzt hatte er eine Beschäftigung gefunden, die ihm zusagte. Er war der Vermittler zwischen den Kaufleuten, die ihre für den Schleichhandel bestimmten Waren in Belluno niederlegten, und den Paschern, die sie über die österreichische und bayrische Grenze schmuggelten. Die venetianischen Pascher sähen in ihm ihren Häuptling, rühmte er sich. Während sie inmitten der Wildnis nackter, schwärzlicher Felsen rasteten, erzählte er, daß an der nämlichen Stelle, wo sie jetzt säßen, ausgangs des letzten Winters, als der Schnee so weit weggetaut, daß der Paß wieder habe begangen werden können, eine Leiche gefunden worden sei. »Ich selbst bin nit dabeigewesen«, sagte er, »aber ich hab mir später die Stelle zeigen lassen, und – per Bacco! per Bacco! – (ital.) beim Bacchus! – Beteuerungsformel. – es muß derselbe Stein sein, auf dem wir sitzen, worauf die alte Frau – es ist eine sehr alte Frau gewesen – sich verschnauft hat und dabei erfroren ist. Denn sie war erfroren, wie mir in Lomgarone, wo sie begraben liegt, erzählt worden ist. Das alte Weiblein soll weit hergekommen sein. Ich hab den Ort vergessen. Sie hat ein Papier und etwas Geld und ein Stück steinhartes Brot in ihrer Tasche gehabt. Das Papier ist ihr Trauschein gewesen. Sie hat einen italienischen Namen gehabt, ist aber an einen Deutschen verheiratet gewesen. Sie hat ihre Heimat in Friaul gehabt. Ich hab ihren Namen auf ihrem Grabkreuz gelesen. Wart nur, wie hat er denn gleich geheißen? – Richtig, Strasser! Ja, Strasser ist ihr ehelicher Name gewesen, und auf diesem Stein ist sie zur ewigen Seligkeit erfroren!« Ambros hatte den rechten Ellenbogen auf das Knie und die Stirn in die Hand gestützt, so daß Crespo sein Gesicht nicht sehen konnte. Er war darauf gefaßt gewesen, den Namen seiner Großmutter zu hören, denn er wußte von Hannes, daß sie in ihre Heimat zurückgewandert war. Die Wünsche des Unheils, vor deren Erfüllung sie geflohen, waren überreich verwirklicht worden. »Ist's dir unheimlich?« fragte Crespo, als er Ambros in so nachdenklicher Stellung dasitzen sah. »Nimm einem Schluck!« Er reichte Ambros die Flasche, die er auf dem Gehöft Brunellos hatte füllen lassen. Ambros wies sie zurück. »Und wie ist's mit meinem Vorschlag, nimmst du ihn an?« begann Crespo wieder, nachdem er für beide getrunken hatte. Ein wilder Trotz überkam Ambros. »Ja, im Teixels Namen!« rief er und drückte so an derselben Stelle, wo der Tod die Ahne ereilt hatte, durch seinen Pakt mit dem Schmuggler das letzte Siegel auf alles Unheil. Aus demselben Trotz gegen das Schicksal unterließ er es auch, das Grab der Ahne aufzusuchen, als sie in dem malerisch gelegenen Lomgarone bis zur Abenddämmerung rasteten. Hatte seine blutige Tat die Zertrümmerung der Welt, in der er bisher gelebt, vollendet, so daß sie der Steinwüste glich, durch die er mit Crespo gewandert war, nun wohl, so sollten auch alle Bande, die ihn an die Vergangenheit knüpften, zerrissen sein, und er strich sogar seinen Namen aus. Derjenige, den er an dessen Stelle wählte, wurde jedoch bald über dem Beinamen vergessen, den er sich unter den Paschern erwarb. Fra Rabbioso – Bruder Tollkopf – hießen sie ihn. Der Schleichhandel stand in einer Blüte wie nie zuvor und seitdem nicht wieder. Crespo hatte Ambros gegenüber die Ursache davon richtig angedeutet: es war die Maßregel, durch die Napoleon den Handel und die Industrie Englands zu ruinieren strebte, indem er das ganze europäische Festland gegen die Einfuhr englischer Waren und die Fracht englischer Schiffe absperrte. Demzufolge hatte sich zunächst in den Hafenstädten des Kontinents ein großartiger Schmuggel entwickelt, vor dem die eingeborenen Beamten und Behörden, wo sie konnten, die Augen zudrückten und der von dort aus ganz Europa bis ins innerste Herz mit einem Netz von Kanälen überspannte. Wenn die Kontinentalsperre im Geiste Napoleons durchgeführt worden wäre, so hätte sie möglicherweise England finanziell ruiniert; gewiß aber wäre das Festland, dessen Industrie durch die fortwährenden Kriegsunruhen gelähmt war, darüber zugrunde gegangen und, wie Deutschland nach dem Dreißigjährigen Kriege, an den Bettelstab gekommen. Daß dann und wann auf das Drängen Napoleons in den Binnenstädten englische Waren weggenommen und auf den öffentlichen Plätzen verbrannt wurden, tat dem Schleichhandel keinen Abbruch. Es waren Opferfeuer, die dem großen Moloch angezündet wurden, um seinen Zorn zu besänftigen. Crespo war der vortreffliche Organisator des Schmuggels, der die in Belluno aufgestapelten englischen Fabrikate, Gewürze, Zucker, Kaffee und Tabak, in kleinerem Partien in das Ampezzotal oder bei Trient und Tramin in das Etschtal weiterbeförderte. Auch nach Kärnten ging manche Expedition. Ambros machte sich durch seine Kühnheit und Kraft bald einen Namen unter den Paschern, und er selbst fand Gefallen an dem Leben voller Gefahren. Die Sicherheit, die sein Fuß und sein Auge auf den Gemsenjagden gewonnen hatten, kam ihm auf den oft halsbrecherischen Wegen, wo jeder Fehltritt, jeder Schwindelanfall den zerschmetternden Sturz in die Schründe und Abgründe zur Folge hatte, sehr zustatten. Seine Gelenke schienen von Stahl zu sein, da er unter seiner Last so leicht dahinschritt und sich mit ihr von Felsblock zu Felsblock schwang, als trüge er nichts, und da er keime Müdigkeit spürte, wenn sich die andern an den Rastorton erschöpft niederwarfen oder an dem glücklich erreichten Endziel der Expedition zunächst nur das Bedürfnis nach Ruhe empfanden. Heiter aber sah man ihn nicht, weder beim Glase noch im Verkehr mit Mädchen, deren Gunst der hübsche Bursche im Fluge gewann. Sein Scherzen und Lachen war gewaltsam und wild, und gerade dann, wenn er lustig schien, war es gefährlich, mit ihm anzubändeln. Nicht nur Planatscher, sondern auch andere hatten ihn in Verdacht, daß er den Tod suche; aber sie irrten darin: nur die Aufregung und Betäubung, die Gefahr erzeugt, suchte er. Es läßt sich mit der Vergangenheit nicht brechen. Wie tief der Graben auch sei, den wir hinter uns aufwerfen – sie greift mit den Geisterhänden der Erinnerung herüber und hält uns fest. Nicht nur, wenn er in der feierlichem Stille der Nacht mit den Gefährten stumm auf den Schleichwegen durchs Gebirge stieg, überkam Ambros die Erinnerung am seine Tat, am Stasi, an die Heimat; sie durchblitzte ihn zuweilen mitten im Taumel der Lust, und dann trieb er es um so toller und spottete über sich selbst, daß er Afra gegenüber ein blöder Schäfer gewesen sei. Hätte er seinen Kameraden erzählt, daß er Jerg erschlagen habe, weil der einen unbegründeten Verdacht über sein Verhältnis zu Afra geäußert – wie würden sie ihn ausgelacht haben! Die Erinnerung an die schöne Afra entflammte seine Sinnlichkeit heißer, als es die Gegenwart getan, und manche Dirne hatte ihr die Glut zu danken, mit der er sie in seine Arme preßte und küßte. Es gab wohl nach durchschwärmten Tagen oder Nächten auch Augenblicke, in denen er des reinen Glücks seiner Liebe zu Stasi gedachte, in denen es wie eine Ahnung ihres Wertes in ihm aufdämmerte, in denen er sich vorstellte, daß er jetzt wohl Vater sei. Aber er machte sich keine Vorwürfe über sein Verhalten gegen sie; er hatte nicht geheuchelt und gelogen, sondern sich gegeben, wie er war, und wenn es einen Schuldigen gab, so war es sein Vater. Ohne diesen wäre er auch nicht mit Jerg in den tödlich endenden Streit geraten. Nein, die Vergangenheit flößte ihm keine Reue ein! Aber sie quälte ihn, und er suchte die tollkühnsten Unternehmungen, griff mach Wein und Weibern, um jene zu erwürgen, zu ersticken. Fort mit der Vergangenheit! Er war nicht Ambros Falkner, er war der Pascher Fra Rabbioso! Mit seinem Ansehen unter den Schmugglern wuchs auch sein Anhang, hauptsächlich, als Bayern im Herbst die bis in die ältesten Jahrgänge zurückgreifende Rekrutierung in Tirol vornahm. Die in ganz Tirol verbreitete Proklamation, die Hartwanger in St. Vigil seinen Vertrauten vorgelesen und zur Verteilung übergeben hatte, wirkte, und viele junge, kräftige Männer flohen vor dem fremden Soldatenrock in die Berge oder über die Landesgrenzen. An manchen Orten konnte die Rekrutierung nur mit Hilfe der bewaffneten Macht vorgenommen werden, und hier und dort kam es zu blutigen Konflikten, aus denen die bayrischen Soldaten nicht immer als Sieger hervorgingen. Von den Flüchtlingen Südtirols schlossen sich viele, die ohne Existenzmittel waren, den Paschern an, angelockt von dem Rufe Fra Rabbiosos, von dessen Verwegenheit, Glück und Liebeshändeln man im Venetianischen zu sprechen, vielleicht auch zu singen anhob. Das Geheimnis, das seine Herkunft und Vergangenheit umgab, erhöhte seine Anziehungskraft. Planatscher schwieg über das, was er wußte, und Crespo versuchte vergebens, etwas aus Ambros herauszulocken. Ambros schloß sich keinem enger an, und sein Verhältnis zu Crespo wurde immer gespannter. Der eitle Serravallese ertrug es nicht, daß sein Ansehen bei den Paschern und mehr noch sein Glück bei den Mädchen von Ambros verdunkelt wurde. Wenn die Köpfe vom Wein erhitzt waren, kam es zu manchem Streit zwischen beiden. Das Vorrücken der Jahreszeit begann indessen der wilden Romantik des Pascherlebens bedenklich Abbruch zu tun. Kamen die lang sich dehnenden Nächte dem Geschäft zugute, so machten Schlüpfrigkeit der Pfade, geschwollene Bäche, Kälte, Sturm, Regen und Schlacke sie wahrlich nicht hold. Starker Schneefall, der um die Wintersonnenwende eintrat, verschloß die höher gelegenen Pässe, und auch in den Tälern begann es zu schneien, so daß die Pascher häufig zur Untätigkeit verurteilt waren. Eines Tages, in der zweitem Hälfte des Januar, wurden Ambros und seine Gefährten auf dem Wege nach Trient von einem Schneesturm überfallen und genötigt, in Pergine, am Eingang des schmalen Felsentales der Fersina, etwa zwei Stunden von der Tiroler Grenze entfernt, Zuflucht zu suchen. In dem einzigen Wirtshaus des Dorfes, auf welches das Schloß des vertriebenen Fürstbischofs von Trient durch die wirbelnden, jagenden Flocken phantastisch von der Höhe herabschaute, waren sie willkommene Gäste. Der Wirt sah sie nicht zum erstenmal bei sich und wußte, daß sie das Geld nicht festhielten, am wenigsten Fra Rabbioso. Bald funkelte der rote Feuerwein in den Gläsern; Kartenblätter wurden hervorgeholt und die Pfeifen in Brand gesetzt. Qualm und Lärm erfüllte die Stube. Darüber blieb der Eintritt eines Fremden, der sich zu der einsam und teilnahmslos vor dem Kamin sitzenden Frau Planatschers gesellte und nach einer Weile mit dieser ein Gespräch anknüpfte, so ziemlich unbeachtet. Der in voller Blüte der Männlichkeit stehende Fremde trug einen schwarzem Vollbart, der ihm bis auf die Brust reichte, und hatte dunkle Augen von mild ernstem Ausdruck, der um so gewinnender war, als er durch ein wohlgebildetes, treuherziges und kluges Gesicht unterstützt wurde. Nach seinem Anzug zu schließen, mochte er ein in guten Verhältnissen lebender Kleinstadtbürger sein. Die Unbill des Wetters hatte, wie er der Frau mitteilte, auch ihn veranlaßt, ein Obdach im Pergine zu suchen. Die verdächtig aussehende Gesellschaft, in die er geraten war, schien ihm indessen keine Besorgnis einzuflößen, und mit ruhigem, ja teilnehmendem Blick betrachtete er die wilden, kräftigen Gestalten der Spieler und Trinker. An einem der Tische, die ihm zunächst standen, spielten Ambros und Crespo; andere schauten ihnen mit aufgestützten Ellenbogen, die Pfeifen zwischen die Zähne geklemmt, zu. Ambros hatte Glück, und Crespo begleitete jeden Verlust mit Flüchen und Gestikulationen. Beißende Bemerkungen über das Glück seines Gegners begannen sich hineinzumischen. Da warf Ambros die Karten auf den Tisch und rief: »Meinst du, daß ich dir dein Geld abnehmen will? Da nimm den ganzen Bettel! Kauf dir Busserln dafür von den Madln, denn freiwillig kriegst du ja keine mehr von ihnen.« Er schob ihm das Geld, das auf dem Tische lag, verächtlich hin, wobei ein Teil der Münzen auf die Erde rollte, und stand auf. Die Zuschauer lachten, was Crespo noch wütender machte. Fluchend sprang er auf und zog sein Messer. Die Zuschauer fielen ihm in den Arm. Ambros aber rief: »Wann du dich in ehrlichem Kampf mit mir messen willst, mir ist's recht. Gebt Raum!« Auch er zog sein Messer und stellte sich in die Mitte der Stube. Sein Vorschlag wurde von den Anwesenden mit Jubel begrüßt. Sie warfen die Karten weg, ließen den Wein stehen und drängten sich zum Kampfplatz. Nur Martha blieb ruhig am Kamin sitzen; sie war an derartige Auftritte gewöhnt. Orespos Augen funkelten, als er sich Ambros gegenüber aufstellte. Jetzt hoffte er, für seine oft verletzte Eitelkeit Rache nehmen zu können. In demselben Augenblick aber trat der Fremde zwischen sie und rief, jedem eine Hand abwehrend entgegenstreckend: »Solang ich's hindern kann, soll hier kein Mord geschehn! Steckt die Messer ein!« Und da die beiden Kämpfer ihn mit einem zornigem Staunen über seine Einmischung betrachtetem, ohne ihm Folge zu leisten, und die Zuschauer unwillig murrten, wiederholte er seine Aufforderung mit einem so gebieterischem Blick aus seinem jetzt flammenden Augen, daß Ambros wenigstens gehorchte. Mit einem Griff umfaßte er Crespos Handgelenk, und dieser Griff wirkte wie der Druck eines Schraubstocks. Crespo ließ aufstöhnend sein Messer fallen. In der Stube herrschte Totenstille. Der Fremde ließ seinen Blick über die Gesichter der Anwesendem schweifen und sagte: »Seid ihr Ebenbilder Gottes oder unvernünftige wilde Bestien, daß ihr einander mordgierig an die Kehlen springt? Schämt euch! Habt ihr aber so heißes Blut, daß ihr einem Aderlaß braucht, ei, so wüßt ich wohl einen guten Bader für euch! Die gute Frau hier« – er deutete mit einer Kopfbewegung nach dem Kamin –« hat mir gesagt, daß ihr alle, mit Ausnahm von zwein oder drein, Tiroler seid. Da mein ich, wer ein Tiroler ist, dessen Herz hört nit auf, warm für sein Vaterland zu schlagen, der vergißt auch in der Fremde nit, was es zu leiden hat unter dem Herrn, den ihm der Franzos aufgezwungen, und der spart sein Blut für den Tag, wo ihn das Vaterland aufruft zu seiner Befreiung! Habt ihr denn nix davon gehört, daß Österreich im Begriff ist, dem Franzosen den Krieg zu erklärn?« »Hurra!« jubelten die Tiroler. Crespo aber zuckte mit den Schultern und verließ den Kreis. »Meint ihr, daß Tirol ruhig zuschaun wird?« fragte der Fremde, während er sich mit beiden Händen den langen Bart strich. »Euer Blut gehört dem Vaterland! Das behaltet in einem feinen Herzen!« Arnbros reichte ihm mit leuchtenden Augen die Hand. Die Worte des Fremden waren wie ein Sonnenstrahl in sein umnachtetes Gemüt gefallen. »Da hab ich auf meiner Reisen vom einem reden hörn, den sie Fra Rabbioso nennen. Bist du's?« fragte der Fremde, ihn wohlgefällig betrachtend. Ambros nickte, und jener fuhr fort: »Mach deinen Namen am den Bayern wahr, wann's Zeit ist!« »Bei Gott, das will ich!« rief Ambros aus voller Brust, und seine Landsleute stimmten ein. »Was schafft ihr denn über die Grenzen?« fragte der Fremde vertraulich, setzte aber, ohne die Antwort abzuwarten, gleich hinzu: »Ich hab gehört, daß drüben große Nachfrag nach Pulver ist.« Crespo war unterdessen wieder in die Stube gekommen. Er hatte den Wirt über den Fremden ausgefragt und sich, da er von ihm nichts erfahren konnte, am dem Kutscher des Reisenden gewendet. Der war aus Belluno, wußte aber auch nichts weiter, als daß sein Fahrgast im Leone d'Oro gewohnt hatte und nach Trient wollte. Crespo mahnte zum Aufbruch, da das Schneetreiben inzwischen nachgelassen hatte. Ambros machte sich mit seinem Gepäck zu schaffen, bis seine Kameraden die Stube verlassen hatten. »Und wann ist's Zeit?« fragte er dann eindringlich den Fremden. »Ich denk mir halt, wann die Flintenhähn in dem Tälern zu krähn anheben, dann ist's nimmer weit bis Tag«, versetzte dieser in scherzhaftem Ton. »Verschlaf's nur nit! Auf Wiedersehn!« Eine Viertelstunde später fuhr auch er davon. Er überholte die Pascher nicht; sie aber sahen ihn, dicht in seinen Mantel gehüllt, von ihrem verborgenen Pfad aus in dem engen, wildschönen Felsental dahinrollen, und Ambros äußerte zu dem neben ihm gehenden Planatscher: »Weißt, wie er zwischen mich und dem Crespo getreten ist, da hab ich halt gemeint, so anschaun könnt einen bloß ein König, und hab ihm gehorchen müssen!« Dieselbe Frage, die Ambros an den Fremden gestellt hatte, richtete auch mancher Gast, der am Sand im Passeiertale einkehrte, an Hofer. Solche Gäste fanden sich dort besonders seit der zweiten Hälfte des Monats Januar ein. Der Sandwirt, Anton Nessing und Peter Hueber waren um die Mitte des Monats in Wien gewesen und hatten endlich das Ziel ihrer patriotischen Bestrebungen erreicht. Anton Steger, der kaiserliche Büchsenspanner, hatte sie zu Erzherzog Johann geführt, und dieser hatte sie zur endgültigen Beratung ihres Planes an den jungem Freiherrn von Hormayr, Freiherr von Hormayr – Joseph Freiherr von Hormayr (1782-1848), Enkel des Tiroler Kanzlers Joseph von Hormayr (1705-1779) und späterer österreichischer Historiograph; diente bereits 1799 und 1800 in der Tiroler Landwehr und war während des Aufstandes 1809, den er im Gefolge seines Gönners, des Erzherzogs Johann (s. Anm. 58), mit vorbereiten half, Hofkommissar in Tirol. Wegen seiner fortgesetzten Verbindung mit den antibayrisch gesinnten Tirolern und der Vorbereitung eines neuen Aufstandes Anfang des Jahres 1813 ließ ihn Fürst Metternich (1773-1859) am 7. März 1813 verhaften und über ein Jahr gefangenhalten. einen Landsmann, der schon seit mehreren Jahren in Wien lebte, gewiesen. In vier nächtlichen Zusammenkünften war alles zwischen ihnen erörtert und festgelegt worden. Die Erhebung Tirols sollte gleichzeitig mit der Kriegserklärung Österreichs an Napoleon erfolgen, und dazu war der 9. Februar bestimmt worden. Erzherzog Johann war zum Oberbefehlshaber des Heeres, das in Norditalien einrücken sollte, sein Bruder, Erzherzog Karl, zum Feldherrn der Donau-Armee ernannt worden. Frohen Herzens waren die drei Tiroler Patrioten, jeder auf einem anderen Wege, in die Heimat zurückgereist, um die letztem Vorbereitungen zum Aufstand zu treffen. Da saßen denn am Sand, wenn alles im Hause schlief, der Rotbart Haspinger, der Feuergeist in der Kutte, und der verwegene ehemalige Wildschütz Speckbacher aus Rinn im Unterinntal in nächtlicher Beratung mit dem Andrä zusammen und legten die Kriegsoperationen fest. Auch andere kamen, um sich die letzten Instruktionen zu holen, so aus dem Pustertale Peter Kemenater, der kühne Wirt von Schabs, und der junge Peter Siegmayr aus Mittel-Ollang, den Hofer zu seinem Ordonnanzoffizier wählte; oder das Licht der Lampe fiel auf die jugendlichen, schönen Züge Peter Mayrs, des Wirts von der Mahr unweit Brixen. Der Besuch solcher Gäste, die die Nächte in heimlicher Zwiesprache mit dem Hofer durchwachten, statt sie in den guten Betten des Wirtshauses zu verschlafen, und die gewöhnlich wieder verschwunden waren, sobald die ersten Sonnenstrahlen die Scheitel der Hoch- und der Alplerspitze berührten, fiel nicht auf. Denn damals war der Saumpfad, der über den Jaufen nach Sterzing führte, noch sehr belebt, und auf dem Sand herrschte ein reger Verkehr. Hofer selbst betrieb neben der Gastwirtschaft einem Getreide- und Pferdehandel, und es fehlte daher nicht am geräumigem Speichern, Stadeln und Stallungen, die sich um das große, mehrstöckige Haus gruppierten, an dessen langer Südseite sich eine offene Galerie hinzog, während im Westen, wo die Ötztaler Ferner über den Bergen glänzten, eine Laube und ein offener Balkon über der Haustür hingen. Die wilde Passer brauste nahe am Hause vorüber, und eine auf hohen Pfählen ruhende Laufbrücke führte auf das jenseitige, linke Ufer. Die Berge ringsum, auf denen im Norden über St. Leonhard, dem Hauptort des Tales, die Ruinen der Jaufenburg thronten, waren bis zur Talsohle in das dichte Grün mächtiger Föhren gehüllt. Die Rebe gedieh hier nicht mehr, wohl aber noch Nuß und Kastanie, und als ein Riesenzeuge kräftigen Pflanzenwuchses streckte an der westlichen Giebelseite des Hauses ein alter Nußbaum sein mächtiges, jetzt freilich winterlich entlaubtes Geäst aus. Klar zeichneten sich die Spitzen, die gleich Wächtern in weißen Mänteln rings auf den Höhen standen, auf dem hellen Winterhimmel ab. Leer von Gästen war es am Sand nie, und seit das Kriegsgewitter fern in Spanien tobte, hatte sich der Verkehr über den Jaufenpaß bedeutend gehoben. So saß denn Andreas Hofer auch eines Nachmittags in den ersten Februartagen mit einigen Säumern, Säumer – Lasttiertreiber die eben von Sterzing herübergekommen waren, in der geräumigen Wirtsstube und sprach mit ihnen bedächtig über die Zeitläufte, über Handel und Wandel, als sich draußen das Rollen von Rädern vernehmen ließ, das sich trotz des schlechtem Weges auffallend rasch näherte. »Also die Kornpreise sind noch mehr in die Höh gegangen? So, so!« Mit diesen Worten stand Andreas Hofer auf und begab sich vor die Haustür. Seine Frau, die die Gastwirtschaft leitete, da er wegen seiner Geschäfte häufig von Hause abwesend sein mußte, trat zu ihm, blieb auf der Schwelle stehen und stützte sich mit der Rechten leicht auf seine Schulter. Die noch hübsche, stattliche Frau trug die kleidsame Tracht der Passeierinnen. Der Wagen kam von St. Martin her und hielt gleich darauf vor dem Hause. Zwei Männer stiegen aus, und Hofer hieß sie herzlich willkommen. Es waren langjährige, teure Freunde von ihm: Herr von Tschöll, der in der Gegend von Bozen begütert war, und Gasser, der Bürgerhauptmann von dort. Auch Hofers Frau schüttelte den Freunden und Gesinnungsgenossen ihres Mannes kräftig die Hand. Während er die Angekommenen in die Herrenstube führte, achtete sie erst streng darauf, daß der Hausknecht das Pferd, das von Schweiß glänzte, sorgfältig abrieb; dann bereitete sie einen Imbiß, den sie ohne geschäftiges oder geräuschvolles Wesen auftrug. Es herrschte überhaupt in dem Hause trotz des lebhaften Verkehrs weder Lärm noch Roheit. Die Gäste zahlten, aber sie blieben im wahrsten Sinne des Wortes Gäste des Hausherrn, wurden als solche behandelt und mußten sich der im Hause herrschenden Zucht und frommen Sitte unterwerfen. Die Lebensgefährtin Hofers war eine wackere Frau; sie besaß ein festes Herz und war darin ihrem Manne ebenbürtig, dessen volles Vertrauen sie genoß und dessen Begeisterung für die Befreiung des Vaterlandes sie teilte. Niemand wußte besser als sie, wie treu und edel, wie redlich und uneigennützig er war. Aber auf der anderen Seite wußte er ihren Wert zu schätzen, und herzliche Zuneigung verband beide. Herr von Tschöll und Gasser behandelten sie voller Achtung, in der die schlichte Frau ihres Freundes auch bei ihnen stand. Sie aber zog sich unauffällig aus der Herrenstube zurück, nachdem sie einige freundliche Worte mit ihnen gewechselt und sie eingeladen hatte, es sich schmecken zu lassen, und sorgte dafür, daß sie nicht gestört wurden. Denn schon die Eile, mit der die beiden Männer gekommen waren, verriet ihr, daß es sich nicht bloß um einen freundschaftlichen Besuch handelte. Gasser brachte eine Hiobspost. Sobald die Hausfrau die Stube verlassen hatte, zog er einen Brief hervor, um dessen schleunige Bestellung ihm Nessing, der eben nicht abkommen konnte, gebeten hatte. Zum Glück hatte sich Herr von Tschöll gerade in Bozen befunden, und so waren sie in dessen Fuhrwerk unverzüglich aufgebrochen. Der Brief, der durch die Vermittlung Kugstatschers, des Postverwalters von Bozen, in Nessings Hände gelangt war, meldete, daß Kaiser Franz seines Schwankens und Zögerns kein Ende wüßte. Obgleich Napoleon durch seine Spione bereits von den geheimen Rüstungen Österreichs unterrichtet war und vom Wiener Hofe gebieterisch über deren Zweck Auskunft verlangte, konnte sich Kaiser Franz dennoch nicht entschließen, mit der offenen Kriegserklärung zu antworten. Der Termin der Erhebung Tirols mußte daher auf vier Wochen hinausgeschoben werden; dann würde Österreich bestimmt schlagfertig sein. Das war in der Tat eine leidige Nachricht. Was sollte man tun? Sollte man noch länger warten, oder, da das Zeichen zum Aufstand bereits gegeben war, losschlagen und dadurch Österreich zwingen, den Degen ebenfalls aus der Scheide zu ziehen? Gasser war hierzu geneigt, zumal nach zuverlässigen Nachrichten augenblicklich nicht mehr als viertausend Bayern, die überall zerstreut waren, im Lande standen und es kaum möglich sein würde, das Geheimnis der Verschwörung noch länger zu wahren. Dagegen machte Herr vom Tschöll geltend, daß Baraguay d'Hilliers Baraguay d'Hilliers – Louis Baraguay d'Hilliers (1764-1812), französischer General; wurde von Napoleon zweimal zum Gouverneur von Venedig bestimmt und nahm 1809 unter dem Vizekönig Eugen (s. Anm. 87 – Eugen Beauharnais) an der Schlacht bei Raab (14. 6. 1809) teil. Nach dem Wiener Frieden (14. 10. 1809) wurde er Oberbefehlshaber in Tirol. mit einer starken französischen Armee in der Lombardei stehe und Tirol von ihm in Verbindung mit den Bayern erdrückt werden müßte, wenn Österreich sie nicht in Schach hielte. Es sei sehr fraglich ob es gelänge, Österreich mitzureißen, ob sie nicht vielmehr von ihm im Stich gelassen würden. Die Selbsthilfe der Völker sei allen Herrschern ein Dorn im Auge. »Ich mein halt, wir warten, bis Österreich schlagfertig ist«, äußerte sich der bärtige Andrä. »Unser kluger Freund, Herr von Tschöll, hat recht von wegen dem Erdrücktwerden. Ist aber Gott uns bisher gnädig gewesen, daß er unsre Feinde mit Blindheit geschlagen hat, so laßt uns auch ferner auf ihn vertraun, daß er ihnen die Augen zuhalten wird. Wir gewinnen derweilen immer noch neue Freunde, und der Bayern im Land werden ja nit mehr werden. – Aber vergeßt darüber den Leib nit! Ich dürft leichter dem Empereur Empereur – Kaiser. als meiner Frau unter die Augen treten, wann sie die Schüsseln noch voll fänd. Eßt und trinkt, ihr lieben Freunde! In dem Wein da ist kein Tröpflein Falschheit« Er schrieb sogleich einige Laufzettel, durch die Nessing sofort Peter Hueber und die Freunde in Südtirol von der veränderten Lage in Kenntnis setzen sollte. Die Ausführung der Maßnahme duldete keinen Aufschub, und deshalb nötigte Hofer die Freunde zu keinem längeren Verweilen; auch bot der Weg durch das Passeiertal nach Meran manche, in der Dunkelheit doppelt bedenkliche Gefahrenstelle. »Ich fürcht, man ist auch in vier Wochen in Wien noch mit kriegsfertig«, äußerte Herr von Tschöll unterwegs. »Die Not der Zeit hat dort noch keinen Feuergeist erzeugt, der den Hof- und Kriegsrat wider ihren Willen fortzureißen vermöcht. Aber was ist zu machen? Es bleibt nix übrig, als auf die Schnecken zu warten.« Kaum eine halbe Stunde später trugen die Läufer Hofers dessen Zettel mit dem lakonischen Befehl, sich bis auf weiteres stillzuhalten, dem Brenner und dem oberen Inntale zu. Dank der vorzüglichen Organisation der Verschwörung wurde Hofers Weisung von den Zentren aus in wenigen Tagen selbst in den entlegensten Tälern bekannt. Wie bitter aber auch der Aufschub überall empfunden wurde – der neunte Februar ging vorüber, ohne daß die Mine unter dem Füßen der Bayern aufgeflackert wäre oder auch nur ihr Dasein durch ein lokales Aufzucken verraten hätte. Einstweilen mußte sich Tirol mit allerhand Ernennungen von Kriegs- und Zivilkommissaren und Verwaltungsräten und mit allerlei Aufrufen »An das treue Volk von Tirol« begnügen. Damit war man in Wien schnell bei der Hand. Was dagegen die Kriegsrüstungen betraf, so behielt Herr von Tschöll leider recht. Auch nach vier Wochen war Österreich noch nicht schlagfertig. Es saßen zu viele Zöpfe im Rat, zu viele Saugrüssel an den Kriegskassen, und die Erhebung Tirols mußte abermals hinausgeschoben werden. 23. Kapitel Im langsamsten Schritt, als zöge er einen Leichenwagen, kam der Apfelschimmel den holprigen Weg von Monthan nach dem Klosterhof herauf und machte gewohnheitsgemäß an der Vortreppe halt. Der Klosterbauer saß ganz zusammengesunken auf dem Gefährt; er merkte es nicht und regte sich nicht, bis ihn Jerg, der schon eine Weile nach ihm ausgeschaut hatte, roh am Arm schüttelte und fragte, ob er seinen Rausch auf dem Wagen ausschlafen wolle. Da fuhr der Klosterbauer in die Höhe, als ob er wirklich geschlafen hätte, stieg mühsam ab und polterte schweren Schrittes die Treppe hinauf, während ein herzugekommener Knecht das Gespann wegführte. In der Stube ließ er sich, wie von aller Kraft verlassen, in den Armstuhl fallen. Jerg betrachtete ihn mit haßfunkelndem Augen, schüttelte ihn abermals heftig an der Schulter und zischte, er solle endlich den Mund auftun und sagen, wie es stehe. Der Klosterbauer starrte ihm einige Sekunden lang aus völlig verglasten Augen an und röchelte, während er den Kopf auf die Brust sinken ließ: »Es ist alles zu End!« Jerg wechselte die Farbe. Der letzte Versuch, den Hof zu retten, war gescheitert! Das bedeuteten diese Worte. Und er verließ die Stube, ohne sich weiter um den Klosterbauern, dem ein Schlagfluß drohte, zu kümmern. Von Jerg gedrängt, hatte der Klosterbauer nach hartem Kampf mit sich selbst den Schritt getan, vor dem Hartwanger gewarnt hatte. Es käme in dieser Zeit, in der alle Verhältnisse sich über Nacht ändern könnten, nicht auf das Mittel an, durch das man sich hülfe – wenn nur die Vergantung Gant Vergantung – öffentl. Versteigerung, Konkurs des Hofes vorläufig abgewendet würde, hatte Jerg gemeint – In der schmalen und schmutzigen Hintergasse Brunecks, die sich an dem Fuße des Schloßberges hinklemmt, hauste ein dunkler Ehrenmann, der schon manchem in ähnlicher Lage geholfen und ihn über Wasser gehalten hatte, bis nichts mehr aus ihm herauszupressen gewesen war. Max Lichtenstern hatte sich auch gleich bereit erklärt, dem Klosterbauern beizustehen. Wenn er dafür bei den unsicheren Zeiten zwanzig vom hundert und für seine Mühewaltung – er selbst besaß natürlich das Geld nicht – auf sechs Monate ein Wechselchen über zweitausend Gulden verlangte, so wären das gewiß günstige Bedingungen. Dem Klosterbauern war der kalte Schweiß auf die Stirn getreten, und er war schweigend fortgegangen. Es war zu Ende! Er mußte das Gehöft seiner Väter verlassen, war aus seiner Höhe herabgestürzt; sein Hochmut war gelähmt, sein Ehrgeiz zertrümmert. Es gibt Leute, die nichts haben, nichts bedeuten und sich dennoch das Höchste dünken. Der Klosterbauer besaß ihre Einbildungskraft nicht. Der Sockel seiner Größe war der Klosterhof; das Piedestal Piedestal – Basis, Fußpunkt war zerschlagen, und er lag verstümmelt am Boden, ein Spott der Leute, auf die er bisher herabgesehen hatte. Das nagte und zerrte und fraß fortwährend an ihm; das war der schwarze Punkt, auf den seine Augen unablässig gerichtet waren, und der verdunkelte ihm die ganze Welt. War er selbstsüchtig im Glück gewesen, so war er es in seinem Unglück nicht minder. Lisei versuchte ihn zu trösten, zu erheben oder wenigstens von dem Brüten, in dem er seine Tage verbrachte, abzulenken. Er duldete, daß sie bei ihm saß und zu ihm redete; allein, er blieb für ihren liebevollen Zuspruch ebenso unempfänglich wie für den Hohn, mit dem sich Jerg jetzt für seine getäuschte Habsucht an ihm rächte, wo er konnte. Den Hof verließ der Klosterbauer nicht mehr, aus Furcht, in dem Mienen der Menschen den schadenfrohen Triumph über seinen Fall zu lesen. Kaum daß er überhaupt einmal aus dem Hause ging. Um die Wirtschaft kümmerte er sich nicht. Jetzt konnte Jerg auf dem Hofe den unumschränkten Gebieter spielen, wenn ihn noch danach gelüstete. Und es gelüstete ihn danach, zunächst aus Rache. Hatte das Gesinde ihn bisher nicht als Sohn des Hauses, sondern nur als Inspektor des Klosterbauern anerkennen wollen, so vergalt er es ihm nun in kleinlicher, brutaler Weise und erbitterte es derartig gegen sich, daß er eines Tages von einem Knecht, an dem er ohne Grund herumnörgelte, mit der Mistforke erschlagen worden wäre, wenn ihn nicht der zufällig anwesende Großknecht rechtzeitig beiseite gerissen hätte. Diese Warnung fruchtete jedoch nur so viel, daß er sich später, wenn er die Leute schikanierte, wohlweislich hütete, ihnen zu nahe zu kommen. Am meisten ergrimmte es ihn, daß der Klosterbauer ihn, den pfiffigen Jerg, übertölpelt hatte, wie er sich ausdrückte, und er infolgedessen in den Augen der Vigiler als ein Dummkopf erscheinen mußte. Der Hof war für ihn verloren; aber Lisei blieb ihm. Das mußte der Welt als Gipfel der Lächerlichkeit erscheinen, und es ist nicht zu beschreiben, welchem Haß er gegen die Unglückliche zu hegen begann. Als er seinen Rausch ausgeschlafen hatte, im dem er sich Lisei als der Zerstörer ihres Liebesglücks offenbart, hatte er sich auf einen höchst unerquicklichen Auftritt mit seiner Frau gefaßt gemacht. Aber er hatte sich umsonst mit einer ehernen Stirn gepanzert. Es gibt eine Schlechtigkeit, die so ungeheuerlich ist, daß man ihr gegenüber nur verstummen kann, und Lisei erwähnte die Äußerungen, die er im Rausche getan, mit keinem Wort. Was hätten Vorwürfe auch noch genützt? Das Geschehene war nicht mehr ungeschehen zu machen. Wie bei einem Erdbeben der Boden sich spaltet, so war bei Jergs Geständnis, daß seine Machenschaft den Schmied Wolf Lechner aus Vigil vertrieben habe, ein Abgrund zwischen ihnen aufgeborsten, der bis in die tiefsten Tiefen ihres Gemüts ging. Erst ganz allmählich vermochte sie sich aus der Betäubung zu fassen, in die sie durch die Offenbarung seiner Hinterlist und Niedertracht versetzt worden war, und gewaltsam entriß sie sich dem Grübeln darüber, sobald sie sich dabei ertappte, aus Furcht, gleich der armen Stasi den Verstand zu verlieren. Wenn sie aber auch Jerg gegenüber schwieg, so konnte sie doch nicht verhindern, daß ihre Mienen und Blicke ihm die Verachtung verrieten, die sie für ihn empfand; und diese Blicke zwangen ihn, schäumend in den Zügel zu knirschen, wenn er in ihrer Gegenwart den Klosterbauern verhöhnen wollte. Unter solchen Umständen war es für Lisei fast ein Glück zu nennen, daß sie für den Vater zu sorgen hatte. Es zog sie von der Beschäftigung mit dem eigenen Elend ab. Wohl ging auch ihr der drohende Verlust des Klosterhofs nahe, doch mehr noch schmerzte er sie um des Vaters willen; denn welche Bedeutung der Besitz dieser Scholle für ihn hatte, wußte ja niemand so gut wie sie, die seit ihren frühesten Tagen darum so schwer zu leiden gehabt hatte. Ihr Herz öffnete sich weit und weiter und bot ihm den ganzen Schatz der Liebe, der Wolf nicht hatte zuteil werden dürfen; allein, der Klosterbauer war unfähig, den Wert dieses Schatzes zu erkennen. Es war ein Jammer, ihn zusammengekauert in seinem Armstuhl sitzen oder rastlos in der Stube auf und ab gehen zu sehen, die Augen stets auf den Boden geheftet und mit sich selbst redend. Er verfiel zusehends. Echte Manneswürde war ihm nie eigen gewesen. Wie sollte er sich mit männlicher Würde in das Unvermeidliche zu schicken vermögen? So kamen die Weihnachten, ein dunkles Fest für den Klosterhof und dunkel für ganz Tirol. Man sah in der Heiligem Nacht keine Fackeln und Laternen von den zerstreuten Gehöften sich nach der Kirche zu bewegen. Geschäftiger denn je war man überall dabei, Waffen, Pulver und Blei heranzuschaffen. Die Gewehre, die Österreich im Jahre 1805 den Gemeinden Tirols zur Bildung einer Landmiliz geliefert hatte, wurden aus den Gewahrsamen hervorgeholt, in denen sie bisher vor den Bayern versteckt gehalten, und heimlich am diejenigen verteilt, die keinen eigenen Stutzen besaßen. Unter Stroh und Heu versteckt, wurde nächtlicherweile manches Gewehr aus St. Lorenzen in das untere Gader- und Vigiltal geschafft, und mancher Bauer hatte in dem Hafer- oder Häckselsack, auf dem er während der Fahrt, gemütlich seine Pfeife rauchend, saß, ein Fäßchen Pulver verborgen. Im »Stern« lagerte der unheimliche Gast in manchem geleertem Weinfäßchen, in mancher Hütte waren Gewehre und Munition sogar unter dem Herd vergraben, und in anderen wieder harrten sie unter dem Stubendielen des Zeichens zur Auferstehung. Dann erschien eines Tages im dem Kreisamtsblatt die gerichtliche Anzeige von der Subhastation Subhastation – Zwangsversteigerung von Grundstücken. des Klosterhofes, und ein Anschlag an der Kirchentür setzte die Vigiler hiervon in Kenntnis. Nur für wenige unter ihnen war es noch eine Neuigkeit, daß der Klosterbauer von Haus und Hof mußte; die Kunde davon hatte sich schon längst im Tale verbreitet. Mancher ging, nachdem er den Anschlag gelesen, still davon; es war eben keiner sicher, nicht vielleicht morgen schon von einem ähnlichen Schicksale ereilt zu werden. Überall gab es Vergantungen. Die Allgemeinheit der Kalamität nahm dem einzelnen Fall die Bedeutung, die er sonst gehabt hätte. Er diente nur dazu, die Überzeugung zu verstärken, daß es im Lande nicht besser würde, solange Bayern der Herr bliebe. Hätte der Klosterbauer gewußt, daß sein Sturz nur ein so verhältnismäßig geringes Aufsehen erregte – er hätte sich noch tiefer gedemütigt gefühlt als so schon. Denn seit von seinem Gläubiger der Exekutionsantrag gestellt worden war, malte er sich unablässig aus, wie sein Name nun in aller Leute Mund wäre, wie seine Freunde und Standesgenossen sich kalt von ihm abwendeten und seine Neider und Feinde ihn triumphierend zerrissen. Wo sollte er sich vor der Schande verbergen? Wie sollte er überhaupt im Tale weiterleben, nachdem er aufgehört haben würde, der Klosterbauer zu sein? Joseph Falkner ohne den Klosterhof war ein Nichts. Er – ein Nichts! Am Tage vor dem gerichtlichen Termin meldete der Großknecht dem Klosterbauern, daß zwei Männer da seien, die sich die Wirtschaft anzusehen wünschten. Der Klosterbauer machte eine abwehrende Handbewegung, gab aber keine Antwort. Jerg führte die Fremden, die augenscheinlich Vater und Sohn waren, auf dem Hof umher. Der Alte, der zu den wenigen gehörte, die noch den Zopf beibehalten hatten, war bedächtig und wortkarg, Zoll für Zoll ein deutscher Großbauer, selbstbewußt und vierschrötig; und der Sohn versprach zu werden, was der Vater war. Der Klosterbauer schloß sich in seiner Schlafkammer ein, die er erst verließ, als Jerg an die Tür pochte und ihm mitteilte, daß sich die Fremden entfernt hätten. »Ihr hättet Euch nit vor ihnen zu verstecken brauchen«, sagte Jerg, wobei er sein Kinn liebkoste und den Klosterbauern aus dem Augenwinkeln beobachtete. »Es waren Bekannte von Euch, wenigstens dem Namen nach. Kurios ist's doch, wie's zuweilen im Leben zugeht! Der Eckschlager war's aus St. Georgen. Er will den Hof für seinen zweitem Sohn erstehn, der heiraten soll. Der Klosterhof würd billig weggehn, hat er gemeint.« Der Klosterbauer stöhnte tief auf. Das war von aller Bitternis, die er kosten mußte, vielleicht das Bitterste, daß just ein Eckschlager sein Nachfolger auf dem Hofe werden sollte. Er dachte daran, wie anders sich alles gestaltet hätte, wenn Ambros der Eidam des reichen Großbauern geworden wäre. Nun war er ruiniert. Und wo war Ambros? Er wehrte den Gedanken ab, aber er kam wieder. Da kaufte dieser Eckschlager den Klosterhof für seinem jüngeren Sohn, und er hatte Ambros aus dem Hause gestoßen! Der nächste Morgen fand ihn noch auf seinem Lehnstuhl, zusammengekauert, mit aschgrauem Gesicht. Als die Magd kam, um die Stube in Ordnung zu bringen, ging er in seine Kammer und warf sich aufs Bett; aber er konnte nicht schlafen. Lisei rief ihn zum Frühstück; er kam nicht. Mit Ausnahme Jergs waren alle im Hause verstört. Jerg war lustig. »Das ist unsre Henkersmahlzeit auf dem Klosterhof«, sagte er beim Frühstück und lachte laut. Die Knechte und Mägde drückten sich müßig in den Ecken herum, und wenn sie ein Wort zueinander sprachen, geschah es leise, als wäre ein Toter im Hause. Lisei hatte sich auf ihre ehemalige Mädchenkammer geflüchtet, um ihrem zerdrückten Herzen ungestört in Tränen Luft zu machen. Es wollte heute nicht Tag werden; dicker Nebel erfüllte das Tal. Es mochte zehn Uhr sein, als der Klosterbauer wieder zum Vorschein kam; er war zum Ausgehen gekleidet und verließ den Hof. Den Kopf auf die Brust geneigt, schritt er in den grauen, eiskaltem Nebel hinein, der so dicht war, daß man keine drei Schritt weit sehen konnte. Felder, Häuser und Berge verhüllte der erstickende Dunst. Der Klosterbauer fühlte ihn nicht. Sein Gang war müde und schleppend. Er schlug den Weg nach St. Vigil ein. Nachdem er eine Weile an dem Stangenzaun entlanggegangen war, kehrte er um, müde, schleppend, immer zu Boden blickend, und überschritt die Laufbrücke, die bei der Mühle von Momthan über den Bach führte. An der Waldspitze, die sich zu dem Wässerlein hinunterstreckte, blieb er stehen und schaute zum erstenmal auf. Langsam ließ er seine tief in den Höhlen liegenden Augen von einem Stamm zum andern gleiten. Dann nahm er seine Mütze ab und wischte sich mit dem nebelfeuchten Mantelärmel die Stirn. Ihm war heiß. Ein dumpfer Ton schwankte durch die dicke Luft. Die Uhr von St. Vigil schlug, und der Klosterbauer begann die Schläge zu zählen; doch er vergaß es bald, zurückgerissen in den Bannkreis seiner unseligen Gedanken. Mechanisch ging er weiter bachaufwärts, an der Sägemühle vorüber, vor der Lupattino mürrisch zu bellen anhob. Um von dem »Stern« aus nicht bemerkt zu werden, wich er nach rechts auf die abschüssigen Felder aus, wo er bis über die Schenkel im Schnee versank, und erreichte so den Wald, der sich gegen das Jöchl und bis zur Kornspitze hinanzieht. Suchend ging er unter dem Bäumen, von denen der Nebel leise herabrieselte, hin und her. Zwischen den von Feuchtigkeit schwarzen Stämmen erblickte er eine phantastisch verkrüppelte Zirbeltanne, neben der ein großer Steinblock lag. Der Klosterbauer lehnte sich gegen den Block und starrte auf die gekrümmtem Äste, die aussahen, als wollte der Baum mit ihnen den Nebel von sich wegdrängen. Aber dieser ließ sich nicht fortdrängen, und das geheimnisvolle Rieseln und Tropfen zwischen den Nadeln und welkem Blättern dauerte fort. Langsam knöpfte der Klosterbauer den Mantel auf und nahm aus der Tasche eine Leine, die er auf dem Stein legte. Dann zog er den Mantel aus, faltete ihn auf der Erde sorgfältig zusammen und legte seine Pelzmütze darauf. Mit einiger Anstrengung gelang es ihm, sich auf den Stein hinaufzuschwingen. Nun stand er oben, in der einem Hand die Leine haltend, während er die andere nach einem Ast ausstreckte. »Vater! Vater!« Er erschrak und wandte scheu den Kopf. Vor ihm stand Hannes. Wortlos blickten sie einander an. Entsetzen spiegelte sich in Hannes' Gesicht. Der Alte schlug die Augen nieder; seiner Hand entglitt die Leine, ein Schwindel ergriff ihn. Hannes fing ihn in seinen Armem auf und ließ ihn sanft auf den Stein nieder. Der Anfall ging schnell vorüber. »Geh!« sagte der Klosterbauer leise und wagte nicht, die Augen zum Sohn aufzuschlagen. »Wir gehn zusammen«, versetzte dieser sanft, holte Mütze und Mantel des Vaters und bekleidete ihn damit. Der Alte ließ es willenlos geschehen, und Hannes erzählte dabei, daß er auf dem Wege zum Klosterhof sei. Er habe in der Zeitung von dem Unglück des Vaters gelesen und gemeint, daß der Vater in dieser schweren Stunde seinen Beistand brauchen könne. Wie das Unglück entstanden sei, wisse er sich zwar nicht zu erklären, aber darüber verlange er jetzt keine Aufschlüsse. Jetzt sah der Klosterbauer scheu zu ihm auf und fragte: »Du wolltst zu mir kommen, zu mir? Und du wolltst mir beistehn?« In seinem harten Gesicht zuckte es. »Du?« Hannes umschlang ihn mit seinen Armen und drückte ihn an seine Brust »Laß uns jetzt heimgehn«, sagte er nach einer Weile bewegt. »Heimgehn?« rief der Vater und machte sich aus seinem Armen frei. Dumpf setzte er hinzu: »Ich hab kein Heim mehr! – Du hättst mich ...« Die traurigen, vorwurfsvollen Blicke des Sohnes ließen ihn nicht vollenden. Hannes schwieg erschüttert. Sanft legte er seinen Arm um den Vater und leitete ihn sacht wie einen Kranken von der Unglücksstätte fort. Als er merkte, daß der Schritt des Klosterbauern wieder fester wurde, sagte er: »Es ist dir eine harte Prüfung auferlegt worden; aber du wirst dich mit der Ergebung eines Mannes fassen, und deine Kinder werden dir tragen helfen.« »Jaja!« murmelte der Klosterbauer verzagt. Eine Krähe flog krächzend über ihre Köpfe hinweg. Stumm gingen sie nebeneinander durch den eisigen Nebel, und der Schritt des Alten, der den Kopf wieder auf die Brust hatte sinken lassen, wurde zögernder und schwerfälliger, je näher sie dem Klosterhofe kamen. »Hin! Hin!« stöhnte er, als nun der Hof vor ihnen auftauchte. Hannes faßte kräftig seine Hand und zog ihn mit sich. Lisei, die die Abwesenheit des Vaters inzwischen bemerkt hatte, wollte, von einer ängstlichen Unruhe ergriffen, gerade die Knechte ausschicken, um ihn zu suchen – da erschien er mit Hannes auf dem Hof. Ihr Herz wallte froh auf. Der scheue Blick aber, den der Vater auf sie warf, machte sie höchlichst betroffen. Der Alte schlug die Augen zu Boden und ging stumm in die Schlafstube. Hannes kam ihrer Frage zuvor. Er sei dem Vater unterwegs begegnet und sie hätten sich versöhnt. Mit einem freudigen Aufschrei warf sich Lisei in die Arme des Bruders. »Und jetzt erzähl mir, wie's mit dem Klosterhof so weit hat kommen können; ich hab den Vater danach nit fragen mögen«, sagte Hannes, und Lisei berichtete. Oh, wie wohl es ihr tat, alles, was seit ihrer Verheiratung auf ihr gelastet hatte, dem Bruder zu vertrauen! Aber sie schonte Jerg dabei, soviel sie vermochte, und schwieg über das Bekenntnis, das er im Rausche abgelegt hatte. Sie wollte Hannes nicht dadurch betrüben, daß sie ihm zeigte, wie unglücklich sie in ihrer Ehe war. Was hätten Klagen genutzt, wo nicht zu helfen war? Unterdessen fand auf dem Landgericht die Versteigerung des Klosterhofes statt. Die Amtsstube war gedrängt voll Menschen; aber es befanden sich nur zwei Bieter unter ihnen: der Verwalter der Wagenbühlerschen Konkursmasse und Eckschlager. Der Verwalter bot elftausend Gulden, den Betrag der hypothekarischen Schuld, und Eckschlager einen Gulden mehr. Der Hof wurde ihm zugeschlagen. Der Alte zählte die Kaufsumme auf den Tisch und ließ den Besitztitel auf seinen Sohn ausfertigen. Die Übergabe des Klosterhofes sollte in vier Wochen erfolgen. Jerg brachte die Nachricht auf den Klosterhof. Er hatte den Ausgang der Angelegenheit im »Stern« abgewartet. Als er des Kuraten ansichtig wurde, machte er große Augen, sagte aber gleich: »Schau, der geistliche Herr Bruder! Das ist christlich, daß Sie gekommen sind; der Vater wird Sie in diesen schwern Stunden nötig haben, wann's nit gar zu spät ist. Er hat die letzten Tag über gar kuriose Gesichter gemacht, und fort ist er auch. Wann ihm nur kein Unglück zugestoßen ist. In solchen Tagen tut sich einer leichtlich ein Leid an.« Hannes, der seine Bosheit nicht ahnte, zerstreute seine zärtlichen Besorgnisse. Lisei aber erschrak nachträglich. »So wär ja alles im Ordnung, und wir können einen frischen Baum vor die Säg schieben«, meinte Jerg trocken. Er hatte an diesen frischen Baum schon gedacht; denn sobald er erkannt, daß der Klosterhof nicht zu halten war, hatte er sich, wenn auch mit Grimm im Herzen, mit seiner Zukunft zu beschäftigen angefangen. Sein Plan war einfach. Hatte der Vater ihm bereits die Landwirtschaft abgetreten, so sollte er nun ein Gleiches mit der Schneidemühle tun und sich ganz zur Ruhe setzen. Jerg hatte auch sofort darauf hingearbeitet und war häufig nach der Mühle gegangen. Der Müller hatte sich hartnäckig gesträubt, Afra aber den Ausschlag gegeben. Wozu und für wem er sich noch länger plagen wolle, hatte sie ihn gefragt. Um ihretwillen etwa? Sie brauche und wolle nichts. Es sei wahr, daß sie Jerg gehaßt habe, jetzt aber sei er ihr so gleichgültig wie die Wand. – Es war ihr alles gleichgültig, bis auf das eine Gefühl, das fort und fort in ihrem Herzen brannte. Ihr Mann wußte es nur zu gut, und kummervoll hatte er nachgegeben. Bevor er jedoch den Kontrakt mit seinem Sohne abgeschlossen, hatte er eine Reise nach Bruneck gemacht und bei seiner Rückkehr seiner Frau ein Schriftstück gegeben. »Heb's sorgfältig auf!« hatte er ihr dabei gesagt. »Die paar tausend Gulden, die ich hab ersparn können, hab ich einem sichern Mann in Bruneck übergeben. Der Schein geht auf deinen Namen, und du kannst das Geld von ihm erheben, wann du willst.« Jerg nutzte die Anwesenheit des Kuraten aus, um sein Ultimatum für die Zukunft abzugeben. Was der Klosterbauer zu tun gedenke, wisse er nicht. Er selber ziehe mit Lisei auf die Mühle; dorthin aber könne er ihren Vater nicht mitnehmen. Seine eigenen Leute seien ihm schon Last genug, und überdies biete die Mühle keinen Raum für den Klosterbauern. Wegen ihres Vaters brauche er sich keine Sorge zu machen, versetzte Lisei nicht ohne Bitterkeit. Er habe Jergs gutes Herz so hinlänglich kennengelernt, daß er nichts von ihm verlangen werde. Wenn sie Jergs grenzenlose Selbstsucht auch längst durchschaut hatte, so empfand sie doch jeden neuen Beweis dafür immer wieder wie einem Nadelstich. »So wär ja auch das in Ordnung«, sagte er gelassen. Lisei ging in die Schlafkammer, aus der ihr Vater noch nicht wieder zum Vorschein gekommen war. Hannes schnellte seine Tabaksdose hastig zwischen Daumen und Zeigefinger umher. Jergs Äußerung hatte ihn empört; aber er schwieg, weil er fühlte, daß es sonst zwischen ihm und Jerg zum Bruch käme, was er um Liseis willen vermeiden wollte. Er bewunderte bei sich die Kraft, mit der seine Schwester bisher alles erduldet hatte. Aber würde sie ausreichen, wenn Lisei von dem Vater getrennt wäre und für diesen nicht weiter zu sorgen hätte? Er wollte sich die Mühle nicht verschließen. »Mein gutes Herz!« begann Jerg wieder. »Das ist wohl nix, daß ich dazu geschwiegen hab, daß mich der Ambros zeitlebens entstellt hat?« Er strich sich das Haar aus der Stirn, so daß seine Narbe sichtbar wurde. »Verdienste, die wir an uns selbst rühmen, hörn auf, Verdienste zu sein«, entgegnete Hannes und nahm eine Prise. »Übrigens vergißt du, daß meine Schwester dir die Narbe mit dem Verzicht auf ihr Lebensglück bezahlt hat.« Jerg verzog höhnisch den Mund. Was er aber sagen wollte, schnitt Hannes ihm ab, indem er aufstand und, mit dem langen Zeigefinger auf Jergs Brust deutend, fortfuhr: »Wann du mit Lisei nit glücklich bist, so frag dein eignes Herz nach dem Warum. Du kennst nit den Wert des Preises, den du für die Narb erhalten hast.« Er folgte Lisei in die Schlafkammer. Der Klosterbauer lag auf seinem Bette und schlief. Lisei gab dem Bruder ein Zeichen, leise aufzutreten. Der Schlaf des Vaters war tief und ruhig, zum erstenmal vielleicht seit Monden. Hannes konnte sein Erwachen nicht abwarten; seine Amtspflichten riefen ihn nach St. Martin zurück. Lisei möchte den Vater von ihm grüßen, bat er, sich verabschiedend; in den nächsten Tagen würde er wiederkommen. Lisei nickte ihm mit einem heiteren Lächeln zu. Sie blieb am Bette des Vaters sitzen und wandte kein Auge von dem Schlafenden, dessen Gesicht den Stempel tiefer Erschöpfung trug. Sein Haar war völlig grau geworden. Endlich erwachte der Klosterbauer. Einen Augenblick schaute er Lisei befremdet an; dann rötete sich sein bleiches Gesicht, und verlegen kehrte er es der Wand zu. Lisei legte ihren Arm über seine Brust und flüsterte, ihren Kopf dicht neben dem seinen in die Kissen drückend, voller Innigkeit: »O Vater, lieber Vater!« Er atmete schwer; mach einer Weile murmelte er:. »Geh fort. Ich hab's nit verdient, daß du mich liebhast!« Lisei aber erhob den Kopf und küßte ihn zärtlich auf den Mund. Er drückte sie an sich, und sein Auge wurde weich. Lisei weinte glückliche Tränen. Die Liebe, nach der sie seit ihrer frühesten Kindheit so heiß verlangt hatte, war errungen. Er fragte nach Hannes, und als er hörte, daß der Sohn sich bereits entfernt habe, erhob er sich mit einer gewissen Leichtigkeit von seinem Lager und verlangte zu essen. Um ihrem Mann zuvorzukommen, teilte Lisei dem Vater so schonend wie möglich mit, daß Eckschlager den Klosterhof erstanden habe. Da kehrte ihm die Gegenwart wieder ihr düsteres Antlitz zu, und noch düsterer erschien das der Zukunft. Er hatte über den Tag, an dem er aufhören würde, Klosterbauer zu sein, nicht hinauszudenken vermocht. Jetzt mußte er es tun. Was sollte werden? Bei dem Grübeln darüber begann sich sein Herz, das sich unter so heftigen Erschütterungen geöffnet hatte, wieder zusammenzuziehen. Am Tage nach der Versteigerung des Hofes fand sich Vefa ein. Sie hatte sich lange nicht sehen lassen, denn als sie bei ihrem letzten Besuche auf dem Klosterhof erfahren hatte, daß ihr Bruder unrettbar dem Ruin entgegentreibe, war sie vor Schrecken darüber krank geworden, mehr aber noch infolge der rohen, giftgetränkten Wut, mit der Jerg sie beschuldigt hatte, ihn beschwindelt und an eine Bettlerin verkuppelt zu haben. Weinend fiel sie dem Klosterbauern um dem Hals und jammerte über sein Unglück, worein sich freilich ein gut Teil Selbstsucht mischte. Denn wer würde sie noch im Orte ästimieren, nachdem die Falkner unter die Füße getreten wären und ein Fremder auf dem Klosterhofe wirtschaftete? Der Klosterbauer machte sich nicht gerade sanft aus ihren Armen frei und rief gereizt: »Freilich, du fährst am schlechtsten dabei! Denn du kannst ja jetzt nit mehr vor den Leuten mit deinem Bruder, dem Klosterbauer, großtun! Der ist ein Bettler! Du wirst künftig mit deinem Neffen, dem reichen Sägemüller, prahln müssen. Er hat dich zwar wie einen Hund behandelt und vor dir ausgespuckt. Aber was tut das? Von solcher Verwandtschaft hat man doch seine Ehr!« Vefa, die von ihrer Krankheit noch schwach war, saß bleich da und schluckte, um die Trockenheit in ihrer Kehle zu überwinden. »Ich hab gemeint, dich trösten zu wolln«, stotterte sie schließlich. Er aber rief: »Ja, künftig kannst du auf die Mühl gehn. Mußt ja deine Freud haben an dem Glück, das du zustand gebracht hast. Was, hat er nit einen Narrn an der Lisei gefressen, der Jerg!« Sein lautes, heftiges Reden hatte Lisei aus der Küche in die Stube gelockt. Sie ging zu Vefa und sagte: »Nein, Muhm, ich geb dir keine Schuld, und der Vater hat auch kein Recht dazu, es zu tun. Er weiß ganz gut, weshalb ich den Jerg genommen hab und daß all dein Reden mich nit dazu gebracht hätt« Der Klosterbauer wandte sich ab, und Vefa sprudelte erleichtert los: »Ach, ja! Und ich wollt deinen Vater trösten und ihm anbieten, daß er einstweilen zu mir ziehn möcht. Meine Stub ist groß genug für uns beid. Ich bin freilich gar arm. Unser Vater selig hat ja dem Sepp da alles vermacht, so daß ich hab ledig bleiben müssen. Ach ja, aber die Leut solln nit von mir sagen, daß ich meinen leiblichen Bruder in der Not verlassen hab.« Von dem, was ihr der Pfarrer hinterlassen hatte sprach sie nicht. Lisei lobte ihren Edelmut und sagte mit einem Blick auf den Vater, der an einem der Fenster stand und heftig an die Scheibe trommelte: »Bis der Vater einen neuem Hof findet, der ihm ansteht, zieht er wohl zu dir. Er kann die Gelegenheit bei dir in Ruh abwarten, und du wirst für ihn sorgen, wie er's gewohnt ist« Sie drückte Vefa die Hand, damit sie jetzt von der Sache nicht weiter spreche. Der Klosterbauer sagte kein Wort. Später, als Vefa fortgegangen war, fragte er Lisei rauh, ob sie ihn etwa bevormunden wolle. »Gott soll mich bewahrn!« rief diese abwehrend. »Du wirst ja tun, was dir am besten scheint. Ich hab ihr nur danken wolln für ihre Gutmütigkeit.« »Gutmütigkeit!« lachte der Vater bitter. »Lehr du mich ihre Gutmütigkeit kennen! Sie hat mit mir geprahlt, als ich noch der reiche Klosterbauer war; jetzt will sie mit dem armen Klosterbauer großtun, damit die Leut ihre Gutheit loben!« Er mochte damit nicht unrecht haben; allein, es lag in seiner Bitterkeit doch zumeist eine Abwehr gegen alle Güte und Liebe, die ihm jetzt von den Seinem erwiesen wurde. Diese Liebe demütigte ihn, und so schlug er auch gegen Hannes, der im Laufe der nächsten Tage wieder auf den Klosterhof kam, einen rauhen Ton an. Nicht nur schämte er sich vor ihm des Vorsatzes, an dessen Ausführung ihn Hannes gehindert hatte, als einer Schwäche und Sünde, sondern es bedrückte ihn auch, daß der Sohn selbst nicht mit der leisestem Anspielung der Umstände gedachte, unter denen sie einander gefunden hatten. Er, der Hannes nie geschont hatte, mußte sich dessen Großmut gefallen lassen! Das war fast mehr, als er zu ertragen vermochte. Hannes verstand seine Empfindungen und achtete nicht auf seinen herben Ton. Der Termin, an dem der Klosterhof übergeben werden mußte, nahte heran, und eines Tages erschienen zwei Erntewagen, die hoch mit Hausgerät bepackt waren. Als der junge Eckschlager nach der Hochzeit mit seiner jungen Frau angefahren kam, fanden sie weder den Klosterbauern noch Jerg mehr dort. Der Großknecht übergab den Hof. Was Lisei den Abschied vom Klosterhof erleichterte, war die Liebe des Vaters, die sie von der Stätte mitnahm, auf der sie so viel Leid erfahren hatte. Welches Leid wäre auch imstande, die Liebe zur Heimat zu ersticken? Diese Liebe schützte sie wie ein Amulett gegen alle Anfechtungen von seiten Jergs. »Jetzt merk auf!« sagte dieser am Morgen nach dem Umzug in die Schneidemühle zu ihr. »Von heut ab läuft die Rechnung zwischen uns beiden allein. Jetzt bin ich der Herr, und ich rat dir im guten, daß du dich in allem Stücken schickst, oder du sollst mich kennenlernen.« Lisei sah ihn mit einem langen Blick an und erwiderte ruhig: »Du bist im Irrtum. Ich kenn dich längst ganz und gar, und besser als du dich selbst. Wie sollt ich auch nit, nachdem du mir in deiner Trunkenheit deine Schlechtigkeit verraten hast? Aber gut, laß uns eine neue Rechnung anfangen. Quäl mich nit mehr, als ob ich die Schuld wär, daß du in deiner Habsucht betrogen worden bist, und ich will die Schändlichkeit vergessen, die du an Wolf verübt hast. Laß ums in Frieden leben, da wir doch nit voneinander können.« »Oh, ich wüßt schon ein Mittel, das mich von dir befrein würd!« zischte er mit stechenden Blicken. Ein Grauen vor ihm überkam Lisei und hielt das Blut in ihrem Herzen fest. »Tu mit mir, was du willst«, glitt es leise über ihre blaß gewordenen Lippen. »Glaub doch ja nit, daß ich mich davor fürcht, zu sterben.« Er drohte ihr mit der geballten Faust und ging in den Werkraum. Sein feiger Haß fuhr fort, sie auf jede Weise zu quälen, wozu sein wachsender Geiz erheblich beitrug. Lisei durch diese gleichsam nach innen zurückgetretene Habsucht zur Verzweiflung zu treiben – wie er beabsichtigt haben mochte – gelang ihm jedoch nicht.Den alten Müller bekümmerte die schlechte Behandlung, die sie von seinem Sohne erfuhr, sehr; er stellte diesen darüber zur Rede, erlangte aber dadurch nichts, als daß Jerg seinen übrigen ungerechten Vorwürfen, mit denen er Lisei peinigte, nun auch den hinzufügte, daß sie, wie seinerzeit seine Stiefmutter, den Vater gegen ihn aufzuhetzen versuche. Der Alte tat, was er vermochte, um ihr durch Freundlichkeit ihre Lage zu erleichtern. Er bewunderte den ruhigen Mut, mit dem sie ihr hartes Los trug, und wünschte und hoffte, daß ihr Beispiel seine eigene Frau zu einer gleichen Ergebung und Entsagung führen würde. Afra aber blieb nach außen hin apathisch, und ihr Wesen gewann etwas Starres, Versteinertes, während in ihrem Innern die Leidenschaft für Ambros fortglühte. Auch Liseis vernünftig teilnehmendes Zureden vermochte nichts über sie. Der Klosterbauer – so fuhren die Vigiler fort, ihn zu nennen, während Eckschlager sich einstweilen mit seinem Vatersnamen begnügen mußte – hatte den Vorschlag seiner Schwester nur zum Teil angenommen. Er hatte nicht ins Dorf ziehen mögen, wo er an jedem Ellbogen einen Nachbarn gehabt hätte, sondern hatte im dem Forsthaus, das einsam am Rande des Bannwaldes lag, zwei Stuben gemietet, und Vefa war zu ihm gezogen. Die Isolierung des Hauses war ihm gerade recht. Er wollte von den Menschen nichts wissen. Wo waren denn seine Freunde geblieben, als er ihrer am dringendsten bedurft? Hatte ihm auch nur wenigstens einer seine Teilnahme an dem unverschuldeten Unglück bewiesen? Er dachte nicht daran, daß es eben die Achtung vor dem Unglück war, was die wenigen, die aufrichtig Anteil daran nahmen, während der Katastrophe von dem Klosterhofe ferngehalten hatte. Wären sie gekommen, hätte er ihre Tröstungen vermutlich rauh zurückgewiesen; nun, da sie weggeblieben, sah er darin nur einen Beweis dafür, daß er in St. Vigil nichts mehr gelte. Als ob ihm je ein armer Mensch etwas gegolten hätte! Er schloß sich in seinen vier Wänden ein, und Vefa hatte von seinem mürrischen Wesen viel zu leiden. Ja in seiner menschenfeindlichen Stimmung hätte er sich am liebsten auch vor seiner Tochter verschlossen, und es wäre ihm recht gewesen, wenn sie sich hätte zurückstoßen lassen. Dann hätte er ja vollends Grund gehabt, die Menschen zu hassen. Er machte es Lisei jetzt beinahe noch schwerer, ihn zu lieben, als damals, da er sie völlig unbeachtet gelassen hatte. Jetzt kannte er ihre Gefühle und kränkte dennoch durch sein herbes, schroffes Wesen ihr Herz. Nachdem aber einmal aus seiner hartem Brust ein Strahl der Liebe gebrochen war, duldete Lisei nicht, daß sich der Stein wieder über der Quelle schloß. Sie redete nicht von ihrer Liebe, hielt ihre Zärtlichkeit zurück und verlangte keine Liebkosung von ihm; aber sooft sie kam, war sie stets mit gleicher Milde bestrebt, ihn für das Leben zurückzugewinnen. Seine Beschäftigung bestand darin, daß er seine Schuldverschreibungen und Hypothekenscheine wieder und wieder studierte. Oh, er war keineswegs ein Bettler! Das sollte auch Vefa nicht glauben; und er versuchte es ihr zu beweisen, obgleich sie von seinen Auseinandersetzungen kein Wort verstand. Hier im seinen Scheinen stand es klar, daß er auf ein ganz ansehnliches Sümmchen rechnen dürfte, sobald die Zeiten besser würden. »Ach ja, beßre Zeiten!« seufzte Vefa. »Hin ist hin! Wann der Ambros nur die Eckschlagerin hätt heiraten wolln!« Das war es! Was die Zeiten auch gutzumachen versprächen – den Klosterhof brächten sie seinem früheren Besitzer nicht zurück! Vefa hatte den Gedanken in Worte gekleidet, der in der Brust des Klosterbauern dämmerte. Es wäre alles ganz anders gekommen, wenn Ambros die reiche Partie nicht verschmäht hätte. Das war die Wurzel allem Übels, und der Klosterbauer konnte die Gedanken nicht mehr davon abwenden. Sie bohrten sich tiefer und tiefer in sein Gehirn; sie zehrten das Mitleid auf und die Reue, die Lisei in ihm gegenüber Stasi und Ambros geweckt hatte. Allerdings hatte er seiner Tochter an ihrem Hochzeitsmorgen versprochen, Ambros zu vergeben, wenn er reumütig zurückkehrte; aber damals hatte er die letzten Folgen von dessen Ungehorsam gegen seinen Willen noch nicht übersehen können. Ambros war es, der ihn um Ruf und Ansehen gebracht, der ihm aus dem Besitz seiner Väter verjagt hatte! Das war zu ungeheuerlich, um es verzeihen zu können; das mußte vergolten werden. Aber er verbarg diese Empfindungen und Gedanken vor dem Auge der Tochter; er verbarg sie vor Hannes, der ihm zu seinem heimlichen Erstaunen bei jedem Besuch mehr als Mann gegenübertrat. Hannes war so von dem Gedanken an die Befreiung des Vaterlandes erfüllt, daß er mit dem Vater kaum von etwas anderem sprach. Inzwischen verstrich der Winter. Der Fasching verfloß ohne eine ähnliche Lustbarkeit, wie sie das vorige Jahr in den Sennhütten von Tamers gesehen hatte. Die Stürme der Tag- und Nachtgleiche brausten durch das Land. An den südlichem Talabhängen schmolz der Schnee, und als die junge, grüne Wintersaat darunter zum Lichte drang, erschien allerlei fahrendes Volk in den Tälern und wanderte von Hütte zu Hütte, von Hof zu Hof. Topfbinder, Hausierer und Dörcher Dörcher – Vagabunden strichen durch die Dörfer. Auch der Löffel-Franz machte sich mit seinem Kram auf den Weg, und Hartwanger stattete St. Vigil seinen erstem Besuch ab. Als Angelo Lacedelli eines Morgens – man schrieb den 10. April des Jahres 1809 – die Frühmesse las, fand er die Kirche, in der sonst kaum eine menschliche Seele der heiligen Handlung beizuwohnen pflegte, voll von Menschen. Es waren aber nur Frauen, Mädchen und ältere Männer, und sie verließen das Gotteshaus auch nicht, als die Messe zu Ende war. Lacedelli wußte sich die auffällige Erscheinung nicht zu deuten; aber er sollte bald Aufklärung darüber erhalten. Noch saß er mit seiner Schwester im Gespräch darüber am Frühstückstisch, als die Magd meldete, daß ihn einige Männer aus der Gemeinde zu sprechen wünschten. Der alte Arigaya befand sich unter ihnen und ergriff sogleich das Wort, als Lacedelli zu ihnen herauskam. Sie seien gekommen, um den Herrn Pfarrer zu bitten, das Allerheiligste zur Anbetung auszustellen. »Und was veranlaßt Euch zu dieser befremdlichen Bitte?« fragte Lacedelli, die Männer musternd, die ihm mit feierlichem Ernst gegenüberstanden. »Das ist jetzt so, Hochwürden«, versetzte Arigaya, dem das Sprechen schwerzufallen schien und dessen Miene mehr Kummer als Feierlichkeit ausdrückte. »Schaun Sie, unsre jungen Männer sind in dieser Nacht ausgezogen, um Tirol von den Bayern zu befrein, und da will die Gemeind für sie beten. Es ist wohl kein Haus, aus dem nit einer gegen den Feind ausgezogen ist« »Ja, und wir wolln beten, daß Gott ihnen den Sieg verleiht!« fügte ein anderer hinzu. Lacedelli stand sprachlos. In der nächsten Sekunde rief er: »Das ist Rebellion! – Und ihr bildet euch ein, daß ich eurem Verlangen willfahren werde? Ich soll das Allerheiligste ausstellen, damit Gott einem so wahnsinnigen Unterfangen den Sieg verleihe?« Die Männer murrten. »Ich weiß nit, ob's wahnsinnig ist, wann ein Volk gegen einen Herrn aufsteht, der es mit Füßen tritt«, entgegnete Arigaya und richtete seine gebeugte Gestalt ein wenig auf. »Sie nennen's Rebellion; es kommt auf den Namen nit an. Ich weiß bloß, daß wir's nit länger haben ertragen können und daß sich in diesem Augenblick ganz Tirol gegen die bayrische Gewalt erhoben hat. Auch sind die Österreicher jetzt wohl schon bei Lienz über die Grenz gekommen. Versprochen haben sie's wenigstens. Wer siegen wird, das steht bei unserm Schöpfer.« Angelo Lacedelli stampfte einige Male mit dem Fuß auf die Dielen, nicht aus Zorn, sondern um sich zu überzeugen, ob er nicht schlafe und nur träume. Er konnte nicht wach sein! Wie, die waffenfähige Jugend von St. Vigil rebellierte, und er, ihr mitten unter ihnen lebender Pfarrer, hatte von ihrem Vorhaben auch nicht das geringste Anzeichen bemerkt? Ganz Tirol gar im offenem Aufstand gegen Bayern? Er vermochte es nicht zu fassen. »Ihr träumt; man hat sich einen Fastnachtsscherz mit euch gemacht!« rief er endlich. In den ernsten, harten Gesichtern der Männer verzog sich keine Miene; nur Arigaya schüttelte verneinend den Kopf. In dem Pfarrer wühlte es. Er sollte die Hand dazu bieten, daß sich der Sieg gegen seine eigenen Hoffnungen und Überzeugungen kehre? »Verblendete!« rief er. »Kennt ihr nicht das Gebot unseres Erlösers, das uns befiehlt, der Obrigkeit untertan zu sein? Ich soll euch in eurem Frevel unterstützen? Nimmermehr! Wenn ihr beten wollt, so bittet Gott um Gnade und Barmherzigkeit. Denn ihr möget euch wohl vorstellen, daß die Regierung mit euch furchtbar ins Gericht gehen wird.« Aber er machte auf die Männer keimen Eindruck; ihre Gesichter nahmen vielmehr einen drohenden Ausdruck an. Sie riefen durcheinander, daß er auch einer von denen sei, die es mit ihren Peinigern hielten. Er schände dem Rock, den er trage, indem er dem Bayern beistehe, den wahren Glauben auszurotten. Gewalt würden sie brauchen, wenn er sich nicht gutwillig füge. So murrten sie drohend durcheinander. Aber Lacedelli ließ sich nicht einschüchtern. An Mut gebrach es ihm nicht. Er kreuzte die Arme übereinander und rief: »So brauchet Gewalt! Von meiner Pflicht und Überzeugung weiche ich nicht. Hätte ich eine Ahnung von dem frevelhaften Geiste gehabt, der sich in der Gemeinde regt – nur über meine Leiche wären eure jungen Leute ausgezogen.« »Jetzt ist's genug!« schrie einer von den Bauern und erhob die geballte Faust. Arigaya legte sich ins Mittel. Gott werde entscheiden, auf welcher Seite das Recht sei. Lieber aber ein Ende mit Schrecken als die endlose Blutsaugerei. Wenn Lacedelli ein rechtschaffener Seelsorger wäre, dann würde er jetzt an nichts anderes denken, als die Gemeinde, die zwischen Furcht und Hoffnung schwanke, zu trösten. Denn es gäbe jetzt wohl keine Seele, die nicht in schwerer Sorge um ein geliebtes Leben wäre. Er war es selbst; doch nicht um den Sohn bangte er, denn Jerg saß ruhig daheim und spöttelte über die Narren, die sich für eine taube Nuß blutige Köpfe holten. Seine Sorge galt Afra. Als er am Morgen erwacht, war sie verschwunden gewesen und mit ihr seine Büchse und seine Tasche, die über dem Bett hingen. Das Rauschen des Baches an der Mühle hatte ihre Bewegungen gedeckt. Kein Zweifel, daß sie sich den Kämpfern aus St. Vigil, Monthan und Enneberg angeschlossen hatte. Der Kummer gab seinen Worten eine Wärme, der Lacedelli nicht widerstand. Die Drohungen der anderen erhitzten sein südliches Blut. Später äußerte er zu seiner Schwester, es sei lächerlich und verrückt, daß eine Handvoll Bauern die Weltordnung, die ein Napoleon mit seinem Degen gegründet habe, umstürzen wolle. Aber während die Menschen in St. Vigil, Hof, Enneberg, Pleiken und Zwischenwasser in banger Erwartung des Ausganges vor dem Allerheiligsten auf den Knien lagen und die Kirchen den ganzen Tag über gefüllt blieben, hatte diese Weltordnung bereits empfindliche Stöße erlitten. In St. Lorenzen floß das erste Blut für die Befreiung Tirols. Die Vigiler unter Führung des Bäckers, der an Ambros' Stelle gewählt worden war, und ihre Freunde aus dem Gadertal hielten im Morgengrauen bei dem Kirchlein unterhalb der Ruinen der Michaelsburg. Afra stand an der Nordseite der kleinen Kirche und schaute auf das Dorf hinunter. Dort, auf der Fronwiese, wo die Leidensstationen hell durch die Dämmerung blinkten, hatte ihr eigenes Leid angefangen, als Ambros die Stasi Larseit von der Zudringlichkeit des Bayern befreite. Es waren bittere Empfindungen für Afra. Sampogna, das Gamsmanndl, dem sie sich auf dem Marsche angeschlossen hatte, kam zu ihr und zeigte ihr, wie man den Stutzen anlege, wie man ziele und lade. »Es ist keine Hexerei«, meinte er. »Ruhig Blut ist alles, was einer braucht. Und schau, hier hab ich was aufgeschrieben; das trag auf der Brust. Es macht fest gegen den Tod.« Er zog unter seinem Brustlatz einen sogenannten Kugelsegen hervor, den er in den letzten Tagen vielfach hatte aufschreiben müssen, und gab ihn ihr. Sie nahm ihn und dankte. Als aber der Bäcker jetzt zum Aufbruch rief – denn von St. Lorenzen her ließ sich Gewehrfeuer vernehmen – und die Mannschaft sich in Bewegung setzte, warf sie den Talisman heimlich fort. Das Schießen wurde immer lebhafter. Kemenater, der tapfere Wirt von Schabs, hatte mit seinen Pustertalern den Angriff auf die Bayern eröffnet. Auch in Bruneck war das Knallen der Büchsen gehört worden, und der Kreishauptmann von Hofstetten eilte den Überfallenen mit der dort garnisonierenden Truppe zu Hilfe. Gleichzeitig erschienen jedoch auch die Vigiler, und der zwischen zwei Feuer geratene Feind mußte nach kurzem Kampf talabwärts zurückweichen. Ruhe aber wurde ihm nicht gegönnt; immerfort schlugen die Kugeln der Bauernschützen mit einer fatalen Sicherheit in seine Reihen. Namentlich war es das Gamsmanndl, das seinen Ruf als Schütze nun bewährte. Er lud und schoß mit einer unverwüstlichen Ruhe und verfehlte nie sein Ziel. Afra, die sich zu ihm hielt, spürte freilich anfangs, als sie das Pfeifen der Kugeln hörte und hier und dort einen fallen sah, heftiges Herzklopfen. Dann aber überkam es sie wie ein Rausch; vor ihren Augen schwamm alles in Rot, und wenn von ihren Kugeln wahrscheinlich auch nur die wenigsten trafen, so gab sie doch fortwährend ihre Schüsse ab, schweigend wie Sampogna, während die anderen sich manches muntere, neckische oder zornige Wort zuriefen. Ihr Gesicht war weiß, und ihre schönen Augen glühten unheimlich. Nur einmal unterbrach sie ihr Schweigen, indem sie, über die Straße hinüberdeutend, sagte: »Schau dort die braune Kutte unter den Bäumen! Das kann doch nit Vater David sein?« Sampogna schüttelte den Kopf; er konnte nur den Rücken des Mönches sehen, doch für David war die Gestalt viel zu groß und zu schlank. Aber den kräftigen Mann neben ihm, mit dem breiten, energischen Gesicht, der sich vom Zeit zu Zeit umwandte und den Schützen ein Zeichen gab, dazwischen den Stutzen an die Wange riß und feuerte, nannte er Afra als ihren Führer Kemenater. Der Mönch war Haspinger, der Rotbart; und als die Bayern sich in der Mühlbacher Klause unter dem Schutz der massiven Türme, die die Enge beherrschten, festsetzten, da wurde er nicht müde, die Bauern anzufeuern. Hier, in nächster Nähe, auf der waldumsäumten Höhe von Spinges war es gewesen, wo er im Jahre 1797 im heißen Volkskampf gegen die aus Südtirol eingedrungenen Franzosen die silberne Tapferkeitsmedaille erworben hatte. Zwei Tage wütete die Schlacht ... Doch was flatterte da von der Höhe herab? Es war die zerschossene Siegesfahne von Spinges! Ein Greis trug sie. Brausender Jubelruf begrüßte sie. Jetzt widerstand den Bauern nichts mehr. Die Erbittertsten unter ihnen waren jene, an denen der Kommissar Stiermann ein Exempel statuiert hatte. Sie gaben keinen Pardon. Afra befand sich ganz vorn unter den Stürmenden, ohne dabei von ihrer Waffe Gebrauch zu machen. Die Kugeln rissen ihre Nebenmänner nieder. Sebi, Ambros' Jugendfreund, fiel ihr tödlich verwundet vor die Füße, so daß sie über ihn stolperte; sie aber blieb unverletzt. Der Amtmann von Mühlbach hatte einst das Wort ausgestoßen, es müßte mit den Bauern in Tirol noch so weit kommen, daß sie Heu fräßen wie das Vieh. Jetzt stürmten die Bauern nach seinem Hause, ergriffen ihn und schleppten ihn in den Kuhstall, wo sie ihn an die Krippe banden und zwangen, seine Drohung an sich selbst wahr zu machen. Sie warfen ihm ein Büschel Heu vor, und er mußte etwas davon unter ihrem Hohngelächter hinunterwürgen. Kemenater ermahnte sie, über der Vergeltung nicht den Feind zu vergessen, der sich in guter Ordnung zurückzog. Die Rettung der Bayern lag hinter der Eisack. Dieses dem Brenner entspringende Wasser kommt dort, wo das Pustertal in die Ebene vom Brixen mündet, zwischen hohen, steilen Felsen hervorgeschossen. Auf dem später abgeplatteten Gipfel eines dieser Felsen thront heute, dreißig Meter über der Talsohle, die Franzensfeste. An ihrem Fuße verbindet die Ladritscher Brücke die an fünfzig Fuß senkrecht abfallenden Uferwände des reißenden Flusses. Gelang es dem Bayern, diese Brücke zu passieren und hinter sich abzuwerfen, so durften sie sich für geborgen halten. Aber schon dröhnte der Trommelschlag der Landwehren näher und näher. Der öffentliche Ausrufer von Mühlbach hatte sich mit seinem Instrument an ihre Spitze gestellt, und schon begannen ihre Kugeln wieder über den Köpfen der Bayern ihr unheimliches Pfeifen. So entspann sich bei der Ladritscher Brücke ein dritter Kampf, der erbittertste dieses Tages. Die Bayern fochten wie die Löwen, und Kemenater warf manchen besorgten Blick talaufwärts, ob die Österreicher nicht endlich kämen. Nach ihrem Aufruf mußten sie am Morgen die Tiroler Grenze bei Lienz überschritten haben, und Kemenater und Haspinger hatten ihnen dorthin Wagen entgegengeschickt, um wenigstens ihre Schützen schnell heranzubringen. Nach der Berechnung der beiden Tirolerführer hätten sie bereits bei dem Gefecht um die Mühlbacher Klause zur Stelle sein müssen. Aber schon neigte sich der Tag dem Ende zu, und die Österreicher kamen nicht. Unentschieden wogte der Kampf vor und zurück. Die Verzweiflung der Bayern hielt der Begeisterung der Pustertaler das Gleichgewicht Wieder war ein Ansturm der Tiroler zurückgewiesen worden. Da stellte sich Haspinger an ihre Spitze und rief, sein Kruzifix wie eine Standarte hoch emporhebend: »Mit Gott für unsern Glauben! Drauf! Drauf! Hurra!« Und mit einem Hurra, vom dem die Felsen widerhallten, stürmten sie gegen die Bayern vor und drängten sie über die Brücke, deren Geländer brachen. Viele fanden den Tod in der Eisack. Noch eine Salve krachte hinter den Flüchtenden her, und dann rief Kemenater, indem er dem Hut abnahm und sich den Schweiß von der Stirn trocknete: »Laßt sie laufen! Der Hofer wird sie schon in Empfang nehmen. Das Pustertal ist frei! Juch! Juch!« Aus allen Kehlen klang der Ruf nach. Das war ein Jauchzer, wie ihn Tirol noch nie gehört hatte. Die Sieger rasteten und ließen sich Brot, Wein und Schnaps schmecken, die ihnen aus den Ortschaften im Nu gebracht wurden. Abseits von ihnen hatten sich die gefangenen Bayern erschöpft und niedergedrückt auf die Erde geworfen. Zwei Knaben von vierzehn bis fünfzehn Jahren, die sich unterwegs den Streitern für das Vaterland angeschlossen hatten, bewachten sie. Sie hatten sich mit bayrischen Musketen und Patronentaschen ausgerüstet, und ihre von Pulver geschwärzten Gesichter und Hände bewiesen, daß sie die Gewehre nicht zum Spiel aufgehoben hatten. Joseph Haspinger ging unter den verwundeten Tirolern umher, Afra erquickte sie und die Bayern mit Brot und Wein. Nun, da der Kampf zu Ende war, erwachte wieder das Weib in ihr. Zugleich machte sich die Erschöpfung ihrer körperlichen Kräfte fühlbar, und sie suchte sich eine Stelle, wo sie eine Weile ruhen konnte. Der Horizont im Westen nahm die Farbe des Safrans an, vom dunkelglühenden Rot allmählich zum blassen Gelb übergehend; und aus dem grünlichen Blau des Himmels trat ein Stern nach dem andern hervor. Über ihr feierliche Ruhe, um sie her das Ächzen und Wimmern der Schwerverletzten. Sie schauderte. Das war der Krieg, nach dem Ambros sich so sehr gesehnt hatte und in den sie ihn hatte begleiten wollen – um zu sterben! Nun hatte sie sich absichtlich in das heftigste Kampfgewühl gestürzt, und der Tod war an ihr vorbeigegangen! Die Verwundeten wurden von Männern und Frauen, die inzwischen aus den nächsten Dörfern herbeikamen, fortgeschafft. Die Gefangenen sollten zu den bereits in Mühlbach befindlichen transportiert werden. Aber es wollte sich auf Kemenaters Aufforderung niemand freiwillig zu dem Transport melden; sie alle strebten weiter nach Innsbruck. Da meldete sich Afra. Der Tod hatte sie verworfen und zum Leben verurteilt. Die beiden Knaben wurden ihr beigegeben. Die Bayern waren so verzagt, daß sie sich willig von einem Weibe und zwei Kindern in die Gefangenschaft abführen ließen, während die Tiroler im Gewaltmarsch mach Sterzing aufbrachen. Hierher hatte Andreas Hofer in der vergangenen Nacht seine Passeier über den Jaufen geführt und am Morgen das bayrische Bataillon unter Major Speicher, das daselbst in Garnison lag, rings eingeschlossen. Zur selben Zeit wie in St. Lorenzen war auch hier der Kampf entbrannt … Von allen Seiten sandten die Stutzen der Passeier den Tod in die Reihen der Bayern. Hauptsächlich nahmen sie die Offiziere aufs Korn und schossen sie nacheinander heraus. Ein gleiches Los traf die Kanoniere. Am meisten taten sich dabei zwei junge Mädchen hervor, Anna Zorn und Marie Pichler, die sich hier den Kranz der Unsterblichkeit errangen. Ihre muntere Laune und ihre Kühnheit lockten selbst dem bärtigen Andrä ein beifälliges Lächeln ab. »Und ein Volk, das solche Madln hat, vermeint der Bayer niedertreten zu können!« sagte er einmal. Das Pfeifen der Gewehrkugeln und das Brüllen der Kanonen dünkte die beherzten Dirnen fröhliche Musik, und mit einem Scherz auf den Lippen warfen sie sich, als der entscheidende Augenblick gekommen war, auf die bayrischen Geschütze. Um die Mittagsstunde bedeckte fast die Hälfte der Mannschaft, die Major Speicher kommandierte, das Kampffeld, und von den Offizieren waren nur noch zehn am Leben. Überzeugt von der Unmöglichkeit, den ihn enger und enger umpressenden Ring der Passeier zu durchbrechen, streckte Major Speicher die Waffen. Andreas Hofer befahl den Sterzingern, die Spuren des blutigen Kampfes sorgfältig zu beseitigen, und eilte mit seinen Passeiern dem Brenner zu … Nach dem von Hofer entworfenen Plan war Innsbruck das Ziel, bei dem alle Streitkräfte des Landes am Morgen des 12. April zusammentreffen sollten, und dorthin drängten auch alle Bauernführer mit ihren Scharen die Bayern vor sich her: vom Brenner, aus dem oberem und aus dem unteren Inntal. Als der Morgen des Zwölften über Innsbruck herauf dämmerte, waren alle Höhen rings um die Stadt von den in drei Heerhaufen formierten Tirolern besetzt. Im Tale standen in Schlachtordnung die Bayern, geführt von dem Obersten Dittfurt, der dem Oberbefehl des Generals Kinkel unterstand. Nur einer fehlte auf dem Berge Isel, und das war das Haupt des Aufstandes, der Sandwirt. Als die Pustertaler, die die ganze Nacht marschiert waren, ohne den Kreishauptmann von Hofstetten einzuholen – denn der war mittlerweile von den Sterzingern in Empfang genommen und vermehrte die Gesellschaft des Majors Speicher in dem dortigen Kapuzinerkloster –, am folgenden Tage nach Schellenberg kamen, wohin der Weg von Gossensaß steil durch Wald hinanführt, trat ihnen zu ihrem großem Erstaunen der Sandwirt entgegen. Männlich herzlich war die Begrüßung zwischen ihm und den beiden Führern der Pustertaler, Haspinger und Kemenater. Drei siegreiche Helden schüttelten sich hier, nahe der Brennerpaßhöhe, die Hände. »Jetzt aber, ihr lieben Freunde, bleibt nur getrost bei mir«, sagte Hofer, nachdem sie einander die von ihnen errungenen Erfolge mitgeteilt »Nach Sprugg Sprugg – Innsbruck gelangt ihr doch nit mehr zur rechten Zeit. Mir aber kommt ihr ganz gelegen. Mir ist Botschaft zugekommen, daß vom Süden ein Wetter heraufzieht. Dem Speckbacher hab ich einen Zettel geschickt.« Es dauerte nicht lange, so kam das Wetter herangezogen: Franzosen und Bayern unter dem General Bisson. Bisson – P.-F-J.-G. Bisson (1767-1811), französischer General; trat besonders im italienischen Feldzug hervor. Kaum aber hatten sie begonnen, den Schellenberg hinanzusteigen, als der Wald zu beiden Seiten, über und hinter ihnen, lebendig wurde. Steine und Baumstämme rollten und stürzten zerschmetternd auf sie nieder, und eine Kugelsaat überschüttete sie wie Hagel. Wenn es eine Rettung für sie gab, so lag sie vor ihnen, und General Bisson stürmte vorwärts, dem Brenner zu und diesen hinab, ohne sich darum zu kümmern, was hinter ihm vorging. Vielleicht wußte er nicht einmal, daß unterdessen seine Nachhut aufgerieben war und seine Bagage, seine Munition und seine Kriegskasse eine Beute Hofers geworden waren. Nur vorwärts, vorwärts! Aber die Rachegeister des mißhandelten Landes zogen mit ihm, gleich Wetterwolken unablässig tödliche Blitze von der Höhe niedersendend. In Steinach wollte General Bisson den erschöpften Truppen einige Stunden Ruhe gönnen; aber Hofer und seine Freunde jagten sie vom Abkochen auf, und weiter ging die blutige Jagd, die ganze Nacht hindurch, das gehetzte Wild auf der schmalen Straße im Tal, die unbarmherzigen Schützen über und hinter ihnen. Endlich standen sie auf dem Berge Isel, und Innsbruck lag mit seinem Kranz schneegekrönter Alpen zu ihren Füßen, still und friedlich. Es war fünf Uhr morgens. Kein Schuß fiel mehr, und unbehelligt konnten sie nach Wiltau hinuntersteigen. Als General Bisson sich hier nach dem General Kinkel erkundigte, erfuhr er das Unglaubliche: Es gab keine Armee Kinkel mehr. Sie war tags zuvor von den Bauern total aufs Haupt geschlagen worden, und was von ihr nicht tot auf der Walstatt lag, war samt dem General kriegsgefangen. Oberst von Dittfurt, der in München geprahlt hatte, daß er das ganze Lumpenpack mit ein paar Eskadronen im Zaum halten wolle, lag von drei Kugeln auf den Tod verwundet. Nur wenigen war es gelungen zu entfliehen. General Bisson schien über diese Schreckenskunde dem Verstand zu verlieren, denn er schrie ein Mal über das andere: »Das ist unmöglich, denn ich habe den gemessenem Befehl, mich mit dem General Kinkel zu vereinigen!« Die Brücke über die Sill bei Wiltau und das rechte Ufer des Flusses waren von Speckbacher und dem Kronenwirt Straub aus Hall besetzt, und im Rücken der Bayern und Franzosen stand Hofer mit seinen Freunden. Dazu befand sich das ganze Land im Aufstand. General Bisson mußte sich zur Kapitulation vor den Bauern bequemen. Nord- und Mitteltirol waren frei, frei in vier Tagen durch die Tatkraft des Landvolkes. General Chasteler Chasteler – Johann Gabriel Marquis von Chasteler (1763-1825), österreichischer General; wurde 1809 als Feldmarschalleutnant und Kommandeur eines Armeekorps zur Unterstützung des Tiroler Aufstandes nach Tirol geschickt, wo er anfangs beachtliche, wenn auch persönlich unverdiente Erfolge für sich buchen konnte, so daß Napoleon den Befehl erließ, ihn als »Chef de Brigands« nach seiner Gefangennahme vor ein Kriegsgericht zu stellen und zu erschießen. Chasteler zog sich nach seiner Niederlage bei Wörgl nach Ungarn zurück und kämpfte erst 1813 wieder an der Spitze einer Division bei Dresden. traf erst zwei Tage später gegen Abend mit seinem Stabe in Innsbruck ein. Fröhlich zogen die Aufgebote wieder in ihre Heimatdörfer. Es war die höchste Zeit, die Felder zu bestellen, und die Hand, die eben noch das Mordeisen geführt hatte, lenkte nun den Pflug durch die nährende Erde. Auch die Vigiler kehrten nach Hause zurück. Angelo Lacedelli hatte sich heimlich von dort entfernt, und seine Schwester zog sich wieder nach Cortina zurück. Mit dem Sieg der Tiroler waren seine Hoffnungen dahin. Hannes hielt an seiner Stelle den Dankgottesdienst ab. Auf den allgemeinen Wunsch der Gemeinde befürwortete der Dechant dessen Berufung nach St. Vigil und erlangte sie. Einer der Adjunkten des Dechanten vikarierte einstweilen in St. Martin. Frau Carlotta Tyfona übersiedelte mit ihrem geistlichem Herrn, denn schon um der unglücklichen Stasi willen hätte sie sich nicht von ihm trennen mögen. 24. Kapitel Andreas Hofer hatte in einem bescheidenen Gasthause Innbrucks sein Hauptquartier aufgeschlagen. Da saßen sie um ihn: der rotbärtige Haspinger, der auf seiner Kapuzinerkutte die silberne Tapferkeitsmedaille trug, Joseph Speckbacher, der frühere Wilderer vom Rinn mit den großen, rollenden Augen und der Adlernase über dem Schnauzbart, der Bauernliebling Patsch aus Wiltau, Kemenater und Oppacher – alles markige Gestalten von unbeugsamer Energie und von heißer, oft in wilden Flammen auflodernder Vaterlandsliebe durchglüht, Männer, knorrig und zäh wie die Eichen und stämmig gleich den Wettertannen, dabei klug und verschlagen, verwegenen Humors und tollkühn im Kampfe. Ein Bote der Freunde in Südtirol stand vor ihnen, und seine Kleider trugen die Spuren des Weges. Baraguay d'Hilliers war von Verona her in das Land eingerückt und stand in Trient. Seine Heeresmacht sei zu groß, als daß sie sich ihrer würden erwehren können, berichtete der Bote. Gleich in Sagonzano habe er zwei Bauern, die mit der Waffe in der Hand ergriffen worden seien, standrechtlich erschießen lassen. Zwei Opfer des Wahnsinns hätte er sie genannt und jedem »Aufrührer« das gleiche angedroht. Hofer möge kommen und helfen. Die Mitteilung von der Erschießung der Landleute verursachte unter den Versammelten heftige Erregung. »Der Kurzsichtige!« rief Haspinger. »Weiß er denn nit, daß sich Tausende von seinem Landsleuten in unsrer Gewalt befinden?« Andere verlangten Vergeltung. Speckbacher rollte seine großen Feueraugen und rief: »Die beiden Toten zahln wir ihm mit je hundert Franzosen heim!« »Vor die Stutzen mit ihnen!« schrien andere. »Ruhe, Ruhe, liebe Freunde!« rief jetzt der bärtige Andrä und hob die Rechte ein wenig. »Mir tut's im Herzen weh, daß die zwei armem Menschen haben sterben müssen. Aber solln wir darum unsre reine Sach mit Blut beflecken und zu Mördern werden an Unschuldigen? Bedenkt's doch, Leut! Die Franzosen sind im ehrlichen Kampf gefangen worden. Sie haben ihre Pflicht gegen ihren Kaiser getan, als sie gegen uns fochten, wie wir die unsrige. Und jetzt solln wir die Wehrlosen hinschlachten!« Er ließ seine milden schwarzen Augen im Kreise herumwandern, und die Leidenschaften begannen sich zu beruhigen. »Ich will's dem Hilliers schreiben, daß ich kein Rebeller bin, sondern der rechtmäßige, vom Haus Österreich erwählte Kommandant von Tirol.« Damit war die Sache entschieden, und der Bote konnte, nachdem er und sein Roß sich verschnauft und gestärkt hatten, mit der frohen Meldung zurückreiten: der Hofer komme. Und er kam mit seinen Passeiern, an die sich unterwegs Herr von Tschöll mit viertausend Bauern und Gasser mit seinen Bozener Scharfschützen anschlossen. Die Österreicher brachen erst zwei Tage später vom Innsbruck auf, und als sie nach Trient kamen, hatte Baraguay d'Hilliers bereits vierundzwanzig Stunden vorher die Stadt geräumt. Das siegreiche Vordringen des Erzherzogs Johann in Italien nötigte ihn zum Rückzug aus Tirol. General Chasteler eilte ihm nach, und, verzehrt von dem Ehrgeiz, die Lorbeeren der Bauern zu verdunkeln, griff er ihn, ohne die Landwehren heranzuziehen, in einer für reguläre Truppen fast uneinnehmbaren Stellung an. Ja er verbot den Tirolern sogar, auf das linke Etschufer überzusetzen und den zurückweichenden Feind zu vernichten. Wie alle Zopf- und Gamaschengeister, die Österreich ins Land geschickt hatte, hegte er eine grenzenlose Verachtung gegen die Tapferkeit ohne Uniform, und er fluchte öffentlich darüber, daß er mit dem Hofer, einem Bauern, an einem Tisch habe essen müssen. Jetzt wollte er diesem Bauern beweisen, wie man militärisch schlage und siege, und Tausende von tapferen österreichischen Kriegern mußten diesen Dünkel mit ihrem Leben bezahlen. Chasteler hörte auf keine Vorstellungen, und nicht nur er selbst wurde blutig abgewiesen, sondern seine fehlerhaften Dispositionen brachten auch einen großem Teil seines Heeres unter dem Oberstleutnant Graf Leiningen, dem fähigsten Kopf in der österreichischen Armee und dem am wärmsten für die Sache Tirols schlagenden Herzen, in die höchste Gefahr, abgeschnitten und aufgerieben zu werden. Die Bauern retteten ihn auf eigene Faust. Hei, wie ihre Stutzen da den Franzosen den Totentanz pfiffen! »Schau! Schau! wie der draufgeht«, rief Hofer während des Kampfes seinem Adjutanten Eisenstecken zu und wies nach dem Kirchlein im Tal, das abseits vom Dorfe etwas erhöht lag und dem Feind als Stützpunkt diente. »Den langen Bub mein ich dort rechts! Es sind Etschtaler.« Mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgte er das Gefecht bei der Kirche und strich sich dabei wiederholt den langen Bart. »Der hat Schneid!« murmelte er beifällig. Plötzlich lachte er kurz und laut auf. »Ich hab halt immer gemeint, daß ich den Bub kennen müßt. Jetzt weiß ich, wer's ist« Nach einer Weile fuhr er fort: »Jetzt hat er den Franzos ordentlich gepackt. Schau, schau, Eisenstecken!« Abermals wies er nach dem Kirchlein, wo die Etschtaler unter ihrem Führer in diesem Augenblick mit geschwungenen Kolben die Höhe nahmen und die Franzosen hinunterwarfen Bald darauf ging der Feind an allen Punkten zurück, und das Hurra der Sieger erschütterte die Luft. Hofer verließ seinen Beobachtungsstand und schritt auf die Kirche zu. Oberstleutnant von Leiningen kam herangeritten und schüttelte ihm herzlich die Hand. »Das war Hilfe in der Not!« sagte er, und darauf Hofer: »Wie mag's denn anders sein, als daß wir waffenbrüderlich zusammenstehn in Not und Gefahr für Österreich? Gott sei gelobt, daß ich helfen konnt!« Er ging weiter, überall mit frohen Zurufen begrüßt und von diesem und jenem zutraulich angesprochen. Eisenstecken und sein Ordonnanzoffizier, Peter Siegmayr aus Mittel-Ollang im Pustertal, begleiteten ihn. Auf dem schwer eroberten Kirchenbühl fanden sie bereits den Ortspfarrer und den Bader damit beschäftigt, die Schwerverwundeten zwischen den Gräbern aufzuheben und von den Siegern in das Gotteshaus tragen zu lassen, dessen Dach und Mauern die Spuren unzähliger Kugeln trugen. Der Vorkämpfer der kleinem tapferen Schar hatte sich lässig auf ein Kreuz gestützt und sah zu, wie einem Manne, der daneben auf dem Grabhügel saß, von einer Frau ein Tuch um die blutende Stirn gewunden wurde. Der Filz seines keck aufs Ohr gesetzten Hutes war von einer Kugel zerrissen und sein Gesicht, aus dem zwei schwarze Augen blitzten, vom Pulver verschmiert, Beim Anblick Hofers richtete er sich mit allen Zeichen der Überraschung auf. Der bärtige Andrä reichte ihm lächelnd die Hand und sagte: »Nu grüß dich Gott im Vaterland, Fra Rabbioso! Hast deine Sach gut gemacht! Gelt, sich mit den Franzosen schlagen ist ein ander und besser Stücklein, als verbotne Waren über die Berge schleppen und sich mit den Zollwächtern prügeln?« Ambros, der in Hofer den Fremdem aus Pergine wiedererkannt hatte wurde feuerrot vor Freude über das ihm erteilte Lob. »Und da sind ja noch mehr alte Bekannte!« rief der Sandwirt und wandte sich zu dem Verwundeten und der Frau, die Planatscher und Martha waren. Teilnehmend erkundigte er sich nach der Verletzung des ehemaligen Schmugglers. Die Wunde war unbedeutend, und Hofer scherzte: »Willst deine Frau wohl für künftige Fälle zum Bader an lernen? – Sie ist doch deine Frau!« Martha sah verlegen vor sich nieder. Da machte er ein sehr ernstes Gesicht und sagte: »Das duld ich nit. Auf der Stell im die Kirch mit euch!« »Du meine himmlische Güte! Wir haben ja den Pfarrer nimmer zahln können ...«, stotterte Planatscher zu seiner Entschuldigung. »Will's glauben«, versetzte Hofer. Er rief den Pfarrer herbei und sagte zu ihm: »Hochwürden, hier sind zwei Leut, die müßt Ihr gleich ehelich zusammengeben.« Der Pfarrer, ein alter Mann, lächelte, während er einem Blick auf das Brautpaar warf, und erklärte sich gern bereit. Sie begaben sich alle in die Kirche, und die Etschtaler, die Ambros geführt hatte, schlossen sich ihnen an. Eine ergreifende Feierlichkeit lag über dieser Trauung, bei der alle, mit Ausnahme der Braut, bewaffnet waren und die Zeichen des eben beendetem Kampfes an sich trugen, während ringsum die Verwundeten auf der Strohschütte oder dem nackten Fußboden ächzten. Dem Dank des Paares entzog sich der bärtige Andrä schnell. Was er an Geld bei sich hatte, gab er heimlich dem Pfarrer zur Pflege der Blessierten. Unterdessen hatten sich die Passeier Scharfschützen unterhalb der Kirche gesammelt. Hofer schwang sich in den Sattel und gab das Zeichen zum Aufbruch. Ambros mußte an seiner Seite bleiben. »Wir haben noch ein Wörtlein miteinander zu reden«, sagte er, und nachdem er eine ganze Weile still dahingeritten war, fragte er plötzlich: »Jetzt, Bruder Rabbioso, wie heißt du eigentlich?« Ambros nannte, ohne sich zu bedenken, seinem wirklichen Namen. Hofer lachte, denn er erinnerte sich aus Huebers Erzählung des kecken Streiches, dem Ambros den Bayern in St. Vigil gespielt hatte. Dieser wollte sich auch von einem Andreas Hofer nicht auslachen lassen und zog die Stirn kraus. Der Sandwirt klärte ihn über die Ursache seiner Heiterkeit auf und knüpfte daran die Frage, ob er wegen dieser Angelegenheit hätte aus dem Lande weichen müssen. Ambros schlug stumm die Augen nieder, und Hofer fragte nicht weiter. »Der heutige Tag kann wohl manches wiedergutmachen«, meinte der Sandwirt nach einigen Sekunden. »Mit dem Fechten ist's jetzt wohl für eine Weil aus; aber zu tun gibt's noch genug. Da könnt ich dich schon brauchen.« Er schlug ihm vor, mit ihm nach Innsbruck zu kommen, und Ambros ging mit Freuden auf diesen Vorschlag ein. Hofer verabschiedete ihn mit dem Bemerken, daß er sich in Bozen wieder bei ihm melden solle. Ambros blieb zurück und hielt sich allein, während die Schützen und Milizen fröhlich miteinander plauderten, scherzten und sangen. Sie kehrten an den häuslichen Herd zurück – er hatte kein Heim. Die Begegnung mit Hofer in Pergine hatte ihn aus dem Taumel aufgescheucht, in dem er Erinnerungen und Reue unter den Paschern zu ersticken gesucht; und es war nach langer, langer Zeit wieder die erste reine Empfindung, die erste reine Freude gewesen, als er nach dem Siege vor dem Sandwirt gestanden hatte. Aber mochte, wie Hofer gesagt, der heutige Tag auch manches wiedergutmachen – das Blut Jergs würde dadurch nicht von seinen Händen gewaschen. Eine wohlklingende Stimme weckte ihn aus seinem Brüten. Es war ein junger Mann seines Alters, der ihn fragte, warum er so abseits und traurig seine Straße ziehe. Es sei ihm wohl im Gefecht ein lieber Freund gefallen! Ambros schüttelte nur verneinend den Kopf; er konnte das Auge nicht von dem Unbekannten abwenden. Nie hatte er in ein schöneres und edler gebildetes Männerantlitz geschaut, und dieser Bildung entsprach die ganze Gestalt. Sanft und rein wie das Mondlicht, jedoch nicht kalt wie dieses, war das Auge; es sprach aus ihm ein so warmes, freundliches Gemüt, daß sich Ambros sofort von ihm gewonnen fühlte. Es war Peter Mayr, der Wirt von der Mahr, der sich durch sein organisatorisches Talent unter den Bauernführern ebenso auszeichnete wie Joseph Speckbacher durch seine militärische Begabung. Er hatte bisher für die Befreiung Südtirols gewirkt; nun ging auch er mit Hofer nach Innsbruck. Alles, was er sagte, zeugte von einem hellen Verstande, mit dem sich ein tiefes, durchaus männliches Gefühl verband. Er war verheiratet, und als er davon sprach, daß er auf dem Wege nach Innsbruck seine kleinen Kinder und sein junges Weib wiederzusehen hoffe, leuchtete sein Gesicht von innerem Glück. »Und du hast dich von ihnen losreißen können, um gegen die Franzosen zu ziehn!« murmelte Ambros, indem er sich mit seinem Leibgurt zu schaffen machte. »Freilich wurd's mir schwer«, entgegnete Peter Mayr. »Aber ich hab ja auch für sie gestritten, indem ich fürs Vaterland in den Kampf zog. Mein Bub wird's besser haben als wir in diesen letzten Jahrn. Er wird keinem fremden Herrn zu gehorchen haben. Und just das hat mir die rechte Freudigkeit in dem Kampf fürs Vaterland gegeben.« Mayrs Worte fielen Ambros schwer aufs Herz. Wenn es ihn danach verlangt hatte, sich mit den Bayern und Franzosen herumzuschlagen, so hatte dem hauptsächlich der Wunsch zugrunde gelegen, aus Verhältnissen, die ihm durch eigene Schuld unerträglich geworden waren, herauszukommen. Die eigenen Fesseln hatte er sprengen wollen, als er zu den Waffen gegriffen. Und heute – was hatte er in dem Gefecht anders gesucht als eine Betätigung seiner gärenden Kraft, als einen neuen, größeren betäubenden Rausch! Nicht daß er sich dessen klargeworden wäre! Aber es wühlte und riß in ihm. »Wann die Kugel, die mir durch den Hut gegangen ist, ein paar Zoll tiefer eingeschlagen hätt, wär's mit allem zu End gewesen!« stieß er dumpf heraus. Peter Mayr sah ihn befremdet an und sagte dann schlicht, aus dem. Herzen heraus: »Wann's mir bestimmt sein sollt, für mein liebes Vaterland zu sterben – einen schönern Tod könnt ich mir nimmer wünschen!« Siegmayr, der ein heiteres Temperament besaß, gesellte sich zu ihnen, und die drei wurden gute Freunde. Auch er hatte zu Hause ein junges Weib, das er liebte, und einen Vater zurückgelassen, von dem er mit einer Achtung sprach, wie sie Ambros für den seinem nie empfunden hatte. Wie innerlich arm kam sich Ambros gegen seine neuen Freunde vor! Da stand ein Wirtshaus an der Straße; im Wein gab es noch Vergessenheit, und er forderte seine beiden Freunde auf, mit ihm einen Trunk zu tun. Sie willfahrten ihm, aber seinen Zweck erreichte er nicht; denn Mayr von der Mahr drängte nach ein paar rasch geleertem Gläsern zum Aufbruch, und Ambros mußte ihnen folgen. Weiter ging der Zug durch Dörfer, Städte und Flecken. Mit Trommelschlag und Pfeifenklang durchzogen die Sieger ihr heimatliches Land; es waren den Bayern und Franzosen abgenommene Trommeln, Pfeifen und Römer, mit denen sie den zurückgebliebenen Einwohnern ihre Ankunft verkündeten, und überall wurden sie mit Jubel begrüßt. Da sah Ambros, wie die Verteidiger des Vaterlandes von Schwestern, Bräuten, Gattinnen, Müttern und Vätern unter Lachen und Weinen willkommen geheißen, umarmt und geküßt wurden, und es schnitt ihm in die Seele. Würden Lisei und Stasi ihn nicht ebenso empfangen, wenn er nach St. Vigil zurückkehren könnte? Zum erstenmal seit seiner Flucht von Hause dachte er daran, wie schlecht er seiner Frau ihre Liebe gelohnt hatte. O daß der Marsch, auf dem er sich befand, doch zur Schlacht ginge! – Aber selbst ganz Unbekannte schüttelten den Siegern die Hand und beglückwünschten sie. Auch Ambros geschah es, und das goß einen Tropfen Balsam in die Brandwunden seines Gemüts. In Bozen nahmen Planatscher und seine Frau vom Ambros Abschied. Sie wollten auf dem kürzesten Wege über das Grödner Joch nach Prags zurückkehren – hatten sie doch keinen bayrischem Vogt mehr zu fürchten und hofften mit ihren Ersparnissen vom Schleichhandel ihr Häuslein wieder aufbauen zu können. Hofer suchte Anton Nessing in seiner Kaffeeschenke auf. Stumm, mit schimmernden Augen hielten sie einander bei beiden Händen. Im nächsten Augenblick lagen sie einander in den Armen und küßten sich. Das große Ziel, an dem sie im Verein mit Peter Hueber so lange mit der größten Beharrlichkeit, Umsicht, Uneigennützigkeit und Begeisterung gearbeitet hatten, war erreicht: Das Vaterland war von der Fremdherrschaft befreit! Hofer wußte zudem von dem siegreichen Vordringen des Erzherzogs Johann in Oberitalien zu berichten, und die Bulletins von der Donauarmee meldeten eine Reihe siegreicher Gefechte der Österreicher bei Regensburg. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel traf daher Hofer, nachdem er gerade in Innsbruck eingetroffen war, und mit ihm das ganze Land die Nachricht, daß Erzherzog Karl bei Eckmühl Eckmühl – Eggmühl; niederbayrisches Dorf, wo am 22. April 1809 die berühmte Schlacht zwischen Franzosen und Österreichern stattfand. Durch das plötzliche Eintreffen Napoleons mit einem starken Korps wurden die Österreicher unter Erzherzog Karl (s. Anm. 61) trotz erbittertem Widerstand geschlagen und zum Rückzug gezwungen. Napoleon ernannte seinen Marschall Davout (1770-1832) für diesen Sieg zum Fürsten von Eggmühl. aufs Haupt geschlagen, Regensburg erobert und das österreichische Heer auf der Flucht nach Böhmen begriffen sei. Die »Bauernkönige«, wie die Führer des Tiroler Landvolkes von den österreichischen Generälen spöttisch genannt wurden, verloren jedoch nicht den Kopfgleich dem Oberkommandanten Chasteler, der seine Truppen gegen die Nordgrenze, von wo kein Feind zu erwarten war, vorschob und dann ruhig der Dinge harrte, die da kommen würden. Haspinger und Speckbacher hatten, während Hofer nach dem Süden gezogen war, bereits Vorkehrungen getroffen, um das Land in verteidigungsfähigen Zustand zu setzen. Nun wurden diese Arbeiten mit verdoppeltem Eifer fortgesetzt: die Pässe im Osten durch Verhaue geschützt, Salpeter gegraben, Pulvermühlen errichtet, Pulverlieferungen aus der Schweiz verschrieben, das Blei aus den Bergwerken zum Kugelgießen herbeigeschafft, die Waffensammlungen auf den Schlössern mit Beschlag belegt und Arkebusen, Pistolen, Schwerter, Spieße, Hellebarden und Morgensterne am die Landmilizen verteilt. Männer, Frauen und Kinder legten überall begeistert Hand an. Ambros hatte in Innsbruck anstrengenden Dienst und kam nicht zur Besinnung auf sich selbst. Speckbacher hatte Gefallen an ihm gefunden und ihn zu seinem Ordonnanzoffizier gemacht. Diesen kriegstüchtigen Bauernführer erfüllte die Untätigkeit des kommandierenden Generals mit einem um so größeren Unmut, als das Material, über das dieser verfügte, vortrefflich war und namentlich die ihm unterstellten jüngeren Offiziere, Oberstleutnant von Leiningen voran, vom besten Geist erfüllt waren. Schon Chastelers Aktion in Südtirol hatte Speckbacher und Haspinger mißtrauisch gegen dessen Feldherrntalent gemacht. Was sollten sie nun davon denken, daß er gegen alle Vorstellungen und Bitten, die bedrohte Ostgrenze, wo der Bauernführer Oppacher den Strub-Paß auf eigene Faust besetzt hatte, zu schützen, taub blieb! Die Mißstimmung über Chastelers Untätigkeit angesichts der drohenden Gefahr ergriff ganz Innsbruck, und am Himmelfahrtstage sammelten sich fortwährend Haufen aufgeregter Menschen vor dem Hause des Feldmarschalleutnants, der tags zuvor den Honoratioren der Stadt und seinen Offizieren ein glänzendes Diner gegeben hatte. Der Unmut machte sich in lauten Äußerungen Luft. Man solle ihn zwingen, zu marschieren oder doch wenigstens die Landesmilizen einzuberufen. Man wollte wissen, daß es an der Grenze bereits zu Kämpfen gekommen sei. Rufe erhoben sich, die Chasteler des Verrats beschuldigten. Man schlage sich, und er schwelge. »Marschieren! Marschieren!« schrie man. Da drängte sich Graf Leiningen durch die aufgeregte Menge. Hofer, Haspinger und Speckbacher waren bei ihm gewesen, um durch ihn, den Oberstleutnant, einen letzten Versuch zu machen, den General zur Aktion zu bewegen. Der junge Offizier verschwand im Hause, und über die Menge breitete sich eine erwartungsvolle Stille. Einmal sah man ihn und den General an einem der Fenster erscheinen. Dann endlich trat der Oberstleutnant wieder aus dem Hause; sein Gesicht war hoch gerötet. Auf der Schwelle blieb er einen Augenblick stehen und rief, so laut er vermochte: »Wir marschieren!« Hurrarufe und Jauchzer erschütterten die Luft Am nächsten Morgen setzte sich die bei Hall stehende Vorhut in Bewegung. General Chasteler folgte mit seinem Stabe. Unterwegs traf er auf einen Boten Oppachers. Die Ahnungen der Innsbrucker hatten nicht getrogen. Generalleutnant Wrede Wrede – Karl Philipp Fürst v. Wrede (1767-1838), bayrischer Feldmarschall; erhielt 1805 als Generalleutnant das Oberkommando über eine Division des für Frankreich gegen die Österreicher kämpfenden bayrischen Heeres und hatte 1809 Anteil an den französischen Siegen bei Abensberg (20. 4.) und Landshut (21. 4). Im gleichen Jahre besetzte er Innsbruck und unterwarf dann ganz Tirol. war am Himmelfahrtstage durch das Salzkammergut gegen den Strub-Paß vorgedrungen. Neun Stunden hatte Oppacher den Bayern Widerstand geleistet und sich dann mit seiner stark gelichteten Schar auf die Straße nach dem Inn zurückgezogen. Jetzt stand er bereits wieder im Kampfe. Kaum hatte der Bote seinen Bericht beendet, als ein anderer die Meldung brachte, daß der bayrische General Deroy Deroy – Bernhard Erasmus Graf Deroy (1743-1812), bayrischer General; reorganisierte 1804 das bayrische Heer, erhielt 1805 den Oberbefehl in Tirol. 1809 befehligte er eine Division unter Lefebvre (s. Anm. 122) und nahm an der Einnahme von Innsbruck teil. bereits den Windbühl stürme. Hofer und seine Freunde warteten mit verzehrender Ungeduld, daß der Feldmarschall die Landwehren aufrufe. Es geschah nicht. Statt dessen erhielten sie Nachricht, daß der Feind auch den Luftensteiner Paß im oberen Pinzgau, zu dessen Verteidigung die Schützen des Pustertals über den noch mit Schnee bedeckten Krümmler-Tauern herbeigeeilt waren, zu erzwingen suche. Hofer schrieb sofort dem General Chasteler, daß er auf der rechten Flanke umgangen und von Innsbruck abgeschnitten würde, wenn er nicht Tirol zu den Waffen riefe. Ambros, der vor Begierde brannte, an dem Feind zu kommen, wurde auf seine Bitte mit dem Überbringen der Depesche beauftragt. Froh jagte er auf einem guten Pferde davon. In Hall wurde ihm der Weg durch aufgeregte Bergarbeiter, Bauern und Weiber versperrt, die zwei österreichische Offiziere umringt hatten. Die Leute waren dem Pferden der Österreicher in die Zügel gefallen, überhäuften sie mit Schmähungen und drohten sie niederzuschießen. Zu seinem grenzenlosem Erstaunen erkannte Ambros in den Bedrohten den Feldmarschall Chasteler und dessen Flügeladjutanten. Nur mit Mühe gelang es ihm, sich durchzudrängen, wobei er den Leuten zurief, sie sollten Ruhe halten, der Offizier sei General Chasteler. Ebendarum hätten sie ihn aufgehalten, schrien die Aufgeregten. Er sollte nicht weiter retirieren, oder sie würden ihm vom Pferde schießen. »Retiriern?« fragte Ambros erstaunt »Aber was ist denn geschehn?« »Allerdings sind wir geschlagen«, ergriff jetzt der General das Wort, während der Adjutant sein Pferd mehrere Bewegungen machen ließ, um die Nächststehenden zurückzudrängen. »Aber ich denke an keine Flucht. Ich schwöre es euch bei meiner Ehre und meinem Leben, daß ihr den Bayern nicht schutzlos preisgegeben werden sollt. Schon morgen wird General Schmidt mit seinen Truppen bei euch eintreffen!« Neues Geschrei erhob sich. Alle seine Versprechungen taugten den Teufel. Da zog Ambros seine Depesche hervor und rief, sie durch die Luft schwingend: »Im Namen des Hofer, laßt ihn frei. Der Hofer schickt diesen Brief an ihn!« Das wirkte. Wenn auch zögernd, mit den geballten Fäusten drohend und ihre Stutzen schwingend, gaben sie dem General, der den Brief ungeöffnet in die Tasche steckte, Raum, und er sprengte mit seinem Adjutanten nach Innsbruck davon. In demselben Augenblick kam der Kronenwirt Straub mit seinen Schützen von der Brücke bei Volders her, und von ihm erfuhr Ambros, daß die österreichischen Truppen bei Wörgl im Inntal eine vollständige Niederlage erlitten hätten. Taub gegen seine und Oppachers Vorstellungen und ohne Rücksicht auf die zahlreiche Reiterei und Artillerie der Bayern, hatte sich General Chasteler dort in der Ebene aufgestellt und war schon beim erstem Ansturm des Feindes gänzlich auseinandergesprengt worden; sämtliche Geschütze und das gesamte Gepäck waren verlorengegangen. »Der Oppacher und ich, die wir mit unsern Schützen auf dem Höhn standen«, schloß der Kronenwirt seinen Bericht, »wollten unsern Augen kaum traun. Wie ein toller Wirbelwind war's. Darauf sind wir denn sacht abgezogen.« Als Ambros mit dieser niederschmetternden Nachricht zu Hofer kam, war General Chasteler über den Brenner nach Steinach geflüchtet. Was ihn forttrieb, war die eben von den Zeitungen veröffentlichte Achtserklärung, die Napoleon gegen ihn erlassen hatte. Denn Napoleon tat ihm die Ehre an, ihn für den »Urheber des Aufstandes« zu halten, und proklamierte, daß er vierundzwanzig Stunden nach seiner Verhaftung als Chef einer Räuber- und Mörderbande erschossen werden solle. Die Ächtung brachte den General Chasteler fast von Sinnen; er trachtete nur noch, aus dem »verfluchten Lande«, wie er Tirol nannte, herauszukommen, und traf demgemäß seine Anstalten. Der Kurier jedoch, der den noch im Inntal stehenden Truppen den Befehl zum Abmarsch bringen sollte, wurde von Haspinger und Hofer, die dem General nach Steinach folgten, abgefangen, und jene Truppen blieben mit dem Oberstleutnant von Leiningen im Lande. General Chasteler war anfangs wie betäubt, als er den Sandwirt plötzlich vor sich stehen sah. Was wollte dieser Bauer noch, dieser Empörer, für dessen Hochverrat er von Napoleon geächtet war? Hofer und Haspinger zählten ihm alle Mittel auf, die zur Fortsetzung des Krieges in einem Lande wie Tirol noch reichlich vorhanden wären. Er aber wollte nichts hören. Hofer zog die Proklamationen hervor, die Chasteler erlassen und in denen er wiederholt das Versprechen gegeben hatte, daß er mit den Tirolern, deren Anführung sein Stolz sei, leben, fechten oder sterben werde. Haspinger mahnte ihn an seine Pflichten gegen das gemeinsame Vaterland und erinnerte an die Schandtaten, mit denen der Feind seine Bahn bezeichnete. Da wurde Chasteler weich und versprach zu bleiben. Er forderte Hofer auf, die Tiroler zu den Waffen zu rufen und mit ihnen bei Sterzing zu ihm zu stoßen. Froh atmete Hofer auf und eilte ans Werk. Der Waffenruf hallte durch das Land; in den Dörfern ertönten die Sturmglocken, und auf den Bergen flammten die Kreitfeuer. Als sich Hofer aber mit seinen Passeiern bei Sterzing einfand, vernahm er, daß General Chasteler mit der ganzen österreichischen Armee aus dem Lande gewichen sei. War diese Nachricht für den Patrioten schon schmerzlich, so erfüllte der Treubruch Chastelers das vertrauensvolle Herz des bärtigen Andrä mit noch tieferem Weh. Er erholte sich nur schwer von diesem Schlag, aber den Kopf verlor er auch jetzt nicht. Er erließ sofort ein Schreiben an die Gemeinden des Tiroler Landes, worin er den Abzug des österreichischen Heeres kundtat, und schloß: »Der gemeine Mann bleibt felsenfest und vertraut auf seine gerechte Sache, entweder glücklich zu, siegen oder mit Ruhm zu sterben.« Unterdessen hausten die Bayern fürchterlich in Nordtirol. Schon bei dem Gefecht am Strub-Paß hatten sie, aus Wut über ihre schweren Verluste, mach dem Worte Napoleons gehandelt: man solle alle mit Waffen gefangenen Tiroler über die Klinge springen lassen. Was sie hier in der blinden Wut des Kampfes taten, geschah anderswo mit kaltem Blute. Wohin sie kamen, wurde geplündert, gebrannt, gemordet; es wurden Schandtaten verübt, wie sie die wüsteste Zeit des Dreißigjährigen Krieges gräßlicher nicht aufzuweisen hat. Die Demoralisation der Rheinbundtruppen durch Napoleon brach wie ein Schlammvulkan hervor; völlig erstickt war in ihnen das Gefühl der Landsmannschaft und der Vaterlandsliebe. Der gemeine Soldat war nur noch der Gestalt nach ein Mensch; sein Tun glich dem einer losgelassenen wilden Bestie, und Generalleutnant Wrede vermochte seine Mannschaften nicht zu zügeln. Wer irgend konnte, floh vor den entmenschten Horden in die Gebirge oder nach Innsbruck, und die Schilderungen der Flüchtlinge von den Greueln, die sie erlebt, entflammte die Hörer zu höchster Wut Racheglühend strömten die Tiroler Schützen und Landwehren in Sterzing zusammen. Speckbacher und Straub führten ihre vor den Bayern zurückgegangenem Unterinntaler herbei, Haspinger die Schützen von Latzfons, Villanders und Veldthurns, Thalguter seine Algunder, von Tschöll seine Bauern, Gasser die Scharfschützen von Bozen, Kemenater die Pustertaler und unter ihm der Bäcker von St. Vigil die Enneberger. Aber auch viele Adlige stießen jetzt mit den von ihnen gebildeten Schützenkompanien zu Hofer. Dazu kamen die noch im Lande verbliebenen Österreicher mit sechs Geschützen unter Oberstleutnant von Leiningen. Alle ordneten sich dem Befehl des Sandwirts bereitwillig unter. An Schießbedarf war kein Mangel, denn Speckbacher hatte den guten Einfall gehabt, die Munitionskarren des Generals Chasteler mit Beschlag zu belegen. Am Morgen des 25. Mai standen die Tiroler abermals im Angesicht Innsbrucks auf den Höhen des Berges Isel. Links von der in die Ebene sich hinunterziehenden Landstraße, an einer Stelle, die einen freien Überblick gestattete, befanden sich Hofer, Speckbacher und Haspinger mit ihren Adjutanten und Ordonnanzen, unter ihnen Ambros. Mit seinen Landsleuten aus St. Vigil war Ambros noch nicht zusammengetroffen. Speckbacher und Straub hatten mit ihren Mannschaften den Marsch über den Brenner angetreten, ehe jene bei Sterzing angelangt waren. Von der Stadt her begannen die Bayern ihre Gefechtsstellung einzunehmen. Den Befehl in Innsbruck hatte General Deroy. Kavallerieschwadronen bewegten sich nach Wiltau zu und links im Richtung auf Schloß Ambras, das als Lazarett diente und noch voll verwundeter Bayern und Franzosen lag. Schützenzüge entwickelten sich in der Linie; Infanterie marschierte in geschlossenen Kolonnen mit fliegenden Fahnen geradewegs aus der Stadt heraus über die Wiesen und grünen Saaten. Artillerie rückte rasch vor und protzte ab, hier und da durch einen Graben aufgehalten, der rasch zugeworfen wurde. Überall flimmerte und blitzte es in der Sonne von Waffen. Trommelschlag und Trompetensignale ertönten nah und fern. Schon fiel aus der Deckung suchenden Schützenkette ein voreiliger Schuß. Die Tiroler hielten sich still und ernst in ihren geschützten Stellungen auf den Höhen. Sie fühlten, es würde ein sehr heißer Tag werden, heißer als jener 12. April, an dem sie ohne Kommando gleich geschwollenen Wildbächen auf den Feind herabgestürzt waren. Noch nie hatten sie einem so zahlreichen Feind gegenübergestanden wie heute. Er war ungleich stärker als sie und gebot vor allen Dingen über eine sehr ansehnliche Reiterei sowie über zwanzig Feuerschlünde. Aber dafür lagen heute die Zügel in erfahrener Hand, und vertrauensvoll schauten die Tiroler auf ihren Andrä, der droben so ruhig und sicher neben Haspinger und Speckbacher stand. Mit intensiven Blicken beobachteten alle drei die Evolution der feindlichen Macht, wobei sie nur dann und wann eine kurze Bemerkung austauschten. Plötzlich richtete sich Speckbacher straff auf, und über sein hageres, wie aus Buchsbaum geschnittenes Gesicht mit der Adlernase und den Adleraugen glitt der Schein eines grimmigen Lachens. Zugleich tat Hofer einen tiefen Atemzug und sagte: »Es ist Zeit!« Ein Händedruck, und sie trennten sich. Haspinger, dessen roter Bart in der Sonne wie eine Feuerflamme loderte, begab sich auf dem rechten Flügel, Speckbacher auf den linkem, der Sandwirt blieb im Zentrum, wo die Passeier und Österreicher standen. »Das gibt einem rechtschaffnen Tanz«, meinte Speckbacher im Gehen zu Ambros. »Heut machen wir aber die spröden Madln, und es soll den Bayern wohl blutigen Schweiß genug kosten, eh wir uns von ihnen aufziehn lassen!« »Wir greifen nit an?« fragte Ambros enttäuscht. »Das könnt den Bayern halt gefalln, wann wir uns von ihrer großen Kavallerie dort unten in die Pfanne haun ließen!« entgegnete Speckbacher, und als jetzt in dem Gehölz vor ihnen mehrere Schüsse in das Tal losgingen, scherzte er: »Das sind dem Straub seine Flöten. Halt dein Blut kalt!« Dies war leichter gesagt als getan, und Ambros kaute ungeduldig an seinem Schnurrbart, während seine Landsleute mit dem immer näher rückenden Feinde Kugeln wechselten; und dann ergriff er den Stutzen eines gefallenen Tirolers samt dessen Munitionstasche und feuerte eifrig mit. Das Büchsenfeuer knatterte jetzt längs der ganzen Schützenkette hüben und drüben; Rottenfeuer begann sich hineinzumischen, die Kanonen dröhnten und krachten. Die Bayern gingen mit Hurra zum Sturm auf die Höhen vor. Sie wurden blutig empfangen und abgewiesen. Kaum aber hatten sie sich wieder gesammelt, so drangen sie von neuem vor, unterstützt von einem mörderischen Granatfeuer. Kugeln, Eisenstücke, Felssplitter und Baumäste sausten dem Tirolern um die Köpfe; aber sie standen fest. Das Ringen wurde heißer und blutiger. General Deroy tat genau das, was Speckbacher im Kriegsrat vorausgesetzt hatte. Gelänge es ihm, den linkem Flügel der Tiroler, der oberhalb Wiltau stand, zurückzuwerfen, so würde deren ganze Schlachtlinie aufgerollt werden. Deshalb richtete er dorthin seinem Hauptangriff. Da aber standen die Ober- und Unterinntaler, an die sich die Eisack- und Etschtaler anschlossen. Sturm auf Sturm brauste gegen ihre Stellungen heran. Der Boden wurde von Kanonenkugeln aufgepflügt, die Bäume von den Kartätschen zersplittert und gefällt, und auf dem kurzen, vom Blute schlüpfrigem Rasen häuften sich die Leichen. Das Gesicht Speckbachers wurde immer grimmiger, und seine großen Augen sprühten ein wildes Feuer. »Die sakrischen Bayern sind nit abzuschütteln!« murrte er, als er den dritten Sturm abgeschlagen hatte und die Kugeln der Seinen jenen nachsausten. »Sie haben sich in uns verbissen wie die Saupacker in einem Keiler. Jetzt lauf ums Leben, Falkner! Der Haspinger soll mir von seinem Flügel Verstärkung schicken. Die Angriffe auf ihn haben nix zu bedeuten; die Bayern wolln ihn bloß festnageln. – Du blutiger Heiland, wie sie unter uns hier aufgeräumt haben!« Ambros eilte davon. Dem Sandwirt aber war die Not seines linkem Flügels nicht entgangen, und er hatte Haspinger bereits Order zukommen lassen. Die Hilfe war schon im Anmarsch, und Ambros traf sie auf halbem Wege. »Hurra, der Ambros!« scholl es ihm entgegen. Es waren die Vigiler und eine Kompanie Österreicher, die Haspinger abgesandt hatte, und viele Hände streckten sich Ambros zum Willkommen entgegen. Mutschleitner, das Gamsmanndl, der Jöchlbauer, der Löffel-Franz und andere schüttelten ihm die Hand. Aber es war jetzt keine Zeit zum Schwatzen. »Vorwärts! Vorwärts!« Im Laufschritt ging es über die Berge. Es war die höchste Zeit, daß sie ankamen, denn schon hatten sich die Bayern wieder geordnet und ebenfalls Verstärkung herangezogen; schon prasselten ihre Kugeln wieder durch Äste und Gezweig. Die feindlichen Kolonnen rückten vor; hinter ihnen schlugen die Trommeln. Jetzt schwiegen sie, die Kolonnen hielten und senkten die Gewehre, Salven krachten. Und wieder dröhnten die Trommeln, schneller, immer schneller. Vorwärts mit Hurra! Da sprühte ihnen das Verderben hundertfältig aus den Stutzen und Gewehren der Tiroler entgegen. Wie wenn ein Hagelwetter in ein Kornfeld niedergeht, daß die Halme knicken, brechen, sinken – so schmetterten die Kugeln in die Reihen der Bayern und übersäten die Abhänge mit Verwundeten, Sterbenden und Toten. Aber weiter vorwärts stürmten die Lebenden. Da war es auch mit dem kalten Blut der Tiroler vorüber. Ambros sprang als erster mit geschwungenem Kolben vor, die Vigiler ihm nach, und sie rissen Straubs Mannschaft mit sich fort. Das war ein Schreien, ein Knirschen der niederschmetternden Kolben! Die Bayern mußten zurück, und die Tiroler hängten sich an sie. Ein wüster Knäuel wälzte sich abwärts nach Wiltau. Vergebens schrien Speckbacher und Straub dem Ihren energisch »Halt!« zu; sie hörten nicht. Plötzlich erbebte der Boden von Hufschlag. Ambros bemerkte die heransprengende Kavallerie glücklicherweise noch im letzten Augenblick, und es gelang ihm, wenigstens dem größten Teil der Mannschaft wieder zu sammeln. Die anderen wurden niedergeritten oder zu Gefangenen gemacht. Langsam wichen die Tiroler gegen die Höhe zurück. Infanterie fiel ihnen in die Flanken und suchte sie zu umzingeln. In wütendem Ringen und unter schweren Opfern schlugen sie sich durch. Dann nahmen Speckbachers Schützen sie auf, und sie waren gerettet, unter ihnen Ambros, der sich wie ein Rasender geschlagen hatte. Speckbacher drohte seinem Ordonnanzoffizier zornig mit der Faust. Aber Ambros' schwarze Augen lachten, und jener wandte sich brummend ab, um sein Wohlgefallen an dem tollkühnen Burschen zu verbergen. Der Sturm auf die Stellung der Tiroler wurde nicht erneuert. Das Gewehrfeuer verstummte, und auch die Kanonen hörten auf zu brummen und zu krachen. Die Hörner und Trommeln in der Ebene riefen zum Sammeln. Als die Tiroler sicher waren, daß der Feind keinen Angriff mehr beabsichtigte, überließen sie sich auf dem schwer behaupteten Boden der wohlverdienten Ruhe. Feuer zum Abkochen wurden angezündet; aber außer dem Militär hatten wohl nur wenige etwas zum Kochen bei sich, und die meisten mußten sich mit einem Stück Brot oder Käse begnügen, das mit einem Schluck aus der Feldflasche angefeuchtet wurde. An den Ufern der Sill lagen sie zu Hunderten und löschten ihrem Durst, wobei es denn an derben Neckereien und Späßen nicht fehlte. Für Ambros gab es noch mancherlei zu tun, und die Sonne, neigte sich bereits zum Untergehen, als es ihm endlich möglich war, seine Talgenossen aufzusuchen. Er fand die Vigiler unweit der Stelle, wo sie gefochten hatten. Sie hatten Wachtfeuer angezündet, und als er herantrat, wurde er mit Freuden begrüßt. Die einen schüttelten ihm die Hand, die anderem klopften ihm vertraulich und lachend auf die Schulter. Mutschleitner trank ihm aus seiner Feldflasche zu, und das Gamsmanndl rückte schweigend auf seinem Baumstamm beiseite, damit Ambros sich zu ihm setze. Der Kampf hatte ihre Zahl bedenklich gelichtet. Mancher hatte das Leben lassen müssen, unter ihnen der Löffel-Franz; andere waren in Gefangenschaft geraten oder lagen verwundet im Schloß Ambras, und zu diesen gehörte auch ihr Führer, der Bäcker. In das lebhafte Durcheinanderreden, aus dem Ambros all die Neuigkeiten erfuhr, rief der Jöchlbauer, er müsse jetzt ihre Führung übernehmen. Der Vorschlag wurde mit allgemeinem Beifall aufgenommen, und die Feldflaschen kamen wieder zum Vorschein, um auf das Wohl des neuen Hauptmanns zum Munde geführt zu werden. Ambros wehrte sich erregt gegen die Wahl; er begriff nicht, daß die Leute ganz und gar die Schuld vergaßen, die auf ihm lastete. Sollte er sie daran erinnern? Da sagte Mutschleitner: »Wir lassen dich nit mehr aus. Wegen dem Jerg kannst ruhig sein; der lebt. Wär er nit gar so feig, würd er hiersein. Aber wie der Aufruf kam, da hat er just in Geschäften verreisen müssen.« Das Gamsmanndl spuckte verächtlich im das Feuer; andere belegten Jerg mit wenig schmeichelhaften Titeln. Ambros starrte Mutschleitner mit stockendem Pulsschlag an; dann war es ihm, als riesele ein Nebel in ihm nieder. Das Herz setzte mit starken Schlägen ein, und er lachte laut auf, brach ab und lachte wieder. Darauf setzte er sich neben Sampogna auf den Baumstamm und bedeckte sein Gesicht mit beiden Händen. In der nächsten Minute sprang er jedoch wieder auf und schüttelte Mutschleitner, dem Jöchlbauern und jedem, der ihm nahe war, die Hand. Sprechen konnte er nicht; zu mächtig durchbrauste ihn die Freude, daß die Blutschuld von ihm genommen war. »Ja, er ist gesund wie ein Fisch«, nahm Mutschleitner wieder das Wort »Das Gamsmanndl hat allerwärts in den Bergen nach dir gesucht, um es dir zu sagen.« Ambros wandte sich zu dem kleinen, graubärtigen Gerber, der bisher stumm seine ewig brennende Pfeife geschmaucht hatte, und legte ihm mit einem festen Druck die Hand auf die Schulter. Jetzt nahm der Alte die Pfeife aus dem Munde und sagte: »Deiner Schwester zulieb hab ich's getan.« »Ah, meine Schwester!« atmete Ambros tief auf. »Und sonst …? So red doch!« »Ja, wo hast denn die ganze Zeit über gesteckt?« fragte der Färber dazwischen. Ein Getöse, das in diesem Augenblick bei den Vorposten entstand, schnitt die Antworten ab, und alle griffen zu den Waffen. Von den Vorposten waren Überläufer angehalten worden: Tiroler, die die bayrische Uniform hatten anziehen müssen und jetzt, da sie ihren Landsleuten so nahe gegenüberstanden, desertiert waren. Sie wurden von den Ihren mit Jubel zu den Lagerplätzen geführt Ambros blieb zurück. Sampogna war an seiner Seite. »Ich kann's mir vorstelln, wie vergnügt sie sind, wieder zu ihren Leuten zu kommen!« äußerte Ambros, während er den desertierten Soldaten nachblickte. In dem Ton seiner Worte drückte sich deutlich die Erleichterung seines Gewissens aus. »Glaub's wohl«, erwiderte das Gamsmanndl. »Aber laß uns irgendwo unter Wind gehn! Hier streicht's kalt von den Bergen.« Er begann unter den Tannen aufwärtszusteigen, wobei er das Feuer, an dem sie vorher gesessen, geflissentlich vermied. »Wer weiß aber, ob sie's zu Haus so finden, wie sie's verlassen haben!« setzte er hinzu. »Soll das auch mir gelten?« fragte Ambros betroffen und blieb stehen. Das Gamsmanndl antwortete nicht sogleich; es suchte sich erst eine bequeme Stelle zum Niedersitzen aus. »Du wirst daheim auch manches anders finden, als es gewesen ist«, sagte er, nachdem er sich hingesetzt hatte, und begann Feuer für seine Pfeife zu schlagen. Ambros stützte sich mit beiden Händen auf das Gefäß seines Säbels und sah zu, wie die Funken von dem Stein in der Dunkelheit aufsprühten. Es überkam ihn eine Ahnung, daß er Unangenehmes hören werde, und vielleicht war es diese Ahnung, die ihn am Fragen hinderte. – Später erinnerte er sich ganz genau, wie die Funken aufsprühten, wie ihm der Bart seines alten Jagdgefährten dabei merkwürdig grau erschien und er dadurch lebhaft an die Gnomen gemahnt wurde. »Ja, deine Schwester hat derweiln geheiratet«, begann Sampogna und fuhr mit dem Schwamm, der Feuer gefangen hatte, in der Luft hin und her, um ihn stärker anzufachen. »Den Jerg.« Diese Nachricht machte Ambros im erstem Augenblick sprachlos. Dann brach der Zorn bei ihm durch, und er rief: »So hat der Lump doch sein Stück durchgesetzt? Himmel, Herrgott, da wollt ich doch …! Ich hätt's freilich denken können, daß der Vater sie zuletzt doch zwingen würd, ihn zu nehmen. Das ist ja zum Verrücktwerden! Aber nein, ich hätt's von der Lisei nimmer gedacht, daß sie sich zwingen lassen würd! Er muß sie über alle Maßen gequält haben.« »Bleich genug hat sie an ihrem Hochzeitstag auch ausgeschaut«, sagte der kleine Gerber, der unterdessen eifrig an seiner hölzernen Pfeife gesogen hatte und nun mit einem letzten kräftigen Zug den Deckel des Pfeifenkopfes schloß. »Was der Klosterbauer angestellt hat, um sie sich zu Willen zu machen, weiß ich nit. Wer sich aber dabei verspekuliert hat, das ist der Jerg. Er hat sich arg in die Nesseln gesetzt. Das hat ihm jeder gegönnt Um deine Schwester tut's mir freilich leid. Da kommt jetzt Reichtum zu Reichtum, hat's geheißen, und nachher ist's nix damit gewesen. Der Jerg hat sich von wegen dem Klosterhof den Mund wischen müssen. Der Hof ist in die Gant geraten und verkauft. Der junge Eckschlager sitzt jetzt drauf!« »Treibst du deinen Spaß mit mir?« murmelte Ambros mit weitgeöffneten Augen. »Die Geschicht ist freilich verwunderlich schnell gekommen«, versetzte Sampogna, »so plötzlich wie ein Blitz aus dem Stutzen. Paff! Da hat die Kugel auch schon eingeschlagen.« Er erzählte, was er über die Ursache des jähen Glückswechsels in dem Verhältnissen des Klosterbauern gehört hatte. Ambros brach in ein schallendes Gelächter aus, so daß Sampogna ihn anfangs verwundert, dann mit einem unheimlichen Gefühl betrachtete. »Wann du von wegen dem Jerg lachst …«, begann er wieder. Ambros aber, der seine Worte gar nicht gehört hatte, stammelte tonlos vor sich hin: »Der Klosterhof verlorn! Und mich hat er aus dem Haus gestoßen, weil ihm die Stasi als Klosterbäuerin nit anstand! Der Klosterhof verlorn! Und deswegen hat er die Lisei gezwungen, den Jerg zu heiraten! Um den Klosterhof hat er meine Mutter unglücklich gemacht und den Larseit!« Und die Stimme plötzlich erhebend, rief er: »Das ist lustig! Zum Teixel, so lach doch!« Das Gamsmanndl sah von der Seite zu ihm auf; er aber bemerkte es nicht. Mit heftig arbeitender Brust suchte sein Auge zwischen den Ästen die Sterne. Sampogna rauchte einige Minuten schweigend fort, dann sagte er: »Ich hab deinen Vater nit mehr zu sehn gekriegt, seitdem ihn das Unglück betroffen hat. Er soll nit gern unter die Menschen gehn, und sie sagen, daß er sich jetzt noch viel herber und hochmütiger gibt als früher. Ja, ja, es ist daheim vieles anders geworden, und ein rechtes Unglück war's, daß du damals, nach der Geschicht mit dem Jerg, geflohn bist. Du hast ihn tüchtig gezeichnet. Vielleicht hättst du's verhindern können, daß er deine Schwester kriegt; aber das ist nit das schlimmste. Das Schlimmste hat dich selbst getroffen.« Er erzählte, wie Stasi durch den Schreck über seinen vermeintlichen Totschlag zu früh von einem toten Knaben entbunden worden sei und dem Verstand verloren habe. Ein dumpfer, gurgelnder Laut rang sich aus Ambros' Kehle, und er sank gegen den Baumstamm, an dem er stand. Im nächsten Augenblick schnellte er empor, um der eng zusammengeschnürten Brust durch einen Schrei Luft zu machen, aber er brachte keinen Laut hervor. Er sank wieder gegen die Tanne und stöhnte tief auf. »Sei ein Mann!« sagte das Gamsmanndl und ging zu ihm hin. Ambros machte eine matte, abwehrende Bewegung, und Sampogna, der einsah, daß es am besten wäre, ihn vorläufig sich selbst zu überlassen, entfernte sich nach einigem Zögern. Das Kind tot, Stasi irrsinnig – das drückte wie Blei auf Ambros' Hirn und Herz und ließ zunächst kein eigentliches Denken und Empfinden zu. Unter ihm glühten, an den Hängen verstreut, die roten Wachtfeuer; die feierlichen Töne eines geistlichem Liedes drangen gedämpft an sein Ohr, und in dem Unterholz nicht weit von ihm begann eine Nachtigall zu schlagen. Da war es, als ob ein Riß durch sein Herz ginge, und aus dem dumpfen Chaos in ihm tauchte Stasis Bild in voller Lieblichkeit auf. Sie war irrsinnig! Er warf sich zur Erde, drückte das Gesicht ins Moos und – weinte. Er weinte und schluchzte, daß die Nachtigall darüber verstummte. Es war schrecklich anzuhören. Aber dann schämte er sich, knirschte mit den Zähnen und ballte die Fäuste. Er sprang auf. War nicht die Hartherzigkeit des Vaters und die Hinterlist Jergs schuld an allem? Aber da flammte es plötzlich vor ihm auf, daß es nicht die Erbitterung wegen des Klosterhofes gewesen war – wenn sie auch daran teilgehabt –, weshalb er die Hand gegen Jerg erhoben hatte. Es stand jener Auftritt vor ihm, da er, noch glühend von den Küssen Afras, Stasi das Kreuz vom Halse gerissen hatte. Er sah wieder den ahnungsvollen Blick seines jungen Weibes auf sich ruhen und schlug die Hände vor das Gesicht. Was half es? Das Bild war nicht vor ihm, sondern in ihm! Er floh tiefer im die Nacht des Waldes hinein. Vergebens! Vergebens! Seine Untreue hatte vollendet, was seine Lieblosigkeit begonnen: sie hatte sein Kind getötet und den Verstand seines Weibes zerstört! Dagegen kam keine Selbsttäuschung auf; das bohrte wie eine Schraube ohne Ende in seinem Herzen. Berghoch häufte sich seine Schuld über ihm. Das schrecklichste war, daß er jetzt, da er es durch seine Selbstsucht unwiederbringlich verloren, immer wieder des Glücks. das ihm Stasis Liebe geschenkt hatte, gedenken mußte! Was waren die Qualen jener Nacht, in der er als vermeintlicher Mörder von Hause geflohen war, gegen die, die ihm das Selbstbekenntnis seiner Schlechtigkeit und Schuld verursachte! Zum erstenmal sah er sich in seiner sittlichen Nacktheit Er irrte im Walde umher, bis es tagte. Es war ein köstlicher Maimorgen; aber er empfand nichts von dessen bräutlichen Zauber. Sein Blut fieberte, sein Gesicht war bleich, seine Augen glühten. Und mit brennenden Augen schaute er in die Ebene hinunter, wo gestern der Kampf gewütet hatte und wo er sich heute erneuern mußte. Auf den Lagerplätzen wurde es lebendig. Der Tag verging jedoch ziemlich ruhig, und die Innsbrucker, die den weiteren Ereignissen mit beklommener Brust entgegensahen, vernahmen nur dann und wann ein kurzes, schwaches Schießen. Am nächsten Morgen aber begann draußen wieder jenes unheimliche Dröhnen und Schüttern, das die Fenster in der Stadt wie bei einem Erdbeben erklirren ließ. Die Leute liefen auf die Straßen und Plätze; da hörte man das Donnern der Kanonen deutlicher und fühlte das Pflaster unter den Füßen zittern. Die Kaufgewölbe blieben geschlossen; Handel und Wandel und alle Arbeit ruhten, und die Marktleute fanden keine Käufer. Nur die Weinschenken taten sich auf und waren im Nu gefüllt. Die Mutigen wagten sich vor die nach Wiltau zu gelegene Triumphpforte oder in die Gärten der Vorstadt hinaus, die einem Blick auf die Vorberge des Brenners gestatteten; aber Geschützkugeln, die sich von dort gelegentlich bis hierher verirrten, machten ihnen den Aufenthalt bald unheimlich. Andere stiegen auf die Kirchentürme, und alle Hausdächer waren mit Menschen besetzt. Zu sehen war nicht viel. In kurzer Zeit war alles in Pulverrauch gehüllt, der wie eine dicke Wolke im Tal stand. Wenn der leise Luftzug, der den Qualm gegen die Stadt trieb, die Wolke einmal zerriß oder ein wenig lichtete, sah man schwarze Massen sich über das Feld bewegen oder wie Ameisen an den Höhen hinaufkrabbeln, wo sie hinter Steinen und unter Bäumen kleine weiße Wölkchen hervorstießen, die dann, zu einem breiten Streifen vereinigt, von der Sonne beglänzt aufstiegen. Im nächsten Augenblick jedoch war alles wieder ein grauer, dicker Nebel, in dem es unaufhörlich donnerte und blitzte und knatterte und rollte, untermischt mit dumpfem Getrommel und halbersticktem Trompetengeschmetter. Dann kam der erste Transport Verwundeter in die Stadt, ein zweiter und dritter. Welche Jammergestalten! Welche Leidensbilder! Kriegsgefangene wurden eingebracht; aber man konnte sie nicht ausfragen, wie es draußen stehe, denn die Eskorte wies die Neugierigen zurück. Das Karmeliterkloster und die Pfarrkirche des heiligen Jakob wurden in Lazarette verwandelt, und die Hofkirche mußte als Gefängnis dienen. Zuweilen schien das Schießen aufhören zu wollen; es wurde matter, und die Kanonen verstummten. Aber gleich darauf fing es um so heftiger wieder zu dröhnen an; es war gleichsam nur ein Atemschöpfen zu neuem Wutausbruch gewesen. Das Getöse glich einer Weltuntergangsmusik. Flüchtige Soldaten, denen ihre Offiziere vergebens Halt geboten, kamen in die Stadt gelaufen. Nur mit größter Mühe gelang es den Vorgesetzten, ihre Leute zum Stehen zu bringen, sie zu sammeln und wieder zurückzuführen. Plötzlich sahen die, die auf die Dächer geklettert waren, eine Feuergarbe, die sich nach allen Seiten ausbreitete, in die Rauchwolken aufsteigen. Ein entsetzliches Krachen folgte, die Erde schwankte. Vermutlich war ein Munitionskarrem oder auch mehrere in die Luft geflogen. Die Leute auf den Straßen blickten einander mit schreckens-bleichen Gesichtern an. Viele schlugen ein Kreuz. Das unaufhörliche Rollen und Knattern näherte sich der Stadt. Von den Dächern wirbelte schwarzer Rauch auf. Das war kein Pulverdampf! Gelbrote Zungen bleckten in den Qualm hinein, in dem unzählige Funken herumwirbelten. Angstgeschrei und rasender Hufschlag erschollen von der Vorstadt her. Dragoner, vor denen die Menschen auf den Gassen zu beiden Seiten auseinanderstoben und in die Häuser flüchteten, galoppierten durch die breite Neustadt, die Maria-Theresien-Straße entlang, an der St. Annensäule vorbei, und weiter über die Innbrücke. Wer ihnen nicht aus dem Wege wich, wurde niedergeritten. Kaum waren die Menschen hinter den Reitern wieder zusammengeflossen, da jagte mit Rasseln und Dröhnen eine Batterie heran. Die Kanoniere saßen auf den Handpferden Handpferd – bei einem Doppelgespann das zur rechten Seite (Handseite) der Deichsel gehende Pferd. und Protzkasten, und die Fahrer hieben mit ihren Kantschus Kantschu – kurze, aus Riemen geflochtene Peitsche. wie toll auf die schäumenden Pferde ein. Auch die Batterie rasselte über die Brücke, aber sie protzte auf dem linken Innufer ab und richtete die Geschütze auf die innere Stadt. Ein Bataillon Infanterie folgte im Laufschritt und ging bei der Batterie im Stellung. Die Bürger flohen in die Häuser, deren Türen sie hinter sich fest verschlossen, und auch von den Fenstern verschwanden die Neugierigen. Die Schlacht mußte für die Bayern schlecht stehen; aber die Freude der Städter wurde von der Furcht niedergedrückt. Denn sie dachten daran, wie sich am 12. April der Kampf in den Straßen fortgesetzt hatte. Gegen den Berg Isel zu dauerte das Schießen unterdessen fort; doch es war schwächer geworden, und die Kanonen sprachen seltener ihr unheimliches Wort hinein. Infanterie-, Kavallerie-. und Jägerabteilungen hasteten in kurzen Pausen durch die Straßen. Die Abstände wurden immer kürzer, und die Ordnung hörte auf. Alle Waffengattungen drängten in buntem Gemisch vorwärts, dazwischen Munitionskarren, Bagagewagen und Geschütze. Es war eine heillose Verwirrung, in der jeder einzelne sich seinem Weg mit Gewalt und unter Schreien, Schimpfen und Fluchen zu bahnen suchte. Kameraden stießen einander mit dem Gewehrkolben fort, Offiziere hieben mit dem Säbel drein, Kavalleristen spornten ihre wild gewordenen Pferde an. Achsen krachten und brachen, Pferde und Menschen fielen durcheinander. Und dann stauten sieh die Massen, standen eingekeilt in den engen Gassen und schrien. Wutgeheul erfüllte die Luft; dazwischen vernahm man das Knallen von Gewehren, die sich von selbst entluden. Endlich begann sich der Wirrwarr zu lösen; aber schon wälzten sich neue Scharen heran, stürmten über die Zertretenem vorwärts, und immer schwieriger wurde die Passage durch die umgestürzten Fuhrwerke und Kanonen. Viele Fahrer ließen ihre Geschütze und Wagen stehen und suchten sich mit ihren Pferden zu retten. Durch alle Gassen wälzten, drängten und schoben sich die Flüchtigen der Brücke zu. Wer fiel, war verloren. Manche suchten sich vor dem Erdrücktwerden in die Häuser zu retten; aber die Türen waren verschlossen, und das Donnern der Kolben gegen das Holz und das Zusammenkrachen der Tore mischte sich in das Ächzen, Fluchen und Heulen. Dann trat eine Stille ein. Und unmittelbar darauf kam es wie ein Brausen aus der Vorstadt heran; es wurde stärker und immer stärker, alle Fenster flogen auf, Kopf an Kopf drängte sich in ihnen, Tücher wehten, Hände winkten. Hurra! Hurra! Hurra! Wie Wogendonner an Felsenufern stieg der Ruf ununterbrochen zum Himmel auf. Er galt den Tiroler Schützen, die jetzt, die Büchse schußbereit im Arm, als Spitze der Vorhut die Straße heraufkamen. Das Soutien Soutien – die hinter einer ausgeschwärmten Schützenlinie geschlossen zurückbleibende Truppenabteilung, die nach Erfordernis in das Schützengefecht einzugreifen hat. folgte. Es bestand aus den Vigilern, verstärkt durch Leute aus dem Pustertal sowie dem unteren Inntal, und ihr Führer war Ambros. Er hatte im Kampfe seinen Hut verloren; wirr hing ihm das schwarze Haar um das von Schweiß, Staub und Pulverdampf beschmutzte Gesicht, aus dem die Augen mit einem übernatürlichen Glanz leuchteten, nicht siegesfreudig, sondern dämonisch. Die Klinge seines Säbels war wie mit Rostflecken überzogen, und seine Joppe hing ihm in Fetzen um die Schultern. Bei der St. Annensäule ließ er haltmachen. Da flogen alle Haustüren auf, und die Bewohner stürzten auf die Straße, um die Sieger zu begrüßen und mit Speise und Trank zu erquicken. Das Hurra aber brauste fort und fort; denn immer neue Scharen der Sieger zogen in die Stadt ein. Der nächste Morgen sah keinen bayrischen Soldaten mehr auf Tiroler Boden. Der Feind war in der Nacht entwichen, still, gleich einem Dieb. Und in den Siegesjubel der Tiroler klang die doppelte Freudenbotschaft, daß auch Vorarlberg die Fremdherrschaft abgeschüttelt hatte und daß Kaiser Napoleon bei Aspern von Erzherzog Karl geschlagen und damit der Nimbus seiner Unbesiegbarkeit zerstört worden war. 25. Kapitel Ave Maria! Von den Männern und Frauen, die bei dem ersten Heuschnitt auf den Wiesen beschäftigt waren, nahmen die einen die Hüte ab, die anderen falteten die Hände. Dann schulterten sie die Rechen und wanderten ihren Dörfern und Hütten zu, aus deren Schloten blaue Rauchwolken in die Luft sich kräuselten. Über den Feldrain, der von Monthan nach dem Spitzhörndlbach führt, schritt einer, der des Friedensgrußes, der von St. Vigil herüberklang, nicht achtete. Er war mit Säbel und Stutzen bewaffnet und schaute mit finsterer Miene auf den Kirchturm von St. Vigil, der schlank und weiß zum Himmel deutete. Es war Ambros. Ein paar Fleischwunden, auf die er in der Hitze des Gefechtes nicht geachtet, hatten ihn noch in Innsbruck zurückgehalten, nachdem die Landwehren heimgezogen waren. Er hatte mit dem Heldenmut eines Mannes gekämpft, der gegen den Tod völlig gleichgültig ist. Der Gedanke oder Wunsch, durch eine barmherzige Kugel von den Qualen befreit zu werden, hatte ihm völlig ferngelegen. Nein, er sehnte sich nicht nach dem Tode. Erfüllt von dem Gefühl, daß seine Reue nutzlos sei, hatte er nur danach getrachtet, der Schrecken und das Verderben des Feindes zu werden. Es gab kein Mittel, das Unheil, das er angerichtet hatte, wiedergutzumachen! Diese Überzeugung hatte sich, während seine Wunden ihn zur Untätigkeit verurteilten, immer tiefer in ihm festgesetzt, zugleich mit der Reue, die sich von dem Gedanken an die Treue, Opferfreudigkeit und Lieblichkeit derer, die er zugrunde gerichtet hatte, nährte. Die Erinnerung daran, von dem ersten aufkeimenden Glück bis zu dem Rausch an seinem Hochzeitstage, hatte auf dem ganzen Wege von St. Lorenzen her eine Leidensstation an die andere gereiht. Das Herz lag ihm kalt und schwer in der Brust, als er den Dorfanger heraufkam und seinen Schritt nach der Pfarre vom St. Vigil lenkte; er wußte von Sampogna und Mutschleitner, daß sich Stasi dort bei seinem Bruder befand, und wollte dem Entsetzlichen sofort ins Auge blicken. Da gewahrte er jenseit der niedrigen Kirchhofsmauer die große, hagere Gestalt seines Bruders. Er ging zu ihm. Hannes aber war nicht allein: Vor ihm auf dem Grabhügel ihrer Mutter saß Stasi. Seit sie wieder in St. Vigil war, pflegte sie stundenlang hier zu sitzen. Hannes war gekommen, um sie zu suchen, da sie sich zum Abendessen nicht in der Pfarre eingefunden hatte, und er redete ihr freundlich zu, mit ihm nach Hause zu gehen. Sie erhob sich gerade, als Ambros um die Ecke der Kirche bog. Erschrocken machte Hannes ihm ein Zeichen, fernzubleiben. Ambros aber rief Stasi bei Namen und eilte auf sie zu. Sie wandte ihm ihr Gesicht zu; es war blühend wie in den Tagen des Glücks, und noch schwebte um ihre Lippen das stille, blöde Lächeln, das sich zu zeigen pflegte, wenn Hannes mit ihr sprach. Aber es schwand, und ihre sanftem braunen Augen wurden bei dem Anblick ihres Mannes starr und starrer. »Stasi! Stasi!« rief er in den Tönen schmerzlichster Angst und wollte ihre Hände ergreifen; sie aber streckte die Hände abwehrend gegen ihn aus und wich mit den Anzeichen heilloser Furcht vor ihm zurück. Da rief er, der Winke des Bruders nicht achtend, verzweiflungsvoll: »Stasi, um aller Heiligen willen, erkennst du mich mit?« Ein Zittern überflog Stasis Körper, und über ihre Lippen glitt es wie in tödlicher Angst: »Ja …, deine Augen …, du bist der Versucher!« Und mit einem Schrei floh sie, Schutz suchend, an die Brust des Pfarrers. In Hannes' Arme floh sie vor Ambros! Mit dem dumpfen Aufächzen eines zu Tode Getroffenen brach Ambros bei dem Grabe in die Knie. Hannes führte Stasi, die fortwährend wie ein Espenblatt zitterte, hinter der Kirche herum nach Hause, worauf er sofort wieder zu Ambros zurückeilte. Er fand ihn jedoch nicht mehr. In seinen Mienen spiegelte sich eine tiefe Bewegung. Seit er von den heimgekehrten Kämpfern erfahren, daß Ambros am Leben war, hatte er sich der Hoffnung hingegeben, daß sich bei dem Wiedererscheinen seines Bruders die Bande, die Stasis Geist gefangenhielten, lockern und lösen würden. Doktor Ostler selbst hatte auf eine solche Möglichkeit, ja Wahrscheinlichkeit hingewiesen, und nun war Stasi mit Entsetzen vor Ambros zurückgewichen! Hannes nahm seinem Hut ab und wischte sich mit dem Tuche die Stirn, obgleich sie völlig trocken war. Ambros hatte sich zu seinem Gehöft hinaufbegeben. Die Stube war leer. Als er über die Schwelle trat, gedachte er des Fluches der Witwe Larseit. Er war an ihm in Erfüllung gegangen! Er hängte seine Waffen an die Wand, schob sich einen Stuhl an dem Tisch und stützte den Kopf in die Hände. David begoß unterdessen im dem Gärtchen die Blumen. Der Rosenstock war voller Knospen, deren grüne Hüllen schon hier und da die roten Blütenblätter zu sprengen begannen. David betrachtete sie voll Zärtlichkeit und setzte sich dann auf das Bänkchen. Mona, die ihm noch immer die Wirtschaft führte und ihn vollkommen beherrschte, störte ihn aus seiner beschaulichen, hindämmernden Ruhe. Aufgeregt berichtete sie, daß der Ambros Falkner in der Stube sitze. David betrachtete sie eine Weile mit seinen verschwommenen Augen und sagte: »Ja, ich weiß nit; es hat ja geheißen, daß er wiederkommen würd.« »Und jetzt ist er da!« rief Mona. »Er hat gar nit aufgeschaut, wie ich in die Stub gekommen bin. Ihr müßt zu ihm gehn, Vater David. Er wird auch was essen wolln. Fragt ihn das.« David erhob sich mit einem leisen Seufzer und ging, von dem halbwüchsigen Mädchen gefolgt, in die Stube. »Gelobt sei Jesus Christus!« sagte er. Ambros hob den Kopf, und nachdem er David erkannt hatte, streckte er ihm die Hand hin und brummte: »Grüß Gott, Ohm.« Dieser setzte sich ihm gegenüber und wiegte den Kopf stumm hin und her. Mona stieß ihn leise mit dem Ellbogen an, um ihn an den Auftrag zu erinnern, den sie ihm gegeben hatte. David erinnerte sich und sagte: »Ja, ich weiß nit; du wirst was essen wohn?« »Ja, ich hab Hunger«, murmelte Ambros zerstreut. Mona trug die Reste des Abendessens auf. Sie hatte Furcht vor Ambros; aber sie konnte die Augen nicht von ihm wenden. Er sah so unheimlich und zugleich so unglücklich aus. Ambros fing einen ihrer Blicke auf und fragte David, wer sie sei. »Das ist Schullehrers Mona«, versetzte dieser. Da wurde sie rot, lief aus der Stube und kam nicht wieder. Ambros aß einige Bissen; dann schob er den Teller fort und stützte den Kopf auf den Arm. »Ja, sie hat die arme Stasi in ihrer schweren Krankheit rechtschaffen gewartet«, unterbrach David nach einer langen, langen Weile das Schweigen. Er meinte Mona. Nach einer weiteren Pause murmelte Ambros: »Ich hab sie gesehn, Ohm.« David ächzte. Ambros strich sich einigemal über die Stirn und sagte nach einigen Sekunden: »Erzähl mir von ihrer Krankheit, Ohm!« Es war mittlerweile ganz finster geworden. David ächzte abermals, schüttelte seinen großen Kopf und versuchte zu berichten. Ambros unterbrach ihn mit keinem Wort und blieb auch stumm, nachdem David zuletzt den Schrecken geschildert, in den sich ihrer aller Freude über die glücklich überstandene Krisis verwandelt hatte, als Stasis Geistesstörung offenbar geworden war. »Und seitdem sucht sie allerwärts ihr Kind und glaubt's nit, daß es bei Gott ist«, schloß er mit schwankender, kaum verständlicher Stimme. Ambros hatte den Kopf in beide Hände gestützt, um zu verbergen, daß seine Augen naß waren. Nach einiger Zeit schlurfte David aus der Stube und begab sich zur Ruhe, ohne dem Heimgekehrten eine gute Nacht zu wünschen. Beim Frühmahl am nächsten Morgen äußerte er: »Es ist mir lieb, daß du wieder da bist. Jetzt, wo die Bayern zum Land hinausgejagt sind, wird sich unser Kloster auch wieder auftun, und dort will ich meine letzten Tage in Frieden beschließen. Ach, was ist das für eine Welt!« »Wir reden wohl ein andermal davon, wie's auf dem Hof werden soll«, erwiderte Ambros, der dem Frühstück mit gutem Appetit zusprach. Die Natur machte ihr Recht geltend. Auch gut geschlafen hatte er, obgleich er sich gefürchtet hatte, sich niederzulegen. Die körperliche Ermüdung hatte die Erinnerungen, vor denen ihm unter seinem Dache gegraut, nicht aufkommen lassen. David ging nach dem Frühstück mit Mona auf die Halde, die sich hinter dem Gehöft zum Lärchenwalde emporhob, um dort mit dem Heuen zu beginnen. Ambros nahm die Felder und Wiesen im Augenschein. Er fand manches vernachlässigt und die Äcker schlecht bestellt. Es hätte viel zu tun gegeben, um die Wirtschaft wieder instand und in die Höhe zu bringen; aber es reizte Ambros nicht, Hand anzulegen. Sein Schaffen erschien ihm zwecklos. Er wollte nach Österreich gehen und Soldat werden. Eben war er wieder nach Hause gekommen, als seine Schwester und hinter ihr Hannes in der Stube erschienen. Lisei umschlang mit überwallendem Gefühl seinen Hals; voll schwesterlicher Liebe blickte sie ihm im die Augen, und unter einem Lächeln begannen sich Perlen an ihre Wimpern zu hängen. Ambros drückte sie kräftig an sich und sagte aus dem Herzen heraus: »Grüß Gott, Schwester!« Dem Bruder reichte er stumm die Hand, und stumm drückte Hannes sie. »Daß du wieder da bist, Brosi!« stammelte Lisei tiefbewegt. »Unser Bruder ist noch gestern abend zu mir gekommen, um es mir zu sagen. Jetzt mein ich, daß noch alles gut werden wird.« »Wie kann's noch gut werden?« fragte Ambros düster. »Sie hat mich für dem leibhaftigen Bösen gehalten.« »Darauf darfst du nix geben; das ist die Krankheit«, nahm Hannes das Wort. »Du bist zu plötzlich vor ihr erschienen. Hätten wir sie auf das Wiedersehen erst vorbereiten können, wär die Wirkung wohl eine andre gewesen. Sie ist noch immer aufgeregt und unruhig, und ich bitt dich daher, dich einstweilen nit vor ihr zu zeigen.« »Du mußt noch ein wenig Geduld haben, armer Brosi, du«, sagte Lisei. Ambros schüttelte dem Kopf. »Ihr meint's gut, und ich dank euch dafür«, antwortete er. »Und ich dank besonders dir, Lisei, deren schwesterliche Lieb ich immer so schlecht vergolten hab und die doch selbst so viel zu leiden hat!« Hannes wendete sich nach dem Fenster und zog seine Dose hervor. Lisei aber hatte den Mut, zu erwidern: »Was redst du da von Leiden? Ich versteh's nit.« »Ich soll wohl glauben, daß du mit dem Jerg glücklich bist?« fragte er. »Schau, es hat mich hart gedrückt, daß ich glaubt, ihn totgeschlagen zu haben. Aber ich wollt, ich hätt's getan! Dann hätt der Vater dich nit zwingen können, ihn zu heiraten.« »Aber du irrst dich ganz und gar, Brosi; der Vater hat mich nit dazu gezwungen«, entgegnete Lisei, wobei sich ihr Gesicht lebhafter rötete. »Ich hab ihn aus freien Stücken genommen. Aber lassen wir das.« »Freiwillig?« rief er. »Du den Jerg? Und der Wolf?« Lisei hob verlegen bittend ihre Hände zu ihm auf, während ihre Wangen dunkelrot glühten. Hannes kehrte sich ihnen wieder zu und sagte: »Ja, sie hat ihn freiwillig genommen, du kannst's ihr glauben. Sie hat sich in den Willen des Vaters gefügt, unsrer aller wegen und zumeist um deinetwillen. – Nein, Lisei, laß mich nur reden! Der Ambros soll jetzt gleich alles wissen!« »Wann Sie meinem, daß er's wissen soll, nachher will ich ihm lieber selbst erzähln, wie's gekommen ist«, rief Lisei. »Komm, Brosi, setze dich her zu mir!« Sie ergriff ihn bei der Hand und zog ihn mit sich nach der Ofenbank. Dabei warf sie Hannes einen bittenden Blick zu, und dieser äußerte, sie verstehend, er wolle inzwischen einen Krankenbesuch machen. »Schau, Brosi«, begann Lisei, nachdem Hannes sich entfernt hatte, »wie damals das Unglück mit dem Jerg und mit der armen Stasi geschehn ist, ha hab ich nit anders vermeint, als daß das Strafgericht Gottes über uns alle hereingebrochen wär. Und unser Bruder hat ein Wort gesprochen, von dem mir das Herz geschüttert hat. Hier, in dieser nämlichen Stub, ist's gewesen, an dem Abend, wo's sich hat entscheiden solln, ob die Stasi am Leben bleiben würd oder sterben müßt. Wann der Mensch glaubt, daß seiner Selbstsucht alles erlaubt ist und er alles unter die Füß treten kann – eines Tags muß er's entgelten! So hat der Hannes damals gered't. Das aber haben wir wohl alle geglaubt. Ach, Brosi, das hat deiner armen Frau schwer und schwerer auf dem Herzen gelegen, daß sie um deinetwillen das Versprechen nit gehalten, das sie ihrer Mutter auf dem Sterbebett gegeben hat. Und so hab ich gedacht, daß, wann ich dem Vater seinem Wunsch erfüllen würd und den Jerg heiraten tät, daß hernach Frieden werden würd zwischen ihm und euch beiden, dir und dem Hannes, und auch zwischen dir und dem Jerg und daß der Vater dir vergeben würd.« »Und was hat er mir zu vergeben?« grollte Ambros. »Ist seine Hartherzigkeit und sein Haß gegen den Kaspar Larseit nit schuld an allem?« »Ach ja, der Haß hat viel verschuldet«, erwiderte die Schwester leise. »Aber das hat der Vater nit verschuldet, daß du die arme Stasi so krank hast wiederfinden müssen.« »Das ist die Verwünschung ihrer Mutter«, murmelte Ambros, beiseite blickend. Lisei schüttelte verneinend den Kopf. »Gegen deine Lieb hätt die Verwünschung ihrer Mutter nix ausgerichtet«, sagte sie mit bekümmerter Stimme. »Du selbst hast dem Fluch erfüllt durch deine Untreu gegen sie. Und auch den Frieden in der Mühl hast du dadurch gestört.« Ambros sank wie vernichtet in sich zusammen. Nur mühsam brachte er hervor: »Und auch dich hab ich unglücklich und elend gemacht? – Lisei, ich ertrag's nit!« »Nein, nein! Sei davon still!« bat sie und zog ihn wieder zu sich auf die Bank; sie legte ihren Arm um seinen Nacken und fuhr fort: »Der Vater und der Hannes sind miteinander ausgesöhnt, und der alte Angaya hat dir verziehn; auch der Vater will dir vergeben, das hat er mir an meinem Hochzeitstag gelobt. Es braucht nur ein gutes Wort von dir.« Ambros rang schwer mit sich. »Die Leut haben mir erzählt, was du für ein tapfrer Held geworden bist«, sagte Lisei mit einem Lächeln. »Zeig's jetzt auch mir, indem du dein Herz besiegst. Du kannst dir vorstelln, wie unglücklich der Vater ist, daß er dem Hof verlorn hat. Sei großmütig!« »Ich sollt vor dir niederknien, Lisei!« rief er. »Sei's denn um deinetwilln!« »So laß uns gehn«, bat sie und stand auf. »Wohin?« »Zum Vater!« »Jetzt gleich?« rief Ambros. »Ein andermal! Es eilt ja nit.« »Ja, Brosi, es eilt!« versetzte sie und holte ihm seinen Hut. »Du sollst dein Herz nit kalt werden lassen. Und glaubst du denn, der Vater weiß nit, daß du wieder da bist? Was muß er denken, wann du heut nit zu ihm kommst?« Sie gab nicht nach, er mußte sie begleiten. Wie glücklich leuchtete ihr gutes Gesicht, als sie neben dem Bruder nach der Försterei hinunterging. Ambros blickte nichts weniger als glücklich oder auch nur zufrieden; er dachte an seine letzte Begegnung mit dem Vater vor dem »Stern«. Der Klosterbauer saß in der Stube und rechnete. Immer nur von dem Gedanken erfüllt, wieder ein reicher Mann zu werden, verbrachte er seine Zeit mit allerlei Spekulationen. Jetzt trug er sich mit dem Plan, die verfallene Mühle im Bannwald, an die sich so unheimliche Sagen knüpften, an sich zu bringen und wieder instand zu setzen. Er machte gerade einen Voranschlag, und Vefa spann in einer Ecke, als Lisei froh erregt mit den Worten hereintrat: »Vater, hier ist der Ambros!« »Alle gutem Geister!« rief Vefa erschrocken, und der Faden zerriß zwischen ihren Fingern. »Ja, hier bin ich! Grüß Gott, Vater«, sagte Ambros mit fester Stimme, während er auf den Tisch zuging. Der Klosterbauer sah ihn an, ohne den Bleistift aus der Hand zu legen, er sagte kein Wort, sondern preßte die Lippen zusammen, und die Mundwinkel zogen sich herab. Ambros richtete sich unwillkürlich höher auf; im nächsten Augenblick jedoch streckte er dem Alten die Hand hin und sagte: »Vergib mir!« Die Hand blieb unberührt. Die Bitte war freilich auch kühl genug vorgebracht worden. »Ach, Vater, was hast du mir doch versprochen?« rief Lisei vorwurfsvoll. »Da ist der Brosi jetzt und bittet dich um Verzeihung, wie du's verlangt hast!« Da legte der Klosterbauer seine Hand in die des Sohnes; aber er sagte kein Wort dazu und erwiderte auch nicht dem Druck, mit dem Ambros seine Hand umspannte. Steif und empfindungslos lag sie im der seinen. Ambros wurde feuerrot. Lisei sah ihm bittend am, und flehend wandte sie sich am den Vater, er möge doch nur ein Wort sprechen. Ambros wartete darauf um der Schwester willen. »Du bist also wieder da«, sagte der Klosterbauer endlich. »Das ist ja denn gut!« Damit nahm er den Bleistift, den er hingelegt hatte, wieder auf. Ambros drehte an seinem Schnurrbart und bemerkte nach einigem Zögern: »Ich hab dich in deiner Arbeit unterbrochen; ich will wiederkommen, wann du Zeit hast« Lisei hielt ihn zurück. Ein Weilchen Zeit hätte der Vater wohl noch, äußerte sie und nahm diesem, der sich wieder über seine Zahlen gebeugt hatte, mit sanfter Gewalt den Bleistift aus der Hand. Die Furcht, daß die Begegnung erfolglos verlaufen könnte, machte sie so kühn. Zornig zuckte es durch die Brauen des Klosterbauern, aber er sagte nichts und lehnte sich mit geschlossenen Augen zurück. »Der Vater weiß, daß ich in ehrlicher Absicht hergekommen bin«, meinte Ambros, »und daß ich nix von ihm begehr als seine Vergebung dafür, daß ich die Stasi gegen seinen Willen geheiratet hab.« »Ich hab freilich keinem mehr was zu geben; ich bin jetzt ein armer Mann«, erwiderte der Klosterbauer, und bitteres Mitleid mit sich selbst drückte sich deutlich in seinen Worten aus. »Da muß ich dir ja dankbar sein, daß du dich noch um mich alten armen Mann kümmerst und dich von der Lisei hast bewegen lassen, zu mir zu kommen.« »O Vater!« rief Lisei schmerzlich. Er aber fuhr fort, indem er die Augen öffnete und einen feindseligen Blick auf seinem Sohn schoß: »Und hättst du die Eckschlagerin geheiratet, wär alles anders gekommen.« »Der Vater weiß, warum's halt nit hat sein können«, entgegnete Ambros mit mühsam unterdrückter Aufwallung. »Um deinetwilln tut's mir leid, daß der Klosterhof verlorngegangen ist. Mir ist er unheimlich geworden, und ich hab nit mal nach ihm umgeschaut, wie ich heimgekommen bin. Er hat uns allen kein Glück gebracht, auch dir nit, Vater. Wie ein Sumpf, aus dem das Fieber kommt, hat er uns alle krank gemacht. Er hat alles vergiftet.« Der Klosterbauer richtete sich steif aus seinem Stuhle auf und starrte ihn mit weitgeöffneten Augen an. »In dem Stück aber hast du recht: ja, ich bin um der Lisei willn hergekommen«, fuhr Ambros nach einem tiefen Atemzug fort und heftete seine Augen auf die Schwester. »Denn ich weiß, was sie hingegeben hat aus Lieb zu dir und zu mir, um uns beide miteinander auszusöhnen. Ich hab's erkannt – jetzt, wo's für mich zu spät ist –, was das wert ist, was die Lisei für uns hingegeben hat. Was will dein verlorner Klosterhof dagegen bedeuten? Du hast mir die Hand gereicht, und so mag's denn für jetzt gut sein. Es brauchen alle Wunden Zeit, um zu heilen, und alle Frucht, um reif zu werden.« Der Klosterbauer sah mit zusammengezogenen Brauen vor sich nieder. Es nagte an ihm, daß er dagegen nichts vorbringen konnte. »Laß uns denn warten, Vater«, sagte Ambros. »Adjes!« Er nickte der Schwester zu und ging nach der Tür. »Es hat einer leicht verliern, was er nimmer besessen hat!« kam es jetzt grämlich bitter über die Lippen des Alten, während er aufstand. Ambros, der schon die Hand nach der Türklinke ausgestreckt hatte, wandte den Kopf noch einmal zurück und rief mit aufflammenden Augen: »Und hab ich nix verlorn? Und bist du daran ohne Schuld? Aber wir wolln nit rechnen!« Die Tür fiel hinter ihm zu. Vefa, die sich, von Ambros gänzlich unbeachtet gelassen, bisher ganz still in der Ecke gehalten hatte, rief jetzt giftig: »Ist das ein Hochmütiger! Jetzt hätt bloß noch gefehlt, daß der Klosterbauer vor ihm auf die Knie hätt falln müssen! Freilich, der Klosterhof ist für ihn ja bloß ein Sumpf!« Mit einem energischen Fußtritt setzte sie ihr Spinnrad wieder in Bewegung. Lisei trat vor den Vater, dem sich über die Worte seines Sohnes das Blut in die Wangen gedrängt hatte, erfaßte seine Hände und sah ihn mit einem langen, vorwurfsvollen Blick an. »Leb wohl, Vater!« war alles, was sie schließlich sagte. Der Klosterbauer stapfte in der Stube auf und ab. Plötzlich blieb er vor Vefa stehen und schrie sie heftig an, sie solle sich mit ihrem Spinnrad aus der Stube scheren, er könne das ewige Schnurren nicht leiden. Lisei hatte nicht vermutet, daß die Brust des Vaters noch so viel Groll gegen Ambros barg, und niedergeschlagen kam sie nach Hause. Das Eis zwischen beiden hatte zwar einen Riß bekommen, aber wieviel Zeit würde es noch brauchen, bis es schmölze – wenn es überhaupt je schmölze! Jerg beobachtete sie verstohlen; denn ihm war bei der Rückkehr seines Schwagers nicht wohl zumute. Um sie auszuforschen, äußerte er hämisch: »Das Wiedersehn scheint ja recht erfreulich gewesen zu sein. Er hat dich wohl rechtschaffen getröstet, daß du seinen besten Freund geheiratet hast?« »Du unglücklicher Mensch, mußt du denn jedes Gefühl verhöhnen?« seufzte Lisei. »Ich hab keinen Trost von meinem Bruder begehrt, denn wollt ich mein Elend zu klagen anfangen, wo fänd ich ein End? Aber ich bitt dich – du bildst dir ja so viel auf deine Klugheit ein –, denk doch nach, ob's nit dein Vorteil ist, wann du dich mit meinem Bruder gut stellst. Du hast jetzt keinen mehr im ganzen Tal, der dir auch nur den kleinen Finger reichen möcht.« »Als ob ich einen braucht!« rief er geringschätzig. »Es könnt freilich einer zuletzt unter all den Narrn seinen Verstand verliern!« Es war in der Tat mit ihm so weit gekommen, wie Lisei sagte. Die Vigiltaler verziehen es ihm nicht, daß er zu Hause geblieben war, während sie ihr Leben für das Vaterland eingesetzt hatten. Keiner wollte ihm mehr Rede stehen oder richtete das Wort an ihn. War er im Wirtshaus, so setzte sich keiner an seinen Tisch, es mochte noch so voll sein, oder die Leute standen auf und suchten sich andere Plätze, wenn er sich zu ihnen setzte. Er versuchte der Acht, die über ihn verhängt war, Trotz zu bieten, ließ sich prahlerisch vom besten Wein geben und führte laut anzügliche und höhnische Reden. Dummköpfe seien es, die sich für Österreich totschlagen ließen. Erst hetze es die Tiroler gegen die Bayern und Franzosen auf, und nachher lasse es sie in der Patsche stecken. Mancher ballte wohl ob solcher Reden die Faust; Jerg erhielt jedoch keine Antwort. Er war für niemanden vorhanden. Wo er stand, war er isoliert, wo er saß, rückten die Nächsten so weit wie möglich von ihm ab. Nichts aber ergrimmte ihn innerlich so wie die Anerkennung und Achtung, mit der er die Dörfler von der Tapferkeit Ambros' reden hörte, und seit Ambros wieder in St. Vigil war, mied er Kirche und Wirtshaus. Ambros ließ, sich unterdessen nur selten einmal sehen. Er mied die Menschen, weil ihm sein Leid keine Freiheit ließ. Kam er einmal in den »Stern« und das Gespräch lenkte sich, wie es natürlich war, auf die jüngsten Kriegsereignisse, dann verhielt er sich still. Ein Prahler war er nie gewesen, weder früher in dem hochmütigen Bewußtsein seiner Überlegenheit über die andern noch jetzt, da er erfahren hatte, daß andere in dem Kampf gegen den Feind ebensoviel und noch mehr als er geleistet hatten. Sein Vorsatz, in Österreich Kriegsdienste zu nehmen, stand fest; jedoch verschob er die Ausführung von einem Tag auf den andern. Die Liebe zu Stasi hielt ihn in St. Vigil fest. Aus aller Selbstsucht, Verblendung und Unlauterkeit hatte sich diese Empfindung nun freigerungen und durchglühte seine Brust. Wahrlich, die Folgen seines unseligen Tuns konnten ihn nicht härter treffen als durch das zu späte Erwachen seiner Liebe. Er half David fleißig bei den Feldarbeiten; aber gegen Abend stand er regelmäßig an der Hecke vor seinem Hause und schaute nach dem Kirchhof hinunter. Stasi zeigte sich jedoch nicht. Wie er von seinen Geschwistern erfuhr, war sie zwar allmählich ruhiger geworden, aber vor dem Kirchhof hatte sie Furcht: dort gehe der Böse um. Und der Böse war er! Als er eines Tages in St. Vigil zu tun hatte, erfuhr er, daß sich das Kriegsgewitter, das sich seit dem Tage von Aspern über Österreich zusammengebraut, in einem furchtbaren Schlage entladen habe. Erzherzog Karl, der, statt seinen damaligen Sieg energisch auszunutzen, untätig in seiner Stellung verharrt und dadurch Napoleon Zeit gegeben hatte, Verstärkung auf Verstärkung heranzuziehen, war aufs Haupt geschlagen worden. Dieser Nachricht folgte bald die andere, daß ein Waffenstillstand abgeschlossen sei. Und über dessen Bedingungen verbreiteten sich die beunruhigendsten Gerüchte. Der Landrichter, Planta und Mutschleitner fuhren nach Bruneck, um bei Peter Hueber nähere Erkundigungen einzuziehen. Dieser empfing sie mit sorgenvoller Miene. Andreas Hofer hatte geschrieben, daß der Waffenstillstand die Räumung Tirols bedinge, aber nicht sage, ob zugunsten Bayerns oder Frankreichs, und daß er kein Wort über eine Amnestie für die Tiroler enthalte. »Also das ist die Meinung im Hoflager!« bemerkte Herr Zengerl mit einer tiefen Falte zwischen den Brauen. »Man gratuliert dem General Chasteler, der davongelaufen ist, in gnädigem Handschreiben, daß er Tirol so standhaft und ruhmvoll behauptet hätt, aber alles, was Tirol für Österreich getan hat, soll nix gelten, und das Land hat für seine Opfer an Gut und Blut keine Dankbarkeit zu beanspruchen!« »Dennoch ist's des Hofers Meinung, daß wir den Waffenstillstand einhalten müssen, wann ihn der Feind einhält«, sagte Hueber. »Die österreichischen Truppen sind längst abberufen und auch die wenigen, die noch im Land gestanden, bereits abgezogen. Mit ihnen sind die österreichischen Kommissare und Regierungsbeamten geflohen, und mancher Tiroler, der die Rache des Feindes fürchtet, hat sich als Soldat verkleidet. Sie wird auch schwerlich ausbleiben, die Rache.« Man müsse ihr mit dem Schwert in der Faust zuvorkommen, rief der Oberförster mit seiner tiefen Stimme. Hueber aber versetzte kopfschüttelnd: »Dazu ist der Hofer nit zu bewegen, denn er will sich nit ins Unrecht setzen. Die österreichischen Generale haben uns schon immer Rebellen genannt, und der General Buol hat bei seinem Abzug an der Grenze alle seine Geschütz samt Munition lieber den Franzosen übergeben, als sie uns zu lassen.« »Das ist ja Feigheit und Landesverrat zugleich!« rief Herr Planta in hellem Zorn. »Wär ich der Erzherzog Karl, ich ließ den Hund von hinten erschießen!« »Ereifert Euch nit, alter Freund!« sagte der Landrichter. »Er ist kein französischer General, sonst könnt's ihm von seinem Kaiser passiern. Dem Hofer kann ich aber nur zustimmen, wann er das Recht auf seiner Seit behalten will.« »Ja, im Recht müssen wir bleiben«, pflichtete ihm Mutschleitner bei. Zur selben Zeit aber wurde das Recht durch den Feind bereits unter die Füße getreten. Marschall Lefebvre Lefebvre – François-Joseph Lefebvre, Herzog von Danzig (1755-1820); wurde 1804 von Napoleon zum Marschall von Frankreich ernannt, nahm u. a. an der Schlacht bei Jena (14. 10. 1806) und bei Eylau (8. 2. 1807) sowie an den Kämpfen in Spanien (1808) teil, leitete die Belagerung von Danzig (Einnahme am 26. 5. 1807) und unterdrückte 1809 als Befehlshaber der bayrischen Armee den Volksaufstand in Tirol. war mit Bayern, Sachsen und Franzosen von Salzburg her eingerückt und hatte, ohne sich an die Proteste Hofers zu kehren, Innsbruck besetzt, wo er wie in einer eroberten Stadt hauste, während der französische General Rusca Rusca – François-Dominique Baron Rusca (1761-1814), französischer General; schlug die österreichische Armee 1809 mehrmals. von Süden her plündernd, sengend und mordend vordrang und jeden Tiroler, der mit der Waffe in der Hand ergriffen wurde, sofort erschießen ließ. Eines Nachmittags – die Leute waren überall auf den Feldern mit der Kornernte beschäftigt – ertönte in St. Vigil die Sturmglocke. Bei ihren raschen, kurzen, ängstlichen Schlägen ließen die Leute alles stehen und liegen und eilten nach dem Dorfplatz. Von allen Seiten, von allen Hängen und Hügeln, aus allen Gehöften und Häusern kamen sie herbeigeströmt, Männer und Frauen, und drängten in die Kirche, deren Pforten weit offenstanden. Hannes bestieg die Kanzel, einen Laufzettel des bärtigen Andrä in der Hand, der eben an Mutschleitner überbracht worden war. Hofer rief zu den Waffen. Der Waffenstillstand war gebrochen, Marschall Lefebvre befand sich auf dem Marsch über den Brenner. Einem seiner Kuriere an den General Rusca war eine lange Proskriptionsliste Proskriptionsliste – Namensliste von (meist aus politischen Gründen) Geächteten. abgenommen worden. »Ihr seht, wie die Sachen stehn, liebe Freunde«, fuhr Hannes nach diesen Mitteilungen fort. »Wir müssen uns wehrn, bis wir die Bayern gezwungen haben, uns eine bessere Kapitulation zu geben. Die Not drängt, die Österreicher sind alle fort aus Tirol, und wir sind auf uns allein angewiesen unter Gottes Beistand. Laßt das Getreide den Vögeln unter dem Himmel. Mag die Ernte verderben, wann nur das Vaterland nit verdirbt! Das Vaterland braucht alle seine Söhne. Zu den Waffen! Zu den Waffen!« »Zu den Waffen! Zu den Waffen!« wiederholten alle Anwesenden begeistert, die Frauen nicht ausgenommen, und das Gewölbe erdröhnte von dem Schall. Vor der Kirche trafen sich der Landrichter und der Oberförster. »Ich zieh mit«, sagte jener, und Herr Planta erwiderte: »Ich auch, das versteht sich.« Sie drückten einander die Hand, und Herr Zeugen zitierte halb sprechend, halb singend – mit einer leichten Variante seinen Lieblingsdichter: »Und setzen wir nicht das Leben ein, Nie wird uns das Leben gewonnen sein!« Und setzen wir nicht das Leben ein ... – Die letzten beiden Verszeilen von Schillers Reiterlied »Wohlauf, Kameraden, aufs Pferd!« lauten: »Und setzet ihr nicht das Leben ein, nie wird euch das Leben gewonnen sein.« Um den alten Arigaya bildete sich ein Kreis älterer Männer und beriet die Errichtung eines Landsturms. Der Müller war ganz verjüngt. Auf seinen Vorschlag wurde beschlossen, alle Männer vom fünfzigsten Jahre ab aus allen Ortschaften des Tales für den nächsten Nachmittag nach St. Vigil zu einer Versammlung einzuladen. – Der Klosterbauer hielt sich grämlich in seiner Wohnung verschlossen. Jerg aber konnte an keinen Kriegszug denken. Er hatte einen oder zwei Tage, nachdem der Landrichter mit dem Oberförster und Mutschleitner in Bruneck gewesen war, das Unglück gehabt, sich beim Aufbringen eines frischen Baumstammes in seiner Sägemühle zu verheben, und mußte seitdem das Bett hüten. »Der Spektakel geht also wieder los!« äußerte er zu Lisei, als er das Wimmern und Heulen der Sturmglocke vernahm. »Willst du auch diesmal wieder daheim bleiben?« fragte sie bekümmert. »Läßt's dich denn ganz kalt, was die Leut von dir denken? Ich möcht vor Scham um dich in die Erd sinken. Jetzt kannst du noch alles gutmachen, und ich bitt dich um Gottes willen, laß die Gelegenheit nit so vorübergehn! Steh auf, nimm deinen Stutzen und bring dich wieder zu Ehrn!« »Kann ich denn ein Glied rührn!« stöhnte er. »Aber freilich, das wär dir lieb, wann ich mich von der Tollheit anstecken ließ! Du denkst, es träf mich wohl eine Kugel, und du wärst mich los!« Lisei richtete ihre schlanke Gestalt hoch auf und maß ihn mit einem verächtlichen Blick. Afra hatte ihren Mann zur Kirche begleitet; beim Hinausgehen war sie im Gedränge von ihm getrennt worden. Als sie sich nach ihm umsah, stand plötzlich Ambros vor ihr. Er hatte sie schon in der Kirche bemerkt. Seit dem Unglückstag in der Mühle hatte er sie nicht wiedergesehen. Was er für sie empfunden, war in den bitteren Schmerzen über seine Untreue untergegangen. Ihr Anblick mahnte ihn an seins Unrecht gegen sie. Mit einem trüben Lächeln reichte er ihr die Hand hin. Sie wurde bleich, als er auf einmal vor ihr stand. Im nächsten Moment überflutete eine Blutwelle das schöne Gesicht, und Feuer schoß aus ihren Augen. Sie sollte die Hand fassen, die mit ihrem Herzen gespielt hatte? In stolzer Haltung wandte sie sich von ihm ab. Er warf nur noch einen Blick auf sie und entfernte sich dann langsam. Wie war das Leben wieder heiß durch ihre Adern geflutet, wie hatte ihr Auge wieder aufgeleuchtet, als es geheißen: er kommt, er ist da! Kaum hatte sie mit Rücksicht auf ihren Mann, der diesem Augenblick um ihretwillen mit schweren Sorgen entgegengesehen, den Jubel ihres Herzens zu mäßigen vermocht, so daß er sich nicht laut Luft gemacht hatte. Nun war ja alles gut gewesen, und mit glühenden Farben hatte sie sich das Wiedersehen ausgemalt. Ihr Verstand hatte ihr freilich zugerufen, daß er Jergs wegen nicht nach der Mühle käme. Nun, so würde sie ihn in der Kirche treffen, oder er würde ihr Botschaft schicken, wo sie ihn sehen könnte! Und dann war ein Tag nach dem andern vergangen, mit Hoffnung begrüßt, mit Enttäuschung begraben. Er liebte sie nicht mehr, er hatte sie vergessen! Sie war zu stolz, um zu verraten, was sie litt, und nie war eine Frage nach Ambros über ihre Lippen gekommen. – Wie konnte sie ihm den Verrat an ihrer Liebe vergeben? Daß er es auch nur zu verlangen wagte! Lisei sah sie nach Hause kommen und ging kurz darauf zu ihr, um von ihr Näheres über die Ursache des Sturmläutens zu erfahren. Sie fand Afra in der größten Aufregung. Ihr Gesicht war weiß wie ein Tuch, ihre großen Augen glitzerten wie im Fieber, und ihre Brust drohte das Mieder zu sprengen. Sie ergriff Lisei am Handgelenk und rief: »Ist er mir denn keine Treue schuldig?« »Du bist mit Ambros zusammengetroffen?« fragte Lisei. »Ach, Afra, die Folgen seiner Untreu gegen Stasi erfülln ihn mit bittrer Reue. Wie kann seine Liebe zu dir dabei bestehn?« »Aber ich lieb ihn!« schrie sie auf. »Komm, sei doch ruhig«, sagte Lisei sanft. »Du armes Weib, ich kann ja mit dir fühln.« Afra sank auf den nächsten Sitz und brach in Tränen aus. Lisei ließ sie weinen; es war der beste Trost für sie. Sie streichelte ihr das Haar und ging nach einer Weile still aus der Stube. Afra suchte ihre Tränen gewaltsam zu ersticken. Ambros war es nicht wert, daß sie um seine Liebe weinte! Sie haßte ihn. Oh, wie sie ihn haßte! Und darüber flossen ihre Tränen nur noch heftiger. Um vier Uhr des folgenden Morgens sammelten sich die Schützen und Landwehren auf dem Kirchplatz zum Auszuge. Hannes erteilte ihnen den Segen. Dann brachen sie auf, viele von ihren Angehörigen noch eine Strecke Weges begleitet. Hier trug eine Dirne den Stutzen ihres Liebsten, dort schleppte ein Büblein stolz das Gewehr seines Vaters. Manches junge Paar hielt sich stumm bei den Händen; Eheleute sprachen noch ein letztes Wort über ihre häuslichen Angelegenheiten; eine junge Mutter reichte ihren Säugling dem Vater zum letzten Kuß; die ledigen Burschen sangen und jodelten und neckten die Mädchen, die ihnen eine schneidige Antwort nicht schuldig blieben. Ambros führte den Zug an. Er hatte von dem Vater nicht Abschied genommen. »Wozu!« hatte er auf den Vorwurf des Bruders geantwortet. »Sein Herz weiß nix von mir, wann er mir auch die Hand gegeben bat, und es ist gut, daß wir beide nit lügen mögen.« Ernst und schweigend führte er seine Schar, zu der unterwegs die Schützen von Monthan, unter ihnen der junge Eckschlager, sowie die von Enneberg und Pleiken stießen. Als sie sich der Ladritscher Brücke näherten, vernahmen sie starkes Schießen. »Habt ihr geladen, Leut?« fragte Ambros, und als er ein allgemeines Ja zur Antwort erhielt, mahnte er zur Eile. Fast laufend erreichten sie die Brücke. Da fanden sie Speckbacher, Haspinger, Kemenater und Peter Mayr von der Mahr in lebhaftem Kugelwechsel mit einer Abteilung Bayern jenseit der Eisack. Die Brücke war durch Feuer zerstört. Die Zahl der Tiroler war nicht groß, und die Verstärkung, die Ambros brachte, wurde mit lautem Hurra begrüßt. Speckbacher klopfte seinem ehemaligen Ordonnanzoffizier mit einem grimmen, lautlosen Lachen auf die Schulter und wies ihm die Stellung an, von der aus er mit seinen Leuten in das Gefecht eingreifen sollte. Der Feind erkannte denn auch bald an dem verstärkten Feuer, das er erhielt, die Aussichtslosigkeit, den Übergang über den Fluß, um den er bereits stundenlang kämpfte, zu erzwingen, und begann sich durch den Engpaß nach Unterau zurückzuziehen. »Wie ist Ihnen zumut gewesen?« fragte der Oberförster Herrn Zengerl, nachdem die letzten Schüsse gefallen waren. »Gelt, das Herz hat Ihnen wohl beim Singen der Kugeln wie einst bei Ihrem Examen geklopft?« »Nit daß ich wüßt!« versetzte der Landrichter in seiner langsamen Art. »Ich hatt mir die Geschicht bunter vorgestellt.« »Sie wird auch wohl noch bunt genug werden«, meinte Haspinger, der dazugekommen war. Unterdessen hatten Ambros und Peter Mayr einander herzlich die Hände geschüttelt, und wie sie so beieinanderstanden, glichen sie zwei jungen Kriegsgöttern. Dies war wenigstens der Gedanke des Landrichters, und auch manches andere Auge blickte mit Wohlgefallen auf sie. Wie die Vigiltaler jetzt erfuhren, stand Marschall Lefebvre bereits in Sterzing, und der Feind, mit dem sie es zu tun gehabt hatten, bildete die Spitze von dessen Vorhut. Von Verhau zu Verhau waren Speckbacher und Haspinger, zu denen sich später noch Kemenater und Mayr gesellt hatten, erbittert kämpfend durch die Schluchten und Engpässe vor dem überlegenen Feind bis zur Ladritscher Brücke, die sie verbrannt, zurückgewichen. »Wär Tirol schon unter Waffen gewesen, würd Lefebvre schwerlich über den Brenner gekommen sein!« meinte Haspinger. »Aber wir wenigen Unterinntaler konnten ihn dort nit lang aufhalten.« »Auch das hat sein Gutes gehabt«, bemerkte Speckbacher und zupfte an seinem militärisch gestutzten Schnurrbart. »Der Franzos soll uns aus den Schluchten nit heraus! Mich dünkt, das Hauptkorps der Vorhut ist irgendwo steckengeblieben, sonst hätten wir hier heißere Arbeit gehabt. Der Andrä wird's wohl festgenagelt haben. Und jetzt, Leut, schafft Bäume herbei, damit wir über die Eisack können. Wir müssen das Spundloch zustopfen, damit der Franzwein nit ausläuft!« Kemenater aus Schabs machte die Wiederherstellung der Brücke überflüssig. Er wußte einen Pfad über die Felsen zur Rechten und einen Abstieg bei Unterau, wo es eine Brücke gab. Über den Emporklimmenden erscholl der helle Jauchzer einer Frauenstimme. Von der untergehenden Sonne in Glut getaucht, stand droben eine weibliche Gestalt und schwenkte den Hut. Ihre aufgelösten Zöpfe flatterten im Winde. »Woher? Was schaffst du?« fragte Kemenater, der den Weg wies, als er bei ihr angelangt war. Es war eine stämmige Dirne von etwa zwanzig Jahren. Sie versetzte, sie sei von Mittewald. Der Hofer habe über die Schlucht herübergerufen, daß einer dem Speckbacher ausrichten möchte, er solle morgen in der Frühe im Tal gegen Mittewald vorgehen. »Die andern waren alle müd, da bin ich über die Berge gesprungen«, schloß sie. »Also der Hofer ist dort!« fragte Speckbacher. »Drüben auf den Röm zwischen Sack und Mittewald«, antwortete die Botin. »Und der Feind?« »Ja, was von ihm in die engen Wege da eingedrungen ist, davon ist wohl wenig wieder nach Sterzing zurückgekommen«, berichtete die Dirne, neben Speckbacher hergehend. »Die Sachsen sind's gewesen. Die armen Menschen! Sie konnten nit vorwärts noch rückwärts. Menschen und Pferde, lebend und tot, Wagen, Kanonen, ganz und zerschmettert, alles war drunten zusammengestopft und -gestampft. Ihre Kugeln konnten uns nit erreichen, aber die unsrigen gingen nit fehl. Doch ich muß fort. Ihr wißt Bescheid.« Leichtfüßig lief sie voran und war bald verschwunden. Wie fürchterlich jedoch die Niederlage der Sachsen auch war (die Schlucht trägt noch heute ihren Namen), der Marschall Lefebvre empfing die spärlichen Überreste seiner Vorhut in hellem Zorn. Noch kannte er den Volkskrieg nicht aus eigener Erfahrung, und um drei Uhr am Morgen des nächsten Tages brach er selbst mit der Hauptmacht auf, um die Engpässe zu erzwingen. »Heute werde ich Steine auf die Bauern werfen!« rief er seiner Wirtin in Sterzing zu. Schweigend rückten die Kolonnen zwischen den steilen Bergwänden vor, und manchem schlachtgewohnten Soldaten mochte das Herz stärker klopfen beim Anblick der immer häufiger auftretenden Spuren des gestrigen Kampfes, der zermalmten Leichen zwischen und unter den Blöcken, der zerschmetterten Kanonen, Gepäckwagen und Munitionskarren, und manches Auge blickte scheu zu den Talrändern hinauf. Da geriet der Zug ins Stocken. Schüsse peitschten ihm entgegen. Speckbacher war zur Stelle! Links und rechts knatterte es von den Bergen, und jetzt begannen auch die grauenvollen Steinbatterien von droben zu spielen. Die Schützen, Mädchen und Frauen hatten keine Zeit verloren, um frische Felsblöcke an die Ränder der Abhänge zu rollen. Nun kamen sie heruntergesaust, die gewaltigen Blöcke, hüben und drüben, alles in ihrem Bereich verstümmelnd, tötend, zerschmetternd, zerquetschend, begrabend. Wilder Jubel auf den Höhen antwortete dem Geschrei in der Tiefe. Dazu schlugen die todbringenden Schüsse der Tiroler unaufhörlich von allen Seiten in den zusammengedrängten Feind. Das war der Volkskrieg in seiner elementarsten Gestalt, und dem Marschall gefror das Herz. Fort! Fort! Fort! Still und ernst zogen die Sieger über das gräßliche Schlachtfeld. Die Schlucht war eine Hölle voller Ächzen, Stöhnen, Jammern, Schreien und Verzweiflung, so daß selbst das härteste Herz davon erbebte. Tagelang führte die Eisack Leichen mit. Der Marschall zog sich über den Brenner zurück. In Innsbruck erfuhr er, daß das bayrische Korps, das er in das obere Inntal geschickt hatte, um Hofer in den Rücken zu fallen, bei Pruz und Landeck eine ähnliche Niederlage erlitten hatte wie er. Von General Rusca fehlte ihm jede Nachricht. Aber in diesem Augenblick war ganz Südtirol gegen den Wüterich unter Waffen, und zwei Tage später traf in Sterzing, wo Hofer einstweilen sein Hauptquartier aufgeschlagen hatte, die Nachricht ein, daß Rusca aus dem Lande getrieben sei. Die Streitkräfte, die Hofer, Speckbacher, Haspinger, Kemenater und Peter Mayr in der Eile hatten aufbringen können, waren zu schwach, als daß sie den Sieg gegen Marschall Lefebvre durch Verfolgung des Feindes hätten ausnutzen können. Man mußte die weiteren Zuzüge abwarten und sich darauf beschränken, die wichtigsten Positionen des Brenners zu besetzen. Kemenater und seine Pustertaler, unter ihnen Ambros mit den Vigilern, bezogen den vorgeschobenen Posten. Speckbacher übergab sein Kommando an den Rotbart und eilte selbst über die Berge, um die Zuzüge zu beschleunigen. Es waren die dringenden Erntearbeiten, die die Leute zögern ließen, und hinzu kam, daß sich viele mit ihren Herden in den Hochalpen befanden, wohin das Sturmläuten aus den Tälern nicht gedrungen war. Nun aber loderten die Notfeuer auf allen Bergen und riefen die Sennen zu den Waffen, und in den Tälern mahnten die Geistlichen alle Säumigen. Viele Pfarrer zogen an der Spitze ihrer Gemeinde aus, und wie in St. Vigil, so bildeten sich überall Landsturmkompanien. Ein Sturm der Begeisterung durchbrauste das ganze Land, und Schar auf Schar kam herangezogen. Vom fünfzehnjährigen Buben bis zum Greise hatten alle Bauern und Knechte, Herren und Diener, Edelleute und Städter zu den Waffen gegriffen, und wer keinen Stutzen oder keine Muskete hatte erlangen können, der führte Morgenstern oder Dreschflegel, Sense, Hellebarde oder Pike mit; und selbst mit Keulen von hartem Eichenholz sah man manchen bewaffnet. Hofer hatte sein Hauptquartier in dem Gasthaus »Zum Schupfen« an der Bergstraße nahe der wild schäumenden Ruz genommen, und dort musterte er die vorüberziehenden Streiter und ließ ihnen durch seine Ordonnanzen ihre Stellungen anweisen. »Grüß dich Gott, Andrä!« – »Grüß Gott, Hofer!« – »Hurra!« – »Hoch, unser Oberkommandant soll leben!« So brauste es fort und fort mit dem Bergwasser um die Wette, und die Trommeln dröhnten, die Pfeifen quiekten, die zerbeulten Trompeten schmetterten. Es war an einem Sonntag, da ließ Marschall Lefebvre alle seine Feuerschlünde ihr Eisen gegen den Berg Isel speien, der von den Waffen der Tiroler blinkte. Wieder kommandierte Speckbacher den linken, Haspinger den rechten Flügel und Hofer im Zentrum. Wenn der französische Marschall vor Begierde brannte, die Scharte an der Eisack auszuwetzen, so glühte in der Brust der Tiroler das Verlangen, heute die Mißhandlungen, die sie vier Jahre lang von den Bayern und Franzosen erduldet hatten, vollauf zu vergelten. Die von den Soldaten Wredes begangenen Schandtaten, die Gewalttätigkeiten Ruscas sowie der Bruch des Waffenstillstandes durch Lefebvre hatten ihre Erbitterung aufs höchste gesteigert. Auf der ganzen Linie ging der Feind zum Sturm vor, aber das Feuer, das ihn empfing, war mörderisch, und mörderisch wütete es fort. Es war eine schreckliche Sicherheit, mit der die Tiroler schossen, und mancher Feind stürzte, von zwei, drei Kugeln zugleich in die Brust getroffen. Mit dem gleichen mörderischen Feuer gingen nun die Tiroler ihrerseits vor und wichen nicht vor den Sturmkolonnen, die ihnen entgegengeworfen wurden. Sie kehrten die Gewehre um und schlugen mit den Kolben auf die Bayern und Franzosen ein. »Ihr Räuber und Mörder!« schrien sie. Dabei schlugen und rissen sie die Feinde zu Boden, warfen sich über sie und suchten sie zu erwürgen. Ambros brach sich mit seinem Schwert in kaltblütiger Wut Bahn durch das Gewühl. Plötzlich stieß er auf den Oberleutnant von Reitzenstein, der inzwischen zum Hauptmann aufgerückt war, und bei dem Anblick seines alten Gegners kam etwas wie Freude über ihn. »Jetzt können wir unsern Span ausfechten!« rief er dem Hauptmann zu, der sich gegen die Angriffe eines hageren alten Mannes wehrte und eben zu einem Stich ausholte. Ambros sprang hinzu, um den Degen des Bayern mit seinem Säbel wegzuschlagen. Es gelang ihm nicht, und der tapfere Alte brach zusammen. Es war Anigaya. Doch Ambros hatte nicht Zeit, sich nach ihm umzusehen. Mit flammenden Augen wandte sich der Hauptmann gegen ihn. »Seid ihr denn alle da?« schrie er, und die Klingen kreuzten sich wie Blitze. Im nächsten Augenblick erhielt der Hauptmann von einem dritten einen Kolbenstoß vor die Brust, so daß er zurücktaumelte, und eine Stimme rief: »Mit dem Büttel rauft sich kein ordentlicher Kerl. Jetzt schmeck, wie die Schläg tun!« Und ehe noch der Hauptmann von Reitzenstein sich zur Wehr setzen konnte, schmetterte ihn ein zweiter Kolbenschlag nieder. »Ah, das tut wohl!« sagte der Mann mit einem tiefen Aufatmen. Es war ein Holzknecht aus St. Vigil, eins der Opfer der summarischen Justiz des Auditors Stiermann. »Ich hatt's ihm geschworn.« Mit geschwungenem Stutzen warf er sich wieder in das Gewühl. Ambros trat zu dem Müller. Ein brechender Blick, und das Auge des Alten ward starr und verglast. Ein leiser Schauder überkam Ambros. Er beugte sich über den Toten und drückte ihm die Augenlider zu. Dann hob er ihn auf und trug ihn ein wenig beiseite, damit die Leiche in dem Gewühl nicht zertreten würde. Im Schutze einer umgestürzten Kanone legte er ihn nieder. »Du guter Alter!« murmelte er bewegt mit einem letzten Blick auf ihn. Langsam zog er seinen Säbel, und gleich darauf verschlang ihn wieder das wüste Ringen in Staub und Pulverdampf. Dem Speckbacher gegenüber, bei Wiltau, standen die Sachsen. Sie fochten als tapfere Soldaten – der Wasserfall der Stil war von Blut gefärbt –, doch sie taten es ohne Kampfesfreudigkeit. Die Hekatomben Hekatombe – im Altertum ein Hundertopfer (von Rindern), das man bei großen Feierlichkeiten den Göttern darbrachte. der Ihren, die in dem Engpaß zwischen Sack und Mittewald gefallen waren, hatten sie nicht zur Rache entflammt, sondern mit Schmerz erfüllt, mit Schmerz darüber, für den Ehrgeiz des korsischen Eroberers gegen die Freiheit eines so heldenmütigen Volkes kämpfen zu müssen. Als sich Speckbacher nun mit aller Wucht auf sie warf, streckten sie die Waffen. Er schützte sie, indem er den Seinen zurief: »Denen tut nix; es sind Sachsen und brave Leut!« Von Wiltau aus fiel er dem Feind in die rechte Flanke und entschied dadurch vollends den Sieg seiner Landsleute. Marschall Lefebvre trat den Rückzug an. Mitten auf dem Feld trafen sich Hofer, Speckbacher und Haspinger und schüttelten einander die Hände. Dann erhob der Sandwirt seine Stimme und rief: »Laßt uns durch ein andächtig Vaterunser danken!« Er kniete zwischen seinen beiden Freunden nieder, und all die Tausende folgten seinem Beispiel. Die Waffen im Arme, sprachen sie laut das Gebet. Wie ein Flammenbrausen stieg es zum Himmel empor. Auch die Sachsen fielen überwältigt auf die Knie. Hofer entließ sie später mit freundlichen Worten in die Heimat, auf das Versprechen hin, nicht mehr gegen Tirol die Waffen zu ergreifen. Haspinger und Speckbacher brachen vom Schlachtfeld aus sofort zur Verfolgung des Feindes auf, der sich an beiden Ufern des Inn zurückzog. Ambros befand sich mit den Seinen an der Spitze der Vorhut. Unablässig war er dem Feinde auf den Fersen, der die Höfe, Dörfer und Getreidefelder in Brand steckte, um die Verfolger aufzuhalten. Aber es half nichts. »Geh, das ist 'ne lustige Jagd?« rief Herr Planta mit glänzenden Augen dem Landrichter zu, und dieser rief zurück: »Auf den Feind! Auf den Feind!« »Durch Feuer und Flamme zum Land hinaus!« rief der Rotbart, und der Speckbacher scherzte: »Das ist das Fegefeuer für seine Sünden. Fegt ihn! Fegt ihn!« Und wie der Wind die Spreu von der Tenne fegt, so fegten sie den Feind aus dem Lande. Gerade am Napoleonstage, Napoleonstag – der Geburtstag Napoleons I. (15. 8.1769). dem 15. August, hielt Andreas Hofer seinen Einzug in Innsbruck. In seiner grauen Lodenjoppe und seinem Spitzhut saß er in dem Wagen, den vier prächtige Schimmel zogen. Das Fuhrwerk war einem französischen Obersten abgenommen worden. Die eroberten Fahnen und Adler wurden vorangetragen. Dicht umdrängten die bewaffneten Scharen das stolze Gespann; die Straßen waren voller Menschen, und aus allen Fenstern winkten sie mit Tüchern und schrien und jubelten; alle Glocken läuteten, und am Inn donnerten die Kanonen. Das war der Einzug eines Königs. Hofer hatte sich lange gesträubt, ehe er sich bewegen ließ, den Wagen zu besteigen; aber daß man ihn nach dem Schosse fuhr, litt er nicht. Zum »Adler«, seinem gewöhnlichen Absteigequartier, ging der Triumphzug. Aber Ruhe fand er hier noch lange nicht. Die Straße vor dem Wirtshaus blieb gedrängt voll Menschen, und sie fuhren fort, ihn hochleben zu lassen und nach ihm zu rufen. Da trat er ans Fenster, und als es still wurde, sprach er: »Nun, so grüß euch Gott, meine lieben Sprugger! Ihr habt's mich zum Oberkommandanten haben wolln; so bin ich halt da. Andre sind auch noch da, die keine Sprugger sind. Haben auch tapfer mitgetan. Die das nit tun wolln, solln heimgehn. Meine braven Waffenbrüder werden mich nit verlassen, und so will ich euch auch nit verlassen, so wahr ich Andreas Hofer heiß! So, gesagt hab ich's euch, und gesehn habt's mich. Jetzt behüt euch Gott!« Da waren die »Sprugger« zufrieden und zerstreuten sich. 26. Kapitel In allen Kirchen Tirols, selbst in dem kleinsten Dorfkirchlein, wurde die Befreiung des Vaterlandes gefeiert. Einhellig hatte sich das ganze Volk erhoben, keinen Unterschied des Standes hatte es in den Reihen der Streiter gegeben, und ohne jede fremde Beihilfe, durch seine eigene Kraft allein hatte es den Feind aus dem Lande getrieben. Das war ein Freudentag, und für Hannes war es der erste glückliche Tag seines Lebens. Das große Ziel, zu dem er sich aus allem persönlichen Leid erhoben und für das er seine ganze geistige Kraft eingesetzt hatte, war ja erreicht. Warm strömte es ihm bei der Predigt über die Lippen; unter seinen zahlreichen Zuhörern aber wußte wohl nur Lisei allein, wie tief aus seiner eigenen Brust der Satz geschöpft war, daß der Mensch, ebenso wie er sein Dasein nicht seinem eigenen Willen verdanke, auch die Arbeit seines Lebens seinen Mitmenschen schuldig sei; daß er es für das allgemeine Wohl zu leben und es auch hinzugeben habe, wenn es sein müßte. Das Bewußtsein, daß sie für ihrer aller Befreiung gefallen seien, würde den Schmerz ihrer Angehörigen mildern. Als er unter den Gefallenen auch den Namen des alten Arigaya nannte, wagte Lisei nicht, die Augen vom Boden zu erheben. Die Ehre des Vaters ließ sie die Schande des Sohnes, der ihr Mann war, nur um so brennender empfinden. Afras Augen aber wurden feucht. Hatte er sie selbst doch mit dem Schilde seiner Ehre gegen die Menschen gedeckt wie die Schande Jergs mit seinem Tode. »Jerg ist ja krank, drum muß ich wohl ausziehn an seiner Statt«, waren seine letzten Worte zu Frau und Schwiegertochter gewesen. (Jerg schäumte vor Wut, als er bei der Erbschaftsregelung erfahren mußte, daß der Alte auf Afras Namen in Bruneck Geld deponiert hatte, und strengte sogar, obgleich ihm der Landrichter die Aussichtslosigkeit seines Unterfangens vorgestellt, gegen seine Stiefmutter einen Prozeß auf Herausgabe des Geldes an.) Die Nachricht von seinem Tode hatte Afra tief erschüttert, und das nicht nur, weil sie seiner steten Güte und Fürsorge gedachte, die noch über das Grab hinausreichte. Nein, der Tod ihres Mannes gemahnte sie an die Worte Liseis, die ihr erklären sollten, weshalb der Tod im Kampfe an ihr vorübergegangen war, und er gemahnte sie auch an ihre Unversöhnlichkeit gegen Ambros. Von dem unversehrt heimgekehrten Holzknecht wußte sie, daß Ambros ihren Mann gegen den Todesstreich zu schützen versucht hatte. Dennoch vermochte sie ihr heißes Herz nicht in Reue zu beugen. Ambros war in Innsbruck geblieben, und dort, in der kaiserlichen Burg am Rennplatz, tagten Hofer und seine Hauptleute; denn die Wirtsstube im »Adler« hatte sich als gar zu eng erwiesen. Doch blieb Hofer, in dessen Händen jetzt alle Zivil- und Militärgewalt von Tirol lag, im »Adler« wohnen, und so kostete sein Lebensunterhalt das Land täglich nur etwas über einen Gulden. Den Teppich, der sonst den Fußboden des Prunksaales bedeckte, hatten die bäuerlichen Helden säuberlich zusammengerollt, damit sie die schöne bunte Wirkerei nicht mit ihren Nagelschuhen verdürben. An die unheilbaren Schrammen und Furchen, die ihr derbes Schuhwerk in den spiegelglatten, viel kostbareren Parkettboden rissen, dachten sie nicht. Was wohl die Herren und Damen, für deren Perücken und Seidenfracks, Reifröcke, Puders Schminke und Schönheitspflästerchen die verschnörkelte Pracht des Saales von Stuck, Vergoldung und Spiegelglas gedacht war, gesagt hätten, wenn sie diese derbknochigen, urwüchsigen Gestalten in der groben Bauerntracht, übelriechenden Tabak aus kurzen Pfeifen qualmend, auf den zierlichen Stühlen hätten sitzen sehen und die rauhe Sprache, das schallende Gelächter und die derben Scherze dieser ungefügen Bergsöhne mit den nackten Knien gehört hätten! Mancher Damastsessel und manches lackierte Stühlchen krachten bedenklich unter der Last, die sie zu tragen hatten, und gingen aus dem Leim. Die Hauptsache aber war, daß Tirol nicht krachte und nicht aus den Fugen ging! Im Gegenteil, diese gewiß nicht immer ganz reinlichen Bauernfäuste, die den Marschall Lefebvre so wütend gezaust hatten und die nun auf die mit kostbarem Holz und Perlmutter ausgelegten Tische hieben, als wären es eichene Wirtshaustafeln, führten Tirol äußerst sanft, und das ganze Land fühlte sich unter dem Regiment Hofers und seines Parlaments von »Bauernkönigen« so wohl wie nie zuvor. Sie kannten das Land und liebten es und besaßen gesunden Menschenverstand und Redlichkeit. Da gab es kein Schreiberwesen und Aktengeschmiere; mündlich, kurz und bündig wurden Beschlüsse gefaßt, und der Weg in die Burg stand jedem offen. Der Sandwirt trug das ganze Staatsarchiv in seiner Joppentasche bei sich. Haspinger war sein Minister für innere Angelegenheiten, Speckbacher sein Kriegsminister. Hofer selbst ritt und fuhr viel im Lande umher und sah und hörte selbst, und nicht selten rief ein Bäuerlein, das gerade bei der Feldarbeit war, oder ein altes Weiblein, das des Weges kam, ihm zu: »Du, Andrä, halt mal still!« Und der Andrä hielt an und stand den Leuten treuherzig Rede auf ihre zutraulichen Fragen nach allem möglichen. »Nu, pfüt di Gott!« hieß es dann hüben und drüben, und jeder zog zufrieden seine Straße. Speckbacher hielt unterdessen sein Augenmerk auf die Verteidigung der Landesgrenzen gerichtet und trug Sorge, daß die Verhaue in den Alpenübergängen ausgebessert oder wiederhergestellt und neue Befestigungen angelegt wurden. Er führte dort außerdem regelmäßige Wachen ein, die ein unter Waffen bleibender Teil der Landwehren übernehmen mußte, bis er nach einer gewissen Zeit abgelöst wurde. Peter Mayr und Ambros gingen dem großäugigen Bauern vom Rinn bei diesen Arbeiten tüchtig zur Hand. Ambros war wieder sein Ordonnanzoffizier geworden, und der anstrengende Dienst war ihm der liebste. Der einst so übermütige Bursche war sehr, sehr ernst geworden. Mit dem edelsinnigen Peter Mayr und Hofers Ordonnanzoffizier, dem heiteren Peter Siegmayr aus Ollang, hielt er gute Kameradschaft; aber sein Weh trug er schweigend für sich. Es kam der Herbst mit seiner klaren Luft und seinen leuchtenden Farben. Die Herden wurden zu Tal getrieben, und das Laub wandelte sein Grün in Gold und Rot. Im Rebengelände harrten die saftvollen Trauben der Lese. Nach einer Reihe milder, sonnigen Tage, in denen Ferner und Schroffen, Wälder, Strom und Wiesen noch einmal lächelten wie unter dem berauschenden Brautkuß des Frühlings, breitete sich ein grauer Himmel über das Tal und entzog die Bergspitzen jeglichem Blick. Aus dem Grau tönte das Geschrei der Wildgänse, und bleifarben rauschte der Inn. An diesem Tage sah man die Innsbrucker in ihren Festkleidern nach der Hofkirche strömen, unter deren Wölbung das kunstvolle Grabdenkmal des Kaisers Maximilian aufragt. Unheimlich fast erhob es sich in der grauen Dämmerung, und düster standen ringsum die ehernen Standbilder der Männer und Frauen aus des Kaisers Geschlecht, die des Gotenkönigs Theoderich, des ritterlichen Artur von der Tafelrunde, Gottfrieds von Bouillon sowie Karls des Kühnen von Burgund und blickten auf Andreas Hofer und seine Heldenführer, die andächtig vor dem Altar verharrten. Der Prälat Egle zelebrierte das Hochamt, und Weihrauchduft erfüllte den trüben Kirchenraum. Dann winkte der Geistliche dem Befreier Tirols; Andreas Hofer beugte das Knie auf die Stufen des Altars, und der hochwürdige Herr legte um seinen Nacken eine goldene Gnadenkette, die Kaiser Franz dem treuen, tapferen Manne für seine Verdienste um das Vaterland überreichen ließ. Hofers ehemaliger Adjutant Eisenstecken und der Schützenmajor Siberer, die mit den abziehenden österreichischen Truppen aus Tirol geflüchtet waren, hatten sie aus Wien gebracht. Die Stadt gab Hofer zu Ehren ein Festmahl, und um ihn saßen seine lieben Waffengefährten, die Bauernhauptleute und Volksführer: Speckbacher und der Rotbart mit dem massigen Schädel, der kernige Thalguter aus Meran und der biedere Patsch aus Wiltau, der tapfere Kemenater, der kriegslustige Paten Johann Gruben aus Villanders, Oppacher, der Held vom Strub-Paß, der Haller Kronenwirt Straub und das Kleeblatt Mayr von der Mahr, Ambros und Siegmayr. Laute Fröhlichkeit herrschte an den Tafeln; doch Andreas Hofer war still und in sich gekehrt, und ein wehmütiges Lächeln schwebte um seinen Mund. Hoch schwellte die Hoffnung jede Brust, denn der Kaiser hatte ja nun anerkannt, was seine treuen Tiroler getan; und auch Geld hatte er durch Eisenstecken und Siberer geschickt. Hell klangen die Gläser auf das Wohl des kaiserlich-königlichen Oberkommandanten von Tirol. Aber die Lust und der Wein verscheuchten nicht die trüben Ahnungen Hofers. Dachte er vielleicht bei dem Glimmern der Gnadenkette mit dem Bildnis des Kaisers auf seiner Brust, daß man das Opfer zu bekränzen pflege, bevor man es zum Tode führe? Wenige Tage später kam Haspinger in großer Aufregung zu Hofer gestürzt. In der Hand hielt er die neueste Nummer der »Innsbrucker Zeitung«, und darin stand, daß Kaiser Franz zu Schönbrunn mit dem Kaiser Napoleon Frieden geschossen habe. Hofer schüttelte den Kopf; er glaubte es nicht. Hätte er als Oberkommandant von Tirol nicht offiziell von Wien aus davon in Kenntnis gesetzt werden müssen, wenn es sich wirklich so verhielte? Kein Bote war gekommen, und keiner kam. Statt dessen begannen Bayern und Franzosen unter französischem Oberbefehl den Inn heraufzurücken, besetzten Innsbruck und nahmen die von Hofer eingesetzten und vom Kaiser bestätigten Mitglieder der Landesverwaltung gefangen. Dergleichen konnte doch unmöglich geschehen, wenn es mit dem Frieden seine Richtigkeit hätte! Gleichzeitig traf bei Hofer der an Hormayrs Stelle ernannte kaiserlich-königliche »Oberlandes- und Armeekommissar«, mit allen Papieren des kaiserlichen Hoflagers ausgerüstet, ein. »Wir müssen wieder fechten, liebe Freunde!« sagte Hofer. »Von dem Frieden, das ist alles erstunken und erlogen.« Speckbacher hatte gleich auf das erste Gerücht von dem Friedensschluß hin Ambros zu Straub geschickt, mit der Weisung, er möge die Unterinntaler aufbieten. Nun stand er mit ihnen auf dem Berg Isel, verstärkt durch die Bauern vom Brenner und viele Frauen und Mädchen, die mit Stutzen herbeigeeilt waren. Kein Tag verging ohne Scharmützel mit den Franzosen. Endlich, zwei Wochen nach Abschluß des Friedens, traf in Lienz an der Tiroler Grenze ein kaiserlicher Bote mit Depeschen ein. Es war der Freiherr von Lichtenthurn. Hatte man sich in Wien schon mit der Absendung des Boten zuviel Zeit gelassen, so wurde die Wahl der Person für Tirol zum Verhängnis. Der Freiherr von Lichtenthurn war epileptischen Anfällen unterworfen, und ein solcher Krampf ergriff ihn, als er vor Hofer in dessen altem Hauptquartier am Ruzbach stand. Hofer hatte Haspinger, Speckbacher und andere Bauernführer bei sich versammelt, um den Abgesandten seines Kaisers zu empfangen. Kaum hatte der Freiherr seine Depeschen überreicht, als er in gräßlichen Zuckungen zu Boden stürzte. Mit geballten Fäusten, Schaum vor dem Munde, wälzte er sich an der Erde, winselte und schrie, man möge ihm einen Paß geben. Hofer und seine Freunde blickten voller Grauen auf ihn. Es war das böse Gewissen, das ihn peinigte! Nein, der »gute« Kaiser Franz konnte seine treuen Tiroler nicht so schmachvoll im Stich gelassen haben! An dieser Anschauung änderte es auch nichts, daß der Freiherr ein Schreiben des Erzherzogs Johann über den Frieden mitgebracht hatte. Dem Schreiben fehlte auffallenderweise das Siegel, und Hofer rief: »Bringt mir das Sigill, so will ich glauben, daß es vom Erzherzog kommt! Handschriften hat man halt schon oft nachgemacht.« Haspinger bestärkte ihn in dieser Ansicht. Die Friedensgeschichte dünkte allen nur eine vom Feind ersonnene List, um Tirol ohne Widerstand niederwerfen zu können. Rückten doch inzwischen die Franzosen auch vom Süden her wieder ins Land! Den Oberbefehl über sie führte der Vizekönig von Italien, Eugen Beauharnais, der Stiefsohn Napoleons und Schwager des Königs von Bayern. Um mehr im Zentrum des Landes zu sein, begab sich der Sandwirt mit Haspinger nach Sterzing. Dort erhielt er eine Proklamation des Vizekönigs Eugen, die den Tirolern gänzliche Verzeihung zusicherte, wenn sie die Waffen niederlegten; jeder fernere Widerstand würde als Hochverrat mit dem Tode bestraft werden. Dieser Aufruf erregte bange Zweifel in dem Gemüt Hofers. »Haspinger, Haspinger!« rief er dumpf, während er das Papier in der Hand zerknüllte. »Sollten wir verlassen sein?« Um sich Gewißheit zu verschaffen, schickte er den Schützenmajor Siberer und einen jungen Priester namens Donay an den Vizekönig. Unterdessen war Ambros in Sterzing eingetroffen, und Hofer empfing ihn mit den Worten: »Wann mir der Speckbacher den Bruder Tollkopf schickt, dann hat er dem Franzos ein Loch ins Fell gebrannt. Ist's nit so?« Es war so! Drei Tage lang hatten sie am Berg Isel den Angriffen des überlegenen Feindes die Stirn geboten und ihn zuletzt gezwungen, sich nach Innsbruck zurückzuziehen. »Freilich«, schloß Ambros seinen Bericht, »wer hätt da auch nit gut gefochten oder gar die weiße Feder gezeigt? Die Madln und Weiber schossen ja mit, und manche besser wie mancher Mann. Eine aber, das ist ein Staatsmadl! Das ist die Anna Jäger aus Schwaz. Wen sie aufs Korn nahm, der war hin, und dazu kriegt er eine Grabred von ihr. Die hat mehr Schneid als zwei Buben zusammengenommen!« Der Sandwirt hörte ihn mit einem trüben Lächeln an und erwiderte: »Auf die gute Nachricht von dem glorreichen Sieg muß ich dem Speckbacher leider übel vermelden, daß der Frieden geschlossen ist. Der Kaiser …« Hier stockte er, und kaum hörbar setzte er hinzu: »hat Tirol – vergessen!« Ambros prallte betroffen zurück. »Ich laß' dem Speckbacher aber sagen«, fuhr Hofer nach einer kurzen Pause mit fester Stimme fort, »daß wir uns bis auf weitres wehrn müssen, wann wir angegriffen werden, weil mir die Nachricht nit wahrhaft vorkommt. Er weiß, wie oft wir betrogen worden sind.« »Gott sei gedankt!« rief Ambros aufatmend. Hofer reichte ihm die Hand und sagte mit einem freundlichen Blick: »Jetzt reit mit Gott, und wann wir uns nit wiedersehn sollten – vergessen hab ich dich nit. Ich hab auch von dir nach Wien schreiben lassen, wie brav du dich allerwegen mit dem Feind herumgeschlagen hast. Grüß den Speckbacher von mir!« Von stolzer Freude bewegt, schüttelte Ambros ihm kräftig die Hand, und leuchtenden Blickes ritt er wieder dem Brenner zu. Er ritt einen schönen Rappen, den er einem bayrischen Oberoffizier abgenommen, als er mit Haspinger und Speckbacher den Feind aus dem Lande gejagt hatte. Siberer und Donay brachten aus dem Hauptquartier Eugens die Beweise für den Friedensabschluß mit, und Hofer konnte nicht länger zweifeln, daß »sein geliebter Kaiser« das Land Tirol bedingungslos preisgegeben habe. Seine Seele war bis in ihre tiefsten Tiefen davon erschüttert. Haspinger winkte dem Major und dem Priester, sie möchten sich entfernen. Er hatte schon längst nicht mehr an dem Friedensschluß gezweifelt, und in seinen blauen Augen und auf seiner breiten Stirn prägte sich Entschlossenheit zum Äußersten aus. Hofer drängte seinen Schmerz gewaltsam zurück. Seine Pflichten gegen das Land und seine Waffenbrüder mahnten zu schnellem Handeln. Er schrieb einen Aufruf zur Ruhe, in dem er allen Hauptleuten des Landvolkes befahl, die Waffen niederzulegen, da der Frieden geschlossen sei. Haspingers Gegenvorstellungen vermochten ihn nicht davon abzuhalten. Zuverlässige Boten trugen noch am gleichen Abend den Laufzettel fort. Ehe dieser aber bis zu den östlichen Grenz- und Hochwachten gelangte, wo die Tiroler größtenteils noch im Kampf gegen den Feind standen, floß noch viel Blut. »Und nun ist's am End!« sagte Hofer, nachdem die Boten fortgeeilt waren, zu Haspinger. »O du, mein armes Tirol!« Nach einer kleinen Weile fuhr er mit melancholischem Lächeln fort: »Schau, ich hab dazumalen in Innsbruck, wie ihr alle so lustig gewesen seid, unter dem güldnen Gnadenkettlein nit frei aufatmen können. Wie ein Stein hat's mir auf der Brust gelegen. Jetzt weiß ich, was es zu bedeuten gehabt hat.« Er machte eine Bewegung mit der Hand, als schiebe er etwas von sich, und fügte dann hinzu: »Und jetzt behüt dich Gott! Geh zu dem Eugen, das ist ein guter Mensch. Er wird dich und den Speckbacher und die andern in seinen Schutz nehmen, wann euch der Bayer an den Kragen will.« »Nein!« rief Haspinger dagegen. »Wir sind noch nit am End! Damals nach dem Waffenstillstand hat's fast übler ausgeschaut als jetzt, und sind wir damals des Feindes mächtig worden, so werden wir's auch diesmal mit Gottes Hilf werden! Wir sehn uns noch wieder unter den Waffen!« Er eilte zu Speckbacher, um diesen persönlich vom Stande der Dinge in Kenntnis zu setzen und sich mit ihm zu beraten. Auf dem Brenner mußte er sich bereits durch Schnee arbeiten. Er traf Speckbacher und Straub sowie den Bauernliebling Patsch und Ambros im Wirtshaus »Zum Schupfen« bei der Stefansbrücke. Speckbacher fügte sich der Notwendigkeit, aber Haspinger mußte seiner Mannschaft den Aufruf Hofers vorlesen. Ihm war es »leidig«, wie er sich ausdrückte, und es würde auf diese Weise nur kostbare Zeit verloren. Die Leute murrten. Da rief er: »Ihr närrischen Leut, versteckt euern Stutzen nur fein säuberlich, damit ihn der Franzos oder der Bayer nit find't! Und haltet euer Pulver trocken. Mich juckt mein kleiner Finger gar grausam, und das bedeutet, daß wir den Franzos über ein kleines rechtschaffen kratzen werden.« Darauf zerstreute sich der Haufen. Die Führer nahmen noch einen guten Abschiedstrunk im Wirtshaus. Patsch und Straub wollten einen sicheren Ort aufsuchen. Ihre Häuser in Wiltau und Hall hatte der Feind niedergebrannt, und Patsch äußerte mit schneidendem Humor: »Nun, mein Hof in Wiltau war in den vielen Schlachten schon wie ein Sieb von den Kugeln durchlöchert, und so brauch ich für den Winter keinen Maurer. Es gab ein hübsches Feuerchen, und dabei ist mir das Herz so recht zur christlichen Lieb erwärmt. Wie heißt's doch, Herr Haspinger? Liebet euern Nächsten und segnet eure Feinde! Was?« »Jaja, wir werden sie segnen!« rief Speckbacher mit rollenden Augen, und der Rotbart sagte: »Gott wird's Tirol nit entgelten lassen, daß unser Kaiser es verraten hat« Ambros zuckte bei dem Worte empor und lachte bitter. Der Kaiser hatte den Tirolern die Treue gebrochen, und dafür strafte Gott das Land! Das war seine Gerechtigkeit! Dieser Gedanke durchblitzte und ergrimmte ihn aufs äußerste, und er stürzte hastig das vor ihm stehende Glas Wein hinunter. Haspinger und Speckbacher begaben sich zu Hofer, der mittlerweile nach Hause geeilt war, und Ambros begleitete sie. Hofer mußte umgestimmt werden. Ihnen auf dem Fuße folgten die Franzosen, die sofort von Sterzing aus in einem starken Detachement über den Jaufenpaß in das Passeiertal geschickt worden waren, während ein zweites Korps von Süden her über Meran in das Tal einzudringen versuchte. Dort wie hier wurde den Franzosen der heißeste Empfang zuteil. Thalguter und Peter Mayr schlugen sie mit ungeheuren Verlusten aus Meran heraus, während die Passeier Scharfschützen, taub gegen alle Ermahnungen Hofers, unbedingt Frieden zu halten, den Feind zu St. Leonhard, eine Viertelstunde oberhalb des Sands, nach hartem Kampf zurückwarfen. Speckbacher und Ambros stritten mit ihnen. Die Sieger aber zogen Hofer vor das Haus und schrien, aufgeregt von dem heißen Ringen, er solle das Land zu den Waffen rufen. »Jetzt mußt du!« sagte Speckbacher. »Du siehst, daß das Land bis zum Äußersten weiterkämpfen will.« »Aber ihr wißt, daß der Frieden geschlossen ist«, hielt ihnen der Sandwirt entgegen. »Was schert uns des Kaisers Frieden?« riefen die Passeier wild und drohend. »Solln wir uns wehrlos abschlachten lassen wie Schafe? Die eigne Haut ist uns näher wie die des Kaisers. Wir haben treu zu dir gestanden, jetzt steh auch du zu uns, wie du's in Sprugg versprochen hast. Die Räuber und Mordbrenner solln uns nit Haus und Hof verwüsten!« »Sie haben recht«, ergriff Haspinger das Wort. »Du darfst das Land nit wehrlos der Rache des Feindes preisgeben. Alles Elend, das den braven Leuten, ihren Frauen und Kindern droht – du hast's zu verantworten. Du berufst dich auf den Willen des Kaisers! Hast du ihn gefragt, als du den Aufstand mit Nessing und Hueber geplant und vorbereitet hast? Das ist deine große, herrliche Tat, und nun, wo sie uns in Wien verleugnen, willst auch du deine Händ in Unschuld waschen und dein Werk unvollendet lassen? Nit um eine kaiserliche Gnadenkette ist's dir zu tun gewesen, als du die Hand ans Werk gelegt hast, sondern um unser liebes Vaterland! Fürs Vaterland hat ganz Tirol zu den Waffen gegriffen, und jetzt, wo das Vaterland dir in seiner höchsten Not zuschreit: Rette!, da kannst du deine Händ in den Schoß legen wolln? Noch ist nix verlorn, und wann's Gottes Wille ist, daß wir falln solln, so wolln wir doch nit ehrlos falln!« Laut jubelten die Passeier ihm zu, und Hofer war bezwungen. Nein, wehrlos und ehrlos sollte Tirol nicht fallen, und durchs ganze Land flog Hofers Ruf zu den Waffen wider die Feinde. Speckbacher und Haspinger eilten fort, um das Feuer im Lande nach Kräften zu schüren, jener durch das hintere Passeiertal nach dem Ötztal und den Inn abwärts, der andere durch den Vintschgau zum Oberinntal. Ambros, der den Aufruf nach St. Vigil bringen wollte, ritt mit Haspinger bis Meran zusammen. Auf Speckbachers Rat hatte er das militärische Sattelzeug seines Rappens gegen ein bäuerliches vertauscht und auch seinen Säbel am Sand zurückgelassen. Die Pistolen aber hatte er in seinen Leibgurt unter der Joppe gesteckt und einen alten Mantel, den ihm der Hofer geliehen, darüber geworfen. Der Rat erwies sich als gut, denn Bozen, das er gegen Abend erreichte, war voll Franzosen. In dem kleinen Wirtshaus, wo er sein Pferd fütterte, hieß es, Peter Mayr habe die Franzosen bei Klausen überfallen und geschlagen. Die Leute flüsterten nur davon, denn sie fürchteten das Ohr der Spione. Für Ambros war die Nachricht von Wichtigkeit; es war danach unmöglich, durch das Eisacktal aufwärts in das Pustertal zu gelangen. Er mußte den Weg über den Grödner Paß einschlagen, der bei Waidbruck, diesseit Klausen, nach dem Gadertal führte. Es war ein zeitraubender Weg, weil der Paß für Pferde nicht zugänglich war. Nachdem Roß und Reiter sich gestärkt hatten, brach Ambros wieder auf. Ein eisiger Wind blies ihm entgegen, und es regnete, so daß die schmale Landstraße, die sich zwischen Felsen und Strom dahinschlängelte, in der Finsternis für ihn völlig unerkennbar war und er sich ganz auf den Instinkt seines Pferdes verlassen mußte. Sein Rappe trug ihn sicher, wenn auch im Schritt vorwärts, und er kam glücklich über die Brücken von Karneid und Blumau, unter denen die Eisack mit dumpfem Brausen hindurchschoß. Späterhin hörte der Regen auf, und der Wind zerriß von Zeit zu Zeit die Wolken, so daß die Sterne hervorkamen. Ihr Blinken zeigte Ambros den Gischt der wild tosenden Eisack und die schwarzen, steilen Felsen, die immer enger zusammenrückten. Sein Rappe ließ, als die ersten Sterne aufflimmerten, ein leises Wiehern hören, und sein Gang wurde lebhafter. In dem Wirtshaus zu Waidbruck, einem jener großen Häuser, wie sie damals, als der Güterverkehr zwischen Italien und Deutschland noch durch Frachtwagen vermittelt wurde, überall an der großen Heerstraße durch Tirol standen, verbrachte er den kargen Rest der Nacht. Der Wirt bestätigte den glücklich ausgeführten Überfall Mayrs. Ambros ließ ihn den Aufruf Hofers lesen, und er versprach, daß die Waidbrucker nicht fehlen würden. Zwar hätten sie ihr Schießzeug dem Franzosen ausliefern müssen, aber er habe nur alte und schlechte Flinten bekommen; seinen guten Stutzen habe jeder gut versteckt. Sobald es hell geworden war, begann Ambros den Aufstieg. Seinen Rappen ließ er bei dem Wirt in Pflege. Der Weg über den Paß war äußerst beschwerlich und kostete viel Zeit. Auf der Höhe lag bereits viel Schnee, und Ambros sank zuweilen bis über die Knie ein; nur an solchen Stellen, wo der Nordwind freien Zutritt gehabt hatte, war der Schnee an der Oberfläche gefroren. Endlich war die Paßhöhe überschritten, und vor Ambros breitete sich das sanfte Grödnertal mit seinen vielen, vielen, auf den jetzt braunen Matten verstreuten Häuschen aus. Den Horizont begrenzten zur Rechten die Gletscher der Marmolada, zur Linken der Peitlerkofl, und dazwischen glänzten die kreidigen Schroffen der Dolomiten des Vigiltals in der Sonne. Ambros eilte mit frischem Mute vorwärts. In allen Wirtshäusern und Pfarreien des Grödner- und Gadertals, an denen er vorüberkam, rief er zu den Waffen, indem er Hofers Laufzettel verlas, und überall schlugen seine Worte ein; überall hatten die Leute voll Ungeduld auf eine solche Botschaft Hofers gewartet Von St. Martin aus stieg Ambros über das Jöchl, und todmüde langte er bei Mutschleitner im »Stern« an. Es war Sonntag, und der Abend dunkelte bereits. In der großen Wirtsstube saßen viele Gäste, und im Herrenstübl befanden sich der Landrichter, der Oberförster und Hannes, der, seit er Pfarrer in St. Vigil war, zuweilen zu einem Plauderstündchen mit den beiden Herren in den »Stern« kam. Ambros wurde bei seinem plötzlichen Erscheinen mit allgemeinem Jubel begrüßt und mit unzähligen Fragen bestürmt. Der frohe Lärm lockte auch die Gäste aus dem Herrenstübl herbei. Ambros nahm sich kaum die Zeit, ihnen die Hände zu schütteln. »Jetzt seid's alle mitsammen still!« rief er, seine Stimme erhebend. »Vom Hofer komm ich, damit ihr's wißt! Und was der euch vermelden läßt, das wird euch der Herr Pfarrer verlesen!« Er reichte seinem Bruder den Aufruf, und Hannes verlas ihn unter lautloser Stille. Kaum hatte er geendigt, als die Erregung der Zuhörer die Stube mit lautem Brausen erfüllte, in dem nichts einzelnes verständlich war; aber in allen Augen und Mienen stand, daß sie mit Freuden bereit waren, dem Aufruf Folge zu leisten. Nur der Landrichter schüttelte den Kopf. Sein juristisches Gewissen erhob Einspruch gegen den Bruch des Friedensvertrages, der, wenn auch spät, so doch offiziell dem Tiroler Oberkommandanten Hofer notifiziert worden war. Ambros, der sich unterdessen mit einem Glas Wein gestärkt hatte, berichtete nun von dem siegreichen Überfall Mayrs bei Klausen sowie von den siegreichen Kämpfen bei Meran und St. Leonhard und entflammte dadurch vollends die Begeisterung. Hochrufe auf Hofer, Mayr, Speckbacher und Haspinger unterbrachen ihn mehr als einmal. Dann wurde beschossen, daß jeder der Anwesenden seine Nachbarn von dem Aufruf in Kenntnis setzen und daß sich die waffenfähige Mannschaft am nächsten Vormittag um zehn Uhr auf dem Kirchplatz sammeln sollte. Mutschleitner übernahm es gleich in der Frühe des folgenden Morgens, den Aufruf nach Monthan, Enneberg, Pleiken und Zwischenwasser zu schicken. Ambros begleitete seinen Bruder, als dieser zum Abendessen nach Hause ging. Es drängte ihn, etwas über Stasi zu erfahren. Der Gedanke an sie hatte ihn nie verlassen. Wenn aber früher seine ungebärdige Natur ihn getrieben, alles, was ihn quälte, in Saus und Braus zu ersticken oder gleichsam ausschwären zu lassen, so hatte ihn nun seine schmerzliche Liebe von den wilden Vergnügungen, zu denen das Leben unter den Waffen genug Anlaß bot, ferngehalten. Die Gelage nach glücklich überstandenen Gefechten und heiß erkämpften Siegen hatten ihren Reiz für ihn verloren; er schloß sich nicht von ihnen aus, doch er konnte dem Tanz seiner Kameraden mit den Dirnen in den Dörfern, wo sie rasteten, zusehen, ohne das Verlangen zu spüren, sich wie sonst in die strudelnde Lust zu stürzen – wenn auch manch schönes Auge ihn einlud und manche Dirne mit ihm anzubändeln suchte. Hannes konnte ihm keine Besserung in dem geistigen Zustand Stasis melden. Lisei hatte wiederholt den Versuch gemacht; mit ihr von Ambros zu reden; aber sein Name hatte keinerlei Eindruck auf sie gemacht, und ihre Miene war gleichgültig, ihr Auge leer geblieben. Sie fuhr fort, ihr Kind zu suchen; aber auf den Kirchhof ging sie nicht mehr. Ob sie ihre dortige Begegnung mit Ambros vergessen hatte, wußte Hannes nicht zu sagen. Er wie Lisei hatten sich gehütet, sie daran zu erinnern. Am folgenden Morgen war Ambros einer der ersten auf dem Plan bei der Kirche, bewehrt mit seinem sicheren Stutzen – statt des Säbels, den er bei Hofer zurückgelassen – und den von dem französischen Offizier erbeuteten Pistolen. Rasch sammelten sich die wehrhaften Burschen und Männer; aber auch die Mädchen, Frauen und Kinder fanden sich zum letzten Abschied ein. Die Stimmung war eine andere als bei dem letzten Auszug. Niemand verhehlte sich, daß dieser Kampf der schwerste sein würde. Hofer hatte mit seinem Aufruf zu lange gezögert; schon war fast das ganze Land wieder im Besitz des Feindes, und auch im Pustertal hatte er sich festgesetzt. Nicht todesfreudige Begeisterung, sondern Grimm herrschte in den Gemütern der Vigiler, und der Grimm machte sie wortkarg. Da entstand auf dem Kirchplatz eine Bewegung, und viele Stimmen riefen: »Ein Reiter! Ein Reiter!« Mit verhängtem Zügel jagte er gegen die Brücke des Spitzhörndlbaches heran; er verschwand, tauchte diesseit der Brücke wieder auf und kam jetzt am Landgericht vorbei auf den Platz gesprengt. Schon von weitem rief er: »Der Feind! Die Franzosen!« Sein Pferd war ganz mit weißem Schaum bedeckt, der in großen, schweren Flocken von der Gebißstange wehte; die Augen des Tieres waren blutunterlaufen, und seine Flanken arbeiteten heftig. Es zitterte an allen Gliedern, als der Reiter in der Menge hielt, die ihn sogleich von allen Seiten umschloß. Er kam von Salen. Die Franzosen zogen von St. Lorenzen herauf, und er hatte sich nicht die Zeit genommen, sein Pferd zu satteln; auf dem nackten Rücken des Tieres war er davongejagt. Die Frauen erhoben bei dieser Nachricht ein Angstgeschrei. Ambros rief in die Aufregung: »Kommt der Franzos uns entgegen, ersparn wir uns einen langen Marsch!« Die Sturmglocke wurde gezogen. Die Glocke in Hof nahm den Alarm auf und trug ihn weiter. Durch das ganze Tal heulten die Glocken. Knaben liefen nach den Dörfern, um den Schützen anzusagen, daß sie sich oberhalb Palfrad sammeln sollten. Keine Stimme mahnte, die Waffen niederzulegen. Hannes hatte unterdessen aus der Sakristei das Kreuz geholt, das bei den Bittgängen der Gemeinde und bei Begräbnissen vorausgetragen wurde. Während er es hoch erhob, rief er: »Für den eignen Herd, für eure Weiber und Kinder! Folgt mir!« Hoch aufgerichtet schritt er mit dem Kreuz voraus, und begeistert folgten ihm die Kämpfer. Auf dem Kirchturm von Pleiken schlug es die Mittagsstunde, als auf der Straße nach Palfrad die Franzosen sichtbar wurden. Ambros hatte die waldige Höhe über dem Wirtshaus mit Schützen besetzt, seine Hauptmacht aber weiter zurück, oberhalb der sich in das Tal hinab windenden Straße, aufgestellt. Hier befand sich Hannes. Ambros selbst blieb bei den Schützen, die bei Pleiken Stellung bezogen hatten. Die Tirailleurs Tirailleurs – in aufgelöster Ordnung kämpfende Mannschaften der Infanterie (Plänkler) bzw. französische Scharfschützen. der Franzosen schwärmten auf der linken Flanke in den Wald aus. Das Schießen begann und wurde von Minute zu Minute heftiger. Der Feind zog immer mehr Schützen vor, und Ambros erkannte seine Absicht, ihn von Pleiken wegzudrängen. Er zog daher seinen eigenen linken Flügel allmählich näher an das Dorf heran, um das bald ein erbitterter Kampf wütete. Während dieses Gefechts gingen die Franzosen im Geschwindschritt auf der Straße vor. Als Hannes sie auf der Weghöhe erscheinen sah, erhob er sein Kreuz und rief, ohne den Befehl seines Bruders abzuwarten: »Auf sie! Auf sie!« Die Vigiler feuerten eine Salve ab und stürzten dann mit geschwungenem Kolben – Hannes mit dem Kreuz voran – auf den Feind und warfen ihn durch ihren wuchtigen Anprall nach Zwischenwasser hinunter. Der Angriff war jedoch zu früh erfolgt; er traf nur die Vorhut des Feindes, und während sich die Vigiltaler mit dieser in Einzelkämpfen im Gebüsch und unter den Bäumen, die den Abhang bedeckten, wütend herumschlugen, schwang sich das französische Hauptkorps auf der Straße um die Felsenkante und stürmte mit gefälltem Bajonett vorwärts. Zu spät erkannte Hannes seinen Fehler. Er sammelte in der Eile von seinen Leuten, soviel er zusammenraffen konnte, und warf sich den Franzosen entgegen. Die tapferen Verteidiger wurden jedoch über den Haufen gerannt und auseinandergesprengt. Ambros, der unterdessen in Pleiken, wo schon mehrere Häuser brannten, hart bedrängt wurde, beschickte seinen Bruder um Unterstützung. Auf die schlimme Nachricht seines Boten, daß der Feind bereits im Besitz der Straße sei, rief er seiner Mannschaft zu: »Leut, wir müssen sie hinausschmeißen. Jetzt gilt's! Drauf!« Mit einem wilden Geschrei gingen sie vor; die Erbitterung verlieh ihnen übermenschliche Kraft, und nach einem heißen Ringen Mann gegen Mann gelang es ihnen, die Franzosen zurückzudrängen. Nachdem diese einmal aus dem brennenden Dorfe hinausgeworfen waren, gestatteten ihnen die Kernschüsse der Bauern nicht, sich wieder zu sammeln, und so flohen sie den Berg hinab. Ambros verfolgte sie nicht, sondern eilte mit seinen Leuten, so rasch er konnte, am Schloß Asch vorüber nach Enneberg und von dort den Glisiabach abwärts, um in der gewundenen Enge, die das Tal hier bildete, die flüchtige Mannschaft seines Bruders aufzunehmen und im Verein mit ihr den Franzosen abermals die Spitze zu bieten. Ein großer Teil der Flüchtlinge hatte sich hier bereits zu neuem Widerstand gesammelt. Hannes war unter den letzten, die ankamen, und Freudenrufe begrüßten sein Kruzifix. Büchsenschüsse von den Höhen auf beiden Bachufern flößten dem nachsetzenden Feind beachtlichen Respekt ein. Es folgte eine Viertelstunde gespanntester Erwartung. Plötzlich ertönten die Signalhörner des Feindes, hier und da fiel ein Schuß, und dann begann ein ununterbrochenes Rattern und Knattern. Zwischen den Tannenwipfeln dampfte Rauch auf. Die Bauern wichen und wankten nicht, aber die Franzosen gaben nicht nach. Immer wieder suchten sie trotz mörderischem Feuer der Vigiltaler die Höhen hüben und drüben zu erstürmen. Trommelwirbel und Horngeschmetter, das Krachen und Rollen der Schüsse, Hurrarufe und Schreie der Kämpfenden erfüllten die Luft mit einem unbeschreiblichen Getöse, und mitten darin stand Hannes mit seinem Kreuz, so daß er allen Kämpfenden sichtbar war. Unbeweglich stand er da wie eine Säule, und ein Blick auf ihn gab denen, die zu ermatten drohten, neue Kraft. Ambros befand sich am rechten Bachufer. Wo die größte Gefahr drohte, da war er zur Stelle; keine Bewegung des Feindes entging ihm, und er gab seine Befehle mit einer Kaltblütigkeit, als ob die Kugeln, die um ihn pfiffen, Mückenschwärme wären. Er hatte von Speckbacher viel gelernt. Einem gefährlicheren Gegner aber hatte er noch nie gegenübergestanden; denn auch dieser verstand sich auf den Gebirgskrieg, wie seine Manöver zeigten. Es waren Truppen, die ihre Schule in Spanien durchgemacht hatten, und mit Besorgnis bemerkte Ambros, wie sie zwar unmerklich, aber allmählich doch sicheren Fuß faßten. Bei ihrer zahlenmäßigen Überlegenheit strengte sich Ambros umsonst an, sie wieder zu entwurzeln. Die Vigiltaler mußten ihre Stellungen aufgeben; aber sie flohen nicht, sondern zogen sich Schritt für Schritt unter fortwährenden Kämpfen bachaufwärts zurück. In Monthan setzten sie sich zum drittenmal fest. Die Häuser an der Straße und die Kapelle boten ihnen sichere Deckung, während die tief eingeschnittenen Wege nach dem Klosterhof und nach der Spitzhörndlbrücke zu Schützengräben wurden. Auf dem linken Flügel, jenseit des Vigilbaches, kämpfte Hannes in dem Walde, der den Bergrücken zwischen dem Vigiltal und dem Gadertal bedeckte, und um seinen rechten Flügel vor Umgehung durch den Feind zu schützen, besetzte Ambros den Hügel, auf dem der Klosterhof stand. Der junge Eckschlager kämpfte in Monthan. Seine Frau und die Mägde waren vor Schreck wie gelähmt, als Ambros mit seinen Schützen auf dem Hofe erschien, und es kostete ihn viel Mühe, sie zu bewegen, mit ihrer wertvollsten Habe nach Hof und in die Berge zu flüchten. Glücklicherweise war der Großknecht auf dem Klosterhof zurückgeblieben, und er traf die nötigen Anstalten. Das Vieh hatte er schon in die Berge treiben lassen. Für Ambros war es ein seltsames Gefühl, unter solchen Umständen wieder auf dem Klosterhof zu stehen und die Stätte seiner Geburt, von der ihn der Zorn des Vaters vertrieben hatte, nun, da sie Fremden gehörte, mit seinem Leben verteidigen zu müssen. Er hatte jedoch kaum Zeit, diesen aus Wehmut und Bitterkeit gemischten Empfindungen nachzuhängen; denn schon rückte der Feind in dem weiten Talkessel auf der ganzen Linie vor und richtete, da er den Klosterhof als den Schlüssel der bäuerlichen Positionen erkannte, seinen Hauptangriff auf dieses Gehöft. Hier, wo er den verschanzten Bauern auf offenem Felde gegenüberstand, konnte nur das Bajonett die Entscheidung bringen. Dieser letzte Kampf des Tages wurde der blutigste und wichtigste. Die Vigiltaler wußten, daß sie ihre letzte Karte ausspielten, und diese Überzeugung erfüllte sie mit einer Todesverachtung, vor der die Franzosen mehr als einmal zurückweichen und sich von neuem sammeln mußten. In Monthan brannten die Schindeldächer, aber die Bauern wichen nicht aus den Häusern, deren Mauern mit Kugelmalen übersät waren. Der Klosterhofhügel war mit Franzosenleichen bedeckt, und die Wirtschaftsgebäude standen in Flammen. Ambros und seine Schar wehrten sich wie die Löwen. In St. Vigil hörte man deutlich das Schießen und Schreien, die Hornsignale und den Sturmschlag der Trommeln und sah den schwarzen Qualm der brennenden Gebäude. Ein Teil der Zurückgebliebenen stand schreckensbleich auf dem Anger. Jerg ging in der Mühle durch alle Stuben und Kammern. Er war allein zu Hause; Lisei und Afra befanden sich in der Kirche. In der Wohnstube stand eine Flasche Wein auf dem Tisch, und davon trank er dann und wann, worauf er sich das spitze Kinn strich und zum Fenster hinausschaute. Er war aufgeregt, aber nicht aus Furcht, denn der Feind konnte ihm ja nichts anhaben – hatte er doch gegen die Besatzungssoldaten nie die Waffe erhoben. Der Sieg der Franzosen war ihm unzweifelhaft, und jetzt würde aller Unsinn ein Ende haben, jetzt würde endlich Ruhe sein. Der Tag der Abrechnung war da, und der Franzose besorgte seine Rache, würde sie vor allem an Ambros und Hannes besorgen! Jerg leerte das Glas auf einen Zug und stellte sich ans Fenster. Das Schießen auf dem linken Bachufer schien näherzurücken. Einige Bauern liefen, den Stutzen in der Hand, vorüber und eilten in Richtung auf den »Stern« weiter. Nicht lange, so folgte eine größere Zahl, und dann kamen einzelne Flüchtlinge. »Lauft nur, lauft!« murmelte Jerg spöttisch. »Der Franzos erwischt euch doch und stellt euch gegen die Mauer!« Er öffnete ein Fenster und lauschte gespannt. Auf dem Bergrücken fielen nur noch vereinzelte Schüsse. Dann ertönte ein Hornsignal in der Ferne, und ein anderes antwortete aus der Nähe. Jerg wagte sich vorsichtig vor die Tür. Auf der schmalen Straße, zu der der Steg von der Mühle führte, zeigte sich kein Mensch; aber unter den Bäumen der Waldspitze, die sich von dem Bergrücken bis zum Bach erstreckte, bemerkte er ein Blinken, und im nächsten Augenblick kam es hervor. Es waren Franzosen. Sie hatten also gesiegt! Jerg schwenkte den Hut und schrie aus Leibeskräften vivat. Die Franzosen mochten es sich aber wohl nicht vorstellen können, daß ein Tiroler sie im Ernst mit Jubel begrüßte. Zwei, drei Schüsse krachten, Jerg fiel aufs Gesicht und rollte von dem Steig hinunter. Die Franzosen eilten im Geschwindschritt vorüber. Jerg regte sich nicht mehr. Lupattino aber zerrte wütend an seiner Kette und heulte. Unterdessen suchte Frau Carlotta ängstlich nach Stasi. Als das Schießen bei Monthan anhob und mit jeder Minute stärker wurde, hielt sie es für geraten, auf alle Fälle mit Stasi eine Zuflucht in der Kirche zu suchen. Stasi aber, die sie noch kurz zuvor in dem Pfarrgarten hin und her gehen sehen, war verschwunden, als sie jetzt, nachdem sie noch schnell eine saubere Schürze angelegt, dort nach ihr rief und suchte. Das Gewehrfeuer hatte auch Stasi aus ihrer gewöhnlichen Ruhe und Teilnahmslosigkeit aufgescheucht, und nachdem sie eine kurze Weile darauf gelauscht, war sie fortgeeilt. Sie lief über den oberen Kirchplatz in den Bannwald, wo sie sich an der Mur aufwärtswandte. David, der vor dem Hause stand und nach Monthan hinüberschaute, war im ersten Moment stumm vor Überraschung, als er, bei dem Geräusch hastiger Schritte auf dem Geröll sich umwendend, Stasi gewahrte, die mit allen Zeichen der Angst daherkam. Sie war barhäuptig, wie sie seit ihrer Krankheit immer umherzugehen pflegte, weil sie nichts auf dem Kopf dulden mochte. Ihre Flechten waren bei der hastigen Bewegung heruntergefallen und hatten sich aufgelöst, so daß ihr prächtiges, schwarzbraunes Haar hinter ihr im Winde wogte. Das Laufen hatte sie außer Atem gebracht. Jetzt erblickte ihr Auge das Kampffeld, und mit einem krampfhaften Griff erfaßte sie des Ohms Handgelenk mit der Linken. »Feuer – Soldaten!« murmelte sie. »Ach ja, Gott sei's geklagt!« seufzte David. »Monthan brennt und der Klosterhof auch.« »Der Klosterhof?« wiederholte Stasi mit einem Ton und einer Miene, als suche sie sich an etwas zu erinnern. »Und lang werden sich die Unsrigen nit mehr halten«, fügte David hinzu. »Schau, da laufen sie schon von Monthan nach der Brücken!« Stasi blickte mit großen, angstvollen, unbeweglichen Augen auf den brennenden Klosterhof, auf den die Franzosen eben wieder einen Sturm unternahmen. Ein Schauder durchrüttelte sie, und sie floh in das Gärtchen, wo sie sich auf die Bank unter dem entlaubten Geißblatt niedersetzte und sich die Ohren zuhielt. Wenige Minuten darauf stand sie wieder an der Hecke, und dann flüchtete sie abermals in das Gärtchen. Sie hatte keine Ruhe, und an ihrer Stirn und ihren Augen zog es wie Wolken vorüber, mit denen die Sonne ringt. Um den Klosterhof tobte indessen der letzte Kampf. Die Wirtschaftsgebäude, deren Brand Ambros Deckung geboten hatte, waren in sich zusammengesunken, die Schützenkette war nach Monthan zu gesprengt, und Ambros mußte sich nach der Spitzhörndlbrücke zurückziehen, wenn er nicht abgeschnitten und zum Gefangenen gemacht werden wollte. David sah die Verteidiger des Hofes, dessen Wohnhaus vom Feuer verschont geblieben war, über das Feld eilen, sah diesseit des Baches – der zu stark angeschwollen und zu reißend war, um einen Übergang zu gestatten – von vereinzelten Schützen kleine Rauchwölkchen aufsteigen, sah bei der Brücke ein letztes Gewühl und Getümmel und wandte sich mit einem schweren Seufzer ab. Er ging zu Stasi. »Haben sie ihn befreit, den Herrn Pfarrer?« fragte diese aufspringend. »Den Herrn Pfarrer befreit?« wiederholte David ihre Frage, die er nicht verstand. Dann begann in ihm aufzudämmern, was sie meinen könnte, und er versetzte: »Ach, Stasi, der hochwürdige Herr Moltenbecher ist ja schon lang tot.« »Er ist tot?« schrie sie auf und fiel auf die Bank zurück. »Alles, alles tot!« murmelte sie und ließ den Kopf auf die Brust sinken. »Aber – aber …« begann sie darauf wieder und brach ab, weil es ihr nicht gelang, sich auf das zu besinnen, was sie sagen oder fragen wollte. Sie stand langsam auf und ging an die Hecke. Plötzlich kreischte sie, mit der Hand hinunterdeutend: »Soldaten! Soldaten!« und floh ins Haus. Sie hatte sich, wie David sogleich feststellte, nicht getäuscht. Über die Brücke am »Stern« rückte eine Abteilung Franzosen auf den Kirchplatz, auf dem keine menschliche Seele mehr zu sehen war. Alle, die noch kurz zuvor auf dem Anger gewesen waren, hatten sich in die Kirche geflüchtet. Und jetzt drangen auch vom Landgericht her Soldaten auf den Platz. Gegen das Spitzhörndl zu fielen noch immer einzelne Schüsse. Unten ertönte Trommelschlag und Hörnerklang, und die beiden Abteilungen der Sieger begrüßten sich mit dem Geschrei: »Es lebe der Kaiser!« »O Jesus Christus, warum hast du mich das erleben lassen?« ächzte David und schwankte und schlurfte in das Haus, wo er sich auf die Ofenbank setzte und trübselig seinen schweren Kopf wiegte. Stasi lag auf den Knien und betete das Vaterunser; aber die einzelnen Bitten verwirrten sich untereinander. »Oh, mein Kopf, mein armer Kopf!« klagte sie, stand auf und preßte die Hände gegen die Stirn. Aus dem Dorfe schallte wüstes Getöse herauf, und Stasi setzte sich zu David, an den sie sich ängstlich anschmiegte. Mona rief zur Tür herein: »Rettet euch, die Soldaten kommen!« und lief fort, um sich zu verstecken. Stasi sprang auf und wollte ebenfalls fort David hielt sie jedoch fest und versuchte sie zu beruhigen. »Ja, ich weiß nit, was können uns die Soldaten tun?« meinte er. »Bei uns haben sie nix zu suchen.« Stasi aber riß sich los und floh aus dem Hause. Fast wäre sie den Soldaten, die dem Hause schon nahe waren, in die Arme gelaufen. Sie machte kehrt. Der Führer der kleinen Truppe, die aus sechs Mann bestand, war jedoch flink auf den Füßen; eine so reizende Beute konnte sich der Franzose nicht entgehen lassen. Vor der Haustür holte er sie ein; er griff ihr in das flatternde Haar, und während sie vor Schmerz aufschrie, umschlang er ihren Leib. In demselben Augenblick erhielt er einen Faustschlag mitten ins Gesicht, so daß ihm das Feuer aus den Augen fuhr und er Stasi unwillkürlich freiließ. Zugleich rief David – denn er, der seiner Nichte nachgeeilt, war der Angreifer: »Lauf durchs Haus über den Hof!« und stellte sich breit vor die Haustür. Die Soldaten lachten laut über den Segen, den David ihrem Führer erteilt hatte. Dieser aber gab David mit seinem Gewehrkolben einen Stoß, daß er beiseite taumelte und zu Boden fiel, und sprang ins Haus. Die offene Tür auf der entgegengesetzten Seite des Flurgangs zeigte ihm den Weg, den Stasi genommen hatte. Da flog sie über den kleinen Hof und jetzt die steile Halde dahinter zum Lärchenwald hinauf. Der Soldat folgte in langen Sätzen. Die Angst lieh ihr Flügel. Plötzlich rief eine Stimme über ihr: »Hierher Stasi! Zu mir!« Und von ihren Lippen tönte es, gebrochen durch ihren keuchenden Atem, wie ein Jubel: »Ambros!« Gleich darauf hatte Ambros sie umschlungen, aufgehoben und fortgetragen. Ihr Kopf sank auf seine Schulter, und sie wußte von nichts mehr. »Halte-là!« Halte – là! – (franz) Halt, nicht weiter! schrie der Franzose hinter ihnen her und riß sein Gewehr an die Backe. Im selben Augenblick blitzte es am Saum des Lärchenwaldes auf, und als die Soldaten auf den Knall hin aus dem Hause stürzten, fanden sie ihren Führer mit durchschossener Brust am Boden liegen. Sie blickten nach dem Wald hinauf, wo jedoch nichts zu sehen war, und hielten es dann für das beste, den Sterbenden in das Haus zu tragen, zu dessen Durchsuchung sie ausgeschickt worden waren. Sie hatten an diesem Tage bereits sattsam die fürchterlichen Bauernstutzen kennengelernt. Den Schuß hatte Sampogna abgegeben, der, nachdem jeder weitere Widerstand gegen den Feind nutzlos geworden, mit Ambros und anderen auf einem Umweg gegen das Spitzhörndl in den Lärchenwald geflüchtet war. Ambros hatte Stasi weiter in den Wald hineingetragen und sanft niedergelegt. Nun kniete er neben ihr. Glücklicherweise fand sich in seiner Feldflasche noch ein Rest Kirschwasser, und damit wusch er Stasi die Schläfen. Seine Hände zitterten vor Aufregung, wie das feine Laub der Lärchen über ihm im Winde. Stasi hatte ihn erkannt, ihn nicht mehr für den Bösen gehalten! Aber ach, wenn es nur ein flüchtiges Aufblitzen gewesen wäre und sie in der alten Geistesumnachtung aus ihrer Ohnmacht erwachte? Jetzt überzog Stasis Wangen eine feine Röte, ihr Busen hob sich ein wenig, und sie seufzte leise. Im nächsten Augenblick schlug sie langsam die Augen auf. Ihr erster, noch halb abwesender, halb befremdeter Blick traf das von der späten Nachmittagssonne matt vergoldete Lärchengefieder über ihr. Dann wandte sie den Kopf und erblickte Ambros … Ein Lächeln glitt über ihr liebliches Gesicht, und ihre Arme umschlangen Ambros' Hals. Ein Krampf durchschütterte seinen ganzen Körper. Sie drückte ihre weiche Wange zärtlich gegen die seine und flüsterte: »Sei doch still, du armer Brosi!« Da löste sich der Krampf in ihm, und wie ein Schluchzen kam es über seine Lippen: »Stasi! Herzliebste Stasi!« Das Gamsmanndl, das mit den drei oder vier Kameraden, die auf der Flucht beisammengeblieben waren, in einiger Entfernung von dem Paare auf dem feuchten Boden saß und die Vorgänge in St. Vigil aufmerksam beobachtete, meldete Ambros jetzt, daß die Franzosen mit ihren verwundeten oder toten Kameraden zu Tal gezogen seien, und erinnerte daran, daß es auch für sie Zeit wäre, aufzubrechen. Stasi schmiegte sich bei Erwähnung des Franzosen ängstlich an Ambros. Er beruhigte sie; sie werde sich doch nicht fürchten, wenn er bei ihr sei, und sie lächelte. Sampogna schlug vor, über den Seekofl nach Prags am See hinunterzusteigen. Ambros war anderer Meinung. Der Gang über den Seekofl und der Abstieg seien zu gefährlich, um sie in der Dunkelheit unternehmen zu können. Dagegen böten die Sennhütten von Tamers im Bannwald nach seiner Ansicht für die Nacht ein völlig sicheres Versteck; denn daß die Franzosen jetzt, da der Abend bereits zu dämmern beginne, eine Streife in die über drei Stunden sich hinziehende Bruscia wagen würden, sei schwerlich anzunehmen. Der Vorschlag war kühn, ja tollkühn, aber gerade aus diesem Grund verfiele der Feind wahrscheinlich zuletzt darauf, die Flüchtlinge, die er in dem Lärchenwald verborgen wußte, in der Bruscia zu suchen. Sie brachen sofort auf und zogen im Schutz des Waldes dem Piz-Peres zu, wo sie, begünstigt durch die inzwischen hereingebrochene Dunkelheit, die Mur hinabstiegen. Das weiße Gestein leuchtete ihnen. Das Gamsmanndl ging als Vorhut eine gute Strecke voraus. So erreichten sie glücklich den Bannwald. Wieder wanderte Ambros als Flüchtling durch die dunkle Bruscia – doch wie anders als jenes erste Mal, da ihn das böse Gewissen gejagt! Jetzt hätte er jauchzen mögen. Er führte ja Stasi mit sich, und sie war wiederhergestellt! Aus dumpfer Verzweiflung über den Sieg des Feindes fühlte er sich plötzlich zum Himmel erhoben. Hand in Hand gingen sie durch den Wald, wortkarg wie ein Liebespaar, dessen Herzen sich eben erst gefunden hatten – er die Brust voll stürmisch wogenden Glücks, sie wie aus einem Traum erwachend und die Wirklichkeit noch nicht völlig begreifend. Über ihnen in den Tannenwipfeln brauste der Westwind, und auf die Lichtungen fiel heller Sternenschein. An dem grünen See unter der Eisengabel hieß Sampogna die übrigen vorausgehen; doch sie sollten sich dabei so still wie möglich verhalten. Er habe nicht Lust, ohne Abendessen schlafen zu gehen erklärte er. Es dauerte nicht lange, so trug der Wind den Knall seiner Büchse den anderen zu. Doch erst kurz vor den Sennhütten traf Sampogna wieder bei ihnen ein, beladen mit einem Reh, das er gleich an Ort und Stelle ausgeweidet hatte. Dank einem Rest Brennholz, das noch vom Herbst bei dem Hause lag, loderte bald ein helles Feuer auf dem niedrigen Herd, und das Gamsmanndl machte sich daran, faustgroße Stücke von dem Rehfleisch zu rösten, wobei er sich seines eisernen Ladestockes als Bratspieß bediente. Sie alle hatten seit dem Morgen nichts gegessen, und so mundete ihnen das Mahl vortrefflich, obgleich das Fleisch teils angebrannt, teils roh war und ohne Salz und Brot genossen werden mußte. Die Tischplatte diente als Teller, und ein Schlückchen aus der Feldflasche würzte das Gericht. Nur Stasi verspürte keinen Hunger. Der Raum, der jetzt so kahl und nackt war, erinnerte sie an die Fastnacht, an Afra. Sollte sie das alles nur geträumt haben? Ambros, der kein Auge von ihr ließ, erriet, was sie bewegte. Er erbot sich, die erste Wache zu übernehmen, und während sich die anderen in der Nähe des Feuers auf dem Fußboden ausstreckten, führte er Stasi vor die Tür. Sie setzten sich auf die Schwelle, und hier, beim Funkeln der Sterne und beim Rauschen der mächtigen Wettertannen, deren phantastische Moosbärte der Wind hin und her bewegte, schüttete Ambros sein ganzes Herz aus, bekannte er seine Verirrung, seine Reue, erzählte er von seiner Flucht, seinen Schmerzen und seiner Liebe. Nicht sprudelnd und schäumend gleich einem Gießbach, wie es sonst seine Art gewesen, machte sich sein Herz Luft – es kam wie ein Glutstrom aus der Tiefe seiner Brust. Stasi zog weinend seinen Kopf an ihre Brust; aber es waren glückliche Tränen, die aus ihren Augen tropften. Er liebte sie ja! Es wurde still in ihr. Die düsteren Schatten der Vergangenheit, die in ihr neuerwachtes Seelenleben gefallen waren und die sie vorhin in der Stube geängstigt hatten, verzogen sich. Als Sampogna beim ersten Morgengrauen erwachte, saßen die beiden in der Stube auf der Wandbank und schliefen. Ambros hielt Stasi mit dem rechten Arm umfaßt, und ihr Kopf ruhte an seiner Brust. Unter dem grauen Schnurrbart des Alten dämmerte ein Lächeln. So geräuschlos wie möglich zündete er das erloschene Feuer wieder an. Dennoch erwachte Stasi darüber. Sie löste sich sanft aus dem Arm ihres Mannes, nickte dem Gamsmanndl freundlich zu und begann statt seiner das Fleisch zum Frühmahl zu braten. Er zündete sich seine Pfeife an und schaute ihr mit stillem Behagen zu. War es das Feuer oder das Glück, das ihr hübsches Gesicht so rosig machte? Doch das Gamsmanndl dachte wohl darüber nicht nach. Nun erwachten auch die übrigen Schläfer, und während des Essens, das ungleich besser als am Abend vorher geraten war, wurde erwogen, wohin man sich weiter wenden solle. Ambros machte den anderen den Vorschlag, ihr Schießzeug in den Sennhütten gut zu verstecken und sich in ihre Häuser und auf ihre Höfe zurückzuschleichen. Die erste Wut der Franzosen wäre wohl inzwischen verraucht, und sie hätten nichts mehr zu befürchten. »Und du?« fragte einer von ihnen. »Ich kann freilich nit heim«, erwiderte Ambros. »Ihr habt ja gesehn, daß der Franzose auf mich fahndet. Aber ich weiß schon, wo ich auf ein paar Tag einen Unterschlupf find; denn länger wird's halt nit not tun.« Er war fest davon überzeugt, daß sich in zwei, höchstens drei Tagen auf Hofers Aufruf hin die Pustertaler erheben und das ganze Land wieder unter Waffen stehen würde. In dieser Überzeugung gab er auch den Bitten Stasis nach, die sich nicht von ihm trennen wollte. Wo er sich inzwischen verbergen wollte, vertraute er nur dem Gamsmanndl, als sie voneinander schieden. Während Sampogna und die anderen nach St. Vigil zurückkehrten, wanderte Ambros mit Stasi der aufgehenden Sonne entgegen. Aber es dauerte lange, bis ihre ersten Strahlen über den Monte Sella kamen. Es war ein kalter, nebliger Morgen. Die beiden Flüchtlinge spürten es jedoch nicht; ihre Gesichter glühten, und Ambros hatte noch so viel von seinen Kriegs- und Irrfahrten zu erzählen, daß Stasi kaum merkte, wie sie den Col de Rü hinanstiegen. Statt, wie auf seiner ersten Flucht, durch die flache Talmulde weiterzugehen, wandte sich Ambros links und stieg mit Stasi höher hinan, an nackten Steinwällen entlang. Sein Ziel waren die Sennhütten von Fodara Vedla. Zuletzt mußten sie über eine Strecke gefrorenen Schnees. Unmittelbar hinter den Hütten erhob sich nacktes Gestein, das sie gegen die Stürme aus Nordost schützte. Ambros und Stasi blickten in ein schmales Tal hinab, dessen Tiefe sie nicht ermessen konnten. Ein Nebelmeer, aus dem hin und wieder Tannenwipfel wie Nixen mit grünem Haar auftauchten, wallte unter ihnen, und über ihnen wölbte sich der blaue Himmel, zu dem der rötliche Monte Sella mit seinen zerspalteten und zerklüfteten Riesenschollen hinaufragte. Ringsum auf den Kuppen und vorspringenden Leisten lag Schnee und blendete, von Sonnenlicht bestrahlt, das Auge. »Jetzt, das ist unsre Winterfrische!« scherzte Ambros, nachdem er seiner Frau die einzelnen Bergspitzen genannt hatte. Sie traten in das Blockhaus, das ihnen als Wohnung dienen sollte. Eine eisige Luft wehte ihnen entgegen. Die ganze Inneneinrichtung bestand aus einem plumpen Tisch, einer rohen Bank und einem Schemel. Über dem Herd hing an einer starken Kette der Haken für den Rahmkessel. Aber der Kessel war nicht vorhanden; ebenso fehlten Pfanne, Topf oder Glas. In der Kammer, die ein ganz kleines Fenster hatte, dessen Scheibe aber zerbrochen war; stand eine leere rohe Bettstatt. Brennholz war ebenfalls keins zu entdecken; dafür war der Stadel mit Wildheu angefüllt, das offenbar auf Schlittbahn wartete, um zu Tal geschafft zu werden. Stasi war etwas entmutigt; Ambros aber erheiterte sie durch seine gute Laune. Konnte man sich weichere und wärmere Betten wünschen als dieses würzige Wildheu? Sie begannen davon in die Stube zu tragen, soviel sie zum Lager bedurften, und Ambros verstopfte damit auch die klaffenden Ritzen in den hölzernen Mauern. Dann brachte er noch eine große Tracht Holz, und auf Stasis erstaunte Frage, wo er es herbekommen habe, lachte er: »Da wir kein Schwein zu mästen haben, braucht's auch keinen Schweinestall, und sind wir mit ihm fertig, so ist noch das Heustadel da. Das ist so Kriegsbrauch, den uns die Bayern und Franzosen gelehrt haben. Rehbraten haben wir auch noch, und ist der alle – Gamsen gibt's hier oben genug, und Salz und Brot und Branntwein bringt morgen der Sampogna. Wir werden leben wie die Edelleut!« Auf dem Herd prasselte ein mächtiges Feuer. Ambros schob die Bank nahe heran, und beide setzten sich darauf und plauderten. Für Stasi war es ein Zuwachs an innerem Glück, daß Ambros' ganzes Wesen männlicher geworden war, und sie hörte ihm mit Bewunderung zu, als er von den vielen Kämpfen, vor allem den heißen Schlachten am Berge Isel, von Hofer, Speckbacher und den anderen Helden Tirols erzählte. Ihr Herz stellte ihn diesen Helden an die Seite, und das Leuchten ihrer braunen Augen verriet, was sie dachte. Es war ihr, als sei sie von einer langen, langen Reise zurückgekehrt. Wie hatte sich unterdessen daheim so vieles geändert! Fast alles war anders geworden! Der Tag war viel zu kurz, um sie mit allem, was sich inzwischen zugetragen hatte, vertraut zu machen, und wie im Fluge verging er. Sie wachte noch eine ganze Weile auf ihrem weichen Heulager, schaute in das verglimmende Feuer und wollte an das denken, was sie gehört hatte, aber sie empfand nur ihr übergroßes Glück. Früh am nächsten Morgen fand sich Sampogna ein und brachte Brot, Salz, Käse, Tabak und Branntwein mit. Er war in der Nacht von Hause aufgebrochen, um seinen Gang vor jedem feindlichen Späherauge zu verbergen – wie er sich überhaupt in der Zwischenzeit gehütet hatte, den Franzosen sichtbar zu werden. Ambros und Stasi empfingen ihn, strahlend vor Glück, und so wie an diesem Morgen hatte Ambros ihm noch nie die Hand gedrückt. Das Gamsmanndl aber war noch ernster als gewöhnlich, und es kostete Mühe, ihm den Mund zu öffnen. Nach dem, was Ambros aus ihm herausfragte, wurden er und sein Bruder von den Franzosen überall gesucht. Hannes war verschwunden und mochte sich über das Jöchl oder eine andere Stelle ins obere Gadertal gerettet haben. Der Sieger hatte in seiner Wut über die ungeheuren Verluste, die er erlitten, in St. Vigil arg gehaust. An vielen Orten hatte er geplündert, im »Stern« und in der Pfarre alles zertrümmert und Greise und Weiber mißhandelt. Schlimmer noch war es den Gefangenen ergangen: Jeder zehnte Mann war an die Kirchhofsmauer gestellt und erschossen worden. Ambros blickte finster in das Feuer, vor dem sie saßen. Stasi hatte ihren linken Arm um seinen Nacken geschlungen und verbarg ihr entsetztes Gesicht an seiner Schulter. Eine Weile wurde kein Wort gesprochen. Dann richtete sich das Gamsmanndl aus der gebückten Stellung, in der es auf dem Schemel saß, auf und sagte: »Du kannst hier oben nit bleiben, Ambros. Du mußt fort! Deine Frau bring ich nach St. Vigil zurück.« Beide fuhren auf. »Wieso? Was ist geschehn?« fragte Ambros. »Die Franzosen könnten dich hier finden, und wann nit, so wird die Geschicht länger dauern, als wir glaubten«, versetzte jener. »Vermagst du auch noch eine Weil hier oben auszuhalten, so kann's doch deine Frau nit, und auf der Flucht kannst du sie nit mitnehmen.« »Ja, weshalb soll ich denn weiterfliehn?« fragte Ambros, während Stasi seine Hand so festhielt, als würde sie in diesem Augenblick bereits von ihm gerissen. Der kleine Gerber antwortete nicht sogleich. Er sah Ambros auch nicht an, sondern starrte in das prasselnde Feuer. Endlich sagte er wie grollend: »Es ist alles aus. Gestern nachmittag ist der Hartwanger bei mir vorgesprochen; er hat sich nit gleich nach St. Vigil hineingetraut, und von ihm weiß ich's. Ja, es ist alles aus. Die Franzosen sind zum zweitenmal über den Jaufenpaß gestiegen. Auf dem Kirchhof von St. Leonhard hat sich ihnen der Hofer mit seinen Passeiern entgegengestellt. Aber wie bei uns, so ist auch dort der Feind zu über-mächtig gewesen. Die Passeier haben sich zerstreun müssen, und der Hofer ist ins Hochgebirg geflohn.« Ambros stöhnte tief auf. Nach einigen Sekunden aber erhob er sich und rief energisch: »Nein, noch ist's nit aus! Die Landwehrn müssen sich derweilen erhoben haben, und der Hofer wird wieder hervorkommen.« Das Gamsmanndl schüttelte den Kopf. »Hier und dort soll's freilich geschehn sein, aber es ist ihnen ergangen wie uns. An andern Orten solln sie auseinandergegangen sein, als sie gehört haben, daß der Hofer geflohn ist. Darüber hat der Hartwanger nix Gewisses nit gewußt. Aber im ganzen Pustertal hat sich keine Hand gerührt, konnt sich nit rührn von wegen den Franzosen. Der General Broussier Broussier – Jean-Baptiste Broussier (1766-1814), französischer General; kämpfte im italienischen Feldzug, war dann Gouverneur von Mailand, Parma und Piacenza. haust dort wie ein Wüterich. Wie ein Bluthund hetzt er die Leut. Wir haben nix mehr zu hoffen, und du mußt aus dem Land weichen.« Ambros setzte sich wieder und verbarg das Gesicht in den Händen. Stasi weinte. Nach einer Weile räusperte sich Sampogna kräftig, sagte aber nichts, und nach einer weiteren Weile stieß er Ambros heimlich an. »Was soll's?« fragte dieser, während er die Hände vom Gesicht sinken ließ. »Ja, das ist jetzt nit anders und muß getragen werden«, meinte der Alte und winkte Ambros mit den Augen verstohlen nach der Tür. »Ich kann's deiner Frau zu wissen tun, daß du das Schwerste als ein Mann getragen hast, und es kommen auch wohl für Tirol noch beßre Tag. – Es zogen vorhin Schneewolken auf.« Er ging aus der Hütte, und Ambros folgte ihm. Stasi merkte nicht, daß sie sehr lange draußen blieben. Kaum gefunden, sollte sie sich schon wieder von Ambros trennen! Über diesem kummervollen Gedanken brütete sie unablässig. Als Ambros wieder hereinkam – allein, denn das Gamsmanndl folgte ihm erst später –, war er sehr bleich, und in seinem Gesichtsausdruck lag ein Ernst, wie ihn Stasi noch nie in solchem Maße an ihm bemerkt hatte. »Ich soll dich verliern!« schrie sie auf und warf sich an seine Brust »Ja, Stasi, wir müssen uns trennen; ich muß fort«, antwortete er mühsam, wobei er sie fest an sich preßte. Sie sah wohl ein, daß er in Fodara Vedla keine Stunde mehr sicher war, daß er fliehen müsse und daß sie ihn auf seiner Flucht nicht begleiten könne, ohne seine Sicherheit zu gefährden; aber dennoch wollte sich ihr Herz der Erkenntnis nicht fügen. Es war zu hart, schon so bald wieder von der Höhe das Glücks herabgestürzt zu werden und den sicheren Besitz gegen Tage und Nächte steter Angst um den Geliebten einzutauschen. Er redete ihr liebevoll zu, und um der Schmerzen willen, die ihn seinerseits die Trennung von ihr kostete, suchte sie sich zu fassen. Konnte ihre Liebe sein Schicksal nicht teilen, so wollte sie es ihm doch durch Tränen und Klagen nicht noch schwerer machen. Sampogna kam, und Stasi trocknete ihre Tränen. Es wurde ausgemacht, daß sie auf ihren elterlichen Hof zu David zurückkehre. Bald darauf verließen sie die Sennhütte. Ambros begleitete seine tapfere junge Frau bis hinter das Kreuz auf der Paßhöhe. Das Gamsmanndl ging vor ihnen her, mit gesenktem Kopf und ohne seine unzertrennliche Gefährtin, die Pfeife, im Munde. Ambros und Stasi hatten sich bei den Händen gefaßt. Nur selten sprachen sie ein Wort miteinander; ein Druck ihrer Hände oder ein Blick wurde zum Dolmetsch ihrer Gefühle. Dann blieb Ambros stehen. Das Paßkreuz lag hinter ihnen. Überwältigt von ihrem Schmerz, warf sich Stasi zum letztenmal in die Arme des Geliebten. Stumm hielt er sie umfangen und küßte sie immer von neuem. Er war bleich wie der Tod. Schließlich drängte er sie sanft von sich. »Wir sehn uns wieder, und dann trennt uns nix mehr!« sagte er mit erheblicher Anstrengung. Stasi wandte sich schluchzend ab. Sampogna reichte Ambros stumm die Hand. Sein Blick war um so beredter, und dazu schüttelte er heftig verneinend den Kopf. »Es muß sein!« murmelte Ambros, und das Gamsmanndl ließ zögernd seine Hand fahren. Eilig ging er mit Stasi davon. Ambros schaute ihnen nach, bis eine Windung beim Abstieg sie seinen Blicken entzog. Dann rang sich ein Stöhnen fast wie ein Schrei aus seiner Brust. Er streckte die Arme gen Himmel und ließ sie wieder fallen, und wie von aller Kraft verlassen, sank er auf einen Felsblock am Wege und bedeckte das Gesicht mit den Händen. Er hatte Stasi zum letzten Male gesehen! Er durfte nicht fliehen, auch wenn der Weg frei vor ihm gelegen hätte! Die Franzosen hatten seinen Vater gefangen nach Bruneck geführt und in St. Vigil bekanntgemacht, daß, wenn sich Ambros nicht innerhalb von drei Tagen dem Kriegsgericht stellte, der Vater für ihn sterben müßte. Das war die Mitteilung gewesen, um derentwillen das Gamsmanndl Ambros aus der Sennhütte gewinkt hatte. Es war jedoch nicht Sampognas Meinung gewesen, daß sich Ambros für den Klosterbauern opfern sollte: der hätte es wahrlich nicht um ihn verdient. Wohl hatte Ambros an alles gedacht, was ihn berechtigte, gegen den Klosterbauern Klage zu führen; aber er war sein Vater! Es war gewiß: hätte er sich ihm in der Krisis seines Lebens als Vater erwiesen, dann wäre alles Leid und Unglück, das ihn, Stasi und Lisei getroffen, ungeschehen geblieben. Aber er konnte es nicht auslöschen, daß der Klosterbauer sein Vater war. Und sollte ein Unschuldiger für ihn sterben? Nie! Schon als Knabe hatte er nicht geduldet, daß ein anderer für sein Tun die Verantwortung trüge. – Wenn etwas ihm die schreckliche Wahl, vor der er stand, erleichtern konnte, so war es der Gedanke, daß es für die Freiheit Tirols geschähe. Aber Stasi! Sollte er sich aus Verirrung und Schuld unter so bitteren Schmerzen emporgearbeitet und durch Reue geläutert haben, um in demselben Augenblick zu sterben, da Stasi ihm wiedergegeben war, da sie ihm verziehen hatte und er in ihrer Liebe ein Glück genoß, wie er es früher nicht einmal zu ahnen imstande gewesen war! Der Tod schreckte ihn nicht – er hatte ihm ja unzählige Male entgegengeblickt –, aber das Glück, das ihm erst eben erblüht war, durch eigenen Entschluß mit dem finstern, kalten Grabe vertauschen, das war es, was sein Herz mit unnennbaren Qualen zerriß. Dennoch, konnte er fliehen mit dem Bewußtsein, daß ein anderer für ihn sterben müßte! Konnte er fliehen und unter dem Fluch des Vatermordes weiterleben? Durfte der Vatermörder je wieder vor Stasi hintreten! So groß ihre Liebe zu ihm auch war – sie müßte ihre Augen mit Abscheu und Entsetzen von ihm wenden. Ihr Schmerz über seinen Tod würde sehr, sehr heftig sein, aber er wußte, daß der Tag käme, an dem sie erkennen mußte, daß er recht getan hätte zu sterben, und dem Toten würde ihre Liebe bleiben. Nun war das Schwerste überstanden. Er hatte Stasi scheiden lassen, ohne ihr zu verraten, daß es ein Abschied für ewig sein würde. Als die Sonne über den Föhrenwipfeln des Bergkamms zitterte, hinter dem St. Martin lag, stieg Ambros in das Rauhtal hinab. In der Hütte von Tamers versteckte er seinen Stutzen und seine Pistolen. Seine Waffen wie auch sein in Waidbruck zurückgelassenes Pferd sollten nach seinem Tode laut Übereinkunft Sampogna gehören. Mit festem, gleichmäßigem Schritt ging er weiter. Es war bereits dunkel, als er St. Vigil erreichte. Der französische Kommandant hatte sich im Landgericht einquartiert; dorthin lenkte Ambros seine Schritte, und die beiden Posten vor dem Hause ließen ihn passieren. Etwa eine Stunde später kam Sampogna zu Lisei auf die Mühle. Lisei und Afra saßen beisammen in der Stube, in der Jerg aufgebahrt lag; bei dem Sarge brannten Lichter. Am nächsten Morgen sollte er begraben werden; aber es hatte sich niemand eingefunden, um die Leiche zu sehen. Wenn Lisei dem Gamsmanndl ein tiefbekümmertes Gesicht zuwandte, so war nicht der plötzliche Tod Jergs die Ursache davon, sondern die Verhaftung des Vaters und das Schicksal, das ihm drohte. Sampogna kam im Auftrage ihres Bruders. Er sollte sie von dessen Entschluß in Kenntnis setzen und sie bitten, Stasi auf sein Ende vorzubereiten und zu trösten. Diese Botschaft schonend an Lisei auszurichten mißlang ihm jedoch, denn er befand sich selbst in großer Erregung. Eben war Ambros nach Bruneck abgeführt worden. Sampogna war vom Kirchhof aus, wo er sich versteckt gehalten, Zeuge davon gewesen. Er hatte nicht daran gezweifelt, daß Ambros seinen Entschluß ausführen würde; die innere Unruhe und Angst um ihn und jene in solchen Fällen aufkeimende, wenn auch vage Hoffnung, daß etwas geschehen würde oder könnte, was das Schreckliche noch im letzten Augenblick verhinderte, hatten ihn zuletzt in die Nähe des Gerichtshauses getrieben. Als er nun in der Stube den Sarg erblickte, schlug er mit der Faust auf den Deckel und rief ingrimmig: »Der Lump da wird aufgebahrt, und den Ambros werden sie einscharrn wie einen Mörder! In Ketten haben sie ihn weggeschleppt, und er hat sich doch selbst gestellt! Wann ihr beten wollt, betet für den Ambros, denn zu retten ist er nit mehr. O du blutiger Heiland!« Die beiden Frauen starrten ihn entgeistert an, blieben jedoch stumm und regungslos. Sie hatten einen tödlichen Streich erhalten und wußten es, aber sie fühlten ihn nicht. Erst in der nächsten Sekunde stießen sie fast gleichzeitig einen Schrei aus, der dem Alten das Haar sträubte. Worte fanden sie auch jetzt nicht; nur abermals aufschreien mußten sie; sie wären sonst an ihrem Schmerz erstickt. Sampogna rupfte und zupfte mit zitternden Fingern an seinem grauen Knebelbart; dann tat er das Beste, was er in diesem Falle tun konnte: er erzählte von Ambros' Flucht mit Stasi auf die Alp von Fodara Vedla und von seinem Entschluß, sich den Franzosen auszuliefern. Ob ihm die Frauen zuhörten oder nicht, hätte er nicht sagen können. Lisei starrte immerfort auf den Sarg ihres Mannes, die Augen Afras glühten wie Kohlen. Beide waren geisterbleich. Stumm und tränenlos rang Lisei die Hände. »Er darf nit sterben!« kam es über Afras Lippen, und dabei bebte sie am ganzen Körper. »Er muß gerettet werden!« fügte sie nach einer Weile hinzu. Aber wie? Sie wußte es nicht. Sie sann schlaflos die ganze Nacht darüber. Ihre Liebe zu Ambros verzehrte alle Regungen des beleidigten Stolzes, des Zorns und der Eifersucht. Er durfte nicht sterben! Als es Tag zu werden begann, kleidete sie sich mit einer Sorgfalt an, die sie seit langer, langer Zeit nicht mehr auf ihr Äußeres verwendet hatte. Ihr allerneuestes Zeug legte sie an: das Mieder von schillerndem Seidenstoff mit den Silberschnüren und den feinsten schwarzen Rock, der unter seinen reichen Falten die hübschen Füße frei ließ; dann schlang sie ein rotes Seidenband als Gürtel um die Hüften und hängte sich die großen goldenen Ringe in die rosigen Ohren, hinter denen das üppige blauschwarze Haar zurückgekämmt und im Nacken zierlich aufgesteckt war. Dann hieß sie den Knecht anspannen und fuhr nach Bruneck. Lisei schlief noch. Dumpf dröhnte der Hufschlag des schwerfällig trottenden Pferdes auf dem Pflaster unter dem engen Stadttor, an dessen vergittertem Fenster oben der Klosterbauer stand und ruhig auf die farbigen Morgennebel schaute, die um das Mittelgebirge des weiten Talkessels und des Tauferertals schwebten. Es war der dritte Tag seiner Gefangenschaft und der letzte, den er zu leben hatte. Die Würde, die er vor der Welt zu behaupten gewohnt war, hatte ihn auch den Franzosen gegenüber nicht einen Augenblick verlassen. Als ihm mitgeteilt worden war, was seiner harrte, hatte er nur unmerklich die Lippen zusammengepreßt und geschwiegen. Er hielt sich für einen toten Mann. War es doch mehr als wahrscheinlich, daß die Kunde von seiner Gefangennahme Ambros auf seiner Flucht nie oder doch zu spät erreichen würde. Und wenn er sie durch irgendeinen Zufall rechtzeitig erhielte, so gäbe der verstoßene Sohn – davon war der Klosterbauer überzeugt – um seinetwillen nicht Freiheit und Leben auf. »Wann ich dich aber vom Tod erretten könnt und braucht bloß die Hand aufzuheben – nit den kleinen Finger tät ich rührn!« – waren das nicht Ambros' Worte gewesen? Und jetzt sollte ihn derselbe Ambros sogar mit dem Opfer des eigenen Lebens retten? Er wäre ein Narr, wenn er es täte! – Was lag auch an dem bißchen Leben, das ihm, dem einstigen Klosterbauern, noch blieb? Er hatte es ja schon einmal freiwillig wegwerfen wollen, und es war seitdem nicht wertvoller für ihn geworden. Er war ein alter, ruinierter Mann, dem alles im Leben fehlgeschlagen war. Ob die Schuld an ihm lag, das untersuchte er nicht, und auch nicht, ob er es um Ambros verdient hätte, daß dieser stürbe, wenn er frei sein und leben konnte. Nur an eines dachte er noch: daß er der Joseph Falkner war. Die Franzosen sollten ihm nicht nachsagen können und es sollte im Vigiltal nicht heißen, daß der Klosterbauer vor dem Tode gezittert habe. In der Hauptstraße, die Bruneck der ganzen Länge nach durchschnitt, verließ Afra den Wagen, schritt die Straße entlang und dann unter den entlaubten Bäumen den hohen Schloßberg hinauf. Sie hatte sich zwar in einen Mantel gehüllt, aber der vermochte ihren jugendlich elastischen Gang ebensowenig zu verbergen wie der flache Hut ihr hübsches Gesicht, und beides erregte sofort die Aufmerksamkeit der Soldaten, die sich auf dem Hofplatz der ehemaligen bischöflichen Sommerresidenz müßig herumtrieben. Diese machten sich, während sie verlegen nach dem richtigen Eingang in das Schloß spähte, gleich an sie heran und begannen ihr auf ihre Weise allerlei Artigkeiten zu sagen, von denen sie jedoch nichts verstand. Das Erscheinen eines bürgerlich gekleideten älteren Mannes in einer nahe gelegenen Tür befreite sie aus ihrer Verlegenheit. Sie ging rasch auf ihn zu und fragte, wo sie den obersten General der Soldaten finden könne. Sie müsse ihn sprechen. »Den General Broussier wollt Ihr sprechen?« fragte der Mann nicht ohne Verwunderung. »Ja, meint Ihr, daß der so ohne weitres zu sprechen ist? Und was wollt Ihr denn von ihm!« »Ich muß mit ihm von wegen dem Ambros Falkner reden, daß er ihn freigibt«, versetzte Afra hastig. »Ja, ja, der Falkner ist diese Nacht eingebracht worden, ich hab davon gehört«, nickte der Mann, der, wie sich herausstellte, der Kastellan des Schlosses war. »Aber ihn freigeben? Da geht nur wieder heim; der General Broussier hat sich noch nimmer durch Bitten erweichen lassen. Wann Ihr darauf allein Eure Hoffnung setzt, dann ist der Falkner verlorn.« Afra sah ihn ängstlich an. Plötzlich fiel ihr etwas ein; sie griff in ihre Kleidertasche und zog ein Papier hervor, das sie dem Kastellan reichte. Es war der Depotschein über die Summe, die der Müller für sie in Bruneck hinterlegt hatte. Der Kastellan mußte trotz des Mitleids, das Afra ihm einflößte, lächeln. »Steckt nur den Schein wieder ein«, sagte er. »Habgierig ist der General freilich – sie alle sind's –, aber Ihr könnt ihm das Geld nit einfach auf den Tisch legen. Wann's ein andrer in der gehörigen Form tät, ließ er vielleicht mit sich handeln. Aber dazu ist Zeit nötig, und sie machen gar kurzen Prozeß mit ihren Gefangnen.« Afra erblaßte. »Aber der General ist doch auch ein Mensch, wann er auch ein Franzos ist!« rief sie »Und wann ich ihm alles so recht vorstell, müßt er ja ein Stein sein, wann's ihn nit erbarmt.« »Der General versteht nur ganz wenig Deutsch«, sagte der Kastellan kopfschüttelnd. »Aber ich will einmal zuschaun, ob ich's machen kann, daß Ihr zu ihm gelangt. Vielleicht gewährt er dem Falkner einen Aufschub. Zeit gewonnen, ist alles gewonnen.« Er hieß sie mitgehen und führte sie durch lange Gänge und Zimmer. Zuletzt kamen sie in ein Gemach, in dem sich mehrere Offiziere befanden, die in allen möglichen Stellungen auf den Lehnsesseln umherlagen oder zu den Fenstern hinausschauten. Es waren die Ordonnanzen des Generals. Der Kastellan näherte sich einem der jüngeren, zog ihn beiseite und sprach leise mit ihm. Der Offizier blickte dabei mehrere Male zu Afra hinüber, die befangen an der Tür stehengeblieben war, und drehte sein blondes Bärtchen in die Höhe. Dann entfernte er sich durch eine Tür Afra gegenüber, und der Kastellan kehrte zu der jungen Frau zurück. Er sprach flüsternd mit ihr, aber sie verstand in ihrer Aufregung kein Wort. Wenn der General sie nicht vorließe, wenn ihre Bitten ohnmächtig blieben …? Weiter vermochte sie nicht zu denken. Der Leutnant kam endlich wieder zurück und winkte ihr, zu folgen. »Aber man geht nit in Hut und Mantel zu einem General in die Stub!« flüsterte ihr der Kastellan zu. Sie warf beides rasch auf einen leeren Stuhl. »Mais eile est superbe!« Mais elle est superbe! – (franz.) Sie ist ja ein Prachtweib! rief einer der Offiziere, und nicht nur er, sondern auch die Mehrzahl seiner Kameraden folgten dem schönen Weib mit staunenden, bewundernden Blicken. General Broussier saß in offener Uniform an einem Tisch und unterzeichnete verschiedene Papiere, die ihm nacheinander von einem Offizier vorgelegt und dann von diesem in eine Mappe getan wurden. Er ließ sich durch die Eintretenden in seiner Arbeit nicht stören, sah auch nicht einmal nach ihnen hin, und so hatte Afra Muße, den Mann, von dem Leben und Tod des Gefangenen abhing, zu betrachten. Ach, seine Erscheinung war nicht ermutigend. Das schwarzbraune Gesicht hatte einen mehr als harten Ausdruck. Sein Haar war bereits stark mit Grau gemischt, desgleichen der an den Spitzen gestutzte Schnurrbart »Allons, parlez!« Allons, parlez! – (franz.) Vorwärts, sprechen Sie! wandte er sich, nachdem er das letzte Schriftstück unterzeichnet hatte und der Offizier mit der Mappe fortgegangen war, an Afra und fixierte sie mit seinen kleinen schwarzen, funkelnden Augen, die tief in ihren Höhlen lagen. Ihr Begleiter, ein Elsässer, übersetzte ihr die Aufforderung des Generals, ihr Anliegen vorzubringen. Mit der Beredsamkeit der Liebe sagte sie alles, was sie wußte, um den General zu erweichen. Er wandte kein Auge von ihr, während sie sprach, und als sie tränennassen Blickes schwieg, rief er: »Sapristi, elle est diablement belle!« Sapristi, elle est diablement belle! – (franz.) Verflucht, sie ist verteufelt schön! Darauf warf er einen halben Seitenblick auf den jungen Offizier, und dieser verdolmetschte ihm ihre Worte. »Mille tonnerres, elle est folle!« Mille tonnerres, ehe est folie! – (franz.) Potz Bomben und Granaten, sie ist verrückt! rief der General mit gerunzelter Stirn. »Dieser Falkenèr ist gewesen die Rädelsführ von seine Gemeind, Adjutant de ce brigand de ce brigand – (franz.) von diesem Räuber. von dieses Räuber Speckbacher und hat genommen les armes les armes – (franz.) die Waffen. nach der proclamation de sa majesté, proclamation de sa majesé – (franz.) Aufruf Seiner Majestät. des Köniks von Italie, und ick soll schonen seine Leben! Nix! Sterben!« »Barmherzigkeit! Gnade!« schrie Afra voll Verzweiflung, fiel vor ihm nieder und umklammerte seine Knie. »Er hat ja nix Böses getan; er hat wie alle Tiroler auf Befehl des Kaisers für unser Vaterland gefochten! Und wann er darum den Tod verdient hätt – heilige Mutter Gottes, ist er nit zehnmal das Leben wert, daß er sich freiwillig ausgeliefert hat, um seinen alten Vater vom Tod zu retten, seinen Vater, der ihn nimmer wie einen Sohn geliebt hat?« Diesmal wartete der junge Offizier nicht den Wink seines Vorgesetzten ab, sondern übertrug ihm sofort, was Afra gesagt hatte, und er übertrug es mit Lebhaftigkeit »Sie müssen lieben viel dieser Räuber, daß Sie bitten so ardemment pour sa vie. ardemment pour sa vie – (franz.) glühend für sein Leben. Vous setes sa masstresse?« Vous setes sa maitresse? – (franz.) Sind Sie seine Geliebte? »Ob Sie seine Braut sind!« schaltete der Leutnant ein. »Ich lieb ihn, ich lieb ihn mehr als mein Leben!« rief Afra leidenschaftlich. »Wann Ihr Blut haben müßt, nehmt meins, nur verschont ihn!« Sie machte eine Handbewegung gegen ihre volle Brust, als wolle sie sich das Mieder aufreißen. »Nous, verrons, wir werden sehen«, sagte der General und machte Afra ein Zeichen, daß sie aufstehen solle. »Wenn Sie wollen geben alles pour lui, pour lui – (franz.) für ihn. ick nick will haben alles, ich nick will haben Ihr sang. sang – (franz.) Blut. Comment dit-on?« Comment dit-on? – (franz.) Wie sagt man? »Blut!« bemerkte der junge Offizier. »Ich nick will haben Ihr Blut«, wiederholte General Broussier. »Sie sein ßu ein schöne personne für den Tod.« Auf französisch fragte er den Leutnant, wann das Kriegsgericht zusammentrete. »In etwa einer halben Stunde«, versetzte der Offizier nach einem Blick auf seine Uhr. »Ich danke Ihnen!« sagte der General aufstehend, und der Offizier entfernte sich ... Auch Ambros wußte, daß sich in einer halben Stunde das Kriegsgericht versammeln würde. Der Unteroffizier, der in dem Schloßgefängnis den Schließerdienst versah, hatte es ihm mitgeteilt und ihm bereits die Ketten dazu abgenommen. Er war völlig ruhig und dachte nur an Stasi, an ihre Liebe und an ihren Schmerz, wenn sie seinen Tod erfahren würde. Die Zeit verrann, ohne daß er es merkte. Schritte näherten sich seinem Kerker, und er erhob sich. Die Tür ging auf Afra flog ihm entgegen, der junge Elsässer folgte. Ambros trat mit finsterem Gesicht zurück. Warum drängte sie sich noch in der letzten Stunde seines Lebens zu ihm? Bei der dürftigen Helle des Gefängnisses vermochte sie den Ausdruck in seinem Gesicht nicht zu erkennen, und mit einer Stimme, die vor Aufregung bebte, rief sie: »Du bist frei!« Sie reichte ihm ein Papier hin, aber er nahm es nicht Er starrte sie regungslos an. »Nehmen Sie; es ist Ihr Freilassungsschein«, sagte jetzt der Offizier, »Der General hat Sie begnadigt.« »Frei?« rief Ambros wie im Traum. »Frei!« wiederholte er im nächsten Augenblick mit dem vollen Bewußtsein der Bedeutung des Wortes und dennoch zweifelnd. »Der General hat mir dein Leben geschenkt«, sagte Afra leise. »Afra!« schrie er mit gepreßter Stimme und streckte die Arme nach ihr aus. Schon stand sie im Begriff, sich an seine Brust zu werfen; doch plötzlich blieb sie stehen und senkte das erglühende Gesicht. Auch er ließ die Arme sinken, und eine Sekunde lang standen sie stumm einander gegenüber. Der Offizier war auf den Korridor hinausgetreten. »Ich versteh's nit, daß just du mir das Leben gerettet hast«, begann Ambros, »und ich hab dich so schwer gekränkt!« Sie bat ihn mit unsicherer Stimme, er solle nicht davon reden, sondern möge jetzt mit ihr kommen; er sei ja frei. »Frei durch dich!« rief er, mit einem heftigen Griff ihre Hand fassend. »Wie ist's dir nur gelungen?« Sie antwortete nicht, sondern zog ihn mit sich aus dem Gefängnis. Der Offizier begleitete sie an den Posten sowie an der Schloßwache vorüber und wünschte ihnen eine glückliche Heimkehr. Afra wandte das Gesicht ab. Unter den entlaubten Bäumen vor dem Schloßtor, auf einer verwitterten Steinbank, saß, ganz in sich zusammengekrümmt, der Klosterbauer. Mit weitgeöffneten Augen, als ob er Gespenster sähe, starrte er Ambros und Afra an. »Er ist frei!« rief die junge Frau. Der Klosterbauer zuckte empor und streckte dem Sohn die Arme entgegen, ließ sie aber sofort wie verzagt wieder sinken. Ambros schloß ihn in seine Arme, und dem Alten rollten große Tränen aus den Augen. Wie ein Kind begann er zu schluchzen und klammerte sich an Ambros fest. Die Ankündigung, daß sich Ambros gestellt habe und er nach Hause gehen könne, hatte wie ein plötzlich sich erhebender Sturm die Nebelmassen zerrissen, hatte die Selbstsucht hinweggefegt und alle Bitterkeit gegen Ambros, die noch bis zum letzten Augenblick sein Herz umschnürt und erfüllt hatte, beseitigt. Da war er in sich gegangen, hatte sein ganzes Unrecht erkannt, das er an all seinen Kindern geübt, und war dann nach dem Schloß heraufgekommen, um Ambros auf dessen letztem Gang um Verzeihung zu bitten und ihm zu vergeben. Nein, nicht um ihm zu vergeben, denn er fühlte jetzt nicht, daß Ambros irgendeine Schuld gegen ihn hätte. Das Opfer, das Ambros ihm brachte, war so ungeheuer, daß er sich völlig davon vernichtet fühlte. Und nun war Ambros frei! »Vergib!« begann er, noch immer schluchzend; doch Ambros küßte ihn auf den Mund. Sie gingen den Schloßberg hinunter, wobei der Klosterbauer die Hand seines Sohnes so ängstlich festhielt, als fürchte er, daß Ambros ihm wieder entrissen werden könnte. Afra folgte ihnen mit gesenktem Haupt Bei der Ruine eines Turmes, der zu den mittelalterlichen Befestigungen des Schlosses gehört hatte, blieb Ambros wartend stehen. Von hier lief ein Pfad in das offene Land gegen St. Lorenzen hinaus. »Ihr wollt von hier gleich nach Haus?« fragte Afra, herankommend. »Und ich hab Euch noch gar nit gedankt!« fiel der Klosterbauer ein. »Dazu find't sich schon noch Zeit«, wehrte Afra ab, und zu Ambros gewandt, fuhr sie mit einer gewissen Hast fort: »Ich kann nit mitkommen. Ich hab noch ein Geschäft in der Stadt und weiß nit, wie lang es mich aufhalten wird.« »Jetzt, das ist mir aber zuwider!« rief Ambros mit aufrichtigem Bedauern. »Und ich weiß auch noch gar nit, wie du's angestellt hast, mich frei zu machen.« Afra blickte ihm tief in die Augen, während ein dunkles Rot ihr Gesicht überzog. Auf ihren Lippen schwebte ein schmerzliches Lächeln. »Ja, ich kann jetzt nit mitkommen«, wiederholte sie. »Bitt die Stasi für mich und behüt dich Gott!« fügte sie mit bebender Stimme hinzu, und der Anwesenheit des Klosterbauern nicht achtend, schlang sie ihre Arme um seinen Hals und drückte einen langen Kuß auf seinen Mund. Dann eilte sie der Stadt zu. Ambros schaute ihr verwirrt nach. Nachdenklich schlug er mit dem Vater den Weg nach St. Lorenzen ein. Bei Salen kam ihnen das Fuhrwerk aus der Mühle nach. Afra aber saß nicht auf dem Wagen. Sie hätte noch bis morgen in der Stadt zu tun, habe sie ihm gesagt, erklärte der Knecht, und ihn deshalb heimgeschickt, weil das Pferd in der Mühle gebraucht werden könnte. Er lud den Klosterbauern und Ambros ein, aufzusteigen. 27. Kapitel Lisei kam von dem Begräbnis Jergs, bei dem sie die einzige Leidtragende gewesen und bei dem kein Geistlicher die Gebete gesprochen hatte. Nun war sie im Begriff, zu Stasi hinaufzugehen. Vorher aber sprach sie noch in der Pfarre vor, um die Bona Uschina davon in Kenntnis zu setzen, daß Stasi gefunden und wiederhergestellt sei. Die kleine, lebhafte Frau war gerade eifrig beschäftigt, die Spuren der Verwüstungen zu tilgen, die die Franzosen in der Pfarre angerichtet hatten. Bei Liseis Mitteilungen überkam sie ein Zittern an allen Gliedern; sie mußte sich niedersetzen, und dicke Freudentränen tropften ihr aus den Augen. Dann rief sie ein Mal über das andere: »O santa umma di Dio!« O santa umma di Dio! – (ital.) O heilige Mutter Gottes! Sie wollte gleich zu Stasi hinaufeilen. Lisei aber bat sie, es heute noch nicht zu tun; sie verschwieg ihr jedoch, daß sie selber hinaufginge, um Stasi auf Ambros' Tod vorzubereiten. Das war ein schwerer Gang für sie, schwerer selbst als jener mit Jerg zum Altar, und sie bedurfte ihrer ganzen Seelenstärke, um sich bei dem Wiedersehen mit der kaum Genesenen nicht zu verraten. Stasi wußte von der Verhaftung des Klosterbauern noch nichts und hatte auch keine Ahnung von dem Schrecklichen, das ihr bevorstand. Bei ihrer Rückkehr von Fodara Vedla hatte sie den Ohm krank gefunden und war durch seine Wartung mit Mona zusammen ganz an das Haus gefesselt worden. Die Soldaten hatten den Tod ihres Führers und ihr vergebliches Suchen nach Ambros durch arge Mißhandlungen an dem Alten gerächt. Lisei schwieg daher noch über die Verschleppung ihres Vaters. Es eilte ja nicht, Stasi darauf vorzubereiten, daß ihre Trennung von Ambros eine Trennung für ewig sein würde. Mit heimlich blutendem Herzen hörte sie Stasi von ihrem Bruder erzählen. Plötzlich unterbrach Stasi ihre Mitteilungen und preßte die Hand aufs Herz. Sie hatte jemand am Fenster vorüberkommen sehen. In der nächsten Minute flog sie mit einem Freudenschrei in die Arme ihres Ambros, und hinter ihm trat der Klosterbauer in die Stube. »Er lebt!« stammelte Lisei, von der Erscheinung ihres bereits totgeglaubten Bruders überwältigt. »Ja, wir leben beide!« rief der Vater und küßte sie. Und dann, als Ambros sie endlich freiließ, küßte er auch Stasi und sagte mit etwas unsicherer Stimme: »Von wegen dem Brosi hab mich auch ein wenig lieb. Er hat mich auch lieb! – Ach, Lisei, Lisei«, wandte er sich wieder zu dieser, »kannst du's denn verstehn, daß er sein Leben für mich hat hingeben wolln?« Lisei lächelte unter Tränen. »Ich wußte es«, sagte sie leise. Ambros erzählte, während er den rechten Arm fest um Stasis Hüften geschlungen hatte. Sie erblaßte bei seiner Erzählung; doch bald kehrte die Farbe auf ihre Wangen zurück. Und wenn es einen Wermutstropfen in ihre Freude schüttete, daß er durch Afra gerettet worden war, so löste sich dieses Gefühl doch in dem Stolz auf seinen Opfermut, und ihre braunen Augen leuchteten von dieser Empfindung ebenso wie die grauen Augen Liseis. Auf welche Weise Afra den General Broussier bewogen hatte, dem Erfolg seiner Spekulation auf die heiligsten Empfindungen der Menschenbrust zu entsagen, blieb unaufgeklärt. Denn Afra kehrte weder am nächsten noch an den folgenden Tagen nach St. Vigil zurück. Erst nach Wochen erfuhr man durch ihre Mutter, die auf die Mühle kam, daß sie nach Österreich gegangen und dort in ein Kloster der barmherzigen Schwestern eingetreten sei, um ihr Leben fortan der Pflege der Kranken und Armen zu widmen. Sie hatte den Ihren den größten Teil des Geldes geschickt, das ihr der alte Arigaya hinterlassen hatte, und die Mutter gebeten, Lisei ihre letzten Grüße zu überbringen. Der Klosterbauer zog zu seiner Tochter und brachte für sie den Mühlenbetrieb wieder in Gang. Vefa hatte zuwenig Herz, um die Wandlung zu begreifen, die sich in ihrem Bruder vollzogen hatte, und ihr Verstand reichte nicht aus, das Herz zu ersetzen. Da Ambros von den Franzosen nicht erschossen worden war, hielt sie dessen Selbstauslieferung an den Feind für nichts Großes. Befremdet und fremd stand sie unter den Ihren, die die Liebe um so enger vereinigte, je unheimlicher es in der Außenwelt zuging. Mit dem Gefühl von Schiffbrüchigen, die sich auf ein Eiland gerettet haben, um das die empörten, mit Schiffstrümmern und Leichen bedeckten Wogen rasen, schauten Ambros und Stasi von ihrem Gehöft, auf dessen lang verwaistem Herd ein tiefes menschliches Glück das Feuer wieder entzündet hatte, auf das wüste Treiben der Franzosen und Bayern im Lande. Sie wurden Zeugen von Taten, vor denen der Genius der Menschheit entsetzt sein Antlitz verhüllte. Der Himmel war rot von Feuerbränden, und die Täler hallten von Standrechtsschüssen wider. Wer nach der Proklamation des Vizekönigs von Italien die Waffen ergriffen, den letzten Aufruf Hofers verbreitet oder die Sturmglocken gezogen hatte, wurde erschossen. Patrouillen durchzogen unablässig das Land und schleppten die Verdächtigen fort, und menschenunwürdige Erbärmlichkeit und Gemeinheit, die sich vor der allgemeinen Begeisterung versteckt gehalten hatte und nun hervorkroch, vermehrte durch ihre Angebereien die Zahl der Opfer für Grab und Galeere. Selbst der Priesterrock bot keinen Schutz, und mancher Dorfpfarrer, der an der Spitze seiner Gemeinde gekämpft oder ihr das Kreuz vorangetragen hatte, mußte jetzt mit dem Leben dafür büßen. Die Häuser und Gehöfte der Anführer, nach denen man mit der Ausdauer sklavenjagender Bluthunde fahndete, wurden verbrannt oder niedergerissen, ihre Angehörigen ins Elend gestoßen. Manchem gelang es, aus dem Lande zu entfliehen. Haspinger rettete sich aus dem oberen Inntal nach Graubünden. Speckbacher dagegen mußte während des ganzen Winters in Tirol von Versteck zu Versteck flüchten und dabei Schreckliches erdulden, ehe er nach Österreich zu entrinnen vermochte. Peter Siegmayr, der Ordonnanzoffizier Hofers, wurde in Ketten und unter brutalen Mißhandlungen von den französischen Soldaten erst nach Bozen, dann nach Bruneck geschleppt und schließlich auf Befehl des Generals Broussier in Mittel-Ollang angesichts seines elterlichen Hauses und in Gegenwart der Seinen – die man zwang, dabeizustehen – erschossen und an einen Galgen gehängt. Kemenater entging dem gleichen Schicksal nur dadurch, daß er bereits nach Hofers Aufruf zum Waffenstillstand beim Einrücken der Franzosen in das Pustertal in seinem Wirtshause zu Schabs gefangengenommen worden war. So wurde er der Amnestie des Vizekönigs Eugen teilhaftig. Der jugendlich schöne, edelherzige Peter Mayr von der Mahr fiel den Franzosen ebenfalls in die Hände. General Baraguay d'Hilliers kassierte auf die warme Fürsprache seiner Gattin, die eine Deutsche war, das Todesurteil des Kriegsgerichts und sicherte ihm Leben und Freiheit zu, wenn er eine Erklärung unterzeichnete, daß ihm die Proklamation des Vizekönigs von Italien unbekannt geblieben sei. Peter Mayr aber weigerte sich, sein Leben durch eine Lüge zu erkaufen, und selbst der Anblick seiner untröstlichen Frau und seiner weinenden Kinder vermochte seine Standhaftigkeit nicht zu erschüttern. Noch aber hatten die Standrechtskugeln dieses edle und reine Heldenherz nicht durchbohrt, als durch Täler und Gebirge die Kunde kam, daß der Hofer gefangen sei. Ein Holzschlittner, Johann Raffl aus Prandach, so hieß es, habe zufällig sein Versteck in der Waldhütte unterhalb der Pfandlerspitze entdeckt und es den Franzosen verraten. Fast zwei Monate lang hatte sich Andreas Hofer dort im Hochgebirge unter Schnee und Eis verborgen gehalten und war taub geblieben gegen alles Bitten Haspingers, der sich, als Hausierer verkleidet, aus Graubünden zu ihm gewagt und ihn beschworen hatte, mit ihm aus dem Lande zu fliehen. Er hatte nicht fortwollen aus Tirol – so wie ein Baum den Ort, an dem er eingewurzelt ist, nicht zu verlassen vermag, es sei denn, er würde umgehauen. In St. Vigil sah man nur bestürzte Mienen. Ambros hatte nirgends Ruhe, und er sprach mit Mutschleitner und dem Gamsmanndl davon, daß man ihn befreien müsse. Er holte seine Waffen aus Tamers und setzte seine Pistolen instand. Sampogna erklärte sich sofort bereit, ihm beizustehen, meinte aber doch, mit Gewalt wäre nichts zu machen; der einzige Weg, der in das Gefängnis Hofers führen könnte, müßte mit Gold gepflastert sein. »An Geld fehlt's nit!« rief Ambros. Er hatte seinen Rappen, der sich für die Feldwirtschaft in den Bergen nicht eignete, an den Wirt in Waldbruck verkauft. Hundert Gulden in Bankozetteln hatte er für das schöne Tier erhalten; die wollte er mit Freuden hergeben. Das aber dünkte dem Gamsmanndl denn doch zuwenig, um über die Zugbrücken der Festung, geschweige in das Gefängnis Hofers zu gelangen. Mutschleitner meinte, der Kaiser Franz habe zwar Tirol preisgeben müssen, aber daß der Hofer stürbe, würde er nicht zulassen, zumal Napoleon des Kaisers Schwiegersohn werden sollte. Die meisten teilten diese Ansicht, besonders die Frauen, und Lisei und Stasi versuchten ihre Hoffnung auch Ambros einzuflößen. Nur Herr Zengerl brummte vor sich hin: »König Agamemnon Agamemnon – sagenhafter König von Mykenä, der im Trojanischen Krieg das Heer der verbündeten Griechen befehligte und, da seine im Hafen von Aulis versammelte Flotte durch eine Windstille zurückgehalten wurde, seine Tochter Iphigenia opferte, um die erzürnte Göttin Artemis zu versöhnen. hat seine eigne Tochter geopfert, um den Zorn der Götter zu versöhnen, und genauso tut der Kaiser Franz. Aber Napoleon ist kein Gott. Er ist ein Brennus, Brennus – Anführer der Gallier, die um 387 v. u. Z. in Italien einfielen; besiegte die Römer an der Allia (18. Juli 387), eroberte und zerstörte Rom. Von ihm rührt die sprichwörtliche Redensart »Vae victis!« (»Wehe den Besiegten!«) her, die er dem römischen Befehlshaber zugerufen haben soll, indem er beim Zuwägen der 1000 Pfund Gold, die er für seinen Abzug verlangte, noch sein Schwert in die Waagschale warf. der zu den Gewichten, mit denen das Lösegeld gewogen wird, noch sein Schwert in die Schale wirft.« Eines Nachmittags, gegen Ende des Monats Februar, erhielt Ambros einen unerwarteten Besuch. Es herrschte ein nasses, rauhes Wetter, bei dem niemand gern aus dem Hause ging. In dem großen Ofen knisterte und prasselte ein tüchtiges Feuer. Stasi spann. Der wiedergenesene Ohm saß in einem bequemen Stuhl, den Ambros für ihn angeschafft hatte, und Ambros erzählte von dem, dessen sein Herz voll war: von Hofer. Der trübe Tag erinnerte ihn an die Feierlichkeit in der Franziskanerkirche zu Innsbruck, wo der vor dem Hochaltar kniende Sandwirt die Gnadenkette des Kaisers empfangen hatte. Da trat Planatscher aus Prags in die Stube. Wie ungern auch Ambros jetzt an sein Leben unter den Schmugglern zurückdachte – sein Willkommen ließ es seinen Kameraden aus jenen Tagen nicht entgelten. Er nötigte ihn auf die wärmste Stelle der Ofenbank, und Stasi beeilte sich, eine Jause aufzutragen, sobald sie den Namen des Gastes erfahren hatte. Denn die Namen aller, die sich ihrem Manne freundlich und hilfreich erwiesen hatten, standen lebendig in ihrem Herzen. Planatscher schien einer Stärkung auch sehr zu bedürfen. Er sah übel aus und ließ sich sichtlich ermüdet auf der Bank an dem warmen Ofen nieder. Da er gerade des Weges gekommen sei, habe er sehen wollen, wie es Ambros gehe, äußerte er. Es wisse ja heutzutage keiner von seinem besten Freunde, ob er noch lebe oder irgendwo ohne Sang und Klang eingescharrt worden sei. »Des Wegs kommst du?« fragte Ambros. »Das ist weit! Du mußt dich doch nit etwa auch vor den Franzosen verstecken?« Planatscher verneinte. Sie hätten auch im Pragser Tal wieder zu den Waffen greifen wollen, aber ihr Pfarrer habe abgemahnt: es könne nichts mehr helfen. – Er strich sich mit der Hand über das rundgeschnittene Haar und fuhr fort: »Meine Frau ist zufrieden, seitdem der Hofer uns hat zusammengeben lassen. Wie wir dazumaln von ihm Abschied genommen haben, da hat er die Martha beiseit gezogen und hat ihr Geld gegeben, daß wir wieder eine Kuh haben kaufen können. Das ist sein Hochzeitsgeschenk gewesen. Ja, und wie ich gehört hab, daß er von den Franzosen ist nach Mantua gebracht worden, da hat's mich nit länger zu Haus gelitten. Noch einmal hab ich ihn sehn wolln.« »Du kommst aus Mantua?« fragte Ambros mit stockendem Herzschlag. »Du hast ihn gesehn?« Der Gast bejahte mit trauriger Miene. Kaum hörbar setzte er hinzu: »Auf seinem letzten Gang.« Ambros ließ tief atmend den Kopf in die aufgestützten Hände fallen. Stasi weinte, und David klagte: »Ach, welche Welt ist das!« Nach einer Weile fuhr Planatscher mit gedrückter Stimme fort: »Zuerst hat's geheißen, daß das Kriegsgericht ihn freigesprochen hätt oder daß es nit einig geworden wär im Urteil. Aber das hat der Napoleon nit angenommen, und eines Tage gegen Abend, da ist ein Kurier durch die Stadt gejagt gekommen und über den Mühlendamm, der über das Wasser nach der Festung führt, und am nächsten Morgen da hab auch ich und etliche, die wir immer vor den Toren gelegen sind, in die Festung dürfen. Da haben wir viele Landsleut, die kriegsgefangen warn, bei den Kasematten gefunden. Einige waren noch krank an ihren Wunden, und andre waren zu Krüppeln geschossen. Wir haben einander kaum ansehn mögen vor Herzeleid. Plötzlich ist so ein dumpfer Trommelschlag von der Zitadelle heruntergekommen; das sind die Grenadiere gewesen, und zwischen ihnen ist der Hofer gegangen und neben ihm ein Priester mit dem Kreuz. Der Hofer ist so ruhig und frei dahergeschritten. Ernst ist er freilich gewesen, aber ich hab kaum noch was sehn können vor dem Wasser in meinen Augen. – Die Soldaten haben's zugelassen, daß er hat stehenbleiben und etlichen hat die Hand reichen dürfen. Wir haben aber kein Wort reden können vor Schmerz und Schluchzen. Er hat mich erkannt und hat mir die Hand gereicht, und ein Lächeln ist auf seinem Gesicht gewesen. – Nachher hat er gesagt: ›Behüt euch Gott, ihr lieben Landsleut! Das Sterben kommt mir so leicht an, daß mir nit mal die Augen naß werden‹ – Auf die Bastion bei der Porta Ceresa haben sie ihn geführt. Die Augen hat er sich nit verbinden lassen, auch nit niedergekniet ist er und hat selbst ›Feuer!‹ kommandiert und sie sollten gut schießen. – Aber sie haben schlecht geschossen. – Nachher ist er ausgestellt worden in der Kapellen, wie's Brauch ist in Italien. – In dem Pfarrgärtlein der Zitadelle ist er begraben.« Die tiefe innere Bewegung hatte seine Stimme immer dumpfer gemacht, und nur in abgerissenen Sätzen hatte er zuletzt noch erzählen können. Stasi hatte sich schluchzend an Ambros gelehnt. »Sie haben ihn nit gerichtet, sie haben ihn gemordet!« rief Ambros, wobei seine breite Brust sich dehnte »Verflucht sei der schändliche Verräter!« »Dazu sag ich amen!« ermannte sich Planatscher. »Ich versteh's nit, wie er in Tirol noch weiterleben will. Wo ich hingekommen bin, ist der Raff! verwünscht worden. Der Orespo würd wieder über uns spotten, daß keiner den Verrat an ihm rächt; jetzt mein ich doch, das ist die schrecklichste Vergeltung, daß er fortleben muß, verachtet und verabscheut von jedem wie ein Kain oder Judas.« Gemordet durch einen Machtspruch des Gewalthabers! – so raunte es erbittert durch alle Hütten und Häuser, durch Dörfer und Städte. »Ein Opfer der Furcht des Tyrannen« nannte der Landrichter den Getöteten und fügte hinzu: »Mich soll's wundern, ob sich der blutige Sandwirt nit dem Korsen beim Hochzeitsmahl gegenübersetzen wird wie Banquos Geist dem Macbeth!« Banquos Geist – In Shakespeares Tragödie »Macbeth« erscheint der Geist des königlichen Heerführers Banquo, den Macbeth zur Ausführung seiner ehrgeizigen Absichten ermorden ließ, an der Festtafel und setzt sich auf den Platz des Mörders, der dadurch zu Tode erschreckt und unsicher wird. »Welch unheimliche Idee!« rief seine Frau schaudernd. Als der Vikar den ersten Gottesdienst abhielt, erschien auch der ehemalige Klosterbauer mit Lisei, Ambros und Stasi. Nun konnte der Alte innewerden, daß es schönere Ehren gibt als diejenigen, die Hab und Gut verleihen. Mit welcher Teilnahme, welch herzlichen Glückwünschen, welchen Beweisen der Zuneigung und Achtung wurden er und die Seinen von den Leuten überhäuft! Es war ein anderer Stolz, mit dem er jetzt den Kopf erheben durfte, und wenn es in seinen Mundwinkeln zuckte, war es kein Hochmut. Er dachte daran, daß er so alt hatte werden müssen, um das Glück kennenzulernen, geliebt zu werden und zu lieben. Um so mehr bemühte er sich nun, dieses Glück für den Rest seines Lebens zu genießen. Stasi wurde bald sein Liebling. Sie mußte mit Ambros alle Sonntage auf der Mühle zubringen, und das waren die schönsten Tage für den ehemaligen Klosterbauern. Dabei wurde denn auch oft des abwesenden Hannes gedacht, über dessen Schicksal man noch immer in Sorge war. Endlich kam auch von ihm Nachricht in Gestalt eines Briefes an den Vater. Er befand sich in Locarno, am Lago Maggiore, wo es ihm dank seiner botanischen Kenntnisse schließlich gelungen war, in einer Apotheke Beschäftigung zu finden. Ambros und Stasi wurden nach der Mühle gerufen, um den Brief vorlesen zu hören; desgleichen kam Frau Carlotta die sich, in der Hoffnung auf Hannes' Rückkehr und um sich nicht von Stasi zu trennen, gern bereit erklärt hatte, auf der Pfarre zu bleiben und dem Herrn Vikar die Wirtschaft zu führen. Der Klosterbauer übernahm das Vorlesen, und mit angehaltenem Atem lauschten seine Zuhörer den vielfältigen Abenteuern und Gefahren, die der Flüchtling zu bestehen gehabt, ehe er unter Not und Entbehrungen das Asyl erreicht hatte. Eine Nachschrift bat darum, daß Frau Carlotta seine zurückgelassenen Herbarien doch ja recht sorgfältig aufbewahren möge, und zum Schluß folgten die unterstrichenen Worte: »Grüßt den Herrn Landrichter von mir aus dem Vaterlande des Tell. Er wird mich verstehen.« »O santa Crusch!« rief Frau Carlotta betroffen. »Mit der Pflanzensammlung haben die Franzosen ihren argen Spaß getrieben. Zu allen Fenstern haben sie sie hinausgeschmissen, und was der Wind nit verweht hat, das ist im Schmutz verdorben. Ich hab nur wenig wieder zusammenlesen können.« Die Kräuter wüchsen ja noch ringsherum auf allen Bergen, und Hannes könnte sie daher wieder frisch pflücken, meinte der Klosterbauer tröstend. Lisei lächelte wehmütig und verhielt sich still, während die anderen den Brief besprachen. Die Äußerung ihres Vaters erregte in ihr einen Gedanken, den sie fortspann. Die Liebe blühte fort und fort wie die Pflanzen auf den Bergen; die ihre aber war zerstört, und sie konnte keine frische dafür pflücken. Sie lag nur noch als Erinnerung zwischen den Blättern ihres Herzens. Die Erinnerung war kein Unrecht mehr, seit der Tod sie von Jerg befreit hatte. Es bedurfte der Zeit, bis ihr von der Ehe mit Jerg wundgedrücktes Gemüt sich erhob, und mit ihm zugleich erhob sich der Gedanke an Wolf, den sie bisher von sich abgewehrt hatte. Sein Name kam nie über ihre Lippen. Sie gedachte seiner wie eines geliebten Toten, und die Liebe zu ihm, die ihr ganzes Wesen mit einer milden Wärme erfüllte, kam nicht allein den Ihren zugute. Viele Familien hatten ihre Ernährer verloren, die entweder gefallen waren oder noch in der Kriegsgefangenschaft schmachteten; andere waren durch ihre Verwundungen arbeitsunfähig geworden oder durch den Franzoseneinbruch in das Tal um Hab und Gut gekommen. Überall gab es zu trösten und zu helfen, und Lisei, die durch den Tod Jergs eine wohlhabende Frau geworden war, half und tröstete, soviel sie konnte. Sie folgte dabei nicht nur dem Zuge ihres guten Herzens, sondern es war zugleich eine Art von Sühne, die sie vollzog. Es trieb sie, soviel sie vermochte, die Wunden zu heilen, die die Landsleute Wolfs ihrem Lande geschlagen hatten. Wie auf Fledermausflügeln schwebte die Zeit dahin. Der Klosterbauer studierte nicht mehr in seinen Schuld- und Hypothekenscheinen, sondern war von früh bis spät in der Schneidemühle seiner Tochter tätig. Er wollte nicht mehr von den Leuten als Klosterbauer angeredet werden. Klosterbauer, sagte er, sei der junge Eckschlager, und man müsse es ihm lassen, daß er den Hof gut bewirtschafte. Er heiße Falkner und habe wohl Ursache, auf diesen Namen stolz zu sein. Auch fürchtete er nicht dessen Aussterben, denn ein kräftigeres Bübchen als den Enkel, den er eines Tages aus der Taufe hob, konnte es nicht geben. Ein echter Falkner wäre es, schmeichelte Vefa. Nun, ein echter Falkner war auch der Großvater geblieben, obgleich sein Sinn gegen die Seinen mild geworden war. Scharf und bestimmt in Handel und Wandel zeigte er sich nach wie vor, und er war nicht wenig stolz darauf, daß die Sägemühle einen beachtlichen Aufschwung nahm. – »Ja, ja, an was ein Falkner die Hand legt, das muß vorwärts!« pflegte er hin und wieder zu sagen. Auch Ambros war auf seinem Hofe fleißig. Er mußte hart schaffen; denn der Ohm war seit seiner Krankheit kaum noch arbeitsfähig. Aber er ließ es sich gern sauer werden – floß doch sein Schweiß für Stasi und die Zukunft, für die Zukunft, die ihm von den Armen Stasis entgegenlachte, wenn er müde vom Felde heimkam. Nun war der alte Ohm, der sich nicht mehr über die Rücksichtslosigkeiten seines Neffen zu beklagen brauchte, doch wieder recht nütze. Eine geduldigere Kinderfrau als ihn konnten sich die Eltern nicht wünschen, und der Alte hatte an dem Büblein wieder einen Despoten. Dennoch war es, als ob über Ambros' Glück ein leichter Flor läge. Das war der Gedanke an das Vaterland. Wenn er einmal mit seinen früheren Waffengefährten im »Stern« saß, dann sprachen sie von Tirol und von Hofer und tranken auf das Gedächtnis derer, die für das Vaterland gelitten und ihr Leben hingegeben hatten. Sollte es für sie keinen Ostermorgen geben? Die Hoffnung darauf mochte wohl das Gerücht erzeugt haben, von dem Meister Hartwanger eines Tages flüsternd berichtete: Hofer sei gar nicht von den Franzosen erschossen worden, sondern halte sich im Ausland verborgen und würde wiederkommen, wenn es Zeit wäre, das Joch der Fremdherrschaft abzuschütteln. So habe er auf seinen Wanderungen die Leute erzählen hören. Das Gerücht fand auch im Enneberger Tal allgemein Glauben und erwärmte die Herzen. Wenn sich die Leute in den Heimgärten Heimgarten (heimgarten gehen) – Plauderei sonst vom Orco und von den Gannes, dem Rübezahl und den Gnomen des Vigiltals erzählt hatten, so wurden jetzt beim Surren der Spinnräder Geschichten von der Rettung und Wiederkehr des bärtigen Andrä und seiner treuen Gefährten erzählt. Ebenso hatten die Ahnen, als das Kreuz im Tale die Herrschaft angetreten, von der Rückkehr ihrer verborgenen Götter erzählt und auf sie gehofft. Es fehlte auch nicht an Anzeichen für eine baldige Erfüllung ihrer Wünsche, besonders als jetzt ein Winter von solcher Strenge kam, wie ihn noch niemand erlebt hatte. Die Vögel fielen tot aus der Luft, und das Wild kam am hellichten Tage aus dem Bannwald und von den Bergen zu den Wohnungen der Menschen, um seinen Hunger an den Abfällen und dem ihm hingestreuten Futter zu stillen. Der Schnee war steinhart gefroren, so daß ihn die armen Tiere nicht wegzuscharren vermochten. Die Fichtenstämme in der Bruscia barsten nachts mit lauten Knallen gleich Kanonenschüssen. Es war wie ein Schießen in der Schlacht anzuhören, und die Geisterschlacht verkündete die Freiheitsschlacht. Da kamen eines Tages zwei Wanderer das Tal herauf. Der eine trug einen verschlissenen bayrischen Soldatenmantel, der andere einen zerlumpten Bauernmantel, und ein hageres, wachsgelbes Gesicht mit schwarzen Augen und einem schwarzen Schnurrbart schaute unter dem wollenen Frauentuch hervor, das ihm als Kopfbedeckung diente. Mühsam schleppte er sich an einem Stock weiter, und dann und wann griff ihm sein rüstigerer Kamerad hilfreich unter den Arm. So kamen sie zum »Stern«, und es war Mutschleitner nicht zu verargen, daß er die Gäste, die ihn um ein Nachtlager baten, mit Mißtrauen betrachtete. »Zahln können wir beide freilich nit«, sagte der im Soldatenmantel, der den Sprecher machte, »aber Ihr werdet zwei Landsleut nit unter freiem Himmel erfriern lassen. Ich hatt gehofft, meine Schwester im Ort zu finden, aber ich hab schon in Palfrad gehört, daß sie nit mehr hier ist und daß ihr Mann tot ist. Ich bin der Schwager vom Arigaya, der Vigo, den die Bayern unter die Soldaten gesteckt haben. Hab in Spanien fechten müssen, und jetzt kommen wir beide aus Rußland.« »Heilige Mutter Gottes, aus Rußland!« riefen Frau Mutschleitner und Moideli, die dazugekommen waren, wie aus einem Munde. »Ja, von dem ungeheuern Kirchhof«, erwiderte Afras Bruder. »Aber helft mir meinen Kameraden in ein Bett bringen; derweilen erzähl ich euch, wer er ist.« Er rief das Mitleid Mutschleitners und der Frauen nicht vergebens an, und nachdem sein völlig erschöpfter Leidensgefährte zur Ruhe gebracht worden war, warf sich Frau Mutschleitner ein Tuch um die Schultern und lief nach der Pfarre. Der Unglückliche war der seit langem verschollene Sohn der Frau Carlotta Tyfona. Die stille Hoffnung der Bona Uschina war nun zwar erfüllt, doch mußte sie sich bald gestehen, daß sich der Verlorene nimmermehr erholen würde. Zu Schreckliches hatte er auf dem Rückzuge aus Rußland erdulden müssen, als daß selbst die sorgsamste Pflege der Mutter dem erschöpften Organismus frische Kräfte hätte einflößen können. Er war der Mutter nur wiedergegeben, um in ihren Armen zu sterben. Trug nicht jeder Soldat Napoleons in seinem Tornister den Marschallstab, und war nicht ein Müllerbursche wirklich Feldmarschall geworden? war nicht ein Müllerbursche wirklich Marschall geworden – Der berühmte französische Marschall Lefebvre (s. Anm. 122) war der Sohn eines elsässischen Müllers. Das war es, was auch ihn verlockt hatte, die Nadel mit dem Bajonett zu vertauschen, ohne allerdings daran zu denken, daß er in die Lage kommen könnte, seine Waffen gegen das eigene Vaterland und die eigenen Landsleute kehren zu müssen. Und es war nicht Lieblosigkeit gewesen, wenn er all die Jahre hindurch nichts von sich hatte hören lassen; auf seinem Sterbebette vergalt er seiner Ummella, seiner kleinen Mutter, wie er sie zu nennen pflegte, ihre Zärtlichkeit mit voller Herzenswärme. Nein, er hatte immer daran gedacht, wie freudig sie überrascht sein würde, wenn er eines Tages mindestens als General nach St. Martin käme, um sie für den Rest ihres Lebens zu sich in seinen Palast zu nehmen. Und er hatte es auch wirklich bis zum Korporal und zu dem Kreuz der Ehrenlegion gebracht. Aber das Kreuz und die ersparten Beutegelder in seinem Tornister waren den Kosaken in die Hände gefallen. Der Zufall hatte ihn auf der Flucht aus den russischen Eissteppen mit Vigo zusammengeführt, und ihm hatte er es zu verdanken, daß sein letzter Wunsch erfüllt wurde und er noch einmal seine kleine Mutter wiedersah. Während diese, von Freude und Schmerz überwältigt, den Sohn in ihre Arme schloß, erzählte Vigo, nachdem er sich erwärmt und durch Speise und Trank gestärkt hatte, unten in der Schenkstube dem Wirt und seinen Gästen, von denen die Neugierde immer mehr herbeilockte, von der furchtbaren Vergeltung, die den stolzen Alexanderzug Alexanderzug – Gemeint ist hier vergleichsweise der Eroberungszug Alexanders des Großen, des Königs von Makedonien (356-323 v. u. Z.), nach Babylon. Napoleons in Rußland ereilt und sein ungeheures, aus allen Völkerschaften des Festlandes zusammengewürfeltes Heer vernichtet hatte. Die Tage der Schmach waren vorüber, und eines Tages brachte Mutschleitner aus Bruneck ein neues Lied mit. Hei, wie brauste da zu den Klängen der Zither der Männerchor: »Das Volk steht auf, der Sturm bricht los: Wer legt noch die Hände feig in den Schoß? Pfui über dich Buben hinter dem Ofen, Unter den Schranzen und unter den Zofen! Bist doch ein ehrlos erbärmlicher Wicht; Ein deutsches Mädchen küßt dich nicht, Ein deutsches Lied erfreut dich nicht, Und deutscher Wein erquickt dich nicht Stoßt mit an, Mann für Mann, Wer den Flamberg Flamberg – Name der am Anfang des 15. Jahrhunderts in Frankreich und den Niederlanden aufgekommenen langen Schlagschwerter mit wellenförmig geflammter Klinge, die besonders den Landsknechten als Waffe dienten. Von Dichtern, so hier von Körner, wurde der Name gern für Schwert überhaupt gebraucht. schwingen kann« Das Volk steht auf – erste Strophe des Liedes »Männer und Buben« aus der während des Befreiungskrieges entstandenen Gedichtsammlung »Leier und Schwert« von Theodor Körner (1791-1813), in der sich auch ein Gedicht auf Andreas Hofers Tod findet. Da schloß Ambros sein Weib in die Arme und sagte: »Herzliebster Schatz, jetzt muß ich Abschied nehmen. Der Hofer ruft!« Stasi blickte ihn mit ihren braunen Augen erschrocken an und klagte: »Du willst wieder in den Krieg? Willst mich und die Kinder verlassen?« »Fürs Vaterland muß ich in den Kampf ziehn«, entgegnete er mit sanftem Ernst. »Der ewige Ruhstörer muß vom Thron herunter!« Stasi klagte nicht länger; sie unterdrückte ihren Schmerz, und er küßte sie, seinen Buben und das Kleine, das noch an der Mutter Brust lag, mit zärtlicher Liebe, nahm seinen Stutzen von der Wand und zog davon. Herr Zengerl las fleißiger denn je die Zeitungen, und in dem Herrenstübl wurde lebhaft politisiert. Der Vikar mußte oft Öl auf die hochgehenden Wogen gießen. Er war ein allseitig vermittelnder Herr, der zwischen Tür und Angel stand und den Korsen erst endgültig fallenließ, als auch Bayern auf die Seite Deutschlands trat. Für Lisei waren es immer schöne Augenblicke, wenn sie vom Vater die jüngsten Ereignisse erfuhr. Er borgte sich die Zeitungen von dem Landrichter und las daheim seiner Tochter und Stasi die Siegesnachrichten und Kriegsberichte vor. Stasi sah das stille Glück aus den grauen Augen ihrer Schwägerin leuchten und küßte sie. Ihr nach innen gerichtetes Gemüt hatte Lisei längst durchschaut, und wenn Ambros gelegentlich geäußert, daß Lisei wohl wieder heiraten werde, denn an Freiern könne es ihr jetzt nicht fehlen, dann hatte sie ihn am Ohrläppchen gezupft und einen »ganz dummen Brosi« gescholten. Frieden! Die siegreichen Heere zogen heimwärts. Eines Tages hatte Lisei wieder einmal das Gamsmanndl besucht, das schon seit längerer Zeit an rheumatischen Schmerzen einsam und hilflos zu Bett lag. Sie sah oft nach ihm und erquickte sein altes Herz mit den Siegesnachrichten von den Verbündeten. Als sie jetzt von ihm kam und den Weg zur Laufbrücke einschlug, wurde sie von einem leichten Gefährt überholt. Sie trat beiseite, um es vorüber zu lassen. Auf dem Sitz hinter dem Kutscher saßen zwei Männer. Der eine trug die Offiziersuniform der österreichischen Scharfschützen, der andere einen bürgerlichen Anzug. Lisei blickte auf, und da zog es ihr wie ein Nebel vor die Augen. Aber schon war der Offizier aus dem haltenden Wagen gesprungen und drückte sie an seine Brust, küßte sie und lachte: »Freilich bin ich der Ambros! – Aber hier ist noch ein Bekannter – ein Kriegskamerad. Schau ihn dir nur recht an, Lisei!« Wieder lachte er. Lisei hatte nicht nötig, seinen Begleiter noch anzuschauen, der inzwischen ebenfalls ausgestiegen war. Sie hatte ihn eher erkannt als den Bruder, und der Sturm in ihrem Herzen hatte sie stumm gemacht bei dessen Begrüßung. Jetzt wandte sie sich mit glühenden Wangen jenem Manne zu. Sie konnte nicht sprechen, und auch er konnte es nicht. Aber sie blickten sich in die Augen, stumm und zagend, und im nächsten Augenblick streckten sie sich die Hände entgegen, lagen einander in den Armen, und Lisei weinte laut auf. Ambros strich sich den Schnurrbart in die Höhe, unter dem es leise zuckte. Dann rief er: »Kinder, ich fahr heim. Auf der Mühl sehn wir uns wieder!« Er sprang in den Wagen und eilte fort. Doch hinter der Spitzhörndlbrücke ließ er den Kutscher allein weiterfahren und stürmte den Pfad zu seinem Gehöft hinauf. Schon vor der Tür rief er: »Stasi, Stasi, wo steckst du? Den Leutnant Ambros ist da!« Seinem Ruf folgte ein Aufschrei. Schneller als die Mutter war das Büblein, das Ambros geradewegs in die Arme stürzte. Mit einem Jauchzer schwang er es in die Luft. Dadurch hatte er allerdings nur einen Arm frei, um die glückliche Stasi unter zahllosen Küssen an sich zu pressen und festzuhalten. Auf dem Arm den kleinen Sepp – denn so hieß der Knabe nach dem Großvater –, seine Stasi an der Hand, so trat er in die Stube, wo der Ohm David das Schwesterchen Sepps auf den Knien schaukelte. Stasi nahm es ihm ab und sagte freudestrahlend: »Schau, Lisei, das ist der Papa!« Klein Lisei versteckte ihr Köpfchen an der Wange der Mutter, lugte dann hervor und streckte die Ärmchen nach Ambros aus. Aber das kleine Ding verlangte nicht, vom Vater auf den Arm genommen zu werden, sondern griff mit den zierlichen Händchen nach der silbernen Tapferkeitsmedaille, die seine Brust schmückte. Dem Buben, den Ambros inzwischen wieder auf die Erde gesetzt hatte, stach dessen Säbel gewaltig in die Augen. Er hielt die blinkende Scheide umfaßt und ließ sie nicht wieder los. »Mit dem Fechten ist's für alle Zeit zu End«, sagte Ambros, nachdem er den Ohm begrüßt hatte, und legte seine Hand auf Sepps Flachskopf. »Jetzt sind wir wieder österreichisch. – Aber mach dich sauber, Frau Leutnant Falkner, wir müssen zum Vater auf die Mühl. Hab dort schon Quartier für uns bestelln lassen durch einen alten Bekannten. Rat, wer's ist!« »Sag's schon!« bat Stasi, während sie sich zum Ausgang fertigmachte. »Wie soll ich jetzt raten? Ich weiß doch gar nit, wo mir der Kopf steht!« Der Ohm, auf dessen Gesicht ein Glanz lag, stieß einen Ton aus, wie ihn Ambros noch nie von ihm gehört hatte. Er lachte. »Am Rhein hab ich ihn getroffen, wie wir den Polion rübergejagt haben«, antwortete Ambros und schaukelte sein Töchterchen auf den Armen. »Wie der Bayer dem die Freundschaft aufgekündigt hat, hat er seinen Schmiedhammer in den Winkel geworfen und ist auch Soldat geworden.« »Der Wolf Lechner?« rief Stasi froh, doch noch zweifelnd, und als Ambros bestätigend nickte, sagte sie leise, während ihr ganzes Gesicht vor Freude erglühte: »Ach, du lieber Gott!« »Er hat aber nit in der bayrischen Uniform ins Land kommen mögen«, nahm Ambros wieder das Wort, »und darum haben wir unsern Weg über Garmisch genommen. Er hat dort ein hübsches Haus mit einem großen Obstgarten, auch ein Stück Land, und Berge gibt's auch ringsherum. Als wir die Bayern das erstemal aus Innsbruck hinausgeschmissen haben, da ist er heimgewandert und hat in der Schmied in Garmisch anfangs als Gesell gearbeitet, bis der Meister, der sich hat zur Ruh setzen wolln und nachher zu seiner verheirateten Tochter nach Murnau gezogen ist, ihm sein ganzes Anwesen übergeben hat. Und jetzt steht er mit der Lisei auf der Landstraß bei Monthan.« Dort standen die beiden jedoch längst nicht mehr. Langsam waren sie Hand in Hand über die Laufbrücke nach der Schneidemühle gewandert, sehr langsam, immer wieder stehenbleibend und einander mit tiefen Blicken der Liebe in die Augen schauend. In der Waldecke sprachen sie sich über das Wichtigste aus. Hätte sie ihm schreiben sollen, daß Jerg tot war? Nein, und er hatte auch nicht erwartet, daß sie es tun würde. Pescol, der Schmied, hatte es gelegentlich, als er Geld geschickt, einfließen lassen, daß Jerg erschossen worden sei. Aber wie hätte er, der Bayer Lechner, hoffen dürfen, sie zu einer Zeit heimzuführen, da Tirol aus unzähligen Wunden blutete, die seine Landsleute ihm geschlagen hatten, da jeder, der sein Vaterland liebte, die Bayern verfluchte? »Hast du geglaubt, daß ich dem gerechten Haß der Deinigen Trotz bieten würd, und wärst du mir gefolgt?« fragte er, und sie schüttelte leise den Kopf. »Und jetzt, wo wir einander wiederhaben in alter Lieb«, fuhr er fort, indem er sie an seine mächtige Brust zog, »jetzt, wo's verwunden ist, da will ich's dir nur gestehn: Es hat mich mehr als geschmerzt, daß du mir hast entsagen können. Ich hab's mir erst alles zurechtlegen müssen. Und schau, ich hab's nimmer glauben können, du goldnes Herz, daß dein Opfer viel nützen würd. Ich weiß von deinem Bruder Ambros alles, und da hab ich zuweilen, wann ich nachts auf Posten vor dem Feind stand, denken müssen, daß es dir ergangen ist wie deinem Vaterland. Deine Aufopferung ist auch nit ästimiert worden von denen, für die du alles hingegeben hast, und es hat erst Grausiges geschehn müssen, bis du ans Ziel gelangt bist.« »Es hat doch genützt«, lächelte Lisei mit einem Erröten, und er küßte sie. Hand in Hand traten sie zu dem Klosterbauern in die Stube. Der Alte war nicht wenig erstaunt; aber seine Verblüffung währte nur einen Augenblick. Dann reichte er Wolf die Hand und sagte: »Ich hab längst gemeint, daß du dir die Lisei holn würdst; hab aber zu ihr nit davon reden mögen, weil ich nix dazu tun konnt. Laß es zwischen uns gleich sein!« »Es ist gleich«, erwiderte Wolf und schüttelte die dargebotene Hand. Endlich fanden sich auch Ambros und Stasi ein. Sie waren unterwegs fortwährend aufgehalten worden. Überall waren die Leute aus den Häusern gekommen, um Ambros zu begrüßen, und er hatte ihnen immer wieder Rede stehen müssen. »Hab auch einen Gruß an sie alle und an ganz Tirol auszurichten gehabt«, erzählte er, während Lisei und Stasi einander innig umarmten und auch Wolf seine künftige Schwägerin küßte. »Den Gruß, den hat mir der Speckbacher aufgetragen. Ja, der ist mein Major gewesen, und in seinem Bataillon hab ich gestanden. Da mögt ihr euch wohl vorstelln, wie wir Scharfschützen unter ihm draufgegangen sind und dem Franzos die Höll heiß gemacht haben, hurra!« Am folgenden Morgen holte der Klosterbauer seine Papiere hervor und bewies Wolf daraus, daß er nun, da es wirklich Friede geworden, sehr gut imstande wäre, die Schneidemühle zu kaufen, vorausgesetzt, daß Wolf nicht Sägemüller werden wolle. Wolf dachte nicht daran, sich von seinem Amboß zu trennen, und Lisei war selbstverständlich mit allen Kaufbedingungen, die der Vater stellte, zufrieden. Wolf reiste nach einigen glücklichen Tagen wieder nach Garmisch, um sein Haus auf den Empfang Liseis einzurichten. Der Tag, an dem beide vor dem Altar standen, war ein denkwürdiges Datum, denn an ihm feierte ganz Tirol das Friedensfest. Hannes, der inzwischen aus der Verbannung zurückgekehrt und wieder in seine Pfarre eingesetzt war, vollzog die Trauung, der die ganze Gemeinde mit herzlicher Teilnahme beiwohnte – gab es doch im Enneberger Tal kein weibliches Wesen, das allgemein so hoch geachtet wurde wie Lisei. Und was Wolf betraf, so dachte niemand mehr daran, daß er ein Bayer war, sondern erinnerte sich nur noch an seine Ehrenhaftigkeit. Alle hatten ihre Freude an den beiden stattlichen Menschen. Und mit welch anderen Empfindungen als einst den Bund seines Bruders mit Stasi segnete Hannes die Ehe Wolfs und Liseis! Nach der Trauung wurde auf dem Kirchplatz eine Friedenslinde gepflanzt. Hannes hatte am Altar aus dem Herzen heraus von der Treue geredet, die nach schweren Prüfungen endlich ihren Lohn gefunden; jetzt brachte er denselben Gedanken mit begeisterten Worten auf das Vaterland in Anwendung. Die Böller krachten in das Hoch auf Tirol, mit dem er seine Rede schloß, die Stutzen knallten, und weithin sandte die Glocke ihr Geläut durch das grüne, sonnige Tal. Ein bescheidenes Mahl vereinigte die Hochzeitsgäste im »Stern«, und während hier mancher Trinkspruch auf die Neuvermählten ausgebracht wurde, begann auf dem Kirchplatz um die Linde der Tanz. Später beteiligten sich auch das junge Paar, und die Gäste daran. Stasi faßte sich ein Herz und folgte Ambros, der zum letztenmal seine Offiziersuniform trug, in den Reigen, und siehe, es ging vortrefflich! Ihr liebliches Gesicht strahlte vor Glück. Das wiederhergestellte Gamsmanndl und der Ohm David sahen von der Bank an der Kirchhofsmauer aus zu, und auch auf den Gesichtern der beiden Alten lag ein Schimmer der allgemeinen Freude. Nur Herr Zengerl blickte nachdenklich auf das muntere Treiben. Der Oberförster kam zu ihm und fragte, woran er denke. Der Landrichter deutete auf die Linde und antwortete: »So viel Blut hat fließen müssen, um den Baum pflanzen zu können, und ich frag mich, ob in seinem Schatten auch die Saat aufgehn wird, die Deutschlands große Geister ausgestreut haben. Werden die Ideen der Freiheit und Humanität auch in unserm Volk Wurzel fassen und emporwachsen zum Licht?« Mittlerweile war die Sonne untergegangen. Da leuchtete auf dem Spitzhörndl ein Feuer auf, und wie von dem Spitzhörndl, so leuchteten zur selben Zeit die Freudenfeuer von allen Bergen Tirols.