Rudolph Stratz Unter den Linden Berliner Zeitroman aus den neunziger Jahren 1907 I. Renntag in Charlottenburg! ... Die blauen Fähnchen wehen von den Cigarren- und Friseurläden, wo man die Tribünenplätze verkauft, an den Litfaß-Säulen prangen die großen blauen Plakate des Vereins für Hindernis-Rennen, ›Unter den Linden‹ und auf der Friedrichstraße halten die herumziehenden Händler die neueste Nummer der »Sportwelt« feil. Es ist noch früh. Um zwölf Uhr fangen erst die Rennen an. Aber Berlin W beginnt sich bereits zu regen. Schon rollen vereinzelte Droschken die Charlottenburger Chaussee entlang und befördern Herren in grauen Hüten und gelben Paletots hinaus nach Westend. In immer kürzeren Abständen rollen die mächtigen Wagen der Pferdebahn und immer dichter wird das Gedränge auf ihrem leinwandüberspannten Deck. Die Stadtbahnzüge füllen sich mehr und mehr. Die schwarze Menschenwoge, die alle paar Minuten aus dem Westend-Bahnhof herausquillt, wächst mit jedem neuen Schub an Umfang. Auf der breiten Berliner Straße in Charlottenburg kommen die Leute aus den Häusern, um sich den altbekannten Corso anzuschauen und durch ihre gaffenden Gruppen drängen sich die rüstigen Wanderer, die zu Fuß bis zu dem Rennplatz pilgern. Das ist ein weiter Weg, aber lohnend bei solchem Wetter. Noch prangt der Tiergarten in den grellen Farben des Septemberlaubes, ein buntes Treiben zieht sich vom Brandenburger Thor in langer Kette hinaus gen Westen und von dem blaßblauen Himmel lacht die Herbstsonne über Gerechte und Ungerechte. Nicht überall dringen ihre Strahlen hin. Auf der Bühne des Edentheaters herrscht ein ungewisses Dämmerlicht. Grau in grau ist alles ringsum, die staubigen, in die Ecke gerückten Versatzstücke, die Leinwandmassen. die auf den Parkettbänken ruhen und gleich Trauerfahnen über die Logenbrüstungen herabhängen, die Luft selbst, die dumpf und stickig den Raum mit dem eigenartigen Theaterdunst erfüllt. Das hintere Ende des Zuschauer-Raumes verschwimmt völlig, in der Finsternis. Nach vorn wird es allmählich heller. Quer über die Bühne fällt aus einem erblindeten Fenster in der Hinterwand ein einziger schräger Lichtstreifen und malt goldene Kringel über Regietisch und Souffleurkasten. Man probt da oben. Herren und Damen im Straßenkostüm stehen mit blauen Heften in der Hand herum, sie murmeln einander zu, gehen da und dorthin, blicken wieder in die Hefte und treten zu dem Tischchen, um Bleistiftnotizen in der Rolle anzubringen. Dann stockt die Probe einen Augenblick, die Herren schauen, die Hände in der Hosentasche, vor sich hin, die Damen heben gähnend die Hefte vor den Mund, der Regisseur am Tische aber sieht sich phlegmatisch die Gesellschaft an und wiederholt die stehenden Worte: »Die Kleinigkeit noch einmal!« Es hat niemand mehr Freude an der Sache. Seit Wochen wird die Novität vorbereitet, das große Ausstattungs-Vaudeville, von dem man sich Wunder verspricht, und noch weiß kein Mensch, wann die Aufführung stattfinden soll. Es ist ein offenes Geheimnis, daß die neuen Kostüme nicht zu beschaffen sind! Die Ausstattung erfordert große Summen, die Lieferanten aber sind mißtrauisch geworden und weigern sich, Kredit zu geben. So spielt man Abend für Abend das alte Repertoirestück herunter. Im Publikum wundert man sich, daß die abgedroschene Burleske so gut geht. Der Kassierer aber weiß das besser. Sonnabend und Sonntag macht sich das Geschäft ja noch leidlich, in der Woche aber werden die Freibillets zu Hunderten versendet und doch ist das Haus kaum halbvoll zu bekommen. Die Stimmung ist schwül in dem kleinen, schmucken Theater im äußersten Westen der Stadt. Der Direktor ist heute überhaupt noch nicht zur Probe erschienen. In großen Schritten geht er draußen in dem öden Foyer auf und ab, ein vierschrötiger, älterer Mann mit gebeugter Haltung und finsterem Blick. Halb ängstlich, halb erwartungsvoll blicken ihn aus der Entfernung die kleinen Choristinnen, die Theater-Arbeiter und Statisten an. Vorgestern war Gagetag. Ob es wirklich noch einmal Geld giebt? ... Immerhin ist der Direktor noch da. Das ist doch ein Trost. »Fräulein Ernesti, passen Sie bitte auf.« sagt der Regisseur drinnen auf der Bühne. »Ihre Sportzeitung können Sie nachher studieren ... Sie haben schon wieder Ihr Stichwort versäumt ... bei den Worten: ›wer klopft so spät ... Mensch oder Geist ... tritt ein!‹ haben Sie durch die Mitte zu erscheinen!« »Ich finde das Stichwort nicht.« erwidert Fräulein Ernesti, verdrießlich in dem Buch blätternd .... »jeden Tag wird an der Rolle herum korrigiert und gestrichen .... kein Mensch kann daraus klug werden ...« »Mein Gott ... zweites Bild ... siebente Szene,« sagt der Regisseur und reicht ihr einen Bleistift, »da ... notieren Sie es sich!« »Wozu die Mühe?« bemerkt eine kleine Blondine schnippisch, die einen Pagen markierend dicht daneben steht, »gespielt wird's ja doch nicht ...« Ringsum ein drohendes, beistimmendes Murmeln. »Fräulein Schulz ... ich nehme Sie mit einer halben Monatsgage in Strafe, wenn ...« »Erst die Gage sehen!« erwidert die Blondine gelassen. Ein stürmisches Gelächter folgt. Der Regisseur klopft wütend auf den Tisch. »Ich bitte um Ruhe ... die Kleinigkeit noch einmal ...« Aber auf dieser verkrachenden Bühne ist die Disziplin schon seit Wochen erschüttert. Niemand scheint gesonnen, der Aufforderung nachzukommen. »Lassen's uns aus mit dem Schmarrn!« erklingt aus dem Hintergrund eine Stimme, die dem dicken Komiker angehört, »mir probier'n eh schon's zwanzigste Mal!« »Nun denn ... so fahren wir fort!« ... sagt der Regisseur unsicher. »Fräulein Ernesti ... wenn ich bitten darf ...« »Ach ... warum denn?«, sagt die Ernesti und klappt ihr Buch zu, »ich kann meine Rolle doch nicht ... « »Ich auch nicht,« sekundiert die Blondine. »Weiß der Himmel!« Der Regisseur steht erregt auf – »seit dreißig Jahren bin ich bei der Bühne ... aber dergleichen habe ich noch nicht erlebt ...« »Wir auch nicht!«, ruft der gereizte Komiker ... »Vorgestern war Gagetag!« bemerkt die Blondine. Sie weiß, daß diese Bemerkung einen Sturm entfesselt. »Gagetag!«, tönt's von allen Seiten, – »unser Geld ...« »Sie werden es bekommen ...« »Aber wann ...?« viele Stimmen schreien durcheinander. »Heut Abend streikt Chor und Comparserie,« verkündigt die schadenfrohe Blondine ... »uns gehts nicht besser!« »Sie brauchen wohl die 75 Mark besonders dringend?« ruft hinter ihr eine spitze Frauenstimme ... »wenn man bloß dreitausend Mark Miete zahlt ...« »Die Probe ist aufgehoben!« ... Der Regisseur giebt die Schlacht verloren. Er setzt seinen Hut auf und verläßt die Bühne. Erna Ernesti hat den Skandal mit blassierter Ruhe angehört. Dergleichen kommt jetzt jeden Tag hier vor, aber ihr, dem Stern der Bühne, würde eine Einmischung nicht wohl ziemen. Immerhin ist sie froh, daß die Probe auf die Art ein Ende erreicht. So kommt sie doch noch rechtzeitig zum Rennen. Draußen im Flur lehnt der Direktor am Fenster. Seine Leute gehen schweigend an ihm vorüber, die meisten, ohne zu grüßen. Er achtet nicht darauf. Angstvoll starrt er auf die kleine eiserne Bühnenthüre, bis endlich Fräulein Ernesti in ihr erscheint. Selbst in diesem Augenblick fällt es ihm wieder auf, wie hübsch sie ist! Eine schlanke, biegsame Gestalt über Mittelgröße, mit tadellosen Chic gekleidet, und dazu das richtige, blendende Bühnengesicht, scharf umrissene, kecke Züge, große sprechende Augen, schmale geschwungene Lippen und lässige Anmut in Haltung und Sprache. »Liebste Ernesti,« der Direktor tritt flüsternd auf sie zu, »wie stehts? ... Haben Sie Ihren Grafen gesprochen?« »Noch nicht,« sagt die junge Dame lakonisch, »warten Sie's nur ab!« »Als ob Sie nicht wüßten, daß der Chor heute Abend streikt, wenn ich die Gage nicht auftreibe,« murmelt der Direktor verzweiflungsvoll ... »und ich kriege kein Geld mehr ... 's ist alles umsonst ...« »Waren Sie schon bei Krakauer?« »Giebt nichts ... keinen Groschen ... er läßt mich fallen ... wenn ich nur ein paar tausend Mark bekomme, um den Chor das Maul zu stopfen ...« »Sie haben doch die Tageskasse ...« »Ich hatte sie« ... der unglückliche Bühnenleiter sieht vorsichtig um sich ... »vorhin kam wieder der Gerichtsvollzieher ... ich mußte mein ganzes bares Geld hergeben ... wenn die Vorstellung heute Abend nicht stattfindet, kann ich nicht einmal die Billets zurückzahlen.« »Na schön!« Die Ernesti blickt sinnend vor sich hin, »vor dem Rennen ist mit dem Grafen überhaupt nicht zu reden. Aber nachher, wenn er gewonnen hat ... thut er's schon ...« »Wie heißt das Pferd?« fragt der Bühnenleiter beklommen. »Satanella ... er hat es mir zu Ehren so getauft ... nach unserer großen Novität ...« »Liebstes, bestes Fräulein!«, der Direktor drückt ihre sein behandschuhte Hand, »sehen Sie zu, was Sie machen können ...« »Es wird schon gehen,« meint die Schauspielerin, »aber Sie wissen ... ich kriege dafür die guten Rollen ...« »Aussuchen dürfen sie sich, was Sie wollen ... aber schaffen Sie Geld ... so viel Sie können ... « »Um halb sechs bin ich hier.« Mit flüchtigem Kopfnicken trennt sich Fräulein Ernesti von ihrem Direktor. Zu diesem sind inzwischen ein paar Männer herangetreten, Abgeordnete des Chors und der Theater-Arbeiter. Die Hüte in der Hand sehen sie den Direktor unsicher an, der sich mit einem plötzlichen Ruck aufrichtet. »Ich weiß schon, was Sie wollen, meine Herren,« sagte er rasch und leutselig; »noch heute Abend wird die Gage ausgezahlt!« »Vor der Vorstellung.« »Vor der Vorstellung. Es ist alles in Ordnung.« Er glaubt das in diesem Augenblick wirklich, und auch die andern glauben ihm. Gehören sie doch nicht umsonst der Bühnenwelt an, der Welt des Optimismus und des Leichtsinns. Rasch dringt die frohe Kunde durch alle Räume. »Heute Abend«, heißt es überall, »giebts Geld wie Heu!« Wo es herkommen soll, weiß keiner so recht, und das ist gut. Denn bange Zweifel würden doch so manchen beschleichen, wenn er sähe, wie das Schicksal dieser kleinen Welt an den Hufen eines Rennpferdes hängt, einer schmächtigen Stute, die jetzt eben, in Decken gehüllt und sorglich vom Stallburschen geführt, in dem steifen, stelzenden Gang des Vollbluts den Stall ihres Trainers zu Westend verläßt ... Die paar biederen Leute, die sich an der Vormittags-Kasse ihre Billete holen, schauen scheu und bewundernd Fräulein Ernesti nach, während sie rasch durch den Vorraum hinaus auf die Straße schreitet. Wie geheimnisvoll und romantisch erscheint ihnen die Bühne, wie glücklich die begnadeten Geschöpfe, denen es vergönnt ist, auf den weltbedeutenden Brettern zu wirken! »Na, Kind ... was machen Sie denn für ein Gesicht?« sagte die hübsche Schauspielerin draußen zu einer Kollegin, die da anscheinend sehr niedergeschlagen auf die Pferdebahn wartet. Sie ist eine recht angenehme Erscheinung, aber ihre blassen Züge sind zu weich für die Bühne und ihr Auftreten ist befangen, fast ängstlich. »Ach,« seufzte Käthe Krauß, »wäre ich nur am Hof-Theater in Grünstett geblieben! Ich hab' eine Wut auf den Agenten, der mich hierher gebracht hat. Was hilft mir nun die hohe Gage, wenn ich sie nicht bekomme?« Die andere schaut sie mitleidig, und dabei ein wenig verlegen an. Es ist bekannt, daß die Krauß durchaus solide lebt! Sie haust mit ihrer Mutter, einer verwitweten Steuerrätin oder dergleichen, zusammen in einer bescheidenen Gartenwohnung. Dort kochen sie sich selbst ihr Essen auf dem Ofen, nähen die halben Nächte durch an den Kostümen und während die Rätin morgens das Zimmer fegt, lernt Käthe mit rührendem Eifer an der kleinen läppischen Rolle, die sie in dem neuen Ausstattungsstück spielen soll. Für Erna Ernesti ist dergleichen ein Rätsel. Wenig Talent, gar kein Toupet, dabei noch solide – und das geht zur Bühne! Und sie ist die einzige nicht. Sie hat mehr Leidensgefährtinnen, als man im Publikum glaubt. »Hören Sie mal, Krauß,« sagte ihre glänzende Kollegin etwas zögernd, »Sie sind ganz gewiß in Geldklemme ... ich sehe es Ihnen an ... da ... ich leih' Ihnen eine Kleinigkeit... geben Sie mir's wieder, wann Sie wollen ...« Damit drückt sie der andern ein Zwanzigmarkstück in die Hand, die ein abgetragener, an den Nähten mit Tinte gefärbter schwarzer Glace bekleidet und dann setzt sie, als sie bemerkt, wie die Krauß unwillkürlich zusammenzuckt, halb spöttisch dazu: »Nehmen Sie's nur ... ich kann's mir ja von meiner Gage zurückgelegt haben ...« Ihr Gegenüber weiß natürlich, daß das Geld von dem Grafen Parsenow stammt, dem bekannten Lebemann, der schon Unsummen auf die Ernesti verschwendet hat. Aber sie will sie nicht kränken und dann ... sie braucht es wirklich so nötig. Mit niedergeschlagenen Augen, als schäme sie sich für die andere, steckt sie das Darlehen in das Portemonnaie. »Na ... Adieu!« sagt die Ernesti. »ich muß jetzt zum Rennen!« Mit leichten, wiegenden Schritten geht sie ein kurzes Ende die Straße hinunter bis zur nächsten Ecke. Dort hält eine kleine, elegante Equipage, glatt lackiert, mit blankem Geschirr und einem ernsthaften Kutscher, ganz wie es sich gehört. Sie steigt ein. Der Kutscher dreht sich um und faßt an den Hut. »Nach Charlottenburg ... aber schnell!« Von dem Perron des vorbeifahrenden Pferdewagens sieht ihr Käthe Krauß gedankenvoll nach. Es muß doch wunderbar sein, solch einen eigenen Wagen zu besitzen! Wenn sie einen hätte, müßten aber Gummiräder daran sein ... und der Kutscher müßte eine große schwarze Pellerine tragen. Vielleicht könnte auch noch ein Diener daneben sitzen und herabspringen, um mit abgenommenem Hut den Wagenschlag aufzureißen. Freilich gehörte auch für sie eine entsprechende Toilette dazu. In Gedanken verloren fängt sie an sich ein reizendes Herbstkostüm zu komoniren, bis ihr plötzlich der vor ihr lehnende und sie unverwandt anstarrende Student eine dicke Tabackwolke ins Gesicht bläst, daß sie erschrocken zusammenfährt ... Erna liebt es, schnell zu fahren. Auf das Pferd kommt es nicht weiter an. Schlimmstenfalls kauft ihr Parsenow ein neues. Blitzschnell rollt der Wagen durch die breiten Avenuen des Westens, über die Friedrich-Wilhelm-Straße hinein in den Tiergarten. Eine herbe frische Luft weht ihr entgegen, die Sonne flimmert in dem bunten Laub und schläfrig lehnt sich die Schauspielerin in die Kissen zurück. Komisch, wie Erinnerungen zuweilen so ganz unvermittelt auftauchen ... die Begegnung mit der Krauß muß sie darauf gebracht haben. Sie sieht wieder eine finstere Hofwohnung vor sich, weit draußen in einer Mietskaserne der Rosenthaler-Vorstadt, sie hört wieder die heisere Stimme des Vaters, wenn er betrunken des Abends heimkehrte, das Keifen der Mutter, das Wimmern der kleinen Geschwister. Und dann das öde Passementerie-Geschäft, in dem sie zehn Stunden täglich hinter dem Laden stand und die Kunden bediente und auf der Leiter auf und nieder stieg. Sie sieht auch den bebrillten, magern Studenten vor sich, mit dem sie ihr erstes Verhältnis hatte. Gott – war das ein Rauhbein! Unwillkürlich muß sie lächeln bei dem Gedanken, wie vergnügt sie beide waren, wenn sie im Qualm des American-Theaters saßen oder beim Eierhäuschen gondelten, um dann mit der Stadtbahn dritter Klasse zurückzukehren ... Doch da: ein Rasseln um sie her ... Stimmengewirr ... Menschen ringsum. Sie sind am großen Stern angelangt und schwenken in die Wagenreihe ein, die jetzt in ununterbrochenem Zuge, von einem Wald von wehenden Peitschen überragt, die Charlottenburger Chaussee dahinrollt. Ein Hornstoß ertönt hinter ihr. Ein Viererzug rollt vorbei. Auf dem Deck der Mail-Coach flimmern Uniformen und helle Herrenmäntel. Mit verbindlichem Lächeln grüßen einige der Insassen zu ihr herunter, die andern folgen ihrem Beispiel, und mit anmutiger Kopfneigung dankt die Schauspielerin auf den Gruß, den ihr die Vertreter des Hochadels und der Hochfinanz bieten ... »Kennst Du die Dame, Kurt?« fragt in der daneben fahrenden Droschke Frau von Braneck ihren Bruder, der schräg auf dem kleinen Klappsitz vor ihr sitzt, mit schimmernder, ganz neuer Ulanen-Uniform angethan und mühsam ein Monocle in dem blutjungen, bartlosen Angesicht balancierend. Der Leutnant blickt seine schöne Schwester etwas verlegen an ... aber schließlich ... sie ist ja Witwe .... schon seit fünfviertel Jahren ... warum soll er es ihr nicht eingestehen, daß er Fräulein Ernesti vom Eden-Theater allerdings kenne! ... »Oh ... eine Schauspielerin!« sagt Frau Hilda gelangweilt. Ihr Interesse scheint erloschen. »Ja ... sie ist auch Schauspielerin ...« meint der Leutnant etwas boshaft. Über ihre Beziehungen zu Parsenow schweigt er wohlweislich. Der Graf macht Frau von Braneck schon seit längerer Zeit den Hof, und er, Kurt, der es aufrichtig ehrlich mit seiner Schwester meint, will sie von der Partie nicht abschrecken. Es ist ja wahr ... Parsenow ist ein Roué, dabei aber ein tadelloser Gentleman und ein glänzender Kavalier. Wird er wirklich einmal solide, was vorderhand allerdings keiner seiner Bekannten für möglich hält, so giebt er den besten Ehemann unter der Sonne. »Ist das eine Welt!« Knurrig schaut der alte Major von Döbeln seine neben ihm sitzende Tochter an, »was sagst Du dazu, Hilda? ... wir rumpeln hier im Mietsfuhrwerk und diese Theaterprinzessinnen fahren in eigenen Equipagen an uns vorbei!« Hilda erwidert nichts. »Wenn Sie erst wüßte, wer die Equipage gezahlt hat,« denkt Kurt bei sich. Auch der Alte schweigt ergrimmt. Er haßt Berlin! Was er hier sieht und hört, ist ihm ein Greuel. Wie still und gemütlich ist es auf seinem pommerschen Gut, das er sonst jahrelang nicht verläßt, nachdem er den bunten Rock ausgezogen. Wie schön wäre dort jetzt eine Hühnerjagd auf den weiten, trockenen Stoppelfeldern ! Aber er begreift ja selbst, daß es nicht anders geht. Ein Jahr lang hat Hilda nach dem Tode ihres Mannes auf dem einsamen Edelhof mit ihm gelebt und, wie es Brauch, ihre Trauerzeit in voller Zurückgezogenheit verbracht. Die Welt verlangt es nun einmal so, mochte die junge Witwe auch in Wirklichkeit ihrem Gemahl nur spärliche Thränen nachweinen. Denn glücklich war ihre Ehe nie. Die beiden verstanden sich nicht und lebten kinderlos, unfroh neben einander her, bis der kränkliche Herr von Braneck den einzigen gescheidten Einfall seines Lebens, – nach Ansicht seines Schwiegervaters – bekam und alsbald ausführte. Er legte sich hin und starb. Seiner Frau hinterließ er ein schönes Vermögen, das sicher in einer Berliner Bank ruhte, und die goldene Freiheit. Die Freiheit ist doppelt kostbar, wenn man dazu die Jugend hat, sie zu genießen. Hilda von Braneck war jetzt 27 Jahre alt; aber sie sah jünger aus, eine große, schlanke Blondine mit übermütigen Zügen, mit großen, wissenden Augen und doch ein fragendes Lächeln um die aufgeworfenen Lippen, halb mädchenhaft in ihren Bewegungen, halb frauenhaft gemessen. Sie liebte Parsenow. Das wußte sie selbst so gut wie jeder andere, den es anging. Daß sie dem Grafen nicht gleichgültig, war ebenso Thatsache. Seit Wochen sahen sie sich jetzt in Berlin auf dem Rennplatz, in Theatern und Gesellschaften. In nächster Zeit mußte die Entscheidung fallen. So dachte wenigstens der Major. Der Berliner Aufenthalt war ihm nachgerade unerträglich. Unwirsch saß der kleine Herr, wie gewöhnlich kerzengerade aufgerichtet in dem Wagen. Zornig blitzten seine Augen aus dem kupferbraungebeizten Gesicht, der schlohweiße, aufgedrehte Schnurrbart wehte im Winde. Nach seiner Überzeugung war Berlin überhaupt nur von Juden und Demokraten bevölkert, in jedem Begegnenden sah er seinen persönlichen Feind, der bei den nächsten Wahlen ihm zum Tort Bebel oder Richter in den Reichstag entsenden würde. »Du, Kurt« ... sagt er endlich etwas milder werdend, »wo ist denn das Theater, in dem die Dingsda ... diese Donna von vorhin auftritt ...?« »Am Nollendorfplatz ... dies Frühjahr eröffnet ...« »So ... ist das Stück denn hübsch das sie da spielen? ...« »Gott! ... Tricotsache ...« meint der Leutnant achselzuckend, ... »wem's Spaß macht.« »Nun ... ansehen könnte man sich schon mal dergleichen ...« der Major wendet sich ernst zu Hilda. »was denkst Du darüber, Kind ...« Ein flüchtiges Lächeln huscht über Frau von Branecks Lippen. »Gewiß, Papa ... gehen wir hin! Wir haben ja nichts vor heute Abend ...« Dann blättert sie in der Sportwelt, die ihr Bruder von einem, sich auf das Wagenbrett schwingenden Händler erstanden hat. Mit vielsagendem Lächeln zeigt er ihr eine Stelle unter den Pferdenennungen. Da prangt Satanella: Graf Parsenows dunkelbraune Stute vom Geheimrat aus der Miß Hellyett, 4 Jahre alt, mit 61 1/2 Kilo gehandicapt. »Oh!«, sagt Frau Hilda »meinst Du, daß sie gewinnen wird?« »Favorit ist natürlich ›Floßhilde‹, erwidert ihr Bruder, »aber da vorn an der Spitze des Blattes findest Du einen äußerst scharfsinnigen Artikel über die Chancen der einzelnen Gäule.« »Du ... das verstehe ich nicht«, erklärt nach kurzer Lektüre Frau von Braneck, »was soll denn das um Gotteswillen heißen: ,... so fassen wir doch unser Urteil dahin zusammen, daß, wenn auch ›Floßhilde‹ bei ihrem enormen Stehvermögen sicher die zehntausend Mark landen wird, doch ›Satanella‹ die einzige sein dürfte, die vielleicht auf der Heimreise im Kielwasser der Stute zu leben vermag ... ?‹ Ist das nicht Unsinn?« »Keineswegs!«, unterbricht sie der Major gereizt, »das heißt: es kann die ›Floßhilde‹ gewinnen oder die ›Satanella‹ oder sonst ein Pferd. Um uns das zu sagen, brauchen die Sportsleute nu mal dreifach so viel Worte wie 'n gewöhnlicher Mensch ...« »Das stimmt«, meint der Leutnant, »aber es macht sich schön!« »Satanella muß gewinnen« entscheidet die schöne Frau den Fall, »ich setze zehn Mark auf sie ...« Zwei starkknochige Orloff-Traber mit fußlang flatternden Schweifen reißen, pfeilschnell die Vorderbeine herausschnellend, im Sturm eine leichte Carosse hinter sich her. An der Reihe der Mietsdroschken vorbei geht die sausende Fahrt, die Equipagen werden überholt und bewundernde Blicke richten sich auf das prachtvolle Gespann. Ein müder Mann sitzt in dem Wagen; kaum Ende der Dreißiger, aber abgelebt und mit stark gelichtetem Haar. Ohne rechts und links zu schauen lehnt er teilnahmslos da. Es ist, als ob sein Gesicht, seine ganze Gestalt in der Haltung weltmännischer Erschlaffung erstarrt sei. Das ist die wahre, echte Blasiertheit! Manche der jungen, lebenslustigen Leutnants scheinen das bei seinem Anblick zu fühlen. Sie lassen die Monocles fallen und geben die Miene erzwungener Gleichgültigkeit auf. Plötzlich kommt Leben in den steinernen Gast. Er beugt sich im Wagen vor und lüftet höflich seinen grauen Cylinder. Dann saust die Carosse vorbei. »Wer grüßte Dich denn eben, Papa?« fragt Frau Hilde neugierig. »Das« ... der Major streicht sich den weißen Schnurrbart auf, »das ist Dein Bankier, mein Kind, oder vielmehr der Deines Mannes, der Dir Dein Erbe verwaltet ... unter meiner Aufsicht natürlich ... wir hatten erst gestern eine Conferenz ... Er schlug vor, Dir Disconto-Commandit zu kaufen ... was meinst Du?« »Ach ... davon verstehe ich doch nichts,« Frau von Braneck macht ein etwas gedrücktes Gesicht, »aber – weißt Du – sehr vertrauenerweckend sieht er mir eigentlich nicht aus.« »Das mag schon sein, Kind,« sagt der Major, »aber es ist eine gute Bank. Harwitz hat sein Geld dort, die Mundlingens, selbst der alte Fuchs, der Graf Rönneburg ...« » – Ja – weil man da höhere Prozente kriegt« bemerkt Kurt. »Aber wie Du willst,« fährt der Major fort »heben wir das Geld ab ... tragen wirs wo anders hin ... meinetwegen in die deutsche Bank...« »Ihr müßt das besser wissen.« Hilda sieht immer noch etwas besorgt aus, »... es ist nur so ein Gefühl von mir.« »Ich werde mich erkundigen« beschwichtigt sie ihr Vater, »ein Vierteljahr muß es ja doch noch liegen bleiben.« Inzwischen haben sie Charlottenburg hinter sich gelassen und fahren den Berg empor. Immer toller wird das Gedränge um sie, berittene Schutzleute fluchen hinein und fern über dem niedrigen Laubwald zeigen weithin flatternde Fahnen und windverwehte Musik den Rennplatz an. Wagen auf Wagen rollt da vor. Offiziere mit ihren Damen, Sportfreunde in Massen, Börsianer, denen das Rennprogramm eine noch willkommenere Aufregung bietet als der Courszettel, Buchmacher mit tadellosen Gaunergesichtern, zwerghafte Jockeys, Kriminalbeamte in Civil, staunende Fremde aus der Provinz, Taschendiebe, ein buntes Gewirr in allen Schattirungen von der großen Welt herab bis zur Halbwelt, die in zahlreichen, extravagant gekleideten Vertreterinnen den Platz belebt. Es leuchtet und flimmert um die hochaufragenden Tribünen. Die bunten Uniformen blitzen, die hellen Damenkleider schimmern auf dem lichtgrünen Plan. Ein leichter Wind spielt mit den vielfarbigen Fahnen, an dem blaßblauen Himmel ziehen kleine weiße Wölkchen schwarze Menschenmassen wogen und pilgern über das Feld zu den billigen Plätzen, weithin bis dort wo die Ebene in violettem Dunst mit dem Horizont verschwimmt. Aus dem Musiktempel klingen die Töne des Intermezzos aus der »Cavalleria« und verklingen klagend und jauchzend über dem wimmelnden Gewühl. Da zuckt es kurz und rasselnd in dem umzäunten Schalter-Viereck hinter der Tribüne auf. Einmal, zweimal, dann immer häufiger, fast ununterbrochen wie das Feuer einer Schützenlinie. Der Totalisator wird lebendig. Sein Stampfen verschlingt das Intermezzo, es läßt das harmlose Geplauder verstummen und zieht in Hoffnung und Aufregung alles zu sich heran. Die professionellen Sportfreunde drängen sich, ihre Vereins-Karte oder das Totalisatorticket vorweisend, massenhaft durch die Drehgitter. Es ist ein Gewühl, wie um einen Bienenstock am Frühlingsmorgen, wie um ein brennendes Licht, das in der Sommernacht die Motten anlockt. Und was sind es mehr als thörichte Motten, die Unerfahrenen alle, die hier in den verzehrenden Glanz hineinflattern! Für die paar Sachverständigen eine ernste Spekulation, für die Mehrzahl des Publikums ein aufregendes, kleines Vergnügen, ist der Gang zum Totalisator für manchen andern ein Schritt auf Tod und Leben. Hier versucht der verschuldete Kaufmann, sich noch einmal herauszureißen, der Defraudant, mit einem kecken Entschluß die Unterschleife zu decken. Hier setzt der übernächtige Caféhauskellner seine Trinkgelder ein, der Commis verspielt seinen Gehalt, der Leutnant opfert seine Gage, der Referendar seinen Wechsel und der Himmel mag wissen, wie beide den Rest des Monats durchkommen werden, wenn ihren kühnen Berechnungen fehlschlagen. Und immer wieder rasselt der Totalisator und immer neue Scharen strömen herzu. Schon hat in Westend das erste Hürdenrennen mit dem Sieg der rotgelben Streifen des » Captain Black « geendet, schon liegt die Charlottenburger Chaussee wieder verödet da, nur durch langsam knarrende Lastfuhrwerke und die Wagen der Pferdebahn belebt, da fährt noch ein Nachzügler durch den Tiergarten den Höhen zu. Eine hohe, geschmeidige Gestalt, Mitte der Dreißiger, sehnig gebaut, mit einem langen, schwarzen Schnurrbart in dem gebräunten Gesicht, über dem die selbstbewußte Langeweile der high-life wie eingemeißelt liegt. Eine Cigarette qualmt zwischen den Lippen, die lebhaften, scharf blinkenden Augen starren ziellos in das Leere. Graf Parsenow ist offenbar in tiefe Gedanken versunken. Er hat auch allen Grund dazu ... schon seit mehr als Jahresfrist. Da stellten sich bei ihm die ersten Anzeichen ein, daß er auf der Kippe stehe. Im Leben eines jeden vom Schlage Parsenow kommt dieser kritische Moment. Die Gäule fraßen ihn nach wie vor in ihren Winterquartieren arm, Erna schickte ihm mit gewohnter Gewissenhaftigkeit ihre Rechnungen zu, die Gläubiger legten denselben Wert auf pünktliche Zahlung der Saldis wie sonst, – aber die Einnahmen blieben aus. Das Spielglück hatte sich von ihm gewandt. Er war zu klug, es erzwingen zu wollen, aber er spielte doch und spielte, und zu Ende des Winters war der größere Rest seines schon ohnedies stark zusammengeschmolzenen Vermögens dahin. In der Renn-Campagne des Frühjahrs blieb der ersehnte Umschwung aus. Wo er seine Pferde laufen ließ, kauerte hinter dem Jokey der Mißerfolg im Sattel. Und mehr und mehr schwand das Geld. Als er zur Zerstreuung mit Erna um Pfingsten nach Paris fuhr, hatte er noch etwa fünfzigtausend Mark. Das war alles. Zu spielen wagte er jetzt nicht mehr. In einer Nacht kann man solch eine Summe und mit ihr das Betriebskapital, die Waffe im Kampf ums Dasein, verlieren. Eine Weile vermochte er sich ja noch zu halten, aber wenn er an den lauen Juni-Abenden über die Boulevards schlenderte, schien ihm seine Lage wie die eines Mannes, dem man die Wahl frei läßt, ob er lieber langsam im Sumpfe untergehen oder rasch von den Wogen verschlungen werden will. Er entschied sich für das letztere. Es war da bei einem französischen Züchter für einen hohen Preis ein prächtiger Steepler zu verkaufen. Ihm vertraute er sein Glück an. Er importierte ihn, er meldete ihn bei den großen Herbstrennen an und schloß Wetten auf ihn ab, so hoch er konnte. Er bekam lange Odds; denn das Pferd war auf deutschen Bahnen noch unbekannt, seine Abstammung nicht die beste. Rechtfertigte die Stute das Vertrauen, das er in sie setzte, so mußte sie ihn jetzt im Laufe des September und Oktober retten. Er ging dann mit einem neuen Vermögen in die Karten-Campagne des Winters. Heute sollte ›Satanella‹ zum ersten Male in dem großen Jagdrennen laufen, und ihr Besitzer – Parsenow mußte es sich mit Beschämung eingestehen – war geradezu erregt, beim Gedanken an die kommenden Ereignisse. So vornehm kühl auch sein Gesicht blieb, innerlich wogten Hoffnung und Zweifel peinvoll auf und nieder. Merken würde das niemand – dazu war er seiner jahrelang geübten Selbstbeherrschung zu sicher – aber unangenehm war diese ganze Lage. Noch hielt ihn alle Welt für gut fundirt, niemand ahnte, daß er niederbrechen könne und er – er mußte beinahe selbst lachen, so komisch erschien ihm die Sache – er trug noch 210 Mark und 50 Pfennige bei sich. Mehr besaß er nicht. Er hatte sich vorhin, in einer Anwandlung dumpfen Erstaunens die Summe auf dem Schreibtisch vorgezählt. Nun ... in einer Stunde konnte Satanella die zehntausend Mark gewonnen haben. Ebensoviel hatte er auf sie an verschiedenen Stellen gewettet – mit eins zu vier. Dann hatte er fünfzigtausend Mark ... immerhin ein Anfang. Und sein Gesicht hellt sich allmählich wieder auf. Der Wagen hielt. Graf Parsenow sprang elastisch heraus und schritt an der Tribüne vorbei quer über den Sattelplatz zu den Ställen. »Satanella da?« fing er hastig beim Eintreten. » All right, sir !« antwortete aus dem dunkeln Innern die heisere Stimme der Trainers. II. Frau von Braneck blickt suchend umher auf dem weiten, menschenwimmelnden Plan. Wo nur Parsenow bleibt? Eine wahrhaft unerträgliche Ungeduld hat sich ihrer bemächtigt. Am Ende ist er erkrankt oder seinem Pferde etwas zugestoßen ... Da ... endlich! Die hohe, straffe Gestalt des Grafen nähert sich von dem Sattelplatz her der Tribünenpromenade. Auf der einen Seite schreitet neben ihm der Trainer, ein magerer, alter Engländer mit mißvergnügtem Gesicht, auf der andern ein junger, schmächtiger Husar, Leutnant von Wendlau. Er soll Satanella, die beim Handicap gut weggekommen ist, steuern. Parsenow vertraut ihm unbedingt. Er sitzt vorzüglich zu Pferd, hat, trotzdem er in diesem Jahr zum ersten Male reitet, schon drei Rennen gewonnen und besitzt das Geheimnis, die widerspenstige und nervöse Satanella ruhig unter seiner leichten Faust gehen zu lassen. Das ist sehr wichtig. Denn Satanella bekundet durch tausend Unarten ihre Abstammung von den ältesten Adelsgeschlechtern der Pferdewelt. Sie bricht vom Start weg, sie hat eine offene Abneigung gegen Wassergräben und springt dafür die Hürden so leichtsinnig, daß sie oft beinahe mit den Vorderbeinen hängen bleibt, kurz, sie erfordert Ruhe und Geduld in hohem Maße. Parsenow trennt sich von seinen beiden Begleitern, die, eifrig diskutierend zum Stall zurückkehren, und blickt suchend um sich. Einen Augenblick verschwindet er in dem Gewühl, dann taucht er wieder auf und mit einem eifersüchtigen Schrecken sieht Frau von Braneck, daß eine Dame neben ihm steht. Sie kehrt ihr den Rücken zu. Aber sie erkennt sofort an der Toilette, daß es die Schauspielerin von vorhin ist. Was mögen die beiden nur miteinander haben? ... aber schließlich ... Frau Hilda beruhigt sich wieder. Sie weiß ja doch, daß Parsenow kein Tugendspiegel ist, sondern es erst unter ihrem sanften Einfluß werden soll. Nein ... ihr erster Gatte, der ewig Kränkelnde und Hüstelnde, hat sie nicht glücklich gemacht trotz seines peinlich moralischen Lebenswandels ... man darf nun einmal von den Männern nicht allzuviel verlangen – wenigstens vor der Ehe ... »Was hast Du denn?« sagt inzwischen Parsenow sehr kurz zu Erna, »Du weißt doch, daß ich das nicht liebe ...« »Aber es ist dringend, Konrad,« erwidert die Schauspielerin und ein Rot des Unmuts zieht über ihr hübsches Gesicht. »Was ist dringend? Geld natürlich ...« »Ja ... aber nicht für mich ... wir müssen ...« »Nach dem Rennen! ... jetzt habe ich keinen Groschen ...« »Wo treffe ich Dich, wenn das Rennen gewonnen ist?« »Ich hole Dich zum Theater ab ... nach fünf...« »Und wenn Du verlierst?« »Dann bin ich nicht zu sprechen,« sagt der Graf ruhig, »merk' es Dir bitte ... absolut nicht zu sprechen.« »... als ob es mir Spaß machte, dann Deine schlechte Laune auszuhalten!« Erna wendet sich trotzig ab, »also viel Glück!« Auch noch Glück wünscht ihm das unvernünftige Mädchen! Wäre Parsenow abergläubischer, so könnte ihn das wirklich verstimmen. Aber auch so schreitet er mit ziemlich umwölktem Gesicht auf Frau von Braneck zu. »Ich komme nur auf einen Augenblick, verehrte Frau, um mich vorzustellen ...« »Bitte ... lassen Sie sich nicht stören, Graf.« sagt die schöne Frau unmutig, »ich sehe, Sie haben da unten Bekanntschaften ...« ».... Denen man nun einmal in Berlin nicht entgehen kann,« erwidert Parsenow gelassen ... »sollte ich wirklich so glücklich sein, damit Ihren Unmut hervorgerufen zu haben?« »Ich bin gar nicht eifersüchtig.« sagt Frau Hilda vorschnell und errötet gleich darauf lebhaft. Parsenow lächelt leise, der Major schmunzelt vor sich hin, das Eis ist gebrochen und eine lebhafte Unterhaltung gerät in Fluß. Natürlich dreht sie sich um Satanella. Frau von Braneck hat bereits ihren Bruder beauftragt, zehn Mark auf sie zu setzen und ist in großer Erregung über den Ausgang der Finanzoperation. Endlich verabschiedet Parsenow. Es ist die höchste Zeit. Nach dem Rennen verspricht er bestimmt, sich noch einmal zu zeigen, und schreitet dann schnell durch die zerstreuten Gruppen zum Sattelplatz. Sein Herz pocht hörbar und er muß unterwegs stehen bleiben, um sich den Schweiß von der Stirne zu wischen. Das erste Glockenzeichen! Das große Ereignis naht. Geschäftig trotten, Programm und Bleistift in der Hand, die Sportfreunde zu dem Nummerpfahl, in dessen breite Scheibe die Beamten eben die Ziffern einfügen. Wenige Schritte davon stehen die dichten Klumpen der Buchmacher und ihrer Kundschaft. Es raunt und krächzt und wispert in diesem heiligen Kreise. Ein zischelndes Stimmengewirr steigt daraus hervor, die Namen Floßhilde und Satanella schlagen immer wieder an das Ohr. Ah! Endlich geht die Zifferntafel in die Höhe. Die Bleistifte geraten in Thätigkeit. Man notiert die Namen der laufenden Pferde und der Reiter, man prüft noch einmal das Gewicht, man schwankt und überlegt, man zieht Freunde zu Rat und sucht Brocken aus der Unterhaltung der Buchmacher aufzuschnappen und endlich beginnt das Rasseln und wird immer stärker und stärker. Der Totalisator gerät in Thätigkeit. Frau von Braneck findet es zwar außerordentlich ungalant, daß den Damen der Eintritt in das umzäunte Viereck mit seinen langen Schalterreihen verboten ist, aber es interessiert sie doch, sich von außen das Getriebe anzusehen. Es herrscht innen ein Getümmel, daß man kaum mehr vorwärts kann. Die Drehthüren der schmalen Pforten sind in unaufhörlicher Bewegung. Eine Masse Menschen laufen da aus und ein, verhandeln aufgeregt wispernd mit außen stehenden Genossen, gestikulieren über dem zerknitterten Rennprogramm und stürzen endlich, die Börse in der Hand, zu einem der Schalter, an denen die Einsätze zu zehn, zwanzig und fünfzig Mark entgegengenommen werden. Immer wilder wird das Stimmengewirr; es übertönt selbst die Wettmaschine und immer wieder schallen aus dem Trubel die Ziffern sieben und elf... andere Zahlen dazwischen ... dann abermals sieben und elf ... und elf und sieben ... Sieben ist die Nummer Floßhildes, der heißen Favoritin. Elf trägt Parsenows Satanella. Ihr wendet sich das Interesse des Publikums mehr zu, als den einzelnen Wettern lieb ist. Man weiß, daß man auf die unbesiegliche Floßhilde so gut wie nichts herausbekommt – 12 zu 10 gab es das letzte Mal – und so wagt man einen Coup mit dem importierten Pferd, der für den Fall seines Sieges den Anhängern reichen Lohn verspricht. »Satanella gewinnt ganz gewiß. Alle Welt setzt auf sie,« sagte Hilda zuversichtlich zu ihrem Bruder, der sie und ihrem Vater hundert Schritte weiter nach hinten zu den Sattelplatz führt. Dort reiten die Teilnehmer des Rennens in langer Reihe hintereinander auf dem länglichen Zirkel. Einzelne Pferde kommen noch in langsamem Schritt dazu, von Stallburschen geführt, die Reiter lässig in den Sätteln, mit dem Zaumzeug beschäftigt oder mit erzwungener und wirklicher Gleichgültigkeit um sich blickend. Es sind fast nur Offiziere. Kavalleristen aller Art, ein Feldartillerist, zwei Herrenreiter vom Civil im Dreß. Ein oder zwei haben stark gefrühstückt, ein paar andere sehen etwas blaß aus. Fast alle verhalten sich schweigsam, winken da und dort einem Bekannten zu, klopfen dem Pferde auf den Hals oder murmeln ein paar Worte zu dem nebenher gehenden Trainer. Auch in dem Kreise der gedrängt umher stehenden Sportfreunde herrscht andachtsvolles Schweigen. Eine Unterhaltung wird nur an wenigen Stellen und auch da im Flüsterton geführt. Das zweite Glockenzeichen ... gewaltige Aufregung auf dem ganzen Platz. Der Totalisator arbeitet mit Hochdruck, seine Stempelmaschinen rasseln. »Eins auf die elf! ... Eins auf die sieben!« tönt es immer wieder aus den Schaltern, und heiseres Gemurmel klingt aus der Ecke links hinten an der Tribüne, dicht bei der Restauration, wo die Buchmacher ihr ständiges Hauptquartier besitzen. Bleistift und Notizbuch sind da in fieberhafter Bewegung, in den gekrümmten Handflächen klirren die Gold- und Silberstücke, die Banknoten rascheln zwischen plumpen Fingern ... das ist der Augenblick, wo die eigentlichen großen Geschäfte gemacht werden! In diesem Moment, wo die große Masse der Wettlustigen bereits ihr Geld gesetzt hat und eine Verkürzung der Odds nicht mehr möglich ist, fliegt häufig erst der Tip des Tages in pfeilschnellem Laufe, in geheimnisvollem Geflüster von Ohr zu Ohr durch die Reihen der Eingeweihten, die nun eben noch Zeit haben, hastig die Combination auszunutzen, sei es durch Privatwetten, sei es am Totalisator, der bis zum Starten der Pferde Einsätze entgegennimmt. Aber heute ereignet sich nichts dergleichen. Es giebt keine Stallgeheimnisse zu verraten oder sie werden gut gewahrt. Die Crême des Rennplatzes, der Unionklub, der mit seinen Damen auf der abgesonderten Tribüne thront, und der Bodensatz, die fragwürdige Gilde der Buchmacher und ihrer Hintermänner, sie haben diesmal beide nichts voraus von der großen urteilslosen Masse, die nach den Voraussagen der Sportzeitungen, nach zufällig erhaschten Äußerungen eines vorübergehenden Offiziers oder Jockeys, selbst nach der Farbe und dem Namen des Pferdes, der Uniform seines Reiters wettet. Das Rennen liegt zwischen Floßhilde und Satanella ... das ist auch ihre Weisheit. Auf das erstere Pferd nehmen die Buchmacher überhaupt keine Einsätze mehr an, auf Satanella sind sie schwierig geworden. Die Odds gehen von 4 bis auf 3 ... selbst bis auf 2½ zu eins, soweit man sich nicht auf die Berechnung des Totalisators einigt. Inzwischen stelzen die Pferde in langem Zuge vom Sattelplatz nach der Bahn. Voraus tänzelt, ungeduldig in die Doppeltrense beißend, ein schmächtiger schwarzer Hengst. Er ist nervös wie gewöhnlich. Sein Reiter, ein blutjunger Ulan, hat alle Mühe, ihn im Schritt zu halten, obwohl der Stallbursche an der Seite führt. Der Hengst ist unbekannt. Von den Fachleuten achtet niemand sonderlich auf das »dunkle« Pferd; auch die nächsten zwei, drei Rosse finden wenig Aufmerksamkeit ... aller Augen wenden sich der Heldin des Tages zu, die ihm folgt. Die weiß-rote Mütze eines Garde du Corps leuchtet über der Menge auf ... da und dort tönt ein Zuruf ... ein Hut wird gelüftet, während »Floßhilde«, die unbesiegte Wunderstute, durch das enge Menschenspalier schreitet. Ein kleines, schwarzbraunes Geschöpf, aber mit Sehnen von Stahl und einem Brustkasten, der, mehr einer unermüdlichen Dampfmaschine als dem Lungenbehältnis eines lebenden Wesens gleicht. Unmittelbar darauf aber lichtet sich das Spalier von selbst. Die Damen kreischen auf und flüchten, selbst die Herren treten unwillkürlich einen Schritt zurück, man hört die warnenden Zurufe des Stalljungen, einen unterdrückten Fluch des Reiters ... natürlich ... das ist sie... »Satanella« ... verrückt und unbändig wie immer. Sie wiehert laut auf ... ihr Kopf schlägt ununterbrochen an dem straffen Martingal in die Höhe, daß die weißen Schaumflocken spritzten, mit dem Hinterhufen keilt sie rings im Kreise aus oder schlägt nach den Steigbügeln, um den lästigen Reiter zu entfernen ... es ist ein wahres Wunder, daß man sie glücklich in die Bahn bringt und der Husar mit ihr aufkantern kann. Graf Parsenow lehnt einsam und sinnend an der Barrière und sieht zu, wie sein Gaul in langen Galoppsprüngen an den Tribünen vorbei zum fernen Start segelt. Es ist ein schönes Bild. Der geschmeidige Körper der Stute reckt und streckt sich in federnder Kraft, der kleine Husar kauert, die Füße bis zum Absatz in die Steigbügel geschoben, mit gekrümmten. Rücken katzengleich auf ihr ... ein beifälliges Gemurmel wird da und dort laut. » Well «, sagt ein hagerer Jockey neben Parsenow, » I say ... it's a good thing for Satanella ... « »Wenn das Luder man nich' so n' verfluchtes Temperament hätte...« brummt sein Begleiter, ein Buchmacher vom Rosenthaler Thor, verdrießlich vor sich hin. Parsenow hört nichts von dem Gespräch. Er ist zu erregt. In der Herzgegend, in den Schläfen, selbst in den Augen hört er das rasche taktmäßige Hämmern des Blutes und ein merkwürdig quälendes Gefühl regt sich ihm im Magen, steigt langsam aufwärts und schnürt seine Kehle zusammen, so daß er heftig schluckt und hinter dem vorgehaltenen Wettbuch zu gähnen beginnt. Gleich darauf schämt er sich seiner Schwachheit ... die verwünschten Nerven ... was macht es ihm denn schließlich aus, wenn er auch diesmal nicht gewinnt? Er weiß es ja, daß Floßhilde kaum zu schlagen ist, daß er vernünftiger Weise nur auf den zweiten Platz rechnen kann ... und wenn es nicht heute glückt ... so am nächsten Mittwoch ... es ist ja noch nicht aller Tage Abend ... Das sagt er sich, während er zur Restauration eilt, um noch rasch ein Glas Sekt hinunterzustürzen. Eben hat er das Spitzglas geleert, da dringt ein helles Glockenzeichen und Stimmengewirr an seine Ohren. Der Start hat begonnen. Die Pferde sind unterwegs. Graf Parsenow stellt das Glas auf den Tisch, wischt sich mechanisch den dunklen Schnurrbart und starrt einen Augenblick vor sich nieder. Der Kellner, der ihn bedient, sieht ihn über das Büffet her müßig blinzelnd an. Solche Szenen sind hier nicht selten ... Als fern am andern Ende der Rennbahn die rote Flagge des Starters fiel, hatte Satanella bereits auf eigene Faust einen Galoppsprung unternommen und lag so von vornherein etwa zwei Längen vor den andern! Einen Augenblick fürchtet ihr Reiter, es möchte ein falscher Ablauf gewesen sein ... aber der Starter ist froh, das Feld ziemlich geschlossen entlassen zu haben und im Sturmwind geht die Reise zwischen den Flaggen dahin nach dem fünftausend Meter entlegenen Ziel ... Nun kann man an der Barrière nichts rechtes mehr unterscheiden. Ärgerlich läßt Parsenow sein Glas sinken. Er hat die Tribüne nicht bestiegen, um dem Gedränge zu entgehen. Auf dem Rasen stehend, späht er nach der fernen Hügelkette, hinter der die Pferde fast völlig verschwunden sind. Nur die Mützen der Reiter sieht man ... einen bunten, flimmernden Klumpen, der geschäftig und schnell an dem gelblichen, scharf abgegrenzten Hügelland dahingleitet. Über das breite Feld hin ziehen in dunklen, riesigen Schwärmen die Besucher des dritten und vierten Platzes, denen ihre große Weiße mit Strippe oder ihr Fünfzigpfennigstück ein ebenso wertvoller Wetteinsatz ist als den Tribünen-Inhabern des Zehnmark-Ticket. Schreiend und johlend strömen sie der Stelle zu, wo die Reiter auftauchen müssen, um quer über die Bahn zum ersten Tribünensprung zu jagen. Da kommen sie ... noch immer in dichter Masse ... Floßhilde und Satanella mitten zwischen den andern ... ein Herr in rotgelbem Jockeydreß führt als Pacemacher die Gesellschaft. Schon ist er an der Tribünenhürde und schießt in langem Satz hinüber, vier, fünf andere Pferde strecken sich fast gleichzeitig zum Sprung ... die Reiter biegen sich elastisch in den Sätteln, ein kurzer Peitschenhieb klatscht ... ein Pferdehuf – es ist der Satanellas, die wieder beinahe zu kurz über das Hindernis gehuscht, schlägt krachend an das Holz, ein paar Splitter stiegen auf ... schon geht die Fahrt weiter und hinter den federnden Hufen sausen die Rasenstücke durch den leicht aufwirbelnden Staub ... »Fellin reitet!« ... irgend wo dringt aus der Tribüne der Ruf: »Fellin reitet ...« viele Stimmen bestätigen die Neuigkeit. In der That ... das pacemachende Pferd hat seine Schuldigkeit gethan ... Vergeblich muntert es der im rotgelben Dreß auf ... es verliert den Atem und fällt in den Haufen der anderen zurück. Und schon beginnen zwei, drei Nachzügler mit ihm in das Hintertreffen zu geraten. Pferde, die dem rasenden Tempo nicht gewachsen sind in dem die Matadore des Felds dahinfegen. Nun kommt die Steinmauer mit dem Graben. Ein jäher plötzlicher Aufschrei aus tausend Kehlen. Parsenow schließt die Augen. Er weiß, was das bedeutet. Halb zögernd blickt er wieder auf die Bahn. Das erste, was er sieht, ist der rote Husar, unter dem Satanella unverzagt weiter stürmt ... Gott sei Dank ... also sie war es nicht ... nein ... ein braunes Pferd liegt dort am Boden ... neben ihm ... halb kauernd der Feldartillerist ... er scheint verletzt ... aber wer kann jetzt daran denken ... Unverwandt folgt Parsenow dem Pferdetrupp, der sich jetzt dem Koppelrick nähert. Er ist viel zuversichtlicher geworden. Er weiß es selbst nicht, warum, aber als von neuem ein geller Schrei über den Tribünenplatz tönt, da schließt er nicht die Augen, sondern konstatiert kaltblütig die Thatsache, daß der Herrenreiter Mr. Cook dort bewegungslos auf dem Rücken liegt, während der reiterlose Gaul in vollstem Eifer noch eine Weile mitläuft, um dann abschwenkend in kurzem Galopp dem Stall am Sattelplatz zuzusteuern. Jetzt wird die Sache ernst. Auf der Tribüne wächst die Erregung. Das Stimmengewirr beginnt sich brausend zu steigern, während die Pferde in die Schlucht hinabschießen, die Reiter mit vorgestreckten Beinen und langen festen Zügeln fast auf der Croupe liegend, um sich dann wieder beinahe auf den Hals des Pferdes zu werfen, sobald dieses im Galopp den jenseitigen Abhang erklimmt. Geschrei, Jubel, Zurufe begrüßen das Feld, das zum zweiten Mal an den Tribünen vorbei schießt. » Go on , Satanella!« brüllt eine heisere Stimme. » Go on , Floßhilde,« tönt es von allen Seiten dagegen » Go on !« Ein Lärmen, aus Lachen und Rufen der Enttäuschung gemischt, erschüttert die Luft! Das Langerwartete geschieht! Floßhilde beginnt sich unter der Meisterhand ihres Reiters zu strecken und dem Felde davonzulaufen. In langen, gleichmäßigen Sprüngen zieht sie los, unermüdlich und unerschütterlich wie eine wohlgeheizte Maschine. Immer größer wird der Abstand zwischen ihr und dem Gros, das sich langsam in eine endlose, schwerfällig galoppierende Reihe auseinander zieht. Nur zwei oder drei Pferde halten sich noch in ihrer Nähe und unter ihnen ... – Parsenow zerreißt mechanisch seinen Handschuh zwischen den Fingern – unter ihnen Satanella. Und mehr als das! Das scharfe Auge ihres Besitzers erkennt sofort, daß die Stute noch keineswegs ausgepumpt ist. Ihr Reiter sitzt tief im Sattel zurück ... die Zügel stehen elastisch an den fest an den Leib gelegten, Armen – es ist kein Zweifel, daß Wendlau das Pferd noch zurückhält und ihm den Kopf nur so weit freigiebt, um Floßhilde auf den Hufen zu folgen. Das Wäldchen nimmt sie auf. Wenn sie da herauskommt beginnt auf der Geraden das Endgefecht. Die Entscheidung naht. Parsenow legt sich mit äußerster Anstrengung die Gesichtszüge in ruhige Falten ... wenn er gewönne! ... aber nein ... nur keine Aufregung ... Niemand darf ihm ... Ein Tosen bricht auf den Tribünen los. Sie kommen! sie kommen! Eine rotweiße Mütze taucht aus dem Wäldchen auf ... Floßhilde führt und nährt sich in unheimlichen Sätzen ... sie ist also noch die erste ... da einige Längen hinter ihr ein zweites Pferd ... der schwarze Hengst mit dem jungen Ulanen darauf ... dann ein Kürassier auf einem Rappen, der von Schaumspritzern wie weißgefleckt aussieht ... und dann ... nichts mehr! ... Parsenow reibt sich die Augen ... das ist ja gar nicht möglich ... wo bleibt denn Satanella? Vor ihm erscheint alles wie in einem Dämmerschein. Er achtet nicht auf das grandiose Endgefecht des Kampfs. Auf den Tribünen donnert und wogt es wie von einem Sturm ... Alles heult und schreit durcheinander, während der Ulan auf dem verachteten schwarzen Außenseiter in einem verblüffenden Finish Floßhilde zu überrumpeln, sie im Ziele abzufangen sucht! Sein Gaul schießt geradezu nach vorn ... die Doppeltrense in dem bluttriefenden Maule wirbelnd, die Sporen in den blutbedeckten Flanken drehend, ununterbrochen mit der Peitsche niederklatschend nimmt der Reiter das Äußerste aus dem wie toll losbrechenden Pferd und krampft selbst jede Faser seines Körpers zusammen. Schon ist er auf ein paar Längen an Floßhilde heran ... Da wendet deren Reiter unter dem markerschütternden Lärmen der Tribüne den Kopf ... im nächsten Augenblick geht eine leichte Bewegung durch ihn und das Pferd ... Floßhilde wird länger und länger ... sie läuft nicht mehr ... sie beginnt beinahe zu fliegen ... fünfzig, sechzig, hundert Schritte Boden schießen im Momente unter ihr hinweg ... es ist, wie wenn eine unsichtbare Macht sie nach vorne reißt. Und das ist das Ziel... in ruhigen Sprüngen galoppiert die Wunderstute hindurch, taumelnd folgt ihr auf zehn, zwölf Längen das schwarze Pferd mit seinem gleichfalls völlig erschöpften, aber doch von allen Seiten beglückwünschten Reiter. Und dann der Kürassier auf seinem Rappen ... nach einer Weile noch andere Pferde ... von Satanella nichts zu sehen. Parsenow ist wie vor den Kopf geschlagen. Er steht noch immer auf derselben Stelle. Er hört das Hurrahgeschreih der Menge, die Klänge des Torero-Marsches aus dem Musiktempel, und heftet den Blick unverwandt nach dem blaßblauen Horizont, wo dicht am Koppelrick, eine lange Scheibenstange hastig hin und her geschwenkt wird, das Signal, Arzt und Tragbahre zu schicken. Mr. Cook scheint also schwer verletzt. Aber Parsenow ist das jetzt gleich. Er hat nur für den einen Gedanken Raum: was ist mit Santanella geschehn? An den Reiter denkt er eigentlich weniger. Er könnte ja gehen und fragen. Oben von der Tribüne hat man die Sache wohl gesehen. Aber ihm graut vor der Gewißheit. Ziellos schlendert er über den Platz hinter der Tribüne. Da und dort schlägt das Wort »Satanella« an sein Ohr ... dann etwas von dem Wäldchen ... ein Ausruf des Bedauerns aus Frauenmund ... ein kräftiger, männlicher Fluch ... Und wieder bleibt er stehen ... wahrscheinlich ist das Tier ausgebrochen und entlaufen ... natürlich entlaufen ... ein Gaul braucht doch nicht gleich zu stürzen! Man fängt sie ein ... das nächste Mal. siegt sie ... du lieber Gott ... dergleichen kommt ja vor ... »Eine böse Sache, Herr!« sagt plötzlich eine Stimme neben ihm. Da steht sein Trainer, einen Kasten unter dem Arm. »Ah ... Sie ... was ist ...?« Parsenow fühlt plötzlich einen unerträglichen Krampf in der Herzgegend ... ein Gefühl, wie wenn alles in ihm kalt würde ... »Ich wollte nur fragen ...«, der Trainer sieht auf den Pistolenkasten, » ... wollen Sie selbst oder soll ich ...« »Satanella erschießen« ... der Graf lacht geradezu herzlich auf ... Sein Trainer sieht ihn etwas verwundert an. »Es ist doch das linke Vorderbein entzwei, Herr Graf« ... sagte er zögernd ... »Der Roßarzt hält es für eine unnütze Quälerei, wenn ...« »Wo wars,« unterbricht ihn Parsenow rauh... »in dem Wäldchen ... nicht wahr ...?« »Bei der vorletzten Hürde ... Sie sprang wieder wie gewöhnlich zu kurz ... Ein Wunder, daß sich der Leutnant von Wendlau nichts gethan hat.« »Gar nichts?« »Ein paar Kontusionen. Ich glaube, er hat keine Schuld an der Geschichte.« »Schießen Sie den Gaul tot,« sagt Parsenow, steckt sich eine Cigarrette an und geht wieder zur Tribüne. Eigentlich ist ihm jetzt wohl zu Mut. Seit langen Jahren ist er zum ersten Mal in einer ganz klaren und bestimmten Lage. Er ist ruiniert ... einfach ruiniert ... das ist kein Spaß, aber man weiß doch wenigstens woran man ist. Die Erregung von vorhin ist bis auf die letzte Spur geschwunden. Er nimmt gleichmütig da und dort die Kondolenzen in Empfang, er wechselt leutselig einige Worte mit der Tip-Tante, jener bekannten Verkäuferin der Voraussagungen für die Rennen, er erwidert mit besonderer Nachlässigkeit den ironisch-höflichen Gruß des Herrn Krakauer, seines Geschäftsfreundes, der wie gewöhnlich prachtvolle Diamantenknöpfe auf einer schmutzigen Hemdbrust trägt, ein schönes auffallendes gekleidetes Mädchen, der er kaum bis zur Schulter reicht, am Arm mit sich herumschleppt, und mit gleichgültigem, beinahe matten Blick die Schar seiner Opfer in Civil und Uniform ringsum mustert. Er ist kein Wucherer, bewahre, ein einfacher »Geldmann« und doch bricht im Leben der Weltstadt sein Einfluß zuweilen an Stellen hervor, wo man es nicht für möglich halten sollte. Der Graf weiß, daß er sehnsüchtig erwartet wird. Und als er sich Frau von Braneck nähert, sieht sein geübtes Auge mit einer gewissen Genugthuung, daß die schöne Frau geweint hat! Sie selbst giebt es errötend zu. Das Mitgefühl mit seinem Pech, das Erbarmen mit dem armen Pferd, die Trauer um das Zehnmarkstück, der Schrecken über den Sturz, das alles ist ihr in eine unbestimmte Empfindung von etwas sehr Traurigem und Widerwärtigem zusammengeflossen, und um so lebhafter äußert sich nun ihre Freude, ihr geradezu kindliches Staunen, als sie Parsenow wider alles Erwarten so gefaßt, ja geradezu heiter sieht. Er imponiert ihr dadurch noch mehr. Sie blickt bewundernd zu ihm auf. »Na ja ... so ist's recht, lieber Graf,« sagt auch der Major und klopft ihm auf die Schulter, »immer den Kopf hoch ... gefällt mir ... denken Sie nicht weiter an die Geschichte ... wir bleiben den Abend beisammen und muntern Sie auf ... was?« »Gern!« Parsenow ist mit allem einverstanden. Er muß selbst innerlich über seine Ruhe lachen. Ein komisches Gefühl, ruiniert zu sein, ... ein ganz neues Gefühl ... das ist's ... das regt ihn, den blasierten Lebemann, so angenehm an ... ein totaler Zusammenbruch ... das hat er noch nicht durchgemacht! Er ist geradezu gespannt, wie die Geschichte enden wird ... Inzwischen sind die letzten Rennen gelaufen. Man drängt zum Aufbruch. Parsenow bietet den Herrschaften seinen Wagen zur Heimfahrt an und bald rollen sie die Chaussee dahin, der Major und Hilda auf dem Rücksitz, vor ihnen Parsenow und der Leutnant. Rings um sie setzt sich die Wagenburg in Bewegung. In endlosen schwarzen Reihen rollt es den Hügel hinab, der dunkle Strom der Fußgänger quillt zu beiden Seiten, die Colosse der Pferdebahn gleiten langsam durch das Gedränge, mit Hornstößen bahnen sich die Viererzüge den Weg, durch die zahllosen Droschken erster Klasse schlüpfen die Gigs und Dogcarts, schaukeln behäbige Equipagen mit würdevollen Kutschern ... dazwischen da und dort ein schmutzstarrendes Arbeitsfuhrwerk mit einem höhnisch grinsenden Fuhrmann, vorsündflutliche Kremser, Tandems mit vor einander gespannten, kunstvoll gelenkten Pferden. Und in den buntscheckigen Fahrzeugen die buntscheckige Menge, Mitglieder des Unionklubs, Buchmacher, Taschendiebe, Offiziere, Damen der großen Welt, Hochstapler, die Halbwelt aller Grade, Kriminalbeamte, Schlächtermeister und Zahlkellner, alles, alles, rollt einträchtiglich durch den Tiergarten dahin. Der aber glänzt in seinem buntscheckigen Laube, ein würzigen Hauch weht durch die Stämme, die Räder rasseln, die Peitschen wehen und von dem blaßblauen Herbsthimmel lacht die Sonne über Gerechte und Ungerechte. III. Eine Stunde darauf sitzen Graf Parsenow mit dem Major und den Seinen ganz gemütlich in einem der vornehmen Lindenrestaurants. Sie haben soeben zu Mittag gespeist – allerhand Firlefanz und Kinkerlitzchen, wie es der Alte knurrig nennt. Keine Spur von einem vernünftigen Stück Fleisch oder einem ordentlichen Teller Gemüse ... nur allerhand lächerlicher Imbiß ... ein Rebhuhnflügel ... ein paar Spargelstangen ... ein fingerlanges Stückchen filet de sole ... ein winziges Häufchen Sauerkraut, melancholisch von ein paar gebackenen Austern gekrönt ... ein thörichter Artischocken-Boden, und der Himmel weiß was noch. Gott sei Dank ... in Pommern speist man solider. Der Major wird beinahe wehmütig bei dem Gedanken, wie schön und ungestört man dort jetzt leben, essen, trinken und schlafen könnte. Sonst gefällt es ihm in dem Lokal ganz gut. Ein traulicher Raum mit weichen Bodenteppichen, über die geräuschlos die Tritte der Kellner gleiten, mit langen Spiegeln in denen sich flimmernd der bläuliche Schein der birnenförmigen Glühlichtlampen bricht. Es herrscht eine angenehme Ruhe ... die Kellner verkehren nur im Flüstertone ... die Gäste murmeln mit einander an den weitabstehenden Tischen ... an den Fenstern dämpfen schwere Vorhänge das Geräusch der Straße ... kurz ... wenn man schon verurteilt ist, sich in Berlin aufzuhalten, mag es hier noch am ersten gehen. Herr von Döbeln hat sich eine Cigarre angesteckt und sieht behaglich zu, wie der bläuliche Rauch das Sektglas umspielt, von dessen Boden, im Kerzenlicht flimmernd, ununterbrochen eine Säule von perlenden Bläschen emporsteigt. Halb neugierig, halb mißfällig sieht er dem glattrasierten Kellner zu, der discret das Tischtuch abfegt und in braunem Porzellangeschirr den Kaffee und die Liqueure serviert. Es ist, als ob er etwas erwarte ... Und richtig ... da tritt ein Ausläufer des Restaurants ein, wird an den Tisch des Majors gewiesen und nähert sich ihm mit abgezogener Mütze. Er legt vier Theaterbillete vor den Alten hin, der sie schmunzelnd in Empfang nimmt und ihn mit einem Trinkgeld entläßt. »Was hast Du denn da, Papa?« fragt Frau Hilda über den Tisch hinüber. »... oh ... das ... die Billete ...«, der Major scheint etwas verlegen, »Du wolltest doch heute Abend durchaus ins Eden-Theater gehen! Erinnerst Du Dich nicht mehr, mein Kind?« »... und das Fräulein Ernst oder wie sie heißt, bewundern.« Die schöne Frau lacht heiter auf, »... ja, Papa ... wenn Du soviel Selbstüberwindung besitzest, mich dahin zu führen, dann gern ... aber ich weiß ja ... dergleichen Dinge sind Dir ein Greuel ...« »Na wenn schon,« brummt der Major unwirsch, »gehen wir schon hin! Sie begleiten uns doch, Graf ...« Ins Edentheater! Parsenow kommt der Gedanke so komisch vor, daß er Mühe hat, nicht laut aufzulachen. Ins Edentheater ... da kann es nett werden, heute Abend, wenn sich der Direktor nicht doch noch irgendwoher Geld verschafft hat. Und dann die Ernesti... Verstohlen blickt er auf Hilda, die ganz unbefangen dasitzt. Sie hat ihn heute gesehen, wie er mit der Schauspielerin sprach. Aber schließlich ... die Ernesti ist hübsch, sehr hübsch, in Civil wie auf der Bühne und ein bißchen Eifersucht schadet nie. Das weiß der Graf am besten. »Ob ich mitkomme?«, wendet er sich zu dem Major, »aber mit dem größten Vergnügen, wenn es die gnädige Frau gestattet?« »Warum nicht?«, sagt Hilda harmlos. »Es wird mich freuen. Sie sind dort gewiß wie zu Hause und können uns allerhand erzählen.« »Ich könnte wohl, Gnädigste ... aber ich werde es nicht thun!« »Sie mögen wohl Ihre Gründe haben,« meint die schöne Frau gelassen und sieht ihn erwartungsvoll an. Aber der Major unterbricht sie: »Na ... nu los, Kinder ... es ist schon fünf Minuten nach sieben ... Gut, daß wir schon Plätze haben ... es wird gewiß ganz voll werden ... nicht wahr, lieber Graf ... die Ernesti ist ja, wie ich höre, eine sehr tüchtige Schauspielerin?« »Gewiß«, bestätigt Parsenow mit ernstem Gesichte, »außerordentlich tüchtig!« Mit verheißungsvollem Glanze strahlen die großen Lampen, an der Rampe des Edentheaters in die klare Herbstnacht hinaus. Von allen Seiten naht das Publikum, in langer Reihe fahren die Wagen vor. Die Kutschenschläge klappen .. ein Lichtstrahl flimmert auf dem Helm eines berittenen Schutzmanns und beleuchtet ein nickendes Pferdehaupt, die heiseren Stimmen der Theaterzettel-Verkäuferinnen tönen von der Straße und in den Ecken treibt der lichtscheue Schwarm der Billethändler sein Wesen. Betritt man den Vorflur, in dessen Mitte ein tadellos majestätischer Portier in Dreimaster und langem Mantel, eine Silberkeule in der Hand, unbeweglich prangt, dann freilich könnte dem Eingeweihten auffallen, daß der Theaterkassirer durchaus nicht soviel zu thun hat, als man nach dem Andrang vermuten sollte. Ab und zu tritt jemand an die Kasse. Aber auch dann sieht man meistens kein Geld. Ein Kopfnicken, das Murmeln eines Namens, die Vorzeigung eines Bons genügt zumeist, um eine Einlaßkarte herbeizuzaubern. Ab und zu freilich zahlen auch harmlose Menschen, die sich heute, am Sonnabend, die Freude des Theaterbesuchs gönnen. Und um ihretwillen ist eigentlich das ganze Heer der »Beisitzer«, der Freibillet-Inhaber, zunächst aufgeboten. Nichts schrecklicher als ein leeres Haus, in dem die Parkettreihen trostlos gähnen und im Hintergrund der leeren Logen das Gespenst des Kraches kauert, in dem die paar Besucher beinahe verlegen werden, sich allein von den vielen Leuten auf der Bühne etwas vorspielen zu lassen und endlich gedrückt weggehen, um überall zu erzählen, in dem X.-Theater sei es hundeleer. Nichts schrecklicher als das ... jeder Direktor weiß es und füllt sein Haus mit allen Mitteln. In alle Richtungen der Windrose flattern die Billete, an die Zeitungsredaktionen und die Hotels, an den Lieferanten des Theaters, an alle Menschen, die irgendwie mit den Bühnen geschäftlich in Berührung kommen, an die Präsidenten der zahllosen Rauch- und Kegelklubs, an die Gesangs- und Theater-Vereine, in die Friseurstuben und wo man sonst noch Abnehmer vermutet. Des Abends zeigt sich dann der Mühe Lohn. Eine fröhliche Menge füllt erwartungsvoll das Haus, klatscht und jubelt nach allen Aktschlüssen, und auch der zahlende Teil des Publikums, der heute etwa ein Viertel beträgt, wird milder gestimmt, wenn er diese naive, ihm unerklärliche Anspruchslosigkeit sieht, und amüsiert sich schließlich mit den andern. Der Kassierer freilich lacht sardonisch vor sich hin, wenn er am nächsten Morgen im »Kunst-Teil« irgend eines Winkelblättchens die Reklame-Notiz der Direktion liest, es hätten gestern wiederum wie allabendlich Hunderte vor dem ausverkauften Hause umkehren müssen. »Siehst Du wohl!« sagt Major von Döbeln befriedigt, als er sich mit seiner Gesellschaft in der unteren Proszeniums-Loge, dicht an der Bühne, niedergelassen hat, »siehst Du wohl, daß es ein gutes Stück ist! Das ganze Theater ist voll.« »Und dabei spielen sie es schon zum siebenundachtzigsten Mal«, erwiderte Hilde, in das Programm blickend, »fabelhaft ... dies Berlin ...« »Ich weiß nicht«, bemerkt ihr Bruder, der Leutnant, »neulich wollten sie 'mal hier ein neues Stück geben. Es war schon angekündigt; aber nun scheinen sie es doch wieder verschoben zu haben.« »Nu natürlich«, brummt der Alte, »solang alle Leute das hier noch sehen wollen ... Danach muß sich doch so'n Direktor richten.« Parsenow sitzt schweigend hinter Hilda. Beim Eintritt hat er eine ihm wohlbekannte Gestalt erblickt, einen unscheinbaren Mann mit mißvergnügtem Gesicht. Er hat den Gerichtsvollzieher schon zwei oder dreimal hier gesehen ... er weiß auch durch Erna, daß er heute früh schon die ganze Tageskasse abgeholt hat. Nun ist er schon wieder da. Der Direktor hat also offenbar kein Geld aufgetrieben. Er wird den Chor nicht zahlen können ... der Chor wird nicht auftreten ... eine nette Geschichte giebt das ... Und unwillkürlich lächelnd schaut er in den Zuschauerraum. Ringsum frohe Gesichter, ein erwartungsvolles Summen, knitternde Zettel, ein leichter Parfümgeruch. Das ganze Haus strahlt im Lichterglanz. In bläulichen Fluten gießt sich der elektrische Schein über den roten Sammt der Logenbrüstungen, das weißgoldene Getäfel der Wände und die dunkle Menschenschar unten im Parkett. Die Luft ist angenehm warm, das ganze Haus atmet wohlige Heiterkeit und mit gemächlicher Spannung blickt man auf den schweren Gobelin-Vorhang, hinter dem Poltern und zuweilen ein lebhafter, mühsam gedämpfter Stimmenwechsel erklingt. Natürlich ... man stellt die Kulissen auf ... was sonst? Und schon hat der Kapellmeister mit schnell entschlossener Geistesgegenwart den Taktstock ergriffen. Die Musik setzt ein. Ein Wiener Walzer zieht schmeichelnd durch das Theater. In träumerischem Leichtsinn wiegen sich die Töne, es hüpft und trillert dazwischen wie die rasch plätschernden Wellen der blauen Donau und löst sich wie ein bunter Traum allmählich auf in leise verhallende Accorde ... Die Musik ist verstummt. Der Vorhang bleibt unbeweglich. Das Gepolter hinter ihm hat aufgehört, aber der Stimmenwechsel nimmt mehr und mehr an Stärke zu. Man hört einen tiefen Baß, dann ein paar Frauenstimmen durcheinander, ein verzweifeltes Pst ... Da ist irgend etwas nicht in Ordnung ... Das leuchtet selbst dem loyalsten Theaterbesucher ein. Der matt herniederhängende Gobelin trennt in diesem Augenblick zwei Welten. Vor den Rampen die Schaugier des Publikums, dessen harmlos-freundliche Laune angesichts der Verzögerung immer mehr in Verstimmung umschlägt, auf den Brettern der Kampf ums Dasein, der Streit zwischen dem Chor, der nicht verhungern will, und dem Direktor, der die Gage nicht zahlen kann. Verzweifelnd steht der große, vierschrötige Mann auf der Bühne, der Schweiß rinnt ihm in dicken Tropfen über das rote Gesicht... er bittet und flucht... alles umsonst ... das Verhängnis, das schon seit dem Ersten des Monats jeden Abend drohte, ist eingetreten... Chor und Comparserie streiken, bis sie ihr rückständiges Geld erhalten, und die Theaterarbeiter schließen sich ihnen an. In dichten Gruppen stehen sie zusammen auf der hellerleuchteten Bühne, die eine romantische Felsenlandschaft darstellt. Eine seltsame bunte Gesellschaft... lange dünne Choristen in Ritter-Rüstung, kleine Balletteusen in duftigen Gaze-Röckchen, Kulissenschieber im Handwerksanzug, ältliche, als Edeldamen verkleidete Choristinnen mit dem Strickstrumpf in der Hand, Theaterkinder, in fleischfarbigen Tricots, mit Engelflügelchen an den Schultern und frechem Lächeln auf dem frühreifen Gesicht... und vor ihnen händeringend, beschwörend, flehend der Bühnenleiter, der Regisseur, der Inspizient, der in Filzschuhen umherschleicht, die Linke mechanisch um die Handglocke preßt, die er in der Rechten hält, und angstvoll flüsternd zur Ruhe mahnt. »Es giebt ja Geld... gedulden Sie sich nur...« »Erst sehen! I glaub's nöt!« tönt der Bierbaß des Komikers aus den Kulissen. »Wenn ich Ihnen mein Ehrenwort gebe, Herrschaften...« »Weiter nichts?« Der spitze Ausdruck kommt aus dem Munde der Blondine, die schon des Morgens bei der Probe als Ruferin im Streite aufgetreten. Ein höhnisches Gelächter folgt... Es dringt durch den Vorhang bis ins Publikum. Dort wird man unruhig. Ein dumpfes Murmeln tönt. »Anfangen!« schreit eine Stimme oben von der Galerie. »Fräulein Schulz... Sie wagen es...« keucht der Direktor atemlos. »Verlassen Sie die Bühne.« »Ich jehe sofort...« Die Schulz hat noch einen zweiten Trumpf in Bereitschaft... »aber erst mein Geld... meine rückständige Gage...« »Unser Geld... wir wollen ooch leben« ... tönt es im Chor. »Ich habe jetzt keins« stammelt der Vorstadt-Direktor... »Wollen Sie mich unglücklich machen?« »Na wenn schon!« meint die unbesiegbare Blondine schnippisch, »wären Sie doch man Cigarrenhändler geblieben!« »Fräulein Schulz ... ich sagte Ihnen schon, daß Sie entlassen sind!« »Erst mein Geld« ... »Geld ... Geld ...« von allen Seiten klingt es aus den Kulissen. Der Direktor sieht ratlos um sich. Ein paar Schritt entfernt lehnt Erna Ernesti, als Cupido gekleidet, verdrießlich an einer Pappsäule, ohne sich um den Streit der andern zu kümmern. Nun hat er eine Ableitung für seinen Zorn gefunden. »Und wer ist Schuld daran,« sagte er, auf sie zutretend. »Sie allein, Ernesti... Sie haben mich im Stich gelassen ...« Erna sieht ihn hochmütig an. »Wollen Sie mich gefälligst mit Fräulein anreden, wenn ich bitten darf ...« »Ja ... natürlich ... immer vornehm ...« meint der Direktor bissig ... »Sie haben mir das Geld versprochen ...« »Die Prinzessin aus die Mulacksgasse ...« sekundiert flüsternd die Blondine. »Daß Parsenows Pferd heute Nachmittag in Charlottenburg tot geblieben ist,« erwiderte Erna etwas gereizt, »das ist seit 'ner Stunde in jedem Abendblatt zu lesen ...« »Was liegt mir an dem Gaul,« – ihr Gegenüber schreit sie geradezu an ... »Oder können Sie vielleicht gar nicht lesen?« fährt die Schauspielerin gelassen fort, »manchmal hab' ichs schon vermutet ...« Ihr Chef antwortete nicht. Er wendet sich majestätisch zu dem Regisseur. »Lassen Sie morgen früh bei Fräulein Ernesti die Rolle in dem neuen Ausstattungsstück abholen ... ich übertrage Sie an ... an ...« sein Blick schweift zögernd umher ... »an... Fräulein Käthe Krauß.« Die kleine Krauß ist über dies Glück so erschreckt, daß sie überhaupt nichts sagt, sondern fassungslos dasteht. »Wo werden Sie denn das Stück spielen, Direktor,« fragt die Ernesti, jetzt ihrerseits tötlich erbittert, ... »in Dalldorf oder in Plötzensee?« Der Direktor fährt auf ... ein allgemeiner Tumult entsteht, aber in diesem Augenblick dringen mit unzweideutiger Entschiedenheit aus dem Zuschauerraum die Zeichen der wachsenden Erregung. Man hört das Scharren und Trampeln zahlreicher Füße, Rufe, ein vereinzeltes Pfeifen ... und dann plötzlich wiederum die Klänge der Musik. Der Kapellmeister wiederholt den Walzer. Es wird ruhig. Einige Minuten sind gewonnen. Sie dürfen nicht unnütz verzettelt werden. »Herr Direktor ...« meldet in diesem Augenblick eilig ein Logenschließer, ... »der Jraf ist ja hier ... gleich in der Proszeniumsloge links ...« »Wer ... der Graf Parsenow?« »Nu natürlich ... ick kenne ihm doch ...« Der Direktor wirft einen angstvollen Blick zu der Ernesti hinüber, die immer noch an der Pappsäule lehnt und sich vorsichtig – um die Schminke nicht zu verwischen – mit dem Taschentuch die Zornthränen aus den Augen tupft. Seine Heftigkeit thut ihm leid. Aber jetzt ... nach diesem Skandal kann er sie doch unmöglich bitten ... Einerlei ... er schreibt an den Grafen direkt! Was kann da sein? Rasch nimmt er eine Visitenkarte heraus und kritzelt auf die Rückseite die ergebene Bitte, den Herrn Grafen in dringender Angelegenheit im Flur sprechen zu dürfen. Die kleinen Balletteusen stehen um ihn herum und sehen erwartungsvoll zu, wie er den Inspizienten mit dem Brief wegschickt. Inzwischen ist donnernd, von zwei langschweifigen Orloff-Trabern gezogen, ein verspäteter Wagen an der Rampe vorgefahren. Eilfertig springt der Diener dazu und hilft dem vornehmen Besucher heraus, der müde und blasiert in seine Loge schreitet. Kaum hat er dort Platz genommen und das Opernglas angesetzt, so erhebt er sich wieder und begiebt sich in die Proszeniumsloge links, wo er den Major von Döbeln erkannt hat. Zu dem Besuch treibt Herrn van Look weniger die Höflichkeit gegen den Klienten, der ihm das große Vermögen in Depot gegeben, als die Neugier, Hilda kennen zu lernen. Umsomehr, als er hinter der schönen Frau den ihm wohlbekannten Parsenow sitzen sieht. Der alte Herr begrüßt ihn mit lärmender Freundlichkeit. »Hier, mein Kind,« stellt er ihn vor, »ist Herr van Look, Dein Bankier, der Dir Deine Gelder verwaltet. Erst heute meint er, man sollte Dir Disconto-Commandit ...« »Ich bin Ihnen sehr verbunden,« sagt Frau Hilda etwas befangen. »Sie haben gewiß viel Mühe damit. Ich verstehe gar nichts von Geschäften.« »Nichts von Geschäften, meine Gnädigste,« sagt Herr van Look mit weicher, müder Stimme, indem er sich auf einem der Polsterstühle niederläßt, »ich benutze nur die günstige Gelegenheit, mich Ihnen persönlich vorzustellen ... So bringt mir dieser verlorene Abend doch noch einen Gewinn ...« »Sind Sie denn kein Theaterfreund?« fragt der Major. »Ich muß es sein,« meint der Bankier kühl, ... »wenn sich unsereins heutzutage nicht allabendlich an mindestens drei Orten zeigt, wird am nächsten Morgen die Hälfte der Depositen abgehoben.« »Das kann Ihnen aber doch gleich sein,« sagt der Leutnant, ... »wenn die Depositen doch da sind ...« »Mein verehrter Herr Leutnant ...« die Stimme des Bankiers nimmt einen leicht schneidenden Klang an, ... »angenehm ist solch ein allgemeines Mißtrauensvotum niemandem, am wenigsten aber einem Geschäftsmann. Wir müssen mit dem Vertrauen unserer Kundschaft rechnen und in dem Augenblick, wo wir dieses nicht mehr besitzen ...« »Aber mein bester Herr van Look,« unterbricht ihn der Major jovial, ... »das wäre ja noch schöner. Wir wissen ja, daß man bei Ihnen gut aufgehoben ist ... aber sagen Sie mal... warum fängt denn die Geschichte nicht an?« »Ich weiß nicht,« erwidert der andere, und dreht sich dabei halb unwillkürlich nach Parsenow um, ... »der Graf müßt' es doch wissen ...« »Verstehen Sie!« ... hört man dessen Stimme im gleichen Augenblick aus dem Hintergrund, wo er vor dem geräuschlos eingetretenen Inspizienten steht, ... »ich bin für den Herrn Direktor nicht zu sprechen ... weder jetzt noch später ...« »Was giebt es denn?« die andern wenden sich neugierig zu ihm. »Die Vorstellung wird wahrscheinlich nicht stattfinden, meine Gnädigste ...« erwidert der Graf verdrießlich ... »es herrscht ein Streik auf der Bühne.« »Mein Gott ... weßwegen?« »Die Leute verlangen ihre rückständige Gage ... und, wie es scheint, ist kein Geld da. Am besten wäre es, wir fahren nach Hause. Es könnte noch arge Tumulte geben!« »Ach ... die armen Menschen...« sagt Frau von Braneck bedauernd. Der Major ist wütend. »Da haben wirs wieder einmal ... dies Berlin! ... In Hinterpommern hat noch nie ein Ballet gestreikt und die Besucher um den Theater-Abend gebracht!« Und dieser Gedanke erfüllt ihn mit einer grimmigen Genugthuung. »Ach Jott doch, Herr Jraf!« wendet sich inzwischen der Inspizient verzweifelnd an den Bankier, den er von Ansehen kennt. »Haben Sie den nich' det bisken Kleingeld bei sich ... bedenken Sie nur... 's ist ja 'n Jammer und 'ne Schande ... und die Leute hauen uns alles kurz und kleen, wenn Sie ihr Eintrittsgeld nicht zurückkriegen ...« Der Bankier läßt seinen eiskalten, blasierten Blick über die schaulustige Menge im Parkett gleiten. Wozu sich dieser Bande wegen bemühen? Aber schließlich – es liegt doch ein Reiz darin, die Vorsehung in dieser kleinen Scheinwelt zu spielen ... zudem werden dann Parsenow und die Döbelns Zeuge seiner Allmacht. Er wendet sich kurz entschlossen zu dem Inspizienten. »Führen Sie mich zu dem Direktor!« »Hier, Herr Jraf ... hier!« Eilfertig öffnet jener mit dem Drücker die schmale eiserne Bühnenthüre... »jeben Sie acht ... zwei Stufen ... so ... nu rechts ...« Die wohlbekannte Bühnenluft schlägt dem Bankier entgegen, jenes Gemisch von Staub- und Moder-Geruch von Gashitze und Menschendunst. Die steifen, buntgeklexten Seitenkulissen, die bei jeder Bewegung zittern, der breite, von Querfurchen durchzogene Leinwandprospekt des Hintergrunds, die pappenen, im hölzernen Rahmen aufgespannten und am Boden festgeschraubten Versatzstücke ... das alles ist ihm nichts Neues mehr. Und noch weniger die Menschenwelt, die sich dazwischen bewegt, die Menge der Mädchen und Kinder, die ihn aus den schwarzunterstrichenen Augen in den roten starr geschminkten Gesichtern seelenlos wie Wachsfiguren anschauen. Im nächsten Augenblick steht der Direktor vor ihm und faßt ihn krampfhaft an der Hand. Er erkennt sofort den in der Lebewelt vielgenannten Bankier und ist entschlossen, die Gunst des Zufalls auszunutzen. Stammelnd beginnt er die Sachlage auseinanderzusetzen. Aber van Look unterbricht ihn mit einer kühlen Frage: »Wie viel?« Zum parlamentieren ist nicht viel Zeit. »Und wenn es auch nur dreitausend Mark sind ...« flüstert der Direktor hastig und sieht den andern erwartungsvoll an. Dreitausend Mark ... das ist ein starkes Stück. Der Bankier blinzelt unmutig hinauf zu den Soffitten, wo in langen Reihen die bunten Lampen zwischen dem Tauwerk des Schnürbodens schimmern. Was soll er machen? Fortgehen ist unmöglich. Feilschen kann er nicht. Es bleibt ihm nichts übrig, als sich der Situation zu beugen. »Schreiben Sie mir nachher eine Quittung«, sagt er und zieht nachlässig drei Tausendmarkscheine aus dem Portefeuille. Geld! ... Geld! ... In frohem Gemurmel läuft das Zauberwort von Mund zu Mund. Die geschminkten Gesichter beleben sich, die Choristinnen legen Strickstrümpfe bei Seite, die Kulissenschieber spucken sich in die Fäuste, und der Direktor ist plötzlich ein ganz anderer Mann geworden. Seine massige Gestalt richtet sich auf, seine Stimme klingt herrisch: »Na ... nu man rasch ... verstanden! ... Angetreten ... sag' ich, im Zwischenakt wird ausgezahlt ... Krump! ... geben Sie das Zeichen ...« Die Glocke tönt und während der Gobelin sich teilt und der Vorhang dahinter in die Höhe rollt, setzt die Musik ein. Der Lärm im Publikum verstummt. Ein freudiges Ah geht durch das Parkett beim Anblick der glänzenden Dekoration. Und die Violinen hüpfen im Dreivierteltakt, die tricotumspannten Beinpaare fliegen durcheinander, aus hellen Mädchenkehlen klingt ein einschmeichelnd süßes Lied. Alles ist in Ordnung. Mit kaltem Lächeln sieht Herr van Look sich aus dem Drahtgitter der ersten Kulisse den Scherz an, die Bühne, auf der dicht vor ihm die bunten Gestalten sich keuchend tummeln und unten, jenseits des Orchesters die reglos, wie versteinert dasitzenden Menschenreihen in dem verfinsterten Parkett. Der Direktor ist zu dem Pächter des Biertunnels hinabgelaufen, um die Scheine in Kleingeld zu wechseln. Einige Minuten amüsiert sich der Bankier über das Schauspiel, dann beginnt es ihn zu langweilen. Eben dreht er sich um, um die Bühne zu verlassen, als er die Ernesti neben sich stehen sieht, die erst gegen Ende des ersten Bildes aufzutreten hat. Es dauert allerdings einige Augenblicke, ehe er in der schmächtigen, fast nur mit Tricot, Tüll und etwas Goldflitter bekleideten Gestalt die elegante Erscheinung des Rennplatzes wiedererkannt. An den bloßen Schultern trägt Erna ein paar kleine steifgespannte Gaze-Flügel; ein Köcher mit Pfeilen hängt auf der linken Seite an goldenem Band, den dazugehörigen Bogen hält sie in der Rechten und schlägt, zerstreut damit spielend und zu Boden blickend, gelangweilt die Fußspitzen zusammen. Ihr seidenes Leibchen kracht und knistert bei jeder Bewegung. In dem Strahl der drahtvergitterten Kulissenlampe neben ihr glänzt das reiche, in einen griechischen Knoten geschlungene Haar, aus dem schräg ein Pfeil hervorragt, und schimmert die Puder- und Schminke-Schicht auf den schönen Zügen. »Wie kann man sich nur so entstellen?« denkt van Look, während er sie ansieht. Dieses mit Kakaobutter eingesalbte, erhitzte Gesicht, die geschwärzten Augenbrauen, die schwarzen Striche unter den Lidern, die roten Tupfen auf Kinn und Schläfen, die weißen Punkte auf der Mitte der hellrot gefärbten Wangen, der Puderstaub auf Schultern, Hals und Armen – das alles nimmt sich aus der Nähe nichts weniger wie schön aus. Andererseits freilich bringt das knappe Kostüm den schlanken Wuchs der Schauspielerin zur vollsten Geltung. Und der Bankier ist ein Kenner in solchen Dingen. Wäre nicht Parsenow, so hätte er schon lange einmal mit der Ernesti Beziehungen angeknüpft, aber die unangenehme und sattsam bekannte Eigenschaft des Grafen, auf zwanzig Schritt ein Kartenblatt mit der Kugel zu treffen, hielt ihn in einer achtungsvollen Entfernung. Immerhin kann er jetzt die Gelegenheit benutzen ... so hat er doch die dreitausend Mark nicht ganz umsonst ausgegeben. »Guten Abend, mein gnädiges Fräulein!« Mit einem ernsthaften und höflichen Gruß tritt van Look an den gelangweilten Cupido heran. »Oh ... Sie sinds.« Erna begrüßt ihn überraschend freundlich und hält ihm die Hand entgegen ... »wo stecken Sie denn eigentlich immer? ... man sieht Sie ja nirgends ...« »Geschäfte ... mein Fräulein!« »Schlecht scheinen Ihre Geschäfte nicht zu sein,« meint die Ernesti und weist mit dem Kopf nach hinten, ... »wenn Sie dem da tausend Thaler pumpen können ...« »Das that ich Ihretwegen.« »Meinetwegen! ... ich dank' schön. Ohne Sie hätten wir gar nicht angefangen, zu spielen. Dann säße ich jetzt gemütlich zu Hause, statt hier herumzulaufen und mir den Schnupfen zu holen ...« »... Im Dienste der Kunst!« »Schöne Kunst!« sagt die Schauspielerin verdrießlich. Sie hat zuweilen unter dem Eindrucke von Unannehmlichkeiten wie heute, eine Anwandlung von Trübsinn, ... »ein schönes Leben ... den ganzen Abend zwischen den staubigen Kulissen herumzulungern und vor all dem dummen Volk da unten im Parkett seine Mätzchen zu machen ... und dann zum Schluß ...« ihre Gedanken nehmen plötzlich eine andere Wendung, ihr Gesicht wird zornig,... »wissen Sie überhaupt, was hier passiert ist ... was dieser Direktor für ein Mensch ist ... meine neue Rolle will er wir abnehmen ... meine neue, schöne Rolle ... und dieser Krauß geben ... diesem armseligen Geschöpf ... heute früh hab' ich der Kröte noch zwanzig Mark geliehen, weil sie am Verhungern war ... das ist nun der Dank ...« »Sie werden die Rolle behalten, mein Fräulein,« erwidert der Bankier in ernstem Tone. »Verlassen Sie sich auf mich!« »Oh wirklich ...?« Erna sieht ihn lächelnd an, »das wär' aber lieb von Ihnen!« ... Und seufzend setzt sie hinzu: »Man hat ja so wenig Freunde auf der Welt.« »Warum kümmert sich denn Parsenow nicht darum?« »Ach Parsenow!« ... die Ernesti zuckt unmutig die blanken Schultern. Sie will noch etwas hinzusetzen, da tritt links auf Filzschuhen der Inspizient an sie heran: »Fräulein... es ist Zeit ... Sie müssen nach die Soffiten.« »Ach ja,« seufzt die Schauspielerin und wendet sich an van Look, »jetzt komme ich in der Flugmaschine von oben herunter. Sie wissen ... die Schlußapotheose ... Ich habe immer solche Angst, daß die Geschichte mal reißt ... der Maschinenmeister schwört freilich, es könne nichts passieren ... na ... auf Wiedersehen!« Damit legt sie sich einen mit blauer Seide gefütterten Schwanenpelzmantel um und steigt nach oben. Bald darauf ertönt das Klingelzeichen. Die Apotheose beginnt, die Bühne glänzt im hellen Schein der bengalischen Flammen, das Orchester bläst einen Tusch um den andern und von oben senkt sich, von einer Flammengloriole umflossen, Cupido unter verführerischem Lächeln, mit dem gespannten Bogen neckisch in die Runde zielend, zwischen die bunte Menge auf der Bühne hernieder. Ein Jubel des Beifalls geht durch den Zuschauerraum, man hört das eintönige Prasseln der zusammengeschlagenen Handflächen, der Vorhang fällt und hebt sich immer wieder, um von neuem das Bild zu zeigen, bis endlich Ruhe eintritt und das Publikum während der Pause in den Bier-Ausschank im Tunnel strömt. In dem Hause selbst bleiben nur wenige Menschen, zumeist Logen-Insassen zurück. Auch auf der Bühne ist es ziemlich leer. Ein paar Balletteusen stehen vorgebeugt an dem einen Loch im Vorhang. Die eine teilt ihrer Freundin eben flüsternd mit, daß »Er« im Zuschauer-Raum sei, als sie sich ziemlich unsanft zur Seite geschoben fühlt. Aufblickend erblickt sie die Ernesti, die sich, ohne weiter Notiz von ihr zu nehmen, mit dem Ausdruck zorniger Spannung zu dem Guckloch niederbeugt. Die Tänzerin hat ein schnippisches Wort auf der Zunge, aber sie will doch lieber nicht mit der Ernesti anbinden und so tritt sie achselzuckend zur Seite. »Was haben Sie denn?« fragt hinzutretend van Look die Schauspielerin. Aber er erhält keine Antwort. Wie gebannt starrt Erna nach rechts in den Zuschauerraum ... in die untere Proszeniumsloge, während unter der Schminke allmählich das Rot des Zorns auf ihrem Gesichte aufsteigt. So stehen also die Dinge! ... Ein netter Anblick ... diese Loge! Vorn der Major und Kurt, über irgend etwas auf dem Theaterzettel plaudernd – und dahinter ... ungesehen von den beiden und den paar Leuten im Parkett, Parsenow und die fremde Dame. Sie halten sich an der Hand gefaßt, er spricht leise und langsam, dicht an ihr Ohr geneigt. Sie sieht schweigend vor sich hin, während ein glückliches Lächeln ihren Mund umspielt. Kein Zweifel ... die beiden sind verlobt oder stehen dicht davor! »Wer ist denn die Dame in ihrer Loge, Herr van Look?« fragt Erna, sich aufrichtend, mit rauher Stimme. »In der Proszeniumsloge ... oh ... das ist Frau von Braneck.« »Verheiratet?« »Witwe!« »Und reich?« »Sehr!« »Aha!« Ernas Lippen verziehen sich spöttisch. Sie und der Bankier sehen sich an und beginnen plötzlich zu lächeln. Van Look fühlt, daß dieser Augenblick benutzt werden muß. »Ich würde Sie gerne mal besuchen und Ihnen näheres darüber mitteilen,« sagt er zögernd, »aber ich weiß nicht ...« »Kommen Sie nur ... recht bald!« Erna hält ihm ihre schmale Hand hin. »Ich danke Ihnen. Also denn auf Wiedersehen!« »Auf Wiedersehen.« Als vorsichtiger Mann nimmt der Bankier, nachdem er wieder in die Loge eingetreten, Parsenow bei Seite. »Ich war eben auf der Bühne,« meint er, »teure Sache ...« »Kenne das!« erwidert Parsenow gelassen. »Dann unterhielt ich mich mit Fräulein Ernesti. Sie schien etwas ungehalten auf Sie zu sein.« »Meinetwegen.« »Sagen Sie mal!« van Look dämpft seine Stimme bis zum Flüsterton ... »Entschuldigen Sie die Frage ... wie stehen Sie eigentlich mit der Dame?« »Von morgen ab gar nicht mehr. Ich habe wichtigere Sache vor.« » Tant mieux pour moi !« »Gratuliere Ihnen!« Mit ironischem Händedruck beendet der Graf die Unterhaltung ... Inzwischen hat hinter den Kulissen der Direktor die Gagen ausgezahlt. Aller Augen strahlen. Eine festliche Stimmung herrscht in dieser Welt von Pappe, Leinwand und Strickwerk. Überall klimpert und klingt das Geld. Von wo es gekommen, kümmert niemand. Manche wissen noch nicht einmal etwas von Parsenows Unfall und in den Gruppen der halbwüchsigen Ballettratten, der ältlichen Choristinnen und der Arbeiter geht immer noch der Name Satanellas von Mund zu Mund. Man wird ihn nicht mehr häufig aussprechen. Fern bei den Höhen von Westend rumpelt ein schwerfälliger Karren über das nächtliche Feld, der Abdeckerei zu. Drei Pferdebeine starren von dem plumpen Gefährt schräg in die Luft, das vierte hängt gebrochen nieder und daneben schaukelt mit heraushängender Zunge und verglasten Augen der Kopf der edlen Stute, die gestern noch der Augapfel ihres Besitzers, der Stolz des Stalles, die Hoffnung von Tausenden war. Und wie rasch wird man jetzt das schöne Tier, sobald es der Wasenmeister mit seinen Gehülfen eingescharrt hat, vergessen! ... beinahe so rasch, als ob es ein Mensch gewesen wäre ... IV. Am folgenden Tage fühlte sich Parsenow geradezu auffallend wohl und leicht. Endlich einmal eine Entscheidung, wenn auch eine andere, als er gehofft. Etwa hunderttausend Mark Schulden, zweihundert Mark im Vermögen ... ein klippes, klares Rechenexempel und als dessen einzige Lösung die Heirat. Er hatte sich noch am Abend vorher mit Hilda verlobt; nicht in eigentlicher Form, aber doch so, daß kein Mißverständnis, keine Enttäuschung mehr möglich war. Sein Mund sprach aus, was beide schon seit lange wußten, ihre Augen trafen sich und ein Händedruck besiegelte verstohlen in dem dunklen Hintergrund der Loge ihren Bund, ohne daß sie ahnten, wie durch das Guckloch des Vorhangs ein zornig brennendes Augenpaar unverwandt auf sie starrte. Der Kammerdiener sann vergebens über den Grund der guten Laune seines Herrn nach, während er das Bad richtend mit dem Thermometer durch die lauwarme Flut fuhr. Er wußte von dem Unfall auf dem Rennplatz; der Kutscher hatte ihm erzählt, daß der Graf den ganzen Abend mit den Döbelns zugebracht und dann sofort nach Hause gefahren sei. Ein Spielgewinnst war mithin auch nicht möglich ... was also sonst? Ein Glück, daß der Diener nichts von Parsenows Heiratsplänen ahnte. Er hätte sofort gekündigt! Er war als korrekter Valet de Chambre unverheiratet und verlangte dasselbe von seiner Herrschaft. Auf Stellungen in Familien ließ er sich prinzipiell nicht ein ... Als er seinem Herrn den Thee servierte, sah ihn dieser halb belustigt an. Verrückte Situation! dieser Mann, der ehrerbietig vor ihm stand, war in diesem Augenblick wahrscheinlich hundertmal reicher als er, der Graf, der ihm nicht einmal seinen Lohn zahlen könnte, wenn heute zufällig der Erste wäre. »Am Ende weiß der Kerl schon alles!« fuhr es Parsenow durch den Kopf. Es war ihm, als spiele ein ironisches Lächeln um die schmalen, glatt rasierten Lippen des Lakaien. Aber nein ... das war eine Täuschung. Das Gesicht des Dieners war unbeweglich wie gewöhnlich und lautlos wie sonst glitt er hinaus, als im Vorflur der dumpfe Klang einer Metallschale zeigte, daß ein Besucher an der Treppenthüre stand. »Herr Krakauer!« meldete der Diener, den Kopf hereinstreckend, in erwartungsvollem Flüstern. »Rein!« Parsenow lächelte. Der kam ihm gerade gelegen. Herr Krakauer trat ein, Hut und Stock in der Hand, sagte geschäftsmäßig guten Morgen und ließ sich ohne eine weitere Aufforderung abzuwarten, in einen Fauteuil sinken. Parsenow schob ihm schweigend die Cigarettenschachtel hin. So saßen sich beide gegenüber und rauchten. In langen Streifen zog der bläuliche Dampf durch das Zimmer. Keiner rührte sich. Endlich brach Krakauer das Schweigen. Er sah den Grafen an und sagte dann gedehnt: »Nu? ...« »Was denn?« Parsenow lächelte. »Ich frage ... was nu?« wiederholte der Geldmann. »Ja ... wenn Sie's nicht wissen, Herr Krakauer!« »Herr Graf,« der andere schob seinen Stuhl näher heran und dämpfte seine Stimme ... »wie wärs mit meinem Vorschlag von neulich?« »Ich habe keine Ahnung mehr,« sagte Parsenow und zündete sich eine neue Cigarette an. »Herrgott .. die Dame, von der ich Ihnen sprach ... durchaus achtbar ... eine Million bar ... ganz hübsche Erscheinung ...« »So!« »Der Großvater war schon getauft ... ich schwör' es Ihnen ...« »Mag er Mormone gewesen sein!« erwiderte Parsenow kaltblütig, »... ich reflektiere nicht darauf ... ich habe die Schwäche, mich für einen Gentleman zu halten und ein derartiger Schacher ...« »Herr Graf ... thun Sie mir den einzigen Gefallen ... keine philosophischen Redensarten ... davon lebt man nicht ...« »Gut! Bleiben wir bei der Sache.« Der Graf sieht seinen Besucher scharf an .. »ich bin verlobt.« Herr Krakauer springt unwillkürlich halb in dem Fauteuil empor. »Mit wem?« »Frau von Braneck.« »Oh« ... ein tiefes Nachdenken gleitet über die Züge des Geldmannes. Rasch sammelt er in seinem nie trügenden Gedächtnis, was er über Frau von Braneck und ihren Vater oder vielmehr über das Vermögen der beiden weiß. Das Ergebnis scheint ihn zu befriedigen. »Ist gut, Herr Graf,« sagt er und steht auf, »das haben Sie ganz fein gemacht.« »Bitte« ... erwidert Parsenow, »keine philosophischen Redensarten, Herr Krakauer ...« »Nu, man wird Ihnen doch gratulieren dürfen!« meint der Geldmann pikiert, ... »Sie haben mir Sorgen genug gemacht. Herr Graf ...« »Schön!« Parsenow setzt sich an den Schreibtisch, nimmt ein Papier und beginnt es in flüchtigen Zügen zu beschreiben. Krakauer tritt mißtrauisch hinter ihn und blickt ihm über die Schulter. »Was machen Sie denn da?« »Sie sehen es ja ... ich schreibe einen Wechsel ...« »Für mich?« sagt Krakauer erschrocken und tritt zurück ... »machen Sie keine Witze ...« »Ja ... für wen denn sonst?« Parsenow dreht sich ganz erstaunt herum ... »glauben Sie, daß ein Bräutigam von der Luft lebt? ... Im Gegenteil! schon die Bouqets jeden Morgen verschlingen ein Vermögen ... aber ... wenn Sie nicht wollen ... denn nicht! Dann geht eben die Verlobung zurück und ...« »Geben Sie her!« sagt Krakauer mürrisch, prüft das Papier, holt seufzend seine Brieftasche hervor und zahlt eine Reihe Tausendmarkscheine auf den Tisch. Parsenow streicht sie mit geübter Hand ein. »Und nun, mein lieber Herr Krakauer,« sagt er leutselig, »nehmen Sie es nicht übel, wenn ich uns beide hier herausschmeiße. Ich habe dringende Geschäfte ...« »Nu... meinen Sie ... ich nicht?« der Geldmann knöpft sich verdrossen seinen Rock zu, während sich Parsenow von dem Diener Hut und Mantel reichen läßt. Sie treten zusammen auf die Straße, wo hintereinander ihre beiden tadellosen Coupés der Gebieter harren. Beide gleichen sich wie ein Ei dem andern. Nur ist Parsenows Kutscher ein hagerer, glattrasierter Engländer, während der auf Krakauers Bock einen langen blonden Vollbart und das eiserne Kreuz auf der Brust trägt. Die zwei Herren trennen sich mit flüchtigem Kopfnicken, einem Zeichen geringschätziger Vertraulichkeit und steigen ein. Die Wagenthüren schlagen zu, die Coupés rollen in zwei verschiedenen Richtungen davon. Um diese Zeit wachte Erna auf, sah gähnend zur Decke empor und sammelte langsam ihre Gedanken. Allmählich kamen ihr, während sie die Nachthandschuhe auszog, um sich die verschlafenen Augen zu reiben, die Ereignisse des gestrigen Tages in Erinnerung ... der Sturz Satanellas ... der Streit mit dem Direktor ... und dann ... sie fuhr auf ... richtig ... die verdächtige Haltung Parsenows, der schon seit Tagen wie ein Schwerverlobter herumging, und der angekündigte Besuch des Bankiers. Der heutige Tag mußte die Situation klären. Lang ausgestreckt und den Kopf in die Kissen zurückgeworfen überdachte Erna die Sachlage. Es war doch ein schlimmes Ding, wenn Parsenow das schon seit einiger Zeit gelockerte Verhältnis völlig abbrach. Sie hatte eine dumpfe Vorstellung, als sei sie ihrem Schneider eine Masse Geld schuldig – wieviel, das wußte sie freilich auch nicht annähernd – und wann sie Schuster und Putzmacherin zum letzten Mal bezahlt, konnte sie sich beim besten Willen nicht erinnern. Der Hauswirt hatte kürzlich auch schon wieder einmal heraufgeschickt und an die Zahlung der Miete erinnern lassen ... jeden Tag meldeten sich allerhand Menschen, die Geld haben wollten, und dabei war nichts mehr vorhanden ... Nichts. Neulich hatte sie schon ihr Kammermädchen um hundert Mark angeborgt und ein Türkisenarmband versetzt. So ging das nicht weiter. Sie rief sich das Bild van Looks in die Erinnerung und gab sich, halb unbewußt, Mühe, ihn interessant und anziehend zu finden. Aber immer wieder verblaßte neben Parsenows glänzender Erscheinung, dem kühnen, scharfgeschnittenen Gesicht mit dem langen Schnurrbart, die verlebte Gestalt des Bankiers zu einem Nichts und verschwammen seine blasierten, abgelebten Züge. Erna seufzte auf. Was war da zu machen? Und schließlich – nun drehte sie sich die Sache um – Parsenow hatte doch auch seine Fehler – was für welche sogar! Er hatte etwas so herrisches in seinem Wesen und es lag immer eine Art ironischer Verachtung in seinem Verkehr mit ihr und anderen Damen der Welt, in der man sich nicht langweilt. Zuweilen betrank er sich. Wenn er Kater hatte, war er noch unleidlicher. Und vor allem ... was ließ sich von einem Mann erwarten, der solches Pech mit Pferden und Karten hat, wie Parsenow in letzter Zeit? Einmal mußte das ja zu einem Ende mit Schrecken, zu einer Verlobung führen! da war es besser, dies Ende nicht abzuwarten. Und beruhigt schellte Erna ihrem Kammermädchen, um sich Chocolade und die Morgenpost bringen zu lassen. Es waren fünf Briefe da, die Erna nachlässig überflog und dann zerrissen auf das Bärenfell vor ihrem Bett warf. Drei davon enthielten Rechnungen, der vierte ein anonymes, höchst unorthographisch gekritzeltes Schreiben von Damenhand, offenbar aus der Feder einer Collegin, die sich in allerlei höhnischen Ausfällen und Sticheleien wegen des Kulissen-Skandals und des Verlustes der neuen Rolle erging. Im fünften endlich frug ein ihr völlig unbekannter Herr Waldegg um die Erlaubnis an, sie zu besuchen, und berief sich dabei auf seine Beziehungen zu den ersten Bühnenkreisen der Residenz. Daneben lagen zwei Zeitungen, das am Sonntag erscheinende Reklameblatt ihres Agenten, angefüllt mit Journal-Kritiken über verschiedene Künstler, die mit dieser Firma dritten Ranges in Verbindung standen. Jeder Tadel des betreffenden Kunstrichters von Krotoschin oder Apenrade war sorgfältig weggestrichen, so daß die ohnedies vielfach in hartem Kampf mit der Grammatik und in schlechtem Reporterdeutsch verfaßten Besprechungen eine zusammenhanglose Reihe von Lobsprüchen über die Aufführung verschiedener Operetten und Possen darstellten. Berlin war nur durch das Edentheater und zwei andere Vorstadtbühnen vertreten. Durfte man dem Blatte Glauben schenken, so kehrten allabendlich Hunderte klagend und das gefüllte Portemonnaie in der Hand vor dem ausverkauften Edentheater um, auf dessen Bühne der Stern von Berlin, Fräulein Erna Ernesti die unerhörtesten Triumphe feierte, und wurden dem rührigen Leiter des traulichen Musentempels im Westen täglich stürmische Ovationen zu Teil. Das andere Blatt war eine illustrierte Wiener Theater-Zeitung, mit allerhand plump nach dem Französischen der Grevin, Mars u. s. w. gestrichelten Skizzen, und faden Witzen darunter. Den Hauptbestandteil der Nummer aber bildete wie gewöhnlich der Briefkasten, in dem, als Antwort auf fingierte Anfragen, der neueste Kulissentratsch in Gestalt von pikanten Histörchen verarbeitet wurde. Die Namen der Beteiligten waren nicht genannt, sondern nur angedeutet. Wen es anging, der erriet es ja doch, und Fernstehende interessierte die Thatsache kaum, daß der Graf P. die kleine Tänzerin V. schamloser Weise mit falschen Brillanten beschenkt habe, um ihre Gunst zu erwerben, und daß ein anderer »Kavalier«, Herr v. H–y neulich bei dem Fräulein A. M. abgefallen sei, da diese ihre engen, außerkontraktlichen Beziehungen zu dem Direktor ihrer Bühne nicht lockern wolle. Erna überlas die Zeitung, fand, daß ihr Name nicht genannt war, ballte sie zusammen und warf sie dem kleinen Havanesen an die zottigen Ohren, der friedlich auf dem Bärenfell, an den ausgestopften Kopf gelehnt, schlummerte. Der Havaneser fuhr quitschend auf und flüchtete sich zu dem Kammermädchen, die mit der Meldung eintrat, daß Graf Parsenow erschienen sei und vorn im Boudoir sitze. Erna ließ ihn nicht lange warten. Sie fuhr rasch in einen blauseidenen Schlafrock und ein Paar türkische Pantoffel, stülpte sich einen Fez auf das unordentlich zusammengeknotete und aufgesteckte Haar und schlüpfte über den Corridor hinüber in ihr kleines Boudoir. Parsenow dehnte sich da am Fenster in einem Lehnstuhl, den Cylinder hatte er vor sich auf den Boden gestellt, der Stock lag daneben. Er rauchte eine dicke Cyriazi-Cigarette und war eifrig in die Beschäftigung vertieft, aus einem auf dem Tisch stehenden Goldfisch-Bassin die Insassen mit Hülfe des vorgefundenen Netzhakens einzeln herauszufischen, sie zu betrachten und dann, nachdem er sie mit Cigarettenrauch angeblasen, wieder in das Wasser zu versenken. Schwamm dann der Fisch, so zog der Rauch in einer Menge kleiner Bläschen von ihm empor zur Oberfläche des Bassins. »Was machst Du denn da?« frug Erna unwirsch beim Eintreten. »Unsinn natürlich ...« »Du siehst,« sagte Parsenow zweideutig lächelnd und schwenkte das Netz, in dem eben der Matador der Bassin-Bevölkerung krampfhaft zappelte, ... »ich angele einen Goldfisch ...« »Laß die armen Tiere in Ruhe ...« Die Ernesti war gar nicht geneigt, auf seine Scherze einzugehen. Sie nahm sich eine Cigarette aus seiner Silberdose, warf sich lang auf das Canapé, gähnte und begann mit spitzem Munde, Rauchringel zu blasen. »Warum kommst Du denn heute so früh?« frug sie endlich. »Warum?« – Parsenow räusperte sich. »Weil ich mit Dir zu reden habe, mein Kind.« »So? ... ich mit Dir auch!« »Na ... dann schieß los ... Wie viel macht es denn zusammen?« »Was?« »Die ganze Summe! Ich kann doch unmöglich deine unvernünftigen Rechnungen auch noch einzeln durchsehen!« »Natürlich!« sagte Erna und sah ihn feindselig an, »Geld ... immer nur Geld! Etwas anderes, glaubt Ihr, giebts nicht ... als das Gold ...« »Oh doch« ... erwidert Parsenow ... »wenn ich mich recht erinnere, nimmst Du sogar Kassenscheine lieber ... Es brauchen keine kleinen zu sein, wenn es nur viele sind ...« »Genug von den Witzen!« Die Ernesti stand auf, schleuderte die Cigarette auf den Boden, wo sie noch eine Zeitlang in den persischem Teppich weiterglimmte und seufzte auf. Die Zeit schien ihr gekommen, dem Grafen eine Parolie zu biegen. »Was hast Du?« »Ach, mein lieber Freund ...« Erna brachte eine leise Wehmut in ihre Stimme und versuchte, sehr ernst auszusehen ... »ich habe alles überdacht ... diese Nacht, während ich schlaflos dalag ...« »Schwindl' doch nicht, Kind« bemerkte Parsenow gleichmütig dazwischen ... »ich kenne Deinen Schlaf. Ein Murmeltier ist nichts dagegen ...« »Und diese lieblose Bemerkung,« fuhr die Schauspielerin unbeirrt fort ... »bestärkt mich nur in meinem Entschluß ...« »In welchem?« Erna sah den Grafen seelenvoll an. »Wir müssen uns trennen, mein Freund!« »Ah ... Das ist stark!« Parsenow stand verblüfft auf. »Wir verstehen uns nicht mehr ... wir ... na mit einem Worte ... von heute ab ists aus!« »Es ist doch unglaublich!« Staunend steht Parsenow auf die schlanke Gestalt, die da in dem blauen Morgenrock vor ihm steht. »Weißt Du denn überhaupt, was Du sprichst?« »Sehr genau!« »Und Du hast die Stirne, mir so ... beinahe ... den Laufpaß zu geben!« »Nicht nur beinahe ... sondern wirklich?« »Da hört aber denn doch die Weltgeschichte auf!« Parsenow tritt verstört an das Fenster. Diese Kröte ... als ob sie es wüßte, weswegen er gekommen ist ... Sie war immer ein kluges Mädchen, aber so viel Schlauheit hätte er ihr doch nicht zugetraut. Endlich wendet er sich vorwurfsvoll um: »Also das ist Dein Dank?« »Wofür denn?« »Wirklich, Erna« ... und er tritt näher zu ihr heran, die vor dem Kamin auf dem Boden kauert und mit der Zange zwecklos in der Glut herumstochert, »das hätte ich Dir nicht zugetraut ...« »Wir waren doch neulich zusammen im Friedrich-Wilhelmstädt'schen ...« sagt Erna, vom Boden her, ohne sich umzudrehen ... »Erinnerst Du Dich noch, was sie da sangen ... Was Du nicht willst, daß man Dir thu' ... Das füg' schnell vorher dem andern zu ...« Trällernd klingt die leichtsinnige Melodie von ihren Lippen. Dann steht sie auf und reicht dem Grafen die Hand. »Na ... und nun sei nicht böse ... es geht doch nicht anders ... komm ... wir wollen als gute Freunde auseinandergehen ...« »Na, meinetwegen!« ... Parsenow lacht auf und drückt ihre schmale Hand, daß sie fast schreit. »Ein geriss'ner kleiner Käfer bist Du ... daß muß man Dir lassen.« »Na ... und später« ... Erna bläst sich schmollend auf die Hand ... »wenn Du da 'mal Lust hast, so besuche mich doch des Nachmittags auf ein Plauderstündchen ...« »Danke!« sagt Parsenow und greift nach Hut und Stock ... »Ich liebe die Kaffeeverhältnisse nicht. Mir scheint, Du hältst mich schon vollständig für einen Biedergreis ...« »Na ... wenn Du doch heiratest ...« meint die Schauspielerin. »Uebrigens ... sie ist hübsch. Ich habe sie gestern in der Loge gesehen.« »Wenn sie nur Dir gefällt!« erwidert der Graf bissig. »Das ist die Hauptsache.« »Hat sie denn Geld?« Diese Frage ist denn doch zu dumm, als daß sie Parsenow einer Antwort würdigte. Soll sie etwa noch arm sein? Als ob man zum Vergnügen heiratete! »Guten Morgen« sagt er trocken, schüttelt Erna die Hand und tritt auf den Corridor. Ein wehmütiges Lächeln gleitet über sein Gesicht. Dann steigt er die Treppen hinunter zum Wagen. »Franz ... in den Blumenladen von Schmidt unter den Linden!« ... Als Herr van Look eine Stunde später seine Aufwartung machte, wurde er durchaus nicht so rasch empfangen. Er mußte eine ziemliche Zeit warten, bis Fräulein Ernesti wohl frisiert und in elegantem Morgenrock hereinrauschte und ihm freundschaftlich die Hand entgegenstreckte. Uebrigens dauerte die Antrittsvisite nicht lange. Beide Teile waren noch etwas befangen. Es war, als ob der Schatten Parsenow mit seinen blitzenden Augen und seinem dräuenden Schnurrbart in dem traulichen Boudoir umginge. So verabredete man nur, sich des Abends nach dem Theater zu treffen, um gemeinsam im »Bristol« zu soupieren. Dann empfahl sich der Bankier, den dringende Geschäfte nach der Börse riefen. Als er ging, ließ er neben dem Blumenstrauß, den er gebracht, unauffällig ein Briefkouvert liegen. Erna übersah es geflissentlich. Aber als sie es später neugierig öffnete und das dicke Banknotenbündel sah, ging ein Lächeln der Befriedigung über ihre edelgeformten Züge. Auch das Kammermädchen, dem van Look zwanzig Mark in die Hand gedrückt, war guter Dinge. Der neue Herr hatte sich günstig eingeführt ... Erna blickte ihm gedankenvoll nach. Sie suchte ihre neue Rolle hervor und sperrte sie in ein Schubfach ihres Schreibtisches, um sie, wie eine gereizte Löwin ihr Junges, gegen etwaige Abholungsversuche von Seiten des Theaterdieners zu verteidigen. Dann faßte sie nach ein paar zierlichen, an dem Griff mit Leder überzogenen Hanteln und begann seufzend damit zu turnen, eine langweilige, aber bei ihrer Schmächtigkeit unerläßliche Uebung, um die Arme in angenehmer und nicht zu weichlicher Rundung zu erhalten. Als Parsenow in den Blumenladen trat, fand er dort einen Herrn damit beschäftigt, sich eine Gardenia in das Knopfloch des Smoking-Coat zu zwängen. Ein plump gebauter Mensch mit wulstigen Gesichtszügen, matten kleinen Augen und leicht geröteten Wimpern. Das war der Prinz von Stayningen, der letzte Sproß eines uralten schwäbischen Dynastengeschlechts. »Nanu, Parsenow ...« sagte der Prinz mit heiserer Stimme, als er bemerkte, welch kostbare Blumenspende jener sich zusammenstellen ließ, ein Füllhorn von Epheu und Immergrün umwunden, aus dem in duftigen Wogen frische Veilchen von San Remo hervorquollen ».. verwöhnen Sie die Ernesti nicht zu sehr ...« »Wer sagt Ihnen denn, daß das für die Ernesti ist?« Der Graf beugte sich über den Korb und ordnete an den Veilchen. »Na ... für welches Weib denn sonst?« »Für meine Braut ... Frau von Braneck ... Parsenows Stimme klang unheimlich in ihrem halblauten, schneidenden Ton. »Ach ... pardon!« stotterte der Prinz ... »hatte ja keine Ahnung ... also verlobt ... Deubel auch ... gratuliere ... ja ja ... so gehen sie alle hin ... einer nach dem andern ... 's is tieftraurig ...« Die Neuigkeit brannte auf ihm. Es litt ihn nicht länger in dem Laden. Mit hochgehobenem Ellenbogen reichte er Parsenow zwei Finger der Rechten, griff nach der zierlich geglätteten, mit Silber beschlagenen Keule, die ihm als Spazierstock diente, und zog hinaus die Linden entlang. Vorübergehende sahen lachend der vulgären Gigerl-Erscheinung nach und machten ihre Glossen über seinen hohen, gestreiften Hemdkragen, den viel zu kurzen, hellbraunen Paletot, die schlotternden mit Bügelfalte versehenen Hosen und endlos langen glatten Lackstiefel, aber niemand ahnte, daß dieser Herr mit dem Ausdruck gelangweilten Stumpfsinns auf den nichtssagenden Zügen der letzte Ueberlebende eines der ruhmreichsten Heldengeschlechter Deutschlands sei. Erst als er in das Grill-Room der American-Bar eintrat, wo einige Sportsmen gähnend bei Porter, Coktail und einem Imbiß beisammen saßen, zeigte die ehrfurchtsvolle Begrüßung, das Herbeistürzen der Kellner und die liebenswürdigen Blicke der Bar-Maid, daß ein illustrer Gast seine Einkehr in das Turf-Lokal gehalten. Blitzschnell verbreitete sich von hier die Neuigkeit und als Parsenow von dem Blumenladen kommend, die Linden herauf fuhr, mußte er es bereits erleben, daß eine Gruppe befreundeter Herren ihn mit tiefernstem Leichenbitter-Gesicht von dem Gehweg her grüßten. Parsenow verdroß das. Während er die Stufen des Hotels mit dem Blumenkorb in der Hand emporstieg, war es ihm, als sähe ihn selbst der begleitende Piccolo mit spöttischem Beileid an, ja, in Hildas Mienen sogar glaubte er, als sie ihm zärtlich lachend entgegentrat, eine Art überlegenen Triumphes zu lesen, das Siegesbewußtsein, ihn glücklich eingefangen zu haben und in den Hafen des Philisteriums zu schleppen. Aber nein ... bald darauf, als er mit Hilda zusammen auf dem Sofa saß, mußte er sich sagen, daß sie keineswegs philiströs, sondern eine bewundernswürdig kluge und angenehme Frau sei. Er wußte aus den Berichten seiner Freunde, daß es im Brautstand ohne eine Generalbeichte nicht abgeht und hatte sich eben unter Schlucken und Räuspern daran gemacht, Hilda auf die Enthüllung einiger dunkler Punkte in seinem Vorleben vorzubereiten, als sie ihm mit gelassenem Lächeln unterbrach. »Weißt Du ...« sagte sie und blickte gleichmütig vor sich hin ... »daß Du bis jetzt kein Tugendspiegel warst, daß weiß ich ja. Und mehr möchte ich auch nicht wissen. Am wenigsten die Namen der ... der ...« sie sann nach einem Ausdruck und fand endlich doch nur das Wort: »der Damen, mit denen Du ... weißt Du ... ich will nur die Gewißheit haben, daß es damit aus ist ... jetzt und für immer.« »Es ist aus,« sagte Parsenow! »jetzt und für immer. Ich gebe Dir mein Ehrenwort.« »Also!« Frau Hilda atmete tief auf, »damit sind wir fertig.« »Ebenso,« fuhr Parsenow fort, »gebe ich Dir mein Ehrenwort, daß ich keine Karte mehr anrühren werde ... keine Karte ... auch nicht zu Whist oder Sechsundsechzig ... ich kenne mich ... und endlich ...« er seufzte auf ... »endlich werde ich nächsten Mittwoch meinen Rennstall auflösen. Ich habe schon alles besprochen. Die Pferde werden zwischen dem zweiten und dritten Rennen meistbietend versteigert. »Du Armer!« sagte Frau Hilda, »aber Du hast recht. Es ist besser so.« »Wünscht Du sonst noch etwas?« meinte Parsenow melancholisch ... »soll ich in Zukunft bei dem pommerschen Dorfschneider arbeiten lassen und meine Stiefel vom billigen Mann im Dreimarkbazar kaufen?« »Nein,« erwiderte Hilda, ... »ich will einen eleganten Mann, mit dem man Staat machen kann. Sonst hätte ich Dich gar nicht genommen.« »Bei aller Eleganz,« seufzte Parsenow und bemühte sich, zerknirscht auszusehen, »bin ich doch Deiner nicht wert.« »Das glaube ich auch,« sagte die schöne Frau ruhig, »aber was soll man machen ...« » ... wenn man sich verliebt,« ergänzte Parsenow und drehte träumerisch den dunklen Schnurrbart. Frau Hilda gab ihm einen leichten Klaps mit dem Fächer. »Komm jetzt! ... es ist Zeit ... Papa wird ungeduldig, wenn wir ihn warten lassen.« Und wirklich hörten die beiden, als der Kellner vor ihnen die Thüre des Speiseraums aufriß, bereits die dröhnende Stimme des Majors, der den Geschäftsführer beschuldigte, ihm gewärmte Austern und eisgekühlten Bordeaux geliefert zu haben. Aber Parsenow klang das Gepolter des alten Herrn wie Musik in den Ohren. »Gott sei Dank!« dachte er bei sich, ... es ist doch wenigstens keine Schwiegermutter!« Des Abends freilich, als er allein nach Hause schlenderte, kam die unbehagliche Stimmung wieder über ihn. Er hatte den ganzen Tag solid in der Gesellschaft der Döbelns verbracht, sie in Berlin herumgeführt und sogar mit hochgeklapptem Paletotkragen und scheu um sich blickend, ob ihn auch nicht irgend ein Bekannter bemerke, in das Panoptikum begleitet, für das jene das gewöhnliche, fieberhafte Interesse der Provinzialen zeigten. Und solche solide Tage würden nun einer nach dem andern sich folgen, dreihundertfünfundsechzig im Jahr. Vorbei war es mit Wein und Weib, mit Pferden und Karten und dem ganzen göttlichen Stumpfsinn des High-Life, der ihn so behaglich viele Jahre hindurch umfangen. Er würde nun heiraten wie andere auch, Kinder zeugen und Hausbälle veranstalten und er sah schon seine bisherigen Genossen vor sich, wie sie in irgend einem Hinterzimmer eines Lindenrestaurants gähnend von ihm als von »dem seligen Parsenow« sprachen. Er hatte geglaubt, das Gefühl des Verlobtseins müsse ihn drücken, aber im Gegenteil ... es war ihm, als ob ihm etwas fehle. Er hatte das Gefühl, als sei er amputiert worden ... und ein wesentlicher Teil seiner selbst war ja auch wirklich dahin. Die Freiheit, die goldene Freiheit war dahin für immer ... der Gedanke drängte sich Parsenow immer wieder auf, während er mechanisch den vorbeigehenden Ladenmädchen unter die Hüte blickte, bis ihm einfiel, daß sich das ja auch für einen Bräutigam nicht schicke. Aber schließlich ... hatte er nicht in vier Wochen eine reizende Frau, die er liebte und die schöner war als alle Konfektioneusen der Welt? Der Gedanke tröstete ihn wieder und er summte ein vergnügtes Couplet vor sich hin, als er in seine Wohnung trat. Dort wartete ein Herr auf ihn. »Xaver Ritter von Crocevich« stand auf der Visitenkarte, die ihm der Diener im Flur überreichte, und darunter ein Titel, wonach man den kroatischen Edelmann als k. u. k. Oberleutnant a. D. und Herausgeber des »Berliner Argus« zu betrachten habe. Parsenow kannte diesen Herrn. Es war ein wegen Wechselschulden entlassener österreichischer Dragonerleutnant, der in verschiedenen Städten als Inhaber eines Tattersalls, Manager einer preisgekrönten Schönheit und Begründer eines Privat-Detektive-Instituts das Interesse der Staatsanwälte auf sich gezogen hatte. Seit einiger Zeit hielt er sich in Berlin auf. Man wußte nicht recht, zu welchem Zweck. »Entschuldigen Sie, Herr Graf,« sagte der blonde, schmächtige Mann, der sich bei seinem Eintritt sofort erhob. »Was steht zu Diensten?« Parsenow bot dem Fremden keinen Stuhl an, sondern musterte mißvergnügt die schreiend elegant gekleidete Gestalt, bis sein Auge an einem haselnußgroßen falschen Brillanten in dem grellroten Schlips seines Gegenübers hängen blieb. »Es handelt sich da um eine peinliche Indiskretion, die ich vermeiden möchte,« fuhr der andere fort und zog einen langen Korrekturbogen, eine sogenannte Fahne, aus der Tasche. »Da hat Herr Cassel, der mit mir den ›Berliner Argus, Zeitschrift für Salon und Familie‹ herausgiebt, anläßlich Ihrer Verlobung, zu der ich Ihnen von Herzen gratulire, einen Artikel geschrieben ... einen Artikel ... urteilen Sie selbst, Herr Graf, ob nicht Ihr Fräulein Braut ... Pardon ... Ihre Frau Braut indigniert sein wird, wenn sie ihn durch Zufall liest. Es ist da von Ihren Beziehungen zu dem Fräulein Ernesti die Rede ... und auch zu andern Damen ... es ist ein ganz taktloser Artikel ... ich hab' es dem Cassel gesagt ... aber der meint, ich sollte 'mal erst bei Ihnen anfragen, ob es Ihnen wirklich unangenehm ist, wenn ...« »Also ein Erpressungs-Versuch?« sagte Parsenow und sah den von Crocevich kaltblütig an, »... sagen Sie mal ... das interessiert mich ... finden Sie wirklich noch Menschen, die auf dergleichen hereinfallen ...?« »Herr Graf!« Der Besucher bemühte sich beleidigt auszusehen, »wenn Sie meinen guten Willen so verkennen ...« »Oh ... durchaus nicht ...« Parsenow wandte sich ab und suchte nach irgend einem Gegenstand im Zimmer. »Wo hab' ich nur die Reitpeitsche gelassen ...« murmelte er zwischen den Zähnen... »Ein Augenblick nur, Herr von Crocevitch ... Ich stehe sofort zu Ihrer Verfügung ...« Aber der andere war schon an der Thüre. »Wie Sie wollen, mein Herr!« zischte er, seinen Hut ergreifend, »vielleicht geht Ihre Partie doch zurück, wenn Frau von Braneck ...« »Schreiben Sie ihr, was Sie wollen.« Parsenow suchte immer noch nach der Peitsche. »Jedenfalls aber bedenken Sie eines!« sagte der Fremde. »Unser Gespräch hatte keine Zeugen. Eine Anzeige bei Gericht würde Sie nutzlos in ...« »Ah ... endlich! ...« Parsenow wippte die Gerte in der Luft und näherte sich die Thüre. Allein der Redakteur des ›Berliner Argus‹ hatte bereits den Flur gewonnen und stieg in tadelloser Ruhe die Treppe hinunter. Er drehte sich nicht einmal um. »Der Kerl hat Haltung!« dachte Parsenow bei sich, während er in sein Zimmer zurückkehrte. Dort zündete er sich ein Cigarette an, setzte sich im Schaukelstuhl zurecht und überdachte noch einmal die Ereignisse der letzten vierundzwanzig Stunden. Es war kein Zweifel ... sie bedeuteten den Wendepunkt seines Lebens. Die eine, jedenfalls die buntere, Hälfte lag abgeschlossen hinter ihm. Es war eine hübsche Reihe Jahre, durch die ihn da die Erinnerung führte, während vor seinen Augen der Rauch in bläulichen Wolken braute und stieg. Erst die Zeit in Kadettenkorps ... roh und öde ... dann das tolle Leben des blutjungen Leutnants von der Garde-Kavallerie, seine Stellung à la suite des Regiments, seine diplomatische Karriere, die so schön begann in dem liederlichen Brüssel, dem leichtsinnigen Stockholm, dem lasterhaften Petersburg, um in dem lachenden Paris zu enden. Dort war er schon etwas verbummelt, ein Roué aus Gewohnheit und Neigung, als ihn wie ein Donnerschlag die Versetzung nach Teheran traf. Da gab es keine Wahl. Entweder auf Jahre der Kultur und allen ihren Freuden entsagen oder als ein freier Mann in der Kultur weiter leben. So nahm Graf Parsenow den Abschied. Zehn Jahre sind seitdem verrauscht. Sein Geschick hat sich erfüllt. Die Goldstücke sind davon gerollt, die Banknoten hat der Sturm des Lebens entführt, seine Pferde kommen unter den Hammer, der Weiber ist er überdrüssig, nun winkt ihm die Ruhe, der Frieden. Wie im Traume sieht er den Rauch lang aus dem Schornstein eines pommerschen Herrensitzes zu dem lichten Abendhimmel emporsteigen, endlose Kornfelder wogen und schwanken in dem leichten Hauch des Windes, der durch die weißen Stämme des Buchenwalds daherstreift. Vom Stalle tönt das dumpfe Brüllen der Kühe, irgendwo kräht noch ein verspäteter Hahn und kläffen die Dorfhunde zu der Mondsichel empor, die glänzend zwischen den Lämmerwölkchen hervortritt. Er aber, der Gutsherr, reitet in gemächlichem Schritt vom Felde her durch die Dorfstraße seinem Sitze zu. Die flachshaarigen Kinder flüchten, mit Gänsen und Hühnern vermischt, die großen Butterstullen krampfhaft festhaltend, in die Häuser, die Erwachsenen ziehen die Mützen, er dankt freundlich und sieht zu den hellerleuchteten Fenstern seines Hauses empor, hinter denen seine schöne Frau der Heimkehr des Gutsherrn am Abendtisch harrt. Ein schönes Bild! In wenigen Wochen konnte es Wirklichkeit werden. Das tröstete den Grafen Parsenow, und als er sich zu dem maßlosen Erstaunen des Kammerdieners schon um elf Uhr schlafen legte, blies er mit der Ueberzeugung das Licht aus, daß er sich das Solidewerden eigentlich viel zu schwierig vorgestellt habe. V. Eintönig klang das donnernde Klatschen des Teppichklopfens aus dem Hofe empor, der rechts an den sogenannten Garten angrenzte. Gegenüber aus dem Volksschulgebäude tönte das abgehackte laute Buchstabieren einer Klasse. Zwischen den dürftigen, verkrüppelten paar Bäumen, auf deren Blättern eine dicke Rußschicht lagerte, spielten lärmende Kinder. Ein Hund kläffte dazwischen. Zu beiden Seiten stiegen kahl und öde die hohen Wände der Hinterhäuser empor. Gestickte Strümpfe hingen da und dort an den Fenstern. Frauen in nachlässiger Kleidung und zerzaustem Haar erschienen hinter den Scheiben, keiften schrillen Rufs in den Hof nach ihren Sprößlingen und schlugen das Fenster wieder zu. Von irgendwo her kam das stoßweise Wimmern eines Klaviers. Es war ein nebliger und kalter Morgen. Käthe Krauß saß in der guten Stube der kleinen Gartenwohnung, in der sie mit ihrer Mutter zusammen hauste, am Fenster und ließ trübselig das Reklam-Bändchen sinken. Bei solchem Lärm konnte man doch nicht lernen. Aus reiner Langerweile studierte sie die Kameliendame und lauschte seit zwei Tagen ununterbrochen, ob nicht die Thürklingel tönen und der Theaterdiener ihr die neulich der Ernesti abgenommene Rolle der »Satanella« bringen würde. Es kam nichts. Auch im Theater war nicht weiter davon die Rede gewesen. Den Direktor hatte sie überhaupt nicht zu Gesicht bekommen. Der saß gestern Abend mit dem fremden Bankier von neulich stundenlang im Direktionszimmer. Dann war auch, während einer Spielpause, die Ernesti hineingegangen, geschminkt und im Kostüm wie sie war, und nach einiger Zeit ausgelassen lachend wieder herausgekommen. Und bald darauf verbreitete sich das Gerücht, der fremde Herr habe sich bereit erklärt, die nötigen Anzahlungen an die Lieferanten zu leisten, so daß das große Ausstattungsstück demnächst in Szene gehen könne! Etwas wahres mußte daran sein. Das sah man schon aus der Art, wie Erna seitdem den Bühnenleiter behandelte. Sie war eigentlich die Herrin des Theaters. Alles drehte sich um sie. Auf der Probe wurde jeder ihrer Wünsche befolgt und der Direktor redete von ihr nur noch als von »unserer Ernesti«. Sie selbst wunderte sich innerlich am höchsten, daß es ihr sofort gelungen war, van Look dazu zu bewegen, dem Direktor runde 12000 Mark für das neue Stück zur Verfügung zu stellen. Allerdings war dies für ihn der einzige Weg, um möglicherweise wieder in den Besitz der zuvor beim Streik des Chors geliehenen tausend Thaler zu gelangen. Denn das Vaudeville versprach allerdings mit seiner gefälligen Musik, seiner Verschwendung von fleischfarbigem Tricot und der Schlüpfrigkeit seines haarscharf der Censur entronnenen Inhalts einen schönen Erfolg. Aber wer will einen Erfolg beim Theater voraussagen? Van Look hatte einen anderen Grund. Ihm lag daran, Aufsehen mit der Ernesti zu erregen, und diese war, nachdem sie nun an die neunzig Mal in demselben, schon im Frühjahr herausgebrachten Stücke aufgetreten war, ein wenig aus der Mode. Die Zeitungen hatten keine Veranlassung, Kritiken über sie zu bringen, in das Theater selbst ging die Lebewelt schon seit einiger Zeit nicht mehr und die kleinen Reklame-Artikelchen von gestohlenen Diamanten, in der Garderobe versengtem Haar, glänzenden Gastspielanträgen nahmen schließlich doch nur die Freibillet-lüsternen Winkel- und Klatschblätter, nicht die großen Zeitungen auf. Das alles würde sich ändern, wenn Erna in einer glänzenden, neuen Rolle auftrat! Alle Zeitungen würden darüber berichten, das high-life würde hinströmen, wie es jetzt eben die Logen eines Spezialitäten-Theaters in der Leipziger Straße bevölkerte, um die berühmten »lebenden Bilder« zu sehen, und mit Ernas Triumphe würde natürlich auch die Nachricht von seinen Beziehungen zu ihr in den Kreisen der Wissenden – und nur auf die kam es ihm an – in den Cirkeln der Schadow- und der Potsdamer Straße, in den Casinos und den Hinterzimmern des Weinrestaurants von Mund zu Mund gehen. Ernas Besitz schmeichelte ihn dabei weniger, als die Thatsache, daß er Parsenow den glänzenden Parsenow bei ihr ausgestochen hatte, den berühmten Lebemann und Pistolenschützen, vor dem sich jeder weislich in acht nahm. Erna selbst gefiel ihm eigentlich wenig. Sie war ihm zu laut, zu aufgeregt und lärmend. Sie machte ihn nervös und langweilte ihn zu gleicher Zeit. Käthe Krauß wußte von alledem noch nichts. Sie wartete auf ihre Rolle. Freilich mit bangem Herzen. »Wären wir doch in Grünstett geblieben,« wendete sie sich seufzend zu ihrer Mutter, der Steuerrätin, die mit hochgekrämpten Ärmeln das Zimmer fegte. »Es wird auch hier gehen!« tröstete sie die Rätin ... »bedenke nur ... dort hattest Du 180 Mark monatlich und hier 300 ...« »Ja!« sagte die kleine Käthe betrübt ... »und dann bin ich doch immerhin in Berlin, wo man sein Glück machen kann. Aber es kümmert sich ja niemand um einen. Seit zwölf Tagen spiele ich jetzt in dem dummen Stück und noch ist mein Name nirgends erwähnt und niemand kennt mich ...« »Das geht nicht so rasch, Kind ... man muß sich durchbeißen. Wenn man noch nicht vierzehn Tage an einem Theater engagiert ist, kann man ja nicht schon berühmt sein ... die andern haben auch klein angefangen ...« »Ach, die andern.« Käthe hat eine bittere Bemerkung auf der Zunge. Sie kommt sich selbst schon beinahe lächerlich vor mit ihrer Solidität. Sie geht wieder mit dem Reklam-Bändchen in der Hand murmelnd durch das Zimmer, da tönt draußen die Klingel. Mit pochendem Herzen öffnet sie die Thür. Der Theaterdiener steht draußen. Er überbringt ihr einen Brief der Direktion, läßt sich den Empfang quittieren und verschwindet. »Was hast Du denn, Kind?« die Rätin springt ganz erschrocken auf, als Käthe totenbleich wieder in das Zimmer tritt, das Schreiben in der Hand. »Nichts, Mama ... nichts,« Käthe reißt verstört das Schreibtischfach auf ... »mein Kontrakt ... weißt Du nicht, wo mein Kontrakt ist ... ja ... hier liegt er ...« Sie faltet ihn zitternd auseinander und sucht nach einer Stelle. »Es stimmt ...« sagt sie dann mit bebender Stimme, »es ist richtig mit dem Paragraphen ... ich kann vier Wochen nach Beginn der Saison mit vorhergehender vierzehntägiger Kündigung entlassen werden, wenn ich mindestens einmal vorher aufgetreten bin ... ja ... das stimmt alles ... es sind erst zwölf Tage und aufgetreten bin ich ja auch ...« Die Rätin sieht sie entsetzt an. »Aber Kind ... um Gotteswillen!« »Da stehts!« Käthe setzt sich schwer auf den Stuhl am Fenster, »nun ist alles zu Ende!« Und geistesabwesend starrt sie auf den Hof, aus dem eintönig, unerbittlich donnernd, das Teppichklopfen dringt. Die Kinder balgen sich schreiend, der Hund fährt kläffend dazwischen. In dem kleinen Zimmer herrscht tiefes Schweigen. Endlich nimmt Frau Krauß einen Anlauf: »Am Ende ist es nur ein Mißverständnis! ... geh doch hin, Kind ... dann kommt vielleicht alles in Ordnung!« »Ich weiß, was es ist!« sagte Käthe bitter, »das ist die Rache der Ernesti ... die ist wütend auf mich ...« »Dann geh' erst recht hin, Kind, und sprich mit dem Direktor!« »Ja ... ich wills thun« ... Käthe steht auf und nimmt Hut und Mäntelchen ... »Eigentlich traue ich es der Ernesti gar nicht zu. Sie ist furchtbar gutmütig in ihrer Art.« »Dann kann sie Dir vielleicht helfen.« »Ach Gott!« trübe lächelnd steigt Käthe die Treppen hinunter und schreitet langsam, wie betäubt durch die wimmelnden Straßen gen Westen, bis das Theater in majestätischer Oede vor ihr liegt. Der Direktor kann sie nicht empfangen. Er hat zu thun. Der Sekretär spricht mit ihr, erst einige allgemeine Phrasen über den schlechten Geschäftsgang, die hohen Betriebskosten ... endlich kommt er auch auf die Kündigung zu sprechen. Damit hat es allerdings seine Richtigkeit. Man kann sie nicht brauchen. »Sie haben zu wenig Schneid, Fräulein ... Sie stellen auf der Bühne nichts vor, ... es fehlt an Temperament ... an Pikanterie ... da ist nichts zu wollen ...« »Und finden Sie es denn nicht unbarmherzig?« sagte die kleine Krauß mit gepreßter Stimme, »mich nun einfach hier auf die Straße zu setzen. Was soll ich denn jetzt anfangen in Berlin?« Der Sekretär zuckt die Achseln. »Kontraktliches Recht... mit dem Gemütsstandpunkt gehts nicht beim Theater ... glauben Sie mir ... Sie hätten ja den Kontrakt nicht zu unterschreiben gebraucht...« »Und nun sitze ich hier ohne Engagement und ohne Geld.« Käthe wendete sich schluchzend ab ... »wie wird das enden?« Der Sekretär sieht ihr einen Augenblick prüfend nach; dann geht er hinter ihr her und tippt sie leicht auf den Arm. »Hören Sie mal, Fräulein! Wenn Sie wollen, werd' ich noch einmal mit dem Direktor reden ...« »Am Ende behält er mich doch!« Käthe ist ganz erbleicht vor Schrecken über dies Glück. »Ich glaube sicher ... er behält Sie ... wenn Sie nur eben darauf eingehen ... wegen der Gage ... daß dreihundert Mark zu viel sind, müssen Sie doch selbst zugeben.« »Und wieviel meinen Sie ...?« Käthe hält den Atem an, der Sekretär zuckt die Achseln. »Ja ... lieber Gott ... vielleicht neunzig Mark ... monatlich ... mehr wohl kaum ...« Neunzig Mark. Käthe Krauß braucht einen Augenblick, um sich zu besinnen. Jetzt wird ihr die Sache klar. Die Ernesti hat nichts mit der Kündigung zu schaffen. Es handelt sich einfach um eine Gagenreduktion Ein verzweifelter Zorn steigt in ihr empor. »Also das ists!« wendet sie sich mit zitternder Stimme zu dem Sekretär, »... erst locken sie mich aus meiner sicheren Stellung am Grünstetter Hoftheater hinweg und versprechen mir die hohe Gage und nun, wo ich hier hülflos in Berlin sitze, wollen Sie mich zwingen, mit neunzig Mark zufrieden zu sein und was ich sonst brauche, anderweitig ... wissen Sie, wie ich das nenne? ... das ist ein Betrug, ein ganz gemeiner Betrug ...« »Sie können das nennen, wie Sie wollen, Fräulein Krauß!« tönt hinter ihr eine Stimme. Der Direktor steht mit majestätischem Gesichtsausdruck da. »Nach dieser Aeußerung bleibt es selbstverständlich bei der Kündigung. Ich verzichte auf ihr weiteres Auftreten! Den Rest der Gage bekommen Sie geschickt! Adieu!« Gelassen schreitet er davon. Der Sekretär blickt ihm nach und murmelt halb vor sich: »Und den hab' ich noch als Cigarren-Fritzen in der Rosenthaler Vorstadt gekannt, wie er hinterm Ladentisch stand.« Am Theater-Eingang steht die Ernesti. »Nanu? ... wirklich gekündigt?« fragt sie Käthe, die leise weinend vorbeigeht. »Ja! ... nun kann ich verhungern!« »Schaffen Sie sich 'nen Liebhaber an!« sagt Erna gefühllos und wendet sich lachend wieder zu dem dicken Komiker, der neben ihr steht. Auf der Straße fiel es Käthe Krauß ein, daß sie nun ihren Agenten aufsuchen müsse, um zu sehen, ob sie nicht irgend ein Engagement bekommen könne. Die Hoffnung war freilich gering. Eben erst waren zwei Theater gleich nach Eröffnung der Saison verkracht. In allen Agenturen saßen die stellenlosen Mimen und waren froh, von kleinen Provinzdirektoren, die sich bis dahin vorsichtig zurückgehalten, zu lächerlichen Gagen angenommen zu werden. Auch auf dem Bureau ihres Theater-Agenten sah es nicht besser aus. In dem halbdunkeln Warteraum, an dessen einzigem Fenster zwei Schreiber, über die Pulte gebeugt, eifrig Korrespondenzen erledigten, saßen und standen wohl ein halbes Dutzend Herren und Damen umher und schauten nach der Thüre des Empfangszimmers, hinter der zwei Männerstimmen tönten. Gleich darauf ging die Thüre auf. Ein heller Lichtstrahl fiel in das Gemach und umfloß die beiden im eifrigen Gespräch Herauskommenden. »Sie müssen mir eine Naive verschaffen,« sagt der eine, ein eleganter, jüngerer Herr mit sympathischem Gesicht, der, wie Käthe aus dem Geflüster zweier neben ihr stehender Damen entnimmt, der Leiter des vornehmen ›Theater an der Spree‹ ist ... »Sie müssen ... ich kann wegen der kleinen Rolle die Novität nicht herausschieben und habe nun thatsächlich gerade dafür niemanden, der ...« »Also ist Fräulein Lowinska ernstlich krank?« fragt der Agent, der seinen distinguierten Besucher dienstfertig bis zur Thür begleitet. »Aber natürlich ... Lungenentzündung ... seit vierzehn Tagen ... mußte gleich ins Spital ...« »Ja woher 'ne Naive nehmen und nicht stehlen?« Der Agent sinnt nach ... »es ist gar nichts da eben!« Käthe fühlt den Mut der Verzweiflung in sich erwachen. Sie tritt auf die beiden zu. »Ach ... verzeihen Sie ... Herr Gorwitz ...« »Nachher, bitte ... Fräulein ... Fräulein Krauß!« »Ich hörte eben,« fährt Käthe hastig fort ... »Sie suchen eine Naive ... ich bin eben frei ... ich habe viele naive Rollen gespielt am Hoftheater in Grünstett ... ich kann die Kritiken zeigen ... und ich ...« »Hm ... am Hoftheater in Grünstett!« Der berühmte Bühnenleiter sieht sie forschend an. Ihr ängstliches Kindergesicht mit den großen blauen Augen gefällt ihm offenbar. Dann wirft er einen fragenden Blick auf den Agenten, der diplomatisch schweigt. »Kommen Sie morgen um zehn Uhr zu mir zur Sprech-Probe,« sagt er endlich, lüftet höflich seinen Hut und entfernt sich. »Na ... Sie haben Glück!« sagt Herr Gorwitz, als jener gegangen, ... »nun greifen Sie mal mit beiden Händen zu, liebes Fräulein ... Sie können sich jetzt mit einem Schlag eine Position machen!« Die Aufregung schnürte Käthe fast die Kehle zusammen, als sie am nächsten Morgen auf der Bühne des »Spree-Theaters« stand, um mit dem Oberregisseur, der ihr die Stichworte markierte, eine Szene aus den »Journalisten« zu spielen. Der Direktor saß daneben am Regietisch und sah sie aufmerksam an. Vor ihr lag in gähnender Finsternis der mächtige Zuschauerraum! Da und dort konnte man dunkle, leise mit einander flüsternde Gestalten in den Parkettreihen erkennen. Zuweilen wurde eine Thür nach dem Gang, unten geöffnet. Dann fiel ein greller Lichtschein in die staubige Nacht und erlosch eben so plötzlich wieder. Ihre Stimme zitterte. Es war ihr, als ob ein Knäuel in ihrem Hals stecke, während sie zu sprechen begann. Fremd, beinahe unheimlich klang ihr die eigene Stimme in dem weiten, finstern Raum. Als sie geendet, machte der Oberregisseur ein sehr zweifelhaftes Gesicht und trat zu dem Direktor. Beide sprachen leise miteinander. »Natürlich« ... sagte der Bühnenleiter ... »sie ist eine Anfängerin ... eckig ... unbeholfen ... was Sie wollen ... aber gerade darum ... dem Publikum macht es oft mehr Spaß, eine talentvolle Anfängerin zu entdecken als eine Berühmtheit zu sehen. Ich wills mit ihr versuchen!« »Ich wills versuchen!« Käthe hatte diese letzten Worte gehört. Ihr Herz pochte wie ein Hammer, während der Direktor auf sie zutrat. »Sie können also die Rolle bekommen« sagte er ... und zunächst dreimal darin als Gast auftreten. Weitere Verpflichtungen vermag ich vorderhand natürlich nicht zu übernehmen ... sehen Sie zu, was Sie aus der Rolle machen können! Im ersten und zweiten Akt haben Sie wenig zu thun, aber im dritten eine dankbare Szene!« Damit ging er. Der Regisseur gab Käthe das dünne blaue Heftchen. »Nun machen Sie sich nur gleich dran, damit Sie morgen an der Probe teilnehmen können. Am Sonnabend kommt die Geschichte heraus, 's ist eine große Première, schon jetzt die Hälfte der Plätze vorgemerkt ... die erste Garnitur Kritik ... wenn Sie gefallen, ist Ihr Name nächsten Sonntag in aller Welt Mund!« Käthe erwiederte nichts, während sie auf den Gang heraustrat. Sie war zu erregt über das unerhörte Glück; es lag wie ein rosenroter Schleier über ihren Augen. »Und dann sehen Sie nach Ihren Toiletten!« sagte der Regisseur, neben ihr zum Ausgang schreitend, wo ein Haufe Schauspieler, des Beginns der Probe harrend, beisammen stand. Zwischen ihnen ein offenbar nicht zur Bühne gehöriger, hübscher, schnurrbärtiger Herr. »Sie wissen ... man legt bei uns großen Wert darauf ...« Die Toiletten! ... Daran hatte sie nicht gedacht. »Sie brauchen im ersten Akt ein Reitkleid ... das werden Sie ja wohl haben ... für den zweiten ein Morgenkostüm ... der dritte, wo Sie Ihre große Szene haben, spielt im Ballsaal. Da brauchen Sie also eine schöne Robe ... nun ... Sie wissen ja schon ...!« Damit trat der Regisseur zur Seite. Käthe blieb wie betäubt stehen. Die Toiletten! Das Hoftheater, dem sie bis vor kurzem angehört, lieferte die Kostüme für alle Stücke, die nicht in der Gegenwart spielten. Letztere aber wurden dort selten gegeben. Sie war nur zwei- oder dreimal darin aufgetreten und jedesmal mit einem bescheidenen Gewand durchgekommen. Sie besaß auch ein Ballkleid; aber sie mußte lachen, wenn sie an das armselige, von einer Grünstetter Schneiderin gefertigte Fähnchen dachte und es mit den glänzenden Roben der Berliner Modeschauspielerinnen verglich, deren Toiletten-Etat sich jährlich auf zehntausende belief. Was sollte sie thun? Der Direktion erklären, sie könne aus Mangel an passenden Gesellschaftskostümen nicht auftreten? Dann kam eine andere an ihre Stelle, dann ließ sie sich eine Gelegenheit entgehen, ihr dauerndes Glück auf der Bühne zu machen. Dieser Abend, das wußte sie, war für sie entscheidend. Siegte sie – ein bestimmtes Gefühl sagte ihr, daß sie siegen würde – dann ging sie einer glänzenden Zukunft entgegen. Und auf alles das verzichten, um einiger Kleider willen? Nein ... das konnte sie nicht ... das war ein Verbrechen gegen sie selbst, gegen ihre Mutter, gegen ihren Beruf. Aber woher die Toiletten nehmen? Auf Kredit fürchtete sie, keine zu bekommen. Denn es kannte sie ja niemand in Berlin. Und sie zahlen ... du lieber Himmel ... sie hatten jetzt noch etwa dreißig Mark im Hause und mußten damit und mit dem noch zu erwartenden Gagerest von 150 Mark Gott weiß wie lange reichen ... »Nun, gnädiges Fräulein! ... so in Gedanken?« ein schnurrbärtiger Herr mit blassem Gesicht stand vor ihr ... »gestatten Sie, daß ich mich vorstelle ... mein Name ist Waldegg ... hatte schon das Vergnügen, Sie im Edentheater zu bewundern ... und höre nun, daß Sie hier ....« »Ja,« sagte Käthe befangen ... »ich gastiere... aber ich weiß nicht ...« »Sie müssen sich nicht wundern, mich hier zu treffen, mein Fräulein,« sagte der Fremde, ... »ich rechne mich so halb und halb zur Künstlerwelt; verkehre sehr viel mit den Herrschaften, wenn ich auch eigentlich der Börse angehöre ...« »Oh« ... Käthe wußte nicht recht, was sie antworten sollte. Eigentlich gefiel ihr der Herr. »Gratuliere Ihnen« ... fuhr jener fort ... »Das Edentheater war nichts für sie ... das ist was für die Ernesti, diese einfältige Person, die sich nicht einmal die Mühe nimmt, Briefe von anständigen Leuten zu beantworten. Aber Sie ... Sie können höheres erreichen ... man sieht es Ihnen an ...!« Und als ob es sich von selbst verstände, schritt er plaudernd neben Käthe auf die Straße. »Adieu!« sagte sie ängstlich stehen bleibend. »Aber gestatten Sie mir doch wenigstens. Sie zur nächsten Droschkenhaltestelle zu bringen. Ich thue Ihnen ja nichts, Fräulein!« setzte er lächelnd hinzu. Damit ging er neben ihr weiter und sie sah jetzt erst, daß auf einen Wink von ihm ein leeres, elegantes Coupé, das ihm offenbar gehörte, langsam im Schritt hinterher fuhr. Er war also jedenfalls reich. Käthe wurde es bang ums Herz. Aber es that ihr doch wieder wohl, in dem großen kalten Berlin einen Menschen zu finden, der freundschaftlich und achtungsvoll mit ihr sprach, sich für ihre Lage interessierte und nicht müde wurde, immer neue Fragen über ihre Mutter, über sie selbst und ihre künstlerische Laufbahn zu stellen. Und sie fing an zu erzählen. Sie plauderte immer munterer, ihre Wangen röteten sich, sie begann zu lachen und sah von Minute zu Minute hübscher aus. Es entging ihr nicht, daß sie einen starken Eindruck auf ihren Begleiter machte. Doch blieb er höflich und respektvoll wie zuvor. Er gefiel ihr wirklich. Und als sie mit ihm vor ihrer Hausthüre stand, drückte sie ihm dankbar die Hand. Waldegg hielt sie fest und frug mit einem merkwürdigen Klang in der Stimme, ob sie sich wieder sehen würden. Käthe wußte, daß dieser Augenblick entscheidend war. Es tanzte wirr vor ihren Augen. Ein sturmdurchbraustes Parkett, in dem die Handflächen klatschend an einander schlugen, ... ein hübsches aristokratisches Gesicht mit dunklem Schnurrbart ... dann wieder das Hinterstübchen, in dem sie mit ihrer Mutter verstört saß, nachdem sie die Rolle zurückgeschickt und ihr Glück verscherzt ... und über dem Ganzen höhnisch flatternd, eine unbezahlte Schneiderrechnung ... Waldegg wiederholte seine Frage. Sie sah ihn fest an und sagte mit einem rauhen Klang in der Stimme: Ja! »Ich danke Ihnen, Fräulein Käthe!« Und sie trennten sich ... Die Rätin wunderte sich in den nächsten Tagen, wie spät Käthe nach Hause kam. Aber freilich ... die Proben zu einer großen Berliner Premiere sind ein anderes Ding als man es an kleinen Hoftheatern gewohnt ist. Außerdem nahm Käthe die Gelegenheit wahr, um jetzt, wo sie unbeschäftigt war, auf ein Freibillet Abends die Vorstellungen des Theaters an der Spree zu besuchen. Die Rätin hielt das auch für eine ganz natürliche Sache. Daß dort Abend um Abend dasselbe Stück gegeben wurde, fiel ihr nicht weiter auf. Am Donnerstag kam Käthe besonders spät, erst nach Mitternacht, in der Droschke nach Hause ... Ihre Mutter eilte ihr bis auf den Flur entgegen. Sie war zu aufgeregt, um zu sehen, wie bleich Käthe war und wie unheimlich ihre Augen glänzten. »Um Gotteswillen, Kind ...« sagte sie ... »sieh nur ... diese Kleider da sind alle heute Abend für Dich abgegeben worden ...« »Ja ... meine Toiletten!« Käthe starrte gleichgültig auf die prachtvollen, schimmernden Stoffe ... Dann setzte sie in kaltem, höhnischen Tone dazu ... »natürlich meine Toiletten ... die brauche ich ... ohne solche Toiletten kann ich nie eine berühmte Schauspielerin werden ...!« »Ja ... aber die kosten doch eine Masse Geld, Kind!« »Ich hab' sie auf Kredit bekommen ...!« Käthe wandte sich ab. Die Rätin sah sie ängstlich und erwartungsvoll an. »Es ist doch eine Reklame für die Firma, wenn ihre Kostüme auf der Bühne getragen werden ...« fuhr Käthe mit gepreßter Stimme fort. Die Mutter antwortete nichts ... Es herrschte ein unheimliches Schweigen in dem kleinen Raum, in den aus weiter Ferne durch die Nachtluft das Brausen der Weltstadt drang ... VI. Der Regen rauscht und rieselt hernieder! ... in triefenden grauen Schwaden ziehen die Wolken über das steinerne Häusermeer Berlins, in feuchtem Glanze flimmert der spiegelglatte Asphalt der Straßen, und eine zähe Kotschicht legt sich schlüpfrig über den gepflasterten Teil der Plätze und Gassen. Es ist ein kalter, nebliger Herbst-Tag. Ab und zu kommt ein schwerer Windstoß aus dem Tiergarten, von dessen buntbelaubten Zweigen das Wasser trieft und die welken Blätter in zitternden Kreisen langsam auf den aufgeweichten, pfützenbedeckten Kies der Promenadenwege niederschweben. Der Windstoß fährt heulend weiter durch das Brandenburger Thor, die Linden hinauf bis zum Schloß, auf dessen Zinne die nasse Standarte sich schwerfällig bläht. Er treibt die Cylinderhüte in Sprüngen durch die Gossen, er stülpt die Schirme um und jagt die Regengüsse schräge den Passanten in Gesicht und Nacken; wer es kann, verläßt die schützende Behausung nicht, und trotzdem zeigt das bienenfleißige Berlin auch heute kaum eine Abnahme des Straßenverkehrs. Die Charlottenburger Chaussee freilich liegt verödet da. Die angesagten Rennen in Westend finden wohl statt, aber die Schar der Sportfreunde, die dem scheußlichen Wetter zum Trotz sich in die Kälte und das Nebelgeriesel hinauswagen, ist verschwindend gering. Ab und zu nur jagt ein leichter Wagen dahin, gelenkt von einem Herrn mit hochgeschlagenem Paletotkragen und verdrießlich zwinkerndem Gesicht oder ein Kremser mit regendurchtränktem Plan holpert seines Weges. Dann gehört das Feld wieder den jammervollen Mörtel- und Steinfuhrwerken, die ächzend und kottriefend durch den Schlamm der Straße dahinkriechen, zwei keuchende Pferdegerippe davor, die stumpfsinnig-rohe Gestalt des Kutschers halb schlafend oben darauf. »Zum Abschiednehmen just das rechte Wetter,« sagt Graf Parsenow zu seiner Braut und deutet durch die regenblinden Scheiben des Coupés hinaus auf den Goldfischteich, an dem sie eben vorbeirollen. In zahllosen, durcheinanderfließenden Kreisen vermengen sich da die Regentropfen mit dem schwärzlichen Spiegel, in dem undeutlich an einzelnen Stellen organerote Flecke einen Goldfisch-Trupp anzeigen. Am Rande steht ein nasser Schutzmann und gähnt, was er kann. Eine alte Frau mit großem Regenschirm daneben. Es ist ein trostloses Bild. Frau Hilda sagt denn auch weiter nichts. Sie lehnt sich seufzend in die Kissen zurück und blickt mit verstohlener Zärtlichkeit auf Parsenow. Und weiter rollt der Wagen. In weitem Bogen schnellen die zitternden und springenden Gummiräder den Schmutz von sich, daß da und dort ein Vorübergehender fluchend zur Seite springt und eine leichte Neigung zur Sozialdemokratie in sich erwachen fühlt; schon ist das Gefährt über den großen Stern hinaus, es saust unter der Eisenbahnbrücke durch, wo eben einer Schar ältlicher Damen ein Sturmangriff auf einen vollgepfropften Pferdebahnwagen abgeschlagen wird, und die lange, öde Berliner Straße Charlottenburgs entlang, hinauf zum Rennplatz. Beim aussteigen braucht Frau Hilda alle Mühe, sich klar zu machen, daß das wirklich die gleiche Gegend ist, die sie Sonnabend, an Parsenows Seite sah. Freilich ... die Umrisse sind ja noch dieselben, soweit man sie durch die graue, dicke Nebelluft erkennen kann, – die weite, gewellte Hochebene mit ihren Schluchten und Hügeln, rechts das Gehölz, ganz in der Ferne, kaum mehr sichtbar, grau in grau der Wald und ein Gewässer, weiterhin am Horizont einzelne einsam ragende Mietskasernen, und ganz im Vordergrund die großen, mit regenschweren Fahnen geschmückten Holztribünen. die Totalisatorschalter und die sonstigen Gebäude. In sie hat sich alles, was überhaupt da ist, unter Dach und Fach zurückgezogen – die kleine Gemeinde der unverbrüchlichen Turf-Freunde, eine Anzahl Kavallerie-Offiziere und andere Herren der Gesellschaft, einige Sportberichterstatter, die Trainer und Jockeys und natürlich die vollzählig versammelte Gilde der Buchmacher. Diese letzteren Gruppen alle haben sich auf dem Sattelplatz, im Restaurant der zweiten Tribüne, versammelt, in dem auch die Musiker der heute concertierenden Garde-Infanterie-Capelle umherstehen. Der Punsch dampft da in großen Gläsern, der Kaffee wird brennendheiß in die Tassen geschenkt und die Cognacflasche kommt kaum aus der Hand der eifrig die Gläschen füllenden Schenkmaid. So ist hier die Stimmung ganz leidlich, man fühlt sich unter sich, derbe Witze im Berliner Dialekt fliegen hin und her und wieherndes Auflachen folgt ihnen. Im Restaurant und den Logen der ersten Tribüne herrscht feierliche, beinahe geschäftsmäßige Langeweile. Die Herren, die hier nachlässig herumpromenieren und sich ebenso nachlässig unterhalten, sind in ihre eigenen Gedanken versunken. Neugierige giebt es heute keine unter ihnen. Sie alle sind hier in ihrem Berufe ... als Herren-Reiter, als Rennstallbesitzer oder Wettende, und trotzen gleichgültig den Unbilden des Herbsttags. Die Damen fehlen natürlich fast ganz. Was sollten sie heute hier draußen, wo jede geschmackvolle Toilette in einer Viertelstunde ruiniert ist und dabei noch von fast niemand gesehen wird. So sind die Modeschauspielerinnen und die Sterne der Singspielhallen ebenso zu Hause geblieben, wie der Schwarm der buntgeputzten Halbwelt, die sonst den grünen Plan bevölkert. Nur aus der Gesellschaft sind einige unverdroßene Sportfreundinnen anwesend, junge Frauen, die im Sattel zu Hause und gewohnt sind, hinter dem roten Rock des Masters und seiner Hunde im Galopp durch das krachende Stangenholz und über die wurzelbedeckten Schneisen zu jagen. Mehr als sonst gestatten sie sich heute einen burschikosen Ton. Sie fühlen sich eins mit den Männern und werden von ihnen als gute Kameraden betrachtet. Um so mehr Aufsehen erregt es natürlich, als Hilda an Parsenows Arm über den öde daliegenden völlig aufgeweichten Rasen zur Tribüne schreitet. Natürlich hat schon jedermann davon gehört, daß sich Parsenow bei dem vorigen Renntag eine heftige Verlobung zugezogen und von allen Seiten richten sich forschende Blicke auf sie. Zum Glück bewahrt Parsenow wie immer seine unerschütterliche Kaltblütigkeit. Auf seinen Arm sich stützend, fühlt Hilda, wie die Befangenheit schwindet und das verräterische Rot aus ihren Wangen weicht. »Jetzt kommt mein letztes Rennen, sagt Parsenow melancholisch, nachdem beide in einer der Vorderlogen Platz genommen und deutet auf das Programm, wo unter I, Dahlemer Hürden-Rennen sein »Cocktail, dbr. H. vom Talbot a. d. Messalinla, a., 61 Kg.« verzeichnet steht ... »ich habe den Schinder schon vor Gott weiß wie lange genannt ... weiß eigentlich selbst nicht mehr warum ... gewinnen kann er ja nicht...« »Warum?« fragt Hilde gespannt. »... 's ist ein alter Gaul, der seinen Hafer nicht mehr wert ist,« meint ihr Bräutigam, »... na ... immerhin ... es ist ja doch das letzte Mal, daß ich ein Pferd laufen lasse.« »Fünfzehnhundert Mark kannst Du darauf gewinnen,« erklärt Hilda, aufgeregt das Programm studierend, »... hier stehts ... 1500 Mark dem ersten, 500 dem zweiten Pferd und so weiter ... ach ... wenn wir gewinnen ... das wäre zu nett... es ist ja doch immerhin eine Masse Geld ... »Wenns Dir Spaß macht, so setze doch am Totalisator! ... ich kann nicht mehr ... hab' jetzt schon mein Wort gegeben, nicht mehr zu spielen ... aber Du könntest da einen ganz netten Coup machen, für den unwahrscheinlichen Fall, daß Cocktail wirklich ...« »Das ist eine Idee!« Frau Hilda steht auf und späht suchend in der weiten Tribünenhalle umher, in der hier und da, fröstelnd und die Hände in den kurzen gelben Paletots, die Sportsmen bei einander stehen. Nur wenige sitzen. Es ist zu kalt dazu. Denn immer schwerer senkt sich der Nebel auf das regenüberrauschte Feld und in der grauen dunstigen Luft unter dem Tribünendache rieselt es förmlich von Feuchtigkeit. Während Frau von Braneck sich noch umschaut, hört sie eine Stimme dicht neben sich. Sie dreht sich um und sieht Parsenow im Gespräch mit einem dicken, vulgär aussehenden Herrn, in dessen rotem, stumpfem Gesicht ein regenbeperltes Monocle schimmert. »Erlaube, Hilda,« wendet sich ihr Bräutigam zu ihr, »daß ich Dir den Prinzen von Stayningen vorstelle.« »Meine Gnädigste ...« Der Standesherr verbeugt sich ... »Gnädigste scheinen etwas zu suchen?« »Ach ja Durchlaucht!« sagt Hilda etwas befangen, ... »ich möchte so gern auf das Pferd meines Bräutigams wetten ... und er kann es nicht besorgen, weil er sich vorgenommen hat, nicht mehr zu setzen ...« »Aber bitte, meine Gnädigste ... sofort!« Der Prinz steigt die Treppe herunter und wandert vornüber gebeugt, in sorgvollem Schritt zum Totalisator, um nach kurzem mit dem Ticket zurückzukehren ... »Hier ... bitte gehorsamst ... werden zwar wenig Freude daran erleben ...« »Warum?« fragt Hilda, indem sie aus ihrem Miniatur-Portemonnaie die zwanzig Mark nimmt und mit schüchternem Lächeln jenem einhändigt. »Nun,« meint der Dynast, »Rennen ist ja ein todsicheres Ding für Minotauros ... Pfeiffer reitet ihn ... der sächsische Husar ... dann ist noch Mary im Feld ... auch 'ne tüchtige Stute ... tragen freilich beide schweres Gewicht ...« »... und der Boden ist zwei Zoll tief aufgeweicht,« ergänzt Parsenow ... »aber trotzdem ...« »Na ... werden ja sehen«, scherzt das Gigerl, »Rennplatz, meine Gnädigste, hat so gewissermaßen etwas weibliches an sich ... unberechenbar bis zum letzten Augenblick ... ha ... ha!« »Ach, Durchlaucht ... ob die Männer anders sind?« sagt Frau Hilda melancholisch ... »wieviel Pferde laufen denn übrigens?« »Nur die drei ... kleines Feld ... matte Affaire,« erwidert Stayningen ... »muß übrigens gleich losgehen ... aha ... da kommen sie.« Dicht hintereinander schreiten die drei Pferde in die Bahn. Voran Minotauros, ein schöner Wallach, auf dem Leutnant Pfeiffer, ein Herr mit scharfgeschnittenem Gesicht, sitzt, dann der alte Cocktail. Ihn steuert Wendlau, der kleine Husar, dem von dem Sturze mit Satanella keine üblen Folgen verblieben sind. Parsenow selbst hat ihn dringend gebeten, heute zu reiten, damit es nicht so aussieht, als trage er ihm den Accident des kostbaren Renners nach. Auf Mary, dem dritten Gaule endlich sitzt eine etwas bläßliche Gestalt in buntem Dreß. »Das ist Herr Röthlingk« erläutert der Prinz ... »komischer Kunde ... hätt's gar nicht nötig zu reiten ... und thut's doch immer wieder ...« »Nun ... wenn es ihm Spaß macht ...« »Spaß ... aber ich bitte Sie, Gnädigste ... sehen Sie ihn doch an, wie aschgrau er aussieht ... Er stirbt jedesmal beinahe vor Angst, der Knabe ... Ehe er sich in den Sattel setzt, stürzt er 'ne ganze Pulle Sekt herunter ... Er ist auch schon jetzt wieder zu dreiviertel bezecht ...« »Und dabei gewinnt er noch womöglich.« sagte Parsenow grimmig, »er klemmt sich auf's Pferd, macht die Augen zu und reitet hinter Pfeiffer drein bis zum Ziel ...« »Der Pfeiffer hat nu wieder 'n Kater« meint der Prinz vergnügt. »Sie haben ihn gestern bei Uhl unter Sekt gesetzt. Er hat bis heute um elf geschlafen. Nicht 'mal die Bahn hat er sich ordentlich angesehen ... und dabei kennt er sie so gut wie gar nicht ...« »Dann steigen ja meine Chancen ...«, der Graf sieht blinzelnd nach dem Start dicht an der Tribüne, wo in diesem Augenblick die Fahne fällt. Die drei Pferde kommen, Kotspritzer mit den Hufen hinter sich aufwerfend, in kurzem Galopp vorbei und segeln dem Wäldchen zu. Schon ehe sie es erreichen, ist es klar, daß Cocktail auf die Dauer nicht wird mitkommen können. Auch scheint ihm die Sache gar keinen Scherz zu machen. Schon ist er fünfundzwanzig, dreißig Längen hinter den beiden anderen zurück, als die Gesellschaft im Wäldchen verschwindet. Ein heiteres Murmeln geht durch die spärlichen, teilnahmlos herumsitzenden Gruppen, während sie wieder auftaucht. Minotauros führt, Mary hält sich krampfhaft dicht hinter ihm, und eine weite Strecke zurück galoppiert der greise Cocktail so mißvergnügt dahin, als wollte er sagen: »Kinder ... was sollen die Scherze ... ich bin zu alt dazu!« Plötzlich ein rascher Ausruf ... ein paar Stimmen dazwischen ... und ein ganzes Gewirr von Flüchen und Gelächter. Man springt auf und gestikuliert die Operngläser werden erhoben ... man streitet und schreit ... »Was ist denn los?« fragt Hilda ängstlich. Parsenow läßt sein Glas sinken. Ein grimmiges Lächeln geht über sein Gesicht. »Sie haben sich verritten!« sagt er vergnügt, »Pfeifer und der andere ... dort an der Schleife, sind sie aus den richtigen Flaggen gekommen ... und dabei reiten sie immer noch weiter! ... wenn jetzt Wendlau aufpaßt! ... setzte er nach einiger Zeit murmelnd dazu. Und Wendlau paßt auf! Er hat die Situation überschaut und jagt an der verhängnisvollen Stelle geradeaus, den richtigen Weg weiter, während eben erst die beiden andern den Irrtum gewahr werden und im Bogen schwenken, um den langen Weg bis zu der Schleife zurückzureiten. »Wenn der Wendlau Vernunft hat, muß er jetzt losreiten wie toll!« klingt hinter Hilda Stayningens heisere, knarrende Stimme, und fast zugleich beugt sich neben ihr Parsenow vor: »Gott sei Dank ... er reitet!« Draußen, im Felde merkt der alte Cocktail zu seinem lebhaften Mißvergnügen, daß sein Reiter plötzlich energisch zu werden anfängt. Peitsche und Sporen thun ihre Schuldigkeit. Der steife Hengst wird lebhaft. Er beginnt sich zu strecken und geht in rascher Fahrt dahin, während der Husar sich alle Augenblicke im Sattel umwendet, um nach den beiden Rivalen zu schauen, die viele hundert Längen hinter ihm aus allen Kräften losjagen. Aber die Distanz ist zu groß und zudem der gelockerte Boden den schwergewichtigen Pferden nicht günstig. Bis auf zwanzig Längen kommen sie heran, dann aber schießt der ununterbrochen energisch aufgemunterte Cocktail mit fliegenden Nüstern und schaumbedeckt durch das Ziel. Musiktusch ... Heiterkeit und Lärmen überall ... trotz etwaiger Geldverluste ist man dem alten Veteran beinahe dankbar für die Ueberraschung die er in den langweiligen Regentag gebracht. »Nun haben wir fünfzehnhundert Mark gewonnen!« sagt Hilda strahlend und schlägt vergnügt wie ein Kind die schmalen Handflächen zusammen. »Mehr.« Parsenow steht auf. »Du vergißt Dein Totalisator-Billet!« »Ach ja!« daran hatte sie nicht gedacht. »Darauf giebts ja auch noch was!« »Wahrscheinlich 'ne ganze Menge!« meint Stayningen. »Werde sofort nachschauen meine Gnädigste!« Es dauert kaum eine Viertelstunde, bis das überraschende Resultat bekannt ist. Der Totalisator zahlt den fünf Glücklichen, die auf Cocktail gesetzt, das 45fache Geld aus. So hohe Odds waren schon lange nicht da. Mit freudigem Staunen sieht Hilda auf das Päckchen Banknoten, die ihr der Prinz bringt, und zählt sie immer wieder durch, um sich zu überzeugen, daß sie wirklich – durch eigene Arbeit, wie sie stolz hinzusetzt, – die Summe von beinahe 900 Mark verdient hat. Das Rennwesen erscheint ihr jetzt auf einmal in einem ganz anderen Licht. Sie überlegt. »Weißt Du,« wendet sie sich dann zögernd zu dem Grafen, »eigentlich könntest Du doch ein paar von den Pferden behalten. Es ist so nett?« »Das denkst Du Dir jetzt so!« meint Parsenow ... »wenn ich dann verliere, kommt Dir die Sache anders vor ...!« »Wenigstens zwei Pferde ... oder eins nur ... damit man doch sagen kann, man hätte auch seinen Rennstall ...!« »Ob man einen Steepler hat oder zehn ...« der Graf steht auf und knöpft den braunen Sport-Paletot zu, ... »das bleibt sich ganz gleich, liebes Kind! ... sein Geld wird man doch los ... so oder so ... Und nun entschuldige mich einen Augenblick. Ich will mal sehen, wie es mit der Versteigerung steht.« Der Regen schlägt Parsenow ins Gesicht, als er, die steilen Holztreppen an der Seite der Tribüne heruntersteigend, auf den nassen Rasen tritt. Kein Mensch ringsum. In der Ferne blasen die Musikanten melancholisch in dem winddurchpfiffenen, offenen Tempelchen; ganz weit hinten sieht man eine Reihe Equipagen und Droschken in dem Nebel, deren Kutscher es sich in dem Innern der Vehikel bequem gemacht haben, während die Gäule unwirsch, die triefenden Schädel schütteln und mit den Vorderhufen in dem Schlamm graben. Es ist ein öder Anblick. Parsenow fröstelt. Das ist also der Abschied von der geliebten Rennbahn. Ein merkwürdiges Gefühl von Unbehagen, von Grauen vor der Zukunft steigt in ihm auf. Daß gegen seelische Verstimmungen Cognac mehr wirkt als alle Vernunftgründe der Welt, das weiß er aus Erfahrung. Er tritt an den Schenktisch der Tribüne, wo im Dämmerlicht einzelne Uniformen und Herrenmäntel schimmern, und läßt sich ein Glas fine champagne geben. In dem Augenblick, als er es geleert niedersetzt, weht ihn von hinten ein wohlbekannter Duft, der Parfüm von Ylang-Ylang an. Unwillkürlich wendet er sich um. Richtig ... da steht die Ernesti. Sie verzehrt eine Schinkenstulle, trägt dicke Galoschen mit Pelzbesatz und eine Boa um den Hals und sieht sehr mißvergnügt aus. Ueber die Begegnung mit Parsenow scheint sie keineswegs erstaunt, sondern hält ruhig seinen verblüfften Blick aus ... »Bei dem Wetter schleppt er mich hier heraus!« sagt sie endlich, ohne daß vorher ein Wort der Begrüßung gefallen, ... »es ist wirklich empörend. Und bloß, um ein paar Gäule zu kaufen, weil er behauptet, ich verdürbe ihm die Orloff-Traber durch zu schnelles Fahren ...« »Wer?« fragt Parsenow halb mechanisch, ... »der van Look ...« »Weißt Du?« ...die Ernesti sieht sich vorsichtig um, ob niemand sie belauscht ... »Du warst doch viel netter! ... ungelogen ... ich langweile mich zum Umkommen mit dem Menschen ...« »Ist er denn so geizig?« »Nein ... gar nicht« ... Erna nippt vorsichtig an ihrem Glas mit heißem Grog, ... »er leiht uns sogar das Geld, um das neue Ausstattungsstück herauszubringen ... weißt Du das noch nicht ...? Ich sage Dir ... ich verzapfe da die Rolle der Satanella ... die ist nicht von Pappe ...« »Na also ... was willst Du denn mehr?« sagt der Graf. Es ärgert ihn, daß er überhaupt mit Erna zu sprechen begonnen hat, aber er kommt nicht los. Erna verzieht gelangweilt den Mund. »Er ist so stumpfsinnig! ... und dann« ... sie neigt sich geheimnisvoll zu dem Ohr ihres Freundes ... »man erzählt so allerlei ... es soll faul mit ihm stehen ...« »Mit dem Geld?« »Oberfaul!« bestätigt die Ernesti »... ich hab's von verschiedenen Seiten gehört ... freilich ... ob's wahr ist?« »Unsinn!« sagt Parsenow kurz und wendet sich ärgerlich ab. »Adieu!« »Adieu!« Die Ernesti legt ihm, während er sich umwendet, die Hand auf die Schulter, ... »sag' mal ... kommst Du zu der Premiere der Satanella? ... es wird fein!« »Womöglich gar mit meiner Braut?« »Warum denn nicht?« meint Erna unschuldig, »... die weiß doch nicht ... und ich hab' so ein entzückendes Kostüm ... rote Tricots und kleine Hörnchen auf dem Kopf ... und ...« »... sag' mal!« unterbricht sie der Graf,» ... woher weißt Du das mit van Look?« »Gott ... man sagt so ...« erwidert Erna leichthin ... »wenn einer 'mal bei der Ultimo-Regulierung ein paar tausend Märker los wird, heißt's ja gleich: er ist pleite! Ich glaub' eigentlich nicht ...« »Gestatten Herr Graf!« Ein auffallend gekleideter Herr in den Vierzigern mit schnarrender Stimme und äußerst sicherem Auftreten taucht neben der Ernesti auf und schneidet ihr das Wort ab ... »ich weiß nicht, ob ich noch den Vorzug habe, von Ihnen gekannt zu sein ...« Der Graf erinnert sich allerdings des früheren Rittergutsbesitzers und Rennstallinhabers Schumacher, der es in der Gründerzeit zu großem Vermögen gebracht hatte, nach dem Krach auf einige Jahre verschwunden war und jetzt als Kommissionär und Agent für allerhand Dinge sein Dasein fristet. »Was steht zu Diensten?« Parsenows Stimme klingt äußerst kühl. »Es handelt sich um Ihren Rennstall! Ich habe einen Käufer dafür. Das ist allerdings etwas anderes! Erna Ernesti sieht sich im nächsten Augenblick verlassen am Büffet stehen, bis nach einiger Zeit van Look, den nassen Schirm schüttelnd und mit seinem gewohnten unbeweglichen Gesicht, zu ihr hereintritt. Die beiden andern aber haben sich am Fenster niedergelassen und besprechen, die Portwein-Gläser vor sich, eifrig den Handel. Es ergiebt sich, daß ein Herr Sanin, ein junger Russe, der seit einiger Zeit auf der Berliner Produktenbörse eine Rolle spielt, gesonnen ist, seinen schon bestehenden Traberstall durch den Ankauf einiger Hindernis-Pferde zu vervollständigen, und nicht abgeneigt ist, die Parsenow'schen Steepler in Bausch und Bogen zu erwerben. Er zahlt bar! ... das ist auch viel wert. Und nach einer kleinen Viertelstunde trennen sich der Graf und der Agent mit freundschaftlichem Händedruck. Sie haben beide ein gutes Geschäft gemacht, dessen Kosten der Matador des russischen Kornmarkts trägt, und die beabsichtigte Versteigerung der Pferde wird heute nicht stattfinden. Dies letztere hatte der Graf eben angeordnet, als er auf dem Rückweg zur Tribüne seinen Geschäftsfreund Krakauer bemerkte, der ausnahmsweise nicht lächelte, sondern eilfertig auf ihn zukam. »Ich suche Sie, Herr Graf,« sagte er ... »bin extra Ihretwegen herausgefahren.« »Schmeichelhaft! ... was giebts?« Krakauer sah sich um. Dann sagte er leise: »Hat Frau von Braneck nicht ihr Geld bei van Look und Compagnie?« »Ja!« »Herr Graf!« Krakauer beugte sich bis dicht an sein Ohr ... »'s bleibt unter uns: ziehen Sie's zurück! ... so schnell wie möglich!« Merkwürdig, wie es Parsenow fröstelte! »Ist's wirklich notwendig?« »Nu – halten Sie mich für 'nen harmlosen Menschen?« Krakauer fühlte sich beinahe beleidigt. »Im Gegenteil.« Parsenow zündete sich eine Cigarette an. »Sie sind so schlau, daß Sie schon beinahe wieder dumm sind! ... also sagen Sie ... van Look wackelt wirklich?« »Heut früh hätten Sie's an der Börse überall hören können. Faul ... oberfaul! ... seine Vettern in Paris, Lejeune Frères und Compagnie haben gestern fallirt... ich glaube nicht, daß der Mann das aushält ... in seiner Lage ... hat allerdings noch einen Onkel in England ... Augustus T. von Look ... ein großer Mann in der City ...« »Morgen!« Parsenow schritt eilig der Tribüne zu. Er war bleich geworden. In seinen Ohren klang es immer wieder, bald in Ernas heller Stimme, bald in Krakauers gaumigen Diskant: »Faul ... oberfaul!«... Auf der Treppe stand Hilda, die Kapuze des Mantels über dem Kopf. Schon von ferne sah er, daß sie unmutig und gekränkt dreinblickte. Prinz Stayningen lehnte daneben und lachte thöricht vor sich hin. Dahinter glänzte der Attila des kleinen Wendlau, der ziemlich betreten aussah ...« »Hören Sie mal, Graf!« sagte er, Parsenow entgegentretend... »thut mir verdammt leid ... hatte ja keine Ahnung, daß die Dame Ihre Braut ist ...« »Herr von Wendlau!« Parsenow furchte zornig die Stirne. »Sonst hätt' ichs ja nicht gesagt!« fuhr der betrübte kleine Husar fort, »... die Sache war nämlich so ... ich ging eben hier vorbei ... da fragt mich der stumpfsinnige Prinz, ob ich nicht wüßte, wo Sie seien. Natürlich! ... sage ich ... Parsenow sitzt unten am Büffet mit der Ernesti ... na ... und dann ...« »Ich danke Ihnen,« Parsenow drückt ihm verbindlich die Hand, ... »das haben Sie reizend gemacht, lieber Wendlau... ganz reizend!« Der Leutnant zuckt bedauernd die Achseln. Frau Hilda aber sagt in auffallend bestimmtem Ton: »Ich habe Lust, nach Hause zu fahren, Konrad!« »Sofort, liebes Kind ... meine Angelegenheiten hier sind erledigt!« »Das scheint so!« erwidert die schöne Frau scharf und schreitet vor ihm die Treppe hinab. Während er ihr folgt, glaubt er hinter sich das spöttische Kichern des fürstlichen Gigerls und des kleinen Husaren zu vernehmen, und kommt sich selbst äußerst lächerlich vor. Er weiß ja, wie man in seinen Kreisen über Pantoffelhelden denkt. Schweigend schreiten sie beide über den Kiesweg, während hinter ihnen sich eben das zweite Rennen des Tages entscheidet. Ein Haufe Jockeys schießt aus dem Nebel heran. Die grellseidenen blauen, gelben und roten Jacken heben sich seltsam ab von dem düstergrauen Hintergrund. Allen voraus jagt ein winziger Stallbursche, der sich in den Bügeln aufstellen muß, um über den Kopf des Pferdes hinwegzusehen, und in einem für sein Alter verblüffenden finish siegt. Aber keine Hand regt sich, kein Zuruf wird laut. Das Häufchen verfrorene Sportfreunde ist durch das schlechte Wetter ganz apathisch geworden. Am Eingang hielt auf der Chaussee der Wagen. Sie stiegen ein und rollten den Berg hinunter, hinter dem in schlüpfrigem Grau die Häuser von Charlottenburg glänzten. Eine lange verlegene Pause entstand. »Liebes Kind!« sagte Parsenow endlich ... »es war gewiß nicht recht, daß ich vorhin ... ich dachte nicht daran ... freilich ... aber Du mußt das nicht mißdeuten ... die Dame hatte mir etwas wichtiges mitzuteilen ...« »Was denn?« frug Frau Hilda gepreßt und sah zum Fenster hinaus auf die leere, kotige Landstraße. Ihr Bräutigam schwieg. Er konnte doch unmöglich in diesem Augenblick von ihrem Vermögen anfangen. »Es war wohl so wichtig, daß ichs nicht hören darf!« sagte Hilda endlich. Ihre Stimme klang schon thränenerstickt. »Du irrst Dich, Herz! ... und überhaupt ... es waren nur ein paar Worte, die gewechselt wurden ... Dummheit von mir ... ich geb's ja zu ... hauptsächlich habe ich mit einem Herrn Schumacher verhandelt, der meinen ganzen Rennstall ...« Frau von Braneck fing an zu weinen ... langsam, sanft und unaufhörlich. Parsenows beschwichtigende Worte verstärkten weder den Strom der Thränen noch hielten sie auf ihm. Sie hörte einfach nicht auf ihn. Er konnte sagen, was er wollte. Der Graf kannte diese Verfassung der Frauen. Da galt es eben, ein, zwei Stunden, vielleicht einen halben Tag geduldig zu warten, bis unter einem letzten großen Thränen-Erguß das erste, noch halb verzweifelte Lächeln wieder zum Vorschein kam. Langweilig! ... aber es ging nicht anders. Grimmig schweigend saß der Graf da, während Frau Hilda müde die rotgeränderten Augen schloß und wie schlafend den Kopf in die Polster lehnte. Das war also das erste Vorspiel zur Ehe! Parsenow gähnte verstohlen. Eine Cigarette wagte er sich nicht anzustecken; so sah er verbissen zum Fenster hinaus, an dem die bunten, regenfeuchten Baumgruppen des Tiergartens vorüberzogen. Ein paar Schutzleute standen am großen Stern und betrachteten gelangeweilt den grauen Himmel, jämmerliche Lastfuhrwerke knarrten vorüber; am kleinen Stern spielte der blinde Invalide wie immer die »Wacht am Rhein« und die Arie der Agathe aus dem »Freischütz« auf seiner alten Drehorgel, im Goldfischteich zogen noch immer die fallenden Regentropfen ihre ineinanderfließenden Kreise. Und dann schoß ein Gefährt vorüber, das der gelangweilte Bräutigam wohl kannte. Es gab wenige solche Orloff-Traber in Berlin. Einen Augenblick sah er durch die Scheiben Ernas Gesicht, die neben dem müde scheinenden von Look saß. Sie gähnte eben, lässig die Finger der Rechten vorhaltend, daß das Gold der Plomben zwischen den weißen Zähnen aufblitzte. Dann war der Wagen vorbei und in Parsenow regte sich der verbrecherische Gedanke, daß es doch eigentlich viel bequemer sei, eine Frau neben sich zu haben, deren Kummer man, wie den Ernas, bei dem nächsten Juwelier für ein paar hundert Mark stillen konnte ... eine Frau, die Spaß verstand ... die ihn eben mit einem Worte nicht zum Philister in Schlafrock und Pantoffeln machen wollte. Gleich darauf schämte er sich dieser Regung. Ehrerbietig ergriff er Hildas Hand und führte sie leise an seine Lippen. Sie ließ es ruhig geschehen, aber ihr sofort eintretendes erneutes Schluchzen bewies ihm, daß die Frage der Aussöhnung noch nicht ganz reif sei. So schwieg er denn wieder und sah vor sich hin. »Faul! ... oberfaul!« klang es immer wieder in seinem Innern nach. Wenn Krakauer das sagte, hatte er seine guten Gründe. Und er konnte nichts machen – gerade jetzt nichts – ohne im höchsten Maße taktlos zu erscheinen. Allenfalls konnte er in den nächsten Tagen mit dem Schwiegervater darüber sprechen. Er mußte es sogar ... so bald als möglich. Vielleicht war das Gerücht doch wahr ... er glaubte jetzt noch nicht daran, weil er wußte, wie leicht auf der Börse und dem Rennplatz solche Stimmungen entstehen und vergehen – aber wenn es sich bestätigte, dann war jede Stunde kostbar. Er versank in tiefe Gedanken, bis die Gummiräder auf dem Pflaster zu hüpfen anfingen. Man fuhr auf das Brandenburger Thor zu; die vier Pferdeköpfe der Quadriga starrten von oben herab. Darüber zogen graue triefende Wolkenfetzen pfeilschnell hinweg nach dem Hohenzollernschloß zu und in schweren Stößen schleuderte der Wind die Regengüsse vor sich her über den spiegelnden Asphalt der Linden. Parsenow seufzte. Das war also der letzte Tag auf dem Turf gewesen. Unwillkürlich blickte er zu dem Himmel empor und wieder kam ihm der Vers in den Sinn, den er vorhin scherzend gesprochen: »Zum Abschiednehmen just das rechte Wetter, Grau wie der Himmel steht vor mir die Welt!« VII. »Bist Du immer noch böse?« Parsenow beugte sich halb lächelnd über den Tisch, von dessen weißem Damast der Kellner soeben die Brodkrumen hinweggefegt hatte, und sah Hilda erwartungsvoll bittend an. Er hatte den Zeitpunkt richtig gewählt. Die schöne Frau war versöhnlich gestimmt. Sie blickte zwar unverwandt vor sich nieder in das Kaffeetäßchen und rührte mechanisch mit dem Löffel in der dampfenden Flut, aber ein flüchtiges Lächeln umspielte ihren Mund und sie erwiderte noch halb zagend den Druck seiner Hand. Das war also erledigt. Frau Hilda musterte ihren Bräutigam mit einem Blicke zärtlicher Resignation als wollte sie sagen: »Gott, was werde ich noch an Dir zu erziehen haben!« ... aber gleichzeitig kam ihr der tröstliche Gedanke, daß er ja in Hinterpommern unter ihrer steten Obhut sein werde! Und nach Berlin ließ sie ihn nicht allein fahren ... das Gelübde hatte sie sich schon lange abgelegt! Nachdem so die Versöhnung glücklich zu Stande gekommen, wurde sie sehr vergnügt; es war, als wolle sie sich für den Aerger der letzten Stunden schadlos halten. Der Totalisatorgewinnst fiel ihr ein. Sie hatte ihn Parsenow zum aufheben gegeben und bestand jetzt darauf, daß man Cocktails Sieg in angemessener Weise feiern müsse. Sie selbst wollte dabei die Wirtin spielen. Es machte ihr Spaß, die drei Herren, Parsenow, ihren Vater und ihren Bruder, an dem heutigen Abend frei zu halten. Aber wohin gehen? »Im ›Theater an der Spree‹ ist heute eine große Novität,« sagte Parsenow, den Vergnügungs-Anzeiger studierend. »Hast Du schon 'mal eine Berliner Premiere mitgemacht?« Sie verneinte. Der Gedanke gefiel ihr. Und nach wenigen Minuten war ein Piccolo des Hotels auf dem Wege nach dem Theater, mit dem strengen Befehl des Portiers, unter allen Umständen die befohlenen Plätze herbeizuschaffen. Vor dem, natürlich bereits völlig ausverkauften Hause angelangt, sah sich der Piccolo zunächst einen Augenblick vorsichtig um. Dann schritt er ohne weiteres auf einen dunklen Klumpen höchst fragwürdiger Gestalten zu, die auf der Straße vor dem Einfahrtsgitter Posten gefaßt hatten. Seine Absicht, eine ganze Loge zu erstehen, rief in den Kreisen der Billethändler Sensation hervor. Es gab ein aufgeregtes Hin- und Hergeflüster, bis endlich mehrere der Händler, mit dem Knirps in der Mitte, sich in Bewegung setzten und an einem argwöhnisch dreinschauenden Polizisten vorbei auf den Barbierladen an der Ecke zuschritten. In diesem Raum kam der Handel zu Stande. Die drei Verkäufer stellten aus ihrem Billetvorrat eine Loge zusammen und forderten dafür hundert Mark! Allein der Piccolo war ihnen gewachsen. Er erklärte einfach, bis zum Beginn des Theaters hier warten zu wollen – seine Herrschaften seien feine Leute, die doch erst später kämen – dann würden die Preise von selbst sinken und sie, die Händler, froh sein, wenn man ihnen die Plätze zu dem schoflen Stück zum Kassenpreis abnähme. Schließlich einigte man sich auf fünfundachtzig Mark. Mit ruhiger Siegesmiene legte der Knirps die Billete vor Frau von Braneck nieder, mit der Meldung, daß dieselben leider unter hundert Mark nicht zu bekommen gewesen seien. Diese Summe habe inzwischen der Portier ausgelegt. Hilda gab ihm fünf Mark Trinkgeld. Ebensoviel bekam er von dem Pförtner, der den Rest des ersparten Geldes für sich behielt, und während er stolz die Silberstücke in die Tasche seines blauen Jäckchens schob, sah er sich in kühnem Zukunftstraume als den Besitzer eines Monstre-Hotels in Berlin, in dem die Gäste noch ganz anders übers Ohr gehauen werden sollten, ohne daß er mit dem Portier zu teilen brauchte ... Frau von Braneck war auf ihr Zimmer gegangen, um sich umzukleiden, ihr Bruder ließ sich beim Friseur nebenan noch rasch den Scheitel durchziehen, der Major und Parsenow saßen sich rauchend an dem Tisch gegenüber. Der Graf hätte gern über die Enthüllungen des Nachmittags zu sprechen angefangen, aber er fand die Worte nicht. Plötzlich riß ihn der Alte selbst aus der Verlegenheit. »Wissen Sie, was mir eben passiert ist?« meint er, an seiner Havannah ziehend, »auf dem Corridor begegne ich Böseritz, altem Regimentskameraden, der jetzt in Berlin mit dem Gelde seiner Frau Terrainspekulationen macht ... höllisch schlauer Kunde, das ... also der hält mich fest und sagt ... Döbeln, haben Sie etwa Geld bei van Look und Compagnie? ... Ja ... sag' ich ... und er: abheben alter Freund, abheben so rasch als möglich ... ich rat's Ihnen im guten ... es steht oberfaul dort.« »Dasselbe hörte auch ich!« Parsenow giebt sich Mühe, seine Erregung zu verbergen. »Dies verdammte Berlin« ... der alte Herr steht zornig auf ... »ausgeraubt und totgeschlagen wird man hier! ... Sie müssen mir schon den Gefallen thun, Graf, und sehen, wie's mit Hildas Depositen steht. Ich verstehe von den Geschichten nichts und dann möcht' ichs doch auch diesem van Look nicht so gerade ins Gesicht sagen ...« »Ich gehe morgen so früh wie möglich hin!« erwidert Parsenow. »Hoffentlich ist es nur leeres Gerede.« »Nun, seid Ihr fertig« ... Hilda tritt, die Handschuhe zuknöpfend, in den Speiseraum ... »ah ... da kommt ja auch Kurt ... nun macht aber, damit wir nicht zu spät kommen ...« Bald darauf nähert sich ihr Wagen dem ›Theater an der Spree‹. Eine endlose Droschkenreihe, an der die Schutzleute fluchend auf- und niederreiten, schiebt sich im Schritt vorwärts nach dem hellerleuchteten Portal. Dort springen die Portiers eilfertig hin und her ... die Wagenthüren krachen zu, die alten Frauen auf der Straße rufen mit heiserer Stimme den Theaterzettel aus, ein Strom von Fußgängern flutet an ihnen vorbei und ergießt sich in das Vestibül. Alle Gänge, alle Garderoben wimmeln von erregten Menschen. Die schwüle Spannung der Première zittert über dem dichtgefüllten Haus, bis endlich das Klingelzeichen tönt und der Vorhang lautlos in die Höhe rollt. Auf den Fußspitzen, die Schleppe hochgehoben, um nicht mit der knisternden kostbaren Seide irgendwo hängen zu bleiben, tritt Käthe Krauß an das Gestell von Holz und Leinwand heran, das die linke Seitenwand eines Zimmers auf der Bühne markiert. Das Ohr an die Pappthüre geneigt, durch die sie einzutreten hat, lauscht sie, den Inspicienten neben sich, auf ihr Stichwort. Dumpf klingen die Stimmen der Schauspieler, der krächzende Baß des Komikers und das wohlklingende Organ des jugendlichen Liebhabers durch die Kulisse zu ihr. Näher und näher rückt der Augenblick. Eine furchtbare Angst preßt ihr die Brust zusammen. Bisher ist es gut gegangen, in den ersten zwei Akten, in denen sie nur im Ensemble mitzuspielen und ab und zu ein paar Worte zu sprechen hatte. Jetzt aber im dritten Aufzug, kommt ihre große Szene, kommt die Entscheidung. »Das kannst Du ihr alles selbst sagen ...« klingt der Baß von der Bühne. Das ist ihr Stichwort. Der Inspicient reißt die Thüre auf ... sie tritt hinaus auf die lichtüberfluteten Bretter, auf deren Mitte ihr Partner, der Liebhaber, steht, während der Komiker nach rechts verschwindet. Zum Glück ist zunächst eine kurze Spielpause vorgeschrieben, in der sie verschüchtert zur Seite zu sehen hat. Sie wendet den Kopf. In feierlichem Dämmerlichte liegt der riesige Zuschauerraum vor ihr. Zahllose weiße Flecken, die Hände und Gesichter, schimmern aus dem Halbdunkel. Nichts regt sich. Nicht einmal ein Hüsteln unterbricht die Totenstille. Wie versteinert sitzen vor ihr die langen dunklen Reihen, aus denen sie viele hundert Augenpaare auf sich ruhen fühlt. »Ach, Max!« zischelt es zu ihren Füßen, wo die Souffleuse, über das Buch gebeugt, in atemloser Aufmerksamkeit sitzt. Sie wiederholt die Worte. Ihre Stimme klingt ihr fremd, als käme sie von Gott weiß woher. Ihr Partner fällt ein. Die Szene nimmt ihren Anfang. In einem vorwiegend ernsten Stücke wie diesem fehlt jener innige Contakt der Bühne mit dem Publikum, der sich in dem Lustspiel ganz von selbst erzeugt. Das Lachen im Zuschauerraum beweist, daß ein Auftritt einschlägt, es ermutigt die Darsteller, es hebt die Stimmung vor und hinter den Kulissen. Anders bei Schauspielen. Es ist schon viel, wenn es unten ganz still ist, wenn nicht Hin- und Herrücken, Hüsteln und Flüstern die Teilnahmlosigkeit des Publikums bezeugen. Aber was dann dieses ernste Schweigen bedeutet, ob Ergriffenheit, ob Kälte, oder Mißbilligung ... wer kann das sagen? Und doch hat Käthe, während sie spricht und spielt, allmählich die Empfindung, daß sie nicht mißfällt! Warum, weiß sie selbst nicht, aber es kommt Leben in sie, ihre Bewegungen werden freier, ihre Stimme heller ... immer rascher das Tempo, in dem sie und ihr Partner die geschickt aufgebaute und dankbare Szene herunterspielen. Sie verspürt keinerlei Angst mehr ... sie ist ruhig, ganz ruhig. Sie denkt nicht einmal mehr an das Publikum. Sie geht ganz auf in der Darstellung, sie schmiegt ihr Spiel dem des Partners an und läßt sich von dem beliebten, temperamentvollen Schauspieler fortreißen bis zur Selbstvergessenheit. Und dann die letzten Worte, ein paar schnelle Schritte nach links, wo sich die Thüre vor ihr öffnet ... sie steht mit klopfendem Herzen in der Dämmerung hinter dem Holzgestell der Kulisse und lauscht ... Alles still! Sie hört ihren eigenen keuchenden Atem, dann da und dort ein mattes Geräusch zusammengeschlagener Handflächen, ein schüchterner Versuch zum Klatschen ... und gleich darauf ... als Antwort ... ein sanftes, zurechtweisendes Zischen, im Parkett, ein geschäftsmäßig klingendes Zischen, das leise durch das Haus geht und in Kurzem wieder verstummt. Dann tritt der dicke Komiker wieder auf... er macht einen Witz ... man lacht ... er macht einen zweiten ... man lacht wieder; das Spiel geht weiter; der kleine Zwischenfall ist schon vergessen ... Die ab und zugehenden Schauspieler stören Käthe Krauß nicht, die reglos im Conversationszimmer auf dem Sofa sitzt. Sie kennen diesen Zustand. Wer von ihnen ist nicht einmal durchgefallen? ... hat nicht einmal es an sich erfahren, das man selbst nur empfindet, was man gewollt, die andern, was man gekonnt hat? Lange Zeit starrt Käthe vor sich hin. Warum auch nicht? Sie hat ja Zeit genug. Im vierten Akte tritt sie nicht mehr auf. Es kommt ihr vor, als ob sie ein böser Traum umfinge, den sie abzuschütteln nicht die Macht hat. Aber jetzt dringt Lärm von der Bühne her, man hört Rufe und Händeklatschen, es entsteht ein Hin- und Hergelaufe, Requisiten werden vorbeigetragen, der Akt ist zu Ende. Sie steht müde auf und geht nach vorn. Dort steht der Bühnenleiter, im Frack und weißer Binde, eine Miniatur-Ordenskette auf der Brust, neben ihm eine hübsche, sehr blasse Dame, in Abend-Toilette, die offenbar aus dem Zuschauer-Raum hereingekommen ist. Der Direktor erblickt Käthe: »Nun ... da sind Sie ja ...« sagt er ziemlich unfreundlich, und wendet sich dann zu der blassen Dame: »... bis wann, liebe Lowinska, denken Sie denn wieder so weit zu sein, daß Sie Fräulein Krauß ablösen können?« »Ich bin noch recht angegriffen ... « erwidert Fräulein Lowinska mit einem flüchtigen Blick auf Käthe ... »aber ich will mich gleich dahinter machen ...« »Ich bitte Sie darum.« Der Direktor sieht Käthe mißbilligend an ... »schön war das eben wirklich nicht ...« »Ich habe mir solche Mühe gegeben!« sagt die kleine Krauß mit tonloser Stimme. »Ja, Mühe! ... Kunst kommt von können liebes Kind, darum heißt sie Kunst ... Es geht wirklich noch nicht mit Ihnen!« »Vielleicht geht es morgen besser!« flüstert Käthe in einem letzten verzweifelten Hoffnungsschimmer. »Nein ... nein!« Der Direktor muß beinahe lächeln, ... »das würde nichts helfen! Morgen früh steht das Unglück doch schon in allen Kritiken ... aber Sie werden morgen noch spielen, und auch übermorgen noch, bis Fräulein Lowinska...« »Und dann kann ich gehen?« Der Bühnenleiter zuckt die Achseln. »Thut mir leid, liebes Fräulein! ... Ich habe Ihnen nie mehr in Aussicht gestellt, als ein paarmaliges Auftreten. »Und was soll ich dann thun?« »Gehen Sie in die Provinz, Kind!« sagt der Direktor im Fortgehen ... »spielen Sie ein paar Jahre auf kleinen Theatern alles, was Ihnen vorkommt ... die größten Rollen ... und wenn Sie eben ganz auf der Bühne zu Hause sind, dann versuchen Sie 'mal wieder hier in Berlin anzukommen ... oder sonst an einer guten Bühne ...« Damit geht er. Die beiden Damen bleiben zurück und sehen sich befangen und feindselig an. »Sie haben da ein reizendes Kostüm,« sagt endlich die Lowinska, das Schweigen brechend ... »wirklich sehr chic ...« »Ja,« sagt Käthe vor sich hin ... »das ist sehr chic .« »Haben Sie es eigens für die Rolle machen lassen?« »Ja ... das ... und ein Reitkleid ... und ein Spitzen-Negligée.« »Oh« ... macht die Lowinska etwas verlegen ... »das ist viel ... nun, Sie können die Sachen ja immer wieder brauchen ... besonders die Robe ... wieviel kostet sie denn?« »Die kostet mich sehr viel,« erwidert Käthe gleichgültig »... mehr als ich sage. Finden Sie nicht, daß es eigentlich furchtbar lächerlich ist, sich solch kostbare Kleider zu bestellen, wenn man nachher doch durchfällt?« »Mein Gott ... das kann jedem 'mal passieren.« »Und die Kleider kann man doch immer wieder gebrauchen.« Käthe lacht hell auf ... »und sich neue machen lassen, wenn man Lust hat. Das ist doch alles eigentlich sehr einfach ... was?« »Ich verstehe Sie nicht!« Die Lowinska sieht sie befremdet an und da in diesem Augenblick das Klingelzeichen zum vierten Akt tönt, setzt sie rasch hinzu: »nun ... ich muß jetzt wieder in meine Loge ... adieu!« Käthe blickt ihr gleichgültig nach. Sie ist völlig ruhig. Es ist, wie wenn ein einziges Wort sie gebannt hält, sich immer und immer wieder in ihrem Kopfe umwälzt: Umsonst! umsonst! ... Umsonst hat sie ihrem Ehrgeiz das letzte Opfer gebracht. Es war vergeblich. Was nun? Der Bühne entsagen, von der kärglichen Pension der Mutter wieder in dem Ackerstädtchen leben, in dem sie ihre Jugend verbracht ... nein ... unmöglich! Früher vielleicht, wo ihr noch die letzte Hoffnung, die Heirat, übrig blieb ... aber jetzt ... Also auf der Bühne bleiben? werden wie die andern auch? ... nur ohne deren Talent und Leichtsinn ... Käthe seufzt auf. Sie empfindet einen Ekel, der in ihr aufsteigt, ein Gefühl der Uebelkeit, den Drang, dieser Welt von Leinwand und Stricken, von Staub und Schminke, von Moder- und Gasgeruch zu entfliehen, für immer zu entfliehen ... gleichviel, wohin. »Nanu, Freilein!« sagt die Garderobière zu ihr, als sie die kleine Krauß plötzlich in Hut und Mantel auf den Ausgang zukommen sieht ... »haben Sie sich denn schon abjeschminkt? Herrjeses ... und umjezogen haben Sie sich ooch noch nicht?« »Lassen Sie mich!« Käthe schiebt sie rauh zur Seite und tritt auf die Straße hinaus, in die kalte Herbstluft. Die Sterne glitzern über ihr und der Nachtwind streicht kühlend um ihr erhitztes geschminktes Gesicht. Am Ufer bleibt sie stehen. Vor ihr fließt die Spree langsam durch ihr gemauertes Bett. In der tintenschwarzen Flut, die gurgelnd um die vermorschten Pfähle spielt, glänzt in zitternden Lichtstreifen der Schein der Gaslaternen. Große plumpe Kähne liegen reglos auf dem Wasser. Auf dem einen beginnt der Spitz, der sich auf dem Deck herumtreibt, plötzlich heftig zu kläffen. Unten in der niedrigen, stickigen Kajüte richtet sich die Frau des Besitzers aus dem Bette auf. »Haste nichts jehört, Vater?« Der Schiffer schnarcht weiter. »Es hat so'n Plumpser gegeben! ich meene als...« »Na, wenn schon ...« brummt der Mann im Schlaf und wendet sich schwer auf die andere Seite. Sein Weib späht noch einen Augenblick durch das winzige Fensterchen nach dem Ufer, ehe sie sich wieder zur Ruhe legt. Wagen rasseln dort in Menge vorbei, schwarze Menschengruppen, aus denen die roten Pünktchen der Cigarren glühen, schreiten plaudernd und lachend über das Trottoir. Die Vorstellung ist zu Ende. »Interessant ... so eine Première!« sagt Hilda von Braneck, sich behaglich in den Kissen zurücklehnend, zu ihrem gegenübersitzenden Bräutigam ... »wirklich eine schöne Vorstellung.« »... blos die eine taugte nichts ... diese kleine Dingsda ...« meint ihr Bruder, »die verzapfte eine böse Komödie ...« »Ja« ... erwiderte Hilda ... »sie haben ja auch ordentlich gezischt ... Armes Ding ...« setzt sie nach einer Weile mitleidig hinzu. Der graue Herbstmorgen dämmert über dem Tiergarten. Mit gellendem Quaken ziehen die wilden Enten schweren Flügelschlags über die buntbelaubten Wipfel dahin, sie senken sich herunter und schlagen endlich schräge, weite Kreise im Wasser ziehend, schwer auf die spiegelglatte Oberfläche der Spree nieder. Am Ufer hinter dem Schlosse Bellevue, wo im leichten Morgenwind die Binsen schauern, hantieren zwei Fischer in ihrem Boot. Der eine bugsiert mit einer Stange einen Gegenstand durch die kalte Flut, der andere macht herausspringend das Boot an der Kette fest. Dann kniet er am Wasserrande nieder und zieht den Gegenstand heraus. Schweigend stehen die beiden da. Der eine hat unwillkürlich die Mütze abgenommen. Die Brise streift durch seine Haare und schüttelt lachend die lockeren Binsen. Ein Fisch springt schwerfällig schnalzend aus den Wellen und verschwindet. »Det scheene Kleid« ... murmelt schließlich der andere »... schad' drum! sowat hab' ick noch nich' jesehen ...« Sein Genosse antwortet nichts. Er sieht sich um und die Straße entlang, an deren Ende eine blaue behelmte Gestalt auftaucht. »Na ... da kommt ja glücklich 'n Schutzmann!« brummt er verdrossen. Der Schutzmann stellt sich neben die beiden und betrachtet kopfschüttelnd die zarte, ausgestreckte Gestalt, um die sich triefend naß das enge Seidenkleid schließt, und die spitzen, bleichen Züge, an denen da und dort, noch ein Restchen Schminke klebt. »... 'n propperes Mächen,« sagt er schließlich traurig und nickt mit dem Kopf ... »det kommt, von die verfluchte Liebe ...« Die Lowinska war nicht wenig erstaunt, als sie gegen Mittag die dringende Bitte der Direktion erhielt, wenn irgend möglich an Stelle des plötzlich verschwundenen Fräulein Krauß am Abend zu spielen. Da man deren Rollenheft noch nicht hatte erlangen können, lag das Regiebuch zum Lernen bei. Da war keine Zeit zum Ueberlegen. Die Lowinska ließ sich starken, schwarzen Kaffee kochen, rückte ihren Stehspiegel zurecht und begann zu lernen, Stunde auf Stunde. Gegen fünf Uhr fuhr sie ins Theater, probte dort in aller Eile mit dem jugendlichen Liebhaber und dem Oberregisseur ihre Szene im dritten Akt und erklärte sich bereit. Es war Sonntag. Das beifallsfrohe, schon im Voraus vergnügte Publikum eines Festtags füllte das ausverkaufte Haus und lauschte mit großer Spannung der Mitteilung des Regisseurs, daß Fräulein Lowinska die an Stelle des plötzlich erkrankten Fräulein Krauß eingetreten sei, sich der gütigen Nachsicht des Publikums empfehle. Für die zwei ersten Akte, die man nicht hatte proben können, war denn auch diese Nachsicht durchaus nötig. Um die Ensembleszenen nicht ganz zu verderben, pflanzte sich die Lowinska dicht am Souffleurkasten auf und »schwamm«, so gut es gehen mochte, im Strome mit. Anders im dritten Akt. Den hatte sie gelernt und geprobt. Ihr heißes Bühnenblut regte sich, sie improvisierte, wo ihr die Worte fehlten, sie spielte, noch angegriffen durch die Krankheit und aufgeregt durch das Gefährliche der Situation mit einem nervösen Feuer – und als sie, wie gestern ihre Rivalin, nach ihrer großen Szene mit hämmernden Pulsen hinter der Kulisse nach Atem rang, da scholl ihr wie Musik der stürmische Beifall des leichtgewonnenen Sonntags-Publikums in die Ohren. Sie lächelte triumphierend vor sich hin und begab sich langsam in die Garderobe. Als sie nach einiger Zeit »in Civil« wieder herauskam, sah sie im Conversationszimmer den Komiker sitzen. Er hatte ein Zeitungsblatt in der Hand und sah ernster aus als gewöhnlich. »Hast's schon gelesen?« frug der sonst so lustige Schauspieler. »Was denn?« »Na ... da mit der Krauß!« ... wollt's Dir vorhin nicht zeigen ... vor Deinem ersten Auftreten ...« Die Lowinska nahm die vom Montag Morgen datierte Zeitung, die er ihr bot, und las in dem lokalen Teil daß unweit des Schlosses Bellevue die Leiche einer etwa zweiundzwanzigjährigen mit einem Ballanzug bekleideten Frauensperson aus der Spree gezogen worden sei, in der man die unverehelichte Katharina Krauß, Arminiusstraße 17 wohnhaft, ermittelt habe. »Großer Gott!« die Lowinska ließ das Papier sinken. Der Komiker antwortete nichts, sondern pfiff nur leise vor sich hin. Die Wanduhr tickte eintönig. Ganz aus der Ferne hörte man einen Lachsturm im Publikum. »Schließlich« ... sagte die Lowinska halb vor sich ... »ich kann wahrhaftig nichts dafür. Im Gegenteil ...« »Nee ... Du kannst nichts dafür!« Die blasse Schauspielerin zog ihr Taschentuch heraus und begann nervös zu weinen ... aber gewiß ... sie traf keine Schuld ... sie war ganz freundlich gegen die Collegin gewesen und wer konnte denn wissen ... Schließlich beruhigte sie sich. Für sie war das doch heute ein Glücksabend ... Sie stand nach wie vor fest in der Gunst des Publikums, sie hatte Talent – das wußte sie –, die Kritik wollte ihr wohl, der Direktor war ihr Gönner! Und Toiletten hatte sie mehr als genug ... VIII. Auf der Sonnabend-Börse war das Gerücht über die Zahlungsschwierigkeiten van Looks entstanden und sickerte im Laufe des Nachmittags langsam von der Burgstraße aus durch die Stadt. Zunächst nur in die engsten, der Finanzwelt am nächsten stehenden Kreise. Auf dem Rennplatz in Charlottenburg fand es diesmal nicht den richtigen Nährboden. Denn das scheußliche Wetter hatte die Zahl der Besucher auf ein Minimum reduziert. Aber in den Wiener Cafés, in der Passage, oben bei Bauer und im Kaiserhof konnte man schon in den frühen Abendstunden an den kleinen Tischchen, wo die Grundstückschlächter und Häuserspekulanten, die Geldmänner und Börsenjobber saßen, aufgeregt davon zischeln und flüstern hören. Von da kroch das Gerücht schwerfällig und lautlos wie eine Schlange weiter in das »Theater an der Spree«, dessen Première wie gewöhnlich die halbe Börse angelockt hatte. Man sah bleiche Gesichter. In den dichtgefüllten Logen, in dem lichtstrahlenden Foyer wurde gedämpften Tones vielfach von ganz anderen Dingen als den Vorgängen auf der Bühne gesprochen, da und dort sah man fragend von einer Loge in die andere hinüber, man erhielt ein Achselzucken zur Antwort, man nickte sich zu und neigte sich wieder flüsternd zum Ohr des Nachbars. Das, was in dieser sonst so günstigen Umgebung das Gerücht wieder zu ersticken drohte, war die Thatsache, daß sich van Look selbst im Theater befand. Für einen irrsinnigen Preis hatte er beim Billethändler drei Vorderplätze in einer Proszeniumsloge besorgt. Die Stühle rechts und links blieben leer, so daß er, der auffällig in der Mitte saß, durchaus gesehen werden mußte. Sein Gesicht war unbeweglich wie immer. Er verfolgte mit Interesse den Verlauf des Stücks, beteiligte sich am Applaus, musterte in den Zwischenakten, mit dem vorgehaltenen Theaterzettel ein Gähnen verbergend, durch das Opernglas die Damentoiletten und winkte da und dort einem Bekannten einen leichten Gruß mit der Hand. Kurzum, er zeigte eine eiserne Haltung und das Bankerott-Gerücht, das wesenlose Gespenst, das seit Stunden hinter ihm herschlich, schien ihn immer noch nicht erfassen zu können, sondern ihn unsicher und gierig wie ein feiges Raubtier zu umkreisen. Kurz vor Beendigung der Vorstellung verließ er das Haus und befahl dem Kutscher, ins Eden-Theater zu fahren. Der Engländer machte ein sehr dummes Gesicht, während er die Pferdedecken zusammenrollte. Er begriff nicht, was sein Herr um zehn Uhr Abends im Eden-Theater zu suchen hatte. Gleich darauf quoll mit den Strömen der Besucher auch das unheimliche Gerücht aus den Pforten des Bühnentempels. Es strömte mit ihnen in die Weinstuben, die Clubs und Cafés, es verirrte sich sogar in die Bräus, um da freilich alsbald in dem ekelhaften Bier- und Cigarrendunst, dem Lärmen und wiehernden Auflachen unterzugehen; vor allem aber rieselte es lautlos in zahllosen Bächen auseinander in die Zeitungsredaktionen. Dort war um diese Stunde alles klar zum Gefecht. Weitaus der größte Teil der Morgen-Ausgabe stand natürlich schon im Satze fertig, aber immer noch rannten die Druckerjungen mit den Depeschen, die sofort in Streifen zerschnitten in den Setzer-Raum wanderten, und liefen die Reporter aus und ein. Das war ein böses Ding mit solchem Gerücht und guter Rat teuer. Die Handelsredakteure wußten ja schon seit dem Mittag davon, aber erst jetzt, wo Anfragen und Berichte sich drängten, trat man der Frage der Veröffentlichung näher. Natürlich bringt man gern das allerneueste, die Ereignisse von übermorgen, aber mit Finanzdingen ist das eine kitzliche Sache. Niemand stößt gern eine Börsengröße vor den Kopf, manche der Beteiligten hatten sogar ihre dringendsten Gründe, es nicht zu thun ... und vor allem: bestätigte sich die Kunde nicht, dann riskierte man einen Prozeß und einen hohen Schadenersatz an die geschädigte Firma! Diese Erwägung war entscheidend, überall! Man beschloß, bis zum Montag zu warten, und als die Mitternacht schlug und die Druckerei-Gebäude unter dem Stampfen und Rasseln der Rotationsmaschinen zu zittern begannen, da enthielt der Stereotypsatz kein Wort von dem bevorstehenden Konkurs des Bankhauses van Look und Compagnie. Für van Look war dies insofern ein zweifaches Glück, als der nächste Tag ein Sonntag war. Da findet keine Börse statt, es erscheinen keine Kurs-Zettel, man trifft sich nicht wie in der Woche in den Cafés und Restaurants. Für eine wankende Firma sind solche vierundzwanzig Stunden oft ein unersetzlicher Gewinn. Das sagte sich auch van Look, während sein Wagen durch die nächtlichen Straßen rasselte. Am Sonntag Morgen mußte der Brief, den er erwartete, eintreffen. Brachte er ihm die ersehnte Hilfe aus London, schwiegen die Zeitungen bis dahin, dann konnte er wohl ... Der Wagen hielt in kurzem Ruck. Das Edentheater lag vor ihm. Die Vorstellung war schon längst zu Ende. Aber trotzdem schimmerte noch Licht an zahlreichen Fenstern des Gebäudes und drang Musik und Gesang aus dem Innern hervor. Es war eine Wiederholung der Generalprobe des Ausstattungs-Vaudevilles »Satanella« die beim ersten Mal nicht nach Wunsch ausgefallen. Morgen, am Sonntag-Abend, sollte die Erstaufführung stattfinden; es konnte also an demselben Vormittag nur eine kurze Rekapitulation der Rollen im Straßenanzug von den Darstellern verlangt werden. Aus diesem Grunde hatte man sich zu der nächtlichen Generalprobe entschlossen. Darüber wurde zwar da und dort gemurrt, aber eigentlich fand doch niemand etwas Rechtes daran auszusetzen. Bis zum Theaterarbeiter darunter kannte man ja den erbitterten Kampf ums Dasein, der in der Berliner Bühnenwelt sich ununterbrochen abspielt, und wußte man, daß die Premiere entscheidend für die Zukunft des Theaters und aller darin Angestellten war. Da hieß es denn freilich, vor der Premiere alle Kräfte zusammenzuraffen und einmal eine Nacht auf den Schlaf zu verzichten. Und das umsomehr, als innerlich alle Welt von dem großen Erfolge des Vaudevilles überzeugt war. Übrigens hatte auch die Direktion zu der nächtlichen Probe das Ihrige gethan. Etwas seitlich war im Bühnenraum ein Büffet für die Solisten aufgestellt, auf dem kalter Imbiß, Cognac- und Selterwasserflaschen prangten. Ein Fäßchen Münchener Bier lag daneben. Auch Chor und Comparserie erhielten mit Vorsicht Freibier, das aus dem Tunnel unten geholt wurde. Es war eine schlechte Luft in dem Theater. Der ganze Menschendunst der vorhergegangenen, leidlich besuchten Vorstellung lag noch darin; nur die Hitze hatte etwas nachgelassen. Das Haus war mäßig, wie während einer Aufführung beleuchtet; die Bühne strahlte im hellsten Lichtschein. Einen seltsamen Anblick bot das Parkett. Es war, als ob da ein Fastnachtsball abgehalten werden sollte. Die Bänke waren ziemlich dicht, namentlich in der Mitte, von allerhand Leuten besetzt, die »zum Bau« gehörten oder wenigstens glaubten, sich dazu rechnen zu dürfen. Da saßen die Angehörigen der Mimen, die Lieferanten und Ouvriers, der Pächter des Biertunnels mit seiner Familie und ein paar Freunden, weiter nach hinten hin Haufen von Garderobièren Nähterinnen, ganze Schwärme von Theaterkindern, die, erst in der Apotheose am Schluß beschäftigt, müßig mit den Beinen schlenkernd und halboffenen Mundes auf die Bühne starrten; da und dort ein Kellner in schmierigem Frack. Von den vorderen Parkettreihen hielt sich diese misera plebs respektvoll fern. Da saß der Herr Direktor, den Maschinenmeister und die Regisseure neben sich. Die dicken Schweißtropfen liefen über sein rotes, freudeglänzendes Gesicht. Hinter ihm ein paar Theater-Agenten und einige Reporter, die sich durch krampfhaft fortgesetzte Reklame-Notizen Einlaß verschafft hatten. Der Kapellmeister saß mit dem Rücken gegen die Bühne auf seinem Stuhl und sah ziemlich stumpfsinnig, den Kopf auf die Hand gestützt und mit dem Taktstock wippend in das Parkett hinein. In dessen linkem Gange lehnte an der Brüstung einer Loge der Polizeileutnant des Reviers, dem die Sache viel Spaß zu machen schien, wenn er schon in dienstlicher Eigenschaft da war. Er blickte mit verstohlenem Lächeln auf den phantastisch geputzten Märchen-König herunter, der die Krone von Goldblech auf der Perrücke, neben ihm auf dem ersten Parkettplatz saß und eben bedächtig eine Prise nahm. Hinter ihm saßen zwei kleine Teufelchen. Mädchen von etwa fünfzehn Jahren, in feuerroter Tracht, die die Beine übereinander geschlagen hatten und sich eifrig in die Ohren wisperten. Und ähnliche fremdartige Gestalten blinkten da und dort im Zuschauerraum, denn da das Vorspiel des Stückes nur einige Solisten, namentlich die Ernesti, beschäftigte, so benutzten die übrigen Mitwirkenden die Gelegenheit, sich wenigstens einen Teil des Vaudevilles vom Parkett aus anzusehen und namentlich die große Wandeldekoration am Schluß des Bildes zu bewundern. – Da unterhielt sich ein auffallend bösartig aussehender Mephisto in unverfälschtem Lerchenfelder Dialekt mit ein paar Nonnen; eine schöne, von Kopf zu Fuß in Weiß gekleidete Fee hatte neben einem Agenten Platz genommen und sprach eifrig auf ihn ein, zwei flotte weibliche Husaren, denen der Säbel immer zwischen die Kniee geriet und die Sporen in einander hängen blieben, drängten sich auf den Fußspitzen durch eine Parkettreihe, ein dicker Mann in der Tracht eines Bürgermeisters aus dem 18. Jahrhundert, mit einer Halskrause angethan einen Knaufstock in der Hand, sah ihnen wohlgefällig nach. Auf der Bühne aber, hinter den Kulissen, saß eine ganze Reihe ältlicher, als Furien, mit grauen Schleiern und Gewändern verkleideter Damen. Sie strickten eintönig schwatzend Strümpfe und nahmen ab und zu einen Schluck aus dem Bierseidel. Auch eines der vielen, sich überall herumtreibenden halbwüchsigen Teufelchen stellte sich dann und wann zu diesem Zweck ein. Die Amorettchen, die auf dem Boden herumkauerten, waren noch zu klein dazu, Geschöpfchen von acht bis zehn Jahren, aber schon mit dem Ausdruck altkluger Verderbtheit in den Blicken. Viele von ihnen waren eingeschlafen, andere schauten halb geistesabwesend aus den großen Kinderaugen um sich. Man sah, wie es sie in der späten Nachtstunde nach ihrem Bett verlangte. Van Look hatte sich eine Parkettloge aufschließen lassen und nahm müde darin Platz. Er hatte Erna versprechen müssen, in die Generalprobe kommen und ihr Kostüm, namentlich aber ihre Couplets zu bewundern. Aber eigentlich interessierte ihn die ganze Sache sehr wenig. Das ausgelassen heitere, dabei mehr als bedenkliche Stück langweilte ihn trotz der prickelnden Walzermelodien und der prächtigen Kostüm-Aufzüge, der Direktor mit seiner unterwürfigen Vertraulichkeit und seinen plumpen Manieren war ihm zuwider und vor allem ... er hatte andere Dinge im Kopf, Dinge, die er niemandem erzählen, niemandem andeuten durfte. Seit mindestens einer Woche hatte er kaum mehr geschlafen. Er war müde bis zum Umfallen. Aber er wußte, daß er die Ruhe nicht finden würde, wenn er in seine prächtige Wohnung heimkehrte, in sein Schlafgemach, von dessen hoher Decke eine blaue Ampel ihren milden Schein über die persischen Teppiche und Vorhänge, das breite geschnitzte Bett und die kostbaren Bilder an den Wänden warf. Er würde sich wieder ruhelos umherwälzen wie die vergangenen Nächte, er würde wieder aufstehen und sich an den Schreibtisch setzen, um beim flackernden Kerzenlicht zu rechnen und wieder zu rechnen, er würde dann wieder Cigaretten rauchend durch die Räume irren, um am anderen Ende der Zimmerflucht mit neidischem Grimm aus dem anstoßenden Gemach das sonore Schnarchen seines Kammerdieners zu vernehmen, er würde sich endlich wieder auf sein Lager werfen und wachen Auges in die Dunkelheit starren, während neben seinem Bette die Frau Sorge sitzt und strickt und strickt ... Nein ... dann schon lieber hier! Er legte sich in den Stuhl zurück und sah auf die Bühne. Wie Traumbilder zogen da allerhand leuchtende Gestalten an seinem Auge vorbei, sie sangen und sprangen, eine einschmeichelnde Musik tönte melodisch dazwischen, die Kulissen flimmerten in buntem Wirrwarr und immer neue Menschen strömten grell geputzt aus ihnen heraus, sie mischten sich unter die andern, der Gesang wurde voller, die Klänge aus dem Orchester reicher ... wie eine bunte, klingende Scheibe begann es sich vor van Look zu drehen ... er ließ den Kopf nach vorn sinken und schlief ein ... jenen tiefen, traumlosen Schlaf, der einer gewaltigen seelischen Erschütterung folgt. Auf der Bühne ermahnte der Direktor seine Leute, sich zusammenzunehmen, um vor dem Herrn van Look, der ihnen die Aufführung des Stückes ermögliche, Ehre einzulegen, und in den Pausen zwischen dem Tanzen und Singen richtete sich manches neugierige Auge nach der Parkettloge, in deren Finsternis man nur undeutlich die Umrisse einer menschlichen Gestalt erkennen konnte. Wenn sie geahnt hätten ... die kleinen Balletteusen, die Mimen und Sänger, die Ernesti selbst, daß sie mit all ihrer Kunst dem armen Millionär nur das Eine schenken, was die Natur dem geplagten Ackerknecht mit vollen Händen spendet, – ein paar Stunden erquickenden Schlafs! Sie kamen ihm teuer zu stehen, die paar Stunden. All der Prunk und die Flitterherrlichkeit die da auf den Brettern vor seinen geschlossenen Augen vorbeizog, verdankten ja seiner Börse ihr Entstehen. Aber gern hätte er noch mehr, hätte er, was man verlangte, gegeben für diese kleine Spanne der Ruhe, des Vergessens. Die Kunde von seinem drohenden Sturz war natürlich noch nicht bis hierher gedrungen, die Ernesti ausgenommen. Die anderen konnten es erst erfahren, wenn sich die Zeitungen des Stoffs bemächtigten und dann plötzlich der Skandal emporlohte, wie ein langsam fortglimmendes Feuer, das der belebende Lufthauch trifft. Erst gegen ein Uhr Nachts erwachte van Look, von dessen Thüre der Logenschließer jeden Besuch mit der Bemerkung, der Herr wolle nicht gestört sein, abgewiesen hatte, und sah einen Augenblick verdutzt um sich. Er wußte nicht recht, wo er sich befand. Dann schaute er auf die hellerleuchtete, menschenwimmelnde Bühne. Man war bei der Schluß-Apothese angelangt. Das Paukengetöse und Trompetengeschmetter des Orchesters hatte ihn geweckt. Eilig erhob er sich, warf einen flüchtigen Blick auf das Parkett, wo alles aufgesprungen war und enthusiastisch applaudierte, und verließ eilig, um den Moment, bevor man ihn noch stören konnte, zu benutzen, seine Loge. Draußen drückte er dem tief dienernden Bewacher seines Schlummers ein Zehnmarkstück in die Hand und schritt auf die Straße. Er fühlte sich erfrischt und gekräftigt. Die kalte Nachtluft that ihm wohl. An ein paar Passanten vorbeigehend, die neugierig nach dem erleuchteten Theater starrten, gab er seinem Wagen einen Wink, nach Hause zu fahren, und schlenderte zu Fuß weiter, ziellos das Trottoir entlang. In seine Wohnung zurückzukehren, brachte er nicht über sich. Er wußte doch, daß er bis zum Morgengrauen im Zimmer auf- und niederlaufend auf jenen Brief aus London warten würde, dessen Ankunft ihm telegraphisch angezeigt war. Wozu sich dieser Pein aussetzen? Da war es besser, Vergessenheit zu suchen und die Zeit totzuschlagen ... so oder so ... Vor einem Nachtcafé des Potsdamer Viertels blieb er schließlich stehen, überlegte einen Augenblick und schritt hinein, durch die spärlich besetzten Vorderräume hindurch in die Hinterzimmer. Hier waren die Tischchen mit grünem Tuch ausgeschlagen. Größere und kleinere Gruppen von Herren, saßen daran und spielten. Da wurde »geblefft,« dort »getippt«, an einem dritten Ort »gemauschelt«; das Pokern fand, da es die Behörde als Glücksspiel ansah nur mit Vorsicht statt. Eigentliches Hazard wurde, öffentlich wenigstens, des Wirts wegen vermieden. Van Look kannte von der Börse her zahlreiche Anwesende. Er trat an den sogenannten Millionentisch, an dem in bunter Reihe Jobber, ein paar Rechtsanwälte, ein stark verbummelt aussehender Japaner, dann als Gros einige Schöneberger Terrainbesitzer, endlich ein Turfagent und andere fragwürdige Persönlichkeiten saßen, und nahm, teils verlegen, teils ehrerbietig begrüßt, Platz. Zu anderen Zeiten wäre ihm die Gesellschaft viel zu gemischt gewesen. Aber was verschlug ihm das jetzt? Die Hauptsache war, daß er spielen konnte! Er ließ sich vom Kellner ein Cognacflacon und ein Glas kommen und begann zu pointieren. Es war ihm lieb, daß er verlor, ja, er spielte absichtlich unbesonnen, aus Furcht, daß die anderen sonst allmählich das Jeu aufgeben würden. Die aber blieben kleben, Stunde um Stunde. Längst waren im Vorderraum die letzten Gäste verschwunden und die Flammen ausgelöscht, die Thüre geschlossen und die Kellner bis auf einen zu Bett ... die Spielergruppe blieb sitzen und starrte lautlos in die Karten, mechanisch gebend und abhebend, mischend und setzend, während draußen schon wieder der Himmel ergraute und das Pferdebahnklingeln, das Läuten der Bolleschen Milch-Wagen, Stimmengewirr und Droschkengerassel den neuen Tag verkündete. Kurz nach acht Uhr Morgens hörten sie endlich auf. Van Look hatte, was er an barem Gelde bei sich trug, bis auf ein paar Thaler verloren. Es war ihm gleichgültig. Darauf kam es nicht an. Als er auf die Straße trat, schlug ihm ein dünner Sprühregen ins Gesicht. Ein vorübergehender Maurergeselle sah den feinen, übernächtigen Herrn halb scheu, halb verächtlich an. Ein verbissenes Lächeln umspielte seine groben Züge, während er weiter schritt. Und alles umher arbeitete auf den Straßen, durch die van Look langsam dahinging. Die Gassenfeger waren in voller Thätigkeit, die Bäckerjungen und Fleischergesellen liefen von einem Haus zum anderen und scherzten mit dem Dienstmädchen, die den Korb am Arm in die Markthalle gingen. Scheuerfrauen arbeiteten auf dem Trottoir und in den Fluren, verschlafene Gäule zogen die Frühdroschken vorbei, die Ziehhunde vor den Gemüsewagen kläfften in ihrem Geschirr. Überall Leben und Bewegung. Van Look kam sich unbehaglich gedrückt vor. Er beschleunigte seine Schritte und blieb gleich darauf wieder stehen. Eine geheime Angst hielt ihn von seinem Schreibtisch fern, auf dem, wie er wohl wußte, jetzt der schicksalsschwere Brief lag. Endlich stand er im Corridor seiner Wohnung. »Ist die Post schon da?« frug er gleichgültig den Diener, der ihn den Paletot abnahm. »Jawohl, gnädiger Herr ... mehrere Briefe... sie liegen in dem Arbeits-Cabinet ...« Lange saß ihnen van Look schweigend und eine Cigarrette rauchend gegenüber. Endlich nahm er eine Schere und schnitt das Schreiben, dessen blaue Marke und Poststempel die Herkunft aus London verkündete, auf. Es waren nur wenige Zeilen seines Onkels, des City-Millionärs Augustus T. van Look. Ein böses Zeichen, daß er so kurz schrieb. Der Bankier schloß nervös die Augen: dann richtete er sich auf und heftete mit raschem Entschluß seine Blicke auf das Blättchen Papier ... »Du verlangst meine Hülfe, weil Du durch den Sturz von Lejeune Frères u. Co. in Paris in Zahlungsschwierigkeiten geraten bist. Ich würde sie Dir gewähren. Aber zugleich bittest Du, diese Hülfe zu beschleunigen, um die etwa zurückverlangten Depots auszahlen zu können. Diese Depots sind mithin von Dir verpfändet oder sonst veruntreut. Also bist Du ein Betrüger. Mit Betrüger hat keinen Umgang, weder heute noch morgen, noch jemals Dein Onkel Augustus T. van Look.« Das war das Ende! Van Look warf den Brief auf den Tisch und stierte vor sich hin. Eine Rettung gab es jetzt nicht mehr. Unmöglich konnte er im Laufe des Tages die Summen zusammenbringen, um auch nur dem ersten, am Montag zu erwartenden Kassensturm zu begegnen. Und was dann? Er sah eine kleine, mit dem Nötigsten ausgestattete Zelle vor sich, im Untersuchungsgefängnis zu Moabit. Und dann, fern vor den Thoren Berlins, einen finstern, sich weithin ausdehnenden Gebäudekomplex mit vergitterten Fenstern und Mauern. Und er dadrinnen in Plötzensee, er, der blasierte Lebemann, in grauem Sträflingskleid mit kurzgeschorenem Haar. Das war unmöglich. Die Flucht? Wohin? ... Er hatte noch etwas Vermögen in seinem Schreibtisch liegen; es mochten zwanzigtausend Mark sein. Damit war nicht viel zu machen. Man mußte arbeiten in dem fremden Lande, ringen im Kampf ums Dasein, sich abhasten und mühen, in der ewigen Angst, ergriffen zu werden. Blieb nur das eine ! Ihm war zu Mute, als fahre er von einem Maskenball nach Hause, während er dasaß und über seine Vergangenheit nachsann. Ein bunter, vielbewegter Maskenball. Hübsche Mädchen waren dagewesen und schöne Frauen, Bajazzi hatten in Menge ihre Allotria um ihn getrieben und Ritter in klirrendem Blechpanzer gravitätischen Schritts seinen Weg gekreuzt. Mit durstigen Troubadouren hatte er gezecht, über pedantische Magister gegähnt, und da und dort einer leichtsinnigen Colombine oder Pierrette Schmeicheleien ins Ohr geflüstert. Und nun ihn wirbelten die Paare, der Sekt perlte, jauchzend und träumend hüpften die Zigeunergeigen, und wenn sie einen Augenblick verstummten, dann war es ihm, als löste sich der bunte Schleier, der vor seinen Augen lag, als sähe er durch die flimmernden Kostüme, durch den ganzen Mummenschanz des Daseins hindurch, und was er sah, das waren arme, müde Menschen wie er, die in Flittertand und Sprüngen sich lustig zu gebärden versuchten. Müde Menschen ..!... das war's! Einmal muß ein jeder Maskenball sein Ende nehmen. Man sehnt sich aus dem Fastnachtstrubel nach Hause in die Ruhe und Stille, man läßt sich im Corridor, wo die letzten Pärchen auf die Droschken warten, den Mantel reichen und tritt hinaus in die tiefe, klare Nacht ... »Befehlen der gnädige Herr das Frühstück?« frug neben ihm der Diener. Van Look schrak auf. »Nein,« sagte er, sich erhebend, »nein ... ich gehe jetzt schlafen. Und daß mich niemand stört ... verstehen Sie ... niemand!« »Sehr wohl!« Der Diener ging. Es wurde still in dem Gemach. Vor den verhangenen Fenstern kreischten die Spatzen um die triefende Dachrinne und schritt ein reduziert aussehender Mensch auf der Straße gähnend auf und ab. Es war der Agent eines Privat-Detektive-Instituts, dem seit dem gestrigen Abend der geheime Auftrag zu Teil geworden war, den Bankier van Look zu überwachen ... Gegen zwei Uhr Mittags bestand Graf Parsenow darauf, vorgelassen zu werden. Der Diener mochte sagen, was er wollte. Er habe die anderen Herrschaften doch auch abgewiesen, meinte er achselzuckend, warum denn der Herr Graf durchaus ... Allein Parsenow war nicht gesonnen, sich auf eine Unterhaltung mit dem Lakaien einzulassen. Er schob ihn zu Seite und trat in den Flur. »Wo schläft Ihr Herr?« frug er kurz. »Herr Graf ... auf Ihre Verantwortung ... ich kann nicht ...« »Wo Ihr Herr schläft...?« Parsenows Stimme klang drohend. »Hier!« Der eingeschüchterte Diener bezeichnete ihm die Thüre. Der Besucher klopfte. »Herr van Look!« Keine Antwort. »Herr van Look ... ich bin es ... Graf Parsenow! ...« Keine Antwort. Der Diener sah ängstlich auf. »Mein Gott ... sonst hat der Herr so einen leisen Schlaf ...« »Herr van Look!« Der Graf stand lauschend an der Thüre. Dann wandte er sich plötzlich mit schwankender Stimme zu dem Diener: »Merkten Sie nichts besonderes an Ihrem Herrn ... als er sich zur Ruhe legte ...?« Und ehe jener antworten konnte, hatte Parsenow mit nerviger Faust die Thürklinke gefaßt und drückte durch einen starken Ruck mit Hand und Knie das verriegelte Schloß ein ... Das erste, was er sah, war das Gesicht des Bankiers, der reglos auf dem Bett lag. Er kannte diese Gesichtsfarbe, dieses wächserne, durchschimmernde Gelb. Und ein intensiver Geruch von bitteren Mandeln erfüllte den Raum. »Blausäure...« sagte Parsenow halb in Gedanken vor sich hin. Der Diener neben ihm schluchzte und gurgelte vor Schrecken. Der Graf wandte sich ab: »Ihr Herr ist tot ... Blausäure-Vergiftung ... Schicken Sie nach seinen Verwandten und lassen Sie hier alles liegen, wie es ist ...« »Mein Gott ... mein Gott!« stöhnte der unglückliche Lakai. Er starrte wie geistesabwesend vor sich hin. Dann plötzlich kam über ihn die normale Empfindung des Deutschen in kritischer Lage ... der Drang nach dem Schutzmann! Er lief mit schwankenden Knieen davon nach dem Hausthor zu. Parsenow hütete sich wohl, allein in der Wohnung des Toten zurückzubleiben. Einen kurzen Blick warf er noch auf die schweigende Gestalt, dann knöpfte er seinen Mantel zu und trat auf die Straße, von der eben im Laufschritt ein Polizist mit dem Diener zusammen eindrang. Gegenüber aber, neben dem reduzierten Privat-Detektivs, stand Krakauer und schielte mit dem Ausdruck eines bösen Raubtieres nach den verhüllten Fenstern. »Waren Sie drin, Herr Graf?« schrie er und lief Parsenow bis über die Straße entgegen. »Wo?« »Bei van Look ... mich hat er nicht vorgelassenI« »Ja ... ich war drin ...« »Und ... und ... wie geht's ihm?« frug Krakauer ängstlich. »Danke der Nachfrage!« erwiderte Parsenow kühl, »dem Herrn van Look geht es gut ... recht gut!« »Gott sei Dank ...« murmelte der Geldmann »... haben Sie lange mit ihm gesprochen?« »Nein! ... ich habe gar nicht mit ihm gesprochen.« Parsenow sah sein Gegenüber fast belustigt an ... »Kein Wort ...« »Ja ... warum denn nicht?« »Weil Herr van Look überhaupt nicht mehr spricht. Er ist tot ... mausetot ...« Daraufhin entstand eine längere Pause. Der Geldmann rührte stumpfsinnig mit seinem Krückstock in dem Straßenkot ... »Da sind 8000 Thaler flöten ...« sagte er endlich vor sich hin. »Sie haben Wechsel auf van Look ...?« »Ja ... für 8000 Thaler ...« Krakauers Stimme klang schmerzlich bewegt ... »seit gestern hab' ich ihn observieren lassen, um sicher zu gehen! aber ich dacht' es mir!« »Na, das Geld können Sie sich sauer kochen lassen.« meinte Parsenow in grimmigem Spott, »oder hoffen Sie, daß doch ... doch noch etwas da ist?« »Nichts!« Krakauer schüttelte verzweifelnd den Kopf«, ... glauben Sie mir ... nichts ... ein paar Prozent, wenns hoch kommt ...« »Meinen Sie?« »Das weiß ich ... 's ist doch ganz klar. So ein alter Fuchs wie van Look giebt sich nicht geschlagen, so lange er noch halbwegs Geldmittel zur Verfügung hat.« »Da haben Sie recht ...« »Apropos!« Krakauer sah ihn mißtrauisch an ... «Sie sind doch auch dabei beteiligt ... ich meine, Frau von Braneck hatte Geld bei ...« »Frau von Braneck hatte ihr ganzes Vermögen bei van Look!« sagte Parsenow, griff nachlässig nickend an die Krempe des Cylinderhutes und ging davon. Der Geldmann schaute ihm völlig verdonnert nach. Das war ein schöner Schlag für ihn, dem Parsenow hohe Summen schuldete. Er seufzte tief auf... »'s ist 'ne Thränenwelt!« murmelte er vor sich hin und bestieg sein Coupé. Hilda war schon am Vormittag mit ihrem Vater nach Potsdam gefahren, um da Verwandte zu besuchen und sich von ihnen die Sehenswürdigkeiten der romantischen Kasernenstadt zeigen zu lassen. Sie wollte erst spät abends zurückkommen, vielleicht sogar dort übernachten. Parsenow hatte also den ganzen Nachmittag für sich und konnte überlegen, was nun weiter geschehen solle. Er ging nach Hause, warf sich in den Schaukelstuhl, streckte die Beine von sich und rauchte. Stundenlang. Das Zimmer füllte sich mit dem bläulichen Aroma des bessarabischen Tabaks. Der feine Dunst legte sich wie ein Schleier um die Gestalt des Grafen, der schweigend und fast reglos dasaß. Er mochte sein Gehirn zermartern wie er wollte. Seine Gedanken führten ihn immer wieder zu demselben Endergebnis, derselben grausamen Alternative hin. Entweder blieb er ein Gentleman, wofür er sich bisher hielt und von seiner Umgebung gehalten wurde. Dann war es Ehrenpflicht von ihm, nicht von einer Verlobung zurückzutreten, weil die erhoffte Mitgift geschwunden war. Und fehlte die Mitgift, so mußte er eben zu arbeiten anfangen ... Ein grotesker Gedanke! Er, der als Junggeselle nichts gethan, sollte jetzt zu einer Thätigkeit greifen, um auch noch für Weib und Kind Unterhalt zu verschaffen! Das kam ihm wie eine bittere Ironie des Schicksals vor, wie eine Strafe dafür, daß er die Mode mitgemacht und nach der bekannten »reichen Partie« gestrebt hatte. Freilich, solche Partien gab es für einen Mann wie ihn noch viele. Verloren war da nichts, sowie er frei war ... sich frei machte ... Zornig sprang er auf. Er schämte sich selbst dieser Gedanken. Und der feste Entschluß stieg in ihm auf, unter keinen Umständen von Hilda zu lassen, auch wenn sie selbst, wie er es ihr wohl zutraute, ihm das nahelegen sollte. Hastig schrieb er einen Brief an den Major, in dem er ihm kurz und schonend den Tod van Looks, und was damit zusammenhing mitteilte und mit der Bitte schloß, um Hildas willen, die nach diesem schweren finanziellen Schlag des Haltes besonders bedürfe, den Tag ihrer Vermählung so bald als möglich ansetzen zu wollen. Tief aufatmend übergab er dem Diener den Brief zur Besorgung ins Hotel, wo ihn der Major bei der Rückkehr finden mußte. Dann litt es ihn nicht länger in dem Zimmer. Er schritt planlos hinaus in die bereits dunkelnden Straßen. Vor einer Litfaßsäule blieb er stehen und las mit einem gewissen dumpfen Erstaunen, daß heute Abend im Eden-Theater die Erstaufführung des Vaudevilles »Satanella« stattfinden würde. Er sah auf die Uhr. Noch war es Zeit. Und warum sollte er nicht hingehen? Es blieb sich ja gleich, wie er die Zeit totschlug. Ohne rechts und links zu sehen, ging Parsenow dahin. Was kümmerten ihn diese Menschen umher, dies Sonntagnachmittag-Publikum, das die Trottoirs erfüllte, geputzte Köchinnen am Arm ihrer Grenadiere, Commis und kleine Verkäuferinnen, Handwerkerfamilien, aus N. und 0., die mit Kind und Kegel dahinzogen, Arbeiter und Fabrikmädchen im Sonntagsstaat. Ein Dunst von schlecht gelüfteten Kleidern und übel qualmenden Cigarren lag in der Luft. Es ekelte den Grafen. Rascher schritt er vorwärts. Plötzlich blieb er stehen, daß ein hinter ihm herkommendes Pärchen fast an ihn anrannte. Wie das Geheul von hungrigen Wölfen klang es die Straßen herauf, ein regelloser, zerrissener Lärm, der sich mißtönend über das Gewühl emporschwang. Näher und näher kam es. Man unterschied die durcheinanderbrüllenden Stimmen. »Das Allerneueste!« Die Extrablattverkäufer liefen links und rechts von den beiden Trottoirs dahin und schwenkten schreiend die leuchtenden, noch druckfeuchten Bogen in der Luft. »Das Allerneuste! »Bankerott und Selbstmord«, heulte nebenan ein Conkurrent, dem das Geschäft noch zu flau ging. »Das Allerneuste!« ... in wüstem Chorus klangen die Stimmen wieder zusammen, daß mancher der Passanten sich an die Ohren greifend den nicht mehr fernen Tag herbeisehnte, an dem die Sonntagsruhe in Kraft treten sollte. Parsenow winkte einen der Kerle heran, warf ihm ein Zehnpfennigstück in die Hand und entfaltete beim Schein der Gaslaternen das Blatt, als dessen Herausgeber unten am Rand in winziger Schrift sich Xaver Ritter von Crocevich nannte. Ueber den Tod van Looks enthielt das Blatt nichts neues, wohl aber die Nachricht, daß die Behörden bereits Nachforschungen in dem Bureau der Bank vorgenommen, und sich so gut wie nichts an Depositen und sonstigen Werten gefunden habe. Krakauer hatte also recht behalten. Der Bankier war im Kampfe bis aufs Messer unterlegen. Es wunderte Parsenow nicht weiter. Flüchtig durchlas er die letzten Sätze, in denen der Ritter von Crocevich mit herbem Zorn die allgemeine Entrüstung und Empörung der beteiligten Kreise schilderte und warf das Blatt zusammengeballt auf das Pflaster. Nun hatte er volle Gewißheit. »Das Allerneuste!« heulte es noch immer auf den Straßen; es klang ihm noch in die Ohren nach, als er das Foyer des »Eden-Theaters« betrat. Dort hatte die Nachricht wie eine Bombe eingeschlagen. Ein stummer, bleicher Schrecken ging lautlos durch das lichterstrahlende Haus. Lange war es fraglich gewesen, ob die Vorstellung überhaupt stattfinden konnte, denn Erna lag noch zehn Minuten vor Beginn der Ouvertüre in Weinkrämpfen in ihrer Garderobe. Sie hatte, als sie sich eben zu schminken begann, einen Carton aus dem Blumenladen geschickt erhalten. Sie vermutete ein Bouquet van Looks darin und prallte aufkreischend zurück, als sie den Deckel abhob. Die Schachtel enthielt einen frischen Totenkranz, das Extrablatt lag, an den Hauptsätzen noch vorsorglich blau unterstrichen, darunter. Die unbekannte Collegin, die ihr diese Sendung zugedacht, erreichte ihren Zweck! Die Ernesti, ohnehin schon nervös und aufgeregt durch die bevorstehende Première, geriet in eine Verfassung, die aller Bemühungen des Theater-Arztes, der ratlos herumstehenden Garderobièren und des verstört aussehenden Direktors spottete. Endlich kam der Inspicient auf eine glückliche Idee, indem er die Ernesti frug, ob sie denn wirklich der neidischen Absenderin den Triumph gönnen und sich die schöne Rolle verderben lassen wolle. Das wirkte. Vor Wut und Schrecken zitternd ließ sich Erna ankleiden und betrat die Bühne. Wie wohl hätte sie sich zu einer anderen Stunde da gefühlt in dem drolligen Leichtsinn, der übermütigen Pikanterie, dem schlagenden Couplet-Witz ihrer Rolle! Jetzt spielte sie befangen und innerlich verstört. Sie fühlte sich wie gelähmt. Immer wieder stand die bleiche Gestalt des Bankiers zwischen ihr und dem Publikum, und wenn sie doch einen verzweifelten Anlauf nahm, die temperamentssprühende Grazie zu entwickeln, der sie sonst ihre Triumphe verdankte, so flimmerte ein Totenkranz vor ihren Augen und die Stimme verklang ihr in die Kehle. Und es war nicht ihre Schuld allein, daß das lustige Stück kalt ließ, daß es von Akt zu Akt zu sinken begann bis zu dem eisig aufgenommenen, lärmenden und prachtvoll ausgestatteten Finale. Auch im Zuschauer-Raum ging ja das Gespenst des Bankerottes auf und nieder. Bald setzte es sich in eine der zahlreichen leergebliebenen Logen – ihre Besteller dachten jetzt nicht an »Satanella«, sondern verhandelten aufgeregt in ihren Privatbureaux mit einander und fuhren bis tief in die Nacht von einem Hause des Tiergarten-Viertels zum anderen, um sich gegen die am Montag drohende Börsenpanik zu wappnen –, bald klopfte es im Foyer einem der anwesenden Börsianer, dem das Vaudeville allmählich doch Spaß zu machen schien, kalt lächelnd auf die Schultern, daß er zusammenschrak und vor ihm die ganze bunte Bühnenwelt in einem Meer von Zahlen und Ziffern, von Wechseln und Schlußscheinen versank. Und dann saß das Gespenst wieder im Parkett und fixierte mit tückischem Blick bald den, bald jenen, der sein bißchen Geld irgend einer Berliner Bank anvertraut. Wird vielleicht auch diese Konkurs ansagen – wird er sein sauer Erspartes niemals wiedersehen? ... kalter Angstschweiß trat dem Armen auf die Stirne und er sah gar nicht mehr hin auf die flimmernde Bilderpracht, die ihm die Kunst des Kulissenmalers und Maschinenmeisters vor Augen zauberte. So fiel das Stück. Wenn der Vorhang nieder sank, blieb es still in den Logen und dem Parkett. Nur auf der Galerie lärmte, von vereinzelten »Beisitzern« unten aufgemuntert, eine zahlreiche Claque. In das gedrückte Schweigen, das vor dem Gobelin, in die zitternde Aufregung, die dahinter herrschte, klang der rohe, verständnislose Lärm wie ein Hohn hinein. Es zischte niemand; aber schließlich wurden die Klatscher selbst verlegen und hörten auf. Das Haus war still. Nur aus dem Orchester klang das unharmonische Durcheinandertönen hervor, mit dem die Musiker während der Zwischenakte ihre Instrumente stimmten. Während die Einleitungsmusik zum dritten Akt rauschend erklang, trat durch eine Seitenthüre des Theaters ein großer, gebeugter Mann vorsichtig auf die Straße. Einen Augenblick fühlte der Direktor des Eden-Theaters nach der Brusttasche, in der er die Einnahmen aus der Vormittags- und Abendkasse sorglich bewahrt hatte; dann schritt er leise nach der nächsten Droschke. »Kutscher ... Bahnhof Friedrichstraße!« ... Dort kam er gerade noch zum Hamburger Nachtschnellzug zurecht. Er setzte sich in ein Coupé I. Klasse und fuhr hinaus in die dunkle Ebene. Schon am Nachmittag hatte er daran gedacht. Der Abfall »Satanellas« wirkte entscheidend. Nun konnte er sich nicht mehr halten, er konnte die Wechsel nicht einlösen, die die Lieferanten gern von ihm in Zahlung genommen, als sie das Giro des Bankhauses van Look und Compagnie darauf erblickt, die Katastrophe war da! Mochten die andern nun sehen, wie sie ohne ihn fertig wurden. Er trug ein paar Tausend Mark bei sich, die ihm das Vorwärtskommen in der neuen Welt erleichterten, und als der Zug an Paulinenaue vorbeidonnerte, sah er sich schon im Geiste als den Inhaber einer flottgehenden Music-Hall in Chicago, in der allerhand um sich spuckende und schiefe Cylinder auf den Köpfen balancierende Gentlemen beisammen sitzen und von grinsenden Nigger-Kellnern bedient würden. Auch Parsenow hatte zeitig das Theater verlassen. Er konnte heute nirgends bleiben. Eine innere Unruhe trieb ihn von einem Ort zum andern. Während er durch die Friedrichstraße schlenderte, kam ihm plötzlich ein neuer Gedanke. Er wunderte sich, daß ihm das nicht schon lange eingefallen, und trat in die nächste Weinstube ein. Dort ließ er sich an einem der kleinen, in Holzverschlägen stehenden Tische nieder, bestellte eine Flasche Burgunder und goß hastig ein paar Gläser hinab. Das beruhigte ihn etwas. Er fing wieder an, nachzudenken, wie sich nun eigentlich die Zukunft gestalten sollte. Arbeiten! ... das Wort klang ihm zu befremdlich, fast drohend. Er konnte sich nichts rechtes darunter vorstellen und mußte selbst lachen, wenn er sich im Geiste in irgend einer der ihm bekannten Thätigkeiten sah ... etwa als Buchmacher ... nein, dazu braucht man Geld und kann vor Gericht kommen ... oder aber als Stallmeister, als Inhaber einer Reitschule ... oder vielleicht auch als Versicherungsagenten ... als einen in feinere Kreise eingeführten Wein- und Cigarrenreisenden ... Er lachte höhnisch auf. Das alles war ja zu närrisch, zu undenkbar. Und schließlich, nötig hatte er es ja auch nicht. Er konnte mit Hilda auf dem Landsitz des alten, leidlich begüterten Majors leben, ihm bei der Landwirtschaft helfen, mit den benachbarten Gutsbesitzern unter derben Flüchen und noch derberen Späßen Whist spielen und zahllosen Flaschen Rotspohn den Hals brechen; er konnte auch, wenn Herr von Döbeln einmal starb, für den jungen Leutnant die Verwaltung des Guts weiter führen, als eine Art höherer Inspektor, als ein armer Verwandter, der sich für das Gnadenbrod irgendwie nützlich zu machen versucht. Und er sah sich schon vor sich, nach weiteren zehn Jahren, verbauert und abgestumpft, in hohen Stiefeln und verblichener Joppe, ein abgestandener Krautjunker, wie er so viele kannte, schon halb ein Gegenstand des Spottes für die Männer, des Mitleids für die Frauen. Und dann erst die weitere Zukunft ... wenn er älter und immer älter würde ... wenn es ihm selbst, dem grauhaarigen Manne, unbegreiflich erscheinen mußte, daß er einmal der glänzende Parsenow, der tollkühne Sportsman, der berühmte Lebemann gewesen ... Ein unbeschreiblicher Ekel stieg in ihm auf. Trostlos starrte er in das Glas, aus dem rubinrot das Burgunderblut schimmerte. Wer zeigte ihm den Ausweg? Ein Lärmen nebenan ließ ihn aus seinem Sinnen auffahren. Dort hatte an dem Tische, den die Schranke des Holzverschlags von dem seinen trennte, offenbar eine größere Gesellschaft Platz genommen. Er konnte die Gesichter nicht sehen, wohl aber vernahm er die Stimmen, jene eigenartig schnarchenden Nasaltöne, die allenfalls einige der begabtesten Schauspieler den Angehörigen der höheren norddeutschen Gesellschaft nachzumachen vermögen. Die Herren mußten eben das Extrablatt gekauft haben. Der Graf hörte, wie sie die einzelnen Sätze vorlasen und sich darüber unterhielten. Und dann schlug plötzlich ein bekannter Name an sein Ohr. »Wißt Ihr, was mir dieser Kerl, der Krakauer, vorhin erzählt hat,« sagte ein tiefer, rauher Baß, ... »ich war bei ihm ... in Angelegenheit meines Gutsverkaufs ... da schwor er, daß Frau von Braneck ihr ganzes Vermögen bei van Look verloren habe ...« »Oh,« machte eine helle Stimme bedauernd, ... Parsenow kannte sie. Das mußte Wendlau sein. Die andern schwiegen. »Na ... und Parsenow ...?« »Pah ... der nimmt 'ne andere«, klang eine wohlbekannte, etwas heisere Stimme, ... »furchtbar einfache Chose ...!« »Nanu, Stayningen ... das ist denn doch ...« mehrere Herren riefen durcheinander, aber das heisere Organ klang durch. »Was ist denn da weiter dran! ... ziemlich stumpfsinnige Dame ... bei Gott ... und nun ohne Geld ... das ist nichts für einen Glücksritter, wie es unser guter Parsenow doch allmählich ...« Prinz Stayningen brach plötzlich ab und schluckte heftig, während sein Gesicht sich aschgrau färbte und ein unerträglicher Schrecken seine Herzmuskeln zusammenzog. Parsenow stand hochragend dicht vor ihm und wehte ihm flüchtig mit dem ausgezogenen Handschuh über das Gesicht. Einen Augenblick entstand tiefe Stille. In blödem Erstaunen stand der Kellner wie angewurzelt, das Tablett mit Austern vor sich hinhaltend; ein Gast, der in der Nähe gesessen, erhob sich und verließ das Lokal. »Ihre Zeugen, Durchlaucht!« sagte Parsenow endlich ruhig und sah den Tisch entlang ... »lieber Wendlau, würden Sie die Güte haben, für mich ...« Der kleine Husar sprang, erschrocken und geschmeichelt zugleich auf. »Baron Hork hat vielleicht die Freundlichkeit, Ihnen zur Seite zu stehen ... Einen Augenblick.« Der Graf schob seinen Arm unter den des Leutnants und führte ihn ein paar Schritte zur Seite. Hork, ein älterer Herr, ging nebenher. »Bestehen Sie, bitte, darauf, meine Herren, daß die Mensur schon morgen früh stattfindet. Es ist gegen den Brauch; aber die Sache liegt ja ganz klar und vor allem ... sie hat sich in der Öffentlichkeit ereignet. Eben hat noch so ein Mensch hier das Lokal verlassen, vielleicht um die Affaire brühwarm auf die nächste Redaktion zu bringen ... und Sie werden zugeben, daß es nicht angenehm ist, sich zu schlagen, wenn schon alle Zeitungen voll von der Geschichte sind und meine Braut alles erfahren hat ...« »Wir werden unser Möglichstes thun, Herr Graf!« »Ich bitte Sie darum. Die Bedingungen so schwer wie möglich ... eigentlich selbstverständlich, da thätliche Beleidigung meinerseits vorliegt. Ich erwarte Sie in meiner Wohnung, Wendlau ... Guten Abend, Ihr Herren!« Der Graf ging. Wendlau und Hork saßen längere Zeit flüsternd mit den beiden von Stayningen bezeichneten Herren in der nahegelegenen Wohnung des ersteren beisammen. Man stritt sich mit halblauter Stimme, machte Bemerkungen und Verbesserungen auf einem Blatt Papier, das zwischen ihnen lag, und strich sie wieder aus, bis endlich das Protokoll zu Stande kam. Die Herren tranken ihre Gläser aus und empfahlen sich, der Husar aber begab sich eilends zu seinem Mandanten. Er fand Parsenow, eine Cigarette rauchend, auf dem Sofa liegen. »Nun wie stehts?« rief er ihm schon in der Thüre entgegen. »Ganz nach Wunsch ...« erwiderte stotternd der kleine Sportsman; seine Stimme zitterte vor Aufregung. »Das Duell findet morgen früh sieben Uhr im Grunewald hinter der Saubucht statt. Hagenow, Stayningens Sekundant, meinte, es wäre gut, nicht zu weit von der Chaussee ... wegen der Wagen ... um zu verhindern, daß sie auf dem Rückweg zu sehr über die Wurzeln rumpeln ...« »Und die Bedingungen?« unterbrach ihn Parsenow, der die letzten Worte überhört zu haben schien. »Fünfzehn Schritt Distance, fünf Schritt Barrière, mit avancieren, unbeschränkte Zielzeit, fünfmaliger Kugelwechsel ...« »Das genügt,« sagte Parsenow nachdenklich und zündete sich eine neue Cigarette an. »Dann haben Sie wohl die Freundlichkeit, um dreiviertel sechs Uhr bei mir vorzusprechen, Herr von Wendlau?« »Zu Befehl« – hätte der Leutnant beinahe gesagt. So sehr imponierte ihm Parsenows kaltblütige Ruhe. Doch begnügte er sich mit einem ernsthaften Kopfnicken. »Es ist merkwürdig!« sagte er scheu nach einer Weile. »Was denn, lieber Wendlau?« »Sie scheinen wirklich in keiner Weise erregt zu sein!« »Nein!« »Man möchte fast sagen,« fuhr der Husar stockend fort, »daß Sie geradezu vergnügt aussehen!« Der Graf lachte hell auf. »Bin ich auch, Liebster ... warum denn nicht?« »Na ... wissen Sie ... vor so 'ner Affaire ...« »Soll ich mich etwa nicht freuen, dem thörichten Prinzen einen Cursus in der Schweigsamkeit beizubringen?« »Ja ... aber ...« Der Leutnant sah unsicher in das Gesicht seines Gegenüber. Es lag so ein merkwürdiger Ausdruck von Ironie in Parsenows braunen, scharfgeschnittenen Zügen. »Sie sind ja freilich ein ausgezeichneter Schütze ... aber man kann doch nie wissen ...« »... wie es ausgeht? ... Das werden wir in wenigen Stunden erfahren. Und nun habe ich noch einen Brief zu schreiben. Also auf morgen, lieber Wendlau!« Der Graf streckte ihm unbefangen lachend die Hand entgegen. Wendlau drückte sie und ging. In Gedanken versunken trat er auf die dunkle, stille Straße. Er wußte selbst nicht recht, warum ihm Parsenow so merkwürdig verändert vorkam. IX. Leutnant von Wendlau verbrachte eine sehr unruhige Nacht. Stand er doch vor einem der wichtigsten Ereignisse in seinem noch recht jungen Leben. Duelle in Offizierskreisen sind weit seltener als man im Publikum glaubt. Er hatte noch nie eins mitgemacht, wenn er nicht eine Schlägermensur dazu rechnen wollte, die er einst auf Kriegsschule in der großen Turnhalle mit einem Kameraden ausgefochten. Aber das war doch eine halbe Kinderei gewesen. Der Assistenzarzt hatte die paar Schmisse zugenäht, sie kamen beide auf ein paar Wochen ins Lazaret und dann war die Sache gut, während jetzt ... Erschrocken dachte er immer wieder daran, daß es sich bei dem Duell zwischen Parsenow und Stayningen unzweifelhaft um Leben und Tod handele ...! Gelesen hatte er viel dergleichen. Er wußte aus den Romanen, daß bei solchen Gelegenheiten die Gegner sich stets »mit kalter Höflichkeit« grüßen und, wenn der Schuß fällt, unfehlbar »ein Rabe sich krächzend vom beschneiten Ast erhebt.« Auch war er darauf gefaßt, daß ihm Parsenow mit vielsagendem Händedruck noch eine Locke und einen Brief an die Geliebte übergeben würde, und er kam sich äußerst wichtig und feierlich vor, als er fröstelnd in seinen Mantel gehüllt, am nächsten Morgen durch die leeren und halbdunklen Straßen in Parsenows Wohnung schritt. Der Graf saß vor dem Kaffeetisch, auf dem noch eine Lampe brannte. Er rauchte eine Cigarette und sah äußerst gleichgültig aus. Wendlau setzte sich neben ihn und sah auf die Uhr. Der Diener schenkte ihm Kaffee ein. Beide schwiegen. »Erlauben Sie?« sagte endlich Parsenow scherzend, indem er ein Gläschen mit Cognac in der Hand erhob. Der Leutnant verbeugte sich und stotterte verlegen eine Bejahung, ohne die Frage zu begreifen. Es war eben sein erstes Duell und er wußte nicht, daß ein großer Teil der Paukanten es vorzieht, mehr oder minder angezecht den Kampfplatz aufzusuchen. Am frühen Morgen, wo der Magen übernächtig und empfindlich ist, bringen auch kleine Gaben Alkohol diese Wirkung hervor. Bei Parsenow war dies freilich nicht zu besorgen. Er hatte das Gläschen geleert und starrte schweigend vor sich hin. Auf dem Tisch lagen zwei Briefe, an Frau Hilda von Braneck und Herrn Krakauer adressiert. Es herrscht tiefe Stille in dem halbdämmernden Gemach. Von der Straße her dringt Wagenrasseln und fröhlicher Lärm. Eine Reihe Kremser fährt da vorbei. Sie befördert das Personal einer großen Firma im Nordosten der Stadt, die heute ein Geschäfts-Jubiläum feiert, zu einem Herbst-Ausflug hinaus in den Grunewald. Dichtgedrängt sitzen die Männer, die Frauen und jungen Mädchen in langen Reihen auf den Bänken. Zwischen ihnen die noch halb verschlafenen Kinder. Bunte Papierlaternen schaukeln an den Seiten, um des Abends zur Heimkehr angezündet zu werden, ein Bierfäßchen schwebt an starken Ketten unter dem Wagen, von dem Vorderplatze neben dem Kutscher wimmert stoßweise eine Drehorgel. Ab und zu wird ein Versuch zum Singen unternommen, aber noch ist die Stimmung zu frostig in dem kalten Herbstmorgen. Man verstummt wieder. Die Männer reichen sich schweigend die Gilka-Flasche und wischen sich den Schnurrbart, die Frauen zupfen den Kindern die Kleidchen zurecht, und während die Wagen weiter und weiter über das endlose Pflastern dahinrasseln, harren ihre Insassen mit einer innerlichen, fast stumpfsinnigen Freude des genußreichen Tages in Feld und Flur, des großes Tages, von dem schon seit Wochen in den staubigen Fabriksälen die Rede gewesen. Schon rollt die Wagen-Colonne auf dem glatten Kurfürstendamm dahin. Es ist ein kalter rötlicher Herbsttag. Leichte weißliche Morgennebel dehnen sich in Streifen über den Äckern und Feldern, die sich rechts und links endlos ausbreiten. Hinter ihnen liegt, eintönig summend und brausend, das Häusermeer der Weltstadt. Eine rauchige Nachtwolke hängt noch da und dort über der steinernen Wüste, in langen schrägen Strahlen flimmert die Sonne dazwischen durch und läßt die Kuppeln und Türme des zoologischen Gartens hell aufleuchten. Abgerissen dringt aus ihm, im Winde verweht, das heisere Brüllen der Raubtiere, das stoßweise Bellen der Robben herüber. Dann reitet ein Leutnant vorbei, den Burschen auf dem Chargenpferd hinter sich, und erregt bei den kleinen Fabrikmädchen Sensation. Ein Hase springt auf und flüchtet unter dem Jubel der Gesellschaft, mit den Hinterläufen schlenkernd, querfeldein. Die Dampfbahn saust heran. Das Pferd eines entgegenkommenden Generals macht einen mächtigen Sprung zur Seite, ohne daß sich das strenge Gesicht des weißhaarigen Militärs irgendwie verändert. Den Kremserinsassen imponiert das ungemein, wenn auch viele der jungen Männer höhnisch über die teilnahmsvolle Ehrfurcht lächeln, mit der die Frauen dem davongaloppierenden Würdenträger nachstarren. Endlich taucht ein dunkler Streifen am Horizont auf und rückt näher und näher. Das ist der Grunewald. An der Villenkolonie vorbei geht die Fahrt. Noch liegen alle die barocken Gebäude, die bizarren Landhäuser und Restaurants in tiefer Ruhe, kleine Wellen ziehen plätschernd über die Oberfläche der künstlichen Seeen. Dann kommt der richtige Föhrenforst, hagerer Stämme, die dürren Wurzeln von weißem Sandgeriesel umgeben, hie und da etwas Graswuchs, ein graugrüner Moosteppich und überall verstreut auf dem sanft gewellten Boden die schmierigen Stullenpapiere, die Eierschalen und Glasscherben. Eben hält die Wagenreihe vor dem Wildgatter, das sich quer über die Straße zieht und die Insassen schauen bereits neugierig nach Hirschen und Rehen aus, da fliegt von hinten ein elegantes Fuhrwerk auf federnden Rädern an ihnen vorbei und durch das eben geöffnete Gatter auf der Straße weiter. Ein dunkler, schnurrbärtiger Herr sitzt darin, so weit man es erkennen kann, und ein Husarenleutnant. Aber schon ist der Wagen hinter einer Senkung der Allee verschwunden. »Du ... det war was Feines!« flüstert eine blasse Blondine zu ihrer Nachbarin. Die nickt andächtig und ein finsterer Bursche gegenüber setzt hinzu: »Ja ... solchen Briedern jehts jut auf der Welt ... die haben die janze Woche blauen Montag und wissen nischt von Sorgen und Verdruß ...« Durchdringend schallt aus dem nahegelegenen Saupark das Grunzen und Quieken des Schwarzwildes über die kleine Waldblöße hin. Sonst ist es still. Nur oben in irgend einem Wipfel hämmert eintönig ein unsichtbarer Specht und die Fichtenstämme knarren in dem Morgenwind, der um sie streichend den Tau von dem hohen zitternden Herbstgras streift. Aus der Ferne äugt ein Rudel Damwild unschlüssig auf die Gruppe dunkler Männer-Gestalten, die gähnend inmitten der Lichtung steht. Flüchtig äsend ziehen die schlanken Geschöpfe hin und her, bis plötzlich ein Schaufler den Kopf in den Nacken wirft und mit elastischen Sprüngen zwischen den Stämmen davonfegt. Die andern folgen seinem Beispiel, erschreckt durch das Aufleuchten der roten Attila in der schmalen Schneise, die zu der Blöße führt. Wendlau sieht ihnen einen Augenblick zerstreut nach. Dann wendet er sich mit schwankender Stimme zu den neben ihm schreitenden Parsenow. »Die andern warten schon!« »Na ... dann kann die Sache ja losgehen,« erwidert der Graf, kaltblütig auf die Uhr schauend. Ganz klar ist es dem Prinzen Stayningen nicht, was sich in den nächsten Minuten ereignet! Er sieht nur allerhand Herren um sich, er hört einen gedämpften Stimmwechsel, er schüttelt mechanisch das Haupt bei dem, hauptsächlich zur Deckung der Sekundanten vorgeschriebenen Versöhnungsversuch. Dann hört er ein kurzes, wiederholtes Stampfen, das Laden der Pistolen, und sieht sich plötzlich allein in der Mitte der Lichtung, die Waffe in der Hand, einige Schritte vor ihm zwei Paar zitternde, in den Boden gesteckte Stäbchen, hinter ihnen immer noch in unheimlich naher Entfernung, des Grafen dräuende Gestalt. Unwillkürlich schaut er hülfesuchend um sich und sieht die anderen Herren in langer Reihe am Waldrand stehen, ihm zunächst den kleinen Husaren, der ihn mit zu Boden gesenkter Pistole grimmig mustert. Etwas vor ihnen der Unparteiische, ein stattlicher Herr mit ergrauten Favoris, der aufmerksam auf eine goldene Uhr blickt. Tiefe Stille. Nur der Specht hämmert irgendwo unverdrossen über ihren Häuptern. »Sind die Herren bereit?« klingt von irgendwoher, wie aus einem Nebelland eine ganz fremde, merkwürdige Stimme« ... dann, bitte ... los! ...« In diesem kritischen Augenblick empfindet der Prinz nur einen einzigen verzweifelten Gedanken. »Ach ... wenn ich doch am Leben bliebe ...!« Das ist die Vorstellung, die ihn mit zwingender Gewalt beherrscht, während er langsam einen Fuß vor den anderen setzend, mechanisch vorschreitet. Er denkt nicht daran, zu schießen. Er ist vollkommen abhängig von dem, was sein Gegner thut. Er sieht Parsenow auf sich zugehen, sieht wie die langen, nassen Grashalme sich unter seinem ruhigen Schritt neigen. Es kommt ihm vor, als ob ein teuflisches Lächeln um den Mund des Grafen spiele, als ob er wie ein Gespenst immer höher und höher emporwachse und ihn mit funkelndem Blick durchbohre. Jetzt sind sie dicht an der Barriere. Wie hypnotisiert starrt der Prinz auf seinen Feind. Plötzlich ein helles Aufzucken, ein klingendes Pfeifen an seinen, Ohr, fast gleichzeitig ein kurzer Knall, und gleich darauf weiter hinten ein trockenes Knacken in einem Fichtenstamme. Ein paar weiße Späne und Borkenstücke kreisen da zu Boden, erschrocken stellt der Specht sein Hämmern ein. Durch den Pulverdampf, der ihm entgegenweht feuert Stayningen fast unwillkürlich gleichfalls die Pistole los. Seine Augenlider krampfen sich in der Aufregung zusammen ... Er öffnet sie gewaltsam und starrt verdutzt vor sich hin. Er hatte den Eindruck, als habe Parsenow in dem Augenblick, da der Prinz auf ihn schoß, ihm eine rasche spöttische Verbeugung gemacht. Und nun ist er gar nicht mehr da ... aber doch ... da liegt er ja, quer über den niedergebrochenen Stäbchen, das Gesicht nach unten. »Was hat er nur so mit den Händen in das Gras zu greifen?« ist der erste Gedanke, der dem Prinzen durch den Kopf geht »... und wie seltsam er mit dem linken Bein in der Luft zuckt ...« Aber schon springen die Sekundanten dazwischen. Der Prinz sieht nichts mehr: nur allmählich steigt in seinem verstörten Hirn die Ueberzeugung empor, daß Parsenow getroffen ... daß das Duell zu Ende sei ... und daß er lebe ... unversehrt lebe. Er hat die Empfindung, als löse sich langsam ein schweres Gewicht von seiner Brust und gleite zu Boden. Er atmet tief auf und fährt sich über die Stirne, auf der jetzt erst die kalten Schweißperlen hervorzutreten beginnen. »Gefährlich?« fragt inzwischen tonlos der am Boden knieende Wendlau den Arzt. Der antwortet nicht gleich. Mit einem vielsagenden Blick deutet er auf das ringsum sprossende Riedgras. Breiartige weiße Flocken kleben daran. »Eine Gehirnverletzung ist fast ausnahmslos tödlich, Herr Leutnant!« sagt er und kniet ebenfalls nieder, um den Gefallenen zu untersuchen. Man hört ein kurzes, schweres Röcheln, das zuckende Aufschlagen eines Stiefelabsatzes. »Er lebt doch noch ...« Wendlaus Stimme klingt heiser. »Das kann noch zehn Minuten so gehen ...« Der Arzt beugt sich noch einmal über den Grafen ... »vielleicht auch eine Viertelstunde. Das Bewußtsein ist weg ... kommt auch nicht wieder ...« Dann wird alles still. Prinz Stayningen sieht stumpf vor sich hin, sein Gesicht ist noch immer aschgrau, seine Glieder zittern. »Herrgott ...« sagt er schließlich ... »ich hatte wahrhaftig nicht die Absicht, Wendlau ... wahrhaftig nicht ...« Aber der kleine Husar fühlt sich jetzt nicht als Freund, nur als Sekundanten. »Pardon, Durchlaucht,« erwidert er und sucht seiner hellen Stimme einen möglichst schneidenden Klang zu geben, »niemand macht Ihnen einen Vorwurf. Ich glaube,« ... er sieht umher, »die Herren sind alle einig, daß bei Vollziehung des Zweikampfes die Standessitte gewahrt wurde ...« »Ach was, Standessitte...« murmelt Stayningen fast kläglich ... »aber wenn einem die Kugel am Ohr vorbeigeht ...« »... und ein Schütze wie Parsenow fehlt,« sagt ernst ein dunkelbärtiger Herr, der bis dahin geschwiegen ... »... ich kanns nicht glauben ...« Der Husar sieht verstört auf den Sterbenden ... »er traf ein Kartenblatt auf zwanzig Schritt und jetzt ...« »Verzeihung, Herr Leutnant,« unterbricht ihn mit kalter Höflichkeit einer der Gegensekundanten ... »die Andeutung, als ob der Herr Graf sich freiwillig der Kugel unseres Mandanten preisgegeben habe ...« Aber der Unparteiische schneidet ihm das Wort ab: »Genug, meine Herren ... Diese Erörterung ist, wie mir scheint, überflüssig. Halten wir uns an die Thatsachen. Graf Parsenow ist tot. Was er vorher dachte und wollte, geht uns nichts mehr an!« Die Anwesenden verstummen. Allmählich dämmert ihnen allen die schweigende Erkenntnis auf, daß Graf Parsenow es vorgezogen hat, sein Schicksal zu corrigieren! Und wieder wird es ganz still. Oben in der Fichte, über der die kleinen Lämmerwölkchen an dem blaßblauen Herbsthimmel dahinziehen, hämmert und klopft der unverzagte Specht und in weiter Ferne, wo die Ausflügler in ihren Kremsern über die Chaussee rollen, tönt kaum hörbar ein Gesang. »Im Grunewald ist Holzauktion« ... klingt es herüber, dann wieder das Rauschen des Morgenwindes im Stangenholz und in ihm, halbverweht und kaum vernehmbar »... ist Holzauktion ... ist Holzauktion...« Von den Döbeln, die spät in der Nacht noch aus Potsdam zurückgekommen, saß nur der Major im Frühstückssaal des Hotels. Hilda wollte noch bis zum Nachmittag bei ihrer Freundin in Potsdam bleiben. Kurt war zum Dienste. Unter höhnischem Brummen und halbersticktem Wutgelächter studierte der alte Herr eben einen gegen die Agrarier gerichteten Leitartikel der »Freisinnigen Zeitung«, die ihm durch irgend ein Unglück in die Hände gefallen war, als der Leutnant von Wendlau sporenklirrend eintrat und sich ihm vorstellte. Die beiden Herren gingen in Döbelns Zimmer. Als sie nach einiger Zeit wieder herunterkamen, schien das Gesicht des Majors um Jahre gealtert. Er ging langsam, er sprach leise und begnügte sich zum staunenden Entsetzen der herumstehenden Piccolos, die sein Temperament wohl kannten, mit einem milden Verweis, als ein ungeschickter Hausknecht ihm einen Koffer an das Schienbein schleuderte. Dann fuhren die beiden davon, in den Grunewald. Auf dem schmalen Kiefernpfad unweit der Saubucht, in dessen Sand die Räder knirschend einsanken, kam ihnen ein offenes Gefährt entgegen. Prinz Stayningen saß darin. Er hatte seine gewöhnliche Gesichtsfarbe wiedergewonnen; es schimmerte feucht in seinen kleinen Augen. »Vor einer Viertelstunde war es erst zu Ende,« sagte er leise und beklommen zu Wendlau, der an seinen Wagen getreten war ... »ich habe die ganze Zeit gewartet, um für den Fall, daß er noch zur Besinnung käme ... Sie begreifen ... ich hätte ihm gern noch einmal die Hand hingehalten ...« Der Leutnant schweigt. »Setzen Sie sich nur in meine Lage,« fährt der Prinz fort. Ein paar dicke Thränen rollen über sein rotes, gutmütiges Gesicht. »Er hat mich doch schließlich mit dem Handschuh geschlagen. Was war da zu machen? ... ich geb's ja gerne zu ... er war ein brillanter Kerl ... der Parsenow ... Gott hab' ihn selig ...« »Und was thun Sie jetzt, Durchlaucht?« »Ich fahre erst auf die Bank ... nämlich wegen der Caution ... und dann zum Staatsanwalt ...« »Nun, dann viel Glück!« Vorsichtig gleiten die beiden Wagen an einander vorbei. Mit einem scheuen Blicke sieht Stayningen dem grimmigen alten Herrn nach, der neben Wendlau sitzt. Dann wendet er sich zum Kutscher: »Nu man dally ... ich habe Eile ...« Und je mehr der rasch dahinrollende Wagen sich Berlin nähert, desto zufriedener wird des Prinzen Stimmung. Eigentlich hat er sich doch brillant aus der Affaire gezogen. Er ist am Leben geblieben, auf der Festung einer baldigen Begnadigung sicher, und wie anders steht er jetzt da als noch gestern um diese Zeit! Da hielt man ihn noch für ein harmloses, gutmütiges Gigerl: jetzt hat er gezeigt, daß er Haare auf den Zähnen hat, indem er den gefürchteten Parsenow im ritterlichen Zweikampf erlegte. Staunend werden jetzt die Männer, mit angstvoller Bewunderung die Frauen auf ihn sehen, und er selbst fühlt sich heute zum ersten Mal in seinem siebenunddreißigjährigen nutzlosen Dasein nicht unwert des alten Heldengeschlechts, von dem er stammt, jener grimmigen Kämpen, deren Bilder den Ahnensaal seines Vaterschlosses fern am rebengrünen Neckarstrand zieren ... Schweigend tritt inzwischen der Major und sein Begleiter in das kleine Zimmer des Grunewald-Restaurants, in dem man einstweilen den Grafen gebettet. Vor dem Fenster schwanken rötliche Buchenzweige, weiterhin schweift das Auge ungehindert über blaue Seeen und bläulichen Forst. Im Hofe unten heulen und janken ein Paar Teckel, Truthahngekoller mischt sich mit dem Gackern der Hühner. Lange betrachtet der alte Döbeln die reglos ausgestreckte ritterliche Gestalt. Man hat Parsenow ein Tuch um den Kopf gelegt, das die Wunde verbirgt. Ein herber Ernst ruht auf seinen scharfgeschnittenen Zügen, aus denen der dunkle Schnurrbart sich jetzt noch grimmig emporsträubt. Sein gesunder, bräunlicher Hautton hat einen gelblichen Schimmer angenommen. Und dumpf starrt der graue Biedermann vor sich hin. »Wie wird Hilda diesen Schlag ertragen?« geht es eintönig durch sein armes Hirn ... »wie soll er sie darauf vorbereiten ... wie ihn ihr mitteilen ...« »Ich denke ... wir warten die Dämmerung ab,« sagt endlich der Husar neben ihm ... »bis wir ihn hereinfahren. Dann sieht es niemand und die Sache spricht sich nicht so herum. Ich habe Parsenows Diener schon herausbestellt. Er kann dann auf dem Bock des Coupés sitzen. Wir beide fahren langsam mit unserer Droschke voraus ...« Der Major nickt schwermütig mit dem Kopf. Gut, daß der Diener da ist! Und wirklich sitzt unten in der Wirtsstube der perfekte valet de chambre und unterhält sich bei einem Glase Grog herablassend mit dem Kellner. Der Tod des Grafen geht ihm äußerlich wenigstens nicht allzu nahe. Ein Kammerdiener der jeunesse dorée muß darauf gefaßt sein, jeden Augenblick seinen Herrn durch Duell, Selbstmord, Heirat oder sonst einen Unglücksfall zu verlieren. Schon steht die rotglühende Sonnenscheibe tief im Westen, ein feiner weißer Rauch entsteigt dem reglosen Gewässer der Havelseeen und die würzig kalte Nachtluft verdrängt die matte Wärme des Herbsttages, da rumpeln die beiden Wagen im Schritt über den weichen, mit gelbem Kies bestreuten Waldweg und dann im kurzen Trab auf der Chaussee des Kurfürstendammes weiter. Ringsum die märkische Ebene. Schlaftrunken drehen da und dort noch auf kleinen Sandhügeln die Windmühlen ihre Flügel, aus der Ferne ragen, von einem schwärzlichen Häusergewirr umgeben, die dünnen Zacken der Kirchtürme in die stille Luft. Ab und zu das Türmchen eines Herrensitzes, ganz hinten links, sich scharf von dem klaren Horizont abhebend, die Kuppel des Charlottenburger Königsschlosses. Und dazwischen überall die endlosen Flächen von Äckern und Wiesen, von Bauplätzen und Gemüsebeeten, die zum großen Teile schon verwahrlost daliegen, als warteten sie nur darauf, von der unablässig vorrückenden Weltstadt verschlungen zu werden. Und wie weit hat der Zug nach Westen seine Vorposten schon hinaus in das Gelände getrieben! Hier zu zweien und dreien, dort noch vereinzelt ragen wie Castelle die Mietskasernen aus dem sonst noch öden Lande. Zerfallene Bauzäune umgeben die Nachbargrundstücke, Schutt- und Steinhaufen liegen auf dem niedergetrampelten Gras, die umgehackten und in Haufen geschichteten Obstbäume strecken ihr kahles Ästegewirr gen Himmel. Daneben eine Ruine, ein zur Hälfte schon abgetragenes, wurmstichiges Bauernhaus. Was soll die Scharteke hier auf diesem Grund und Boden, wo jede Quadratrute kostbar ist! Ein großes Zinshaus wird auf ihm erstehen. Es wird sich mit keifenden Parteien und lärmenden Mägden füllen, Schwärme von verkümmerten Kindern werden in dem dunkeln, brunnenschachtartigen Hof spielen und in der Destille an der Ecke ein heiseres Klavier am Abend die Maurergesellen der Umgegend zum Biere locken. Und andere werden folgen, überall da, wo jetzt noch der Herbstwind frei über die Stoppeln pfeift und die Hasen durch die zitternden Weißdornhecken huschen, Straße wird sich an Straße reihen, die Pferdebahn klingeln, die Wagen rasseln und die Menschen dahinströmen, immer weiter und weiter gen Westen. Schon jetzt ziehen sich überall die projektierten Straßen durch das Gelände. Ausgefahrene Ackerwege mit wassergefüllten Rinnen, von knarrenden Lastfuhrwerken belebt. Zusammengebrochene Zäune folgen ihrem Lauf, halbfertige Häuser stehen daneben zwischen halbniedergerissenen, dann wieder endlose, kot- und geröllbedeckte Bauplätze, Steinhaufen, Baumstrünke, Schmutzlachen ... eine wüste, zerstörte Welt, in der mit Sonnenuntergang jedes menschliche Leben erlischt. Es ist, als sei da ein Feind verheerend über die Fluren gezogen, und als der alte Major auf die dunkelnden Häusermassen der Weltstadt vor sich blickt, der sie entgegenfahren, da glaubt er diesen Feind zu erkennen. Wie ein Raubtier, das immer weiter im Umkreise gefräßig alles verschlingt, kommt ihm das große glänzende Berlin vor, wie ein seelenloses Ungeheuer, in dem alle Eigenart und Feinheit des Lebens, alle Frische der Empfindung und Vornehmheit des Denkens untergeht in dem wiehernden Gebrüll der Volks-Versammlung, dem roh donnernden Schritt der Arbeiterbataillone. Und noch ein anderes, mächtigeres wirkt da mit! Der Major wendet sich um zu dem Wagen, der Parsenows Leiche hinter ihm her führt. Der Abendhimmel des Westens glüht im Feuerschein. Da und dort schleudern flimmernd und blitzend einige Glasscheiben die Strahlen zurück, die in langen rötlichen Linien durch das Laub des Tiergartens brechen und ihre zitternden Schatten über seine Seespiegel werfen. Und ferne über dem bunten Blättergewoge taucht jetzt, da sie am Schlosse Bellevue vorbeifahren, ein glühender Körper auf. Das ist die Viktoriasäule, die im Abendrot glänzt. Man sieht nichts mehr von den plumpen Formen der Figur, nichts mehr von dem Sockel, nur eine Masse von glitzerndem, funkelndem Gold schwebt dort oben hoch in der Luft und zu ihm tönt aus dem dämmernden Treiben unten vieltausendstimmig das Hasten und Jagen, das Kämpfen und Sehnen der Weltstadt empor. Das Gold ... ja ... das ist es, das ist der eigentliche Herr über alles, was hier lebt und streitet! Der Major schließt finster die Augen. Ihm ekelt vor Berlin. Da tönt Musik und Gesang neben ihm. Eine Kremserreihe mit buntfarbig leuchtenden Laternen rollt langsam vorbei. Es ist das Fabrik-Personal, das von seinem Festtag zurückkehrt. Eine gehobene Stimmung herrscht in den vollgepfropften Wagen. Manche der Männer sind etwas angetrunken, die Mädchen hochrot erhitzt, aber die Fröhlichkeit ist allgemein. Im vordersten Gefährt erklingt die Drehorgel und ein kräftiger Chor folgt der einfältig-wehmütigen Melodie. »O lieb', so lang du lieben kannst Am märk'schen Sand und See ...« und zitternd sich in die Höhe schwingend, fallen die dünnen, klagenden Mädchenstimmen ein: »O lieb', so lang du lieben kannst Am grünen Strand der Spree! ...« X. Das »Edentheater« war gerichtlich geschlossen, ein Steckbrief lief hinter dem flüchtigen Direktor her. In dem dunklen Parkett huschten die Mäuse, eine dicke Staubschicht legte sich über die Bretter des Podiums, die Spinne wob ihr Netz über den Flurschalter, an dem sonst der Kassierer gelauert. Nach Weihnachten sollte dort eine süddeutsche Künstlergesellschaft einziehen und das Publikum in einem vierwöchigen Gastspiel mit Jodeln, Zitherklang und Schuhplatteln erfreuen. Bis dahin blieb das Haus geschlossen. Totenstill lagen die finstern Corridore, die Foyers und Bühnenräume, nur des Sonnabends hallte unheimlich in ihnen der schwere Tritt einiger Scheuerfrauen, die ein paar Stunden hindurch einen aussichtslosen Kampf gegen Schmutz und Moder führten. Das Personal war in alle Winden zerstoben. Ein Bruchteil der Truppe zog in den kleinen Städten der Mark umher und veranstaltete in den Hotelsälen Gastspielvorstellungen vor den meist ziemlich stumpfsinnig dasitzenden Honoratioren des Ortes, Andere hatten in Berlin oder der Provinz ein bescheidenes Unterkommen gefunden oder privatisierten, wenn sie es konnten, bei Angehörigen. Mancher aber trieb sich noch jetzt stellungslos in den Straßen der Weltstadt umher und blockierte die Thüren der Agenten und Direktoren. Dem weiblichen Chor und namentlich dem Ballett ging es besser. Sie fanden rasch Plätze bei den Operettenbühnen und den Feeerien, die von den Circus- und Tingeltangel-Inhabern in wilden Wettstreit veranstaltet wurden. Und nach kurzem war das Eden-Theater und seine Insassen vergessen. Es ereignet sich ja so viel in Berlin und ein Theaterkrach gehört wahrhaftig nicht zu den merkwürdigen Vorkommnissen ... Erna Ernesti ging trostlos in ihrem schmucken Salon und dem anstoßenden Boudoir auf und nieder. Von Zeit zu Zeit bückte sie sich, kippte mit Anstrengung einen der schweren Sammetfauteuils oder ein geschnitztes Tischchen um und sah mit wehmütigem Kopfschütteln auf die kleinen häßlichen Siegel, die eben ein unangenehm bestimmt auftretender Herr an den verborgenen Stellen des Mobiliars angebracht. Ehe der Gerichtsvollzieher ging, hatte er sie noch gewarnt, ja nicht die Siegel wegzunehmen oder die Möbel aus der Wohnung zu entfernen. Sonst käme sie vor Gericht. Davor hatte sie eine furchtbare Angst. Sie kam sich wie eine Mitschuldige van Looks vor, wenn sie Tag für Tag in den Zeitungen von dem Unglück las, das der Konkurs in zahlreiche Familie getragen Auch ihr Name war darin häufig angedeutet. War sie doch nach der Versicherung der giftigen Winkelblätter als Letzte dem Bankier behülflich gewesen, das Geld seiner Klienten durchzubringen. Zudem war auch ein Schreiben des »Berliner Argus« bei ihr eingetroffen. Der Ritter von Crocevich schickte ihr den Bürstenabzug eines Artikels, in dem er sie beschuldigte, um das Treiben van Looks gewußt und seine Unterschleife durch ihre Verschwendung begünstigt zu haben. Den Schluß bildete eine dunkle Andeutung, als ob der Staatsanwalt ihrer Person bereits näher getreten sei. Ein Prospekt zum Abonnement auf den »Berliner Argus« lag bei. Das Revolverblatt verfehlte indeß seinen Zweck. Von ihrem bösen Gewissen getrieben faßte Erna einen ganz anderen Entschluß. Sie packte alles, was sie noch an Geld und Schmucksachen von dem Bankier besaß, zusammen und schickte es mit der Bitte um Quittung an den Verwalter der Konkursmasse. Die Empfangsbestätigung traf denn auch bald ein und in dem Kreisen der großen wie der halben Welt erzählte man sich staunend von der heroischen That der Ernesti. Aber für Erna war nun guter Rat teuer. Die Gläubiger drängten sie. Ihr Schneider ließ nicht mehr mit sich reden. Er hatte sich richtig einen Pfändungsbefehl erwirkt und nun den Exekutor geschickt. Darüber tobte der Hauswirt, der für die rückständige Miete sein Retentionsrecht an den Möbeln hatte geltend machen wollen. Man hörte seinen erregten Wortwechsel mit dem Gerichtsvollzieher auf dem Flur. Erna seufzte. Was nun? Engagementsanträge nach auswärts waren ihr mehrfach zugegangen, sie konnte sich auch auf Gastspielreisen begeben. Aber was brachte das schließlich ein? ... und inzwischen räumte man ihr hier ihre Wohnung, das hübsche, traulich eingerichtete Nest völlig kahl aus. Ein Glück, daß sie wenigstens ihre Toiletten, als zur Ausübung ihres Berufes gehörige Gegenstände, vor diesem ekelhaften Menschen gerettet hatte. Sie schickte ihre Zofe mit dem schwanenpelzbesetzten, blauseidenen Überwurf in das Leihhaus, um wenigstens etwas bares Geld in die Hand zu bekommen. Aber als das Mädchen gegangen, fühlte sie sich ganz unheimlich in ihrer eigenen Wohnung. Die verräterischen Siegel, die verstohlen an den Möbeln klebten, kamen ihr nicht aus dem Sinn. Ans Fenster tretend, starrte sie müßig auf die Straße. Es war ein schöner, klarer Herbsttag, verlockend zu einer Promenade im Tiergarten. Sie nahm Schirm und Handschuhe, band den Schleier um das winzige Hütchen und stieg, immer noch in sehr gedrückter Stimmung, die Treppen hinunter, ab und zu sich scheu umsehend, ob sie den Hauswirt nicht begegne. Als sie langsam auf dem breiten Fußweg der Tiergarten-Straße dahinschritt, auf dessen feuchtem Kies zerstreut das welke Herbstlaub lag, hatte sie eine vollkommene Anwandlung von Schwermut, beinahe von Lebensüberdruß. Plötzlich blieb sie stehen und starrte erschrocken auf ein Gefährt, das ihr rasch über den Asphalt dahinrollend, entgegenkam. Sie kannte dies Gefährt, diese schwarzen Orlofftraber mit den federnden Vorderbeinen und den wehenden Schweifen. In ängstlicher Neugier sah sie darauf hin, wer wohl jetzt der Besitzer sein möge. Plötzlich sprang im Wagen ein Herr, sie offenbar erkennend, auf, gab dem Kutscher einen Wink, zu halten und lief, ehe die Pferde noch völlig standen, heraus, um quer über den lockeren Reitweg auf sie los zu eilen. Erna hatte den Prinzen Stayningen noch nie so lebendig und zugleich so selbstbewußt gesehen. Seit dem Zweikampf mit Parsenow ging der schwäbische Dynast hochaufgerichtet und gemessen einher. Den trottenden Gigerlschritt hatte er sich ebenso abgewöhnt, wie das stiere Lächeln um den halboffenen Mund. Er empfand das Bedürfnis, ernst und würdig auszusehen, wie es sich für einen Mann ziemt, gegen den ein Verfahren wegen Zweikampfs mit tödlichem Ausgang schwebt. »Nun ... gehen spazieren, Gnädigste?« sagte er, lässig den Hut lüftend. Erna entzog ihm halb ihre Hand. »Ich habe Angst vor Ihnen, Durchlaucht. Am Ende bringen Sie mich auch um ...« »Nein, meine Gnädigste ... nur Männer! ... that mir leid um Parsenow ... famoser Kerl sonst ... aber ging nicht anders. Mußte ihn erschießen ... Beleidigung zu schwer ...« »Sie sind ein schrecklicher Mensch.« Erna sah mit großen, feucht schimmernden Augen in das rote, gutmütige Gesicht des Gigerls. Der aber wechselte die Unterhaltung. »Und zu Fuß, Gnädigste ... bei feuchtem Herbstwetter ... werden sich Schnupfen holen ...« »Wenn schon ...« sagte Erna kläglich ... »ich trete ja doch nicht mehr auf. Und was soll man denn thun, wenn man keinen Wagen hat? »Wie ... kenne doch Ihr kleines Coupé ... würdevoller alter Kutscher oben ...« »Der Kutscher ist weg!« Erna seufzte, »... und das Coupé ist verkauft und die Pferde sind verkauft ... und mein Schmuck ist weg ... und meine Möbel ... und schließlich wird mir der Gerichtsvollzieher noch alles wegnehmen, was ich habe ... und ich kann doch nichts dafür ...« Sie war nahe daran, zu weinen. »Armes Kind ...« sagte der Prinz, wirklich, ergriffen ... »müssen mehr darüber erzählen. Wissen Sie was! fahren mit nach Charlottenburg zum Rennen ... Großer Preis wird heute gelaufen ... Gutes Ding für Floßhilde ... schönes Rennen ...« Er wollte schon den Wagen heranwinken, aber Erna hielt ihn zurück. »Was denken Sie eigentlich von mir, Durchlaucht?« frug sie halb kühl, halb gekränkt, »daß ich mit Ihnen so mir nichts dir nichts nach Westend fahren soll? Ich besuche überhaupt den Rennplatz nicht ... den ganzen Herbst nicht mehr.. er ist mir verleidet ... und ...« »Pardon ... Pardon ...« der Prinz schien etwas verwirrt ... »aber wissen Sie was ...« fuhr er freudig fort ... »werde, wenn erlauben, nach dem Rennen Augenblick bei Ihnen vorsprechen ...« »... und mir erzählen, wie es draußen war!« Erna streckte ihm herzlich lächelnd die schmale Hand hin ... »thun Sie das, Durchlaucht ... es soll mich freuen ... auf Wiedersehen.« Lange blickte Stayingen der schlanken, sich anmutig in den Hüften wiegenden Gestalt nach, die rasch und graziös über den Kiesweg dahinschritt. Dann stieg er ein und ein fettes Lächeln ging über sein Gesicht, während der Wagen durch den Hofjäger auf die Charlottenburger Chaussee zuschoß. Dort ist heute, am Tage des Großen Preises von zusammen 35+000 Mark und bei dem prachtvollen Herbstwetter das Getümmel noch weit gewaltiger wie sonst. Eine schwarze Woge von rasselnden Gefährten wälzt sich die Straße entlang nach den Höhen von Westend, die hochgetürmten Pferdebahnwagen klingeln, dazwischen knarren und schaukeln die Kremser, von den Viererzügen tönt das Hornsignal, grell schimmern die hellen Damenkleider und die bunten Uniformen, die Händler schreien die »Sportwelt« aus, die Schutzleute fluchen in die endlosen, von einem Walde wehender Peitschen überragten Wagenkolonnen und von dem blaßblauen Herbsthimmel lacht die Sonne über Gerechte und Ungerechte. Quer durch das Getümmel bahnt sich am großen Stern eine bescheidene Gepäckdroschke ihren Weg, zum Zorn der Sportsmen, die kaum mehr ihre rasch trabenden Pferde zu parieren vermögen. Namentlich der elegante, offene Wagen, in dem an der Seite eines schönen großen Mädchens Herr Krakauer, mit dem Ausdruck eines mißvergnügten Fuchses auf dem quittengelben Gesicht, trohnt, prallt beinahe mit der Droschke zusammen und zu dem vollbärtigen, mit dem eisernen Kreuz geschmückten Kutscher klingt ein heftiges Schimpfwort des gereizten Geldmannes empor. Dann humpelt die Gepäckdroschke einsam am Spreeufer weiter, dem Lehrter Bahnhof zu. Niemand sieht ihr nach. Auffällig sind ja die Insassen weiter nicht, der alte, grimmig aussehende Herr mit dem schlohweißen Schnurrbart, der blutjunge Leutnant ihm gegenüber und die blasse, in schwarze Schleier gehüllte Dame, die teilnahmslos dasitzt. Erst, als sie sich schon im Coupé befindet und sich der Zug in Bewegung setzt, hebt sie das Haupt und winkt ihrem auf dem Bahnsteig stehenden Bruder mit der Hand einen müden Abschiedsgruß. Dann sinkt sie wieder zusammen und starrt thränenlos vor sich hin. Gramvoll sitzt der alte Herr daneben. Sie schweigen beide, die langen Stunden, bis der Zug an der kleinen Station anhält, die dem Gute des Majors zunächst liegt. Dort erwartet sie der Inspektor und Jochen, der ewig grinsende, flachshaarige Kutscher. Dann war noch ein dritter da, Herr von Kranow, ein Gutsbesitzer aus der Umgegend. Mäßig begütert lebte er seit Jahren als Witwer mit einem kleinen Töchterchen auf seiner Scholle. Hilda kannte ihn wohl und hatte oft darüber gelacht, wenn sie auf Bällen und Gesellschaften unverwandt die Augen des stillen Mannes auf sich ruhen fühlte, der so gar nichts aus sich zu machen verstand und mit seiner schlichten, blondbärtigen Erscheinung so seltsam von dem lärmenden Kreise der Cavaliere abstach. Der erwartete sie jetzt. Seit einer Woche stand er jeden Tag um diese Zeit auf dem Perron. Er geleitete sie stumm zum Wagen und half ihr hinein. Dann zog er seine Mütze und trat mit einer ernsten Verbeugung zurück, auf sein Pferd zu, das ein Bauernjunge in der Nähe hielt. Vorher aber hatte Hilda seine Hand ergriffen und sie dankend gedrückt. Er sah, daß seine Teilnahme ihr wohl that. Und als der einsame Junker bald darauf über die dämmernden Felder, durch die reine Abendluft seinem Hause zutritt, da stieg es wie ein Gefühl frohen Bangens in seinem Innern empor. Sich im Sattel aufrichtend schaute er zu dem klaren Himmel auf, an dem eben die ersten Sterne scheu blinkend hervortraten. Fern läuteten die Abendglocken, die Nacht sank schweigend hernieder und ihr Friede legte sich über die müde Welt. Ende.