Rudolph Stratz Liebe um Barbara Neue Ausgabe des Romans Die armen Reichen Erstes Kapitel Es war eine Villa in Baden-Baden, größer und vornehmer als die anderen umher, deren Dächer jetzt, im Hochsommer, kaum noch aus dem dichten Grün der Gartenstadt ragten. Die Villa erinnerte schon ein wenig an ein Schloß, mit dem prunkenden Säulenrund, das die steinerne, palmengeschmückte Freitreppe als Hintergrund einrahmte, mit dem hohen Wartturm zur Seite, der doppelten Reihe gotischer Fensterwölbungen in der Hauptfront. Und doch unterschied sie sich eigentlich wenig von ihrer Nachbarschaft. Es haftete an ihr dasselbe Farblose, Unpersönliche, wie an den sonstigen Bauten eines Badeortes. Dieselben Kieswege schlängelten sich in dem weitgestreckten Garten in gesuchten Krümmungen um die gleichen Luxusbeete, alles war so angelegt, daß es der ganzen Welt gefallen und von jedermann benutzt werden konnte. So hatte auch Otto Burck, der alte Großkaufmann, als er vor fünf Jahren seinen Wohnsitz aus Polen nach Deutschland verlegte, das Ganze von dem Vorbesitzer übernommen und seitdem nichts daran geändert. Es interessierte ihn nicht. Er verstand auch nichts davon. Sein Leben war im Kampf um das Geld dahingegangen. Nun er viel, sehr viel davon besaß und seinen Kindern Millionen hinterlassen konnte, war er müde. Müde und verbraucht. Er wußte es selbst. Der stille kleine Herr saß an seinem Arbeitstisch. Auf den fiel das gedämpfte Licht der Augustsonne durch die geschlossene seidene Gardine und erhellte sein gutes und freundliches, müdes Gesicht mit den klugen, von einem etwas leidenden Ausdruck umflorten Augen und ließ die vor ihm liegenden Papierstöße grellweiß schimmern. Es waren Berichte in deutscher, französischer und englischer Sprache, Zuschriften des Syndikats der polnischen Zuckerrübenindustrie, Briefe aus Italien, wohin er hauptsächlich den rohen Sandzucker seiner vier großen Fabriken exportierte, und lange Zifferreihen, Berechnungen und Entwürfe von seiner eigenen Hand. Dies schob er jetzt alles zurück, sah auf die Uhr, klingelte und fragte den eintretenden Diener: »Ist noch niemand von den Herren da?« – Und an Stelle des Dieners antwortete, diesen über die Schwelle zurückschiebend und die Tür wieder hinter sich schließend, Otto Burcks Schwager, der Bruder seiner Frau: »Niemand! Nur ich! Aber ich alter Esel zähl' ja nicht mit!« Onkel Pauluscha, ein Mann von schwerer und großer, von einem rötlich weitläufigen Antlitz beherrschter Gestalt, hatte immer etwas Unheilverkündendes und zugleich Gefaßtes an sich, gleich jemandem, der schwere Unglücksfälle im Leben ungebeugt ertragen hat. Vor vier Jahrzehnten hatte er sich nach dem Tode seines Vaters, eines reichen deutsch-polnischen Stahlindustriellen, im Alter von zwanzig Jahren zur Ruhe gesetzt. Seine Einkünfte genügten ihm. Aber es bedrückte ihn doch, daß man ihn im Kreise der Burcks und ihrer Verwandten, dieser über halb Europa verbreiteten, rastlos tätigen, von Ursprung deutschen Großkaufmannsfamilie nicht ernst nahm, und diese Vereinsamung zwischen den anderen Millionären gab seinem Wesen einen stillen Leidenszug. »Sieh mal meine Zunge!« sagte er gedämpft zu seinem Schwager. »Ich glaube, sie ist stark belegt ...« »Meinetwegen!« Otto Burck blätterte in seinen Papieren, ohne das inzwischen von Onkel Pauluscha zum Vorschein gebrachte Schaustück eines Blickes zu würdigen. »... und ich weiß nicht: Mit meiner Verdauung ist's auch wieder gar nicht in Ordnung! Ich ...« »Ich hab' jetzt keine Zeit für deine Verdauung!« Otto Burck machte sich ein paar Notizen zu einer Tabelle, die ihm der technische Direktor einer seiner Zuckerfabriken am heutigen Morgen geschickt hatte. Und Onkel Pauluscha seufzte, setzte sich und wischte sich den Schweiß von dem bartlosen, würdevollen Gesicht und der elfenbeinern darüber leuchtenden Glatze; dann fragte er: »Wann essen wir denn eigentlich heute?« Er fügte in hoffnungsvollerem Ton, mit einem warmen Aufleuchten in den Augen, hinzu: »Ich hab' etwas von Bachforellen munkeln hören ...« »Wenn du nur vom Essen reden kannst!« Der kleine alte Herr, den schon lange ein Magenleiden quälte, schaute unwillig auf. »Und um elf Uhr vormittags schon! Jetzt ist unsere Konferenz! ... Schämst du dich nicht?« »Nein!« sagte Onkel Pauluscha. Er hatte im Sitzen die Hände über den Bauch gefaltet und sah ergebungsvoll darein: »Erst elf! Verhungern wir also! Wenn du aber während der Sitzung jemand röcheln hörst, dann wundere dich nicht, sondern denke, daß dein armer alter Schwager ...« »Still jetzt!« Otto Burck schlug unwillig mit dem Bleistift auf den Tisch. »Und überhaupt ... tu mir den Gefallen und unke nicht bei der Besprechung wieder in alles hinein, was ich sage.« Dabei nahm er einen Brief zur Hand, den er fern von den anderen auf den Tisch gelegt hatte. Der Brief enthielt viele Seiten. Viele Zahlen waren darauf. Manches Wichtige war drei- und viermal nervös unterstrichen. Der alte Kaufmann seufzte mit einem Zug des Grams auf den müden, freundlichen Zügen und schaute ihn lange an. »Von deinem Bruder?« fragte Onkel Pauluscha gähnend. »Ja. Von Joseph«, sagte der alte Burck trübe und tat den Brief wieder in das Kuvert mit dem Londoner Poststempel. »Was gibt's denn?« »Was es ewig gibt ... neue Anklagen – neue Prozesse ... wie immer seit zwanzig Jahren ... ach ... ich hab' es so satt ...« »Kümmere dich nicht darum!« riet der alte Junggeselle. Otto Burck sah ihn an und sagte dann leise: »Mein lieber Pauluscha – das ist eben der Unterschied zwischen uns beiden. Ich hab' eine Frau, ich hab' drei Töchter – ich hab' Enkelkinder – ich hab' mein ganzes Leben lang mich um andere gesorgt und für sie gearbeitet und an meine Nächsten gedacht. Das wird einem dann zur zweiten Natur – auch meinem Bruder gegenüber – trotz dieser furchtbaren Feindschaft – trotz dem, was er getan hat! ... Du natürlich ... Wenn du sehen willst, was dich einzig und allein auf der Welt interessiert, dann brauchst du nur in den Spiegel zu schauen ... Wer ist da?« Er wandte sich an den eintretenden Diener. »Die beiden Herren von Rhenus? Ich lasse bitten.« Vor beinahe vierzig Jahren hatte Otto Burcks Schwester in London den Frankfurter Senator Dietrich von Rhenus geheiratet, der nach England gezogen und dort gestorben war. Sein älterer Sohn Augustus übernahm sein Bankhaus in der Leadenhallstreet in London, dessen Teilhaber er schon bisher gewesen war. Dem jüngeren Sohn Harry fielen die Besitzungen in Frankfurt zu. Er war dorthin zurückgekehrt. So lebte wieder ein Rhenus, vorläufig noch unvermählt, in seiner Vaterstadt. Die Brüder, die eintraten und ihren Onkel begrüßten, waren beide um die Mitte der Dreißig. Bei Augustus, dem älteren, hatte die werbende Kraft des Angelsachsentums ihr Werk vollbracht. In London geboren und erzogen, mit einer Britin verheiratet, die ihm eine Menge Kinder geschenkt hatte, war er nicht Deutsch-Engländer geblieben, sondern aus einem Deutschen ein Engländer geworden. Man wunderte sich beinahe, daß dieser zurückhaltende korrekte Gentleman mit dem bürstenartig kurzgeschnittenen, rotblonden Schnurrbärtchen überhaupt noch deutsch sprach. Seinem Bruder Harry konnte man keine bestimmte Nationalität nachsagen. Einen halben Kopf größer als jener, schlank und gut gewachsen, sah er aus, wie irgendwo in Paris, London, Berlin oder Wien ein eleganter und etwas blasierter junger Mann aussehen mochte. Sein länglich-regelmäßiges Gesicht zeigte eine angenehme Klugheit. Aber das Lächeln darauf war stets kühl, von einer leise ironischen Art. Sein Bruder war nach der Begrüßung zu dem alten Herrn getreten. Der wies ihm stumm den Londoner Brief. Der andere erkannte die Unterschrift sofort. Auf seinem Gesicht erschien ein Zug peinlichen Befremdens, der Widerwille des respektablen Citymannes gegen abenteuerliche und haltlose Existenzen des Londoner Geldmarktes, wie es Onkel Joseph, die seit Jahrzehnten gestürzte Größe der Familie, war. Harry von Rhenus stand inzwischen im Gespräch mit dem ältesten Schwiegersohn des Hausherrn, dem Rittmeister von Heinrich. Der Rittmeister wurde sonst zu Geschäftskonferenzen nicht herangezogen. Er fühlte sich dabei auch ziemlich unbehaglich. An sich schon klein und mager, das letzte Lot Fleisch von den Knochen wegtrainiert, um möglichst wenig Gewicht in den Sattel zu bringen, das Monokel im Auge, hielt er sich weit zurück, in der Ecke, und plauderte da halblaut mit dem jungen adligen Patrizier über den Frankfurter Poloklub und die dortigen Rennen. Und wieder öffnete sich die Tür. Maurice Burk – oder, wie er sich nach französischer Gewohnheit nun schon in Deutschland schrieb: Maurice Bürk – erschien, in der Familie kurzweg der »Pariser« genannt, weil er, ein Vetter Otto Burcks, schon in jungen Jahren das Land verlassen hatte, um in Paris eine Filiale der väterlichen Petroleumfirma zu gründen. Dort war er geblieben und hatte sich, im Besitz eines großen Vermögens, spät verheiratet. Nun war er schon betagt, ein eisgraues Männchen mit trübe zwinkernden Augen und einem eigentümlichen Ausdruck stillen Humors auf den grämlichen Zügen. Er war streng nach der letzten Mode der Boulevards gekleidet – das rote Bändchen der Ehrenlegion im Knopfloch. Mit Deutschland verband ihn, außer der Muttersprache, in der er auch schon zuweilen nach Worten suchen mußte, nur noch ein Stück Jugend – die Erinnerung an die fünf glücklichsten Jahre seines Lebens, wo er in Frankfurt am Main im Bankhaus Rhenus u. Co. bei dem Großvater der beiden jungen Männer, die da standen, als Volontär gelernt hatte. Er sagte auch gleich zu Harry von Rhenus, während er ihn begrüßte: »Na, wie ist's? Steht mei' altes Frankfort noch?« Er lächelte dabei still. Die letzten, die kamen, waren Otto Burcks zweiter Schwiegersohn, Franz Edler Hafner von Hradeck aus einem Alt-Wiener, durch die Eiserne Krone geadelten Kaufmannsgeschlecht, dessen Altväter schon im Gremium der Großhändler gesessen, und sein Oheim Leopold. Von Wiener leichtem Blut und frohem Sinn verriet »der Franzi«, wie er in der Familie hieß, nichts. Er war ein kleiner, blondbärtiger, gedrückt und immer sorgenvoll aussehender Mann. Soviel Geld er auch mit seinen Farbenfabriken verdiente, seine Frau brauchte immer noch mehr. Wo es blieb, wußte niemand. Es ging alles drauf in einer ewigen Hetz', einem Wirbel von Bällen und Wohltätigkeitsbasaren und Gartenfesten, bei denen sich die Räume seiner prachtvollen Wohnung in einem Palais am Schwarzenbergplatz mit Leuten füllten, die er kaum kannte und die ihn, den kleinlaut in der Ecke stehenden Hausherrn, wenig beachteten. Sein Onkel Leopold aber rechtfertigte noch jetzt, wenn er, ein kinderloser Witwer, nahe den Siebzig, tadellos gekleidet, des Nachmittags auf dem Opernring flanierte, seinen einstigen Namen: »Der schöne Poldi«. Die Zeit hatte ihn freilich beleibt und kurzatmig gemacht. Aber von der weichlichen griechischen Schönheit des Hauptes mit dem noch kaum gelichteten, sorgsam schwarzgefärbten Lockenhaar hatte sie ihm noch genug bewahrt, daß man sein früheres Glück bei den Frauen verstand, ein Glück, das ihn aber nie gehindert hatte, ein träger, aber sehr vorsichtiger und erfolgreicher Geschäftsmann zu sein. Sowie Zahlen genannt wurden, verlor sich bei ihm die Oberflächlichkeit und das heimlich-gutmütige Lächeln. So saß er auch jetzt sehr ernst da – im Halbkreis herum die anderen, und nach einigem Stühlerücken, dem Knistern von Streichhölzern, dem Aufsteigen der ersten Rauchringen und einem leisen Sporenklirren des Rittmeisters hob Otto Burck vom Tisch her an: »Ich danke euch allen, daß ihr gekommen seid! Warum wir beisammen sind, wißt ihr aus unserer vorbereitenden Korrespondenz. So kann ich mich mit der Einleitung kurz fassen. Ich brauche nur zu sagen: Ich bin alt und müde ... nicht wahr?« Darauf antwortete natürlich niemand – nur Onkel Paulusche nickte zustimmend und murmelte etwas von Zuckerkrankheit – und jener fuhr fort: »Ich will mich zur Ruhe setzen. Aber wem übergeb' ich mein Geschäft? Ich hab' keine Söhne. Von meinen Schwiegersöhnen kommst du, Werner«, er wandte sich an den Rittmeister, der unwillkürlich zusammenfuhr, »überhaupt nicht in Betracht. Du, Franzi, hast gerade genug mit deinen Fabriken zu tun – na – und die dritte, die Barbara, ist ja überhaupt noch unverheiratet ...« »Hm ...!« sagte Onkel Pauluscha aus seiner Ecke, als die Rede auf die jüngste Tochter des Hauses kam. Er sah dabei Harry von Rhenus durchdringend an. Otto Burck warf ihm einen zornigen Blick zu. Dann fuhr er fort: »Ich würde unter diesen Umständen noch länger auf dem Posten bleiben. Aber einmal verlangen die Zeiten da drüben in Polen gerade jetzt einen ganzen Mann – dem bin ich körperlich nicht mehr gewachsen. Und anderseits halte ich den ewigen Kampf mit meinem Bruder Joseph nicht mehr aus. Ihr wißt, wie er mich seit Jahrzehnten mit Geldansprüchen verfolgt, ihr wißt auch, warum ich als ehrlicher Mensch solchen Ansprüchen nicht Folge geben kann und darf! Da liegt sein letzter Brief. Er droht von London aus mit einem neuen Rattenkönig von Prozessen gegen mich, er will demnächst persönlich hierherkommen: dem bin ich nicht mehr gewachsen. Es wird mir zuviel, und das ist für mich der zweite Grund, weswegen ich meine Unternehmungen in eine Aktiengesellschaft innerhalb der Familie umwandeln will. Mag er sich dann mit der vor Gott und der Welt herumbalgen statt mit seinem leiblichen Bruder – ich hab' dann wenigstens die Last nicht mehr!« Die anderen nickten zustimmend. Es trat eine Pause ein. Der Geist des gestürzten Londoner Bruders ging durch das Zimmer. Jeder dachte an ihn, in seiner Weise. Leopold Hafner äußerte verdrießlich: »Laßt mich nur endlich mit dem John Burke aus ... 's wird doch eh nix mit ihm!« »Ja – aber wie ihn unschädlich machen?« fragte Augustus von Rhenus kühl. Sein Deutsch klang fremdartig, mit einem leichten englischen Akzent. »Ich kenne gewisse Leute!« sagte endlich Onkel Pauluscha. und seine Grabesstimme unterstrich diese ›gewissen Leute‹. »Ich will keine Namen nennen ... aber solange Joseph obenauf war und mit einem Scheck auf die Bank von England uns alle, die wir da sitzen, in die Tasche stecken konnte, in der Zeit, wo's in der City hieß: ›Was? Sie sind ein Vetter von John Burke? ... Bitte – nehmen Sie Platz ... geben Sie mir Ihren Hut! ... Darf ich Ihnen die Schuhe putzen?‹ ...« »Zur Sache!« sagte der alte Pariser. »Die Sache ist, daß er vielleicht doch noch einmal in die Höhe kommen kann – und dann ...« »Ausgeschlossen!« sagte Harry von Rhenus und zündete sich eine neue Zigarre an. »So! Weshalb?« »Wer zwanzig Jahre lang in London am Boden gelegen hat, wie Onkel Joseph, über den sind die Räder weggegangen. Der ist überhaupt fertig! Und sogar wenn – ich hab' mit ihm nichts zu tun – und andere Gentlemen auch nicht ...« »Und diese Elastizität, mit der er deinen Onkel peinigt?« beharrte Pauluscha. »Wer seinen Angehörigen noch so auf die Nerven fällt – der ist bei Kräften.« »Dann mußt du eine eiserne Gesundheit haben!« sagte Otto Burck müde zu seinem Schwager. Harry von Rhenus lächelte kühl. »Solche Leute in zerrissenen Röcken und Stiefeln, wie Onkel Joseph, gibt's da drüben viele. Mit solchem ... wißt ihr, wie er und sein Anhang jetzt die Kurse auf dem Kaffernmarkt zu bestimmen suchen? ... Durch Tischrücken!« »Ach wo!« »Doch! Da sitzen sie um einen runden Tisch herum – lauter alte, bankerotte Männer. Onkel John mitten darunter – und halten sich an den Händen und beten, bis die Klopfgeister kommen. Die pochen ihnen dann, ob es einen Boom in Rio Tinto oder Rand Mines in der nächsten Woche gibt.« Die übrigen schüttelten die Köpfe. Dann sagte der Herr des Hauses: »Lassen wir meinen Bruder! Wir kommen da vom Thema ab – der Gründung unserer Gesellschaft, an der ich nur euch beteiligen will. Ich mag keine Jobberei an der Börse mit meinen Papieren. Jetzt ist nur die Frage: Wer soll mein Nachfolger in der Leitung des Unternehmens sein? Gerade weil es eine Familiensache ist, können wir da nicht gut einen Fremden hineinbringen.« »Hm!« räusperte sich sein Schwager wieder dröhnend mit einem Blick auf Harry von Rhenus. Und jener sagte gelassen: »Onkel Pauluscha hat euch ja eben schon durch ein paar Naturlaute darauf vorbereitet, daß nun wohl die Rede auf mich kommt! Da kann ja nun manches für und gegen geäußert werden – dem will ich lieber keinen Zwang durch meine Gegenwart auferlegen. Ich gehe inzwischen zu den Damen hinunter – also auf Wiedersehen!« Damit verließ er das Zimmer. »Zu den Damen?« murmelte Onkel Pauluscha zweifelnd. Die anderen lächelten und schwiegen. Otto Burck besaß ja noch eine ledige Tochter. Er hatte da jedenfalls in der Stille schon manches vorbereitet. Aber in diesem Augenblick tat er nichts dergleichen, sondern entfaltete seine Papiere und begann mit eintöniger Stimme die Rentabilitätsberechnungen seiner Unternehmungen vorzulesen, die Arbeiterzahlen in den einzelnen Fabriken, hier hundertfünfzig, dort zweihundert, dort gar vierhundert. die Verarbeitungsweisen von Rohrzucker zu Raffinade, die Marktpreise – und die um ihn hörten zu. Der Rittmeister mit einem dienstlich aufmerksamen Gesicht, die anderen mit dem sachlich-kühlen Ausdruck der Gewohnheit. Harry von Rhenus stieg inzwischen die Treppe zum Erdgeschoß hinab. Dort befand sich vor den eigentlichen Wohnzimmern ein kleiner, mit Treibhauspflanzen geschmückter Raum. In ihm saß Barbara Burck, die jüngste Tochter des Hausherrn. Sie hatte die Hände über dem Knie gefaltet und schaute gleichmütig vor sich hin, über die grünen Wipfel und Hoteldächer und Villentürme von Baden-Baden bis zu dem altersgrauen Schloß auf der anderen Seite der Stadt. Sie veränderte, während sie langsam den Kopf nach ihrem Vetter drehte, weder ihre Haltung noch ihre Miene. Und in ihm setzte plötzlich ein heftiges Herzpochen ein, und während ihrer beider Augen sich, noch aus der Entfernung, prüfend trafen, schoß es ihm durch den Kopf, daß sie doch wirklich schöner sei als ihre beiden Schwestern zusammen, die auffallend hübsche Frauen waren. Der frostige Schein, der eigentlich immer über ihren jugendlichen Zügen lag, dies zweifelnde, dies stille Mißtrauen, als ob sie jeden, der ihr nahte, als ihren Feind betrachtete, erhöhte für ihn noch ihren Reiz. »Guten Morgen, Barbara!« sagte er. Sie reichte ihm stumm die Hand. Er setzte sich ihr gegenüber. Beide lächelten befangen. Das kam bei Harry von Rhenus selten vor. Aber jetzt war er wirklich verlegen vor Erregung. Und sie half ihm und fragte absichtlich leichthin: »Nun – was macht ihr oben – in eurer Konferenz?« »Bisher haben sie wieder einmal über Onkel Joseph gestöhnt!« sagte er, froh, zunächst von etwas Fernerliegendem reden zu dürfen. »Es ist doch keine Familienzusammenkunft bei uns denkbar, wo nicht dies Skelett aus dem Schrank hervorgeholt und von Hand zu Hand gereicht wird! ... Widerwärtig ...« Dabei war auf seinen glatten Zügen ein Schimmer von Ekel – der Hochmut der zweiten, in sorglosem Reichtum geborenen Generation eines Großkaufmannsgeschlechts gegen von Armut und Unglück verfolgte Leute. Die Alten, die Väter, die fast alle selbst schon einmal schwere Krisen im Leben durchgemacht – die schlaflose Nächte und heitere Verstellung vor der Familie und unerschütterliche, erzwungene Ruhe vor den Geschäftsfreunden und Angestellten und Kunden aus eigener, glücklich überwundener Not her kannten, die Alten mochten noch Mitleid mit den Gestürzten haben – die Jungen, ihre Erben, nicht. Die wußten nicht mehr, wie das tat. »Sonderbar!« sagte Barbara. »Eben hab' ich in der Fremdenliste auch den Namen Burck gefunden – wie durch Zufall – ich schau' mal immer hinein, ob nicht jemand Bekanntes angekommen ist ... nein – da vorne bei ›Stephanie‹ und ›Regina‹ darfst du nicht suchen – es war in einem von den kleinen billigen Hotels innen in der Stadt.« Sie hatte ihm das Badeblatt gereicht, und er las: »Robert Burck, Kaufmann, London«. – Er sagte: »Na, ja – da haben wir's! Das ist Onkel Josephs Sohn!« »Kennst du ihn?« »Nee – Gott sei Dank!« sagte der junge Kaufmann behaglich. »Das heißt: So vor zwanzig Jahren, wie wir noch Buben waren – noch vor der Geschichte – da haben wir uns ja wohl in London manchmal gesehen. Seitdem nicht mehr. Es geht ja doch wirklich nicht mit der Familie! Der eine Sohn, der ältere, ist ein vollkommener Lump, die Tochter hat einen halben Lumpen geheiratet, die sind ja nun glücklicherweise in Argentinien oder sonstwo verschollen ...« »Aber der da – der Robert, soll doch ein ganz anständiger Mensch sein ...« »Soweit man das mit diesem Vater vermag ... mir ist wenigstens sonst nichts Nachteiliges über ihn bekannt.« Harry von Rhenus legte das Blatt zur Seite. »Er ist irgendwo Angestellter – jetzt, glaub' ich, bei einem großen Kammgarnmenschen in Liverpool – drei Pfund Sterling die Woche oder so ... In den letzten Jahren hatten sie ihn, glaub' ich, mit einem Dutzend anderer junger Leute nach Polen geschickt – ich erinnere mich: da war eine Höllenrauferei im Gang zwischen dem englischen Import und den polnischen Fabrikanten.« »Aber was mag er nur hier wollen?« »Deinem Vater das Leben sauer machen, im Auftrag unseres lieben Onkel Joseph.« Harry von Rhenus lachte. »Ich kann's wirklich dem alten Herrn nicht verdenken, wenn er sich von den Geschäften zurückzieht. Augenblicklich beratschlagen sie oben über mich, ob ich sein Nachfolger werden soll. Na – wenn sie mir das Schicksal ihrer Aktien anvertrauen wollen – ich bin bereit ...« »Ja – natürlich!« sagte Barbara. Ihr Vetter fuhr fort: »Ich will, wenn die oben sich auf mich einigen, heute abend noch nach Polen abreisen, um mich dort vorläufig ein bißchen zu informieren. In vierzehn Tagen bin ich, denk' ich, zurück und dann ...« Er fühlte zu seinem Ärger, wie eine verräterische leise Röte sich über sein Gesicht verbreitete. Er gab sich einen Ruck und kämpfte die Verwirrung nieder. Es mußte jetzt zu den entscheidenden Worten kommen, und so sagte er so ruhig wie möglich: »Natürlich, Barbara. Ein Opfer ist's ja, wenn man sich so sechs Monate im Jahr vergraben soll. Dafür muß man in der zweiten Hälfte des Jahres wenigstens hier oder irgendwo sonst in Westeuropa das finden, was ein Mann, wenn er einmal in meinen Jahren ist, vom Leben erwartet. Ich meine ein eigenes Heim ... und ...« Er wollte fortfahren: »... und eine Frau ...«, aber er brach ab. Es war ja nicht nötig. Sie verstand ihn auch so. Sie wußte ja so genau wie er, warum sie beide sich hier gegenübersaßen. Das alles war ja schon seit Wochen in der Schwebe. Nur daß sie überhaupt dasaß, war ihm ja eigentlich schon eine Gewähr für den erhofften Ausgang ... Von oben scholl gedämpftes Stimmengewirr. Es klang wie Widerspruch. Wahrscheinlich hatte Onkel Pauluscha sich wieder irgendwie unmöglich gemacht. Barbara war aufgestanden und schloß die nur angelehnte Tür nach dem Treppenhaus. Das war wie ein Zeichen, daß niemand das, was nun kam, zu hören brauchte. Dabei verriet sie keinerlei Erregung, im Gegensatz zu Harry von Rhenus, der sein Herz immer heftiger hämmern fühlte. Auf ihrem feingeschnittenen, schmalen Antlitz war der alte Zug stillen, aber beharrlichen Mißtrauens, den er so wohl kannte. Er wußte, wie verschlossen sie war, und so erstaunte er doppelt, als sie, sich wieder ihm gegenübersitzend, sagte: »Ich möchte vor allem einmal ganz offen mit dir reden, Harry – und zuerst nicht von dem Jetzt, sondern von etwas, das früher war ...« Er schwieg und sah sie sehr ernst und gespannt an. »Siehst du, gerade in dem Zimmer, wo wir beide jetzt sitzen, Harry, da hab' ich vor dreieinhalb Jahren auch einmal eines schönen Tages gesessen, genau auf demselben Platz, bald nachdem wir nach hier übergesiedelt sind und ich ganz herangewachsen war ...« Er machte eine unwillkürliche Bewegung. Sofort verstärkte sich auf ihrem Gesicht der Argwohn, und sie fragte schnell: »Kennst du am Ende die Geschichte schon?« »Wahrscheinlich, Barbara.« »Woher denn?« »Neulich ... da erzählte mir deine Mutter so etwas ...« »Natürlich ... Mama ...« Sie kräuselte bitter die Lippen. »Ich hätt' es mir denken können! Sie kann ja nichts bei sich behalten ...« »Ich versichere dir: sie hat mir ganz unaufgefordert ... ich hätt' es auch lieber von dir selbst gehört ...« Sie machte eine beinahe verächtliche Handbewegung, irgendwohin in die Richtung, wo ungefähr ihre Familie war. »Schließlich ist's einerlei ...«, sagte sie. »Also du weißt's! ... Da hab' ich gesessen, und drinnen war er beim Papa, und die Geschichte dauerte viel länger, als ich dachte. Ich hörte, wie er dann aufstand und mit dem Fuß aufstieß und schließlich ganz laut sagte: ›Nein – verehrter Herr Burck – zum letztenmal: Mit einer bloßen – wenn auch reichlichen – Zulage ist mir nicht gedient. Ich muß durchaus auf einer hohen Barmitgift bestehen. Und ohne das müßt' ich schmerzlich bedauern‹ ... Ich hab' ihn noch quer über die Straße gehen sehen, die Hände im Mantel, mit langsamen Schritten ... und dann nie wieder ... Und ich hab' ihn doch geliebt! ... geliebt ... sag' ich dir ...!« Er sah sie erstaunt an. Es leuchtete plötzlich wie ein Feuerblitz aus ihren braunen Augen, daß sie ihm ganz fremdartig erschien. So hatte er Barbara Burck noch nie gesehen! Aber nun war das auch schon vorüber und auf ihren Zügen der Frost von sonst. Sie sagte im gewöhnlichen Ton: »Einerlei! ... Aber damals ... ist etwas in mir abgestorben ... Das war eine Stunde der Erkenntnis – von der hab' ich mich nie wieder so recht erholt ...« Sie hatte die Hände über dem Knie verschlungen und sah ihrem Vetter ruhig in die Augen, so unbefangen wie einem Arzt in der Sprechstunde. In ihm stieg eine unbestimmte Erbitterung auf gegen dieses leidenschaftslose, kameradschaftliche Vertrauen, in dem so gar keine Liebe, sondern nur Kühle war. Sie sagte: »Ich hätte anders werden können, wenn der Rechte gekommen wäre. Und ich hab' auch dagegen gekämpft – dreieinhalb Jahr hab' ich gewartet und gehofft: Es kommt doch noch einmal einer ... Nun – es sind viele gekommen. Ich bin bei keinem die Gleichgültigkeit und den Argwohn losgeworden.« Nun hatte sie sich doch in Erregung gesprochen. Sie atmete schwer, und ihre Wangen waren blaß. Aber sie fand bald ihre Fassung wieder und sprach rasch weiter, wie jemand, der sich die Worte vorher genau überlegt hat. »Nun hab' ich allmählich die Hoffnung verloren, daß sich das je noch ändern könnte. Darüber geb' ich mich keinen Illusionen mehr hin. Ich bin bald dreiundzwanzig. Alte Jungfer zu werden hab' ich keine Lust. Es ist auch nicht sehr amüsant, hier noch lange im Hause herumzusitzen. Papa ist alt und lebt mit Mama mehr wie Katz' und Hund als je – und Mama – na ... du kennst sie ja ... Darum möcht' ich fort aus dem Haus und durch die Ehe ins Leben ... Ich will in Gottes Namen eine Vernunftehe schließen – aber dann auch eine wirklich vernünftige, bei der beide Teile ihre Rechnung finden ...« Sie brach ab. Harry von Rhenus schwieg auch nachdenklich eine Sekunde, dann faßte er einen Entschluß, rückte seinen Stuhl näher zu dem ihren heran und sagte eindringlich: »Wenn nun aber ein Mann kommt, der dich wirklich liebt ... wirklich, Barbara ... wirklich ... glaubst du's?« Es mag sein ...« »... und der doch selber reich genug ist, daß er dein Geld gar nicht braucht ... nicht wahr?« Sie schaute ihn prüfend an, mit einem spöttischen Schimmer ganz hinten in ihren Augen. Aus dem konnte er, wenn er wollte, lesen: »Dabei willst du doch der Direktor der neuen Aktiengesellschaft werden, die Papa gründet ...« Er biß sich ärgerlich auf die Lippen und fuhr scharf fort: »Ein Mann, wiederhol' ich, bei dem es gar keine Rolle spielt, ob er sein Kapital und seine Arbeitskräfte da oder dort verwertet, hier oder anderswo – irgendwo muß er's ja schließlich tun, wenn er nicht müßig gehen will – das gibst du doch zu ...?« Sie nickte mit einem stillen, eigensinnigen Lächeln, das ihre Kopfbewegung Lügen strafte. »... und nun außerdem, Barbara, zwei Menschen, die nahe miteinander verwandt sind – die sich von Kindesbeinen an kennen – wo keiner dem anderen etwas vormachen kann – das alles trifft sich doch so gut und glücklich ... und ...« Er verstummte auf eine leichte Handbewegung von ihr hin. »Gewiß trifft's sich gut!« sagte sie. »Und ich sitz' ja auch hier, und wir sprechen darüber. Ich will nur Klarheit, darum hab' ich heute von mir geredet, was ich sonst nie tu' – und wiederhole noch einmal offen und ehrlich: Liebe ist bei mir nicht dabei ...« Sie war aufgesprungen und schritt im Zimmer auf und ab. Das weiße Sommerkleid rieselte in langen, weichen Falten um ihre schlanke Gestalt. Durch den Gardinenspalt flimmerte, als sie stehenblieb, ein Sonnenstrahl über sie hin und erhellte ihr Gesicht. Harry von Rhenus, der sitzengeblieben war, dachte wieder, wie schön sie sei. Und ihr Auge begegnete dem seinen und wich ihm nicht aus. Sie wiederholte: »Verwandtschaft ja – und Freundschaft – und Vertrauen – natürlich – sonst tät ich's nicht – aber keine Liebe ...« »Noch keine Liebe ...« Der vor ihr stand langsam auf und betonte nachdrücklich das erste Wort. Sie schwieg. Und er sagte es wieder, leiser: »Noch keine Liebe ... aber die Liebe kann kommen ...« Er wollte ihre Hand ergreifen. »Und sie wird kommen. Das hoff' ich! Das weiß ich! Dafür bin ich da ...« Aber sie gab ihm ihre Rechte noch nicht, ja, sie trat einen halben Schritt vor ihm zurück: »Nun brauchen wir beide noch Zeit ...«, sagte sie. »Ich – nachdem ich das gesagt hab', was ich noch nie jemandem gesagt hab'« ... und du, nachdem du's gehört hast ... darüber mußt du erst mit dir ins Reine kommen, ehe du dich entscheiden kannst ...« »Ich habe mich entschieden!« »Trotzdem! Heute, das war nur ein Gespräch zwischen uns! Nun geh auf die Reise! Und wenn du zurückkommst, in ein paar Wochen, dann sag mir, was du mir zu sagen hast.« »Ich weiß schon jetzt, was es sein wird!« »Nun – um so besser! Und für jetzt, für die da oben, ist's begraben ...« Oben schlugen Türen. Man hörte Stimmen. Die Konferenz schien zu Ende. Und zugleich mahnte mit einem sanften, sich allmählich verstärkenden Donner der Gong zum Lunch. Jeden Augenblick konnte auch hier unten jemand eintreten. Harry von Rhenus ging auf Barbara zu. Er hatte die unsichere Hoffnung, daß sie sich vielleicht doch von ihm küssen lassen würde. Dann waren sie doch verlobt, trotz alledem. Aber sie streckte ihm nur die Hand entgegen zu einem freundschaftlichen Druck. Er neigte den Kopf und drehte einen stummen Kuß darauf. Dann öffnete er ihr die Tür, und sie gingen hinüber zu den anderen. Zweites Kapitel Im Burckschen Hause, durch das Harry von Rhenus und Barbara schritten, war alles neu. Es fehlte jener Urväterkram, der sich sonst im Lauf der Zeiten in Familien ansammelt. Was davon je vorhanden gewesen, das war bei der Übersiedlung im Lande zurückgeblieben und verlorengegangen. Nur in seinem Arbeitszimmer hatte Otto Burck eine dämmerige Ecke, die einigen alten Erbstücken der Vergangenheit vorbehalten war. Ein sehr altes württembergisches Gesangbuch lag da, mit der fast vergilbten Inschrift: »Anno 1812 hab' ich daß Büchlein gekauft um 3 Rappen. Anna Barbara Schinzigin, eine gebohrene Häserin« auf der ersten Seite, ein eingerahmter Trauschein des Propstes der protestantischen Kirche in Polen, mit der Bestätigung, daß Lambert Burck dort im Jahre 1840 die Theresia Waldvogel geheiratet, und daneben an der Wand die beiden kleinen, fast schwarz gewordenen Ölbilder der beiden, der Eltern Otto Burcks – zwei strenge, gefurchte Köpfe, die an bäuerliche Abstammung gemahnten. Es war eine Überlieferung in der Familie, daß sie irgendwo aus Schwaben oder vom Breisgau her vor siebzig, achtzig Jahren in Polen eingewandert waren. Genau wußte es niemand zu sagen, und es interessierte auch eigentlich keinen. Die beiden Alten in dem einfachen Holzrahmen, die fix und fertig aus Darmstadt vor fünf Jahren bezogenen Möbel, die Perserteppiche und Bronzefiguren, die Seidentapeten und Gläser wirkten um so unpersönlicher, als zuweilen mitten darin wieder irgendein billiges Basarplunderstück stand und verriet, wie wenig die Bewohner innerlich mit ihren Räumen zusammenhingen. Aus dem großen Salon, dem sich die beiden näherten, tönten Frauenstimmen. Die Herren waren noch nicht da. Frau Konstanze Burck, Barbaras Mutter, stand in der Mitte, eine große, geräuschvolle Dame, die hohe hagere Gestalt in ein viel zu jugendliches, hellila Seidenkleid gepreßt und mit überreichlichem Schmuck behängt. Ihre beiden anderen Töchter saßen am Tisch. Anna, die Frau des Rittmeisters, weniger hübsch als die Schwestern, etwas spitz und mager. Sie hatte sich ganz in die Welt ihres Regiments hineingefunden, sie lebte nur in der Armee und mit der Armee, sie ritt und fuhr und war Offiziersdame von Kopf bis zu Fuß. Lizzie von Hafner, die zweite, hatte mit ihrer rosigen, gedankenlosen Schönheit einen Stich in das Wiener Oberflächliche. Sie lachte fortwährend, auch wenn gar kein Grund dazu war, sie hörte nie recht zu, wenn man zu ihr sprach, sondern ließ die Augen im Zimmer herumwandern wie ein neugieriger Vogel und unterbrach einen plötzlich mit etwas ganz anderem. Es war schwer, mit ihr, so liebenswürdig sie war, länger als eine halbe Stunde auszukommen – am schwersten für ihren Mann, den einzigen Menschen auf der Welt, den sie immer schlecht behandelte. Die beiden jungen Frauen mußten schon seit einer Stunde zwischen ihren beiden Kusinen die Dolmetscherin spielen, der Mistreß Jane von Rhenus, Harrys Schwägerin, die nur Englisch, und der Madame Maurice Bürk aus Paris, die nur Französisch verstand. Und dabei hatten sich die beiden doch so wenig zu sagen, die rotwangige gesunde Angelsächsin, bei deren Anblick man unwillkürlich an viel Wasser und Seife und frische Luft und eine große Kinderstube dachte, und die kleine, üppige Pariserin mit dem vielen weißen Puder auf dem lustigen Gamingesicht, mit ihren überlebendigen Bewegungen und der scharfen Stimme. Aber es war ein Glück, daß die prüde und zurückhaltende Britin nur einen Teil der Konversation der anderen zu hören bekam. Frau von Heinreich und Frau Hafner von Hradeck übersetzten bei weitem nicht alles und warfen sich zuweilen einen halb verzweifelten, halb unwillkürlich belustigten Blick zu. Es war unglaublich, über was alles Madame Bürk in ihrer gallischen Naivität, unbefangen wie ein kleines Kind, plauderte. Jetzt, als die Schwestern zu Barbara und ihrem Vetter traten, war überhaupt das Band des geistigen Verkehrs zwischen Mistreß von Rhenus und Madame Bürk abgeschnitten. Die beiden schauten sich nur noch an und lächelten wohlwollend und fühlten dabei deutlich, wie ungemein unsympathisch sie sich gegenseitig waren. Und Frau Konstanze Burck hütete sich wohl, ihnen zu Hilfe zu kommen. Sie stand am Tisch in der Mitte und ordnete da in aller Eile die Visitenkartenschale, so daß die aristokratischen Damen, falls jemand einen Blick hineinwerfen sollte, oben lagen. Sie hatte auch den Namen: »Robert Burck« in der Fremdenliste gelesen, die sie jeden Tag eifrig studierte, und äußerte ihr Befremden. Erstens: Robert – das sei doch an sich schon ein Verbrechername! Frau von Heinreich zuckte bei ihrer schallenden Stimme leicht zusammen und sagte zu Frau von Hafner: »Dabei heißt mein Schwiegervater so!« – und zweitens: was wollte der junge Mann hier? Das sei doch taktlos, sich hier heranzudrängen ... und in dem Punkte – nein, Kinder – da sei sie unerbittlich. »Er ist doch noch nicht da, Mama!« sagte Barbara kurz und ungeduldig. Ihre Mutter ging ihr heute mehr als je auf die Nerven. »Warte es doch ab!« Und zugleich hallte es auf der Treppe; die Herren kamen herab, Onkel Pauluscha allen voraus, durch den Ruf zum Lunch belebt wie ein altes Schlachtroß durch einen Trompetenstoß. Er vergaß, daß die Damen unten waren und stimmte in düsterem Baß die Arie aus dem Freischütz, sein Leiblied vor Tisch, an: »Alle meine Därme schlagen Und mein Bauch wallt ungestü ... ü ... m!« so daß Mistreß von Rhenus, die die Worte glücklicherweise nicht verstand, besorgt fragte, ob dem alten Gentleman nicht wohl sei, und die beruhigende Versicherung in englischer Sprache von Harry erhielt: Doch! Der würde gerade jetzt erst Mensch. Er reichte, als es zu Tisch ging, Barbara den Arm. Beide plauderten während der Suppe miteinander über gleichgültige Dinge. Es war ihnen wie eine Verstellung, und doch waren sie wieder froh darüber, daß sie durch diese zwischen ihnen halblaut gewechselten Worte von der allgemeinen Ebbe des Gesprächs bewahrt blieben. Das war ein Verhängnis und wiederholte sich immer wieder, wenn die Burcks und ihre Verwandten zusammenkamen: solange die Männer um einen Tisch mit Geschäftspapieren herumsaßen und ihre Geschäfte erörterten, ging es gut. Aber nachher, im Familienkreis, stockte der Gedankenaustausch oder schleppte sich nur mühsam fort. Für alles, was der eine sagte, fehlte beim anderen die Grundlage. Und dazu mußte, der beiden Ausländerinnen wegen, in deren Nähe immer noch Englisch und Französisch geredet werden. Jane von Rhenus faßte das auch als ganz selbstverständlich auf. Sie erwiderte auf eine Frage, ob ihre Kleinen denn auch schon Deutsch könnten, ganz entrüstet: »Oh, meine Kinder sind Engländer!« – und ebenso war Gaston, Maurice Bürks einziger Sohn, der sich zur Zeit in Lyon in der Seidenbranche als Volontär umtat, nach seiner Photographie, die bei Tisch herumgereicht wurde, ein typisches, achtzehnjähriges französisches Jüngelchen mit spitzen, altklugen Zügen. Schließlich sprach man, während man aß, vom Essen. Onkel Pauluscha warf das Thema auf und belebte dadurch die Unterhaltung. Mitten in diesem Stimmengewirr schauten sich Harry von Rhenus und Barbara unwillkürlich an. Er sagte trocken, mit einem leisen Spott, zu ihr: »Unter Larven die einzige fühlende Brust ...« Sie seufzte und hatte wirklich die Empfindung, daß sie und er gar nicht hierher gehörten, sondern ganz woanders hin. Und nun erhob sich Otto Burck, eine gewisse Feierlichkeit auf seinem guten, müden, alten Gesicht, und klopfte an sein Glas und räusperte sich und hielt, als alles still geworden, seine Begrüßungsansprache an die Verwandten. Es sei ja leider den Burcks nicht so leicht gemacht, zusammenzukommen, wie anderen, die seit langem irgendwo seßhaft seien. Sie müßten zu diesem Zweck weite Reisen machen und Landesgrenzen überwinden. Aber trotzdem hätten sie seit drei Generationen den Zusammenhang bewahrt und sich die Treue gehalten. »Das heißt: sie haben Geschäfte miteinander gemacht!« brummte Onkel Pauluscha vernehmlich. »Die anderen könnt' der Teufel holen!« Sein Schwager warf ihm einen ärgerlichen Blick zu. Dann fuhr er fort: Und dieser Familiensinn ehre sie, die Burcks! Wenn auch getrennt, seien sie sich stets eingedenk gewesen, daß sie vom selben Stamme seien ... Das war Onkel Pauluscha zuviel. »Jeder Amerikaner«, verkündete er laut, »weiß besser, wer sein Urgroßvater war, als wir.« Eine Bewegung des Unmuts ging durch die Gesellschaft. Man sah den Störenfried strafend an, und Otto Burck sagte müde und mild: »Also – dann bitte – rede du! ... Ich bin, scheint's, schon zu alt dazu ...« Und als jener nun böswillig schwieg, fuhr er fort und gab absichtlich, um die Spannung zu heben, seiner Rede eine etwas scherzhaftere Wendung: »Wenn man uns fragt, was besitzt ihr denn eigentlich noch gemeinsam, dann müssen wir antworten: wir sind arme Leute ...« Dabei lächelte er und die anderen Millionäre um ihn mit. »Wir haben nur noch eine Handvoll Buchstaben zusammen – die bilden den Namen ›Burck‹ – und sogar von dem hast du, Maurice, schnöde in Paris das ›c‹ weggelassen.« »Dafür hat sich ja Joseph seinerzeit ein ›e‹ angehängt!« äußerte Barbaras Mutter mit lauter Stimme. Es war unmöglich, in diesem Augenblick etwas Unpassenderes zu sagen. Tiefes Stillschweigen trat ein. Jeder sah im Geiste wieder Onkel John Burke, den einstigen Stolz der Familie, den entthronten Börsenkönig von London, vor sich. Der Hausherr mußte sich sammeln, um weiter zu sprechen. Es erschien ihm selbst fast wie Hohn. Auf die Vettern, die Schwiegersöhne, die Verwandten brachte er ein Hoch aus, und seinen Bruder, seinen einzigen Bruder, durfte er nicht nennen. Der verfolgte ihn mit Todfeindschaft seit vielen Jahren ... Er nahm sich zusammen. Er wollte nicht mehr daran denken. Er konnte doch nichts dafür. Traf ihn denn irgendwelche Schuld, wenn der unselige Mann in seiner Verbitterung Gott und die Welt anklagte und allen anderen die Verantwortung für das Unglück zuschob, das er sich selbst durch die fiebernde Rastlosigkeit seines Wesens, durch seine Spekulationen zugezogen, bei denen er lange schon vor seinem Sturz Maß und Ziel und den Boden unter den Füßen verloren hatte? Nein. Wahrlich nicht! Aber als Otto Burck sich nun anschickte, seine Rede fortzusetzen, war es ihm doch, als sähe, wie Bankos Geist, der Bruder mit seinen vergrämten und abgezehrten Zügen ihm gegenüber. Er mußte sich noch einmal räuspern und eine Pause machen. In diesem Augenblick trat der Diener von hinten zu ihm heran und meldete ihm gedämpft, beinahe ins Ohr flüsternd: »Herr Burck ist draußen!« Der alte Herr schrak förmlich zusammen. Er vergaß ganz, den Mann zu tadeln, daß er ihn unpassenderweise in dem, was er eben sagen wollte, unterbrach. Er fuhr sich mit der Hand über die Stirne, verstört, wirklich für eine Sekunde von dem Gedanken durchzuckt, sein Bruder Joseph stehe vor der Tür und würde jetzt gleich über die Schwelle treten, und starrte auf die Karte, die vor ihm auf dem silbernen Tablett lag. Er las halblaut: »Robert Burck, London.« Eine Bewegung ging um den Tisch. Die Dame des Hauses sagte gefaßt, aber mit einer so starken Stimme, daß man es mit Leichtigkeit im Flur hören konnte: »Da haben wir's. Das gehört sich doch nicht!« Harry von Rhenus zuckte stumm die Achseln – ob über sie, ob über den da draußen, blieb unbestimmt. Auch die anderen schwiegen. Der einzige, der, mit beiden Backen kauend, über das ganze, rote Vollmondsgesicht strahlte, war Onkel Pauluscha. Er war immer selig, wenn sich irgend etwas Unangenehmes ereignete. Otto Burck hatte sich inzwischen gefaßt und fragte: »Was will denn der Herr?« »Geld!« antwortete vom anderen Ende des Tisches her Onkel Pauluscha, aber Otto Burck hörte nicht hin, sondern wandte sich noch einmal an den Diener: »Hat er nichts gesagt?« »Doch! Der Herr bedauert, bei Tisch gestört zu haben. Er hätt' es nicht gewußt. Und man möchte doch so gut sein, ihm eine andere Stunde zu nennen, wo er wiederkommen könnte ... ich dachte, ich sollte ihn doch melden, weil er doch auch ein Herr Burck ist ...« In diesen letzten Worten des Mannes lag etwas, was Otto Burck fast beschämte. Es griff ihm ans Gewissen. Tatsächlich, der draußen gehörte doch auch zur Familie. »Wenn ich nur wüßte, was er will ...«, sagte er zweifelnd, den Blick im Kreise schweifen lassend. Onkel Pauluscha kam prompt mit der Antwort: »Er wird die neuesten Erpressungsversuche seines Vaters bei dir persönlich unterstützen. Wozu wäre er denn sonst da!« Seine Schwester, Frau Konstanze Burck, war auffallenderweise einmal mit ihm einverstanden und erklärte sehr laut: »Otto ... wir sind nicht zu sprechen ...« Aber ihr Mann zögerte. »Anhören muß ich ihn doch!« sagte er unruhig. »Und wenn ich ihn jetzt wegschicke ... dann verdirbt mir die Ungewißheit, was da wieder für neuer Ärger und Verdruß von Joseph kommt, doch das ganze Mittagessen. Ich will es lieber gleich hinter mir haben. Entschuldigt mich, bitte, ein paar Minuten.« Sie hatten die letzte Zeit, des Dieners wegen, Französisch gesprochen. Jetzt wandte sich Otto Burck an den und sagte: »Führen Sie den Herrn in den Salon!« Dann seufzte er, stäupte sich sorgfältig die Brotkrümel vom schwarzen Rock, knöpfte den von oben bis unten zu, wartete noch eine Minute, während sein Gesichtsausdruck schon unwillkürlich so kaufmännisch kühl und zurückhaltend wurde wie sonst im Büro. Er ging dann auch hinüber in den Empfangsraum. Unterwegs dachte er daran, wann er eigentlich seinen Neffen zuletzt gesehen hatte. Er konnte sich an den Zeitpunkt nicht mehr erinnern, so weit lag das zurück. Vor langen, langen Jahren, zwanzig und mehr, da hatte sein Bruder Joseph ein paarmal, wenn man sich traf, seine beiden blonden Buben mitgebracht, richtige englische Boys – schon halb kleine Gentlemen mit ihren kurzen schwarzen Röcken, den breiten weißen Umlegkragen, der silbernen Uhr in der Weste –, die sich damals sehr manierlich benahmen, den Damen die Hand küßten und den Herren freimütig die Rechte schüttelten. Aber was war inzwischen aus ihnen geworden? Der eine, der ältere, war ein vollkommener Lump – das wußte man. Und dieser da, der zweite? Otto Burck war angenehm überrascht, als er am Fenster im Salon einen großen, schlanken, unauffällig, aber gut gekleideten jungen Mann zu Anfang der Dreißig mit dichtem blondem Haar stehen sah. Er mußte sich sogar beim ersten Eindruck sagen, daß es ein ungewöhnlich hübscher Mensch sei. Etwas Frisches und Jugendliches lag über ihm. Das spiegelte sich in der Haltung, der gesunden Gesichtsfarbe und vor allem in den blauen Augen, die lebhaft und lustig dreinblickten, so förmlich er sich jetzt auch vor dem eintretenden Oheim verbeugte. Er streckte ihm nicht die Hand entgegen, sondern wartete, ob jener sie ihm reichen würde. Und Otto Burck tat das, wenn auch zögernd, mit einem inneren Vorbehalt. Er wußte ja noch nicht, was nun kommen solle, und fürchtete es doch bereits – aber immerhin – vorläufig war das doch sein leiblicher Neffe. Er sagte mit einem unterdrückten Seufzer in der Stimme: »Bitte, nimm Platz! ... Wie geht es dir?« »Danke! Sehr gut!« Robert Burck lachte. »Und euch ...? Ihr seid da alle beisammen! Verzeih – ich wußt' es wirklich nicht ...« »Mir geht es nicht gut!« sagte der kleine alte Herr. »Und hauptsächlich deines Vaters wegen! ... Und der schickt dich ja nun wohl hierher?« »Nein!« Otto Burck zog die Augenbrauen hoch und schwieg. »Ich habe von meinem Chef in Liverpool aus eigenem Antrieb Urlaub genommen. Und nun, um gleich zur Sache zu kommen; ich weiß, daß Papa in nächster Zeit wieder mit neuen Forderungen an dich herantreten wird ...« Otto Burck rückte etwas mit dem Stuhl. Nun war die Unterredung wohl gleich zu Ende. »Wenn er kommt, dann bitte, gib ihm nichts, gar nichts. Versprich es mir, denn deswegen bin ich hierhergereist ... Papa muß doch einmal zur Ruhe kommen und endlich auf diese vergangenen Geschichten verzichten. Die führen ihn ja nur mehr und mehr in den Nebel hinein! ... Sieh mal – ich sorge ja doch für ihn ... ich habe mich ja doch in den letzten Jahren tüchtig in die Höhe gerappelt. Ich verdiene jetzt gut und gerne meine zwanzigtausend Mark im Jahr. Davon geb' ich Papa ein Fünftel – etwas brauch' ich für mich, der Rest kommt auf die hohe Kante – na – da kann man doch leben! Da braucht man doch nicht seinen Verwandten zur Last zu fallen! Das ist mir ein peinlicher Gedanke. Onkel, das drückt mich jetzt schon die ganze Zeit! Das soll sich nicht mehr wiederholen!« »Ja, das ist freilich ...« Otto Burck war ganz überrascht. Auf seinem alten, faltigen Gesicht war jetzt ein viel freundlicherer Zug, und so sagte er: »Das wußte ich gar nicht, daß du soviel für deinen Vater tust! Das hat er mir nie geschrieben!« Der junge Mann lachte heiter. »Ja, das glaub' ich! Mit viertausend im Jahr ist ihm nicht gedient. Der will vierzigtausend haben oder viermalhunderttausend ... wie damals, als wir noch so reich waren ...« Er sprach ganz unbefangen von dieser goldenen Zeit, an die er selbst sich höchstens noch ganz unbestimmt aus seinen Kinderjahren erinnern konnte. Sein Oheim sagte, jetzt sehr versöhnlich, denn ihm war ein Stein vom Herzen gefallen: »Nun, das macht dir jedenfalls alle Ehre, dies Opfer, das du da bringst ...« »Ach, der gute Papa!« Es waren nur die paar Worte, die Robert Burck einfach und lächelnd sagte. Aber es lag unendlich viel Weichheit, beinahe Zärtlichkeit darin. Er schien seinen Vater nicht nur zu lieben, sondern auch jetzt noch zu bewundern! Otto Burck dachte unwillkürlich: Ein so guter Sohn ist sicher auch ein guter Mensch! Und laut sagte er: »Das ist recht, daß du deinen Vater noch liebhast!« Der andere stand auf und griff nach seinem Hut und sagte: »Na, wenn ich's nicht tu, die anderen haben ihn doch alle längst vergessen! ... Aber die Dummheiten muß er nun mal lassen! Also nicht wahr, Onkel – das ist abgemacht: Wenn er kommt, verweisest du ihn einfach an mich! Dann weiß er schon Bescheid! Und nun verzeihe, daß ich gestört habe ...« Dabei wandte er sich schon zur Türe. Es war klar, daß er seinen Besuch nur als einen rein geschäftlichen betrachtet wissen wollte, um auch den Schein von Aufdringlichkeit zu vermeiden. Deswegen hatte er auch nicht einmal nach den Damen des Hauses gefragt oder gebeten, ihn ihnen zu empfehlen. Aber nun wollte ihn Otto Burck doch nicht so gehen lassen. Er kämpfte einen Augenblick noch mit sich, dann meinte er: »Warum willst du denn schon wieder fort? Komm doch mit hinüber! ... Setze dich ein bißchen zu uns ...« Dabei war ihm etwas beklommen zumute. Er wußte, daß er damit auf die Billigung seiner Frau und der meisten anderen am Tisch nicht rechnen konnte. Aber es war doch immerhin ein Burck, sein Neffe und ein anständiger Mensch. Das sah er, und insgeheim hoffte er noch halb, jener würde ablehnen. Doch Robert Burck sagte unbefangen: »Wenn ich euch nicht störe, gern ...« Er setzte dann, während sie durch die Zimmer gingen, ernster werdend hinzu: »Sieh mal, Onkel, ich bin ja froh, wenn ich endlich einmal dazu komme, mich mit meinen Verwandten gut zu stellen; ich kann doch schließlich für das alles nichts. Es ist mir ein schrecklicher Gedanke, daß ich das Erbe von all dem Haß und der Feindschaft von früher antreten soll und mein Leben lang unnütz mit mir herumschleppen ...« Drüben, am Familientisch, ging es zur Beruhigung des alten Herrn besser, als er gefürchtet hatte. Die Überraschung über das plötzliche Erscheinen des neuen Gastes war zu groß. Der saß schon an seinem, schnell von dem Diener hergerichteten Platze, Barbara gerade gegenüber, ehe sich die anderen von der Verblüffung erholt hatten. Er fing, während er sich ohne Scheu aus den ihm präsentierten Schüsseln bediente, ganz harmlos, als finde er gar nichts an seiner Anwesenheit hier, von selbst zu reden an. Er beantwortete Tante Konstanzes feinfühlig über die Tafel gerufene Frage, ob und wo er zur Zeit in Stellung sei, dahin, daß er sich jetzt, in seiner Tätigkeit in England, recht wohl fühle. In Polen, wo er dieselbe Firma bis vor einem Jahr vertreten, habe es ja mehr Nerven gekostet. Und davon ausgehend schilderte er lebendig, wie das englische Nähgarnsyndikat den polnischen Markt zu erobern versuchte und die polnischen Fabrikanten das durch eine Einfuhrzollerhöhung zu hintertreiben strebten, und sie, die Liverpooler, wieder die paar Wochen vor Torschluß dazu benutzten, um alle Waren des Weltmarktes, die zu haben waren, auf allen Bahnlinien, auf allen Schiffen, die unter Volldampf noch dorthin schwimmen konnten, in das Polenreich zu schleudern, es förmlich mit Nähgarn zu überschwemmen, daß auf Jahre hinaus der Markt bis in die kleinsten Plätze gesättigt war und die Fabrikanten mit ihrem schönen Zollschutz wie die betrübten Lohgerber dastanden und doch nicht nachgaben, sondern den Kampf bis aufs Messer weiterführten. Ernsthafte Gegner, ganze Kerle! Das mußte man sagen. Dabei leuchteten seine Augen in kriegerischem Feuer. Die Begeisterung, die Freude an solch kaufmännischem Wagemut riß ihn hin. Und auch der anderen, der Großkaufleute am Tisch, bemächtigte sich eine gewisse Erregung. Das war ja ihr Feld. Das interessierte sie, und hier doppelt, wo sie es einmal nicht von ihrer kühlen Millionenhöhe, sondern von unten, vom Standpunkt eines einfachen Angestellten sahen, einer unter vielen, der mit Begeisterung für sie Schlachten schlug und seine Haut zu Markte trug. Und sogar Onkel Pauluscha war frohbewegt und sagte: »Na – dies war ein gutes Stück Arbeit! ... Ja ... Arbeit ist etwas Schönes!« Diese Anerkennung klang bei ihm, der sein ganzes Leben nichts getan, besonders seltsam. Auch Barbara hatte aufmerksam zugehört. Der Vetter amüsierte sie, wenn sie auch einen leichten Spott über zu viel Eifer und Begeisterung bei ihm nicht unterdrücken konnte. Aber er war etwas Neues nach den vielen blasierten, reichen Männern ihrer Kreise. Das erfrischte. Wenigstens für einige Zeit. Später, wenn es sich wiederholte, mochte es wohl langweilig werden. Der edle Franz Hafner von Hradeck, der die ganze Zeit über still und sorgenvoll dagesessen hatte, als dächte er nur darüber nach, wie er die achtzehn Prozent Reingewinn aus seiner Farbenfabrik noch steigern könne, öffnete jetzt plötzlich zu allgemeinem Staunen den Mund und sagte gedrückt zu seinem Schwiegervater: »Du bist uns doch eigentlich noch deinen unterbrochenen Toast schuldig!« Der alte Herr schlug sich vor die Stirn. Wahrhaftig, der Franzl hatte recht! Das hatte er im Drang der Ereignisse ganz vergessen. Aber nun ließ es sich ja noch nachholen und in besserer Stimmung als vorher. Und so stand er wieder auf und klopfte mit dem Obstmesser am Sektkelch und begann dann behaglich: »Also kommen wir rasch zum Schluß! Eben, als du kamst, Robert, war ich dabei. Ich rühmte gerade, daß die Burcks ihren Familiensinn noch nicht verloren haben und sich eins fühlen, so verschiedene Nationalitäten sie auch vertreten. Also möge das immer so bleiben, so bestehen wie jetzt. Auf diesen neuen Bund leere ich mein Glas ...« Man lachte und stieß an, und Otto Burck lehnte sich behaglich in seinen Sessel zurück. Er freute sich, wenn ihm solche kleine Reden geglückt waren. Dagegen war über das Gesicht seines Neffen Robert – Barbara sah es deutlich und mit Befremden – ein Schatten geglitten, ein Zug von Verstimmung, obwohl doch gerade er sich besonders geschmeichelt fühlen durfte, daß man ihn hier als gleichberechtigtes Familienglied mitnannte. Gleich darauf war das bei ihm wieder weg, und er übersetzte Madame Maurice Bürk, die bisher in dem deutschen Stimmengewirr ebenso wie Mistreß von Rhenus verständnislos lächelnd dagesessen, den Sinn der Rede. Es fiel Barbara auf, wie gut seine Aussprache des Französischen war. Sie beobachtete ihn, fast wider ihren Willen. Es reizte sie, bei ihm irgendein kleines Manko zu entdecken – ein fast unsichtbares Zeichen, das dem Kundigen verriet: »Der gehört nicht hierher!« Aber sie fand nichts. Daß er einmal, nach einem Schluck aus seinem Glase, unbefangen lächelnd zum alten Burck sagte: »Na, das ist mal ein Wein, Onkel! ... Alle Achtung!« – daß er manchmal ein bißchen lebhafter sprach und gestikulierte, als man es hier gewohnt war, das wollte nichts bedeuten. Und was sie sonst an ihm musterte – Hände, Wäsche, Anzug, alles war tadellos. Er war wirklich ein ungewöhnlich gut aussehender junger Mann – sie sagte sich im stillen, daß er als Erbe einer Millionenfirma einen weit wahrscheinlicheren Eindruck machen würde als etwa der bleiche, blonde Franzl Hafner da unten oder der Sybarit Pauluscha. Ein paarmal trafen sich über die Tafel hinüber ihre Blicke. Sie sprachen miteinander, gleichgültige Dinge, wie sie die allgemeine Konversation gerade mit sich brachte. Es fiel ihr wieder auf, daß Robert Burck seit der Rede ihres Vaters verändert und zerstreut war, so, als laste etwas auf ihm oder als kämpfe er mit einem Entschluß – und dann schien er diesen Entschluß gefaßt zu haben. Gerade, als Frau Konstanze Burck durch ihre Fremdwörtersucht eine peinliche Pause der Beklemmung hervorgerufen – sie hatte etwas von der Einfahrt in den Phosphorus bei Konstantinopel erzählt –, gerade in diesem Augenblick wurde Robert Burck ein wenig rot, erhob sich und sagte hastig zum Hausherrn: »Darf ich ein paar Worte sprechen – ja?« Man sah ihn verdutzt an. Onkel Pauluscha murmelte befriedigt: »Na, endlich!« – endlich ging die Geschichte schief, wie er die ganze Zeit schon gehofft hatte. Robert begann, halb lachend, halb verlegen: »Ich weiß ja: es ist eine Frechheit, Onkel – und du kannst mich ja nachher hinaus ... hinauskomplimentieren, wenn dir das nicht paßt. Aber vorher möcht' ich das doch sagen – es gibt Sachen, die muß man sagen – ich wenigstens – es ist so meine Art ...« »Na, nun schon zur Sache!« meinte Harry von Rhenus ihm gegenüber halblaut und wenig freundlich: der arme Vetter fiel ihm auf die Nerven. Es war recht lustig, daß seine Mutter und dessen Vater Geschwister gewesen. »Ich komme schon zur Sache!« Robert Burck wandte sich an seinen Onkel, der ihm gespannt und etwas unruhig zuhörte: »Du hast vorhin die Freundlichkeit gehabt, von den verschiedenen Burcks zu sprechen – darunter auch von mir. Und da ist mir eingefallen: ich besitze ein kleines Photo meines Großvaters – deines Vaters –, es ist das einzige Familienstück, was sich bei uns erhalten hat – und der war doch – das wissen wir doch – ein Deutscher und gar nicht weit von hier aus dem Schwarzwald zu Hause ... und hatte eine Deutsche zur Frau – und wir selbst führen doch noch seinen guten deutschen Bauersnamen Burck und sprechen Deutsch miteinander, wenn wir zusammenkommen. Sagt selbst: Würden denn Engländer in irgendeinem Teil der Erde beisammensitzen und sich in englischer Sprache erzählen, daß sie Österreicher oder Polen oder Spanier sind? Würden Franzosen sich nicht eher die Zunge abbeißen, ehe sie das tun? Sind nicht die Polen stolz auf ihre Nationalität und wollen sie nicht verleugnen? ... Warum sind wir Deutsche darin so anders – auch jetzt noch – und immer für die anderen Völker da? Es geht dabei doch soviel für uns verloren, für jeden einzelnen. Man verliert doch seinen natürlichen Rückhalt in der Welt, wenigstens ich hab' das immer so empfunden, wenn ich mich natürlich auch mit euch an Erfahrung und Stellung im Leben nicht vergleichen kann. Ich habe mir immer gesagt: Gedenk', daß du ein Deutscher bist ...« »Hört! Hört!« rief Onkel Pauluscha, eine lange Selleriestaude, an der er wie ein Kaninchen knabberte, in der Hand schwenkend. Aber die anderen lachten nicht mit. Sie waren zu verblüfft. Nur der Rittmeister von Heinrich machte ein zufriedenes Gesicht. Da hörte er zum ersten Male etwas, was er in diesem Kreis verstand. Und Robert Burck, etwas durch das allgemeine Schweigen entmutigt, setzte mit leiserer, aber immer noch fester Stimme hinzu: »Ich bin da vielleicht zu weit gegangen – ich meine – ich habe mich vielleicht zu allgemein ausgedrückt. Ich wollte natürlich niemandem Vorhaltungen machen, solche Überhebung liegt mir fern. Ich wollte eigentlich nur von mir und meiner Person reden und die verteidigen – weil du mich als Vertreter der englischen Burcks ansiehst. Da führe mich lieber als Vertreter der deutschen Burcks auf, oder als den deutschen Burck, wenn kein anderer da ist. Ich bin keine glänzende Vertretung – das weiß ich schon, aber doch besser als nichts ... so ... das war's.« Er atmete auf. »Und ich wollte eben bloß mein Deutschtum nicht verleugnen ... und wenn dir das zu viel war, lieber Onkel, dann sag's mir jetzt nur ... ich bin auf alles gefaßt ...« In der allgemeinen Stille am Tisch sah Otto Burck das selige, Unheil witternde Lächeln seines Schwagers Pauluscha und ganze Faltenlinien eisiger Beschränktheit und Gekränktheit auf dem Antlitz seiner Frau. Das verdroß ihn und bestimmte ihn noch mehr, Milde zu üben. »Warum sollst du nicht auch deine Meinung haben, lieber Robert ... sie macht dir Ehre.« Dies mit einem nachdrücklichen Blick auf Onkel Pauluscha, der immer noch grinste. »Sie macht dir Ehre ... sie ist nur leider nicht immer in der Praxis durchzuführen – und um so weniger, je größer die Verhältnisse sind und je mehr auf dem Spiel steht ... bei dir, der du ja noch ein junger Mann bist und am Anfang deiner Laufbahn stehst ...« – »Und nix hast und bist!« murmelte unten Onkel Poldi, der alte Wiener Ringstraßendandy, gutmütig und so leise vor sich hin, daß nur seine Nachbarin, Frau von Heinreich, sein »Keck sein s' heutzutag', die jungen Leut« verstand – »bei dir, lieber Robert, ist das ja etwas anderes, und ich wünsche dir Glück dazu ...« Damit war der Spannung die Spitze abgebrochen. Aber die Wirkung zitterte noch nach. Ein Befremden über den Eindringling blieb. Die meisten machten befangene Gesichter. Auch Barbara war erstaunt. Sie hatte das dem Vetter aus der Liverpooler Nähgarnbranche gar nicht angesehen. Und als Madame Maurice Bürk sie fragte, was jener gesagt habe, und auf ihre Antwort, sie sollten alle durch die Bank Deutsche werden, mit einem »Pruh« die gepuderten Hände erhob, da ärgerte sie sich fast über diese Naturbewegung und dachte zum ersten Male in ihrem Leben darüber nach, wie planlos eigentlich eine Familie wie die ihre in der Welt herumtreibe – so wie eine Qualle im Meer! Und neben ihr sagte Harry von Rhenus kühl und spöttisch über den Tisch hinüber zu jenem: »Dabei bist du doch selber englischer Untertan.« »Nein. Ich bin wieder Deutscher! Schon seit sieben Jahren. Frag nur den deutschen Konsul in Liverpool.« »Um Deutscher zu sein, muß man gedient haben!« sprach Harrys schweigsamer Bruder Augustus langsam mit englischem Stimmenklang. »Daraufhin hab' ich ja eben mein Jahr abgedient, in Berlin.« Das wußte man nicht. Das war neu. Die Verbindung mit Onkel Joseph in London war eben immer nur durch Gerichte und Rechtsanwälte aufrechterhalten worden. Von seiner Familie hatte man wenig gehört. Und der Rittmeister von Heinreich, der jetzt lebendig wurde, fragte teilnehmend: »Dann sind Sie vielleicht auch Reserveoffizier, Herr Burck?« Robert antwortete lachend: »Nein. Dazu hat's doch nicht gelangt. Als Angestellter, der ich damals, vorher und nachher, in England war. Aber Unteroffizier bin ich jetzt noch – den Ruhmestitel kann man mir nicht rauben ...« »Hm ... das ist ja sehr nett!« meinte Herr von Heinreich etwas ernüchtert. Und Harry von Rhenus hub wieder an, gereizt durch die fragenden Blicke, die Barbara viel öfter, als ihm lieb war, auf dem neuen Vetter ruhen ließ. »Na schön! Dann würde ich aber doch auch an deiner Stelle in Deutschland bleiben ...« »... und hinter dem Ofen hocken und den Engländern die weite Welt überlassen!« Robert Burck richtete sich kampflustig auf. Jetzt kam wieder der kriegerische Geist über ihn wie vorhin bei der Erzählung seiner polnischen Kampagne. »Nee, lieber Vetter. Jetzt heißt's Farbe bekennen. Die Engländer sollen sich noch wundern, wie wir ihnen die Hölle heiß machen ...« Das war so offenherzig, beinahe grob, daß Barbara lachen mußte. Otto Burck, der dem Wortwechsel gefolgt war, beeilte sich jetzt, die Tafel aufzuheben. Man trank den Kaffee draußen im Garten, unter schattigen Bäumen, von denen aus man den Blick über die grünen Rasenflächen der Burckschen Villa genoß. Die Fremden, die draußen auf der steil zu den Höhen ansteigenden Straße vorbeigingen, konnten in das alles hineinsehen. Frau Konstanze Burck hatte diese Ruheplätzchen, die Altane und Lauben so eingerichtet, daß sich von außen ein hübsches lebendes Bild bot – dieser Kranz elegant gekleideter, anständiger Menschen, drei, vier schöne junge Frauen in duftigen Toiletten darunter, dazwischen noch der Glanz einer Offiziersuniform – im Hintergrund der korrekte Diener – sie kämpfte in solchen Augenblicken mit der Versuchung, selbst einmal zur Probe auf die Straße hinauszutreten und durch ihr Lorgnon zu prüfen, ob Burcks sich wirklich von da draußen so fein ausnähmen, wie sie hoffte. Aber sie blieb sitzen. Es war eine etwas unbehagliche Pause des Kaffeelöffelns und Zigarrenanzündens nach dem Essen. Es änderte auch nichts daran, daß sich Onkel Pauluscha mit einem feierlichen Seufzer: »Na – nun muß ich mal über die Kurse nachdenken!« empfahl und ins Haus zurückging. Das tat er jeden Tag, und fünf Minuten später schnarchte er wie ein Murmeltier. Seine Schwester entschloß sich, das Eis zu brechen. Sie wandte sich an Robert mit jenem eigentümlich strengen Ton, den sie immer gegen Menschen hatte, die nach ihrer Meinung irgendwie unter ihr standen: »Wie lange denkst du eigentlich in Baden-Baden dich aufzuhalten?« Diesmal zuckte nicht nur ihr Gatte unter dieser neuen Taktlosigkeit zusammen, sondern auch Barbara richtete sich auf und sagte absichtlich freundlich: »Hoffentlich bleibst du noch einige Zeit! Jetzt ist ja gerade soviel los!« »Aber nicht für mich!« meinte ihr Vetter lachend. »Das ist für mich ein zu teures Pflaster. Ich will morgen weiter. Aber da möchte ich dich fragen, Onkel ...« Er wandte sich an Otto Burck. »Wie kommt man am besten nach Peterswalde?« »Nach Peterswalde?« »Nun ja, in den Schwarzwald, gar nicht so weit von hier, wo unsere Familie her ist. Dein Vater ist ja noch dort geboren ...« »Ja freilich ...« Otto Burck zögerte. »Das ist er. Aber ich war noch nie dort!« Sein Neffe riß vor ungläubigem Erstaunen die blauen Augen auf. »Du nicht? Und auch sonst keiner von euch?« »Nein.« »Ja, aber wie ist denn das nur möglich?« Otto Burck. der sonst bei aller Stille und Einfachheit seines Wesens etwas sehr Selbstsicheres besaß, war verlegen. »Sieh mal – ich stamme doch aus Polen – ich bin dort geboren. Ich habe mein Leben dort zugebracht. Und jetzt, wo ich alt bin – die letzten fünf Jahre hier – mir ist's eigentlich nicht recht in den Sinn gekommen, daß mich nach dem Schwarzwald hin noch etwas verbindet – und meinen Kindern, scheint es, noch weniger ...« »Aber dein Vater ist doch dort geboren«, wiederholte Robert mit einem leichten Kopfschütteln – »unser aller Großvater hier ...« Hierbei blickte er den spöttisch lächelnden Harry von Rhenus an und dessen Bruder Augustus und dann die Damen – »und der Bruder unseres Großvaters, dein Vater, doch auch.« Damit wandte er sich an Maurice Bürk, und der alte Pariser Boulevardier machte bei diesem Versuch, ihn mit den Schluchten des Schwarzwaldes in Verbindung zu bringen, ein ganz verdutztes und skeptisches Gesicht. Der Gedanke kam allen so unerwartet – er war so außerhalb ihres Lebensbereiches und Interessenkreises, daß Robert Burck wieder wie ein Fremder ihnen gegenübersaß. Wenigstens den Männern. Den Frauen gefiel er. Er gefiel ihnen nur zu gut. Das sagte sich Harry von Rhenus schon die ganze Zeit mit wachsendem Ärger. Nicht nur Barbara – auch in den Augen ihrer beiden Schwestern und in denen der Mistreß von Rhenus und der Madame Maurice Bürk lag ein freundlicher Ausdruck, wenn sie den auffallend hübschen jungen Mann betrachteten, und jener – so verstohlen und unauffällig er es tat, so entging es doch der steigenden Eifersucht des anderen nicht – nahm jede Gelegenheit wahr, um einen Blick von Barbaras Schönheit zu erhaschen. Und von deren Zügen war das Frostige und Mißtrauische jetzt halb geschwunden. Sie ging aus sich heraus, sie lachte ein paarmal herzlich und beteiligte sich so unbefangen am Gespräch wie sonst selten, ganz offenbar, um Robert Burck in seiner Vereinsamung zu unterstützen. Der alte Burck hatte inzwischen nach dem Chauffeur geklingelt, und als der Mann vor ihm stand, befahl er kurz: »Suchen Sie auf der Karte den Ort Peterswalde im Schwarzwald. Ich fahre morgen dorthin!« Er setzte, gegen die anderen gewandt, hinzu: »Und wer Lust hat, mag mich begleiten ... du selbstverständlich, Robert. Du hast mich da wirklich an etwas erinnert, was ich längst schon einmal hätte tun sollen! Wer weiß, wie lange ich noch leb'! Und nun komm mal mit! Ich will dir etwas zeigen!« Damit führte er ihn in das Haus zurück und in sein Arbeitszimmer, wo aus der dämmerigen Ecke die beiden gefurchten, strengen Bauerngesichter des Lambert Burck aus dem Schwarzwald und seiner Frau, der Therese Waldvogel, auf sie herabschauten. Er wies ihm die, von einem plötzlichen Ernst der Vergangenheit gegenüber dem jungen Mann ergriffen, und ebenso das alte Gesangbuch, alles, als schäme er sich ein wenig vor sich selber und müsse ein vergessenes Unrecht gutmachen. Unten im Garten hatte sich nach dem Weggang der beiden die Gesellschaft zerstreut. Man wandelte zwischen den Beeten, und Harry von Rhenus benutzte die Gelegenheit, sich allein an Barbaras Seite zu gesellen. Er sagte, sobald sie allein waren, halb hastig, halb höhnisch: »Sag mal, was fällt denn dem Kerl ein?« »Welchem Kerl?« »Nun – diesem taufrischen Vetter aus der Fremde! Ich dachte, ich höre nicht recht. Statt daß solch ein Mensch seinem Schöpfer dankt, daß man ihn in unseren Kreis aufnimmt ...« »Da gehört er hinein ... gerade so gut wie du oder ich!« »Gewiß! Er ißt nicht mit dem Messer ... er hat einen schwarzen Rock an. Er pumpt deinen Vater nicht an, er ist ein ganz korrekter junger Mann. Mehr kann man nicht verlangen ...« »Bitte, laß diesen Ton!« Sie stampfte gereizt mit dem Fuß auf den Kies des Gartenweges. Auch über sein Gesicht glitt eine flüchtige Röte des Unmuts. Aber er hielt an sich und sagte ruhig, beinahe wegwerfend: »Dieser Knabe Robert und wir – lächerlich! ... Sein Vater läuft mit ausgefransten Hosen in der City herum – der Bruder ist ein Taugenichts ... die Schwester ...« »Das weiß ich alles!« »Nun also! Es ist ja Pech, eine solche Familie zu haben – ich geb' es ja zu – aber wir können die Leute doch nicht respektabel machen. Und nun« – Harry von Rhenus sah nach der Uhr – »es wird nämlich Zeit, daß ich mich empfehle. In ein paar Stunden geht mein Zug. Und vorher hab' ich eine Bitte!« »Nun?« »Fahr morgen nicht mit nach Peterswalde!« »Doch! Ich möchte es!« »Auch wenn ich es nicht möchte?« »Dazu hast du gar keinen Grund!« Sie gingen stumm eine Strecke weiter, die Augen am Boden. Dann hub er wieder, ärgerlich und trotzig, an. »Schließlich – nach dem, was wir vorhin besprachen, hätte ich doch fast ein Recht, solche Wünsche zu äußern ...« »Ich weiß noch nichts von einem Recht!« sagte Barbara. »Wir haben miteinander geredet. Aber unsere Entscheidung steht, für uns beide noch aus, bis du zurückkommst. Das war doch zwischen uns ganz klar – nicht wahr?« Auf der Terrasse am anderen Ende des Gartens erschienen Otto Burck und Robert. Sie traten aus dem Hause. Harrys Gesicht verfinsterte sich noch mehr. Dann sagte er plötzlich kurz und verächtlich, als kämpfe er gegen seinen eigenen Gedankengang: »Ach was! Es ist ja auch alles Unsinn. Ist's dir recht, wenn wir wieder zu den anderen gehen, Barbara?« »Ja!« erwiderte sie kurz, und sie legten stumm den Weg zu der Villa zurück. Drittes Kapitel Vor dem Sternenwirtshaus in Oberpeterswalde standen zwei Automobile, und um sie herum, auf dem Platz mit der uralten Dorflinde, durch deren Geäst die Glut des Sommermittags im Spiel von Licht und Schatten zitterte, scharte sich die Dorfjugend und starrte stumm die beiden feuerrot und elfenbeinern lackierten Wagen, ihre Chauffeure und Insassen an, die Herren und Damen, die von irgendwoher plötzlich in das stille Tal gekommen waren. Das Dorf, das in ihm lag, hatte nichts Eigenartiges, nichts Romantisches an sich. Friedlich und behäbig lag es in einem breiten, fruchtbaren Gefilde, das zu beiden Seiten die ernsten, tannenbestandenen Höhenzüge des Schwarzwaldes einrahmten. Gottes Segen zitterte über den abgeernteten Ährenflächen und saftgrünen Wiesen und ließ die roten Backen der Äpfel aus dem Laub der Obstbäume leuchten, die die stattlichen, weithin an den Hängen zerstreuten Bauernhöfe umgaben. Da, wo der Kern des Dorfes sich zusammendrängte, stand, weißschimmernd, mit hohem Giebel, das Pfarrhaus und über ihm auf einem Hügel, weithin das ganze Tal beherrschend, inmitten des Gottesackers das Kirchlein. Alles war totenstill. Alle Menschen draußen im Heu. Kaum daß einmal das Gesicht eines steinalten, gelähmten Weibleins hinter einer dunklen Fensterscheibe erschien, während Robert und Barbara Burck nebeneinander durch die Dorfstraße gingen, fern von den anderen, die per Hitze wegen im Wirtshaus rasteten. Sie hatten den Weg nach dem Feldbauerhof erfragt, von dem, nach dem Kirchenbuch des Pfarrers, jener Lambert Burck, ihr Vorfahre, stammte, der seinerzeit nach Polen ausgewandert war. In der Richtung schritten sie nun langsam dahin. Um sie war die stille Glut des scheidenden Hochsommers, tiefblauer Himmel über der friedlich grünen, wie schlafend daliegenden Welt, ein leises Zittern von Hitzwellen über dem schneeweißen Staub der Straße, die das ganze Tal entlang mit Marterle und blumengeschmückten Kruzifixen und Votivtafeln und kleinen steinernen Heiligen eingefaßt war. Weit aus der Ferne läutete schläfrig ein Kapellenglöckchen. Sie hörten es und unterbrachen eine Weile ihr Geplauder und schauten stumm vor sich hin und stiegen dann seitlings das Tal empor, dem Bergbach entgegen, der atemlos plätschernd über Stock und Stein ihnen entgegenschoß. Mächtige Nußbäume überdachten den Weg. Grell flimmernd lag in den Zwischenräumen ihrer Schatten die Augustglut und ließ Barbaras weißes Kleid wie Schnee aufleuchten. Zu beiden Seiten dehnten sich die Wiesen. Je höher die beiden kamen, desto mehr wurde es auf jenen lebendig vom Volk der Schnitter, von hochgetürmten Heuwagen und grasenden Zugpferden und Nestchen friedlich schlummernder, von kläffenden Stallspitzen bewachter kleiner Kinder im Dämmern des Dickichts am Rain; und ein alter Bauer, der sich, die frisch genagelte Sense auf der Schulter, das wassergefüllte Kuhhorn mit dem Wetzstein hinten festgebunden, dem Paar unterwegs angeschlossen hatte, wies ihnen unter den stundenweit sichtbaren, da und dort zerstreuten Höfen alle diejenigen, die den Burcks, einer der drei großen, seit Urzeiten hier ansässigen Sippen des Gebirgstals, gehörten: In Nähe der Nitzebauer, da drüben der Breidershof, da unten die Schloßmühle, und drüben der Sonnenwirt und gar der Wangler – den konnte man von hier nicht sehen – das war ein Mann – vierhundert Morgen Land! ... Der brauchte sechs Wochen – der Alte blieb stehen, um seine Aussage zu bekräftigen – sechs Wochen, bis er all sein Heu herein hatte! Ja, die Burcks, das waren hier ansehnliche Leute. Wer hier so hieß, der saß mitten in der Freundschaft drinnen. »Na, ich heiße auch Burck!« sagte Robert. »Mein Großvater war auch von hier!« Das freute den Alten, wenn er sich auch auf nichts mehr besinnen konnte. Du liebe Zeit, es waren so viele Burcks aus Peterswalde weggewandert! Er nickte freundlich. »So ... so ... da hatte es der Großvater zu etwas gebracht? ... Da war er wohl gar zu Gelde gekommen?« Robert sagte: »Die Hauptsache ist, daß man's selber zu etwas bringt! Das werden wir auch noch mit Gottes Hilfe besorgen ...« Dabei reichte er dem greisen Schnitter, der jetzt einen Feldweg seitwärts einschlug, die Hand zum Abschied und sagte dann, während sie allein weitergingen, ernster: »Ein seltsames Gefühl – nicht, Barbara? Da haben nun die Menschen, die vor uns waren, gelebt ... jahrhundertelang ... und die Kette ist zerrissen. Ja ... da liegt dein Heim! ... Glücklich, wer eins hat ... oder sich neu schaffen kann. Durch das Geld ... Ihr anderen könnt euch das alles um euch herum mit eurem Gelde ja wieder neu schaffen, daß es was Ganzes wird.« Sie zuckte die Achseln: »Wir bauen auch höchstens an irgendeinem gleichgültigen Ort wie Baden eine gleichgültige Villa und wohnen darin, weil wir doch irgendwo wohnen müssen ...« Er meinte: »Immerhin ... Ein Elternhaus ist doch ein Stück Leben! So erinnere ich mich auch aus meiner Kindheit an unseren schönen englischen Familienbesitz. Nachher erscheint es einem wie ein verlorenes Paradies, aus dem man zu Anrecht herausgerissen worden ist. Man kommt dadurch, daß man einmal etwas gehabt hat, was die anderen nie gehabt haben, denen gegenüber in Nachteil. Man ist unnötig gekränkt und gereizt. Das Schicksal hat einem etwas versprochen und dann nicht Wort gehalten. Darüber muß man eben hinaus! Ich bin's, Gott sei Dank, gründlich – nun schon seit Jahren! Das sind ja alles Dummheiten! Da muß man gar nicht drüber reden! ...« »Doch. Rede nur!« sagte sie, und der kurze Anflug einer schwermütigen Stimmung war schon bei ihm geschwunden, und er fuhr fort: »Ich entsinne mich: Einmal, wie ich vielleicht neun Jahre alt war, da gingen wir in Brighton am Strand – mein Bruder und ich – zwei wohlerzogene englische Bübchen rechts und links von meinem Vater – der Wagen fuhr leer im Schritt hinter uns, und mein Vater griff da und dorthin an den Zylinderhut, wenn Herren kamen, oder nahm ihn ab, wenn Damen ihn grüßten, und ich fragte: ›Papa – woher kennst du denn all die Leute‹ – Er erwiderte streng: ›Alle anständigen Leute grüßen sich‹ – und ich forschte weiter: ›Papa – wer sind denn die anständigen Leute?‹ – und er: ›Die, die Geld haben, Nobby!‹ Das überlegte ich mir eine Weile – dann fragte ich wieder: ›Papa, werden Eddy und ich auch einmal anständige Leute sein?‹ – Da legte er mir die Hand auf den Kopf und sagte: ›Ihr werdet zeitlebens genug haben und euch nie Sorge zu machen brauchen!‹ Das hat mich Knirps damals so merkwürdig beruhigt, daß ich an dem Abend noch einmal im Bett tief aufsetze, als wäre mir ein Stein vom Herzen gefallen, und dann fest einschlief. Na – das Schicksal hat ja nachträglich im Leben doch dafür gesorgt, daß ich kein Fett ansetzte ...« Und nun erzählte er Barbara auf ihre weiteren Fragen, wie es ihm ergangen, nachdem – noch während er ein Junge auf der Schule gewesen – plötzlich das Unheil über sein Elternhaus hereingebrochen war und sie über Nacht die prunkvolle Wohnung in Regent-Street mit ihren Gemäldegalerien, ihrem Palmengarten, ihren Stallungen und Freitreppen hatten räumen müssen – und wie er wenigstens seine kaufmännische Ausbildung auf der Handelsschule in Leipzig habe vollenden können – »das danke ich deinem Vater, Barbara. Er hat damals den Meinigen die Mittel dazu gegeben. Ich habe es erst lange nachher erfahren. And er hätte noch mehr getan, wenn mein Vater nicht seine Hand zurückgestoßen und ihn vor die Gerichte gefordert hätte –« und dann das düstere Kontor in Hamburg, wo er seine Lehrjahre verlebte – ein »junger Mann« zwischen einem Dutzend anderer. And dann kam er mit Hilfe des alten Rhenus, der damals noch lebte, als Angestellter nach Glasgow und auf eigene Faust nach London und Manchester. Und dann der Drang in die Ferne – das seltsame farbenbunte Jahr in Oporto und Alicante – im Dienst der Südweinbranche – und zum Abschluß der unselige spanische Typhus, der ihn im Militärlazarett in Gibraltar vier Monate liegenließ und um Stellung und alle Ersparnisse brachte, daß ihm der Konsul das Geld zur Heimreise auf einem Frachtdampfer gab. Und dann wieder mutig ins Leben hinein und in eine neue Stellung in London. Nun ging es schon besser: die Sprachkenntnisse halfen: Englisch, Deutsch, Französisch, Spanisch, Portugiesisch – er konnte wieder sparen und den seit lange gehegten Plan verwirklichen und sein Einjährigenjahr in Deutschland abdienen. Dabei leuchteten seine Augen: Das war die schönste Zeit seines Lebens gewesen – und, nachdem er Deutscher geworden, wieder in englischen Diensten die Expedition nach Polen und, nach dreijährigem Kampf, die Rückkehr nach Liverpool, das hatte er ja gestern schon erzählt. – Er schloß: »Immerhin – man kann froh sein, wenn man in der ersten Hälfte der Dreißig wie ich jetzt aus dem Gröbsten heraus ist. Ich kann jetzt schon dasitzen und abwarten. Ich hab' mein nettes Konto auf der Bank. Jetzt müssen die anderen auch schon ein bißchen mir entgegenkommen. Ich habe die Auswahl unter den Stellungen. Ich hab' verschiedene Wege vor mir – einen, der führt übers große Wasser – nach Neuyork! Vielleicht wähle ich den. Ich weiß es noch nicht ...« Er lächelte unternehmungslustig vor sich hin, und Barbara, die an seiner Seite immer weiter das friedliche, bachdurchrauschte Wiesental emporstieg, spürte bei seinen letzten Worten einen leichten Stich im Herzen. Sie fühlte plötzlich, daß es ihr bitter leid tun würde, wenn der Vetter so weit wegging. Sie war ärgerlich darüber – nicht gegen ihn, sondern gegen sich selbst. Er merkte das nicht. Er hatte ihr in aller Harmlosigkeit sein Leben erzählt, ein rechtes kaufmännisches Angestelltendasein der Zeit, die ihre Kämpfe tagtäglich auf den Börsen und Kontoren und in den Welthäfen schlug. Dies Leben war bewegt gewesen. Aber ihm erschien es in der Erinnerung eintönig, in der steten, sich gleichbleibenden Arbeit um das tägliche Brot, und so meinte er auch zum Schluß zu Barbara: »Du siehst ... viel hab' ich nicht zu erzählen. Immer aus einer Stellung in die nächste. Für anderes blieb da keine Zeit. Das muß dir komisch vorkommen, wo du gewiß schon so viel mehr auf der Welt gesehen hast ...« »Ich? Furchtbar wenig!« sagte Barbara. »Wann hätt' ich denn? Bis zu meinem vierzehnten Jahr in Polen – nun ja – was war da viel los? – Das kennst du ja – und dann haben sie mich auf vier Jahre in Lausanne in das Pensionat gesteckt – und wie ich da fertig war, da kam ich doch gar nicht mehr nach Hause zurück ... da übersiedelte Papa doch schon gerade nach Baden-Baden ...« »Und seitdem bist du nun da geblieben?« »Fünf Jahre jetzt schon, mit Gottes Hilfe! Zuweilen gehen wir ja auf Reisen! ... Das heißt, wir trinken unseren Tee statt bei uns im Garten auf einer Hotelterrasse in Luzern, oder man spielt statt an der Achtenthaler Allee auf dem Rigi-Scheidegg Tennis, und Mama ist glücklich, wenn sie ein paar Leute kennenlernt, von denen sie hofft, daß sie adlig oder sonst sehr fein sind – aber was Gescheites kommt bei dem allen nicht heraus, das kannst du mir glauben!« »Sonderbar, und ich dachte, jemand wie du, der hätte nun alles im Leben!« Sie zuckte stumm die Achseln. Sie fühlte plötzlich einen Drang in sich, ihm zu berichten, ihm von sich zu erzählen – und was eigentlich bisher ihr Dasein gewesen war. Er war ihr ja doch blutsverwandt. Und doch kannte sie ihn kaum. Erst seit vierundzwanzig Stunden. So blieb das Schweigen auf ihren Lippen, und beide gingen weiter und schauten sich dabei gleichzeitig verstohlen von der Seite an und blickten schleunigst und unbefangen wieder weg, er nach rechts, sie nach links, als wäre nichts geschehen. Nur das Bächlein plauderte und lief, die Insekten musizierten tausendstimmig im Grase, und vom blauen Himmel her wehte ihnen ein frischer Hauch entgegen, als Zeichen, daß sie die Höhe erreicht. Da lag der Feldbauerhof. Sein mächtiges, moosgraues Strohdach wuchtete auf ihm, weitausgreifend und vorspringend, als wolle es das uralte Haus darunter mit seiner Menge kleiner Fensterscheiben in den Boden drücken. Ein Rundgang mit geschnitzten Holzgewinden lief unter dem Schatten des Firstgebälks rings um die Außenmauern. Auch die Treppen, die Türen, was an altersschwarzem Holze nur da war, zeigte die altväterisch-freundlichen, anheimelnden Verschnörkelungen vergangener Zeiten, und friedlich flammten und blühten davor an jeder Scheibe, bis hinauf zu den Löchern des Taubenbodens unter dem dreifachen päpstlichen Kreuz auf dem Giebel, die Geranien und Fuchsien und Levkojen in ihren Töpfen. Vor dem Hause stand eine mehrhundertjährige, schon ganz schwarz ausgehöhlte Linde und überschattete die gewaltige, sauber geordnete Düngerstätte. Auf der piepten die Spatzen. Daneben sprudelte eilfertig das ewig geschäftige Bächlein, lief in einen langen Holztrog und auf der anderen Seite wieder hinaus. Sonst war kein Laut zu hören, kein Mensch und Tier zu sehen. Was hier lebte, war draußen auf dem Feld. Der Heuboden, dessen Tor über der steil ausgemauerten Einfahrtsrampe schwarz gähnte, war schon halbvoll von dämmerigen, locker-duftigen Massen. Ganz von oben, vom Berg her, klangen zuweilen Stimmen, ein Peitschenknall, verworrenes Geschrei, dann verstummte wieder alles. Und die beiden, Robert Burck und Barbara, konnten der Versuchung nicht widerstehen, doch in das Haus zu treten. Erst in die Ställe, die ganz leer dalagen, das Vieh war wohl irgendwo fern oben auf der Sommerweide, dann in den Flur. Es stand alles offen. Man konnte in das Wohnzimmer hineinschauen, mit seiner Rundbank um den Kachelofen – und in die Küche, wo jede Spur von Feuer im Herd sorgfältig gelöscht war, und in die Kammern. Sogar in das Austragstübchen im Oberstock lugten sie durch den Türspalt. Der ganze Raum war farbenbunt von Heiligenbildchen. Alle Wände waren damit bedeckt. Und indem die beiden das lasen, kamen sie sich plötzlich wie Eindringlinge vor, hier in dem Hause, aus dem sie stammten, aus dem ihr Großvater eines Morgens, das Ränzel auf dem Rücken, in Sonne und Tau, in die Ferne hinausgeschritten war, um nie wiederzukehren. Was sollten sie sagen, wenn plötzlich jemand zurückkam und sie mißtrauisch musterte? Es wohnten jetzt nicht einmal mehr nahe Verwandte im Hause. Robert wußte vom Pfarrer Bescheid. Truspert Burck, der Feldbauer, hatte zwei Söhne gehabt. Von denen war der jüngere, Lambert, ausgewandert und hatte in Polen die Theresia Waldvogel geheiratet. Der ältere, Sales, war auf dem Hof geblieben. Aber er hinterließ nur eine Tochter, die wieder einen Burck, aus einer Seitenlinie in Oberpeterswalde, geehelicht hatte. Von denen stammte, was nun im Hause war. Nun glaubten sie wirklich draußen Schritte zu hören und schlüpften eilfertig wie ertappte Diebe aus dem Dämmern des Ganges in das helle, grelle Acht draußen hinaus. Da war alles leer und still wie bisher, und nur ein Huhn stand da und sah sie nachdenklich an und hatte mit seinem Gescharr das Geräusch verursacht, und sie schämten sich ein wenig, daß sie das Heim ihrer Väter so auf der Flucht verlassen hatten. Aber nun wollten sie auch nicht noch einmal hinein. Es war wie ein Zeichen gewesen, daß sie da nicht hingehörten. Es lag eine Welt zwischen ihnen beiden da draußen und den alemannischen Bergbauern da drinnen. Sie warfen einen Abschiedsblick auf den Feldbauerhof, wie er so gelassen und behäbig dalag, ein altes Haus, das im Lauf der Jahrhunderte alles gesehen und gehört, was Menschen in Lust und Leid widerfahren konnte – vom ersten Schrei des Neugeborenen bis zum Rumpeln des Sarges über die Torschwelle – alles, alles im ewigen Wechsel und Wiederkehr bei Geschlechter. Dann wandten sie sich zum Gehen, und Robert sagte: »Ich bin doch froh, daß ich da war! Wenn es auch nicht unsere Heimat ist – man hat doch das Stückchen Erde einmal gesehen ...« Und sie dachte sich: Gewiß ist das nicht unsere Heimat! Nirgends ist sie. Und doch müssen wir gehen und sie suchen und können sie nur bei anderen Menschen finden, oder eigentlich nur bei einem einzigen anderen Menschen. Dabei kam ihr plötzlich Harry von Rhenus in den Sinn. Und eine unerklärliche Beklemmung lastete auf ihr, eine tiefe Schwermut in all dem Sonnenschein und der Sommerhelle um sie, und eine Gereiztheit gegen den Gefährten neben ihr, über die sie sich keine rechte Rechenschaft geben konnte, aber sie kämpfte das nieder und sagte absichtlich leichthin und spöttisch: »Ein Segen, daß Mama das nicht gesehen hat! ... Sie schämt sich so schrecklich, daß wir von Bauern abstammen sollen! ... Sie hat sich schon eine Art Familienlegende zurechtgemacht, wonach wir eigentlich als politische Flüchtlinge nach Polen gekommen seien ... und der Adel – das deutet sie aber erst in allerletzter Zeit dunkel an – sei infolge dieser bewegten Schicksale von uns abgelegt worden ... Papa, der lacht immer darüber – auch vor Gästen – dann wird sie wütend ...« »Na, meiner würde auch darüber lachen!« sagte Robert. »Den würde das alles hier überhaupt nicht interessieren – nur der Bach da ...« Er wies mit seinem Spazierstock auf den Quell am Wege. »Warum denn der?« »Das lebt doch! Der läuft doch! Aus dem läßt sich doch Elektrizität machen, Barbara! Mit der kann man unten im Tal eine Masse Maschinen treiben, oder alles mit Hochspannung bis zu dem Wald da drüben übertragen und aus den Tannen auf vier Meilen im Umkreis Streichhölzer fabrizieren! So was geht rasch bei Papa! The new Black-Forest Company limited – das rechnet er dir in fünf Minuten in seinem Notizbuch aus, mit Anlagekapital und einem Riesenüberschuß schon im ersten Jahr ...« Er lachte gutmütig über dies Wolkenkuckucksheim und fragte dann, ernster werdend: »Hast du meinen Vater eigentlich je im Leben gesehen?« Sie schüttelte den Kopf. »Nein – damals, wie der ... der plötzliche Umschwung bei euch kam, da war ich ja noch ganz klein, und nachher war ja der Verkehr dann ganz abgeschnitten ...« Und nach einer Weile setzte sie leise und mitleidig hinzu: »Dein armer Papa ...« Er wandte rasch den Kopf zu ihr und schaute sie überrascht und halb belustigt an. »Mein Vater ... den bedauerst du?« »Nun – natürlich ...?« »Aber warum denn ... ich bitte dich ... einen Mann, der heute abend noch, spätestens morgen früh, wieder Millionär ist?« »Dein Vater?« »Mein Vater ist immer im Begriff, morgen früh Millionär zu werden! Wenn du ihn hörst, glaubst du's und schüttelst ihm die Hand und gratulierst ihm. Am nächsten Morgen hat sich die Million auf unbegreifliche Weise um vierundzwanzig Stunden verschoben! Ach was – eine Million! ... Fünf! – Zehn! Viel mehr als früher! Man muß nur erst im Zug sein! Dabei leuchten seine Augen, und er legt allen Leuten, die ihm helfen wollen, die Hand auf die Schulter und spricht ihnen Mut zu! ... Sie sollen nur nicht verzagen! Er sei doch noch da und stände ihnen zur Seite ...!« Barbara begriff jetzt, woher Robert seine beinahe ungestüme Frische und Lebendigkeit hatte. Er sagte in einem harmlosen Spott, durch den aber doch die Liebe zu seinem Vater hindurchklang: »Man taxiert Papa immer falsch! Er ist einfach ein großes Kind! Meinetwegen ein geniales großes Kind. Aber man muß ihn bemuttern. Na – das tu' ich ja jetzt, so gut ich kann. Seine Visionen von der Ridderfountainmine in Transvaal, mit der er noch einmal den Goldmarkt beherrschen will, und tausend solche Sachen – die bringe ich ihm freilich nicht mehr aus dem Kopf. Die nimmt er mit sich ins Grab! ... Sieh mal – da sind die anderen ...« Sie hatten wieder die Kirche erreicht, und auf dem Friedhof daneben wandelte der alte Burck mit seinen beiden Töchtern und seinem Schwiegersohn, die drei anderen Herren hinter sich, zwischen dem Gewimmel der Holzkreuze. Er sah sich die suchend an. Sie waren alle nicht älter als vierzig, fünfzig Jahre. Nur an der Kirche selbst lehnten ein paar moosbedeckte steinerne Male aus ferner Zeit, und auf dem einen konnte man noch mit Mühe von einer Ruth Schinzigin, einer geborenen Burckin, lesen, die von einem rollenden Heuwagen erdrosselt worden war. Sonst aber war alles Gedächtnis der früheren Geschlechter verschwunden. Nichts wies mehr auf die Stätte, wo einst Truspert Burck, der Feldhofbauer, seine letzte Ruhe gefunden, und es galt von ihm und allen, was da auf dem Grab des Einhornwirtes Alois Burck von Altpeterswalde stand: »Der Mensch gleicht einer Blume – und einem Blatt der Flur – und wehn des Herbstes Stürme – verwehn sie seine Spur.« »... verwehn sie seine Spur ...«, wiederholte der alte Burck, eben als Barbara und Robert zu ihm traten. Er war doch ergriffen. Überall las er da den Namen Burck, dem er fast nirgends sonst auf der weiten Welt begegnet war, und seltsame, anderwärts schon ganz verschollene Vornamen dazu ... nicht nur die Lamberts und Sales, die Annas und Barbaras, die immer wiederkehrten – auch die Florians und Donats, die Kreszentias und Apollonias. die so gar nicht zu den Namen der Lebenden da oben, den Maurices und Pauluschas, den Augustus und Lizzies paßten. Viele, viele lagen da unten, Männer und Frauen, Greise und Kinder, und da oben standen fremde Menschen – Halbpolen und Halbfranzosen und Halbengländer, und wußten selber nicht recht, was sie auf dem deutschen Bauernfriedhof wollten, über dessen Holzkreuze die scheidende Sonne in immer leuchtenderem, eigentümlich verklärendem Not flammte, und waren doch in einer seltsamen und gesammelten Stimmung, namentlich Maurice Bürk, den als Pariser die Nähe von Gräbern immer besonders ergriff. Auch auf Augustus von Rhenus' leidenschaftslosem Antlitz lag ein britisch-korrekter, andächtiger Zug, und Onkel Paulusche schaute düster darein, und der Rittmeister machte ein ernstes Gesicht und unterhielt sich nur flüsternd mit seiner Frau und mit Lizzie von Hafner, der, wie sie unmutig und gedämpft murmelte, die ganze Geschichte schon ein Graus war. So war man bis zum Ende des Gottesackers gekommen, da war noch einmal eine Ruhestätte der Familie Burck, ein großes Kreuz in der Mitte, auf dem stand: »Hier lieg' ich in Gottes Garten – und tu auf meine Familie warten« – und die kam schon. Eine Inschrift daneben besagte, daß hier der ehrengeachtete Jüngling Blasius an der Seite seines Vaters ruhe, und auf der anderen Seite war ein winziges, frisches Grab ausgeschaufelt. Da sollte heute abend noch ein Kind hinein. Es hatte überhaupt nur ein paar Stunden gelebt, sagte der alte Totengräber. Barbara hörte ihm kaum zu. Sie war in einer verträumten, in sich gekehrten Versunkenheit, in der ihr das alles neu war, der kleine, von blühenden Blumen überwucherte Gottesacker, das weiße Kirchlein, das grüne Tal und der blaue Himmel über den hohen Bergen wie ein Land der Sehnsucht erschien, das gar nicht wirklich vorhanden war, in das man auch gar nicht hineingehörte und das einen doch so altvertraut anmutete, als sei man doch schon einmal vor langer, langer Zeit in ihm gewesen. Aber nicht allein. Sie fühlte, daß diese ganze Stimmung mit Robert Burck zusammenhing, der neben ihr stand und an ihrer Seite blieb, auch als sie jetzt alle den Kirchhof verliehen. Und später, am Abend, kurz ehe man heimfuhr, fand er noch einmal Gelegenheit, sie unter vier Augen zu sprechen. Sie waren einen Feldweg vor das Dorf hinausgegangen. Die Nacht überschattete schon stärker und stärker das Land – hoch oben, über den schwarzen, zackigen Tannenkämmen der Berge stieg der Mond auf, und ihm gegenüber, drüben über der unsichtbar nahen Rheinebene, stand ein einzelner Stern, der Abendstein, unruhig funkelnd am Himmel. Ein leiser Wind hatte sich erhoben. Er brachte von den Halden herunter den köstlichen Geruch des frischtrocknenden Heues. Um sie herum wurde es kühl. Dichte weihe Nebel stiegen aus den Wiesen, in den Bauernhöfen blinkten da und dort freundlich durch das Zwielicht die ersten verstreuten Feuerpünktchen auf, und vielstimmig knarrten und quakten aus allen Tümpeln die Frösche durch die Stille der Nacht. Sie hatten eine Zeitlang geschwiegen. Dann sagte Robert halblaut: »Ja! Hier ist es schön! Das ist anders, als von wo ich komme – der Rauch und Nebel in London und in Liverpool ... hm ... was hilft's ... Man muß doch wieder in die Tretmühle zurück! ... 's ist auch ganz gut so! Das hier ist verzaubertes Land! Das ist nicht zum Wohnen! Da wirft man einen Blick hinein und geht weiter. Barbara! Mittags mache ich meinen Abschiedsbesuch.« »Und wohin gehst du dann?« »Ein bißchen in die Schweiz!« »Da könntest du wahrhaftig auch in Baden-Baden bleiben.« Sie sagte das unwillkürlich so ärgerlich, daß er sie erstaunt ansah. Dann meinte er langsam: »Ich könnt' es natürlich, wenn ich irgendeinen vernünftigen Grund dafür hätte ...« Sie kämpfte eine Sekunde mit sich, dann versetzte sie trotzig: »Es ist doch schade – nun hat man sich endlich einmal kennengelernt – und ehe man etwas voneinander hat, muß man schon wieder voneinander und sieht sich Gott weiß wann mal wieder ...« Er nickte, so als hätte er dasselbe schon die ganze Zeit gedacht. »Gewiß ... gewiß ...«, sagte er und sah sie an. Sie schlug vor dem Blick die Augen nieder. Und er fragte: »Also – dir wäre es recht, Barbara, wenn ich nicht gleich weiterreise?« »Bleib doch in Gottes Namen noch ein bißchen!« »Ja. Gern.« Das sagte er laut und kräftig. Aber dann dämpfte er wieder, während sie umkehrten und sich auf den Heimweg machten, seine Stimme: »Die Sache ist nur die, Barbara: Wenn ich schon hier sitzenbleib', dann müssen wir uns auch sehen! Sonst hat das doch gar leinen Zweck!« »Du kannst doch zu uns kommen!« »Aber nicht zu oft! ... Denk an den Spruch: ›Bist du wo gut aufgenommen ...‹« Er lachte. »Und deine Mutter ist mir gar nicht grün! Das hab' ich schon lange bemerkt ... Sie hat so eine eindringliche Art, einem das zu Gemüt zu führen ...« Barbara zuckte die Achseln über ihre Mutter und schwieg. Und er beharrte: »Und überhaupt ... wenn man da so im Familienkreis herumsitzt und schwatzt, was hat man davon? Und wir wollen uns lieber sonstwo einmal treffen ...« Jetzt zögerte sie. Sie hatte auf einmal nachträglich Angst. Er bemerkte das und fuhr fort: »Herrgott ... wir sind doch Vetter und Kusine ... da ist doch nichts dabei ...« Und da sie immer noch zauderte, setzte er hinzu: »Denn für nichts und wieder nichts mein bißchen schwer erkaufte freie Zeit in dem teuren Baden-Baden vertun, das gibst du doch zu, Barbara, das wäre eine Grausamkeit, das von mir zu verlangen ...« Nun nickte sie und sagte gepreßt: »Zum Beispiel, ich geh' nachmittags um vier immer zum Tennis. Weißt du, wo der Platz ist?« Aus der Ferne rief es nach ihnen zur Abfahrt. Sie nickten sich noch einmal schnell zu. Dann mußten sie sich trennen und sahen sich diesen Abend nicht mehr. Viertes Kapitel Am anderen Morgen herrschte am Kaffeetisch in der Villa Burck eine etwas müde und gereizte Stimmung. Man war mit dem gestrigen Ausflug unzufrieden. Barbara war die einzige, die sich in heiterer Laune befand, und ihr Vater sah sie prüfend über den Haufen Geschäftspapiere hin an, der vor ihm lag. Er fragte endlich: »Was ist denn nur heute in dich gefahren, Barbara?« – Nun schwieg sie und fächelte zerstreut mit der Hand die Wolken seiner Morgenhavanna von sich weg, so als wolle sie unbequeme Fragen abwehren. Sie las noch einmal die Ansichtspostkarte durch, die vor ihr lag, und schob sie dann zur Seite. Sie kam von Harry von Rhenus. Das war ihr alles ganz belanglos. Mochte er doch nach Polen reisen und seine Geschäfte erledigen! Aber nun horchte sie auf, und ihr Herz setzte mit heftigem Pochen ein. Die anderen hatten angefangen, von Robert Burck zu sprechen. Er gefiel eigentlich allen, mit Ausnahme der Dame des Hauses. Deren beide älteren Töchter fanden ihn auffallend hübsch, wobei Onkel Pauluscha plötzlich düster aufkicherte und Barbara geheimnisvoll zublinzelte. Auch gute Manieren hatte er. – »Mein Mann könnte ihn ruhig ins Kasino mitnehmen!« meinte Frau von Heinreich und spendete damit das äußerste Lob, das ihr zu Gebot stand. Lizzie von Hafner wieder erklärte: ja, und dabei habe er doch was Fesches ... und der alte Burck äußerte, daß er sich eine angenehme Bescheidenheit bewahrt habe, und man war darüber einig, wie schade es sei, daß der Vetter nicht aus ihren Lebenskreisen stamme. So habe es doch immer etwas Peinliches. Man müsse sich immer in acht nehmen, ihn nicht durch eine unbedachte Äußerung zu verletzen. Und Frau Konstanze Burck pflichtete bei: Taktlosigkeit sei etwas Schreckliches – nichts ginge ihr so auf die Nerven wie das – aber eben darum solle jeder da bleiben, wo er hingehöre. »Ich bitt' euch, Kinder, ich geh' und kauf' mir ein Paar Handschuhe. Und wer steht hinter dem Ladentisch und bedient mich? Dein Neffe, der eben noch bei mir am Tisch gesessen hat. Er wickelt sie ein: ›Hier, liebe Tante!‹ – und schreit's noch recht laut – ja, das geht doch nicht – das geht doch nicht!« Sie war ganz verzweifelt von dieser Zukunftsmöglichkeit. Otto Burck erwiderte ärgerlicher als sonst: »Erstens steht er nicht hinter dem Ladentisch, sondern hat sogar Prokura in seiner Firma in Liverpool – und zweitens wäre mir ein ehrlicher Angestellter immer noch lieber als gewisse Edelleute, die nachher vom Staatsanwalt gesucht werden ...« Es war dies ein dunkler Punkt vom vorigen Winter, wo seine Frau in der Tat auf den aristokratischen Namen eines solchen Hochstaplers hereingefallen war, der sich nachher als ein stellenloser Wiener Kellner erwies. Otto Burck fuhr fort mit jenem Ausdruck des Unbehagens auf den müden, guten Zügen, das ihn immer beschlich, wenn er, der stille, respektable, alte Kaufmann, dessen blütenweiße. bis zum Hals zugeknöpfte Weste wie ein Sinnbild der Makellosigkeit seines Firmenschildes erschien, irgendwie mit unsoliden, abenteuerlichen Leuten in Verkehr treten sollte: »Daß Robert Angestellter ist, das stört mich gar nicht. Was soll er denn sonst tun? Und sogar Handschuhe verkaufen, liebe Frau, wäre keine Schande. Wir haben alle einmal klein angefangen ...« »Ich nicht!« brummte Onkel Pauluscha geringschätzig vor sich hin, mit dem Stolz eines Mannes, der sich schon im Alter von zwanzig Jahren ins Privatleben hatte zurückziehen können. »Aber das Schreckliche«, sagte sein Schwager, »das ist seine Familie. Das ist sein Vater ...« Er machte eine Handbewegung der Hoffnungslosigkeit und schüttelte den Kopf. Diese Erinnerung war für ihn das Trübste im Leben. »Und die Mutter –«, ergänzte Frau Konstanze Burck hart. Nun – die war ja schon seit einem Jahrzehnt hinüber ins Jenseits, und es war ihr auch nichts weiter nachzusagen, als daß sie sich in der Zeit des Unglücks von ihrem Manne getrennt hatte und schließlich ganz hatte scheiden lassen, um dann eine neue Ehe zu schließen – mit einem Hotelier. Man fröstelte hier am Tisch bei diesem Gedanken. Sie hatte zuletzt, als Witwe, ein kümmerliches Boardinghouse dritten Ranges in Edinburg gehalten, nachdem sie alles, was sie besessen, für den älteren Sohn aus erster Ehe, den Taugenichts, geopfert hatte, der jetzt noch die Straßen Londons unsicher machte. Und auch Roberts Schwester – ihr Mann war aus den unteren Ständen – es hieß, daß er trank und sie mißhandelte. Gottlob, die waren ja nun drüben über dem großen Wasser – aber immerhin ... sie konnten ja auch wieder einmal zurückkommen, bei dieser Familie war man nie vor Überraschungen sicher. »Ja, er kann einem leid tun!« sagte der alte Herr, mit den Gedanken an Robert. Barbara fragte ihn über den Tisch plötzlich schroff, während ihre Augen zornig aufleuchteten: »Papa, was kann er denn dafür, daß die anderen so sind ...« »Er kann natürlich nichts dafür.« »Nun also!« »Lasse mich ausreden! ... Für ihn entsteht nur die Frage: Identifiziert er sich mit ihnen oder nicht? Vor allem: identifiziert er sich mit seinem Vater? Ich gebe ja zu: es steht geschrieben, daß man seine Eltern ehren soll ... Es ehrt ihn gewissermaßen selber, daß er so leidenschaftlich an seinem Vater festhält. Aber eben dadurch, Barbara, isoliert er sich freiwillig. Er rückt aus der gewohnten Welt heraus ... er billigt Dinge, die andere nicht billigen ... nicht billigen können – oder, wenn er sie auch nicht direkt gutheißt, so schließt er eben doch die Augen dagegen.« »Es ist doch nun einmal sein Vater!« »Gewiß. Ich erhebe auch keinen Vorwurf. Er ist ja selbst am meisten damit gestraft. Er hätte doch wahrhaftig das moralische Recht, sich von seiner Familie loszusagen – sich ganz frei hinzustellen. Es gibt Umstände für einen Menschen, da wird das geradezu zur sittlichen Pflicht ... Und wo diese Stimme des Gewissens nicht stark genug ist, daß sie alles andere übertönt – aber auch alles, alles – ja – ich kann mir nicht helfen, Barbara.« Der alte Herr stand auf und packte seine Papiere zusammen. »Da fehlt etwas ... da fehlt etwas ... wenigstens für einen Kaufmann wie mich! Sauberkeit! ... Sauberkeit! ... Sauberkeit! ... Ich hab' einen Widerwillen gegen all diese Geschichten ... einen Ekel wie vor Schmutz am Boden ...« Er wehrte ängstlich etwas Unsichtbares in der Luft gleich einem Pesthauch von sich ab. Er sah in diesem Augenblick hart aus. Und Barbara sagte: »Also du meinst, er soll seinen Vater verhungern lassen? Das ist freilich eine furchtbar einfache Lösung ...« »Das sind Phrasen, Kind! Natürlich soll er seinen Vater unterstützen ... aber jetzt ... Er zeigt sich mit ihm in London auf der Straße, er führt ihn am Arm über den Fahrdamm ... Der Alte kommt zu ihm nach Liverpool auf Besuch und wohnt wochenlang bei ihm, mit einem großen Koffer als einzigem Hab und Gut, wenn ihm alles andere wieder einmal gepfändet ist – nein ... nein ... Kinder ... das ist nichts für mich. Ich halte mein Haus rein ...« »Und doch hast du Robert darin aufgenommen?« »Als meinen Neffen, auf der Durchreise – gewiß! Aber nicht mehr! ...« Und deutlicher noch als seine Worte war der ernste, väterliche Blick, den Otto Burck dabei auf seine Tochter warf. Auch die anderen schwiegen und sahen vor sich hin. Es war wie eine stumme allseitige Warnung. Barbara verstand die. Es war eine unbehagliche Pause, und mitten in die hinein sagte Frau Konstanze Burck sehr laut und mißbilligend: »Er hat auch vorgestern dem Diener einen Taler Trinkgeld gegeben. Ich finde das viel zuviel für einen jungen Mann in diesen Verhältnissen!« Und Frau von Heinreich fragte entsetzt: »Mama – woher weißt du denn das schon wieder?« Es ergab sich, daß ihre Mutter es beim Frisieren von der Kammerjungfer erfahren, der es die Köchin erzählt hatte. In diesem Punkte war sie unverbesserlich – sie hielt nun einmal keine Distanz gegenüber den Dienstboten. Ihr Mann seufzte nur still und ging hinauf in sein Arbeitszimmer. Frau von Hafner und Frau von Heinreich hatten Besorgungen in der Stadt, und Barbara schloß sich ihnen an, um die Zeit hinzubringen. So stand sie in den Luxusläden der Bäderstadt am Konversationshaus herum und sah müßig zu, was Anna und Lizzie kauften – die erstere nach einem bestimmten Plan – mit Überlegung und Sparsamkeit, die andere ohne Zweck und Sinn – wie man ihr gerade etwas hinhielt und es ihr gefiel – und schaute dann halb geistesabwesend in das Treiben um sie her – die geputzte, buntscheckige Menschheit, aus der Gesprächsfetzen in deutscher und englischer, in französischer und polnischer und spanischer Sprache an ihr Ohr flogen und Wolken verschiedener Parfüms aus knisternden Seiden stiegen – und wußte, ihre Schwestern brannten darauf, mit ihr über Robert zu sprechen, während sie harmlose Mienen machten und anscheinend emsig einen Schmuck von indischem Filigransilber prüften, den ihnen der Händler vorgelegt hatte. Sie lächelte nur und schwieg. Was hätte sie auch von den beiden viel hören können – von Frau von Heinreich, die alles nach der Rangliste, und gar von Lizzie, die alles nach dem Wiener Kavaliertum beurteilte? Das war ja das Schreckliche in ihrer Familie und in den Kaufmannskreisen überhaupt, die sie kannte, daß man so gar keine Bodenständigkeit besaß. Die Töchter, die aus dem Hause gingen, nahmen sofort alle Instinkte, alle Anschauungen und Merkmale ihrer neuen Umgebung an. Sie entwickelten sich in getrennten Linien, voneinander weg. Wenn man sich wiedersah, war man sich innerlich immer fremder geworden und hatte sich immer weniger zu sagen, außer solchem Gerede, ob diese hellblaue Seidenbluse nicht recht schick sei und wo man am besten für Diepold und Seyfried, Frau von Heinreichs Söhnchen, Schwarzwälder Spielzeug kaufe. And endlich war es vier Uhr geworden. Barbara ging allein hinunter zum Tennisplatz an der Lichtentaler Allee – aber nicht in weißen Schuhen und kurzem Rock, wie sonst, sondern im Straßenkleid. Sie setzte sich vor dem Pavillon auf einen Stuhl und sagte ihren Bekannten, sie sähe heute nur zu, sie hätte keine Lust zu spielen. Es kam ihr heute alles so töricht vor, dies Hin- und Herspringen vor dem Netz, die wichtigen Mienen der Unparteiischen, die mit hochgezogenen Knien lauerten, das Rennen der ballsuchenden, schmutzigen, kleinen Buben – plötzlich sah sie Robert drüben auf dem Fußweg der Allee, zwischen den vielen Kurgästen, die sich von da das Spiel anschauten. Eine junge Engländerin, die, vom Tennis erhitzt, in einen langen weißen Flanellmantel gewickelt, sich neben ihr rekelte, meinte, was das dahinten für ein auffallend gut aussehender junger Mann sei – der große, blonde, mit dem Strohhut ... Barbara trat auf die Straße hinaus ihm entgegen, und beide schüttelten sich kameradschaftlich und doch ein wenig beklommen die Hände, gingen rasch weg, nach Lichtental zu, um möglichst bald in Ruhe und Einsamkeit zu kommen, so schwierig das in Baden-Baden im Hochsommer auch war. Aber dann fanden sie doch ein stilles Quertal, in dem, ganz unwahrscheinlich nahe dem Weltbad, noch altfränkische Bauernhöfe standen, wie irgendwo sonst im Schwarzwald, und hoher Edeltannenwald die Wiesenhänge abschloß. Ein schmaler Wurzelpfad führte sie zwischen den säulenartigen Stämmen hin, durch die das Licht des Sommernachmittags nur gedämpft in seltsam rötlichem Scheine brach, und sie begegneten kaum mehr einem Menschen und hörten nur ganz aus der Ferne noch dumpfe Axtschläge und das mißtönende Geschrei der Holzfuhrleute und fingen an, über ernstere Dinge zu reden als bisher. Von Barbaras Familie waren sie ausgegangen. Er hatte gemeint, wie gut sie es habe, zwischen Menschen zu leben, die einander gern hätten und miteinander einig seien. Er habe immer Sehnsucht nach solch einer friedlichen Gemeinschaft empfunden. Die sei nie gestillt worden. Jammer und stürmische Auftritte, Vorwürfe, Bitterkeit und Zerrissenheit – ein Familienleben, das eigentlich nur aus einer Reihe von Katastrophen bestanden hatte! Sie zuckte die Achseln und sagte: »Vielleicht sind die Katastrophen noch nicht das allerschlimmste. In denen steckt doch wenigstens Wahrheit! Da sagt man sich freiweg, was man denkt! Mir scheint immer – wenn so gar nichts passiert und die Menschen sitzen beisammen und sind sich gar nichts und sind doch gegenseitig aufeinander angewiesen und kommen nicht voneinander los, weil sie nun einmal zufällig verwandt sind – das ist doch solch eine innerliche Lüge – man wird so müde davon ...« »Aber das ist doch bei euch nicht so?« »Doch! And dabei kann man es gar nicht recht in Worte fassen, wenn man sich beklagen möchte! Man hat ja alles! Es geht ja alles so freundlich und wohlanständig zu! Niemand tut einem etwas! Es ist eben nur die Leere. Es war ja immer so. Papa und Mama haben sich ja nie vertragen können, und uns war Mama auch nichts, und Papa hatte ja nie Zeit für uns. Nun sind meine beiden Schwestern aus dem Hause und haben ihren Interessenkreis für sich. Seit zwei Jahren ungefähr – da bin ich ganz allein ...« Er sah sie an, als wollte er sie fragen: Und warum hast du nicht geheiratet? – Und wieder hatte sie Lust, wie gestern, ihm das alles zu sagen. Aber sie kämpfte die Anwandlung nieder. Von sich selber redete sie doch – erst stockend, die Augen am Boden – dann immer lebhafter. Sie war so froh, es einmal tun zu dürfen, vor einem, von dem sie wußte, daß er sie verstand. Es war soviel in ihr zurückgedrängt. Sie hatte so schwer unter dem Schweigen gelitten. Nun war es ihr eine wahre Wohltat, einmal sich auszusprechen, wie in einer Beichte. Und sie erzählte, wie sie wohl ein oder das andere Mal sich ihren Schwestern genähert habe, um doch irgendeine Annäherung im Leben zu finden – bei Mama, lieber Gott, da hatte sie es erst gar nicht versucht. Der ihr ganzes Sinnen und Trachten ging ja doch nur darauf hinaus, einen dritten adligen Schwiegersohn zu finden – und wie sie durch irgendein gedankenloses Wort Lizzies, während die vor dem Spiegel stand und sich den Schleier über den Hut knüpfte, durch irgendein: »Ach, plausch doch net, du Fratz!« oder so etwas Ähnliches bis ins Innerste erkältet und in sich zurückgetrieben worden sei. Und wie auch Anna, die viel klüger, aber auch viel kühler sei als jene, sich nie recht für sie interessiert habe, sondern, während sie ihr zuhörte, mit ihren Gedanken bei ihrem Manne daheim in der Garnison, den Kindern, den Pferden, dem Burschen, allem möglichen gewesen sei. Sogar bei ihrem Vater habe sie Vertrauen gesucht. Er sei ja so gut. Aber davon verstehe er nichts. Er wisse immer nur das eine: heiraten! Sie könnte sich doch die Männer wählen! Er knausere doch weiß Gott nicht mit der Mitgift. Und so hänge man schließlich nur noch äußerlich mit seinen Angehörigen zusammen. Man wünsche ihnen guten Morgen und guten Abend und sitze mit ihnen am Tisch und spreche mit ihnen über das Wetter und fahre mit ihnen spazieren oder gehe zum Konzert in den Kurpark – aber das alles so automatenhaft. Das habe mit einem selber gar nichts mehr zu tun. Da sei man ganz für sich ... Er hörte stumm und andächtig zu. wie sie ihm da ihr Ich enthüllte, dies weltferne, eigensinnig immer mehr in sich gekehrte Innenleben, diesen Haß gegen die satte, selbstverständliche Behaglichkeit des äußeren Daseins, aus dem allem das eine wuchs, das war alles ... sie sprach das Wort Liebe nicht aus. In den zwei Stunden, die sie durch den Wald wanderten, schauten sie sich manchmal an, und beide schwiegen – und dann fing sie wieder an ... Und er, der vom Dasein so rauh angepackt und hin und her geschüttelt worden war und nie Zeit besessen hatte, viel auf Stimmen des Inneren zu horchen, sah so, wie man ein seltenes Kunstwerk betrachtet, diese zarten Verästelungen einer Seele, ihr Ranken nach Licht, ihr Verkümmern, und ein leises Lächeln spielte dabei um seinen Mund und blieb da, bis sie in der letzten Wegbiegung vor der Villa Burck, von der aus man sie noch nicht sehen konnte, in der Abendsonne voneinander Abschied nahmen. Morgen trafen sie sich wieder. Das war natürlich. Darüber sprachen sie nicht mehr. Er hielt ihre Hand in der seinen und sagte einfach: »Ich danke dir, Barbara, für alles, was du mir gesagt hast.« Es war ein kräftiger Druck, mit dem er noch einmal ihre Hand ergriff. Dann kamen Menschen den Weg herauf, und sie sagte schnell und halblaut: »Auf Wiedersehen!« Sie ging in den Garten hinein und achselzuckend an dem dicken Onkel Pauluscha vorbei, der da in einer Hängematte schaukelte und bei ihrem Anblick etwas von viel zu mageren und sich die Schwindsucht an den Hals rennenden Tennismädchen murmelte. Sie suchte ihr Zimmer auf. Dort schrieb sie in der Stille des Abends, mit dem Blick auf die offene Balkontür, auf das friedlich vom Mondlicht beschienene Baden und die dunklen Höhenzüge des Schloßbergs und Merkurs dahinter, einen Brief – an Harry von Rhenus. Es sei ein Irrtum gewesen. Ein Mißverständnis. Das käme daher, wenn andere Leute – namentlich ihr Vater – derlei aus Verstandesgründen für einen einfädelten! Anfangs beuge man sich diesen Gründen und halte sie für natürlich und richtig. Aber dann folge doch die Erkenntnis hinterher ... And das beste sei und sie bäte ihn darum, sie kämen, wenn sie sich wiedersähen, gar nicht mehr auf dies Gewesene zurück und blieben hoffentlich gute Freunde wie bisher. Sie fügte noch einige Abschiedsworte hinzu – dann verschloß sie den Brief und trug ihn selbst noch im Mondschein hinunter zum nächsten Postkasten, damit er nur gleich wegkäme. Als der Brief in den Kasten gesunken war, dachte sie nicht mehr an ihn, sondern nur an den nächsten Nachmittag. Aber das Unglück wollte, daß unangemeldet zu Mittag ein Besucher erschien, ein wichtiger Geschäftsfreund ihres Vaters, der große Fabriken in Polen besaß. Über die unterhielt man sich fast ausschließlich bei Tisch. Barbara saß stumm und gereizt dabei und verwünschte das höfliche Männchen insgeheim. Aber es half nichts. Nach Tisch stand das Auto zu einer Spazierfahrt bereit. Sie als Haustochter konnte sich nicht ausschließen und fuhr ganz blaß und krank vor Zorn und Bitterkeit mit. Als man heimkehrte, war es sechs Uhr abends. Auf dem Tisch im Flur lag eine Karte. Der Diener berichtete. Herr Robert Burck sei vor einer Stunde dagewesen und habe sie abgegeben und sehr bedauert, die Herrschaften nicht zu Hause zu treffen. Der alte Burck nahm die Karte in die Hand und meinte: »Schade! Danach hat er sich, scheint's, verabschieden wollen!« Und seine Frau erwiderte unnötig laut und ohne Rücksicht darauf, daß die Dienstboten herumstanden: »Es war auch höchste Zeit!« Sie warf dabei Barbara einen vielsagenden Blick zu. Die blieb stumm. Sie fürchtete, wenn sie irgend etwas sprach, durch das Zittern ihrer Stimme das innere Bangen zu verraten. Warum wollte er fort? Und wie konnte er das, ohne sie vorher gesehen, es ihr erklärt zu haben? Nein! Das war nicht möglich! Der Gedanke beruhigte sie wieder ein wenig. Vielleicht war er auch nur durch Geschäfte auf ein paar Tage abgerufen – vielleicht ... es verwirrte sich ihr alles im Kopf. Sie hatte Mühe, auch nur so zu tun, als höre sie dem zu, was ihr der Geschäftsfreund aus Polen, dem ihre Schönheit immer mehr in die Augen stach, von den dortigen Verhältnissen erzählte und wie kraus und wirr die seien. Und das würde wohl auch Herr von Rhenus bald merken! Dabei kniff er schlau lächelnd das eine Auge zu. Er wußte schon allerhand, natürlich, Mama konnte ja nun einmal nicht schweigen, gegen niemanden. Sie seufzte und hatte nur immer wieder die Angst, der nächste Morgen würde einen Brief bringen, und in dem stand, daß Robert abgereist sei, auf Nimmerwiedersehen. Aber unter der Post, die sie blaß und übernächtigt am folgenden Tag auf dem Frühstückstisch ordnete, war keine Zeile von ihm. Nun wußte sie, daß sie sich am Nachmittag treffen würden. Sie konnte ihre Ungeduld kaum zügeln und schritt schon eine Viertelstunde vor der Zeit mit hämmerndem Heizen die Lichtentaler Allee entlang. Sie atmete plötzlich so tief und erlöst auf, daß ein paar vorüberrauschende, schneeweiß gekleidete Damen sich ganz erstaunt nach ihr umdrehten. Da stand er schon vor dem Spielplatz, an der Ecke der Yburgstraße. Man sah ihn von weitem. Er war größer und stattlicher als die um ihn herumflanierende geputzte Baden-Badener Menschheit, namentlich die kleinen Franzosen. Und von den Briten und Yankees unterschied ihn wieder die straffe Haltung. Man hätte ihn für einen Offizier in Zivil ansehen können. Sein Gesicht war ernst, während er auf sie zukam. Sie reichten sich die Hände, und sie fragte sofort mit gepreßter Stimme: »Warum willst du denn fort?« Sie gab sich gar keine Mühe, ihre Furcht zu verhehlen. Er wies mit dem Kopf nach der Seite. Da saß auf einer Bank Madame Maurice Bürk ohne ihren Mann – der alte Pariser pflegte um diese Zeit im Kurhaus den »Figaro« und den »Gaulois« durchzublättern – und winkte – und nickte ihr vergnüglich zu, mit einem Strahlen des Einverständnisses auf dem weißgepuderten, kleinen Gamingesicht. Robert Burck lachte ärgerlich auf – denn eigentlich war sie komisch in ihrer naiven Neugier, wie sie die beiden durch ihr langgestieltes Lorgnon wohlgefällig beäugelte. Er sagte: »Sie ist die reinste Schildwache! Gestern war sie auch auf dem Posten und fragte mich nach einer halben Stunde ganz unbefangen, warum du nicht kämst – und ob sie dir nicht etwas ausrichten solle – sie sei entzückt über solch kleine Geheimnisse – und um so mehr, je weniger sie sich selbst damit befassen dürfe – denn Maurice – ce cher Maurice! – sei trotz seiner grauen Haare noch eifersüchtig wie ein Othello – Gott sei Dank! Ich habe ihr höflich erwidert, sie möge mich in Ruhe lassen. Das hat sie weiter nicht übelgenommen. Aber nun wird sie zu den Deinen darüber reden, und das ist auch ein Grund, warum es so nicht weitergeht ...« Er war sehr ernst geworden und schaute vor sich zu Boden. Sie fühlten beide, daß sie hier im Gedränge der Menschheit, dem steten Ausweichen und Angestoßenwerden, darüber nicht sprechen konnten, und eilten sich, wieder ihr Waldtal von vorgestern zu erreichen. Und als sie da der Tannenforst mit seinen Schatten und seiner Ruhe umfing, hub Robert Burck an: »Sieh mal, Barbara – die letzten Tage – das war für mich wie ein Traum! Da denkt man nicht, da ist man mitten in einer anderen Welt und ist einfach glücklich und sorgt sich nicht um das Morgen. Aber dann kommt doch schließlich das Erwachen ... die Ernüchterung, in der man sich an den Kopf greift und sich fragt: Was nun? Ein Pflichtgefühl ... man ist nicht nur für sich verantwortlich, sondern auch für einen anderen ... Dafür ist man eben doch ein Mann, daß man das bedenkt und dem offen ins Auge sieht – mag es noch so wehe tun ... und gestern um diese Zeit, als ich dastand und umsonst auf dich wartete – ich weiß ja, du hast nicht kommen können – es war Besuch bei euch! – da kam ich auf einmal in diese Stimmung, so recht in die graue, dumme, langweilige Wirklichkeit zurück, die ich drei Tage lang vergessen habe ... und da bin ich zu euch hinauf und hab' mich verabschiedet ...« »Aber du willst doch nicht wirklich fort!« »Ich muß, Barbara! Bleiben kann man nur da, wo man hingehört. Zwischen euch und mir liegt eine Welt! Glaube ja nicht, daß ich das je vergessen hab'. Wenn wir auch miteinander verwandt sind, die Hauptsache ist, daß man Geld hat! Das gibt erst die Möglichkeit, sich, sogar rein äußerlich, nahe zu sein. Ihr habt viel. Ich hab' nichts – oder so gut wie nichts nach euren Begriffen. Damit ist eigentlich schon alles gesagt ...« »Ach, das Geld!« – Wenn es weiter nichts war – jetzt lachte sie darüber, daß irgend jemand auf der Welt auf den Einfall kommen könnte, Robert Burck wolle sie um ihres Geldes willen heiraten. Und so sagte sie: »Darauf allein kommt's doch nicht an. Und ein Kaufmann kann doch so viel verdienen. Wer weiß, wie weit du es noch bringst, und was der Name Robert Burck noch einmal bedeuten wird ...« Aber er schüttelte den Kopf. »Wenn es nur das wäre, Barbara!« sagte er, »... wenn ich einfach ein Mann namens Robert Burck wäre – gewiß – da wäre ich schließlich auch in eurer Mitte möglich ... Aber nun vergiß nicht: ich ... ich trage mit meinem Namen ein Erbe mit mir herum ... eine Last ... nun ... du weißt ja ... oder vielmehr ... du weißt noch nicht einmal alles ...« »Als ob ich nicht auch Burck hieße!« sagte sie. Er lächelte. »Ihr heißt alle Burck! Aber euch trifft das nicht. Ihr habt euch doch alle von meinem Vater losgesagt – gründlich – schon seit vielen Jahren. Hingegen ich ... eine Kindheitserinnerung von mir – die ist: Da kam mein Vater zeitiger als sonst aus der City zurück – im Hause lief seit dem frühen Morgen schon alles durcheinander und war verstört – es war ein trüber, kalter Wintertag – und wie er aus dem Wagen stieg, da standen am Tor Leute – die hatten auf ihn gewartet – ganz verzweifelte Menschen – die packten ihn an und zerrten an ihm und schrien ihm ins Gesicht, sie wollten ihr Geld wieder haben, das in seinen Aktien stak – und die waren doch nichts mehr wert – der Bankrott war ja schon da – und der Zylinderhut saß ihm schief auf dem Kopf – und er hatte sonst so etwas Majestätisches damals – aber nun war er doch ganz fahl und lallte etwas – man verstand es nicht –. Ein dicker, großer Wann mit Bartkoteletten – ein Makler, den er ruiniert hatte, hielt ihn am Pelzkragen und keuchte immerwährend ganz sinnlos: › Go to hell ... Go to hell! ...Go to hell!‹ – und dies: ›Fahr in die Hölle!› ... das ist mir nachgeklungen mein ganzes Leben lang ... Man kann es auch jetzt noch hören, wenn mein Vater irgend einmal durch Zufall einen alten Gläubiger trifft ... Einer – das ist gar nicht so sehr lange her – der hat auf dem Bahnhof in Charing-Croß gar nichts gesagt, sondern nur ausgespuckt und sich umgedreht. Da hat mein Vater sich auf die nächste Bank gesetzt und angefangen zu heulen, wie ein kleines Kind ... Und sie sind ja immer noch hinter ihm her, wie eine Meute, mit ihren alten Forderungen. Wenn Papa es irgend zu einem armseligen Bißchen bringt, muß er es ängstlich, als wäre es ein Raub, verhehlen ... Sonst pfänden sie es ihm wieder und stoßen ihn wieder hinunter in den Sumpf ...« Barbara schwieg. Da kam das, was Otto Burck gesagt hatte. Wie ein Gespenst stieg die Vergangenheit auf. »Und das geht nicht nur mit meinem Vater so«, fuhr Robert fort. »Auch meine Mutter hat in ihren letzten Lebensjahren, nach ihrer zweiten Ehe, mit Not und Sorge genug zu kämpfen gehabt. Auch da tauchen noch zuweilen alte Forderungen auf – jammervolles Zeug – verjährte Rechnungen von Krämern und Schlächtern –. Ich hab' sie beglichen, wo ich konnte – und habe für meinen Schwager die Kaution gestellt, als ihn der Richter verurteilt hatte – wegen irgendeiner Prügelei im Wirtshaus ... in Dublin, glaub' ich, war's ... unter rüden Irländern ...« Er machte eine Handbewegung, als schöbe er etwas Widerwärtiges von sich weg, und dämpfte seine Stimme: »Ich gehe in London über Piccadilly Circus und von dem Platz in eine der kleinen, dunklen Querstraßen hinein, um da mal in einer deutschen Kneipe ein Glas Münchener zu trinken – da steht davor ein abgerissener, zerlumpter Mensch ... der greift an seinen Filz und bettelt mich auf deutsch an: ›Helfen Sie einem armen Landsmann!‹ Ich trete unter die Laterne und will ihm was geben – und wen erkenn' ich: Meinen Bruder – meinen leiblichen Bruder!« Er brach ab und setzte nach einer Weile hinzu: »Glaubst du, er hätte sich geschämt? Gelacht hat er über das Zusammentreffen! Ich habe ihn neu eingekleidet und zu einem Arbeitsnachweis gebracht. Es hat nichts geholfen. In acht Tagen war alles beim alten! ... Das mußt du mir zugeben, Barbara: Wer mit solch einer Familie behaftet ist, der darf gar nicht tun, als ob er im Ernst zu anderen Leuten gehörte ...« Und nun sagte sie, was gestern ihr Vater gesagt: »Nein! Wenn es so ist, ist's deine eigene Schuld? Du bist nicht deine Familie! Warum sich für andere opfern?« »Das gebe ich dir für alle zu – nur für meinen Vater nicht!« Er wurde plötzlich heftig und richtete sich auf, als habe man ihn selber angegriffen. »Ich bin, weiß Gott, nicht blind gegen ihn, das hast du doch aus meinen Erzählungen schon gemerkt, aber ich lasse ihn nicht im Stich! Ich kann nicht! Und ich will auch nicht! Das geht gegen die Natur! Es wäre die ärgste Undankbarkeit! Er hat, auch nach dem großen Unglück, sehr viel für mich getan, oder wenigstens alles zu tun versucht. Er hat mir immer und immer wieder helfen wollen, auch wenn es ihm selber noch so schlecht ging. Das war für ihn ein Ehrgeiz, ein letzter Ansporn im Leben, daß er immer noch so tun durfte, als sorge er für jemanden! Es ist ja nie viel dabei herausgekommen. Ich stand bald auf eigenen Füßen. Ich erhalte jetzt ihn ... trotzdem ... der Glaube macht selig ... Und einmal hat er mir wirklich das Leben gerettet! ... Damals, als ich in Gibraltar so schwer erkrankt war und als Rekonvaleszent nach England kam. Da wäre ich, mittellos und stellenlos wie ich war, einfach umgekommen ohne ihn. Kein Hahn hätte nach mir gekräht. Für euch anderen Burcks waren wir alle ja nur Parias, um die man sich nicht weiter kümmerte. Sei nicht böse ... es fuhr mir nur so heraus! Damals hat mein Vater buchstäblich sein Letztes für mich geopfert. Gott weiß, was er da alles von seinem bißchen Kram eigenhändig aufs Leihhaus geschleppt hat, um mich mit Steaks durchzufüttern – bei dem Wolfshunger, den man nach dem Typhus hat! – und mit Portwein und ... Ich sehe ihn noch vor mir, wie er eines Abends ganz spät zur Tür hereinkam, den Hut in die Stirn gedrückt, über und über naß – so regnete und stürmte es draußen – und in den Mantel hielt er sorgfältig einen mächtigen Schinken gewickelt. Dafür fehlte aber die Uhr an seiner Weste. Er sagte strahlend: ›Well! Da bring' ich was für meinen Jungen!‹ – und in dem Augenblick hat es mich durchzuckt: ›Dich verlaß ich nie!‹ ... Und wenn ich es täte, wird's sein Tod. Ich bin das, was ihn noch mit der Welt verbindet. Ich bin der einzige Mensch – nicht nur, den er liebhat – sondern der einzige, an den er noch glaubt – blindlings glaubt. Wird ihm auch der noch genommen, dann hat er gar keine Stütze mehr – dann weiß er auch gar nicht mehr, warum er noch seinen Luftschlössern nachjagen soll. Und dann ist es auch mit seiner Lebenskraft zu Ende ... Dann legt er sich hin und stirbt. Und darum tu ich das nicht ...« »Aber das müßte Papa doch auch alles wissen!« sagte sie bang. »Er weiß noch mehr!« »Und dann müßte er doch begreifen ... statt daß er so ... so hart urteilt!« »Ich will dir nun noch das Letzte erzählen«, sagte Robert Burck. »Und dann wirst du einsehen, warum ich gestern meine Karte bei euch abgegeben habe und sie habe abgeben müssen ... und mir nur eine Erinnerung bleibt an ein paar unwahrscheinliche, viel zu schöne Tage ... Also wir Jungen wissen nichts mehr davon – denn es ist gerade zwanzig Jahre her, und die Familie hat es nach Möglichkeit vertuscht, und die Zeit ist darüber hinweggegangen, und die paar Alten, die sich noch daran erinnern, wie dein Vater, die schweigen eben. Sie haben sich damals das Wort gegeben – aber ich bin nicht daran gebunden und ...« »Nun – was denn – um Gottes willen?« »Damals, nach dem Zusammenbruch unserer Firma und unseres Hauses«, sagte er, »da ist mein Vater auf ein Jahr ins Gefängnis gekommen. Sie sind streng, da drüben in England, in kaufmännischen Dingen. Und ohne Grund und zu Unrecht haben sie ihn nicht verurteilt. Auch das weiß ich. Aber er ist mein Vater, und ich halte an ihm fest. Und du wirst jetzt auch deinen Vater begreifen, Barbara – und auch, daß mir keine Wahl bleibt – daß ich gehen muß, ehe man mich gehen heißt ...« »... gehen? ... Von mir weg ...?« »Ja.« »Aber wer kann dir das befehlen ...?« »Nun, du selbst doch vor allem ...« »Ich? Deswegen ...?« »Ja, aber natürlich!« Er warf ganz erstaunt den Kopf zurück. Ihm schien das selbstverständlich. Sie sagte: »Was geht denn mich dein Vater an und was er getan hat? ... Hab ihn nur lieb, wenn du nur auch mich ein bißchen liebhast ...« Dabei schaute sie ihn an. Und er sie – noch zweifelnd – ungläubig vor Glück. Und dann plötzlich war es zwischen ihnen verstanden und entschieden. Sie fielen sich in die Arme und küßten sich. Fünftes Kapitel Der Abend dämmerte schon, als die beiden endlich die Richtung heimwärts einschlugen, über den weichen Fichtennadelteppich des Bergforstes hin, in denen ihre Schritte lautlos versanken, dem zwischen den Stämmen purpurn leuchtenden Sonnenball im Westen entgegen, und nun erschien es ihnen schon ganz selbstverständlich, daß sie miteinander verlobt waren – und nur, wie diese Stunden eigentlich hingegangen und was sie in ihnen zusammen gesprochen und gelacht und geküßt, das wußten sie nicht mehr recht ... Es war alles ein einziger Rausch und Jubel gewesen. Nur jetzt eben, ganz zuletzt, da war die Wirklichkeit gekommen, da hatte Barbara von Harry von Rhenus zu reden angefangen und hatte ihrem Bräutigam alles von jenem erzählt, bis zu dem Absagebrief, den sie ihm geschrieben hatte. Im Anschluß daran hatte sie ihm auch gebeichtet, was sich mit ihr vor dreieinhalb Jahren ereignet hatte – die schwere Wunde, die das Leben ihr damals geschlagen und die er nun in wenigen Tagen geheilt. Dann atmete sie tief auf – so – nun kannte er alles von ihr. Es blieb kein Restchen mehr übrig – die Vergangenheit war abgetan und vergessen, und während er sie umschlungen hielt und sie sich wieder und wieder küßten, wuchs in ihnen das Übermaß von Glück bis zur Trunkenheit empor. Vor der hielten keine Hindernisse stand. Die verflogen wie Spreu im Winde. Rasch, in gleichem Schritt und Tritt, wanderten sie Arm in Arm dahin und schauten unter der Tarnkappe ihres großen Geheimnisses mitleidig auf die Leute, die ihnen begegneten. Sie blieben, wenn sie allein waren, wieder stehen und küßten sich. Dies waren die einzigen Augenblicke, wo sie ernst waren. Gleich darauf kam die lachende Sonnenstimmung wieder. Nun war es schon volle Nacht. Heller Mondschein lag auf dem Tal der Oos, in das sie wieder eintraten, auf den zerstreuten weißen Häusern und den großen, dunklen Parkflächen der Gartenstadt. Barbara hätte längst zu Hause sein müssen. Aber das war ihr jetzt ganz gleich. Sie wollte diese Stunden auskosten bis zur letzten Minute, und so erklärte sie ihrem Verlobten: »Ich begleite dich noch bis zu deinem Hotel! Ich mag jetzt nicht unter andere Leute ...« So schritten sie zusammen dahin, über die Lichtentaler Allee, in deren Baumschatten noch überall Menschen gingen oder auf den Bänken plauderten, an den lichthellen Gärten der Hotelpaläste vorbei, wo auf der Kiesfläche vor den Glasveranden die Kapellen musizierten und innen an den von roten Lampen beschienenen Tischchen die Gäste sahen und weithin sichtbar speisten. Dann schritten sie weiter durch das Menschengewoge der Sophienstraße, durch die Gruppen der Engländer und Amerikaner, die barhaupt, in Frack und weißer Binde nach dem Diner flanierten. Sie kamen an Schwarzwälderinnen mit großen schwarzen Flügelhauben und goldbetreßten Hotelportiers und himmelblauen Grooms vorbei, und bogen in die steil am Berge aufgetürmte Altstadt ein und stiegen, ähnlich als sei man in Italien, zwischen hohen, fensterlosen Mauern die abschüssigen Jesuitenstaffeln empor, bis zu einem kleinen, bläulich vom Mondlicht beschienenen Platz. An ihm lag das bescheidene Gasthaus, das Robert Burck bewohnte. Unten war eine Weinwirtschaft. Stimmengewirr und Speisengeruch drang durch die hellerleuchteten Fenster. Und vor dem Eingang stand ein Mann – ein älterer Mann, soweit man es in der Dämmerung erkennen konnte, einen zerdrückten Filzhut auf dem Kopf, die Hände in den Taschen eines alten Mantels. Er rührte sich nicht. Er schien auf etwas zu warten. Und plötzlich, noch in ziemlicher Entfernung, machte Robert Burck halt. Sein Blick drang unsicher, forschend vorwärts. Er zögerte – dann, langsam, kam ihm die Gewißheit. Er blieb stehen und atmete schwer, mit einem bitteren Lächeln des Erkennens, wie wenn er ein unvermeidliches Unglück erwartet habe. Als Barbara sich an ihn drängte und seine Hand ergriff und ihn ängstlich fragte: »Was hast du denn? Wer ist denn das?« – da antwortete er nur: »Da steht mein Vater ...« Ein schweres Schweigen war zwischen ihnen. Er machte keine Anstalten, weiterzugehen. Der Vater drüben harrte still wie eine Schildwache. Er sah sie nicht. Er schaute nach der anderen Seite. Sie wiederholte leise: »Dein Vater ...?« Sie faßte sich dann ein Herz und schritt entschlossen auf den alten Mann vor dem Gasthaus zu. Robert Burck blieb stumm an ihrer Seite. Der Vater hatte nun seinen Sohn bemerkt und kam langsam auf sie zu. Er war Barbara ein Fremder. Sie konnte sich nicht an ihn erinnern. Es gab auch kein Bild von John Burke im elterlichen Hause, alle Andenken an ihn waren verbrannt, man sprach nicht von ihm – oder höchstens wie von einem Toten – oder wenn von ihm als einem noch Lebenden die Rede war, dann geschah das nur im Arbeitszimmer ihres Vaters hinter verschlossenen Türen, durch die dumpf die Stimme von Rechtsanwälten und kaufmännischen Beratern im ewigen Streit um Prozeßforderungen und Erbschaftsansprüche klangen. Otto Burck war jedesmal ganz bleich und erschöpft, wenn er von einer solchen Sitzung kam. So sah sie Roberts Vater zum ersten Male bewußt mit Augen. Ihr erster Eindruck war eine Art von Enttäuschung. Sie hatte ihn sich bedeutender vorgestellt – eine Größe, wenn auch eine gestürzte – ein Mann, der gewohnt gewesen war, die Menge zu überragen. Sie sah nun, daß seine Gestalt kaum das Mittelmaß erreichte und durch die müde, sorgenschwere Haltung, die mehr als schäbige, geradezu verwahrloste Kleidung noch dürftiger erschien. Und auf diesen gebeugten Schultern saß ein Kopf, der viel zu mächtig für den schwachen Körper war. Ein eigentümlicher Kopf – die Gesichtsfarbe weiß, fast blutleer, ein silbergrauer, wirrer Bart, ein spärlicher Haarkranz über der kahlen Stirne, Hunderte und aber Hunderte von Fältchen um die ausgearbeiteten Lippen, die eingesunkenen Wangen, die tiefliegenden Augen. Sein Lächeln war seltsam ... fein ... Es überstrahlte die verwitterten Züge. »Da bist du endlich!« sagte er. Seine Stimme klang tief. Eine unerschütterliche Ruhe lag darin. Barbara fühlte, daß der alte Mann, wie er da stand, in all seiner Ärmlichkeit, die Verkörperung eines ehernen Glaubens an sich selbst war. Und darin lag nichts Gemachtes, John Burke gab sich ganz einfach. »Da bist du endlich!« wiederholte er, drückte Robert die Hand und warf einen fragenden Blick auf seine Begleiterin. Robert sagte rasch: »Das ist Kusine Barbara. Papa – Onkel Ottos Jüngste – wir sind spazieren gewesen ...« »So – Onkel Ottos Jüngste ...« Es fiel Barbara auf, daß, ehe John Burle sprach, das unruhige Spiel seiner Gedanken schon voraus in einem Zittern über die tausend Fältchen seines Antlitzes lief. Dabei wiederholte sich ein nervöses, beinahe schmerzliches Zucken im linken Auge. Er fuhr lächelnd fort: »Vor einundzwanzig Jahren hab' ich dich zuletzt gesehen! Da saßest du im Hemdchen auf dem Arm deines Vaters. Der brachte dich nach Tisch herein und zeigte dich den Gästen, und du weintest und strampeltest und wolltest wieder in die Baba. Aber wie ich dir meine Uhr hingehalten hab' – so immer Ticktack – Ticktack – da hast du gelacht und mich am Bart gezaust ... ja ... das ist lange her ... Erinnerst du dich noch an die große Puppe Miß Gwendolin, die ich dir damals geschenkt hab' ...? Die war sicher zwei Zoll größer als du selber ...« »Ach ja ... wahrhaftig ...« Es dämmerte Barbara dunkel – ein Stückchen verblaßte und verwaschene Erinnerung aus der Kinderzeit. »Aber daß du dich auf solche Kleinigkeiten noch besinnst, Onkel ...« »Ich besinne mich auf alles, mein Kind!« sagte John Burke. »Es gibt auch gar keine Kleinigkeiten. Alles ist gleich wichtig. Na – und du ...?« Er drehte den grauen Kopf nach seinem Sohn. »Du warst bei Onkel Otto?« »Ja.« »Im Hause?« »Ich hab' es dir doch geschrieben ... »... daß du mich kaltstellen willst!« Der Alte nickte belustigt. »Das ist ein Spaß, du Grünschnabel – aber kein guter.« »Es ist voller Ernst, Papa ...« »Wir nicht!« versetzte John Burke gleichmütig. »Und auf euch kommt es nicht an. Also laß mich nur für mich sorgen und kümmere du dich um dein Nähgarn ... und du, meine Nichte Barbara ... sage deinem Vater, ich freute mich, daß er eine so schöne Tochter hat – aber im übrigen könne ich ihm bei seiner Verblendung nicht helfen – ich sei jetzt da, und jetzt würde es Ernst. Er hat den Kampf bis zum bitteren Ende gewollt. Er soll ihn haben.« Er sprach das leise und in einem ganz reinen, von keinem englischen Anklang getrübten Deutsch. Und doch machte er nicht den Eindruck eines Deutschen. Ebensowenig konnte man ihn den Briten oder irgendeiner anderen Nationalität zusprechen. Er stand ganz für sich. »Ja – bis zum bitteren Ende!« murmelte er so geschäftsmäßig, als spräche er vom Wetter. Barbara wußte ihm nichts zu erwidern und warf Robert einen verstörten Blick zu. Der zuckte stumm die Achseln. John Burke aber schaute die zwei an – von einem zum anderen – oder vielmehr, er schaute zu ihnen empor – denn sie waren beide größer als er – und fragte, von einem neuen Gedanken erfaßt, ganz unvermittelt und schnell: »Geht ihr öfter zusammen spazieren? Jeden Tag, seit du hier bist ...? Gefallt ihr euch?« – und als Robert unmutig sagte: »Papa ... laß das doch, bitte ... wir sprechen nachher – über alles ...« Da glitt ein feines Erraten über sein weißes Gesicht, dessen Fältchen das Mondlicht so grell hervorhob, und er sagte freundlich: »Du willst gehen, meine Nichte Barbara? ... Gute Nacht, mein Kind! Schlaf wohl! Ich gebe dir nicht die Hand. Es könnte deinem Vater unangenehm sein ...!« Aber als sie ihm nun die Rechte entgegenstreckte, zu sprechen vermochte sie nichts in ihrer Beklommenheit, nahm er sie doch und drückte sie mit einer Kraft, die man ihm gar nicht zugetraut hätte. Dann trat er zurück und ließ die beiden für sich. Und sie schauten sich noch einmal ins Gesicht und küßten sich mit den Augen, in einem Widerstreit von Glück über das, was geschehen, und Bangen vor dem, was kam – dann wandte sie sich rasch ab und ging über den Platz und grüßte noch einmal von der Ecke der Jesuitenstaffeln. Ihr weißes Kleid verschwand im Schatten der hohen, dunklen Mauern. »Komm auf mein Zimmer«, sagte John Burke gelassen, als sei gar nichts vorgefallen, zu seinem Sohn. »Essen können wir später.« Sie stiegen in das Hinterstübchen im dritten Stock empor, das er bewohnte. Mitten in dem blieb der alte Mann, als sie eingetreten waren, stehen und horchte. Ein geheimnisvoller gespannter Ausdruck lag auf seinem Gesicht, während er den Kopf zur Seite legte. »Hörst du nichts?« fragte er gedämpft. »Es klopft irgendwo – was denn sonst?« »So – irgendwo? – Und wo denn, so spät am Abend? Willst du mir das vielleicht erklären?« Robert zuckte ungeduldig die Achseln. Er kannte die spiritistischen Schrullen des Vaters. Der aber beharrte: »Im ganzen Hause ist es still! Warum pocht es denn gerade in meinem Zimmer? Immer da, wo ich bin?« Gegen die Klopfgeister war bei ihm nicht anzukämpfen. Die umgaben und verfolgten ihn als ein unsichtbares Geleit, wo er ging und stand. Er rührte sich nicht. Er zählte andächtig die Schläge und die Pausen. Aber nun verstummte das Hämmern plötzlich ganz, und John Burke machte eine resignierte Handbewegung und setzte sich seufzend auf das wurmstichige Sofa, zündete sich eine Zigarre an und lud seinen Sohn ein, neben ihm Platz zu nehmen. »Wenn ich nur immer wieder deine Dummheiten gutmachen darf, mein Junge!« sagte er ein wenig vorwurfsvoll. »Da muß ich nun hierherreisen – ich wollte es ja ohnedies – aber so über Hals und Kopf – fast ohne Geld – dritter Klasse – damit du nicht weiter hier alles verdirbst! ... Was fällt dir ein, Robby, dich in meine Angelegenheiten zu mischen? ... Du bist und bleibst doch ein großes Kind ... Gottlob, daß ich jetzt noch da bin! ... Aber was einmal aus dir wird, wenn ich die Augen schließe ...« Er senkte kummervoll das Haupt. Dann erhellte sich sein Antlitz. Es pochte wieder zwei-, dreimal ganz leise – ganz fern – die unsichtbaren Freunde waren nahe – er war nicht allein auf der Welt, zwischen den Menschen, seinen Feinden. Robert sagte unterdessen: »Ich habe dich so gebeten, endlich den alten Streit mit Onkel Otto ruhen zu lassen.« »... und das gerade jetzt, wo er sich ganz geräuschlos und heimlich in eine Aktiengesellschaft verwandelt!« John Burke lachte auf. Die Naivität seines Sohnes belustigte ihn. »Robert – wo lebst du? – Im Mond? – Oder auf der Erde? Wenn je, dann ist doch jetzt der Augenblick gekommen, mit allen meinen Ansprüchen hervorzutreten, ehe er den sauberen Handel verschleiert und mir seine neuen Aktionäre als Strohmänner in den Weg stellt. Deswegen ist er ja auch mit seiner Gründung in der Familie geblieben, der alte Fuchs, damit nichts an die große Glocke kommt. Und in der Familie ist doch ein Dummkopf neben dem anderen. Die Burcks sind alle beschränkt. Sie waren es immer, außer mir! Und dann denken sie, ich erfahre nichts von ihren Schleichhändeln – ich sei schon ganz zum alten Eisen geworfen ... pah ... ich hab' mehr Verbindungen, als sie ahnen.« Robert wollte den Vater nicht reizen. Wurde er leidenschaftlich, so wurde jener – das wußte er – es noch mehr. Dann entluden sich plötzlich ganze Vulkane von Anklagen gegen Gott und alle Welt, von Haß gegen die Menschen im allgemeinen und gegen seine Verwandten im besonderen. So schlang sein Sohn die Hände ineinander und sagte möglichst ruhig: »Was willst du denn nur von Onkel Otto?« »Geld.« Der alte Geisterseher warf, während er das sprach, das graue Haupt zurück. Die großen, starren Augen ruhten unverwandt auf seinem Sohn. In seiner Stimme war keine Gier, kein Haß, keine Leidenschaft – es lag ein feierlicher Klang in der einen Silbe: Geld – und ebenso andächtigen Tones setzte er hinzu: »Geld ist alles auf der Welt.« »Gott im Himmel, Vater – sage mir das nur heute nicht – in der Stimmung, in der ich bin ...« »Als ich noch Geld hatte«, sagte John Burke trocken und kniff dabei plötzlich wieder leidend das linke Auge zu, »da hatte ich auch eine Frau, da hatte ich wohlgeratene Kinder und liebende Angehörige. Da hatte ich Freunde in Menge, da hatte ich das Vertrauen aller Menschen. Da füllte ich überall respektabel einen Platz in der Welt aus – in der Kirche – und auf der Börse – und daheim an meinem Herd. Ich war so wohlgestaltet und aus einem Guß wie nur irgend etwas in der Schöpfung, und wie ich eines Morgens keines mehr hatte«, er blies sich in die hohle Hand, »hui – merkst du, wie der Sand in alle Winde stiebt! – Nichts ist übriggeblieben – nichts, außer dir ... Du hast doch als Boy Mathematik gehabt ... du weißt, was eine Gleichung ist ... Wenn vom Geld alles abhängt – dann ist Geld auch alles, und ich muß es wiederhaben, nicht für mich. Ich hab' mich in den langen Jahren an das Hungern und Frieren gewöhnt. Und auch für dich allein nicht, obwohl das sonst mein letzter Wunsch auf Erden ist, daß es dir gut geht, mein Junge ... Nein ... damit ich weiß, daß ich nicht unterlegen bin!« Plötzlich richtete sich der Alte auf, seine Augen sprühten, seine Faust schlug schwer auf den Tisch. »Du bist eben keine Kampfnatur! Du pfeifst dir ein vergnügtes Liedchen, wenn du dein Nähgarn sortierst, und steckst am Sonnabend deine paar Pfund mit einem Kratzfuß und einem ›Vergelt's Gott‹ in die Tasche und denkst: ›Der liebe Gott wird schon wissen, warum ich ein Armer bin‹ ... aber ich ... ich ... ich, dem nichts im Leben unerreichbar geschienen hat ...« Er sprang empor, er schrie vor Leidenschaft – »... guter Gott ... soll ich denn wie ein Hund in die Grube fahren? ... Ich, der John Burke – der jetzt noch hier in dem alten Kopf Verstand für hundert Cityleute hat – vor dem sie Platz gemacht haben, wo er auf der Börse ging – der John Burke, den sie in Chile und Peru so gut gekannt haben wie in London und Hamburg, und heute kräht kein Hahn nach mir, und ich habe kaum mehr auf eurem verwünschten D-Zug meine Platzkarte bezahlen können – du mußt mir überhaupt nachher Geld leihen, Robby ...« »Beruhige dich doch, Papa«, bat sein Sohn. Aber der einstige Börsenkönig klatschte in die blutleeren Hände, als könne er so das träge Schicksal in Trab bringen. »Die Zeit verrinnt, Robby! Die Zeit ist kostbar. Meine Kräfte nehmen ab – ich fühle es wohl – und um obenauf zu kommen, brauche ich doch meine Kräfte, nicht wahr? Darum heißt es jetzt rücksichtslos die Gelegenheit nutzen. Die war nie günstiger als jetzt. Jetzt steht der Sieg vor der Tür, mein Junge!« Er setzte sich wieder und lächelte vor sich hin. Sein Sohn erwiderte ihm nichts, und der alte Mann hub wieder an: »Dann bin ich zufrieden! Nur einmal noch über meine Feinde triumphieren ...« »Du hast ja gar keine, Vater. Du bildest sie dir nur ein.« »Alle Welt ist mein Feind! Nur einmal noch dem Gelichter zeigen, wer ich bin – weißt du, was das heißt? – Nein – du weißt es nicht! ... Du hast Milch in den Adern ...« Und den Blick hartnäckig in die Ferne gerichtet, setzte er hinzu: »Und wenn sie mir sagten: ›Fünf Minuten sollst du der John Burke von einst sein – aber dann legen wir dich da in den Sarg‹ – ich sagte: ›Her mit dem Sarg! – Nur gebt mir vorher die fünf Minuten!‹« »Ich bitte dich, Vater – hör auf!« Der Alte lachte. Der bloße Gedanke an die Millionen erwärmte ihn. Und plötzlich ganz ruhig geworden, fing er an, von den Geschäften zu sprechen, oder vielmehr von der einen großen Spekulation unter all seinen hundert Projekten, der Wiedererschließung der längst verlassenen Ridderfountainmine an der Grenze von Transvaal und Mozambique. Dort lagen Millionen im Schutt der Wildnis – Millionen! Er betonte das kaltblütig. Er wußte das. Eine tiefe, überzeugende Sicherheit überkam ihn – man mußte daran glauben und nur eilen, um sich ihm anzuvertrauen, ehe es zu spät war und andere das Geld aufgehoben hatten, das vor den Augen des hellsehenden alten Mannes da auf der Straße lag. Oder hatten etwa die Portugiesen nicht schon im sechzehnten Jahrhundert dort nach Gold geschürft und Schiffe voll heimgebracht? Wiesen nicht geheimnisvolle uralte Trümmer dort im Zululand, riesige Steinmassen einstiger Städte, auf die Zeiten der Phöniker und Ägypter zurück? Woher kamen denn die Schätze der Königin von Saba? Hatte nicht noch um 1830 Xaver Hainbichler, der schwäbische Missionar, dort Goldklumpen herumliegen und die Kinder damit spielen sehen – und sich als ein rechter deutscher Michel damit begnügt, die wichtige Tatsache in seinem Tagebuch zu vermerken und weiter zu ziehen? Waren Blätter dieses Tagebuchs, als er nach seiner Heimkehr dem Fieber erlegen, nicht noch in den Sechzigerjahren dort vorhanden gewesen? Und hatte sich nicht der Hauptteil mit vielem anderen, bei Ausbruch der Krankheit zurückgelassenen Gepäck jahrzehntelang in jener einsamen Burenfarm im äußersten, fieberheißen Norden Transvaals befunden und war dort von manchen vorbeikommenden Jägern und Händlern gesehen worden, bis der letzte Krieg die Farm zerstörte und die Burenfamilie Gott weiß wohin verschlug? Das alles war doch klar – sonnenklar ... Robert erwiderte nichts. Er kannte aus vielen Gesprächen die unheimliche Kraft, die solchen Ausführungen seines Vaters innewohnte. Das war alles so geordnet. So logisch schob sich Baustein über Baustein, bis das stolze Wolkenkuckucksheim dastand – und der einzige Eckpfeiler, der daran trügerisch war – der ein Übergang vom Reich der Wirklichkeit in das der Träume, auf dem dann alles andere ruhte – der war wohl verborgen. Den fand man nicht so leicht. Und wo stand dort drüben auch die Grenze zwischen Wahrheit und Trug? Die Möglichkeiten waren ja unbeschränkt – die Größenverhältnisse überstiegen jedes Maß. Tausendfache Millionäre tauchten da auf und wandelten schlicht und einfach, beinahe ängstlich zurückgezogen, wie James Beit, unter den anderen Menschen, ungekrönte Könige herrschten gleich Cecil Rhodes über halbe Erdteile, abenteuernde Krösusse wie der diamantenbehangene frühere Schauspieler Barnato erfüllten London mit dem märchenhaften Glanz ihres Reichtums und stürzten sich auf der Heimreise hoch vom Bord des Dampfers hinab – in das Nichts des Atlantischen Ozeans – was war da noch denkbar – was nicht? Für den, der ein Menschenalter diese Luft geatmet, wie der Alte da drüben auf dem Sofa – für den hörten diese Begriffe auf. Und dabei blieb der doch eigentlich auf dem Boden der Tatsachen. Als sein Sohn jetzt einwarf, warum denn andere nicht schon diese Schätze gehoben, da lächelte er nur mitleidig: War das etwa nicht geschehen? Jene Ridderfountain-Company Limited war doch schon vor dem Krieg gegründet. Sie besaß nur nie die nötigen Mittel, um die Nachwehen der letzten großen Krisis durchzuhalten, und nun, ehe sie die erste Stempelbatterie aufgestellt, war es mit ihrer Kraft zu Ende. Jetzt konnten andere ernten, was jene gesät. Der Weg war frei. Und er, John Burke, mußte das Riesenwerk vollbringen und Ridderfountain zu einem Boom an der Börse verhelfen, daß man die Shares den Maklern aus den Händen riß. »Wenn du gut beraten bist, Robby«, sprach er, »so gehst du auch mit all dem Bißchen, was du hast, in die Sache! Sie ist ein Märchen an Prosperität. Schwierigkeiten sind ausgeschlossen. Unser neuerfundener Steinbohrer wird Wunder tun. Und jetzt steht das Papier noch kaum elfeinhalb. Es hat eigentlich noch keinen rechten Kurs ...« »... weil keine Katze es kaufen will, Vater!« »Um so besser für uns! Wer jetzt unterschreibt, kriegt noch Bonus-Shares mit in den Kauf! Der lacht nachher die anderen aus. Diese Chance muß in der nächsten Woche ausgenutzt werden! Sonst lassen sie mich nicht mehr mit hinein in den Konzern. In acht Tagen muß ich die Mittel haben – von deinem Onkel Otto! ... Diesmal kriege ich ihn schon zu Fall, Robby! Diesmal gehe ich gegen die ganze Familie! Gegen alle, die seine Aktien bekommen sollen!« Der Alte kicherte. »Jedem einzelnen, Burck und Rhenus und Hafner, droh' ich mit dem Staatsanwalt, wenn er mithilft, meine Rechte zu verkürzen! Überall geht der Tanz los, hier vor dem Gericht in Karlsruhe, in London, in Frankfurt, in Wien, in Polen! Ich habe ein Syndikat von Geldgebern hinter mir. Paß nur auf, wie ich deinen Onkel zur Verzweiflung bringe!« »Bei mir hast du das schon fertiggebracht!« Der Alte riß die Augen auf: »Wieso?« Sein Sohn atmete schwer auf. Dann trat er auf ihn zu und fragte ihn: »Sag .. hast du mich wirklich lieb?« »Das könntest du wissen, Robby!« »Ich will es aber jetzt von dir hören – gerade in dieser Stunde ... Also – du hast mich lieb?« John Burke nickte nur stumm. Die Erschöpfung machte sich plötzlich bei ihm geltend. Er sah alt und vergrämt aus. »Dann tu mir den einzigen Gefallen, Vater, und fahre morgen früh nach England zurück – bleib nicht hier! Du verdirbst mir alles ...« John Burke sah ihn erstaunt an, mit einem mitleidigen Lächeln. Dann versetzte er: »Was verstehst du davon, du Muttersöhnchen! Laß du mich alten Landsknecht nur meine Schlachten schlagen! Wenn ich deinen Onkel Otto erst auf die Knie gezwungen hab' ...« »Das sollst du ja gerade nicht ...« »Ei – sieh da ... und warum verbietest du es mir dann?« »... weil ich hoffentlich morgen um diese Zeit schon sein künftiger Schwiegersohn bin. Ich habe mich vorhin mit Barbara verlobt ...« Der einstige Börsenkönig blickte jäh auf und ihm scharf in die Augen. Ein Wolkenflug blitzschneller, einander widerstreitender, sich überstürzender Empfindungen glitt über die Furchen seiner Züge. Jetzt fiel ihm ein. Es hatte ihm schon vorhin, bei der Begegnung mit Barbara Burck, undeutlich eine solche Möglichkeit geschwant. Aber dann war es ihm bei dem steten Wechsel seiner Gedanken, die sich doch in beharrlichem Wirbel um den einen Tiefpunkt, die Ridderfountainmine, drehten, aus dem Sinn gekommen. Und aus diesem Brüten heraus sprach er endlich langsam, in einem ganz veränderten Ton: »Wenn das so ist, Robby – dann müßte mir dein Onkel doch helfen – von sich aus – freiwillig – nicht wahr?« Es zuckte bitter über das Gesicht seines Sohnes. »Und das ist alles, was du dabei denkst?« sagte er. »Hast du denn nicht ein einziges Wort auch für mich? Fühlst du denn gar nichts mit mir?« »Doch, doch! Robby!« Der Alte stand auf und tat gerührt. Er drückte dem jungen Mann die Hand. »Da hast du also nun endlich dein Glück gefunden, mein Junge! Ich bin froh, daß ich die Stunde noch erleben durfte ... All right, das hast du gut gemacht! Jetzt kommt alles in die Reihe! Sieh nur, daß dich dein Onkel Otto nicht übers Ohr haut! ... Sei ja nur nicht zu bescheiden mit der Mitgift! ... Spiele nur um Gottes willen nicht den bescheidenen Jüngling! Setze dich nur so recht mitten ins Nest und lache die anderen aus!« »Vater – lasse das, bitte!« Die Stimme seines Sohnes klang so entschieden, daß der Alte eingeschüchtert schwieg. Etwas Verträumtes kam allmählich in die Augen des Alten, sein Blick verlor sich in die Ferne, und dann hub er leise, vor sich, wie im Kopf rechnend, an: »Natürlich hilft er mir dann! Er war ja eigentlich immer ein gutmütiger Mensch, dein Onkel Otto! ... Früher, vor vielen Jahren, da waren wir ein Herz und eine Seele ... Wenn ich jetzt die Möglichkeit habe, mit ihm selber ruhig zu sprechen, ihm alles zu erklären –. Er ist ja beschränkt, auch als Kaufmann, sein Horizont reicht nicht weit, aber immerhin, dazu langt's, daß er dann seinen Vorteil einsieht –.« Seine Züge belebten sich in einem jähen Schein. »Dann wäre ja der ganze Streit nicht nötig, Robby! Dann geht alles in Frieden, und die Bahn ist endlich für mich frei ...« Plötzlich sprang er wieder so elastisch wie vorhin empor. Alles an ihm war Unruhe und Zittern. Lange Zahlenreihen schossen ihm durch den Kopf und ordneten sich auf seinen murmelnden Lippen zu unerhörten, kommenden Gewinnen. Er durchrechnete im Flug die Sprünge des rettenden Kapitals von Polen nach England und von da nach Transvaal, und seine triumphierende, verdoppelte und verdreifachte Heimkehr. Er richtete seine hagere, kleine Gestalt straff auf und lachte leise und selig vor sich hin. Er kicherte beinahe im Übermaß des Entzückens und voll bösartiger Kampflust und rieb sich die Hände. Ihm wurde warm und wohl. Er fühlte schon das nahende Lebensblut durch die Adern rinnen. Das Geld ... das Geld ... Er verspürte neue Kräfte, gleich dem Riesen, der endlich wieder einmal die Mutter Erde berührt. Jetzt sollten seine Gegner sehen, wer er noch war, jetzt würgte er bald in London auf dem Kaffeemarkt der City wie der Wolf im Schafstall – hei – das sollte ein Sturm um ihn und seine Gruppe werden, ein Tosen in den Handelszeitungen, ein Lärm auf der Börse. Ganz nahe vor sich, nicht mehr wie sonst als unerreichbare Fata Morgana, sah er den Traum seines Lebens: das Bild von einst, das mächtige Kontor, in dem die Clerks gebückt, fieberhaft rechneten, das Rasseln der Schreibmaschinen, die dumpfen Stimmen aus den Telephonzellen, das Laufen der Depeschenboys, das Hin und Her eiliger Makler. Und er drinnen in seinem Allerheiligsten im Sessel – vor sich die stenographierenden Sekretäre, und jedes Wort von ihm ward zum elektrischen Funken und schoß schneller als der Gedanke durch den Ozean nach Amerika und durch den Kanal nach Europa – und jedes Wort ward zur Tat und zauberte drüben in Afrika die Schätze aus dem Boden. Da keuchten die Kulis und schleppten die Neger für ihn – und um ihn war ein Häuschen und Strömen von Gold ... von Gold ... von Gold. Und das alles verdankte er dem guten, dummen Jungen da, seinem Robby, dem blonden großen Kind, dem er nie im Leben soviel Einsicht zugetraut! Ein fixer Bursche! Der verliebte sich nicht in das erste beste arme Gänschen, wie er es heimlich immer gefürchtet hatte. Holte sich einfach die Barbara Burck! Gerade als ob sich das von selbst verstände, solch ein Meisterstreich, der alles, aber auch alles auf einmal wieder in die Fugen brachte! Und plötzlich packte er seinen Sohn und drehte ihn zu sich herum und umarmte ihn stürmisch und preßte ihn an sich und schüttelte ihn derb an den Schultern, während er ihn losließ: »Du Schlingel, du, du verwünschter Schlingel, du Duckmäuser – na, warte nur!« Er lachte wie ein Kind, während ihm die hellen Tränen in den Augen standen. Und jener dachte, die Begeisterung des Alten gelte seinem, Roberts, Glück, daß er das große Los im Leben gezogen und ein Mädchen wie Barbara Burck, desgleichen es doch ein zweites Mal auf der Welt nicht gab, gefunden hatte und nun gar nicht wußte, wo er mit seinem Jubel und seiner Seligkeit nur hin sollte – er hatte jetzt, wo Barbara nicht da war, gar keinen anderen Platz als die Brust seines alten Vaters. An die lehnte er sich und schaute ihm zärtlich ins Gesicht und streichelte sein graues Haar und gab ihm Schmeichelnamen, weil er Barbara nicht kosen konnte. Er war dankbar, daß er einen Menschen hatte, der ihn verstand und mit ihm fühlte. Beide weinten beinahe und trockneten verstohlen sich die Augen und lachten wieder und waren eine Zeitlang wie närrisch und wußten es und fühlten sich überschwenglich wohl dabei, daß endlich die Vernunft auf Erden aufgehört hatte. Allmählich beruhigten sie sich dann, und John Burke knöpfte seinen dünnen schwarzen Rock zu, wie er immer tat, wenn eine geschäftliche Unterredung zu Ende war. Er sagte trocken: »Also gut, Robby, ich will dir das Opfer bringen! Ich will abreisen und die Spekulation einige Tage verschieben, so kostbar die Zeit auch ist. Ich baue auf dich! Aber leicht fällt es mir wahrhaftig nicht, mein Sohn! Geld ist ein ungeduldiges Ding ... das will vorwärts, das will arbeiten! Und ich muß es nun vorläufig noch an der Kette halten ...« Er tat so, als knisterten ihm die großen Scheine schon in der Tasche, und er ließe sie nur großmütig, aus Rücksicht auf seinen Sohn, dort ruhen. Er hatte sich schon ganz in den Gedanken, solch ein Wohltäter zu sein, eingelebt. Es war ihm unmöglich, eine andere Stellung zu Menschen und Dingen zu finden. Und sein Sohn lächelte. Er war so froh und jenem dankbar, daß er, vielleicht zum erstenmal im Leben, seinen eigenen Willen einem anderen aus freiem Entschluß untergeordnet hatte und das Feld räumte. Und wirklich reiste John Burke am nächsten Morgen ab. Sein Sohn begleitete ihn zum Bahnhof und brachte ihn in einem Abteil zweiter Klasse unter und ließ ihm noch, während sie vor dem Wagen standen, verstohlen ein Kuvert mit Geld in die hohle Hand gleiten. Der Alte tat, als merke er es gar nicht, sondern rauchte seine kurze, englische Pfeife. Er sagte plötzlich: »Sieh mal, ist das nicht die Barbara Burck? Und heute ist sie noch hübscher als gestern ...« Robert erkannte wirklich zu seiner Freude Barbara. Er hatte ihr am Abend noch ein paar Zeilen geschrieben. Nun war sie selbst gekommen. Das rechneten ihr nicht nur ihr Verlobter, sondern auch jener selbst hoch an. Er war sehr aufgeräumt und guter Dinge, viel ruhiger und vernünftiger als bisher. Als sie ihm herzlich die Hand schüttelte, ihm, der in England doch im Gefängnis gesessen, und ihn »lieber Onkel« nannte und hoffte, daß sie bald »lieber Vater« zu ihm sagen dürfe, da wurde er ganz gerührt und streichelte ihr zärtlich die Wangen. Er meinte, endlich habe die Familie Burck nach so vielen Fehlschlägen und Mißgriffen etwas Gelungenes hervorgebracht, woran man seine Freude haben müsse. Und nun pfiff es zur Abfahrt, und John Burke küßte noch einmal seinen Sohn und drückte, als er sah, daß Barbara es erwartete, scheu und zaghaft, fast andächtig seine Lippen auf ihre Stirn. Er stieg ein und winkte aus dem immer rascher rollenden Wagen und rief etwas, es war nicht mehr verständlich – nur das Wort »Ridderfountain« klang durch. Gleich darauf verschwand der hagere Graukopf mit den abenteuerlich leuchtenden Augen aus dem Fensterrahmen, und der Zug fuhr in die Ferne, der Rheinebene zu ... Sechstes Kapitel Barbara und Robert Burck gingen langsam zur Stadt zurück, die Lichtentaler Allee entlang, in der Mengen von Menschen promenierten, saßen oder beisammen standen, plaudernd, lesend, rauchend, vor sich hinschauend – nur arbeiten sah man niemanden weithin. Einzelne Reiter trabten vorbei, die Wagen rollten rastlos auf und nieder, von einem Hotel zum anderen. Jetzt war die Zeit, wo das bunte Treiben bald seinen Höhepunkt erreichte. In der nächsten Woche begannen die großen Rennen, und jetzt schon war alles voll von kleinen Parisern mit dem roten Bändchen im Knopfloch und über Nacht in Schwärmen aufgetauchten Französinnen, die gepudert und geschminkt die Luft mit ihrem Parfümgeruch erfüllten. Und diese Luft war selber wie parfümiert – weich, feucht, erschlaffend. Gleich einem dünnen, weißen Treibhausnebel lag sie über den Rasenflächen und Blumenbeeten und Baumgruppen und verschleierte die fernen, ernsten Schwarzwaldhöhen. Die Menschen selber waren alle müde und schläfrig vom vielen Nichtstun. Es war Barbara, als kröchen sie wie matte Fliegen umher. Und mitten unter diesen Leuten begegnete ihnen plötzlich Augustus von Rhenus mit seiner rosigen, britisch-kühlen jungen Frau. Ein Anflug peinlichen, frostigen Befremdens malte sich auf den Zügen des Ehepaares. Er grüßte zwar höflich, als korrekter Gentleman, aber es ging doch wie eine stumme Frage von ihm zu Robert hin: »Was, noch hier?« – und Jane von Rhenus nickte überhaupt nur ihrer Verwandten mit einem äußerst zurückhaltenden: » Good morning, Barbara! « zu – ihren Begleiter übersah sie völlig, als ob er Luft wäre. Kaum waren sie weiter, da sagte Barbara heftig: »Was sie für Fischaugen machen, die zwei! Sie glotzen einen förmlich an! Gräßliche Geschöpfe! So geht's hier! Man begegnet sich immer und überall. Verbergen läßt sich nichts. Und wir haben wahrhaftig auch nichts zu verheimlichen. Ich warte heute im Lauf des Tages eine günstige Gelegenheit ab, wo ich Papa allein hab'! Dann sprech' ich mit ihm!« Damit trennten sie sich vor der Burckschen Villa mit einem langen, festen Händedruck. Barbara trat in den Garten, wo auf der Veranda alles nach dem Frühstück beisammen saß. Sie wollte unbefangen Platz nehmen, da traf sie ein ungeduldiger Blick ihres Vaters. Er sagte, weit ärgerlicher und gereizter als sonst in seiner milden Art lag: »Sag mal, Barbara – was heißt denn das? Warum läßt du uns hier am Frühstückstisch warten und läufst frühmorgens in die Stadt hinunter? Was steckt denn da eigentlich dahinter?« »Gott – es hat sich halt so gemacht!« Sie setzte sich. Ihr Herz klopfte. Von allen Seiten sah man auf sie. Das erbitterte sie. Sie sah, rot geworden und befangen, im Kreise umher und sagte gereizt: »Ich möchte nur wissen, warum ihr mich alle so anstarrt! Ich bin doch kein Wundertier!« Onkel Pauluscha konnte nicht mehr an sich halten und platzte voll Freude heraus: »Barbara – gestern hab' ich dich gesehen – von Rumpelmeyer aus!« Rumpelmeyer war die Konditorei. Dort saß er des Nachmittags stundenlang und schleckerte an seinem Eiscreme. Sie warf den Kopf zurück und sagte verächtlich: »Nun – und?« »Dich und einen gewissen jemand«, fuhr Onkel Pauluscha mit Grabesstimme und mit vor Entzücken über das kommende Unheil leuchtenden Augen fort: »der schon längst abgereist sein soll. Ich will seinen Namen nicht nennen – er heißt Robert Burck.« Es wurde still am Tisch. In diese Ruhe vor dem Sturm hinein sagte Barbara spöttisch, aber doch mit vor Aufregung zitternder Stimme: »Ja, denke dir, ich war so frei, mit meinem Vetter spazierenzugehen! Hast du etwas dagegen? Oder du, Lizzie – oder du, Anna, weil du so ein Gesicht machst ... und du«, sie wandte sich an deren Mann. »Nimm doch wenigstens die Glasscheibe aus dem Auge, wenn du mich schon ununterbrochen fixieren mußt! Es macht einen ja ganz nervös ...« »Auf die alle kommt es nicht an!« sagte Otto Burck ruhig, aber bestimmt. »Ich bin dein Vater! ... Du wirst die Güte haben, mir Rede und Antwort zu stehen! Es ist also wahr, was ich heute früh gehört hab', daß du ...« »Nachher, Papa, nachher ... in deinem Zimmer ...« »Nein, liebes Kind ... ich möchte sofort Klarheit haben.« »Aber nicht hier! ... Ich brauche doch nicht hier vor allen Leuten alles zu erzählen! Sieh nur, wie Onkel Pauluscha lacht! Onkel Pauluscha, ich bitt' dich, laß das dumme Lachen! ... Mir ist gar nicht zum Lachen zumut ...« »Nun, also, dann komme, Barbara!« Otto Burck war aufgestanden, um mit ihr in das Haus zu gehen. Aber in diesem Augenblick sagte Frau Konstanze Burck mit harter Betonung, indem sie ihrer hohen, hageren Gestalt einen Ruck gab, daß sie kerzengerade dasaß: »Das kommt davon, daß man solche hergelaufenen Leute in sein Haus aufnimmt! Das mißbrauchen sie dann, natürlich ...« Barbara, die schon ihrem Vater folgen wollte, drehte sich blitzschnell nach ihr um. Ihre Augen sprühten. Sie bebte. »Hergelaufene Leute ...« schrie sie. »So nennst du Robert ...« »Barbara, ich verbitte mir ...« »Hergelaufene Leute! Wo sind denn wir hergelaufen? Unser Großvater war ein Bauer! Wir haben neulich noch das Haus gesehen, Robert und ich, und den großen Dunghaufen davor! Und dein Vater – Mama – dem sein Vater war ein Leinewebergeselle aus dem Sächsischen. Der ist als wandernder Handwerksbursche nach Polen gekommen! Das wissen wir doch! Tut doch nicht so, als ob wir was Besonderes wären! ... Das ist ja ... das ist einfach lächerlich ...« »Deine Vorfahren« – sie wandte sich an ihren Schwager Heinrich – »mögen ja in den Kreuzzügen gefochten haben ... aber ob unsere nun Zucker sieden oder Nähgarn verkaufen oder wie Onkel Pauluscha überhaupt nichts tun, da muß man wahrhaftig schon Mama sein, um da noch einen Unterschied zu finden! ... Hergelaufene Leute ... von deinem eigenen Neffen! ... Mama ... das vergesse ich dir nicht ...« »Und ich habe diese Ungezogenheiten satt!« erklärte Otto Burck sehr heftig. Er konnte, wenn auch nur auf kurze Zeit und wider Willen, energisch werden. »Wer gibt dir denn überhaupt das Recht, Barbara, dich derart zu seinem Verteidiger aufzuwerfen ...« »... weil wir uns gestern verlobt haben«, sagte Barbara, »... und uns so bald wie möglich heiraten wollen! So ... na ... nun wißt ihr's ...« Alles war aufgesprungen. Das erste, was man hörte, war Frau Konstanze Burcks gebieterisch überlautes: »Pauluscha, lache nicht!« Denn Onkel Pauluscha kicherte vor Entzücken in sein Taschentuch, während die anderen verblüffte Gesichter machten und sprachlos dastanden. Auch Frau Konstanze Burck fand im ersten Augenblick kein Wort der Empörung, so versteinert war sie durch die Überraschung. Das benutzte ihr Mann und versetzte in ruhigem Ton zu Barbara: »Komm einmal mit auf mein Zimmer! Dort wollen wir weiter reden!« Er ging voraus. Im Begriff, ihm zu folgen, schaute sie noch einmal im Kreise der Ihren umher. Überall war Schweigen, von allen Seiten hefteten sich mißbilligende oder verlegene Blicke auf sie. Sie sagte spöttisch, aber mit zitternden Lippen und feuchten Augen: »Ich danke euch allen auch recht herzlich für eure Glückwünsche zu meiner Verlobung!« Sie verließ, da die tiefe Stille anhielt, den Kopf in den Nacken zurückwerfend, das Gemach. Ihr Vater war oben freundlich und gelassen wie immer. Er ließ sie sich an dem Schreibtisch gegenübersitzen, zündete sich bedächtig eine Zigarre an und begann dann milde: »Ich hab' so was kommen sehen, Barbara! Es ist ja auch weiter kein Wunder! Ihr trefft euch, ihr gefallt euch, es ist schöne Sommerszeit hier, in diesem schönen Fleckchen Erde. Da macht sich das so von selbst, es fliegt einem an. Das sind die Zeiten im Leben, wo einem alles bunt und froh wird – ich erinnere mich wohl daran, aus meiner eigenen Jugend ... aber nun bin ich alt und weiß, nichts im Leben hat Bestand – und das am wenigsten ...« »Doch, Papa ... das hat Bestand ... das schwöre ich dir!« Er unterbrach sie mit einer Handbewegung. »Sieh mal, Kind ... halbwegs dauerhaft ist, wie wir Menschen nun einmal sind, nur das, wo die Vernunft und die Überlegung wenigstens halbwegs mitgesprochen haben! Nun gebe ich ohne weiteres zu: vom Standpunkt deines Vetters Robert wäre das ja recht vernünftig. Der wäre durch eine solche Partie mit einem Schlage ein gemachter Mann, aus seiner Armut heraus mitten in den Reichtum versetzt – das ist freilich verlockend für einen jungen Menschen ...« »An das denkt er gar nicht, Papa!« »Er wäre recht töricht und ein schlechter Kaufmann, wenn er daran nicht dächte! ... Ja – wenn sich jemand verlaufen sollte – aber wo er dir gefällt und du ihm – das täte jeder, das hätte ich auch getan, als junger Anfänger! ... Es ist doch weiß Gott besser ...« er machte mit der Hand eine müde Bewegung im Halbrund vom Kassenschrank in seinem Zimmer gegen das Haus hinunter und zum Garten hinaus: »... all das mit einem Schlag, mit dreißig Jahren zu bekommen, statt daß man sich wie ich sein ganzes Leben lang darum abmühen muß und, wenn man's endlich hat, längst viel zu kaputt ist, um es noch zu genießen! ...« »Sprich doch mit ihm! Du wirst sehen ... er verlangt gar nichts von dir, wenn du's ihm nicht geben willst – außer mir! ... Er ist mit allem zufrieden.« Der Alte lächelte. Die Fuchsschlauheit des gewiegten Kaufmannes, der sich nicht so leicht von einem jungen Menschen übertölpeln ließ, kam für einen Augenblick in seinen Blick. »Das glaube ich dir gern, Barbara!« sagte er. »Denn er weiß genau, daß ich meine Tochter standesgemäß ausstatten und nicht als die Frau eines bescheidenen Clerks in England herumlaufen lassen würde! Nein, Kinder – damit geht mir! Das ist ein billiger Heldenmut ...« »... stell ihn doch erst auf die Probe ...« »... daß er dich in Liverpool in Sackleinwand kleidet und mit Schwarzbrot ernährt? ... Nein, liebe Tochter ... das wissen wir genau, daß er da um eine glänzende Position im Leben spielt ... Es hat schon mancher junge Kaufmann auf diese Weise sein Glück gemacht ... Warum sollte ihn das nicht auch locken ...« Sie sprang gereizt auf: »Also gut, Papa! ... Du hast recht! Er ist ein Mitgiftjäger ... er denkt nur an dein Geld und will bei dir unterkommen, aber das hindert nicht, daß ich ihn liebe – und daß ich an ihm festhalte – und daß das alles nicht wahr ist, sondern wir uns heiraten werden, wenn's sein muß, mitten in die Armut hinein ... davor fürchten wir uns gar nicht ... damit schreckst du mich nicht ...« Otto Burck sah seine Tochter lange und trübe an. Dann sagte er leise: »Nein. Es geht nicht, Barbara.« Sie zuckte zusammen. Er wiederholte fester: »Es geht nicht! ... Schau! ... Er hat mir von Anfang an gut gefallen! Er hat etwas Frisches, Lebendiges an sich, das einem wohltut .. Er ist ein offener Kopf ... er wird es schon zu etwas bringen. Wenn ich ihm dabei sonstwie helfen kann, dann soll es gern geschehen! ... Aber als Schwiegersohn ... nein, da kann ich ihn nicht nehmen!« Seine Tochter war sehr blaß geworden und sah ihn fest an: »Warum denn nicht. Papa?« Der Alte schüttelte den Kopf. »Ich nehme niemanden zum Schwiegersohn, der solch einen Vater hat! Das hab' ich schon einmal gesagt! Davon weiche ich nicht ab! Dadurch kommt Unreinlichkeit in mein Haus ... und mir kann jeder in mein Hauptbuch sehen wie auf die weiße Weste, die ich anhab' ... es ist kein Fleckchen daran, und so soll es bleiben ... und muß es bleiben! .. Sei tapfer, Barbara! Beiße die Zähne zusammen. Mit der Zeit gibt's sich schon, und man vergißt ... Es ist ja doch alles nur eine flüchtige Geschichte ... es ist doch viel zu schnell gegangen, um bleibende Spuren in euch zurückzulassen ... denke dir: Es hat nicht sollen sein! ...« Er legte ihr die Hand auf die Schulter. »Ich hätte es dir ja gerne gegönnt, mein Kind, aber wenn man mal fünfundsechzig ist, dann geht's mit dem Enthusiasmus nicht mehr! Dann rechnet man sich an den zehn Fingern aus, was vernünftig ist, und das tut man ...« »... und das tun wir auch und heiraten ... so oder so ...« Otto Burck schaute seiner Tochter scharf ins Auge. Er unterdrückte den aufsteigenden Unmut. »So spricht deine Unerfahrenheit!« sagte er langsam. »Du achtest nicht auf meine Warnung ... Du weißt nicht, wessen Sohn er ist ...« »Doch ... ich weiß es ...« »Was denn?« »... daß sein Vater wegen Wechselfälschung im Gefängnis gesessen hat ...« Der alte Burck zuckte zusammen: »Wer hat dir das gesagt?« »Er selbst.« Es war eine kurze Pause. Dann fuhr Barbara fort: »Und mich kümmert das nicht! An mir ist es nicht, zu richten. Ich heirate nicht seinen Vater, sondern ihn! Und gegen seinen Ruf hat noch nie jemand etwas zu sagen gewagt!« »Und trotzdem haftet das wie ein Fluch an ihm!« sagte der alte Herr. Die beiden schwiegen und schauten sich an. Endlich begann er wieder: »Du bist doch noch jung, Barbara! ... Es gibt doch noch tausend Dinge, die draußen im Leben auf dich warten ...« »Nein. Nur den einen ...« »Und an Harry von Rhenus hast du bei dem allen überhaupt nicht gedacht?« Sie zuckte die Achseln. »Ich habe ihm schon vor ein paar Tagen alles geschrieben, ganz offen! ... Jetzt muß er meinen Brief schon haben ...« »Und damit ist zwischen euch alles aus?« »Alles aus!« Ihr Vater blickte vor sich hin und sagte mit einem hartnäckigen Zug um den Mund: »Und mich hast du dabei gar nicht gefragt. Ich komm' dabei gar nicht in Betracht. Alle meine Abmachungen werden einfach in Scherben geschlagen. Ich stehe vor allen den Verwandten da, als hätte ich schon die Altersschwäche. Mein gutes Kind, so weit sind wir noch nicht ...« »Aber Papa, wenn ihr zehnmal eine Aktiengesellschaft gründet, ich gehöre doch nicht dazu, ich kann doch deswegen nicht so hin- und hergeschoben werden, ich bin doch kein Teil deiner Zuckersiedereien ...« »Gewiß nicht!« Otto Burck lächelte, im Sessel sitzend, trübe vor sich hin. »Du lebst nur vergnügt und in Freuden von den »Zuckersiedereien. Ihr alle, das ganze Haus ... und ich alter Mann darf weiter in der Tretmühle stampfen und stampfen und stampfen, und hab's doch so satt und bin so müde! Mein ganzes Leben hab' ich gearbeitet wie ein Pferd, nicht für mich, ich brauche für mich wirklich außer einer guten Zigarre recht wenig – immer nur für andere! Nun hoffte ich auf einen frohen Lebensabend – jawohl – der wird einsam wie bei einem alten Junggesellen – nur daß mir deine Mutter noch das Leben schwer macht! Zwei von meinen Töchtern sind schon aus dem Hause. Wenn ich sie besuche, bin ich fremd unter ihnen ... Die denken: setzt den Alten doch lieber daheim an den Kontortisch. Dann gibt er Geld! Weiter hat er doch keinen Zweck! Und nun willst auch du gegen mich sein und mich allein lassen ...« Er unterbrach sich. Der Diener war eingetreten, überreichte ihm eine Depesche und verschwand. Otto Burck las aufmerksam, mit gefurchter Stirn, ohne seine Miene zu verändern. Er sagte dann, das Blatt sinken lassend, erschöpft, aber ganz ruhig: »Nun also! ... Ich danke dir, Barbara! Das hast du gut gemacht! ... Weißt du, von wem das Telegramm ist ...« »Wahrscheinlich von Harry.« »Und weißt du vielleicht auch schon, was darin steht?« »Ich kann mir's ungefähr denken ...« »Nun, dann höre einmal seine Antwort.« Otto Burck entfaltete das zerknitterte Papier und las rasch und laut: »... Barbara schreibt mir soeben, daß sie sich über Nacht anders besonnen hat. Sie verzichtet endgültig auf mich. Sie will eine andere Wahl treffen. Ich bin nicht der Mann dazu, mich derart zum besten halten zu lassen und, als ersten Gruß auf der Reise, des Morgens diese Absage zu bekommen. Selbstverständlich füge ich mich. Ebenso selbstverständlich aber trete ich auch von eurem Unternehmen zurück, dessen stillschweigende Voraussetzung jene Verbindung war. Ich kehre heute nach Frankfurt zurück. Dein getreuer Neffe Harry.« Der alte Herr glättete sorgfältig das Telegramm und barg es in seiner Brieftasche. »So, das ist dein Werk!« sagte er zu seiner Tochter. »Nimm doch Robert an seiner Stelle! Der kennt Polen, der macht das viel besser ...« Der alte Herr sah sie an. »Ja, dir erscheint das alles einfach!« sagte er endlich. »Wenn man verliebt ist, erscheint alles einfach. Aber ich bin da anderer Meinung, mein Kind ...« Seine Stimme hatte gegen seinen Willen einen etwas unsicheren Klang. Er hatte sich zu sehr über Harry von Rhenus' Schroffheit empört. Er war gerade in seinem empfindlichsten Punkte, in seinem kaufmännischen Selbstbewußtsein, getroffen. Ihm, Otto Burck, warf man doch nicht ein solches Unternehmen kaltblütig vor die Füße. »Genug jetzt, Barbara!« sagte er. »Wir wollen unsere Unterredung abbrechen. Ich habe dir meine Meinung gesagt. Und bei der bleibt es! Und jetzt habe ich anderes zu tun!« Damit nahm er den Hörer vom Apparat und ließ sich mit Wien verbinden. Die Börsenzeit hatte noch nicht begonnen. Die Drähte waren noch wenig besetzt. Aber trotzdem dauerte es ihm viel zu lange, bis er endlich aus dem Apparat Leopold von Hafners weiche, lässige Stimme vernahm: »Servus, Otto! Na, was gibt's denn? Wo brennt's denn bei euch?« und ihm zurief, jener und der Franzi möchten sich in den nächsten Münchener Schnellzug setzen und hierherkommen. Es sei von äußerster Wichtigkeit. Der schöne Poldi war, nachdem er das Unheil in großen Zügen vernommen, einverstanden, ohne seine heitere Gemächlichkeit zu verlieren. Heute nachmittag führen sie ab und seien morgen früh in Baden. Und eben habe er die ersten Kurse! Paris und London kämen flau auf gestriges Neuyork, und er werde daraufhin einmal Warschau-Wiener fixen! Und was Otto von Berlin dächte? Nichts? Er habe jetzt andere Sachen im Kopf? Na – alsdann ... schön ... Servus ... Schluß! ... Otto Burck legte, schon ganz erschöpft von der Aufregung, den Hörer auf die Gabel und ging nach unten. Dort erwartete ihn ein neuer Verdruß in Gestalt seines Neffen Augustus, der, seiner harrend, auf dem Sofa saß und ihm kurz und bündig in seinem britischen Phlegma mitteilte, daß er auf Grund einer Depesche, die er heute von seinem Bruder Harry bekommen, ebenso wie jener von dem Aktienunternehmen zurücktreten müsse. Derlei hätten sie, die Rhenus, doch nicht nötig! Sie seien Gentlemen. Und jemand, wie Robert, sei doch eigentlich keiner ... Und es tue ihm leid, aber ... Damit erhob er sich. Otto Buick sagte nur trocken: »Macht, was ihr wollt! Ich hab' es nicht nötig, jemandem nachzulaufen.« Er geleitete ihn hinaus. Die beiden Hafner von Hradeck, Onkel und Neffe, die verdrießlich und übernächtig von der langen Eisenbahnfahrt in der Villa Burck eintraten, erschienen mit leeren Händen. Wenn die Rhenus nicht mitmachten, taten sie's auch nicht! Dafür war ihnen das Risiko zu groß! Nun wurde auch Onkel Pauluscha plötzlich von Angst ergriffen. Er sei ja ein alter Esel, aber solch ein Esel, ohne die Rhenus und Hafners sich in dieses Abenteuer zu stürzen, sei er doch nicht! Er habe keine Lust, auf seine alten Tage im Hof den Leierkasten zu drehen, um der schönen Augen seines Schwagers willen, überhaupt ... er lebe ja sowieso nicht mehr lange! Dabei schlug er sich verstohlen mit der Kante der flachen Hand an das Knie, ob das noch wippte. Er war seit ein paar Stunden von der jähen Befürchtung heimgesucht, von einem Rückenmarksleiden hingerafft zu werden, und hatte darüber alle seine anderen Krankheiten vergessen. Nun blieb nur noch Maurice Bürk. Aber auch der alte Pariser hüstelte jetzt und zögerte, in seiner isolierten Stellung. Er wolle ja gerne mit, aber an ihm allein sei doch auch wenig gelegen, und ferner – das habe seine Frau schon gestern ihn mit vollem Recht gefragt, wie sich das denn Otto Burck eigentlich denke ...? Den einen Schwiegersohn wolle seine Tochter nicht, den anderen wolle er selber wieder nicht – ja – man sei doch nicht zum Spaß beisammen. Nun riß dem vielgeplagten, sonst so milden alten Herrn die Geduld. Er tat, was er noch nie getan hatte, er stieß einen Fluch aus – einen ganz richtigen, kräftigen Fluch, der sonderbar in seinem Munde klang. Er sprang auf und warf die sämtlichen Geschäftspapiere auf den Boden, daß sie wie ein Schneegestöber flatterten und den Teppich bedeckten. Dann erklärte er mit starker Stimme, den Fuß auf die nächsten Blätter setzend: »So, nun habe ich genug! ... Mit den Fetzen mag man in der Küche Feuer anzünden! Und wenn jemand von mir noch einmal etwas von einer Aktiengesellschaft hört, dem zahle ich auf der Stelle tausend Mark! Versteht ihr? Ich behalte das Meine für mich! Ich hab' euch alle zusammen nicht nötig ... Adieu!« Daraufhin empfahlen sich die anderen stumm. Der alte Herr setzte sich zornig an den Tisch und begann von neuem zu rechnen. Er vertiefte sich ganz darin und kam auch nicht zum Mittagessen hinunter, das unter allseitigem Schweigen und Beklommenheit, von Frau Konstanze Burcks steinernen Blicken überschattet, wie eine Henkersmahlzeit verlief. Und über sich, aus dem Arbeitszimmer Otto Burcks, hörten sie immerwährend seine Schritte. Das tat er immer, wenn ihn etwas lebhaft beschäftigte und er damit bei sich ins reine kommen wollte. Wie oft hatten sie namentlich früher, als die Firma Otto Burck noch nicht so fest dagestanden hatte wie jetzt, diesen Ton gehört. Da war er halbe Nächte lang so auf und ab gegangen, allein mit sich und seinen Sorgen. Des Morgens hatte er allen am Frühstückstisch sein gewohntes, gütiges Gesicht gezeigt und auf die Frage, wie er geschlafen, erwidert: »Vortrefflich, vortrefflich, wie immer ...« Er klingelte plötzlich und ließ Barbara durch den Diener zu sich rufen. Sie stieg mit klopfendem Herzen hinauf. Das Zimmer ihres Vaters war in dicke Havannawolken gehüllt, auch ein Zeichen seiner inneren Erregung, denn so stark rauchte er sonst nie. Sie mußte husten, während sie sich ihm gegenüber setzte. Er sagte: »Ich war vorhin unfreundlich gegen dich. Barbara, nimm es mir nicht übel, ich möchte so gerne meine Ruhe, und ihr habt euch alle verschworen, mir meine Ruhe zu rauben – du an der Spitze! Aber ich gebe ja zu ... du hast schließlich ein Recht zu handeln, wie du willst. Du bist ein Mensch für dich und nicht ein Anhängsel meiner Zuckerfabriken ...« Da war seine alte Milde wieder. Ihr Gesicht belebte sich. Otto Burck war aufgestanden und nahm den schönen Kopf seiner Tochter zwischen seine beiden Hände. So schaute er auf sie hinunter, ernst, prüfend – und sie hielt ruhig seinen Blick aus, und ihre Augen glänzten, während sie die seinen, die müden und alten, trafen. »Und du hast ihn wirklich lieb, Barbara?« fragte er endlich gedämpft. »Ja, wahrhaftig, Papa! Ich kann dir nicht mehr sagen. Wir scheint jedes Wort zuviel ... beinahe wie ein Unrecht ... bei so etwas!« »Und du glaubst nicht, daß du dich darin täuschen kannst?« »Da kann man sich nicht täuschen, Papa! Sonst wäre alles auf der Welt eine Täuschung, da brauchte man gar nicht erst anzufangen zu leben ...« Der alte Herr ließ ihr Haupt los und ging wieder im Zimmer auf und ab und seufzte und schwieg und holte sich eine neue Havanna aus dem Kistchen. Sie sah, daß seine Hand zitterte, als er ein Streichholz anbrannte. Er rauchte. Eine Weile war es ganz still zwischen ihnen. Dann fragte er trocken und beiläufig: »Hör mal ... wie ist denn das eigentlich mit Robert? Ist er nun abgereist? ... Oder wo steckt er denn?« Im selben Augenblick schnellte Barbara von ihrem Stuhl auf. »Soll ich ihn rufen lassen, Papa? Ja? Jetzt gleich?« »So eilt das nun nicht!« sagte Otto Burck bedächtig. »Aber er mag bei Gelegenheit bei mir vorbeikommen ...« Barbara wollte ihren Vater stürmisch umarmen. Er wehrte ihr. Sie erschrak ein wenig vor seinem sorgenvollen Blick ... »Juble nicht zu früh, mein Kind!« sagte er langsam. »Noch ist nicht aller Tage Abend. Ich will ja in Gottes Name das Meine tun ...« »Aber dann ist alles gut ...« Wieder wollte die Seligkeit über sie kommen und wieder stockte sie vor seinem leisen Kopfschütteln ... »Wir werden sehen, Barbara ...«, sagte er. »Wir werden sehen! Erst muß ich ihn einmal sprechen! Das weitere steht dann bei ihm!« »In einer Viertelstunde ist er bei dir!« sagte Barbara und verließ eilig das Zimmer. Kurze Zeit darauf saß Robert Burck seinem Onkel in dem sonnenüberflimmerten, von Rauchwolken durchzogenen Zimmer gegenüber. Barbara hatte ihn unten an der Lichtentaler Allee getroffen, wo er sich in seiner Ungeduld schon vor der verabredeten Zeit eingestellt hatte. Sie hatte ihm, während sie atemlos die steile Straße hinaufstiegen, in fliegender Hast berichtet, daß nun die Entscheidung nahe ... gottlob mit Riesenschritten nahe. Aber Otto Burck fand das alles gar nicht so eilig. Als ergrauter Finanzmann hatte er zunächst von den geschäftlichen Dingen angefangen, vom Stand und Aussicht seiner Zuckerraffinerien und was dazu gehörte, und Robert ein umfassendes Bild der augenblicklichen Lage gegeben. Und Robert hörte aufmerksam und stumm zu, mit einem leisen Erstaunen: der Onkel war danach noch viel reicher als alle Welt dachte ... Es waren gewaltige Unternehmungen, die es da von einer einzigen Faust aus zu zügeln, mit einem Kopfe zu lenken galt – die Fabriken mit ihren vielen Hunderten von Arbeitern, die weiten Rübenfelder, die zur Zeit der Ernte viele Männer, Frauen und Kinder bevölkerten – das große Hauptkontor und seine zahlreichen kaufmännischen Angestellten, von dem alles ausstrahlte, in dem alles zusammenlief. Wer da an der Spitze stand, der hatte eine Stellung wie ein weithin angesehener Großgrundbesitzer in Deutschland, er mußte viele verschiedene Fähigkeiten in seiner Person vereinen, er hatte Chemiker und Gutsverwalter, Kaufleute und Arbeiterscharen unter sich. Er mußte allen gerecht werden, allen befehlen, mit Banken und Behörden verkehren und jede Sprache sprechen können – es war eine Aufgabe, eines Mannes und eines Menschenlebens wert – die Brust weitete sich ihm bei dem Gedanken, daß er dazu berufen sein könne, an diesen Platz zu treten, zu befehlen, wo er bisher gehorcht, aus dem vollen zu schaffen, wo sonst die kleine Not und Sorge jedes Tages seine Gefährtin gewesen war ... und doch konnte er sich, bei den langatmigen Ausführungen des alten Herrn vor Ungeduld kaum fassen. Das war schön. Aber das war gut für später. Jetzt stand für ihn anderes und besseres auf dem Spiel. Er wollte sein inneres, nicht sein äußeres Schicksal hören – und beide hingen doch so untrennbar zusammen. Otto Burck ließ sich nicht stören. Er ging seinen Weg. wie er ihn sich ausgedacht hatte. Erst das Geschäftliche! Aber endlich sagte er: »So, Robert ... nun weißt du Bescheid. Du siehst, es ist viel zu tun. Ich bin kaputt. Ich mag nicht mehr und kann nicht mehr. Ich möchte noch ein bißchen leben – hier in Baden-Baden. Du lieber Gott, was hab' ich denn vom Leben gehabt? Meine Verwandten, die da in die Bresche treten könnten und sollten, lassen mich sämtlich im Stich – so einmütig, wie unsere Familie wohl noch nie gewesen ist – so bleibt die Last vorläufig auf mir und ich muß sie doch auf jüngere Schultern laden – auf solche, die sie tragen können. Sage, Robert, oder vielmehr, lasse dir Zeit, überlege es dir genau und so lange du willst, denn die Sache ist zu wichtig, um sie übers Knie zu brechen, du übernimmst damit eine große Verantwortung. Würdest du dich für fähig halten, den Posten auszufüllen?« »Ja, Onkel!« Das klang laut und bestimmt, ohne jedes Zögern. Der alte Herr sagte trocken: »Das geht ja wie der Wind! Du hast viel Selbstbewußtsein, Robert ...« »Ich würde mich länger besinnen, Onkel – ich würde vielleicht sogar überhaupt unsicher sein, wenn ich nicht die ganzen letzten Jahre in Polen gearbeitet hätte und leidlich Polnisch spräche und die Leute und Verhältnisse dort kennte. Das ist doch sehr wesentlich! Du weißt, wie selten das bei uns in Westeuropa ist. Das hilft über manches andere hinweg, in das man sich erst einarbeiten muß ...« »Das ist richtig!« sagte Otto Burck. »Und außerdem bin ich doch nur dein Vertreter!« fuhr Robert fort. »Ich würde doch nur nach deinen allgemeinen Anweisungen verfahren. Da müssen doch die ärgsten Dummheiten schon von Anfang an vermieden werden können, wenn einer nicht gerade ein Esel ist! Na – und das bin ich doch nicht ...« Ein Lachen lief bei diesen Worten über sein offenes, heiteres Gesicht. Aber der Alte ihm gegenüber blieb immer noch ernst, und wieder zuckte es in dem anderen, so betäubend und berauschend auch dieser plötzliche Glücksumschwung war, daß er nur mit Mühe die geschäftsmäßige, jetzt doppelt wichtige Ruhe und Kühle bewahren konnte, von ungestümem Verlangen. Otto Burck möge endlich einmal zur Sache, zur wirklichen Sache kommen. Aber der fuhr eintönig fort: »Gut. Ich habe auch eine leidliche Meinung von deinen Fähigkeiten. Ich würde mich unter Umständen dazu entschließen, dir probeweise meine Vertretung zu übertragen. Du würdest natürlich materiell so gestellt sein, wie es nicht nur dem Direktor, sondern auch einem Träger meines Namens zukommt – nein – bitte – zucke da nicht ungeduldig die Achseln, Robert – das ist auch keine Kleinigkeit, wie du jetzt denkst – das gehört auch dazu – alles schön nach der Reihe. Und wenn du dich dann bewährt hast, so daß wir die Sache zu einer endgültigen machen können – wir wollen da ein Jahr vergehen lassen – anderthalb – vielleicht zwei – wie es sich macht ... so bleibe doch sitzen ...« »Nein, nein, Onkel, verzeih, ich bin zu erregt. Ich muß im Zimmer auf und ab gehen ...« »Dann geh im Zimmer auf und ab! ... Also, nach dieser Zeit sage ich, und wenn inzwischen keine Änderung in euren Empfindungen eingetreten ist, dann wäre ich, unter einer ganz bestimmten Voraussetzung ...« Otto Burck betonte das fest:»... unter dieser Voraussetzung bereit, zu gestatten, daß du Barbara heiratest!« Bei diesen Worten zog sich Otto Burck hinter seinen hochlehnigen Sessel zurück. Den betrachtete er wie ein Bollwerk gegen den anderen, der im Übermaß der Freude, noch halb ungläubig und doch schon glückstrahlend, auf ihn zu wollte. Er streckte ihm abwehrend beide Hände über die Eichenschnitzerei, hinter der er stand, entgegen: »Nein ... laß ... Robert ... Noch nicht ... und keine Szene. Jetzt sind wir noch nicht beim Gefühl, sondern beim Geschäft ...« Und wirklich fing er zur Verzweiflung seines vor Erregung und innerlichem Jubel zitternden Neffen wieder vom Geschäft zu reden an. Er sah als alter Kaufmann die Welt nun einmal aus diesem Gesichtswinkel. Da war nichts gegen zu machen. »Meine Firma«, begann er ernst und bedächtig, »... meine Firma hat einen guten Klang. Und wenn du in der ganzen Konkurrenz herumfragst, es wird niemand etwas gegen Otto Burck sagen können. Höchstens werden manche junge Leute von heute meinen, daß die Firma allzu vorsichtig, zu peinlich genau geführt worden ist – daß ich mehr als einmal in den vier Jahrzehnten mir die Gelegenheit zu Geschäften habe entgehen lassen, die die meisten anderen in Polen – und vielleicht auch sonst – für ganz fair und erlaubt gehalten hätten. Das habe ich mit voller Absicht getan und bin auch auf meine Methode zu etwas gekommen, wie du vorhin gesehen hast. Daß dabei niemals auch nur ein Fleckchen auf meine weiße Weste getropft ist, das war mein Ehrgeiz, Robert, und ist heute noch, wo ich ein alter Mann bin und auf das Errungene zurückschau', mein Stolz. Jeder Stand hat seine Ehre. Und für uns Kaufleute heißt Ehre, daß wir nie das Vertrauen und den Kredit, den man uns geschenkt hat, mißbrauchen ...« »Aber das weiß ich doch alles, Onkel«, hätte Robert beinahe in seiner Ungeduld gerufen. »Jeder weiß, daß die Firma Burck korrekt ist ... also wozu die Umschweife ...?« Aber er hielt an sich und schwieg beklommen. Der alte Herr sah ihn ernst an, während er sprach. Er mußte doch seine Gründe haben, das alles noch einmal so eindringlich zu erörtern. Ein unbestimmtes Bangen schlich plötzlich durch die Brust des anderen. »Das bin ich!« sagte Otto Burck und legte nun sogar seine Zigarre weg, weil ihm die zur Schwere des nun kommenden Augenblicks nicht zu passen schien. »Und mein Vertreter und einstiger Nachfolger muß ebenso sein! Sonst gebe ich ihm noch nicht einmal Prokura, geschweige denn, daß ich ihn an die Stelle lasse, wo ich ein langes Leben hindurch gestanden habe. Der Platz muß rein bleiben, ganz rein, auch nicht ein Stäubchen darauf ... da muß, wenn ich einmal nicht mehr bin, noch ... ich möchte sagen, noch etwas von mir übrig sein und fortwirken, daß alles anständig und in Ehren zugeht. Das bin ich nicht mir schuldig, sondern meiner Familie, deren guter Namen ist an diesen Platz gebannt ... Wenn auf den ein Schatten fällt, so leiden sie alle unverdientermaßen darunter ...« »Und du fürchtest, ich würde dort nicht in deinem Geiste wirken können, Onkel?« »Du gewiß! Zu dir habe ich volles Vertrauen. Ich will dir gestehen, daß ich mich in diesen Tagen unter der Hand telegraphisch durch Vermittlung meiner englischen Geschäftsfreunde bei deiner Firma in Liverpool erkundigt habe! Die Auskunft ist glänzend – einfach glänzend ... Ich habe selten in meiner langen Laufbahn etwas Ähnliches an Lob über einen jungen Mann gehört ... Nein, Robert – das ist es nicht, sondern, wie ich schon sagte: Es darf von nirgendwoher, auch von außen nicht, eine Verdunklung an der Persönlichkeit sein, die an der Spitze meiner Unternehmungen stehen soll, um die herum muß alles durchsichtig sein. Jeder muß jeden Augenblick herantreten und sich überzeugen können. Nur so bleibt der alte Ruf gewahrt. Und von dieser Forderung kann und werde ich unter keinen Umständen abgehen ...« Robert schwieg und sah zu Boden. Jetzt wußte er, was kam. Es war eine lange Pause. Dann sagte Otto Burck: »Du bist ein guter Sohn, Robert – nicht wahr?« Der hob den Kopf. »Ja.« »Du trägst deinem Vater nicht nach, was gewesen ist?« »Das ist nicht mein Amt!« »Nein. Du wohntest auch früher mit ihm zusammen?« »Augenblicklich nicht mehr, weil ich in Liverpool bin und er in London. Aber ich hoffe, daß er, wenn er einmal endgültig sich beruhigt und auf seine Projekte verzichtet hat, wenigstens wieder in meine Nähe ziehen und da friedlich leben kann ...« »Auch falls du einmal verheiratet sein solltest?« »Ich kann ihn doch nicht mutterseelenallein irgendwo da draußen in der Welt lassen, auf seine alten Tage ... Ich darf es schon nicht, weil man ihn unter Aufsicht haben muß, sonst gerät er doch wieder in seine alten Pläne und in seine alte Gesellschaft.« »Hm ... und wie denkst du dir da den Verkehr mit ihm ...? Ihr besucht euch öfters, um euch zu sehen ...?« »Ich fahre schon jetzt, wenn ich kann, jeden Sonntag von Liverpool nach London zu ihm hinüber.« »Und da zeigt ihr euch zusammen auf der Straße, nicht wahr?« »Wer sollte denn sonst mit dem alten Mann gehen? Er hat ja niemanden mehr auf der Welt als mich ...« »Nehmen wir nun an, Robert, es trete der eben besprochene Umschwung in deinem Leben ein – in jeder Hinsicht – da würdest du also, wenn ich dich recht verstanden habe, in ständiger Verbindung mit deinem Vater bleiben wollen, genau wie jetzt?« »Ich will doch gar nicht, Onkel – ich muß doch! Es ist doch mein Vater!« »Er würde dir in deinen neuen Wirkungskreis folgen?« »Wenn er kommt, kann ich es nicht ändern ...« »... sondern du würdest in einem solchen Fall allen, die dich fragen, erwidern: ›Ja, das ist mein Vater!‹?« »Was unnütz auffallen könnte, werde ich nach Kräften vermeiden! Aber verleugnen werde ich ihn nicht!« Sie waren einen Augenblick still. »Verleugnen! ...« sagte der alte Burck endlich bedächtig. »Das ist ja nun ein hartes Wort, Robert ...« »Du legst es mir doch selbst auf die Zunge ...« »Ich spreche eben von meinem Standpunkt. Denke dir das: du an meiner Stelle ... und nun neben dir, in deiner Gesellschaft, zuweilen sogar in deinem Hause, ein Mann, der das Schlimmste getan hat, was ein Kaufmann tun kann – er hat durch gefälschte Bilanzen das Vertrauen der Leute betrogen, die ihm ihr Geld übergeben haben ... er hat ... nun, wozu auch noch davon reden ...?« »Er hat im Gefängnis gesessen!« ergänzte Robert. »Wir beide wissen es ja ...« »Und war sein späteres Leben eine Sühne?« fuhr Otto Burck fort. »Nein, er ist geblieben, wie er war, nur daß ihn sein altes Glück für immer im Stich gelassen hat. Er ist ein Abenteurer und – nimm es mir nicht übel, es ist die Wahrheit: ein skrupelloser dazu! Wenn er zu dir kommt, bringt er einen Dunstkreis von ähnlichen Menschen mit sich, mit denen er sich in London umgibt und die sein Verkehr im Leben sind – einen Dunstkreis, wie er in kein Kontor eines ehrbaren Kaufmanns gehört und in meines am allerwenigsten! Das wirst du vielleicht jetzt schon in deinen kleinen Verhältnissen empfunden haben – und nun denke erst dort, in Polen, wo du weit sichtbar, an exponierter Stelle stehst und den anderen ein Vorbild sein sollst, in jeder Hinsicht ... Wie können sie das, wenn sie dich in der Gesellschaft deines Vaters sehen? Wo bleibt da das Vertrauen? Man beurteilt einen Menschen nach seinem Umgang ...« Robert schwieg. »Es tut mir leid«, fuhr Otto Burck fort. »Aber aus diesen Gründen und nach reiflicher Überlegung muß ich unbedingt fordern, daß du dich von deinem Vater lossagst! ... Bitte, fahre nicht auf, als ob du mich umbringen wolltest, es ist gar kein Grund dazu. Wir verhandeln hier ruhig und nüchtern als Geschäftsleute, und was auf dem Spiel steht, ist der Ruf meiner Firma, und der ist mir das Wichtigste auf der Welt!« »Mir nicht!« sagte Robert rauh. »Das glaube ich und mute dir auch keine Theaterszenen zu, daß du deinen Vater, der ja wirklich ein unglücklicher alter Mann ist, verstoßen sollst ... oder verfluchen ... oder was weiß ich ... Er soll bloß nicht in deiner Nähe gesehen werden ... Du sollst nicht von ihm sprechen, oder, wenn es sein muß, höchstens sagen: ›Er lebt fern von hier, irgendwo in England.‹ Da kannst du ihn ja auch einmal im Jahr auf acht Tage besuchen, meinetwegen sogar zweimal ... ohne daß weiter etwas an die große Glocke kommt – du schützest eben eine Geschäftsreise vor – ihr trefft euch an einem entlegenen Ort ...« »Aber verleugnen soll ich ihn doch?« sagte Robert. Sein Onkel zuckte die Achseln. »Ich will, daß du ihm dein Haus verschließt, weil es gleichzeitig das meiner Tochter und der Sitz meiner Firma sein wird! Im übrigen schreib ihm, wenn du magst, schick ihm Geld, soviel du willst, da hab' ich gar nichts dagegen, solange es unauffällig geschieht ...« »Und das siehst du nicht ein«. Robert lachte auf, »daß das einfach hieße, meinem Vater das Herz brechen? Ja, das ist keine Phrase. Onkel. Ich bin gar kein Mensch von Phrasen. Die Enttäuschung und Demütigung, daß ihm sein Sohn – sein einziger Sohn sozusagen, im Augenblick, wo das volle Glück über ihn kommt, die Tür weist, diese Enttäuschung verwindet er nie. Daran geht er zugrunde!« »Aber er hat dich doch lieb?« »Ja – gewiß.« »Dann müßte er sich doch selbst sagen, daß er dir im Weg steht – und dir von selbst das Opfer bringen ...« »Ein anderer vielleicht ... Aber er mit seinem Selbstbewußtsein? Er hält uns alle doch für so hoffnungslos dumm! Er ist doch überzeugt, ich brauche ihn! Und vor allem: er braucht mich! Er hat mich viel zu lieb, um sich aus eigenem Entschluß von mir trennen zu können. Er ist doch auf mich angewiesen, und je älter und trostloser er wird, desto mehr. Er hat mir jetzt schon manchmal gesagt: ›Es ist komisch, ohne dich frier' ich, wo ich bin, und dann schau' ich mich immer nach dir um!‹ Und wenn er auch dabei gelacht hat, so war es ihm doch Ernst damit.« Wieder verstummten die beiden und gingen langsam im Zimmer auf und ab, jeder für sich und an dem anderen vorbei, die Blicke hartnäckig am Boden. Endlich, nach langer, schweigsamer Wanderung, machte der Hausherr halt und sagte: »Ich hab' es gefürchtet. Da stehen sich nun zwei Weltanschauungen gegenüber. Ich kann mich schwer in die deine hineinversetzen. Ich würde mein Leben lang ein Grauen nicht verwinden können vor jemandem, der das getan hat, was dein Vater tat. Aber darüber zu urteilen, steht mir nicht zu! Das mußt du selber besser wissen. Ich sage nur: Wenn wir zu einer Einigung kommen sollen, muß einer von uns nachgeben. Entweder hier der Kaufmann: ich – oder dort der Sohn – du! Es ist grausam ... ich fühle es ... es fällt mir nicht leicht, dich vor die Wahl zu stellen. Ich habe dich die ganzen Tage, solange es ging, zu schonen gesucht und mit anderem hingehalten ... mit Harry von Rhenus und ... aber, nun mußte es einmal heraus. Die Sache steht jetzt auf ›Ja‹ und ›Nein‹ – das siehst du ein?« Robert nickte. »Und ich ... das erkläre ich dir nun noch einmal mit Bestimmtheit, und wenn ich auch sonst schon manches gehen lasse und lieber die Augen zumach', als mich auf meine alten Tage noch ewig unnütz aufzuregen – in dem Punkt, in meiner Firma, bleib' ich fest und bleib' bei dem, was ich gesagt habe! Nun mußt du dich entscheiden ...« Robert ging zur Tür. Der alte Herr sah ihm befremdet nach. »Was? Willst du weg? ... Ohne ein Wort ...?« Aber Robert sagte, jetzt ganz ruhig geworden, auf der Schwelle: »Ich möchte nur Barbara rufen ...« »Jetzt?« »Ja. Sie muß dabeisein, wenn ich dir antworte. Da hat sie doch ein Recht darauf ...« Und da Otto Burck nichts erwiderte, sondern nur bekümmert die Achseln zuckte und sich in seinen Sessel setzte, ging Robert die Treppe hinunter in den kleinen Empfangssalon. Dort traf er Barbara. Sie kam ihm blaß und besorgt entgegen. Sie hatte undeutlich von oben die ganze Zeit den langen und lebhaften Wortwechsel vernommen. Beide gaben sich die Hand. So stiegen sie zusammen die Stufen wieder hinauf. Unterwegs berichtete er ihr in hastigen Worten, was geschehen war. Sie hatte keine Zeit mehr, etwas zu entgegnen. Er wollte auch gar nichts hören. Er fühlte nur, wie sie ihm stumm die Hand preßte. Dann traten sie in das Zimmer und vor den Stuhl des alten Herrn. Und so sagte Robert entschlossen: »Nun ist Barbara da, und vor ihr erkläre ich dir, Onkel: Ich kann das nicht tun, was du verlangst! Nie und nimmer! Ich lasse meinen Vater nicht im Stich! Mögen andere von ihm halten, was sie wollen. Um mich hat er das nicht verdient ...« Der alte Herr sah erst ihn an, dann seine Tochter. »Nun, da hast du es ja, Barbara ...«, sagte er endlich. Es klang nicht wie ein Vorwurf, sondern eher so, als sei er jetzt völlig mit seinen Warnungen und Befürchtungen gerechtfertigt. Und sie antwortete, ihm fest ins Auge schauend: »Er hat ganz recht, Papa! Ich würde mich schämen, wenn er etwas anderes täte ...« »So ... so ...« Otto Burck begriff die beiden nicht. Er nickte müde vor sich hin. »So ... so faßt ihr das auf ... nun, schön, wenn ihr wollt ... aber mache dir noch einmal klar, Robert, daß du damit auf alles verzichtest ...« »Auf die Stellung in Polen ... gewiß ...« »Nein. Auf alles!« »Ich will ja gar keine Mitgift von dir, Onkel ...« »Aber ich will nicht, daß meine Tochter als die Frau irgendeines beliebigen Clerks in England lebt und aus ihren Kreisen und ihren Verhältnissen herauskommt. Das dulde ich nicht, das ist in meinem Hause nicht Brauch.« Otto Burck war heftig, mit vor Unmut gerötetem Gesicht aus dem Sessel aufgesprungen und hatte seine Stimme verstärkt. Aber er mäßigte sich sofort wieder und fuhr gedämpft, schon wieder milder werdend, fort: »Da steht mir doch Gott sei Dank noch die väterliche Gewalt zur Seite, um solche Ungehörigkeiten zu verhindern! Das beste ist, Robert ... du fährst jetzt bald ab ... vielleicht heute noch ... hier wenigstens im Hause möchte ich dich vorerst nicht mehr sehen und ebensowenig, daß du mit Barbara außerhalb des Hauses noch zusammenkommst ... Ich weiß ja ganz genau, daß du in einem Vierteljahr über die Sache schon ganz anders denken wirst. So ein ›Nein‹ ist rasch gesagt, aber die Reue kommt hinterher. Wenn du dich dann meldest und deine Torheit einsiehst, in Gottes Namen, ich will geduldig sein und bis dahin warten ...« »Das wirst du nie von mir hören, Onkel! Darum reise ich auch nicht erst, sondern bleibe hier ...« »Und wir sehen uns jeden Tag!« sagte Barbara. Nun riß Otto Burck die Geduld. Er sagte mit halberstickter Stimme, wählend er sich, wie um sich Luft zu machen, mit der Hand in den Kragen griff: »Jetzt hab' ich's satt ... Geh ... geh ... bitte, sei so gut und geh! ... So ... Und mit dir, Barbara, hab' ich jetzt noch ein Wort zu reden ...« »Gleich, Papa! Ich will mich nur erst von meinem Bräutigam verabschieden!« Sie begleitete Robert bis zur Tür. Dort drückten sie sich die Hände, und er ging. Dann kehrte sie zu ihrem Vater zurück. Der hatte die Hände im Schoß gefaltet und sah jetzt, da Robert fort war, weniger zornig als verdutzt vor sich hin. Er begriff das nachträglich gar nicht, daß man freiwillig auf seine schönen, blühenden Unternehmungen verzichten könne. Das stimmte ihn einen Augenblick förmlich kleinlaut. Er sah seine Tochter an und sagte langsam: »Das ist nun schon der zweite! Erst wirft Harry mir meine Firma wie einen Bettel vor die Füße – jetzt biete ich sie Robert auf dem Präsentierbrett an, und er dankt ebenfalls. Ja – ich hab' es doch nicht nötig, mit meinem guten Geld zu hausieren, ob es mir jemand abnehmen soll! Ich weiß schon wirklich nicht mehr: Bin ich verrückt oder sind es diese jungen Leute?« Nun kam allmählich in dem stillen, alten Herrn, der nie im Leben von sich selber viel Wesens gemacht hatte, immer mehr die Gekränktheit zum Durchbruch, daß man seiner Firma einen Schimpf zugefügt und in ihr ihn selber beleidigt hatte – seine schöne Firma – und die schöne Tochter, an die er nun erst wieder dachte, noch als Zugabe, samt dem väterlichen Segen! Otto Burck schüttelte seinen müden, grauen Kopf. Er verstand die Welt nicht mehr. Das hätte einmal ihm in seinen jungen Jahren passieren sollen ... Barbara, die mit fliegendem Atem, an allen Gliedern zitternd, vor ihm stand, sagte: »Es ist schrecklich. Papa, du siehst immer und immer nur das Geschäft. Davon kommst du nicht los! Statt daß du auch ein bißchen an mich denkst ...« »Das tue ich doch die ganze Zeit und suche deine Zukunft sicherzustellen! ... Wenn er das nicht will, gut! Ins Blaue hinein gebe ich meine Tochter nicht! ... Schlage dir das jetzt nur aus dem Sinn ...« »Niemals, Papa.« »Ach, liebes Kind!« Otto Burck stand auf und legte ihr die Hand auf die Schulter. Er wollte es noch einmal in Güte versuchen. »Das sagst du jetzt so! ... Wie bald würdest du als seine Frau da draußen im Kampf ums Dasein müde werden! Was weißt denn du verwöhntes Ding von der Armut?« »Er hat zwanzigtausend Mark jährlich, Papa!« »Zwanzigtausend Mark jährlich ist nicht genug!« sagte der alte Herr trocken. »Zumal in England ... und wo der noch diesen ... diesen Vater zu unterhalten hat ...« »Nun, dann leben wir eben so! Das ist mir ganz egal ...« »So ...?« Ihr Vater machte eine trostlose Handbewegung. Er wurde immer trauriger und gedrückter, je mehr ihm, der es doch so gut mit allen meinte, alles gegen seinen Willen ging. »Du kennst doch Liverpool! Du warst doch schon einmal dort, wie du bei Jane Rhenus zu Besuch warst? Nun, denke dir solch ein schmales Miethaus – nicht etwa in Dale Street, Barbara, sondern irgendwo draußen, ganz in Rauch und Nebel, und dünn gebaut und zugig ... Ist denn das ein Leben für dich? ... Und nun laß nur noch irgendeine Krise kommen in der Nähgarnbranche, dann verliert er seine Stellung – dann liegt ihr auf dem Pflaster ... Alle Augenblicke liegen Hunderte von Clerks auf dem Pflaster – o weh, mein Kind ... o weh ...« Seine Augen waren feucht geworden beim Gedanken an all diese Schrecknisse. Es war eine übertriebene Angst – das fühlte er ja selber, wie er da den Teufel recht schwarz malte, eine beinahe kindische. Es war in diesem Augenblick etwas Greisenhaftes an Otto Burck. Und zugleich ein Zug stillen, immer unerschütterlicher werdenden Eigensinns um die festgeschlossenen Lippen. Der war bei ihm in seinem Privatleben, im Kreise seiner Familie, durch seine natürliche Güte immer wieder ausgeglichen worden – im Geschäft aber hatte er, der gewagten und abenteuerlichen Unternehmungen stets vorsichtig aus dem Wege gegangen, alle seine Erfolge nur dieser geräuschlosen, sich unerbittlich an die Dinge heftenden Zähigkeit zu danken. Und nun war er beim Geschäft. Für ihn war das Geschäft, daß die Schwiegersöhne durch Reichtum oder Adel oder äußere Stellung dem Glanz der Firma entsprachen, und so wiederholte er leise und beharrlich: »Er hat sich seine Position verscherzt! Du wirst ihn nicht heiraten! Da finde dich nun darin!« »Doch, Papa, ich werde ihn heiraten!« Ihre Stimme zitterte. Aber sie sah ihren Vater entschlossen an. Der hatte sich wieder gesetzt und die Finger ineinander verschlungen und schaute vor sich hin und murmelte nur zwischen den Zähnen: »Ich gebe meine Tochter keinem Clerk!« »Aber Papa, um Gottes willen, darauf kommt es doch nicht an!« Er schüttelte den Kopf. Er hatte jetzt nur das eine auf den Lippen: »Ich gebe meine Tochter keinem Clerk! ... Nein ... Nein ...« Nun schoß auch ihr das helle Wasser in die Augen. Sie schluchzte plötzlich verzweifelt auf und fiel vor dem Stuhl ihres Vaters nieder, legte ihre Hände auf seine Knie und starrte ihm angstvoll und immer noch hoffnungslos ins Gesicht und bat, immer leidenschaftlicher werdend, sich immer mehr in Ungestüm hineinredend: »Papa ... sei doch gut! ... sei doch lieb ... du bist's doch sonst ... du warst's doch immer ... Laß mich doch meinen Weg gehen ... 's ist ja meine Sache, wie mir's da geht ... Du kennst mich doch gar nicht ... Ihr kennt mich ja alle nicht ... Ihr habt mich ja nie kennen wollen ... ich bin immer für mich gewesen ... ich bin ganz anders als du glaubst – ich fürchte mich gar nicht vor der Armut ... ich gehe mit Robert durch dick und dünn ... Hier, wo wir reich sind, hab' ich mich nie glücklich gefühlt ... das meint ihr nur immer alle, das Geld macht's! ... und redet ewig von eurem Geld ... mir ist das schon zuwider ... ich bin ganz froh, wenn man einmal ein wenig Sorgen hat und tüchtig schaffen muß – statt ewig hier in Baden zu sitzen und zu gähnen ... ich werde ganz, ganz glücklich sein ... und daran darfst du mich nicht hindern, Papa ... das darfst du nicht ...« Aber auf den alten Herrn machte das keinen Eindruck. Und so sagte er halblaut und hartnäckig: »Robert ist ein Clerk. Ein Clerk soll in seinen Kreisen heiraten! Meinetwegen sogar die Tochter eines Prokuristen! Aber meine Tochter nicht!« »Und das ist dein letztes Wort, Papa?« »Barbara, so können wir noch lange reden! Du sagst dasselbe, ich antworte dasselbe – so dreht sich das im Kreise herum. Aber ich bleibe dabei fest! Da verlasse dich darauf!« »Gut!« Barbara stand auf, strich die Falten ihres weißen Kleides zurecht, trocknete sich die Tränen, steckte das Tuch wieder ein und fuhr sich, vor den Spiegel tretend, mit der Hand ordnend über die Haare. Sie war ganz ruhig geworden, und so sagte sie, sich wieder zu ihrem Vater zurückwendend: »Dann bleibt mir eben keine andere Wahl! Dann muß ich eben gegen deinen Willen heiraten!« »Barbara!« Er erhob sich und legte die Hand an das Ohr, als hätte er nicht recht gehört. Sie war ganz erstaunt. »Ja, was soll ich denn sonst machen? Heiraten muß ich ihn doch ... Also wenn du nicht willst ...« »Mir gehorchen sollst du ...« »Bei so etwas? Nein, weiß Gott nicht!« »Dann wird man dich zwingen!« »Ich bin doch mündig, Papa!« Otto Burck erwiderte nichts. Er sah seine Tochter ratlos und entsetzt an, als wäre sie ein ihm ganz fremdes, eben aus dem Boden gestiegenes Wesen. Das war ihm in seinem Hause, wo Ordnung und Zucht herrschten und immer geherrscht hatten, noch nicht vorgekommen. Das hätte er nicht für möglich gehalten. Und zugleich rauschte es hinter ihm. Seine Frau war hereingetreten. Sie hatte Barbaras letzte Worte schon im Zimmer und manches frühere schon draußen, wo sie lauschend auf dem Flur gestanden hatte, gehört. Sie sagte jetzt mit einer Stimme, deren Härte ihrer Tochter geradezu weh tat, nicht zu ihr, sondern zu Otto Burck: »Siehst du – das hat man davon, wenn man zu gut gegen seine Kinder ist ...« Es war, als erteilte sie ihm einen Verweis. Er zuckte nur die Achseln und schwieg. Barbara auch, mit einem spöttischen und herausfordernden Lächeln auf dem blassen Gesicht. Und jene fuhr geräuschvoll fort: »Ich will lieber gar nichts reden ...« »Ja, das wäre auch am besten, Mama!« »Sei still! ... Ich werde ja hier um nichts gefragt. Ich habe mir längst das Schweigen angewöhnt und werde auch diesmal schweigen ...« Barbara seufzte. Sie wußte: Jetzt kam niemand mehr zu Wort! Sie ging leise durch das Zimmer und drückte die Tür ins Schloß, die ihre Mutter offen gelassen hatte. Inzwischen fuhr jene fort: »Wenn man bedenkt ... diese angesehenen Familien ...« – sie betonte stark das Wort »angesehenen« –, »die Burcks ... die Bauknechts ... die Rhenus ... diese anständigen, netten Schwiegersöhne ...« »Ja, das dritte ›von‹ bleibt nun aus!« sagte Barbara. »Da kann ich dir nicht helfen, Mama!« »Und da mitten hinein ein Angestellter ... Otto ... ich versteh' dich nicht ...« »Ach, laß schon«, sagte ihr Mann müde. »Ich habe dich von Anfang an nicht verstanden! ... Ein Angestellter ... Otto, nun hast du deinen Lohn! Die Strafe ist hart, aber gerecht! ... Wo man doch die Auswahl unter den anständigen jungen Leuten hat ... eine wahre fin fleur ...« » Fine fleur , Mama!« »Sei still! ... Sich da mit einem Angestellten zu befassen, der hinter dem Ladentisch steht ...« Otto Burck seufzte, und seine Tochter sagte: »Nicht einmal das, Mama! Er fegt nur aus im Kontor und schleppt die Kohlen zum Kamin!« Frau Konstanze Burck warf ihr einen kalten Blick zu. Barbara lachte bloß. Und nun sagte jene: »So? Du willst noch Späße machen, Barbara! ... Aber dir wird die Heiterkeit vergehen! Es hat ein Ende mit dieser Nähgarnepi ...« Sie war sich nicht ganz klar, ob es wirklich Episode hieß, und schloß lieber: »Mit dieser Nähgarngeschichte! Es muß etwas geschehen, Otto! Sitze nicht so da und drehe die Daumen umeinander. Das hilft ja nichts ... Es ist schrecklich, wenn man dazu einen Mann hat, daß er im entscheidenden Augenblick ...« Aber da stand Otto Burck auf und schnitt ihr mit einer Handbewegung das Wort ab. Sie verstummte augenblicklich. Sie hatte wieder Angst vor ihm. Und nun versetzte er leise und nachdrücklich: »Barbara, dein Vetter Robert hat erklärt, daß er, entgegen meinem ausdrücklichen Wunsch, hierbleibt ...« »Ja, natürlich bleibt mein Bräutigam hier, Papa ...« Frau Konstanze wollte bei dem Wort »Bräutigam« wieder gereizt auffahren. Aber ihr Mann setzte schon seine Rede fort: »Infolgedessen, Barbara, wirst du das Haus verlassen. Du gehst schon in den nächsten Tagen von hier fort!« »Wirklich, Papa? Wohin denn?« Otto Burck achtete nicht auf den herausfordernden Klang ihrer Antwort. Er klingelte nach dem Diener: »Ich lasse meine Töchter bitten!« Bald darauf traten Frau von Heinreich und Frau von Hafner ein. Sie hatten unten im Salon gesessen und sich, als sie Robert weggehen sahen, schon ungefähr zurechtgelegt, daß der Bruch da sei. Sie machten beide besorgte und erregte Gesichter. Der alte Herr wiederholte: »Barbara muß auf der Stelle von hier weg, damit sie sich ihre Dummheiten – ihr wißt schon, was ich meine – aus dem Kopf schlägt! Willst du sie für einige Zeit zu dir nehmen, Anna?« Frau von Heinreich, die Älteste, machte ein unglückliches Gesicht. Sie, die magere, kleine Offiziersdame, fürchtete wenig auf der Welt so sehr als eine Erschütterung ihrer Stellung in der Garnison. Bisher ging dort alles so nett. Wenn sie auch bürgerlich war – der Vater reicher Rentner in einer schönen Villa in Baden-Baden – damit gab sich jedermann zufrieden und Polen war weit und unbestimmte Andeutungen von großen Ländereien, die man dort besaß, genügten als Antwort auf neugierige Fragen und waren noch dazu wahr. Aber nun dieser Vetter! Natürlich fuhr der Unglücksmensch doch hinter Barbara her. Und dann Szenen in diesem Krähwinkel, wo nichts verborgen blieb ... Eine Wolke von Nähgarn und Sandzucker verdunkelte schon vor ihrem geistigen Auge die Garnison, in der sie gerade übernächste Woche, nach den hiesigen Rennen, den Divisionskommandeur zur Jagd erwarteten ... Es ging wirklich nicht, und sie murmelte etwas von den Kindern ... und viel Dienst ... und bald das Manöver ... und überhaupt. Ihr Vater ließ sie kurzerhand stehen und wandte sich an Lizzie, und diese, die viel Gutmütigere und Leichtlebigere, besann sich auch nicht lange. Sie war eigentlich immer mit allem einverstanden. Sie schlug nie jemandem etwas ab. Bei ihr im Hause war doch eine ewige Hetz'. Da würde man die Barbara schon aufmischen. Jetzt erst noch vier Wochen auf dem Lande, im Salzkammergut, dann daheim. Ihren Mann – Frau von Heinreich hatte an den ihrigen zuallererst gedacht und ob das nicht seiner Karriere schaden könnte –, den fragte Lizzie gar nicht erst! Sie sagte ohnedies zuweilen, wenn von ihm die Rede war: »Ein armer Narr, mit Käs bestreut!« und lachte dazu. Der Franzi durfte bloß keine blauen Fingerspitzen von seiner Farbenfabrik mit in den Salon heimbringen und überhaupt von der dort nicht viel reden, dann war schon alles gut. Und so trat sie denn zu Barbara, die so gelassen dastand, als ginge sie die ganze Sache gar nichts an, und legte den Arm um ihre Taille und tätschelte sie mitleidig auf die Backe: »Armes Hascherl ... Du sollst's schon gut haben bei uns ... Aber Kinder!« Sie wurde plötzlich ernst. »Das bitt' ich mir aus. Erst nach den Rennen! In einer Woche! Nein, nein, Papa, so weit geht mein Opfermut nicht ... das mach' ich zur Bedingung, die große Woche muß ich mitnehmen! Auf die spitz' ich mich eh' schon das ganze Jahr! Zwei Koffer voll neuen Kleidern – extra für hier ... na ... und dem Franzi sein Gesicht bei der Rechnung ... ja ... was denkt ihr denn ...?« Sie machte dabei eine Miene, als sei man im Begriff, ihr das schwerste Anrecht zuzufügen. Otto Burck sagte zögernd, aber doch innerlich froh, daß sie überhaupt bereit war: »Meinetwegen also erst in einer Woche ... ich hätte es freilich viel lieber sofort gehabt.« »Es wird's auch so tun!« tröstete Lizzie, die sich selber sehr lieb und wichtig vorkam. Nun machte sich Barbara von ihr los und sagte gleichmütig: »Ja, aber glaube nur ja nicht, daß ich mit dir komm'!« Sie ging, ehe jemand eine Antwort fand, zur Tür und hinüber in ihr Zimmer. Sie kümmerte sich wenig darum, daß das Mädchen draußen klopfte und zum Abendessen bat, und daß andere pochten und etwas von ihr wollten – sie gab gar keine Antwort. Sie hatte die Hände unter dem Kopf verschränkt und starrte zur Decke und dachte an Robert Burck. Und zu gleicher Zeit stand der unten in seinem Hotelzimmer am Fenster und dachte an sie. Draußen vor den Scheiben war schon die dunkle Nacht. In der leuchteten viele Lichter. Rundherum und drüben die Höhe empor, wo sich von allen Seiten die Hänge gegen die Badener Altstadt senkten. Dort suchte er die Richtung, in der die Burcksche Villa liegen mußte. Er konnte sie nicht genau erkennen. Aber er wußte: unter den Hunderten hellen Pünktchen, die da glänzten, kam ein Schein auch aus Barbaras Zimmer. Das stimmte ihn ganz andächtig. Er schaute mit einem ruhigen und hoffnungsfrohen Lächeln um die Lippen zu den Lichtern hinauf, die drüben am Berge tröstend brannten ... Siebentes Kapitel Am nächsten Tag begannen die Iffezheimer Rennen, und die Frühstückstafel im Burckschen Hause zählte fast dreißig Personen. Die Verwandten waren alle da – selbst die Rhenus, Augustus und seine Frau, hatten sich, nachdem man doch wenigstens nun jenem unmöglichen Vetter den Stuhl vor die Tür gesetzt, entschlossen, der Form wegen zu erscheinen. Ein Vierteldutzend Offiziere aus dem Heinreichschen Regiment waren zum Rennen gekommen und hatten im Hause des Schwiegervaters ihres Kameraden ihre Aufwartung gemacht. Onkel Poldi und sein Neffe Franzi hatten Wiener Freunde mit ihren Frauen mitgebracht – es war ein Stimmengewirr und Gelächter. Frau Konstanze Burck saß tiefbefriedigt, mit majestätischer Herablassung, mitten darin – sie war nie lauter und leutseliger, als wenn recht viele »vons« und Uniformen sich um sie scharten. Sie sah dabei von der Seite mit mißtrauischem Erstaunen auf Barbara, die wider Erwarten auch erschienen war und sich von den beiden Leutnants, zwischen denen sie ihren Platz hatte, mit einer ihr sonst ganz fremden Geduld den Hof machen und von den Pferden und den Rennen erzählen ließ. Von dem anderen Ende der Tafel her schaute ihr Vater auf sie. Er tat es verstohlen. Sie sollte es nicht merken. Aber zuweilen trafen sich doch ihre Blicke, und dann war in seinem Auge etwas unsicheres, als habe er ein schlechtes Gewissen. Seine angeborene Freundlichkeit und Milde rangen in ihm gegen die Festigkeit des nun einmal gefaßten Entschlusses. Der reute ihn nicht, der war notwendig, aber er tat seinem Nächsten so ungern weh. Und gar noch solchen, die er so besonders liebhatte, wie seine jüngste Tochter. Als er nun sah, wie sie heute unbefangen unter Menschen erschien und plauderte und sogar ein paarmal lachte, glitt auch über sein stilles Gesicht ein freundlicher Schimmer. Er hob sein Glas und nickte Barbara aufmunternd und väterlich zu. Vielleicht wandte sich nun alles noch zum Guten. Er glaubte ja selbst nicht recht daran. Das ging ihm zu rasch. Aber er saß nun doch zufriedener als bisher an der Spitze des langen Tisches, ein kleiner, müder, alter Herr, der sich unter den eleganten jungen Frauen, den Offizieren, den Leuten der großen Welt aus London und Wien und Paris wie ein Fremder ausnahm. Er gehörte hier nicht recht hinein. Er war nur der Hausherr. Und wenn er sich das so im stillen überlegte, so war das eigentlich immer so gewesen. Er hatte gearbeitet, und die anderen hatten gelacht und es sich wohl sein lassen, so wie sie jetzt in zwei langen Reihen da saßen und schmausten und durcheinander sprachen und sich um ihn nicht mehr kümmerten, als die Höflichkeit gebot. Und bei dem Gedanken daran glitt auch über sein Gesicht ein Lächeln ... aber es war ein melancholisches ... und war gleich wieder weg. Er gab dem Diener einen Wink, es da drüben, bei Herrn von Heinreich, nicht an Champagner fehlen zu lassen. Und als sie alle draußen auf dem Rennplatz waren, merkte er zu seiner Überraschung, daß Barbara immer heiterer wurde. Sie stand mit den anderen vorn an dem Gitter, das den ersten Platz von dem Rennklub schied, und lächelte, gleich ihren Verwandten, verstohlen über die stumme Begeisterung, mit der Frau Konstanze Burck hinüber in dies Allerheiligste sah und die Damen und Herren, die dort gingen und standen, anstarrte, gleich als sei da durch einen glücklichen Zufall die sonst unnahbare Welt des Gothaer Almanachs zur Schau gestellt und man könne sie für seine zwanzig Mark Eintrittsgeld nach Herzenslust hinter ihrem Zaune mustern. Nur daß sie von keinem wußte, wer es war, verdroß sie. Sie brannte vor Neugierde, es zu erfahren. Aber es sagte es ihr niemand. Sie mußte sich mit einer stummen unpersönlichen Andacht begnügen, während ihre Töchter und Nichten nur Augen für die Kleider um sie hatten und sie flüsternd, oft mit einem Gemisch von Neid und Bewunderung, wenn wieder irgendeine Dollarprinzessin vorbeirauschte, miteinander verglichen, und die Herren so taten, als ob sie etwas von Pferden verständen und sich brennend dafür interessierten. Barbara machte sich. Ihr Vater entsann sich, daß sie noch im vorigen Jahr so herausfordernd unliebenswürdig, wie sie nur, wenn sie wollte, sein konnte, fortwährend darüber hatte spötteln und mäkeln müssen, daß ihre Verwandten, die doch nicht im Sattel, sondern auf dem Kontorbock zu Hause seien, hier nun auf einmal so aufgeregt täten, weil ein französisches Pferd ein bißchen flinker lief als ein deutsches – und das ändere doch weiß Gott an den Kursen nichts ... Aber diesmal war sie ganz umgewandelt, und als der Rittmeister von Heinreich im Verein mit ein paar anderen blauberockten Pferdekennern den Vorschlag machte, zur Erhöhung der Spannung eine kleine Wette anzulegen, und die Zehnmarkscheine einsammelte, knöpfte auch sie ihr winziges Portemonnaie auf und erklärte: ja ... aber nur auf einen Schimmel. – Die Schimmel gewännen nach ihrer Erfahrung immer! Oder wo ein roter Jockey drauf säße ... Die Herren lachten über den Ansinn, und sie selber lachte mit. Aber sie blickte dabei zerstreut irgendwohin in die Ferne, wo über der glühenden Rheinebene, da die Schwarzwaldberge, dort die Vogesen, blauten. Und ihr Vater konnte, wie er auch auf dem Rennplatz Umschau hielt, Robert Burck nicht finden! Am Ende war er wirklich abgereist! Bei der bloßen Hoffnung darauf, daß es wieder Ruhe und Frieden geben könnte, fiel Otto Burck ein Stein vom Herzen. Er legte seiner Tochter, während eben ein Rennen zu Ende gelaufen wurde, und alles auf die Bahn starrte, leise die Hand auf den Arm und sagte freundlich: »Barbara ...« »Ja, Papa?« »Du bist mir wohl recht böse?« »Nein, Papa ...« Seine Stimme hatte so besorgt und zärtlich gedämpft geklungen, auf seinem Gesicht war solch ein freundlicher und, ohne daß er es wollte, fast schuldbewußter Zug, daß sie, auch in einem ganz weichen und ruhigen Ton, hinzusetzte: »Du tust eben, was du tun mußt, Papa ...« »Nicht wahr ... das siehst du doch ein ... ich will doch lediglich dein Bestes, Barbara ...« Sie nickte nur. »Du willst es natürlich, Papa ...«, sagte sie dann langsam und schaute wieder vor sich hin, ganz in die Weite. Sie war nun wieder sehr ernst geworden. »Und es wird auch so kommen, Barbara ... glaub mir ... hoffe nur auf die Zeit ...« Er bekam keine Antwort. »Und hoffe doch auch ein wenig auf mich!« fuhr er bittend fort. »Schau, ich bin doch alt, ich hab' viel erlebt. Ich kann manches besser beurteilen als du. Schließlich wirst du es mir noch danken ...« Sie lächelte nur sonderbar. Sie widersprach ihm nicht. Es schien ihr nicht der Mühe wert. Und nach einer Weile setzte er scheu hinzu: »Ich mein' es ja so gut. Du hast vielleicht die letzten Nächte schlecht geschlafen, aber ich weiß Gott auch, mein Kind. Ich hab' dich ja so lieb, Barbara, viel, viel lieber als die anderen – das kannst du mir glauben ... Es ist mir so schrecklich, daß ich dir Kummer zufügen muß ... und du mir ... und Mama ist dann noch oft ganz unnütz grausam und reizt einen – das wissen wir beide ja ... aber ich hoffe immer noch, es löst sich alles, wie es nun einmal soll ...« »Das hoffe ich auch, Papa ...« »... und es kommt das Vergessen, Barbara ... und es kommt die Ruhe. Und es fängt ein neues Leben an. Wir wollen geduldig sein und warten. Komm, gib mir die Hand«, er faßte ihre Rechte, »... und sag mir, daß du mich noch ein bißchen lieb hast! Es quält mich so, Barbara ...« »Ja, Papa.« »Und daß du noch Vertrauen zu mir hast und es mir bewahrst ... auch wenn ich dir jetzt so hart erscheine ...« Sie hielt plötzlich ihren weißen Schirm vor das Gesicht. Die Sonne brannte dabei von der anderen Seite. Er beugte den Kopf und schaute plötzlich unter den Spitzenrand. Nun merkte er, daß sie weinte. Dicke Tränen liefen ihr über das Gesicht. Sie wandte sich ab. Niemand sollte es sehen. Alle Augen waren auf dem grünen Rasen, wo eben ein Rudel Pferde mit ihrer Last von fast auf dem Halse der Tiere kauernden, wie besessen mit Sporen und Peitsche fuchtelnden buntseidenen Zwergen in den Entscheidungslauf einbog und gleich darauf allgemeines Stimmengewirr, das Gleiten der Nummern an den Pfählen und gedämpfte Musik aus der Ferne das Ende der kurzen Hetzjagd verkündete. Jetzt schoben und drängten sich die Menschen unruhig durcheinander. Onkel Pauluscha, der beim Finish begeistert mitgeschrien, weil er irrtümlicherweise die von ihm gewetteten Farben in der Front zu erblicken vermeinte, zerriß wütend sein Ticket in kleine Stücke, warf sie zu Boden und trampelte rachsüchtig noch ein paarmal darauf herum, um dann zu erklären, daß er ein Feind all dieser Auswüchse des Rennens sei. Otto Burck, der nun doch nicht mehr ungestört mit Barbara reden konnte, trat zu seiner Frau und sagte in der unklaren, aber freudigen Stimmung, die ihn nun noch mehr als früher das Beste hoffen ließ, leise zu ihr: »Gott sei Dank ... Robert ist gar nicht da ...« Sie erwiderte so scharf und laut, daß ihre Tochter es hören mußte. »Ich wüßte auch wirklich nicht, was Angestellte hier zu suchen hätten ... zwanzig Mark den Platz ...!« Nun hob Barbara ihren Schirm wieder und legte ihn über die Schulter. Das Wasser in ihren Augen war versiegt. Sie lächelte so teilnahmlos vor sich hin, als sei gar nichts vorgefallen. Otto Burck seufzte nur, während seine Frau das unterbrochene Gespräch mit dem neuen Regimentskommandeur ihres Schwiegersohnes wieder anknüpfte und dem eleganten Herrn, der sich ihr hatte vorstellen lassen, klagte, daß doch die wirklich gute Gesellschaft selbst in Baden-Baden schließlich recht spärlich vertreten sei. Es sei doch recht traurig, daß der Adel mehr und mehr nach Wiesbaden ziehe ... Es waren im ganzen sechs Rennen, und es war immer dasselbe Bild. Die vorüberflitzenden bunten Farbenflecke der Jockeis, das Händeklatschen, die Zurufe auf deutsch und französisch und englisch, die den Sieger empfingen, die abenteuerlichen, zum Glück meist polnischen Flüche des Onkels Pauluscha, der sich nach jedem Laufe hoch und teuer vermaß, sich nun aber nicht weiter von den Totalisatorschaltern rupfen zu lassen – das alles klang Barbara an den Ohren vorbei und wirrte vor ihren Augen, ohne daß sie es recht verstand. Sie war allmählich wieder ganz still und viel blasser geworden. So stand sie da und schaute halb wie im Traum in all das Gesumme und Gewoge eines buntscheckigen, durcheinander wimmelnden Ameisenhaufens, als der ihr die Rennbahn und das vielgeschäftige Treiben darauf erschien. Sie fuhr plötzlich zusammen und atmete wie von einer schweren Last befreit auf, als ihr Madame Maurice Bürk mit einem verstohlenen Zwinkern in ihrem weißgepuderten, lustigen Gamingesicht den Vorschlag machte, vor dem Schlußrennen mit ihr und ihren beiden Schwestern in die Stadt zurückzufahren. Es sei schon, um die Kleider zu schonen. Nachher staube es wieder so entsetzlich. So suchten sie hinter der Tribüne ihren Wagen, stiegen ein und rollten durch die Rheinebene dahin, über die die Abendsonne in langen, schrägen Glutstrahlen flimmerte. Es war seltsam, wie man sich auf einmal mitten aus der geputzten, in allen Sprachen schwatzenden Menschenmenge heraus auf der beinahe leeren, vom Staube schneeweißen Landstraße, auf der nur zuweilen ein heimkehrender Wagen sie überholte, zwischen Obstbäumen und weiten Feldern mit gebückt auf ihnen werkenden Landleuten befand, und tiefe Stille das Geschrei und die Musik und das Totalisatorgeklapper des Rennplatzes ablöste. Barbara schloß die Augen und schwieg, den roten Schein des sinkenden Sonnenballs als ein angenehmes, purpurnes Dämmern vor den gesenkten Lidern, und kümmerte sich wenig darum, was die Schwestern inzwischen auf französisch mit Madame Bürk sprachen und hier an Wunderwerken der Wiener Schneiderkunst, dort an Visionen aus Pariser Ateliers, die sie draußen gesehen, gegeneinander ins Feld führten. Die Pferde und die Rennen erwähnten sie jetzt, wo sie unter sich waren, überhaupt mit keiner Silbe mehr. Diese Verstellung war Sache der Herren. Erst als man Baden erreicht hatte, schaute sie wieder auf. Sie fuhren durch die Stadt, in das Villenviertel im jenseitigen Tal der Oos, um zunächst Madame Maurice Bürk in ihrer Pension abzusetzen. Die Pferde standen vor dem Hause still. Barbara sprang zuerst heraus und begleitete die kleine, rundliche Französin, wo jene die Klingel zog und merkwürdig rasch und scheu in dem Flur verschwand. Dann rief sie: »So! ... Nun fahren Sie weiter nach der Villa Burck hinauf!« »Ja, so steig aber doch erst ein!« sagte Lizzie verwundert. Zu ihrem Erstaunen antwortete Barbara auf englisch: »Nein, fahrt nur allein!« »Ja, und du?« »Ich bleibe hier!« »Wo denn?« »Nun, hier! Bei Tante Yvonne!« Die Schwestern tauschten einen ratlosen Blick. Sie begriffen noch nicht recht. Barbara wiederholte: »Ich wohne von jetzt ab bei Tante Yvonne und gehe, sowie ihre Kur zu Ende ist in acht Tagen, mit ihr nach Paris und bleibe dort bei ihr. Also nun fahrt heim und grüßt Papa schön von mir und sagt ihm, es ginge nicht anders, und ich hatte gestern schon mit Tante Yvonne alles verabredet. Und oben in das Haus zurück käme ich erst wieder als Roberts Frau – wenn er mich dann noch haben will. Die Bürks begleiten mich nach London. Dort heiraten wir. Das dauert in England nur ein paar Wochen! Und nun adieu – einstweilen!« Damit trat sie in das Haus und schloß die Tür. Die beiden Schwestern eilten hinter ihr her. Ihr zweistimmiges: »Barbara! ... Barbara ...!« verhallte hinter einer schlanken, weißen Gestalt, die rasch und ohne sich noch einmal umzuschauen, die Treppe hinaufschlüpfte. Als die beiden klingelten und Einlaß begehrten, erschien in dem Empfangsraum, in den sie ein Diener führte, nicht ihre Schwester und auch nicht Madame Bürk, sondern nur deren Mann, der seiner Kränklichkeit halber nicht mit zu den Rennen hinausgefahren war. Der alte Pariser hatte, während er sich, die Havanna zwischen den Fingern, den Nichten näherte, seinen trockenen und ironisch-stillvergnügten Ausdruck. »Ja? Das haben wir gut gemacht, nicht wahr?« sagte er stolz. Es schien, als ob er von den beiden noch ein Lob für den geglückten Streich erwartete. Lizzie von Hafner unterdrückte ihre Wut über den alten Sünder und sagte atemlos: »Ja, Onkel Maurice, was denkt ihr euch denn nun eigentlich?« »Je nun – man tut, was man kann ...« »Und was Papa dazu sagen wird ...« »Dem geschieht ganz recht. Grüßt ihn von mir! Und er soll einmal an Frankfurt denken!« Immer, wenn die Rede auf Frankfurt kam, bemächtigte sich des vertrockneten Ritters der Ehrenlegion eine stille Rührung. Und so sagte er auch jetzt, sonderbar lächelnd: »Er soll sich an die Zeit erinnern, wie er nach Frankfurt gekommen ist – damals – auf der Durchreise nach Paris – das ist nun vierzig Jahre her –, und ich war damals im Bankhaus Rhenus \& Co. Volontär ...« »Gott, Onkel, was sind das für alte Geschichten ...« Maurice Bürk nickte melancholisch. »Gewiß sind sie alt! Man glaubt gar nicht mehr daran. Aber es war doch einmal so. Und es war auch gerade im Sommer. Alles schön grün und warm ... und ... ich hab' sie wirklich heiraten wollen. Kinder. Ich hab's ehrlich gemeint ...« »Wen denn?« Der Pariser machte eine Handbewegung in die Ferne. »Gleichviel, wen! Und euer Vater, kaum zwei Jahre älter als ich, aber er hat von Ehrbarkeit getrieft ... und das täte man doch nicht und so heiratete man doch nicht ... so unter seinem Stande! Und er hat mich glücklich bei den Verwandten angezeigt. Da war ein einziges Geschrei: ›Um Gottes willen, das Moritzche macht Dummheiten in Frankfurt, tut ihn weg, nach Paris, daß er solide wird‹ ... ja ... da war es nun aus!« Der alte Pariser war aufgestanden und tat einen bedächtigen Zug aus seiner Havanna. Dann sagte er ganz gemütlich, aber doch ein wenig bissig: »Euer Vater hat damals zwei auseinander gebracht ... gegen meinen Willen. Jetzt bring' ich ihm zwei zusammen, gegen seinen Willen. Es gleicht sich alles mal wieder aus ... enfin ... assez de cela, mes petites ... Geht heim! Sonst denkt man, ihr seid auch durchgebrannt. Die Barbara bekommt ihr heute doch nicht mehr zu sehen. Die steht drüben bei uns am Fenster und wartet auf jemand ganz anderen ...« Damit begleitete er die beiden jungen Frauen höflich bis hinaus zu ihrem Wagen und half ihnen hinein und schloß den Schlag. Sie waren so verstört, daß sie das alles ohne Widerrede geschehen ließen, und fuhren eilig hinauf zu der Villa Burck. Dort oben saß Otto Burck, der Hausherr, in ungewöhnlich heiterer Laune zwischen seinen Gästen im Garten. Es war schon dunkel geworden – Wolkendunst am Himmel, der sich von der Rheinebene regendrohend herüberspann, verdeckte die Sterne –, aber im Park schaukelten und leuchteten überall wie bunte Glühwürmchen die vielfarbigen Laternen der italienischen Nacht, die der Gärtner auf Geheiß der Hausfrau vorbereitet hatte. Und jetzt ließ der Mann hinter einem Gebüsch her Raketen steigen, daß die Damen in die Hände klatschten und unbekannte Stimmen draußen: »Ah« machten und die Herren lachend die Bowle zudeckten, aus Furcht, daß eine der Raketen in sie fallen möge. Und schließlich kam der Hauptpunkt. Grünes bengalisches Licht flammte auf und übergoß mit geisterhafter Helle den Garten und die Villa dahinter, die Charakterköpfe der alten Burcks, die jungen Frauengesichter, die flimmernden Uniformen – und Otto Burck faltete froh die Hände und sprach: »C'est un vrai festin de Balthasar ...«, worunter er sich selber nichts Rechtes mehr dachte. Er hatte die Redensart vor vierzig Jahren aus Paris, aus einer längst verschollenen Operette mitgebracht. Und im Glanz des bengalischen Feuers sah er endlich seine Töchter durch die Gartentür kommen. Man hatte sich schon gewundert, wo sie blieben. Aber es waren nur zwei. Barbara fehlte. Und sie sahen so bleich aus. Das kam doch nicht allein von dem künstlichen grünen Licht? Und sie wollten auch nicht recht mit der Sprache heraus. Sie konnten ihren Eltern doch nur unter vier Augen das Unheil melden, und die beiden saßen ganz hinten im Pavillon zwischen ihren Gästen, und Otto Burck merkte, daß da etwas nicht in Ordnung war. Er wurde plötzlich unruhig und beklommen und hörte kaum mehr, was der elegante Oberst, der Regimentskommandeur seines Schwiegersohnes, erzählte. Er hatte eine Angst vor neuen Aufregungen. Er konnte sich ja nicht denken, welche – aber er wurde innerlich schon ganz leidenschaftlich und gereizt, daß man ihm nie und nimmer seine Ruhe ließ. Er blickte fast unverwandt nach dem Gartengitter, und auch seine Frau saß wie auf Kohlen. Und ohne daß man eigentlich merkte, woher das kam, erlahmte allmählich das Gespräch. Eine gewisse Unruhe ging von dem Hausherrn und der Hausfrau und ihren Töchtern auf die anderen über. Man war in einer unbehaglichen Spannung. Man wartete ... ohne zu wissen, auf was. Und eben als solch eine allgemeine Stockung in der Unterhaltung eingetreten war, stand plötzlich ein Mensch mit einem Köfferchen in der Hand mitten im Garten. Es war der Diener aus Maurice Bürks Pension. Er hatte in der Dunkelheit den Hintereingang verfehlt und fand nun nicht recht weiter. Lizzie erkannte ihn und trat auf ihn zu. Er gab ihr ein Zettelchen. Aber sie konnte es in der Erregung nicht lesen. Und nun schaute ihr schon Frau Konstanze Burck, die den Entschluß gefaßt und sich den Weg frei gemacht hatte, über die Schulter und entzifferte es, erst halblaut, dann murmelnd ... es war nur eine Liste von etwas Wäsche und anderen Gegenständen, deren Zusendung durch den Boten sich Barbara von ihrer Schwester für diese Nacht erbat – und sie stutzte und begriff jählings, und als ihr nun Lizzie verstört zuraunte: »Sie ist fort« – wiederholte sie das in lautem Entsetzen und noch lauter Frau von Heinreichs bang gezischeltes: »Sie will in London Robert heiraten!«, so daß alles aufsprang und Otto Burck in Eile den Diener wegschickte und, selbst ganz blaß geworden, zu ihr hintrat: »Sei doch still! ... Um Gottes willen ... sei doch still.« Aber nun hatte sie die Fassung verloren. Nun kümmerte sie nichts mehr, auch nicht die Anwesenheit der Gäste. Die Baden-Badener Kulturtünche fiel. Sie schrie abermals: »Sie ist fort! ... Sie will ihn heiraten ... Und ihr laßt's geschehen ... Otto ... und du stehst da ...« »So sei doch still!« Er beschwor sie immer wieder, mit einem ratlosen Blick auf die Eingeladenen. Aber sie war wie von Sinnen: »Sie ist fort! ... Einfach fort! ... Läuft aus dem Hause wie eine Schlampe! ... Und schämt sich nicht einmal! Das erlebt man an seinen Kindern! So wird einem die Liebe und Treue gelohnt. Nun sind wir so weit, Otto! Und nun wird man mit den Fingern auf uns weisen. Man wird ...« »Jetzt mäßigst du dich ... auf der Stelle!« Ihr Mann konnte kaum mehr seine Fassung bewahren. Er zitterte an allen Gliedern. Aber sie hörte gar nicht auf ihn. Sie rief dem Diener nach, der sie gar nicht mehr hörte: »Hier wird nichts gegeben ... nichts ... nichts! ... Sagen Sie dem Fräulein ... sie könnte bleiben, wo sie wollte ... das kümmere hier niemanden mehr ... und möge sich hier nicht mehr sehen lassen ... das riete ich ihr ... zu ihrem eigenen Besten ...« »Ich habe zu reden!« unterbrach sie Otto Burck. Er hatte die Fäuste geballt. Aber sie redete sich in immer blindere Wut hinein. »Also das ist das letzte! ... Aus ist's! ... Mögen sie in Gottesnamen betteln gehen, wenn sie's so freut ... sie samt ihrem sauberen Angestellten ... dieser Mensch! ...Aber sie sind einander würdig ... sie verdienen einander ... sie ihn ... und er diese ... diese Person ...« »Du sprichst von meinem Kind!« schrie plötzlich Otto Burck mit einem Ton, daß alles zusammenfuhr. Sein Gesicht hatte sich dunkelrot gefärbt. Seine Frau prallte ein paar Schritte von ihm zurück, mitten in dem Ausbruch ihrer Leidenschaft, in dem sie endlich einmal ganz sie selbst war, mit den Instinkten der Unbildung, dem Temperament der reich gewordenen deutsch-polnischen Familie, aus der sie stammte. Sie wich immer mehr nach hinten. Aber er ging ihr nach und schrie immer lauter. Er hatte jetzt auch jede Fassung verloren. Um die Gäste scherten sie sich beide nicht mehr. Die Töchter schluchzten laut und krampfhaft. Das ganze Haus Burck verlor plötzlich den Untergrund. Es schwankte und stürzte wie ein Haufen Kartenblätter zusammen. Frau Konstanze Burck zog sich immer weiter vor ihrem Gatten zurück, gegen das Haus zu. Es war seltsam zu sehen – diese große, starke Frau, die dem viel kleinerem Manne nicht standzuhalten wagte, aus Angst, er könne ihr etwas antun, wie er ihr da folgte, mit den Fäusten fuchtelnd, ganz verwandelt von einem Zorn und fortwährend, ohne daß irgend jemand dagegen sprach, wiederholend: »Du sprichst von meinem Kind ... du sprichst von meinem Kind ...« Seine Stimme überschlug sich schließlich. Er mußte Atem schöpfen. Diesen Augenblick benutzte Frau Konstanze Burck, um sich zur Wehr zu setzen: »Es ist doch auch mein Kind! Was willst du denn eigentlich?« Aber da erschrak sie. Nun brach er los. Alles bisher war nichts dagegen gewesen. Weder sie noch sonst jemand aus der Familie hätte dem stillen, alten Herrn das zugetraut. Er kannte sich selbst nicht mehr. Es war, als schrie aus ihm ein ganz Fremder seine Worte. Aber die Worte waren Wahrheit. Endlich! Nur jetzt heraus mit allem ... mit allem, was durch Jahre und Jahrzehnte stillgelegen und geschlafen hatte ... »Nein. Es ist nicht dein Kind!« Er schüttelte die beiden Schwiegersöhne, die ihn beruhigen wollten, von sich und gab dem schwächlichen Franzl Hafner einen kräftigen Stoß. »Kinder hat man nur, wenn man sie lieb hat. Sonst sind das fremde Kinder und bleiben einem fremd und gehen ihre Wege! So hast du's gemacht. Die Lieblosigkeit selber warst du ... immer ... überall ... gegen alle ... dadurch hast du das Haus so leer und öde gemacht. Jeder ist gerne daraus herausgegangen ... da die Anna ... die Lizzie ... Glaubst du, denen liegt etwas an uns? Gar nichts liegt ihnen daran!« Er wehrte mit der Hand das verzweifelte Geschluchze der beiden jungen Frauen ab. »Ach ... laßt nur ... ich kenn' euch doch ... Wenn der Alte nur Geld herausrückt, weiter hat er keinen Zweck ...« Und wieder wandte er sich an seine Frau, die ganz fahl geworden war und mit halboffenem Mund und herabhängenden Armen in ungläubigem Schrecken sich nicht mehr rührte. »Was die Kinder hätten empfinden können, das hast du immer getötet mit deiner Lieblosigkeit! Mich auch! Ich bin ein alter, müder Mann geworden vor der Zeit, durch dich! ... Nun hab' ich noch die Barbara gehabt, nun hast du mir auch die aus dem Hause getrieben ...« »Hab' ich sie denn gehen heißen!« ächzte Frau Konstanze Burck. Er schrie: »Ja ... du! Wo ich schonend mit ihr war, da warst du hart ... Man hätte Mitleid mit ihr haben müssen, statt dessen hast du sie bis aufs Blut gereizt. Jedes Wort von dir war ein Nadelstich ... und eine Dummheit und eine Taktlosigkeit dazu ... ja ... dafür kannst du freilich nicht ... so bist du nun einmal ... so verdirbst du mir alles im Leben ... so hast du mir immer alles verdorben ... jetzt auch dies letzte ... jetzt steh' ich glücklich ganz allein mit all meinen Sorgen und Geschäften da ...« Plötzlich schloß er mit einem jähen Gedankengang und sagte, sich umschauend, gedämpfter: »Ich möchte wirklich wissen, warum ich dich geheiratet hab'! Es wäre viel besser gewesen, ich hätte es nicht getan!« Draußen, unter den Ohrenzeugen auf der Straße, lachte jemand. Das reizte ihn, und er fuhr seinen Schwager Pauluscha, der düster und majestätisch vor ihn trat, an: »Du sei nur still, du Bajazzo! Warum dich der liebe Gott überhaupt geschaffen hat, das ist ihm allein bekannt ...« »Ja. und das sagst du mir so einfach ins Gesicht?« Onkel Pauluscha wich erschüttert zurück. »Ich hab' es dir schon lange sagen wollen!« meinte der alte Herr. Er hatte jetzt seine Haltung wiedergefunden. »Seit wir uns kennen, hab' ich dir's sagen wollen! Du warst mir immer ein Greuel. Aber ich habe geschwiegen und Rücksicht genommen ... stets ... auf jeden ... und mir tut jeder weh, wie's ihm gerade paßt. Na ... nun ... nun hab' ich reinen Tisch gemacht – in Gottesnamen auch mit dir ...« Frau Konstanze Burck war inzwischen längst in das Haus geflohen und hatte sich in ihrem Zimmer eingeriegelt. Von dort hörte man ihre Weinkrämpfe. Das Mädchen lief nach dem Arzt. Auf der Straße überholte sie die letzten Gäste, die sich still beiseite geschlagen hatten. Nur ein junger Offizier erkannte sie und fragte: »Sagen Sie mal, Kindchen: Geht das bei den Herrschaften immer so zu?« Er verstummte sofort wieder auf einen warnenden Blick seines schweigsamen und in übelster Laune befindlichen Kommandeurs. Der Rittermeister von Heinreich war mit seinem Schwager und ihren beiden Frauen in das Haus getreten. Dort standen sie in dem taghell erleuchteten, für zwanzig, dreißig Personen gerichteten großen Saal mitten unter dem Kronleuchter und berieten sich mit bleichen Gesichtern. Otto Burck fand sich nun, allmählich wieder ganz zu sich gekommen, auf einmal allein in dem weiten Garten, auf dem Kiesplatz mit den leeren, unordentlich durcheinander geschobenen Stühlen, dem verlassenen, mit halbvollen Bowlengläsern besetzten Rundtisch, auf dessen Kanten noch ein paar in der Eile des Aufbruchs weggelegte Zigarren glimmten. Auch die dunklen Menschengruppen auf der Straße hatten sich; als es nichts mehr zu hören und zu sehen gab, verloren. Es war ganz still. Nur die Hunde bellten da und dort aus fernen Villen durch die Nacht, und gedämpfte Musik tönte von dem Konversationshaus. Plötzlich erfaßte Otto Burck in dieser Vereinsamung ein Gefühl von unbestimmter Angst. Er ging, langsam und bedächtig, mit abgemessenen Schritten wie sonst, in die Villa hinein und stieg zu seinem Arbeitsgemach empor. Nun lag der Garten völlig menschenleer, voll und hell von den vielfarbigen, papierenen Festlampen, die überall schaukelten und glühten. Dann kam der Gärtner, behutsam und leise, um die Herrschaft drinnen nicht zu stören, und blies eine nach der anderen aus, und die italienische Nacht hatte ihr Ende, und alles wurde finster. Drinnen saß der Hausherr am Schreibtisch. Er hatte sich auf einmal in den Kopf gesetzt, daß er jetzt arbeiten müsse – jetzt gerade! – und kramte eigensinnig in den Stößen von Geschäftspapieren, die vor ihm lagen. Er fuhr sich aufseufzend mit der Hand über die Stirne, und alle Buchstaben und Zahlen tanzten ihm vor den Augen. Er gab sich wieder einen Ruck und murmelte halb geistesabwesend: »Wo sind nur die Wechsel? ... Wo sind Sie nur?« Dann ließ er schließlich alles sinken und starrte, die Hände im Schoß, vor sich hin, in den verschleierten Glanz der Lampe, als ein müder Mann ... So fand ihn seine älteste Tochter, als sie zu ihm hineinkam. Frau von Heinreich war außer sich. Sie zitterte bis in die Fingerspitzen. Ihr Mann war lieber gar nicht mitgekommen. Der ging unten mit langen Schritten auf und ab, daß die Sporen klirrten und das Parkett krachte, und hatte nur geäußert: »Das ist unmöglich! Diese Indianertänze der Schwiegereltern vor versammelten Gästen! – und draußen der Beifall des Volkes am Zaun! ... Man habe ja förmlich mit dem Teller einsammeln können am Schluß der Vorstellung ... Kinder und Soldaten die Hälfte! Damit müsse Schluß gemacht werden, was ihn betreffe – unter allen Umständen ...!« Und die elegante, tränenüberströmte junge Offiziersfrau überhäufte jetzt ihren Vater mit Vorwürfen: »Papa – wodurch hab' ich das verdient – diese blutige Blamage? Wo ich alles daran gesetzt hab', aber auch alles, um mir eine Position im Regiment zu schaffen – du weißt nicht, was man da auch manchmal herunterschlucken muß als Bürgerliche – ich sag' euch auch nicht alles –, und ich hab's erreicht und alle sind nett zu mir und zu euch, und der neue Oberst, vor dem wir soviel Angst gehabt haben, kommt selbst zu dir – nein – da müßt ihr einem die ganze Geschichte verderben ... Als ob ihr's euch ausgerechnet hättet, aber auch gleich alles in Stücke zu schlagen ... so wie wenn unser Bursche mit dem Porzellan die Treppe heruntersegelt, daß es nur so klirrt. Was sollen die Herren im Regiment denn um Gottes willen glauben, wo ich herkomm'! ... Aber nun ist's zu spät! Nun ist das Unglück fertig ... Wie sollen wir uns denn jetzt noch halten ...? Wenn wir nun in nächster Zeit eines schönen Morgens in einem Dorf aufwachen, dann wundere dich nicht! Und dann muß Werner natürlich seinen Abschied nehmen, und dann mußt du ...« Sie wollte fortfahren: »... und dann mußt du uns doch ein Gut kaufen, was du nie hast tun wollen« – aber sie hielt an sich. Sie fühlte: dazu war jetzt doch nicht die Zeit. Um so schonungsloser war nun wieder Lizzie, die ihr gefolgt war, in ihrem Zorn. Sie lösten sich darin ab. Gerade heut' diese Szene! Vor ihren Wiener Bekannten. Sie könne sich dort ja gar nicht mehr sehen lassen. Und das alles wegen der Barbara ... dem dummen Fratz. »Ihr schließt euch doch sonst immer ein, eh' ihr euch zankt«, endete sie weinend. »Es braucht's doch nicht jeder gleich zu wissen ... aber bis ins Hotel drüben haben sie's gehört und gefragt, was bei uns los ist ... Jesus, Maria und Joseph – mir klingen noch die Ohren. Solch einen Schrecken hab' ich mein Lebzeit noch nicht gehabt.« Und Frau von Heinreich setzte, nun etwas gesammelter, hinzu: »Papa ... Werner und ich sind da derselben Meinung. Wir müssen morgen früh in die Garnison zurück! Lieber auf den Urlaub verzichten! Aber wir dürfen jetzt dem Oberst nicht von der Seite gehen! Wir müssen ihm Aufklärungen zu geben suchen ... und den anderen auch ... denn wenn sich das noch ein paar Wochen in unserer Abwesenheit herumspricht ... retten wir eben, was zu retten ist ... viel wird's ja nicht mehr helfen ...« Und nun hatte auch Frau von Hafner durch das Beispiel der Schwester ihren vollen Trotz gewonnen und erklärte: »Und ich fahr' mit dem Franzi heim nach Wien! Das wird eine Freude geben, die Schandmäuler stopfen – eins nach dem anderen – und wenn's letzte zu ist, tut sich's erste wieder auf ... aber die Anna hat ganz recht. Wir können dir da nicht helfen ... Wir müssen fort ...« Zu ihrem Erstaunen stand ihr Vater, der die ganze Zeit geschwiegen und trübe vor sich hingeschaut hatte, plötzlich ruhig auf, ging zur Tür und öffnete die. »So!« sagte er. »Ich warte nicht erst lange, bis ihr geht! Ich schicke euch heim!« Und während die beiden jungen Frauen sich verständnislos ansahen, fügte er mit einer gelassenen Stimme, durch die nur ein leichtes, unterdrücktes Beben klang, hinzu: »Macht nur, daß ihr wegkommt! Geht nur zu euren Männern! In euer Haus! Erzieht dort eure Kinder, statt eurem alten Vater Verhaltungsmaßregeln zu geben! Wenn ich euch einmal wieder sehen will, werde ich es euch sagen lassen ...« »Aber, Papa ...« Anna von Heinreich war von neuem erschrocken. Und ebenso Lizzie. So hatten sie ihren Vater noch nie gesehen. Er war ganz verwandelt diesen Abend – und sah sie so sonderbar an, vom Schreibtisch her, während sie, die feuchten Taschentücher ratlos in den Händen knüllend, beisammen in der Mitte des Zimmers standen. »Also Kinder ... gute Reise!« sagte er trocken und nahm weiter von ihrer Anwesenheit keine Notiz, sondern vertiefte sich in die Rimesse, die er glücklich gefunden und prüfte aufmerksam den Namenszug auf der Rückseite des Papierstreifens. Die beiden Weltdamen schlichen schließlich scheu aus dem Zimmer. Da atmete Otto Burck auf und trat an das Fenster und schaute in das Dunkel hinaus. Und sann darüber nach, wie wenig doch im Grunde dazu gehörte, um solch einen Kreis von Menschen, die in Jahrzehnten durch Verwandtschaft und Geschäft verbunden und aufeinander angewiesen waren, zu sprengen. Der innere Zusammenhang fehlte. Eigentlich waren sie sich doch immer fremd geblieben. Es war nie ein rechtes, wahres Familienleben gewesen. Es zerriß jetzt noch nachträglich, nach Jahrzehnten, wie ein Spinnweb durch ein paar laute Worte. Nun war er frei und allein. Ganz allein. Und in der tiefen, jählings hereingebrochenen Einsamkeit, die Otto Burck plötzlich umgab, dachte er an seine Jüngste und sehnte sich nach ihr. Sie war ihm immer die Liebste gewesen. Nun war sie doch von ihm weg. Und das war das beste Mittel, Otto Burck zu etwas zu zwingen. Je weniger Liebe man ihm erwies, desto mehr brachte er aus sich hervor, damit das Gleichmaß wiederhergestellt werde. Und so bangte er sich jetzt, wo plötzlich sein ganzes Haus unheimlich lichterhell und ausgestorben dalag, gerade nach seiner Barbara, die alle Schuld daran trug – mit einer unwilligen Zärtlichkeit, deren er sich selber schämte und in die sich schon eine leise Reue mischte. Barbara hatte ihn in dieser Stunde ganz aus dem Sinn verloren und alle oben in der Villa Burck, von deren Katastrophen sie noch nichts ahnte. Sie saß im Salon der Tante Yvonne, Hand in Hand mit Robert. Es konnte keine angenehmere Hüterin ihres Beisammenseins geben als Madame Maurice Bürk, die kein Wort von dem verstand, was sie sich auf deutsch zuflüsterten und zulachten, und zudem, um ihren französischen Roman bequemer durchblättern zu können, ihren Sessel so gedreht hatte, daß sie jenen den Rücken zuwandte und nicht sah, wenn sie sich küßten. Noch weniger hörte sie es. Sie war wie von einer plötzlichen Taubheit befallen, und auf ihrem lustigen Gamingesicht, dessen dunkles Schnurrbärtchen deutlich durch die dichte weiße Puderschicht schimmerte, lag ein Ausdruck mütterlichen Wohlwollens und tiefster Selbstzufriedenheit. Ihr Mann hatte vom Diener die abendliche Magenverpackung bekommen und lag, in ein weißes Laken gewickelt, in stoischer Ruhe nebenan und blies sich die krabbelnden Fliegen von der Nasenspitze weg. Er dachte in der träumerischen Frankfurter Duselstimmung, die ihn heute nicht mehr verließ, an einst ... an die Jugend ... und wie alles gekommen war ... und wie es hätte kommen können, vor vierzig Jahren ... enfin ... tout passe – er war zum Philosophen geworden in seinem langen Boulevardleben, und schließlich schnarchte er friedlich. Drinnen tuschelten Robert und Barbara weiter und sprachen von ihrer Zukunft. Er sagte: »Es wird einem ja weiß Gott nicht leicht, auf das zu verzichten, was dein Vater geboten hat. Es ist ja nicht das persönliche Wohlleben – oder die Eitelkeit, daß man nun auf einmal der große Mann ist – aber die Möglichkeit, so recht aus dem vollen zu wirtschaften, zu zeigen, was in einem steckt – es zuckt mir vor Ungeduld bis in die Fingerspitzen – nun – das hat nicht sein sollen, und es gab da auch natürlich gar kein überlegen – ein netter Handel das, seinen alten Vater um dreißig Silberlinge zu verschachern – aber freilich ...« Er zog ein Bündel Depeschen aus der Tasche. »Da schau, darauf verwendet Papa den Hundertmarkschein, den ich ihm bei der Abreise gegeben hab' ... Er ist großmütig und läßt die Post etwas verdienen. Jeden Tag kommen ein paar Telegramme. Ich antworte schon gar nicht mehr.« Er reichte ihr die Blätter. »Da lies! Ist das nicht zum Verzweifeln? Immer wieder die Frage: Wie lange soll ich noch warten? Wann wird eure Verlobung endlich öffentlich bekanntgegeben? Wann habe ich den Rückhalt an deinem künftigen Schwiegervater? – Ja – großer Gott – ich kann ihm doch nicht antworten: Der einzige Grund, weswegen das alles nicht geschieht, das bist ja eben du! Du bist der Stein des Anstoßes! Dann geht er ganz rücksichtslos gegen deinen Vater vor ...« Sie waren beide verstummt. Diese schwarze Wolke über ihnen paßte so gar nicht zu ihrer glücklichen Stimmung. Die verdüsterte sie ihnen ganz unnütz. Und plötzlich weiteten sich Barbaras Augen, und sie schaute ungläubig hinaus auf die Straße, und sein Blick folgte ihr. Der nasse Bürgersteig war ganz menschenleer. Nur dort, neben der Laterne, stand jemand, und der Regen tröpfelte auf seinen aufgespannten Schirm. Der kleine alte Herr, der sich da unbemerkt glaubte – das war Otto Burck. Seine Stiefel waren schmutzig, seine Kleider feucht, der Wind blies um die Straßenecke und ließ die Laterne über ihm flackern. Oben flüsterte Barbara erschrocken: »Ach Gott! ... Der arme Papa! ...« »So laufe doch hinunter ... rede mit ihm ... hol ihn!« »Ach Gott ... bis ich erst dem Diener klingle ... bis der mir das Haustor aufschließt ... da ist er schon weg!« Sie griff nach der Fensterklinke und drehte sie auf, die Scheibe klirrte unter ihrer hastigen Bewegung. Otto Burck hörte es. Er erschrak. Er sah sich entdeckt. Und während sie den Oberkörper hinausbog, um nach ihm zu rufen, trat er schnell, scheu, wie ein Schatten, um die Ecke und verschwand, und es war nichts mehr auf der Straße als Mondschein und Regengeplätscher, und ganz in der Ferne verloren sich eilige Schritte. Barbara wiederholte schuldbewußt: »Ach Gott ... der arme Papa!« Sie trocknete sich die herausbrechenden Tränen. Robert aber tröstete sie. »Er kommt ja wieder!« »Glaubst du?« »Wenn er jetzt schon den Weg bis da unten hin gefunden hat, dann findet er ihn auch bis in das Zimmer und zu dir! Er hat dich ja viel zu lieb. Das ist ja auch wahrhaftig kein Wunder. Das geht allen so!« Und bei diesem Ausblick erfaßte sie plötzlich beide ein Übermut des Glücks und der Hoffnungsfreudigkeit. Sie lachten und jubelten halblaut, ohne mehr daran zu denken, mit wie traurigem Gesicht der alte Burck in die Nacht hinausgeflohen war, sie umschlangen und küßten einander, bis Madame Bürk verschlafen auffuhr und dann sich räusperte und nach der Uhr sah. Das hieß: »Junger Mann – es geht auf elf!« – Und ihr Neffe bat um die Erlaubnis, nur noch, ehe er sich empfehle, eine Depesche an seinen Vater zu Papier zu bringen, die er dann unterwegs am Nachtschalter der Post aufgeben wollte. Er und Barbara tauschten einen Blick. Jetzt hatte man schon sicheren Boden unter den Füßen. Es war nicht mehr ganz eine fromme Lüge, was man John Burke telegraphieren mußte, um ihn hinzuhalten. Robert schrieb: »Otto Burck hat unserer Verlobung grundsätzlich zugestimmt. Die Differenz ist nur noch über einen einzigen Punkt. Auch der muß sich klären. Habe Geduld und warte!« »So!« Er stand auf und steckte das Blatt in die Tasche. Die beiden küßten sich zum letzten Male – Tante Yvonne war geräuschlos im Nebenzimmer verschwunden – und waren einen Augenblick ernst bei dem Gedanken an die ewige Not, die von da drüben, von London her, drohte. Aber dann mußten sie wieder über das närrische Zeug lachen, mit dem all die anderen Leute auf Erden sich plagten, und umarmten sich stürmisch, und sie winkte ihm durch das offene Fenster noch ein »Gute Nacht!« auf die Straße hinaus nach. Achtes Kapitel »Ja ... Katzerl ... so ist das alles gekommen!« sagte Leopold von Hafner am nächsten Tag zu Barbara. Er saß ihr in der Pension von Maurice Bürks gegenüber. Von der Seite beschien die Sonne durch die Fenstervorhänge seinen bildschönen, weichlichen, gutmütig lächelnden Graukopf. Er war wie immer jugendlich-auffallend, mit peinlicher und dabei doch scheinbar nachlässiger Eleganz gekleidet. Ein seiner Duft irgendeines der großen Menge noch unbekannten neuen Parfüms ging von ihm aus – in den Lackschuhen schimmerten unter den kokett geknüpften Schleifchen die genau zur Krawattenfarbe passenden Socken aus taubengrauer Seide – wenn die Welt unterging, erbat der schöne Poldi jedenfalls vorher noch eine Viertelstunde Zeit, um seine Toilette zu machen. Dann störte ihn nichts – auch nicht die Katastrophe in der Villa Burck. Aber sonst schuf ihm, der als Wiener Lebenskünstler immer für Verträglichkeit und Gehenlassen war, die ganze Sache doch viel Unbehagen. Also Heinreichs waren wirklich heute morgen in ihre Garnison gereist, blindlings, in Todesangst um ihre Karriere – sie ganz verweint. Denn sie hatte, wie sie erklärte, die halbe Nacht von langen, entsetzlich langen Reihen blauer vierrädriger Wagen geträumt, die ihr Mann in einem Dorf mit Brrr! und Hüh! lenkte. Was Lizzie betraf, so war das ja eigentlich ein guter Kerl. Sie hatte heute früh doch noch geschwankt, ob sie nicht dableiben solle. Ihre Existenz in Wien, die heiligsten Güter standen auf dem Spiel. Sie hatte ihre Koffer gepackt und ihrem Mann befohlen, sich bereit zu halten. Am zwei Uhr ging ihr Zug. »Wir wollen ja gar nicht fort«, hatte sie dabei weinend gesagt. »Aber der Vater schickt einen ja heim wie die Schulkinder ...« Die Hauptsache blieb, wie Otto Burck mit seiner Frau stand. Und da war Onkel Poldi verwundert. »Sie war ja immer zuwider, deine Mutter ... verzeih, wenn ich das so sag' – aber ich bin ja auch kein heuriger Has mehr – ich darf schon einmal offen reden ... ich mag die grantigen Leut' in den Tod nicht leiden, und sie hat deinem Vater schon früher, wie ihr noch klein wart und das nicht so habt wissen können, das Leben sauer gemacht. Damals hat man eine Zeitlang gedacht, sie lassen sich scheiden. Nachher, da haben sie sich ja aneinander gewöhnt, 's ist ja auch das beste, man trägt halt sein Binkl im Leben ...« Das konnte Leopold von Hafner leicht sagen. Ihn drückte nichts. Er war jugendfrisch und liebenswürdig und dabei ein genau so kluger Geschäftsmann wie vor dreißig Jahren. Nicht als ob gerade an ihm das Schicksal mit seinen Schlägen vorübergegangen wäre. Aber er besah die Gabe, sie nicht schwer zu empfinden. Er bot ihnen auch weniger Angriffsflächen als andere. Er stand ja ganz allein und war damit zufrieden. Für seine tote Frau ließ er gewissenhaft jedes Jahr eine Seelenmesse lesen und besuchte am Allerseelentag ihr Grab, um es neu zu schmücken. Aber sonst sprach er ganz freundlich gelassen von ihr. Ein sonniger Egoismus, der dem Nächsten nie weh tat, wappnete ihn gegen die Außenwelt. Anders war das bei Frau Konstanze Burck. »Schau. Barbara – ich kann die selbstsüchtigen Leute nicht ausstehen!« sagte er. »Und deine Mutter ist's! Und hart dazu! ... Und leidenschaftlich! Mit der ist nicht leicht Kirschen essen! Das weiß ich. Aber daß sie jetzt wirklich Ernst macht – das hätt' ich doch nicht gedacht.« »Ja, was tut sie denn?« »Sie will auf einige Zeit verreisen! Sie bereitet schon alles vor. Schau, das Ganze ist bei deiner Mutter halt eine Kraftprobe! Sie will, daß dein Vater ›pater, peccavi‹ sagt – nein ... ›mater, peccavi‹ muß es da heißen. Aber bislang sitzt er still und muckst sich noch nicht.« Ihr Onkel nahm seinen Panama – ein Prachtstück, das Hunderte von Mark gekostet und das er jeden Morgen vor dem Spiegel in einer neuen Form seinem klassischen Kopfe anschmiegte – und rüstete sich zum Gehen. »Warten wir halt ab«, sagte er tröstend. »Weißt, Barbara – ich denk' mir immer, die Menschen sind wie kleine Kinder! ... Da muß man über sie lachen und kommt am leichtesten mit ihnen aus, weil man ihnen nicht bös werden kann! Und unter den kleinen Kindern ist man selber das größte Kind, das muß man freilich wissen, sonst ist's gefehlt ...« »Ach, Onkel Poldi – deine Weisheit ...« »Die habt ihr mich gelehrt!« sagte Leopold von Hafner gutmütig und deutete dabei mit dem Zeigefinger auf Barbaras schönes Gesicht. »Die Mannsleute haben mich nie viel gekümmert. Die sind nur gut zum Geschäftemachen und Tarockspielen! ...« Damit ging er. Und daß er mit seinen Unglücksbotschaften recht gehabt hatte, erkannte Barbara, als sie am späteren Nachmittag mit Robert und den Bürks auf der Lichtentaler Allee stand, um die Heimfahrt von den Rennen anzusehen. Das war lange nicht mehr so glanzvoll wie vor vielen Jahren, als noch keine Eisenbahn nach Iffezheim führte und die Automobile noch nicht erfunden waren. Aber immerhin rollten noch Wagen genug vorbei, strahlende junge Amerikanerinnen hoch oben auf dem Bock neben europäischen, das Gespann lenkenden Turfgrößen, unglaublich viel gelbliche, verkommene und degenerierte Gestalten des Auslands in ihnen – Spieler, Buchmacher, Pariser Halbwelt und ehrbare Deutsche – alles bunt hintereinander. Und diesem ganzen Korso fuhr plötzlich, als eine Seltenheit, der sich alle Blicke zuwandten, eine Taxe entgegen, in der Richtung nach dem Bahnhof, oben auf dem flachen und umgitterten Dach mit Koffern beladen. Barbara schaute, als sie vorbeikam, hinein und erkannte ihre Mutter. Sie saß im Reisekleid, aufrecht, mit einem steinernen und harten Gesicht, neben Onkel Pauluscha, der sehr düster, aber gefaßt dreinblickte. So reisten sie zusammen nach Ostende, und Barbara durchschoß, ohne daß die draußen sie bemerkten, blitzschnell der Gedanke: So. Nun hab' ich meinen Vater wieder! Eine Hoffnung sagte ihr, daß er nun doch sicher zu ihr kommen oder ihr doch wenigstens schreiben werde. Aber der Abend verstrich und der nächste Vormittag, ohne daß er etwas von sich vernehmen ließ, und nun fand sie keine Ruhe mehr. Sie machte sich hastig zum Ausgehen fertig und eilte hinauf zu der Villa Burck. Nie war ihr das Gedränge am Tennisplatz und auf den Promenaden so hinderlich gewesen wie auf diesem kurzen Weg. Aber endlich stand sie doch vor dem Elternhaus. Sie mußte daran denken, wie sie es vor wenigen Tagen zum letzten Male verlassen hatte, um mit zum Rennen zu fahren – damals alles voll von Menschen, am grünen Parkgeäst schon die bunten Ampeln für die italienische Nacht am Abend – und nun diese Stille – diese unheimliche Totenstille. Die Läden im Erdgeschoß waren herabgelassen, die Hühner aus dem Hof hinten emsig auf den Beeten pickend und scharrend – niemand da, der ihnen wehrte – und dabei das Haustor nicht einmal verschlossen. Sie konnte ungehindert aus der Sonnenhelle draußen in den halbdunklen Flur treten, und ihr erster unwillkürlicher Gedanke war dabei: O Gott – was mag hier jetzt alles gestohlen werden –! Dann schüttelte sie das ab. Das waren alles nur Kleinigkeiten. Sie schöpfte noch einmal tief Atem und stieg dann leise, behutsam wie ein Dieb, die Treppe hinauf zum Arbeitszimmer ihres Vaters. Auch da stand die Tür der Hitze wegen offen, und innen an seinem Tisch saß er und murmelte und rechnete vor sich hin. Er sah ganz aus wie sonst, als er ihr langsam den Blick zuwandte. Er schien auch gar nicht weiter erstaunt, sie vor sich zu sehen. Er fragte in einem ruhigen, eigentlich wenig freundlichen Ton: »Du bist's, Barbara ...?« »Ja. Papa!« Sie schwiegen. Sie faßte Wut und trat bis dicht vor ihn an den Tisch. Er hob den Kopf: »Was willst du denn hier?« Und ohne ihre Antwort abzuwarten, setzte er ungeduldig hinzu: »Ich denke, hier paßt es dir nicht mehr! Du bist doch fort. Niemandem paßt es hier mehr. Alle sind fort. Also, was willst du denn noch hier?« »Ich will zu dir, Papa!« Sein gereizter Ton tat ihr weh. Ihre Stimme zitterte. Sie hatte einen anderen Empfang erhofft – viel mehr Rührung, Vorwürfe, alles durcheinander. Aber sie beherrschte sich und unterdrückte ihre Tränen. Sie fühlte, ihr Vater verstellte sich nur. Er sagte trocken: »Zu mir will niemand mehr. Also, warum suchst denn du mich auf einmal auf? Fahr du doch nach Paris! Da ist es viel lustiger als hier, in diesem Hause! Da wirst du dich auch amüsieren.« »Papa ...« Mehr konnte sie nicht sagen. Er schüttelte leise abwehrend den Kopf und sah sie forschend von unten, von seinem Sessel herauf, an. Es war ein Mißtrauen gegen alle Menschen in diesem Blick. Den konnte sie nicht mehr ertragen. Ihr Vater tat ihr so leid. Und plötzlich bemerkte sie: Es zuckte um seine Lippen – er konnte nicht mehr ganz an sich halten – er machte eine kleine Bewegung – mehr der Gedanke daran, die Arme auszubreiten, als daß er es wirklich tat – und sie beugte sich zu ihm nieder – es schien, er erwartete, daß sie vor ihm hinknien wolle, um ihn um Verzeihung zu bitten, und er wollte es hindern – aber sie tat es gar nicht. Sie setzte sich ihm einfach auf den Schoß und schlang ihre Arme um seinen Hals, halb lachend und halb weinend, und bedeckte seinen Graukopf und die gefurchten Wangen und den Hals und die Ohren und was sie traf mit zärtlichen Küssen, und drückte, da er ihr nicht wehrte, ihre Lippen immer leidenschaftlicher auf ihn, und der alte Herr saß still da und lächelte zufrieden – es lief wie Sonnenschein über die verwitterten Züge – und faltete die Hände im Schoß, und ließ es geduldig geschehen und sagte endlich: »Ja ... das Küssen hast du ja nun gelernt – in letzter Zeit – das sieht man ... aber nun höre auf. Barbara, es ist wirklich genug ... ich bin schon ganz erstickt ...« Sie fügte sich. Aber zuvor hielt sie ihm nur den Mund hin. Erst sollte er ihr den Versöhnungskuß geben – und er tat es ... zuerst auf die Stirn, dann auf die Lippen – und nun glitt sie leichtfüßig von seinen Knien, und er stand auf, und es war ohne viel Worte alles geschehen und in Ordnung, und sie waren wieder Vater und Tochter. In Otto Burck war eine Verwandlung vorgegangen. Er tat ein paar Schritte durch das Zimmer, um seiner inneren Erregung Meister zu werden. Barbara sah: Er war viel elastischer als sie gehofft. Eher verjüngt als gealtert. Und sein Auge war ganz klar, seine Miene gleichmütig. Es war, als seien die Schicksalsfügungen der letzten Zeit spurlos an ihm vorübergegangen oder hätten ihm noch gut getan. »Du hast mir gefehlt, Barbara!« sagte er nachdrücklich, vor ihr stehen bleibend. Und sie erwiderte heiter: »Da bin ich ja, Papa!« »Ja, du hast mir gefehlt. Aber, die anderen ...« Er dämpfte seine Stimme und faßte sie vertraulich an einem Fältchen ihrer weißen Seidenbluse. »Barbara, soll ich dir einmal ein großes Geheimnis verraten, das mir in diesen Tagen klar geworden ist?« »Ja, Papa!« »Man soll nicht so feige sein! Man sollte nicht immer stillhalten. Wenn's dann dazu kommt, ist's gar nicht so schlimm. Aber wenn man immer nur lieb und gut ist und tut, was die anderen wollen ...« »Ja, siehst du, Papa, deswegen bin ich ja auch ...« Sie brach ab. Sie wollte das doch nicht vollenden, daß sie ja ohne jeden Gewissenskampf aus dem Hause weg und ihrem Kopf nachgegangen war. Ihr Vater legte ihr die Hand auf die Schulter und schaute ihr prüfend in das Gesicht und sagte endlich: »Ja, gewiß, du bist jung. Aber wer alt ist wie ich ... und trotzdem ...« Er ging wieder lebhaft durch das Zimmer. Er sprach rasch. Er hielt sich sogar etwas gerader, als sonst seine müde Haltung war. Man merkte ihm an, wie froh er war, sich wieder mit einem Menschen zu unterhalten – dem einzigen, den er hatte–, auf den er gewartet hatte. Und er redete nicht mehr als Vater zur Tochter. Es war mehr etwas von einer ebenbürtigen Freundschaft in seinen Worten, die Kameradschaft zwischen den beiden einzigen, die von der ganzen Familie übrig geblieben waren und die wirklich zueinander gehörten. »Also ich bin froh, daß es ein Ende hat, Barbara!« sagte er mit starker Stimme. »Froh bin ich! Und ich bedaure nur, daß es nicht schon früher eingetreten ist. Einmal mußte es ja doch – das sehe ich jetzt nachträglich ein. Eine Lüge kann doch keinen ewigen Bestand haben, und das war doch nur eine Lüge. Wer an der mithilft, dem geschieht es ganz recht, wenn er immer weiter darunter leidet. Hätt' ich gewußt, wie leicht das alles geht und wie leicht einem nachher zumut ist, ich hätte nicht so lange gezaudert. Aber ohne dich wäre ich nicht dazu gekommen! So unrecht du auch natürlich gehandelt hast – nein – nein – bitte – keine Widerrede ... Aber das Geschehene wollen wir nun nicht weiter sprechen – mir hat es doch gut getan. Es war mir ein Wegweiser. Man gehört doch schließlich sich selber ...« Und ruhiger fügte er hinzu: »Nein – das ist falsch. Denen, die einem etwas sind, muß man gehören, aber keine dummen Komödien vor der Welt spielen – ich brauche nur dich, Barbara, sonst niemanden ...« Er überwand sich und sagte dann gedrückt und unsicher und doch so, daß es wie etwas ganz Selbstverständliches herauskommen sollte: »Und jetzt ziehst du doch wieder herauf zu mir ...« In einer Angst, sie könne ihn falsch verstehen, fügte er hastig hinzu: »Du sollst ganz frei sein, Barbara, natürlich, da befürchte nichts, da müssen wir noch sehen, wie sich das ... das alles ordnet ...« »Eben. Papa. Es ist doch noch nichts entschieden. Es steht ja alles nur bei dir! ... Und vorher kann ich doch nicht gut unten von den Bürks fort ...« Der alte Herr sah sie kummervoll an. Sie sagte schnell: »Vor allem, Papa, wenn du mir nicht mehr zürnst, dann, bitte, besuche mich. Es ist wegen der Leute ... daß man sieht: Es ist alles in Ordnung! Das bin ich doch auch Tante Yvonne schuldig – diese Aussicht!« Ihr Vater sagte traurig: »Du bist eben auch wie die anderen! Jeder nutzt seinen Vorteil gegen mich aus! Alle halten sie gegen mich zusammen. Da hast du dich nun da unten verschanzt. Da soll ich dir nun einfach folgen ...« »Aber so ist das doch nicht. Papa!« »Doch!« Er wurde immer bitterer. »Immer soll ich den anderen nachlaufen. Wenn ich mir nur ein bißchen was anmerken lasse, daß mir an jemandem etwas liegt, dann kommt er doch gleich und macht seinen Vorteil geltend und will mich tyrannisieren. Aber damit hat es jetzt ein Ende. Barbara! Das merke dir wohl. Jetzt stehe ich für mich da und kümmere mich den Kuckuck um meinen Nebenmenschen ... verstanden?« »Ja, Papa ...« Sie war sehr kleinlaut und betroffen. Der alte Burck sagte nach einer Weile bedächtig und obenhin, so als fiele ihm eben etwas Geschäftliches ein: »So! Nun geh! Und halt – eh' ich's vergesse: sage doch Maurice Bürk, ich wolle ihn gern dieser Tage noch einmal wegen der Auflösung unserer Aktiengeschichte sprechen ...« »Ich werd' es bestellen, Papa!« Sie wandte sich mit gesenktem Kopf zur Tür. Aber er rief ihr ungeduldig nach: »So warte doch! Richte Onkel Maurice aus, ich käme morgen nachmittag einmal zu ihm heran ... Er schläft ja wohl nach Tisch ... also zur Kaffeezeit ... Ich trinke schließlich eine Tasse mit ... um euch Gesellschaft zu leisten ... Warum siehst du mich denn so an? Was hast du denn zu lachen, du albernes Ding?« »Ich bin ja ganz ernsthaft, Papa!« sagte Barbara und gab sich alle Mühe, ihren Jubel zu unterdrücken. »Also morgen nachmittag um vier ...« »Ja ... ja ... Ich hab' jetzt zu tun. Barbara!« Otto Burck verabschiedete sich von seiner Tochter viel flüchtiger, als es nach der vorhergegangenen Versöhnung zu erwarten gewesen war. Er schob sie, als sie einen unbewachten Augenblick dazu benutzte, um ihm blitzschnell ein paar leidenschaftliche Küsse auf die Wangen zu pressen, beinahe ungeduldig über die Schwelle. Er schämte sich vor seinem Kind, daß er so schwach war und schon wieder nachgab und seiner Haltlosigkeit kaum dies durchsichtige Geschäftsmäntelchen umhing. Er konnte doch nicht anders. Er war bei sich noch froh, daß sie wenigstens nicht ahnte, wie er sich in diesen Tagen, wo er so ganz verlassen gewesen, nach ihr gesehnt und gebangt hatte. Und wirklich sah er am nächsten Nachmittag bei dem alten Pariser und seiner Frau in dem großen hellen Himmel und fühlte sich eigentlich ganz wohl und behaglich auf dem geblümten Sofa, wo er den Ehrenplatz einnahm und die schöne Aussicht auf das grüne Oostal vor Augen hatte. Madame Bürk zügelte ihre unverwüstliche gallische Heiterkeit sorgfältig auf das schickliche Maß. Sie begegnete ihm mit einem zärtlichen Respekt, wie einem eben Genesenen. Ihr Mann hatte nichts von seiner sonstigen trockenen Ironie, sondern räusperte sich wiederholt so teilnahmsvoll, wie es dem alten verknöcherten Boulevardier nur möglich war. Freilich, eine leise Anspielung an sein Frankfurt ... an das vor vierzig Jahren ... die konnte er sich doch nicht versagen, einmal im Lauf des Gesprächs anklingen zu lassen – gewissermaßen als Rechtfertigung, warum Barbara da als sein Gast und sein Schützling mit an seinem Tische saß – und auf der anderen wirkte das gerade heute schwer in seiner jetzigen Stimmung – diese Erinnerung, wie er dereinst dem grauköpfigen Maurice Bürk da neben ihm, der ihm eben besorgt noch Sahne in die Tasse goß, in seinem Jugendeifer einen Strich durch sein Lebensglück gemacht. Es wäre ja nicht geworden ... aber man sollte nicht rechten und nicht richten ... es kam schließlich doch alles anders ... Und in diesem leisen, unbehaglichen Schuldbewußtsein, das durch die Jahrzehnte her wie eine Mahnung anwehte, schaute er mißfällig über den Tisch hinüber nach seiner Tochter, und die fragte erstaunt: »Was hast du denn, Papa? Warum siehst du mich denn so an?« Sie saß allein drüben auf der anderen Seite. Es war auch kein zweiter Stuhl, kein zweites Gedeck neben ihr, und plötzlich wurde Otto Burck, nachdem man noch eine Weile eine gezwungene Unterhaltung über dies und jenes gefühlt, unwillig und klopfte mit dem Zeigefinger auf den Tisch und fragte ungeduldig: »Ja, wie ist das nun eigentlich?« »Was denn, Papa?« »Wo hast du ihn denn nun ...« »Wen? Robert?« »Ja, den Kaiser von China wohl nicht! Glaubst du denn, ich lasse mich hier zum Narren halten? Nun bring' ihn doch schon her ... weit weg wird er ja ohnedies nicht sein ...« Er war sehr ärgerlich bei diesen Worten. Seine Tochter hörte sie gar nicht mehr. Sie war schon zur Tür hinaus und lief die Treppe hinunter in den allgemeinen, kleinen Empfangsraum, wo Robert Burck saß und sich die Zeit mit dem Durchblättern der unzähligen aufliegenden Prospekte und Broschüren über Sanatorien und Winterkurorte und Moor-, Licht- und Solbäder vertrieb, ohne eine Ahnung zu haben, was er las. Er trat gleich darauf wieder mit geröteten Wangen, noch ganz atemlos, mit Barbara in das Zimmer. Sie sahen beide gut aus, wie sie da nebeneinander standen, zwei ungewöhnlich wohlgestaltete, frische, junge, zueinander passende Menschen. Aber Otto Burck schüttelte doch bei ihrem Anblick voll Sorge über seine eigene, immer zunehmende Schwäche ihnen gegenüber den Kopf und sagte auf Roberts ernste Begrüßung nur knapp und ohne ihm die Hand zu geben: »Also setze dich in Gottes Namen zu uns, wenn ihr's schon durchaus wollt – und trink mit uns Kaffee!« – Und ganz vergessend, daß er ja selber eigentlich in Geschäften gekommen, fügte er hinzu: »Aber das bitt' ich mir aus ... nichts von Geschäften zwischen uns ... hier nicht! Hier will ich jetzt endlich einmal meine Ruhe haben ...« Gleich darauf fing er doch selber wieder davon an. Von seinen eigenen Angelegenheiten. Dort hatte es einen neuen Streik gegeben, auf einer seiner Zuckersiedereien. Große Unruhen. Und während er die sonst fatalistisch als etwas unabänderlich Gegebenes betrachtet hatte, sprach er heute von ihnen in einem müden und klagenden Ton. Aus dem klang heraus, daß man Mitleid mit ihm haben müsse, der allein, in seinen Jahren und mit seiner Gesundheit, diese Last auf den Schultern trug. Sein Neffe ging auf das Thema ein und erzählte von seinen Erfahrungen und Erlebnissen in Polen – wie er zur Zeit des großen Nähgarnkampfes, als die Livelpooler alle verfügbare Ware der Welt vor Zollschluß in das Land warfen, dort gearbeitet hatte. Die beiden Kaufleute, der alte und der junge, sprachen weiter vom Geschäft. Barbaras Vater hatte ja ohnedies nichts anderes in diesen Tagen im Kopf haben wollen, wo er, um seine Gedanken zu betäuben, vom Morgen bis zum Abend an seinem Schreibtisch gerechnet hatte. Jetzt war er noch ganz voll davon und redete mit noch mehr Eifer davon als sonst. Seine Züge belebten sich immer mehr, je länger er sich mit seinen Schöpfungen beschäftigte. Die standen fest und sicher! Denen konnte auch die Hingunst der Zeiten nichts anhaben. Es gärte überall. Natürlich auch im Personal der Burckschen Raffinerien. Und im Gedanken daran, im Eifer des Gesprächs, sagte der alte Herr unwillkürlich: »Das wirst du noch selber merken. Robert, wenn du dich erst eingearbeitet hast, daß in der Arbeiterfrage die Hauptschwierigkeit steckt!« – und erst eine rasche Bewegung der beiden anderen ließ ihn jählings verstummen und brachte ihn zu der Erkenntnis, daß er unversehens seine geheimsten Gedanken verraten und den jungen Mann ihm gegenüber nicht nur als Schwiegersohn, sondern auch als künftigen Geschäftsleiter betrachtet hatte ... Wo er doch so genau wußte, daß jener nicht nachgeben würde ... sondern er, Otto Burck – der es doch wahrhaftig nicht nötig hatte – und der es doch tat – Wort um Wort – und Zoll um Zoll. Und wenn er, der Ehrenbürger und Millionär, sich auch nicht hatte träumen lassen, daß er sich je im Leben noch etwas von jemandem würde schenken lassen müssen, so blieb doch, als er nur hastig das Gespräch wieder ablenkte, ein warmer Schimmer in seinen Augen – eine Hoffnung, noch ein Heim auf seine alten Tage zu finden. Nicht, daß er etwa seinen Kindern zur Last fallen wollte! Das brauchten sie wahrhaftig nicht zu befürchten – das war nicht seine Art! Aber er hatte sie doch – er hatte nicht nur Millionen, sondern auch ein paar Menschen – und hatte eben durch sein Geld auch ein gewisses Recht, an ihrem Leben teilzunehmen. Er kam nach Polen zu ihnen und sah einmal nach den Geschäften, er traf sich mit ihnen irgendwo in Westeuropa, wenn sie den Winter im Ausland zubrachten – er wußte: Sein Platz an ihrem Herd war immer für ihn bereit, wenn er einmal ganz alt oder krank wurde. Alles ging schön und gut – alles ordnete sich ineinander – und es blieb immer nur der eine dunkle Punkt – das Skelett in der Familie, an das jeder im stillen dachte und von dem heute keiner sprach. Und endlich sagte Otto Burck zu seinen Kindern, während er aufstand, um sich von den Bürks zu verabschieden: »Begleitet ihr mich noch hinauf in die Villa, ja? ... Wir wollen da noch einmal geschäftlich reden, Robert ...« »Jawohl, Onkel!« Die beiden machten sich eilig fertig und nickten sich verstohlen mit glänzenden Augen zu. Jetzt sah man Land vor sich! Schon ganz in der Nähe! Wenn Otto Burck freiwillig die Verhandlungen noch einmal aufnahm, dann hatte er sich auch schon innerlich zum Nachgeben entschlossen. Und der sagte, während er sich ein paar gar nicht vorhandene Stäubchen vom Rockärmel entfernte und damit angelegentlich beschäftigt erschien: »Wir müssen diese ... diese fatale Geschichte da ... doch schließlich irgendwie ins reine bringen ... nicht wahr? ... Das kann doch nicht so in alle Ewigkeit weitergehen ...« »Du tust ein gutes Werk. Onkel, wenn ...« Der alte Herr wehrte ab und stieg zwischen den beiden bedächtig die Treppe hinab. »Es sollte sich ein Weg finden lassen«, murmelte er vor sich hin, scheinbar im Selbstgespräch und ohne sich um Roberts Worte zu kümmern. »Es ist schwer ... es ist ja furchtbar schwer! ... Barbara ... tu mir die einzige Liebe und schau mich nicht so an, als wärest du ein Schlachtopfer, und ich wollte dich umbringen! Ich bin doch kein Unmensch! Im Gegenteil: ich bin viel zu gut! Ich tu' wegen euch lauter Dinge, die ich gar nicht sollte. Ich mach' mir auch Vorwürfe genug! Das dürft ihr mir glauben!« Und plötzlich wieder ganz zornig geworden, stieß er unten seinen Stock ein paarmal auf die Steinfliesen. »Ich werde geradezu zum Spott durch euch!« sagte er heftig. »Ich weiß es wohl. Und ihr auch. Aber zu unvernünftige Bedingungen darfst du mir nicht stellen, Robert! Das versprichst du mir von vornherein? ...« »Gewiß. Onkel ...« »Da werden wir uns ja also vertragen!« sagte der alte Burck trocken und seufzte, während er das Haustor öffnete. Aber man merkte ihm doch an, wie froh er innerlich war. Er konnte seine Sehnsucht nach Frieden nicht verhehlen. Er war dafür jetzt zu allen Opfern bereit. Und die beiden Jungen tauschten einen Blick, in dem aller Jubel lag, den sie noch nicht laut werden lassen durften. Nun hatten sie es durchgesetzt. Nun stand ihrem Glück bald nichts mehr im Wege. Und sie gaben sich hastig hinter Otto Burcks Rücken einen stürmischen Kuß und drückten sich die Hände, ehe sie sich anschickten, ihm ins Freie zu folgen. Aber er machte ihnen nicht Platz. Er war auf einmal mitten auf der Torschwelle, die der Sonnenschein des Augustnachmittags golden überstrahlte, stehen geblieben. So verharrte er, ohne sich zu rühren, in einem plötzlichen Schrecken ... And vor ihm. draußen auf der Straße, stand ein anderer alter Mann, der eben in das Haus hatte treten wollen, so daß sie unversehens aufeinander geprallt waren. Und auch er bewegte sich nicht mehr und ließ das Auge nicht mehr von seinem Gegenüber. Sie sprachen beide kein Wort ... John Burke erschien heute, im hellen Tageslicht, Barbaras bangen Augen anders als an jenem Abend, wo sie ihn zuerst im Mondlicht und in der Traumstimmung ihrer Verlobung gesehen. Viel ärmlicher noch mit seinen abgetragenen, unordentlichen Kleidern, viel dürftiger und schmächtiger in den gebeugten Schultern, noch viel mehr ausgelaugt und ausgegilbt, unbedeutender in allem. Man hätte ohne weiteres glauben können, daß er hier von Haus zu Haus ging, um als ein Greis, der einst bessere Tage gesehen, sich milde Gaben zu erbitten. Nur sein ausdrucksvoller Kopf war geblieben wie früher. Er stand ganz still. Er grüßte den andern auch nicht und ebensowenig der ihn. Die beiden Brüder erkannten sich wohl – nach zwanzig Jahren –, aber sie kannten sich nicht mehr. Und dann ging Otto Burck plötzlich mit einem Entschluß an John Burke vorbei, schweigend, den Blick geradeaus. Und jener trat stumm einen Schritt zur Seite, um ihm Platz zu machen, und sah ihm mit einem eigentümlichen Zucken auf dem graubärtigen, weißrunzligen Gesicht nach, wie er viel schneller als sonst seine gemessenere Art war, den Fahrdamm kreuzte und die heiße, leere Straße zur Lichtentaler Allee hinabeilte. Seine Tochter hatte kaum Zeit, ganz betäubt John Burkes Gruß zu erwidern. Sie durfte jetzt, nach dieser Begegnung, ihren Vater nicht allein lassen. Sie lief hinter ihm her, um ihn einzuholen, und blieb noch einmal mitten auf der Straße stehen und gab Robert hastig und verstört die Hand, und er versetzte, seine Aufregung nach Kräften bemeisternd, aber doch fast ebenso blaß geworden wie sie: »Sag deinem Vater, ich könnte nichts dafür! Er sei gegen meinen Willen hier! ...« »Ja ...« »Ich muß vor allem sehen, was ihn hergeführt hat!« Er blickte nach John Burke. Der wartete ruhig. Er holte sich jetzt sogar eine Zigarre heraus und zündete die an. Und Robert drückte noch einmal Barbaras Rechte. Dann trat er mit finsterem Blick zu seinem Vater zurück ... Neuntes Kapitel John Burke stand immer noch wo er war und sah seinem Bruder nach, während er und die weiße, an Wuchs ihn überragende Gestalt seiner Tochter fern im Grün der Anlagen verschwanden. Dann sagte er gedankenvoll zu Robert: »Er hat sich eigentlich wenig verändert ... in der langen Zeit ... und trotzdem ist mir's eben klar geworden, daß ich alt geworden bin, wie ich ihn gesehen hab'! ...« Und sein Sohn sagte erregt, in einem harten Ton: »Warum bist du denn nun doch gekommen – gegen meine Bitten?« »Soll ich der einzige sein, der sich nicht an deinem Glück freuen darf?« sagte John Burke einfach. Diese Antwort entwaffnete jenen. Sie beschämte ihn fast im ersten Augenblick, während sie zusammen die Straße zu Roberts Gasthof hinüberschritten, in dem der Alte auch wieder Quartier genommen hatte. Nein – er war in dieser Zeit wohl in dem, was er wegen seines Vaters tat oder was er zu tun verweigerte, ein guter Sohn gewesen – aber nicht in dem. was er dabei über ihn dachte und fühlte. Da war ihm der Vater, er mochte es wollen oder nicht, immer nur als das unabwendbare Hemmnis auf seinen Wegen erschienen, mit dem man sich immer schwerer, mit immer wachsender Verbitterung, ja schon fast Erbitterung abfand. Was halfen alle guten Werke, wenn die Liebe nicht dabei war? Und er hatte seinen Vater doch noch lieb. Er mußte es doch, und so erwiderte er stumm und ernst, aber stark, den Händedruck, mit dem John Burke ihn nochmals zur Verlobung beglückwünschte. »Ich will dir ehrlich gestehen, Robby!« sagte er dabei. »Ich hatte Angst ... die ganze Zeit ... ich war innerlich fast überzeugt, dein Onkel gibt seine Einwilligung nicht ...« »Aber ich habe dir doch geschrieben und telegraphiert ...« »Ja ... du! ... Aber du bist jung und hitzig. Dir hängt der Himmel gleich voll Geigen! ... Mit dir fertig zu werden, ist nicht schwer. Du glaubst ja noch an das, was dir irgendein anderer Mensch sagt ...« »Gott sei Dank tue ich das noch oft genug. Vater!« »Das ist's ja eben! Damit fängt dich solch ein alter Fuchs wie dein Onkel Otto – und hält dich mit Worten und Versprechungen hin, und schließlich ... Siehst du, Kind: Eine Weile hatte mich deine Zuversicht auch angesteckt gehabt ... da hab' ich gelacht und getanzt für dich in London. Und ... aber nun mache bitte nicht gleich wieder so ein Gesicht ... es hat überall geklopft bei mir ... unter dem Sofa ... an der Decke ... es hat Sturm geklopft – und ich war wie närrisch vor Freude!« »Nun also – Vater ...« »Aber gestern mittag, wie ich in der City vor meinem Steak saß, da stupft es mich plötzlich von hinten. Da stand hinter mir einer, dem aß ich zu langsam. Der wollte auch auf den Stuhl und an den Tisch heran. Und ringsum war alles voll. Und nach einer Weile stupfte es wieder, wie durch Zufall, ganz unmerklich. Ich hab' mich gar nicht umgedreht. Ich hab' mir aber dabei gedacht: Da hinten warnt dich etwas! Sei auf der Hut! ... Zum ersten Male, seit Gott weiß wie lange, bist du wieder vertrauensselig gewesen! Das ist dir noch nie gut ausgegangen. Und wenn's der eigene Sohn ist ... Er hat nicht meinen Blick für die Menschen geerbt. Er kann sich täuschen oder sich täuschen lassen! ... Robby: Da hat mich plötzlich eine wahnsinnige Angst gepackt.« Der Alte blieb stehen und sah den jungen Mann an seiner Seite mit einem unsteten Aufflackern seiner großen grauen Augen an. »Da bin ich nun in Eile nach Hause und habe mein Bündelchen geschnürt und fort nach der Viktoriastation und hierher ...« »Aber nun siehst du doch, daß es wahr ist ...« »Ja«, sagte John Burke und atmete tief auf, während sie ihren Weg fortsetzten. »Ich hab's gesehen: Er war im Begriff, mit euch beiden über die Straße zu gehen. Dein Onkel Otto – er in der Mitte und sie rechts und du links – hier in Baden-Baden vor aller Welt – und wenn er das tut, dann ist auch alles in Ordnung – da kann er auch nachträglich nicht mehr zurück – nicht wahr, Robby, mein Junge – das kann er doch gar nicht mehr?« – Wieder huschte die fiebernde Besorgnis über seine verwitterten Züge. – »Dann war meine Angst ganz grundlos – nicht wahr?« »Ja, Vater.« Robert antwortete kurz. Er unterdrückte, was er noch hinzusetzen wollte: Und eben weil sie so grundlos ist, hättest du ruhig in London bleiben sollen! – Er wollte den alten Mann, der sich so kindlich, so rührend über das Glück seines Sohnes freute, daß ein Zittern über seinem ganzen Körper war, nicht nutzlos durch zu späte Vorwürfe kränken. Der hatte ihm doch ein Opfer gebracht und ihm zu Liebe und gewiß schweren Herzens seine Luftschlösser in Transvaal fahren lassen. Und wie er das dachte und seine Schritte beschleunigte, damit sie bald aus dem Gewühl und Wagengerassel kämen, da fiel neben ihm schon das Wort: Die Ridderfountainmine. John Buike hatte es ausgesprochen. Es lag ihm stets auf den Lippen. Es gab da und in seinem Hirn kaum etwas anderes. Er redete nicht mehr von seinem Bruder. Er dachte nicht mehr an die Verlobung und Versöhnung. Er war wieder drüben, jenseits des Ozeans, in einem dunklen Schacht. In dem wühlten Kaffern und Kulis. Sie wühlten im Schlamm. Aber der schmutzige Schlamm war Gold ... Gold ... Gold ... in Menge. Das Ergebnis der ersten Verzechungen war jetzt eben veröffentlicht! Er berichtete das mit irrendem Blick, mit durstigem Zucken um die Lippen, einem nervösen Sichspreizen und Wiederballen der Hände. Es war glänzend. Es übertraf alle Erwartungen. Eine Unze Gold hatte man auf die Tonne berechnet. Aber es wurde bedeutend mehr. Und das war nur der Anfang. Es kam noch viel besser. Drei Dutzend Stempel liefen von jetzt ab bei Tag und bei Nacht! Und an der Londoner Börse, auf dem Kaffernmarkt, herrschte eine große Meinung für das neue Unternehmen. Robert wußte, daß das richtig war. Er hatte am Abend vorher zufällig ein paar junge englische Kaufleute getroffen, mit denen er vor Jahren einmal in Gibraltar zusammengewesen. Die kamen eben aus Südafrika und konnten sich, an Johannisburger Verhältnisse gewohnt, gar nicht genug über das billige Leben in Baden-Baden während der großen Rennwoche wundern und erzählten ihm auf sein Befragen, ja, Ridderfountain habe einen gesunden Kern! Es lasse sich unter einer geschickten Hand viel daraus machen. Es sei ein ernsthaftes Papier, nicht nur für Grünhörner bestimmt. Und im selben Ton wie jene schwatzte jetzt der Alte weiter. Nächstens würden die Shares börsenfähig und dann regelmäßig quotiert. Man warte nur die bald stattfindende erste Generalversammlung ab. Die Shares seien ohnedies schon im freien Verkehr in letzter Zeit um beinahe das Doppelte gestiegen. Immerhin könne man sie jetzt noch ungefähr mit elfeinhalb aus dem Markt nehmen und ein glänzendes Geschäft machen. Wer freilich warte, bis die Kurse ihre demnächstige schwindelnde Höhe erst erreicht hätten, der käme zu spät. Das sei nun einmal das Los der Dummen auf Erden. Und dann verbesserte er sich mit einem eigentümlich-finster verbissenen Gesichtsausdruck: »Nein – nicht einmal der Dummen! Denen kann es der liebe Gott noch im Schlaf bescheren. Aber der Unentschlossenen! ... Das ist das ärgste Übel, wenn man im letzten Augenblick Angst hat ...« Sein Sohn hatte ihn ruhig reden lassen. Aber als sie nun in seinem Hotelzimmer angelangt waren und John Burke ihm wieder wie neulich auf dem Sofa gegenüber saß, da unterbrach er dessen Redefluß: »Wenn Terrain G. M. in diesem Jahr dreihundert Prozent Dividende gegeben hat – dreihundert! – das ist kein Traum, Robby, sondern Wirklichkeit, in jedem Kurszettel nachzulesen, warum solle da nicht auch die Ridderfountain Ähnliches geben?« Er sagte nicht unfreundlich, aber bestimmt: »Das mag ja alles sein, Vater – und wenn es dich theoretisch interessiert, ist's ja gut. Aber ich bin doch froh, daß du dich nicht daran beteiligt hast!« Der Alte rauchte und sah ihn an. Und jener fuhr fort: »Du mußt dich jetzt an den Gedanken gewöhnen, Vater, daß du bei dem Umschwung, der nun bevorsteht, dir etwas mehr Ruhe gönnst – oder vielmehr, daß du dich endgültig zur Ruhe setzt ...« John Burke schwieg. Es zuckte um sein linkes Auge. Er lächelte nur, als er weiter vernahm: »Du hast es jetzt doch nicht mehr nötig, Vater! Wozu dich denn noch mit diesen tausend Geschichten plagen? Es ist ja für dich gesorgt ...« »Ich sorge selber für mich!« sagte er endlich trocken. »Ich hab' dazu nie andere Leute gebraucht. Im Gegenteil: ich hab' Hunderte von Mäulern gefüttert ... früher ... Und jetzt hab' ich immerhin noch einen Sohn – dich, Robby –, für den ich verantwortlich bin! Ich kann bald sterben. Ich bin alt. Glaubst du denn, ich will dich mit leeren Händen zurücklassen oder wenigstens jetzt ganz von der Gnade deines Onkels Otto abhängig? Das ist ja ganz schön – aber das ist nicht genug. Du sollst für dich groß dastehen. Das kann man nur durch entscheidende Schläge erreichen. Dazu bist du nicht der Mann. Du hast nicht den Weitblick. Da muß schon dieser alte strapazierte Kopf herhalten mit dem letzten, was er hat ... Weißt du, Robby: so alt ich bin – ich bin doch immer noch im kleinen Finger klüger wie dies ganze junge Volk von heute auf der Börse. Schwärme von Spatzen – weiter nichts! Die Hellseherei läßt sich nicht lernen ... die ist einem angeboren. Und ich schau', obwohl ich nie dort war, durch die Ridderfountainmine durch und durch ...« »Also kurz und gut: du mußt sie dir jetzt aus dem Kopf schlagen!« sagte Robert laut und fest. Die Geduld ließ ihn im Stich. Sein Vater stand langsam auf. Er traute seinen Ohren nicht. »Dies unerhörte Riesengeschäft fahren lassen?« fragte er leise. »Ja – und was soll denn dann dein Erbteil von mir sein? Und wie soll ich denn vor mir selber in meiner letzten Stunde bestehen? Robby – lästere nicht! Und spiele nicht mit dem, woran für mich alles hängt – du weißt nicht, wieviel ...« Jetzt war deutlich eine unerklärliche Angst auf seinem Gesicht zu erkennen. Er atmete schwer und murmelte, durch das Zimmer gehend, mit gesenktem Haupt und ineinandergeschlungenen Händen ein paar hervorgestoßene englische Worte vor sich hin. Es klang aus ihnen wie » the Lord « heraus, wie ein Gebet, zu dem John Burke seine Zuflucht nahm, seit er in letzter Zeit immer mehr in London in eine mystische Sekte der Erleuchteten geraten. Sein Sohn schüttelte den Kopf und sagte: »Es geht nun einmal nicht anders, Vater! ... Und nun ist's ja auch für dich zu spät zum Eintritt in das Geschäft geworden! ...« John Burke blieb stehen und warf ihm einen mißtrauischen Blick zu. »Ich hab' mir schon noch ein Hintertürchen offen gehalten ...« sprach er leise und langsam. »Aber du wirst es nicht benutzen können!« »Und hast du mir nicht versprochen, daß ... daß dein Onkel Otto mir beistehen wird? Hab' ich nicht dadurch die kostbarste Zeit verloren?« Nun war auch Robert aufgestanden. Er trat vor seinen Vater hin und sagte einfach: »Und wenn ich dich hingehalten hab', nun ja ... ich hab's getan – ich gesteh' es jetzt offen! – du siehst ja: Es war zu unser aller Besten. Es hat sich nur dadurch alles gut gefügt!« Der alte Geisterseher lächelte. Es war ein bitteres, böses Lächeln und ein Schimmer von einem heimlichen Triumph darin. »Also auch du!« sprach er. »Sieh – ich hab' es vorhin gesagt: Verflucht, wer sich auf Menschen verläßt ... auch auf den eigenen Sohn! Alles im Leben ist Lug und Trug! Aber Gott sei Dank, mich fängt man nicht mehr!« »Dazu brauchte es gar keinen Lug und Trug! Bedenke doch einmal selber: wie würde Onkel Otto, der doch die Vorsicht in Person ist, die Hand zu einer solchen Spekulation bieten!« »Er muß aber!« »Er wird es nicht!« »Und das weißt du so bestimmt?« »Das weiß ich so bestimmt, daß ich dich bitte: Fange gar nicht erst davon an! Es ist ganz umsonst. Du mußt dich nun einmal in das Unvermeidliche fügen, Vater ...« Es wurde still zwischen ihnen. »Also so hast du mir vorgearbeitet, mein Sohn!« sagte endlich John Burke. Seine Gesichtsfarbe war noch bleicher geworden. »Mir hat's geahnt! Glaubst du jetzt noch, daß mich jemand von Fleisch und Blut gestern zweimal von hinten angestoßen hat? Tut das überhaupt ein Gentleman?« »Meinetwegen war es ein Gespenst! Das ändert an der Sache nichts!« Roberts Vater trat zum Fenster und stützte müde dort den Kopf in die Hand. »Also Verrat ...« murmelte er. »Verrat ... Verrat ...« Der junge Mann wollte sich ihm nähern. Aber er wehrte ihm mit der Hand und sagte mit abgewandtem Blick: »Gut, daß ich euch allen nicht traue ... euch Menschen ...« Und plötzlich drehte er sich zornig zu ihm herum. »Und wenn ihr mich wenigstens frei ließet ... Wenn ihr mich handeln ließet – zu eurem eigenen Nutzen – nein – da legen sie einen an die Kette – da soll man so friedlich und kleinlich sein wie sie selber ...« Er schluckte ein Würgen des Abscheus hinab. Er wurde immer fahler und sagte halblaut vor dem Spiegel: »Wie ich ausseh'!« und trocknete sich den kalten Schweiß von der Stirne und beherrschte sich und wurde mit einem Male wieder ganz ruhig, und so sagte er zu Robert: »Dann mußt du mir also helfen!« »Ich?« »Ja ... du!« »Wie kann ich denn das?« John Burke zuckte die Achseln. »Du hast es doch so leicht«, sagte er. »Als Onkel Ottos Schwiegersohn ... ich bitte dich ... bei dem in Polen sind große Verhältnisse! Da rollt dir das Geld nur so durch die Finger!« »Aber es ist doch nicht mein Geld!« Sein Vater setzte sich wieder. »Geld ist wie das Licht!« sprach er. »Das wirft einen Schatten. Der heißt Kredit. Der folgt dem Menschen, der Geld hat, auf Schritt und Tritt. Den wirst auch du haben – einen Schatten, der durch halb Polen reicht –, sowie du einmal für die Firma Otto Burck zeichnest!« Er schaute dabei starr vor sich hin in die Ferne. Seine Stimme bekam immer mehr einen dumpfen, entschlossenen Klang. Ein »Vorwärts um jeden Preis« lag in den harten Furchen eingegraben, die seine herabgezogenen Mundwinkel umrahmten. Er war jetzt geisterhaft bleich, als er fortfuhr: »Dein Onkel Otto war immer ein Kopf vierten, sagen wir dritten Ranges! Für solche zögernde, schwächliche Leute muß man selber handeln – im großen Stil – sie mit sich fortreißen: gib ihm nur einen tüchtigen Stoß ins kalte Wasser – dann wird er schon schwimmen – auf seine alten Tage ...« John Burke rieb sich die Hände und lachte leise, mit einem leidenden, gequälten Ausdruck in den Augen, und schluckte ein paarmal heftig, als habe er noch weiterreden wollen und sich im letzten Moment anders besonnen. Robert sagte nur ruhig: »Ich denke gar nicht an solche Tollheiten, Vater! Da könntest du mich nun doch schon kennen!« Der Alte sprang auf. »Das ist ja eben eure Pfennigfuchserei! So seid ihr immer: pennywise and poundfoolish ... ihr tragt immer noch die Eierschalen mit euch herum. Ihr seid immer noch solche Philister wie zur Blümchenkaffee- und Postkutschenzeit, und du bist ein rechter Deutscher ...« »Gott sei Dank bin ich's wieder!« »Wenn man Engländer sein kann – Herr auf der halben Erde – ich begreif' es nicht ... aber einerlei ...« Er faßte den Sohn krampfhaft am Arm. »Das gehört nicht hierher! ... Höre Robert ... ich hab' dir ja schon gesagt: ich will ja gar kein bares Geld von dir – keinen Pfennig vom Hause Otto Burck ... wozu denn auch? Eure Unterschrift ... der bloße bißchen Namenszug ist ja gerade soviel wert ...« »Und wo sollte der stehen?« »Da, wo meine Unterschrift keine sechs Penny gilt, weil ich – augenblicklich noch – ein armer alter Teufel bin – auf einem Wechsel – mit drei Monaten Sicht – mit sechs Monaten Sicht – es ist den Leuten ganz gleich ... es ist ihnen so gut wie Geld ...« »Welchen Leuten?« »Von der Ridderfountainmine. Sie haben mir versprechen, daß sie noch auf mich warten, daß sie mir noch einen Platz offenhalten, mit fünftausend Pfund ...« »Mit hunderttausend Mark?« Der Alte nickte verstört. »Vater, ich höre wohl nicht recht ... was sind das für Summen ...« »Für euch sind sie nichts. Sie bedeuten für euch keine Gefahr! Das Geschäft ist doch glänzend. Sie stehen doch nur auf dem Papier! Bis es zum Zahlen kommt, sind die Shares längst mit hundert, mit zweihundert Prozent Nutzen verkauft, wenn jetzt erst der Boom einsetzt: kein Hahn kräht nach der Geschichte. Und ich habe ein Vermögen im Schrank – ein bescheidenes noch – aber es ist doch der Grundstock für die neuen Millionen – die erbst du denn doch auch einmal von mir – höchstens das Tierasyl bekommt von mir ein Legat – kein Mensch auf der weiten Welt einen Penny außer dir – und das alles haben wir schon in der Hand – durch die paar armseligen Buchstaben: ›Otto Burck‹. Es ist ja nur eine Formalität, Robert ... ihr braucht den Wechsel nicht einmal auszustellen! Schon das Giro genügt ... Robert ... stelle dir vor ... das Giro, nur das Giro ...« Seine Stimme erstickte in der Erregung. Robert nahm stumm seinen Hut vom Tisch. Der Vater sah ihn betroffen an: »Wo willst du hin?« »Ich lasse dich jetzt lieber vorerst allein. Vater!« »Warum?« »Weil dies Gespräch ganz nutzlos ist! Weil es allem ins Gesicht schlägt, was ich mit kaufmännischer Ehre und Anstand verantworten kann.« Jetzt kam auch über Robert allmählich der Zorn. »Keinen anderen außer dir hätte ich überhaupt so lange angehört. Da kannst du sicher sein. Aber nun ist es genug!« »Also begreifst du in deiner Verblendung immer noch nicht, daß da das Gold geradezu auf der Straße liegt?« »Und wenn es mir vor den Füßen liegt – ich bücke mich nicht danach um diesen Preis, hinter dem Rücken meines künftigen Schwiegervaters seinen Namen zu mißbrauchen! Und nun, bitte, beruhige dich und gib diese Pläne auf! Gott sei Dank ist das ja alles nur wie ein böser Traum!« Er wandte sich zur Tür. Da ertönte es hinter ihm: »Bleib!« Das klang so schneidend, baß ihm ein leises Frösteln über den Rücken hinablief. Er konnte nicht anders, er mußte sich noch einmal nach John Burke umdrehen. Der stand drüben am Fenster. Seine kleine dürftige Gestalt mit dem viel zu großen Haupte hob sich hell von dem Sonnenlicht dahinter ab. Er sagte: »Es nutzt dir gar nichts, wenn du vor den Ereignissen davonläufst, Robby! Die kommen doch – so wie ich will! Ihr seid alle wie die Kinder! Ich lasse mich durch Kinder auf meinen Wegen nicht beirren ... ich muß meine Bahn gehen, ob ihr sie versteht oder nicht ... die ist mir vorgezeichnet, und euch nehm' ich mit, trotz eurem Widerstand ...« »Willst du mich etwa zu der Unterschrift zwingen?« John Burke schwieg. Er zitterte heftig. Aber das verächtliche Lächeln schwand nicht von seinen Lippen. Sein Sohn trat näher: »Also was heißt denn das? Das sind doch alles nur leere Worte, Vater ...« »Worte ...« sagte John Burke und wandte sich ab, daß jener sein Gesicht nicht mehr sehen sollte, »Worte ...« Das war ganz mechanisch gemurmelt. Es hatte gar keinen Sinn. Und Robert wiederholte erregt: »Ja ... Worte ... was denn sonst? Die Unterschrift ist nicht da und wird nie da sein ...« »Sie ist doch schon da ...« John Burke sprach das in die Scheibe hinein, in einem trotzigen und doch kleinlauten Ton und zuckte dabei unwillkürlich zusammen, als erwartete er einen Schlag von hinten. Und von dort klang ein gedämpftes, atemloses: »Wessen Unterschrift, Vater?« Der Alte schwieg. »Deine?« Er schüttelte den Kopf. »Also was hast du unterzeichnet?« »... ›Otto Burck‹ ... sagte John Burke und wandte sich herum und sah seinem Sohn, während der zwei, drei Schritte zurücktaumelte und ungläubig und entsetzt die Hände gegen ihn ausstreckte, fest Auge in Auge. Jetzt war es heraus und entschieden! Er stand wieder außerhalb des Gesetzes wie einst ... Vor Roberts Blicken flimmerte es. Es waren keine schwarzen Pünktchen, die da tanzten, es war wie ein weißer Schein, das Flattern eines Papierstreifens, ein gefälschter Wechsel – und er flüsterte: »Nein ... Vater ... das hast du nicht getan ...« »Ich hab's ja schon einmal getan ...« John Burke sprach das gleichgültig. Er hatte seine Schiffe hinter sich verbrannt. Jetzt ging es um Tod und Leben. »Merk, Robert!« sagte er. »Kein Mensch ändert sich. Man bleibt, wie man ist! Ich muß auf den Platz hinkommen, auf den ich gehöre! Wie – das ist mir gleichgültig! Zu erklären gibt es da nichts weiter ... oder zu entschuldigen ... vor mir bin ich gerechtfertigt ...« Und nach einer Weile setzte er hinzu: »Und euch anderen kann ich nicht helfen. Ihr habt mir ja nicht anders helfen wollen.« »Vater ... Vater ...« Robert schluchzte auf. Er hatte sich auf einen Stuhl am Tische hingeworfen und die Stirn auf die Platte gelegt und faßte seinen Kopf mit beiden Händen, als hätte das, was jener gesagt, in dem nicht Platz, als wolle der zerspringen. Und vom Fenster her murmelte es: »Du hast mich gehindert, meine Rechte gegen Otto Burck geltend zu machen, du hast mich hinterlistig hingehalten mit der Hoffnung auf seine Unterstützung! ... Vorgestern erst hab' ich es gemerkt: Man spielt mit dir! ... Und wer mich zu betrügen versucht, mein Sohn, der wird selber betrogen! Das hat er dann sich zuzuschreiben – nicht mir! ... Das ist dann die Geschichte von dem irdenen Topf und dem eisernen! ... Der zertrümmert, was sich ihm in den Weg stellt! ... Ihr dürftet eben das Letzte in mir nicht loslassen – wenn ihr klüger wäret, als ihr nun einmal seid! Denn dann bin ich stärker als ihr. Dann hab' ich euch in der Gewalt ... so wie ich jetzt dich ...« »Du mich?« Zum ersten Male hob Robert sein verstörtes Gesicht. Aber er sah nicht nach seinem Vater. Er konnte dessen Anblick nicht ertragen. Er stand schwer auf und wich von ihm weg, soweit er konnte – bis zur Tür. Und vom Fenster her sagte der Vater: »Bis der Wechsel präsentiert wird – in einem halben Jahre – hast du längst das Geld von mir in Händen, ihn einzulösen! Du tust es! Fertig! Abgemacht! ... Das ist nach Neujahr! Da brennen bei euch alle Öfen! Und in einem Ofen verbrennt ein winziges Blatt Papier. Das ist dann so, als ob es überhaupt nie dagewesen wäre. Niemand erfährt davon, am wenigsten dein Schwiegervater!« Er trat bis in die Mitte des Zimmers. Dort machte er wieder halt. »Ich hab' dir's schon gesagt: Kein Pfennig der Firma Otto Burck wird dabei angerührt! ... Sie wird um nichts geschädigt! ... Wir benutzen nur eine Weile ihren Namen! Das ist ein Notbehelf! Der ist erlaubt ...« Sein Sohn antwortete ihm nicht. Er lehnte an der Tür und hielt die Hand ans Herz. John Burke tat wieder ein paar Schritte auf ihn zu, vorsichtig, er wollte ihm nur langsam als Versucher nahe kommen. So fuhr er fort: »Du denkst anders darüber, ich weiß, und ihr anderen alle. Deswegen hätte ich gern Rücksicht auf dich genommen. Ich hätte dich geschont! Aber du wolltest ja nicht! ... Nun mußt du mit mir durch dick und dünn ...« »Ich soll helfen, Wechsel fälschen!« »Ach, das sind Worte! Deine ganze Zukunft steht auf dem Spiel! ... Wo du doch nur zu schweigen brauchst, und alles bleibt beim alten! Nein, Robby, da reden und sich mutwillig um sein ganzes Glück bringen, das bringt kein Mensch fertig und du auch nicht ... dessen bin ich sicher!« Es war eine lange, schwere Stille zwischen ihnen. Dann versuchte John Burke sich weiter seinem Sohn zu nähern. Der streckte entsetzt die Hand gegen ihn aus. »Komm mir nicht nahe!« keuchte er. Der Alte sagte kaltblütig: »Du wirst dich doch an den Gedanken gewöhnen müssen!« »Nie – nie – nie!« Es war, als ob Robert Burck jetzt erst auf einmal ganz zum Bewußtsein der Wirklichkeit gelangte. Jetzt floh er nicht mehr vor dem Vater. Er ging auf ihn zu, mit raschen Schritten. Der wich vor ihm zurück, fast bis an das Fenster. Dort blieb der junge Mann vor ihm stehen – verstört – zitternd – und wiederholte: »Nie! ... Ich kann das alles noch gar nicht übersehen ... es ist mir noch, als träumte ich das alles ... daß du mir Glück und Ehre zunichte machst ... ich kann noch gar nicht daran glauben ... ich weiß noch gar nicht, was ich alles tun muß ... es geht zu weit hinaus über das, was ein Mensch sich ausdenken kann – aber was ich nicht tun muß – das weiß ich ... Nicht mit dem leisesten Gedanken darf ich an deinem Verbrechen teilhaben – außer mit Abscheu – mit Ekel – oh Gott ... Vater ... was hast du mir getan? ... Und uns allen ...« Erst allmählich dämmerte vor seinen Augen der ganze Umfang des Schicksalsschlages, ein Grauen, daß alles, alles verloren war. Er konnte sich kaum mehr aufrecht halten. Er stützte sich mit der Hand auf eine Stuhllehne, und so murmelte er in gebrochenem Ton: »Uns alle stürzt du ins Unglück! ... Und dich zuerst ...« Der alte Burke hatte Angst vor seinem Sohn. Er war durch den in die Enge des schmalen Raumes am Fenster getrieben. Aber die verzweifelte Ruhe des Vabanque-Spielers verließ ihn nicht, und er sagte: »Wir wollen abwarten. Ein halbes Jahr ist lang. Bis dahin ist noch viel Zeit, sich zu besinnen ...« »Und du glaubst, daß ich bis dahin still sein werde! Auf der Stelle gehe ich und ...« »Zu wem?« »Zu Onkel Otto ...« »... und bringst mich ins Gefängnis ... das heißt, so alt und krank wie ich bin, in den sicheren Tod innerhalb weniger Monate ...? Ich halt' es nicht noch einmal aus, wie damals ... das weiß ich ... Oder glaubst du, daß dein Onkel Otto mir eine Ehrenpforte bauen wird? – Wenn der hört, seine Unterschrift ist auf dem Markt, und er weiß von nichts. Er schickt sofort im ersten Schrecken nach der Polizei! ... Also rede nur! ... Morde deinen Vater, wenn es dir beliebt ...« Robert konnte nicht mehr antworten. Das dürftige Hotelzimmer tanzte vor seinen Augen. Und mitten darin stand etwas fest ... ein fremder, kleiner Mann – sein Vater ... und der fuhr fort: »Und wenn er es auch nicht tut und seinerzeit die Unterschrift nicht anerkennt – das Gefängnis kommt dann noch ein halbes Jahr später – und bringt mich um! Also auch wenn du schweigst, ohne mir zu helfen, bist du ein Mörder! Da finde dich dann mit deinem Gewissen ab, wie du kannst! Aber du kannst es nicht, und ich halte mich an meine Hoffnung ...« »Und deine Hoffnung ist ein Verbrechen, ist ein Wahnsinn, ist eine Dummheit ... Umsonst – ganz umsonst hast du alles in Scherben geschlagen! Denn dazu bringst du mich nicht!« »Rede nur!« sagte John Burke. »Ihr redet immer! So seid ihr alle! Nachher tut ihr's doch!« Robert murmelte nun mit zuckenden Lippen: »Und das ist mein Vater! Er hat das von mir geglaubt!« Der Alte seufzte und schüttelte den Kopf. Dann sprach er leise: »Verzeih mir. Robby! Nimm nun das Unabänderliche hin! Gönne mir altem Mann diesen letzten Lichtblick im Leben! ... Hab Mitleid mit mir! ... Ich bin dir doch immer ein guter Vater gewesen ...« Und dabei hielt er zögernd die Hand hin. Er wußte ja – jener würde sie noch nicht nehmen – diesmal noch nicht. Aber er erschrak doch selber vor dem Schrecken, mit dem sein Sohn vor seiner ausgestreckten Rechten wie vor der eines Pestkranken zurückwich. Dann konnte sich Robert nicht mehr aufrecht halten. Er stürzte auf seinem Bett hin, das Antlitz in die Kissen. John Burke sah an seinem Zucken, daß er krampfhaft schluchzte. Aber er rührte sich sonst nicht mehr und gab keine Antwort. Es wurde ganz still, und der Alte stand einsam mitten im Zimmer, und ein erkältendes Grauen beschlich ihn, daß sein Spiel am Ende doch verloren sei! Es war da am Ende ein Fehler in seiner Menschenkenntnis der letzten zwanzig Jahre ... jetzt dämmerte da etwas in ihm ... das waren immer die Verbrauchten, die Zerbrochenen, die Ausgestoßenen gewesen, mit denen er sich umgeben hatte! Ihresgleichen und seinesgleichen – das war sein Maßstab! Vielleicht versagte der gerade bei den Jungen und Gesunden. Und aus dieser tödlichen Möglichkeit heraus erwuchs in ihm auch der Trotz dagegen. Die Fata Morgana tauchte wieder auf: das mächtige Kontor in der City, die Schwärme von Clerks und Maklern und Depeschenboten – die Reihen von geduldig Wartenden in den Vorzimmern und drinnen er, der John Burke von einst – auf geheimnisvolle Weise wieder zu dem früheren Reichtum gelangt – dies Zukunftsbild gab ihm die alte Spannkraft und Entschlossenheit wieder. Er lächelte und legte nähertretend dem jungen Mann, der auf dem Bette lag, leicht die Fingerspitzen auf die Schulter, und der wandte sich mit einer jähen Bewegung noch mehr ab, um der Berührung zu entgehen. John Burke sagte: »Höre, Robby. Ich gehe jetzt und versuche das Letzte! Ich bin bald wieder bei dir! Ich finde dich ja wohl hier! Du bist jetzt doch nicht in der Laune, das Zimmer zu verlassen! Mein armer! lieber Junge ... Du tust mir so leid! ... Aber paß auf! Es wird doch noch alles gut ... Und bald! ... Ich hab' auch nicht die Kraft, monatelang zu warten und zu zittern und die Nächte wachzuliegen, was du tun wirst oder nicht tun wirst! Das frißt mich auf. Ich spür' es jetzt schon! – Ich hab' nicht soviel Nervenkraft mehr in mir wie in meinen jungen Jahren ... Ich will auch eine schnelle Entscheidung! Vor die stell' ich uns jetzt! Ich will es wenigstens versuchen! ... Es ist die letzte Probe, die mir übrigbleibt ...« Er bekam keine Antwort. Er hatte sie auch nicht erwartet. Stumm nahm er seinen abgeschabten Hut von der Wand, bürstete – was er sonst nie tat – flüchtig mit der Hand Staub und Fasern von dem verschossenen Rock und verließ leise auf den Fußspitzen, wie um einen Schlafenden nicht zu stören, das Gemach. Unten fragte er den Portier nach dem Weg zu der Villa Burck und ging dorthin. Es war heller Abendsonnenschein. Die Parkanlagen um die Lichtentaler Allee wimmelten von geputzten Menschen, die nach der Schwüle des Tages da Luft schöpften, bis es Zeit war, Toilette für das Abendessen zu machen. Einige befremdete Blicke folgten dem herabgekommenen alten Mann, der sich durch die eleganten Gruppen seine Bahn suchte. Ihn kümmerte das nicht. Er stieg den Berg empor und stand vor dem Hause seines Bruders und trat in den Garten und schritt entschlossen durch den bis zu dem Tor und zog so kräftig an der Klingel, daß es überlaut durch das große, leere Haus schallte. Er hatte die Absicht, sich durch den öffnenden Dienstboten bei Barbara melden zu lassen. Aber sie machte ihm selbst auf. In der herrschenden Unordnung waren Diener und Mädchen fast nie mehr, wenn man sie brauchte, zur Stelle. Und seinem Aberglauben erschien das als ein gutes Vorzeichen, daß er sofort den Menschen traf, den er suchte. So mußte es sein. Er mußte die Dinge zu sich heranzwingen. Ein freundliches Lächeln erhellte sein Gesicht, und während seine Nichte ihn betroffen und etwas erschrocken ansah, sagte er sanft: »Ja – nicht wahr ... das wundert dich, Barbara? ... Mich auch! Ich hätte nicht gedacht, daß ich je noch zu deinem Vater kommen würde, um ihn um Versöhnung ... oder um Verzeihung zu bitten! ... Wegen mir hätt' ich es auch nie getan! ... Es ist mir nur um Robert ... um euch beide ... Ich bin ja so froh über euer Glück ... es löst sich jetzt alles so unerwartet in Frieden und Freundschaft auf ... Ihr Jungen gebt uns Alten die Lehre, wie man zueinander sein soll ... Ich leb' ja nicht mehr lange, Barbara! ... Ich möchte ja nur, daß ihr mir vorher noch vergebt ... und vor allem dein Vater ...« Barbara fand nicht gleich eine Antwort. Sie war zu sehr überrascht, zwischen Freude und Angst, und er forschte gedämpft und bescheiden, seinen alten Hut in der Hand, mit der anderen auf seinen Stock gestützt: »Ist dein Vater zu Hause, Barbara?« »Ja. Oben.« »Willst du mich bei ihm anmelden?« Sie musterte ihn bang und zweifelnd. »Wenn du nicht willst, Barbara – dann geh' ich wieder. Ohne einen Vorwurf! Da sei unbesorgt! Ich bin zu alt, um noch viel zu klagen! ... Ich werd' schon noch einmal einen Stein hinter einer Hecke finden, wo ich mein Haupt darauf leg' und hinüberschlaf' und mir denk': Gott sei Dank, es ist vorbei! ... Ich will euch, weiß Gott, nicht im Wege sein, Kinder ... im Gegenteil – ich will euch ja nur den Weg ebnen ... und versuchen, ob dein Vater und ich uns nicht doch noch auf unsere alten Tage erinnern können, daß wir Brüder sind ...« Und da sie immer noch zögerte, setzte er hastig hinzu: »Ach so ... du fürchtest, es gibt Szenen! Sieh mich doch an! ... Schaut jemand so aus, der noch Streit anfangen will? Nein – sage deinem Vater: Ich will nichts mehr! – Ich erhebe keine Ansprüche mehr! ... Ich berühre Geschäftliches mit keinem Wort! ... Ich bin mit allem zufrieden, was geschieht, und füge mich in alles, nun, wo ihr meinen Robby so glücklich macht! Das war doch noch mein letzter Wunsch auf der Welt, meinen Jungen noch glücklich zu sehen. Er verdient's ... sieh, Barbara ... mehr kann ich nicht sagen! ...« »Ich fürchte mich nur so ... Wenn Papa nun nicht will ...« »Du mußt ihn recht herzlich bitten. Barbara! Er soll es ja nicht um meinetwillen tun, sondern um deinetwillen! Ich komm' ja auch wegen meines Sohnes. Wir Alten müssen uns vertragen – wegen euch Jungen! Das ist euer Recht. Das ist unsere Pflicht gegen euch, sag deinem Vater, das hätt' ich gesagt – und ich stünde demütig hier unten im Flur, mit bloßem Kopf – und wartete – und wisse wohl, daß es an mir sei, den ersten Schritt zu tun, und an ihm, zu vergessen ... was gewesen ist ... und worunter ich, weiß Gott, doch am meisten gelitten hab' ...« Er seufzte tief auf. Barbara ergriff seine Hand. »Du bist so gut, Onkel!« sagte sie scheu. »Und so anders wie sonst ... Ich fürchte mich beinahe ...« »Vor was denn, Barbara?« »Ich weiß nicht ...« Jetzt umspielte ein trübes Lächeln seine Lippen. »Vor mir fürchtet sich niemand mehr!« sagte er. »Ich bin ungefährlich geworden. Ich beiße schon lange nicht mehr. Eine alte Vogelscheuche bin ich, ein Spatzenschreck – weiter nichts. Und so müde. Barbara ... so müde! Ich will ja nur noch ein bißchen Frieden!« Das war dasselbe, was ihr Vater immer sagte. Da kamen sie zusammen! ... Da war eine Hoffnung möglich! Und sie bezwang das unerklärliche Mißtrauen, das sich wieder in ihr regte, und sprach hastig: »Ich danke dir von Herzen, Onkel! ... Bitte, setze dich – wart einen Augenblick! Ich spring' hinauf zu Papa ... ich will tun, was ich nur kann ...« Die Tür zum Arbeitszimmer ihres Vaters oben war der Hitze wegen offen. Er saß still da, die Hände im Schoß gefaltet und darüber hin auf den Boden schauend, und rührte sich nicht. Erst als sie dicht vor ihm stand und zu reden anfangen wollte, hob er den Kopf und wehrte ihr. »Laß nur, Barbara! ... Ich hab' es schon gehört! Ihr habt euch ja laut genug unterhalten. Ich weiß, wer unten ist ...« »Ja. Onkel Joseph ist's. Papa ... und ...« »Und sag ihm, er soll nur wieder gehen ...« Indem der alte Burck das aussprach, hatte er schon Angst vor dem Kommenden, vor Bitten und Tränen. Er sah gramvoll, aber hartnäckig aus und schnitt ihr mit ungewohnter Heftigkeit das Wort ab. »Genug, Barbara ...« »Aber ich habe ja noch gar nichts gesagt ...« »Ich weiß schon, was du sagen willst ...« Er blickte absichtlich an ihr vorbei ins Leere und redete sich in Erregung und Festigkeit hinein. »Ich soll nur immer weiter nachgeben ... immerzu ... immerzu ... ganz blindlings, da rutscht man auf einer schiefen Ebene hinunter ... ja, wohin denn schließlich? Irgendwo muß doch einmal ein Halt sein! ... Irgendwo muß doch meine Schwäche gegen euch eine Grenze haben ... sag ihm, er solle gehen ... ich hab' ihm nichts zu sagen ...« »Aber er dir, Papa ... Ich bitte dich ... um Gottes willen ... sei jetzt nicht hartherzig ... tu jetzt auch noch dies Letzte – es gehört zu allem anderen, was du für uns getan hast! Es wird dich nicht gereuen! ... Es ist ja doch auch zu deiner eigenen Ruhe ...« »... wenn ich eine Hand in meine nehme, die schon einmal fremde Unterschriften nachgemacht hat? ... Und wenn es zwanzig Jahre her sind ...« Otto Burck schüttelte mit einem Ausdruck von Bitterkeit und Widerwillen das Haupt. »Nein – Barbara – solch eine Berührung tut nie gut! ... Schmutz bleibt Schmutz!« Sie war zur Tür gegangen und drückte die vorsichtig in das Schloß, damit man draußen von ihrem Gespräch nichts hören sollte. Dann kehrte sie zu ihrem Vater zurück und sagte: »Ich mein' es auch nicht so, Papa! ... Aber du sehnst dich doch immer so nach Frieden! Jetzt ist die Gelegenheit, daß Onkel Joseph endgültig Frieden hält! Du hast's ja gehört. Er hat's versprochen! ... Schickst du ihn aber jetzt weg, so geht der alte Streit von neuem los ... und doppelt. Dann kennt er gar keine Rücksicht mehr! ...« Sie kam sich sehr weltgewandt und überlegen vor, daß sie, ihre Aufregung und Sorge niederkämpfend, ruhig, vom Standpunkt der Vernunft, zu ihrem Vater sprach. Aber es wirkte nicht so auf ihn, wie sie hoffte. Im Gegenteil – jetzt erwachte sein Trotz. Dies war sein Haus! Da war er Herr! Was hatte John Burke da einzudringen und sich mit seiner Tochter im Flur zu bereden und an seine Tür zu klopfen, ehe man ihn gerufen? Nein – zwingen ließ er sich nicht! ... Er mußte seinen Kindern zeigen, daß er doch noch nicht ganz altersschwach war, und seinem Bruder auch. Otto Burck sprang von seinem Sitz auf und ging erregt, die Hände auf dem Rücken, im Zimmer hin und her und zündete sich, wie gewöhnlich, wenn es ihm zuviel wurde, eine Zigarre an, um sie gleich darauf, nach den ersten Beruhigungszügen wieder beiseitezulegen, und sagte dann fest zu seiner Tochter: »Er mag mir schreiben! ... Will er auf diesem Weg mit mir ins reine kommen, ist mir's recht. Das ist aber auch das Äußerste. Mehr kann ich nicht. Sehen will ich ihn nicht ...« Und als sie ihn nur stumm anschaute, erzürnte ihn der Vorwurf in ihrem Blick, und er herrschte sie an: »Nein, Barbara! Ich hab' genug für euch getan ... alles, was möglich ist ... ich hab' ja hergegeben, was ich hab'! ... Bedenke doch, Kind: Mein Haus ist leer, meine Frau ist fort – meine Töchter sind weg ... mein Vermögen bekommt ihr zur Verwaltung ... ich hab' kein Heim mehr ... ja, aber das Hemd am Leibe, Kinder, das müßt ihr mir doch lassen ... ich meine die Selbstachtung ... daß man weiß, wem man die Hand gibt und wem nicht, und sich nicht hinterher vor sich selber schämt.« »Es ist doch dein Bruder, Papa!« »Ach, zehnmal Bruder! ...« Otto Burck nahm wieder in seinem Lehnstuhl Platz und drehte den so, daß er Barbara den Rücken zuwandte. Und so murmelte er verächtlich zwischen den Zähnen vor sich hin: »Bilanzenfälscher sind nicht meine Brüder!« »Aber wie lange ist das her, Papa ...« »Wird es dadurch besser? Was geschehen ist, bleibt! Das stempelt einen Menschen! ... Wohin kämen wir denn mit dem allgemeinen Verzeihen? ... Was hätte denn dann noch ein Mensch davon, wenn er anständig ist? ... Nur Spott und Schaden! ... Dadurch gäben wir ja nur den unanständigen Menschen zehn Schritte Vorsprung vor uns, im Geschäft und im Leben ...« Da war wieder die Starrheit des ehrbaren Kaufmannes; der dachte an sich und die, die seines Geistes waren, in berechtigter Selbstsucht, in instinktiver Abwehr der Welt von drüben, jenseits der Moral. Und die Erbitterung über diese Feinde und Schädlinge des soliden Handels und Wandels, die den anderen den Wurzelboden ihres Seins unter den Füßen untergruben, machte ihn förmlich wieder kampflustig, und er sagte trocken: »Wenn ich solange den Streit mit meinem Bruder ausgehalten habe, werde ich das Päckchen wohl auch noch bis zu meinem seligen Ende tragen können. Damit schreckt ihr mich nicht, Kinder! Ich bin gar nicht furchtsam im Geschäft ... da habe ich schon manchem die Zähne gezeigt ...« Sie begriff: so kam sie ihrem Vater nicht bei. Der Weg zu ihm ging durch sein altes Herz, nicht durch seinen klaren Kopf. Sie trat vor ihn hin und rang die Hände. »Und ich, Papa! ... Wie wird denn das mit uns, wenn neuer Streit zwischen euch entsteht! Du hast doch Robert versprochen, ein Auge zuzudrücken ...« »Aber beide Augen nicht ...« »Er kann ja auch nichts dafür! ... Es ist ja auch ihm unerwartet gekommen ... sollen wir denn unschuldig darunter leiden, wo wir gehofft haben, daß nun alles gut ist ... durch deine Güte ...?« Sie kauerte neben dem Sessel ihres Vaters nieder und schlang ihren Arm um seine Schulter. Und so, an seiner Seite kniend und ihn halb zu sich herabziehend, fuhr sie, Tränen in den Augen, fort: »Man muß doch nicht nur richten, Papa ... man muß doch auch verzeihen können ... und ein wenig an andere denken ...« »Ja, ich bin ein Egoist«, sagte der alte Herr bitter. »Ich denke immer bloß an mich! ... Das ist ja eine bekannte Geschichte ...« »Nein, du bist so gut ... so furchtbar gut ... deswegen kannst du ja auf die Dauer nicht bei deinem Nein bleiben ... Wenn du siehst, wie weh du mir damit tust ... und Robert ... das hältst du ja gar nicht aus, Papa ...« »Es tut mir selber weh, Kind ... aber es muß sein.« Ihr feines Ohr unterschied ein leises, kaum merkliches Schwanken in seiner Stimme. Das gab ihr Mut. Sie bat und drängte. Sie kniete neben ihm und drückte einen Kuß auf seine rechte Hand und hielt die fest, damit er sie nicht unwillig wegziehen konnte, und beteuerte mit nassen Wimpern: »Ich steh' nicht auf, Papa ... ich laß dich nicht los ... ich gehe keinen Schritt weg ... ich bleib' so, bis du anfängst, ein bißchen an mich zu denken, und nicht nur an die alten Geschichten von damals, wie ich noch kaum auf der Welt war. Ich hab' doch damals als Kind das Unheil nicht angerichtet – warum soll ich denn jetzt als erwachsener Mensch dafür büßen?« Ihr Vater schwieg. Er verneinte wenigstens nicht mehr. Sie glaubte eine Art Hoffnungslosigkeit in seinem Blick zu entdecken – das Gefühl, daß man ja doch immer wieder mit ihm mache, was man wolle, und sie flüsterte weiter auf ihn ein: »Onkel Joseph ist ganz anders, wie man ihn sich vorstellt – gar nicht der schwarze Mann, mit dem man immer die Familie geschreckt hat ... Er ist ganz still und sanft ... er hat auch genug von dem allen ... er tut niemandem mehr etwas zuleide ... Er will nur auf seine alten Tage geduldet sein von dir ... weiter nichts ...« »Ja ... der ...« Ein bitteres Lächeln ging über Otto Burcks Gesicht. »Aber er sagt es doch. Papa ...« »Und du glaubst es ihm natürlich ...« »Wenn du ihn hörtest, würdest du es auch glauben. Wenn du ihn nur siehst ... bitte ... bitte ... wirf nur einen Blick auf ihn, damit du dich selber überzeugst ... nur von da oben ... er bemerkt dich nicht ...« Sie versuchte, ihren Vater vom Stuhl emporzuziehen, und im Bestreben, sich ihr zu entwinden, stand er von selbst auf und legte hilflos und ärgerlich die Hand auf die Lehne, und sie eilte zur Tür und öffnete die lautlos und machte ihm von der Schwelle her ein flehendes Zeichen, doch zu ihm zu kommen, und er konnte sich zu seinem Zorn ihrem jugendlichen Willen nicht mehr entziehen. »Ich werde wirklich alt!« murmelte er, und legte dabei die zehn Schritte bis zum Flur zurück und trat mit Barbara hinaus, wählend sie stumm nach unten wies. Da, in der Tiefe, stand John Burke und wartete, den Hut in der Hand, den schäbigen Rock säuberlich bis zum Halse zugeknöpft, wartete geduldig, wie ein armer Teufel von Bittsteller im Vorzimmer eines Reichen. Und wenn man die beiden sah, den kleinen, aber wohlgepflegten und selbstbewußten Otto Burck da oben und den hageren, dürftigen, von Zeit und Not und Sorge gezeichneten Abenteurer da unten – dann war es klar, wer von den beiden nur geben und wer nur nehmen konnte. Und Barbara sagte noch einmal: »Stoße seine Hand nicht zurück. Papa ...! Ich hab' ihm meine auch schon gereicht, und es ist mir deswegen doch kein Unglück widerfahren. Denk, wie du darunter gelitten hast, daß andere lieblos gegen dich waren! ... Das hast du doch neulich Mama ins Gewissen hinein gesagt ...« Sie hatte die letzten Sätze absichtlich so laut gesprochen, daß der unten sie hören konnte. John Burke schaute auf und erkannte die beiden. Er schien zu glauben, daß sein Bruder ihm auf dem Flur oben entgegengetreten sei – er faßte das als eine Einladung auf, zu kommen, und nickte hastig – es war wie ein geschäftsmäßiges, diensteifriges: »All right« – und eilte die Stufen hinauf, zwei auf einmal nehmend, vornübergebeugt, und drängte sich an Barbara vorbei durch die offene Tür in das Zimmer, in das sich der alte Herr wieder zurückgezogen hatte. Die beiden Brüder standen sich gegenüber. Sie schwiegen und suchten sich jeder mit den Augen einen anderen Punkt auf dem Boden, und zehn Schritt von ihnen, auf der Schwelle, hielt Barbara den Atem an. Und endlich sagte John Burke weich und demütig, immer noch die abgegriffene Hutkrempe zwischen den Händen drehend und den Blick scheu zur Seite: »Da bin ich, Otto ...« Der andere nickte nur. Und jener holte tief Atem und sagte dann plötzlich laut, aus gepreßter Brust heraus: »Vergib mir ...« John Burke trat einen Schritt näher zu ihm heran und sagte leiser: »Früher war ich nicht sehr fromm, Otto ... aber ich bin's jetzt! Erinnere dich! Es steht geschrieben: Liebe deinen Nächsten – der bin ich ... ich bin sogar dein Bruder ...« Es war eine Pause. Dann fuhr er ebenso gedämpft und zerknirscht fort: »Und es steht geschrieben: ›Wie wir vergeben unsern Schuldigern ...‹ Ich bin schuldig ... das weiß ich ... und dafür bin ich gestraft ... meine Frau ist tot ... meine Tochter übers Meer ... mein einer Sohn ist ein Lump ... ich habe keinen Penny Vermögen ... ich habe keine Freude ... ich bin geistig und körperlich eine Ruine – wer mich sieht, speit vor mir aus ... Gottes Wille, Otto – Gottes Wille ...« Es war etwas Feierliches in dieser Selbstanklage. Otto Burck dünkte es fast etwas Furchtbares. So leidenschaftslos ruhten die Augen des anderen auf ihm. In denen war keine Bitte, kein Vorwurf – nur das Geständnis eines hoffnungslos verfehlten, dem Abschluß nahen Lebens. Ein Frösteln überlief ihn – eine Erkenntnis, daß es ihm in seinem an friedlicher Arbeit reichen Sein trotz allem doch soviel besser ergangen war. Das war eigentlich kein Mitleid gegen jenen – eher ein Gefühl der Gerechtigkeit. Ein Mensch durfte auch nicht mehr leiden, als er verschuldet hatte ... Und weiter sagte John Burke und etwas von dem, womit er früher die anderen zwang, ging von seiner großen, reuevollen Ruhe aus: »Nun sei mein Bruder ... oder sei mein Richter ... das steht bei dir! ... Bedenke nur: du triffst nicht mich ... ich bin über das alles hinaus – ich seh' schon meinen Grabhügel vor mir und sehn' mich danach, sehn' mich danach, Otto! ... und bin dann bald einem Höheren Rechenschaft schuldig für das Viele, was ich hier unten falsch und schlecht angefangen hab'! ... Nein, mich triffst du nicht ... ich denke nur noch an das Glück unserer Kinder ... tu du es auch ...« Otto Burck wollte etwas erwidern. Aber er brachte es noch nicht über die Lippen. Und jener schloß: »Die beiden werden, so Gott will, noch lange leben – wir beiden Alten nicht mehr – also mach es ihnen nicht zu schwer. Vergiß, Otto, was gewesen ist ...« Und nun sagte Otto Burck leise und mühsam: »Vergessen kann ich es nicht ... das steht nicht in meiner Macht.« Der andere zuckte zusammen und Barbara auch. Und Otto Burck fuhr schweratmend fort: »Aber ich will's ... ich will's in Gottes Namen vergeben! ... Das ... bring' ich schließlich noch fertig ... für die beiden Jungen ... dann haben die aber auch alles von mir ...« Und plötzlich ruhiger geworden, nachdem das erlösende Wort gefallen, sagte er: »Also, da setz dich ... wir wollen klar miteinander sprechen, geschäftlich gewissermaßen. Nein, ich will deine Hand nicht ... das ist nicht nötig ... und ich will keine Szene, Barbara ...« Er wehrte ihr eilig, in Angst vor neuen, leidenschaftlichen Auftritten der Freude, als sie sich ihm nähern wollte. »Es ist gar keine Rührung nötig ... ich halte nichts von Rührung ... sei so gut und laß uns allein ...« Da schlüpfte sie hinaus, Jubel im Herzen und, trotz seines Verbots, mit einem innig-dankbaren Blick nach dem Vater, und setzte sich unten in den kleinen Salon und waltete atemlos, bis die Unterredung zu Ende sei. Es dauerte nicht lange. Sie vernahm immer nur undeutlich von oben die Stimme des Hausherrn. John Burke schien überhaupt nichts zu sagen, sondern nur durch ein fortwährendes bescheidenes Kopfnicken seine Fügsamkeit zu beweisen. Er war offenbar mit allem – aber auch mit allem, was jener vorschrieb, zufrieden. Und da kamen sie auch schon nach einer Viertelstunde die Treppe herunter, mit ruhigen Mienen, wie nach einem abgemachten Geschäft, und Otto Burck sagte: »Nun, Barbara, du hast recht gehabt. Dein Onkel Joseph gibt sich Mühe, mir die Einigung zu erleichtern, mehr, als ich erwartete ... Er sieht ein, daß er besser auch in Zukunft in England bleibt und ihr ihn da besucht ... statt umgedreht in Polen, und auch sonst alles ... Du weißt ja, was ich da von jeher für richtig befunden und zur Bedingung gemacht hab'! ... Nein ... bitte, jauchze jetzt nicht und falle mir nicht um den Hals ... Du kannst nachher tanzen und springen, wenn du mit Robert zusammen bist ... mir ist nicht danach zumute ...« Aber sie ließ sich nicht abhalten, sie drückte ihm doch einen Kuß in den grauen Bart, und John Burke stand daneben und lächelte sanft und still. Dann nickte er ihr zu und sah über sich empor, zum Himmel hinauf. Er murmelte andächtig: »Thy will be done!« – und dies gläubige: »Dein Wille geschehe!« – dies Dankgebet des alten Mannes ergriff sie, so daß ihre Augen von neuem feucht glänzten. Und auch jener wandte sich ab und führte eine Sekunde, wie um seine Rührung zu unterdrücken, ein seltsames, schon viel gebrauchtes Taschentuch an das Gesicht. Otto Burck hatte davon nichts bemerkt. Er nahm inzwischen seinen Hut vom Haken und sagte auf den erstaunten Blick seiner Tochter: »Dein Onkel Joseph hatte die einzige Bitte, daß wir zusammen gleich zu Robert gehen, um ihn zu benachrichtigen, daß eine Versöhnung zustande gekommen ist.« Und John Burke erklärte das mit einem leidvollen Lächeln: »Mir allein glaubt er das doch nicht! ... Er denkt, ich werde doch abgewiesen, wenn wir zusammen herkommen – und er mit mir ... da geht er erst gar nicht mit ... Er muß es von euch beiden hören ...« Dies Letzte war eine Aufforderung für sie, und sie fragte hastig: »Papa, kann ich euch denn nicht begleiten?« Ihr Vater nickte. Alle drei traten vor das Haus und machten sich auf den Weg. Zehntes Kapitel Es war jetzt die Zeit, wo in der beginnenden Abenddämmerung die Straßen und Parkplätze von Baden-Baden verödeten. Und zugleich flammte überall in den langen Fensterreihen der Hotelspeisesäle das elektrische Licht auf. Alle Welt war jetzt bei Tisch. Nur das gewöhnliche Alltagsvolk eines badischen Städtchens belebte die noch von der Sonne des Augusttages heiße, von trüber Staubluft gefüllte Innenstadt, über der das große Schloß im Abendgold glänzte. All die Gäste der Rennwoche, die glattrasierten Gesichter, die rauschenden Kleider, die Geiger in verschnürter Attila, die oberbayrischen Gebirgsjodler mit Gamsstutz und Kniehosen, die Kellnerinnen in Schwarzwälder Flügelhauben, die wichtigen, dicken Lakaien, die türstehenden Portiers – der ganze Karneval der Nichtigkeit war mit einem Schlag für eine Stunde verschwunden. Die beiden Burcks und Barbara, die von oben aus der Villa kamen, brauchten kaum ein einziges Mal auf der Lichtentaler Allee Platz zu machen. Nun waren sie schon an dem Konversationshaus zur Linken vorbei, wo Lattengerüste auf der eingegitterten Wiesenfläche standen und draußen sich dunkle Haufen von Volk in Erwartung des großen nächtlichen Spektakel-Feuerwerks ansammelten. Sie gingen über die Oosbrücke und da, am Palais Hamilton, fiel es Barbara wieder ein, wie schon ein paarmal bisher, daß es doch eigentlich ein seltsamer Wunsch John Burkes sei, sie möchten gemeinsam Robert im Hotel abholen – seltsam vor allem die Begründung dieses Wunsches. Wenn Robert für das, was jener ihm mitteilte, nicht genug Glauben fand, so brauchte sie selber ihm doch nur ein paar Zeilen zu schreiben – oder ihr Vater. Dann war doch kein Mißverständnis möglich. Dann griff er nach seinem Hut und lief in der Freude seines Herzens mehr als er ging, hinauf nach der Villa Burck. Aber ihr schien, als ob es auch ihrem Vater gerade recht sei, wenn das nicht geschähe. Er wollte offenbar seinen Bruder nicht mehr als nötig in seinen vier Wänden haben – am wenigsten einen ganzen langen, von bleiernen Erinnerungen an früher überschatteten Familienabend in diesem halbausgestorbenen Hause. Er und seine Tochter hielten sich nebeneinander. John Burke war immer einen halben Schritt voraus. Seiner Ungeduld war die bedächtige Gangart des alten Otto Burck viel zu langsam. Und dabei war er selbst doch von der Abendschwüle erschöpft. Barbara sah, wie oft er sein vielgedientes und löcheriges Tuch aus der Tasche holte, um die großen Schweißperlen von der Stirn zu trocknen, und als sie die Staffeln bis zu dem kleinen Platz vor dem Hotel emporgestiegen waren, da war er ganz atemlos und keuchte leise. Da oben, auf dem freien Raum zwischen den spitzgiebeligen, altfränkischen Bürgerhäusern, hatte sie ihn seinerzeit zuerst im hellen Mondzwielicht gesehen. Auch jetzt hüllte die zunehmende Dämmerung alles in weiche, geheimnisvolle Schatten. Aber dies seltsam Eindringliche, den anderen wider Willen Festhaltende, das damals von ihm ausgestrahlt war, das kehrte nicht wieder. Er blieb ihr ein verwahrloster und abenteuerlicher, leidenschaftlich aufgeregter kleiner Mann. Sie hatte ihn inzwischen zu oft bei Tage gesehen. So wie er wirklich war. In dem bescheidenen Gasthaus, das John Burke und sein Sohn bewohnten, war das Eßzimmer zur ebenen Erde voll von Menschen. Man sah durch die offenen Fenster die runden Tische mit lärmenden Leuten – dicht neben ihnen, von ihnen neugierig betrachtet, eine Tafelrunde knirpsiger Jockeys und gegenüber den Zweigen in Zivil ein Haufen herrschaftlicher Chauffeure. Es war nicht das feinste Publikum – und zwischen ihm lief Wirt und Wirtin und die Kellnerinnen – was im Hause war, bediente mit – überall in Baden-Baden tropfte jetzt das Geld vom Himmel und standen die Schüsselchen, um es aufzufangen – und niemand begegnete den dreien, während sie die Treppe hinauf zu Roberts Zimmer stiegen. Dort klopfte John Burke zwei-, dreimal. Es kam keine Antwort. Er drückte auf die Klinke. Die Tür war verschlossen. Nun rief er: »Robby! ... Robby!« und wieder »Robby!« – diesmal ganz laut – aber mit solch einem heiseren Klang der Angst in der Stimme, daß die beiden ihn erstaunt ansahen. Und dabei erschrak Barbara – so verzerrt war sein Gesicht, während er bat: »Robby ... so mach doch auf ... ich bin's ja ... wir sind's ... wir alle, Robby.« Und dann wandte er sich zu den anderen und murmelte verstört: »Er kann sich doch nichts angetan haben – nicht wahr ...? Das wäre doch zu wahnsinnig ... so wahnsinnig kann er doch nicht sein, Barbara – nicht wahr ...?« Und sie erwiderte entsetzt: »Wie kommst du denn nur um Gottes willen auf den Gedanken, Onkel ...?« Ein unbestimmtes Grauen erfaßte sie. Otto Burck aber sagte trocken: »Er ist einfach spazierengegangen! Das ist die ganze Geschichte!« Er war ärgerlich und machte sich seinem Bruder gegenüber Luft. »Darüber hättest du dich auch vorher vergewissern können, statt mich unnütz hierherzubringen! Soll ich denn immer und ewig den Menschen nachlaufen! ... Das muß jetzt ein Ende haben. Von jetzt ab wißt ihr ja, wo ich morgen zu finden bin! Komm – wir wollen nach Hause gehen, Barbara ...« »Er ist im Zimmer!« beharrte John Burke zitternd. »Wie hätte er denn ausgehen können, in der Verfassung ...« »In was für einer Verfassung?« Otto Burck fragte das schnell, immer noch mit ungeduldig gerunzelter Stirn, und der andere wich aus, ehe er sich noch weiter hineinredete. »Er war doch so aufgeregt ...« murmelte er nur und legte, um besser zu horchen, das Ohr an die Tür. »Weswegen denn?« »Was heißt denn das nur, Onkel Joseph?« Die Stimmen von Vater und Tochter klangen ineinander. Der alte Abenteurer antwortete nicht darauf. Er atmete plötzlich auf. »Es bewegt sich etwas drinnen«, flüsterte er gespannt. »Hört ihr ... er muß aufgestanden sein ... da geht er durchs Zimmer ... die Diele knarrt ... Robb‹ ... Robby ... um Gottes willen ... so mach doch auf ...« Die Laute, die aus seiner Kehle kamen, waren ängstlich, gequält und halberstickt. Und von innen erfolgte keine Erwiderung. Der Sohn wollte seinen Vater nicht sprechen und nicht sehen. Er ließ ihn vor der Tür stehen. Otto Burck schüttelte den Kopf und zog die Augenbrauen hoch. »Da stimmt etwas nicht!« sagte er plötzlich laut und sah dann seinen Bruder scharf und mißtrauisch an. »Was hat es denn zwischen dir und Robert gegeben ...?« »Nichts ... nichts ...« »Doch! ... Ich seh' es dir an ... also bitte heraus mit der Sprache! ... Was ist denn nun wieder los! Ich will keine Zwischenfälle mehr ... ich will endlich reinen Tisch ...« »Er soll nur selber reden ... er wird ja reden ... es ist ja alles gut ... wenn wir ihn nur erst haben ...« John Burke trommelte mit den Fingern auf dem Holz. Otto Burck wandte sich zu seiner Tochter und sagte ernst: »Barbara ... ich befürchte ... da erleben wir eine neue Überraschung! ... Was, das kann ich nicht einmal ahnen, aber ich fürchte, nichts Gutes ...« Auch sie war von unbestimmter und darum doppelt quälender Angst bleich geworden. Aber sie nahm sich zusammen und schöpfte tief Atem und rief, so ruhigen Tones, als sie vermochte: »Robert ... ich bin da ... mich schickst du doch nicht weg ...« Gleich darauf drehte sich der Schlüssel. Die Tür ging auf. Sie sah seine Gestalt auf der Schwelle. Er stand gegen das Abendlicht, das von dem Hoffenster her in das dämmerige Stübchen fiel. So konnte sie seine Züge nicht erkennen. Sie streckte die Hände aus und wollte auf ihn zu. Aber zu ihrem erneuten Befremden drängte sich John Burke rücksichtslos an ihr vorbei. Er mußte der erste im Zimmer sein und faßte dort seinen Sohn an der Schulter, oder versuchte es wenigstens – denn jener wich vor ihm jählings zur Seite mit einer Bewegung des Abscheus, die die beiden anderen entsetzte – und sein Vater verlor durch diesen neuen Zwischenfall noch mehr die Sicherheit und den Boden unter den Füßen und wollte lachen – aber es kam nur ein heiseres Gehüstel heraus, und wollte einfach und innig sprechen und stammelte dabei doch zwischen den Zähnen: »So Robby ... mein Junge ... siehst du ... da sind wir ... du hast es mir nicht glauben wollen, wie ich wegging – und nun ist es doch wahr ... dein Onkel Otto hat mir die Hand gegeben ...« »Das hab' ich nicht!« sagte der alte Herr kurz und kalt. Er ließ das Auge nicht mehr von den beiden, in tiefstem Mißtrauen und gespannter Selbstbeherrschung. »Also ... wenn das zuviel gesagt ist ... verzeih, Otto ... es war nur so eine Wendung ... es sollte heißen, daß du mir vergeben hast ... das hast du doch ...?« »Ja ...« »Da hörst du's, Robby!« Jetzt hatte John Burke wieder einigermaßen seine Haltung. Seine verwitterten Züge verklärten sich. Ein freundliches und dankbares Lächeln erschien darauf. »Da hörst du es! ... Da sind wir nun! ... Wir sind zu dir gekommen ... auf meine Bitte ... wir wollten dir selber die Freudenbotschaft bringen ... Robby ... mein Junge ... nun freu du dich doch mit uns ...« Er zitterte in seinen Worten wie vom Übermaß von väterlicher Rührung und von Dankbarkeit gegen seine Verwandten. Aber ganz war er seiner doch nicht mehr Herr. Seine herabhängenden Hände ballten sich unwillkürlich in Todesangst zusammen, während er den Sohn freundlich ansah und auf dessen Lippen sein Schicksal zu lesen suchte, und Otto Burck bemerkte es und Barbara auch, und sie flüsterte: »Papa ... ich bitte dich ... was heißt das? ...« und er zuckte ratlos und finster die Schultern, und als jener nun sich seinem Sohn zu nähern begann und wieder schmeichelnd anhub: »So ... nun ist Friede und Freude ... nun ist alles gut, mein Junge ... ich bin auf alles eingegangen, was dein Onkel wollte ...«, da trat Robert so jäh von ihm zum Fenster zurück und sagte mit einer solchen Stimme: »Bleib weg von mir!«, daß ein plötzliches tiefes Schweigen des Schreckens entstand. Und in dem Licht der Scheiben sah Barbara jetzt zum erstenmal deutlich das Gesicht ihres Verlobten. Er war krank! – Sie schrie und stürzte auf ihn zu. So verstört, so leichenblaß konnte nur ein Mensch sein, über den jählings ein schweres Leiden gekommen – sie umschlang ihn – sie klammerte sich an ihn, und John Burke bestätigte es hinter ihr, und sie hörte dabei seine Zähne aufeinanderschlagen: »Er fiebert! ... Er hat schon vorhin gefiebert ... ich wollt' es euch bloß nicht sagen ... Er hat ja schon die ganze Zeit auf dem Bett gelegen ... Bleib da nur! Wir gehen lieber ... Rede jetzt nur nicht, Robby ... rege dich nicht auf ... Morgen wird's schon besser sein ... morgen ... Robby ... morgen ...« Es war eine verzweifelte Bitte, aber Robert achtete nicht darauf. Er ließ plötzlich seine Arme von Barbara los. Sie standen sich frei gegenüber. Und als sie ihn wieder an der Hand fassen wollte, da hob er abwehrend gegen sie diese Hand – sie traute ihren Augen nicht – sie war gelähmt von ungläubigem Schrecken, daß alles im Zimmer vor ihr verschwamm und sich langsam und dann rascher und immer rascher um sie zu drehen anfing ... er stieß sie von sich! ... sie! ... und aus diesem Nebel, aus der Ferne hörte sie seine Worte. »Es ist aus! Ich darf nicht zu dir! ... Und du nicht zu mir!« »Robert!« Sie schrie gellend auf. Und zugleich wollte John Burke seinem Sohn ... er wollte ihm den Mund verschließen ... mit Gewalt ... aber er taumelte vor dessen Blick zurück und blieb bebend, mit halb offenem Munde stehen. Robert sagte: »Es ist etwas zwischen uns gekommen, Barbara, ganz ohne meine Schuld, das macht uns alles zunichte!« Sie konnte nichts mehr erwidern. Sie stöhnte nur noch und hatte die Augen geschlossen. Ihr Vater hielt sie in seinen Armen. »Willst du sie morden?« stieß er hervor. »Willst du nicht wenigstens sagen, was es ist?« »Du wirst schweigen!« schrie John Burke dazwischen. Er drehte sein Taschentuch in den Händen und zerriß es in seiner Todesangst. Robert schüttelte den Kopf. »Ich darf jetzt noch nicht reden, Onkel! In wenigen Wochen werd' ich es dir schreiben! Dann wirst du begreifen, daß ich kein Recht hab', in euren Kreis zu treten!« »Schreiben?« »Ja. Ich muß weg von hier! Für immer! Heute noch! ... Ich bitte dich nur um das eine, Barbara ... glaub mir: ich lieb' dich, wie das nur ein Mensch überhaupt vermag – und werd' das immer tun ... wo ich auch bin ... es wird außer dir nichts in meinem Leben geben ...« Sie hörte nicht mehr. Ihr Vater konnte sie nicht mehr halten. Er ließ sie auf einen Stuhl an der Wand gleiten. Sie war ohnmächtig geworden. Und zugleich öffnete sich die Tür. John Burkes überlauter letzter Schrei hatte das Stubenmädchen herbeigerufen. Sie dachte, es sei ein Unglück geschehen. Der Hausdiener stand hinter ihr. Otto Burck verlor auch jetzt noch nicht seine Haltung. Er sagte ruhig zu den beiden Leuten: »Meine Tochter hat einen plötzlichen Schwächeanfall bekommen! ... Ist ein Wagen in der Nähe? Unten auf dem Platz? Ja? Dann helfen Sie mir, sie hinunterzubringen!« Der Hausdiener stieß die Tür ganz weit auf. Einer der Chauffeure, ein kräftiger Mensch, der draußen gerade vorbeiging, leistete freiwillig Hilfe. So brachten sie Barbara hinaus. Ihr Vater ging hinterher und stützte sie, ganz in Sorge um seine Tochter und ohne noch einmal den Blick nach den beiden anderen zu wenden. John Burke und Robert blieben allein im Zimmer zurück. Der alte Abenteurer ließ sich wie ein Kind schluchzend auf das Sofa sinken. Robert blieb auch jetzt aufrecht. So stand er vor ihm und sagte: »Nun hast du's erreicht ... Nun hast du's abgeschlossen, wie du immer gelebt hast ... Unheil und Zerstörung um dich! ...« »Durch deine Schuld ... durch deine ...« John Burke hatte das Wort noch kaum gesprochen – da duckte er sich, in plötzlicher Angst vor dem Leidenschaftsausbruch des Sohnes, der bis dahin so unheimlich gefaßt gewesen war. Robert war vor ihn hingetreten. Es arbeitete in ihm alles, was er jetzt, was er schon früher durch Jahre und Jahre in sich niedergekämpft, suchte einen Ausweg und entlud sich und ward zur Lebensabrechnung zwischen Vater und Sohn: »Meine Schuld! ... Ist's meine Schuld, daß ich geboren bin ... daß du mein Vater bist ... daß ihr da drüben in England meine Verwandten seid? ... nein ... wahrhaftig ... da hab' ich nichts dazu getan ... das ist eine fremde Schuld ... eure ... an der hab' ich keinen Anteil und war doch an sie gebunden mein Leben lang ... bis heute ...« In steigendem Grimm fuhr er fort: »Die Schuld hat mich verfolgt seit meiner Kindheit! Wo ich war, da war sie auch. Wo ich emporzukommen versucht hab', da hat sie mich von hinten am Genick gepackt und wieder nach unten gerissen – wo ich Menschen mich nähern wollte, da haben sie es mich empfinden lassen, daß ich der Sohn meines Vaters bin ... gekennzeichnet fürs Leben – mit einem Mühlstein um den Hals, wo die anderen frei vorwärts konnten ... ach, was weißt du, was ich schon gelitten hab' durch dich ...« Und leiser, zwischen den Zähnen, sprach er: »Ich hab's dich nie entgelten lassen. Ich hab' mich an das Verhängnis gewöhnt, wie man sich an irgendein körperliches Leiden gewöhnt ... Es hilft nichts ... Man muß es eben tragen. Und man trägt's auch. Dazu hatte ich immer noch Mut und Kraft genug – und mehr noch: ich hab' dich noch dazu wirklich liebhaben können – von Herzen liebhaben können, wenn du mich auch manchmal fast zu Boden gedrückt hast, so als trüge ich statt deiner einen Zentner Blei auf meinen Schultern durchs Leben und könnte kaum mehr atmen! Ich war dir trotzdem immer ein guter Sohn ... alle haben dich verlassen ... nur ich war immer bei dir ... auf mich hast du immer zählen können – rücksichtslos bin ich vor dich getreten und hab' dich mit dem eigenen Leib geschützt – gegen jeden – und wie hast du mir's nun gedankt ...« John Burke antwortete nicht. Er wimmerte nur leise. Sein Sohn trat in das halbdunkle Zimmer hinein. »Alles hast du mir zunichte gemacht!« sagte er mit erstickter Stimme. »Mein ganzes Glück – mein ganzes Leben ... und wenn ich nicht doch ein leidlich starker Kerl wäre – zum Glück – so wüßte ich, was ich jetzt lieber täte, als alles andere ... so aber will ich versuchen, weiterzuleben – ich weiß freilich nicht, wie – und zu hoffen – ich weiß nicht auf was – und du hast unnütz das alles getan – das ist das, worüber man wahnsinnig werden könnte – du machst mich ganz umsonst zum Bettler – und du hast dir selbst das Letzte genommen, was du noch hattest – mich.« Sein Vater saß teilnahmlos, vornübergesunken, die Hände ineinandergeballt. Robert hatte jetzt äußerlich seine Ruhe wiedergefunden. So sagte er: »Ich will nur meinerseits keine Schuld gegen dich auf mich laden. Ich will das Letzte tun, was ich jetzt noch für dich tun kann, und dir helfen, dich der Verantwortung für deine Schuld zu entziehen. Dazu brauchst du Geld!« Er wies auf einen verschlossenen Briefumschlag, der auf dem Tisch lag. »Nimm das! Darin findest du eine Anweisung auf meine Ersparnisse in London – hole sie dir von der Bank und dann sieh, daß du sofort eine möglichst große Strecke Welt zwischen dich und den ... den Wechsel legst. Es gibt ja Staaten, die nicht ausliefern ... dort bist du geborgen – für die Zeit, die du noch lebst ... Aber ich gebe dir nur vierzehn Tage Zeit, Vater – dann schreibe ich von Amerika aus hierher den Sachverhalt! Länger kann ich das nicht mit mir herumtragen. Und in Amerika ändere ich meinen Namen, für immer! Und wenn mich jemand nach meiner Familie fragt, so antworte ich ihm: ›Gott sei Dank, ich hab' keine! Ich weiß nicht, von wo ich komm'!‹ Ich will den Fluch endlich loswerden! Ich hab' ihn wahrhaftig teuer genug mit meinem ganzen Glück bezahlt ...« Der Alte stöhnte etwas vor sich hin. Es klang wie: »Ich will dich wiedersehen, in Amerika ...« Sein Sohn schüttelte den Kopf. »Du wirst mich nie wiedersehen und ich nie mehr dich! ... Das ist jetzt der letzte Augenblick, wo wir zusammen sind ...« Jetzt weinte es aus der dunklen Ecke des Sofas her: »Robby, Robby, was mach' ich denn ohne dich ...?« Es kam keine Antwort. »Robby, ich hab's doch gut gemeint, ich wollt' ja bloß uns allen helfen ... so gut ich's verstand ...« »Aber wir verstehen uns nicht, Vater! ... Wir sprechen zwei verschiedene Sprachen ... ich will nicht mehr sagen ... mit den letzten Worten, die wir miteinander wechseln – aber es sind die letzten Worte, Vater ... für immer ...« John Burke saß stumm und regungslos da. Sein Sohn wandte sich zur Tür und drückte sie hinter sich in das Schloß. Draußen stand der Hausdiener. Dem gab er ein Trinkgeld und beauftragte ihn, sein Gepäck und die Rechnung zum Londoner Nachtzug, der in wenigen Stunden ging, auf die Bahn zu bringen, und ebenso mechanisch stieg er die Treppe hinab und trat hinaus in das Freie. Nichts hielt ihn hier mehr. Nichts sonst auf der Welt. Es war alles hinter ihm abgeschlossen und zu Ende. Und vor ihm war die große dunkle Nacht. In die ging er hinein, ziellos und planlos, nur den Gedanken im Kopf, daß er sich übermorgen in Liverpool einen Kabinenplatz zur Überfahrt nach der Neuen Welt buchen lassen müsse und dann ... Er konnte sich gar nicht vorstellen, was dann noch eigentlich kommen sollte. Das war doch nicht der Mühe wert. Nur daß es Feigheit war, sich diesem Sein zu entziehen, in dem man nun einmal war ... Er war an der Lichtentaler Allee. Da war nun wieder um das Kurhaus herum alles voll Menschen, und die lachten und machten glückliche Gesichter – auf dieser Welt – unter diesem Sternenhimmel, der da oben kalt in tausendfacher Pracht glitzerte – ihm schienen sie wie Verrückte – und die Musik spielte einen Tusch, und das Feuerwerk knatterte, und ein staunendes Ah! ging durch die Menge, und Robert Burck bangte vor der Komödie des Lebens. Vor einem Juwelierladen stand ein Haufen Amerikaner und Amerikanerinnen. Die Herren legten jeder einige Hundertmarkscheine hin, die Damen wählten sich dafür einen Schmuck aus – dann wurde unter ihnen gelost, und die Gewinnerin befestigte sofort die Diamantbrosche an ihrer Brust. Robert sah es im Vorübergehen. Ja, das war das Leben ... Geld ... Geld ... Und dort drüben lag das Konversationshaus, in dem man um Haufen von Gold gespielt hatte. Da klebten an den Anschlagsäulen die Programme der Rennen, auf denen man um Geld die Pferde dahinhetzte und Gold auf ihre Hufe wettete ... Gold ... Gold überall ... Er floh davon. Ins Dunkel hinein. Bald war es um ihn still. Baumriesen breiteten ihre nachtschwarzen Zweige über ihm aus. Und er ging weiter und weiter, immer geradeaus, dem leise plätschernden Lauf der Oos entgegen. Und nun dachte er nur noch an Barbara ... Er sagte halblaut »Barbara« vor sich hin und wieder »Barbara«, als könne er sie so durch Nacht und Leid hindurch an seine Seite ziehen, und seltsam: sie schien ihm nicht fern. Wo sie doch für immer fern von ihm war. Das konnte er nicht glauben. Er zwang seinen Willen dazu, zu denken, grausam und klar zu denken, daß nun alles aus sei und alles Sehnen und Wünschen und Verzweifeln nicht mehr bedeute als der Nachthauch zwischen den Bäumen, der leise wehte und im Nichts erstarb. Aber da oben glänzten Sterne, und ganz da hinten, ganz im Innersten seiner Seele, war doch noch Hoffnung. Er war zornig auf diese Hoffnung. Sie durfte nicht sein. Sie äffte ihn nur mit Trugbildern, die so unbestimmt, so unfaßbar waren, als höhne er in ihnen seinen eigenen Schmerz. Und so oft er die Hoffnung totzuschlagen suchte – sie war immer wieder da, und sein Verstand sagte ihm immer wieder kalt und dumpf: 's war ein Spiel um nichts. Ja – wenn es sich um die Zukunft gehandelt hätte – die ließ sich schon zwingen, mit jungem Mut und starken Armen. Die war vielgestaltig und vielbeweglich. Aber die Vergangenheit war eine erstarrte, eherne, tote Masse. Die wuchtete auf ihm, und keine Menschenkraft vermochte sie auch nur um einen Zoll zur Seite zu wälzen. Um ihn waren plötzlich Mauern, niedere Türmchen, ein gewölbter Torbogen, etwas wie vom Mittelalter, ein Brunnen plätscherte laut durch die Nacht. Seltsam geformte Bäume streckten ihre knorrigen Arme empor. Von drüben her glänzte Licht aus gotischen Kirchenfenstern, er stand im Vorhof des Frauenklosters von Lichtental. So weit war er gewandert in seinen Gedanken. Er trat wieder auf die Straße und sah unter der Laterne auf die Uhr. Es war Zeit. Er mußte zum Bahnhof zurück. Und in dieser langen Stunde, während er wieder durch die Nacht Baden-Baden zuschritt, dachte er nur an Barbara. Und als er an den belebten Teil der Achtentaler Allee gekommen war und erkannte, daß ihm noch etwas Zeit blieb, faßte ihn ein unbezwingliches Sehnen, nur noch einmal, zum letztenmal, sich nicht ganz fern von Barbara zu wissen – noch einmal wenigstens von außen das Haus zu sehen, in dem, in diesen paar Wochen, sich alles für ihn abgespielt hatte, was in seinem Leben lebenswert gewesen, und aus dem Dunkel heraus das Licht hinter den Scheiben zu erblicken, wo sie war, und den Schein mit sich zu nehmen auf den Weg. Es war nicht weit bis zur Villa ... nur ein paar hundert Schritte – und er konnte sich nicht zurückhalten und stieg den wohlbekannten Weg hinauf und blieb in der Entfernung stehen, unter den Bäumen an der Straße, so daß man ihn von dort im Schatten nicht bemerken konnte, und hatte plötzlich seine Kraft überschätzt und sank schluchzend auf den Erdboden nieder und krampfte die Fäuste in das feuchte Gras, und fühlte das heiße Wasser aus den Augen schießen und über seine Wangen strömen, und knirschte mit den Hähnen und ächzte auf und weinte und lachte in einem darüber, daß er hier lag ... daß er überhaupt auf der Welt war ... daß diese Welt bestand, die er nicht begriff – die ein Unrecht war ... ein Hohn auf alles Gute und Schöne – eine einzige Lüge, an der nur eines wahr war – der Schmerz – der Schmerz, wie er ihn jetzt bis mitten ins Herz hinein empfand – lang hingestreckt – unfähig, sich zu bewegen – geschlagen von dem Schicksal – ein toter Mann, der dabei immer noch atmete – in dessen Körper sich immer noch der alte Kreislauf von Blut erfüllte, wo in ihm selber alles abgestorben war – nein – nicht abgestorben! ... nein! ... nein ... die leidenschaftliche Sehnsucht wurde wach – die lebte – die legte ihm immer wieder ein leises »Barbara« auf die Lippen – einen Schwur, doch nicht von ihr zu lassen – in der Hoffnung auf sie zu leben – sie sich doch noch irgendwie – irgend einmal zu erkämpfen – und das, sein einziger Wille – sein einziger Vorsatz für die Not des kommenden Daseins, richtete ihn wieder auf die Knie empor, und so sah er hinüber, sah noch einmal die Villa, die still und tot, in weißlichem Schimmer hinter den Rasenflächen im Parkdunkel gebettet dalag. Und doch war Leben in ihr ... Ein Licht. Das erkannte er jetzt, während er sich wieder erhob. Das wanderte. Unruhig von einem Fenster zum anderen – so wie wenn jemand eilig umherliefe ... oder etwas suche ... oder sich rüstete, und dann glitt das Licht zum Erdgeschoß hinab ... der Flur erhellte sich, das Haustor öffnete sich – ein kleiner Herr trat eilig heraus und ging durch den Garten auf das Gitter zu und durch die Pforte auf die Straße, und Robert sah: es war sein Onkel Otto Burck. Der alte Herr lief gerade auf ihn zu. Er stürmte den Weg herab. Er erblickte seinen Neffen noch nicht. Der hätte noch Zeit gehabt, in das Dunkel zurückzutreten und jenen an sich vorbeizulassen. Aber er fand dazu nicht die Kraft. Oder nicht den Kleinmut. Er wollte dem Schicksal nicht aus dem Wege gehen. Nun war der andere vor ihm und erkannte ihn und war gar nicht erstaunt, hier mitten in der Nacht auf ihn zu prallen. Er schien anzunehmen, daß Robert eben auf dem Wege zu ihm sei, und packte ihn erregt an der Schulter. »Kommst du aus dem Hotel?« »Nein –« »Also weißt du noch gar nichts?« »Um Gottes willen, ist Barbara krank?« »Sie hat sich wieder soweit erholt. Aber das ist nichts für sie! Ich hab' ihr auch noch nichts davon gesagt! ... So komm doch nur! Was stehst du denn da und verlierst die Zeit? ... Komm doch! ... Komm schnell!« »Wohin denn?« »Ins Hotel, Robert ... ach so! ... Dir hat er's ja nicht geschrieben ...« Otto Burck hielt ein zerknittertes Stück Papier in der Hand. Robert erkannte auf den ersten Blick die Schriftzüge seines Vaters. Und sein Onkel sagte, plötzlich ruhig und sehr ernst geworden: »Er hat mir's eingestanden – da – in dem Brief ... bis aufs letzte. Jede Einzelheit! Ganz geschäftsmäßig schreibt er ... sieh ... da hat er sogar die Bankanweisung, die du ihm gegeben hast, beigelegt ... der Ordnung wegen ... es könnten Diebe im Hotel sein oder sonst Mißbrauch damit getrieben werden.« Der alte Burck hatte absichtlich mit Umschweifen gesprochen. Er wollte dem Sohn Zeit geben, sich zu sammeln – sich vorzubereiten – und der las: »Ich bin nun fertig und müde, in einer Welt zu leben, die seit zwei Jahrzehnten gegen mich blind ist und mich nicht anerkennt! Ihr seid in der Mehrzahl. Also gehe ich! Ich bitte Dich nochmals um Verzeihung, Otto ... und ich bitte Dich, fasse das so auf, wenn ich jetzt gehe, daß ich damit für die auf der Welt Platz machen möchte, die nichts für das alles können, für unsere Kinder. Ich bin nicht mehr der Stein des Anstoßes. Nun sei Du ihrem Glück auch nicht mehr im Wege. Das ist meine letzte Hoffnung und der bringe ich einen Kopf wie den meinen zum Opfer. Ich hab' mir mein Fläschchen schon aus London mitgebracht gehabt, für alle Fälle. Jetzt spricht schon einer zu Euch, der woanders ist. Robert soll merken, ob er nicht Zeichen von mir bekommt, ob es nicht klopft ... in den nächsten Tagen. Ich will versuchen, ihm nahe zu bleiben! Er ist doch immer mein Glück und meine Freude gewesen. Ich hab' ihn unendlich liebgehabt, so gut wie ich's verstanden hab', sag ihm das ... und er möge mir nachträglich verzeihen! Und er wird es auch, wenn Du ihm nur die Barbara gibst ...« Sie sprachen nicht mehr. So rasch sie konnten, eilten sie dahin nach dem Hotel, in dem alles noch seinen gewohnten Gang ging, und stürzten nach John Burkes Zimmer und klinkten, ohne in der Erregung anzuklopfen, die Tür auf – sie gab nach – sie war nicht verriegelt, und traten ein. Drinnen brannte kein Licht. Nur ein bläuliches Dämmern aus der Nacht draußen füllte den kleinen Raum. Es war hell genug, um John Burle zu erkennen. Er lag friedlich in seinen Kleidern auf dem Bett und schlief. Aber als sein Sohn ihn an der Schulter faßte und sein Bruder ihn anrief, erwachte er nicht und rührte sich nicht. Und aus den zusammengekrampften Fingern der schlaff herabhängenden Rechten schaute ein kleines, leeres Fläschchen heraus. Lange standen die beiden schweigend vor seinem Lager. Sie hatten die Hände gefaltet. Aus der Ferne klang der unbestimmte Lärm des ersterbenden Abends – das Lachen und Plaudern der Gäste in der Wirtschaft unten. Von irgendwo ein gedämpftes, kaum hörbares Pochen, dann das rasche Vorfahren und Halten eines Wagens auf dem Steinpflaster des Platzes draußen, und nun wieder Stille. Da drückte Robert leise seinem Vater die Augen zu. Und als er es getan, sagte Otto Burck neben ihm: »So ... komm ... gib mir deine Hand ...« Er streckte seine Rechte aus. Aber noch nahm sie jener nicht. Der stand ihm gegenüber vor dem Bett des Toten und murmelte: »Ich darf nicht, Onkel ...« »Wenn ich sie dir biete ...« »Mein Vater ist nicht mehr! Aber was von ihm ist, das ist doch noch in der Welt, das bleibt doch und haftet an mir. Ich kann ja nicht ungeschehen machen, was er getan hat ...« »Es ist schon ungeschehen!« sagte Otto Burck ruhig. »Kein Mensch wird je erfahren, was war!« Das hieß, daß er den Wechsel einlösen würde. Das Geheimnis sank hinter dem, der es geschaffen, in das Grab. Robert sah den alten Herrn an. Er fand kein Wort. Da klopfte es leise an der Tür. Otto Burck ging hin und öffnete einen Spalt, und sein Neffe hörte draußen Barbaras Stimme. Sie klang matt vor Angst und Erschöpfung. »Ich hab' es daheim nicht ausgehalten, ich bin im Wagen dir nach, was ist geschehen?« »Warte einen Augenblick!« sagte ihr Vater. »Warum läßt du mich denn nicht hinein?« »Nein! Bleib draußen!« Er ging rasch zum Bett und nahm Robert, der immer noch dastand, an der Hand und führte ihn zur Tür und öffnete die halb. Die beiden standen sich gegenüber. »So, Barbara!« sagte der alte Burck. »Den sollst du zuerst sehen, und nicht das da drinnen!« Sie wußte nicht, wie ihr geschah. Sie glaubte nicht daran. Sie starrte Robert an, ob er es auch wirklich sei. Da zog er sie stumm an sich und schloß sie in die Arme. Ende.