Johann Meyer Sangesbrüder Schwank mit Gesang in 3 Akten Musik von Claudius Serpenthien. Personen: Mehlmeier , Rentier. Karoline , seine Frau. Wilhelmine , deren Schwester. Schaum , Barbier, Sangesbrüder Brenneisen , Friseur, Sangesbrüder Rosalie , Schaums Frau. Auguste , Brenneisens Frau. Pingel , Gewürzkrämer. Jette , Zofe und Stubenmädchen bei Mehlmeier. Bollmann , Knecht und Faktotum bei Mehlmeier. Das Stück spielt während des Sängerfestes in einer kleinen Provinzialstadt. Zeit: Gegenwart. Erster Akt. Ein elegant ausgestattetes Zimmer in Mehlmeiers Haus. Rechts im Vordergrunde eine Tür in Mehlmeiers Wohnstube führend. Etwas weiter zurück rechts und links eine Tür nach den Fremdenschlafstuben. Noch weiter zurück links die Tür nach der Küche und dem Zimmer der Zofe. Im Hintergrunde in der Mitte die Eingangstür von dem Hausflur. In der Stube zu beiden Seiten ein langer Konsolspiegel. Die Eingangstür vielleicht bekränzt.   Erste Szene. Bollmann. Bollmann. (Garderobe: Ein etwas altmodischer Kutscherrock mit langen Schößen, enges, dunkles Beinkleid, Kutscherweste, schwarzes Halstuch. Er steht auf einem Stuhl und macht sich mit einer roten Ampel zu schaffen, die in der Mitte der Stube an der Zimmerdecke hängt) . Na, mit die Ampfel wär' es in Ordnung. Die Madam hat doch 'n feinen Geschmack.   Sie ist immer so für das Höhere,   und dazu gehört ja doch auch mit der Mond.   Als sie mich man erst sagte, daß es den Mondschein darstellen sollte, vonwegen die beiden Sängers, die hier in Loschi kommen, damit sie auch in'n Mondschein sitzen können,   da wußte ich auch schon Bescheid. Was wird das für'n Eindruck machen auf unsere Gäste!   Es ist doch 'n schöne Sache mit die Bildung, und den Herrn seine Gemahlin ist weit darin.   (Es wird angeklopft.) Herein!   Wird wohl der Postbote sein, (Pingel tritt durch die Mitteltür ein.) Ah, guten Tag, Herr Nachbar! (Steigt vom Stuhl und setzt den Stuhl beiseite.)   Zweite Szene. Pingel. Bollmann. Pingel. (Garderobe: Modern, etwas karikiert. Enganschließendes Beinkleid, Schniepel oder gewöhnlicher schwarzer Rock, weiße Kravatte, lange Vatermörder, lange Manschetten und weiße oder wenigstens helle Glace-Handschuhe. In der einen Hand einen schwarzen Zylinder, in der andern ein großes Bukett von Rosen und Nelken. Wesen stets schüchtern und sentimental) . Ist Herr Mehlmeier wohl zu sprechen? Bollmann. Wenn Sie Zeit haben, bis er fertig ist; er ist gerade bei die Toilette. (Zu sprechen, wie geschrieben steht.) Pingel. Zeit? (Sieht schüchtern nach den Türen.) Ich komme in einer wichtigen Angelegenheit. Bollmann. Haben Sie die Proben gleich mitgebracht? Pingel. Proben?   Nein, das würde sich doch wohl nicht passen.     Bollmann. Na, wir kaufen ja schon so lange bei Sie,   was wir an Kaffee und Zucker     Pingel. (sentimental) . Kaffee?!   Zucker?!     Nein!   Nein! Bollmann. Nein?   Na, was denn?   Haben Sie denn andern Sirup gekriegt?   Frische Matjes?   Pingel. (sentimental) . Sirup?!   Matjes?!   Bollmann,   sehn Sie mich mal an! (Er präsentiert sich, zeigt das Bukett, sieht dann wieder schüchtern nach den Türen.) Bollmann. (nach dem Bukett zeigend) . Ah!   Nu verstehe ich!   'n kleine Überraschung für den Herrn seine Gemahlin?   Pingel. (sentimental) . Bollmamn, ich kann Ihnen es ja gern sagen; (sieht wieder schüchtern nach den Türen) aber es kommen doch wohl keine?   Bollmann. Wieso denn? Pingel. Ich meine die Madam, und die Madam ihre Schwester. (Sentimental.) Ihre Schwester!   (Wieder schüchtern nach den Türen sehend.) Bollmann. Was Sie ängstlich sind!   Pingel. Bollmann,   wir kennen uns ja schon lange.   Bollmann. So lange, als ich hier als das Faktotum in die Familie die Waren bei Sie hole     Pingel. Und ich, ich weiß es ja auch,     daß Sie Jette lieben. Bollmann. Nun ja,   ich habe auch gerade kein Geheimnis daraus gemacht.   Pingel. (etwas lebhafter) . Ja, sehn Sie!   Ich auch nicht, weil Sie es sind. (Wieder nach den Türen sehend, sentimental.) Ach Bollmann,   das Fräulein!   Bollmann. Fräulein Wilhelmine?   die Madam ihre Schwester?   Pingel. (sentimental) . Fräulein Wilhelmine!   (Nimmt ein kleines Paket aus der Tasche, hält es Bollmann hin.) Bollmann,   es sind Regalia!     Bollmann. (das Paket annehmend) . Ah, Herr Pingel! Pingel. Stecken Sie ein!   Stecken Sie ein!   Bollmann. Ah, Herr Pingel! Pingel. (wieder schüchtern nach den Türen sehend) . Stecken Sie ein!   Ich eile wieder hinüber;   aber wenn der Herr Mehlmeier fertig ist und die Damen noch nicht bei ihm sind,   (wieder schüchtern nach den Türen sehend) dann geben Sie mir 'n kleinen Wink,   hören Sie?   (Sentimental.) Ach, Herr Bollmann!   (Eilig ab durch die Mitteltür.) Bollmann. Na nu?   'n kleinen Wink?   (Steckt das Paket in die Tasche.) Den hätte ich ihm auch schon gleich geben können.   Herr Mehlmeier ist gewiß im Augenblick schon fertig.   Und die Madam und das Fräulein sind ja noch bei die Coifüre, als die Madam sagt, wenn Jette ihr das Haar macht.     Was er wohl hat?   Er war so sonderbar,   so weichmütig,   so schüchtern.       (Nach kurzer Pause.) Alle Wetter!   Sollt' er wohl gar?     Er hat'n schönes Geschäft,   und er hatte sich so fein gemacht,     und all' die Blumen!       (Man hört la la singen.) Da ist Herr Mehlmeier schon. Denn muß ich man gleich hinaus und ihm das Zeichen geben, daß er da ist. (Ab durch die Mitteltür.)   Dritte Szene. Mehlmeier. Mehlmeier. (Garderobe: Schwarzer Schniepel, schwarzes Beinkleid, seidene Weste, weißes Halstuch, Vatermörder, schwere goldene Uhrkette, Kragenknöpfe mit großen Steinen, eine große rote Komitee-Rosette am Schniepel. In der einen Hand einen neuen schwarzen Zylinder, in der anderen die weißen Handschuhe. Er kommt aus seinem Zimmer, während das Vorspiel zu seinem Couplet schon gespielt wird) . Sieh so!   Ick bin fertig,   nu bin ick in'n Wix! Von'n Kopp bis zu Füßen, da fehlt mir ooch nix! Det Beinkleid von Buckskin,   die Stiebeln von Lack!   Die Weste von Seid'   und von Halbtuch der Frack!   Die Uhr mit die Kette,   die Handschuh,   det Spint!   Und der Krag'n mit de Knöppe, wo die Steine in sind!   Un det Tuch, det Kalline hat umjemacht mir Zu   zu die herrliche Feier!     Mehlmeier, Mehlmeier, o, wat für'n Pläsier! Und ick bin det Haupt vons Empfangskomitee, Weil ick mir so schön auf die Worte versteh',   Ick trag' die Rosette, det Zeichen der Macht!   Ick jeb' auf die Ordnung beim Festessen acht!   Ick komm' mit beim Umzug, jleich nach die Musik!   Ick komm' in die Zeitung mit, in die Kritik!   Und viel von die Freuden verdanken sie mir Bei   bei die herrliche Feier!   Mehlmeier, Mehlmeier, o, wat für'n Pläsier! Ja, fertig wär' ick nu!   Wat 'n schönes Fest und 'n schönes Wetter! (Sieht nach der Uhr.) Et wird auch schon Zeit! Mit'n Sechszug kommt die Polyhymnia,   det sind die Feinsten!   Da treff' ick denn die Auswahl meiner Jäste für dieses Zimmer.   Wie haben die Line und die Mine et hübsch jemacht!   Wenn ick sie nur befriedige.   Et solln en paar Destinguierte sein,   aus die Hautevolée   ohne dieses duht Kalline et nu mal nicht.   Wat aber noch det Schlimmste dabei ist, det ist, dat et auch noch solche sein sollen, die noch zu haben sind.     Et ist um Mine!   Wie die Frauen doch immer alles jleich berechnen!   Aber nu seh mal einer, ob einer noch ledig ist! Det steht ihm doch man nicht so an die Nase jeschrieben!   Ick soll et an die Hände sehn,   mit die Ringe, meint sie,     det wär' en sicheres Zeichen.     Na, ick habe Bollmann et auch schon jesagt,   der hat scharfe Augen.   Er trägt ja doch det Jepäck und jeht mit die Jäste zurück, weil ick da bleibe ins Komitee, bis die Euterpia kommt mit'n Zug von Osten.   Vierte Szene. Bollmann. Mehlmeier. Bollmann. (durch die Mitteltür) . Herr Mehlmeier, es ist jemand da, der Ihnen zu sprechen wünscht. Mehlmeier. Mir? wer ist et denn?   Ick habe nicht viel Zeit.   Mache dir fertig, wir müssen jleich nach 'n Bahnhof. Bollmann. Herr Pingel, der Kaufmann von drüben. Mehlmeier. Herr Pingel?   Wenn et nicht zu lange währt.   Na, denn sag ihm man, dat et mir anjenehm wäre. (Bollmann ab durch die Mitteltür. Nach der Ampel sehend.) Die Ampel macht sich herrlich! Wat Kalline doch immer für Einfälle hat!   'n hübsche Überraschung für unsere Jäste!   Fünfte Szene. Bollmann. Gleich nachher Pingel. Mehlmeier. Bollmann. (die Mitteltür öffnend) . Wenn's gefällig ist, Herr Pingel,   denn treten Sie nu man ein, der Herr ist alleine. (Ab.) Pingel. (schüchtern, das Blumenbukett in der Hand) . Entschuldigen Sie,   verzeihen Sie,   Herr Mehlmeier!   Mehlmeier. Bitte! Bitte!   Wat verschafft mir die Ehre? Pingel. (schüchtern) . Ja,   sehn Sie,   hm   ich wollte gerne   Mehlmeier. Ah,   Sie kommen jewiß noch vonwejen en Jast;   det ist nett! dat Sie noch einen haben wollen! Bitte (ihm einen Stuhl hinsetzend) setzen Sie sich!   (Beide setzen sich.) Pingel. (schüchtern) . Nein,   das eigentlich nicht!   Hm!   Ich wollte,   wollte gerne     Wenn Sie 'n Augenblick Zeit,       Mehlmeier. (beiseite) . Ist der aber komisch heute!   (Zu Pingel.) Na, jewiß!   Det ist doch der eine Nachbar dem andern schuldig! (Pingel sieht nach der Ampel.) Ja, wat sagen Sie dazu?   Det ist 'n Idee von meine Frau und meine Schwägerin für unsere Jäste. Pingel. (sentimental) . Ihre Schwägerin! Mehlmeier. Ja.   Oder eigentlich von Kallinen allein. Meine Schwägerin hat det Dings nur ausjesucht und jekauft. Pingel. (sentimental) . Ausgesucht und gekauft?!   Hat sie es gekauft, Ihre Schwägerin?! Mehlmeier. (sieht Pingel befremdet an) . Ja,   meine Frau ihre Schwester. Pingel. (sentimental) . Ihre Frau ihre Schwester! Herr Mehlmeier! Mehlmeier. (sieht Pingel befremdend an. Zum Publikum) . Alle Hagel!   Am Ende kommt er,     das große Bukett!         (Zu Pingel.) Wenn ick Sie fragen darf, Herr Pingel, in welche Anjelegenheit       Pingel. (sentimental) . In welcher Angelegenheit?   In Ihrer Frau ihrer Schwester ihrer! Herr Mehlmeier (Mehlmeier sieht ihn befremdet an) ich wollte Sie bitten     Mehlmeier. (beiseite) . Richtig, et ist so! Pingel. Ich habe mein gutes Brot. Mehlmeier. Det stimmt! Pingel. (schüchtern) . Und am Ende muß man doch mal     Mehlmeier. Stimmt auch!   Det muß man! Pingel. (verwirrt, sentimental) . Herr Mehlmeier,   das Fräulein!   Wenn Ihre Frau ihre Schwester,     Ihre Schwägerin,     Herr Mehlmeier,   ich wollte Sie bitten     Mehlmeier. (beiseite) . Da haben wir's! (Aufstehend, zu Pingel.) Denn will ick sie rufen.   Pingel. (rasch aufstehend, schüchtern) . Rufen?!     Bitte, nein!   Nicht rufen!   Seh'n Sie,   ich bin etwas schüchtern.   Ich wollte Sie bitten,     wenn Sie       Mehlmeier. Ick? Ah, det sollten Sie doch selber!   Pingel. Selber?   Ja, sehn Sie, ich meinte, wenn Sie ihr das Bukett geben     Mehlmeier. Ick soll ihr det Bukett jeben?   Pingel. Das Bukett geben und sie fragen wollten   Mehlmeier. Ick soll sie fragen?   Pingel. (verwirrt) . Ich meinte auf der Reunion,     ob sie nicht beim Tischessen meine Festdame     ich wollte sagen,   meine Tischdame beim Festessen     Mehlmeier. Ick?   Ah, det müssen Sie doch selber!   Pingel. (verwirrt) . Muß ich?     Ich meinte,     und wenn Sie ihr denn gleich sagen wollten, was ich meine,   Mehlmeier. Wat Sie meinen?   Ja, ja, ick tät et jern!   Aber Herr Pingel, det müssen Sie doch selber!   Sehn Sie, et ist wegen den Eindruck für Sie bei meine Schwägerin und meine Frau.     Pingel. (sentimental) . Ihre Schwägerin und Ihre Frau! Mehlmeier. Bei den Damen muß man nicht bange sein,   weil sie et nicht lieben.   Det kann leicht alles verderben. Pingel. (sentimental) . Alles verderben! Mehlmeier. Aber wissen Sie wat? Pingel. (rasch) . Ich?   Was?   Was?   Mehlmeier. Ick werde sie vorbereiten,   für Sie sprechen,   ick werde Sie loben,   Ihr schönes Jeschäft,   die jute Partie,   und wat Sie für'n respektabler Mann sind. Pingel. (sentimental) . Respektabler Mann! Mehlmeier. Und denn,     die Damen sind bei die Toilette;   und morgen   Pingel. (sentimental) . Und morgen?   Morgen?   Mehlmeier. Ja, morgen paßt et sich ooch man schlecht! Denn ist der Haupttag und det erste Konzert, und ick muß doch ooch man erst mit sie jesprochen haben. Aber wissen Sie wat? Pingel. (rasch, sentimental) . Was?   Was denn?   Herr Mehlmeier?   Mehlmeier. Duhn Sie et übermorgen, wenn det Singen aus ist,   Pingel. (sentimental) . Übermorgen! Mehlmeier. Denn paßt et sich am besten, et ist der letzte Tag und noch früh jenug.   Det Abends ist ja erst der Ball.   Und denn man frisch heraus mit'n Antrag!   (Mit gewisser Betonung.) Ick hätte Sie jerne zum Schwager!   Pingel. (sentimental) . Gern zum Schwager!   Herr Mehlmeier!   (Ihm die Hand drückend.) Ich möchte auch so gern, daß Sie mein Schwager würden!   (Rasch ab durch die Mitteltür.) Mehlmeier. Endlich mal'n Bräutigam für die Mine! Hat schon anjebissen,   det Angeln duht nicht mehr nötig!   Wat Kalline wohl sagen wird?   sie ist immer so für det Höhere, ick bin man bange, er ist ihr nicht hoch jenug!     Na, sie soll ihn ja ooch nicht haben!   Und für Mine wird et Zeit!   Er ist jut von Charakter,   und hat 'n schönes Jeschäft,     Mich wär et schon recht.         Aber ick verjesse janz den Bahnhof darüber! (Geht nach der Mitteltür und ruft.) He! Bollmann! Bollmann!   Sechste Szene. Bollmann. Mehlmeier. Bollmann. (Rock und Beinkleid wie früher, helle bunte Weste, weißes Halstuch, weiße baumwollne Handschuhe, eine rote Bandschleife am Rock, in der Hand einen etwas verwetterten, schwarzen Zylinder.) Herr Mehlmeier, ich stelle mir!   und bin bereit, die Gäste mit Sie zu empfangen. Mehlmeier. Du? Bollmann. Na!   Madam hat mich doch gesagt und hat mich die Handschuh verliehen und das weiße Tuch! (Wichtig) Und daß die Leute gleich sehen, daß ich doch auch mit dazu gehöre,   trag' ich denn auch noch 'n kleines Erkennungszeichen,   das hat mir Jette angemacht. Mehlmeier. Aber Bollmann,   wat soll det rote Band?   Du bist ja nur vors Jepäck da.     Et könnte 'n Irrtum jeben;   nimm det Band wieder ab!   Bollmann. Ne, nicht um eine Million! Mehlmeier. Warum nicht?   du hast kein Recht, et zu tragen! Bollmann. (abwechselnd nach der Ampel sehend) . Warum nicht?   Einmal nicht, weil mich Jette es angemacht hat!   Rot, das ist die Liebe!   Und denn auch vonwegen die Madam, weil sie es ausdrücklich gewunschen hat wegen die Destinkschon!   Wenn ich auch das Gepäck man trage,   das Sängerfest ist doch für alle da,   und Sie sitzen ja mit ins Empfangskomitee mit die große Rosette,   und ich stehe doch bei Sie in Konditschon und soll die Gäste mit Sie empfangen. Mehlmeier. Na meinetwegen!   Denn laß et sitzen.   Aber wat stierst du denn immer so nach die Ampel?   Bollmann. Das ist Luna!   Ich habe die Madam und das Fräulein ihn angemacht. Mehlmeier. Luna?!   Nu kommt der ooch schon mit die Jötter! Bollmann. Madam hat es gesagt: Bei Lunas sanftem Schimmer     sollten die Gäste   Sieste       oder so was sagte sie,     halten!   Und Jette meinte auch, das wär' 'ne schöne Erfindung. Mehlmeier. Ha! Ha! Ha!   Siesta!   det ist doch zu Mittag nicken!   Beim Mondschein zu Mittag nicken!   det ist nu mal wieder det Romantische bei ihr! Det kennen wir! Bollmann. Ja, das kennen wir!   Auch schon mit Herr Pingel!     Mehlmeier. (rasch) . Herr Pingel?   Wat meinst du mit Herr Pingel? Bollmann. O, ich meinte man,   vonwegen das Romantische!   Der hat mich doch auch schon so'n kleinen Tick davon,   so als er in Amdam steckte mit die Manschetten und die Vatermörders!   Un denn mit das große Bukett!   Er hatte wohl was Wichtiges mit Sie zu sprechen?     Mehlmeier. Wat jeht et dich an!   Familienanjelegenheiten.   Bollmann. Na,   ich meinte auch man bloß.   Aber warum sollte es mir nichts angehen?   Ich als das Faktotum in die Familie werde doch zuweilen auch schon mit in die Familienangelegenheiten reingezogen.   Mehlmeier. Du mit reinjezogen?   Ha! Ha! Ha! Bollmann. Na, ich meine ja man vonwegen unsere Gäste!   Der Herr hat mir ja doch selbst gesagt, daß ich mit zusehen und sie mit aussuchen soll,   und die Madam auch,   und daß ich mit aufpasse, daß es 'n paar Gebildete sind,   aus die Höte volöte.   Und daß ich auch mit nach die Hände seh' vonwegen die Ringe,   und ich weiß auch wohl warum!   Mehlmeier. So? det weeßt du?   Wat weeßt du?   Nischt weeßt du!   Bollmann. Ah, Herr Mehlmeier,   man hat doch auch 'n paar Augen und seinen gesunden Menschenverstand.   Na, was geht es mir an!       (Karoline tritt ein, aus Mehlmeiers Stube kommend.) Aber da kommt die Madam! Mehlmeier. (beiseite) . Meine Frau!   Und das mit Pingel,   ick muß et ihr doch sagen,   am besten duh ick't jleich!   Siebente Szene. Karoline. Die Vorigen. Karoline. (in eleganter Sonntagstoilette, aber noch ohne Haube) . Mehlmeier, die Uhr ist schon fünfundzwanzig Minuten über fünf! Mehlmeier. Ick steh' ooch schon mit Bollmann auf 'm Sprung! Karoline. (mokant) . Auf 'm Sprung!   (Zu Bollmann.) Bollmann, gehn Sie ins Vestibül;   ich habe mit meinem Mann' zu sprechen. Bollmann. (beiseite) . Vestibül,   damit meint sie die Diele.   Ich gehe! (Ab durch die Mitteltür.) Mehlmeier. Vestibül,   du kannst doch eben so jut Diele sagen, Line. Wat weeß'n Hausknecht vons Vestibül?       Karoline. Mehlmeier, ich bitte dich, nur heute keine Prosa! Mehlmeier. Na meinetwegen!   Denn laß'n ins Vestibül jehen!   Wat willst du denn! Karoline. Ich wollte dich erinnern wegen unserer Gäste,   und   Wilhelmine;     es ist deine Pflicht       Mehlmeier. Na, na!   Ick weeß schon,   versteht sich!   Und dadarum suchen wir uns ja ooch jrade unsere Jäste darnach aus,   und wer weeß!   Ick hab' so'n Ahnung, dat noch wat passiert! Karoline. Ich freue mich besonders auf die Reunion,   übermorgen!   Der Ball ist für die jungen Mädchen doch eigentlich die Hauptsache! Mehlmeier. Det ist er!   Da hast du recht!   und ooch noch für dich!   Aber et jibt noch 'n kleene Kollision, Kalline, ick meene   vonwejen die Bierprobe in'n jroßen Keller. Karoline. Das Bier!   Die Männer lieben es fast mehr als ihre Frauen! Mehlmeier. Na, sag det nicht!   Aber siehst du, wegen unsere Jäste! ick kann ihnen diesen Jenuß doch nicht vorenthalten!   Et ist jratis!   Die Sänger sind alle dazu jeladen. Karoline. Ich weiß! Ich weiß! Mehlmeier. Aber det duht nichts!   Siehst du,   (sieht nach der Uhr.) Die Euterpia ist die letzte,     Karoline. Euterpe, Mehlmeier!   Du verstümmelst den schönen Namen.   Es heißt Euterpe! Mehlmeier. Na, Euterpe oder Euterpia!   Sonst ist doch immer det kleine ia mit dabei!   Et heißt doch ooch Polyhymnia   und Germania!   Aber det macht nischt!   Die Euterpe ist die letzte.   Um 7 jeht et zu Bier, und um 8 bejinnt die Reunion,   et läßt sich noch so ziemlich vereinigen. Karoline. Wenn wir erst so spät hingingen, würden die besten Plätze längst vergriffen sein. Mehlmeier. Ja, siehst du,   det meene ick man! Du jehst mit Wilhelminen voraus wegen die Plätze, und ick komme denn jleich nach die Bierprobe mit die Jäste. Karoline. Wenn ihr präzise wäret!   Mehlmeier. Na, sollte ick nicht?   Karoline. Ich kenne das?   Die Männer und das Bier!   Es ist recht fatal,   aber es geht wohl nicht anders!   Wilhelmine meint das auch,   der Plätze wegen. Mehlmeier. Na siehst du?   Also ihr jeht voraus, und pünktlich Punkto Achte sind wir da,   ick mit die Jäste. (Wichtig.) Aber et ist noch wat mehr dabei.   Karoline. (interessiert) . Noch mehr?   was denn noch mehr? Mehlmeier. Ja, siehst du,   kollidieren duht et ooch,   det heeßt: et kommt so dazwischen,   so anjeschneit, janz von selber,     aber et ist wat Jutes, wat Anjenehmes,   Kalline ahnt dich denn noch nischt? Karoline. Wie könnte ich wissen,   aber ich bin begierig     Mehlmeier. Na,   hm!   Du wirst dich wundern! Du, Line, mit die Mine ist's all richtig!   Karoline. (erstaunt) . Was sagst du?   Mehlmeier. (wichtig) . Et hat sich schon eener jefunden! Karoline. Laß doch die Dummheiten, Mehlmeier!   Mehlmeier. Nanu?   det ist aber jut!   Wat sagst du denn, wenn ick dich sage: Sie braucht man zuzulangen, und sie hat ihn schon!   Und wat für eenen!   Jleich mits volle Haus und eens von die besten Jeschäfte!   Karoline. Unsinn!   Wer das glaubte!   Dann sollte ich es doch wohl am besten wissen! Mehlmeier. Ja, so sind die Frauen!   Sie wissen immer alles besser als ihre Männer, ooch wenn sie jarnichts wissen!   Und diesmal weeßt du jarnichts!   Ick weeß et bloß,   ick janz allein!   selbst nicht einmal die Mine nicht! Karoline. Da hört man ja, daß es Unsinn ist;   man wird dich doch nicht ansprechen.   Mehlmeier. Und doch hat mir eener anjesprochen,   det heeßt, vonwejen die Mine hat er's jetan,   dat ick sie fragen sollte für ihn;   aber det soll er selber,   und er duht et ooch noch, eh' det Fest zu Ende ist.   Karoline. Immer besser!   Wie heißt er denn?   und was ist er? Mehlmeier. Wat er ist?   Kaufmann ist er!   und wie er heeßt? (Mit Nachdruck.) Pingel heeßt er! Karoline. Pingel?   Ha! Ha! Ha!   Mehlmeier, bist du verrückt?! Mehlmeier. Verrückt?   Na, da haben wir et schon! Ick dacht' mir et wohl! Karoline. Der würde denn doch wohl der Letzte sein, den sie nähme!   Mehlmeier, ich bitte dich,   einen Mann von solcher Erscheinung! Mehlmeier. Als wenn det die Hauptsache dabei wäre!   Ick meene, det Jeschäft ist die Hauptsache und denn det Herz, und det ist beides jut bei ihm! Karoline. Diese Frechheit! Unerhört!   Ha! Ha! Ha!   Pingel! Ich muß schon lachen, wenn ich nur daran denke! Mehlmeier. Mir freut man bloß det eene,   dat du et man nicht bist!   Dich will er ja ooch jarnicht haben. Karoline. Und Mine ihn ebenso wenig!   Pingel! Ha! Ha! Ha!   Nein, es ist wirklich zu lächerlich!   Und was hast du ihm darauf erwidert? Mehlmeier. Ick,   wat ick ihm darauf jesagt habe? Ick habe ihm jesagt, dat et mir janz anjenehm wäre!   und det ick Mine det ooch sagen wollte.   Karoline. Werd' ich schon besorgen! Mehlmeier. Du?   Ne, ick!   Ick werd' noch heute mit ihr darüber sprechen. Karoline. Du?   Wann denn?   Du hast ja gar nicht mehr die Zeit und die Gelegenheit dazu.   Wenn erst die Sänger kommen,   Mehlmeier. Na, denn sag du et ihr!   Die Mine duht doch, wat sie will!   (Sieht nach der Uhr.) Aber nu muß ick jehn!   Et wird die höchste Zeit! (Ruft durch die Mitteltür) Bollmann!   He, Bollmann!   Achte Szene. Bollmann. Die Vorigen. Bollmann. (durch die Mitteltür, seinen Hut mit dem Rockärmel streichend) . Jawohl, hier bin ich; ich streichle man noch eben noch mal meine Schraube. Karoline. (mokant) . Schraube?!   wer sagt denn Schraube, Bollmann?   Das sagen die Gesellen! Bollmann. Na, denn sag' ich Spint   das sagt der Herr auch. Mehlmeier. (rasch) . Wat kümmert dir, wat ick sage!   Sag' du, wat Madam sagt! Karoline. Warum sagen Sie nicht Zylinder, Bollmann?   Das klingt feiner. Bollmann. Na, denn sag' ich Zylinder. Das sagt man bei uns zu Hause zu 'n Schatulle. Mehlmeier. Ha! Ha! Ha! Wat 'n jelehrtes Jespräch!   Aber laßt et jut sein,   wir verrappeln die Zeit! (Zu Bollmann.) Komm, Bollmann, setz' 'n Zylinder auf,   ick duh et ooch,   (Setzt sich den Hut auf.) Na, adieu, denn, Kalline,   nun jehen wir!   Bollmann. (mit Kratzfuß) . Adieu, Madam. Nun gehen wir. (Beide ab durch die Mitteltür.) Karoline. (mokant) . Verrappeln !   Doch ganz wie Bollmann!   Und diese Sprache,   wie mich die geniert!   Aber es hilft nichts mehr, er wird nicht anders.   (Geht nach der Mitteltür und ruft.) Adieu, Amandus!     Amandus!     Wie schade!   Ich wollte ihn noch einmal erinnern wegen unserer Gäste.     Er hört es nicht mehr,   sie sind schon aus dem Hause.       Neunte Szene. Jette. Karoline. Jette. (Aus der Küche kommend, wie ein flottes Stubenmädchen gekleidet. Helles Kleid, weiße Schürze mit Brustlatz, kleines Tüllhäubchen.) Rief Madam mir?   Et war, als wenn ick jerufen würde. Karoline. Nein, das nicht!   Wo ist das Fräulein? Jette. In die Küche. Det janze Jedeck steht schon fertig. Karoline. Dann geh' und rufe sie,   ich habe mit ihr zu sprechen. (Jette ab nach der Küche.) Karoline. Die Polyhymnia wird gewiß gleich da sein.   Ach, wenn Amandus uns doch zwei brächte, wie ich sie mir wünsche! Zwei so recht feine und gebildete junge Leute!   Und wenn dann alles so käme, wie ich es mir denke!     Pingel!     Ich begreife Mehlmeier nicht!     Aber gut, daß ich's weiß. Ich will nun doch gleich mit Wilhelmine darüber sprechen.   Zehnte Szene. Wilhelmine. Karoline. Wilhelmine. (Garderobe: Elegante Morgentoilette. Sie kommt aus der Küche.) Es ist schon alles zurecht. Jette sagte, du wolltest mich sprechen. Karoline. Ich habe dir etwas mitzuteilen,   Eigentlich sollte es mein Mann.   Nun, das bleibt sich gleich!   Über deine Entscheidung bin ich keinen Augenblick im Zweifel. Wilhelmine. Mir?   Ich bin gespannt.   Doch etwas Gutes? Karoline. Gutes?   Nun ja!   Etwas Schlimmes kann man es gerade nicht nennen.   Dir steht eine Überraschung bevor. Wilhelmine. Eine Überraschung?! Karoline. Möchte es ein günstiges Omen sein für das kommende Fest! Wilhelmine. Du sprichst so feierlich.     Karoline. Feierlich?   Ha! Ha! Ha!   Und doch ist es eigentlich nur lächerlich!   Denke dir, es hat jemand     um dich angehalten.     Wilhelmine. O Gott!   Um mich an   an   gehalten?     um mich an       (sie wankt nach einem Stuhl hin, auf den sie sich wie erschöpft niederläßt.) Und   das nennst du   lächerlich?   Karoline. Dacht' ich's doch!   Nun ja,   es ist auch immerhin ein Ereignis von überwältigendem Eindruck für ein junges Mädchen, wenn zum ersten Male     Wilhelmine. (erregt) . Junges Mädchen?!   Spotte nicht! Wer ist es?   Wie heißt er?       Ich weiß ja noch nicht einmal etwas davon!   Karoline. Und ist das nicht schon lächerlich?!   Wie durch einen Heiratskommissionär!   Auf diesem nicht mehr ungewöhnlichen Wege.     Ha! Ha! Ha! Ha! Wilhelmine. (wieder aufstehend) . Wenn er zu schüchtern wäre,   zu blöde,     man hat Fälle     Karoline. Schüchtern,   blöde,   wär' es das nur allein! Aber es ist noch etwas anderes dabei, um dessentwillen ich ihn schon nicht zum Schwager haben möchte! Wilhelmine. (rasch) . Ist er nett? Ist er hübsch? Karoline. Nett? Hübsch?   Im Gegenteil, häßlich,   wenigstens nach meinem Geschmack! Und nicht allein häßlich, sondern auch noch       Wilhelmine. (rasch) . Auch noch?   Auch noch?   Karoline. Denke dir,   er handelt mit Sirup und Rosinen!   Wilhelmine. (stößt einen Schrei aus) . O. Gott,   Herr   (sie wankt wieder nach dem Stuhl, auf den sie sich niederläßt.) Herr   Pingel!       Karoline. Nun weißt du's!   Er hat mit Mehlmeier gesprochen und wird noch während des Festes kommen und um dich anhalten. Wilhelmine. Herr Pingel?!     Nein! Nein!   Er hat zwar sein gutes Brot;   aber ich glaube,     er würde mich doch nicht glücklich machen.     Karoline. Und doch meinte Mehlmeier,     Wilhelmine. (rasch vom Stuhl aufstehend) . Mehlmeier?   Was meinte er?   Karoline. Nun,   er war dafür. Wilhelmine. (bewegt) . Dafür?   Er war dafür?   Ich bin so bewegt,   ich kann kaum noch sprechen.   Wann kommt er?   Karoline. Wann er kommt?   Weiß ich's.     Aber kommen wird er,   noch während des Festes,   vielleicht schon heute       Wilhelmine. (bewegt) . Ich kann ihn nicht empfangen,   ich könnt' es ihm nicht sagen!   Sag' du's ihm!   Ich würd' es nicht können vor lauter Herzklopfen.   Karoline. (mit Nachdruck) . Wilhelmine!   Und das würdest du nicht können, warum dich jedes andere junge Mädchen beneiden würde?!   Ah, das sollte ich sein!     Bist du denn nicht stark genug, ihn auszuschlagen? Wilhelmine. (bewegt) . Das wohl!   Ich mag ihn eigentlich nicht,     aber       Karoline. Nun was dann noch »aber«?   Denke dir, wenn ein Unglück sein sollte,     ich meinte: wenn du »ja« sagtest.   Wilhelmine. (wie in Gedanken) . Wenn ich »ja« sagte   Karoline. Und es käme schon bald,   vielleicht schon gleich nachher,   schon heute oder morgen   ein anderer,   Wilhelmine. (wie in Gedanken) . Ein anderer     Karoline. Ein so recht hübscher, netter junger Mann,   der dir noch hundertmal lieber wäre     Wilhelmine. (wie in Gedanken) . Hundertmal lieber     Karoline. Wär' es dann nicht schrecklich, schon gebunden zu sein? Und hoffnungslos zu lieben?     Wilhelmine. (wie in Gedanken) . Hoffnungslos zu lieben!     (bewegt.) Ja, ja!   Du hast recht!   Ich vertraue dir!   Ohne dich,   wer weiß, wie mein Los gefallen wär'!     Aber ich bin so bewegt, so bestürzt davon!     Karoline. Desto besser, daß wir alle Hände voll zu tun haben!   Jetzt nach der Küche, daß das Gedeck herein komme! Wir dürfen keinen Augenblick mehr säumen. Wilhelmine. Schwester!   Ich zittere noch vor Erregung! (Ab nach der Küche.) Karoline . Und doch war es ja nur einer, den sie nicht einmal mochte!   Der bleibt uns ja noch immer!     Also das wäre abgetan,   und mein Mann, mein kluger Mann sieht nun wieder einmal, daß wir Frauen,   die ja immer alles besser wissen,   es am Ende denn doch auch wirklich wieder einmal am besten gewußt haben!     Elfte Szene. Jette. Wilhelmine. Karoline. (Wilhelmine und Jette kommen aus der Küche, einen Tisch tragend, auf welchem sich das ausgebreitete Tischtuch nebst Servietten, Teller, Messer und Gabeln, Brot, Butter, Käse, Schinken, Bier usw. befindet.) Jette. (im Hereinkommen) . Ick lasse mir hängen, Fräulein, wenn nich wat mit Sie is!   Fräulein is noch janz rot ins Jesicht! Wilhelmine. (zu Jette) . Ach was!   Unsinn!   (Zu Karoline.) Meinst du nicht auch, Line?   Es geht so leichter,   wir tragen gleich alles mit dein Tisch herein. Karoline. Nur hierher!   Da muß er stehen,   unter der Ampel!   Jette holt nun noch den Wein und die Gläser. (Sie stellen den Tisch unter die Ampel.) Jette. Ist ooch schon da!   Det Fräulein hat et schon nach die Küche jebracht. (Ab in die Küche.) Wilhelmine. Ich habe drei Kuverts genommen.   Eins für dich, Line. Karoline. Für mich?   Ich meinte für dich, Mine.   Es ist mir nicht möglich zu essen. Wilhelmine. Mir auch nicht! (Jette kommt aus der Küche mit dem Wein und den Gläsern.) Es wär mir ganz unmöglich, jetzt noch zu essen nach all dieser Aufregung.     Zwölfte Szene. Jette. Die Vorigen. Jette . Mir ooch nich.   Et schmeckte mich schon heute morgen nich mehr.   Ick habe die letzte Nacht schon jarnich mehr jeschlafen!   Karoline. Aber einer muß doch mit den Herren essen!   Mehlmeier bleibt ja noch auf dem Bahnhof. Jette. Ja, eene muß et!   Mit zwei von die Sängers, Fräulein,     Karoline. (zu Jette) . Jette, misch dich nicht immer dazwischen!   Geh' in die Küche!   Jette. (im Abgehen) . Mit zwei von die Polyhymnia, Fräulein,     ick täte et!   (Ab in die Küche.) Wilhelmine. Du bist die Frau des Hauses.   Ich bin ja nur zum Besuch hier. Karoline. Aber bedenke doch!   Es ist ja doch hauptsächlich deinetwegen   Wilhelmine. Aber Line,   ich bitte dich! Karoline. Auf solchen Festen haben sich schon häufig welche gefunden.   Ich meinen Mehlmeier doch auch!     Aber komm'   wir wollen decken! (Beide Damen beschäftigen sich mit dem Ordnen des Gedecks, während Karoline forfährt zu erzählen.) Ach Mine, wenn ich noch daran denke,   wie kam das im Sturm!     Es war vor zehn Jahren auf dem Schützenfeste,     ich war damals schon hoch in den Zwanzigern.   Mehlmeier logierte bei uns als Gast und war wirklich ein netter junger Mann!       Und auf dem Ball, da führte er mich zu Tisch und tanzte den Kotillon mit mir,   und als wir nach Hause gingen,   er, Papa, Mama und ich,   da bot er mir seinen Arm,   und bei der Haustür drückte er mir sogar die Hand;     aber erklärt hatte er sich noch nicht!   Du kannst dir denken, Mine, was ich litt, in dieser Aufregung und Erwartung   Wilhelmine. (lebhaft) . Ja, Ja!   Ich kann es mir lebhaft denken! Karoline. Und da am andern Tage,   es war der letzte,   als er von den Scheiben kam,     und zu einer Erklärung war es noch immer nicht gekommen,   Wilhelmine. Arme Schwester! Karoline. Da hatte Fortuna ihm gelächelt.   Er brachte einen großen Becher mit,   und ich war gerade allein in der Stube.     (Sie nimmt einen Teller, den sie mit einer Serviette abwischt.) Da kam er schüchtern herein     (Bollmann erscheint, unbemerkt von ihnen, in der Mitteltür mit zwei Koffern) und hielt mir den Pokal hin und sagte,   ich vergesse es nie:   (weich) Fräulein Karoline, sagte er,   er ist leer,     füllen Sie mir ihn mit dem Glück Ihrer Liebe!   Ach, Mine, und da         (Bollmann setzt mit Geräusch die beiden Koffer auf den Fußboden, beide Damen schreien vor Schrecken laut auf, und Karoline läßt den Teller fallen.)   Dreizehnte Szene. Bollmann. Gleich nachher Jette. Die Vorigen. Bollmann. Na, das hab' ich doch man nicht gewollt. Ich kriegte selbst 'n Schreck davon! Karoline. Bollmann, was sind Sie für 'n Esel! Jette. (aus der Küche kommend) . Ick hörte en Mordspektakel;   hat et Stücke jesetzt?     Bollmann. Sie kommen! Jette. (rasch) . Sie kommen! Sie kommen! Karoline. (rasch) . Mine, sie kommen! Da sind schon die Koffer. Jette. (rasch) . Wat für elejantes Jepäck! Bollmann. Ja, nicht wahr, Madam?   Karoline. (rasch) . Mine, schnell, schnell, daß wir den Tisch in Ordnung kriegen! (Zu Jette.) Jette, die Stücke!   (Jette sammelt die Scherben auf.) Bollmann. Ja, und das sind noch man die Koffers!   Sie haben auch noch 'n Paar Reisesäcke, die tragen sie aber selbst.   Sie stehen da man eben um die Ecke und sprechen mit 'n Paar von die Polyhymnia. Da bin ich mit die Koffers vorauf gelaufen, um Bescheid zu sagen, daß wir kommen.   Der Herr ist noch auf 'n Bahnhof,   die Euterpia ist noch nicht da.   Aber nu muß ich wieder hin,   sie warten auf mir,   gleich bin ich mit sie da     (will abgehen.) Karoline. (nahe zu ihm hintretend, etwas leise, mit besonderer Betonung) . Bollmann, sind es distinguierte Leute?   Jette. (rasch) . Ja, sind et nette, Bollmann? Bollmann. Ob es Destingerierte sind, Madam?   Ob es nette sind, Jette?   Ob und wie!     Ich machte den Herrn da gleich auf aufmerksam.   Den einen, den nannten sie immer nur Doktor . Na, dachte ich,   denn wird er's auch wohl sein.   Und der andere, was sein Freund ist, sah mich auch ganz dokterig aus,   und ich dachte denn bei mich selbst, der ist auch gewiß 'n Doktor oder sonst so was; denn sonst wär' er doch auch wohl nicht den Doktor sein Freund, Karoline. (mit besonderem Nachdruck) . Mine, ein Doktor , Mine!   Jette. Vielleicht is et 'n Apotheker!   Wer kann't wissen?! Die Doktors und Apothekers sind immer mit'nander befreundet.   Bollmann. Ja, und sie sind auch noch all beide Schi   Schaschierte, als man das nennt,   der eine mit 'n großes Horn an die Seite   und der andere mit   mit was Blankes auf 'n Puckel.   Na, Sie werden es ja gleich sehen! Karoline. (wieder nahe zu Bollmann hintretend, etwas leise und mit besonderer Betonung) . Habt ihr nach den Händen gesehen?       Jette . Wie sehn sie aus, Bollmann? Bollmann. Nach die Hände?     Ja!     Ne!     All als man das nimmt, Madam,   das heißt,   wir haben wohl darnach gesehen;   aber sie hatten Handschuhe an!     Aber ich sagte gleich zum Herrn: Frauen haben sie nicht, Herr Mehlmeier, darauf können Sie sich verlassen, auch mit die Handschuhe!   Sie sind mich viel zu jung und noch viel zu lustig.     Und das meinte Herr Mehlmeier denn auch,   und darauf ging er denn auch hin und sprach mit sie. Jette. Sind et hübsche, Bollmann? Bollmann. (etwas pikiert, er zupft an seinem Halstuch und streicht das Haar) . Ob sie hübsch sind?   Nu ja, hübsch sind sie wohl!   Aber die Schönheit vergeht, Jette,   und 'n Doktor und sein Freund passen doch auch nicht für alle!     Jette. Oller Othello!       Karoline. (freudig erregt) . Mine, ein Doktor und sein Freund!   Und beide noch so jung!   Aber schnell, schnell,     daß wir alles in Ordnung haben, eh' sie kommen!   (Karoline und Wilhelmine beschäftigen sich wieder beim Ordnen des Gedecks.) Bollmann. Ja, und gleich bin ich mit sie da!   (Ab durch die Mitteltür.) Karoline. Wo steht mir denn der Kopf?   Das ist recht!   So!   Die Weinflasche in der Mitte!   Und beim dritten Kuvert auch ein Glas!   Vielleicht kommt Mehlmeier bald nach. (Zu Wilhelmine.) Mine, du scheinst mir auch sehr bestürzt! Jette. Ick nich, Madam!   Ick behalte in solche Fälle immer den Mut! Wilhelmine. Etwas ängstlich ist mir auch.   Dazu die Aufregung von vorhin!     Jette. Det Fräulein is aus die Röte noch jar nich wieder raus. Karoline. Fasse dich doch, Mine!   Wilhelmine. Ich kann sie doch nicht empfangen!     Meine Garderobe,     ich war bei Jette in der Küche.     Karoline. Meinst du denn, daß ich es sollte?   So distrait als ich in diesem Augenblick noch bin von dem Schrecken mit Bollmann!   Ich bin ja auch noch ohne Haube. Jette. Ne, jleich zuerst,   det möcht ick doch ooch nich!   Wenn et keen Dokter wäre!     Aber ick war all als kleines Kind schon immer so bange vor die Dokters!     Wilhelmine. Aber eine muß sie doch empfangen! Karoline . Sie werden gleich hier sein. Jette . Denn wird et Zeit! (Will fort in die Küche.) Karoline . (Gebieterisch zu Jette.) Du bleibst!   Wofür wärest du sonst das Stubenmädchen, wenn du nicht in der Stube sein wolltest?! Ich werde auch gleich wieder erscheinen. (Ab in Mehlmeiers Zimmer.) Wilhelmine. Ja, Jette,   du kannst es auch am besten!   Du riskierst nichts dabei!   Ich bin ja noch in diesem Kleide und noch so heiß im Gesicht.   Ich muß mich erst 'n Augenblick fassen. (Ab in Mehlmeiers Zimmer.) Jette. Wat? Ick riskiere nichts dabei?!   Na, det is jut!       Erst wollen sie die Männer,   und nachher wollen sie sie nich.   O, wenn ick det Fräulein wäre!   Aber et is ooch, wie et is!     So'n bischen Herzkloppen hab ick doch ooch schon!     Ick,   fühle mir in'n Aujenblick so verlegen,   un ick kann mir doch keene Blößen jeben?! Bollmann is ja ooch bei sie,   un ick?       ick weeß schon wat ick duh! Ja, ick verkrieche Mich in die Küche Und wohl hinter die Tür, Da steh' und luge Ick durch die Fuge Und betrachte sie mir. Und wat ick sehe So aus die Nähe, Wenn ick sie heimlich betracht', An allebeede, Wird stande pede Jleich die Madam hinterbracht: Ach, Madam, wie sind sie schön! Wie sind sie schön! Als ick wat Schön'res noch im Leben nich jeseh'n! Ick preise freudig det Jeschick, Und halt' et für ein jroßes Jlück, Dat zwei so Schöne Aus dem Reich' der Töne Uns ein juter Jott ins Haus jeschickt! Ja, ick verkrieche Mich in die Küche Und wohl hinter die Tür, Da steh' und luge Ick durch die Fuge Und betrachte sie mir, Und nu ick finde, Dat jute Jründe, Sie zu preisen allebeid, Nu sag' ick schnelle Uf alle Fälle Ooch noch det Fräulein Bescheid: Ach, Fräulein, ach, wie sind sie schön! Wie sind sie schön! Als ick wat Schön'res noch im Leben nich jeseh'n! Nu sei man, Fräulein, auf die Hut! Und denn man immer ruhig Blut! Man kann nich sagen, Wat in diesen Tagen Hier nich all sein Herz verlieren duht! (Schnell ab in die Küche.)   Vierzehnte Szene. Bollmann. Gleich nachher Schaum und Brenneisen . Später Jette durch die Küchentür. Bollmann. (kommt durch die Mitteltür, die Handschuhe an und in jeder Hand einen Reisesack) Oha!   Da wird man warm bei!   Was die wohl alles in ihre Säcke haben?     (Setzt Schaums Reisesack links und Brenneisens Reisesack rechts auf einen Stuhl) . Kein Mensch hier?   Und sie folgen mir auf'n Fuß.     Denn muß ich sie man empfangen. (Öffnet die Mitteltür.) Kommen Sie hier man 'rein! (Schaum und Brenneisen erscheinen Arm in Arm. Beide tragen das Sängerzeichen der Polyhymnia, eine silberne Lyra auf roter Schleife. Garderobe elegant, aber etwas auffällig, Glacé-Handschuhe von auffälliger Farbe. Schaum trägt einen weißen, seidenen Zylinder, eine feuerrote, seidene Krawatte und an einer Schnur mit dicken Quasten ein großes Trinkhorn an der Seite, Brenneisen einen grauen Zylinder von Filz, eine grasgrüne Krawatte und an einem gestickten Bande eine große goldene Lyra auf dem Rücken.) Nun tun Sie man, als wenn Sie zu Hause wären.   Die Damen sind wohl noch nicht fertig.   Ich bin auch gleich wieder da. (Ab durch die Mitteltür. Das Vorspiel beginnt. Die beiden Sangesbrüder lassen sich los, schreiten, Schaum links, Brenneisen rechts, an dem gedeckten Tisch vorbei nach vorn und ziehen, indem sie anfangen zu singen, sich die Handschuhe ab.) Schaum. Endlich, Brenneisen. endlich Beide . zur Stelle, zur Stelle! Schaum. Früh auf den Beinen schon, Brenneisen. zogen wir aus! Beide . zogen wir aus! Schaum. Über, Brenneisen. über Beide . die Schwelle Zieh'n wir nun beide ins gastliche Haus! Führen die Leier, Sinnbild der Feier,   Führen das Horn mit dem großen Gelaß, Zeichen des Zechers beim sprudelnden Faß! Schaum. Aber, Brenneisen. aber Beide. (sich die Trauringe abziehend) . mein Schätzchen, mein Schätzchen, (die Ringe zeigend) Schaum. Das uns das Schönste Brenneisen. im Leben vereint, Beide . im Leben vereint, Schaum. Nun an, Brenneisen. nun an Beide. (die Ringe in die Westentasche steckend) . dein Plätzchen, Wo dich nicht Sonne und Mond nicht bescheint! Frei ist die Stätte! Weg mit der Kette, Die uns gebunden. Und wär's auch nicht recht, Tun wir's doch gern für das schöne Geschlecht! (Bollmann kommt, unbemerkt von den Sangesbrüdern, jetzt ohne Handschuh und Hut, das Taschentuch in der Hand, durch die Mitteltür, setzt sich auf einen Stuhl an der Tür und wischt sich den Schweiß ab, während er sichtlich erfreut nach dem Singen hört.) Schaum. Durstige, Brenneisen. durstige Beide . Seele, Seele, Schaum. Nun in den lustigen Brenneisen. Strudel hinein! Beide . Strudel hinein! Schaum. Immer, Brenneisen. immer Beide . fidele, fidele! Lustig, ja lustig das wollen wir sein! Ist erst verflossen, Was wir genossen, Frohsinn und Freundschaft und Liebe und Glück,   Geht es schon wieder nach Muttern zurück! Bollmann. (Beifall klatschend) . Bravo!   Bravo bravissimo!   (Schaum und Brenneisen kehren sich um und lachen.) Schaum. Na, holder Jüngling, haben Sie sich niedergelassen? Bollmann. Wo man singt, da laß, dir ruhig nieder. (Er wischt sich mit dem Taschentuch das Gesicht.) Brenneisen. Ha! Ha! Ha!   Ja. das ist wahr!   Aber was haben Sie denn? (Nach dem Taschentuch zeigend.) Tu'n die Zähne weh? Schaum. (schnell) . Zahnweh?   Kommen Sie her! Ich zieh'n raus! Bollmann. (aufspringend und abwehrend) . Um Gottes willen, Herr Dokter, ne!   Ich wischte mir ja man den Schweiß ab! Brenneisen. Ha! Ha! Ha!   Hat es Tropfen gesetzt?   Aber das Haar, (zeigt nach Bollmanns Haar) das hätt' ich anders gemacht!   Bollmann. (befremdet) . Das Haar?   Brenneisen. Wer hat es geschnitten? Bollmann. Jette!   Aus Gefälligkeit! Brenneisen. Jette!   Ha! Ha! Ha!   Also Jette wär´ die eine! (Sieht in den Spiegel rechts und ordnet mit der Hand an seiner Frisur.) Aber nun sagen Sie uns mal, alter Kastellan, welche Schönheiten bergen denn außerdem noch die Mauern dieses Schlosses? Bollmann. Meinen Sie die Damens hier im Hause? Schaum. Natürlich! Die Damens! (Sieht in den andern Spiegel und ordnet mit der Hand an seinem Bart.) Bollmann. Na, da ist zuerst die Madam, was den Herrn seine Gemahlin ist!   Schaum. (rasch) . Ist sie hübsch? Brenneisen. (rasch) . Ist sie hübsch?   Bollmann. Hübsch?   (verzerrt das Gesicht) Hm!   O,   ja!   Und was die Hauptsache ist     Brenneisen. Die Hauptsache? Bollmann. Ich meine, daß sie so gebildet ist! Schaum. Gebildet?! (Er öffnet seinen Reisesack und nimmt eine große Ledertasche heraus mit Rasiermessern, Zangen, Scheren u. s. w., entrollt sie, so daß Bollmann den Inhalt sieht und legt sie auf den Spiegeltisch links) Bollmann. (neugierig zusehend). Na, die weiß von alles Bescheid und'n Geschmack hat sie!   Brenneisen. Geschmack?   Wieso? Bollmann. Na, wie sie alles so geschmackvoll zu machen weiß! (Sieht nach der Ampel) Sie ist romantisch! Schaum. Ha! Ha! Ha! Romantisch! Bollmann. So für das Höhere!   Am liebsten spricht sie immer von die Götter. Brenneisen. Ha! Ha! Ha!     Na, das wäre die Zweite!   und dann?   (Nimmt aus seinem Reisesack Pomadekruken, Haarölgläser, Eaudecolognegläser u. s. w. und setzt alles auf den Spiegeltisch rechts.) Bollmann. (neugierig zusehend) Na, und dann das Fräulein,   die Madam ihre Schwester. Brenneisen. (rasch) . Ist sie hübsch? Schaum. (rasch) . Ist sie hübsch?   Bollmann. (neugierig nach den Kruken sehend) . Na, sonst wär' sie auch wohl nicht das Fräulein! Brenneisen. Ha! Ha! Ha!   Na, und dann? Bollmann. (bald nach der Verbandtasche, bald nach den Kruken und Gläsern sehend) . Na, und denn die Jette,     Sie wissen ja schon,   Brenneisen. Ah, die Friseuse!   Bollmann. Frisöse?   Ne!   Die Jette, das Mädchen! (Jette guckt durch die Mitteltür.) Brenneisen. (rasch) . Ist sie hübsch? Schaum. (rasch) . Ist sie hübsch? (Jette nickt Bollmann zu, der sie sieht.) Bollmann. Hübsch?     Die sollten Sie man mal seh'n!   Schaum. Na, und dann? Bollmann. Na, und dann muß es doch auch mal wieder'n Ende haben! Es sind doch schon drei   und wir sind ja man zwei,   ich und Herr Mehlmeier.   Schaum und Brenneisen. Ha! Ha! Ha! Ha!   Brenneisen. Welch' hübsche Stube!   Wir haben es schön getroffen. Bollmann. O, da wollten ich und Herr Mehlmeier auch wohl nach sehen. Vor 'n Dokter muß doch auch alles 'n bischen feiner sein! Brenneisen. Doktor? Bollmann. Na, ich meinte Ihren Freund, den Dokter!   O, ich weiß wohl, daß er 'n Dokter ist!   Ich hörte es schon auf 'n Bahnhof von die andern, die sagten ja immer nur Dokter zu ihm.   Und da liegt ja auch die Doktertasche mit all sein Geschirr in   (schaudernd) Hu!   Und 'n Dokter,   so was Destingerirtes, das wollte die Madam ja gerade gerne haben! Schaum. Ha! Ha! Ha!   Siehst du, Kollege? (Jette guckt durch die Küchentür.) Ich bin Doktor!   Und was bist du denn?   Jette. Der mit det rote Tuch ist der Dokter! Bollmann. Ja, Jette meint, daß Sie wohl 'n Apotheker wären, weil Sie 'n Dokter sein Freund sind.   Man sieht es ja auch an all die Kruken und Gläser! Schaum und Brenneisen . Ha! Ha! Ha! Ha! Brenneisen. Apotheker!   göttlich! Ha! Ha! Ha! (Jette guckt durch die Küchentür.) Ja, ich bin Apotheker! Ha! Ha! Ha! Schaum. Das ist er auch!   Die Jette hat Recht. Ha! Ha! Ha! Es ist mein Freund und mein Kollege, der Apotheker. (Jette nickt Bollmann zu, Bollmann nickt wieder.) Jette. Und der mit det jrüne Tuch ist 'n Apotheker! Wat 'n Ahnung von mich! Det muß ich doch man jleich an Madam sagen! (Ab.) Bollmann. Na denn schanieren Sie sich man nicht. Das Frühstück steht schon da!   Langen Sie man zu!   Die Madam und das Fräulein werden auch wohl gleich kommen. Ich muß nun erst mal wieder 'raus,   daß die Madam mir nicht trifft, wenn sie kommt.   Ich bin ja man das Faktotum! (Ab durch die Mitteltür.) Schaum und Brenneisen. Ha! Ha! Ha! Ha! Brenneisen. Also die Madam!   Aber dann nur schnell mit der ganzen Apotheke wieder in den Sack hinein, ehe sie kommt!   (Packt die Kruken und Gläser schnell wieder in den Reisesack.) Schaum. Ja, und mit der Doktortasche!   Hu!   (Packt seine Tasche schnell wieder in den Reisesack.) Brenneisen. Also die Madam!   Madam Mehlmeier!   Das Fräulein!   und die Jette!   Das wären drei!   und die Madam hat schon einen. Schaum. Tut nichts!   Wird auch die Kur geschnitten! Brenneisen. Bleibt noch das Fräulein und die Jette. Ich mache dem Fräulein den Hof,   mache du ihn der Jette. Schaum. Umgekehrt!   Wofür wäre ich denn der Doktor?   Ich verschreibe doch die Rezepte! Brenneisen. Na, und ich der Apotheker?   Ha! Ha! Ha!   Ich muß es doch erst machen, was du verschreibst!   Schaum. Na, es wird sich finden!   Aber es ist köstlich! Brenneisen. (besieht den Tisch) . Und was für 'n Gedeck! Schaum. Wie einladend! Brenneisen. (die Flasche aufhebend und nach der Etikette sehend) .   Schaum, Liebfrauenmilch! Schaum. Das nenn' ich nobel!   Es müssen reiche Leute sein! Besser hätten wir 's nicht treffen können!     Brenneisen, Junge, nun mache dich!     Fünfzehnte Szene. Karoline. Schaum. Brenneisen. Karoline. (aus Mehlmeiers Stube kommend. Dasselbe Kleid, elegante Haube mit vielem Putz. Sie verbeugt sich vornehm, zuerst gegen Schaum) . Herr Doktor! Schaum. (rasch beiseite) . Alle Wetter, Doktor! (Sich verbeugend.) Mein Name ist Schaum! Karoline. Herr Doktor Schaum, es ist mir sehr angenehm, Sie und Ihren Freund     Brenneisen. (sich verbeugend) . Ich heiße Brenneisen! Schaum. (rasch) . Er ist Apotheker! Karoline. Es ist mir sehr angenehm, Sie als liebe Gäste bei uns zu begrüßen!   Hier ist Ihre Wohnstube und hier und dort sind Ihre Schlafzimmer. Wollen Sie nicht ablegen?   Schaum. Wir danken herzlichst! (Nimmt das Horn ab und hängt es an die Wand, während Brenneisen die Lyra auf einen Stuhl stellt. Zu Brenneisen, sein Gepäck nehmend.) Willst du zur Linken oder zur Rechten? Brenneisen. (sein Gepäck nehmend) . Wie du willst!   Schaum. Dann folge ich dem Drange meines Herzens!   Zur Linken! (Geht links hinein.) Brenneisen. (beiseite) . Fängt schon gut an! (Rechts hinein.) Karoline. (sentimental) . Dem Drange seines Herzens!   Links sitzt das Herz!   Ach, welch ein gefühlvoller Doktor! (Schaum und Brenneisen kommen zurück in die Stube.) Brenneisen. Gnädige Frau, es hat ein holder Stern       Schaum. (ihn schnell unterbrechend) . Ein holder Stern über uns geleuchtet, und hat uns geführt in das Haus einer so schönen   (küßt ihr die Hand) und liebenswürdigen Dame! Brenneisen. Der wir nicht genug danken können     Schaum. (ihn schnell unterbrechend) . Der wir nicht genug danken können für einen so herzlichen und liebevollen Empfang! (Küßt ihr wieder die Hand.) Brenneisen. (unwillig beiseite) Schon wieder!   Karoline. (sentimental) O bitte!   Keinen Dank!   Ich preise mich glücklich, so geschätzter Gäste wegen!   Und mein Mann und meine Schwester nicht minder!     Sie wird sogleich das Vergnügen haben, Sie zu begrüßen,   und mein Mann,   wohl auch,   sobald die Euterpe da ist.     Brenneisen. Wir hatten schon     Schaum. (ihn schnell unterbrechend) . Wir hatten schon das Vergnügen, mit Herrn Mehlmeier auf dem Bahnhofe zu sprechen. Brenneisen. (unwillig beiseite) Das ist aber stark!   Karoline. Welch ein schönes Wetter! Ich verspreche mir viel von dem Fest! Vor allem auch noch am letzten Tage von der Reunion und dem Ball! Schade, daß die Herren nicht gleich mitgehen! Brenneisen. Hätten wir nicht     Schaum. (ihn schnell unterbrechend). Hätten wir nicht die Freude, Sie zu begleiten? Brenneisen. (unwillig beiseite). Ja, das ist wirklich stark!   Karoline. Wenn das Bier nicht wäre!   Aber nun geht 's ja erst zur Bierprobe! Schaum. Wie schade! Brenneisen. Wir verzichten darauf! Karoline. Nein, o nein! das geht nicht!   Der Besuch des Bierkellers bildet einen Teil des Programms! Aber Sie kommen mit meinem Manne nach. Meine Schwester und ich gehen vorauf. Es ist wegen der Plätze. Wenn der Ball beginnt, werden Sie wieder da sein! Brenneisen. (schnell sprechend) Wenn ich das Vergnügen haben dürfte, die Polonäse mit Ihnen zu tanzen.   (Beiseite.) Da kam ich ihm doch mal zuvor!   Schaum. Und ich den zweiten Tanz mit Ihnen und die Polonäse mit Ihrer Fräulein Schwester?     Karoline. (sentimental). O, bitte   bitte meine Herrn!   Gern!   Aber wollen Sie sich nicht setzen?     Und einen kleinen Imbiß,   ein kleines Glas Wein   Brenneisen. (indem er Karoline den Arm bieten will) . Erlauben Sie         Schaum. (ihn schnell unterbrechend und sich verbeugend) . Erlauben Sie gnädige Frau?   (Gibt Karoline den Arm und führt sie an den Tisch.) Brenneisen. (unwillig beiseite). Auch jedes Mal!   Empörend! (Sie setzen sich; Karoline in der Mitte hinter dem Tisch, Schaum und Brenneisen links und rechts an den Tischenden.) Karoline. (die Gläser füllend) . Sie müssen so fürlieb nehmen. Brenneisen. (rasch) . Könnt' es schöner sein, gnädige Frau?   Karoline. Singen die Herren Tenor oder Baß? Schaum. (rasch) . Ich Tenor, gnädige Frau!   Tenor!   Mein Freund Brenneisen     Brenneisen. (ihn schnell unterbrechend) . Bariton! Bariton, gnädige Frau; (beiseite) da kam ich ihm doch mal wieder zuvor! Karoline. (schwärmerisch) . Ach Gesang!   Ich schwärme für Gesang. Schaum. (rasch) . Da könnten wir Ihnen gleich singend danken!   Brenneisen. (rasch) . Und Ihnen singend unsere Huldigung darbringen! (beiseite) das war doch auch nicht schlecht!   Karoline. (sentimental) . Gar zu gütig! Gar zu gütig, meine Herren!   Schaum. (rasch) . O, bitte!   Bitte!   Gern! Sehr gern!   (Zu Brenneisen.) Unser neues Duett, Kollege,   wie?   Karoline. (sentimental) . Sie sind wirklich zu liebenswürdig!   Schaum. (rasch) . Wenn ich bitten darf,     (Reicht ihr das Glas. Beide Herren stehen auf und erfassen ihre Gläser. Zu Anfang der Strophen Gesang und Begleitung jedesmal piano . Zu Ende einer jeden Strophe mit Karoline anstoßend, wobei diese sich jedesmal erhebt.) Es schwebt ein goldner Schmetterling Im Blumenreich' der Töne, Ihm huldiget der Erdenring Und freut sich seiner Schöne! Wir halten hoch das Glas Und bringen das Der lieblichen Sylphide, Dem Liede! Es flammt aus einer süßen Flut, Die jedem Sänger teuer, Nicht minder des Rubines Glut, Wie des Demanten Feuer! Wir halten hoch das Glas Und bringen das Dem flüss'gen Edelsteine, Dem Weine! Es gibt ein holdes Dornröslein, So blüht im Menschenherzen, Und das im Sturm' wie Sonnenschein Ihm schafft viel Lust und Schmerzen! Wir halten hoch das Glas Und bringen das Dem schönsten aller Triebe, Der Liebe! Karoline. (schwärmerisch) . Wie hübsch!   Wie sinnig!   (Die Herren setzen sich, Bollmann guckt durch die Mitteltür.)   Sechzehnte Szene. Bollmann. Jette. Wilhelmine. (Alle drei nur durch die Tür.) Die Vorigen. Schaum. Es ist symbolisch, gnädige Frau, wie das Horn, welches ich trage. Bollmann. (durch die Mitteltür) . Er meint das große Tuthorn! Brenneisen. Und wie die Lyra, die ich führe. Karoline. (schwärmerisch) . Das Horn und die Lyra!   Aber bitte, meine Herren!   (Sie präsentiert den Sängern das Essen.) Bollmann. Denn ist das Blanke wohl die Lyra. (Jette guckt durch die Küchentür.) Schaum. Die Götter der alten Deutschen     Jette. (durch die Küchentür) . Nu sprechen sie von die Jötter, det is wat für die Madam! Karoline. (schwärmerisch) . Ach, die Götter! Alles Schöne stammt doch von den Göttern!   Siebzehnte Szene. Mehlmeier. Karoline. Schaum. Brenneisen. Mehlmeier. (hastig hereinkommend) . Die Euterpia ist da, meine Herren! Karoline. (mokant, beiseite). Euterpe! Mehlmeier. Die Euterpe ist da!   Ick begrüße Sie! (Gibt ihnen die Hand.) Willkommen in mein Haus! Ick sag' Ihnen, en Jesellschaft!   Über hundert! Ick hielt die Ansprache! Karoline. (schwärmerisch) . Euterpe!   Auch eine von den neun Musen im Gefolge des Apoll!   Amandus,   wir haben uns über die Götter unterhalten! Mehlmeier. (beiseite) . Nu hat sie et wieder mit die Jötter!   (Zu den Herren.) Ick sag' Ihnen, meine Herrn, mit zwei Musikkorps!   Det müssen Sie sehen!   Sie sind noch alle aufn Bahnhof und trinken den Bejrüßungsseidel mit viele von die Hiesigen und von die Polyhymnia!   Ick muß jleich wieder hin!   Ick komme eigentlich man, um Sie zu holen. Karoline. Unsere Gäste soupieren noch. Mehlmeier. Natürlich, ick meinte, wenn Sie fertig wären. Karoline. (mokant, beiseite) . Fertig wären!   Brenneisen. Vollkommen gesättigt!   Es war su       Schaum. (ihn schnell unterbrechend) . Superbe! Superbe! Magnifik, gnädige Frau!   Exquisit!   Brenneisen. (unwillig beiseite) . Schon wieder! Karoline. O, bitte, Herr Doktor!   Nur ein frugaler Imbiß!     Mehlmeier. Ja, bitte meine Herren! Zu viel Ehre!   Aber wenn die Herren schon satt sind, Karoline. (mokant, beiseite) . Satt sind!     Mehlmeier. Denn lassen Sie uns noch schnell 'n Augenblick nach'n Bahnhof!   Et ist zu jemütlich da zwischen all die lieben Jäste! Brenneisen. (zu Karoline) . Wenn Sie es erlauben       Schaum. (ihn schnell unterbrechend) . Ja, wenn Sie es erlauben, gnädige Frau? Karoline. (sentimental) . Was erlaubt man nicht seinen lieben Gästen! Mehlmeier. Ja, denn laßt uns man!   (Er öffnet die Tür, die Gäste nehmen ihre Hüte.) Bitte meine Herrn! Brenneisen. (sich vor Karoline verbeugend) . Auf Wieder   Schaum. (ihn schnell unterbrechend) . Auf Wiedersehen, schöne Frau! (Küßt ihr die Hand. Alle ab.) Brenneisen. (der Letzte im Abgehen) . Schon wieder!   (Ab.) Karoline. (schwärmerisch) . Schöne Frau!   Wie gefühlvoll hat er das zu mir gesagt!   Was für feine Leute, und mit welcher Distinktion wissen sie sich zu benehmen!   Und dieses Lied!   Diese Stimmen!   Dieser Vortrag!   Den Doktor mag ich doch am liebsten!   Das wäre eine Partie für Wilhelmine!   Wie hat er mir die Hand gedrückt!   Und sie geküßt!   Mir pocht ordentlich das Herz!   (Mit Pathos.) Ach,   noch ganz so wie damals, als mir Mehlmeier den Pokal reichte!   Er hat, wie liebelüstern, Als ich ihn hab' begrüßt, Mit Schmachten und mit Flüstern Mir gar die Hand geküßt! Er nannt mich eine schöne Und gnäd'ge Frau zugleich, Und diese Schmeicheltöne, Wie stimmten sie mich weich! Ach, ach solch ein Mann, Ach, solch ein feiner, junger Mann,     Wie der beglücken Und wie der entzücken Ein Frauenherz kann! Ich hab' ihm imponieret, Es war nicht alles Scherz.   Wie leicht ist doch verführet Ein junges Männerherz!   Ich hab' ihn schon,   ich wette! Und wär's nicht schon zu spät,   Wenn ich nicht einen hätte,   Wer wüßte, was ich tät!   Ach, ach solch ein Mann, Ach, solch ein feiner, junger Mann, Wie der beglücken Und wie der entzücken Ein Frauenherz kann! (Ab in ihr Zimmer.)   (Der Vorhang fällt.)   Ende des ersten Aktes. Zweiter Akt. Dasselbe Zimmer wie vorhin.   Erste Szene. Wilhelmine. Wilhelmine. (sitzt in der Stube und näht an ihrem weißen Ballkleide. Sie trägt eine elegante Sonntagsgarderobe) . So!     Mein Ballkleid wäre in Ordnung!   Aber wo nur die Schwester bleibt?   Das Konzert muß doch längst vorbei sein.   Sie wollte den Festzug aus dem Fenster ihrer Freundin mit anseh'n und nach dem Programm sollte er gleich nach dem Konzert beginnen.   Dann nur noch die Bierprobe und dann     für mich erst das Allerbeste, aber leider auch schon das Letzte,   der Ball!   Und morgen   ach, morgen schon alles wieder vorbei und gewesen!   Zweite Szene. Jette. Wilhelmine. Jette. (aus der Küche kommend) . Soll ick helfen, Fräulein? Wilhelmine. Danke!   Ich tat soeben den letzten Stich. Jette. Et ist eijentlich schade!   Nun hat Fräulein det letzte Konzert jar nich mit jehört. Wilhelmine. Ich war doch gestern da im ersten   und gestern abend mit im Tivoli. Jette. Aber den Festzug hätt' ick mir doch nich entjehen lassen, wo unsre beiden Jäste mit in sind. Wilhelmine. Im Augenblick geht's ja schon wieder zu Ball,   die paar Stunden Ruhe tun mir gut. Ich bin noch recht müde von gestern abend. Jette. Et wurde ooch spät.   Ick hab' ooch noch 'n bischen davon jesehn.   Ach, Fräulein, wat muß det schön jewesen sind! Als et neun war, stand ick 'n Aujenblick zwischen die Zuschauers vor die Pforte. Wat war det en Jewühl in'n Jarten! Und wat für'n Pracht mit all die bunten Lampen! Und denn die hübsche Musik und det jroße Feuerwerk!     So'n italienische Nacht ist doch wat Schönes! Wilhelmine. Das ist es auch!   Dieser Abend bleibt mir unvergeßlich! Jette. Ick jlobe, der Herr hatt' 'n kleenen Spitz. Na, der hat et ooch sauer mit die Rosette! (Wichtig.) Fräulein, et machte sich mal nett, als ick Sie einließ, Sie und den Doktor!   Ick hatte so meine eijenen Jedanken dabei. Wilhelmine . Er führte mich. Sein Freund führte meine Schwester. Jette. Na, na,   warum führte er denn jerade Sie? Sein Freund hett et ja ooch duhn können.   Der Herr war der erste, welcher ankloppte,   dann kamen die Madam und der Apotheker. Und et dauerte wohl noch drei Minuten, eh' Fräulein mit'n Doktor kam. Wilhelmine. (beiseite) . Er küßte mir die Hand, ob sie's gesehn? (Zu Jette.) Wir waren zufällig nur ein wenig zurückgeblieben. Jette. Na, na!   man sieht doch, wat man sieht!   Übrigens is sein Freund, der Apotheker, ooch nich so!   Jott bewahr uns! Wat hat der für'n paar Ojen in'n Kopp!   Aber wo Madam wohl bleibt? Wilhelmine. Sie müßte längst hier sein.   Da ist mein Kleid!   Bring' es nach der Stube. Jette. Die Uhr jeht ooch schon uf sieben. (Ab mit dem Kleide in Mehlmeiers Stube.) Wilhelmine. Auf sieben?   und meine Schwester noch immer nicht da? Es wird ja schon Zeit, an die Balltoilette zu denken.   (Karoline tritt durch die Mitteltür ein.)   Dritte Szene. Karoline. Die Vorigen. Karoline. (andere Garderobe als wie im ersten Akt. Erregt und mit Pathos) . Mine!   Mine!   War das ein Konzert!   Wie tat es mir leid, daß du zu Hause geblieben! Wilhelmine. Ich war fleißig während der Zeit. Es war noch etwas an meinem Kleide zu ändern. Karoline. (erregt und mit Pathos) . Eine jede Nummer,   ich sage dir,   klassisch!   (Jette kommt zurück.) Und die eine noch schöner, ergreifender, mächtiger als die andere!   Und dann zuletzt,   die Krone von allem, der große Hymnus!   Denke dir, ein Chor von drei bis vierhundert Männerstimmen!   Ach es geht doch nichts über den Männergesang! Jette. (schnell) . Det sag' ick ooch, Madam!   Karoline. (erregt und mit Pathos) . Dieses Meer von brausenden Akkorden!   Es war wie eine Sturmflut von Tönen, die alles überschwemmte und mit sich fortriß! Jette. Hat Madam ooch wat von unsere Jäste jesehn? Die waren da ja mit zwischen.   Karoline. Gesehen nicht, aber gehört hab' ich wenigstens den Doktor. Sein schöner Tenor ließ sich deutlich erkennen. (Plötzlich im andern Ton.) Aber wo ist Bollmann?   Jette, geh' schnell hinaus und sag ihm, daß er mir rasch eine Handvoll Blumen schneide,   hörst du?   Ich will sie bei meiner Freundin aus dem Fenster werfen!   Jette. Ja, Madam! (Ab durch die Mitteltür.) Karoline. Als ich fortging, wurde schon wieder zum Festzug angetreten.   Da hab' ich sie denn auch noch im Vorbeigehen gesehen und gesprochen.   Die Polyhymnia hat eine grüne Fahne mit goldner Leier.   Brenneisen geht dicht hinter Mehlmeier,   der Doktor ein bißchen weiter nach hinten. (Im andern Ton.) Du Mine,   ich soll dir auch einen herzlichen Gruß von ihm überbringen! Wilhelmine. (rasch, interessiert) . Von ihm? Ah, ich danke!   Aber Schwester, du mußt dich sputen! Karoline. Ich warte ja nur auf die Blumen.   (Im andern Ton.) Sag' mal, Mine,     gestern abend im Tivoli kam mir die Sache doch schon recht verdächtig vor.     Wilhelmine. (etwas verlegen) . Aber Karoline.       Karoline. Er führte dich doch mehrere Male durch den Garten, und einmal hatten wir euch schon ganz verloren.   Und als wir nach Hause gingen,     Wilhelmine. (etwas verlegen) . Laß das!   Ich bitte dich! Karoline. Na, na, siehst du wohl?   Wir Frauen achten auf alles. Wilhelmine. Er war recht freundlich gegen mich, wie das von einem so gebildeten jungen Mann ja auch nicht anders zu erwarten war. Karoline. Du, Mine,   hat er sich denn noch gar nichts merken lassen?     Wilhelmine. (etwas verlegen) . Aber Line, wie kannst du nur so fragen?!   Vierte Szene. Bollmann. Die Vorigen. Bollmann. (mit Blumen durch die Mitteltür) . Hier sind die Blumen, Madam!   Jette sagte, Sie wollen sie auf die Sängers werfen,   da hab' ich denn auch noch gleich 'n paar Bauerrosen mit abgeschnitten.   Karoline und Wilhelmine. Bauerrosen?!   Bollmann. Na, es muß doch auch zu merken sein! Mit die kleinen Blumen,   da werden sie ja garnicht um gewahr! Aber Madam muß machen, daß sie hinkommt. Sie sind schon ans Maschieren. Im Garten kann man es deutlich hören mit die große Trommel,   Bumm! Bumm! Wilhelmine. Karoline, dann geh' doch! Karoline. Ja, die Blumen! (zu Bollmann.) Gib sie her! (Bollmann gibt ihr die Blumen. Zu Wilhelmine.) Na, adieu, Mine! (Im Abgehen zu Bollmann.) Bauerrosen!   Bollmann, Sie sind und bleiben doch ein Bauer. (Ab durch die Mitteltür.) Bollmann. Na, und ich wollte es recht gut machen! Das war doch undankbar von die Madam!   Fünfte Szene. Jette. Wilhelmine. Bollmann. Jette. (durch die Mitteltür kommend) . Nu müssen sie all ufn Marktplatz sind! Ick hab' et eben in'n Jarten jehört. Man jut, dat die Madam schon weg is!   Ick rief ihr noch nach: »Durch die Zingelstraße, Madam!     Det is näher!« Bollmann. Ja, durch die Zingelstraße,   das ist 'n Vorsprung von zehn Minuten.   Denn kommt sie auch noch früh genug! (Im andern Ton.) Fräulein, dürft' ich auch mal eben en bischen hin? Wilhelmine. Meinetwegen gern!   Geh'n Sie nur!   Jette und ich sind ja hier. Bollmann. Dann lauf ich auch längst die Zingelstraße. (Ab durch die Mitteltür.) Jette. Will Fräulein den Zug nich ooch mal sehn?   Ach, det sollte ick sind!   Wilhelmine. Möchtest du es gern? Jette. Ob ick möchte?!   Na!     Aber ick hab' ja man det Haus zu hüten!     Wilhelmine. Ich bin ja hier! Der Augenblick Ruhe ist mir lieber.   Dann geh' nur!   Schnell!   Aber bleib' nicht zu lange weg! Jette. Ach Fräulein! Wie is Fräulein nett!   Nur 'n Aujenblick!     Ich weiß noch en nähern Weg,   durch Herr Pingel seinen Jarten,       Wilhelmine. (wie erschrocken, beiseite) . Herr Pingel!   Jette. Ick bin in'n Viertelstunde wieder hier!   (Ab durch die Mitteltür.) Wilhelmine. Endlich mal wieder mit meinen Gedanken allein!   Ach, es ist doch so süß zu träumen!   Herr Pingel!   Wie erschrak ich bei dem Namen! Heute ist der letzte Tag.   Er wird es gewiß versuchen!       Ach, wenn er es wäre, dessen liebes Bild sich schon wieder in meine Seele drängt!     Ich würde wohl recht glücklich mit ihm werden, und heiraten möcht' ich auch schon,   aber doch niemals einen andern, als den ich so recht von Herzen lieben könnte!   (Man hört in der Ferne einen Marsch, welcher die folgende ganze Szene hindurch gespielt wird.) Die Musik des Festzuges, in welchem auch er mitgeht!   Und ich bin hier   und werf' ihm nicht einmal eine Blume!     Sechste Szene. Schaum. Wilhelmine . Nachher Brenneisen. Schaum. (das große Trinkhorn um. Eine Rose im Knopfloch und bekränzt, Wilhelmine erschrickt) . Um Verzeihung mein Fräulein, wenn ich störe! Wilhelmine. (bewegt) . Herr Doktor Schaum, wie erschrak ich!     Sind Sie nicht mit im Zuge?   Schaum. Ja,   das wohl!   Ich ging auch mit,     aber es war sonderbar, es zog mich immer wieder nach diesem gastlichen Hause!   Was sollt' ich in dem Gewühl?!   Ich schlich mich heimlich fort. Wilhelmine. Sie hofften, meine Schwester noch hier zu finden.     Schaum. (sentimental) . Ihre Frau Schwester,   und da fand ich Sie!   Und preise die Fügung, welche meine Schritte lenkte!   O, teuerstes Fräulein,   (ihr die Rose hinhaltend) möge diese Rose, erst soeben auf dem Wege hierher frisch vom Strauch' gepflückt, Ihnen   zuflüstern, wie freudig mein Herz geschlagen,   als ich   Sie erblickte!   Wilhelmine. (herzlich) . Ich danke Ihnen!   die Rose ist die schönste Blume;   ich liebe sie mehr als alle andern.   Schaum. (sentimental) . Ich auch!   Aber nicht Sie,   nur ich, mein Fräulein, habe zu danken! (Er erfaßt ihre Hand und küßt sie.) Mein Stern hätte mir nicht holdseliger leuchten können! Wilhelmine. (bewegt) . Sie machen mich um eine Antwort verlegen, Herr Doktor.   Schaum. (sentimental) . Verzeihen Sie mir, wenn ich es tat!   Es war nicht meine Absicht!   Nun habe ich Sie auch noch zu bitten! Wilhelmine. (bewegt) . Zu bitten? Schaum. (sentimental) . Um Ihre gütige Verzeihung! (Küßt ihr die Hand.)   O, Fräulein Wilhelmine! Wilhelmine. (bewegt) . Ich weiß nicht mehr, Herr Doktor, was ich Ihnen erwidern soll.     Aber es ist nicht recht von Ihnen, ein unerfahrenes Mädchen,     Schaum. (sentimental) . Verzeihung! Verzeihung, mein Fräulein!   Wilhelmine. (bewegt) . Sie verwirren mich!   Nicht mehr! Nicht mehr, Herr Doktor!     Brenneisen. (durch die Tür) . Sie haben mich nicht gehört.   Wilhelmine. (bewegt) . Mir pocht das Herz! Ich kann nicht,   kann nicht sprechen! Brenneisen. (durch die Tür) . Dann wird es Zeit, daß ich noch 'mal klingele! (Ab.) Schaum. (sentimental, weich) . Das Herz?!   Das Herz?!   Mir auch!   Fräulein Wilhelmine!   (Küßt ihr die Hand.) Und willst Stille du im Sturme, Soll dahin sein aller Schmerz,     Wilhelmine. (bewegt, sich noch mehr sträubend) . Um Gotteswillen!   Lassen Sie mich!   Lassen Sie mich, Herr Doktor!   Schaum. (sentimental, weich) . Schaue durch zwei süße Augen In ein liebes, gutes Herz! (Küßt ihr die Hand. Man klingelt.) Wilhelmine. (ängstlich) . Die Haustür!   Es kommt jemand!   Wenn man uns hier sähe! (Will sich losreißen.) Schaum. (sentimental, weich) . In ein liebes, gutes Herz!   (Küßt der Sträubenden nochmals die Hand.) Wilhelmine. (sich losreißend) . Es kommt jemand!   Schnell! schnell!   (Eilig ab in Mehlmeiers Wohnzimmer.) Schaum. (beiseite) . Ja, schnell! schnell!   (Eilig ab in sein Schlafzimmer.)   Siebente Szene. Brenneisen. Brenneisen. (durch die Mitteltür) . Sie sind alle geworden!   Sie haben mich gemorken!   Na, daß ich es war, konnten sie doch nicht wissen.   Ich bin ja noch mit im Zuge.   Sie meinten wohl, es sei Bollmann, das Faktotum.   Wo sie wohl geblieben sind?   Die Liebe schlüpft durchs Schlüsselloch!   Ich wollte ihm mal zuvorkommen. Er hat mir ja noch immer das Wort genommen.   Herr Mehlmeier marschierte mir voran,   da schlich ich mich weg,   und nun ist er mir doch wieder zuvorgekommen!   Na, es bleibt mir ja noch immer die andere,     und mit'm Hausknecht wird 'n Apotheker doch wohl fertig werden! (Ab in sein Schlafzimmer.)   Achte Szene. Jette. Brenneisen . Nachher Schaum. Jette. (durch die Mitteltür kommend) . Ach wat für'n Zug! Wat für prächtige Fahnen und wat für hübsche Sängers!     Aber dat ick keinen von unsere Jäste sah, det bejreif' ick nich! In die Polyhymnia haben sie nich marschiert, det is sicher!       Wi jern hätt' ick noche'n bißchen jestanden!   Ach, det ick ooch man diene.     Brenneisen. (schleicht aus seinem Schlafzimmer leise an Jette heran, beiseite) . Nun komm ich ihm doch mal zuvor! Jette. Wofür bin ick da?   Nur um mir zu plagen und zu entsagen!     Brenneisen. (seinen Arm um ihre Taille legend, während Jette erschrocken aufschreit) . Wofür?       Für mich!   Für mich!     Jette. (sich etwas sträubend) . Wat Sie mir erschrecken! Herr Apotheker, sind Sie et?   Brenneisen. Ich bin es!   Aber schreien Sie doch nicht so! Jette. Ick meinte, Sie waren mit in'n Zug! Et war nicht nett von Sie, mir so bange zu machen! Brenneisen. (sentimental, während Schaum durch die Mitteltür guckt) . Jette,   es trieb mich her! Schaum. (durch die Tür) . Nun hat es ihn auch schon getrieben! Brenneisen. (weich, zärtlich) . Jette!   Du schöne Blume!   Schaum. (durch die Tür) . Richtig! Es blüht schon! Jette. (verschämt, sich etwas sträubend) . Herr Apotheker,   lassen Sie mir los! Brenneisen. Was Herr!   Was Apotheker!   Ich heiße Brenneisen! Jette. (sich sträubend) . Aber, Herr Brenneisen, ick diene ja man!   Ick bin ja man die Madam ihre Zofe!   Brenneisen. (sentimental) . Was dienen!   Was Zofe!   Vor der Liebe       Jette. (weich) . Vor der Liebe, sagten Sie     (Schaum sieht durch die Tür.) Brenneisen. (sentimental) . Vor der Liebe fallen alle Schranken. (Weich.) Ach Jette!   (Er umarmt sie noch mehr.) Jette. (schmachtend) . Ach!   Wat kann ick dafür!   Et schwindelt mich!   (Legt ihren Kopf an seine Brust.) Brenneisen. (sentimental, freudig) . Ich habe dich!   Ich habe dich!   (Küßt sie.) Schaum. (durch die Tür) . Hat sie schon! (Man hört polternde Schritte. Jette und Brenneisen fahren auseinander.) Jette. Et kommt wat!   Et kommt wat! Brenneisen . Es kommt was!   (Jette eilt in die Küche. Brenneisen in sein Schlafzimmer.)   Neunte Szene. Bollmann . Bollmann. (durch die Mitteltür) . Alles fort?   Auch kein Fräulein und keine Jette mehr?   (Schaum sieht durch die Tür.) Ach, Jette, an die ich immer denke!     Schaum. (beiseite) . Das Faktotum!   Na, wenn der wüßte, woran die jetzt denkt!   (Ab.) Bollmann. Ich wollte mir dankbar beweisen for die Schleife und ihr gleich in das Zeichen meiner Dankbarkeit die Gefühle zeigen, welche ich für sie hege.   Ich hab' es schon einmal getan, als ich im Jahrmarkt mit sie zum Entreeball ging, durch eine Tüte mit Kuchen, die sie freundlich von mich annahm. Nun bin ich denn noch schnell die lange Straße hinuntergelaufen und hab' sie was vun'n Konditor geholt, (nimmt ein in Papier gewickeltes Kuchenherz aus der Tasche) wo es gleich aufsteht, was ich für sie fühle! (Liest) : Des fernen Freundes Liebesschmerz Verkünde dir dies Kuchenherz! Fern bin ich ihr zwar nicht;   aber sonst paßt es doch schön, auch mit das Bild.   Da kniet 'n Herr   das bin ich!   vor 'ne Dame,   das ist sie!     Und gibt ihr was,   das ist das Herz!     Es ist durch die Blume!     Ich kann es sie doch man sub rosas geben, als die Madam sagt, unter vier Augen, wenn ich mal mit sie allein bin! (Ab durch die Mitteltür.)   Zehnte Szene. Schaum. Brenneisen. (Schaum guckt durch die Tür, zu gleicher Zeit auch Brenneisen. Beide haben ihre Hüte auf.) Schaum. (noch durch die Tür, Brenneisen zunickend) . Guten Morgen! Brenneisen. (im Hervortreten) . Das fehlte auch noch!   Bist du mir doch wieder zuvorgekommen! Schaum. (heraustretend) . Na, was tut es!   Aber du hast einen Nebenbuhler, der heißt Bollmann! Brenneisen. Den vergifte ich!   Wofür wär' ich sonst der Apotheker! Schaum. Vergiften?!   Ha! Ha! Ha! Ha!   Das ist gut! Brenneisen. Ich rühre ihm 'was an mit der Jette! Schaum. Du rührst ihm 'was an!   Ah, so!   Ja!   Ha! Ha! Ha!   Das hab' ich schon gesehen!   Köstlich! Köstlich!   Das Faktotum wird vergiftet.   Und mein Freund Brenneisen brennt mit seiner Geliebten durch!   Brenneisen. Und mein Freund Schaum mit dem Fräulein! Schaum. Aber die Madam!   die Madam ist doch auch noch da!   Brenneisen. Die hat ja ihren Mehlmeier! Schaum. Mehlmeier?   Du, Brenneisen,   (er macht das Zeichen der Hörner.) Ha! Ha! Ha! Ha! Brenneisen. Halt!   Verletze nicht das Gastrecht! Schaum. Und das Recht der Frau des Hauses!   Nein!   Nein!   Aber komm, Kollege,   wir müssen fort,   unseres liebenswürdigen Wirtes wegen.   Brenneisen. Er geht ja noch im Zuge.   Schaum. Und wir auch!   Ha! Ha! Ha! Brenneisen. Wenn er uns vermißt hätte!   Wenn er uns suchte!     Schaum. Und wenn er uns hier fände, bei den Frauen! Brenneisen. Darum schnell wieder in den Festzug! Und dann in den Keller! Schaum. Und vom Keller zum Ball! Immer lustig bis morgen!   Brenneisen. Und morgen?       Schaum. (mit Pathos) . Morgen?   Morgen adieu!   Und nach uns die Sündflut! (Beide ab durch die Mitteltür.)   Elfte Szene. Wilhelmine. Gleich nachher Pingel. Wilhelmine. (mit der Rose in der Hand) . Welch ein Glück, daß es niemand sah!   Die Haustür klingelte,   es war wohl Jette oder Bollmann.   Wie eine Fügung, daß ich sie fortschicken mußte!     Wo er wohl geblieben ist?   Gewiß wieder im Zuge.       (Nach kurzer Pause und im andern Ton) Ja, nun ,       wenn mich nun die Schwester fragte,       (Pingel erscheint, von ihr nicht bemerkt, in der Mitteltür. Anzug wie früher, das Bukett in der Hand.) Ich komme mir schon so bräutlich vor.     Pingel. (für sich) . Sie fühlt sich schon als Braut! Wilhelmine. Ach, und diese Rose, wie ich sie liebe!   (Küßt die Rose und steckt sie an den Busen.) Pingel. Was wird sie erst sagen, wenn ich ihr das ganze Bukett schenke!   Wilhelmine. Daß mir noch solch ein Glück beschieden sein sollte!   Ach, welch ein schöner Mann! Pingel. (in der Tür, erfreut) . Wie mich das beglückt! Sie liebt mich!   (Er geht ein paar Schritt vor, schmachtend.) Fräulein Stahlhuber! (Wilhelmine erschrickt, stößt einen lauten Schrei aus.) Fräulein Wilhelmine! Wilhelmine. Herr Pingel!   Um Gotteswillen! Ich wußte nicht!   Wie haben Sie mich erschreckt!   Pingel. Erschreckt?   Habe ich Sie erschreckt?!   Aber freudig! Freudig!   Ja? Wilhelmine. Freudig?   Ich zittere noch! Pingel. Sie zittern noch?   Ich zittere auch!   In diesem feierlichen Augenblick'     Wilhelmine. Wie mir das Herz pocht! (Beiseite.) Der erste Antrag!   Pingel. Pocht Ihnen das Herz?   Mir auch! Mir auch!   Wilhelmine. Herr Pingel, ich weiß bereits,     Pingel. Sie wissen bereits?   Hat Herr Mehlmeier mit Ihnen gesprochen?   Wilhelmine. Er hat es meiner Schwester gesagt.   (Beiseite.) Es wird mir doch recht schwer! Pingel. Hat er es Ihrer Schwester gesagt?   Wilhelmine. Vorgestern, als Sie hier waren.   (Beiseite.) Wenn er es nur erst wüßte! Pingel. Vorgestern, als ich hier war? Wilhelmine. Herr Pingel, es tut mir sehr leid,   Pingel. Leid?   Tut es Ihnen leid, Fräulein Wilhelmine?   Ah, warum das?     Wilhelmine. Sie haben mich nicht verstanden,   Pingel. O, doch!   doch!   Fräulein Wilhelmine, nun komme ich selbst und bringe Ihnen diese Blumen! Sie sind noch viel lieblicher als diese Blumen! Wilhelmine. (bewegt) . Um Gotteswillen!   Halten Sie ein,   Herr Pingel!   Warum mußte Ihre Wahl auch auf mich fallen?!   Meine Hand ist nicht mehr frei.     Pingel. (bestürzt) . Nicht mehr!   nicht mehr frei?! Wilhelmine. (bewegt) . Vergessen Sie mich,   und schenken Sie die Blumen einer andern! Pingel. (bestürzt) . Einer andern! Wilhelmine. (bewegt) . Es tut mir leid! sehr leid, Herr Pingel!   Aber trösten Sie sich.   Ich würde Sie doch nicht glücklich machen!   Pingel. (bestürzt) . Nicht glücklich machen?   O, doch, doch!   Sie würden mich sehr glücklich machen! Wilhelmine. Weil ich Sie nicht würde lieben können! Pingel. (bestürzt) . Nicht lieben können?   Fräulein Wilhelmine!   Nicht lieben können?!   Wilhelmine. Und nun leben Sie wohl, Herr Pingel!   Der Augenblick ist für uns beide viel zu peinlich, als daß wir nicht beide wünschen sollten,   er wäre vorüber!   (Weich und gefühlvoll.) Leben Sie wohl, Herr Pingel!   (Beiseite, im Abgehen nach Mehlmeiers Zimmer.) Der arme Mensch!   Aber zwischen ihm und dem andern,   wer würde sich da noch lange besinnen?! Pingel. Leben Sie wohl, Herr Pingel!     Das war ein Stich in mein Herz!   Ich soll sie vergessen und die Blumen einer andern schenken?   Die schönsten von meinen hochstämmigen Rosen   und die Nelken, welche ich selbst gezogen habe?     Einer andern?   Nein! Nein!   Lieber setze ich sie in ein Glas, bis sie verwelken, wie ich selber langsam verwelken werde!   Ach, was gibt es Schlimmeres als zu lieben und nicht geliebt zu werden! Dies Sträußchen, das ich dir gepflückt Im süßen Deingedenken, Ich hab' es an mein Herz gedrückt. Eh' ich es dir wollt' schenken!   Und was darin zu lesen steht, Ich wollt' dir alles sagen,   Du aber hast es kalt verschmäht Und lieblos ausgeschlagen! Ach, das Schlimmste, was es gibt, Das Schlimmste, was es gibt auf Erden, Ist, wenn man liebt, Ohn' je geliebt zu werden! (Bollmann tritt ein durch die Mitteltür, bleibt, von Pingel unbemerkt, im Hintergrunde stehen.) Ihr Blumen alle, groß und klein, Ihr Rosen und ihr Nelken, Ihr werdet nun verlassen sein Und ohne Zweck verwelken! Und zwecklos nun und liebeleer, Seit sie mein Los gesprochen, Irr' ich in dieser Welt umher, Bis mir das Herz gebrochen! (Bollmann nimmt sein Taschentuch aus der Tasche und wischt sich eine Träne ab.) Ach, das Schlimmste, was es gibt, Das Schlimmste, was es gibt auf Erden, Ist, wenn man liebt, Ohn' je geliebt zu werden!   Zwölfte Szene. Bollmann. Pingel . Bollmann. (tritt leise von hinten an ihn heran, klopft ihm auf die Schulter, in teilnehmendem Tone) . Herr Pingel, Sie dauern mir, Herr Pingel! Pingel. Bollmann, haben Sie jemals geliebt? Bollmann. Na, was'n Frage?!   Sie wissen doch! Pingel. Und sind nicht wieder geliebt worden?! Bollmann. Wiedergeliebt?!   Hm!   Jette hat'n weiches Gemüt,   die ist nicht so!     Pingel. O, Bollmann, wie sind Sie glücklich! Bollmann. Aber, Herr Pingel, Sie müssen sich fassen!   Sie   Sie müssen sich trösten und stark sein!   Pingel. Stark sein?!   Das können Sie wohl sagen!   Sie wissen nicht, wie verschmähte Liebe schmerzen tut!   Bollmann. Nein, das freilich nicht!   In der Liebe bin ich glücklich;     sie mögen mich immer gleich! Pingel. Und ich,   und ich!   O, Bollmann! Bollmann. Hat sie denn reineweg »nein« gesagt? Pingel. Sie hat es gesagt!   Ich soll sie vergessen   und die Blumen einer andern schenken. Bollmann. Na, denn vergessen Sie sie man!   Es gibt noch Mädchens genug.   Wenn mich das mit Jette passierte,   ich ließe sie laufen und suchte mich 'n andere!   Pingel. Eine, andere?   Die Liebe blüht nur einmal!   Bollmann. Einmal?   Nein!   Nein, Herr Pingel!   das tut sie nicht!   Ich habe schon zwei gehabt, ehe das mit Jette kam.   Pingel. Zwei gehabt?   Nein, nein!   Das könnte ich nicht!   Und vergessen kann ich sie nimmer! Bollmann. Das ist schlimm!   Wissen Sie was, Herr Pingel? Soll ich mal mit das Fräulein sprechen? Pingel. Sprechen?   Wollen Sie mit ihr sprechen?   Sie hat sich schon ausgesprochen!   Bollmann. Was ich dabei tun kann       Pingel. Dabei tun!   Sie können nichts mehr dabei tun! Bollmann. Das ist schlimm!   Das tut mich leid!   Ich hätte Sie so gern mit in die Familie gehabt als den Herrn und die Madam ihren Schwager!   Pingel. Bollmann, Sie sind gut!   Sie haben ein weiches Herz und halten viel von mir, das weiß ich! Bollmann. Ja, das tu' ich auch, Herr Pingel!   Was Sie betrübt, betrübt mir auch!   Ich kann Sie garnicht sagen, wie leid es mich tut! Pingel. Bollmann, kommen Sie her! (Gibt ihm die Hand.) Es ist doch ein Trost, wenn man noch einen Freund hat!   Und Sie sind mein Freund! Bollmann. Ja, Herr Pingel, das bin ich!   Aber nun kommen Sie!   Ich geh' 'n bischen mit Sie rüber und bringe Sie wieder auf andere Gedanken.   Pingel. Auf andere Gedanken!     (Beide ab durch die Mitteltür.)   Dreizehnte Szene. Wilhelmine. Gleich nachher Jette. Wilhelmine. (aus Mehlmeiers Stube kommend) . Er hat mir die Hand geküßt, daß mir die Lippen davon brennen!   Und kaum hatte ich mich wieder gefunden, da mußte er kommen, der Unglückselige, und mich aufs neue erschüttern! (Sieht sich im Spiegel.) Fast ist es zu viel!   Ich glühe vor Erregung!   Aber lieben könnte ich ihn doch nicht!   Ich könnte ihn nur schätzen um seiner Liebe willen zu mir!   Vielleicht,   wäre er früher gekommen und hätt' ich jenen,   (steigernd) jenen   nie gesehen!   Armer Pingel,   nun ist es zu spät! In diesem Herzen lebt nur einer!   Und ihn oder keinen!   Jette. (aus der Küche kommend) . Fräulein!   Fräulein!   Ach!   Wie ist mich denn?!     Wilhelmine. Jette!   Fast erdrückt es mich! Jette. Seien Sie mich man nich böse! Wilhelmine. Böse?   Warum?   Ich bin so glücklich! Jette. Jlücklich?!   Ick ooch!   Aber ick bin so distree!   Ick hab'n Kopp verloren. Wilhelmine. Du auch?! Jette. Er liebt mir!   Er hat et mir jestanden!   O Fräulein! Wilhelmine. (schnell) . Er?!   Er?!   Wer?!     Jette. Der Apotheker! Wilhelmine. Sein Freund?     Warum sagtest du mir das nicht gleich? Du erschrecktest mich,   und ich trage so viel!   Jette. Und Fräulein sagte doch, dat Sie so jlücklich sind!   Wilhelmine. Ich bin es ja auch!   Er liebt mich ja!   Aber fast ist es zu viel!   Jette. (schnell) . Er?   Er?     Wat for'n Er?   Wilhelmine. Der Doktor!     Jette. Jott Lob, dat et man der Dokter is!   Aber warum is det zu viel?     Wilhelmine. Kaum hatte er mir's gestanden,   da kam Herr Pingel,     Jette. Herr Pingel?!   Der ooch noch? Det is jut! Wilhelmine. Ein neuer Sturm, eh' noch der erste vorüber war,     Jette. Na, zwischen ihm und den Dokter wollt' ick mir doch nich lange besinnen! Wilhelmine. Ich sagte »nein«;   aber es tat mir leid.   Ich bin ja so glücklich und mußte nun einem andern wehe tun!   Jette. Det dut nischt!   Det macht nischt!   Det is nu mal so!   Er darf Ihr Jlück doch nich stören! Wilhelmine. Es erregte doch einen neuen Sturm in mir!   Es war mein erster Antrag.     Jette. Der erste?   Ick meinte der Dokter     Wilhelmine. Ja, siehst du, Jette,   erklärt hat er sich just noch nicht.   Er hätte es gewiß getan,   aber es kam jemand.   Jette. Det is schade!   Wilhelmine. Aber er liebt mich!   Er liebt mich!   O, Jette! Jette. Ick weiß, wat et für'n Jefühl is!   O Fräulein!   (Im andern Ton.) Haben Sie die Madam et schon jesagt? Wilhelmine. Noch nicht!   Es war mir nicht möglich!   Zu viel mit einem Male!   O, Jette, wie ist es doch so schön, wenn man liebt und wieder geliebt wird! Jette. Ach ja, Fräulein! Ja!   Wie is et doch so schön! Ick fühl' et ooch erst heute eigentlich so recht zum ersten Male! Wilhelmine. Jette, du weißt nun alles!   Jette. Sie ooch, Fräulein,   Ick habe Ihnen alles jestanden.     Wilhelmine. Du warst die Erste!   Und die Liebe macht alles gleich.   O Jette, wie ist mir doch so wunderbar im Herzen! (Sie lehnt ihren Kopf an Jettens Schulter, beide halten sich während des Singens halb umschlungen.) Ein Blumengarten ist mein Herz, Und offen steht die Tür,   Nun grünt und blüht es allerwärts, Ach, ich kann nichts dafür! Es kam wie Lenzgekose Und schuf ein Paradies,   Das alles tat der Lose, Als ich mich küssen ließ, Er weckte all' die Triebe!   Ach Liebe, holde Liebe, Du Rose, rote Rose, Wie bist du doch so süß! Beide . Nun grünt und blüht es allerwärts, Ach, ich kann nichts dafür! Wilhelmine. Wie das nun pocht, wie das nun schlägt,   Als ob es brechen wollt'! Ein einz'ger Lieber, Loser trägt Doch nur daran die Schuld! Nun ist's wie Sturmgetose In meinem Paradies,   Das alles tat der Lose, Als ich mich küssen ließ!   Er ward zum Herzensdiebe, Ach, Liebe, holde Liebe, Du Rose, rote Rose, Wie bist du doch so süß! Beide . Ein einz'ger Lieber, Loser trägt Doch nur daran die Schuld! Wilhelmine. Das ist die Freud', das ist das Leid, Der Liebe Lust und Qual! Ich hab' des Lebens Seligkeit! Ich hab' sie allzumal. Das schönste aller Lose, So Gott mir werden ließ, Ist nun mein Glück, das große, Mein Liebesparadies!   Ach, daß es allzeit bliebe!   O Liebe, holde Liebe, Du Rose, rote Rose, Wie bist du doch so süß! Beide . Ich hab' des Lebens Seligkeit! Ich hab' sie allzumal! (Beide ab. Wilhelmine in Mehlmeiers Zimmer, Jette in die Küche.)   (Der Vorhang fällt.)   (Ende des zweiten Aktes.) Dritter Akt. Dasselbe Zimmer wie in den vorhergehenden Akten.   Erste Szene. Jette. Wilhelmine. (Wilhelmine, im weißen Ballkleide, sitzt auf einem Stuhl vor dem Spiegel. Jette neben ihr stehend und mit Wilhelminens Frisur beschäftigt. Auf dem Spiegeltische ein Gläschen mit der Rose, welche Wilhelmine von Schaum erhalten.) Jette. So!   Nu wäre Fräulein ja beinah schon fertig! Wilhelmine. Auch lieber ein bißchen früher als zu spät. Jette. Soll ick Fräulein nu jleich die Blume int Haar stecken? Wilhelmine. (schwärmerisch) . Die Rose, welche ich von ihm habe!   Gib sie her!   (Jette gibt ihr die Rose.) Nein! Nein!   Nicht ins Haar. Wo er sie trug,     am Herzen!   (Steckt sich die Rosen an den Busen.) Jette. Det is wahr!   Wo det Herz pocht!   Et is ooch noch jefühlvoller als an'n Kopp!   Und die rote Rose uf det weisse Kleid,   ach, Fräulein, wie det scheint!     (Man hört die Türklingel.) Horch! die Tür! Ick jlaube, die Madam!   Na, wat wird die sagen!   Nu man jleich heraus damit!   Wilhelmine. (schwärmerisch) . Schon gleich?!   Ich trüg' es lieber noch als mein süßes Geheimnis weiter!     Zweite Szene. Karoline. Die Vorigen. Karoline. (kommt rasch durch die Mitteltür, in der Hand die Blumen, etwas erregt) . Da bin ich und bringe die Blumen gleich wieder mit!     (Wirft die Blumen auf einen Stuhl.) Unsere beiden Herren waren gar nicht mit dazwischen!   Jette. (rasch zu Wilhelmine, sie animierend) . Nu sag' Fräulein et man!   Wilhelmine. Du hast sie wohl übersehen; in einer solchen Menge kann das ja leicht geschehen. Karoline. Nein, nein!   Was ich dir sage!   Ich hab' genau acht gegeben!   Im ganzen Zuge kein Doktor und auch kein Apotheker! Wilhelmine. So?!     Jette. (Wilhelmine animierend) . Madam muß et doch wissen! Karoline. Ich wurde darüber so verstimmt, daß ich die Blumen nun lieber gar nicht geworfen habe.   Jette. Jott, Madam! Karoline. Hätte ich das geahnt, dann war' ich lieber garnicht hingegangen!   Die Zeit drängt!   Ich soll doch auch noch Toilette machen!     Du bist ja beinah' schon fertig, Mine!   Jette. (Wilhelmine animierend) . Fräulein muß et doch sagen! Karoline. (zu Jette) . Was hast du denn, Jette?   Was soll meine Schwester?   Habt ihr mir was mitzuteilen? Wilhelmine. (nach kurzer Zögerung, sich Karolinen nähernd, sentimental und schwärmerisch) . Schwester!       Jette. (Wilhelmine animierend) . Det is recht!   (Gegen Karoline, sentimental.) Ach, Jott, Madam!     Karoline. (verwundert) . Na nu!   Was ist denn?   Wilhelmine. (sentimental) . Schwester, es steht noch etwas bevor! Jette. (sentimental) . Ja, Madam,   et wird noch wat passieren! Karoline. Noch was bevor?   Was passieren?     Und ihr werdet mir beide plötzlich so sonderbar?!   Jette. Als Madam weg war mit die Blumen,   da       Wilhelmine. (sentimental) . Da,   da,   als du ihn suchtest, suchte er mich!   Karoline. (sehr erfreut) . Wilhelmine!   Was sagst du?!     O, nun begreife ich!     Komm', laß dich umarmen!     (Umarmt sie.) Wilhelmine. Es kam so plötzlich,     so unerwartet!     Karoline. Also doch!   Endlich!   Endlich!   O, diese Freude!     Aber komm' und erzähle es mir! (Will mit Wilhelmine nach Mehlmeiers Zimmer.) Wilhelmine. Aber willst du dich nicht erst schnell ankleiden? Jette. Ja, Madam,   et ist schon sehr spät. Karoline. (freudig) . Der Ball!     Ihr habt Recht!     Wilhelmine. (rasch) . Ich helfe dir! Karoline. (freudig) . Ja! Ja! Du hilfst mir und erzählst mir!   Aber alles! alles!   Hörst du?!   Ich muß alles wissen!   Ach, Mine!     (Faßt sie bei der Hand. Beide ab in Mehlmeiers Zimmer.) Jette. Sie kann sich freuen zu dem hübschen Schwager!   Aber wat sie wohl von mich sagen wird?! Dat er Absichten hat, is doch klar.   Na, et is ooch just nich dat erstemal, dat eine von 'n niedern Stand sich in die Höhe heiratet!   Ick las noch neulich, dat'n wirklicher Jraf eine Sängerin vons Theater und en Prinz sogar eine von die Kunstreiters jeheiratet hat!   Anjesprochen hat er mir freilich noch nich; aber et war doch beinah schon dasselbe. Ach, wenn er 't täte!   Wer hätte det jedacht von dieses Fest für mir un det Fräulein!   (Ab in die Küche.)   Dritte Szene. Bollmann. Später Jette. Bollmann. (durch die Mitteltür) . Es war doch man gut, daß ich mit ihm rüberging.   Der arme Mensch war sehr herunter.   Ich hatte zuerst meine liebe Not mit ihm, daß ich ihn man beruhigte. Nun hat er die Blumen ins Wasser gestellt und sich 'n bischen aufn Sofa gelegt.   Und ich wollte nun gern doch auch endlich mal mit Jette ins reine!   Mich fehlt noch immer das Jawort!   Und in diesen Tagen, wo so viele fremde Mannsleute hier herumflankieren, ist es doch immer besser, wenn man sicher geht. Man kann nicht wissen, was passieren kann;   das sieht man ja bei Herr Pingel.   Jette. (aus der Küche kommend) . Bollmann!   Ach, wenn er det wäre! Bollmann. Jette, Sie seufzen!   Ich seufze auch!   Jette. So?   Wat seufzen Sie denn? Bollmann. Jette, wir dienen hier nun schon zwei Jahre zusammen.   Jette. Na, darum seufzen Sie doch wohl nich?! Wat haben Sie denn? Bollmann. (weich) . Jette!   Sie sollen es gleich sehen.   Es ist eingewickelt,   ich hab' es noch in die Tasche. (Nimmt das in Papier geschlagene Kuchenherz aus der Rocktasche.) Es ist ein Zeichen der Erkenntlichkeit für die rote Schleife von Sie!   Ich konnte es Sie nur sub rosas geben.     Jette. sub rosas ?   Wat heißt det? Bollmann. Als die Madam sagt, wenn ich mit Sie alleine bin!   (Weich.) Jette, es ist noch was dabei!   (Nimmt das Kuchenherz aus dem Papier.) Jette. En Herz!   Ha! Ha! Ha! Ha!   Bollmann. (weich) . Ein Herz, Jette.   Denken Sie, daß es mein Herz wäre!   Ich schenke es Sie.   Es ist eins mit die Sprache durch die Blume!   Jette. Mit die Blumensprache?     Bollmann. (weich) . Mit das Bild darauf! (Zeigt ihr das Bild.) Jette,   da kniet 'n Herr,     das bin ich!   Vor 'ne Dame,   das sind Sie!   Und gibt ihr was,     das ist mein Herz!     Es ist symbolisch, als die Madam sagt,       Jette,   (er kniet vor ihr nieder) und so knie ich denn vor Sie und schenke Ihnen mein Herz,   weil ich weiß,     ich hab' es ja lange schon gemorken!     Jette. Jemorken?     Wat haben Sie jemorken?   Nichts haben Sie jemorken!     Det merken Sie sich!     denn haben Sie wat jemorken! (Bollmann während dieser Worte sehr verdutzt.) Und nun stehen Sie man uf!   Et is zu spät!   Ick habe schon en Herz!     Bollmann. (aufstehend) . Zu spät?!   Sie haben schon ein Herz?! Jette. Ja! Und wat für ein!   Von 'n Apotheker!   Bollmann. Von 'n Apotheker?!     Von ihm mit das blanke Dings auf 'n Puckel?!   O, Jette!   Jette. Wer kann vor seine Jefühle!   Herr Brenneisen hat et mich jeschenkt!   Bollmann. Er ist doch man einer von die Sänger!   Und wenn das Fest aus ist, reist er wieder fort,   aber ich bleibe!     Jette. Na, denn bleiben Sie man!     Ick jehe! (Will abgehen nach der Küche.) Bollmann. (erregt) . Sie gehen?     Ne!   Bleiben Sie man!   Ich gehe!   Ich gehe zu meinem Freund, Herr Pingel,   der wird mich trösten, wie ich ihn getröstet habe!   Aber denken Sie an mir, was ich sage!   Ich meinte es so gut mit Sie!   Ich halte so viel von Sie!   Und Sie,   Sie   geben mich den Korb,     weil er Sie was vorgeschnackt hat, der Brenneisen der!     Aber warten Sie man bis das Fest vorbei ist!     Und denn   denn verbrennen Sie sich man nicht an diesen Brenneisen!   (Steckt das Kuchenherz in die Tasche und geht wütend ab durch die Mitteltür.) Jette. Ick soll mir nich an ihn verbrennen?!   Ah, so! Ick verstehe!     Mit die Liebe brennt et immer!     Wenn et nich brennte, liebte er mich ja nich!     Det ist et ja jrade!     Er is in mir entbrennt!     Ach! Und ick brenne ooch!   Ick stehe schon in helle Flammen! Wie ist mich doch so wonniglich! Wie kloppt et mir im Busen! Et is, als weilten rings um mich Die Jötter und die Musen! Et leuchtet mich im Anjesicht Det Feuer seiner Liebe! Ach sowat kommt von Bollmann nicht, Der weckt nich solche Triebe! Wie ist er sanft! Wie ist er zart! Wie ist er fein erzogen!   Wat hat er Locken!   Wat für'n Bart! Und wat für blaue Ogen! Wenn ick det Jleichnis mir bedien', So is er, wie Liköre!   Und Bollmann det is jegen ihn, Als ob et Fusel wäre! Er hat mir zärtlich anjeblickt Mit innigem Verlangen! Dann hat er mir an sich jedrückt, Dat mir die Luft verjangen! Er nahm in meinem Herzen Platz, Ick hab' ihn in die Falle! Nun hab ick einen andern Schatz, Mit Bollmann is et alle!   Vierte Szene. Karoline. Wilhelmine. Jette . (Karoline und Wilhelmine aus Mehlmeiers Zimmer kommend und im Begriff, zur Reunion zu gehen. Wilhelmine in ihrem weißen Kleide. Karoline in anderer Toilette. Beide mit Schal und passender Kopfbedeckung.) Karoline. Adieu, Jette!   nun gehen wir!   Wenn der Herr mit den Fremden von der Bierprobe kommt, sag ihm nur, daß wir schon fort wären und daß sie sich beeilen möchten nachzukommen. Jette. Dat werd' ick duhn, Madam! Karoline. Und vergiß mir später ja nicht, die Ampel anzuzünden, daß sie auf alle Fälle brennt, wenn wir zurückkommen.   Jette. Ick werd' et nich verjessen, Madam!   Madam kann sich uf mir verlassen! Wilhelmine. Es wäre schlimm, wenn sie zu spät kämen!   Der Doktor hat mich zum ersten Tanz engagiert! Karoline. Und mich der Apotheker!   Sie müssen auf jeden Fall zur rechten Zeit da sein! Jette. (mit einem Anflug von Eifersucht) . Der Apotheker!   Ach!   ja!   ja Madam!   Ick wünsch ooch viel Vergnügen!   Karoline. Und, nun komm', Mine!   (Ab durch die Mitteltür.) Wilhelmine. (im Abgehen) . Arme Jette!     (Ab durch die Mitteltür .) Jette. Mit'n Apotheker?!   Mit ihm ?!   Und mich hat er die Liebeserklärung jemacht!   (Seufzend.) Ach, dat ick ooch dien'!   Fünfte Szene. Bollmann. Pingel. Jette . (Bollmann und Pingel kommen durch die Mitteltür. Pingel diesmal ohne Bukett.) Bollmann. (im Hereintreten) . Noch einmal, Jette, wollt' ich mit Sie sprechen,   Jette. Lassen Sie et!   Et nützt Sie nichts!   Und wat will Herr Pingel? Bollmann. Herr Pingel?   Ich habe Ihnen schon gesagt, daß er mein Freund ist.   Wir teilen alles miteinander!   Pingel. Wir teilen alles miteinander! Bollmann. Sie haben mich sehr Unrecht getan, Jette. Jette. Wat hab' ick?   Ick kann Sie doch nich lieben, wenn ick Sie nich liebe, Bollmann!   Bollmann. Ich habe Sie immer geliebt, schon von Anfang an. Herr Pingel weiß es! Pingel. Ich weiß es, er hat Sie immer geliebt!   Bollmann. Und der Apotheker, mit seine Kruken und Gläser, ist doch man von gestern! Pingel. Ist doch nur von gestern, Jette! Jette. Det is ejal!   Mit die Liebe, Bollmann, is et janz ejal, wie alt sie is! Da hängt man alles von ab, wie jroß sie is,   nich wahr, Herr Pingel! Pingel. (sentimental) . Wie groß sie ist!   Und meine war so groß!   Bollmann. Ich liebe Sie nun schon zwei Jahre!   Ist seine eintägige Liebe denn größer als meine zweijährige?   Jette!   Ich hatte es so gut mit Sie im Sinn!   Jette. Sie sind mich ooch schon zu alt, Bollmann,     Und denn 'n Hausknecht und 'n Apotheker, det is denn doch jar keinen Verjleich! Bollmann. Jette, Sie kränken mir in meine Ehre! Pingel. Sie kränken ihn in seiner Ehre, Jette! Bollmann. Daß Sie mir nicht wollen, das kann ich Sie verzeihen, aber daß Sie mich in meine Ehre kränken, das ist kränklich vor mir!   Pingel. Das ist kränkend für ihn! Jette. Wat kann ick dafür?!   Warum lieben Sie mir?! Bollmann. Jette, denn will ich warten! Vielleicht kommt es noch, wenn die andern man erst wieder weg sind. Pingel. Ja, wenn sie nur erst wieder weg sind! Bollmann. Und wenn Sie es jetzt denn auch noch nicht aus Liebe kennen, so nehmen Sie das Herz, (er nimmt das Kuchenherz aus der Tasche) was ich Sie schenken wollte, aus Freundschaft von mir! Pingel. (sentimental) . Nehmen Sie es aus Freundschaft, Jette!   Jette. Behalten Sie et!   Wat soll ick mit den Sirupsteig?! Bollmann und Pingel. (gereizt) . Sirupsteig?! Bollmann. Das ist zuviel, Herr Pingel?!   Das ist zuviel!   Pingel. Bollmann, Bollmann, fassen Sie sich, wie ich mich gefaßt habe! Bollmann. Ja, das tu ich auch!     Der Herr hatte zu mich gesagt: Bollmann, du kannst ausgehen, Jette bleibt zu Hause. Und ich wollte bei Sie bleiben heute abend, wenn sie alle aus sind! aber nun gehe ich auch aus! Jette. So?   Na, det dun Sie man!   Et is mich schnuppe, wat Sie dun! Bollmann. (gereizt ). Schnubbe?!   Haben Sie es gehört, Herr Pingel?   Das ist schändlich!   Pingel. Das ist schändlich! Bollmann. Nun geh' ich in'n Keller, in die Wirtschaft mit die weibliche Bedienung!   In,   in   in'n Tingeltangel!   Nicht wahr, Herr Pingel? Pingel. In'n Tingeltangel?! Bollmann. O, da sind doch auch noch Mädchen!   Und was für welche!   Noch ganz andere als Sie!   Nicht wahr, Herr Pingel? Pingel. Noch ganz andere als Sie! Jette. (auffahrend) . Wat sagen Sie?   Sie verjleichen mir mit 'n Mädchen von die Harfe?   Und auch Sie, Herr Pingel?     Aber warten Sie man, dat werd' ick Ihnen verjelten, allebeide! Bollmann. Das tun Sie man!   Sie sind auch kein Haar nicht besser!   Noch lange nicht so gut!   Nicht wahr, Herr Pingel? Pingel. Noch lange nicht so gut! Bollmann. Sie!   Sie!   Sie! Pingel. Sie! Sie!   (Beide ab durch die Mitteltür.) Jette. Sie?! Sie?!   Sie?!   Ha! Ha! Ha! Wat doch die Liebe dut. Nu sind sie beide verrückt, der eine um mir und der andere um det Fräulein!   Wat jlaubt er denn, der olle Spöker?!   Ick soll 'n Kartoffel nehmen und 'n Appelsine liegen lassen?!     (Man hört laut sprechen.) Ha! Ick höre wat!   Sie sind et!   (Sentimental.) Ick sehe ihn wieder! Ihn , den mein Herz jehört!   Aber so darf er mir doch nicht sehn!   Ick bin noch rot vor Zorn!   (Ab nach der Küche.)   Sechste Szene. Mehlmeier. Schaum. Brenneisen . Nachher Jette. Mehlmeier. Et ist jut, et ist jut, meine Herrn!   Ick freue mir, dat wir uns wiederhaben. Wir hatten uns janz verloren! Schaum. Dieser Festzug und bei dem Gedränge!   Man verliert sich nur zu leicht! Mehlmeier. Als ick mir umsah, waren Sie weg. Brenneisen. Es drängten sich andere vor,   so kamen wir weiter nach hinten.   Schaum. Aber ich begreife nicht, nach der Auflösung des Zuges in der Wallhalle, daß wir uns auch da nicht fanden. Brenneisen. Nun, sehr einfach!   Die einen gruppierten sich hier und die andern da.   Wir saßen im Garten.   Mehlmeier. Und ick war im Saal. Schaum. Zu uns kam ein Bekannter und begrüßte uns!   Was, sagte er, ihr auch hier? Na, dann kommt nur, wir trinken eins.   So kam es, daß wir uns nicht schon früher nach Ihnen umsahen und unsern liebenswürdigen Wirt erst so spät wiederfanden. Mehlmeier. Ja, meine Herrn, et jeht so leicht an!   Nehmen Sie 't man nicht übel!   Da kam der Direkter von die Polyhymnia,   auch mit 'n Rosette,   und bejrüßte den Direkter von die Euterpe,   auch mit 'n Rosette,   und da sah'n Sie mir, auch mit die Rosette!   Und da jing et denn los mit die Seidels,   und Sie in'n Jarten und wir in'n Saal.     Und so kam et denn wohl, dat wir uns noch immer verloren hatten. Jette. (durch die Küchentür) . Verloren?   Wat 'n Jlück, dat er sie wieder hat!       Schaum. Wir suchten lange nach Ihnen, aber immer vergeblich. Brenneisen. Bis wir endlich doch so glücklich waren, wieder im Bierkeller mit Ihnen zusammenzukommen! Mehlmeier. Na, et macht ja nichts!   Et duht ja nichts, meine Herrn.   Aber, wie et schnell jeht mit die Zeit auf solche Feste!   (Sieht nach der Uhr.) Et ist schon 'n Viertel über und wird Zeit zu die Bierprobe,   wir müssen ja nochmal wieder hin!   Et is ja man so'n kleinen Abstecher, den wir man jemacht haben wegen unsere Damen, um zu sehen, wieviel Zeit wir noch haben. Ich jlaub' wahrhaftig, sie sind schon weg!   Schaum. Da müssen wir uns beeilen!   Wir haben noch nicht einmal Toilette gemacht! Und nach der Bierprobe gehts ja schon direkt zu Ball.     Mehlmeier. Lassen Sie et!   Lassen Sie et, meine Herrn!   Schaum. Aber wir können doch so nicht auf dem Ball erscheinen?!     (Jette sieht durch die Tür.) Mehlmeier. Dut nichts!   Dut nichts!   Wissen Sie wat? meine Herrn?     Det machen wir nachher!   Wenn wir zurückkommen von die Bierprobe, denn müssen wir hier doch wieder vorbei;   denn machen Sie et schnell!     Aber wat meinen Sie, meine Herrn, wenn wir nun wieder jeh'n.   Jette. (durch die Küchentür) . Denn muß ick man rein! (Tritt ganz ein.) Brenneisen. (rasch) . Ah, Fräulein Jette! Schaum. (rasch) . Fräulein Jette! Mehlmeier. Ha! Ha! Ha!   Det is Jette, meine Herrn! (Kneift sie in die Wangen.) Jette. (unwillig) . Aber Herr Mehlmeier, ick bitte Sie doch! Mehlmeier. Na, na! Et ist ja man Spaß, Jette!   Brenneisen. (weich) . Es ist schade, daß Sie nicht mitgehen! Schaum. Ich tanzte,     Brenneisen. (ihm rasch ins Wort fallend) . Ich tanzte gleich mit Ihnen! (Beiseite.) Da kam ich ihm doch mal wieder zuvor!   Hier bin ich der Erste! Jette. Ick sollt' dem Herrn noch sagen, daß die Madam und det Fräulein schon jegangen wären. Mehlmeier. Denn müssen wir auch jleich wieder jehn. Et wird immer später! Jette. Ja,   und denn auch vonwegen die Bierprobe in 'n jroßen Keller.   Mehlmeier. Die Bierprobe?!   Ha! Ha! Ha!   Keine Sorge!   Weeß schon! Weeß schon!   (Zu den Herren.) Det wir aufpassen, meine Herrn!   Schaum. (rasch) . Versteht sich! Brenneisen. (rasch) . Versteht sich! Jette. Det Sie nicht zu lange proben!       Mehlmeier. Et ist wegen die Reunion, meine Herrn,   dat wir da sind, wenn et anfängt     Schaum. Zum ersten Tanz! Brenneisen. (rasch). Den ich mit der Frau des Hauses   Schaum. (rasch) . Und ich mit dem Fräulein tanze!   Versteht sich! Brenneisen. (rasch) . Versteht sich! Mehlmeier. Na, na!   Wir haben ja die Uhr! (Sieht nach der Uhr.) Ick werde schon sagen, wenn et Zeit ist, meine Herrn!   Aber nun müssen wir auch wirklich jehn!   (Nach der Tür zeigend.) Bitte meine Herrn!   Schaum. (zu Jette) . Leben Sie wohl, Jette! (Ab durch die Mitteltür.) Brenneisen. (gefühlvoll) . Auf Wiedersehn!   (Ab durch die Mitteltür.) Jette. (seufzend) . Ach! Mehlmeier. Na, adjeu denn, Jette! (Ab durch die Mitteltür.) Jette. (sentimental) . Da jehn Sie hin!   Alle!   Auch Er! Er! Und ick muß bleiben! Brenneisen. (wieder zurückkommend, zärtlich) . Noch einmal!   Leben Sie wohl, Jette!   (Küßt sie. Ab durch die Mitteltür. Auf der Bühne wird es allmählich dunkler.) Jette. (bewegt) . Leben Sie wohl!   Ach, wie er det sagte!   Und wie er mir küßte!   Mit welche Jlut!       Dat ick ooch nich mit kann!       Jeliebt werden und ferne sein,   et ist 'n hartes Los! (Steht einen Augenblick wie sinnend, dann seufzend.) Ach!       Wat du' ick nu?   Et wird schon dämmerig,       Ick zünde den Mond an! (Zündet die Ampel an.) Madam hat et jesagt,     dat er brennt, wenn sie wiederkommen! Ick bin alleine!   Et paßt zu meine Stimmung!   Denn sitz ick in 'n Mondenschein und träume (sentimental)   von ihm!   (Bollmann kommt durch die Mitteltür.)   Siebente Szene. Jette. Bollmann . Jette. (ihn gewahr werdend) . Bollmann!   Wat will er schon wieder?! Bollmann. Ich komme noch einmal, Jette! Jette. Bollmann, lassen Sie doch endlich det Jewinsel! Bollmann. Ich winsele nicht!   Ich komme nicht vor mir,   ich komme vor andere.     Jette. Vor andere?     Bollmann. Es sind zwei Damens draußen.   Jette. Zwei Damens?   Wat wollen sie? Bollmann. Sie suchen ihre Männer,   sie meinen, daß sie hier sind.   Es sind 'n paar Sängers von die Polyhymnia. Sie sind nachgereist und wollen sie überraschen. Jette. Haben Sie denn nich jesagt, dat sie hier nich sind? Bollmann. Das hab' ich wohl,   aber sie meinen doch, daß sie hier sind. Die andern Sängers, die sie gefragt haben, haben es auf die Straße zu sie gesagt. Jette. Det is'n Irrtum.   Aber ick muß man selbst mal mit sie sprechen. Denn jehn Sie man und holen Sie sie man! (Bollmann ab durch die Mitteltür.) Jette. Zwei Frauen, die ihre Männer suchen,   det ist jut!   Schade, det die Madam nicht hier is!   Et is romantisch und wäre recht wat für sie! Et soll wohl 'n kleine Überraschung sind!   Na, werden die sick aber wundern, wenn sie nu mit einmal ihre Frauen sehen!   Achte Szene. Bollmann. Gleich nachher Rosalie und Auguste . Jette. Bollmann. Bitte,   sein Sie man so gut.   Treten Sie ein. (Auguste und Rosalie treten ein. Beide mit Schleier und im Reisekostüm.) Bollmann. (erregt gegen Jette) . Sieh so!   Nu geh' ich! Jette. (ihm nachrufend) . Viel Verjnügen!   (Zu den Frauen.) Sie sind von die Polyhymnia und suchen Ihre Männer? Aber hier sind sie nich!   Rosalie und Auguste. (verwundert) . Hier sind sie nicht? Jette. Hier sind man zwei bei uns, beide noch unverheiratet,   und der eine is'n Dokter und der andere sein Freund, en Apotheker!   Rosalie. Das ist sonderbar!   Der Bassist Sternheimer von der Polyhymnia, den wir auf dem Bahnhofe trafen, hat uns doch gesagt, daß unsere Männer hier seien.   Auguste. Und auf der Straße soeben auch noch der Tischler Metzge, unser Nachbar, vom zweiten Tenor. Jette. Et is aber, als ick sage,   wir haben en Dokter und 'n Apotheker. Die Herrn sind eben mit meinen Herrn nach die Bierprobe jejangen.   Wat sind denn Ihre Jatten? Rosalie. (rasch) . Mein Mann ist Barbier.   Auguste. (rasch) . Und der meinige Friseur.   Jette. (rasch) . Barbier?   Friseur?   Na, seh'n Sie wohl?!   Rosalie. Wir sind Freundinnen und unsere Männer Freunde!   Mein Mann heißt Schaum! Jette. (erschrocken) . Schaum?!       Auguste. Und der meinige Brenneisen!   Jette. (erschrocken) . Brenneisen?!   Wat sagen Sie? Nicht möglich!   Et muß 'n Irrtum sind!   Rosalie. Aber ich bitte Sie!     Jette. Et jeht nich anders!   Et muß 'n Irrtum sind!   Weil et 'n Barbier und 'n Friseur is!   Hier loschiert man 'n Doktor und 'n Apotheker.   Auguste. Na, das ist sonderbar!   Aber warten Sie mal!   Hatten Ihre Gäste Gepäck?   Jette. Alle beide!   Rosalie. (rasch) . Mein Mann auch! Auguste. (rasch) . Mein Mann auch! Jette. Aber et is 'n Irrtum!   Jlauben Sie et, et is 'n Irrtum! Rosalie. Nun, das ist einfach!   Zeigen Sie uns, bitte, das Gepäck!   Ich kenne doch meines Mannes Gepäck! Auguste. (rasch) . Und ich Brenneisens! Jette. (erschrocken) , Brenneisens?!   Schaum?   Brenneisen?   Nich möglich! Aber warten Sie!   Jleich!   Jleich!   (nimmt ein Streichholz und zündet eine Kerze an, die Bühne wird heller.) Sie werden et jleich sehn, dat et 'n Irrtum is!   (Öffnet Schaums Schlafzimmer.) Hier is 'n Doktor seine Stube!   Und hier (öffnet Brenneisens Schlafzimmer) den Apotheker seine! Rosalie. Bitte! Erlauben Sie!   (Nimmt, den Schleier zurückschlagend, das Licht, geht in Schaums Schlafzimmer hinein und ruft drinnen) Meines Mannes Gepäck! (Kommt mit dem Reisesack in der Hand heraus.) Unser Reisekoffer! (Den Reisekoffer niedersetzend.) Jette. (bestürzt) . Unbejreiflich!   Aber et is nich möglich!     Auguste. Nun!   Lassen Sie mich doch auch gleich mal sehn! (Nimmt, den Schleier zurückschlagend, Rosalien das Licht ab, geht in Brenneisens Stube hinein und ruft drinnen) Unser Gepäck!   (Kommt mit dem Reisesack heraus.) Mein Reisesack!   (Den Reisesack niedersetzend.) Jette. (bestürzt) . Nich möglich! Nein, nein, et ist nich möglich!   Rosalie. Na, wenn Sie es noch nicht glauben?!   (Öffnet den aufgeschlossenen Koffer und zieht einen Barbierbeutel heraus, denselben zeigend.) Sehn Sie, Fräulein,   der Beutel ist von mir,   R. S.   Rosalie Schaum!   Ich hab meinem Manne ihn zum Geburtstage geschenkt! (Nimmt aus dem Beutel eine Instrumententasche und zeigt sie.) Und hier,   sehn Sie,   meines Mannes Messer und Zangen!   Die Symbole seiner Kunst! Jette. (bestürzt) . O, Jott!   Aber nein!   Nein!   Et is nich möglich!   Et is 'n Irrtum!   Wat ick Ihnen sage, et is'n Irrtum!   Auguste. Irrtum? Ist denn das nicht klar?   Es ist Frau Schaums Reisekoffer,   ich kenne ihn auch.   Aber warten Sie nur   (nimmt Brenneisens Reisesack.) Bitte leuchten Sie mal!   (Gibt Jette das Licht, welche leuchtet, Auguste setzt den Reisesack auf einen Stuhl und stellt die Gegenstände, welche sie ihm entnimmt, auf den Spiegeltisch. Jette, sehr erregt und konsterniert, wiederholt nur teilweise und mit schwacher, zitternder Stimme die einzelnen Etikette-Bezeichnungen, während sie jedesmal nach der Stelle eines Stuhls hin etwas zurückweicht. Die Szene muß möglichst rasch gesprochen und gespielt werden.) Seh'n Sie, Pomade von Ochsenmark     de moelle (spr. moile ) de boeuf !   Jette. Ochsenmark! Auguste. Und da von Pferdefett,   de gras de cheval !     Jette. Pferdefett! Auguste. Und da cire à moustaches   Bartwichse! Jette. Bart     Bartwichse! Auguste. Und da Eau de Cologne . Jette. Eau de Cologne . Auguste. Na, was sagen Sie nun?     Und hier! Warten Sie nur!   (Entnimmt dem Reisesack ein mit Papier umwickeltes Brenneisen, zeigt es und tut, als ob sie sich eine Locke kräuseln wolle.) Ha! Ha! Ha! Ha!   Hieran erkenne ich meinen Pappenheimer!     Jette. (laut schreiend) . Ach!   (Läßt das Licht fallen und sinkt ohnmächtig auf den Stuhl.) Auguste. (hinzuspringend) . Sie wurde ohnmächtig! Rosalie. Sonderbar!   Auguste. Was mag ihr sein?     Jette. (seufzend) . Ach! (Auguste nimmt eine von ihres Mannes Parfüm-Flaschen und bespritzt Jette, gießt etwas Eau de Cologne auf ihr Taschentuch und hält Jette das Tuch unter die Nase.) Jette. (seufzend) . Ach! Ach!   (Beginnt sich zu rühren.) Rosalie. (teilnehmend) . Das arme Mädchen! Auguste. Sie erholt sich schon! Jette. (mit schwacher Stimme) . O, wie schrecklich! Auguste und Rosalie. (verwundert) . Schrecklich? Jette. Bejreifen Sie denn nicht?!   Et ist jräßlich!   O, wat für Männer! Rosalie. (rasch, bestürzt) . Was? Was sagen Sie?   Um Gotteswillen, sprechen Sie! sprechen Sie! Jette. (rasch, sehr erregt) . En Barbier jibt sich aus für 'n Doktor und ist doch man 'n Barbier!   Rosalie. (rasch, bestürzt) . Mein Mann?! Jette. (rasch, sehr erregt) . O, wat'n Betrüger!   Spielt sich uf als 'n Doktor   und schnackt det arme Fräulein wat in'n Kopp (Rosalie wankt) und schneidet sie die Kur, als ob er sie heiraten wollte! O pfui! Rosalie. Himmel! was muß ich hören! Jette. (sich an Auguste wendend, noch immer sehr erregt) . Und Ihr Mann (weinerlich) , der Apothe     der Friseur,   wie is et möglich!   Wie schäme ick mir! (Hält die Schürze vor ihr Gesicht, weinend.) Ick bin sein Opfer jeworden!     Auguste. (laut schreiend) . Ach!     Das ist ja entsetzlich! Jette. Arme Frauen!     Aber et muß alles überwunden werden!     Trösten Sie sich man!   (Weinerlich.) Ick leide ja mit Ihnen!   Und det Fräulein ooch!   Aber et muß schwer an sie jerochen werden!     Rosalie. Ja, das muß es!   Rache! Jette. Das sag' ick ooch!   Rache! Rache! (Geht nach der Mitteltür und ruft hinaus.) He! Bollmann! Bollmann!   Sind Sie noch da? Bollmann. (hinter der Szene) . Ich bin noch da! Jette. Denn kommen Sie man schnell mal her!   aber schnell! Bollmann. (erscheint) . Da bin ich schon!   Eben wollt' ich nach Herrn Pingel und 'n bischen mit ihm ausgehen.   Was soll ich denn? Jette. Erst noch schnell mal für mich ausgehn! Bollmann. (freudig) . Für Sie?!   Und wenn es nach'n Blocksberg wäre,   ich täte es   für Sie! Jette. Sie müssen noch schnell mal nach die Reunion   zu die Madam und das Fräulein. Bollmann. Aber ich komme ja man nicht rein, weil ich keine Karte habe. Jette. Denn nehmen Sie Herr Pingel mit! der hat eine! Bollmann. Ja, das hat er!   Er hat sogar zwei, nämlich auch eine für das Fräulein! Jette. Na, sehn Sie wohl?   Denn nehmen Sie das Fräulein ihre, denn haben sie jeder eine!     Und denn man schnell hinein, zu die Madam und Fräulein!   Bollmann. Zu die Madam und das Fräulein?   Was sollen wir da? Jette. Ihnen sagen, daß sie noch schnell mal wieder nach Hause kommen müssen! Wir hätten Fremde gekriegt, die auch noch mit zu Ball wollten.   Zwei vornehme Fremde.   Verstehen Sie?   Bollmann. Ja, ich verstehe! Jette. Und die Herrn wären noch immer beim Bier.   Am Ende müßten sie noch geholt werden!   Und nu machen Sie man, dat Sie fortkommen! Bollmann. Ich fliege!   und nehm Herr Pingel mit! (Seufzend.) Ach, Jette! (Ab.) Jette. Sieh so! Nun möchte ick nich Schaum sein! und auch nicht Brenneisen! Wat werden die en Schreck kriegen, wenn sie vons Bier kommen! Rosalie. Unsere falschen Männer! Auguste. Die Hallunken! Jette. Die Räuber! Aber nun jehn Sie man schnell,   eine jede in ihren Jatten seine Stube!   Und nehmen Sie dat Jepäck man lieber jleich wieder mit!   (Jette packt, während sie spricht, alles eilig wieder in die Koffer und gibt einer jeden Frau den Reisesack ihres Mannes.) Rosalie. Aber was sollen wir dort im dunklen Zimmer? Jette. Nachdenken über Ihre Jatten! Wat Sie sagen, wenn sie kommen, und wie Sie sie empfangen und bejrüßen. Ihre Schniepels sind ja auch noch da und die weißen Handschuhe auch, die sie anhaben müssen zu Ball!   Kommen werden sie, alle beide! Auguste. Dann empfangen wir sie zuerst! Rosalie. Unter vier Augen! Jette. Jawohl! unter vier Augen!   und denn kratzen Sie ihnen man jleich die Augen aus! Auguste und Rosalie. Wir gehen! Rache! (Beide ab, eine jede mit dem Reisekoffer in ihres Mannes Stube.) Jette. Und ick?   warte solange in die Küche, bis sie kommen! (Man hört die Glocken der Haustür und Lärmen und Stimmen hinter der Szene.) Da sind sie schon!   Na, ick wünsch' auch viel Verjnügen! (Ab in die Küche.)   Neunte Szene. Mehlmeier. Schaum. Brenneisen . Später Jette, Auguste und Rosalie. durch die Küchentür. (Die drei Herren Arm in Arm durch die Mitteltür; Mehlmeier in der Mitte, links Schaum, rechts Brenneisen, alle drei etwas angeheitert.) Mehlmeier. Da auf die große Brauerei Schaum. O, was für 'n Fest im Feste! Brenneisen. Da hatten wir das Trinken frei Alle . Als liebe Sängergäste! Schaum. Und nach des Kellers tiefem Grund' Auch uns einmal die Sehnsucht stund! Alle . Sehnsucht stund! Mehlmeier. Sehnsucht stund! Brenneisen. Es zog uns schier, kridiwidibum! Hin nach dem Bier-Elysium. Alle . Lysium. Mehlmeier. Lysium. Schaum. Da auf der großen Brauerei, Brenneisen. Da hatten wir das Trinken frei. Alle . Tres faciunt, tres faciunt, tres faciunt collegium! Tres faciunt, tres faciunt, tres faciunt collegium!   Schaum. Und in des Kellers tiefem Grund', Da schlossen wir den Freundschaftsbund! Alle . Freundschaftsbund! Mehlmeier. Freundschaftsbund! Brenneisen. Du Bruder mir,   nun faß' mich um! (Sie umarmen sich.) Ich Bruder dir,   so muß es komm'! Alle . Muß es komm'! Mehlmeier. Mutt et komm'! Schaum. Man steht doch nicht auf einem Bein'! Brenneisen. Noch zweimal ein,   und noch mal ein! Alle . Tres faciunt, tres faciunt, tres faciunt collegium! Tres faciunt, tres faciunt, tres faciunt collegium!   Mehlmeier. Ha! Ha! Ha!   Na, wat, sagen Sie nu, meine Herren?!   Ick wollte sagen,   siezen wollte ick euch nicht!   Ick wollte sagen,   Brenneisen. Es war gar zu söffig! Auguste. (durch die Tür). , Söffig!   Na, warte nur, du alter Söffel! Mehlmeier. Ich merkte et ooch.   Ha! Ha! Ha! aber wo ist Jette?   Je, Jette! Brenneisen. He, Jette! Jette! Schaum. He, Jette! Jette. (durch die Tür) . Wat sie anjeheitert sind!   Na, warte man! Mehlmeier. Jette, Jette!   Wo ist sie denn?   Ha! Ha! Ha! Ha!   Jette ist nett!   Ick halte viel von sie!     Du, Schaum,   (zeigt nach der Ampel) merkt ihr noch nichts?   Schaum. (dahinsehend) . Ah! Brenneisen. (rasch) . Ah! Mehlmeier. Det ist von Jette, det heißt eijentlich von meine Frau!   Die Ampel is vor uns,   vor Ihnen wollte ick sagen,   ick wollte sagen,   ick meinte vor euch!   Von meine Frau!   Ha! Ha! Ha!   Na, wat sagt ihr!   He?     Brenneisen. Von deiner Frau?   Für uns?   Wie sinnig! Schaum. Und wie geschmackvoll! Mehlmeier. Et soll der Mondschein sind,   Luna!   Ha! Ha! Ha! Ha!   Jette hat ihn anjesteckt!   Aber wo sie wohl stecken dut?     Jette!   He, Jette! Schaum. (rasch) . He, Jette! Brenneisen. (rasch) . He, Jette! Jette! Jette. (durch die Tür) . Jott bewahr' uns!   Wat für Unjetüme!   Mehlmeier. Ha! Ha! Ha!   Sie ist futsch!   Det ist schade!   Ist 'n hübsches Mädchen!   'n nettes Mädchen!   (Zu Schaum.) Du!   Schaum, Dokter! Schaum. Was meinen Sie?     Mehlmeier. Ha! Ha! Ha!     Siezt er mir schon wieder! Brenneisen. (Schaum auf die Schulter klopfend) . Ha! Ha! Ha!   Junge, was hast du für 'n Gedächtnis! Schaum. Kann dem Besten passieren! Pardon, Mehlmeier!   Altes Haus! Bist 'n famoser Kerl!     Jette. (durch die Küchentür) . Na, det sollte die Madam hören! Wat 'n Jerede! Mehlmeier. Ha! Hal! Ha!   Na, Kinder,   nu laßt mal hören!   Wat sagt ihr denn von unsern Keller? He?   Wat sagt ihr? Brenneisen. Es war ein göttliches Vergnügen!   Schaum. So 'n Kneipe in so 'n Bierkeller     famos! Ich schwelge noch darin! Rosalie. (durch die Tür) . Ja, das sieht man!   Aber warte nur, du alter Schwelger! Mehlmeier. Ha! Ha! Ha!   Ja, det wußt' ick wohl!   Du, Schaum,   Dokter!   Et war ooch eigentlich 'n Jedanke von mir!   Ick habe det Komitee et vorjeschlagen! Brenneisen. (rasch) . Junge, das war schön von dir! Mehlmeier. Ja! War et nicht?'     Wat haben sie sich aber auch alle amüsiert!   Euer Direkter von der Polyhymnia kam gleich wieder mit'n Seidel auf mir zu! Schaum. Er war sehr fidel! Brenneisen. Wir haben Brüderschaft mit ihm getrunken! Auguste. (durch die Tür) . Brüderschaft?! Schöne Brüder! Mehlmeier. Wat wurde da aber auch jetrunken! Schaum. Und geredet! Brenneisen. Und was für 'n Stimmung!   Ich glaube, sie wären alle noch gern 'n bißchen geblieben. Mehlmeier. Aber et jing man nicht!   Man muß pünktlich sind! Immer mit die Uhr!       Davor sind wir   dat Komitee!   Et wurde schon 'n Viertelstunde später,   die Damen warten! Schaum. Die Damen!   Mehlmeier, Junge,   ich tanz' den ersten mit deiner Frau!   Rosalie. (durch die Tür) . Mit seiner Frau!   Er wird sich wundern! Brenneisen. Und ich mit deiner Schwägerin!   reizendes Mädchen, deine Schwägerin!   Auguste. (durch die Tür) . Was sagt er?   Der Schändliche!   Mehlmeier. Na, danzt man! Danzt man!   Et freut mich sehr! Ha! Ha! Ha! Ha! Aber, du Schaum, Dokter! Denn mach et man nich zu schlimm!   Ha! Ha! Ha! Ha!   Dat du sie nicht so stark die Kur schneidest! Rosalie. (durch die Tür) . Abscheulich!   Meinen Mann so zu verleiten! Schaum. I, wo!   Denn müßt' ich Brenneisen sein! Brenneisen. Na, Spiegelberg,   wir kennen dich! Mehlmeier. Ha! Ha! Ha! Ha!   Du, Schaum,   Dokter,   denn sprich auch so'n bischen Jelehrtes mit sie,   det mag sie so jern!   So'n bischen,   du weißt ja wohl!   Von die Jötter, und so wat!   Schaum. Ein prächtiges Weib!   Ich wollte sie wäre mein! Rosalie. (durch die Tür) . O, pfui!   Der Entsetzliche! Brenneisen. Ha! Ha! Ha!   (Zu Mehlmeier.) Aber sag' mal, alter Junge, bist du denn gar nicht eifersüchtig! Mehlmeier. Eifersüchtig?   Ha! Ha! Ha!   Ick?   eifersüchtig?!   Einer, der 'n siebenjährigen Krieg schon mit sie durchjemacht?     Ha! Ha! Ha! Jette. (durch die Tür) . Na, det sollt' die Madam hören! Mehlmeier . Aber Kinder, wir verjessen uns janz!   (Nach der Uhr sehend.) Et is schon bald 'n halbe über acht!   Jette. (durch die Tür) . Nu wird et Zeit! Schaum . Mein Schniepel! Brenneisen . Mein Schniepel! Mehlmeier . He, Jette!   Licht! Schaum. (rasch) . Jette. Licht! Brenneisen. (rasch) . He, Jette! Licht! Jette . Na, wart' man!   Et wird euch jleich eens anjesteckt! (Ab.) Mehlmeier . Jette! Jette!   Licht for die Herrn, dat sie in die Schniepels kommen!   Wir müssen jehn!   Et ist die höchste Zeit! Jette!   Jette!       Zehnte Szene. Jette. Die Vorigen. Jette. (kommt aus der Küche, in jeder Hand einen Leuchter mit brennender Kerze. Sie gibt jedem Sänger einen Leuchter, Schaum zuerst) . Schaum. (den Leuchter nehmend) . Ah, danke! (Will Jette in die Backen kneipen und bekommt einen Schlag von ihr auf die Hand.) Nanu? Brenneisen. (den Leuchter nehmend) . Danke! Danke! liebe Jette! (Will ihre Taille umfassen, bekommt aber ebenfalls einen Schlag auf die Hand.) Jette . Fort mit Ihnen! (Schlägt ihm auf die Hand.) Brenneisen . O, weh!   Ist die Jette aber böse! Jette . Ja, dat bin ick ooch! Sehr böse! Mehlmeier. (jovial) . Wir sind auch eijentlich ein bißchen jar zu lange wegjeblieben, nicht wahr, Jette?! (Zu Schaum und Brenneisen.) Aber nun auch man rasch hinein in die Balltoilette! Brenneisen, Schaum. (zugleich ). Jawohl! rasch hinein! (Beide fangen an zu singen: »Es gibt ein holdes Dornröslein«, und tänzeln, während sie dies singen, jeder in seine Stube. Plötzlich entsteht in beiden Stuben ein Lärm und Poltern und man hört deutlich schreien.) Schaum. Au! Au! Brenneisen. (schnell) . Au! Au! Hilfe! Mehlmeier. (dahinsehend, schnell, bestürzt) . Wat ist dat?! Jette. (schnell, schadenfroh die Hände reibend) Aha! Nu jeht et los! (Die Frauen erscheinen mit ihren Männern. Eine jede Frau hat ihren Mann bei den Ohren zu fassen und zerrt ihn so in die Stube. Die Röcke sind ein wenig von den Schultern geglitten. Mehlmeier stummes Spiel.) Mehlmeier. (bestürzt) . O, Jott! Bollmann! Schaum, Brenneisen. (zugleich, während sie hineingezerrt werden). Au!   Au! Rosalie. Hierher mit dir! und mir zu Füßen! (Schaum wirft sich auf die Knie vor ihr, und breitet die Arme gegen sie aus.) Auguste. Nieder mit dir! (Brenneisen ebenso.) Mehlmeier. (bestürzt) . Um Jotteswillen! Wat seh ick! Rosalie. (schnell) . Es sind unsere Männer! Auguste. Jawohl! Unsere Männer! Jette. Ja, Herr Mehlmeier! Et sind ihre Männer! (Beide Sänger liegen noch knieend vor ihren Frauen, die Arme bittend emporstreckend, wie um Verzeihung bittend, dabei die Worte stammelnd: »Verzeihung! Vergebung!«) Rosalie. (zu Schaum) . Was hast du getan! du Falscher! Auguste. (zu Brenneisen) . Treuloser! Wir lassen uns scheiden! Jette. Jawohl! scheiden!   Ihre Frauen sind Sie los! Nun reisen Sie man nach'n Salzsee und werden Sie Mormonen! Mehlmeier. (schnell, gebieterisch) . Jette! Auguste. (schnell) . Du Ehrloser! Rosalie. (schnell) . Elender! Jette. (schnell) . So ein Jesindel! Mehlmeier. (schnell, gebieterisch) . Jette, sag' ick!   Elfte Szene. Karoline. Wilhelmine. Pingel. Bollmann. Die Vorigen. (Karoline, Wilhelmine, Pingel und Bollmann erscheinen durch die Mitte.) Mehlmeier. (schnell) . Na, dat fehlte noch! (Die ersteren vier treten durch die Mitte ein. Karoline und Wilhelmine übersehen im Nu sehr bestürzt die Situation. Karoline stößt einen Schrei aus. Gleich darauf auch Wilhelmine und beide fallen in Ohnmacht auf für sie bereitstehende Stühle. Karoline auf den Stuhl rechts am Tisch und Wilhelmine auf den links am Tisch. Karoline unterstützt von Bollmann, der ihr mit seinem Rockschoß Luft zufächelt, und Wilhelmine unterstützt von Pingel, der ihr mit ihrem Ballfächer Luft zufächelt.) Auguste. (schnell zu Karoline eilend) . Die armen Frauen! Rosalie. (schnell zu Wilhelmine eilend) . Ja, die armen!   Sie könnten sterben, und unsere Männer wären die Mörder! (Beide beschäftigen sich mit den Ohnmächtigen.) Auguste. (schnell) . Wasser! ist hier denn kein Wasser? Bollmann. (schnell) . Ich hole was! (Ab durch die Mitte.) Karoline. (laut stöhnend) . Ach! Ach! Auguste. Arme Frau! Trösten Sie sich! Wilhelmine. (lang stöhnend) . Ach! Pingel. (schnell, freudig) . Sie lebt! Rosalie. Fassen Sie Mut, Fräulein! Bollmann. (erscheint mit zwei großen Eimern voll Wasser, setzt bei jedem Stuhl vor dem Tisch sie nieder) . Hier ist Wasser! (Auguste und Rosalie tunken ihre Taschentücher darin und benetzen die Gesichter der Ohnmächtigen. Während dies geschieht, springen Schaum und Brenneisen von ihrer knieenden Stellung schnell auf und retirieren hinter Mehlmeier.) Auguste. Ha! unsere Männer! Sie sind uns entwischt! (Eilt zu Mehlmeier hin.) Rosalie. (schnell) . Fassen wir sie wieder! (Eilt zu Mehlmeier.) Schaum. Mehlmeier, Hilfe! Brenneisen. (schnell) . Hilfe! (Mehlmeier breitet die Arme aus, als ob er sie schützen wollte.) Karoline. (aufspringend) . Ha! nun hab' ich mich wieder! (Eilt zu Mehlmeier.) Und die nimmst du noch in Schutz, Amandus, die uns so sehr betrogen haben?! (Nimmt ihr Taschentuch und weint.) Auguste. Ja! betrogen! (Weint laut mit dem Taschentuch vor dem Gesicht.) Rosalie. Wir unglücklichen Frauen! (Weint laut, mit Taschentuch ebenso.) Wilhelmine. (aufspringend) . Das überlebe ich nicht! Ach! (Sie sinkt wieder auf ihren Stuhl nieder und weint laut mit Taschentuch vor dem Gesicht. Pingel steht bei ihr, macht verschiedene Gesten, die andeuten, daß er sie zu trösten sucht. Wilhelmine reagiert darauf. Er streichelt ihr das Haupt, sie läßt es sich gefallen, stummes Spiel der beiden, bis Pingel bald nachher sie küßt.) Bollmann. Arme Frauen! Es ist ein Bild zum Jammern! Jette. Ein Bild zum Jammern! Mich ist ooch dat Herz jeknickt! (Sie weint laut, sich dabei des Taschentuchs bedienend, wie die andern.) Bollmann. Herr Mehlmeier, nun weinen sie alle! Reden Sie doch! Schaum. (schnell) . Ja! rede doch! Brenneisen. Ja! sag' doch was! Mehlmeier. Ruhig!   Nun will ick reden! Dafür trag ick die Rosette! (Schaum und Brenneisen animieren ihn durch Gesten.) Ruhig! weil ick rede!   Et ist wat Sonderbares passiert!   Aber et lohnt sich doch nicht, darum zu weinen!   Im Jegenteil! Wir sollten uns alle freuen! Rosalie und Auguste. (zugleich) . Freuen?! Karoline. Rede doch keinen Unsinn! Mehlmeier. Ruhig! weil ick rede!   Die Frauen haben ihre Männer wieder!   und das ist schon viel!   Und wat haben sie jemacht?!   Jar nischt haben sie jemacht, als 'n kleenen Scherz, den die Sängers so oft machen uf die Sängerfeste! (Zu Jette.) Jette, jeh raus und hole Wein! Karoline. Aber, sie haben uns doch so tief betrübt! Mehlmeier. Ruhig! und fall mir nicht in die Rede, Kalline! Ja,   dat haben sie! und dafor müssen sie ihre Strafe haben und ihre Frauen um Verzeihung bitten! Schaum. (schnell) . Verzeihung, liebe Rosalie! (Verhält sich ablehnend.) Brenneisen. (schnell) . Verzeihung, teuerste Auguste. (Ebenfalls ablehnend.) Mehlmeier. (zu den Sängern). Und dat ihr sowat nicht wieder tut, da wird 'n Riegel vorjeschoben! und dat sind eure Frauen! Und dadarum: niemals wieder zum Sängerfeste ohne die Frauen! Schaum, Brenneisen. (zugleich) . Niemals! (Die Frauen machen schon ein freundlicheres Gesicht, sie weinen nicht mehr.) Mehlmeier. Und dadarauf müßt ihr schwören! Schaum, Brenneisen. (zugleich) . Wir schwören! (Die Frauen mehr freundlich.) Jette. Na, wenn det 'n Brücke wär, da jing ick nich rüber! Bollmann. Wie der Herr doch so schön zu reden weiß! Mehlmeier. Ruhig, Bollmann, ick rede noch!     Und die Frauen sind sanft und edel! Sie haben alle ein weiches Jemüt und verzeihen jern! Schaum. (schnell) . Verzeihung, Rosalie! (zu Karoline.) Verzeihung, gnädige Frau! Brenneisen. (schnell) . Verzeihung, Auguste!   Verzeihung, gnädige Frau!   Üben Sie Nachsicht und Milde!     Die Götter taten es auch! Mehlmeier. (schnell, beiseite) . Die Jötter! Det war 'n juter Jedanke! Schaum. (schnell) . Und auch das Gastrecht war ihnen heilig! Darum   Mehlmeier. (schnell, ihn unterbrechend) . Dat Jastrecht!       und die Sänger sind ja unsere lieben Jäste!     Und ihre Frauen sind nun ja auch unsere lieben Jäste! (zu Jette.) Jette, jeh raus und hole Wein! Jette. Dat ist jut! Nun wollen sie sich schon wieder vertragen!   Ne! diese Männer! Mehlmeier. Jette, du schweigst!   Hole Wein! Ick rede noch! Jette. Na, denn hole ick Wein! (Im Abgehen.) O, diese Männer. Jift sollten sie eher trinken! (Ab in die Küche.) (Pingel neigt seinen Kopf tief herab an den des Fräuleins und küßt es. Bollmann sieht es zufällig.) Bollmann. Ich hab' was gesehen! Ich hab was gesehen! Mehlmeier. (zu Bollmann) . Unterbrich mir doch nicht immer! Ick rede noch. (Im andern Ton.) Na, wat denn?     Wat hast du denn jesehn, Bollmann?   Bollmann. Herr Pingel hat das Fräulein geküßt! Karoline. (empört) . Nicht möglich!   Himmel!   Wilhelmine! Pingel. (mit Wilhelmine ein wenig vorgehend) . Ja! wir haben uns soeben verlobt! Mehlmeier. Na, wat sagst du nun? Kalline?! Wilhelmine. (zur Schwester) . Schwester, zürnst du mir?! Mehlmeier. Die Jötter haben et so jewollt, Kalline! Karoline. Die Götter!   Nein ich zürne dir nicht! und auch nicht mehr unsern Gästen! Mehlmeier. (freudig) . Bravo! bravo!   Dat war edel von dir, Kalline!   Komm' an meine Seite!   (Er geht hin zu ihr und gibt ihr den Arm.) Und Sie, jeliebte Frauen, folgen Sie dem Beispiele meiner Jattin und üben Sie auch Verzeihung! Schaum. (schnell) . Verzeihung, liebe Rosalie!   Ich gehe auch nie wieder aus ohne dich! Brenneisen. Nein! ich auch nicht!   Verzeihung, teure Auguste! Rosalie. Nun, dann will ich verzeihen! Schaum. (freudig) . Rosalie!   (Gibt ihr den Arm.) Auguste. Und ich auch! Brenneisen. (freudig) . Auguste! (Nimmt sie in den Arm.) Mehlmeier. Bravo! bravo!   (Zu Pingel.) Na, Herr Pingel, ick jratuliere! (ruft) He, Jette, komm doch mit'n Wein!   Und denn man wieder rein in die Schniepels! und zu Ball mit unsere Frauen! Schaum, Brenneisen. (zugleich) . Zu Ball mit unsern Frauen! (Jette kommt aus der Küche mit einem Teebrett, auf welchem acht gefüllte Gläser Rheinwein stehen. Sie präsentiert schnell jedem Paare, und jeder nimmt sich ein Glas. Jette. (als sie bei Pingel ist, ruft sie erstaunt) : Wat seh' ick?! Da haben wir die Bescherung!   Herr Pingel mit det Fräulein im Arm! Wilhelmine. (indem sie das Glas nimmt, und Pingel das seinige) . Wir haben uns verlobt! Jette. (schnell das Teebrett hinsetzend) . Dat is jut!   Denn verlobe ick mir auch! Komm, Bollmann! (Gibt Bollmann den Arm und nimmt selbst das letzte Glas.) Bollmann. (schnell, erfreut) . Jette! (stummes Spiel) . Jette. Aber nur auf Probe!   Bollmann. Ich werde die Probe bestehen! Mehlmeier. Ruhig! Bollmann! Bollmann. Ich habe mir verlobt! Mehlmeier. Mit Jette?! Na, dann jratuliere ick! Jette. Et ist ja man auf Probe! Die Männer sind alle falsch! Mehlmeier. Ruhig, Jette! ick rede ja noch!     Und dat alles, wat hier passiert ist, wovon ist et jekommen?!     Von die Liebe,       Karoline. (sentimental) . Ach!   die Liebe! Mehlmeier. Von die kleine Rose mit den Dornen,   wie unsere Jäste dat so schön singen! Schaum und Brenneisen. (fangen sofort an die letzte Strophe ihres Liedes zu singen) . Es gibt ein holdes Dornröslein, So blüht im Menschenherzen Und das im Sturm und Sonnenschein Ihm schafft viel Lust und Schmerzen! (Die Gläser hochhaltend.) Wir halten hoch das Glas, das Glas! Und bringen das Dem schönsten aller Triebe, Der Liebe! Alle. (die Gläser hochhaltend und jeder mit seiner Dame anstoßend) . Wir halten hoch das Glas, das Glas! Und bringen das Dem schönsten aller Triebe, Der Liebe! Der Liebe! Der Liebe! (Jeder Herr küßt seine Dame.)   (Der Vorhang fällt.)   (Wenn die Spieler gerufen werden, singen sie noch einmal wieder die Schlußstrophe [mit den Gläsern in der Hand] und küssen sich wieder, worauf der Vorhang fällt.)