Rudolf Stratz Der weiße Tod Roman aus der Gletscherwelt Achtung! ... Steinschlag! Sie blieben stehen. Der Felszacken hart am Rande des jäh an ihnen vorbei abschießenden Eishanges gab ihnen Schutz, während von oben das unheilverkündende Gepolter näher kam. Lange Stunden hatte da die Augustsonne an dem Eiskitt genagt und geleckt, der die Steintrümmer der Berge in halb schwebender Lage unbeweglich festhielt. Jetzt war die Bande geschmolzen und strömte in milchigen Nassem zu Tale. Vor ihr her aber flog und kollerte in jauchzenden Sprüngen der frei gewordene Koloß über die steile, spiegelnd glatte Fläche hinab. Wie eine Schar geschäftiger Gnomen huschte allerhand kleines Geröll und Trümmerwerk hinter dem ungeschlacht niedertanzenden, rechts und links auf den Firn aufschmetternden Gebieter. Und hinter dem eilfertigen Gesindel endlich sauste, als atemlos keuchender Nachzügler, ein dicker schwarzer Block und stürzte sich, den Genossen folgend, vom Rande des Eishangs kopfüber in die Tiefe. Dort nahm der Schnee sie auf. Er ballte sich um die rollenden Steinmassen, er häufte sich vor ihnen in stiebenden Hügeln, weithin begann die ganze weiße Decke zu rucken und zu zucken, sie geriet in gleitende Bewegung, sie vermischte sich mit dem niederstrebenden Gestein zu einer Wolke von krachendem Fels und klirrendem Eis und rieselndem Schnee, und unter weithin hallendem Donner fuhr die Lawine zu Tal. Die Felswände warfen den Schall zurück. Ein Heulen und Dröhnen erhob sich aus der nebelverhangenen Tiefe, ein Brüllen, das sich von Tal zu Tal durch die Hochgebirgsschlünde fortpflanzte, um dann langsam in dumpf rollendem Grollen zu ersterben. Noch einmal stöhnte es in einer weltenfernen Kluft, irgendwo aus dem Nebel knurrte es tückisch dagegen. Dann wurde es still. Starres, feierliches Schweigen lag wieder über dem ewigen Schnee und seinen wolkenumzogenen Gipfeln. Den schlanken Leib hart an die Felsen gepreßt und unwillkürlich an deren Rippen sich mit den Händen festklammernd, hatte sie auf das Schauspiel herabgeblickt. Die tiefblauen, kalt glänzenden Augen schienen größer und größer zu werden, wie sie über das Firngeglitzer in die gähnende Tiefe sah, in der die Nebelschwaden brauten und wogten. Sie stiegen empor, sie schwebten über ihrem schönen Haupte in gespenstisch flutenden Schleiern und hüllten Welt, Erde und Menschen in ein graues Nichts, aus dem eintönig und unermüdlich das Rauschen der Gletscherwasser drang. Undeutlich hoben sich im Nebel die wild gezackten kahlen Felsklippen, die pfadlosen Schneeflächen ab, und wo der graue Dunst sich einmal teilte, da lugten hoch vom Himmel her, wie bleiche Riesen, die Bergeshäupter der Berner Alpen hinab in die Trümmerwelt der Talgletscher mit ihren phantastischen Schrunden und Hügeln von Eis, den halb eingestürzten, reihenweisen Schneemauern und den schwarzen, scheußlich klaffenden Spalten in denen die unterirdischen Ströme brausten. Das war keine Welt wie die da unten, wo die Menschen lebten und starben. Dies feierliche Gebilde aus Fels und Eis und Schnee, aus wogendem Nebel und rauschenden Fluten war eine Welt für sich, eine Wüste, durch deren Schweigen Stein und Sturm in mächtigen, geheimnisvollen Zungen zum Menschen sprachen. Noch verstand sie diese Sprache nicht. Zum erstenmal befand sie sich heute im Herzen der Alpenwelt. Aber ein Beben der Ergriffenheit hatte sie erfaßt und legte Wachsblässe über die herbe Schönheit ihrer Züge. Sie atmete schwer, mit halboffenem Munde. Es war keine Furcht, was sie empfand. Die Schauer des Hochgebirges gingen durch ihre Seele. »Brrruummm!« machte der alte Christen Zum Brunnen vor sich hin. Diese Nachahmung des Lawinendonners war beinahe der einzige Laut, den man von dem greisen Bergführer zu vernehmen pflegte. Wie er da so kauerte, den langen, klapperdürren Leib und die hageren endlosen Glieder auf unbegreifliche Weise in die Lücken der Felswand geschmiegt, mit dem listig blinzelnden, von tausend Runzeln durchfurchten, zahnlosen Ledergesicht, das spärliche graue Haarbüschel umrahmten, da erschien er selbst mehr wie ein abenteuerliches Gebilde der Hochwelt, als wie ein Mensch von Fleisch und Blut. Und doch wohl dem Touristen, den in einem kritischen Augenblick der alte Zum Brunnen am Seil hatte, dieser Gletschermann ersten Ranges, der mehr als hundertmal die »Jungfrau« bestiegen, siebenmal den »Täubchen« des Großen Schreckhorns den Fuß auf den Nacken gesetzt hatte, und hinter dessen Namen die Reisehandbücher in vielsagenden Klammern die Worte »Kaukasus« und »Himalaja« lesen ließen. Er war längst ein wohlhabender Mann. Die verheirateten Töchter besaßen ihre eigenen gutgehenden Wirtshäuser, seine Söhne, die Bergführer, brauchten vor dem »Bär« in Grindelwald nie lange auf Zuspruch zu warten, aber immer und immer wieder zog es den Alten hinauf in die Erhabenheit jener Welt über den Wolken, in der sein Leben und allem menschlichen Ermessen nach dereinst sein Grab war. Heute freilich ärgerte er sich, daß er ausgegangen. – Mit einem Frauenzimmer, die trotz aller Courage so wenig vom Bergklettern verstand, und schlechtem Wetter dazu – das liebte der Alte nicht. Auch Kaspar Wägi, der zweite Führer, ein rotbäckiger stämmiger Bursche, mit beinahe tierischer Kraft begabt und nach Gletscherbegriffen etwas stutzerhaft, in ganz neuen schokoladefarbenen Loden, mit einer Spielhahnfeder am Hut, gekleidet – auch Kaspar Wägi machte ein finsteres Gesicht. Es lag ihm, dem Katholiken, schwer auf dem Herzen, daß er neulich drüben im Wallis den Dollarlockungen eines gottlosen Yankees gefolgt und am Sonntagmorgen, statt in die heilige Messe, auf den Monte Rosa gegangen war. Heute konnte er seine Sünden abbüßen. Inmitten dieses tückischen Nebels, der wider alles Erwarten eingefallen war, ein paar Stunden vor Sonnenuntergang mit einer ermüdeten unerfahrenen Dame am Seil, tausend Meter über der Schutzhütte, zu der nur ein gefährlicher Abstieg hinabführte ... Kaspar Wägi schwieg und spuckte gedankenvoll aus. Auch der Alte stand stumm da und bewegte im Nachdenken leise schmatzend den faltigen Mund hin und her. Zum Glück war die Dame guter Dinge. »Weiter!« rief sie mit heller Stimme und faßte den alten Zum Brunnen am Arm. Der greise Bergführer drehte sich mit einem seltsamen Greinen seiner verwitterten Züge zu ihr um und wies mit der Hand nach rückwärts. »Wir müssen wieder hinauf«, ergänzte Wägi ... »von wo wir gekommen sind ... hier geht's nicht weiter!« Und grimmig überdachte er dabei die Ereignisse dieses wunderlichen Tages. Sie hatten auf die »Jungfrau« gewollt, aber schon nach Überwindung des »Kalli«, dieser greulichen Knochenmühle, auf dem Fiescherfirn des schlechten Wetters wegen umkehren müssen. Unverrichteter Dinge aber nach Grindelwald zurückzukehren, das lehnte die Dame rundweg ab. Sie wollte wenigstens in einer Klubhütte übernachten! Nur war man auf dem Wege zu der entlegenen Gletscherhütte vom Nebel überrascht worden und stand da. »Wieder zurück?« Die Touristin setzte sich auf einen Stein und stützte das Kinn in die Hände. »Machen Sie, was Sie wollen, aber ich gehe keinen Schritt mehr aufwärts. Meine Beine zittern wie Espenlaub. Übrigens ist es hier herunter ja ganz hübsch!« »Aber gefährlich!« versetzte Kaspar Wägi eindringlich. »Wir müssen über den Eishang hin Stufen hauen, und unter dem können Steine von oben kommen!« Gefährlich! Sie sah rasch zu ihm auf und schüttelte das Blondhaar aus der Stirn. Ihr kühn geschnittenes, jetzt wieder vom Bergwind leicht gerötetes Gesicht nahm einen ungläubigen Ausdruck an. Gefährlich! Sie konnte sich das nicht recht vorstellen, wie das eigentlich möglich sei: sie, die elegante Weltdame, die man sorglich vor jedem Lufthauch, jedem Sonnenstrahl bewahrte und kaum ohne Schutz im Garten des Hotels promenieren ließ, sie in Lebensgefahr! Sie mußte beinahe lachen, so drollig erschien ihr das. Aber sie blieb ernst, während sie in die starre Wildnis hinaussah, die sie rings umgab. Das hatte sie ja gerade gewollt und im günstigen Augenblick ausgeführt! Heraus, nur einmal heraus aus allem, was sie ihr ganzes Leben hindurch eingezwängt hielt, heraus aus der lauen Salonluft, aus Korsett und Stöckelschuhen, aus der steten Aufsicht und Bevormundung und einmal selbständig handeln und ein freier Mensch sein. Und zur Freiheit gehörte auch die Gefahr! Wenn die Männer der Gefahr trotzten, ja sie aufsuchten, warum sollte sie es nicht auch? Eigentlich hatte sie gar keine so große Angst. Sie stand auf und sagte mit schwankender Stimme: »Es wird schon nicht jeder Stein treffen! Machen Sie nur vorwärts!« Die beiden Führer sahen sich an. Mit der ermüdeten Touristin den großen Umweg zur Vermeidung des Eishanges machen, war bei dem Wetter und der späten Stunde auch nicht ohne Bedenken. Und andrerseits war die gefährdete Stelle ja nur kurz. Der alte Zum Brunnen schielte von der Seite auf seine schöne Schutzbefohlene und entschloß sich, ein paar Worte zu sprechen: »Courage hat sie schon!« knurrte er, und der Wägi nickte und sagte nachdenklich: »Die Dame ist schon guet!« Eine kurze Pause, dann hob der Alte plötzlich seinen Pickel, warf einen mißgünstigen Blick nach oben und begann, wie rasend Stufen in den Eishang zu hauen. Erst schlug er mit der Stahlspitze von der Seite her eine Kerbe in den Firn, dann drehte er die Axt um und ließ sie oben auf die eingeschlagene Stelle niedersausen, bis ein breiter bequemer Tritt für den genagelten Bergschuh entstand. Zwischen ihm und seiner Begleiterin schaukelte das rot durchwirkte Hanfseil und spannte sich, wie er fortschritt, mehr und mehr an, bis es endlich ganz straff war und sie, sich nur mit einer Hand am Tau haltend, mit der andern den Bergstock auf die schräge Eisfläche aufstützend, vorsichtig von einer Stufe zur andern stieg. Im selben Tempo hinter ihr Kaspar Wägi. Er zog das Seil so elastisch an, daß es in seiner Linken zitterte, um ihr beim Ausgleiten sofort Widerhalt zu gewähren. Nur ab und zu schaute er, sich mit der Eisaxt längs des Hanges hinschiebend, rasch nach oben. Sonst verwandte er kein Auge von der schlanken biegsamen Gestalt vor ihm, die in der Erregung des Augenblicks sich nervös fröstelnd zusammenduckte und mit katzengleichen Schritten in den ungefügen Fußstapfen des alten Zum Brunnen schlich. Jetzt stand sie wieder dicht hinter dem Alten, der in so wütender Hast das Eis bearbeitete, daß selbst seine ausgemergelte und ausgedörrte Haut von Schweiß zu glänzen anfing. Wo seine Axt sich niedersenkte, sprühten kristallgleich kleine flimmernde Eisstücke umher und umschwirrten wie ein Hagelwetter ihren vorgeneigten Kopf, daß sie Augen und Mund schließen mußte. Eine seltsame Lage! Das Klirren der Axt, das Surren der Eissplitter, das leise Fächeln des Windes um ihre Wangen, der Tabakduft, der beißend aus dem Lodenrock des Alten aufstieg, das schwere Atmen der beiden Männer ... ihr Herz pochte wohl etwas ... aber eigentlich Angst ... nein ... Angst war das nicht! »Achtung!« schrie es da plötzlich hinter ihr mit greller Stimme, und sie fühlte, wie eine eiserne Knochenhand ihren Arm umspannte. Sie schaute auf. Über ihnen am oberen Rand des Eishanges hatte sich ein Felsblock gelöst. Erst langsam, dann mit rasend zunehmender Geschwindigkeit schoß er herab, in dumpfem Brummen dahingleitend, wie eine gereizte Bestie sich auf den Feind stürzt. Die Führer standen unbeweglich, bereit, im letzten Augenblick durch einen Seitensprung sich und ihre Schutzbefohlene dem Unheil zu entziehen und im Niedergleiten auf dem Hange mit dem eingeschlagenen Eispickel wieder zu verankern. Ein Sausen und Krachen. Zehn Schritt vor ihnen fuhr blitzschnell ein donnernder Schatten über das Eis und verschwand, ehe sie ihm nachgeblickt, über dem Abhang. Eine Pause. Dann klatschte es unten dröhnend in einem Schneeloch, und alles war still. Also das war der Tod! Das unbekannte Ding, das da als Felsblock dräuend an ihr vorbeistrich ... Ein heftiges Zittern überlief ihren Körper, und sie fühlte, daß kalte Perlen auf ihre Stirn traten. Und doch konnte sie frei gehen, sich sicher bewegen, ja es schien ihr, als wüchsen ihre Kräfte und schwände jede Ermüdung aus den Gliedern. Das war keine Angst! Etwas Befreiendes, etwas Erlösendes brachte die Nähe des unsichtbaren Gespenstes mit sich. Alle Fibern und Fasern sträubten sich gegen diese drohende Vernichtung und gaben dem Leib ein Gefühl ungewohnter Spannkraft und seltsamer, sie selbst fast erschreckender Ruhe. Dabei dachte sie freilich unter ihrem stoßweisen Atmen doch ununterbrochen: »Oh ... wär' es doch schon vorbei!« Der Alte arbeitete, ohne aufzusehen, in fliegender Hast. Man begriff oft kaum, worauf sein Fuß, der mit dem glitschrigen Eis wie verwachsen schien, noch stehen konnte, während die magern Arme den Pickel schwangen. Aber langsam, endlos langsam ging es dahin! Wie Fliegen, die über einen steil geneigten Spiegel kriechen, erschienen die dunklen vermummten Gestalten im Nebeltreiben des Augustabends. Langsam ... von Stufe zu Stufe ... jetzt noch sechs Stufen ... jetzt noch vier ... noch zwei ... und da winkt die schützende Felswand auf der andern Seite. Tief aufatmend lehnte sich Elisabeth an die senkrecht geschichteten Platten. Nun hatte sie endlich etwas erlebt, etwas Großes. Sie hatte dem Tode ins Angesicht geschaut. Dem Tode, der eben jetzt wieder als faustgroßer Bruchstein da vorn in Sätzen über den Eishang dahinsprang. Ihr war es, als ob sogar der alte Zum Brunnen sie wohlwollend ansähe, während er ihr einen Schluck mit Wasser verdünnten Kognak reichte. »Kommt noch so ein Eishang?« fragte sie mit innerlichem Grauen, als sie die Flasche zurückgab. Er schüttelte den Kopf, und Wägi sagte: »Jetzt geht's in einem da herunter.« Dabei wies er direkt vor sich in die Tiefe. Wo denn herunter ... um Gottes willen? Sie bog sich vor. Da war nichts zu sehen als die beinahe senkrecht abfallende Felswand, nach unten durch lange Nebelstreifen abgeschlossen. »Sie werden mir doch nicht zumuten, daß ich da herunterfliegen soll?« sagte sie kühl. Kaspar Wägi grinste: »Dann müssen wir umkehren und wieder über den Eishang zurück! Einen andern Weg gibt's nicht.« Nein wahrhaftig. Ringsum stark aufschießende Felsen und zur Linken die tückische Firnfläche. Sie ließ sich auf den Boden nieder und starrte vor sich hin. Eine nette Lage! Zum erstenmal erfaßte sie die Reue. Was hatte sie denn nur hier oben zu suchen in dieser abscheulichen Wüste, die ... Der Wägi kniete neben ihr nieder und untersuchte den Knoten, der das Seil unter ihren Armen verknüpfte. »Da hat's jetzt gar keine Gefahr!« sagte er in seinem rauhen Bernerdeutsch, »... ich steig' voraus und zeig' den Weg, und der Christen hält die Dame am Seil. Der hat schon ganz andre Leute gehalten.« Damit begann er über den Rand der Felsen zu steigen und verschwand in einem senkrecht hinabführenden Spalt. Nach einiger Zeit zuckte es am Seil. »Komm die Dame jetzt!« rief eine Stimme aus der Unterwelt. Der alte Zum Brunnen trat neben sie und wies hinab. »Schöne Griffe im Kamin!« murmelte er und deutete auf die Felskanten und Vorsprünge, die sich reichlich in dem Gestein befanden, »... Fuß da ... dann dort ... mit den Händen festhalten ... Stock oben lassen ...« »Ich werde mir 's Genick brechen!« sagte Elisabeth, setzte sich auf den Rand und suchte tastend mit dem Fuß den ersten Absatz. Wahrhaftig ... auf dem stand sich's ganz gut. Ebenso auf dem zweiten. Und ihre Hände umschlossen mühelos da und dort einen Felsvorsprung im Gestein. Dabei hatte sie fortwährend das beruhigende Gefühl, als ob sie jemand zwischen den Schulterblättern hielte. Der alte Zum Brunnen hatte sich oben hingekauert, die Füße gegen einen Felsblock gestemmt, und ließ das Seil langsam in scharfer Spannung aus den Händen gleiten, so daß sie stets daran einen Rückhalt fand. Jetzt war sie schon beinahe unten. Da hörte plötzlich die Welt auf. Keine Zacken mehr, keine Felsvorsprünge, nichts in der acht Fuß hohen Steinrinne, woran man sich hätte halten können. »Vorwärts!« tönte oben eine heisere Stimme. »Ja ... wie denn um Gottes willen?« Wägi stand unten und lachte. »Laß sich die Dame einfach rutschen. Das Seil hält schon!« Und wahrhaftig ... auch das ging. Ganz gemächlich glitt sie nieder und erfaßte hell auflachend Wägis Hände. »Das ist großartig!« sagte sie aufgeregt und schaute im Kreis umher. »Was kommt jetzt?« Jetzt kamen die »Platten«; Felsenschichten, die sich übereinander türmten und an deren Kanten und Rissen man vorsichtig herabkletterte. Wenn sie wartend stehenblieb, bis das alle Augenblicke in den Vorsprüngen des Gesteins verfitzte Seil durch einen Schwung wieder freigemacht war, sah sie beinahe unter ihrer Stiefelspitze Kaspar Wäges zerknitterten, mit Edelweiß und einer Spielhahnfeder geschmückten Hut, und dicht über ihrem Kopf scharrten und tasteten die mächtigen Bergschuhe des Alten, der behend und geräuschlos wie ein greiser Affe die senkrechten glatten Wände herabglitt. Dann verschwand Wägi. Eine Schneerinne, die in Form eines dreieckigen Risses von oben nach unten durch den Bergsturz ging, nahm ihn auf. Sie hörte, wie er am straff um einen Felsen geschlungenen Seil, Stufen schlug und leise fluchte. »Komm die Dame jetzt!« Elisabeth lachte auf. Jedes Gefühl der Unruhe war in ihr geschwunden, während sie in die erste der auffallend großen Stufen trat. Die Schrecken der Berge bestanden doch eigentlich mehr in der eigenen Einbildung, nicht in dem, was wirklich ... Der durchweichte Schnee der dritten Stufe, auf den sie achtlos den Fuß setzte, glitschte schnell und tückisch als nasser Klumpen unter ihr hinweg. Sie trat ins Leere. Ein dumpfer Ausruf des Entsetzens kam aus ihrem Munde. Aber schon fühlte sie, wie sich das Seil unter ihren Achseln mit schmerzhaftem Ruck zusammenzog und sie in der Schwebe erhielt. Über ihr auf der Felsklippe saß der alte Zum Brunnen und hielt sie fest. Keine Faser an seinen dünnen Spinnenarmen, kein Fältchen des Gesichts zuckte dabei. Nur ein mißbilligendes Brummen, das wie »du chaibi Chrott'!« klang, kam von oben. Am Stiel der Eisaxt, die ihr Wägi hinhielt, fand sie wieder Halt und erreichte die nächste Stufe. Dort blieb sie stehen. Da war wieder der Tod! Der unscheinbare Ballen Schnee, der wie eine weiße Ratte zwischen den Felsenzacken durchglitt und endlich ermattet in einer Mulde liegenblieb. Das Gebirge litt keinen Scherz. Sie war blaß und ernst geworden, während sie sich mühsam durch den Rest des schwierigen Schneecouloirs am straffen Seil herabarbeitete und tief aufatmend endlich auf dem Schneefeld unten stand. Das Seil surrte hinterher, und mit ihm rutschte, Bergstock und Eisaxt in der Hand, Zum Brunnen in rätselhafter Geschwindigkeit denselben Weg herab. Inzwischen zeigte der zweite Führer der Touristin, wie man es machen müsse, um nach allen Regeln der Kunst über das scharf geneigte Schneefeld vor ihnen »abzufahren«: Den Stock fest nach hinten auf den Boden gepreßt, mit der Rechten draufgedrückt, die Linke weiter unten um das Holz, den Oberkörper weit zurück, die Hacken tief in den Schnee gestemmt – und los! Der Wind pfiff um ihre Ohren, vor ihr ballte sich in Wirbeln der fliegende Schnee, die Eisenspitze des Stockes knirschte, während es in sausender Fahrt bergab ging, rascher, immer rascher, bis sie den Atem zu verlieren glaubte und im hilflosen Weiterrutschen ein lautes »Halt!« schrie. Zum Brunnen hinter ihr faßte sie am Genick – wie einen jungen Teckel, dachte sie unwillkürlich in lachender Empörung – und schwenkte sie etwas zur Seite. Die Fahrt verlangsamte sich. Sie standen still und sahen erhitzt und rasch atmend die lange weiße Halde empor, an deren oberem Rande sie beinahe in diesem Augenblick noch gestanden waren. Im Zickzack ging's jetzt weiter hinab, über weichen Schnee, in dem der Fuß tief einsank und der Körper sich seitlich auf die Eisaxt stützte. Einmal noch ein kurzer Halt. Die Führer prüften, die Pickel vor sich in den Boden stoßend, den Umfang einer Firnspalte, deren Vorhandensein überhaupt zu erkennen für Elisabeth ein Ding der Unmöglichkeit schien. Dann ging es hinüber ... einer vorsichtig in den Fußstapfen des andern ... und weiter bis zu den Schutthügeln des Gletschers im Grunde. Als sie dort standen, waren der Berg und seine Schrecken überwunden! Das Haupt nach rückwärts gebogen, sah Elisabeth zu der finsteren, senkrecht abstürzenden Höhe hinauf, zu diesem Chaos von schroffen Wänden, von jähen Schneehängen und schwindlig absteigenden Felskaminen. Daß ein Mensch da herunterkommen könne, schien ihr kaum glaublich. Und daß sie selbst eben dieses Wunder vollbracht, das erfüllte sie mit einem eigenen Gefühl von ruhiger Kraft, mit einer stolzen Daseinsfreude, dergleichen sie noch niemals empfunden. Wahrlich, dieser Tag heute war wert, gelebt zu werden. Zum erstenmal sah sie hier, im Eis und nebelumzogenen Gestein, was eigene Kraft und eigener Mut bedeutet. Der Wägi neben ihr räusperte sich und machte eine unschlüssige Bewegung. »Ihre Leute unten im Hotel werden in Sorge kommen!« sagte er endlich zu Elisabeth. »Wieso? Ich habe ja hinterlassen, daß ich diese Nacht in der Jungfrauhütte bleibe!« »Wohl. Und jetzt sind wir von der »Jungfrau« umgekehrt und gehen zu einer andern Hütte. Wenn heute von Rotthal her Partien über die »Jungfrau« kommen und erzählen in Grindelwald, sie hätten niemand in der Berglihütte getroffen, so könnt' man meinen, es wäre uns im Nebel übel ergangen.« Zum Brunnen nickte, und Wägi fuhr fort: »Sie kommen mit dem Christen allein gut über den Gletscher. Es ist besser, ich lauf' unterdes hinunter. Zu machen ist morgen doch nichts bei dem Wetter!« So geschah's. Er seilte sich los und verschwand in hurtigem Trab, um längs der Gletscherfelsen hin noch vor völliger Dunkelheit das vier Stunden entfernte Dorf zu erreichen, und mit dem Alten allein stieg Elisabeth die Moräne empor. Das schlüpfrige Geröll kollerte ihr unter den Füßen weg. Bei jedem Schritt aufwärts sank sie wieder eine Strecke zurück, bis endlich der Führer ihr beistand. Er reichte ihr den Handgriff seines Pickels. Den umfaßte sie mit beiden Händen, während er den Bergstock nahm, und ließ sich von ihm heraufziehen zum Rande des hier beinahe ebenen und schneefreien Gletschers. Stundenweit stieg der von da noch in die Bergeinsamkeit empor. Da, wo sein Abfall steiler wurde, erschien er wie zernagt und zu bizarren Gebilden zerfressen. Schwerfällig krochen die Nebelschwaden über die zerrissenen Schlünde und Zacken dahin, ein feuchtes graues Geriesel erfüllte die vom eisigen Dunst der Gletscherspalten erkältete Luft, ein zweckloses Durcheinanderfluten, ein Sich-Auflösen und Wiederfinden schleierhafter Gebilde, durch das unermüdlich in der feierlichen Stille das Rauschen der milchig trüben Gletscherwasser drang. »Wie ein Zauberland!« dachte Elisabeth, während sie hinter dem Alten her leichtfüßig über das Eis schritt. Der Führer blieb stehen und deutete mit der Hand vor sich hin. Dort lag, ein paar hundert Schritte entfernt, das Ziel ihrer Wanderung, die einsame Klubhütte. Wie eine Insel erhob sich der kleine Geröllhügel aus den Eismassen, deren starre Fluten ihn auf drei Seiten umbrandeten, während auf der vierten der Berg steil hinanstieg. Auf dem Hügel stand als ein schwärzliches Häufchen die Hütte, dürftig aus Steinen aufgemauert, verwettert und schutzsuchend an ein paar riesige Steinblöcke angeduckt. Vor der Hütte aber sah man einen dunklen Punkt, der sich langsam auf und nieder bewegte. »Schrecklich!« sagte Elisabeth. »Es sind schon Leute da! ... Mindestens ein Tourist mit zwei Führern! Wie sollen wir dann alle in dem winzigen Häuschen Platz finden!« Der alte Zum Brunnen hatte geschwiegen und nur zuweilen im Vorwärtsschreiten unter der vorgehaltenen Hand spähend ausgelugt. Jetzt schienen seine falkenscharfen Augen den Fremdling erkannt zu haben. »Der Herr ist allein!« murmelte er. Elisabeth blickte nach der dunklen Gestalt, die eben im Inneren der Hütte verschwand. »Kennen Sie ihn denn?« Darauf gab der Alte keine direkte Antwort. »Der Herr geht ohne Führer hinaus«, versetzte er und zog das wider alle Gletscherregeln am Boden schleifende Seil straff. »Aber ist denn das nicht gefährlich?« Der greise Bergführer drehte sich zu ihr um, und es war, als ob ein Lachen um die Runzeln und Falten seines zahnlosen Mundes spiele. »Das ist ein rechtschaffener Herr!« sprach er lauter als sonst und setzte beinahe feierlich hinzu: »Dem steht das Groß-Schreckhorn wohl an!« »Und fabelhaftes Glück hat er auch!« dachte Elisabeth und stieß in eiligem Vorwärtsschreiten energisch den Bergstock in das körnige Eis ... »daß ihm in dieser schauerlichen Einsamkeit wider alles Erwarten die Gesellschaft einer nicht gerade häßlichen und leidlich jungen Dame zu teil wird!« »Aber erst wollen wir sehen, ob er dies Glück überhaupt verdient!« II Es war schon beinahe dunkel, als sie die knarrende Tür der Klubhütte öffneten. Drinnen brannte Licht. Eine im Luftzug flackernde Kerze warf ihren Zitterschein über die ärmliche Umgebung. Das mächtige Strohlager, das, unten durch eine Holzdiele abgeschlossen und oben mit einem halben Dutzend zusammengerollter Pferdedecken geschmückt, wohl drei Viertel des Raumes einnahm, den grob gezimmerten Tisch und die Holzstühle, den kleinen behaglich glühenden Kanonenofen und den Schrank, in dem sich das Reserveseil, eine Laterne, der Medizinkasten und allerhand Küchengerät befand. »Schönen guten Abend!« sagte Elisabeth mit heller Stimme im Eintreten, »da kommen späte Gäste!« Eine breitschultrige, kraftvolle Gestalt erhob sich von dem Tische. »Guten Abend, mein gnädiges Fräulein ...« erwiderte der Fremde rauh, in leicht süddeutsch gefärbtem Dialekt, aber mit der Verbeugung eines Weltmannes. Dann reichte er dem alten Zum Brunnen die Hand und fuhr ihn barsch an: »Jetzt ... was is denn das wieder für ein Unsinn?« Der Alte sah ihn fragend an. »Mit der ungeübten Dame da die Krähenwand hinunterzuklettern! ... Meint Ihr, ich hab' kein Perspektiv bei mir?« Ein ganz gutes Gewissen schien der alte Christen nicht zu haben. Er nestelte an seinem Sack und brummte vor sich hin: »Die Dame geht schon guet über die Berge!« »Das hab' ich gesehen ... !« erwiderte der finstere Herr, »deswegen ist's und bleibt's doch ein Unsinn ...« Elisabeth sah ihn neugierig an. Ein Mann zwischen fünfunddreißig und vierzig, trug er das englische Montanistenkostüm, wollenen Gürtelrock, wollene Kniehosen und hohe Gletscherstrümpfe, in denen das Spiel der strotzenden Muskeln sich deutlich abzeichnete. Er mußte eine ungeheure Körperstärke besitzen. Aber schön war er wirklich nicht zu nennen. Ein energisches rauhbärtiges Gesicht, in dem etwas von finsterem Trotze lag, eine mächtige gefurchte Stirne und darunter ein Paar großer grauer Augen, die jetzt durch den goldgefaßten Zwicker durchdringend blitzten und dann wieder, als er das Glas abnahm, einen seltsam müden Ausdruck gewannen. Der alte Christen stieß sie an und reichte ihr aus dem Tornister das buntseidene Reservehemd und ein Paar Wollstrümpfe nebst dünnen Hausschuhen. Natürlich genierte sie sich, derlei in Gegenwart des fremden Herrn in Empfang zu nehmen. Aber der war schon an der Tür. »Lassen Sie sich Zeit zur Toilette, meine Gnädigste«, sagte er, »dem Christen und mir schadet die Abendluft nichts ... Nur ... um der Form zu genügen« – er machte nochmals eine kurze, unwirsche Verbeugung – »mein Name ist Doktor Freiherr von Gündlingen ...« Damit ging er mit dem Führer hinaus. Vor der Hütte lehnten sie sich im Dämmerlicht an einen Felsen, zündeten sich, der eine eine Zigarre, der andre seine Pfeife an und schauten tiefsinnig hinab in das Nebelbrauen des Gletschers. Lange sprach keiner ein Wort. Endlich sagte der Herr mißmutig mit einem Blick nach rückwärts: »Wer ist's denn?« Der alte Christen schwieg darauf längere Zeit und sog eifrig an der Stummelpfeife, die er zwischen den eingefallenen Kiefern hin und her drehte. Und als er sich endlich zu reden entschloß, sagte er nur stumpfsinnig: »Ja ... die is schon guet!« Denn mehr wußte er auch von seiner Dame nicht. Die zog sich inzwischen um. Ihr Herz klopfte, wenn sie durch den rohen, spärlich beleuchteten Raum sah. War das alles denn wirklich kein Traum? Befand sie sich wirklich zur Nachtzeit in einer Schnee- und Eiswüste des Hochgebirges, stundenweit von jeder menschlichen Wohnung entfernt? Es war kein Zweifel. Draußen auf den Schneefeldern hoch oben hörte sie das Stöhnen des Windes und vor der Tür die schweren Tritte der beiden Männer, die, um sich vor der Kälte zu schützen, langsam auf und ab gingen. Sie beeilte sich, fertig zu werden. Viel war ja auch nicht zu machen. Sie mußte lachen, wenn sie daran dachte, daß sie jetzt um diese Zeit unten in Grindelwald hätte mit Hilfe ihrer Kammerjungfer in die Table-d'hote-Toilette schlüpfen müssen. Während hier ... ja ... an der einfachen Wollbluse, dem kurzen Knierock und den darunter sich bauschenden Pantalons, den hirschledernen Gamaschen und niedrigen Schuhen war beim besten Willen nicht viel zu ändern und zu verschönern. Das Brenneisen, das sie schon an der Kerze warm gemacht hatte, ließ sie unschlüssig wieder sinken. Schließlich lohnte sich das kaum! Ein besonderer Verehrer des weiblichen Geschlechts schien ihr Hüttengenosse ja nicht zu sein. Wenigstens hatte sie alles andre als gerade Vergnügen über ihre Ankunft in seinen Zügen lesen können. Und dann wollte sie die draußen auch nicht zu lange warten lassen. Es war so still, so totenstill draußen. Wenn die beiden nun davongingen ... sie allein in dieser schrecklichen Einsamkeit zurückließen ... Eine unbestimmte Angst erfaßte sie. Sie rannte zur Tür und riß sie weit auf. »Sind Sie noch da?« rief sie mit schwankender Stimme in das Dunkel. Gleich darauf traten die Männer ein. Der alte Christen hockte am Boden nieder und begann, die mitgeführten Eßwaren und die Blechflaschen mit dem Wein auszupacken. Der Fremde aber setzte sich neben den Ofen, auf dem ein Topf mit Schneewasser summte, rauchte seine Zigarre, zu der er mit schweigender Frage ihre Genehmigung eingeholt, und sah gedankenvoll vor sich hin. Ihre herbe, blonde Schönheit schien für ihn nicht zu existieren. Kaum, daß zuweilen ein Blick flüchtig und gleichgültig über sie hinglitt. Nach einer Viertelstunde stand der Herr plötzlich auf, holte einen grauen länglichen Gegenstand aus der Tasche und zerbröckelte ihn in Krumen, die er in das brodelnde Wasser warf. Alsdann verbreitete sich der Geruch von Erbssuppe im Zimmer. Elisabeth sah sehnsüchtig auf. Sie hatte Hunger und erwog, ob sie nicht den finsteren Hochgebirgswanderer um ein bißchen von seiner Suppe bitten sollte, da trat dieser schon mit zwei gefüllten Tellern an den Tisch und schob ihr, sich setzend, den einen höflich zu. »Ist das für mich?« sagte sie kühl. Er nickte: »Das ist besser, als was Ihnen der alte Christen zusammenkocht. Und Hunger werden Sie schon haben!« Das war richtig. Sie nahm dankend von dem Brot, das er ihr reichte, und begann eifrig zu löffeln, ja, sie duldete es, daß er zum Ofen ging und ihren Teller zum zweitenmal füllte. Dann brachte der alte Christen das Poulet, das Hauptstück ihrer Marschprovision. Sie bot ihrem Tischgenossen davon an. Aber der dankte stumm und begnügte sich mit einem Stück Käse, das er aus dem Rucksack holte. Dabei warf er einen Blick auf das Glas, das sie sich eben aus der Blechkapsel mit Wein füllte. »Das taugt schon gar nichts!« sprach er, »Rotwein in den Bergen ... he ... Christen ... warum hat man euch denn im Hotel keinen ordentlichen Weißen mitgegeben ... ?« »Wir haben schon!« knurrte der Alte und zog eine zweite große Blechflasche hervor. Sie ließ sich eingießen und sah dabei ihr Gegenüber halb ärgerlich, halb belustigt an. »Sie scheinen recht an das Befehlen gewöhnt!« meinte sie spitz. Der zuckte die breiten Schultern. »... Wenn man so viel Unerfahrenheit sieht! ... aber auf meinen Gütern muckst mir keiner ... das ist schon richtig ... dafür bin ich der Herr ...« »Wo liegen denn Ihre Güter?« »Droben am Main«, sagte er kurz, und beide verstummten wieder. Während sie schweigend ihre Mahlzeit verzehrten, warf Elisabeth einen prüfenden Blick auf seine Hand. Da war kein Goldreif zu sehen. Er mußte also ledig sein. Er verstand ihren Blick falsch. »Von dem Käs bekommen Sie nichts!« sprach er und wickelte das übriggebliebene Stück in Papier, »das ist nichts für so 'nen zarten Magen. Und der Magen ist immer das erste, was im Hochgebirg rebelliert.« Der alte Christen hatte indessen abgeräumt und stand jetzt mißmutig neben seiner Herrin, um etwaige weitere Befehle in Empfang zu nehmen. Das war seine Führerpflicht. Aber sehr behaglich schien dem alten grämlichen Gesellen der Gedanke nicht zu sein, hier den Kammerdiener einer jungen Dame zu spielen. Sie sah ihn an und lachte. »Legen Sie sich nur schlafen. Ich brauche nichts mehr.« Das ließ sich Zum Brunnen nicht zweimal sagen, sondern kroch unverzüglich hinauf in das knisternde Stroh und rollte sich dort in der Ecke zu einem undefinierbaren Knäuel zusammen. Nun saßen sich die beiden allein am Tisch gegenüber. Zwischen ihnen flackerte die Kerze in dem Windhauch, der durch die Mauerritzen drang. Man hörte nichts als draußen das eintönige, jetzt nach dem Scheiden der Tageswärme mehr und mehr versiegende Plätschern der Wasser und aus der Ecke das Schnarchen des Alten. Elisabeth mußte lachen, als sie hinschaute. Er hatte sich ein feuerrotes Wolltuch um den Kopf gewickelt, das sich grell von dem Lederbraun des verschrumpften, bartlosen Gesichtes abhob. »Jetzt sieht er doch genau wie ein altes Weib aus!« sagte sie nachdenklich zu ihrem Gefährten. Der bejahte durch eine schweigende Kopfneigung die Tatsache, und wieder saßen sie stumm beisammen. Sie sah auf die Uhr. Es war erst halb acht. Das konnte ein schöner Abend werden ... Da plötzlich schaute der andre auf. »Jetzt sagen S' mir nur«, sprach er, »was haben Sie da oben zu suchen?« Sie warf mit rascher Bewegung den Kopf zurück. Es sprühte aus ihren großen blauen Augen. »Was ich hier suche?« rief sie, »die Freiheit suche ich! Ich will einmal ich selbst sein!« Er schüttelte den Kopf. »Das ist mir zu hoch!« »Also passen Sie auf!« sagte sie, sich über den Tisch vorbeugend und ihm ins Gesicht schauend, »ich will es Ihnen erklären: Diesen Winter hab' ich einmal ein Stück gesehen ... von Ibsen ... da breitet die Heldin plötzlich die Arme aus und schreit: ›Ich möchte nur einmal in meinem Leben Himmeldonnerwetter sagen dürfen!‹ Sehen Sie, das ist's! Ich will auch einmal Himmeldonnerwetter sagen ... Es gibt Stunden, wo einem das alles in den Tod zuwider wird ... dies ewige Maßhalten und alles nur halb tun und genießen, wozu wir armen wohlerzogenen Frauenzimmer verdammt sind ... Auf der Straße dürfen wir nur kleine, trippelnde Schritte machen, bei Tisch nur kleine Schlucke trinken, im Salon nur halblaut schwatzen und lachen ... alles Ganze und Große ist uns verboten. ›Das ist unweiblich‹ ... heißt es ... Herrgott ja ... und wir sind doch auch Menschen! ... ich wenigstens bin ein kerngesunder Mensch, so gut wie ein Mann! ... Warum soll ich mich denn nun so geben, als ob mir jedes rauhe Lüftchen und jedes rauhe Wort den Tod bringen würde! ... Ich will auch einmal etwas erleben! Und darum bin ich bei günstiger Gelegenheit entwischt und hier in die Berge gegangen ...« Sie hatte sich in Eifer gesprochen. Eine feine Röte bedeckte ihre Wangen, und ihre Augen glänzten. Ihr Gegenüber sah sie an, mit einem gutmütig spöttischen Lächeln. »Und was ist jetzt?« sagte er, »jetzt haben Sie doch nur den einen Wunsch: Ach, wäre die schreckliche Nacht schon vorbei und ich wieder unten in meinem Hotel!« Sie schüttelte ernst das Haupt. »Nein, wirklich nicht! ... Ich habe Großes erlebt an dem heutigen Tag. Er kommt mir wie eine Ewigkeit vor, und mir selbst ist, als wäre ich ein ganz andrer Mensch seit heute morgen. Ich habe dem Tod ins Gesicht gesehen. Ich habe aus eigener Kraft Dinge vollbracht, die ich für unmöglich gehalten hätte. Ich habe meine Angst und meine Schwachheit überwunden und dadurch ... sehen Sie ... so eine Art Selbstachtung bekommen ... gerade das Gefühl, nach dem ich suchte und das ich nie finden konnte ... das Gefühl, daß man eine Persönlichkeit ist und nicht immer von den andern bevormundet und gegängelt wird und sich zum Trost dann einmal vor den Spiegel stellen und sich sagen kann: ›Wenn ich auch sonst nichts bin – hübsch bin ich doch! ... ‹ Das mag ja den meisten genügen ... aber ich fühle so etwas Ödes in mir ... etwas Unbefriedigtes ... einen Drang, etwas Bedeutendes zu tun ... nun freilich ... groß sind ja meine alpinen Heldentaten nicht ...« Sie brach ab und starrte gedankenvoll in das Kerzenlicht. Ihr Gefährte rückte seinen Stuhl näher. »Jetzt schau mal an!« sagte er lächelnd, »das hätt' ich nicht geglaubt ... also Ihnen sagen die Berge was?« Sie machte große Augen: »Ich komme mir hier wie verzaubert vor!« »Und wenn man Sie so anschaut, dann meint man, Sie leben so recht kühl und flott in den Tag hinein ... und kümmerten sich recht wenig um das, was ...« »So leben wir ja auch!« unterbrach sie ihn, und ein herber Zug spielte um ihre Lippen; »ich glaube, wir sind recht unnütze Menschen ... Ich hab's schon immer dunkel gefühlt, und hier in der Einsamkeit erkenne ich es klar, wie wenig wir was Rechtes aus uns machen ...« Er war aufgestanden und ging mit schweren Schritten durch die Hütte. »In der Einsamkeit ...« sagte er langsam, vor ihr stehenbleibend und sah auf sie nieder, »jawohl, mein Fräulein ... die Einsamkeit ist eine gewaltige Macht. Glauben Sie das einem einsamen, ganz einsamen Menschen wie mir: die Wüste hier ... die ist wie ein Spiegel. Darin schauen wir uns selbst, und es ist, als ob Staub und Stein uns zurufen: sieh, das bist du ... Wohl dem, der sein Spiegelbild ruhig betrachten kann!« Sein Gesicht hatte sich verändert. Düsterkeit und Grimm spielten darüber hin, und ein Ausdruck mächtiger Empfindung lag in seinen großen, starr ins Weite gerichteten Augen. Sie schlug die Wimpern zu ihm auf. »Es tut mir leid, daß ich Sie gestört habe!« sprach sie scheu. »Sie stören nicht!« Er ließ seine muskulöse Gestalt auf den Stuhl neben sie gleiten und wurde wieder ganz ruhig. »Aber all die dalketen Gletscherbummler ... das müßige Pack, das sich im Gebirge umhertreibt wie die Affen auf'm Jahrmarkt ... die können einem die Berge verleiden ... da werd' ich grob wie Bohnenstroh!« »Das hab' ich gemerkt!« sagte sie hell auflachend. »Die empfinden ja nichts dabei!« fuhr er grimmig fort ... »hingegen ... wer mit offenem Aug' da hineinschaut ... Sie haben ja ganz recht mit Ihrem dunklen Drang, etwas zu sehen und zu erleben. Unsre Schuld ist's ja, daß aus den Frauenzimmern nichts Gescheites wird. Wir räumen ihnen alle Größe und alle Schrecken des Lebens aus dem Weg, wir halten sie zeitlebens wie die Kinder, wie die Puppen, statt sie emporzuziehen und ihnen eine wahre Menschenseele zu geben ... und dann wundern wir uns womöglich noch« – er zog eine Zigarre heraus und schnitt nachdenklich die Spitze ab – »daß sie sind, wie sie eben sind!« ergänzte er ruhig und warf die Spitze in die Ecke. »Aber so sind sie nicht alle!« sagte Elisabeth herbe. Er zuckte die mächtigen Schultern. »Die paar, die anders sein möchten, können's doch nicht! ... und außerdem ... wer weiß, ob's irgendeiner damit wirklich ernst ist ... ich glaub's nicht!« Er schwieg, große Rauchwolken in die Dämmerluft blasend. Und Elisabeth hatte die deutliche Empfindung, daß in dem Leben dieses finsteren Gletscherwanderers die Frauen schon eine große und keine glückliche Rolle gespielt hatten. Nach einer Weile stand er plötzlich auf, öffnete die Tür der Hütte, warf einen Blick ins Freie und winkte ihr dann leise, fast geheimnisvoll, mit hinauszukommen. Sie tat es und blieb wie geblendet stehen ... In Vollmondschein gebadet lag die Gletscherlandschaft vor ihr. Ein helles, bläulich flutendes Licht spielte über dem glitzernden Eis, dem warmen Weiß der Schneedecken. In schwarzen ungefügen Rissen zeichneten sich kreuz und quer laufend die Gletscherspalten davon ab. Ein feiner weißer Rauch schwebte darüber, und in dieser eisigen Ausdünstung des Gletschers gewannen die halb verschleierten, seltsam ragenden Zacken, die Säulen und Türme dieser Eiswelt den Anschein märchenhafter Fabelgestalten. Über der spiegelnden Fläche erhoben sich im Hintergrund die Berge. Wie große weiße Flecken schwammen die Schneefelder an dem tiefblauen Nachthimmel, und erst bei näherem Hinsehen erkannte man die sie umschließenden schwarzen Umrisse der Felswände und Geröllhalden. Bis in den Himmel hinein schienen die mattleuchtenden Gipfel zu ragen. Dicht neben und über den unregelmäßigen Schneeflocken funkelten in winterlicher Klarheit die Sterne, und stand der Vollmond am Himmel, der Beherrscher dieser reglos schweigenden, wie aus blauem Dämmerlicht gewebten Traumwelt. Die Luft war seltsam lau und weich. Sie umspielte schmeichelnd die Stirne. Und beinahe unheimlich wirkte dieser warme brünstige Hauch inmitten der starren Öde. Von oben, vom ewigen Schnee herab, klangen zuweilen seltsame Töne. Ein langgezogenes Seufzen, wenn der Wind in Felsenklüften spielte, ein jauchzendes Pfeifen, wenn er frei über das Feld dahinfuhr ... verhallende Rufe wie von Menschenstimmen ... wie das Grollen böser Tiere ... dann wurde wieder alles still ... Elisabeths Augen wurden feucht, und schwere Atemzüge hoben ihre Brust. »Ist's schön?« hörte sie neben sich die Stimme ihres Begleiters. Sie schüttelte den Kopf. »Mehr wie schön! Das ist groß! Das nimmt uns alles Kleinliche und Klägliche aus dem Herzen!« Er wandte den Kopf zu ihr. »Gerade das, was Sie da sagen, hab' ich eben gedacht!« sagte er kurz. Sie schauten sich an und wußten, daß sie sich in diesem Augenblick verstanden. Oben im Gletscher stöhnte es auf. Ein Föhnstoß kam von da herab und umfing sie, heiß und schauernd wie der Atem eines Riesen. Sie sprachen kein Wort mehr, bis sie wieder in die Hütte traten, in der der alte Christen ruhig weiter schnarchte. Während Elisabeth sich niedersetzte, zog ihr Begleiter ein Fläschchen heraus und wog es in der Hand. »Ich wollt's morgen auf dem Gipfel trinken!« sagte er, »aber ich seh' schon: das Wetter wird ganz schlecht! ... also ... damit nichts verlorengeht.« Er goß zwei Becher voll Champagner und reichte ihr einen herüber. »Trinken Sie nur! Sie verdienen's!« »Wahrhaftig?« – sie leerte fügsam den Becher – »das hätte ich nun wirklich nie geglaubt, daß Sie mich Störenfried noch mit Champagner bewirten würden ...« Er schaute ihr lächelnd zu. Lassen Sie sich's schmecken!« sagte er und schenkte ihr wieder ein, »und vergessen Sie Ihr erstes Abenteuer in den Bergen nicht.« »Und meinen Beschützer auch nicht!« Sie hob ihren Becher und trank ihm ernsthaft zu. Er nickte. »Sie können meinen Schutz schon annehmen. Ich bin ein alter Mann gegen Sie! Wie alt sind Sie? ... vierundzwanzig ... fünfundzwanzig ... so was ... sehen Sie ... da bin ich reichlich zehn, zwölf Jahre älter wie Sie, mein Fräulein ...« »Aber Junggeselle!« Sie wies auf seine Hand und schaute ihm lustig fragend ins Gesicht. Er hielt ihren Blick aus, mit ernsten trüben Augen, und schüttelte leicht den Kopf. »Ich war schon verheiratet«, sprach er. Ihr Gesicht wurde ernst. »Und sie ist gestorben? ... ach ... Sie Armer!« Er hatte sich erhoben und ging mit seinen schweren, kraftvollen Schritten quer durch das Zimmer, um das Gletscherseil zu holen. »Gestorben nicht!« sagte er gleichgültig und nestelte an dem Strickwerk; »es geht ihr soweit ganz gut auf der Welt!« Also geschieden! Jetzt begriff sie manches und schaute still zu, während er ein Ende des Gletscherseils an Balken und Wandhaken derart befestigte, daß es quer über das Strohlager hinwegging. Über das Seil hängte er dann eine der Wolldecken, so daß ein eigener kleiner, durch die beiden Hüttenwände und den Woilach gebildeter, nach vorn offener Verschlag entstand, in dem er noch ein ledernes Kopfkissen und eine Decke auf das Stroh niederlegte. »So ... da ist Ihr Kämmerchen!« sagte er gleichmütig ... »nun kriechen Sie hinein und legen Sie sich aufs Ohr. Morgen ist auch noch ein Tag. Ich lösche das Licht aus. Dann können Sie es sich ganz ruhig bequem machen.« Die Hütte ward dunkel. Eine Weile knisterte es noch im Stroh. Dann hörte man nichts mehr als das Schnarchen des Alten. »Gute Nacht!« rief eine helle Stimme aus dem Verschlage hervor. »Gute Nacht!« erwiderte er, und sie schlossen die Augen. Aber noch lange lagen die beiden schlaflos da. III Mitten in der Nacht wachte sie plötzlich auf. Ein unbestimmtes Geräusch hatte sie geweckt. Sie fuhr in die Höhe und starrte schlaftrunken in die Finsternis. Wo war sie denn eigentlich? Rings um sie undurchdringliches, beinahe mit Händen zu greifendes Dunkel, eine kalte feuchte Luft, knisterndes Stroh, eine grobe Pferdedecke ... und über dem Haupte – es mußte auf dem niedern Dache der Klubhütte sein – ein betäubendes Trommeln und Prasseln, in das sich das Knirschen der festgeschlossenen Holzläden und draußen das Stöhnen des Sturmes mengte. »Was gibt's denn?« rief sie angstvoll vor sich hin. Da merkte sie, daß auch ihr Hüttengenosse nicht schlief. »Unwetter gibt's«, antwortete seine tiefe Stimme herüber, »Hagelschlag und Wind und Regen. Das Hochgebirge ist nun einmal ungalant. Das nimmt auf die schönsten Damen keine Rücksicht!« Sie wickelte sich fester in ihren Woilach. »Eigentlich hab' ich ein bißchen Angst!« sagte sie zweifelnd. Im Dunkel neben ihr lachte es dröhnend auf. »Angst? ... Sie? ... Ja ... wovor denn?« »Das weiß ich nicht!« »Sie haben keine Angst!« entschied die Baßstimme jenseits der trennenden Decke. »Sie bilden sich das bloß ein. Und wenn Sie wieder eine Anwandlung bekommen, so denken Sie daran, daß ich bei Ihnen bin und Ihnen also gar nichts passieren kann!« Sie atmete erleichtert auf. Ja, das war richtig. Sie befand sich hier in guter Hut. Der starke, unverzagte Mann da drüben würde sie schon schützen gegen die Berge, denen er selbst so seltsam glich in seiner Ruhe und Kraft und Einsamkeit. Rasch, wie er gekommen, zog der Hagelstrich weiter. Das Erbsenschütteln auf den Dachschindeln verstummte, und statt seiner begann draußen einlullend das eintönige Rauschen des Regens ... Sie seufzte noch einmal tief auf. Dann schlief sie wieder ein. Es ist, als ob solch eine Regennacht in der Alpenwelt kein Ende nehmen will. Stunde auf Stunde verrinnt. Die Uhr zeigt auf sieben, sie zeigt auf acht, und immer noch dringt kaum ein fahler Tagesschein durch die vom Holzladen befreiten Scheiben in das dämmernde Gemach. Und zuweilen ist es, als ob auch das bißchen Schimmer wieder verlöschen und gleich der nächsten Nacht Platz machen würde. Er war längst aufgestanden, hatte seinen Anzug in Ordnung gebracht und sich eine Zigarre angezündet. Nun saß er am Tische und sah aufmerksam und unbeweglich auf eine Stelle, wo der im Laufe der Nacht etwas vom Seile herabgeglittene Woilach eine Lücke freiließ. Und hinter dieser Lücke lag ein blasser, schöner, von losem Goldhaar umrahmter Kopf. Mit geschlossenen Augen in das Stroh gebettet, hätte er einer Toten gehören können. Aber ab und zu zuckte es im Traume um ihre roten halb geöffneten Lippen, und er hörte ihre leisen ruhigen Atemzüge. Seit einer Stunde hielt er den Blick mit tiefem Interesse auf dies merkwürdige Schauspiel gerichtet. Der alte Christen in seiner Ecke war auch schon munter. Mit gekreuzten Beinen saß er, an seiner Stummelpfeife saugend, im Stroh, blinzelte ab und zu nach dem Herrn herüber und greinte dann rätselhaft vor sich hin. Da machte sie eine Bewegung und streckte den Arm aus, wie um zu erwachen. Ihr Gegenüber sprang auf, winkte dem alten Zum Brunnen, und beide verließen die Hütte. Als Elisabeth aufstand, sich die Schuhe zuschnürte und das Stroh aus den Kleidern klopfte, empfand sie ein seltsames Mißbehagen, eine Art »Katerstimmung«. Diese schmutzige, eiskalte Hütte, das zerwühlte, auch nicht ganz einwandfreie Strohlager, der beißende Tabaksqualm, der sich in Wolken an der Decke hinzog, die schmutzigen Teller und Schüsseln mit ihren Käserinden und Wurstschalen, die, mit Asche überstaubt, neben dem Ofen aufgeschichtet standen, die Stricke, die Pickel und all das sonstige Gerät in den Ecken, und nun gar da oben der Verbandkasten – ihr wurde ganz flau zumute, während sie sich vor dem erblindeten Spiegelchen notdürftig die Haare zurechtmachte. Dann öffnete sie die Tür und trat hinaus. Eine Winterlandschaft umfing sie! Alles ringsum weiß, so weit der Blick durch den dick flutenden Nebel drang. Bis zu den Hüttenwänden hin lagen die Schneereste und dazwischen in kleinen Mulden und Furchen des Gerölls die vom Wind zusammengefegten Graupenkörner des nächtlichen Hagelschlages. Auch jetzt hörte man das Pfeifen des Sturmes im Nebelgetriebe. Vereinzelte weiße Flocken senkten sich ununterbrochen, mit seinem Sprühregen untermischt, hernieder. Es war bitter kalt. Die beiden Männer, die vor der Hütte standen und über die Wetteraussichten verhandelten, hatten sich fest in ihren Mantel gewickelt. Als sie herankam, reichte ihr der greise Bergführer schweigend die Hand; ein hornartig braunes Riesengebilde, in dem ihre zarten weißen Finger rettungslos verschwanden. Sein Gefährte aber lachte laut auf. »Guten Morgen!« rief er, »heute scheint es mit der Abenteuerlust nicht mehr so weit her zu sein!« »O doch!« Sie stockte. »Nur vorher ... sagen Sie mal ... ist denn gar kein Waschwasser aufzutreiben?« »Nein!« sagte er streng, »wer sich vor einer Gletschertour wäscht, hat es sich selbst zuzuschreiben, wenn er aufgesprungene Lippen und Risse in der Haut bekommt. Und wollen Sie für den Rest Ihrer Tage mit einer roten Nasenspitze umherlaufen?« ... »Lieber tot!« sagte sie schaudernd. »Also gehen S' wieder in die Hütten!« entschied er. »Haben Sie Eau de Cologne bei sich? ... schön ... damit kann man sich vortrefflich waschen.« Das tat sie also. Dann klopften die Männer an die Scheibe und erhielten die Erlaubnis, einzutreten. Sie hatte sich, des Frostes wegen, in eine Decke gewickelt und sah, auf einem Schemel kauernd, gähnend und verschlafen zu, wie der Morgenkaffee bereitet wurde. Eigentlich war es doch ganz spaßhaft. Und der Gedanke, bald etwas Warmes in den Leib zu bekommen, erfüllte sie mit neuem Wagemut. Vor den Fenstern huschte etwas geschäftig hin und her. Ein kleines rostbraunes Wiesel, das in zierlichen Sprüngen über Gestein und Schnee flog und sich an den weggeworfenen Pouletknochen gütlich tat. »Das Viehchen haust schon zwei Jahre hier!« sagte vom Ofen her ihr finsterer Freund, »ich seh's jedesmal, wenn ich in die Hütte komm. Aber wovon's außerhalb der Saison lebt, das mag der Himmel wissen.« Der alte Christen hatte seinen Kaffee geschlürft und sah aufmerksam in das Hundewetter draußen hinaus, das nur ab und zu ein Windstoß von oben erhellte. Dann krochen wie eine Herde gescheuchter Gespenster die Nebelschwaden über den Gletscher zurück, ein, zwei eilig im Sturm treibende graue Fetzen als Nachzügler hinterher, und man konnte einen Augenblick die Berge auf der andern Seite erkennen. Endlich ging Zum Brunnen hinaus, um sich durch ein wunderliches Schnuppern in der Luft über die Chancen der Witterung zu unterrichten. Inzwischen hatte der andre einen primitiven Frühstückstisch bestellt. Sehr behaglich fühlte sie sich nicht, als sie in dem grämlichen Morgenlicht ihm gegenüber Platz nahm. Mit blassem, übernächtigem Gesicht und Strohfetzchen im Haar, mangelhaft gewaschen und zur Not frisiert, mußte sie recht wie eine Zigeunerin aussehen. Und überhaupt war es doch eine eigentümliche und beklemmende Situation, besonders nachdem sie gestern so schnell miteinander vertraut geworden waren. Auch er schien etwas mißmutig. Er schwieg und rauchte. »Sind Sie denn den ganzen Sommer so in den Bergen«, fragte sie ihn endlich, um irgendwie das Gespräch zu beginnen. Er nickte. »Sowie die Ernte herein ist; bis tief in den Herbst bin ich ein Stammgast aller Schweizer Klubhütten. In die Tiroler gehe ich nicht mehr. Das werden bald Hotels mit Kellnern, Lift und elektrischer Beleuchtung. Und ich will allein sein ...« »Und wenn Sie nicht mehr auf die Berge können ... was machen Sie die übrige Zeit im Jahr ... ?« »Oh«, sprach er und paffte die Zigarrenwolken vor sich hin, »im Winter hab' ich die Jagd ... schöne Jagd auf Hochwild und Sauen ... Und im Frühjahr und Frühsommer ... da hab' ich als Landwirt genug auf dem Felde draußen zu tun. Da wird mir die Zeit nicht lang!« Sie blickte ihn fest an. »Mir würde die Zeit doch lang werden«, sagte sie mit klarer Stimme, »wenn ich mich gar nicht um meine Mitmenschen kümmerte. Ich finde, das muß man! Nicht des Amüsements wegen ... das ist gewiß oft zweifelhaft ... aber es ist unsre Pflicht, auch andern Menschen etwas zu sein!« »Wenn die uns was sind ... .« Er füllte sich bedächtig seine Tasse mit Milchkaffee und brockte Brot hinein. »Aber da steckt's eben. Es gibt nun einmal Dinge auf der Welt ... wenn man die einmal hinter sich hat, so begreift man die Menschen nicht mehr und will mit ihnen nichts mehr zu tun haben, nicht im Guten und nicht im Bösen ...« Seine Ruhe verdroß sie ... »Und wenn nun jeder ein solcher Menschenfeind wäre«, fragte sie erregt ... »wie würde es dann wohl auf der Welt aussehen? Denken Sie einmal selbst nach, was ...« Er schüttelte den Kopf und sah ihr ins Gesicht. »Glauben Sie mir«, sagte er langsam, »den Menschenfeinden tut man unrecht. Das sind zumeist Leute, die nicht zu schlecht, sondern zu gut von der Menschheit gedacht haben, die sie zu ernst und zu tief genommen haben. Das verdient sie nicht ... Die Menschenfeindschaft kommt aus der Menschenliebe! ... oder sogar ... sie ist ein und dasselbe ... es ist Liebe, die nichts findet, was ihrer wert wäre.« Er sah gleichmütig zum Fenster hinaus in das Geriesel von Regen und Schnee und hüllte sein buschiges Haupt in eine Wolke von Zigarrenqualm. Elisabeth wußte nicht recht, was sie ihm erwidern sollte. »Ein so einsamer Mensch muß doch sehr unglücklich sein«, sagte sie leise. »Man gewöhnt sich dran!« erwiderte er kurz, »und dann ist einem wohl dabei. Und außerdem ... kein Mensch ist unglücklich, der die Natur noch hat. Die Berge da ... die bleiben mir immer treu. Die lügen und trügen nicht. Die schmeicheln nicht. Die haben meine volle Hochachtung! ...« »Das begreif' ich wohl« – sie stockte – »und daß ein Mann von den Frauen nichts mehr wissen will, das kommt ja auch vor. Aber dann hat er doch andre Männer ... ich meine, wenigstens einen guten Freund, der ...« Sie erschrak und brach ab. So unheimlich war das grimmige Leuchten, das blitzschnell über sein Gesicht fuhr und wie in wütendem Haß aus seinen Augen sprühte. Er sah furchtbar aus in diesem Moment. Aber schon nahmen seine Züge den gewohnten ruhigen Ausdruck wieder an. »Freundschaft?« sagte er, »glaubt man bei Ihnen wirklich noch an das Fabeltier!? ... Das ist ja ein Kindermärchen! Aber freilich ... es gab 'ne Zeit ... da war ich auch nicht klüger. Da hatt' ich auch einen Freund ... einen Herzensfreund ... 's ist jetzt fünf Jahre her ... Und ... seitdem sag' ich mir: Verflucht, wer auf Menschen baut! ...« Elisabeth senkte das Haupt. Jetzt konnte sie sich wohl denken, was dem Manne da vor ihr die Lebensfreude geraubt hatte. Der war inzwischen aufgestanden und ans Fenster getreten. »So geht's«, meinte er nach einer Pause, halb lachend, halb ärgerlich, »wenn ein schweigsamer Mensch wie ich, der seit Wochen kaum ein Wort gesprochen, ins Schwatzen kommt. Da erzählt man Dinge, die Sie gar nicht interessieren können und die auch gar nicht für Ihre Schönheit und Jugend passen.« »Ich hab' Ihnen gern zugehört«, sagte Elisabeth; »hier in den Bergen kommt ein Mensch dem andern nahe. Denken Sie nur, wenn wir uns unten im ›Bär‹ an der Table d'hote getroffen hätten! Was hätten wir da für unnützes Zeug über das Wetter und das Essen und Gott weiß was gesprochen ...« »Es wäre doch besser gewesen!« Er trat auf sie zu und sah, ihre Hand fassend, aus seinen grauen Augen auf sie herab ... »Vergessen Sie das alles, was ich gesagt hab' ... 's ist Unsinn! Und Ihnen wünsch' ich eines von Herzen: einen rechten ordentlichen Mann, dem Sie kein Spielzeug, sondern ein treuer Freund sind ... Dann werden Sie eines Tages über mich armen Menschenfeind lachen und recht daran tun ...« Sie zögerte einen Augenblick. Dann öffnete sie mit raschem Entschluß die Lippen, wie um ihm etwas zu gestehen. Da trat der alte Christen wieder ein. »Besser wär's schon«, knurrte er, »wenn man ginge. Das Wetter würde doch nur noch schlechter. Und wenn's zum Schneesturm käme, könnte man mit ›ihr‹ überhaupt nicht mehr die Felsen entlang.« Er schaute auf Elisabeth, und der andre nickte nachdenklich. »Wir müssen halt zusehen, wie wir sie bei dem Neuschnee über die Bänder bringen«, sagte er kurz. »Die hat schon Courage«, erwiderte der Alte und fing an, die Blechteller zu reinigen, den Boden zu fegen und die Hütte wieder in Ordnung zu bringen. Endlich war das alles geschehen, die Asche ausgeleert, das Feuer bis auf den letzten Funken sorgsam verlöscht, das Stroh aufgeschüttelt und die Namen in das Fremdenbuch eingetragen. »Haben Sie sich's Gesicht tüchtig mit Vaseline eingerieben?« fragte der Gletschermann. »Ja ... alsdann ... los!« Sie stiegen den Schutthang hinab bis zum Gletscher. Dort wurde das Seil hervorgeholt. »Kommen wir denn an gefährliche Stellen?« fragte Elisabeth, während sie die Arme hoch hob, um sich das Seil umlegen zu lassen. Aber ihr Begleiter sagte nur: »In vier Stunden sind S' unten!« und verknüpfte sorgsam den Knoten. Über den Gletscher, den sie schon von gestern kannte, ging es mühelos dahin. Dann nach rechts in ein Gewirr von Steinblöcken und Felstrümmern, die sich zwischen dem Eisstrom und der Bergwand hinzogen. Enger und enger wurde dieser Geröllstrich. Endlich hörte er ganz auf. Vor ihnen senkte sich der Bergsturz direkt zum Gletscher herab. Nur eine schmale, mit blendendem Neuschnee bekleidete Kante zog sich als ein kaum fußbreiter Sims längs des verwitterten Gesteins dahin, ab und zu in dessen senkrechten Rissen verschwindend und auf der andern Seite der Kaminwand wieder auftauchend. »Da sollen wir herüber?« fragte sie kühl. Aber ihr Herz pochte doch ein wenig. Er drehte sich zu ihr um. »Sie sind gestern über ganz andre Stellen gegangen! Wenn nicht Neuschnee wär, dann hätten wir hier die reine Chaussee. Die Felsbänder kommen bloß den Anfängern so grauslich vor ... das ist eine alte Geschichte.« Vorsichtig tappten und schoben sie sich dahin, bei jedem Schritt mit dem Fuß in dem glitschrigen, tückischen Neuschnee den festen Steinboden suchend und mit den Händen an den Griffen der überhängenden Felswand entlang tastend. Anfangs hatte sie starr vor sich auf die Fußstapfen gesehen. Jetzt wurde sie kühner und wagte einen Blick nach rechts in den Abgrund hinab. Aber sie mußte sofort stehenbleiben und den Kopf nach dem Gestein wenden, um das ihre Finger sich krampfhaft krallten. Nicht, daß sie schwindlig geworden wäre! Aber diese scheußlichen Gletscherspalten da unten in der Tiefe, die wie hungrige Bestien mit aufgerissenem Rachen auf sie warteten ... Er drehte sich um. »Wollen S' wohl gradaus schauen!« schrie er zornig, »das fehlte noch, mit dem Gletscher da unten kokettieren! ... Ich hab' keine Lust, mir wegen Ihnen 's Genick zu brechen! Und der Christen auch nicht!« Seine Grobheit gab ihr neuen Mut. Sie stand jetzt an einer Stelle, wo das Band in spitzem Winkel in einen Felskamin einsprang und auf der andern Seite wieder herausführte. Hier mußte man einen Schritt über den Abgrund tun, der fünfhundert Fuß tief unter ihr gähnte. Er war schon drüben. »Vorwärts!« schrie er, »ein ordentlicher Sprung! ...« Sie holte tief Atem und sprang hinüber. Fast ehe sie dort mit den Füßen den Boden berührte, hatte er sie schon mit einem gewaltigen Ruck nach sich gezogen, daß sie, hart an ihn gepreßt, fest dastand. Der alte Christen stieg, zerstreut um sich blickend, mit einem langen schlenkernden Storchschritt über die Kluft, wie man eine Straßenrinne überschreitet, und weiter ging's, die steilen Hänge entlang bis zu der letzten Wand. An dieser waren Eisenstifte zum Herunterklettern angebracht. Aber die glasharte, spiegelglatte Eisschicht, die heute das Metall überzog, machte die Sache mühsam. »Nur fest zugepackt!« hörte sie unter sich seine Stimme, während sie, an den Felsplatten hängend und rutschend, mit Händen und Füßen tastend und mühsam unter dem straff gespannten einschnürenden Seile Atem holend, die Höhe hinabstrebte, »in das Eisen greifen, als ob man's zerquetschen wollt' ... so ist's recht ...« Sie kam ein wenig ins Rutschen und stieß mit der Stiefelspitze in seinen Nacken. »Verzeihen Sie!« rief sie lachend. Er antwortete nicht, sondern schwang sich über einen Felsrand, der etwa zehn Fuß glatt abfiel, auf das Geröll des Gletschers. »So!« sagte er von unten und wischte sich den Schweiß von der Stirn, »das war die letzte Station. Von der kommen Sie nicht herunter, ehe Sie mir nicht Pardon gewährt haben!« »Wofür denn?« Sie saß auf dem Rande des Felsens und schaukelte ungeduldig mit den Füßen. »Dafür, daß ich Sie vorhin angeschnauzt hab'! ... aber im Gebirg ist das das beste Mittel, wenn einer zaghaft wird.« Sie lachte hell auf, warf einen flüchtigen Blick nach hinten, ob Christens Seil lang genug sei, und sprang so rasch herunter, daß er gerade noch Zeit hatte, die Arme zu öffnen und sie aufzufangen. Eine Sekunde hing sie an seiner Brust, seine Hände hielten ihren schlanken Leib umfaßt, und ihre Augen trafen sich, dicht vor seinem Antlitz leuchtend, mit den seinen in einem jähen, erschrockenen Blick. Dann ließ er sie sanft auf den Boden gleiten. »So ... jetzt ist's überstanden ...« sagte er rauh und wandte den Blick von ihr hinweg, wie sie von ihm, »jetzt noch 'ne Stunde über den Gletscher! Dann kommen wir zum Chalet, und die arme Seele hat Ruh'.« Es war eine schweigsame Wanderung. Kaum ein Wort wurde zwischen den beiden gewechselt, während sie in Nebel und Regen über das Eis dahinschritten, und mehr als einmal mußte der alte Zum Brunnen von hinten einen warnenden Zuruf ertönen lassen. So sehr schienen die beiden in die Gedanken versunken, die seltsam und jählings ihre Seele erfüllten. Auf hohen Leitern stiegen sie vom Gletscher zu dem kleinen Bergwirtshaus empor. Eine Menge Alpenstöcke lehnte in der Veranda, Stimmengewirr und Gläserklirren tönte von innen, und in der Küche sah man vor dem flackernden Herdfeuer eine Anzahl Führer, meist ältere, zu großen Expeditionen nicht mehr brauchbare Männer, sitzen. Der Lichtschein spielte über den verwetterten Gesichtern und den braun gekleideten Gestalten. Das Chalet war überfüllt. Gletscherbummler aller Nationen, bergstockbewehrte Touristen, Damen und Kinder, allerhand Leute, die hier einmal der Eisregion einen ungefährlichen Besuch hatten abstatten wollen, drängten sich durcheinander und klagten über das schlechte Wetter. Der Rückzug nach Grindelwald war abgeschnitten! Es stürzten Wassergüsse auf den Saumpfad, berichtete die Wirtin, während sie den Hochgebirgswanderern Wein und Brot vorsetzte – man könne nicht durch, bis der Regen ein paar Stunden aufgehört habe. Das waren schöne Aussichten. Mißmutig sahen die beiden in das Getümmel dieser mit Rundreisebillett und Bädeker behafteten, alpensimpelnden Menschheit um sie her. An einem Tisch ein Schwarm bebrillter, magerer Studenten, andächtig um einen jungen Engländer geschart, der, die Stummelpfeife im Mund, die Hände in den Hosentaschen, ihnen Aufschlüsse über die Besteigung der »Jungfrau« vom Trümmletental aus gibt und sich für die in gebrochenem Deutsch hingeworfenen Weisheitsbrocken durch atemlose Aufmerksamkeit belohnt sieht. Daneben eine pikante Brünette. Eine Italienerin mit ihrem Mann. Sie hat sich als » Socia d. club Alpino Italiano « im Fremdenbuch eingeschrieben und blickt verwegen drein. Aber unten in der Küche erzählen sich lachend die Führer, daß die zierliche Dame schon auf dem Saumpfad über Grindelwald schwindlig wurde. Ein paar Genfer sitzen neben der Socia und machen ihr in elegantem Französisch den Hof. Um den Mann, einen finstern, bräunlichen Herrn mit pechschwarz flackernden Augen, kümmern sie sich nicht besonders. Wird an diesem Tisch geflüstert, so brüllt und wettert es an dem nächsten. Vollbärtige, dickbäuchige Männer aus Süddeutschland sind es, in Jägerschen Normalhemden und mit grasgrünen Rucksäcken bewehrt. Ihr Orakel ist der in ihrer Mitte thronende dicke alte Herr, der vor zwanzig Jahren einmal auf dem Ortler war! Ihm kann das schon nicht imponieren, dies Getue mit den Berner Alpen, auf die schließlich jeder Schneidergeselle heutzutage steigt ... und überhaupt ... die Schweiz ... diese Hotels ... diese Engländer ... diese Preise ... Der magere Tourist aus Frankfurt sekundiert ihm. Diese zerfallenen Strohställe, die man in der Schweiz Klubhütten zu nennen beliebt! Er möchte die verehrlichen Obmänner der Sektionen nur mal an der Nase nehmen und nach Tirol führen ... Payerhütte etwa ... oder meinetwegen in das bayrische Knorrhaus. Dort könnten sie ihr blaues Wunder sehen ... an reinlichen Betten und gutem Konservengulasch und Pschorrbräu vom Faß ... Er bricht erbost ab, und niemand begreift, warum der magere Tourist aus Frankfurt nicht in der Payerhütte oder dem Knorrhaus bleibt, statt alljährlich in die Schweiz zu reisen. Ein Spaßmacher ist auch da ... ein junger, gelenkiger Mensch, in weißem Flanell und himmelblauer Leibbinde. Er reißt Witze über das Wetter, er rennt hinter der Saaltochter her, und neben seinem Stuhl lehnt eine lange, nägelbeschlagene Holzlatte, die er scherzeshalber als Bergstock benutzt. Einige sich ziellos im Zimmer herumlümmelnde junge Yankees zwischen zwölf und fünfzehn, eine bildhübsche und zwei gespenstig häßliche Engländerinnen in grünem Schleier und Wettermantel, ein deutsches Ehepaar auf der Hochzeitsreise, das, Hand in Hand dasitzend, gleichmäßig in sanftmütigem Takte gähnt, ein schnarchender robuster Urschweizer, auf seinem Stuhle hin und her schwankend wie ein Schiff im Sturm ... und dazu draußen das Rieseln des Regens, der Dunst der nassen Kleider, der Fettqualm aus der Küche ... »Lange halt ich's hier nicht aus!« sagte Elisabeth und schloß die Augen. Undeutlich klang der Wirrwarr der Gespräche an ihr Ohr. »Good weather ... good guides ...« Der junge Gentleman am Fenster blies ein Rauchring aus seiner Stummelpfeife ... »and the Gross-Schreckhorn is not eagerly difficult!« »Sie waren wohl schon häufig oben?« erkundigt sich schüchtern ein Student. »Den direkten Aufstieg zur Großglocknerscharte?« – im Kreis der dicken Männer entsteht ein wütender Wortstreit – »ja ... lesen S' denn die ›Mitteilungen‹ überhaupt nicht? ... Wenn ich's Ihnen doch sag' ... der Pallavicini hat's gemacht ... schon lang vor seinem Unglück!« »Quelle odeur!« seufzt die schöne Socia und weht mit der flachen Hand die vom Nebentisch herüberflutenden Tabakwolken auseinander. »Was ist ihm denn passiert ... diesem Herrn Pallavicini?« Der hagere Oberlehrer rückt sich die Brille zurecht. »Abgestürzt ist er ... der Markgraf!« belehrt ihn finster der Mann vom Ortler, »schon lange ...« Und aus seinem Tone klingt es heraus: »Unbegreiflich, wie jemand das nicht wissen kann!« Der Jüngling mit der Holzlatte räuspert sich: »Diese Art von Bergkraxelei ist doch einfach jemeinjefährlich ... hat jar keinen sittlichen Wert ... Überhaupt ... Wirtshäuser von innen, Berge von unten ... Kirchen ...« »Ich uollte morgen weitergehen«, sagt die hübsche Engländerin und mustert wohlgefällig ihren schlanken schnurrbärtigen Führer, den sie aus der Küche hat rufen lassen, »aber das Weg ist so schmal ... und ich bin so ... so schlecht im Kopfe!« Der Führer lacht. »Ihr Kopf schaut ganz gut aus!« meint er. Sie trennen sich mit derbem Handschlag und werden morgenen, wenn das Wetter es erlaubt, weiter zur Strahlegg pilgern. Der alte Christen schob sich ins Zimmer, suchte seine Dame und blieb dann schweigend vor ihr stehen. Das hieß: sollen wir uns hier häuslich einrichten, oder versuchen wir, trotz alledem nach Grindelwald zu kommen? Sie stand auf und langte nach dem triefend feuchten Wetterhütchen und den durchweichten Handschuhen. »Hier ist's greulich«, sagte sie entschlossen, »ich gehe!« Der Bergführer warf einen zweifelnden Blick auf den Herrn. Der erhob sich schwerfällig. »Patschnaß werden Sie!« sprach er schmunzelnd, »wie eine gebadete Katz' kommen S' nach Grindelwald und müssen ...« Sie unterbrach ihn empört. »Fangen Sie auch schon an? ... Als ob ich von Zucker wäre! ... Lächerlich!« Dabei hatte sie schon die Türklinke in der Hand und erst sein Zuruf: »Sie wollen wohl mit der Zeche durchgehen!« veranlaßte sie, wenigstens so lange zu warten, bis die Rechnung berichtigt war. »Da ist mein Anteil!« sagte sie und drückte ihm das Geld in die Hand, das er zu ihrer Beruhigung, ohne ein Wort zu verlieren, einsteckte. Die Tür fiel hinter den dreien ins Schloß und trennte sie von den Philistern. »Gott sei Dank, daß wir da heraus sind!« rief sie und schaute, die Arme ausbreitend, in das stürmische Regen- und Schneetreiben, das sie umgab, »hier ist's viel schöner!« Am Chalet begann der Saumpfad, der nach Grindelwald hinabführte. Sie blieb noch einmal stehen und schaute sehnsüchtig in die Nebelwelt hinauf, aus der sie kamen. Ihre Augen glänzten. »Freundlich waren die Berge ja nicht zu mir!« sagte sie ernst, »sie haben mich recht unwirsch empfangen, ganz wie einen wilden Eindringling. Aber es ist gut so. Die beiden Tage da oben ... die stehen ganz für sich in meinem Leben. Die vergess' ich nicht. Und ich komm wieder. Ich werbe um die Gunst der Berge, bis sie mir gnädig sind. Einmal muß ja auch dort wieder die Sonne scheinen!« Er sah sie an mit einem langen seltsamen Blick. Und lange noch, als sie stumm den geröllüberschütteten Pfad hinabstiegen, klang es in seiner Seele nach: Einmal muß ja doch wieder die Sonne scheinen ... Christen Zum Brunnen blieb plötzlich stehen und stieß ein herzliches Gelächter aus. Das war bei ihm so neu und überraschend, daß die Touristen sich ganz erschrocken nach ihm umwandten. Er zeigte stillvergnügt den Weg entlang, und jetzt merkten sie, warum niemand aus dem Chalet hatte den Rückweg antreten wollen. Durch den Regenguß hatten sich Bäche gebildet, die, den Berg hinabströmend, als rauschender Wasserfall auf dem Pfad aufschlugen und dann auf der andern Seite in schäumendem Gischt weiter zu Tale rannen. Wer den Weg fortsetzen wollte, mußte unter der riesigen Regendusche hindurch! Sonst blieb nur die Wahl, umzukehren und sich im Chalet auslachen zu lassen. »Vorwärts!« rief Elisabeth kampfesfreudig. Ihr Begleiter lachte, und auch der Alte meckerte fröhlich auf. Es machte ihm offenbar Spaß, daß sie alle nun patschnaß würden. Mit einem raschen Ruck fuhr er in den Wassersturz hinein, drehte sich einmal darin um und zog das Seil, das er in der Hand nach sich geschleift hatte, straff. »Fest am Seil halten!« schrie er der Dame zu. Die packte das Seil, schloß die Augen und stürzte sich in das Abenteuer. Brrr! Sie schrie laut auf, als plötzlich, mit einem dröhnenden Schlag auf den Kopf die Wassermassen auf sie niederkrachten und das eisige Naß im Augenblick den ganzen Leib entlang rann. Aber da war sie schon draußen und schüttelte sich. Ein Gefühl tollen Übermutes kam über sie. »Juhuu!« schrie sie, die Hand an den Mund legend, in den Nebel hinein, und aus der Ferne kam das lachende Echo. Sie fühlte sich am Arm berührt. Ihr Begleiter stand triefend neben ihr. »Rasch laufen!« rief er ihr durch das Brausen des Falles ins Ohr, »damit Sie sich nicht erkälten!« Im Laufschritt ging's jetzt den steinigen Pfad bergab. Merkwürdig, sie fühlte gar keinen Frost, und als man an ein zweites kleineres Rinnsal kam, tollte sie lachend mit gesenktem Kopf in die Flut hinein und mit einem mächtigen Sprung wieder hinaus, als ob es sich um eine angenehme Erfrischung handelte. Schien doch derselbe zarte Körper, dem im Ballsaal ein offenstehendes Fenster schwere Krankheit bringen konnte, hier in Anspannung und kräftiger Bewegung wie gefeit gegen alle Schäden. Und nun lagen endlich Grindelwalds weit über die Matte hin zerstreuten Häuschen und die um den Bahnhof gruppierte Hotelkolonie vor ihr. In der regenglänzenden Dorfgasse standen überall Gäste, Bergführer und Dienerschaft von den Hotels und warteten auf die zurückkehrenden Expeditionen, denen bei dem üblen Wetter so leicht ein Unfall in den Bergen zustoßen konnte. Am Portal des »Bär« verhandelte ein schmächtiger, peinlich elegant gekleideter Herr mit einigen Führern und dem Hotelier. Er mochte zu Anfang der Dreißig sein. Sein fein geschnittenes gutmütiges Gesicht mit dem kleinen blonden Schnurrbart trug den Ausdruck von Angst und Erregung. »Natürlich!« sagte Elisabeth stehenbleibend, und ein Schatten des Unmuts zog über ihr schönes Gesicht, »... und in tausend Ängsten, wie ich mir's dachte!« »Kennen Sie den Herrn?« fragte ihr Begleiter. Sie sah zur Seite. »Es war ja eigentlich nicht recht«, sagte sie mit gepreßter Stimme, »aber es machte mir anfangs so Spaß, wie Sie mich gleich mit ›Fräulein‹ anredeten und mich als junges Mädchen behandelten. Den Ring hatt' ich ja auch in die Tasche gesteckt, weil er mir beim Klettern so hinderlich war ... und dann später fand ich gar nicht mehr den Mut, Ihnen meine Unvernunft zu gestehen ...« Der Herr trat einige Schritte vor. »Da hört doch alles auf, Elisabeth!« rief er, und man merkte an seiner Stimme, wie viel Mühe er sich gab, sich vor den Fremden zu beherrschen. »Ich fahre, nichts Böses ahnend, auf einen Tag nach Interlaken, und das benutzest du, um ...« »Es ist mein Mann!« Elisabeth sprach das rasch und halblaut vor sich hin, ohne ihren Begleiter anzusehen. Dann reichte sie dem alten Christen und ihm hastig die Hand. »Schönsten Dank! ich muß mich jetzt eilen! ... Wir sehen uns ja heute abend bei der Table d'hote!« Sie ging mit raschen Schritten davon. Der andre sah ihr einen Augenblick nach, dann trat er durch eine Seitentür in die Küchenräume des Hotels. »Richten Sie mir Proviant für drei oder vier Tage!« ordnete er an, »ich gehe in ein paar Stunden wieder hinaus!« Zum Brunnen, der ihm gefolgt war, nahm vor Erstaunen die Pfeife aus dem Mund. »Bei dem Wetter geht der Herr aus?« »Ja.« »Wohin denn?« »Ich denk ins Lauteraargebiet!« »Und wenn das schlechte Wetter anhält?« »Dann, mein guter Christen« – der Herr klopfte ihm auf die Schulter – »wird es im Tal regnen und oben auf dem Firn schneien. Und ich werde in der Klubhütte sitzen und mir eins pfeifen!« Der alte Christen zweifelte. »'s könnt ja sein, daß sich's bis übermorgen aufhellt«, meinte er endlich gedankenvoll. »Um so besser!« Der andre wandte sich zum Kellner: »Also rasch die Provisionen und die Rechnung. Ich pack' unterdessen und zieh mich um ...« »Geht der Herr denn ganz fort?« »Ich denke!« sagte der, »fürs erste wenigstens komme ich nicht nach Grindelwald zurück.« IV »Nee ... was zu doll ist, ist zu doll ... da hört sich denn doch verschiedenes auf ... Komm ich da ganz gemütlich aus Interlaken vom Bankhaus mit 'm Geld in der Tasche ... frage: ja, zum Kuckuck ... wo steckt denn meine Frau? ... Einfach weg ... verschwunden ... Gott weiß wohin ... der Nachmittag vergeht ... Abends bekomm ich die Mitteilung: Ihre Frau kampiert irgendwo in den Gletschern in 'nem Ziegenstall oder so was Gutem! Die Nacht vergeht ... der nächste Morgen ... und dann endlich kommt ein unbekannter Mann vom Berge und liefert mir freundlicherweise meine Gattin wieder ab ... nein ... nein, liebes Kind ... ich denke ... du wirst mir zugeben, daß ich ein guter und rücksichtsvoller Ehemann bin ... aber mißbrauchen darfst du das auch nicht ... sonst ... sonst zwingst du mich eben auch, andre Saiten aufzuziehen.« Er wandte ihr den Rücken und sah zornig durch die regenblinden Scheiben hinaus in den grauen Nachmittag. Vom Bette aus, in dem sie lag und ihren Tee schlürfte, sah ihn Elisabeth mit einer Art finsterer Neugierde an. Er kam ihr so fremd vor, dieser elegante Aristokrat, der, immer mit gedämpfter Stimme und dem Bemühen, ihr nichts eigentlich Verletzendes zu sagen, sie nun schon seit zwei Stunden wie ein kleines Kind ausschalt. Und doch war das ihr Mann. Und – darin hatte er ganz recht – ein guter und rücksichtsvoller Ehemann, um den schon viele ihrer Freundinnen sie beneidet hatten. Sie lebten ja auch ganz glücklich miteinander – nicht gerade in verzehrender Zärtlichkeit, sondern als zwei gute lustige Kameraden. Ihr Schloß im Thüringischen war selten leer von Gästen, der heitere hochragende Herrensitz, um den im Winter das Knallen der Büchsen durch die kahlen Zweige scholl und im Herbst das fröhliche Kläffen und Rosseschnauben der Hasenhetze tönte. Wo sie sich im Lärm der Lawn-Tennis-Partien, im Gewühl ihrer weltbesuchten Bälle sahen, da nickten sie sich freundlich zu und wußten sich eins in dem glänzenden geräuschvollen Treiben ihrer Tage. Jahrelang waren sie auch wirklich eins gewesen. Und wenn sie ehrlich war, mußte sie sich zugestehen, daß ihr Gatte sich in keiner Weise seit dem Tag verändert hatte, da er um ihre Hand anhielt. Er war derselbe gutherzige frohlebige Kavalier geblieben, der es als eine Ehrenpflicht ansah, der Frau, die ihm ihr Dasein anvertraut, dies Dasein so angenehm wie möglich zu gestalten. Er war eben ein fertiger Mann, als er den großen Schritt in die Ehe tat. Und sie? ... Sie lächelte trübe, wenn sie an ihre achtzehn Jahre von damals dachte. Sie erschien sich in der Erinnerung wie eine Fremde. Wahrlich ... sie war seitdem anders geworden. Wohl hatte sich ihren kühlen Sinnen und ihrem herben Stolz nie eine Anfechtung genaht – aber geistig ... das fühlte sie mit wachsendem Schrecken von Jahr zu Jahr – lockerte sich immer mehr das Band, das sie an ihren Gatten hielt. Sie verlangte mehr vom Leben, Ernsteres und Tieferes, als er ihr geben konnte. Ein paarmal hatte sie versucht, sich mit ihm auszusprechen. Er verstand sie nicht, und sie entfremdeten sich noch mehr. Und ohne es zu wollen, begann sie, auf ihn herabzusehen. »Du weißt ja gar nicht, wie schön es in den Bergen ist!« sagte sie endlich, um die peinliche Pause zu brechen, mit müder Stimme. Er drehte sich gereizt um: »Schön? ... und wenn du nun heruntergefallen wärst ... zum Teufel ... ich habe doch schließlich nur eine Frau ... und unsre Edith nur eine Mutter ... du ahnst natürlich gar nicht, wie gefährlich das ist ... alle Augenblicke kommt so ein Kletterfritze kopfvor den Berg herunter, und das Unglück ist fertig.« Sie schloß die Augen. Ein herber, spöttischer Zug spielte um ihre Lippen. »Schließlich ist's deine Schuld!« sprach sie, »ich hab' dich oft genug gebeten, mich in die Berge zu begleiten ... und nur, weil du es durchaus nicht tun wolltest ...« Er hatte sich vor ihrem Bette rittlings auf einen Stuhl gesetzt und rang, wie um Fassung zu behalten, die Hände, »Ein Talent habt ihr Frauenzimmer, einem die einfachsten Dinge zu verdrehen! Also weil ich das Bergsteigen für einen Unsinn halte und dir verbiete, bin ich an allem schuld ...« »Dir verbiete!« Sie öffnete die Augen und sah ihm wieder in kaltem Befremden nach, wie er aufstehend durch das Zimmer schritt. Es kam ihr so seltsam vor, daß sie diesem Manne gehorchen sollte. Sie wußte, daß sie ihn geistig weit überragte ... Sie war stärker und hatte mehr Tatkraft und Entschlossenheit, vielleicht sogar mehr Mut als er. Und doch: »Er soll dein Herr sein!« Vielleicht ein gutmütiger, aber dafür ein verständnisloser Gebieter auf Lebenszeit. Sie seufzte schwer auf. Ein dumpfes, entsetzliches Grauen vor der Zukunft ging durch ihre Brust. Er trat wieder zu ihr: »Also sei vernünftig, Kind! Ich erlaub' dir nicht mehr, in die Berge zu gehen ... und du kannst fragen, wen du willst, er wird mir recht geben ... aber sonst soll geschehen, was du nur magst, und wir wollen von hier reisen, wohin du Lust hast.« Sie fuhr in die Höhe. »Willst du denn weg von hier?« fragte sie rasch. Er räusperte sich ärgerlich: »Du hast mich hier ein bißchen lächerlich gemacht, ma chère ... ein Ehemann, der quasi mit der Laterne seine Frau sucht und sich bei Hausknechten und Maultiertreibern nach ihrem Verbleib erkundigt ... enfin ... ich möchte nicht mit dem gewissen Lächeln empfangen werden, wenn ich mit dir zur Table d'hote komme. Das paßt mir nicht. Wir speisen heute auf dem Zimmer und reisen morgen früh ab ...« Sie schwieg. »Ich habe einen Brief von zu Hause«, sagte er nach einer Weile. »Edith ist gesund und munter. Und sonst passiert dort nach wie vor nichts!« Sie nickte stumm. Wie traurig war das alles ringsumher ... dies geschmacklose Hotelzimmer mit seinen Öldruckbildern ... dies Poltern und Trampeln, das die dünnen Holzdielen und Wände durch das ganze Haus trugen, dies Knarren der Lackstiefel, in denen ihr Gatte rastlos und ärgerlich auf und ab lief. Endlich blieb er stehen. »Wer war denn eigentlich dieser andre Mann, mit dem du da ankamst? ...« »Er hat sich mir vorgestellt«, erwiderte sie ruhig, »Freiherr von Gündlingen, ein Gutsbesitzer vom Main.« Er zog die Augenbrauen hoch und trat näher. »Ich dacht', es wäre ein Führer ... so sah er wenigstens aus!« Sie schüttelte stumm den Kopf. »Das ist ja reizend«, hub er wieder an, »wirklich reizend ... also eine Gletscherwanderung mit einem mir völlig unbekannten Herrn.« Ein kalter Ernst legte sich auf ihre Züge. »Ich bin froh, daß ich ihn getroffen habe«, sprach sie langsam, ohne ihren Mann anzublicken, »ohne ihn wäre ich da oben ganz einsam und verloren gewesen und hätte gewiß heute nicht den Weg heruntergefunden. Er hat für mich gesorgt wie ein starker besonnener Freund, und du tätest besser daran, ihm einen Besuch zu machen und ihm dafür zu danken, statt ewig hier über die Gefahren der Berge zu jammern.« Er schien unsicher. »Schließlich wird ja nichts andres übrigbleiben«, meinte er ärgerlich: »es ist die einzige Art, mich mit Anstand aus der Affäre zu ziehen ... ich will dem Kellner meine Karte geben und fragen lassen, ob ...« – er brach ab und sah erstaunt durchs Fenster. »Du ... aber da läuft der Mensch ja schon wieder fort!« rief er halblaut und erfreut. Sie folgte seinem Blick. Jawohl, sie kannte diese breitschultrige Gestalt, die da mit schweren ruhigen Schritten, die Eisaxt auf der Schulter, durch den Regen dahinging, weiter und weiter, und, ohne sich umzusehen, in dem Nebeldämmern verschwand, das heute die Bergwelt von dem Tale unten schied. Eine tiefe trostlose Traurigkeit kam über sie. Ihr war es, als schritten mit dem einsamen Wanderer dort all die Kraft und Größe wieder aus ihrem Leben, in das sie nur einmal in diesen letzten Tagen von ferne hineingeleuchtet hatten. Das alte Spiel würde wieder beginnen, und in der flachen Buntheit ihres Daseins es ihr selbst vielleicht in kurzem unbegreiflich erscheinen, daß sie sich einmal nach Ernst und Einkehr gesehnt hatte. Und doch war es vielleicht besser so! Besser, eine flüchtige Begegnung zu vergessen, in der das blinde Treiben des Geschicks zwei Menschen im selben Augenblick genähert und wieder geschieden hatte, als nutzlos daran denken ... und darüber sinnen ... Ihr Mann studierte den Fahrplan. »Um zehn Uhr vormittags geht ein Zug«, murmelte er ... »ist dir das recht?« »Mir ist alles recht!« sagte sie müde und drehte sich zur Seite. V Wolkenlos blaute heute der Himmel über dem Gletscherkessel fern im Hochgebirge. Drei Eisströme senkten sich da hinab in den Grund und mischten sich zu einem wild aufgewühlten Meer erstarrter Wogen, aus denen ein neuer mächtiger Gletscher in stundenlangen Windungen langsam hinab in die Täler der Menschen stieg. Wenn er dort unten ankam, war er ein rußiger häßlicher Geselle geworden. Halb begraben von dem Schuttabfall der Gebirge, den er auf seinem breiten Rücken geduldig dahintrug, überpudert vom Staub des Tales, der sich über seinem Eise als gefrorene Kotschicht niederschlug, wälzte er schwerfällig ein endloses, wüstes Felsgewirr vor sich her und häufte es an seinen beiden Seiten zu widerlichen Trümmerhügeln auf. Die zahmen Touristen, die ihn da unten bewunderten, in seine künstlich gehauenen Eisgrotten schlüpften und auf seinem Rande umherstiegen, die ahnten nicht, wie diese mächtige Eismasse ausgeschaut, ehe ihr die Berge all ihren Unrat auf den Weg mitgegeben hatten. Oben im Gletscherkessel konnte man das erkennen. Unberührt, in glänzendem Weiß schlängelte sich da der eine dieser Eisströme durch ein schmales Tal herab, einer riesenhaften Schlange ähnlich und gleich einem Schlangenleib mit seltsamen rötlichen Längsstreifen, dem Staub zerpulverten Gesteins gezeichnet. Der zweite machte einen friedlichen und behaglichen Eindruck, über und über in weichen Schnee gehüllt, kroch er harmlos dahin und war eben dieses Schnees wegen der gefährlichste von allen, weit gefährlicher noch als sein trutziger Nachbar, der sich in mächtigen Abstürzen, in einem Chaos zerschellender Eismassen und klaffender Schlünde jählings herabsenkte. Wo sich die Gletscher trafen, erhob sich ein Felsblock mitten aus der im Umkreis einer Stunde sich rings ausdehnenden Schnee- und Firnwelt. Die Sonne brannte auf ihm. Es war, als wolle sie den einzigen Ruheplatz in dieser Eiswüste recht behaglich für den Wanderer wärmen. Der einsame Gletschermann, der langgestreckt auf dem Stein lagerte, hatte die Schneebrille über die Hutkrempe zurückgeschoben. Mit offenem Auge sah er in die Pracht, die ihn rings umgab. Wie Gebilde einer andern Welt türmten sich, im Sonnenglanz gleißend, die zackigen Spukgestalten des ewigen Eises auf. Spiegelglatte, senkrecht aufstrebende Wände, da und dort eingestürzt und zu einem Trümmerwerk zusammengeschoben, das an die Ruinen eines alten Bergschlosses mit zerfallenen Türmen und geborstenen Mauern mahnte, nadelscharf aufschießende Obelisken, die einen noch aufrecht stehend, die andern schon an ihrer Basis von der Sonne zerfressen und, schräge geneigt, jeden Augenblick des Sturzes gewärtig, ein hochgewölbter bläulicher Triumphbogen, unter dessen triefender Rundung bequem wohl zwanzig Menschen Platz hatten, ein riesenhafter kreisrunder Schlund, gähnend wie der Krater des Vesuvs, hoch oben am Rand des Gletscherabsturzes sich scharf vom blauen Himmel abhebend eine Reihe lichtweißer schlanker Eiskegel von doppelter und dreifacher Manneshöhe, zur Seite hängend, nach rückwärts gebäumt, nach vorn wie übermütige Gespenster sich über den Abgrund beugend, in den ab und zu einer von ihnen hinabstürzte und klirrend zerschellte, und zwischen ihnen, um sie herum tausend andre Fabeldinge, wie sie der bizarre Kampf zwischen Sonne und Eis erzeugt. Heute war die Sonne Siegerin. Mit ihrem glühendsten Farbenspiel übergoß sie die in ihre Lichtfluten gebadete Hochwelt. Ein wundersames Leuchten ging von dem starren, kalten Eise aus. Die kleinen halbrunden Tümpel in den Nischen der Schneemauern strahlten in einem märchenhaften durchscheinenden Seegrün, in blendendem Weiß glitzerte der Firn bis herab zu dem großen, in ihm gebetteten Teich, in dem sich verdoppelt das tiefe Blau des Himmels widerspiegelte, und überall dazwischen lockten und gleißten in flammendem Blaugrün die Gletscherspalten. Hart am Rande ging ihre Färbung in ein beinahe durchsichtiges Violett über, ihre Tiefe aber erfüllte ein geheimnisvolles Mondscheindämmern, wie der bläuliche Widerschein einer verborgenen Wunderwelt, die da unten des Wanderers harrte. Geheimnisvolles Rauschen und Brausen tönte aus diesen Schlünden, das Strömen unterirdischer Fluten, die noch nie eines Menschen Auge sah. Überall plätscherte und gluckste das einzig Lebende in dieser Wüste, das trübe Wasser, dahin. Es rann als eilfertiges Bächlein in schmalen Eisrinnen über den Firn, es tropfte und rieselte, wohin das Auge sah, es schoß unten als mannsdicker Strahl aus finsterem Eistor ins Freie und stürzte von den Wänden als ein dunststäubender Fall herab, in dem die Sonne alle Regenbogenfarben schimmernd durcheinandertanzen ließ. Kein andrer Laut war vernehmbar. Nichts als dies endlose einförmige Sprudeln, dies unterirdische Dröhnen, dies Gurgeln der rastlos gleitenden Wasser durchdrang das feierliche Schweigen des ewigen Eises ... Hunderte von Malen schon hatte er dies Bild geschaut, und stets erfaßte es ihn mit neuer Macht. Und heute anders noch als sonst! Nur einmal war er, als er vor zwei Wenden im Regentreiben das Dorf hinter sich verschwinden sah, einen Augenblick stehengeblieben. Da, wo der Weg ins Hochgebirge aufstieg, zeichnete sich undeutlich ein einsames Denkmal im Nebel ab, ein Erinnerungszeichen an den Doktor Haller, der vor Jahren spurlos mit zwei Führern im Lauteraargebiet verschwunden war. »Quem vatem fecit natura, templo recepit!« lautete die vielsagende Inschrift, und unwillkürlich formten seine Lippen die Übersetzung. Jawohl. »Den die Natur zu ihrem Priester schuf, nahm sie in ihrem Tempel wieder auf!« ... tot, wie jenen dort, oder lebend, wie ihn. Die Natur bot ihm den Trost. Sie bot ihm die Ruhe und den Frieden der Einsamkeit. Und doch regte sich in ihm heute immer wieder ein Gedanke, der ihm bisher stets fern geblieben: »Wie schade, daß du diese ganze Herrlichkeit allein genießest«, ging es ihm durch den Kopf. »... Wie viele leben, die gleich dir sich andächtig vor diesem Wunder beugen könnten.« Und vielleicht wirkte diese hehre Offenbarung der Natur noch doppelt erhebend und gewaltig, wenn zwei Menschen gemeinsam sich in sie versenkten, wenn der eine das aussprach, was dem andern in unbestimmtem Ahnen durch die Seele ging, und ein stummer Blick das ergänzte, was trotz alledem unausgesprochen blieb. Es war doch wirklich schade, daß sie die Berge nur im Nebel und Regen geschaut! Er sah sie im Geiste jetzt neben sich kauern, aus großen, strahlend blauen Augen in die Gletscherpracht starrend, mit halbgeöffneten Lippen und verschlungenen Händen, und in seinem Ohr klang ihre helle klare Stimme. Er lachte zornig auf und schloß die Lider, um nicht vom Glanze geblendet zu werden. Menschen! ... Das fehlte noch ... Menschen hier ... in der Bergeinsamkeit ... die konnte er doch unten im Tale haben, massenhaft, wenn er wollte. Aber er wollte ja nicht! Er war geschieden von ihnen seit jenem Tage, vor nun fünf Jahren, der ihm sein Liebstes auf Erden, die Frau und den Jugendfreund, mit einem Schlage raubte. Noch jetzt, wenn er daran dachte, empfand er ein dumpfes Erstaunen. Er konnte es nicht fassen, daß solcher Verrat auf Erden möglich sei. Und doch ... er wußte es am besten ... es war wahr. Er hatte sie gehen lassen. Es schien ihm lächerlich, da noch zu morden, wo einem selbst schon alles zu Tode erstarrt ist. Und erstarrt sollte es bleiben ... jetzt ... und für immer gegen die Menschen ... und nur zum Leben erwachen, wo die Natur ruhig und gütig zu ihm sprach. Ein heftiges Prickeln wie von Sandkörnern in seinen Augen weckte ihn aus seinem Sinnen. Er wußte, was das bedeutete. Er hatte zu lange mit bloßem Auge in das blendende Blinken des Gletschers geschaut. Ein leiser Anfall von Schneeblindheit meldete sich an. Und eine Stimmung erfaßte ihn, die ihm schon einigemal in unbestimmten Zweifeln genaht war: War die Natur denn wirklich so gütig gegen ihn und seine Treue? Lohnte sie ihm seinen Menschenhaß mit dem Besten, was sie zu spenden vermochte? War sie es wert, daß er ihr bis zum Tode diente? Oft schon hatte eine innere Stimme sich dagegen erhoben und ihm zugeflüstert: Du empfängst nichts von der Natur, als was du ihr gabst! All die unverstandene Treue, die hart verschlossene Liebe, die du den Menschen vorenthältst, legst du in diese leblose Welt und nimmst sie wieder aus ihr heraus. Sie selbst hat keinen Teil daran. Sie ist grausamer, sie ist unerbittlicher und gleichgültiger gegen dein Wohl und Wehe als alle Menschen. Er sann nach. Jawohl, diese Natur war grausam. Und sah man nahe zu, so lag eine teuflische Tücke in der Art, wie sie den Menschen empfing. Sie schlägt mit Blindheit den, der sich arglos an ihrer Farbenpracht weidet; sie tränkt den Dürstenden mit der giftigen Milch des tauenden Gletschers; sie zieht die überhängende Schneewächte unter dem Fröhlichen hinweg, der hoch vom Bergkamm herab ins grüne Tal jauchzt, und läßt ihn gleichgültig unten zerschellen; sie überkleidet die Eisspalten mit trügerischem Schnee, durch den der Unvorsichtige hindurchbricht, um unten im eisigen Kerker, einen schmalen Streifen blauen Himmel hoch über sich, hilflos zu verschmachten; sie schleudert die Steine des Gebirges auf den Emporstrebenden, und weiß er ihnen zu entgehen, so macht sie im Schneewirbel seinen Leib erstarren, bis seine Finger sich nicht mehr festzukrallen vermögen, und der Sturmwind den Wehrlosen packt und johlend über die Klippen schleudert; sie überschüttet die erschöpften Wanderer auf endlosem Firn mit dem Gewimmel spielender Flocken, bis sie tiefer und tiefer im weichen Schnee versinken und die weiße Decke sich über den Röchelnden schließt. Nein, das war ein grimmer, fürchterlicher Feind. Es war ein Genuß, ihn zu bekämpfen, ihn zu bezwingen und seinem Zorn in rastlos sich erneuerndem Kampfe zu trotzen. Man konnte seine Größe bewundern, aber lieben konnte man ihn nicht. Er sprang auf, raffte seine Sachen zusammen und schob die Schneebrille über die Augen. Es wurde Dämmerung um ihn her. Unter dem rauchigen Glase und dem Drahtgeflecht, das es seitlich umspann, verblaßte das leuchtend weiße, blaue, grüne Farbenspiel zu einem düsteren Grau, wie wenn die Sonne plötzlich vom Himmel verschwunden wäre. Die ganze Umgebung gewann ein unheimlich dräuendes Aussehen. Er sah sich um. Zum erstenmal seit langem fühlte er sich fremd in dieser verblaßten gespensterfarbigen Welt, fühlte er sich einsam in der Einsamkeit. Zum erstenmal seit langem empfand er den Wunsch, ein menschliches Wesen neben sich zu haben, eine menschliche Stimme zu hören und zu wissen, daß außer ihm noch etwas in der Eisöde lebte. Langsam ... vorsichtig begann er den Marsch durch die Welt von Gefahren, die den einzelnen, nicht angeseilten Gletscherwanderer bedrohen. Er war geübt. Schon aus der Ferne unterschied sein Blick die Stellen, wo die Hochwelt ihre Menschenfalle, die schneeüberkleideten Gletscherspalten, gerüstet hatte. Unmerkliche geschlängelte Linien, auf denen der Schnee in besonders harmlosem Weiß schimmerte, wiesen die Stätte der Gefahr. Stieß man da, vorsichtig sich am Rande haltend, die Eisaxt ein paarmal in den Boden, so stürzte der plötzlich ein, die Schneebrocken kollerten in die Tiefe, und ein scheußliches, unergründliches Loch gähnte zum Tageslicht. Auch beim Stufenhauen mußte er jedes Zucken des Körpers beherrschen. Auch da klafften hart neben den Eishängen, an denen hin er seinem Fuße Bahn schuf, die Schründe und wassergefüllten Eislöcher. Wehe, wenn er ausglitt! Aus diesen grünlich spiegelnden Kesseln mit den hohen glatten Rändern gab es keine Rettung. Im Augenblick erstarrte man in der eisigen Flut und sank hinab, tiefer und immer tiefer und erreichte selbst als Leiche nicht den Boden des Schlunds. Und Vorsicht, wo man an den Abhängen des Gletschers, unter kühn ragenden Eisklippen und massigen Schneemauern dahinsteigt! Die Erschütterung des nägelbewehrten Schuhs genügt, die Kolosse ins Wanken zu bringen. Ein Krachen und Poltern stürzender Massen, und für immer verschwindet der schwache Menschenleib unter den Trümmern, die in der nächsten Nacht zu neuen, abenteuerlichen Fratzen zusammenfrieren. Selbst im Geröll der Moräne lauert noch das Verderben. Im achtlosen Schreiten gleitet der Fuß aus, der Knöchel bricht, und ein Unfall, der sonst sich auf dem Krankenlager ohne Gefahren gibt, kann hier, in den ödesten Stellen des Gebirges, dem Hilflosen, sich mühsam ein paar hundert Schritte Fortschleppenden den Hungertod bringen. Vorsicht! ... Vorsicht! ... Sie war ihm, wie jedem gereiften Gletschermann, zur zweiten Natur geworden. Langsam und zäh wand er sich durch die zerrissene Wildnis, hier in einem Sérac, einem Eisschrund, auf kurze Zeit verschwindend, dort auf dem schmalen Kamme einer Schneemauer schreitend, auf Stufen auf und nieder kletternd, über glatte Flächen rutschend und mit jähem Schritt, nach genauer Prüfung, die Risse überspringend, bis er endlich wieder auf festem Felsen stand und die verblaßte Brille in die Tasche schob. Dann schritt er, nach einem Blick auf die Karte, rüstig aus. Er hatte heute noch einen starken Marsch vor sich und ebenso die folgenden Tage, auf der wilden, einsamen, nur über vergletscherte Hochpässe führenden Route – einen rechten high level-road im Jargon des Alpenklubs –, die ihn aus dem Berner Oberland ins Wallis, zu den Riesen der Südschweiz führte. VI »... Da kann man sich vorstellen, wie's zur Zeit der seligen Postkutsche bei uns ausgeschaut hat ... damals, als man noch zwischen Berlin und Danzig 'ne geschlagene Woche auf der Landstraße lag ... sieh doch mal hinunter, Elisabeth ... 's ist wirklich ganz hübsch ...« Sie schlug langsam die Augen auf, während die Worte ihres Mannes nur halb verstanden an ihr Ohr klangen. Das stundenlange Rütteln des Mietwagens, die Sonnenglut und die Staubwolken, die unablässig auf der Fahrt durch das Haslital rechts und links den Blick verschleiert hielten – das alles hatte sie in einen Halbschlaf versetzt, in eine müde Träumerei, aus der sie jetzt erst erwachte. Ihr Gesicht belebte sich. In der Tat ... das war ein interessanter Anblick: diese ungeheuren, rückwärts durch die blendenden, jäh abfallenden Massen des Rhonegletschers abgeschlossene und von vielverzweigten Strömen durchrieselte Steinmulde, die kahlen baum- und strauchlosen Höhen ringsum, von denen die drei Heerstraßen sich in endlosen Windungen zur Gletsch herabsenkten, das fröhliche Treiben auf diesen sicher an den Grenzen des ewigen Schnees vorbeiführenden Chausseen, die langen Züge der vier- und fünfspännigen Postwagen, die unter Peitschenknall, eine lange Staubfahne hinter sich her ziehend, in schlankem Trab die gefährlichsten Kurven passierten. – Und unten im Tal, in seltsamem Gegensatz zu der öden Gebirgswelt, das große moderne Hotel mit den endlosen sich anschließenden Stallungen, dem Gewirr der davor aufgefahrenen Wagen und dem Getümmel der zwischen Deichselstangen und Rädern mit ihren Pferden hantierenden Knechte und der durcheinanderhastenden Passagiere ... Der Kutscher ließ die Gäule laufen. Sie fuhren am Hotel vor und erhielten nach kurzer Verhandlung, der die am Portal herumlungernden Angehörigen aller Nationen in gähnender Teilnahme folgten, ihr telegraphisch vorausbestelltes Zimmer angewiesen. Es lag zur ebenen Erde. Während Elisabeth mechanisch ihre Abendtoilette zur Table d'hote vollendete, hörte sie dicht unter den Fenstern die Stimme ihres Gatten, der da draußen, auf und ab promenierend, seine Zigarette rauchte. Er mußte Bekannte getroffen haben! Mehrere Stimmen klangen aufgeregt durcheinander, helles Mädchengelächter, das Lispeln einer älteren Dame und der Bierbaß eines bejahrten Herrn. Diese tiefe, fettige Stimme mußte sie doch kennen! Sie blickte vorsichtig von der Seite durch die Scheiben. Richtig ... da stand ihr Verwandter und Gutsnachbar Herr von Endemer, von seiner zierlichen, mädchenhaft schlanken Frau und zwei halbwüchsigen Töchtern umgeben. Ein hünenhafter wohlbeleibter Greis, mit blaurotem, ewig schmunzelndem Gesicht, lustig blinkenden Augen und spärlichen Schnurrbarthaaren, die wie Katerborsten von den Lippen starrten, beantwortete er in geräuschvoller Fröhlichkeit die Fragen ihres Gatten. Wo Endemers herkamen? Aus Zermatt: Tatsächlich brillante Gegend ... zwar überfüllt, aber interessante Gesellschaft ... bessere Stände ... Bergkletterer aus allen Ecken der Welt ... viel angenehme Engländer ... andre Sorten als die Cookschen Reiselümmel da unten im Schweizer Seegebiet, dabei Gegend prachtvoll ... würzige Luft ... treffliche Hotels ... »ich kann dir nur raten ...« schloß Herr von Endemer seinen Bericht, »geh auch hin ... wird dich nicht gereuen! ...« Sie sah, wie ihr Gatte die Achseln zuckte. »Ich weiß nicht recht, wo ich meine Frau hinbringen soll«, sagte er und trat mit dem weitläufigen Onkel etwas zur Seite, »die Reise schlägt ihr gar nicht gut an. Ist es nun, weil wir Edith nicht mit haben ... aber wie können wir denn das Kindchen hier mitschleppen, und es ist ja auch vorzüglich aufgehoben ... oder was sonst ... jedenfalls ist sie schon die ganze letzte Zeit melancholisch und schweigsam ... weißt du ... die Stimmung, wo einen die Frauen den ganzen Tag mit einem seelenvollen Märtyrerblick anschauen, ohne daß man weiß, warum, bis man sich schließlich selber ganz dumm vorkommt ... dabei hat sie ganz abnorme Ideen ... will fortwährend ins Hochgebirge zurück, seit sie neulich gegen meinen Willen ...« »Aber das paßt ja vortrefflich!« schrie der joviale alte Herr, »in Zermatt hat sie ja die Auswahl ... da ist ein Berg höher wie der andre.« »Du hast mich nicht ausreden lassen!« Sein Ton klang etwas gereizt. »Ich sage ... gegen meinen Willen ... ich habe es ihr direkt verboten, und darüber kann sie sich nicht beruhigen.« Herr von Endemer schüttelte wehmütig lächelnd das graue Haupt. »Kennste denn die Weiber noch nicht?« sagte er traurig, »denen muß man nie etwas verbieten! Dann heißt's bei ihnen: ›Nu gerade‹, wie bei den kleinen Kindern ... unvernünftig wie sie nu mal sind, waren und sein werden. Nein, mein Junge ... man muß immer so tun, als ob man auf alle ihre Lappalien einginge ... so tun ... verstehst du. Sowie sie dann glauben, daß sie ihren Willen glücklich durchgesetzt haben, beruhigen sie sich und lassen sich ein X für ein U machen. Bring du deine Frau ruhig nach Zermatt und steig mit ihr jeden Tag aufs Mettelhorn oder sonst einen ungefährlichen, nicht ganz ausgewachsenen Berg ... aber immer ordentlich über Geröll und steil bergan ... dann wirste sehen ... nach drei Tagen hat sie genug und bittet dich selbst, sie zu Hause zu lassen!« »Aber es ist gefährlich!« »Da sieh mal meine Marjellen an.« – Der dicke Herr deutete auf seine beiden Töchter, die, verzweifelt das Lachen verbeißend, mit tiefem Interesse zusahen, wie eine unförmlich dicke, prustende Französin vermittelst einer Leiter von zwei kräftigen Männern auf das Bankett des Postwagens hinaufgehißt wurde, »die beiden Backfische da sind auf den Bergen 'rumgeklettert wie die Wiesel, natürlich mit einem guten Führer, und Vetter Edmund war auch dabei ... durch den Schnee sind sie gestapft ... und Edelweiß haben sie gepflückt ... in ganzen Büschen ... und es ist ihnen nichts passiert. Wo's ängstlich war, da durften sie natürlich nicht hin!« Elisabeth trat rasch vom Fenster. Eine Wolke des Unmuts glitt über ihre schönen Züge. Es ärgerte sie, daß sie das Geschwätz mit anhören mußte, und sie eilte sich, mit ihrer Toilette fertig zu werden; aber während sie durch das Zimmer ging, hörte sie wieder die Stimme ihres Gatten. »Eigentlich hast du recht!« sagte er in lachendem Tone, »das ließe sich hören.« »Versuch's nur«, sprach der fette Baß dagegen. »Ich will's versuchen! Und wenn Zermatt wirklich so hübsch ist ...« Sie verließ das Zimmer und ging hinunter, die Gesellschaft zu begrüßen. Vor der Table d'hote schlenderte man zusammen noch das Viertelstündchen hin bis zu dem Rhonegletscher, der, ein verirrter Riese, ganz einsam in dem sonst schnee- und eisfreien Felsenkessel schimmerte. Es kam ihr wie ein Löwe im Käfig vor, dieses mächtig getürmte, rings von kahlen Felswänden eingeschlossene Eisgebirge. Vor ihm die müßige, zähnestochernde, im Bädeker betende Menschheit, schreiende Kinder, Photographiebuden, ein kleines Hotel, auf Steinwurfweite an den Gletscher hingebaut, vor ihm alte Damen mit Opernguckern und schmutzige, mit Bergkristall hausierende Jungen, weidende Kühe, Jodeln und Peitschenknall von der Chaussee ... sie wandte sich ab, ihr ekelte vor dieser Profanierung der Wunder der Hochwelt. Aber sie würde diese Wunder ja wiedersehen! Sie konnte ja nun ziemlich sicher sein, daß ihr Mann ihr noch heute den Vorschlag machte, dem Tal der Rhone entlang, die hier als trüber Gletscherstrom entsprang, gegen Zermatt hinzufahren, und ihr Herz pochte bei diesem Gedanken. Ein heißes banges Verlangen, wie sie es noch nie in ihrem Leben empfunden, trieb sie den Toren der Alpenwelt entgegen, und schon die Erinnerung an die paar Tage, die sie dort verbracht, genügte, sie in eine unerklärliche Stimmung sehnsüchtiger Traurigkeit zu versetzen ... Die Sonne war im Scheiden. Ein kühler Wind strich von den hochgelegenen Pässen und vom Gletscher herab. Man wandte sich zum Gehen. Von überallher pilgerten schwarze Punkte über die Geröllhalde dem hochragenden Hotel zu, in dem die Futterstunde näher und näher rückte. Endlich war auch die Table d'hote überstanden. Auf dem kahlen, halbdunklen Korridor drängten sich die Gäste, die da, langsam auf und ab schlendernd, den langen herbstlichen Abend totzuschlagen suchten. Draußen war es empfindlich kalt. Nur wenige wagten sich, den Mantel zuknöpfend, in die herbe Nachtluft hinaus. Andre suchten die Bierstube auf, in der das Münchener Bräu vom Fasse rann und durch die Tabakswolken das Klappern der Billardbälle tönte. Das Gros der Gesellschaft aber sammelte sich im Vestibül. Hier loderte ein Kaminfeuer traulich durch die Dämmerung, und um sein mehr das Auge erquickendes als wärmendes Geflacker rekelte und dehnte sich Old England auf den Sesseln im Halbkreis. Der ganze Raum war gesteckt voll Menschen. Im unsteten Feuerschein tauchten die Köpfe und Gestalten der Briten aus dem Dunkel auf und sanken wieder darin nieder. Davor ging eine Anzahl katholischer Priester auf und ab. Man hörte das sanfte, unablässige Rauschen ihrer Frauenröcke, dazwischen das leise Säbelklirren eines von Andermatt kommenden Schweizer Milizoffiziers, der, auf seinen Wagen wartend, müßig zwischen den Kofferhügeln im Vorplatz umherstrich. Elisabeth ließ müde die Zeitung sinken und griff nach einer andern. Um das Lesen war es ihr nicht zu tun, aber sie wollte dem Gespräch entgehen, das daneben ihr Mann mit dem alten Endemer, dessen Familie sich bereits zurückgezogen, führte. Antrag Kanitz ... Doppelwährung ... Identitätsnachweis ... sie begriff gar nicht, wie man hier in dieser fremden großen Welt von all den Dingen sprechen konnte, die ihr schon daheim, an den langen Winterabenden Thüringens, ein Greuel geworden waren. Und doch redeten die beiden schon eine Stunde über die fehlerhaften Maßnahmen der Reichsregierung und erhitzten sich immer mehr. Und sprachen die andern Menschen herum denn etwas Besseres? Bei den Engländern am Kamin wurde geflirtet, was das Zeug hielt, daß die Misses lachend den Kopf zurückwarfen und ihren sich von hinten über ihren Stuhl beugenden Verehrern die tadellosen Gebisse zeigten, ein paar alte Yankees mit ausrasierter Oberlippe und fächerförmigem Vollbart rechneten stirnrunzelnd in ihren Notizbüchern, ein dicker, stark plattdeutsch sprechender Herr verbreitete sich ausführlich über die Grundsätze, nach welchen die Familie Seiler Küche und Keller ihres Hotels leite, eine merklich geschminkte Französin sandte glänzende Blicke nach allen einzeln vorüberschreitenden Gentlemen, ein alter vornehmer Russe fragte, von einem Stab von Kellnern und Hausdienern umringt, zum zwanzigstenmal nach seinen immer noch nicht eingetroffenen Koffern ... sie kam sich so fremd vor, so einsam unter diesem Touristenschwarm, der sich, der Mode, nicht dem eigenen Gefühle folgend, hier zusammengefunden hatte. Unter den zahlreichen Kurlisten und Fremdenblättern, die vor ihr lagen, hatte sie sich halb instinktiv den Anzeiger von Zermatt ausgesucht und überflog zerstreut die Liste der Angekommenen. Ihr Auge blieb an einem Namen hängen, und plötzlich fühlte sie etwas wie einen heftigen Schlag und merkte, daß ihr Herz blitzschnell zu hämmern begann. Das Papier zitterte in ihrer Hand. Zum drittenmal las sie, im Geiste jede Silbe buchstabierend, die Tatsache, daß unter vielen andern Fremden auch der Baron von Gündlingen mit Bedienung im Hotel Mont-Cervin zu Zermatt abgestiegen war. Sie starrte vor sich hin, und ein Schrecken überrieselte sie langsam und lähmend. Ein betäubender Schrecken vor sich selbst! In diesem Augenblick erst hatte sie an der Wirkung, die die paar Worte in der Fremdenliste da auf sie übten, erkannt, wie es um sie stand und was der Mann ihr war, den sie aus allen Kräften zu vergessen suchte und zu vergessen hoffte. Und was im tiefsten Grunde ihres Herzens die träumende Sehnsucht nach den Bergen bedeutete ... Sie atmete schwer. Da war die Versuchung, von der ihr wohl manchmal eine Freundin in der Dämmerstunde weinend gebeichtet und von der sie selbst noch nie etwas empfunden. Jetzt drohte jäh und herzbeklemmend die Gefahr und raubte ihr Ruhe und Überlegung. Die Versuchung meiden! ... natürlich ... das war das beste. Sie würde ihren Mann bitten, sie an den Genfer See zu führen oder ins Engadin. Er würde es tun und den Grund ihrer Bitte nicht ahnen. Aber etwas regte sich in ihr dagegen, etwas wie ein Gefühl herben Stolzes. War es nicht feige, erniedrigte es nicht ihre Selbstachtung, wenn sie vor der Gefahr floh, statt ihr die Stirne zu bieten und zu siegen? Und das wußte sie vor allem aus manchem, was sie gesehen und erlebt: Nicht immer tötet, wie die landläufige Weisheit sagt, die Entfernung die Liebe. Oft facht sie sie nur noch mehr an. Sie schafft im träumenden Sinnen ein Idealbild des geliebten Wesens, sie trägt geschäftig immer neue Züge des Schönen und Edlen herbei, und oft mochte es sich ereignen, was sie einmal bei Verwandten erlebt: daß zwei Menschen, die durch Feuer und Wasser den Weg zueinander gefunden, sich dann in kurzem fremd und enttäuscht gegenüberstanden und wieder schieden. War es da nicht besser, einen Menschen, der nun einmal in flüchtiger Begegnung einen so tiefen Eindruck auf einen andern gemacht, in all seinen Fehlern und Schwächen aus der Nähe zu sehen und ernst zu prüfen? Wenige Tage vielleicht nur, und die Enttäuschung war da! Und mit ihr die Ruhe und der Sieg. Und sie konnte selbst über die verblaßte Wundergestalt lächeln, die ihre erregten, zitternden Nerven in den Schrecken des Hochgebirges, in ungewohnten Entbehrungen und Anstrengungen, in der Todesgefahr sich geschaffen hatten. Ihr Gatte berührte ihren Arm. »Hör' mal, Elisabeth!« sagte er, »Endemer erzählte mir da vorhin wahre Wunderdinge von Zermatt und seinen Bergen! Damit du siehst, daß ich kein Unmensch bin ... wenn du willst, führe ich dich morgen hin! Und wir kraxeln da meinetwegen ein bißchen umher!« Er ergriff gutmütig lachend ihre Hand. Sie schauderte leise zusammen. Ihr war, als habe sie ihn schon verraten. »Ich danke dir!« sagte sie leise. Ein kalter Glanz kam aus ihren Augen, und um ihre Lippen legte sich ein harter, kampfbereiter Zug. VII Zermatt hat einen König. Hochragend thront über ihm ein Gebieter, um den sich alles in diesem engen Hochtal dreht, zu dem die Fremden mit Staunen und Grauen, die Einheimischen mit Dank emporblicken. Denn ihm schulden sie es in erster Linie, daß aus dem weltenfernen Gebirgsdorf die menschenwimmelnde Touristenstation mit ihren vierstöckigen Hotels und ihrer Zahnradbahn, das gelobte Land der Alpensteiger geworden ist. Der König ist das Matterhorn. Wie sich der ungeheuerliche Felszacken 14 000 Fuß hoch in die Lüfte bäumt, als wolle er mit seiner nadelscharfen Spitze das Himmelsgewölbe durchstoßen, bietet er ein Bild fürchterlicher Wildheit und Größe, dem sich keiner entziehen kann, der in seinem Schatten unten im Tale wohnt. Das Matterhorn beschäftigt einen jeden da unten. Alle Welt spricht von ihm, tagaus tagein, solange der Fremdenstrom im Sommer flutet und ebbt. Leute, die nie auf einem Hochgipfel waren, wissen mit den Verhältnissen des Riesen genauesten Bescheid. Als wäre es gestern gewesen, erzählt man sich allstündlich die Einzelheiten der ersten Besteigung am 13. Juli 1865. Man weiß es noch genau, daß der junge Hadow zuerst, zwanzig Schritt unterhalb des Gipfels auf dem Rückweg ausglitt, daß Reverend Hudson und Lord Francis Douglas ihm folgten und selbst Michel Croz, der unerreichte Gebirgsführer, sie nicht mehr zu halten vermochte auf dem Sturze siebentausend Fuß hinab auf den Gletscher. Und doch hatte der erzürnte Koloß nicht alle seine Bezwinger abzuschütteln vermocht. Oben an dem geborstenen Seile standen noch Whymper und die beiden Führer aufrecht da und stiegen bleich und verstört hinab in das Tal. Wenige Tage darauf erklomm zum zweitenmal ein Trupp kühner Bergführer die Spitze, und als er wohlbehalten die heimischen Matten wiedersah, da war der Bann gebrochen, und Jahr für Jahr muß seitdem der für unüberwindlich gehaltene Berg den Fuß des Menschen auf seinem Nacken spüren. Aber ein Ereignis bleibt die Matterhornersteigung immer noch für Zermatt, wenn sie auch in günstigen Sommern fünfzigmal und öfter stattfindet. Das sah Elisabeth, als sie mit ihrem Gatten auf die Veranda des Hotels Mont-Cervin trat. Dichte Gruppen standen da auf der Straße, Touristen aller Nationen, hübsche Engländerinnen mit offenem Mund, krebsrot verbrannte Gletschermänner, Maultiertreiber, eine merkwürdige Menge alter fetter Damen, die seit Eröffnung der unvermeidlichen Zahnradbahn den Weg hierherauf gefunden, und etwas abseits in ganzen Schwärmen die schlicht gekleideten verwetterten Bergführer von Zermatt, die zu den Besten ihrer Gilde gehören. Und alles schaute zu dem Riesen hinauf, der über ihnen im Abendschein strahlte. Ein warmer rötlicher Ton verklärte die Schroffenwände, wie Silber blinkten die schmalen Schneerinnen in den Furchen des jäh abschießenden Gesteins, und glitzerte, schon hart an der Spitze, ein steiles weißes Firndach. Der Gipfel selbst flammte noch in flüssigem Gold, während unten schon die Nacht sich um den Fuß des Berges spann. Feine weiße Wolkenflocken, die im Glanz der scheidenden Sonne durchsichtig schimmerten, klebten da und dort an den Felsenzacken und zogen sich in der halben Höhe des Horns zu einem dünnen, den Kamm verhüllenden Schleier zusammen. »Das ist ja gerade das Unglück!« sagte der alte Franzose neben Elisabeth, der ihr verbindlich sein Opernglas angeboten hatte, »bis zu dem Wolkenstreifen erkannten wir sie beim Abstieg ganz deutlich ... aber darunter kamen sie nicht wieder vor ... es sah es wenigstens niemand ... Sie können sich die Besorgnis denken!« Aufgeregt an dem Glase drehend, raffte sie ihr bestes Französisch zusammen und bat den höflichen alten Herrn um weitere Aufklärung. »Aber mit Vergnügen! Also zum erstenmal in dieser Saison hatte heute eine Dame, eine österreichische Aristokratin, sich auf das Matterhorn gewagt – Sie sehen doch den Weg, Madame: immer den entsetzlich steilen Kamm hinauf bis zu dem Felsenabsatz, den man die ›Schulter‹ nennt. Dann weiter an Seilen und Klammern zur ›Nase‹ und über den Schnee zur letzten Kletterei auf den Gipfel. Dort waren die drei – die Dame und ihre zwei Führer – Punkt zwölf mittags mit dem Fernrohr gesehen worden, winzige schwarze Gestalten, die, weit vornübergeneigt, um den Windstößen standzuhalten, auf der schwindelnden Höhe standen. Sehr bald hatten sie dann den Rückweg angetreten und nun ...« Ein eleganter junger Mann kam im Laufschritt die Straße herauf. »Sie is ja schon zaruck!« rief er von weitem ein paar gletschergebräunten Freunden zu, »eben haben s' vom Schwarzsee telephoniert! ...« Und das hatte man nicht gesehen! Große Aufregung! Der Abenddunst an den Bergen sei daran schuld, entschieden die Führergruppen in ihrem wie unverständliches Schwäbeln klingenden Patois, einer seltsamen deutschen, mit keltischen und italienischen Brocken verzierten Mundart. »Sie is vom Hotel Schwarzsee gleich weiter!« fuhr der Elegant fort, »in a Stunden is sie hier ...« So schlenderte man denn durch das Dorf, um an dessen anderm Ende oder sonstwo Posten zu fassen und das große Ereignis zu erwarten, während die Mehrzahl der dicken alten Damen sich wieder in ihre Zimmer zurückzog. Das war auch gut so. Sie hätten nur das eigenartige Leben dieser Hochgebirgsstation verwischt, das jetzt gegen die Dämmerstunde hin das Dorf erfüllte und Elisabeth mit ihren ganzen Sinnen gefangennahm. Von allen Seiten, aus dem Geröll des Gornergletschers, dem Findelntal und der schäumenden Schlucht des Triftbaches, vor allem aber vom Riffelhaus herunter, kamen die Bergsteiger zurück, die Eisaxt in der Hand, die Schneebrille auf dem edelweißgeschmückten Wetterhut, von einem oder zwei Führern begleitet, in raschem, schwerem Tritt. Dazwischen die Spaziergänger, die im Tal und auf den umliegenden Hügeln Erholung gesucht, auf die Bergstöcke oder die unnützen Gemsenhörnchen gestützt, ganze Züge von Maultieren, in deren Sattel weibliche Wesen, zuweilen sogar kräftige Männer schwankten, die Treiber hinterher, wieder neue Maultiere, mit Koffern und Kisten für die hoch über Zermatt liegenden Riffelhotels beladen, das Glockenspiel der von der Weide trottenden Kühe und Ziegen, die Zurufe der verstümmelten Bettler am Wege, das rauhe Geschwätz der umherlungernden Führer, das Schrillen der Hotelglocken – das alles klang wirr ineinander und drängte sich in der engen, schmutzigen, von bunten Kaufläden umrahmten Dorfgasse. Und da erschien die Matterhornersteigerin wirklich. Schön war sie nicht. Schmächtig gewachsen, mit kurz geschnittenem Haar und kecken, etwas groben Zügen, sah sie wie ein verkleideter Junge aus, wie sie da mit langen Schritten in der Mitte ihrer Führer daherkam und, obschon sichtlich erschöpft, die in unförmlichen Bergschuhen steckenden Füße so energisch aufsetzte, daß die Eisenkettchen der Schneegamaschen leise auf dem Boden klirrten. Man begrüßte sie von allen Seiten. Vor dem Hotel Monte-Rosa erhoben sich die vornehmen Mitglieder des Londoner »Alpine-Club«, die da gähnend auf das Diner warteten, und der junge Elegant von vorhin überreichte ihr feierlich ein Bukett. Sie nahm es mit Kopfnicken in Empfang. »Dös war a Hetz!« rief sie lachend im Weiterpilgern einem breitschultrigen Herrn zu, »aber recht hatten S' schon! Der Schnee is heuer bös da heroben!« Der Herr hatte schweigend gegrüßt. Jetzt wandte er sich um und sah Elisabeth ins Auge ... erst gleichgültig ... dann mit einem betroffenen ungläubigen Ausdruck, als wolle er seinen Sinnen nicht trauen. Sie wunderte sich, daß sie selbst ganz ruhig blieb. Aber sie hatte sich im Laufe dieser Tage so oft die Begegnung ausgemalt, so oft überdacht, was sie dann tun und sprechen würde, daß ihr jetzt weder Wort nach Haltung versagte. »Also wirklich!« – sie trat rasch auf ihn zu und bot ihm freundschaftlich die Hand – »wirklich sind Sie hier! Wir hatten Sie nämlich in der Fremdenliste gelesen ... aber ob Sie noch da seien, das wußten wir natürlich nicht!« Er hielt ihre Hand fest und schaute prüfend in ihr Gesicht. »Ja ... und wie kommen Sie denn hierher?« fragte er kurz. Sie lachte auf. »Ich ... mit meinem Mann ... versteht sich ... aber erlauben Sie, daß ich Sie bekannt mache ... mein Mann ... Herr Baron Gündlingen ... mein Lebensretter, wenn ich so sagen darf ...« »Freut mich ungemein« – ihr Gatte war höflich wie immer – »zu meinem Bedauern verließen Sie Grindelwald so rasch, daß ich gar nicht dazu kam, meinen Dank ...« Der andre wehrte ab: »Von Dank ist da keine Red'! ... Ich war zufällig dabei, sonst hätt's der alte Christen auch allein getan. Der hat noch keinen fallen lassen ...« Eine Pause entstand. Sie gingen langsam durch die Dorfgasse zurück. »Wissen Sie, daß wir auch hier Touren machen werden?« hub Elisabeth an, »mein Mann hat endlich Geschmack daran gefunden. Morgen fangen wir an.« Er nickte und sah prüfend zum Himmel auf. »Wenn 's Wetter hält«, sprach er, »hier unten weht der Wind ja freilich vom Sankt Niklastal herauf ... aber da oben ziehen die Wolken immer noch von Süden!« »Und das ist schlecht?« fragte Herr von Randa. »Das bringt Regen. Aber es kann sein, daß es sich bessert. Das Barometer steht noch so so!« Da sprach man also glücklich vom Wetter! Elisabeth blieb stehen und schaute sehnsüchtig zum Matterhorn empor. »Da möchte ich hinauf«, meinte sie und deutete auf den langsam im Dämmern verglimmenden Riesen. »Die Dame, die heute oben war, die beneide ich, weiß Gott.« »Aufs Matterhorn können Sie nicht!« Ihr Begleiter sprach eigentlich mehr zu ihrem Mann als zu ihm, »das ist für Sie zu schwer!« »So?« Ihr Ton war etwas spitz. »Ich denke, ich habe Courage?« »Die Courage allein tut's nicht. Dazu gehört die Übung, und die kriegt man nicht von heute auf morgen!« »Ja ... wo soll man denn da hin?« Er zuckte die Achseln. »Es gibt schon leichte Berge! Der Cima di Jazzi ... oder das Breithorn ... auf dem steigt ja ein jeder herum ... oder mal zum Untergabelhorn ...« Er sprach das gleichgültig wie ein Führer, mit dem man über eine Tour verhandelt. Der Unmut stieg in ihr empor. Sie merkte: er wollte mit vollem Bewußtsein die gefährliche Kameradschaft von neulich nicht erneuern. »Hat Ihnen das kalte Bad damals nicht geschadet, gnädige Frau?« fragte er kurz und höflich. »Danke. Nicht im geringsten!« »Nicht einmal einen Schnupfen?« »Nein. Gar nicht!« »Ein Beweis für Ihre gute Konstitution, gnädige Frau! So haben Sie doch einen Gewinst von der verregneten Partie!« Verregnete Partie! Der Ausdruck ärgerte sie. Es lag so etwas Kleinliches darin, was gar nicht zu ihrer damaligen Stimmung paßte. Aber hatte er nicht recht, diese Stimmung auf sich beruhen zu lassen und an Stelle des burschikosen Verkehrstons in der Klubhütte die Förmlichkeit der guten Gesellschaft zu setzen? Er konnte ja gar nicht anders! Es war seine Pflicht. Und sie selbst suchte es ja, sie wollte ja diese Schranken zwischen sich und ihm errichten. Und dennoch fühlte sie sich enttäuscht, beinahe gedemütigt, als sie alle drei sich an der langen Table d'hote niederließen. Sein Äußeres erschien ihr verändert. Er war dunkel, in unauffälliger Korrektheit gekleidet. Aber diese Atlasbinde, die weiten Beinkleider, das modische Jackett wollten ihr so gar nicht zu der schwerfälligen Vornehmheit seines Wesens passen. Wie zwei verschiedene Menschen erschienen ihr der Mann da draußen, in der verwetterten Lodenjoppe, mit nägelbeschlagenen Schuhen, die wuchtige Eisaxt in der stählernen Faust, und der einsilbige Gutsbesitzer, hier in der Tafelrunde gleichgültiger Menschen, mit dem Oberkellner über eine Flasche Beaujolais verhandelnd. Und vielleicht ging es ihm gerade so? Vielleicht erkannte er in der schlanken kühlen Weltdame, die da an der Seite ihres Gatten ihm gegenüber saß, die kecke Kameradin von neulich, die Träumerin, der sich an seiner Seite die Wunder der Hochwelt erschlossen, gar nicht wieder? Steif und zurückhaltend war er jedenfalls genug dazu. Bei aller Höflichkeit, mit der er das gleichgültige Gespräch weiterführte, schien er das Ende der Mahlzeit herbeizusehnen. Sie wurde immer schweigsamer, und auch ihm kamen die Worte spärlich vom Munde. Endlich verstummten sie ganz. Lächerlich, zu reden, wenn man sich nichts sagen will! Aber ihre Augen trafen sich zuweilen. Und dann war es, als ginge den beiden blitzschnell der gleiche Gedanke durch den Kopf: »Wie lange wollen wir uns noch die Komödie vorspielen?« Doch das dauerte nur einen Augenblick. Dann empfanden sie, daß sie sich geirrt hatten. Und es war ja gut, daß sie sich nicht mehr verstanden ... Aber trotzdem erfaßte sie eine Stimmung trostloser Erbitterung. Anders hatte sie sich das Erwachen aus dem Traume doch vorgestellt. Um sie das Geschwätz und Gelächter, das Tellerklirren, das Schmatzen und Schlürfen, der Glockenschlag, der vom Büfett her das Zeichen zum Servieren eines neuen Ganges gab, die eilfertigen Tritte der Kellner und Mägde ... das kam ihr heute alles so widerlich vor. Sie blickte die Tafel entlang: selbstzufriedene Alltagsgesichter überall ... plaudernde, kauende Menschheit ... selten einmal von irgendeinem originellen Kopfe, einer interessanten Erscheinung unterbrochen. Man konnte diese seltenen Gäste beinahe zählen: Da zwei alte Männer, ein Yankee und ein Brite, die während des Essens gespannt die »Times« und den »New York Herald« lasen. Nach dem Braten sahen sie sich stumm an, tauschten ihre Zeitungen über den Tisch herüber aus und verschwanden wieder hinter den hohen Papierwänden. Einem Herrn in der Nachbarschaft, der wie ein gereizter Nußknacker aussah, schien das zu mißfallen. Er trommelte nervös auf dem Teller, zupfte an seinem dunklen Henriquatre und starrte wie hypnotisiert zu den beiden Gentlemen hinüber. Und da endlich ein schönes Gesicht: eine junge Französin, die aus tiefdunklen, schwermütigen Augen sehnend den Tisch entlang sah, zum Fenster hin, hinter dessen Scheiben die Berge im Dämmerschein blauten. Dort am Fenster stand der Kellner mit der Puddingschüssel, und je weiter er servierend die Reihe heraufkam, desto kleiner wurde ihr Inhalt und desto größer das seelenvolle Augenpaar des hungrigen Backfisches. Elisabeth sah wieder vor sich hin. Sie begriff es selbst nicht, warum sie sich so gereizt und elend fühlte. War es nur das verletzte Selbstbewußtsein, daß er sie aus dem Traum wachgerüttelt hatte, aus dem sie sich mit eigener Kraft hatte befreien wollen? War es das Sehnen nach diesem Traum selbst, der da wie eine bunte Seifenblase vor ihr zerging und ihr die leere, öde Wirklichkeit zurückließ ... ? Die beiden Männer neben ihr waren in eifriger Unterhaltung. Sie hatten sich in ihrer Stellung als Großgrundbesitzer getroffen und tauschten ihre Erfahrungen über das Wesen der mittelsächsischen und der fränkischen Landwirtschaft aus. Von Viehzucht war namentlich die Rede ... von der Simmenthaler Rasse ... von Weidegang und Genossenschaftsmeiereien, und aus den Worten, die halbgehört an ihr Ohr schlugen, konnte Elisabeth entnehmen, daß ihr Gatte sich mit der Absicht trug, mit dem schwäbischen Berufsgenossen einen Handel über eine Herde ausgesuchter Zuchtkühe abzuschließen. Wiederholt hatte, dies Gespräch unterbrechend, der andre mit ein paar höflichen Worten sich an sie gewandt. Sie antwortete kurz und kühl und drehte sich dann, eine günstige Gelegenheit benutzend, der Dame zu ihrer Rechten zu, einer freundlichen englischen Matrone, die, an der Seite ihres steifleinenen schweigsamen Gemahls sitzend, froh war, der schönen, leidlich Englisch sprechenden Nachbarin ihre Ansichten von Zermatt, von der Schweiz im allgemeinen und den Hotelpreisen im besonderen zu vermitteln. »Elisabeth ...« Sie fühlte sich von ihrem Gatten leicht am Arm berührt und sah, daß Herr von Gündlingen, den Beginn des Desserts nicht mehr abwartend, sich erhoben hatte. Sie erwiderte mit freundlichem Lächeln seinen Gruß und rückte dann, während er schwerfällig durch den Saal dahinschritt, ungeduldig an ihrem eigenen Stuhl: »Wir wollen auch gehen!« sagte sie, ihrem Mann unter dem Tisch leise die Hand drückend, »ich finde es ganz schrecklich hier ... !« Sie machten noch einen kurzen Abendspaziergang durch das Dorf, das jetzt einen bizarren Anblick bot. Die uralten schwarz gedörrten Holzhütten überflutete der bläuliche Schein des elektrischen Lichts, aus den ragenden Hotelkasernen drang heller Kerzenglanz und Tanzmusik, nach der sich, dem auf der Dorfgasse umherstehenden dunkeln Volk der Führer und Bauern durch die offenen Fenster deutlich sichtbar, die Gäste töricht in dem rasch ausgeräumten Speisesaal drehten ... hoch von oben schimmerten, vom Sterngefunkel überglitzert, die ewigen Eisfelder, und etwas weiter abwärts verrieten bläuliche Dunstkegel den Standort der hoch gelegenen Riffelhotels. In unwahrscheinlicher riesenhafter Größe durchbrach als ein in der Nacht verschwimmendes weißliches Zackengebilde das Matterhorn den sternübersäten Nachthimmel, vom Bahnhof klang der Pfiff der Lokomotive, Peitschenknall und das Rasseln der Hotelomnibusse, die, mit neugierig sich umschauenden Gästen vollgeladen, im Schritt zwischen den hell erleuchteten Jahrmarktsbuden auf beiden Seiten der Gasse dahinfuhren. Vor dem Hotel blieb Herr von Randa stehen und musterte den Glasgang auf der Seite, aus dem Lärm und Musik ertönte. »Ich würde ganz gern noch ein Glas Bier trinken!« meinte er etwas zweifelnd. Denn zumuten konnte er seiner Frau ja nicht, ihn in den Tabaksqualm und die ziemlich gemischte Gesellschaft zu begleiten. Aber sie war froh, eine Stunde allein zu sein, und reichte ihm die Hand. »Tu's nur«, sagte sie, »ich schreibe noch ein paar Briefe oben im Zimmer. Auf Wiedersehen!« »Nun ... wenn du erlaubst!« Er küßte ihr, sich rasch umschauend, die Hand und sah sie im Weggehen freundlich an. Und auch sie blickte ihm mit einem Gefühl nach, das vielleicht noch nicht Liebe, aber jedenfalls herzliche, wiedererwachende Freundschaft war ... VIII Vom Speisesaal war der Baron von Gündlingen in die niedrige Bierhalle an der Seite des Hotels getreten. Dort saßen am reservierten Tisch die großen Gletschermänner, die angestaunten Helden ihrer Sektionen und Vereine, die in der Fachpresse als Autoritäten über neue, unvermutete Aufstiege, führerlose Gipfelbezwingungen, Hochtouren zur Winterzeit und ähnliche Wagestücke berichteten. Mit kurzem Gruß setzte er sich in ihre Mitte. Wenn er auch sonst die Berührung mit der Welt mied, so pflegte er doch den Kreis dieser Gleichgesinnten aufzusuchen, von denen man stets Wichtiges über Schneeverhältnisse, Wetter und Führer und neue Ereignisse der Saison erfahren konnte. Und innerlich fern blieb er ihnen ja doch. Denn hier tauschte man keine andern Gedanken, keine andern Empfindungen aus, als sie der Alpensport erzeugt. Er war das Band, das diese an Beruf und Heimat, an Stand und Alter so verschiedenen, vom Gletscherbrand kupferfarbig gebräunten Firnwanderer zusammenhielt. Da saß ein Tiroler Advokat, ein Mann mit kühn geschnittenem, blondbärtigem Gesicht und adlerscharfen Augen, dem der tolle Wagemut aus jeder Bewegung des kraftvollen Körpers sprühte. Neben ihm, die glimmende Virginia im Mund, der Wiener Elegant, der am Nachmittag die Nachricht von der Rückkehr der Matterhornersteigerin gebracht. Durch Salben aller Art hatte er seine Gesichtshaut hell zu erhalten gewußt, die auf Touren stets mit Wildleder bekleideten Hände waren weiß und seine Kleidung, das bunte Hemd und der taubengraue Bummelanzug von auffallender Gewähltheit. In seinem Auge blitzte das Monokel. Man behauptete, daß er es bei der Traversierung des Matterhorns nach Breuil im Schneesturm, als der Führer neben ihm, vom Steinfall getroffen, zusammenbrach, unverwandt balanciert habe und es bei seinen unglaublichsten Kletterkunststücken im Gesicht zu bewahren wisse. Neben dem schweigsamen, gleichgültig dreinblickenden böhmischen Grafen der Staatsanwalt aus Hamburg, ein robuster Herr im Lodengewand und Jägerscher Normalwolle. Während seiner Ferienzeit gab der sonst so würdevolle schnauzbärtige Herr nichts auf sein Äußeres. Auf den Bergen oben müsse man ja doch nolens volens wie ein Ferkel umherlaufen, und was hier unten die Hotelsimpel, die Chausseeflöhe und Paßbummler von seinem Kostüm hielten, sei ja ganz gleich! Hier wolle er seine Ruhe in den paar Wochen, wo er nichts vom Reichsstrafgesetzbuch und seinem persönlichen Feind, der Sozialdemokratie, zu hören brauche. Das haarbuschige Männchen an seiner Seite vertilgt unglaubliche Mengen Bier. Das ist ein Münchener Maler, der nicht nur aus Passion in die Berge geht, sondern ihre weltentrückte Pracht in Farbe und Leinwand wieder auferstehen läßt. Wenn der langbärtige Zwerg, die mächtige Eisaxt auf der Schulter, suchend in dem einsamen Geröll umherbuscht, könnte man ihn für einen Gnomen halten, der sich durch irgendwelches Wunder in das neunzehnte Jahrhundert herübergerettet hat. Aber sein Durst ist so goldecht und gediegen, daß Zweifel an seiner urbayrischen Menschlichkeit nicht aufzukommen vermögen. Dann noch ein mit Schmissen übersäter Berliner Regierungsreferendar, ein paar junge Männer aus Wien und Triest, alles in allem eine gediegene Gesellschaft von Fachmännern, die sich mit Ernst und Eifer über allerhand Dinge von Interesse, die Vorzüge der Purtschellerschen Steigeisen vor denen Wannerscher Observanz, die Technik des Vorauswerfens des Pickels beim Abklettern und derlei unterhalten. Dabei ist die Gegenwart eines Laien wenig erwünscht, und als Herr von Randa eintrat, den Baron begrüßte und von ihm aufgefordert wurde, an der Tafelrunde teilzunehmen, trat eine kurze Pause höflichen Schweigens ein. – Dann aber sah man, daß der neue Ankömmling als Weltmann sich zurückhaltend verhielt und in keiner Weise die Unterhaltung an sich zu reißen versuchte. So kam das Gespräch wieder in Fluß und wandte sich dem nächstgelegenen Objekte, den Bergen von Zermatt, zu. Natürlich nur den Bergen über 4000 Meter, einzelne schwierige Ausnahmen, wie etwa der Abstieg von dem kleinen Riffelhorn nach der Gletscherseite, abgerechnet. Ernste und schwierige Dinge kamen da zur Frage ... die Tücken des so harmlos ausschauenden Lyskamm, dessen Wächte, die über den schmalen Grat überhängenden Schneemassen, unter dem Tritt des Wanderers nachgeben und so bei einer einzigen Gelegenheit fünf Menschen, zwei Touristen und die drei Führerbrüder Knubel, in den Abgrund stürzen ließen, vom Steinfall am Zinnal Rothorn, von der bösen Dent-Blanche, in deren jähe Eiswände man fünf Stunden hintereinander Stufen hauen muß, um die Spitze zu erreichen, von den vereisten Platten des Weißhorns ... »Also ist eigentlich das Matterhorn gar nicht das Schlimmste?« erkundigte sich Herr von Randa. Einige der anwesenden Klubmänner lächelten bitter. Sie gehörten zu der Schar der Mißvergnügten, die das Anbringen von Seilen, Stiften und Leitern an einem schweren Berg als eine persönliche Beleidigung der wahren firmen Gipfelsteiger betrachten. Das Matterhorn, belehrten sie erbost den Frager, sei derart mit Tauen behängt und mit Eisen beschlagen, daß einem die Augen davon übergingen. Zum Glück aber könne man den Firn nicht auch so zurichten wie den geduldigen Fels, und darum seien noch Lyskamm und vor allem Dent-Blanche würdige und gefährliche Berge, auf die sich nicht der erste beste mit geschlossenen Augen von zwei gut bezahlten Führern heraufzerren lassen könne. »Ach was!« sagte Baron Gündlingen mit seiner tiefen ehernen Stimme, »laßt jedem seine Freud' ... ich geh auch ganz gern mal auf einen leichten Berg!« Herr von Randa wandte sich zu ihm: »Haben Sie schon so einen Berg in petto , Verehrtester?« Der andre nickte. »Da will ich morgen 'rauf!« sprach er und wies mit der Hand in die Nacht hinaus, wo sich offenbar irgendwo der von ihm gemeinte Berg erhob. »Wie hoch ist denn der Berg?« »Ich glaub' ... 4400 ... oder so was ...« »Da ist er wohl sehr gefährlich?« »Gefährlich gar nicht!« sagte der Baron und wischte sich den Bierschaum vom Bart, »aber mühsam und anstrengend schon. Da ist schon mancher auf halbem Weg umgekehrt.« »Aber es gehen wohl viele Leute hinauf?« »Jetzt bei der schönen Jahreszeit viele! Die Aussicht ist prächtig! Ich fürchte ... das ganze Chalet ist morgen abend voll, wenn ich hinkomm ...« Herr von Randa rückte näher: »Also da müssen Sie doch in Gesellschaft da hinaufsteigen?« Der Gletschermann nickte. »So ein Berg is für alle. Ich kann niemand verbieten, vor oder hinter mir zu klettern, wenn's ihm Spaß macht ... aber freilich ... auf Schwatzen und unnützes Getu' laß ich mich nicht ein.« »Nein ... das sollen Sie ja auch nicht!« rief der andre eifrig, »es wäre ja nur ... für den Fall ... daß es Ihnen nicht sehr unangenehm ist ...« Der Baron schaute ihn an: »Was meinen S' denn eigentlich?« »Gott« – Herr von Randa zögerte – »ich hab' nu mal meiner Frau versprochen, mit ihr die eine oder andre Bergtour zu machen ... eigentlich mit der versteckten Absicht, es ihr bei der Gelegenheit gründlich abzugewöhnen. Glauben Sie denn, daß sie da hinaufkommt?« »... 's kann sein!« sagte der Baron kurz, »aber meist kriegen es die Damen und auch sonst weiche Leut' bei 2500 Meter 'rum mit der Bergkrankheit zu tun ... Schwindel, Übelkeit und derlei Zeug ...« »So?« meinte der andre sinnend, »nu sagen Sie mal ehrlich, lieber Baron, wär' es Ihnen sehr zur Last, wenn wir, meine Frau und ich, uns Ihnen morgen anschlössen? Es ist doch eine ganz andre Sache, mit Ihnen so was zu riskieren, als bloß mit den Führern!« Der andre wandte sich zur Seite, um sein ärgerliches Erstaunen zu verbergen, und schwieg kurze Zeit. »Weiß Ihre Frau Gemahlin denn schon davon?« fragte er endlich kurz. »Nee! aber die geht gleich mit! Und da Sie ihr ja schon einmal aus der Not geholfen haben ... und, wie Sie sagen, Sie doch in Gesellschaft hinauf müssen ... aber natürlich ... es kostet Sie nur ein Wort ... und ich verzichte ...« Ein Wort nur ... freilich! Aber dies Wort war mehr als unhöflich! ... Und taktlos dazu! Wie sollte er es motivieren, daß er Elisabeth allein gerne auf ihrer Hochgebirgsfahrt geleitet hatte und es jetzt abschlug, wo ihr Gatte mit ihr war? Das mußte ja den Verdacht erwecken, als seien damals Dinge zwischen ihnen vorgefallen, die jener nicht wissen durfte. Ein Zorn regte sich in ihm gegen die Plumpheit des Schicksals, das seinen Vorsatz zunichte machte, ein Zorn gegen den Mann neben ihm, der so gar nichts von der Gefahr ahnte, die über seinem Haupte hing, ein Zorn gegen sich selbst, daß er nicht die Kraft fand, mit einer wenn auch rücksichtslosen Weigerung die Sache zu enden. Aber was verschlug es schließlich weiter, wenn sie noch einmal einen Tag unter den Augen ihres Gatten beisammen blieben? So kühl wie heute abend konnten sie sich auch morgen begegnen, einander fremd bleiben und fremd auseinander gehen. Herr von Randa wollte sich erheben. »Nehmen Sie mir meine Fehlbitte nicht übel«, sagte er sichtlich etwas verletzt, »ich bin offenbar mit den Gepflogenheiten der Bergtouren noch nicht so ganz vertraut!« Der andre schaute ihn prüfend an. »Das wollt' ich Sie eben fragen! Waren Sie denn schon mal auf 'nem hohen Berg?« Der schmächtige blonde Mann zuckte ärgerlich lachend die Achseln. »Aber, Bester! ... das ja nu freilich nicht! Aber es handelt sich doch um meine Frau! ... Na ... und daß ich so weit mitkomme, wie meine Frau gehen kann, das werden Sie hoffentlich einem gesunden kräftigen Menschen wie mir glauben!« »Sind Sie denn schwindelfrei?« »Vollkommen! Dafür garantiere ich!« »Sie sollten's doch lieber erst anderswo versuchen ...« Der finstere Gletschermann murmelte das vor sich hin. Aber als er den erneuten Ärger im Gesicht des andern sah, setzte er gelassen hinzu: »Indes ... ! Passieren kann auf dem Berge nichts, und des Menschen Wille ist sein Himmelreich! Ich bin also morgen zu Ihrer Verfügung ...« IX Mitten in der Nacht wachte Elisabeth auf. Tiefes Dunkel, regloses Schweigen umgab sie, und sie atmete den seltsamen würzigen Duft frischer Tannenbretter ein. Wo war sie nur? Richtig ... in dem kleinen, hölzernen Bergwirtshaus am Gletscher, wo sie die Nacht vor der Besteigung zubrachten. Die eigentliche Schutzhütte befand sich noch etwas weiter, am andern Rand des Tales. Aber sie war unbequem und schmutzig, und so hatte man auf den Rat des Barons hier in dem saubern Chalet Rast gemacht. Er selbst war erst spätabends erschienen, als die letzten der Gletscherbummler, die sich den Nachmittag über hier umhergetrieben, zu Tale stiegen und sie schon hoffte, daß er gar nicht mehr kommen würde. Sie hatte bei diesem Gedanken aufgeatmet. Ihr selbst bot sich ja nicht der Schatten eines Grundes, im letzten Augenblick auf die Bergtour, die sie selbst so sehnlich gewünscht, zu verzichten, wenn sie nicht etwa Krankheit heuchelte und damit die Sache doch nur auf wenige Tage verschob. Irgendein äußerer Zufall mußte ihr zu Hilfe kommen. Aber nichts derlei geschah. Selbst das Wetter, das gegen Mittag noch zweifelhaft schien, klärte sich auf, und alles deutete auf einen herrlichen nächsten Tag. Ihr Beisammensein am Abend war nur kurz gewesen. Das Chalet hatte sich wider Erwarten bei Einbruch der Dunkelheit völlig geleert. Sie blieben als einzige Gäste übrig, und auch in der Klubhütte befand sich, wie ein von dort kommender Knecht erzählte, nicht ein einziger Tourist. Das sei nun mal so! hatte die Wirtin bemerkt. Es sei ganz unberechenbar, wie sich die Herrschaften auf die Berge verteilten! Manchmal seien ihrer zwanzig und fünfzig auf einmal oben auf einem Gipfel, daß sie gar nicht mehr alle Platz hätten, und am nächsten ebenso schönen Tage ginge kein Mensch hinauf ... wie sich's eben gerade träfe ... Nach dem Lärm und Getümmel, dem Maultiergewieher und Gejuchze, das den Nachmittag über um das Chalet geherrscht, wirkte die plötzliche Stille am Abend beinahe beklemmend. Sie hatten wortkarg ihr Mahl verzehrt und sich dann in schweigendem Einverständnis – wenn auch zum Verdruß ihres Gatten, der gern noch ein bißchen geplaudert hätte – schon um halb neun Uhr getrennt, um ihre Zimmer aufzusuchen. Aus offenen Augen blickte sie reglos in das Dunkel. Sie hatte Angst vor dem kommenden Tag. Es war ihr, als müsse er ihr etwas Unerwartetes, etwas Ungeheuerliches bringen. Und dieses gespensterhafte Schweigen! Kein Windhauch, kein Wasserrauschen ... nichts war vernehmbar als ihre eigenen schweren Atemzüge. Aber doch ... jetzt knarrte irgendwo eine Tür. Es polterte über ihr. In groben Tritten ging es da über den Flur, und durch das ganze, leicht gebaute Holzhaus pflanzte sich der Schall und das Raunen dumpfer Männerstimmen fort. Dann krachte es auch auf der Treppe, die von unten heraufführte, und schlürfte auf Pantoffeln vor ihre Tür. Durch das Kläffen eines Spitzhundes, der unten anschlug, vernahm sie das Pochen und die Worte: »Halb zwei Uhr, Madame ... es ist Zeit, aufzustehen!« »Es ist gut!« rief sie mechanisch und tastete nach den Streichhölzern. Sie hatte nicht die geringste Lust, sich jetzt zu erheben. Der Seelenkampf ihres Innern und alles andre verblaßten in diesem Augenblick vor dem moralischen Zwang, das Bett verlassen und in die eiskalte Nacht hinaustreten zu sollen. Auch am Nebenzimmerchen hatte es geklopft. Sie hörte das nämliche: »Halb zwei, Monsieur, ... es ist Zeit, aufzustehen!« und dann einen gähnenden Fluch ihres Gatten und ein Gemurmel, aus dem nur Worte, wie: »Mitten in der Nacht«, ... »blödsinnige Zucht!« ... hervorklangen. Und zugleich damit ging eine andre Tür auf. Sie kannte den schwerfälligen, markigen Schritt, der über den Flur ging und die Treppe hinunter verhallte. Also der war schon auf und gerüstet, während man sie heraustrommelte! Sie beneidete ihn um so viel Entschlußfähigkeit und scheuchte den lockend auftauchenden Gedanken, sich im letzten Augenblick krank zu melden und behaglich wieder aufs Ohr zu legen, mit Energie zurück. In der Wirtsstube, in die sie verschlafen blinzelnd eintrat, qualmte ein trübes Lämpchen. Durch die Fenster fiel der klare Sternenschein. Im Nebenraum der Küche hantierten beim Geflacker des Herdes ihre Führer, zwei stämmige, flachshaarige Brüder. Sie rollten Seile zusammen, packten die Tornister und schwatzten halblaut in ihrem rauhen Patois. Ihr Mann war noch nicht da. Der andre aber saß vor der Lampe, rauchte eine dicke, schwarze Zigarre und schnitt sich bedächtig Brot und Käse in Stücke. Sie reichte ihm die Hand und setzte sich ihm schwer atmend gegenüber. Sie wagte nicht, ihn anzusehen, und sie fühlte, daß auch er seinen Blick von ihr abgewandt hielt und sich aufmerksam mit seinem Brot – die Zigarre hatte er weggelegt – beschäftigte. Endlos langsam krochen die Minuten dahin. Auf dem Zifferblatt der Wanduhr, deren eintöniges Ticken allein den Raum erfüllte, konnte man sie schleichen sehen. Sie wußte ... er dachte dasselbe wie sie in dem beklommenen Schweigen, und immer schwerer lastete dies unausgesprochene, dies nie auszusprechende und ihnen beiden doch wohlbekannte Geheimnis auf ihr. Oder sollte er doch daran rühren? Er machte eine Bewegung zu sprechen. »Verzeihen Sie, wenn ich davon red' ...« sagte er rauh und schnitzelte an seinem Brot, »aber es kommt oft vor, daß sich die Damen auf den Bergtouren viel zu fest schnüren und dann ...« »Nein ... gar nicht!« Sie schüttelte herbe den blonden Kopf und sah zur Decke auf. »Um so besser! Die Luft über 4000 Meter ist dünn, und mit einer Wespentaille kriegt man nicht genug davon in die Lungen. Und ändern läßt sich's nicht mehr, wenn wir mal aus dem Hause sind ...« Wieder schwiegen beide, und durch ihre tiefen Atemzüge tickte eintönig die Uhr. Gott sei Dank ... da kam die Wirtin, eine dampfende Kanne in der Hand. »Ich habe heiße Milch für Sie bestellt«, sagte der Gletschermann gebieterisch, »nehmen Sie sich etwas Kognak hinein und trinken Sie, soviel Sie wollen. Aber essen Sie nichts, als höchstens den Zwieback da. Sonst werden Sie unterwegs krank!« Sie gehorchte. Und sie empfand dabei ein merkwürdiges Gefühl der Genugtuung, sich wieder von ihm beschützt zu wissen und seinem starken ruhigen Willen beugen zu dürfen. Er sah auf die Uhr. »Wo bleibt denn eigentlich Ihr Herr Gemahl?« Sie stand auf. »Ich werde ihn holen«, sagte sie mit leisem Unmut in der Stimme, »wahrscheinlich ist er wieder eingeschlafen!« Aber da hörte sie schon draußen sein helles, weiches Lachen. »'Morgen!« rief er im Eintreten, »allerseits gut geruht? ... ja? ... wissen Sie, was die Führer für sich mitnehmen? ... getrocknete Pflaumen und in der Sonne gedörrtes Bockfleisch! brr! ... Es wird einem vom bloßen Hinsehen übel!« Der Baron zog ein Paket aus der Lodenjoppe. »Gerad' dasselbe hab' ich auch in der Tasche!« sprach er kurz, »und jetzt halten S' sich ans Frühstück, daß wir bald wegkommen! Wir müssen beizeiten über den Firn!« In wunderbarer Helle glitzerte und flimmerte über den Heraustretenden der Sternenhimmel. Anders als in dem trüben, lichtaufsaugenden Dunst der Ebene glühten hier, wie zum Greifen nah, die Himmelskörper durch die eiskalte Luft herab. Beinahe blendend wirkte ihr Glanz auf die Augen, die mühsam sich an das Stockdunkel ringsumher zu gewöhnen suchten. Es war schneidend kalt, wie in einer deutschen Winternacht. Um die vermummten Gestalten zog der Atem in weißen Wolken dahin, und das Gras am Boden glitzerte von Reif. Jetzt kam auch der zweite Führer aus dem Hause. Er trug eine brennende Laterne in der Hand und nahm mit ihr die Spitze. Langsam stieg man den Geröllpfad hernieder. Behaglich war das nicht. In dem Flackerschein, der über das Steingeriesel unstet hinzitterte, konnte man nichts Rechtes unterscheiden. Alle Augenblicke strauchelte der ungeübte Fuß oder tastete unsicher in die Finsternis hinein und glitschte über schlüpfrige Rasenbüschel. Anstrengend war das im höchsten Maße; Elisabeth hatte alle Mühe, der vorausschwankenden Laterne zu folgen, und fühlte in kurzem ihre Stirne trotz der Kälte feucht werden. Sie war aber nach ihrer Meinung auch viel zu dick eingepackt! Auf Befehl des Barons hatte sie sich einen Wollschal unter dem Hute um die Ohren, einen andern um den Hals geschlungen und Mund und Nase durch ein davorgelegtes Seidentuch geschützt. Dazu der lange Lodenmantel, die festen Wollstulpen an den Handgelenken, die Pelzhandschuhe, die dicken Wollstrümpfe und schweren Nägelschuhe ... es war wirklich zum Ersticken! Vorsichtig versuchte sie, etwas ihre Hüllen zu lüften, aber die schneidende, geradezu brennende Kälte, die sofort ihre Haut überzog, belehrte sie eines Besseren, und sie sah seufzend ein, daß ihr Mentor einmal wieder recht gehabt hatte. Tiefer und tiefer stieg man hinab. Weit unter sich sahen sie im Zickzack das einsame Licht dahinschaukeln. »... Das ist aber doch doll!« vernahm sie nach einiger Zeit die Stimme ihres Mannes, »ich denke, wir klettern auf 'nen Gipfel, und dabei sinken wir immer tiefer. Das ist ja gerade, wie wenn's in ein Bergwerk ginge!« Niemand antwortete. »Na ... Elisabeth«, tönte es nach einer Weile wieder von hinten, »wie gefällt dir das? ... Großartig! ... was ... die Aussicht! ... die haben wir zu Hause nicht ... und die mollige Wärme und der lauschige Weg ...« Er brach ab und unterdrückte einen Fluch. Ein paar Steinchen kollerten hinab. Sie wandte sich zu dem hinter ihr schreitenden Baron. »Ich weiß nicht«, sagte sie unsicher, »aber viel Spaß macht es mir heute auch nicht ... ich bin ganz matt und müde ...« Aus dem Dunkel kam ein kurzes dröhnendes Lachen. »Wissen S', was der alte Napoleon gesagt hat, gnädige Frau? Der einzig wahre Mut ist der Zwei-Uhr-morgens-Mut! Allons ! Schaffen S' sich den schleunigst an! 's ist höchste Zeit. Wir haben schon viertel drei!« Sie lachte mit und nickte ihm im Dunkel zu. »Recht haben Sie!« rief sie und sprang leichtfüßig hinter der Laterne her. Die machte jetzt halt. Die Führer beratschlagten in ihrem schwäbelnden Kauderwelsch, aus dem man nur das stetig wiederkehrende Wort »Morrräne« vernahm. Man mußte also an einem Gletscher sein. Und richtig, da schimmerte ja in verschwommenen weißlichen Umrissen das mächtige Frostgebilde durch die Nacht. Es lag in tiefer Ruhe. Das Sprudeln und Plätschern des Wassers war versiegt. Nichts regte sich mehr in seinen Schlünden. Vor ihr zitterte der Lichtstreif über einen hohen, mäßig steilen Geröllhang. Sie wollte ein paar Schritte daran heraufsteigen, aber schon beim ersten Tritt glitt sie auf den Kieseln und dem körnigen Sand wie auf einem Spiegel aus und rutschte unsanft herunter. Der Baron fing sie auf. »Das ist alles vereist!« schmunzelte er und betrachtete prüfend den schmutzigbraunen Wall, »all der Dr ... , der Gletscherkehricht da ist beinhart zusammengefroren. Da heißt's halt Stufen hauen!« Und schon senkte sich sein Pickel krachend in den tückischen Abhang, daß die Schlammsplitter klirrten und ein Tritt nach dem andern in dem häßlichen vereisten Brei entstand. Endlich war die Leiter fertig. Der Führer, der geleuchtet hatte, stieg wieder herab, bot Elisabeth die Hand und zog sie herauf, indem er sorgsam den Schein der Laterne jeweils auf die nächste Stufe fallen ließ, der sie ihren Fuß anzuvertrauen hatte. Nach kurzem stand sie oben, und das Licht glitt wieder den Schmutzwall hinunter. »Na, hören Sie mal, lieber Baron!« klang von da eine joviale Stimme aus dem Dunstkreis des Lämpchens, »die Bergfexerei in Ehren! ... aber wenn das ein sogenannter Genuß sein soll ...« »Komm der Herr nur!« Man sah, wie der Führer sich mit ausgestreckter Hand vorbeugte. Herr von Randa tauchte oben auf und sah sich prüfend um. »Also nu 'n Gletscher!« meinte er, » bon! ... ich bin mit der Tour zufrieden! 's ist ja ganz interessant, auch einmal diese menschliche Verirrung mitzumachen!« »Werd' ich denn hier nicht ans Seil genommen?« fragte Elisabeth. Gündlingen verneinte. »Der Gletscher ist ganz flach und harmlos. Bei Tag treibt man da die Küh' und Ziegen 'rüber. Und wenn wo 'ne Schneebrücke sein sollt', so ist sie jetzt fest gefroren und trägt uns!« In der Tat ... es ging sich sehr bequem auf diesem blanken, nur zuweilen sanft sich neigenden oder ansteigenden Eisparkett. In seinem Spiegel schimmerte weithin der Lichtkegel der Laterne, so daß man den Weg nicht verfehlen und leicht die da und dort klaffenden Spalten vermeiden konnte. In einer Viertelstunde war man auf der andern Seite angelangt und stieg auf flüchtig gehauenen Stufen einen kleinen Eishang hinab, an dessen Rand wieder lose Kieselsteine unter den Sohlennägeln knirschten. »Jetzt wird der Herr Gemahl wieder schimpfen!« sagte neben ihr der Baron trocken, »jetzt geht's in die Moräne!« Und unter den Moränen, den Schmutzflecken der Alpenwelt, nahm die vor ihnen liegende einen hervorragenden Rang ein. Erst hieß es im Zickzack eine hochragende Schuttwand erklimmen, dann schritt man, vorsichtig mit der Laterne leuchtend, eine Weile den spitz zulaufenden, kaum fußbreiten Kamm entlang, auf der andern Seite halb gehend, halb in mitrieselndem Geröll herabgleitend, wieder herunter, über ein kleines sumpfiges Wiesenstück, dessen Boden bei jedem Schritt quatschte und gurgelte, und einen neuen ragend aufgetürmten Steinwall in die Höhe. Hier waren die Blöcke größer und fester. Man mußte sich zwischen ihnen herauf-, dann wieder herabwinden, bis zu einem ebenen Geröllboden, in dem ihr Licht sich ringsum in stehenden Tümpeln widerspiegelte. Hier wurde eine kurze Rast gemacht. »Na ... Gott sei Dank!« sagte Herr von Randa inmitten der schwarzen, schweigsam hingekauerten Gruppe und trocknete sich die Stirne, »Gott sei Dank, daß dieser angenehme Gletscher hinter uns liegt. Hoffentlich wird die Sache jetzt gemütlicher!« Der Führer neben ihm wies mit der Hand in die Höhe. »Jetzt gehen wir über die Guffeln!« Die Guffeln! Genaues konnte man da oben nicht unterscheiden. Aber in dem ersten ahnenden Dämmern des Morgens erkannte Herr von Randa doch, daß ein Labyrinth wild durcheinandergekollerter Felsenstücke, ein Chaos verwitterter Steinklumpen von der Größe eines Kopfes bis zum Umfang eines Zimmers, ja eines Hauses, den aufsteigenden Berg bedeckte. »Na ... sehr vertrauenerweckend sehen diese Guffeln nu auch nicht aus!« meinte er ärgerlich, während die Karawane sich von neuem zum Aufbruch rüstete. Die Führer hatten den Beginn des Morgengrauens abgewartet. Sie löschten jetzt die Laterne aus und versteckten sie hinter einem Block. Ein fahles zerfließendes Grau, in dem die Dinge noch wesenlos ineinanderschwammen. lag über der wüsten Öde. Aber doch konnte man schon zur Not erkennen, wohin man den Fuß setzte, und hoch oben über den Schneefeldern blinkte es in dunstigem Blutrot, wie vom Widerschein einer mächtigen Feuersbrunst, in der Mond und Sterne langsam verblaßten und verschwanden. Es war ein mühsames Steigen von einer Felsplatte auf die andre, ein Herabschlüpfen von dem einen Felsbrocken, um den nächsten wieder zu erklimmen, ein Klettern und Sich-Hindurchwinden durch die sich mählich auftürmenden Bergtrümmer. »In Norwegen nennen sie so'n Zeug das ›Ur‹!« sagte der Baron, als sie eine halbe Stunde gestiegen waren, »das ist der rechte Name!« Sein Gefährte hinten hatte es gehört. »Kommen wir denn nu endlich aus dieser Urwelt heraus?« schrie er. Die andern lachten: Zwei Stunden ginge es noch so weiter! Inzwischen wurde es völlig Tag. Aber die überwältigende Pracht des Sonnenaufgangs, auf die sich Elisabeth gefreut, blieb völlig aus. Die schutterfüllte Talmulde, die sie emporkeuchten, war rings von hohen Bergstürzen eingeschlossen. Wohl sah man, wie darüber allmählich ein paar vereiste Gipfel sich in warme rosige Töne kleideten. Aber der Eindruck des Ganzen blieb doch frostig und streng, ja die Schneeflächen gewannen auf kurze Zeit ein ganz kalkiges, gelbliches Aussehen, und der Himmel war von blassen Nebeln wie verschleiert. Blieb doch auch die Sonne selbst unsichtbar. Sie stand noch viel zu tief im Osten hinter hochragenden Bergen, und nur eine farblose Helle verkündete ihr Dasein. Und dabei schien es, als wolle das Felsengewirr kein Ende nehmen! In trügerischen Absätzen, bei deren jedem man endlich den Kamm erreicht zu haben glaubte, zog es sich höher und höher hinauf und eröffnete von jedem neu erstiegenen Hang immer wieder den Ausblick auf ein Gewirr brauner Steinblöcke mit spärlich unter ihnen sprudelndem Wasser. Dann plötzlich machte der Baron mit den Führern, ohne ein Wort zu wechseln, halt und rüstete am Hang einer mächtigen Steinpyramide alles zur Rast. Er breitete ein Plaid für Elisabeth aus, auf das sie sich erschöpft, mit zitternden Knien niederließ, und holte den Wein sowie ein Fläschchen mit rohem Eidotter heraus. »Trinken Sie das aus!« ordnete er an. »Ich hab' noch mehr davon für Sie mitgenommen. Es ist das einzige, was Sie jetzt vertragen!« Sie schlürfte gehorsam das Fläschchen aus. »Die abscheulichen Felsen ...« sagte sie matt, »wie lange dauert es denn noch damit?« »Zwei Schritte!« Er bemerkte ihr Erstaunen und setzte hinzu: »Wir sind am Rand des ewigen Schnees. Da aber ein kalter Wind über die Fläche weht und wir erhitzt sind, so rasten wir hier im Schutze der Felsen!« Mit der Entdeckung, daß man die Guffeln überstanden und unter dem Eindruck des Frühstücks hob sich die Stimmung wieder, während die Führer alles zusammenpackten und ihre Seile aufzurollen begannen. »Ich schlag Ihnen vor, wir teilen uns!« wandte sich der Baron an Herrn von Randa, »Sie lassen sich von dem einen Führer ans Seil nehmen und vertrauen dem andern und mir Ihre Frau Gemahlin an. Zwei Neulinge an einem Seil, das könnt' unter Umständen unangenehm werden, wenn der eine mal ausrutscht oder sonst was passiert!« Herr von Randa gähnte. »Sie haben zu bestimmen, Verehrtester ... Sie allein! ... Dirigieren Sie diesen abnormen Scherz, den wir uns heute leisten, ganz nach Ihrem Belieben!« Wirklich ... da lag die Schneefläche vor ihnen, und ihr erkältender Hauch streifte die erhitzten Wangen. Ein einziges, unendliches, uferloses Weiß, in dem das Auge jeden Maßstab und jeden Anhaltspunkt verlor. Erst allmählich erkannte man, daß dies blendende Feld seine Einsenkungen und Hügel, seine Mulden und mächtigen Hänge besaß. Über dem Kamm eines jeden solchen Hanges blaute der Himmel. Es schien, als habe da der Berg ein Ende, als sei die Spitze erreicht. Stand man aber auf der Höhe, dann breitete sich wieder ein schimmerndes Plateau aus, das drüben ein neuer Abhang begrenzte, um seinerseits oben abermals in eine neue Firnfläche überzugehen. Es war unmöglich zu erkennen, wohin man stieg, was hinter einem zurückblieb. Einer Wanderung in grenzenlose Weiten, die ohne Raum und Zeitschranken sich ringsum zu dehnen schienen, glich der endlose, einförmige Marsch durch den Schnee. Der harte Firn kreischte und knarrte unter den Nägelschuhen und den taktmäßig aufgesetzten Eisenspitzen der Stöcke, das Seil pendelte in regelmäßigen Schwingungen zwischen den wie stumme Maschinen schreitenden Gestalten hin und her, und stoßweise ballte sich der Atem als dünne Rauchwolke in der Luft. Ab und zu ein kurzer prüfender Halt vor einer Spalte, ein Ruck am Seil, wenn einer unversehens in ein Schneeloch trat ... dann weiter ... weiter ... immer weiter ... Gott sei Dank ... da oben auf dem Schneekamm blitzte es warm und freudig auf. Da war endlich die Sonne ... die liebe Sonne, die Elisabeth die ganze Zeit ersehnt hatte. Ihre beiden Begleiter blieben stehen und nestelten von den abgenommenen Hüten die Schneebrillen los. Sie zögerte. »Muß das sein?« fragte sie zweifelnd. »Wenn Sie fünf Minuten lang auf das besonnte Schneefeld schauen«, sagte der Baron und setzte seinen Hut wieder auf, »so sind Sie halb blind und haben acht Tage geschwollene Lider und tränende Augen. Aber Ihre Tücher und den Mantel können Sie jetzt dem Führer geben, da oben wird's heiß.« Das hatte sie schon gemerkt. Der Firn will nichts von der Glut der Sonne wissen. Er schleudert ihre Strahlen fühllos zurück, daß sie über seinem Frostpanzer ziellos hin und her zittern und mit sengendem Hauch den Hochwanderer umfangen. Der Führer schob die abgelegten Hüllen in seinen Sack, während sie selbst sich mit ungeübten Händen die Eisbrille über den Augen befestigte. »Pfui, wie häßlich!« rief sie unwillkürlich aus. Es war ihr, als sei die Sonne plötzlich untergegangen und es umfange sie wieder das trübe farblose Grau des heutigen Morgens. Kein bunter Schein, kein froher Lichtflimmer durchdrang das rauchige Glas und die engen Drahtmaschen. Es war unsäglich traurig. Sie empfand ein leichtes Zucken des Seils. Es ging weiter; erst geradeaus, dann in ewigem Zickzack über steile Schneehalden, hin und her, und wieder hin und her, eine Viertelstunde nach der andern, und nichts ringsum zu schauen als grauer Schnee und graue Luft und die grauen Gestalten ihrer Begleiter, die unter den mächtigen Brillen wie fremde, unheimliche Stubengelehrte aussahen. »Du, Elisabeth«, hörte sie einmal dreißig Schritt hinter sich die Stimme ihres Gatten, »was meinst du: die Schneebrillen wollen wir künftig auch zu Hause tragen ... die sind zu angenehm ... nicht?« Sie erwiderte nichts. Sie fühlte sich nicht nur verdrossen und müde, sondern auch körperliches Unbehagen überkam sie immer stärker. Was es eigentlich war, wußte sie nicht ... eine Art von Beklemmung, von Schwindel und Übelkeit ... es wuchs mehr und mehr ... kalte Perlen traten auf ihre Stirne ... sie atmete bang und schwer ... Endlich hielt sie das Seil fest und blieb stehen. »Mir ist ganz schlecht zumute!« sagte sie kleinlaut zu dem sich umwendenden Baron. Ihr Begleiter griff in die Tasche und holte eine Feldflasche heraus. »Dreitausendfünfhundert Meter!« sprach er trocken, »das ist die kritische Höhe für die Bergkrankheit. Dagegen gibt's zwei Mittel: erstens ein Schluck Kognak! ... so ... zweitens die Zähne zusammenbeißen und zu seinem innern Menschen sagen: ›Ich will!‹ ...« Ihr Gemahl war herangekommen. »Wie siehst du denn aus!« rief er, »du bist ja käseweiß im Gesicht ... Kind! ... nu wollen wir uns aber schleunigst rückwärts konzentrieren!« Sie schüttelte den Kopf und gab das Fläschchen zurück. »Weiter!« sagte sie matt und setzte mit gesenktem Kopfe die Zickzackwanderung fort. »Wie schaut's?« tönte es nach einer Weile vor ihr. »Schlecht!« Zehn Minuten verstrichen. Dann hörte sie wieder die Stimme: »Aber es geht doch vorwärts?« Sie furchte grimmig die Stirne. »Es muß gehen!« »Recht so!« Wieder nach einer Weile fühlte sie die Feldflasche in ihrer Hand. »Jetzt noch einen herzhaften Schluck! Wenn wir noch hundert Meter höher kommen, so geht der Anfall weg ... langsam steigen ... ja nicht den Atem verlieren ... dann ist's gefehlt ... so, immer tapfer ... so gar quittengelb schauen S' gar nicht mehr aus ... oho, jetzt fangen die Backen gar an, wieder rot zu werden.« »Es geht mir auch wieder besser!« erwiderte Elisabeth, mit einem Versuch zu lächeln. »Na, alsdann! ... so ... da sind wir oben! da haben Sie Seine Majestät vor sich!« Sie lüftete ein wenig die Brille und stieß einen freudigen Ruf aus. Dicht vor ihr erhob sich über einem jäh abschießenden, von kleinen Felszacken durchbrochenen Firnhang die eigentliche Kuppe des Berges, ein wild zerklüftetes, mächtig emporstrebendes Felsengewirr, in dem nur wenige Schneestreifen den bräunlichen Schimmer des Gesteins unterbrachen. Ganz oben hob sich in scharfen Umrissen die Gipfelspitze von dem tiefblauen Himmel ab. »Wie steht's?« fragte er nach kurzer Ruhe, »wollen Sie noch weiter?« Sie schaute ihn erstaunt an, nahm ohne ein Wort zu verlieren ihren Bergstock zur Hand und schritt fürbaß. Er hielt sie am Arme fest. »Schneid haben S' schon!« lachte er, »aber lassen S' mich voraus! Mit dem Grat da ist nicht zu spaßen!« Der Grat war höchstens fünfzig Meter lang, aber beinahe messerrückenschmal und senkte sich zu beiden Seiten als steiles Eisdach herab, unter dem die freie Luft schimmerte. »Vorsicht ... fest den Fuß aufsetzen! ... nicht zu stark auf den Stock stützen ... der kann ausgleiten ... langsam ... immer ruhig!« tönte es vor ihr. Und wie ein Echo kam von hinten das Gemurmel des Führers: »Vorsicht ... aufrecht gehen ... langsam ... nicht hinducken! ... Es geschieht der Dame nichts ... langsam!« Da waren sie drüben! »Uff!« sagte sie und schüttelte sich, »eben hätt' ich doch als Frauenzimmer eigentlich das Recht gehabt, mich ein bißchen zu fürchten!« Er sah sie prüfend an. »Sie sind anders wie andre Frauenzimmer!« brummte er und wandte sich dann rasch, als bereue er das Gesagte, zu dem Führer. »Gehen S' zurück! ... helfen S' dem Herrn hinüber! ... Wir steigen indes bis zum Firnhang hinauf!« Dort angelangt begann er, ohne sich umzuschauen, kunstgerecht eine schnurgerade aufwärts führende Treppe in das Eis zu schlagen. Sie blickte, ungeduldig im Schnee hin und her stapfend, zurück und sah ein seltsames Bild. Am andern Ende des schwindligen Schneegrats verhandelte ihr Gatte mit den Führern. Sie schienen über etwas zu streiten. Wenigstens redeten die Leute eifrig auf ihn ein und wiesen nach der Stelle, wo sie stand. Er antwortete mit Kopfschütteln und erregten Handbewegungen. Ein plötzlicher entsetzlicher Verdacht erfaßte sie. Aber Gott sei Dank ... nein ... da setzten sie sich unten in Bewegung und überschritten langsam die gefährliche Stelle. Sehr glücklich war das Bild nicht, das der in der Mitte dabei bot. Aber wahrscheinlich hatte sie selbst ja auch keine bessere Figur gemacht. Als er herankam, sah sie, daß sich seine Gesichtsfarbe merklich verändert hatte. Er holte schwer Atem. »Das ist ja ein unsinniger Weg, den uns der Baron da schleppt«, sagte er halblaut zu ihr, »es ist für dich besser, Elisabeth, du kehrst um!« »Warum denn?« fragte sie kühl. »Mir ist wieder ganz gut. Und jetzt wird's ja erst schön!« »Schön!« Herr von Randa warf einen Blick auf den Eishang und bemerkte erst jetzt die von dem Baron hergestellte Stufenleiter, »und da sollen wir hinauf?« Sie zuckte die Achseln. »Es scheint so!« »Ja ... aber liebes Kind ... sieh dir doch mal die Geschichte an. Weiter oben kommen diese törichten Stufen ja ganz dicht an den Hang heran. Wer da ausrutscht, fliegt tausend Meter in die Tiefe!« »Man rutscht eben nicht aus«, lachte sie. »Ich bin fertig!« schrie von oben der Baron mit seiner Löwenstimme, »... los! ... Sie zuerst, gnädige Frau!« Ihr Mann richtete sich auf: »Ich gestatte das nicht. Wenn dir ein Unglück passiert ...« Die beiden Bergführer hatten einen Blick getauscht. »Dafür sind wir da, Herr!« sagte der eine der beiden Brüder fest und weit entschiedener, als der bescheidene Mensch sonst auftrat ... »... und wir stehen als zwei Bergführer ersten Ranges im ›Bädeker‹ und im ›Tschudi‹, und Sie haben unsere Zeugnisbücher gesehen!« »So kommen Sie doch!« dröhnte es von oben. Der eine Führer stand schon auf den Stufen: »Halten Sie sich nur fest am Seil, Madame! ich zieh Sie herauf, das geht ganz gut!« Mit kräftigem Ruck schleppte er sie von einer Stufe zur andern die jähe Wand empor. Der andre Führer hinterher. Nach wenigen Minuten waren sie ohne Zwischenfall oben. »Was hat denn der Herr wieder gehabt?« schnauzte der Baron sie an. Die Führer lachten, schauten sich an und zuckten vielsagend die Schultern. Dann stiegen sie wieder hinab. Elisabeth hatte sich abgewendet. Eine tiefe Röte überzog ihr Gesicht. Eine unbestimmte Angst, daß sie sich ihres Gatten schämen müsse, kam über sie und wuchs erstickend an. Sie wagte gar nicht, den Firnhang hinabzublicken. Immer näher hörte sie die zuredenden Stimmen der Führer und ein undeutliches Brummen des Barons, das nicht sehr schmeichelhaft klang. »Na also, den Kopf hat's nicht gekostet!« sagte er recht rauh zu dem Ankommenden. Herr von Randa antwortete ihm nicht. »Elisabeth«, keuchte er, mit Pausen zwischen jedem Wort, »wir haben uns da zu einem ganz ... ganz unvernünftigen Abenteuer bereden lassen! ... ich bestehe darauf ... daß wir ... jetzt auf der Stelle umkehren ...« Sie schaute ihn kalt an. Der Baron ersparte ihr eine Antwort. »Setzen S' sich dahin!« sagte er kurz, »trinken Sie ordentlich Wein ... dann kommen Sie auf bessere Gedanken!« »Ich kehre um!« widersprach Herr von Randa scharf. Sein gutmütiges Gesicht war bleich und mit Schweißperlen bedeckt, »natürlich nicht wegen mir, sondern wegen meiner Frau!« »Ihre Frau klettert wie ein Wiesel!« fiel der Baron ihm unwirsch in die Rede, »und Courage hat sie mehr wie ... wie nötig ist!« Er brach ab. Und unwillkürlich ergänzte sie sich im Geiste, was er eigentlich mit seinen letzten Worten hatte sagen wollen! Da stand sie, unerschrocken, tatenlustig, nachdem sie durch eigene Willenskraft ihre Schwäche niedergekämpft ... der Gefahr spottend ... und neben ihr ... sie blickte ihrem Mann ins Gesicht. Er gab sich alle Mühe, ruhig zu bleiben. Aber sie sah deutlich, was in ihm vorging. Er war ihr Mann. Sie mußte ihm beistehen! Eine Wolke finsteren Zornes glitt über ihr schönes Gesicht. »Gehen wir also herunter!« sagte sie, an ihm vorbei in die Weite starrend, »wenn du so besorgt um mich bist!« Aber da widersprachen nicht nur der Baron, sondern auch die beiden Führer, deren Ehrgeiz es natürlich war, die Reisenden bis auf den Gipfel zu bringen. »Wenn Sie wieder im Schnee unten sind, machen Sie uns Vorwürfe, daß wir umgekehrt sind!« meinte der eine, und der andere wies nach oben: »Es ist ja nur noch eine schwierige Stelle! ... dann geht's ganz leicht in einer Stunde hinauf!« Elisabeth blickte auf ihren Mann. Er hatte einen starken Schluck Wein genommen. Seine Züge belebten sich. Er widersprach den Führern nicht. Sie fühlte eine schwere Hand auf ihrem Arm. »Kommen Sie!« sagte der Baron halblaut, »wenn er Sie vor sich sieht, bleibt er schon dabei!« Sie kletterte mit ihm und dem einen Führer empor. Erst über mäßig steile Platten, dann auf einem kurzen, breiten Felsenband, das jäh an einer vorspringenden Ecke des Gesteins abbrach. »Jetzt kriegen Sie Ihren dritten Schluck Kognak!« sagte der Baron, stehenbleibend, »ich verschwinde jetzt um diese Ecke! ... trete aber nicht in die freie Luft, wie es den Anschein hat, sondern auf eine Steinkante, die auf der andern Seite läuft. Wenn ich Ihnen dann zurufe: ›Jetzt!‹ so vergessen Sie, bitte, daß Sie ein Frauenzimmer sind und das Recht haben, sich zu fürchten ... kneifen Sie die Augen fest zu, damit Ihnen nicht vor dem Abgrund unter Ihnen schwindlig wird, schwenken das rechte Bein in die Luft hinaus um die Ecke und tasten, bis Sie auf der andern Seite festen Tritt haben, verlegen allmählich den Schwerpunkt Ihres Körpers dahin, geben sich einen Ruck, ziehen den linken Fuß nach und stehen vergnügt auf der andern Seite. Nur keine Angst. Sie können nicht fallen. Und wenn Sie fallen, so bleiben Sie drei Schritt abwärts am Seil hängen, und wir ziehen Sie wieder in die Höhe! ...« Vorsichtig tastend umklammerte er den Felsen. Dann ein Schwung. Die mächtige Gestalt verschwand vor ihren Augen. Nur das Seil zuckte leise, und man hörte, wie drüben ein Stein sich löste und herabkollerte. Dann ward es still. Nach endlos langer Zeit kam erst aus dem Abgrund der dumpfe Schall. »Los!« Ihr Herz hämmerte zum Zerspringen. Bleich, mit zitternden Händen, schob sie sich bis zu der Stelle hin. Da hörte sie von unten eine angsterstickte Stimme: »Elisabeth!« Das Gesicht ihres Gatten war verzerrt. »Zurück! ... zurück! sag' ich ... das ist frevelhaft ... ich erlaub's dir nicht!« Sie blickte auf ihn hernieder mit einer Art traurigen Mitleids. Wie im Traume zog der Tag an ihr vorbei, da man sie in der Dorfkirche traute, und sie vernahm wieder, vor dem Altar kniend, die Stimme des Pfarrers: »Er soll dein Herr sein!« »Los!« tönte es ungeduldig noch einmal von drüben. Dein Herr! ... der Mann da unten, dem die Furcht aus dem Gesichte sprach. Aber freilich ... die Furcht um sie! Wenn sie drüben war, würde er ihr gewiß folgen! »Hoho! ... also wirklich, Angst!« höhnte die Donnerstimme hinter dem Felsen. Sie fuhr zornig empor ... ihre Augen sprühten ... sie schloß die Wimpern ... sie umkrampfte das Gestein ... ein kurzer Augenblick, in dem Atem und Herzschlag erstarrten. Dann stand sie drüben, und der Freund lachte ihr gutmütig zu. »Ich hab' keine Angst gehabt!« stammelte sie atemlos. »Mein Mann rief mich im entscheidenden Augenblick an!« »Der will Sie wohl morden!« brummte der Baron ingrimmig. »Na ... setzen Sie sich dahin, bis er herüberkommt.« Es zupfte am Seil. » All right ?« tönte von drüben die Stimme des Führers. Der Baron setzte sich zurecht und spannte an. » Go on, Sir !« schrie er übermütig, und der Führer schlüpfte herüber. Der Mann hatte das zweite Seil um den Arm gebunden und wog es unschlüssig in der Hand. »Das ist bös!« sagte er, »der Herr will nicht herüber!« »Warum nicht?« Der Baron runzelte die Stirn. »... Er hat Angst«, raunte der andre ihm zu, leise, um nicht von Elisabeth gehört zu werden. Sie hatte es doch vernommen. Ein wildes Lachen klang von ihren Lippen. Sie sprang auf und legte die Hände an den Mund. »So komm doch!« rief sie mit heller Stimme, »es ist ja gar nichts dabei!« Hinter dem Felsen blieb es still. Man vernahm nur das dumpfe Murmeln des zweiten Führers. Der erste hatte sich in Positur gesetzt und das Seil über Felsblöcke befestigt, um den Touristen zu erwarten. Aber niemand kam. »Wo ist der Herr?« Eine Pause. Dann klang es dumpf aus dem Munde des zweiten Führers zurück: »Dem Herrn widersteht die Stelle! Er kehrt um!« Sein Bruder lachte und hielt dann, mit einem Blick auf Elisabeth, erschrocken still. »Die Herrschaften möchten doch zurückkommen!« hallte wieder von drüben dumpf die Stimme. Der Baron sprang auf und reckte seine mächtige Brust. »Fällt mir gar nicht ein! Wenn der Herr umkehren will, hat er an einem Führer ganz genug!« »Der Herr Baron könne machen, was er wolle.« Durch die Stimme des Führers klang es wie unterdrückte Heiterkeit: »Aber die gnädige Frau müsse sofort umkehren!« Ihr Freund zuckte die Achseln. »Ja ... das steht nun bei Ihnen!« Sie antwortete nicht gleich. Ein Zug verächtlichen Stolzes spielte um ihre Lippen. Sie sah in diesem Augenblick hart, beinahe grausam aus. »Meinen Sie, daß ich meinem Herrn und Gebieter auch diesmal gehorchen soll?« sagte sie rauh, »heute hab' ich Lust, einmal ungehorsam zu sein ... mag daraus werden, was da will!« Sie wandte sich zum Führer: »Machen Sie das zweite Seil los und werfen Sie es den andern hinüber. Ich geh mit Ihnen und dem Herrn Baron auf den Gipfel! ...« X Höher ... immer höher hinauf, dem Eisriesen zu Leibe, der sich vergebens gegen seine winzigen Bezwinger wehrt. Hindernis auf Hindernis häuft er, um den schwarzen, unverdrossen vorwärts kriechenden Punkten den Weg zu verrammeln. Starre Felswände stellt er ihnen entgegen, faules Gestein, das tückisch in der Hand bricht, furchtbar jäh abschießende Firnhänge. Aber über alles hin schlingt sich das Seil, klirrt die Axt und hebt sich der Bergschuh Schritt für Schritt dem näher und näher kommenden Ziel entgegen. Das ist das Gewaltigste und Aufregendste im Leben des Hochtouristen, dieser letzte Kampf mit dem Koloß, dieser Streit, den da in viertausend Meter Höhe, weit über den Stätten der Menschen, weit über der Wolkendecke, drei schwache Lebewesen mit dem ungeheuren Stein- und Eisgebilde führen. In den Kerben seines Frostpanzers sich emporwindend, jeden Felszacken als Handgriff benutzend, aus dem spröden Firn sich eine Treppe schmiedend, geht es hartnäckig himmelan, bis zu dem allerhöchsten, sanft geneigten Schneerücken, der keinen Widerstand mehr bietet. Der Augenblick des Triumphs ist nahe – und gellend hallt durch das starre Reich des Todes das Juchzen der Führer. Etwas Tierisches liegt in diesem Schrei, etwas von ungebändigter Kraft des Herrn der Schöpfung, jener unruhigen, kampfsuchenden Kraft, die ihn in die fernsten Winkel seines Erdballs, in das starre Eis des Nordpols, den ewigen Schnee der Hochwelt zum Kampfe mit den Elementen treibt. Ein berauschendes Glücksgefühl schwellte Elisabeths Brust, während sie mit den Männern höher und höher klomm. Sie dachte an nichts mehr als an die trotzige Spitze über ihr, die ihre Augen im Klettern kampfgierig suchten. Die Erinnerung an den Auftritt mit ihrem Mann, das Bewußtsein der Gefahr ... das alles verschwand in diesem einzigen Gefühl unbeschreiblicher Daseinsfreude, durch diese Welt voll Graus und Schrecken sein blühendes Leben siegreich und lachend bis zu den Grenzen des Himmels hinaufzutragen. Auch der Führer wurde immer lustiger, je höher sie. kamen und je eisiger der Hauch der Berge ihre heißen Wangen umfächelte. Er schrie und juchzte bei jedem neu erklommenen Kamm, jeder glücklich überwundenen Felswand, und in sein lärmendes Wesen klang zuweilen das dröhnende Lachen des Barons, dessen mächtige Augen in kühnem Wagemut glänzten. Sein Gesicht hatte sich gerötet, der blonde Vollbart wehte darüber hin. Er sah in dieser Stunde wahrhaft schön aus. Unwillkürlich mußte sie daran denken. Aber fast zugleich erfaßte sie ein beklemmendes, beängstigendes Gefühls das sich schon die ganze Zeit dumpf bei ihr gemeldet hatte. Sie konnte keine Luft mehr bekommen! Sie mochte atmen, so tief sie wollte ... sie hatte trotzdem die Empfindung, als ob ihre Lungen sich nur unvollkommen füllten, wie bei einem Menschen, dem man unter der Luftpumpe den Lebensstoff entzieht. Sie blieb stehen und rang nach Atem! »Haben S' Nasenbluten?« schrie der Baron über ihr. »'ne Handvoll Schnee ins Genick! Das wirkt auf der Stelle!« »Nein ... danke!« Sie sah empor. »Aber ich glaub' ... ich ersticke!« Der Baron lachte. »Ja, so dick wie im Ballsaal ist die Luft hier nicht. Aber 's langt schon noch! ... Nur ordentlich schnaufen und keine Angst ... dann geht's!« Wirklich ... es ging ... wenn auch zur Not. Und etwas seltsam Erfrischendes und Nervenstärkendes hatte diese eisdünne Luft an sich, die wie ein kaltes Bad den Körper umspülte und durch alle Hüllen drang. Höher ... immer höher! Der Riese gab sich nicht so leicht. Jetzt galt es noch, die letzte, als dünne Pyramide aufschießende Spitze zu nehmen. Sie kletterten an diesem höchsten steilen Zacken empor wie die Dachdecker an einem Kirchturm. Schon war es fast ringsum Luft, was sie umgab. Nur vor und über ihnen starrte noch, wie in den Wolken schwebend, der Stein, der ihren Füßen Halt bot, der sie mit der Erdenwelt verband. So mochte es Luftschiffern zumute sein, wenn sie die blöde Lehmkugel da unten verlassen und in das unendliche Weltall emporsteigen. Immer kleiner und winziger wird alles da unten. Zu grünen Bändern schrumpfen die Täler zusammen, zu schmutzigen Dunstflecken die Städte. Wie Maulwurfshügel ketten sich die Vorberge aneinander, und silbernen Bändchen gleich senken sich die unten so riesenhaften Gletscher in sie hinab. Nebelstreifen, weißlicher Dunst da und dort in der Tiefe, ein Dampfen wie von einem kochenden Kessel. Das sind die Wolken, die über dem Bergtal brauen, und die Armen darunter sitzen im Regenschauer und ahnen gar nicht, daß hier oben die Sonne in strahlendem Glanze die ragenden Eiszinnen versilbert und den Himmel in einem leuchtenden Blau verschwimmen läßt, das, klar und unergründlich zugleich wie die Ewigkeit, sich über dem ewigen Eise wölbt. Hier ist das Reich des Todes! Kein Laut als ferner Lawinendonner und das Heulen des Windes, keine Bewegung als das Flimmern der Schneekristalle, die er über die blendenden Flächen hinstäubt, daß sie im Sonnenlicht als Myriaden glitzernder Punkte blinken. Hier gibt es kein Erwachen und kein Ersterben der Natur. Ob unten das Korn reift und die Rebe blüht, ob der Maiwind rauscht oder das bunte Laub zu Boden kreist, hier oben bleibt alles starr und weiß und tot, ob in seltenen Wochen die Sonne darüber lacht oder den Rest des Jahres durch regelloses Wolkentreiben der Sturmwind seine heulende Bahn zieht. Und in dieses geheimnisvolle Reich drangen sie jetzt ein, in diese unbekannte Welt, die nur Auserwählten ihre Pforten öffnet! Elisabeths Herz zitterte. Wie sie da emporstieg, ein Hindernis nach dem andern überwindend, im stolzen Vollgefühl von Mut und Kraft und Gesundheit, da empfand sie, daß nur der den wahren Wert des Lebens kennt, dem das Leben selbst ein Einsatz im Spiel ist. Das, was man aus tausend Nöten und Gefahren glücklich gerettet, das hält man hoch, das schätzt man über seinen Wert und fühlt sich froh in seinem Besitz. Es lag etwas Wollüstiges in diesem jauchzenden Spiel mit dem Tode, in diesem Necken mit der Vernichtung, die wie ein drohendes Gespenst seit Stunden neben ihnen her schlich, und gegen die sich alles in ihr aufbäumte. Wir wollen leben! krampften sich die Muskeln zusammen. Wir wollen leben! zitterten die Nerven. Wir wollen leben! hämmerte das Blut durch ihre Adern – und wie eine mahnende, beruhigende Stimme antwortete in ihrem Innern das, was sie selbst war, ihr eigentliches, innerstes Wesen: Seid unbesorgt, ich führe euch vor die Augen des Todes, damit ihr wißt, daß ihr lebt, und wißt, was ihr am Leben habt! Nun waren sie beinahe oben! Eine Firnkuppe, kaum größer als ein Häuschen, das war das letzte, leicht erreichte Ziel. Über der Kuppe schwamm die dünne Höhenluft; sie umfing sie rechts und links, sie spielte fast unter ihren Füßen. Elisabeth mußte sich an dem Felsen anklammern, um sicher zu sein, daß sie noch irgendwo einen Halt an der alten, festen Mutter Erde habe. »Seien S' kein neugieriges Frauenzimmer und schauen S' nicht zuviel umher! Sonst werden S' zu guter Letzt noch schwindlig«, sagte der Baron, sich in einem winzigen Felswinkel niedersetzend, »da nehmen S' Platz und ruhen S' sich aus, daß Sie nicht erhitzt auf die Spitzen kommen!« Der Platz war eng. Sie mußten sich dicht aneinanderpressen. Er legte unwillkürlich den Arm um sie, um sie zu halten. Ihr schwerer, rascher Atem schlug heiß ineinander, während sie mit großen leuchtenden Augen stumm und kühn hinaus in die uferlose Weite schauten. »So muß einem Paar Turmfalken zumute sein«, meinte Elisabeth. »Wenn man an die Seelenwanderung glaubt, könnt' ich schon ein so wilder Vogel gewesen sein ... und Sie ... glaub' ich ... auch ...« Er wandte rasch den Kopf zu ihr. »Meinen Sie? ... Da paßten wir beide freilich zusammen?« Seine Stimme klang rauh und herb, daß sie erschrak. Aber nicht vor ihm ... mehr vor dem, was durch ihren eigenen Kopf ging. Sie sah wieder ihren Gatten vor sich, dort unten ... an der verhängnisvollen Stelle ... und neben ihr saß wie ein Herr und Gebieter, den das Schicksal ihr gesandt, der kühne, gütige, kraftstrotzende Mann. Sie fühlte den Druck seines starken Armes, der sie beschirmte und vor dem Sturz bewahrte, und in ihrem Ohr klang seine markige Stimme. » Hier passen wir zueinander«, sagte sie schwer atmend, ohne ihn anzusehen; » hier gewiß ...« Ein kurzes Schweigen. Sie fühlte, daß er leise, wie erschrocken, den Arm von ihr nahm und eine Bewegung machte, um seitwärts zu rücken. Aber das war nicht möglich. Hier war eine Trennung für sie der Tod ... Und dann schauten sich beide ins Auge. Stumm, mit angstvoll forschender Neugierde sahen sie sich an, wie fremde, unheimliche Wesen, die auf unbegreifliche Weise in ihnen selbst mitlebten, die dasselbe dachten wie sie, dasselbe wünschten und empfanden wie sie, die nichts andres waren als sie selbst in der Verkleidung des andern Geschlechtes, ihr Spiegelbild, das ihnen rätselhaft und vertraut zugleich zulächelte ... Sie schwiegen, denn sie wußten: in diesem Augenblick entschied sich ihr Schicksal. Der Führer, der weiter oben an einem Felsen kauerte, mahnte zum Aufbruch. Sie stiegen die letzte Höhe empor. Nun standen sie oben auf der kleinen Insel inmitten des schwach bewegten Luftmeeres. Und unter ihnen lagen die Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit. Elisabeth faltete die Hände. Ein einziger Gedanke lebte in ihr, ein stummes Gebet: »Herrgott, ich danke dir, daß du mich das schauen ließest!« In unermeßliche Weiten schweifte ihr Blick. Von den Reisfeldern der Lombardei bis zu den Rebenhängen Tirols, von den grünen Wellen des Genfer Sees bis zu dem Tannendunkel des Schwarzwaldes entrollte sich ihr die Erde. Wohl schwebte über diesen Niederungen ein schwerer Dunst. Wolken zogen darüber hin und ließen nur unbestimmt die Lage der Länder und der Seen erraten. Aber aus diesem rauchigen Untergrund hob es sich tausendtürmig, in leuchtenden Zacken empor. Ein Schneegipfel schob sich hinter den andern, eine Kette schloß sich der nächsten an. Was hier in dem alten Europa groß und gewaltig war, was über das Mittelmaß der Erde hinausragte, das reihte sich hier zu einem unermeßlichen Kreis von flimmernden Firnen, von wild aufstarrenden Felsspitzen, zwischen denen sich in blendendem Weiß die Schneefelder, in flammendem Farbenspiel die Gletscher über die rötlich-braunen Unterberge hinab in das Bereich der Nebel und der Wälder, hinab zu den Tälern der Menschen senkten. Da standen sie, die Riesen des alten Erdteils, in starrer Majestät, sich über Firn und Wolken grüßend. Dicht vor den einsam atmenden Wesen da oben bäumte sich die satanische Gestalt des Matterhorns in wütendem Trotz gegen den Himmel auf, und mit dem Ungeheuer strebten seine Nachbarn, das Rothorn und die weiß leuchtende fürchterliche Dent-Blanche, empor zum ewigen Blau. Zur andern Seite krümmte das sanfte große Breithorn den geduldigen Rücken. In blendenden Zacken schimmerte drüben die lange Reihe der italienischen Seealpen. Und von ihnen weg zog der Blick in immer weitere Fernen. Dort, wo der unschöne Koloß des Domes sich wölbte, flimmerte es weit hinten in der klaren Eisluft von kühn ragenden Gipfeln und endlosem Schnee. Dort scharten sich die Giganten des Berner Oberlandes um ihre Königin, die »Jungfrau«, die im Strahlenglanz aus ihrer Mitte sich erhob. Um sie herum die riesigen Recken ... alles überragend als mächtigster Vasall das Finsteraarhorn, neben ihm des Groß-Schreckhorns ungefüge Gestalt und die Lauteraarhörner. Auf der andern Seite, im Eisglanz gleißend, die tückische Blümlisalp und, schauernd in ihren Schneepelz gehüllt, die Weiße Frau. Hinter dem Matterhorn her stieg eine weiße Märchenwelt, ein ungeheurer Eiswall mit himmelstürmenden Zinnen, aus dem Gewühl der Hochwelt empor. Über Europa herrschend prangte da der Montblanc, und seine höchste Spitze, der Monarch, grüßte ins Oberland hinüber zur jungfräulichen Königin dieser erdentrückten Pracht. Gegenüber, dort im Osten, trotzten die Tiroler Berge den mächtigeren Schweizer Genossen. Die Ortlergruppe wölbte sich aus dem Getümmel der niederen Spitzen, der zackige Groß-Glockner stand in leuchtendem Glanz, und zwischen alledem schimmerten, wie der Widerschein des Himmels, tiefblau durch die Nebelfetzen die Fluten des Lago Maggiore. Kein Laut ... keine Bewegung in der zahllosen Schar der Gipfel, die ihr beschneites Haupt zum Himmel aufheben. Starr und fürchterlich wie die Ewigkeit stehen sie da, durch trüben Wolkendunst von der Welt da unten geschieden. Was kümmerte sie Erdenlust und Erdenleid? So haben sie gestanden, lange vor dem Ersten jenes Zwerggeschlechts, das ihnen jetzt seinen Fuß auf den Nacken setzt, so werden sie stehen, wenn der Letzte der Pygmäen in der Gletscherwüste verkommt, die einst von ihren Hängen herab langsam über den erkalteten Erdball kriechen wird. Auf Länder und Meere sehen sie hinab. Dort drüben liegt das Deutsche Reich, da ganz hinten Österreich. Hier ringsum die Schweiz und da nahe dabei Italien ... da Frankreich ... Aber die Berge blicken in starrer Verachtung auf das blühende Leben unten. Und aus ihrem Sturm spricht die Stimme der Ewigkeit: Seit Jahrtausenden schauen wir dem bunten Spiele zu. Die Völker kommen und gehen. Es ebben und fluten die Zeiten. Es drängen sich die Dinge. Nichts ist beständig, als der Tod. Nichts bleibend, als der Wechsel. Das wissen wir, die ewig Dauernden, die Leblosen ... Winzig und vergänglich ist alles, was ihr Menschen da unten treibt ... töricht euer Tun und Hoffen, ein Nebeldunst das alles, was euch da unten groß und gewaltig erscheint, und ihr selbst ein armseliges, im Tage vergehendes, im Tage verwehendes Geschlecht. Unwillkürlich suchten die beiden einsamen Menschen da oben einander mit den Händen. Die verschränkten sie fest und blickten hinaus in die fürchterliche Pracht. »Am liebsten möcht' ich niederknien und beten!« sagte Elisabeth endlich leise. Der Freund nickte: »Da wölbt sich über Kirchen und Bergen der wahre Himmelsdom. Und wenn wir 'runtersteigen, wissen wir's: wir waren drin ... Und unsre Augen haben Gott geschaut!« XI Auf dem Heimweg war das Wetter umgeschlagen. Der Nebel stieg aus den Tälern. Erst schwebte ein einsamer rauchiger Schwaden langsam und sich wie zögernd bald nach rechts, bald nach links wendend über die glitzernde Firnfläche dahin. Kleine Nebelfetzen blieben hinter ihm zurück und krochen unschlüssig hin und her, während die Hauptwolke aufwärtsstrebend sich in den Zacken der nächsten Felswand verfing und deren Rippen mit rieselndem, schlüpfrigem Tau überzog. Von andern Seiten erklommen andre graue Dunststreifen schwerfällig die Höhe des ewigen Schnees. Sie näherten sich, sie steuerten durch die merklich trüber und feuchter werdende Luft aufeinander zu, und wo sie sich trafen, da erloschen die Strahlen der Sonne wie der Glanz des Firns, da verschwand das Blau des Himmels und das Weiß des Schnees, und alles, alles floß in ein eintöniges, uferloses, unendliches Grau zusammen, von dem man nicht wußte, ob es aus Luft, ob es aus Nebels ob es aus schwebendem Wasserdunst oder einem ganz feinen, durchdringend prickelnden Regen, ob es aus dem allem zusammen bestand. Wundersam war von oben der Blick auf diese Wolkenwelt, die langsam, alles in ihren grauen Fluten verschlingend und ertränkend, aus den Tälern sich zum Himmel hob. So mußte die Sintflut ausgesehen haben! Wohin das Auge schweifte, ein wüstes, wesenloses Chaos, in dem Himmel und Erde in eins zusammenflossen und alle Gebilde der Welt spurlos verschwanden. Nur die höchsten Gipfel wehrten sie noch. Wie schroffe, jäh aus dem Ozean aufsteigende Inseln erhoben sich ihre schneeüberschütteten Zinnen aus dem Wolkenmeer, das ihre Hänge umspielte, aus diesem wellenlosen, geräuschlos steigenden Meer, dieser Brandung, die, zu Eis erstarrt, die Klippen umkränzte. Nichts von dem Donner der Wogen, von Möwenschrei und Sturmgeheul, das die wüste See belebt. Nichts regte sich, kein Laut erklang hier in dieser Todesdämmerung, die wie die Vernichtung selbst schweigend höher und immer höher zum Himmel emporwallte. In ihr verschwand alles, was man bisher gekannt und geliebt ... umsonst forschten die beiden einsamen Menschen von ihrem Schneehügel droben nach irgendeinem vertrauten Punkt. – Alles, alles versank in uferlose Weiten. Die ganze Welt, die sie sonst umgeben, ihr ganzes Leben, ihr eigenes Selbst ... was sie bisher getan und gedacht und empfunden ... das nahm auf Nimmerwiedersehen der schweigende Nebel auf, das lag begraben hinter ihnen, und ihrer harrte ein neues, geheimnisvolles Dasein, eine von grauen Wolkenschleiern verhüllte, von Tod und Gefahren starrende Welt, in die sie schwer atmend tiefer und tiefer hinabstiegen. Zuweilen sahen sie auf diesem Weg in das unbekannte Land hinab einander an, mit einer Art von Staunen. »Also das bist du – das Du, auf das ich ein langes Leben gewartet hab', ohne es zu kennen, ja ohne es zu begreifen – das Du, das mir mein eigenes Ich nimmt und mich doch reicher macht, als ich bin, das zerstörend und verwüstend in mein Leben einbricht, das mich mit gewaltigem Stoß aus meinen altgewohnten Bahnen schleudert und mit sich reißt, Gott weiß wohin – vielleicht in Sünde und Schuld, in Not und Tod – dies furchtbare, übergewaltige, gespenstige Du, das ich nie hätte schauen sollen, und das mir doch die Stunde zur gesegneten, zur einzig lebenswerten meines Lebens macht, die uns beide zusammenführte!« Zusammen für immer ... sie sprachen es nicht aus ... sie dachten es nicht aus ... es stand als etwas geheimnisvoll Schauerndes, als ein wonniges, unbestimmtes Grauen in ihrer Brust. Tiefer und tiefer hinab in das unbekannte Land! Schon umhüllten rings die Nebelschatten die schwer stapfenden Wanderer; ein feiner Wasserstaub, man weiß nicht, ist es Regen, ist es Nebel, senkt sich auf sie hernieder, mit einem feuchten Dunst alle Poren der Kleider durchdringend, und unter ihren Füßen glitscht und rutscht der aufgeweichte teigige Schnee. Dann über das weite Gewirr der Guffeln, der naßglänzenden, schlüpfrigen Felsblöcke, durch den zerfließenden Schlamm der Moräne, über den Gletscher hin, von dem man im Nebel nichts sieht als die Eisfläche gerade vor sich und etwas abseits eine versprengte Ziege, die, blasiert meckernd, als ob sich das von selbst verstände, zwischen den eisigen Schrunden und Zacken umhersteigt, und zum Chalet, wo man die Nacht zugebracht. Hier wollte der Führer rasten. Elisabeth sprach zum erstenmal seit langer Zeit wieder ein Wort. »Ich möchte nicht lange hierbleiben«, sagte sie halblaut, »ich möchte so rasch wie möglich hinunter in das Tal.« Ihr Freund nickte. »Gehen wir weiter!« rief er kurz zum Führer und zog den Rucksack, den er schon hatte ablegen wollen, wieder über die Schulter empor. Weiter in das Tal, wo die Entscheidung harrte. Wie sie ausschauen, wie alles sich gestalten sollte, das wußte keiner von den beiden. Aber immer rascher wurden ihre Schritte, trotz der Ermattung des langen Marsches, trotz des schlechten, geröllüberschütteten Maultierpfades, der sich in endlosem Zickzack hinüberzog. Längst hatten sie die Grenzen des Baumwuchses erreicht und wanderten zwischen Lärchen und sturmgeschüttelten Kiefern hin, in deren struppigem Geäst die Nebel brauten, schon kamen sie über triefende Matten, auf denen da und dort undeutlich die Sennhütten sich durch das fließende Grau hin abzeichneten und dumpfes Rindergebrüll erscholl, sie gingen an der Kapelle vorbei, über die Holzbrücke, unter der die grauen Eiswogen der Visp schäumten und tosten – und da lagen die ersten Häuser von Zermatt vor ihnen. In dem Nebeldämmern des Spätnachmittags machte das verräucherte Bergdorf einen ganz fremden Eindruck. Es war, als sei der ganze Kulturfirnis, der es sonst während der Sommermonde überzog, mit einemmal vom Regen weggewaschen worden. Verschwunden waren die bunten offenen Jahrmarktsbuden zu beiden Seiten der Straße, verschwunden die schellenklingelnden Maultierzüge und wie von der Erde verschluckt die Fremden, deren buntscheckiges Treiben sonst in allen Sprachen der Welt die schmutzige Dorfgasse erfüllte. Der Massenschwarm der Touristen war beim Einbruch des schlechten Wetters, dessen Fortdauer für die nächsten Tage die Barometer mit seltener Einmütigkeit verhießen, einfach abgereist, die ernsteren Alpenfreunde aber hielten sich fröstelnd auf ihren Zimmern, lagen gähnend zu Bett oder schlugen am Billard und im Rauchsalon die Zeit auf irgendeine Weise tot. Auch die Führer zeigten sich nicht. Teils saßen sie in ihrer Herberge, teils benutzten sie die unerwünschte Rast, um ihre Familien in Täsch, St. Niklas oder in andern Dörfern des Tales zu besuchen. Wären nicht die vierstöckigen Hotels gewesen, die da und dort über die Bauernhütten aufragten, so hätte sich in diesem Augenblicke Zermatt in keiner Weise von irgendeinem ärmlichen Hochgebirgsflecken unterschieden, durch dessen aufgeweichte Gassen allenfalls einmal eine Kuh im Regengeriesel zur Tränke trottet oder ein paar Hirten im Wettermantel und Schlapphut dahinschlendern. Je mehr sie sich dem Hotel näherten, desto langsamer wurden wieder Elisabeths Schritte. Bei dem Gedanken, in wenigen Augenblicken vor ihrem Gatten zu stehen, empfand sie eine beklemmende Angst, wie vor etwas Niedrigem und Häßlichem, das ihr da unbestimmt drohte. Sie schämte sich selbst dieses erstickenden Widerwillens, sie suchte ihn niederzukämpfen – aber schließlich blieb sie doch stehen und sah ratlos um sich. Gerade neben ihnen war die Kirche und an sie sich anschließend der Friedhof, ein Gewimmel verwetterter, niedriger Holzkreuze, über die sich ein wohl dreißig Schuh hohes Riesenkreuz mit den Worten »Nur kein' Todsünd'« schräge und dräuend neigte. Zwischen den Hügeln stand einsam und trotzig ein dreieckig behauener Felsblock. »Was ist das für ein Denkmal?« fragte sie ihren Begleiter. Es war das erstemal, daß sie wieder das Wort an ihn richtete. Er stieß die Tür auf und ließ sie eintreten. »Da liegt der Croz begraben!« sagte er, ... »der Michel Croz ... so ein Führer war einmal da und nicht wieder. Der war der Erste auf dem Matterhorn ...« »Und blieb dabei tot?« Er nickte. »Er und die andern. Hudson und Douglas liegen dort drüben unter der Steinplatte. Der dritte daneben ist nicht Hadow – dessen Leiche hat man nie gefunden –, sondern ein andrer Engländer, der erst später am Matterhorn umkam.« »Und da?« Elisabeth buchstabierte den in einen Grabstein gemeißelten Wappenspruch: » Semper idem! « »Das ist Herr von Grote, am Findelngletscher verunglückt. Da ein Straßburger – blieb, glaub' ich, am Lyskam tot ... da ein Engländer, der allein vom Gletscher aus das Riffelhorn ersteigen wollt' ... und dabei ist der Zacken von der andern Seite kinderleicht ... jeder Schulbub klettert mit irgend'nem Führer da hinauf ...« Sie waren wieder zu den Holzkreuzen auf der andern Seite getreten. Nachdenklich stand Elisabeth vor den bunt geschmückten, kreuzweise zusammengenagelten Holzplatten, unter denen der Führer Biener von seinem Sturz vom Matterhorn für immer ruhte. Ein ungefüges Gedicht war auf dem Grabmal eingeschrieben, eine von dem Bruder verfaßte Widmung des Verstorbenen an seine lieben Freunde und Brüder, die Bergführer von Zermatt. Darin war das große Unglück beklagt, in das ihn das Bergsteigen gebracht. Anders aber wandte sich der Schluß: »Ihr Brüder, verzaget darum nicht! Es tu ein jeder seine Pflicht! Gott der Herr übt ein gnädig Gericht!« Elisabeth wandte sich ab und zog wie fröstelnd den Mantel über den schmalen Schultern zusammen ... »Es tu ein jeder seine Pflicht!« Ihre Lippen wiederholten es halblaut, in ratlosem Bangen. Wie kam der Tote da unten, der armselige, ungebildete Knecht, dazu, ihr plötzlich in das Innerste ihres Herzens zu leuchten, sie bei dem Besten, was in ihr war, dem herben Stolze, zu fassen? Sollte sie auch den verlieren, ihre Selbstachtung, die Vornehmheit der Gesinnung? Der rohe Älpler, der da unten moderte, der hatte die Pflicht übernommen, einen andern durch Fährde und Nöte treulich zu begleiten, und war lieber gestorben, als daß er seinem frei gegebenen Worte untreu ward. Und sie ... sie schritt langsam die menschenleere Gasse entlang, die Augen auf die glänzenden Pflastersteine geheftet, und fühlte, wie ihr Herz immer gewaltiger, in mahnenden Schlägen pochte. Nun standen sie vor dem Hotel am andern Ende des Dorfes. Aber sie konnte nicht hinein. Wenige Minuten mußte sie sich noch gönnen. »Da drüben liegt auch noch mancher begraben«, sagte ernst ihr Freund und wies nach der weißleuchtenden englischen Kirche auf dem Hügel gegenüber, »da müssen wir auch noch einmal hin!« Sie folgte der Richtung seiner Hand. »Warum nicht gleich?« sagte sie halblaut, ohne ihn anzuschauen. »Das ist die rechte Stimmung und das rechte Wetter!« So gingen sie die hundert Schritt hinauf. Der Führer hatte sich mit Handschlag entfernt, ohne ein Zeichen der Verwunderung zu äußern. Der Verkehr mit den schrullenhaften englischen Montanisten hatte ihm derlei abgewöhnt. Stärker und immer stärker wurde der Regen, als sie an den armen, im Drahtkäfig eingesperrten Adlern und Gemsen vorbei zum Friedhof emporstiegen. Ganze Güsse trieften von den Dachrinnen des Gotteshauses und spülten über die Steindenkmäler hin, die die Kirche rings umgaben. Ein Engländer ruhte hier neben dem andern, fast alles Männer in der Blüte der Jahre. » Aged of 21 « stand auf der einen Grabplatte, die eine trauernde Mutter gewidmet, und auf der nächsten hieß es: »Aus Lebensmitte riß ihn ein Sturz vom Lyskamm in den Tod!« Gleich daneben beklagt eine junge Witwe den Tod ihres Gemahls, ein Bruder den Tod seiner Schwester, die am Zinnal-Rothorn der Steinschlag ereilt. Elisabeth sah zum Himmel auf. Die Wolken verhüllten das Matterhorn, den Lyskamm und die andern bleichen Riesen, deren Namen hier in Gold gemeißelt auf den Grabsteinen prangten. »Verunglückt in furchtbarem Schneesturm am Matterhorn« – »Abgestürzt vom Lyskamm«, das war da immer wieder zu lesen, und darunter das stehende » I am the resurrection and the life! « »Ich bin die Auferstehung und das Leben!« Innen in der Kirche schien man zu üben. Leise dröhnend, in gedämpfter Wucht zitterte der Orgelklang durch die Spitzfenster in die graue Welt hinaus, und silberhelle Mädchenstimmen schwangen sich aus seinem feierlichen Schwalle, wie lachende Sonnenstrahlen zum Himmel auf. Durch das Rauschen des Regens, durch das leise Stöhnen des Windes klang glockenklar der süße Laut, als stiege er aus den Wolken hernieder, die er doch sehnend suchte. Elisabeth stand reglos da. Die Tränen drangen ihr aus den Augen. Sie konnte ihnen nicht wehren. Ein unendliches sehnsüchtiges Mitleid erfaßte sie ... sie wußte nicht, ob mit sich selbst, ob mit dem Armen da drüben ... ob mit den Menschen überhaupt, dem vergänglichen, schwachen Geschlecht, das da unter Stein gebettet zu ihren Füßen lag, wie sie in wenigen Jahrzehnten einst ruhen würde und der neben ihr – und der andre – und alles ein Traum, was sie erlebt und erlitten ... verschollen alles, weswegen sie einander gehaßt und geliebt, einander gefürchtet und gesucht. Was war dann von solch einem ganzen kampfreichen Menschenleben übrig? Was war dieses Leben überhaupt? ... Heller und jauchzender klang von innen das Gebet durch das gewaltige Rauschen der Orgel. Ein Sturmstoß umfaßte sie, als wollte er sie wachrütteln aus Verirrung und Sünde. Sie hob das schöne Haupt nicht. Auf dem Grabstein vor ihr glänzte in Goldbuchstaben das letzte, ergebene Gebet eines jungen Bergsteigers: » Thy will be done! « – Jawohl ... » Dein Wille geschehe!« ... ich bin schwach und hilflos geworden ... gib du mir meine Kraft zurück ... zeig du mir den rechten Pfad ... und tu an mir, wie es ebenda im Vaterunser heißt: »Führe uns nicht in Versuchung!« Führe uns nicht in Versuchung ... Sie hatte die Hände gefaltet ... Aber das war kein Gebet, was ihre schlanken Finger zusammenkrampfte und die Tränen über ihre blassen Wangen rollen ließ, das war ein verzweifelter, innerlicher Kampf. Jawohl ... jener dort war schwach. .. er war klein ... er war ihrer nicht wert ... es war das Recht der Natur, wenn sie, die Andersgeartete, ihn verließ! Aber aus den Klängen, die von da innen warm und freudig durch die trostlose Regenwelt dahinströmten, da klang milde und mächtig zugleich eine andre Stimme: »Eben, weil er arm ist ... eben, weil er schwach ist, sollst du ihn lieben, wie er dich liebt! Eben, weil er deiner nicht wert ist, sollst du ihn nicht verlassen, denn höher als alles andre steht das Mitleid. Das hast du ihm zugeschworen, das bist du ihm schuldig bis zu deinem letzten Atemzug!« Sie erfaßte die Hand des Freundes und sah ihm zum erstenmal wieder fest ins Auge. »Wir wollen uns morgen nicht sehen!« sagte sie langsam, »erst übermorgen, wenn es klar geworden ist in mir und vielleicht auch in Ihnen! Bis dahin leben Sie wohl!« Er nickte schweigend und öffnete ihr die Tür des Friedhofs. An das Gitter gelehnt, sah er ihr nach, wie sie mit gesenktem Haupte, aber raschen und festen Schrittes auf das Hotel zuging ... XII Wäre nur die erste Begegnung vorüber ... die ersten Worte gewechselt! Sie blieb unschlüssig stehen. Wie würde er sie empfangen? Vorstellen konnte sie sich das nicht recht. Anfangs wohl verlegen, mit halben Vorwürfen und unsicherem Zorn. Zu erwidern vermochte sie darauf nichts. Sie wollte es ruhig über sich ergehen lassen. Das einzige, was sie ihm sagen konnte, das traurige: »Ich hab' Mitleid mit dir!« – das blieb besser unausgesprochen! Aber gerade ihr Schweigen mußte ihm neuen Mut geben! Das hielt er für Schuldbewußtsein. Daran gewann sein armer kleinlicher Geist neuen Halt. Sie sah ihn vor sich, wie er, sich immer mehr in näselnden Zorn hineinredend und seinen blonden Schnurrbart drehend, im Zimmer auf und nieder ging, wie er sie halblaut, in gedämpfter Heftigkeit ausschalt, Viertelstunde um Viertelstunde, wie neulich in Grindelwald, und durch ihr müdes Schweigen nur noch mehr gereizt wurde. Das war unsäglich traurig und niedrig. Aber vielleicht war es gut so. Der Widerwille, der sich dann in ihr regen mußte, der Grimm, der sich dann immer wieder in ihr aufbäumte, der mußte ihre Lippen entsiegeln, und von ihnen fiel jenes entscheidungsschwere Wort, das sie selbst in ihrem Innern noch nicht auszusprechen wagte, vor dem ihr heimlich graute. Dann würde es kalt und tonlos wie eine fremde Stimme von ihrem Munde klingen: »Gib mich frei! ... ich liebe einen andern!« Die erlösende Tat war geschehen! Mochte daraus werden, was da wolle ... Sie holte tief Atem und öffnete die Tür. Er stand nicht auf, als sie eintrat. Vom Tisch, an dem er saß, hob er langsam den Kopf und wandte ihr sein bleiches, gramzerstörtes Gesicht zu. Sie erschrak. Wie hatten sich diese glatten, gutmütigen Züge seit gestern verändert! Verzweifelte, bittere Traurigkeit sprach aus ihnen, ein klagender, hoffnungsloser Ausdruck lag in den wasserblauen Augen, die ganze Gestalt schien wie gebrochen von einem schweren Schicksalsschlag. »Nun ... bist du zurück?« sagte er leise und traurig. Sie nickte und trat an den Tisch. Sie wußte nicht, was sie zu ihm sprechen sollte. »War es schön oben?« Seine Stimme behielt den müden Klang. »Sehr schön!« Sie legte die Hand auf seine Schulter und sah ernst auf ihn hinab. Er war so ganz anders, als sie gedacht. Er tat ihr sehr leid. Er wehrte ihr ab. »Zieh dich um, Kind«, flüsterte er, ohne sie anzusehen, »du erkältest dich sonst in deinen feuchten Kleidern!« Sie ging gehorsam zum Nebenzimmer. An der Schwelle blieb sie noch einmal stehen. »Bist du mir böse?« fragte sie scheu. »Böse?« Ein trübes Lächeln glitt über sein Gesicht. »Ach, liebes Kind ... was hilft das jetzt, ob ich dir böse oder gut bin ...« Und wieder sank sein Haupt auf die Tischplatte nieder, während sie behutsam, wie um einen Kranken nicht zu stören, die Tür schloß. Als sie zurückkam, fand sie ihn noch in derselben Stellung. Er hörte ihre leichten Tritte nicht. Erst als sie seine Hand ergriff, zuckte er zusammen und machte eine Bewegung, als wollte er sie ihr entziehen. Sie hielt sie fest und setzte sich neben ihm nieder. Das Mädchen brachte Tee. »Ich hab' ihn gleich für dich bestellt«, murmelte er. »Du brauchst etwas Warmes nach dem großen Marsch.« Sie nickte dankend und schenkte sich ein. »Bist du gut heruntergekommen?« fragte sie nach einer bangen Pause. Da fühlte sie sich am Arm ergriffen, daß sie die Tasse klirrend auf den Tisch setzen mußte. Zum erstenmal sah er ihr voll ins Gesicht, verstört und irre, wie ein Mensch, der furchtbare Schmerzen leidet. »Sprich nicht davon!« stieß er hervor, »du weißt nicht, was das für mich bedeutet ...« Er stand langsam mit gesenktem Haupte auf und ging, nach seiner früheren Gewohnheit, ein paarmal durch die Zimmer. Dabei schien er ruhiger zu werden. »Weißt du auch, Elisabeth«, sagte er endlich, vor ihr stehenbleibend, in beinahe gleichgültigem Ton, »weißt du auch, daß du mich um ein Haar gar nicht mehr vorgefunden hättest? ... Ich war auf dem Punkte, mich heute mittag umzubringen ...« setzte er halblaut hinzu, als sie ihn fragend ansah. Sie sprang entsetzt vom Stuhle auf. Er wandte sich von ihr ab. »Ich hab's nicht getan, wie du siehst. Ich hab' an jemand gedacht, als mir in der schrecklichen Stunde die Not am höchsten war. Nicht an dich! Du warst ja über alle Berge mit ... mit deinem Freund und kümmertest dich nicht um mich und ... jawohl ... du hattest ganz recht ... nachdem das geschehen war ... da brauchtest du dich nicht mehr um mich zu kümmern. Aber an unser Kind hab' ich gedacht ... das bleibt uns eben doch gemeinsam, wenn auch alles andre ... und da wurd' ich wieder ruhiger und brachte den Tag so hin und schickte eine Depesche nach Hause.« Er brach ab und seufzte tief auf. Wie der Arme so dastand, da durfte er von keinem Menschen andres als Trost hören. »Du mußt dir das nicht so zu Herzen nehmen ...« sagte Elisabeth mit weicher Stimme und wieder seine Hand erfassend, »so schrecklich ist es ja doch schließlich nicht. Und vor allem: es erfährt es ja niemand. Wir beide, unser Freund und ich ... wir schweigen natürlich ... die Führer bekommen ein gutes Trinkgeld, und sonst hat es ja kein Mensch gesehen. Und wenn auch ... das kommt ja alle Augenblicke vor, daß jemand in den Bergen krank wird und umkehrt. Da ist doch wirklich nichts daran. Das sagt Baron Gündlingen auch.« Er hörte gar nicht mehr auf ihre letzte, in der Eile erdichtete Behauptung, sondern schüttelte trübe lächelnd den Kopf. »Was gehen mich die andern an«, sprach er langsam, »wie es zwischen uns steht, Elisabeth ... das ist ja doch die Hauptsache ... Über das heute morgen ... da kannst du ja nicht heraus, das seh' ich selbst am besten ... eine Frau muß den Mann achten können, den sie liebt ... und seit heute ... schau, ich hab's ja immer gefühlt, daß du mir fremder wurdest ... anders als ich ... ich hab' nur nicht begriffen, wie – und dacht', es würd' sich wieder geben, ... aber jetzt ... ja freilich ... du bist stärker als ich ... du siehst auf mich herunter ... du verachtest mich ...« Da sprach er schonungslos gegen sich selbst die Worte aus, die sie kaum auszudenken wagte. Es gab ihr einen Stich ins Herz. »Das gewiß nicht«, sagte sie warm und leise, »und vor allem ... verzeih du mir. Es ist meine Schuld. Ich hätte mich dir fügen sollen ... !« Er schüttelte den Kopf. »Deine Schuld ist's nicht. Elisabeth! Was kannst denn du dafür, daß du ein starker, kraftvoller, mutiger Mensch bist? Sei froh, daß du's bist. Aber hart ist es, furchtbar hart für mich. Ich fühl' es ja ... jetzt ist das Band zwischen uns ganz zerrissen.« Sie schaute ihn bange an. Es erschreckte sie, wie er alle ihre Empfindungen und Wünsche da in müden, gebrochenen Worten vor ihr entrollte. »Wie soll das nun werden?« fuhr er fort, »derlei verwischt sich nicht. Nein ... Elisabeth ... du kannst es nicht vergessen ... beim besten Willen nicht. Und irgendein Mann muß doch dein Leben ausfüllen. Zu irgendeinem mußt du aufschauen, das ist Frauenrecht. Und da ich's nicht mehr sein kann, so wird es ein andrer werden ... vielleicht der Baron da oder sonst jemand ... und ich werde dich verlieren ...« Sie richtete sich rauh auf: »Zweifelst du an meiner Pflicht?« »Nein!« sagte er trübe, »ich kenne dich, Elisabeth! Du wirst nie ein Geheimnis vor mir haben. Du bist viel zu stolz und rein dazu. Aber du wirst es mir eines Tages selbst sagen. Du wirst mir sagen: ›Das ist ein unwürdiger Zustand ... solch eine Ehe, in der ein Teil den andern nicht mehr achtet. Laß mich gehen.‹ Und dann verlier' ich dich für immer ...« Er sank auf einen Stuhl, das Gesicht in den Händen verbergend, und ein verzweifeltes Schluchzen durchschüttelte seinen Körper. »Und ich hab' dich ja so unendlich lieb, Elisabeth ... ich lieb' dich ja so von Herzen ...« Es wurde still in dem Gemach. Sie wagte kaum zu atmen. Ein weinender Mann ... das hatte sie noch nie gesehen, nie für möglich gehalten. Und doch flößte er ihr in diesem Augenblick keinen Widerwillen ein, sondern nur ein tiefes Mitleid. Er weinte ja um ihretwillen ... aus Liebe zu ihr, die schon im Herzen das Bild eines andern trug ... Sie setzte sich neben ihn und fuhr mit ihrer kühlen Hand über seine Stirne. Aber sie brachte kein Wort hervor. Heucheln konnte sie nicht, und das, was auf ihrem Herzen lag, das durfte sie in dieser Stunde dem Armen da nicht sagen ... XIII Er hatte am Kirchhofgitter gewartet, bis ihre schlanke Gestalt im Portal des Hotel Mont-Ceroin verschwunden war. Dann folgte er ihr langsam nach. Der Herr Professor aus München ... der kleine Herr mit dem langen schwarzen Bart, meldete ihm ein Kellner, während er die Treppe heraufstieg, der sei heute schon zweimal dagewesen und habe nach dem Herrn Baron gefragt. Er wollte wiederkommen. Es scheine sehr dringend zu sein ... Er nickte, ohne recht auf das Geschwätz des Menschen zu hören, schloß die Tür hinter ihm und sank schwer auf einen Stuhl nieder. Was sollte das werden? – Tief atmend starrte er durch die regenblinden Scheiben hinaus auf die leere Gasse. Er hatte keinen Willen mehr. Das fühlte er. Er trieb nur so hin im Strom der Leidenschaft ... einem geheimnisvollen verlockenden Ziele entgegen. Sollte er noch versuchen, Widerstand zu leisten? Es war umsonst. Er konnte nichts mehr tun gegen das ungeheure, trotzige Kraftgefühl, das sich in ihm regte, gegen den wilden, jauchzenden Drang, um dies schöne, stolze Wesen zu kämpfen Auge um Auge, Zahn um Zahn, sie aus Not und Gefahr heraus an seine Brust zu reißen und an sich zu pressen ... für immer ... für immer ... »Du tust unrecht an einem Mann, der dir vertraute« ... Ja freilich ... das war wahr ... sie war des Nächsten Weib. Aber gleich darauf stand er auf! Ein grimmiges Lachen entrang sich seiner breiten Brust. Das war ja eben die Sühne ... das war die Vergeltung für das Leid, das man ihm selbst einst zugefügt. Damals hatte man ihm das Liebste auf Erden genommen und sein Leben verwüstet – nun mochte es einem andern ebenso ergehen! Warum sollte er allein leiden und trauern? Und dann war noch ein Unterschied. Er war betrogen, schmählich, mit zärtlichem Lächeln und dem Händedruck des Freundes, betrogen worden. Hier aber sollte nichts geschehen, was das Licht des Tages scheuen mußte. Sie wollten ehrlich handeln und frei und schlicht dem dort die Wahrheit sagen, daß sie nicht mehr voneinander lassen konnten. Der mochte dann tun, was ihm beliebte ... der mochte sich fügen oder kämpfen um Sein und Nichtsein ... er trat ans Fenster, und unwillkürlich spannten sich seine kraftstrotzenden Muskeln ... auf Tod und Leben kämpfen, wenn es sein mußte! Er war bereit. Wäre nur die Zeit des Harrens vorbei gewesen. Er begriff es ja wohl: ein solcher Entschluß, eine solche Aussprache erfordert Zeit. Aber bis übermorgen hier zu sitzen, müßig und mit pochendem Herzen, im Regenwetter zwischen die Öde der Table d'hote oder an den Stammtisch der Bergfexe gebannt ... das war ein unerträglicher Gedanke, und doch blieb nichts daran zu ändern. Denn bei solchem Wetter in die Berge zu gehen, das hatte wahrlich nicht Sinn und Verstand. Da klopfte es an die Tür. Der Professor trat ein. Er war in seltsamer Aufregung. Der lange Bart hing ihm ganz zerzaust vom nervösen Zupfen und Drehen über die schmächtige Brust, und in den pechschwarzen kleinen Augen funkelte ein unheimliches Feuer. »Was haben S' denn, Professor?« Der Baron trat ihm entgegen und musterte erstaunt den zwergenhaften Maler, dessen buschiges Gnomenhaupt ihm noch nicht bis zur Brust reichte. »Eine Bitte hab' ich«, raunte der und faßte mit beiden Händen inständig die nasse Joppe seines Gegenübers, »gangen S' morgen früh mit mir in die Berge!« »Bei dem Wetter! ... sind Sie verrückt?« Der Kleine warf einen scheuen Blick um sich, als könne man sie belauschen. »Gerad' bei dem Wetter«, flüsterte er dann geheimnisvoll, »das brauch' ich ja eben!« »Ja wozu denn? In Sturm und Regen können Sie doch da oben nicht malen!« Der Professor stieß ein höhnisches Gelächter aus. »Malen ... und wie! Die Stümper freilich ... die malen mit den Faust' und der Palette ... die freilich ... aber ich ... ich mal' mit dem Kopf! Wann's erst da drin steckt, dann is mir die Leinwand 'ne Spielerei.« »Aber bei dem Nebel ... man sieht ja nicht zwanzig Schritt weit ...« Der Zwerg schaute zu ihm auf, mit einem verzehrenden Blick. »Wann die Sonne scheint, kann jeder die Berge abpinseln«, sprach er leise und feierlich, »das is, weiß Gott, kein Kunststück mehr! Aber das sind die Berge net! So schauen s' zwei, drei Wochen im Jahr aus ... aber den Rest der Zeit ... da kann man sie halt nicht malen!« »Sie sind ein großer Künstler, Professor ... das weiß ich ... aber aus Regen, Nebel, Sturm und Finsternis macht man doch kein Bild ...« »Man macht schon eins! ...« Der Kleine sah in tiefem Sinnen zu Boden und drehte langsam die pechschwarzen Bartsträhnen. »Nur anders wie die andern ... Heut nacht hab' ich's gespürt ... da is die Eingebung über mich gekommen ... die Natur ist nicht tot, lieber Freund ... die lebt ... das haben die alten Griechen schon gewußt ... denen war jeder Baum eine Nymphe und die Sonne ein feuriges Viergespann und das Meer ein mächtiges Greisenhaupt ... und so ...« Er dämpfte seine Stimme noch mehr und sah in banger Erwartung zu dem andern empor – »so muß ich den Berggeist malen ...« »Ja ... aber wie denn?« Der Professor fuhr sich mit der Hand über die glänzenden Augen. »Ich werd' ihn schauen«, sagte er geheimnisvoll, »morgen, wann ich herausgeh! ... ich weiß es ... morgen seh' ich das Größte in meinem Leben ... da seh' ich alles, was furchtbar und erhaben ist in den Alpen, in einer Gestalt zusammengefaßt. Die Gestalt muß mir morgen dort oben in den Schründen, in Sturm und Wetter erscheinen. Aber allein kann ich nicht herauf ... das begreift 'n Kind ... und ein Führer ... ja schaun S', Baron ... so 'n Kerl mordet mir die Stimmung ... wann er auch 's Maul halten muß ... durch seine bloße Gegenwart. Da brauch' ich 'nen Menschen neben mir, der dasselbe fühlt wie ich ... nur daß er's halt nicht auf der Leinwand aussprechen kann. So einer sind Sie, Baron ... Kommen S' mit, den Freundschaftsdienst dank' ich Ihnen ewig ... und die Kunst dankt's Ihnen auch. Wann erst das Bild im Glaspalast hängt, und das dumme Volk steht davor, wie in der Kirche ...« »Wissen Sie, Professor«, sagte der andre, »von der Kunst versteh' ich nichts, aber vom Bergsteigen schon ... und da muß ich Ihnen sagen ... das ist und bleibt 'n Unsinn! ...« Aber nein sagte er doch nicht, und der Gnom ersah seinen Vorteil, um dem waghalsigen Bergsteiger den Mund wässerig zu machen. »Und wissen S', wo ich hinaus will?« fragte er vertraulich, »vom Furggletscher will ich über das Matterhorn hinauf, die »Schulter« erreichen und den gewöhnlichen Weg über den Kamm zurück.« »Was ... und die Steine ... das ist ja einfach lebensgefährlich ...« »Ach so!« – der Kleine machte eine Bewegung spöttischen Bedauerns – »also Sie reden auch von Gefahr ... Ich sag' mir, die Kunst steht in Gottes Hand! Der da oben nimmt mich nicht zu sich, solang ich noch was Leidliches zusammenpinseln kann.« Der andre Bergsteiger antwortete ihm nicht. Ein Gottesurteil! ... das Wort klang plötzlich in seinem Innern auf. Sollte er gerade jetzt das Schicksal herausfordern ... gerade jetzt ... in dieser entscheidenden Wendung seines Lebens? Und in ihm regte sich der Trotz: Jawohl ... gerade jetzt! Er war nun einmal in den Händen des Geschicks ... mochte es ihn führen, wohin es wollte, und ihn verderben, wenn er auf falschem Wege wandelte! Besser den Tod als morgen den langen Regentag hinter dem Ofen sitzen und tatenlos warten, was ein Weib über sein Leben und seine Zukunft entscheidet ... »... Bis morgen abend muß ich zurück sein«, sagte er finster, »denn übermorgen hab' ich mehr zu tun als mit Ihnen am Matterhorn herumzukraxeln! ...« »Morgen abend sind wir zurück!« versprach der Professor seelenvergnügt und vor Aufregung zitternd, »aber wissen S' was ... naß sind S' aa schon, gehn wir doch heut' die Stund' bis zum Schwarzseehotel hinauf! da haben wir's morgen näher!« Er war auch damit zufrieden. Wenn er sie doch bis zu der entscheidenden Stunde nicht sehen, nicht mit ihr sprechen sollte, so war es besser, er blieb auch räumlich von ihr getrennt. Eine Stunde später stiegen sie im Abendgrauen den Maultierpfad zum Schwarzsee empor. Ein Knecht trug ihr Gepäck. Sturm, Nebelreißen und Regenschauer umgaben sie. Der Baron blieb einen Augenblick stehen. »Nehmen S' mir nicht übel, Professor«, sagte er, »aber Sie sind komplett verrückt. Das ist ja ein wahres Hundewetter!« »Macht nichts!« – der Zwerg schüttelte den Kopf und sah, auf seine mächtige Eisaxt gestützt, gierig zu den Wolken empor – »ich muß hinauf! ... und morgen um die Zeit ... das schwöre ich Ihnen, da haben die Berge kein Geheimnis mehr vor mir!« »Legen S' mal den Pickel ans Ohr!« riet der andre trocken. Der Kleine tat's. Jawohl, der Pickel summte! Ein leises Knistern entströmte rastlos dem kalten Metall. »Heut singen die Stöcke nicht schlecht.« Der Baron preßte die scharf geschliffene Stahlspitze hart ans Ohr, und sein Gesicht wurde ernst. »Sie wissen, was das heißt! Die Luft ist mit elektrischer Spannung geladen. Das zeigt für morgen Sturm und Unwetter von der schlimmsten Sorte ...« »Kommen S'«, sagte der Maler leichthin, und sie schritten weiter. Aber immer wieder hob von Zeit zu Zeit im Aufwärtssteigen der eine Wanderer die Eisaxt zum Ohr, und immer wieder klang das leise, dräuende Summen, als warne die leblose Waffe ihren Herrn ... XIV Ein Donnern und Heulen ging durch die sturmbewegte Luft, ein Brüllen, wie die Hetzjagd böser Geister, die in dem strudelnden Nebel- und Wolkenmeer ihr Wesen trieben. Zwei Gewaltige rangen da miteinander: der Föhnsturm und das Matterhorn. Aus dem Süden, aus der Glut der italienischen Sonne kam der Föhn daher und stürzte sich gierig in die kalten Alpentäler. Die Lärchenwaldungen krachten und prasselten, in hundertästigem Gewirr zusammenstürzend unter seinem flammenden Hauch; die Sennhütten fegte er, einen Haufen wirbelnder Schindeln und Balken, spielend über die Matten und blies mit seinem Sturmesatem die Wolken am Himmel in Fetzen auseinander. Aber an dem starren Steingespenst, das höhnisch über diese Wolken hinausgrinste, da zerschmetterte sich seine Kraft. Die Felswände hielten den Anprall auf. Wohl stürzten von ihnen haushohe Blöcke zu Tal, und rieselndes Schuttgeröll glitt über die schroffen Platten nieder; wohl schien es, als wanke der ganze Riesenbau, wenn ihn der Orkan brüllend an den Schultern faßte und schüttelte und rüttelte, aber immer wieder teilten sich machtlos die zerschellten Luftwogen an den Klippen und strudelten ziellos an den Schründen des Abhangs dahin. Es stöhnte in allen Klüften, es fauchte in den Spalten des Gesteins und zischte wütend um die ragenden Zacken, und in diesen Wirbeln tanzten und stiegen, zusammengeblasen, auseinandergerissen und in tollem Spiel zu neuen Fetzen und Klumpen sich einend, die ungeheuren grauen Schwaden. Weiter unten, gegen das Tal hin, entströmte triefender Regen dieser schwankenden, haltlos durcheinanderflutenden Dunstwelt. Hier oben aber sprühte es in der Ferne glitzernd weiß aus den herantreibenden Wettern. Was sie an Schneeflocken besaßen, das schüttelten die Wolken in wilden Würfen, in millionenfachem, weißem Gewimmel in den Sturm hinein aus, der jauchzend das Spielzeug empfing. Hier stäubte er es wagerecht über die aufgepflügten Schneehänge hin, dort mußte es in schrägen Strahlen an der Felswand branden, da wieder ließ er es durch Felsentrichter in sausendem Gewirre kreisen und blies es nach oben, nach den Wolken zurück, von denen es stammte. Sein ungeheures Gebrüll verschlang alles andre. Sein Feind, das Matterhorn, konnte dagegen nicht aufkommen. Das bißchen Lawinendonner und Krachen abstürzender Bergmassen, das verhallte spurlos in dem Jauchzen und Gellen der entfesselten Sturmgeister, die, in wirbelnde Schneeflocken gehüllt, die Wände umkreisten. »Da sind sie! ... ich seh' sie!« schrie der Maler im Aufwärtsklettern seinem Freunde zu, »heut' faß ich euch, ihr Burschen ... heut' entgeht ihr mir nicht ...« Seine Augen glühten, der lange Bart flatterte, schneeweiß überreift, im Sturm weit von dem dürftigen Körperchen ab, das mit unheimlicher Gelenkigkeit die senkrechten Felsen hinaufklomm. »Was, zum Teufel, sehen Sie nur?« dröhnte hinter ihm durch das Heulen des Föhns die Stimme des Barons, »seit drei Stunden kraxel' ich nun mit Ihnen bei drohendem Schneesturm in die Höhe ... bei drohendem Schneesturm am Matterhorn! ... 's wär' ja wahrhaftig zum Lachen, wenn's nicht so verflucht ernsthaft wäre.« Eine senkrechte Felswand, Tausende von Fuß über ihnen aufgetürmt, zweitausend Fuß unter ihnen, bis zum Gletscher reichend, und an diesem schreckenvollen Gebilde der Natur, an winzigen Kanten und Vorsprüngen klebend, zwei menschliche Wesen, an denen vorbei alle paar Minuten ein niederstürzender Stein seine dräuende Bahn zieht – jawohl, das war ernst. Der Maler hatte sich an einem Felsvorsprung hingekauert und starrte verzückt in das Chaos von Sturm und Nebel, das auf zwanzig Schritt in der Runde sie umgab. Die gnomenhafte Gestalt da oben flößte dem nachkletternden Begleiter plötzlich ein unerklärliches Grauen ein. »Was sehen Sie denn nur?« schrie er noch einmal. Der andre wandte den Blick nicht von dem Kampf der Elemente vor sich. »Viel!« zischte er dem Herangekommenen ins Ohr, »viel ... aber noch nicht alles! ... das letzte Geheimnis hab' ich noch nicht geschaut!« Und hastig begann er weiter zu klettern, eine schwindelnd steile Wand empor, an der der Tod aus allen Spalten und Klüften grinste. Sie hatten sich als geübte Kletterer nicht angeseilt. Das war hier nutzlos. So blieb der Gefährte stehen und legte die hohle Hand an den Mund. »Wir müssen umkehren, Professor!« schrie er durch den Sturm. »Sie haben genug für Ihr Bild geschaut! Ich geh' nicht weiter ...« Der Zwerg wandte sich um. Antworten konnte er nicht. Seine Stimme war zu schwach. Aber seine Hand deutete nach oben, und ein irres, tückisches Lächeln spielte um seine Lippen. Es ging nicht anders. Man mußte ihn einzuholen suchen und mit Gewalt zur Umkehr bringen. Der kräftige Bergsteiger kletterte ihm nach, den Blick unverwandt auf die schwächliche Gestalt gerichtet, die rastlos durch den Sturm aufwärts klomm und ihm zuweilen erbost mit der Hand zur Eile winkte. »Man könnte meinen, ein Gespenst klettere einem da voran«, ging es ihm durch den Kopf, »ein böser Geist, der mich in diesem Schreckenswetter irreführt und hohnlachend auf irgendeiner Klippe verloren stehen läßt. Wenn ich den kleinen Professor nicht so genau kennte ...« Ein nußgroßer Stein, den jener oben abgelöst, kollerte herab. Er duckte sich an einem Felsen, um die Gefahr über seinen Kopf springen zu lassen, und plötzlich erfaßte ihn ein Gedanke: der kleine Professor war schon einmal vor Jahren im bayrischen Hochland von einem Stein am Kopf getroffen worden! Er lag damals lange krank. Dann erst, als er genesen war, begann er jene wundersamen, unheimlich geschauten Alpenbilder zu malen, denen er seinen Weltruf verdankte. Die Verwundung hatte irgend etwas in seinem Geistesleben geändert! Aber vielleicht mehr, als man ahnte? Wieder blickte er zu dem wütend kletternden Männchen empor, und es fiel ihm ein, daß ein berühmter Wiener Nervenarzt den höchsten Alpensport, dem er und seine Genossen huldigten, das bewußte Aufsuchen der Gefahr, um die Nerven zu kitzeln und den Todesmut zu prüfen, bereits als eine Form geistiger Verirrung bezeichnet hatte. Am runden Tisch im Hotel Mont-Cervin hatte er mit den Genossen darüber gehöhnt: Wenn er abstürzte, war das seine Sache; ihm war das Leben gleichgültig. Noch vor wenigen Tagen hätte er so gesprochen. Jetzt aber lag ihm etwas am Dasein, und mit Grauen sah er, wie da oben sein gespenstiger Genosse ihn weiter und weiter dem Tode in den Rachen führte. Sollte wirklich sein Verdacht wahr sein? Mit äußerster Anstrengung arbeitete er sich empor, und das Glück wollte ihm wohl. Vor einer Felsenplatte, über die sich der kleine Körper nicht schwingen konnte, fand er den Professor, sich an dem Gestein haltend, in halb liegender Stellung. »Helfen S' mir 'rüber, Baron«, keuchte er atemlos. »Unsinn!« – der andre packte ihn derb an der Schulter – »jetzt wird umgekehrt! Jetzt hab' ich's dick!! ... das Wetter wird jede Minute schlechter. Haben Sie Lust, am Matterhorn in einen Schneesturm zu kommen?« Der Kleine sah irre um sich, wie wenn er aus einem Traume erwachte. »... 's ist so schön hier ...« flüsterte er geheimnisvoll ... »wunderschön ... ich möcht' nicht weg ...« »Aber jedes Kind sieht doch ein, daß wir nicht weiter können ... es ist gar keine Möglichkeit, auch nur die alte Hütte zu erreichen ...« »Doch!« schrie der Professor, »doch ... wir müssen ... und wenn wir zehnmal ...« Seine nächsten Worte verhallten in dem betäubenden Donner, mit dem plötzlich der Orkan herauffegte. Sie klammerten sich mit abgewandten Gesichtern an die Felswand, deren lebloses Gestein selbst im Zittern der Luft mitzuschwingen schien. Mit eisigen Armen umfaßte der jählings wachsende Sturm die beiden Männer. Er raubte ihnen den Atem, er zwang sie, die Augen zu schließen, und hauchte erstarrende, tödliche Kälte über die festgekrampften Hände. »Da schauen S'!« Der Baron war bleich geworden. Da kam der Schneesturm ... der Schneesturm am Matterhorn! Einzelne Flocken flogen weit voraus, dann immer dichtere, windgepeitschte Schwärme, endlich ganze Wolken von stiebendem Schnee, die im Augenblick Felsen und Menschen verhüllten. Die Luft verfinsterte sich. Man konnte kaum mehr ein paar Schritte weiter sehen. Es war, als bräche die Nacht herein, als legte sich eine tiefe eisige Dunkelheit über die Gebirgswelt, in deren Schluchten und Schründen der Föhn heulend wie eine gefangene Bestie hin und her fuhr. »... 'runter, wenn uns unser Leben lieb ist!« Der Baron zerrte mit mächtigem Ruck den kleinen, jetzt nicht mehr widerstrebenden Begleiter zu sich herab und begann mit ihm den Niederstieg. Das war ein böser Weg über das mehr und mehr vereisende Gestein in der Tiefe. Mit äußerster Vorsicht, so langsam und behutsam wie möglich mußte man klettern, und dabei drängte doch die Gefahr, die mit jeder Sekunde wuchs. In einem Felsloch ruhten sie einen Augenblick erschöpft aus. Wie die beiden Männer da kauerten, unförmlich eingemummt, gestrickte Wollkappen über dem Kopf, dicke Tücher um den Hals, und das alles überschneit und mit Reif überzogen – da sahen sie selbst zwei Eisklumpen zum Verwechseln ähnlich. Der Sturm hatte plötzlich aufgehört. Auf kurze Zeit herrschte jene unheimliche Ruhe des Hochgebirges, durch die schon ganz aus der Ferne unheilverkündendes Grollen das Nahen eines neuen wütenden Anpralls verkündet. »So muß sich's an 'nem gotischen Kirchturm außen klettern«, sagte der Kleine plötzlich und warf einen Blick auf das zerrissene Gestein, an dem sie mehr hingen als standen. »Sie wissen doch ... im Mittelalter haben s' Brot ganz oben auf die Kirchturmspitze gesteckt und die Verbrecher unten bei der Glockenwölbung heraus auf den Steinsims gestellt. Dann mußten die Schelme, wenn sie nicht verhungern wollten, durch das Steingeschnörkel aufwärts kriechen und sich die Hälse brechen ...« »Das wird uns gerad' so gehen!« – der Baron kletterte ärgerlich weiter – »wegen Ihrer Dummheit ... Das Matterhorn ist auch so ein Kirchturm ... nur ein vierzehntausend Fuß hoher ... und oben gibt's nicht einmal Brot, sondern Steine ...« Er konnte nicht weitersprechen, kaum durch Zeichen sich dem andern verständlich machen, so betäubend brach jetzt wieder der Sturm los. Ein verwirrendes Flockengewimmel drehte sich um die beiden atemlosen Männer, die verzweifelt mit den Windstößen rangen, um nicht bei einem unvorsichtigen Tritt in den Abgrund geschleudert zu werden. Der feine Schnee drang durch alle Ritzen der Kleidung, er erfüllte Mund und Nase und umkrustete die dicken Handschuhe mit einer zähen, glitschrigen Eisschicht, unter der sich die erstarrten Finger kaum mehr zu regen vermochten. Und das Schlimmste stand bevor: der Weg über das lange, schmale Felsenband, über das sie nach dem gefährlichen Aufstieg zum Furggletscher den Berg nach rechts in der Richtung zum Kamm hin traversiert hatten. Jetzt, da sie umkehrten, hieß es, den schweren Weg noch einmal machen. Waren sie erst an dessen Ende angelangt, dann bot, sofern der Steinschlag sie verschonte, der weitere Abstieg keine außerordentliche Gefahr mehr. Aber jetzt hieß es, das rechte Band finden ... inmitten dieses wütenden Kampfes, in dem die geblendeten Augen, durch den Schneesturm blinzelnd, kaum die ausgestreckte Hand mehr erkennen konnten. Der Professor lachte plötzlich laut auf und schwang sich, den bisherigen senkrechten Abstieg verlassend, nach rechts auf eine schmale vereiste Steinkante. »Weiter unten!« brüllte der Baron, der über ihm mit dem Bauch auf einer Felsenplatte lag, »mindestens hundert Schritt weiter unten ... ich weiß es ganz genau ...« Das Männchen lächelte und schüttelte das Haupt, um das Bart und Haar zerzaust im Winde flogen. Wieder kam ein seltsamer Blick aus seinen Augen. »Das ist der Weg! Wenn ich's sag', ein Mann, der siebenmal auf dem Matterhorn war und im Jänner Montblanc und Monte Rosa gemacht hat ...« »Aber ich erinner' mich doch ...« »Vorwärts!« Der Kleine huschte den Sims entlang und schlug Stufen in einen schmalen Schneehang, jenseits dessen das Band sich fortsetzte. Ja ... allerdings ... hier im Wallis war der Professor Meister. Hier kannte er Berg und Tal. »Vorwärts!« klang wieder im Gellen des Windes das dünne unheimliche Stimmchen herüber, »im Oberland können Sie mich führen ... fürs Matterhorn bin ich der rechte Mann ...« Der Baron folgte ihm. Wieder regte sich in ihm das unerklärliche Grauen vor seinem Genossen. Aber fast gleichzeitig gewann auch er – er wußte selbst nicht warum – die Überzeugung, daß jener dort recht hatte! Das war der richtige Weg, und er folgte ihm in den Kampf auf Tod und Leben. Denn nichts andres war dies Vorwärtsschreiten und Klettern im Sturme auf vereister, kaum fußbreiter Rampe, während unausgesetzt durch das Schneegestöber hoch von oben, wie vom Himmel herunter, die Steinblöcke flogen. Die Pickel klirrten auf dem Fels, bis sich, in Stücke zerspringend, die Eiskruste löste, die ihn spiegelglatt umglast hielt, und der Nagelschuh sicher auftreten konnte. Das Seil schlang sich um Zacken und hielt in der Arbeit des Stufenhauens über Firnrinnen den sturmgerüttelten Leib in seiner halb schwebenden Lage; die pelzverhüllte Hand fegte den tückischen Neuschnee von den Klippen und forschte nach den Griffen und Tritten, die seine weiße Decke verbarg. So ging es langsam in atemlosem Ringen vorwärts. Das Schlimmste blieb der Kampf mit dem eisigen Sturm. Es war, als habe man ein lebendes Wesen vor sich, das mit allen Kräften, mit List und Gewalt die beiden Eindringlinge aus seinem Reiche herauszuschleudern und zu vernichten strebte. Mit eisigen, unsichtbaren Gespensterarmen griff es nach ihnen und drängte sie in den Abgrund, es fuhr ihnen unversehens mit gewaltigem Stoß in den Rücken, wo es sie einen Augenblick auf schwankendem Stande glaubte, und warf sich ihnen beim Weiterdringen Brust an Brust als zähnefletschender Feind zum Ringkampf entgegen. Dann plötzlich verschwand es wieder, die Wanderer in trügerische Sicherheit lullend, und fuhr mit jähem Aufheulen aus der nächsten Bergspalte auf die Taumelnden los, um durch sein gräßliches Gebrüll ihre Sinne zu verwirren. »Da bin ich!« klang es in eisigem, Mark und Bein erstarrendem Hauch um ihre Ohren, »da bin ich ... der Tod im Hochgebirge! Ihr habt mich ja gerufen. Ihr wolltet ja mit mir spielen! Wohl! Da bin ich und mache Ernst! Ich scherze nicht. Eure Genossen wissen's, die da unten in Zermatt unter den Holzkreuzen und Steinplatten ruhen. Und die andern wissen's, die ich in meinen Gletscherspalten aufbewahre, bis einmal nach Jahren die Sonnenstrahlen das Gerippe zu Tage lecken. Und die Skelette wissen's, die irgendwo im ewigen Schnee, fern von den Augen der Menschen sitzen, noch mit Sturmhut und Joppe und Bergschuhen angetan, während die Alpendohlen die letzte Fleischfaser von dem grinsenden Schädel lösen.« Der Tod im Hochgebirge! Aber noch lebten sie ja ... noch atmeten sie ja! Weiter ... immer weiter ... Einmal muß ja das Band ein Ende nehmen. Und zum erstenmal inmitten dieses Todesganges stieg in dem Baron die Erkenntnis auf: Es ist ein Wahnsinn, was wir treiben und alle die andern, die ohne Zwang und Not in den Bergen mit der Vernichtung spielen. Unser Leben gehört uns nicht allein. Und wenn wir noch so einsam sind, andre haben ihr Teil daran. Freilich ... eine so tolle Tour, wie sie sie heute unternommen, die war selten! Ihre eigenen Klubgenossen, das wußte er, würden ihnen bei der Heimkehr Vorwürfe machen und die Einwendungen des Malers, daß es sich um die Kunst handle, nicht verstehen. Aber ob sie überhaupt heimkehrten? Wenn ja, dann war das seine letzte derartige Expedition. Der Entschluß stand fest. Nach seiner Berechnung hatten sie jetzt noch etwa eine Viertelstunde, bis die Traversierung der Bergwand beendet war. Da plötzlich blieb der Maler dicht vor ihm stehen, griff mit beiden Händen, um sich vor den wütenden Rissen des Föhns zu schützen, in die Steine und schaute über die Schulter hin vor sich nieder. Mühsam drängte der andre sich, so gut es die schmale Kante erlaubte, an ihn heran und suchte, die Augen mit der Hand gegen das tolle Schneegestöber schützend, die Fortsetzung des Bandes zu erkennen. Es war keine da! Der Felsenleisten brach jäh und unvermittelt ab. In glattem Absturz zog sich die Wand weiter hin, über ihrem Haupte stieg sie senkrecht auf, und unter ihnen war kein fester Punkt zu sehen. Da stäubte und tollte es von Schneeflocken, die der Sturmwind über der unergründlichen Tiefe im Wirbel hin und her trieb. Kein Zweifel mehr: sie hatten das falsche Band gewählt. Sie hatten sich verstiegen ... im Schneesturm und bei sinkendem Tag am Matterhorn verstiegen. Das war keine Gefahr mehr ... das war schon der nahe Tod! Vorwärts konnte man nicht, und diesen furchtbaren Pfad mit dem immer noch wachsenden Sturm im Rücken zurückzuklimmen, um ein paar hundert Schritt unterhalb ihres Ausgangspunktes sich aufs neue einem übereisten, windumpfiffenen Felsenband anzuvertrauen, das vielleicht auch nicht das rechte war – das versprach wenig Hoffnung auf glückliches Gelingen. Er schaute den Professor schweigend an, der neben ihm, zwischen die Felsrippen gepreßt, mit glitzernden Augen in das Chaos starrte, als wolle er all den Wirrwarr der Elemente in sich aufsaugen und zu einem neuen, nie gesehenen Gebilde gestalten. Vorwürfe zu machen, das hatte jetzt keinen Zweck. Der Maler war ebensogut in Lebensnot wie er. Aber zu merken schien er das nicht. Er sah ganz heiter aus, und seine Lippen murmelten unhörbar abgerissene Worte durch das Brausen des Föhns. »Was nun, Professor?« Der andre schrie es ihm mit aller Anstrengung ins Ohr. Das Männchen machte eine abwehrende Bewegung. »Stören S' mich net!« stieß es hervor, und sein hageres Gesicht, um das der Bart jetzt in vollkommenen Eiszapfen schlotterte, nahm einen bösen, feindseligen Ausdruck an, »wir kommen noch lang 'runter. Jetzt lassen S' mich schauen! Das ist der große Augenblick ...« Und wieder blickte er gierig in den Tanz der Nebelfetzen und Schneeflocken zu seinen Füßen. Es war, als zöge es ihn gewaltsam in diese geheimnisvolle, dumpf donnernde Tiefe hinab. Sein Gefährte wandte sich ärgerlich von ihm ab. Mit dem irren, verzückten Gnomen jetzt zu reden, hatte keinen Sinn. Er tastete sich allein ein paar Schritte auf der Kante nach rückwärts. Ein Windstoß, der ihn heulend von hinten an den Schultern packte, zwang ihn stillzustehen. Aber von demselben gewaltigen Hauch zerrissen auch unter ihm die treibenden Schwaden. Einen Augenblick konnte er dreißig, vierzig Meter tief hinabsehen, und da ... jawohl ... da war die Rettung! Da zog sich, als ein enger halbdunkler Riß, ein Kamin senkrecht von oben nach unten durch den Abhang. Die Schwierigkeit war nur, hineinzukommen! Denn eine Felsplatte vom Umfang eines kleinen Zimmers schloß die obere Öffnung ab, sie gleichzeitig vor Steinfall schützend und dem Menschenfuß verwehrend. Es mußte gewagt werden, über ihren Rand hinab ins Ungewisse zu turnen. Rasch wickelte er das steif gefrorene, sich widerwillig entrollende Seil los, verknotete ein Ende über einem schräg aufstarrenden Zacken und warf es dann über die Deckplatte hinab in die Tiefe. Dann streifte er die Handschuhe ab – denn mit deren bereifter Fläche wäre er an dem glitschrigen Tau rasch und ohne Halt in den Abgrund gesaust, und steckte sie in die Tasche. Reden konnte man in dem Sturm nicht mehr. So machte er durch Zeichen dem Professor klar, was er vorhabe. Dann verkrallte er beide Hände in dem Seil und ließ sich über den Felsrand in das brausende Luftmeer nieder. Ein Zucken der Finger, ein Nachlassen des Arms, und er wäre, wie er, vom Schneegestöber umwirrt, vom Föhn gierig geschüttelt, da frei in dem wesenlosen Nebelraum hing, gleich einem abstürzenden Stein durch Sturm und Wolken auf den Gletscher unten im Tal niedergeflogen, um auf ihm in Atome zu zerschellen. Mit hastigen stählernen Griffen sank er an dem Seile abwärts. Jetzt wölbte sich die Platte schon über ihm. Er gab sich einen Schwung und erreichte, von dem schlenkernden Hanftau getragen, einen Stützpunkt im Kamin. Hier war er für den Augenblick geborgen. Selbst der Grimm der Windsbraut brach sich in dieser dumpfen schluchtenartigen Rinne, die sich unter ihm ins Wesenlose senkte. Eng genug war sie freilich und was das schlimmste: er wußte nicht, wie weit das Seil reichte! Geopfert mußte es an dieser Stelle werden. Es war keine Möglichkeit, einen Teil abzuschneiden und an einem neuen Vorsprung zu befestigen. Denn dergleichen gab es nicht in diesem unheimlich glatten, nur hie und da von vereisendem Schnee überfrorenen Kamin. Wie es aber unterhalb der Stelle aussah, an der das Tauende im Wind hin und her schwankte, das mochten die Götter wissen. Gab es da keinen Halt für Fuß und Hand, so war man wiederum so gut wie verloren. Mühsam glitt er, halb schwebend, halb mit Schultern, Ellenbogen, Knien und Stiefelspitze sich an das Gestein stemmend, hinab. Zuweilen wurde die Rinne so schmal, daß sein Körper kaum mehr darin Platz hatte und er mit halbem Leibe über die Felswand hinaushing, an der die Glieder niederstrebten, dann wieder trat sie auseinander, daß er ungehindert klettern konnte. Nun stand er schwer atmend auf einer Felsenleiste am Ende des Seils. Ein Blick in den stiebenden Schneedunst zu seinen Füßen brachte ihm neue Hoffnung. Völlig konnte sein Auge zwar durch die Flocken nicht durchdringen – aber täuschte es ihn nicht ganz und gar, so schimmerte da, zwölf, fünfzehn Fuß unter ihm, eine weiß überschneite feste Platte. Noch einmal packte er das Seil, glitt bis zu seinem äußersten Knoten hinab, schloß die Augen und ließ es los. Beinahe im selben Moment schon empfand er das Aufschlagen seiner Schuhabsätze auf hartem Schnee, er stürzte auf ihn hin, er glitt zwei, drei Schritt über den spiegelnden Firn nach dem Rande zu, dann gewann er Halt und saß aufrecht da. Der Orkan hatte sich etwas gelegt. Nur von ganz oben, auf den höchsten Höhen des Berges klang zuweilen ein wütendes Pfeifen und Donnern, mit dem der Sturm die äußerste Spitze des Matterhorns umfegte. Sonst aber löste er sich jetzt für eine kurze Ruhezeit in langgezogenes Klagen, in ein Winseln auf, das langsam die eisigen Halden entlang strich. »Aufgepaßt!« Eine unsichtbare Stimme, heiser und scharf wie die eines Raubvogels, warnte aus dem Nebel herab. Gleich darauf flog sausend ein langer, dünner Gegenstand durch die Luft, ein Eispickel, der sich im Winde überschlug und blitzschnell verschwand. »Na endlich!« murmelte der unten finster und rieb sich die erstarrten Finger, ehe er wieder die Handschuhe anzog. So hatte sich der Professor doch entschlossen, ihm zu folgen und sich in der Not seiner Bergaxt, die er beim Klimmen doch nicht mehr halten konnte, entledigt. Richtig ... da tauchte er in dem Kamin auf. Eine schwärzliche, ruckweise durch die weißen Flocken niedersinkende Masse, die mit einem neuen »Aufgepaßt« und plötzlichem Aufschlag ihm vor die Füße kollerte. Er packte ihn und hielt ihn fest. Die beiden saßen im Schnee nebeneinander. Der Professor lachte laut auf und faßte mit beiden Händen die Rechte seines Freundes. Er schien in rosigster Laune. Seine Augen strahlten. »Jetzt dank' ich Ihnen aber auch recht schön!« rief er mit verklärtem Gesichtsausdruck, »recht von Herzen dank' ich Ihnen, lieber Freund! Jetzt hab' ich's!« »Was denn? ... einen Weg da hinunter?« Der Kleine machte eine verächtliche Handbewegung. »Lassen S' mich aus mit dem Weg! Wir finden schon einen! Uns beiden tut doch das Matterhorn nix! Aber das Bild hab' ich ... das Bild, wissen S' ... das mir seit Jahren vorgegangen is ... jetzt hab' ich erkannt, was die Berge sind ... jetzt haben sie mir ihr Geheimnis geben müssen ... Jetzt mal' ich ein Bild, daß die Leut' mit gefalteten Händen davorstehen und mich kaum anzuschauen wagen, wann ich unter sie tret'! ...« Der Baron erhob sich mühsam. Ihm wurde immer unheimlicher bei den irren Reden des Zwergs. »Machen S' voran!« sagte er finster, »wir müssen halt die Wand immer weiter 'runter, wie's eben geht, wenn man kein Seil mehr und nur einen Pickel hat ...« Ein mächtiges Poltern wurde über ihnen hörbar. Es kam rasch in dröhnenden Sprüngen näher. Ein Felsblock von riesenhaftem Umfang schoß über die Steilwände zu Tal. Unter der weißen Schneedecke sprühten die roten Feuerfunken, wo er auf das Gestein aufschlug, und lange noch klang von unten der wüste Lärm. Und andre, kleinere Geröllbrocken folgten ringsum. Im Wetterbrauen sah man sie ihre rasche tödliche Bahn ziehen, durch die Pausen des neu erwachenden Sturms hörte man ihr unheilverkündendes Prasseln und Kollern. Nur vorwärts ... so rasch wie möglich aus dem Bereich dieses furchtbaren Steinschlags heraus! Wieder begann die Kletterei auf Leben und Tod, über vereiste Klippen schräg hinab, auf hastig gehauenen Stufen über steile Eishänge, halb rutschend, halb niedersteigend zwischen Felsgewirr und Schnee, weiter, immer weiter unter dem Steinhagel, den der Berg an dieser seiner gefürchtetsten Flanke entsendet. Man konnte den Feind kaum sehen und kaum hören. Aus dem Schneesturm, der sein Nahen überbrüllte, schoß er plötzlich heran und verschwand ebenso schnell in der Dämmerung. Wie der Soldat in der Schlacht über sich die stiebenden Granatenwolken schaut, an seinem Ohr das scheußliche Singen der Kugeln vernimmt, so erblickten sie über ihren Häupten die in weitem Bogen springenden, in Stücke zerschellenden Steinklumpen, fühlten sie, wie neben ihnen, rings um sie her die oft kaum faustgroßen Unholde niederschossen. »Vorwärts!« schrie der Baron durch den Sturm. »Vorwärts, wenn das Wunder geschehen soll, daß wir da lebend herauskommen ...« Mit unheimlicher Geschwindigkeit ging es hinab. Und noch immer verschonte sie der Tod. Der Professor lachte ... »Das hat keine Not!« rief er von oben seinem Gefährten zu. »Wissen S', wie's im Volkslied heißt: ›Eine jede Kugel, die trifft ja nicht!‹« »Lästern S' nicht«, erwiderte der andre dumpf und schwang sich mit rascher Schulterdrehung an einer überhängenden Platte vorbei, »das steht nicht bei uns! Hier sind wir in einer höheren Hand ...« Der Zwerg wollte etwas Spöttisches erwidern, als sein Blick auf ein breites, sich unter ihnen öffnendes Couloir fiel. »Triumph!« zeterte er, »Triumph, Baron! da führt ja das Couloir 'runter ... das hab' ich schon lang gesucht ... das ist der rechte Weg ... die reine Chaussee für Leute wie wir ...« Allerdings ... durch das Couloir waren sie aufgestiegen! Man sah noch an den vereisten Stellen schwache, vom Schnee überdeckte Überreste der am Morgen gehauenen Stufen. Der Baron warf einen prüfenden Blick hinunter. »Wann uns da der Steinschlag trifft ...« murmelte er. »Ach was ... Steinschlag« – das Männchen schlüpfte wie ein Wiesel in den Ritz hinein – »solange Sie bei mir sind, hat's keine Gefahr ... das Matterhorn und ich sind zwei gute Freunde ... das hat es mir gesagt ... da oben im Sturm! ›dich hab' ich gern!‹ hat's gesagt ... ›dir tu ich kein Leid an ... ‹« Und wirklich verstummte, während sie sich durch die Rinne herabwanden, ganz plötzlich und unheimlich das Prasseln der fallenden Trümmer. Der Wind stöhnte nur in vereinzelten Stößen hoch über ihnen, das Flockengewirr lichtete sich, und die Luft begann merklich heller zu werden. »Sehen S' wohl!« Der Professor kletterte geschäftig voraus ... »Das hab' ich gewußt. Ganz behaglich geht's hier herunter. In ein paar Stunden sind wir daheim, und ich morgen früh, wann die Sonne aufgeht, vor der Leinwand. Sie dürfen zuschauen, Freund, wann S' still sind. Das wird schon 's Höchste, sag' ich Ihn' ...« Er hatte den Kopf zurück nach oben gedreht, und plötzlich fuhr ein ungläubiges staunendes Entsetzen über sein Gesicht. Der andre tat wie er, und alle Muskeln erstarrten ihm in plötzlichem jähem Krampf. »Da kommt der Tod!« das war sein einziger Gedanke. Kein einzelner Stein prasselte da nieder. Nein, in betäubendem Krachen und Dröhnen rauschte eine ganze Schutthalde durch den Kamin herab, Steine aller Art, von walnußgroßen Würfeln bis zum ungefügen Block, rechts und links an die Wände prasselnd, in Sturmeseile niederstrebend auf die beiden Männer, die, in den Felsen gefangen, sie wehrlos erwarten mußten. Und doch ... der Bruchteil einer Sekunde war noch Zeit. Mit einem ungeheuren Satze schwang sich der Baron schon fast unter dem herabschauernden Hagel auf eine winzige, seitwärts des Kamins in die Luft ragende Kante, die gerade noch einem Fuße Halt bot. Fast im gleichen Augenblick schon dröhnte das Wetter um ihn her, im Funkenspritzen zitterte das Gestein, durch den Dampf zerpulverten Gerölls flogen Schnee- und Eisbrocken in die Luft, und zwischen der klirrenden Felsenmasse fuhr klagend wie ein kleines Kind ein dunkles Etwas mit in die Tiefe ... ein hilfloses, lebloses, sich schwerfällig wälzendes Etwas, das eben noch ein Mensch war. Er konnte dem Professor nicht nachschauen. Er fühlte, wie der verwitterte kleine Vorsprung unter seinen Füßen nachgab und sich von der Wand löste. Noch griff er, als kaltblütiger Berggänger, mit beiden Händen am Gestein entlang nach einem Halt, noch suchte das andre Bein in eilfertigem Tasten irgendeine Ritze, eine Kante in der schrägen Fläche ... es war nichts da ... zerbröckelnd wich alles unter ihm ... der Fuß fuhr in die Luft ... der Körper begann zu fallen. Im nächsten Augenblick lag er auf dem Rücken, den Kopf nach unten, und fühlte, wie er schneller und immer schneller glitt. Schmerzen empfand er nicht. Er spürte wohl, wie sein Kopf hart da und dort an Felsen schlug, aber sein Geist blieb hell und ungetrübt. In unbegreiflicher Schnelle schoß sein ganzes bisheriges Leben an ihm vorbei. Was er getan und gelitten, was er gedacht und gewünscht, das entrollte sich in bunten, leuchtenden Bildern bis zu seiner letzten, entscheidungsschweren Stunde gestern. Und wieder sah er ihr Gesicht vor sich, das schöne, kluge Gesicht, um dessen leicht vom Hauch der Berge gerötete Wangen das goldene Lockenhaar spielte, und wieder hörte er ihre helle, klare Stimme ... immer süßer ... immer silberner ... in rauschenden Akkorden, die, mächtiger anschwellend, aus blühenden Regenbogen sich emporwölbend, sein Ohr umschmeicheln. Das hallt wie Klänge einer andern Welt, ein Farbenspiel von überirdischer Pracht gaukelt vor den Augen ... und dann ein harter Schlag ... die bunte Welt versinkt ... es wird still und stumm ... und tiefes Dunkel ringsumher ... XV ... Tiefes Dunkel ... ein erstickendes, undurchdringliches, wie mit Händen zu greifendes Dunkel ... kein Laut ... keine Bewegung ... alles Sein ertränkt in einer ungeheuren, endlosen Nacht ... War das der Tod? ... Er wußte nicht, wo er sich befand. Er erschrak nicht einmal bei dem Gedanken, daß er vielleicht hier im Sarge, tief in der Erde liege. Aber er atmete doch. Und langsam kam ihm die Erinnerung, daß vor langer Zeit – er wußte nicht, waren es Stunden, Tage, Wochen – etwas mit ihm vorgegangen. Er war abgestürzt ... jawohl ... das war es ... von brüchigem Gestein in eine unbekannte Tiefe hinabgeglitten, die ihn jetzt noch umfangen hielt. Er schöpfte wiederum rasch und tief Atem. Das ging ohne sonderliche Beschwerde. Es war kein Zweifel: er lebte! Der Fall hatte ihn nicht getötet. Sehr hoch konnte der also nicht gewesen sein. Aber wie kam das? Er wußte doch, wie schroff die Felswand sich hier zum Tale senkte. Einerlei ... wenn er nur unverletzt war. Vorsichtig bewegte er im Dunkeln die Arme. Die rechte Hand stieß an eine harte, kahle Fläche. Es mußte bereiftes Gestein sein. Und zugleich hörte er – den ersten Laut außer seinen schweren Atemzügen – ein leises Schlürfen über dem Boden. Er griff danach. Es war das abgerissene Ende eines um sein Handgelenk geschlungenen Lederriemens, das da im Schnee raschelte. An diesem Lederriemen hatte er nach guter Bergsteigerart die Eisaxt befestigt getragen. Eine heftige Gewalt, ein starker Ruck mußte den zähen Streifen gesprengt haben. Und nun wurde es ihm klar: im Niedergleiten hatte sich der Pickel mit seinem scharfen Doppelzahn irgendwo in den Zacken und Rissen des Gesteins verbissen. Wie ein Anker hielt er den Sturz auf. Wohl riß das Lederband, das ihn mit dem leblosen Körper verbunden hielt, doch dieser war in seinem Fall gehemmt, eine ebene Fläche, die das Glück gerade hier aus der schroffen Wand hervorspringen ließ, fing ihn auf. Die Fläche war mit Schnee bedeckt. Er hörte sein Knirschen unter sich und empfand seine Nässe. Aber wie groß sie war, wohin sie verlief, darauf blieb ihm das Dunkel die Antwort schuldig. Er streckte den linken, dann den rechten Fuß aus. Sie waren schmerzlos und unverletzt. Wohl aber fuhr das linke Bein, als er es etwas zur Seite rückte, in die freie Luft hinaus. Er mußte also dicht am Rand des Abgrunds auf einer schmalen Platte liegen. Bei dieser Erkenntnis richtete er sich jählings in die Höhe, und jetzt erst merkte er, wie schwer sein Kopf war. Eine unerträgliche, schmerzhafte Last wuchtete da auf der einen Seite. Es war, als habe ihm jemand eine Bleikappe schräg über die Haare gestülpt und Blei über die rechte Schläfe und Wange bis zum Bart hinabgegossen. Unter dieser starren seltsamen Decke aber rieselte es jetzt, als er sich aufsetzte, lauwarm und ganz angenehm in dünnen Strähnen über sein Gesicht. Er riß sich den Handschuh ab und griff danach. Es war etwas Feuchtes, etwas Klebriges ... natürlich ... es war Blut ... Blut, das geronnen und in der Kälte gefroren als drückende Last seinen Kopf umspannt hielt ... Blut, das jetzt, bei seiner plötzlichen Bewegung, unter dieser Kruste hin frisch und warm hervorquoll. Er faßte in den Schnee, preßte ein paar handgroße Brocken davon auf die rieselnden Stellen und legte sich wieder lang hin. In kurzem hörte die Blutung auf. Er war also am Kopf verletzt. Kein Wunder ... nach solchem Sturz. Auf dem Rücken liegend sah er mit offenen Augen in das unendliche Dunkel hinauf. Wie hoch mochte er von da herabgestürzt sein? Wenn der Tag graute, konnte man es wohl erkennen. Aber würde er das noch erleben? Vielleicht doch. Die Luft war jetzt kühl, aber weich. Der Schneefall hatte, wie gewöhnlich, ihre strenge Kälte gedämpft, und vom Sturm hörte man nichts mehr als zuweilen ein vereinzeltes Stöhnen hoch oben aus der Finsternis her. Erfrieren würde er also nicht. Und seine Wunde war kaum tödlich. Wenn er Kraft genug behielt, sich bei Tagesanbruch weiterzuschleppen, wenn die Führer ihn suchten und glücklich fanden, dann mochte er doch noch einmal sich der goldenen Sonne freuen. Und dann? Ein Schrecken zog plötzlich dem Einsamen das Herz zusammen. Sie harrte ja morgen auf ihn! Vielleicht hatte sie eben jetzt ihrem Manne gesagt, wie es zwischen ihnen beiden stand. War das geschehen, dann mochte ihn der arme, gutmütige Mensch jetzt wohl aus allen Kräften seiner schwachen Seele hassen, wie man ein Raubtier haßt, das, alles verwüstend, in eine friedliche Hürde einbricht. Er verlor seine Frau, sein Heim; sein Glück und Zutrauen zu den Menschen ... alles ... alles durch ihn! Wenn der Arme wüßte, wie es mit seinem grimmigen Gegner jetzt aussah ... wie der hilflos in einsamer Nacht auf weltenferner Schneeklippe mit dem Tode rang ... nein ... Mitleid konnte er ihm doch nicht zollen! Aber auch nicht von dem andern erwarten! Der hatte das alles ja schon selbst durchgemacht, der tat nichts andres, als all das Leid und den Schmerz weitergeben, den man ihm selbst zuvor zugefügt. Da regte es sich in der schweigenden Nacht. Ein Poltern kam von oben ... ein sprungweites Kollern ... auf zwanzig ... dreißig Schritt Entfernung fuhr es wie ein Sausen herab, ein harter Anprall ... ein paar Feuerfunken sprühten durch das Dunkel ... dann verlor sich der Lärm in der Ferne. Der Steinfall! Seine Fäuste krampften sich zusammen. Ließ der Tod denn noch nicht von ihm ab? Nein, da donnerte es wieder, weit in der Ferne. Das mußte ein mächtiger Block sein. Er stürzte wohl in unergründliche Tiefen. Man hörte ihn nirgends mehr aufschlagen. So konnte es noch nicht spät in der Nacht sein! Um Mitternacht herum – das wußte er – hörte der Steinschlag völlig auf, wenn beim Sinken der Luftwärme die Felsen fest in ihren Eis- und Schneebetten einfrieren. Aber wie lange war es noch bis dahin? Und inzwischen lag er hier auf schmalem Frostbette, des Todes gewärtig, der jeden Augenblick unsichtbar durch das Dunkel auf ihn niederschießen konnte. Wäre nur ein schwacher Lichtstrahl da ... nur ein Augenblick Erlösung von dem entsetzlichen Dunkel, daß man den drohenden Feind wenigstens sehen könnte. Umsonst! Seine Zündhölzer waren ihm im Sturz mit allem andern aus der Tasche geglitten. Und oben am Himmel spähte sein Auge vergebens nach Mond und Sternen. Auch sie waren verschluckt und verschwunden in der dichten, zu rabenschwarzen Wolken sich ballenden Nacht. Am besten ... man dachte nicht an die Gefahr. Wenn er ihr entging ... wenn er am Leben blieb ... ja, helfen konnte er jenem andern nicht. Der mochte sehen, wie er damit fertig wurde. Er selbst hatte das ja einst auch tun müssen! Freilich ... er war stark, und jener dort war schwach! Er trug den Schlag wie ein Mann. Jener würde darunter zusammenbrechen. Aber wieder regte sich in ihm in Not und Tod der Trotz, das grimmige kampfbereite Kraftgefühl: Wenn jener schwach ist – wohl, das ist sein Unglück! Wir sind nicht dazu da, die Schwachen zu erhalten! Mögen sie untergehen! Das ist der Lauf der Welt!» Durch das Dunkel fuhr es heulend und pfeifend wie ein Wetterschlag nieder. Dicht neben seinem entsetzt auffahrenden Haupte krachte es wie Donner von dem schmetternden Aufprall des Steinblocks, der in jähem Satze weiter in die Nacht hinuntersprang. Kleine Felssplitter klirrten von den Wänden ab, und die Luft, die er schwer atmend einzog, füllte sich mit qualmigem, zwischen den Zähnen knirschendem Staub. Unwillkürlich griff seine Hand nach der jetzt schneefreien Stelle, wo zwei Zoll von seinem Ohr die Vernichtung einen Augenblick gerastet. Kalter Schweiß trat auf seine Stirne. Er fühlte sich wehrlos in der Hand des allmächtigen Geschicks. Das spielte mit den Schwachen, wie mit denen, die sich stark dünkten! Aufs neue überrieselte ihn das Blut, sein Bewußtsein begann zu dämmern. Und in das Wandern und Verblassen seiner Gedanken klang es wie eine leise Mahnung: Laß du dem Schicksal seinen Gang. Greife nicht in sein Walten ein! Dein Schicksal ist das blonde junge Weib da unten. Was die in heißen Kämpfen und Tränen bei sich beschließt und vor sich und ihrem Gewissen verantworten will, das allein sei der Urteilsspruch über deine Zukunft. Den nimm du schweigend ohne Drängen und Widerrede hin ... Das war der letzte Steinschlag gewesen. In kälterem Hauch umwehte die Luft den leblosen Körper, und hoch oben am Himmel verkündeten im Rinnen der Stunden ferne, durchsichtig glühende Feuerflecken das Nahen der Sonne. XVI Ein endloser, eintöniger Regentag lag hinter ihr. Um das Hotel hatte der Sturm geheult und klatschende Güsse an die Fenster geschleudert. Man hatte gegähnt und dann dem Ruf der Luncheonglocke Folge geleistet. Man hatte wieder gegähnt und in einem halbaufgeschnittenen Roman geblättert, man hatte abermals den Speiseraum zum Mittagsmahl aufgesucht und den Abend fröstelnd in dem engen Zimmer verbracht. Ein toter Tag, ein graues Nichts im Leben. Ihr war es, als sei sie vom Morgen bis zum Abend ganz allein mit sich und ihren Gedanken gewesen. Und doch hatte während des ganzen Tages ihr Gatte sie nur einmal auf eine halbe Stunde allein gelassen. Das war wegen einer Depesche, die er – seltsamerweise postlagernd – erwartete. Es fiel ihr noch auf, wie wunderlich prüfend und ernst er sie ansah, während er Hut und Mantel nahm, um auf das Postamt gegenüber zu gehen. Auch gesprochen hatten sie miteinander. Viel sogar. Aber sie wußte nicht mehr was. Es war ja auch gleichgültig. Fremde Worte zwischen fremden Menschen. Sie hatte den ganzen langen Tag nichts von dem zu reden vermocht, was auf ihr lastete – und wenn doch der Gedanke in ihr aufstieg, dann genügte ein Blick auf sein trauriges, blasses Gesicht, um ihn zu verscheuchen. Nein – sie wollte abwarten. Morgen, wenn sie noch einmal den Freund getroffen und sich und ihn geprüft, dann würde es vielleicht klarer in ihr, und sie fand den Ausweg aus allen Zweifeln. Ein Schrecken erfaßte sie doch immer wieder bei dem Gedanken, daß das alles nun so ganz anders werden sollte. Daß alles um sie her zusammenstürzen würde wie ein morsches Gebäude und etwas Neues daraus entstehen ... etwas Unbekanntes, das sie sich gar nicht recht vorzustellen vermochte. Freilich ... das alles mußte ja nicht sein ... Sie konnte ruhig zwischen den engen, altgewohnten Mauern bleiben, wenn sie die Kraft dazu fand. Das stand bei ihr. Aber dieser letzte lange Regentag hatte sie wieder gelehrt, wie es dann um sie ausschauen werde ... ein endloses, einförmiges Grau, in dem sie sich in einsamem Sehnen verzehrte ... Nun war der Morgen da. Sie war früh aufgestanden und schritt die Treppen hinab, um draußen frische Luft zu schöpfen. Der Regen hatte aufgehört. Auf der Dorfgasse vor dem Hotel standen einzelne Gruppen von Gästen und Führern. Sie schienen sich lebhaft zu besprechen, und ab und zu deutete einer von ihnen mit der Hand nach rechts in die Höhe, da, wo hinter den sich mählich verziehenden Wolken das Matterhorn stand. Ob es freilich an diesem Tage noch herauskommen würde, das war fraglich. Immer noch zog von der italienischen Grenze über den Theodoulepaß herüber der schwüle bedrückende Südwind, und das Barometer blieb hartnäckig auf Sturm und Gewitter stehen. Unter der Veranda des Hotels stritten ein paar Hochtouristen mit ernsten Gesichtern und gedämpfter Stimme über eine Nachricht, die ihnen ein erwartungsvoll danebenstehender Hotelbediensteter offenbar eben gebracht hatte. »Wann's weiter nix ist!« meinte der böhmische Graf und blinzelte durch sein Monokel zum Matterhorn empor, »die sind halt die Nacht irgendwo in den Felsen geblieben ...« »Sie haben doch bestimmt erklärt, daß sie zum Abend im Schwarzsee-Hotel zurück sein wollten« – der vierschrötige Hamburger Staatsanwalt sah sehr besorgt aus – »und nun telephoniert man eben von dort ...« Ein junger Wiener Berggänger nickte. »Zu dumm is's! bei so 'nem Wetter! ... mit dem Matterhorn spielt man doch nicht ...« Vom Hotel Monte-Rosa, wo die englischen Klubbisten sich, ihre Stummelpfeifen rauchend und gähnend, umhertrieben, stieg ein alter hagerer Brite in Wollbluse und Kniehosen steifbeinig die Straße entlang, um im Namen seiner Genossen Erkundigungen einzuziehen. »Servus, Sir William ...« – der Graf schüttelte ihm bekümmert die Hand – »nix wissen wir! ... 's könnt' leicht sein, daß morgen zwei mehr auf der Totenlist' stehen ...« Er wußte nicht, daß die schlanke junge Frau, die hinter ihm stand, jedes seiner Worte bebend verschlang. Jetzt trat sie rasch näher. »Verzeihen Sie, mein Herr ...« Sie bemühte sich, ruhig zu bleiben. Aber ihre Stimme war zitternd vor Angst. »Sie meinen, daß ein Unglück vorgefallen ist ...« Der böhmische Kavalier und der schottische Lord lüfteten höflich ihre Mützen, »'s kann sein, gnä' Frau«, sprach der erste, »wer's so dreist mit dem Matterhorn aufnimmt ...« »Aber wer denn um Gottes willen ... wer ... ?« »Zwei führerlose Herren! Der Baron Gündlingen und der kleine ...« Der junge Mann hielt inne und machte eine Bewegung, wie um der erbleichenden jungen Dame beizuspringen. Er fürchtete, sie würde ohnmächtig werden, und jetzt erst fiel es ihm ein, daß sie ja erst vorgestern mit dem Vermißten von einer großen Tour zurückgekommen war. Also offenbar ein Freund oder Verwandter! Er räusperte sich. »Verzagen S' net, gnä' Frau! ... da is noch nix verloren ...« Sie starrte ihn an. »Ja ... sucht ihn denn niemand?« fragte sie rauh, »kommt ihnen denn niemand zu Hilfe?« »Ja freilich ... wenn man erst weiß, daß was passiert is, dann werden die Führer alarmiert und gehen aus. Aber 's is noch zu früh. Wahrscheinlich haben die beiden die Nacht in irgendeinem Felsschlupf zugebracht und sind am Morgen abgestiegen. Dann können s' jetzt noch net am Schwarzsee sein ...« »Ich danke Ihnen!« Sie wandte sich ab und schritt wie im Traume die Dorfgasse hinab. Sie konnte den Gedanken nicht fassen. Er sollte ihr genommen werden ... er ... in diesem Augenblick ... nein ... das war so unwahrscheinlich grausam, so lächerlich grausam ... nein ... das konnte nicht sein ... Neben ihr grüßte jemand. Sie erkannte die beiden Führerbrüder, die sie auf ihrer Tour nach dem Hochgipfel begleitet. Die Mützen in der Hand, standen die beiden jungen Männer mit servilem Lächeln da, offenbar auf eine neue gewinnreiche Expedition bauend. »Wollen Sie Geld verdienen?« fragte sie schnell, »viel Geld? Ja? ... Da nehmen Sie sofort Ihre Seile und Äxte und was Sie sonst brauchen und gehen hinauf zum Matterhorn ... da ... wo gestern die beiden Herren aufgestiegen sind ... wissen Sie das?« Die beiden Kerle nickten etwas ärgerlich. Solche führerlosen Touren, die ihnen keine Einnahme und den Bergen einen bösen Ruf brachten, waren ihnen zuwider. »Da gehen Sie also hinauf und schauen Sie, was aus den Herren geworden ist. Ich zahl' Ihnen, was Sie wollen ... aber machen Sie nur rasch ...« Die beiden tauschten einen verständnisvollen Blick, nickten wieder und liefen im Trab, mit den schweren Nägelschuhen über das Pflaster klappernd, nach ihrer Wohnung. Fünf Minuten später wanderten sie im Dauerschritt, von den neugierigen Zurufen der Genossen begleitet, zum Dorf hinaus. Elisabeth kehrte zu ihrem Manne zurück. Er saß am Frühstückstisch und schaute sie fragend an. »Du bist ja furchtbar blaß!« sagte er langsam, »und wo warst du denn? Ist etwas passiert?« »Ja. Der Baron Gündlingen wird vermißt ... seit gestern ... am Matterhorn ...« Sie wunderte sich selbst, daß sie das so ruhig aussprechen konnte. Herr von Randa stand auf und stieß einen leisen Pfiff durch die Zähne. »Wer sagt's denn?« »Alle Leute sagen es unten, daß er in Gefahr ist!« Sie trat näher an ihren Mann heran, wie um ein Wort des Trostes aus seinem Munde zu vernehmen. Aber das kam nicht. Er schaute sie mit immer finsterer werdendem Gesicht an. »Das scheint dich ja sehr zu erschüttern, Elisabeth«, murmelte er endlich. Sie antwortete nichts. »Nun freilich«, fuhr er fort, »er ist ja unser Bekannter, wenn auch erst seit ein paar Tagen. Aber sonst bist du doch nicht so leicht erregt, Elisabeth ... oder zeigst es wenigstens nicht ... ich kann mich gar nicht erinnern, daß du bei irgendeinem Unglücksfall deine Ruhe verloren hättest! Während jetzt ... weiß Gott ... du zitterst ja am ganzen Leibe ...« Sie schwieg. Wenn er selbst Verdacht schöpfte ... lügen konnte sie nicht. Gegen Betrug und Heuchelei empörte sich ihr Stolz. Mochte er erraten, was sie nicht mehr zu verheimlichen imstande war. »Elisabeth«, er trat bittend vor sie – »wirst du mir keine Antwort geben?« Sie blickte auf. »Was soll ich sagen? Du siehst es ja. Er ist in Gefahr, und ich ängstige mich um ihn ...« »Nun ja ... aber mehr, als es bei ... bei einem Fremden nötig ist ...« »Mir ist er nicht fremd!« Fast wider ihren Willen klang das Wort aus ihrem Munde: »Mir steht er näher als sonst wer auf der Welt ... !« Gott sei Dank ... jetzt war es ausgesprochen! Eine Weile ward es still zwischen ihnen. Dann holte ihr Gatte tief Atem. »Sag' mal ... Elisabeth«, fragte er leise, und seine Lippen zuckten, »weißt du denn auch, was das heißt, wenn eine Frau ihrem Manne sagt, daß ihr ein Dritter nähersteht als er selbst?« »Ja, das weiß ich!« »Und doch sagst du es mir?« »Ich muß es dir sagen!« Ihre Stimme klang hart und fest. Er trat langsam, mit schlürfenden Schritten von ihr hinweg. Seine schmächtige Gestalt bebte, wie unter einem schweren Schlag. Sie hörte seine halb erstickten Atemzüge. So ging er bis zur Tür ins Nebenzimmer. Sie wollte ihm folgen. Aber er wehrte ihr ab. »Du hast mir alles gesagt, Elisabeth«, stieß er mühsam hervor, »jetzt ist's besser, wir bleiben allein ... die nächsten Stunden ... jeder für sich ... und sagen uns weiter nichts mehr ...« Die Tür fiel ins Schloß und trennte die beiden. Hinter der dünnen Bretterwand klang es zu Elisabeth, die reglos am Fenster stand und auf die Straße starrte, zuweilen wie ein leises, verzweifeltes Weinen heraus. Aber so schlecht und grausam sie sich dabei auch selbst erschien, in diesem Augenblick empfand sie kein Mitleid mit dem Schwächling da drinnen. Sie konnte es nicht. Alle ihre Gedanken, ihr ganzes Sein strebte hinaus in die Ferne, zu den nebelverhangenen Klüften empor, in denen jetzt vielleicht ihr Glück und Schicksal begraben lag. Stunde auf Stunde verstrich. Sie rührte sich nicht. Sie wagte nicht, zu hoffen und zu beten ... sie war wie erstarrt in regloser, alle Nerven und Fibern zusammenkrampfender Erwartung. Durch Zermatt schlich unterdessen in verstörtem Flüstern das Gerücht von einem neuen Unfall am Matterhorn! Es drang in die Drawing-Rooms der Gasthäuser, wo die fetten alten Damen saßen und häkelten, es schwirrte durch die Gruppen der müßig umherstehenden Touristen und erfüllte in dem rauhen Kauderwelsch der Führer die Luft. Am Bahnhof empfing es die ankommenden Fremden, es wanderte mit Maultiertreibern und Trägern hinauf zu den Berghotels und würzte das Lunchgespräch, aus dem zehnmal häufiger noch als sonst das Wort »Matterhorn« erklang. Und dann schien das Gerücht sich zu verdichten und feste, greifbare Gestalt zu gewinnen. Einzelne Alpinisten eilten durch die Straßen, riefen andre aus den Hotels heraus und pilgerten mit ihnen nach dem andern Ende des Dorfes, die Führer rannten hin und her, eilten in ihre Häuser und die Herbergen und kamen. Seile um den Leib geschlungen, mit Schneebrillen, Fernrohr, Proviant und Kognak ausgerüstet, wieder heraus. Erst vereinzelt, dann in Gruppen, endlich zu Dutzenden sammelten sich auf der Gasse die braun gekleideten Gesellen. Spitze Adlerfedern und Gemsbärte nickten von den Hüten, die Eisäxte blinkten, gedämpftes Stimmengewirr, das leidenschaftslose Murmeln erfahrener, sich ruhig beratender Männer drang zu den Hotelfenstern hinauf. Mit wachsendem Entsetzen hatte Elisabeth von da oben all diese Vorbereitungen geschaut. Sie fühlte sich wie gelähmt. Sie fand nicht die Kraft, hinunterzugehen und das zu erfahren, was die Männer offenbar schon wußten. Endlich riß sie sich vom Fenster los. Halb ohne zu wissen, was sie tat, griff sie nach Mantel, Hut und Bergstock und stand plötzlich in dem Haufen der Führer. »Das ist sie!« raunte einer von denen dem Patriarchen der Expedition, einem weißbärtigen, verwetterten Italiener, zu. Der nahm den Hut in die Hand. »Madame haben heute morgen die Brüder Wegener ausgeschickt? Wohl! Wir haben Nachricht vom Schwarzsee. Sie haben den einen Herrn, den Kleinen, tot auf dem Schnee ob dem Furggletscher liegen sehen ...« »Und der andre?« »Wir wissen nicht, ob er lebt oder auch fortgegangen ist! Wir steigen jetzt, dreißig Führer, auf. Madame kann sicher sein, daß wir ihn finden! Wie ... das wissen wir nicht ...« Mit schwerem Poltern und Scharren setzte sich der Führertrupp schweigend in Bewegung. Da und dort kam aus einem Hause noch einer dazu, andre gingen voraus. Eine Menge neugierigen Volkes, Touristen, Kellner, Ladeninhaber, zogen stumm und verstört daneben her und gaben den Männern bis zum Ende des Dorfes das Geleit. Dort verliefen sie sich allmählich. Nur die nächsten Freunde und Genossen des Verunglückten, ein halbes Dutzend erprobter Gletschermänner, stiegen mit den Führern weiter zum Schwarzsee empor. Unter ihnen Elisabeth. Sie dachte an nichts, sie überlegte nichts, ein blinder Drang, an die Stätte des Unglücks und zur völligen Gewißheit zu gelangen, trieb sie vorwärts. Die Herren wie die Führer ließen sie gewähren. Man kannte sie ja von neulich her als gute Bergsteigerin und hatte sie in Gesellschaft des Vermißten gesehen. So ging es empor zum Schwarzsee, ein trüber, stiller Zug, der sich langsam, wie eine braune Riesenschlange, im Zickzack durch die lauwarmen Nebel den Berg hinauf wand. XVII Nicht leichten Kaufes geben die Berge ihre Opfer her. Wer ihnen lebend gehörte, soll ihnen auch im Tode verbleiben. In Schnee gehüllt, in Felsenriffe und Gletscherspalten gebettet, suchen sie den Leichnam vor den Blicken der Suchenden zu verstecken. Und hat man ihn endlich doch gefunden, dann ist's, als wehre sich diese starre leblose Masse selbst dagegen, von ihrem Berg, mit dem sie eins geworden, zu lassen. Sie haftet sich an ihm an. Das Eis kittet sie am Boden fest, und hat der Pickel auch diese Bande gesprengt, dann eint das Blut als schwarze Kruste den Kopf mit dem Gestein, an dem er zerschmetterte, und sorgsam gilt es da mit dem Taschenmesser und der dünnen Spitze der Eisaxt die harten, klebrigen Brocken zu teilen. Schwerer noch ist's, mit dem leblosen Körper ins Tal hinab zu gelangen! Tragen kann man ihn ja nicht. Man braucht die Hände selbst zu notwendig. So läßt man ihn an Seilen vorsichtig von Klippe zu Klippe, von Schneehang zu Schneehang. Unzähligemal verfitzt sich dabei das Manila-Tau im Gestein und bleibt der steife, spröde Leib zwischen Felsen stecken, in denen man ihn nur mit Lebensgefahr aufsuchen und von neuem befreien kann. Und oft ist selbst diese Beförderung unmöglich. Ein paar von den Führern, die die Leiche des kleinen Malers bargen, erinnerten sich sehr wohl noch an das Schicksal eines ihrer Genossen, der in der alten Matterhornhütte gestorben war. Den hatten sie, weil es nicht anders ging, über eine weit über tausend Fuß hohe Felswand hinabwerfen müssen, und als der steinhart gefrorene Leib unten ankam, da ergab sich's, daß er unterwegs einen beträchtlichen Teil seiner Gliedmaßen eingebüßt hatte ... Langsam, in ruckweisem Zucken und Nachlassen des Seiles glitt der kleine Professor steif und starr die Höhen hinab, die er gestern so behend erklommen. Sein wachsgelbes Gesicht war leidvoll verzogen. Die bläulichen Lippen standen wie in schmerzlichem Erstaunen halb offen, daß zwischen ihnen sich die spitzen weißen Zähne bleckten, und in ohnmächtigem Zorne hatte sich die Hand, die so viel geheimnisvolle Farbenglut auf die Leinwand gezaubert, zum letztenmal zusammengekrampft. Das war gestern ein Mensch gewesen! Die Führer, deren braune Wettergestalten überall von den Kanten und Rissen des grauen Gesteins sich abzeichneten, während sie das blutige Bündel sorgsam mit spähenden Augen und halblauten, ruhigen Zurufen am straffen Seil über die gefrorenen Hänge rutschen, an steilen Platten herabschweben ließen, wußten freilich nicht, was für ein bedeutender Mensch! Für sie war ein »Herr« wie der andre und der Unterschied nur, ob er gut oder schlecht über die Berge ging. Aber gestern hatte das da, das stille, blutige Dings da, noch geatmet wie ihresgleichen. Heute fühlten sie sich der leblosen Masse fremd. Sie griffen sie hart und fühllos an wie ein beliebiges Gerät. Was aber war das Unfaßbare gewesen, durch das dieser zerschlagene Haufe zu dem Menschen gehörte – wo war es hingekommen? Das ewige Welträtsel ging dumpf durch ihre armen, ungeschulten Köpfe. Sie sahen ernst aus und sprachen kein Wort, das nicht zum Handwerk gehörte. Zuweilen nur warf im Niederklettern einer einen Blick ins Tal hinab. Dort leuchteten in freundlichem Weiß durch die sich aufhellende Luft die Kirchen, dort klangen die Glocken und dröhnte die Orgel, dort war das Heil und die Wahrheit. Dort offenbarte es sich ihren gläubigen Seelen an jedem Sonntagmorgen im Weihrauchdunst der Frühmesse, woher der Mensch kam und wohin er ging, wenn die Berge seinen Leib zerstörten, und frei von Zweifeln atmete beim Heraustreten ihre Brust den kalten Hauch der Höhen ... Am Hotel Schwarzsee zimmerten sie eine Bahre und legten den Toten darauf. Eine Decke kam darüber, auf der er, der böse Spötter, nun doch gewaltsam die Hände falten mußte, und ein paar Alpenblumen, die man im Herabsteigen gefunden, Edelraute und Edelweiß schmückten das Tuch, das sich um sein zerschmettertes Haupt wand. Aus dem Hotel waren alle die Engländer gekommen und standen ergriffen ringsumher. Die Sonne brach durch die Wolken und übergoß mit rosigem Schein die hübschen, bleichen Mädchengesichter, die sich entsetzt im Kreise drängten. Dumpf dröhnten die letzten Hammerschläge, die ein loses Stück der Bahre besser befestigten. Leises Geflüster ringsumher: »Hat man denn den zweiten auch schon gefunden?« Einer der Führer schüttelte den Kopf. »Die andern suchen ihn noch!« sagte er in hart akzentuiertem Englisch, Silbe für Silbe buchstabierend, wie er es im Winter gelernt. Da klang von der Seite, von den Felshügeln, das Rutschen und Kollern von Geröll! Alle Köpfe wandten sich dorthin. Ein junger Bursche, der wegen seiner achtzehn Jahre noch kein Patent besaß, aber als Freiwilliger mit seinen Vettern und Brüdern, den Bergführern, hinausgegangen war, sprang in mächtigen Sätzen den Abhang herab. Er flog von Stein zu Stein, er schlitterte, auf seinen Stock gestützt, blitzschnell durch das Geriesel der Schutthalden und schrie schon von weitem in seinem unverständlichen Patois den Genossen eine Nachricht zu. Unter denen entstand eine lebhafte Bewegung. Der Führer von vorhin wandte sich nach kurzem Überlegen, in dem er seinen Wortschatz zusammenraffte, zu den umstehenden Briten. »Man hat ihn gefunden!« sagte er in seinem pedantischen Englisch. »Er ist am Kopf verwundet, aber er lebt!« » Oh ... indeed « klang es in froher Erleichterung von Albions offenen Lippen. »Sie können ihn heute abend nicht mehr herunterbringen«, fuhr der Mann fort, »sondern nur zur neuen Hütte oben, zwei Stunden von hier, weil er noch ganz bewußtlos ist. Jetzt müssen wir von Zermatt den Arzt holen!« Ein junger Amerikaner trat vor. Er war Arzt und natürlich bereit, die erste Hilfe zu leisten, wenn man ihn hinaufführe. Der Führer lüftete den Hut. »Sind Sie Bergsteiger?« fragte er, »der Weg zur Hütte ist leicht. Aber an ein paar Stellen muß man doch klettern!« Jawohl, der Neuyorker Doktor traute sich das zu! Er machte sich rasch fertig, versah sich mit dem Nötigsten und eilte mit einem Führer im Laufschritt, seinen langen Bergstock schwingend, davon. Die andern nahmen indessen schweigend die Bahre auf. Je sechs Männer trugen, sich zuweilen abwechselnd, den Verunglückten zu Tal. Es dämmerte schon, während sie auf dem Saumpfad hinabstiegen. Ab und zu begegneten ihnen aufwärts gehende Knechte und Treiber, die ernst die Mütze vor dem Toten abnahmen, dann eine Gesellschaft von Yankees, Herren und Damen auf Maultieren. Plaudernd und lachend ritten sie heran und rissen dann plötzlich ihre Saumtiere verstört zur Seite, während die Unterhaltung jäh verstummte. Unten am Dorf erwarteten Hunderte von Menschen den Zug, der sich langsam durch die Straßen bewegte. Schrecken und Teilnahme lag auf den Gesichtern der Bevölkerung, aber kein Erstaunen. Denn nur zu oft begab es sich, fast alljährlich, in der Hochgebirgssaison, daß solch ein stiller Gast seinen Einzug in Zermatt hielt ... XVIII Trübe flackerte das Kerzenlicht durch die enge, schmutzige Hütte, die am Abhang des Matterhorns ganz verkrochen in dämmernder Felseneinsamkeit lag. Die wenigen Menschen, denen sie Raum bot, umstanden schweigend, mit stummen Hilfeleistungen den um den Kranken beschäftigten Arzt und sahen zu, wie er die letzte Hand anlegte, einen feuchten Mullverband über der Wunde befestigte und sich dann in einem Topf mit geschmolzenem und im Freien vor der Hütte abgekühltem Schneewasser die Hände wusch. Er sprach ziemlich fließend Deutsch, da er mehrere Semester in Berlin studiert hatte. »Es ist schwer, etwas zu sagen!« meinte er in Erwiderung der in banger Frage auf ihn gerichteten Blicke, »die äußeren Verletzungen sind unbedenklich, die können in kurzem wieder geheilt sein. Aber die fortdauernde Bewußtlosigkeit ... es ist ja wohl möglich, daß sie vom Blutverlust und der Kälte allein herrührt ...« »Und wenn das nicht der Fall ist?« Der junge Amerikaner hielt Elisabeth für die Gattin oder Schwester des Verunglückten. Er zögerte etwas mit der Antwort. »Es ist da ein Bluterguß am Ohr«, sagte er endlich, langsam, »und zugleich eine Verletzung der äußeren Ohrmuschel. Möglich also, daß das Blut von außen hineingeflossen ist. Möglich aber auch, daß es von innen kommt ...« »Und dann?« »Dann ... ja dann könnte der Patient unter Umständen überhaupt nicht mehr erwachen ...« Er wandte sich ab, um die junge Frau nicht anzusehen, und packte seine Sachen zusammen. Aber als er sich wieder aufrichtete, erkannte er zu seinem Erstaunen, daß Elisabeth ganz ruhig war. »Sie wollen jetzt gehen?« fragte sie. Der Amerikaner nickte. Die Aussicht, die Nacht in dieser elenden Hütte zuzubringen, schien ihm denn doch zu wenig verlockend. »Ich kann vorderhand gar nichts helfen«, sagte er, »morgen früh schließe ich mich den hinaufgehenden Führern an, und ich denke, wir bringen ihn dann wohlbehalten zum Schwarzsee hinunter.« Sehr hoffnungsvoll klang sein Ton dabei nicht, und als er die Hand drückte, die ihm Elisabeth schweigend reichte, hatte sein Gesicht einen ernsten und besorgten Ausdruck. Dann ging er mit einem der drei Führer. Die beiden andern, die die Nacht über in der Hütte bleiben sollten, zwei ältere Männer, räumten, so gut es sich machen ließ, die Spuren seiner Tätigkeit, die blutigen Wattebausche, die blaßrötlichen Wasserflecke am Boden und die abgeschnittenen verklebten Haarsträhnen, hinweg. Außer ihnen waren noch die beiden Gletscherfreunde des Abgestürzten, der böhmische Graf und der Hamburger Staatsanwalt, in der Hütte. Der Kavalier hatte sein Monokel eingeklemmt und horchte blasiert auf das Pfeifen des Windes oben um die Matterhornspitze, auf der er selbst erst vor einer Woche gestanden. Dann sah er auf die Uhr. »Es wird bald dunkel, gnä' Frau!« sprach er. Elisabeth neigte gleichgültig, fast ohne auf ihn zu hören, das blonde Haupt. »Ich mein'«, fuhr er fort, »es wär' Zeit, daß Sie auch zum Hotel herunterstiegen. Unser Freund da geht mit Ihnen. Ich bleib die Nacht hier, 's is ganz genug, wenn außer den Führern noch, ein Mensch hier oben is ...« »Das glaube ich auch!« sagte Elisabeth ruhig, »aber ich werde hierbleiben.« Die beiden Berggänger tauschten einen Blick des Erstaunens. Aber schließlich ... was ging das sie an, in welchem Verhältnis die schlanke blonde Dame zu dem Genossen stand, der da reglos mit geschlossenen Wimpern auf dem Stroh gebettet ruhte. Und dann ... ein Kranker ... und die Gegenwart der beiden Führer ... da konnte sie es wohl wagen, dem Gerede der Welt zu trotzen. »... Zur Pflege eigne ich mich wohl besser«, fuhr sie mit derselben kühlen und tonlosen Stimme fort, »ich kann natürlich keinen der Herren hindern, die Nacht hier zuzubringen. Aber ich glaube, wir genieren uns nur gegenseitig, und Nutzen bringt es keinem. Für dringende Notfälle sind ja die beiden Führer da!« »Aber wann's dem Patienten schlechter geht?« Sie schüttelte den Kopf und sah ihn aus großen kalten Augen erstaunt an ... »dann können Sie so wenig helfen wie ich. Wenn er aber die Nacht übersteht, dann ist es weit besser, Sie bringen morgen vom Schwarzsee so früh als möglich den Arzt und die Führer herauf, als daß Sie die Zeit hier auf dem schmutzigen Stroh liegen und in das Kerzenlicht starren!« »Recht haben S' schon, gnä' Frau«, meinte der Graf zweifelnd. Der Gedanke, unten im Drawing-Room des Schwarzsee-Hotels den Abend über mit den hübschen Misses zu flirten, hatte ja viel für sich. Außerdem kannte er – und nun gar der Staatsanwalt – den Kranken gar nicht näher. Sie waren ein paarmal auf pikanten Kletterpartien aneinander angeseilt gewesen. Das ist ein großer Beweis gegenseitigen alpinen Vertrauens, aber es verpflichtete doch zu nichts, als zum Angebot von Hilfe, wo sie not tat. Und da bessere Hilfe schon zur Stelle war ... Der Hamburger hatte sich fertiggemacht und blieb wartend an der Tür stehen. Noch einmal sah sich der Graf unschlüssig in der Hütte um ... dieser düstere, kalte Raum ... die schweren Atemzüge des Verwundeten ... das Pfeifen des Windes draußen ... und unten am prasselnden Kamin die schönen Töchter Albions mit ihrer unbefangenen Heiterkeit und linkischen Grazie ... »Na ... alsdann!« sagte er resigniert, »wann man mich hier an die Luft spediert ... ich hab' die Ehr' ... gnä' Frau ... !« Als sie die Tür öffneten, fuhr ein schwüler Windstoß herein. Elisabeth folgte ihnen. Vorsichtig, um nicht abzustürzen, trat sie vor die Hütte und blickte ihnen nach. Es dämmerte schon. Gegen die Täler zu schwammen dunkle, schwarze Luftmassen. Weiter nach oben wurden sie dünner. Unheimlich bleigraue Dunststreifen spannen sich da aus, und als Elisabeth auf sie hinabschaute, sah sie ein fahles Leuchten durch die Wolkenwände dahinhuschen. Sie achtete nicht darauf. Es war alles wie erstarrt in ihr. Wird er leben? Wird er sterben? Eintönig, unerbittlich wälzte sich die Frage durch ihr Hirn. In ihren hastigen Pulsschlägen, in ihren schweren Atemzügen glaubte sie taktmäßig die drei Worte zu hören. Und wenn er starb? Sie schloß schaudernd die Augen. Die Angst krampfte ihr das Herz zusammen. Sie konnte den Gedanken nicht ausdenken. Nein, sie wollte nicht daran glauben. Er mußte am Leben bleiben. Aber dann? Wieder umfing sie das ratlose, quälende Bangen. Dann begann ja erst der Kampf, der schwerste von allen, der Kampf mit sich selbst. Oder eigentlich ... es war kein Kampf mehr ... Sie fühlte, sie würde unterliegen. Sie würde alles im Stich lassen ... alles ... um seinetwillen ... Es war beinahe finster geworden. Ein dumpfes, die Luft erschütterndes Rollen erhob sich unter ihr in der Tiefe. Es begann mit leisem Dröhnen, es steigerte sich bis zum Donner und verklang dann wieder in finsterem Murmeln. Sie erschrak. Mit bebenden Händen stieß sie die Tür auf und trat in das Innere der Hütte. »Ist das ein Erdbeben?« fragte sie hastig. Der eine Führer, ein alter Franzose aus einem welschen Ort des Wallis, war aufgestanden. »Ein Gewitter geht unten im Tal nieder, Madame! Das ist für uns nicht gefährlich, aber ...« Ein Schmettern ... ein Flammenschein, der einen Augenblick alles taghell erleuchtete, ein unterirdisches Brüllen, als wankten die Berge ... der Führer sprang und schloß die Holzläden. »Der Blitz ist nach oben gegangen, statt nach unten!« stieß er hervor, »das ist oft schlimm! Im Oberland hat's einmal die Frau von einem englischen Lord auf dem Platz erschlagen!« Elisabeth hörte ihn nicht. Sie kniete vor dem Strohlager nieder! Ein lautloses Schluchzen erschütterte ihren schlanken Leib: Er lebte! Der Donnerschlag hatte ihn geweckt. Mit offenen, ruhigen Augen sah er suchend umher, und seine Hände bewegten sich tastend über der Decke. Sie ergriff die Rechte und preßte sie in krampfhaftem Druck. »Ich bin da!« murmelte sie, »ich bin da ... und es wird alles gut. Die Wunde ist nicht schwer.« Er nickte und legte mit leisem Stöhnen den Kopf wieder zurück. »Wo bin ich denn?« fragte er nach einer Pause. »In der Cabane, Herr!« sagte der Führer dazutretend, »aber Sie sollen ruhig liegen und wenig reden ... hat der Doktor gesagt ...« Der Donner draußen ließ ihm lange Zeit zur Antwort. »Und der Professor?« hub er dann an und starrte zur Decke auf, »habt ihr ihn gefunden?« Der Führer schwieg. »Ja«, sagte Elisabeth und bemühte sich zu lächeln, »er wird sich hoffentlich auch erholen ...« Der Baron machte eine halb ärgerliche, halb belustigte Bewegung. »Warum lügen S' denn?« murmelte er, »ich weiß doch, daß er tot ist. Hat's verdient. Ich auch. Ein Wunder, daß ich noch leb' ...« Wer so klar und ruhig sprach, konnte nicht schwer verletzt sein. Elisabeth beugte sich über ihn. Ihre Stimme zitterte vor jubelnder Erregung. »Sie werden leben«, flüsterte sie, »und bald wieder ganz gesund sein.« Er schaute zu dem schönen blassen Haupte empor, um das wie ein Heiligenschein das krause Goldhaar im Kerzenglanz flimmerte. Ein Ausdruck wilder Zärtlichkeit erschien auf seinem Gesicht. »Das ist schön, daß Sie da sind«, sprach er, und ein verzehrendes Lächeln umspielte seine Lippen, »recht schön ist's! ... das macht mich bald gesund ...« Sie löste unwillkürlich ihre Hand aus der seinen. »Sehen Sie mich nicht so an ...« sagte sie gepreßt und stand langsam auf, »... am besten ist's, Sie schließen die Augen und schlafen wieder ein.« Er tat es. »Ich tu' alles, was Sie befehlen«, meinte er, und seine Stimme klang träumerisch und weich, »alles ... alles ... 's ist ja so schön, noch einmal zu leben und nicht allein zu sein ...« Seine Gedanken schienen zu wandern. Er murmelte noch einige unverständliche Worte. Dann zeigten tiefe Atemzüge, daß er wieder entschlummert war. Entschlummert trotz des Donners, der in immer gewaltigeren Schlägen draußen rollte. Es litt Elisabeth nicht in der engen Hütte. Ein jubelndes Glücksgefühl trieb sie hinaus in die Nacht, in den Donner, wo sie allein mit sich war und ihrer in stürmischem Dank aufwogenden Leidenschaft. »Nicht zu weit, Madame!« schrie warnend der Führer. Sie schüttelte den Kopf. »Ich geh nicht weit! Ich bleib dicht an der Hütte!« An die niedere Steinmauer der Hütte mit dem Rücken angepreßt stand sie draußen im Dunkeln. Der Nachtsturm umrauschte sie in lauen, stöhnenden Wogen. Sie atmete ihn in tiefen, wonnevollen Zügen ein, sie beugte sich ihm entgegen, um sich von seinen gewaltigen kraftvollen Armen umfangen zu lassen, und schloß demütig lächelnd die Augen, wenn er sie in allzu ungestümer Zärtlichkeit mit sich reißen wollte. Dann wanderte der Wind weiter. Sie schlug die feuchten Wimpern auf und schaute wieder in die nächtliche Tiefe zu ihren Füßen. Jäh flammte es da unten auf. Wie aus Feuerschein gewebt leuchteten unter ihr die ganzen Wolkenmassen in durchsichtig glühendem Rot. Ein betäubendes Schmettern und Prasseln fuhr durch den blutig lohenden, abenteuerlich geballten Dunst, der sofort wieder im Dunkel verschwand. Aber schon zuckte es von neuem zur Seite in blendendem Zickzack durch die Nacht ... ein andrer Blitz dort drüben ... wiederum stieg für einen Augenblick das unheimlich schimmernde Märchenreich aus der Finsternis, als habe sich die Erde gespalten und werfe die Flammenwelt ihres Innern hinaus in die Lüfte, wiederum vergeht es wie ein Hauch, während der Donner, von allen Seiten niederrollend, sich zu einem einzigen, unendlichen, mächtig schwellenden und sinkenden Gebrüll vereinigt. Sie hätte aufjauchzen mögen, hinausjubeln in diese herrliche, ungeheuerliche Welt. Das Wetter unter ihr ... unter ihr die Wolken, aus denen die Blitze über den Erdball sprühen und der Donnerschlag die zitternden Menschen im Tale schreckt – und sie hier oben auf sturmumbrandeter Felsklippe über all dem thronend, erhaben über den Tod und die Vernichtung, über Angst und Wehe, das jetzt im Wirbelsturm durch die stöhnenden Täler und Ebenen geht – so mußte einem Gott zumute sein. Der lachte über die Menschen da unten, über ihre Satzungen, ihre engen Schranken. Der empfand nicht wie jene. Der glaubte an die Kraft, die da den Sturmwind als Herrn und Gebieter jauchzend durch die Hochwelt rasen ließ, er glaubte an die Leidenschaft, die sich glutatmend in flammenden Schlägen da unten entlud, gleichviel, wen das Verderben traf, der glaubte an sich und an sein Glück. Der schmiedete sich sein Glück in der feuersprühenden Esse da unten ... erbarmungslos und schonungslos. Warum auch Mitleid mit den Schwachen? Unten im Tal mögen sie sich zusammenscharen und ihres armen Daseins freuen ... hier oben ist die Kraft. Hier ist die Größe ... Ein neuer Blitz zuckte dahin, und jetzt sah sie erst, wie in seinem Schein die Bergketten aufleuchteten! Glutüberrieselt standen einen Augenblick die schneeweißen Ungeheuer reglos in der schwarzen Nacht, mit phantastischen blendenden Zacken und Zinnen sich scharf vom Dunkel abhebend, das plötzlich wieder wie ein wogendes Meer von beiden Seiten über ihnen zusammenschlug. Unermüdlich wiederholte sich bei jedem Wetterschlag das gewaltige Schauspiel. Die Riesen stiegen, Hand an Hand gereiht, in leuchtendem Donner hervor, das schwarze Nichts verschlang sie gierig, und zu dem rastlosen Titanenkampf sang die Windsbraut über Schlünde und Höhen ihr gewaltiges Lied. Es war zu viel für Menschenaugen. Halb geblendet tastete sich Elisabeth zur Tür zurück und in die Hütte hinein. Dort setzte sie sich auf den harten Holzschemel dem Schlafenden gegenüber und sah ihn an ... lange, unermüdlich lange. Finstere Entschlossenheit lag auf ihren Zügen. Die Lippen preßten sich hart zusammen. »Ich laß dich nicht!« klang es wie ein Widerhall des Jauchzens und Donnerns da draußen in ihrem Innern. »Nein ... nein ... und aber nein ... Ich laß dich nicht! ... ich mach' mich frei ... ich bin im Rechte, wenn ich mich aus der Niedrigkeit und Alltäglichkeit befreie, um dir zu folgen ... da hinauf in die stolze, kühne Welt, in die wir beide gehören ...« Ein leises Schlürfen neben ihr. Der andre Führer war auf seinen Filzschuhen aus dem Nebenraum herangeschlichen, um zu sehen, ob man etwas brauche. Elisabeth nickte ihm zu. »Es geht gut!« sagte sie fröhlich zu ihm in französischer Sprache. Der bescheidene Mann lächelte. Es fiel ihr zum erstenmal auf, wie regelmäßig und fein geschnitten seine von glänzend schwarzem Bart umrahmten Züge waren. »Gott sei Dank!« sprach er beinahe feierlich, »der Herr wird leben. Er bleibt Madame und den Ihren erhalten.« Sie blickte überrascht auf ... natürlich! ... er hielt sie ja für seine Frau! Die meisten Führer glaubten das wohl, und daß die beiden sich vorhin auf deutsch Sie genannt, hatte er, der Franzose, nicht verstehen können. »Man sah es Madame an, wie glücklich sie ist«, fuhr er fort, »... vorhin, als der Herr erwachte. Mir selbst kam es ganz feucht ins Auge ...« »Oh, wirklich ...« Sie war ergriffen von seinem Mitgefühl. Der stille freundliche Mann nickte. »Es sind drei Monate her, daß ich meine Frau verloren hab' ... ich weiß, wie das tut! ... und was das heißt, wenn einem Kind die Mutter fehlt, wie meinen Kleinen zu Haus ...« »Sie Armer ...« – Elisabeth wußte nicht recht, was sie zu seinem Troste sagen sollte, »... wenn ich Ihnen irgendwie helfen kann?« Der Welsche lächelte trübe. »Vielen Dank, Madame! ... aber Sie haben jetzt selbst so viel ausgestanden ... und meine Kleinen sind wohlauf. Die sind meine einzige Freude, wenn ich so ganz müde und matt nach Hause komme und sie mir entgegenlaufen ... und ... nun« – er lächelte wieder halb fragend – »Madame wissen das ja sicher selbst, wie einem da ums Herz wird ...« Seine schlichten Worte durchzuckten sie mit einem plötzlichen Schrecken! Sie nickte hastig. »Ja, ich habe auch ein Töchterchen ...« sagte sie halblaut und wandte sich zur Seite. Er verstand ihre Bewegung anders. Im Glauben, sie wolle ungestört sein, zog er sich leise zurück und legte sich nebenan zur Seite des schnarchenden Genossen nieder. Ihr Töchterchen! Sie war ganz fassungslos vor bangem Erstaunen, daß sie die drei letzten Tage gar nicht an das Kind gedacht! Aus Mangel an Liebe gewiß nicht. Sie vergötterte den süßen kleinen Blondkopf und hatte sich vor Antritt der Reise unter heißen Tränen von ihm getrennt. Gerade darum vielleicht war ihr Edith in den Stürmen dieser Stunden gar nicht bewußt in den Sinn gekommen. Das kleine Wesen gehörte ja zu ihr! Es war nur ein Teil ihrer selbst. Ihr Schicksal war das seine, wie sich die Dinge auch wenden mochten. Aber was für ein Schicksal? Sie nahm ihm den Vater und die Heimat. Sie überlieferte es einem fremden Menschen, der es bei aller ernsten Pflichttreue nicht lieben konnte, wie man sein eigen Fleisch und Blut liebt. Wie sie es liebte und der da unten, der das Bild des goldhaarigen Geschöpfchens stets in seiner Brusttasche mit sich herumtrug und oft, wenn sie beisammensaßen, die Photographie herauszog, um sie ihr mit stillem Lächeln zu zeigen und einen verstohlenen Kuß darauf zu drücken. Er war ja ein guter Mensch, weicher und feiner jedenfalls empfindend als der verwundete Riese, der schwer atmend mit geballter Faust vor ihr auf dem Stroh lag. Und der Vater – ein entsetzliches, ahnendes Grauen schlich langsam durch ihre Seele – der Vater sollte sich freiwillig von seinem Liebling trennen? Nie und nimmermehr! Er hatte ein gleiches Recht darauf wie sie. Er gab ihn ihr nicht! Und dann? Sie schauerte in ratloser Angst. Dann stand sie vor einer Wahl, die entsetzlicher war als alles, was sie bisher geahnt, vor der Wahl zwischen dem Kind und dem Geliebten. Sie saß wie versteinert da. Stunde um Stunde, ohne sich zu rühren. In der Ferne verhallte das letzte Donnergrollen. Das tiefe Schweigen einer stillen Sommernacht breitete sich über die Hochwelt. Ihr war es, als nähme diese entsetzliche Nacht gar kein Ende. Nur am Hin- und Herschleichen der Führer, die alle halben Stunden sich schlaftrunken erhoben, um das glimmende Feuer zu schüren, merkte sie das Fliehen der Zeit. Und doch graute ihr vor dem Morgen, der endlich kahl und frostig durch die Ladenluken schimmerte. Dieser Tag mußte ihr die entscheidende Aussprache mit ihrem Gatten bringen. Und wenn es so kam, wie sie fürchtete, dann mußte sie sich entscheiden! Und woher sollte sie dann den Mut, woher die Kraft nehmen, unter dem gleich. Entsetzlichen das eine oder das andre zu wählen? Alles besser als diese Ungewißheit! Fiebernd und übernächtig saß sie, die Ellenbogen auf die Knie, das Kinn in die Hände gestützt, auf dem harten Holzschemel. Sie dachte an die erste Nacht in der Berghütte, die sie vor noch nicht zwei Wochen mit dem Verwundeten dort zusammen verbracht. Welch ein Unterschied zwischen damals und jetzt. Damals hatten sie gescherzt und lachend sich den Champagner zugetrunken und jetzt – ein häßlicher Karbolgeruch ging durch den empfindlich kalt werdenden Raum, halb verwischte Blutspuren, wohin das Auge fiel, eine wüste, traurige Stätte, in die der Tod schon einmal im Vorbeigehen hineingeschaut, und in ihrem Herzen alles zerrissen vor Schmerz und Angst. »Hätt' ich dich nie gesehen!« Sie empfand etwas wie verzweifelten Haß gegen den stillen Mann da, der ihr alle Ruhe und allen Frieden geraubt. Haß gegen den Geliebten! Sie begriff das nicht. Die erstarrten Glieder dehnend, erhob sie sich langsam und beugte sich über sein grimmiges, vom blutigen Vollbart überschattetes Gesicht. Und wieder rang es sich verzweifelt in ihrem Innern empor: »Hätt' ich dich nie gesehen!« Draußen tönten die schweren Tritte der Bergschuhe und das Aufsetzen der Pickel auf dem Gestein. Die Tür ging auf. Im hellen Morgenschein zeichneten sich die Gestalten der Führer und des jungen Arztes von dem blaßblauen Himmel ab. Der Amerikaner kniete neben dem Verwundeten nieder. »Also gesprochen hat er?« fragte er erstaunt. »Ja, warum denn nicht?« antwortete aus dem Dunkel die tiefe dröhnende Stimme des Barons. Die Führer lachten, und auch der Doktor verzog den Mund. »Da hat es also keine Gefahr mehr!« sagte er, »nun können wir Sie bequem herunterbringen!« »Sind Sie der Arzt?« forschte der Gletschermann. »Ja.« »Ist was an mir entzwei?« »Gar nichts, merkwürdigerweise!« »Das ist mehr Glück als ... sonst was!« murmelte es in befriedigtem Baß aus der Ecke, »und ihr Führer da, ihr lasset mir nur das Lachen sein! Von mir könnt ihr was lernen, wann ihr 's nächste Mal abfallt!« Elisabeth war zu dem schwarzhaarigen Bergführer getreten. »Ich möchte gern vorausgehen! Wollen Sie mich begleiten?« » Parfaitement, Madame !« Der höfliche Welsche machte sich in Eile marschfertig. Sie reichte dem Kranken die Hand. »Auf Wiedersehen«, sagte sie rasch und leise, »ich muß jetzt hinunter nach Zermatt. Ich kann nicht warten. Wenn es an der Zeit ist, sehen wir uns im Hotel Schwarzsee wieder!« Ehe er etwas erwidern konnte, hatten sie die Cabane verlassen. Heller Sonnenschein überflutete sie mit warmem, neuem Leben, während sie an der Seite des Führers zu Tale stieg. XIX Wie ein Hohn erschien ihr heute der goldene Schein und die Menschen, die sich fröhlich unter dem seit drei Tagen vermißten blauen Himmel tummelten. Die Hotels unten im Tal und das Dorf mußten fast ausgestorben sein, so wimmelte es überall auf dem steinigen Zickzack der Saumwege, den bräunlichen geschlängelten Fußpfaden, auf den steilen lichtgrünen Matten und in den düsteren Fichtenwäldern von Wanderern und Führern. Hochtouristen waren es natürlich nicht. Die klommen um diese Zeit entweder schon hoch, oben auf eisigen Gipfeln oder frühstückten behaglich in ihren Gasthäusern, um gegen Mittag sich nach der Berghütte in Marsch zu setzen, die sie als Nachtquartier für die nächste Ersteigung in Aussicht genommen hatten. Was hier Edelweiß ausraufend sich an den Hängen umhertrieb, was sich mit hellem Jauchzen von Tal zu Tal grüßte und den Bergstock an der Seite und sich den Schweiß von der Stirne trocknend im Schatten der Bäume ausruhte, das waren genügsame Seelen, denen der Gornergrat schon als eine schwindelnde Höhe und der Schneemarsch über den Theodulpaß als eine alpine Leistung vorkam. Elisabeth empfand einen Widerwillen vor all diesen guten, vergnügten Leuten und der bewundernden Neugier, mit der die meisten ihr nachschauten. Neben dem Zweifeln und Bangen, das sie quälend erfüllte, regte sich in ihr noch der unabwendbare Hochmut, mit dem der Hochgebirgstourist, dem die wahren, der Durchschnittsmenschheit unnahbaren Wunder erdentrückter Alpenpracht sich erschlossen, auf diese verzückt durch die engen Täler streifenden, in Herden jodelnden und Edelweiß bindenden Herren und Damen herabschaut. Das ist ungerecht ... gewiß! Und unschön ist's dazu! Aber der Mensch ist nun einmal kein Heiliger und verfällt dem Gletscherdünkel so leicht wie irgendeinem andern Größenwahn. Erst die Meister des Fachs, die ganz großen Könner, die vermögen vielleicht auch da sich zum Teil wenigstens wieder zur freundlichen Unbefangenheit durchzuringen. Und stärker und stärker wurde das Gewimmel, als man nun, sich Zermatt nähernd, durch das Wiesental längs der rauschenden Visp dahinschritt. Hier promenierten alte rundliche Engländerinnen, auf Schirmstöcke gestützt, ihre Gatten dehnten sich, die »Times« studierend, auf Bänken oder Wiesenplätzen, Familien, denen man das Rundreisebillett schon von weitem ansah und die auf einen Tag von Visp mit der Bahn heraufgekommen waren, schoben sich staunend dahin, der unvermeidlichen »Klamm« zu, um für eine Mark Entree die kümmerlichen Wasserschnellen zu besehen, und starrten, wie einen Menschenfresser aus Zentralafrika, einen Montanisten an, der, früher als die Genossen, in der Mitte seiner Führer schweren Trittes aus Zermatt ausging. Durch die deutschen Witzblätter waren sie ja unermüdlich belehrt worden, daß ein »Bergfex« sich aus einer lächerlichen Mischung von einem Narren und einem Selbstmörder zusammensetzte. Aber wenn sie jetzt hoch über sich die herrlichen, unersteiglich scheinenden Gipfel in den blauen Himmel aufragen sahen, denen der Gletschermann freudig und kraftvoll zustrebte, dann empfanden sie, so komisch es war, doch beinahe eine Art Achtung, ja geradezu Neid gegen den verblendeten Bergkraxler ... Menschen ... Menschen ringsumher! Blumenpflückende Mädchen auf der Wiese, spielende Kinder, Lärm und Gelächter überall. Sie schritt schneller, um all dem Frohsinn und Sonnenschein zu entgehen. Aber man mußte aufpassen, der Kleinen wegen, die sich auf dem Wege tummelten, daß man nicht eines der Geschöpfchen unversehens anstieß. Unwillkürlich regte sich in ihr die Mutter. Sie blickte leise lächelnd auf das Deutsch, Französisch und Englisch lallende Völkchen, das sich auf der Wiese neben ihr im Sonnenschein gütlich tat. Die Kate-Greenaway-Kleidchen da kannte sie wohl! Ein ähnliches hatte sie selbst dies Frühjahr für ihren Liebling gemacht – sie wußte es noch genau, wie sie auf der Gartenveranda saß und oft unter der Arbeit sinnend zu den alten Ulmen des Schloßparkes aufsah, die über ihr rauschten – gerade ein solches Kleidchen, wie es die Kleine, die ihr den Rücken zudrehte, trug. Sogar die kapriziösen Änderungen, die sie selbst an dem Schnittmuster vorgenommen, stimmten ganz genau. Sie blieb befremdet stehen. Ihr Herz pochte heftig. Wenn dem so war ... wenn unter dem großen Strohhut ein süßes ernstes Gesichtchen, das sie wohl kannte, aus großen Kinderaugen fragend in die Welt schaute ... nein ... das war ja undenkbar! Wie sollte das geschehen? Aber doch ging sie leise, um die Kleine nicht zu erschrecken, auf den Fußspitzen über die Wiese zu dem Kate-Greenaway-Püppchen hin. Sie beugte sich, leicht die Hand auf seine Schulter legend, zu ihm hinab, sie starrte ihm einen Augenblick ganz fassungslos ins Gesicht und fiel dann lachend und schluchzend neben ihm auf die Knie ... »Ja ... wußten es denn die gnädige Frau nicht?« – das hübsche junge Kindermädchen stand ganz verdutzt dabei – »dann sollt' es wohl eine Überraschung von dem Herrn Baron sein. Ach, ach, das ist doch schade!« Sie stand auf und trocknete sich die Augen. »Das ist gar nicht schade!« sagte sie zwischen Weinen und Lachen, »aber wie ging denn das zu?« Die kleine Thüringerin berichtete: vor vier Tagen sei die Depesche gekommen, sie sollten sofort hierherreisen, und der Hausverwalter, ein erfahrener Mann – er sei ja früher lange Hotelportier gewesen –, sie begleiten. Da hätten sie sich gleich auf den Weg gemacht, eine Nacht in Basel gerastet und nun seien sie seit gestern abend um zehn Uhr da – und die Kleine sei munter und guter Dinge. Vor vier Tagen! Das war nach jener Stunde, als sie sich oben auf dem Hochgipfel getrennt und er einsam und gebrochen in das Tal hinabgestiegen war. Da hatte er in seiner bitteren Not an das Kind gedacht. Sie wußte wohl warum. Sie nahm ihr Töchterchen bei der Hand und ging langsam mit ihm dem Dorfe zu. Es war, als ströme aus dieser Kinderhand, die sich vertrauensvoll in die ihre schmiegte, eine ruhige Wärme in sie über. Befreiend und lindernd kam die Überzeugung über sie: »Von meinem Kinde trennt mich niemand. Auch der Mann da oben in den Bergen nicht, dem sonst mein ganzes Sein und Wesen gehört!« Die Kleine neben ihr jauchzte auf. »Papa!« rief sie mit ihrer hellen Stimme und wies auf Herrn von Randa, der suchend umherschaute und dann, Elisabeth erkennend, plötzlich stehenblieb. Als sie näher kam, schloß er sich ihr mit schweigendem Gruße an. Eine Strecke gingen sie so, die Augen auf den Boden geheftet, ohne sich ein einziges Mal anzusehen. Am Dorfeingang wandte er sich zu dem Mädchen: »Bleiben Sie mit Edith noch etwas hier draußen ... aber ja nicht in der Nähe des Gletscherbachs da! Ich gehe mit meiner Frau voraus! ...« Es kam Elisabeth wie eine Ewigkeit vor, dieser Gang durch die Dorfgasse zu dem entscheidungsschweren Augenblick. Die bunten Kramläden zu beiden Seiten, die klingelnden Maultierzüge, die schwatzenden und grüßenden Führergruppen, das eintönige Läuten von der alten Kirche – das alles schien kein Ende nehmen zu wollen. Nun waren sie endlich in ihrem Zimmer. Sie hatte sich gesetzt und harrte stumm, was er ihr zu sagen habe. Sie empfand keine Erregung mehr. Es war alles in ihr wie erstarrt in tödlicher Erwartung. Und dann hörte sie seine leise müde Stimme. »Ich hab' die Kleine kommen lassen, Elisabeth«, sagte er, langsam im Zimmer auf und nieder schreitend, »damals ... vor vier Tagen ... du weißt schon, was da geschah. Daß das einen Riß zwischen uns geben mußte, das wußt' ich wohl, und da dacht' ich mir: Zeig' ihr das, was trotz alledem uns gemeinsam bleibt. Wir haben etwas, was uns beiden gehört, unsre kleine Edith, die wir beide mehr lieben als sonst etwas auf der Welt. Wenn sie die sieht, dann wird sie vielleicht erkennen, daß wir es dem Kinde schuldig sind, einander zu achten und wenn möglich zu lieben!« ... Er brach ab und starrte eine Weile schweigend zum Fenster hinaus. »Das ist ja nun anders gekommen, als ich dachte«, fing er mit erstickter Stimme wieder an, »du hast mir unterdessen gesagt, daß du mich nicht lieben kannst ... und mehr als das ... du hast unser Heim verlassen ... wenn es auch nur ein paar armselige Hotelzimmer sind, es ist doch in diesem Augenblick unser Heim ... und bist da hinaufgegangen, um am Krankenlager eines fremden Mannes zu wachen. Die Welt mag sich's erklären. Er wurde oft in unsrer Gesellschaft gesehen, er war unser Freund ... das hab' ich auch den Leuten hier gesagt ... aber wir beide wissen, was dieser Schritt für uns bedeutet. Du hast mir damit, schonungsloser, als man es mit Worten überhaupt ausdrücken kann, erklärt: Du hast nichts mehr für mich ... ich kümmere mich nicht mehr um dich. Ich will dich verlassen und dem fremden Mann da oben folgen!« »... Es geht ihm ja besser!« fuhr er nach einer kurzen Pause fort, »dein Führer, der vor dir ankam, hat's mir gesagt! Er wird am Leben bleiben und dich mir entreißen. Ich könnte ihn ja fordern ... auf Tod und Leben ... so viel Mut, denke ich ... besitze selbst ich ... aber was ist damit gewonnen, wenn einer von uns den andern tötet? Nicht darum handelt es sich für mich, sondern um deine Liebe. Die läßt sich nicht erbitten und nicht erzwingen. Die muß frei gegeben werden. Ich bin zu stolz, sie von dir zu fordern. Wenn du sie mir nicht mehr geben kannst, weil du mich nicht mehr achtest, wenn ich dir nichts mehr, gar nichts mehr bin – gut – dann verlange ich nur noch eins: eine Bedenkzeit von einem Vierteljahr. Sagst du mir auch nach dieser Zeit: Ich kann dir nichts mehr sein ... laß mich von dir! ... so bist du frei!« Sie schaute auf. Die entscheidende Frage wollte kaum über ihre zuckenden Lippen. »Und Edith?« Ihre Stimme klang ihm rauh und tonlos ins Ohr, wie die einer Fremden. Er neigte trübe den Kopf. »Das ist das schwerste!« sprach er langsam, »Gott weiß, wie ich mit mir gerungen habe und mir immer wieder eingeflüstert: das Kind gehört dir! behalte es! gib es nicht dem fremden Manne, der dir ohnedies schon alles nimmt. Aber dann sagte ich mir wieder: du, Elisabeth, liebst unser Kind zu sehr. Ich weiß es. Um des Kindes willen wirst du bei mir bleiben, wenn ich darauf bestehe!« »Und dann?« Sie sah in banger Spannung zu ihm empor. »Dann!« – er zuckte die Achseln – »dann werden wir freudlos nebeneinander hergehen. Du wirst mich hassen lernen, weil ich dich mit Gewalt an mein Heim fessele, und es geschieht gerade das, was, wie ich dir eben sagte, mir mein Stolz verbietet: daß ich einen Menschen zwinge, mit mir zu leben, der mich nicht mehr liebt und nicht mehr achtet. Und das Mittel zu diesem Zwang ist das eigene Kind! Nein ... das ist mehr als grausam. Das ist eine Entwürdigung und Erniedrigung des Besten, was in euch ist, der Mutterliebe!« Sie wagte kaum zu atmen. Sollte es denn möglich sein? Und wirklich, da sprach er es aus: »Ein Kind gehört der Mutter. Nicht nur um ihretwillen. Denn sie hat es mit Schmerzen geboren. Sondern mehr noch um seinetwillen. Denn ein Kind ohne Mutter ist ein unglückliches Wesen. Es hat ein Recht, denen nie zu vergeben, die ihm die Mutter genommen haben! Und darum: willst du mich verlassen, so nimm Edith mit!« Sie erhob sich. Lautlos, wie betäubt stand sie da. Er trat vor sie, legte die Hände auf ihre Schultern und sah ihr starr ins Gesicht. »Dir brauch' ich nicht erst zu sagen, was das für mich heißt! Aber es ist einerlei. Es ist gut so. Wem sein ganzes Leben zertreten und verwüstet wird, der darf sein Herz nicht noch an das letzte hängen ... denn das mußt du dir klarmachen, Elisabeth, du machst mich zu einem todunglücklichen, verzweifelten Mann. Ich hab' dich in meiner Art geliebt, wie nur ein armer Kerl wie ich lieben kann ... ich lieb' dich noch ... mein Herzblut möcht' ich für dich hingeben ... vor dir niederknien möcht' ich und dir die Hände küssen ... Denk, wie's bei mir ausschaut, wenn du fort bist. Mein Haus ist verödet ... Alles ist leer ... alles, alles, woran mein armes Herz hängt, ist weg ... was soll ich da noch viel auf der Welt ... Und denk an Edith! ... Glaub' mir ... es geht einem jeden sein ganzes Leben nach, wenn die beiden Menschen, die ihn geschaffen haben, sich in Haß und Verachtung trennen. Die Kleine wird aufwachsen und dich eines Tages fragen: ›Warum bin ich unter fremden Menschen?‹ Wo ist das Schloß und der Park, in dem ich einst gespielt habe ... wo ist meine Heimat? Und wo ist der freundliche Mann, der mich auf seinen Armen herumgetragen und geherzt und geküßt hat? Und du mußt ihr antworten: ›Das Haus ist leer, du hast keine Heimat. Dein Vater ist weg. Du wirst ihn nicht sehen. Ich hab' sein Leben verwüstet und deines, weil ich nicht die Kraft hatte, ihm die Treue zu halten, die ich ihm freiwillig und mit heiligem Eid beschworen habe ... ‹« Aus dem Nebenzimmer tönte helles Kinderlachen. Die Kleine wurde da von dem Mädchen nach dem Ausgang zur Ruhe gebracht. Elisabeth hob den Kopf. »Es ist genug«, sagte sie tonlos, »laß mich jetzt allein sein ... da drinnen ...« – – Sie hatte die Wärterin weggeschickt und kniete neben dem Lager ihrer Tochter. Edith schlief noch nicht. Die großen Kinderaugen schauten weit offen, ernst und klar in das schöne leidvolle Gesicht, das sich über sie neigte. Elisabeth senkte die Wimpern. Sie fürchtete sich vor diesem reinen fragenden Blick, der unerbittlich bis in das Innerste ihrer Brust drang. Und wieder sah sie angstvoll auf. Ein demütiges Grauen erfaßte sie vor dieser Reinheit, vor dieser stillen, leidlosen Unschuld, die aus den dunklen Tiefen der Kinderaugen sprach. Und das war doch ihr Kind ... ihr eigenes Ich? Wie eine gewaltige Mahnung klang in ihr die Antwort. Dein besseres Ich! Das, was in dir gut und rein und leidenschaftslos ist. Es wird eine Zeit kommen, da kannst du mir nicht mehr in die Augen sehen, nicht einmal so bang und zweifelnd wie jetzt. Denn dann ist's geschehen, dann hast du das Höchste verraten ... die Liebe und die Treue. Die Liebe zu mir ... die Treue zu dem Vater ... dann wirst du vor dir selbst die Blicke niederschlagen, und wenn du glücklich wirst, bezahlst du dein Glück schwer und hart mit deinem Stolz und deinem Pflichtbewußtsein ... Die Kleine war eingeschlummert. Sie merkte es nicht mehr, daß die junge Frau noch immer vor ihrem Bettchen kniete, in lautlosem Kampf, aus dem durch seelenerschütternde Not der letzte Entschluß emporstieg. XX Auf kahlen Höhen, etwas abseits vom Hotel, liegt am Fuße des Matterhorns der Schwarzsee. Ein kleiner, finsterer Teich, der schwarzgrün in seinem Felsenkessel brütet. Die vorbeikommenden Führer weisen ihn ihren Herren und berichten, daß einer ihrer Genossen vor einiger Zeit in diesem Tümpel ums Leben gekommen sei. Ein Bergführer, der im Angesicht des Matterhorns ertrinkt, das erscheint ihnen so seltsam und erstaunlich, daß sie es kaum begreifen, wie der Fremde dazu nur gleichgültig nicken und nach dem lockenden Gasthaus spähen kann. Heute hatten sie noch einen besonderen Grund, den reglosen Wasserspiegel, den selbst das leuchtende Himmelsblau des Sommertags nicht zu erhellen vermochte, ihren Touristen zu zeigen. Der Herr, der da einsam auf den von der Sonne durchwärmten Felsblöcken halb lag, halb saß – jawohl ... dieser bärtige Herr, mit der schwarzen Binde um das Haupt ... das war ja derselbe, der vor einigen Tagen da oben im Schneesturm abgestürzt und wie durch ein Wunder davongekommen war. Seinen Gefährten hatten sie schon gestern unten in Zermatt begraben. Ihm aber ging es ganz gut. Er habe sich schon so weit wieder erholt. Nur spreche er noch kein Wort und sitze den ganzen Tag hier irgendwo im Freien, um ins Tal hinunterzuschauen, wie wenn er etwas von dort sehnlich erwartete. Freilich ... wenn man sich den Kopf derart an den Steinen aufgeschlagen, da sei es ja kein Wunder, wenn man noch eine Zeit lang ein bißchen absonderlich bleibt. Das gibt sich wieder. Die fernen Stimmen verhallten. Führer und Reisende stiegen zu dem Hotel hinab. Er war wieder allein mit sich und seinen Gedanken. Oder vielmehr: er hatte nur einen Gedanken. Er wartete. Seit zwei endlos langen Tagen und Nächten. Rings um ihn standen in schimmerndem Kreise die Alpen. Noch lag der Tag hell auf ihren Höhen, während im Tale schon der Abend graute. Aber heute sagten ihm die wohlbekannten Kolosse nichts. Gleichgültig sah er nach rechts zum wolkenstürmenden Gewimmel der Monte-Rosa-Gipfel und dem runden weißen Breithornrücken, gleichgültig nach links zum schlimmen Zinnal-Rothorn, zu den zerklüfteten Gabelhörnern, der frostgepanzerten Dent-Blanche und hinüber zum häßlichen, ungeschlachten Dom, zum Rimpfieschhorn mit seinen keck aus Schneehängen aufschießenden Felsenzacken. Ja selbst der böse Feind dicht hinter ihm, das unermeßlich sich zum Himmel auftürmende Matterhorn, war ihm heute so fremd, als hätte er nie mit dem Gewaltigen auf Tod und Leben gerungen. Er wartete und wartete. Langsam stieg das Dämmern aus dem Tal herauf. Heute kam sie wohl nicht mehr. Er erhob sich fröstelnd und beschattete zweifelnd mit der Hand die Augen. Eine Gestalt wurde auf der Trümmerhalde vor ihm sichtbar, eine schlanke hohe Frauengestalt, die sich einen Augenblick suchend umsah und dann rasch auf ihn zuschritt. Ein Seufzer der Erlösung entrang sich seiner Brust. Er ging ihr entgegen. Sie reichten sich schweigend die Hände. Eine unbestimmte Angst erfaßte ihn dabei, als er in ihr Gesicht sah. Es war so blaß, trotz des herben Bergwinds, der mit ihrem Goldhaar spielte, um die Lippen lag so ein harter, fester Zug ... er wagte es nicht, zu ihr von dem zu beginnen, was zwischen ihnen jetzt ausgesprochen werden mußte. Auch sie schwieg lange Zeit. Sie gingen nebeneinander am Rand des Sees hin, über dessen schwarzgrüne Fläche der Wind in weißen Schaumspritzern hinlief. Eintönig klang das leise Plätschern am Ufer durch das Wehen der Berge. Da blieb sie stehen. »Es ist gut, daß ich Sie hier getroffen habe« – ihre Stimme klang ruhig wie sonst – »hier können wir uns ungestört alles sagen!« »Und was haben Sie mir zu sagen?« Ein kurzer, banger Augenblick. Dann faßte sie plötzlich seine beiden Hände, sie zog sie an sich und schaute ihm voll ins Gesicht. »Wozu viele Worte? ... 's ist auch mit wenigen gesagt: Leben Sie wohl, mein lieber, lieber Freund ...« Er empfand einen bitteren, das Herz zusammenkrampfenden Schmerz. Aber überraschend kam es ihm nicht. »Ich hab' es gefürchtet ...« sprach er dumpf, »... und doch ... und doch ...« Sie hielt noch immer seine Hände. Er fühlte, wie ihre schlanken Finger sich an die seinen preßten, während sie ihre bleichen stolzen Züge mit aller Kraft beherrschte. »Wir wollen uns nicht unnütz quälen« – sie schüttelte den Kopf – »und lange darüber reden. Es ist beschlossen. Es muß sein!« »Und reiflich beschlossen?« Ein trauriges Lächeln glitt einen Augenblick über ihr Gesicht. »Das fragen Sie mich? ... mein guter Freund ... jetzt ... in diesem Augenblick, wo wir uns zum letztenmal auf der Welt sehen ... da können wir's uns ja sagen, daß wir uns liebhaben ... von Herzen lieb! Das wollen wir mit uns nehmen, wenn wir jetzt auseinandergehen ... Das bleibt unser Schatz und Heiligtum, und kein andrer Mensch braucht zu wissen, was uns das kostet ...« Er konnte nicht anders. Die Tränen, seit langen Jahren die ersten Tränen, traten ihm, die Stimme erstickend, ins Auge. »Wir sollen uns nie wiedersehen, Elisabeth?« Sie schüttelte wieder das schöne Haupt. »Vielleicht in langen Jahren einmal, wenn wir alt und grau sind. Aber jetzt ... was hilft es denn, wenn wir uns noch einmal zusammensetzen und uns noch einmal erzählen, daß wir unglücklich sind. Davon wird nichts besser ... Wir wollen uns ja hier keine Komödie vorspielen und uns weismachen, daß wir uns vergessen wollen. Das wissen wir beide, daß das nicht so bald geschehen wird. Ich wenigstens ... ich werd' Sie nie vergessen. Aber mit der Zeit werden wir anders aneinander denken wie jetzt ... nicht in Not und Schmerzen, sondern ruhig, wie an einen lieben Verstorbenen ...« Und wieder preßte er verzweifelt ihre Hand. »Und kein Lebenszeichen, Elisabeth? ... nichts ... gar nichts?« »Gar nichts«, sagte sie mit ruhiger heller Stimme, »... und nun, mein Freund, ist's geschehen, und das Schwerste in meinem Leben liegt hinter mir. Nun bleibt mir noch eins übrig: Ihnen zu danken. Jawohl ... ich danke Ihnen von Herzen! Sie haben das Beste in mir aufgeweckt. Ich werd' in Zukunft vielleicht unglücklich sein, aber ruhig und klar mit mir selbst, weil ich an Sie denken darf ... und weil ich an mich denken darf, ohne die Augen niederzuschlagen ... das war's, was ich in den Bergen gesucht hab' ... was mich da hinauftrieb. ... Sie wissen ... ich sagt' es Ihnen damals in der Schutzhütte ... ich suchte die Achtung vor mir selbst ... und Gott sei Dank ... ich hab' sie gefunden durch Sie ... und dafür dank' ich Ihnen ...« Es war halbdunkel um sie geworden. In grauen Fledermausflügeln strich die Dämmerung über Stein und See. Der Himmel erlosch, und ferne Lichter blinkten scheu aus der verblassenden Wölbung hervor. Da flammte es über die schneeigen Riesengipfel ringsum auf, wie das Leuchten einer andern Welt. Längst war die Sonne geschwunden. Graue Nebel hingen über der Stelle, wo sie sank. Und doch war die Helle da, eine geheimnisvolle, rosenfarbene Glut, in der die ragenden Hochzinnen sich badeten. Warme, freundliche Lichtquellen ergossen sich über die weiten, in märchenhaftem Scheine durch Nacht und Grauen winkenden Schneefelder. Aus dem gemeinen alltäglichen Schatten, der den Fuß der Berge umspann und gierig höher kroch, stiegen die feuergetränkten Gipfel freudig empor, in rosigem, durchsichtigem Glanz das Blaßblau des Abendhimmels begrenzend. Woher kam dies überirdische Licht? Wohin ging es? Es war nicht zu erkennen. Rasch tiefer sich färbendes Dunkel ringsumher und über ihm, zwischen dem grauenden Himmel, der dämmernden Erde die rätselhaft lohende Rosenpracht, die wie der Widerschein unbekannter, dem Menschenauge ewig verschlossener Welten in ahnungsvollem, heiligem Schweigen über die Hochwelt flammte. Lange schauten die beiden hinaus in das Alpenglühen. »Das ist der Abschied von den Bergen«, sagte Elisabeth endlich leise »ich komme nicht wieder zurück. Nie wieder. Aber in meinem Herzen bleiben sie stehen. Ich, hab' Schweres und Hartes in ihnen erlebt, aber ich grolle ihnen nicht. Viel ist da oben in mir aufgeblüht und wieder verdorrt ... viel, das ich früher nicht ahnte. Mag es da oben im Schnee begraben bleiben, wo es die Menschen nicht sehen ... unter der weißen Totendecke ...« Immer noch grüßten sich flammend die Bergzinnen über das Tal. Aber höher und höher stieg, die Glut in grauen Nebelfluten ertränkend, die Nacht. Elisabeth sah ihrem Begleiter ins Auge. Ein schmerzvoll stolzes Lächeln zuckte um ihre blassen Lippen. »Ich bin froh, daß wir hier voneinander Abschied nehmen dürfen ... im Angesicht der Hochwelt, die uns zusammengeführt hat. Die Welt da oben ist über das Gemeine und Häßliche erhaben ... die ist rein und weiß ... und wenn wir künftig füreinander tot sind, weiß und rein ist's auch zwischen uns geblieben ...« »... Und jetzt möcht' ich Ihnen nur noch eins sagen, lieber Freund: ich will, daß Sie glücklich werden. Und glücklich wird man nur durch die Liebe. Sie hassen die Menschen, weil Sie verraten wurden. Aber glauben Sie mir: die Liebe ist nicht tot. Die Liebe lebt und ist überall, wo man sie sucht. Und darum bitt' ich Sie: bleiben Sie nicht mehr allein, gehen Sie hinunter zu den Menschen, und bringen Sie ihnen nur ein bißchen von dem mit, was zwischen uns plötzlich und gewaltig aufgeblüht ist. Sie werden sehen ... man nimmt es gern ... man gibt es Ihnen reichlich wieder ... und Sie werden ein andrer, froher Mensch ...« Er neigte das Haupt. »Ich will es tun!« sagte er mit erstickter Stimme. Da faßte sie zum letztenmal seine Hand. »Leben Sie wohl!« stieß sie leise und atemlos hervor und wandte sich von ihm ab. Sie ging. Er sah der schlanken Gestalt nach, wie sie über das Geröll zum Hotel hinabstieg, wo ihrer das Saumtier harrte, um sie nach Zermatt zu tragen. Er wußte, sie weinte nicht. Den Kopf hochmütig in den Nacken geworfen, schritt sie dahin ... weiter ... immer weiter ... noch konnte sein Auge sie erkennen ... noch glaubte es sie zu erkennen ... sie war verschwunden. Verschwunden für immer! Morgen früh reisten sie wohl ab! Wenn wieder um diese Zeit die Sonne sank, war sie schon fern von hier, in Glut und Lärm der Bahnhöfe ... in flachem Lande unter flachen Menschen, und nie mehr würde er das schöne kluge Antlitz wieder sehen, nie mehr die ruhige klare Stimme hören. Eine heilige Trauer war in ihm – etwas, was nichts mehr mit Grimm und Zorn gemein hatte. Sie war ihm gestorben. Ihm blieb nichts mehr zu tun, als ihr Vermächtnis zu erfüllen und mit den Menschen wieder Mensch zu sein. Er blickte zum Himmel auf, an dem die letzte Glut sich langsam löste und im Frieden der Nacht sich schwindend barg; und während er schweren Schrittes über das Geröll dahinging, da regte sich in ihm jener unerklärliche Schauer, der als unbestimmtes, aus unbegreiflichen Fernen heranwehendes Ahnen uns zuweilen erfaßt ... ein Ahnen, daß dies alles ... die Welt, die Menschen ... wir selbst ... etwas andres, etwas Höheres sind, als wir glauben ... etwas Geheimnisvolles, das nur zum Schein, auf kurze Frist, die bunte Maske dieser Erde trägt. Er war der letzte, der heute da hinabstieg. Vor dem Gasthaus sah er noch einmal um sich und nahm Abschied von der Vergangenheit. Dann trat er ein. Es ward völlig dunkel draußen, und über den Schneefeldern hoch oben klagte der Sturmwind sein ewiges Lied.