Rudolph Stratz Herzblut 1922 Meiner Frau I Es war seltsam, welch eine Wandlung in Jakobe Ansold von dem Augenblick ab vorging, wo sie den Entschluß gefaßt hatte, in nächster Zeit das Haus ihres Mannes für immer zu verlassen. Sie wunderte sich selbst darüber, daß sie nun auf einmal ganz ruhig wurde. Sie begriff es nicht; nach all dem Sturm die plötzliche Stille – nach einem Seelensturm durch Monate hindurch, den niemand auf Erden kannte, niemand ahnte außer ihr – und am wenigsten ihr Mann. Seit sie in diesen ersten Septembertagen so weit gekommen, lebte sie innerlich wieder auf. Die Blässe wich. Die Teilnahmlosigkeit, in der sie lange Stunden des Tages und halbe Nächte voll eines unbestimmten Grauens, sie könne noch einmal über dem allem den Verstand verlieren, vor sich hingedämmert, machte einer klaren Abschiedsstimmung Platz, das bittre ratlose Lächeln, das so oft, wenn sie sich unbeobachtet wußte, um ihre Mundwinkel gezuckt, verschwand. Nur einen eigenen starren Ausdruck hatte sie in den Augen, wenn sie, wie jetzt oft, plötzlich in Gedanken verloren mitten im Zimmer stehen blieb und vor sich hinschaute – in die Ferne hinaus, als suche sie da draußen etwas – neues Land – einen festen Punkt – und sähe doch nur uferlose Weite. Kaum klangen aber auf dem Flur Schritte und es näherte sich jemand, so gewannen ihre Züge jene lebhafte und etwas scheue Freundlichkeit, mit der sie nun allen, auch ihrem Mann, begegnete. Es lag Schuldbewußtsein darin. Schon eine stumme Bitte um Verzeihung für das Kommende. Aber er bemerkte davon nichts. Er war froh, daß seine Frau nach all dem Trübsinn und den Nervengeschichten und Verstimmungen dieses Sommers, die er sich nicht hatte erklären können, endlich wieder ein vernünftiger Mensch wurde, und schob das auf die nun eingetretene kühle, klare Herbstluft und machte sich weiter keine Gedanken darüber, sondern schimpfte bei Tisch auf den Dienst und die Vorgesetzten, namentlich auf den Major, der ihm und den drei anderen Hauptleuten des Bataillons das Leben unnütz sauer mache, und auf seinen unfähigen Oberleutnant, diese Schlafmütze, der er nicht einen halben Tag mit ruhigem Herzen die Kompanie anvertrauen könne. Und dann kamen nach dem Essen die Kaffeetassen und vom Treppeneingang her, wo die Ordonnanz mit der Blechmappe stand, die Parolebücher und vor dem Hause hielt der Bursche das gesattelte Pferd und der Hauptmann Ansold stand auf und gab seiner Frau einen flüchtigen, gewohnheitsmäßigen Kuß wie immer in den zehneinhalb Jahren, seit sie verheiratet waren, und knöpfte sich den Überrock zu und machte, daß er hinaus nach den Schießständen kam, um dort unversehens um die Waldecke herum mit einem Donnerwetter in die allgemeine Bummelei hineinzufahren, und Jakobe war wieder allein. Sie hatte jetzt die Gewohnheit, wenn er aus dem Zimmer war, noch eine Weile still zu sitzen und die Augen zu schließen. Das war nicht Furcht vor der Zukunft, sondern ein Trieb, die Gegenwart zu vergessen, so zu tun, als sei die schon gar nicht mehr wirklich um sie herum vorhanden. Dies Dämmergrau vor den Wimpern, das der Schein vom Fenster her rosig erhellte, war besser als alles, was man hier sah und hörte und erlebte ... Und aus dem Wandspiegel, vor dem sie stand, schaute, wenn sie die Wimpern wieder erhob, eine fremde Frau sie an, und sie betrachtete ihr gläsernes Ebenbild mit einer stummen, bangen Neugier – einem steten Zweifel, ob sie das sei – noch sei – und frug sich wieder: wer bist du? – und was willst du werden? und sah dies schmale, leidenschaftliche Gesicht, von dem so viele ihr sagten, daß es schön sei, in der Regelmäßigkeit seines Ovals, der Zartheit und Klarheit seiner Farben. Auf einer Schweizer Reise, bei Wengen, hatte einmal eine Dame, mit der sie Bekanntschaft geschlossen, beim Enzianpflücken plötzlich aufgeblickt und lebhaft gesagt: »So sind Ihre Augen!« und dabei hatte sie auf das seltsame, tiefe Dunkelblau der Alpenblume gewiesen, die sie in der Hand hielt – eine Farbe, in die man tief hineinschauen konnte, ohne auf den letzten Grund zu kommen, wie bei einem einsamen Gebirgsee. Jakobe Ansold wußte ja selbst, daß ihre Augen das Schönste an ihr waren. Sie ließ die Stirne darüber stets frei und trug das reiche, aschblonde Haar nach hinten ausgewellt. Ihre Gestalt war, in ihrer Mittelgröße, noch mädchenhaft schlank, obwohl sie sich den dreißig näherte. Und zuweilen, wenn sie in den Stuben umherging und zwecklos abstäubte und zurecht rückte und sich dabei wieder für einen Augenblick irgendwo im Spiegel sah, schossen ihr ganz nichtige Äußerlichkeiten durch den Kopf, die mit ihrer bevorstehenden Abreise zusammenhingen, wie etwa: das weiße Kleid, das du jetzt anhast, brauchst du nicht mehr einzupacken! Da draußen wirst du dich doch immer unauffällig dunkel anziehen müssen, damit die Leute nicht noch mehr auf dich schauen, als sie es ohnedies schon tun werden! – Und dann war es ihr, als sagte jemand neben ihr: Ach, du führst es ja doch nicht aus! Du spielst ja nur mit dem Gedanken, einmal von hier wegzugehen! Das ist für dich nur ein schmerzstillendes, betäubendes Mittel gegen die Öde und Leere deines Lebens. Wenn diese Stimmung jetzt zu stark in ihr wiederkehrte, dann tat Jakobe Unsold etwas, was ihr sonst zu schmerzlich war: sie öffnete die Türe zu der kleinen Kammer neben dem Schlafzimmer, nach dem Hofe hinaus. Da stand noch das schmale, eiserne Bettchen, in der Ecke lehnte das Schmetterlingsnetz und hing die grünlackierte Botanisiertrommel, auf dem Tisch lagen die blauen Hefte, in denen sie selbst mit ihrem Sohn das Einmaleins durchgerechnet und Schönschreiben geübt hatte. Und dabei stiegen ihr jedesmal die Tränen in die Augen. Wie hatte sie ihren Mann gebeten, den kleinen Burschen noch nicht in das Kadettenkorps zu stecken, ihren einzigen mit seinen kaum neun Jahren! Ein paar Jahre konnte man doch noch wenigstens warten, ihn ihr lassen! Sie hatte ja sonst nichts! Und die Erziehung im Kadettenkorps tat doch gar nicht gut – dies Heranwachsen ganz ohne Mutterliebe und Frauennähe – es war ein roher Spartanerdünkel, den man da züchtete – das wußten doch so viele – das alles hatte sie ihrem Mann gesagt und immer nur die Antwort erhalten: Ich war auch im Kadettenkorps und bin nicht umgekommen, sondern ein ordentlicher Offizier geworden, und so gut wie jede andere Kompanie im Regiment ist meine fünfte auch – also wird es meinem Sohn auch nichts schaden, wenn er denselben Weg geht ... Das war vor einem Jahr gewesen. Ihr Mann hatte damals nicht gewußt, was er tat. Das sagte sie sich jedesmal, wenn sie wieder mit zuckenden Lippen in dem verlassenen Stübchen stand. Indem er ihr das einzige nahm, was sie besaß, hatte er sie freigemacht. Nie hätte sie die Kraft gefunden, diese vier Wände zu verlassen, solange in ihnen noch das fröhliche Kinderlachen scholl. Die Tränen, die in der Erinnerung an das alles über ihre Wangen rannen, hatten eine grausame, stählende Kraft. Sie machten ihr das Herz hart. Wenn sie diese Türe wieder hinter sich in das Schloß drückte, dann stand ihr Entschluß so unbeugsam da, daß sie die Anwandlungen einer schwachen Stunde nachträglich gar nicht mehr begriff. Es war wie ein Naturgebot. Sie mußte fort. Und ging fort, so wie nur erst die Manöverzeit da war. Und inzwischen lag schon eine Abschiedsstimmung über allem. Es war bereits der Anfang der Befreiung. Vieles, was sie früher geschmerzt, betrübt, gelangweilt hatte, verlor jetzt seine wirkende Stärke, war nur noch ein Gleichnis für das nahe Ende. Und auch freundlichere Dinge sprachen zu ihr und wichen zurück und schwanden. Was nur mit der Gewohnheit des bisherigen Seins zusammenhing, sagte ihr Ade und löste sich von ihr und ließ sie ziehen, in blaue Ferne, wie die langsam segelnden weißgeballten Sommerwolken am Himmel, über dem alten märkischen Städtchen, seinen spitzen hohen Kirchtürmen, den Giebeln und Dächern, der Backsteinringmauer mit ihren verwitterten Bollwerken aus der Hussitenzeit, dem Marktplatz, wo die Riesenlinde das Standbild des Kaiser Wilhelm überschattete, den breiten Straßen, deren fast einziger Pulsschlag des Lebens das ewige Hin und Her zwischen der Infanteriekaserne und dem Exerzierplatz war, von dem der Wind den ganzen Tag über verwehte Geräusche, Kommandos, Trommelwirbel, Trompetenstöße herübertrug. Von früh bis spät marschierten die Abteilungen zum Dienst oder kamen von ihm und klirrten die Offiziersäbel auf dem Pflaster und führten die Burschen ledige Pferde. Man hörte des Abends den Zapfenstreich und des Morgens die Reveille vor den Fenstern – es schien fast, als sei das ganze Ackerstädtchen nur um die mächtigen, vierstöckigen Quadrate der Mannschaftsquartiere herumgebaut, und Jakobe Ansold, der Generalstochter, die von ihrer frühesten Kindheit ab nur in dieser Luft preußischen Waffentums geatmet, wäre das auch ganz natürlich erschienen. Am fremdesten dünkte ihr jetzt ihr eigenes Heim. Es hatte ihr nie recht Freude gemacht. Es war kaum ein Stück in diesen Zimmern, an dem ihr Herz mit irgend einem inneren Anteil hing. Die ganze Ausstattung war seinerzeit rasch und billig angeschafft worden, so gut oder so schlecht es eben der damalige Oberst von Dolmar, ihr Vater, bei seinen knappen Mitteln und vielen Kindern zu erschwingen vermochte. Eine Mitgift hatte er seiner Tochter überhaupt nicht geben können. Nur diese karge Aussteuer. Und das war ja eben das Glück, die große Freude der Familie gewesen, daß Jakobe, mit eben erst achtzehn Jahren, im Regiment selbst einen soliden, tüchtigen jungen Leutnant als Freier gefunden, der sofort das Kommißvermögen aus eigenen Mitteln auf den Tisch zu legen und sie heimzuführen im stande war. Man wußte ja – sie selbst am besten – wie schwer arme Offizierstöchter unter die Haube kamen. Alle Welt hatte ihr zugeredet, sie gedrängt ... und sie hatte Ja gesagt in einer dumpfen Hoffnung, daß das wohl das Glück sei ... Das schien ihr jetzt so lange her ... ein ganzes Menschenleben lang – und war doch wenig mehr als zehn Jahre, die still und einförmig in der kleinen Garnison verstrichen waren, und an die viele weitere, ebensolche sich gereiht hatten, wäre nicht dieser Sommer gewesen – die innerliche Entwurzelung, die große Lebenswende – und nun der Strich unter allem. Sie kannte ja ihren Mann. Aber sie staunte manchmal doch, daß er so gar nichts merkte, sondern aß und schlief und seine Kasino- und Exerzierplatzneuigkeiten erzählte, wie sonst. Freilich, sie waren jetzt ganz besonders selten beisammen. Er hatte diesmal, wo das Regiment in das Kaisermanöver ging, alle Hände voll zu tun und brütete über der Generalstabskarte in dem dumpfen Bewußtsein, daß er da oben, bei den höheren Vorgesetzten als guter Kompaniechef, aber nicht gerade als ein Kirchenlicht galt, und stand in tiefem Sinnen vor seinen beiden etwas ältlichen Hauptmannspferden, zweifelnd, welcher von beiden, der Fuchs oder der Braune, bei der großen Parade des Auges Seiner Majestät würdiger sei, und verhandelte stundenlang mit dem Feldwebel und Kammerunteroffizier über Weiße Hosen und zweite und dritte Garnituren. So sahen sich die beiden Gatten tagsüber kaum mehr, und Abends war der Hauptmann Ansold, wenn er nicht seine allwöchige Kegelpartie im Kasino oder seinen Skatabend mit dem Stabsarzt hatte, so müde, daß er meist bald nach dem Essen sich auf das Kanapee legte und einschlief. Anfangs hatte er sie dabei früher um Entschuldigung gebeten. Dann war er es gewohnt und fand es sehr behaglich und sie saß dabei und machte sich mit irgend einer Handarbeit zu schaffen und warf zuweilen über die Lampe hin einen langen Blick nach dem Schläfer – sonderbar ernst – forschend wie nach einem fremden Mann ... Und so verstrichen die Abende – und so verstrichen die Tage – langsam einer nach dem andern und einer dem andern gleich und die Zeit des Manövers kam. Schon über die vorhergehende Woche warf es seine Schatten voraus. Hauptmann Ansold beriet sich eindringlich mit den Herren der Kompanie und schrieb sich ein Verzeichnis der blau- und rotverkapselten Flaschen, die man in der Weinkiste, der sogenannten »Bundeslade«, auf den Gepäckwagen mit sich führen sollte, eine Anzahl Offiziersdamen machte sich reisefertig und fuhr mit Kind und Kegel über die drei Herbstwochen in ein Bad, zu den Eltern, zu Verwandten auf das Land, im Gasthof »zum deutschen Haus« stiegen außer den Schnittwaren-, Wein- und Papierreisenden ein halbes Dutzend unbekannter jüngerer Herren in Zivil ab und kam am folgenden Morgen in der vollen Pracht der Waffen als die dritte diesjährige Garnitur der Reserveleutnants zum Vorschein. Tags darauf lag der ganze Kasernenhof voll Stroh. Man konnte von den Ansoldschen Fenstern aus in die ungewohnte Unordnung sehen, in der die Zahlmeister herumstiegen, die Feldwebel schimpften, Büchsenmacher, Militärhandwerker, Lazarettgehilfen, Schießunteroffiziere, Ordonnanzen, Burschen durcheinander liefen, und endlich wurden von der Wohnung des Obersten die Fahnen abgeholt, das Regiment formierte sich und kam mit Trommelwirbel und Pikkoligeschrill die Hauptstraße herunter, eine lange Kette blitzender Helme und matter Gewehrläufe – an der Spitze das erste Bataillon, dann das zweite – voran die fünfte Kompanie. Vor der ritt Jakobes Mann, den Gaul sehr vorsichtig mit den Zügeln kurz haltend, denn das Pflaster war holperig und die Stute alt – den blanken Säbel in der Rechten, die Schuppenketten unter dem Kinn, was seinem gutmütigen, breiten, trotz des Schnurrbarts etwas leeren und nichtssagenden Gesicht einen martialischen Ausdruck verlieh. Seine Augen waren immer matt. Er war recht kurzsichtig und richtete sich auch jetzt unwillkürlich in den Bügeln auf, wie um seinem Blick nachzuhelfen, während er nach oben spähte, ob da nicht seine Frau am Fenster stände und ihm noch einen Gruß auf den Weg zuwinkte. Aber Jakobe war in die Mitte des Zimmers zurückgetreten. Das konnte sie nicht. Mochte er jetzt lieber enttäuscht sein und verdrossen über ihre Saumseligkeit weiter reiten, als daß sie sich das letzte Mal, wo sie beide sich als Mann und Frau in die Augen sahen, auch noch verstellte. Sie stand, die Arme schlaff herabhängen lassend, an dem runden Sofatisch und rührte sich nicht und hörte von unten weiter und weiter die schweren, gleichmäßig stampfenden Tritte der Mannschaft und das Getrappel der Offizierspferde, und hatte die Empfindung, daß jetzt eben, in dem Augenblick, wo ihr Mann betroffen nach dem leeren Fenster ihrer Wohnung hinaufgeblickt, eigentlich ihre Trennung von ihm vollzogen sei. Und zugleich setzte, schon in der Ferne, an der Spitze des ersten Bataillons nach dumpfem Paukenschlag die Regimentsmusik ein. Sie spielte das alte fröhlich-wehmutige: »Muß i denn, muß i denn zum Städtele 'naus ...« und Jakobe Ansold dachte sich, das gelte auch für sie, und zum ersten Mal war das alles stärker als sie, und sie setzte sich auf das Sofa nieder und legte den Kopf auf die Arme und weinte lange Zeit. Dann aber kehrte ihre Spannkraft wieder. Bisher hatte sie nur planen und denken können. Nun war die Zeit zum Handeln gekommen, und dies Handeln fiel ihr jetzt so leicht, daß ihr alles, was sie tat, als völlig selbstverständlich und notwendig erschien. Noch Vormittags ging sie auf die Post und schrieb auf ein Telegrammformular eine kurze Anfrage: »Kann ich morgen zu Dir auf Besuch kommen? Gruß. Jakobe« – und versah die Depesche mit der Aufschrift: »Fräulein von Kritzing, Schulvorsteherin, Berlin«. Fünf Stunden später traf die Antwort ein: »Willkommen«. Das alte Fräulein von Kritzing, Jakobes mütterliche Freundin und entfernte Verwandte, war zu praktischen Sinns und hatte mit ihrer privaten Mädchenschule viel zu viel zu tun, als daß sie sich den Kopf über die plötzliche Anmeldung zerbrach. Und Jakobe Ansold nickte und begann ganz ruhig und ordnungsmäßig, zum Staunen ihres Mädchens, das mit ihr allein in der Wohnung zurückgeblieben war, ihre Reisevorbereitungen zu treffen. Sie hatte früher immer eine besondere Angst gerade vor diesen Stunden gehabt. Sie fürchtete, ein plötzlicher Anfall von Verzweiflung über ihr verfehltes Leben könne sie im entscheidenden Augenblick übermannen. Aber zu ihrer eigenen Überraschung blieb sie ganz gelassen. Es war ihr alles gleichgültig – die Stadt, die ihr durch zehn Jahre eine Heimat geblieben – die Menschen darin – manche hatte sie ganz gern, andere waren ihr zuwider gewesen – das lag nun schon alles hinter ihr. Sie ordnete, was zu ordnen war, voll von der kühlen Umsicht der Hausfrau, die ihr Heim fremden Händen anvertrauen muß und Sorge trägt, daß inzwischen kein Schaden geschieht. Es lag eine schützende Kraft gegen neues Zagen in diesem alltäglichen Tun, in diesem Falten von Kleidern und Wäsche, diesem Verschließen von Schränken und Kästen, diesem Herablassen von Vorhängen und Überziehen von Möbeln und Abrechnen mit dem Mädchen. Nachdem das Haus bestellt, war ihre eigene Habe rasch gerichtet. Sie nahm nur wenig mit, nur das Allernotwendigste. So war der Tag herumgegangen. Das Abendrot färbte die Giebel des Städtchens und die weite märkische Ebene dahinter, als sie schwer aufatmend den Koffer schloß. Sie hatte von früh ab fast nichts mehr zu sich genommen und lag nun die ganze Nacht schlaflos mit offenen Augen da. Aber das schwächte ihre Kräfte nicht. Die waren zu angespannt, die fieberten in einem Übermaß von Willen dem Morgen entgegen. Zeitig am nächsten Tage erschien der Musketier des Wachkommandos, den sie sich bestellt, um ihre Sachen auf die Bahn zu schaffen. Sie selbst ging mit dem Mädchen, das die Handtasche trug, hinterher, und auf dem ganzen Weg hatte sie nur die eine Angst, daß jemand anderer auch mitreisen und ihr seine Gesellschaft aufdrängen könne. Aber sie sah niemanden. Nur die Kommandeuse begegnete ihr auf ihrem Morgenspaziergang und blieb stehen, um sie zu begrüßen, so äußerst kühl sie sonst seit diesem Sommer auch gegen die junge Frau war, und war ganz Neugier: »Also auch Sie weg, Frau Ansold? Na ja – unsere Manöverwitwen heutzutage – das fliegt nur so in alle Winde! ... Ich wollt', ich könnt' es auch ... Wohin geht denn die Reise, Frau Ansold?« »Nach Berlin.« »Ach ... Ihren Vater besuchen ... er lebt doch noch in Berlin – der alte Herr – nicht wahr?« »Jawohl ...« »Und auch Ihre Geschwister?« »Ein verheirateter Bruder, im sechsten Garderegiment.« Die Kommandeuse nickte zustimmend bei Erwähnung der Garde. Das Gesicht der kleinen, spitzen Dame bekam einen achtungsvollen Ausdruck. Die Freiherren von Dolmar waren doch eine schöne alte Familie, wenn sie auch seit Generationen kein Geld mehr hatten. Und Frau Ansolds Vater Generalmajor z. D. Warum gab nun sie gerade das schlechte Beispiel im Regiment ...? Wie oft hatte sie, die Gattin des Obersten, diesen Sommer, als das Gerede über Jakobe Ansold aufkam, mit ihrem Mann über das alles, und was wohl an der Sache wahr sei und was nicht, gesprochen, und ob man den Hauptmann Ansold – den einzigen natürlich wieder im ganzen Städtchen, der von nichts wisse, zur Versetzung eingeben oder lieber vorerst kein großes Aufhebens machen und zuwarten sollte, ob sich die Sache nicht von selber im Sande verlaufe. So war es denn auch geschehen und schien das richtige gewesen zu sein. Soweit man sehen konnte, war wenigstens alles glücklich vorüber und die Lästermäuler verstummt, aber ein gewisses Mißtrauen lag doch noch in der Stimme der Frau Oberst, während sie sich liebenswürdig von Jakobe verabschiedete: »Also empfehlen Sie uns bitte bestens Ihrem Herrn Vater und fragen Sie ihn, ob er sich nicht aus Danzig, vor zwanzig Jahren, an uns erinnert!« Das sagte sie jedesmal bei dieser Gelegenheit, und der alte Herr wußte sich nie der Bekanntschaft zu entsinnen und setzte hinzu, es sei ihm auch ganz gleich. Die beiden Damen reichten sich die Hand, und Jakobe Ansold verbeugte sich zum letztenmal vor ihrer Vorgesetzten und legte den Rest des Weges bis zum Bahnhof zurück und stieg dort, Musketier und Mädchen entlassend, in den Zug und war, als der sich bald darauf in Bewegung setzte, in einer sonderbar teilnahmlosen Stimmung, die tiefe Erschöpfung und der Rückschlag nach der Erschütterung der letzten vier Monate war. Und draußen, vor den Wagenfenstern, entschwand langsam und immer schneller im Rollen des Zuges die Stadt. Die Giebel, die Mauern, die Kasernen, die Gärten vor den Toren – da war die weite Fläche des Sees, drüben am anderen Ufer von einförmigen, schwarzen Föhrenwänden eingerahmt – nun grüßte nur noch der alte Kirchturm von St. Peter aus der Ferne – das flache Land begann – weitgestreckte, abgeerntete Roggenfelder, Kartoffeläcker mit reihenweise gebückten Buddlern, Männer, Frauen und Kinder, den berittenen Inspektor wie einen Sklavenvogt hinter sich, scheu äugendes Rehwild in Rudeln am Rand der Forst, dazwischen einmal, mehr zurück, ein Herrensitz im Park, vom Schornstein der Brennerei überragt, die langen flachen Dächer des Wirtschaftshofs neben sich. Und schon tauchten, nach kaum dreistündiger Fahrt, die ersten, noch mitten im Ackerland stehenden vierstöckigen Mietskasernen als Wahrzeichen der Nähe der Reichshauptstadt auf, und bald darauf war Jakobe Ansold am Endpunkt einer Reise, die so kurz und doch die Wende ihres ganzen Lebens gewesen, und fuhr in einer Droschke durch die halbe Stadt, vom Osten bis in den stillen Südwesten, wo in den Hintergebäuden eines älteren, aber stattlichen Wohnhauses die Kritzingsche Schule war. Es ging auf Mittag. Vor dem Portal harrte schon eine ganze Anzahl von Müttern, Kinderfräulein, Offiziersburschen und älteren Geschwistern ihrer Schutzbefohlenen da drinnen, und gerade, als Jakobe Ansold das Haus betreten wollte, quoll es ihr wimmelnd und schwatzend und lachend und krabbelnd in allen Altersstufen vom siebten bis zum sechzehnten Jahre entgegen, und füllte die Stufen und den Eingang, und sie mußte ein paar Minuten warten, bis sie in den Flur gelangen und im Vorderhaus zu der kleinen, drei Treppen hoch belegenen Privatwohnung des Fräuleins von Kritzing emporsteigen konnte. Die war bereits daheim. In dem etwas altmodischen, mit einer Menge eingerahmter Photographien von Marineoffizieren und früheren Schülerinnen der Anstalt geschmückten Stübchen, in das das öffnende Mädchen die junge Frau geführt, kam sie dieser rasch entgegen, gab ihr statt vieler Begrüßungsworte einen schallenden Kuß und sagte dann nach ihrer resoluten Art und ohne weitere Umschweife: »Na – da bist du ja also! Nu wasch dich mal fix! Dann wollen wir essen!« Sie war ein kleines, rundliches und lebhaftes Fräulein in den Sechzigern, das blühende, pausbäckige und stets heitere Gesicht von schon ganz weißem Haar umrahmt, das ihr etwas Mütterliches gab. Sie und Jakobe nannten sich du – die alte Dame noch aus Gewohnheit aus der Zeit her, da die andere als Backfisch zu ihr in die Schule gegangen war, die junge Frau, seit sie durch die Heirat ihres ältesten, in Breslau stehenden Bruders mit einer Kritzing, einer Nichte der Schulvorsteherin, vor einigen Jahren mit dieser verwandt geworden war, die ihrerseits die Tochter eines verstorbenen Vizeadmirals war und durch besondere Fürsprache schon vor einem Vierteljahrhundert ihre lohnende Schulkonzession erhalten hatte. »Da bist du ja also!« wiederholte Fräulein von Kritzing und sah ihrem Gast befriedigt in das schöne, ernste Gesicht. »Und in Schwarz? Und was machst du denn für eine Miene wie ein Leichenbitter? Es ist doch niemand gestorben?« »Nein, Tante! ... Ich ...« »Na ... solange man lebt, geht's immer weiter!« sagte das alte Fräulein unbekümmert. Sie war längst über Kämpfe und Versuchungen hinaus. Ihre Jugendliebe, wegen der sie unvermählt geblieben, ruhte auch schon viele Jahre im Grab. »Was hast du denn in Berlin vor? Besorgungen? Deinen Vater habe ich vorige Woche gesehen ...: Bummelzivil – Hütchen schief – Stöckchen in der Hand ... da tänzelt er nur so die Linden lang ... der Mann wird wahrhaftig alle Tage jünger! Ich habe ihm auch gesagt: Wenn so ein preußischer General ausschaut ... aber er feixt nur und schlägt sich weiter seine Siebzig um die Ohren! Na ... und bei Axels« – sie meinte Jakobes jüngsten Bruder, den Leutnant im sechsten Garderegiment – »steht's ja so weit gut! Weißt du das Neueste von der Anna: Sie hat den Hofkoller! Sie muß diesen Winter vorgestellt werden! Sie hat sich jetzt schon photographieren lassen, in einer Courschleppe – na, von hier bis Potsdam, das langt noch nicht! Da ist nun das ganze Persönchen drin eingewickelt und glubscht oben 'raus, als wollte sie fragen: Was kostet die Welt ...?« »Gott ja, Tante ... Ich weiß ja, wie Anna ist ...« »Und was sie neulich geliefert hat? Da sagt dein guter alter Vater: ›Schade, daß wir Ansolds nicht auch hier in Berlin haben!‹ Und sie darauf: ›Ja, aber für eine bürgerliche Offiziersdame ist es doch manchmal hier recht peinlich!‹ ... Da habe ich ja nun milde gesagt: »Weißt du, Jakobe ist eine geborene Dolmar und die Dolmars waren schon mit den Quitzows auf du und du, und du bist eine geborene Huschke. Nimm mir's nicht übel!‹ Und sie darauf ganz patzig: »Deswegen kann ich doch an den Hof und Jakobe nicht!‹ – Na ... ich will ja gewiß nichts gegen den alten Holz-Huschke sagen – aber er ist doch nun einmal der Holz-Huschke ...« Sie sprach das voll Empörung über den Vater der jungen Frau von Kritzing, den Kommerzienrat, der als der Inhaber eines weit ausgedehnten Holzhandels im ganzen Osten der Monarchie bekannt war. Dann stockte plötzlich ihr Redefluß: »Nun aber mal Schluß! Ich schwatze und schwätze! Erzähle was von dir! Wie geht es dir? Was bringst du Gutes?« Und nun konnte die junge Frau erst zu Worte kommen und versetzte ruhig: »Ich bringe nichts Gutes, Tante ... Ich bringe mich ...« Fräulein von Kritzing hob den Kopf und sah sie aufmerksam an. Die heitere Geschäftigkeit verschwand plötzlich aus ihren Zügen. Sie wurde sehr ernst. So frug sie: »Um Gottes willen ... Was ist denn passiert, Jakobe?« »Es ist weiter gar nichts passiert – und wird auch nichts passieren – nicht das geringste ... dafür stehe ich dir! ... Nur ...« »Nun also – warum jagst du einem dann solch einen Schrecken ein?« »Nur ... Leopold weiß gar nicht, daß ich nach Berlin gefahren bin ...« »Mit wildem Urlaub ...? Sieh mal an! Und sitzt da und tut, als könne sie nicht bis drei zählen! Na – beruhige dich: Deswegen stürzt der Himmel auch noch nicht ein ...« »... und ich werde ihm jetzt erst, von hier aus, schreiben, daß ich hier bin und daß ich nie wieder zu ihm zurückkomme ...« Es war eine Pause nach ihren Worten. Das alte Fräulein faltete unschlüssig die Hände im Schoß und sah Jakobe Ansold an, ob sie denn noch bei Trost sei, und die saß ganz still da und schwieg. Und als die andere endlich fassungslos wiederholte: »Du willst überhaupt nicht mehr zu deinem Mann zurück?« – nickte sie nur ein einfaches: »Ja.« »Das heißt also –, Gott verzeihe mir die Sünde – du willst dich scheiden lassen?« »Wenn er einwilligt – ja!« »Und wenn er nicht einwilligt ...?« »... Dann gehe ich doch nicht zu ihm zurück! Dazu kann mich niemand zwingen!« Fräulein von Kritzing holte ihr Tuch heraus und begann bitterlich zu weinen. Die junge Frau schaute kalt zu ihr hinüber. Die rosigen Farben ihres Gesichts waren nicht um ein bißchen blasser geworden. Nur eine stille Härte lag auf ihm. »Werde doch ruhiger, Tante!« sagte sie endlich, da jene immer weiter schluchzte. »Ich bin es ja auch ...« Aber die kleine alte Dame war zu erschrocken. Sie sah mit nassen Augen auf und rang nach Luft. »Ja – höre ich denn überhaupt recht! Du willst fort ...? Einfach ... so fort? Warum denn um des lieben Himmels willen ...? Kind ... schweige dich doch nicht so aus ... das gibt einem ja ganz den Rest ... mir dreht sich ja ohnedies schon das Zimmer im Kreis ...« Jakobe Ansold schüttelte ihren schönen Kopf. »Ich kann dir das jetzt nicht so auf einmal alles sagen ... es ist zu viel und es geht auch zu viel darin gegeneinander ... ich finde auch nicht gleich die rechten Worte, um das anderen klar zu machen ... da muß die Zeit dazu da sein – und die innere Ruhe – und vor allem das Vertrauen ... und darum frage ich dich, Tante: Hast du das Vertrauen, daß ich ganz schuldlos bin – wenn ich es dir versichere?« »Ach – liebes Kind ... die Leute haben viel von dir gesagt in diesem Sommer! Bis hierher nach Berlin und zu mir ist es aus eurem Nest in der Mark gedrungen! Ich habe es nie geglaubt, weil ich dich kenne ...« »Und hast du auch das Vertrauen, daß ich mich auch in Zukunft ganz schuldlos halten werde ...?« »Ja, hältst du es denn nicht für eine Schuld, wenn man seinen Mann verlaßt?« »Nein. Wie ich es tue, nicht!« »Und seinen Sohn?« Zum ersten Male verlor Jakobe Ansold etwas die Fassung. Ein Schein von Schmerz, von Haß glomm in dem tiefen, leuchtenden Schwarzblau ihrer Augen auf. Sie sagte: »Verlasse ich ihn denn? Man hat ihn mir ja genommen, schon vor einem Jahr! Ich bin fern von ihm, wo ich auch bin! Hätte ich ihn, glaub mir, dann säße ich nicht hier ...« Das greise Fräulein schüttelte kummervoll den Kopf. Sie war darin keine Richterin. Sie konnte der Frau, der Mutter, da drüben nichts entgegnen. Und diese sagte jetzt, wärmer und herzlicher als bisher: »Wenn du noch ein bißchen Zutrauen zu mir hast, dann, bitte, laß mich bei dir bleiben – nur kurze Zeit – bis ich eine Stellung und Tätigkeit gefunden hab' ...« »Was denn für eine?« »Das weiß ich noch nicht! Da mußt du mir raten!« »Ich weiß es aber selber nicht! ... Geld hast du keines ... Deine Verwandten werden sich von dir zurückziehen ... Etwas Besonderes hast du nicht gelernt ...« »... alle anderen Menschen leben doch auch ...« »... weil sie einander helfen! Und dir werden bald mehr helfen wollen, Jakobe, als gut ist ...« »Niemand soll mir helfen!« Die junge Frau sprach das so finster entschlossen, daß die andere verstummte. Das Mädchen hatte die Türe geöffnet, um zu melden, daß angerichtet sei. Ihre Herrin scheuchte sie unwillig mit einer Handbewegung hinaus. Dann saß sie da, immer noch die Hände im Schoß, und überlegte. Und endlich faßte sie einen Entschluß und versetzte: »Sieh mal, Jakobe ... Von selber hätte ich ja nie davon angefangen ... ich hasse Klatschereien – das ist gut für müßige Leute ... ich habe zu viel zu tun ... aber wo du jetzt so weit bist, da kann ich mir nicht helfen, da muß ich dich jetzt aufs Gewissen fragen: Was war das diesen Sommer mit dir und diesem Herrn von Wölsick ...?« »Gar nichts, als daß er im Juni und Juli eben da war, wo ich auch war – in unserer Garnison!« »Was tat er denn da?« »Er machte eine Reserveoffiziersübung bei den Dragonern. Er hat doch das große Majorat Sommerwerk in der Nähe unserer Stadt. Eigentlich lebt er in Berlin und ist da auch bei den Gardeulanen Reserveoffizier. Aber er ließ sich zu uns in die Provinz kommandieren, um während der Zeit auch nach dem Gut sehen zu können. Auf dem ist er sonst nie. Nur seine Mutter wohnt darauf.« »Was ist er denn?« »Er ist Dr. jur. und Regierungsassessor a. D.« »Und lebt als Privatmann?« »Ja. Das heißt – beschäftigt ist er immer!« »Als er diesen Sommer kam, kannte er dich da schon?« »Nein – wir lernten uns erst zwei Wochen nach seiner Ankunft zufällig bei einem Wohltätigkeitsfest kennen.« »Und von da ab habt ihr viel miteinander verkehrt?« »Ja.« »Ihr seid auch zusammen spazieren gegangen?« »Ja. Oft.« »Und auch, zusammen mit einem Ehepaar von den Dragonern, in seinem Automobil gefahren?« »Ja. Ich war schon unvorsichtig.« »Und was sagte denn dein Mann dazu?« »Nichts.« »Aber Herr von Wölsick war bei euch im Hause?« »Gewiß! Er machte Besuch und kam einmal zu Tisch.« »Aber bei seiner Mutter, auf Sommerwerk, warst du nicht?« »Nein.« »Er hat dich auch nie dazu aufgefordert?« »Nein.« Die Stimme der jungen Frau klang gepreßt und Fräulein von Kritzing sagte: »Aber darauf hättest du doch bestehen müssen! Das hätte doch gerade allem Gerede die Spitze abgebrochen!« »Ich habe gar nichts bedacht ... in der Zeit ...« Einen Augenblick war es still. Dann forschte die Freundin weiter: »Wie nun seine Übung zu Ende war, da ist er wieder fort?« »Ja.« »Nach Berlin zurück?« »Wahrscheinlich.« »Wieso sagst du ›wahrscheinlich‹?« »Weil ich seitdem von ihm nichts mehr gesehen und gehört hab'!« Und plötzlich stand Jakobe Ansold auf und trat vor die Schulvorsteherin hin und sagte, während ein leidenschaftlicher Schmerz jäh über ihre Züge zuckte: »Und ich werde auch nie wieder etwas von ihm hören. Ich werde nie wieder in einen Verkehr mit ihm treten, weder mündlich, noch brieflich, noch durch Dritte! Da kannst du sicher sein!« Das alte Fräulein war sitzen geblieben und schaute verdutzt und ratlos zu ihr auf. »Das geht über meine Fassungskraft, Jakobe! Wenn dem so ist, wie du sagst, dann wird dir jeder Mensch antworten: Ja, warum bleibst du dann nicht bei deinem Manne?« »Ich sage dir ja, Tante, das ist nicht so, wie ich jetzt noch bei dir da zwischen Tür und Angel stehe, mit ein paar Worten zu erklären! ... Aber ich werde es dir gewiß erklären, so gut ich kann, sobald ich kann – vielleicht heute abend noch, wenn du mich bei dir behältst ...« Fräulein von Kritzing stand mitten im Zimmer vor dem Goldfischglas. In das sah sie hinein, in ihre Gedanken verloren. Ihr praktischer Sinn gewann jetzt, wo sie allmählich die erste Bestürzung überwunden hatte, die Oberhand, und sie wandte sich zu ihrem Gast um und sagte: »Nun wollen wir einmal ganz offen sein, Jakobe! Du nimmst es gewiß nicht übel. Es ist furchtbar lieb von dir, daß du gerade zu mir gekommen bist und Vertrauen gehabt hast, und ich will das gewiß nicht enttäuschen. Aber, in einer so heiklen Geschichte – wo du doch deinen Vater in Berlin hast und einen verheirateten Bruder ... wäre es denn da nicht besser, wenn du ...?« »Wenn ich zu meinem Vater ginge? Ich kann es nicht, Tante! Nicht nur, weil er gar nicht darauf eingerichtet ist, mich aufzunehmen – er hat doch keine ordentliche Wirtschaft, sondern nur einen Diener, und ißt irgendwo und läuft in Berlin herum und meint im Spaß, er sei ein Junggeselle mit sechs Kindern und vierzehn Enkeln – aber auch wenn das anders wäre: Ins Vaterhaus zurückkehren – das ist wie eine Flucht ins alte Nest – ein ängstlicher Unterschlupf – beinahe lächerlich nach zehn Jahren – nein, ich habe den Entschluß ganz aus freiem Willen gefaßt, ohne einen Menschen zu fragen, ich will jetzt auch die volle Verantwortung dafür tragen!« Und mit einem herben Spott um den Mund setzte sie hinzu: »Oder kannst du dir mich jetzt als Gast bei meinem Bruder und seiner Frau vorstellen? Die und eine geschiedene Schwägerin im Hause ...! Ich kann es ja überhaupt niemandem auf der Welt verargen, wenn er unter diesen Umständen für meine Gesellschaft dankt!« Sie hatte hastig und erregt gesprochen. Es schien, als wartete sie nur auf den ersten Wink, um wieder zu gehen und sich mit ihren Habseligkeiten von neuem einer Droschke anzuvertrauen. Aber Fräulein von Kritzing beugte sich zu dem Handgepäck, das noch im Zimmer stand, hernieder, nahm die Reisetasche in die rechte, die Plaidrolle in die linke Hand und schritt damit ohne weiteres zu der Nebentüre, deren Klinke sie mit dem Ellenbogen öffnete. »So!« sagte sie. »Da ist dein Zimmer! Du kennst es ja von früher! Gib mal deinen Hutkarton herüber! Danke ... Dein Koffer kommt gleich! Also da mache es dir nun bequem und bleibe darin, solange du willst! Ich bau' jetzt auf die Zeit. Hoffentlich kommt die schreckliche Geschichte doch noch irgendwie ins Geleise!« Jakobe dankte ihr nicht mit Worten. Als sie hinter der anderen in das freundliche Stübchen getreten war, schlang sie ihr von rückwärts den Arm um die Schulter und beugte sich zu ihr nieder und küßte sie stumm und scheu auf die Wange. Und nun wurde die kleine dicke Dame von neuem von Ergriffenheit überwältigt. Sie legte ihren mit einem Häubchen geschmückten Kopf an Jakobes Brust – höher reichte sie nicht – und schluchzte wieder so bitterlich drauf los, als sei ihr und nicht jener alles Leid im Leben widerfahren. Und die junge Frau sah von oben tränenlos auf sie herab. Dann setzte sie sich, nachdem Fräulein von Kritzing sie verlassen, am Schreibtisch nieder und warf hastig die Zeilen auf das Papier – die Feder jagte ihr förmlich in der Hand – sie besann sich keinen Augenblick – sie schüttelte sich die schwere Last ihres bisherigen Geheimnisses ab, indem sie, ohne aufzublicken, ohne ein Wort durchzustreichen, an ihren Mann in das Manöverquartier schrieb: »Du erhältst diesen Brief von mir aus Berlin, und was er Dir bringt, ist der schwerste Schritt meines Lebens. Ich habe lange mit ihm gerungen. Aber ich muß ihn tun. Ich kann nicht zurück, und es schmerzt mich nur so sehr um Deinetwillen, daß er Dich so unerwartet trifft. Und doch liegt vielleicht gerade darin, daß Du so wenig von mir kennst, so gar nichts sahst, was in den letzten Monaten in mir vorging, für mich wieder eine Rechtfertigung. »Ich will es Dir kurz und einfach sagen: Ich habe heute, nachdem Du in das Manöver bist, ebenfalls unser Haus verlassen. Ich habe damit bis zu diesem Zeitpunkt gewartet. Hätte ich es getan, während Du noch da warst, so wäre es eine Flucht gewesen! So ist es eine Abreise, die zunächst niemandem weiter auffällt, und um unserer beider willen ist jedes unnötige Aufsehen vermieden, bis wir uns miteinander ganz ausgesprochen haben und hoffentlich zur Übereinstimmung über die Zukunft gekommen sind. »Denn das muß ich Dir nun mit schwerem Herzen und ganz festem Willen sagen: Zurück zu Dir kann ich nicht mehr. Nie wieder. Ich habe hier bei Therese Kritzing ein vorläufiges Unterkommen gefunden und will versuchen, mir von hier aus ein neues Leben durch meiner Hände Arbeit aufzubauen, ohne die Hilfe oder die Gegenwart eines Dritten. Darauf gebe ich Dir einen Eid: Es hat kein Dritter auf meinen Entschluß eingewirkt – es ist kein Dritter in meiner Nähe und in meinem Leben und wird es nie sein. »Die Gründe meines Entschlusses – ich bin sie Dir schuldig. Aber ich weiß nicht, wie ich sie in den Rahmen eines Briefes bringen soll. Schreiben läßt sich derlei nicht, wenigstens jemandem nicht, der einem so nahe steht wie Du mir und doch weniger von mir weiß als viele andere Menschen und so unvorbereitet ist auf das, was nun kommen mußte. Da versagt die Feder. Die Worte bekommen eine ganz andere Bedeutung – sie werden ganz anders gelesen, als man sie beim Schreiben empfand – man entfremdet sich noch mehr, statt sich zu begreifen. »Wir müssen uns sprechen. Hier in Berlin. Bei der Kritzing. Wann Du kommen kannst. Da will ich dann ganz offen sein und versuchen, Dir zu erklären, was in mir vorgegangen ist und wie ich jetzt bin, und warum eine Ehe wie die unsere, die vor mir und meinem Gewissen keine mehr ist, getrennt werden muß. Es muß sein. Du tust mir so leid. Du hast ja an alle dem gar keine Schuld. In tiefem Schmerz Jakobe.« II Jakobes Brief erreichte den Hauptmann Ansold am Abend des dritten Manövertags, als er in einem kleinen verregneten märkischen Nest mit seinem Freunde, einem anderen Kompaniechef, in einem kahlen Stübchen zusammen saß, fror, rauchte, auf die Quartiermacher schimpfte und nach der Uhr sah, ob das Gepäck denn noch nicht käme und man sich endlich menschlich machen und zum Essen gehen könne. Draußen dämmerte es. Der ewige Gleichschritt immer neu einrückender Truppenteile dröhnte auf dem nassen Pflaster, Batterien rasselten und schüttelten langsam vorbei, irgendwo in der Nähe putzten Regimentsmusiker ihre feucht gewordenen Blechinstrumente und entlockten ihnen sonderbare, kurze, heulende Probetöne, der Bursche war verschwunden, um die Pferde Gott weiß wo unterzubringen, und Leopold Ansold, der sonst während des Manövers immer in besonders guter Laune war, ging unwirsch im Zimmer auf und nieder, und sein Gefährte, der Häuptling der Sechsten, gähnte nur, weil er zu faul war, zu reden, und sich außerdem Mittags wütend über den Major geärgert hatte. Eine Weile schwiegen beide und horchten mißgestimmt auf das Prasseln der Regentropfen, die der Herbstwind gegen die Scheiben trieb, und dabei hellte sich das Gesicht des Hauptmanns Ansold ein wenig auf. Da nahte der Feldwebel – das war doch etwas – nun kam die Geschichte allmählich in Gang, und er nickte dem Eintretenden freundlicher als sonst zu und warf einen Blick auf die Dienstsachen, die jener brachte, und auf einen Brief mit den Schriftzügen seiner Frau, der obenauf lag, und öffnete den zerstreut. Eigentlich hätte er es lieber nachher getan – die militärischen Angelegenheiten gingen vor – er wollte auch nur dem Feldwebel Zeit lassen, seinen abgebrochenen Bleistift wieder zu spitzen – und dann sagte er plötzlich dumpf vor sich hin: »Wa – was?« und ließ die Hand mit dem Schreiben sinken und stand da und rührte sich nicht mehr. Sein Untergebener wagte nicht, ihn anzureden. Endlich begann er doch: »Herr Hauptmann, der Herr Stabsarzt sagt, das sei gar kein Knöchelbruch, womit der Einjährige Funk sich dicke täte, sondern einfach 'ne Sehnenzerrung und ...« aber da verstummte er schon wieder, so sonderbar geistesabwesend sah ihn sein Kompaniechef an und so wunderlich murmelte er: »So .. so .. der Funk ... schön ... gehen Sie nur wieder, Krause, mit allen Ihren Wischen!« und kaum war der Feldwebel aus dem Zimmer, so schnallte der Hauptmann sich seinen Säbel um, stülpte den Helm auf, fuhr in die feuchten Handschuhe, den feuchten Mantel, und stürzte davon, quer über die Straßen, in der Dunkelheit fast rennend, zu der Wohnung des Obersten, der ihn bei seinem Eintritt erstaunt frug: »Na – was ist denn los? Brennt's bei Ihnen, Ansold?« »Herr Oberst – ich muß auf der Stelle nach Berlin!« »Ja – warum denn?« Und der andere stieß hervor: »Meine Frau ist auf einmal dort und will nicht wieder zu mir! Ich verstehe das einfach nicht ... verzeihen Herr Oberst ... ich bin wie vor den Kopf gehauen ... ich ...« Ihm fehlten die Worte. Er schaute verwirrt seinem Vorgesetzten ins Gesicht und schämte sich plötzlich, daß er das alles gesagt habe. Auch der Oberst blieb einen Augenblick still, in raschen und sehr ärgerlichen Gedanken. Wäre er doch lieber im Sommer dem Rat seiner Frau gefolgt, daß für das Ehepaar Ansold eine gründliche Lüftung – eine Versetzung an die Weichsel oder die Vogesen, das gesündeste sei! Und er hatte immer wieder gezaudert und sich zu dem Bericht an höherem Ort nicht entschließen können. Nun hatte er den Lohn seiner Vogelstrauß-Politik. Und der große schwere Hauptmann ihm gegenüber, den er ja freilich nie für den Klügsten gehalten, wiederholte ganz mechanisch: »Ich begreife gar nicht, wie so was möglich ist ... ich fürchte, meine Frau hat den Verstand verloren!« Da nahm ihn der Oberst an der Hand und ließ ihn neben sich auf das Sofa sitzen und sprach mit ihm, halblaut und eindringlich wie ein Freund. Und das Gesicht des anderen wurde allmählich schreckensvoll, mit vor Staunen halboffenem Munde, da er jetzt, als der letzte, zu spät, das alles erfuhr, was seit Monaten die sämtlichen Menschen seiner Umgebung und im Städtchen über ihn gedacht und hinter seinem Rücken gesprochen hatten, und er tat einen schweren Atemzug, während der Regimentskommandeur schloß: »Da habe ich Ihnen nun reinen Wein eingeschenkt und gezeigt, wie der Verkehr Ihrer Frau mit Herrn von Wölsick sich vor den Außenstehenden widerspiegelte, und wie er von denen beurteilt wurde, ob mit Recht oder Unrecht, das weiß ich nicht! Aber es schien mir besser, Sie sind doch ein bißchen aufgeklärt und vorbereitet, ehe Sie diese schwere Reise nach Berlin antreten. Umso ruhiger werden Sie dort auftreten können! Wir wollen doch vor allem um Gottes willen nicht unnötig die Öffentlichkeit beschäftigen – nicht wahr? Das liegt in unser aller Interesse und nicht zum mindesten in dem des Regiments! Nun reisen Sie, Ansold! Kopf hoch! Beurlaubt sind Sie natürlich für die nächsten Tage ...« Es war dem Hauptmann Ansold wie ein Traum, daß er stumm dem Oberst die Hand drückte und wieder durch die regennassen dunklen Gassen schritt und mit Mühe im Wirtshaus ein Fuhrwerk auftrieb, das rasch angespannt wurde und ihn die Stunde Wegs bis zur nächsten Eisenbahnstation brachte. Da mußte er wieder lange warten, und dann fuhr er die halbe Nacht hindurch in einem Kleinbahnzug, der alle fünf Minuten hielt, und fröstelte in seinen feuchten Sachen und schaute, einsam im Abteil, durch die Scheiben in die finstere Nacht hinaus und grübelte dumpf und halb geistesabwesend über den Blitzschlag aus heiterem Himmel, der ihn getroffen, und erreichte endlich die Schnellzugsstation und saß wieder lange Zeit zwischen einem Haufen Volks in einer schmutzigen Bahnhofswirtschaft und trank wie die andern im Morgengrauen Kaffee und hörte, wie der Mecklenburger Inspektor neben ihm am Tisch zwei anderen Ökonomen in Pelzmützen und Wasserstiefeln sein Leid über die winterliche Zuckerrübenkampagne klagte, und wunderte sich über den Menschen. Alle Leute kamen ihm heute wundersam vor, alle Dinge neu und unbegreiflich, Berlin, das er endlich erreichte, schien ihm eine fremde Stadt, durch die er teilnahmlos hindurchfuhr, bis zu dem Kritzingschen Hause. Da stieg er empor und klingelte und frug das öffnende Mädchen mit einer rauhen und lauten Stimme, so, als wolle er ein gestohlenes Eigentum zurückfordern, nach seiner Frau. Fräulein von Kritzing empfing ihn in ihrem kleinen Salon. Es verstimmte ihn, daß sie ihm zur Begrüßung in stummer Teilnahme wie einem Witwer die beiden Hände entgegenstreckte und dann gleich eifrig mit ihrem Trost begann: »Es wird ja noch alles gut – glauben Sie mir, lieber Hauptmann Ansold – wir müssen nur Geduld haben ... Sie ist in einer Krisis, die wird sich lösen ... dann findet sie ihren Halt wieder ... in solch einer Stimmung, wie sie jetzt ist, kann ja kein Mensch auf die Dauer bleiben ...« »Wo ist sie denn?« »Sie wird gleich kommen! Seien Sie nur mild gegen die Arme! Glauben Sie mir: das ist die beste Arznei!« Fräulein von Kritzing sah dabei zuversichtlich zu ihrem Gegenüber empor, mit einem Schimmer von Hoffnung auf ihrem rotwangigen, weißumrahmten Gesicht. Und der Hauptmann Ansold hätte ihr so gerne geglaubt. Aber er konnte es nicht – was wußte sie, die alte Jungfer, von derlei? Und er wiederholte in gereiztem Ton: »Wo bleibt sie denn?« Und Fräulein von Kritzing antwortete etwas verletzt: »Aber, lieber Herr Hauptmann, es ist jetzt dreiviertel acht Uhr Morgens. Wir waren ja noch gar nicht auf Ihr Kommen gefaßt. Jakobe muß sich doch ein bißchen zurechtmachen ...« Leopold Ansold brummte etwas Unverständliches und ging in dem Stübchen auf und nieder, auf dessen Teppich er noch die Spuren der Manövererde der Mark mitgebracht hatte. Dann blieb er plötzlich stehen und versetzte hastig: »War dieser Herr von Wölsick etwa schon hier, seit Sie Jakobe aufgenommen haben?« »Ich bitte Sie! ... Er ist schon seit vier Wochen im Ausland ... Auf der Insel Wight. Jetzt soll er mit befreundeten, englischen Großindustriellen ins schottische Hochland gegangen sein – auf die Jagd ...« »Und von dort kommen Briefe hierher ... und Jakobe beantwortet sie ...?« »Er weiß nicht, daß Jakobe hier ist ... er weiß überhaupt nichts von ihr ... die beiden sind, seit er damals von Ihnen fort ist, außer jedem Verkehr ...!« Der Hauptmann Ansold setzte sich, stellte seinen Helm daneben auf den Boden, lachte dumpf auf und sagte, zwischen den Zähnen: »Kinder ... macht keine Witze ... ne, bitte, bitte ... die Zeit ist zu ernst ... macht keine Witze mit mir! Da bin ich doch nicht dumm genug dazu, das zu glauben ...« »Es ist aber doch so, lieber Herr Hauptmann!« »Warum wäre sie denn dann in des Teufels Namen von zu Hause weg?« »Das sagt sie mir auch nicht! Das sei etwas, das ich nicht verstünde! ... damit mußt' ich bisher zufrieden sein!« Die Türe zum Nebenraum öffnete sich und Jakobe trat ein. Ihr Mann sprang hastig auf. Die beiden Gatten schauten sich stumm ins Auge. Das alte Fräulein zog sich leise zurück. Im Hinterhaus läutete schon durchdringend die Schulglocke und harrte ihrer die Literaturstunde in der Selekta, wenn sie auch fühlte, daß sie heute die ganze Zeit, statt an das Verhältnis Leonores zu Tasso an den Hauptmann Ansold und seine Frau würde denken müssen, und daran, daß es Menschen gab, die nach Schmerzen dürsteten, die sich selber Wunden schlugen, nur um zu fühlen, daß sie lebten – Menschen, wie Jakobe da drüben ... Im Zimmer, das sie verlassen, war es eine Minute ganz still. Der Hauptmann Ansold stand in dessen Mitte, gerade dem großen Wandspiegel gegenüber. In dem sah er einen bleichen, übernächtigen Mann mit unordentlichem Haar in einer von Regen und Schmutz eines langen Manövertages durchweichten Uniform, die Knöpfe wasserblind, Pferdehaare an den Schößen des Waffenrocks, die hohen Stiefel und die Sporen von trockenem Landstraßenlehm bedeckt – er schämte sich nachträglich, daß er in einem solchen Zustand mitten durch Berlin hatte fahren können, zum Glück zu ganz früher Stunde. Und je mehr er sich unrasiert fühlte und ungesäubert und ohne reine Wäsche, desto mehr erbitterte ihn förmlich der Anblick Jakobes, die so frisch wie immer vor ihm stand. Sie hatte das aschblonde Haar flüchtig hinten aufgesteckt, ein weißes Morgenkleid floß in weichen Falten an ihrer schlanken Gestalt hernieder, der zarte, rosige Hauch ihrer Wangen war um keinen Schimmer blässer gegen früher. Der blaue Glanz der Augen ungetrübt. Nichts an ihr verriet eine besondere Erregung. Nur sehr ernst sah sie aus. Sie schwieg und wartete, wie er beginnen würde. Und er fand nicht gleich den Anknüpfungspunkt. Der war ihm jetzt eben durch das Gespräch mit Fräulein von Kritzing ganz verschoben worden. Bisher hatte er sich auf der langen Nachtfahrt mit seinen Gedanken an das Nächstliegende, an die Auseinandersetzung mit diesem Herrn von Wölsick gehalten. Die war einfach und klar. Der andere war ja Reserveoffizier. Und nun schied Herr von Wölsick, fürs erste wenigstens, ganz aus dem Handel aus. Er hatte gar nichts damit zu tun, er war überhaupt nicht zur Stelle. Für den Hauptmann Ansold blieb nur Jakobe übrig. Und er brach in seiner Unentschlossenheit und Erregung los: »Ja ... du stehst da und ich soll reden und weiß doch wahrhaftig gar nicht, wie ich das machen soll ... wie ich die richtigen Worte finden soll, die gegenüber einer Frau noch möglich sind ... sogar einer Frau gegenüber, die das getan hat wie du ...« Sie zuckte die Achseln und sagte nur: »Ich habe nichts getan, dessen ich mich zu schämen brauche ... ich bin fort, in das Haus meiner Freundin. Das ist alles!« Ihre Gelassenheit empörte ihn. Er begann heftig am ganzen Körper zu zittern, stützte sich mit beiden Händen auf den Säbel, beugte den Oberkörper vor und schrie sie förmlich an: »Und mein Haus ... an das hast du nicht gedacht? ... Was ich nun da anfangen soll ...? Wie ich da etwa leben soll ganz allein ... ohne Frau? ohne Kind?« Kaum hatte er das Wort »Kind« ausgesprochen, da verließ sie ihre Ruhe. Sie trat einen Schritt auf ihn zu. Sie ließ ihn nicht weiter reden. Sie klammerte sich an diese von ihm hingeworfene Silbe, in der für sie alles lag – von der Rechtfertigung bis zur Anklage. »War unser Haus nicht schon verwaist?« frug sie. »Hast du nicht unser einziges Kind herausgenommen und unter fremde Leute gesteckt? Habe ich dich nicht verzweifelt, beinahe auf den Knieen gebeten, nur meinen Jungen zu lassen, das einzige, was ich hab' – und hast du es nicht doch getan? War ich nicht jetzt schon ganz allein im Haus? Warum soll ich das leiden und andere nicht?« »Darum handelt es sich jetzt nicht ...« Er unterbrach sie barsch. »Doch. Gerade darum. Von daher kommt alles! Einem das Kind wegnehmen, das ist – ihr versteht das ja alle nicht – als wenn man eine Schutzmauer einreißt – und nun steht man frei da – und um einen ist eine Weite. Und in einem ist eine Leere. Und dann ...« Er wollte zu Worte kommen. Aber sie hob abwehrend die Hand. Sie war, in dieser Zwiesprache zwischen ihnen, der angreifende Teil. Er mußte sich auf die Abwehr beschränken, so ratlos stand er in all seinem Zorn ihr gegenüber, und sie sagte etwas ruhiger: »Was war denn unsere Ehe? Diese ganzen zehn oder elf Jahre? Wir wollen doch einmal ehrlich sein und die Dinge sehen, wie sie sind. Erinnerst du dich, wie du mir ganz plötzlich bei meinem Vater im Garten unserer Dienstwohnung deinen Heiratsantrag machtest? Ich war wie aus den Wolken gefallen. Ich fing vor Schreck an zu weinen – lieber Gott – mit achtzehn Jahren – und diese ersten Tränen, die sind, weiß der Himmel, vorbildlich gewesen für alles, was nachher kam ...« Er zuckte die Achseln. Ihm schien ihre Ehe nachträglich gar nicht so unglücklich gewesen zu sein. Es erstaunte ihn förmlich, das zu hören! Er hatte sich immer ganz wohl gefühlt! Und sie fuhr fort: »Du weißt, daß ich anfangs nein sagte! Durchaus! ich wollte nicht! ich wehrte mich! ich fühlte ganz deutlich: wir beide paßten nicht zusammen. Das hab' ich dir auch gesagt ...« »Ich hab' dich so geliebt,« versetzte der Hauptmann Ansold. Es war der erste weiche Klang in seiner Stimme. »Das heißt, ich war hübsch! ... ja! Und dann kam mein Vater und dann kam Mama und dann kam, ich weiß nicht mehr wer, und alle sagten, was ich schon selber auswendig wußte: Du hast vier Brüder – dein Vater hat kein Vermögen. Er kann über Nacht den Abschied kriegen. Dann langt es kaum mehr zum Notwendigsten! Greif zu, Kind! ... Das ist das vernünftigste! ... und schließlich war ich vernünftig ...« Ein bitteres Zucken war um ihre Lippen. Ihr Mann sagte mürrisch: »Das brauchst du alles nicht zu wiederholen – Dinge, die wir beide kennen! Ich will wissen, was jetzt passiert ist ...« »Das hängt alles zusammen und läßt sich nicht trennen. So wie ich bin, bin ich doch in den zehn Jahren erst geworden. Und wäre es auch in der ersten Zeit nicht geworden – damals, als du mich noch mit deiner grundlosen Eifersucht plagtest und es nach jeder Gesellschaft und jedem Spaziergang die gräßlichsten Szenen zwischen uns gab! ... In der Zeit war ich oft genug so weit, daß ich mich am liebsten hätte scheiden lassen oder einfach aus dem Hause gelaufen wäre – wenn ich mein Kind nicht gehabt hatte. An das klammerte ich mich förmlich. Das war mein Halt im Leben – mein Schutzengel gegen alles, auch gegen mich selbst ...« Sie brach ab, um Atem zu holen, so stürmisch hatte sie gesprochen, und ehe er etwas erwidern konnte, hub sie wieder an: »Und wie dann der zweite Abschnitt unserer Ehe kam, wie du allmählich ganz stumpf und gleichgültig gegen mich wurdest – auch durch meine Schuld – ich liebte dich ja nicht und zeigte es – ich weiß es wohl – und du immer mehr ins Kasino gingst und eigentlich nur noch zum Essen und Schlafen nach Hause kamst, da war mir das Kind wieder mein ganzer Trost. Es wuchs heran, es füllte meinen Tag aus – da wußte ich doch, wozu ich auf der Welt war, und war gewiß nicht glücklich, aber wunschlos. Ich lebte so hin – du auch – wir hatten uns soweit ineinander gefunden, daß wir uns zur Not ertragen konnten – es gibt gewiß viele solche Ehen – nach außen merkt man es ja kaum – und es wäre auch so geblieben – da mußtest du mir den Jungen nehmen und in das Kadettenkorps stecken! ... Verzeih mir Gott, Leopold ... aber es war nicht viel anders, als wenn jemand ein Streichholz nimmt und sein eigenes Haus in Brand setzt ...« Der Hauptmann Ansold stand, von ihr abgewandt, am Fenster. Sein breiter Rücken verdunkelte die Scheiben. Jetzt drehte er sich um und schrie in einer plötzlichen Wut: »Genug mit dem Gerede! Ich will die Wahrheit wissen! Was ist zwischen dir und dem Wölsick?« Dabei trat er rasch und drohend auf sie zu. Sie fürchtete sich nicht vor ihm. Sie blieb ruhig stehen, wo sie war. Er machte dicht vor ihr halt, die Fäuste geballt, mit rotem Gesicht, und versetzte dumpf: »Die alte Kritzing hat mir eben eine Seeräubergeschichte erzählt, es sei zwischen dir und dem Wölsick alles aus! ... Er hätte überhaupt nicht die Hand im Spiele bei deinem Streich! Das glaube ich nicht! ... Das ist Unsinn! Also nun, hier, Aug' in Auge, hab wenigstens so viel Mut und gestehe, wie es wirklich ist ...« »Ich habe Mut genug! Aber es ist genau so, wie die Kritzing sagt! Ich habe Herrn von Wölsick seit Ende Juli nicht mehr gesehen, kein Lebenszeichen von ihm empfangen oder ihm gegeben und will es auch in Zukunft nie tun!« »Und das soll ich glauben?« Sie richtete sich hoch auf. Ein zorniger Schein durchleuchtete ihre tiefblauen Augen. »Das schwöre ich dir! Bei unserm Kind! ... Ich habe mir nichts vorzuwerfen!« Leopold Ansold schaute seine schöne Frau unschlüssig an. Dann ging er langsam, in leisem Klirren der Sporen, durch das Zimmer und schlug sich ein paarmal mit der flachen Hand vor die Stirn: »Verrückt!« sagte er dabei. »Einfach verrückt!« Und da sie nichts erwiderte, wiederholte er ihr brüsk ins Gesicht hinein: »Ich glaube wirklich, Jakobe, du bist nicht ganz bei Trost!« »Mag sein, daß du und eine ganze Menge anderer Menschen mich nicht verstehen! Die meisten sogar wahrscheinlich! Aber ich kann euch nicht helfen: es ist über mich gekommen und ich tue, was ich muß ...« »Was ist denn über dich gekommen? Daß dieser Lump, dieser Wölsick, dir ...« Er verstummte, in einem leisen Bangen vor Jakobes Gesichtsausdruck. »Ich spreche diesen Namen nicht mehr aus!« sagte sie. »Und ich spreche auch nicht mehr von ihm selber und was er mir war. Das ist abgetan. Vorbei für immer. Ich will nur von mir reden, wie ich jetzt vor dir hier stehe. Das ist das, was uns beide angeht. Und da ist es richtig, daß durch ihn in diesem Sommer eine Umwälzung in mein ganzes Leben gekommen ist. Ich war ja schutzlos. Ich hatte ja meinen Sohn nicht mehr. Damm war alles, was mich umgab, eine Lüge. Und diese Lüge ist unter seinem Einfluß in mir zusammengebrochen. Mir gingen auf einmal die Augen auf. Ich merkte jetzt erst, daß, wenn ich es ernstlich prüfte, nichts, aber auch nichts mehr in unserer Ehe einen inneren Bestand hatte. Es war alles nur noch Gewohnheit und Scheu vor neuem Streit und Schmerz, weil wir uns ja früher so oft und unnütz wehgetan hatten, und Verstellung vor den Dienstboten und Druck von außen – der eherne Reifen, den ihr im Regiment um alles spannt – und das alles fiel in diesem Juni und Juli von mir ab! –« »Und das hat dieser Wölsick angerichtet!« Ihr Mann murmelte es in unterdrückter Wut zwischen den Zähnen. »Aber der Kerl soll sich hüten! Und wenn er zehnmal in Schottland steckt, ich find' ihn schon ...« Seine Gedanken gingen den ausgetretenen Weg, dem Angriffspunkt zu, den seine Augen zu erkennen vermochten, dem Dritten in der Ehe. Jakobe zuckte die Schultern. »Mache du da, was du willst,« sagte sie. »Das geht mich nichts an. Er ist weg. Und ich rede hier nur von mir! ... Und als er damals weg war von mir und alles um mich auf einmal leer und still war und nichts mehr kam, siehst du, Leopold, da ist etwas in mir erwacht, was ich eigentlich nie in meinem Leben gekannt hab' – und am wenigsten von dem Tag ab, wo ich ohne Liebe, nur der Versorgung wegen, ja gesagt hab' – der Stolz ...« Der Hauptmann Ansold riß die Augen auf: »Das sagst du jetzt ... in dieser Lage, in die du dich seit vorgestern gebracht hast!« Und sie wiederholte, ihm fest in das Gesicht sehend: »Jawohl, der Stolz! ... Ich will es gar nicht leugnen: Es war diesen Sommer etwas Großes in mir – etwas Gewaltiges, wie ich es nie in meinem Leben empfunden habe! ... Wie es auch ausgegangen ist, wie auch andere mit Recht oder Unrecht darüber denken mögen – vor mir selber hat es mich geadelt und erst voll zum Menschen gemacht – und so sehr ich nun darunter leiden mußte – wenn ich die Wahl hätte, ich möchte es nicht missen, denn es hat mir die Freiheit gegeben!« Sie hatte sich in Erregung geredet. Sie atmete schwer. »Und das ist das, was ich meinen Stolz nenne. Den bekam ich, wie ich wieder allein war, im August und September, ganz allmählich, von einem Tag zum anderen mehr. Das war wie ein Schrecken. Der wuchs und ich frug mich plötzlich: Was tust du denn noch in diesem Hause?« »In unserem Hause?« schrie der Hauptmann Ansold. »Ja. In unserem Hause – ohne Daseinszweck, seit man dir dein Kind genommen hat, von einem Manne bekleidet und genährt und beschirmt, den du nicht liebst – der deiner zu seinem Glücke längst nicht mehr bedarf – kein geistiges Band zwischen dir und ihm – nichts Innerliches – und dies Nebeneinanderleben auf engem Raum – das schien mir auf einmal so entwürdigend für mich ... so demütigend ... im Vergleich zu dem, was ich fühlte – was in mir etwas Heiliges war, trotz aller Schmerzen und Enttäuschungen – das ertrug ich nicht – ich wäre dran zu Grunde gegangen, auf die Dauer, und fühlte doch noch so viel Kraft in mir – viel mehr als früher, und Stolz ... jawohl: ich sage immer wieder ›Stolz‹ – und alles in mir schrie: fort! ... fort! ... du mußt unabhängig sein – ohne Lüge und Zwang – nach dem, was du in dir durchlebt hast – und da hab' ich's getan und will die Folgen tragen, und weiter kann ich nichts sagen! Ob du mich verstanden hast, das weiß ich freilich nicht!« Und Leopold Ansold sagte dumpf vor sich hin: »Nein – weiß Gott, das ist mir zu hoch! ... Das sind alles Redensarten – weiter nichts ...« Dabei sah er sie nicht an und ging im Zimmer auf und ab, langsamen schweren Schrittes, daß die Nippsächelchen auf dem Glasspind zu seinem Säbelrasseln klirrten. Sie folgte ihm mit den Blicken, die Hände ineinander ringend, in ihrer Hilflosigkeit, ihm das, was sie fühlte, zu erklären, und versetzte noch einmal: »Begreifst du das denn nicht, daß solch eine Ehe eine Sünde ist ... vor dem Geist der Ehe? ... Eine größere Sünde als manche gebrochene Ehe? ... Begreifst du nicht das Herabwürdigende einer solchen Ehe für mich, so wie ich das begriffen hab' in diesem Sommer? ... Da bin ich ein anderer Mensch geworden ... Ich habe mich selbst gefunden ... Mehr weiß ich nicht zu sagen ... Es gibt keine anderen Worte dafür ... Ich bin fertig ...« Es war, als habe ihr Mann auf ihre letzten Sätze gar nicht mehr geachtet. Er starrte vor sich auf einen Punkt in der Luft. »Da hat der Altar gestanden!« sagte er. »Da war der Pfarrer. Da haben wir gekniet, du und ich, und er hat dich gefragt, ob du meine Frau sein willst in guten und bösen Tagen – und du hast ›ja‹ geantwortet, vor Gott und aller Welt ...! Fühlst du denn gar kein Gewissen, nun zehn Jahre später einfach nach Berlin zu fahren und solch einen Schwur vor unserm lieben Herrgott im Himmel zu brechen, als wäre da weiter gar nichts dabei ...? Schau doch einmal in den Spiegel, Jakobe, ob du dich darin noch ansehen kannst – mach dir das doch einmal klar!« Und sie wiederholte: »Zehn Jahre später! – da sagst du's selber! Das ist's! Das bin nicht mehr ich, die das damals geschworen hat ...« »Doch! Da stehst du!« »Nein! Ich habe nicht gewußt, was ich tat. Ich war noch ein halbes Kind mit meinen kaum achtzehn Jahren. Sonst hatte ich es überhaupt nicht getan ...« Plötzlich schleuderte Leopold Ansold den Stuhl, um dessen Rückenlehne er bisher im Stehen die rechte Hand geklammert hatte, von sich in die Ecke, eine Welle roter Wut lief über sein Gesicht und verlor sich unter dem schon sehr dünnen Haarwuchs der Schläfen, er zitterte am ganzen Körper und schrie mit erhobenen Fäusten: »Und dabei soll es bleiben ... bildest du dir ein?« »Ja.« »Und ich, denkst du, lasse mir so was einfach gefallen?« »Sprich doch ruhiger! Das Haus läuft ja zusammen!« Er beachtete ihre Worte nicht. Schwerfällig ging er auf sie zu. Sie bebte. Aber sie stand aufrecht. Seine Stimme wurde noch stärker: »Und ich soll der Dumme sein, mit dem du deine Narrenspossen treibst! ...? Und soll nicht mal einen haben, an den ich mich halten kann? Dieser Kerl, der Wölsick, einfach weg? Fort aus dem Schuß? Tut, als hätte er kein Wässerchen getrübt? Du hier ganz ruhig bei der alten Tante ... und ich allein daheim in unserem Hause? – nein, Kinder ... das ist verrückt – das ist mir zu bunt ... da haue ich drein! Du kommst mit, verstehst du ... Ich will dir Mores lehren! ... Du kommst mit, auf der Stelle!« »Ich bleib' hier!« sagte Jakobe. »Bitte, Tante Therese, laß uns jetzt allein!« Das galt dem Fräulein von Kritzing, die es in ihrer Aufregung hinten in der Schule nicht hatte aushalten können und die Literaturstunde einer ihrer eben unbeschäftigt im Lehrerinnenzimmer sitzenden und Tee trinkenden Damen übergeben hatte. Jetzt streckte sie angstvoll ihr gutes, pausbäckiges, von weißen Löckchen unter der Spitzenhaube umrahmtes Gesicht durch den Türspalt und bat flehentlich, so als ob ihr damit ein persönlich« Gefallen geschähe: »Bringt euch nur nicht um ... hier in meiner Wohnung!« Dann zog sie sich wieder zurück. Der Hauptmann Ansold hatte unterdessen keuchend weitergeredet. Er stammelte eigentlich nur noch und stieß die Worte gewaltsam hervor: »Und ich ... in der Garnison ... da ganz allein ... was soll ich denn da dem Mädchen sagen ... und dem Burschen ... und allen Leuten ... wo du steckst! Nett! ... sehr nett ... wenn sie da alle mit Fingern auf mich weisen ... und hinter meinem Rücken faule Witze reißen ... und die jüngsten Dachse im Kasino mich heimlich auslachen, weil ich nichts gemerkt hab' und der Oberst mir erst die Augen aufgemacht hat. Natürlich muß mich der Oberst versetzen lassen ... Gott weiß wohin ... jetzt eben, wo ich die Kompanie mit Mühe und Not in die Höhe gebracht hab', muß ich sie lassen und darf mich mit einer neuen herumrackern ... in der Wasserpolackei oder sonst wo ... sehr hübsch wird sich das in der Konduitenliste machen: ›Frau durchgegangen – sonst brauchbarer Offizier‹ – das ist ein Knacks für immer! ... Davon erhole ich mich nie ... und wenn der Herbert in den Ferien heimkommt und mich fragt: ›Wo ist denn die Mama?‹ – was soll ich ihm dann sagen – He du! – was soll ich ihm dann sagen? ... Gib Antwort ...« »Sag, ich wäre hier und er müsse mich besuchen!« Der Hauptmann Ansold packte in einem erneuten sinnlosen Wutanfall seine Frau an der Schulter und schüttelte sie hin und her. Sie ließ es geschehen, sie schwankte unter seiner Faust, mit geschlossenen Augen und fest zusammengebissenen Zähnen. Es schoß ihr durch den Kopf, was die alte Kritzing eben gesagt: Bringt euch nur nicht um! – Und sie dachte sich zum ersten Mal: Jetzt tut er's am Ende wirklich ... »Willst du jetzt mitkommen oder nicht?« Seine Stimme klang heiser. Sie fühlte seine keuchenden, noch von einem leichten Tabakhauch der Morgenzigarre durchwehten Atemzüge dicht vor ihrem Antlitz. Sein Griff tat ihr weh. Sie konnte sich kaum auf den Füßen halten, und er wiederholte leise und drohend: »Willst du jetzt mitkommen – zum letzten Mal ...« »Ich kann doch nicht! Herrgott im Himmel! ... Ich kann doch nicht!« Sie hatte die großen blauen Augen aufgerissen und es ihm ins Gesicht hinein geschrien und er ließ plötzlich von ihr ... Er wich ein, zwei Schritte zurück ... seine rechte Hand fuhr in die Tasche und es durchzuckte sie blitzschnell: Da hat er den Revolver stecken ... den kleinen, runden Armeerevolver, den er immer hat ... er zieht ihn heraus ... gleich ist das Zimmer voll Knall und Rauch und Blut ... Nur jetzt tapfer sein! Sie wich nicht einen Zoll breit zurück – sie veränderte ihre Haltung nicht ... sie schaute ihrem Mann fest ins Auge ... Und über dessen Gesicht glitt eine Veränderung ... ein plötzlicher, bitterer Schmerz ... seine Hand brachte keine Waffe zum Vorschein, sondern das Taschentuch. Er brauchte es, denn die Tränen liefen ihm nun auf einmal in der jähen Erschöpfung nach dem Zornausbruch die Wangen hernieder. Die trocknete er und wandte sich ab und schnaubte sich dann heftig, zwei-, dreimal hintereinander, und ließ sich schwer auf einen Stuhl sinken, das Tuch wieder vor den Augen, und rührte sich nicht mehr, sondern schluchzte nur noch dumpf in sich hinein. Jakobe stand vor ihm. Sie war blaß geworden und atmete rascher. Der Spitzeneinsatz ihres Morgenrocks hing an der linken Halsseite zerrissen herab. Aber sie war ganz ruhig. Mit einem seltsamen Gesichtsausdruck, in dem Staunen war und Mitleid und eine leise an Verachtung anklingende Härte, schaute sie auf ihren weinenden Mann herab. Eigentlich hatte er sich so benommen, wie sie von ihm ungefähr erwartet hatte. Deswegen hatte sie auch nie besondere Furcht vor dieser Begegnung verspürt. Es war ein langes Schweigen zwischen den beiden. Dann stand er auf und versetzte finster, in wiedergewonnener Ruhe: »Es bleibt mir jetzt nur noch die eine Hoffnung, daß du mit der Zeit zur Vernunft kommst. Du mußt doch allmählich aus dem Taumel, in dem du jetzt bist, aufwachen, und dir selber sagen, wie mutwillig du dir mit einem solchen Schritt dein ganzes Leben für immer ruinierst. Du verlierst Namen, Familie, Geld, Verkehr, alles bei einer solchen Trennung – und was tauschst du dafür ein? – das möchte ich bloß wissen ...« »Mich!« »Nichts!« sagte er. »Aber auch nichts, was eines solchen furchtbaren Opfers wert wäre! Das bedenke doch! Habe doch ein bißchen Pflichtgefühl und Selbstachtung und ...« Sie hob den Kopf. »Weiß Gott: ich habe meine Selbstachtung für mich! Gerade jetzt! und ihr anderen könnt ja über mich denken, was ihr wollt!« »Ich werde vier Wochen warten!« sagte ihr Mann. »Zum Glück ist das jetzt während des Manövers möglich. Du bist eben bei deinen Verwandten in Berlin zu Besuch, das wundert vorläufig niemanden. Und ehe es so weit kommt, daß ein Skandal entsteht, bin ich wieder hier, dann wirst du dich entscheiden!« »Ich habe mich doch schon längst entschieden!« »Inzwischen werde ich dir noch schreiben und werde deinen Vater und deine Brüder benachrichtigen. Ich weiß, daß sie in einem solchen Fall auf meiner Seite sein und mir helfen werden.« Jakobe seufzte nur mit einer leichten Bewegung der Ungeduld bei dieser Aussicht. »Vielleicht gelingt es unserer aller Bemühungen doch noch, dich auf den rechten Weg zu bringen!« schloß ihr Mann. Er wandte sich dabei zur Tür. »Wenn sich das aber nicht erfüllt, glaube nur nicht, daß ich dann in der Geschichte den Pojaz spielen und mir alles gefallen lassen werde! Dann suche ich mir meine Leute – vor allem den Wölsick – magst du jetzt mit ihm auch stehen, wie du willst. Und was dabei herauskommt, dafür trägst du die Verantwortung ...« Er wartete auf eine Erwiderung von ihr. Aber es kam keine. Und nachdem er eine Weile unschlüssig dagestanden, drückte er plötzlich rauh die Klinke auf, kehrte Jakobe den Rücken und verließ ohne Gruß das Zimmer. Sie hörte, wie er nebenan mit Fräulein von Kritzing sprach und, ohne sich die Mühe zu nehmen, seine Stimme zu dämpfen, zu ihr sagte: »Ich zähle auch auf Sie, liebe Cousine, wie auf die Unterstützung der ganzen Familie. Wir müssen alle zusammenhalten. Dann muß sie doch schließlich Raison annehmen! Die Situation ist ja für sie unhaltbar ... einfach lächerlich auf die Dauer ...« Was jene darauf erwiderte, vermochte Jakobe nicht zu verstehen, wahrscheinlich gar nichts Zusammenhängendes. Das alte Fräulein war zu verwirrt und beängstigt durch diesen plötzlichen Aufruhr, die wilden Stimmen, die nassen Augen, innerhalb ihrer stillen vier Wände. Sie war noch ganz auseinander, als sie zu Jakobe hereinkam, während draußen schwer die Flurtüre ins Schloß schlug, und sich erschöpft hinsetzte und klagte: »Nein – Kinder – es ist schrecklich mit euch! So benehmen sich doch keine Christenmenschen! ... Wie ihr da eine Ehe von zehn Jahren in Fetzen reißt, als wäre es ein altes Hemd – es blutet einem ja das Herz, so was zu sehen ...« »Es ist ja nun vorbei, Tante – für immer – Gott sei Dank!« Jakobe stand am Fenster. Da unten ging ihr Mann quer über die Straße, vornüber gebeugt, die Hände in den Taschen des Paletots. Er kehrte sich nicht mehr nach dem Hause um, sondern winkte einer geschlossenen Droschke, stieg schwerfällig ein und fuhr mit ihr um die Ecke. Und Jakobe Ansold schob, von einem plötzlichen Gedanken erfaßt, den Halsausschnitt ihres Morgenkleides etwas mit der Hand zurück. Auf der linken Schulter war ein großer blauer Flecken – ein paar kleinere daneben – da, wo ihr Mann sie geschüttelt hatte. Die betrachtete sie. Ein seltsames Lächeln ging über ihr Gesicht. Dann schaute sie wieder vor sich hin und weiter über die Dächer in die Ferne ... III Vor der niederen grauen Front des Auswärtigen Amts in Berlin hielt eine Taxameterdroschke in dem feinen, eiskalten Oktoberregen, der die menschenleere Wilhelmstraße übersprühte, und innen, in seinem Arbeitszimmer, sagte der Geheime Legationsrat von Teichardt etwas ungeduldig zu seiner Frau, die ihn, einen Brief in der Hand, mitten in die Dienststunden hinein besucht hatte: »... und außerdem laß doch den Wagen draußen nicht so lange warten! Das kostet ja wieder ein Heidengeld! fahre schon in Gottes Namen zu Erich hin! Es hilft doch nun einmal nichts!« Er war ein sehr großer, breitschultriger Mann in den Vierzigern mit Bismarckschnurrbart, Glatze und vielen Schmissen. Die kleinen Augen blickten scharf und klug hinter dem goldenen Kneifer. Er wiederholte jovial, aber sehr bestimmt: »Ich hab' zu tun, Hermine! Da liegt der angefangene Bericht und es ist bald sechs Uhr Abends! Du weißt: ich liebe es überhaupt gar nicht, daß du mir hier in die Aktenbude hereinschneist! Nun dalli, Kind! Es ist dein Bruder! Beiß in den sauren Apfel ...« Frau von Teichardt, geborene von Wölsick, war eine Frau, die weniger hübsch als distinguiert aussah, sehr schlank, sehr elegant gekleidet, zehn Jahre jünger als ihr Mann. Über ihr scharf geschnittenes, lebhaftes und bewegliches Gesicht glitt erneut ein Schatten, und sie versetzte ärgerlich: »Das ist so echt Mama! Mir schreibt sie's und ich darf es Erich ausrichten! Warum schreibt sie ihm denn nicht direkt? Bloß um sich Ungelegenheiten zu ersparen! ... Ich weiß wirklich nicht, wer von den beiden der größere Egoist ist, Mama oder Erich!« »Erich!« Der Geheimrat erwiderte das phlegmatisch. Die Hände auf dem Rücken stand er da und schaute in das Abenddämmern des schon herbstlich kahlen Parks hinaus, der sich vor den Fenstern seines Bureaus zur Königgrätzerstraße hin erstreckte. Er liebte seinen Schwager nicht besonders, aber er war viel zu sehr ein Mann des praktischen Lebens, um es mit ihm zu verderben, der als Majoratsherr aus freien Stücken seiner Schwester eine so ansehnliche Jahresrente gab. Und diese meinte: »Das dachte ich mir schon lange, daß er doch einmal an den Unrechten kommen würde – oder an die Unrechte! Nun macht eine mal Ernst aus seinem Spiel! Das wird ihm eine Lehre sein ... ich sag' dir: ich nehm' diesmal kein Blatt vor den Mund!« »Mache es nur nicht zu bunt!« sagte ihr Mann etwas besorgt, mit dem Gedanken an die Zulage. »Schließlich ... diese Frau Hauptmann Ansold ... mag sie von ihrem Mann fort sein – ich begreife ja, daß es deiner Mutter höchst peinlich ist, wenn in ihrer ganzen Nachbarschaft, rings um Sommerwerk herum, von diesem unwillkürlichen Geniestreich Erichs geredet wird – aber was geht das uns an? Wir brauchen da wahrhaftig nicht Partei zu ergreifen!« »Doch! Ich bin auch Frau! Mich erbittert das! Das ist doch nicht der erste Mensch, den er sich so vom Weg gepflückt und wieder weggeworfen hat.« »Und du bist sicher, daß er noch von gar nichts weiß?« frug ihr Mann. »Nein! Offenbar nichts! ... wo er doch erst vor ein paar Tagen aus dem Ausland zurück ist. Vorgestern nachmittag, als er bei mir war, erzählte er von allem möglichen – aus Schottland – und daß er für diesen Herbst genug von der Jagd habe und deswegen gar nicht erst nach Sommerwerk gehen und Mama besuchen wolle ... Du verstehst: weil er glaubt, sie, die Frau Ansold, sei noch dicht daneben, in der Garnison bei ihrem Mann, und bei Leibe kein Zusammentreffen wünscht ... natürlich: er hat die Geschichte schon halb vergessen ... dann ärgert es ihn jedesmal, wenn andere so ein unangenehmes Gedächtnis für ihn haben!« »Ja – er hat eine merkwürdige Anziehungskraft für die Menschen!« sagte der Geheimrat. »Worin die eigentlich besteht ... na ... Hermine ... es sind schon wieder fünf Minuten verstrichen ... da liegt mein Bericht ... die Weltgeschichte wartet ... Willst du den Reichskarren umschmeißen? Nein? ... dann fahre davon! ... Auf Wiedersehen zu Tisch!« Frau von Teichardt seufzte, während ihr Mann sie zur Tür hinausgeleitete, nahm ihr Kleid auf und ging die Treppe hinab und an dem ehrerbietig grüßenden Pförtner vorbei zum Wagen. Auf der kurzen Fahrt die Linden entlang und durch das Brandenburgertor saß sie aufrecht mit gespanntem Gesichtsausdruck da. Und da standen schon die Pferde in einer der kurzen, vornehmen, den Königsplatz umgebenden Straßen still und die Geheimrätin zog im Erdgeschoß eines altmodischen Herrschaftshauses die Klingel, neben der ein Schild: »Dr. jur. Erich von Wölsick-Sommerwerk« angebracht war. Der öffnende Diener trug keine Livree, sondern einen einfachen schwarzen Gentlemananzug. Er war ein kleiner, mickeriger Mensch, sorgenvoll und glatt rasiert. Frau von Teichardt sah ihn wie immer mit einem stillen Mißfallen an. Sie wußte, daß ihr Bruder sich von ihm förmlich tyrannisieren ließ, was ihm bei anderen Leuten nie vorkam, und frug den Unentbehrlichen kurz, aber gezwungen freundlich: »Mein Bruder zu Hause, Michael?« »Jawohl. Aber im Bad.« Michael lispelte es und Frau von Teichardt zuckte die Achseln, während sie durch die von ihm aufgerissene Tür in das Arbeitszimmer trat. Das war auch wieder eine von Erichs Marotten: zweimal täglich baden, des Morgens und des Abends! Ungeduldig ging sie in dem großen, durch gedämpftes, elektrisches Licht erhellten Raum auf und nieder, der gar nichts von der weichlichen und zweifelhaften Eleganz einer sprichwörtlichen Junggesellenwohnung an sich hatte. Schon die vielen Bücher in den geschnitzten Schränken und auf dem großen Schreibtisch gaben ihm ein ernstes Gepräge. Die Besucherin warf gar nicht erst einen Blick darauf. Sie wußte, es war ja doch lauter unverständliches Zeug: Jurisprudenz, Staatswissenschaft, Nationalökonomie, Statistik ... Broschüren über Finanz- und Börsenfragen – es war früher bei den Wölsicks nicht Mode gewesen, sich mit derlei zu befassen. Man diente – schon seit der Zeit des Großen Kurfürsten, oder bewirtschaftete seine Güter. Erich, der mit vier Jahren seinen Vater verloren hatte und ganz selbständig aufgewachsen war, war der erste ganz moderne Mensch dieses alten Geschlechts. Er hatte in Eile Toilette gemacht und trat jetzt durch eine Seitentüre ein, ein gut aussehender, schlanker und ziemlich großer Mann über die Mitte der dreißig. Um seinen dunkelblonden Schnurrbart spielte jenes, in seiner Herzlichkeit so unwiderstehliche, liebenswürdige Lächeln, das seine Schwester an ihm so wohl kannte. Damit fing er jeden. Es war unglaublich, wie er sich seine Nächsten um die Finger wickelte. »Entschuldige, Helme!« sagte er lachend. »Wenn ich geahnt hätte, welche Ehre mir bevorsteht, dann wäre ich schon jetzt im Frack und weißer Binde! In einer halben Stunde muß ich es nämlich sein. Da bin ich zum Diner geladen. Aber bis dahin habe ich noch Zeit!« Er setzte sich ihr gegenüber. »Helme – du siehst famos aus ... es fällt mir schon seit einiger Zeit auf ... Du kommst jetzt erst in deine vorteilhaftesten Jahre – ne, ne – winke nicht ab – es ist schon so ... erhalte dich nur recht schlank! Nichts schrecklicher als eine dicke Ministerfrau ...« Seine Schwester errötete unter dem Schleier. Ministerfrau ... das war ja der große Traum ihres Lebens. Und ein erfüllbarer. Der Geheimrat von Teichardt hatte eine schöne Karriere vor sich. Ihr wurde warm ums Herz. Erich sagte einem doch immer gleich angenehme Dinge, sowie man eintrat, wo einem andere mit Klagen über schlechtes Wetter und Influenza und Arger im Dienste kamen! Er gab den Leuten Zuckerplätzchen. Ihm kosteten sie ja nichts. Und aus diesen letzteren Gedanken heraus wurde sie plötzlich sehr ernst und sagte: »Ich bin gekommen, um in einer äußerst wichtigen Angelegenheit mit dir zu sprechen!« Erich von Wölsick bot seiner Schwester die Zigarettendose an und steckte sich, da sie den Kopf schüttelte, selber eine in Brand. »Es wird schon nicht so wichtig sein,« meinte er dabei gemütlich. »Doch! für dich und uns alle!« »Na – dann nur Mut und Kürze! ... Los, Helme!« Er streckte dabei bequem die Beine aus und sah sie, wie immer amüsiert über die Aufregung anderer Leute, lächelnd aus seinen klaren hellbraunen Augen an. Er war überhaupt ein hübscher Mensch mit seinen regelmäßigen aristokratischen Zügen und der peinlichen Gepflegtheit seines Äußeren. Seine Schwester zögerte. Sie hütete sich wohl, mit der Türe ins Haus zu fallen. Dann, das wußte sie, bekam sie nur eine schroffe Absage. »Ich muß ein bißchen weit ausholen, Erich!« begann sie langsam, und da lachte er auch schon: »Sage doch nur einfach, wie viel? – und es ist gut!« Er ging zum Schreibtisch und nahm ein Checkbuch aus dem Pult. »Eintausend, Helme – oder soll ich gleich zweitausend Mark schreiben? – Kannst du damit Weihnachten überstehen?« Ach gewiß hätte Frau von Teichardt das Geld brauchen können – die vier Kinder daheim – das Fest vor der Türe – dann der Berliner Januar – es schoß ihr allerhand durch den Kopf ... da konnte auch noch das neue Persianerjakett für sie abfallen – und die fehlende große Träne unten an der Diamantagraffe ... sie kannte ja Erichs verschwenderische Freigebigkeit, den anderen, nicht vom Glücke gesegneten Wölsicks gegenüber – und ganz besonders zu ihr – und er wiederholte auch noch im Spaß: »Ist's genug? Es soll mir niemand vorwerfen, daß ich meine leibliche Schwester verhungern lasse!« – Aber diesmal kämpfte sie entschlossen diese Anwandlung von menschlicher Schwäche nieder und versetzte förmlich erbittert: »Ja – so bist du immer! ... gegen alle! ... dem einen stopfst du den Mund mit Geld – den anderen speisest du mit netten Worten ab – für jeden hast du etwas ... und keinen nimmst du ernst, sondern spielst damit – gerade als ob wir alle Bleisoldaten wären ...« Sie hatte beinahe Tränen in den Augen, aus Zorn gegen ihn und Kummer über das entgangene Geld. Er war ganz verwundert. »Bleisoldaten!« sagte er. »Na – da hättest du gestern den Vetter Wölsick sehen sollen – du weißt, von der Feldartillerie, dem ich vor sechs Jahren das halbe Kommißvermögen zur Heirat gegeben hab'! ... Es war ja ein tüchtiger Riß in meinen Beutel ... nun kamen sie auf einmal angerückt – auf Urlaub in Berlin – er, die Frau, drei Kinder – die Kinder hatten doch weiß Gott Veilchensträußchen in der Hand und schrien schon in der Türe: ›Heil, Onkel! Heil!‹ und die kleine Frau heulte wie ein Schloßhund und der dicke Klaus Wölsick biß sich auf die Zähne, um es nicht auch zu tun, und schüttelte mir mindestens zehnmal krampfhaft die Hand ... na ... und Michael kochte Kaffee und besorgte Kuchen – und ich saß als glücklicher Ehestifter im Kreise der Meinen – auf jedem Knie ein Balg – förmlich wie ein Patriarch – ihre Photographie haben sie mir auch mitgebracht ... dort drüben liegt sie ... es war wirklich nett ...« Ein weichliches, verwöhntes Lächeln flog bei den letzten Worten über seine Züge, der Ausdruck eines vom Glück überschütteten Menschen, der gerne auch den anderen ihren bescheidenen Anteil gönnt, und seine Schwester sah ihn an und dachte sich: jawohl, Ehestifter! ... als Ehezerstörer sitzest du da und wirst es bald genug erfahren ... und laut sagte sie: »Ich möchte wirklich wissen, Erich, wie du dir eigentlich deine Zukunft denkst ...« »Meine Zukunft?« Er war erstaunt. »Na – sehr nett, Helme!« »Ja, aber wie?« Ihr Bruder zündete sich eine neue Zigarette an und sah auf die Uhr. Es war noch eine Viertelstunde Zeit. »Wie? So wie ich es mir immer gedacht habe! Aktiver Offizier wollte ich nicht werden – mit dem jur. et cam. hat es heutzutage nur noch bis zum Regierungsassessor Sinn, wenn man nicht in der Bureaukratie verknöchern will, – so bin ich mit dem abgeschnappt ... ins neue Land hinüber ... das ist ja in Deutschland für uns Wölsick und Genossen der Handel und die Industrie leider noch immer ... in England sind sie längst klüger ... da wissen die Lords und ihre Söhne ganz genau, wo das Geld steckt – na ... und jetzt bin ich so weit ... war Bankvolontär – hab' meine Reisen nach Amerika und England gemacht – Volkswirtschaft studiert, in die Politik hineingeschaut ... mir hier überall in Berlin meine Verbindungen geschaffen ... nun suche ich mir ein Feld für meine Tätigkeit in der Hochfinanz ...« »Dabei verstehe ich nur das eine nicht!« sagte Frau von Teichardt. »Unser altes Sommerwerk ist gewiß schön und wertvoll und wirft dir eine hohe Rente ab – aber doch nicht so viel, daß du dich dadurch selbst mit großen Kapitalien an einem Unternehmen beteiligen kannst ...« »Nein. Das natürlich nicht.« »Also müßtest du in solch einem Unternehmen doch in irgend einer Form als höherer Angestellter tätig sein! Und inwieweit eine derartige Abhängigkeit deinem Charakter und deinem Namen und deiner Position als Majoratsherr entspricht – verzeihe, wenn ich mich da in deine Angelegenheiten mische – aber mir erscheint das von vornherein ganz unglaublich.« »Deswegen hab' ich es ja auch noch nicht getan!« sagte Erich von Wölsick gelassen. Der Zug lebhafter Klugheit auf seinem Gesicht hatte einen leise spöttischen Anstrich, während er seine Schwester ansah und die ihn und sie schließlich zögernd versetzte: »Nun ja ... also ...« Er schwieg und rauchte und blickte lächelnd zur Decke. Er kam ihr nicht zu Hilfe. Frau von Teichardt war zu vorsichtig, um weiter in ihren Bruder zu dringen. Damit reizte man nur seinen Widerspruch. Dann war er einer der verschlossensten Menschen, die sie kannte. und konnte herausfordernd höhnisch werden. Sie blieb ein paar Augenblicke stumm und sagte dann: »Eigentlich habe ich deine Pläne für dein äußeres Leben nicht so sehr gemeint – die kenne ich ja schon, wenigstens in großen Zügen – und will mir auch kein Urteil gestatten, ob ein Wölsick durchaus mit Börsenpapieren und Streiks und allerhand sonderbaren Leuten zu tun haben muß, um seinen Platz in der Welt auszufüllen! Das mußt du besser wissen und wirst schon nicht zu kurz kommen! Darum ist mir nicht bang! ... sondern um dich selber – um dein Inneres – meine ich, Erich – was aus dem schließlich wird ...« Ihr Bruder warf ihr einen mißtrauischen Blick zu. »Ich hab' schon oft darüber nachgedacht, Erich ...« fuhr seine Schwester fort, »ob du nicht einmal würdest dafür büßen müssen, daß du absolut nicht im stande bist, irgend einen Menschen wirklich, innerlich zu achten! Es ist ja gewiß nicht allein deine Schuld! Es liegt nicht nur daran, daß du ja von Haus aus ein ungewöhnlich gescheiter Mensch bist, sondern auch an deiner Erziehung. Es war ein Unglück, daß unser Vater gestorben ist, wie wir erst drei und vier Jahre alt waren! Du hast viel zu früh gewußt, daß du Majoratsherr bist! Mir ist es unvergeßlich, wie wir einmal spazieren gingen und Mama und ich dir riefen: ›Komm aus dem Gras heraus!‹ Und du Knirps standst mitten in der Wiese, die dir fast bis über die Ohren reichte, und antwortetest ganz pomadig: ›Ihr habt hier gar nichts zu sagen! Das Gras gehört mir! Wies gehört mir!‹ und fuhrst dabei mit dem Schmetterlingsnetz so ungefähr über den halben Horizont hinaus! ... Mama hatte schon damals keine Autorität über dich – und nach ihrer unglücklichen zweiten Heirat natürlich ... Solch ein Stiefvater, der ...« »Na – lassen wir ihn!« sagte Erich trocken. »Er ist tot. Was ist denn nun der langen Rede kurzer Sinn?« »Ich meine: du bist immer verwöhnt worden im Leben. Vom ersten Tag ab, wo du auf der Welt warst, hat man um deine Gesundheit gebetet und gezittert. Wenn du starbst, hatte Mama ja nichts mehr. Immer ist dir alles nach Wunsch gegangen. Auf der Ritterakademie warst du gleich der Primus, in Bonn haben sie dich zum ersten Chargierten im Korps gemacht, als Referendar haben sie dich aussuchen lassen, zu welcher Regierung du wolltest – jetzt wieder nimmt dich Berlin W. mit offenen Armen auf ... du bist so gewohnt, daß alle Türen vor dir von selber aufspringen und alle Leute dir aus dem Weg treten! ... Daß du aber dafür verantwortlich bist, was du aus den Leuten machst ...« Erich von Wölsick war aufgestanden und tat ein paar Schritte durch das Zimmer. Er gähnte leicht hinter der vorgehaltenen Hand. Das Gespräch langweilte ihn. Es schien auf eine allgemeine Klage seiner Schwester über ihn hinauszulaufen. Das war bei ihr eine ganz neue Torheit. Die sollte sie sich nicht erst angewöhnen. »Du mußt eben die Leute vor mir warnen, Helme!« sagte er ernsthaft. »Michael!« er drückte auf den Knopf! ... »Punkt fünf Minuten vor halb Acht muß ich fahren ... entschuldige!« er wandte sich, während der Diener verschwand, wieder an seine Schwester. »Aber zu spät kommen bei einem Diner wird einem bekanntlich nie verziehen!« »Wo bist du denn eingeladen?« »Bei Neerlages!« Sie machte eine unwillkürliche Bewegung. Dann frug sie anscheinend leichthin: »Viel Leute?« »Ja, wahrscheinlich! Gott sei Dank ist es ein Herrendiner! – da wird man wenigstens satt ... lauter Bankgrößen ... Kohlen-, Eisen-, Kupfer-, Kalimenschen ... Geld, sag' ich dir, Helme ... Geld ...« »Also an Damen nur Frau und Tochter ...« »Nur Frau und Tochter.« Die beiden Geschwister schwiegen. Plötzlich lachte Erich von Wölsick hell auf. »Helme! ... Du machst so ein unendlich kluges Gesicht. Das machen offenbar alle Frauen, wenn sie denken, sie haben so was glücklich herausgebracht!« »Ich habe vorläufig noch gar nichts gesagt!« »Aber gedacht – Helme – gedacht! Man konnte förmlich hören, was du dachtest!« Ihr Bruder setzte sich ihr wieder gegenüber, schlug ein Bein über das andere und fuhr, die Zigarette in der Hand, gleichmütig fort: »Siehst du: wie so ein Leutnant, der mit Zittern und Zagen in Helm und Epaulettes anklopft, um sich Braut und Mitgift zu holen – das hab' ich eben nicht nötig! Und das ist das einzige, was solch einem alten Millionär imponiert, daß man sein Geld gar nicht braucht. Das erschreckt ihn! Das kann er sich anfangs gar nicht vorstellen, daß ich zum Beispiel zu dem alten Neerlage sage: ›Verehrter Herr Generalkonsul ... auf eine Mitgift verzichte ich! Ich bin reich genug, um meiner Frau selber jeden in meinen Kreisen üblichen Komfort zu gewähren! Aber geben Sie mir Gelegenheit zu einer Tätigkeit! Dann verdiene ich noch viel mehr und werde deshalb umsoweniger jemals Ansprüche an Ihren Beutel stellen‹ – das ist die Art, Helme, wie man Teilhaber an einer Weltfirma wird und sich nichts dabei vergibt ...« So ruhig er sonst war, der Gedanke hatte ihn unwillkürlich erregt. Er schritt wieder rasch in dem Zimmer auf und nieder. Er bereute nicht, es seiner Schwester gesagt zu haben. Es dachten sich doch schon zu viele Leute ihr Teil über seinen Verkehr in dem Neerlageschen Haus in der Tiergartenstraße. Davon hatte auch Frau von Teichardt schon genug gehört, denn nun frug sie schnell: »Also es ist wahr: du willst Fräulein Neerlage heiraten!« »Vielleicht! ... wenn sie mich nimmt ...« »Weißt du das denn noch nicht?« »Na ... ich will jedenfalls vorher meiner Sache sicher sein! Ich gehöre nicht gern zu den Leuten, die mit einem Korb am Arm abziehen und – offen gestanden, Helme, ich kriege keinen Korb, weder von ihr noch von den beiden Alten – das haben mich Freunde des Hauses schon im Vertrauen erraten lassen – ich brauche mich nur noch zu erklären ... und das kann ja sehr bald sein ...« Er warf einen Blick durch die angelehnte Tür in sein Toilettezimmer nebenan, um sich zu überzeugen, daß da Frack, Weste und weiße Binde bereit lagen – alles andere zur Gesellschaft Nötige hatte er bereits nach dem Bade angelegt – und fuhr dann ruhiger fort: »Warum du dabei so versteinerte Augen machst, Helme, verstehe ich nicht. Das ist eben eure Enge! In allen unseren Kreisen noch! Unser Geschlecht ist sechshundert Jahre alt! ich erwerbe mir nur ein Verdienst, wenn ich seinen Reichtum vermehre!« »Das meine ich auch nicht!« sagte seine Schwester. »Aber es ist so charakteristisch für dich, daß du immer nur von der Firma Neerlage sprichst ...« »Firma ist es gar nicht! ... der alte Neerlage ist doch Teilhaber der Charlottenburger Bank, mindestens anderthalbdutzendfaches Aufsichtsrats-Mitglied ... und ...« »Also gut ... daß du immer von dieser Bank sprichst und nie von dem Fräulein Neerlage selber ...« »Ach ... das ist doch so ein vernünftiger Mensch!« Weiter sagte Erich von Wölsick von ihr zunächst nichts. Er lächelte wieder mit der Zufriedenheit eines Mannes, der eine wichtige glücklich begonnene Sache ebensogut zu Ende zu führen im Begriffe steht. Endlich hub er an: »Ich bilde mir natürlich auch nichts Unnötiges ein. Wenn ich ihr ja auch selbstverständlich nicht direkt mißfalle, so ist es doch mehr eine Verstandesheirat ...« »Von deiner Seite? Das glaube ich dir aufs Wort!« »Nein. Bei ihr auch! Sophie Neerlage ... – so wie sie ist, wird sie in gewissem Sinn allen Problemen des Lebens nur mit der Vernunft beikommen – unwillkürlich – auch der Ehe. Sie ist nun einmal eine innerlich sehr gleichmäßige und überlegene Natur, bei all ihrer Lustigkeit ...« »Nun ... dann paßte sie ja zu dir ...« »Das hoffe ich!« »Aber sie muß doch ganz bedeutend viel jünger sein wie du!« »Sie wird im Januar sechsundzwanzig ... Siehst du, das ist doch auch ein Beweis: wenn ein Mädchen mit dem Geld und dem Verkehr – und ihrem sehr angenehmen Äußern dazu – so lange ledig bleibt – dann ist sie kein gewöhnlicher Mensch – dann weiß sie schließlich sehr genau, was sie tut ... und nun die Eltern ... immerhin ... wenn schon die Ahnenreihe ihr Loch kriegt – die Neerlages sind doch eine alte gute Patrizierfamilie, ursprünglich Pastoren aus Westfalen ... wissen bis zum Ur-Urgroßvater hinauf Bescheid ... ganz nett ... kurz ... ich glaube, ich bin da auf den rechten Weg gekommen – immer vorausgesetzt, daß es glückt ... man soll nichts berufen ...« »Nein!« sagte Frau von Teichardt sehr ernst. »Und wenn ich abergläubisch wäre, hätte ich überhaupt lieber nichts davon verraten, solange es noch im Werden ist ... was machst du denn für ein Gesicht, Helme ...?« Seine Schwester rückte sich auf dem Stuhl zurecht. »Ich danke dir für dein Vertrauen!« sagte sie. »Aber nun erlaube mir ein paar Worte! im Auftrag von Mama. Sie hat mir aus Sommerwerk geschrieben und mich gebeten, es an ihrer Stelle zu tun ... angenehm ist mir's nicht ...« Erich von Wölsick stand vor ihr und rang in komischer Verzweiflung die Hände. »Was ist denn das nur heute mit dir für eine Druckserei, Helme! ... Komm doch heraus mit der Sprache ... ich beiße dich doch nicht! ... Worum handelt es sich denn?« »Um Frau Hauptmann Ansold!« Im selben Augenblick verschwand der lässig liebenswürdige Ausdruck von den Zügen des anderen. Sie umwölkten sich. Sie wurden hart und verdrossen. Er versetzte schroff: »Seid so gut und laßt mich damit in Ruhe, du sowohl wie Mama! Ich habe die ganze Geschichte, weiß Gott, schon oft genug bereut. Es hat mir nachträglich vieles darin leid getan. Aber das Geschehene läßt sich nicht ändern. Es liegt nun einmal hinter einem!« »Ja – das ist deine Lebensmaxime! Was dir unbequem wird, hört auf, für dich zu existieren! Sehr einfach! aber daß ...« Erich von Wölsick machte eine ungeduldige Handbewegung. »Verschone mich bitte mit deinen Strafpredigten!« sagte er finster, »erstens hast du keine Legitimation dazu und zweitens verstehst du das nicht! Es gibt Fälle im Leben, wo eine gewisse Grausamkeit in Wahrheit eine Wohltat für beide Teile bedeutet, weil sie eine unhaltbar gewordene, Sachlage am raschesten und sichersten löst ...« »Und wie bitter weh das dem andern tut, daran denkst du nicht!« Erich von Wölsick ging ärgerlich im Zimmer auf und nieder. Seine Schwester merkte, wie peinlich ihm die Erwähnung dieses Zwischenfalls vom vorigen Sommer war, und wie viel schwerer, als sie geglaubt hätte, der doch noch auf seinem Gewissen lastete. »... als ob ich mir keine Vorwürfe gemacht hätte,« versetzte er endlich, »ich war überhaupt unbesonnen in der ganzen Sache, von Anfang bis zu Ende! ... das gebe ich alles zu! aber was sollt' ich denn nun machen? ... es blieb doch nur der eine Weg!« »Schön! dadurch ist für dich die Sache aus der Welt! aber die junge Frau ...!« »Mein Gott ... die wird allmählich ihre Ruhe auch wiederfinden! oder hat es vielmehr schon!« »Woher weißt du denn das?« »Dessen bin ich sicher! sonst hätte ich doch nicht so gehandelt!« »Dessen bist du gar nicht sicher, sondern du hast dir einfach nicht die Mühe genommen, darüber nachzudenken, was aus ihr wird! Das hätte dir unbehaglich werden können,– da wären dir peinliche Bilder gekommen – so was liebst du nicht – also dekretierst du einfach: ›Frau Ansold verhält sich in Zukunft so und so! denn das ist mir am bequemsten!‹ ...« »Weißt du etwa das Gegenteil?« »Ja.« »Wieso?« Er trat näher auf seine Schwester zu. Sie kreuzte die Arme über der Brust, sah ihn fest an und sagte langsam, in dem Vollgefühl ihrer Überlegenheit und einem inneren Triumph, ihn endlich einmal demütigen zu können: »Da ist Mamas Brief. In dem steht alles! ich lasse ihn dir da, damit du ihn nachher noch einmal durchlesen kannst. Frau Ansold hat schon in der ersten Hälfte September, also vor gut sechs Wochen sich von ihrem Mann getrennt und will um keinen Preis zu ihm zurück. Er hat mit ihr gesprochen. Umsonst! Er hat ihr einen Monat Bedenkzeit gegeben. Umsonst. Er war wieder bei ihr. Umsonst. Sie bleibt dabei, sich scheiden zu lassen ... das weiß nun schon die ganze Garnison und die Nachbarschaft.« »Ja ... um Gottes willen ...« Erich von Wölsick setzte sich auf den nächsten Stuhl und griff sich mit der Hand an die Stirn. »Da müßte ich aber doch der erste sein, der das wüßte! Das hätte sie mir doch geschrieben! mir wurden doch alle meine Briefe nach Schottland nachgeschickt! ... es war nie eine Zeile von ihr darunter.« »Nun eben! es scheint, daß sie, nachdem du nichts mehr hast von dir hören lassen, dir auch nichts mehr mitzuteilen hat. Erklären kann ich es auch nicht. Ich kenne sie ja gar nicht. Aber getan hat sie's! fort ist sie! das steht fest!« Es entstand eine Pause. Endlich fing Erich von Wölsick halblaut: »Wo ist sie denn hin?« »Hierher, nach Berlin! Du kannst ihr jeden Tag auf der Straße begegnen.« Er zuckte zusammen. »Sie hat eine Verwandte hier!« fuhr die Geheimrätin fort. »Ein altes Fräulein von Kritzing, die Vorsteherin einer höheren Mädchenschule. Bei der hat sie eine Stelle als Sekretärin inne, sitzt tagsüber im Bureau und führt die Korrespondenz mit Eltern und Schulbehörden und was weiß ich und wohnt auch dort und lebt ganz eingezogen und wartet, daß ihr Mann in die Scheidung willigt, wozu er sich offenbar vorläufig noch nicht entschließen kann. Und du bist an allem schuld – und die Tragödie spielt sich kaum eine halbe Stunde von dir entfernt ab, und du sitzt da und rauchst Zigaretten und merkst von nichts!« »Mir hat niemand etwas gesagt!« Erich von Wölsick sprang wieder vom Stuhl auf und durchmaß in langen, von steigender innerer Unruhe beflügelten Schritten das Zimmer von einem Ende bis zum anderen. Seine Schwester sah, wie er an sich halten mußte, um seine Erregung zu unterdrücken, und doch merklich mit den Fingern zitterte, während er den Brief aufhob, einen Blick hineinwarf und ihn wieder fallen ließ, und sie versetzte: »Mit den vielen Anklagen und Betrachtungen, die Mama darin schreibt, wollte ich dich nicht behelligen. Darum las ich ihn nicht vor. Es handelt sich ja nur um die Tatsache. Die hat ja natürlich noch keiner dir hinterbracht. Die Nächstbeteiligten erfahren ja so etwas immer später als alle anderen Menschen. Das ist eine alte Geschichte. Der Mann soll ja auch wie aus den Wolken gefallen gewesen sein über den Entschluß seiner Frau. Die hat damit euch beide überrumpelt, und ihr scheint sie beide nicht ganz gekannt zu haben. Aber jedenfalls – um Sommerwerk herum ist der Skandal schon fertig. In kurzem schlägt die Geschichte ihre Wellen bis nach Berlin ...« »Ach wo!« ihr Bruder stieß es hervor. Er war stehen geblieben und stampfte ein paar Mal in ungeduldigem Zorn auf den weichen Teppichboden. Und wieder ruhiger werdend sagte er: »Und wenn Frau Ansold wirklich hier ist, glaubst du denn, daß sich Berlin darüber aufregt?« »Berlin? ... Was heißt Berlin?« Frau von Teichardt zog die Schultern hoch. »Vergiß bitte nicht, daß Frau Ansold einen Mann hat. Dieser Hauptmann Ansold ist, scheint's, ein büffeliger Mensch – langsam, aber furchtbar zäh in allem, was er einmal im Kopfe hat.« »Ein Dummkopf ist er ... ich kenne ihn doch!« »Mag sein! Jedenfalls hat er mehrfach seine feste Absicht erklärt, sich an dich zu halten, wenn seine Frau nicht zu ihm zurückkommt. Du wirst dich also wahrscheinlich in nächster Zeit mit ihm auseinanderzusetzen haben, und die Folgen einer solchen Auseinandersetzung können sehr leicht die Öffentlichkeit in Berlin beschäftigen!« Sie deutete mit unwillkürlich bangen Augen die Möglichkeit eines Zweikampfs an. Erich von Wölsick lächelte dazu nur höhnisch. Und sie fuhr fort: »Des ferneren: Frau Ansolds Vater ist der Generalmajor z. D. von Dolmar, lebt auch, wie du wohl weißt, hier in Berlin. Überall sehr bekannt. Ich glaube nicht, daß der alte Herr die Hände in den Schoß legen und sich die Sache so mit ansehen wird. Seine vier Söhne stehen alle in der Armee und Marine, zwei davon in Berlin – da hast du Offiziere über Offiziere gegen dich ... Du bist selbst preußischer Offizier und mußt Farbe bekennen – du wirst wohl auch als Zeuge im Scheidungsprozeß vernommen werden – und wie du dich aus alledem herausziehen willst, ohne daß etwas in die Öffentlichkeit dringt und deine Verlobungszirkel stört, das ist mir ein Rätsel!« Frau von Teichardt konnte sich nicht erinnern, ihren Bruder je wirklich betroffen gesehen zu haben. Aber jetzt saß er da, hatte die Hände in den Taschen und starrte vor sich hin, mit einem Gesichtsausdruck, der deutlich seine peinlichste Überraschung, seinen Ärger, seine vorläufige Ratlosigkeit erkennen ließ. Und die Geheimrätin hatte an sich die Genugtuung, daß auch er, der Schlaue, Kühle, Glatte einmal in die Falle gegangen war! Aber andererseits hing ihr eigenes Schicksal und das ihrer Familie zu eng mit dem des Bruders und Majoratsherren zusammen, und so fing sie, da er kein Wort redete, von neuem an: »Ja. So stehen die Dinge, Erich! und was nun weiter geschehen soll, das muß wohl überlegt werden. Wenn du mich oder meinen Mann irgendwie brauchst – du weißt: du findest uns immer bereit, dir zu raten oder zu helfen, so gut wir können ...« »Ich hab' noch nie einen Menschen um Rat gefragt!« sagte ihr Bruderbund zu helfen pflege ich mir selber ...« »Ja ... aber diesmal bist du doch so in der Geschichte darin, Erich ...« Sie hatte das übereifrig gesprochen. Er erhob sich plötzlich. »Sei so gut und dränge dich nicht auf!« versetzte er so schroff, daß sie sich auf die Lippen biß und verstummte. Und zugleich murmelte von der sich leise öffnenden Lauschertür her Michael, der Kammerdiener: »Gnädiger Herr, es ist sieben Minuten vor halb Acht!« Und Erich von Wölsick stieß einen halblauten Ruf des Schreckens aus und eilte mit einem flüchtigen ›Entschuldige!‹ gegen seine Schwester in das Toilettenzimmer. Zu verwünscht, jetzt gerade in Gesellschaft zu müssen! Er war so wütend und ungeduldig, daß ihm das Knüpfen der Krawatte nicht gelang. Michael nahm ihm schließlich die Schleifen aus der Hand und half ihm in Weste und Frack und lief mit dem Kölnisch Wasser-Zerstäuber hinter ihm her in den Flur, wo Frau von Teichardt bereits stand. Sie war sehr verschnupft und antwortete auf die Fragen ihres Bruders, ob sie ihn in seinem Automobil begleiten wolle, nur kurz: »Danke! ich hab' die Droschke!« reichte ihm die Fingerspitzen und stieg in ihren Wagen und dachte sich, während der davonrumpelte: Es ist schon wahr, man soll nie zu geschäftig sein! Gleich darauf leuchteten draußen vor den Scheiben zwei weiße Rundaugen auf, ein Automobil überholte in rasendem Lauf die Kutsche, und Frau von Teichardt erkannte die Gestalt ihres Bruders, der, vornübergebeugt, den Zylinder in die Stirne gedrückt, die Hände in den Taschen des Paletots, in dem offenen Gefährt saß. Im nächsten Augenblick war das über den Königsplatz hin verschwunden. Es bog in den nächtigen Tiergarten ein, die Kaffeebuden der Richard Wagnerstraße tauchten auf, der weite dunkle Spiegel der Spree – der Lichterschein von Moabit, das einsame Schloß Bellevue – Erich von Wölsick sah nicht rechts und links. Er ließ sich den kalten Herbstwind um die Ohren pfeifen, und in seinem sonst so klaren Kopf wirrten sich die Gedanken – sie tanzten in langen, höhnenden Reihen – er konnte sie nicht sammeln – deutlich bewußt blieb ihm nur eine ohnmächtige Wut, daß ihm gerade jetzt, in der entscheidendsten Wendung seines Lebens, das Schicksal solch einen Knüttel zwischen die Beine warf – gerade von einer Richtung her, wo er es am wenigsten erwartet! Da schien alles schon so ruhig und abgetan. Jakobe Ansold war eine freundlich schmerzliche, ein bißchen wehmütige, ein bißchen lächelnde Erinnerung, wie ein Bild von einer Reise, die man gemacht – aus einem Lande, in das man nie wiederkehrt – an das man nur zuweilen später, in verlorenen Stunden denkt und sich freut, daß man auch das vom Schicksal mitgenommen hat. Und nun stand sie auf einmal wieder lebendig vor ihm da, und er frug sich vergeblich in seiner düstern Laune, in Reue und Ärger über das, was er da angerichtet: ›Warum hat sie's denn nur getan ...?‹ Er schüttelte immer wieder den Kopf. In dem war ein Wirrwarr von Stimmungen und Gedanken, und er hatte eine wahre Angst, daß er in dieser Verfassung unter fremde Leute würde treten und gleichgültiges Zeug mit ihnen würde reden müssen. Er wäre viel lieber durch die Nacht weiter gefahren, hinaus ins Freie, bis in den Grunewald, wo er so oft in diesem Frühjahr die Neerlages in ihrer Villa am Wannsee besucht hatte. Damals hatte sich, als Abschluß des Gesellschaftswinters, der Ernst der Zukunft zwischen ihn und Sophie Neerlage gelegt, und es war, als sie sich trennten, – er, um zum Regiment, sie, um mit ihren Eltern nach Ostende zu gehen – eine stillschweigende Vereinbarung zwischen ihnen gewesen, sich im Sommer noch einmal alles zu überlegen und dann im Herbst die Entscheidung fallen zu lassen. Und da war schon das prunkvolle Neerlagesche Haus, dessen Lichterfülle weithin von der Tiergartenstraße her durch das kahle Geäst des Parkes schimmerte. Und ehe er sich recht von seiner Betäubung erholt – ihm schien, er sei eben erst in dieser Minute in sein Automobil gestiegen – hielt dieses vor dem Portal – Diener sprangen herzu und halfen ihm heraus – und er ging nachdenklich, mit gesenktem Kopf, in die Vorhalle. Sonst war er hier schon in einer halben Siegerstimmung eingetreten, ein Vertrauter des Hauses und hoffentlich bald mehr. Heute zum ersten Mal kam er sich wie ein Eindringling vor. Mitten in dem Saal, in den er trat, stand Sophie Neerlage. Er wußte, daß sie jedes Jahr ein paarmal nach Wien fuhr oder ihren Vater auf einer Geschäftsreise nach Paris begleitete, um sich dort ihre Toiletten anfertigen zu lassen, Roben wie die, die da in schweren, weißschillernden Seidenfalten an ihrer ebenmäßigen, beinahe überschlanken Gestalt herniederfloß. Sie wandte ihm den Rücken zu, während sie mit einem Haufen Herren, der sie umdrängte, sprach. Er sah das Diamantengeglitzer in ihrem reichen hellbraunen Haar, das Schimmern des Perlenkolliers um ihren weißen Nacken und dachte unwillkürlich wie stets, wenn er sie erblickte, daß sie mit ihrer hohen, einen ganzen Salon beherrschenden Erscheinung genau dem Bild entsprach, das er sich bisher für die Zwecke seiner Zukunft und seiner Karriere von seiner Frau gemacht. Jetzt drehte sie im Geplauder das Haupt nach ihm und nickte ihm vertraulich zu, während er zuerst ihre Eltern begrüßte. Ihre ausdrucksvollen Züge waren nicht eigentlich schön, aber fesselnd, mit kühlen graublauen Augen. In denen war der beinahe herausfordernde Gleichmut der reichen Erbin. Und dazu stimmte das leise ironische Lächeln, das zuweilen, ohne daß sie selber es wußte, beim Reden und Zuhören im Gesellschaftskreise um ihre Lippen spielte. Sie achtete nur wenig auf die Erzählung einer alten, vor ihr stehenden Exzellenz und sah zu Erich von Wölsick hinüber, der ihrer Mutter die Hand küßte und dann den jovialen Händedruck ihres Vaters, des Generalkonsuls empfing, der, klein, korpulent und kräftig, mit weißem Vollbart und elfenbeinerner Glatze zwischen seinen Gästen stand und meinte: »... 'nen Abend, lieber Herr von Wölsick ... na ... da sind Sie ja! ... ich dachte schon, Sie hätten's verschwitzt ...« Erich von Wölsick murmelte ein paar Worte, noch ganz betäubt. Und während dessen stand auf einmal Sophie Neerlage neben ihm, reichte ihm unbefangen die Hand und sagte, während er sich über die beugte, lachend: »Guten Abend, Herr von Wölsick! Wissen Sie, was Exzellenz,« sie wies dabei auf den alten schwerfälligen Würdenträger, der ihr gefolgt war, »mich eben frug, wie Sie hereinkamen? ›Wer ist denn der junge Herr da ohne die vielen Orden? Das muß ja etwas ganz Besonderes sein!‹« Die anderen um sie, die grauköpfigen Geheimen Kommerzienräte und Generaldirektoren, stimmten in die Heiterkeit ein. Auch Erich von Wölsick zwang sich dazu. Er ärgerte sich, daß er es tat, und es tun mußte, nachdem er ja nun einmal hier war. Er hätte zu Hause bleiben müssen und die Aufregung und Bestürzung in sich ebben lassen. Es wäre schließlich gar nicht so schlimm gewesen, unter irgend einem Vorwand abzusagen. Gerade bei einem Herrenessen. Da verursachte ja die Platzfrage keine solche Schwierigkeiten. Besser hätte es sich jedenfalls gemacht, als daß er nun vor Sophie Neerlages Augen schweigsam und zerstreut dastand – er, der sonst so vollkommen Herr seines Willens und seiner Stimmung war. Aber nun konnte er nicht wieder weg und saß bei Tisch zwischen zwei Herren, deren Namen er bei der Vorstellung nicht einmal verstanden hatte und von denen jeder, seine Unergiebigkeit bemerkend, nach rechts und links zu seinem anderen Nachbar sprach, und vermochte kaum etwas zu essen, und hörte ganz benommen um sich herum das gedämpfte Gemurmel, in dem die hellen Summen der Frauen fehlten, das Gerede über Reichsbankdiskont und Kurse und Emissionen, das Schlürfen und leise Tellerklappern, und sah die vielen Glatzen, die Kettchen und Sterne unter weißen Schlipsen, ein paar breite farbige Bänder quer über steifen, porzellanfarbenen Hemdeinsätzen – und schaute stumm und mißmutig zu Sophie Neerlage hinüber. Sie war eigentlich doch schön – sie hatte wenigstens alle Mittel, sich schön zu machen – eine Kleidung von reichster Einfachheit – den erlesensten Schmuck – die tannenschlanke, hohe Erscheinung – und sie benutzte diese Hilfen und sah blendend aus – eine Frau, die, wo sie auch erschien, den Mittelpunkt bildete. Gewiß, so mußte seine Frau sein. Es gab vielleicht ein paar Kleinigkeiten an ihr zu ändern. Sie scherzte und lachte ein bißchen zu laut mit den alten Herren um sie herum – sie hörte oft nicht recht zu, wenn man sprach, sondern war mit den Augen wo anders und mit den Gedanken an einem dritten Ort – sie urteilte oft trotz ihrer Klugheit obenhin – aber wie sollte sie denn auch anders sein nach acht Jahren Ausgehens? Das bißchen Nervosität und Fahrigkeit gab sich von selber. Und doch wunderte er sich, wie er überhaupt dazu kam, heute Ausstellungen an ihr zu machen. Das war, weil er seine Gedanken von Jakobe Ansold nicht los brachte. Alles, was er um sich hörte, bezog er wider seinen Willen auf sie und diesen unglücklichen Zwischenfall. Neben ihm sprachen sie von irgend einem Geschäft, und ein dicker alter Herr sagte kauend: »Unter uns: er ist ein dummer Kerl und bleibt's« – und Erich von Wölsick fuhr es durch den Kopf: Natürlich ist der Hauptmann Ansold ein Dummkopf! Aber solche Leute sind zäh! – und als gegenüber jemand versetzte: »I wo – die Generalversammlung wird ganz ruhig verlaufen!« hatte er sofort die Vorstellung: Wird der alte General, Jakobes Vater, sich ruhig verhalten oder auch mit seinen Söhnen in die Geschichte mischen: So oder so ... es kommt von allen Seiten ... Schließlich mußte er sich beherrschen. Er konnte nicht immer so stumm dasitzen und verwickelte seinen Nachbar zur Rechten in ein Gespräch, einen großen, blonden, schmalschultrigen Mann mit einem weichen, regelmäßigen Gesicht und träumerischen blauen Augen, offenbar auch ein Mitglied der Hochfinanz. Denn er redete über den Tisch hin etwas vom Textilexport nach den Vereinigten Staaten – aber mit einem gewissen nachsichtigen Lächeln, als komme es eigentlich wenig darauf an, und gleich darauf von einer Vorlesung über Frührenaissance an der Berliner Universität, so als ob er sie selber hörte – und von einer Neuerwerbung der Nationalgalerie. Und der Herr zur Linken Erich von Wölsicks nannte ihm auf seine halblaute Frage den Namen des anderen: Dr. Schmidt von Wildenwarth, aus einer sehr reichen, kürzlich erst geadelten Eisen-, Erz- und Kohlenfirma mit dem Sitz in Brünn – und er deren Berliner Vertreter, oder eigentlich mehr ein unabhängiger, seinen Privatstudien und künstlerischen Neigungen lebender Mensch! Seine Gemäldesammlung in seiner Villa in Wannsee, gerade neben Neerlages, sei bekannt ... teure Sachen darunter ... davon verstände er etwas ... Erich von Wölsick sagte: »So, so!« und vergaß es sofort wieder und wartete ungeduldig, bis endlich die Tafel aufgehoben wurde und man sich in den anstoßenden Gemächern verteilte. Und während er da, die Kaffeetasse in der Hand, zwischen den anderen Herren stand und um ihn die ersten Zigarrenwolken in die Luft stiegen, kam plötzlich der Trotz über ihn. Die beste Deckung war doch der Hieb. Wie – wenn er gleich sein Glück versuchte – heute abend noch – bei Sophie Neerlage? Sein Herz begann zu klopfen. Er stellte seine Tasse behutsam auf einen Kaminsims, legte seine Zigarette weg, und ging dann leise, förmlich auf den Fußspitzen, als dürfe er kein Geräusch machen, über den dicken Teppich in den großen Salon hinüber. Dort hatte er vorhin den beiden Damen des Hauses nach der Mahlzeit die Hand geküßt. Jetzt kam allmählich die Zeit, wo sie sich zurückzogen und die Herren unter sich ließen. Frau Neerlage saß noch da, aber Sophies schlanke, hohe Gestalt sah er nur noch wie einen weißen Schimmer in dem anstoßenden halbdämmrigen Boudoir. Sie ging ganz langsam, zögernd, durch das hin, so als ob sie etwas suchte, und er durfte sich nicht beeilen, ihr zu folgen. Das wäre aufgefallen. Erst nach ein paar Minuten war er wie unabsichtlich auch an die Schwelle des kleinen Raums geraten und schlenderte, anscheinend um ein Bild an der Wand zu besichtigen, hinein und ging, da er sie nicht mehr fand, weiter durch die folgenden, ganz menschenleeren Gemächer. An deren Ende war nach dem Garten hinaus eine Bücherei. Da stand sie an einem der geöffneten, kostbar geschnitzten Rokokoschränkchen und rückte ein paar Bände hin und her. Oder tat wenigstens so. In Wirklichkeit erwartete sie ihn. Das merkte er sofort und sie wußte, daß er es merkte. Aber das brachte sie nicht in Verlegenheit. Sie sah ihn ruhig aus ihren kühlen, graublauen Augen an, in einer halben Frage: Was tust du denn da. Bis hierher verirren sich doch sonst die Gäste nicht ... – und er trat näher zu ihr hin, die ihm hier unter vier Augen, in dem matterhellten Gemach, in der Kostbarkeit ihres Schmuckes und Kleides, mit ihrem wunderbaren Wuchs, ihren weißen Schultern, so begehrenswert wie noch nie erschien – nicht nur als die reiche Erbin, sondern als die Frau – und so sagte er, in einem innerlichen Ärger, daß er doch wohl oder übel mit einer Gleichgültigkeit anfangen mußte: »Darf ich herein? oder schicken Sie mich wieder fort?« Er fühlte wohl: er hätte jetzt, in dieser Gunst des entscheidenden Augenblickes gleich damit beginnen sollen: »Ich bin Ihnen gefolgt ... ich möchte Ihnen etwas sagen, was mir schon lange auf den Lippen schwebt ...« – aber dazu fehlte ihm der Entschluß. Gerade heute, wo er ihn am nötigsten brauchte! Während er sprach, hatte er die sonderbare Vorstellung, als stände Jakobe Ansold hinter ihm und hörte seine Worte mit an, und dadurch kamen diese unsicher heraus, und es fehlte ihnen an Wärme und Klang. Sophie Neerlage war plötzlich etwas blaß geworden, das sah er deutlich – aber sie antwortete ganz gelassen: »Ja ... ich gehe aber gleich selber weg, Herr von Wölsick ... hinauf in mein Zimmer! Ich wollte mir bloß noch etwas zum Lesen für den langweiligen Abend mitnehmen ...!« Dabei wies sie auf das Buch, das sie rasch aus der Bibliothek gelangt hatte. Er schaute es an und lachte: »Ach wo! ... der zweite Band von Buckles Geschichte der Zivilisation in England ... das werden Sie doch nicht lesen! ... Kommen Sie ... wir setzen uns lieber und plaudern noch ein bißchen ...« Auch sie lachte. Die flüchtige Röte, die dabei jetzt wieder ihre Wangen überlief, ließ sie in ihrer leichten Verlegenheit auffallend hübsch und wie ein ganz junges Mädchen erscheinen. Sie sagte kein Wort, sondern gehorchte ihm und nahm ihm gegenüber Platz. Dabei flog ihr Auge unwillkürlich suchend durch die Vorderräume, ob da auch niemand käme und sie störte. Und dieser eine Blick, diese einzige halb unbewußte Kopfbewegung verriet ihm genug. Die hieß, daß sie jetzt seine Werbung erwartete. Und daß sie sie, weil sie sie erwartete, auch annahm ... Dabei war durch ihre beiderseitige Heiterkeit schon das Eis gebrochen. Er konnte so leicht jetzt in unbefangenem und vertraulichem Ton fortfahren, und dabei zuckte es ihm durch den Sinn: Und in den nächsten Tagen kommt dann der Skandal – der Hauptmann Ansold schießt sich mit mir – läßt sich von seiner Frau scheiden – und mein Schwiegervater in spe sagt mir: »Verehrtester ... solche Geschichten regelt man, ehe man als Freier auftritt!« – Und dieser Gedanke lähmte ihn förmlich, und er begriff gar nicht, wie er, Erich von Wölsick, so trocken und hölzern sagen konnte: »Ich bin so froh, daß wir uns wieder sehen können, mit Briefen – das ist doch immer nur so ein Notbehelf.« »Ja. Aber ich bleibe dieses Jahr nicht lange in Berlin!« Er schaute sie fragend an. Sie fuhr fort: »Gleich nach Weihnachten will ich weg, zu meinen Verwandten nach Petersburg. Und da einmal einen rechten russischen Winter mitmachen.« »Da haben Sie sich aber rasch entschlossen!« »Erst in diesen Tagen.« »Und warum eigentlich, gnädiges Fräulein?« Sie zuckte die Achseln. »Es ist doch einmal was anderes! Berlin habe ich doch nun wirklich schon genossen. Es wächst da schon eine ganz neue Generation heran. Ich fühle mich dazwischen schon ein bißchen einsam, wie ein Märchen aus alten Zeiten ...« Es war drollig, wie sie in der blühenden Jugendfrische ihrer fünfundzwanzig oder sechsundzwanzig Jahre von sich schon halb wie von einer alten Jungfer sprach. Aber freilich: ihre gleichaltrigen Freundinnen waren wohl fast sämtlich schon unter der Haube. Man mußte Sophie Neerlages Geld und Erscheinung haben, um nicht allmählich von dem Nachwuchs beiseite gedrängt zu werden, und sie lachte und sagte: »Nein! ich spare mir meinen achten Berliner Winter gerne. Ich komme auf der Rückreise von Rußland nur eben auf eine Stippvisite hierher – so Anfang März, wenn in Petersburg die große Fastenzeit anfängt, und fahre dann gleich mit Mama weiter nach der Riviera.« Und Erich von Wölsick begriff: Sophie Neerlage hatte nicht Lust, den ganzen Winter hindurch zu warten, wie es zwischen ihr und ihm werden sollte. Sie wünschte, daß er sich im November, spätestens Dezember, erklärte. Und wenn nicht, dann hatte sie schon vorher für einen guten Grund gesorgt, ein paar tausend Kilometer zwischen sich und ihn zu legen, statt ihm jede Woche einmal irgendwo in Gesellschaft begegnen zu müssen. Sie sahen sich stumm und halblächelnd an. Beide waren beklommen. Und aus diesem schweren Schweigen zwischen ihnen heraus war es Erich von Wölsick klar, daß er eigentlich gar nicht mehr zurück konnte! Jetzt oder nie mußte er sie fragen, ob sie seine Frau werden wollte. Er las deutlich die Erwartung in ihren Zügen – beinahe schon ein Staunen, als er doch noch nicht damit herauskam, sondern noch einmal anhub, sie nach Petersburg zu fragen und ihren Verwandten dort, und ob sie sich nicht vor der nordischen Kälte fürchtete. Er bekam von ihr bereitwilligen Bescheid – sie sprachen eine Weile hin und her – leere Worte statt der paar bedeutsamen, seiner Frage und ihres »Ja«. Denn ein »Ja« wurde es. Bisher hatte er sich immer noch ein wenig davor gefürchtet, einen Korb zu bekommen. Das hätte ihr schon ähnlich gesehen. Sie hatte es schon ein paarmal früher so gemacht – mit einem Freier einen Winter über gespielt wie die Katze mit der Maus und ihn dann fallen gelassen. Aber in dieser Stunde sah er zu genau an ihrer Blässe, an ihrem unruhig von ihm in die Ecken abschweifenden Blick, ihrem unregelmäßigen Atem, daß ihm dies Schicksal nicht drohte. Sie war entschlossen, ihn zu heiraten ... Und ein leises Triumphgefühl kam über ihn. Also er und kein anderer, keiner von den vielen, die vor ihm ihr Glück versucht! Freilich, sie wählte ihn sich einfach aus der großen Schar als den Geeignetsten für eine Vernunftehe. Liebe sprach dabei nicht mit. Vielleicht war sie eine viel zu kalte Natur, um überhaupt zu lieben. Es war jedenfalls merkwürdig, daß in diesen ganzen langen Jahren sich nie auch nur das Gerücht einer leisen Schwäche für irgend jemanden an ihren Namen geknüpft hätte. Sie löste als Tochter ihres Vaters das Rechenexempel des Lebens mit dem Kopf, nicht mit dem Herzen. Es war wieder eine Stockung in dem Gespräch zwischen beiden eingetreten. Von ferne klang gedämpftes Stimmengewirr und Lachen der Herren in dem Salon und aus dem Rauchzimmer. Die Räume vor der Bibliothek waren ganz leer. Nicht einmal ein Diener kam da und störte. Es waren nur sie zwei da. Und Jakobe Ansold. Von dem Gedanken an sie konnte sich Erich von Wölsick nicht befreien. Er hatte einen hilflosen Grimm gegen sie, daß sie ihm diese kostbarste Stunde seines Lebens zerstörte. Denn er las zu deutlich in Sophie Neerlages ruhigem, aber immer seltsameren Blick: ich gab dir die Gelegenheit, warum nutzest du sie nicht aus? was soll das bedeuten? meinst du, ich tue es ein zweites Mal? Seine Kehle war trocken. Wie verwandelt kam er sich vor. Es war eine unerträgliche Lage und im Zorn, sich daraus zu befreien, raffte er plötzlich alle seine Kraft zusammen, räusperte sich ein paarmal und sagte entschlossen: »Ich hoffe immer noch, Sie gehen nicht nach Rußland, gnädiges Fräulein!« Ohne zu antworten, holte sie tief Atem und sah ihn schweigend an, die Hände im Schoß. Ihr Blick verwirrte ihn. Er suchte mit dem Auge die Spitze seines Lackstiefels am Boden und fuhr stockend fort: »... es könnte doch allerhand geschehen ... nicht wahr ...« Er wollte weiter sagen: ich könnte doch jetzt die Frage wagen, ob Sie mich durch Ihre Hand beglücken wollen? – er ärgerte sich selbst über diese Phrase – es fiel ihm keine bessere ein – es war ja auch gleich – aber er brachte sie nicht heraus – ihm fiel in dieser schicksalschweren Sekunde wieder ein: ich darf jetzt nicht – als anständiger Mensch – denn ich bin nicht frei – ich muß erst wissen, was Jakobe Ansold tut – was ihr Mann tut – ihre Angehörigen tun – ich kann doch nicht als Bräutigam den ganzen Schweif von Menschen hinter mir her in dieses Haus schleppen ... Es war so still, daß man deutlich das Tacken der Rokokouhr vom Spiegelpfeiler her hörte. Sophie Neerlage strich sich, ohne ihn anzuschauen, über ihr Kleid, mit einer leichten, unwillkürlichen Bewegung der Ungeduld, als ob sie, wenn er nun nicht bald redete, aufstehen und sich entfernen würde. Wenn er ihr nun alles beichtete? Jetzt auf der Stelle? und sie erfuhr, daß er im Sommer, statt an die Ehe mit ihr zu denken, mit einer andern angefangen – dann schickte sie ihn fort. Und wenn sie es hinterher erfuhr, dann hatte er ihr etwas verschwiegen, was er ihr hätte sagen müssen, und die Verlobung ging in die Brüche. Es war zum Verzweifeln. Sie kam ihm nicht zu Hilfe. Sie überließ dies Äußerliche der Werbung ganz seiner Weltgewandtheit und Selbstsicherheit – zwei Dingen, an denen es ihm sonst wahrhaftig nicht fehlte. Sie schwieg und wartete. Nun schon viel zu lange Zeit. Der Zeiger der Uhr rückte vor – die Stimmung verflog – er mußte sich eilen – sonst war es zu spät – und eben wollte ei wieder anheben, zu sprechen, da tönten Stimmen – ganz nahe – zwei Herren kamen vom Salon her durch die Zimmerflucht und der eine sagte: »Na schön – wir können ja nachschlagen! aber ich wette mit Ihnen zehn gegen eins, daß ...« In diesem Augenblick sah er die beiden und trat schleunigst mit einem betroffen gemurmelten »O Pardon!« wieder von der Schwelle zurück. Aber Sophie Neerlage hatte sich schon erhoben und sagte freundlich: »Bitte ... bitte ... hier werden keine Geheimnisse verhandelt, Herr Geheimrat! Sie stören uns gar nicht! Lassen Sie sich ja nicht abhalten. Ich wollte ohnedies eben gehen! Guten Abend, meine Herren! Guten Abend, Herr von Wölsick!« Sie reichte allen dreien – den beiden Finanzgrößen, wie ihrem Freier – mit gleicher Liebenswürdigkeit die Hand und verschwand durch die Seitentüre, die sie leise, ihre Schleppe aufraffend, hinter sich schloß. Gleich darauf nahm der eine arglose alte Herr geschäftig einen Band des Konversationslexikons aus dem Schrank und sagte: »Im letzten Supplement müssen wir nachschauen ... so ... da ... da haben wir die argentinische Ausfuhrstatistik ganz genau.« Und Erich von Wölsick stand mitten im Zimmer und wußte anfangs gar nicht recht, was eigentlich geschehen war, und ging schließlich langsam hinüber in den Salon – auch eigentlich ohne einen bestimmten Zweck. Aber hier in der Bücherei hatte er jedenfalls nichts mehr zu suchen, das war ihm klar ... Die Zahl der Gäste, unter die er sich mengte, hatte sich schon verringert. Alle Augenblicke verlor sich einer unauffällig gegen die Eingangshalle hin. Auch Erich von Wölsicks blonder Tischnachbar sagte eben lächelnd zu einem Bekannten: »Reich mir die Hand, daß ich mich heimlich drücke ...« und versetzte dann unter dem Einfahrtstor, während er der Herbstkälte wegen sein weißes Cachenez zwischen Paletot und Hemdbrust schob: »Nun – Sie gehen auch schon, Herr von Wölsick?« »Ja,« erwiderte Erich von Wölsick kurz. Er hatte es plötzlich da drin nicht aushalten können. Stumm stand er neben dem ihm unbekannten und gleichgültigen Dr. Schmidt von Wildenwarth, und der winkte einer Droschke. »Ich muß schauen, daß ich heim komme! Meine fünf Tyrannen erwarten mich schon! So nenne ich immer meine Frau und meine vier Buben! Kutscher: nach dem Wannseebahnhof. Guten Abend!« Erich von Wölsick lüftete seinen Hut und ging dann allein seines Weges weiter, die Tiergartenstraße entlang. Er war zornig auf sich, zornig auf die Neerlages, zornig auf Jakobe Ansold, zornig auf die ganze Welt ... Er war in einer argen Aschermittwochstimmung – so unzufrieden mit sich wie noch nie und all des gleichmütigen, freundlichen Selbstgefühls beraubt, das sonst sein Begleiter im Dasein war. Ärgerlich schritt er dahin und schaute zum dunkeln, leise regenrieselnden Himmel auf. Und dachte an Hamlet: »So macht Gewissen Feige aus uns allen ...« und in der Stille der Nacht kam ein düsteres Erstaunen über ihn, daß das bei ihm, gerade bei ihm möglich sei! Er war bisher noch nie auf ernstlichen Widerstand im Leben gestoßen, alles hatte sich seinem Willen gefügt. Er tat, was ihm beliebte. Geschehenes verschwand. Und nun auf einmal – er schüttelte unruhig und fassungslos den Kopf – widerfuhr es auch ihm, daß seine Taten aufstanden und wider ihn zeugten ... IV Erich von Wölsick ritt auf dem Kurfürstendamm dahin. Um ihn dehnte sich die herbstliche Weite, bereifte Felder, verlassene Sportplätze, kahle Baustellen. Es hatte in der Nacht gefroren und Michael, der Kammerdiener, der jeden Morgen ganz früh in den Tiergarten hinüberging, um die Reitwege zu untersuchen, war mit der Meldung heimgekommen, der Boden sei zu hart. Nur Wetter für die Bahn. Aber sein Herr war doch hinaus ins Freie, gerade heute, und ließ da draußen, gegen den Grunewald zu, seinen Rappen in langem Galopp ausgreifen, den Wind um die Ohren, unter dem kalten Sprühregen zwinkernd, der ihm gerade ins Gesicht schlug. Die stürmische Bewegung belebte ihn. Er jagte ein, zwei Stunden durch die Schneisen der Kieferforst mit ihrem tausendfachen Schimmer vergilbter Stullenpapiere auf dem blanken Sand, und als er sich zur Rückkehr wandte, da hatte er wenigstens körperlich seinen Ärger von gestern abend ausgetobt. Aber der nagende innere Ingrimm blieb und wiederholte ihm beim Heimtraben immer aufs neue, förmlich im Takt der klappernden Hufe: hättest du Sophie Neerlage gestern abend kurz und bündig gefragt: ›ja oder nein?‹ – dann wärest du heute am Ziel! Und gegen dies Fait accompli kam nachträglich die Geschichte mit Jakobe Ansold nicht auf. Die Neerlages konnten nicht mehr zurück. Man hätte nur rücksichtslos und blindlings handeln und sie in diese Zwangslage bringen müssen. Und wie es seine Schwester gestern gesagt: allmählich schlug der Skandal seine kleinen Wellen von der Garnison bis nach Berlin. Es war nur eine Frage der Zeit, des Zufalls – einiger Wochen – vielleicht nur Tage. Ein anonymer Brief etwa war an Sophie Neerlage rasch von irgendwoher geschrieben. Er hatte Feinde genug. Sie auch. Dann natürlich war für ihn alles aus. Wenn überhaupt, so mußte sie die unglückliche Geschichte von ihm selber, mit seinen Worten, in seiner Beleuchtung erfahren. Er hatte, während er heimkehrte und sich umzog, ein nervöses Zittern, nicht noch mehr zu verderben, als er schon getan. Das bisherige ließ sich vielleicht noch gut machen, wenn er in den sauren Apfel biß und rückhaltslos beichtete. Es kam darauf an, wie sie es auffaßte. Aber jetzt, wo er Zeit zum Überlegen gehabt, standen ihm andere Erklärungen und Wendungen zu Gebot als gestern in der jähen Bestürzung. Er überzeugte sie schließlich schon. Das traute er sich doch noch zu. Aber wenn, dann mußte es rasch geschehen. Begangene Fehler durfte man nicht alt werden lassen. Und gegen Mittag entschloß er sich kurz und verließ im Besuchsanzug und bei dem klaren Wetter zu Fuß das Haus. Man frühstückte bei Neerlages um ein Uhr und blieb hinterher noch eine Weile sitzen, bis gegen halb drei Uhr der Hausherr nach der Bank und die beiden Damen meist bald hinterher zu Besorgungen in die Stadt oder sonstwohin ausfuhren. Wenn man also bald nach Zwei erschien, konnte man mit ziemlicher Sicherheit als naher Bekannter darauf rechnen, vorgelassen zu werden, und in der Tat nahm der Diener Erich von Wölsicks Karte wie etwas Selbstverständliches in Empfang, um sie hineinzutragen. Aber nach kurzem kam er etwas verlegen zurück. Er hatte sich geirrt. Die Damen waren nicht mehr zu Hause. Das konnte ja auch wahr sein. Erich von Wölsick zuckte die Achseln, sagte: »Bestellen Sie, daß ich mir morgen noch einmal die Ehre geben werde,« und ging quer durch den Tiergarten heim. Am großen Stern drehte er sich noch einmal nach dem Neerlageschen Hause um, das man zwischen den kahlen Bäumen deutlich sah. Eben fuhr ein geschlossenes Coups aus seinem Portal und kam im raschen Trab die Hofjägerallee entlang und an ihm vorbei. Er erkannte hinter den Scheiben Sophie Neerlage. Sie saß neben ihrer Mutter und sah gleichmütig vor sich hin, ohne ihn zu bemerken, und er schaute ihr nach und wußte jetzt, daß sie nur für ihn nicht zu Hause gewesen war ... In unbehaglichster Stimmung, den Kopf gegen seine Gewohnheit zu Boden gesenkt, kehrte er in seine Wohnung zurück. Er sagte sich zu seiner eigenen Beruhigung, daß das doch nur ein vorübergehender Unmut bei Sophie Neerlage sein könne – er hätte sich auch geärgert, an ihrer Stelle! – das gab er zu – aber sie war doch ein zu kühl überlegender Mensch und wußte zu genau, was sie wollte, als daß sie sich auf die Dauer dadurch in ihren Entschlüssen hätte beirren lassen. Das war ein Strohfeuer des Zorns. Man mußte warten, bis es von selber wieder abflackerte. Aber jeder Tag bedeutete vielleicht, wie die Dinge lagen, einen nie wieder einzubringenden Zeitverlust. Der Gedanke ließ ihm keine Ruhe. Und am dritten Morgen setzte er sich entschlossen hin und schrieb an Sophie Neerlage: »Ich komme mit einer Bitte. Gewähren Sie mir recht bald die Möglichkeit, mich mit Ihnen über manches, für mich unendlich Wichtiges, aussprechen zu dürfen! Ich habe die beschämende Empfindung, neulich die günstige, mir dafür gebotene Gelegenheit durch mein Ungeschick versäumt zu haben, aus Gründen, die ich nur mündlich erklären darf – und die ernst genug sind. Ich möchte versuchen, daß Sie ein besseres Bild von mir bekommen, als es jetzt vielleicht der Fall ist. Ich habe Ihnen so viel zu sagen – oder zu gestehen! Also bitte, erfüllen Sie meinen inständigen Wunsch ...« Beinahe postwendend kam die Antwort. Sie war kurz und lautete, auf ein taubengraues, englisches Kärtchen gekritzelt: »Mit Vergnügen, lieber Herr von Wölsick, bin ich morgen nachmittag nach vier Uhr für Sie zu Hause. Vielleicht trinken Sie dann mit Mama und mir Tee. Ihre ergebene Sophie Neerlage.« Tiefsinnig sah Erich von Wölsick auf das kleine Blatt. Was darauf stand, war beinahe zu freundlich, zu liebenswürdig entgegenkommend. Das war doch sonst nicht ihre Art. Am wenigsten in solch einem Fall, wo sie die Verzeihende und Gewährende war. Es klang wie kaum hörbarer Spott zwischen den paar Zeilen. Ein dumpfes Mißtrauen quälte ihn. Stellte man ihm da eine Falle? Was half's! Er mußte hineintreten. Er war nun einmal so weit, daß ihm gar keine Wahl blieb. Und vielleicht hieß das ja doch wirklich nur, daß er willkommen war. Sie hatte sich ein paar Tage über ihn geärgert – nun war das wieder gut ... alles konnte sich noch zum Besten wenden. Er hatte freilich, während er sich auf den Weg machte, einen äußerst unbehaglichen Vorgeschmack der Beichte, die ihm auf den Lippen lag. Er fühlte sich dadurch gedemütigt, ganz ohne die frühere Siegerstimmung. Eine Spannfeder war in ihm gebrochen. Er war nicht mehr der alte. Er war unsicher. Sein Herz klopfte, als er auf den Knopf am Gartengitter des Neerlageschen Hauses drückte und die Türe geräuschlos aufsprang. Sophie Neerlage empfing ihn in dem kleinen, als eine runde Glaskuppel hinten angebauten Wintergarten. Da saß sie unter den Palmen und Araukarien in einem Strohsessel, ein englisches Buch im Schoß, reichte ihm freundlich, so als sei gar nichts vorgefallen, die Hand und ließ ihn sich gegenüber Platz nehmen. Es war ziemlich kühl in dem gläsernen Kasten. Man sah den Atem in der feuchten Luft. Eine tiefe Stille herrschte ringsum. Diesmal wollte Erich von Wölsick nicht lange zögern, aber ehe er recht zu Worte kam, sagte sie leichthin, nach den ersten einleitenden Phrasen der Begrüßung: »Ach ... ich möchte Sie gerne gleich was fragen, Herr von Wölsick, ehe ich's wieder vergesse! Sie kennen doch meinen Vetter Fredrichsen aus Hamburg – den kleinen Taugenichts?« »Ja, gewiß, gnädiges Fräulein!« sagte er etwas verwundert. Diesen jungen Fredrichsen kannte jeder. Er war eine stehende Erscheinung unter den Linden, in den Moderestaurants, in den Proszeniumslogen der Premieren und auf den Rennplätzen. Für Erich von Wölsick war seine Art ein Greuel, so sehr er sich bemühte, selber eine Tochter aus einem reichen bürgerlichen Hause heimzuführen, so wenig liebte er Söhne aus diesem Kreise von Fredrichsenschem Schlag – diese jungen blasierten Swells, die sich in den mitternächtigen Spielklubs an allerhand verjeutem oder sonst brüchig gewordenem Adel rieben, ihn sklavisch nachahmten und taten, als gehörten sie zu ihm, obwohl sie es selber gar nicht glaubten. Aber wie kam Sophie Neerlage jetzt auf diesen total gleichgültigen, verbummelten Vetter? Sie lächelte und fuhr fort: »Ich hab' ihm nämlich dieser Tage einmal gründlich den Kopf gewaschen, für all das dumme Zeug, das er, wenn er sich einmal bei uns zeigt, von seinen Bakkarat- und Quinzefreunden mitbringt und hier auskramt! ... Da spielte er nun die beleidigte Unschuld, es sei alles wahr! Er sei ein ernsthafter Mensch, – eine Entdeckung, die vor ihm noch keiner gemacht hat! – und werde sich hüten mit derlei zu spaßen! Nun – und da ich ihm ja schließlich auch nicht unrecht tun wollte, dachte ich, es ist am besten, ich frage Sie selber, wenn wir uns mal wieder sehen ...« »Also handelt es sich um mich?« frug Erich von Wölsick. Er fühlte, wie das Herzklopfen, das ihn seit dem Betreten des Hauses nicht verlassen hatte, plötzlich viel stärker einsetzte. Irgendwie war da Gefahr im Anzug ... »Ja. Sie übten doch den Sommer bei dem Dragonerregiment nah' von Ihrem Gut ...? Ich hatte den Eindruck, Sie täten's diesmal dort und nicht in Berlin, um einmal gründlich aus allem herauszukommen und sich ungestört allerhand durch den Kopf gehen zu lassen, wozu man hier, in dem ewigen Treiben und Hetzen nie die Ruhe findet ... nicht wahr?« Er bejahte stumm. Natürlich war das so zwischen ihnen verstanden, daß dieser Sommer ihnen beiden eine Prüfungszeit, eine Vorbereitung für ihre Ehe bedeuten sollte, wenn sie es auch nie ausgesprochen hatten – und sie redete lebhaft, in einer glatten und heiteren Art, weiter: »Von diesem Regiment ist jetzt ein junger Leutnant nach Berlin kommandiert ... auf ein Kommando ... tip ... oder top ... ich hab's nicht recht verstanden ...« »Tippkommando! Das ist die Ausbildung im Telegraphendienst!« sagte Erich von Wölsick. Seine Stimme klang trocken und belegt. Nun wußte er schon, was kam ... »Schön! dieser Leutnant traf nachts im Klub mit meinem Vetter zusammen. Diesen letzteren neckten die anderen Herren mit Ihnen, irgendwie ...« »Irgendwie ..! Einfach, daß ich seine Cousine heiraten solle ... Das wissen sie ja doch alle längst ...« dachte sich Erich von Wölsick, und sie fuhr fort: »Dadurch kam die Rede auf Sie. Da ergab sich, daß der Dragoner, dies junge Kind, Sie bewunderte! Ihr Majorat, Ihre Reisen, Ihr Verkehr in Berlin, Ihr Wissen und Wesen! Und endlich flüsterte der kleine Kerl noch ganz naiv, mit weit aufgerissenen Augen: ›Und die hübscheste Frau der Garnison ist wegen ihm von ihrem Mann weg und nach Berlin! ... Er nannte auch den Namen: eine Frau Hauptmann Ansold, geborene Freiin von Dolmar ...« Erich von Wölsick schwieg. Und Sophie Neerlage fuhr mit unveränderter Liebenswürdigkeit fort. »Sie begreifen, daß ich ihm da tüchtig über den Mund fuhr. Was sollen denn solch alberne Zwischenträgereien? Damit kommt er bloß einmal in des Teufels Küche. Das wollt' ich eben verhüten und Sie bitten, ihm seine dummen Geschichten, die er auch meinen Eltern erzählt hat, nachzusehen! ... Es ist ja natürlich doch kein Wort davon wahr?« Ein rascher forschender Blick flog dabei aus ihren kühlen graublauen Augen zu ihm herüber. Er hielt ihn aus. Aber er erwiderte nichts. Und sie wiederholte, weniger mit Ungeduld als mit einem verbindlichen und überlegenen Spott: »Nehmen Sie mir's nicht übel ... es geht mich ja wirklich gar nichts an ... es ist nur Gerechtigkeitsgefühl gegen meinen Vetter ... er hat die Sache aufgebracht – und wenn er auch das schwarze Schaf der Familie und an Strafpredigten gewöhnt ist ... er ging sehr gekränkt fort, der kleine Mann ... hinterher tat er mir beinahe leid ... falls doch etwas daran wahr wäre ... Eigentlich sagt man ja solche Dinge doch nur, wenn man sie ganz genau weiß ...?« Es trat eine Pause ein. Durch die Portiere, die den Wintergarten von den Wohnräumen trennte, hörte man aus der Ferne das Lachen von Damenstimmen. Endlich sagte Sophie Neerlage, immer mit derselben höflichen Ruhe: »Ja ... etwas müssen Sie mir aber doch wohl antworten, Herr von Wölsick? ... oder habe ich nach Ihrer Meinung gar kein Recht darauf?« »Doch ... gewiß ... Sie allein ...!« »Und soll ich mir also denken, daß keine Antwort auch eine Antwort ist?« Und Erich von Wölsick ging es durch den Kopf: sie weiß doch schon alles! Es gibt also nur noch eine Rettung: die volle Offenheit! – und so versetzte er entschlossen: »So schwer es mir fällt, ich muß sagen: ja! es ist so gewesen.« Und nun wollte er sie gar nicht zu Worte kommen lassen, sie mit seinem Geständnis überschütten, sie versichern, daß es nur ein Zwischenspiel gewesen war – die Leere einiger Tage und Wochen – ein Abenteuer, das gar nichts mit ihnen beiden gemein und erst hinterher die von ihm nicht geahnten Folgen gewonnen hatte – wenn er ihr das recht eindringlich vortrug, dann brach er der Gefahr die Spitze ab – dann mußte sie ihm glauben – sie war doch unter seinem Einfluß ... sonst hätte er sie doch nicht so weit gebracht, wie sie noch vor wenigen Tagen gewesen ... aber zu seinem Schrecken stand Sophie Neerlage sehr rasch auf und sagte lächelnd: »Da hat mein Vetter, der Schlingel, also wirklich einmal unverdient gebüßt! Na ... es schadet nichts! es kommt bei ihm auf ein andermal. Er hat genug auf dem Kerbholz. Wenn es Ihnen recht ist, Herr von Wölsick, gehen wir jetzt zum Tee hinüber! Mama erwartet uns schon!« Ohne seine Antwort abzuwarten, machte sie die paar Schütte über den Kies des Wintergartens und schlug die Portiere zurück. Er erwiderte nichts. Er war zu erbittert. Jetzt erwachte auch sein Stolz gegen, über diesem brüsken Abbruch des Gesprächs. Stumm schritt er hinter ihr her durch ein paar leere Gemächer. Er hoffte jetzt nur noch, daß er beim Tee, und sei es in Gegenwart der Mutter, eine Gelegenheit finden würde, zu sprechen. Er nahm sich einfach eine. Sofort. Darauf kam es ihm jetzt nicht mehr an. Aber zu seinem Ärger war der ganze kleine Salon voll Damen. Ihrer vier oder fünf saßen mit ihren Tassen und Tellerchen von Sandwiches und Cakes und Petits-fours herum – lauter Verwandte und gute Bekannte des Hauses, und er mußte zwischen ihnen Platz nehmen und das Geschwätz über Toiletten und Theater und Gesellschaften mit anhören, während er vor Zorn und Ungeduld bebte und Sophie Neerlage ihm, leichthin mit ihm und den anderen plaudernd, Tee eingoß. Sie konnte sich verstellen – das mußte man ihr lassen! Er vermochte es nicht. So bald als es die Schicklichkeit nur irgend gestattete, erhob er sich, nahm Abschied und hatte, als das Gartengitter wieder geräuschlos hinter ihm zuklappte, die Sicherheit: so! das ist der Abschluß! für immer! ... Er war in fassungslosem Erstaunen ... ihn schickte man heim – ganz einfach – spielend – ohne eine große Sache daraus zu machen! Darin hatte sie Übung. Das merkte man. Aber er war derlei nicht gewohnt! Er drehte sich um und warf einen finsteren Blick nach der Richtung, wo hinter den kahlen Stämmen der Berliner Westen lag, mit seinem Glanz, seinem Reichtum, seiner Arbeit ... da hätte er nun auch seinen Anteil daran gehabt, das Ziel erreicht, dem er seit Jahren zustrebte, wenn nicht im entscheidenden Augenblick in einem fernen märkischen Nest eine kleine Offiziersfrau eine Fahrkarte zweiter Klasse genommen hätte und damit nach Berlin gereist wäre. Es war lächerlich, über welche Nichtigkeiten im Leben man stolperte. Er hätte am liebsten Michael sofort seine Koffer packen lassen, um irgendwohin, nach Paris, nach dem Süden zu gehen! Aber er durfte ja jetzt nicht von der Hauptstadt fort! Das hätte ausgesehen, als wollte er sich der Verantwortung entziehen, die Jakobe Ansolds Mann von ihm verlangen konnte. Und wenn er blieb, konnte er sich kaum mehr irgendwo zeigen. Gerade den wesentlichsten Teil seines Verkehrs hier, den in der Hochfinanz, mußte er meiden. Es redete sich zu rasch herum, daß er in irgend einer Form von Sophie Neerlage einen Korb bekommen, und sie selber, in ihrem kühl lächelnden Gleichmut, tat gewiß nichts, um solchen Gerüchten zu widersprechen. Freilich: Berlin war groß und lebte schnell und vergaß von einem Tag zum andern. Und es gab reiche Mädchen in diesem Kreise noch mehr, die im nächsten Winter, wenn diese ganzen Geschichten aus der Erinnerung geschwunden, bereit waren, ihm ihre Hand zu reichen! Er mußte nur ernstlich wollen. Aber daran fehlte es ihm jetzt. Sein Selbstbewußtsein gegenüber dieser Welt war zu sehr erschüttert! Oder zu rege geworden! Bisher hatte er sich insgeheim, in seinem Hochmut, doch immer als den Gebenden betrachtet, der seine Persönlichkeit, seinen Namen in ein bürgerliches Haus trug. Jetzt hat man ihm da ganz schlicht und höflich zu verstehen gegeben: Es geht auch ebensogut ohne dich! – und das verwand sein Stolz nicht – das vergaß er nie! Einer zweiten solchen Demütigung setzte er sich nicht aus ... Und am wenigsten, wo man so gar keine Vergeltung üben konnte. Mit einem Manne war das immer noch einfacher: man forderte ihn schließlich. Aber gegen eine Frau war man wehrlos. Die konnte mit einem tun und lassen, was sie wollte. Und so sann er vergeblich in seinem verletzten Selbstgefühl immer weiter nach: wie fange ich es nur an, um Sophie Neerlage vor aller Welt zu zeigen, daß ich mir nichts, aber auch gar nichts aus ihrer Ablehnung mache? und fand keine Antwort und grübelte sich immer mehr in eine ohnmächtige Wut hinein. Er dachte dabei viel an seinen Schwager. Der Geheimrat hatte ihn oft genug vor diesem gefährlichen Kopfsprung in die Hochfinanz hinein gewarnt und gesagt: »Du hast dafür zu viel Geld und Ehrgeiz! Mag ein Leutnant, ein Landjunker sich in Gottes Namen eine reiche Bürgerliche nehmen – er führt sie in seine Welt – aufs Gut, ins Regiment – da ist er der Stärkere und kann seinem Schwiegervater nebst Anhang die Zunge 'rausstrecken, wenn er will! Dich aber führt deine Zukünftige in ihre Welt – du verlierst den Boden unter den Füßen – in kurzem bist du einfach der eingeheiratete Schwiegersohn der Charlottenburger Bank und wirst von der Familie Neerlage dementsprechend behandelt!« Und ein anderes Mal hatte Herr von Teichardt vor ihm gestanden, riesengroß und breitschultrig, und sich mit der Hand auf sein rötlich über dem Hemdkragen wuchtendes Genick geklopft und gesprochen: »Ich habe keinen Groschen!« – das war freilich eine Übertreibung – »trotzdem, den Nacken beug' ich nur vor dem Minister und vor Seiner Majestät, aber vor keinem Millionenschulze in Berlin oder sonstwo auf der Welt! Warum? Ich hab's nicht nötig, Erich – und du noch viel weniger!« Er hatte recht, zehnmal recht! Erich von Wölsick erkannte es jetzt erst nachträglich an und wiederholte es sich grimmig in diesen Tagen auf einsamen Spaziergängen im Tiergarten – denn er vermied es, sich unter Menschen zu zeigen – er schämte sich geradezu seines Mißgeschicks. Und als er in dieser Stimmung gegen Ende der Woche seinem Hause zuschritt, sah er zu seinem Erstaunen das Neerlagesche Coupé davorstehen. Er traute seinen Augen nicht. Sollte wirklich Sophie Neerlage mit ihrer Mutter dann sitzen, um vom Wagen aus irgend eine Bestellung für ihn zu hinterlassen – Es war kaum möglich – und doch – sein Herz pochte – ein Anflug von Kampf- und Siegesstimmung überlief ihn bei allem Zweifel. Und da erschien auf der Schwelle der Generalkonsul Neerlage und sagte zu dem Diener hinter ihm: »Ah ... eben kommt ja Ihr Herr gerade! Schönen guten Tag, Herr von Wölsick! Ich sprach mal auf dem Weg zur Bank bei Ihnen vor! Darf ich Sie fünf Minuten in Anspruch nehmen? Ja? ... Sehr gütig ... hierherein? ... schön! ... übrigens, famos sind Sie eingerichtet, Verehrtester – das muß Ihnen der Neid lassen ...« Der alte Neerlage war klein und dick. Er sah mit der mächtigen Glatze und dem runden weißen Vollbart nach gar nicht viel aus. Und doch imponierte er dem anderen immer ein wenig. Um die kurze gedrungene Nase herum und um die starken weißen Brauen, die seine goldene Brille überbuschten, hatte er einen Zug gewalttätiger Energie. Er war berühmt wegen seiner Rücksichtslosigkeit in den Generalversammlungen, wenn er opponierenden Aktionären die Zähne zeigte, und hatte überhaupt eine merkwürdig einfache Art, mit Menschen und Dingen umzuspringen. »Die verkehrte Welt,« sagte er, sich setzend. »Eine Zigarre? ... Nicht zu schwer? Danke! Ja! ... Sie gehen spazieren und wir Alten müssen schuften. Ja, lachen Sie nur! Seien Sie mal erst siebzehnfaches Aufsichtsrats-Mitglied wie ich – darunter zehnmal Präsident – das heißt der Packesel fürs Ganze! ... Natürlich ... Sie denken: nun klagt der auch noch, der alte Tantiemenschlucker! ... Wenn Sie wüßten, was wir vom Aufsichtsrat bei manchen Geschäften zuschustern müssen, um den Kurs halbwegs zu halten – New Jork ist seit gestern auch wieder ganz flau ... na ... das nur nebenbei! ... Ich bin in einer anderen Angelegenheit gekommen.« Der Generalkonsul Neerlage sprach ungezwungen, mit einer schallenden Stimme, während er die kleinen durchdringenden Augen fest auf sein Gegenüber richtete. »Ich möchte ganz offen reden! ... das ist doch das gescheiteste ... nicht wahr, Herr von Wölsick? ... Wir sind doch Männer und unter uns ... da brauchen wir uns nicht erst in lange Unkosten mit Gemüt und Lenz und Liebe zu stürzen, wie wenn die Damen dabei wären, sondern sehen die Sache gleich praktisch an. Also rund heraus: ich bin recht ungehalten auf Sie!« »Ich könnte es umgekehrt auch sein, Herr Generalkonsul!« »So? Na – Sie denken wohl auch: ›Bescheidenheit ist eine Tugend für andere!‹ Bitte ... fahren Sie nicht so auf ... gewöhnen Sie sich nur an meine Sprechweise – damit kommen wir am weitesten! ... sehen Sie: ich habe Sie in meinem Hause verkehren lassen – so, daß jedermann wußte, ich würde schließlich nicht abgeneigt sein, Sie ... na, Sie verstehen mich schon! Und Sie gaben ebenso deutlich zu erkennen, daß Sie diese Absicht hatten, und Sie hatten diese Absicht wahrscheinlich neulich nachmittag auch ausgeführt, wenn meine Tochter Ihnen Gelegenheit dazu gelassen hätte ...« »Jawohl!« »Ja, aber hören Sie mal, Herr von Wölsick! das ist doch zu bunt!« der kleine Generalkonsul sprang erregt auf und legte die Zigarre weg. »Das geht doch übers Bohnenlied! Was denken Sie sich denn eigentlich? Da haben Sie nun diese Geschichte am Wickel ... ich bin ein vielbeschäftigter Mensch, ich habe jetzt erst von dem allen gehört ... gewiß, gewiß ... Sie sind ein junger Mann – da will ich weiter nichts sagen! Aber diese Sachen ordnet man, damit ist man fertig, ehe man ... ich brauche Ihnen nicht erst zu versichern, daß meine Tochter keine Ahnung hat, daß ich hier bei Ihnen bin und überhaupt noch einmal mit Ihnen darüber rede – sie hätte es nie geduldet – sie braucht es ja auch nie zu wissen – aber daß sie auf das tiefste verletzt ist, und mit Recht – das dürfen Sie mir glauben ... und mich ärgert's erst recht. Sie wären mir eine schätzenswerte Kraft gewesen ...ich hatte schon im Stillen auf Sie gerechnet – ja zum Kuckuck – warum machen Sie denn jetzt auf einmal solche Dummheiten ...?« »Herr Generalkonsul!« »Verzeihen Sie ... das fuhr mir nur so im Eifer heraus! ... Sie sind gar nicht dumm, deswegen misse ich Sie ja so ungern ... wenn Sie mir nicht so ungemein sympathisch wären, so wäre ich doch nicht so grob ... es ist ja weiß Gott ungewöhnlich genug, daß wir da beisammen sitzen und über derlei reden. Aber ich bin immer für den kürzesten Weg, solange eine Geschichte noch überhaupt irgendwie in Ordnung zu bringen ist ...« »Wenn ich nur wüßte, wie ich das anfangen soll!« versetzte Erich von Wölsick kalt, innerlich voll Zorn über die brutale Bonhommie des andern. »Na ... ich verstehe nicht, daß man einem Mann von Welt wie Ihnen das erst noch sagen muß: lösen Sie Ihre Beziehungen zu dieser Dame – aber völlig ... bis auf den Nullpunkt und für immer ... und dann ...« »Ich habe keine Beziehungen zu dieser Dame!« »Wa–s?« Der alte Neerlage riß die Augen auf. »Wer ist denn dann eigentlich verrückt von uns allen? Mir erzählt man, Sie seien ...« »Ich habe diese Dame seit letztem Sommer nicht gesehen – nicht gesprochen – ihr nicht geschrieben – bin in keinem Verkehr mit ihr – will es auch nicht – daß sie hier in Berlin sich aufhält, kann ich nicht ändern. Aber ich habe nichts damit zu tun ... Das versichere ich Ihnen! ... Ja ... Glauben Sie mir etwa nicht?« »Ne!« sagte der Generalkonsul mit dem Ausdruck tiefster Überzeugung. Er schien in all seinem Ärger beinahe belustigt durch die Naivität des andern, der solch eine Harmlosigkeit ihm zumutete. »Aber es ist wahr ...« »Ach wo!« »Also gut: ich gebe Ihnen mein Ehrenwort darauf ...« Der alte Herr blinzelte ihn an und sandte eine Havannawolke in die Luft. Er sah jetzt listig und gemütlich aus – so sehr erheiterte ihn der Eifer des jungen Mannes. »Wenn ich nun noch den geringsten Zweifel äußere, dann schlagen Sie mich tot!« sagte er. »Das müssen Sie ja wohl als Kavalier! ich bin in solchen Kavalierdingen zu wenig bewandert – ich weiß nicht, was da den Vorrang hat: das Ehrenwort oder die Diskretion gegen die Dame ... aber in Gottes Namen ... ich glaube es!« »Sie dürfen es wahrhaftig.« »Schön!« der Generalkonsul lächelte. »Und nun kann ich mich in Kastans Panoptikum ausstellen lassen als der einzige Mensch in Berlin, der das wirklich glaubt! ... Das versichere ich nun wieder Ihnen, mein lieber Herr von Wölsick ... und was vermag ich allein gegen drei Millionen? Die Mehrheit hat recht!« »Bitte, bleiben Sie ernst!« »Ne – es ist mein Ernst! ... mit unseren Zeitgenossen müssen wir rechnen, Leute, die in der Öffentlichkeit stehen, wie ich, erst recht. Also, Herr von Wölsick, ich komme immer wieder zu dem Schluß: machen Sie ein gründliches Ende mit der Geschichte ...« »Aber wie denn, um Gottes willen?« »Das ist Ihre Sache! ... endigen Sie diese Beziehungen, die nach Ihren Worten ja nur scheinbare sind – und wenn Sie sich dann da glücklich 'rausgewickelt haben und ein bißchen Zeit verstrichen ist ...« Der Generalkonsul hatte sich erhoben, nahm seinen Zylinder und klopfte den andern vertraulich auf die Schulter ... »dann wollen wir sehen ... verstehen Sie ... Sie finden an mir dann keinen Unmenschen! Und meine Tochter ist schließlich auch kein Backfisch mehr, sondern hat einen Begriff vom Leben und – na ... das müssen wir ja nun alles der Zukunft überlassen! ... meine Bedingung ist nur: weiße Weste, Herr von Wölsick, weiße Weste! ich bitte Sie: ein Mann wie Sie – neulich wieder Ihr Artikel über die englische Silberpolitik hat mir sehr gefallen – beschäftigen Sie sich doch damit und nicht mit den Weibern! Ist viel gescheiter! also nichts für ungut! Herrgott ... ich muß in die Sitzung ...« Der Generalkonsul sah auf die Uhr, wickelte sich eilig in seinen Pelz und machte, daß er zu seinem Wagen kam. Erich von Wölsick hatte ihn bis zur Flurtür begleitet. Nun stand er am Fenster und sah mit verbissenem Ingrimm den davonrollenden Gummirädern nach. Wer war denn er und wer waren diese Leute, daß man sich herausnahm, ihn so zu behandeln! Was fiel dem alten Neerlage, diesem Knoten, ein, ihm hier in seinen eigenen vier Wänden seine breite rote Hand auf die Achsel zu legen, ihn, die Zigarre schief im Mundwinkel, herunterzumachen wie einen jungen Mann aus dem Geschäft, der seine Schuldigkeit nicht getan? Wahrhaftig – der Kerl ahnte gar nicht, hatte offenbar nie geahnt, wen er vor sich hatte: einen Edelmann von ältestem märkischen Blut – einen Majoratsbesitzer, der von den Fenstern seines Schlosses kaum die Grenzen seiner Felder und Wälder übersah ... pah ... Erich von Wölsick nickte mit einem kalten Lächeln. Die konnten lange warten, bis sie ihn wiedersahen! Er hatte genug! selbst wenn man ihn dort schließlich in Gnaden aufnahm, seine Stellung in der Familie Neerlage wäre von vornherein gebrochen, unhaltbar gewesen. Nein – wollte der Alte einen Schuhputzer zum Schwiegersohn, so konnte er ihn sich anderswo suchen! Und Jakobe Ansold ... Erich von Wölsick ging im Zimmer auf und nieder und wunderte sich. Er dachte auf einmal an sie ohne Groll, der bei ihm jetzt ganz auf die Neerlages abgelenkt war. Es war ein rechter Schwabenstreich von dem alten Fuchs gewesen – von derlei verstand er eben nicht so viel wie von den Kursen – jetzt gerade, wo sein Widerspruchsgeist ohnedies schon wach war, die Erinnerungen an Jakobe Ansold, an den Sommer in ihm zu wecken – an diese seltsamen halbvergessenen Wochen – diese verträumten und vertändelten heißen blauen Sommertage draußen im märkischen Sand – der große See – der Schatten der hohen Buchen am Tor – die niederen Häuser am Markt – ferne Kavalleriesignale aus der Kaserne – Pferdegetrappel – Kasinogeschwätz – und diese ganze Langeweile belebt durch ein Paar große dunkelblaue Augen ... zwei dunkelblaue Augen überall – er sah sie jetzt deutlich wieder vor sich, während er auf dem Diwan saß und aus den Dampfwolken der Zigarette durchsichtig geballte Berge und Täler in der stillen Luft des Zimmers baute – Luftschlösser, die sich leise lösten – und eine leichte Wehmut beschlich ihn, daß das alles im Leben doch so vergänglich sei und Trübsal das Ende ... Nun, wo man ihn so gereizt und mit Absicht darauf gebracht, spielte er mit der Vorstellung von Jakobe Ansold. Es war doch seltsam, daß sie so nahe von ihm in Berlin war– das Schicksal fügte derlei so wunderlich. Was tat sie nur eigentlich hier – den ganzen lieben langen Tag? Die Schule? darin konnte er sie sich gar nicht denken, mit ihrer verhaltenen heißen Lebenslust, ihrem stürmischen Temperament, dessen jähes Aufflackern ihn in diesem Sommer mehr belustigt als erschreckt hatte. Er kannte sie eben doch nicht aus. Es war mehr in ihr, als er gesehen – Rätsel der Seele – Ungelöstes – leidenschaftlich Suchendes – weiß Gott, hätte er es geahnt, er wäre von vornherein vorsichtiger gewesen. Jetzt ertappte er sich plötzlich auf einer unheimlichen Neugier, sie wiederzusehen! Das war der Rückschlag seiner Erlebnisse bei den Neerlages – und mehr – ein unklarer Widerstreit von Gefühlen – von neuem Zorn auf sie und eigenem schlechten Gewissen, von verträumter Liebelei von einst und ein bißchen Mitleid, ein bißchen Reue – es fiel ihm ein, daß es ja den Mörder auch oft in die Nähe seines Opfers zurückzog – und dann zuckte er die Achseln und sagte sich: was sind das für lächerliche Anwandlungen und Vergleiche! Ich bin kein Mörder! – Und gleich hinterher: du hast doch vieles in ihr gemordet! sonst wäre sie nicht hier! Am meisten beunruhigte ihn, daß sie so still da irgendwo draußen in einer Straße im Südwesten saß, die Hände im Schoß, daß sie so gar nichts von ihm wollte. Offenbar hatte sie ihren Plan. Sie wartete geduldig. Wartete auf ihn. Wenn die Zeit da war, müsse er ihr kommen. Sie zog ihn langsam an sich. Der alte Neerlage hatte ihm ja auch geraten, einmal zu ihr hinzugehen und mit ihr vernünftig zu sprechen. Aber das war Unsinn! Erich von Wölsick stand auf und sagte sich aus seinen Überlegungen heraus entschlossen: Nein! Man durfte diesen Verlockungen nicht nachgehen. Wohin führte denn das? doch nur dazu, daß er die Verantwortung für alle weiteren Folgen ihres Schrittes, von dem er doch nichts geahnt hatte, übernahm. Das sah dann doch so aus, als hätte er diesen Schritt von vornherein gekannt und gebilligt – als wären sie immer durchaus einig darin gewesen – und das Ende: er wurde Jakobe Ansold, wenn er ihr jetzt den kleinen Finger gab, überhaupt nicht mehr los. Plötzlich schien ihm, daß es wohl am vernünftigsten wäre, er ginge jetzt vorerst auf einige Zeit nach Sommerwerk und sähe auf dem Gut nach dem Rechten. Ja – das wollte er tun! Das zerstreute ihn. Das war doch besser als die Tatlosigkeit hier. Aber gleich darauf erinnerte er sich, daß ja doch im Städtchen der Hauptmann Ansold war! In dessen unmittelbare Nähe konnte er doch nicht sich begeben – überhaupt nicht in dies ganze Geklatsche hinein! Wie er sich auch regen wollte, wo er auch hin wollte, was er vornahm, überall stieß er irgendwie auf Hindernisse, war sein Weg wie mit Brettern verschlagen. Überall stand Jakobe Ansold und hob die Hand: ›Bis hierher und nicht weiter!‹ Zum Überfluß erhielt er noch am nächsten Tag ein Schreiben seiner Mutter aus Sommerwerk, das ihn erbitterte – umsomehr, als sie sonst kaum miteinander im Briefwechsel waren. Ihr ganzer Verkehr ging für gewöhnlich durch Frau von Teichardt, seine Schwester. »Mein lieber Sohn!« schrieb sie. »Ich kenne Dich und habe mich daher in der peinlichen Angelegenheit mit Frau Ansold, die ja bei uns alle Gemüter beschäftigt, zuerst im Vertrauen an Helme gewendet. Sie teilte mir mit, daß Du ihre Vorstellungen im allgemeinen freundlicher und geduldiger aufgenommen hast, als es sonst in solchen Fällen Deine Art ist, und das gibt mir in meiner Sorge den Mut, nun noch einmal unmittelbar zu Dir selber zu sprechen. »Mein lieber Erich ... verplempere Dich nicht! das ist ein unschöner trivialer Ausdruck für eine triviale Sache, die auch nicht schön ist. Ich finde keinen andern, der so genau das ausdrückt, was ich sagen will. Hier im Lande glaubt man allgemein, daß Frau Ansold auf Deinen Rat und Antrieb das Haus ihres Mannes verlassen hat – und viele – darunter gerade die, die Dir am besten wollen und Dich entschuldigen möchten, fügen hinzu, Du würdest Frau Ansold, sobald sie geschieden ist, heiraten! Der Eindruck, den Helme von ihrer Unterredung mit Dir hatte, bestätigt das freilich nicht. Im Gegenteil. Aber hast Du ihr auch die volle Wahrheit gesagt? Man ist doch nicht gerne offenherzig in solchen Dingen, auch seinen Nächsten gegenüber nicht – und so werde ich die Angst nicht los, daß Du doch an diese Verbindung denkst. »Du mit Deinen Gaben, Deiner Persönlichkeit, Deiner Anwartschaft auf eine glänzende Laufbahn – Du wärst der erste nicht, der über ein solches Abenteuer zu Fall kam. Lieber Sohn ... es gibt so viele Dinge, die man nach zehn Jahren bereut, und der schuldige Teil ist dann nie der Kopf, immer das Herz! Eine Frau mit irgend einer Vergangenheit ist immer ein Hemmschuh im Leben für einen Mann – das sage ich als Frau – und am meisten für einen Mann wie Dich. »Ich bitte Dich: sei nicht taub gegen meine Warnung. Brich Deine Beziehungen zu Frau Ansold ab. Mache ein Ende, ehe es zu spät ist. Vielleicht entschließt sich die arme verblendete junge Frau dann doch noch, zu ihrem Mann zurückzukehren. Es wäre ein Segen für alle Teile. Bedenke, was auf dem Spiele steht – zerreiße die Bande, die Dich umfesseln! glaube mir: es ist für Dich und sie das beste und ...« Erich von Wölsick ließ das Blatt sinken und lachte zornig auf. Es war wahnsinnig, wie sie ihm zusetzten, mit etwas aufzuhören, das noch gar nicht begonnen hatte! Die übrigen hatten sich wenigstens nur in allgemeinen Redensarten bewegt, seine Mutter aber schrieb ihm da frank und frei: Du willst Jakobe Ansold heiraten! Auf diesen Gedanken war er selbst noch nie gekommen. Der verblüffte ihn. Der war ganz neu und klang dabei so selbstverständlich. Eine solche schroffe Herausforderung entsprach eigentlich durchaus seinem Wesen. Sie gefiel ihm, eben weil sie unmöglich und unausführbar war. Davon war er selbst vollkommen überzeugt. Aber eben deswegen konnte er voll eines spöttischen Behagens mit dieser Vorstellung spielen, sich ausmalen, wie es wirken – wie er den entsetzten Philistern zeigen würde: da seht, was ich tu' – ich, der Erbherr auf Sommerwerk und der unabhängigste Mensch unter Gottes Sonne! ihr habt mich so lange gepeinigt: Mach ein Ende! jetzt dreh' ich den Spieß um und mache einen Anfang ... Er dachte nicht ernstlich daran. Aber eben darum sagte er sich gegen Abend, er könne doch einmal unauffällig an dem Kritzingschen Hause vorbeigehen. Er wollte eigentlich nur sehen, wo Jakobe Ansold wohnte. Einen Zweck hatte das ja nicht. Das gab er sich selbst zu. Es war nur eine seltsame Wißbegierde. Straße und Nummer fand er leicht im Adreßbuch und fuhr statt in seinem Automobil mit der elektrischen Bahn, gegen die er sonst einen tiefen Abscheu hatte, im Gedränge auf der Plattform stehend, lange Zeit durch lärmende, lichterhellte, regenfeuchte Gassen und stieg dann ab und ging suchend seines Wegs, bis er vor einem dreistöckigen altmodischen Gebäude aus den siebziger Jahren stand, das genau so aussah wie alle andern, nur daß es in der Mitte ein großes offenes Portal und darüber die Inschrift: »von Kritzingsche höhere Mädchenschule« besaß. Der dahinter liegende Hof war jetzt am Abend leer und dunkel wie die meisten Fenster der Vorderfront. Der Wind pfiff um die Ecke, seine Sprühschauer rieselten hernieder, es war kalt und Erich von Wölsick frug sich in einem unbehaglichen Frösteln, das nicht nur der Novemberstimmung draußen, sondern auch einem plötzlichen Trübsinn in seinem Innern entsprang: was tue ich denn nur hier? ... was mache ich nur aus mir seit ein paar Tagen? Mit einer ungeduldigen Bewegung wandte er sich zum Gehen und schritt den Weg wieder zurück. Gleichgültiges Volk hastete im Dunkeln an ihm vorbei. Er beachtete es nicht. Er war hier in dieser Gegend, in die man von seinem Berlin sonst nie hinkam, wie in einer fremden Stadt. Und plötzlich sah er drüben, auf der anderen Seite der Straße, Jakobe Ansold. Seltsamerweise eigentlich ohne Erstaunen. Sie wohnte ja hier. Da war es natürlich, daß man ihr begegnete. So schien sich der jähe atemraubende Eindruck in seinem Verstande widerzuspiegeln. Er gab sich keine Rechenschaft darüber. Er stand und starrte nach ihr hin. Daß sie ihn bemerken würde, brauchte er nicht zu besorgen. Sie blickte, allein des Abends gehend, nicht rechts und nicht links. Aber mancher Vorübergehende wandte unwillkürlich den Kopf nach der auffallend schönen Frau. Und Erich von Wölsick selber empfand, wie viel schöner sie war, als er sie in der Erinnerung hatte. Sie trug einen dunklen, langen Wintermantel, unter dem ihre Gestalt ganz verschwand, und hielt das Haupt leicht nach vom gebeugt. Und er kannte ihren Gang – diesen flüchtigen und elastischen Schritt – und sah im Schein der Laterne über ihr das klassisch wie eine Gemme geschnittene Profil – genau so wie vor vier Monaten – und etwas schnürte ihm plötzlich das Herz zusammen. Er achtete nicht darauf, daß ein Laufbursche mit seinem Korb ihm in die Seite stieß. Er konnte sein Auge von Jakobe Ansold nicht trennen. Sie hatte vor einem Metzgerladen halt gemacht und war eingetreten. Innen wog ihr die Mamsell ein bißchen Aufschnitt ab, und er beobachtete das durch die Scheiben in einer Sturmflut widerstreitender Empfindungen, mit einem fieberhaft gespannten Interesse. Sie kam jetzt heraus und stieg in einen Grünkramkeller daneben hinab, wo die Leute sie schon kannten und freundlich grüßten, und erschien gleich wieder, zwei Orangen in der linken Hand, und schritt nun rasch, hinter dem aufgespannten Schirm gegen den Wind ankämpfend, ihrem Hause zu. Dort nahm das große, gähnend schwarze Portal sie förmlich gierig, wie es Erich von Wölsick dünkte, in Empfang. Es verschluckte sie geradezu in seine Finsternis hinein, und er stand unten und wartete, ob irgendwo ein Fenster sich erhelle. Jawohl – da – im dritten Stock – das zweite von der Ecke. Ein Vorhang war da herabgelassen. An ihm zeigte sich einen Augenblick der Schattenriß einer jungen Frau, die sich, nachdem sie den Hut abgenommen, ordnend mit der Hand über das Haar strich. Dann war nichts mehr zu bemerken. Aber Erich von Wölsick harrte noch geraume Zeit unten und ließ sich naß regnen, bis er endlich langsam, in tiefes Sinnen verloren, den Rückweg antrat. Daheim angekommen, verließ er an diesem Abend seine Räume nicht mehr. Er war in einer sonderbar benommenen Stimmung. Mit den Gedanken beharrlich bei Jakobe. Eine Art Schadenfreude oder Rachsucht nistete sich in ihm ein. Das wäre wahrhaftig ein Denkzettel für alle, die es anging, wenn er – er spann den Faden lieber nicht zu Ende. Er hatte jetzt schon ein bißchen Angst davor. Es war ein Spiel mit dem Feuer. Schließlich – und da zuckten die Flämmchen schon stärker auf – war Jakobe nicht schön? aus einem alten Adelsgeschlecht? die Tochter eines preußischen Generals? ließ sich nicht noch aus ihr so unendlich viel an Eleganz, an Klugheit, an Temperament entwickeln, was bisher in den engen Verhältnissen einer kleinen Hauptmannsfrau verkümmert war? War sie nicht eigentlich eine ungewöhnliche Natur und diese Tat – ihre Flucht von Mann und Herd, den Leuten zum Trotz, dafür der Beweis? Und stand nicht auch er über dem Durchschnitt und brauchte eine dem ebenbürtige Frau? Und sie wartete offenbar nur auf ihn! sie war ihrer Sache schon sicher. Sie kannte ihn besser als er selber. Und wenn er vor Jakobe Ansold trat, kam er nicht als Bittsteller. Da brauchte er keine Absage zu befürchten wie da drüben ... Wahrhaftig, seine Mutter wußte gar nicht, was sie getan! Sie hatte ihm da in aller Unschuld einen ganz guten Rat gegeben! Als er so weit war, schüttelte er, sich aufrichtend und mit der Hand sich über die Augen fahrend, den Kopf. Nun war es aber genug der Seifenblasen! Er rief seine Gedanken zurück, ehe die sich noch weiter in dies Land der Versuchung verirrten. Sonst wurden sie ihm schließlich noch ernsthaft gefährlich. Morgen würde er wieder einen klaren Kopf haben. In dieser Hoffnung legte er sich schlafen. Aber am nächsten Tage war die alte Unruhe noch da und am zweiten noch stärker – ein unbestimmter Drang, daß irgend etwas geschehen müsse, um ihn aus dieser ganzen verfahrenen Sachlage, in der er stak, herauszuhelfen. Aber natürlich – die Vernunft sprach dagegen – die Vernunft behielt recht. Das wußte er und deswegen fuhr er förmlich erbittert auf, als am Sonntag nachmittag sein Schwager, der Geheimrat von Teichardt, den er besuchte, gleich in den ersten Minuten, als sie ungestört im Rauchzimmer beisammen saßen, sagte: »Eigentlich habe ich ja eine heilige Scheu, mit dir darüber zu reden! Du fährst einem ja gleich mit ein paar Grobheiten in die Parade! aber ... du hättest um jeden Preis verhindern sollen, daß Frau Ansold hierherkam ...« »Wie konnte ich denn das? ich wußte es doch gar nicht ...« Der andere sah ihn zweifelnd an. Also auch der glaubte nicht, daß zwischen ihm und jener alles aus war! kein Mensch auf der weiten Welt glaubte es! Endlich versetzte er langsam: »Es gibt nun einmal Dinge, Erich, die nur in einem gewissen Zusammenhang in die Köpfe unserer lieben Zeitgenossen hineingehen. Darunter leidest du jetzt – wie du sagst unschuldig – aber du mußt etwas dagegen tun ...« »Ich kann sie doch nicht aus Berlin ausweisen lassen – um Gottes willen!« »Nein. Aber da sie um deinetwillen das getan hat, hast du Macht über sie. Nutze diese Macht! bitte sie, heimzukehren – zu ihrem und zu deinem Besten –« »Ich sehe sie doch nicht und spreche sie nicht!« »Geh zu ihr hin! sie wartet doch natürlich nur, daß du kommst! Und dann ... was hast du denn?« Der Geheimrat machte große Augen. Erich von Wölsick war plötzlich auflachend emporgesprungen. Er war ganz blaß vor Erregung und sagte: »Also auch du? wenn ihr nur wüßtet, was ihr mit eurer Vielgeschäftigkeit anrichtet ...« »Ich will nur dein Bestes! mach dich ganz frei, warte einige Monate, und dann geh bei uns auf die Brautschau! Draußen, unter den Töchtern des Landes! es gibt auf unsern märkischen Gütern noch Anne-Maries und Evas und Brigitten genug, die froh sind ...« »Und vorher soll ich zu Jakobe Ansold? Ihr hetzt einen ja geradezu in den Unsinn hinein! Als hätte sich die ganze Welt dazu verschworen! Es ist ein Chorus um einen ...« »Nein! es ist dein ewiger Widerspruchsgeist! Du mußt ja immer alles umgekehrt so machen, als es andere tun oder dir raten!« »Gleichviel was – ich mag es nicht hören! Ich habe es satt bis dahin!« Er machte eine Bewegung an den Hals. »Adieu!« Er verließ, ohne auf die Einwände des bestürzten Schwagers zu achten, das Haus und stürmte die Treppen hinab, und unten auf der Straße sagte er in blindem Grimm aufatmend zu sich: »Wahrhaftig – das ist ein Wink! Jetzt fahre ich gerade zu Jakobe Ansold ...« Er sprang in eine vorüberkommende Droschke und gab dem Kutscher die Adresse der Kritzingschen Schule. Erst, als er im Wagen saß und der sich in kurzem, oft stockendem Trab durch die verkehrsreichen Straßen der Friedrichstadt wand, kam er allmählich zur Besinnung. Und es erwachte ein ihm angeborener Instinkt, der eigenen ersten Erregung zu mißtrauen. Er ließ die Droschke immer noch weiterfahren – er hatte ja noch Zeit – aber je näher er sich dem Südwesten näherte, desto stärker wurde in ihm das Zögern, alles wie im Rausch auf eine Karte zu setzen. Es fiel ihm ein Sprichwort ein: »Rache ist ein Gericht, das kalt genossen werden muß!« und er gab plötzlich den Befehl, wieder umzukehren, nach dem Königsplatz zu. Daheim angekommen, war er zufrieden, daß er so getan! Aber es stürmte immer noch in ihm und er fühlte wohl, daß da Kräfte seiner Natur lebendig waren, gegen die sein Wille auf die Dauer wenig vermochte. So stand er am Fenster und schaute mit einem finsteren Lächeln hinaus in das kalte, winterlich trübe Berlin, und in einem Wirrwarr von Empfindungen ging es ihm durch den Kopf: ich dachte, ich hätte jetzt die größte Torheit meines Lebens glücklich hinter mir! Aber vielleicht steht sie mir noch bevor ... V Tage waren vergangen und Erich von Wölsick saß des Morgens gegen neun Uhr in seinem Arbeitszimmer und schrieb einen Brief. »Liebe Schwester! »Was ich heute Dir und Deinem Mann und durch Eure Vermittelung vor allem auch Mama als Antwort auf ihre neulichen Zeilen an mich mitzuteilen habe, wird Euch und manchem anderen überraschend kommen. Für mich aber ist es das Ergebnis einer sorgfältigen Selbstprüfung, die ich in diesen Tagen angestellt habe und die daraus hinausläuft, daß es das Schlimmste ist, etwas halb zu tun. Ein berühmter Gelehrter soll auf die Frage, wie er zu seinen Entdeckungen komme, geantwortet haben: ›ich sehe, welches der Ausgangspunkt aller anderen Leute ist, und beginne dann mit dem Gegenteil!‹ So ungefähr habe ich mir in meiner Lage gesagt: ich habe durch meine Schuld – oder wenigstens durch meine Fahrlässigkeit – eine Frau von Mann und Kind und Haus und Herd gebracht. Nun ruft mir alles in seltener Einmütigkeit zu: ›Schön, also mußt du nun diese Frau ganz elend machen und gleichgültig ihrem Schicksal überlassen!‹ Ich aber finde: Jetzt muß ich gerade als anständiger Mensch in Zukunft ihr Schicksal sein und ›B‹ sagen, nachdem ich ›A‹ gesagt hab'. »Und kurz und gut, liebe Helme, ich bin entschlossen, Jakobe Ansold zu heiraten, sobald ihre jetzige Ehe geschieden ist, und aus diesem Vorsatz nirgends ein Geheimnis zu machen. Erzähle es, wem Du willst! Je mehr Leuten, desto lieber ist es mir. »Du wirst natürlich im ersten Augenblick nur den einen Gedanken haben, daß da meine angeborene Eigenwilligkeit ihren Triumph über Eure Vernunft und Euer gutes Zureden feiert. Ich gebe zu, daß ich eine gewisse Herrschsucht besitze – daß es mir wenigstens schrecklich ist, wenn von verschiedenen Seiten, wie es in letzter Zeit geschehen, Eingriffe – und zum Teil recht rücksichtslose Eingriffe – in mein Leben förmlich über meinen Kopf weg erfolgt sind. Aber der wahre Grund liegt doch viel tiefer – liegt in mir selbst. Ich habe noch nicht mit Jakobe Ansold gesprochen, bis jetzt noch nicht. Aber die bloße Tatsache, daß ich den unwiderruflichen und unumstößlichen Entschluß, sie zu meiner Frau, zu machen, gefaßt habe, gibt mir eine von mir seit Wochen nicht gekannte Ruhe – und das wieder ist mir ein untrüglicher Beweis dafür, daß ich damit auf dem rechten Wege bin. Es ist ja eigentlich so einfach: man braucht bloß als anständiger Mensch zu handeln und alles ist gut. »Bisher kämpfte ich noch mit meinem Vorsatz. Weißt Du, warum? Weil ich fühlte, daß bei ihm Erbitterung und Rachsucht wegen gewisser anderer Vorfälle, die ich hier nicht berühren mag, eine zu große Rolle spielten. Vielleicht sind sie auch jetzt nicht ganz geschwunden – aber ich selber bin in diesen Tagen der Einkehr doch weit darüber hinausgewachsen. Ich habe mich zu mir zurückgefunden oder eigentlich zu meinem besseren ›Ich‹ und habe mir den kategorischen Imperativ zu eigen gemacht, der da lautet: ›Tu, was du mußt!‹ – und ich muß mit dieser unklaren, zweifelhaften Geschichte aufräumen – ich darf sie nicht hinter mir lassen und nachwirken lassen – um meiner selbst willen – sonst kriegt mein Dasein für immer einen Knacks! Sicher: ich habe in manchen Dingen ein äußerst robustes Gewissen! Aber dem steht das angeborene und anerzogene Ehrgefühl gegenüber. Wenn beide miteinander streiten, geht der Mensch immer zu Grunde. Also führt mein Weg auf der Linie, die Ehre und Gewissen vorschreiben – das heißt zu Jakobe Ansold. »Von ihr selber und ihren Vorzügen spreche ich Dir nicht, ehe ich nicht Deine Antwort habe und hoffen darf, daß sie an Dir in dieser schweren Übergangszeit etwas Schutz und Rückhalt finden möge. Deswegen schrieb ich Dir auch lieber, statt es mündlich mitzuteilen, damit Du mich nicht in Deiner Lebhaftigkeit vorzeitig unterbrichst. Ein zu früh und zu rasch hingeworfenes Wort ist so gefährlich. Es trennt oft Menschen, die es gar nicht nötig haben und einander nach wie vor so nahe stehen können wie zum Beispiel Du und Dein Bruder Erich. »Gruß an Deinen Mann. Schicke diesen Brief gleich an Mama.« Erich von Wölsick überlas das Schreiben und gab es dem Diener zur Besorgung in den Briefkasten. Hatte er nicht darin sich am Ende zu schön gefärbt? Er hatte ein leises Mißtrauen gegen sich. An den Wänden seines Arbeitszimmers waren große Regale. In denen standen viele Bände, darunter auch Schopenhauers Werke, die er als junger Mensch eifrig gelesen hatte. Jetzt hielt er längst nichts mehr von Philosophie, sondern interessierte sich lieber für den amerikanischen Weltmarkt und die deutsche Agrarfrage. Aber ein Wort des Frankfurter Weisen kam ihm in den Sinn, das lautete ungefähr: »Wir betrügen niemanden durch so feine Listen und Kunstgriffe wie uns selber!« – und er gestand sich: Wenn ich meine allerletzten Beweggründe prüfe, dann ist es schließlich am Ende doch das stolze Vergnügen, aller Welt ins Gesicht zu schlagen und den Neerlages eine Antwort zu geben, die sie nie vergessen. Und doch war es das nicht allein! Woher kam denn die weiche, träumerische Stimmung – die lächelnde Ruhe, in der er sich seit einigen Tagen befand? Doch nur daher, daß er allen Grund hatte, mit sich selbst zufrieden zu sein, weil er ein gutes Werk tat – ein doppelt verdienstliches, da viele Leute es ihm verdenken und nur eine, Jakobe Ansold, es ihm heiß und innig danken würde. Mit einer gewissen Rührung – so milde geworden war er durch all die seelischen Stürme – dachte er jetzt an das nahe Wiedersehen mit ihr – ihre ungläubigen, großen, blauen Augen, wenn er in das Zimmer trat – das erste Aufdämmern von Hoffnung und Freude in ihnen und dann der Strom von Tränen des Glücks – er war selbst ganz bewegt, wenn er sich das ausmalte – er war sich selber so neu in dieser doppelten Gestalt des Schuldigen und des Wohltäters zugleich – und daß er sich darin erst einleben mußte, das hatte bisher seinen Besuch bei Jakobe Ansold aufgeschoben. Er war so abergläubisch, wie es sehr kluge Menschen sein können. Er hatte von jeher den Instinkt, bei Ausführung eines wichtigen Entschlusses womöglich so lange zu warten, bis im letzten Augenblicke noch irgend ein unbedeutender Anstoß von außen, eine leise Mahnung des Schicksals kam. So ging er an diesem Vormittag durch die Friedrichstadt und dachte, wie oft, an Jakobes Mann, den Hauptmann Ansold, – und ob der ohne weiteres in die Scheidung einwilligen würde – er mußte schließlich unter diesen Umständen – was blieb ihm denn übrig? – er konnte doch als aktiver Offizier nicht seine Ehefrau in aller Ewigkeit irgendwo drüben in Berlin sitzen haben – langweilig waren ja alle diese Verhandlungen und Prozeßformalitäten – aber nicht zu ändern. Da sah Erich von Wölsick, in diese Betrachtungen verloren, vor sich eine Droschke, eine ganz gewöhnliche Gepäckdroschke vom Bahnhof. Sie hielt in einer Querader der Friedrichstraße vor einem kleinen Hotel garni, dessen Namen er, solange er nun doch schon in Berlin lebte, noch nie gelesen hatte. Ein untersetzter, gebräunter Herr zu Ende der Dreißig, in einem mausgrauen, für den Winter viel zu hellen Paletot, stieg aus und ließ seinen Koffer herunternehmen und Erich von Wölsick erkannte den Hauptmann Ansold. Er trat rasch um die Ecke, damit ihn der andere nicht sähe, und schlug die Richtung nach seinem Hause ein. Nun war die Lage klar. Jakobes Mann war noch einmal aus seiner Garnison gekommen, um eine Entscheidung herbeizuführen. Die suchte er erst bei ihr und dann, wenn sie auf ihrer Weigerung der Rückkehr beharrte, bei ihm. Er ließ sich vielleicht heute noch bei ihm melden oder schickte ihm einen seiner Schwäger, den Oberleutnant oder den Korvettenkapitän, oder seinen Schwiegervater, den General z. D. von Dolmar, als Unterhändler. Und wer von diesen Herren im bunten Rock auch kam, er kam mit einer Drohung. Einer Drohung in irgend einer Form. Und das, worauf sie schließlich immer hinauslief, war: »Sie haben meine Frau – oder meine Tochter – oder unsere Schwester – kompromittiert und ihre Ehe zerstört. Wollen Sie ihren Ruf wiederherstellen und sie als Geschiedene heiraten? Bitte Antwort! Ja oder nein!« Dann konnte er nicht mehr zu Jakobe. Das hätte dann so ausgesehen, als würde er durch Ansoldsche und Dolmarsche Pistolenläufe, die sich gespannten Hahns von rechts und links auf ihn richteten, zwangsweise zu ihr hingeführt. Was er tat, mußte er vorher und freiwillig tun. Und bald! Sofort! Jede Stunde war kostbar. Jede Minute! Wer stand ihm dafür, daß nicht im nächsten Augenblick der dumpfe Gongschlag der Flurklingel draußen einen unwillkommenen Besucher ankündigte? In Eile kleidete er sich mit Michaels Hilfe in einen schwarzen Besuchsanzug, dann stieg er in sein Automobil – jetzt war der Antrieb da, jetzt mußte es geschehen! – und fuhr bis zum Eingang der Straße, in der die Kritzingsche Schule lag. An der Ecke hieß er den Chauffeur warten und legte die kurze letzte Strecke zu Fuß zurück. Um ihn war das alltägliche Berliner Leben, nur in diesen altfränkischen Gegenden der Weltstadt weniger hastend und geräuschvoll als anderswo. Und er sah im Gehen diese Droschkenkutscher und Hausdiener, diese Frauen aus dem Volke in ihren Umschlagtüchern und Arbeiter in den Destillen und behaglich vor ihren Kramläden stehenden, kleinen Geschäftsleute mit einem unwillkürlichen Wohlwollen an. Er war jetzt in seiner alten Stimmung wie vor den Katastrophen, zu Beginn des Herbstes. Er hatte wieder das Bewußtsein freundlicher und gleichmäßiger Überlegenheit über Menschen und Dinge, das sonst sein Rückgrat gewesen. Er hing von niemanden mehr ab und hielt sein Geschick in eigener Hand und lenkte es, wie er es haben wollte, und daß er sich dabei noch großmütig und vornehm bis in die Fingerspitzen benahm, war das Beste, das, was ihn selber nachträglich immer wieder ein wenig verblüffte und weihevoll stimmte. Es hob ihn in seinen eigenen Augen, daß er in dieser entscheidendsten Wendung im Dasein eines Mannes nicht wie früher nur an sich, sondern auch an eine andere Menschenseele dachte, und die tröstete und aufrichtete und zu sich emporzog. Ob es wirklich solch ein Opfer war, eine so schöne und lebenswarme Frau wie Jakobe Ansold zu begehren? In ihm waren Erinnerungen an Stunden dieses Sommers, wo aus dem Getändel und Spiel mit dem Feuer mehr als einmal ein Funken auch auf ihn übergesprungen war. Ein Glück, daß seine Vernunft dann stets noch rechtzeitig ihren kalten Wasserstrahl zur Stelle hatte! Das war schon oft so gewesen. Deswegen hatte er nie eine Besorgnis empfunden. Darin konnte er sich auf sich verlassen, auch heute noch. Sein Herz ging mit ihm so wenig durch wie sein Kopf. Was er jetzt auf dem kurzen Weg zu Jakobe Ansold empfand, das war eine Mischung von Weichheit und Lächeln und Verlangen und Mitleid mit der armen, schönen jungen Frau, die nichts mehr auf der Welt hatte als ihn und für die er alles war. Das war ein angenehmes Gefühl, das gab Stolz und Ruhe. Er atmete nicht stärker als sonst, während er die Treppen zu der Kritzingschen Wohnung hinaufstieg, so sicher war er seiner selbst und seiner guten Sache. Aber der Druck auf den Klingelknopf brachte ihm gleich eine Enttäuschung. Frau Ansold war nicht hier, wie ihm das öffnende Mädchen mitteilte, sondern drüben im Hof, im Schulgebäude. Jetzt war es zwanzig Minuten nach elf. Vor Mittag kam sie nicht herüber! Und ihr seine Karte hinübersenden, damit sie jetzt gleich erschien – nein – das Mädchen lehnte das entschieden ab. Frau Ansold dürfe in den Dienststunden nicht gestört werden. Sie habe zu viel zu tun. Erich von Wölsick zuckte die Achseln. Er hatte sich Jakobes Tätigkeit nicht so ernsthaft gedacht – mehr als einen Vorwand, unter dem sie bei ihrer Freundin blieb. Er frug die Magd: »Wie lange ist denn die gnädige Frau jeden Tag da drüben?« »Frau Ansold? von acht bis zwölf und von zwei bis sechs – manchmal auch länger!« Er seufzte unwillkürlich. Acht Stunden täglich in dem düsteren Hinterbau, in dessen Hof kaum mehr die Sonne hinunterschien – das war ja kaum ein Leben mehr! Sein Mitleid mit Jakobe Ansold, die um seinetwillen soviel Mühsal ertrug, wuchs noch, während er dem Mädchen in das leere Wohnzimmer des Fräulein von Kritzing folgte. Da mußte er sich nun wohl oder übel fast dreiviertel Stunden gedulden. Ihm war unbehaglich in dem kleinen Raum. Der war so altjüngferlich – es roch förmlich darin nach Lavendel und Pfefferminz – der Kanarienvogel schmetterte – der Goldfisch schwamm in seiner Kugel – es gab eingerahmte Photographien an den Wänden und gehäkelte Schonerchen auf dem Sofa und so viel Nippzeug und Krimskrams überall, daß man sich kaum zu bewegen wagte. Er paßte nicht hierher, er paßte überhaupt nicht recht in eine höhere Mädchenschule, das sagte er sich mit einem Anflug von Verdruß, während er Platz nahm, und die Hände in den Taschen, die Beine ausgestreckt, untätig vor sich hinsah. Er hatte nicht einmal eine Zeitung bei sich, um zu lesen. So sprang er wieder auf und trat an das Fenster und schaute hinaus. Aber die Leute auf der Straße langweilten ihn jetzt. Diese Budiker und Laufburschen und Rollkutscher waren ihm zuwider. Die Minuten verstrichen in tödlicher Schwerfälligkeit und jede nahm ein Stück der freundlichen, siegessicheren Wärme, mit der er gekommen, mit sich. Es gab nichts Gefährlicheres für die Stimmung als eine derartige Geduldsprobe. Mißmutig ging er in dem kleinen Räume auf und nieder und zog immer wieder die Uhr zu Rate. Er empfand es fast als eine Kränkung, daß Jakobe Ansold, die doch von gar nichts wußte, ihn hier warten ließ. Und mehr und mehr verflog seine Ruhe und machte der Ungeduld des Harrens Platz. Da endlich erscholl vielfaches Kindergeschrei von unten herauf. Die ganze Straße war belebt von dem Schwarm der Kleinen, die aus dem Portal quollen und sich nach rechts und links verteilten und mit Geschwatze und Gekicher und Gelaufe verloren. Wieder war es eine Weile still. Dann knackte draußen leise ein Drücker im Schloß der Flurtüre und er vernahm, wie die Magd etwas sagte, und hinterher eine weiche, halblaute, umflorte Frauenstimme, bei deren Klang er zusammenzuckte: »Wer ist da? Der Herr Hauptmann?« Es schien, daß sie ihren Mann erwartete oder wenigstens auf dessen nochmaligen Besuch gefaßt war. Wieder murmelte das Mädchen einige Worte. Und dann hörte er nach kurzer Pause ein ruhiges: »Ach so ...! Es ist gut!« Er hatte seine Karte draußen gelassen. Sie wußte gewiß, wer hier war. Aber er hatte nicht die geringste Erregung aus ihrem Ton herausmerken können. Sie kam auch noch nicht. Seine unbestimmte Erwartung und Hoffnung, sie würde ihre Überraschung nicht bemeistern können, schnell die Tür öffnen, vor ihm stehen, wie sie ihm auch zürnte – erfüllte sich nicht. Sie machte sich noch zurecht, wie jede Dame, die mitten aus ihrer Tätigkeit heraus einen Besucher empfängt, und das Mädchen für alles steckte zum Überfluß auch noch den Kopf durch die Türe und meldete: »Frau Ansold läßt bitten, noch ein kleines Weilchen zu verziehen!« Er biß sich auf die Lippen. Dann ärgerte er sich wieder über sich selbst. Das war doch bisher alles ganz natürlich, aber es stimmte nicht zu dem Bilde, das er sich von ihrer beider Begegnung gemacht. Da war er der gewesen, der erschien und handelte und bestimmte – nicht der, den man hier in dem muffigen Stübchen warten und nervös gähnen ließ. Und da endlich gingen leise Schritte durch das Nebengemach, die Türe öffnete sich und Jakobe Ansold trat ein. Zum ersten Male sah er sie wieder von Angesicht zu Angesicht, denn ihr Bild neulich auf der Straße war doch nur wie ein Schatten der Nacht gewesen. Und sein Eindruck war ein neues Staunen, wie schön sie sei – schöner als all seine Erinnerung – und dann eine plötzliche Beruhigung vor sich selbst. Jetzt auf einmal begriff er sich und diesen Sommer. Wie er, der Kühle und Erfahrene, damals hatte so unbesonnen sein können, dies Rätsel hatte ihm nachträglich in seiner Reue und seinem Ärger gar nicht in den Kopf gewollt. Aber für diese Frau war man unbesonnen! Das sagte er sich und fühlte den leisen, atemraubenden Schauer ihrer Nähe. Er hatte sie sich blaß und abgehärmt gedacht. Das war sie gar nicht. Sie hatte ihre rosigen Farben von einst – das reiche aschblonde Haar war wie damals gewellt. Nur viel ruhiger schien sie ihm gegen früher. Anstatt des sommerlichen Weiß, in dem er sie fast stets gesehen, umschloß ein schwarzes Kleid ihre schlanke Gestalt. Sie erinnerte viel mehr an eine junge, ihre Trauer tragende Witwe, als an eine Frau, die sich von ihrem Mann aus Liebe zu einem anderen scheiden ließ. Und ihre dunkelblauen Augen ruhten so eigentümlich auf ihm, prüfend, förmlich fragend: Was suchst du hier? Was willst du noch von mir? ... daß davor der letzte Rest seiner Gottähnlichkeit verflog. Er hätte nun gleich reden sollen. Er wollte es auch. Aber er fand nicht die rechten Einleitungssätze. – Er konnte damit so viel verderben, weil er nicht einmal mehr zu ahnen vermochte, in welcher Stimmung sie eigentlich ihm gegenüber stand. Drum schwieg er. Nur die Hand streckte er halb aus, mit einem ernsten Blick, und diese Bewegung war wie eine stumme Bitte um Verzeihung. Jakobe Ansold tat, als ob sie seine Rechte nicht bemerkte. Sie wies auf einen Sessel und sagte: »Bitte, nehmen Sie Platz, Herr von Wölsick! Und entschuldigen Sie bitte das Warten! Ich hörte jetzt erst, daß Sie da seien.« Dann setzte sie sich ihm gegenüber auf einen ziemlich entfernt stehenden Stuhl, legte die Hände im Schoß übereinander und schaute ihn aufmerksam an. Von draußen, von der Küche her, hörte man das Poltern und Rasseln der Magd. Der Kanarienvogel sang. Sonst war es in dem Zimmer still. Und nach einigen Augenblicken frug Jakobe mit einer klaren Stimme: »Was haben Sie mir zu sagen, Herr von Wölsick?« »Viel ...« Sie schwieg. Er setzte gedämpft hinzu, sich etwas vorbeugend, ihr Auge suchend: »Darf ich ...?« Und während er das sagte, schien es ihm lächerlich, daß er sie erst noch um Erlaubnis bat! Er war doch der Herr der Sachlage. Noch einmal flackerte die Erlöserstimmung in ihm auf. Er war der Gebende. Das mußte sie schließlich auch einsehen. Aber sie tat nichts dergleichen, sondern versetzte nur: »Reden Sie, bitte, Herr von Wölsick!« Wieder sah er mit Staunen auf die junge Frau, die ihm aufrecht und ruhig gegenüber saß. Was wollte sie nur? Er hatte Anklagen erwartet, Tränen, Ausbrüche der Leidenschaft, wie das ihrem Charakter entsprach – oder auch heißen, dankerfüllten Jubel – alles – nur nicht diese unheimliche Kälte – die bei ihr – dazu kannte er sie zu genau – doch nur eine Maske war. Das reizte ihn. Er wollte wissen woran er war. Und so versetzte er knapper und rauher, als er selbst wünschte: »Vor allem eine Frage, liebe Freundin: Warum mußte ich erst nach Wochen, durch fremde Menschen, erfahren, daß Sie sich von Ihrem Mann getrennt haben? ...« »Warum sollte ich Ihnen das sagen? ...« Diese Gegenfrage verblüffte ihn. Endlich begann er leise und eindringlich, mit mehr Wärme in der Summe: »Jakobe – bin ich denn nicht der Erste dazu? ...« Ihre Lippen bewegten sich. Es war, als unterdrückte sie ein rasches: »Der Letzte!« Aber sie schüttelte nur den Kopf und er fuhr fort: »Habe ich denn nicht ein Anrecht darauf?« »Ich glaube, dies Anrecht hat niemand! Denn ich bin niemandem Rechenschaft darüber schuldig als meinem Mann. Und ihm ist sie geworden!« Und während er noch nach einer Erwiderung suchte, setzte sie, immer im selben gleichmäßigen Tonfall, hinzu: »Im übrigen – ich nehme an, daß Sie nicht gekommen sind, um mich auszufragen, sondern um mir etwas zu sagen, Herr von Wölsick ...« »Ich wollte Ihnen eben vor allem sagen, daß ich keine Ahnung von Ihrer Übersiedelung nach Berlin hatte! Sonst hätte ich nicht so lange auf mich warten lassen!« »Ob Sie mich jetzt aufsuchen oder ein paar Wochen früher oder später, Herr von Wölsick – das zähle ich Ihnen nicht nach. Die Unterredung, die wir jetzt miteinander haben, sind wir uns schuldig. Die mußte einmal sein. Aber wann, das ist gleichgültig.« »Für mich nicht. Denn bis dahin müssen Sie mich im Verdacht einer Härte, einer Gefühllosigkeit haben ...« Sie schlug die Augen auf und sah ihn fest an. Das verwirrte ihn. Er wich unwillkürlich ihrem Blick aus und fuhr fort: »Weiß Gott, Jakobe – wenn Sie mich verdammen, so ist das Ihr gutes Recht – so, wie ich Ihnen jetzt erscheine! Aber man soll niemanden ungehört verurteilen! Darum sitze ich hier ...« Und während er das aussprach, ärgerten ihn schon seine eigenen Worte. Sie drückten ihn herab – ohne Not. Er gab sich wie ein Angeschuldigter, der sich rechtfertigte, statt daß er als Gnadenspender, als Glücksbringer kam. Und so fügte er mit sonderbar trockener Kehle hinzu: »Sie müssen ja natürlich glauben, daß für mich das alles hinter mir lag – daß ich Sie vergessen hatte oder vergessen wollte – und doch habe ich immer an Sie gedacht – ich kam von Ihnen nicht los. Das hat mich ja gerade auf Reisen getrieben. Ich hatte sonst gar keinen Grund, auf einmal nach England zu gehen.« »Und ich glaubte, Sie wollten dort Moorhühner schießen!« Er machte eine ungeduldige Bewegung mit der Hand. »Das tat ich allerdings, das hängt doch gar nicht miteinander zusammen. Man kann doch nicht den ganzen Tag dasitzen und ... Wir wollen das alles doch ernst auffassen, Jakobe! Es ist doch wahrhaftig dazu angetan ... Es gibt doch nichts Ernsteres – für Sie und für mich ...« »Ja, reden Sie nur, Herr von Wölsick!« So sprach sie. Es klang ganz einfach. Aber in ihren Augen las er: Lüge, Lüge. Er wollte das nicht lesen. Der Zorn regte sich in ihm. Er war jetzt darauf verbissen, sein Ziel zu erreichen – und umso hartnäckiger, je weniger sie ihm entgegenkam. Er begriff sie nicht. Er sah sie scharf an. Es war keine Spur eines Lächelns auf ihrem ruhigen, schönen Gesicht, dessen zarter wie durchsichtiger Schimmer seine Farbe nicht verlor – nicht bleicher wurde und auch nicht röter, was er auch zu ihr sprach. Und doch fühlte er ihr Lächeln, nach jedem Satz aus seinem Munde – ein inneres Lächeln, durch das sie über dem stand, was er hier mit stockender Stimme vorbrachte. Das machte ihn ungeduldig. – Das machte ihn unsicher ... er richtete sich im Stuhl auf und sprach heftig: »Erinnern Sie sich, wie ich von Ihnen Abschied nahm, Jakobe?« Sie nickte nur. Einen Augenblick war die Stimmung von einst über ihnen beiden – der schwüle Sommerabend vor der kleinen Stadt – der Schatten der alten Linden – die grauen Hussitenmauern, das Knarren der Frösche im nahen See – blaßblau dämmernder Himmel über der märkischen Weite, für eine Sekunde war das da, nur für eine Sekunde, und er versetzte: »Daß ich nach diesem Abschied nichts mehr von mir hören ließ, und so lange im Ausland blieb, diese meine Haltung wäre unverantwortlich ... wenn sie eben das wäre, als was sie auf den ersten Blick erscheint. Denn da ist die Sache ganz einfach. Da wäre das alles für mich nichts gewesen, als die flüchtige Begegnung einiger Wochen – etwas, das man erlebt, weil es sich gerade bietet und rasch vergißt ...« Sie sah ihn aufmerksam an. Aber sie redete nichts und er beugte sich vor und sagte eindringlich, halblaut: »Ja – wenn es diese kleine Leidenschaft gewesen wäre, ein Strohfeuer, das aufflackert und nach kurzem wieder erlöscht – dann wäre nicht mehr viel zu erklären und noch weniger zu entschuldigen, dann wäre ich einfach ein Kerl, wie deren Dutzende herumlaufen und sich mit ihrem bißchen Gewissen, wenn sie je eins hatten, längst abgefunden haben. Aber es war viel mehr, Jakobe – es war zu viel! Zu groß!« Sie schwieg. »Ich will ganz ehrlich sein!« fuhr er fort, mit fester Stimme. Nun endlich brauchte er keine Beschönigung mehr. Es war wirklich so, wie er sagte: »Ich hatte die Absicht, das niederzukämpfen, was ich empfand. Ich glaubte sogar, ich müßte es. Das sei ich Ihnen schuldig. Sie waren nach außen hin in einer klaren und ruhigen Lebensstellung. Ich bildete mir ein, ich hätte kein Recht, Sie da herauszureißen – Sie in Zweifel zu stürzen – alles, was Ihnen bisher Halt gab, zu erschüttern. Mir erschien, da Sie nun einmal schon verheiratet waren, die schmerzhafte und doch schonende Kur eines Abschieds ohne Worte, für immer, als eine Notwendigkeit, für uns beide. Das war schwach! das war kleinherzig. Ich weiß es. Ich bereue es. Ich begreife es hinterher nicht mehr. Aber wirklich, das wurde mir erst allmählich klar, daß es Lagen im Leben gibt, wo man sich und den anderen nicht schonen darf, weil man es gar nicht kann ... wo man sich durchsetzen muß, im Stärksten, was in einem lebendig ist, gleichgültig gegen alles andere – und dieser Kampf zwischen diesen beiden Gewalten in mir, das sind die drei Monate gewesen, Jakobe, in denen ich nichts von mir hören ließ ...« »Das heißt, Sie hofften, ich würde mich allmählich wieder in die alte Lage finden und mich beruhigen, wenn auch nicht so rasch wie Sie!« sagte Jakobe Ansold. »Nein doch! Ich wiederhole Ihnen, ich habe damit gerungen ...« »Sie haben gar nicht gerungen, und waren nur nachträglich sehr erschrocken, als Sie auf einmal hörten, ich sei in Berlin.« Er biß zornig die Lippen zusammen. »Jakobe – ich weiß gar nicht, in welchem Tone Sie mir heute begegnen. Haben Sie doch Achtung vor meinen Worten wie ich vor den Ihren ...« »Ich habe noch gar nichts gesprochen!« Er stutzte einen Augenblick, dann fuhr er fort: »Und das, was Sie dann taten, das war in meiner seelischen Krisis der letzte Anstoß. Diese Erschütterung hat mir die Augen geöffnet und meinen Entschluß zur Reife gebracht ...« Sie unterbrach ihn: »... zu mir hierher zu kommen. Ja, da sind Sie. Aber wenn ich in den alten Verhältnissen geblieben wäre, dann also ...« »Auch dann hätte ich schließlich den Weg zu Ihnen gefunden!« »Nie!« sagte Jakobe Ansold. »Sie haben doch die beneidenswerte Fähigkeit, alles Unangenehme zu vergessen. heute übers Jahr würden Sie sich schon gar nicht mehr daran erinnert haben, daß da draußen irgendwo ein Mensch existiert, den Sie im Vorbeigehen geknickt haben. Mag der selber sehen, wie er zurecht kommt. Vielleicht richtet er sich ja auch wieder irgendwie halbwegs auf, und wenn nicht, ist es weiter auch kein Verlust. Es gibt ja so viele! Was liegt schließlich an einem – nicht wahr, Herr von Wölsick?« »Wenn Sie in dieser Art zu mir reden, Jakobe, können Sie keine Antwort von mir verlangen!« »Und doch versprachen Sie vorhin freiwillig, Sie wollten jetzt einmal ganz offen sein.« »Und ich sage Ihnen ganz offen: wie konnte ich denn wissen, daß Ihr Zusammentreffen mit mir von solch einschneidendem Einfluß auf Ihr ganzes Leben werden würde? Erst Ihre Tat hat mir das doch bewiesen!« »Herr von Wölsick – Sie waren doch nicht blind ... Wir sind doch beide keine Kinder.« »Natürlich habe ich bemerkt, daß sich in Ihnen eine Wandlung vollzog. Es war mir nur nicht bewußt, wie weit diese Wandlung ging – Ich dachte, es gäbe da auch wieder eine Umkehr oder wenigstens eine Grenze. Ich glaubte ...« Er brach ab und fuhr ruhiger fort: »Wer so schön ist, wie Sie, Jakobe, und so zu seinem Manne steht wie Sie, an den muß die Gelegenheit zu einer solchen Wandlung schon oft von außen herangetreten sein. Ich war nicht eitel genug, mir einzubilden, daß ich gerade erst von solch allmächtigem Einfluß auf Sie sein müßte. Ich war überzeugt, Sie hatten diesen Kampf schon hinter sich und hätten sich mit dem Gedanken an Ihre unglückliche Ehe ein für allemal abgefunden.« Sie nickte: »Gewiß! Ich habe ja auch darüber im Sommer mit Ihnen gesprochen, wie über alles, was irgendwie im Zusammenhang mit mir stand. Das erschien mir damals ganz natürlich, daß Sie alles von mir wissen mußten. Es war mir eine Wohltat, das bißchen Beichte. Eigentlich war ja auch nichts zu beichten. Es hätte mir in früheren Jahren freilich manchmal etwas gefährlich werden können, so wie ich war und wie gerade meine Nächsten mich nie sahen – ich wußte die Gefahr, – aber ich kannte auch das Gegenmittel. Für eine Frau in meiner Lage war das Kind die natürliche Schutzwehr. An der prallte so vieles ab. Hinter ihr fühlte man sich immer wieder geborgen. Die hat man mir vor einem Jahr genommen – und dann kamen Sie . Aber wann Sie auch gekommen wären, – ob damals oder schon früher – Ihre Wirkung auf mich wäre immer eine viel stärkere gewesen als irgend eine andere vorher!« – »Und meine Meinung war immer, diese Wirkung könne keine so tiefe sein! Denn sonst hätten Sie mich gehen heißen, als Sie anfingen, es gewahr zu werden ...« »Das hätte ich freilich sollen ... ehe es zu spät war! Das hab' ich mir selber oft genug gesagt. Aber ich wollte nicht. Ich konnte nicht mehr. Es war schon zu stark. Einmal wollte ich etwas vom Leben haben und Sie erleben – ganz! Ich hatte ja so gar nichts vom Leben – es war ja so leer in mir – ich bin ohne Nahrung, ohne Menschen geblieben, von Anfang an ... ich kannte ja gar nicht, was das heißt, sich von etwas erfüllen lassen, das einen durchdringt ... ändert ... reift ... zur Selbsterkenntnis bringt. Da bot mir das Schicksal eine Gelegenheit, ich möchte sagen, aufzuwachen – durch Sie! Nun, ich bin nicht vorbeigegangen! Ich hab' es getan! Und tät' es wieder! ...« »Gewiß, Jakobe –! aber wenn Sie sich nun beklagen ...« Ihre blauen Augen wurden noch größer als sonst, vor Erstaunen. »Worüber beklage ich mich denn? zu wem? Wer hat je ein Wort der Klage von mir gehört? Wollen Sie mir das nicht erklären, Herr von Wölsick ...« »Ich meinte nur ...« »Bitte, Sie sagten, ich klagte! Etwa meinem Vater? Meinen Geschwistern? Die sehe ich kaum in der Woche einmal! Oder Fräulein von Kritzing? ... Bei der jammere ich nicht, sondern tue meine Pflicht. Oder gar Ihnen? Herr von Wölsick – habe ich Sie gerufen? habe ich Ihnen je nur eine Zeile geschrieben, irgend etwas von Ihnen gewollt? Sie sind auf einmal freiwillig hier ins Zimmer getreten. Mein Wunsch war es nicht!« Die Türe öffnete sich. Das rundliche kleine Fräulein von Kritzing kam geschäftig und ahnungslos herein, um ein Päckchen rückständiges Schulgeld in ihrem Schreibtisch zu verschließen, und blieb beim Anblick des Besuchers betroffen stehen. Als Jakobe ihn vorstellte und seinen Namen nannte, wurde ihr freundliches Matronengesicht unter den weißen Löckchen ganz rot vor Aufregung und Schrecken. Sie machte eine kurze Verbeugung und zog sich, die Klinke vorsichtig wie in einem Krankenzimmer ins Schloß drückend, zurück. Jakobe war bei ihrem Kommen aufgesprungen. So stand sie plötzlich Erich von Wölsick gegenüber, der sich wieder gesetzt hatte, und lachte jäh auf. Sie konnte ihre Leidenschaft nicht mehr beherrschen. »Und alle, die zu mir kommen, wollen von mir dasselbe. Ich soll zurück. Es soll alles wieder so werden, wie es war. Wahrscheinlich sitzen auch Sie hier, um mir gut zuzureden! ... Jeder predigt mir Vernunft. Und daß ich unvernünftig sein muß , wenn ich nicht untergehen will, das versteht keiner! Höchstens Sie könnten es! denn Sie haben das alles in mir freigemacht! Wie ich da stehe, da bin ich Ihr Werk! Sie haben auf unseren Spaziergängen, in unseren Gesprächen Stein um Stein die Mauern abgebrochen, die um mich waren. Ich war nicht glücklich und Sie sagten: ›Aber du bist dazu geschaffen, glücklich zu sein‹. Ich war meinem Manne fremd und Sie sagten: ›Er verdient dich nicht‹. Ich litt unter meinem leeren Leben und Sie sagten: ›Dein Leben kommt erst!‹ ... Sie haben mich ganz angefüllt mit Trotz gegen mein Schicksal und meine Umgebung. Durch Sie ist in jenen Wochen eine fremde Macht über mich gekommen und hat mich über alles bisher hinausgehoben, – ich hatte einen Rausch von Freiheit ... ich lebte in einer einzigen atemlosen Ahnung von etwas übermenschlich Großem ... Unbekanntem ... das langsam heraufzog ... das mich mitnehmen sollte – hinaus aus allem fort ... und dann kam ein Sommerabend, Herr von Wölsick, und dann waren Sie weg ... und ich schlug die Augen auf und fand mich da, wo ich immer gewesen war, die letzten zehn Jahre, und um mich ging das Leben seinen Gang, als wäre nichts geschehen.« Er hatte sich langsam erhoben. Sie standen einander gegenüber und sie fuhr fort: »Und ich möchte nur das eine wissen, Herr von Wölsick, ob Sie in dieser Zeit darnach, als Sie, wie Sie behaupten, für sich und mich den Arzt der Seele spielten, während Sie drüben in England Rebhühner aus der Luft holten – ob Sie sich da wirklich klar gemacht haben, in welcher Verfassung Sie mich zurückgelassen haben. Ich glaube nicht, daß Sie es liebten, daran zu denken. Es war doch peinlich für Sie, sich das vorzustellen ... diese jammervolle Ernüchterung ... das Schleichende, Trostlose einer Selbsttäuschung, die man gar nicht begreift ... bei der man sich an den Kopf faßt und an sich selber irre wird und an allen Menschen und an unserem Herrgott im Himmel ...« »Jakobe – ich habe Ihnen schon gesagt, was die Gründe waren, die mich zwangen, vorläufig zu schweigen ...« »Und ich glaube Ihnen davon genau so viel wie Sie selber – nämlich Nichts! Nicht ein Wort! ... Das alles haben Sie sich nachträglich zurechtgelegt. Diese Spiegelfechterei gehört mit zu Ihrem Kondolenzbesuch bei mir, so gut wie Sie sich einen schwarzen Rock angezogen und die Krawatte geknüpft und die Handschuhe zugeknöpft haben. Ein Mann wie Sie erscheint immer tadellos vor einer Dame – das weiß ich! ... Und wenn ich jetzt zurückschaue, dann weiß ich auch ganz genau, was sich damals begeben hat: Ihre achtwöchige Dienstzeit war um – also war auch ich um! ... Bitte, lassen Sie mich jetzt ausreden, Herr von Wölsick – und Sie sagten sich höchstens im Coupé auf der Heimfahrt nach Berlin: ›Arme Frau ... aber schließlich, lieber Gott ... was soll man machen ...!« »Sie tun mir großes Unrecht, Jakobe! Ich habe es viel, viel schwerer empfunden!« Sie achtete gar nicht auf seine Worte. Ein Lächeln verächtlichen Stolzes glitt über ihr schönes Gesicht. »Ich stand ja freilich damals nicht so kühl über den Dingen, wie Sie, Herr von Wölsick. Ich besaß nicht Ihre geistige Freiheit, in jeder Sache gerade die Notwendigkeiten zu entdecken, die für Sie nützlich sind! Das ist ja Ihre Stärke. Sie sind ein Virtuose des Lebens! Und wir anderen dürfen glücklich sein, Ihnen zu dienen! Aber ich faßte es anders auf! Soll ich Ihnen sagen, was ich damals glaubte?« »Ich bitte Sie darum!« Er murmelte es und schaute dabei zu Boden. Sie warf mit einer jähen Bewegung den Kopf in den Nacken. »Ich sage es Ihnen ins Gesicht und scheue mich dessen nicht, mir ist es heilig – auch das, was ich damals dachte – auch die feierliche, andächtige Stimmung, aus der es mir kam. Die ersten acht Tage, als Sie weg waren, da war ich noch glücklich – da lachte ich innerlich, da ging ich wie eine heimliche Königin unter den Leuten, da dachte ich in meiner gläubigen Torheit nicht anders, als Sie seien nur zu Ihrer Mutter nach Sommerwerk gefahren und zu Ihrer Schwester nach Berlin – und zum Rechtsanwalt und hätten alles Nötige geordnet – und dann würden Sie zurückkommen und mir sagen: ›Lasse dich von deinem Manne scheiden und werde meine Frau ...‹« Es war eine kurze Stille, dann versetzte Erich von Wölsick: »Jakobe ... ich möchte jetzt ...« »Nein! Lassen Sie mich bis zu Ende reden – ohne Unterbrechung! Es soll nun alles heraus bis aufs Letzte! ... In jenen acht Tagen ging ich viel spazieren – in einer Traumstimmung – ganz allein für mich. Da begegnete mir einmal im Wäldchen vor der Stadt die Kommandeuse und lächelte, wie sie schon weiter wollte, so recht niederträchtig und sauersüß: ›Nun, Herr von Wölsick ist ja jetzt in England?‹ und ich nahm all mein Herz zusammen in beide Fäuste und verriet nichts und wurde nicht blaß und sagte nur: ›So?‹ – und die alte Spinne sagte: ›Ja! Seine Mutter erzählte es mir gestern – sie kam von Sommerwerk wegen Besorgungen – wir trafen uns im Laden. Er will ein Viertel- oder Halbjahr drüben bleiben!' Mit dem Giftstich ging sie und es war gut, daß das Wäldchen so dicht war und niemand hat sehen können, wie ich da im Gebüsch am Boden gelegen hab' und mir die Lippen blutig gebissen und die Grasbüschel mit den Händen ausgerissen und kaum hab' weinen können, sondern gestöhnt hab', wie ein wundes Tier. Dann bin ich endlich aufgestanden und hinunter bis an den Teich. Da war viel Schilf und das Wasser schlammig und kaum zwei Fuß tief, und wie ich da stand, fiel es mit gar nicht ein, mich Ihretwegen zu ertränken, Herr von Wölsick! das werd' ich nie tun. Dazu leb' ich viel zu gern, obwohl ich gar nichts vom Leben hab'! Ich bin umgedreht und in die Stadt zurückgegangen – wie es schon dämmerte, damit niemand meine Unordnung und mein versteinertes Gesicht sehen sollte. Ich war so erstaunt – so furchtbar erstaunt. Ich dachte immer noch, ich träumte. Und doch fühlte ich bei jedem Schritt: ich wurde wieder ein anderer Mensch – zum zweiten Male – und dies Mal erst, nach dieser Erfahrung, ganz ich selbst! ... »Von da ab war ich frei. Oder ich wurde es allmählich in nächster Zeit und fand mich ganz allein auf der weiten Welt. Das war kein Gefühl der Erlösung. Ich hatte nicht nur Sie verloren, nein, schon vorher war durch Sie das letzte innere Band zwischen meinem Mann und mir gerissen – nur war mir, als ob ich auch mein Kind begraben hätte – es war ja so weit weg – ich sah es ja fast nie – als ob ich keinen Vater, keine Geschwister, keine Freunde mehr hätte – niemanden, der mich verstand, wenn ich hätte reden wollen. Rings um mich war nur ein einziges großes Schweigen–das Schweigen, das von Ihnen kam ... – »Und ich änderte mich. In meiner Stellung zu meinem Mann. Sie wissen, daß ich ihn nie geliebt habe. Aber ich hatte mich an ihn gewöhnt, ich möchte sagen, wie an ein körperliches Leiden – es schmerzte mich jeden Tag, jede Minute mit tausend Kleinigkeiten – aber ich nahm es hin und dachte nicht mehr weiter darüber nach. Ich wußte ja, wie er war ... »Aber nun auf einmal, nachdem Sie mich aus allem herausgeführt und dann auf freiem Felde stehen gelassen hatten und weggegangen waren ... ich kann das kaum schildern, was das eigentlich in mir war ... es war ein plötzliches Entsetzen, eine Beschämung: du lebst in einem fremden Hause, mit einem fremden Menschen zusammen. Sie nennen ihn deinen Mann aber er ist dir fremd. Er weiß nichts von dir – du willst nichts von ihm – ihr seid von einander so weit entfernt, als lebtet ihr in zwei verschiedenen Weltteilen, und doch ist er dir ganz nah' und du bist sein Eigen. Es war, als fielen mir Schuppen von den Augen – wie beim Sündenfall ... es war, wie unter dem Baum der Erkenntnis ... ich fühlte: so darfst du nicht mehr weiter leben, und wenn man euch zehnmal getraut hat. Du verrätst damit dich selbst – du würdigst dich herunter! Was du erlebt hast, ist das Heiligste und Schmerzlichste, das soll dich adeln an Körper und Seele – dich lehren, nun gerade den Kopf hoch zu tragen – in deinem Unglück – und nicht, ihn wieder unter das alte Joch zu ducken – nein – nur fort ... nur fort ...« Sie verstummte, sie war etwas blaß geworden und atmete schwer. Nach einer Weile setzte sie hinzu: »Und wenn ich mir das alles auch nicht gesagt und klar gemacht hätte – es wäre ganz dasselbe gewesen: ich wäre doch weggegangen – dann eben blindlings – ohne Überlegung – aber geschehen wäre es ... ich mußte es tun ... es blieb mir gar keine Wahl ... Seit wir uns kennen gelernt haben, konnte ich einfach nicht mehr bei meinem Manne bleiben! ... Wie Sie sich dabei zu mir stellten, das war eine andere Sache. Die kam bei diesem Entschlüsse gar nicht in Betracht. Den habe ich gefaßt, für mich! ... Freilich unter Ihrer Nachwirkung auf mich. Sie sehen, ich leugne die Macht gar nicht, die Sie über mich ausgeübt haben – ich gestehe das ganz freimütig ein – ich beklage mich auch nicht mit einem Worte – dazu bin ich viel zu stolz, Herr von Wölsick! – im Gegenteil ... ich habe noch Grund, Ihnen zu danken! Ohne Sie hätte ich die Kraft, mich loszumachen, nie gefunden. Ich hätte mich bis an mein seliges Ende in der Verkrüppelung einer unglücklichen Ehe weiter geschleppt. Nun bin ich frei – wenn es auch weh getan hat ... sehr weh ... Aber wollen wir uns nicht wieder setzen? Wir stehen so im Zimmer umher. Das ist ja gar nicht nötig. Wir können doch in aller Ruhe miteinander reden ...« Sie bebte vor Aufregung am ganzen Körper, während sie das sagte und dabei gleichgültig zu lächeln versuchte. Es gelang ihren zuckenden Lippen nicht. Auch er war zu erregt, um zu sprechen. Ein paar Augenblicke saßen sie stumm einander gegenüber. Nur das Schmettern des Kanarienvogels im Raum unterbrach die Stille der kleinen, altjüngferlichen Stube. Jakobe stand auf und deckte ein Tuch über den Vogel. Als sie wieder zurückkam und Platz nahm, murmelte Erich von Wölsick, vor sich zu Boden schauend: »Und warum sind Sie da gerade nach Berlin, Jakobe? ...« »Weil man in der größten Stadt am leichtesten verschwindet und ein neues Leben anfängt ... Ich will doch arbeiten – oder vielmehr – ich will eigentlich nicht – es ist gar nicht so schön – aber ich muß. Denn ich habe kein Geld! ... Hier hab' ich Arbeit gefunden – Gott sei Dank!« »Aber das kann doch nicht immer so weiter gehen!« »Warum denn nicht? ...« »Nun – schon die Ihrigen werden vielleicht einmal Einspruch erheben ...« »Was für ein Recht haben sie denn dazu! Wer kann mir denn Vorschriften machen? Herr von Wölsick, begreifen Sie doch endlich, was Sie aus mir gemacht haben! Sie haben mich aufgeweckt! Die sechs Wochen zwischen uns – die waren für mich ein einziges, fortgesetztes: ›Steh auf und wandele.‹ Nun geh' ich meines Wegs geradeaus – unbeirrt – ohne rechts und links zu schauen – durch den Anstoß, den Sie mir gegeben haben – und weder Sie werden mich zurückhalten oder zur Umkehr zwingen noch sonst jemand ...« »Aber wohin führt der Weg!« »Nun – man schlägt sich durchs Leben, bis man einmal stirbt ...« »Aber für Sie, Jakobe ... gerade für Sie, ist doch solch ein Leben nichts! Es bietet Ihnen ja viel zu wenig ... es ist ja so grau in grau ...« »Ich habe längst gelernt, auf Glück im Leben zu verzichten, Herr von Wölsick! ... Schon seit zehn Jahren. Mir genügt, daß einmal etwas Großes in meinem Leben gewesen ist. Und das danke ich Ihnen! Sie werden nie einen Vorwurf von mir hören! Nur meine Ruhe will ich haben. Und darum ist das unser erstes und letztes Gespräch. Sie sollen wissen, woran Sie sind. Dann wollen wir uns nicht mehr sehen ...« »Ich hoffe nicht, Jakobe!« Sie hob den Kopf. »Es ist mir nicht nur meines Rufes wegen unmöglich, Herr von Wölsick – von dem hab' ich ja selbst ein gut Teil diesen Sommer mit offenen Augen für Sie geopfert – nein – in mir empört sich alles gegen den Gedanken, noch irgend welche Gnadenbrocken von Ihnen zugeworfen zu bekommen! Dazu bin ich viel zu gut! Dazu hab' ich viel zu viel Stolz, um Ihren Anblick jetzt noch zu ertragen!« »Ich meine es auch nicht so, Jakobe!« Es war ein tiefer Ernst in seiner Stimme. Sie sah flüchtig zu ihm hin und wieder weg. Er bemerkte, wie eine leise, verräterische Röte des Ahnens, des Verstehens dessen, was kommen sollte, ihre Wangen überlief und gleich darauf wieder einer bei ihr ganz ungewohnten, fast unheimlichen Blässe Platz machte. Er rückte sich auf seinem Stuhl zurecht und frug: »Sind Sie jetzt fertig mit dem, was Sie sagen wollten, Jakobe?« »Ja – ganz!« »Darf ich nun ein paar Worte von mir aus reden? ... über mich!« »Sie haben mir ja schon die Gründe Ihres Verhaltens dargelegt!« »Aber ich fürchte, Sie haben nicht alles geglaubt!« »Nicht ein Wort!« Er zuckte zusammen, dann versetzte er: »Sie sind schonungslos! Aber das gibt mir gerade das Recht, noch einmal das Wort zu erbitten. Ich will mich auch nicht wiederholen! Ich habe es nicht nötig. Ich habe Ihnen jetzt etwas ganz anderes, viel Größeres zu sagen. Und wenn ich es gesagt habe, werden Sie mir auch alles Frühere glauben ...« Sie hatte jetzt äußerlich ihre Ruhe wieder. Aber es klang doch gepreßt, als sie entgegnete: »Also bitte – ich höre!« Wieder gab es eine Störung. Die Dienstmagd klopfte. Nebenan wurde die Suppe kalt. Jakobe ging zur Türe. Er hörte, wie sie durch den Spalt auf ein Gemurmel draußen erwiderte: »Nein – es ist ganz gleich, Luise, ob ich heute Mittag esse oder nicht!« – dann setzte sie sich wieder hin – es waren immer zwei Schritte Entfernung zwischen ihren beiden Stühlen – und nun hub er an: »Ich weiß, Jakobe: ich bin ein Egoist ...« »Das ist auch meine Überzeugung, Herr von Wölsick!« »Oder vielmehr, ich war es bisher – Durch eine gewisse Naturnotwendigkeit mußte ich mich nach meinem Lebensgang von Kind auf dazu entwickeln ...« »Ich glaube, Herr von Wölsick, es liegt mehr im Menschen selber ...« »Aber die Verhältnisse bringen es zum Durchbruch. Bedenken Sie, was es heißt, von seinem dritten Lebensjahr ab nicht etwa Majoratserbe, nein, schon Majoratsbesitzer zu sein – der Mittelpunkt eines ganzen, weitverzweigten Geschlechts ... Mein Leben lang hat meine Eitelkeit sich darin gesonnt. Es ist ja an sich gewiß eine ganz behagliche Vorstellung, daß für einen selbst so ziemlich alle Rechte reserviert sind und für die anderen die Pflichten. In diesem Bewußtsein haben Sie mich erst erschüttert, Jakobe! ... Von da ab kam mir allmählich die Erkenntnis, daß der freieste Mensch auf der Welt auch der ärmste ist – daß wir uns an anderen bereichern müssen, um wir selbst zu werden. Das weiß sonst jeder. Man könnte sagen: ›Je weniger einer hat, desto lieber gibt er es her!‹ Mir hatte das Schicksal so viel gegeben, daß ich nichts hatte und es nicht einmal merkte. Vielleicht wäre ich mein Leben lang damit zufrieden gewesen – es bedurfte so starker und leidenschaftlicher, mein Tiefstes aufwühlender Empfindungen, wie sie in diesem Sommer ... ja – ich sehe Ihr Gesicht, Jakobe – ich sehe ein Lächeln darauf, das wirklich nicht zu dem Ernst dieses Augenblickes paßt ... Sie geben sich nicht die Mühe, Ihre Zweifel an meinen Worten zu verbergen ...?« »Nein.« »Und ich werde mir nicht die fruchtlose Mühe geben, Sie mit Worten überzeugen zu wollen. Daß das umsonst ist, das hab' ich schon einsehen müssen. Besser als alles Reden ist eine Tatsache, die keine andere Deutung mehr zuläßt. Und deswegen bin ich hier! Wissen Sie, wie ich es meine, Jakobe?« »Bitte – fragen Sie mich jetzt nicht, Herr von Wölsick, sondern sagen Sie, was Sie zu sagen haben ...« Er hatte jetzt, im Vorgefühl seiner triumphierenden Überraschung, seine Sicherheit völlig wiedergewonnen. Er sah ihr fest ins Auge. Sie hielt seinen Blick ruhig aus. Dann frug er: »Nach dem, was Sie mir gesagt haben, Jakobe, nehme ich an: Es ist Ihr fester Wille, sich von Ihrem Mann scheiden zu lassen!« »Ja, natürlich!« »Und hat er schon eingewilligt?« »Bisher noch nicht. Er hofft immer noch, ich komme zu ihm zurück!« »Und wenn nun etwas eintritt, was ihm diese Hoffnung durchaus und für immer nimmt – wird er dann seine Zustimmung zur Trennung geben?« »Es wird ihm schließlich überhaupt nichts anderes übrig bleiben. Ich nehme ja auch keine Unterstützung von ihm – das Kind bleibt im Kadettenkorps – es kostet ihn wirklich nur ein einfaches ›Ja‹ ...« »Und Sie kostet es auch nur ein Ja, Jakobe!« Er beugte sich mit einem ernsten, innigen Blick vor, um ihre Hand zu ergreifen. Sie zog sie scheu zurück. Dann stand sie langsam auf. Plötzlich war sie totenblaß geworden. Auch er hatte sich erhoben. Er machte einen Schritt auf sie zu. Sie standen einander dicht gegenüber. Und so sagte er einfach: »Jakobe – wenn Sie frei sind, dann, bitte ich Sie: werden Sie meine Frau ...« Sie erwiderte nichts. Er fuhr fort: »Und sagen Sie jetzt schon allen Leuten, frei und öffentlich, wie ich es auch tun werde, daß wir uns von heut' ab durch Gewissenspflicht, so wie sonst Verlobte, aneinander gebunden erachten, bis uns das Gesetz die Vereinigung gestattet ...« Es war eine lange, schwere Pause. Ihn befremdete ihr Schweigen. Stürmischen Jubel, aufjauchzende Dankbarkeit hatte er ja nicht mehr erwartet, seit er sie gesehen – aber wenigstens Tränen der Erschütterung, der Rührung, einen stummen Blick, in dem viel alter Schmerz und Verzeihung lag ... Aber nichts von alledem ... Sie blieb so ruhig, so kalt – so gefaßt, wenn sie auch sehr bleich war ... und endlich sprach er gedämpft: »Jakobe ... finden Sie denn kein Wort der Erwiderung?« Es kam kein Laut von ihren Lippen. »Sind Sie so bewegt? überrascht Sie das so? Aber weswegen sonst hätte ich wagen dürfen, hierher zu kommen?« »Sie konnten kommen, um mir zur Rückkehr nach Hause zuzureden. Um das abzuschneiden, sagte ich Ihnen gleich, wie ich zu meinem Manne stehe. Oder Sie wollten bloß unsere früheren Beziehungen fortsetzen. Dann hätte ich Ihnen die Türe gewiesen. Oder eben ... ich war auch auf dies dritte gefaßt, aber weitaus am wenigsten ... es ist am unwahrscheinlichsten für Sie ...« »Es ist nicht Wahrscheinlichkeit, sondern Wahrheit!« er breitete die Arme ein wenig aus, ein leichtes hoffendes Lächeln flog über sein Gesicht. »Hier stehe ich, Jakobe! ... und statt aller anderen Reue bitte ich Sie noch einmal, mit allem Ernst und aller Liebe: Werden Sie meine Frau ...« »Nein.« Er trat zwei Schritte zurück. Er traute seinen Ohren nicht. » Was sagen Sie, Jakobe?« »Nein!« Die junge Frau stand unbewegt vor ihm, die Arme ruhig herabhängen lassend, den Kopf etwas zurückgelegt. Um ihn tanzte das Zimmer. Das Blut hämmerte in seinen Schläfen. Er bezwang sich und sagte mit mühsamer Fassung: »Jakobe ... ich glaube, wir verstehen uns noch nicht. Sonst wäre Ihre Antwort nicht möglich! Ich komme und tue, was nur ein Mann vermag: Ich biete Ihnen meine Liebe, meinen Namen, mein Vermögen, meine gesellschaftliche Stellung ... ich führe Sie heraus aus den unklaren, kläglichen Verhältnissen, in denen Sie jetzt sind ... ich stehe neben Ihnen zum Schutz gegen jeden, der etwas gegen Sie sagen sollte – gegen jeden, Jakobe – und Ihre Antwort heißt: ›nein!‹ Ja, was wollen Sie denn noch?« »Nichts!« »Wieso – nichts?« »Ich will gar nichts von Ihnen, Herr von Wölsick! Ich habe das schon mehrfach gesagt.« »Und Sie weisen mich ab?« »Das tue ich!« »Aber Sie wissen nicht, was Sie damit tun!« »Ich sagte eben noch: ich war sogar auf Ihre Werbung gefaßt ... unter anderem und war von vornherein entschlossen, sie abzulehnen, wenn es dazu kommen sollte ...« »Aber warum denn nur, um Gottes willen? Das verstehe ich nicht!« »Weil Sie mich eben überhaupt nicht verstehen, Herr von Wölsick – ich hab' Ihnen zu erklären gesucht, daß ich von meinem Manne weg bin, weil mir solch eine Ehe ohne Liebe mit allem, was damit zusammenhängt, weit schlimmer, herabwürdigender, dem Gefühl widersprechender erschien, als den meisten von uns eine Liebe ohne Ehe! Alles habe ich daran gegeben, um mir meine Freiheit zu erringen und meinen Stolz dazu. Und nun, wo ich das habe nach Opfern, wie sie schwerer wahrhaftig kein Mensch bringen kann, nun soll ich beides wieder verleugnen und wieder zu einem Manne gehen, der mich nicht liebt ...?« »... der Sie nicht liebt? – aber um Gottes willen, Jakobe ... mein Antrag spricht doch für mich ... der beweist doch alles ... der löst doch jeden Zweifel ...« Sie schüttelte entschieden den Kopf. »Was Sie zu dem Antrag gebracht hat, weiß ich nicht. Ich will für Sie das Beste annehmen und glauben, daß sich das Gewissen in Ihnen geregt hat, daß Sie sich nachträglich dazu für verpflichtet halten! Das wird ein bißchen die Bitterkeit in meiner Erinnerung an Sie mildern. Oder ist es ein anderer Grund ... Vielleicht ... aber jedenfalls: Liebe ist es nicht!« »Und wenn ich Ihnen schwöre, Jakobe ...« »Dann schwören Sie falsch! Ich kenne Sie, Herr von Wölsick! Ich glaube Ihnen nicht ... Sie dachten wohl, das sei selbstverständlich, daß ich Ihnen aus diesem Stübchen hier in Ihr Schloß folge ... aber Sie täuschten sich darin. Sie täuschen sich überhaupt immer in mir. Das ist Ihr Verhängnis ...« Die Wut über ihre Weigerung, über den Spott in ihren Worten brach in ihm durch. Er schrie förmlich, unbekümmert, ob man es nebenan hörte ... »Und auf was warten Sie, Jakobe? Wollen Sie hier verkommen und verblühen – da drüben, drei Treppen hoch im Hinterhaus, Tag aus Tag ein im Bureau sitzen und Briefe schreiben, bis Ihr Haar grau wird? ...« »Lassen Sie das doch meine Sorge sein, Herr von Wölsick!« »Aber es ist doch Wahnsinn ... eine Frau wie Sie ... der alles draußen im Leben offen steht ... durch mich ...« »Ich lebe mein Leben! Ich will's nicht von Ihnen borgen!« »Aber was für eines! ... Wo ist denn da Raum für Glück ... für irgend etwas, um das es der Mühe wert ist, zu leben?« »Wenig. Aber ich bin wohl die Erste nicht, der es so geht. Und werde wohl nicht die Letzte sein!« Er machte noch einen Versuch. Er näherte sich ihr, ganz dicht, und sagte leise: »Jakobe ... bin ich Ihnen denn so ganz gleichgültig geworden ... seit dem Sommer ... so ganz wie jeder andere Mensch? Ich kann es nicht glauben ... und wenn Sie mich haßten, so würde ich es merken. Aber ich merke immer noch etwas anderes bei Ihnen, Jakobe, was ich gar nicht verdiene ... soll das nicht doch noch für mich sprechen?« Sie schwieg. »Oder täusche ich mich, Jakobe? Habe ich wirklich gar keine Macht mehr über Sie?« Nun hob sie den Kopf und nickte. »Sie haben eine Macht auf mich ausgeübt, tiefer als die aller anderen Menschen zusammen, die mir je in meinem Leben begegnet sind.« Und wieder versuchte er, ihre Hände zu ergreifen, und bat: »So überlassen Sie sich doch dem, was Sie fühlen, Jakobe ... Tun Sie es für sich und mich ... helfen Sie uns beiden ...« Sie legte die Arme auf den Rücken. Dann versetzte sie: »Ich habe es jetzt schon oft gesagt und komme immer wieder darauf zurück: stärker als alles ist mein Stolz! Es kommt überhaupt nicht darauf an, was meine Empfindungen sind – über die bin ich niemandem Rechenschaft schuldig, denn ich dränge mich niemandem auf – sondern, was Sie fühlen! Oder vielmehr nicht fühlen. Denn ich weiß es jetzt ganz genau, Herr von Wölsick, und habe es acht Tage nach unserer Trennung im Sommer gewußt: Sie haben mich nie geliebt ...« »Doch, Jakobe ...« »Nein! denn dann hätten Sie es nicht übers Herz bringen können, mich so zu behandeln, wie Sie mich behandelt haben ...« Er zuckte die Achseln. Der Grimm über ihren unerwarteten Widerstand wurde immer stärker in ihm, und er wiederholte heftig: »Doch, Jakobe! wenn ich Ihnen nun die heilige Versicherung gebe ...« Er brachte den Satz nicht zu Ende. Sie unterbrach ihn und sagte mit einer eigentümlichen Ruhe: »Gibt es eigentlich etwas auf der Welt, was Ihnen heilig ist, Herr von Wölsick – außer Ihnen selber natürlich?« Er überhörte absichtlich ihre letzten Worte. »Das ist eine sonderbare Frage an jemanden, der Edelmann und Offizier ist!« sagte er schroff. »Also könnten Sie wahrhaftig hier stehen und mir Ihr Ehrenwort darauf ablegen, daß Sie diesen Sommer nicht mit mir gespielt haben, weil Sie gerade nichts Besseres vorhatten? ... Sehen Sie, Herr von Wölsick ... dieser Bruchteil einer Sekunde, dies augenblickliche Stutzen hat Sie verraten. Sie brauchen doch ein bißchen Zeit zu dem Entschluß, Ihr Ehrenwort falsch abzugeben! Nun täten Sie's ja wahrscheinlich! Aber nun will ich es gar nicht mehr!« Er schwieg eine kurze Weile und sah finster vor sich hin. Endlich begann er: »Ich verzichte darauf, immer wieder über diesen Sommer mit Ihnen zu sprechen, Jakobe! wir verstehen uns da nicht. Es handelt sich für uns nicht mehr um das, was gewesen ist, sondern was jetzt ist ... mögen Sie früher von mir glauben, was Sie wollen – aber es ist doch inzwischen eine Wandlung in mir vorgegangen.« »Beweisen Sie mir das doch erst, Herr von Wölsick!« Er verlor fast die Geduld. »Herrgott im Himmel ... was kann ich mehr tun, als daß ich da bin und ...« »Das beweist mir nur, daß Sie mich heiraten wollen, aus Gründen, die ich nicht kenne und die Sie vielleicht ehren! Daß Sie mich aber lieben, das beweist mir das nicht ... und ich weiß wahrhaftig nicht, warum ich von dem einen Manne, den ich nicht liebe, zum anderen gehen soll, der mich nicht liebt! ... so oder so verlöre ich meine Selbstachtung, gerade das, was Sie in mir erweckt haben ...« »Und an Ihre Zukunft denken Sie nicht?« »Nein! Ich überlasse es Ihnen, Herr von Wölsick, immer nur sich zu sorgen, wie es einem nach außen hin recht gut ergeht. Für mich gibt es Dinge – über denen verachte ich mein eigenes Wohl und Wehe ... die halten mich aufrecht! Das ist eben Ihr Fehler, daß Sie diese Kräfte nicht zu sehen vermögen, die oft in ganz unscheinbaren Menschen, wie mir, verborgen sind. Darum täuschen Sie sich in den Menschen, so klug Sie sind! Und nun gehen Sie, Herr von Wölsick, und vergessen Sie diese Stunde. Die gibt Ihnen sonst hinterher zu viel Rätsel auf! Die lösen Sie doch nicht ...« »Jakobe ... wenn ich gehe, in dieser Weise gehen muß, dann komme ich nie wieder!« »Das weiß ich! das will ich! das ist gut, daß Sie einmal jemanden getroffen haben, der stärker war als Sie! Die Stunde ist für mich eine Erlösung. Behalten Sie Ihr Geschenk! Ich brauche Ihre Gnade nicht! ... Steigen Sie nur beschämt die Treppe wieder hinunter! mich werden Sie nicht weinen sehen und nicht schwach sehen beim Abschied ... dazu hab' ich zu viel von Ihnen gelernt! Und hab' mein Lehrgeld dafür bezahlt! mit meinem Herzblut! Und nun ist's genug! ... alles ist klar zwischen uns! Gehen Sie, Herr von Wölsick!« »Jakobe ... Sie sind in einer Erregung ...« »Und wenn ich's bin – ich weiß, was ich sage! Gehen Sie, Herr von Wölsick!« »Sie werden es zu spät bereuen, Jakobe!« Sie machte mit dem Kopf eine Bewegung nach der Tür. »Gehen Sie, Herr von Wölsick!« Er zuckte zusammen. Es traf ihn wie ein Hieb. Seine Faust ballte sich um die Krempe des Zylinders, den er langsam vom Stuhl nahm. Er murmelte zwischen den Zähnen: »Jakobe ... das ist Ihr letztes Wort?« »..Ja!« »Sie wissen, was das bedeutet?« »Gehen Sie, Herr von Wölsick!« Jetzt zeigte sie sogar mit der Hand in der Richtung nach dem Ausgang. Er wandte sich ab und verließ stumm das Zimmer. VI Am Abend des nächsten Tages saß Erich von Wölsick in seinem Zimmer, rauchte, sah gedankenvoll den Ringeln nach und tat nichts weiter. Das dumpfe, lähmende, ungeheuere Erstaunen von gestern lastete noch bleiern auf ihm. Es galt weniger Jakobe als ihm selber. Wer war er denn eigentlich, der in letzter Zeit kein Augenmaß mehr besaß, jeden Schritt falsch einschätzte und daneben trat, von einer Demütigung zur andern? Durfte man ihm so kommen? Und man tat es doch. Man frug ihn gar nicht erst. Man schickte ihn einfach heim, so selbstverständlich, als wäre er der erste beste. Man wies ihm buchstäblich die Tür. Das brannte wie ein Stich in seinem Herzen und in seinem Stolz. Das brachte ihn ganz außer sich vor dumpfer Wut. Und dieser Zorn richtete sich wiederum nicht gegen Jakobe Ansold – dazu war er noch viel zu verblüfft – sondern gegen ihn selbst! Er machte sich höhnende Vorwürfe. Er schob sich nachträglich ganz andere Beweggründe unter. Das kam davon, wenn man seinen besseren Eingebungen folgte! Man brauchte sich nur so zu benehmen, wie es im Fibelbuch stand – gleich hatte man rechts und links seine Maulschelle vom Schicksal! Lächerlich machte man sich. Man würdigte sich herab. Man erschien sich wie ein Narr. In dieser Stimmung ohnmächtigen Überdrusses sah er seinem Diener zu, der im Kamin ein Feuer anzündete – nur für das Auge, denn es war auch Luftheizung da – und dachte sich müßig: »Ob Michael eine Seele hat? schwerlich! Er ist nur ein mechanisch bewegtes Wesen. Er handelt aus bösen Instinkten.« Und dann zweifelte er wieder: »Am Ende ist er eben so wie ich und hat sein Leid und seinen Ärger für sich wie ich – es gibt innerlich gar keinen Unterschied zwischen den Menschen. Ich habe mir nur eingebildet, etwas anderes als andere zu sein!« Und schließlich ärgerte er sich, daß er sich nun schon mit seinem Diener verglich, und schickte ihn fort und versank bei einer neuen Zigarre in das alte Staunen. Immer in das Staunen über Jakobe Ansold. Das war nun neben ihm gewesen, war vor seinen Augen aufgeblüht, hatte sich zu Licht und Luft hinauf entwickelt durch ihn, und er hatte es nicht gesehen. Wenigstens nicht so gesehen, wie es werden wollte. Nie hätte er ihr das alles zugetraut. Es war ihm jetzt noch ein Rätsel. Ein quälendes Rätsel. Sie handelte doch wie eine Verrückte, bei Lichte besehen. Sie opferte hin, was sie hatte, und stieß ihn zurück, der ihr zehnfachen Ersatz dafür bot, und wollte bettelarm bleiben. Das hatte doch so gar keinen Sinn. Und was wurde denn schließlich aus ihr? In der stickigen Lavendelluft der Altjungferwohnung da drüben hielt sie es doch nicht lange aus. Es drängte sie hinaus ins Leben. Und dort wartete es ja nur auf sie, die schön, einsam, unglücklich und heißblütig war. Gefahr und Klippen von allen Seiten. Und niemand war da, um ihr zu helfen, der armen, armen Frau ... Er wollte sich in seinen Gedanken zu Mitleid mit ihr zwingen. Aber es gelang ihm nicht. Es wurde etwas ganz anderes daraus – eine unwillkürliche scheue Achtung vor ihrem Tun – und eine innere Stimme sagte ihm auf einmal: sie hat ganz recht! ... mit ihrem Trotz gegen dich und alle Welt ... Und stärker als je war in ihm das schlechte Gewissen gegenüber ihr, die ihm so unbegreiflich über den Kopf hinausgewachsen war, und die Reue und – er mochte es wahr haben wollen oder nicht, und noch so erregt aufspringen und auf und nieder gehen – eine tiefe Beschämung. Er blieb vor dem Spiegel stehen und lachte zornig sein Ebenbild an. Sonst war er zufrieden, wenn er das sah. Heute war ihm dieser schlanke Weltmann von ruhiger Eleganz im Glase ein verhaßter Anblick, und er sagte zu seinem Doppelgänger: Das kommt alles davon, daß du nicht mehr deinen geraden Weg verfolgst! Das rächt sich immer! Ein Etwas zieht dich seitlings seit diesem Sommer ... Es lenkt dich aus deiner Bahn ... Du bist steuerlos geworden durch Jakobe Ansold ... Und warum tut sie's? Und woher nimmt sie nur die Kraft, es zu tun? ... In einer plötzlichen Anwandlung von Ungeduld schüttelte er die Frage von sich ab. Was auch geschehen war, schließlich war er doch dadurch frei. Die Vergangenheit war nun tot. Er konnte sein Leben wieder neu anfangen, wie es ihm beliebte. Und hatte doch eigentlich auch nichts verloren. Es war noch alles da, was er früher besessen. Man war höchstens um eine Erfahrung reicher. Und die hatte auch ihr Gutes. Wer konnte wissen, wie eine Ehe ausfiel, die unter diesen Voraussetzungen, in dieser Stimmung zu stande kam? Eine Last fürs Leben wäre ihm die Vorgeschichte ihrer Heirat doch immer in Gesellschaft und Öffentlichkeit geblieben. Vielleicht hatte das gütige Schicksal ihn gerade noch in letzter Stunde, wenn auch mit rauher Hand, vor seinem größten Schwabenstreich bewahrt ... Dieser Einfall war ihm eine Erlösung. Der klärte alles. Durch ihn fand er sich allmählich zu sich selber zurück. Seine Niederlage von gestern erfuhr ohnedies keine Menschenseele. Jakobe Ansold schwieg. Davon war er überzeugt. Die machte der Stolz stumm. Es kam nur auf ihn an, sich gründlich im Vergessen zu üben! Er nickte mit einem kalten Gesichtsausdruck vor sich hin und sagte sich: So – jetzt scheidet Jakobe Ansold für immer aus meinem Leben! sie wollte mich nicht haben. Ich brauche auch sie nicht! Er besaß noch ein Bündelchen Briefe von ihr und ihr Bild, das sie ihm damals im Sommer gegeben. Das nahm er beides aus einem Schubfach. Das Kaminfeuer drüben war gut zu solch einem Autodafé. Zuerst die Blätter! billiges Schreibpapier aus der Kleinstadt, so recht nach dem schmalen Beutel einer jungen Hauptmannsfrau – er lächelte unwillkürlich zum ersten Mal – darauf ihre langen nervösen Schriftzüge. Die las er noch einmal, während er Stück für Stück ins Feuer warf – da die Einladung zu dem ersten und einzigen Essen in ihrem Hause: »Sehr geehrter Herr von Wölsick! Wollen Sie meinem Mann und mir die Freude machen, morgen, Sonntag, Mittag 1 Uhr einen Löffel Suppe bei uns zu nehmen? Ihre ergebene Jakobe Ansold.« Die Suppe war wässerig gewesen, und der Hausherr hatte muffig und büffelig dagesessen und sich kaum die Mühe gegeben, seine Verstimmung halbwegs zu bemänteln, und Jakobe hatte ihrem Gast nachher einmal gestanden, sie sei froh gewesen, als das Mahl glücklich zu Ende war. Und da wieder ihre Visitenkarte – die Freiherrnkrone ihrer Mädchenherkunft über dem bürgerlichen Namen ihres Mannes und unter diesem nur ein paar Worte hingekritzelt: »sendet mit bestem Danke die Bücher zurück!« Die hatte er ihr von Berlin kommen lassen – das Neueste an Übersetzungen aus der skandinavischen und russischen Literatur. Es machte ihm Spaß, ihren ausgehungerten Kopf mit dem Fortgeschrittensten zu füllen, was über die Befreiung der Frau gedichtet und gedruckt worden war, und sie verschlang es gierig. Sie übersättigte sich daran. Es war viel zu viel für sie – auf einmal – dieser plötzliche Überschwall und Einbruch fremder Gedanken in ihre eigene, schon so unruhige Empfindungswelt – er wußte es wohl – aber es war für ihn eine Ablenkung von der Eintönigkeit seiner Waffenübung in der kleinen Garnison, lächelnd diesen Sturm im Wasserglase zu beobachten. Über die Folgen dachte er nicht weiter nach. Schließlich war sie doch auch schon nahe an dreißig. Er hatte doch keine Verantwortung für sie ... Nun ein längerer Brief. Sie schrieb: »Lieber Herr von Wölsick! ... Nein! ›zufällige Begegnungen‹ auf einem Spaziergang liebe ich nicht! Das steht nach einem Stelldichein aus und ist auch eins und schmeckt nach schlechtem Gewissen. Wozu denn? Das haben wir doch nicht nötig! Holen Sie mich nur ruhig morgen zu einem Spaziergang ab. Es wird natürlich darüber geredet werden. Es wird jetzt schon geredet. Aber mir ist das gleich. Ich bin so kampflustig in letzter Zeit. Ich hab' solch einen Übermut. Das sind Sie und die Bücher – ich fürchte, das sind zwei recht gefährliche Berater, für jemanden wie mich ...« Erich von Wölsick ließ das Blatt aufflackern und dachte sich: Damals war es schon höchste Zeit! da hätte ich mich zurückziehen müssen! Die kleine Frau war ja schon ganz toll! – Und dann las er ein flüchtiges Billett: »Lieber Freund! Das geht nicht! Schaffen Sie noch ein Ehepaar für die Automobilfahrt – sonst komme ich nicht mit! die Kommandeuse kriegt ohnehin schon beinah' Krämpfe. Sie hat mich gestern nachmittag eingeladen und allerhand Andeutungen gemacht, und ich habe geschwiegen und Blümchenkaffee getrunken und verstockt in meine Tasse gelächelt. Aber was zu viel ist, ist zu viel. Wir dürfen die Menschen nicht herausfordern, wo wir nichts zu verbergen haben ...« Das Feuer knisterte. Und dann kam ihr letzter Brief, am Abend, nachdem sie sich getrennt, geschrieben: »Lieber Freund! Ihre Nähe ist noch um mich. Ich weiß Sie noch in derselben Stadt mit mir, wenige Straßen weit. Das gibt mir Trost, wenn ich Sie auch nicht mehr erreichen kann. Aber morgen früh fahren Sie nach Berlin, und ich weiß nicht, wann wir uns wiedersehen werden. Hoffentlich recht bald. Und inzwischen will ich meine Schuld bei Ihnen abtragen und Ihnen noch einmal von Herzen für das danken, was Sie mir gewesen sind. In diesen sechs Wochen ist in mir so unendlich viel gereift und klar geworden, durch Sie – ich habe einen wahren Schrecken davor bekommen, wie ich bisher gelebt habe. Ich verstehe mich gar nicht mehr, wenn ich zurückschaue. Es ist, als hätten Sie mich vor einen Spiegel geführt und mich mir selbst erst gezeigt. Es ist so viel Kleinliches und Klägliches um mich herum. Es hätte mich auf die Dauer erdrückt, wenn Sie nicht gekommen wären. Sie haben ein gutes Werk vollbracht und eine arme Seele befreit. Die möchte nun die Flügel ausbreiten und fliegen. Wird sie's können? Ich habe so viel Hoffnung in mir und guten Mut, weil ich Ihrer Freundschuft sicher bin. Seien Sie gewiß: ich werde in allem Ihrem Rat vertrauen und nichts ohne ihn oder gegen ihn tun, und Geduld haben! Gott – wie hasse ich dieses Wort ... Geduld, Geduld – ob 's Herz auch bricht ... Aber es gibt Herzen, die brechen nicht mehr. In denen ist zu viel Leben! Ich freue mich auf das Leben, zum ersten Mal, so weit ich denken kann. Und ich schreibe diese Zeilen guten Mutes in dunkler Nacht und grüße Sie durch die Nacht! Ihre dankbare Jakobe Ansold.« Er knitterte den Brief scheu mit einer Kraftanstrengung zusammen und warf ihn in den Kamin. Das Feuer erhaschte ihn eilig. Er war nur noch ein lichterlohes Bündel – ein Häufchen Asche – und im selben Moment widerfuhr Erich von Wölsick das Unerwartetste, ihm selbst Unglaublichste: er fühlte plötzlich helle Tränen in den Augen. Es wehte ein Hauch der Erinnerung aus dem Gezüngel der Flämmchen – verschollenes Sehnen – ein Träumen und Lächeln Aug' in Auge – halb Sommerspiel, halb Lebensernst – er hatte Jakobe Ansold vielleicht doch mehr geliebt, als er selber glaubte ... Und auf diese Zeilen voll geheimen Herzensjubels und demütiger Ungeduld hatte sie niemals eine Antwort bekommen! Er verließ den Platz am Kamin – es war jetzt ohnedies alles, was an Briefen da war, verbrannt – und ging bis in die Mitte des Zimmers und murmelte da vor sich hin zwischen den Zähnen: »du elender Mensch!« und dachte sich dabei: »das ist das Wahrste, was du dir je gesagt hast,« und begriff doch seine jähe Aufwallung gar nicht, diesen Rückschlag von Schmerz aus einer längst vergangenen Zeit ... Das war doch eine törichte, ihm ganz ungewohnte Schwäche. Man mußte sich gegen solche Kindereien wappnen! Er schämte sich seiner feuchten Augen und riß ungeduldig das Letzte vom Tisch, um es auch noch zu verbrennen – ihr Bild. Das hatte sie ihm am Tage, ehe sie ihm jenen Brief geschrieben, geschenkt. Hinten stand kein Name, kein Datum, und – seltsam aus dem Zusammenhang – eine Zeile von Goethe: »Das alles hat nicht Anfang, hat nicht Ende ...« Er drehte es um und betrachtete lange mit einer finsteren Aufmerksamkeit ihre Züge. Es schien ihm, als hätte sich deren zarte und sprechende Schönheit jetzt etwas gegen damals verändert. Sie waren nicht mehr so weich, so verträumt, so wartend. Sie kannten jetzt das Leben. Als sie gestern hochaufgerichtet vor ihm gestanden und nach der Türe gewiesen, da war ein herrischer Glanz in ihren blauen Augen gewesen und Härte um ihre Lippen. Aber sie war ihm hinreißend schön erschienen, schöner denn je. Was wollte das arme Bild da gegen diese lebendige Erinnerung besagen? Er nahm es und kniete am Kamin nieder und schob es behutsam, als wolle er ihm nicht wehe tun, gegen die Feuerzüngelchen hin. Die leckten daran. Aus einem Flammenkranz grüßte Jakobe Ansolds Antlitz leise lächelnd zu ihm empor, der gedankenvoll davor stand. Noch widerstand es der Glut. Aber sie war schon nahe. In kurzem mußte ihr Bild geschwunden sein und mit ihm das Letzte von ihr aus seinem Leben. Nichts erinnerte ihn dann mehr an sie. Sie war für ihn tot. So als hätte er sie nie gekannt. Und dieser Gedanke war ihm plötzlich unerträglich. Es zuckte in seiner Hand. Er wollte doch etwas von ihr zurückbehalten, etwas, wodurch er noch mit ihr zusammenhing. Und mit einem kurzen Entschluß beugte er sich nieder und fuhr mit der Hand in die Glut und holte sich Jakobes nur an den Rändern angekohlte Photographie wieder hervor und rieb den Ruß mit seinem Taschentuch ab und schloß sie wieder in den Schub. Dann wurde es ihm auf einmal unheimlich in dem Zimmer, so als ob er darin eine böse Tat begangen hätte. Er verließ es schuldbewußt und lief draußen stundenlang in leise rieselndem, kaltem Winterlegen durch die Straßen – er ging in letzter Zeit, von seiner inneren Unruhe getrieben, viel mehr als sonst zu Fuß wie ein einfacher Müller oder Krause, und ließ Pferde und Automobil daheim – und schob sich mechanisch, die Hände in den Paletottaschen, den Kopf vornübergesenkt, zwischen den Regendächern der schon mit den ersten, verfrühten Weihnachtsgeschenken bepackten Menge dahin und hatte dabei nur den einen hartnäckigen Gedanken im Gehirn festgebohrt: Jakobe Ansold hat mich verschmäht ... Und als er am nächsten Morgen aufwachte, zuckte er vor Schmerz zusammen wie ein Verwundeter bei einer unvorsichtigen Bewegung. Es war ihm wieder eingefallen: »Jakobe Ansold hat mich verschmäht! ...« Und seine Eitelkeit blutete. Er zitterte, als er sich rasierte, er überflog beim Frühstück die Morgenzeitung, ohne daß er irgend etwas von den Nachrichten behielt, er öffnete seine Briefe und warf sie halbgelesen, mit einem Achselzucken der Langeweile, auf den Schreibtisch, er zündete sich seine Havanna an und ließ sie wieder ausgehen, in seinem steten, finsteren Brüten: Jakobe Ansold hat mich verschmäht ... Endlich nahm er behutsam ihre Photographie wieder heraus, hielt sie in der Hand und musterte sie feindselig. Das war nun der Mensch, der ihm zum Stein des Anstoßes im Leben geworden. Und er wußte zum Dank nichts Besseres zu tun, als dies Bild der jungen Frau, dies schmale Oval der zarten, nervösen Züge, die großen, lebensvollen Augen sich mit einer förmlichen Andacht einzuprägen und sich dabei zu sagen: »Sie ist ja viel schöner als ihr matter Abklatsch hier, dies bißchen Pappendeckel und chemische Substanz. Hundertmal schöner ist sie!« Und dann faßte ei einen Entschluß und legte das Lichtbild wieder in das frisch flackernde Kaminfeuer und diesmal blieb es darin. Das mußte ein Ende haben! Er machte sich ja vor sich selber lächerlich. Er stand und sah, wie es verbrannte, und zugleich fühlte er schon eine Leere, eine Reue: »Ich hätt' es lieber nicht tun sollen! ... Nun ist es zu spät! ...« Voll Zorn gelobte er sich: So – das war der Abschluß! Von nun an wollte er sich Jakobe Ansold völlig aus dem Sinn schlagen, jede Erinnerung an sie, die etwa in ihm aufstieg, gewaltsam unterdrücken, bis er im stande war, achselzuckend darüber zu lächeln, daß sie, die verblendete, arme, kleine Frau, ihn verschmäht hatte, statt daß ihm wie jetzt bei der leisesten Mahnung daran das Herz im Sturm zu hämmern begann. Um sich seinen Vorsatz zu erleichtern, ging er heute wieder unter Menschen, was er die ganze Zeit vermieden hatte. Er traf in einem Hotelrestaurant ein paar ihm eigentlich bodenlos gleichgültige Leute, mit denen er frühstückte, aß mit ein paar ähnlichen zu Mittag, nachdem er des Nachmittags mit Bekannten ausgeritten war, besuchte dann ein Theater, schaute nach langer Zeit einmal wieder in den Klub, wo es ihm noch stumpfsinniger erschien als früher, und fuhr nach Hause in dem angenehmen Bewußtsein, daß er einen Tag verloren und doch gut angewendet hatte. Denn er hatte seit dem Morgen wirklich nicht mehr an Jakobe Ansold gedacht ... Es war eine Dame bei ihm gewesen! ... Vor noch nicht langer Zeit! ... Er merkte es sofort beim Eintreten in den Flur an dem leisen undefinierbaren Hauch von Parfüm in der Luft. Und zugleich erfüllte ihn ein stürmischer toller Jubel. Er hätte laut auflachen und im Triumph in die Hände klatschen mögen! Wenn Jakobe ... das war undenkbar! Die würde gerade zu ihm kommen, allein. – Aber warum auch allein? Sie hatte ja Vater und Brüder hier. Wenn einer von denen mitging – wenn sie sich besonnen hatte – ihn bitten wollte, ihre gestrigen Worte zu vergessen – er fühlte selbst: seine Gedanken gingen mit ihm durch wie die scheuen Pferde – querfeldein – in die blinde Unvernunft hinein – und doch bebte seine Stimme, als er Michael frug: »Wer war denn da?« »Frau Geheimrat von Teichardt, gnädiger Herr! Gnädige Frau haben sehr bedauert und den Brief dort geschrieben ...« Nur seine Schwester! Er lachte ärgerlich auf. Er hätte es sich ja vorstellen können, daß es etwas Derartiges war. Und dann fiel ihm zu seinem Schrecken der Grund ihres Besuches ein! Er hatte ihr ja mitgeteilt, daß er Jakobe Ansold heiraten würde – kurz und bündig – bereits als Tatsache – eine Ablehnung seines Vorschlags hatte er sich in seiner Verblendung ja auch nicht einmal träumen lassen – nun war sie gekommen, um Stellung dazu zu nehmen ... und er las: »Lieber Erich! Mein Mann und ich haben gestern' die halbe Nacht miteinander gesprochen, und wenn ich überhaupt noch gezweifelt habe, so hat er mich überzeugt, daß Dein Schritt vielleicht ein ungewöhnlicher oder auch unvorsichtiger, aber sicher kein unedeler ist. Jedenfalls haben wir nicht darüber zu richten. Du weißt selbst am besten, wo Deine Pflicht liegt. Nun will auch ich nicht halb sein, sondern Deine treue Schwester: es wird mich freuen, Frau Hauptmann Ansold recht bald bei mir zu sehen. Bitte, sage ihr das! Oder soll ich ihr selbst ein paar Zeilen schreiben? Ich tue es gern! Grüße sie von mir. Hermine.« Das hieß auf deutsch: Wir haben Angst, deine freigebigen Zuschüsse, wenn wir dich erzürnen, zu verlieren! Darum kommen wir der künftigen Schwägerin mit offenen Armen entgegen! Es ist ja gräßlich – eine geschiedene Frau – aber sich plötzlich einschränken müssen, ist noch gräßlicher – Erich von Wölsick zerfetzte mit zwei zornigen Rissen den Brief. Da war ja glücklich wieder alles aufgerollt. Er mußte zu den Verwandten hingehen, ihnen sagen: »Fürchtet euch nicht! sie kommt nicht, sie hat mich verschmäht!« Er haßte jetzt Jakobe Ansold! mit einer grausamen und rachsüchtigen Einbildungskraft. Wenn es ihr jetzt schlecht und immer schlechter erging, er hatte mit ihr kein Mitleid. Sie hatte sich ja selbst gestraft. Sie würde noch ihren Herrgott erkennen lernen und schließlich, vom Schicksal mürbe, froh sein, sich unterzuducken und wieder zu ihrem Mann zurückzukehren, wenn der sie noch nahm. Und eine wütende Eifersucht packte ihn bei der Vorstellung, daß jener sie wieder haben sollte – der plumpe Barbar in Uniform, der blinde Dummkopf – und nicht er, der sie nach ihrem Wert zu würdigen verstand. Sie wäre so ganz eine Frau für ihn gewesen. Er verbiß sich da hinein. Es hätte ihn schließlich alle Welt um sie beneidet. Sie war schön. Sie war – ach was bedeuteten Worte für ihre Vorzüge. Sie war eben sie. Es ging von ihr ein Zauber aus wie von keinem anderen Wesen auf der Welt. Es war ein Geheimnis um ihre Nähe – ein Rausch – ein Sehnen – man konnte schon froh sein, wenn man nur ihren leichten Schritt, das Fegen ihres Kleidersaums im Nebenzimmer hörte! Und diese Frau sollte man nicht haben – sich umsonst im Zorn nach ihr verzehren? Und er malte sich aus, wie schön das sein würde, wenn sie zusammen, Jakobe und er, jetzt zu Frau von Teichardt führen, in seinem Automobil, sie hart neben ihm im Halbdunkel, ein Hauch von Pelz und Spitzen um ihre schlanke Gestalt – sie berührten sich, sie küßten sich, ehe der Wagen hielt und er sie hinauf zu seinen Verwandten brachte, seine künftige Frau – und statt dessen saß er mißmutig und einsam am nächsten Tage auf den Lederkissen seines Gefährts und sah durch die regenblinden Scheiben die Welt draußen grau in grau und stieg langsam wie ein kranker Mann die Treppen zu der Teichardtschen Wohnung empor. Seine Schwester erwartete ihn mit fieberhafter Spannung. Sie war allein. Ihr Mann noch im Ministerium, die Kinder in der Schule. Sie war sehr stolz auf das Opfer, das sie ihrem Bruder durch die Einladung Jakobes gebracht, und ihre ersten Worte waren: »Nun – kommt sie? Hast du es ihr gesagt?« Und er setzte sich und erwiderte mit einem leichten Kopfschütteln: »Du bist ein guter Kerl, Helme! Ich danke dir! Aber was mich betrifft – ich weiß nicht ... es stimmt rein gar nichts mehr ...« »Was ist denn geschehen?« »Also kurz gesagt – kannst du dir das vorstellen, daß ich eine Werbung vorbringe und man sagt: nein ...?« »O ja!« Frau von Teichardt sprach das ganz überzeugt, vom Standpunkt einer Schwester und deren kühler Kenntnis brüderlicher Eigenschaften. Das verletzte aufs neue sein Selbstgefühl. Er versetzte unmutig: »Ich meine natürlich nicht eine Werbung im allgemeinen – das kann mir so gut passieren wie jedem – so größenwahnsinnig bin ich nicht, um etwas anderes zu glauben ...« »Aber Frau Ansold hat zu dir ›nein‹ gesagt?« Er nickte und erzählte der Geheimrätin den ganzen Vorgang. Er hätte es ja nicht nötig gehabt. Er hätte den Verlauf der Dinge ja verschleiern und bemänteln können. Wer konnte seine Worte nachprüfen? Aber er empfand einen beinahe krampfhaften Drang, sich mitzuteilen, und schonte sich nicht. Und endlich schwieg er und sah seine Schwester an. Und die elegante, schmächtige kleine Dame, die sich sonst so konventionell ausdrücke, vergaß sich ganz und rief zum Schluß bewundernd: »Donnerwetter ... ist das eine Frau!« Das klang förmlich erfreut, von einem instinktiven weiblichen Gemeinsamkeitsgefühl gegen den Mann erfüllt, der da einmal eine verdiente Lehre erlitten! Für gewöhnlich hätte sie sich gehütet, so unvorsichtig eine Art Schadenfreude zur Schau zu tragen. Aber jetzt in der Überraschung ließ sie sich gehen, und ihr Bruder dachte sich: »Gegen mich haben doch alle Menschen zwei Gesichter. Eines, wenn sie mich brauchen! und das zweite – wenn sie mich hinterher auslachen.« Er war tief verletzt. Aber er zeigte es nicht, sondern erhob sich ruhig und sagte: »Ich will dich lieber deinem Frohsinn überlassen und gehen! Mir selber kommt die Sache nicht so komisch vor!« Nun war Frau von Teichardt nachträglich erschrocken. Sie legte ihm beschwichtigend die Hand auf den Arm. »Bleib doch! bleib! es war ja nicht so gemeint! es fuhr mir nur so heraus! ... Du mußt ja doch auch zugeben: es ist etwas Erstaunliches! Diese Ansold ist keine Dutzendfrau ... die hat den Teufel im Leib!« Sie kam unwillkürlich wieder in Begeisterung – aber sie hielt sich noch rechtzeitig zurück und fuhr fort: »Armer Erich! Ja – weiß Gott ... das ist eine dumme Geschichte: Und das Dümmste, daß du dir's so zu Herzen nimmst!« Er hatte sich wieder gesetzt und zuckte die Achseln. »Ich hätte ja wirklich nun das moralische Recht, über Frau Ansold zur Tagesordnung überzugehen, mag ich mich früher richtig benommen haben oder nicht! Aber wenn ein Mensch einem auf dem Lebensweg immer wieder in die Quere kommt – einem überall Nachteil zufügt – und sich hartnäckig und blindlings weigert, den eigenen Vorteil zu erkennen – es ist nur natürlich, daß sich da schließlich ein Maß von Groll und Erbitterung in mir anhäuft ... ich leide zu sehr unter dieser Frau ...« Seine Schwester sah ihn mit großen Augen an, als ob er etwas ganz Ungereimtes gesprochen hätte. Endlich meinte sie langsam: »Sonderbar seid doch ihr Männer! ... da sitzt du nun und stellst dich doch wahrhaftig an, als haßtest du Frau Ansold nach Noten!« Er machte eine zornige Bewegung. »Ja! das tue ich! da kann ich mir nicht helfen! ... soll ich sie etwa lieben?« »Sag mal: geliebt hast du sie früher, im Sommer, eigentlich wohl kaum?« Diese Frage seiner Schwester erschien ihm so verblüffend und so indiskret zugleich, daß er sie finster ansah und schwieg. Und sie fuhr fort: »Es war wohl mehr ein unbestimmtes Wohlgefallen an einer hübschen Frau, so in deiner lächelnden verwöhnten Art. Das kann ich mir lebhaft vorstellen. Die Änderung in dir scheint erst jetzt eingetreten zu sein – wahrscheinlich erst nach eurer letzten Unterredung ...« »Was für eine Änderung?« »Guter Gott!« sagte die Geheimrätin und rang die Hände. »Er weiß es wirklich selber noch nicht! Jetzt bist du in Frau Ansold verliebt ... oder fängst wenigstens gründlich damit an ...« »Ich?« »Ja. Du!« »Höre mal, Helme ... Wir sprechen doch hier ernst miteinander! ... Also laß bitte die Witze!« »Grundgütiger Himmel! ich mache doch nicht diesen Witz, sondern das Schicksal!« Er war aufgesprungen und erregt durch das Zimmer geschritten. Jetzt blieb er vor ihr stehen und schlug mit der Faust auf den Tisch, daß die schmächtige Dame dahinter nervös zusammenfuhr. »Du bist doch sonst eine gescheite Frau!« sagte er, sich mühsam mäßigend. »Wie verfällst du denn eigentlich auf diese Tollheiten? ... Hat dir das dein Mann eingetrichtert oder ...« »Der konnte doch nichts davon wissen! Ich hab' es doch selber jetzt erst aus deinen Worten und aus deinem Aussehen gemerkt!« »Was denn, zum Kuckuck?« »Du bist ja ein ganz anderer Mensch, wenn du von Frau Ansold sprichst! Du wirst bald rot und bald weiß! Deine Summe ist gepreßt! Du zitterst unwillkürlich! Dein Auge hat einen Ausdruck ... Erich ... was bist du in sie verliebt! ... O Gott ... was bist du in sie verliebt! Das hätte ich nie geglaubt, daß du das fertig brächtest!« Er lachte höhnisch auf. »Das fehlte gerade noch!« sagte er. »Und es ist ja auch so naheliegend, Helme – nicht wahr? – wenn man von einem Menschen möglichst schlecht behandelt, geschädigt und zurückgestoßen wird, dann verliebt man sich zum Dank schleunigst in ihn! Das weiß ja jedes Kind!« »Bei einem andern wäre es unwahrscheinlich, Erich! ... Bei dir gar nicht ..., wenn man dich so kennt wie ich – im Gegenteil ...« »Und warum gerade bei mir?« »Weil du ein Mensch bist, der von seinen Widersprüchen lebt, bei all seinen großen Gaben – das Leben hat dich so verwöhnt, du nimmst alles als selbstverständlich hin! Wer dir etwas gibt, der ist dir gleichgültig! Wer dir etwas verweigert, auf den wirst du erst aufmerksam! Und es hat dir noch nie jemand ernsthaft etwas verweigert. Erst diese Frau hatte den Mut dazu! Nun willst du sie gerade haben! ... Du hast die Wahl unter hundert, die mit Freuden ›ja‹ sagen würden – darum willst du die eine, die ›nein‹ gesagt hat ... Solange in diesem Sommer Frau Ansold Wachs in deiner Hand war, warfst du sie achtlos weg. Jetzt, wo sie hart gegen dich geworden ist – jetzt ...« Um Erich von Wölsicks Lippen spielte immer noch ein kühler Spott. »Jetzt wäre ich in sie verliebt? Na – Helme – lassen wir's! ... Deine Paradoxen in Ehren – aber ...« »Du bist in sie bis über die Ohren verliebt – Gerade wie du gesagt hast: – aus lauter Haß und Zorn heraus ... Du willst ihr beikommen und hast keine andere Waffe mehr, ihr beizukommen, als daß du dich in sie verliebst ... lehre mich dich kennen, Erich! Das bist ganz du!« »Und wenn mein Verstand mir sagt ...« »Du warst der erste, der mit dem Verstande liebt!« Die Geheimrätin stand auf. Sie hörte im Flur die Stimme ihres Mannes. »Das ist die gerechte Strafe für euch Egoisten – ihr wollt immer so lange euer Ich durchsetzen, bis ihr einmal an einen Stärkeren geratet! Nimm mir meine Offenheit nicht übel, lieber guter Erich – aber das Leben gibt dir ja jetzt von allen Seiten so viel Lektionen – da geht meine mit darein ... Du tust mir ja von Herzen leid ... aber ich fürchte: Frau Ansolds wirkliche Rache an dir – die fängt jetzt erst an ...« Der Geheimrat brachte unglücklicherweise einen Gast zu Tische mit, einen zufällig getroffenen, auf der Durchreise in Berlin befindlichen, grauköpfigen Korpsbruder aus Ostpreußen. So konnte nur über gleichgültige Dinge gesprochen werden. Erich von Wölsick hätte die Kösener S. C .-Simpelei, in die sich die beiden Herren leidenschaftlich vertieften, auch unter gewöhnlichen Umständen gelangweilt. Heute wurde ihm die Hypothekenfrage beim Erweiterungsbau des Göttinger Korpshauses gleich nach Beendigung der Tafel zu viel. Er empfahl sich kurz und ging und sagte noch zwischen Tür und Angel seiner Schwester beim Händedruck ganz ruhig und halblaut: »Es ist Unsinn, Helme ...« Und wirklich bemerkte er in den folgenden Tagen keine besondere Veränderung in seinem Wesen. Es lastete eine etwas dumpfe Stimmung auf ihm. Er hatte die sonderbare Vorstellung, fortwährend etwas zu erwarten – und wußte doch nicht was. Doch ging er aus, aß und trank, sprach mit anderen Leuten, sah sich den Monatsbericht des Gutsinspektors aus Sommerwerk durch, hörte Michaels Vortrag über die Notwendigkeit einer neuen Frackgarnitur mit seidenen Aufschlägen an – ganz wie sonst. Aber dann weckte ihn am dritten Morgen ein wahrhaft tosendes Herzklopfen. Er fuhr auf. Um ihn war es noch stockdunkle Nacht. Draußen alles still. Er frug sich, was geschehen sei. Nichts. Aber das Hämmern blieb. Alle Pulse arbeiteten. Alles in ihm fieberte und zitterte. Alle Gedanken tanzten. Die Uhr auf dem Kaminsims tickte: Jakobe! ... Die Sonntagsglocken draußen läuteten es! ... Der Hufschlag der Droschkengäule vor den Fenstern gab einen gleichmäßigen Dreitakt ihres Namens auf dem Pflaster ... Die grauen Wolken am Himmel segelten eilig über die Dächer in der Richtung nach Jakobes Haus ... dort waren Leute, die sie täglich sehen, die mit ihr sprechen durften, wie mit einem gewöhnlichen Menschen – dort war alles hell von ihrer Schönheit – und er war ausgeschlossen, wie ein Paria – er hatte keinen Teil an ihr ... nichts war mehr von ihr da – nichts! Und er war elend – war allein! Er beachtete das Frühstück, die Briefe nicht, die ihm Michael brachte! Für ihn war nur noch Jakobe Ansold auf der Welt. Oder vielmehr außerhalb der Welt. Unerreichbar. Vielleicht für immer! Er stöhnte bei dem Gedanken und warf sich auf die Ottomane nieder und biß die Zähne zusammen und ballte die Fäuste wie im heftigsten körperlichen Schmerz und sprang wieder auf und lief durch das Zimmer und klingelte und ließ satteln und ritt aus und kam wieder und tat das alles doch ganz mechanisch mit einem verstörten Gesichtsausdruck und trockenen, brennenden Augen – und griff nach der Zeitung, als ob darin etwas über sie stehen könne – und ging wieder aus, die Linden entlang, wo er Menschen begegnete, die vielleicht mit ihm über sie reden würden. Aber von allem anderen sprachen sie natürlich eher! Die Welt hatte Takt. Sie schwieg. Um ihn war ein einziges großes Schweigen. Durch das drang er nirgends durch bis zu Jakobe Ansold, die jetzt, ohne es zu wissen und ohne es zu glauben, Aug' um Auge, Zahn um Zahn an ihm Vergeltung übte – ihn an sich riß, indem sie ihn von sich stieß ... Es war eine blinde, wilde Leidenschaft, die ihn beherrschte. Nie in seinem Leben hatte er ähnliches gespürt. Er war sich selber fremd. Er zergrübelte sich den Kopf, wie er sich Jakobe erobern könne. Er lebte wie im Traum, von einer fixen Idee befangen. Er lachte über sich, seine Wünsche, seine Hoffnungen! Er sprach Jakobes Namen ein Dutzend mal hintereinander – er kritzelte ihn ebenso oft vor sich auf weißes Papier und hatte nasse Augen dabei. Und lechzte nach ihr! Er verzehrte sich nach ihrer Schönheit. Er lag die Nächte wach und dachte an sie und lief bei Tage umher und hatte sie im Sinn und ging wie ein Schlafwandler durch die gleichgültige Außenwelt ... Er wurde bleich und magerte ab. Seinen Bekannten fiel seine veränderte Gesichtsfarbe, sein seltsames Wesen auf. Er hörte nicht mehr zu, während man zu ihm sprach, sondern ließ dabei die Augen unruhig hin und her schweifen, als suche er etwas – er gab zerstreute und unzusammenhängende Antworten und bemühte sich, sich möglichst schnell loszumachen, und allein die Straße weiter zu eilen, ganz gleich, ob man kopfschüttelnd hinter ihm herschaute, und selbst der getreue Michael räusperte sich eines Abends und wagte die Frage: »Ist dem gnädigen Herrn nicht wohl?« »Nein – gar nicht wohl, Michael!« »Da sollten aber der gnädige Herr etwas dagegen tun!« »Dagegen kann man nichts tun, Michael.« Sein Herr, der sich auf dem Diwan ausgestreckt hatte, seufzte und sprang plötzlich auf: »Geben Sie Hut und Mantel! Ich muß ausgehen! schnell!« Eine halbe Stunde später stand er im Halbdunkel vor dem Kritzingschen Hause. Das Fenster oben, das er suchte, war hell. Aber kein Schatten bewegte sich hinter dem Vorhang wie neulich. Vielleicht war sie ausgegangen. Er wartete, neben einem Laternenpfahl im Strom der Lasttagsmenschheit stehend, die an ihm vorbeiflutete, und belauerte das große dunkle Schulportal dort drüben, das sie durchschreiten mußte, aber die schwarze Wölbung blieb leer. Und ebenso war es die nächsten Abende. Er wechselte schließlich seinen Posten. Er stellte sich vor dem Grünkramkeller, vor dem Fleischerladen auf, wo er Jakobe damals bei ihren Einkaufen zum ersten Mal nach dem Sommer wieder gesehen. Er beneidete den dicken hemdsärmeligen Budiker in seinem Gewölbe, die Schinken schneidenden Mamsells hinter der Marmorplatte, daß sie mit Jakobe hatten reden, sie bedienen dürfen. Er kam sich selber kläglich und abgeschmackt vor. Aber er wich und wankte nicht. Er machte höchstens einmal einen kurzen Gang durch ein Straßenviereck und kehrte dann wieder auf seinen Beobachtungsstandpunkt zurück, in der Hoffnung, das Glück müsse ihm Jakobe unversehens, um die Ecke herum, in den Weg führen. Schließlich dachte er sich, sie sei vielleicht einmal des Abends bei einem Ausgang belästigt worden und getraue sich nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr auf die Straße. Seitdem fand er sich dort auch am lichten Tage ein – in den Mittagsstunden zwischen zwölf und zwei, wo sie, wie er wußte, frei hatte. Gegenüber der Schule war eine räucherige, kleine Bierkneipe. Da setzte er sich hin. Der dicke Wirt und die Weißbierphilister am Stammtisch sahen sich neugierig den feinen Herrn im Zylinder und modischen Paletot an. Er kümmerte sich nicht darum, sondern schaute hartnäckig durch die Scheiben seines Fensterplatzes auf die Straße. Da wimmelten die Kinder, wenn drüben die Glocke scholl, Lehrerinnen kamen heraus – aber sie erschien nicht. Möglicherweise ging sie nun gerade während der Schulstunden aus! Er brachte es fertig, eines Morgens von acht Uhr ab das Kritzingsche Haus zu umkreisen – es war schönes klares Wetter – der erste wirkliche frostige Wintertag, noch ohne Schnee, mit blauem Himmel – Erich von Wölsick strich müßig hin und her, um so wenig Verdacht wie möglich zu erwecken, und wartete und wartete, und allmählich ward es dunkel und von Jakobe war nichts zu sehen. Und plötzlich erfaßte ihn eine furchtbare Angst, sie könne am Ende überhaupt gar nicht mehr hier wohnen, sie könne gleich nach ihrer Unterredung Berlin derlassen haben, irgendwo hingegangen sein, wo er ihre Spur nicht mehr fand. Nun war ihm alles gleich. Er ging quer über die Straße, direkt auf das Haustor zu, und trat ein und frug eine ältliche Person, die sich da unter der Wölbung zu schaffen machte – es schien ihm die Pförtnersfrau zu sein: »Sagen Sie mal: hier oben bei Fräulein von Kritzing wohnt doch eine Dame – Frau Ansold! ... Ist die am Ende verreist?« Die Alte sah ihn mißtrauisch an und schüttelte nur stumm den Kopf. Er gab ihr ein Markstück in die Hand. »Warum sieht man sie denn dann aber nie? Sie muß doch einmal ausgehen!« »Seit acht Tagen jeht Frau Ansold überhaupt nich mehr aus!« »Ist sie denn krank?« »Det nu nich! Aber sie jeht bloß noch hier des Abends so 'n Stündeken mang den Jarten ...« Der »Garten«, auf den sie wies, war ein kümmerlicher Rasenflecken mit ein paar Bäumen zwischen den Hintergebäuden im Hof. Ein Gitter sperrte ihn ab und hielt Unberufene fern. Erich von Wölsick drehte sich um und ging rasch in die Nacht hinaus. Er wandte den Kopf nicht mehr. Es war ja vergeblich. Jakobe Ansold hatte ihn offenbar bemerkt, vom Fenster aus, schon lange! Seitdem vermied sie es, die Straße zu betreten ... Nun blieb nur noch übrig, ihr zu schreiben. Zu Hause angelangt, kämpfte er einen schweren Kampf mit seinem Stolz. Er sah sie immer noch vor sich, wie sie ihm mit ausgestreckter Hand die Türe wies, und dann lachte er bitter auf, setzte sich an den Tisch und warf fiebernd-hastig, als könne es ihn gleich wieder gereuen, die Zeilen auf das Papier: »Ich muß Sie noch einmal sprechen, Jakobe! Verstehen Sie, was diese Bitte heißt? Dies Opfer meines Selbstbewußtseins, nach der Art, wie Sie mir begegnet sind? Wenn ein Mann das fertig bringt, dann liebt er! Einen besseren Beweis kann ich Ihnen nicht geben, daß ich Sie blindlings, wahnsinnig liebe! Ich war das vorige Mal unter dem Eindruck des schlechten Gewissens viel zu kalt und ruhig! Diesmal überzeuge ich Sie! Das weiß ich! Wenn Ihnen nur ein bißchen an Ihrem und meinem Glück liegt, dann erhören Sie meine Bitte! Sagen Sie mir bitte, wann ich kommen darf! Ich zähle die Stunden, die Minuten! ... Glauben Sie mir, es hängt alles für uns von dieser Unterredung ab. Wir beide vertragen auf die Dauer den Zustand nicht; den Sie geschaffen haben. Ein bißchen Vertrauen von Ihnen zu meiner Liebe – nur fünf Minuten zwischen uns machen alles gut! Antworten Sie mir mit ja! Sie haben mein Schicksal in Händen! Erich von Wölsick.« Er verschloß den Brief und klingelte seinem Diener. Er wagte ihm, als er eintrat, nicht in das glattrasierte, kümmerliche Gesicht zu sehen, so litt er innerlich unter der Demütigung, die er sich selber auferlegte. »Michael!« sagte er gepreßt. »Dies hier muß bestellt weiden – verstanden? Sie kennen Frau Hauptmann Ansold – vom Sommer her – wo wir die Übung machten – Sie wissen?« »Jawohl, gnädiger Herr!« es zuckte nichts auf Michaels verkniffenen Zügen. Er wußte alles. Er hatte Nachschlüssel zu sämtlichen Fächern des Schreibtisches seines Herrn. »In deren Hände persönlich geben Sie diesen Brief! Wie Sie das fertig bringen, ist Ihre Sache! Stellen Sie den Fuß zwischen Tür und Angel, verkleiden Sie sich, steigen Sie von der Hintertreppe in die Küche – mir ganz einerlei! Aber kommen Sie mir nicht ohne eine eigenhändige Antwort von Frau Ansold vor Augen! Verstanden? Es soll Ihr Schaden nicht sein!« Gleich hinter dem schweigsamen Diener verließ auch er am nächsten Morgen die Wohnung. Es litt ihn vor Ungeduld nicht in seinen vier Wänden. Erst nach drei Stunden lehrte er von einem einsamen stürmischen Spaziergang den Kurfürstendamm entlang zurück. Michael war schon wieder da und bürstete Kleider. »Die Antwort der gnädigen Frau liegt auf dem Schreibtisch!« meldete er trocken. »Sie haben eine bekommen?« »Ja. Ich ging hinter dem Briefträger hinein. Da war die gnädige Frau. Sie hat sich einen Augenblick besonnen. Aber wie ich in allem Respekt sagte: ›Ich gehe nicht ohne Bescheid weg – und wenn man den Schutzmann holt –!‹, da nahm sie den Brief mit sich in ihr Zimmer und brachte mir nach einiger Zeit ihre Antwort heraus!« Erich von Wölsick holte aus seiner Brieftasche einen Hundertmarkschein, warf ihn ohne ein Wort vor Michael auf die Hose, an der er eben rieb, und eilte in das Zimmer. Ja – da schimmerte es weiß auf der grünen Schreibtischplatte und machte ihm das Herz heiß und jagte ihm das Blut durch die Adern. Was sie ihm auch schrieb – das tödliche Schweigen war doch gebrochen! Es war wieder ein Band zwischen ihnen! Das schlang er bald enger und enger! Er riß den Umschlag auf. Das war nicht ihre Schrift! Das waren seine eigenen Züge! Sein eigener Brief lag, sorgfältig zusammengefaltet, vor ihm. Keine Zeile von ihrer Hand war dabei ... Und als Michael nach einiger Zeit zufällig in das Zimmer trat, war er vor Staunen starr. Da lag sein Herr auf dem Diwan, das Gesicht in die Kissen vergraben, die Hände geballt, und schluchzte, schluchzte so bitterlich, daß er nicht einmal die Nähe des Dieners merkte. Und der zuckte mißfällig die Achseln und zog sich zurück. Das war ihm ganz neu. Er liebte es nicht, wenn seine Herrschaft sich so gehen ließ! Er selber tat das doch auch nie ... Einige Tage später trat Erich von Wölsick des Nachmittags bei seinem Schwager auf dessen Bureau im Auswärtigen Amt ein. Er war bleich und erschöpft. »Störe ich?« fing er. »Ja.« Daraufhin setzte er sich und sagte leer vor sich hinstarrend, den Hut in der Hand, den Stock zwischen den Knien: »Trotzdem! Ich muß hier mit dir sprechen. Ohne deine Frau! Die triumphiert zu sehr, daß es mir so übel geht! das macht mich nervös! Hat sie dir von meinem letzten Besuch bei euch erzählt?« »Gewiß!« »Alles?« »Ich denke!« »Nun – dann richte ihr nur aus, sie hätte damals ganz recht gehabt, wenn ich auch anfangs darüber gelacht hätte! Ich sei wirklich so weit ... ich sei mitten in einer Liebe darinnen – für die gibt es gar keinen Ausdruck! ... es ist keine Leidenschaft mehr – es ist einfach, als ob man wahnsinnig wäre! Und das Gräßliche dabei ist die Hoffnungslosigkeit. Kein Rückweg – kein Ausweg – keine Möglichkeit, die Sache vorwärts zu bringen, wohin man auch sieht ... daran verzweifle ich ... es wäre mir schon bald das schlimmste Geschehnis lieber als dies ewige Nichts und wieder Nichts! Und dabei darf ich mit keiner Menschenseele auf der Welt darüber reden als mit euch! Da hab' ich vorhin, als ich es gar nicht mehr aushielt, meinen Hut genommen und bin zu dir gelaufen!« »Ja – wenn ich dir nur helfen könnte!« »Stell' mit mir an, was du willst! Ich gebe dir alle Vollmacht. Bringe mich zum Nervendoktor – das wäre vielleicht noch das beste – oder lieber gleich ins Tollhaus oder mache die Sache kurz und schmeiße mich ins Wasser – mir ist alles recht ... ich bin abgestumpft ... ich habe nur noch die fixe Idee im Kopf ... ich will Jakobe Ansold und kriege sie nicht – und lange geht das so nicht mehr so weiter ... das fühle ich selbst ...« Er brach ab und schaute, immer halb geistesabwesend, in eine Ecke des Zimmers. Der Geheimrat schüttelte den Kopf und meinte endlich: »Früher, als du noch mit Frau Ansold sprachst und ihr euch schriebt, hattest du diese Leidenschaft noch nicht? Es ist also jetzt ... wie soll ich sagen – es ist die verbotene Frucht, die dich reizt ...?« »Mag es sein, was es will!« versetzte Erich von Wölsick ungeduldig. »Ich habe bei ihr hartnäckigen, unerbittlichen Widerstand gefunden – ich muß ihn brechen. – Ich kann ihn aber nicht brechen – und darüber werde ich allmählich verrückt ...« Der Geheimrat von Teichardt war ein Philister. Aber ein kluger Philister. Er war nicht immer der Würdenträger der Wilhelmstraße und eine Säule der Sitte und Kirchenzucht in preußischen Landen gewesen. Es lebten im Verwandtenkreis noch unbestimmte Sagen von Abenteuern aus seiner fernen Göttinger Studentenzeit ... Jetzt hatte er, seit seiner Verheiratung, unerschütterliche Grundsätze. Aber das Verständnis für manches Menschliche war ihm geblieben, und so sagte er lebhafter, als es sonst seine Art war: »Da gibt es nur ein Mittel, Erich! ... beatus ille qui procul amore ... fort – fort – mache, daß du von hier fortkommst – so weit wie möglich und möglichst lange! Packe deine Koffer! Unter neuen Eindrücken vergißt man am leichtesten ...« »Ich kann doch nicht fort!« »Du mußt! Du bist dein ganzes Leben lang so nüchtern und zielbewußt gewesen – was man bei uns sich austoben nennt, als junger Mensch, das erschien dir zu unbritisch, zu unmodern – na, schön ist's ja auch nicht – Gott sei es geklagt ... aber nun kommt solch ein Anfall über dich wie eine verspätete Kinderkrankheit und natürlich zehnmal so heftig, als bei einem Jüngelchen von zwanzig! ... Dagegen tut eine ausgiebige Luftveränderung Wunder!« »Ja, aber ...« »Was denn aber! Du bist doch in der glücklichen Lage, ein ganz freier Mensch zu sein, ganz anders wie wir Galeerensklaven von der Regierung, mit unseren sechs Wochen Interlaken oder Borkum in den Hundstagen! ... Du hast doch immer geklagt, daß du nie dazu kämst, eine Weltumsegelung zu machen. Nun mal dalli! ... Das ist der Zeitpunkt dafür in deinem Leben. Bleib ein Jahr weg ... komm sonnenverbrannt wieder – dann haben alle Dinge hier im alten Deutschland ein anderes Gesicht ...« »Nun laß mich mal zu Worte kommen! ... Es wäre ja sehr schön, Schwager ... aber ich bin doch hier an Berlin gebunden. Ich muß doch warten, was dieser Hauptmann Ansold schließlich angibt. Ich darf mich dem doch nicht entziehen!« Der Geheimrat zuckte die Achseln. »Ich finde, du hast ihm lange genug zur Verfügung gestanden,« sagte er. »Rechne doch einmal nach! Frau Ansold ist während des Manövers von zu Hause fort – das war also in der ersten Hälfte September. Jetzt haben wir Anfang Dezember! Ja – mag das Gehirn des Hauptmanns Ansold noch so langsam arbeiten, im Laufe eines Vierteljahrs muß er sich doch schlüssig gemacht haben, was er eigentlich tun und lassen will. Er hat sich, scheint's, für das Lassen entschieden! Umso besser ... Länger brauchst du auf diesen Phlegmatikus nicht mehr zu warten! Er kommt doch nicht mehr!« »Eigentlich hast du recht!« sagte Erich von Wölsick langsam. »Die Geheimräte haben in Preußen immer recht!« sein Schwager wandte sich halb im Sessel zum Schreibtisch und tauchte eine Feder ein. »Wozu wären wir denn sonst da? Aber jetzt muß ich meinen Hafer verdienen! ... Sieh dies Aktenbündel! Das wächst mir jeden Tag auf diesem Platze neu! komm doch heute abend zu uns – oder wann du sonst willst ...« »Jedenfalls danke ich dir für deinen Rat!« sein Besucher drückte ihm die Hand und ging. Und als er allein die winterlichen, menschenwimmelnden, vom ersten Aufleuchten der Schaufenster und elektrischen Lampen erhellten Straßen hinabschritt, da war er neu belebt von der Vorstellung, daß doch etwas geschehen könne – und wenn es auch eine Flucht vor Jakobe Ansold war. Denn das hieß diese Reise. Das machte er sich gleich klar. Aber was lag schließlich an einem neuen Glied in der Kette der Niederlagen, die er durch sie erlitten? Das ging nun schon in einem hin und war, je mehr er darüber nachdachte, das beste. Er kam aus diesem unerträglichen Zustand hier heraus – er zeigte auch seinerseits, daß er sich zur Wehr setzen und verzichten könne, er fand draußen unter fremden Menschen sich selber wieder, er heilte sich aus, er vergaß, und wenn er in zwölf Monaten heimkam, war auch hier so vieles vergessen. Und es gab dann – das sagte er sich in dem blinden Trotz, der ihn jetzt beherrschte – ein Dutzend für eine in der Berliner Geld- und Adelsweit, die gerne Frau von Wölsick wurde. Er war sich freilich bewußt, daß er da in seinen Plänen mit sich wie mit einem ganz Fremden spielte, den nach Belieben gleich einem Schachstein hin und her schob. In Wirklichkeit war neben Jakobe in ihm für nichts Raum, nicht in der Gegenwart, nicht in der Zukunft. Aber er wollte sich das jetzt nicht zugestehen, um seinen Entschluß nicht zu schwächen! Er brauchte die letzte Faser seiner vollen Kraft, um sich hier loszureißen. Sein Kopf arbeitete schnell. In dem spiegelten sich schon die Moscheen und Palmen und Pagoden und Wunder der Tropen, die er demnächst schauen würde – und doch sah er eigentlich immer nur das graue Kritzingsche Haus drüben in der nüchternen Berliner Straße vor sich – und hoffte kaum mehr, daß es, wenn er vom Bug des Schiffes zurückblickte, hinter ihm im blauen Meer verschwunden sein würde ... Mit fieberhaftem Eifer betrieb er seine Reisevorbereitungen. Am liebsten wäre er gleich in den nächsten vierundzwanzig Stunden auf und davon, aber es gab noch so manches zu erledigen: Den Urlaub vom Bezirkskommando, die Abrechnungen und Anweisungen an die Gutsverwaltung von Sommerwerk, die Empfehlungsbriefe an die deutschen Vertreter im Ausland, die ihm der Schwager vom Auswärtigen Amt verschaffte, die nötige Ausrüstung, die Buchung einer Kabine auf dem nächsten, von Genua fälligen Reichspostdampfer nach Asien – und so ward beschlossen, daß Erich von Wölsick am 18. Dezember von Berlin abreisen würde. Die Zeit bis dahin verging ihm rascher, als er gehofft, in den hundert kleinen und großen Einkäufen, Besorgungen, Besuchen, die einer Reise um die Erde vorausgingen. Er gönnte sich absichtlich nicht eine freie Minute, denn er wußte, daß in ihr sofort wieder der Gedanke an Jakobe wie ein Feuerbrand aufflammen würde – er betäubte sich förmlich in diesen Erörterungen über Kreditbriefe, Schiffsanschlüsse und Paß- Visa, er ging zum Zahnarzt und zum Büchsenmacher und zum Buchhändler, er ließ sich Glück wünschen und mit Ermahnungen beladen und beneiden und hatte dabei doch immer nur im Sinn: ich fliehe vor Jakobe Ansold und alles andere ist ganz gleich. Und endlich war es so weit, daß er daran denken konnte, seiner letzten Pflicht zu genügen und sich von seiner Mutter in Sommerwerk vor Antritt der Weltumsegelung zu verabschieden. Er hatte sich schon vor einer Woche angesagt. Morgen wollte er hinfahren und dann am nächsten Tag nur auf ein paar Stunden nach Berlin zurückkehren, um gleich seine Reise nach Genua fortzusetzen. Es war Abends gegen sieben Uhr. Die Teichardts waren zu ihm gekommen, um noch in Ruhe mit ihm zusammen zu sein. Denn übermorgen gab es doch nur eine Hetze auf dem Bahnhof. Sie saßen mit ihm in seinem großen Arbeitszimmer. In dem sah es wirr aus. Schubfächer und Kästen mit Papieren waren aufgeklappt, Kleidungsstücke lagen umher, und draußen im Vorraum standen flache schwarze Schiffskoffer und mächtige, gewölbte Transatlantics und blechbeschlagene Kisten, und zwischen ihnen hantierte Michael, der Unentbehrliche, der, so unpraktisch es war, mit auf die Reise gehen sollte. Und dann tönte plötzlich im Korridor der dumpfe Schlag des Gongs, und der Diener ging zur Flurtür, um nachzusehen, wer da kam, und brachte zu den dreien, die drinnen in ernster und ziemlich bedrückter Stimmung mehr miteinander schwiegen als sprachen, ein Tablett mit einer Visitenkarte und bot es seinem Herrn. Und der nahm die Karte und las: Ansold, Hauptmann und Kompaniechef im III. Westpriegnitzschen Infanterieregiment Nr. 217. VII Erich von Wölsick, seine Schwester und deren Mann blieben alle drei eine Weile stumm, nachdem der Name des Hauptmanns Ansold von der Karte abgelesen war. Michael stand wartend mit seinem unbeweglichen Gesicht vor ihm. Draußen im Flur räusperte sich eine tiefe Männerstimme. Man hörte das leise Klirren eines Säbels. Frau von Teichardt warf einen bangen Blick auf die beiden Herren. Sie wagte nichts zu sagen. Sie fühlte, jetzt wurde es ernst. Der Geheimrat erhob sich langsam in seiner ganzen schweren Wucht und meinte gedämpft zu seinem Schwager: »Du empfängst ihn?« »Natürlich! Michael – führen Sie den Herrn Hauptmann in den kleinen Salon! Ich komme so. fort!« Als der Diener sich entfernt hatte, schüttelte Herr von Teichardt seinen narbigen, energischen Glatzkopf, setzte seinen Zwicker auf, um zu gehen, und sagte nur: »Verflucht ...« »Ja – da ist nun nichts zu machen!« Erich von Wölsick war jetzt leidenschaftslos ruhig. In solchen Augenblicken, wo eine Gefahr aufstieg, unterdrückten Erziehung und Gewohnheit in ihm jede Erregung. Der andere nickte: »Nein –gar nichts! ... Komm, Helme! Wir wollen hier nicht weiter stören!« Und leiser, damit es seine Frau nicht vernehmen sollte, setzte er auf der Schwelle hinzu: »Wenn du mich heute noch brauchen solltest, ich bin den ganzen Abend zu Hause ...« Als er gegangen, begab sich Erich von Wölsick hinüber in den Salon. In dessen Mitte stand der Hauptmann Ansold, in Uniform, die Mütze in der Hand, und der erste Gedanke des Eintretenden war: der Kerl hätte sich auch den Helm aufsetzen können, wenn er mir einen Besuch macht – gleichviel zu welchem Zweck. Der untersetzte, etwas plumpe Mann ihm gegenüber, mit dem großen, leeren Gesicht, den kleinen, ausdruckslosen Augen, der stockenden, einem langsam arbeitenden Kopf angepaßten Sprechweise war ihm von jeher unsympathisch gewesen. Er machte den Eindruck einer dumpfen Unbeholfenheit – jetzt, wo er sich stumm verbeugte, wie damals im Sommer, als Erich von Wölsick das erste und einzige Mal auf Jakobes Einladung Gast an seinem Tisch gewesen war. Sonst hatten sie sich nur auf der Straße im Vorübergehen oder Vorüberreiten sehr kühl und zurückhaltend gegrüßt. Auch in diesem Salon standen, von Michael nur rasch in die Ecke geschoben, ein paar Kisten, die einen Sattel, eine Gummibadewanne, ein kleines, zusammenklappbares Zelt und einen mit Schafpelz gefütterten Schlafrock enthielten. Alles lag noch wirr und offen durcheinander. Der Hauptmann Ansold warf, nachdem er sich auf Erich von Wölsicks einladende Handbewegung hin gesetzt und seine Mütze neben sich auf den Parkettboden gelegt hatte, einen Blick darauf und sagte dann unvermittelt: »Sie beabsichtigen, eine Reise anzutreten, Herr von Wölsick?« »Das habe ich allerdings vor!« »Schon in nächster Zeit?« »Übermorgen!« »Und es scheint, daß diese Reise, nach den Sachen hier zu urteilen, Sie längere Zeit in unwirtlichen und entlegenen Gegenden festhalten wird?« »Mindestens ein Jahr!« Der Hauptmann Ansold räusperte sich wieder. »Ihre Frau Mutter erzählte dieser Tage, als sie von Sommerwerk in die Stadt kam, zufällig der Frau unseres Obersten, daß sie vor Ihrer Weltumseglung noch Ihren Besuch erwartete. Dadurch erfuhr ich es gestern in meiner Garnison und nahm gleich Urlaub, um Sie aufzusuchen!« »Und was steht Ihnen zu Diensten, Herr Hauptmann?« Man mußte immer eine Zeitlang warten, ehe man von dem Hauptmann Ansold eine Erwiderung bekam. Er überdachte seine Worte sorgfältig und prägte sie schwer. So sagte er auch jetzt erst nach einer Pause: »Ich möchte vorausschicken, Herr von Wölsick, daß der Zeitpunkt, den ich meiner Frau für ihre Rückkehr zu mir festgesetzt habe, längst abgelaufen ist. Ich hatte Geduld und gab noch mehrfach ein paar Wochen zu. Aber ich habe mich überzeugen müssen, daß das gar nichts nützt. Die Geistesverfassung meiner Frau scheint unabänderlich zu sein, und es ist schließlich unter meiner Würde, da immer neue Versuche zu machen. Ich hatte vor kurzem meine letzte Unterredung mit ihr. Unter deren Eindruck habe ich ihr dann geschrieben, daß ich zu einer Trennung unserer Ehe bereit sei, vorausgesetzt, daß hinterher alles, so weit es meine bisherige Frau betrifft, wieder in Ordnung kommt ... ich weiß nicht, ob ich mich da deutlich genug ausdrücke?« »Ich glaube, Sie zu verstehen, Herr Hauptmann!« »Ich will lieber ganz unumwunden reden! also ich will nicht, daß meine Frau nach der Scheidung weiter meinen Namen trägt – ich will auch nicht, daß sie etwa unter ihrem Mädchennamen oder sonstwie in auf die Dauer unhaltbare Verhältnisse kommt, wie jetzt als Sekretärin bei dem alten Fräulein von Kritzing, die schon längst daran denkt, ihre Schule aufzugeben und sich zur Ruhe zu setzen, sobald sie eine Käuferin findet. Was macht sie denn dann? Zu einer Abenteurerin in Berlin möchte ich meine frühere Frau nicht herabsinken sehen. Das bin ich nicht nur mir schuldig und dem Rock des Königs hier, den ich trage, sondern vor allem auch meinem Sohn! Mit einem Worte: ich erachte es als Bedingung unserer Ehescheidung, daß Sie der Frau, die Sie mir genommen haben, späterhin Ihren Namen geben. Sind Sie in der Lage, diesen Standpunkt eines Offiziers zu begreifen, Herr von Wölsick?« »Ich bin selbst Offizier, Herr Hauptmann! Ihre Voraussetzungen sind die durchaus selbstverständlichen und richtigen!« »Das freut mich zu hören! Ich habe in der ganzen Sache mehr Geduld bewiesen, als recht ist. Andere wären wahrscheinlich schon ganz anders losgegangen. Aber ich sagte mir, daß solche Dinge ihre Zeit brauchten und daß man ihnen ihre Entwickelung lassen könnte, ohne etwas zu überstürzen – es lag ja, nachdem nun einmal alles schon so weit war, kein Grund zu besonderer Eile vor – da höre ich gestern mit einem Male, Sie wollten verreisen – gleich nach China oder Japan – auf unbestimmte Zeit – ja, das klärte freilich die Sachlage, Herr von Wölsick – aber in einer sehr unerwünschten Weise ...« »Darauf, Herr Hauptmann, erwidere ich Ihnen folgendes und bitte, meine Erklärung als Ehrenwort von Offizier zu Offizier zu nehmen. Ich habe alles, was in meinen Kräften stand, alles was nur menschenmöglich war, getan, um Frau Ansold zu bewegen, sich künftig Frau von Wölsick zu nennen! Sie hat es durchaus und hartnäckig und immer wieder abgelehnt!« »Das hat sie auch mir gesagt! Aber warum tut sie das?« »Da müssen Sie sie fragen und nicht mich!« »Nein! denn sie ist eine schwache, irregeleitete Frau, die durch Sie aus ihrem ruhigen Lebenslauf herausgerissen und nun hier ihrem Schicksal preisgegeben ist ... darum halte ich mich an Sie!« »Und ich kann Ihnen nur noch einmal die Versicherung abgeben, daß ich den redlichsten und besten Willen hatte, und noch habe, die Schuld, die ich etwa auf mich geladen habe, wieder gut zu machen! Wenn Frau Ansold nicht will, dann vermag ich das nicht zu ändern! Sonst wäre es schon längst geschehen ...« Erich von Wölsick begleitete diese Worte mit einem heftigen Achselzucken. Es schien ihm so seltsam, dies Gespräch zwischen zwei Männern über eine Frau, von denen der eine sie nicht mehr hatte und der andere noch nicht, und die beide ihren Willen für etwas anstrengten, was ihrem Willen ganz entzogen war. Der Hauptmann Ansold aber sagte, mit der Hartnäckigkeit, mit der er unbeirrt seinen schon vor dem Besuche festgelegten Gedankengang verfolgte: »Meine Frau will nicht – gut! Aber das hätten Sie vorher wissen müssen! ... Sie hätten sie danach fragen müssen, ehe Sie ihr im Sommer das alles in den Kopf setzten und dies unabsehbare Unheil anrichteten – Sie hätten sich und ihr damals ganz deutlich klar machen müssen, was daraus folgte, wenn sie von mir wegging! Aber ich glaube, Sie haben damals daran noch weniger gedacht als sie. Sie sind damals gleich hinterher ins Ausland gegangen, wie Sie jetzt wieder ins Ausland gehen wollen – offenbar gehen Sie immer ins Ausland, wenn – nein, bitte – lassen Sie mich reden! Das steht fest: Sie haben sich gar nicht weiter um meine Frau gekümmert und sie blindlings in ihr Verderben rennen lassen und jetzt, wo sie so verstockt und in sich verbissen ist, daß kein Mensch ihr mehr beikommen und helfen kann, auch Sie nicht – jetzt waschen Sie Ihre Hände in Unschuld und tun, als hätten Sie mit der Sache nichts weiter zu schaffen – nein, Herr von Wölsick – so leicht kommen wir beide doch nicht voneinander los ...« »Wenn Sie mir nur verraten wollten, Herr Hauptmann, was ich noch weiter beginnen soll, um meinen guten Willen zu zeigen ...« »Ihr guter Wille hilft nichts mehr! wissen Sie, warum? Weil meine Frau ganz offenbar an Ihrem Charakter zweifelt – leider jetzt erst – zu spät –! Sie hätte es viel früher tun sollen – dann wäre viel Unheil vermieden worden ...« »Herr Hauptmann ...« »Wenn sie nicht an Ihrem Charakter zweifelte oder vielmehr, wenn sie ihn jetzt nicht in Grund und Boden verurteilte, warum würde sie sich dann so hartnäckig und leidenschaftlich weigern! ... sie hat Sie jetzt endlich durchschaut ... das ist die einzige Erklärung ...« »Hat sie Ihnen die gegeben?« »Sie spricht nicht mit mir über Sie! sie lehnt das ab. Sie meint, ich verstände das nicht! aber die Tatsachen sprechen so laut, daß ich, für so einfältig sie mich hält, es wohl verstehe. Sie hat sich überzeugt, wer Sie sind! Sie weiß offenbar Dinge von Ihnen, die es ihr unmöglich machen, selbst in ihrer jetzigen verzweifelten Lage Ihnen zu folgen! So sind Sie in den Augen meiner Frau gerichtet! Soll ich da noch viel Rücksicht üben?« »Nun bitte aber deutlich, Herr Hauptmann! Meine Geduld ist zu Ende!« »Meine auch!« Der Hauptmann Ansold hatte bis. her langsam und bedächtig überlegt gesprochen. Jetzt, wo die Hitze über ihn kam, konnte er die Worte nicht mehr wählen – er stieß sie abgebrochen, beinahe stotternd heraus: »Wenn meine Frau von mir, weil sie sich so unglücklich fühlte, fortgegangen wäre, zu einem guten, ehrenhaften, anständigen Mann – ich liebe sie immer noch, in meiner Art – aber gerade darum hätte ich mich schließlich fügen müssen und Ja und Amen gesagt. Aber daß da einer daherkommt wie Sie und sie mit allem Vorbedacht toll macht und dann hier in Berlin aufs Pflaster schmeißt und denkt, so – nun könn' er ruhig seiner Wege gehen und anderswo von vorn anfangen – ne, Herr von Wölsick – ne – ne – so lasse ich mich nicht abspeisen ... ich bin Offizier ...« »Das haben Sie schon mehrmals betont!« Erich von Wölsick hatte sich erhoben. Zugleich sprang auch der andere auf die Beine und wiederholte atemlos: »Ich bin Offizier! ... Überlegen Sie mal gefälligst meine Lage! ich sitze daheim im leeren Haus – meine Frau verkommt hier in Berlin – mein Junge hat keine Mutter mehr – und Sie amüsieren sich inzwischen königlich auf einer Weltumsegelung und denken gar nicht mehr an die alten Geschichten – nein, Herr von Wölsick – da gehört ein Riegel davor – da werd' ich ja ausgelacht – wenn ich mit den Händen in dem Schoß dasitze und mir das gefallen lasse ... daß man mir meine Frau wegnimmt und sie dann nicht einmal haben will ... so scheint es doch nach außen! – man weist ja mit Fingern auf mich ... mein Schwiegervater ist preußischer General ... dem kann ich ja nicht mehr unter die Augen treten ... nein ... es muß etwas geschehen ...« »Was denn? sagen Sie es doch endlich bitte ...« »Es kann nur eines geschehen – ich weiß nichts anders,« der Hauptmann Ansold wurde plötzlich bleich und stieß dann unvermittelt mit einer Kraftanstrengung heraus: »Sie haben sich in der ganzen Angelegenheit absolut nicht als Ehrenmann benommen, Herr von Wölsick!« Erich von Wölsick schwieg und sah ihn fest an. »Ist das deutlich genug gesprochen, Herr von Wölsick, oder soll ich noch mehr sagen?« »Danke! es genügt vollkommen! an wen darf sich mein Kartellträger wenden?« »Mein Regimentskamerad, Hauptmann de Pierre, ist mit mir nach Berlin gekommen.« »Wo wohnt er?« Der Hauptmann Ansold nannte ein Absteigequartier in der Nähe der Linden, von dem Erich von Wölsick nie gehört hatte. Er dachte sich noch unwillkürlich: Gott weiß, was derartige Leute hier in Berlin immer für Schlupfwinkel aufstöbern! – dann machte er seinem Besucher, der fast ohne Gruß das Zimmer verließ, die Andeutung einer Verbeugung und war allein. Und was zuerst von dem Gespräch in ihm nachzitterte, war keine Erregung wegen des bevorstehenden Zweikampfs, nicht einmal ein Zorn über den ihm zugefügten Schimpf – es war eine hilflose Wut gegen das Schicksal, das sich bei allem und allem, was er unternahm, ihm in den Weg stellte und immer wieder Jakobe Ansold hieß. Sie selber rührte sich nicht. Aber von ihr, durch sie, kam alles. Jetzt wieder ihr Mann. Dieser schwerfällige Philister. Man konnte sich ja in seine Geistesverfassung hinein versetzen. Lange Zeit hatte er gegrübelt. In seinem Kopfe war es dumpf. Halbes Hassen, halbes Hoffen, halber Schmerz wohnte da eng beisammen in dämmerigem Raum und draußen waren Rätsel. Denen stand er fremd und mißtrauisch gegenüber. Da kam die Erlösung. Der andere reiste ab! Nun hatte man doch einen Zipfel Wirklichkeit in Händen, nun konnte man endlich all diesen Seelenleiden und Nervenerschütterungen nach Väterbrauch mit Schießen und Stechen zu Leibe rücken, und er, Erich von Wölsick, mußte bei dieser Dummheit mittun! Er hatte über den Zweikampf seine eigenen Ansichten und verhehlte die auch dem Geheimrat von Teichardt nicht, als er ihn noch am selben Abend aufsuchte und ihn bat, sein Kartelträger zu sein. »Ich bin nicht einmal ein Gegner des Duells!« sagte er, sich die zehnte oder zwölfte Zigarette anzündend, mit der er seine Ungeduld und seinen Unmut betäubte. »Ich kann nichts pro oder kontra vorbringen – überhaupt nicht darüber diskutieren! es steht ganz außerhalb meiner Verstandesbegriffe. Wenn mich dieser gute Hauptmann, der mich überhaupt an einen gereizten Bullen erinnert, auf offener Straße angriffe und unversehens mit seinem Säbel niederstäche und ich mit meinem Regenschirm parierte, das würde ich begreifen – das ist ein Ausfluß der Natur. Aber daß zwei Menschen sich wie zwei Meilenpfähle gegenüberstehen und einander als Zielscheiben benutzen – nein – in England ...« »Deine Britenseuchelei hilft dir hier gar nichts!« bemerkte der Bureaukrat stirnrunzelnd. »Du wirst schon nicht umhin können ...« »Natürlich nicht! Das kommt ja gar nicht in Frage ...« »Nun ... dann weiß ich auch nicht, was diese Reden sollen! wenn man Reserveoffizier ist und Wölsick heißt ...« »... ich tue es ja ohne Widerrede, Schwager! ich knipse auf Verlangen so oft mit der Pistole, als ihr mir vorschreibt. Oder vielmehr nicht eigentlich ich knipse, sondern eine Menge Wölsick vor mir, die zu ihren Zeiten das höchst nützlich und notwendig gefunden hätten. Wir Endglieder einer langen Ahnenkette sind immer die Geschobenen ... sonst nehmen uns das die Leute aus dem Dreißigjährigen Krieg nachträglich in ihren Särgen höchst übel. Also gehe lieber und suche gleich diesen Hauptmann de Pierre auf und mache mit ihm alle Einzelheiten des Opferfestes aus ...« »Heute abend noch? Erich, bist du verrückt? es geht auf dreiviertel Neun!« Erich von Wölsick stampfte mit dem Fuß. Während er bisher eine spöttische und gereizte Gleichgültigkeit zur Schau getragen, brach jetzt plötzlich ein fieberhafter Eigensinn bei ihm durch. »Ich will es rasch hinter mir haben! Auf der Stelle! ich hab' keine Zeit, mich wieder mit dieser Eselei aufzuhalten! Meine Nerven sind herunter! Ich will fort! ich muß fort! ... Du weißt selbst am besten, wie notwendig es mir ist ... ich brauche Freiheit ... die weite Welt ... nun hängt sich einem der Mensch wieder an die Rockschöße! ... Ich bitte dich, tue mir den einzigen Gefallen und schau, daß ich ihn mir bis übermorgen früh abgeschüttelt Hab' ...« »Bis übermorgen früh?« »Nun ja – dann kann ich noch ganz gut den Süd- Expreß Mittags nehmen und nach Genua reisen. Schlimmstenfalls kann ich sogar erst mit dem Abendzug fahren und fange dann den Dampfer noch in Neapel ab.« »Aber doch immer nur, wenn an dem kritischen Morgen – hm – nichts passiert ...« Erich von Wölsick lächelte geringschätzig. Ein leidenschaftlicher Weidmann wie er! Er handhabte die Kugelbüchse mit tödlicher Sicherheit. Das gab auch Übung für die Pistole. »Ich werde ihn ins Bein treffen!« sagte er kurz, »damit er etwas für den ›Nichtgentleman‹ hat, den er mir ins Gesicht warf ... Das mag er sich dann im Militärlazarett auskurieren! Davon erfährt die Polizei nichts! Laßt nur mich dann in Ruhe! – Ich fahre ohnedies schon bald aus der Haut vor Ungeduld ...« »Na – Sieh mal: ich bin alter Korpsstudent und war – nu ja ... doch schließlich ein ziemlich toller Bruder und hab' an die vierzig Mensuren gehabt und ein halbes Dutzend auf Säbel und auch mal die Pistole in der Hand gehalten. Und darum sag' ich dir: man soll in solchen Geschichten nie zu zuversichtlich sein! Daß du mit der Flinte umgehen kannst, beweist noch wenig für die Pistole ... diese Fußfanteristen wie der Hauptmann da können auch schießen – das ist doch ihr Handwerk – kurz: die Üppigkeit rächt sich, Erich ...« Der andere schleuderte wütend seine Zigarette auf den Ofenvorsetzer in der Ecke. »Unke nur auch noch!« sagte er, mit langen Schritten wie ein Tiger im Käfig auf und ab gehend. »Ihr habt euch alle gegen mich verschworen! Ich soll nun einmal an der Kette zappeln! Aber ich will jetzt frei sein! verstehst du mich! ... Ich hab' doch bis zu diesem Unglücksherbst immer meinen Willen im Leben durchgesetzt – ich möchte diese Gewohnheit wirklich nicht verlieren ... also bitte lasse das Getrödel wie sonst – mit langen Ehrenratsitzungen und was weiß ich ... gehe jetzt und verabrede die Landpartie auf übermorgen früh – sag nur, ich hätte in Ceylon zu tun – ich erwarte dich daheim ...« Als er durch den Flur schritt, sah er durch eine Nebentüre Frau von Teichardts verweintes Gesicht. Sie wußte natürlich genau, was bevorstand. Schluchzend drückte sie ihm die Hand und verschwand gleich wieder, und Erich von Wölsick dachte sich, obwohl er seine Schwester sehr gern hatte, auf dem Heimweg doch mit einem gewissen Galgenhumor, der zu seinem zerrissenen und fiebrigen Zustand paßte: Was war sie früher glücklich, mir zu melden, Jakobe sei in Berlin, und mir die Leviten zu lesen! Jetzt, wo es damit Ernst wird, zittert sie vor Angst, daß mich der Kuckuck holen könne und das Majorat in andere Hände kommt! Und meine Mutter, wenn sie es wüßte, auch! Und mein Schwager erst recht! Der wird bei dem Hauptmann de Pierre schon auf schonende Bedingungen drängen – oder ich kenn' ihn schlecht, so blutdürstig er sich auch mir gegenüber gebärdet ... Aber freilich: Darin hatte jener recht – man konnte nie wissen – Und als Erich von Wölsick wieder nach Hause kam und im Schein des elektrischen Lichtes in den unordentlichen Zimmern überall die halbgepackten Koffer herumstehen sah, sagte er sich: Ja, – das ist nun eine Reise! Die Frage ist nur: geht sie nach Japan oder ins Jenseits? Im letzteren Fall brauche ich wirklich nicht so viel Gepäck! – Und dann lachte er kurz auf. Denn er hatte sich eben gedacht: Sonderbar! da schießen sich nun zwei Männer um eine Frau und die will weder von dem einen noch von dem anderen etwas wissen! Warum tun sie's dann überhaupt? Das ist nur mir ein Rätsel! ... Alle andern wissen es offenbar ganz genau! Und dabei konnte er doch, wenn er ehrlich sein wollte, dem Hauptmann Ansold nicht unrecht geben. Von dessen Standpunkt aus. Irgend etwas mußte jeder Mensch tun, wenn man ihn so reizte. Und ein Schuß war auch eine Tat – die Nächstliegende für einen Offizier ... Mißmutig und ungeduldig ging er in seinem Zimmer herum und überlegte sich, ob er eigentlich ein Recht habe, jenen auch nur ins Bein zu treffen – er hatte ihm doch ohnedies schon Unglück genug zugefügt – und andererseits: er mußte sich doch wehren – er konnte doch nicht dastehen, wie eine Neuruppiner Zielscheibe – und so kam er zu keinem Entschluß, bis gegen Mittelnacht sein Schwager wieder erschien – noch würdevoller durch die Schwere seiner Verantwortung – noch mehr die Verkörperung von Gesetz und Ordnung wie sonst: – Also – es war soweit in die Reihe gebracht. Die Gegenpartei hatte keine Schwierigkeiten erhoben. Morgen wurde alles vorbereitet und übermorgen schoß man sich um sechs Uhr früh in der Nahe von Spandau, bei den Schießständen. »Und die Bedingungen?« »Einmaliger Kugelwechsel auf fünfzehn Schritte!« Erich von Wölsick mußte in all seinem Ärger herzlich lachen. Das hatte er sich doch von dem besorgten Schwager gedacht! Das sah dem ähnlich. Oder doch – daß er ihn so in Watte wickeln würde – das war unerwartet! »Können wir nicht lieber gleich mit zwei Besenstielen aufeinander losgehen, wie die alten Weiber?« sagte er. »Waren die anderen denn auch gleich so lammfromm?« Der Geheimrat hob die Hand. »Na – nun schelte bitte nicht! Erstens: 'ne Kugel ist 'ne Kugel – und wenn sie aus dem Rohr ist, gehört sie bekanntlich dem Deubel! ... Zweitens: Was ist denn eigentlich passiert? Die häusliche Ehre des Hauptmann Ansold ist in sich durch dich nicht verletzt. Grundlage unserer Affäre ist lediglich ein beleidigendes Wort von ihm gegen dich. Für dies Wort schien ein Schuß von jeder Seite dem Hauptmann de Pierre wie mir genügend ...« »Na schön!« An sich war Erich von Wölsick ganz froh. Jetzt hatte er doch alle Hoffnung, ungehindert abreisen zu können. Und diese Flucht vor Jakobe war eigentlich das einzige, was ihn bei dieser Spielerei mit Schußgewehr, der er sonst so innerlich gleichgültig wie ein ganz Unbeteiligter gegenüberstand, wirklich beschäftigte. Er nahm sich jetzt vor, überhaupt nicht auf den Hauptmann Ansold, sondern daneben zu zielen. Sie feuerten ja wahrscheinlich ohnedies beide ziemlich gleichzeitig. Zwei Löcher in der Natur –damit war die Sache erledigt und er konnte sich aufatmend sagen, daß er dann aber auch alles, was mit Jakobe zusammenhing und ihn hemmen konnte, hinter sich hatte. Er war entschlossen, die Sache von dem Gesichtspunkt anzusehen, daß sie für seine Reisepläne keine Bedeutung hatte. Deswegen fuhr er seinem ursprünglichen Vorsatz getreu am nächsten Tag, während sein Schwager allerhand geheimnisvolle Besorgungen und Besprechungen mit dem Hauptmann de Pierre und einem jungen Privatdozenten der Chirurgie hatte, hinaus nach Sommerwerk, um seiner Mutter vor der Abfahrt Adieu zu sagen! Die Bummelei der Kleinbahn war ihm verhaßt. Er benutzte sein Automobil, das ihn ebenso rasch wie jene durch die neblige, kalte, von Winterreif weiße, märkische Ebene brachte. Der Anblick des toten Landes, der windgepeitschten kahlen Bäume, der grauen Wolken am Himmel, stimmte ihn seltsam trübe. So wenig er sich sonst mit Gedichten und Sentimentalität abgab – der alte Vers fiel ihm ein: »Zum Abschiednehmen just das rechte Wetter ...« es frug sich nur: Abschied von was – ob vom Leben? – ob für ein Jahr von Berlin? In jedem Fall war es die Trennung von Jakobe. Und bei dem Gedanken krampfte sich sein Herz in einem leidenschaftlichen Schmerz zusammen und er biß die Zähne aufeinander und sah düster vor sich hin in die verschleierte, traurige, grau in grau verschwimmende Ferne. Und aus der tauchten die niederen, dicken Türme und bröckeligen, alten Backsteinmauern des Garnisonstädtchens auf, in dem er diesen Sommer die schicksalsschweren sechs Wochen verbracht. Von allen Seiten stiegen bekannte Bilder hervor. Überall war die Erinnerung wach. Da war der große See, um den sie beide so oft des Abends gegangen, wenn über den Schilfkranz am Ufer hin die untergehende Sonne das flache Gewässer in geheimnisvollem Opalglanz verklärte. – Da war die Windmühle auf dem Hügel, neben deren sausendem Rade sie oft gestanden und sich lachend, mit dem Blick in die Weite, von dem Sturm hatten durchschütteln lassen, da waren die alten Linden vor dem Tor, unter denen sie sich zuletzt getroffen. Damals lastete schwere Sommerschwüle über der erntegesegneten Erde, im schattigen Geäst sangen die Finken, der Himmel war blau – jetzt senkten sich leise, fast unmerklich, die ersten Schneeflocken, die Winterboten, aus fahlem Gewölk, die dürren Blätter tanzten, der Wind pfiff im welken Röhricht des Sees ... vorbei ... vorbei ... Damals hätte er Jakobe Ansold haben können, für immer, es hätte ihn nur das eine Wort gekostet: mache dich frei und werde meine Frau! Sie hätte aufjubelnd, eine Dankbare, eine Erlöste, seine Hand ergriffen. Jetzt war ein Herz hart geworden in der Not und wollte nichts mehr von ihm wissen. Und doch sprach jeder Stein am Weg zu ihm von Jakobe. Jede Mauer sprach: hier ist sie gegangen. Jeder Baum winkte: unter meinem Schatten hat sie gestanden. Sie war ja so lange bei uns. Sie hat auf dich gewartet, Jahre und Jahre ... bis du kamst ... Nun schien ihm die ganze Stadt tot und leer ohne sie. Er begriff gar nicht bei der Fahrt über das holperige Pflaster der breiten öden Gassen, wie die paar Menschen, die man sah, nach wie vor ihren Geschäften nachgehen konnten, als wäre nichts geschehen. Und da marschierte ein Trupp Soldaten, blau angelaufene Färbergesellen kamen aus der Fabrik, Knaben aus der Schule – das Leben lärmte und lachte. Jakobe Ansold war vergessen. So als sei sie tot und begraben. Und er hatte einen Augenblick die beklemmende Vorstellung, als sei sie wirklich tot. Oder er. Jetzt noch nicht. Aber bald. Morgen. Schließlich war es gut so. Was hatte man vom Sein? Und eine tiefe unendliche Traurigkeit, wie er sie noch nie zuvor im Leben empfunden, breitete ihre schwarzen Flügel über ihn aus und beschattete ihn den ganzen Tag, auf dem Weg nach Sommerwerk hinaus, wo er sich nur eine Stunde aufhielt, mit seiner Mutter zu Mittag aß und nach dem Kaffee ihr die Hand küßte und wieder seinen Automobilpelz umnahm. Es gab keine gefühlvollen Auftritte zwischen ihnen beiden – sie beobachteten nur als Menschen von Welt peinlich vor sich und ihrer Umgebung die Höflichkeit gegenseitiger Rücksichtnahme – und ebenso blieb ihm auf der Heimfahrt die düstere Stimmung. Mechanisch nickte er zu den untertänigen Verbeugungen der Ladeninhaber unter den Türen und grüßte ein paar ihm bekannte Offiziere, die mit ihren Damen den Bürgersteig entlang gingen. Er wußte, alles blieb stehen und sah ihm neugierig nach. Das ganze Nest, hoch und niedrig, erzählte sich heute abend, daß er, zum ersten Male seit dem Sommer, wieder hiergewesen – er war froh, als er das Städtchen im Rücken hatte, das ihm in der Gegenwart verhaßt war und ihn in der Erinnerung zu tiefster Wehmut stimmte, und er, die Augen unter der Schutzbrille feucht von unerklärlichen Tränen, auf der langen, leeren Chaussee schnurgerade in die Dämmerung hineinschoß, auf Berlin zu. In Berlin war Jakobe. Um sie kreiste er in seinen Gedanken wie die Motte um das Licht. Zu Hause angelangt, überlegte er sich, ob er ihr schreiben solle, einen Abschiedsbrief für den Fall seines Todes. Dann sagte er sich mit einem bitteren Lachen: Nein! Sie glaubt dir ja doch nicht! Auch wenn du für sie stirbst! Sie will ja gerade, daß du an ihr zu Grunde gehst! Dann hat sie erst recht ihre Rache! Er ärgerte sich, daß er sich überhaupt einen solchen Ausgang der dummen Geschichte morgen als möglich vorstellte. Dies winzige Stückchen Blei, das da durch die Luft fliegen würde, konnte doch nicht mit einem Schlage das alles auslöschen. Es war wenigstens höchst unwahrscheinlich, auf diese Entfernung! Er sprang auf und reckte die Arme aus und holte schwer Luft wie ein Gefangener. Gott sei Dank – morgen um diese Zeit war er schon unterwegs! Der Schnellzug trug ihn durch die Nacht dahin, über die Alpen, an das Meer! Die Wellen rauschten, die Möwen schrien – da nickten schon drüben die Kokospalmen über dem weißen Streifen der Brandung – die farbige Weite tat sich auf – und irgendwo dahinten, vergessen, lag Europa mit seinem Leid und Weh ... Diese Stimmung der Flucht vor Jakobe, der Betäubung durch fremde Eindrücke blieb jetzt in ihm. Sie wuchs noch in einer langen, schlaflosen Nacht und war zu einer ungestümen Ungeduld geworden, als der Geheimrat von Teichardt noch in der Dunkelheit seinen Schwager, der ihn sich der Kürze halber auch als Sekundanten erbeten hatte, zu der Fahrt nach Spandau abholte und bei ihm gar kein Interesse für den bevorstehenden Zweikampf, sondern nur für den Eisenbahnfahrplan und die Dampferanschlüsse fand. Während sie stehend den von Michael gebrauten schwarzen Kaffee tranken, frug er gedämpft: »Hast du mir keine Briefe einzuhändigen? – Ma – mache doch nicht ein so erstauntes Gesicht! Es ist doch schließlich ganz nett, wenn man auf alle Fälle zum Beispiel seiner Mutter ...« »Der hab' ich doch gestern schon Adieu gesagt. Sie kriegt noch von Genua aus eine Karte, ehe ich mich einschiff'!« »Na ... hör mal ...« der Geheimrat schüttelte den Kopf. Das reizte Erich von Wölsick und er versetzte heftig: »Nein, meine Lieben ... ich mache schon in Gottes Namen mit, heute morgen! Aber es ernst zu nehmen – das könnt ihr nicht auch noch von mir verlangen! Michael ... bis ich zurückkomme, sind die Koffer hier zu Ende gepackt. Die Leute vom Lloydbureau holen sie im Lauf des Vormittags. Dann gehen Sie selbst hin und besorgen meine Schlafwagenkarte für heute abend ... verstanden? Ich will kein Gehetze im letzten Augenblick ... Na – nun komm! ...« Draußen wandelte sich das Schwarz langsam in Grau, aber ein dicker, bitterlich riechender Nebel hing über Berlin. Sie mußten ganz langsam fahren. Auf den totenstillen Straßen warnte die Huppe des Automobils fortwährend Menschen und Wagen, die nicht da waren. Es schlief noch alles auf dieser Schwelle zwischen Tag und Nacht. Auch der junge, Erich von Wölsick gegenübersitzende Arzt gähnte fortwährend, die eine Hand vor dem Mund, die andere auf sein mitgebrachtes schwarzes Kästchen gestützt. Das machte den anderen auf die Dauer nervös. Mißmutig schaute er zur Seite in die schattenhaften Umrisse des Tiergartens, der Häuser von Charlottenburg, der Kartoffelfelder und Kieferforsten, bis man plötzlich auf einen Wink des Geheimrats an einem Gehölz hielt. Herr von Teichardt war gestern mit dem Hauptmann de Pierre hier gewesen und hatte sich, wie er sich ausdrückte, eine »lauschige Stelle«, eine Lichtung im Walde, ausgesucht, zu der ein Fußpfad hinführte. Gestern, am hellen Mittag, war der deutlich zu erkennen gewesen. Heute, in dem zähen, ringsumher brauenden Nebel, liefen alle Wege sonderbar durcheinander. Der, den man einschlug, war es nicht. Er lockte immer weiter in Nadelholzgestrüpp und Kaninchenlöcher. Man mußte umkehren und auf die Straße zurück und Erich von Wölsick sah zornig auf die Uhr und sagte zu seinem Schwager: »Tu mir den einzigen Gefallen und schau, daß wir rechtzeitig an Ort und Stelle sind! Das ist deine verfluchte Pflicht und Schuldigkeit! Ich hab' keine Lust, den Dampfer zu versäumen, weil die Geschichte auf morgen verschoben werden muß ...« Zum Glück kam eben, von irgend einem nahen Gut, ein Milchfuhrwerk im Schritt durch das Grau heran. Herr von Teichardt stellte sich in seiner ganzen Breitschultrigkeit vor den Gaul und rief den Mann auf dem Bock an: »Sagen Sie mal: haben Sie nicht hier 'rum eben ein paar Offiziere gesehen?« »Ja – da hinten! ... drei!« »Drei?« »Sie haben doch natürlich noch einen Militärarzt bei sich!« versetzte Erich von Wölsick ärgerlich und halblaut. »Du denkst heute aber auch rein an gar nichts!« »Na – dann stimmt's ja!« Der Geheimrat atmete erleichtert auf. »Danke schön! ... Übrigens ... da kommt ja auch schon einer!« Aus dem Dämmern am Walde löste sich eine Gestalt in Offizierspaletot und Mütze los und schritt auf die Gruppe zu. Es war der Hauptmann de Pierre, der verbindlich grüßte, sich vorstellte und mit einem freundlichen Lächeln sagte: »Wir hören schon die ganze Zeit Ihre Stimmen! Ich dachte mir schon, daß die Herren am Ende mit dem Nebel nicht gut zurechtkommen! ... Gestatten Sie, daß ich die Führung übernehme! Hier, wenn ich bitten darf ...« Er ging elastisch über den Sand und die Baumwurzeln eines Fußpfads voraus, die anderen hinterher. Es war ein schweigsamer Gänsemarsch im Zwielicht, und Erich von Wölsick, der als letzter dem liebenswürdigen Hauptmann folgte, sah sich bei einer Wegbiegung mißmutig die feierlichen Gesichter vor ihm an und dachte sich mit einem spöttischen Unbehagen: Was die sich alle wichtig tun, auf meine Kosten! Am meisten gefiel ihm jetzt noch der Hauptmann Ansold selber. Dessen großes, ausdrucksloses Gesicht paßte endlich einmal so ganz in diese fahle und übernächtige Stimmung. Er stand mit einem Stabsarzt seines Regiments zusammen. Etwas abseits der Unparteiische, ein bürgerlicher Rittergutsbesitzer und Rittmeister der Reserve, der in dem Berliner Landwehrbezirkskommando, dem Erich von Wölsick angehörte, Vorsitzender des Ehrenrats war. Darum hatte man ihn gewählt. Er drückte den Ankommenden die Hand. Wieder gab es Vorstellereien und Verbeugungen der beiden Ärzte gegeneinander, gegen die anderen – man stand mit den Stiefeln im nassen Grase und ging geschäftig hin und her und verhandelte flüsternd miteinander – alles war etwas erregt, bloß Erich von Wölsick nicht. Der lehnte anscheinend ganz teilnahmlos, die Hände in den Taschen, an einem Baum und sah, wie man mit sonderbaren Sprungschritten, fast hüpfend, die Entfernung abmaß und Stäbchen in den Boden steckte und die Pistolen zum Vorschein brachte, und hatte nur den Wunsch: Wären doch schon acht Tage vorüber und ein Meer zwischen mir und Jakobe Ansold ... Nun schien ihm wenigstens endlich alles für die kurze Zeremonie der beiden Schüsse geordnet zu sein. Die beiden Sekundanten hatten sich an die Stellen begeben, wo die Stäbchen staken, beugten sich weit vor und äugten sich zweifelnd und kopfschüttelnd an. Dann trat der Geheimrat zu ihm heran und sagte: »Dumm! Aber nichts zu machen, Erich! Wir müssen noch warten!« »Ja warum denn, zum Kuckuck?« »Der Nebel ist zu dick! Ihr könnt euch auf die Entfernung gar nicht ordentlich sehen!« Der andere fuhr zornig auf. »Und ich hab' keine Lust, hier noch lange herumzustehen! Dann nehmt doch einfach eine kürzere Distanz!« »Was fällt dir denn ein? Das ist nicht mehr zu ändern! Überhaupt: Debatten gibt's da nicht! Wir sind die Sekundanten ...« Es entstand ein allseitiges, unbehagliches Schweigen. Erich von Wölsick zündete sich eine Zigarette an und blies finster den Rauch vor sich in die kalte Winterluft. Jetzt auf einmal, in dieser erzwungenen Kunstpause, hatte er die erste unbehagliche Empfindung, die mit dem Zweikampf selbst zusammenhing – nicht Angst, aber das Vorgefühl von etwas Unangenehmem, etwa wie im Wartezimmer des Zahnarztes. Nur daß dort ein nützlicher Eingriff geschah, während hier ... Es ging ihm durch den Sinn: Wenn ich Philosoph wäre, würde ich fragen: was wird nun damit bewiesen? Jede Ursache muß doch eine Wirkung haben! Aber wird durch das Abfeuern von zwei Kugelpatronen mein Verhältnis zu Jakobe geändert? Oder das ihres Mannes zu ihr? Nein – es bleibt alles beim alten! Also wozu diese ganze aschgraue Szene hier – die bleichen Gesichter – das tiefe Schweigen? Warum bewegt mich mein Schwager und Vertrauensmann hier förmlich wie eine Puppe hin und her, stellt mich auf einen bestimmten Platz, sagt mir, was ich tun soll? – Auf das, was hier geschieht, kommt es gar nicht an – nur darauf, was aus mir durch Jakobe wird – ob ich die Kraft finde, mich noch von ihr frei zu machen, oder ob ich an ihr zu Grunde gehen werde ... Eben wollte er ungeduldig zu seinem Schwager sagen: »Nun los oder ich fahre nach Berlin zurück!« – da entstand in der Gruppe der anderen Herren eine Bewegung und eine gedämpfte Stimme sprach: »Zur Not ginge es jetzt allenfalls!« und eine andere lautere: »Na – fangen wir schon in Gottes Namen an ...!« und Herr von Teichardt kam: » All right , Erich?« und er nickte, und ging mit jenem in die Mitte der Lichtung. Drüben stand der Hauptmann Ansold stumm und unbewegt wie eine Schildwache. Es hätte aber ebensogut auch der Hauptmann de Pierre sein können. Man sah wahrhaftig nur einen Offizier im grauen Nebel. Er trug Mütze und Überrock. Den Mantel hatte er abgelegt. Er hörte aufmerksam, den Kopf nach dem Unparteiischen gewendet, während der in einem hellen, jovialen, zuweilen von einem Räuspern unterbrochenen Ton etwas erzählte, daß Versöhnung auch im letzten Augenblick – hm – keine Schande sei – und wenn nicht – dann möchten die Herren die Güte haben, zwischen eins – zwei – und drei zu schießen ... ja ... hm ... also bitte ... Und Erich von Wölsick sah sich inzwischen, immer in einer sonderbaren Zerstreutheit, den fremden Mann im Nebel drüben an. Der war jetzt wieder halb unsichtbar. Es war ein Dämmerlicht wie an einem Novemberabend. Oder wie in London an einem Nebeltag. Er hatte ein paar solche durchgemacht – diesen Herbst – als er nach beendeter Übung ohne Aufenthalt von der kleinen Garnison in vierundzwanzig Stunden an den Themsestrand gefahren war. Dort war er durch die Straßen gegangen, umflutet vom brausendsten Wellenschlag des Lebens, und hatte kaum mehr an Jakobe Ansold gedacht. Das sollte hinter ihm liegen und fing doch da erst an und wuchs ihm über den Kopf und erdrückte ihn ... Da hörte er wieder die helle Stimme: »Sind die Herren bereit? ... Ja? ... hm ... dann also ... Eins ...« Er feuerte rasch, etwas nach rechts vorbei. Sein Jägerohr hörte deutlich das trockene Knacken des Kugelschlags in einem Kiefernstamm. Fast zugleich war drüben im Nebel ein roter Blitz, ein Knall – dann war die Sache schon vorbei. Er stand aufrecht da, wie drüben der Hauptmann Ansold auch. Der Geheimrat kam auf ihn zu. Die feierliche Ruhe der seitlings aufgestellten Herren löste sich in Bewegung und Gespräch auf – es war eigentlich lächerlich – diese plötzliche Wandlung nach Nichts und wieder Nichts. Erich von Wölsick trat mit seinem Schwager zur Seite und dabei kam ihm eine nachträgliche Erinnerung: »Wer hat mich denn eben mit dem Stock an das Bein geschlagen? Es war doch niemand neben mir?« – und er griff sich unwillkürlich mit der Hand an das linke Knie und zog sie über und über blutrot zurück, und zugleich schrie der Geheimrat erregt: »Herr Doktor! Herr Doktor! Lassen Sie doch Ihren verfluchten Kasten offen! ... Kommen Sie doch! ... Hier sitzt ja ein Schuß!« Alles lief herzu. Und vom Augenblick der Entdeckung ab fühlte Erich von Wölsick auch schon Kälte und Taubheit und Schwere im Bein. Er setzte sich auf einem Plaid am Boden nieder. Der Arzt kniete daneben, trennte mit einem Messer das Beinkleid auf und murmelte: »Na natürlich ... da haben wir die Bescherung – gerade über dem Knie!« »Ernste Sache?« frug Herr von Teichardt. »I wo: Fleischschuß! das kurieren wir in vierzehn Tagen – einfach mit Heftpflasterstreifen und anderen Schikanen der Neuzeit! ... da seien Sie unbesorgt ... Herr von Wölsick kann bald wieder tanzen gehen, wenn er will!« Die beiden Hauptleute standen abseits, im Begriff zu gehen. Der eine half eben dem anderen in den Mantel. Und der Unparteiische murmelte zu dem Geheimrat: »Was meinen Sie? Wäre nicht jetzt die Zeit für eine Versöhnung ...?« Aber Erich, der es verstanden, machte eine heftige Handbewegung. Er war ergrimmt und empfand es fast als eine Schmach, daß er hier als Krüppel am Boden lag und Jakobes Mann drüben aufrecht auf beiden Beinen stand und mit einem finsteren Seitenblick auf ihn heruntersah. »Auf diesen Shakehands verzichte ich durchaus!« sagte er. »Ich sehe nicht den geringsten Anlaß dafür ... Wir haben der Kultur Genüge getan und uns geschossen. Und nun basta!« »Wie du willst! Er scheint ja auch keine Lust zu haben!« Der Geheimrat hatte das gesprochen und der andere nickte ihm zu, während ihm der Arzt große Mengen von Gazestreifen, die sich rasch blutig färbten, um das Bein wickelte. »Du – hast du gehört? – In vierzehn Tagen kann ich reisen?« »Herrgott – hast du denn immer nur die Reise im Kopf?« »Nur die Reise, Schwager! Ich muß fort von hier! Darum bin ich so hartnäckig!« »Ja – das seh' ich!« »Also dann sei so gut und gehe jetzt gleich in Berlin zum Lloydbureau, damit sie mir meinen Kajütenplatz umschreiben! Die Ostasiaten gehen ja alle vierzehn Tage. Da kann ich mich gerade mit dem nächsten in Genua einschiffen!« »Na – wie du willst! ... Grundgütiger Himmel, was ist denn das?« Der breitschulterige Bureaukrat wies nach dem Ende der Waldlichtung. Dort standen immer noch die beiden Offiziere und vor ihnen stramm, aber mit einem pfiffigen Lächeln, ein Gendarm in Helm und in Dienstausrüstung, und man hörte, wie der Hauptmann Ansold zornig ausrief: »Sie haben mich überhaupt gar nichts zu fragen! Ich trage Uniform! ... Ich brauche Ihnen keine Antwort zu geben!« »Ist ja auch gar nicht nötig, Herr Hauptmann!« versetzte der Gendarm beschwichtigend. »Herr Hauptmann brauchen sich ja gar nicht so aufzuregen! Ich sehe ja die Achselstücke ... zwei Herren Hauptleute ... Beide von den 217ern – genügt ja vollkommen für die Anzeige – danke sehr, Herr Hauptmann – na – und nun die anderen Herrschaften! ... Schönen, guten Morgen, meine Herren ...« Er wünschte das laut und kräftig, während er zu der Gruppe um den Verwundeten herantrat, und der Geheimrat erwiderte erbittert: »'Morgen! ... Wo kommen Sie denn zum Donnerwetter her?« »Gott – ich bin auf Patrouille und wollt' drüben im Schützenhaus an der Chaussee frühstücken – da sagt mir der Kellner: Eben ist der Milchkutscher von Güstrow hier durchgefahren. Der erzählt, die ganzen Kuscheln drüben seien voll von Offizieren und seinen Herren aus Berlin. Was die wohl vorhätten? – Na – und da fielen denn auch, richtig wie 'ne Antwort, zwei Schüsse und ich hab' meinen Kaffee ungetrunken gelassen und bin in der Richtung hierher ... Nun darf ich mir wohl die Namen notieren? Die Nummer vom Automobil draußen hab' ich mir auch schon gemerkt! ...« Herr von Teichardt legitimierte sich als Geheimer Rat im Auswärtigen Amt und gab die weiteren Ausweise, die der nunmehr sehr respektvoll gewordene Gendarm in sein Taschenbuch schrieb. Damit war diese Formalität erledigt und Erich von Wölsick konnte es versuchen, mit einem Fuß humpelnd und auf seinen Schwager gestützt, den Weg bis zu der Straße, wo das Automobil harrte, zurückzulegen. »Das ist ein rühmlicher Abgang!« sagte er zwischen den Zähnen – denn er mußte den Schmerz verbeißen – zu jenem. »Ich weiß nicht, was das ist, daß seit dem Herbst alle Menschen, mit denen ich in Berührung komme, stärker sind als ich! Jetzt sogar dieser Esel – dieser Ansold! Auch der streckt mich nieder! Ebenso seine Frau! Ebenso Sophie Neerlage! Ich bin rein verhext ...« »Na ... es ist immerhin noch glücklich abgelaufen!« »Ja – dafür, daß ich nach seiner Erklärung kein Ehrenmann bin, habe ich als Genugtuung einen Schuß im Bein. Wenn das keine ausreichende Sühne ist ...« »Das schlimmste ist nur, daß Sie nun nicht reisen können, wie Sie es doch offenbar so sehr wünschen!« versetzte von hinten der Unparteiische, der – nach einem erregten Wortwechsel, weil der Gendarm anfangs durchaus mitfahren wollte und sich nur mit Mühe davon abhalten ließ – nachgekommen war und die letzten Sätze gehört hatte. »Wieso denn?« »Sie sind doch Reserveoffizier. Sie müssen doch Urlaub haben!« »Den Hab' ich schon! Auf ein Jahr!« »Aber der wird Ihnen doch jetzt wieder entzogen, sobald eine kriegsgerichtliche Untersuchung wegen Zweikampfs auf die Gendarmerieanzeige hin gegen Sie eröffnet wird! Sie müssen doch zu der Verhandlung erscheinen und Ihre Strafe absitzen! Damit und mit dem Verfahren gegen Ihren Gegner kann man doch nicht warten, bis Sie einmal nach Jahr und Tag wieder nach Deutschland kommen ...« »Und wie lange dauert wohl die ganze Geschichte? Sie haben doch in derlei Erfahrung, in Ihrer Stellung?« »Bis alles erledigt ist, gut ein Jahr! So lange müssen Sie sich schon in Berlin und später auf der Festung aufhalten!« Erich von Wölsick schwieg. Sein Gesicht wurde bleich – aber nicht von Blutverlust oder plötzlicher Schwäche, sondern von einem furchtbaren Schrecken. Jetzt auf einmal wurde ihm erst klar, was eigentlich geschehen war! Seine Reise war unmöglich geworden! Das Geschwätz eines Milchkutschers zu einem Kellner hatte genügt, alle Pläne umzustoßen, die seinem Leben eine neue Richtung geben sollten. Er war durch einen pflichteifrigen Gendarm wieder willenlos in Jakobes Nähe gebannt! Auf ein Jahr! Auf ein langes Jahr ... Und ein Bruchteil dieser Zeit genügte doch, um ihm den letzten Halt gegenüber der Verzweiflung, der Hoffnungslosigkeit, des Wahnsinns seiner Liebe zu rauben. Nun schlugen die Flammen über ihm zusammen. Nun mochte geschehen, was wollte. Er sprach kein Wort mehr. Leer vor sich hinstarrend, sank er in die Lederkissen des Automobils und ließ sich von dem Doktor zurechtbetten, und so fuhren sie langsam, vorsichtig, in immer dichter wirbelndem Schneegestöber nach Berlin zurück. VIII Den ganzen Tag wirbelten die Flocken und ebenso den folgenden und übernächsten. Der Winter kam. Die Welt ward weiß. Aller Lärm des Lebens gedämpft. Selbst in Berlin. Vor dem Kritzingschen Hause im Südwesten herrschte so tiefe Stille wie um einen verschneiten Gutshof auf dem Lande. Nur die Kirchglocken brummten von ferne über das Dächermeer. Es war Sonntag vormittag. Der letzte Advent. In drei Tagen feierte man Weihnachten. Von den paar Menschen, die man unten auf der Straße gehen sah, trug jeder sein Päckchen Freude für den Nächsten unter dem Arm, und hinter manchem wanderte der Tannenbaum auf der Schulter des Trägers heimwärts in die vier Wände. Das alte Fräulein von Kritzing besaß keinen Verwandtenkreis, den sie beschenken konnte. Aber sie saß trotzdem geschäftig oben in ihrer Wohnstube und putzte sich ihr eigenes kleines Bäumchen mit altmodischem Flittergold und Glastand wie jedes Jahr. Sie hatte auch noch eine stattliche, drei Meter hohe Weihnachtstanne hinten im großen Schulsaal, wo heute abend die Armenbescherung stattfand. Alle Mädchen und ihre Eltern hatten Gaben dazu beigesteuert, wohl fünfzig Witwen und Waisen erhielten ihr Scherflein – es gab Gesang und Kaffee und Kuchen – eine Anzahl Lehrerinnen steckten jetzt eben drüben die Wachslichter auf die grünen Zweige, aber sie selber, die Schulvorsteherin, hatte nun hier ihr Feiertagsstündchen für sich, und allerhand Träumereien gingen ihr durch den Kopf, – Erinnerungen – nahe und ferne – von der Zufriedenheit des Alters gesättigt – es war ja auch so gut, wie es gekommen, sie hatte ihr Heim – sie hatte Jugend und Kinder um sich her – jeder Tag war ein Stück Tat – die Leere des Lebens fehlte – und so schaute sie heiter von ihrer Arbeit auf, als Jakobe Ansold eintrat, und sagte: »Ein Segen, daß ich kein Mannsbild bin! ich würde mich auch noch auf meine alten Tage in dich verlieben. Du bist zu schön ...« Die junge Frau erwiderte darauf nichts. Sie stand mitten im Zimmer, hoch und schlank, von den schwarzen Falten des Kleides umrieselt, einen schwarzen Hut und Schleier auf dem blonden Haar, und streifte sich den einen Handschuh über den weißen Arm. »Kann ich das Mädchen nach einem Wagen schicken?« fing sie. »Ja natürlich! Wohin willst du denn?« »Ich muß zu meinen Geschwistern. Du weißt: ich tue es nie gerne. Aber da Papa befiehlt ...« Sie reichte der andern eine Rohrpostkarte, und die las: »Liebe Tochter! Seit zwei Sonntagen habe ich Dich nicht mehr bei Axels getroffen! Heute erwarte ich Dich bestimmt. Ich habe Ernstes mit Dir zu besprechen! Dein treuer Vater.« »Der unordentliche alte Mann!« Fräulein von Kritzing schüttelte lebhaft und mißbilligend den Kopf, »na ... überhaupt ...« In diesem »überhaupt« war aller Groll der greisen kleinen Dame gegen den vergnügten alten General von Dolmar gesammelt. Sie sagte weiter nichts. Denn Jakobe achtete doch nicht auf ihre Worte, sondern war, nachdem sie das Mädchen weggesandt, an das Fenster getreten und schaute auf die Straße hinaus. In scheuer Vorsicht streiften ihre lebhaften blauen Augen die Häuserreihen rechts und links. Sie hatte ihrer Tante nie verraten, warum sie eigentlich seit Wochen den Fuß nicht mehr aus dem Hause gesetzt, sondern es nur mit ihrem Wunsch nach völliger Zurückgezogenheit erklärt. Sie wollte ihr nicht erst noch Erich von Wölsick zeigen, wie er so oft im Abenddämmern vor dem Portale Posten stand und dann auch am hellen Mittag wie eine Schildwache davor auf und nieder ging ... Und seit einer langen Reihe von Tagen war er ja auch plötzlich weggeblieben. Sie wußte nichts mehr von ihm, nicht einmal, ob er überhaupt noch in Berlin war – oder wo sonst. – Sie trat in das Zimmer zurück und sah dem alten Fräulein beim Christbaumschmücken zu, mit einem seltsamen unerbittlichen Zug um den Mund, einem versteinerten Lächeln, so wie man im Schmerz ein spielendes Kind beobachtet, und jene frug, ohne aufzuschauen mitten in ihrer Geschäftigkeit: »Fein wird er – nicht? klein, aber mein! ... so halte ich's nun jedes Jahr. Und diesmal sind wir gar zu zwein! armes Kind ... du sollst doch wenigstens dein Bäumchen haben ...« »Ich brauche keines!« sagte Jakobe. Die andere blickte sie vorwurfsvoll an. »Aber Kind ... Sei doch nicht so hart!« »Ich bin eben darüber hinaus! Feiert doch eure Feste! Ich stehe gern abseits ...« »Das ist aber gar nicht recht!« Die junge Frau setzte sich neben die Tanne. An der hing eine goldene Nuß. Die drehte sie zwischen ihren schmalen, schwarz behandschuhten Fingern. »Das ist Spielzeug!« sagte sie. »Fast alles, was man hat, ist Spielzeug. Man wirft es weg, wenn man weiß, was das Leben eigentlich bedeutet! Oder man wird weggeworfen! zum Glück wissen das die wenigsten. Es kann jeder froh sein, dem es erspart geblieben ist. Du auch! man kommt sich dann vor wie ein Erwachsener unter Kindern. Der begreift auch nicht, was die alles wichtig nehmen und woran sie sich freuen. Zumal jetzt zu Weihnachten! Da' tut doch jeder, als ob es wirklich Liebe auf der Welt gäbe und heilige Dinge, die man nicht mit Füßen treten darf ...« »Jakobe ... versündige dich nicht!« »Man hat sich an mir versündigt, Tante!« »Das weiß ich! aber das gibt dir kein Recht, dein Herz so zu verhärten!« »Doch! ich bin hart! Gott sei Dank! was würde denn sonst aus mir werden!« Ein verächtlicher Zug lief dabei wieder über ihr Antlitz, das in den letzten Wochen blasser und schmaler geworden war, und sie setzte hinzu: »Über das alles soll man nicht reden! wir müssen so sein! und ihr andern wißt nichts davon! Mir ist alles so gleich – so furchtbar gleich ... es dringt gar kein Laut davon in meine Einsamkeit ...« »Deine Einsamkeit! ... Du hast doch mich hier ...« »Gewiß, Tante – ich bin dir ja auch dankbar!« »... und wenn meine Gesellschaft auch nicht viel heißen mag – du hast doch deinen Vater hier – deine Geschwister ...« »... und wenn ich sie sehe, ist mir's recht! und wenn ich sie nicht sehe, ist es mir auch recht!« sagte Jakobe. »Ja – schau mich nur so an! ... so bin ich! das hat man aus mir gemacht! ... ich kann nichts dafür – es ist alles in mir abgestorben – ich glaube an nichts mehr! Ich liebe nichts mehr ...« »Jakobe! das ist ein furchtbares Wort!« »Nichts!« die junge Frau schlang die Hände ineinander. »Das ist doch das letzte, was jemand in meiner Lage noch hat, das Gefühl, daß einem nichts mehr passieren kann und nichts mehr genommen werden kann ... das ist ein Bettelstolz – durch den halte ich mich aufrecht. Und nun ... hoffentlich kommt bald der Wagen ...« Sie stellte sich wieder an das Fenster und sah hinaus, und die Schulvorsteherin seufzte und ging, die Türe offen lassend, über den Flur in das kleine Hofzimmer, wo die Gaben für die Armenbescherung aufgestapelt lagen. Was da dem alten Kleiderzeug und Schuhwerk an muffigem Geruch entströmte, das übertäubte der süße Duft von Pfefferkuchen und Äpfeln, und zwischen ihnen lugten zersprungene Puppenköpfe und abgegriffene Hampelmänner und stand ein an den Seiten haarlos gewordenes Schaukelpferd, und das alte Fräulein warf einen mütterlich wohlwollenden Blick über das Ganze und horchte auf. Unten im Hof tönte durch die tiefe Stille plötzlich ein vielstimmiger Gesang. Wie ein Schwarm verflogener kleiner Dohlen hoben sich vom Weiß des Bodens die schwarzen Radmäntelchen der Kurrendeknaben ab, die im Schnee und Flockengewirbel beisammen standen, und die hellen Kinderstimmen klangen: Stille Nacht, heilige Nacht! Alles schläft! einsam wacht Nur das traute, hochheilige Paar ... und die alte Dame eilte nach vorn zurück, um rasch ein Fünfzigpfennigstück in Papier zu wickeln und hinunterzuwerfen, und blieb auf der Schwelle erschrocken stehen und rief: »Um Gottes willen!« Jakobe Ansold kniete am Boden, die Stirne gegen die Kante des Stuhles gepreßt, von dem sie herabgesunken war. Ein verzweifeltes Schluchzen erschütterte ihren Körper. »Schicke die Kinder weg!« murmelte sie. »Schicke sie weg! ich bitte dich! ich kann's nicht hören!« Immer noch scholl laut, beinahe jubelnd die alte Weise des Weihnachtsliedes zu den beiden herein. Jakobe stand auf. Sie hob die Hände, als wolle sie sie gegen die Ohren pressen, um nichts mehr zu vernehmen, dann ließ sie sie wieder sinken und sagte mit erstickter Stimme, während ihr die heißen Tränen über die Wangen rannen: »Vor einem Jahr hab' ich ihn doch wenigstens zum Fest bei mir gehabt, die acht Tage! zu putzig hat er dagesessen, das kleine Männchen mit seinem roten Kragen! Er ist doch mein Sohn! Gott – was hat der Bub' gegessen in der kurzen Zeit – ... ich hab' nur immer für ihn backen und kochen können und ihm alle Taschen vollgestopft, wie er wieder zurück ist ins Kadettenkorps! und die Jahre vorher habe ich ihn doch ganz gehabt ... ganz, ganz für mich ... und jetzt? ... Wo ist er jetzt? ... Was hab' ich jetzt? ... und wie Kinder sind, er wird gar nicht an mich denken ... er ist auch so zufrieden ... Kinder vergessen so schnell ... und ich ...« Sie sank, von neuem weinend, auf einen Stuhl und bedeckte ihr Antlitz mit den Händen, und Fräulein von Kritzing stand längere Zeit schweigend neben ihr und versetzte endlich leise: »Ich denke, Jakobe: Du hast niemanden mehr auf der Welt lieb!« »Das rächt sich ...« sagte es drüben dumpf hinter den vorgehaltenen Händen. »Das rächt sich.« Und dann war es abermals eine Weile zwischen ihnen still. Unten im Hof verstummte der Gesang. Noch ein Scharren von Füßen im Schnee. Wieder war die bleierne Berliner Sonntagvormittagruhe überall. Jakobe Ansold stand auf. Sie trocknete sich vor dem Spiegel die Augen. Allmählich gewann sie ihre Fassung wieder. »Nun hast du mich einmal schwach gesehen!« sagte sie schmerzlich lächelnd. »Das ist die einzige Stelle, wo ich's bin ...« »Es wäre auch schrecklich, wenn es nicht so wäre ...« »Und doch besser! Man müßte über alles hinaus sein – wenn man nur könnte! ... dann wäre man eben kein Mensch mehr ... und keine Mutter ...« Das Mädchen kam und meldete, daß der Wagen warte. Jakobe reichte ihrer Tante die Hand und die sagte, innerlich wie immer etwas erbost gegen die Dolmars: »Na – viel Vergnügen! Grüße deinen Vater ... und deinen Bruder ... und in Gottes Namen auch deine Schwägerin, die kleine Holz-Huschke ... neulich war ihr Vater, der alte Waldschlachter, wieder einmal in Berlin. Am Abend ist er mit deinem Vater bummeln gegangen, die Friedrichstraße lang, so mitten in die Verderbnis hinein. Und wann die beiden alten Sünder nach Hause gekommen sind, darüber schweigt des Sängers Höflichkeit. Das böse Beispiel fehlt deinem Vater gerade noch ... na ...« Jakobe ging, ohne das Ende ihrer Redseligkeit abzuwarten. An der Schwelle des Torwegs sah sie sich noch einmal nach beiden Seiten um. Nur harmlos zufriedene Sonntagsgesichter, die weißen Flecken der unter den Armen getragenen Weihnachtspakete belebten die Straße. Von Erich von Wölsick war nichts zu erblicken. Da stieg sie ein und atmete tief auf, als der Wagen durch den braunen matschigen Schnee dahinrumpelte. Seit Wochen hatte sie keine frische Luft mehr geschöpft'. Nun benahm ihr die herbe kräftige Winterkälte den Kopf. In sich versunken saß sie da. Sie wünschte sich, sie wäre schon von diesem Pflichtessen bei ihren Verwandten zurück und wieder allein in ihrer Stube. Sie wußte ja im voraus, wie diese Familienzusammenkünfte verliefen, zu denen sich die Dolmars allwöchentlich reihum versammelten, in der Mitte Papa, der gute, alte, fidele Papa, im leichtlebigen Zivil von Wiener Schnitt, das ihm, dem kleinen unruhigen Herrn mit dem gesträubten grauen Schnurrbart, eigentlich viel besser stand als früher der Scharlachprunk der Generalsuniform, und Axel, sein Sohn von der Garde, ein langer hübscher Mensch, der jetzt, nach einem Jahr, immer noch über seine neue Würde als Hausherr und Familienvater etwas betreten aussah, und seine Frau, die geborene Huschke – das gab einen kleinen Judaskuß, wenn sie die in Scheidung liegende Schwägerin begrüßte. Denn das ganze magere, ehrgeizige Persönchen lebte ja nur in einem Zittern und Bangen um ihre gesellschaftliche Stellung im sechsten Garderegiment. Und rundherum war noch ein halbes Dutzend Uniformen und Damenkleider – man unterschied die meisten Dolmars noch am besten durch die Nummern auf ihren Achselstücken – und dazwischen Jakobes jüngerer, unverheirateter Bruder Martin in dem blauen Tuchrock des Seeoffiziers. Und wovon sie sprechen würden? Sie schloß die Augen. Sie kannte es jetzt schon. Der gute Papa saß da und erzählte ... und erzählte ... er hatte immer tausend Neuigkeiten an der Hand – sein ganzes Dasein, seit er den Abschied genommen, war eine Jagd nach dem letzten, was Berlin eben bot, von der Tribüne des Reichstags oder aus dem Zuhörerraum in Moabit, vom Moselweinfrühschoppen in der Potsdamerstraße, vom Schachturnier, der Automobilausstellung, der Kolonialgesellschaft – er war nicht wählerisch – ihn interessierte alles! Und schwieg er, dann unterhielten sich die um ihn von der Armee – von den Versetzungen und Beförderungen – und ob Leopold noch nicht bald zum Major heran sei und wie Martha mit den Kindern den Winter in Ostpreußen vertrüge, nachdem sie doch an das milde Metzer Klima gewöhnt seien, und daß Max das Kommando nach Spandau nun doch nicht gekriegt habe und warum Ludwigs wohl dies Jahr keinen längeren Urlaub genommen ... das schwirrte und klang einem um die Ohren ... Jakobe seufzte ungeduldig. Was tat sie dort? sie würde mit leeren Augen dasitzen – stumm – von scheuen besorgten Seitenblicken gestreift. Eine von Mann und Kind getrennte, in Berlin um ihr Leben arbeitende Frau – dafür gab es keine Begriffe und keine Überlieferung in dem alten Clan der Dolmar. Da versagte innerlich der Zusammenhang der Familie. Diese Verwandten alle – namentlich die männlichen – dachten zu vornehm, um sie zu verleugnen. Aber es war keinem wohl in ihrer Nähe. Das fühlte sie immer wieder und hatte nur ein gleichgültiges Lächeln dafür. Und dies Lächeln behielt sie auch, als sie angekommen war und zwischen den andern saß. Es war alles wie sonst. Die Sippe vollzählig bis auf Martin, den Marineoffizier. Der blieb unentschuldigt aus. Man wartete auf ihn eine Weile. Dann ging man ohne ihn zu Tisch, und gegen Ende des Mahls, beim Braten, hielt der General, Jakobes Vater, neben dem sie saß, seine übliche kleine Rede. Er sprach gern. Zu gern und zu viel. Das war eine Schwäche bei ihm. Sie hatte sich schon gegen Schluß seiner Dienstzeit bemerkbar gemacht und seine plötzliche Abhalfterung, wie er selber es nannte, beschleunigt. Aber heute hatte er wenigstens einen Grund, sich zu räuspern und Stillschweigen zu gebieten. Es war das letzte Mal, daß sich die Dolmars in diesem Jahr versammelten. »Kein schönes Jahr, Kinder!« sagte der energische kleine Herr, dem der Wein die Wangen schon etwas gerötet hatte. »Ne – ein verfluchtes! ... Nichts wie Pech! ... Na – daran sind wir Dolmars ja nu' schon gewöhnt. Wir haben nie im Fettnäpfchen gesessen! Seit sechshundert Jahren geht's mit uns rapide bergab! ein Wunder, daß wir noch so weit leidlich auf dem Posten sind! ... kräftige Rasse ... wir haben alle nischt mehr – darum halten wir so schön zusammen ... ich glaube, die Blumentöppe da drüben, vor den Fenstern – das ist der letzte Grund und Boden, den die Dolmars noch bewirtschaften – der Rest hat sich so sachte verkrümelt – aber die Blumentöppe werden wieder blühen und wir blühen auch – nu' gerade! Wir sind eine verflucht zähe Gesellschaft – das haben wir schon oft bewiesen ... und das ist mein Trost, in dem Pech, wie gesagt, vom letzten Jahr, das sich nun gerade unsere arme Jakobe hier ausgesucht hat! Ja – sie sitzt da und lächelt, als ginge sie das gar nichts an! ... Gehört sich auch für ein Soldatenkind! ... Ich bin auch nicht für die Wehleidigkeit! ... Ich will hier nicht heulen, sondern recht klar und kräftig sagen: Blut ist dicker als Wasser! ... Du sollst nicht allein stehen! ... Du sollst wissen, daß du immer deinen Vater hinter dir hast! und die anderen da auch! ... komm her, mein altes Mädel ... gib mir 'nen Kuß! So ... Kopf hoch! nur Mut! es wird auch wieder Sonnenschein!« Der kleine General hatte sich selber in Rührung geredet. Die kam jetzt, je älter er wurde, desto häufiger über ihn. Seine Augen waren feucht, als er seine schöne Tochter auf die Stirne und die Lippen küßte. Sie ließ es schweigend geschehen und beugte den blonden Kopf zu ihm hinunter. Ihr Gesicht blieb unbewegt. Es zeigte immer dieselbe seltsame, halb abwesende Scheuheit, als glaube sie das alles nicht, was um sie vorging, als sei das alles nur für die andern, die vielen, die da draußen, nicht für sie. Und so saß sie auch nach Tisch ihrem Vater in einem Nebengemach gegenüber. Unter vier Augen. Er hatte es so gewünscht und sich mit ihr dahin zurückgezogen, und nun begann er: »Jakobe, mein Kind ... ich möchte mal ernst mit dir sprechen! Du hast mich bei deinen Entschlüssen von vornherein ausgeschaltet – schön ... schön ... aber schließlich mache ich nun doch ein Väterliches Recht auf ein bißchen Neugier geltend und muß mir die Frage erlauben: wie soll denn das nun eigentlich so weiter gehen? Du kannst doch nicht bis in die Puppen bei der alten Kritzing sitzen!« »Warum denn nicht?« »Und wenn sie mal ihre Schule verkauft?« »Es wird sich schon etwas anders für mich finden!« »Aber nichts, was mir paßt, meine liebe Tochter! ich bin auch kein Jüngling mehr ... unser Herrgott kann jeden Tag mit mir abfahren ... vorher möchte ich doch beruhigt sein und wissen, was aus dir wird! ... Jetzt bist du noch bei einer Verwandten! ... Schließlich kommst du ganz unter fremde Leute! Eine Frau mit deinem Äußeren und ... ich muß es ja wahrhaftig schon aussprechen ... mit einer Art von Vergangenheit ... bestes Kind ... bedenke doch ...« »Lieber Gott ...« sagte Jakobe verächtlich. Weiter nichts. »Als ob ich dich nicht kennte, Jakobe! Sieh ... du hast einen schlimmen Feind im Leben! das bist du selbst ... mit deinem Ungestüm und deiner Starrköpfigkeit. So warst du schon als Mädchen. Es hat mich oft erschreckt. Ich hab' das Meine getan. Ich hab' dafür gesorgt, daß du einen ordentlichen Mann bekamst ... umsonst ... nun ist das Unglück doch da ...« Jakobe Ansold hob den Kopf: »Weißt du, Papa, wer das Unglück über mich gebracht hat?« »Nun?« »Du!« »Ich?« Der Generalmajor stand auf und hob seine kleine gedrungene Gestalt in den Schultern. Der gewöhnliche freundliche und leutselige Ausdruck seines Gesichts verwandelte sich erst in Staunen, dann in Zorn. »Na – das geht denn doch über das Bohnenlied! ich? ja – was fällt dir denn ein? ... ich glaub' wirklich, du bist nicht mehr ganz bei Trost! Ich fürchte es ohnedies schon die ganze Zeit ...« Jakobe war sitzen geblieben. Sie versetzte ruhig: »Erinnere dich einmal an die Zeit, Papa, wo mein Mann um mich anhielt. Damals wollte ich nicht. Durchaus nicht. Ich sagte es euch offen und ehrlich, daß ich ihn nicht liebte – und ich weiß noch, was das für eine Art von Schrecken für mich war – mir mit meinen achtzehn Jahren schien die Liebe das Höchste, und es war mir ganz natürlich, daß sich alles im Leben um sie drehen müsse – und ihr spracht immer vom Kommißvermögen, als ob das das Glück auf Erden sei. Und nun wundert ihr euch, daß es unglücklich ausgegangen ist ...« »Jawohl! Weil es nicht nur Liebe gibt, meine Tochter, sondern auch ein Ding, das Pflicht heißt, und ...« »Sag, Papa: hast du nicht meine gute selige Mama aus Liebe geheiratet?« »Ja!« »Und warst du nicht sehr, sehr glücklich mit ihr?« »Ja, Gott sei Dank.« »Warum hast du mir dann von vornherein einen Riegel vor das Glück geschoben, das du gehabt hast?« Der General sah sie einen Augenblick verwirrt an. Dann brauste er auf: »Weil deine Mutter zufällig ein bißchen Geld gehabt hat! Das ist auf eure Erziehung draufgegangen! Frag mal den Schlingel da drinnen, wo es geblieben ist, und seinen Bruder! ... ich habe keine Möglichkeit gehabt, Schätze zu sammeln! Nischt hast du besessen, meine Tochter – nischt! ... sollte ich dich im Leben zurücklassen wie einen kahlen Spatz? Und der Ansold hatte Geld und war auch im übrigen – Sollte ich dir ein halbes Dutzend zur Auswahl auf dem Präsentierteller bringen? So dicke sitzen die Schwiegersöhne bei uns nicht! Ach ne – keine Vorwürfe, wenn ich bitten darf! ... die hab' ich, weiß Gott, nicht verdient ...« »Ich mache auch gar keine! ... ich wehre sie nur ab.« Der kleine Herr zuckte die Achseln und ging im Zimmer auf und nieder. »Na – lassen wir das!« versetzte er endlich. »Dabei kommt nichts heraus! ... Ich gebe zu: dein Mann ist nicht sehr amüsant! ... Er hat direkt was Ledernes an sich! er würde mir auch manchmal auf die Nerven fallen! ... aber nun sage ich eines: er ist der Vater deines Sohnes! ... Jakobe: dies Wort spricht Bände!« Jakobe Ansold schwieg. Ihr Vater setzte sich ihr gegenüber und fuhr gedämpft fort: »Kind ... willst du nicht doch noch zu ihm zurück?« »Niemals!« Es entstand eine Pause. »Gut!« sagte der General endlich hart. »Dacht' ich mir schon so! ... Aber deswegen bin ich nicht sechzig Jahre lang mit Anstand auf der Welt, daß sich jetzt jeder sein Maul an meiner Tochter wetzen darf, wie's ihm beliebt! Bleibt also nur der Dritte!« er verstärkte seine Summe. »... und das verlange ich jetzt im Namen der Familie, daß Herr von Wölsick endlich Farbe bekennt! Wenn dein Mann solch eine Schlafmütze ist, bekommt Herr von Wölsick es mit mir zu tun! Was denkt sich der Herr denn eigentlich? Glaubt er denn, wir Dolmars alle lassen so einfach Schindluder mit uns spielen? Verzeih den Ausdruck ... aber ...« »Herr von Wölsick hat mich inständig gebeten, seine Frau zu werden! Er hat mir Briefe geschrieben – er hat tagelang in Schnee und Kälte vor meinem Haus gestanden ...« »Ja – nu' – und?« »Ich hab' ihn abgewiesen!« Der kleine General beugte sich aufmerksam vor und legte die Hand ans Ohr. »Ich verstehe immer abgewiesen!« sagte er sanft. »Mein Gehör laßt überhaupt nach in letzter Zeit! ... Ich muß wirklich mal zum Arzt!« »Du hast mich ganz recht verstanden, Papa ...« Der alte Herr glaubte ihr immer erst halb. Er war ein Mann der guten alten Schule, der auch in seiner Tochter die Dame respektierte. Aber sein Gesicht färbte sich dunkelrot. Vor aufsteigendem Jähzorn. Er sprang empor und trat auf Jakobe zu. Doch mitten in der Bewegung hielt er inne ... Im Nebenzimmer, wo die Familie beisammen saß, war ein plötzliches Geräusch entstanden. Er hörte durch die verschlossene Türe die hastige Stimme seines jüngeren Sohnes, hinterher im Wirrwarr die anderer Offiziere, ein nervöses Aufschluchzen, das von seiner Schwiegertochter zu kommen schien – dann trat der Korvettenkapitän rasch ein. Der kurzgeschnittene Vollbart gab ihm etwas über seine Jahre hinaus Männliches. Er hatte sonst das Liebenswürdige und Lebhafte vieler Marineoffiziere an sich – aber jetzt war er sehr ernst, blaß vor Erregung. In der Hand hielt er ein Zeitungsblatt. »Nette Geschichten, Papa!« sagte er, fast ohne seine Schwester zu begrüßen. »Deswegen komme ich so spät! Ich bin in halb Berlin herumkutschiert. Da schau!« Er gab ihm die Morgennummer eines Berliner Blatts, und der alte Herr setzte seinen Zwicker auf und las bedächtig, während seine Stimme allmählich zu zittern begann: »Wie wir erfahren, hat dieser Tage in der Forst bei Spandau ein Pistolenduell zwischen dem Majoratsherrn von Wölsick-Sommerwerk und dem Hauptmann Ansold des nahe bei Sommerwerk in Garnison liegenden 247. Infanterieregiments stattgefunden. Herr von Wölsick erhielt einen Schuß in das Bein, dessen Heilung mehrere Wochen in Anspruch nehmen dürfte. Sein Gegner blieb unverletzt. Über die unmittelbare Veranlassung zu dem Zweikampf verlautet nichts Bestimmtes. Hauptmann Ansold hat schon vor einiger Zeit gegen seine auffallend schöne Gattin, die der bekannten alten Militärfamilie von Dolmar entstammt, das Ehescheidungsverfahren eingeleitet ...« Der blonde Marineoffizier wartete kaum, bis sein Vater zu Ende gelesen. Er, der unverheiratet war und seinen Berliner Aufenthalt sonst sehr zwanglos ausnutzte, stand jetzt, wo es um den guten Namen der Familie von Dolmar ging, nach Art junger Leute an Eifer und Strenge der Grundsätze allen anderen voran. »Es ist unerhört!« sagte er noch ganz atemlos vom raschen Treppensteigen. »Da stehen wir nun glücklich alle zusammen an dem Pranger! Ich denke, mich rührt der Schlag, wie ich harmlos auf dem Weg zu euch in der Stadtbahn die Zeitung aufmache und das zu Gesicht bekomme! Auf der nächsten Station bin ich 'raus – Droschke ... zur Redaktion ... da war, weil's Sonntag war, nur ein einzelner Herr ... und der lachte und sagte: ›Ein Gendarm hat die Herrschaften abgefaßt und nachher in der Nähe im Schützenhaus gefrühstückt und dabei seine Meldung geschrieben, und wie er einen Augenblick wegging, hat der Kellner in sein offen daliegendes Notizbuch geschaut und sich Namen und alles gemerkt und uns gebracht. Und wir haben es mit Hilfe unseres gesellschaftlichen Mitarbeiters ergänzt. Wenn wir dem Kellner seinen Bericht nicht angenommen hätten, wäre er einfach ein Haus weiter gegangen!‹ Nichts zu machen! ... 's ist ja wahr! ... Ich hab' dir's ja immer gesagt, Papa: Du bist zu schwach ... Du läßt die Sache zu lange anstehen ... nun hat es Jakobe glücklich erreicht, daß ihr Ruf vernichtet ist ... und wir müssen mit leiden!« Er ging mit geballten Fäusten im Zimmer hin und her. Aus dem Nebengemach waren die Vettern mit ihren Damen bis an die Türe getreten. Ernste und betroffene Gesichter lugten über die Schwelle. Mitten zwischen seinen Gästen stand der junge Hausherr, ganz benommen und verblüfft. »Das ist ... das ist also geradezu toll!« sagte er plötzlich laut und schneidend, drehte sich verächtlich auf dem Absatz hemm und kehrte zu seiner Frau zurück, die auf dem Sofa saß und sich mit dem Taschentuch die Augen trocken tupfte und tränenschluckend murmelte: »Ich hab' ja schon immer meine Angst gehabt! aber ich wag' ja gar nicht zu reden! ... ich bin ja nur die Holz-Huschke! ... ach ... sage nichts! Natürlich nennt ihr mich so! das weiß ich doch! ... darum muck' ich schon nicht, wenn was von euch Dolmars kommt. Sonst hätt' ich es mir von vornherein verbeten! Aber wenn wir jetzt zu den Kassuben oder Lothringern ins Regiment kommen, dann wundre dich nicht! ... dann dank du deiner Schwester dafür!« Und der lange hübsche Leutnant lehnte stumm neben ihr und biß sich grimmig in seinen blonden Schnurrbart. Und drinnen war der Generalmajor von Dolmar aufgestanden. Den Zwicker, den er sonst ungern zeigte, noch auf der Nase, und hielt Jakobe das Blatt unter die Augen. Seine Hand bebte. »Da hast du die beste Antwort auf deine unsinnigen Reden vorhin!« sagte er heiser. »Nun hast du's also glücklich erreicht, meine Tochter! nun stehst du wie – ich will das Wort gar nicht in den Mund nehmen, wie du in der Öffentlichkeit dastehst – und man kann nichts dagegen tun, so wie die verfluchten Kerle einfach die Tatsachen aneinandersetzen ... und was einer dann zwischen den Zeilen lesen will ...« Und plötzlich kam der helle Grimm über ihn. Er trat dicht vor die junge Frau hin. »Du beschimpfst unser Haus!« versetzte er gedämpft. »Du bringst Unehre über dich und uns alle! ... dazu sind wir wahrhaftig zu gut, um in solchen Schmutzblättern zu paradieren! Ich hätt' nicht gedacht, daß ich mit meinen grauen Haaren noch einmal so etwas erleben müßte! ... durch meine einzige Tochter, die ich mit Liebe und Sorgfalt aufgezogen hab'! ... ja, schau mich nur so geistesabwesend an und uns alle, als ob du eben vom Mond kämst! ... ist das der Dank, daß ich dich hier väterlich aufgenommen hab' – daß dir alle hier liebevoll entgegengekommen sind ... trotz deiner Streiche?« »Du hast mir geschrieben, ich sollte kommen! sonst hätte ich es überhaupt nicht getan!« sagte Jakobe. Der Alte fuhr empor. Er ballte das Papier in seiner Hand zu einem Knäuel zusammen, schleuderte den in eine Ecke des Zimmers und schrie: »Nu' stehen wir im Blättchen! Nu' stehen wir glücklich im Blättchen! jeder Lausejunge macht sich über uns lustig! ... und du stehst so gelassen da, als ginge dich das gar nichts an – als wärest du nicht bis auf die Knochen kompromittiert ... das alles schaut doch hier, im bengalischen Licht der Öffentlichkeit, noch viel toller aus, als es eigentlich ist – durch deine eigene Schuld ...« »Ich weiß nicht, was ich hätte tun können, um den Zweikampf zu verhindern!« »... weil du eine verrückte Liese bist ... weil du überhaupt nicht weißt, was du eigentlich willst! Was soll denn das Wigel-Wagel! ... Bleib bei dem einen Mann oder geh zu dem andern – mir ist's in Kuckucks Namen schon egal! ... aber entscheide dich für eins von beiden! Zu einem gehörst du hin! ... Herrgott ja ... man strolcht doch nicht allein durch die Welt – mit so 'nem Ruf auf dem Buckel ...« Der Generalmajor von Dolmar rang die Hände vor Zorn und Ratlosigkeit und schaute Jakobe wütend an. Und sie sagte kalt: »Mein Ruf, Papa, ist schließlich meine Sache!« »Nein – meine! ich bin dein Vater!« »Du hast mich vor zehn Jahren ins Leben hinausgegeben! Dadurch bin ich dir gegenüber ein freier Mensch geworden ... ich habe seitdem auch nie mehr deinen Schutz erbeten!« »Den kriegst du auch gar nicht, meine Tochter! den versage ich dir, solange du in der Verfassung bist! ... solange du glaubst, daß der Hauptzweck des Lebens die Ungebundenheit ist – daß man mal dahin zigeunern kann – und mal dorthin, wie's gerade beliebt ...« »Papa!« »... so lange kommst du mir nicht mehr vor die Augen! da will ich dich gar nicht mehr sehen! ... geh nur ... geh!« Der alte Herr hatte sich an den Tisch gesetzt und stützte kummervoll sein ihr abgewandtes Haupt in die Hände. So wiederholte er barsch und trotzig: »Nein! Geh nur!« gleichsam als hätte sie ihn gebeten, doch bleiben zu dürfen. Und ein paar solche Worte von ihr würden genügt haben, seinen Zorn zu entwaffnen! Er hatte von Natur ein viel zu weiches Herz gegen seine sämtlichen Kinder. Aber Jakobe Ansold war schon in den Korridor getreten. Dort band sie sich den Schleier um den Hut, fuhr in den Mantel, noch ehe einer der Brüder ihr helfen konnte, und sagte auf der Schwelle stehend: »Ich hab' mich euch wahrhaftig nicht aufgedrängt! Ich wäre heute viel lieber zu Hause geblieben! ... also adieu, Papa! Lasse es dir gut gehen! und du, Anna, sei mir nicht böse! es tut mir selbst am meisten leid, daß ich dir die Ungelegenheiten in deinem Regiment mache! Du mußt mich schlankweg, bei jeder Gelegenheit, verleugnen! Damit kommst du am besten durch, und ich nehme es dir gar nicht übel! Euch allen nicht! ... adieu ...« Sie stieg die Treppe rasch hinunter. Am Ende des Stiegenhauses hörte sie von obenher Tritte. Es war der Leutnant Axel, der ihr gefolgt war – zögernd – er wußte nicht recht, was tun! Nun blieb er auf halbem Wege stehen und sie durchmaß unten mit flüchtigen Schritten den Eingangsflur, und die Haustüre schlug hinter ihr zu, mit einem schweren Krach, der es ihr in die Ohren dröhnte: so! nun ist auch das entschieden! – da drinnen sind die Dolmar – und da draußen bist du ... Die klare frische Winterluft umgab sie. Es war heller Sonnenschein. Unwillkürlich schaute sie nach einer Droschke aus. Sie hatte die Vorstellung, daß sie ja doch fahren müsse. Dann erst fiel ihr ein, daß Erich von Wölsick ja verwundet darniederlag und ihr nicht wie sonst in den Weg treten konnte, und nun atmete sie auf und ging langsam zu Fuß weiter in der Richtung nach Hause. Dabei dachte sie sich: wenn er nun tot geblieben wäre! – und gleich hinterher kam ihr: dann wäre ich auch tot! Sie konnte nicht gegen dies Gefühl einer Naturnotwendigkeit an. Sie war durch ihn bedingt. Sie hing mit ihm zusammen ... Sie blieb stehen, wandte sich um und blickte die Straße hinab. In der Feme war noch das Tor sichtbar, aus dem sie gekommen. Sie erkannte die stucküberladene Miethausfassade in Berliner Mauermeistergeschmack. Dort oben saß jetzt ihre Sippe beisammen und schalt und klagte. Und ihr ging es durch den Kopf: so – nun habe ich keinen Vater mehr! ... Und dann kam es ihr wie ein Wort aus der Schrift in den Sinn: was sind mir Vater und Mutter? was sind mir Brüder? Es klang wie eine Entweihung. Sie erschrak, daß sie das auf sich anwenden wollte! Aber es paßte auf sie. Sie trug die Trennung von den Ihren mit einem dumpfen, ergebenen Gleichmut, der sie förmlich durchkältete. Sie empfand beinah' die Wohltat der Einsamkeit, die darin lag. Wer so weit gekommen war wie sie, für den gab es nur Alleinsein und Schweigen. Jedes Wort tat ihm weh. Jeder Mensch ward ihm eine Last – er war ganz auf sich und sein Innerstes gestellt. Und sie hätte umkehren und jenen da drüben wiederholen mögen: Was fordert ihr noch euer Teil von mir? Euere Freuden sind nicht meine Freuden – eure Leiden sind nicht meine Leiden! Ich komme aus einer anderen Welt. Laßt mich nur ruhig meiner Wege gehen ... Und sie schritt weiter, geradeaus, den Kopf erhoben. Dieser Bruch mit den Angehörigen – darin war keine Bitterkeit, das wehte wie Schattenflug an ihr vorüber. Es konnte sie nicht schmerzen, weil ihre Seele gar keinen Raum für neuen Schmerz hatte. Die war vollkommen durch das Eine ausgefüllt. Das war alles. Und weiter gab es nichts ... Die Welt war für sie tot, bis auf den einen Punkt ... Sie dachte wieder an Erich von Wölsick – und warum sich die beiden wohl jetzt gerade geschossen – sie konnte nicht weiter darüber grübeln – sie war zu müde dazu, zu teilnahmlos gegen alles Äußere, das sich begab, oder nicht begab – so seltsam ihr das auch selber erschien, daß dies Blutvergießen um ihretwillen, das Zerren ihres Namens in die Öffentlichkeit, ihre Verstoßung durch den Vater so wenig Eindruck auf sie machte – und dann fing sie sich doch wieder, wo die Kugel wohl Wölsick ins Bein getroffen – ob die Verletzung schwer sei – ob er vielleicht nun sein Leben lang am Stock gehen müsse – und wo er wohl liege, – ob daheim – oder in einem Krankenhaus – oder drüben in Sommerwerk bei seiner Mutter – und sie schüttelte wieder den Kopf und preßte die Lippen zusammen: was ging das sie an? und sie atmete schwer auf und sagte sich: Er nimmt mir alles ... Stück um Stück ... Heute hab' ich ihm wieder Vater und Brüder und Anverwandte gegeben – und den Rest meines Namens dazu! Und er ist unersättlich. Er verlangt mehr und mehr – solange ich noch irgend etwas auf der Welt hab' ... Aber Gott sei Dank! Ich hab' nichts mehr! ... Wenn sie sich nachprüfte, dann fand sie nur Narben – lauter Erinnerungen an frühere Dinge, die kaum mehr schmerzten – aber nur eine einzige Wunde. Eine Herzenswunde. Die stammte noch aus der Zeit vor Wölsick. Er hatte keinen Teil daran! Daß man ihr den Sohn weggenommen, das war das einzige Leid, das nicht er ihr zugefügt. Das war schon ein Jahr früher gewesen, ehe er kam. Drum konnte sie an ihren Sohn denken, ohne daß er daneben stand, dazwischen trat, ihn verdrängte. – Und ein trauriges, leidenschaftliches Zucken war um ihre Lippen. Sie hatte eine solche Sehnsucht nach dem kleinen Menschenkind im bunten Rock, daß sie auf einmal hier mitten auf offener Straße hätte weinen mögen – gerade jetzt, wo sie so ganz allein war. Auf der ganzen weiten Welt war ihr nur noch ihr Bub geblieben. Auf den hatte sie ein Anrecht. Der gehörte ihr, wenn alle anderen sie verließen und verstießen. Und war doch ferne, und dachte nicht an die Mama und ihren einsamen Heiligabend – das heiße Wasser kam ihr in die Augen – da neben ihr am Rand des Bürgersteigs, wo alles grün von Tannen war, hatte eben ein Arbeitsmann sein Weihnachtsbäumchen eingehandelt und lachte, es aufpackend, über das ganze Gesicht zu seinen zwei Ältesten, die ihn begleiteten: »Na – nu aber heim zu Muttern!« und schaute dann erstaunt der feinen verstörten Dame nach, die rasch, den Kopf gesenkt, damit man ihren Kampf mit den Tränen nicht sehe, die Straße hinabeilte. Sie sehnte sich, nach Hause zu gelangen. Die Feststimmung um sie her schnitt ihr ins Herz. Sie konnte diese fröhlichen Menschen, die sie umdrängten und mit ihren Paketen an sie anstießen, diese wichtigen, geheimnisvoll lächelnden, geschäftigen Mienen nicht mehr sehen. Enterbt und entrechtet und beraubt kam sie sich zwischen ihnen vor, in einer überströmenden Verbitterung, die ihre Züge hart und kalt erscheinen ließ, als sie daheim dem alten, ihr die Türe öffnenden Fräulein von Kritzing sagte: »Sie haben sich geschossen. Wölsick ist am Bein verwundet. In der Zeitung steht's! Auch allerhand über mich! Papa hat mich an die Luft gesetzt. Unter Beistimmung der übrigen. So. Nun weißt du die Neuigkeiten des Tages. Nun sei so gut und sprich kein Wort weiter davon.« Die Schulvorsteherin erschrak. »Ach ... du Ärmste ...« wollte sie anfangen. Aber Jakobe unterbrach sie: »Bitte, tröste mich auch nicht! Es ist gar nicht nötig! Du siehst ja: ich bin ruhig! Bleib du es nur auch ...« Und wirklich faßte sich das greise Fräulein merkwürdig rasch – ja, noch mehr: es leuchtete plötzlich ein pfiffiges Lächeln auf ihrem rundlichen Matronengesicht auf. »Ich hab' einen Trost für dich, Jakobe!« sagte sie ganz fiebrig vor heimlicher Freude. »Ich brauch' keinen und weiß keinen!« »Doch, du! ... das Christkind ist gekommen, während du weg warst! Drinnen sitzt es bei uns in der Stube.« »Wer?« »Es hat 'nen roten Kragen an und schlingt Pfeffernüsse, was es kann – schon seit einer halben Stunde! ... Gott weiß, warum sie die Jungen im Korps nie satt bekommen ...« Eine Ahnung durchzuckte Jakobe. In der war mehr Glück, als daß sie sie vor sich wahr haben wollte. Sie hörte gar nicht mehr, was Fräulein von Kritzing weiter sagte, sie stieß sie förmlich zur Seite, sie riß die Tür zur Wohnstube auf und wirklich – es war kein Traum – ihre Augen sahen es – da drinnen saß ein kleiner, zehnjähriger Kadett und vertilgte, mit beiden Backen kauend, einen Haufen Weihnachtsgebäck und war damit so beschäftigt, daß er das Nahen seiner Mutter erst jetzt bemerkte, als sie durch das Zimmer hin auf ihn zuflog. Er kam gar nicht mehr dazu, aufzuspringen. Sie stürzte neben seinem Stuhl auf die Kniee nieder und schlang ihre Arme um ihn und bedeckte ihn mit Küssen und lachte und schluchzte in einem Atem: »Mein Bub – mein Bub – mein goldiger Bub!« Sie glaubte immer noch nicht daran, daß er es wirklich sei. Sie nahm seinen Kopf in ihre Hände und starrte das rotwangige Kindergesicht an und nickte glückselig und herzte ihn von neuem und ließ ihn gar nicht zu Worte kommen, sondern schwatzte durcheinander, während sie ihn mit ihren Liebkosungen halb erstickte, und wußte selber nicht, was sie redete. »Mein Bub ... mein Bub ... groß bist du geworden, Herbertchen, in dem Jahr! ... Und die dicken Backen! ... Und Ärmchen hat er, wie von Eisen ... hauen dich denn die Großen immer noch so? ... hau sie nur ordentlich wieder, armer Schatz, wenn du kannst! ... ach, du kleiner, lieber, herziger Mann! ... Das bist du überhaupt gar nicht! ... Das bild' ich mir nur ein ... Tante ... sitzt er wirklich da? Ja! ... Siehst du ihn denn auch? ... dann ist er es! ... da hab' ich ihn – meinen Jungen hab' ich ... Herbertchen ... wann bist du denn nur gekommen ...« Der kleine Kadett wischte sich die Lippen, selber ganz atemlos von der stürmischen Begrüßung. Er hatte sich jetzt doch auf die Füße gestellt und meldete, stramm vor seiner Mutter stehend, wie sich's gehörte: »Vor einer halben Stunde, Mama! Da hat die Tante mir gleich zu essen gegeben und gesagt, ich sollte warten!« Sie beugte ihre schlanke, in tiefes Schwarz gehüllte Gestalt zu ihm hernieder und streichelte ihm zärtlich das Haar. »O, du Schlingel, du!« sagte sie, glückselig weinend. »Warum bin ich denn ein Schlingel, Mama!« »Heimlich zu deiner armen, einsamen Mama zu kommen –« die hellen Tranen liefen ihr über die Wangen. »Wenn das die andern wüßten! Denk mal, was die dann sagten ... Ach! ... 's ist ja ganz egal! da hab' ich ihn! ... Ich lass' ihn nicht wieder fort! Weißt du, Tante ... ich behalt' ihn einfach bei mir ...« Wieder preßte sie ihren Sohn leidenschaftlich an sich, voll Trotz gegen die ganze Welt, als wollte sie ihn nie wieder herausgeben, ihr eigen Fleisch und Blut, und er wehrte sich halb: »Au, Mama! ... Du tust mir ja weh! ... Ich bin doch nicht heimlich hier ... das wissen doch alle ...« Sie ließ ihn los. »Bist du denn nicht von selbst gekommen, Herbertchen? Hast du denn gar keine Sehnsucht nach mir gehabt?« »Ach doch ... so schrecklich ... Mama! Aber ...« »Aber man hat dich geschickt?« »Ja.« »Wer denn?« »Der Papa!« Jakobe Ansold sah ihren Sohn mit großen, schreckensvollen Augen an. Dann wiederholte sie ungläubig flüsternd, zwischen den Lippen: »Der Papa?« Der kleine Mann im bunten Rock nickte. »Er hat mich heute früh aus dem Korps zu Weihnachten abgeholt! Und hier ist er gleich weitergefahren, nach Hause voraus, und hat mich am Bahnhof in eine Droschke gesetzt, hierher ...« »Und da solltest du zu mir kommen, Herbertchen – zu mir?« »Ja! Und der Papa hat gesagt: dann soll ich dich an der Hand nehmen und sagen: komm, Mama! Jetzt gehen wir wieder nach Hause! ... und dann sollen wir miteinander fortgehen, recht fix – hat der Papa gesagt ... er verläßt sich auf mich ... ›Du mußt deine Sache gut machen!‹ hat er gesagt, ›dann geht die Mama schon mit!‹ ...« Sie schrie auf, sie prallte einen Schritt zurück, in Angst vor sich ... vor dem Knaben ... vor der nächsten Stunde – und der kleine Soldat folgte ihr und zeigte ihr stolz einen Papierstreifen, den er aus der Tasche geholt hatte. »Da steht der Zug drauf! Mit dem sollen wir fahren, Mama, hat Papa gesagt!« Sie warf einen Blick auf das Blatt. »Friedrichstraße ab 3 Uhr 42« war da mit Bleistift geschrieben. Sie erkannte die Hand ihres Mannes. Und der Kadett mahnte, sein Wafferöckchen zuknöpfend: »Es ist Zeit, Mama! ... ich hab's dem Papa doch versprochen!« Und in ihr war ein Schrecken der Schwäche und Hilflosigkeit: »Jetzt ist die Stunde, wo du dich verleugnest und alles, was du getan hast! ... wo du deinen Stolz mit Füßen trittst – wo du ihm alle Opfer umsonst gebracht hast – wo du deine Zukunft und den ganzen Rest deines Lebens knickst – aus blinder Liebe zu deinem Kind, aus Allgewalt der Natur ...« und sie bezwang sich noch einmal und versetzte schmerzlich lächelnd: »Mein gutes Herbertchen – das kann nicht sein!« »Warum denn nicht, Mama! ... der Papa hat es uns doch gesagt!« »Schau, Schatz ... du bleibst doch nur ganz kurze Zeit daheim! wie lange hast du denn Urlaub?« »Acht Tage, Mama!« »Siehst du! und dann mußt du doch wieder fort, mein Bubi, und deine arme Mama ist wieder allein ... dort so gut wie hier ... warum soll ich also erst dorthin?« »Weil ich dann doch dort bleib', Mama!« meinte der Kadett lebhaft, und ihr stand der Herzschlag still, während sie frug: »Wieso denn, Herbert? ... Du mußt doch wieder ins Korps zurück!« »Nein! der Papa hat gesagt: wenn wir jetzt zusammen heimkommen, du und ich, dann schreibt er an das Kadettenkorps und nimmt mich wieder heraus, und ich gehe daheim aufs Gymnasium und mache da mein Examen und werde dann erst Offizier. Er hat zu mir gesagt: ›Das ist nicht leicht, den bunten Rock wieder ausziehen! das ist sehr hart für uns Männer! Aber wir müssen es deiner Mama zuliebe tun! Die muß dich in der Nähe haben! Sonst ist sie zu traurig und weint in einem fort!‹ Und da hab' ich gesagt: ›ja, Papa ... es ist ja fein im Korps ... aber dann geht's eben nicht anders! dann muß ich eben wieder 'raus!‹« Jakobe Ansold sank in sich zusammen. Ein Krampf durchschüttelte sie. Sie konnte nicht sprechen, keinen klaren Gedanken fassen, sie hatte nur Angst vor sich – es wirrte sich alles in ihr ... und sie fühlte mit geschlossenen tränenerfüllten Augen, wie sich eine leichte Hand auf ihre Schulter legte und die feine Kinderstimme mahnte: »Komm, komm, Mama! sonst versäumen wir noch den Zug!« Sie ballte die Hände ineinander und raffte sich wieder auf und stand da und schaute leer um sich. Fräulein von Kritzing sagte ihr etwas. Sie verstand es nicht. Sie wollte es auch gar nicht hören. Ihr konnte niemand helfen, in dieser Stunde. Und der kleine Kadett drängte wieder, beharrlich, wie er es seinem Vater versprochen: »komm, Mama!« und faßte ihre Hand, und sie zitterte vor dieser Schicksalsstimme aus dem Munde der Unmündigen. Sie wehrte sich dagegen und konnte es doch nur halb. Denn sie fühlte: ihren Sohn allein weggehen zu lassen, das überstieg ihre Kräfte – das brachte sie nicht fertig – und so sagte sie mit trockener Kehle: »Ich will dich bis auf den Bahnhof Friedrichstraße bringen, Herbert – du findest ja sonst nicht hin ... komm, mein Kind!« Und dabei war ihr zu Mut, als spräche sie eine Lüge! ... als betröge sie sich selbst noch diese Galgenfrist einer Viertelstunde hindurch, auf dem Weg zum Bahnhof – dort würde etwas in ihr erwachen, was viel stärker war als ihr Wille, und sie zwingen, heimzukehren in das Haus ihres Mannes, unter das Joch der Vergangenheit, in das alte verdoppelte Elend – Sie schauderte davor zurück, mit allen Fibern des Leibes und der Seele wie vor einem Sprung in den Abgrund, und während sie verzweifelt gegen diese Übermacht ankämpfte, die sich auf sie wälzte, die sie mit sich riß, war sie schon draußen auf der Straße und hielt ihren Sohn, der rasch die Mütze und das graue Mäntelchen angelegt, an der Linken und ging mit ihm den Bürgersteig hinab. Oder vielmehr, sie ließ sich eigentlich von ihm an der Hand führen. Der kleine Kerl wußte die Richtung ganz genau. Er hatte sie sich, in seinem schon erweckten militärischen Instinkt, auf dem Hinweg von der Droschke aus gemerkt. Die Luft war wohltuend kalt und klar. Die Sonne schien hell und glitzerte auf dem weißen Schnee der Dächer und übergoß das Heiligabendgetriebe der Straßen mit ihrem goldenen Licht. Auf den Plätzen war es grün von jungen Tannen wie im Walde, die schwarzen Menschenmengen schoben sich dazwischen, an den Straßenborden und Hauswänden standen reihenweise die kleinen Verkäufer aus dem Volke und ließen ihre Waldteufel schnurren und riefen mit ihren hellen Kinderstimmen: »'nen Groschen das Schäfken – 'nen Groschen, Madamken, koofen Se, koofen Se doch!« Und durch dies seltsam in das Brausen der Weltstadt hineingeschneite Stückchen Berliner Altfränkischkeit und Weihnachtszauber aus Vaterzeiten schritt Jakobe Ansold wie im Traum, wie eine Nachtwandlerin, dahin, und wenn ihr Fuß einmal stockte, wenn sie stehen blieb oder gar umdrehen wollte, dann mahnte neben ihr eine andere Kinderstimme: »komm, komm, Mama! ... komm mit!« und eine kleine, aber feste Hand zog sie vorwärts durch das Gewühl, und sie folgte der. Sie hatte keine Kraft zu widerstehen! Sie dachte nur noch, als die Eisenbahnüberführung auf der Friedrichstraße in Sicht kam: am Bahnhof kauf' ich ihm ein Billett und setze ihn in den Zug! ... und was dann aus mir wird, das weiß der Himmel ... Und sie hatte die Kraft. Sie löste am Schalter nur eine Fahrkarte nach Hause. Damit war es entschieden. Zu zweit konnten sie auf die nicht reisen. Sie atmete auf, als sie die Karte in der Hand hatte und sich abwandle, um anderen Reisenden Platz zu machen. Aber als sie eben an die Bahnsteigsperre kamen, war der Kadett schon vor ihr drinnen. Er hatte eine ihm von seinem Vater besorgte Fahrkarte, von der sie nichts wußte, aus der Tasche gezogen und vorgewiesen, und gleich darauf durchkochte der Beamte auch ihr Billett, und nun standen sie doch zusammen vor dem Zug, und die Schaffner drängten – es war dicht vor der Abfahrt – und wollten sie schon in einen Abteil hineinschieben, und der kleine Kadett mahnte mit: »Mama ... komm doch! ...« und kletterte vor ihr hinein und reichte ihr von innen die Hand, um ihr die Trittbretter hinaufzuhelfen – und sie stand da und fühlte: ›jetzt bricht dir das Herz! ... das hält keiner aus! Ein Schritt – und du bist verloren! ... und du mußt den Schritt tun – alles reißt dich hin – ins Ende deiner selbst‹ – und plötzlich raffte sie ihre äußerste Kraft zusammen. Sie umfing, vor dem Wagen stehend, den Kadetten, der sich durch die offene Türe zu ihr hinabbeugte, noch einmal leidenschaftlich – sie küßte ihn, wo sie hintraf, auf das Gesicht, auf die Haare, auf die Hände, und so stammelte sie mit erstickter Stimme: »Leb wohl, mein goldiger Bub! ... bleib brav! ... behalt mich ein bißchen lieb! ... nicht wahr – das versprichst du mir? – nicht wahr?« »Herrjeses – fahren Sie nun mit oder nicht?« Der Schaffner schrie es ihr von hinten ins Ohr. Ein Pfiff ertönte, der Zug begann zu zittern, die letzten Türen schlugen. Irgend jemand warnte: »Passen Sie auf! – Kommen Sie nicht unter die Räder!« – Und sie sah die Leute verständnislos an, und auf einmal drehte sie sich um und stürzte den Bahnsteig entlang wie ein gehetztes Wild dem Ausgang zu – der Mann, dem sie dort ihre Karte in die Hand drückte, rief ihr etwas nach ... sie rannte blindlings in Todesangst die Treppe hinab – sie eilte unten zwischen den Droschken durch auf den freien schneeerfüllten Platz vor dem Bahnhof. Da in der Mitte blieb sie stehen, sie schaute um sich, wie aus einem Traum erwachend, langsam kam ihr das Bewußtsein dessen, was geschehen, Und hinterher jählings, wie ein Stich ins Herz, der Gedanke an Erich von Wölsick: »... nun hab' ich ihm das letzte geopfert, was ich besaß – meinen Sohn hab' ich ihm geopfert – ihm, den ich hasse ... und den ich liebe ... den ich liebe ...« Oben donnerte der Zug über die eiserne Spreebrücke und führte ihren Sohn auf Nimmerwiedersehen in die Ferne. Sie warf einen verstörten Blick hinterher. Sie wollte weiter. Aber die Füße trugen sie nicht mehr. Der Boden schwankte unter ihr. Auf ihm, gerade vor ihr war ein großer Schneehaufen. Dem konnte sie nicht mehr ausweichen. Sie strauchelte und stürzte plötzlich lautlos mit dem Gesicht vornüber darauf nieder. Die Vorübergehenden sprangen herzu – es war ein Getümmel – eine schnell sich vergrößernde Menge von Menschen und dann aus ihr die Stimme eines Schutzmanns: »Rasch ... eine Droschke! ... Die Dame ist ohnmächtig geworden!« ... IX Die Glöckchen am Pferdegeschirr erklangen leise, unter den Hufen knirschte und kreischte der hartgefrorene Schnee, sonst war kein Laut in der weißen Waldeinsamkeit, durch die Erich von Wölsicks Schlitten dahinglitt. Föhren zur Rechten, Föhren zur Linken, der märkische Sand des Bodens von der glitzernden Winterdecke verhüllt – alles, wohin er sah, sein Eigen – das Reich seiner Väter, das sie schon besaßen, ehe die Hohenzollern in das Land gekommen, und von dem aus sie dann den Hohenzollern mit ihrem Blut gedient und getreulich Jahr um Jahr, was an jungem Nachwuchs in dem großen, in jedem Jahrhundert einmal von Schweden, Russen und Franzosen zerstörten Herrenhaus flügge war, hinausgeschickt hatten unter die Waffen ihres Kurfürsten und ihres Königs. Es war immer ein zähes, ein nüchternes, ein strenges Geschlecht gewesen. Es hatte wohl manchen General, manchen Minister hervorgebracht, aber alles in allem galt doch der einzelne in ihm nicht viel. Er war eben ein Wölsick. Und andere Wölsicks wie er folgten, bis auf Erich, den gegenwärtigen Herrn, der als der erste der langen Reihe mit einem leichten Frösteln, wie vom Hauch des Winters um ihn, den Einzelmenschen in sich fühlte, den unsteten Sohn der neuen Zeit, losgelöst von der Scholle, über die hinaus es für seine Vorfahren nur noch den Willen des Kriegsherrn gegeben. Aber war sein Horizont auch weiter geworden – vielleicht weiter als gut war – er liebte doch dies Stück väterliche Erde, er kannte es genau – dies weitgestreckte Gebiet, das er schon als Knabe und späterhin als Mann mit der Büchse in der Hand bis in die letzten Waldwinkel und Sumpflöcher hinein durchstreift hatte. Die Jagd war, sobald er sich in Sommerwerk aufhielt, seine Hauptbeschäftigung gewesen. Dabei war ihm der Tag stets schnell verstrichen. Man empfand den Winter, die Öde, den Mangel an Menschen kaum, zumal wenn man übersättigt von ihnen aus Berlin kam. Jetzt war das anders. Wohl standen auch jetzt die Rehe in Rudeln draußen auf den verschneiten Feldern, und zeigten die Spuren am Boden, wo das Rotwild zu Holze gezogen, aber ihn schmerzte bei jeder unvorsichtigen Bewegung noch das kaum geheilte Bein, das er eben erst, seit einigen Tagen, mit Hilfe eines Stockes wieder zu gebrauchen vermochte. Er hatte es nach der Verwundung nicht lange in der Klinik, wohin man ihn geschafft, ausgehalten. Schon nach einer Woche hatte er darauf bestanden, hier auf dem Lande, unter seinem eigenen Dach, die Genesung abzuwarten. Nun, zu Ende Januar, war er so weit, daß er keiner fremden Hilfe mehr bedurfte. Und doch fühlte er sich immer noch als ein Gefangener wie zu der Zeit, als er noch den ganzen Tag ausgestreckt auf dem Diwan gelegen und stundenlang müßig in düsteren Gedanken zur Decke hinaufgestarrt hatte. Unter anderen Umständen hätte er seine Leidenschaft durch Jagd und körperliche Anstrengung betäuben können. Jetzt war sie immer da. Sie begleitete ihn auf den langen, einsamen Schlittenfahrten, die er, um die Zeit totzuschlagen, tagtäglich des Nachmittags unternahm. Die ganze Welt um ihn hieß Jakobe Ansold ... Jakobe Ansold überall ...! Nur nicht, wo er war. Und er sagte sich, in die Ecke des Schlittens gedrückt, finster, daß wohl noch nie ein Mann so blind, so wahnsinnig verliebt gewesen sei wie er – und so ohne Hoffnung wie er ... Der Wald hatte aufgehört. Das Gefährt bog auf die große Landstraße ein, die frei über das Feld führte. Hier war mehr Leben. Ein paar Leute am Wege zogen die Fuchspelzmützen vor dem gnädigen Herrn auf Sommerwerk. Dann kam dem ein anderer Herrschaftsschlitten entgegen. Damen vom Landadel der Nachbarschaft saßen darin. Er grüßte sie. Aber sie hatten gerade die Köpfe zur Seite gewandt, um sich vor dem Wind zu schützen, und ein spöttisches Lächeln ging, als er an ihnen vorüber war, über seine blaß und hager gewordenen Züge. Es war nicht das erste Mal in letzter Zeit, daß ihm derlei scheinbar zufällige Nichtbeachtung bei seinen Ausfahrten begegnet. Da begann schon eine Art von gesellschaftlichem Boykott gegen ihn, den Größten hier im Lande, vor dem sonst jede Mutter heiratsfähiger Töchter gekatzbuckelt hatte. Rings um ihn warteten die landgesessenen Familien, was nun eigentlich geschehen würde. Er hatte Jakobe Ansold, die jeder wenigstens von Ansehen kannte, zur Flucht bewogen, er hatte sich mit ihrem Mann geschossen, er beschäftigte Gericht und Presse mit dem Fall – nun mußte er sie doch heiraten ... das war doch so einfach und selbstverständlich für die Vettern und Basen im Kreise ... Es zuckte bitter um die Lippen des einsamen Mannes, während der Schlitten rasch dahinglitt durch das ewige weiße Einerlei und Schweigen, in dessen Nebelkälte die Pferde rauchten und die Glöckchen silbern widerklangen, und dann plötzlich scharf zur Seite bog. Dort drüben in der Ferne ragten Türme und Dächer durch die graue Luft. Dort lag die Garnisonstadt, in deren Nähe der Kutscher nicht kommen durfte. Das wußte er schon. Nur einmal hatte er seinen Herrn langsam, im Schritt, hindurchgefahren. Das war bei dessen Ankunft von Berlin, aus dem Krankenhaus. Da hatte Erich von Wölsick, erschöpft von der Reise, in dem Schlitten mehr gelegen als gesessen und nicht rechts und links gesehen, in einem bitteren Schmerz beim Anblick all der alten, wohlbekannten Stätten, beim feierlichen Läuten der Silvesterglocken durch die stille Abendluft, die das schicksalschwerste und unglücklichste Jahr seines Lebens zur Rüste trugen, und dann war er, als einmal sein Auge doch die breiten, fast menschenleeren Gassen streifte, plötzlich zusammengezuckt. Er hatte den Hauptmann Ansold drüben gesehen. Der ging, breitbeinig und etwas schwerfällig wie immer, auf dem Bürg ersteig dahin. Er führte einen kleinen Kadetten an der Hand, Jakobes Sohn. Er brachte ihn, von einem Burschen mit einem Koffer gefolgt, zur Bahn, wieder in das Korps zurück, nachdem der Kleine die Ferien beim Vater verlebt. Er und der Mann im Schlitten sahen sich finster, ohne Gruß ins Gesicht. Dann schritten die beiden, der große und der kleine Soldat, weiter, und seitdem hatte Erich von Wölsick die Giebel und Schlote des märkischen Nestes nur noch undeutlich am Horizont gesehen, wo sie im trüben Schein milchfarbenen Schneegewölks verschwammen. Er wandte auch auf dem Rückweg nicht den Kopf danach. Unbeweglich vor sich hinblickend, in seine Leidenschaft versunken, fiebernd in der Kälte, die ihn umgab, fuhr er dahin. Es dämmerte schon, als der Schlitten in Sommerwerk hielt. Der riesige, einem kleinen Exerzierplatz an Umfang ähnelnde Gutshof lag verödet, im Winterschlaf da. Die Sachsengänger, die den Sommer über hier in ihren Wellblechbaracken gehaust, waren nach Galizien und Ungarn heimgezogen, die Brennerei stand still, nur da und dort hantierte noch ein Knecht, eine Magd in den Ställen, in denen dumpfes Rindergebrüll erscholl, und der Inspektor stapfte in feinen Wasserstiefeln durch den Schmutz heran mit einem Haufen von Anfragen und Vorschlägen, und Erich von Wölsick tat ihm den Gefallen und machte mit ihm, am Stocke hinkend, einen Rundgang durch den Hof und hörte seine Klagen über den nassen Kartoffelherbst und die Wicken im Hafer und den Windbruch im Walde und hatte dabei immer einen Zwang, sich zu denken: das alles geht dich an! Es gehört dir! – Was ihn umgab, hing so gar nicht mit ihm zusammen – er war so losgelöst von allem, was nicht Jakobe Ansold hieß – er schämte sich der eigenen Verstellung, mit der er Interesse an diesen Dingen heuchelte, und sagte zu dem Verwalter: »Ich vertrag' das Stehen nicht länger!« und stieg langsam die Treppe hinauf in die lange Flucht der Wohnzimmer. Da setzte er sich am Fenster hin, auf das altmodische Biedermeierkanapee, auf dem vor Jahrzehnten vielleicht Großvater und Großmutter miteinander als Brautpaar getändelt, ehe sie ihr Nest auf Sommerwerk gebaut. Ein Hauch aus jener Zeit erfüllte jetzt noch die Stuben des großen, stillen, menschenleeren Hauses. Es roch in ihnen nach Staub und welken Äpfeln, auch wo gar keine waren, und nach morschem, uraltem Holz und stockigen Tapeten – alle Eindrücke der Kindheit, eines halben Lebens, das an diesen Räumen haftete, wachten wieder auf, wenn man ihre Luft einatmete, und Erich von Wölsick stützte den Kopf in die Hand und schaute stumm in die Finsternis vor den Fenstern, die immer tiefer wurde und was da draußen sein Erb' und Eigen war, Haus und Hof und Land, verschluckte und in das Zimmer kroch und bis in seine Seele ... Draußen flimmerten in winterlicher Klarheit die Sterne. Der Mond stieg fahl leuchtend über den schwarzen Föhrenmauern in der Ferne auf. Ein undeutlicher Schimmer ging von den weiten Schneefeldern davor aus. Es war eine schöne, kalte Nacht, und als Erich von Wölsick in die hinausblickte, zog plötzlich eine Sternschnuppe ihren raschen feurigen Bogen über den Horizont, und es fiel ihm ein, was man ihn in der Schule gelehrt, daß diese Meteore Teile von zwei zertrümmerten Weltkörpern seien, die einander einst in ihrem Lauf begegnet – und er dachte sich: So haben auch Jakobe Ansold und ich uns unwiderstehlich angezogen und haben uns zerschellt, eines am anderen, nach einem ehernen Gesetz, und sind ins Dunkle hin verschwunden und eigentlich schon tot, und nur etwas von unseren zerstörten Seelen leuchtet noch in finsterer Nacht. Und dann ballte er wieder die Fäuste. Ihn empörte diese Unmännlichkeit, diese Tatenlosigkeit. Er mußte sich doch losreißen, sonst gab es noch ein Ende mit Schrecken – und während er hastig aufstand, hatte er wieder den alten, ungestümen Drang: Ich muß fort von hier! ... fern übers Meer! ... Er klingelte und ließ die Lampe kommen. Bei ihrem Glanz erlosch sein Sehnen in die Weite in Hoffnungslosigkeit. Da auf dem Schreibtisch lag ein großes, weißes, amtliches Schriftstück. Die Vorladung zur Vernehmung wegen Zweikampfs mit tödlichen Waffen. Der mußte er nächstens Folge leisten, nachdem er bisher sich durch ein ärztliches Zeugnis entschuldigt, und im kommenden Monat vor dem Kriegsgericht seiner Division erscheinen und bald darauf seine Festungshaft antreten. Ehe das alles erledigt war, bekam er vom Bezirkskommando keinen Urlaub, und fahnenflüchtig konnte er, ein Wölsick auf Sommerwerk, doch nicht werden! Jeder Blick auf die Ahnenbilder an der Wand, diese würdevoll steifen friderizianischen Zopfträger und Offiziere bis in die Neuzeit hinein, ließ den bloßen Gedanken als eine Lächerlichkeit erscheinen. Er ging langsam im Zimmer auf und ab und ärgerte sich über seinen eigenen schweren, ungleichmäßigen Tritt, die Folge der Verwundung, der in dem tiefen Schweigen des Winterabends an den Wänden widerhallte. Sonst war kein Laut als einmal ein Krachen im wurmstichigen Gebälk, ein Windseufzen vor den Fenstern, und ihm war, als hinke die Einsamkeit in Gestalt seines Lampenschattens hinter ihm her, als verfolge er sich selbst und sei sein eigener Feind und seiner selbst müde und sich zum Überdruß. Er war ganz allein in dem großen, weitläufigen Hause. Seine Mutter hatte es wie immer schon zwischen Weihnachten und Neujahr verlassen, um den Winter im Süden zuzubringen. Vorher war sie in Berlin einmal an sein Krankenlager getreten. Er hatte ihr gar nicht gesagt, daß er schon in den nächsten Tagen nach Sommerwerk hinauswollte. Er hätte es vielleicht gar nicht getan, wenn sie da draußen gewesen wäre. Es stand etwas zwischen ihnen, von seiner Kindheit an. Und wie er jetzt mit einem verlorenen Blicke stehen blieb, da sah er im Dämmerlicht der Erinnerung aus jenen Tagen wieder den großen, stattlichen, linkischen Mann mit dem dröhnenden Schritt und der stets unsicheren Haltung vor sich, den Stiefvater, der eigentlich nur Inspektor auf Sommerwerk gewesen und den die Mutter geheiratet, ehe drei Winter die Schleifen und Kränze auf dem Grabe des Vaters gebleicht. Er entsann sich noch der großen roten Hände des fremden Mannes, seines lauten, verlegenen Lachens, wenn er ihm, dem kleinen Erbherrn, auf dem Flur begegnete, er sah ihn noch eines Morgens gläsernen Auges an der offenen Türe zum Weinkeller sitzen, in dem er den Kummer über seine schiefe Stellung im Hause betäubte, und die schadenfrohen Gesichter der Dienerschaft. Von da ab schlich der Stiefvater mehr und mehr wie ein verprügelter Jagdhund umher – es ging zu Ende – eines Morgens war er fort und kam nie wieder. Und ein Jahr später nannte sich die Mutter wieder Frau von Wölsick wie einst. Sie war geschieden. Aber zwei Jahrzehnte lang ging noch zu jedem Quartalsersten eine Geldsendung aus den Einkünften von Sommerwerk hinüber nach Amerika. Erich hatte sie ein für allemal angewiesen. Erst seit sechs Jahren hatte sie aufgehört, ein Zeichen, daß da drüben der Tod seinen Strich durch ein verfehltes Leben gemacht. Ihn fröstelte. Es war kalt im Zimmer. Er bückte sich und legte eigenhändig eine Schaufel Kohlen in die Glut. Und wie er sich wieder aufrichtete, da war plötzlich eine Verzweiflung in ihm: Warum war ich immer so allein! Warum habe ich meinen Vater nie gekannt – warum nie eine Mutter gehabt, wie sonst der Ärmste sie hat? ... Warum war nie Liebe in diesem Hause, solange ich mich entsinnen kann? ... Warum erinnert mich jeder Stein und jede Stufe hier, daß ich von meiner Kindheit ab von Schmeichlern und Schmarotzern umgeben war? – daß ich, noch ehe ich selber ganz Mensch war, schon die Achtung vor den Menschen verlor? – oder eigentlich sie nie recht besessen habe? Jetzt rächen sie sich dafür. Jetzt weiß ich, was Liebe heißt ... Und je weiter der lange, einsame Abend fortschritt, desto unerträglicher wurde ihm der Aufenthalt in dem toten Hause, und in der schlimmsten Gesellschaft, die er haben konnte, der seinen. Er schlief die halbe Nacht nicht – er stand den nächsten Vormittag stundenlang am Fenster und sah durch das weiße Flockengewirbel, das sich wieder auf die Erde senkte, in die Richtung hinaus, wo Berlin war – wo sie war ... und als des Nachmittags sich das Wetter etwas klärte und er auf seiner gewohnten Spazierfahrt beim Austritt aus dem Walde fern die Türme der Stadt im Dämmergrau sah, da, sagte er plötzlich mit einer rauhen, von unterdrückter Erregung zitternder Stimme zu dem Kutscher, der eben seitlings nach Sommerwerk abbiegen wollte: »Gerade aus! Nach dem Bahnhof!« Und da der Mann ihn nicht gleich verstand und sich verblüfft nach ihm umschaute, wiederholte er heftig: »Nach dem Bahnhof! ... Ich will weg! ... Mach kein so dummes Gesicht! ... Ich brauche kein Gepäck! ... Michael soll es richten und mit dem nächsten Zug nachbringen! Sag nur daheim, ich sei nach Berlin gefahren! ...« Der Kutscher wandte die Pferde. Der Schlitten flog gerade aus, über die weite, weiße Fläche der Stadt zu. Erich von Wölsick saß in ihm vorgebeugt, alle paar Minuten nach der Uhr sehend, in Angst, er könne den Nachmittagszug nach Berlin versäumen. Er gestand sich selbst: es hatte gar keinen Zweck, so Hals über Kopf dorthin zu eilen. Ob hier oder dort – das war, wie wenn ein Fieberkranker sich auf die rechte oder die linke Seite wälzte – sein Leiden blieb. Und auch auf seinem Gesicht war ein leidender, verbissener Ausdruck – wenn er auch nun sonst nichts erreichte, er war doch Jakobe Ansold räumlich näher – und er mußte selber bitter über diesen elenden Trost lachen. Da war der Bahnhof. Der Zug stand schon in der Halle. Erich von Wölsick eilte sich, seine Fahrkarte zu lösen. Am Eingang zum Bahnhof blieb er stehen. Die Rampe war bunt von Uniformen. Eine Menge Offiziere des 217. Infanterieregiments waren da versammelt. Sie drängten sich um den einzigen Wagen der Klingelbahn, der ein Abteil erster und einige zweiter führte. In einem von diesen letzteren stand, an die offene Türe gelehnt, ein Hauptmann, und der Oberst gab ihm von unten herauf noch einmal die weißbehandschuhte Rechte und sagte mit seiner lauten, scharfen Exerzierplatzstimme: »Na, Gott befohlen, mein lieber Ansold, Gott befohlen! ... Wir verlieren Sie ungern aus dem Re'ment – was, meine Herren? und wir hoffen nur, daß es Ihnen recht gut gehen möge in der neuen Garnison – und, wenn's auch ein bißchen weit ist von Ostpreußen nach der Mark, – daß Sie doch manchmal an Ihr altes Re'ment, in dem Sie so lange Zeit gewesen sind, zurückdenken mögen ... ja ... das hoffen wir, mein guter Ansold ... das hoffen wir sehr ...« Und dann sprach der Hauptmann Ansold, sichtlich bewegt und stockend – denn er war nie ein großer Redner gewesen – zu dem Kranze blauroter Mützen unter ihm: »Ich danke Herrn Oberst gehorsamst! ... Herr Oberst können überzeugt sein – ich werde immer mit Freude hierher zurückdenken, ... ich meine ... was Vorgesetzte und Kameraden mir immer hier gewesen sind. Das war mir, wenn ich das Henn Oberst sagen darf, ein wahrer Trost in bitterer Zeit. Dafür bin ich dankbar ... mein Herz bleibt hier bei den alten, tüchtigen 217ern zurück ...« Er hatte wirklich helle Tranen in seinen kleinen, nichtssagenden Augen. Die trafen jetzt zufällig Erich von Wölsick, der noch an der Bahnsteigsperre stand, und auch einige andere Köpfe wandten sich nach ihm, und ein paar Offiziere, die den Majoratsherrn auf Sommerwerk kannten, hoben zögernd die Hand zur Mütze. Aber der hatte sich schon jäh auf dem Absatz umgewendet und war ins Freie hinausgetreten, wo der Schlitten noch stand, und hatte den Kutscher aus der Bierstube nebenan gerufen: »Vorwärts! Ich will heim!« Auf der Fahrt durch das Städtchen kam er an einem wohlbekannten Hause vorbei. In dem waren die Fenster des zweiten Stockwerks ohne Vorhänge und Gardinen. Niemand wohnte mehr da. Der Hauptmann Ansold war nach Ostpreußen verschlagen, seine Frau war in Berlin, der Sohn fern von beiden. Diesen kleinen Kreis von Menschen hatte er zersprengt, für immer. Aber nicht daran dachte er, als er bei einem Rückblick in die Ebene das weiße Dampfwölkchen des Zuges, der seinen Gegner entführte, fern in der Schneeluft verschwinden sah – es war eher in ihm ein finsteres, schuldbewußtes Siegergefühl. Nun hatte er doch den Platz behauptet und der andere ihn geräumt und seine Versetzung nach einer entlegenen Garnison beantragt, wo man noch nichts von seinem häuslichen Unglück wußte und nie viel darüber sprechen würde. Das hieß, daß alles aus war zwischen dem Hauptmann Ansold und seiner Frau ... Und mehr denn je wurde ihm, Erich von Wölsick, sein Recht auf sie zur Pflicht, vor sich und seinem Gewissen, vor seiner Ehre, vor allen Menschen, vor Gott, und er knirschte mit den Zähnen, von der Dämmerung des Winterwaldes umgeben: Sollte er sich noch einmal vor Jakobe Ansold demütigen – ihr schreiben, sie bitten? Er wußte zu gut: Und wenn er es zehn- und wenn er es hundertmal versuchte – es war umsonst. Sie gab nicht nach. Er hatte sie zu einem Menschen gemacht, der vielleicht einmal gebrochen, aber nie mehr gebogen werden konnte. Und doch klopfte ihm plötzlich das Herz, als er am nächsten Vormittag vor dem Herrenhause von Sommerwerk stand, nachträglich wieder froh, nicht nach Berlin gefahren zu sein – was hätte er dort gefunden als neue Enttäuschung? – ihm stockte der Atem – da auf der Landstraße fuhr ein Schlitten heran – ein Mietschlitten, wie man ihn in dem Städtchen bekam – und in dem Schlitten saß eine Dame, tief verschleiert, die Hände im Muff – und einen Augenblick dachte er wie ein Verrückter: »das ist Jakobe Ansold! ... Gestern ist ihr Mann fort! ... Heute kommt sie !« – und schämte sich dann selber dieses tollen Einfalls und blieb ruhig stehen, bis der Schlitten um das Tannendickicht an der Wegbiegung herum wieder zum Vorschein kam und er Frau von Teichardt, seine Schwester, darin erkannte, die sich aufrichtete und ihm heiter zurief: »Guten Tag, Erich! ... Na ... wie geht's?« Er sah die jugendliche Geheimrätin teilnahmlos an und sagte: »Wie kommst du denn hierher, Helme?« Bei seiner Düsterkeit verschwand auch ihre gemachte frohe Laune. Sie wurde so ernst wie er und so versetzte sie, während sie aus dem Schlitten sprang und neben ihm her dem Hause zuschritt: »Wir haben Sorge um dich, Erich! Wir hören und sehen nichts von dir. Da hab' ich mich kurz entschlossen und überfall' dich einmal hier draußen!« Nun allmählich, während die Überraschung in ihm schwand, war es ihm ganz lieb, daß die Schwester da war. Und doch hatte er ein Unbehagen der Störung und sagte: »Zu mir kommt sonst niemand. Ich brauche auch niemanden. Ich bin nicht mehr für andere Leute geschaffen. Früher vielleicht. Da konnt' ich mit den Leuten machen, was ich wollte. Da muß ich irgend ein Geheimnis dafür besessen haben ... aber jetzt trampelt jeder auf mir herum ...« Frau von Teichardt überhörte das absichtlich. Sie blieb im Flur stehen und sagte, während er ihr Hut und Pelz abnahm: »Hier riecht es doch wie immer! Komisch, wie das die Erinnerung weckt. Ich bin da gleich wieder in unserer Kinderzeit drinnen – weißt du noch, wie da unter der Treppe der schwarze Mann war, und der dunkle Gang nach der Räucherkammer, wo die alte Mamsell immer noch gegen Abend die Würste aufhing und war doch schon längst tot und begraben – und oben das Bild vom Urgroßvater, das die Augen bewegte, wenn man's lange genug ansah – Gott – was nimmt man doch alles für Krimskrams aus solch einem alten Kasten ins Leben mit – das alles haben wir doch zusammen durchgemacht, Erich – und sind doch auch später im Leben zusammengeblieben – drum dacht' ich, ich könnte dir vielleicht auch jetzt noch etwas nützen – wenigstens besser als sonst wer.« Die kleine magere Frau von Teichardt hatte sonst viel von der früheren Kühle ihres Bruders. Aber jetzt war doch ehrliche Herzlichkeit in der Art, wie sie ihm bei ihren Worten noch einmal im Wohnzimmer die Hand drückte, und er erwiderte das mit einer ungewohnten Weichheit, während ihm doch zugleich der Geist der Verneinung von einst zuflüsterte: Sie ist hier, weil sie etwas von dir will ... »Ich danke dir, Helme!« sagte er, sich setzend und den Kopf in die Hand stützend, sobald Michael, der Diener, der Portwein und Sandwiches gebracht, wieder das Zimmer verlassen hatte. »Aber ich glaube, mir kann niemand helfen – schon weil niemand weiß, wer ich jetzt bin! An mir geschieht ein schweres Unrecht, Schwester – und am meisten begeht das sie – gerade sie ...« Er hatte sich angewöhnt, Jakobe in seinen Gedanken nur noch »sie« zu nennen. Nun sprach er es auch aus. Frau von Teichardt verstand ihn und schwieg. Und er fuhr fort: »So rächt sich das jetzt an mir! ... Und ich sage dir, Helme: Ich wundere mich über nichts, was ich vielleicht noch tun werde. Bei mir ist jetzt alles denkbar ...« Er wandte ihr sein von Leidenschaft abgezehrtes, vom Wundfieber des Krankenlagers blaß gewordenes Gesicht zu. Aus dem war das frühere verwöhnte Lächeln, die liebenswürdige Sattheit, ganz geschwunden. Die Züge waren hart und scharf geworden. »Nun, mach es kurz!« versetzte er. »Womit kann ich dir helfen?« Er hätte beinahe der Einfachheit halber gesagt: »mit wieviel?« Aber seine Menschenverachtung, die sonst die eigene Schwester nicht schonte, war in diesen letzten Monaten zu sehr ins Wanken geraten und hatte sich gegen ihn selbst gewandt. Und Frau von Teichardt antwortete ihm auch nur ganz ruhig: »Ich sagte dir schon: ich bin nicht meinetwegen gekommen, sondern wegen dir–« »Nun und?« Die Geheimrätin überlegte ihre Worte. Dann hob sie den Kopf und meinte: »Ich hab' darüber nachgedacht und viel mit meinem Mann gesprochen, und er sagt wie ich: Manchmal muß man im Leben rücksichtslos den Mut haben, alles in einem zu überwinden, was hoffnungslos ist – auch eine hoffnungslose Liebe – sonst bleibt man auf der Strecke ...« »Und dein Mann hat recht!« erwiderte Erich von Wölsick mit einem rätselhaften Zug um die Mundwinkel. »Du auch! Ihr gehört zu den glücklichen Leuten, die immer recht haben! Ihr seid Praktiker! Robust seid ihr! Es ist ein Segen, wenn einen die Wetterfahne immer aufs liebe Ich weist!« »Lieber Erich: ein gesunder Egoismus ...« »Den habt ihr!« »Schaff ihn dir nur auch an! Man braucht ihn in gewissem Umfang! Man kommt sonst nicht durch – in einem Fall wie dem deinen! Du mußt dir sagen: Ehe ich mich mit der unseligen Geschichte mein ganzes Leben lang nutzlos herumschleppe ... lieber Gott – die meisten Menschen haben mal im Leben geliebt und es ist nichts draus geworden – ich auch, wie du weißt – und sind nicht daran gestorben! Also warum solltest du das nicht auch vermögen, und wenn die Zeit die Wunde geheilt hat, wieder ein normaler Mensch werden? Es kommt nur auf den festen Entschluß an, und gerade jetzt ist die Zeit dafür!« »Wieso denn?« Frau von Teichardt nahm einen Schluck Wein. Dann versetzte sie, und man merkte an ihrer Lebhaftigkeit, daß sie nun erst auf den Kern ihres Besuches kam: »Das alte Fräulein von Kritzing gibt ihre Schule auf! Kinder von Bekannten von uns gehen dort hinein. Dadurch haben wir es erfahren. Sie hat vor kurzem die ganze Geschichte samt dem Haus verkauft. Zu Ostern gibt sie's ab und zieht sich in den Ruhestand zurück, und dann will Frau Ansold nicht weiter bei ihr bleiben, obwohl sie es ihr angeboten hat, sondern anderswo tätig sein und sich ihr Brot selber verdienen, und das ist ja auch schließlich aller Ehre wert. Schwer ist's ja für eine geschiedene oder bald geschiedene Frau – und gar hier. Darum will sie am liebsten ins Ausland! Und die Kritzing hat da was für sie vermittelt – Schulvorsteherinnen haben doch immer überallhin Verbindungen durch ihre früheren Schülerinnen – und es scheint ziemlich sicher, daß Frau Ansold nächstens nach Amerika geht, in ein Damen-College – für deutsche Konversation. Nun – und dann bleibt sie wohl dort und kommt nie wieder und findet hoffentlich drüben ihren Frieden. Und du hier auch!« Sie hatte sich in Eifer geredet, nun hielt sie inne, betroffen durch die unheimliche Ruhe, mit der ihr Bruder ihr zuhörte und nun, nach langer Pause, sagte: »Ich danke dir für deine Mitteilungen, Helme! ... das war mir freilich neu ...« »Und was willst du nun tun?« »Schweigen, Helme –! Es gibt Dinge – die vertragen das viele Reden nicht!« Dabei verblieb er. Sie vermochte nichts mehr aus ihm herauszubringen. Und einmal, am Tisch, als ihre Anspielungen zu deutlich wurden, versetzte er: »Sonderbar, wieviel Mut ihr doch immer für andere habt und welche Fähigkeit, fremde Schmerzen zu ertragen! ... Vergessen – Frieden finden – das ist nun so leicht hingesagt – Helme – man könnte ebensogut auch vom Wetter sprechen! Es ist auch ein kalter Wind heute! Michael – bieten Sie der gnädigen Frau noch einmal an ...!« Den ganzen Tag war er seiner Schwester gegenüber von einer Freundlichkeit, die sie beklemmte. Sie fühlte etwas Versteinertes dahinter. Sie war schließlich dem Weinen nah vor Angst und Aufregung. Sie bereute, daß sie herausgekommen war und sich wieder in die unselige Sache gemischt hatte, die sich nun erst recht wieder ihren Händen entwand. Denn irgend etwas hatte Erich vor oder rang wenigstens mit einem Entschluß. Das sah sie deutlich, doch weiter nichts, und fühlte sich gekränkt. Etwas mehr als dies Schweigen auf ihre Botschaft hin hatte sie doch für ihre Anteilnahme verdient. Aber sie hörte von ihrem Bruder nichts als gleichgültige Bemerkungen, wie sie der Gang durch Haus und Hof und Ställe eingab. Und an solchem äußeren Gesprächsstoff fehlte es wenigstens in Sommerwerk nicht. Für Frau von Teichardt war dies ganze mächtige Majorat nichts anderes als sonst einer Berliner Hausfrau ihre Vorratskammer, die ihr fast alles Nötige zum Leben in ihre Wohnung in der Reichshauptstadt lieferte. Es kam vor, daß dort bei Geheimrats eine Woche lang nur Kalb in jederlei Gestalt auf dem Tisch erschien, weil der Metzger in Sommerwerk gerade geschlachtet hatte. Dann wieder folgte ein Sommerwerker Reh, ein Bündel Hasen oder Fasanen und ebenso füllten sich Keller und Kammer mit Würsten und Eingemachtem, mit Kartoffeln und Gemüse, mit Obst und Butter aus dem Gut. Der frühe Winterabend dämmerte schon, als die Geschwister noch einmal zusammen durch die großen kalten Säle im oberen Stockwerk gingen, von denen die Ahnenbilder steif und wohlwollend auf sie herablächelten. Bei einem blieb Erich von Wölsick stehen, hob den Rahmen auf und schrieb hinten auf die Leinwand mit Bleistift den Namen des Dargestellten, der erst vor kurzem durch eine Mitteilung des Heroldsamts sicher ermittelt worden, auf Grund einer Marginalnotiz Friedlich des Großen: »Wann der Kapitän Wölsick partout heurathen will, so mag Er sich zum Teufel scheeren!« »Siehst du, den armen Kerl haben sie aus dem Dienst gejagt!« sagte Erich. »Er hat's vorher gewußt und doch nicht anders gekonnt! ... Ihr aber stellt euch hin und schwatzt vom ›Frieden finden‹ und ›Vergessen!‹ ... Glaub mir – wenn die Leute da oben in Leinwand und Öl den Mund auftun könnten, sie würden sämtlich sagen: Keiner lebt sich selber und keiner stirbt sich selber! das haben wir alle in unserem Leben erfahren! ... Und so wird's immer bleiben, trotz all deiner Schlauheit ...« Frau von Teichardt sah jetzt selber ein, daß sie einen Fehler begangen. Der Gesunde konnte mit dem Kranken, der Nüchterne mit dem Fiebernden nicht diskutieren. Sie aber hatte zu einem hoffnungslos und wahnsinnig Verliebten gesprochen, als wäre er ein Mensch mit fünf Sinnen, und sie frug nun etwas unsicher und gedrückt: »Aber – wenn du nicht vergessen kannst, Erich – wo soll denn das enden?« Er gab ihr die Antwort erst, als er sie vor dem Haustor in den Schlitten hob, und auch da war sie dunkel und rätselhaft genug: »Wer kann wissen, was er muß? Ihr vielleicht! Euch sagt der Instinkt, wo euer Vorteil steckt. Ich war früher auch so ein Kautschukmensch und konnt' mich biegen und wenden nach Bedarf. Aber jetzt sind meine Knochen längst zu steif! Bricht's jetzt, so bricht's! ...« Frau von Teichardt konnte sich nicht mehr helfen. Sie fing vor unbestimmter Angst zu weinen an, als sie in dem Schlitten saß und die Pferde anzogen, und durch das Tuch vor ihren Augen sah sie, wie ihr Bruder immer noch mit bloßem Kopf auf der Schwelle stand und ihr freundlich und ganz gelassen mit der Hand nachwinkte, bis das Fahrzeug um die Waldecke verschwand. Dann plötzlich änderte sich sein Gesicht. Es wurde vollkommen starr, beinahe leblos. Auf seinen Stock gestützt stieg er langsam, ohne sich mehr um die Außenwelt zu kümmern, in die oberen Zimmer hinauf. Da setzte er sich schwer im letzten Zwielicht am Fenster hin und riß sich den Kragen auf und rang nach Luft. Eine wahnsinnige Angst – ein Entsetzen, wie es ein Mensch vielleicht vor der Hinrichtung empfinden mochte – ließ sekundenlang seinen Herzschlag still stehen. Er war wie gelähmt. Er rührte keinen Finger mehr. Stumm, mit zusammengebissenen Lippen und leeren Augen in die niederfallende Nacht hinausschauend, saß er da und achtete nicht darauf, daß Michael die Lampe brachte und ihm einmal und noch einmal flüsternd meldete, das Abendessen sei aufgetragen. Vor seiner Seele stand nur das eine: Jakobe ging weg! Er verlor das letzte von ihr, das Bewußtsein und den Trost ihrer Nähe. Ein Fünkchen Hoffnung war bisher noch darin gewesen, daß er wußte: sie war dort – er hier – ein schwach glimmendes Lichtpünktchen in dem tiefen Dunkel. Nun erlosch auch das. O ja – er traute ihr das zu! Sie war fähig, übers Meer zu gehen, den Kopf erhoben und nicht ein einziges Mal nach rückwärts, auf das Leichenfeld ihres armen Lebens, gewandt – und drüben zu verschwinden, in einer wogenden grauen Masse, in einem unbestimmten Brausen, der neuen Welt ... Das Haupt in die Hand gestützt schaute er in die Zukunft. Da war er. In fünf Jahren. Oder in zehn. Irgendeinmal! Vielleicht das Haar schon gebleicht, die Züge gefurcht, und immer allein. Einsam auf der weiten Welt. In der war sie . Aber er fand sie nicht. Sie hatte wohl auch ihren Namen geändert, da drüben. Kein Lebenszeichen kam mehr von ihr herüber. Und er wanderte und wanderte und suchte sein verspieltes Glück, unter fremden Menschen, in hundert Ländern, ein Verzweifelter, ein Verirrter, bis er schließlich am Wege starb. Und die wilden, unregelmäßigen Schläge seines Herzens sagten es ihm: diese letzte Trennung von Jakobe Ansold hielt er nicht aus. Dann war es zu Ende. Und wie bald konnte dies Ende sein! Vielleicht morgen schon – in den nächsten Tagen! Wer wußte, wann sie die Reise anzutreten gedachte. Und wieder faßte ihn die erstickende Angst, sie ganz zu verlieren. Er sprang auf. Er verließ das Haus. Er trat hinaus in den Schnee. Es war schon zehn Uhr Abends und totenstill. Der Vollmond stand hell am Himmel, die Gestirne glitzerten durch die frostklare Nacht. Man konnte weithin über die weiße Ebene sehen, die zwischen den Mauern der Stallungen zur Rechten und der uralten Dorfkirche zur Linken sich erhob, neben deren Wetterfahne auf dem Turm der Abendstern unruhig seine Lichtzacken ausschießen ließ und wieder einzog. Viele Wölsicks schliefen da. Die Todesernte von drei, vier Jahrhunderten. Ein paar zerschlissene und vergilbte Landwehrfahnen aus den Befreiungskriegen hingen innen und streiften des Sonntags Vormittags beim Gottesdienst die Flachsköpfe der Bauernjungen. Und darunter, in der Gruft, stand Sarg an Sarg. Man konnte sich kaum mehr im Halbdunkel zwischen ihnen hindurchwinden. Und wie Erich von Wölsick das kleine Gotteshaus im Mondschein sah, kam ihm der Gedanke an den Tod und gleich hinterher ein zweites, jähes Aufblitzen und Aufzucken durch sein ganzes, wirres, mattes Hirn: »Jakobe Ansold gehört mir. Mir allein auf der Welt! Sie darf sich nicht mir entziehen! Wenn sie es doch versucht, muß ich es hindern! Ich muß sie töten! ...« Und abermals dachte er ganz kalt und fest: »Ja! Es ist mein Recht. Ich muß sie töten. Sie will es so. Sie bringt mich dazu ...« Dann hatte er wieder einen Schrecken über die dumpfe Selbstverständlichkeit, mit der er sich das sagte. Und er suchte einen Ausweg – einen Aufschub. Er sprach sich zu: Ich werde es erzwingen und noch einmal vor sie treten – irgendwie und irgendwo – und sie fragen, ob sie mein werden will. Und wenn sie auch dann auf dem Nein beharrt, dann bleibt keine Wahl. Dann muß es geschehen! ... Ich kann, was mein ist in Ewigkeit, nicht fremden Leuten drüben überm Meere überlassen! Sie wird das Schiff nicht sehen, das sie von mir weg, aus meinem Leben fort, nach Amerika tragen soll ... Er war erstaunt: In solcher Ruhe fasse ich einen solchen Plan? Dann ist das Maß des Elends voll. Daher diese wunderliche Nüchternheit – und dieses leise Frösteln den Rücken hinab – eigentlich stand ein ganz anderer Mensch als er da im Schnee. Aber was der tat, mußte er selber verantworten ... Und plötzlich flackerte in ihm die Hoffnung auf: Jakobe Ansold hatte ihm bisher nicht geglaubt. Wenn er ihr jetzt den furchtbarsten Ernst zeigte, die Bereitschaft zum Äußersten, dann überwand er sie vielleicht in letzter Stunde. Sie kehrte mit ihm durch das Tor des Todes in das Leben zurück. Und wenn nicht? Er drehte sich um und ging rasch, als hätte er etwas vergessen, in sein Zimmer hinauf. Dort lud er seinen Armeerevolver mit sechs Patronen und betrachtete, als er es vollbracht, nachdenklich die im Lampenschein funkelnde kleine Waffe und legte sie dann ruhig seitwärts auf den Kamin, seltsam gleichgültig und müde, als enthebe ihn eine fremde Macht aller Verantwortlichkeit für sein Tun und Lassen. Über dessen Tragweite war er sich dabei in seiner Willenlosigkeit völlig klar. Er dachte sich noch: Ich könnte klingeln und Michael befehlen, den Revolver wegzunehmen, mich hier im Zimmer einzusperren, den Arzt zu rufen! Das wäre am besten! Auf die Weise wird ein Unglück vermieden! ... Aber ich tu' es nicht! ... Ich lass' dem Schicksal seinen Lauf. Und dann hoffte er wieder halb, zwischen Zweifel und Zuversicht: Nein. Es wird kein Blutvergießen geben! Ich hole mir jetzt einfach Jakobe mit Gewalt. Ich raube sie mir! Ich zwinge sie durch die Todesdrohung an mich! Der Schrecken macht sie gefügig. Der vergeht auch wieder. Dann kommt, wenn ihr Widerstand gebrochen ist, Besseres für uns beide. Aber sie wird es erkennen: Er soll dein Herr sein! – im Leben oder im Tod ... Die bleierne Ruhe dieses Vorsatzes lastete die ganze Nacht und den folgenden Tag auf ihm. Er dachte nicht mehr darüber nach. Das war vom Schicksal über ihn verhängt und mußte sich erfüllen. Nach Tisch ließ er anspannen und fuhr mit dem Nachmittagszug nach Berlin. Diesmal war kein Hauptmann Ansold, keine Offiziere auf dem Bahnsteig. Die Halle war fast verödet und er allein in seinem Abteil erster Klasse. Ohne sich zu rühren, saß er da und schaute hinaus auf die beschneiten Felder und in die langsam niedersinkende Dämmerung, die kurz ehe er die Hauptstadt erreichte, schon in volle Nacht überging. Er suchte zunächst seine Wohnung auf. Die hatte er zuletzt ebenso finster und unwirtlich, wie sie jetzt war, vor dem ersten Tageslicht am Morgen des Zweikampfs verlassen. Alles lag und stand noch herum wie damals. In der Ecke gähnten halbgepackt die Koffer für die Weltumsegelung, auf dem Schreibtisch lag ein angefangener Brief – ein paar Bestimmungen für den Fall, daß er da draußen, im Spandauer Forst, bleiben sollte. Da steckte noch eine verstaubte und vergessene Einladungskarte zu einem Diner im Hause Neerlage – überall halbe Dinge, vereitelte Pläne, die Faust des Schicksals dazwischen: »Nein! Es soll nicht sein!« – Man bekam einen ohnmächtigen Grimm, wenn man das ansah – eine wütende Ungeduld, sich dagegen aufzubäumen! Die Luft war auch so drückend und stickig, die Fenster seit Wochen nicht mehr geöffnet, und Michael, der Diener, hantierte geschäftig hin und her, legte Wäsche in die Schränke, ließ prüfend den Hahn im Badezimmer laufen, als wollte man sich auf Lebenszeit wieder hier einrichten – sein Herr warf einen feindseligen Blick auf den mageren, kleinen Menschen, dann einen langen auf die ganze Wohnung. Und während sein Gesicht plötzlich beinahe feierlich ernst wurde, nahm er rasch im Flur Hut und Mantel und verließ förmlich auf den Fußspitzen, um nicht von dem Diener mit unnützen Fragen behelligt zu werden, das Haus und griff noch einmal, als er in die kalte Nachtluft hinaustrat, forschend mit der Hand in die Tasche und zog sie beruhigt zurück. Er hatte in ihr die Kälte und Härte des Revolvers gespürt. Er ging langsam, zu Fuß nach Jakobe Ansolds Wohnung. Zuweilen nötigte ihn die Schwäche im Bein, stehen zu bleiben und sich auszuruhen. Er hatte ja auch Zeit. Einen bestimmten Plan besaß er nicht. An ihrer Türe zu klingeln, diesen Gedanken gab er von vornherein auf. Er wurde ja doch nicht vorgelassen. Das war sicher. Er mußte sehen, daß er Jakobe irgendwo unten auf der Straße traf. Jetzt, wo sie ihn bewegungsunfähig wußte – vielleicht auch wußte, daß er fern von Berlin war, ging sie wohl ohne Scheu aus. Und am wahrscheinlichsten in der Abendstunde, in der er sie damals zuerst gesehen. Es war wenigstens eine Hoffnung, daß dem so war. In der Hauptsache – das sagte er sich selbst – war ihr Zusammentreffen eine Sache des Glücks – oder des Unglücks ... Er hatte die Kritzingsche Schule erreicht. Das wohlbekannte Fenster im dritten Stockwerk war hell erleuchtet. Sie war daheim. Aber er sah keinen Schatten hinter den Scheiben. Er stand und blickte unverwandt hinauf, genau wie früher, während um ihn her der unansehnlich graue, eintönige Schwall des Straßenlebens flutete, freudlos, farblos, wie dieser schmutzige Großstadtwinterabend selbst, dessen spärliche Schneeflocken um den grellen Schein der Laterne drüben an der Straßenecke tanzten. Er hielt sich absichtlich weit von diesem Lichtkreis fern. Er wollte nicht wieder von oben gesehen werden wie früher, und in dem dunklen Torweg, in den er getreten, war das auch unmöglich. Wohl eine Stunde harrte er da schon aus – er mußte die Zähne zusammenbeißen, so schmerzte ihn die ungewohnte Anstrengung im Bein nach dem wochenlangen Liegen – und noch eine halbe Stunde verging – es war nun schon nach Sieben – aber er blieb und wartete, ob das Fenster oben sich verdunkelte und sie aus dem Hause käme, wenn nicht heute, dann morgen oder übermorgen oder irgend einmal. Er hatte Geduld. Er hatte ja sonst nichts mehr auf der Welt zu tun. Der Schimmer hinter dem weißen Vorhang war gleichmäßig hell. Schließlich schmerzten ihn die Augen von dem fortgesetzten Schauen nach dem einen leuchtenden Fleck im Dunkeln. Er ließ sie leer die Straße entlang schweifen, um sie ein wenig auszuruhen. Da ging eine blonde, schlanke Dame quer über den Fahrdamm, kaum zehn, fünfzehn Schritte von ihm. Sie hatte den Kopf etwas vornübergebeugt und suchte, ohne nach rechts oder links zu sehen, vor sich die trockenen Stellen im Pflaster. Mit der einen Hand raffte sie ihr schwarzes Kleid. Die andere hielt, neben dem geschlossenen Schirm, einen großen weißen Briefumschlag mit roten Siegeln. Und er brauchte gar nicht erst die Züge unter dem dichten Schleier zu erkennen – er wußte sofort an der Neigung des Nackens, der biegsamen Linie ihrer Gestalt, die sich dunkel und doch deutlich wie ein Schattenriß von dem Licht der Laterne abzeichnete: es war Jakobe Ansold. Und fast zugleich folgerte er blitzschnell und doch mit klarer Überlegung: Sie macht nur einen Gang über die Straße – darum hat sie die Lampe brennen lassen – sie hat einen Brief – einen versiegelten – also einen wichtigen – den bringt sie selbst zur Post – und ich folg' ihr – auf dem Weg dorthin ... Sie hatte ihn nicht bemerkt. Sie ging eine kurze Strecke vor ihm her. Er hätte sie jetzt schon einholen können, obwohl sein Bein zusehends lahmer und bewegungsunfähiger wurde. Aber es waren zu viel Leute rings hemm. Vor unnützen Gaffern konnte das, was geschehen mußte, nicht geschehen ... Er schritt hinter ihr, ohne das Auge von ihr zu lassen. Er hatte gehofft, im entscheidenden Moment in einem Zustand hellsichtiger Kaltblütigkeit, wie etwa beim Duell vor der Waffe des Gegners, zu sein. Aber gerade das Gegenteil trat ein. Eine wahnsinnige, sich immer steigernde Aufregung raubte ihm fast die Besinnung. Seine Hände begannen zu zittern – dann sein ganzer Körper. In seinen Ohren brauste es, als rauschte da fern und dumpf ein Meer. Er mußte sich förmlich dazu zwingen, Atem zu holen, um nicht zu ersticken. Er fühlte: auch die Kehle würde ihm dann den Dienst versagen! ... Er durfte gar nicht sprechen! Es kam stockend, gebrochen heraus! ... Er empfand eine Wut gegen sich. Was hieß diese Schwäche? Und wieder flammte, als er Jakobe so dicht und unerreichbar vor sich sah, die rücksichtslose Wildheit des Entschlusses in ihm auf und er folgte ihr, mit allen Kräften gegen den Schmerz der Narbe ankämpfend, auf dem Fuß, während sie in eine Nebenstraße einbog und nun auf dem stillen, schneebedeckten Bürgersteig längs des Landwehrkanals dahinging. Die Fahrrinne war zugefroren. Nur an einigen Stellen waren schwarze Löcher. Das offene Wasser in ihnen rauchte. So kalt war es. Und leer umher. Der Lärm der Straße verstummt. Nur da und dort sah man noch eine undeutliche Gestalt in der Dunkelheit stapfen – ein Spitz bellte vor einem der großen, plumpen, eingeeisten Spreekähne, die als dunkle Massen an der Böschung lagen, und dort drüben leuchtete ein rotes Licht, das Postamt. Auf das ging Jakobe Ansold zu. Unwillkürlich wurden ihre Schritte hier in der Einsamkeit flüchtiger und rascher. Er mußte sich anstrengen, um sie einzuholen, und erreichte sie und war plötzlich an ihrer Seite. Die Zähne klapperten ihm in seiner sinnlosen Aufregung so, daß er kaum sprechen konnte. Er trat vor sie. Da blieb er stehen und stieß nur das eine Wort heraus: »Jakobe!« Es war wie der Ruf eines Fremden neben ihm, so heiser und rauh klang ihm seine eigene Stimme im Ohr. Jakobe Ansold war zwei, drei Schritte zurückgeprallt, bis an das Geländer hin, das die Kanalböschung abschloß. An dem suchte sie unwillkürlich, rückwärts tastend, einen Halt für die Hände und starrte ihn an, fast noch ungläubig in ihrem Schrecken. Er sah deutlich die dunkelblauen Augen, die blassen Züge unter dem bereiften Schleier. Und er lachte auf über ihren Zweifel und nickte: »Jawohl! Ich bin es!« Sie erwiderte nichts. Sie stand unschlüssig, heftig atmend da. In der Ferne ging jemand vorbei. Irgend ein Mann aus dem Volke. Das Schlurfen seiner schweren Schaftstiefel verlor sich im Schnee. Nun war niemand mehr um sie. Sie beide ganz allein, Aug' in Auge. Und Erich von Wölsick versetzte unvermittelt, barsch – er keuchte es hervor in 'der Atemnot, die ihm die Brust beklemmte: »Jakobe – ich habe gehört, Sie wollen fort ...« Sie blieb, immer noch stumm, im Entsetzen über die jähe Begegnung. Er bemerkte, daß sie heftig zitterte, und fügte zwischen den Zähnen hinzu: »Ich hab' mir sagen lassen, Sie gingen nach Amerika! ... Ist das wahr?« Es war eigentlich keine Frage. Es klang schon wie eine leise Drohung. Und nun hob sie den Kopf und legte ihn in den Nacken zurück – wie kannte er schon von ihrem ersten Gespräch her diese Bewegung unbändigen Trotzes oder Stolzes! – und versetzte leise, aber fest: »Was ich auch tue – Ihnen bin ich keine Rechenschaft schuldig!« »Doch! Ich will es wissen!« Er war ganz dicht vor sie hingetreten. Sie berührten sich fast. Mit geballten Fäusten, kaum mehr seiner Herr, versperrte er ihr den Weg nach vorn, die nach hinten nur das Geländer und das Wasser hatte. Sie war in seiner Macht. Er fühlte es in einem Triumph und einem alle seine Fibern schüttelnden Beben. Beben vor dem, was nun kommen würde. Sie schien es zu ahnen. Sie war totenbleich geworden. Aber sie beherrschte sich und sagte mühsam: »Ich gehe, wohin ich will!« »Nein!« »Doch!« »Ich dulde es nicht! ... Und Sie tun es ja auch nicht, Jakobe! ... Sie können es ja gar nicht ...« Sie hob schweigend die Hand und zeigte ihm die Aufschrift des Briefes, den sie darin hielt. Es war die Adresse der Vorsteherin eines Ladies-College im Lande Ohio in den Vereinigten Staaten. Und nun sagte sie: »Da ist mein Lebenslauf darin und meine Photographie und meine Papiere. Das Empfehlungsschreiben für mich ist schon voraus. Sowie ich Antwort bekomme, reise ich ab! ...« »Das dürfen Sie nicht!« »Sie werden mich nicht hindern, Herr von Wölsick!« »Doch, so wahr ich hier stehe, Jakobe!« die Stimme versagte ihm. Sie ging in ein heiseres Flüstern über, während er, hart an ihr Ohr gebeugt, in hastigen, abgerissenen Sätzen fortfuhr: »Ich lasse dich einfach nicht gehen – verstehst du – ich lasse dich nicht! Ich lasse überhaupt nicht von dir – da magst du machen, was du willst! ... Herrgott im Himmel – ich hab' jetzt doch weiß Gott genug gebüßt – sei doch nicht wahnsinnig, Jakobe – mach mich nicht selber wahnsinnig – du weißt jetzt doch, wie ich dich liebe ... Du hast mich doch gesehen, wie ich da unten gestanden hab' Abend für Abend ... wie ich den ganzen Tag um dein Haus herumgelaufen bin wie ein Irrsinniger und die Leute mir nachgeschaut haben ... schau mich doch jetzt an, wie ich ausseh' – ich bin ja nur noch ein Schatten von mir – das reine Gespenst – ganz auseinander und kaput und elend, ganz verrückt wegen dir! ... Jetzt bin ich soweit, daß ich den Verstand verlier' oder sonst etwas tue, wenn ich dich nicht krieg'! ... Ich hab's dir gesagt – ich hab's dir geschrieben – ich hab's dir bewiesen auf jede Weise – was soll ich denn noch tun! Du mußt es mir glauben ...« »Nein!« Die junge Frau sagte das halblaut und bestimmt. Sie war sehr erregt. Aber sie zeigte keinerlei Furcht. Sie schaute ihm fest ins Auge. Und er versetzte anscheinend ebenso ruhig, während er doch fühlte, wie ein erlösender, übermächtiger, zu allem befähigender Zorn über ihn kam, das Blut in seinem Hirn sieden machte und ihm die Augen mit roten Nebeln umhüllte, daß er Jakobe nur noch undeutlich, wie von ferne sah: »Das heißt: du willst durchaus, um jeden Preis, dich und mich ins Unglück stürzen! Darum willst du mir nicht glauben, was ein Blinder sehen müßte: Daß es auf der Welt für mich nichts mehr gibt als dich – aber auch nichts mehr – daß ich dich haben muß, daß ich ...« »Oja ... das glaub' ich!« sagte Jakobe. Er schaute sie fassungslos an. Er traute seinen Ohren nicht. Und sie fuhr fort – in abgebrochenen Worten – sie konnte selber kaum sprechen, so bebten ihr die Lippen: »Nur Liebe ... Liebe ... muß man das nicht nennen, wenn man jemanden durchaus ... um jeden Preis haben will ... Liebe ... das Wort entweiht man damit – was Sie fühlen, das ist eine Leidenschaft – und gegen die wehre ich mich ... gerade jetzt und immer wieder aus Stolz ...« Er wollte ihr ins Wort fallen. Aber sie schnitt es ihm ab. »Als Sie mich haben konnten, da war ich Ihnen gleichgültig! Da warfen Sie das Spielzeug nach ein paar Wochen in die Ecke. Als sie sahen, ich war nicht mehr für Sie da, da erwachte plötzlich die Begier! Nicht in mich haben Sie sich verliebt, sondern in meinen Widerstand. Und wäre der morgen zu Ende, so wäre es übermorgen auch mit mir aus! ... Ich wäre bald eine zum zweiten Male geschiedene Frau – vielleicht eine nicht einmal zum zweiten Mal geehelichte, sondern Ihnen schon vorher, vom ersten ›Ja‹ aus meinem Munde ab, zur Last – das weiß ich! Ich kenne Sie jetzt, Herr von Wölsick – Gott sei Dank ...« Die Tränen des Zorns traten ihm in die Augen. Er konnte nur noch murmeln: »Nein. Das ist alles nicht wahr! ...« Zu mehr reichten seine Gedanken nicht aus. Sie waren weg. Nur der Wille war wach. Der saß ihm in seinem stürmenden Blut und klopfte ihm im Takt in Herz und Schläfen: »Tu's, tu's! ... du mußt! ... du mußt! ...« Und in der Tasche wußte er die Waffe. Und Jakobe sagte: »Doch! Es ist wahr! Und es ist auch ganz einfach! In Ihrem ganzen Leben sind Sie nie auf einen ernsthaften Widerstand gestoßen. Daran hatten Sie sich gewöhnt. So sahen Sie die Welt. Nun versagt sich Ihnen auf einmal ein Mensch! Das ist für Sie so unerhört, daß es Sie ganz aus Ihrer bisherigen Stellung zum Leben reißt. Dieser Sturz aus allen Himmeln ist Ihnen unangenehm! Sie setzen alles daran, den früheren Zustand wiederzugewinnen. Sie wollen Ihr Höhenbewußtsein wieder erlangen, dadurch, daß Sie mich demütigen. Denn etwas anderes ist es nicht, wenn man eine Frau zuerst verschmäht und sie dann wieder gnädig heranwinkt ... Viele kämen ja trotzdem mit Wonne! Ich nicht! Bei mir sind Sie da unseligerweise gerade an die Falsche geraten! Das war ein Mißverständnis, auf beiden Seiten! Das ist nun nicht mehr zu ändern! Leiden Sie nur darunter! ... Ich leide auch ...« In ihm schrie etwas zur Antwort: Blut, Blut! ... Es schoß ihm durch den Kopf: »Wer bin ich denn? Was tu' ich denn?« und er stammelte und sagte plötzlich wieder – »Sie« – als sähe er in ihr nicht mehr die Geliebte, sondern das Opfer: »Und da wollen Sie nun fort?« »Ja!« »Und es hält Sie nichts zurück?« Sie lachte auf. Zum ersten Mal. Es klang hart in seinen Ohren. »Was denn? Von meinem Mann bin ich getrennt für immer! Meinen Sohn seh' ich nie wieder! Mein Vater hat mich verstoßen! Meine Geschwister und meine Verwandten haben sich von mir losgesagt ... Sie haben ganze Arbeit mit mir gemacht, Herr von Wölsick, das muß man Ihnen lassen ...« Er stöhnte auf. Einen Augenblick flutete eine so bittere Reue und Verstörung bei den Worten der blassen, schönen, jungen Frau über ihn, daß er alles andere vergaß. Und sie setzte mit zuckenden Lippen hinzu: »Ich will versuchen, da drüben neu zu leben! ... Versuchen ... mehr kann ich mir nicht versprechen! Aber ich bin tapfer von Natur! ... Ich denke, ich schlage mich schon noch irgendwie durch!« »Und was wird aus mir?« Sie machte eine halbe Schulterbewegung zur Seite, als wollte sie es unternehmen, an ihm vorbei weiter zu gehen. Dabei sagte sie vor sich, in die Nacht hinaus: »Das ist nicht meine Sache! Sehen Sie, wie Sie mit sich fertig werden! Ich trag' an mir selber genug ...« Dabei hatte sie sich wirklich zwischen ihm und dem Geländer durchgedrängt. Sie stand frei da. Und so sagte sie jetzt: »Leben Sie wohl, Herr von Wölsick!« und wandte ihm den Rücken. Im selben Augenblick umklammerte seine Hand den Revolver in der Tasche. Er zog ihn noch nicht hervor. Er rief nur heiser: »Halt!« Sie blieb stehen und sah noch einmal nach ihm. Und er schluckte ein paarmal, während ihm eine Gänsehaut über den Rücken lief und ein eiskaltes Rieseln durch Mark und Bein. Dann murmelte er: »Jakobe ... so gehen wir nicht auseinander ...« Sie zuckte die Achseln und erwiderte nur: »Es muß so sein!« »Zum letzten Mal ...« Aber sie wandte sich ab. »Genug ... genug ...« Auch ihre Stimme klang jetzt erstickt. Er merkte, sie fürchtete jetzt selber, ihre Selbstbeherrschung zu verlieren. In der nächsten Sekunde schon würde sie sich in Bewegung setzen, da die einsame Straße entlang, um ihn für immer zu verlassen. Er fand sie vielleicht nie wieder. Nicht einmal die Adresse drüben über dem Meere hatte er sich gemerkt. Nur die kurze Spanne Raum von hier bis zur Brücke, wo man vermummte Menschen sich bewegen sah, und sie war außerhalb von seiner Macht. Und es wirbelte ihm in abgerissenen Gedankenfetzen durch den Kopf: Ich hole die Waffe heraus! Sie wird sie sehen! ... Sie wird aufschreien! ... Sie wird fliehen wollen! Ich hole sie ein! ... Mit ein, zwei Sprüngen ... Und da funkelte der Revolver, den er hervorgerissen, im Laternenlicht. Er hob ihn ungestüm – er wollte zielen. Da geschah das ihm Unerhörte! Jakobe Ansold blieb stehen, statt zu flüchten, das Auge auf die nur zwei Fuß von ihr entfernte Mündung der Waffe gerichtet. Sie breitete die Arme aus. Sonst rührte sie sich nicht. Sie atmete nur tief auf und ein seltsamer Schein lief über ihr Gesicht. »Ziele gut!« sagte sie endlich. Die Waffe bebte in seiner Hand. Das war ihm unmöglich, sie so gegen sie abzudrücken! ... Im Zorn konnte man das – gegen den Menschen, der sich einem entzog – nicht gegen den, der da bereit war, wie ein Opferlamm still hielt, zum ersten Male dem Willen des anderen fügsam. »Jakobe ...« keuchte er. »Weißt du denn, was ich will ...« »Tu's doch!« Sie ließ die Augen nicht von ihm. In denen war kein Schrecken. »Ich will dein Leben, Jakobe! ...« »Nimm es doch! ... Es ist das letzte, was du mir noch nicht genommen hast! ... Dann hast du alles ...« »Jakobe ... es ist mein Ernst ...« Sie richtete sich auf. ..Glaubst du, ich fürchte mich ... für mein Leben? ... das bißchen bettelarmes, elendes, von dir zertretenes Leben, das mir noch übrig ist? ... Ich bin froh, wenn du mir's abnimmst ... bring mich nur ganz um ... ich laufe nicht weg! ... du siehst ja! ...« Langsam ließ er die Waffe sinken. Er vermochte sie nicht mehr auf Jakobe zu richten. Ein wahnsinniger Schmerz umkrallte ihm das Herz. Das hatte er aus ihr gemacht – dem Menschen, den er mehr als sich selber liebte ... Ihn schauderte vor ihrer Todesbereitschaft. Sie erschien ihm in diesem Augenblick, im Schweigen der Nacht, im weißen Schnee, wie ein Wesen aus einer höheren Welt. Der Revolver entglitt seinen Fingern und fiel in einen Tautümpel am Bürgersteig. Er bückte sich, um ihn aufzuheben und in die Tasche zu stecken. Und im selben Augenblick wandte sich Jakobe stumm von ihm ab und eilte, ohne noch einmal den Kopf zu drehen, mit langen, flüchtigen Schritten die Straße entlang. Er erhob sich. Er wollte ihr folgen. Aber er hatte an diesem Abend die Narbe am Bein zu sehr überanstrengt. Vier, fünf Schritte spannte und schmerzte sie so, daß er kaum auftreten konnte. Und als es dann etwas besser ging, sah er Jakobe Ansold schon in einiger Entfernung von sich und, wie er auch die Zähne zusammenbiß und die widerwilligen Muskeln anspannte, sie lief so schnell dahin, daß sich der Abstand zwischen ihnen immer mehr vergrößerte. Endlich rief er ihr in seiner blinden Angst sogar nach: »Jakobe, Jakobe!« Sie hörte nicht. Sie wollte nicht hören. Nur ein paar fremde Menschen wandten sich neugierig nach dem Klang seiner schreckerfüllten Stimme. Nun sah er ihre schlanke, gegen das Flockengewirbel des Winterabends ankämpfende Gestalt nur noch ganz undeutlich im Dämmern dahinhasten, er hielt sich hinter ihr – die Seitenstraße hindurch, bis zu der Ecke, um die sie noch vor seinen Augen gebogen war. Aber da leuchteten grell die Lichter der vielen Läden und Laternen, da flutete das Menschengewühl, da lärmte Berlin, und in dem Wirrwarr seiner farbigen Nacht war Jakobe Ansold verschwunden ... X Erich von Wölsick wußte an diesem Abend nicht, wie er heimgekommen. Er war durch die Straßen geirrt, gleichgültig gegen einen allmählich fast unerträglich werdenden Schmerz im Bein, und hatte sich plötzlich wieder vor dem Kritzingschen Hause gefunden und einen Augenblick mit zusammengebissenen Zähnen den Gedanken erwogen, mit Gewalt dort einzudringen – noch einmal – und fast zugleich war er schon scheu, auf den Stock gestützt, weitergeschlichen, den Kopf gesenkt, wie ein Verbrecher vom Ort der Tat. Von da oben leuchtete, grell als ein Lichtstrahl durch das Dunkel, eine furchtbare Reue auf ihn herab – der nachträgliche Schrecken über das, was er an Jakobe Ansold, seit er sie kannte, getan. Diese Frau, die die Arme weit ausstreckte, um von ihm den erlösenden Schuß in das Herz zu empfangen, das war sein Werk ... zu dieser Verzweiflung hatte er einen Menschen gebracht ... Er konnte sich nicht mehr auf den Füßen halten. Ein leerer Wagen fuhr vorbei. In den stieg er und fand sich nach einer Viertelstunde ganz betäubt und lichtgeblendet im Flur seiner Wohnung, Michael neben sich, der ihn erschrocken ein paar Worte frug ... ob dem gnädigen Herrn nicht wohl sei ... oder etwas Ähnliches ... die Sätze verklangen ihm im Ohr ... er sah den Diener geistesabwesend an und schob ihn ungeduldig zur Seite, als jener ihm folgte und den Mantel abnahm. Dabei bemerkte er das verdutzte Gesicht des Mannes. Der hielt den Revolver in der Hand, den ei aus einer Seitentasche des Überziehers, als er ihn über den Bügel hing, herausgeholt hatte. Kolben und Läufe waren naß vom Schneewasser und Straßenschmutz, und Erich von Wölsick, der nicht wollte, daß jener noch lange darüber nachgrübele, zog ihm die Waffe stumm aus der Hand und warf sie drinnen im Zimmer, das er mit schweren Schritten betrat, auf den Tisch, setzte sich in einen Sessel und blickte teilnahmslos vor sich hin. Jetzt kam der Rückschlag. Er war ganz erschöpft und mit kaltem Schweiß bedeckt und hatte einen verstörten und entsetzten Ausdruck in den Augen. Er sah immer noch Jakobe Ansold vor sich, die nicht mit ihm leben wollte – aber gern durch ihn sterben ... Und die Stimme des Gewissens raunte in ihm: wenn sie auch lebt, ihr Herzblut kommt doch über dich ... du bist ihr Mörder – gerade jetzt, wo du sie nicht ermordet hast ... Seine Atemzüge gingen schwer. Er fühlte eine bleierne Last auf der Brust. Durch die halbgeschlossenen Lider sah er einen Schatten sich geräuschlos in dem lampenhellen Raum bewegen. Es war Michael, der sich wieder da unnütz machte, und er sagte zu ihm langsam und müde, ohne sich erst die Mühe zu geben, die Augen zu öffnen: »Michael ...« »Gnädiger Herr ...« »Wenn sich jetzt noch einmal die Türe zu meinem Zimmer auftut, ohne daß ich gerufen habe, so schieße ich!« Er hatte die Drohung gedankenlos ausgesprochen. Aber sein Vertrauter nahm sie ernst. Er huschte ungesäumt aus dem Gemach. Er schien seinem Herrn jetzt allmählich alles zuzutrauen. Nun war es wieder ganz still. Erich von Wölsick dämmerte vor sich hin, in einem Zustand von Erschlaffung, in dem alles Wollen und Denken aufhörte. Er hatte nur manchmal die Vorstellung: Seltsam ... in diesen Räumen hat doch früher ein Mann gewohnt – der war frisch und spannkräftig und tauglich zum Leben und hieß wie ich und war ich – wie kommt nun dies arme Bündel Menschheit hier im Klubsessel, dieser aus allen Rädern und Rädchen gegangene Organismus an seine Stelle? Und er zuckte zusammen und fröstelte, im Nachzittern der Viertelstunde am Landwehrkanal. Ein starkes, entschiedenes Klopfen an die Türe schreckte ihn auf. Er furchte die Stirn und rief barsch: »Was soll es denn?« und hörte draußen zu seinem Erstaunen die Stimme seines Schwagers: »Erich ... kann man hinein?« »Ja – Warum denn nicht?« »Dein Diener sagt, du schießt!« »Michael ist ein Esel!.. Was willst du denn eigentlich?« Der Geheimrat von Teichardt steckte vorsichtig sein mit alten Schmissen bedecktes Gesicht, das an das einer sehr klugen und energischen Bulldogge erinnerte, durch den Türspalt. Dann folgte seine mächtige und breitschulterige Gestalt nach und er sagte sehr beruhigt: »Na – da bist du ja, mit Gottes Hilfe ...« »Woher weißt du denn das überhaupt?« »Ich ging zufällig unten vorbei und sah Licht in den Fenstern. Da dachte ich, ich schau' einmal nach ...« Erich von Wölsick hatte seine halb liegende Stellung nicht verändert, kaum dem anderen die Fingerspitzen hingehalten. So sagte er träge und matt: »Lüge doch nicht, Schwager ...« »Erich!« »Erstens gehst du nicht, sondern du fährst! Zweitens kommst du nie durch diese Straße ... Und drittens bist du überhaupt um diese Zeit immer daheim ...« Herr von Teichardt lachte ärgerlich. Dann versetzte er: »Na ja – also gut! ... Michael hat telefoniert! ... Er habe eine wahre Todesangst, daß sich mit dir ein Unglück ereignen könne. Ich hab' ihn kaum recht verstanden – er faselte etwas von ganz verwirrtem Benehmen – und von einem nassen Revolver ...« Sein Blick traf die feucht glitzernden Metallläufe auf dem Tisch, dann seinen Schwager. Er wurde plötzlich sehr ernst. Und Erich von Wölsick sprang heftig auf. »Ach wo!« sagte er zwischen den Zähnen. »Denke das nicht. Nein! ... den Gefallen kann ich ihr nicht noch tun – zu guter Letzt! Mein Lebensschiffchen ist ja ohnedies an ihr zerschellt. Aber daß sie allein von uns beiden zurückbleibt ... und in allem recht behält über mich ... und in allem stärker war ... Es wehrt sich doch noch etwas in einem dagegen ... Trotzdem ... sehr wohl ist mir nicht in meiner Haut! Das kannst du mir glauben!« »Was ist denn geschehen, Erich?« »Nichts! ... Das ist es ja eben!« Er setzte sich wieder, zündete sich eine Zigarette an und gab sich auf einmal den Anschein von Ruhe. »Gar nichts! An sich wäre es vielleicht viel besser, wenn Michaels kindliches Gemüt meine Absichten richtig geahnt hätte. Ich bin wirklich ein vollkommen verworfener Mensch! ... Ich verdiene nicht zu leben!« Der Geheimrat runzelte die Brauen: »Um Gottes willen ... was heißt denn das? Erich ... das ist ja krankhaft, unmännlich, mit derartigen Selbstanklagen um sich zu werfen ...« »Lasse du mir nur meine Meinung über mich!« sagte Erich von Wölsick dumpf und fuhr sich mit der Hand über die Stirn. »Meine Selbstanklagen sind sehr begründet! Ich bin ein Verbrecher, lieber Schwager, wenn ich auch euer Strafgesetzbuch nicht verletzt hab' ... ein wie großer, das weiß ich jetzt erst!« »Rätsel ... Rätsel ...« murmelte der Geheimrat und schaute sein Gegenüber an, wie einen, dessen geistigem Gesundheitszustand man nicht recht traut. »Du siehst elend aus! Ich fürchte überhaupt, du bist krank ... Du müßtest überwacht werden!« » Jetzt tut das nicht mehr not!« »Aber man wird ja nicht klug aus dir ...« Erich von Wölsick hob den Kopf, sah den andern an und stieß sich zwei-, dreimal mit dem Zeigefinger gegen die Brust. »Selbstverachtung, Liebster,« sagte er, »Selbstverachtung ... die Krankheit sitzt mir im Blute – die könnt ihr nicht heilen! ... Wenn man jemanden berauben will und er wirft einem alles freiwillig vor die Füße – kein Opfer ist ihm zu groß, wenn er einem dadurch seine Verachtung zeigen kann – das öffnet einem die Augen über einen selbst.« Herr von Teichardt war aufmerksam den abgebrochenen Sätzen gefolgt. Jetzt begriff er und fagte: »Du hast Frau Ansold wiedergesehen, Erich ...« Das klang in der Erregung wider seinen Willen vorwurfsvoll, beinahe schulmeisterlich strafend. Der andere lächelte auch nur darüber. Er gab ihm keine unmittelbare Antwort. »Die Reue ...« sagte er mit weit offenen Augen in die Lampe starrend und blies eine Zigarettenwolke nach der anderen in deren gelben, schon trübe umflorten Lichtkreis. »Wenn ich bedenke, wie alles hätte werden können – und was ich daraus für mich und sie gemacht hab' ... Es ist zu viel! ... Morgen nimmt Michael alle Spiegel hier in der Wohnung ab. Niemand kann mir zumuten, daß ich noch länger mein Gesicht ansehe ...« »Sei vernünftig, Erich ... Du hast gefehlt, gewiß – aber du hast doch auch alles getan, um es wieder gut zu machen!« »Wenn ich jemanden totschlag', was helfen alle Wiederbelebungsversuche? Die stellte nur jemand an, der so verrückt ist, wie ich! Unter uns gesagt, Schwager ...« »Ich fürchte wirklich, daß du krank wirst, wenn wir nichts dagegen tun!« versetzte der Geheimrat und stand auf. »Morgen früh schick' ich dir den Arzt ...« Erich von Wölsick hörte gar nicht auf ihn. »Ich glaube, selten hat jemand so an seinem Glück gefrevelt wie ich! ...« sagte er. »Meinem ganzen Leben hat die Liebe gefehlt. Von meinen ersten Kinderjahren ab. Was schlecht an mir ist – also das meiste – das kommt davon her. Ich vermißte, was ich nicht hatte, nicht so, weil ich es nicht kannte. Ich lebte frisch darauf los. Und doch, ohne zu suchen, fand ich die Liebe.« Er richtete aus seiner erschöpften, kauernden Stellung die Augen mit einem sonderbar scheuen Blick zu seinem Gefährten empor. »Da stand sie am Wege!« sagte er, »und wartete auf mich! ... Sie war demütig ... sie war geduldig ... sie war ohne Ende ... kurz alles, wie es in dem Korintherbrief heißt ... ich brauchte nur die Hand auszustrecken, um durch diese Liebe ein besserer Mensch zu werden, und wie hab' ich ihr gedankt! Mit Füßen hab' ich sie getreten – sie von mir gestoßen – ich wollte nur nichts mehr von ihr wissen und hören ... Und als ich sie dann wieder suchte, da war es nur die Gier nach dem Besitz – und schließlich wollte ich sie gar töten – den einzigen Menschen auf Erden, der mich je geliebt hat ... ich Blinder ... ich Wahnsinniger ... ich Verruchter ...« Er schrie es auf und verbarg sein Gesicht in den Händen. Er weinte nicht. Aber ein Krampf des Schmerzes schüttelte seinen ganzen Körper und schnürte ihm die Kehle zu und seine Stimme war erstickt, als er endlich, den Kopf auf die Ellbogen gestützt und vor sich hinstarrend, murmelte: »Weißt du, was das heißt, sein ganzes Leben hindurch zu bereuen? Tag um Tag und Jahr um Jahr diesen Menschen da in sich zu verfluchen, wenn er auch längst abgestorben ist? Was soll man machen, mit solch einem Abscheu gegen sich selber im Leib! Das hält auf die Dauer kein Neger aus! Und doch bin ich dazu verdammt! Eine schöne Aussicht – was? Man wird allmählich ausgehöhlt, morsch im Kern, das Mark ist weg! ... Und solch ein Kerl wird dann noch künstlich vom Staat hochgehalten, als Majoratsherr ... lächerlich! ... Steine sollt' ich kloppen – an der Landstraße – das wäre viel gesünder! ...« Der Geheimrat von Teichardt wußte nicht, was antworten. Das vor ihm war nur noch eine Ruine von einem Mann! ... Er legte dem andern die Hand leise auf die Schulter und murmelte: »Armer Kerl! ... Armer Kerl!« Erich von Wölsick entzog sich seiner Berührung. »Nein – tu mir den einzigen Gefallen: kein Mitleid!« sagte er nervös. »Aber du tust einem doch höllisch leid! Du bist ja in einer greulichen Verfassung ...« »Hab' ich denn mit ihr Mitleid gehabt? ... Sie hat nichts mehr zu verlieren! ... Warum soll ich denn da etwas behalten? Es sind nur noch unsere Leben übrig! Das sind zwei alte Lappen! Die wären auch schon dahin, wenn nicht ... ich sag' dir, Schwager ... es hing an einem Haar ... dann säße ich jetzt als Mörder auf dem Polizeipräsidium – zwischen Taschendieben und Gelichter ... das wäre ein Spaß für eine Ordnungsstütze wie dich, mich da herauszusuchen!« Der Geheimrat beugte sich nieder und fühlte ihm den Puls. »Fieber!« versetzte er, sich wieder auflichtend. »Kein Wunder ... du phantasierst ja schon! ... Wenn du nicht selber so vernünftig bist, zum Arzt zu schicken, so müssen wir es tun! ... Das ist unsere Pflicht ... als Verwandte ...« »Freilich!« sagte Erich von Wölsick nachlässig und rauchte. »Pflegt nur eure goldene Henne! ... Für euch ist's ein Verlust, wenn sie der Teufel holt! ... Sonst für niemanden auf der Welt! ... Es wäre mir eigentlich lieb, wenn du jetzt gingst, Schwager – ich bin furchtbar müde ...« »Ja, ich merke, daß ich hier überflüssig bin!« Herr von Teichardt sprach das etwas scharf und wandte sich halb ab, dem Mitteltisch zu. Dort lag der Revolver. Den wollte er im Gehen durch eine geschickte Bewegung unauffällig in seiner Hosentasche verschwinden lassen und mit sich nehmen ... für alle Fälle ... Aber Erich von Wölsick bemerkte das Manöver und lachte: »Gib dir keine Mühe! Ich habe noch einen im Schrank!« »Aber man kann dir das Dings nicht lassen.« »Ruhig kannst du's! ... Stelle dir vor, wie närrisch: Ich bin ausgegangen, um sie zu treffen – und komme heim, und richte die Waffe gegen mich selber! ... Nein, man muß auch nicht zum Kinderspott werden ...« Der Bureaukrat sah entsetzt erst ihn an, dann die feuchte Mündung der Läufe. »Das ist wahr? damit wolltest du? ...« »Ich rede schon die ganze Zeit davon!« »Aber Erich ... um Gottes willen ... Wenn man ...« »Keine Fibelverse, Schwager! ... Ungeschehen ist ungeschehen! ... Und die Mitternacht rückt näher schon ...« Erich von Wölsick breitete die Arme aus und seufzte tief auf: »Schlafen kann man freilich nicht! ... Mich hält mancherlei wach! In mir ist jetzt eine große Wandlung, Schwager! Ich häute mich vom Verbrecher zum Büßer – kein schöner Anblick! Na – grüße deine liebe Frau! ... Und die Kinderchen!« Der Geheimrat von Teichardt stand unschlüssig an der Türe. Er wollte noch etwas sagen. Aber dann besann er sich eines anderen. Jeder Wortwechsel mit einem derart zerrütteten Menschen war ja zwecklos. »Also gute Nacht und gute Besserung!« versetzte er und verließ rasch das Zimmer. Man hörte ihn draußen noch gedämpft und eindringlich mit Michael murmeln. Dann wurde alles still. Diese Ruhe tat Erich von Wölsick wohl. Er saß, ohne sich zu rühren, bis tief in die Nacht. Auch die Zigarette war seiner Hand entglitten. Allmählich verlosch die Lampe auf dem Tisch. Das Feuer im Ofen ging aus. Es wurde kühl. Ihn störte das alles nicht. Er war froh, daß er keine Menschen mehr zu sehen und nicht mehr zu reden brauchte. Auch Michael hatte Angst. Er ließ sich nicht blicken und strich höchstens lauernd auf Strümpfen im Flur herum. Man hörte da einmal eine Diele knarren. Sonst nichts. Die Uhr schlug schon ein Uhr Morgens. Erich von Wölsick dachte nicht daran, zu Bett zu gehen. Er hatte überhaupt nicht die Vorstellung, daß er noch etwas ebenso zu tun habe wie andere Menschen. Man saß ja hier ganz gut im Dunkeln. Da ebbte allmählich alles. Es stand still. Er schloß die Augen, er kämpfte, schon im Halbschlaf tiefster Ermattung, mit den Gedanken, die schattenhaft, unbestimmt immer wieder aus der Tiefe stiegen, und zwang sie gewaltsam nieder, und endlich verfiel er in einen bleiernen, ohnmachtähnlichen Schlummer. Als er erwachte, graute der späte Wintermorgen durch das Fenster, an das er trat, steif, übernächtig, ohne Lebenswärme. Er gähnte und sah hinaus in das fahle Zwielicht und hörte im Flur zwei Stimmen – erst die Michaels, dann die eines fremden Herrn. Sie sprachen gedämpft. Er vernahm ein geheimnisvolles »Jawohl – er ist da drinnen!« seines Dieners und dachte sich noch: »Was hat der verfluchte Kerl von mir per ›er‹ statt ›gnädiger Herr‹ zu reden?« während er ungeduldig die Türe öffnete. Und sein erster Eindruck beim Anblick des zurückhaltend sich verbeugenden, ihm vom Teichardtschen Hause her flüchtig bekannten Arztes war: »Es ist nicht zu glauben – mein Schwager schickt mir wirklich den Doktor – mir! Es gibt Dinge, die gehen nun einmal nicht in ein preußisches Gehirn wie seines ...!« Dann sagte er höflich: »Bitte – treten Sie ein ... Sie kommen von Teichardts? Man macht seinen Verwandten gern eine Freude! ... Wissen Sie übrigens, daß Sie recht elend aussehen? ... Sie haben wohl viel Arbeit, was?« »Ja. 's ist Influenza-Zeit!« »Sie sollten sich mehr schonen – wissen Sie das? Sie sollten einmal gründlich ausspannen – aber das können Sie eben nicht ... Sie kommen nicht von hier weg ... das versteh' ich ... Sie müssen hier aushalten! ... Ich auch, lieber Doktor ... ich auch! ... Und damit haben wir eigentlich schon alles, was Sie mir sagen wollten, in umgekehrter Reihenfolge erledigt. Abgekürztes Verfahren, nicht wahr? ... Ihre Zeit ist ja auch kostbar ...« Der junge Arzt sah ihn aufmerksam an. Er war eine elegante Modegröße des Berliner Westens, an viel Menschen und Dinge gewöhnt. Er schüttelte leicht den Kopf. »So banal bin ich doch nicht, Herr von Wölsick ... Ich pflege individuell vorzugehen ...« »Schön! ... Also richten Sie doch bitte meinem Schwager aus, individuell sei ich verrückt – aber für die Allgemeinheit unschädlich ... darauf kommt es ja hauptsächlich an ...« Sein Gegenüber lächelte. Er hatte kluge, nußbraune Augen unter dem goldenen Zwicker. »Der ersteren Behauptung widerspreche ich, Herr von Wölsick! ... Sagen wir lieber: Sie haben sich gegen früher verändert ...« »Ja ... und Sie mögen mir glauben, daß ich nie verrückter war als früher, wo ich noch meine Vernunft hatte – eine ungewöhnliche sogar, auf die ich sehr stolz war! ... Warum sehen Sie mir so ins Auge? ... Studieren Sie Pupillenerweiterung oder Halluzinationszeichen?« »Ich beobachte Sie pflichtgemäß und glaube, daß Ihr Herr Schwager über Ihr körperliches Befinden sich unnötig ängstigt!« sagte der Arzt kurz und stand auf. »Und damit ist meine Mission beendet! Haben Sie besten Dank, Herr von Wölsick, und verzeihen Sie die Störung ...« Damit ging er nach der Türe. Erich von Wölsick war anfangs sitzen geblieben. Plötzlich sprang er empor und folgte ihm. An der Schwelle holte er ihn ein. Er faßte seine Hand, ungeduldig, fieberig. Er hatte sich ganz verwandelt. Sein bisheriger, geistesabwesend lächelnder Spott war weg. Die Angst sprach aus ihm. »Ein Wort, Herr Doktor!« versetzte er schnell. »Kennen Sie meine Geschichte?« »Ja.« »Von meinem Schwager? ... Aus den Zeitungen?« »Durch beide!« »Also ... was soll ich denn nur mit mir machen?« Es war eine Art von innerlichem Zusammenbruch für ihn – diese hilflose Frage an einen Fremden – einen Menschenkenner, der ihn ruhig ansah und erwiderte: »Sie machen auf mich den Eindruck eines Mannes, der durch unglückliche Zufälle seinen inneren Halt verloren hat, Herr von Wölsick ...« »Ja ... ganz und gar ...« »Ja – und das geht über die Grenzen meines Berufes und meiner Kunst hinaus! Da bin ich nicht zuständig!« »Als Arzt nicht, aber als Mensch! ... Wenn Sie zum Beispiel in irgend solch einer Lage wären, daß Sie nicht mehr aus und ein wissen – was würden Sie da tun?« »Ich würde wieder gesund werden wollen!« sagte der Arzt, die Klinke in der Hand. »Augenblicklich sind Sie in einem Zustand völliger Willenslähmung. Aus dem heißt es heraus! Auch in leiblichen Krankheiten können wir von außen so wenig! Das Beste hat der Mensch in sich – tausend Wege zur Genesung! Jeder von uns ist sich selber Gift und Gegengift! Seien Sie stark, Herr von Wölsick! Mehr kann ich wirklich nicht sagen ...« Er drückte dem anderen fest die Hand und ging. Aber seine Worte klangen in dem still gewordenen Zimmer nach. Sie wollten Erich von Wölsick nicht aus den Ohren. Sie waren wie ein Ruf des Lebens. Schließlich lebte er ja noch – also war noch Hoffnung. Hundert Dinge – jedes einzelne winzig und alltäglich – waren um ihn und verbanden ihn mit der Gewohnheit des Seins und Atmens und dienten dem Mechanismus der körperlichen und geistigen Bedürfnisse, in dem man sich durch die Erziehung als Menschen fühlte. Es war ja lächerlich, aber selbst der Seifenschaum des Rasierschüsselchens, der Dampf der Badewanne, der Glanz des Plätthemds, der weißleuchtende Stoß von Briefen und Zeitungen drüben auf dem Tisch – alles war wie die Häkchen kleiner, überkommener Pflichten – sie schmerzten, wenn man sich von ihnen losreißen wollte – sie fesselten einen an die Notwendigkeit, so zu sein, wie man immer gewesen, und Erich von Wölsicks Kopf war klarer, als er nach einer Stunde wieder, an den warmen Kachelofen seines Arbeitszimmers gelehnt, dastand und die Worte des Doktors überdachte. Dem gingen in dem großen, gefräßigen Berlin so manche Menschentrümmer durch die Hände. Der wußte, was er sprach. Gift und Gegengift ... freilich: an sich selber zu genesen, wie man an sich selber krank geworden – das war die Kunst! Und der Weg hieß: ich will ... Und Erich von Wölsick sagte sich: Nein. Ich muß! ... Wie komme ich denn sonst weiter? Da heißt es mit mir ringen, wie mit einem bösen Feind! Sonst bleib' ich auf der Strecke! Er setzte sich an den Tisch und schrieb hastig ein paar Zeilen an seine Schwester. Seine Hand zitterte noch merklich. »Liebe Helme! Es fängt an, mir besser zu gehen! Ihr könnt unbesorgt sein! ... Es war auch ganz gut, daß Ihr den Doktor geschickt habt! Er soll aber ja nicht wiederkommen! Ihr, bitte, auch nicht in nächster Zeit! ... Ich muß mich jetzt allein durchkämpfen! Es hilft ja nichts! Es muß geschehen! Gruß Dir und Deinem Mann! Erich.« Mit diesem Briefe schickte er Michael fort. Er war froh, daß ihn nun der Schwager nicht wieder stören würde. Dieser Mann hatte immer recht, wenn er kam und etwas sagte. Seine Selbstverständlichkeiten waren schrecklich. Sie reizten zum Widerspruch. Erich von Wölsick schlug ihn sich aus dem Kopf. Irgendwo hatte er einmal etwas von »Robustheit des Gewissens« gelesen. Das Wort gefiel ihm. Es klang jetzt in ihm nach. Es goß Wärme ins Herz. Man atmete freier. Man biß die Zähne zusammen. Und andere solche Worte fielen ihm ein. Abgebrauchte. Von einem »Weg über Leichen«! ... Und er erschrak. Er sah Jakobe Ansold vor sich liegen – die glanzlosen, tiefblauen Augen auf ihn gerichtet – und er hob den Fuß – er wollte über sie hinweg – und konnte doch nicht – und von hinten stieß es und drängte ihn ... Augen zu! ... Vorwärts! du mußt! – und er setzte sich schwer nieder und fühlte sich wieder schwach werden, hin und her geworfen von den beiden Menschen, die sich in seiner Brust bekämpften. Drunten vor dem Hause hielt eine Equipage. Er rauchte sie gedankenlos an. Es ging ihm flüchtig durch den Kopf: Merkwürdig, daß die Leute in Berlin nie fähig sind, ein ordentliches Gespann zu halten! Wenn es auch noch so viel Geld kostet, am letzten fehlt's immer! ... Wer fährt denn nur mit derart überfütterten Pferden? Und dann kamen ihm die fetten Tiere auf einmal bekannt vor – der Wagen auch – der Kutscher – dessen inzwischen schon in das Haus getretener Herr mußte der Generalkonsul Neerlage sein ... Und Erich von Wölsicks erster Vorsatz war: Wenn er zu mir kommt, ich empfange ihn nicht. Zum Glück ist Michael schlau genug. Der weiß, wie es mit mir steht. Der verleugnet mich. Gleich darauf aber fiel ihm ein, Michael war ja mit dem Briefe weg. Er pflegte dann den Chauffeur in der Zwischenzeit als Stellvertreter in das Dienerzimmer zu setzen. Der Mann wußte natürlich nicht Bescheid. Da klopfte er schon und meldete den Besucher an, und der folgte ihm auf dem Fuße und stand schon in der Türe, die kleine gedrungene Gestalt durch den halboffenen, kostbaren Biberpelz in den Schultern noch verbreitert, den weißen runden Vollbart bereift, den Zylinder in der Hand, daß die Glatze im Halbdunkel des Flurs leuchtete. »Morgen, mein lieber Herr von Wölsick ...« sagte er gemütlich und mit jener schallenden Stimme, die er bei keiner Gelegenheit zu mäßigen pflegte, und trat ein, als sei gar nichts vorgefallen. »Ich wollt' nur mal gerade auf, einen Augenblick bei Ihnen 'reinschauen ... selbstverständlich nur in Geschäften ... rein in Geschäften! ... Ich komme nur in meiner Eigenschaft als vielgeplagter Aufsichtsratmensch! ... Wir haben ein Anliegen an Sie! ... Wollen Sie's hören?« Er wartete die Antwort gar nicht erst ab, sondern zog sich einen Stuhl heran, nahm Platz und stellte den Zylinder umständlich neben sich auf den Boden. Dann wischte er seine goldene Brille ab, setzte sie wieder auf und ließ seine kleinen durchdringenden Augen fest auf seinem Gegenüber ruhen. Das tat er stets, wenn er mit jemandem sprach. Viele Leute brachte er dadurch völlig in Verwirrung. »Wissen Sie, daß Sie noch ganz elend aussehen, Herr von Wölsick?« sagte er endlich. »Ja.« »Na – kein Wunder! ... Ich hab' mir gleich gedacht, daß es mit Ihrer Verwundung wohl doch ein bißchen ernster sein würde, als man zugab. Sie haben da, scheint's, doch einen ganz netten Denkzettel abgekriegt!« »Hm!« Erich von Wölsick ärgerte sich über den Ausdruck »Denkzettel«. Wie das klang! Als ob er irgend eine Dummheit begangen hätte und dafür gestraft worden wäre! Er sah den jovialen alten Herrn drüben gereizt an. Aber auf den machte das gar keinen Eindruck. »Gestern abend beim Diner saß der dicke Mayer neben mir!« begann er. »Sie wissen – von der Stettiner Bank. Der schimpfte wie ein Rohrspatz! Wegen dieser Fresserei habe er schon am frühen Nachmittag von der Jagd heimkehren müssen. Und dabei sagte er: »Apropos ... Herr von Wölsick war auch im Zug. Er stieg unterwegs ein und fuhr bis Berlin!' Da dacht' ich mir, ich versuch' es heute einmal bei Ihnen! ... Na – lassen Sie sich mal die Hand drücken. Also glücklich von den Toten wieder auferstanden! Ware auch schade gewesen um Ihren Kopf! Wenn ich einen Sohn hätte, den wünschte ich mir für das Kontor von Ihrem Schlag ...« Erich von Wölsick hörte eisig sein Lob. Er schwieg und dachte sich nur: Aber ich dankte für dies Rauhbein als Vater! Da ist mir mein eigener lieber, wenn ich ihn auch kaum gekannt hab'! ... Und trotzdem hatte er gegenüber diesem kleinen, gedrungenen Selfmademan, dieser Börsenausgabe von Bismarck, der sich da eben bedächtig eine Havanna aus der stumm angebotenen Kiste nahm, das Gefühl: Da sitzt nun ein Mann, der ist ein Tatenmensch. Die Welt ist ein Kurszettel – die Menschen sind Ziffern – zwei mal zwei ist vier –. Wer Arm in Arm mit dem geht, kommt durch dick und dünn! Und er versetzte trocken: »Ihre Worte ehren mich, Herr Generalkonsul! ... Aber Sie wollten doch in Geschäften mit mir reden!« »Ja – ja! ...« der andere lachte und streckte den kurzen, dicken Zeigefinger gegen ihn aus. »Sie sind das Geschäft ... Wir brauchen Sie. Wir wollen jemanden nach Amerika schicken! Sofort! ... Es liegt da eine große Sache in der Luft – na – haben Sie Lust ...?« »Nein!« »So–o? Das wundert mich! Ich bildete mir ein, Sie würden jetzt vielleicht gerade ... Und was haben Sie für Gründe zu Ihrer Ablehnung?« »Mancherlei!« »Nun – zum Beispiel?« Erich von Wölsick schwieg eine Weile. Dann sagte er gleichgültig: »Zum Beispiel – da Sie ja schon die Güte hatten, von meinem Duell und was dazu gehört zu reden – den einen Grund, daß Frau Ansold in den nächsten Wochen nach Amerika übersiedelt und also meine gleichzeitige Reise dorthin ganz anders gedeutet werden würde ...« Der Generalkonsul riß die Augen auf. »... nach Amerika übersiedelt? ... Ja ... dauernd?« »Gewiß!« »Ja und Sie? Verzeihen Sie – das fuhr mir nur so in meinem Erstaunen heraus ... es geht mich ja natürlich nichts an ...« »Ihnen bin ich vielleicht am ersten Offenheit schuldig,« versetzte Erich von Wölsick, »obwohl Sie ja schon damals meinem Ehrenwort, daß meine Beziehungen zu Frau Ansold völlig gelöst seien, offenbar mißtrauten!« »Na – das war nicht so gemeint, Herr von Wölsick!« »Das war insofern gerechtfertigt, als doch noch nachträglich eine Begegnung zwischen Frau Ansold und mir stattgefunden hat, was ich damals nicht voraussehen konnte. In ihr hat sich die Notwendigkeit unserer Trennung für immer ergeben. Das ist nun völlig entschieden! In kurzem wird der Atlantische Ozean zwischen uns sein, und Sie begreifen, daß ich dann den nicht in Geschäften kreuzen kann!« Er hatte ganz ruhig gesprochen und sah nun seinen Besucher so an, als erwartete er, daß damit diese finanzielle Unterredung zu Ende sei. Der Generalkonsul Neerlage hatte sich in der Tat erhoben. Aber er machte keine Miene, sich zu verabschieden, sondern ging nachdenklich, die Zigarre in der Hand, im Zimmer auf und ab, als sei er hier zu Hause. »Sieh mal an!« sagte er endlich, stehen bleibend. »Also so ist das? ... Ehrlich gestanden, Herr von Wölsick ... mich freut's für Sie! ... Geschäftlich mein' ich natürlich! Wir sind ja hier immer nur beim Geschäft ... Reiner Tisch! ... Das ist ein Segen für jeden, der vorwärts will ...« »Diese Erwägung war für mich vollkommen gleichgültig!« sagte Erich von Wölsick mit einer leisen Nervosität der Ungeduld. Aber der Generalkonsul ließ sich nicht anfechten. »Ja, für Sie vielleicht. Aber für andere nicht! ... Sehen Sie mal, lieber Herr von Wölsick: Jeder, der es mit Ihnen gut meinte, hatte die aufrichtige Angst, daß die Geschichte hinter Ihnen herschleppen würde, in irgend einer Form – wie 'ne Kugel am Bein durchs halbe Leben ... oder durch das ganze ... Und der Kampf ums Dasein ist heutzutage für jeden von uns so schwer – ob er nun Schnee schippt oder auf Gummi fährt – ganz egal – daß man dazu seine volle Kraft braucht. Ich wenigstens hab' sie bei mir zusammengehalten und lass mich auch mit keinem ein, der sie vertrödelt und verplempert ...« Der Generalkonsul hatte die letzten Sätze noch schallender als sonst gesprochen. Er stand mitten im Zimmer – klein, stämmig, mit hitzigen Augen unter weißen Brauen. Und Erich von Wölsick hatte ein unbehagliches Bewußtsein: dort ist der eiserne Topf und hier der tönerne ... Sein Besucher zuckte die Achseln. »Ja, das versteh' ich ja nun alles wohl, Herr von Wölsick! ... Also mit Amerika ist's nichts! Legen wir's ad acta ! ... Aber wie wäre es denn mit irgend etwas anderem?« Erich von Wölsick sah ihn erstaunt an. Hörte jener denn noch nicht auf? Ein Verdacht stieg in ihm empor, daß dies gesamte Geschäftliche nur ein Vorwand sei, und er versetzte kühl: »Sie erstaunen mich, Herr Generalkonsul! Ich wußte gar nicht, daß ich noch so hoch im Kurse stehe!« »Und ob! Sie kann man brauchen! ... Sie haben einen klaren Kopf. Sie wissen, wo das Geld steckt ...« Dabei stieß der Alte seinen goldknöpfigen Rohrstock lebhaft zweimal vor sich auf den Boden, als lägen da unter dem Parkett Schätze vergraben. Dann hob er den energischen Graukopf: »Na – wie ist es?« »Es tut mir leid ... Nein!« »Das verstehe ich wirklich nicht! ... Warum wollen Sie sich denn bei einer anderen Finanzgruppe betätigen als bei unserer ...« »Ich will gar nichts mehr mit derlei zu tun haben!« »Ja, aber irgend etwas müssen Sie doch anfangen!« Das verdroß Erich von Wölsick. Er sagte absichtlich etwas von oben herab: »Ich bin der Herr auf Sommerwerk, Herr Generalkonsul!« »Aha! Spiritus brennen – Kartoffel bauen – Ochsen mästen ...« Der Bankier spitzte seine wulstigen Lippen und pfiff leise durch sie vor Erstaunen. Es sah komisch bei ihm aus und er lachte selber, während er fortfuhr: »Und wie lange, Herr von Wölsick? Ein Vierteljahr? – ein halbes? Na – sagen wir ein ganzes! Aber mehr auch nicht!« »Ich weiß nicht, warum das Ihre Heiterkeit erweckt, daß ich das tue, was meine Vorfahren seit fünfhundert Jahren taten!« Er betonte nachdrücklich seine Ahnen. Und der Millionär aus dem Bürgerstand vor ihm wurde plötzlich ernst und sagte: »Sie können das eben nicht mehr tun, Herr von Wölsick!« »Warum nicht?« »Sie sind viel zu sehr ein moderner Mensch. Ein Kind der neuen Zeit. Ihre Empfindungen in Ehren – die mögen von gestern sein! Aber Ihr Verstand ist von morgen. Darum sehen Sie nicht nur mehr, sondern auch anders als der Durchschnitt Ihrer Standesgenossen. Sie sehen so, wie irgend einer, der nichts von fünfhundertjährigen Ahnen weiß – etwa Ihr ergebener Diener hier ... mit den zwei Augen im Kopf kommen Sie nicht zurück in die Postkutschenzeit!« »Lassen Sie es schließlich meine Sache sein, Herr Generalkonsul, wie ich mich damit abfinde, daß ich nun einmal ein Wölsick bin!« »Guter Gott! Es hat gewiß schon so mancher Wölsick den lieben Nächsten beim Pferdehandel übers Ohr gehauen!« sagte der Generalkonsul Neerlage, indem er sich nun ernstlich zum Gehen zu rüsten schien. »Ihr seid gar nicht so schüchtern in Geschäften, ihr Junker da draußen! Nehmen Sie mir's nicht übel: Wenn ein Mensch seinen Vorteil in Preußen kennt, dann seid ihr es! ... Und nicht erst seit gestern! ... Ihr habt euch allem angepaßt! Nur war Preußen bisher arm. Darum konntet ihr euch der Hochfinanz noch nicht anpassen ...« Es war, als unterdrückte er etwas, während er seinen Zylinder nahm und den Pelz zuknöpfte. Und Erich von Wölsick ergänzte sich: außer als Schwiegersöhne! Und der da will keinen unnützen Brotesser im Haus, sondern einen, der ihm hilft. Und dies alles bisher war nur eine Finte. Und mitten in seinen Verdacht hinein sagte sein Besucher trocken und geschäftsmäßig: »Schade! Na, wie Sie wollen! ... Ich brauche so notwendig eine Stütze! ... Nicht für die eigentliche Arbeit – da ist schon Nachwuchs ... tüchtige junge Leute! ... Aber nach außen hin – die verfluchte Kinderstube, wissen Sie – da hapert's – das Selbstverständliche im Auftreten und in den Manieren ... Wenn ich an Ihre Verbindungen denke: da ein Onkel als Minister – dort ein Vetter im Auswärtigen Amt – hier ein Flügeladjutant, das fleckt! ... na ... es muß ja auch so gehen! Aber ich muß sagen: ich bin schon recht alt und mürbe ...« Dabei war er ein Bild weißköpfigen, rüstigen Lebens, und Erich von Wölsick sah sein ernsthaft bekümmertes Gesicht und dachte sich: Auch noch Krokodilstränen zum Abschied ..., da nickte der andere und meinte: »Sie wissen doch: Ich habe Schweres in letzter Zeit durchzumachen gehabt. Meine Tochter war doch so krank! Na ja, natürlich: Sie lagen selber fest! Da haben Sie's nicht gehört ...« Nun nannte er wirklich Sophies Namen. Deswegen war er gekommen! Und er setzte hinzu: »Sie ging doch noch vor Neujahr nach Petersburg, zu Verwandten. Dort hat sie sich's geholt. Irgend ein gastrisches Fieber, anfangs – das Wasser ist doch dort so schlecht – oder was es nun war. Jetzt scheint es sich mehr auf die Nerven geworfen zu haben – seit vierzehn Tagen haben wir sie wieder im Haus ... aber sie kann und kann sich nicht recht erholen ...« »Darf ich bitten, meine besten Wünsche auf baldige Besserung zu übermitteln!« »Danke! Soll geschehen!« Und, schon mit der Hand an der Türklinke, fügte der Generalkonsul Neerlage plötzlich unvermittelt hinzu: »Na – lassen Sie sich doch wieder mal bei uns sehen, Herr von Wölsick! ...« » Wie meinen Sie, Herr Generalkonsul?« »Ich meine, daß Sie lange nicht bei uns waren! ... Natürlicherweise ...« Er schaute flüchtig am Knie des anderen hinunter. »Aber wenn Ihr Bein Sie jetzt bis zu uns trägt ...« »Mich?« »Nun ja ...« »Ich verstehe das wirklich nicht, Herr Generalkonsul – wie Sie nach allem Vorgefallenen auf die Vermutung meines Besuches kommen können ...« »Erlauben Sie mal ...« Der andere ging bis in die Mitte des Zimmers zurück. »Es ist nur, damit Ihr Diener nicht horcht!« erklärte er. »Die Kerle schnaufen zum Glück immer so laut am Schlüsselloch – also, klipp und klar: Ich habe Ihnen seinerzeit, hier in eben diesen vier Wänden, gesagt: Machen Sie sich von der ganzen Sache los, daß nichts mehr davon für Ihr ferneres Leben übrig bleibt! Und dann wollen wir weiter sehen! ... Nun ... und Sie haben diesen Strich unter die Vergangenheit gezogen ... vollkommen, wie Sie mir eben versichern, und ich bin zufällig zu Ihnen gekommen – wenn auch eigentlich in Geschäften – und das andere machte sich dann so hinterher ... ich will um Gottes willen nicht taktlos erscheinen! Tun Sie natürlich ganz, was Sie wollen ...« Erich von Wölsick hätte ihm am liebsten geantwortet: »Guter Mann, Sie sind ja die Taktlosigkeit selber! Und die bewußte Taktlosigkeit!« Aber er erwiderte ihm nur mit höflicher Kühle: »Ich danke Ihnen herzlichst für Ihre Einladung! Folgen kann ich ihr leider nicht.« »Warum denn nicht?« »Aus dem sehr einfachen Grunde: weil meine Selbstachtung mir das verbietet.« »Ich kann Ihnen doch keinen Triumphbogen in der Tiergartenstraße bauen lassen. Es ist doch wahrhaftig schon alles mögliche, daß ich überhaupt hier bin ... daß ich ...« »Gewiß, Herr Generalkonsul: wenn es auf Sie ankäme! ... Aber es handelt sich um Ihr Fräulein Tochter! ... Es ist das unbestrittene Recht einer jungen Dame, wem sie will, zu verstehen zu geben, daß er ihr unwillkommen ist! Aber es ist dann auch das Recht des Unwillkommenen, sich fernzuhalten. Oder, vielmehr seine Pflicht ...« »Ich sage Ihnen ja – das war damals! Jetzt hat sich die Lage doch ganz geändert!« »Das können Sie nicht ermessen, Herr Generalkonsul!« »Wieso?« »Weil in solchen Dingen Ihr Fräulein Tochter wohl kaum einem Einfluß von Ihnen zugänglich ist. Ich möchte bezweifeln, daß sie Sie in allem ins Vertrauen zieht ...« »Das hab' ich auch nicht behauptet ...« »Und ohne das können Sie kaum eine Verantwortung übernehmen! ... Also nochmals meinen Dank!« »Bitte! ... bitte!« Der Generalkonsul Neerlage hob abwehrend die Hände, als wollte er alles zurücknehmen, was er gesagt. Er war zu Erichs Erstaunen keineswegs sonderlich verschnupft. Er schien seinen Mißerfolg philosophisch aufzufassen. »Nun gut!« sagte er. »Wir haben als Männer darüber geredet – ohne überflüssigen Schnickschnack – und nun Schluß! Lassen Sie es sich gut gehen, Herr von Wölsick! ... Bleibt Ihr Bein eigentlich steif?« »Nein!« »Famos!« Der alte Herr trat in den Flur. Der andere begleitete ihn bis zum Ausgang. Dort schüttelten sie sich noch einmal die Hände. Dann rollte der Wagen davon, und Erich von Wölsick hatte das unbehagliche Gefühl: So! Jetzt hast du's auch da verspielt! ... Es war keine Reue. Er würde gleich wieder so gehandelt haben. Er konnte ja gar nicht anders. Und doch: Wohin kam man mit der Verneinung aller Dinge? Der Alte hatte vorhin ganz recht: Irgendwie und irgendwo mußte man doch leben. Daheim – auf dem väterlichen Erbe? – Ein bitteres Lächeln zuckte um seine Lippen – Selbst wenn er da zum eingesessenen, hinter Pflug und Sense herwetternden Krautjunker wurde – dort drüben am Horizont ragten die Türme der wohlbekannten Stadt. Und es klang von ihnen über das weite Feld und der Wind trug eine Mahnung ans Ohr, einen Ton von einst – und wenn er ein alter Mann war und seine Haare weiß, so zuckte ihm plötzlich dort wieder das Herz zusammen und der bittere Schmerz lebte auf ... Nein, die Erinnerung machte ihn heimatlos auf Sommerwerk. Sie schied ihn von seiner Scholle. Und draußen, die weite Erde? Man konnte sie nicht ewig durchstreifen. Und Berlin – dies Berlin der Müßiggänger – die Welt der Klubs? Er hatte stets einen Abscheu davor gehabt. Berlin – das hieß Arbeit – vom Morgen bis zum Abend – vom Kaiser bis zum Kärrner – es war das Reich der Neerlages. Und er brauchte die Arbeit mehr als jeder andere ... Der Diener trat ein und brachte ihm die Antwort seiner Schwester, auf die paar Zeilen, die er ihr geschickt. Frau von Teichardt schrieb sehr erfreut: »Gott sei Dank, liebster Erich, daß es mit Dir besser geht. Hoffentlich ist nun das Schlimmste überwunden! Kopf hoch! Es wird schon noch alles werden!« Er ließ das Blatt sinken und dachte sich: Merkwürdig, wie viel Heroismus doch wir alle im Ertragen fremder Leiden haben! – dann las er weiter: »Ich bin so froh und möchte Gott danken, daß Du nun dies alles als beendet ansiehst. Bleibe dabei, Erich: Ich beschwöre Dich! Schaue nicht mehr rückwärts! Dann wirst Du bald gesunden und ganz der alte werden und bleiben, was Du uns immer warst: der Stolz und die Hoffnung der Familie ... »Ich komme heute gegen Abend bei Dir heran! Ich täte es gerne jetzt gleich! Aber es ist so schrecklicher Trubel im Hause mit den Kindern – ich kann nicht fort. Also auf Wiedersehen, lieber Bruder! Einen warmen Händedruck von meinem Mann! Deine Helme.« Erich von Wölsick warf den Brief in das Feuer und freute sich, als er aufflammte. Die Egoisten um ihn langweilten ihn. Und er war doch selber einer gewesen und mußte es wieder werden, wenn er weiter leben wollte. Immer mehr erfüllte ihn dieser Wille zur Umkehr. Sein Herz verhärtete sich in den langen einsamen Vormittagsstunden, in denen er in finsterem Schweigen sein Zimmer durchmaß. Nur einmal endlich wieder festen Boden unter den Füßen haben, diesen ewigen Zweifeln und Schmerzen entronnen sein – er sehnte sich danach. Es war der Drang des Kranken nach Erlösung. – Die Schwester hatte ganz recht. Aber was sollte er ihr sagen, wenn sie zu ihm kam? – Ich habe mir wiederum die Zukunft verriegelt. Ich habe den alten Neerlage mit leeren Händen heimgeschickt ... Es war schon gegen zwei Uhr Nachmittags, als sich Michael wieder zu seinem Herrn ins Zimmer wagte. Auf dem Tablett in seiner Hand schimmerte ein Brief. Ein Diener hatte ihn eben aus der Tiergartenstraße gebracht. Und Erich von Wölsick erkannte auf den ersten Blick die Handschrift Sophie Neerlages. Einen Augenblick stand er stumm und wartete, bis Michael gegangen, dann öffnete er langsam den Umschlag und las: »Geehrter Herr von Wölsick! »Mein Vater erzählte vorhin bei Tisch, Sie seien wieder in Berlin. Darf ich die Gelegenheit benutzen und Sie an eine Kleinigkeit erinnern? Ich gehöre nämlich zu den pedantischen Menschen, die gerne ihre ausgeliehenen Bücher wieder zurück haben, zumal wenn sie meine Ex libris und den eigenen Einband besitzen wie die zwei Bände Aphorismen von Chamfort und Larochefoucauld, die Sie anfangs Dezember vorigen Jahres einmal auf meinen Rat mit nach Hause genommen und sicher seitdem nicht wieder angesehen haben. Bitte, geben Sie sie doch dem Diener mit oder bringen Sie sie bei Gelegenheit selbst, wenn Sie sie nicht gleich finden können. Ich bin, wie Sie wohl gehört haben, auch noch so ziemlich Halbinvalide und selten aus, um die Teestunde niemals. Mit bestem Dank für die Rückerstattung der beiden Bändchen im voraus Ihre ergebene Sophie Neerlage.« Erich von Wölsick preßte das zarte Blatt in seiner Faust zu einem Knäuel. Sein Gesicht wurde hart. Dann trat er mit einem raschen Entschluß hinaus auf den Flur. Draußen stand ein Lakai und wartete. Und sagte zu dem sich verbeugenden Mann: »Bestellen Sie dem gnädigen Fräulein, ich würde mir erlauben, die Bücher heute nachmittag persönlich abzugeben!« »Sehr wohl!« Der Diener entfernte sich. Vom Fenster seines Zimmers aus sah Erich von Wölsick ihn um die Ecke gehen. Es zuckte in ihm, die Scheiben aufzureißen, ihn noch einmal zurückzurufen, ihm zu sagen – ja, was ihm zu sagen? ... Und da war die Livree schon verschwunden. Und er wandte sich schwer aufatmend ab und sah mechanisch auf die Uhr – es war ein Viertel auf Drei – und sagte sich: »Also noch zwei Stunden! Und nur an nichts denken, sich an nichts erinnern, nichts bereuen in dieser Zeit ...« Xl Als Erich von Wölsick langsam an dem frostklaren Nachmittag die Tiergartenstraße hinabschritt, war ihm zu Mut wie einem Nachtwandler, der nicht weiß, wohin er mit geschlossenen Augen geht, und doch gehen muß. Sein Wille war gebrochen. Mochten andere ihn schieben – mochte das Schicksal ihn schieben – ihm war es recht ... Noch kurz vor dem Ziel kam ihm der Gedanke: »bleib stehen!« – und er ging weiter, die letzten zwanzig Meter bis zu dem Neerlageschen Hause – und er besann sich dort noch einmal: »kehr um!« – und trat in den Vorgarten – und nahm sich vor: »klingele nicht!« – und zog schon die Schelle und frug den öffnenden Diener mit einer rauhen und gepreßten Stimme – ihn selber ärgerte dieser Mangel an Selbstbeherrschung – ob die Herrschaften zu Hause seien. »Herr Generalkonsul ist noch nicht zurück und Frau Generalkonsul sind in die Stadt gefahren. Aber das gnädige Fräulein ist daheim ...« »Dann melden Sie bitte, ob ich meine Aufwartung machen kann!« Der Mann, mit dem er sprach, war derselbe, der vorhin den Brief gebracht. Er lächelte – Erich von Wölsick kannte dies diskret vertrauliche Dienstbotenlächeln, mit dem man ihn früher im Hause Neerlage bereits empfangen hatte – und sagte, die Karte nehmend: »Das gnädige Fräulein weiß ja schon!« Und gleich darauf war er wieder zurück und führte den Besucher die Treppe hinauf in das erste Stockwerk. Erich von Wölsick war da noch nie gewesen. Es waren da keine Empfangsräume. Zum ersten Mal betrat er jetzt Sophie Neerlages eigentliches Wohnzimmer. Das Gemach war ganz anders, als er es sich gedacht hatte, viel mädchenhafter, wohl noch aus früherer Zeit, mit einfachen, weißen Möbeln, mit Aquarellbildern der Eltern, religiösen Stahlstichen, einem Bücherbrett an der lichten Tapete, voll einer strömenden Helle, die durch die großen Scheiben aus dem verschneiten Park hinter dem Hause eindrang. Und in diesem Tageslicht erschien ihm Sophie Neerlage, die mitten im Zimmer stand, viel blasser, im Gesichte schmaler, als er sie in der Erinnerung hatte. Sie trug ein weißes Hauskleid, das ihren hohen, tannenschlanken Wuchs zur vollen Geltung brachte, sie hatte die alte angenehme Klugheit in den Augen, die vollkommene Sicherheit von einst, während sie ihm, mit dem Schatten eines Lächelns um ihre Lippen, die Hand entgegenstreckte und ihn zum Sitzen einlud. Aber so selbstverständlich und in seiner Art ganz einfach auch wieder alles bei ihr herauskam, es war doch ein neuer Zug darin. Sie sah nicht nur angegriffen aus, sondern auch verändert – nicht frauenhafter, aber älter geworden – Erich von Wölsick wurde sich selbst über den Eindruck nicht recht klar. Er nahm ihr gegenüber Platz, und ehe er noch von sich aus ein Wort gefunden, begann sie: »Nun – da sitzen wir zwei Invaliden! ... Wie geht es Ihnen denn, Herr von Wölsick? Sie sehen noch recht elend aus ...« Er schwieg und sie setzte hinzu: »Ich auch! Das dachten Sie nämlich, und die Höflichkeit verbot Ihnen, es zu sagen! ...« »Sie waren krank, gnädiges Fräulein ...?« »Papa hat's Ihnen ja erzählt. Das Petersburger Klima ist gräßlich. Aber reden wir nicht weiter davon. Beichten Sie mir auch nicht zu viel von Ihrem Schmerzenslager. Man muß sich nicht zu sehr um diese Maschine kümmern ...« Dabei schaute sie mit einem eigentümlichen kalten Blick an ihrer Gestalt hernieder und dann in den Spiegel gegenüber und versetzte mit einem unterdrückten Lächeln: »Sehen Sie nur: Das sind Sie und ich ... die beiden bleichen Leutchen da im Glas! ... Wir haben uns wirklich zu unserem Nachteil verwandelt ...« »Für mich gebe ich es gerne zu, gnädiges Fräulein!« Sie schien seinen finsteren Gesichtsausdruck nicht zu beachten. Das Mädchen hatte Tee gebracht. Sie goß ihrem Gaste ein und bot ihm Cakes, in einer liebenswürdigen Geschäftigkeit, als wäre gar nichts Besonderes zwischen ihnen, und frug dann plötzlich: »Nun – wo haben Sie denn die Bücher?« »Welche Bücher?« »Mein Gott ... die maximes et pensées diverses ... die französischen Aphorismen ... ich bat doch darum ...« »Die hab' ich nicht mitgebracht!« »Vergessen?« »Nein. Ich hab' sie absichtlich zu Hause gelassen!« »Aber warum denn?« Er sah sie fest an und sagte dann: »Weil ich nicht Komödie spielen will! Das haben wir doch nicht nötig! Deswegen bin ich doch nicht hier, um Ihnen ein paar entliehene alte Bücher zurückzugeben! Wem wollen wir denn das weismachen? Wir sind doch allein im Zimmer!« Sie war über seine Brüskheit keineswegs betroffen, sondern erwiderte: »Gewiß! Also lassen wir diese Schnörkelchen weg. Wir brauchen sie wirklich nicht. Wir können ruhig miteinander reden! Gerade weil wir es noch nie getan haben! Dadurch ist auch nie ein Wort gesprochen worden, das einer dem anderen nachtragen könnte – nicht wahr?« »Ich glaube – es sind doch Mißverständnisse vorgekommen!« »Nun eben! Als uns der Lauf der Dinge auseinander führte, hat es mir nachträglich wirklich leid getan, daß das mit einer Art von gegenseitiger Verstimmung geschehen ist. Die vernünftigen Leute sind so selten auf der Welt – Sie als Mann mögen das nicht so empfinden, aber ich versichere Sie: ich als Frauenzimmer friere manchmal geradezu in meiner splendid isolation – weswegen müssen sie sich denn durchaus zum Schluß die Zähne zeigen? Darum freue ich mich, daß Sie noch einmal gekommen sind, Herr von Wölsick!« »Und zu diesem Abschiedshändedruck haben Sie mich herberufen?« Sie hob den Kopf mit einem Erstaunen in den Augen: Zu was denn sonst? Aber er glaubte ihr nicht. Er war seiner Sache ihr gegenüber sicher, ohne dabei irgend ein Siegergefühl zu empfinden, und fuhr fort: »Sie haben leider recht. Es ist nie zwischen uns zu einem offenen Wort gekommen. Es war unser beider Fehler. Jeder von uns hat einmal geschwiegen, als er hätte reden sollen ...« »Noch eine Tasse Tee, Herr von Wölsick?« »Ich bitte!« Ihre Hand zitterte, als sie sie ihm hinstellte. »Ich verstehe Sie nicht, Herr von Wölsick! Ich gehe selbstverständlich mit keinem Wort auf das ein, was Ihnen inzwischen anderweitig widerfahren ist. Aber wie ich unter diesen Umständen, sobald ich davon hörte – und Sie wissen: diese Art Fama reitet schnell! – wie ich da hätte eine andere Haltung bewahren sollen, als ich tat ...« Er nickte. »Ganz gewiß! Es ist alles meine eigenste Schuld! Ich leugne nichts mehr und beschönige nichts mehr! Am wenigsten Ihnen gegenüber!« Der tiefe Ernst seiner Worte spiegelte sich auf ihrem Antlitz wider. Sie sah ihn schweigend an, mit verschlungenen Händen in den Stuhl zurückgelehnt, und er fuhr fort: »Es gab eine Zeit der Plänkelei zwischen uns! Da machten wir es, wie es alle Leute machen – und gingen vorsichtig umeinander herum und suchten uns gegenseitig einen Vorteil abzugewinnen und zu sehen, wer von uns der Stärkere sei. Darüber bin ich hinaus! Ich kann nicht mehr mit diesen Dingen spielen– Es hat sich zu schwer an mir gerächt. Für all dies Hin und Her – für alle Redensarten und doppelsinnigen Worte bin ich verloren. Ich habe einen Ekel davor. Ich kann nur noch ganz einfach sagen, was ist! Wollen Sie's hören?« Sie bejahte mit einer leisen Bewegung des Kopfes. »Und ich glaube, gerade zu Ihnen, Fräulein Neerlage, kann man so sprechen! ... Sie erschienen mir immer als ein merkwürdig ehrlicher Mensch – bei all Ihrer Weltgewandtheit und Ihrem Luxus und Ihrer Eleganz – oder besser gesagt – Sie sind aufrichtig, weil es Ihnen nicht der Mühe wert ist, den Verkehr als Kleinkrieg zu betrachten. Es langweilt Sie. Sie haben gerade dank Ihrer Klugheit einen besseren Charakter als andere ...« »Ich weiß nicht, warum wir plötzlich von mir reden! Sprechen Sie doch lieber von sich!« »Ich wollte nur erklären, weshalb ich so offen bin, ohne Furcht, mißverstanden zu werden ...« »Ich kenne Sie doch, Herr von Wölsick!« »Nein. Niemand kennt mich. Glauben Sie mir: der Mensch, der jetzt hier vor Ihnen sitzt, und der vor ein paar Monaten – zwischen denen liegt eine Welt.« Er verstummte eine Sekunde. Dann fuhr er halblaut, den Blick am Boden, fort: »Was ich früher war – was ich jetzt bin, das ist durch ein Erlebnis geschieden – wie das äußerlich verlaufen ist, das hat man Ihnen erzählt – was es innerlich für mich bedeutet hat ... ich kann Ihnen nur das eine sagen: Durch dies Erlebnis ist die Schuld in mein Leben gekommen! Ich habe bis dahin nicht gewußt, was Schuld, in höherem Sinne, ist. Ich war zu ahnungslos egoistisch! Nun hat sich das gegen mich gekehrt und mich tiefer, als ich mich selber kannte, getroffen. Es gibt Krankheiten – von denen erholt man sich zwar – aber man wird nie wieder ganz gesund. So werde ich auch nie wieder völlig genesen!« »Sie müssen den Mut zur Gesundheit haben, Herr von Wölsick!« Er schüttelte den Kopf. »Ich muß Ihnen alles sagen, Fräulein Neerlage – es ist meine Pflicht, in einer so ernsten Stunde. Sie müssen durchaus begreifen, was geschehen ist – sonst beurteilen Sie mich zu milde.« Sie hörte ihn ruhig an. Er bemerkte einen an ihr ganz fremden Ausdruck gütiger Teilnahme auf ihrem Gesicht. Und dies leise Mitleid tröstete ihn. Sie war wirklich ein Mensch. Sie war besser, als er gedacht. Und in seiner Schwäche empfand er es als eine unvermutete, plötzliche Wohltat, ihr zu beichten. Bei ihr konnte er es. Sie verstand ihn, vielleicht gerade, weil sie so viel mit ihm Gemeinsames hatte. Manches, was er nun von sich sagte, klang sicher auch in ihr nach – die vergoldete Einsamkeit des einzigen Kindes aus reichem Hause – die falsche Stellung des Heranwachsenden zu Welt und Menschen, das lächelnde Mißtrauen gegen jedermann – er scheute sich nicht – er erzählte ihr seinen Werdegang und seine Schuld gegen Jakobe Ansold, so wie er sich schon oft vor sich selber, vor seiner Schwester, seinem Schwager, angeklagt. Er vermied es dabei, Sophie Neerlage anzusehen – aber er fühlte: die folgte seinen Worten mit demselben Ausdruck gleichmäßigen und klaren Ernstes auf den blassen Zügen, während er, mitleidlos gegen sich, aussprach, was zwischen ihm und Jakobe Ansold gewesen, bis gestern abend, bis zum letzten Ende ... Er begriff selber gar nicht, wie er das konnte – wie er darauf kam, das zu tun – diesen Namen in diesem Hause auszusprechen! Sophie Neerlage war ihm doch eine Fremde. Sie waren sich doch nur im Salon begegnet –. Keiner von beiden hatte bisher einen Blick in das Herz des anderen getan – und doch erschien sie ihm jetzt altvertraut, mit diesem seltsamen Leidenszug um den Mund, der sich immer mehr vertiefte, je länger er redete ... Dinge redete, die ihm alles zu nichte machen mußten, weswegen er gekommen. Er war auf einen ganz anderen Weg geraten, als er gewollt. Aus einer Werbung war eine Beichte – aus einer Vernunftehe ein Verzicht geworden. Und er sprach weiter und weiter. Er konnte nun, da er begonnen, nicht vor dem Ziele enden. Er mußte diese Last von der Seele haben. Er war es Sophie Neerlage schuldig. Nachher konnte sie ja tun, was ihr beliebte, und was sie tat, das war klar. Ein Dank für sein Vertrauen – eine Hand zum Abschied. Dann war auch das vorbei. Einerlei! Er bereute es nicht. Jetzt als er endete, hatte er die Empfindung, daß er gar nicht anders hätte handeln können. Nach seinen letzten Worten entstand eine lange Pause. Es klopfte. Der Diener kam mit der Karte eines Besuchers herein. Sophie warf einen flüchtigen Blick darauf und sagte: »Ein für allemal! Ich bin jetzt nicht zu Hause! Merken Sie sich das!« – dann wandte sie, während sich die Türe schloß, ihre Augen wieder Erich von Wölsick zu, wie in einer Erwartung, daß er ihr noch mehr mitzuteilen habe, und er versetzte: »Darum war ich so froh, daß ich Ihren Brief erhielt und damit die Erlaubnis, noch einmal hierherzukommen und mit Ihnen über diese Dinge zu reden ... Verargen Sie mir meine Offenheit nicht! Sie lag nicht in meiner Absicht. Aber wie ich Ihnen gegenübersaß, da fühlte ich: Hier muß ich die Wahrheit sagen –« »Und ich danke Ihnen dafür, Herr von Wölsick!« Es klang ruhig und einfach. Und sie fuhr fort: »Ich habe dadurch eine ganz andere Meinung von Ihnen gewonnen ...« »Aber keine bessere!« »Doch! Eine viel bessere! Es ist da etwas bei Ihnen herausgekommen, was ich früher manchmal bei Ihnen geahnt hab', als ob es vorhanden wäre oder wenigstens vorhanden sein könne – und was ich doch nicht vor mir wahr haben wollte, weil Sie es doch eigentlich nie zeigten ...« »Und was ist das?« »In solchen Dingen ist unsere Sprache arm. Nennen Sie's Herz ... oder nennen Sie's Seele ... das Lebendige ... das Innere im Menschen ... das, was schmerzt ... durch das lebt man ja eben oder kommt doch zum Bewußtsein, daß man lebt ...« Ihre seltsamen Worte befremdeten ihn. Sie klangen ihm wie ein Rätsel. Ein Stück von ihr selber schimmerte durch. Ihm ahnte, daß er sie auch noch nie recht gekannt ... Sie erriet seine Gedanken. »Ihnen geht es gerade so wie mir,« sagte sie. »Sie haben sich unter mir auch nie recht viel gedacht – das weiß ich wohl –! Wie erschien ich Ihnen denn? Alles aufs Äußerliche gestellt – reichlich Verstand für ein Frauenzimmer – ein bißchen Geschmack – viel Luxus und noch mehr Oberflächlichkeit – man knetet sich ja leicht einen Menschen nach ein paar Eindrücken zurecht ... wenigstens solche Salongeschöpfe wie wir ... ich hab' es mit Ihnen, ehrlich gestanden, ja auch nicht besser gemacht ... für mich hießen Sie ja auch eigentlich nur: tadelloser Frack, guter Name, gute Manieren – und nun, wo wir uns als zwei recht blasse Leute wiedersehen, sind wir auf einmal jeder über den anderen erstaunt, daß er 'ne Seele hat! ... Ich hab' nämlich wirklich eine, Herr von Wölsick ...« »Nun – daran kann doch niemand zweifeln ...« »I wo!« sagte Sophie Neerlage. »Woher sollten es denn die Leute wohl wissen! ... Die brauchen es auch gar nicht ...« Es war still zwischen ihnen geworden. Und Erich von Wölsick ging es durch den Kopf: sind wir uns nun nah oder fern? – Natürlich fern – nach seinem Geständnis – Und doch: Vertrauen um Vertrauen. Unglück machte auch wieder Freunde – ein gemeinsames Unglück, wie es sich irgendwie, gleichsam mit dünnen, halb unsichtbaren Herbstfäden um sie beide spann. Stumm, in einer wunderlichen, warmen Heimatstimmung schaute er aus dem kleinen Raum hinunter in den verschneiten Garten. Da hantierte ein Mann. Was schaufelte der wohl im Boden? Dort drüben war ein Brett mit Körnern ... Um das flatterten die Spatzen ... Einen Augenblick lebten all diese Nichtigkeiten in seinem leeren Kopf. Dann besann er sich und nahm sich zusammen. Er mußte nun gehen, nachdem alles so anders gekommen, als er gewollt. Er erhob sich und nahm seinen Hut von einem Seitenstuhl. Sophie Neerlage blieb sitzen und frug: »Sie wollen fort, Herr von Wölsick?« »Ich muß doch wohl!« »Warum ...« »Nun – wenn man das alles über die Lippen gebracht hat wie ich eben, vor Ihnen, dann ist der Abschluß eben auch der Abschied.« »Bleiben Sie nur noch!« Er sah sie betroffen an. Sein Herz klopfte, als er sich wieder setzte. Er verstand sie nicht. Sollte sie wirklich darüber hinwegkommen? Es schien ihm unmöglich. Und Sophie Neerlage sagte, immer mit ihrer lächelnden Ruhe: »Wir sind doch nun einmal zwei Schicksalskrüppel. Warum sollen wir da nicht gute Kameradschaft miteinander halten?« Und nun war die Anspielung auf ihr eigenes Geschick so deutlich, daß er sich nicht mehr zurückhalten konnte, und frug: »Wissen Sie denn wirklich, was solch ein Schmerz bedeutet?« Sie nickte. »So gut wie Sie!« »Aber nicht aus eigener Erfahrung!« »Doch!« Und nach einer kurzen Weile setzte sie hinzu: »Es liegt weit vor Ihrer Zeit! Sie waren es nicht, Herr von Wölsick!« Dabei war wieder ein melancholisches Lächeln um ihre Lippen, und er sagte: »Das hab' ich auch nie gedacht!« »Und es war natürlich von allem Ihrigen verschieden!« fuhr sie fort und blickte dabei an ihm vorbei, unverwandt auf den Büschel weißer Treibhauslilien, der vor ihr auf dem Tische stand und einen süßen, betäubenden Hauch verbreitete. »Was bei Ihnen Schuld ist, das ist bei mir nur Erinnerung. Erinnerung an ein Nichts. Denn es ist Nichts geschehen! Kein Wort – kein Brief – alles nur ein einziges, weißes Blatt! Und es ist lange her! ... Und trotzdem ... Sie wundern sich, daß ich so tief erleben kann. Aber es ist so! Sonst wäre ich doch schon längst verheiratet! Ich werde doch bald siebenundzwanzig, wie Sie wissen. Aber ich gehöre wohl zu den Menschen, die so was nun einmal nicht wieder verwinden ...« Er wagte keine Antwort. Sie fuhr fort: »Das weiß niemand. Am wenigsten meine Eltern. Die wissen nie etwas, was ihre Tochter angeht. Ich hätte es auch Ihnen nicht gesagt. Aber Sie haben mir ein so großes Vertrauen geschenkt. Ich möchte es erwidern. Ich glaube, ich bin es Ihnen schuldig.« Und in einer plötzlichen, instinktiven Abwehr wandte sie gegen ihn den Kopf: »Aber bitte, fragen Sie mich nicht weiter! wollen Sie nicht mehr wissen – niemals! Ich kann nicht. Es kommt keine Silbe mehr über meine Lippen. Was ich Ihnen gesagt habe, genügt, damit Sie mich kennen! Sie wissen jetzt: ich habe gerade so gelitten wie Sie ... nicht Monate, sondern Jahre und Jahre ... und hab' mich nicht durch Tätigkeit heilen können wie ein Mann, sondern nur mich selber im Gesellschaftstrubel verlieren ... An dem hatt' ich ja auch Freude! ... Ich will mich gar nicht anders machen, als ich bin! Ich bin eigentlich ein rechtes Kind der Welt. Ich hätte so viel Zeug in mir, im Leben fidel und glücklich zu sein ...« Sie schwieg eine kurze Weile. Dann hub sie wieder an: »Schließlich war ich so weit ruhig geworden – ich hatte mich mit der Hoffnungslosigkeit abgefunden – das hat Jahre gebraucht, Herr von Wölsick! – Ich wollte eine Vernunftehe eingehen. Und es wäre auch gegangen! Gerade damals, endlich hatte ich mühsam Fassung genug! Und daß daraus im vorigen Herbst nichts wurde, das hat mich infolgedessen viel schwerer getroffen, als Sie sich wahrscheinlich vorstellen ... Der einzige glückliche Zeitpunkt, in dem ich einmal stark genug dazu war, war versäumt. Ich will nicht sagen, daß ich gerade deswegen gleich hinterher in Petersburg krank geworden bin – es war wirklich eine Erkältung mit allerhand bösen Folgen – aber meine Widerstandskraft war eben geschwächt – geistig und dann auch körperlich ... es brach zu viel über mich herein oder besser: es brach wieder zu viel in mir zusammen, was ich mir mit allen Kräften aufgebaut hatte – es wurde so viel Altes, wieder wach ... so bin ich in die Verfassung geraten, in der Sie mich jetzt sehen – und habe nur noch den einen Wunsch: Ruhe ... Ruhe ... Ruhe ... Gerade wie Sie ...« Erich von Wölsick richtete schweigend und ernst seine Augen auf sie. Sie fuhr fort: »Der Unterschied ist nur, daß man bei Ihnen das Äußerliche weiß ... durch eine Ehescheidung ... durch Kugelwechsel ... durch die Zeitungen ... Meine Wasser sind tief! Aber in der Sache ist's ein und dasselbe! Wir sind Leidensgefährten, Herr von Wölsick!« Und nun begriff er sie: Sie beide zusammen – beide einander wohlbekannt – in beiden der gleiche, tödliche Bruch – da war gegenseitige Schonung – da war Rücksicht – man tat sich nicht weh – es war ein herbstlicher Gedanke – viel Entsagung darin – und doch: man war nicht mehr allein – man konnte nicht mehr allein sein – man war zu schwach dazu – und er sprach: »Sie sind der einzige Mensch, der mich versteht ...!« Dabei erfaßte er ihre Hand. Sie ließ sie in der seinen. Und nun wußte er: Sie war bereit, ihn zu nehmen. Er blieb ruhig. Das hier war keine Eroberung – es war ein Übereinkommen – ein Handel zwischen zwei Menschen, die sich auf sich selber nicht mehr verließen – der Lahme trug den Blinden. Und er murmelte: »Wollen Sie es wirklich mit mir versuchen?« Sie drehte ihm den bisher halb angewandten Kopf zu und nickte leise, mit niedergeschlagenen Augen. Er zog ihre Hand an die Lippen und drückte einen Kuß darauf. Es war keine Verlobung wie andere. Kühl bis ans Herz hinan. Nur ihrer beider Verstand begegnete sich. Ein Frösteln der Einsamkeit führte sie zusammen. Und draußen wartete ein Leben auf sie, das unabhängig war – und reich – und glänzend ... Im Treppenhaus scholl eine sehr starke Summe. Es war die des Generalkonsuls Neerlage, der aus seinem Bankhaus in der Friedrichstadt zurückkehrte. Man hörte deutlich, wie er den Diener frug: »Was? Der Herr von Wölsick ist da? ... Schon seit einer Stunde? ... Nanu ...« und dann näherten sich seine raschen Schritte Sophies Zimmer. Und Erich von Wölsick sagte hastig: »Nur eines noch ... ich möchte nicht in Deutschland bleiben – wenigstens die nächsten Jahre einen Wirkungskreis außerhalb haben ... Ist es Ihnen so recht?« »Ja. Nur fort von hier! ... Fort von Berlin!« Fast zugleich klopfte ihr Vater und trat ein. Auf der Schwelle blieb er stehen. Er schien Lust zu haben, den Überraschten zu spielen. Aber ehe er noch dazu kam, sein lautes »Nanu?«, das ihm schon auf den Lippen lag, zu wiederholen, sagte Sophie Neerlage kurz und bestimmt: »Papa – Herr von Wölsick und ich haben uns eben verlobt!« Und als er kaum anfangen wollte, mit einem: »Ja – aber erlauben Sie mal!« seine väterliche Würde zu wahren, wurde sie ungeduldig. Die Verwöhnung der einzigen Haustochter, um die sich alles drehte, brach hindurch und sie versetzte schroff: »Bitte, Papa – mach keine Einwendungen! Ich kann es jetzt nicht hören! Ich bin nicht in der Verfassung dazu! Du bist ja einverstanden! Ich weiß es! Es ist ja dein eigenster Wunsch!« Der alte Herr warf ihr einen ärgerlichen Blick zu, so als ob sie ein Geschäftsgeheimnis verraten habe. Dann meinte er langsam: »Ja – aber nach der Art, wie Herr von Wölsick heute vormittag zu mir sprach ...« »Seitdem hab' ich ihm doch geschrieben!« Zugleich mit ihren Worten trat Erich von Wölsick vor und sagte halblaut: »Herr Generalkonsul, ich bitte Sie um die Hand Ihres Fräulein Tochter!« Und nun glänzte seinem Gegenüber, wenn er sich vielleicht auch ein bißchen ärgerte, daß alles über seinen Kopf hinweggegangen, die befriedigte Schlauheit aus den kleinen durchdringenden Augen und er versetzte, während er dem anderen die Rechte schüttelte: »Na – denn also in Gottes Namen! Seien Sie mir herzlich willkommen, mein lieber Wölsick ... Alles Nähere besprechen wir später, wenn es Ihnen recht ist – vielleicht morgen nach dem Frühstück! Na – und wo steckt denn die Mama, Sophiechen? Die ist doch die Hauptperson von 's Ganze ... die muß doch auch ihren Segen dazu geben!« »Sie ist noch nicht aus der Stadt zurück! Und nun höre, bitte, Papa: Ich habe eine ausdrückliche Bedingung, von der ich nicht abgehe! ... Unsere Verlobung soll jetzt noch nicht veröffentlicht werden – es ist noch zu früh – es muß noch etwas Zeit vergehen, bis allerhand vergessen ist! Es ist besser so! Nicht wahr?« Sie warf einen fragenden Blick des Einverständnisses zu Erich von Wölsick und er bejahte stumm – das mußte ihrem Empfinden überlassen bleiben – und ihr Vater sagte: »Na – schön!« Ihm wäre das Gegenteil lieber gewesen. Er hätte gerne durch möglichst offenkundigen Verlobungspomp das Gerede zum Schweigen gebracht, das den Schwiegersohn noch umgab. Aber er fügte sich. Er setzte sich zu den beiden. Eine leise Alltagsernüchterung trat ein. Sie haftete an der Person des alten Neerlage, der nur in Geschäften lebendig und umgänglich war. Und die Verlobung der einzigen Erbtochter war für ihn ein Geschäft allerersten Ranges. Er betrachtete das so, ohne es zu wollen. Es ging immer wieder unwillkürlich aus seinen Reden hervor. So kam durch ihn ein Rückschlag in die bisherige erregte Stimmung zwischen Erich von Wölsick und Sophie. Und nach einiger Zeit, als der Besuch des Arztes, der noch täglich nach ihr sah, angemeldet wurde, bat sie ihren Verlobten selbst, für heute zu gehen. »Ich bin zu erschöpft!« sagte sie mit schwachem Lächeln. »Und vom Alleinsein nachher ist doch keine Rede mehr! Wenn Mama kommt, weicht sie uns nicht mehr von der Seite und spricht in einem fort von der Aussteuer. Das kann ich mir schon denken – also lieber auf morgen, bei hellem Tag und Sonnenschein ...« Sie drückten sich beide ernst und fest die Hand. Dabei neigte sie leise den Kopf. Er beugte sich herab und küßte sie auf die Stirn und auf die Lippen. Zugleich schloß er eine Sekunde die Augen. Es war ihm plötzlich wie ein Verrat an Jakobe Ansold. Noch einmal fanden sie sich beide in einem langen, stummen Blick. Dann folgte Erich von Wölsick dem vorausgegangenen Generalkonsul und stieg mit ihm die Treppe hinab. In einem Zimmer zu ebener Erde war alles zu irgend einer abendlichen Aufsichtsratssitzung vorbereitet. Eben traten drei, vier Herren mit schwarzen Aktenmappen unter dem Arm in die Halle, und einer von ihnen, ein großer, schlanker Mann mit langem Vollbart, sagte eifrig zu den anderen: »Der Aufsichtsrat hat halt wieder mal geschlafen! Die Frage ist einfach die: Is die Geschicht' patentfähig oder nicht?« Er sprach mit leichtem österreichischem Anklang. Und der Generalkonsul, der es gehört hatte, rief zornig von oben: »Na – na, Herr Nachbar! Ich bin der Vorsitzende dieser Schlafmützen!« er nannte den Dr. Schmidt von Wildenwarth, der viel in seinem Hause verkehrte, oft im Spaße »Herr Nachbar«, weil ihre beiden prunkvollen Villen am Wannsee dicht nebeneinander lagen – und die unten lachten, und der Angeredete hob seinen feingeschnittenen Apostelkopf mit dem goldenen Zwicker vor den träumerischen blauen Augen in die Höhe und sagte dann gutmütig lächelnd: »Nichts für ungut – Herr Neerlage! Ah ... schau her ... Herr von Wölsick – auch wieder unter den Lebenden? Sie hat man ja lang hier vermißt ...« Und auch die anderen lächelten und blickten Erich neugierig an, und als er nach kurzer Begrüßung sich von ihnen trennte und auf die Straße hinaustrat, da wußte er: Seine Verlobung mit Sophie Neerlage wurde doch bekannt! Es sickerte durch! Morgen erzählte man sich in den Kreisen, die es anging, daß er wieder im Hause erschienen sei und der alte Neerlage ihn mit einem vertraulichen Schlag auf die Schulter und einem dröhnenden: »Na – auf morgen zum Frühstück, lieber Wölsick!« entlassen habe. Daraus schloß ein jeder, daß die Verbindung zwischen ihm und Sophie Neerlage nur noch eine Frage der Zeit war. Und doch glaubte er selber kaum daran, während er im Abenddunkel durch den Tiergarten heimging. In diesem seltsamen, nächtlichen Nebeneinander schwarzer kahler Baummassen und bläulichen elektrischen Lichts aus weißem Schnee, in dieser Einsamkeit um ihn her, schien es ihm, es wäre besser gewesen, wenn sich das alles als ein kaltes, glattes Geschäft, eine Vernunftehe wie tausend andere, abgespielt hätte. Lieber solch ein Handel, wo keiner vom anderen zu viel erwartete, wo kein besserer Rest in einem wach blieb – wo man nur noch Zweck war – bewußte Nützlichkeit, als dies Halbe, Welke. Einer des anderen Trost und Last – dies herbstliche: Geteiltes Leid ist halbes Leid ... Und einen Augenblick schien ihm das so unmöglich, daß er hinter dem gefrorenen Spiegel des Goldfischteiches mitten auf der Straße stehen blieb und gar nicht mehr begriff, wie das so weitergehen sollte – ein Leben lang. Freilich: Er hatte einmal den Satz gelesen: »Man kann nicht nur sterben – man kann auch leben!« Das war wohl wahr. Frug sich nur, ob es das Leben lohnte! Und dann reckte er die Schultern in dem schweren, sie drückenden Pelz, richtete sich auf, und ging entschlossen vorwärts. Er mußte vorwärts. Es gab jetzt für ihn keine Umkehr mehr. Als er daheim in sein Arbeitszimmer trat, erhob sich eine Dame, die da wartend gesessen. Es war seine Schwester. Er gab ihr stumm die Hand. Er hätte sie lieber wo anders gewünscht. Ihn verdroß die ewige, geschäftige Angst der Teichardts – dieser als Geschwisterliebe sich an ihn klammernde Egoismus, dessen Naivität ihn früher nur belustigt hatte. Man sollte ihn endlich in Ruhe lassen. Und so sagte er mit einem Anklang an seine frühere Schroffheit: »Bist du schon lange da? Ich hatte einen dringenden Gang. Ich mußte zu Neerlages!« »Zu Neerlages!« Die Geheimrätin schrie das fast in ihrer Überraschung. Das erbitterte ihn förmlich. Und sie konnte die Frage nicht zurückhalten: »Hast du denn auch Sophie Neerlage gesehen?« »Freilich!« Die unterdrückte Neugier brannte in ihren Augen. Er lächelte ironisch. Das war so recht die vorahnende Wonne des Philistertums, daß nun alles nach der Regel ging, zur Freude der Gerechten und Wohlanständigen im Lande. »Ich hatte Geschäfte bei Neerlage!« sagte er. »Geschäfte?« »Ja. Ich habe meine Seele um dreißig Silberlinge verkauft! Gar nicht schlecht, in Anbetracht dessen, daß sie doch schon ziemlich ramponiert ist.« »Ja – was heißt denn das?« »Aber – wie die Dinge liegen, da reicht es aus! Mehr wäre sogar von Übel!« »Erich!« »Ja, Helme?« »Ich will nicht hoffen, daß du damit deine Verlobung meinst!« »Hoffe nur, Helme!« Frau von Teichardt war ganz erschöpft vor Überraschung und Schrecken. »Aber das ist ja empörend!« sagte sie endlich. »Was denn?« »... Wie du davon sprichst!« »Von sich darf jeder Übles reden, Helme!« »... Aber wie soll man dir da Glück wünschen!« Sie weinte beinahe. »Man könnte sich ja vor dir fürchten!« »Wünsche mir so viel Glück als möglich, Helme! Mehr kannst du nicht tun!« Er hatte es in ernsterem Tone gesagt. Das tröstete sie ein wenig. Sie trocknete die Augen und reichte ihm stumm die Rechte. Es war, bei ihrem verstörten Gesicht, wie ein Händedruck des Beileids. Das erschien ihm so ganz richtig. Was war denn diese Ehe anders, als daß zwei Menschen gemeinsam ihr Bestes der Erde und der Vergessenheit übergaben? »Der alte Neerlage hält es jedenfalls für ein gutes Geschäft!« sagte er. »Und die Hauptsache ist, daß der Käufer zufrieden ist – und daß ihr zufrieden seid – und alle ehrbaren Leute dazu ...« Frau von Teichardt stand auf. »Ich kann das nicht mehr mit anhören!« sagte sie. »Erich – um Gottes willen – was ist nur in dich gefahren? Bist du nun wirklich mit Sophie Neerlage verlobt oder nicht?« »Aber gewiß! In aller Form! Rede nur noch nicht unnötig davon. Es soll noch etwas Wasser ins Meer laufen, bis es bekannt wird ...« Seine Schwester näherte sich ihm. »Ja – aber dann, Erich – wenn das wirklich geschehen ist und es ist gewiß das beste für dich – dann sei nun aber auch stark! Dann denke ruhiger an das, was gewesen ist! Schau auf das Vergangene zurück, als ob ...« Sie erschrak. Ihr Bruder hatte die Ellbogen auf den Tisch gestützt und den Kopf zwischen die Hände genommen und lachte plötzlich auf: »Um Gottes willen – nicht zurückschauen! ... Um Gottes willen – nicht denken! Gib mir nur den Rat nicht! Dort ist doch sie! ... die ich verraten hab' – die ich von jetzt an mit jedem Atemzug, mit jedem Wort, mein Leben lang verraten werde! Dazu braucht's freilich starke Nerven, Helme! Da muß man die Augen zumachen können – fest – sonst wird ja alles wieder lebendig – alles kommt zurück ... Herrgott ... wohin soll man denn dann fliehen?« Er hatte es beinahe aufgeschrieen. Nun wurde er auf einmal wieder ruhiger und schloß: »Ich muß in Zukunft tun, als wäre ich jemand anderer! Wenn ich diese Energie nicht hab', dann hab' ich verspielt! Aber ich werde sie aufbringen! Und ihr alle müßt mir dabei helfen! ... Nicht wahr, Helme?« Ein flüchtiger Spott zuckte um seine Mundwinkel: »Die Neerlages sind doch so reich! Die werden sich den Kuckuck um unser altes, gutes Sommerwerk kümmern! Das bleibt nach wie vor eure melkende Kuh. Noch mehr wie bisher – das hast du dir ja auch schon die ganze Zeit überlegt, du praktische Hausfrau ...« »Erich ... wer in solch einer Stunde an so etwas denkt ...« »Der hat Mann und Kinder zu Hause! Die wollen doch auch leben. Jeder will leben. Das ist ja auch bei mir der Fehler. Da ist so ein zäher Daseinsnerv – der wehrt sich – der will nicht aus Licht und Sonne weg ... trotz alledem!« Sie verstummten eine Weile. Dann sagte Erich von Wölsick: »Ich bin kein Bräutigam, wie er im Buch steht. Das siehst du! Aber es wird glücklicherweise von mir auch nicht verlangt! Es geht nun alles seinen Weg! Und es ist ein großes Glück, daß man es mit einem vernünftigen und guten Menschen zu tun hat. Denn das ist sie!« »Sophie Neerlage?« »Ja. Sie ist viel besser, als ihr alle glaubt! Eigentlich verdien' ich sie nicht. Aber sie versteht auch das! Sie versteht überhaupt alles! ... Merkwürdig, wie so ein Vater so eine Tochter haben kann! ... Nun ... du willst gehen?« »Ja. Kommst du nicht mit, zu uns?« »Nein! Grüße deinen Mann! Sag ihm, ich hätte mir jetzt seine alte Lebensregel zu nutze gemacht: ›ecce ego!‹ ...« »Was heißt denn das?« »Das heißt: ›Erst komm' ich!‹ ... Na ... gute Nacht, Helme!« Er schöpfte tief Luft, als sie, ganz verblüfft und verängstigt, in ihren draußen harrenden Wagen gestiegen war. In der Einsamkeit, mit sich allein, gewann er mehr Zuversicht für die Zukunft, als Aug' in Auge mit den Philistern. Es gab doch genug Menschen mit halber Lunge, mit kaputtem Herzen. Warum sollte man nicht auch mit einer brüchigen Seele alt werden können? Und schließlich auch wieder froh? So manche verzweifelten beim Tode eines lieben Angehörigen und gewannen im Lauf der Zeit die Ruhe wieder und unterschieden sich in nichts mehr von anderen Menschen. So würde auch er an Jakobe Ansold denken lernen, wie an eine Tote, wenn ihn das Leben neu umfing. Worte von Goethe gingen ihm durch den Sinn: »Stürze dich nur in das Fluten der Zeit, Ins Brausen der Begebenheit ...« und in der Weite würde ein Ton verhallen – ein Ruf – immer schwächer – nun ganz verstummend. Mehr als einer war dreimal gestorben und wieder auferstanden in einem kurzen Menschenleben. Es gab auch eine Anpassungsfähigkeit des Gewissens. Die heilte ... Und er sah ein Zukunftsbild vor sich: Seine Geschäfte auf der weiten Welt – seine rastlose Tätigkeit – seine hohen Einnahmen – seine glänzende Stellung. Und Sophie Neerlage dabei seine kluge, treue Gefährtin – und diese Vorstellung beruhigte ihn. Er war mit sich zufrieden – nicht ohne eine leise Angst, daß dem so war – er traute sich nicht ganz. Nun wollte er nur noch schlafen und vergessen. Er war völlig erschöpft von der durchwachten vorigen Nacht. Die Augen fielen ihm zu, fast ehe er sich noch niederlegte. Aber dieser totenähnliche Schlummer dauerte kaum ein paar Stunden. Dann saß er plötzlich aufrecht, mit starren ungläubigen Augen. Irgend jemand hatte gerufen: Wach auf! ... Es klang wie Jakobe Ansolds Stimme: Verrätst du mich immer noch? Wie oft wirst du's noch versuchen, bis du erkennst, daß du es nicht vermagst ... Und zugleich erfaßte ihn ein tödlicher Schrecken. Er hatte ein Entsetzen vor sich selber, der immer wieder sein Bestes verleugnete ... Es litt ihn nicht mehr in dem Bett. Er machte Licht und kleidete sich hastig an. Seine Hände zitterten dabei. Er kam sich vor wie ein verfolgter Verbrecher, zu dem jeden Augenblick die Häscher ins Zimmer treten konnten. Am liebsten hätte er geklingelt und Michael herbeigerufen. Aber was sollte er sagen, wenn der verschlafene Mensch erschien und ihn wie gewöhnlich nichtssagend und vielwissend zugleich anblinzelte? Er konnte ihm doch nicht von Jakobe Ansold reden! Ihn am Arm packen, ihm ins Ohr rufen: Jakobe Ansold ist von den Toten auferstanden. Da ist sie wieder! Alles vergeht, alles bricht, alles flutet dahin ins Nichts vor der Macht meiner Liebe, die nie stärker ist, als wenn ich sie unter die Füße getreten hab', die nie heißer lebt, als wenn ich ihr ihr Grab am tiefsten grub ... Er konnte es in seinen vier Wänden nicht aushalten. Er stürzte in den Flur und drehte das elektrische Licht auf und riß Hut und Pelz vom Haken. Die Schlüssel klirrten in seiner Hand, als er die Tore öffnete. Da stand er auf der Straße. Sein Atem ballte sich in Wolken vor seinem Gesicht, die eisige Luft kühlte ihm die Stirne, er schaute verwirrt um sich, als müsse er sich erst nachträglich besinnen, wie er hierhergekommen – dann irrte er in das Dunkel hinein, ohne einen Vorsatz. Er glaubte, ziellos durch die Nacht zu streifen, aber seine Füße trugen ihn von selber in der einen Richtung, den wohlbekannten Dornenweg, den er schon so oft gegangen. Und nun zum letzten Mal ... Er stand vor Jakobes Haus. Das lag still in der Nacht, das Portal geschlossen, alle Fenster ohne Licht – ein Haus, wie tausend andere in Berlin. Und es umfaßte doch sein ganzes Leid und Leben. In dem Haus war eine kleine Stube. In der war sein Schicksal. Und in anderen Stuben das Schicksal für andere – in den Nachbargebäuden – den fernsten Gassen der ganzen, großen Stadt. Überall war Sehnen und Bangen, unsichtbare Spinnwebfäden zwischen den Seelen, das Tropfen von Blut aus armen Herzen – still – zwischen Mitternacht und Morgen – als redeten die Steine in der stummen Nacht: Ein Weh ist auf der Welt. Und der Schmerz des einzelnen nur sein Gleichnis! ... Und in dieser Stunde fand Erich von Wölsick allmählich seinen Frieden – einen feierlichen und andächtigen Frieden – den letzten und einzigen, den es für ihn gab. Eine Läuterung kam über ihn. Ihm war, als fielen ihm Schuppen von den Augen, als lösten sich ihm die Schlacken von der Seele. Es war wie ein Erwachen aus einem langen schweren Traum. Nun sah er klar. Nun wußte er auf einmal, wohin er gehen mußte. Nicht sie, gegen die er gestern die Hand erhoben – er selber war zu viel auf der Welt. Für ihn hieß es Abschied nehmen von Sein und Sonne. Gebieterisch, dunkel, alles überschattend stand die Notwendigkeit vor ihm. Das war das große Aufatmen, die große Befreiung, der Verzicht auf alles, was menschlich war. Er fühlte sich über sich selbst hinausgehoben, reif für das Ende. Er hatte die Arme sinken lassen und den Kopf zurückgelegt. Lange stand er so da. Er war nie eine religiöse Natur gewesen. Aber was er jetzt dachte und fühlte, das war wie ein stummes Gebet. Er blickte über sich in die Höhe. Da war rauchige Berliner Nachtluft. Bäckerqualm auf den schneedämmernden Dächern, der schwere, trübe Brodem der Millionenstadt. Aber darüber funkelten die Sterne. Ewige Lichter glänzten droben am klaren, dunklen Firmament in einer tröstenden Milde. Ihr Anblick gab Ruhe. Und er sah von ihnen hinab zu dem Fenster, wo Jakobe Ansold war. Sie erschien ihm jetzt verklärt – allem, was Staub an ihr war, entrückt. Es war Reinheit zwischen ihm und ihr, ohne Rückstand und Bitternis. Es geschah, was sie gewollt. Sie sandte ihn in den Tod. Und er grollte ihr nicht – und nickte dem stillen Fenster zu – zum letzten Mal –: Leb wohl ... Dann ging er seines Weges zurück. Er schritt so rüstig aus, als es ihm die Mattigkeit im Bein erlaubte. Zu Hause brannte noch das elektrische Licht. Alles war so wie vor zwei Stunden und draußen noch tiefe Winternacht. Und er setzte sich an seinen Arbeitstisch und schrieb mit ruhiger, fester Hand an Sophie Neerlage. »Liebe Freundin! »Gestern nachmittag haben wir uns verstanden. Ich war entschlossen, den Weg zu gehen, den Sie mir gewiesen und für den ich so dankbar war. Ich fühlte auch die Kraft dazu – ein Stück von Ihrer Kraft – in mir. Aber in der Prüfung dieser Nacht ist die zerbrochen. »Wir wollten tun, was der Verstand uns riet. Aber unser Verstand ist ein armer Knecht. Im Hausbackenen des Lebens dient er uns treu. Der Sinn des Seins liegt tiefer. Zu dem dringt nur ein Ahnen hinab. Und dann erhellen sich unten in der Tiefe Notwendigleiten, wie die, der ich mich jetzt, ruhigen Blutes und ein Mann trotz alledem, beuge. »Haben wir beide die Reue bedacht, heute nachmittag? Nein – denn dann hätten wir es nicht gekonnt. Wir wollten uns ja retten, einer zum andern. Aber unsere Herzen sind zu wild. Die, denen wir dienen, unsere heimlichen Herren, lassen uns keine Ruhe. Die verlangen: Wir sollen keine anderen Götter haben neben ihnen. Die rächen sich schwer an uns. Sie mahnen: Wenn wir Toten auferstehen und euch fragen: wie habt ihr mit eurem Unterpfand von Schmerz und Sehnsucht gewuchert, das wir euch anvertraut haben, ob ihr nun wolltet oder nicht? – Dies Heiligtum einfach verscharrt? O pfui der Feigheit! Pfui der Lüge! Wir sind doch zwei Adelsmenschen, liebe Freundin, wir haben zeitlebens den Kopf im Nacken getragen und standen über der Herde – wir wollen uns jetzt nicht brechen lassen durch das bißchen Vernunft, so viel wir beide auch davon haben! »Liebe Freundin – Sie letzte, die ich auf dieser Welt noch zwischen Tür und Angel gefunden – es ist ein Mensch zu viel auf der Erde. Der bin ich. Es war wenig Gutes an mir. Und wäre ich so geblieben, so lebte ich noch lange. Aber es waren die Möglichleiten zu Gutem in mir. Und daß ich anfange, besser zu werden, ist mein Ende. Das Leben erzieht uns wirklich nicht immer zur Höhe hinauf. Im Gegenteil: es zertritt oft sinnlos seine eigenen Früchte. Und wir heißen Menschen. Heißen Schwäche. Müssen uns fügen. »Ich habe einen Strich unter Haß und Gunst gemacht. Es ist alles ausgeglichen. Nur eines fühle ich noch: Das ist die Betrübnis, daß ich Sie betrüben muß – Sie, die wahrhaftig anderen Dank von mir verdienen! Verargen Sie es mir nicht! Verzeihen Sie mir! Sie können es. Denn Sie sind ein großer und stolzer Mensch! Sie stehen hoch in Ihrer Einsamkeit. Und wenn die anderen im Chore mich verdammen, dann werden Sie schweigen. Denn Sie – Sie allein! wissen ja, wie's tut! Und wenn Sie sprechen wollen, dann sagen Sie ruhig und ungeschont das eine, was ich hier noch einmal niederschreibe und jeder hören darf: Ich gehe in den Tod, weil ich die Schuld, die ich jener anderen gegenüber auf mich geladen, nicht mehr ertragen und im Leben auf keine Weise sühnen kann! Ich habe meine Zuflucht bei Ihnen gesucht wie ein verfolgter Verbrecher an einer Freistätte. Sie hat mich auch dort gefunden! Sie richtet mich. Und mir geschieht recht! »Und wenn sich beim Gerede der Menschen auch in Ihnen der Unwillen über mich regt, so denken Sie, was Sie leiden. Dann wissen Sie, was ich litt, und doppelt litt durch eine Schuld, die Ihnen fremd geblieben ist. Dann wird Ihr Großmut siegen. »Noch einmal – verzeihen Sie mir! Erich von Wölsick.« Er steckte den Brief in einen Umschlag, adressierte den und legte ihn auf den Schreibtisch. Morgen vormittag wollte er den Diener damit in das Neerlagesche Haus senden. So war er hier dann ungestört. Er zog eine Schublade auf. Da lag der geladene Revolver, von Michael blank geputzt. Es war noch nicht die Zeit für die Waffe. Er mußte, ehe er ging, Jakobes Zukunft sicherstellen, soweit er Verfügungen über sein Vermögen treffen konnte. Das war er ihr schuldig. Dazu brauchte er die notarielle Bestätigung seiner Unterschriften. Die konnte er morgen nicht früher als etwa zwischen neun und zehn erhalten. Um ein Uhr war das Frühstück bei Neerlages. Die Zeit dazwischen war für ihn frei. Lange ging er im Zimmer auf und ab. Draußen vor den Fenstern verfärbte sich allmählich das tiefe Schwarz der Nacht in ein noch kaum merkliches Grau. Ein paar Arbeiter schlurften vorüber. Man hörte ihre halblauten Stimmen, dann das schläfrige Gerassel einer Gepäckdroschke – und wiederum war Stille. Da setzte er sich abermals und schrieb – ohne Anrede – oben quer über den Briefbogen stand einfach: »An Jakobe Ansold« und darunter: »am 31, Januar. Um fünf Uhr Morgens.« »Vorhin hab' ich Abschied von Dir genommen. Ich stand vor Deinem Hause. Es war zum letzten Mal. Nun komme ich nicht wieder. Dies ist das Ende. »Und in der tiefen Ruhe, die mich seit diesem Entschluß umgibt, hab' ich jetzt eben noch einmal in der Stille der Nacht all das überdacht, was uns zusammengeführt und getrennt und unser beider Leben zerstört hat, und es scheint mir, wenn ich vom verflossenen Sommer auf die Gegenwart zurückblicke, als wäre das wie eine Lawine gewesen, die ein Steinchen ins Rollen bringt, bis sie alles unter sich begräbt. Als ich damals, an dem heißen Mainachmittag, in meinem Hotelzimmer stand und schwankte, sollte ich überhaupt zu dem langweiligen Gartenfest einer kleinen Garnison gehen oder nicht, und es schließlich tat, weil ich wußte, daß man mir mein Ausbleiben wieder als Hochmut anmerken würde, da ahnte ich nicht, daß sich in diesem Augenblick mein Schicksal entschied. Da sah ich Dich ... »Und was dann folgte, das ist mir wie ein Sommertraum – die kleine Stadt – die heiße Sonne – der Duft der alten Linden vor Eurem Tor – der blaue See – und überall Du in Deinem weißen Kleide – überall Du. Und ich neben Dir. Und um uns etwas wie der Zauber eines fernen, fremden Landes. Man weiß: man kann nicht bleiben – bald geht die Sonne unter – nur die Erinnerung an ein wenig Schwermut, ein wenig Glück, ein wenig Weltverlorenheit nimmt man mit sich. Du warst ja nicht frei – Du hattest Mann und Kind – darum dünkte es mir nur wie ein Spiel voll Lächeln und Melancholie zwischen uns beiden, die einander nicht angehören konnten. »Und auch nicht wollten. Ich nicht. Ich mache mich jetzt um keinen Deut besser als ich bin, Jakobe. Hier schreibe ich schonungslos offen in letzter Stunde das Letzte meiner Seele nieder, die ich seitdem in verzweifelten Tagen und schlaflosen Nächten so zerwühlt und zerprüft habe, daß keine Faser meinem Blick entging. Als ich von Dir weg war, da gab es mir noch einmal einen Stich ins Herz. Das war, während ich in Ostende vom Bahnhof zum Dampfschiffe hinüberging und beim letzten Schritt auf der Holzbrücke den Boden des Festlandes hinter mir ließ. Da sah ich nicht das bunte Badegewimmel und die Hotels am Strand. Da sah ich Dich. Das war das erste sekundenlange Aufleuchten meiner künftigen Reue. Dann war alles wieder gut. Vor mir lag das weite Meer. Ich hatte ein Verbrechen begangen und wußte es nicht einmal. Ich hatte so harmlos und grausam gehandelt wie ein Kind. Und so egoistisch wie ein Kind. »Und Egoismus war bei mir auch das Erste, als Du wieder in mein Leben tratst. Ich war noch so eng, so unbefreit durch Dich, die nur langsam, zögernd und dafür unermeßlich tief in mir gewirkt hat, daß ich dabei nichts empfand, als Schrecken über Dich und Menschenfurcht vor den anderen. Bei denen störtest Du meine Zirkel. Und als das geschehen, da solltest Du mir wieder Nicht mehr sein als ein Werkzeug zur Vergeltung. Ich dachte es vielleicht nicht so. Wer trotzdem: mit einer Lüge auf den Lippen kam ich zu Dir und bot Dir meine Hand ... »Und da geschah das Unerhörte. Du wiesest mir die Tür! Da erkannte ich erst Dich ! da sah ich, daß ich, in halbem Spiel, einen Menschen befreit hatte, der weit über mich hinauswuchs, dessen Macht mich überschattete, der alles in mir wachrüttelte, was gut und schlecht war, bis zum Äußersten. Es war der Sturmstoß, der das Feuer in mir entfachte. Geglimmt hatte es wohl schon lange. Wie ich Dich seitdem bis zum Wahnsinn geliebt und mich in Liebe zu Dir verzehrt habe, werde ich Dir nicht wiederholen. Du hast es mir nicht geglaubt und wirst es mir nicht glauben. Du verlangtest einen Beweis. Es gibt dafür nur einen einzigen. Den soll mein letztes Opfer Dir jetzt erbringen! »Aber in einem hast Du mit Deinem Unglauben bis in die letzte Zeit hinein recht gehabt. In meiner Leidenschaft waren Schlacken – der Wille, zu besitzen – der Trotz, sich nicht geschlagen zu geben – ohnmächtige Wut über unbeugsamen Widerstand. – Das alles vereint mit dem Tiefsten und Heiligsten, was ein Herz zu empfinden vermag. »Diese Wahrheit warfst Du mir ins Gesicht, als wir uns zum letzten Mal Aug' in Auge gegenüberstanden! Ich war so wirr und wild, ich war so wie von bösen Geistern gehetzt durch meine Verzweiflung, daß ich Dich töten wollte, nur um der Stärkere von uns beiden zu bleiben. Was dann kam, war mir gleich! Ich dachte nicht daran. Vor Deinem Stolz, Deinen ausgestreckten Armen, sank meine Waffe in den Schmutz des Bodens, in den sie gehörte – in den ich gehörte. Es war das letzte Verbrechen, das ich an Dir begehen wollte – nein: ich machte gestern noch einen Versuch, Dich zu verraten, schon mit ermattender Kraft, dem Ende nah! – Dann lag das Fegefeuer hinter mir ... nun bin ich geläutert und endlich zum Frieden mit mir gekommen. »Es war das Werk einer Viertelstunde – da hab' ich mich im Aufblick zu Dir bekehrt. Es schien, als wäre das längst in mir lebendig gewesen und hätte nur stumm, mir selber unbewußt, geharrt, bis die Zeit sich erfüllte – bis all die Möglichkeiten niederer Triebe sich in mir bis zur letzten entwickelt und fruchtlos ausgegeben hatten. Da nahm es von mir Besitz. So hat Deine Nähe in letzter Stunde mich gesegnet und befreit. »Ich will nichts mehr von Dir. Ich spreche nicht mehr zu Dir! Ich sehe Dich nicht mehr. Ich liebe Dich nur noch, Jakobe – liebe Dich im Leben wie im Tod – ich liebe Dich mit meinem letzten Wort und Atemzug – ich liebe Dich hier auf Erden und – wenn es ein Jenseits gibt – drüben im unbekannten Land. Du bist mein Glück – Du bist der Trost, mit dem ich Abschied von dem Leben nehme – Du bist die Weihe über meinem Haupt – Du hast mich entsündigt – Du bist mir kein Mensch mehr, sondern eine Heilige. Ich bete in Dir das Unendliche und Ewige an, was die Welt erhält und wofür uns die Worte versagen – was wir nur ahnen, in den letzten hellsichtigen Stunden unseres Seins, wo wir halb nur noch Gäste auf unserem Planeten sind und eine Macht uns hinwegzieht in die Ferne – nenn es Liebe – Jakobe – ja – es ist die Liebe. Aber die reinste, die höchste. Du kannst meiner in Ruhe denken. Ich sterbe besser als ich gelebt – ich sterbe wegen Dir – in Dir – für Dich. Du bist mein Sein und Nichtsein, mein Anfang und Ende. Nimm mich hin ... »Aus dem Frühling ist Winter geworden, aus dem Spiel Ernst und Ende. Wie ich jetzt, vom Schreiben aufschaue, dämmert mir der Tag auf das Papier. Der letzte Tag. Heute vormittag habe ich noch beim Notar zu tun. Dann sei es erfüllt, ehe Du diesen Brief erhältst. Ich schreibe Dir nichts vor, ich äußere keinen Wunsch, ich hinterlasse Dir kein Vermächtnis an Pflicht – Du sollst so sein und leben, wie Dein Schicksal Dich entwickelt, und mich in der Erinnerung so sehen, wie Du mich sehen mußt. »Am besten ist es immer, zu wollen, was man muß. Ich muß Dir den Glauben an meine reinste, tiefste Liebe geben. Also will ich es, durch das einzige Opfer, das mir bleibt, das äußerste Opfer, das ein Mensch vermag. Ich bringe es nicht aus Reue, sondern aus Liebe! So fasse es auf und nimm meinen Gruß ...« Ein frostiges Zwielicht füllte das Zimmer, als Erich von Wölsick diese letzten Zeilen schrieb. Dann versah er den Brief mit Umschlag und Adresse und legte ihn zu dem anderen seitlings unter einen Briefbeschwerer auf dem Schreibtisch. Von da trat er zum Fenster und schaute hinaus in die langsam sich lichtende Welt, die grauen Häuser, die graue Straße, den grauen Himmel. Er fröstelte. Er war sehr müde. Er ging über den Flur und warf sich wie er war auf das Bett. Die Lider fielen ihm zu. Ihm schien, es seien nur wenige Minuten statt zwei Stunden vergangen, als Michael vor seinem Lager stand, ohne ein Zeichen der Überraschung darüber, seinen Herrn schon angekleidet zu finden, auf seinen glattrasierten, sorgenvollen Zügen, und ihm bei der Toilette behilflich war und das Frühstück auftrug. Auf dem Tisch lag ein resedafarbenes Billett. Ein Neerlagescher Diener hatte es vor einer Viertelstunde abgegeben. Sophies Mutter, die ja gestern nicht selbst bei der Verlobung dabeigewesen, schrieb noch ein paar liebenswürdige – vom verflossenen Abend datierte – Worte und wiederholte die Aufforderung ihres Mannes zum Lunch heute mittag – weiter nichts. Erich von Wölsick zerriß das bedeutungslose Blatt und trank im Stehen eine Tasse Kaffee. Dann sah er auf die Uhr. Es war bald Neun und Zeit, den Notar in seinem Bureau Unter den Linden aufzusuchen. »In einer Stunde bin ich wieder hier, Michael!« sagte er ruhig, nahm Pelz und Hut und verließ die Wohnung ... XII Die kleine altmodische Standuhr in Fräulein von Kritzings Wohnzimmer verkündete mit feinen Schlägen unter ihrem Glassturz die neunte Morgenstunde. Gleich darauf klang gedämpftes Läuten vom Hofe her, das Zeichen für die kurze Schulpause, und nach ihm das ferne hundertfache Getrippel und Gesumme, das von früh bis spät, Jahr um Jahr, den Grundton zu allem bildete, was in diesem Hause geschah. In dem kleinen Stübchen war es eine Weile still geworden. Es rührte sich nichts zwischen den altjüngferlichen, verstaubten Sächelchen, den vergilbten Photographien, den welken Blumensträußchen, den verschossenen Stickereien. Endlich sagte der General von Dolmar zu Jakobe, und seine Stimme zitterte dabei vor Zorn: »Jawohl, mein Kind ... so ist es! ... Und ich durfte dir diese angenehme Neuigkeit nicht vorenthalten ...« Er war mit seiner Tochter allein in dem Raum. Er hatte sie sich aus dem Schulgebäude im Hinterhaus holen lassen, wo Fräulein von Kritzing jetzt noch in ihrem Empfangszimmer einer Dame gegenübersaß, und fuhr fort: »Wie gesagt ... 's ist der reine Zufall! Ich thronte gestern abend ganz harmlos so gegen Zehn mit ein paar Herren bei Siechen – da erscheint der alte General Wiese, grüßt, setzt sich zu uns – alles ganz schön – du erinnerst dich: der lange, alte Knackstiebel, der immer den zugeknöpften schwarzen Gehrock trägt – na – und der hat doch seit seiner Verabschiedung so eine Art Vertrauensstellung bei Krupp oder ähnlichen Leuten – und der zieht mich nun mit einem Mal ein bißchen zu sich näher und sagt: Dolmar – im Vertrauen – ich möchte Ihnen was erzählen: Wir hatten heute eine Verhandlung mit einer Bankgruppe in der Tiergartenstraße – Stahlgeschichten – Lieferungsbedingungen – na – einerlei – und der Hausherr, der Generalkonsul Neerlage, war hochgradig zerstreut, was sonst nicht seine Schwäche ist, und wie er einmal gerade draußen war, um zu telefonieren, da sagte einer von den anderen Millionenonkel im Spaß: ›Dem geht der Schwiegersohn im Kopf herum!‹ und die anderen Kerle lachten und einer von ihnen, mein Nachbar, ein Dr. Schmidt von Wildenwarth, den ich leise frug, meinte: ›Na – vorhin hat sich Herr von Wölsick wieder hier im Hause gezeigt – zum ersten Mal seit langer Zeit – und auf morgen hat ihn der Alte ostentativ zum Frühstück gebeten. Wer die Verhältnisse kennt, weiß, was das bedeutet. Er heiratet die Tochter! ...‹ Der gute Wiese wollte mir noch mehr erzählen. Aber ich sagte ihm: Danke – danke! ich habe schon genug! ...« Der alte Herr drehte grimmig seinen weißen Schnurrbart und verstummte. Dann hub er wieder an. »Vielleicht war es eine Dummheit von mir, Jakobe, dir in aller Herrgottsfrühe so mit der Türe ins Haus zu fallen. Aber ich dachte mir: Du erfährst es ja doch brühwarm von irgend woher – durch anonyme Briefe oder eine giftige Anspielung – dann schon lieber durch mich – nicht wahr?« Und wieder nach einigem Zaudern setzte er hinzu: »Leicht ist's mir nicht geworden. Das kann ich dir gestehen. Ich war recht böse auf dich. Bin's noch, mein Kind! Mit Recht! Aber wenn ich mich zu sehr über meine Nächsten geärgert hab', dann geh' ich des Sonntags in die Kirche. Das ist eine alte Angewohnheit von mir. Die hat mir deine gute selige Mama in den ersten Jahren unserer Ehe beigebracht. Na – und nun das letzte Mal in der Garnisonkirche – da hat mir der Bonze doch höllisch ins Gewissen gepredigt ... mit der Faust hat er auf die Kanzel geschlagen ... ausgerechnet gerade die Stelle: Wer unter euch ohne Fehl ist, der hebe den ersten Stein! ... Ich hatte das helle Wasser in den Augen, wie ich hinausging ... Und bei der ersten Gelegenheit – na ... sie ist ja traurig genug ...« Er brach ab und seufzte. Er hatte gehofft, nun würde auch Jakobe einmal reden. Aber sie saß schweigend da. Sie ließ sich nichts anmerken, was in ihr vorging, und er schloß: »Ich bin ohne Schuld! Ich habe dir genug geredet und geraten: Sei nicht verblendet! Setze dich nicht zwischen zwei Stühle! Aber dir darf ja niemand helfen! Nun siehst du, wie recht ich hatte ...« »Wie recht ich hatte, Vater ...« Ihre Stimme klang tonlos, aber fest. Sie fuhr fort, mit trockenen Augen ins Leere schauend: »Ich wußte es: was er mir auch sagte, es war eine Lüge!« »Und ich lauf' nun herum und sag' mir vor: Der verfluchte Kerl will deine Tochter nicht! – Will ... deine ... Tochter ... nicht! ... Und ich muß das 'runterschlucken, ich hatte ja immer noch gehofft ... Ich bin doch nun mal ein vereidigter, alter Sanguiniker ... nein – was zu viel ist, ist zu viel ...« Jakobe Ansold blickte stumm vor sich hin. Ihr Vater beugte sich vor und faßte beinahe weinerlich ihre Hand. »Ach, Kindchen ... da sitzt du nun wieder und schweigst! Immer schweigt sie sich aus, wenn man bei ihr anklopft! Ich fürchte, den richtigen Schlüssel zu dir hat keiner. Der ist verloren gegangen und liegt irgendwo auf dem Grund vom Meer.« »Das mag wohl sein, Vater!« »Kann man denn gar nichts für dich tun?« »Laßt mich nur ruhig meinen Weg gehen und sorgt euch nicht um mich ...« »Aber jetzt, wo dich dieser Schlag getroffen hat ...« Sie sah befremdet zu ihm auf. Ihr Gesicht war blaß, aber ruhig. »Glaubst du denn, er kommt mir unerwartet? ...« »Ja – aber was soll denn nun geschehen, Jakobe?« »Was soll denn weiter geschehen? Herr von Wölsick ist ganz frei. Durch meinen eigensten Willen. Er kann tun und lassen, was er mag. Ich darf ihm keinen Vorwurf machen und wende den Kopf nicht zurück!« »Wenn du das aushältst, Kind! ... Am Ende überschätzest du deine Kraft! Es ist ja unmenschlich, was du dir zumutest! ... Das verträgt keiner!« »Ich trag' es schon!« Sie war aufgestanden. Mit einer unwillkürlichen Bewegung warf sie den Kopf in den Nacken und sagte hart: »Ich habe alles ertragen! Ich beuge mich auch jetzt nicht, vor diesem Letzten nicht! ... Er wird nie über mich siegen! Verstehst du? ... Ich werde immer ein Mensch neben ihm bleiben oder über ihm! ... Was er auch tut, es macht mich nur stärker!« Es war eine Pause. »Weißt du etwas, Jakobe!« sagte der alte Herr endlich nachdenklich, immer noch ihre Hand in der seinen haltend. »Ja?« »... Ich hab' dich eigentlich nie recht gekannt! ... Ich glaube: Du bist einer der stolzesten Menschen, die mir je in meinem langen Leben begegnet sind ...« »Hoffentlich!« Vater und Tochter sahen sich schweigend an. In diesem Blick kamen sie sich näher als mit allen Worten. Er drückte fest ihre Rechte: »Na ... ich dank' dir! Nun bin ich auch ruhiger! Von dir geht Kraft aus, Kind! ... da können zehn Männer was lernen! ... Ihr Frauenzimmer habt einen Heroismus im Leiden ... brauchst du noch was? ... kann ich noch irgendwas für dich besorgen?« »Nichts, Vater!« Er küßte sie und ging. Rasch. Denn er konnte seiner Bewegung kaum mehr Herr werden. Jakobe schloß die Türe hinter ihm und setzte sich wieder in den Lehnstuhl am Fenster. Und nun brach sie doch plötzlich zusammen, wo niemand sie sah. Sie bedeckte ihr Gesicht mit den Händen, sie stöhnte auf in einem Schauer unendlicher Verlassenheit. Und als sie sich tiefaufatmend mit nassen Augen emporrichtete, da hatte sie nur den einen Drang: Fort von hier! ... Gerade jetzt! ... Sobald wie möglich! ... Ihr schien, als würde sie von nun ab die Stunden zählen müssen, die Tage, bis sie endlich das Schiff in Bremen besteigen konnte ... Ihr Auge verlor sich in der Ferne und schweifte dann wieder zu der Straße unter ihrem Fenster hernieder. Drei Stockwerk tief ging es da hinab. Und jäh zuckte der Gedanke durch ihre Seele: da unten wimmeln die Menschen, die Wagen – wie manche würde in einer anderen, kleinmütigeren Verzweiflung als der meinen hier oben stehen, nachdem sie das erfahren! Die würde es tun: ein Sprung – ein Sturz – ein dutzendfacher Aufschrei in der Tiefe – die Pferde vor der schönen Herrschaftskutsche, die da vor dem Hause hält, bäumen sich und scheuen – die Menschen stürmen herbei – das wäre eine blutige Morgengabe für einen Brautstand – eine schreckliche Rache – Und gleich darauf schüttelte sie mit einer kurzen Bewegung des Kopfes das finstere, feige Bild von sich ab. Sie sprang auf – sie streckte die Arme aus – die Augen geschlossen, Willenshärte um die zusammengepreßten Lippen – nein – sie lebte, ihre Seele war nicht umsonst durch den schwersten Schmerz frei geworden. Für sie gab es nur ein Heiliges auf der Welt: die Treue gegen sich selbst. Im Flur draußen klingelte es und es entstand ein Stimmengewirr. Sie horchte auf. Fräulein von Kritzing konnte das nicht sein. Nein. Es war die Magd. Sie sprach mit einer Fremden. Der Wortwechsel näherte sich der Türe. Die öffnete sich fast zugleich mit dem Klopfen. Eine elegante, schlanke, Jakobe unbekannte Dame stand auf der Schwelle. Sie hatte ein Blatt in der Hand und schien atemlos vom raschen Treppensteigen. Sie ging auf Jakobe zu, sicher und bestimmt, trotz ihrer offenbaren Erregung, und frug schnell: »Habe ich die Ehre, Frau Ansold? ...« »Ja ...« »Verzeihen Sie bitte mein formloses Eintreten, gnädige Frau! Aber es handelt sich um Minuten. Mein Name ist Sophie Neerlage. Sie wissen nicht, wer ich bin!« »Doch. Ich weiß es!« »Wieso?« »Jetzt eben hab' ich es gehört ...« Den Bruchteil einer Sekunde sahen sich die beiden jungen Frauen in die Augen. Dann versetzte die Besucherin: »... Was haben Sie gehört?« »... Daß Sie seine Braut sind! ...« »Das bin ich nicht! Nicht mehr! Sonst wäre ich nicht hier! ... Und nun, gnädige Frau, es steht sein Leben und Ihr Lebensglück in dieser Viertelstunde auf dem Spiel: Sie haben ihn abgewiesen, weil Sie nicht an seine Liebe glaubten?« »Ich weiß nicht, mit welchem Recht Sie mich ...« »Antworten Sie! ...« »Ja, das tat ich!« »Hier geb' ich den Beweis des Gegenteils in Ihre Hände! Diesen Brief an mich! Lesen Sie ihn. Rasch, die Minuten sind kostbar! Haben Sie ein Telephon?« »Ja. Im Flur!« Sophie Neerlage drückte der anderen das zerknitterte Blatt in die Hand. Dann eilte sie an den Apparat und rief Amt und Nummer. Sie sprach, obwohl sie vor Erregung zitterte, sehr klar und deutlich: »Wer ist dort? ... Der Diener Michael, mit dem ich vor einer Viertelstunde von zu Hause sprach? – Ihr Herr ist noch nicht zurück? Gott sei Dank! ... Nun hören Sie schnell ... ich hatt' es vorhin vergessen: Das Leben Ihres Herrn hängt davon ab: Nehmen Sie sofort seinen Revolver an sich, und wenn Herr von Wölsick heimkommt, dann tun Sie genau, wie ich Ihnen schon vorhin telephoniert hab', gehen Sie ihm nicht von der Seite! Wenn er Sie fortschickt, sagen Sie, ich hätte Ihnen befohlen zu bleiben! Wenn er Ihnen droht, lassen Sie sich nicht erschrecken! ... Halten Sie ihn nur die kurze Zeit hin ... Was wimmern Sie? Sie getrauten sich nicht? ... Heulen Sie nicht. Mann! Ich komme gleich selber! Ich bin schon unterwegs! ...« Sie trat in das Zimmer zurück. Dort stand Jakobe Ansold, mit einer Hand auf die Tischplatte gestützt, in der anderen den Brief. Sie konnte kein Wort sprechen. Sie blickte halb geistesabwesend Sophie Neerlage an, und die sagte: »Da haben Sie den Beweis – den einzigen und größten, den er Ihnen hinterlassen konnte! Denn er wollte wahrhaftig nicht, daß ich das Blatt jetzt schon in der Hand hab'. Es ist die Schuld seines Dieners, der aus Dummheit das Klügste tat, was möglich war. Wenn wir jetzt eine Viertelstunde Vorsprung und ein wenig Glück haben ... Kommen Sie rasch! Stehen Sie nicht so da, gnädige Frau ... da ist Ihr Hut ... da ist Ihr Mantel ... Verzeihen Sie, wenn ich Sie am Arm nehme. Mein Wagen wartet unten!« Auf den Stufen des Hausaufganges kam ihnen Fräulein von Kritzing entgegen und sagte, starr vor Verblüffung: »Was ist denn los? So antworte doch, Jakobe! ... Guter Gott ... Sie ist ja wie eine Nachtwandlerin. Sie tastet sich ja bloß am Geländer herunter ... Wo bringen Sie sie denn hin ...?« Und Sophie Neerlage sagte in ihrer entschlossenen, jeden Widerspruch abschneidenden Art: »Wohin sie gehört! ...« Sie hatte den Arm um Jakobe gelegt und half ihr in den Wagen. Zugleich rief sie dem Kutscher zu: »Nun vorwärts, Richard! ... Zu Herrn von Wölsick, so schnell Sie können! Aber so, daß uns kein Schutzmann aufschreibt! Sonst verlieren wir wieder Zeit!« Dann sprang sie selber hinein und setzte sich neben die andere, und die Equipage flog, lautlos auf den Gummirädern zitternd, durch die Straßen. Pfeilschnell glitt an ihren Scheiben das winterliche Alltagsbild Berlins vorbei – die langen, nüchternen, schnurgeraden Häuserlinien der Friedrichstadt – die ewig gleichen Grünkramkeller und Eckdestillen und Zigarrenlädchen, die bimmelnden Straßenbahnen, da ein plötzliches Brausen und Tosen – der Potsdamer Platz. Und von seinem Geräusch erweckt, sah Jakobe Ansold auf und sah wirr um sich. Ihr war, als hätte sie die ganze Zeit geträumt. Sie war willenlos. Jetzt zum ersten Mal in ihrer langen Leidenszeit. Sie war in fremder Hand und fühlte keine Kraft zum Widerstand, nur eine dumpfe, furchtbare Angst: Wir kommen zu spät ... Und von der gleichen Besorgnis gejagt, öffnete Sophie Neerlage das Fenster und schrie dem Kutscher oben mit lauter Stimme durch das Wagenrasseln zu: »Schneller, Richard! ... Es ist schon beinahe Zehn ... auf der Normaluhr drüben!« Zugleich hörte man von vom einen Peitschenschlag. Der Wagen erhielt einen Ruck und schoß mit verdoppelter Geschwindigkeit vorwärts. Ein Schutzmann schrie etwas hinterdrein – oder war es ein eilig zur Seite springender Straßenfeger – ein grober Baß vom Bock antwortete – schon verhallte es – nur die acht Hufe klapperten in wirbelndem Takt auf dem Asphalt der Königgrätzer Straße. Und plötzlich kam Jakobe Ansold etwas zu sich und sah mit großen Augen ihre Begleiterin an und frug endlich tonlos: »Warum tun Sie denn das?« »Was denn?« »Wie kommen Sie dazu, sich meiner anzunehmen!« »Sie sind ein Mensch wie ich! Und eine Frau wie ich!« »Aber damit helfen Sie doch ihm! ...« »Hoffentlich!« »Und er hat Sie doch gekränkt – beleidigt ... er gibt Ihnen sein Wort zurück ...« »Nun – und? ...« »Das vergilt man doch nicht mit Gutem!« »Liebe, gnädige Frau! Habe ich bisher auch nur mit einem einzigen Wort von mir geredet?« »Nein!« »Nun sehen Sie! ... Wie ich den Brief bekam, da sagte ich mir: Hier sind zwei Menschenleben in Gefahr! Das ist die Hauptsache, dein eigenes Bißchen spricht da gar nicht mit! Du bist schon mit ganz anderen Dingen im Leben fertig geworden!« Sie brach ab. Es zuckte um ihre Lippen. Nach einer Weile setzte sie hinzu: »Ich trag' auch mein Päckchen durchs Leben – glauben Sie mir!« Sie fühlte eine Berührung. Jakobe Ansold hatte leise ihre Hand auf die ihre gelegt, und nun wandte sich Sophie Neerlage ganz zu der jungen Frau und sagte: »Wir kennen uns nicht und werden uns nicht kennen und sind heute zum ersten und letzten Mal im Leben beisammen. Sie fragen mich, woher nehm' ich die Kraft, ein bißchen selbstlos zu sein? Die Kraft hab' ich eben daher, woraus Sie die Ihre bisher hatten – aus dem, was nicht sein soll! ... Ich will Ihnen nur das eine sagen: Ich kenne einen – seit Jahren – Wenn der mein Mann wäre, wäre ich glücklich. Und wenn er mich sieht – wir sehen uns viel zu oft – dann lacht er und erzählt mir von seiner Frau und seinen vier Buben! Und ich lache mit über seine Ahnungslosigkeit!« Wieder spürte sie den Druck von Jakobes Hand und schloß: »Aber nun genug! ... Was liegt an mir! Mich kann der, zu dem wir fahren, um kein Haar reicher oder ärmer machen als ich bin! ... Der ist für Sie! Ich kenn' mein Los ...« Sie schwieg und schaute vor sich hin. Für einen kurzen Moment war sie mit ihren geistigen Augen weg von Berlin, drüben in Wannsee, aber nicht vor dem Hause ihrer Eltern. Dicht daneben prunkte eine andere Villa – der Name: » Dr. ing. Schmidt von Wildenwarth« stand am Gitter des Parkes. Innen spielten die Kinder ... Und deren Vater ging oft von dort hinüber zum Nachbar, dem Generalkonsul. Aber er trug jedesmal eine dicke, schwarze Mappe unter dem Arm. Er kam nur in Geschäften. An etwas anderes hatte er noch nie gedacht, wenn er die Schwelle der Neerlages überschritt ... In der Schneeluft war ein Glanz von goldenen Kuppeln – das Reichstagsgebäude – ein bronzener General stand da zwischen Sphinxen und Panthern – Bismarck – und Sophie Neerlage richtete sich auf und sagte ruhiger: »Gleich sind wir da! Ich denke, wir erreichen das Haus noch vor ihm!« Jakobe Ansold erwiderte nichts. Aber sie ließ ihre Hand nicht aus der der anderen. Eng aneinander gerückt wie zwei Schwestern legten sie den Rest der Fahrt zwischen Leben und Tod zurück. Dann hielt der Wagen. Sophie Neerlage sprang zuerst heraus und eilte die paar Stufen zur Haustüre empor. Die war offen. Michael stand in ihr. Seine gewohnte, bekümmerte Ruhe war von ihm gewichen. Als der kleine, schmächtige Mensch Sophie Neerlage erblickte, glänzte ein Schimmer der Erleichterung über sein Gesicht. Und sie frug rasch, noch von unten: »Herr von Wölsick zurück?« »Noch nicht, gnädiges Fräulein!« »Sie wissen auch nicht, wo er bleibt?« »Er muß jeden Augenblick kommen!« »Gut!« Sie reichte Jakobe die Hand und führte die Willenlose mit sich die Stufen hinauf und in die Parterre« Wohnung, deren Türe der vorausgeeilte Michael aufstieß. Und auf ihn weisend sagte sie zu ihrer Begleiterin: »Wenn alles noch gut endet, dann ist der da sein Lebensretter! Er hat heute morgen eine Riesendummheit gemacht ... Gott sei Dank ...« »Gnädiges Fräulein ... ich dachte ...« »Ja. Sonst gibt's regelmäßig ein Unheil, wenn Ihr zu denken anfangt! Aber diesmal schlägt's hoffentlich zum Glück aus ...« »Gnädiges Fräulein ... ich glaube ... den Fehler hätte jeder begangen! Wo doch der Diener des Herrn Generalkonsul zufällig gerade da war und ich sah den Brief an das gnädige Fräulein unter dem Briefbeschwerer liegen ... da kam ich doch natürlich auf die Idee ...« Sophie Neerlage hörte Michael nur halb zu. Sie blickte in dem Zimmer umher. »Da lag der Brief? ... Auf dem Schreibtisch? ... Unter der Sphinx? Und da ist noch ein anderer! Er ist an Sie adressiert, gnädige Frau. Er gehört Ihnen! Lesen Sie ihn, ehe er kommt! dann wissen Sie noch mehr, als ich armer Helfershelfer Ihnen sagen kann!« Sie drückte Jakobe die engbeschriebenen Bogen in die Hände. Und die tat mechanisch, was man ihr geheißen. Sie begann zu lesen. Ihre Finger zitterten, während sie Blatt um Blatt umschlug, ihre Lippen bewegten sich, als flüsterten sie lautlos mit, was ihr Auge überflog – sie sah und hörte nichts mehr von der Außenwelt. Und inzwischen stand Sophie Neerlage einige Schritte abseits von ihr, um sie nicht zu stören, und schaute sich in dem Zimmer um, das so seltsam in Ordnung war. Alles aufgeräumt und eingepackt wie beim Antritt einer großen Reise. Wider Willen überlief sie ein leiser Schauder vor der Nähe einer unsichtbaren, dunklen Macht, die schon halb von diesem Raum und seinem Bewohner Besitz ergriffen hatte ... Da hörte sie ein schweres Aufatmen. Jakobe Ansold hatte den Brief zu Ende gelesen. Sie legte die Hand über die Augen. So lehnte sie stumm an der Wand. Und endlich flüsterte sie – es rang sich erschüttert aus ihrer tiefsten Seele: »Ich hab' ihm Unrecht getan ...« »Wie er zuvor Ihnen!« Sophie Neerlage war von neuer Angst ergriffen. Sie klingelte und frug den eintretenden Michael: »Wo bleibt denn nur Ihr Herr?« »Ich weiß nicht, gnädiges Fräulein!« »Können Sie nicht einmal den Rechtsanwalt antelephonieren, ob er noch dort ist!« »Das hab' ich schon! Der Bureauvorsteher hat eben geantwortet, er wäre vor zehn Minuten weg!« Und beinahe zugleich machte der Diener freudig mit dem Arm eine Bewegung nach dem Fenster: »Da kommt der gnädige Herr!« Erich von Wölsick ging langsam über den Fahrdamm auf sein Haus zu. Er stützte sich leicht auf einen Stock, sein Gesicht war düster und bleich, seine Haltung aufrecht wie immer. Er schaute vor sich zu Boden. Sophie Neerlage faßte Jakobe an der Hand. »Kommen Sie ins Nebenzimmer. Ich will zuerst mit ihm sprechen!« Während sie über die Schwelle traten, rasselte draußen im Flur der hastig in das Schlüsselloch gestoßene Drücker. Michael war seinem Herrn entgegengeeilt. Er stotterte vor Aufregung: »Gnädiger Herr ... eben ist ...« Und da hörte man Erich von Wölsicks Stimme: »Michael! Ich habe Sie nicht gefragt!« Er hatte Zylinder und Pelz abgelegt und war in sein Arbeitszimmer getreten. Von dort aus sagte er über die Schulter zurück mit einer bei ihm ungewöhnlichen Sanftmut, aber doch bestimmt: »Michael ... ich beobachte seit einiger Zeit, daß Sie sich das Schwatzen angewöhnen! Kaum komm' ich nach Hause, so überfallen Sie mich jedesmal mit tausend Dummheiten! Ich bin dazu gerade heute gar nicht in der Laune. Ich will nichts mehr hören!« »Aber ...« »Still!« Er ging zum Schreibtisch. Plötzlich schrie er auf. »Michael ...« »Ja, gnädiger Herr!« »Wo sind die Briefe ... die beiden Briefe, die hier lagen ... unter der Sphinx ... links in der Ecke ...?« »Die Briefe ...« »Michael – um Gottes willen ... Sie haben sie doch nicht etwa frankiert und in den Kasten gesteckt ...?« »Aber gnädiger Herr ... das tu' ich doch nie ...« »Gott sei Dank.« Erich von Wölsick murmelte es. Er war immer noch ganz fahl von nachträglichem Schrecken und stützte sich auf die Tischkante, so zitterten ihm die Knie. Dann frug er ungeduldig: »Aber wo haben Sie sie denn hingelegt? Sie sollen doch nichts anrühren! Das könnten Sie doch wahrhaftig wissen!« »Gnädiger Herr! ... Der Brief an Fräulein Neerlage ...« »Jawohl! der lag zu oberst!« »Deswegen las ich beim Abstauben unter dem Briefbeschwerer die Adresse. Und wie heute früh nun der Diener von Frau Generalkonsul Neerlage kam und das Billett an den gnädigen Herrn brachte, da dachte ich, es ist am einfachsten, ich spare nachher einen unnötigen Gang und gebe ihm den Brief an Fräulein Neerlage gleich mit!« »Und das haben Sie getan?« »Ja, gnädiger Herr!« »Und Fräulein Neerlage hat den Brief? ... seit Stunden?« »Ja, gnädiger Herr!« Erich von Wölsick taumelte. Er fuhr sich mit der Hand an die Kehle, wie um sich Luft zu schaffen. Dann keuchte er: »Hinaus! ... Auf der Stelle! ... Ich muß jetzt gleich ... Kommen Sie nicht wieder, bis Sie etwas von mir hören! ... Lassen Sie niemanden vor ... verstehen Sie ... niemanden, wer es auch sei ...« »Ich bin schon da!« sagte Sophie Neerlage. Sie stand zwischen Tür und Angel. Er prallte zwei Schritte zurück und sah sie ungläubig mit schreckensgroßen Augen an. Michael schlüpfte aus dem Zimmer. Es war ein schweres Schweigen. Dann sagte Erich von Wölsick gebrochenen Tons: »Verzeihen Sie mir! ... Es ist das Schlimmste, was mir noch widerfahren konnte. Dieser elende Mensch ist daran schuld!« Sophie Neerlage zuckte die Achseln. »Schelten Sie ihn nicht! Das Schicksal hat oft blinde Werkzeuge! Gerade wenn es uns gut gehen soll! »Das kann ich in diesem Fall nicht finden!« »O doch!« Sie schauten sich an. Dann versetzte er finster: »Sie werden mich nicht hindern, es zu vollbringen! Gerade jetzt, wo der Verdacht einer schmählichen Komödie ...« »An die glaubt niemand, der Sie kennt! Aber es wird nicht mehr nötig sein, Herr von Wölsick! Sie haben nun genug gelitten und Ihr Teil abgebüßt ... Sie sind jetzt da, wo Sie von Anfang an hinsollten, ohne es zu merken! Und Frau Ansold auch ...« Er zuckte beim Klang dieses Namens aus ihrem Munde zusammen, und sie fuhr fort: »Wenn es auch von beiden Seiten ein Dornenweg war – es ist doch gut, daß man sich schließlich in der Mitte trifft ...« Er lachte bitter auf. »Welche Macht der Erde brächte sie wohl zu mir!« »Dies Wunder hab' ich schon getan ... Gehen Sie einmal – oder – halt – geben Sie mir vorher Ihre Hand!« Sie ergriff sie, da er betroffen zögerte, und schüttelte sie kräftig. »Wir wollen vorher voneinander Abschied nehmen, als gute Kameraden – ohne Groll im Herzen ... so ... und für immer ... und nun, Herr von Wölsick, gehen Sie da hinein!« Er verstand sie nicht. Er warf einen fragenden Blick auf sie. Aber er setzte doch unschlüssig den Fuß über die Schwelle. Da stand Jakobe. Er starrte sie an. Er glaubte nicht an sie. Er wagte sich nicht in ihre Nähe. Ein, zwei Sekunden waren, in denen man nur das Ticken der Wanduhr auf dem Kaminsims hörte. Dann machte sie, ihn anschauend, eine kaum merkliche, fast hilflose Bewegung mit den Händen. Sie breitete sie ein wenig auseinander. Es war wie ein einfaches: Da bin ich! ... Da schrie er auf und stürzte auf sie zu. Und sie ihm entgegen. Sie konnten sich nicht mehr zurückhalten. Das Zimmer hallte wider von zwei erstickten, abgebrochenen Rufen. Sie hatten sich umschlungen. Sie vermochten nicht zu reden. Sie raubten einer dem andern den Atem, so preßten sie sich aneinander und suchten zwischen Weinen und Lachen ihre Lippen. Sophie Neerlage ging leise aus dem Gemach. Draußen war der Alltag. Grämlicher Winternebel lastete über der Straße, wo ihr Kutscher langsam die dampfenden Pferde auf und ab fuhr. Sie winkte ihm und stieg ein. »Nach Hause!« sagte sie. Dann lehnte sie sich in die Polsterecke und legte den Kopf zurück und schloß die Augen, während der Wagen rasch mit ihr davonrollte, in das unbestimmte Grau hinein, das ihr die Sonne verhüllte ... Die beiden anderen hatten nicht auf sie geachtet. Für sie gab es keinen dritten Menschen mehr. Sie standen stumm und hielten sich umschlungen. Jakobe lehnte ihr Haupt an seine Schulter. Es war ganz still um sie. Und in ihnen das ewige Hohelied der Seelen: Ob wir leben oder sterben, so sind wir der Liebe ...