Paul Wertheimer Respektlose Geschichten   Amalthea-Verlag Zürich • Leipzig • Wien [1930] Inhalt Helenas Heimkehr Der verzauberte König Der Kreuzfahrer König und Dichter Der steinerne Gast Der unechte Goethe Erlebnis vom Gardasee Helenas Heimkehr (Eine homerisch-offenbachische Phantasie) An einem Frühlingsmorgen voll unendlicher Heiterkeit fuhr ich zum erstenmal dem griechischen Gestade entgegen. Von Korkyra herüber winkten Myrten, Lorbeer und Oliven in zarter, weißschimmernder Reihe, während das Gebirge dahinter, von Wolken des Donnerers Kronion umhüllt, ernsthaft in das hingeträumte Blau des Himmels tauchte; darüber in rötlichen Abendschleiern die Sonne Homers. All die reisigen und lieblichen Gestalten, Götter, Helden und herrliche Frauen, schwebten aus dem Schilf, durch das sich eben das Heck knirschend drängte, zu mir herüber. Ich lag am Strand und blickte in das stille veilchenfarbene Meer, und meine Gedanken taumelten lichtfroh wie drüben die weißen Falter um das Bild einer fernen, ungetreuen und lockenden Frau. Da rauscht' es im Schilf und ein gar wohlgestaltetes Paar hob sich aus dem in der Dämmerung weinfarbig dahinfließenden Gewässer. Die Frau glich an Haltung und Wuchs völlig einer Unsterblichen; sie war umweht von einem silbrig-grün glitzernden Schleier, und um die wundersam gewölbten Lippen spielte das ambrosische Lächeln. Ich erkannte sie sogleich: es war Helena. Neben ihr dieser 6 breitschultrige Held, das konnte kein anderer sein als der leider gehörnte Gemahl, der Rufer, auch im Ehestreit, Menelaos. Nur trug er zu meinem Erstaunen das braungelockte Haar, das ich mir bei dem verwilderten Krieger immer ein wenig wirr und zottelig gedacht hatte, sorgsam, beinahe in der weichlichen Art seines Rivalen, des Stutzers und Entführers Paris, geglättet und mit Nardenöl gesalbt, auch hielt er im Arm statt des ingrimmigen Schwertes eine goldene Leier, die man desgleichen bisher immer dem Paris angedichtet. Der Otternhelm und das schwärzliche Wolfsfell aber, das die mannhafte Brust des Menelaos decken sollte, flatterte seltsamerweise um die zarten Schultern des feinen Prinzen Paris, der hinter dem stattlichen Paar einhertrottete, demütig und verschämt, als fehle ihm etwas Wesentliches. »Noch immer ein dreieckiges Verhältnis, auch nach der Heimkehr Helenas zu dir, dem männermordenden Menelaos?« fragte ihn unhomerisch mein Blick, dabei hab' ich gewiß bereits ein wenig offenbachisch geschmunzelt. »Wir drei«, begann jetzt der lockenumwallte Held Menelaos, »das ist eine ganze, sehr seltsame Geschichte. Keines Sängers Mund hat sie bisher gekündet, auch nicht des Blinden, der die Wunder deiner Schönheit, o Helena, den Menschen verlockend offenbarte. Denn keiner hat es bedacht, um wieviel leichter der völkerverschlingende Menelaos Troja bezwungen, als dich, o Helena, wieder erobert hat.« Und Menelaos erzählte, zuweilen die Leier 7 schlagend und den Göttern dankend, erzählte die Frühlingsnacht hindurch, bis die Morgenröte rosenfingrig erwachte. Alle Götter und Göttinnen stiegen aus der Flut der Nacht und des Meeres und lagerten sich zuhorchend im Kreise. Vater Zeus, der ja Ehegeschichten immer gerne vernimmt, neigte sich neugierig und schmerzlich seufzend, in Gedanken an die lilienarmige Here, aus dem Nebel. Die silberfüßige Thetis schnellte mit den Delphinen im Mondlicht aus der Tiefe, sogar der alte, graubärtige Okeanos selbst rauschte mit seinen Töchtern, den Nereiden und Nymphen, aus den weichen, im blauen Glanz sich wiegenden Wellen verwundert herauf. * Menelaos aber erzählte also: »Das hochtürmige Troja, die trotzige Feste des Priamos, war endlich gesunken. Krachend barsten die Mauern, schreiend, die eschenen Speere und Fackeln gewaltig schwingend, stürmten die Achaier in die Stadt durch das siebenfach gespaltene Tor. Jetzt wollten sie endlich den Lohn für so viele durchwachte, sorgengraue Nächte, für Tage, die vom Blut troffen, heimtragen – Beute und Weiber. Wie ein Sturm stürzten all die Helden in die schreiende, aufprasselnde, um Erbarmen winselnde Stadt: Ajax, der finster blickende Diomedes, das buntgefleckte Pardelvlies mächtig um die Schultern geworfen, als erster mein Bruder, der stürmende Völkerfürst Agamemnon mit dem erbarmungslosen, elf Ellen langen Speer; hinter 8 den Führern raste das Volk, schildgewappnete Männer. Sie alle tobten zum marmorhalligen, goldenen Palast des Priamos hin, eh' er völlig in den Flammen zerbarst. Sie schleppten Helme und genabelte Schilde aus den Rüstkammern, purpurne Gewebe und Gewänder aus den Frauengemächern. Die Frauen aber, die flehend, den Säugling hochhebend, ihr Knie umfaßten, schleiften sie mit nichten, nach der Sitte der Barbaren, bei den gelösten Locken in ihr Zelt. Sie faßten diese vielmehr, wenn sie hold und rosenwangig waren, behutsam an der Hand und führten die Mägdlein, die Freude des Lagers mit ihnen zu teilen, in die liebe Heimat. Nur ich, o Fremdling, um dessen erlittene Kränkung dieser männermordende Kampf entlodert war, stand abseits vom Getümmel, knirschend vor Schmerz und dunkler Wut. Linde Sehnsucht und tobendes Feuer mengten sich mir in der Brust wie im Mischkrug Wasser und glühender korynthischer Wein. Heute mußte diese Frau, die vor zehn Jahren mit allen Schätzen aus meinem Hause geflohen war und meine Treue mit unendlicher Schmach gelohnt hatte, meinem Willen sich beugen und meiner strafenden Hand. Hätte ich sie an diesem Tage im Gemach des weibischen Verführers« – er lächelte verächtlich zu Paris hinüber – »unter Linnen und Decken verborgen, ängstlich geschmiegt, angetroffen, – ich gleiche nicht den Barbaren, o Fremdling, aber ich hätte sie, den hungrigen Schmerz zu sättigen, mit diesen Händen erdrosselt. Darum riet mir 9 Odysseus, der stets Besonnene: ›Heute darfst du ihr, edler Menelaos, noch nicht in das männerbetörende Antlitz sehen. Wo die Feldschlacht am wildesten heulte, auf dem Blachfeld, an der Buche vor dem skäischen Tor, errichte ein Zelt. Zier' es mit blutigen Kriegstrophäen, bedecke den Estrich mit stierhäutigen Schilden und stacheligen Brustwehren und gebiete ihr furchtbar von deinem erzenen Thron. Du selbst umschirme dein wildlockiges Haupt mit dem Otternhelm, daß der Helmbusch, entsetzenwehend, auf und nieder walle. Die Brust aber sollst du mit dem zotteligen Wolfsfell umgürten, dem kein Feind jemals zu trotzen wagte. Ich will inzwischen Helena für dich mit allen Schätzen fahen. Demütig gehüllt in ihren Schleier, soll sie, das schuldige Haupt zur Erde gebeugt, zitternd dein Zelt betreten, soll, die Ehrlose, Pflichtvergessene, dein Knie umklammern und von dir, dem bitter gekränkten Gemahl, Verzeihung erfleh'n. Sühne soll dir aber vor allen hier versammelten Völkern werden. Ich sammle, während sie deinem Zorn gegenübertritt, alle Fürsten, alle Führer, alle Scharen. Und wenn ich dich drin so ungestüm toben höre, wie es sich geziemt, zerschneid' ich die Schnüre des Zeltes. Die Wände fallen – und alle Völker werden es schauen, und treulosen Frauen für immer ein warnendes Vorbild, in die entfernteste Heimat verkünden: wie Helena vor Menelaos kniete. Jenem Paris aber, den ich gefesselt in das Zelt schleife‹, so riet Odysseus, ›renne dann sogleich deinen unerbittlichen Speer in seinen 10 üppig gesalbten Nacken. Helena aber soll dir als deine Magd in die Heimat folgen, soll die Fliesen des Palastes scheuern, soll für dich Wasser aus dem Quell schöpfen, um deine Füße zu netzen‹.« Durch die strengen Schleier der Nacht lugte jetzt ein erstes vorwitziges Mondesflimmern. Oder war es das tändelnde, fast ein wenig spöttische, launische Lächeln Helenas? Menelaos, der völkerverschlingende Held, fuhr aber, in der Erinnerung tiefaufseufzend, fort: »Ich umschirmte also mein wildlockiges Haupt mit dem Otternhelm, daß der Roßbusch fürchterlich wallte, und umgürtete mich mit dem Zottelfell. So schritt ich vor dem rasch errichteten Zelt zweimal zwölf Stunden, mich nur von meinem Grimm nährend, wie ein zorniger Tiger, bevor er das Lamm zerreißt. Es war ein Frühlingstag wie dieser. Der tauige Lotos, der buntfarbige Krokus, die lockern Sträuße der Hyazinthen blühten aus der blutgedüngten Erde gar lieblich um die aufgeworfenen, noch immer rauchenden Totenhügel. Der Skamandros rauschte traurig, weil Ilions Feste dahingesunken, zum hügeligen Strand durch die blumige Au. Meine Gedanken aber schwärmten wie Bienen zu dieser süßduftenden Blume, die mein Fuß zertreten sollte: Helena. Einstweilen schritt ich aber, sehr finster blickend, vor dem Zelt auf und nieder, bis zwei zarte Jünglinge, von Odysseus als Herolde gesandt, mir verkündeten: nun sei die Stunde nah, ich möge, den Zorn sammelnd, im Zelt verweilen. 11 Zugleich wehte als Bote des Zeus der leichthin schwebende Zephir heran und meldete mir Helenas Nahen. Er trug aber auch den Duft vom Krokos und von den Hyazinthen herüber und wollte mein Herz einwiegen. Da vernahm ich plötzlich ein staunendes, fragendes Murmeln wie von Tausenden rings um das Zelt. ›Helena! Helena!‹ scholl es die erzenen Reihen der Männer hin, bis alle Rufe jäh verstummten. Und Helena betrat das Zelt. Ich saß starr, den Augenblick erwartend, da sie meine erzumschienten Knie, um Vergebung flehend, berühren würde. Die Augenblicke rollten hin, mein Herz pochte wild – ich wartete noch immer, sah zürnend nieder –, und sah Helena mir gegenüber im hellen, kunstreich durchwirkten Gewand, golden wie Aphrodite selbst gegürtet, wunderbar umduftet; ihre Gestalt, der Artemis gleich, lächelte durch die verhüllenden Schleier. Und fast umschattete mich Nacht, mich, den Helden, den hochgepriesenen, den Sieger im Faustkampf, im Wagenrennen, im Bogenschießen, im Speerwurf; ich fühlte, wie mein Szepter schwankte und der Roßbusch, so tief neigte ich mich, um durch den Schleier zu spähen, beinahe zur Erde niederknickte. Sie aber kam gar lieblich einhergeschritten und lächelte unschuldsvoll, als wäre sie erst gestern bei mir gewesen, mit keineswegs demutgebeugtem Nacken hinweg über Menelaos, ihres Gebieters, wehrhaften Zorn. ›Wo sind‹, hubst du, o Helena, damals an, noch 12 weiß ich jedes deiner Worte, ›wo sind meine Dienerinnen, die geschmückten und festlich gekränzten? Ich bin es gewohnt, hundert schön gegürtete Jungfrauen in meinem Gefolge zu sehen.‹ Also sprachst du, o Helena, während dieser Paris hier mit gekräuseltem Haupthaar im duftigen Leibrock sein Schicksal erharrte. ›Man soll dir die hundert Jungfrauen zum Geleit nicht weigern‹, murmelte ich – Aphrodite selbst lenkte meine Worte. Du aber frugst, wiederum lächelnd, weiter: ›Ist mir auch das duftige Bad mit Narden und köstlichem Gewürz wie im Palast des Priamos bereitet, die Wanne, schön geformt und edel geglättet?‹ ›Wir haben‹, versetzte ich finster, ›im Lager der Helden hier keine schön geglättete Wanne. Wir springen in den Scamandros, um den göttlichen Leib zu baden.‹ ›Soll etwa auch Helena in den Scamandros springen?‹ erwidertest du, o Göttergleiche, und deine Stimme ward wie der Klang der Flöte des Apollon. ›Vielleicht hat Agamemnon, der Männertöter, solch ein fremdes, köstliches Gerät?‹ Und ich, der die Ehebrecherin hatte richten wollen, saß mit dem Otternhelm und dem zotteligen Wolfsfell bekümmert da, weil mir die Götter für mein treuloses Weib keine schön geglättete Wanne verliehen hatten. Du aber, o Helena, sprachst mit heiterer, aller Ehrfurcht entbehrenden Anmut die geflügelten Worte: 13 ›Dafür haben sie dir ein garstiges Wolfsfell umgehängt. Du gleichst ja einem Untier des Waldes. Also gefällt man wohlgehegten Frauen gar übel. Sieh nur, wie Paris dort prangt mit zierlich gesträhltem Lockengekräusel, sorglich gefälteltem Leibrock, buntgeriemter Sandale und dem glänzenden, schön gefärbten Fingernagel?‹ Wie mir nun Paris, der müßige Weichling, Sieger nur im Frauengemach, zum Muster gestellt ward, da schüttelte mich schwarze Wut. Ich erbebte. Die Augen traten mir wie dem donnernden Berglöwen aus den Höhlen. Ich riß aus der Scheide das Schwert, mit dem ich zehntausend trojanische Frauen mit einem Streich so oft zu Witwen gemacht hatte, um damit des Paris gekräuselten Kopf vom gesalbten Nacken zu trennen – aber da – meine Kraft versagte. Helena hatte mit dem ambrosischen Finger das wilde Gelock meines Hauptes berührt. ›Helena‹, schrie ich jetzt auf, ›du weißt, daß du meine Sklavin geworden bist, daß ich die verletzte Treue mit deinem Tod strafen könnte. Ich gewähre dir das Leben, ich erhöhe dich zu meiner Gattin, aber entschleiere mir dein Angesicht – –.‹« Nun flammte Helena, die bisher lächelnd abseits gestanden, jäh aus ihrer dem kühlen Meere gleichen Ruhe auf: »Ich aber rief dir zu, o Menelaos: noch bin ich deine Gattin nicht! Mit dieser spitzen Nadel durchbohr' ich mich selbst, eh' ich mich einem fremden Mann entschleiere. Mich soll keiner, auch nicht der Mann, dem ich einstmals vermählt wurde, 14 in seine Arme zwingen, wenn es nicht die Lockung der Aphrodite gebietet – und meine schimmernde Nadel, die ich im Gürtel verborgen hielt, zuckte jäh durch die Nacht.« »Da schrie ich« – fuhr Menelaos fort – »in bleichem Entsetzen auf: ›Töte dich nicht! Zerstöre nicht diesen Leib, um den dich die schönhüftige Artemis selbst beneidet! So fleh' ich dich an: laß mich unverhüllt dein Antlitz schauen! Ich reiße dir den Schleier vom Angesicht . . .‹ Ich entrang ihr den Dolch, zerrte ihr den Schleier vom Haupt, mein Schrei des unbändigen Verlangens, des gekränkten Stolzes, der entfesselten Raserei gellte durch das Zelt – und ich sah Helena hüllenlos wieder . . . nach zehn Jahren. Und ich erkannte jetzt, daß keiner der kunstformenden Götter ein herrlicheres Werk in Erz oder Marmor gebildet hatte. Verzeihung erflehend umklammerte ich, Menelaos, der gewappnete, Schrecken vor sich herbrausende Held, die Knie meines treulosen Weibes. Da – ein Schnitt wie von einem Schwerte, – die Schnüre des Zeltes glitten nieder und im Schimmer der ersten Abendröte stand Helena da, in blendender Nacktheit, in schleierlosem Glanz vor der Versammlung der Fürsten, vor den um das Zelt gescharten Völkern. Nun sahen alle, denen durch zehn Jahre kein achaisches Frauenbild geleuchtet hatte, die Leuchtendste, mir zurückerobert, in ihrer Mitte – und der gleiche Schrei rasender Begierde gellte aus den Reihen der Zehntausend, die nach 17 ihrer Schönheit dürsteten. Vom Himmel herab aber donnerte der nämliche bewundernde Schrei aus dem Munde Kronions. ›Folge mir jetzt, o Helena‹, rief auch ich mit donnernder Stimme im aufstrebenden Stolz, daß die Götter meinem Lager ein solches Weib erlesen hatten, ›folge mir in das vielrudrige Schiff, daß ich dich mit allen Schätzen heimbringe.‹ Aber da lief es wie ein Sturm durch die Reihen der Krieger, wie eine Mauer standen sie. Odysseus selbst, der listenreiche, der diesen unbedachten Rat gefunden – wie wenig kennt er, o Fremdling, das Herz des Weibes –, der unbezähmbare Diomedes, der eiserne Ajax, sogar der greise Nestor, alle hoben drohend gegen mich die erzenen Speere und schüttelten grausig die Schwerter. Thersites, der höckrige Zwerg mit dem Geierschnabel, krächzte durch die gleich der Meeresbrandung aufrauschenden Völker. ›Dir gehört sie nicht mehr zu eigen, Menelaos. Wir alle, Mann für Mann, haben um sie vor Ilion gestritten, sie war der Kampfpreis für uns alle, das Los entscheide, wem Zeus sie bestimmt! Warum sollte sie nicht mein Lager schmücken, warum nicht das des Nestor? Wir weichen nicht von diesem Zelt, wir wollen das Herz an ihrem Anblick erlaben Tag für Tag. Dir aber, o Völkerhirt Menelaos, gehört sie nimmer!‹ Und das Erdreich wankte vom Getöse der Völker, die alle, ihre Schilde schüttelnd, Beifall dröhnten. 18 Inzwischen war die Nacht mit hyazinthenen Schwingen herabgesunken, und ermattet von der blutigen Arbeit des Tages zogen sich unsere Scharen gegen ihre Zelte, Feuer und Schiffe hin, am fernsten Rande des Schlachtfeldes im Schutz unseres Mauerwalles. Nur die Zepter tragenden Fürsten standen noch immer regungslos in der Runde, den Blick durch das blaue Dunkel auf Helena geheftet. Keiner strebte, als hielte ihn ein Zauber fest, in das Feldlager zurück. Ja, die Verwirrung meiner Gefährten, seitdem sie dich, o Helena, zum ersten Male hüllenlos geschaut, war so gewaltig, daß keiner mehr nach seiner Heimat, nach Arkadiens Hainen, nach dem weinumlaubten Mykenä, nach dem felsigen Ithaka und nach dem eigenen Weibe Verlangen trug. Agamemnon begehrte nicht fürder seine Klytämnestra zu schauen – o hätte ihn sein Schicksal niemals auf hurtigem Schiff heimgetragen –, Odysseus selbst mochte seiner harrenden Penelope entraten, am hartnäckigsten begehrte aber der angerunzelte Nestor hier zu verharren. Wie festgewurzelt stand er zu unserer Verwunderung da, in unerschütterlicher Ruhe. Er war der Vogelzeichen kundig und hatte aus einem über das Feld schwärmenden Wachtelzug ersehen: das Los habe gerade ihm Helena bestimmt. So standen sie vor meinem Zelt und dachten nur eines; an Opferschmaus und den Wein im Mischkrug dachten sie nicht. Allein der alles bändigende Schlaf, den Zeus vom Himmel träufelte, bezwang endlich auch ihre von 19 dem schönen Frauenbilde trunkenen Seelen. Nun nahte ich dir, o Helena, und sprach – weißt du es noch – dich mit Zagen anredend: ›Regt sich in deinem Busen keine Erinnerung, keine Träne, kein Seufzer?‹« »Und ich erwiderte dir«, unterbrach ihn Helena mit flötender Stimme: »›Nahst du mir, Held Menelaos, nicht fordernd, sondern werbend, wie es sich ziemt, so will mich freundliches Erinnern umflattern. Denn wisse: die Gunst der Aphrodite wird nicht durch das Klirren siegreicher Waffen und Reden, sondern allein durch Zartheit der Sitte gewonnen. Ilion hast du bezwungen, aber Helena noch nicht. Dazu bedarf es nicht des Befehls, sondern schmeichelnder Bitte. Aber vielleicht ist auch uns die Stunde der Aphrodite nicht allzu ferne. Denn mich dünkt, du bist ein Mann, und dieser‹« – sie maß Paris, der sich noch immer zu schämen schien, mit Hohn – »›schwätzt nur feige. Er hat wahrlich Strafe verdient für die Kränkung, die er dir, meinem Gatten, bereitet. Drüben am andern Ufer des Skamandros, nahe dem Tempel des Apollon, hat mir Paris den schönsten, von einem weithin schattenden Fichtenbaum umrauschten, jetzt vom Feuer noch unberührten Palast gebaut. Paris selbst soll uns den Weg dahin weisen. Dort wollen wir auf weichem Lager bei Saitenspiel und holder Speise die Zukunft bedenken. Paris selbst soll uns in seinem eigenen Hause bedienen; das wird seine Strafe sein.‹« 20 »Ich stieß dem Paris, den ich zu töten bisher übersehen hatte, die Ferse in den geschmeidigen Leib, und mein Herz jauchzte, daß er selbst nun zur Strafe mich und die mir geraubte, in Schönheit schimmernde Frau durch die Reihen der auf dem Boden schlummernden Gefährten in seinen wollüstigen Palast geleiten mußte. Ich hielt das Schwert in der nervigen Rechten, gewillt, den Frechen, wollte er sich zur Flucht wenden, sogleich niederzurennen. * Im Palast des Paris, nächst dem Tempel des Phöbus Apollon, schien seltsamerweise alles bereits gerüstet, einen Gastfreund zu empfangen. Auf glänzenden Tischen standen köstliche Speisen und doppelte goldene Becher, und in den Kammern lagen duftende Gewänder geschichtet. Da erfreute sich mein Herz an zierlicher Rede, und Paris mußte uns die Speisen reichen und den Wein im Kruge mischen. Und wenn er unwirsch blickte, zuckte mein Schwert. Er schlug die Leier und mußte es ruhig dulden, wie Helenas Blick immer vertrauter auf meinem Nacken ruhte. Schon wollte ich sie zu meinem Lager ziehen, das Paris uns mit Ingrimm gar wohlig bereitet hatte; aber da schlüpfte sie durch meinen Arm und ich verstand jetzt, daß die Stunde der Aphrodite für uns noch nicht gekommen sei. Und als sie, den Blick nach mir zurückwendend, in ihre Kammer glitt, rief sie helltönig lachend: ›Töte den Paris nicht, laß 21 dich vielmehr von ihm in der Kunst und Anmut, zu sitzen und dich vor mir zu neigen und mir wohlzugefallen unterweisen.‹ Und so fand mich die Frühe mit Erröten, wie ich mir von Paris, den ich lieber mit dem eschenen Speer durchrannt hätte, das braune Gelock flechten, wie ich mich von ihm salben ließ mit dem Öl der Narden und wie ich die Laute zu schlagen, seinen Tanzschritt und manche der Helena wohlgefälligen Artigkeiten im Dienst der Aphrodite erlernte, die ich bei den Mägden im rauhen Feldlager längst vergessen hatte. Und wisse, o Fremdling, am Morgen trug ich Bart, Locken und Leibrock gleich ihm, dem Verführer Paris, während er sich töricht mühte, in meinem Wolfsfell wie ein Mann, wie Menelaos – ihr zu gefallen – einherzuschreiten. Solche Verwirrung hat Helena auch nach dem Fall Trojas noch immer angestiftet. Als ein Mann habe ich mich alsbald bewährt, und so durch Mut und zarte Sitte, nicht durch das stürmisch geforderte Recht des Gatten, endlich die Gunst und stete Treue der Allerholdesten gewonnen.« Helena schien, völlig versunken in Erinnerungen, jetzt allmählich unachtsam geworden; sie streifte mit dem rosigen Finger über die ölglatte Flut, die lockend und mit geheimnisbangen Stimmen sich raunend um ihren Arm schmiegte. Und wie man über eine Laute fährt, streifte sie mit dem neckischen Füßchen – während der Gatte ihre Treue rühmte, 22 die sie ihm seit damals immer bewahrt – leise, ganz leise meinen Schuh. Doch Menelaos merkte, selig eingesponnen, glücklicherweise nichts, sondern erzählte weiter: »Während ich am Morgen noch mein Haupthaar glättete, vernahm ich rings um die Mauern des Palastes dunkles Getümmel. Da standen sie, gekeilt, das ganze Heer der Achaier, Mann um Mann, Helm an Helmbusch, die Schilde zum Angriff vorgestreckt. Die tobende Feldschlacht schien abermals vor dem Palaste des Paris entflammt, Ilion noch einmal und noch ingrimmiger belagert um Helenas Schönheit willen. Und da sie auf der Mauer erschien, stürmte wieder aus den Kehlen der Zehntausenden über das Schlachtfeld hin der Schrei des Verlangens: ›Helena! Helena!‹ Als ich aber, die Wut der rasenden Gefährten zu stillen, mich selbst auf der Mauer zeigte, empfing mich drohendes Gemurmel, ein praller Feldstein flog mir entgegen. Erschreckt floh Helena in das innerste Gemach, immer und wieder sausten die Steine der Belagerer. Da sprang ich, ihren göttergleichen Leib beschützend, vor, während sich Paris winselnd unter die Decken des Lagers verbarg. Und jetzt, o Fremdling, inmitten von Blut, Fackeln und Getümmel sollte uns die Huld der Aphrodite nahen – erst nach Trojas Untergang hab' ich Helena durch andere Waffen besiegt und für immer heimgeführt. Dies aber ist also geschehen: die Achaier, meine verwirrten Genossen, taumelten, Helena zu ergreifen, 23 in das Gemach; ich bot ihren Geschossen und Steinen, Helena zu schirmen, die Brust dar. Ein Stein flog heran, traf mein Knie und streifte Helenas Stirn. Blutend sank sie zusammen, und mein Herz jammerte laut: denn ihre Schönheit, bisher nicht von irdischer Art, sondern völlig den Unsterblichen verwandt, war jetzt durch dieses Wundmal auf der Stirn den Menschen gleich geworden. Aber, o Zeichen der Götter: wie ein marmornes Bild, vom Hauch der Aphrodite belebt, plötzlich zu erwarmen, sich lieblich zu regen und holde Zwiesprache zu pflegen beginnt – so war auch mit Helenas Wesen die Wandlung geschehen, als ihm die makellose Schönheit genommen ward, die Sterblichen nicht ungerächt von den Göttern beschieden ist. Schweigend wandten sich die Gefährten, die keine lichtschimmernde Göttin fürderhin erblickten, sondern das Stöhnen eines wunden Weibes vernahmen, zu den schwärzlichen Schiffen, jeder zum lieben Lande der Väter. Helena aber zog mich in ihre Kammer und hier feierten wir, als ich die Wunde mit geduldiger Hand selbst geheilt, das Hochzeitslager. Nun führte ich nicht Helena, die Göttin, sondern das sorgende, durch meine Tatkraft und männliche Milde nun erst neu für immer eroberte Weib in mein Haus nach Lakedaimon. Zuweilen, wie heute, schlendern wir noch, alter Zeiten gedenkend, am Meeresstrande. So ist sie zu mir heimgekehrt, in unwandelbarer Treue.« 24 »Bist du dessen völlig gewiß?« fragte ich behutsam, da ich wieder in diesem Augenblick ganz deutlich ihr Füßchen spürte. »In unwandelbarer Treue« – und er lachte breit und bewußt. »Und warum begleitet dich Paris noch immer? Du hast ihn nicht durchrannt mit dem eschenen Speer? Fürchtest du nicht, Helena könnte sich ihm wieder zuneigen?« Da lächelte Menelaos: »das würde ihm wenig frommen; ich hab' ihn nicht mehr zu fürchten. Denn Odysseus, der Listenersinnende, gab mir, eh' ich Paris dauernd in mein Haus aufnahm, wo er uns zu seiner steten Strafe das Brot reichen und das Lager bereiten muß, einen Rat, einen sehr weisen Rat – und ich gehorchte ihm.« Paris blickte sehr säuerlich in der Erinnerung des Peinlichen, das ihm damals widerfahren war, und Helena seufzte schalkhaft. Ihr Lachen flog noch einmal, wie zum Abschied verklingend, über die morgendlich klare Flut, die jetzt der Kiel meines Schiffes schäumend zerteilte. 25 Der verzauberte König In der altberühmten Stadt Toledo, die an dem schroffen Granitberg wie ein Geier an einem schwarzen Felsen hängt, herrschte gedämpfter Jubel. Alfonso, der Eisenharte, hatte sich eben zu seinen Vätern versammelt, und Alfonso, der Huldreiche, der Sonnenliebling, wie das Volk ihn sogleich nannte, unterzog sich bereits der Mühe, mit Grandezza den ererbten Thron zu besteigen. Er saß im innersten gold- und perlengeschmückten Gemach des Alkazar zwischen kühlplätschernden Fontänen und blickte bald auf das künstliche Linienspiel der Mosaiken, bald auf die mit Tulpenstickereien bedeckte Wand und auf die weichen, maurischen Teppiche, in denen jedes freche Geräusch des Tages demütig erstarb. Zuweilen murmelte er Gebete, zuweilen aß er eine Orange. Einmal dachte er, wie hübsch es wäre, wenn er den Empfang der Granden und die Thronrede, die im Nebengemach sein Beichtvater, der Großinquisitor Don Pedro, verfaßte, erst hinter sich hätte. Dann dachte er gar nichts, sondern saß nur mehr da, erhaben und schweigsam. Da ward von unsichtbarer Hand der schwarzsamtene Vorhang, bestickt mit Sonne und Sternen, den Abzeichen Kastiliens, zur Seite geschoben, und Don Pedro im scharlachenen Mantel betrat die jedem verwehrte Schwelle. 26 »Worüber sinnst du, o König?« begann der Inquisitor, nachdem er die vorgeschriebenen dreiundeinhalb Schritte nach vorn und dreiundeinhalb nach rückwärts erledigt hatte. »Du hast dich« – und er blickte auf die Orangenschale – »durch Gebete für deine entsagungsschwere Sendung gestärkt. Nun bedenkst du wohl, wie du dein Volk alsogleich beglücken wirst. Es erwartet viel von dir und hat dich schon den Huldreichen genannt. Darum muß ohne Verzug ein Werk geschehen, das die um Alfonso, den Eisenharten, trauernden Gemüter erfrischt und aufrichtet.« »Wie war' es, Pedro«, meinte der Huldreiche und ein heiterer Schimmer überflog seine gespannten Züge, »wenn wir dreihundert Hexen verbrennen ließen?« »Damit hat dein Großvater seine fünfundzwanzigjährige, weithin gepriesene Herrschaft eröffnet. Darum heben wir lieber diese Kurzweil für deinen Geburtstag auf. Heute weiß ich Besseres, Ergötzlicheres – die Juden.« »Die Juden. Nicht übel. Das lenkt immer ab.« Und der König lächelte sonderbar. »Welche Ergötzlichkeit bereitest du also vor, Pedro: Willst du sie in die Synagoge zusammentreiben und diese anzünden lassen? Fürwahr, nicht übel. Besonders wenn man Freiheit gibt, inzwischen ihre Häuser zu plündern.« »Das natürlich, aber Blut würd' ich widerraten. Wir schwächen sonst die Wirkung des großen Stiergefechtes. Wie wäre dies – wenn du sie aus deinem gottgesegneten Reich noch in dieser Stunde weisen ließest? Heute, am Fest des 27 ungesäuerten Brotes, sollten sie durch das Stadttor wandern, die Söhne Abrahams mit ihren langen Bärten und Locken, ihren Schaufäden, Gebetriemen und Thorarollen.« »Und wie ergötzlich ist ihre Sprache und ihr Gehaben, wenn sie aufgeregt sind« – bemerkte der König; es lächerte ihn schon die Vorstellung. »Deine Untertanen würden hinter ihnen Purzelbäume schlagen vor Vergnügen, und Alfonso, der Sonnenliebling, wäre auf allen Lippen. Vernimm des Volkes Jubel selbst« – und er wies ihn an das Fenster zwischen krausem maurischen Rankenwerk. Ein ungeheures Jauchzen ward, immer heller aufsteigend, über dem Hof mit den in der Sommerhitze glühenden Granatäpfeln vernehmbar. »Hast du denn, Pedro, dem Volk bereits –? Du wagst viel, Priester!« »Ich habe noch mehr gewagt, um Alfonso, eh' er vor die Großen seines Reiches tritt, zuvor mit einem munteren Spiel zu erheitern. Ein Rabbi, Zauberer und Wundertäter, über dessen Gebärden und Reden du wieder die Gnade haben wirst zu lächeln, o König, will sich dir vor die Füße werfen, um Schonung zu erbitten für seine – Juden. Dort vor dem Tor, wende dein Angesicht hin – er will in den Alkazar – er stößt die Trabanten fort – aber sie sticheln seinen Bart mit den Lanzen – –.« »Man bringe ihn her, den Mauschel«, gebot der Sonnenliebling. Zwei Pagen in Schwarz und Gold flogen durch die Arkaden, alsbald stand Rabbi Baruch Zaimon 28 vor dem Herrn der beiden Kastilien, vielmehr lag er vor ihm auf dem Marmor, die Fliesen mit den Spitzen des ehrwürdigen Prophetenbartes fegend. »Ich habe bereits von dir vernommen, Rabbi. Du verrichtest seltsame Wunder- und Zauberwerke, dich preist dein Volk.« »Um meines Volkes, um des geknechteten Israel willen bin ich gekommen, zu erflehen dich allein –.« Der Inquisitor verschwand auf ein Zeichen, und Alfonso betrachtete den Rabbi, unbewegt, doch immer eindringlicher belustigt. Denn Zaimon sprach jetzt, da er in Eifer geraten war, mit den Händen, weißen, wohlgebildeten Händen, die sich von den schwarzflackernden Augen und dem blassen Antlitz fast geisterhaft abhoben. Dazu ging die Rede bald in einen eigentümlichen, wiegenden, breiten Sing-Sang über, bald sank sie tief, bald stieg sie hoch und immer höher. Sie schien sich zu kräuseln gleich dem Gelock des Rabbi; eine drollige Gewohnheit der Gesten und des Sprechens, die er sich angeeignet, lustwandelnd im Talmud, in den blühenden Gefilden der Haggada und dem Gedankengestrüpp der Halacha. Den König kitzelte dieses leidenschaftliche Redegekräusel wie mit Pfauenfedern. »Welche Sprache«, dachte er, »ich sterbe vor Vergnügen, das sollten meine Granden hören.« »Rette, rette«, steigerte sich der Rabbi. »Ist dir nicht gegeben von Gott die Macht zu retten, daß du sollst retten? In deinem Reich, Gott soll es lassen blüh'n tausend Jahr, haben wir gefunden Frieden. Nun sollen wir wieder 29 ziehen, zieh'n sollen wir und warum?« klagte und sang Zaimon immer beweglicher. Alfonso lächelte nicht mehr, er konnte nicht länger widerstehen, sein Lachen brach plötzlich aus. Da erzürnte sich der Rabbi: »Ich weiß, warum du geruhst zu lachen, großer König. Weil ich nicht spreche kastilianisch rein. Wer ist aber in Schuld? Ihr! Weil wir sind abgeschieden gewesen unter uns so lange. Weinen sollt' man, nicht lachen. Sind wir nicht gewesen unter euch ein treues Volk, haben wir nicht gezinset für euch, geblutet für euch?« Der Rabbi fuchtelte immer lebhafter, und der König ward sichtlich immer vergnügter. »Du willst also nicht widerrufen deinen Befehl? Wir müssen zieh'n?« »Eure Sprache und Gebärden sind uns und unserem Volk ein Ärgernis«, und Alfonso winkte ihm gelangweilt hochmütig ab. »So soll es mir doch vergönnt sein, dich zu segnen, großer König« – jetzt lächelte der Rabbi unbemerkt – »daß Gott soll dir geben alle Weisheit Salomos, daß du sollst meiden das Böse und lieben das Gute« – er wiegte den Kopf hin und her – und der Huldreiche neigte zu ihm das frisch gesalbte Haupt, über dessen Stirn jetzt der Rabbi dreimal mit gleichförmiger Bewegung und merkwürdigen Zeichen strich. Den König schläferte es mit einemmal. »Das sollte die Infantin –« murmelte er noch und war bereits eingeschlafen. Der Rabbi aber, ihn emsig streichend, sprach beschwörend also: »Alfonso, du großer König, wenn du wieder aufstehst und 30 wandelst, sollst du reden wie ich, über den du hast so gelacht, bis man wird mich zurückrufen, zu lösen von dir den Bann. Wann werd' ich ihn lösen? Bis du wirst sein ein gerechter König.« Sprach's und verschwand, die blassen Hände noch einmal hochhebend, hinter einer Reihe kichernder Damen mit weitgebauschten, perlenübersäten Ärmeln und Kavalieren mit breitgefiederten Hüten und flatternden Mänteln, die jetzt, um die Thronrede zu vernehmen, den Saal füllten. Der König war inzwischen erwacht und schaute betroffen um sich, als sehe er noch die Gestalten eines verschwindenden Traums: heimatlose Männer, von Haus und Herd gewiesen, Frauen, die Kinder demütig um sich geschart, ein grauer, gebückter Zug, der sich klagend das Felsenbett des Tajo entlang zur beschneiten und zerklüfteten Sierra hinauf bewegte. Nun erstieg Alfonso entschlossen die Stufen des Throns – schaute zu dem Himmel aus Goldstoff empor und begann: »Meine Völker! Wir, Alfonso, durch Gottes Gnaden Herr der beiden Kastilien, versichern euch unserer väterlichen Huld.« Die Damen knixten steif, und die Toledanerklingen schwirrten mit Macht aus den Scheiden. Aber plötzlich – das hatte der Alkazar noch nicht erlebt – schlug die Stimme des huldreichen Alfonso um. Sie kräuselte sich, sang und stieg hinauf, immer höher, bis sie völlig der des Rabbi Zaimon glich, ja, sie übertraf diese hundertfach durch den furchtbar deutlichen Tonfall. »Ihr seid 31 gekommen zu mir«, sagte der König, »mit vertrauendem Gemüt. Nun, was soll ich euch sagen? Ihr werdet zahlen eure Steuern und ich werd' euch geben Treue dafür und alle miteinander werden wir leben und werden gesund sein.« Und er sang im Reden und redete im Singen, und er sprach mit dem gesalbten Kopf und, obwohl er das Szepter hielt, mit den edelsteingeschmückten Händen. Ja, der Herr der beiden Kastilien, vor dem drei Weltteile bebten, verübte vom Thron herab einen Jargon, wie er kaum in den finstersten Gäßchen des Toledaner Ghettos erhört war. Das hatte ihm Rabbi Zaimon schnöde suggeriert, wie man jetzt sagen würde. Er übte, einer der frühwissenden spanischen Ärzte des Mittelalters, bereits die Kunst, den eigenen »Willen einem fremden zu übertragen. Als diese Laute, immer melodischer anschwellend und immer fürchterlicher zugleich, in dem Saal mit den strengen maurischen Bögen widerhallten, klirrten die Klingen der Granden erschrocken nieder, die Hofdamen fielen in Ohnmacht und Alfonso, der Eisenharte, drehte sich mit einem Ruck entschlossen im Grab um. »«Wir danken der Majestät«, erwiderte jetzt mit mühsam aufrecht erhaltener Etikette der Älteste der Granden, Don Manuel de Gonzaga. Da schnaubte ihn der König an: »Was heißt? Wieso? –! Kannst du nicht reden mehr kastilisch? Du auch, Pedro, wie kommst du mir vor?« Er ward immer erboster. Nun begann er zu wettern. »Der 32 König wird nicht einberufen den Rat, bevor ihr alle werdet reden, wie sich's gehört, so wahr ich soll leben und gesund sein.« Da geschah etwas Ungeheures. Don Manuel vermochte die in ihm aufspringende Heiterkeit nicht länger zu bezwingen. Er lachte, daß es ihn nur so schüttelte. Der Hof erstarrte. Den Frevler aber traf sogleich ein Blitz aus königlichen Brauen, und zornig funkelte die Majestät sogleich in die hintersten Gemächer zurück. Manuel aber seufzte tief auf und zerdrückte eine Träne. »Das werd' ich nie lernen« – er versuchte vergebens, den Tonfall zu üben – »so wahr ich will leben und gesund sein. Die Sonne Alfonsos scheint mir nicht mehr, ich bin verbannt in Finsternis.« »Señor, man muß nicht gleich verzweifeln«, tröstete ihn der Kirchenhirte. »Vielleicht finden wir noch den Rabbi Zaimon, der uns in diesem verwünschten Dialekt unterrichtet.« Freudig stimmten die Granden bei, und da es inzwischen Nacht geworden war, durchsuchten sie mit Fackeln die Schluchten des Tajo, um des Rabbi Zaimon oder eines anderen jargontüchtigen Mannes habhaft zu werden. Aber die waren alle wie vom Erdboden verschwunden. »Das sind wieder nur diese Juden imstande«, schalt Don Pedro. »Wenn man sie braucht, sind sie natürlich nicht da.« Bedrückten Herzens zogen sie heim und bedrückte Tage erwarteten sie in Toledo. Der König sprach, weil er die andern nicht verstand, nur mehr mit sich selbst, im hintersten Gemach, dessen Fliesen 33 sich jetzt auf seinen Befehl mit krausen Büchern und Schriftwerken bedeckten, und in Toledo gab es keine Juden mehr. Anfangs war des Jubels darüber kein Ende, aber allgemach wurde das Leben langweilig, so schrecklich langweilig, nicht zu sagen. Handel und Wandel waren ohne Bewegung, selbst den Künsten und Wissenschaften fehlte die richtige Würze. Über wen sollte man, da die Juden fehlten, noch Witze reißen, und wer vermochte die komischen Wortverdrehungen zu erfinden, über die man sonst in Toledo krähte? »Oh, die Juden, ach die Juden, wären sie nur schon wieder da«, seufzte man den ganzen Tag. Und wenn, wie solches vorzukommen pflegt, ein edelblütiger Toledaner mit einer besonders verwegen gekrümmten oder geschwungenen Nase begabt war, die dem Gesichtsvorsprung der Enkel Isaaks in merkwürdigem Naturspiel verblüffend ähnelte, so trug er diese gar stattlich zur Schau, denn er hoffte, für einen von ihnen gehalten zu werden. In Spanien war es nicht, wie zu gleicher Zeit im Deutschen Reich und bei den Zügen in das Morgenland, wo man wegen eines solchen Nasenvorsprunges peinlich geneckt und am Ende gespießt und gebrannt wurde. In Toledo galt es damals für eine Ehre, zu dem erwählten Volk zu gehören – in jenen glücklichen Tagen, da der König selbst im Reden sang und im Singen redete. »Guter Gott, gib uns doch die lieben, netten 34 Juden zurück«, war bald in Toledo das Morgen- und Abendgebet. Sogar der Inquisitor versäumte nicht, die Bitte um deren baldige Rückkehr den öffentlichen Gebeten anzuschließen. Und da der liebe Gott Gebete erhört, besonders wenn sie von der hochheiligen Inquisition selbst befürwortet werden, waren auch die innig entbehrten Juden plötzlich wieder zur Stelle. Einer hatte das spitze Köpfchen aus einer Höhle, in der er sich verborgen hielt, vorsichtig hervorgestreckt. Don Manuel, der eben bekümmert des Weges ging, erkannte ihn sogleich. Hervorgelockt, beteuerte dieser, die Juden seien alle fort, nur ein paar wären noch da, seine Verwandten. »Dann sind alle da«, jubelte Pedro, »denn alle sind miteinander verwandt.« Und sie waren richtig beisammen und wurden im Triumph wie siegreiche Stierkämpfer in die beflaggte, von tausend Lichtern glänzende Hauptstadt heimgeführt. Es war ein unermeßlicher Jubel, Freudenfeuer wurden entzündet, und selbst wildfremde Menschen sollen einander, wie die Chronik erzählt, schluchzend in die Arme gefallen sein, weil man endlich die Juden wieder da hatte. Rabbi Baruch Zaimon ward sogleich mit stattlichem Gepränge zu Hof gebracht, in den Palast mit den kühlen Gärten um die plätschernden Springbrunnen und den Steinsäulen mit den geflügelten Drachen. Hier sollte er alsbald die Granden in der hochansehnlichen, bisher viel zu wenig gewürdigten 35 Kunst, im Reden zu singen und dazu mit den Händen den Takt zu schlagen, unterweisen. Rabbi Zaimon war ein geduldiger Lehrer, und da seine Zöglinge, der ganze Hofstaat, an der Spitze der Großinquisitor, Don Manuel, der oberste Würdenträger, und Rodrigo, der Minister für Kultus und öffentlichen Unterricht, gar lernbeflissen waren, konnte man sie bald nicht mehr von ihrem Meister unterscheiden. Bald sang im Reden und taktierte mit den Händen der hohe Adel, die Bischöfe, die Blüte der Ritterschaft. »Jetzt wird uns doch wieder leuchten das Gestirn königlicher Gnade«, jubelte Don Manuel. »Meldet uns bei Alfonso, Euer Ehrwürden.« »Erst müßt Ihr mich aber lassen mit ihm allein«, wehrte der Meister ab. Da der König in seiner Gedankeneinsamkeit vernahm, Rabbi Zaimon wäre hier, beschied er diesen sogleich in das innerste, von Weihrauch und Myrrhen duftende Gemach. Er hatte sich merkwürdig verändert. Eine Falte des Grams hatte sich durch die dünnbeäderte Stirn gefurcht, auch die Lippen waren nicht mehr so gelangweilt hochmütig gezogen. »Warum seid Ihr gekommen so spät«, begrüßte er freundlich den Rabbi. »Ich habe gelesen in euren Schriften und viel gedacht . . . Und ich habe gelesen, es ist euch geschehen in der Welt viel Unrecht.« »Viel Leid«, sagte ernst der Rabbi, »Bäche, Ströme von Tränen.« »Wieso Leid? Unrecht!« beharrte eigensinnig der König. »Man hat gelacht 36 über mich, weil sie mich haben nicht verstanden. Da habe ich verstanden euch – über die man hat gelacht so viel. Man soll nicht haben Spott über einen, weil das ist unrecht.« »Und das wollt Ihr abschaffen aus Eurem Reich?« Alfonso nickte. »Dann sollt Ihr werden gelöst von meinem Bann.« Und ehe sich der erstaunt aufblickende König recht besonnen hatte, war er wieder in magischen Schlaf gesunken, und der Rabbi strich ihm, leis entwirrend, beinahe zärtlich über die Stirn. »«Wenn du wirst sein aufgewacht, sollst du reden wie früher, kastilisch rein.« »Gott grüß' euch, Rabbi«, schmetterte alsogleich der König, den Schlaf abschüttelnd, Baruch Zaimon frohgemut entgegen. Es war, als habe er alles, was inzwischen geschehen war, vergessen. »Wo sind meine Granden, die Stützen meines Thrones, ich habe sie schon lange entbehrt.« »Wo sollen sie sein? Im Thronsaal. Majestät, geruhen sie anzuhören.« Und schon klang es dem König entgegen, in Lauten, die ihm sonderbar fremd und doch wie aus einem fernen Traum vertraut erschienen. Der Inquisitor, die Minister des Unterrichts und der Finanzen, der Schatzkanzler, sie sprachen und deuteten alle wie Rabbi Zaimon. Verwundert stand der König. »So habt Ihr gesprochen auch, Majestät, bis ich Euch hab' entzaubert«, raunte ihm Zaimon zu. Der König lächelte ungläubig und doch betroffen. »So entzaubere auch diese.« »Das kann ich nicht, denn Ihr habt es getan unter meinem Willen, aber diese 37 haben es gelernt aus eigenem Willen.« »Was ist da zu tun?« lächelte jetzt Alfonso in seltsamem Sinnen milder, als man es jemals bei ihm gesehen. »Wo hab' ich nur diese Laute vernommen, sie sind mir fern und doch so nahe.« Aber sein Lächeln wurde mit einemmal ernst. Aus den Gärten hob sich jetzt auf den Wink des Zauberers schwermütiger Gesang, immer mächtiger ansteigend, wie von Ewigkeiten herüber. Gesänge, Weinen und Jubel zugleich, alle Sehnsucht und alles Weh waren in diesen Psalmen, darin die Zedern des Libanon rauschten. In schweren Gedanken horchte der König. »Das ist die Sprache, die gesprochen hat Eure Seele, wie Ihr seid gewesen allein mit unseren Schriften.« »Dir ist Macht gegeben über die Seelen, Rabbi. Du sollst meinem Rat nahe bleiben.« »Dann rate ich jetzt –.« »Was rätst du, Zaimon«, sprach der König weicher. »Gelobe mir vorerst, o großer König« – und er wich behutsam zurück – »daß du mich nicht wirst lassen rädern und räuchern.« »Ich gelob' es.« »Dann rat' ich dir dieses« – und er stand frei vor Alfonso wie König David selbst – »nimm sie künftig auf in deinen Rat, die Edelsten und Klügsten meines Volkes, Euch selbst zum Heil! Du sollst geben ein Vorbild, großer König.« »Wieso? Und ihre Sprach'? Gott soll hüten! So wahr ich will leben und gesund sein!« fuhr jetzt der Großinquisitor dazwischen, fuchtelte mit den Händen und bemühte sich um das reine Kastilisch. 40 Doch der Rabbi erwiderte lächelnd: »Wenn auch die Sprache nicht rein klingt, die Herzen werden klingen reiner.« »Ihr seid wahrlich ein Zauberer, Rabbi, kühner und klüger als Ihr scheint. Und wenn ich es wirklich versuchen würde –« »Man wird Euch preisen im Osten und preisen im Westen – Alfonso, du Sonnenliebling!« »So öffnet die Tore, laßt sie hier denken und raten, die Weisesten und die Klügsten unter euch, und wer da lacht, lacht über den König! Ihn straft dieses Schwert!« Da brauste herein der Jubel des Volkes, die Degen der Granden klirrten, jauchzende Musik erfüllte die Gärten. Röter leuchteten die Granatäpfel, der Mond schimmerte rötlich, in lichten Ahnungen plätscherten die Fontänen, heißer sangen die Nachtigallen in den Kastanienalleen, wo Paare lustwandelten – Edelfräulein und Schriftgelehrte, Mädchen, aus deren dunklen Blicken Träume des Ostens glühten, und Ritter, deren Worte mutig wie ihre Degen klirrten. Da ging ein Licht aus von dieser Nacht, Freude, Wohlstand und Gesittung blühten im Lande, wie es überall geschieht, wenn die Menschen einen alten Haß auslöschen, sich auf ihre wahre Bestimmung besinnen und sich im Geiste verbrüdern. So ist es geschehen, daß Alfonso alsbald im Volk der Gütige geheißen ward, weil er jeden nach seinem 41 Wert und niemand nach seinem Glauben achtete. Und von diesem Tag erblühte von Toledo der Judenschaft Adel und breitete sich bald über ganz Spanien aus in edlen, ritterbürtigen Geschlechtern. 42 Der Kreuzfahrer Wo die Donau kräftig ein Knie gegen das Gelände streckt, steigt aus einem Gehölz morscher Weidenstämme, kranker Birken und einem Bestand schütterer Ahornbäumchen, aus dem Dunst des Flusses das Gemäuer einer verwitterten, vormals von Festen schimmernden Burg auf. Jetzt sind es nur mehr Trümmer einer gebuckelten, schwärzlichen Mauer, über die wilder Wein rankt, und im weitläufigen Turnierhof, wo es von Fahnen und Farben wehte und sich auf dem Handschuh der Falke spreizte, horstet auf einer Kiefer, die über das Mauerwerk hinausgewachsen, nur mehr eine Krähenfamilie. Aber noch vor Jahren, bevor ein Brand – niemand wußte woher – die Reste vergangener Herrlichkeit weggefegt, war es eine wirkliche Burg gewesen mit allem Zugehör und allen Bequemlichkeiten einer solchen. Es fehlte nicht an einem Luginsland, wo eine künftige Ahnfrau in blonder, damals noch blühender Fülle am Rocken saß, über die Mägde streng gebietend, weithin über den wandernden Strom und die Hügel spähte und zu einer Nachbarsburg mit dem Tüchlein ein Zeichen gab, daß ihr Eheherr ausgeflogen, das Nest frei und sie selbst für die Minne des Zech- und Jagdkumpans ihres stahlumschienten Gebieters bereit sei. 43 Dieser aber, auf seinem Reithengst einherbrausend und stark schwitzend, war inzwischen über die Zugbrücke hinabgesprengt, seinem Geschäfte nach: Kaufleute, die mit Kram und Ware nach Wien und weiter in das verfluchte Türken- und Heidenland ziehen wollten – warum sollten gerade die verdammten Heiden die guten Sachen bekommen – zu fahen und stracks in das Verlies der Burg zu stecken. Dieses Burgverlies war so feucht, finster und modrig, so belebt von Asseln und Ratten, wie man es nur von einem ordentlichen Verlies erwarten durfte, so recht geschaffen, um die hier Hinabgestoßenen anzueifern, die Sipp- und Freundschaft mit Bittbriefen wegen des Lösegeldes dringend anzugehen. Es fehlte auch nicht an einer handlichen Folterkammer mit allen dazugehörenden kurzweiligen Geräten. Man hatte sich auch hier unten, an der Donau, der fortschreitenden Zeit mit ihren Erfindungen keineswegs versperrt, sondern aus Nürnberg ein Seufzerstreckbett, mit spitzen Nägelein wohl bespickt und eine mit Stacheln gezierte eiserne Jungfrau bezogen. Eine Trommel aus Menschenhaut begrüßte über dem mächtigen Ofen des braungetäfelten Speisesaals den Eintretenden. Kurz, man wußte auch hier, an der Donau, wie drüben am Rhein bis an die nebelferne Elbe, zu leben und sich des Lebens zu freuen. Auf dieser Burg nun, die sich mit Wimpergen und Fialen ansehnlich im Strom 44 spiegelte, hauste frohgemut, raubte immer ein bißchen und koste dazwischen traulich mit seiner zartblonden Gesponsin Gertrude Herr Konrad von der Türlin, einer der wohlgewaschensten Ritterbengel dieser gloriosen, aber nicht allzu reinlichen Zeit. Konrad hatte diesen Besitz ohne Mühe von seinen Vätern ererbt. Nur ihn zu erhalten, nicht zu mehren, war sein hochfahrendes Streben. Denn Konrads Sinn war hochgemut und nur wenig auf irdische Dinge, wie Trank und Speise und Habe gewöhnlicher Art, gerichtet. Vor seinem Geist schwebte nur der Ruhm adeliger Ritterschaft gleich einer goldenen, langstieligen Blume. Aus Pergamenten, die er sorgfältig sammelte, reich ausgeziert mit künstlichem Bilderwerk, seltenen Vögeln, schwarzgepanzerten und goldumschienten Rittersmännern und schamhaft in ihren Schoß blickenden Jungfräulein, und aus allerlei Reimwerken, die von kühnen Fahrten in seltsame und helltönende Länder erzählten, hatte er den Glauben an das Heldentum, das auch in seiner hageren Brust glühte, in sich gesogen. Hager war sein Wuchs in der Tat, ungleich den breiten Brustgewölben seiner Vorfahren, die in ihrer wohlgebauten Fülle eher derben Schmiedemeistern glichen und deren Bildern im Ahnensaal der Abkömmling herablassend zunickte. Er war glücklicherweise mehr gotisch ausgefallen, bemerkte er, nicht ohne Wohlwollen für sich selber, 45 zu Gertruden, die bei Tag und Nacht seine Rittertaten, die künftigen nämlich, zu bestaunen und anzubeten verpflichtet war. Der Geist des Rittertums selbst, dessen schlanke Blüte die Gotik war, die er in seiner Hagerkeit vorstellte, schien ihn gezeugt zu haben. Er war von der Vorsehung, an die er im Zusammenhang mit seiner Person brünstig glaubte, ersichtlich zu bedeutsamen Taten auserlesen, von denen noch einmal Bücher melden würden, wenn auch Gefahren und Abenteuer einstweilen noch nicht an den festen Bohlen seiner Burg mit den kunstreich geschmiedeten Schlössern rüttelten. Denn es war eben daheim eine windstille Zeit. Der Türkenhund dort unten an den ehrwürdigen Stätten war wieder einmal gezähmt und an die Kette gelegt worden und sprang den Pilgern nicht mehr ins Genick. Auch war der Heerbann gegen die Ketzer, deren trügerisches Licht selbst hier im gesitteten Europa aufflackerte, schon lange nicht aufgeboten worden, um sie im Namen der christlichen Majestät zu brennen, zu rädern und zu sieden. Sinnreiche Gemüter hatten also Muße genug, sich auf ihre künftige Sendung vorzubereiten – dieses Brennen, Rädern und Sieden. Konrad bereitete sich einstweilen auf solche Taten nur in Reden vor, deren er unendliche hielt und in denen er sich so beräucherte, daß der Duft davon Gertruden in die feine Nase stieg und sie 46 ihn manchmal, still und klug wie sie war, von der Seite mit verdächtigen Augen anblitzte. Öfters stieg er auch in die gute Stadt Tulln hinunter, wo er im Kreise rüstiger Trinkkumpane, die zinnerne Humpen in kräftigen Händen hielten, sich selbst reden und rühmen hörte. Dort saß oder stand er nun als ein freier Jüngling und Mann von deutscher Zucht und strammer Sitte ehrengeachtet da, zumal er auch auf die Ergötzung seiner Trinkgenossen emsig mitbedacht war. Am liebsten, da er merkte, wie dies sie erheiterte, erzählte er ihnen, was er tagsüber trieb. Auf daß sein Leib nicht verweibse und weichlich werde, wusch er sich täglich, und seine Zuhörer vernahmen es staunend. Auch nahm er mit nackten Knien und nur einem Hemde über seiner kurzen, ledernen Behosung angetan, allerlei abenteuerliche Hantierungen vor und schwang sich auf Eisenringen, befestigt an einem Gestell, das sonst zum Trocknen des Hemdes der Gattin diente, wie ein Vogel in die Morgenluft. Hierauf lief er, hager wie er war und nackten Gebeines, im Morgentau über die Wiesen, wovon ihm Gertrude mit ihrem schiefen Blick wieder ernstlich abriet, weil der Anblick nicht lieblich sei. Auch stemmte er schwere Gewichte, worüber sich die Burggenossen sehr verwunderten, weil er dafür doch nicht bezahlt bekam. Er war, wie man merkt, bereits ein Wasserpritschler und der erste Turner dazu. Auch unterwies 47 er in dieser schwunghaften Kunst seine Freunde, mit denen er nach also schwerem Tagewerk beisammensaß und bedachte, wie dem heiligen Reich zu helfen wäre. Denn schon damals war es Sitte geworden, daß Männer von der Ostmark bis zur Weser beim Bier über Fragen nachsannen, die sie nichts angingen, und über Gefahren, die dem Reiche drohen sollten – man wußte freilich nicht woher. Und schon damals kam von Spanien herüber, wo Alfonso, der Eisenharte, wie man weiß, damit angefangen, die Gewohnheit auf, auch hier unter dem kühleren Himmel alles, was die andern ärgerte oder drückte, den eben eingewanderten – Juden in die vom vielen Irregehen über die Erde hin zerrissenen Schuhe zu schieben. Und auch darin erwies sich unser Konrad, ohne dabei selbst Arges zu denken, als ein Führer und Wortangeber. Er hätte sich freilich, weil er doch ein feiner Rittersmann gewesen, der das seidene Hemd seiner Fraue späterhin, da er in den Krieg gezogen, nach höfischer Sitte zierlich über dem güldenen Ringelpanzer trug, über seine Gefolgschaft in den weiteren, herandämmernden Jahrhunderten gewundert und gelächelt über die Wotanbrüder, bierbäuchig gebläht, aber mager im Geiste. Einstweilen aber fand er an solchen Scherzen seine Kurzweil. Ihm waren nämlich auf der Straße, da er seinen künftigen Taten nachträumte, die noch immer 48 nicht kommen wollten, einige possierliche Männer begegnet, die, seltsam mit den Händen fuchtelnd und leise vor sich hinmurmelnd, die Donau entlang zogen, in das Avarenland hinunter und weiterhin durch Gefahren und Steppen zu den sagenhaften Quellen des Jordanflusses. Sie hatten lange Bärte und Nasen, trugen das Gelock in steifen Ringeln an den spitzen Ohren, die Nasen waren ihnen krumm gewachsen wie Türkenschwerter. Es gelüstete den Konrad sogleich, den Langbärtigsten und Krummnasigsten mit der Lanze zu kitzeln. Der also Gehänselte machte einen Sprung, aber Konrad erklärte die ganze Gesellschaft für gefangen und trieb sie vor sich her auf die Burg in eine nicht eben ritterliche Haft. Es waren, wie man vielleicht erraten hat, Juden, die nach Jerusalem hinunter pilgern wollten, um ihren alten Gott aus dem Schutt der Tempelmauern auszugraben und unterwegs manches kleine Geschäftchen der irdischen Bedürfnisse willen und aus lieber Gewohnheit abzuwickeln. Da sie in ihren langen Röcken verborgen hielten, wessen die andern ermangelten, silberne und goldene Schaumünzen, so bestand kein Zweifel, daß dieses von den andern ersichtlich so unterschiedene Fremdvolk, das überdies gewitzten Geistes schien, an dem Niedergang der deutschen Nation allein die Schuld trage. Auch an den Steuern, die man zu entrichten hatte, an Pestilenz und Mißwachs, die zu Zeiten auch diese 49 gesegneten Gefilde heimsuchten, oder wenn ein Kalb mit drei Beinen zur Welt oder eine Jungfrau in die Wochen kam – wer anders konnte daran schuld sein als die Juden? Sie zu fahen, zu necken, am Barte zu zupfen, wann immer man ihrer habhaft wurde, sie zu räuchern und zu spießen, war dem Konrad und seinen Gesellen, wie drüben den hispanischen Zierden der Ritterschaft, christlich-ritterliche Pflicht und Kurzweil zugleich. Bei solchen Berichten konnten sie sich manche webende Sommernacht hindurch verhalten, und wenn einer von einem besonders geglückten Nasensticheln mit der Lanze erzählen konnte, ward ihm mit Hoi! und Hoioh! zugetrunken. Aber da setzte sich eines Nachts ein witziger Fremder aus Gallien zu der Tafelrunde und bedeutete Konrad, daß der Vogel, den er im Wappen und sogar an seinem Helmbusch trug, ein schwarzer, krummschnabeliger Geier, genau das gleiche Nasenprofil aufweise, das die Urenkel des Moses vor den andern auszeichne. Betroffen nahm Konrad sogleich Abschied von seinen Gesellen, verabreichte seiner Gertrude zerstreut ein Abschiedsküßchen und zog alsbald nach Worms, wo eben der Hof Lager hielt, um die Entfernung dieses verdächtig krummnasigen Tieres aus seinem Wappenschild bei kaiserlicher Majestät zu erwirken. Aber die gut gelaunte Majestät bedeutete ihm, daß auch des Reiches Wappen ein der werten Judenschaft, mit der er übrigens 50 durchaus gedeihliche Geschäfte angesponnen habe, ähnliches krummschnabeliges Tier aufweise, und Konrad mußte, Groll im Herzen, abmarschieren. Da nun die Juden offenbar auch daran Schuld trugen, daß ihre Nasen denen des Geiers in seinem Schild glichen, war es ihm klar, daß dieses Geschlecht mit Putz und Stingel von dieser grünen Erde verschwinden müsse. Ach, er bedachte nicht, daß wir alle nur arme Hasen sind auf dieser buckligen Erde. Inzwischen merkten Konrad und seine Genossen zu ihrem Ärger, daß sich bemeldetes Fremdvolk, obwohl es sich in den finstern Gäßchen hinter den Toren verkriechen und mit einem gelben Fleck auf dem Rücken einherächzen mußte, nach den Geboten seines Gottes wie Sand am Meeresgestade vermehrte – und es galt, sollte dieser Eifer, sich fortzupflanzen, nicht zu einer wirklichen Gefahr erwachsen, sie mit den gleichen Mitteln zu übertrumpfen. Die Vorbereitungen dazu mußten ohne Verzug getroffen werden. Als die um Konrad allabendlich gesellig Gesippten solches ihren jungen Weibern erzählten, lachten diese derb und ließen sich von ihren meckernden Eheherren auf die runde Wange tappen. Nur Gertrude war, als ihr Konrad im Verlauf einer der immer seltener gewordenen Minnestunden langwierig vortrug, man sei es der Nation schuldig, dieser endlich mit einigen kleinen, munteren Türlin aufzuhelfen – die eigen denkende Gertrude 51 war von diesen wahren Absichten seiner Zärtlichkeiten nicht eben erbaut. Und als dem Konrad in den Seufzern eines reizenden Augenblickes der Ausruf entfuhr: »Weib, bescher' mir einen starken Buben, daß wir es den Kerlen heimzahlen!« und sie also wahrnahm, daß er in ihren Armen gar nicht an sie, sondern an seine Sendung, oder was er dafür hielt, gedacht hatte – da stieß sie ihn weinend von sich und verlangte nunmehr mit Entschiedenheit – eine eigene Schlafkammer. Ein Ansinnen, das er, weil es dazumal völlig neu und befremdend schien, erstaunten Mundes aufnahm. Die Genossen, denen er diesen absonderlichen Wunsch seiner Hausehre vertraulich eröffnete – in einer Stunde, da es mit Hoihoho! beim Bier besonders hoch herging – erwiderten mit einem heulenden »Hoh!«, er habe sich da ein eigentümliches Dämchen in sein Nest gesetzt. Die müßte von einer rechten Mannesfaust wieder zu Gehorsam gezogen werden, sonst werde sie noch hierher mit in die Trinkstube wollen und sich ein Räuschlein anzechen, worauf doch nur die Meister der Schöpfung ein Anrecht hätten. * Gertrude, die jetzt, in purpurner Gewandung, ein Kettlein vor der Brust, ein goldenes Schapel auf dem blonden Wuschelkopf und ein Blumenkränzlein darüber, in die Erscheinung tritt, war in der Tat ein nicht dutzendweises und bequemes 52 Frauenwesen. Sie war das Töchterchen und einzige Kind des Kastellans im Schlosse, eines etwas eigenbrötlerischen, früh verwitweten Mannes, der hier schon gemessen seines Amtes gewaltet und das Glöckchen, wenn Gäste in den Schloßhof fuhren, eifrig geläutet hatte, als noch Konrads Vater lebte und, ein wilder Ritterraubvogel, auf dieser steinigen Kuppe horstete. Der Kastellan mit dem demütig gezogenen Käppchen kannte nur eine Leidenschaft: früh am Tag, wenn noch alles im Schlosse schlief, sich über die Zugbrücke und den umbuschten Wall in den morgenlichten Wald zu begeben und den kleinen Singvögeln nachzustellen. Er hatte sich in diesem Tun einen König zum Beispiel genommen, nach dem ihm auch der Name Heinrich gegeben ward – der sich von seinen Regierungsgeschäften erholte, wenn er an seinem Vogelherd die zwitschernden Finken fing. Am liebsten aber machte sich Heinrich, der Kastellan, im Herbst auf den Fang, wenn die Zugvögel sich zum Flug zusammenscharten und in trunkener Lust in das Netz fielen. Dies war in jenen Tagen, da auch deutsche Wandersehnsucht den Flug nach Italien nahm; als wäre es nicht das gleiche Sehnen, das diese kleinen schimmernden Flügel, wenn es herbstet, hinab in die wärmeren, farbigen Länder trägt. Gertrud, solcherart sich selbst überlassen, war ein fürwitziges Jüngferchen geworden, das durch den Schloßhof tollte und durch sein munteres 53 Geistchen jeden belebte, der in seiner Nähe ging. Jung Konrad, der trägeren Blutes war, wurde von dem Feuer, das heimlicherweise erst in ihr glühte, mitentzündet. Und so nahm er sie einmal in einer Mondnacht, da sie unter der Linde saßen, in seinen Arm, hielt ihr Köpfchen mit dem Schelmenblick, da es durch das Gezweige hervorguckte und wie ein Finklein süße Worte zwitscherte, fest und fester, was sie sich gerne gefallen ließ, weil er damals noch ein hübscher, handlicher Bursche war. Und er hielt sie noch, als der Vater Kastellan, der sich über dieses seltsame Geräusch verwunderte, mit dem Schlüssel und der Laterne herangeschlurft kam. Sie ließ ihn nicht los, Konrad steckte ihr ein goldenes Ringlein vor dem verdutzten Vater an den Finger, verlobte sich mit ihr feierlicherweise und erhob sie nach seines Vaters Tod zu seiner erkorenen Frau. Dieses tat er, obwohl sie unter seinem Stande und noch nichts geschehen war, was ihn nach ritterlicher Sitte hätte binden müssen, wenn er aufrichtig gegen sich selbst sein wollte, nicht bloß deswegen, weil das Mädchen ihm wohlgefiel, sondern aus eitlen Gründen. Er fühlte sich als gnadenspendender Rittersmann, wie es erbaulich in den pergamentenen Reimwerken zu lesen ist, deren er viele besaß, und nach deren Vorbild zu leben er entschlossen war. Konrad rechnete auf Gertrudens Dank, weil er sie aus den Niederungen zu sich erhoben und zu einer stattlichen 54 Rittersdame gemacht hatte. Deshalb würde sie ihm, meinte er – wegen seines so bewiesenen Edelmutes – immer dankbar anhängen. Er brauchte nicht, wie andere brave Rittersmänner, vor dem heimlichen Minnewesen zu zittern, das damals durch die Burgen schlich – er konnte, Herr Konrad von der Türlin, ruhig in die Trinkstuben hinuntersteigen und sein bravgehorsames Weib allein mit ihren schwärmenden Gedanken lassen. Sie hatte geduldig zuzuhören, wenn er sich und seine Taten, die künftigen, versteht sich, pries. Gertrude hatte zu ihm aufzublicken als zu der gotischen Blüte der Ritterschaft. Aber ach, wie wenig kannte er die Frauen. Er wußte nicht, wie dunkel die Wege des Eros sind und wie leicht sich eine Frauenseele, wird sie nicht behütet, darin verirrt. Und Gertrude hätte man besonders hüten müssen; sie trug ja über den schmalen Schultern ein eigenwilliges Köpfchen. Sie war eine Frau, die sich zu fremdem Minnespiel nie aus Laune herbeilassen würde oder weil es die Sitte der Zeit so mit sich brachte. Gertrude mußte nicht bloß verliebt in einen andern sein, sondern, ernsthaft erwägend, sich zu fremder Minne berechtigt fühlen. Ließ sie der Mann allein in ihrem Turmgemach, um Abenteuern nachzuziehen, so mußte sie nicht allein bleiben. Trudchen verlangte das gleiche Recht für die Frauen wie für den Mann. Sie war wirklich die erste befreite Frau, wie man heute sagen würde, wie er der 55 erste Pritschler, Turner und das Fremdvolk drangsalierende Eiferer war. Nur wäre auch sie gleich ihrem Konrad über die Nachfolger erstaunt gewesen, die sie einmal finden sollte und die sich ohne frauenhaftes Tun und anmutige Sitte derb um Mannesart bemühen. Gertrude aber war ein liebliches Frauenwesen, dem der Schalk in seinem eigenwilligen Nacken saß und mit seinen blonden Härchen spielte. So lebten die beiden in ziemlicher Stille getrennt in ihren Turmgemächern. Manchmal erhielt sie von ihrem Eheherrn einen Pflichtbesuch, für den sie aber nur selten zu Hause war. Auch das Land schien in verdächtiger Stille hinzudämmern, bis ein erweckender Windstoß darüber fuhr. Ein neuer Papst, war es ein Innozenz oder ein Klemens, hatte eben den Stuhl bestiegen und, um seine Weisheit und kirchlichen Eifer zu erweisen, den Heerbann des Abendlandes gegen die Muselmanen aufgeboten – aber die mit dem gelben Fleck waren gemeint. Weil Alfonso, der spanische Eisenharte, um sich beim Volke einzuschmeicheln, damit begonnen hatte, mußte die Eifersucht, die leider auch die Schritte der Kaiser und Päpste leitet, die päpstliche Konkurrenz, wie es jetzt heißen würde, zu diesem allerorts beliebt gewordenen Verfahren greifen. Sie sollten, die mit dem gelben Fleck, endlich aus ihren alten Brutnestern in den Tempeltrümmern selbst gehoben und einmal gründlich 56 geräuchert werden. Da war unser Konrad, wie man sich denken mag, mit Heißa sogleich dabei. Und so stand er eines Morgens im März, da der Schirokko von Süden her leicht über die Donau fegte und ein erstes Grünen aus den grauen Weidengehängen brach, abschiednehmend mit wehendem Helmbusch in Gertrudens Schlafgemach, wie Hektor vor seiner Andromache, die hagere Wade golden umschient, einen Ringelpanzer um die gotische Hühnerbrust. Den Geier im Wappen hatte er neu auflackieren lassen, das Flügeltier drohte schreckhaft von seinem Helm. Er wollte sein Weib in die geharnischten Arme nehmen, aber sie schrie leise auf, als sie diese Kühle fühlte, denn sie war empfindsamen Wesens. »Daß du mich hier in Treuen erwarten wirst, mein Mädchen«, sprach er, »versteht sich . . ., da bedarf es nicht vieler Worte.« »Warum bedarf es ihrer nicht?« »Weil du weißt, was du mir schuldest, mein Mädchen!« Er nannte sie, ehemännisch kosend, noch immer gerne Mädchen und am liebsten in solchen Stunden, in denen sie es am wenigsten war. »Schau' deinen Vater an, was wärest du ohne mich – eine aus dem Hofgesinde – und jetzt bist du . . .« »Eine Frau, die man einsperrt in ihr Turmgemach – und die der Mann allein läßt.« »Um Ruhm zu gewinnen!« »Ach was – Ruhm! Man geht nicht in den 57 Kreuzzug und läßt die junge Frau zu Hause.« »O wie schön ist es, zu wissen – da harrt daheim das Weib und wartet.« »Fürchtest du nicht – das heimliche Minnewesen?« fragte sie, versuchend, nach Frauenart. »Konrad von der Türlin fürchtet nichts«, antwortete er breit. »Aber du weißt doch«, und sie wandte sich ab, »es ist nicht alles so zwischen uns beiden, wie es sein sollte. Vielleicht fliegt einmal ein wilder Falke«, träumte sie, »in mein Turmgemach.« »Ich bin dein Falke, dein wilder, mein Mädchen, wenn ich heimkehre. Inzwischen werden mir deine Gedanken nachschwärmen wie junge Tauben.« Er lächelte süßlich. »Gelob' es mir überdies noch, mein Mädchen, daß du meiner harren wirst in Treuen!« Da warf sie auf ihn einen merkwürdig schiefen Blick und sagte nur: »In Treuen – vielleicht – vielleicht auch nicht . . .« »Vielleicht auch nicht –?« Er nahm den Helmbusch ab und wollte sich mit der beschienten Rechten in die Haare fahren, doch er fand so geschwind keine. Der Panzer rasselte, schon wollte ein Blitz aus seinen Augen sprühen – aber da schlug er sie erstaunt auf –, was war es, das da von unten her aus dem Turnierhof ihm verwirrend entgegenschmetterte – welche Töne, die sich jetzt ineinandermischten? 58 Es war zuerst wie das liebliche Locken einer Flöte, dazwischen wie Glöcklein an einer Triangel, und zuletzt ging es in das Pfeifen eines Dudelsacks über. Gertrude riß das Fenster auf – da stand unten ein Fremder, wie die welschen Spielleute angetan mit gelb und rotem Wams, Schellen an den spitzigen Schuhen. »Ein schnurriger Bursch, aber wohlgestaltet.« Und sie fuhr dem Ankömmling mit dem Blick in den schwarzen Lockenkopf, nicht ohne mißbilligend nach dem kahlen Kopfgewölbe ihres Gatten hin zu blinzeln. Sie waren beide auf den Söller hinausgetreten, und Gertrude winkte den Mann nunmehr mit dem Schleier ganz leise herbei. Alsbald trat er über die Schwelle, verbeugte sich vor der Dame mit Galantezza, lüftete den Federhut und sagte, er wäre Angelo Donati, der Florentiner, ein Galantuomo, nur leider jetzt »bancrotto, molto bancrotto.« Darum müsse er eine Geschäft machen, »eine kleine Geschäft« – er zog ein Futteral geheimnisvoll aus dem Schnappsack und bat die Madonna mit einer zierlichen Verbeugung, ihn mit dem Cavaliere, wohl dem Gemahl, einen Augenblick allein zu lassen. Gertrude verstand und ging in ihr Schlafgemach, freilich nicht ohne mit einem raschen, prüfenden Blick bemerkt zuhaben, daß der Fremde ganz anderen Wuchses sei als ihr gotischer Konrad. * 59 »Ihr seid«, sagte Angelo in dem feinsten Toskanisch, das Konrad aus seinen Ritterbüchern verstand, »wohl auf dem Weg in das Heidenland. Ihr müßt also die Madonna allein zurücklassen –.« Konrad schien gerade jetzt nicht gern daran erinnert, doch Angelo flötete unbefangen weiter: »Ihr seid nicht bloß, wie man weiß, ein ruhmreicher Ritter« – Konrads Miene wurde sogleich lichter –, »sondern gewiß auch ein ruhmreicher Gatte. Die Madonna ist schön – sehr schön« – seine Stimme wurde ganz schmelzend – »und treu – das hab' ich gleich aus dem Blick gemerkt, mit dem sie Euch betrachtet hat, Cavaliere, und mich. Oh, treu die Madonna!« rief er mit Emphase, »unsäglich treu –!« und er blickte gegen das Schlafgemach hinüber. »Aber in Florenz, wo doch die Frauen so stolz und tugendhaft sind wie die Lilien, wissen die Herren Cavalieri doch, wenn sie auf Reisen gehen, wie man die Madonna zu Hause beschützt vor der Versuchung, vor der treulosen Minne!« »Ja, wie denn, wie?« fuhr ihn begierig Konrad an. »So!« lächelte Angelo und entnahm dem Futteral einen Gürtel, wie ihn Konrad noch nicht gesehen, ein schmales, geflochtenes Eisenband, in das eine zierliche Zeichnung geätzt war, eine Schlange, die in eine Lilie biß. »Sehr gut, sehr nützlich!« rühmte der Angelo und zwinkerte dem Ritter zu. »Hat großer Künstler gemacht in Florenz, Gürtel der Venus, heißt 60 man ihn, weil der alte Vulkanus, der Heidengott, der so eifersüchtig war, ihn für seine Frau, die Venus, erfunden haben soll –, wie er sie hat allein zu Hause gelassen, weil er in den trojanischen Krieg hat hinunter müssen –« schwadronierte der Italiener. Und er hatte den Gürtel in der Art, wie Händler ihre Ware anpreisen, vor Konrad, der immer neugieriger geworden, ausgebreitet. »So wird er um die Hüfte gelegt – oh, um die schöne, süße Hüfte –« schwärmte er mit einem Feuerblick in das Schlafgemach. Doch er wurde sogleich kaufmännisch kühl und zeigte auf das Schloß an dem Gürtel. »So wird das zugesperrt, so!« Der Signore steckt das Schlüsselchen ein, »dann kann der Cavaliere abreisen, hat Tugend der Madonna in der Tasche.« »Das ist ja großartig«, und der Konrad lachte, wie nur ein Ehemann lachen kann, wenn er etwas recht Schlaues gefunden zu haben wähnt. »Vielleicht treu – vielleicht auch nicht!« sagte er zu sich selbst, aber Angelo hatte es doch gehört und wohl gemerkt. »Nun, sind die Herren schon fertig?« sagte Gertrude, da ihr die Zeit lang geworden und sie wieder in den Söller getreten war. »Ja, denk' dir, der Signore hat mir ein Geschenk für dich angeboten, ein Abschiedsgeschenk, diesen Gürtel – ›Gürtel der Venus‹ nennt man ihn. Da hat man die Frau fest – so, wenn man in das 61 Türkenland zieht, daß man fremde Minne nicht fürchten muß.« »Ein Gürtel?« Sie errötete und erglühte dunkelrot, als sie seinen Zweck zu begreifen begann. »Erlaubt, Madonna, daß ich mich entferne«, sagte Angelo, über diese Vertraulichkeit des Gatten vor ihm, dem Fremden, selbst betroffen, wofür ihm Gertrude mit einem Blick dankte, der blitzgeschwind zu ihm hinüberschoß. Und er ging und verirrte sich dabei in Gertrudens Schlafgemach. Nur einen Augenblick blieb er darin, er legte auf den Polster huldigend ein Fläschchen Rosenöl. »Damit soll ich mich umgürten!« rief Gertrude im Söller. »Mit diesem kalten Eisen?« »Ja, meine Gute, damit ich sicher sein kann vor deinen Launen. Man sagt einem Konrad von der Türlin nicht: ›Vielleicht bin ich treu, vielleicht auch nicht!‹« »Dieser Gürtel . . . das ist ein merkwürdiger Zierat für eine Frau! Auf diese Art glaubst du meiner Treue gewiß zu sein?« »Na, kann es denn noch etwas Gewisseres geben?« und er lachte breit. »Nie, niemals, lieber stürz' ich mich –.« Aber plötzlich war in ihrem ovalen Köpfchen ein Einfall aufgeblitzt, der sie sehr zu belustigen schien. Sie wurde nachgiebig und lächelte ihm sonderbar zu. »Du bist, wie man weiß, nicht bloß ein kluger, 62 sondern ein Mann von Gerechtigkeit. Du willst also, daß ich so einen Gürtel trage, damit mir die schönen Ritter nichts zuleide tun. Nun gut. Aber du gehst zu den glutäugigen Sarazeninnen, von denen man so viel gehört hat. Die könnten dir gefährlich werden! Darum tu' ich dir kund, o Herr: Ich werde den Gürtel tragen, aber erst dann« – und sie lächelte immer schalkhafter –, »wenn du dir einen ganz ähnlichen umgetan hast, damit auch deine Tugend mir bewahrt werde.« Konrad stutzte. Dann aber fragte er treuherzig: »Glaubst du, wird das nötig sein?« Und Gertrude, der jetzt der Schalk immer mutwilliger im Nacken saß, erwiderte, spitziger lächelnd: »Das glaub' ich, ein so schöner Mann wie du bist!« Er nickte, dann wich er zurück: »So ist ja – mit einem solchen Gürtel ist noch nie ein Mann in den heiligen Krieg –.« »Du wärst der erste, Konrad von der Türlin würde ein Beispiel geben edler Gerechtigkeit!« »Aber wenn es die Genossen erfahren? Auch das noch!« »Auch – das noch?« Da wußte sie mit einemmal, daß er die Geheimnisse ihres Turm- und Schlafgemaches den Zechkumpanen verraten hatte. Nun war sie entschlossen, ihm alles, vor allem aber diese Schmach mit dem Gürtel heimzuzahlen. Bisher hatte sie fremder Minne nicht nachgegeben. Aber jetzt, gerade weil er sie so mit dem kalten Eisen binden wollte – wie wäre es, wenn sie gerade dem 65 Mann zum erstenmal ihre ganze süße, verbotene Minne schenken würde, von dem sich Konrad den Gürtel hatte einreden lassen. Ein hübscher Bursch, dieser schwarze Krauskopf. Der Gatte aber gab plötzlich ihrer Bitte nach, als sei er geheimer Schuld bewußt geworden. »Gut, du sollst sehen, mein Mädchen, wie gerecht der von der Türlin ist. Ich gebe ein Beispiel, wie du sagst. Habt Ihr noch einen Gürtel?« wandte er sich dem wieder eintretenden Angelo zu. Der hatte zwar noch einen im Schnappsack. Doch er war ein gerissener Händler und wußte, daß man den Preis einer Ware erhöht, wenn man beteuert, es sei das letzte Stück gewesen. Darum sagte er nur, in sich hineinschmunzelnd, weil er die ganze Geschichte zu durchschauen begann: »Ein kunstfertiger Schmied könnte diesen da nachmachen. Ein wenig anders müßt' er natürlich geformt werden –.« »Inzwischen könnt Ihr ja hierbleiben«, schloß rasch Gertrude, und wieder schwebte das spitze Lächeln auf. Der Schmied kam eben aus Pechelaren herüber, wo er einem Nachfahren des braven Rüdiger gerade einen Harnisch angemessen hatte, und Angelo blieb in der Burg, bis der Schmied mit seiner Arbeit fertig war. »Gut' Arbeit«, sagte Angelo, indem er das Werk prüfte, anerkennend. »Made in Germany!« Er entwickelte sich, wie 66 man merkt, bereits zu einem Kaufmann weitläufigen Stils und gebrauchte englische Floskeln. »Very well, indeed!« »Nur der Schlüssel für deinen Gürtel fehlt noch!« rief Gertrude mutwillig, wie sie denn überhaupt in der letzten Zeit merkwürdig erfrischt und ausgelassener schien als seit vielen Jahren. Der wackere Schmiedemeister wollte sogleich auch den Schlüssel aus dem Eisen klopfen und schürzte schon vor der Esse die Ärmel. Da nahm Konrad seinen Vorteil, den Schlüssel für beide Gürtel allein zu besitzen, wahr, probierte und rief: »Das eine Schlüsselin sperrt ja beide Gürtel auf – her mit dem Schlüsselin!« und er riß das Schlüsselchen von dem Gürtel seiner Frau an sich. So war durch diesen Handstreich Gertrudens Tugend durch ihn eingeschlossen, während er über die seine nach altem Herrenrecht frei gebieten konnte. Darüber freute sich Konrad sehr, obwohl ihm schon jetzt der kühle, eiserne Ring, den die Laune seiner Frau um ihn geschlungen, lächerlich vorkam – auch mußte er ihr alsbald mit einem harten Eide geloben, daß er sich trotz der alleinigen Schlüsselgewalt seines Gürtels so wenig wie sie entledigen werde. Einstweilen aber genoß er den Triumph seiner Überlegenheit, weil er den Blick nicht merkte, den sie über ihn hinweg mit dem muskelkräftigen Angelo getauscht hatte. Dieser Blick bekundete alles, 67 was zwischen den beiden in diesen Wochen vorgefallen sein mochte, während der Schmied den Gürtel für den Konrad angefertigt und dieser selbst in der Wirtstube zu Tulln den bereits ungeduldigen Genossen verkündigt hatte, er könne noch nicht in den Heiligen Krieg, weil seine Rüstung noch immer nicht fertig geschmiedet sei. Der Blick Gertrudens indessen schien zu besagen: Jetzt glaubt er, weiß Gott wie gescheit zu sein. Ich bin aber noch gescheiter gewesen und habe die süßen Dummheiten schon begangen, bevor dieser Teufelsgürtel mich binden konnte. Konrad aber begab sich mit ihr in das Turmgemach und legte ihr kosend den Gürtel um. Dann sperrte er ihn ab und versorgte den Schlüssel, überlegen lächelnd, in seinem Wams. An ihren Gürtel aber hatte er, mutwillig wie die Wasserpritschler und Turner manchmal sind, ein seidenes Bändchen geheftet, das, zierlich eingestickt, das Sprüchlein trug: »Gedenke min.« Sie nahm sich vor, allerdings seiner zu gedenken, aber anders als er gemeint: in den Besitz des Schlüsselchens zu gelangen und ihm dann erst recht seine plumpe Tat zu vergelten und solcherart zu erweisen, daß Frauenlist doch mehr vermöge als eiserne Mannesgewalt. Konrad freilich hatte diesen letzten Blick so wenig gemerkt wie den ersten, den sie mit dem Angelo getauscht. Er rasselte über die Zugbrücke, winkte dem Angelo, der zugleich mit ihm durch das Tor hinauswanderte, mit dem Schlüsselchen, das er wie 68 in Gedanken wieder dem Wams entnommen hatte, hochmütig und gönnerhaft nach und warf der Gertrude mit der eisenbeschienten Rechten eine Kußfaust, wie man sagen müßte, zu. Dann trabte er die Straße gegen Tulln hinab, froh, was immer ihm draußen auch begegnen möge, zu Hause wenigstens, was seine Ehre ausmachte, wohlbehütet zu wissen. Er winkte noch einmal seiner Frau zum Söller hinauf. Gertrude dankte freundlich mit dem Handschuh und blickte ihm nach, bis er in den Donauniederungen hinter den Weiden verschwunden war. Sie zog sich dann hinter die Vorhänge ihres Schloßturmgemaches zurück und errötete unwillig, als sie an ihrem blühenden Leib die metallische Kühle fühlte. Aber sie bedachte sogleich, daß, also bewehrt wie ihr Gatte, bis auf diesen Tag wohl kein Rittersmann der Christenheit jemals ausgezogen war, und da mußte sie wiederum lächeln. Plötzlich erinnerte sie sich des schwarzen runden Krauskopfes ihres Angelo, der Munterkeit seiner Rede und sie erwog, daß ihr die nahe Zukunft vielleicht andere, weit holdere Abenteuer aufgespart habe, als ihrem Konrad, der jetzt mit düsterm Visier gegen das Türkenland sprengte, wohl beschieden waren. Und mit dem erwachenden Tag glitt ein helles Lachen über ihr kätzchenhaft hübsches Gesicht, als sie es jetzt in den Polster schmiegte, der noch von dem Rosenöl des Angelo duftete. * 69 Der von der Türlin wurde mit Hoihoho von den Genossen begrüßt und diese hätten gerne gewußt, mit welchem Stück seines Rüstzeugs der Schmied so lange nicht fertig geworden. Da ward er rot unter dem Visier; denn die Wahrheit zu gestehen, wäre ihm, Konrad von der Türlin, völlig unmöglich gewesen. Was er getan oder worin er nachgegeben hatte, das war – so meinte er wenigstens – in freier Entschließung geschehen. Aber es konnte gröblich mißdeutet und er als unmännisch, als ein Frauenknecht, verspottet werden. So zog er denn in den Heiligen Krieg und bedachte nicht, daß er, Konrad von der Türlin, der für Frau Wahrheit streiten wollte, bereits an seinem blanken Schild unsichtbar ein Lügenmal trug. Sie ritten, ein wehrhafter Trupp, nach Wien hinunter, das auf ihr Kommen gewartet zu haben schien, denn es brodelte und brotzelte friedlich überall. Dort, unter den wohlgenährten Mannen der Stadt, fiel er auf durch seinen hageren Wuchs und ward deswegen beinahe bedauert. Wie wohl ward ihm aber, da er sich auf sein Pferd wie auf ein Reck schwang, durch die heiße, ungarische Ebene munter galoppierte, während die Wiener schwer unter der Fülle ihres Leiblichen einherstampften. Und als er an der Spitze seines Fähnchens zuerst das Meer erblickte, das weiche, blauseidige Meer, hätte er gar nicht, wie die andern, verschnaufen müssen, sondern sich sogleich, wonach ihn, ach 70 so sehr, gelüstete, nackend hineinstürzen können. Aber da gedachte er, gottlob noch zu rechter Zeit, des peinlichen Bandes, das, um auch seine Treue zu sichern, die Fraue um ihn hatte schließen lassen. Er zog das schwere Visier nieder und schritt am Gestade, neidisch nach den badenden Genossen spähend, grollend wie ein Berglöwe auf und nieder. Kaum hatten nämlich die andern Mannen, die aus der Provence, aus Burgund, aus Flandern und aus Engelland, das lockende Gewoge erspäht, so schnallten sie ihre eisernen Hemden, Ringhauben, Brünnen und Beinschienen ab und sprangen hinunter in die linde, kühlende Flut. Sie bespritzten einander wie die Jungen, trieben tausendfachen Schabernack und waren kindlich vergnügt. Nur der von der Türlin schritt, Schweres in seinem Sinn erwägend, umher. Er löste nicht den Gambesson und nicht das Kettenhemd, sondern spazierte in seinen Schnabelschuhen ingrimmig und wünschte nur eines: auch in dem glitzernden Meer ein Bad zu nehmen. Die Genossen waren über diese Enthaltung schier betroffen. Man wußte, wie gerne er sich daheim im Strom getummelt hatte, galt er doch als der reinlichste Ritter der Christenheit. Ein Gelübde, so erzählte man alsbald, halte ihn dem Wasser fern. Daß er es so getreulich hielt, mehrte seinen Ruhm und er galt fürderhin erst recht als ein ganzer Mann und Ritter. Sie zogen weiter bis zum Hafen von Aleppo, 71 ohne daß es zu einem Treffen mit dem Feind gekommen wäre. Aber auch die verdächtigen Nasen, gegen die eigentlich der Feldzug gemeint war, hatten sich noch nicht gezeigt, sondern sich vorsichtig nach Jerusalem zurückgezogen, wo sie inzwischen mit dem Sultan gute Geschäfte machten. So wandelte Konrad denn in Aleppo am Strand unter den Agaven, mit sich und seinem Geschick hadernd, das ihn noch nichts der Reimkunst eines Bertrand de Born Würdiges hatte vollbringen lassen. Er blickte auf eine Stechpalme, die sich in die blaue Luft erhob, und dachte an seine stachelige Dame zu Hause, die ihn mit einem solchen halb lächerlichen, halb ärgerlichen heimlichen Panzer umgürtet hatte – er dachte an sie mit wirklicher Sehnsucht und in reiner Minne seit langem wieder zum erstenmal und ein Seufzer hob seine Brust wie der Schirokko das Segel dort, das eben über die opalne Flut in den Hafen glitt und das Venedigs Wappen zeigte, den geflügelten Löwen, wie er offenmäulig, mit der erhobenen Tatze zwei Tafeln festhielt. Unter den Neugierigen am Ufer befand sich alsbald der schweigsame Ritter von der Türlin und er musterte die bunten, hellgrünen und violetten Wämser, unter denen gewiß nichts dergleichen schimmerte, was er zu seinem Ärger verborgen an sich trug. Warum hatte er ihr eigentlich nachgegeben? Nun, weil er ein Beispiel geben wollte. Ein Beispiel . . . aber niemand durfte doch davon erfahren! Nein, er hatte es nur getan, weil er 72 Gertrudens durch ihn erzwungene Treue gleicherweise vergelten wollte. Oh, sie war treu, seine Fraue, warum hatte er sich nur von ihrem mutwilligen Wort beirren lassen? Einem Konrad von der Türlin Treue zu wahren, verstand sich dies überhaupt nicht von selbst? Hatte es dazu eigentlich eines Gürtels bedurft? So war es edel und großsinnig von ihm gewesen, daß er das Selbstverständliche mit dem – wenn es bekannt wurde – so Lächerlichen erwidert hatte. Unter solchen selbstbespiegelnden Gedanken hatte er gar nicht gemerkt, wie ein Fremder, stutzerhaft, in Schnabelschuhen von rotem Maroquin und einem Wams aus violetter Seide, sich ihm näherte. »Der vielgerühmte Konrad von der Türlin?« fragte der Fremde. »Der Nämliche.« »Ja, kennt Ihr mich denn gar nicht mehr?« »In der Tat, Ihr seid es, Signore Angelo Donati?« und Konrad blickte verwundert auf den Vaganten von einst, dessen jetzt feist gewordenes Gesicht glatt rasiert war. Die Locken waren kurz geschnitten und geglättet, die Augen hatten einen kalten, rechnenden Ausdruck, auch trug er an allen Fingern schwere, goldene Ringe. »Ich habe mich etwas verändert, nicht wahr?« erwiderte Donati nicht ohne Selbstgefühl. »Ja, ich habe durch den Krieg einiges gewonnen«, und er streifte sich wohlgefällig mit den beringten Fingern über sein schroffes Kinn. 73 Und Konrad nickte verstehend, als erkenne er, daß Angelo Donati der erste kriegsgewinnende Ritter war, von dem die Geschichte meldet, wie er selbst der erste Turner und Wasserpritschler und Gertrude die erste, gleiches Recht heischende Frau. »Ja, ich habe gute Geschäfte gemacht. Die Dinge da, wie Ihr selbst eines am Leibe tragt«, und er lächelte ihm vertraulich und, wie es Konrad dünkte, niederträchtig zu – »na, laßt nur Euren Flamberg stecken, ich erzähl' es ja niemand. Die Gürtel also sind reißend abgegangen. Jeder Ritter, der in den Kreuzzug mußte, hat einen haben wollen. Jetzt bin ich hier, dem Heer Getreide zu liefern und Rosenöl für die Damen Venedigs einzukaufen und«, seine Stimme wurde schmelzend, »auch für einige deutsche Damen meiner Bekanntschaft allerlei einzuhandeln, und – Euch diesen Brief zu übergeben.« »Ja, seid Ihr denn wieder an meiner Burg vorübergekommen?« »Ja natürlich, auf dem Rückweg. Eure Gemahlin harret Eurer in sehnender Minne. Sie blickt Tag und Nacht die Donau hinab und härmt sich sehr. Und sie schickt Euch dieses Brieflein. Wahrhaftig, es tut mir leid, daß ich Euch den Gürtel für die Madonna aufgeschwatzt, die Madonna hätte dessen wahrlich nicht bedurft.« Seufzend stimmte Konrad bei. Angelo aber verschwieg ihm, warum sich Gertrude besonders gehärmt hatte, mit ihm zusammen – darüber nämlich, daß Konrad sein Schlüsselein, 74 das beide Gürtel aufsperrte, mitgenommen hatte, worüber man sich wahrhaftig kränken und erbosen mußte. Der von der Türlin aber schritt würdevoll auch weiterhin unter den Palmen auf und nieder und las den Brief. Gertrude schrieb ihm, daß sie seiner, ihres edlen Herrn, gedenke, wie er es verdiene, und daß ihre Gedanken wirklich wie treue Tauben zu ihm hinflögen über das Meer. Nur quäle sie der harte Reif, mit dem er sie noch aus der Ferne umschlungen halte wie mit einer kalten Hand. Sie wäre ihm – des mög' er gewiß sein – durch ein zarteres Band verbunden als durch diese Eisenumklammerung. Habe er denn niemals sein eigenes Bild im Spiegel des Meeres betrachtet und könne er da noch argwöhnen, – ein Weib, das Konrad von der Türlins Minne, wenn auch zuletzt allzu selten, genossen, könne Gelüste hegen, mit anderen Locken zu spielen? Da neigte er sich über die ölglatte Flut und betrachtete lange sein Bild, wie es mit dem Wipfel einer Platane im Wasser zusammenfloß. Er sah mit Stolz die gotisch-hagere Brust, den Spitzkopf mit dem spärlichen Haarflaum, die Ohren, die wie Henkel an einem Topfe hingen, und rief: »Nein, so einen Mann betrügt man nicht! Konrad von der Türlin, er vertraut sich selbst und darum dir.« Und er setzte sich in den Schatten einer Dattelpalme, zog ein Schreiberohr und ein Pergament, auf dem er sich jetzt selbst in allerlei Reimwerken 75 versuchte, aus seiner Gugelhaube, die mit den Farben seiner Dame geziert war, gold und blau, und schrieb eifrig, bis es dunkelte und das südliche Kreuz über dem pupurnen Himmel flammte. »Der Bote mit deinem Brief«, so schrieb er ihr, »ist wohl angekommen. Ich bin erfreut, daß du nun aus der Entfernung, getrennt von mir, begreifst, was für einen Mann das Schicksal dir beschieden hat. Damit du aber mein ritterlich Tun und Denken ganz ermessest, send' ich dir, ohne daß du mich darum mit ausdrücklichen Worten gebeten hättest, den Schlüssel zurück. Nein – eine Fraue, die Konrad von der Türlin zu sich erhoben hat, bedarf einer solchen Wehr ihrer Tugend nicht; ein Türlin kann nicht wie eine andere betrogen werden!« »Ich werde nun, weil das gleiche Recht, wie du sagst, den Mann wie das Weib binden soll, den Gürtel, mit dem mich deine Laune umgürtet hat, so lächerbar er ist, nicht früher von mir tun, bis nicht der Bote, den ich dir mit diesem Briefe sende, zurückgekehrt ist und mir den Schlüssel, mit dem du deinen Gürtel lösen magst, zurückbringt.« »Ihr reiset wohl bald«, wandte er sich jetzt hochfahrend an Donati, weil dieser nur ein Händler war, »Ihr reiset wohl bald in unsere Marken zu den Burgen, wo es Männer gibt, die Eurer Gürtel zum Schutz ihrer Ehre mehr bedürfen als ich.« »Aha, Ihr schickt der Madonna den Schlüssel zurück . . . durch mich«, schmunzelte Angelo und er war froh, daß der breite rote Schein des Mondes 76 das Lächeln verschluckte, das über seine prallen Wangen lief. War es nun ein Etwas im Blick des Welschen, oder war es wieder Konrads eigenes dünkelhaftes Wesen, das ihn verlockte, vor seiner in Züchten daheim harrenden Fraue mit seinem schmucken Junker zu prunken – er rief seinen jungen Gesellen Erich herbei, der auf einer Mauer lehnte, die der Ast eines Feigenbaumes umkroch. Erich war der frischeste, flinkeste Junge im Lager; so war es natürlich, daß er niemand andern denn unserm Konrad als Knappe dienen konnte. »Willst du einen Brief meiner Herrin bringen, die jetzt bald auch die deine sein wird – sie soll sehen, daß dem Konrad von der Türlin der hübscheste Junker dient und mich in dir loben« – und er betrachtete wohlgefällig, die Wirkung auf Gertrude ermessend, den Jüngling, der schlank wie eine Zeder des Libanon gewachsen war. Wie nun Jung-Erich das Wort »Herrin« vernahm, glühte in ihm zum erstenmal das Minnewesen auf, wie dort das Lagerfeuer an der vergitterten Mauer mit der Sykomore darüber. Er sah im Wind ihr wehendes Haar, hörte ihren Schritt zart wie den einer Antilope, das Blut rauschte in ihm, wie drüben das Meer, das ans Gestade schlug. »Das will ich wohl – zu meiner Herrin –«, stammelte er. »Morgen segelt ein Schiff mit Olivenöl und Wein nach Venedig. Das nimmt dich wohl mit. Wo 77 du landest, erstehst du ein Roß – hier sind türkische Dukaten –, aber ein schmuckes, damit du stattlich aussiehst, das bitt' ich mir aus – reitest die Straße und den Strom hinauf zu meiner Burg und bringst meiner Herrin diesen Brief. Und einen Talisman geb' ich dir auf den Weg, ein Schlüsselin, das in dem Brief steckt, achte dessen wohl, sie wird es dir lohnen.« Und er reichte ihm ein vielfach umwundenes Pergament. Mit dem Schlüsselchen aber, das zwischen den Blättern haftete, hatte er vorher den eigenen Gürtel geöffnet, nicht abgetan – es bedurfte bei ihm so wenig wie bei seiner Fraue des Schlüssels. Erich nahm das Pergament und fühlte den Schlüssel darin. Er wußte nicht, was dieser bedeutete, aber es glühte ihm daraus wie ein betörendes Geheimnis, wie alle Seligkeit der Welt entgegen. Immer heller blinkerte und funkelte das südliche Sternenkreuz, immer sehnsüchtiger schwoll das Meer, und im Wehen des Windes wiegte sich die Sykomore. Erich schlief nur wenig in dieser Nacht, aber Konrad wickelte sich in seinen haarigen Mantel und schlummerte zufrieden, wie nur ein Eheherr schlummert, der wähnt, etwas sehr Kluges ersonnen zu haben und etwas sehr Törichtes ausgeheckt hat. Der Talisman, den Erich an seinem Busen barg, schützte den Jüngling wohl. Er fuhr mit ihm über die Meere, und der Wind hatte seiner Sehnsucht, die Herrin zu sehen, nicht Flügel genug, und das Rößlein trabte nicht flink genug, und es sprühte 78 nicht Feuer genug aus seinem Huf, bis er im Schloßhof stand und den erwachenden Morgen mit seinem Tandaradei begrüßte. Heinrich aber, der graue Kastellan, der mit seinen Vogelnetzen eben über den Hof einherschritt, dachte nur: »Ei, was ist da für ein Falke zu meinem Töchterchen geflogen? Das gönn' ich ihr wohl und dem Konrad!« Er nahm nämlich Ärgernis an seinem Schwieger, weil ihm dieser hochmütig das Gnadenbrot, das er hier im Hause genoß, schon öfters zum Vorwurf gemacht. »Wenn ich so eine Witwe wäre, wie die Gertrude, während sich der Mann umtreibt in der Ferne«, brummelte er vor sich hin, »würde ich mir diesen Falken zahmziehen«, ging in seinen Wald und sagte weiter nichts. Gertrude aber, die über dem langen Warten immer schöner geworden war und in zarter, fraulicher Fülle blühte, war, als sie die junge Stimme im Hof hörte, zunächst enttäuscht, weil sie den kräftigen Tenor ihres schwarzen Angelo erwartet hatte. Aber als sie die goldenen Ringellocken zwischen dem Efeugeranke und die blauen zu ihr hinaufschwärmenden Augen sah und den Arm, der sich in junger Kraft mit dem Brief und dem befreienden Schlüsselchen zu ihr hinaufbog: da wußte sie, Frau Venus selbst, die Heidengöttin, die gelösten Haares auf der Muschel thront, habe ihr dieses Abenteuer gesendet, während der Gatte wahrscheinlich bei den feurigen Sarazeninnen sein Vergnügen finde. Sie 79 winkte den Ankömmling in ihr Turmgemach, das die blanken Zweige umgrünten und das von dem gefiederten Volk wie von Maienfanfaren umschmettert war. Ein Fragen und Antwortgeben, das süßeste Minnespiel begann alsbald, und es währte nicht lange, bis das Schlüsselchen aus seiner Hand und zu ihr hinüberglitt und sie von einer unziemlichen Unfreiheit löste, womit nicht so sehr eifernde Liebe als ehemännischer Dünkel sie aus der Ferne noch hatte binden wollen. Des Jünglings unschuldige Minne neigte sich zu ihrer wissenden. Sie zogen Hand in Hand zu den maiengrünen Wiesen und zu den Auen, und da der Nebel silbern über dem Fluß stieg und die Niederungen bedeckte, lag sein blondes Haupt in ihrem Schoß und er sang zu ihr hinauf die innige Weise: »dû bist mîn, ich bin dîn: des solt dû gewis sîn. dû bist beslozzen in mînem herzen: verlorn ist daz slüzzelin. dû muost immer drinne sîn.« Und sie blitzte ihn an, barg in ihrem zarten Busen den Schlüssel und endete schalkhaft das Lied: »Verloren ist das Schlüsselin.« Und als sie sich von ihrem blühenden Lager erhoben, sang er wieder: »under der linden an der heide, dâ unser zweier bette was, dâ mûget ir vinden schône beide gebrochen bluomen unde gras.« Aber sie sagte nur: »Herrlich, daß er dich als Boten geschickt hat.« Sie zog ihn in ihr Turmgemach und in ihre Arme und hielt ihn solange darin fest, bis der Herbst über die bleichenden Halden zog. Da mußte er, schwer 80 aufseufzend, endlich von ihr Abschied nehmen. Dem Junker Erich war schon vor dieser Abschiedstunde ein bittrer Tropfen in den Kelch seiner Lust und die Reue in das Gemüt gefallen. Er hatte, was kein rechter Edelknabe darf, um der Frauenminne willen die Herrenminne dahingegeben, und da dies nicht mehr zu ändern und er nun kein Jüngling mehr war, beschloß er, seinem Herrn, wenn er ihn nun schon so hatte kränken müssen, ein schönes Werk zu dessen Ruhm zu hinterlassen. Dieses zu fertigen, fiel dem Erich nicht schwer, da er verliebten Gemütes war und die Jugend selbst in ihm dichtete. Da er wußte, wie es seinen Herrn nach Ruhm gelüstete, schrieb er dessen Taten im Morgenlande auf weißem Pergament in Reimen auf – Taten, die alle gewissermaßen, wie man sogleich erfahren wird, dem Gürtel entsprungen waren, mit dem die herrische Laune seiner Fraue den Ritter eingeengt hatte. Dieses Werk schrieb Jung Erich in den wenigen Stunden, die ihm Gertrudens Ungestüm vergönnte. Konrad sollte es nach seiner Heimkehr auffinden, ihm selbst aber wollte der Junker nie mehr begegnen. Sein Vorsatz stand fest wie ein Turm: zurückgekehrt, sich in das dichteste Getümmel der Schlacht zu stürzen und selbst den Tod zu suchen. Solches aber sagte er der zärtlich von ihm scheidenden Gertrude nicht, als sie ihm einen Brief an den Gatten mitgab und das Schlüsselin, das er dem Konrad zu dessen Befreiung bringen sollte, wieder in seinen 81 Händen glänzte. Mutwillig, wie Frauen in ihrer Freuden Taumel sind, hatte sie das Bändchen mit der Devise: »Gedenke mîn!« um das Schlüsselchen geschlungen, und nachdenksam und ein wenig ermüdet ritt Jung Erich wieder in das Morgenland hinab, das Schlüsselin in der umpanzerten Hand mit dem Bändchen daran, das lustig im Wind flatterte. * Inzwischen waren in Aleppo unten die flandrische und die bretonische Ritterschaft zu den Männern aus der Ostmark, vom Rhein und der Elbe gestoßen. Sie wurden freudig aufgenommen, weil man vor dem Ansturm der Männer mit dem halben Mond, denen die mit dem gelben Fleck zwar nicht mit den Waffen, aber mit ihrem Gelde halfen, zu weichen begonnen, obgleich der von der Türlin befehligte. Daß er ihr Führer ward, ergab sich aber von selbst, weil er wegen seines tiefgründigen Ernstes, den er angenommen hatte, seitdem er den Gürtel trug, und weil er sich nie vor den andern entkleidete, vielmehr entpanzerte, ein Gelübde also offenbar mit zäher Entschlossenheit festhielt, für einen eisenharten Kopf und stählernen Charakter galt. Konrad verrichtete aber auch wahre Wunder der Tapferkeit und davon ist, sonderbarerweise, dieser Gürtel die eigentliche Ursache gewesen. Er rannte den Feind an, wo er ihn traf, weil er von dieser 82 lächerbaren, eisernen Umklammerung zur steten Wut gestachelt wurde. Auch wehrte er sich mit Hieb und Stich gegen den Tod, nicht so sehr, weil er das Sterben, als die Gefährdung seines Nachruhms in den Büchern der Ritterschaft fürchtete, wenn man ihn als umklammert aufgefunden und dem Spott der Nachwelt überliefert hätte. So verbreitete sein schwarzes Visier, wenn er damit aus dem Getümmel hervorstampfte, Schrecken – und keiner aus den schreienden, fliehenden Scharen ahnte, welche absonderliche Gedanken der Kopf dahinter verbarg. Konrad galt für einen grimmigen Haudegen und bald als der tapferste Held der Christenheit im Morgenlande – und niemand wußte, ach wie bei so vielen Taten, worin dieses Heldentum eigentlich seinen Grund hatte, und daß er aus dieser seltsamen Angst so tapfer war. Auch war er allmählich, so viel und so feurig er früher über sich gesprochen hatte, in sich gekehrt und schweigsam geworden, was die Menschen immer als ein Zeichen der echten Mannesüberlegenheit deuten. Sie wußten freilich nicht, daß er nur darum schwieg, weil er sich selber mißtraute und besorgte: er könne sein Geheimnis in einer überfließenden Stunde ausplaudern. Aber wie es sich zu ereignen pflegt: jene Eigenschaften, die er nur im Keim in sich getragen und die so lange vom Unkraut seiner Eitelkeit überwuchert gewesen, entschlossener Mut und schweigsamer Ernst – sie sproßten nun wirklich in ihm auf. 83 Zuerst waren sie nur dem Scheine nach vorhanden, Spiegelbilder gleichsam von Charakterzügen. Aber stetig zur Schau getragen und geübt, wurden sie wesenhaft in ihm selbst. Er wurde nun in der Tat, wofür er so lange gegolten: ein rechter Mann und Ritter. Dieser Gürtel, aus einer spielenden Laune um ihn geschlungen, der, was man sonst das Mannestum nennt, umketten sollte – hatte, seltsam genug, die eigentliche Mannhaftigkeit erst aus seiner Seele hervorgetrieben. Dazu kam noch, daß er in zorniger Verzweiflung dahinlebte, weil Erich so lange ausblieb. Aus wütendem Mißmut hieb und stach er um sich und war darum immer obenauf im dichtesten Getümmel zu finden. Zum Feldherrn wegen dieser vorleuchtenden Tapferkeit erwählt, war er es, der auf Angriff gegen Jerusalem gedrungen hatte, damit doch endlich etwas Tüchtiges geschehe und der richtige Schlachtenkampf beginne, wo man sich mit Tartsche und Speer berennen und blutigschlagen könne. Sie werden bald zu Gott und Jehova oder zu Allah um Sieg beten und sie werden einander in seinem dreifachen Namen so lange peinigen, bis er, verwundert über dieses Wirrsal, sein Haupt im Gewölk des Libanon zornig verhüllt. Vor den Toren der heiligen Stadt nun geschah die Schlacht, bei der die Christen leicht unterlegen wären, wenn nicht Galeeren aus Venetien neue reisige Scharen zu Hilfe geschickt hätten, so daß der Kampf unentschieden blieb. Erich war unter 84 diesen. Er stürzte sich, wie sein Vorsatz war, in das blutigste Getümmel, weil er sich geschämt hätte, dem Mann, dessen Geselle er war und dessen Schlüsselin er, ach nur für sich selbst, genützt hatte, in das Antlitz zu schauen. Da traf ihn der Pfeil eines Arabers durch die Halsbeuge in den stahlumschienten Nacken, den vor wenigen Monden noch die zarteste Minne umschlossen hatte. Die Locken fielen ihm über den Helmbusch, und in der bepanzerten Rechten hielt er noch das Schlüsselin mit dem Bändchen daran, das noch immer im Wind, der über die syrischen Hügel strich, so lustig flatterte, als gäb' es nicht Gefahr und Tod. Konrad von der Türlin war aber an diesem Tag besonders entflammt im Gemüte, weil sein Bote noch immer ausblieb und er nun gar nicht mehr wußte, was mit dem Schlüsselin geschehen war; so brauste er wie ein Ungewitter über das Schlachtfeld einher. Da erblickte er, über einen Stein gesunken, seines Gesellen blondes Haupt. Er griff nach der stahlumschienten Hand und fühlte das kühle Schlüsselchen, und das Bändchen flatterte ihm entgegen mit dem sinnreichen Sprüchlein: »Gedenke mîn!« Nun durchfuhr ihn ein schmerzhaftes Erkennen: Wie war dieser junge Fant zu dem Bändchen gekommen, das er mutwillig um den Gürtel geschlungen hatte? Erich war so lange ausgeblieben – dieses Bändchen dazu – oh, welch ein Tor war er gewesen, daß er unbesonnener Jugend anvertraute, was die 85 reifenden Jahre selbst, wie es jetzt deutlich ward, nicht zu behüten vermochten. Er setzte sich auf den Stein, schlug Bein auf Bein, wie es der Vogelweider getan, und nahm den Helm ab – so erspähte ihn ein Kerl aus dem Mohrenland, der nahte ihm rücklings, um ihn von hinten zu durchbohren. Todestraurig, weil er seinen Gesellen verloren und das Bändchen gefunden, hielt ihm Konrad den Schild entgegen und griff nach seinem Helm. Da wurde der Angreifer wie rasend, er hob die Axt, und schon war es um Konrad geschehen, aber da sah der aus dem Mohrenland den krummen Geierschnabel im Schild und rannte schreiend davon. Ein solches Geiertier galt als Schutzgeist seines Stammes. Und so hat den Konrad gerettet, was er mißachtete. Er warf dem Mohrenkerl den Schild und seine Lanze nach, aber schon war ihm eine braune Türkenfaust im Genick. Der fromme Muselmann hätte den Christenhund seinem Allah geopfert, da erkannte er den ob seiner Tapferkeit auch im Feindeslager hochberühmten Feldherrn, von dem man überdies munkelte, daß er mit geheimnisvollen, wundertätigen Kräften begabt und wahrscheinlich ein Zauberer sei. Darum tötete er ihn nicht, sondern erklärte ihn für gefangen im Namen des Propheten und Konrad folgte ihm, das Schlüsselchen mit dem Bändchen noch immer wie träumend in Händen. So zog er nach Jerusalem, der ehrwürdigen Stadt, nach Jeruschalajim, wie es die Männer mit dem 86 gelben Fleck nennen, die am Wege zum Palaste des großen Sultans Saladin verwundert standen, als sie ihren gefährlichsten Feind so ergeben, traumverloren einherschreiten sahen, wie ein Knäblein, ein Schlüsselchen in der Hand, daran ein Bändchen baumelte. * Nun sehen wir zwischen zwei blanken Türkensäbeln den Gefangenen durch das Zionstor und felsige, abschüssige Straßen über den Platz Naronnesch Scherif schreiten, an der Moschee El Akta, der Grabeskirche und dem heiligen Tempel, die alle drei in Einigkeit hinauf in den Himmel glänzten, vorbei zum Palaste des Sultans Saladin. Dieser war in der Art der maurischen Paläste seiner Zeit gebaut, wie man sie später in Spanien nachgebildet hat, mit weiten, kühlen Marmorhallen, roten Säulen, umkränzt von Sprüchen des Korans, mit verborgenen, teppichumhangenen Gemächern, in denen die Fontänen rauschten. Wo eine Fontäne in eine grüne Achatschale plätscherte, stand, in einen weißen Mantel gehüllt, Saladin, der Sultan. Er war von gemessenem Anstand und freiem Gehaben. Gedanken schienen kühn von dieser braunen Stirne zu fliegen, die Nase hatte sich offenbar früh gekrümmt, weil sie ein Haken werden wollte, der nun wieder dem Geierschnabel im Schilde des stolz Eintretenden in seiner energischen Krümmung glich. »Ich bin Euer Gefangener«, und Konrad legte 87 Schild und Schwertgehänge an den Rand des Marmorbeckens. »Allerdings, Herr Konrad von Türlin – so heißt Ihr wohl –, Ihr bleibt hier im Palast in ritterlicher Haft oder vielleicht –« und Saladin blitzte ihn mit dem Falkenauge an, halb bewundernd und halb zweifelnd. »Ihr geltet als der tapferste Ritter der Christenheit. Aber – es sind sonderbare Gerüchte um Euch, Herr von der Türlin. Früher, da sollt Ihr in den Strom, der an Eurer Burg vorüberzieht, gesprungen sein wie kein zweiter in der Ritterschaft. Aber jetzt – kein Tropfen Wasser darf mehr an Euch – erzählt man. Sonderbar . . .« »Es ist wahrscheinlich ein Gelübde«, knirschte der Ritter. Der Sultan betrachtete ihn prüfend. Wäre er ein Christ gewesen, er hätte sich gedacht: ein sonderbarer Heiliger. Wäre er vom auserwählten Volk gewesen – er hätte erwogen: unser Herrgott hat einen großen Tiergarten. Aber weil er vom abergläubischen Stamm des Propheten war, besann er sich auf das, was ihm der Derwisch gesagt hatte: »Von einem Ritter mit einem Talisman wird dir, o Sultan, viel Leid kommen, aber zuletzt viel Glück . . .« Er blickte auf wie aus einem Traum. »Was habt Ihr denn da für einen Zauberschlüssel in der Hand, mit einem Bändchen daran?« »Ein Talisman!« – schrie erbost der Ritter. »Ein 88 Talisman! – Wie seid Ihr zu dem gekommen?« »Das ist eine ganz furchtbare Geschichte«, erwiderte Konrad dumpf. »Ihr habt etwas Seltsames an Euch, Herr Ritter.« »Jawohl, das hab' ich.« »Etwas, das nicht jeder aus der Christenheit an sich hat.« »Er würde sich auch bedanken«, knirschte wieder ingrimmig der von der Türlin. »Lasset mich nun in das Gefängnis führen« – brach er jetzt hochfahrend die Unterredung ab. »Einen Mann wie Euch in das Gefängnis? Nein!« sagte hoheitsvoll-milde Saladin. »Ihr seid mein Gast hier an meinem Hof.« »Euer Gast?« Erstaunt blickte Konrad auf. Und nun tat er ernstlich ein Gelübde. Dieser Gürtel, den er an sich trug, hatte sich wirklich als ein Talisman bewährt; er hatte ihn vor dem Tod geschützt und jetzt eben vor der Gefangenschaft. Darum gelobte er sich selbst: er würde ihn jetzt, da er doch den Schlüssel besaß, erst recht nicht von sich lösen, so lange er in diesem verdammten Heidenland bleiben mußte. Leben und Freiheit dankte er ihm, mit dem ihn die Frau noch aus der Ferne gebunden hielt. Nur davor hatte er ihn nicht bewahrt, seufzte er in sich hinein – daß ihm zu Hause inzwischen die Ehre abhanden gekommen war. Und hadernd mit seinem Geschick gelobte sich der Kreuzfahrer, daß er ihn überhaupt nicht mehr von sich tun, sondern wie ein Mönch fürderhin leben würde. Aber 89 weil er ein Mann und daher schwach war und mit sich reden ließ, fügte er in Gedanken hinzu: erst wenn er sich einmal wieder einem reinen Weibe nähern würde. »Aber das gibt es überhaupt nicht«, grollte er wiederum. »Ihr könnt nun aus und ein gehen, wie es Euch beliebt«, sprach Saladin. »Nur eines noch«, fügte der eben so edelmütige wie abergläubische und ebenso vorsichtige wie neugierige Sultan hinzu: »Ihr müßt vor dem Palastwächter Euren Panzer abtun, ob Ihr nicht etwas verborgen bei Euch tragt. Eine Waffe vielleicht!« »Was ich etwa verbergen muß«, erwiderte Konrad geheimnisvoll, »kann nur mich allein um die Lust des Lebens bringen.« Und Saladin darauf, immer neugieriger, drängend: »Ihr müßt Euch entkleiden, Herr Ritter – nur vor der Wache des Palastes.« »Dann stürz' ich mich vor Euch in den Brunnen hinab! Ich stürze mich in das Schwert!« Doch überlegte er sogleich, daß er nicht wie ein alter Römer sterben könne, weil man ja dann an ihm finden würde, was er durchaus verhehlen wollte. Saladin betrachtete ihn prüfend, lange. Er winkte ihm gnädig mit der weißen schmalen Hand, an der ein Amethyst glänzte, und bedachte, ob dies wirklich der prophezeite Ritter mit dem Talisman sei, der ihm tiefstes Leid und höchste Wonne dieser Welt bescheren werde. Er zweifelte noch, weil er ein Türke und darum mißtrauisch war. Aber da 90 erinnerte er sich des Zauberschlüssels in der Hand seines Gastes mit dem Bändchen daran und er wußte: »Dieser ist es!« Nun entfaltete sich sogleich des Sultans milde Gesinnung. Er ließ in dem Gemach, das er dem Gast zur Wohnung bestimmt hatte und das von rötlichem Marmor und von Tapeten mit geheimnisvollen Blumen, Früchten und Gestalten überschimmert war, ein reichliches Mahl auftischen. Es fehlte sogar nicht an edlem Zyperwein, der ihm, dem Sultan selbst, verboten war und den er sich auch versagte. Dieser ward nun zu des Gastes Befremden nicht, wie sonst im Osten, von einem Palastsklaven kredenzt, sondern von einer älteren Frau, ersichtlich einer Beschließerin des Hauses. Sie ging unverschleiert; auch waren die Augen nicht durch eine weiße Binde verhüllt. Als der Fremde sich über diese freiere Sitte zu verwundern schien, bedeutete ihm die Frau, die sich Daja nannte und die betulich und ungefähr das war, was man ein gutes Huhn nennt, auch also geschäftig scharrte und gackelte – der Sultan, raunte Daja ihm geheimnisvoll zu, sei stolzen, eigenwilligen Sinnes. Er halte sich nur an solche überlieferte Gebräuche und Beschränkungen, die ihm einleuchteten. Übrigens sei er unvermählt und lebe hier mit Recha, seiner Schwester, mit der er fleißig Schach spiele. Dann sei noch ein Mädchen im Palast, ein gar holdseliges Geschöpf, das ihr zur Hilfe beigesellt wäre; sonst sei keine Frau im Hause. Wenn sich Saladin einmal 91 vermähle, werde er nicht mehrere Frauen nehmen, sondern seine Liebe ungeteilt der einen schenken, und diese nicht, nach der Sitte des Ostens, vor der Welt im Verborgenen verschließen. Hier gäbe es nicht und werde es niemals geben: verhüllte Frauengesichter, vergitterte Fenster und verschnittene Wächter der Frauengemächer. Saladin meine nämlich, fügte Daja hinzu, keines Weibes Tugend ist zu behüten, das nicht durch die sorgende Liebe des Mannes behütet wird. Dieses Wort durchfuhr den Konrad schärfer als ein Sarazenendolch. Er nahm nur ein paar Tropfen des Weines, ein paar Datteln und Feigen und verabschiedete sich rasch von der erstaunten Daja. Er stieg in die Stadt hinab, die im Kreis um die Hügel lagerte, schritt über die heiligen Plätze mit den Kirchen und Moscheen, von denen der Muezzin die Stunde rief; durch die engen, winkeligen Gäßchen mit den flachen Dächern, auf denen Männer im weißen Burnus und Männer anderen Glaubens im langen, faltigen Rock, Frauen, die Binde vor dem dunkel hervorglühenden Blick und andere, unverschleiert, aber träumenden Auges, sich so friedlich im Abendschein sonnten, als stünde nicht draußen vor dem Tor gegen Damaskus hin der Feind noch immer gewappnet. Er sah nun aus der Nähe die vierunddreißig festen Türme, die Saladin als Bollwerk gegen die kreuzfahrenden Heere aufgebaut, und Konrad mußte dem Geschick danken, das ihn mit diesem Gerücht 92 eines Zauberers umgeben, also vor der Strenge des gewaltigen Mannes so wunderbar behütet hatte. Dies hatte er, wenn er es so recht bedachte, nur der eigenwilligen Laune Gertrudens zu danken, die ihm freilich, die Ungetreue, jetzt solche Qual bereitete – und schon mischte sich in sein zorniges und gekränktes, aber durch das Wort des Sultans seltsam aufgeregtes Gefühl ein Etwas, das er nicht deuten konnte und das von Vergebung und Vergessen sprach. Hatte er es im Grunde nicht ihr zu danken, daß die Frauen, die in ihre tönernen Krüge Wasser schöpften, und die Männer, die in ihren kleinen Butiken standen oder Früchte feilhielten, ihn, den fremden, eisenumschienten Mann, voll Ehrfurcht grüßten, weil er, wie die ganze Stadt bereits durch Daja wußte, wegen eines Zaubers, den er an sich trug, der Gast des Sultans war. Am nächsten Morgen suchte Konrad die ehrwürdigen Stätten auf und reinigte im Gebet seine Seele. Er stieg in das Tal Josaphat nieder und von überall, aus dem Tal der Terebinthen und vom Flusse Kedron her rauschte es ihm entgegen – Vergebung, Vergessen. Und als Saladin, der an dem beherrschten Ernst des schweigsamen Gastes Gefallen gefunden hatte und öfters mit ihm Rede und Antwort tauschte, ihn einmal fragte, warum Blut und Mord hier in diesem Tal und überall in der Welt um das Zeichen der Liebe flackern, wußte der kreuzfahrende Ritter nichts zu erwidern, sondern nahm schweigend den Helm ab. 93 Saladin, betroffen über dieses offenherzige Tun, bot ihm die Freiheit an, zumal ein ehrenvoller Friede bereits geschlossen war und der Rauch des abziehenden Lagers sich am Horizont kräuselte. »Wozu ist nun«, fragte Saladin, der eben seine philosophische Stunde hatte, den Gast, »soviel edles Blut geflossen? Ist es nicht Gott Allah gleich, wem ein Stückchen dieser buntscheckigen Erde, ein Sandkorn kaum in der Fülle der Welten, gehört? Welch ein Tor ist der Mensch – so zieh nun auch du, mein Freund, in Frieden.« Aber Konrad bat, noch bleiben zu dürfen, weil er argwöhnte, sein häusliches Mißgeschick wäre bereits unter den Kameraden ruchbar geworden und er, wie mancher Eheherr nach ihm, das bedauernde Händeschütteln der Freunde zumeist fürchtete. Immer weicher wurde indessen an den frommen Stätten Konrads Sinn und als er der büßenden Magdalena und der Ehebrecherin und der Worte des Herrn gedachte: »Wer sich ohne Schuld weiß, werfe den ersten Stein!« beschloß er, von Saladins großmütigem Anerbieten jetzt Gebrauch zu machen, heimzukehren und ein Beispiel christlich verzeihender Liebe zu geben, wovon auch in den Ritterbüchern, sollte seine Schande in der Heimat bereits ruchbar geworden sein, gewiß rühmende Kunde der Nachwelt überliefert würde. Wie stünde er nun wieder da – Konrad von der Türlin, nicht polternd und strafend wie andere Männer ähnlichen, jetzt im Krieg nicht seltenen Mißgeschicks: nein, der 94 große Verzeiher, der – mit dieser milden Hand – die Gefallene von neuem zu sich hinaufhebt? Dieser Entschluß mußte ihm um so großmütiger, nur einem Türlin möglich, dünken, weil er sich bisher selbst ohne Schuld wußte und nicht einmal in die Versuchung geraten war, sein Gelöbnis, den Gürtel betreffend, zu brechen; so viele Blicke aus verschleierten und frei spähenden Augen der Armenierinnen und Griechinnen ihn auch begehrend streifen mochten, ihn, den Fremdling aus dem Abendland, den das Geheimnis umfunkelte und der inzwischen zu einem Mann und Ritter auch von Stattlichkeit des Leibes gediehen war. Es hatte sich nämlich um den Einsamen und Nachdenksamen, der allmählich, wie man zu sagen pflegt, jetzt auch in die gestandenen Jahre kam, der sogenannte Kummerspeck angesetzt, so daß der Stil seines leiblichen Wesens sich änderte und die hagere, gothische Spitzbogigkeit sich zu romanischen Rundbögen freundlich zu wölben begann. Auch hatte ihn Daja, in deren geschäftigen Händen es immer von Myrrhen und Spezereien duftete, eines Tages bei seinem nur von wenigen Härchen umflatterten Kopf genommen und diesen – hast du nicht gesehen – mit einer Rosensalbe eingerieben, so daß auf dem kahlen Grund bald eine üppige Haarwildnis gedieh. Es war also nicht zu verwundern, daß der gerundete und gesalbte, abendländische, in tiefgründigem Ernst einherschreitende Rittersmann, den der Zauber des Wunderbaren 95 umschwebte, manchen wildblütigen Frauen jener Gelände wohlgefiel und ihn, da er nunmehr zum Palast des Saladin seine gemessenen Schritte lenkte, neuerdings heimliche Blicke verwegen anglühten. Aber Konrad achtete ihrer nicht, sondern ging stracks auf den Palast zu; seiner treulosen Gebieterin Gertrude mit jener Süßigkeit gedenkend, die das milde Verzeihen gewährt. Er wußte nicht, daß eine zärtliche Neigung in ihm gerade darum wieder erwacht war, weil er sie begehrt von einem andern fand, der noch dazu so jung in das dürre Gras der syrischen Wüste hatte beißen müssen. Da er nun mit solchen Vorsätzen in das dämmerkühle Schweigen der Marmorgemächer trat, in das nur die Fontänen rauschten, flog ihm aus dem letzten ein kleiner Schrei entgegen. Er kam von einem Mädchen zarten Wuchses und schmalen, weißen Gesichtes. Hadassa war es, die Jungfrau, deren Daja ihm Erwähnung getan hatte, ohne freilich anzumerken, daß Saladin gerade auf diese seine Neigung geworfen hatte und ruhig die Stunde der Werbung abwartete. Hadassa, jenes Mädchen, das er zuerst gesehen, wußte natürlich, daß ein fremder Mann im Hause war und hatte sich die ganze Zeit über, ihm nicht zu begegnen, scheu in des Palastes verborgensten Gemächern aufgehalten. Aber sie hatte inzwischen von der geschwätzigen Daja über den schweigenden und geheimnisumgürteten Ritter vieles erfahren. So war das Feuer ihres stillen Herzens, das 96 bereits ihrem Herrn, dem Saladin, entgegenglühte, zu dem Fremden hinübergeflattert. Ihre Leidenschaft ward auf das süßeste durch seinen Blick genährt, der ihr jetzt begegnete und in der Erinnerung an eine andere Frau so schwermütig erglänzte. Der Wasserkrug, den sie in Händen gehalten, zerbrach klirrend auf dem Marmor. Sie wollte fliehen und floh ihm entgegen, und Konrad vergaß, verwirrt und aufgewühlt, seiner häuslich verzeihenden Vorsätze und seines Abschiednehmens von diesem Palast. Ein Bund war zwischen ihm und jenem Naturwesen so rasch besiegelt, wie dies nur unter östlicher Sonne geschieht. Bald wich sie ihm nicht mehr aus, suchte seinen Blick, seine Hand, und es konnte nicht fehlen, daß ihm, dem geduldeten Fremden, als erstem bestimmt war, was dem Beherrscher dieses Reiches aufgespart werden sollte. Von Saladins Liebe zu Hadassa wußte Konrad freilich nichts und so überließ er sich ohne Reue einer Leidenschaft, die in ihm wie die Rose Jerichos spät aufgesprossen, und schon war zwischen ihm und der Geliebten die Stunde besprochen, von der er wußte, daß sie ihm das letzte Glück gewähren und ihn von seinem Gelöbnis befreien würde, weil Hadassa das erste reine Weib war, das ihm nach dem Betruge seiner Frau in den Weg getreten. Saladin merkte wohl, was sich hier angesponnen. Er wußte nun zu seinem tiefen Schmerz, daß der Derwisch recht gesprochen, als er ihm verkündete, von einem fremden Mann werde ihm viel Leid 97 erwachsen. Nur ahnte er nicht, woher das Glück, das ihm auch geweissagt worden, noch kommen möge. Dies bedachte er trüb, doch er war viel zu stolz, um selbst in das Schicksal einzugreifen. Daja aber, die wohl erkannte, was sie durch ihr Geschwätz angestiftet hatte und was sich hier im Palast vorbereite, ersann sogleich einen Plan, der Hadassas Tugend dennoch retten und den nicht zuletzt durch die Kraft ihres Rosenöls so gefährlich gewordenen, geheimnisumwitterten Fremden von dem Mädchen fernhalten sollte. Dazu bediente sie sich einer Frauenlist, auf die sie rasch gebracht ward – durch Konrads heftig geäußerte Abneigung gegen alles, was aus dem Stamme Israel gewachsen war, mochte es auch eine so liebliche Blüte sein wie dieses Mädchen Hadassa. Der Name Hadassa war anscheinend hebräischen Klanges, obwohl das Mädchen selbst aus dem fernsten Morgenland stammte. Aber der König hatte ihr diesen Namen »Myrte« gegeben, gerade weil er biblischen Ursprungs war. Hier, am Ursprung so vieler Offenbarungen und Propheten, fließen ja die Quellen der Überlieferung ineinander. Auf dieses Vorurteil des Ritters aus der Ostmark, das sie sehr wohl kannte, gründete Daja ihren Plan. Sie steckte es dem von der Türlin zu, ob er denn auf den Namen des Mädchens – das ihm zu gefallen scheine und dem er wohl auch nicht gleichgültig geblieben – eigentlich schon geachtet habe? Hadassa . . . Esther . . . ein judäischer Name ohne 98 Zweifel. Wenn er etwa noch einen solchen über des Mädchens Abstammung hege, möge er nur den schriftgelehrten Hebräer drüben im Judenviertel befragen, der dem Saladin befreundet sei und den man den »Weisen Nathan« nenne. Da gab es dem von der Türlin einen Ruck, und ein Schmerz begann ihn scharf zu stechen, daß er das Mädchen verlieren solle. Aber dann dankte er Daja und seinem Geschick, das ihn davor bewahrt hatte, sein Blut mit dem des verhaßten Fremdvolkes zu mischen. Doch, um die Wahrheit zu erfahren, mußte er einen dieses Volkes aufsuchen! Er überwand sich und ging zu dem soeben in Schriftrollen lesenden, weißbärtigen, besonnen blickenden Mann, über dessen gütigem Haupt eine Schwinge fernher zu rauschen schien wie von einem unsterblichen Gedicht . . . zu Nathan dem Weisen. Nathan war bereits von Daja unterrichtet und um seinen Beistand gebeten worden, und obwohl es eine Heidin vor einem Christen zu beschützen galt, versagte er ihr seine Hilfe nicht, weil sein Sinn frei über menschlicher Begrenztheit schwebte. Oder war es nur der Spott des Weisen, der diesem fremden Toren den Haß wider sein Volk heimzahlen wollte und den er dafür, ein heiterer Vergelter, um sein schönstes Erlebnis zu bringen gedachte. »Gebt mir Kunde, weiser Nathan«, fragte der Ritter nach höflicher Begrüßung, »ist Hadassa – Ihr kennt ja das Mädchen – wirklich – eine – Jüdin?« Da blitzte im dunklen Auge des Weisen 99 der Schalk und er sagte nur: »Der Vater ist immer ungewiß . . .« Nathan der Weise bestärkte mit keinem bestimmten Wort den Verdacht des edelbürtigen, auf seine Ahnen in der Raubburg an dem ziehenden Strom so stolzen Ritters. Der aber war, als ihn der Weise lächelnd zum Pförtchen hinausbegleitete, überzeugt, Hadassa sei Hebräerblutes und darum, ihres Ursprungs wegen, kein reines, der Berührung eines Konrad von der Türlin würdiges Weib. Er trat in das von einer saphirblauen Ampel überschimmerte Gemach und fuhr das Mädchen, das seiner in weißen Schleiern harrte, die bebende Myrte, an: »Du bist also eine – Jüdin, das muß ich erst jetzt erfahren, warum hast du mir das bisher nie gesagt?« Da warf sie sich auf das Ruhebett und schrie auf, sie sei eine Perserin und noch als Kind mit einer Karawane aus Samarkand hergebracht worden. Und ihre weißen Wangen glühten vor Scham und Zorn wie ein Granatapfel. Aber Konrad hielt an seinem Eigensinn fest und merkte nicht, daß ihm durch sein störrisches Beharren bereits das holdeste Abenteuer entflatterte. Er glaubte der Weinenden nicht, und ihre Tränen schwemmten seine Begierde weit fort und die ihre zugleich. Und da sie also warm dahinströmten, blühte aus ihnen alsbald in der Verschmähten heißer das Gefühl für Saladin, ihren Schutzherrn, dem solcherart nach dem Wort des Derwisch nun das süßeste Glück entgegenrankte. 100 Konrad aber, vor dem jetzt nur noch das Bild seiner häuslichen Gertrude schwebte, stand bald, froh, daß er sein Gelübde nicht gebrochen und der wunderbare Gürtel seine Mannestugend behütet hatte, Abschied heischend vor Saladin. Dieser entließ ihn, die schämig lächelnde Hadassa an der Hand, huldreich und mit vielen Geschenken, Geweben und kostbaren, wärmenden Tüchern und seltenen Kaffeebohnen für die gewiß zu Hause in Treuen harrende Gattin. Er schenkte dem Konrad noch, weil dieser, wie der Sultan wähnte, aus der dankbaren Gesinnung des Gastfreundes Hadassa geschont und ihm zurück- und neugewonnen hatte, einen feurig arabischen Hengst. Der blies vor Eifer aus den Nüstern, daß man es bis nach Jericho hörte und die vierunddreißig Türme des Saladin in das Wanken gerieten. * So jagte nun Konrad auf seinem flinken Berberpferdchen den ferneziehenden Rauchwolken des Lagers nach, die sich mit dem Duft der Aloe und des Oleanders träumerisch mengten. Er spornte das Pferd, daß es zornig stieg, denn seitdem Konrad das Abenteuer mit dem Judenmädchen, für das er die schöne Hadassa noch immer und bis zum Ende seines Lebens hielt, so glorreich bestanden hatte, und der Gürtel der Tugend nicht von ihm geglitten, er also vor die sündige Gertrude als ein reiner 101 Mann hintreten konnte, wie er gottlob ein reiner Jüngling gewesen, war in ihm Sehnsucht nach der Fraue daheim erwacht, der so viel zu vergeben war, und die wohl sein, ihres edlen Herrn, in Reue im Söller gar traurig, der Strafe gewärtig, gedachte. Dann aber würde er der Verzweifelnden vergeben mit einem huldvollen Augenaufschlag, wie nur er ihn vermochte, sonst niemand – und er übte, während er so dahinritt, das Verzeihergesicht; es war bald süß und bald säuerlich. Dann, wenn er ihr vergeben und sie getröstet hätte – vergeben und getröstet in jeder Weise, wie es doch nur ein Konrad von der Türlin vermochte – wollte er das Geschenk vor ihr ausbreiten, das er hinten auf seinem Pferdchen in seinem großen Schnappsack trug. Es war ein perlengestickter, in allen Farben östlichen Gewölkes schillernder Mantel, von ihm doch wohl mit erlesenerem Geschmack ausgewählt, als er dem großen Sultan bei seinen Geschenken, diesen nahrhaften Kaffeebohnen und wärmenden Tüchern, zu Gebote stand. Diesen Mantel und den der christlichen Nächstenliebe wollte er um die – ei ja wohl und hoffentlich noch immer – so runden Schultern seines Weibchens breiten. Ja, das wollte er, weil er Konrad von der Türlin, und also auch als Ehemann noch ein Edelmann, nicht ein Rüpel wie die andern war. Er zog also den Flatterwölkchen nach, umging aber das Lager, weil er doch insgeheim besorgte, die Gloriole, die er selbst um sein jetzt 102 dichtbehaartes Haupt gebreitet hatte, könne wieder in der Nähe der Kameraden, dieser rohen Gesellen, die nicht an das reine Weib und noch weniger an den reinen Mann glaubten, von ihm sinken. In Aleppo fand er bald ein rüstiges Schiff, der Wind blies günstig in seine Segel. Er landete just an der Stelle, wo Jung-Erich vor einem Jahr sich eingebootet hatte, und nun ging er dessen leichten Spuren nach. Ja, wie von einem närrischen Schicksal geführt, mußte er jede staubige Straße ziehen, über die sein Vorgänger geritten war, mußte in jeder Wirtschaft und jedem Gasthof einkehren, die dieser besucht hatte. Er aber schäkerte, als ein strenger, gotisch geharnischter Rittersmann, nirgends und mit keiner, auch nicht der handlichsten Magd. Durch seinen Vorsatz besser als durch den Gürtel gewappnet, blieb er standhafteren Sinnes, als es Jung Erich, auch nach dem Abschied von Gertruden, offensichtlich gewesen. Und ein Etwas zwang ihn, überall von dem blonden Junker zu erzählen, der nach so rühmlichen Werken so jung im Heidenland hatte versterben müssen. Da weinten die niedlichen Mägde, und er weinte mit, und die Trauer um den Jüngling, der ihn doch so sehr getäuscht hatte, senkte sich dem Konrad, je näher er seinem Hause ritt, in sein immer weicher hinschmelzendes Herz. Und so ritt er über die Zugbrücke, die klirrend niederfiel, in den Turnierhof, ganz in schwarzes Eisen eingewickelt, hinter sich den Schnappsack mit dem Mantel der Nächstenliebe, in dem das 103 Schlüsselchen zitterte mit dem zerknitterten Band und der Devise: »Gedenke mîn!« Heinrich, der Kastellan, läutete heftig, als er den Herrn an der kühnen Haltung auf dem Pferd erkannte, und dachte nur: »Ei, da ist er ja wieder! Bin nur neugierig, wie sich die Trude herauslügen und ob ihr der Gimpel wieder in das Garn fallen wird.« So sagte er zu sich selbst und dann sagte er wieder nichts, sondern ging, den Verlauf der Dinge abwartend, wieder pfeifend an seinen Vogelherd. Konrad aber stieg klirrend die Stufen in das Turmgemach hinauf, öffnete die eisenbeschlagene Tür – da saß nun Gertrude und hielt auf ihrem Schoß ein Huhn, das sie mit Milch mästete, weil sie es noch heute zu schlachten und zu speisen gedachte. Denn sie war, wie manche der einsamen Rittersfrauen damals, in Entbehrung anderer Leidenschaft ein gefräßiges Dämchen und darum noch runder geworden, was der eintretende Gemahl sogleich nicht ohne Wohlgefallen vermerkte. Aber es war die Rundung der Lebensfreudigkeit, nicht, wie bei dem Gatten, der Speck des Kummers. Als dieser seinen Helm abgenommen hatte und sie statt des kahlen Kopfes, den sie in der Erinnerung hatte, den Haarwald und seine Wangen wahrnahm, sprang sie ihm an den Hals mit ehrlicher Freude, über die der Chronist selbst erstaunt wäre, wüßte er nicht genauer, was sich inzwischen auch in der Seele Gertrudens, seit Jung-Erich abgezogen und sie ihre Tränchen getrocknet, ereignet hatte. In den wenigen Stunden der Muße, die Gertrudens Ungestüm dem dort unten gespießten Erich gegönnt, hatte er, wie wir wissen, ein Reimwerk zum Lob seines teuern Ritters geschaffen, der inzwischen im Morgenland auf ihn und den Schlüssel geduldig wartete. Dieses Werk beschrieb die preislichen Taten dessen von der Türlin, wie er die Türkenhunde abstach und die mit dem gelben Fleck hetzte, aber sonst ein Mann voller Milde und Minne, seiner Herrin – oh, dieser süßen, oh, der trauten mit den Rosenwängelein – ein in Treue nicht wankender Gatte war. Da sich Gertrude nun langweilte, geriet sie über die mit Tusch und Gold zierlich bemalten Pergamentblätter und las das Lob ihres Gatten in sich hinein. Und da geschah es, daß der junge unpreisliche Geselle, dessen Taten niemand besang, der nur wie ein Märzwind herein- und wieder davongestürmt war, ihrem Sinn entschwand, während der Mann, den Erich aus seinem reuigen Gemüt so herzhaft rühmte, wieder in ihre Gedanken aufstieg. »Eigentlich«, überlegte sie, »ist es schade, daß er nicht da ist und ich mich so langweile. Wenn er nur nicht gar so hager wäre und nicht gar so viel über sich reden würde, könnte man ganz erträglich mit ihm leben.« Da trat er nun selbst über die Schwelle, in sein eheliches Leid wie in seinen schwarzen Panzer gehüllt, in der Miene drohenden Ernst, aber dabei zutraulich gerundet – ein Held 105 – ein Löwe – mit einer wahren Löwenmähne. Er kam aus der Fremde, er wußte sicher viel zu erzählen, und sie langweilte sich so, und er hatte gewiß die hübschesten Dinge im Schnappsack, – nein, sie mußte ihm an den Hals springen, an seinen Storchenhals, der sich abwehrend zurückbog. Da sprach er dumpf: »Dein Buhle ist tot. Ein Sarazenenhund hat ihn von hinten –« »Wer ist tot?« flammte sie auf. »Herr Erich von der Hardt –« »Er war noch so jung«, stammelte sie. Aber dann, rasch gefaßt, zornig: »Wie hast du ihn genannt?« Ihre Entrüstung glühte auf und spiegelte sich in seinem Panzergehäuse. Da wich er ungewiß einen Schritt und dann noch einen zurück und sagte nur: »Er war drei Monate hier, was hat er da wohl getrieben?« » Das hat er getrieben –«, und sie öffnete das Turmgemach neben dem ihren und breitete das Buch vor ihm aus, das sie wie einen Kodex hatte schweinsledern binden und mit einem Schloß versehen lassen, fast wie jenes, das nach ihrem Wunsch den Gatten noch immer eisern umgürtete. »Dieses Heldengedicht des treuesten Gesellen über die treueste Frau und über dich, den gewiß im Morgenland ungetreuesten Ritter«, schluchzte sie auf. Da wehrte er, in der Erinnerung an Hadassa wiederum düster geworden, mit der umschienten Rechten ab, ohne doch einzugestehen, daß er seine Tugend heil zurückbringe, weil sie es ihm doch nicht glauben 106 würde und er sich auch, so preislich seine Treue, fast ein wenig dämlich schien. Er legte seinen Schild mit dem verdächtig benasten Vogel zur Seite und las, während die gekränkte Gattin den Spinnrocken schluchzend umklammerte, in dem Reimwerk von seinem heldischen Ruhm. Seine Taten waren nicht allein im Wort, sondern auch im Bilde festgehalten, wie man von solchen Werken heute sagen würde. Erich hatte ihn in Goldfarben und mit der Tusche verewigt, wie er gegen die Krummnasen anstürmte und Türkenköpfe brav niedersäbelte. Je mehr nun der Konrad las und je öfter er sich erblickte mit dem kühnen Federbusch und dem gestachelten Schnabelschuh, desto tiefer ward er über die Treue seines Gesellen, der ihn so der Nachwelt überliefert hatte, und über die Treue des Weibes gerührt, das ihn in Leder hatte binden lassen und das ein Schloß um ihn gelegt hatte. »Darum ist also der Erich so lange hiergeblieben, um ein Werk zu schaffen –.« Gertrude nickte. »Weib, mein trautes«, und schon wollte er sie vom Spinnrocken herüber in seine Arme ziehen. Aber da fiel ihm – dem Himmel sei Dank – noch das Bändchen ein, das an dem Schlüssel gehangen hatte und das der sterbende Erich so fest in der Eisentatze gehalten. Konrad kramte es aus dem Schnappsack. Die Finger zitterten ihm leise, als sich Gertrudens noch üppiger gewordener Nacken darüber neugierig beugte, da sie in der Tiefe des Sackes den Mantel, 107 jenen Mantel seiner Nächstenliebe, wie er ihn bei sich selbst nannte, erspäht hatte. »Wie ist der Erich dazugekommen?« versuchte er streng zu fragen, wenn er auch nur mehr stammelte. Und er zog das Bändchen hervor und las mit bitterem Ausdruck: »Gedenke mîn!« »Der Erich . . . er hat es sich geraubt . . . vielleicht . . . so also hast du mein gedacht.« Da trat sie beleidigt zurück und sagte: »Ja, hast du denn nicht einmal bemerkt, was ich hinten darauf gestickt habe – in meinen einsamen Nächten –, bevor ich es dem Erich mitgegeben habe für dich . . . zum Herzenstrost . . .«, schmollte das gescheite Trudchen. Sie drehte das Band um, hielt es in das Licht und auf der Rückseite stand deutlich, was sie jetzt mit zärtlicher Betonung wiederholte: »Wie ich dîn gedenke –« »Wenn ich das nur früher gelesen und das Band – so dumm kann ein Mann sein – nicht aus lauter Wut eingesteckt hätte.« »Ja, so dumm kann ein Mann sein –,« wiederholte sie und sie seufzte, wie befreit. »So dumm«, beteuerte sie, die Hand auf dem Busen, der in zarter Fülle aus dem Nesselgewebe ihres Morgengewandes schimmerte. »Du hast also mîn, nur mîn gedacht?« fing er wieder an, bereits leicht verwirrt. »Dîn, nur dîn«, jubelte sie an seinem Hals. Und 108 doppelsinnig fügte sie hinzu: »Genau so wie du mîn gedachtest.« Da lachte er glücklich, weil er sich ja seiner Treue bewußt war, und noch immer ein bißchen dumm, weil er noch nicht verstand, was sie mit ihrem Spruch eigentlich gemeint hatte: daß sie – jene erste, die Rechte zwischen den Geschlechtern abwägende Frau – durch dieses schalkhafte Sprüchlein ihrem Eheherrn im Osten die gleiche Freiheit gestattete, die sie sich hier im Westen selbst eingeräumt. Daß er so wenig Gebrauch von dieser Erlaubnis gemacht hat, ist wirklich nicht ihre Schuld gewesen. »In Sehnen also, in Züchten –« schloß er seine Betrachtungen ab – »hast du des fernen Gatten, hast sogar daran gedacht, hier seinen Ruhm zu mehren –« und er wies auf das Reimwerk – »mein göttliches, mein starkes Weib«, stürmte es jetzt jugendlich aus ihm hervor. »Nein, du bedarfst der Verzeihung nicht – mein Mädchen – nichts mehr von dem Mantel christlicher Nächstenliebe.« »Was für ein Mantel? Den vielleicht?« und sie zog ihn aus dem Schnappsack; »den soll ich nicht bekommen?« schmollte sie wieder. »Aber ich meine ja nur die Nächstenliebe«, erwiderte er mild. » Die kannst du dir behalten, gib mir lieber den Mantel!« und sie streifte leis ihr Kleid zur Seite. Da entfaltete er den türkisblauen Mantel, auf dem Sterne und ein Halbmond, krumm wie ein 109 Türkenschwert, glänzten, nestelte ihn um ihre vollen, runden Schultern und machte dazu ein leckeres und pfiffiges Mäulchen. Dann aber richtete er sich straff zu seiner ganzen Würde auf. »Jetzt ist der Augenblick gekommen.« »Welcher Augenblick?« fragte sie und errötete wieder, nicht ohne Schalkheit. »Da ich mich von meinem Gürtel trennen werde!« schmetterte mit Emphase der Eheherr. »Ja, trägst du den wirklich noch immer?« fragte sie erstaunt. »Allerdings –!« »Wie ich den meinen –« flüsterte sie wieder leis errötend – »trage zur Erinnerung . . .« »Mein süßes, mein trautes Weib! Jetzt aber«, schrie er auf, »löse ich ihn von meinem Leib.« Er trat in den Söller – mit einem Ruck war er von der Umgürtung befreit; er schwang ihn wie eine Trophäe. Mit einem Wurf der kriegsgewohnten Faust flog er durch das aufgerissene Fenster in die Wellen der Donau hinunter, die ihn gleich zur Tiefe rissen. »Was tust du da?« fragte sie den Gatten. – »Ich habe ein Gelübde getan, diesen Gürtel von meinem Leib zu lösen, wenn ein reines Weib sich mir liebend naht.« – »Also das bin ich?« fragte sie, selbst verwundert. »Ja, das bist du«, wiederholte er, auf das Reimwerk blickend. »Ein Weib, wie du, bedarf wahrhaftig einer solchen Wehre nicht!« 110 »Und doch bin ich meinem Gürtel«, sagte sie sinnend, »eigentlich so dankbar und dem Schlüssel, den mir Erich gebracht, der Arme. Ich danke ihm das schönste Glück –« Erstaunt blickte Konrad auf. »– dich verstanden zu haben . . . deine Klugheit, deine Größe«, und sie fuhr schmeichelnd über seine Wange. »Verstehst du mich endlich, mein Mädchen?« seufzte er schwer – »meine Absichten?« »Ich verstehe sie . . .« »Aber nun« – sie sprang auf seinen Schoß – »beichte! Du hast doch natürlich den Gürtel – dort unten im Morgenland – vorher schon gelöst?« »So wenig«, lächelte er selbstzufrieden, »wie du den deinen.« »Ach so . . ., natürlich«, entfuhr es ihr lustig. Aber er bemerkte das glücklicherweise nicht. »Und war sie wenigstens hübsch?« setzte sie hartnäckig ihr Verhör fort, »die sarazenische Jungfrau?« »Aber nein, ich schwöre dir – –« Sie glaubte es ihm aber trotz seines Schwures nicht und hielt ihn für einen argen Schelm und Sünder, während er hinwiederum auf ihre Tugend und Treue geschworen hätte. Und gerade weil sie ihn dafür hielt, für einen Frauenbezwinger, gefiel er ihr sehr, und sie gab sich ihm in dieser Nacht mit einer Inbrunst hin, in der sich Sehnsucht und Erinnerung an ein lenzeliches Glück und Mutwillen 111 so süß vermischten, daß er meinte, Frau Venus selbst wäre in seinen Armen. Bei solcherart erneuerter Zärtlichkeit konnte es nicht fehlen, daß übers Jahr ein kleines Ritterfräulein auf dem Turnierhof krähte, dem bald ein noch viel kräftigeres Ritterbüblein folgte, das natürlich über Wunsch des dankbaren Vaters Erich getauft wurde. Wie er das Neugeborene, das rot wie ein Krebslein war, strahlend zu sich hob, betrachtete er zunächst, er wußte selbst nicht warum, dessen Nase und erschrak gelinde. War es möglich, die Nase seines Sprossen glich, welches Spiel und welche Verirrung der Natur, der Nathans des Weisen – oder des Saladin vielleicht? Es konnte aber auch die des Vogels in seinem Schilde oder des Reichswappens sein, oder vielleicht hatte sie den Schwung der römischen Benasung des Angelo? Aber jedenfalls war sie nicht so ausgefallen, wie es sich für den Stammhalter eines Türlin geziemte. Sie hatte vielmehr eine deutliche Krümmung wie die – es war nicht auszudenken – ja, wie die Nasen derer mit dem gelben Fleck. Das Näschen des Sohnes hatte sich offenbar, als es sich so kritisch gemustert fühlte, aus lauter Angst, es könne dem Vater nicht gefallen, gekrümmt. So suchte Gertrude das Wunder zu erklären. »Du wirst dich daran gewöhnen.« Und er gewöhnte sich, zumal ihm der Kleine sonst immer ähnlicher wurde, und sich der Vater darum täglich mehr in ihn verliebte. Gertrude nährte, versteht sich, die kleinen Türlin, 112 die bald der Reihe nach anmarschiert kamen, selbst. Durch diese mütterliche Pflichterfüllung wurde sie immer rundlich-breithüftiger, sie bekam einen ansehnlichen Busen und gefiel darum ihrem Mann täglich besser. Aber auch er war ein seßhafter Rittersmann geworden, dessen Bauchgewölbe nach der erst romanischen Rundung noch üppigere Formen angenommen hatte. Er saß gerne bei seiner freundlichen Gesponsin und trank in Schälchen den Kaffee aus den guten Mokkabohnen des Saladin, die, gleich den erfreulichen Erinnerungen an das, was er damals erlebt oder eigentlich versäumt hatte, für ein ganzes Leben reichten. In die gute Stadt Tulln hinunter ging er nur mehr selten, weil ihm die stichelnden Fragen lästig fielen, über die er freilich nur herablassend lächelte – was denn die Frauen der Ritter, während die Männer in den Heiligen Krieg gezogen waren, zu Hause wohl alles angestellt hätten? Am liebsten saß er in dem Turmgemach, das einst Jung-Erich bewohnt hatte, vor dessen Reimwerk. Er hatte noch selbst einige Kapitel über die Taten des jungen Helden Erich nachgetragen, wie dieser durch so viele Gefahren und Länder gezogen war, der Herrin den Schlüssel zu bringen. Konrad las, wie natürlich, sein Werk Gertruden vor und fragte sie, wie ihr seine Stilkunst gefalle. Da lobte sie seine Stilkunst sehr, fragte ihn aber behutsam: ob er denn alle Taten Jung-Erichs kenne, ob er nicht vielleicht gar manche 113 verschwiegen habe? Dabei fuhr sie dem Gatten schmeichelnd über den Kopf, daß dessen Haare sich vor Behagen nur so sträubten. Von den Gürteln war zwischen beiden längst nicht mehr die Rede. Der ihre verstaubte draußen neben der Trommel aus Menschenhaut und der seine lag in der sandigen Tiefe des Donaugrundes. So kamen und gingen die Jahre. Es nahte die Zeit, da nicht mehr das Feuer der Venus, sondern das der Hestia den bauchumwölbten Ritter und die dicke Rittersdame anglühte und sich die Tugend ganz von selbst schützt und eines Panzers nicht mehr bedarf. Erst an seinem Ehrentage, da sich der Ehebund mit Gertruden zum fünfundzwanzigstenmal jährte, gedachte er wieder mit fast zärtlichem Dank seines Gürtels, der ihm soviel häusliches Glück beschieden hatte und jetzt unten in der Donau schlummerte und mit dem jetzt wohl die Nixen spielten. Er stand auf dem Söller und blickte hinab. Da glaubte er aus der grünen Tiefe ganz deutlich ein spöttisches Blinkern des aufschimmernden Gürtels zu ihm hinauf zu bemerken. Aber da brachte Getrude ihr hochzeitliches Geschenk herbei. Sie hatte dem Reimwerk Jung-Erichs ein grünes Samtmäntelchen umgetan, wie es die Juden um ihre Tora breiten; darüber war nun der Konrad wieder hoch erfreut. Er las wieder von seinem Ruhm in der Ritterschaft und blieb glücklich bis zuletzt. 114 Der Gürtel lag auch in den Jahrhunderten, die seitdem darüber hinrauschten, verborgen in den Fluten der Donau, wie der Nibelungenhort auf dem Grund des Rheins, und niemand hat ihn seit damals wieder erblickt. Nur Hochzeitsfahrer, die an der längst verwitterten und im Feuer geborstenen Burg vorbei in einer Mainacht die Donau hinuntergleiten, sollen aus dem grünen Gewässer herauf dieses verdächtige Blinkern gemerkt haben, wenn sie in junger Verliebtheit ihrer jungen Frau die gleichen Rechte zugestehen, die sie sich selbst einmal erlauben werden. Da soll es von dem versunkenen Gürtel unten spöttisch hinaufblitzen. Aber es ist doch wohl nur der Mond, der mit den grünen Haaren der Nixen spielt. 115 König und Dichter »Man soll lachen, solange man kann.« Voltaire an den Abbé von Bernis 1761. Gottfried Richter, ein schlichter Doktorand der Philosophie, befand sich auf seiner gemütlichen Berliner Stube, dem Gendarmenmarkte gegenüber, in den übelsten Umständen. Durch ein gewisses, ihm durch die Bosheit des Zufalls oder einen neidischen Nebenbuhler zugemitteltes Zettelchen war es ihm deutlich geworden, daß ihn Friederike betrüge, mit einem schlanken Fähnrich jenes Garderegiments zu Fuß, dessen Taufpatenschaft der große Friedrich selbst zu seiner eisernen Zeit übernommen hatte. Der Doktorand überlegte: daß gerade ihm dies passieren mußte, gerade ihm! Hatte er nicht Friederike als seine Braut betrachtet, obwohl sie ihm keineswegs ebenbürtigen Geistes dünkte und er sich selbst oft, um sie durch die Kühnheit seiner Gedankensprünge nicht zu erschrecken, dümmer stellen mußte, als er in Wirklichkeit war. Er zog sich, wie es dem Menschen in Momenten peinlicher Selbsterkenntnis eigentümlich ist, zur näheren Betrachtung des Unfalles meditierend auf das Sofa zurück. Als Denker mußte er zugeben: dergleichen war 116 in der Welt schon öfter passiert, sogar dem großen Voltaire, dessen Werke in gigantischer Reihe auf dem Boden um sein Lager Posten standen. Er seufzte und ließ seinen Blick die fleischige Wade entlang gleiten, und er mußte bekennen: mit den Reizen eines jungen Gardeoffiziers aus dem Regiment des großen Friedrich konnte er sich nicht messen, obwohl er sich in dem Ahnherrn dieses Teufelsregiments gewiß besser auskannte. Donnerwetter, das hatte ihm gewiß der große Friedrich selbst angetan, der leidenschaftliche Freund und späterhin Verfolger dieses Philosophen, zur Vergeltung, weil er in den letzten Nächten so oft an ihm irre geworden. Warum war er auch gerade auf dieses Thema für seine Doktordissertation geraten: Voltaire und Friedrich der Große. François Marie Arouet de Voltaire war für ihn das große enzyklopädische Genie. Friedrich aber, dessen Namen er nur mit zagender Ehrfurcht aussprach, war für ihn Meister in der Staats-, wie in der Kunst des Krieges. Und nach diesen beiden Künsten trug auch Gottfried Richter insgeheim unbändiges Verlangen, obgleich er nicht die geringste Veranlagung hiefür besaß – so wenig wie Voltaire für Diplomatie und Politik und Friedrich für die Poesie geschaffen war, und doch hatte jeder von den beiden so brünstig gerade nach dem begehrt, was ihm versagt bleiben mußte. Kreuzten sich da nicht zwei verirrte Eitelkeiten zweier Genies, wie auf der Wand die Schlägerklingen? 117 Wie sollte Gottfried Richter, solches erkennend, da noch Respekt für seine Arbeit aufbringen? »Respekt . . . Ach was . . . Ruhm und Weisheit und Liebe – wir sind alle nur Figuranten eines Komödienspieles –« und seine Oberlippe, eine sogenannte Hasenscharte, verzog sich spöttisch, als er jetzt sacht in das Sofaeck sank. »Im Schlaf ist Heilung«, dachte er noch, und schon war er sänftiglich hinübergeschlummert. Und wie es nach so heftiger Erregung im Traume zu geschehen pflegt: aus den zweiundfünfzig schweinsledernen Bänden seines Voltaire, die steif und ernst wie friederizianische Grenadiere um sein Lager standen, stiegen lustige Geisterchen, wirbelten um ihn und wickelten Wahrheit und Möglichkeit, Ernst und Narrheit respektlos durcheinander. Es ward eine ganze Geschichte, und es ward wirklich seine Dissertation »Voltaire und Friedrich«. Er hat sie sogleich aufgezeichnet, aber es ist zu besorgen, daß er damit nicht graduiert wurde. Damit sie einer Welt, die das Lächeln verlernte, nicht ganz verlorengehe, geben wir sie in der Handschrift Gottfrieds wieder, die so kraus ist wie diese Geschichte selbst. * »So geh' Er doch, was steht Er noch da, Er Esel! So öffne Er doch dem Gast die Tür! Imbécil, bêta, polisson!« schrie Friedrich dem anmeldenden Lakaien entgegen, der, an die Zornesausbrüche seines 118 Herrn gewöhnt, diesmal dennoch ängstlich zurückwich. Als er im Schreck noch einen Augenblick zögerte, warf Friedrich nach ihm den Krückstock, wie er ihn schon oft nach lässigen Generälen und Offizieren, nach harten Steuereintreibern, parteiischen Richtern geworfen hatte, nach allen, die den Namen des Königs mißbrauchten. Voltaire betrat den spiegelhell gebohnten Saal. Ein Mann zu Beginn der Fünfzig, nicht groß, nicht klein, mager bis zum Skeletthaften. Er trug trotz der Julihitze eine kleine schwarze Samtmütze auf der mächtigen Perücke, eisengraue Strümpfe, ein goldkäferfarbenes Wams, goldbestickt mit wellenförmigen Borten, und weite Spitzenmanschetten, die bis zu den Fingerspitzen reichten. Diese legte er behutsam in die des Königs, und da geschah, was sich noch nie auf märkischer Erde begeben hatte: Friedrich preßte verzückt die Hand an seinen in Spott und Hochmut hinaufgezogenen Mund, diese schmale Hand, vor der, wenn sie die Feder, getaucht in Galle, führte, um einer Eitelkeit in das Herz zu stechen, Europas Souveräne bebten. Alkmene, das seidenhaarige Windspiel, das immer um den König kreiste, bellte bei dieser Bewegung verwundert auf und rieb seinen grazilen Kopf an dem blauen, verwitterten Uniformmantel seines Herrn. Arouet hatte mit einem Aufschlag der bald bohrenden, bald leuchtenden Augen die Gestalt umfaßt, die sich ihm jetzt entgegenneigte. Sie war, wie man sie ihm oft geschildert hatte: hager wie 119 er selbst, krumm von der Gicht, ärmlich, schmutzig beinahe gekleidet, mit abgewetzten Reithosen, Stiefeln eines Fourageunteroffiziers, mit dem schiefkrempigen Hut, den er stets auf dem unfrisierten Kopfe trug. Kein Schmuck, nur an dem rechten Zeigefinger blitzte ein grüner Diamant. »Warum so spät«, murmelte es aus dem fast zahnlosen Mund, »warum erst jetzt?« »Sire, mein König hat mich jetzt erst freigegeben. Ich bin, Sie wissen es wohl, gentilhomme du roi de France.« »Er hat sich aber nicht sehr gentil benommen und die Verse des alten Crébillon denen Voltaires vorgezogen, den »Catilina« der »Zaïre« – wie blamabel dieses Urteil des Versailler Hofes. Die Nachwelt wird lachen, vorausgesetzt, daß sie sich damit noch beschäftigt«, fügte er nicht ohne Malice hinzu. Wieder kam dieser prüfende Blick Arouets, der jetzt grün hervorstach wie der Diamant des Königs. »Und doch wäre jetzt die Zeit, Sire, für die Einigung mit diesem Versailler Hof. Karl von Bayern ist ein erledigter Mann. Sire, wenn Sie sich, erschrecken Sie nicht, mit Frankreich verbinden wider Maria Theresia –« Friedrich winkte ab. »Ein Vertrag, unter Garantien natürlich«, fügte Voltaire beflissen hinzu. »Nichts von Politik, nichts von Diplomatie, mein teurer Voltaire, das ist – Verzeihung – mein Geschäft, nicht das Ihre.« 120 »Doch, doch, Sire.« Arouet wurde immer hitziger. »Wenn Sie den Vertrag mit Frankreich abschließen, dann sind Sie, ein noch junger Monarch, – dann wäre Ihr Name unsterblich.« »Er ist es durch diesen Augenblick«, replizierte Friedrich und ergriff wieder die Hand des Gastes, »jetzt, da ich meinem Titel einen neuen habe hinzufügen dürfen. Friedrich, König von Preußen, Markgraf von Brandenburg heiße ich bisher, souveräner Herzog von Schlesien hoffe ich bald zu heißen. Aber mein schönster Titel ist von heute ab: ›Besitzer Voltaires‹!« »Jenes Voltaire«, flammte sein Gast auf, »der den Vertrag mit Frankreich bei ihm durchsetzte, mit den Garantieklauseln natürlich –« »Nein, jenes anderen, meines Voltaire, vor dessen Epigrammen ich knie und der« – des Königs Wangen begannen sich zu röten – »meine eigenen bescheidenen Versuche seines Lobes einst nicht unwert erachtete. Jetzt besitze ich ihn hier, meine Hand kann ihn spüren, diesen Voltaire, ich halte ihn fest – für immer – mit diesem Band, meinem Orden ›Pour le mérite‹«, und er nahm aus der Tasche einen Stern an einem silbergrauen Bändchen, das er um den dünnen Hals seines Gastes schlang. Er zog ein zierlich-goldenes Schlüsselchen hervor. »Mit diesem Kammerherrnschlüssel eröffne ich meinem Voltaire meine Gemächer, ich, der ich ihm längst mein Herz eröffnet habe. Und hier, 121 durch dieses Dokument« – er nahm ein zusammengefaltetes Pergament vom Schreibtisch – »entreiße ich den Stolz, jetzt nicht mehr Frankreichs, nein, Preußens, nein, der ganzen Welt für immer der Sorge. Voltaire, wenn Sie hier immer leben wollen an meinem Hof, erhalten Sie, da ist Brief und Siegel, eine Pension von zehntausend Livres jährlich.« »Zehntausend!« – die Lippen des sonst so sparsamen Königs erzitterten, als er diese Ziffer aussprach, und das Windspiel Alkmene wedelte ängstlich mit der Rute. Voltaire entfaltete vorsichtig das Dokument. »Ich lese zwanzigtausend, dies war meine Bedingung.« »Nun denn, zwanzig«, Friedrich seufzte schwer. »Aber Sie bleiben, Voltaire.« Er zitterte in Erwartung der Antwort. »Ich bleibe.« »Welch ein Glück, ich werde diesen Moment in einem Sinngedicht festhalten. Vielleicht gelingt mir doch« – seufzte er mit Beziehung – »auch einmal ein unsterblicher Reim«, entfuhr es jetzt zaghaft den Lippen, die in der Molwitzer Schlacht nicht gezuckt hatten. »Vielleicht ist es mir sogar schon gelungen; hier sind meine Epigramme, das Ergebnis der letzten Wochen« – der Gast wich erschrocken zurück – »hier in diesem Band ›Oeuvres de poésie‹ vereinigt, und hier meine kleinen neuen 122 philosophischen Schriften, drei Bändchen, noch Manuskript.« »Manuskript – das auch noch«, sprach der Philosoph dumpf zu sich selbst, da man damals noch Monologe hielt. Aber laut sagte er: »Sire, ich bin entzückt.« »Wenn Voltaire dies lesen und vielleicht, wenn es sich nötig erweisen sollte, zu korrigieren die Güte hätte« – bat jetzt weich und schmeichelnd die Stimme des sonst so hart befehlenden Königs – jene Stimme, vor der die Grenadiere zitterten. »Wann wird Voltaire dies gelesen haben?« »Wenn Friedrich diese Schrift zur Kenntnis genommen hat« – und der Gast, der jetzt wieder dem König unheimlich wurde, entnahm seinem goldkäferfarbigen Wams ein Manuskript, noch umfänglicher und schwerer wiegend als die königlichen Epigramme. »Meine Denkschrift, Sire, über den Zustand Europas, achthundert Seiten, und da der Entwurf meines Vertrages, Sire, mit Frankreich, mit allen diplomatischen Fußnoten, zweitausend Seiten.« »Zweitausend Seiten«, murmelte Friedrich in sich hinein und wich zwei Schritte zurück. Voltaire trippelte ihm nach. »Wenn Sie ihn studieren und akzeptieren, Sire, steigen Sie hoch zu den Sternen. Sie werden der Alexander, Hannibal, Cäsar dieser Epoche.« »Ach was! Ihr Pindar, Horaz, Lukrez, Ihnen gesteh' ich es, nur Ihnen, das wär' ich lieber!« Er wies auf das Heft mit den Epigrammen, und ein 123 Zucken lief um seine gefurchten Wangen. »Und mir, den Sie selbst, Sire, den Apoll dieses Zeitalters genannt haben, soll nie der Ruhm eines Staatsmannes, eines Machiavell, beschieden sein – lesen Sie meinen Staatsvertrag!« Der König retirierte, aber der Philosoph, der kein Mitleid kannte, stürmte ihm durch das Zimmer nach. »Lesen Sie ihn, er ist mehr wert als meine Tragödien, meine Satiren, meine Fabeln, meine Romane –« schrie in seiner cholerischen Leidenschaft der Dichter auf, der durchaus für einen Staatsmann gelten wollte. »Lesen Sie meine Verse!« schrie jetzt nicht minder heftig der große König. »Sie werden länger bestehen als die Erinnerung an meine Siege, an mein preußisches Landrecht, als –«. Seine Stimme überschlug sich. Alkmene wippte ängstlich mit der Rute. Die Abendsonne spiegelte sich in den Fenstern und bespiegelte die Szene, da der große Poet dem großen Staatsmann seinen schlechten Vertrag und der große Staatsmann dem großen Poeten seine schlechten Verse entgegenstreckte, beide rot vor Eifer, und einer innerlich über den andern und die scheidende Sonne über beide lächelte. * Als aber dann, einige Stunden später, der Mond über den roten Dächern und Giebeln Potsdams aufschimmerte und neugierig in das schmale 124 Eckgemach blinzelte, wo sich um den großen König unter dem blitzenden venezianischen Luster die Tafelrunde allabendlich scharte, war er wieder nicht wenig erstaunt über das festliche und zugleich friedliche Bild, das sich ihm diesmal darbot. Der alte Freund Mond, der auf seinen Spazierwegen, ein bedächtiger Wanderer, in so viele Zimmer mit ihren Heimlichkeiten und in so viele Schicksale blickt, ist ein spöttischer Menschenkenner. Er weiß Bescheid im törichten Menschenland, in den Narrheiten auch der geistreichen Leute und wundert sich so leicht über nichts mehr. Still wandert er weiter, denkt sich sein Teil, zieht sich seine Wolkenzipfelmütze über die Ohren, wenn es ihm gar zu bunt wird, und schmunzelt in sich hinein. Jeden Abend tafelten hier – das hatte der Mond seit so vielen Jahren mitangesehen – die Paladine des Königs: verkannte Poeten, wenn sie nur nicht deutsch schrieben, und Philosophen, wenn sie nur Friedrichs eigenen freidenkerischen Lehren nicht in die Quere kamen und selbst nichts Wesentliches bedeuteten – bescheidene Edelmänner des Geistes. Gelegentlich waren auch wirkliche Hofmänner zu Gast, wenn sie, aus ihrer Heimat exiliert, königlichen Schutzes bedürftig waren. Diese Tafelrunde war ja die einzige Erholung des Mannes mit dem dämonischen Willen, der keine Rast, keinen Schlaf kannte, der – unser lieber Mond hat es oft mißbilligend gesehen – im 125 Sommer um 3, im Winter um 4 Uhr aufstand, sogleich seinen vier Kabinettssekretären diktierte, dann, wie ein alter Exerziermeister knurrend, die Parade über die Garden abnahm, argwöhnisch gegen jeden, und darum sein eigener Minister, Stallmeister, Haushofmeister und Kämmerer, selbst in jeden Winkel seines Palastes und seines Reiches spähte. Zuletzt zog er dann – der Mond hat sich jedesmal nicht wenig gewundert – sein Büchlein hervor, jenes Büchlein, das er eben Voltaire anvertraut hatte. Er versuchte, verzweifelt mit den Zähnen knirschend, zu dichten – in dieser verdammt schweren französischen Sprache, die er niemals erlernen würde –, in boshafte Epigramme zu fassen, was der Tag ihm zugeweht hatte. Welche Wonne aber, dann diese mühsam gefundenen Invektiven dem allabendlichen Auditorium ganz en passant, als wären sie eben entstanden, unter die erbleichenden Nasen zu halten. Wehe dem durch ein solches Epigramm selbst Betroffenen, wenn er etwa die Pasquille der Majestät nicht scharf, sondern schartig fand. Es war nicht mehr wie im seligen Tabakskollegium seines Vaters, wo der alte Dessauer selbst vor der als Stock verwendeten königlichen Pfeife nicht sicher gewesen. So war es hier nicht mehr, aber doch hing der Stock immer noch unsichtbar über jedem. Schon in dem gartenumsponnenen Rheinsberg, das der Mond so liebte, als Friedrich, der 126 Kronprinz, daselbst nach seiner verprügelten Jugend residierte, hielt er bei aller Kurzweil, Violin- und Flötenspielen strenges geistiges Regiment. »Welche Abende mit den jungen, in den Gärten schwärmenden Schöngeistern! »Wie hatte sich der Mond da unterhalten. »Wo waren sie hingekommen, der immer aufgeräumte Herr Chevalier von Chazot, der ein wenig säuerliche Baron Knobelsdorff, der Chevalier Fordeau und Herr Dietrich v. Keyserling, Cäsarion genannt, der kurländische Freiherr. Andere saßen jetzt um Friedrich, seit er König geworden – der Mond kannte sie alle –: Algarotti, der liebenswürdige Italiener, und Battiani, der abgefeimte Abbé, de la Mettrie, Maupertuis der dünkelhafte Gelehrte, der Marquis d'Argens, der so freigeistig tat und vom Aberglauben behext war. Bis über Mitternacht saßen sie da, dieser König brauchte keinen Schlaf – jeden Abend, zum königlichen Amüsement in seinem Palast der Alcina, eine Akademie der Mittelmäßigkeiten, die zu hänseln seinen Mutwillen belustigte. Nun war unter diese in den Schloßteich eingesperrten Karpfen der Hecht gekommen – der Mond kannte sich aus –, der Mond irrte sich nicht. Dieser Mann mit dem Samtkäppchen auf dem scharfen, wie skelettierten Kopf – dieser Mann, der die Geheimnisse der Natur ergründete und seinen eigenen, des Mondes Kreislauf –, er sitzt neben diesem Pedanten von einem Akademiepräsidenten, dem Herrn Maupertuis, und trinkt 127 ihm den Ungarwein zu – die Gesellschaft schüttelt sich vor Lachen über seine medisanten Bemerkungen. Aus dem goldkäferbestickten Wams des Mannes, der bald wie ein grinsendes Skelett, bald wie ein geistreicher Affe, bald wie ein flammender Dämon aussieht, blinzelt ein Büchlein, jene Poesien, die ihm der König zum Lesen und Korrigieren gegeben hat. Wird er sie lesen, wird er sie korrigieren? Und aus dem blauen Soldatenmantel Friedrichs, lugt da nicht der famose Staatsvertrag hervor, den der Poet entworfen? Der dichtende Staatsmann, der staatsmännische Dichter, wann werden sie einander in die Perücken geraten? »Ja, verbrüdert Euch nur . . . Der im Goldkäferhabit und der im blauen Mantel . . . Ihr ganz Gescheiten, Ihr Geniebrüder, wenn Ihr einmal ins Rappeln kommt, dann gibt es einen Hauptspaß. Darüber lachen noch die Jahrhunderte. So kommt es auch hier, verlaßt Euch darauf. Ich kenn' mich aus, ich bin der Mond.« Sprach's und segelte nach Berlin hinüber, wo sie in den Kneipen die Köpfe zusammensteckten über ihren tollen König, der sich diesen noch tolleren Franzosen aus Paris hatte kommen lassen. »Verrückter Kerl.« Aber stolz waren sie doch auf ihn und es überlief sie, wenn er auf seinem Klepper die Linden entlang galoppierte. * 128 Aber diesmal hat sich der gute Mond, so weitblickend er sonst auch sein mag, einstweilen wenigstens, geirrt. Einstweilen begannen in Potsdam Flitterwochen des Geistes. Friedrich und Arouet, sie waren unzertrennlich; sie schwelgten einer in dem Besitz des andern. Den »Salomon Preußens« nannte Arouet seinen Friedrich, und Friedrich seinen Arouet das »Licht der Welt«. Sie tranken, wenn sie die Nichtigkeit des Daseins eben erkannt hatten, einander zu. »Was ist das Leben?« fragte einmal Friedrich. »Der Augenblick zwischen zwei Ewigkeiten«, erwiderte Voltaire; sie suchten diesen Augenblick heiter zu nützen. Er ward bei der Königin und den Damen des Hofes eingeführt – das sollte sein Leben, wie man alsbald erfahren wird, in besondere Verwirrung bringen. Das Pagenkorps grüßte mit Ehrfurcht, wenn er, den Orden Pour le mérite um den dürren Hals, die Stufen hinaufklomm. Friedrich vergaß das Kriegsungewitter, das über Schlesien heraufzog. Arouet vergaß seine Madame du Châtelet, und wie sie ihn betrog. Er vergaß seine Händel mit dem Papst und den Jesuiten, und selbst der liebe Gott dort oben hatte seine Ruhe vor dem Witz Voltaires, weil dieser dort unten bei Friedrich residierte, den teuersten Ungarwein trank, die appetitlichsten Austern schnabulierte und die leckersten Gespräche führte. Nur eines verdunkelte dieses strahlende Glück – jenes Buch, die »Oeuvres de poésie«, 129 einundeinhalb Kilo schwer, mit den dreihundertvierundsechzig Epigrammen, das Friedrich dem Arouet rücklings in das Wams geschoben hatte. Arouet, der, beweglichen Charakters wie er nun einmal war, solang er sein Ziel, in die Nähe des wein-, witz- und austernreichen Königs zu gelangen, erst in der Ferne sah, diesen als Dichter wie ein Berserker gelobt hatte, schwieg sich, seitdem er bei ihm tafelte und seine Pension bezog, über dieses Thema beharrlich aus. Und Friedrich war auch nicht ein Quentchen Lob über die Denkschrift zur Rettung Europas und den Staatskontrakt zu entlocken, durch den sein Gast an ihm meuchlings Revanche genommen hatte. Wenn Friedrich auf Epigramme und Orden hinzielte, voltigierte Arouet kühn zu den Staatsverträgen hinüber, mit Garantien natürlich, bis Friedrich einmal wild wurde und rief: »Garantien sind wie Filigranarbeiten, allerliebst anzusehen, aber sehr zerbrechlich, kein Diplomat spricht mehr davon, nur«, knurrte er in sich hinein, »ein –« Voltaire nur hatte das Wort verstanden und erwiderte nichts. Aber das Zucken um den gekniffenen Mund besagte: »Warte, mein Lieber, das merk' ich mir, das zahl' ich dir heim!« Der König aber fing sogleich von seiner neuen Ode an die Pompadour an: »Quoi! Votre faible monarque.« Arouet nahm sie gefaßt, aber schweigsam entgegen. In diesem heikelsten Punkt wichen sie einander 130 aus, aber sonst waren es, wie gesagt, Honigmonde des ungleichen Paares. »Mein Salomo«, schalmeite es hier, »Mein Pindar«, echote es dort. Dann aber brachen die Eitelkeitsgeschwüre hüben und drüben auf, und es kamen diese vertrackten Geld- und Wechselgeschichten dazu und die gelehrten Balgereien – bis alles ein Ende mit Schrecken nahm. Und das alles nur, weil jener seine Verse und dieser seinen Vertrag nicht, wie jeder Autor es erwartet, gelobt hatte. »Gott sei Dank«, räsonierte der schlafende Gottfried, »daß ich noch kein Autor bin.« – »Das sag' ich auch«, replizierte boshaft der Traum. »Und dann kam noch die dumme Geschichte mit der Friederike.« »Friederike, wieso?« Der Schläfer auf dem Sofa wurde sehr unruhig; er schnurrte und rasselte. »Hat er denn auch mit einer Friederike . . .?« »Das wirst du schon alles erfahren«, gab der Traum Antwort. Bis also dieser wütende Arouet, der Denker der »Idées républicaines«, der dabei das Geld sehr zu schätzen wußte und kräftig mit Valuten, Francs und Pfunden spekulierte, seine Pension hinwarf –« »Nanu«, machte sich jetzt wieder der Mann auf dem Diwan vernehmbar, »nanu, überhaupt«, und er begann mit den gutmütigen, wie abgestutzten Fingern zu wippen. »Nach der Geschichte hat doch Voltaire zweimal bei Friedrich geweilt –« »Sage um Gotteswillen nicht ›geweilt‹, sonst lasse ich mich von dir scheiden!« 133 »Nun, zwischen diesen beiden Besuchen war doch ein Intervall von einigen Jahren, und du schüttelst sie durcheinander.« »Wenn du mich schulmeistern willst«, ärgerte sich beleidigt der Traum, »werde ich mir ein anderes Gehirnkästchen suchen, um darin meine Geschichte zu Ende zu spinnen. Es werden sich Liebhaber finden.« »Nichts für ungut«, begütigte der schon wieder schlicht schnarchende Doktorand und faltete wieder ergeben die Hände. Nun sah er plötzlich, wie auf einer Wand durch eine Laterna magica, Bilder vorüberschwirren. Er sah in dem imperatorischen Auge Friedrichs diesen drohenden Ausdruck, vor dem Generäle zitterten, weil aus dem so teuer gekauften, berühmten Gast, der gelassen seine Austern und seine Pension verzehrte, noch immer nicht ein Körnchen Anerkennung zu pressen war. Er sah – o Torheit der Weisen –, wie der Sieger von Leuthen und von Roßbach, der Schöpfer des preußischen Landrechtes, dem schweigsam schmausenden Gast die Schokolade- und Zuckerrationen eigenhändig beschnipfelte. Vielleicht war auch diese Festung, wie manche andere im Verlauf seiner grimmigen Kriege, durch Hunger zu Fall zu bringen. Und er sah – o welthistorische Ironie –, wie zu seiner Erheiterung der Ersinner der »Discours sur l'homme« die Kerzen aus dem Vorsaal eskamotierte, um den sparsamen, auch im Lob seines 134 Staatsverträges, ach, so sparsamen König zu ärgern. Und er hörte den Helden von Hohenfriedberg in seinem Appartement, in den blauen Mantel eingewickelt, in sich hineinseufzen, wie er vor dem Lagerfeuer nach einer verlorenen Schlacht kaum jemals geseufzt hatte, weil dieser einzige Mann, dessen Beifall er erobern wollte, noch immer nicht kapituliert hatte. Zu gleicher Stunde raste der Begründer der Enzyklopädie, der Verkündiger Newtons, bei dem flackernden Licht der Wachskerzen durch sein Zimmer im Palast zu Potsdam, weil ihm die Anerkennung, der Machiavell seiner Zeit zu heißen, aus dem Mund des einzigen, dem er gefallen wollte, vorenthalten blieb. Und er hörte noch, wie Friedrich hüben gelobte, er werde die Maria Theresia – ein halbes Jahr wenigstens – in Ruhe lassen, wenn dieser Teufelskerl von einem Voltaire endlich seine metrischen Künste preisen würde, und wie Voltaire drüben gelobte, er werde – ein halbes Jahr zumindest – kein Epigramm gegen den lieben Gott fertigen, ja sogar eine Wallfahrt unternehmen, wenn ihn dieser Friedrich endlich nicht als Hofpoeten, sondern als Diplomaten gelten ließe, und der schlafende Gottfried sah noch, wie sie zuletzt wie rasend gegeneinander losfuhren, zum Gaudium Europas. Da gewann er die Erkenntnis, daß auch auf die Häupter der Genies, sonst wären sie gar zu erhaben, ein Tropfen Narrentum fällt. * 135 Aber nun wurden vor dem Träumenden die Farben, die Leidenschaften glühender, weil jetzt neben der Eitelkeit noch die andere Torheit, die mit ihr zugleich die Welt, selbst der Genies, regiert, auf den Plan dieser Geschichte tritt: die Liebe. Da Arouet, wie wir wissen, auch bei Hof, bei den Damen der stocksteifen Königin Zutritt gefunden, mußt' es passieren, daß dieses unruhige Herz alsbald in einem neuen Liebesgarn zappelte, noch dazu, da sein Besitzer soeben, wie man jetzt von ihm gesagt hätte, in das kritische Alter getreten war, das auch beim Mann vorhanden, und, zumal wenn er ein Dichter, besonders gefährlich ist. »Da muß ich aber doch sagen«, fuhr der Schläfer, historisch-germanistisch gekränkt, auf, »der Geschichte nach hat er doch schon vor seinem fünfzigsten Jahr der Liebe entsagt.« »Das glaub' ich«, grinste es voltairisch boshaft zurück, »daß man da entsagt. Du wirst, mein Dickling, vielleicht noch früher entsagen müssen . . .« »Freiwillig entsagt, bitte, weil er ein Weiser war. Als die schöne Marquise du Châtelet, seine Emilie, ihn betrogen und er sie auf dem Diwan mit dem Herrn Saint-Lambert erwischt hatte, sagte er sich: »Qui n'a pas l'esprit de son âge, de son âge a tout le malheur.« Übrigens hat er es in diesem Punkt gar nicht so toll getrieben, wie man vermuten sollte. »Nach der Historie«, spottete der Traum. »Jawohl«, rekapitulierte Gottfried. »Da war in seiner Jugend die Demoiselle Olympe Dunoyer, als 136 er erst siebzehn Jahre alt war, dann die kleine Susanne, und die Adrienne Lecouvreur, die große Schauspielerin, ist auch seine Geliebte gewesen. Aber am Hof bei Friedrich hatte er nach der Forschung doch nie eine Liaison.« »Ich weiß das besser. So pudelnärrisch hat er sich damals vergaloppiert, wie sich nur ein Genie verlieben kann, noch dazu, wenn es schon fünfzig und noch immer so hager ist. In die Katschin hat er sich verliebt. Friederike von Katsch, die Tochter der weiland Hofdame ihrer ebenso dürren Majestät.« »Friederike« – den Schläfer durchfuhr es in der Erinnerung an diesen Namen. »Jawohl Friedrike – und die hat ihn zum Narren gehalten, wie nur ein Genie von einem kleinen siebzehnjährigen Fräulein zum Narren gehalten wird.« – Hier seufzte der Schläfer auf dem Sofa verständnisvoll. »Mit einem hübschen Fähnrich des Garderegiments zu Fuß, das der große Friedrich begründet hatte.« »Mit einem Gardefähnrich«, und die Seele des Gottfried Richter krümmte sich wie eine Blindschleiche, bevor sie in die Botanisierbüchse spazieren soll. »Na, was hast du denn wieder?« fragte ihn der Traum, scheinheilig teilnehmend. »Ist dir das vielleicht auch einmal passiert?« »Ja, Friederike hieß sie also, ich zeige sie dir – da ist sie!« Ein Reifrockdämchen säuselte vorüber. 137 Und der Unglückliche erkannte das neugierig schnuppernde Näschen, die Augen kornblumenblau. – »Das ist ja meine Friederike!«, schrie er auf, »wie hat sich der Voltaire in die –« »Wahrscheinlich ist die Katschin die Großmutter gewesen von deiner Friederike«, hänselte ihn noch der Traum. »Wahrscheinlich –«, der Gottfried war jetzt schon ganz resigniert. »Was ist also zwischen den beiden vorgefallen? Ist überhaupt etwas vorgefallen?« fragte er lüstern-wissenschaftlich. »Du weißt«, dozierte jetzt der Traum dem Dozenten vor: »Voltaire hat in seiner »Pucelle« behauptet: die Jungfrau von Orleans ist wirklich eine Jungfrau gewesen und bis zuletzt geblieben. Nun, das nämliche gilt auch von Friederike – was dich – ich meine, was den Voltaire betrifft.« »Er sah sie – und schon war er angeschossen. Und von diesem Augenblick an war er hinter ihr her, der große Philosoph hinter dem kleinen Mädchen, das noch dazu ein Gänschen war.« »Jawohl, ein Gänschen«, bekräftigte Gottfried mit einem überzeugten Schnarchen, aus der Tiefe nach oben schnappend. »Er lief ihr nach, wie der große König einem spröden Reim oder wie Voltaire dem Ruhm des Staatsmannes. Daran dachte er nämlich trotz dieser Leidenschaft nach wie vor, ja, noch immer heftiger. Die Verse des Königs zu lesen und zu loben, daran 138 dachte er freilich jetzt noch weniger. Lieber dichtete er eigene, viele hundert, die allerschönsten, die ihr freilich, ihr gelehrten Leute, nicht kennt, weil sie nur existieren –« »Wo?« fragte der Forscher gierig und reckte den Hals. »In seinem Herzen!« erwiderte der Traum so artig und schnippisch, wie es eben nur ein Rokoko-Traum vermag. »Er hat sie ihr in ihrem Boudoir rezitiert und, da er nun schon einmal im Schwunge war, auch die »Pucelle« und seine boshaft galantesten Epigramme. So mußte er sie endlich doch gewinnen, der große Denker das kleine Mädchen. Meinst du nicht auch?« – »Natürlich«, stimmte der Gelehrte bei und vergaß, daß seine Friederike ihm doch gerade darum davongerannt war, weil er ihr zu gescheit gewesen. Da schnitt der Traum eine Grimasse. »Aus dem Zimmer ist sie gelaufen, die Gans, weil sie sich vor seinem Geist gefürchtet hat. Da hat der Voltaire, was er leider so oft in seinem Leben hat tun müssen, wieder getan – er hat gelogen und ihr erklärt: »diese Verse sind gar nicht von mir.« Nun beruhigte sich die ganz Verschüchterte langsam. Um sie wieder zu gewinnen, sagte er sich, gibt es nur ein Mittel: »ich muß mich dumm stellen.« – »Also auch er, mein Lehrer, mein Meister.« – »Aber ihm dürfte es schwerer gefallen sein.« – »Keine Bosheit mehr«, hat er sich gesagt, »kein Epigramm, kein geschliffenes Wort, sonst erschrickt 139 mir das arme Kind gleich wieder und rennt davon.« Und diese Abtötung des Geistes fiel ihm schwerer als jemals die fleischliche Entsagung. Aber so sehr er sich verstellte, um der Liebe willen – er war noch lange nicht so dumm durch Verstellung, wie es der hübsche Fähnrich von Natur aus war, Eberhart von der Leuen, der ihr bei der gleichen Hoftafel zugleich mit dem berühmten Philosophen präsentiert worden war. Weil er jung, hübsch und ihr im Geiste nicht überlegen war, fühlte sich das Friederikchen sogleich zu ihm hingezogen, ganz anders als zu dem durch tausend Fältchen, Runzeln und Runen gezeichneten Denker, den sie doch nicht aufgab, weil ihr an der berühmten Bekanntschaft gelegen war. Und nicht nur dümmer, sondern auch dicker zu werden, bemühte sich der weise, törichte Liebhaber, weil Riekchen, wie sie ihm sagte, auch vor seiner Hagerkeit erschrak. Aber an Umfang des Leibes zuzunehmen, gelang ihm noch weniger, als an Gewicht des Geistes zu verlieren. Denn der König, immer erboster über das beharrliche Stillschweigen seines Gastes, hatte ihn auf immer schmälere Ration gesetzt. Gereizt im Magen und im Gemüt, aufgestachelt noch dazu durch die wenig glückliche Liebesaventüre, entlud dieser seinen Groll in Pasquillen gegen Friedrichs erklärten Liebling, seinen Tischnachbar, jenen Maupertuis, den Akademiepräsidenten, der ein Loch bis zum Mittelpunkt der Erde bohren wollte. Friedrich schrieb wieder giftig über 140 das, was Voltaire geschrieben – und er ließ die Schrift durch den Henker verbrennen, worüber sich der Autor diabolisch zu amüsieren schien. Dabei saßen die aufgeregten Schöngeister, als wäre nichts geschehen, allabendlich in der Tafelrunde. »Salomo« schalmeite es hier, »Pindar« echote es dort, weil Salomo noch immer hoffte, als Pindar und der Pindar als Salomo anerkannt zu werden. Nur wurde unser Pindar vom Warten und Sich-Ärgern immer hagerer und gefiel dem Riekchen immer weniger. Da er also, dieser johannestriebhafte Liebhaber, sich seiner geringeren Reize bewußt geworden, suchte er – und darin hat er sich endlich wieder als Philosoph erwiesen – durch Geschenke an Friederike nachzuhelfen. Und als er im Park von Sanssouci mit ihr spazierte, statt die Verse des Königs zu lesen und zu korrigieren, und um ihre kühlen, grazilen Schultern ein Fichu nesteln durfte, dachte er, wie hübsch ein Perlenkollier dieses Hälschen umschließen müßte. Weil das aber gar viele Talerchen kostete, ging er zu dem Hirschel, dem Juden und Geldmakler, in die Dresdner Straße und kaufte – ein königlich preußischer Kammerherr – durch ihn die in Preußen verbotenen sächsischen Steuerscheine, worüber sich Friedrich, als die Sache ruchbar wurde, sehr erboste. Aber die Talerchen gewann er, das Kollier blitzte in dem goldkäferfarbigen Wams.« »Ah, das ist mir ja ganz neu«, ächzte der Gottfried. » Dazu hat er also so viel Geld gebraucht, hat seinen weltberühmten Namen befleckt, der 141 Weise, der Denker, hat Provisionen genommen«, klagte er, »hat spekuliert, hin und her geschachert, Häuser, Grundstücke, Getreide, bis er ein reicher Mann wurde. Dem Papst hätte er am liebsten den Heiligen Stuhl unter den Beinen weggezogen, um ihn als Kuriosität zu verauktionieren. Und dies alles also nur wegen seiner Amourschaften«, stöhnte der Gottfried, »mein Ideal!« »O nein«, scholl es ihm fast pathetisch entgegen. »Weil er als ein Grandseigneur nicht bloß dichten, sondern auch leben, weil er nicht, wie der alte Corneille, in verbogenen Schuhen einhergehen, nicht wie Lafontaine um Almosen und Freitische betteln wollte. Und weil er viel Geld brauchte, um die Greuel der Justiz zu mindern, um diesen Calas, diesen Sirven von ihren Ketten zu befreien – denn er war nicht bloß ein großer, sondern auch ein guter Mensch, wie übrigens dein Friedrich auch, der das Wort seines Testaments: ›Bis zu meinem letzten Atemzuge gelten meine Wünsche dem Glücke meines Staates‹, gleichfalls nicht bloß geschrieben, sondern auch gelebt hat.« »Nanu«, beschwichtigte Gottfried, »du sprichst ja wie ein Buch.« »Weil ich nicht will, daß du von deinen Helden geringer denkst, auch wenn sie ihre menschlichen Schwächen hatten.« »Entschuldige, bitte, und erzähle mir lieber, was mit dem Kollier und dem süßen Riekchen geschehen ist. Ich bin schon sehr gespannt.« 142 »Das ist eine ganze Geschichte, eine sehr lustige, aber auch eine ernste, weil dadurch Friedrich den Voltaire und Voltaire den Friedrich verloren hat.« » So ist das also geschehen . . .« »Allerdings, wenn auch deine Historie nichts davon erzählt.« »Also man los!« »Das Kollier blitzte in seinem berühmten Wams, und also bewaffnet betrat er den Kampfplatz, Friederikens kleines Boudoir, in dem auch der Gardefähnrich, der inzwischen Leutnant geworden war, höchst erregt auf und ab promenierte und dem Eintretenden mit einer Geste der Verzweiflung entgegenstürzte.« »Ja, haben denn die zwei voneinander gewußt?« »Ja, natürlich, du kennst aber die Frauen! Sie hat selbstverständlich ihre Bewerber gegeneinander ausgespielt. Wenn sie zu dritt beisammen waren, nannte sie den Philosophen Onkelchen und den Fähnrich großartig »mon petit« und streichelte mit dem linken Händchen die hagere Wange des Dichters der »Henriade« und mit dem rechten die pfirsichfarben-blühende des Leutnants, welch letztere Betätigung ihr aber bedeutend lieber war. Mit dem Leutnant allein, himmelte sie von ihrem »großen, großen Dichter«; diesem aber wäre sie einmal fast an die Brust gesunken vor lauter Schwärmen für das »liebe, liebe Leutnantchen«, so daß sie beide, wie man zu sagen pflegt, am Bändel hielt. 143 »Soll ich euch beide verlieren, mein süßes Onkelchen und den petit da, den schlechten Kerl«, schluchzte sie jetzt und sie streichelte und weinte von links nach rechts und wieder von rechts nach links. »Ja, was ist denn da passiert«, fuhr der Philosoph erschreckt auf, der noch nie vor Königen seine Fassung verloren hatte, sie aber beinahe vor diesem kleinen Mädchen verlor. »Ja, wissen Sie denn nicht, Monsieur Voltaire, der König will Sie – ausweisen will er Sie lassen wegen des Skandals, des Prozesses mit dem Hirschel – ich weiß es von Mama, und die weiß es von der Baronin von Knobelsdorff, und die hat es jetzt von dem Fräulein von Schick. Und den petit da, den will man mit geheimen Briefen zu den Höfen schicken, weil er so hübsch ist, und das ist das Wichtigste bei einem solchen Auftrag, soll der König gesagt haben«, schluchzte sie wieder. »Nach Polen, zu dem Stanislaw und zur schönen Stanislawska«, heulte sie, »mit den Verträgen, da sind sie; und sie wies auf ein vielfältig versiegeltes und verschnürtes Paket. – »Und ich soll fort von hier«, sagte traurig der Leutnant. »Verträge« – und der Blick Arouets, der jetzt wieder ganz Diplomat und Staatsmann war, funkelte noch glühender als die Perlen des Kolliers in seiner Hand –, »jetzt könnte ich ihm erweisen, ob ich ein Diplomat bin oder –« er zischte ein Wort in sich hinein. »Mir kommt ein Einfall. Ich habe nie eine Komödie geschrieben. Aber dies wäre 144 eine gelebte. Geben Sie mir Ihre Uniform und die Briefe und die Verträge«, wandte er sich an den Leutnant, »ich reise an Ihrer Stelle, ich will die Höfe schon in Verwirrung bringen, er soll einmal sehen, der Luc«, so nannte er vertraulich seinen Freund, den er hassend liebte und liebend haßte, »ob er mir dieses Geschäft nicht auch hätte anvertrauen können. Ich will Europa schon durcheinander bringen! Ja, Herr von der Deuen«, rief er lebhaft, »bleiben Sie hier verborgen bei Fräulein Friederike, bis ich zurückkomme – als Sieger – mit den Verträgen –«, seine Augen glühten im Triumph, während die des Fräuleins sich schämig senkten. »Wenn Sie drei Wochen«, sagte er leise zu ihr, »oder noch länger hier allein mit ihm bleiben und ausgiebig mit ihm Konversation machen, dann werden Sie bald erkennen; wer Ihnen mehr bedeutet – der petit da – oder –« »Ganz allein mit ihm –« »Jawohl, bis ich zurückkomme. Sie werden sich gehörig langweilen.« Da wurde sie plötzlich rot. Es lächerte sie und dann lachte sie hellauf – wohl über die Torheit des alten, großen, weisen Kindes hier, des Philosophen, der in diesem Augenblick erwies, ein wie unmöglicher Diplomat er selbst in Dingen des Herzens war. Und schon war er besessen von seiner Leidenschaft, nicht mehr für die kleine Friederike, sondern für die große Politik, in das Nebengemach geschlüpft. Der hübsche Offizier, der munter 145 geworden war wie noch nie und übermütig genug, zunächst auf den Scherz einzugehen, ihm nach. Sie wechselten das Habit. Arouet nahm die weißen Pantalons des Gardisten, der Leutnant das goldkäferbestickte Wams. »Eine solche Maskerade, – der Verfasser der ›Discours sur l'homme‹ –« und der Schläfer auf dem Diwan fuhr sich entsetzt in die Haare. »Menschliches, Allzumenschliches« – replizierte, weise verstehend, der Traum und erzählte weiter: »Als sie nun aus dem Antichambre traten, der Hofmann als Offizier, der Offizier als Hofmann, stand Friederike zunächst verblüfft. Aber dann lachte sie, wie sie noch nie gelacht hatte, das Lachen kollerte nur so aus ihr heraus. Da wußte er: nun war es aus – wenn eine Frau über ihren Anbeter gelacht hat – vor dem Rivalen. Arouet als Leutnant, es war wirklich zu komisch . . . zu komisch . . . Die Uniform schlotterte nur so, der Küraß saß ihm schief – nie hatte sie noch einen solchen Offizier gesehen. Ihr petit aber war auch im goldkäferfarbigen Wams ein süßes Kerlchen – man sieht, es ist leichter, aus einem Krieger einen Philosophen als aus einem Philosophen einen Krieger zu machen. So zuckersüß sah er aus, daß Friederikchen, die längst in ihn verliebt war, sich nicht mehr zu helfen wußte, sondern ihm um den Hals fiel. Da ward Arouet, cholerisch, wie er von Natur aus immer gewesen, ganz wütend. »Machen wir Toilette!« 146 herrschte er den Leutnant an und schreckte die beiden aus einer Umarmung auf, die offenbar dauern sollte, bis der Siebenjährige Krieg zu Ende war. »Jetzt hab' ich genug von euch allen, von diesem Land, dieser Sandbüchse, und besonders von ihm«, und er blickte drohend in der Richtung gegen die Gemächer des Königs. »Denn nur er ist schuld, weil er meine wahren Talente ungenützt läßt und ich so auf diese Possen gekommen bin. Wenn ich also schon kein Diplomat sein soll, Friedrich wird jetzt erfahren, was für ein Dichter er ist.« Nun funkelten seine Augen boshaft aus dem Grün ins Gelbliche. Sprach's, warf das Buch »Oeuvres de poésie« in die Ecke und wendete sich gegen die Tür. Aber dann wandte er sich um und neigte sich zu Friederike, ihr kindliches Kinn streichelnd, und gerührt, wie er leicht ward, mit ganz weicher Stimme, eine Träne verschluckend, sprach er: »Vergessen Sie nicht ganz, mein liebes Kind, Ihr – Onkelchen.« Und er hängte ihr, abschiednehmend, das Perlenkollier um, weil er, so rach- und ränkesüchtig er auch gegen seine Widersacher sein mochte, gegen Frauen immer großmütigen Herzens war. »Nun aber«, stampfte er wieder zornig auf – »zum König . . . zum König – –« * Über Akten gebeugt, saß Friedrich da, frierend nach einer am Schreibtisch durchwachten Nacht, 147 in den blauen Uniformmantel gewickelt, höhnisch die Brauen hinaufgezogen, die Lippen hingen ihm schlaff herab. Vier Körbe mit Eingaben, Bittschriften, Urteilen waren von ihm und den zuletzt zusammenbrechenden Sekretären in der rasenden Arbeit dieser Nacht erledigt worden. Nun lag vor ihm diese Bittschrift des Müllers Arnold, der aus seiner Pachtung gejagt worden war durch ein Urteil im Namen Königlich Preußischer Majestät. Der Abgeurteilte hatte jetzt den König selbst angerufen – und der König ist entschlossen, trotz des Krieges, der von allen Richtungen her neuerdings die Häupter wider ihn erhebt, für das Recht in diesem Lande zu stehen, wie Voltaire, der jetzt das Gemach betritt, für das Andenken des gemordeten Vaters Calas, für die Freiheit des eingekerkerten Sohnes bald darauf – trotz Vers und Prosa – wie ein Besessener kämpfen wird. Friedrich kritzelte eben, wie er es bei allen wichtigeren Erledigungen in der Gewohnheit hatte, an den Rand des Aktes ein Epigramm, als Voltaire ihm in das furchige Gesicht blickte. Über ihn, den Gegner, so empfand ihn jetzt Friedrich deutlicher als je zuvor, einen Gegner, in den er sich mit zerfleischender Liebe verbissen hatte – über Voltaire war der Dämon gekommen, der ihm Besinnung und Mäßigung nahm und nun aus seinem Blick drohte. Und die Falte über den Brauen Friedrichs war 148 tiefer geworden; tiefer zogen sich die Mundwinkel herab. Die Gewitterluft vor einer letzten, großen Entscheidung lag über dem stickigen Raum. »Sie sind gekommen – –.« Friedrich stand auf, hüllte sich gleichsam in sich selbst, wie er den zitternden Körper jetzt, weil ihn wirklich fror, in seinen blauen Uniformmantel hüllte. Er war jetzt ganz abweisend, ganz König. »Sie sind hier, Monsieur Voltaire«, akzentuierte er scharf, »wohl um sich zu exkusieren von wegen dieses skandalösen Prozesses« – seine Stimme knarrte, wurde brüchig – »mit diesem Hirschel. Man schachert mit diesen Papieren aus Sachsen, die ich verboten habe in Preußen, als wäre man selbst ein Jude – Voltaire, Apollo, den ich –« die Stimme senkte sich, wurde dunkel. »Und verdient damit eine Menge – durch den Kurs – und vergleicht auch noch den Prozeß . . . sehr günstig.« »Ein königlicher Kammerherr«, schnaubte jetzt Friedrich wieder, »spekuliert, macht solche Geschäfte – mein Untertan.« »Ich glaube, Sire, Ihnen nie untertänig gewesen zu sein«, ripostierte Arouet scharf, und Friedrich, der nicht zuckte, wenn die Kugeln seinen Hut durchlöcherten, den alten, dreikantigen Soldatenhut, mit dem er sich jetzt unwillkürlich bedeckte, wie immer, wenn es eine große Entscheidung galt, der Sieger von Leuthen hätte fast 149 aufgeschrien, weil er fühlte, daß er über diesen Mann – über diesen allein – keine Gewalt besaß. »Sire«, unterbrach Voltaire die Meditation, und er zog den goldenen Kammerherrnschlüssel aus der Tasche und spielte scheinbar achtlos mit ihm, »es könnte geschehen, daß ich heute, Sire, hier zum letztenmal – daß ich Lust bekomme, niemandes Untertan mehr –« Da erschrak Friedrich; denn er hatte in die Tasche seines Gegenübers gespäht und sein Buch »Poesie« darin nicht mehr, wie sonst noch immer, gesehen. »Wenn er mir«, überlegte er, »wirklich echappiert, ohne meine Epigramme korrigiert zu haben und die Sprüche und die Oden, wie soll ich sie dann drucken und der Pariser Akademie vorlegen lassen?« So seltsam ist der Mensch manchmal, auch wenn er ein Genie ist: an dem Lob für diese Verse war ihm in diesem Augenblick mehr gelegen als an dem Beifall Europas, wenn er die Armeen dieser nämlichen Franzosen so spielend leicht schlug. »Wenn mir dieser Voltaire jetzt abhanden kommt, ist es aus mit der Akademie«, und er wäre bleich geworden, wenn er sich nicht erinnert hätte, daß dies nur in Komödien den Schauspielern von ungeschickten Autoren vorgeschrieben wird. Ach, er ahnte nicht, der Große und Weise, daß er jetzt nur selbst Akteur einer Komödie war, die der liebe Gott, um sich beim Weltregieren nicht die Laune 150 trüben zu lassen, manchmal von seinen Lieblingen aufführen läßt. So retirierte er denn und fragte gemessen: »Warum sind Sie also eigentlich gekommen?« Voltaire aber hatte auf dem Schreibtisch unter dem Akt des Müllers ein Zipfelchen seiner Denkschrift über den Zustand Europas entdeckt. Und sein Dämon, durch dieses Wort »Untertan« – »Subjekt« übersetzte es sich Voltaire – noch mehr aufgestachelt, zwang ihn jetzt, sich dem König gegenüberzustellen wie zu einem Zweikampf. Er mußte . . . nun endlich . . . die Meinung kennen des einzigen Mannes, dessen Urteil er in diesen Dingen anerkannte, über sein eigentliches, das diplomatische Genie. »Ich wollte«, und er war jetzt dicht bei Friedrich, »Ihre Meinung erfahren, Sire, über meine politische Schrift hier, ich warte« – er zischte das Wort hervor, und in diesem gezischten Worte war Wut, Hochmut und Angst zugleich. Da spürte Friedrich, daß er von diesem Mann ein Wort nicht des Lobes, nein, der Duldung nur, vielleicht erhaschen könnte, wenn auch er die gleiche Huldigung dessen lächerlichem Ehrgeiz erweisen wollte. Und Friedrich spürte zugleich: lügen wird er nicht, auch nicht um diesen Preis. Dieser war doch nur Voltaire, ein Literat, ein homme à lettres, der beste freilich, und er war der König , Preußens König, Friedrich! »Sire, ich erwarte Ihre Antwort!« – Er wurde 151 theaterhaft wie im »Ödipe« oder in seinen anderen Stücken. »Da ist sie« – in diesem Augenblick war Voltaire für ihn wirklich nur der Untertan, das »Subjekt«, und er war – der König, der, wie von einer unsichtbaren Hand gelenkt, eine Rolle spielt – und er warf die Denkschrift hin, an deren Rand Verse gekritzelt waren, ein Pasquill gegen den Schöngeist, der durchaus der Machiavell seiner Zeit heißen wollte, ebenso boshaft wie schlecht gereimt. Voltaire hatte mit einem Blick die Schwäche dieser Reime erfaßt und Friedrich, berauscht wie sonst nie von seinem eigenen Werk, fragte unbesonnen: »Wie gefällt Ihnen das, Herr Voltaire?« »Wie alle Ihre Poesien mir gefallen.« »Sie haben sie also doch gelesen?« »Allerdings.« »Und was sagen Sie?« »Ich sage nur . . .« »Nun –?« Da fühlte Voltaire, wie sein Bewußtsein sich verdunkelte, nur eine rote Flamme flackerte auf, und – ganz nahe – warf er ihm drei Silben, zu einem Schrei zusammengeballt, in das Gesicht: »Dilettant!« Dann kam er wieder zur Besinnung, stand starr, und der Kammerherrenschlüssel fiel klirrend auf das Parkett. Den hob Friedrich auf und sagte: »Ich danke!« 152 Da wußte Voltaire, daß es zu Ende war, er ging gegen die Tür, wandte sich um und sagte nur noch: »Wann darf ich reisen, Sire?« »Wann es Ihnen beliebt.« »Dann bitte ich – sogleich.« »Ich hindere Sie nicht«, klang es wie aus der Ferne – der König stand wieder an seinem Schreibtisch, und die Finger, die zuckten, fuhren über den Akt des Müllers hin. Da wandte sich der Scheidende noch einmal zurück und seine Hand streckte sich zag dem König entgegen, diese Hand, die jener einmal geküßt hatte. Aber Friedrich hatte sich gegen das Fenster zurückgezogen. Unten zog im Stechschritt die Wachparade vorbei, die Gardegrenadiere des Königs, und der Dessauer-Marsch klirrte zum Fenster hinauf. Von unten widerhallte es: »Vivat – Fridericus – rex – unser König.« Schmerzlich dunkelte es in seinem Blick und er schien zu sagen: »Denen bin ich doch, was ich dir in deinem Umkreis nie sein werde – der König.« Voltaire aber, als gäbe er diesem Blick Antwort, sagte: »Ich ziehe es vor, künftighin mein eigener König zu sein.« Und er trat aus der Tür, und Tränen stürzten über dieses hart und herrisch gescholtene Gesicht. * 153 »Packen, Longchamp, packen, sofort, wir reisen«, rief er seinem Sekretär entgegen, der seinen sonst so weitläufig ironischen, nur manchmal aufbegehrenden und dann wieder sogleich tausendfach um Entschuldigung bittenden Herrn so noch nie gesehen hatte: ganz Flamme und Erregung. »Nach Paris!« jubelte Longchamp. »Ich habe kein Verlangen nach der Bastille«, fuhr ihn unwirsch Arouet an. »Wohin denn, cher maître?« »Nach Frankfurt zunächst. Das ist doch eine freie Stadt – irgendwo wird man doch frei sein dürfen«, knirschte er. »Das ist doch auf dem Weg wenigstens . . . nach Paris!« schrie Longchamp in Ekstase, und in den Koffer flogen die Krausen, die Spitzenhemden, die Wäsche, die Bücher. Da waren sie nun alle, die gefährlichen Kinder, die der vorsichtige Vater vor der Welt sonst zu verleugnen pflegte: der »Mahomet« schmiegte sich an die »Pucelle« und die »Henriade« purzelte auf den »Tancrède«. Und Voltaire warf ihm seinen Kammerherrendegen nach – er wollte durch nichts mehr an diesen Hof erinnert werden. Und er schlüpfte in sein Reisehabit aus hautfarbener Seide, immer die schwarze Samtmütze auf dem Kopf. Der Koffer klappte zu. Aber da mußte ihn Longchamp noch einmal öffnen. »Das nehm' ich mit, das Einzige«, und Voltaire warf auf den Bücherhaufen den Stumpf der 154 Wachskerze, den er aus dem königlichen Vorzimmer mitgenommen hatte, weil ihm seine Zucker- und Schokoladeration verkürzt worden war. »Zur Erinnerung«, rief er, »wie dieser König, der ein Dichter sein will, den behandelt hat, der unter den Dichtern der König ist.« In diesem Augenblick öffnete sich weit die Tür, und herein trat, ganz Feierlichkeit und Würde, jener Lakai, dem beim Einzuge Voltaires in Potsdam Friedrich »Esel« zugerufen hatte, weil er den stürmisch erwarteten Gast zu lange draußen hatte warten lassen. »Im Auftrage des Königs!« sagte der Lakai und streckte seinen Zeigefinger befehlerisch vor. »Bevor Er Potsdam verläßt, hat Er das Buch mit den Poesien – den königlich-preußischen Poesien«, – fügte der Lakai streng hinzu, »zurückzustellen.« » Er «, das wagt er mir . . .« »Er soll es zurückstellen nach vorgenommener Durchsicht –« Da schnellte Voltaire auf, daß seine schwarze Samtmütze nur so zitterte: »Sag' er seinem Friedrich, Er soll die Verse – seine schmutzige Wäsche soll Er selbst in Ordnung bringen.« »Das soll ich? . . .« »Hinaus!« – und so dünn die Waden des Dichters der »Pucelle« in den eisengrauen Strümpfen erschienen, sie waren zu einem Fußtritt gegen den Domestiken noch immer kräftig genug. 155 »Extrapferde und einen Postillon. Man soll es hören in der Mark, wenn Voltaire durch sie kutschiert« – und schon war er die Galatreppe hinab. Das bestellte Fuhrwerk näherte sich dem Tor. »Vorwärts!« rief er dem Kutscher zu. »Nach Frankfurt!« Der Kutscher hieb auf die beiden Eisenschimmel ein. »Schont sie doch«, hemmte Voltaires Zuruf seinen Arm – »keine Peitsche gegen die Tiere und – gegen die Menschen«, sagte er gegen Longchamp gewendet, der ihn verstand. Er warf noch einen Blick auf die Fenster zurück, von denen auch er so oft neben seinem Friedrich der Parade zugeschaut hatte – er, der den Krieg verabscheute, liebte die Farbigkeit des Soldatenwesens. Da klirrte von dem anderen Flügel des Schlosses, wo Friederike jetzt ihren Leutnant in zärtlicher Gefangenschaft hielt, ein Fenster auf. Ein blondes Köpfchen schob sich vor. Ein frischer, vom Geküßtwerden ganz roter Männerkopf mit zerstruwelter Perücke ward sichtbar, und beide winkten – Friederikchen, die Wange an ihren Leutnant geschmiegt, mit einem seidenen Fichu – dem Scheidenden nach. Da entfiel ihm wieder, wie er ja leichter gerührt ward, als es einem Philosophen geziemen mochte, eine Träne. Er schneuzte sich verlegen und winkte mit seinem spitzenbesetzten Taschentuch zurück, 156 bis die Pferde sich kräftiger in Trab setzten. Der Lakai aber, der Voltaires Botschaft zu bestellen hatte, irrte wie ein klagender Geist durch die Gänge des an diesem heißen Sonntagnachmittag doppelt verödeten Schlosses. Wie sollte er das dem gefürchteten Friedrich ausrichten? »Er soll seine schmutzige Wäsche selbst – ich werde beim Fenster hinausfliegen«, stöhnte er. Zum Glück war sein Herr einstweilen anderwärts okkupiert. Trotz des Sonntags nahm er die Parade ab, heute zehnfach unnachsichtig, wehe, wenn ein Gamaschenknopf nicht geputzt war oder wenn einer links schaute, während rechts kommandiert wurde. Dann ging er, den alten Soldatenfilz mit der verbogenen Krempe auf dem Kopf, in das Arbeitskabinett, wo die Sekretäre schon warteten, einsam auch an diesem Sonntag, heute noch einsamer. Er setzte sich an den Schreibtisch und schlug den Akt des verurteilten Müllers auf. »Dem Mann muß sein Recht werden, und wenn alle meine Räte und Richter in die Luft fliegen«, rief er jetzt pathetisch im Stil seiner Epoche. »Wie ich dem Voltaire den Fall erzählt habe, hat er mir die Hand geküßt. Nun hab' ich ihn auch nicht mehr. Nun bin ich erst ganz allein.« Und ein Schmerz wie um eine verlorene Geliebte fiel ihn an. Er blätterte in dem Akt. Er dachte: »Für mein Streben da, für meine Kunst, über die die Nachwelt richten wird« – 157 Friedrichs Augen funkelten – »hat er nur Hohn.« Er blätterte jetzt im Akt des Müllers und war an die Stelle mit seinem Pasquill gekommen, das seinen Gast so zornig gemacht hatte. »Wie hat er mir gesagt?« sein Mund zog sich zusammen – » Dilettant «. Wie eine Peitsche traf ihn das Wort. Er riß an dem grünseidenen Glockenzug. Der Lakai erschien, vor Angst in sich verkrochen. »Hat Er es bestellt?« herrschte er ihn an. »Wo ist das Buch?« »Er hat es mir noch nicht zurückgeschickt, der Herr Voltaire.« »Was hat er denn gesagt?« tobte er den Lakaien an. »Der König soll mir –« hat er gesagt. Der Lakai retirierte, und er sagte, ganz nahe der Tür, sein Sprüchlein von der Wäsche auf und fiel dann beinahe um vor Schrecken. Wie versteinert stand Friedrich. Dann aber schnellte er auf. Es gellte aus ihm: »Das Buch! Er hat das Buch mitgenommen, meine Poesien!« »Kuriere! Man setze ihm nach! Man halte ihn fest! In die Festung mit ihm, bis er das Buch . . . Man arretiere ihn, wenn er ankommt in Frankfurt!« Und er warf mit fliegender Feder die Order hin, an Herrn Freytag, den königlichen Residenten in Frankfurt. »Wenn dieser Herr Voltaire Eure Stadt passiert, sind ihm Skripturen, ein Band »Oeuvres de poésie«, 158 abzunehmen. Hat er sie nicht, dann soll er arretiert werden . . .« Der Kurier nahm die Order an sich und raste, ohne zu wissen, wer darin saß, an der Kutsche vorbei, in der François Marie Arouet nach den Aufregungen dieses Tages sänftiglich eingeschlummert war.« »Aha«, meldete sich der Schläfer auf dem Sofa, »er ist eingeschlafen, wie ich jetzt schlafe. Philosophen brauchen Ruhe nach einem tiefen Seelenschmerz . . .« »Wenn man schnarcht, wie du jetzt, ist man darum noch lange kein Philosoph, mein Lieber. Er hat auch an diesem Tag ganz anderes durchgemacht als du. Er hat den geliebtesten Freund verloren, das war ihm Friedrich, wenn man ihn auch einen Tyrannen und Despoten gescholten.« »Er war also«, fuhr der Traum fort, »eingenickt und erwachte erst mit einem bitteren Gefühl im Magen oder im Herzen – das ist solchenfalls nicht so genau zu unterscheiden –, als die Kutsche sich Berlin und der sogenannten Hasenheide näherte, die sich vor der Stadt hinstreckt in ihrer Ödigkeit. * Heide, Sand, Kiefern dazwischen. »Doch eine rechte Sandbüchse, diese Mark«, krittelte der Sekretär. »Aber sehen Sie doch nur, Longchamp, was Er daraus zu machen sucht!« und er wies auf die Maulbeersträucher an den Zäunen. 159 »Seidenplantagen, ein Lyon in der Mark . . .« Er seufzte schwer. Denn in diesem Augenblick erkannte er wieder Friedrichs großen und guten Sinn, wenn er nicht menschlich verdunkelt war. Er fühlte, was er heute hier an diesem einen Tag verloren hatte. Eine neue Heimat, an die er, der alternde Mann, sich hätte klammern können, eine Geliebte, die Mutter seiner Kinder vielleicht – gerade während der letzten Tage war ihm, dem alternden Bohème, manchmal der Gedanke an Heim und Familie vorgeschwebt – einen Freund, ihm der teuerste, trotz alledem. Nun war auch er durch seinen Dämon hinausgetrieben, wie es ihm immer zuletzt erging, verkannt, ein kalter Spötter gescholten, mißbraucht von jedem in seiner wehrlosen Güte, weggeworfen zuletzt, ganz wie dieser von ihm geliebt-gehaßte König. Schon wollte er trüben Sinnes werden. Aber zum Glück schaute er jetzt auf und ward immer ergötzter über das unerwartete Bild, das sich ihm plötzlich auf der bewegten Heide darbot. In den Wirtschaftsgärten auf dieser Heide saßen auf den Bänken reihenweise königlich preußische Wachtmeister und Grenadiere mit ihren Frauen, soweit ihnen die Kopulierung durch königliche Gnade gestattet war. Da saßen sie stramm zwischen den Bürgern mit ihren steif gewichsten Zöpfen, die lustig geringelt waren wie Mausschwänzchen. Und die Bürger sahen streng drein wie die Grenadiere, 160 und die Grenadiere solid wie die Bürger. Fast jeder hatte auf dem Schoß ein Kind, lauter Buben, wie es einem königlich preußischen Grenadier geziemt, der dem Staate auch darin zu dienen hat, lauter künftige Grenadiere mit kleinen, gewichsten und gewickelten Zöpfchen wie Mausschwänzchen. Vor den Kriegern aber standen Kaffeekannen, breit ausgebuchtet, wie die rückwärtigen Partien ihrer Gattinnen, und wieder alle in strammer Reihe. Und während der rechte Arm der Helden den Sprößling umspannte, griff entschlossen der linke nach der gebuchteten Kaffeekanne. »Kerls, wollt Ihr denn ewig leben?« hatte ihnen einmal Friedrich zugerufen, den sie dennoch anbeteten. Sie wollten offenbar ewig leben; jedenfalls wollten sie ewig Kaffee trinken. Dieser Anblick gab dem vertriebenen Philosophen sogleich die Laune wieder. Denn wie sehr er auch die Menschheit im ganzen bezweifelte, die Menschlichkeiten liebte er sehr, weil sie ihn ergötzten. »Warum trinken sie denn alle das nämliche Getränk?« forschte Arouet, in dem schon eine kleine Heiterkeit aufstieg. »Weil einer damit begonnen hat.« »Und warum hat denn der eine damit begonnen?« Er war gründlich, denn er war ein Philosoph. Da wies Longchamp stumm auf die Tafel über dem friedlichen Heereslager, und darauf stand riesengroß: »Hier können Familien Kaffee kochen!« 161 Da geschah dem Philosophen, wie es großen und darum kindlich gebliebenen Gemütern oft begegnet: es lächert sie über ein Nichts. Der Klang einer Silbe, eine Vorstellung heitert ihre Düsterkeit auf. »Hier können Familien ›Káffee‹ kochen!« wiederholte er, wobei er den Akzent auf das a legte. »Glückliches Land!« lachte er, »du hast zwar keine Schneeberge, keine Reben, keine Orangen, wie wir. Du hast nur Sand, aber du bist dennoch beneidenswert, denn Familien dürfen darin ›Káffee‹ kochen.« Und Jean François Arouet, genannt Voltaire, der Begründer der modernen Geschichtsschreibung, der modernen Physik und Chemie, strampelte vor Vergnügen, weil in der Hasenheide Familien ›Káffee‹ kochen durften. Und dann wieder ernster geworden, sagte er zu seinem Begleiter: »Es ist doch Schicksalsplan, daß ich nicht hier geblieben, in diesem Land. Ich hätte hier vielleicht, wer weiß, dieses hübsche, kleine Mädchen . . . zur Frau genommen. Ich hätte eine Familie gegründet, und ich hätte – Káffee gekocht. Wenn einer eine Familie gründet, kocht er irgendeinmal immer Káffee.« Und vergnügt winkte er dem Kutscher, weiterzufahren über den im Abend rötlich schimmernden Sand, auf den die Kiefern ernsthaft blickten. * »Nanu«, räusperte sich der schlichte, schlafende Doktorand. »Wenn ich nun das Riekchen gekriegt hätte, 162 glaubst du, ich hätte auch einmal Káffee gekocht auf der Hasenheide mit der Familie?« »Du janz jewiß, wie du jebaut bist, Männeken«, erwiderte jetzt, auf einmal berlinerisch, der Traum. Da kreuzte der Gottfried wieder die Hände friedlich über den Bauch, und als er später erwachte, war er mit seinem Schicksal, das ihn vor dem Kaffeeausschank auf der Hasenheide und der Familienbegründung bewahrt hatte, wieder ausgesöhnt. Auch Voltaire war mit Gott, an den er nach dem ernsten Erlebnis von heute noch weniger glaubte, und mit der Menschheit, die er jetzt noch mehr bezweifelte, dennoch zufrieden, als er in seiner Kalesche durch das beglänzte Land dahinratterte. Aber kaum hatte die Kalesche zu Frankfurt das Eschenheimer Tor passiert, da erfuhr er alsogleich den »Wandel der Dinge. Drei Grenadiere standen vor ihm, Säbel aus der Scheide, Schnauzbarte, wie aus einem Mandelbogen, und der längste der Kerle fragte ihn, ob er der »Moschieu Voltai-re« sei? »Der bin ich.« »Dann müßt Ihr mit auf die Hauptwache.« Der Angehaltene gab dem Kutscher ein Zeichen, daß er fahren solle, wohin es ihm der Grenadier bedeuten werde. Aber dieser sagte nur kurz: »Davon steht nichts in meiner Order. Mal raus, Männeken, mal fix mit dem Pedal.« So mußte denn der Philosoph wie ein Arrestant durch die gaffende Gassenjungenschaft 163 einherschreiten, hinter ihm lustig der Sekretär mit dem Köfferchen. Auf der Hauptwache stand Herr Freytag, der Kriegsrat und Präsident, Orden auf der breitgewölbten Brust, um durch diese Gloria dem Arretierten zu imponieren. »Monsieur Voltaire«, begrüßte er den Verbrecher höflich, »Ihr sollt ein Paket vom König mit Euch führen, Skripturen.« »Ihr meint wohl die schmutzige Wäsche des Königs« – höhnte der Arrestant. »Die Skripturen meine ich, die ›Po-e-schien‹,« donnerte jetzt der Kriegsrat. »C'est un drôle«, amüsierte sich der Sekretär. »C'est un imbécile«, schnaubte sein Meister. »Wo ist also das Buch?« »Wo ich jetzt lieber wäre, im Zimmer der Demoiselle Friederike, der Katschin, hinten im Schloß.« »So lange die ›Po-e-schien‹ nicht da sind, seid Ihr –« »Arretiert, wie es scheint!« fuhr Voltaire auf. »Und das ohne Komplimente!« schrie der Kriegsrat und entfaltete das Pergament. So wurden die Ausreißer ohne viel Federlesen in den Turm bei vorgeschriebener schmaler Nahrung gesteckt, aber weil der Sekretär als ein witziger Franzose mit der Tochter des Gefängniswärters sogleich charmierte, gelangten die Sünder heimlicherweise zu einem reichlichen Abendessen: Frankfurter Appetitwürstchen, in jungfräulichen Salat gebettet, 164 noch schmorend und deliziös, und ein paar Flaschen des Gelbgesiegelten waren auch zur Stelle. Es war ein munterer Tropfen, der im hellen Rebengelände nahe der guten Stadt gedeiht. So wär' es ein fideles Gefängnis gewesen, doch Voltaire ward darin immer knurriger. Aber in wenigen Tagen bereits brachte die Estafette die Nachricht, die verlorene Kostbarkeit sei im Zimmer des hübschen Fräuleins, der Katschin, aufgefunden worden; das ganze Zimmer wäre, hm . . . noch immer merklich derangiert gewesen, hm, ja, diese Pariser Einquartierung im Schloß . . .« und der Bote des Königs sah den also überschätzten Philosophen teils strafend, teils bewundernd an. »Zum Glück«, fuhr der Bote fort, »hat sich itzt sogleich ein Jüngling gefunden, ein Leutnant von der Garde, der sie . . . hm . . . trotzdem wieder zu Ehren gebracht und gefreit hat . . .«, und er fraß den angeblichen Wüstling vor Neid mit den Augen auf. »Ja«, schloß der Bote, »teutscher Edelmut!« »Ich bin also der Liebhaber der Katschin gewesen, der hübschen, siebzehnjährigen Demoiselle?« »So heißt es im Schloß.« Da – es war ein wunderbares Naturschauspiel – begann es plötzlich um das bis dahin so verdüsterte Antlitz des gefangenen Philosophen zu wetterleuchten, bis es darin freudig blitzte, weil man ihn für einen Verführer und Liebhaber hielt. »Ihr seid jetzt frei, Ihr könnt reisen, wohin es 165 Euch beliebt«, sagte der Kriegsrat, der eben in das Turmgemach getreten war. »Und was soll ich dem König bestellen?« fügte er zögernd hinzu, als erwarte er einen Auftrag auszurichten. »Bestellt ihm«, rief Voltaire, wieder geärgert durch den Anblick seiner Orden, »wenn Ihr einmal nach Potsdam kommt – jetzt hat er erst recht durch diesen Scherz mit mir erwiesen« – und seine Augen funkelten boshaft grün – »wie trocken seine Phantasie, ein wie schlechter Poet er ist. Das richtet ihm aus, Herr Kriegsrat!« Aber der Kriegsrat hat es nicht ausgerichtet. »Und meine Denkschrift, mein Staatsvertrag. Will der König mir mein Eigentum –« fuhr er wieder den Boten an, gereizt auch er, daß man ihm sein Manuskript nicht zurückgab. »Ist dem königlichen Archiv einverleibt«, beruhigte ihn der Bote, »ein Werk Voltaires«, fügte er bewundernd hinzu. Da hellte sich sogleich dessen düstere Miene auf. »Und habt Ihr doch nichts anderes«, fragte ihn heimlich der Bote, »an den König durch mich zu bestellen?« »Bestellt ihm«, und Voltaires Stimme senkte sich und wurde weicher: »ich weiß, was er da in der Sache des Müllers Gerechtes vorhat, und darum pardonniere ich ihm – seine Farce und ich lasse ihm sagen« – und er blickte jetzt sehr ernst auf die Orden des Kriegsrates –, »wenn er sein 166 Kriegspielen endlich aufgibt, seine Menschenschlächtereien, kann noch ein ganzer Mensch aus ihm werden.« Da knickte der Bote ein, wie er das bestellen solle. Aber der Philosoph richtete sich hoch auf: »– ein wahrer Schüler Voltaires! Und nun«, winkte er seinem Sekretär, der hinter dem Rücken des Gefänigniswächters dessen Tochter einen Abschiedskuß applizierte, »nach der Schweiz, wo es keine Könige gibt – und von diesem bin ich frei – für immer –.« * Aber auch dort ist er von diesem König nicht frei geworden, so wenig wie Friedrich von ihm – »so wenig wie ich von beiden«, seufzte, noch immer schlafbefangen, Gotthold. Da fuhr ihm der Traum freundlich über die Schläfen und erzählte weiter: »Ja, wie zwei Sterne kreisten sie jeder in seiner Bahn – Sterne, die sich nach einander sehnen und sich doch nicht berühren dürfen.« Voltaire saß in Ferney, ein Fürst des Geistes, wie ein wirklicher Fürst geehrt, trotz seiner Sonderbarkeiten. Er pflügte seine Erde, wenn ihm die Laune kam, und sein Wort fuhr wie ein schärferer Pflug durch die Kruste von Aberglauben, Grausamkeit und Vorurteil, die damals Europa bedeckte. Er ward ein Freund, Bruder und Vater der schuldlos Gerichteten. 167 Sie zu befreien, wandte er an allen Höfen Europas diplomatische Künste auf. Aber da höhnte Friedrich nicht mehr, weil er fühlte, daß dies Diplomatie eines glühenden Herzens war. Friedrich aber schlug seine Schlachten und baute in seinem Lande das Recht auf. Und wenn ein ganzer Mann, General, Arzt oder Rechtsverweser auf der Bahre lag, formte sich ihm aus bewegtem Gemüt ein Epitaph, und dafür ereilte ihn Voltaires Lob von Ferney nach Sanssouci hinüber. Und als Voltaire, vierundachtzigjährig, in Paris wie ein wirklicher König durch die Straßen zog, während der geächtete Ludwig aus dem verhängten Fenster seines Schlosses den Triumphzug, Schweres ahnend, bespähte – als er bald darauf starb, schrieb Friedrich schmerzlich noch einmal ein Sinngedicht; er wußte, dieses war ihm gelungen. An diesen Reimen, die er nicht lesen würde, hätte der Meister nicht gemäkelt. Die Jahre strichen dahin. Friederike, die den armen Voltaire so genarrt hatte und ihn zuletzt in einen so schmeichelnden Verdacht gebracht hatte, war schon eine rundliche Großmama und ihr Enkel selbst schon ein stattlicher Gardegrenadier geworden, mit einem Schnauzbart und dem gewichsten Wickelzöpfchen. Es ging und kam die Zeit. Auch Friedrich streckte sich, einsam, wie er gelebt, dem Tod entgegen, und als er gestorben war, stieg seine Seele hinauf zu jenen reineren Sphären, 168 die er immer geleugnet hatte. Dort oben erwartete ihn schon die Seele des Freundes, die sich hier mit ihm inniger zu vereinen hoffte, als es hienieden geschehen war. Von dem Gestirn, über dem Voltaire schwebte, ging ein Blinken und Flimmern aus, und durch den ganzen Himmel ein Blitzen und Leuchten, als des großen Friedrichs Seele hinaufrauschte. Jetzt seh' ich sie!« schrie Gotthold auf – der Traum hatte ihn auf die Hasenheide hinausgeführt, um ihn blitzte eine Sternennacht, licht wie diese Geister gewesen. Da sah er sie deutlich im Flimmern dieser Nacht – Voltaire und Friedrich. Immer höher schwebten sie, mutwillig einer über dem anderen, und immer heller ward das Leuchten und Blinkern im Himmelsraum. Friedrich trug seinen blauen Uniformwolkenmantel, und in dem Geglitzer über ihm erkannte Gotthold deutlich Voltaires goldkäferbesticktes Wams. Sie wollten einander, der König und der Poet, die Hände reichen, die ganz kristallen und durchsichtig geworden waren, daß der liebe Mond, der sie freudig wiedererkannte, hindurchscheinen konnte. Aber da fegte sie der Wind auseinander. »Geistern«, sagte nachdenksam der Traum, »die sich unten befehdet haben, ist es auch oben nicht gewährt, ineinander zu stürzen und sich in eins zu mischen.« Einsam wie dort unten stiegen sie vor dem Blick des Träumenden hinauf, immer höher, einem 169 Größeren entgegen, den sie beide bezweifelt hatten und dessen Teil doch ein jeder gewesen war. Über zwei Gestirnen machten sie endlich halt, sehnsüchtig gegeneinander blickend, unerreichbar auch hier einer dem anderen. Nun, da alles Menschliche längst von ihnen gefallen, mußten sie selbst lächeln, als sie einander erkannten, und der Schläfer lächelte mit. Voltaire hatte über dem »Mars« und Friedrich natürlich über der »Leier« seinen Sitz genommen. Gern hätten sie einander hier oben zugetrunken, wie dort unten im Schloß unter dem schimmernden Luster einst mit dem Ungarwein, wenn sie des Daseins Nichtigkeit erwogen hatten. »Aber es fehlt ihnen hier der Wein und es fehlt der Becher« – rief, halb im Erwachen, der Träumende schmerzlich. Da sah er, wie von oben, als hätte ein Größerer den Wunsch seiner Lieblinge gefühlt, aus dem silbrigen Glitzern zwei Pokale herbeischwebten, an die Lippen der einsam Kreisenden. Voltaire und Friedrich, jeder griff danach wie aus alter Erdengewohnheit, wie damals im Schlosse zu Sanssouci, und ihre Blicke tauchten noch einmal lächelnd-verstehend ineinander. Und siehe, da füllten sich die Pokale mit purpurnem Wein, wie sie ihn dort unten nie gekostet, aus der rötlich schäumenden Fülle der Nacht. Und lächelnd tranken sie, durch die Weiten der Unendlichkeit geschieden, einander noch einmal zu, 170 der große König, der dennoch in seinem tiefsten Traum über Macht und Größe ein Dichter, der große Dichter, der, niemandem im Geiste untertan, wahrlich immer ein König gewesen. Deutlich erkannte sie Gotthold, dann blickte er, aufgewacht, erstaunt in die Nachmittagsdämmerung. Ein breiter Sonnenstreifen war in das Zimmer gefallen, und ein Leuchten glitt von der strengen Büste Friedrichs im Winkel zu den vielen Voltaire-Bänden hinüber, die auf dem Boden postiert standen – in ernsthafter Reihe. 171 Der steinerne Gast Da stand treuherzig ein Pankratius aus grauem, verwittertem Stein, anno Domini 1830, in einer klaren, kalten Silvesternacht und blickte verstohlen durch ein Fenster gegenüber in die trauliche, blaue Biedermeierstube, wo sich eben eine freundliche, wenn auch nicht gerade pedantisch bekleidete Mädchenschar um eine beleibte Dame scharte, die, das Kleid sittig um den ansehnlichen Busen geschlossen, vom Wein – dem Zöbinger oder Nußdorfer – und von der Silvesternachtserregung glänzte. Der Kachelofen, über dessen rechte Flanke ein Hirsch zu rasen schien, strahlte so behagliche Wärme, wie man dies nur von einem Alt-Wiener Ofen erwarten darf. Der venezianische Luster war angezündet und warf seine üppigen Lichter auf ein Bild an der geblümten Tapete. Es war nicht der Landwehrmann, der den Tschako abgestellt hatte, um die junge Frau – das Kind auf dem Arm – zu herzen, nein, es war ein strammer Heidengott, vielleicht Papa Jupiter, der in nicht einwandfreier Stellung eine Nymphe, die nicht ernstlich floh, umschlungen hielt. Immer neugieriger lugte der arme, stein- und eiskalte Pankratius durch die Fensterspalte. Hatte er denn die ganzen Jahrhunderte her, seitdem er hier in seiner Verwitterung Posten gestanden, seit 172 Leopold dem Glorreichen oder Friedrich dem Streitbaren, gar nicht bemerkt, wie hübsch und gemütlich es eigentlich da drin in dem molligen Häuschen war? Noch dazu heute, in dieser niederträchtig kalten Silvesternacht, wo der Wind mit Hu-Hu dem Steinwächter um die gehöhlten Wangen pfiff. In sein melancholisch niederhangendes Bärtchen hatte sich ein Eiszapfen verfangen, der fast bis zum Boden hinabreichte; in das rechte Auge trat eine Träne, die gleich zu Eis gefror, in dem sich die Lichter von drüben in tausend Farben, wie lauter Lebensverlockungen, spiegelten. Ein Seufzer klang aus seiner durch die gebeugte Haltung so vieler Jahrhunderte eingesunkenen Brust, oder war es nur der Wind, der über das holprige Pflaster wie klagend hinstrich? Hier war es so kalt und da drin so verlockend gemütlich. »Ja, kreuzsakra Donnerwetter noch einmal!« hätte der Mann aus Stein fast geflucht, wäre ihm das Fluchen nicht durch die Regel verboten gewesen. Und überhaupt, wozu stand er denn eigentlich da, steinern und frierend, bei jedem Wetter? Nicht einmal einen Schirm hat er. Wer hatte ihn eigentlich herpostiert? Aha, jetzt glaubte er sich zu erinnern. Da drüben in dem Haus war einmal ein Kloster gewesen. Wie lang ist das her? Hundert Jahre, zweihundert oder noch länger? Ja, die Zeit vergeht, wenn man so dasteht und auf Ablösung wartet. Das Kloster hatte der Kaiser Josef aufgehoben. Nur ihn muß man vergessen haben. 173 Da steht er noch immer vor dem Haus. »Was ist denn jetzt da drin? Wahrscheinlich etwas, das mehr Steuer trägt. Ein Kloster ist es gewiß nicht mehr, sonst möcht' er öfter beten hören. Es muß eine andere Bestimmung haben, wahrscheinlich eine mehr weltliche. Aber gewiß eine sehr schöne«, räsonierte er treuherzig, »denn die Leute, die herkommen, sehen alle sehr vergnügt aus. Viel vergnügter, wie wenn einer früher im Kloster einen Besuch gemacht hatte, und so viele kommen her – so eine Frequenz –, besonders im Fasching oder um Michaeli, wenn die großen Wallfahrten sind. Und alle, die herkommen, die jungen Herren und die älteren, ja merkwürdig, daß so viel Herren kommen, und alle sind so gut aufg'legt – merkwürdig.« Ja, alle lachen zu ihm herüber, gestern hat einer seine nußbraune Angströhre vom Kopf genommen und ihm auf den Kranz aufgesetzt und alle sind um ihn herumgesprungen, – zum Glück ist noch der Polizeimann gekommen und hat die Gesellschaft weggejagt. Was ist denn Lächerliches an ihm? Vielleicht, daß er schon so lange vor dem Haus steht und wartet, – ja, auf was denn? Das hat er nicht zu fragen. »Ich hab' nur zu warten«, knurrte er ingrimmig in sich hinein. »In Demut, wie es sich für ein ordentliches Steinmandl gehört. Wenn es nur nicht gar so langweilig hier wäre! In das Haus sieht man nicht recht, weil die Gardinen davor sind. Da haben es die Kollegen besser getroffen.« 174 Er wurde immer ärgerlicher und in sein Raunzen und Grandeln, wie es die älteren Leute an sich haben, mischte sich jetzt auch der Dialekt, den er längst hier in den Vorstadtgründen gelernt, aber bisher in seinen beschaulicheren Selbstgesprächen noch nicht angewendet hatte. »Ja, die Kollegen! So ein Brunnenpatron, der hat's gut. Der Brunnen plauscht ihm den ganzen Tag was vor und am Abend, da kommen die feschen Mädeln und die Burschen, da gibt's eine Unterhaltung, und wenn es zu arg wird, hat er nur mit dem Finger zu drohen. Oder so ein braver Florian auf dem Land. Die gute Luft und die vielen Spenden, lauter gute Sachen.« Das Steinmännchen schnoberte vor Verlangen. »Oder mein Säulennachbar, zu dem man wallfahrten kommt. Oder ein Nepomuk, der sein Standl auf einer Bruckn hat, der sieht, der erlebt doch was. Aber da herg'stellt werden, in die Gassen da, wo's so zieht. Die Latern' da, natürlich, daß man nicht einmal seine Zeitung lesen kann, wenn der Wind schon einmal den »Wiener Beobachter« herweht. Ist das auch eine Anstellung, so steh'n bei jedem Wetter, ohne Regenschirm«, schimpfte er wieder, wie ein alter österreichischer Hofrat. Ganz weh und weich ward ihm zumut, immer weher und weicher. Er berauschte sich gewissermaßen an dem eigenen Lamentieren. Er bekam das weinende Elend, wie man in diesen Gründen zu sagen pflegt. Dicke Tränen rannen ihm jetzt in den schütteren Bart und fielen klirrend auf das Pflaster, 175 und das Haupt sank ihm immer tiefer. Aber mit einemmal raffte er sich auf und stand ganz starr vor Neugierde. Da war ja etwas Besonderes los dort drüben, etwas sehr Frohes gewiß, denn er vernahm das Lachen bis hierher auf die Gasse, über die jetzt der Sturm in eisigen Stößen fegte. Da war ja plötzlich eine ganze Gesellschaft, eine höchst fidele Kumpanei um den gescheuerten Eichentisch. Grasgrüne, zinnoberrote und zitronengelbe Fräcklein wirbelten um Frauen, man hielt dem über die Dächer hereinflatternden neuen Jahr die Punschgläser entgegen, an das Klavier hatte sich eine Schöne im grasgrünen Gewand gesetzt, und der durch den Raum sanft hinsäuselnde Lanner'sche Walzer steigerte noch den Eindruck, daß man sich inmitten einer friedlich ehrsamen Familienunterhaltung befinde. Wahrscheinlich hat der Pankratius in der Finsternis gar nicht bemerkt, wie die lustigen Leute in das Haus getreten sind. Oder ist er vielleicht gar ein bißchen eingenickt? »Ein Wunder wär' es wirklich nicht, wenn man schon so lang dasteht«, sagte er in sich hinein, jetzt schon recht ungemütlich – er begann sich bereits zu »giften«. »Ja, muß ich denn da eigentlich bis in alle Ewigkeit stehn, wie der gemalte Türk' drüben vor der Trafik, und mich vielleicht verkühlen?« polterte er jetzt, der Mann aus Stein, dem noch dazu der Duft einer ganzen Fuhre von Kalbsbraten aus dem Hause drüben in die rotgefrorne Nase gestiegen 176 war. »Und wenn ich auch einmal eine kleine Silvestertour unternehme, werd' ich darum gleich ins Fegefeuer müssen, da wär's wenigstens wärmer. Ja, auf solche Gedanken kommt man, wenn man immer so allein ist. Vielleicht bemerkt es übrigens der Petrus dort oben gar nicht«, und er äugelte ein bißchen ängstlich zum Himmel hinauf, von dem aber nichts zu sehen war, weil ihn der Rauch aus allen Schornsteinen der Hühner bratenden und Punsch brauenden Stadt bedeckte. »Aber ob ich überhaupt noch gehen kann?« Er gab sich einen Ruck, ein Krachen ging durch die Gelenke, und er marschierte stracks und stramm wie ein Füsilier auf der Parade zum Pförtchen hin. Da zauderte er und zwinkerte noch einmal argwöhnisch zum Himmel hinauf. In diesem Augenblicke begann ein zuerst bedächtiges und dann immer lustigeres Gebimmel von allen Kirchenglocken, die zwölf Uhr zu schlagen begannen. Der Sturm, der sich ärgerte, hatte an dem Fenster gerüttelt, die Gardinen flogen zurück, und nun sah der gute Pankratius, wie die Fräcklein alle auf den Stühlen standen, die Halsbinden flatterten; die Spitzenärmel der Herren mischten sich mit den Halskrausen der Damen, und ein Chor »Hoch soll es leben, das neue Jahr« zog mit dem Duft dicker Zigarren zur Zimmerdecke. »Da geht es ja fidel zu!« freute sich der alte Herr und versuchte dabei ein kleines, mutwilliges Hopserchen. »Immer ist's Sonntag, es dreht immer 177 am Spieß sich der Herd«, zitierte er in schon beginnender Sinnenumnebelung. So ähnlich hatte er es ja aus einem bedruckten Blättchen im Gedächtnis, das der Wind von drüben aus dem Laden des Käsehändlers Tomaso Marchetti zu ihm gewirbelt hatte. Er klinkte die Tür auf und stand inmitten der wein- und daseinsfreudigen Gesellschaft, die sogleich verstummte und den steinernen Gast mit dem vereisten Strohkränzlein erstaunt betrachtete. Der Madame mère fiel das Spitzgläschen, das sie eben zum breitlachenden Munde führen wollte, zu Boden. Ein jokoser Herr im dunkelblauen Frack mit krebsrotem Kragen und gleichen Ärmelaufschlägen und einer schreiend himmelblauen Weste faßte sich zuerst. »Ja, wer kummerlt denn da?« rief er vergnügt. »Ja, wer iserl denn das?« fragte verwundert und den Eintretenden schon halb erkennend, ein zweiter. »Das is ja –« »Meiner Seel, unser Pankratius gibt uns die Ehr'«, schrie die Gebieterin des Hauses auf. »Das ist ein Besuch, machen Sie sich's nur ein bisserl kommod.« »Wenn Sie erlauben. Gut riacht's da«, und er schnupperte wieder vergnügt. »Und so schön warm is da, und die schönen Damen. Na so was –« und er versuchte einen Kratzefuß. »Schnell Punsch her für den Gast, bevor es ganz zwölfe schlagt«, rief jetzt der muntere Blaubefrackte, und hob ihn, so schwer er war, noch auf den letzten leeren Stuhl. »A Lackerl Kaffee wär' mir eigentlich lieber«, wehrte bescheiden der Pankratius ab. »I hab' schon lang 178 keinen mehr getrunken, eigentlich schon nicht mehr, seitdem der Kolschitzky dem Sultan Soliman, dem heidnischen Türkenhund, die Kaffeebohnen wegstibitzt und nach Wien gebracht hat.« »Erinnern's Ihna später, alter Herr, jetzt her mit dem Punsch«, und schon hatte er eine vergoldete Tasse am Mund. Der arglose Ankömmling, der seinen Durst bisher nur mit Schnee- und Regenwasser gelöscht hatte, trank in einem Zug erfreut die Tasse aus, und bereits griff er nach einer zweiten, die ihm ein Dämchen in einem rosa Musselinkleidchen zierlich kredenzte. Er betrachtete sie, von dem ungewohnten Anblick entzückt. Um den weißen bloßen Hals war ein violettes Seidenband geschlungen, eine kleine Krause lugte aus dem zarten Busen hervor, das braune Haar war ernsthaft hinaufcoiffiert. »Da kann gewiß nichts Sündhaftes dabei sein«, beruhigte sich der fromme Mann und blickte tiefer in die blauen oder grauen, lustig schwimmenden Augen des Dämchens, das Angelika hieß und das frühzeitig von daheim entlaufene Töchterchen eines Wiener bürgerlichen Lichteranzünders war. Plötzlich begann es in dem steinernen Herzen des Gastes zu rumoren. Wie schön war es hier, was hatte er in seinem zugigen Winkel nicht alles versäumt! »Noch ein Glaserl«, rief, ja schrie er beinahe. »Aber Sie werden sich einen Schwips holen«, wehrte fürsorglich die kleine Anschi ab. »A was, ich hab' ihn ja schon, Gott sei 179 Dank, daß ich noch einmal zu so was kommen bin –« und die Freudentränen rannen ihm aus den Augen, oder war es nur der Schnee, der in der linden Wärme aufgetaut und geschmolzen war? »So gut ist es heut' Nacht noch keinem Kollegen gegangen, nicht dem Florian und nicht dem Nepomuk auf der Brigittabrucken.« Und er tänzelte in seiner steinernen Hagerkeit vor lauter innerem Vergnügtsein, nahm noch einen Schluck oder zwei und schob, damit er nicht »zu gach hintereinander trinke«, »Bacherei« nach, und als sich dann die Anschi an das Klavier setzte und einen der neumodischen wilden Walzer intonierte, wagte der immer fideler gewordene hagere Mann, der sein Kränzlein abgenommen hatte, ein Schleiferchen, und sieh', es gelang, weil die Heiterkeit doch schon längst aus dem Boden der Stadt, allwo er so viele Jahre postiert gestanden, ihm hinauf in das eingefrorene Blut gestiegen war. Er setzte sich zu der Anschi an das Klavier, die ihm längst die beschneite Kapuze und den Pilgerstab abgenommen hatte, und die ganze buntfrackige Gesellschaft gruppierte sich jetzt um diese beiden, den sonderbaren Besucher und seine kleine, barmherzige Samariterin. »Verzeihen schon«, wandte sich der aufgetaute Büßer jetzt an das lustige Oberhaupt der ganzen Kumpanei, den geschwinden Mosjö mit dem krebsroten Kragen, »san s' net harb«, – das reinste Lichtentalerisch war ihm jetzt ganz von selbst mit der wachsenden 180 Lebensfreudigkeit aufgeblüht. »Ich kenn' Sie schon lang vom Sehn, Sie san ja da ein fleißiger Gast –.« »Ja, immer, wenn er von der Mehlgruben oder dem Römischen Kaiser kommt, Euer Gnaden, kommt er gleich her vom Ball auf an Plausch, der Edi.« »Oh, verzeihn, daß ich mich noch nicht vorgestellt hab'. Ich bin der Castelli, k. k. Beamter und Dichter dazu, und beim Tierschutzverein bin ich auch. Aber die lieben Katzerln da, die Marchand de mode- und die Stubenmäderln dadrin«, fügte er erläuternd hinzu, »sind mir doch noch viel lieber.« »Ja, ja, da is halt gemütlich. »Wir sind eine Familie«, mischte sich jetzt die Wirtin ein. »Ja, das Familienleben«, nickte der Pankratius, »das hab' ich immer entbehren müssen.« »Und das sind meine Spezi, das ist der Pepi und das ist der Mohrl«, und er wies auf zwei pomadisierte Herrchen, die Modebildern aus der Theaterzeitung glichen, mit langen Manschetten und preziösen Blonden, die Halsbinde aus feinstem Batist – von Girlanden eingefaßt – und Westen von strohgelbem Atlas, mit Blumen und Goldstickereien übersät, den Chapeau bas unter dem Arm. »Und was haben denn die Herren für einen Beruf?« erkundigte sich hofrätlich wohlwollend der steinerne Gast. »Der Edi wartet auf dem »Wasserglacis, ob das Linnerl, und der Mohrl wartet beim Sperl, ob das Fannerl kommt, und wenn sie umsonst gewartet haben und auch sonst nichts los ist, keine Wallfahrt nach Maria-Brunn, kein 181 Feuerwerk von Stuwer und keine Sonnenfinsternis mit Lanner'schen Walzern, dann kommen sie her zur guten Madame Fischer, wo immer die nettesten Mäderln zu einer Familienjause beisammen sind.« »Ja, die hat ein Herz für die Jugend«, winkte ihr der Castelli zu. »Und auch für das reifere Alter«, schluchzte die rundliche Madame, gerührt über ihre eigene Güte, auf. »Und der Hofrat weiß halt auch, wo man sich von seinem Amtsgeschäft erholt«, und sie tätschelte die schmalen Wangen einer jokosen Hintergrundfigur des Salons, die eben eine Prise in ihre Vogelnase nahm – mit dünner Wade, einem langen spanischen Rohr, einem schwärzlichen Frack, einem sogenannten Corbeau, von dem sich die weißlichen Haare an den Schläfen, zu »Wuckerln« gedreht, ernsthaft abhoben. »Na, man is da hier auch nicht mehr ungestört mit seine Leut'«, knurrte der Hofrat von der Tabakregie mit einem schiefen Blick auf den Pankratius, der sich an das vierte oder fünfte Punschglas festgesogen hatte. »Ist halt ein kurioser, maliziöser, malkontenter Patron, unser Herr Hofrat Birkenstock«, lärmte jetzt Castelli, in dem die Weinlaune nicht mehr zu dämpfen war. »Was erlauben Sie sich, so ein subalternes Subjekt?« »Zur Strafe«, flötete der Mädchenchor, »soll uns der Castelli sein neues Gedicht vordeklamieren.« Und Castelli deklamierte, die schmachtende Rosa um die Hüfte fassend, eine Strophe des Morgenliedes. 182 »Bravo, Castelli, bravo!« Der Edi und der Mohrl waren aus ihrer blasierten Reserve herausgetreten, sogar der Hofrat Birkenstock applaudierte und Madame mère und die geselligen Mädchen in fast noch kindlichem Mutwillen. Es waren eigentlich arglose Geschöpfchen, wie diese ganze wohllebige Zeit, aus leichtem Sinn, hierher nach des Tages Mühsal zur leichten Zerstreuung geflattert – nicht verderbter im Grunde als manche der behüteten Bürgerstöchter und -frauen, und so mochte es passieren, daß diese, solches erkennend, harmlos mit ihnen beim Römischen Kaiser zusammen an einem Tische saßen. Immer toller stieg der Mutwille der Gesellschaft, die aber wegen der Nähe des härenen, ob auch versteinerten Gewandes sich noch immer in den Grenzen des Geziemenden hielt. Dem stillen, arglosen Mann gefiel es hier aber so gut, wie es ihm noch niemals im Leben gefallen hatte. Er war angeräuchert, wie man zu sagen pflegt, die Punschgeister wirbelten lustig um sein Haupt, auf dem allbereits schon Moos gewachsen war; die ganze »Familie« machte vor ihm Reverenz. Weinselig bunkerten ihm die Äugelchen, links hielt er das Annerl, rechts das Antscherl – es hatte ihm um den Kahlkopf ein Rosenkränzlein gewunden. Um den Hofrat kümmerte sich überhaupt keine mehr, und der nahm, eifersüchtig in sich hineinschnaubend, eine Prise nach der andern. »Der is ja gar nicht so aus Stein«, witzelte ein 185 Jüngelchen, das eben eingetreten war. Aber der Aufgetaute merkte das gar nicht, er schlug mit den steinknochigen Fingern den Takt und trällerte vor sich hin: »So fahr' ma halt nach Nußdorf 'naus.« So saß er da, die Punschterrine vor sich, die Mädchen um sich und dachte nichts Arges. Nur daß es ihm schon seit den Kreuzzügen nicht mehr so himmlisch-behaglich im Gemüte gewesen war. Es schlug Glock eins und Glock zwei, Glock drei, und er saß noch immer. Die Augen fielen ihm zu in seliger Müdigkeit. Er tat ein gelindes Schnarcherchen und dachte nicht daran, sich wieder auf seinen kalten Warteposten zu begeben. * Inzwischen hatte sich bei der oberen Behörde des guten Pankratius, wie er die Geister nannte, die über dem irdischen Spektakel in verklärter Reinheit wandeln, mancherlei begeben, das dem in durchaus irdische Händel verstrickten Märtyrer nicht eben freundlich vermeint war. Meister Petrus hatte nämlich in der braunen Kutte, in Pantoffeln einherschlurfend, in der Silvesternacht die große Himmelsinspektion, damit sich nicht gerade in dieser Nacht, wo die Seelen gern beschwingt in den höheren Revieren lustwandeln, eine unrechte, die gar nicht hierher gehört, sondern in der Hölle schmoren sollte, durch das Pförtchen hineinschwindelt. Auf Wien, wo man zu Silvester und im Fasching gern sein 186 Gewand verkauft, um in den Himmel zu fahren, sollte er besonders scharf aufpassen. Weil er vom vielen Herunterschauen Hunger bekommen hatte, brach er sich vom Mond ein Hörnchen, und weil er durch die von den Rauchwolken des Morgenkaffees eingehüllte Stadt nicht recht hindurchsehen konnte, ein Stück farbiges Glas vom Sirius ab. Er stand hoch über der spitzen Nadel des Stephansturms und blickte zu den heiligen Schutzpatronen hernieder, den braven Schildwachen, die zum Seelenschutz dieser arg sündigen Stadt aufgestellt waren. Er sah zu der sanften Agnes nach Sievering, zur Höhe von Salmannsdorf hinüber, wo in den Weinbergen die Maria auf der Erdkugel noch immer stand und mit der Ferse die Schlange zertrat. Er blickte auf den Laaerberg, wo im frostigen Nebel die Spinnerin am Kreuz noch immer geduldig stand. Er blickte über die Laimgruben zum Brillantengrund und – konnte seinen alten, steinernen Pankratius nicht entdecken. »Ja, wo ist er denn hin? Was ist da nur geschehen? Was kann da nicht alles passieren in dieser verwünschten Gasse, in diesem verflixten Haus, wenn der Pankratius nicht mehr da ist. Vielleicht seh' ich ihn nur nicht« – und er ließ eine Sternschnuppe herunterfallen, die sprühend in das Pflaster einschlug, aber von dem Pankratius nicht eine Spur zeigte. »Am liebsten möcht' ich selbst wieder hinunterschauen, aber ich hab' halt wieder das Reißen, wahrscheinlich schlägt 187 das Wetter um. Du, Ariel«, und er winkte einen Jüngling herbei, der im grünwehenden Mantel vor dem blauazurenen Himmelssaal stand und den Klängen lauschte, mit denen die heilige Cäcilie das Frühlicht begrüßte. Unter ihren zarten, weißen Fingern erhob sich ein Lied und schwang sich über die perlmutterfarben schimmernde Wölbung. Es war das Lied, das sie von einem Meister gelernt hatte, der Franz Schubert hieß, als er noch unten durch diese bucklige Welt sein Päcklein Sorge zu tragen hatte, und der erst seit kurzem mit dem Krauskopf und der großen Brille und in rundlich-gemütlicher Leiblichkeit über die Schwelle getreten war. Von ihm hatte sie das Lied gelernt; denn es ist nicht richtig, daß die himmlischen Heerscharen alles aus sich selbst kennen und wissen. Sie brauchen die Menschen, sehnen sich nach ihnen und holen sie herauf, um nicht zu verdämmern unter ihrem kühlen Heiligenschein. Wie nun die heilige Cäcilie dieses Lied, in dem der ganze Wiener Frühling jubilierte, zu ihrer eigenen Begleitung sang, »Im Bächlein die Forelle«, zog ein leiser Hauch wie ein irdisches Sehnen durch die Brust des blassen Jünglings Ariel, und als ihn Petrus noch einmal fragte, ob er hinunter wolle zu dieser Stadt hin, wo der Schubert Franzi – so hieß er auch dort oben mit gemütlichem Anklang – noch war es nicht lange her, gelebt und so schöne Lieder ersonnen hatte, war der Gabriel 188 sogleich bereit. Er schnallte die seraphischen Flügel an, sie begannen im Frühschimmer leise zu klirren, und schon stand er in dem morgendlich umhellten Gäßchen, blickte sich nach dem Pankratius um und klinkte, da er ihn nirgends fand, die Tür des blauen Häuschens auf. Dort lagerte in den Stühlen, auf dem wie die Tapete blaugeblümten Teppich die ganze Gesellschaft um den selig hingelehnten, nur manchmal durch einen Schnarcher sein kräftiges Wohlbefinden äußernden Gast. Der Castelli machte Musik, die Mädchen wippten dazu mit den Seidenschühchen, und der Hofrat schlug den Takt geärgert, wenn Angelika, auf den weinrosigen Schläfer blickend, nicht richtig einfiel. So wirklichkeitsfern war diese Stunde. Alles nur allzu Irdische war – gewiß nur durch die Nähe des steinernen Mannes – bereits so völlig von diesen Seelen geglitten, daß es nach den wunderbaren Ereignissen dieser Nacht niemand mehr verwunderte, als der Jüngling mit den wunderbaren Augen, mit den stahlblauen Flügeln klirrend, wie die Sonne selbst leuchtend, auf der Schwelle erschien. Sie glaubten an eine Künstlermaskerade, oder glaubten, da, von der Erscheinung benommen, niemand mehr ein Wort sprach, ein morgendlicher Traum sei wahr geworden. Oder sie dachten auch gar nichts. Der Hofrat, der sich zuerst faßte, bot dem Ariel eine Prise an, und Ariel nieste – und es 189 war, als ob er mit diesem Nieser die Erinnerung an seine Sendung aus sich gestoßen hätte. Wie ein Gedenken jener Tage, da er selbst jung und ein in irdischen Nöten und Sehnsüchten wandelnder Mensch gewesen, zog es durch sein wie von einem Erdengefühl fernher bewegtes, kristallhelles Gemüt. Er gab dem Pankratius, der eben einen heftigen Schnaufer gegen ihn tat, einen gelinden Schubs, kümmerte sich dann nicht weiter um ihn, und als sich ihm ein blondes Nannerl zutraulich in den Arm schmiegte, wußte er diese Gabe zu schätzen wie ein Geschenk des Himmels, von dem er eben auch noch ein Teil gewesen war und von dem ihm selbst in diesem Augenblick nichts anderes mehr in der Erinnerung schwebte als das Lied: »Im Bächlein die Forelle.« Ja, wie der Forelle im Bächlein, so wohlig war auch ihm zu Sinn. Nur um sich zu vergewissern, daß sie ihm nicht wie die Frauengebilde im Äther oben entgleite, drückte er den Arm fester um das Nannerl, dessen Augen in seinem reinen Anhauch immer reiner glänzten. Er fühlte sich erst hier so recht wie im Himmel und dachte nicht daran, so wenig wie der brave Pankratius, den zu holen er gekommen war, und der, von Rosen und Mädchen umschlungen, den behaglichsten Schnarchgesang anstimmte, diese Stätte zu verlassen. * Eine Weile wartete der Petrus geduldig, zündete seine kurze Holzpfeife an und arbeitete schon die 190 Predigt aus, die er dem Pankratius zu halten gedachte, wenn er von ihm zum Rapport kommandiert würde. Doch er wartete umsonst. Weder von ihm noch von dem Ariel war in dieser Silvesternacht, nicht im Himmel und nicht auf Erden, die leiseste leuchtende Spur zu entdecken. Das war denn doch zu arg – und der Petrus knarrte mit den Schlüsseln, die schon so rostig geworden waren »wie Moral und Zucht selbst da oben«, knurrte der Petrus unwirsch. »Auf die Jungen ist halt gar kein Verlaß mehr« – und er winkte einem Mann, dessen Blick düster loderte, während die Haare sich aufwärts wie Flammen bäumten. »Ezechiel, fahr' du einmal nach Wien herunter und hol' den Ariel wieder herauf.« Aber Ezechiel, der auch dort oben im Himmelsfrieden immer zürnende Prophet, war mit dem linken Fuß aufgestanden, übel gelaunt, und dachte nicht daran, eine so beschwerliche Reise anzutreten, noch dazu, da er mit dem sanften Samuel und dem auch hier immer unzufriedenen Jeremias einen Vormittagstarock verabredet hatte. Petrus ging mit dem gleichen Ersuchen auf den heiligen Jonas zu, weil der im Verschluckt- und wieder Ausgespienwerden eine gewisse Übung besitze. Aber dieser erklärte, er habe an dem Abenteuer im Bauche des Walfisches genug und wolle nicht von dem blauen Häuschen dauernd eingeschluckt werden. Wirkliche Hilfe war nur von den jungen Engelsherrschaften zu erwarten. Raphael, der träumerisch in einer Ecke lehnte, 191 war sogleich bereit. Sanft blickend, das braune Samtbarettchen auf die braunen Locken gestülpt, schien er freilich kein gefeiter Überwinder der Gefahren, die unten seiner warten mochten. In einer lichten Sternenbahn ging sein Flug nach abwärts. Aber es war, je näher er der lockenden Erde kam, als sei die Erinnerung an den irdischen Maler, dem er einst Namen und Gestalt geliehen, in ihm erwacht. Wie der Schein roten Blutes flog es über die zarten Wangen hin. Auch dem Raphael hatte sich alsbald ein schwarzes Hannerl beigesellt, und so saß auch er wie seine Gefährten da: vor sich die Terrine, um sich die zarten Arme des Hannerl. Es war schon allgemach da wirklich ein Konzil versammelt, wenn auch nicht eben ein tridentinisches. Aber es schien nicht minder lang währen zu wollen, denn auch Raphael dachte, von Sehnsucht nach irdischer Lustbarkeit erfüllt, nicht an die Heimkehr in die stilleren elysischen Gefilde. Und nicht besser ging es mit den anderen, die in schimmernder Reihe durch den Azur auf den Ruf des Petrus hin jetzt geflogen kamen, dem frommen Tobias, dem Zacharias, dem Uriel sogar, dessen Schwert zuerst ingrimmig flammte, um bald von Schneeflocken eingehüllt zu werden, die in der blauen Stube des blauen Häuschens wie seine Vorsätze zerflossen. In Sternenbogen flogen sie alle nach abwärts – zuletzt ein kleines putziges Engelslehrbübchen, das sich diensteifrig zu einer Meldung 192 angeboten hatte. So viele Sterne wie in dieser Nacht, meldete am nächsten Morgen der Turmwächter von Sankt Stephan, seien noch nie zur Erde geglitten. Aber die Sterne blitzten nicht zurück – sie blieben in der Gestalt weltverliebter Jünglinge vor dem sauber gebohnten Tisch. So saßen sie alle, die aus der himmlischen Sphäre heruntergefunkelt waren, den Pankratius zu holen, die Punschterrine vor sich, die wie von geheimnisvollen Kräften sich immer von neuem füllte, neben sich eine der Schönen des gastlichen Hauses, die, wie von innerem Licht durchleuchtet, noch seelenreiner blühen. Immer leerer wurde der Himmel. Die jüngeren Herrschaften waren fort, und Petrus wußte sich gar nicht mehr zu fassen. »Da hab' ich was Schönes angestellt. Der ganze Himmel ist leer, und gerade heute, wo doch die große Engelsparade ist und alle gratulieren sollten. Na, ich werde einen schönen Putzer kriegen.« Seitdem er sich mit Wien so beschäftigte, sprach er schon im Dialekt, der Petrus. »Was ist da zu tun?« Er borgte sich den großen Himmelsdonnerkeil aus und machte einen tüchtigen Spektakel gegen die Donaustadt zu. Und richtig flog aufgeschreckt das Engelslehrbübchen herbei, erzählte die ganze Geschichte und brachte eine Botschaft, aber eine solche, über die der Pförtner fast vom Stuhl gefallen wäre. Die an durchaus nicht geziemender Stelle tagende Genossenschaft dort unten hatte erklärt, sie werde nicht mehr allein zurückkehren, die Mädchen 193 müßten mit, es seien artige, manierliche Geschöpfe, die durch ein wenig Wasser aus dem Paradiesesbrünnlein reinzuwaschen wären. Ohne sie wäre im Himmel kein Leben mehr. Da sei es viel lustiger in dem Häuschen unten, auf der buckligen Straße, über dem buckligen Berg. Nein, ohne diese lieben Kinder keinen Schritt mehr hinauf in den blaßblauen Azur. Über solcher Botschaft wäre der gute Himmelspförtner beinahe selbst zu Stein erstarrt. Was war in diesem wirklich noch nie dagewesenen Fall zu beginnen? Wer gab ihm einen Rat? Sollte er am Ende gar die Trinität selbst bemühen? Schon bei dem Gedanken wurde seine Nase, die sonst rötlich schimmerte, bleich. Da promenierten zwei ältere Herren vorüber, die hier, so schien es, eines wohlbegründeten Ansehens genossen. Der eine trug einen Spitzbart in der Weise eines englischen Landedelmannes und wurde von seinem Begleiter, der stattlich in schwarzem Surtout voller Gravität einher schritt, einen Ordensstern auf der Brust, »William« angesprochen. Er nannte ihn »Stern der höchsten Höhe«, während sein Begleiter, bescheiden wie noch die vogelfreien Komödianten des sechzehnten Säkulums waren, ihn nur »Herr Geheimrat und Exzellenz« und nur zuletzt brüderlich-kameradschaftlich »Johann Wolfgang« apostrophierte. So war doch auch dieser Heide hier aufgenommen worden, wo er sich wie hienieden seines Daseins freute, 194 besonders weil er gleich das Sonnenspektrum in der Nähe hatte und auf den himmlischen Wiesen ungestört botanisieren durfte. Petrus dienerte vor den Herren und bat, den noch nie dagewesenen Fall vortragen zu dürfen. Johann Wolfgang nickte mit den noch immer olympischen Brauen, und Petrus begann zu erzählen, immer verlegener mit dem Fuß scharrend. Da lächelte William und sagte nur: »Wird hier also noch immer so viel Buhlschaft getrieben in dem guten lottrigen Wien?« »Wie Ihr es, Meister, beschrieben in Eurem tiefsinnigen Spiel«, bemerkte jetzt ein dazutretender Dritter, ein behaglicher Mann mit schelmischem Mund, hohem Toupet, mit einem kleinen, zierlichen Köpfchen. »Das Ihr bedeutend überschätzt habt, Gevatter Wieland«, fügte Johann Wolfgang weltmännisch hinzu, und Petrus rekapitulierte auch vor Christoph Martin den Fall, weil dieser in den Registraturen des Himmels den Vermerk: »gutherzig, aber leichtfertiges Vorleben« erhalten hatte. »Ihr habt ja den Fall selbst, lieber Bruder« – sie waren einmal Logenbrüder gewesen –, replizierte Christoph Martin, während das Zöpfchen im Eifer baumelte, »Ihr habt ja selbst in Eurem herrlichen Gedicht die Antwort gefunden: »Es freuet der Herr sich geretteter Sünder, Unsterbliche heben verlorene Kinder Mit feurigen Armen zum Himmel empor.« »Ja, wenn das möglich wäre«, atmete Petrus 195 erleichtert auf, und von dem Plan bereits gewonnen, fügte er schmunzelnd hinzu: »Wir könnten wirklich ein bißchen Verjüngung brauchen hier heroben, die heilige Brigitta schafft's wirklich nicht mehr, besonders wenn Waschtag ist, allein, weil sie doch auch Hausbesorgerin ist und immer herumgreint, daß sie so wenig Sperrgeld bekommt, weil alles hier so solid ist.« »Man schaffe die artigen Kinder her«, unterbrach Johann Wolfgang seine Redseligkeit, »damit das Auge auch hier Liebliches genieße.« »Und was soll mit dem Pankratius geschehen? Der sollte doch auch mit herauf«, suchte Christoph Martin gutmütig zu vermitteln. »Nein«, erklärte Petrus unwirsch, »er soll nur unten bleiben, ihm haben wir die ganze Wirtschaft zu verdanken.« »Und die Madame mère?« »Na, hab'n ma denn hier eine Altweiberversorgung?« schnaubte der Petrus. »Und die andere leichtlebige Gesellschaft?« replizierte abermals Christoph Martin. »Der Herr von Castelli«, und sein Zöpfchen bewegte sich freundlich hin und her. »Keine Dichter mehr, bitte«, wehrte Johann Wolfgang ab. »Aber der ist ja beim Tierschutzverein«, fiel der kleine Engelslehrbub ein wenig vorlaut ein. »Der soll nur unten bleiben bei seine Viecher«, wetterte der Petrus. »Aber die Sünderinnen sollen herauf«, schloß die Exzellenz ab. »Reine Geister waren in ihrer Nähe, so sind sie schon rein geworden vor Ihm.« Kaum hatte er diese Worte gesprochen, so klang 196 wie beistimmend aus dem oberen goldenen Wolkentempel herab Musik, immer süßer, schwellender und senkte sich immer tiefer auf Wien nieder über die erwachende Stadt. Sie wob sich in die Morgenträume der Menschen, und sie glaubten, noch niemals so Herrliches vernommen zu haben. Es war, als hätten sich alle Sinfonien des göttlichen Beethoven zu einer Sinfonie der Freude ineinandergeschlungen. Dazwischen aber sprang es mutwillig wie eine tönende Plauderquelle – die Schubertweise, die das kleine Engelsbübchen in das große Gebrause hinein zwitscherte. Auf den Flügeln dieser überirdischen Musik aber wirbelten, wie mit dem heranwehenden Morgenwind, die zierlichen Frauenwesen gegen die Wolken zu. Klingend wuchsen ihnen selbst Flügel an. So glitten sie auf weißem Gewölk durch die erbleichende, rötlich überschimmerte Sternennacht, hinter ihnen aber die Engel und Heiligen alle, stolz mit den Flügeln rauschend, weil sie ihren Willen durchgesetzt hatten. Und das Engelsbübchen zuletzt schlug vor lauter Mutwillen in die Luft einen Purzelbaum. Kaum waren die Mädchen, denen die Sinne im Flug schwanden, so daß sie sich an nichts, was einmal gewesen, mehr zu erinnern vermochten, sie an das weit offene Himmelstor gelangt, stand schon die heilige Brigitta mit weißem Linnen und Spezereien bereit, die Ankömmlinge zu empfangen. Maß und Gewicht wurde auch ihnen abgenommen, nicht das wirkliche, versteht sich, sie waren ja 197 schon gewichtlose Geister, sondern das Maß ihrer Sünden von einst. Und da ergab es sich, daß die Füße ihrer Seelen sozusagen, durch so viel Staub sie auch gewandert, reiner geblieben waren, als die so mancher sich fleckenlos dünkenden Erdenwallerin. Die Seelchen wurden ihnen blank gewaschen, daß sie nur so glänzten, blitzblanke Schürzchen wurden ihnen umgetan, und sie begannen sogleich mit ihren Flederwischen, die niedlichsten Stubenmädchen des Himmels, die Wolken zu putzen. Es war ein traulicher Anblick, und Johann Wolfgang griff den artigen Kindern anerkennend unter das Kinn, eine alte Erdenschwäche, die man bei ihm, seiner sonstigen Würdigkeit wegen, lächelnd übersah. Dann fegte jäh nach dem linden Gesäusel ein Sturm über die Stadt, und mit einem Ruck, wie wenn einem ein Zahn gerissen wird, stand der steinerne Mann wieder auf seinem Warteposten vor dem Häuschen, sichtlich verdutzt, nicht klüger dreinblickend als vorher. * Als Madame mère sich erwachend die Augen rieb, stieß sie, noch immer schlaftrunken, an den Herrn von Birkenstock, der sich eben ermunterte und ihr – zum Zeichen, daß er wieder unter den Lebenden war – sogleich eine Prise bot. Sie tat einen kräftigen Nieser, war wieder auf der Welt und fand dort ihre Schutzbefohlenen nicht mehr. 198 »Ja, wo sind sie denn alle? Das Annerl, das Hannerl, die Angelika?« Sie suchte in allen Zimmern, lief auf die Straße, den ganzen Brillantengrund herum. Sie lief endlich auf die Polizei. Aber dort fand man sie so wenig wie andere verlorene Gegenstände. Man hätte dort nie die Ausreißerinnen eruiert, auch wenn sie nicht in den Himmel verzogen wären. Inzwischen war doch ein dunkles Gerücht von den seltsamen Vorgängen unter die Leute gekommen. Vielleicht hat es der Pankratius ausgeplaudert, denn er war durch die Erschütterungen dieser Nacht, der alte Einsiedel, im Kopf doch ein wenig wirbelig geworden. Überdies hielt er, man kann es nicht verhehlen, nicht mehr so viel auf sich wie vorher. Er hatte sich vom Hofrat das Schnupfen angewöhnt, und da er manchmal eine Prise Ruß von den Dächern ergattern konnte, sah er zuweilen nicht sehr appetitlich aus. Auch sprach er gern, besonders wenn der Wind wie damals durch die Straßen pfiff, zu sich selbst. Er räsonierte und grandelte dann mit der ganzen Welt. Es war halt schon ein rechtes Kreuz mit dem Alten. Das hatte er nun davon, daß er noch einmal hatte jung sein wollen und mit seinen Frostbeulen und Rheumatismen ein Tänzchen gewagt hatte. Jedenfalls also war die Geschichte unter die Leute gekommen, und als man gar keine Erklärung für das Verschwinden der sieben seligen Fräulein fand, kam man der Wahrheit, daß ein Wunder 199 geschehen, immer näher. Wo ein Wunder vermutet wird, kommen – und gar in Wien – alsbald viele neugierige Leute herangepilgert, und so konnte es nicht fehlen, daß die freundliche, ach jetzt so vereinsamte Madame mère von den vielen hermarschierenden Neugierigen um ein aufklärendes Plauscherl und Tratscherl gebeten wurde. Aber sie wußte sich an nichts mehr zu erinnern. Wo aber Menschen sind, die solche Sorge haben, ist auch Likör und wo Likör ist, sind auch bald wieder gefällige Mädchen da, ihn zu kredenzen. Und da des Menschen Sinnen, zumal in dieser Stadt, leichtfertig ist von Jugend auf, geschah, was im Kreislauf der Dinge geschehen mußte: sie blieb nicht allzulang einsam, diese Freundin der Jugend. Bald fuhren wieder Fiaker an dem blauen Häuschen vor und der Hofrat und der Herr v. Castelli, der jetzt auch schon ein Regierungsrat war, saßen darin. Und man konnte bald wieder die roten und rosa Bänder und Maschen von blonden und braunen Coiffuren und die gelben und blauen Fräcke hinter den Gardinen blitzen sehen. Der gute Pankratius aber stand wie ehedem mit dem Strohkränzlein und dem sanft gesenkten Gesicht vor dem Tor des blauen Häuschens auf Posten. In das Haus selbst hat er sich nicht mehr hineingetraut, auch ist er mit der Zeit – es ist ja schon fast ein Jahrhundert seitdem dahingegangen – nachdem er in wienerischer Art genug geraunzt hatte, wieder steinern-schweigsam geworden. 200 Nur wenn es drinnen wieder einmal besonders hoch hergeht, zwinkert er, zumal in mondhellen Winternächten, lustig mit den Augen. Zuerst mit dem linken und dann mit dem rechten und zuletzt mit allen beiden. 201 Der unechte Goethe Eine Alt- und Neu-Weimarer Geschichte. Zu Weimar, dem altehrwürdigen Musensitz, lebte in unsern Tagen und lebt hoffentlich noch ein gar stattlicher, ein wenig beleibter und ehrengeachteter Herr und Bürger, der nebst anderen vortrefflichen, doch mehr häuslichen Eigentümlichkeiten die eine überaus wertvolle Gabe besaß – Goethe verblüffend ähnlich zu sehen. Als Fabulisten haben wir die Freiheit verwegener Erfindung, und so wollen wir diesen vermeintlichen und vermutlichen Abkömmling des Altmeisters kurz und kühn Maier nennen. Er war Alleininhaber einer florierenden Papierfabrik am Ufer der Ilm, gerade an jener Stelle, wo der junge Goethe in Mondesnächten zum Entsetzen der Bürgerschaft wie ein heidnischer Gott der Flut zu enttauchen pflegte. Maier lieferte also das Papier, auf das die Ansichtskarten und Erinnerungsblättchen gedruckt werden, die jeder Weimar-Pilger getreulich nach Hause schickt, als Zeichen, daß auch er in der Nachbarschaft des Olympiers geatmet hat. Und auf all diesen Kärtchen sieht man jene wundersam menschlich gesteigerten Züge, vor denen Napoleon ausrief: »Voilà un homme!« Herr Maier betrachtete diese Züge oft in begreiflicher, stolzer Neugierde. Wenn man näher 202 zusah, war es gar nicht Herr von Goethe; es war Herr Maier, besonders wenn dieser apollinisch um sich blickte und den Gang des Altmeisters kopierte. Er kopierte auch dessen Statur, »des Lebens ernstes Führen« ward ihm bald zu eigen. Auch war er, unter heimlicher Berufung auf sein Vorbild, gelegentlich – bei Geschäftsreisen – einem kleinen amourösen Schabernack keineswegs abgeneigt. Aber das brauchte daheim niemand zu erfahren, und niemand erfuhr es. Er brachte, obwohl er Detektivgeschichten eigentlich vorzog, von solchen Reisen immer aufs neue kostbare Goethe-Ausgaben heim. Sie zierten sein stattliches Haus am Frauenplan, das er zu einem respektablen Goethe-Museum umgeformt hatte. In Schränkchen und Vitrinen erblickte man majestätische Goethe-Locken von dessen siebentem bis zum achtzigsten Jahr. Ihm war es gelungen, dazu den letzten Kamm, die beglaubigten Bürsten des Gewaltigen aufzustöbern. Selbst einen Original-Goethe-Zahn hatte er seinem Museum einzuverleiben gewußt, obwohl die Echtheit gerade dieser Reliquie vielfach bestritten ward. »Ja, Goethe ist auch nur ein Mensch gewesen, ein starker und zuweilen auch ein schwacher Mensch«, pflegte Herr Maier den vielen Besuchern seines Museums zu bemerken. Und er richtete es geschickt ein, daß dabei der Blick des etwa Zweifelnden auf ein anmutiges Frauenbildnis fallen mußte, das aus dem Hintergrund des Salons hervorschimmerte. »Dies ist meine 203 Urgroßmutter, Gott hab' sie selig!« stellte Herr Maier zwanglos vor. »Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm; sehen Sie nur, wie ähnlich ihr meine Tochter Lili sieht.« Und es war in der Tat überraschend, in den wohlig geschwellten Lippen seines Töchterchens, wenn es eben durch das Zimmer schlüpfte, den heiteren Mund der Ahnin wieder zu erkennen, die einst in verschwiegener Stunde den »Zeus von Weimar« beglückt haben sollte. Und wenn dann der Besucher, Lili mit Wohlgefallen betrachtend, nicht umhin konnte, einige zeitgemäße Bemerkungen über Vererbung einzuflechten, stand Herr Maier wie zufällig mit einemmal dem Bildnis Goethes gegenüber, das ganz nahe der liebenswürdigen Ahnin im vollen Lichte hing – und der Besucher blickte überzeugt und bewundernd von ihr zu Goethe, von Goethe zu Herrn Maier und von diesem wieder zur Ahnfrau hinüber. Und jeder Weimar-Pilgrim dankte der Ahnfrau im stillen, daß sie durch ihr längst verjährtes Abirren vom Wege des bürgerlich Korrekten der Nachwelt den Anblick eines offensichtlich echten, des letzten Goethe-Sprossen gewährte. Herr Maier jedoch sonnte sich geradezu in dieser Untugend seiner Urgroßmutter und er hatte als Hausvater und Familienversorger auch das Recht, sich zu sonnen. Denn das geschäftliche Ansehen, dessen er in der kunstberühmten und zugleich gewerbetüchtigen Stadt genoß, gründete sich nicht zum geringsten Teil auf seine interessante Abstammung. Sein Kredit wuchs 204 unter den Mitbürgern; denn wer hätt' es gewagt, Herrn Maier-Goethe, der als wandelnde Gratis-Sehenswürdigkeit den Fremdenverkehr der Stadt so wesentlich förderte, ein kleines kommerzielles Ansuchen abzuschlagen? Die Firma florierte um so gewisser, je schwankender die Tugend seiner Ahnin schien. Aus dem Papierfabrikchen wurde allmählich ein beträchtliches Unternehmen, kurz, es ward an diesem Beispiel offenbar: daß zuweilen die Sünden der Großmütter Segen bringen bis ins dritte und vierte Geschlecht. Schon hoffte der klug rechnende Kaufmann, die Fabrik in eine Aktiengesellschaft umwandeln zu können. Schon sah er sich als deren Direktor, nur fehlte noch einiges Kapital, und das würde gewiß von den Mitbürgern gezeichnet werden, wenn – ja wenn einmal die Geschichte seiner dunklen und doch so lichtvollen Abkunft zum Gegenstand gelehrter Forschung erhoben und der breitesten Öffentlichkeit bekanntgegeben würde. Und siehe, das Wunderbare, auch hier ward es Ereignis. Eines schwülen Augustmorgens kam in das Kontor des Direktoraspiranten ein Kärtchen geflattert. Es drückte nichts Geringeres aus als den Wunsch des hochgelehrten, als Durchforscher der letzten Heimlichkeiten in Goethes unendlichem Leben weithin berühmten Dr. Eusebius Zitterbein, sich mit dem ansehnlichen Herrn Johann Wolfgang Maier in der für das ganze deutsche Vaterland hochwichtigen Frage seiner Abstammung unterhalten zu dürfen. Sollten jene dämonischen Mächte, 205 von denen sein Ahnherr sagt, daß sie an der Lebenswende begnadeter Menschen sichtbar in die Erscheinung treten, sich nun auch für ihn und die Aktiengesellschaft wirksam erweisen? Maier strich sich die Locken seines Jupiterhauptes zurecht, blickte mit den schwarzen Augen feurig und begab sich in den altberühmten »Elefanten«, wo Zitterbein mit einem Mikroskop über Handschriften hockte. Zitterbein sprang dem würdig Eintretenden entgegen, und da er sein Antlitz mit den ihm so wohlvertrauten Zügen flüchtig gemustert hatte, blieb er in Andacht stehen, wie vor einer Erscheinung. »Wahr ist es, der Augenschein bestätigt es – Ihre hehre Urgroßmutter, sie wird durch die Jahrhunderte gehen durch mich – sie hat . . . lesen Sie hier den Brief, den ich aufgefunden habe!« »Nicht hier«, stammelte der Fabrikant, »kommen Sie zu mir nach Hause.« Und er faßte in freudiger Hast das aufgeregte Männchen, preßte es liebevoll an sich, erklomm mit ihm die Stufen des Maier-Goethe-Museums und führte ihn alsogleich vor das Bild der blühenden Ahnfrau. Da zog Zitterbein ein altertümliches, mit mancherlei Flecken verziertes Schreiben hervor und schnaubte in stolzer Erregung wie ein siegreiches Schlachtroß. »Vernehmen Sie, was Goethe seinem mephistophelischen Beichtvater, dem Johann Heinrich Merck, nach Darmstadt geschrieben hat: ›Bruder und trautester Freund! Der Nachtwind harft durch die Eichen, alle Quellen rauschen im beglänzten Tal, und mein 206 Herz will überquellen. Das Mädchen, Bruder, war mein; ihr Kuß war wie das schämige Sich-neigen einer Blüte. – So gab sie sich mir im trauten Hain, in der nächtlichen Stille des fürstlichen Parkes, kennst du den Ort? Ein Holzkreuz ist dort errichtet, ein wilder Rosenstrauch überrankt die Weide. Und . . . Bruder . . ., o süßestes Wunder, Lili hieß mein Mädchen, ach, wie jene Ferne, einst Geliebte. Nun mag sie ihr Meier freien. Sie wird, sie muß, wie sie mir heute bekannte, seine Werbung annehmen – ein gefälliger Betrug, Bruder, so will es das Schicksal.‹« Stumm standen die Männer einander gegenüber. »Ermessen auch Sie die Größe dieses Augenblicks, Herr Maier? Ich grüße Sie als seinen Sprossen! Was wird aber Ihre Frau, Ihre Tochter dazu sagen?« »Herr Professor Zitterbein«, erwiderte Maier in breiter Würde, »Lili weiß, daß es für auserwählte Frauen eine höhere Tugend gibt als die der landläufigen Moral. Sich einem Altmeister, zu Ehren der deutschen Dichtung, zu weihen, ist das nicht eines hehren Weibes höchste Bestimmung? Wo steckt denn das Teufelsmädel?« »Der Wildfang ist nicht zu halten«, erwiderte die rundliche Mama, die den Gast zu begrüßen herbeigekommen war. »Und jetzt gar, wo dieser Student wieder hier ist, immer streift sie mit dem herum, solltest doch aufpassen, Wolfgang.« Aber Wolfgang sah und dachte nichts mehr. Er zählte schon die Kapitalien, die durch Zitterbeins Brief seiner Aktiengesellschaft zuströmen mußten. »Wann werden Sie die Welt mit dieser 207 Nachricht überraschen?« »Morgen!« triumphierte der Doktor, »im großen herzoglichen Schloß, beim gemeinsamen Bankett. Es wird ein Ehrentag für Sie, Herr Maier, der schönste Ihres Lebens.« Und er empfahl sich und suchte, um die Rede für morgen in Ordnung zu bringen, wieder mit freudigen Schritten sein Quartier auf. Charlotte erfuhr alsbald von ihrem strahlenden Gatten das »Wunderbare«. Sie war nicht ganz so mitgerissen, wie man es eigentlich hätte erwarten sollen. »Wird es unserem Ansehen nicht doch schaden?« fragte sie besorgt. »Schaden! Was vor hundertzwanzig Jahren –.« »Papa, ist es wirklich wahr?« jauchzte jetzt Lili, die in das Allerheiligste hereingestürmt war. »Ich stamme von Goethe ab? Das ist doch kolossal!« Ihre dunklen Augen glühten; ein widerspenstiges Löckchen sprang aus dem lieben gerundeten Kindergesicht, alles an ihr bebte in siebzehnjährigem Übermut. »Jawohl, mein Kind.« Und der entzückte Kommerzienrat nahm sein Töchterchen an der Hand und führte es vor das Porträt ihrer Ahnin. »Betrachte sie genau, die Stammutter unseres Geschlechtes, die uns alle – morgen wird es das Vaterland erfahren – für ewige Zeiten berühmt gemacht hat.« »Solchen Segen also«, erwog Lili bedächtig, »bringt es einem Mädchen, wenn es sich einem großen, großen Dichter, ohne viel nach Eltern und Priester zu fragen, weiht?« »Nun ja, allerdings«, replizierte der Vater, »wenn dieser Dichter ein 208 Goethe ist.« »Aber das kann man doch vorher nicht so genau wissen«, forschte das altkluge Fräulein. »Du hast überhaupt nichts zu wissen«, polterte jetzt die Mama. »Wo hast du dich denn den ganzen Vormittag wieder herumgetrieben?« »Ach«, seufzte Lili offenherzig, »mit Robert; wir waren im Tiefurter Park, es war himmlisch! Er hat mir seine Gedichte vorgelesen. Gott, das war schön!« »So, Gedichte«, knurrte der Vater; »auch ein Beruf! Daß du mir mit diesem Menschen nicht mehr zusammenkommst! Meier heißt er auch noch. Und jetzt an die englische Aufgabe!« Lili verschwand vom Schauplatz, doch warf sie leider noch einen langen verstehenden Blick zu dem Bild hinüber, das ihr freundlich, ja geradezu ermunternd zuzunicken schien. Die Sitzung der Goethe-Gemeinschaft verlief am nächsten Morgen unter Ansprachen und Reden feierlich wie immer. Dann zog die befrackte Gesellschaft, bejahrtere Tempelritter zumeist, die den heiligen Gral Goethe schirmen, in das Schloß, allwo sie sich um den jungen lebensfrohen Herzog verbreitete. Die Teilnahme, ja Neugierde der erkenntnisdurstigen Herren wendete sich aber diesmal weniger dem Herzog, der auch neben den großen vergangenen Schatten für sich etwas bedeuten will, als Herrn Johann Wolfgang Maier zu, der, umgeben von einer Schar getreuer Trabanten, in einer Ecke des Bankettsaales lehnte. Er hatte den vorangegangenen Abend nicht untätig verbracht, sondern den 209 Fund Dr. Zitterbeins bereits in aller Stille unter die Geschäfts- und Goethe-Freunde zu bringen gewußt. Der Gedanke, dem veritablen, amtlich punzierten Urenkel Goethes die Hand zu drücken, berauschte diese sonst so nüchternen Männer. Wer anders als Maier sollte Direktor der zu gründenden Aktiengesellschaft werden? Wer konnte der immer gefährlicheren Konkurrenz in der Papierbranche überlegener begegnen? Nun hing alles nur noch von Zitterbeins Rede und ihrer Wirkung ab. Und Zitterbein sprach – er sprach, während die Champagnerkelche leise klirrten, die untergehende Nachmittagssonne sich in den Fenstern des weitläufigen Saales spiegelte und die Glatzen der lauschenden Gemeinde zu vergolden schien. Er sprach, während manche Augen hinter scharfen Brillengläsern sich vor Rührung feuchteten, über das große Geheimnis, das ihm, einem unansehnlichen Zitterbein, zu lüften bestimmt war. Er sprach von Lili, der opferwilligen Urgroßmutter, die einen lebendigen, hochwichtigen Nachtrag zur Goethe-Biographie der Wissenschaft hinterlassen habe, gewissermaßen einen Anhang und Kommentar, in dem man jederzeit nachschlagen könne. »Die letzte Stunde, die eine Stunde im Leben des Dichterfürsten, die noch dunkel gewesen, ist nun durchforscht, sein Leben hat für uns keine Geheimnisse mehr!« – Schweigen, dann jubelnde Zurufe: »Johann Wolfgang Maier , der letzte Goethe-Sproß, er lebe, lebe, lebe immerdar!« brauste es durch den klirrenden Saal. Becher hoben sich, 210 man tauschte Schwüre der Freundschaft und des ewigen Gedenkens dieser Stunde. Maier, der Direktor, wurde stürmisch umarmt. Er stand auf der Höhe des Ruhmes, auf dem Weg zu Ehre und Reichtum. Da . . . drückte sich ein Lakai ganz insgeheim heran. Der sagte ihm nur ein Wort; aber Maier erbleichte und fuhr mit gesträubten Locken hinaus, gegen den Schloßplatz los, auf dem die Schwüle des heißen Augustabends lastete. Dort erwartete ihn – ein Polizist mit gestrenge hinaufgezogener Stirn, ein Münchner, der in die kleine Residenz verschlagen worden war. So sprach er in seiner breiten, gemütlich lustigen, bajuvarischen Art: »Sakra, sakra, des is a G'schicht'!« »Ja, was ist denn passiert? So reden Sie doch!« schnaubte Herr Maier, wobei ihm der Schweiß auf die Stirne trat. Der Polizist vergaß plötzlich seinen mühsam aufrechterhaltenen Ernst, er lachte, bis er puterrot wurde. »A Bußl hat er ihr geb'n, a Mordsbußl, der Musjäh derer Freil'n Tochter, draußen im Park, wo's do verboten is, dort beim Holzkreuz, wo's Rosenbüscherl steht, a poar Schritt vom Monument vom Herrn von Goethe«, zwinkerte das Auge des Gesetzes, »ak'rat da, wo s' Ihrer Frau Urgroßtant' g'wiß a bald a Monumenterl setzen wer'n. Aber des derf amal net sein, das Busserln im Park, es is a Verordnung, mir san hier gar streng. I bitt' Eahner, wann des oaner g'seh'n hätt'!« »Nichts haben Sie gesehen! Verstanden?« »Versteh' schon, Herr 213 Kommerzienrat. Reden S' halt mit mein' Kollegen a ein Wörtl, der is no dort bei di Zwoa und laßt s' net aus.« »Meinen Wagen«, brüllte Herr Maier, und er jagte im Trab dem Park entgegen, durch die Alleen an der Herme des Urgroßvaters vorbei, die heute am Geburts- und Ehrentage ein frisches Lorbeerkränzlein schmückte. Bei jenem Holzkreuz, nahe dem Rosensträuchlein, standen richtig die beiden ertappten Sünder, argwöhnisch bewacht von einem seitwärts postierten martialischen Schutzmann. Die beiden sahen aber gar nicht zerknirscht drein, sondern blickten einander so glücklich verliebt in die Augen, daß sie die zornigen Schritte des Näherkommenden überhörten. Sie sah allerliebst aus in ihrem Sommerkleidchen, mit ihrem zerzausten Haar, und er – der Denkmalheros, der drüben in marmorner Ruhe stand, hätte an dem hübschen, frischen Gesellen mit den braunen Augen, die vor Mutwillen blitzten, gewiß kein Ärgernis genommen. Aber der Kommerzienrat nahm um so mehr Ärgernis. »Ja, Teufelsmädel, hast du den Verstand verloren?« tobte der gekränkte Vater, der sich eigentlich als Enkel hätte geehrt fühlen müssen. »Aber du hast mir doch erst gestern gesagt«, weinte Lili, »daß wir alle so berühmt geworden sind wegen der Urgroßmama – und mein Robert ist auch ein großer, großer Dichter.« »Dichter! Können Sie denn davon leben?« polterte Maier-Goethe. »Leben«, sagte der junge Mensch halblaut vor sich hin und blickte zu 214 den Rosen. »Wissen Sie denn überhaupt, was das ist? Der hat es verstanden, den ihr heute in der heitern Stadt pedantisch gefeiert habt, während ich ihn hier in seinem Park im Wehen des Windes, im Hauch der Blumen und eines Mädchenmundes erlebte. Später freilich ist auch er vorsichtig und verschwiegen geworden. . . . »Doch hätte Goethe geschwiegen, Hätt' er sich nie die Lippen verbrannt, Er wär' nicht die goldenen Stufen gestiegen, Mit leuchtenden Spuren herabgestiegen In unser nüchternes Schulmeisterland.« »Jetzt spricht er gar in Versen!« klagte Maier verzweifelt. »Sehen Sie, hören Sie nur, da kommt schon der ganze Zug!« rief jetzt der Beklommene ganz außer sich. »Sehen Sie dort die Fräcke und Zylinder, die ganze Goethe-Versammlung pilgert hierher, um das Monument zu bekränzen. Als Enkel werd' ich geehrt, aber als Vater bin ich hier einfach für immer erledigt!« Und ein so ehrlicher Kummer sprach aus seinen jetzt gar nicht mehr Goethe gleichen Zügen, daß der leichtsinnige Poet von wirklichem Mitleid bewegt wurde. »So geben Sie mir das Mädel!« rief er rasch entschlossen. »Aber Sie haben und sind doch nichts!« »Ich werde mein Jus fertig machen«, erwiderte der andere dumpf. »Schließlich ist auch »er« allmählich ein Philister geworden – mein Urgroßpapa.« » Ihr Urgroßpapa? Sie sind wohl –« »Auch ein Meier, aber ein ei-Meier.« Und der Student kramte aus der 215 Tasche ein nicht minder vergilbtes Dokument hervor. »Staunen Sie, Verehrtester. Auch in meinem elterlichen Hause wurde ein Schriftstück, dieses hier, insgeheim verwahrt. Ich habe bisher keinen Gebrauch davon gemacht, weil ich selber wer sein und werden will und weil ich Geheimnisse alter Damen respektiere. Aber nun heraus damit. Dies ist der Antwortbrief, den Johann Heinrich Merck, Goethes spöttischer Freund, auf dessen Selbstanklage gerichtet hat. Lesen Sie diese Stelle: ›Was soll nun mit dem Mädel geschehen? Blind, wie jeder verliebte Bräutigam, wird unser braver Revierförster Meier‹ – »ein Meier mit ei« – ›das Mädel doch heiraten, er wird, wie die Bauern sagen, die Kuh mit dem Kälbchen kaufen.‹ »Und von diesem ei-Meier, mein Verehrtester, bin ich abzustammen so frei gewesen. Nicht Sie, Herr Kommerzienrat, sondern ich darf mich also mit Fug Goethes letzten Urenkel nennen. Ich glaube erwiesen zu haben, daß ich seines mutwilligen Blutes bin.« »Wenn Sie diesen Brief wirklich publizieren, werde ich doppelt zum Gespött!« schrie Herr Maier, während die Klänge des Männergesang- und Turnvereines, der den Festzug zum Goethe-Denkmal begleitete, immer näher heranschmetterten. »Jetzt stimmen sie gar noch das ›Hochzeitslied‹ an! Wenn die das erfahren und uns so finden«, sprach er, »komm' ich in die Witzblätter und nicht in die Stadtverwaltung.« »Schau' Robert«, mischte sich jetzt das Mädchen behutsam in das aufgeregte Gespräch. »Schau', Papa«, 216 und sie blickte auch zum Vater hinüber mit dem schiefen, spitzbübischen Blick, dem er nie hatte widerstehen können. »Tauscht doch die Großmamas miteinander aus! Robert, gönne doch der meinen ihren schlechten Ruf und laß dafür deine tugendhaft bleiben. Ist dir ein lebendiges Bräutchen nicht lieber als dieses vertrocknete Papier?« » Du hast Goethe verstanden, mein Kind«, rief Robert und umschlang sie innig. »Ich zerreiße dieses Schriftstück, behalten Sie Ihre Würde und Ihre tote Ahnfrau und lassen Sie mir das liebe, geliebte, lebendige Mädel. Wie ich ›ihn‹ zu kennen glaube«, er blickte zu Goethes Standbild hinüber, das in der Abendsonne wie rötliches Gold leuchtete, »wird er sich dieses Tausches freuen.« Und da der befrackte, singende Festzug schon um die Ecke sichtbar wurde, schob der mit erneutem Jubel geehrte Enkel und halbversöhnte Vater das Töchterchen in Roberts Arme, die es geschickt zu fassen und festzuhalten wußten. Der gestrenge Polizeimann aber hatte sich inzwischen an einen Weidenstumpf gelehnt und war in der Schwüle des Augustabends sänftiglich eingeschlummert. Als er eben mit einem kräftigen Ruck erwachen wollte, schob ihm Johann Wolfgang, der ai-Maier, eine mächtige Festhavanna so fest zwischen die Zähne, daß ihm das Reden und Ausplaudern sogleich verging. Robert aber horchte zu dem jetzt im Abendwind seltsam flüsternden Rosensträuchlein hinüber, und während er den Atem der Geliebten wohlig 217 an seinen Lippen fühlte, meinte er aus den Rosen die beklommenen Worte seines Ahnherrn aus jenen fernher schimmernden Tagen zu vernehmen, als dieser sich mit seiner Lili verloben sollte: »Es war ein seltsamer Beschluß des Großen, über uns Waltenden, daß ich in dem Verlaufe meines wundersamen Lebensganges doch auch erfahren sollte, wie es einem Bräutigam zu Mute ist.« 218 Erlebnis vom Gardasee So befand ich mich denn wieder einmal auf dem österlichen Gardaseedampfer. Der See lag vor mir im opalenen Licht, die Schatten des Monte Baldo wehten bläulich darüber hin. Das Wasser schillerte immer türkisblauer im Nachmittagsduft, und der Wind flatterte so lustig, als gäbe es nirgends hochzeitsreisende Paare. Aber die gab es: Ein Summen und Girren, Schnäbeln und Schnalzen ging über Deck durch die Gruppen der Passagiere. Da lehnte »Sie« in rauhem Loden an der Schulter des mit ihr kürzlich Vereinten, den ein gelindes Jägerhemd und milde Filzschuhe zierten. Aus dieser Gruppe vernahm ich die Worte: »Goethe. Der Tasso . . . hier . . . auch die Iphigenie . . . o . . .« Dort trug »Sie« strohblonde Botticelli-Schnecken und verspätete Ibsen-Augen und seufzte zu »Ihm«, dessen Seele sich gleichfalls in einem unerklärlichen Leid zu krümmen schien: »Dante! Dante Rossetti! Diese Farben . . .« Da sagte ich mir: jedes Vergnügungsschiff ist doch ein Narrenschiff. Man glaubt zu seinem Vergnügen zu reisen und reist nur zum Vergnügen der andern. Du, wir alle – aber köstlich ist es dennoch gewesen. Welche Fahrt an kleinen, zierlich gesprenkelten, südlich bunten Ortschaften, an weißen, von der 219 Mandelblüte umhegten Villen, an farbigen Stegen und luftigen Zitronenspalieren vorbei, während die gelben und rosigroten Segel der Fischerboote über die blaue, dämmernde Tiefe glitten. Wie herrlich, hier ein paar Tage selbst zu verdämmern, in lauter Sonne und Heiterkeit, in diesen weltstillen Dörfern, deren Namen bereits in italienischer Fülle tönen, drüben auf San Vigilio, der Märcheninsel – wie viele Glocken schwingen in dem Wort. Da, in Gardone, steigt Paul Heyses, des Italikers, Villa weiß aus den Zypressen. Und ehe wir in Salò gelandet, fliegt eines anderen Dichters, dessen weltfreudige Art mich gerade hier so behaglich umspielt, Otto Erich Hartlebens berühmter, zu früh verwaister halkyonischer Musensitz vorüber. Ich hatte über der Villa, die sich in Lorbeer- und Myrtenhecken schmiegte, in großen, für die Hinterlassenschaft eines Poeten merkwürdig geschäftstüchtigen Lettern die Aufschrift gelesen: »Pension Halkyone«. War aus diesem tagentrückten, dem Traum eines verjüngten Griechentums entsprossenen Asyl eines heiter geklärten Künstlers und Genießers wirklich – eine modische Fremdenpension geworden? Wie würde Otto Erich sein geliebter dunkelroter Chianti wässerig und säuerlich schmecken, wenn er plötzlich in seinem Garten nicht immer rein hellenisch gesinnte Kommerzienräte und spitzige Assessoren eingenistet fände, jene Italientouristen, die er selbst, so lang er lebte, verspottet hat. 220 Ach, der dunkelrote Chianti! Otto Erich war in dieses fröhlich-feuchte Studium hinabgetaucht wie nie in seine Pandekten. Und so mußte der ewig durstige Poet, verschlungen von dem Chiantisee, allzubald zu den Schatten hinabsteigen; er konnte nur mehr an den Ufern der Lethe weiterzechen. Und während der See leis im Abend errötete, ein orangegelber Schleier über die mit einemmal violetten Gewässer hinhauchte, die der Wind sacht zu kräuseln begann, zogen mir allerlei krause Hartleben-Studenten- und -Mädelgeschichten durch den Sinn. Ich sah ihn deutlich vor mir in der Fülle seiner Leiblichkeit, mit dem welligen Haar, dem schwarzen Hornkneifer – ein nie alternder Student: Im Mundwinkel einen Schwank, in jedem Augenfältchen eine scharfe Glosse über Philister, die er stets ingrimmig befehdete. Und seine Halkyone-Kameradin – wohlgemerkt, nur im Winter, im Sommer war er nämlich verheiratet – lebte sie jetzt wirklich in der ihr vererbten Dichtergrotte als betriebsame Pensionsmutter? Da schwirrt ein Abenteuer in die Luft – nun hatte es, weiß Gott, schon durch einen halbnackten, braungerösteten Sendboten meinen Koffer an sich gerissen. Der braune Kerl trug eine Mütze mit der Firma »Pension Halkyone« und um die nackten Lenden eine knallrote, goldbefranste Schärpe, so daß er, im ganzen betrachtet, aussah wie eine echte, importierte Havanna mit einer Bauchbinde, wahrscheinlich noch eine der letzten Aufmerksamkeiten, 221 mit denen Otto Erich seine Freundin zu überraschen pflegte. Aus dieser nicht eben tiefsinnigen Betrachtung wurde ich auf das vergnüglichste geweckt. Eine junge Dame, gebräunt, sehr wienerisch, mit einem lustig aufgestülpten Näschen, trendelte vor mir her, immer in der Richtung gegen die halkyonische Villa zu. Sie war mir schon vorher auf dem Steg aufgefallen. Sie hatte mit ihrem Tüchlein eifrig gegen das Schiff hin gewinkt. Offenbar erwartete sie – wen – am Ende gar ihren Bräutigam? Als er nicht kam, wäre sie fast vor Enttäuschung in das Wasser gepurzelt: Oh, wie hätte ich sie gerettet! »Tja«, dachte ich mir nun sogleich, da sie vor mir herpendelte, in meinem bereits hartlebenisch aufgeregten Gemüt – »sollte das Abenteuer im Stile des Meisters schon begonnen haben?« Und es wurde wirklich ein so mutwilliges Erlebnis im Schatten Otto Erichs, daß es immer, wenn der Frühling durch die Gassen streicht, wie mit feinen, lustigen Glocken durch meine Erinnerung klingelt. Einstweilen schlug mir aber das blonde und braune Abenteuer, eben als ich, von dem dunklen Blick angeblitzt, mich ihm nähern wollte, ein schweres, bronzebeschlagenes Haustor vor der überraschten Nase zu. Ein Lachen verklang irgendwo, ich stand draußen in dem frischgefallenen Schnee der Kastanienblüten. Angesäuselt von Otto Erichs schalkhaftem Geist, entschloß ich mich kurz, in das fremde Haus einzudringen und stand auch schon 222 im Flur einer Villa. Es war die »Pension Halkyone« – dies erkannte ich aus den Photographien im Entrée, die des immer durstigen Dichters Entwicklung von der Säuglingszeit bis in seine trinkfesten Mannesjahre darstellten, also gewissermaßen vom Fläschchen zur Flasche. Da klopfte mir ein amerikanisch zurechtgestutzter Herr mit einer gewissen zerknitterten Freundlichkeit auf die Schulter, und siehe – es war der gegenwärtigen Pensionsmutter nunmehriger Gatte, Otto Erichs Nachfolger. »Hochinteressantes Fremdenhaus, was? Unser Dichter! Unser Otto Erich! Rosenmontag – Donnerwetter, was – Grillparzerpreis, was! Schillerpreis, was? Hochinteressant, was?« schnaubte er den Eintretenden halb munter, halb mit einer gewissen ingrimmigen Begeisterung an. »Und erst die oberen Räume, alles erinnert an unsern unvergeßlichen Otto Erich«, fügte er beflissen und knurrig zugleich hinzu. Und er führte mich sogleich durch das Haus, durch Veranden, Säle und Loggien in das obere Stockwerk. Überall der Geist eines aparten Lebens- und Kunstgenießers. Da sah ich ihn jäh – den Schatten des Dichters: aus einer antiken Vase stieg er feierlich; sein Blick umschloß verstehend eine Achatschale und einen grünen, edel geformten kupfernen Kessel. Der Schatten glitt jetzt über die dicken Teppiche, Boecklin-Bilder und Bücher; er betrachtete nicht 223 ohne Schmunzeln seine eigenen ausgewählten Werke und schaute beglückt durch das Fenster in den Garten hinab, an dessen Rand der See plätscherte. Otto Erichs Schatten begleitete mich höflich, er lüftete die Studentenmütze und lächelte mit seinem selbstironischen Spott, als er meine Verwunderung über die vielen Sitz- und Liegemöglichkeiten überall im Hause bemerkte. Ich habe nämlich noch kein Dichterhaus gesehen, das der Muse so viele Gelegenheiten zum Ausruhen geboten hätte wie dieses. Sie konnte sich in Schaukelstühlen räkeln, in ungezählte tiefe Klubfauteuils sinken, auf zahllosen Diwans schlummern. Alles sprach und zeugte nur von dem toten, bequemen Dichter, von dem lebendigen, beweglichen Pensionswirt aber, der an Muse und Dichter verdienen mußte, meldete kein Sang, kein Heldenbuch. Ich äußerte dem Braven vorsichtig mein Befremden hierüber und fragte ihn, ob er sich denn nicht durch den Kult seines Vorgängers in seiner eigenen Würde gekränkt fühle. Er schien es mit Humor zu tragen, aber dann polterte doch sein lang zurückgedämmter Groll einem teilnehmenden Fremden gegenüber hervor. »Na, wegen dem Geschäft sind mir ja die Andenken an unseren Otto Erich äußerst wertvoll. Deshalb kommen ja die Fremden in die Pension.« – »Eine frühere Dichtervilla als Pension, das zieht«, bemerkte ich vertraulich, »da kann man zehn Prozent auf die Weine aufschlagen, weil sie 224 der Selige so gern getrunken hat.« »Tja – es ist mir ja auch sehr angenehm: erstens, daß er ein berühmter Dichter war und zweitens, daß er schon tot ist. Aber Sie werden begreifen, daß es mich langsam zur Raserei treibt, daß ich da oben zwei Germanisten den ganzen Winter in den besten Zimmern gratis ausfüttern muß, damit sie in Ruhe die Liebesbriefe meines Vorgängers an meine eigene Frau studieren können!« – »Ja, wie haben Sie denn eigentlich Ihre gegenwärtige Gattin kennengelernt?« »Durch mein Geschäft. Ich war nämlich früher ein einfacher Pelzhändler«, begann er klagend. »Sie hatte in der Auslage meines Geschäftes einen schönen schwarzen Astrachanpelz, mein bestes Stück«, setzte er wehmütig fort, »gesehen. Den wollte sie als Trauerpelz für Otto Erich. So hat es angefangen, und seitdem geht es fort: Otto Erich hin und Otto Erich her, und ich muß mich darüber noch freuen, weil es für das Geschäft gut ist.« Nun lachte er selbst, ein jovialer Herr im Grunde, weil er den Humor seiner Situation erkannte. Ich hatte nun einen Blick in sein mit Recht leidendes Gemüt getan, aber von meinem braunäugigen Abenteuer einstweilen noch nicht einmal ein Stiefelspitzchen zu Gesicht bekommen. So stieg ich denn nach Vornahme der dem Musenmann in der Fremde bei Sonnenuntergang gebotenen frommen Waschungen hinunter in das Allerheiligste, den Table-d'hôte-Raum. Er schien eigens so 225 geschmäckerisch erdacht, um den »im Geist Befreiten« eine heitere Gaststätte zu gewähren. Leichte, weise Gespräche sollten sich hier um bekränzte Becher schwingen. Aber statt der Schüler Platos saßen in den Nischen pedantisch-steife Figuren. Aus diesem automatenhaften Kreis der Gäste schwebte mir nun in ernster Haltung, aber mit schnurrigen Augen, die an den vormaligen Herrn dieses Hauses selbst erinnerten, eine formenbegabte Dame entgegen. Sie trug die nonnenhafte Tracht der Pensionsmutter, und siehe, es war Otto Erichs vormalige Gefährtin. Sie begrüßte den neuen Ankömmling, als wisse sie bereits von ihm allerhand, mit pensionsmütterlichem Wohlwollen und geleitete ihn zu seinem Erstaunen, vergnügt zwinkernd, sogleich an die Spitze der Table d'hôte. »Ihre Nichte«, versicherte sie mir dabei mit dem nämlichen vertraulichen Zwinkern, »wird sogleich erscheinen, die Tante Ihrer Braut, Herr Oberrechnungsrat, Ihre Schwester muß oben im Zimmer bleiben, sie hat leider wieder das Rheumatische, die Arme.« Und sie steckte in mein Knopfloch, während ein hustendes Lachen und Kichern um den Tisch lief, einen Myrtenzweig. So saß ich da, geschmückt und ahnungslos, ergeben auf die Suppe wartend, und dem lieben Gott wohlgefällig wie ein Bräutigam, für den man mich auch offenbar hielt. In diesem Augenblick ward es an der Tür rege. Ein Lackstiefelchen streckte sich vor, ein blühweißes Kleidchen folgte, der braune 226 Blick hatte mich rasch erfaßt, ein Zopf war durch den vorwärts strebenden Appetit der kleinen, geschwinden Person fast ins Baumeln geraten, und dieses ganze Wunderwerk von Blond und Braun und Weiß ward ohne weiteres mir gegenüber postiert. Ich verneigte mich, und in mir fing sogleich ein gar schönes Lied Otto Erich Hartlebens zu summen an: »Blüh' auf, mein Herz, blüh' auf.« Da wandte sich die Pensionsherrin mit ermunternder Geste zu mir: »Aber warum denn so feierlich, Herr Oberrechnungsrat? Wenn ein junges Mädchen das Glück hat, einen noch so jungen Onkel zu besitzen, der sie eigens zu Ostern am Gardasee besucht, so will sie doch ein bißchen nett behandelt sein. Geben Sie doch Ihrer Braut einen Kuß, Onkel Emil. Wir wissen doch alle hier Bescheid, nicht wahr, Frau Armenrätin?« Jetzt ging das Kichern am Tisch in ein gelindes Meckern über. Anny wurde weiß und rot und glich einem der rosig überhauchten Kirschbäume draußen. Mir aber war so hell zu Mut, als blickte ich direkt in den musizierenden Osterhimmel. Ich näherte mich dem, wie es mir schien, nicht allzu ernsthaft entrüsteten Kind. Ich küßte ihr gemessen die Hand. »«Wie galant«, akkompagnierte süßlich die Armenrätin. »Mein Fräulein«, flüsterte ich ihr dringend zu, indem meine Stimme sanft, wie bei angehenden Romanhelden stets, erbebte. »Man hält mich hier offenbar für einen Oberrechnungsrat, den braven Emil, Ihren Onkel und Bräutigam. 227 Seien Sie fidel, wie es der Otto Erich war, sehen Sie nur, wie er sich freut. Lassen Sie mich diese Rolle spielen, den Bräutigam für zwei Tage, markieren Sie die Partnerin! Sehen Sie dort in der Ecke jetzt den Schatten Otto Erichs, wie er sich eben aus dem allertiefsten Klubfauteuil, dem allerbequemsten, hebt – wie er uns lachend beglückwünscht.« Und sie ließ es mit einem kurzen, schrägen Blick zu mir geschehen, daß ich zunächst einen nur oberrechnungsrätlichen Kuß auf die errötende Stirne senkte. »Wie reputierlich«, stöhnte die Armenrätin, die doch dem ganzen Zustand nicht zu trauen schien, und ein neues, beifälliges Gemecker verbreitete sich um die Table d'hôte. Ich war nun als Onkel und Bräutigam anerkannt und konnte, während ich Anny Bräutigamsreverenz erwies, den Blick um meine Mitgäste spionieren lassen. Da störte mich der Pastor zu meiner Rechten auf, der eben ein Huhn zerlegte: »Waren Sie schon einmal, Herr Oberrechnungsrat«, begann er die Table-d'hôte-Unterhaltung, »in Sizilien und haben Sie daselbst das sogenannte Kamelbrot gegessen?« Ich war dieses Genusses noch nicht teilhaftig geworden, aber ich versprach, eigens zu diesem Zweck, hoffentlich recht bald, mit meiner jungen Frau Sizilien aufzusuchen. »Ach, wären wir schon so weit«, lispelte Anny mit Augenaufschlag und band ihr Serviettchen vor; denn es wurde soeben Chaudeau serviert. »Lieber Emil«, seufzte sie, sichtlich gepreßt, 228 »möchtest du nicht einstweilen, ehe wir zum Kamelbrot gelangen, von diesem Chaudeau nehmen?« »Den Chaudeau hat gewiß Otto Erich auch sehr gern gehabt«, säuselte jetzt eine Dame zart zu seinem Repräsentanten herüber. Sie trug ein himmelblaues Kleid, einen Busen ohne Komfort und war aus Erfurt. »Unser lieber Otto Erich hat sich überhaupt eines vorbildlichen Appetits erfreut, auch die beiden Herren, die hier gesessen und seine Briefe durchsucht haben«, knurrte der weiland Pelzhändler ingrimmig. »Ach, hätte er erst die richtigen Wiener Mehlspeisen gekannt, die man hier leider so selten bekommt«, phantasierte begehrlich mit einem strafenden Blick gegen die Pensionsmutter eine dünne Dame am unteren Tische, »dann hätte er wohl noch viel rührender gedichtet.« Sie trug ein amarantfarbenes Kleid, keinerlei Busen und war aus Hannover. Außerdem spielte sie die Harfe und sah selbst wie eine gezupfte Saite aus. »Mehlspeisen machen zu dick und daher träg zum Dichten, Else«, unterbrach ihr Vater belehrend die kulinarische Begeisterung. Er war Turnwart und Obmann einer freiwilligen Feuerwehr. »Haben Sie heute, wie Sie sich vorgenommen, wirklich die Riesenwelle einfach im Zimmer probiert?« schnaubte der Turnwart jetzt, indem er heftig eine Nuß knackte, die Himmelblaue an. »Nein, ich war schon in Gedanken in Verona. Ich bin zu neugierig, ob die kleine Palme, die Herr Meier, mein Tischnachbar, im vorigen Jahr daselbst im botanischen Garten neben der 229 Palma di Goethe gepflanzt hat, die Palma di Meier, auch gut gediehen ist. Überhaupt Goethe! Wie himmlisch! Und erst Otto Erich«, fügte sie pflichtbewußt hinzu. »Er war, wie schon sein Name besagt, jeder Zoll ein vaterländischer, ein germanischer Sänger, kernig durch und durch«, wetterte der Turnwart, der eben die Nuß geknackt hatte. »Er war, nehmt alles nur in allem, ein sittlicher Dichter«, knarrte der Assessor, indem er sein Monokel vor einem Versuch bewahrte, sich selbstmörderisch in die Terrine zu stürzen. »Er hat ja auch so etwas geschrieben, ein Stück, glaub' ich, die ›sittliche Forderung‹.« »Er liebte aber doch wohl die Frauen«, klagte die Himmelblaue, indem sich ihr Mieder hob. »In Ehren, wollen wir hoffen«, replizierte die Amarantene und nahm die komplementäre Farbe an. »Er war ja verheiratet«, schloß der Pastor die Debatte und nickte der Hausfrau anerkennend zu, während der Pelzhändler überlegen lächelte. Während dieser in das Wesen des Bohèmepoeten so tief eindringenden Gespräche sah ich, wie sich eine dunkle Gestalt vom Kamin, allwo sie sich ein wenig gewärmt haben mochte, heftig vorbewegte. Ich erkannte ihn sogleich wieder: Otto Erichs gemütlichen Schatten. Aber diesmal schien er gar nicht wohlgelaunt. Er trug die Studentenmütze schief und schwang im Zorn gegen den Assessor und gegen den Turnwart die Pfeife. Er hatte einen Zug scharfen Spottes und feixte in gereizter Poeteneitelkeit seine Gäste, die zu ihm kamen, ohne 230 ihn gelesen zu haben, entrüstet an. »Ja, mein lieber Otto Erich«, sagte ich zu dem erbosten Schatten, »ich bin ganz deiner Meinung. Ich finde ja die Herrschaften auch nicht lieblich. Aber du wirst zugeben müssen: sie sitzen mit einem gewissen Recht hier. Warum sollten sie nicht auf deinen Diwans schlummern und deinen Wein trinken und mit dem gleichen Wohlbehagen einschlürfen, mit dem du seinerzeit solche Philistervisagen in dich eingeschlürft und literarisch verzapft hast? Du hast dir deinen halkyonischen Ruhesitz doch nur aus den Honoraren für deine Verulkung solcher Leutchen erworben. Ist dein Pfarrer hier nicht genau dein ›Gastfreier Pastor‹, aus dessen fünfter bis zehnter Auflage du dir das Souterrain der ›Villa Halkyone‹ gebaut hast? Eine solche Himmelblaue und die amarantene Zitherspielerin mit der durchbrochenen Bluse, lieferten sie dir nicht die durchsichtigsten Fenstervorhänge hier? Hast du nicht aus einem ähnlich gearteten Assessor das Leder des Stuhles gezogen, auf dem dieser selbst jetzt sitzt?« Und Anny, die trotz der kurzen Brautzeit bereits meine eigenen Gedanken zu erraten schien, setzte laut fort, indem sie sich scheinbar harmlos an die Pensionsmutter wandte: »Eigentlich ist es wunderbar, gnädige Frau, wie sehr Sie die Erinnerung an Otto Erich hier lebendig zu erhalten verstehen. Er hätte aus dieser Pension gewiß eine Menge für ihn sehr wertvoller Anregungen gezogen. Meinst du nicht auch, lieber Emil?« lächelte sie verschmitzt, 231 während der Schatten Otto Erichs ihr dankbar zunickte, weil er sich endlich gelesen und verstanden fühlte. »Jawohl, er hat sich immer nur in unsrer, nur in der besten Gesellschaft bewegt, er war eben doch Kollege, Referendar S. M., bevor er Literat geworden ist«, schnarrte wieder der Assessor und resümierte so unter allgemeiner Zustimmung den Gesamteindruck. Anny aber, den Humor dieser ganzen, wie aus einer vergnüglichen Hartleben-Geschichte selbst geschnittenen Situation mit Verständnis erfassend, lächelte ihrem Pseudo-Emil mit dem nämlichen, noch verbesserten Blick so freundlich zu, daß ich als Zeichen geheimen Einverständnisses meinen kolossalen Bergschuh sacht, ganz sacht und vorsichtig in die Nähe ihres Lackstiefelchens zu schieben suchte. Dabei geriet ich jedoch unseligerweise an den Fuß des Tisches. Da hob sich der Tisch langsam zu meinem Schrecken. Die Himmelblaue rief: »Wenn es nur kein Erdbeben wird, wir sind ja in Italien!« Und alles eilte kopfschüttelnd, die sonderbare Erschütterung besprechend, in die Veranda und in den Garten hinaus. Draußen im Garten hatte sich Otto Erichs Schatten inzwischen sinnend auf ein umgestürztes römisches Kapitäl gesetzt. Er schien die Schönheit dieser Nacht tief in sich zu schlürfen. Da wir beide, Anny mit ihrem Emil, Glanz und Fülle dieser Stunde innig erlebend, dicht aneinandergeschmiegt, durch den blauen Mondschein in der 232 summenden Magnolienallee wandelten, die geisterhaft im weißen Licht leuchtete, winkte uns der Schatten, der sich dieser Nacht immer heiterer zu freuen schien, mit unhörbarem Gruße nach. Wie umhüllt war diese Frühlingsnacht. Die Sterne flimmerten in dem weißen, zitternden Nebelhauch wie an einem silbrigen Brautschleier, das Mondlicht hing verlangend in den gelben Kätzchen, in dem violetten und schneeweißen Gesträuch. Der See plätscherte in weicher, sehnsüchtiger Melodie an den Kies, von der Veranda herüber zogen verliebte italienische Volkslieder, die ein Paar bunt drapierte Burschen zur Laute und Viola sangen. Da lagerten wir uns, dem Hause fern, umlispelt von einem Myrtensträuchlein, den Blick in den See hinuntertauchend, in jenem marmornen Halbbogen am Ufer, dessen Sitze wie Stühle einer Akademie lauter liebe deutsche Dichternamen tragen. Ich hatte, glaub' ich, auf Gerhart Hauptmann Platz genommen, während das Liebchen über Max Halbe zu sitzen kam. »Liebste Anny«, sagte ich zu dem süßen, bräutlich bebenden Mädchen, das sich mir leis entziehen wollte, »lassen Sie mir Ihre Hand. Hat uns nicht der Schatten Otto Erichs, dessen frohe, junge Weisheit wir beide jetzt ganz erfassen, so rasch zusammengeschlossen? Er will, daß wir, die beiden einzigen seiner Überlieferung getreuen Gäste, in seinem Garten eine Geschichte, wie er sie erfunden hätte, wirklich erleben.« »Oh, . . . aber . . . und ich kenne Sie ja auch gar nicht.« »Aber 235 ich bin doch ein oberrechnungsrätlicher Onkel, Anny, und ich kann dir genau vorrechnen, daß du das hübscheste Bräutchen um den Gardasee bist.« »Wer sind Sie, wer bist du denn, du schrecklicher Mensch?« »Ich bin ein Stück Poet, wenigstens in dieser Stunde, und auf der Italienwanderschaft, und morgen bin ich wieder weit fort in Verona, bei der Palma di Meier, und dann sehen wir uns wohl niemals wieder. Dein Onkel Erich wird bald wirklich kommen – hoffentlich erst, wenn ich schon wieder weg bin – und du wirst heiraten und auch einmal eine rundliche Frau werden, aber ich hoffe, nicht so rundlich wie die Himmelblaue. Nur die eine Stunde in der Osternacht schenke mir noch vorher, lasse mich diese Kirschenblüte fortküssen, die jetzt über deine Lippen spaziert.« Und über der zarten Blüte schlossen sich unsre Lippen zusammen, und sie schlossen sich immer wieder; immer durstiger hing sie in erster, immer süßer erwachender Leidenschaft in meinem Arm. Auch dieser Durst war im Schatten Otto Erichs natürlich. Und es bedurfte meiner ganzen mich bändigenden Würde, der Erkenntnis, daß ich für heute Emil, der Onkel, zu sein hatte; sonst hätte ich wirklich in dieser Stunde Emil, der Bräutigam, werden können. Inzwischen schlenderte der Schatten des Dichters, sichtlich ergötzt, an uns und seinem arkadischen Hain vorüber. Er war aber ein wohlerzogener Schatten und viel zu diskret, um zu stören. 236 Weniger diskret waren freilich der Turnwart und der Assessor, die Zitherspielerin und die Himmelblaue. Sie kamen aus der Veranda, herbeigelockt durch das verdächtige Geräusch in den Myrten. Sie postierten sich im Gebüsch, und bei dem innigsten Kuß applaudierte eine so lebhaft, daß Anny mit einem kleinen Schrei zurück in die Veranda purzelte. Der Turnwart und der Assessor, die Zitherspielerin und die Himmelblaue lustwandelten aber noch lange und sprachen über die Sittenverderbnis der Brautpaare von heute. Dann wiesen sie einander die Plätze, wo sie sich Otto Erich im intimen Rendezvous mit der Muse dachten. »Hier ruhte der Dichter! Hier raste der Dichter im schönen Wahn! Hier hat ihn die Muse geküßt!« – vernahm ich erschaudernd aus den Gebüschen. Da floh Otto Erichs Schatten wie rasend, aus seinem eigenen Garten vertrieben, den Becher in der Hand, nach San Vigilio hinüber, der wunderbaren Insel, die einsam drüben im Mondlicht schlief. Am nächsten Morgen war ich, von inneren Stimmen wie von einer festlichen Musik geweckt, mit der erwachenden Sonne auf. Der Ostertag funkelte über Salò. San Vigilio tauchte weiß aus den Wellen, wie ein silberner Helm aus einem wogenden Felde; das Olivenwäldchen, das den Hügel über dem Hause krönt, flimmerte in der Aprilsonne. Musik wirbelte vorüber, Burschen und Mädel zogen singend mit roten, wehenden Tüchern zur Kirche. Blicke flogen und Farben blitzten. 237 Da wartete Emil auf seine Anny in der Frühstückslaube. Und sie kam, in ein kurzes, luftiges Frühjahrsmäntelchen gewickelt, und mit einem roten Sonnenschirmchen wie mit einem Kapellmeisterstabe bewehrt. Sie schlug damit kreuzvergnügt in die Luft, und auf dieses Zeichen hin flatterten von überall aus den Magnolien, die sich über Nacht geöffnet hatten, kleine musizierende Frühjahrsengel. Die gaben uns singend, tanzend, trillernd das Geleite, als wir Hand in Hand hinauf in den silbrigen Olivenwald zogen. Und sie sangen noch lange in uns weiter, als wir an einem Abhang unter einer Pinie ruhten, die sich aus dem Mauerwerk einer alten Burg aufgerichtet hatte und neugierig über den See mit den orangegelben und rötlichen Segelfaltern, mit den schäumenden Dampfern und farbigen Booten hinunterblickte. Und sie sangen in uns noch immer, als wir später am Nachmittag, in einer Kalesche – heimlich . . . ganz heimlich in die Kissen gedrückt – über Land fuhren. So hell und laut musizierten die kleinen Liebesengel, daß sie das Geschrei übertönten, das sich hinter uns, den Fortziehenden, erhob. Der Turnwart, die Amarantene und die Himmelblaue konnten das Geräusch von gestern zwischen den Myrten nicht verwinden. »Nun ja, sie sind allerdings verlobt – gut – aber so haben sich auch Brautpaare – in unsrer Zeit wenigstens – niemals aufgeführt!« – »Abscheulich!« – »Entsetzlich!« – »Dieser 238 Onkel – man sollte der Kleinen die Augen öffnen!« – »Man wird ja hier nicht mehr wohnen können, wenn die Sittenlosigkeit so weiter grassiert.« Und sie grassierte wirklich weiter, und der Turnwart und die Himmelblaue, sie mußten es mitansehen und haben es gleich nach Erfurt berichtet: War so etwas von einer Braut erhört?! Anny setzte sich samt ihrem roten Schirmchen unter den Zypressen in aller Unschuld zwanglos auf meinen Schoß, und die Amarantfarbene vernahm zwischen den Oliven das nämliche verdächtige Geräusch von Lachen und Küssen, das zwischen den Myrten begonnen hatte. Sie brachte sogleich die Kunde in die »Halkyone«, und noch in dieser Stunde verließen alle, Turnwart, Assessor und Pastor, die Himmelblaue samt der Amarantenen die »entweihte Dichterstätte«. Als wir heimkamen, war das Haus von Gästen frei, und wir konnten ungestört Abschied nehmen. Auch mir schlug jetzt leider die Stunde. Ein Tränlein im Auge, gab mir Anny zum Steg das Geleite. Ich küßte noch einmal die Kinderwange mit dem wohnlichen Grübchen. Sie winkte mit dem Tüchlein und mit dem roten Schirmchen lange, lange. Und als ihre liebe, zärtliche Gestalt in der Dämmerung hinglitt, war mir, als sei ein Stück Jugendland hinter mir versunken. Die Villa Halkyone leuchtete aber noch lang zu mir herüber. Und auf dem obersten Balkon sah ich – nun 239 erkannt' ich ihn genau – den wieder freudig bekränzten Schatten des Dichters. Er war jetzt, durch uns befreit, wieder allein in seinem halkyonischen Sitz, und fröhlich und dankbar winkte er mir, dem Scheidenden, zu. Dann schwenkte er den Becher, gefüllt mit dunkelrotem Chianti, hoch und warf ihn, heiter lächelnd, hinab in die blaue Flut.