Ernst Barlach Der blaue Boll   5 Personen: Gutsbesitzer Boll Seine Frau Grete Grüntal Ihr Mann Otto Prunkhorst Schuster Holtfreter Uhrmacher Virgin Bürgermeister Elias Seine Frau Doris Ein Herr Frau Unk Gäste Kutscher Saugwurm Bürger Drei Tote Wehdig Pipelow 7 Erstes Bild 9 Marktplatz mit Läden, hinten der Grundstock des Kirchturms mit großem Bogenportal. Boll und Frau kommen quer über den Markt. Boll (bleibt stehen) : Immer noch leichter Nebel – eigentlich gar nicht unsympathisch, Martha – was? Frau Boll : Bis auf das Frösteln – und so – als wir Krönkhagen abfuhren, wurde es mir doch beinah ein ganz klein wenig zu frisch. Boll : Hast Recht, Martha – immerhin, sieh diese verwischte Perspektive, mags woll leiden – – es kann mehr dahinter stecken als man denkt, kann anders kommen als ausgemacht ist – und schließlich, was hat man auf die Dauer von dem flotten Lebenslauf mit garantiert ausgeschlossenen Beinbrüchen – wie sagst du, Martha? Frau Boll : Ich weiß es nicht und niemand kann wissen, wozu es gut sein mag, daß etwas anders kommt als man denkt, aber darum lege ichs noch lange nicht auf an und laß den Respekt vor mir selbst außer Acht – dazu versteh ich den lieben Gott viel zu gut, als wollt er wohl was anderes mit mir im Sinn haben, wie ich einsehn kann – nein – o nein! Boll : Na, da ist der Laden – Bierhals \& Co.! Soll ichs riskieren, bei dem Fräulein wieder abzulaufen? Sie hat den Geschmack, du hast die Entscheidung und ich – wozu ich? Frau Boll : Du weißt doch, Kurt, irgendwas Passendes für Tante Emma zum Geburtstag müssen wir kramen. 10 Boll : Ganz recht, Martha, der Fall ist so ein Fall und kann Kopf und Kragen kosten – und also, bei meiner Neigung zu Blutandrang und Schwindel – siehst du, Martha, das siehst du ein, seh ich schon – nicht? Ich darf dir doch noch die Tür öffnen? (Öffnet die Tür.) Frau Boll : Weißt du nicht, Kurt . . . ja, und dann haben wir uns mit Prunkhorstens zum Essen bestellt und Otto und Bertha sind bei so was immer so reizend pünktlich und das verpflichtet uns doch zu Gleichem – tu doch nicht so, Kurt! (Sie verschwindet.) Boll (zögert, für sich) : Die Luft hats in sich, die Luft holts her und die Luft gibts heraus. (Folgt ihr.) Holtfreter und Grüntal begegnen sich. Grüntal : Jemine, Onkel Holtfreter! Holtfreter : Kuck an, Grüntal, denk mal, Grüntal! Grüntal : Und nu – was nu? Holtfreter : Ja, was ist dabei zu machen, Grüntal, laß bloß alles gut sein. Ist die Grete dir weggelaufen, kommt die Grete auch woll retur, laß man gut sein! Ja, sie ist bei mir gewesen, ist gekommen und hat geweint und geweint und geweint . . . . . Grüntal : Denn is alles in Ordnung – kannst gleich mitkommen, Onkel Holtfreter und daß ich sie bei dir abhol' – müssen nach Parum zurück, denk bloß, was die Kinder durcheinander bölken! Holtfreter : Sieh allein zu, ob du Grete findest. Als ich wegging, saß sie nicht mehr zu weinen. Onkel, sagt sie, 11 geh man aus, Onkel, ich will auch ausgehen, sagt sie – was ist denn diesmal wieder nicht grade in ihr, hat sie wieder ihre Gedanken? Gedanken, Grüntal, sind Dinge, die du nicht kennst – kennst du nicht. Ist sie diesmal auch wieder übers Fleisch zu Gange? Grüntal : Kannst dich auf verlassen – nichts als Fleisch is ihr im Wege. Weg mit Fleisch, sagt sie oft zu den Kindern – Speck und Schinken und Würste, sagt sie, wollen euch zu Speck und Wurst machen. Seid ihr Wänste, oder was seid ihr? Und denn so hält sie sich die Ohren zu und fragt: hörst du nicht, was sie sagen und meint die Kinder, und wenn ich frage, sagt sie, sei still, laß sie jammern, laß sie schreien – sollen ihren Willen haben. So gehts bei uns her, siehst du. Holtfreter : Ja, das seh ich. Grüntal : Was, sagt sie – Fettwerden ist Guttun von aller Art Mastvieh, so gehörts zum Ehrenwandel der Schweine, aber sind Kinder Schweine? Weg mit Fleisch, sagt sie, der Paster hat ganz Recht, der sagt das auch, da kam sie grade aus der Kirche. – – Und nu wollt' sie ausgehen, warum hast sie nicht eingeschlossen, Onkel Holtfreter? Holtfreter (unruhig) ; Da kommt der Bürgermeister, grad auf uns los; geh weg, Grüntal, ich muß mit Herr Bürgermeister reden – Herr Bürgermeister! Grüntal wartet. Bürgermeister kommt eilig um die Ecke, grüßt zurück und will weiter. 12 Holtfreter (vertritt ihm gelassen den Weg) : Herr Bürgermeister, das ist doch nicht in Ordnung! Bürgermeister : Seien Sie nur zufrieden, Herr . . . Herr . . . sind Sie nicht Herr Schuhmachermeister Holtfreter? Ich muß zur Sitzung, Herr Holtfreter. Holtfreter : . . . gar nicht in Ordnung, Herr Bürgermeister! Bürgermeister : Kommen Sie mit, Herr Holtfreter, wir haben einen Weg, Sie wollen offenbar auf die Polizei, ich geh ins Rathaus. Haben Sie nicht auch gesehen – war da nicht eben Herr Gutsbesitzer Boll mit seiner Frau und gingen zusammen in den Laden? Ich habe ein paar Worte nötig mit ihm zu reden. Holtfreter : Boll kauft ein, hat das Geld und nimmt sich Zeit dazu. Sie nennen ihn hier den blauen Boll. Bürgermeister : Ich weiß – aber . . . . Holtfreter : Aber wenn er sein Leben so liebt, wie er es liebt, na, denn muß er es pflegen, solang er es hat. Wohltun trägt Zinsen und wenn er sich weiter so wohl tut wie bisher, so verzinst es sich mit 'm Baller, Herr Bürgermeister, nämlich mit 'm Schlag. Bürgermeister : Ich kann doch nicht so lange warten, bis er fertig ist – adjö, Herr Holtfreter. Holtfreter (streng) : Wenn Herr Bürgermeister keine Zeit haben, auf Herr Gutsbesitzer Boll zu warten, kann ein Bürger dieser Stadt natürlich Herr Bürgermeister seine Zeit weder in ihr rechtes noch in ihr linkes Ohr liegen. Bürgermeister : Ach, Sie wollten mir etwas 13 vortragen, Herr Holtfreter, sagen Sie's nur – was ist es denn? Grüntal (will sprechen) . Holtfreter : Sei still, Grüntal, was kann das auch Herr Bürgermeister kränken, daß dir deine Frau wegläuft. (Zum Bürgermeister) Er ist mein Schwager nämlich und Schweinehirt von Parum, weiter nichts. – Herr Bürgermeister, vor drei, vier Tagen kommt ein Herr zu mir in meine Werkstatt – ich wohne Grünwinkel. Bürgermeister (gefaßt) : Schön – weiter. Holtfreter : . . . . kommt die Treppe rauf, wo ich überm Schweinsstall arbeite – rauf, wie soll ich sagen: gehüpft oder gefedert oder getanzt – einerlei. Bestellt für seinen rechten Fuß, Klumpfuß, Herr Bürgermeister, echter Klumpfuß, wonicht Pferdefuß – bestellt Schuhwerk – bestellt, läßt den Fuß mitsamt Bein zur Stelle, setzt den Hut auf und hüpft oder federt oder tanzt die Treppe, wo ich überm Schweinsstall im Grünwinkel meine Werkstatt hab – herunter, weg ist er. Bürgermeister : So ordne ich hiermit an, daß Sie das Bein unverzüglich im Bureau des Oberwachtmeisters deponieren. Holtfreter : Das Bein? Nee, Herr Bürgermeister, das ist es ja grade, darum laufe ich hier durch die Straßen und finde keine Ordnung dabei, denn das Bein ist aus meiner Werkstatt entsprungen wie ein richtiges Tanzbein, springfedrig, unverschämt lustig, mit einem richtigen Satanshinterviertel daran – also, daß das Bein galoppiert und daß Herr Bürgermeister – – nee, Herr 14 Bürgermeister – es muß eine Treibjagd vorkommen, sonst ist keine Ordnung darin. Boll tritt aus dem Laden und grüßt. Boll : Paßt es, Herr Bürgermeister, oder – ich sehe, Sie haben Geschäfte! Bürgermeister : Im Augenblick – gleich, Herr Boll. (Zu Holtfreter) Ich laß den vorgetragenen Fall untersuchen, Herr Holtfreter, bestimmt, Sie können ruhig sein. Grüntal : Komm man, Onkel Holtfreter, Herr Bürgermeister hat nu genug von unsern Familiengeschäften. (Beide ab.) Bürgermeister : Also, Herr Boll, was macht die Frau Gemahlin – und selbst? Boll : O, soweit . . . sehen Sie, danke, Herr Bürgermeister, aber . . . . Bürgermeister : Aber? Boll : Was für eine unerhörte Wirtschaft ist das, Herr Bürgermeister, ich erkläre Ihnen feierlich und aufrichtig, es frißt mich hohl und schabt mich inwendig wund, daß das so und nicht anders ist. Unerhört, Herr Bürgermeister! Bürgermeister : Es tut mir wirklich leid, Herr Boll, daß es so ist, so und nicht anders; und besonders, daß ich oder ein anderes Glied der städtischen Verwaltung dessen verantwortlich scheinen. Boll : Gewiß, Herr Bürgermeister, einer muß die Schuld bekommen – also Sie! Welch eine haarsträubende Sinnlosigkeit! 15 Bürgermeister : Ich bin Ihnen von Herzen erkenntlich für Ihre Offenheit – aber die Sache selbst, wenn ich bitten darf? Boll (mit blau anschwellendem Gesicht) : Eine verdammte und unentschuldbare, sinnlos verfahrene Sache ist die Sache selbst. Ist »sinnlos verfahren« entschuldbar, wie? Kann man eine sinnlose Sache, eine verpfuschte, verteidigen? Das wäre eine nette Fürsprache! Bürgermeister : Ich hoffe, daß sich für eine so unbestreitbar bedenkliche Sache kein Verteidiger, wenigstens in unserer Stadt nicht, finden wird. Boll : Schlimm, schlimm! Bürgermeister : Zweifellos, aber welches wäre am Gesamten dieser bedauerlichen Sache der Teil, mit dessen Vorhandensein eine Schuld meinerseits verbunden wäre? Boll : Teil? Ja, sehen Sie, ich geh heut aufs Ganze – Teil hin, Teil her, lassen wir die Teile! Wie? – Geht es mit rechten Dingen zu, Herr Bürgermeister? Besser gelebt als gestorben, das ist die Sache! Wie abscheulich unangebracht ist die Kreatur in diesem Dasein – wie ist sie ins Kälberleben hineingebracht – gefragt etwa, mit ihrem Einverständnis? Kälberleben – wieso? Gehts uns nicht gut – o, sehr gut, besser, noch besser und noch immer besser – und plötzlich, was seh ich – es will nicht noch und immer noch besser werden, sondern schlimm und schlimmer und noch schlimmer! Was für eine schäbige Ungehörigkeit und – sehen Sie, Herr Pastor, 16 welche Falle schnappt mit geölten Gelenken und scharfen Kiefern nach unserm Fleisch und Bein! Schwapp, und wir müssen stillhalten. Erst gut gelebt, zu gut, und dann . . . . na, so stehts! Bürgermeister : Ich verstehe völlig, Herr Boll, Sie tun einen Blick und schweifen ins Weite mit Ihren ahnenden Organen. Boll : Was kann der Gutsbesitzer Boll dafür, daß Boll ein Gutsbesitzer ist? Er ist ungefragt, un–ge–fragt, ob er Gutsbesitzer Boll werden wollte. Eine Dreistigkeit gradezu, den Gutsbesitzer Boll zum Gutsbesitzer Boll zu machen – denn, was hat er davon, Herr Pastor? Sich selbst als Herrn, weiter nichts, und wie kann der Diener seiner selbst mit solchem Herrn zufrieden sein? Bürgermeister : Ja, ja. Boll (lacht) : Mag er zusehen, Herr Sanitätsrat! Nicht wahr, sagten Sie nicht: Boll trinkt, Boll spielt, Boll sitzt unermüdlich und thront gewaltig auf der Majestät seiner vier Buchstaben, Boll wird gut Freund ausgerechnet mit seinem Feind, dem verkehrten Leben? Bürgermeister : Wie Boll ja wohl auch seine Stärke lahm geritten hat und muß nun auf seiner Schwäche voran kommen . . . . Boll : Ganz recht, Boll hat seine Hirsche abgeschossen und knallt mit der Flinte in den leeren Wald . . . . überhaupt: Boll hat Boll beim Kragen, vor ihm nichts als Magerkeit seiner guten Aussichten, vor ihm Alles, ausgenommen das Gute, das Willkommene, das Freundliche 17 – nichts als Teufelskram – mag er zusehen, wie er damit fertig wird! (Präsentiert Zigarren) Marke Sargnagel! Bürgermeister (lehnt ab) : Auch Sie, Herr Boll, sollten sich des starken Rauchens enthalten! Boll : Wieso sollte? Heißt es nicht: Boll muß? Bürgermeister : Herr Boll, ich bin, obgleich Sie die Kosten der Unterhaltung bestritten haben, ganz außer Atem. Mein Interesse an Ihnen . . . Boll : Boll bringt Boll um – können Sie das hindern? Bürgermeister : Aber vielleicht könnte er selbst es hindern? Herr Gutsbesitzer Boll, ein Antrieb freimütiger Herzlichkeit hilft mir, Ihnen zu sagen, daß allerdings anscheinend Boll Boll umbringt; aber warum, verehrter Herr, ist der eine dieser Beiden ein schädlicher Boll – könnte er nicht ein solcher sein, der für Boll alle erfreulichen Möglichkeiten der kommenden Jahre wie ein guter, ehrlicher Advokat erlistet, der ihn mit gewiegter Sorglichkeit schirmt – könnte Boll nicht gradezu der beste Helfer Bolls sein? Boll : Da kommt meine Frau, Herr Bürgermeister, überlassen wir Boll sich selbst, mag er zusehen, wie ich, glaube ich, schon mal sagte. Bürgermeister : Die Stadtverordneten warten, Punkt elf Uhr ist Sitzung, Herr Boll, ich empfehle mich (ab) . Frau Boll aus dem Laden. Frau Boll : Kaum, daß wir eine halbe Stunde . . . Kurt, hörst du auch? 18 Boll (sieht nach der Uhr, nickt) . Frau Boll : Und schon zu Anfang die Hetze ohne Ende. Mir ist doch, als könnte es nicht länger her sein – oder was denkst du? Boll : Ich gehe was zu Grotappel, ein Stündchen oder zwei, gehst du mit? Frau Boll : Ich weiß nicht, wie du mir vorkommst, Kurt! Boll : Ach was, ich muß mir Mut antrinken. Die Schose mit Vetter Prunkhorst wird weitläufig – also Mut antrinken! Weißt du, es ist noch ein Glück, daß ich dazu wenigstens Kurage habe. Wer so viele festliche Jahre hinter sich hat, sollte Feierabend machen dürfen und sich an völliger Festivitätslosigkeit berauschen. Frau Boll (bestürzt) : Ja, wie soll ich denn in Gemütsruhe meine Besorgungen machen, wenn ich immer denken muß . . . was meintest du eigentlich, als du gestern Abend wie aus der Pistole geschossen sagtest: Jeder ist sich selbst der Nächste, besonders auf einem Gut, wo man stundenweit keine Nachbarn hat – oder so? Ich, sagtest du dann, ich möchte so Einer nicht sein. Sag selbst, ob man dabei nicht stutzig werden kann! Erst sprichst du offenbar von dir, dann sagst du, ich möchte in seiner Haut nicht stecken – was hat das bloß zu bedeuten? Boll : Gar nicht, gar nicht möchte ich, ganz und gar nicht! Frau Boll : Mir wird ganz schwindelig, denn, was ist 19 das nun wieder für eine Antwort! Ich möchte aufrichtig wissen, wie du zu den immer neuen Methoden kommst, um mich zu quälen. Boll : Es kann sich gar nicht besser treffen, als es sich trifft. Frau Boll : Trifft? Was trifft? Boll : Sieh mal, Martha, wie der Turm hochsteigt und steigt, und steigt wieder nicht. Aber er hat im Nebel eine so verschwommene Perspektive, daß man denkt, er macht mit seiner Spitze einen kleinen Spaß, drückt sich oberwärts aus der Sicht – mir ist wohl wie ihm, denn ich glaube bestimmt, ihm ist wohl. Frau Boll : Kurt, ich erschrecke mich so leicht – sagtest du nichts von dem dummen Schwindel, hast du nicht doch wieder etwas Blutandrang? Boll : Wozu auch – was sollte ich mich ausgerechnet mit sowas abgeben! Frau Boll : Ach Gott, was ist das nun wieder für eine Antwort, man kann auf seltsame Gedanken kommen. Uhrmacher Virgin geht vorbei, schließt die Kirchentür auf, tritt ein und läßt die Tür angelehnt. Beide sehen flüchtig hin. Boll : Der seltsamste Gedanke ist wohl der, daß man in manchen Fällen gar nicht bestimmt weiß, ob der Gedanke seltsam oder gewöhnlich ist. Zum Beispiel! Frau Boll : Hör auf, Kurt, ich hab noch so viel zu besorgen. Also, Kurt, . . . wo hab ich bloß meinen Zettel, kannst du mir nicht suchen helfen – ach richtig, da ist 20 er schon, na, Gott sei Dank! Also, Kurt, spätestens zu vier in der goldenen Kugel zum Essen. (Sie gibt dem Wort Essen eine kreischende Betonung.) Prunkhorstens sind sicher schon um drei da, denk daran, nun muß ich aber wirklich . . . . . (ab) . Boll : Denk daran? Schön, aber auf seltsame Art (sieht in die Luft) . Die Luft hats in sich, die Luft holts her, die Luft gibts heraus – (lacht) mir ist lange nicht so wohl gewesen. Schwindel? Mir war doch, als sagte Jemand was von Schwindel – hat jemand was von Schwindel gesagt? Grete Grüntal , sonntäglich geputzt, ein buntes Tuch überm Kopf, kommt und sieht im Vorbeigehen Boll dreist ins Gesicht. Boll greift in die Brusttasche, holt die Zigarrentasche hervor, nimmt eine lange, dicke Zigarre und steckt an, während er Grete mit den Augen folgt. Boll (sieht sich um) : Da hinaus gehts zum Sanitätsrat . . . . also kehrt marsch! (kehrt um und schickt sich an, Grete zu folgen, als sie schon zurückgeeilt kommt und schnell vorbeigeht. Ihr folgt Grüntal und legt eine Hand auf ihre Schulter.) Grüntal : Dauert schon 'n büschen lang, Grete, daß du aus bist und spazieren, Grete. Grete (will weiter, da legt er auch die zweite Hand auf sie und wendet sie herum) Grüntal : Nach Parum, Grete, hast woll vergessen, daß wir nach Parum gehen, und nach Parum gehts da, Grete – gradaus. 21 Boll (schiebt ihn beiseite, er kehrt sich um, sie sehen sich an, Grete schlüpft in den Laden) . Grüntal : Herr – oder was Sie eigentlich sind! Boll (schwenkt die Zigarre) : Hände weg, wissen Sie, Hände von der Frau – weiter ist nichts los. Grüntal : Wo das doch meine eigene Frau ist! Boll : Grade, grade – grade die Hände weg, grade weils Ihre eigene Frau ist! Grüntal (sieht um sich, läßt von Boll ab und läuft um die nächste Ecke) . Grete (kommt heraus, sieht ihn fragend an) . Boll (zeigt mit der Zigarre) : Ja – werden gesucht. Grete : Kann ich mich einerwo verstecken? Boll (weist auf die Kirchentür) : Der Turm steht offen – brauchen bloß gegen die Tür zu drücken. Grete (schlüpft ins Portal) . Grüntal (zurück) : Wo is sie, wo kann sie einmal abgeblieben sein? Boll (zeigt in die andere Richtung, Grüntal läuft davon) . Boll (wirft die Zigarre weg) : Man kann nicht für alles aufkommen. Wenn sie absolut aufbrennen will, muß sie sich einen andern Raucher suchen. Also zum Sanitätsrat prinzipiell nicht, zu Grotappel wohlweislich nicht – aber zum Turm und abermals zum Turm! (Ab in den Turm.) 23 Zweites Bild 25 Enger Raum in halber Höhe des Turms. Man sieht nach hinten ins Dunkel des Kirchendachs, links mündet die schmale Wendeltreppe von unten, rechts in der Mauer gehts weiter nach oben. Ein spitzbogiges Fenster. Langsames Ticken des Uhrwerks wandelt durch Raum und Mauern. Grete sitzt auf der Schwelle zum Dachraum, Boll steigt schweratmend von unten herauf. Grete : Sind Sie wer? Boll : Niemand – nie Jemand gewesen – Keiner! Grete : Ob Sie wer sind und haben hier zu sagen? Boll (zeigt zum Fenster) : Er steht da unten und sieht sich alle Ecken an, bloß hier rauf guckt er nicht, kommt gar nicht auf so'n Gedanken, Ihr Mann – haben Sie Kinder? Grete (kriecht noch mehr in sich zusammen) . Pause. Grete (murrend) : Alles erstickt im Fleisch, Sie auch – in Fleisch. Boll : Lassen wir das Fleisch, weg mit Fleisch – sehn Sie mal, Frau, abseits von meinem Fleisch bin ich noch sonst was, so was wie aufgetürmt, turmhaftig, was ganz gehörig Anderes. Grete : Haben Sie hier zu sagen, gehören Sie hierher? Boll : Ich bleibe, wo mirs gut geht, hier ist mir wohl und hier bleibe ich. Grete : Soll ich wieder runter? Boll : So lange Ihnen wohl ist, bleiben Sie auch hier. 26 Grete : Wo soll ich auch hingehen! Boll : Wenn Sie Kinder haben, warum gehen Sie nicht zu Ihren Kindern – Fleisch zu Fleisch, Turm zu Turm – ich bleibe. Grete (steht auf) . Boll : Ihr Mann steht noch unten und wird Sie schlagen. Grete : Das hat er nie getan, wird auch nie, bin nicht bange vor ihm – aber er wird mich zu den Kindern bringen. Boll : Und wenn das schadet – wem schadet das? Grete : Die armen Seelen . . . Boll : Ja, ja, – sagen Sie's nur. Grete : Die armen Seelen wimmern und schreien zu mir, soll sie auslassen – und bitten, bitten tun sie immerfort, wollen raus und jammern, daß sie durch mich im Elend sind – Elend heißt es. Boll : Die armen Seelen wimmern? Grete : Sie rufen, sie schreien und grade, wenn alles schläft, hör' ichs in der Dunkelheit am hellsten. Boll : Und haben sie was, worüber sich schreien läßt? Grete (monoton) : Die armen Seelen schreien, das wachsende Fleisch verstopft ihre Stimmen, aber immer noch quälen die armen Seelen, daß ich sie vom Fleisch erlöse. Boll : Wie viele sinds zusammen? Grete : Drei Seelen hab ich ins verfluchte Fleisch gebracht. Boll : Ich bin auch so eine arme Seele. 27 Grete : Ich weiß wohl, aber zu was reden Sie das vom Turm? Boll : Mir wird wohler, wenn ich lüge – sehen Sie, mit Lügen straf ich mein Fleisch, mit Lügen säble ich mich in tausend Stücke und werf die Fetzen vor die Hunde – und nun, kaum fallen die Hunde über die tausend Fetzen, da zuckt ein Blitz, und ruckt was hin und ruckt was her und so ists wieder ganz. Die Luft hats in sich, die Luft holts her, die Luft gibts heraus – bin ichs wieder oder bin ichs nicht mehr oder bin ichs überhaupt gewesen? Mein Blut ist rot, aber blau steht es mir zu Gesicht. Wer sind Sie denn? Grete : Zu Haus auf dem Dorfe heißen sie mich die Hexe – weiß nicht warum. Ich denk mir was und solls denn mal gestorben sein, so ist es wohl nichts Schlimmeres als leben. Boll : Und ich habe immer gut gelebt und muß nach einer verdammt strammen Ordnung schlimm sterben. Ich wollt, ich bekäm bei Kleinem was Lust zu sterben. So aber, weil ich bin wie ich bin, muß ich mich fürchten – und wart ungern aufs Sterben. Grete : Wer nicht mehr im Fleisch ist, der ist im Glück – und ich muß meine Kinder vom Fleisch erlösen. Boll (sieht sie laut atmend an, kehrt sich zum Fenster und wirft einen Blick hinaus. Dann kommt er zögernd und unsicher näher, greift in die Brusttasche und holt die Zigarrentasche heraus, schiebt sie aber sogleich zurück – scheint dann die Arme ausstreckend auf Grete zu stürzen. Sie stemmt die 28 Hände gegen seine Brust und hält ihn zurück) : Würgen Sie mich nicht, es gibt sich schon – drückte mich was zu Boden, oder was gabs, da mußt ich mich an Sie halten. (Er geht zurück und lehnt sich an die Mauer.) Grete : Ob ich wen hol'? Boll (winkt ab und schließt die Augen) . Grete : Wär' schon gut zu Bett. Boll (reißt die Augen weit auf) : Ich stehe, wozu hab ich meine langen Beine. Will nicht liegen, aber halten Sie mich einen Augenblick fest (Grete stützt ihn) . Tut gut, daß Sie mich anrühren, das wußt ich ja, darum tastete ich mich heran, als mir schwarz vor den Augen wurde (wieder gefaßt) . Kann mal das liebe Fleisch nicht lassen. (Nachdenkend) Wie war denn das? Stieß ich mit der Nase beim Kreuzweg an die Ecke, stieß an und verlor einen Augenblick die Richtung, was konfus geworden? Na, es ging noch gut und so bin ich wieder auf der wohlbekannten Straße. Uhrmacher Virgin kommt auf der Treppe von oben herab. Virgin : Mein Gott – seh ich recht – Herr Boll? Grete (läßt Boll los, bleibt aber nahebei stehen) . Boll : Nicht, daß ich wüßte. (Zu Grete.) Was für ein aufgeregter Herr das ist. Virgin : Mein Name ist Virgin – Uhrmacher Virgin. Boll : Ein auffallend schöner Name. Virgin : So schön, wenn nicht schöner als Ihrer, Herr Boll. Boll : Boll? Da müssen Sie anderwo fragen, ob so einer hier bekannt ist. 29 Virgin : Also nicht – Sie müssens ja wissen. Bitte übrigens um Entschuldigung, daß ich Sie mit dem Herrn verwechsele, es ist nicht grade schmeichelhaft. Boll : Und was ist das für ein Herr, dieser Herr Boll, wenn ich fragen darf? Virgin : Ich glaube, er hält sich selbst für eine Art von Unübertrefflichkeit in jedem Sinne, der Herr Boll. Boll : Also offenbar ein beneidenswerter Mann. Virgin : Dies vermaledeite Fuhrwerk von Turmuhr hatte wieder mal einen Ramm – also ich da oben und mit meiner Zeit umgegangen, wie Boll – Herr Boll mit seiner . . . Boll : Dieser Herr Boll? Virgin : Ja, derselbe, denn wie kann ein Mann wie der ehrenvoller dastehen als indem er seine Zeit veraast? Sprech ich nicht zu leise? Ich bin etwas engbrüstig und so die Treppen rauf und rab – wissen Sie – verstehen Sie was ich meine? Boll : Keine Sorge. Virgin : Ja, was ich noch erzählen wollte . . . Boll : Doch wieder von Boll hoffentlich! Virgin : Natürlich, aber das haben Sie vielleicht schon sonstwo gehört, das mit Boll und dem Grafen Ravenklau? Boll : Ravenklau – Ravenklau? Virgin : Graf von und zu Ravenklau, wissen Sie, der Patron unserer neuen apostolischen Gemeinde – ich gehöre auch dazu, darum . . . 30 Boll : Ich verstehe. Virgin : Also der Graf hatte mehrmals öffentlich gesprochen, leider nicht, ohne dadurch zu allerhand Übelwollen Antrieb zu geben. Boll : Mir schwant sowas: man hat mehr über ihn geredet als die ganze gräfliche Rederei wert war. Virgin (stutzt) : Hm – ja, wie Sie wollen. Boll vor allem, Boll hatte, wie er sich rühmte, das apostolische Nest eingeschwefelt und – erlauben Sie – diesem hochgeborenen, guten alten Herrn herzlich wehgetan. Nun, was geschieht? Boll : Bin wirklich sehr gespannt. Virgin (gestikulierend) : Hören Sie bloß: beim vorjährigen Reitturnier in unserer Stadt, nach dem ersten Rennen, kommt Herr Boll von drüben quer über den Rasen auf die Tribüne losspaziert, was sich ja bloß Boll herausnehmen kann. Sehen Sie – so! Fährt daher, gemästet von Selbstachtung, frisch aus der eigenen Weihräucherei und allein für sich ein Triumphzug. Die Sonne prallt von seinem Gesicht ab und seine Beine – jeder Tritt eine Welterschütterung, pompös! Da will es nun das Schicksal, daß Graf Ravenklau genötigt ist, denselben Weg ihm entgegen zu machen. Boll : Hatte vermutlich drüben zu tun? Virgin : Natürlich – sie gehen aufeinander zu und die Tribüne hält den Atem an. Der Graf, schwachsichtig wie er ist, findet sich ganz wenige Schritte vor Boll, als 31 er ihn wahrnimmt, und dreht um, kehrt den Rücken, strebt wieder zu Platz – ja, so wars. Boll : Ich finde es einstweilen nicht aufregend, Herr Virgin. Virgin : Aber Boll, verehrter Herr, was blieb Boll zu tun übrig – durfte er, um seinen Weg zu vollenden, dem Grafen folgen, und so, öffentlich geschnitten, drei Schritte hinterdrein, folgsam und artig – folgsam, Herr – gleichsam in kuschender Haltung und Gangart so den Grafen geleiten? Er tat es – aber . . . Boll : Nun? Virgin : Aber wie, Herr, wie! Die Sonne, die bisher auf seinem Gesicht brannte, fröstelte, die Pracht seiner Mienen zersetzte sich, Bolls Gesicht, die aufgequollene Blüte des Festes, lief an und tauchte in Schatten, Tinte und Scham. Er nahm es hin, Herr, was sagen Sie dazu? Boll : Sagen? Ich hätte gewünscht, es selbst von der Tribüne mit ansehen zu können. Virgin : Sie hätten ein blaues Wunder erlebt. Boll : Ich wundere mich nicht so sehr wie Sie, daß Boll es hinnahm – vielleicht ist er doch nicht so gemästet von Selbstachtung wie Sie meinen – aber er nahm es hin! Der alte Herr hatte der apostolischen Gemeinde gewiß recht probate Winke gegeben? Virgin : Winke, verehrter Herr? Er hatte davon gesprochen, daß der Mensch wird, nicht ist, das hatte er erörtert, das nennen Sie Winke? Unser Sein, hatte er gesagt, ist nichts als eine Quelle, aber unser Leben ein 32 Strom des Werdens, und kein Ziel als immer neues Werden. Das hatte er gesagt – ewiges Werden! Heute ist nur ein schäbiges Morgen, morgen ist abgetan von übermorgen. Von so was ist Ihnen doch wohl – ja, doch wohl niemals das Geringste zu Ohren gekommen? Boll : Mir? Ich denke wir sprechen von Boll? Virgin : Gesetz, Zwang, Unentrinnbarkeit – ja, ich muß nun wirklich gehen, Herr Boll. Boll : Grüßen Sie Herrn Boll von mir, wenn Sie ihn sehen und er soll mich mal besuchen, dann werde ich ihm die Sache von morgen und übermorgen plausibel machen – fallen Sie nicht beim Absteigen. Virgin (zögert) : Wie lange, wenn ich fragen darf, beabsichtigen Sie, den Turm zu besichtigen – ich frage nur. Boll : Sie können mir den Schlüssel da lassen, er wird Ihnen demnächst wieder zugestellt. Virgin (gibt den Schlüssel) : Recht so, Herr Boll. (Zu Grete) : Was machen Sie denn hier? Grete (sieht verlegen in eine Ecke) . Boll : Es erübrigt sich, Herr Virgin. Virgin : Ja, Herr Boll, wenn Sie für die Frau aufkommen . . . Boll : Schon gut, ich komme auf, ich übernehme alle Verantwortung. Virgin : So bin ich zufrieden (klettert abwärts) . Boll : Er hat seinen Katechismus brav gelernt – wie hieß es noch: ewiges Werden? Sehr hübsch, das erinnert mich daran, mit wie einfachen Instrumenten als zum 33 Beispiel mit einer Mundharmonika man ganz leidliche Musik macht – ja, da stehen wir nun, nicht mal setzen kann man sich – wollen ein bißchen ausschauen (sieht aus dem Fenster) . Gott, also dies Sternberg, ein Gerümpel, eine Handvoll! Da gehts rechtsherum zu Grotappel, grade hier unten, daß man drauf spucken kann, das Dach der goldenen Kugel – aha – und hier: Monsieur Virgin, da sieh, Kind, da schiebt sich was Schwärzliches übern Markt, von der engen Brust ist nichts zu sehen, aber den gebogenen Rücken erkennt man . . . Grete (legt plötzlich die Arme um seinen Hals) . Boll : He, he, was ist das, was hast du? Grete : Sind Sie nicht doch Herr Boll? Boll : Hast du daran gezweifelt? Grete : Ich will Herrn Boll um was bitten. Boll : Bitten? Herrlich, Kind, bitte! Grete : Herr Boll kann es schaffen, er kann es, er muß es. Boll : Schaffen – ja, was ich kann, schaffe ich. Was solls denn sein? Grete (hält ihn noch immer fest, leise) : Das, was man braucht . . . Die Leute sagen dazu Gift. Boll : Gift – doch nicht für die Kinder? Grete (nickt und antwortet in ersticktem Ton etwas Unverständliches) . Boll (sucht sich loszumachen) : Damit – damit deine Kinder sterben können, soll ich . . . Grete : Sie müssen! (Drängt sich fest an ihn.) 34 Boll : Hast du dir das klargemacht? Grete : Sie müssen! Boll : Oho – Boll muß? Grete : Ja, Sie müssen es tun, daß es ohne Jammern abgeht, ohne Quälerei – und – (sie drängt näher) es muß vorbei sein, ehe ich zur Tür hinaus bin. Boll : Ich versteh schon, ein paar weiße Krümel oder was zum Löffeln. Grete : Nur schnell, daß es geht. Boll (sucht sich zu lösen) : Ich will überlegen, Kind, sei zufrieden, daß ich verspreche, daran zu denken. Grete (hält fest) : Versprechen sollen Sie und tun, an denken ist nicht nötig. Boll : Wie kann ich versprechen, wenn ich nicht mal weiß, an wen man sich da wendet – und wie soll ich das sagen, mit was für Verdrehung verlang ich das bloß? Grete : Herr Boll hat versprochen und zugesagt, daß er es schaffen will. Boll : Nun sage mir eins: was wirst du tun, wenn du dann zur Tür hinaus bist und es ist vollbracht? Grete (läßt ihn los, sieht ihn erstaunt und ungläubig an) : Ich – ich – ich? (stammelnd) Wenn Alles vollbracht ist? Boll : Na ja, du mußt doch gewärtig sein, daß du angeklagt wirst. Grete : Wenn Alles vollbracht ist! (Schlingt die Arme um seinen Hals, schluchzend) : Ich will nichts mehr tun als danken, danken. Boll : Na, soweit sind wir doch noch nicht. 35 Grete : Doch, nun ist es so gut wie geschehen: Alles vollbracht! Bis zum Abend können Sie es schaffen. Boll : Hör mal, Kind – wie heißt du eigentlich mit Vornamen? Grete : Ich bin Grete. Boll : Also, liebe Hexe Grete, wie soll es aber danach mit mir auskommen, hast du daran gedacht – schließlich bin ich auch dabei gewesen. Grete (läßt ihn los, geht langsam zur Treppe) : Du? Du hast dich von dem Grafen beschimpfen lassen, geh und spazier weiter mit deiner Unehre. Du taugst nicht – Boll muß, sagst du, aber du sagst es bloß. Boll (hält sie zurück) : Und wenn ich doch bring was du brauchst? Grete : Daß es vollbracht werden kann? Boll : Leicht und schnell und sicher vollbracht werden, alles vollbracht! Grete (sieht ihn halblächelnd an, legt ihre Hände leicht auf seine) : Bring es heute Abend! Boll : Hast du mich dafür lieb, wenn ichs tue? Grete : Ja, wenn du es getan hast, bis heute Abend getan – ja, dafür – ja dann! Boll : Heute Abend . . . Grete (zitternd) : Wo? Boll : Nach Dunkelwerden in der Domstraße. Grete : Nach Dunkelwerden, ohne Fehl nach Dunkelwerden in der Domstraße. 36 Boll : Da finden wir uns. Grete : Dann hast du es. Boll : Hoffentlich hab ichs bis dahin. Grete : Bis dahin hat er es! 37 Drittes Bild 39 Straße. Holtfreter mit mehreren Bürgern. Holtfreter : . . . also glauben Sie's oder glauben Sie's nicht: die Treppe, hopp, hopp, rabgehüpft, getanzt, gefedert, und ein richtiges Satanshinterviertel daran – glauben Sie's oder glauben Sie's nicht! Ein Bürger : Haben Sie das selbst gesehen – ich meine bei klarem Verstande? Holtfreter : Lauf ich die Straßen auf und ab, um mir Bewegung zu machen, oder leb ich von meiner Hantierung, he? Bin ich als ehrlicher Mann renommiert oder nicht? Bin ich nicht in strengen Berufsgeschäften den gereckten Vormittag auf den Beinen? Grüntal biegt um die Ecke. Holtfreter : Ist die Möglichkeit, Grüntal – immer noch in Sternberg? Hast das Bein woll einerwo laufen sehen? Grüntal : Hast du Grete nirgends getroffen? Holtfreter : Ach, richtig – Grete! Nee, was soll die auch woll hier wollen, die ist längst zurück nach Parum. Grüntal : Na, und dein Bein, Onkel Holtfreter, dein Teufelsbein, is auch längst wieder in deiner Werkstatt und hat sich auf sein ein Hinterviertel hingehockt – meinst, es wird sich den ganzen Morgen von den Sternberger Hunden hetzen lassen? (Gehen abseits und stehen herum.) 40 Frau Boll , gefolgt vom Kutscher Saugwurm , der mit Paketen beladen ist. Frau Boll : Beim Sanitätsrat ist er auch nicht gewesen, Grotappel weiß von nichts – laufen Sie doch schnell mal bei Ohls vor, Saugwurm, nicht? Und sagen Sie, daß Prunkhorstens schon lange zur Stelle sind – wollen ja so bald wie möglich essen, nicht? Gehn da gleich linker Hand durch die Armsünderstraße, hören Sie, nicht? Saugwurm ab. Boll kommt von der anderen Seite. Boll : Da bist du ja, Martha, wartest du auf jemand? Frau Boll : Na, Kurt, überall hab ich dich nachgefragt – und keinerwo bist du, wo soll man denn noch suchen, wenn du nirgends bist? Boll : Wenn ich nirgends bin, bin ich ja überhaupt nicht, Martha – hab mich verlaufen, das ist das Ganze. Der Bürgermeister kommt. Bürgermeister : Sehen Sie, Herr Boll, wie gut, daß wir uns noch einmal begegnen . . . guten Tag, gnädige Frau, haben Sie eine Sekunde Geduld? Wir Geschäftsleute, nämlich – und so weiter! Frau Boll : Wenn Sie ihn nicht ums Essen bringen wollen, Herr Bürgermeister, und mich und Andere dazu, recht gern soweit – nehmen Sie ihn geliehen, aber verstehen Sie, nicht, wir müssen doch essen! Bürgermeister : O, nur eine Beiläufigkeit, nur eine Erinnerung – also Herr Boll, das hätte ich heute morgen nicht vergessen sollen, das Abkommen wegen des Bullen 41 muß baldmöglichst bereinigt werden. (Inzwischen kommt Grüntal, Boll ins Auge fassend, langsam heran.) Wenn Sie also den Herrn von der Weidedeputation, oder doch Herrn Stadtrat Nußboom entweder eine schriftliche . . . oder besser wäre es natürlich, Sie setzten sich mündlich miteinander in Verbindung. Grüntal (zu Boll) : Wenn Sie nich derselbe Herr sind, Herr . . . Boll : Gewiß, Herr Bürgermeister, ich bitte Sie bloß . . . vielleicht erlauben Sie, daß ich Sie bis zur nächsten Ecke bringe. (Gehen zusammen, Grüntal folgt.) Ich hätte möglicherweise noch heute Gelegenheit, Herrn Stadtrat Nußboom in seinem Amtszimmer aufzusuchen. (Zu Grüntal) : Schon gut, Sie kommen später an die Reihe – haben im Augenblick Geschäfte. Also, Herr Bürgermeister! Bürgermeister : Ja, das wäre das Beste, ich freue mich ganz besonders . . . (zu Grüntal) : Guter Mann, seien Sie doch nicht so ungeduldig! Grüntal : O, von wegen . . . hab ganz andere Sachen im Kopf, Ungeduld kann warten. Bürgermeister : Auf jeden Fall, kann ich Ihnen versichern, kommen Sie mit der Tonart nicht zum Ziel. (Zu Boll) : Ich kehre noch einmal mit um, meinen Abschied von Ihrer Frau zu nehmen, Herr Boll. Grüntal (kehrt gleichfalls um, geht neben dem Bürgermeister) . Bürgermeister (bleibt stehen) : Nanu, das muß ich sagen – das finde ich unerhört! 42 Grüntal (steht gleichfalls still) : Ich laß mir was gesagt sein. Gut, ich soll warten – will mich nach Kräften damit beeilen, kann ich dreist und gottesfürchtig versprechen. Bürgermeister (zu Boll) : Verstehen Sie was davon, Herr Boll? (Zu Grüntal) : Was wollen Sie eigentlich von uns? Grüntal : Ja, wenn Sie denn nu fertig sind, kann ich woll anfangen. (Zu Boll) : Ich denk bei dem Herrn um Bescheid anzufragen. Man muß fragen, wo Antworten abfallen wollen. Boll : Bescheid – Antwort – wer sind Sie eigentlich? Grüntal : Ich hab mir gleich gedacht, mit dem Herrn muß man nur höflich sein, denn kann man'n um den Finger wickeln. Ich möcht aber bloß dem Herrn vorstellen, daß ich ihn beileibe nich aufhalten will und wenn der Herr also nich so viele Umstände belieben wollte . . . Boll (zum Bürgermeister) : Der Kerl treibt sich schon länger in den Straßen herum – ich mache die Kleinigkeit nachher allein aus – Martha, der Herr Bürgermeister möchte dir Adieu sagen. Frau Boll (kommt näher, Grüntal stellt sich vor sie) . Grüntal : Die Sache mit meiner Frau geht vor, der Herr wird schon wissen. Boll (schiebt ihn fort, Grüntal hält sich am Arm des Bürgermeisters fest) . Bürgermeister : Eine handgreifliche Belästigung – lassen Sie los! 43 Grüntal (läßt los) : Kommt nich auf an, hab den Herrn am Ende gar verunsäubert? (Klopft ihm auf die Schulter.) Sehn Sie, die Hand is nu mal schmutzig, und wenn ich jemand handgreiflich beschmutzige, dann wisch ich ihn auch handgreiflich wieder ab, wie es sich gehört. Der Herr da nimmt es mit so was nich so genau. Frau Boll : Himmel, Kurt, laß uns gehen! (Zum Bürgermeister:) Ich fürchte, er schlägt ihn auf der Stelle tot. Grüntal : Man ganz ruhig, Madam. Wenn Sie damit meinen, daß er mich totschlägt, so kann ich Ihnen das schnell ausreden. Er will ganz und gar nichts weiter tun, als mir sagen, wo er mit meiner Frau abgeblieben is, weiter nichts. Frau Boll : Und das sagen Sie bei hellem Mittag auf offener Straße? Grüntal : Das mit meiner Frau hat sich auch bei offener Straße so gemacht, aber das war noch am Morgen. Ich kann mich auch genau besinnen, daß es meine Frau war und keine andere. Boll : . . . immerhin ziemlich lange her! (Zu Frau Boll:) Er ließ sich da Ungehörigkeiten zuschulden kommen, weißt du – und ich verwies es ihm. Grüntal : Das war erst und soweit is alles richtig, aber dann, Herr, wo sind Sie mit meiner Frau abgeblieben? Boll : Das lassen Sie sich von sonst jemand erzählen. Frau Boll : Kurt! Boll : Die Sache ist deiner Aufmerksamkeit unwert – laß das, lohnt nicht. Aber hör mal, weißt du, was ich 44 dachte, als ich vorher um die Ecke bog, das lohnt zu erzählen! Wenn da auf dem Turm mit einem Male die Tanten stehn und tuten mit aller Wut auf uns los . . . Frau Boll : Gott, Kurt, wo kommst du auch alles auf! Welche Tanten? Boll : Na, ich meine Engel – schrecken doch mal am jüngsten Tage all die tauben Toten aus den Gräbern – was für eine Gewalt von Geheul und Geschrei dann auf dem Markt anginge, dachte ich. Gott im Himmel, da heißt es nicht: zum Essen, zum Essen – da heißt es: keine Verwesung vorgeschützt – ran mit jedermann! Wohl dem, der dann sagen kann: was fragst du mich, ich bin ein anderer! Seht zu, Kinder, seht zu, wie ihrs macht, aber werdet andere, daß sie euch nicht fragen können! (Zu Frau Boll) : Stell dir nur vor: nicht mal in der Kutsche werden wir vorfahren können, und deine Vorgehänge da an dir dienen nicht mehr, und vielleicht hast du nicht das bloße Hemd überzuziehen. Grüntal : Aber bei der gnädigen Madam wird keiner zweifeln, daß die gnädige Madam sich in Gottes Namen ohne Hemd sehen lassen kann. Boll : Lassen wirs gut sein – haben noch Zeit und am Ende gehts doch nicht ohne Hemd. Frau Boll : Ich frage mich bloß immer, wie du dem Manne das alles erlauben magst – wie kann er sich in deiner und meiner Gegenwart so was herausnehmen. Sag bloß eins, wie willst du das überhaupt wieder gutmachen? Boll : Wiedergutmachen, das lassen wir getrost sein, 45 wo kämen wir da hin – nein, Kinder, hört zu: was fragst du mich, ich bin ein anderer – – und du sprichst von Wiedergutmachen? Frau Boll (zum Bürgermeister) : Finden Sie das nicht förmlich seltsam? Bürgermeister : Herr Boll, Herr Boll! Boll : Herr Boll? Also doch Boll und kein anderer! Da haben wir die Bescherung, keinen Augenblick hat man Ruhe vor sich selbst. Du siehst, Martha, wie ichs auch anstelle – Boll bleibt Boll – je mehr ich Boll ableugne, um so bloßer steh ich da, nackt und bloß, selbst das Hemd fängt an mir verdächtig zu werden, nein, Martha, es kann doch nicht sein, kein Versteck weit und breit, nicht mal im Hemd. Boll, nichts als Boll! Grüntal : Sehn Sie woll, gnädige Madam, er steht da für ein, wenn er sich wo was rausgenommen hat. Da kommen wir alle nich um rum, da is Verlaß auf. Und so is auf Boll Verlaß, selbst mit Ihrer gnädigen Gegenwart is da so gut Verlaß auf wie ohne (lacht) . Boll : Ich nicht und auch meine Frau sind nicht um Ihren Beifall verlegen, merken Sie sich das! Respekt muß sein, also Rand halten! Grüntal : So im Handumdrehn – sehn Sie, so'n Respekt will sich auch mal in Ruhe am Hintern kratzen. Ihre Frau hat vielleicht ein sauberes Hemd auf dem Leibe, aber meine Frau Grete hat gewiß eins an . . . Frau Boll : Sagen Sie ein Wort, Herr Bürgermeister, er ist doch direkt mein Mann! 46 Bürgermeister : Zu gern, gnädige Frau, aber ich müßte fürchten, Herrn Boll vorzugreifen. Boll : Das wollen wir alles schon kriegen. (Zu Grüntal:) Aber Mensch, was denken Sie sich eigentlich! Respekt hin, Respekt her, vor Ihrer Unverfrorenheit kann man beinah selbst welchen kriegen, wie kommen Sie da bloß bei? Findest du nicht auch, Martha, daß einem so was wie Respekt anwächst? Frau Boll : Darauf kann meine Antwort wohl nur keine Antwort sein, Kurt. Wenn ich mich auch für dich mit schäme, so tu ichs im stillen und halte meinen Stolz an, daß er mir darin beisteht. Eben weil ich stolz genug bin, um es für dich mit zu sein, siehst du, bring ich es fertig und schäme mich schweigend, nicht? Boll : Aber, Martha, was für schnaufende Ursachen bewölken deinen Himmel. (Zum Bürgermeister:) Bin ich schon so ein anderer, daß ich meine Frau nicht wieder erkenne? Stolz und schweigend! Bürgermeister : Dennoch und wie es auch sei, sind die Ursachen Ihrer Frau zum Stolz und schweigendem Verhalten . . . Boll : Aber der Mann ist ja eine ganz ehrliche Haut, Herr Bürgermeister, oder kurz: er ist im Recht. Natürlich kann meine Frau nichts dafür, daß er im Recht ist – nein, Martha, laß das mit der Unterlippe, tu das nicht – du hast Stolz und Schweigen aufgeboten und besseres gibt es nicht, hast also wieder Recht gehabt, wie immer. Bürgermeister : Somit hat dieses unerquickliche 47 Intermezzo also seinen Abschluß gefunden – gnädige Frau, hiermit gebe ich Ihnen den Ihnen ergebenen und zugehörigen Mann zurück. (Zu Boll:) Im übrigen handelt sichs wohl um eine reine Privatsache, wie ich doch richtig erkenne? Boll : Ganz und gar, Herr Bürgermeister. Bürgermeister : Also – gnädige Frau! Boll (zu Grüntal) : Stehen Sie immer noch da? Wir sind doch quitt! Sie haben Recht, ich wills Ihnen schriftlich geben und mit Ihrem Recht in der Tasche können Sie abschwimmen. Grüntal : Wo Sie mich denn so reich beschenkt haben, will ich nich gern mit Undank abfahren, Herr, darum legen Sie in Gutem den kleinen Rest dazu. Boll : Wenn ich nachdenke, ist mir, als hieße Ihre Frau Grete – oder nicht? Grüntal : Da ist nichts bei zu ändern. Grete heißt sie und Grete hieß sie schon immer. Und Grete hat schon manchmal so'ne Touren gehabt – is aber immer noch wieder besser geworden. Der Dokter sagt: hat nix zu sagen, sagt er. Nachher is sie ganz hübsch mucksch, aber denn, denn kommt bei uns die gute Zeit, denn is Grete die lustigste Frau von der Welt. Boll : Wissen Sie, daß Sie nicht der Einzige sind? Ach Gott, was denken Sie – haben alle irgend so'n Zaum ins Maul gesteckt, da dürfen wir auf kauen und das haben wir umsonst – aber der Zaum, dabei bleibts. Grüntal : Ja, Herr Boll, mit Ihnen kann man sich 48 allerhand erzählen, und mit dem Zaum, das kann auch so raus kommen. Und wenn die ganze Straße rund herum sich auf den Kopf stellen will, so nehm ich mir den Zaum aus dem Mund und leg'n Ihnen ins Gebiß. Da können Sie nu auf kauen und das haben Sie umsonst dabei – aber das is die Verantwortung für Grete, wo Sie auf beißen, da kommen Sie nich von ab. Boll : Verantwortung? Das paßt mir im Moment ganz schlecht – muß das sein? Grüntal : Ja, Herr, das müssen Sie selbst wissen, wenn Sie beigehen und nachdenken. Alle die Herrschaften sind Zeugen, daß ich Ihnen das Geschirr zwischen die Zähne gelegt hab, und ich kann Ihnen dazu gratulieren, wie Sie mit aussehen. Bürgermeister : Geben Sie acht, Herr Boll, verzögern Sie um Gottes und Frau Bolls Willen Ihre Zustimmung, ich . . . ich weiß . . . Boll : Ich auch, Herr Bürgermeister, ich weiß alles, wir sind aber nicht einer Meinung. (Zu Frau Boll) : Was ich mir ausgedacht habe, Martha – geh voraus in die Kugel und laß anrichten. Und Otto, dem gib die Weinkarte in die Hand und laß ihn oben rechts Seite drei aufschlagen, da steht so'n halbes Dutzend stockfranzösische Namen, da kann er sich den unaussprechlichsten von ausklauben (sieht nach der Uhr) . Ja, man kann sich mit dem Mann alles Mögliche erzählen – ich hab nur noch eine kleine Besorgung (faßt nach seinem Bauch) . Muß vorsorgen für alle Fälle, die nach dem Essen ausbleiben oder nicht – 49 für'n paar Groschen weiße Krümel oder was zum Löffeln. (Zu Frau Boll) : Muß noch eben beim Apotheker vorspringen – Herr Bürgermeister! (Ab.) Bürgermeister und Frau Boll sehen sich an. Holtfreter (heran, zu Grüntal) : Hast dich ja schnell an die feinste Gesellschaft rangemacht, Grüntal, nu sollst mir auch ein Wort mit Herr Bürgermeister wahrnehmen lassen. (Zum Bürgermeister) : Sie können gewiß nicht dafür, daß Ihre Anstalten noch nichts geholfen haben, aber von wo aus gehn denn nu die Anstalten vor sich? Bürgermeister : Ach Gott, Herr Holtfreter, das geht alles nicht so schnell. Holtfreter : Von schnell soll auch gar nicht die Rede sein, aber das ist im Gegenteil langsam, langsamer geht es überhaupt nicht. Grüntal (zieht ihn fort) : Siehst nich, Onkel Holtfreter, daß Herr Bürgermeister zu keinen Anstalten kommen kann, bloß weil du ihn nich ran läßt? (Beide ab.) Bürgermeister : Wirklich, Frau Boll, eine bewundernswürdige Frau, die Frau Boll! Welche erstaunliche Selbstbeherrschung gegenüber so bedauerlichen Anwandlungen – ja geradezu Vergeßlichkeiten – Selbstvergeßlichkeiten Ihres Mannes! Frau Boll : Da haben Sie gleich das rechte Wort zur Hand, Herr Bürgermeister – Vergeßlichkeit – sehen Sie, er vergißt förmlich, wer er ist. Bürgermeister : Man könnte auch sagen: Verlorenheit. 50 Frau Boll : Als ob er sich selbst verloren hätte, ich weiß oft nicht mehr –  – so aus allen Hinsichten und Rücksichten heraus . . . ja, sehen Sie, einmal sagte er: Kind, sagt er zu mir, du bist eine herrliche Frau, das bleibt bestehen wies Donnerwort, da laß dir an genügen, sei zufrieden: eine herrliche Frau! Aber dann, wenn du das zugibst, sagte ich . . . Nichts von aber, schreit er mich an, kein Aber, eine herrliche Frau, das ist viel, sehr viel, wagt auch keiner, es zu bezweifeln . . . so! Bürgermeister : Hm – ja, Frau Boll . . . Frau Boll : Was meinen Sie? Bürgermeister : Ja, sehen Sie, wir sprachen von seiner Selbstverlorenheit, sollte man sich nicht vorsichtig der Frage nähern und meinen, daß der verlorene, sozusagen der bisherige Herr Boll der falsche, dagegen der jetzige und neue, neugefundene Boll der wahre Boll wäre – wenigstens, meine ich, ist es die Frage wert. Frau Boll : Ist das Ihr Ernst – das wäre doch graulich, meinen Sie nicht auch? Bürgermeister : Schon heute morgen ließ die Unterhaltung mit Ihrem Mann in mir . . . Frau Boll (flehend) : Nein, Herr Bürgermeister, für solche Eröffnung kann ich nicht danken, welche Vorstellung und wo bleibe ich, wenn Boll, mein alter, guter Kurt, gar nicht mehr der alte ist! Bürgermeister : Es bereitet sich unmerklich im Dunkel des persönlichen Erlebens manches Geschehen vor. 51 Frau Boll : Das, das, nein, das ist unnatürlich. Das, wenn das zuträfe, wäre ja gleichsam ein Ernstfall, ein Trauerfall – ich würde vorziehen, ihn im Grabe zu haben, denn da wüßte ich immer, wer es ist, der da liegt, wer es war und wie ich ihn mir fort und fort denken könnte – aber so – o Gott! Bürgermeister : Frau Boll, ich bereue tief, Sie auf solche gewiß ganz fernliegenden Möglichkeiten hingewiesen zu haben – nein, o, nein, es ist unzweifelhaft im Grund mit Ihrem Herrn Gemahl voll und ganz bei der alten, ehrenfesten und eingewohnten Beschaffenheit. Frau Boll : Meinen Sie wirklich, Herr Bürgermeister? Nicht wahr, er ist, Kurt ist – – aber das müssen Sie zugeben, daß er neuerdings hin und wieder – ich meine ja nicht, daß er darum gänzlich ein anderer wäre, nämlich, daß er nicht doch im Grunde, wie Sie selbst sagen, der gute, alte Kurt wäre, der er wirklich ist und immer gewesen ist und sein wird. (Weinend.) Ach, Gott, ich gräme mich fast zu sehr um ihn und was Sie da eben sagten, hat neulich auf Krönkhagen der alte Melkknecht Nierhaut in fast denselben Worten gesagt. Unsere Mamsell hat es mir hinterbracht. Ich muß aber jetzt wirklich ganz schnell zum Essen gehen – wir werden schon lange sehnlichst erwartet, eine sehr wichtige Verabredung! Leben Sie wohl, Herr Bürgermeister. Ich bin ganz steif vor Hunger. Bürgermeister : Meine Gnädigste! 53 Viertes Bild Dunkle Straße, hinter Fensterläden links hört man Kegelschieben, im Hause gegenüber kümmert Gesang. Im Hintergrunde über Dächern der Umriß des Doms. Grete kommt von hinten, schaut um sich und taucht ins Dunkel einer Mauerecke, Boll von vorn, kehrt um und steht still. Grete (löst sich aus dem Schatten des Verstecks und tritt von hinten zu ihm) . Boll (kehrt hastig um und fährt mit der Hand über ihren Kopf) : Bist du's? Grete (bleibt stumm) . Boll : Aber doch die Hand, Grete! Grete (reicht die Hand) . Boll : Du hast eine gute Hand, wie heilend kommts aus dir, mir wird besser, wenn du so was warme Wenigkeit herreichst – hörst du, daß du mir wohltun kannst, Hexe? Grete : Ich kriege nichts zu fassen – hast du's in der Tasche? (Sie greift ihm in die Rocktasche.) Wo steckt es? Boll : Er war nicht zu sprechen, es soll nicht sein. Grete : Wenn du nichts bringst, wozu brauchst du auch zu kommen? Boll : Du hilfst mir, Grete, schon hilfst du, wenn du kaum selbst willst. Wenn du wolltest . . . Grete : Ich will nur, wenn du mir hilfst. Boll : Es geht mir leichter vom Mund, wenn ich deine Hand halte – – also gib her, ich muß es dir doch erklären. Grete : (gibt die Hand) . 56 Boll : Sieh mal, Kind, solche Besorgung ist ein Witz – paar Worte sagen und die Groschen dafür, das ist wie mal gehustet und es war geschafft. Aber es gehört Weisheit dazu, das Sprüchlein anzubringen und es machte sich nicht – konnte das Winkelchen nicht finden, wo der Provisor Stand hielt, eine stille Minute unter vier Augen. Grete : Aber du sagtest doch selbst: Boll muß! Boll : Und dann haben sie mich gejagt, die an mich Verwandten! Denk dir: dies Nest und meine Gestalt dahinein – grade wie wenn ein Ochs auf freiem Felde ins Mausloch will, also habe ich die unsäglichsten Gelegenheiten ausgemacht, um meinen Leib den Leuten aus den Augen zu bringen, bin den ganzen Nachmittag an allen herrschaftlichen Gewohnheiten geschunden – bedenk das, Grete. Grete : Wieder bedenken – wo doch ich muß und du mußt? Boll : Weißt du, Kind, ich glaube nicht, daß es hier an dem ist, daß Boll muß. Und ich glaube nicht, daß du mußt. Grete : Laß mich los. Boll : So schnell nicht – mir gehts wie im Turm; wo mir wohl ist, da bleibe ich – und mir ist wohl bei dir. Grete : Pfui, wie wohl fühlst du dich im Fleisch – mein Mann und ich wissen, was im Fleisch steckt und bei dir ist viel zu viel – laß los. Boll (gibt sie frei) : Wohin willst so schnell, geh' langsam, Grete, und laß uns von guten Dingen reden. Grete : Denkst du, ich laufe vom Dorf herein, um 57 Fleisch zu finden? Ich suche, was ich brauche, weg mit Fleisch! (Guckt um sich.) Hier sind auch zu viel Leute! Boll : Leute – was für Leute? Grete (zeigt) : Eben standen sie vor den Fenstern, jetzt sieht man keinen – sind da oder sind nicht da, aber Leute sinds. Boll : Dicke Schatten sind da, Grete, so dick wie die dicksten Menschen nicht machen können. Grete : Wenn ich sie doch gesehen habe! Ich bleib nicht, wo so viel Leute sind. Boll : Sieh, ich hab dir doch helfen wollen! Grete : Ich geh hin und geh so lange, bis ich hab, was ich such. Mancher wird sein, der besser taugt als du. Ich hab bloß deine Stimme lieb und die sagte das vom Vollbringen. Boll : Kommt nicht meine Stimme aus meinem Fleisch? Grete : Deine Stimme kommt aus der guten Welt und du bist wohl aus der guten Welt, aber pfui über dein Fleisch. Sie geht die Straße hinab und verschwindet im Dunkel, Boll , unbeachtet von ihr, begleitet sie. Links wird die Tür geöffnet, ein starker Lichtstrom fällt heraus und bildet einen hellen Raum quer über die Straße. Elias mit halbem Leibe hinaus und horcht auf den Gesang von gegenüber. Elias : Heute klingts wie eine Kaffeemühle, da ist die alte Unk bei – ihr Hals ist wie 'ne rostige Rattenfalle und da quetscht sichs arme Hallelujah drin zu Schanden. 58 Stimme von drinnen : Heute, hab ich mir gedacht, setzen sie die nächtliche Ruhestörung aus und halten Auktion um den Herrn Grafen seinen Nachttopf. Elias : Ich glaub, ist Zeit – wollen alles parat machen, setzt vielleicht Almosen aus der himmlischen Vorschußkasse. Elias und seine Gäste tragen unterdes einen Tisch und Stühle auf die Straße in den Lichtstreifen, so daß die Runde grell beleuchtet wird. Elias bringt Gläser. 1. Gast : Ja, oder den verlornen und wiedergefundnen Groschen, wißt ihr! 2. Gast : Kannst mir sagen, wer der Mann mit dem Eselskinnbacken war? 3. Gast : Das, wo Mißgeburten vorkommen, haben wir nicht behalten müssen – du fragst umsonst. 1. Gast : Seid still, sie kommen. Die Tür gegenüber öffnet sich und die Sekte verkrümelt sich ins Dunkle. Elias : Nummer eins hat sich Gewalt angetan und jemand anders gelobt als sich selbst. Nummer zwei hat sich einen Bruch posaunt und mit Ereiferung seine Weste bekleckert. Nummer drei – oha, Nummer drei! Hat eine Stirn, da kann keiner mit – steckt ihn mit der Nase in seinen eigenen Mist und er sagt: gesalbt bin ich, gesalbt! Nummer vier, du bist nur Nummer vier, aber du hilfst Nummer fünf. Nichts kommt zu Wenig und das macht zusammen Was. Nummer sechs, steht auf, Leute, ehrt Nummer sechs, Tante Unk soll leben! 59 Sie stehen auf. Elias : Hier, Tante Unk, tu einen Schritt retour, hier sind Leute und verstehn sich auf Flötentöne. Hier heißt es zur gemütlichen Teufelsküche, hier kannst hocken, da setz dich und laß dich vom Stuhl auf deinen frommen Steiß küssen. Frau Unk (geht weiter) : Sie können mich doch nicht kränken, Herr – – aber wissen Sie wohl wie es heißt: geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür hinter dir zu? Elias : Das ist schon besorgt für heute, in die geheime Kammer brauch ich nur einmal täglich. (Gelächter.) Frau Unk eilig fort. Holtfreter mit dem Herrn . Holtfreter : Herr, Sie können mir das nicht übel nehmen, Herr, daß ich nicht von Ihnen abgeh – aber ich konnte mir das nicht antun, Herr. Herr : Ich seh schon, Sie haben Lust, Bekanntschaft zu machen, wollen wir uns hier mit hinsetzen? Holtfreter : Wenn Sie es denn wirklich nicht übelgenommen haben, gern. Setzen sich. Holtfreter : Ich bin den ganzen Tag so rumgelaufen und hab müde Beine – Sie gehn auch nicht schnell, Herr. Herr : Nur etwas steif zu Fuß, hier das eine Bein kann nicht so wie das andere. Holtfreter : Das seh ich, das sah ich gleich. Haben Sie – sind Sie – in was für Schuhwerk laufen Sie – ich bin nämlich Fachmann (sieht unter den Tisch) . 60 Herr : O, ich trage gut gemachte Sachen – kaum zu erkennen, daß das Bein zu kurz ist. Holtfreter : Ja, das ist es, Herr, was ich mir gleich gedacht habe, wie kommen Sie bei dem Bein? Herr (lacht) : Wieso? Ist ganz mit rechten Dingen zugegangen, das ist ein Fehler von Geburt an. Holtfreter : Das machen Sie mir nicht weis! Das Bein ist vor drei Tagen bei meiner Person zur Reparatur abgegeben und unversehens entwischt. Das Bein hab ich verantwortlich übernommen, für das Bein hab ich zu seiner Erlangung städtische Anstalten aufgeboten. Herr (lacht) : Lassen wirs gut sein und nehmen Sie ein Glas Bier von mir an. Elias bringt Gläser. Holtfreter : Gut sein lassen? Nee, Herr, ich soll persönlich für das Bein aufkommen – muß ich erst nach Polizei rufen? Herr : Die Mühe will ich Ihnen sparen; wenn ich verdächtig bin, mit einem gestohlenen Bein aufzutreten, so begleite ich Sie damit auf die Wache. Sind Sie zufrieden? Prost! Holtfreter : Aber ich muß mir was mit aufpassen herausnehmen, das Bein hat einen verteufelten Schritt am Leibe und sitzt an einem Satanshinterviertel – Prost! Herr : Soweit ist alles in Ordnung – also ein Satanshinterviertel! (Klopft sich auf den Schenkel.) Aber außerdem, ich meine, was sonst noch dranhängt, Gräten und 61 Gerüst, das ist aller Ehren wert – ich bin – außerdem, wissen Sie – ein Menschenfreund. Holtfreter : Na – ja, das will ich auch gar nicht anders gesagt haben. Herr : Da ist übrigens wieder mal ein Beispiel auf die Beine gebracht – das Wachsen und Werden sucht sich seltsame Wege. Holtfreter : Wie meinen Sie das? Herr : Sie können gar nicht ausspucken, ohne einen Punkt zu treffen, wo was drauf lauert, geschaffen zu werden, wo was raus will aus dem Puppensack. Sehen Sie: was ist heute aus dem Bein geworden – bin ich nicht ein passabler Zeitgenosse, gewachsen aus einem Satanshinterviertel? Werden, das ist die Losung! Elias : Der Herr sucht hier wohl das Bethaus? Herr : Ganz recht, ich habe hier Freunde, aber ich fürchte, es ist zu spät und sitze ja auch hier in guter Gesellschaft – bin überall unter Freunden, im Bethaus wie in der Kneipe, wir und ihr, alle sind auf gleichen Wegen des Werdens und laufen dem Bessern zu, selbst auf Teufelsbeinen. Elias : Da haben wir ja die schönste Erbauung umsonst zum Bier. Herr : Zu dienen – umsonst. Bier wird bezahlt, mit Erkennen werden wir belohnt. Immer voran, immer was Frisches, immer mehr ins Freie – so gehts mit uns und – wie gesagt, völlig umsonst. Holtfreter : Ich heiße Holtfreter, Herr. 62 Herr : Nun? Holtfreter : Aber das mit dem Werden muß doch mal seine Grenzen haben, denn, Herr, wenn das immer so weiter geht und wir so fort in die unermeßliche Großartigkeit hinwachsen, denn erkennen wir uns ja schließlich selbst nicht wieder. Herr : Ist das schade? Wollen Sie ewig Holtfreter sein – lohnt sich das? Aber lohnen tut es sich, so zu werden, daß Sie sich schämen müssen, Holtfreter gewesen zu sein. Holtfreter : Schämen, Herr? Herr : Sie nicht, so nicht – übrigens, kennen Sie einen hiesigen Herrn Virgin und können Sie mich zu seinem Hause bringen? Wir gehen, wenn Sie wollen, vorher zusammen auf die Wache. Ich sage Ihnen unterwegs, wie ich das mit dem Schämen meine. Holtfreter : Halten Sie ums Himmelswillen mit Ihrem Teufelsbein langsamen Schritt – Herr Virgin wohnt gleich rechts vom Markt. Holtfreter und Herr ab. Erster Gast : Na, Elias, ich bin noch durstig. Elias : Heute gibts nichts mehr, dein Durst ist im Werden und wird immer großartiger, aber dein Kredit bleibt im Puppensack, da ist kein Ausgleich. Gast : Also auf Morgen! Zweiter Gast (zum Dritten) : Wir haben einen Weg. (Alle drei ab.) Grete kommt zurück, Boll hinterdrein und faßt sie am Arm. 63 Elias räumt auf. Boll : Es ist reichlich viel verlangt, Grete – – schließlich bist du eine gescheite Frau und weißt, daß ich jemand bin und mich sonst mit Bitten nicht lange aufhalte. Also, du sollst alles haben, hörst? Grete : Wie du doch schlank bist, blauer Boll – nicht, das läßt du dir gern sagen? Boll : Versprach ich dir nicht alles und alles, Grete? Grete : Wie jung, blauer Boll – magst du das wohl? Boll : Denkst, du mußt mich quälen, Hexe? Grete : Bist du nicht der, der nicht müssen braucht, blauer Boll, hast das noch lieber? Boll : Wenn du es sagst, muß ichs wohl gern hören. Ja, Grete, sags noch einmal. Grete : Du mußt nicht müssen, wenn du gleich der blaue Boll bist! Boll : Weiter so! Grete : Ich hab dich lieb, blauer Boll, ob dir das gefällt? Boll : Es tut gut – ja Grete, mehr als ich sagen will, weiter so. Grete : Boll muß – hinnehmen muß er, muß sich schämen, muß sich sonstwas sagen lassen! Boll : Ich hör' es, Grete, sags noch einmal, wenn dir danach ist. Grete : Alles aus Lust, aus böser Lust, blauer Boll, hörst du zu? Boll : Ich hör'. 64 Grete : Nichts sollst du von mir haben, nichts geb ich dir – und wenn du noch einmal sagst, daß du mir helfen willst. Boll muß, bald so, bald so. Elias : Leute, Leute, was für ein Leben! Könnt nichts Besseres tun, als zu Bett gehen. Aber wenns so weit noch nicht ist, na, denn wartet auf gute Zeit, laßt frische Weile anzapfen, hebt keine alten Reste auf – Werden ist die Losung. Er schiebt Grete einen Stuhl hin und nötigt sie zum Sitzen. Boll : Was ist das hier für eine Wirtschaft – tiefe Nacht und auf offener Straße? Elias : O, die Polizei macht bei mir ein Auge zu – stehen uns gut miteinander, hier ist mancherlei Gesellschaft wohl aufgehoben – können sich ruhig hinsetzen. Boll (setzt sich an die andere Seite des Tisches) : Was kann man hier denn noch haben? Elias : Lauter bekömmliche Auswahl, Happen für die herrschaftlichsten Mägen. Dürfen nur befehlen. Boll : Haben Sie mal was von Maraschino läuten hören? Elias : Meine Frau, Herr, schläft ihren gerechten Schlaf und ihre Gewohnheit darin ist stets und ständig mit den Schlüsseln unterm Kissen – kann nicht an den Schrank mit den Nippsachen, leider, leider! Aber die ganze ordinäre Aptheke will gern verwandt mit dem Herrn werden. Boll : Ich seh schon, was dabei herauskommt, behalten Sie Ihr Gift für sich. 65 Elias (stellt sich breitbeinig vor ihm hin) : Wie ich schon sagte: Werden, Herr, das ist die Losung – gar nicht abzusehen, wohin es noch mal mit uns kommt vor Großartigkeit. Auch Sie, Herr, sind zu Großem erlesen – was ich Ihnen sage, wollen Sie ewig der blaue Boll sein, lohnt sich das? (Nötigt ihn, da er aufstehen will, zum Bleiben.) Darin können Sie was vertragen, und wütend wird Ihr Werden wuchern – auf dieser Wiese des Trostes können Sie tapfer grasen gehen. Boll : Woher wissen Sie, wer ich bin? Im Grunde habe ich mit dem blauen Boll ganz wenig zu tun, fast nichts. Elias : So gut wie nichts, auch das Schätzchen nicht? Boll : Das ist ihre eigene Sache – ich jedenfalls nichts mit ihr. Und wenn schon blauer Boll, möchten Sie mit mir tauschen? Elias : Sie vielleicht mit mir? Man nennt mich hier herum den Teufel Elias. (Flüsternd.) Und ich will Ihnen was sagen: im Vertrauen, unter uns Beiden – es ist was dran! Boll : Na, denn lassen wirs tauschen nach – ausgerechnet Teufel? Woran merken Sie denn das so hauptsächlich, das mit der Teufelei – was für Symptome? Finden Sie nicht, daß ich bei dieser Sachlage geradezu nett mit Ihnen rede? Elias : O, ich bin es förmlich gewohnt, selbst mit Ehrenmännern zu reden – aber man soll die Vorteile davon nicht überschätzen. Ja, Herr Boll, also das Teufelsein – wissen Sie, man soll es nur richtig sein, dann ist's 66 schon gut. Jeder ist sich selbst der Nächste, ein ehrlicher und anständiger Nächster wohlverstanden – gehts damit einigermaßen, so ist schon ein artiger Teufel geraten. Und dann: nur nicht bange werden, am wenigsten vor sich selbst. Kann der Teufel Angst vor Teufeln haben? Ihr, die ihr mit keinem Teufel tauschen wollt, tut es nur darum nicht, weil ihr ein Haufen Angst seid und nicht wißt, daß der Teufel was Ganzes ist. Was ihr wollt, das könnt ihr nicht, was ihr müßt, das wollt ihr nicht – halbe Leute sind keine Teufel. (Streckt die Hand hin.) Fassen Sie zu und geben mir Ihre Hälfte, dafür kriegen Sie von mir einen höllischen Schuß ab. Ich meinerseits – was ich mit so 'ner schäbigen Hälfte wie Ihre bei mir mach? (Schnäuzt sich mit der Hand und streckt sie wieder hin.) So – und weg ist es! Boll : Hören Sie auf mit dem verfluchten Hokuspokus – pfui Teufel! Elias : Und das Schätzchen – es sieht ganz so aus, als obs mit halben Leuten nichts zu tun haben mag. Boll : Pah – – und schließlich, warum sollt ich auch den blauen Boll ablegen. Jeder ist sich selbst der Nächste. Elias : Grade, grade – weg mit dem blauen Boll, das wär' am Ende das Beste für ihn. (Lacht.) Boll : Was lachen Sie so dumm? Elias : Ich freu' mich, daß ich nicht der blaue Boll bin, bin bloß Elias, der Teufel, aber was Ganzes, Gott sei Dank. Was Elias tut, das muß er tun, und was Elias muß, das will er auch – denken Sie von mir was Sie 67 wollen und wenn Sie denken, ich hab' vorhin zugehört, was da das Schätzchen zu säuseln hatte, so stimmts. Da stand was im Dunkeln und klang was wie: Boll muß, bald so, bald so. Boll : Kam das so heraus? Elias (zu Grete) : Etwa anders? Grete : Ja, so kams heraus und so stimmts. Elias (zu Grete) : In dir, armes Särglein, hat sich was Totes verkrochen – da ist der Elias am Platze, der hilft ihm wieder auf die Beine. Hier, liebes Frauchen, hab ich schon manchem geholfen, hier ist man wohlverwahrt. Ein schönes Zimmer und müde sind Sie auch – schlaf dich aus und schweig dich aus, was du willst. Nein, sagst du? Weißt du, was du ausschlägst? Merk dir das – erst sehen, dann sagen. Sieh und dann sag, dann ist Zeit, nein zu sagen, wenn dir Bett und Kammer mißfallen. Da gehst du hin und schließt die Tür hinter dir zu und morgen ist auch ein Tag. (Faßt sie, obwohl sie widerstrebt und schiebt sie ins Haus.) Sachte, sachte, daß meine liebe Frau nicht munter wird, geh leise geradeaus. (Zu Boll, der aufgesprungen ist:) Doch vielleicht was gefällig von meinem Gift? Ist nun zu spät, wir machen zu und hier ist kein Quartier für so noble Leute wie der blaue Boll. (Schließt die Tür hinter sich, Boll steht im Dunkeln.) Boll : Weg mit Boll – und darf nicht einmal fragen, ob er will oder muß? Hab ich nicht den Zaum im Gebiß? Was hilfts – muß warten, bis er zuckt und zeigt, wohin die Reise geht. 68 Virgin , Herr , Holtfreter , letzterer in devoter Haltung hinter dem Herrn . Holtfreter : Hier wird die Straße krumm und der Schein vom Markt schabt sich dünn. Steht da nicht jemand? Boll : Niemand sonst. Virgin : Wir suchen die Elias'sche Wirtschaft hierherum, können Sie uns nicht helfen? Boll (klopft) : Elias, he, Elias – Gäste! Elias (aus einem oberen Fenster) : Nichts da, Herr Boll, Gäste können sich feste auf die Socken machen. Virgin : Was hör' ich – Herr Boll, und steht hier im Dunkeln? (Zu dem Herrn.) Derselbe Herr Boll, von dem Sie wohl noch wissen. Sehen Sie, Herr Boll, der Herr ist hier fremd und möchte übernachten – warum grade hier, das sieht wohl reichlich mysteriös aus, aber er legt es ganz einfach auf eine Gelegenheit an, dem guten Elias ein bißchen in sein leidiges Gemüt zu langen. Wir von der Gemeinde und Elias sind Nachbarn und – na, mein Gott . . . Herr : Ich begrüße Sie, Herr Boll. Sie halten vermutlich auch nicht viel von der Aussicht auf Unterkommen bei Elias? Boll : Setzen Sie das Palaver nur getrost in Betrieb – Elias ist möglicherweise auch ein Mensch. Herr redet mit Elias . Holtfreter (zu Boll) : Herr Boll – ach, Herr Boll, es geschehen Dinge – Dinge, Herr Boll! Dieser Herr da, der unbekannte Herr – wer, glauben Sie, mag das sein? 69 Boll : Na, wer schon? Holtfreter : Kurz heraus: der Herrgott selbst, einfach als pilgernder Mensch. Alle uns umfassend in Teilhaftigkeit in – in – kurz: der Herr selbst. Ich habs zuerst erkannt und tu mir was drauf zugute. Boll : Wollen Sie, daß ich mich darüber wundere? So was liegt massenweise in der Luft, die Luft holts her, die Luft gibts heraus – – wenns kein anderer ist, muß es wohl der Herrgott sein! Virgin : Wissen Sie, Herr Boll, was ich für Angst um Sie ausgestanden habe! Boll : Viel Ehre, Herr Virgin, danke ergebenst für so viel – na, für so viel Teilhaftigkeit. Virgin : Denken Sie, da wart ich Stunde um Stunde auf den Kirchturmschlüssel – warte und denke: ach, Gott, Herr Boll klettert im Turm herum und da fällt er womöglich. Boll : Oder stürzt? Virgin : Oder stürzt – ja, oder stürzt. Boll : Sich herab . . . . . Virgin : Niemand kann wissen, was geschieht – Sie bewegten sich heute morgen so unüblich in Rede und Gehaben, Herr Boll – wie halten Sie es mit dem Schlüssel? Boll : Der Schlüssel, ganz recht! Aber sehen Sie, im Dunkeln weiß ich in meiner eigenen Tasche nicht Bescheid, warten Sie bis morgen. (Für sich.) Einer sagt: weg mit Boll, der andre denkt, er stürzt wie Donnerwetter und 70 Hagelschlag bums von der Turmspitze – bin neugierig, wie Bolls Werden ausfällt. Herr : Also finden wir uns hinein – Elias ist offenbar ungeneigt, mir Gastfreundschaft zu gewähren. (Zu Virgin:) Wohin nun? Boll : In die Kugel mit dem Herrn, in die goldene Kugel, dahin wo ich selbst auf dem Wege bin. Sie sind mein Gast, Herr, auch als Anonymus – ich danke der Gelegenheit, den Herrn zum Behelf mit meinen Diensten einzuladen. Darf ich mich glücklich schätzen, indem Sie einwilligen? Herr : Ja, Herr Boll, damit Ihre Freundlichkeit nicht zuschanden wird, bin ich gerne einverstanden. Boll (für sich) : Grete hat den Teufel als Schlafkameraden, ich geh mit dem Herrgott heim – man kann auf seltsame Gedanken kommen. 71 Fünftes Bild 73 Gastzimmer im Hotel zur goldenen Kugel. Otto Prunkhorst hinter Flaschen im Sofa, ihm gegenüber Frau Boll . Frau Boll : Ja, Otto, wenn du mir das so sagst, siehst du . . . Otto : Überhaupt, und . . . also mit einem Wort: überhaupt. Frau Boll : Ich frage aber, was sollen wir Frauen denn tun, wenn die Männer sich so was herausnehmen – dabei meinst du noch zu, daß sie es ganz arglos und in aller Unschuld tun. Otto : Arglos, ganz richtig, es stimmt nämlich. Männer sind immer argloser als Frauen – sprechen wir eigentlich von speziellen Männern? Frau Boll : Aber, Otto, wie du mit Vergeßlichkeit kokettierst, kannst du denn noch immer dagegen an bei so viel Wein, nicht? Otto : So lange ich vernehmlich bestellen kann, wird nicht aufgehört. Ja, was denkst du denn, Martha, wie wir in Goldensee zusitzen? Bertha geht zu Bett, das tut sie nun mal, das hat sie schon vor der Hochzeit so gemacht – und so – was bleibt mir anderes übrig und wie kann ich mich davon drücken, da muß ich das Aufsitzen selbst besorgen und mit dem Rotspohn allein fertig werden. Und heute hab ich auch für Kurt sein Quantum aufzukommen – was meinst du denn, Martha? Frau Boll : Ja, wir müssen doch auf ihn warten, denn wenn er auch sagen läßt, daß wir nicht warten 74 sollen, so ist das doch bloß ein Anerbieten, nicht? Otto : Totsicher, ganz deiner Meinung, Martha. (Schlägt auf den Tisch.) Soll er nur denken, ich verkriech mich vor ihm ins Bett, als ob ich seine Erlaubnis brauchte zu kneifen. Hier sitz ich und hier sauf ich so lange, bis die Sache spruchreif ist und spruchreif ist sie spätestens bald! Und dann hab ich die Eigenheit, je mehr ich trinke, desto eher werde ich mit den Flaschen fertig und immer flotter geht die Karriere meiner Gedanken. Frau Boll : Otto, hör mal zu. Glaubst du, daß Menschen sich ändern können, nämlich so, daß sie förmlich andere werden? Ich hab mehr als ich sagen mag Furcht für Kurt, mußt du wissen. Otto (lacht) : Wenn Kurt Lust zu so was hat, so muß er das auf eigene Rechnung treiben. Wenn ers aber nicht lassen kann und uns damit behelligt, dann, so will ich ihm schon was beweisen. Wir können ihn nicht anders brauchen, als er ist – Veränderung überhaupt! Frau Boll : Ja, aber . . . Otto (schlägt auf den Tisch) : Ich bin gegen jede Änderung. Es kann nicht besser werden und darum bleibt das Werden besser nach – basta, nichts da! Sei ganz ruhig, Martha, ich will es ihm schon arg genug auslegen. – Bertha ist auch gegen jede Veränderung und darum ist sie zu ihrer beständigen Stunde zu Bett gegangen, das ist ein großartiger Zug von Bertha, Martha, sieh das ein. – – Pipelow! (Kellner kommt, Otto zeigt auf die leere Flasche, Pipelow holt eine andere.) 75 Frau Boll : Weißt du, Otto, Kurt läßt sich ja oft unversehens einschüchtern – ja, sagt er dann, es soll so sein, daß es nicht sein soll, oder ähnlich, darum . . . Otto : Ganz richtig, Martha, darum kann er sich gern mal was gönnen. Ich weiß aber nicht, warum er sich meine Anwesenheit aussucht, um mit seiner Abwesenheit zu glänzen. Frau Boll (leise) : Ich glaube, er ist jemand, wir wissen nur nicht, was für einer. Darum kann er vielleicht nicht dafür, daß wir uns über ihn wundern. Am Ende darf er sich mehr über uns wundern als wir uns über ihn. Boll , Herr und Holtfreter kommen. Boll : Wie das gehen kann, wer hätte daran gedacht – so spät! Na, hoffentlich habt ihr euch nichts abgehen lassen. Gut bei Wege, Otto? 'n Abend Martha. Otto : Wie's geht? Na, weißt du, zu was, denk ich, verabreden wir uns, wenn du erstens nicht kommst und zweitens meine Frau – meinst du, daß Bertha zweitens warten mag? Boll : Habe ich nicht mehrere Male telefoniert, haben sie euch denn nichts ausgerichtet davon, daß ich immer abgehalten wurde? Otto : Ja, richtig, und so weiter alles. Bloß telefoniert und nichts sonst? Frau Boll : Hättest du mich nicht vielleicht rufen lassen können, Kurt? Boll : Warum? Aus lauter Rücksicht, Martha, zu was dich beim Essen stören! Iß, dachte ich, laß sie ruhig essen, 76 wer da ißt, der hat den Mund voll und kaut ins Telefon – nein, dachte ich, laß sie in Frieden – übrigens, Otto, hab acht, Martha, was wirst du nun erst sagen, ich muß euch bekannt machen. Dieser Herr ist mein Gast, sein Name bleibt im Verborgenen und geheim, aber erschreckt nicht, Kinder: es ist unser Herrgott selbst, natürlich streng inkognito, gewissermaßen unter der Hand – und hier als Bürge und Bestätiger meiner Worte, auch ohne Namen bis jetzt . . . Holtfreter : Holtfreter heiß ich, Schuhmachermeister. (Devot zum Herrn) : Wenn Er erlaubt. Herr (zu Boll) : Wenn Ihnen das so beliebt, Herr Boll, so will ich den Mantel der Namenlosigkeit nicht lüften, den Sie mir umlegen – nur ganz wenig und beiläufig, im Vertrauen unter uns Beiden: ja, Herr Boll – Herrgott sagen Sie so – also unter uns: es ist was daran, nur etwa als sachte und demütige Spiegelung aus der Unendlichkeit nehme ich den Namen des Herrn hin, eine schwache, kaum wahrnehmbare Abschattung Gottes, nicht wahr, so ists gemeint? Boll : Keine unnötige Bescheidenheit, Herr, ich weiß meine Gäste zu ehren – also, Otto, behalt Platz im Fond und der Herrgott setzt sich beian, es ergibt eine majestätische Symmetrie mit euch beiden. Komm, Martha, bleib im Sessel, habt ihr alle noblen Nummern durchs probiert? (Sie gruppieren sich wie angegeben.) Otto : Den Herrgott hab ich mir immer anders gedacht – ich für mein Teil hab ihn ja auch gar nicht nach 77 seiner Hantierung gefragt, aber das kannst du dir ja selbst denken, was ich mir denke. Ich bin Gutsbesitzer, du bist Gutsbesitzer, das genügt für heute und für länger, was brauchen wir den Herrgott zur Gesellschaft! Ja, weißt du, Kurt, jeder ist sich selbst der Nächste, meine Frau hat sich nämlich zu Bett gelegt. Boll : Was für schöne, blanke Zähne Bertha immer noch hat, Otto, aber die sind nun bei ihr im Bett. Gott erhalte ihr Gebiß noch lange Jahre, ich hätte es unserm lieben Herrgott heute herzlich gegönnt, sie damit zu bewundern, aber wie du ganz richtig sagst: jeder ist sich selbst der Nächste – sie ist müde geworden und – – – ja, sag mal, aber damit will ich dich und sie heute nicht mehr behelligen. Otto : Wenn du das wirklich so gern meinst, dann könnte ich sie ja mal einen Augenblick fragen, Kurt. Natürlich, ihre Zähne, gegen ihre Zähne, da kannst du ganz richtig nichts gegen sagen. Boll : Schenk ein, Otto. (Otto schenkt ein.) Weißt du – aber nimm mirs nicht übel – wenn ich dich so hantieren seh, Otto – eine scheußliche Familienähnlichkeit! Ich fürchte, wir sehen uns bitterlich ähnlich – mir ist schon oft eingefallen, daß dieses Auftauchen der Familienähnlichkeit einen förmlich schlägt – niederschlägt, weißt du – aber nimm mirs nicht übel, hör mal zu! Also die Zähne deiner Frau, wie lange, denkst du, wird sie die haben – und überhaupt, will sie ewig Bertha Prunkhorst bleiben – lohnt sich das? 78 Holtfreter (steht auf, devot zum Herrn) : Wenn Er erlaubt! (Zu Boll) : So ist es, Herr Boll, genau so! Es lohnt sich nicht, aber weiter, es lohnt sich dagegen, dahin zu kommen, daß man sich schämt, einmal solch eine Dame gewesen zu sein. So recht haben Sie, Herr Boll. (Setzt sich.) Boll : Ich hatte mich nicht direkt an Sie gewandt, Herr Holtfreter, nicht wahr, so heißen Sie und sind offenbar Schuster – gut. Streng genommen kennen Sie die Dame gar nicht, von der die Rede ist. Holtfreter (steht auf, devot zum Herrn) : Wenn Er erlaubt! – Wir Alle, die wir da beisammen sitzen, werden uns mal schämen, und die Dame Gott sei dank auch! (Setzt sich, leiser) : Denn es kommt ja nicht darauf an, ob ich die Dame kenne, wenn ich nur weiß, in was für einer Hinsicht sie im Falle ist, sich schämen zu dürfen, nämlich im Falle der werdenden Herrlichkeit. Alle Damen sind im gleichen Falle. Otto : Einerlei, Kurt, wenn das so weiter gehen soll, oder was denkst du dir, Kurt? (Zu Holtfreter) : Sie stoßen noch an die Flaschen, wenn Sie so auf- und abspringen. Kurt, wenn du mal nach Goldensee kommst, muß du dir ganz gewiß die Antonie ansehen – tondernsche Rasse, weißt du – fabelhaftes Milchgeschirr – und – ja, was wollte ich doch sonst noch sagen! Herr (nimmt sein Glas) : Sie haben eine besonders sichere Hand, mein Herr, das habe ich gleich gemerkt. Wenn Sie es denn erlauben: Ihr Wohl und natürlich vor allem 79 das der anwesenden und abwesenden Dame. (Stoßen an.) Otto : Sicher, sicher, o, eine ganz sichere Hand und überhaupt, sonst noch – wissen Sie nicht, was ich sonst noch gleich sagen wollte? (Zu Frau Boll) : Gott, Martha, wir haben doch den ganzen Abend davon geredet, was war es doch noch? Frau Boll : Auf keinen Fall, Otto, tu mir nur jetzt den einzigen Gefallen und laß das heute Abend gut sein. Otto : Ja so, das ist es ja: Gefallen oder so was – nein, nicht Gefallen, aber es war doch was mit einem Fall und der Fall war der Fall mit einer Frau. (Zu Boll) : Kurt, was das für eine Frau, weißt du, Kurt, das war, glaub ich, eine Frau und du hast eine Verantwortung für eine Frau, möglicherweise dieselbe Frau, Kurt, was – richtig übernommen? (Triumphierend zu Frau Boll) : Siehst du, Martha, denkst du, ich vergesse solche spruchreifen Sachen? Frau Boll (bedeckt ihre Augen) . Holtfreter (steht auf, devot zum Herrn) : Wenn Er erlaubt! Diese Frau, dieselbe Frau, ist Grete, zu der ich Onkel bin. (Zu Boll) : Die Verantwortung des Herrn Boll ist eine solche, daß sie so gut ist wie eine städtische Anstalt. So gut wie Herr Boll gut ist. Sie nennen meine Grete die Hexe von Parum, aber das hat nichts mit der Verantwortung zu tun. Die hat Herr Boll zwischen die Zähne gesteckt gekriegt und mein Schwager Grüntal, der Mann zu dieser selben Frau, ist getrost nach Parum gereist zu seinen drei Kindern, dieselben, die auch Grete ihre drei Kinder sind. (Setzt sich.) 80 Otto : Das sind mir viel zu wenig Kinder, als daß Sie mir da was von erzählen brauchten. Aber Kurt, sag mal Kurt, was das für eine Frau und dieser Onkel Schuster – was, eine Hexe, eine richtige Hexe? (Steht auf.) Boll : Ja, ja, was denn weiter, ist das nicht genug? Ich sollte denken, das wäre mehr als genug – setz dich doch, Otto! Otto : Eine richtige Hexe, Kurt? Boll : Und obendrein habe ich sie bei einem richtigen Teufel untergebracht. (Zum Herrn) : Der Herr muß trachten, keine Absicht darin zu sehen, daß er von solcher Sippe unterhalten wird. (Zu Otto) : Setz dich doch, Otto! Herr : Ich bin auch mit Teufeln und Hexen gut Freund, wir sind alle auf demselben Wege. Otto : Kurt, ich setze mich nicht, das hab ich Martha versprechen müssen, darauf hab ich ihr die Hand geben müssen. Ich darf mich nicht setzen, so lange ich ein anständiger Kerl bin. Und was du da von bitterer Familienähnlichkeit sagtest, das ist einerlei, das kann ich mit demselben Grund auf dich anwenden. Ich schäme mich, Kurt, Gott sei Dank, das ist eine erschreckende Wahrnehmung, ich schäme mich wegen der Familienähnlichkeit – Martha, arme Martha! (Gibt ihr die Hand, sie schluchzt.) Frau Boll : Setz dich hin, Otto, es ist viel zu spät, als daß wir noch einigermaßen genug Schlaf kriegen. Soll ich uns nicht einen Kaffee kommen lassen? Otto : Tu das, Martha, Kaffee tut gut und also tust du wohl daran. Aber sitzen – nein, das kann ich nicht. 81 (Frau Boll betränt hinaus.) Sieh, Kurt, was du da mit allem Fleiß zuwege gebracht hast, ich schäme mich, daß ich Martha so was überhaupt versprechen gemußt habe. Warum können wir das alles nicht ruhig miteinander bereden? Boll : Wenn du es ihr doch versprochen hast, Otto, nämlich, wie ich denken muß, daß es nicht in Ruhe, sondern im Gegenteil unter Anwendung verwandtschaftlicher Geraktheit vor sich gehen soll . . .? Holtfreter (steht auf, devot zum Herrn) : Wenn Er erlaubt! – Ich tu mir was zugute und rufe zur Wahrnehmung auf, daß in unserer Stadt vom Morgen an das Werden auf gloriose Art vorkommt. Und so spät, daß ein Kaffee gekocht werden muß, so spät ist das Werden offenbar in ewig müheloser Rüstigkeit frisch in Schwung gekommen. Und ich weise all und jeden in Demut und nicht, ohne mir was drauf zugute zu tun, auf die Anwesenheit des (neigt sich vor dem Herrn) als ursächliche Wirksamkeit hin. (Setzt sich.) Frau Boll (kommt zurück) . Otto : Na, Martha, Gott sei Dank, Martha, wir haben Pipelow höchst nötig, denn Pipelow besorgt doch wohl den Kaffee, oder ist Pipelow auch schon zu Bett? Frau Boll : Ich konnte doch nicht gut so vorbeigehen und guckte mal bei Bertha hinein, Otto – Bertha verbietet patuh, daß noch Kaffee getrunken wird und du sollst auch gleich zu Bett kommen, Otto. (Zu Boll) : Saugwurm spannt an – so spät sind wir noch nie gefahren. 82 Otto : So? Keinen Kaffee? Ja, liebe Martha, ausgerechnet Bertha erzählst du das mit dem Kaffee? Das finde ich eine unentschuldbare Achtsamkeit. (Zum Herrn) : Wollten Sie etwa aufstehen, so will ich Sie gern durchlassen, ich verstand es so, als ob Sie etwas dergleichen sagten. Herr : Ehe ich Sie bemühe, Herr, möchte ich Sie etwas fragen. Otto : Leihen tu ich prinzipiell außer aus Grundsatz nichts, danach müssen Sie sich gefälligst mit Ihren Fragen einrichten. Herr : Es soll von keinem Geld die Rede sein. Ich wäre sogar in der glücklichen Lage, Ihnen im Bedarfsfalle mit einer kleinen Summe aushelfen zu können. Otto : Im Bedarfsfalle? Meinen Sie, ich und, na, wir haben Geld nötig? Ich kenne keine solchen Kreise, in denen ich verkehre, Sie scheinen solche Art Leute zu kennen – unsere Kreise sind nie im Bedarfsfalle. Herr : Leider gibt es viele bedürftige gute Menschen unter meinen Freunden. Indessen, wenn auch nicht im gleichen, so doch im verwandten Bedarfsfalle sind wir wohl alle miteinander. Otto : Das wird ja immer zusehender! Im verwandten – etwa mit Ihnen im verwandten Dings? Oder bin ich betrunken? Herr : Es wird Ihnen weder im bedauerlichen noch nüchternen Zustand entgehen können, daß Ihr vorheriges Wort von der bitteren Familienähnlichkeit das Bedürfnis 83 einer andern Beschaffenheit Ihrer Familie, also wohl einer bessern Beschaffenheit, ausdrücklich anzeigt. Oder einfacher gesagt, Sie fühlen, daß Ihr Zustand durchaus einer Veränderung benötigt. Otto : Weißt du, Kurt, zu was wollen wir diese Leute nicht wegschicken, he? Ich meine, dieser Herrgott hat nun genug Wein getrunken, den er nicht bezahlt. Boll : Was heißt schicken, er wohnt in der Kugel wie du selbst und ist mein Gast. (Schlägt ihm auf die Schulter) : Aber Mensch, Otto, da holst du deine Worte aus der Kluft und dem Kern deines Holzes – Wetter nochmal: wir im Bedarfsfalle! Möchte wissen, was wir in diesem Falle zu suchen haben, wonach hätten wir Bedarf, das soll uns mal jemand nachweisen. Tut uns Veränderung not? Ver – än – de – rung? Otto : Alter Junge – nicht? Boll (zum Herrn) : Sodann ist Ihnen wohl nicht entgangen, daß mein Vetter an dem bösen Wort von der Familienähnlichkeit unschuldig ist? Herr : Aufgegriffen von Ihrem Herrn Vetter, gewiß – aber ein gutes Wort, kein böses, Herr Boll! In ihm liegt ein Keim, Bereitschaft regt sich, Werden will sprossen. (Zu Otto) : O, auch Ihnen stehen in Bälde große Veränderungen bevor, nein, nicht Ihnen allein, Herr Prunkhorst, wir alle fühlen uns in gleicher Gunst des Geschehens, stehen wir doch alle miteinander verquickt und versippt im leidigen Zustand einer allgemein-menschlichen und bitteren Familienähnlichkeit. 84 Otto : Ich bin nicht betrunken genug, um so betrunken zu sein, daß ich seine lachhafte Gotthaftigkeit nicht durch und durch schaute – ein Schwindler ist das, Kurt, ein Schwindler, sag ich! Herr : Ein solcher, Herr Prunkhorst, ein Schwindler, eine Hexe, ein Teufel auf dem gleichen Wege mit Ihnen und allen. Betrachten Sie die schöne Handlungsweise des Herrn Boll: er trägt Verantwortung für die Hexe, auch in ihm keimt das hüllensprengende Drängen des Werdens und es darf Sie nicht kränken, Herr – wir alle miteinander sind in diesem tieferen Sinne Hexengenossen und Teufelsbrüder – Sie eingeschlossen! Otto (schwingt die Fäuste) : Kurt, ich berufe dich, fasse dich – – hubuh, was weht die Fahne meiner Gekränktheit hin und her, was wackelt sie! Also Kurt, ich berufe dich – schwöre ab – ab den Zustand jeder Veränderung. Steh fest, alter Junge, im Zustand der Ehe, steh fest im Zustand vor der Ehe und hinter der Ehe und neben der Ehe, krieg beim Wickel, wen du willst, meinetwegen Hexen, und vor allem bleib fest im Zustand der Verantwortungslosigkeit, darin steh fest! Schwöre die Verantwortung ab! (Saugwurm erscheint in der Tür, halberstickt) : Saugwurm, da kommt zum Glück Saugwurm gespökt, oller Saugwurm, lang' mir doch da aus der Ecke linker Hand, da steht ein Spucknapf, nicht? Ja doch, her damit. (Stellt den Spucknapf vor den Herrn, schenkt Reste aus den Flaschen) So, Sie Wahrsager, Sie Halskünstler, Sie Schreibfehler an einer Abtrittswand, Sie verdautes 85 Mittagessen, Sie allgemein benutzte Gelegenheit, Sie vergessener Umstand – wahren Sie sich vor meiner sicheren Hand, wozu ich Ihnen rate, und letzen Sie sich an dem, was Ihnen meine Verantwortung vorspeit! (Zu Boll) : Schwörst du die Verantwortung ab? Auf Boll s Wink nimmt Saugwurm den Napf wieder fort. Otto will sprechen, stockt und setzt sich nieder. Saugwurm : Die Herrschaften können denn auch einsteigen. (ab.) Frau Boll : Gottlob, daß wir endlich fortkommen. Boll : Abfahren – nach Haus? Ich? Nein, Grete, nicht abfahren! Frau Boll : Grete sagst du? Boll : Nein, nun und nimmer fahre ich, Grete. Führe ich aber, es ginge gradeswegs zur Hölle mit mir. Grete in den Klauen des Teufels – und ich soll abfahren? Grete, die nicht weiß was sie tut, Grete, für die ich Vormund bin, Grete, die die Hütten in Brand stecken will, in denen ihre Kinderseelen wohnen, Grete, der ich versprochen habe, dabei zu helfen, anstatt ihr zum Gegenteil beizustehen! Frau Boll : Hört nicht auf ihn. Ich für mein Teil will ihm Verzeihung aufheben und er soll sie haben. Aber jetzt muß er, muß mitfahren – muß! Otto (mühsam) : Ich hol' wohl am besten meine Fahne auf Halbmast runter – kann ich dir noch bei was helfen, arme Martha, soll ich ihn noch mal berufen? (macht sich stark) . 86 Frau Boll : Ach, Otto, wozu könnte das auch helfen – ich versteh beinah den lieben Gott nicht mehr, denn was könnte er wohl mit uns im Sinne haben, da ers offenbar anders meint als wir – nein, o, nein! Boll : Also, liebe Martha, verzeihen willst du mir? Sag aber bloß, was nützt mir deine Verzeihung, wenn ich mir nicht selbst verzeih? Da, da, da bin ich im Bedarfsfalle, das ist der Fall der Fälle. Kannst du dir das Folgende nicht denken, Martha: draußen die stille Nacht und ich, Boll selbst, im Turm die Treppe raufgequält, und was sagt der Turm dazu? Er sagt: Boll muß! Und dann so läßt die stille Nacht ein Lüftchen fahren, nur eins und ein ganz geheimes – von oben her und niemand siehts, aber ein schwarzes, schweres Stück Nacht kommt mit dem Lüftchen angefahren und schlägt das Pflaster entzwei und am Morgen waschen sie ein halb Dutzend Meter Bollsches Rot von den Steinen? Stell dir vor, was für vielleicht unnötige Umstände und sieh es bitte gründlich ein – lieber als ich mit Saugwurm an deiner grünen Seite in die Hölle kutschier, fahre ich durch die Luft und schieß unterweg Kobolz. Frau Boll : Es – es, es kann mich doch nur schauerlich erschrecken, oder was kann ich sonst dabei tun? Boll : Verstehst du nicht? Hör mal genau zu, denn heute Morgen habe ich dabeigestanden, wie du als Dulderin und gekränkt stolz und schweigend – du weißt doch – – so sollst du jetzt vor allem Volk geehrt werden, denn alles Volk soll erkennen, daß dein die große Ehre 87 der Entscheidung ist. Ihr Beide teilt euch in der Gewalt über mich, du und der Turm, ihr Beide redet und ratet und ihr entscheidet. Erheb dich siegend, Martha, du bist berufen. Frau Boll : Gott, mir wird so fürchterlich bange, wo denkst du denn wohl an, Kurt, wie soll ich das alles denn auch gleich verstehen. Boll (hebt den Finger und schüttelt ihn, als wünsche er ungestört zu lauschen. Alle sehen ihn an, Frau Boll sucht auf den Gesichtern der anderen nach Erklärung, sieht zuletzt den Herrn an, der ihr zulächelt) . Herr (leise) : Muß Boll? Frau Boll (mit kurzem Schluchzen zu Boll) : Du mußt, Kurt, du mußt zu ihr, ich schick dich zu ihr, geh zu Grete, Kurt, geh gleich! 89 Sechstes Bild 91 Logierzimmer in der Herberge zur Teufelküche, eine Tür in der Hinterwand, Bett und Tisch rechts, wo auch ein Fenster zum Hof des Hauses gerade noch Platz hat, links ein alter Lehnstuhl, auf dem Tisch eine wenig Licht gebende Küchenlampe. Grete sitzt in Kleidern auf dem Bett und scheint irgendwelchen Geräuschen zu lauschen, plötzlich hält sie sich die Ohren zu. Hinter der Scheibe des Fensters erscheint eine Faust, es klopft. Grete erschrickt, sieht um sich, geht ans Fenster und öffnet. Elias ' Kopf taucht ins Helle. Elias (flüsternd) : Faß und iß und trink – bin bald zurück und du kannst indem . . . nu, faß doch, hab dir nichts Schlechtes zusammengeklaubt. Grete : Ich will doch nicht, du weißt doch, was ich will – will nicht essen, nicht trinken, nichts geschenkt. Elias : Nichts da von geschenkt – essen und trinken gehört mal dazu, weißt? Iß und trink, dann bist du mir recht. Deine Hohläugigkeit schaut verdammt hungrig aus, sollst gefälligst lustig sein, lustig sein gehört mit dazu – abgemacht? (Sie nimmt das Päckchen.) So, siehst du wohl, bist ja gut und wir wollen uns vertragen und einander was Gutes gönnen. Hör mal: ich muß vom Hof hier kommen, meine Frau schläft am Gang und da sind so lose Bohlen – muß noch kramen – ja so gehts im Geschäft. (Ab.) Grete (legt das Päckchen auf den Tisch. Es klopft nun nebenan, Grete horcht, schüttelt den Kopf, es klopft wieder) . Grete (leise) : Ich bin da. 92 Wehdigs Stimme (hinter der linken Wand) : Bist du nicht Grete? Grete : Ich bin da. Stimme : Hab so Hunger und hör von Essen und Trinken, wie soll man schlafen, wenn es nebenbei von Essen und Trinken rumort! Grete : Du kannst essen, hol' dir was zu essen. Man hört eine Bettstatt knarren, Scharren, Tappen im Dunkeln, durch die Mitteltür vom Gang kommt Wehdig halbangezogen auf bloßen Füßen. Wehdig : Nu? Grete (zeigt auf den Tisch) . Wehdig : Wohl zu speisen Musche Wehdig! (Wickelt aus, schüttelt eine Flasche.) Das gluckert nicht wie was zum Waschen, scheint schön gelb durch, das heb ich auf. (Kaut.) Wo ist er denn geblieben – weg? Habt ihr noch was vor, sonst bleib ich gleich hier – he? Grete : Wo kommen die Leute alle her? Wehdig : Was für Leute? Grete : Die man so hört. Wehdig (läßt das Kauen, horcht, schüttelt den Kopf) : Nu, Läuse trampeln überall, aber Leute keine. (Kaut und stiert auf Grete.) Grete : Er geht doch zwischen ihnen herum und sagt auch was, Elias sagt was. Wehdig : Na, was sagt er denn? Grete : Er schilt. Wehdig : Weiter nichts? Wenn er schimpft, hat er an was zu denken – ist gut, daß er schimpft. 93 Grete : Er ist wohl böse. Wehdig : Ja, böse – blas' Licht aus, sonst macht er sich bei uns noch was zu schaffen. (Er bläst das Licht selbst aus.) Grete : Licht ist auch da – scheint durch. (Deutet auf die linke Wand.) Wehdig : Hinter der Wand ist das Loch, wo er mich hingelegt hat. (Lacht.) Hat vergessen und mirs Hemd nicht ausgezogen – na, dir kanns egal sein, mit ist so gut wie ohne – was? Grete : Immer noch mehr Leute! Wehdig : Wo viele sind, kommts auf mehr nicht an – laß sein. Grete : Aber was sie da wohl tun, ist Platz für so viel Menschen? Wehdig : Kümmern sie sich um mich? Ich kümmer mich nicht um sie. Grete (geht zur Wand) : Man sieht durch die Spalten – ach, da ist auch Elias und läuft hin und her, schleppt Geschirr und plagt sich brav. Wehdig : Komm lieber hierher, kannst dich gern auf meinen Schoß setzen, Grete. Grete : Ach, du lieber Gott! Wehdig : Möcht wissen, was du denn noch willst – dahinter ist meine Kammer, hab ich dir ja gesagt – nichts weiter, keine Leute, kein Elias – Flausen, Grete, komm. Grete : Spielen sie nicht mit goldenen Karten? Ich 94 glaub sie haben goldene Karten in Händen – klingelt, wenn sie fallen, sicher, goldene Karten! Wehdig : Red' was dir paßt, bin gleich fertig gegessen, dann wirst ja sehen. Grete : Ja, sie spielen mit goldenen Karten und Elias – guck doch Elias, packt sie an den Beinen und reißt die Stiefel weg. Aber nu – da schleift er Kübel ran und in den Kübeln da dampft es, und schiebt sie untern Tisch und Zwei und Zwei müssen immer zusammen die Füße in den Kübel stecken. Ich mein' wahrhaftig, es glüht in den Kübeln! Da, da, da – da kommt er mit einem Kessel voll rote Kohlen und der andre da oben, kenn ich schon, ist ja Mehlspeis, Mehlspeis mit seinem Rabenschnabel, Mehlspeis muß hinein – ei weih, ei weih, wie's den sengt, schwitzt blankes Fett wie Speck in der Pfanne und die heißen Tropfen springen wie Flöh durcheinander. Mehlspeis hat auch goldene Karten in der Faust und spielt aus – aber das Gesicht dabei, ich wollt so nicht mit goldenen Karten spielen! Wehdig : Ja, Speck in der Pfanne, da pfeifts fein und da klinkt man seine Ohren auf – riechts auch danach, Grete? Grete : Ach Gott, was sie alle Fratzen schneiden, wollen gern lustig sein, das gehört zum Spielen, mischen ihre goldenen Karten und spielen immer weiter. Ja, ja, Leute, hier heißts kurios dreinsehen, wenns auch sauer wird. Aber das muß ich sagen, ihr tut was ihr könnt, wollt keine Spielverderber heißen. 95 Wehdig : Ich hab die Füße kühl, halts länger aus als sie. Grete : Da kommt auch der alte Splint und hinter ihm noch einer, kenn ich auch, Käselow aus Klüz und denn auch noch Grundbarsch, ja, das ist er – aber der ist doch längst tot, und Splint auch und Käselow hab ich selbst begraben sehen, wie kommen die hierher? Wehdig : Ja, Grete, mußt sie fragen, werden sich wohl besinnen, wie sie herkommen. Grete : Käselow nannten wir immer den Brombeerjochen – hat immer noch seine roten Klunker an den Backen baumeln – o, o, o, da fängt aber Elias an zu spektakeln, soll da einer nicht mit zu? Er kommt aber doch, schiebt Elias beiseit und den kenn ich doch auch, das muß Boll sein, aber der junge, schlank und rot, und brennt seine Zigarre an und bläst den Rauch in Elias seine Reden. Bin neugierig, was er da hat, er sucht in der Tasche – holt sich eine goldene Kugel heraus und läßt sie auf der Hand hüpfen. Sein Kopf dreht sich auf seinem Hals rückwärts über die Schultern, ich bin bange, er sucht mich. Wehdig (steht auf) : Na, Grete, nu fängt der gesellige Teil des Abends an. Wollen untersuchen, was in der Flasche schwimmt – sollst auch mal trinken, Grete. Grete (stöhnt) : Ihr, ihr, kommt ihr auch, alle drei? Ach, ihr armen kleinen Leute, was sucht ihr in der Hölle! Habt so schmutzige Füße vom langen Laufen und euer allerschlimmstes Zeug erwischt – wie steht ihr da so verloren und kümmert sich keiner um euch! Gut, blauer 96 Boll, daß dein Kopf sich nach hinten drehen kann, du siehst sie schon und winkst mit deiner langen Zigarre – und Elias läßt ab von Boll und hat Einsehen und lacht über sie und schleppt sich mit solchen kleinen Stühlen, da setzt euch und ruht eure müden Füße aus – und zieht ihnen die schmutzigen Stiefel aus, erst Ali, dann Lina, dann Peti, zieht ihnen die Stiefel aus und schwenkt die Arme und kriegt einen Kessel gefaßt mit Kohlen? (Schreit.) He, Elias, was machst du da, meine Kinder sinds, Elias, Elias, Elias, verfluchter Elias! Wehdig : Mensch, bist gleich still! So mitten in der Nacht und störst das ganze Haus wach! Grete (lauter) : Erbarmen, Elias, oder ich steck dich selbst mit dem Kopf . . . erbarm dich über meine Kinder, sie suchen mich mit ihren armen Seelen, hast nichts mit ihnen zu schaffen! (Sie drängt und schlägt gegen die Wand.) Wehdig : So haben wir nichts abgemacht in der Art, da misch ich mich aus, da wisch ich mirs Maul. (Er will die Flasche einstecken, aber sie entfällt ihm und er sucht sie vergeblich zu haschen.) Sei Gift für jeden der dich findet! (Er drückt sich hinaus, die Tür bleibt offen stehen.) Elias mit Licht. Elias : Willst deine Zunge verschleißen, willst den Hals in Stücke schreien? Daß du erstickst, Hexe! Grete : Wer hat dir erlaubt und du machst dich über meine Kinder her, Teufel du, Elias! Sie drängt an ihm vorbei durch die Tür, er hält sie fest und drückt sie aufs Bett, stellt das Licht auf den Tisch. 97 Elias : Kinder – deine – bist verhext? Elias' Frau, Doris , eine massive Person mit einem Baß und immer gelassenen Gebärden, erscheint in der Tür. Doris : Es geht bei ihr aus und ein, laß sie abholen, Elias – aber erst bezahlen. Elias : Leg dich zu Bett, Frau, wird alles besorgt. Doris kehrt langsam um und verschwindet. Grete : Weißt du's nicht, alle drei sind meine Kinder. Elias : Ich weiß das mit den Kindern, du hast es mir eher gesagt. (Leise.) Vernünftig sein, Grete, hörst? Sprich leise, aber Kinder – wo sind deine Kinder? Grete : Da drin – da wo sie mit den goldenen Karten spielen und haben die Füße in den Becken, hinter der Wand – gleich hol' sie her, Elias. Elias : Hast du gegessen? Grete : Er hats für mich – ist auch zu den Leuten und Boll ist auch da und spielt mit der goldenen Kugel. Elias : So, so – ja, das Pack hat den Magensack immer offen und schaufelt Dreck und Speck hinein. Grete : Hol' sie, Elias, ich bitte dich, Elias, hol' sie alle drei! Elias : Gleich – ganz recht, ist schon so, Boll ist da und füttert sie, Boll findet schon was für sie. Grete : Laß mich los, Elias. Glaub mir, ich fürchte mich nicht vor den Leuten, auch nicht vor Käselow und den andern Toten – will sie selbst füttern, Elias. Elias : Verschnauf dich – na, wie du außer Puste bist. 98 Grete : Hör mal, Elias, wo hast du denn dein Gift, kann Boll sich nicht vergreifen und gibt ihnen von deinem Gift? Elias : Boll wirds beliebig machen, bald so, bald anders, Boll muß, Grete. Doris in der Tür. Doris : Elias? Elias : Sie ist betrunken, muß ihr erst die Röcke zubinden. Geh zu Bett, ist gleich besorgt. Doris langsam ab. Grete : Geht die Frau auch nicht zu ihnen? Eine furchtbare Frau ist das, Elias, sie soll nicht zu den Kindern. Elias : Hat noch keine Kinder gefressen, geht auch nicht zu ihnen, Grete, hat eigene Kinder. Grete : Eigene Kinder – weißt du, Elias, was müssen das für Kinder sein! Elias : Richtige Kinder, gesunde Kinder, Kinder wie alle Kinder, Grete. Grete : Richtig gute Kinder? Elias : Können gar nicht besser sein. Grete : Aber wo hast du dein Gift verwahrt, Elias, Kinder klauen doch und suchen süße Sachen – wenn sie vielleicht das Gift finden? Elias : Na, wenn schon, sie sinds von frühauf gewöhnt, ihnen tuts nichts, sie gedeihn, daß man sie wachsen sieht. Grete : Was müssen das für Kinder sein, was seid ihr für Leute! 99 Elias : So gehts im Geschäft, in der Hölle ist man lustig – na, Grete, du siehst bei kleinem ein, daß hier alles in Ordnung ist, also will ich dir was sagen, aber ich sags leise – daß wir die Hauptsache nicht vergessen . . . Doris an der Tür. Doris : Elias? Elias : Geh zu Bett, Frau. Doris : Elias? Elias : Zu Bett gehn sollst du! Doris : Bist du fertig mit ihr? Elias : Geh zu Bett, gleich ists gut. Doris : Ich mein, es ist schon gut genug, geh und ruf die Wache an, ich will bei ihr aufpassen. (Tritt ein.) Grete : Boll, blauer Boll, hilf! Doris : Die? Sollt man denken, daß die solche Sachen macht? Nichts da von Wache (sie erblickt die Flasche, langt sie auf und stellt sie auf den Tisch. Zu Grete) : Du gehörst gestriegelt, daß du dich besinnst. (Zu Elias) : Sagte sie nichts von Kindern? Elias : Was hast davon – Kinder, was gehn uns ihre Kinder an? Doris : Viel geht aber das ihre Kinder an, wir wollens uns Schlaf kosten lassen um ihre Kinder. (Setzt sich in den Lehnstuhl.) Grete : Sag ihr, Elias, sie solls nicht, nicht da sitzen. Elias : Das kannst ihr alles selbst sagen, Grete. Das ist eine, da ist leicht mit auskommen – so eine wie die ist. Grete : Ich hör sie Luft holen, Elias, ich fühls so dicht 100 bei, als wenn das ganze Zimmer von ihr voll wär, und sitzt doch da hinten. Nein, Elias, geh nicht weg von mir. Elias : Kannst ganz dreist was sagen, Grete, versuch es, wirst schon sehen. (Er macht sich Geschäfte, rückt Stühle, hebt Papier auf, dreht am Docht, jeder Zoll ein Herbergsvater, nur von Zeit zu Zeit kommt eine Grimasse.) Doris : Kommt alles zur rechten Zeit in Gang, dummes Ding. Zäher Braten bist, ich freß dich doch. (Schüttelt den Zeigefinger.) Das ist der Teufel, dummes Ding – heb dich von ihm weg und komm auf meinen Schoß. Grete (faßt nach Elias) : Hörst du's, Elias? Auf ihren Schoß, sagt sie. Elias : Tu, was du willst, kommt alles auf eins raus. (Zu Doris) : Siehst nicht, daß sie Angst hat, Frau? Wär schon Zeit und läßt ihr wieder Ruhe. Doris : O, mein Elias, wie ich dich ausstudiert hab – Angst hat sie, da laß sie bei, die soll ihr helfen, da sei unbesorgt, daß Angst ihr schadet. Das lernt man bei uns. Grete : Ach, Elias, ich weiß was sie meint, man lernt mit den Kohlen an den Füßen – warst du nicht schon dabei und die Kinder hatten ihre Füße im Kessel? Was sollten die von den Kohlen lernen? Doris : Komm, mein Elias, laß das mit den Kindern, gib mir die Flasche, grade gut für Wen wie sie – dein Gift, laß mich sehen, wollen sehen. (Elias gibt die Flasche, Doris trinkt.) Grete : Da in? Das ist es? Das steht so bloß und blank auf dem Tisch und hast nichts weiter zu gesagt? 101 Doris : Wie gut, daß du es mit ihr meinst, mein Elias, siehst du, schmeckt man aus der Flasche heraus. Ah, du dummes Ding, so also wie du muß man sich herzeigen, wenn man in seiner Gnade warm werden will. Da, da, gib ihr zu trinken, wird ihr die Angst abtreiben, lern von den Teufeln, lern was wegbringen, lern was ausstoßen. Grete : Siehst du nicht, Elias, sie trinkt und ich solls nach ihr? Elias : Frag nicht, sie sagt es und tu nicht dumm – was ich dir gebe und dabei bleibts. So willig stellst dich an? Sieh mal, sie trinkt Gift wie Wasser! Grete (trinkt) : Ob das nicht gleich so beschaffen ist wie mit den Kohlen? Ach, ihr armen Kleinen, eure Mutter soll an inwendigen Kohlen verbrennen. Doris (schüttelt den Zeigefinger) : Dummes Ding, an unsern Kohlen verbrennt keiner. Die verstehns, da gehts genau bei zu, da brennts, wo's gebraucht wird, die verderben nichts als was verdorben ist. Grete (krümmt sich) . Elias : Nichts als der brühende Frost, Grete – der kriecht dir ein und verstockt dein Gedärm und versengt deine Angst, Mund auf, Grete! Doris : Sie trinkt schon, mein Elias, quäl sie nicht. Grete (trinkt) : Ja, bei euch kann man wohl was lernen; wenns auch brennt, so verbrennts die Angst im Leibe und tut weh ohne Bange. (Sieht nach der Tür.) Ich mein, die wollen auch ihr Teil, was Elias? 102 Drei Tote treten ein. Grete : Das könnt euch passen, ihr Schleicher – he, Käselow und Splint und Mehlspeis? Gesellen seid ihr! (Lacht.) Was habt ihr denn mit eurem Fleisch und Bein gemacht? Das soll mich doch wundern, auf was Art ihr mir guten Tag sagen wollt. Da hab ich meine Hand nicht zu, was Gewesenes anzugreifen, was Abgelegtes, was zurück Gewachsenes. Die Toten sehen sich um. Grete (lacht) : Hier gibts keinen Spiegel, Mehlspeis. Du, ja du kannst noch stolz sein – schau auf Splint und hat nur noch die Hälfte von dir, na, lach auch mal, hast ja noch einen Rest von Gurgel. Mehlspeis : Na, Grete, daß wir deine Kinder gleich mitnehmen, weißt du. Grete : Dazu seid ihr da? Splint : Grade und zu weiter nichts. Grete : Ihr, ihr drei? Käselow : Und gehn gleich weiter mit den Kindern. Grete : Daß ihr sie anhaltet und müssen zu so Gestalten werden in eurer saubern Gesellschaft – und hungern müßt ihr doch auch Leute, was seid ihr bloß ausgefleischt, eure Hohläugigkeit sieht verdammt hungrig drein. Da lauert ihr nach, auf meine Kinder? Trinkt erst mal was, gutes Gift, das kann euch nicht mehr schaden, da kommt ihr auf andre Gedanken von. (Gibt ihnen zu trinken.) 103 Splint : Wenn die Kinder ihr Teil haben, bin ich so dreist, Platz hab ich. (Trinkt.) Grete : Das muß ein verfluchtes Leben sein im Tod – aber ihr müßt es ja am besten wissen. Mehlspeis : Ja, Grete, man schlägt sich durch, wenn man nicht unbescheiden ist – wollen wohl auf die Kinder passen. (Trinkt.) Käselow : Kannst ganz ruhig sein, Grete, man kriegts bald weg, wie's dann ist und die Jungen lernen das so schnell wie die Alten. Fängt man erst an mit Abnehmen im frischen Fleisch, gehts Zunehmen am faulen Fleisch frisch an. (Trinkt.) Grete (lacht) : Saug' was du kannst, Käselow, siehst wohl, da hast den letzten Tropfen abgeschleckt und weiter gibts keine Krümel und keine Tropfen – – – und nichts, nichts, nichts ist übrig, nichts für Ali, nichts für Lina, nichts für Peti! Macht euch auf die Socken, Leute, geht euren Gang, was könnt ihr bei euren Umständen besseres tun, als brave Tote sein. Die Drei sehen sich an. Mehlspeis : Wenn das nicht so abgemacht wär, Grete. Grete : Schlagt euch solche Abgemachtheit aus dem Kopf – ich habe euch nicht gerufen. Splint : Kannst mir das glauben, Grete, und ich tu's gern. Aber lieber tu ichs nicht, Grete, laß dein Kroppzeug in seinem Fleisch, wenn du's nicht besser haben willst. 104 Käselow : Sollen wir uns was antun mit nach fragen? Unsereins hat auch seinen Stolz und du kannst lange warten, bis wieder so 'ne Gelegenheit kommt – kann dir nicht helfen. Die Toten gehen rückwärts hinaus. Grete folgt ihnen und macht die Tür hinter ihnen zu. Grete : Nun sag einer, ob ich das nicht gut gemacht hab. Ob die Toten alle so dumm werden, wenn ihr Verstand verrottet? Was das auch aussah, wußten nicht mal, wie sie zur Tür rauskommen sollten. (Steht vor Doris und klatscht in die Hände.) Und alles Gift ist ausgetrunken, nichts da, nichts für Ali und Lina und Peti, keinen einen Tropfen und nur was in eurer leeren Flasche ist! Doris (streckt die Arme aus, Grete gleitet nieder und birgt sich in ihrem Schoß) . Elias (hat sich ins Bett gelegt und bald schnarcht er) . Doris : Zu und dichter, bett dich warm, wollen vergessen, wers ist von uns Beiden, vergiß alles und dich selbst, laß dich liegen im Gleichen, wo alles herkommt und gut ist – gib her, was du hast, falsch und verflucht, ich kanns lassen, bei Elias' Satansweib ist es aufgehoben am unschädlichen Ort, da wächst was drüber und wird mein und ich kanns tragen und trags leicht. Sei getrost, so ledig wirst du, wie ich voll, gib deinen Boßelkopf her und hör ins Ohr. Grete (hält ihr Ohr hin) : Boll ist – Boll ist tot, der blaue Boll ist tot? Doris : Hör genau. (Spricht leise.) 105 Grete : Ja, das ist wahr, ich weiß schon – der blaue Boll sitzt mit den Füßen in Elias seinem Kohlenkessel – au, au, au, blauer Boll, dir ziehts hinauf bis ins Herz, da platzen die Blasen, da bläst die böse Bange mit dicken Backen drauf – so gehts, blauer Boll, so solls sein, sagt sie. Aber der junge Boll, nicht? Der junge, der schlanke, der den Kindern die goldene Kugel zum Spielen schenkt, braucht der auch in die Kohlen? Doris : Braucht nicht, was der spart, kommt dem blauen zugute – hörst du? (Spricht ihr ins Ohr.) Grete : Kanns nicht, kanns wirklich nicht hingehen, kann sich selbst nicht verzeihen, niemand und er selbst auch nicht? Ach, du armer Boll, ich verzeih dir ja – spiel mit den Kindern und laß dir verzeihen. Doris : Das ist doch der junge, der mit den Kindern spielt. Grete : Ja, das ist der junge, der braucht nicht büßen, was der blaue verbrochen hat. Aber wenn sie so viel kann und frißt mich und saugt mich leer vom Schlimmen, daß ich ledig werde wie sie voll, kann sie nicht auch den blauen Boll austilgen, daß sie ihn auch in sich trägt und gedeiht dennoch? Doris : Laß den blauen Boll sich selbst richten, sei du zufrieden – bist den Teufeln in die Hände gefallen, die wohnen im Haus des Übels, da können viel Übel mit unterkriechen. Elias schnarcht und ich bin auch müde – habe was geschafft und brings zu Haufen in gute Ruh. Elias (im Schlaf) : Boll muß, bald so, bald so. 106 Man hört heftig an die Haustür klopfen. Grete : Will jemand noch so spät ins Haus? Doris (schläft und läßt sich vergeblich rütteln) . Elias (im Schlaf) : Boll muß . . . Grete : Das ist Boll! (Springt auf.) Boll, blauer Boll, wart, ich komme! (Ab.) 107 Siebentes Bild 109 Inneres der Kirche, von dem man nur einen Pfeiler, Bogenfenster und Gestühl sieht. Ein hölzerner Apostel am Pfeiler. Grete schläft auf der Bank, Boll geht im Gang auf und ab. Die Morgensonne strahlt durchs Fenster und bescheint den Apostel. Einige Augenblicke später erwacht Grete und richtet sich langsam auf, sie folgt Boll , der immer noch auf- und abgeht, mit den Augen. Wenn er an ihr vorbeikommt, sehen sie sich an. Grete : Ist das nicht der blaue Boll – kann niemand sein als der, aber wie kommt er hierher? Boll : Und du, Grete, bist du nicht auch da? (Macht eine Gebärde.) Was für ein Haus, Grete, was für steinerne Raketen steigen auf und wie springts da oben lustig im Bogenhimmel herum – ist Morgen, Grete, hast gut geschlafen? Grete : Hat Boll ihnen denn nicht die goldene Kugel gegeben und sie liefen immer weiter und immer hinter der Kugel her? Boll : Genau so, immer hinter der leuchtenden Kugel her und die Kugel direkt auf Parum los und zeigt den Weg im Dunkeln – sind längst wieder in Parum, Grete, und spielen immer mit der goldenen Kugel. Grete : Aber Boll war doch jung und schlank und rot – und ist doch wieder der blaue Boll? Boll : Was schadet dirs, Grete! Ja, ich war jung und schlank, so gut wie . . ., Grete, so gut als ob, und darum küßtest du mich im Dunkeln. Weißt nicht mehr, was der Nachtwächter sagte? 110 Grete : Ich lief mit dir und du sagtest, die Kinder sind vorauf, darum lief ich. Ich war schon müde und wurde matt und immer schneller wollte ich laufen – ja dunkel war es! Boll : Sehr! Aber du liefest nicht lange und lagst bald am Boden und rührtest kein Glied und sagtest kein Wort – und ich hob dich auf, ich und der Nachtwächter hoben dich auf und brachten dich mit Mühe (zeigt gegen die Wand) da vors Haus, vor die Kugel, und er kriegte sein Trinkgeld und bedankte sich und meinte, ich sollte meine kleine Braut nur ja ordentlich ausschlafen lassen, sie hätts wohl nötig und lachte sich dabei wie solche Schlauberger es machen. Braut, sagte er, Grete, denn er konnte sichs nicht anders denken. Grete : Und da küßte ich Boll? Boll : Im Dunkeln – im Dunkeln war ich jung und schlank, Grete. Dabei kriegte ichs denn auch klug, was es zu bedeuten hatte, daß du immer sagtest: Gift, Gift – ja, da roch ichs und begriff, warum du mit Lachen und Weinen und Husten anfingst und mit Schnarchen aufhörtest. Also ich war jung und schlank und wars gern – im Dunkeln. Grete : Und dann? Boll : Und dann ließ ich die Kugel links liegen und holte den Schlüssel aus der Tasche und schloß auf, und einmal im Turm kamen wir von selbst ins Gehäuse – ist mir sauer geworden, hätte dich lieber wo anders hingebracht, aber es mußte wohl so sein. Und du hast da 111 gelegen und geschlafen, schwer geschlafen und gut, und ich bin Wache gegangen, immer auf und ab im Dunkeln. Kanns im Himmel stiller sein – denk mal wie still! Grete : Weißt du noch, wie es in der Hölle lärmte und wie sie die nackten Sohlen auf Glut setzten? Elias weiß damit Bescheid, blauer Boll – und viel Gift hat er mir gegeben. Boll : Elias? Richtig, Grete, Elias gehörte ja auch dazu – na, Grete, wo siehst denn hin, was hast du an dem Petermännchen aus Holz zu gaffen – hm? Grete (sieht zwischen der Figur des Apostels und Boll hin und her, lacht) : Was der auch aussieht, wie ihr Beide ausseht! Die Sonne scheint ihm ins Gesicht und er hat seine Glotzaugen weit auf – sucht er Läuse, oder was hat er in seinem Vollbart zu grabbeln? Boll : Der? Ja, der! Sieh, jetzt scheint sie mir auch aufs Gesicht und nun wächst da ein schattiger Boll an der Wand, der Heilige aus Holz und mein Schatten stehen sich gegenüber und man kanns gut absehen, von welcher Art Fleisch sie fallen. Er war ja auch einmal im Fleisch und ich bins noch – sieh dirs an, Grete. Grete : Er macht den Mund zu und seine Augen blinkern. Boll : Glühen, glühen – und meine? Grete : Deine – ach, blauer Boll, das ist nicht dein bester Putz. Da klappen Luken über zusammen, Luken, daß man sich schämen sollte, daheraus zu sehen. Sonst, die Augen sind richtige Augen, aber sie haben sich in 112 dicke Walnußschalen verkrochen. Er hat einen Mund, aber er macht ihn zu. Boll : Fest! Hat nichts zu sagen, will nichts sagen, außer dann einmal und wann einmal – mehr nicht als ein halb Dutzend gut ausgekochte Wörter – und meiner? Grete : Dein Mund? Boll, deiner ist nicht schlecht, gut zum Gähnen und Zähnezeigen und zum Besorgen von allerlei Unrat für die Zähne. Aber deine Zähne sind sehr gut, die können ihr Teil beschicken – er, sieh hin, was für hohle Backen, da ist kein Platz mehr für Zähne, die Kammer hat dünne Wände und leere Betten. Vielleicht glühen seine Augen darum, weil er keine Zähne hat und nach was anderm ausschauen kann als nach Fleisch. Boll : Nein, er ist hungrig, Grete – und hungrig, kannst du zugeben, seh ich nicht aus! Grete : Seine Stirn ist geteilt, wenn man genau zusieht – zwei schöne schiere Schalen! Boll : Und meine? Grete : Blauer Boll, du bist wohl ein guter blauer Boll, aber ich wollte doch, ich hätte dich nicht geküßt. Du hast eine glatte Backe unterm Haar und deine Stirn ist das, weil sie da sitzt, wo sie bei dir sitzen soll. Das tut sie auch. Boll : Was wolltest du noch von Elias sagen, Grete? Grete : Hier ist es wirklich wie im Himmel, wollen lieber still sein – ich bin auch müde. Das Gift kratzt noch immer hinter den Augen, will gern gehen und nach Haus – aber da hats was. (Faßt an die Stirn.) Will gleich gehen, aber noch sitz ich ein Stück. 113 Boll : Du brauchst nicht gehen, Grete. Weil du noch schliefst, war ich drüben und weckte den armen alten Saugwurm. Saugwurm spannt an, Grete. (Sieht nach der Uhr.) Kannst bald losfahren und fährst nach Parum – und Saugwurm ist zurück, ehe die Herrschaften ihre Stiefel gewichst kriegen. Aber sag mir, wie es mit Elias war! Grete : Du sollst hören, was du hören willst – sprich mir vor, ich sags nach. Boll : Na, Grete, sieh mal, wenns auch kein schöner Schatten ist da an der Wand, die allmächtige Sonne hat ihn ehrbar und ohne Spott hingemalt – willst du böser mit mir sein als sie? Das Werden, weißt du, Grete, ist eine saure Sache und wenn du nach Parum rollst, kannst du in Parum aussteigen, als wäre der Besitzer des Wagens der Mann im Mond und Boll eine Vogelscheuche sonstwo. Das kannst du und das ist Bolls saures Werk und bei dem Werk ist mein Werden reichlich in Schweiß gekommen – aber Werden und Gedeihen sollen ihr Recht kriegen und also wird der blaue Boll aus seinem ungeheuren Elendstal eingehen in den blanken Saal der guten Geheuerlichkeit und – hoch soll er leben in aufgetürmten Gehäusen! Was? Grete : Sag's zu Ende. Boll : Ach, ja, Grete, du hast den Anfang gemacht, bei dir hat Boll den Einblick getan, wie das Werden schmeckt. Solcher Aufstieg soll ihm nun immer vollkommener glücken . . . . 114 Grete : Weiter, blauer Boll. Boll : Denn Boll hat keine Wahl mehr, Boll muß sich der Herrlichkeit des Werdens zubereiten und darum hat er den Wagen anspannen lassen und Saugwurm fährt die liebe Hexe im Trab heil und ganz, heil und ganz, Grete, das weißt du nun – heil und ganz zu den lieben Kindern heim. Und Boll winkt mit der ehrbaren Rechten und läßt fahren dahin, was nie wiederkehrt – und wendet sich zum Wandel aus dem geliebten Elendstal und eilt hinan und geht wohlbehalten ein, wo? Im Festsaal der unvermeidlichen Dereinstigkeit – sieh, Grete, so muß es werden und nicht anders. Grete : Sprich zu Ende, blauer Boll. Boll : Gott, Grete, liebe Grete, wieviel lieber bliebe ich im trauten Elendstal, wo ich so lustig war und nicht mehr sein darf. Kein schlechter Wille, Bolls Wille, aber ganz schlechte Lust ist Bolls Lust zum allfortigen steinigen Wandelgang. Nichts von Elias! Grete : Ich will dir alles gern glauben und soll wahr sein, daß du an mir dein erstes Probestück gemacht hast, und saure Arbeit solls auch gewesen sein! Aber hör' mal, was war das für eine gewaltige Frau, Elias' Satansweib, und sie hat mich aus seinen Klauen gezogen und wie ichs sage, so ists und niemand kanns anders sagen. Hörst du das gern? Wenn die Sonne in deine Augen scheint, glühen sie besser als dem seine, das seh ich genau, wenn ich gut hinseh'. Boll : Was Wunder – kann er was anderes mit seinen Augen anfangen als läßt sie sehen – ich aber sehe selbst 115 und seh dich sitzen und höre dich die Wahrheit reden, und siehst aus deinen Augen wie eine heile gesunde Frau. (Sieht nach der Uhr.) Kannst gleich fahren, ich bring dich hin – frisch, es wird losgefahren! Grete (zögernd) : Und wo bleibst du, blauer Boll, wenn du doch nicht mehr lustig sein kannst? Boll : Ach was, Grete, Boll kanns nicht lassen und bringt Boll zur Welt, man wird schon sehen, Bolls Geburt und turmhohe Veränderung steht vor der Tür. Jeder ist sich selbst der Nächste bei seiner Entfaltung und muß wissen, wie ers schafft. Man hört die Tür zum Turm knarren, sie sehen sich um. Boll : Das trifft sich ja sehr gut, Martha, da können wir gleich zusammen frühstücken – nein, nein, komm gern heran, du störst nicht im geringsten. Frau Boll kommt. Frau Boll : Aber ob sie es erlaubt? Boll : Küß' der gnädigen Frau die Hand, Grete, das ist Bolls Ehefrau – na, was zierst du dich – wirds bald? Frau Boll (winkt ab) : Wie ich da zufällig aus meinem Fenster seh . . . und du gingst über den Platz und verschwandest in der Kirche . . . . Boll : Küß ihr die Hand, Grete! (Grete tut es mit äußerstem Widerstreben, linkisch und furchtsam, kaum daß Frau Boll es duldet.) Sie fährt dahin und kehrt nie wieder, Martha, nie wieder, was wie Grete war. Saugwurm hält doch wohl vor der Kugel, wie du hoffentlich bemerkt haben wirst – ja, nie wieder, nie wieder. 116 Frau Boll : Würdest du mir das alles nicht bitte besser verschweigen, Kurt? Nein, ich kann den lieben Gott wirklich nicht mehr begreifen! (Kehrt sich ab und legt die Hand auf die Stirn.) Ohne eine Sterbensmöglichkeit von Schlaf wie die Nacht verlaufen ist – und habe ich denn nicht regelmäßig Migräne nach solchen Aufregungen? (Wieder zurück.) Gott, Kurt – du weißt wohl überhaupt noch gar nicht, was heute Nacht geschah? Boll : Ich denke doch – viel, reichlich viel, aber vielleicht geschah noch mehr? Frau Boll : Also du weißt es wirklich noch nicht? Ich hätte es nie geglaubt! Boll : Was denn, Martha, wenn du so gut sein willst? Frau Boll : Woher solltest du auch – wer könnte . . . (Zu Grete) : Ich muß meinem Mann, der leider ganz unvorbereitet ist, von einer er – schütternden Familienangelegenheit Mitteilung machen. Grete : Ja, Frau Boll? Frau Boll : Sie versteht nicht, Kurt. Boll (zu Grete) : Wenn du noch was für mich tun willst, Grete, kannst du nach vorn gehen und ein Vaterunser für mich beten. Für mich wie für jemand, der keine Zeit mehr dazu hat oder keine Kurage aufbringt – ja, Grete? Grete (wendet sich, Boll begleitet sie mehrere Schritte und zeigt ihr den Weg zum Altar, Grete ab) . Boll : Also schlecht geschlafen, Martha, auch Migräne wie immer nach solchen Geschichten? 117 Frau Boll : Eine Aufregung stürzt sich auf die andere, Kurt. Boll : Aufregungen, Martha, wenn du mir das erlauben willst, einzuschieben, sind Gelegenheiten, Pulver zu nehmen – aber ich unterbrach dich. Frau Boll : Kannst du es auch anhören, Kurt? Wenn dir nur im Geringsten unklar vor Augen wird, oder gar . . . Boll : Einerlei, ich bin ja wohl der Erste an der Reihe, also los! Frau Boll : Setz dich lieber in den Stuhl, Kurt, und nimm dir fest vor und gib dir Mühe, dich von vornherein dagegen gefühllos zu machen – mein Gott, die Zeit tut es dann ja doch und du wirst einmal sagen, es geschah, was schon längst hätte geschehen können oder auch später erst – ich hätte es wirklich nie geglaubt. Boll : Na, ja, Martha, jetzt bin ich wirklich auf alles vorbereitet – wenn du denn so gut sein willst. Frau Boll : Du weißt vielleicht noch, daß ihr gestern Abend nicht grade sehr freundlich auseinanders gegangen seid, du und Otto? Boll : Ich und Otto? Na, dergleichen kam schon öfter vor – mir ist es durchs Gedächtnis gerutscht – hat er noch was gesagt? Frau Boll : Ach, Kurt, wie soll ich dirs nur schonend und zartfühlend genug beibringen. Erst trank er noch ganz allein für sich und sagte, er müßte diesen Herrgott mit Schnaps von seiner inwendigen Furnitur abbeizen – und dann, als er zu Bett wollte, war Bertha gerade 118 eingeschlafen und so störte er sie auch noch, und dann schlug er vor dem Waschtisch leibeslang zu Boden. Es war nur gut, daß der Mann, den sie den Herrgott nennen, gleich zur Hand war, schlief ja nebenbei und Bertha brauchte bloß zu klopfen. Solche Leute sind bei solchen Sachen ja wirklich gut zu gebrauchen. Wir taten alles, was richtig war – nun liegt er ganz still zu Bett und der Mensch sitzt dabei und spricht mit ihm. Aber er ist wirklich auffallend verändert, Kurt, und seine Hand zittert unaufhörlich. Selbst sagen kann er denn ja nichts. Der Sanitätsrat meint, er wird für dies Mal noch ziemlich wieder in Ordnung kommen – ich hätte es nie geglaubt. Boll : Du hast ganz recht mit deinem Bonmot, das hätte ihm längst passieren können, oder es wäre bald mal oder auch später soweit gewesen – siehst du, wie gefaßt ich bin? Frau Boll : Na, Kurt, das ist ja auch gut, aber es tut mir doch immerhin schrecklich leid, der arme Otto! Boll : Ist er vielleicht tot, soll ich es etwa nach und nach eingetrichtert kriegen – von mir aus könnte er nämlich ebensogern tot sein. Die Wohngelegenheit in dem so veränderten Elendstal kann bestenfalls doch nur noch ein Schweinestall sein. Frau Boll : Wie du so was sagen magst, Kurt, nein, Gott sei Lob und Dank – er lebt. Boll : Aber sehr verändert und die Hand zittert? Sieh mal an, wer hätte das von Otto gedacht, nein, das hätte ich auch nie geglaubt! Ich will wetten, diese Art 119 zu werden ist ihm leichter gefallen, als mir das saure Probestück an der Grete. Dieser Otto – er redet jetzt wie mit Engelszungen, es dröhnt mir in den Ohren, kann ich dir sagen, grade als hätte ihm eine von den Tanten die Tute an den Mund gesetzt und er stößt darein mit seiner ganzen Leibeskraft. (Ruft:) Hörst du, Grete? Grete (von hinten) ; Ja, Herr Boll? Boll : Hast wohl ausgebetet, wenn du dich nicht allzu lang auf den Anfang besonnen hast, um Kurage ist mir nicht mehr zu tun. (Zu Frau Boll:) Merkwürdig, wie geläufig mir die Unterhaltung mit dieser Hexe wird, hast du eine Erklärung dafür? Grete (von hinten) ; Boll, ich hör sie wieder. Boll : Ich nicht, Grete. Grete (hinten) : Wieder was die Satansfrau sagte. Ich habe gebeten und geweint, aber sie sagte, er soll sich selbst richten – aber von mir sollst du Verzeihung haben. Boll : So, so, also weiß ich Bescheid. Grete kommt zurück. Frau Boll (will sprechen) . Boll : Ganz richtig, Martha, so ist es, genau so. Frau Boll : Aber ich habe doch nichts gesagt! Boll : Was macht das aus, du bist immer im Recht, das wußte ich voraus – hätte dir aber doch das Wort nicht abschneiden sollen – nicht böse werden, hörst? (Er legt den Arm um sie, faßt zugleich Grete unter und macht mit Beiden im Gang Schritte hin und her, steht dann vor dem Apostel still.) Seht, Kinder, den alten Griesgram – 120 vorhin, da wollte ich bange werden vor seiner hölzernen Grandezza, aber jetzt steh ich mit seltsamer Pomadigkeit vor ihm. Dir kann ich die Zähne zeigen, du mit deiner Maultasche voll Stillschweigen und kann dich auslachen, da sag, was du willst, du verbissenes Stück Zahnlosigkeit. Sagt er was, Martha, hörst du was, Grete? Was ich am Leben gehabt habe, das hab' ich gehegt, habs gehegt wie mirs gegeben war und was daraus geworden ist – einerlei – gemußt, gemußt, Boll hat so gemußt. – – – Kinder, er schüttelt den Kopf, siehst du, Martha, nein, wahrhaftig, er weiß es besser. Nun gut, so seht ihn nochmal an: was Dürres durch und durch, aber nichts Verdorbenes, auch er hat seines Müssens Fasson, hat auch so gemußt, hat auch gemußt. Was sagst du, Martha? Frau Boll : Willst du, daß die Scham mich umbringt? Ich vergehe, wenn du mich nicht aus dieser Hölle entläßt. Ich schreie, Kurt! Boll : Nicht schreien, Martha, und noch mehr tun als nicht schreien, gut zu ihr sollst du sein – und nichts von schämen! Frau Boll : Ich muß schreien, ich werde schreien. Boll : Martha, bedenk, wie sehr sie es um uns verdient hat, das mußt du, bedenken mußt du – und darum sollst du ihr die Hand küssen und das ists, was du ihr erzeigen mußt. Sie verzeiht, das ist ihr Teil, und du mußt sie ehren, das ist dein Teil – die Hand geküßt und sie dann betulich an den Wagen gebracht. So ist die Ordnung, die ich will. 121 Frau Boll (redet weinend unverständliche Worte) . Boll : Dennoch, dennoch, du hast Recht, aber doch! Warme Gewalt, himmelweit her, ist am Werk. Stand, sagst du? Gutsbesitzerin, sagst du? Und so weiter, sagst du? Ich sage dir, du bist Bolls Frau und Bolls Stand hat ein oberes und ein unteres Ende. Wir sind am unteren Ende. Dir in deinem sauren Beharren kann der Zucker der Demut zum süßen Werden verhelfen – schüttel dich, wach auf! (Schüttelt sie.) Frau Boll (von Boll zu ihr gedrängt, nimmt Gretes Hand und beugt sich über sie) . Der Herr von hinten. Boll (ohne sich umzusehen) : Wie gehts Otto? Herr : Gut, so gut wie sonst nie, Herr Boll. Ihr Herr Vetter ist dem zweiten, ganz leisen Wink einer sanften Hand ohne Mühe gefolgt – es geschah mit der gelassensten Leichtigkeit, wie ein bereitwilliges Lächeln auf eine leichtverständliche Anspielung folgt – – – Boll : Also, also! Mir wird schwarz vor den Augen (macht sich los, schiebt die Frauen sanft hinaus) . Tu es, vollend es, Martha, führ sie zum Wagen und hilf ihr – es geschieht für mich, und was du für mich tust, tust du für dich. Frau Boll und Grete ab. Boll (zum Herrn) : Hat sanft gewinkt, die Hand, und Ottos zitternde Rechte ward wieder sicher? Wie die Veränderungen sich hetzen – schon bei mir hat ein ganz hübscher Trieb angesetzt, bei Otto ist das Werden 122 ja förmlich in Saat geschossen. – So danke ich Ihnen für alle Sorge – – – ich danke, bedarf weiter keiner Hilfe (winkt ungeduldig nach der Tür) . Herr : Nur nach Ihnen, Herr Boll! Sie sehen sich an, Boll verbirgt mühsam seine Verwirrung. Herr : Und wie steht es mit Ihnen? Vielleicht liegt es nur an der Anschaulichkeit Ihrer meisterlichen Ausmalung eines Sturzes heute Nacht, daß mir zu fragen beifällt . . . . Boll : Ach, Unsinn, wer wird sich um so was noch am nächsten Morgen kümmern! Herr : Und doch – was bleibt Ihnen, wenn Sie es recht bedenken, was bleibt Ihnen zu tun übrig? Und zögern Sie, so wird überhaupt nichts damit, das sage ich Ihnen voraus – in zwei, drei Minuten ist es geschehen. Boll : Zwei – drei – na, hören Sie mal, was für zwei, welche drei! Herr : Je mehr Worte, je mehr Aufschub, desto mehr Qual. Ihr Atem, Herr Boll, reicht kaum, sich hoch genug hinauf zu kämpfen. Ich höre Ihre Brust pfeifen, Ihr Odem quält sich aus und ein und muß Sie doch mindestens bis zum ersten Fenster tragen. Wie hieß es noch heute Nacht – ein Lüftchen fährt nieder und das Pflaster rot von Bollschem Blut? Boll (setzt sich) : Ganz richtig, so sollt es kommen, so sah ichs voraus – mein Atem . . . . Herr : Ihr Atem hat eine glänzende Schilderung ihres Sturzes geleistet – der Sturz selbst . . . . 123 Boll : Wir – werden – uns – arrangieren, mein Atem und ich. Ich danke Ihnen und so ists gut – die Tür ist doch auf? Herr : Ich geh lieber nach Ihnen, habe Zeit und möchte Ihren Absichten förderlich und dienstlich sein. Wartens Sie's nicht ab, mit jeder Sekunde des Zögerns wirds schwerer. Boll (springt auf) ; Herr, was für ein ausgelernter Satan sind Sie, welche Dreistigkeit maßen Sie sich an! Herr r Also wären Sie wieder bei Kräften, wie man sieht, nützen Sie also den frischen Moment, kümmern Sie sich im geringsten um das Nichts, das ich herweise, Herr Boll, Herr Boll! Boll (keuchend auf ihn zu) : Es reicht noch, o, es langt. Sie sollen merken, wozu! (Schüttelt ihn.) Herr : Schön, ich bin gestraft, es hat gereicht, aber es kostet Sie, fürchte ich, das letzte bißchen Kraft. Werden Sie es noch vollbringen können? Boll (lehnt sich an, faßt sich) : Gedenken wir nun wieder der Gesetze der Höflichkeit, überbieten wir uns – also – nach Ihnen! (Winkt nach der Tür.) Herr : Die Zeit ist abgelaufen – zu spät, Herr Boll, wie ja alles seine Zeit hat. Das Werden, wissen Sie, das vom Turm herab, dieses primitive Werden, ist verpaßt. Fängt man vernünftiger Weise mit enden an –? Boll : Aber wieso konnten Sie sich erkühnen, sich abringen, oder – sich aufschwingen, wenn Sie wollen, mich so unerhört zu nötigen? 124 Herr : Pst! Ich habs im Vertrauen gewagt, im Vertrauen auf den andern Boll, den Boll, der über dem alten steht und über ihn hinaus zum Anfang strebt, der das enden verwirft und verbietet. Sie wissen, was ich meine, und daß ich Recht habe zu sagen: Boll hat mit Boll gerungen, Boll hat Boll gerichtet und er, der andere, der neue, hat sich behauptet. Boll : Boll hätte Boll gerichtet – und meinen Sie, ich könnte noch weiterleben? Herr : Weiter? Nein, gewiß nicht, aber von frischem. Es ist erwiesen – Sie müssen, Boll muß Boll gebären, und was für einer es sein wird – es ist bessere Aussicht auf Werden als mit dem Schwung vom Turm herab. Gute Aussicht – denn es ist Schwere und Streben in Ihnen, Leiden und Kämpfen, lieber Herr, sind die Organe des Werdens. – Schon ist Ihr Atem ruhig und gleich und wird reichen, verspreche ich Ihnen, zu einem gedeihlichen Kämpfen und wird Kraft haben zu tragen. Boll wird durch Boll – und Werden, Herr, Werden vollzieht sich unzeitig, und Weile ist nur sein blöder Schein. Dies alles sei Ihrer Einsicht unterbreitet, und mehr ist vom Übel. (Ab.) Boll (stürzt die Arme um sich schlagend auf die Knie, hebt dann langsam den Kopf und sieht zu dem Apostel hinauf) : Sagtest du das? Hast den Mund so lange zugehalten, um das Wort gar zu machen? Boll muß? Muß? Also – will ich!