Das schöne Mädchen von Pao Ein chinesischer Roman von Otto Julius Bierbaum Kapitelfolge:         Widmung Vorwort I. Das unheimliche Lied II. Das Vierhundertachtzigmonatkind III. Die beiden schneidigen Staatsräte IV. Die roten Vögel V. Lachen und Weinen VI. Die böse Jagd VII. Der neue Kurs VIII. Das Mädchenschwärmen IX. Die Mission des Herrn We X. Die große Wo XI. Das talentvolle Mädchen XII. Ein sehr schöner Brief der Madame Wo XIII. Ihr Debüt XIV. Im Juwelenpavillon XV. Die Kaiserin und der   Purpurkelch aller Seligkeiten XVI. Die Mitregentin XVII. Der wütende Kronprinz XVIII. Der Trumpf XIX. Reisbier und Mandelkuchen XX. Ein Brief aus dem östlichen Palaste XXI. Ein Kronrat XXII. Die blühenden Talente XXIII. »Seeligkeiten überall« XXIV. Die roten Drachen XXV. Das Seidereißen XXVI. Das Konzert am Goldkarpfenteiche XXV. Die unglaublichen Künste des Herrn A-yu XXVI. Eine politische Rede des Grafen Schên XXIX. Die Witzkonkurrenz XXX. Die enttäuschten Witzbolde XXXI. »Für tausend Taels ein Lächeln kaufen« XXXII. Die nackte Kaiserin XXXIII. Der Epilog des Kommentators Tiïen-tzê Widmung An den erhabenen, dick mit Perlen besäten, fußhoch von Edelsteinen bedeckten, an allen Ecken ausgiebig mit Gold beschlagenen Stufen des unbeschreiblich prächtigen Thrones der Kaiserin-Tante von China Majestät \&c. \&c. p. p. p. unter konvulsivischem Zittern seines ganzen schäbigen Leibes, mit bebenden Lippen, ehrfürchtig gesträubten Haaren und bedrückt von dem schmerzlichen Gefühle des Bedauerns, keinen Schweif zu haben, mit dem er wedeln könnte, niedergelegt von dem jammervollsten aller rotborstigen Barbaren, dem zwar streb- samen, aber leider noch recht mangelhaften Baccalaureo der schönen Künste Bi-bao-mo annoch Inhaber keines Mützenknopfes und keiner Rangklasse angehörig, aber ersterbend in der berauschenden Hoffnung, mit nächster Post nach Ankunft dieses Geschichtswerkes in China den Drachenorden mit Lotoslaub unter Erlassung der Sporteln zu erhalten. Vorwort Die Geschichte des Schönen Mädchens von Pao ist in einem Werke jener Gattung der chinesischen Literatur überliefert, die die Chinesen »wilde Geschichte« nennen. Sie verstehen darunter eine Art historischer Romane, bei denen das eigentlich Geschichtliche indessen mehr im Vordergrunde steht, als wir es bei Werken der verwandten Gattung in unserer Literatur gewöhnt sind. Ich lernte das Bruchstück, in dem die Geschichte des schönen Mädchens von Pao auf zwei Seiten kurz erzählt wird, durch meinen Lehrer am orientalischen Seminar in Berlin, Herrn Professor Arendt, kennen und habe mich nun, zehn Jahre später, fleißig und fröhlich bemüht, die wilde Geschichte noch ein bischen wilder zu machen, als sie schon war. Man findet übrigens einen Auszug aus dem chinesischen Texte in A Chinese Biographical Dictionary by Herbert A. Giles LL. D. London 1897/98.  Bernard Quaritsch . Welche wilden Sachen auf chinesische Rechnung kommen und welche auf meine, – das ist ein zu hübsches Thema für eine Doktordissertation strebsamer Sinologen und Quellenreiniger, als daß ich hier etwas davon verraten sollte. Das dem Buche beigegebene Porträt stellt Fräulein Pao-Szê dar und ist einer Sammlung chinesischer Staatsaktionen entnommen, in der sich auch das Porträt Hsüan-Wangs und eine Darstellung der Szene auf dem Berge Li befindet. Die chinesischen Zeichen auf der ersten Seite des Buches lauten: Yu-wang chung Pao-ßê, d. i. zu deutsch: Kaiser Yu erweist der Pao-Szê seine Liebe. Die Zeichen auf Seite VI lauten: Bi-bao-mo und geben damit den Namen des Verfassers in chinesischer Aussprache. Sie bedeuten etwas sehr hübsches, nämlich: Fürstliches Kleinod und Kostbarkeitstusche. Also, deutscher Nomenklatur angenähert, etwa: Herr Karfunkelstein, der Stilkünstler. Man sieht: Es geht nichts über chinesische Höflichkeit, wenn sie europäische Namen chinesisch ausspricht, und ich habe nur die bange Bitte auf dem Herzen, daß die kritischen Glossen zu dieser sehr östlichen Namensdekoration nicht allzu westlich unhöflich ausfallen mögen. München auf der Insel, den 10. März 1899. Otto Julius Bierbaum . I. Das unheimliche Lied. Der Sohn des Himmels von Hunden und Schweinen besiegt, der Rücken Seiner Majestät beschmutzt von grinsenden Blicken siegreicher Barbaren, – oh alle Gongs und Lärmtrompeten: Dröhnt, dröhnt und heult! Denn auch die Seele Hsüan-Wangs, das kaiserliche Gong von China, dröhnt, und auch der erhabene Mund des Reiches, Hsüan-Wangs Mund, heult, heult, heult – vor Schmerz und großem Grimme. Aber nicht lange sollen sie ihren Triumph feiern mit Tänzen und Reisbier die hündischen Jung, die schweinischen Ti! Seine Majestät wird eine Volkszählung veranstalten lassen, wird erkunden, wieviel Kriegssteuern zuwege gebracht werden können vom blumigen Reiche der Mitte, und dann: wehe den Hunden und Schweinen! Er wird sie zerstampfen und zu Dung machen! Vergebens legen die Minister ihre Köpfe auf die Stufen des Thrones und wimmern: Oh Sohn des Himmels, lasse ab von solchen Plänen, denn unziemlich ist es mit Perlen auf Vögel zu schießen! – Was soll das heißen! ruft der Kaiser. Redet Chinesisch, oh meine Minister! – Wir reden Chinesisch, Majestät, und eben deshalb in Bildern. Kaiserliche Waffen sind Perlen, aber Barbaren, die sich erfrechen, ungezogen zu sein, dünken uns nicht mehr, als wertlose Spatzen. – Und wenn ich sie mit Perlen erschießen soll, – tot müssen sie werden, tot, tot, tot! Seine Majestät war durchaus nicht umzustimmen. Er hatte sich die Rache nun mal in den Kopf gesetzt. und da war es eigentlich dumm von den Ministern, erst noch in Bildern zu reden. Volkszählung! Und damit Basta! Gut denn: Volkszählung! Das wird zwar nette Scherereien geben, aber Der, der unterm Himmel sitzt, wills haben, also: zählen wir in Gottesnamen das Volk! – – Aber, der Himmel meints manchmal doch gut mit seinen Mandarinen; ehe man sichs versieht, passiert etwas Neues, und der Kaiser vergißt darüber seinen Grimm und seine Befehle. Und es passierte etwas. Eine Revolution? Gottbewahre! Hungersnot? Überschwemmung? Wirren im Frauenpalaste? Nichts derlei von Belang. Sondern: Der Kaiser hörte, gerade wie er in seine Hauptstadt einziehen will, auf der Straße eine Schar kleiner Knaben – ein Lied singen. Unerhört: ein Lied, das sich mit seiner Dynastie beschäftigt! Und zwar in Ausdrücken von einer höchst widerwärtigen Unbegreiflichkeit. Orakelhaft. Mystisch. Und so sangen die kleinen Knaben: Es steigt der Mond! Die Sonne sinkt! Durch den Bogen von Yen Und den Köcher von Tschi Droht Untergang, Droht Untergang, Oh, oh, oh, Dem Hause Tschou! Mond? Sonne? Yen? Tschi? Untergang? Dem Hause Tschou? – Was für eine niederträchtige Singerei! – Arretiert die Bengel! Her das Gesindel! Die Bübchen waren bald eingefangen und standen nun heulend vor Seiner Majestät. – Ruhe! schnaubte der Sohn des Himmels sie an, der selber genug Kinder zu Hause hatte, Ruhe! und die Wahrheit gesagt! Wer von euch Lümmels hat das Lied aufgebracht! – Ich nich! Ich nich! Ich nich! beteuerten sie alle und heulten noch gräßlicher. – Ich laß euch allen fünfundzwanzig aufzählen, wenn ihr nicht gleich erzählt, wer euch das infame Lied beigebracht hat. – Der Rote ist es gewesen! Der Rote! – Was für ein Roter?! – Ein Junge in roten Röcken. Wir kennen ihn nicht. Keiner kennt ihn. Vor drei Tagen kam er und sang das Lied. Und seitdem singens alle Kinder in der Stadt, überall, auf allen Gassen, in den Stuben am Tage und abends im Bette. Alle! Alle! – Wo ist der infame Bengel?! – Fort. Weg. Nirgends zu sehn. Dem Kaiser wurde unbehaglich. Das sah nach Wunder aus. Der rote Knabe . . . wer weiß . . . Der Himmel liebte es, zuweilen Boten auf die Erde zu senden, Warner. Jedenfalls schnell ein Edikt! Das hatte der Polizeipräsident bald: »Auf Allerhöchsten Befehl! Seit drei Tagen wird von den Kindern der Haupt und Residenzstadt ein höchst unziemliches Lied gesungen, das die Dreistigkeit hat, dem Allerhöchsten Herrscherhause unter albernen und sinnlosen Wendungen den Untergang anzukündigen. Das ist kein Lied für Kinder treuer Untertanen, und somit wird es hierdurch auf das Nachdrücklichste verboten. Sollte sich fürderhin irgendein Kind unterstehen, dieses Lied zu singen, so wird nicht allein das Kind, sondern es werden auch seine Eltern und älteren Brüder sehr fühlbar bestraft werden. Der Polizeipräsident.« Dieses Edikt hatte zur Folge, daß die sorglichen Eltern ihren Kindern dicke Seidentücher vor den Schnabel banden, und somit war das Lied allerdings unmöglich gemacht. Aber seiner Sorge war der Kaiser darum nicht ledig. Ich muß durchaus wissen, was die Singerei bedeutet, dachte er sich und berief seine Minister und den Hofastrologen zu einem Kronrate. – Zuerst bitte ich S. Exzellenz den Kultusminister um seine Meinung. Der Kultusminister, Herr Schau-hu, machte ko-tao und sprach: Es gilt zuvörderst, die Bedeutung der Worte Yen und Tschi zu eruieren. Ich habe mich sofort darum bemüht und schätze mich glücklich, folgendes an Ew. Majestät Throne niederlegen zu können: Yen ist der Name einer Maulbeerbaumart, aus deren Holze man Bogen schnitzt, und Tschi heißt ein Kraut, aus dem man Pfeilbeutel macht. Wenn ich mir erlauben darf, den logischen Schluß aus diesen Tatsachen zu ziehen, so kann der nicht anders lauten, als: Es droht Unheil durch Pfeil und Bogen. – Das scheint mir auch so, meinte der Kaiser. Aber nun S. Exzellenz der Minister des Innern. wenn ich bitten darf! Der Minister des Innern hatte bloß darauf gewartet, denn das mit Pfeil und Bogen war Wasser auf seine Mühle, da er vor allen andern gegen Wiederaufnahme des Barbarenkrieges gewesen war. So machte er also schnell ko-tao und sprach: Kein Zweifel, oh Majestät, das Lied bedeutet, daß man nicht nochmals mit Pfeil und Bogen gegen jene Hunde und Schweine zu Felde ziehen soll. – Hm, meinte der Kaiser, das klingt ja ganz plausibel . . . indessen . . . . : Was bedeutet der Knabe in Rot? Vielleicht wissen mir Ew. Liebden etwas darüber zu sagen. Herr Hof und Reichsastrologe? Der Hof- und Reichsastrologe Herr Po-yang-ju war froh, endlich zu Worte zu kommen, machte ko-tao und sprach, feierlich, wie es sein Amt mit sich brachte: Majestät! Wenn in Straßen und Gassen ein Wort umgeht, niemand weiß, woher es kam, wer es fand und prägte, so ist dies kein gewöhnliches Wort und nicht von irdischer Herkunft, sondern es ist Prophezeiung, gelegt auf die Zunge des Volkes. Fragt sich nur: von welchem Sterne ist dieses Wort? Nun wohl! Rot war der Knabe gewandet: rot muß also der Stern sein, von dem er kam! Welcher Stern aber ist rot? Rot ist der Mars, der Yung-huo, der Feuerstern! Vom Mars also der Knabe, vom Mars das Lied! Herr Po-yang-ju wollte eigentlich noch weiter reden, aber der Kaiser hatte gerade einen Gedanken und ließ den auch sogleich hören: Hm! Ja! Wohl! Die Sache ist sicher eine Warnung von oben, und darnach muß man sich natürlich einrichten. Demnach wären erstmal sämtliche Pfeile und Bogen aus diesem abscheulichen Maulbeerbaum Yen und dem ebenso greulichen Kraute Tschi zu konfiszieren und gleichzeitig aufs Strengste zu verbieten, fürderhin diese gefährlichen Materialien bei der Pfeil- und Bogenfabrikation zu verwenden. Sämtliche Mitglieder des Kronrates huldigten der Weisheit Seiner Majestät durch die denkbar tiefsten Verbeugungen. Aber der Hof- und Reichsastrologe bat nochmals um das Wort, machte nochmals ko-tao und sprach: Ohne Zweifel hat die Weisheit Ew. Majestät das Richtige befunden. Indessen: was bedeutet der Anfang des Liedes? Was bedeutet: Es steigt der Mond! Die Sonne sinkt! . . . ? Unmöglich kann dies nur eine kalendarische Bedeutung haben! Tiefer sitzt der Kern des dunklen Sinnes! Und dies ist der Sinn: Es steigt das Weib! Es sinkt der Mann! Denn der Mond ist das Abbild des Weiblichen, wie die Sonne das Abbild des Männlichen ist. – Ja aber um Gotteswillen: daraus werde ich nun erst recht nicht klug! rief der Kaiser; das Weib, der Mann, – das sind ja wieder bloß Rätsel! Darauf Herr Po-yang-ju: Um Verzeihung, Majestät, – es bedeutet: von einer Kaiserin droht dem Reiche Unheil! – Was nicht gar! Von einer Kaiserin! Ew. Liebden sollten wohl wissen, daß ich nicht mehr in dem Alter bin, mich auf galante Abenteuer einzulassen, und überdies: In den Angelegenheiten der sechs Serails So wird der Harem des Kaisers von China auch heute noch offiziell genannt. durfte und darf ich mich durchaus auf die Tugend, die Klugheit und den Takt meiner hohen Gemahlin Tschiang verlassen. Sie ist bei der Auswahl der Palastdamen d. h. die Nebenfrauen des Kaisers. noch immer mit sorgsamster Kritik zu Werke gegangen und wird, dessen bin ich mir sicher, auch künftighin es an nichts darin fehlen lassen. Unsinn! An Weibergeschichten ist absolut nicht zu denken. Aber der Hof- und Reichsastrologe war nicht der Mann, sich so schnell aus dem Sattel heben zu lassen, und so machte er nochmals ko-tao und sprach nochmals: Es lag mir ferne, oh Sohn des Himmels, an die Möglichkeit zu denken, daß die Gefahr von einer Dame drohen könnte, die in den sechs Serails Ew. Majestät zu leben die hohe Ehre und das unaussprechliche Glück hat. Aber muß die Gefahr denn augenblicklich drohen? Muß denn das Unheil in den jetzigen sechs Serails schlummern? Daß etwas vor geht, schon jetzt vorgeht, ist freilich leider nur zu wahrscheinlich, – doch glaube ich nicht, daß es in nächster Zeit bereits in Erscheinung treten werde. Dafür sind mir Bürge die hohen moralischen Prinzipien, denen mein allerhöchster Herr huldigt. Der Kaiser lächelte und sagte: Ja ja, ich bin über die Jahre hinaus; das steht fest; leider; und somit wäre in diesem Punkte: Mond – Sonne, Weib – Mann, alles in bester Ordnung. Aber unheimlich bleibt die Geschichte doch. Die ganze Sache gefällt mir gar nicht. Gar noch zukünftige Weibergeschichten! Das ist doch furchtbar lästig. Etwas unwirsch entließ er den Kronrat. II. Das Vierhundertachtzigmonatkind. Aber, kaum, daß er glaubte, nun für eine Weile Ruhe zu haben, da meldete sich die Kaiserin bei ihm an, warf sich lang vor ihm nieder und schrie: Schrecklich! Schrecklich! Schrecklich! – Ja mein Gott, was ist denn schon wieder passiert! – Gräßlich! Gräßlich! – Aber wollen Ew. Majestät sich nicht erheben und mir ruhig sagen, was Sie so aus der Fassung gebracht hat? Die Kaiserin erhob sich, ließ sich auf einen Sessel nieder und starrte vor sich hin. – Betragen sich die Damen unziemlich? fragte mit liebenswürdigem Tone der Kaiser. Muckt die Eunuchengarde wieder einmal auf? Diese Verschnittenen haben einen widerwärtigen Charakter, ich weiß es, – aber: was will man machen? Man braucht derlei Leute, es geht nicht anders . . . – Ach nein, ach nein! Wenns das bloß wäre, – es ist was viel, viel Greulicheres . . . Kennt Ew. Majestät die alte Wang? – Was soll ich die alte Wang kennen!? Was ist das für eine Person? – Es ist das eine alte Seraildienerin, die noch vom vorigen Kaiser her da ist. – Die muß aber schon schrecklich alt sein. – Freilich, ist sie auch! Und die . . . die . . . die . . . oh, mein hoher Gemahl: es ist fürchterlich, unmöglich, schauderhaft . . . – Also! Also?! – Die alte Wang hat ein Kind gekriegt . . . – Wa . . . a . . . . as? Im Serail, wo's keine Männer gibt, außer mir? Sollte ich . . . aber das ist ja völlig undenkbar! Die Kaiserin machte ein empörtes Gesicht: Ich bitte Ew. Majestät, in so ernsten Dingen nicht zu scherzen. Es handelt sich hier um ein höchst schreckliches Phänomen; die alte Wang hat natürlich ebensowenig einen Mann gesehen, als ich einen Halbgott. Ihr Kind ist von keinem Manne. – Ja von was denn dann? – Mag sie es selbst erzählen, wenn Ew. Majestät es gestatten. – Freilich gestatte ich es! Wer weiß . . . Wer weiß . . . oh! mir schwant Fürchterliches! Wie recht hatte Po-yang-ju! Bringt mir die Person! Was werde ich hören müssen! Die alte Wang, mehr tot als lebendig, ein altes verhutzeltes Weiblein, erschien vor dem Kaiser, legte sich mit einer Miene auf den Boden, als wollte sie sagen: Bitte, zertritt mich, Majestät! und schluchzte fürchterlich. – Wer ist der nichtswürdige Vater! herrschte sie der Kaiser an. – Kein Vater! kein Vater! Oh Gott, oh Gott! Ich unglückselige Kreatur! Huhuhuhu! – Du wirst sofort aufhören zu heulen und mir augenblicklich Aufschluß darüber geben, woher du das Kind hast. Aber halt! Wo ist es! – Bei den Dienerinnen im westlichen Palaste! – Man setze es sogleich aus! – Ja, ja, ja, nur fort mit der Drachenbrut! – Was: Drachenbrut?! – Ja: Drachenbrut! – Ah, also du weißt doch etwas!? Daß du mir nichts verschweigst! Was weißt du! Und nun erzählte die alte Wang folgende bedenkliche Geschichte, etwas weit ausholend, wie es alter Weiber Art ist: – Ich habe sagen hören, daß sich im letzten Jahre der Hsia-Dynastie . . . – Was geht mich die Hsia-Dynastie an? fiel der Kaiser ein. – Es . . . es gehört dazu . . . wirklich . . . – Also meinetwegen; was hast du sagen hören! – Daß im letzten Jahre des letzten Kaisers der Hsia-Dynastie zwei Gott-Menschen aus der Stadt Pao als Drachen herbeigeflogen sind zur Kaiserburg und sich im Hofe da niedersetzten. – Greulich! – Ja! Und Speichel ist aus ihren Mäulern geflossen. – Äh! – Aber aus einmal haben sie reden können; und so haben sie geredet, zum Kaiser Tschïe geredet, der gerade da war: »Wir . . sind . . zwei . . Fürsten . . aus Pao!« Darüber ist der Kaiser furchtbar erschrocken. – Natürlich! – Er wollte sie auch gleich totschlagen lassen. –Hm! – Aber zuvor ließ er den Reichsastrologen kommen und fragte den. – Das war weiser, als ich es einem aus dem Hause Hsia zugetraut hätte; aber erzähle mir nun nicht etwa erst, was der Hofastrologe gesagt hat, denn das führt zu weit. Was tat der Kaiser? – Er ließ ein seidenes Tuch vor den Drachen ausbreiten und ihnen ein Opfer bringen. – Also nichts mehr vom Totschlagen? Seltsam. – Und einen Teller aus lauter Gold ließ er bringen und fing damit den Drachenspeichel auf. – Pfui Teufel! Das sieht einem Hsia-Kaiser ähnlich. – Ja, und dann ließ er den Teller in einer roten Kiste einschließen. – In einer – roten Kiste? Du sagtest rot? – Ja, in einer roten Kiste einschließen. – Rot, – warum gerade rot? . . Weiter! Weiter! – Und da kam ein großer Wind, und ein großer Regen fiel, und die Drachen flogen fort. Puh – huh – fort! – Mach kein Theater! Weiter! – Und da ließ der Kaiser Tschïe die rote Kiste ins Schatzhaus bringen und dort hinsetzen. – So? Nun? Und? – Und nun kam die Yin-Dynastie. – Das weiß ich schon. – Und dann kam Ew. Majestät erhabene Dynastie. – Das weiß ich erst recht. Die Kiste! Die rote Kiste! – Ja, und dann waren schon wieder fast dreihundert Jahre vorbeigegangen, seitdem das erhabene Haus Tschou den Thron bestiegen hatte . . . – Ein Haus kann keinen Thron besteigen; drücke dich gewählter aus! – Oder oben saß, und da war nie irgend etwas passiert, nicht das Geringste. – Weiter, sag ich! Weiter! – Aber, da kam auf einmal, gerade wie Ew. Majestät hochseliger, allerhöchst seliger Vater sein letztes Jahr abregierte, ich habe ihn noch sehr gut gekannt, er war so ein . . . – Was kam!? – Da kam ein heller Glanz aus der Kiste. – Hm! – Der Schatzaufseher meldete das dem Kaiser, der Kaiser fragte, was in der Kiste wäre, der Aufseher holte die Bücher . . . – Weiter! Weiter! – Und die Inhaltsverzeichnisse und die . . . – Was tat der Kaiser!? – Er machte die Kiste auf. – Höchstselber? – Nein, er befahl es einem Kammerherrn. – Das wollte ich auch gemeint haben. Und der Kammerherr? – Nahm den goldenen Teller heraus und überreichte ihn dem Kaiser. – Ach! Und nun? Nun? – Der Kaiser wollte ihn in die Hand nehmen. – Wollte bloß? Nahm nicht? – Nein: er ließ ihn fallen. – Oh! – Ja, und da floß der Drachenspeichel auf den Boden. – Was? War der denn nicht in den 1000 Jahren eingetrocknet? – Nein, er war ganz frisch und verwandelte sich in eine kleine Schildkröte. – T . . . t . . . t . . .! – Ja, und die lief nun auf dem Burghofe rum, immer so im Kreise, immer rum, immer rum . . . das sonderbare Tierchen . . . ganz rot sahs aus am Schilde oben und hatte rote Augen, und die Beine waren auch rot . . . – Hast du die Kröte denn gesehen? – Ja, ich . . . hab . . .. die Kröte . . . gesehn . . . und ich sah, wie der Kammerherr sie fangen wollte und immer psch! psch! kiß! kiß! machte . . . aber da lief sie so schnell, so schnell lief sie mit ihren roten Beinen . . . ins Zimmer des Kaisers. – Die Kröte . . . ins Zimmer des Kaisers . . . mit den roten Beinen. ? . – Ja, und ich, mein Gott, zwanzig war ich gerade vorbei, ich . . . ich mußte . . . lachen, wie das Tierchen so lief und der Kammerherr gegen die Türpfosten rannte mit seinem spitzen Kopfe und sich die Stirne rieb. Da rief der Kaiser: Du! was hast du da! Bist auch so eine Kröte! Komm mal her und heb den Teller auf! Und lachte auch. – Lachte . . . auch? . . . Ich hätte nicht gelacht. Und du? – Ich ging zum Kaiser und da, . . . da . . . huh, mich grausts . . . da . . . trat . . . ich . . . auf was Nasses . . . und ich sah . . . daß ich . . . in . . . die Spur . . . der . . . äh . . . der Kröte getreten war . . . und es wurde mir so . . . mir wurde übel, und ich . . . fiel nieder. – Fielst nieder? – Ja, und mir war . . . mir war . . . als wenn ich in der Hoffnung wär' . . . – Du warsts am Ende auch, du schlechte Dirne damals! – Das sagte der Kaiser auch und schalt mich, und ließ mich einsperren. Aber ich war ja unschuldig wie eine Wolke am Himmel, und es war nichts mit mir. – Gut . . . aber nun? – Aber nun . . . nun . . . nach vierzig Jahren seitdem, gestern, am Abend, bekam ich die Wehen und . . . brachte ein Mädchen zur Welt. – Ah! Das sind ja höchst merkwürdige Geschichten, die du mir da erzählst . . . und glauben soll ich sie am Ende auch? Nun: das Krötenkind wird hoffentlich im Wasser sein, wie ich befahl! Geh, pack dich! – Oh ich weiß: zehntausendmal hab ich den Tod verdient . . . zehntausendmal! . . . ich . . . –Geh! Die alte Wang, noch mehr tot, als lebendig, ging. Die Kaiserin tat dasselbe. III. Die beiden schneidigen Staatsräthe. Der Kaiser hatte nur den einen Gedanken: Wenn der Wechselbalg nur tot ist! Er ließ peinlich nachforschen, ob man das Kind ins Wasser gesetzt habe, und war erst beruhigt. als er hörte, es sei längst fortgeschwemmt. Nun erzählte er die Geschichte dem Hofastrologen und schloß: Das Kind ist also tot. Der Zauber muß demnach gelöst sein. Wollen Ew. Liebden gefälligst mit Hilfe der mystischen Zeichen untersuchen, ob dem so ist. Po-yang-ju warf die Lose, las und sprach: Weinen und Lachen! Lachen und Weinen! Lamm, verschlungen vom Geiste! Pferd, verfolgt vom Hunde! Hüte dich! Hüte dich! Vor dem Bogen von Yen! Vor dem Köcher von Tschi! – Gütiger Himmel! Das ist ja noch unverständlicher, als das Gassenlied! Ew. Liebden erlauben sich wohl kleine Späßchen mit mir? Ich verbitte mir das! Aber sehr! Wollen Sie mir nicht gefälligst sagen, was nun wieder das Lachen und Weinen, das Lamm, der Geist, das Pferd, der Hund bedeutet? Das sind ja alles Bilderrätsel! Der Reichs- und Hofastrolog zog Brauen und Schultern hoch und sprach: Was Lachen und Weinen bedeutet, weiß ich vorerst selber nicht; Lamm, Geist, Pferd, Hund bezieht sich auf die Tierzyklen unsres Kalenders und besagt, daß die Erfüllung des Mysteriums in einem Wu- und Wei-Jahre geschehen muß; und schließlich das wieder auftauchende Yen und Tschi besagt, daß der Zauber zwar nicht mehr im Palaste, aber noch wirksam ist. – Eure Wu- und Wei-Jahre fangen an, mir uninteressant zu werden, mein Lieber; jetzt will ich die Sache doch lieber polizeilich anfassen. Welcher Ober-Staatsrat gilt augenblicklich als der schneidigste? – Der Herr Tu-po. – So soll also Herr Tu-po sofort vor mir erscheinen. Ich danke Ew. Liebden. erbitte mir aber für künftighin etwas mehr Klarheit. – Majestät, ich bin bereit, mein Amt . . . – Wenn ich Sie absetzen will, werde ich es sagen! Herr Tu-po soll kommen! Der Reichs- und Hofastrologe entfernte sich mit der Empfindung, daß die Gnade Seiner Majestät einigermaßen aufgehört habe, ihm zu lächeln. Deshalb lächelte auch er selber nicht im mindesten. Das Lächeln war jetzt an Herrn Ober-Staatsrat Tu-po. – Ich habe Ihre Schneidigkeit rühmen hören, lieber Tu-po, sprach der Kaiser zu ihm, und das freut mich. Schneidige Beamte brauchen wir, nicht unklare Köpfe, die Ideologien spinnen. Ich hoffe, Sie sind der Mann, das auszuführen, was mir augenblicklich am meisten am Herzen liegt (nächst dem Wohle des Reiches natürlich). Hören Sie! Und Seine Majestät erzählte dem aufhorchenden Ober-Staatsrate die seltsame Wochenbettgeschichte der alten Wang und schloß wie folgt: Es wäre nun möglich, daß dieser greuliche Wechselbalg, dieses Vierhundertundachtzigmonatkind doch noch lebte. Unkraut verdirbt bekanntlich nicht leicht. Aber ich denke: in diesem Falle werden Sie es ausfindig machen. Lassen Sie also darnach suchen, durch Stadt und Land, von Haus zu Haus, und wenn Sie die ganze Armee dazu benötigen sollten. Wer es herbei bringt, tot oder lebend, soll 200 Stück Seide bekommen, desgleichen der, der als Erster mitteilt, wo es sich befindet. Sie aber, mein lieber Ober-Staatsrat, werden in diesem Falle zum Wirklichen Geheimen Ober-Staatsrat befördert werden mit dem Prädikate Exzellenz. Herr Tu-po legte sich auf den Bauch und klopfte zwölfmal mit der Stirne auf die Thronstufen. Der Kaiser aber fuhr fort: Die Familie, die den Bankert aufgenommen hat, wird natürlich hingerichtet. Herr Tu-po erklärte, daß er selber hingerichtet zu werden wünsche, wenn es ihm nicht gelingen sollte, das abscheuliche Wesen aufzutreiben. – Schön, mein lieber Tu-po, ich sehe, Sie sind im Bilde. Nun aber: Welches ist der schneidigste unter den Unter -Staatsräten? Herr Tu-po ließ seine Freunde Revue passieren und erklärte schließlich: Herr Tso-yu scheint mir die meisten Talente in dieser Hinsicht zu besitzen. – So soll Herr Tso-yu aufs strikteste folgendes durchführen: Nirgends, weder in Läden, noch auf dem Markte, noch im Hausierhandel dürfen fürderhin Bogen aus dem Yen-Baume und Köcher aus dem Tschi-Kraute verkauft werden; wer dawiderhandelt, wird hingerichtet! Die Herren Tu-po und Tso-yu entwickelten sofort eine fieberhafte Tätigkeit. Im ganzen Lande zogen Suchpatrouillen herum, die auf das ausgesetzte Kind fahndeten, und überall verkündeten Edikte das kaiserliche Verbot des Handels mit Yen-Bogen und Tschi-Köchern. Aber das Glück war nur dem geringeren Range hold. Während der Ober-Staatsrat nicht das Geringste fand, gelang es dem Unter-Staatsrate, ein altes Bauernweib dingfest zu machen, das mit Tschi-Köchern ahnungslos in die Stadt kam. Sie wurde sofort zur Richtstätte geführt, und der Unter-Staatsrat hatte das unaussprechliche Vergnügen, Seiner Majestät einen Bericht über ihre Arretierung und Hinrichtung einzureichen. Daß der Mann des alten Weibes, der mit Yen-Bogen hinter ihr her gegangen war, Zeit gefunden hatte, seine Bogen wegzuwerfen und das Weite zu suchen, verschwieg der vortreffliche Beamte aus Rücksicht auf die Seelenruhe des Kaisers. Der Lohn dafür blieb nicht aus: er wurde sofort zum Range eines Ober-Staatsrates befördert, wodurch er in die Lage kam, den ebenso rastlos wie vergeblich suchenden Herrn Tu-po kollegialiter aufzuziehen. Glücklicherweise vergaß der Kaiser, daß Herr Tu-po eigentlich auch nun endlich einen Bericht über seine Tätigkeit hätte einreichen sollen, aus Freude über das an der Tschi-Köcher-Verkäuferin statuierte Exempel. Ach, wenn er gewußt hätte, daß es auch einen Yen-Bogen-Verkäufer gab, und daß der ausgerissen war! Und just der, der nicht geköpfte Mann, war vom Schicksal ausersehen, in aller Ahnungslosigkeit eine für das Haus der Tschou verhängnisvolle Rolle zu spielen. Woraus zu ersehen ist, daß auch die schneidigsten Beamten immer noch nicht schneidig genug sind. Hätte der pp. Tso-yu nur besser aufgepaßt und dafür gesorgt. daß auch der Mann geköpft werden konnte. Dann wäre das ganze Unheil nicht geschehen, – oder wenigstens nicht so. IV. Die roten Vögel. Aber der Mann war eben leider nicht geköpft, ja nicht einmal arretiert. Er konnte davonlaufen und lief davon. Mit gemischten Gefühlen. Einesteils tat es ihm leid, daß seine Frau arretiert war, aber andernteils war er froh, daß er nicht arretiert war. So, mit geteilter Seele, kam er in seinem Laufe an das Ufer des Flusses, der »Klarwasser« geheißen ist und betrachtete sein halb wehmütiges halb vergnügtes Antlitz im hellen Spiegel des Gewässers. Da bemerkte er ein seltsames Schauspiel, das ihm bald interessanter vorkam, als sein Gesicht: Ein großer Schwarm flatternder roter Vögel war bemüht, ein Strohmattenbündel von der Mitte des Flusses nach dem Ufer zu ziehen. Die einen hatten Mattenflechten im Schnabel und zerrten so das Bündel hinter sich her, die anderen flogen schreiend drum herum. So wurde das Bündel vor dem Manne gelandet. Ei, dachte sich der, was mag da drinnen sein, daß sich so viel Vögel darum bemüht haben! Und siehe da: es war ein kleines Mädchen. – Schau! Mein altes Weib hab ich verloren, und Vögel haben mir ein jung Maidlein dafür gebracht. Das ist am Ende kein so übler Tausch, und mit dem nackenden Dingschen da muß es wohl eine eigene Bewandtnis haben, denn um gewöhnliche Menschenkinder bekümmert sich kein Vogel. Hm! Hm! Hm! Was tu ich mit dem Fratz! Soll ichs da liegen lassen und schreien? Das Gescheidteste wärs am Ende . . . aber mich erbarmt des Würmchens. Nehm ichs halt und trags in die nächste Stadt! Die nächste Stadt aber war – Pao, dasselbe Pao, aus dem die Drachen aufgeflogen waren. Der alte Bauer wußte das freilich nicht, und es wäre ihm wohl auch gleich gewesen. Er war froh, daß er das schreiende kleine Ding bald anbrachte, gab sogar noch ein paar Stück Baumwollzeug dem Manne zu, ders ihm abnahm. Dieser Mann hieß Szö-ta und nahm das Mädchen, weil seine Frau ihr eigenes eben geborenes Kind gleich nach der Geburt durch den Tod verloren hatte. Damit verschwindet der Yen-Bogen-Verkäufer aus unsrer Geschichte, die nun wieder in höhere Sphären, an den Kaiserhof, steigt. V. Lachen und Weinen. Nun geschah, wie es dem alten Kaiser auch durchaus das Liebste war, eine Reihe von Jahren hin nichts von Belang. Aber, als Seine Majestät eben ins dreiundvierzigste Jahr seiner Regierung getreten war, meldete sich das Unheimliche aufs neue. Es war um die Zeit des großen Opfers im Tempel der kaiserlichen Ahnen, und Seine Majestät brachte die Nacht vor dem Opfer unter Fasten und Leibesbuße in der Sakristei des Tempels zu. Ungefähr einhalb zwölf Uhr nachts wars, und der Kaiser kämpfte eben mit einem hartnäckigen Anfall von jetzt unerlaubter Müdigkeit, da, unerhört, kommt ein Weib schwebenden Schrittes lautlos von Westen her auf ihn zu. Ein Weib! In der Nacht der Askese! Natürlich erregte das den höchsten Zorn Seiner Majestät. – Weg da! rief der Kaiser, und: die Garde Herein! Säubert den Tempel! Aber wer nicht kam, war die Garde, und wer nicht ging, war das Weib. Im Gegenteil: es tut, als wäre Seine Majestät durchaus nicht zugegen, geht ohne weiteres an ihm vorüber, in den Ahnentempel hinein, lacht dreimal laut auf, weint dreimal laut auf, nimmt dann ganz gemächlich das Allerheiligste des Reiches, die Ahnentafeln sämtlicher Kaiser der Dynastie, von ihren Gestellen und trägt sie wie eine Schicht aufgetürmter Kuchen weg, – nach Osten weg. Der Kaiser will auf, ihr nach, – aber nicht einmal schreien kann er. Ist wie gebannt, wie verhext. So, mit verglasten Blicken nach Osten starrend, fanden ihn früh die Garden. Wie sie ihn anriefen, fiel er um und in einen tiefen Schlaf. Als er erwachte, war sein erster Befehl: Seht nach den Ahnentafeln! Sind sie da? – Freilich! Alle! – Holt mir Po-yang-ju, den Astrologen! Aha! dachte sich der, jetzt bin ich wohl wieder gut, weil Seine Majestät übel geträumt haben. Mit nicht geringer Genugtuung legte er dem Kaiser die Erscheinung aus: Habe ich es nicht von Anfang an gesagt damals, Majestät? –: Ein Weib ist im Spiele! Und: was kündeten meine mystischen Lose? Hieß es nicht: Lachen und Weinen! Weinen und Lachen! –? Nun? – Ja doch, ja, mein lieber Po-yang-ju! Gewiß, Ew. Liebden haben immer recht. Wozu wären Sie sonst Hofastrologe? Das kann ich am Ende verlangen. Aber das Weib mit den Bogen von Yen und den Köchern von Tschi ist damals doch hingerichtet worden! Geringschätzig bemerkte darauf der Astrologe: Was hat ein altes Bauernweib mit den Fügungen des Schicksals zu tun? Der Kaiser, nicht bemerkend, daß in dieser Antwort eine Spitze gegen ihn war, erinnerte sich plötzlich an Herrn Tu-po. – Der Ober-Staatsrat Tu-po soll augenblicklich kommen! Diesmal lächelte Herr Po-yang-ju, aber Herr Tu-po lächelte nicht. – Herr! schrie ihn der Kaiser an, wo ist der Bericht über Ihre Bemühungen damals in Sachen des Wechselbalges? – Ma . . . ma . . . majestät, ich . . . dachte . . . – Was unterstanden Sie sich zu denken? Sollten Sie denken? Sie sollten schneidig sein! – Ich dachte, da doch das alte Weib hingerichtet worden ist . . . – Was hat ein altes Weib mit den Fügungen des Himmels zu schaffen? Was gehen Sie die alten Weiber außerhalb ihres Ressorts an? Ah! Ich will Ihnen zeigen, was Schneidigkeit ist! Rührt die Gongs! Der Hofstaat herein! Die Gongs heulten, der Hofstaat kam. Der Kaiser erhob sich majestätisch und reckte seine Faust nach dem schlotternden Tu-po: Meine Herren! Sehen Sie sich, bitte, einmal diesen schneidigen Ober-Staatsrat an! Sie haben nicht mehr lange Gelegenheit dazu. Denn er soll augenblicklich wegen Pflichtvergessenheit geköpft werden! Die Gesichter des Hofstaates nahmen die Farbe des Lehmes an, und alles duckte sich unwillkürlich. Da . . . unglaublich! . . . da tritt der Ober-Staatsrat Tso-yu vor, hält seinen Kollegen Tu-po fest und ruft einmal über das andere Mal: Unmöglich! Unmöglich! Unmöglich! – Sind Sie verrückt geworden? ruft der Kaiser. – Nein! schreit der unglaubliche Herr Tso-yu, aber das, das ist scheußlich! Das ist unerhört! . . . Was kann denn Herr Tu-po dafür, daß Seine Majestät übel träumt? Gerechtigkeit, Sohn des Himmels, Gerechtigkeit! – Er ist völlig übergeschnappt! bemerkt der Kaiser. Was hat denn der sonderbare Mensch? Den Tu-po zu töten, das ist mir nicht mehr, als würfe ich einen Strohhalm ins Feuer. Und da redet sich dieser gute Tso-yu noch Lipp' und Zunge müde! Hurtig! Köpft mir den Tu-po! Herr Tso-yu aber wird hoffentlich wissen, was sich nach seinen unpassenden Redensarten für ihn schickt! – Ich weiß es! erklärte Herr Tso-yu und ging. Just um dieselbe Zeit, als man Herrn Tu-po den Kopf abschnitt, schnitt er sich zu Hause den Hals ab. VI. Die böse Jagd. Der Kaiser merkte bald, daß er mit seiner Bemerkung vom Strohhalm-ins-Feuer-werfen mehr Gleichmütigkeit bei Todesurteilen markiert hatte, als er wirklich besaß. Die Sache ging ihm doch nahe. Er wurde schwermütig, – ja, es ging ein Gemunkel: Seine Majestät sei eigentlich nicht mehr ganz richtig im Kopfe. Er war so sonderbar zerstreut immer und redete zuweilen Dinge, die kein Mensch mehr verstand, und er auch nicht. Es ging zu Ende mit ihm. Das Regieren ließ er die Minister besorgen, und sein einziges Vergnügen war noch, auf die Jagd zu fahren, d. h. von seinem Wagen aus zuzusehen, was die andern schossen oder fehlten. Und selbst auf der Jagd sah er zuweilen Dinge, die gar nicht mit der Jägerei zusammenhingen. Seine letzte Jagd brachte ihm sein letztes Gesicht, und das war das unangenehmste von allen. Die Jagd war gut gewesen, und der Kaiser war in einer Art von guter Laune, als man heimzog. Die Jäger trugen auf Spießen das erlegte Wild und sangen heitere Lieder: Was im Wald gesprungen ist, Liegt auf unsern Spießen; Jägerlust und Jägerlist Ist, das Wild zu schießen; Wenn der Braten fertig ist, Wolln wir ihn begießen; Hinterdrein Soll der Wein Durch die Kehlen fließen! Der Kaiser lachte dazu und rief: So recht, so recht, meine guten Jagdgesellen! Seht, der Himmel selber ist rot von Wein, den die untergehende Sonne ausgegossen hat. Hinterdrein Soll der Wein Durch die Kehlen . . .             Da fiel er plötzlich hintüber und starrte in das Abendglühen, als sähe er etwas Schreckliches: Rot, rot, alles, alles rot; und aus der Röte rast ein kleiner offener Wagen auf ihn zu. Zwei Männer stehen drauf, rote Bogen überm Rücken, rote Pfeile in der Hand, und sie machen Halt vor dem Kaiser, schaun ihn groß an und flüstern: Wie gehts Ew. Majestät, seitdem wir uns nimmer gesehen haben? Majestät kennen uns doch? Ei freilich! Freilich! Ich da, ich, schauen Sie mich nur an: ich bin der Ober-Staatsrat Tu-po! Da, der rote Streif am Halse, – den kennen Ew. Majestät doch wohl? Hehe! . . . Und ich da, ich, ich bin auch ein Ober-Staatsrat! Oh ja! Tso-yu heiß ich und hab auch so einen roten Halsstreif! Da, da! Gib deine Hand her, Kaiser! Greif hin! greif hin! Der Kaiser schrie gräßlich auf, fuhr mit beiden Händen sich an den Hals und rief: Haltet sie! Haltet sie! Ich will sie zu Exzellenzen machen! Dann versank er in Grübeln und schloß die Augen. Das Abendrot war verglüht. Die Dämmerung kam kühl. – Fahrt schneller! Schneller! Fahrt! Fahrt! Fahrt! Sie kommen wieder! Sie kommen wieder! Dicht mir am Wagen fahren sie her! Fort, Gespenster! Tso-yu! Tu-po! Geht mir aus dem Wege! Ich schlag euch nochmal tot! Ich schlag euch nochmal tot! Ich . . . schlag . . . euch . . . Und der alte Kaiser Hsüan riß sein Schwert Tai-O aus der Scheide und hieb in die leere Luft. – Oh! Oh! Nun legen sie die Bogen an, die roten Bogen! Und nun die Pfeile auf, die roten Pfeile! Eisen! Eisen! Eisen! legt mir Eisen aufs Herz! Sie . . . schießen . . . mich . . . tot! Gräßlich kreischte der Kaiser auf und fiel ohnmächtig rücklings in den Wagen. Als er erwachte, sagte er bloß: Mir ist so weh ums Herz. Der Dichter Su-Tschung-Po, den sie den Alten im Barte nennen, hat ein Lied auf diese Erscheinung geschrieben; das lautet so: Wie Götter kamen sie hergefahren Mit roten Pfeilen auf roten Bogen, Und mitten im Jagdzug des Kaisers fuhren Sie her und hin. Und führst du, Kaiser, schneller als Winde; Die Blutschuld folgt dir als rote Wolke, Die rote Wolke hüllt dich, Kaiser, In Blutnaß ein. VII. Der neue Kurs. Nach diesem letzten bösen Erlebnis hatte der Kaiser Hsüan nur noch Zeit zu einer schönen Abschiedsrede an seine beiden greisen Paladine Yin-tschi-fu und Tschou-hu. Er befahl dem Eunuchen vom Dienste, ihn im Bett aufzurichten, lehnte sich an das Kissen von gestickter Seide und sprach: An die fünfzig Jahre hab ich nun regiert, gestützt auf meine treuen Diener. Nach Süden und Norden trug ich siegreich meine Waffen und gab Frieden den vier Meeren. d. h. der Welt. Nun muß ich schnell dahin. Nicht unfroh bin ich dessen, denn ich bin müde der Welt und meiner Irrtümer. Nur, daß Kung-Nië, mein Sohn und Erbe, mündig zwar an Jahren, aber unreif im Geiste, jetzt schon mein schweres Amt aufnehmen soll, besorgt mich. Auf euch steht meine Hoffnung. Helft ihm, meine Treuen, daß nicht der Glanz des Hauses Tschou verschwinde! Mit diesem Vermächtnis starb Kaiser Hsüan, über dessen letzten Jahren bereits ein Schatten dessen gelegen hatte, was sich unter seinem Sohne vollziehen sollte. Der nannte sich als Kaiser Yu, und das bedeutet etwas sehr Schönes. Was helfen aber die schönsten Namen und Devisen eines Kaisers, wenn die Regierung nicht darnach ist? Der alte Kaiser hatte seine Paladine nicht ohne Grund gebeten, auf der Wacht zu sein. Der junge Herr war ein böses Pflänzchen, obwohl er eigentlich so gar jung nicht mehr war. Schon lange hatte er ein reich ausgestattetes Serail und von der rechten Kaiserin, einer früheren Vicomtesse Schen, auch schon einen halbwegs erwachsenen Sohn. Dieser mit Namen I-tschiu, wurde, wie sichs gehört, zum Thronfolger proklamiert, und der Schwiegervater des Kaisers, Vicomte Schen, zum Grafen gemacht. Fürs erste konnte Kaiser Yu, so gerne er es auch getan hätte, noch keine sonderlichen Sprünge machen, denn seine Mutter lebte ja noch, und die Kaiserinnen-Mütter in China sind für die recht jungen chinesischen Kaiser das, was bei uns die Schwiegermütter manchmal für die jungen Ehemänner sein möchten –: die eigentlichen Regentinnen. In ihren Händen liegt das Leitseil, an dem sich die neugebackenen Kaiser die majestätische Gangart angewöhnen sollen, die sich vom Tempo kronprinzlicher Sprünge wesentlich unterscheidet. Eine politische Pädagogik, die nicht ohne Weisheit ist. Der Kaiser Yu hatte diese Pädagogik besonders nötig, aber das Unglück wollte, daß seine erhabene Mutter schon sehr bald starb, zu einer Zeit, da Seine Majestät längst noch nicht ins rechte Tempo gekommen war. Schon zu Lebzeiten der alten Kaiserin erregte er fatales Aufsehen dadurch, daß er die Trauergebräuche keineswegs korrekt einhielt. Nicht allein, daß er Fleisch aß und Wein trank, was schon greulich genug mit anzusehen war, – nein, er schaarte auch eine Tafelrunde von allerlei bedenklichen Leuten um sich: Künstler, Dichter, Lebemänner; aber immerhin: es ging noch an. Er gab sich wenigstens Mühe, sich vor seiner Mutter zu verstellen. Aber, als sie tot war, kehrte er sich an gar nichts mehr und überließ sich, wie es in der Überlieferung heißt, ganz den »Vergnügungen schlechter Musik«, worunter wohl vornehmlich Tanzmusik und Kuplets zu verstehen sind. Yin-tschi-fu und Tschou-hu, die beiden greisen Paladine, hoben vergeblich sämtliche Hände beschwörend hoch und zitierten die Klassiker, – Majestät Yu pfiff den letzten Gassenhauer dazu und meinte, sie sollten nur nicht gar so feierlich tun. Sie seien fertig mit dem Leben, er wollte gerade anfangen. Also sei es besser, sie ließen ihn ungeschoren. Das nahmen die greisen Paladine loyal ad notam, gingen hin und starben. Niemand war darüber vergnügter, als Yu der junge. Er ließ sie wunderschön begraben, gab ihnen die erhabensten Totentitel und wählte sich schleunig Ratgeber, die besser zu ihm paßten. Der chinesische Autor steht nicht an, die als »intrigant, speichelleckerisch, habsüchtig, ämtergierig und völlig prinzipienlos« zu erklären. Die hoben freilich keine Hände hoch und zitierten keine Klassiker. Die pfiffen mit, wenn der Kaiser pfiff, und amüsierten sich vortrefflich bei der schlechten Hofmusik. Der Himmel konnte das kaum mit ansehen. Er warnte seinen Sohn mit Bergstürzen, Erdbeben, Überschwemmungen. – So? sagte der Kaiser; na, wenn nur der Palast nicht einfällt und das Wasser nicht bis zu den Weinfässern steigt. – Ausgezeichnet! applaudierten die drei Intriganten usw. pp. Nun stürzten gleich ganze Gebirge ein, die Erde bebte eine Stunde lang, das Meer selber trat aus. – Fabelhaft, was nicht alles passiert! sagte der Kaiser. Jetzt fehlt bloß, daß der Himmel einfällt. Dann muß ich Quartier für die verehrten Götter suchen. – Köstlich! köstlich! applaudierten die drei Intriganten usw. pp. Nur der Kultusminister, der noch von früher her da war, schüttelte das Haupt über diese Blasphemie und bat in beweglichen Worten, Seine Majestät möge geruhen, ernsthafter zu sein. – Ach, Sie! meinte der Kaiser. Sie halten es wohl für Ihre Pflicht, zu predigen, weil Sie das Kultus-Ressort haben? Gehen Sie lieber und komplettieren Sie mir mein Serail. Es muß doch noch ein paar schöne Mädchen in China geben. Machen Sie sich auf die Beine, Exzellenz! Für jedes Mädchen kriegen Sie eine Pfauenfeder. Der Kultusminister schlug die Hände über dem Kopf zusammen und gab seine Demission. – Gott sei Dank, daß wir den Konsistorialrat los sind! sagte Seine Majestät. Einen Kultusminister brauch ich überhaupt nicht; ein Serailminister ist viel nötiger. Ich werde den We-tê-king dazu machen, unsern fidelen Liebesdichter. Wird er wohl annehmen? – Oh ja, Majestät, wenn er nicht gleichzeitig zum Eunuchengeneral ernannt wird . . . – Das wäre ein Spaß! Wir wollen es erwägen! Aber im Ernste: ich brauche mehr Mädchen. Sucht, meine Lieben, sucht! Wer die Schönste bringt, kriegt die gelbe Jacke! VIII. Das Mädchenschwärmen. Das ließen sich die drei prinzipienlosen Herren nicht zweimal sagen und sandten flugs Agenten durch das ganze Land, schöne Mädchen aufzutreiben. Es dauerte nicht lange, und ein Mädchenschwärmen hub an durch das Reich der Mitte, daß man hätte glauben mögen, es sei unter den jungen Dirnen Chinas mobil gemacht worden. Was nur ein bischen hübsch war, ließ sich anwerben, und alle Landstraßen waren voll von zierlichen Jungfrauen, die, unter der Führung von Ministerialgesandten, zur Residenz zogen. Es gibt ein altes Duett darüber: Fein Dirnlein du, fein Dirnlein du, Wo gehst du hin im Reiseschuh? Ich reise in die große Stadt, Wo sein Haus der Kaiser hat. Ei, das ist ein gar feiner Ort; Fein Dirnlein du, was willst du dort? Dort eß ich von Golde, wie jetzt von Zinn, Denn morgen bin ich Kaiserin. Aber so groß waren die sechs kaiserlichen Serails denn doch nicht, um all das willig flügge Jungfernvolk aufzunehmen. Auch fand der Kaiser, so oft er auch Parade über die nach Landschaften in Nationaldivisionen eingeteilten Mädchen abhielt, nicht eine einzige, die ihm besonders gefallen hätte. Ein paar hundert behielt er ja zurück, aber mehr aus landesväterlicher Huld und um nicht in den Ruf der Gefühllosigkeit zu kommen, als aus wirklichem Interesse. – Etwas Besonderes möchte ich haben, meine Herren, nicht bloß gute Mittelware. Eine, in die ich mich mal richtig verlieben kann. Wie unser We-tê-king so schön singt: Ich sah sie an: Da ward der Himmel klar, Und helle ward, was vorher dunkel war. Der schwarze Wald wuchs als ein Flammenmeer, Es brannte, brannte alles um mich her. Und um die Hüfte nahm ich sie und sprang Ins Flammenmeer, in dem das Glühen sang. So was möcht ich. Alles andere ist wie ein laues Bad. Und a propos, mein lieber We-tê-king: ich muß es sonderbar finden, daß Sie Ihre schönsten Genüsse für sich behalten. Es wäre loyaler, mir auch etwas abzugeben. Sie müssen doch derlei glühende Sachen erlebt haben. Warum verhelfen Sie mir nicht auch dazu? Der Dichter We-tê-king machte ko-tao und lispelte: Majestät, ich bin bloß ein Dichter, Sie aber sind Kaiser von China. Wie könnte, was mich in Glühen bringt, auch Ew. Majestät genügen? Was mir schon Wunder ist, das ist dem Sohne des Himmels gemein. Jenes Lied machte ich auf eine – Köchin. Ew. Majestät würde sich von dieser Person nicht einmal eine Hühnerbrühe kochen lassen. – Wunderlich! bemerkte der Kaiser. Eine Köchin! Wer hätte das gedacht! Aber wer weiß: vielleicht sind es gerade die Köchinnen? Die Liebe ist doch eine mysteriöse Sache . . . Aber gleichviel: es ist mir klar, daß niemand mehr dazu geeignet ist, mir diese Sensation zu verschaffen, als Sie, mein lieber We-tê-king. Und wenn es eine Köchin, eine Ausgeherin, eine Kuhmagd wäre: Sie müssen mir eine bringen. Gelingt es Ihnen, so berufe ich Sie in den Staatsrat mit dem Titel und dem Gehalt eines kaiserlichen Hausministers; gelingt es Ihnen nicht, so haben Sie am längsten Liebeslieder gesungen und kommen unter die Eunuchen. Dies ist mein unabänderlicher kaiserlicher Wille. Richten Sie sich darnach! Der Hofliebesdichter hatte eine Empfindung, wie wenn er operiert würde, verwünschte seine sämtlichen Gedichte und erwog die Frage in sich, ob er nicht besser täte, sich gleich aufzuhängen. Schließlich aber dachte er sich: wer weiß! Suchen wir halt erst mal! Glückts nicht, so wird der Hanf bis dahin auch nicht aufgeschlagen sein. Und so begab er sich auf die Mädchensuche. IX. Die Mission des Herrn We. Wie männiglich weiß, haben die Dichter in weiblichen Angelegenheiten durchschnittlich mehr Glück, als die Minister. Und so gelang es Herrn We-tê-king sehr bald allein, was den drei Ministern mit all ihren Agenten nicht gelungen war. Er hatte sich gesagt: je weniger offiziell ich auftrete, um so mehr werde ich erreichen. Die Ministerialagenten haben den Fehler gemacht, daß sie zu sehr mit kaiserlichen Edikten operierten. Da sind dann natürlich nur Mandarinentöchter und höchstens noch Mädchen aus Literatenfamilien gekommen, denn das Volk, wenn es nur ein Edikt auf gelbem Papiere sieht, denkt gleich: das ist nichts für mindere Leute, da gibt es genug Mandarinenlöffel, den Rahm abzuschöpfen. So werd ich es also nicht machen. Denn grade im Volke wachsen die nettesten Pflanzen, und ein Bauernmädel wird am allergeeignetsten sein, Seiner Majestät besondere erotische Sensationen zu verschaffen. Alles andere kennt er ja mehr als genug. Aber Frische, Frische! Heublumenduft und Volkslied! Meine Laute auf dem Buckel, ein baumwollenes Habit an, auf dem strohenen Vagantenhut ein paar Hahnenfedern, – so will ich von Dorf zu Dorf ziehen und die Dirnen am Ziehbrunnen zusammenklimpern. Ein Haderlumpenlied zieht mehr als zehntausend kaiserliche Edikte. Und so tat er, der pfiffige Hofliebesdichter und gute Psychologe. Es machte ihm auch außerdem ein Heidenvergnügen und dünkte ihn besser, als an der kaiserlichen Tafelrunde sitzen und Zweideutigkeiten reimen oder gar die kaiserlichen Verse korrigieren. Von Dorf zu Dorf sich durchsingend und manches hübsche Mädchen am Kinne fassend kam er schließlich in die Gegend von Pao. Ein großes Dorf lag in Mittagssonne. Männer und Weiber schnitten draußen den Reis, am Bache aber, der durch das Dorf floß, knieten die Mädchen und wuschen. Pitsch-patsch klang es, wie sie das Leinenzeug auf die glatten Steine schlugen. Da setz ich mich irgendwohin, wo's schattig ist, und befingere die Laute, dachte sich der erfahrene Herr We-tê-king und tat auch so. Erst bloß ein bischen Saitengerupf: ping-pang-pong-dewing, ping-pang-pong, dann ein paar kichernde Läufe, und nun los: Heißer Himmel, Sonnenbrand, Weiß vom Staub die Stra-a-ßen, Ach, ich bin zu weit gerannt Über krumm und grades Land, Heißer Himmel, Sonnenbrand Macht durstig aus der Ma-a-ßen. Die Mädchen drehten sich schon rum und stießen einander an: Schaut da, Einer mit der Laute, und singt! Jetzt machte es Herr We-tê-king recht zum Erbarmen:    Hätt ich nur ein bissel Wein, Würd ich balde hei-ei-ter, Bin ein armes Singerlein, Fahr landauf, landab, landein, Hätt ich nur ein bissel Wein! Laßt mich nicht durstig wei-ei-ter! – Der arme Bursch! Hört nur, wie kläglich er tut! Bringen wir ihm die Kürbisflasche! Nimm sie, Pao-Szö! Der ganze Schwarm machte sich auf und kam nahe. Die Kleinste trug die Flasche und bot sie dem Sänger. Himmel, was machte Herr We-tê-king für ein paar Augen, als er das Mädchen sah! Die, die ist es! Bei allen kaiserlichen Ahnen: die und keine andre! Eine Blume aus dem Garten der Götter! Die Blume Wundergruß! – Mädchen, wie heißest du? – Pao-Szö, Herr! – Wer ist dein Vater? – Szö-ta, Herr! – Führ mich schnell zu ihm. – Warum, Herr? – Weil du schön bist, Pao-Szö, schön und für den Kaiser gemacht! – Warum spottet der Herr? – Nicht Spott, du Lieblichste des Reiches! Nicht Spott! Laß dich anschaun, laß dich . . . oh! Wie sind deine Brauen fein! Feiner im Schwunge als die Bogen im Waffensaale des Himmelssohnes! Und deine Lippen, wie rot! Röter, als der Zinnober des kaiserlichen Namenzuges! Und weiß die Zähne wie das seidene Bett der Kaiserin, das für dich gerichtet ist! Für dich, du Allerholdseligste, deren Haar wie eine schwarze Wolke ist, hangend auf dem blühenden Gipfel des Pfirsichberges im Kaiserparke! Sind deine Finger nicht kunstvoll geschnittene Edelsteine? Aber dein Antlitz ist lieblich wie der klare Mond! Oh du Schönheit du! Du Schönheit du! Länder und Städte wird er für dich hinfallen lassen wie faule Brombeeren! Die Mädchen griffen sich an die Stirnen und meinten: Du hast wohl Wind im Gehirn, oder bist du trunken, vor du noch getrunken hast? – Schweigt, alberne Gänse! Ich bin der Hofdichter We-tê-king, und dieser da sollt ihr noch die Füße küssen, schnatterndes Volk: ehe eine Woche ins Land geht, sitzt sie dem Kaiser auf dem Schoße. – Er ist besessen! Er ist besessen! kreischten die Mädchen auf und liefen davon. Herr We-tê-king aber kniete vor Pao-Szö nieder und sprach: Als Erster huldigt dir dein niedriger Sklave We-tê-king. Wolle dich in Gnaden dessen erinnern, wenn du das Kopfkissen des Kaisers hast. Und nun geruhe, mich zu deinem Vater zu führen. Pao-Szö lachte: Ist das auch alles wahr? – So wahr, als ich über ein kleines Hausminister sein werde. Schnell, schnell zu deinem Vater! Der alte Szö-Ta war ein armer Bauer und ein bischen ungehobelt. Er stand gerade nacktbeinig im feuchten Reisfelde und sichelte, als Pao-Szö zu ihm lief und also sprach: Vater, der Herr da will mit dir reden! – Reden? Was will er reden? Mein Reis ist schon verkauft. – Nicht deinen Reis will ich, sagte Herr We-tê-king, sondern deine Tochter, alter Biedermann! – Meine Tochter will er? Die brauch ich selber. Wenn sie auch faul ist wie eine genudelte Hochzeitsgans, 'n bischen hilft sie mir doch in der Wirtschaft. – Nicht für die Wirtschaft will ich sie, nicht als Magd, Alter. – Wozu denn? – Ich will sie ausbilden lassen. – Ist schon ausgebildet genug und eingebildet dazu. Soll sie etwa 's Tanzen lernen? Oder die Laute schlagen? Der schöne Herr ist wohl ein Lautenmeister? – Ich bin Hofdichter Seiner Majestät. – Äh! Was ist denn das? – Ich mache Lieder für den Kaiser. – Lieder? Die gibts ja schon so. – Neue Lieder, Alter, nicht solche gewöhnliche, wie ihr sie singt. – So! Meinetwegen. Heiß Wetter heute. – Hört mal, mein guter Mann, macht keine Flausen: was ist's mit der Pao-Szö! Gebt ihr sie mir? – Ich denke gar nicht dran. – Was? Ich bin Beamter der dritten Rangklasse. – Geht schon gut. – Ich bin Vertrauter des Kaisers. – Ich brauche nichts. – Was soll das heißen!? – Daß ich nichts brauche. – Ihr gebt das Mädchen also nicht freiwillig? – Unfreiwillig auch nicht. Was meine ist, ist meine. – Nichts ist euer! Dem Kaiser gehört alles! Wißt Ihr das nicht? – Dem Kaiser? Ja, das ist richtig. Das ist so. Freilich. Aber: seid Ihr der Kaiser? – Nein, aber der Kaiser will Euere Tochter! – Das kann jeder sagen. – Es ist so, Alter. – Zeig her! – Was denn? – Den Brief vom Kaiser, mit dem Drachen und der roten Unterschrift. Hähä! Nee, mein Lieber. Es heißt zwar: Der Bauer und der Stier, Das sind zwei dumme Tier, aber so gescheidt wie ein abgerissener Bänkelsänger sind wir doch noch. Weg aus meinem Felde, Vagabund! denkst du, ich seh's deinem Rock nicht an, wie dein Beutel aussieht, du – Beamter der dritten Rangklasse? Er hob einen Lehmkloß auf, ihn nach Herrn We-tê-king zu werfen. In diesem Augenblick merkte der Hofdichter, woran er es hatte fehlen lassen. Er zog seinen Geldriemen, an dem an die fünfzig Kupfermünzen hingen und warf ihn dem Bauern vor die Füße: Da! – Hä? Hat der Herr Münze? Laßt sehn! Der biedere Szö-Ta zählte das Kupferzeug. – Hm! Achtundvierzig Stück Große. Er kraute sich hinter den Ohren: – Das wäre für die da? – Ja, und später kommt noch mehr, viel mehr, wenn sie erst beim Kaiser . . . – Ti-ti-ti-ti . . . Kaiser! Lassen Sie mich mit dem Kaiser zufrieden. Mit Ihnen handle ich. Mit dem Kaiser hat unsereins bloß zu tun, wenns ans Halsabschneiden geht . . . . Noch so ein Riemelchen voll! Herr We-tê-king fuhr in den Brustbausch und zog eine Silberstange hervor. – Ich hab kein Kleingeld, aber, damit Ihr seht, daß ich mich nicht lumpen lasse –: Da! Die Silberstange flog dem Alten vor die Füße. – Silber? Das kenn ich nicht. Silber? Nee! Das kann falsch sein. Und: wer solls wechseln? Gebt mir Kupfer, Herr! – Das Silber da ist hundertmal so viel wert, als der Riemen! Seid nicht blöde! Szö-Ta betrachtete die Stange, wog sie in der Hand, schlug sie auf einen Stein, machte Hum! machte Hem! rieb sie an seinem Kittel, schabte an ihr mit seinem Messer und schrie schließlich: Lao-Mu! Lao-Mu! Aus dem Reisfelde kam eine alte Frau und rief: Was ist? – Der Herr da will die Pao-Szö kaufen; kennst du Silber, Alte? – Zeig her! – Da! – Das ist Silber. Sind ja Stempel drauf. – Stempel!? Ja so! Ja dann! Szö-Ta zog sich mit Lao-Mu etwas ins Reisfeld zurück. Nach einer Weile tauchten sie wieder auf, und Szö-Ta erklärte: Die Mutter will mit Euch handeln. – Nun in Gottes Namen! Aber Ihr habt wahrhaftig genug jetzt! – Nein, Herr, sprach Lao-Mu. Nein, Herr! Das Kind da, wahrhaftig, ist mehr wert. Wärs unser geborenes Kind, – ja, dann wärs schon zu viel, denn wir sind erbärmliche Leute. Aber, Herr (und nun flüsterte sie): Pao-Szö ist ein Kind der Wundervögel mit Perlmutterflügeln! Rote Schnäbel haben sie und gelbe Augen und am Bauche den Flaum, der genannt ist: Kaiserwiegenflaum, – schneeweiß und weicher, als Altweiberfäden, die im Spätjahr fliegen! Der Himmel weiß, was für ein Wunder an dem Mädchen ist! Als ich sie kriegte, da mein eigenes Kind gestorben war, und ich nahm sie in den Arm, da lief durch meinen Leib ein Zittern und seltsames Geriesel, und mir war, ich darf nicht sagen wie. Auch hat sie keine Milch von mir getrunken und auch nicht Milch von Kühen und Ziegen oder Eselinnen, und gedieh doch mehr, als alle anderen Kinder im Dorf. Und nachts habe ich an ihrer Wiege zwei rote Vögel stehen sehen, die Vögel Fung-Hoan; die sangen: Es steigt der Mond! Die Sonne sinkt! Schlaf dich schön! Schlaf dich schön! Mädchen, das den Mondstrahl trinkt. Und wirklich: Der Mond kam an ihr Bett und legte sich über sie wie Mutterbrust, und Pao-Szö saugte an ihm. Das ist wirklich wahr! – So? – Und ich soll nun die Mondamme bezahlen? Laßt mich doch mit solchen einfältigen Päppelkinds-Geschichten zufrieden, Alte. Kurz und gut: Wie viel wollt ihr noch? – Noch so ein Stängelchen, Herr, noch so ein Silberstängelchen! Denkt doch: sie hat am Monde getrunken, das liebe Kind, das süße. Sie wurde plötzlich sehr ergriffen und bedeckte Pao-Szö mit Küssen. – Also gut! Hier! We-tê-king produzierte noch eine Silberstange und gab sie hin: – Dafür kriegte man die Tochter des Kultusministers, Verehrteste. Aber nun ist es genug! Bestellt mir eine Sänfte mit vier Trägern! Nehmet Abschied, Fräulein Pao-Szö! Das ging sehr schnell. Die Sänfte war auch bald da, und der glückliche We-tê-king hatte das Vergnügen, in ein paar Stunden die Gegend von Pao hinter sich zu haben. X. Die große Wo. Es war erstaunlich, wie schnell und geschickt Pao-Szö auf alles einging, was der zukünftige kaiserliche Hausminister von ihr verlangte. Es schien, als habe sie nur darauf gewartet, nach den Sechs Serails abgeholt zu werden. Natürlich brachte sie der glückliche Entdecker nicht sofort dorthin. Sie roch immerhin etwas nach Stall und war weder hinreichend equipiert noch vorgebildet, um alsogleich Seiner Majestät vorgestellt zu werden. Aber der erfahrene Liebesdichter wußte Bescheid. Da war ein kleines Teehaus in der östlichen Vorstadt, dem eine ehedem sehr berühmte Kurtisane vorstand, von der es bekannt war, daß sie sich auf galante Manieren, Tanz, Musik und Dichtkunst, kurz auf alles, was man von einer chinesischen Grande amoureuse nur verlangen konnte, noch immer vortrefflich verstand. Sie galt allgemein als Dame von ungewöhnlichem Takt, Geschmack und Lehrvermögen, und ihr Haus war berühmt als die hohe Schule der Galanterie von China. Zu ihr, die sich Wo-fu-ling nannte, von ihren Verehrern aber nur Ta-Wo genannt wurde, die große Wo (groß in dem Sinne, wie man Friedrich der Große sagt), begab sich Herr We-tê-king und sprach: Meine liebe Ta-Wo, ich habe eine außerordentliche Bitte an Sie, eine Bitte, die Sie mir durchaus nicht abschlagen dürfen, und es sollen auch ein paar sehr große Ballen Seide für Sie abfallen, wenn nicht gar der Titel einer kaiserlichen Seraillieferantin. – Ihr Vertrauen ehrt mich, wertester Herr We, antwortete mit vielem Anstand die große Wo, aber ich habe augenblicklich nichts, was ich einem verwöhnten Kenner wie Ihnen anbieten könnte. Ein paar Elevinnen lassen zwar für die Zukunft Schönes hoffen, aber für den Augenblick sind sie noch grünes Obst und gerollte Knospen. – Ihre Elevinnen, große Wo, so gewiß ich mir bin, daß sie unter Ihrer bewährten Hand die denkbar beste Entwicklung nehmen werden, interessieren mich zur Stunde nicht, wenngleich ich mich hiermit vorgemerkt haben will. Es handelt sich um eine viel wichtigere Sache. Da ich Ihrer Verschwiegenheit sicher sein kann, umsomehr, als jedes Wort Ihnen die Konzession kosten würde, will ich es Ihnen verraten. – An meiner Schweigsamkeit gemessen sind die Karpfen im heiligen Tempelteiche geschwätzig wie die Agenten des Bundes zur Hebung der Sittlichkeit; das dürften Ew. Hochgeboren wohl wissen, entgegnete etwas pikiert die alte Dame. – Ich weiß, große Wo, und so schenke ich Ihnen mein Vertrauen in einer Angelegenheit, die, wie ich wohl sagen darf, augenblicklich die wichtigste im ganzen Reiche ist. – Politisches? Um Gott! Nein! Mein erstes Geschäftsprinzip ist: keine Politik! Ich bin schon einmal beinahe geköpft worden, damals, wie die rote Tai-ta dem dürren Staatsanwalt Ho-fing-gê das Lied vorsang: Käm zu mir der Himmelssohn In dem goldnen Wagen, Wollte mich in sein Serail Auf den Händen tragen, Eine Nase dreht ich ihm, Und ich würde sagen: Lieber laß ich mich von Lung, Meinem Liebsten, schlagen, Eh ich mich einsperren ließ In den goldenen Schragen. – Genug! Genug, Madame, ich kenne die Geschichte; die rote Tai-ta bildete sich zuviel auf ihr bißchen Lyrik ein. Um derlei handelt es sich gar nicht. Ihr wißt wohl selber, daß Seine Majestät sich um Politik weniger kümmert als ein Hahn ums Eierlegen; schöne Mädchen will er, basta, und ich habe eine für ihn. Sie aber sollen sie mir vorher etwas polieren. Das ist alles. – Ah, das ist etwas anderes! Aber: hat sie auch Talent? – Ach was, sie ist schön, und wenn sie den Mund auftut, klingen alle Flöten des Himmels. Sie braucht gar nicht zu tanzen, und man sieht doch mehr als ein ganzes Ballett. Sie braucht nur die Augen aufzuschlagen, und alle Dichter der Welt ekeln sich ihrer eigenen Reime. Nur ein paar äußerliche Manieren, ein paar Redensarten, wie sie der Hof verlangt: nichts mehr. Um Gottes willen: nichts mehr! Putzt mir an dem Kleinod um Himmelswillen nicht zu sehr herum! Laßt ihr den Heublumenduft und den frischen Pfirsichhauch! – Sie unterschätzen mich, Herr We, ich trete als Künstlerin an die lebendigen Blumen heran, die man mir anvertraut. Eher wollte ich in ein Kloster gehen, als daß ich Reize verwischte. Reize zu heben ist mein Geschäft: ich fasse Schönheiten, wie der Juwelier Perlen faßt, aber ich zerstöre sie nicht. Das überlaß ich jenen Dilettantinnen meines Berufes, die nichts wissen, als ein paar Schminkregeln und die Kapitel der chinesischen Poetik. Madame Wo war offenbar beleidigt. Aber Herr We-tê-king besänftigte sie schnell, indem er sprach: wüßte ich das nicht so sicher, verehrteste Ta-Wo, so würde ich mich nicht an Sie gewandt haben, die ich als Meisterin in der Pädagogik der Galanterie aufs Höchste schätze, und von der ich das Wort geprägt habe, das, wie ich mich getrauen darf, zu sagen, zu Ihrem Weltruf ein weniges auch mit beigetragen hat: Wir armen Dichter! Unsre Kunst ist roh, Die Schönheit müssen wir aus Worten kneten; Viel edler schafft die herrliche Ta-Wo, Die unbestrittene Fürstin der Poeten, Die Reime rankt aus Mädchenarmen und Die schönste Strophe bildet: Mund auf Mund. Der Dichter machte eine tiefe Verbeugung und küßte dann Madame Wo-fu-ling auf die linke Schulter. Die große Wo lächelte charmant und sprach: Unter den zehntausend schönsten Gedichten Eurer Herrlichkeit ist dies das schönste, wenngleich es meinen schwachen Fähigkeiten viel zu sehr schmeichelt. Indessen: ich bin Ew. Hochgeboren ergebenste Dienerin und werde es an nichts fehlen lassen, um Ihren Wünschen nach besten Kräften und mit allem Fleiße nachzukommen. Ich erwarte die zarte Blume, die mir Ihre unverdiente Güte anzuvertrauen gedenkt. Sie sprach wie gedruckt, obwohl damals auch in China die Buchdruckerkunst noch gar nicht erfunden war. XI. Das talentvolle Mädchen. Am nächsten Tage führte der Dichter das Mädchen aus Pao in das Haus von Madame Wo. – Oh, sagte die, völlig betroffen von dieser Schönheit, was soll ich da noch viel tun? Es ist ja eine Gnade für mich, diese Blume betrachten zu dürfen. Schreiten wir gleich zur ersten Lektion! – Oh, das ist interessant, meinte Herr We-tê-king und ließ sich in einen Sessel nieder. – Nicht doch, verehrter Herr, erklärte die große Wo, so angenehm mir sonst Ew. Hochgeboren Gegenwart ist: jetzt müssen Sie die Gewogenheit haben, mich mit diesem Fräulein allein zu lassen. Es wäre in hohem Grade unschicklich, wollte ich sie in Ihrer Gegenwart dem Verdrusse einer Korrektur aussetzen, und überdies ist es unstatthaft, eine Dame, die für die Gemächer Seiner Majestät bestimmt ist, in Gegenwart eines andern Mannes zu unterweisen, und sei es selbst der erste Dichter Chinas. Etwas vertattert erhob sich Herr We und stotterte: – Ich bitte vielmals um Vergebung, und ersuche um den Vorzug, von Zeit zu Zeit durch ein Billett über die Fortschritte im Unterrichte der verehrungswürdigen Dame auf dem Laufenden erhalten zu werden. Ich empfehle mich den Damen. Wie Herr We hinaus war, warf sich Madame Wo mit einem zierlichen Schwunge vor Pao-Szö nieder, zog ihr die Schuhe aus und küßte sie auf die kleinen, weißen Füße und sprach: Ich bin die niedrige Sklavin meiner zukünftigen Kaiserin und bitte im voraus um gnädige Verzeihung, falls ich in die Lage kommen sollte, Eurer Holdseligkeit eine Korrektur zukommen zu lassen. Auch flehe ich um ein huldreiches Gedenken in der nicht mehr fernen Zeit, da die unvergleichliche Schönheit meiner erhabenen Gebieterin auf dem Schoße des Himmelssohnes thronen wird. – Ist das denn so sicher? meinte Pao-Szö und legte den Kopf schief. – So sicher, als ich weiß, was ein Mann ist. – Was ist denn ein Mann? Pao-Szö machte die Augen weit auf, in denen ein seltsames Glimmen war. – Ein Mann, du Holde, ist ein Ding, das wunder wie streng und hart und rauh tut und sich viel hoch über uns Frauen dünkt. Wenn aber ein Mann ein Mädchen sieht, wie dich, so wird er linde, weich und zärtlich und weiß sich keine höhere Seligkeit, als deinen Fuß auf seinem Nacken. Reiß ihn im Barte, und er flötet: Ach, tut das gut! Schlag ihn ins Gesicht, und er wimmert: Ach, tut das lieb! Zieh ihm dein Hemd an, und er keucht vor Wonne: Ich schwebe in den Himmel! – So ist der Mann ein närrisch Ding? – Närrisch oder nicht: er ist dein Sklave. – Aber, wenns der Kaiser ist? – Und wenns der Kaiser ist! – So so . . . Pao-Szö verschränkte die Hände am Hinterkopf und schritt auf und nieder. – Was muß ich aber tun, daß er mein Sklave wird? – Wer schön wie du ist, mit Augen, hinter denen das große Geheimnis brennt, das einen Schein auswirft, der bis dorthin dringt, wo jeder Mann wehrlos ist; wer wie du sich nur zu bewegen braucht, um seine Schönheit nackt zu zeigen; wer so wie du eine Stimme hat, die eine Glocke aus allem Heimlichen und Süßen deines Wesens ist, eine Glocke aus der Tiefe des Weibes, in die jeder Mann versinken möchte und wüßte er auch, daß zehnfacher Tod da unten droht –: Wer so Weib und Kind in Einem ist wie du: der braucht gar nichts zu tun; der hat die Gnade . . . die Gnade . . . Madame Wo war tief ergriffen und warf sich wiederum vor Pao-Szö nieder. – Jeder Hauch aus deinem Munde wird ihm heilig sein, für jeden Blick aus deinen Augen wird er Länder und Städte hingeben, – frieren wird er, wo nicht die Wärme deines Leibes ist, und um jedes Lächeln deiner Lippen wird er betteln. Ah, du, du weißt nicht, wer du bist; du stehst so da und blickst mich groß an, und weißt nicht, was im Grunde deiner Augen glimmt; und deine Hände, die lässig herabfallen und auf den Schenkeln tasten, sie wissen nichts von ihrer Macht. Fast fürcht ich mich vor deiner Schönheit, die sich nicht kennt und doch nur immer sich selber lieben wird. Ich . . . ich . . . sieh: ich sah schon viele Mädchen und habe mich selber auch einmal gefühlt, – aber ein Wesen wie dich sah ich und empfand ich nie. Wie wenn ich in einen tiefen Brunnen schaute und sähe unten eine nackte Nixe, die die Fluten des Wassers in sich einzieht mit den Poren ihres Leibes und den Himmel mit hinabzieht mit dem Wasser, und alle Sterne und die Sonne und auch den Mond, – so ist mir, wenn ich dich sehe. – Lala, was redet ihr da; so was versteh ich nicht und mags nicht hören. Lehrt mich singen und tanzen und gebt mir bunte Kleider. Gelbe Seide will ich und rote Schuhe, eine Schärpe aus Brokat um den Leib und Steine ins Haar! Hei und einen goldenen Reif um die Stirne mit kühlen Perlen und eine Laute in die Hand. Ists schwer, zu spielen? – Hast du noch nie gespielt? – Nein, nie. – So nimm die Laute! – Ists recht so? – Aber du hast sicher schon gespielt; du hältst sie, wie jemand, dem die Laute vertraut ist von Kind auf. – Nie hielt ich eine Laute. Greif ich so recht? – Aber Wunder! Wunder! Nun erschreck ich noch mehr: Du greifst wie eine Künstlerin, und es klingt ohne Fehl. Pao-Szö schloß die Augen und spielte eine schwermütige Weise. Dann ließ sie die Laute sinken und sprach: Wie schön das klingt. Lautenspielen gefällt mir. Madame Wo machte ein unsagbar dummes Gesicht, ging ganz nahe an Pao-Szö heran, sah ihr in die Augen und schrie plötzlich laut auf: Kind, in deinen Augen zuckt es gelb auf! Wer . . . wer . . . bist du!? Ich fürchte mich. – Tu nicht so dumm, Frau, sag mir lieber: muß ich auch dichten lernen, wie Herr We mir sagt? – Dichten? Ja, das heißt, die Männer habens gern, wenn unsereins Worte schön zu setzen weiß und Reime auf die Liebe findet. Aber es muß nicht gerade sein. – Ist es gedichtet, wenn ich sage: Es steigt der Mond! Die Sonne sinkt! Schlaf dich schön! Schlaf dich schön! Mädchen, das den Mondstrahl trinkt! Ist das gedichtet? Pao-Szö blickte fast streng vor sich hin. – Aber, aber, aber! Freilich! Es ist in der dunklen Art, die jetzt so beliebt ist! Wo hast du das her? Wo hast du das her? – Weiß nicht. Ist mir auch gleich. Nun sag: wie ists mit dem Tanzen? – Aber halt! Erst gelbe Seide und die Schärpe aus Brokat! Schnell schnell! Mit zwei, drei Bewegungen hatte sie sich entkleidet und sprang nun in der Lust ihrer Nacktheit durchs Zimmer. – Mein Gott! Mein Gott! Was fängt sie an! Wo andere aufhören, da ist sie schon. Kind, Kind, du tanzest ja wie eine selige Göttin! Oh! Oh! das ist der pas volüptüeux, der pas ravissant, das ist die schwerste der Künste! Zum dritten Male sank die große Wo vor Pao-Szö nieder, und diesmal rief sie: Kaiserin! Kaiserin! Herrin des Reichs! Sei mir gnädig! Bleibe mir gnädig! Das Heil meines Lebens ist eingezogen in dieses Haus! Oh Majestät Pao-Szö! Erhabene Mutter der sechs Serails! Unablässig beklopfte sie den Boden mit ihrer Stirn. – Seide! Seide! Gelbe, gelbe Seide! Wo ist die Schärpe aus Brokat? Sterne ins Haar! Hei und den Goldreif mit den nickenden Perlen! Kaiser, mein Kaiser, komm, tanz mit mir! All meine Nacktheit verschenk ich dir! Hahahaha! Mit einem übermütigen Gelächter warf sie sich auf ein Polsterbett und rief: Ist jetzt die Stunde aus? – Majestät! Majestät! Gnade mit Eurer Sklavin! Gnade! Gnade! Madame Wo kroch auf den Knien heran und bedeckte die erregt Atmende mit seidenen Tüchern, damit sie sich nicht verkühle. XII. Ein sehr schöner Brief der Madame Wo. Am nächsten Tage erhielt Herr We-tê-king von Madame Wo folgendes im besten Briefstile abgefaßtes Schreiben zugesandt: »Demütiges Schreiben niederzulegen auf der schimmernden Schwelle des von Edelsteinen strotzenden goldenen Palastes Seiner Herrlichkeit We-tê-king des erhabenen Dichters der vier Meere aus der baufälligen und schmutzigen Hütte der niedrigen Sklavin Wo-fu-ling Geruhen Ew. Herrlichkeit mit gnädigem Finger dieses schlechte Papier zu ergreifen, auf dem eine unwürdige Hand mit dem gemeinsten Pinsel und höchst schäbiger Tusche diese stümperhaften Schriftzeichen niedergelegt hat. Die erbärmliche Schreiberin fleht auf das begnadete Haupt Ew. Herrlichkeit den Ährenregen des Himmels herab und hört nicht auf, das blühende Talent der himmlischen Flöte Chinas zu bewundern und im Staube hockend zu verehren.« – Die gute Ta-Wo schreibt wie ein kaiserlicher Prüfungskommissarius, dachte Herr We, als er bis hierher gekommen war. Sie könnte wahrhaftig einen Briefsteller herausgeben. Dann las er weiter: »Dem Wunsche Ew. Herrlichkeit gemäß, aber auch dem Antriebe meines eigenen jämmerlichen Inneren folgend, habe ich die Ehre, Ew. Herrlichkeit zu vermelden, daß es ganz und gar überflüssig ist, die mir anvertraute über alle Begriffe mit den Gnaden der Götter überschüttete Dame aus Pao in irgend etwas zu unterweisen. Sie ist eine mit tausend Perlen und Edelsteinen gezierte Schatulle aller Talente, und, soweit der Himmel auf der Erde aufliegt, gibt es nichts, das mit ihr verglichen werden könnte. Was ihr noch fehlt, sind lediglich seidene Kleider, Schmuckgegenstände und der goldene Stirnreif, der ihr gebührt. Ew. Herrlichkeit haben mich unbeschreiblich beglückt, indem Sie mir vergönnt haben, dieses zauberhafte Wesen in meiner ruinösen Hütte zu beherbergen, dieses Wesen, das ohne jeden Zweifel von Göttern abstammt und nicht von Menschen. Mein jammervoller Pinsel ist nicht imstande, die erhabene Göttin würdig zu bezeichnen, und wenn ich selbst das unvergleichliche Talent Ew. Herrlichkeit besäße, im Walde der durcheinander sprießenden Schriftcharaktere Zaubervögel singen zu lassen, so würde ich dennoch glauben, unvermögend zu einer solchen Aufgabe zu sein. Zwischen den Spinnweben meiner dem Einfalle nahen Hütte sitzend, sende ich in die strahlenden Gemächer von Ew. Herrlichkeit goldblendendem Palaste die demütige Bitte: Wollen Ew. Gnaden die unverdiente Huld haben, meine von Schmutz starrende Schwelle zu überschreiten und die für den Sohn des Himmels bestimmte Blume aus den Gärten der Götter mit seidenen Gewändern bekleidet dorthin führen, wo einzig und allein der würdige Sitz dieser zauberhaften Holdseligkeit ist: in den Onixpavillon der kaiserlichen Favoritinnen. Ich liege auf der von Würmern zerfressenen schmierigen Diele der meiner Niedrigkeit entsprechenden Ruine, in der ich hause, und harre gekrümmt des blendenden Schimmers, der sie durchleuchten wird, wenn Ew. Herrlichkeit geruhen wollen, sie auf goldenen Sohlen zu betreten.« – Ganz erstaunlich, was für einen brillanten Stil die große Wo schreibt; man könnte diesen Brief wahrhaftig in die Paradigmensammlung für höfliche Schreibweise aufnehmen. Ich muß Seine Majestät wirklich bitten, ihr einen Ehrenbogen errichten zu lassen . . . Aber wo krieg ich bloß das viele Geld für die Aussteuer Pao-Szös her? Das ist ein schlimmer Casus . . . Doch was quäl ich mich! Hat mir die große Wo nicht schon oft gepumpt? Auch muß sie ja überhaupt eine reich ausgestattete Mädchengarderobe haben! Esel, der ich bin! Madame Wo wird sie schon anziehen! In dieser tröstlichen Zuversicht begab sich der Hofdichter zur »baufälligen Hütte« der großen Wo, die natürlich ein wahres Palais zu nennen war gegenüber seiner Garçonwohnung. Die Garderobefrage war schnell im Sinne Herrn Wes erledigt, und Pao-Szö verließ das Haus von Madame Wo in einem gelbseidenen, blaublumig durchwirkten Kleide, eine dunkelrote Brokatschärpe um die Taille, eine Kette von großen grünen Steinen um den Hals, rotseidene Pantoffeln mit hohen gelben Hacken an den Füßen und entzückend frisiert. So führte sie Herr We in seiner grünen Beamtensänfte zum kaiserlichen Palaste. Da er gegen Vorzeigung seiner vom Palastamte abgestempelten Visitenkarte jederzeit gleich eingelassen und in die kaiserlichen Gemächer geführt wurde, so stand er mit seiner schönen Begleiterin bald vor Seiner Majestät. XIII. Ihr Debüt. Der Kaiser regierte grade. Er unterschrieb eine Anzahl Todesurteile und scherzte: – Unglaublich, wieviel Köpfe es in China gibt. Freuen Sie sich, lieber We. daß Sie nicht Kaiser sind. Sie würden gar keine Zeit mehr zum Dichten haben. Jetzt erst blickte er auf. – Ah! Ahh!! Ah!!! Was ist . . . was ist . . . das für eine entzückende kleine Person? Komm her, mein Schatz, laß dich näher ansehn! Oh! Oh! Das ist ja die leibhaftige Blume Wunderhold! Oh du süßes Ding du! Heiliger Himmel, wie wird mir? Ein roter Nebel vor den Augen mit goldenen Säumen . . . Wo schweb ich hin? Was drängt so in mir! Mädchen! Mädchen! Halt . . . mich . . . fest . . .! Ich . . . wanke . . . ja . . . Pao-Szö trippelte sogleich auf den Kaiser zu und umschlang ihn. – Oh, oh, wie wohl das tut! Wie hold das ist! Mädchen, Mädchen, sprich ein Wort, daß ich weiß, wie die lebendigen Blumen der Götter sprechen! – Ich will dein sein, Kaiser. – Du . . . willst . . . mein sein? . . . Du . . . Du  . . . willst mein sein? . . . We, mein lieber We, haben Sie 's gehört! Sie will mein sein! Ah, nun weiß ich, was es ist, wenn die Wälder brennen. Mein Herz stößt in Flammen ins Hirn! Meine Augen sehen nichts als Glut und Glanz . . . Komm! komm, Mädchen! Allein mit dir! Allein mit dir! Der Kaiser nahm Pao-Szö auf den Arm und trug sie, ohne Herrn We nur noch einen Blick zu schenken, aus dem Zimmer. Sie aber sandte ihrem Entdecker, fröhlich wie ein Kind mit den Beinen zappelnd und laut auflachend, einen Schwarm von dankbaren Kußhänden. – Daß ich nicht ins Eunuchenkorps komme, ist sicher, dachte sich Herr We; ob es aber Se. Majestät unter diesen Umständen nicht vergißt, daß er mich zum Hausminister ernennen wollte, ist nicht so ganz ausgemacht. Nun, warten wirs ab. Gut gegangen ist die Geschichte jedenfalls. Ich werde ein paar Ahnenopfer bringen müssen. Der Hofdichter rieb sich die Hände und lächelte das vergnügteste Dichterlächeln. Aber plötzlich wurde das Lächeln boshaft, und Herr We summte, indem er das Zimmer Seiner Majestät verließ: Wo trug der Kaiser das Mädchen hin? Wohin, eija, wohin? Gott sei Dank, daß ich nicht die Kaiserin bin, Eija, die Kaiserin! XIV. Im Juwelenpavillon. Wo trug der Kaiser das Mädchen hin? Nach dem Serailreglement hätte die Antwort darauf lauten müssen: In den hinteren Serail, dorthin, wo, unter der Oberaufsicht der Kaiserin, alle neu angekommenen Palastdamen gemeinschaftlich wohnten und, bis zur Erreichung des nächst höheren Konkubinenranges, in den Künsten höfischer Galanterie unterwiesen wurden. Aber der Kaiser dachte gar nicht daran, Pao-Szö dorthin, unter die Augen Schên-haus, seiner erhabenen Gemahlin, zu tragen. – Ich bedanke mich ergebenst dafür, von der guten Schên-hau das liebe Mädchen kritisieren zu lassen; das würde mir den ganzen Spaß verderben. Es ist auch zu dumm: für wen ist das Mädchen eigentlich da, – für mich oder die verehrte Gattin? Also! Dies denkend trug Kaiser Yu seine liebe Last geradenwegs in den Juwelenpavillon, schloß die Türen hinter sich zu und befahl dem wachhabenden Gardeoffizier, der vor Staunen Augen vom Umfange eines Bratentellers bekommen hatte, dafür zu sorgen, daß niemand in die Nähe des Pavillons komme, außer dem Oberküchenmandarin natürlich. Denn essen mußte Kaiser Yu freilich, aber sonst gedachte er auch durchaus nichts zu tun als Dinge, die mit Pao-Szö in Verbindung standen. Regieren? – Schnecken! Seine Majestät mußte lächeln, wenn er sich vorstellte, wie sich die unglückseligen Minister und vortragenden Geheimräte jetzt an der Tür des Audienzsaales drängen würden, unerledigte Staatsschriftstücke schwingend. – Du bist mein Reich, dein Schoß mein Thron, süße Prinzessin Pao, und deine Liebe ist mein Staatsgeschäft. Lach, lach mich an und gib mir deinen Mund! – Oh, das Glück der Fische im Wasser, wie die alten Dichter sagen! Und so gingen drei Monate hin, während deren niemand den Kaiser sah und kein anderes Edikt von ihm an die Beamten kam, als dieses: »In Anbetracht der ganz außerordentlichen Verdienste, die sich der Hofdichter We-tê-king um das Reich und Meine Person erworben hat, ernennen Wir ihn hiermit zu Unserm Hausminister mit dem Titel Ta-jen (großer Mann) und geben ihm Unser Lustschloß Wao-pa mit allem Lande in Umkreis von 300 Li zum Lehen. Wollen und gebieten auch, daß ihm in seiner Geburtsstadt ein Ehrenbogen errichtet werde mit der Aufschrift: Dem großen Dichter und warmen Patrioten We-tê-king, kaiserlichem Hausminister und Lehensträger, für ungewöhnliche Verdienste um den Staat und seine vorbildlichen Tugenden als Beamter von seinem dankbaren Kaiser Yu.« – Fabelhaft! dachten sich die Beamten. Diese Dichter haben mehr Glück als Verstand. Jetzt müssen wir die Verse dieses Belletristen auswendig lernen und fleißig im Staatsrate zitieren. Unglaublich, was alles man muß, wenn man die diplomatische Karriere eingeschlagen hat. Aber sie hatten ja Zeit, Verse zu memorieren, da die Regierungsmaschine stillstand. Es waren gewissermaßen Reichsferien, ein kleines Liebesinterregnum, währenddessen es keinen Kaiser Yu von China gab, sondern nur einen wahnsinnig verliebten Herrn vom Juwelenpavillon. »Der Alte im Barte«, den wir schon einmal zu zitieren Gelegenheit hatten, hat über dieses Interregnum folgende Verse gemacht: Im weiten Reiche Teuerung Und Mißwachs, Dürre, Wassersnot; Am Grenzwall bellt Barbarenwut Und wühlt der grimme Eberzahn: Wo ist der Kaiser mit dem Schwert? Der Kaiser liebt Hanftuch und Dorn. d. h. ein Mädchen, das früher einen Unterrock aus Hanftuch und statt der Haarnadel einen Dornenzweig im Haare getragen hat. Er brach sich eine Blume hold, Die heißt: Ich dufte übers Land; Das schönste Mädchen nahm er sich, Das jemals Kaiserliebchen war. Sie saßen Bein an Beine stets, Und Schulter stets an Schulter lag, Wenn auf sie standen; tranken sie, So tauschten küssend sie das Glas, Und wenn sie aßen, teilten sie Sich Schüssel, Teller, Stäbchen zu. Es war kein Kaiser mehr im Reich, Doch eine neue Kaiserin. Die wußte nichts als Spiel und Tanz Und Lachen, Küssen, Lieben und In seidenen Gewändern gehn. Weh, dreimal weh: es lauert schon Das Unheil unterm Drachenschleim. Einstweilen hieß das Unheil aber Schên-hao. XV. Die Kaiserin und der Purpurkelch aller Seligkeiten. Drei Monate hatte die Kaiserin es murrend ertragen, daß sie wie eine Witwe leben mußte, während ein Getuschel durch den Palast lief: Hochzeit im Juwelensaal, Flitterwochen drei Monde lang! aber nun hielt sies nicht mehr länger aus. Sie bewaffnete das Eunuchenkorps, überrumpelte die Pavillonwache und rauschte plötzlich, ganz Würde und Empörung, in den kleinen reizenden Salon, das Liebesnest Seiner Majestät. Sie hätte es gar nicht besser treffen können: Der Kaiser saß auf einem breiten gelben Polsterstuhl und hatte das Mädchen aus Pao auf dem Schoße. Dazu lächelte er glückselig und sang, indem er den Mund des Mädchens zu einem süßen Kußschnutchen zusammenkniff: Weißes Mäuschen, sitze still, Laß mich machen, mein Prinzeßchen, Laß mich machen, was ich will. Das Liedchen hatte noch eine Strophe, aber die Kaiserin gelüstete es nicht im Allerentferntesten, auch diese zu vernehmen. Sie trat einen großen Schritt vor und schrie recht laut: Schämen sollst du dich! Was ist das für ein miserables Ding, für ein elendes Subjekt, für eine widerwärtige Person, die hier eingedrungen ist und den Palast verunreinigt!? Wird sie wohl augenblicks aufstehen und mich begrüßen, wie sichs ziemt? Oder soll ich mich vergessen und ihr beide Augen auskratzen, diese scheußlichen Gallertkugeln? Sie trat wieder einen großen Schritt vor und machte mit allen zehn Fingern bedrohlich krallende Bewegungen. Pao-Szö rührte sich nicht und sah die Wütende bloß groß an. Der Kaiser aber, der seine Gemahlin kannte und Tätlichkeiten fürchtete, sagte unbefangenen Tones und leichthin: Warum ereiferst du dich so, meine Liebe? Ein neues Mädchen für den Serail, nichts weiter. Ihr Rang ist noch nicht festgesetzt, sonst hätte ich sie dir schon vorgestellt. Er lächelte süß. – Ich sehe wohl, welchen Rang diese abscheuliche Kreatur einnimmt, und ich rate dir bloß eins: Wage nicht, sie mir vorzuführen! Heute noch verläßt diese schmutzige Sklavin den Palast. Oder du sollst sehen, was geschieht! Sprachs und rauschte ab, nicht, ohne sich an der Tür noch einmal umzuwenden und ein schrilles Pfui! auf den Kaiser und das, was auf ihm saß, abzuschießen. Pao-Szö sprang vom Schoße des Kaisers herunter, stellte sich gerade vor ihm hin und fragte kurz: Wer war denn das? – Ach, das, das war bloß die Kaiserin, mein Mäuschen. – So! die Kaiserin! Von der hast du mir ja noch gar nichts gesagt? – Mein Gott, warum denn auch? Was geht denn uns die Kaiserin an? – Schimpft sie immer so? – Ach Gott, nein; bloß, wenn sie ärgerlich ist. Du mußt nämlich wissen, Schatz, daß ich dich ihr eigentlich hätte vorstellen sollen. Das ist eine Art Hausgesetz, und ich hätte schon wirklich . . . Aber du kannst ihr ja bei Gelegenheit deine Aufwartung machen. – Ach? Was denn noch? Fällt mir ja nicht im Traume ein. Erst soll sie kommen und mich um Verzeihung bitten wegen der Niederträchtigkeiten, die sie mir an den Hals geworfen hat. Das war ja schlimmer als im Kuhstalle in Pao. Eine nette Kaiserin. – Ach, das mußt du nicht so nehmen. Die Gemahlinnen ersten Ranges sind immer so, dafür bist aber bloß du mein einziges . . . – Ach, laß das! Sag mir lieber: was für einen Rang hab denn ich? Der Kaiser kraute sich im Bart und machte ein paar mal Hm! dann sprach er: Du? ja, das ist eine schwierige Sache. Eigentlich, dem Reglement nach, das sechs Rangklassen unter den Palastdamen vorschreibt, gehörst du in die sechste Klasse. – Sechste? Du bist wohl . . . Sechste! Das ist wirklich heiter. Pao-Szö schlug eine unangenehme Lache auf, fuhr sich in die Frisur und warf dem Kaiser eine große goldene Haarnadel, eine Diamantagraffe, einen Schildpattkamm und eine gelbe Rose ins Gesicht. Dann kauerte sie sich in eine Ecke und fing fürchterlich an zu weinen. – Aber um Himmelswillen, Maus, mein Gott, mein Gott, so hör bloß mit dem Geweine auf! – ich, oh, ich – oh Gott, nicht weinen, nur nicht weinen, ich kann das nicht sehen, nicht hören – sieh, ich liege hier neben dir und bitte dich, – steh doch aus, steh doch auf! – Sechste Rangklasse! Huhuhuhu! Sechste . . . huhuhuhuhuhu! – Rangklasse . . . sechste . . . huhuhuhuhuhu! – Nein doch! Nein doch! Ich habe ja bloß gesagt: eigentlich! Aber du bist natürlich eine Ausnahme. Pao-Szö hörte sofort mit der lauten Tonart auf und ging in ein leises Wimmern über. – Es versteht sich, daß bei dir irgend eine Ausnahmebestimmung inkraft tritt, irgend ein Paragraph für besondere Fälle; es wird sicher so etwas geben; und wenn nicht, so muß der Hausminister einen Anhang machen. Wir werden schon sehen, Maus, sei nur wieder ruhig. Pao-Szö vollzog den Übergang vom Wimmern zum Schluchzen und hauchte: Aber bis dahin, bis der Paragraph gefunden ist? Bis dahin soll ich wohl gar nichts sein? Gar keinen Titel haben? Es hatte allen Anschein, als wenn ein Rückfall kommen wollte. – Nein, nein, nein! Hab nur keine Angst: Bis dahin mach ich dich zur . . . Der Kaiser überlegte. Pao-Szö stand auf, legte ihm beide Arme auf die Schultern und sah ihn halb weinend, halb lächelnd an: –? – Also in Gottesnamen: zur Prinzessin schlechtweg. Das kann ich immer. Das geht das Reglement nichts an. Pao-Szö lächelte und hielt Seiner Majestät den Mund hin. – Der Kaiser küßte sie und sprach: Dem Himmel sei Dank, daß meine süße Prinzeß wieder lächelt. Ach, Schatz, wenn ich dich nicht lächeln sehe, bin ich krank. Wenn du lächelst, so sind deine Lippen das Holdeste der Erde, und deine Augen sind dann der Himmel selber. Aber, wenn du böse blickst, erschreckt mich dein Auge, und ich möchte mich am liebsten gleich umbringen. Aber nicht wahr, nun weinst du nicht mehr? – Mein liebs, liebs Kaiserle! Jetzt lach und lächle ich tausend Jahr und weine nicht ein einzigmal mehr. Aber gell, du setzt mir gleich das Edikt auf? – Auf der Stelle, meine liebe kaiserliche Hoheit! Kannst du schreiben, so schreib, was ich jetzt sagen werde. – Ich hab noch nie geschrieben, aber sag nur und gib mir Pinsel, Tusche und Papier. So versuch ichs halt. Der Kaiser lachte: Chinesisch schreiben ist so leicht nicht, Schatz, aber, wenn du auch bloß Kleckse machst, es wird doch schöner sein, als alle Tafeln der Klassiker. Seine Majestät gab Ihrer kaiserlichen Hoheit der Prinzessin Pao den Arm und führte sie an den Schreibtisch. – Hier Pinsel, Tusche und Papier! Nun schreib! Prinzessin Pao ergriff den Pinsel, tauchte ihn in die Tuscheschale, setzte ihn spitz aufs Papier, wandte sich lachend um und sprach: Und . . . ? Der Kaiser sah ihr über die Achseln und sprach: Zuerst das Zeichen, das kaiserliches Edikt bedeutet! Prinzessin Pao setzte den Pinsel an und – schrieb es. – Wie? Das ist ja ganz richtig! Aber woher hast du denn das? – Weiß nicht. Sag nur weiter! – Wir, Kaiser der vier Meere, sitzend unter dem Himmel und regierend die Welt . . . . . . Aber du kannst ja unvergleichlich schön schreiben! Wart, du sollst mir jetzt immer beim Regieren helfen! – Wenn ich mag, schon! – Also: wie weit bist du! – Regierend die – Welt . . . – Schön! Schreib weiter: Geheißen Yu und thronend im Juwelensaale Unseres kaiserlichen Palastes . . . . Red ich zu schnell? – Gar nicht. – Unglaublich! Bei meinem Geheimschreiber gehts nicht halb so fix! – Weiter! Hop! Allez! – Wart nur, wart nur! So schnell kann ich nicht denken, wie du schreibst. Also: . . . Kaiserlichen Palastes . . . – Nochmal? – Du! Du! Jetzt kommts: Befehlen hiermit und bestimmen wie folgt . . . . Seine Majestät schritt sinnend auf und ab. – Was folgt? lachte Prinzeß Pao. – Gleich werd ichs haben . . . – Hoffentlich! – Ernsthaft, Prinzeß! Hier gilt es Worte zu wägen, wie ein Wechsler Gold wägt, denn jedes Wort kommt in die Annalen des Reiches. – Muß das sein? – Selbstverständlich! Also schreib: In Ansehung der unvergleichlichen Talente, mit denen sie ausgeschmückt ist, wie eine durchbrochene Blumensäule im Tempel der kaiserlichen Ahnen . . . – Du brauchst nicht immer zu pausieren, Kaiserle. – Und in Anbetracht der über alle Begriffe köstlichen Eigenschaften ihres gesamten inneren und äußeren Wesens, die sie auszeichnen vor allen Töchtern unseres Landes . . . – Die Kaiserin eingeschlossen? – Natürlich, aber das darfst du nicht schreiben, denn das wäre gegen die Etikette, nach der die Kaiserin den Titel: Erhabene Mutter des Reiches führt. Und du sollst mich auch nicht immer herausbringen, denn nun hab ich schon wieder alles vergessen. Laß mich mal lesen . . . Hm . . . . Also: Und in Anerkennung der ganz einzigartigen Verdienste, die sie sich um mein leibliches und seelisches Wohlbefinden und damit um den gedeihlichen Gang der Staatsgeschäfte und die Blüte des Reiches erworben hat . . . – Bin das alles ich? – Wer denn sonst? – Famos! Aber der Vordersatz ist furchtbar lang. – Das ist immer so bei Edikten. Den Stil mußt du mir schon lassen. – Laß ich auch. – Also dann schreib weiter: Ernennen und erheben wir hiermit aus besonderer Gnade und . . . warte mal, jetzt muß ich etwas noch nie dagewesenes sagen . . . – Na? – Und . . . ja: intimster Zuneigung allerhuldvollst Fräulein Pao-Szö zur Prinzessin des Reiches mit dem Beinamen: Purpurkelch aller Seligkeiten. – Ah! Das ist schön! Dafür muß ich dich . . . Der Purpurkelch aller Seligkeiten sprang auf, hing sich dem Kaiser an den Hals und küßte ihn sehr lange. – Kommt noch was? – Bloß noch das Datum: Gegeben an der Stätte Unseres größten Wohlbefindens, im Juwelenpavillon Unsers kaiserlichen Palastes, anno I Unsrer vom Himmel sichtlich begnadeten Regierung, am Tage Prinzeß Pao. – Was für ein Tag? – Der Tag soll in alle Ewigkeit nach dir heißen. Schreib aber das gewöhnliche Datum in Klammern darunter! Hast du's? – Ja! Fertig! Punktum! – Jetzt den Zinnoberpinsel her! So! Und nun wollen wir eine Weile nicht mehr regieren, mein Schatz. Sieh, hier liegt meine Stirn auf der Spitze deines Pantoffels, und so huldigt dir dein untertäniger Kaiser Yu, meine süße Prinzeß Pao, du Purpurkelch meiner Seligkeiten! Oh, lache, lache, lache durchs Gemach! Und der Purpurkelch aller Seligkeiten tat sich auf und lachte dreimal durch den Juwelensaal. XVI. Die Mitregentin. Seitdem ihm Prinzeß Pao beim Regieren half, gewann Kaiser Yu einigermaßen Geschmack an dieser Beschäftigung. Er rieb sich ja nicht auf dabei, und er hielt auch nicht gerade Amtsstunden ein, aber so zwischenhinein wurde nun doch wieder manchmal regiert. Meistens gab die Prinzeß den Anstoß dazu. – Vergiß den Kronrat nicht, Kaiserle! Es macht immer einen guten Eindruck, wenn du selber dabei bist. Und die drüben im östlichen Palast sollen nicht sagen, daß du meinetwegen weniger tust, als früher. »Die im östlichen Palast« waren der Kronprinz I-tschiu und die Erhabene Mutter. Die gescheidte Pao hatte bald für einen prompten Zuträgerdienst Sorge getragen und dadurch in Erfahrung gebracht, daß neben der Kaiserin es auch der Kronprinz war, der sie mit besonderem Haß verfolgte und dabei zuweilen Redensarten von bedrohlicher Schärfe fallen ließ. – Wart nur, mein Prinzchen, dachte sich die neue kaiserliche Hoheit, dich werd ich bald draußen haben und die »Erhabene« dazu. Es war ihr ganz recht, daß »im Östlichen« der Zorn immer lauter wurde. Sie legte es geradezu darauf an, daß er auch einmal explodierte. Hatte auch schon einen schönen Trumpf in Bereitschaft für diesen Fall. Des Kaisers war sie sicher; der kam auf den Pfiff und parierte Ordre wie ein Gardeleutnant. Nur in Einem war er schwierig: Zur Kaiserin wollte er sie durchaus nicht machen. – Aber das geht ja nicht, Kind, sagte er, das geht ja nicht! Das ist direkt gegen die Gesetze und gerade so gut wie eine Revolution. Setze ich die Kaiserin ab, so hab ich meinen Sohn auf dem Nacken, und der ist doch nun einmal als Kronprinz proklamiert. – So setz halt ihn zuerst ab! – Was du nicht alles weißt! Wie kann ich ihn absetzen, wenn er mir keinen Grund gibt? – Das wird sich schon finden, meinte Ihre Hoheit und dachte sich: Ich muß ihn nur recht ärgern, dann wird er schon irgend eine Dummheit begehen. Der Schlag, den sie führte, geschah im Bündnisse mit dem Hausminister We. – Ich bin noch immer ohne eigentlichen Palastrang, sagte Prinzeß Pao zu ihm, als er in ihrer Gegenwart beim Kaiser Audienz hatte. Wie steht es eigentlich mit dem Nachtrag zum Serailreglement? – Das ist eine sehr schwierige Affäre, kaiserliche Hoheit, entgegnete der Minister. – Furchtbar schwierig, Kind, pflichtete der Kaiser bei. Wenn es dir recht ist, hält uns Se. Exzellenz gleich Vortrag darüber. – Meinetwegen! sagte das politische Mädchen. Seine Exzellenz stellte sich in Positur und begann: Das kaiserliche Serailreglement, das so alt ist wie der Thron der Tschous, läßt leider durchaus keine Auslegung zu, die es ermöglichte, eine Palastdame anders zu klassifizieren als nach Maßgabe der begehenden sechs Rangstufen. – Was geht das mich an? warf die Prinzeß ein, bin ich etwa eine Palastdame? Ich dächte wohl, daß ich mit diesen Personen nichts gemein habe. Oder . . . ? . . . Sie warf einen sehr ausdrucksvollen Blick auf den Kaiser. – Mach doch keine solche Augen, Maus; es versteht sich ganz von selbst, daß du keine Palastdame bist. – Na also, was bin ich dann? Das ist ja eben die Frage. – Ja, kaiserliche Hoheit, erwiderte der Hausminister, das ist die Frage, und ich weiß leider keine Antwort darauf. Zum Serail gehören Ew. Kaiserliche Hoheit nicht, das steht fest, aber: wohin gehören dann Ew. kaiserliche Hoheit? Ja, wenn Ew. kaiserliche Hoheit keine Dame wären! Dann wäre es leicht. Männliche Ämter können nach Belieben errichtet, gewissermaßen erfunden werden. Aber für Damen gibt es eben leider im kaiserlichen Palaste bloß ein Amt: Mitglied des Serails, sei es als Erhabene Mutter, die gewissermaßen mit dem Kopfe zwar über dem Serail steht, mit den Beinen aber mittendrin, oder als Angehörige einer der sechs Klassen. Prinzeß Pao trommelte ärgerlich mit ihren schönen weißen Fingern auf einem Jadetischchen und sprach: So erfindet halt ein weibliches Amt außerhalb des Serails. Wenn ihr männliche Ämter machen könnt, warum nicht weibliche? – Aber Kind, Kind, ich kann dich doch nicht zu einer Mandarin mit dem violetten Knopf machen! – So mach mich halt zu einer Mandarine! Seid doch nicht gar zu plump! In diesem Augenblick legte sich Ta-jen We auf den Bauch, beklopfte den Boden neunmal mit der Stirne und rief: Ha! Ha! Ha! – Was: Ha! sagte die Prinzeß. – Na? meinte der Kaiser. – Ich habs! rief der Minister. – Also her damit! – Her damit! Der Kaiser und die Prinzessin blickten gespannt auf den Minister, der, da er seit seiner Ernennung nicht mehr seine frühere lyrische Schlankheit hatte, nur mit einiger Mühe wieder hochkam. – Wenn Ew. Majestät geruhten, Ihre kaiserliche Hoheit zur – Mitregentin zu ernennen?! – Hm! machte der Kaiser, der doch ein bißchen erschrocken war. – Warum: Hm? fragte energisch die Prinzessin. – Aber das wäre ja ein politischer Akt! Das rührt ans Staatsrecht. Soviel ich weiß, ist das noch niemals dagewesen. – Sehr richtig! bemerkte höhnisch die Dame aus Pao. Ich bin aber auch noch nicht dagewesen. Bitte: Regiere ich etwa nicht wirklich mit? – Ja, das freilich. – Nun, und: wenn ich wirklich Mitregentin bin, warum soll ichs nicht auch heißen? – Gewiß . . . im Grunde . . . freilich . . .! aber bedenke doch: das Aufsehen! Die Zensoren! Es wird Protestschriften regnen! Alle Klassiker werden sie zitieren! Das Volk werden sie aufwühlen! Die Kaiserin, der Kronprinz . . . – Natürlich: Die Kaiserin, der Kronprinz! Das ist deine ganze Angst! Aber ich sage dirs: Entweder gleich Kaiserin oder wenigstens Mitregentin! Sonst . . . . hnhuhuhuhu! Laut heulend verließ Prinzessin Pao das Gemach. Der Kaiser sank in einen Stuhl: So macht sies nun immer, wenn ich nicht gleich Ja sage. Ach, ich bin doch furchtbar übel dran! Ich habe ja gar keinen Willen mehr, seit die Hexe im Schlosse ist! Ja, eine Hexe ist sie. Wie verzaubert bin ich. Wie aus mir selber genommen. Und schwach! Schwach! Denken Sie, lieber We: ich kann mein Schwert Pang-lung nicht mehr ziehen, seit Prinzeß Pao bei mir ist. – Wie? – Ja: es geht nicht aus der Scheide. – Vielleicht hat sich was eingeklemmt? – Nein! Denn die Prinzessin zieht es mit ihrem kleinen Finger heraus. – Sonderbar. – Freilich! Und noch etwas: Ich habe die Ahnengebete vergessen! – Das geht mir auch manchmal so. Das ist so schlimm nicht. Wenn man liebt, Majestät, braucht man den Himmel nicht, man hat ihn. – Ja, sonst wäre das alles auch gar nicht zu ertragen! Aus dem Nebenzimmer klang eine Laute und ein Lied: Rote Wolke, laß dich nieder, Rote Drachenwolke, falle! Bläh dein Fung-hoang-Gefieder, Laß dich nieder, Hol mich wieder, Aus der kalten, öden Halle. Fung-hoang! Fung-hoang! Wie zum Sterben ist mir bang. Und nun jammerte ein Weinen wie von hundert gequälten Kindern. – Setz das Edikt auf! Sogleich! Schnell! Schnell! Ich kann das nicht hören! kann das nicht hören. Und wenn sie mir Gift für die Kaiserin gibt: ich nehme es und tu was sie will! So wurde der Purpurkelch aller Seligkeiten Mitregentin des Kaisers Yu. XVII. Der wütende Kronprinz. Diese Ernennung hatte nur noch gefehlt, um den Zorn des Kronprinzen zur Explosion zu bringen. – Ha! rief er, das übersteigt denn doch alle Schranken. Dieser Person will ichs zeigen! Morgen, als am ersten Tage des neuen Monats, muß der Kaiser zur Abhaltung der großen Audienz in den Drachensaal. Da ist sie allein. Da will ich es ihr beibringen, was ich von ihr halte. Sie soll wahrhaftig nicht denken, daß der östliche Palast eingefallen ist oder sich hinter dem Juwelenpavillon versteckt! Und nun begab sich dies: Früh am Morgen des Audienztages, eben als der Kaiser sich von Prinzeß Pao mit unzähligen Küssen verabschiedet hatte, erschien ein Schwarm Diener des östlichen Palastes im Garten des Juwelenpavillons, machte sich mit Hacken und Spaten über die mit Porzellanvasen eingefaßten Beete her und hieb die sämtlichen kostbaren Blumen sowie ihre Einfassung um. Eine Anzahl Palastdamen des Kronprinzen stand dahinter und guckte vergnügt zu. – Seid ihr verrückt geworden? riefen die Diener der Prinzessin Pao. Ihr wollt wohl geköpft werden, daß ihr die Blumen köpft, die Seine Majestät selber für die Kaiserin Pao hat pflanzen lassen!? Macht gleich, daß ihr weiter kommt! – Was da! schrien die östlichen. Uns schickt der östliche Palast, und wir pfeifen auf eure »Kaiserin«. Unsere ist die rechte! Wir haben Befehl! Raus mit den Blumen! In Scherben die schäbigen Töpfe! – So?! Euch wollen wirs zeigen! – Nur her, wenn ihr Schneid habt! Und nun regnete es mitten im Garten der Mitregentin von China hanebüchene Prügel, und es gab einen Kulilärm wie am Hafen beim Schiffeausladen. – Was ist denn das?! rief die Prinzessin Pao und trat in einem reizenden Negligé, das Haar noch in zwei langen Zöpfen herabhängend und in der Hand den Schminkpinsel, unter die Tür. – Wird sich das Gesindel gleich packen? Weg da, ihr Elenden! Du weg da! schrie der Kronprinz, der nur auf sie gewartet hatte und nun mit drei, vier Sätzen auf sie los sprang. Er warf ihr aus weitgeöffneten Augen einen wütenden Blick zu, trat dicht an sie heran und hielt ihr beide Fäuste unter die Nase. – Wer bist du denn eigentlich, du hergelaufenes Weibsbild ohne Namen und Rang, daß du es wagst, dich Kaiserin nennen zu lassen und auf andere Leute herabzusehn? Kuhmagd! Kuhmagd! Wart, ich will dir zeigen, wer ich bin! Und er nahm sie bei den Zöpfen, riß sie nieder und schlug unter fortwährendem Gebrüll: Kuhmagd! Kuhmagd! auf sie los. Aber kaum hatte er mit diesem Geschäfte begonnen, da warfen sich seine sämtlichen Damen bäuchlings nieder, mitten in die zerstampften Beete, tunkten ihre schön frisierten Köpfe in das Erdreich und schrien laut auf: Prinz, oh Prinz! Sei gnädig, Prinz! Prinz, mäßige deinen Zorn! Denk an den Kaiser! An den Kaiser! Der Kronprinz dachte an den Kaiser, schrie zwar noch ein paar Mal Kuhmagd! ließ aber das Prügeln sein. Prinzessin Pao, die nun wirklich wie ein Purpurkelch aussah, so rot war sie vor Zorn, sprang auf, fuhr dem Kronprinzen mit dem Schminkpinsel ins Gesicht, daß nun auch er wie ein Purpurkelch aussah, drehte sich um und schrie: Lümmel! Das soll dir was kosten! – Kuhmagd! Kuhmagd! brüllte der Kronprinz nochmals und versuchte, sich die Schminke wegzuwischen, erreichte damit aber nur, daß sie sich über das ganze Gesicht verbreitete. So, mit einem päonienroten Kopfe, rannte er, umringt von seinen ganz außer sich geratenen Damen, die die Röcke bis über die Knie hochhoben, davon, dem östlichen Palaste zu. Prinzessin Pao aber fiel im Juwelensaal auf einen Divan nieder und schrie fürchterlich. XVIII. Der Trumpf. Als Kaiser Yu von der großen Audienz zurückkam, froh, keine Geheimräte mehr zu sehen, sondern seine geliebte Mitregentin, fuhr er bei ihrem Anblick entsetzt zurück. – Ja um Himmelswillen, wie siehst du denn aus? Du bist ja absolut unfrisiert! Und deine Kleider! Und das Gesicht! Was fehlt dir denn? Was ist denn passiert?! Prinzessin Pao antwortete eine Weile lang nicht, und erst dann, als der Kaiser dadurch nur noch aufgeregter geworden war, erzählte sie unter entsetzlichem Weinen das Geschehene. Seine Majestät geriet in äußerste Wut und rannte nach seinem Schwerte. Da er es aber wieder nicht aus der Scheide brachte, rief er: Er muß fort! Ich verbanne ihn! Setz dich, bitte, und schreib das Edikt! Prinzessin Pao schüttelte müde den Kopf. – Mir ist so schwach . . . – Herrgott, du wirst doch nicht etwa . . . krank werden? Prinzessin Pao sah ihn mit einem seltsam vergehenden Blick an. – Maus! Maus! Was ist dir! Prinzessin Pao erhob sich langsam, zog seinen Kopf zu sich herab und flüsterte: Noch vier Monate! – Wa . . . as! Wa . . . as!? Oh! Oh! Nein? wirklich? – Ja . . . – Ah! Ah! Oh! Oh! Seine Majestät sprang wie ein übermütiges Zicklein durchs Zimmer. – Palastillumination! Feuerwerk! Amnestie! Oh du! Du! Er nahm sie an sich und drückte sie, daß sie laut aufschrie. Dann aber sagte sie langsam: Wer wird Kronprinz, wenn es ein Sohn ist? Er, er! Natürlich er! Wie magst du fragen! Und I-tschiu wird verbannt! Sogleich! Ich selber werde das Edikt schreiben. Und der Kaiser Yu schrieb mit großen Zinnoberzügen, kürzer und bündiger als sonst sein Stil war: Kaiserliches Edikt. Da der Kronprinz I-tschiu übermütig, unverschämt, prinzipienlos, frech und ungehorsam ist, verbanne ich ihn hiermit in das Land seines Großvaters und ehemaligen Erziehers Graf Schên. Besagter Graf erhält den Auftrag, ihn in strengste Zucht zu nehmen und, wenn es noch möglich ist, ihm jetzt die Eigenschaften beizubringen, die er ihm früher leider nicht beigebracht hat. Beide, Graf Schên und sein mißratener Enkel, sollen nicht eher an den Hof zurückkehren, als bis das Erziehungswerk wirklich vollendet ist. Selbst aufgesetzt und gegeben im Pavillon der Regentin Pao. Yu, Kaiser. XIX. Reisbier und Mandelkuchen. Dieses Edikt fiel im östlichen Palaste mit der Wucht eines Meteorsteines nieder, und die Kaiserin Schên-hau fiel in eine unzweifelhaft echte Ohnmacht. – Ich reise nicht nach Schên! rief der Kronprinz; fällt mir gar nicht ein, in diese triste Provinz zu fahren! Aber der Wagen stand schon vor der Türe, und es wimmelten so viele Helebarden um ihn herum, daß selbst der Kronprinz von China einsehen mußte, hier sei Bravsein das Gescheidteste. Vorn eine Schwadron gelbe Küraßreiter, hinten eine Schwadron rote Küraßreiter, rechts und links je einen Rittmeister von den roten und gelben, fuhr der Verbannte I-tschiu gen Schên. Die Kaiserin aber stand hinter der Gardine und weinte. – Was soll ich nun tun? dachte sie sich: Zum Klatschen gehören zwei Hände, und meine andere Hand war I-tschiu. Ohne ihn kann ich gar nichts unternehmen. Aber jeden Tag soll der arme Junge einen Brief haben. Ach, was für eine unglückliche Frau bin ich! Wahrlich, der alte Dichter hat recht, der da sagt: Hohes Amt und hohe Würde Sind oft Nackenjoch und Bürde. Hätt ich doch lieber den Baron Wu geheiratet, der damals um mich anhielt! Im Juwelenpavillon dagegen herrschte jetzt doppelte Freude. Die Aussicht, ein Kind von Prinzessin Pao zu bekommen, vielleicht gar einen Sohn, machte den Kaiser halb närrisch vor Glück. Sechzig Dienerinnen waren unablässig damit beschäftigt, Kinderwäsche zu nähen, täglich wurde Wiegenparade über die Modelle abgehalten, die alle Tischlermeister des Reichs im Verein mit den Juwelieren einliefern mußten, und es wurden drei besondere Säle mit Spielzeug für das kommende Pfand der Yu-Pao-Liebe angefüllt. Die berühmteren Hebammen Chinas wohnten im Juwelenpavillon, und rastlos warfen die Zeichendeuter die Lose. Unbeschreiblich war die Aufregung Seiner Majestät, als der kritische Zeitpunkt näher und näher rückte. Statt Kronrat hielt er nur noch Hebammenrat, und kein Minister wurde empfangen, außer Herrn We. Ein Satiriker jener Zeit hat darüber ein Epigramm hinterlassen: Mag das Reich zu Grunde gehn, Der Kaiser muß durchs Schlüsselloch sehn, Denn die Pao-fê liegt in Wehn. Endlich, endlich war es so weit, und der Eunuch vom Dienste hielt zum Zeichen, daß alles glücklich abgelaufen und ein Prinz erschienen sei, ein gelbes Seidentuch zur Türe heraus. – Gelb! Dem Himmel sei Dank! rief der Kaiser, ergriff eine Kindertrompete und blies dreimal Tusch. Auf dieses Zeichen eilten zweitausend gelb gekleidete Hartschiere blasend erst durch die Palaststadt und schmetterten dann von der Mauer den Bürgern gewaltige Fanfaren in die Ohren. Alle Gongs und Glocken wurden gerührt, Reisbier und Mandelkuchen durch die ganze Stadt verteilt; die Bannertruppen marschierten in Paradeausrüstung mit Regimentsmusik durch die Straßen; wer am Pranger stand oder im Bock lag, wurde freigelassen; wer gerade hingerichtet werden sollte, bekam nur die Ohren abgeschnitten; in allen Tempeln wurden Hochämter zelebriert, und abends wurde ein Feuerwerk abgebrannt, daß es von weitem aussah, als brenne die Residenz. Indessen saß der Kaiser am Bette der Prinzessin und betrachtete selig seinen Sohn. – Mein Kleinod! Mein Kleinod! Strahlender Stengel, emporgetaucht aus dem Purpurkelche aller Seligkeiten! Hör nur, wie kräftig er schon schreit. Ein Held und Feldherr und großer Gebieter! Die junge Mutter, die seltsamerweise durchaus nicht schwach war, ja eher noch kräftiger und blühender schien, als vorher, tat die Augen weit auf und sprach: Ein Kaiser! – Ja, ein Kaiser! Keiner soll mir folgen, wenn nicht er! – Schnell, schreib mir das Edikt! Gleich mußt du ihn zum Thronfolger ernennen und mich zur Kaiserin! – Oh du Süße, nur jetzt keine Geschäfte! Nur jetzt nicht! Es soll geschehen! Gewiß! Ich schwörs bei meinem Schwerte! Ein Anlaß, den jetzigen Kronprinzen abzusetzen, wird sich leicht finden. Mach das mit Exzellenz We ab. Aber jetzt, ich bitte dich, erhabene Mutter, gönne mir Ruhe im hebenden Glücke! . . . Tiketiketike – du, mein süßes Kerlchen! Tatatata! Totototo! Schau nur, wie er die Backen aufbläst. Oh du meine Triumphposaune des Reiches! Oh du mein liebes, süßes, dickes, knirpsiges Bengelchen! M . . . m . . . m . . .! Es war klar, daß Seine Majestät in diesem Zustande wirklich kein Edikt aufsetzen konnte. Und da die Prinzessin Pao ihrer Sache sicher war, so ließ sie es sich gefallen, noch eine Weile zu warten und irgend einen Anlaß zu finden, aus dem man den jetzigen Kronprinzen absetzen und ihren Sohn an dessen Stelle zum Thronerben proklamieren konnte. XX. Ein Brief aus dem östlichen Palaste. Der Anlaß fand sich bald. Die Kaiserin Schên-hau, der es ausdrücklich verboten worden war, mit dem verbannten I-tschiu zu korrespondieren, konnte es im Getümmel dieser Geburtsfeierlichkeiten nicht mehr ertragen, ohne alle Verbindung mit ihrem Sohne zu sein. Auch fühlte sie, daß jetzt etwas geschehen müsse. So beschloß sie, sich krank zu stellen und der weisen Frau, die sie scheinbar untersuchen sollte, einen Brief an den Kronprinzen zuzustecken. Die alte Wên, berühmt als erste Heilkünstlerin des Landes, war, gegen das Versprechen, als Lohn zwei Stücke feinster Seide zu erhalten, leicht dafür gewonnen. So stellte sich die Kaiserin also krank und übergab, nebst den beiden Seidenstücken, der gefügigen Ärztin folgenden Brief: »Mein lieber Sohn! Dein Vater, der Kaiser, sinkt immer tiefer in Prinzipienlosigkeit und Wollust. Uns hat er von einander getrennt, um so ungenierter mit jener niedrigen Sklavin ein unwürdiges Lotterleben führen zu können. Nun hat ihm diese abscheuliche, gemeine Person gar einen Sohn geboren, und jetzt ist er auf dem Gipfel der Schamlosigkeit angelangt. Als du geboren wurdest, genügten ihm 500 Hartschiere, das verkündigen zu lassen, und die waren nicht einmal in gelber Gala, auch ließ er nur Reisbier verteilen; jetzt, zur Geburt jenes scheußlichen Bastards, mußten es 2000 Hartschiere und in Gelb sein, auch hat er noch Mandelkuchen durch die ganze Stadt verteilt. Dazu alles übrige, was seit Bestehen des Reiches nur bei der Geburt eines rechtmäßigen Thronerben geschehen ist. Du siehst also, mein lieber Sohn, daß die Lage sehr gefährlich ist. Es ist durchaus nötig, daß du wieder an den Hof zurückkehrst. Damit dies geschehen kann, ist es nötig, daß du dich mit einem Bittgesuch an den Sohn des Himmels wendest. Natürlich mußt du darin deine wahren Gefühle verbergen und so tun, als sähest du deine Schuld (die aber ein großes Verdienst ist) ein und wärest von Reue ganz zerknirscht. Das wird schon wirken, denn die Verstandeskräfte Seiner Majestät haben, wie es bei dieser schmählichen Lebensweise ja auch nicht anders sein kann, erheblich abgenommen. Tue also ja, wie ich dir rate. Bist du erst wieder bei mir, dann wollen wir vereint beraten, was geschehen muß. Im schlimmsten Falle lassen wir unsere Garden in Aktion treten. Deine dich liebende unglückliche Mutter Schên-hau. PS. Grüße den Großvater und lege ihm nahe, heimlich mobil zu machen. Es könnte sein, daß wir seine Truppen brauchen könnten. Ich hoffe, daß du gesund bist. Ich bin es soweit.« Die alte Wên wickelte den Brief in ihre zwei Seidenstücke ein, setzte ein Medizinalratgesicht auf und ging, scheinbar in sehr ernsten Gedanken, in Wahrheit aber seelenvergnügt, aus dem östlichen Palaste hinaus, mit dem Vorsatze schleunigst Extrapost nach Schên zu nehmen. Aber die wachhabenden Serail-Eunuchen, von der Prinzessin Pao, die über alles von ihren Spionen unterrichtet war, instruiert, hielten sie an und sagten: Madame, sind das Pillen, die Sie da in den Seidentüchern tragen? Oder Medizinfläschchen? Oder eine Klistierspritze? Hä? Die alte Wên erbleichte, faßte sich aber und sprach: Meine Herren, es ziemt sich nicht, daß ich Geräte, deren ich zur Untersuchung Ihrer Majestät bedurfte, profanen Augen zur Schau stelle. Lassen Sie mich weiter! Ich muß in die Apotheke. – Wir bedauern sehr, Madame, erwiderten die Eunuchen mit einem unangenehmen Grinsen, daß wir Ihnen die Ungelegenheit einer Untersuchung verursachen müssen. Galant, wie wir sonst sind, möchten wir Ihnen die kleine Unannehmlichkeit ja gern ersparen, aber Amt geht vor Galanterie. Wir haben gemessenen Befehl aus dem Juwelensaal. Die alte Dame erbleichte nochmals und fand diesmal keine Worte. Am ganzen Körper zitternd ließ sie sich zur Prinzessin Pao führen. – Ah, die Frau Doktorin von drüben! höhnte die. Zeigen Sie doch mal her, was Sie da haben. Das sind ja entzückende Stoffe. Lassen Sie mich doch das Muster sehen! – Gnade! Majestät! Gnade! wimmerte die Alte und reichte das Paket hin. – Oh, sehr hübsch das! sagte die Prinzessin. Ja, der östliche Palast hat Geschmack. Ach, und ein Brief? Der ist sicher an mich von meiner lieben Freundin Schên-hau. Da bin ich aber mal gespannt. Ihre Augen funkelten, als sie den Brief ergriff. Madame Wên sank in die Knie. Die Prinzessin las, und ihre Augen wurden immer größer, der Falten auf ihrer Stirn immer mehr. – Ah! . . Ah!! . . Ah!!! . . Das ist denn doch . . . das . . . Oh diese Kanaille! Ein Weinkrampf befiel sie, und sie zerriß wie bewußtlos vor übermäßigem Zorn die Seidenstücke von Frau Wên in tausend Fetzen und schrie unter fürchterlichem Schluchzen: Nichts als Schimpfworte! Nichts als Verachtung! Selbst mein Kind schmäht diese Bestie! In diesem Augenblick erschien der Kaiser in der Tür zum Kinderzimmer: – Aber du weckst ja den Kleinen auf, meine liebe Pao! Was hast du denn? Warum reißt du diese Seide in Fetzen? Was liegt dieses Weib da auf den Knien? Hat sie dich mit der Seide betrogen? Deshalb macht man doch kein solches Aufsehen! – Da, kennst du diese Handschrift? Lies nur, lies! Dieses Weib da hat den Brief aus dem östlichen Palast geschmuggelt. Ohne meine Wachsamkeit hätten wir nächstens die Garden von drüben auf dem Halse. Oh, diese Dame versteht sich auf Niederträchtigkeiten, deine verehrte Gattin und Erhabene Mutter des Reiches. Der Kaiser las, und seine Schläfenadern schwollen an. – Wo ist mein Schwert Pang-lung! – Wo es immer ist: dort an der Wand. – Bring es und zieh es aus der Scheide! – Was willst du damit? – Das wirst du gleich sehn. Die Prinzessin brachte das Schwert, der Kaiser nahm es und hieb die unglückselige Heilkünstlerin in zwei Stücke. – Ach so, – die? sagte Prinzeß Pao enttäuscht; ich dachte, du würdest dich an die richtige Adresse wenden. – Alles der Reihe nach, mein Kind. Und jedem nach seinem Rang. Dieses alte Weib da konnte ich entzwei hauen; mit der Person da drüben muß ich einige Umstände machen. Es kommt aber auf Eins hinaus. Auch bitte ich dich, zu bedenken, daß wir politisch handeln müssen. Im Grunde kommt uns dieser Brief ja nur erwünscht. Jetzt haben wir ja den Anlaß, den wir brauchen. Das Komplott ist offenkundig. Die Dame aus Schên und ihr unverschämter Sprößling haben ihren Rang verwirkt. Majestätsbeleidigung und Verschwörung genügt einigermaßen. Ich werde sofort den Kronrat berufen. Morgen bist du Kaiserin und unser Kleinod Thronerbe. Das bißchen Alt-Weiber-Blut hatte Seine Majestät ganz energisch gemacht. XXI. Ein Kronrat. – Meine Herren! redete der Kaiser den versammelten Kronrat an, welche Strafe setzten die Reichsjuristen für Leute fest, die den Sohn des Himmels beleidigen und Komplotte gegen ihn schmieden? Der Justizminister legte sich auf den Boden, hob die Hände auf und rief: Das kommt auf den Rang an, den diese Leute bekleiden. Erfrecht sichs einer aus dem Volke, so wird er in achtundachtzig Stücke zerschnitten; verirrt sich ein Beamter der achten Rangklasse soweit, so wird er zwischen zwei Eichenbrettern zerquetscht; ist es einer aus der siebenten Rangklasse, so . . . – Schon gut. Ich wünsche keine juristische Vorlesung. Kurz und gut: was geschieht mit einer Kaiserin, die diese Niederträchtigkeiten begeht? Sämtliche Mitglieder des Kronrates hoben sämtliche Hände auf und riefen: Wie? Unmöglich! – Ich bitte Seine Exzellenz den Hausminister We, diesen Brief hier zur Verlesung zu bringen. Der Kaiser setzte sich nieder, legte sein Schwert über die Knie und nahm das Aussehen eines gleichmütigen Gerichtspräsidenten an, während Herr We las. – Nun? fragte er, als die Vorlesung vorüber war, nun, was ist unmöglich? Sämtliche Mitglieder des Kronrates warfen sich auf den Bauch und wimmerten: Gnade! – Wie? rief der Kaiser und tat die Miene des gleichmütigen Gerichtspräsidenten ab, Gnade für diese Verbrecherin?! – Nein, Gnade für uns, weil wir voreilige Knaben waren und für unmöglich hielten, was doch geschehen ist, Kaiser! Oh, was geschieht nicht alles in diesen prinzipienlosen Zeiten! Schauderhaft! Schauderhaft! Wo sind die Sitten der Alten hin? – Das weiß der liebe Himmel, sprach der Kaiser, ich aber möchte wissen, was mit dieser Staatsverbrecherin geschehen soll, mit ihr und ihrem verworfenen Sprößling! Der Justizminister machte ko-tao und sprach: Es ziemt uns nicht, über Personen zu richten, die zum Sohne des Himmels in einem Kopfkissenverhältnis gestanden haben, aber soviel ist gewiß, daß ein weiteres Fortführen dieses Verhältnisses ganz unmöglich ist nach dem Satze der alten Tafeln: Ein ungeberdiges Weib liegt nicht mehr im Bette, – das will sagen: jede Ehe hört auf, wenn die Frau gegen die Obergewalt des Mannes aufsteht. – Demnach ist die Dame aus Schên meine Frau gewesen, und ich bitte die Herren, zu protokollieren: Da die bisherige Kaiserin Schên-hau durch ihr eigenes verbrecherisches Betragen die Ehe mit dem Sohne des Himmels gelöst hat, wird sie in ihren ursprünglichen Rang einer Vikomtesse von Schên zurückversetzt und in die Provinz ihres Vaters zu ihrem entarteten Sohne I-tschiu transportiert, der eo ipso seines Ranges als Thronerbe entkleidet ist. Nur aus besonderer Freude darüber, daß Seine Majestät durch diesen Zwischenfall in die Lage versetzt ist, die mit allen Tugenden der Erde und sämtlichen Gaben des Himmels ausgestattete Prinzessin und Mitregentin Pao zur Kaiserin zu erklären und seinen mit dieser unvergleichlichen Dame gezeugten Sohn als Thronerben zu proklamieren, sieht der Sohn des Himmels davon ab, die Vikomtesse Schên und ihren Sohn aufhängen zu lassen. – Ich danke Ihnen, meine Herren, für Ihren sachverständigen und ebenso von hoher Loyalität wie tiefer Gelehrsamkeit zeugenden Rat und bitte Sie, die Neuordnung der Dinge auf dem amtlich vorgeschriebenen Wege zur Kenntnis der Beamten und des Volkes zu bringen. Sie sind entlassen. Da Seine Majestät sonst kein Redner war, so mußte es selbst den grünsten Unterstaatssekretären klar sein, daß er diese Rede vorher fleißig memoriert und auswendig gelernt hatte. Sie wirkte darum nicht weniger stark und majestätisch. XXII. Die blühenden Talente. In den weiteren Kreisen der Beamtenschaft und des Volkes machte die Sache aber einen üblen Eindruck. Die meisten freilich, Familienväter und auf Karriere bedachte, murrten nur inwendig und »grollten mit den Gedärmen«, indem sie den Spruch beherzigten: versiegle deinen Mund, damit er nicht ins Gras beißen muß. Aber schon bildeten sich Geheimkonventikel der Kandidaten, in denen vermessene Reden geführt wurden. Damals war es, wo der »Bund der blühenden Talente« gegründet wurde, dessen Mitglieder ein Amulet auf der Brust mit den Zeichen trugen, die bedeuten: Der Tugend den Kranz! Dem Laster das Hanfseil! Es waren jugendliche Ideologen mit durchaus revolutionären Tendenzen. Sie verlangten, frech wie sie waren, daß die alte chinesische Sittenreinheit, die geheiligte Moral der Han-Söhne, nicht bloß vom Volke und den niederen Beamten geübt, sondern auch »oben« in Ehren gehalten werde. Natürlich wurde dieser Geheimbund von der Polizei mit allem Nachdruck verfolgt, und man konnte, wenn man durch die Straßen der Hauptstadt ging, sicher sein, bald da, bald dort einen jungen Menschen im Bock hängen zu sehen, der eine Tafel mit der Aufschrift auf der Brust trug: Auf zehn Tage in den Bock gehängt, wegen Teilnahme an den hochverräterischen Umtrieben der Blühenden Talente. Speit ihn an, ihr guten Bürger! Da gab es denn loyalen Speichel genug. Aber das hielt diese verwegenen, autoritätsfeindlichen Burschen nicht ab, immer wieder in Winkelkneipen heimlich zusammenzukommen und sich bei Tee oder Reisbier gefährliche Reden zuzuflüstern. Von ihnen gingen geflügelte Worte aus, wie: Es sollte nicht mehr heißen: Der, der unterm Himmel sitzt So heißt der Titel des Kaisers. , sondern: Der, der unterm Unterrock von Fräulein Pao sitzt. Oder: Die Hauptschnüre des Moralnetzes, die drei Kangs, die das Sittenleben des Volkes regulieren, von wem sind sie durchschnitten? Von Seiner Majestät! Den ersten Kang, das Verhältnis zwischen dem Souverain und den Beamten, hat er gelöst, indem er alle ehrlichen Beamten von sich stieß; den zweiten Kang, das Verhältnis von Mann und Frau, hat er gelöst, indem er die gute Kaiserin Schên-hau verjagte; den dritten Kang, das Verhältnis von Vater und Sohn, hat er gelöst, indem er den rechtmäßigen Thronfolger enterbte. Wovon wird jetzt sein Sittenleben reguliert? Vom Strumpfbande der Pao! Oder: Woraus besteht heutzutage ein vom Kaiser errichteter Ehrenbogen? Aus zwei Schandsäulen, verbunden durch eine schlecht stilisierte Lüge. Oder: Was kann man stehend erwarten? Die nächste Schamlosigkeit in der Kaiserstadt und den Untergang der Dynastie Tschou. Diese unverschämten Bonmots verstummten nicht eher, als bis der sehr schneidige Polizeipräfekt Mêng-thiën-wa den Spießkäfig darauf setzte. Man stellte die witzigen Jünglinge, an einen Pfahl geschnürt, in einen Käfig, bog ihnen den Kopf zurück, und steckte einen Spieß vor ihnen fest, dessen Spitze gerade bis an die Kehle des Delinquenten reichte, –: nun konnte Der zusehen, wie lange er es aushielt, den Kopf hinten zu halten. Es dauerte ja immerhin ein paar Stunden, während deren er recht fatale Grimassen schnitt, aber schließlich, er mochte es noch so angestrengt hintanhalten wollen, sank der Kopf vornüber, das Eisen fuhr in die Kehle, und nach einer Weile kam es am Hinterkopfe des naseweisen Kandidaten wieder heraus, der gar kein revolutionäres Gesicht mehr machte. Das half. Die Blühenden Talente versiegelten gleichfalls ihren Mund. XXIII. »Seligkeiten überall.« Seiner Majestät war es übrigens sehr gleichgültig, was außerhalb der Palaststadt für Reden geführt wurden. Für ihn hatten lediglich die Reden der Kaiserin Pao und das Lallen des kleinen Lu Interesse. Nach wie vor war er unbeschreiblich verliebt, und immer mehr wurde er zum Sklaven von »Hanftuch und Dorn«. Aber es war auch erstaunlich: die Pao wurde immer schöner. War sie bisher etwas mädchenhaft gewesen, eher niedlich als majestätisch, so gewann sie jetzt in Gestalt und Miene etwas Großes, Gebietendes. Der Hausminister We, der, seitdem er Exzellenz geworden war, nur noch selten Verse machte, konnte nicht umhin, der kaiserlichen Schönheit rhythmisch zu huldigen. Das ist an sich gewiß nicht erstaunlich, aber verwunderlich muß es erscheinen, daß er eine so intime Kenntnis dieser Schönheit hatte. Es scheint, daß Seine Majestät selber ihm das Material zu folgendem Gedicht geliefert hat.               Die Wunderknospe hat sich aufgetan; Nun biegen sich des Kelches Blätter aus Wie rote Baldachine, eingesäumt Von kaiserlichem Gold. Ihr Duft ist so, Daß, wer ihn riecht, von Stund an selig weiß, Wie Götteratem duftet. Wonnetraum Heißt dieser Duft, und er berauscht wie Wein. Wär meiner Laute Hals so mächtig lang, Daß er bis in den Himmel reichte, und Läg meiner Laute Knauf in Götterschoß, Daß Götterhände mir sie stimmten: dann, Vielleicht dann säng ich würdig, Pao-Huan, Erhabene Mutter, deiner Reize Macht. So aber stümpr' ich nur ein Klimperlied, Und, Meister sonst, fühl ich mich Dilettant Vor diesem Stoff der Stoffe; jämmerlich, Ein Kinderlallen, klingt mein Preislied so: Ein Gott erträumte sich ein Menschenweib, Das ihm als Dienerin beim Mahl den Wein In goldener Schale bieten sollte: sieh, Da schwebte Pao-Huan aus seinem Haupt Und lächelte und sprach: Da bin ich, Herr, Wo ist die goldene Schale, wo der Wein, Ich will dir dienen, Herr, ich: Pao-Huan. Der Gott tat seine beiden Augen auf, Zwei dunkelrote Sonnen aus Krystall, Und – deckte schnell sich beide mit der Hand, Die wie ein Palmblatt lang, doch golden war. Was für ein Glanz, so rief er bebend aus, Strahlt dir aus deinen Augen, Pao-Huan; Er blendet mich, denn tausendsonnenhaft Und übermächtig ist er. Statt der Brust Hast du zwei Monde, die so silbern sind, Daß alle Götter Blindheit schlüge, wenn Das Silberlicht von deiner weißen Brust Sie träfe. Wie zwei Tempelsäulen sind Aus Diamanten palmenhaft gefügt Die Beine dein, und, hebst die Arme du, So steht ein Riesenmondhorn zackig da, Zwei Fackeln leuchten gletschern in die Welt. Dein Leib jedoch ist wie der Schild Po-yao, Der, wie ein Ei geformt, so strahlend ist, Daß Himmel, Erde, Sterne, Sonne, Mond In Flammen aufgehn, trifft sie jäh sein Schein. Ich konnte dich im Traum erschaffen, doch Dich ansehn kann ich nicht; ein blinder Gott Zerträte wolkenwandernd ja die Welt! Zum Sohn des Himmels geh, den ich für dich Mit Übergötteraugenkraft begabt Und zum Gemahl bestimmt dir habe. Geh! Doch lasse keinen deine Nacktheit sehn, Als ihn. Es stürzte sonst in Brand die Welt. So sprach ein Gott. – Was spräche wohl ein Mensch, Der deine Nacktheit sähe, Pao-Huan? Für dieses Lied, das in der chinesischen Literaturgeschichte noch heute als ein Muster höfischer Prunklyrik gilt, wenngleich die strengen Kritiker nicht unbetont lassen, daß sein Thema nicht auf der Höhe des daran verschwendeten Talentes stehe, wurde Exzellenz We zum Reichskanzler ernannt und in den Grafenstand erhoben. Woraus zu ersehen ist, daß in jenen Zeiten die Lyrik in China ein einträgliches Gewerbe war, wenn sie in Verbindung mit diplomatischer Begabung stand und eine geschickte Hand in der Wahl des Stoffes verriet. Wo das freilich fehlte, wie bei den Blühenden Talenten, winkte Bock und Spießkäfig, – das war nun mal damals so im Lande China. Übrigens: wenn die Blühenden Talente »die Pao«, wie sie sie respektwidrig prädikatlos nannten, zu sehen gekriegt hätten, wären sie wahrscheinlich auch ohne die Fürsorglichkeit des Herrn Mêng-thiën-wa manierlicher in ihren Auslassungen gewesen. Ging doch die Rede von ihr, daß, wer immer auch sie sehen mochte, so beglückt davon war, daß er »Wasser für Wein trank und in kaiserlicher Seide zu gehen vermeinte, wenn er gleich nur Schafwolle anhatte.« Und nun denke man sich, wie dem Kaiser Yu zumute sein mußte, der immer wirklichen Wein trank und immer wirkliche Seide trug. Er war einfach im Himmel! Bei jeder Gelegenheit sagte er: Gott, was bin ich glücklich! Und über allen Türen brachte er in großen aus kostbarem Holze geschnitzten Figuren die Zeichen an, die bedeuten: Seligkeiten überall! An die weiland Kaiserin Schên-hau, an den weiland Kronprinzen I-tschiu dachte er so wenig als ein in Süßwein schwimmendes Ei an die Henne denkt, die es gelegt hat. Es war ein Rausch, in dem er schwebend und mit verzückten Geberden ging. Ein kleines Palastlied singt davon: Wie sitzt der Kaiser auf dem Thron? Wie sitzt er auf dem Thron? Die Kaiserin hat er auf dem Schoß, Und Pao-Huan auf ihrem Schoß Hat ihrer beider Sohn. Hallih – halloh! Die Freude ist unendlich groß Auf unserm Kaiserthron, Hallih – halloh Auf unserm Kaiserthron. XXIV. Die roten Drachen. Aber, aber – das Unheil unterm Drachenspeichel! Eines Tages, plötzlich, ging mit Pao-huan eine sonderbare Veränderung vor sich: wie mit einem ätzenden Schwamme war das glückliche Lächeln von ihrem Antlitz weggewischt, das den Kaiser immer so entzückte. – Um Gotteswillen, was ist dir denn geschehn, meine Liebe? sprach er, – du lächelst ja gar nicht mehr? Ist dir eine Maus durch die Leber gelaufen in der Nacht? Kaiserin Pao starrte stumm vor sich hin, dann sprach sie: Die roten Drachen! – Was du nicht hast! Drachen! Und gar rote! Wieso denn? – Mir sitzt ein kalter Schauer im Leibe, mir ist, als hätt ich eine Kröte verschluckt. – Ach, das kommt von den Austern, Maus. Ich hab dirs gestern abend gleich gesagt, daß zwei Dutzend zum Nachtessen zu viel sind. – Nicht von den Austern. Austern machen mir nichts, zumal, wenn Seetang dabei ist, das verdauen hilft. – Da hast du freilich recht. Nichts ist empfehlenswerter zu Austern, als Seetangsalat. Und ich habe ja schließlich drei Dutzend gegessen und sah keine Drachen. Wie wars denn? – Ach, gräßlich! Zwei rote Fledermäuse hingen am Himmelbett und sahen mich mit Zinnoberaugen an. Geht weg! rief ich. Das ist kein Platz für euch! Nun kommen wir gerade erst recht, wisperten sie, flogen klatschend im Zimmer herum, kamen auf mich zu und setzten sich mir in die Haare. Das bedeutet eine Fehlgeburt, dachte ich mir und wollte sie entfernen. Da aber biß mich eine in die rechte, eine in die linke Hand, zwei Blutstropfen rannen mir die Arme hinab in den Busen . . . – Hör auf, mir wird schlecht! sagte der Kaiser. – Und plötzlich saß auf jeder Brust eine kleine rote Kröte und quakte: Brüt mich aus! Brüt mich aus! – Mein Gott, mein Gott. welche Unverschämtheit! Und übrigens: Sie waren ja schon fertig! Das ist doch unlogisch! – Und sprangen mir in die Achselhöhlen . . . – Was? Unerhört! Rote Kröten! Pfui Teufel! – Und da wurde mir so enge und heiß, und ein lauer Saft rann mir den Leib herab, und ich mußte die Arme auftun, und zwei rote Drachen flogen purr! aus meinen Achselhöhlen und saßen auf der Bettdecke wie zwei Hunde. – Hättest du mich doch geweckt! Mit meinem Schwerte Pang-lung hätte ich das Ungeziefer getötet! Der Kaiser rollte heroisch die Augen. – Ach du! sagte die Kaiserin, du hättest dich noch viel mehr gefürchtet als ich. Denn nun sperrten beide Drachen das Maul auf, und der eine verschluckte mich, der andere dich. – Das ist denn doch . . . Das geht denn doch zu weit! Da muß der Hofastrologe her! – Aber sonderbar: Dabei war mir , als hätte ich einen Drachen verschluckt. Und seitdem ist mir so kalt inwendig, und ich kann nicht mehr lachen. – Nun, nun, meinte der Kaiser, ich gebe ja zu, daß das ein etwas widerlicher Traum war, aber schließlich doch nur ein Traum. Du wirst ihn vergessen und aufs Neue lächeln. Ich freue mich darauf, wie auf Sonnenschein, wenns regnet. XXV. Das Seidereißen. Aber Pao-huan vergaß den Traum nicht . Mit großen Rändern um die stets weit und stier geöffneten Augen ging sie verdrossen herum, vor jedem Geräusch zusammenzuckend, oft wie in angstvollem Lauschen stehen bleibend und dann wieder müde hinsinkend, um wie leblos mit offenen Augen dazuliegen. – Nein, das kann nicht so fortgehen, sagte der Kaiser, da muß etwas geschehen. Hast du nicht irgend einen Wunsch, weißt du gar nichts, was dir Spaß machen könnte? Ich muß dich wieder lachen sehn, koste es, was es wolle. Überleg dirs doch: irgend etwas mußt du doch wissen, was dich freut! Die Kaiserin Pao-huan neigte ihre Wangen auf die Fingerspitzen der linken Hand, sann nach und sprach: Wie ich damals die Seide zerriß von der niederträchtigen Doktorin, das tat mir sehr wohl und ich hörte das Reißen gern, – so rppp – rppp! . . . . . – Oh, das wollen wir gleich haben! rief fröhlich der Kaiser und schlug auf einen Gong, daß es dröhnte. Der Oberst der Eunuchengarde kroch ins Zimmer und fistelte: Majestät befehlen? Der Generalmagazinier soll sofort hundert Stück Seide herausgeben, recht feste, gute, nur prima, und die stärksten Palastdamen sollen damit hier antreten. Schnell! Schnell! Viel schneller! Noch einmal so schnell! Der dicke Eunuchenoberst raste davon, daß sein Bauch wie ein Ballon hin und herschwappte. – Ich werde die schönste Darmverschlingung kriegen, dachte er sich. Eine kurze Weile darauf erschien ein Schwarm kräftiger Palastdamen, deren jede einen Seidenballen schleppte. Sie warfen erst die Seidenballen, dann sich selbst hin und lispelten: Was geruht unser erhabener Herr zu befehlen? – Stehen Sie auf, meine Damen, und zerreißen Sie diese Seide! Die Damen dachten sich: merkwürdig! wozu denn? die schöne Seide?! standen aber flugs auf und rissen, daß die Fetzen flogen. – Schneller! Kräftiger! kommandierte der Kaiser, ratsch – ratsch! ritsch! – ratsch! Tempo halten! Rhythmisch! In zwei Abteilungen! Die eine: ritsch! die andere: ratsch! So gehts gut! Bravo, meine Lieben! Ritsch–Ratsch! Ritsch–Ratsch! Haha! Das ist wirklich lustig! Meiner Seel, es tut mir selber wohl! Rrrritsch! Rrrratsch! Hahahaha! Aber die Kaiserin Pao zog bloß die Brauen hoch und sah gelangweilt zu, wie die Seidenstücke durch die Luft flogen und niedersanken. Dann sagte sie, indem sie sich die Ohren zuhielt: Aufhören! Abtreten! Genug! – Aber ich dachte doch . . .? stammelte der Kaiser. – Hinaus! schrie die Kaiserin und schlug mit den Füßen den Generalmarsch, den Seine Majestät schon kannte. Ich mag das Gereiße nicht mehr! Und die Damen schwitzen schon. Pfui! Pfui! Pfui! Äh! Ach! Sie fiel in ihrer ganzen Länge nieder und schrie und schrie. Die Hofdamen flohen kreischend davon wie eine Schaar Gänse, wenns donnert. Seine Majestät beugte sich teilnahmsvoll über Ihre Majestät und flüsterte: Soll ich vielleicht? . . . – Gehen sollst du! Gehen! Gehen! Gehen! Hih! Hih! Hih! Seine Majestät ging. XXVI. Das Konzert am Goldkarpfenteiche. Am nächsten Tage ließ der Kaiser die Palastkapelle aufmarschieren und lud die Kaiserin zu einem kleinen Konzert am Gold-Karpfenteiche ein. – Der berühmte Schi-ling-ßê wird die viola d'amour spielen, Schatz, der einzigartige Tu-yi-lê wird ein Flötensolo blasen, und das Trommlerkorps wird die von mir selbst arrangierten Wirbelpotpourris exekutieren. Paß auf, das wird dich erheitern. Das Programm ist durchaus heiter und leicht. Ich freue mich selber darauf. Die Kaiserin nickte schwermütig und sagte: Wir wollen sehn. Alles war wunderschön arrangiert. Auf der kleinen Insel mit dem Lotosboskett stand die kaiserliche Tafel, auf der nichts fehlte, was Pao-huan gerne hatte. Niedliche Pagen in Rot warteten mit süßen Weinen auf. In Gondeln umkreisten die Musiker die Insel, während am Ufer das Trommlerkorps hinter seinen Pauken und Trommeln stand. Der ganze Teich war damit umstellt. – Siehst du, Maus, die große Pauke dort, mit dem goldenen Schild, das ist die Wung-pong-tang, vor deren Schall ein Heer von achtmalhunderttausend Barbaren floh. Daher heißt sie: Das Grauen der Hunde. Die etwas kleinere mit den Tschinellen heißt Bäng-täng-hui; sie hilft gegen die Geister, die sofort tausend Li weit wegfliehen, wenn sie losgeht. Deshalb führt sie den Namen: Der rasselnde Spukbesen. Sie wird von einem musikalischen Theologen gerührt. Die kleinen Trommelchen aber, die, wie du gleich hören wirst, fast wie die Vogelscheuchklappern klingen, dienen dazu, vor der Schlacht die Raben aufzurufen, die bestimmt sind, die Leichen der erschlagenen Feinde zu fressen. Daher ihr Name: Rabentriller. Sie werden mit Menschenknochen geschlagen. – Willst du mir vielleicht die ganze Instrumentalmusik auch vorstellen? meinte Pao-huan und führte ein Stück Tausendschichtenkuchen zum Munde. Laß anfangen! Der Kaiser schwang ein gelbes Tuch, und sofort näherten sich die Geigengondeln und begannen eine Art Serenade, die von einem Solo des berühmten Schi-ling-ßê beschlossen wurde. – War das nicht schön? meinte der Kaiser. Ja, der lange Herr Schi verstehts! Einen Strich hat er, – einen Strich! – Es klingt, wie wenn hunderttausend Kinder weinten. Der Kaiser schwang schnell ein rotes Tuch, und die Flötengondeln kamen. Was sie zu Gehör brachten, war eine Art Tanz, aber zum Schlusse blies Herr Tu-yi-lê eine Kette unglaublicher Coloraturen. – Ah! Ah! rief der Kaiser, unvergleichlich! Zehntausend Nachtigallen sitzen in der Flöte des unnachahmlichen Tu-yi-lê. – Es klingt, wie wenn zehntausend Nachtigallen gerupft würden. Laß die Leute abgondeln! Laß trommeln! Der Kaiser schwang ein blaues Tuch. Sofort erhoben die großen Pauken ein Gebrüll, als wenn der Himmel einstürzen wollte. Tschinellen zischten wie Blitze hinein, große und kleine Trommeln rumpelten, rasselten, rollten, ratterten, pumperten, knatterten, – es war ein unbeschreiblicher Lärm. Der Kaiser reckte sich imperatorisch auf in hingegebenem lauschenden Entzücken und sprach: Wenn du jetzt gestatten wolltest, daß die Posaunen, Helikons und Bombardons einfielen, – das wäre ein himmlischer Ohrenschmaus! – Ich bitte dich vielmehr, diesem abscheulichen Spektakel Einhalt zu tun. Das einzige lustige ist der Theologe, der so wütend auf seine große Pauke haut. Aber, daß ich über so etwas lachen sollte, – nein: So lustig ist es doch noch nicht. Der Kaiser schwang ein weißes Tuch. und wie mit einem Stoße brach das Getrommel und Gepauke ab. Nur der fanatisch gewordene Theologe paukte weiter. – Ruhe an der Bäng-täng-hui! brüllte der Kaiser. Der Theologe paukte weiter. – Ruhe! Ruhe! heulte Seine Majestät. – Tsching-geräng-pum! Tsching-geräng-pum! machte der Theologe, der nun auch über die Tschinellen kam. – Werft den Rebellen ins Wasser! zischte der Kaiser. Der Theologe wehrte sich mit beiden Klöppeln wie ein Rasender und schlug auch noch auf das Wasser los, als hätte er seine Pauke vor sich. Dann sank er unter und paukte nicht mehr. Und nun wars still. – Na, Schatz, das war doch wenigstens lustig? – Ganz nett! meinte Pao-huan. Aber bis zu einem Lächeln kams nicht. XXVII. Die unglaublichen Künste des Herrn A-yu. Wenn mir nur um Gotteswillen was lustiges einfallen wollte! dachte sich unablässig Seine Majestät, damit der Kelch der Kelche wieder lacht. Aber es fiel ihm nichts ein. Deshalb berief er den Reichskanzler zu einem intimen Rate. – Können Sie mir denn gar nichts amüsantes vorschlagen, lieber We? sprach er. Ich muß Ihre Majestät wieder lachen sehen, und koste es das Reich! Der Graf-Reichskanzler zog die Brauen hoch und sprach: Haben es Ew. Majestät schon mit dem Theater versucht? – Ach, sie will ja kein Theater sehn! Für das historische Drama hat sie, wie ich ihr nicht verdenken kann, nicht das mindeste Interesse, und das ist auch wirklich nicht amüsant. Und die Possenspieler stinken alle so nach Knoblauch, daß ihr schon bei dem Gedanken daran übel wird. – Man könnte ihnen ja, verzeihen Ew. Majestät das derbe Wort, die Rachen parfümieren und sie auf Staatskosten baden lassen. – Das könnte man freilich, meinte der Kaiser, aber erstens würden sie dadurch ihre Laune verlieren, und zweitens entsprechen die modernen Komödien gar nicht dem feinen, sensitiven Geschmacke Ihrer Majestät. Sie haben keine Ahnung, wie ästhetisch gebildet die Kaiserin ist, lieber Kanzler. Das Feinste erscheint ihr noch als roh. Kürzlich gebrauchte ich in einem Gedichte das Wort Raupe, und sie fiel in Ohnmacht, weil es ihr war, als kröche ihr eine Raupe in den Busen. – Vielleicht ein Balletchen? Ich selbst habe einmal eins entworfen: Der verliebte Eunuch. Es ist zwar ein bißchen stark, aber voll von komischen Situationen. Z. B. wie der Eunuch . . . Seine Durchlaucht näherte sich dem allerhöchsten Ohre und flüsterte. Der Kaiser schüttelte sich vor Lachen: Großartig! das müssen Sie mir mal vorspielen lassen; das muß ja zum Schreien sein! Aber für Ihre Majestät? Wo denken Sie hin! Wenn sie auch persönlich nicht prüde ist, so liebt sie in der Kunst doch das Keusche. Nein, das geht auch nicht. Leider! Seine Durchlaucht strich sich den schwarzen Ziegenbart, benetzte die Lippen mit der Zunge, was bei ihm ein Zeichen heftigen Nachdenkens war, sah ernst an seinem Bauche entlang, der mit jeder Würde voller wurde, und klatschte sich plötzlich auf die Stirn. – A-yu! Er rief es so laut, daß er, über diese hofwidrige Unart erschreckt, sofort auf den Boden sank. – Was ist das: A-yu!? fragte der Kaiser und winkte den Kanzler auf die Beine. – A-yu ist der berühmteste Prestidigitateur dieser Zeit und eben von einer Studienreise nach Indien zurückgekehrt. Der Meister seines Faches. Was man von ihm hört, grenzt ans Unglaubliche. Der und kein anderer wird ein Lächeln des Beifalles auf Ihrer Majestät allerholdseligste Lippen zaubern. Daß ich nicht gleich auf ihn kam! – Das ist allerdings unerhört, Verehrtester. Wo haben Sie denn Ihre Gedanken? Dichten Sie am Ende noch? Der Kaiser sah eine Spur ungnädig aus, und der Kanzler erschrak bis ins Eingeweide. – Kein Reim naht sich der Schwelle meiner mit Staatsgeschäften erfüllten Seele, oh Sohn des Himmels, stammelte er, seit Ew. Majestät die unverdiente Gnade gehabt haben, mich Wurm der Würmer in den Lichtkreis Ihrer göttlichen Entschließungen emporzuziehen. Ich . . . – Schon gut, mein Werter, fiel ihm der Kaiser, schon wieder gnädig geworden, ins Wort. Bestellen Sie mir den Menschen sofort! Er soll sich aber zusammen nehmen. Gehts gut, so wird er Hofpresti . . . wie sagten Sie doch? – digitateur. – Schön: Hofprestidigitateur. Das ist übrigens ein sehr wohlklingender Titel. Blamiert er sich aber, so möchte es ihm übel ergehen! – A-yu hat sich noch nie blamiert. – Um so besser! Morgen nach Tisch soll er antreten! – Heute habe ich aber mal eine Überraschung für dich, Schatz, sagte der Kaiser am nächsten Tage zu der immer gleich düsteren Kaiserin, als abgedeckt war. Wenn du die Güte haben wolltest, mit in den Garten der Zehntausend Lilien zu kommen? – Eigentlich möchte ich lieber schlafen. Was ists denn? – Ein Pre-sti-di-gi-ta-teur. – Was für ein Ding? – Weißt du, so ein Mensch, der Münzen aus der Luft fängt und Papierrollen aus dem Munde zieht. – Ach, ein Hokuspokusmacher? So was habe ich früher allerdings recht gern gesehen. Der Kaiser war überglücklich und schlug in die Hände: Also! Siehst du! Und es ist natürlich der Meister seines Faches! Der berühmte A-yu! Ein wirklicher Tausendkünstler! Er bringt die neuesten Tricks aus Indien! Paß auf! Das wird dich amüsieren. – Gott ja. Vielleicht. Hoffentlich. Wir wollen Lulu mitnehmen. – Selbstverständlich! Das ist auch was für den Kleinen! Ach Gott, ich freue mich furchtbar! Der kleine Kronprinz hatte zwar offenbar gar keine Lust, Herrn A-yu zu sehen. und sträubte sich unter heroischem Gebrüll dagegen, aus der Wiege genommen zu werden, aber ein doppelt gesüßter Lutschbeutel besänftigte sein empörtes Gemüt, und er geruhte, sich, unablässig schmatzend, in den Garten tragen zu lassen. Dort war auf einem Rundteil zwischen den in bunter Fülle stehenden und schwer duftenden Lilienbeeten ein gelber indischer Teppich ausgebreitet, und auf diesem Teppich lag, lang hingestreckt, Herr A-yu. Als er sein Haupt zwölfmal erhob, um es zwölfmal wieder feierlich huldigend niederzulegen, sah man, daß es ein sehr schöner Mann mit einem indischen grüngelben Turban und einem braunen, gleichfalls indisch gestutzten Spitzbart war. Er war tadellos nach der neuesten Mode von Bombay gekleidet, d. h. er trug einen langen stahlblauen Kaftan mit einem eingestickten Ornamentenmuster von kühnster Linienführung und um die Hüften einen breiten Ledergürtel, der auf rehgrauem Grunde goldbraune Arabesken in demselben Geschmacke zeigte. An den Füßen rote Saffianschuhe von elegantester Form, in der rechten Hand einen mit mystischen Karakteren in eingelegter Elfenbeinarbeit bedeckten Ebenholzstab. Nachdem er sich erhoben hatte, machte er noch zwölf tadellose Verbeugungen, strich sich den Spitzbart, lächelte charmant und sprach: Sohn, Tochter und Enkel des unendlichen Himmels, herrlich geformtes Dreiblatt, beschattend die vier Meere, Majestäten und kaiserliche Hoheit! Ich werde mit allerhöchster Bewilligung die große Ehre haben, Ihnen sogleich die auserlesensten meiner Künste vorzuführen, die ich mir mit rastlosem Eifer bei den Meistern der indischen Magie angeeignet habe. Wollen Sie sich gnädigst zuvor davon überzeugen, daß ich keinerlei Apparate bei mir habe, und daß auch dieser indische Teppich kein doppeltes Futter hat, in dem irgend derlei verborgen sein könnte. – Willst du dich überzeugen, Schatz? fragte der Kaiser die Kaiserin. – Ich will, daß der geschwätzige Herr endlich beginne, antwortete diese, die etwas ungeduldig schien. Herr A-yu kreuzte die Arme über der Brust und sprach: Ich danke untertänigst für das allergnädigste Vertrauen Ihrer Majestät und werde nur noch die allernötigsten Beifügungen zu meinen Produktionen machen. Zuvor aber ist es nötig, daß ich einige Beschwörungen vornehme. – Ist das unumgänglich nötig, meinte die Kaiserin. – Zu meinem schrankenlosen Bedauern muß ich diese Frage Ew. Majestät bejahen. Ohne Beschwörungen keine magische Gnade, ohne magische Gnade keine Vorstellung aus der höheren Magie. – Also beschwören Sie in Gottesnamen, aber fix, wenn ich bitten darf, entgegnete die Kaiserin und heftete die starren Blicke ihrer weitgeöffneten schwarzen Augen auf den Magier. Der riß die Augen gewaltig auf, schüttelte seinen Kopf, als wollte er ihn von sich werfen, steckte seinen Stab in den Gürtel, rieb sich die Hände, daß es nur so knackte, und schrie: prassama – ba – ba – –! prassama – bo – bo – –! jam – jam – –! ri – ke – –! ri – ke – –! ri –ke – –! ri – ke! – Um Gotteswillen, hören Sie auf, Mensch, mit diesem ewigen ri – ke! Wer ist denn das? – Das wird die Göttin der indischen Magie sein. Unterbrich ihn nicht, Schatz; er hat schon Schaum vor dem Munde. Herr A-yu sah in der Tat gefährlich aus. Seine Haare sträubten sich so, daß der Turban hochgehoben wurde, sein Spitzbart stand stachelig auseinander, seine geriebenen Hände knackten wie brennende Holzscheite. Plötzlich ergriff er seinen Ebenholzstab, schwang ihn bedrohlich ums Haupt und stach dann in die Luft, als gälte es, einen unsichtbaren Feind tausendfältig zu erdolchen. Dazu kreischte er: Pan! Pan! Huhu! Pan! Pan! Huhu! – Jetzt vertreibt er die niedrigen Geister, erklärte der Kaiser; ich kenne das. Die Luft muß erst rein sein von den störenden Kobolden. Jetzt wird er aber gleich fertig sein. Seine Majestät hatte natürlich recht. Herr A-yu drehte sich nur noch etwa fünfzigmal rasend schnell um sich selbst, blieb dann eine Weile wie angewurzelt stehn, sprang fabelhaft hoch kerzengrade in die Luft, schlug in der Luft die Beine unters Gesäß und fiel so in die indische Sitzart nieder. Schwärmerisch beide Arme in die Höhe fackelnd und den Kopf soweit hintenüber geworfen, daß die Spitze seines Bartes gen Himmel wies, schrie er noch einmal mit aller Anstrengung: Ri – ke – –! hü – ke – sta! Dann wischte er sich mit einem schön gemusterten Seidentuch den Schweiß von der Stirne und den Schaum vom Munde und sprach: Nummero Eins: die Schmetterlinge! Das sah so aus: Er ballte sein Seidentuch zusammen, legte es vor sich auf den Teppich, kauerte sich daneben, machte ein paar fächelnde Handbewegungen darüber, blies es ein paarmal an, hob es vorsichtig auf – und: Zwei Schmetterlinge, ein grüner und ein gelber, folgten den Zipfeln des Tuches und schwangen sich hoch. Zwei, dreimal umflogen sie sein Haupt, setzten sich auf seinen Turban und – verschwanden in dessen Farben. Es war, als wäre es nur ein Spiel dieser Turbanfarben gewesen. – Erstaunlich! sagte der Kaiser, dem die Augen fast aus dem Kopfe getreten waren vor starrem Hinsehen. Hast du eine Ahnung, Schatz, wie das zugegangen ist? Die Kaiserin saß starr und schüttelte bloß den Kopf: Weiter! Herr A-yu lächelte charmant und sprach: Nummero Zwei: die Tulipane! Ich bitte, allergnädigst zu beachten, daß es ein Teppich ist, auf dem ich mich produziere, und nicht das Erdreich. Ein ganz gewöhnlicher Teppich ohne jede . . . – Schon gut! sagte die Kaiserin. Herr A-yu fuhr zusammen, ließ sich nieder und breitete sein Tuch lang aus. Dann entnahm er seinem Gürtel ein Fläschchen in gesprenkelten Farben und goß daraus ein paar Tropfen auf das Tuch. Ein seltsamer narkotischer Duft teilte sich der Luft mit. Die Anwesenden schlossen für einen Moment die Augen. Als sie sie wieder auftaten, sahen sie, daß sich das Tuch, über dem Herr A-yu ziehende Bewegungen machte, langsam erhob. Schließlich fielen seine Zipfel um einen Gegenstand herab, der sich offenbar unter ihm befand. Herr A-yu ergriff das Tuch mit den Spitzen des Mittelfingers und Daumens der rechten Hand in der Mitte und zog es behutsam in die Höhe. Siehe: Eine rot und gelb gesprenkelte Tulipane stand auf durchsichtig hellgrünem Stengel, und ein noch betäubenderer Duft als vorhin von der Flasche ging von ihr aus. Die Anwesenden mußten wiederum einen Augenblick die Augen schließen, und als sie sie wieder öffneten, war Duft und Tulipane fort, und sie sahen nichts als den charmant lächelnden A-yu, der die angenehmsten Verbeugungen machte. – Fabelhaft! rief der Kaiser und griff sich an die Stirne. Ist das die Menschenmöglichkeit!? Ich bitte dich, Schatz! Ein Teppich. ein Tuch, ein gesprenkeltes Fläschchen und: eine Tulipane! Hast du Worte?! Die Kaiserin sah nur noch starrer, hingenommener aus und flüsterte: Weiter! Weiter! Meister A-yu erhöhte sein charmantes Lächeln zu einem bestrickenden Grinsen und sprach: Zum Schluß werde ich mit allerhöchster Bewilligung die Ehre haben, Ew. Majestäten und Seiner kaiserlichen Hoheit (die aber in einen gesegneten Schlaf verfallen war) den neuesten indischen Trick vorzuführen, der im Lande der Lotosblume unter dem Namen: Die unbegreifliche Strickleiter bekannt ist. Zur Ausführung dieses Tricks ist es nötig, daß ich mich entkleide. – Sie sind wohl nicht bei Troste, Herr! rief der Kaiser, – in Gegenwart Ihrer Majestät!? – Oh, nur bis auf die Unterpantalons natürlich, Majestät. – Wie denkst du über diesen Fall, Schatz? fragte der Kaiser die Kaiserin. – Es ist mir vollkommen gleichgültig, wie weit sich der Herr auszieht, antwortete diese. – Also gut, ziehen Sie sich aus, Herr A-yu. Ihre Wäsche wird hoffentlich auf der Höhe Ihrer Kleider stehn. Und die Sache ist doch lustig? – Die unbegreifliche Strickleiter hat noch überall fröhlichen Beifall gefunden, oh Sohn des Himmels, entgegnete der gewandte Zauberkünstler und löste seinen Gürtel. Dann tat er seinen Kaftan auseinander, schlüpfte aus den Ärmeln und stand in rotseidenen Pumphosen, gelbseidenen Strümpfen, blauseidener Hüftenschärpe und weißseidenem blusigen Hemde da. – Ah, sagte die Kaiserin, der Herr sieht ganz allerliebst aus. Diese Art Wäsche ist netter, als eure Beinbinden und Sackhemden. – Wenn du es wünschst, erwiderte höflich Seine Majestät, werde ich mich künftig so equipieren. Dann, zu Herrn A-yu gewandt: Diese Sachen beziehen Sie wohl aus Indien? – Es ist meine eigene Erfindung, Majestät, und es wird mir eine unaussprechliche Ehre sein, dem kaiserlichen Oberhofwäscheschneider die Schnittmuster zur Verfügung zu stellen. – Genehmigt! erklärte der Kaiser. Herr A-yu näherte sich nun seinem auf dem Boden liegenden Kaftan, spuckte dreimal darauf, berührte ihn tippend an allen Enden mit dem Ebenholzstabe, griff unter ihn und produzierte zum unsagbaren Staunen des Kaisers drei Räucherpfannen aus getriebener Bronze unter ihm hervor. Diese Räucherpfannen stellte er vor dem Kaiser, der Kaiserin und dem Kronprinzen auf, und sofort schlug eine blaue Flamme aus ihnen empor, hinter der ein gelblicher und sehr dichter, dabei aber höchst merkwürdig riechender Rauch aufstieg. – Wie riecht das nur? rief der Kaiser. Ist es nicht wie ein Gemisch aus Kampher, Tee und Moschus? – Ich schlief einmal zwischen getrockneten Teeblättern ein, – da war es mir gerade so, erklärte die Kaiserin. Mit offenen Augen schlief ich und träumte. Unterdessen hatte Herr A-yu seinen Kaftan aufgenommen und vor sich ausgebreitet. Er kniete auf ihm nieder, beschrieb mit seinem Stabe unter dumpfem Gemurmel Linien darauf und sah dann den Kaiser und die Kaiserin durchdringend an, indem er ihnen die Elfenbeinspitze seines Stabes regungslos entgegenhielt und Pff! Pff! machte. Sowohl der Kaiser, als auch die Kaiserin mußten wie gebannt auf den Stab blicken. – Jetzt könnte ich den verehrten Majestäten beide Nasen abbeißen, und sie würden es nicht merken, dachte sich der verschmitzte Hexenmeister. Und nun sahen der Kaiser und die Kaiserin folgendes: Herr A-yu hob seinen Kaftan auf, – aber es war kein Kaftan mehr: es war ein Haufen gedrehter blauer Schnüre. Er entwirrte den Haufen und wand die Schnüre um seinen Zauberstab wie um eine Walze. – Sehen Ew. Majestäten die blaue Strickleiter? fragte er. – Ja, hauchte der Kaiser und die Kaiserin. – Wo befestige ich sie nur? sprach Herr A-yu für sich und blickte zum Himmel. Der Mond ist noch nicht da, die Sonne ist zu hoch . . . Halt! Und plötzlich drehte er sich, so sahen es der Kaiser und die Kaiserin, den Kopf vom Halse, wie man den Schraubendeckel von einer Flasche dreht, behielt aber merkwürdigerweise doch noch einen Kopf auf den Schultern. Mit diesem Kopf, den er auf hatte, berührte er küssend den Kopf, den er in der Hand hatte und der zum Unterschied von jenem ganz gelb aussah und einen feuerroten Spitzbart zeigte, und warf diesen Kopf mit einem leichten: Hup! in die Luft. Der Kopf flog etwa dreißig Meter hoch und blieb dann in der Luft stehen. – Sehen Ew. Majestäten den Mond mit dem roten Spitzbarte? fragte Herr A-yu höflich. – Ja, hauchte die Kaiserin. – Natürlich! sagte der Kaiser, ich sehe sogar, daß er die Zunge herausstreckt. Eine Zunge, an der Spitze aufgebogen wie ein Küchenhaken. Me . . . me . . . merkwürdig! – Das geschieht deshalb, erklärte Herr A-yu, damit die Strickleiter hält. Und, jupp! warf er die blauen, jetzt mit roten Sprossen verbundenen Schnüre in die Luft, genau dem Monde ins Gesicht, wo die oberste Sprosse sich in der aufgebogenen Zungenspitze festhakte. – Wenn sie nur auch festhält, sagte Herr A-yu und zog sie straff. Der Mond oben zog ein schmerzliches Gesicht, und der rote Bart sprühte Funken. – Er ärgert sich, erklärte Herr A-yu, aber es hilft ihm nichts; ich steige doch hinauf und raufe dem Mond den Bart aus. Und wirklich, der Kaiser und die Kaiserin sahen, wie Herr A-yu mit der Eleganz eines Seiltänzers die Sprossen hinausklomm und dem Mondgesichte rips – raps den ganzen Bart ausriß. Fürchterlich brüllte der Mond, so daß sich die Kaiserin erschrocken an Seine Majestät lehnte. Es war nur ein Glück, daß jetzt der Kronprinz nicht aufwachte. Elegant wie er hinaufgestiegen war, stieg Herr A-yu unter anmutigem Hin und Her des prall sitzenden Teiles seiner Pumphose wieder herunter und hielt in seiner Hand – den roten Bart des Mondes? Nein: ein aus roten Meeralgen geflochtenes Nest, in dem zwei rote Eier lagen. Mit einem sonderbaren, halb ängstlichen halb neugierigen Ausdruck betrachtete die Kaiserin diese Eier. – Was wird damit? fragte sie. – Das ist der Schlußeffekt, Majestät. Wenn die erhabene Tochter des Himmels geruhen wollte, dieses Nest auf den Schoß zu nehmen? . . . Die Kaiserin erbebte und machte eine abwehrende Handbewegung. aber plötzlich griff sie mit beiden Händen zu und sprach wie ein kleines Kind: Haben! Haben! – So werden die Eier aus dem Barte des Mondes der unendlichen Gnade teilhaftig sein, von der Herrin der vier Meere ausgebrütet zu werden. Ehe dies aber geschehen ist, ein kleines Intermezzo: Die Söhne des Mondes. Herr A-yu klatschte in die Hände und rief: Allez! Sofort riß der Mond seinen ohnehin schon gewaltig aufgesperrten Mund noch weiter auf und aus ihm heraus schlupften zehn rotgekleidete Kerlchen. Pfeil und Bogen über dem Rücken sprangen sie, ohne sich anzuhalten, die Strickleiter herunter, wie wenn es eine Treppe wäre, und stellten sich, zu Reihen von fünf geschieden, einander gegenüber auf. Die rechte Reihe sang (in einem eigentümlich pfeifenden, ganz hohen Sopran): Es steigt der Mond! Die linke Reihe sang (ganz tief im tiefsten Männerbaß): Die Sonne sinkt! Die rechte Reihe sang und schwang die Bogen vor: Da der Bogen von Yen! Die linke Reihe sang und schüttelte die Köcher: Da der Köcher von Tschi! Und die Rechten und die Linken legten die Pfeile auf die Bogen, kniffen zielend die linken Augen zu und sangen: Mausetot! Mausetot! Mausetot! Und schossen die Pfeile aufeinander ab. Die rauschten surrend durch die Luft, und jeder blieb in der Brust des gegenüber stehenden Knaben stecken. Beide Reihen sanken vornüber und riefen, im Sopran die einen, im Baß die andern: Oh! Oh! Oh! Untergang! Un-ter-gang! In diesem Augenblicke stand die Kaiserin mit weit von sich gereckten Armen auf, das Nest fiel von ihrem Schoße, die Eier kollerten auf die Erde, und aus jedem Ei erhob sich pfauchend ein roter Drache und kehrte den Geierschnabel gegen die Kaiserin. Mit einem entsetzlichen Schrei fiel die Kaiserin wie tot um. Der Kaiser, wie aus einem Schlafe erwachend, obwohl er immer die Augen weit offen gehabt hatte, sprang auf, warf sich über die Kaiserin und rief: Was ist mit dir? Was ist mit dir? Dann kehrte er sich zu Herrn A-yu und wollte ihm Verwünschungen ins Gesicht schleudern. Der aber stand in seinem blauen Kaftan charmant lächelnd da und machte anmutige Verbeugungen. Weg die Knaben, die Strickleiter, die Räucherpfannen, der Mond, – es sah alles ganz unmagisch aus. – Meine Produktion ist zu Ende. Ich gebe mich der schmeichelhaften Hoffnung hin, daß sie Ew. Majestät vollen Beifall . . . – Mörder! Mörder! schrie der Kaiser. Elender, was haben Sie angerichtet! – Ach, das hat nichts zu sagen, Majestät, erwiderte der unausgesetzt lächelnde Prestidigitateur. Wenn Ew. Majestät gestatten wollen, daß ich der erhabenen Stirn Ihrer Majestät die Hände auflege, so wird sie sofort zu sich kommen. Das sind bloß die Nerven. – Leg deine niederträchtigen Hände auf, gefährlicher Mensch, aber wehe dir, wenn sie nicht gleich erwacht! – Oh! Oh! Es ist kein Anlaß zu Besorgnis vorhanden. Ein kleiner Nervenchoc, nichts weiter. Herr A-yu näherte sich mit vollendeten Manieren und fortgesetzt charmant lächelnd der Kaiserin, legte ihr die Hand auf die Stirne und blies sie an. Die Kaiserin erhob sich und schlug die Augen auf. – Ah! machte sie, war das gräßlich! Da fiel ihr Blick auf den lächelnden Herrn A-yu, und sie schrie: Ist denn dieser entsetzliche Drachenbeschwörer noch da? Aus meinen Augen, Scheusal! Fort! Fort! Fort! Herr A-yu erbleichte und stammelte: Aber es war ja doch bloß Salonmagie, Majestät . . . – Fort! Fort! Aus meinen Augen! Herr A-yu wollte noch etwas erwidern, aber der Kaiser fuhr ihn an: Schweig, niederträchtiger Spukfabrikant! Wie konntest du dich unterstehen, in der Kaiserstadt Drachen zu machen? Elender Attentäter, das soll dir übel bekommen! Der Kaiser schlug aufs Gong (dabei sah er immer sehr majestätisch aus) und befahl dem herbeieilenden Eunuchen vom Dienste: Dieser Mensch da hat ein Attentat auf Ihre Majestät verübt. Nehmen Sie ihn und lassen Sie ihn . . . Was soll mit ihm geschehen, Schatz? wandte er sich zur Kaiserin. – Fort soll er, nur fort! – Es gebührte ihm eigentlich tausendfacher Tod, erklärte der Kaiser, da aber Ihre Majestät nicht darauf zu dringen scheint, möge es fürs erste mit der Tretmühle sein Bewenden haben. Später können wir ihn vielleicht in die Eunuchengarde des östlichen Pavillons aufnehmen, damit er die Langeweile der Damen mit seinen Kunststücken, aber ohne Drachen! vertreibt. Weg mit dem Elenden! – Ri–ke! Ri–ke! stammelte der käseweiß gewordene und völlig gebrochene Prestidigitateur und ließ sich willenlos abführen. XXVIII. Eine politische Rede des Grafen Schên. Seit dieser Vorstellung in indischer Magie ging es mit der Kaiserin nur noch schlimmer. Sie fiel aus einer Laune in die andere, aber eine gute war nie darunter. Auch, als sich Seine Majestät in Unterkleidern à la A-yu präsentierte, lachte sie nicht, sondern sagte bloß: Du bist zu dick für Pumphosen. Eine ganz krankhafte Aversion bekam sie gegen die rote Farbe. Alles, was rot war, wurde aus der Kaiserstadt verbannt, und die Palastdamen mußten sich so stark pudern, daß sie wie Reismehlsäcke aussahen. Selbst der kaiserliche Namenszug durfte nicht mehr in Zinnober unter die Edikte gesetzt werden, sondern in Gelb. Dieser Umstand führte zu einer neuerlichen wilden Gärung in der jüngeren Beamtenschaft. Die blühenden Talente erhoben wieder ihr Haupt, und ein Stachelwort lief durch das Volk: Warum unterzeichnet der Kaiser nicht mehr rot? Weil nicht einmal sein Pinsel mehr erröten kann. Der Censor Pa-fu-sching, der letzte Beamte aus den Zeiten des vorigen Kaisers, der noch nicht zurückgetreten war, machte folgende Eingabe, nach deren Abfassung er sich sofort aufhängte: »Es steht in den Klassikern zu lesen: Laß stehen, was fest steht; jedes Sandkorn gerissen aus dem Gefüge des Staatsbaues lockert das Gemäuer; Quadern fallen bald hinterdrein! Wie konnte es dir in den Sinn kommen, Sohn des Himmels, deinen Namen gelb zu schreiben? Es wird nicht lange dauern, und einer kommt, der seinen Namen rot schreibt! Es ist ganz unerträglich, wie du dich aufführst! Ein Mann von Prinzipien kann unmöglich weiterleben unter einem Kaiser, der keine Prinzipien hat. Der letzte Ausweg meiner Loyalität führt in meinen Garten zur Blutbuche. An dieser hängt sich als Mahnung für seinen grundsatzlosen Kaiser auf sein bis zum letzten Atemzuge auf das Wohl der Dynastie bedachter niedriger Sklave Pa-fu-sching.« – Das soll nun Loyalität sein! sagte der Kaiser, indem er der Kaiserin das Schriftstück hinreichte. Sottisen sind doch keine Loyalität! Und als ob es was rechtes wäre, sich aufzuhängen, wenn man genau weiß, daß man sonst eben gehangen würde! Es ist bloß Niedertracht und Bosheit, auf einen guten Abgang berechnet, damit der Beamtenpöbel sagen soll: »Ah, was für Prinzipien! Ah, was für ein heiligenmäßiges Ende! Ah, was für ein großer Mann war doch dieser Pa-fu-sching!« Pfui Teufel! Die Kaiserin warf die Eingabe auf den Boden und sprach: Hinter alledem steckt diese Vikomtesse Schên und ihr sauberer Vater und Sohn. Warum hast du diese Familie auch nicht gleich ausrotten lassen. Du bist eben ein . . . Sie gebrauchte ein stark despektierliches Wort. Der Kaiser machte ein Gesicht wie ein gescholtenes Kind und sprach: Es ist nicht nett von dir, Schatz, mich so zu behandeln. Sag mir lieber, was ich tun soll? Nur möchte ich darum gebeten haben: schimpf mich nicht so! Ich darf mir das eigentlich nicht gefallen lassen. Die Kaiserin antwortete: Höre mal, mein Lieber, mach nicht, daß ich lache! – Aber das will ich ja grade, Schatz! Wenn es bloß das ist!? Wenn ich so was sagen muß, damit du lachst, dann sag ich den ganzen Tag so was! – Das hilft dir alles nichts. Ich kann doch nicht lachen. Es ist zu schrecklich. Ich glaube, es kommt nur daher, weil diese Familie Schên noch lebt. – Aber, warum hast du das denn nicht gleich gesagt? Dem kann wahrhaftig abgeholfen werden! Dazu braucht es bloß ein Edikt. Sei so gut und schreib! Der Kaiser diktierte, die Kaiserin schrieb. Kaiserliches Edikt. Da die Familie Schên fortgesetzt an der Arbeit ist, die Ruhe des Reiches sowohl durch Zettelungen aller Art, als auch durch ihre bloße staatsgefährliche Existenz zu stören, so erfordert es die Staatsräson, daß mit dieser Familie der Garaus gemacht wird. Deshalb ergeht hiermit an deren sämtliche Mitglieder die Aufforderung, sich unverzüglich vom Leben zum Tode zu befördern, wobei es, da sie früher in gewissen Beziehungen zur regierenden Dynastie gestanden hat, in ihr Belieben gestellt wird, die Operationsart selber zu wählen. Sollten die pp. Schêns in ihrer hochverräterischen Verstocktheit so weit gehen, diesem genauen Befehle nicht sofort strickten Gehorsam zu erweisen, so werden sie hiermit für vogelfrei erklärt, und jeder, der ein Mitglied dieser abscheulichen Sippe tot oder lebendig hier einbringt, soll pro Kopf 1000 Taels erhalten. Geschrieben von der Kaiserin Pao, unterschrieben vom Kaiser Yu. Dieses Edikt machte das unangenehmste Aufsehen von der Welt, und zwar nicht so sehr seines Inhaltes als des Umstandes halber, daß unter einer Staatsschrift der Name der Kaiserin stand. Damit erschien die Tatsache, daß der Kaiser nicht bloß privat, sondern auch politisch unterm Pantoffel stand, geradezu dokumentiert, und es gab Staatsrechtslehrer, die ganz offen erklärten, ein solches Edikt sei ein Kopfkissenpapier und kein Staatsschriftstück. Sie wurden dafür geköpft, aber das hinderte nicht, daß sich die unzufriedenen Elemente zu einer Schên-Partei zusammentaten. Unter dem Vorwande, sich die 1000 Taels verdienen zu wollen, in Wahrheit aber zu dem Zwecke, die Schênschen Streitkräfte zu vermehren, zogen ganze bewaffnete Scharen nach Schên und forderten den alten Grafen auf, mobil gegen den Kaiser zu machen. Der alte Graf antwortete ihnen sehr würdig: Es ist kein Zweifel, meine Herren, daß der Kaiser sich unerhört aufführt, und daß es nicht unangebracht wäre, ihn abzusetzen, umsomehr, als der echte Thronfolger, mein Enkel, ein Jüngling von den besten Gaben und Gesinnungen ist. Indessen: eine Fliegenklatsche genügt zwar, Fliegen zu töten, aber gegen einen Stier ist es eine unzureichende Waffe. Sie, meine Herren, und ich mitsamt allen meinen Soldaten, sind nur eine Fliegenklatsche neben einem Stier, wenn wir die Streitkräfte bedenken, die dem Sohn des Himmels zu Gebote stehen. Ehe wir nicht die anderen Lehnsfürsten auf unserer Seite haben, ist an ein Losschlagen gar nicht zu denken. Die anderen Lehnsfürsten aber, der dicke Wu, der phlegmatische Kwei, der ewig wildschweinjagende Lung, der steifbeinige Ko, der für nichts Interesse hat, als für Mathematik, und überhaupt durch die Bank alle, – du lieber Gott: wie sollten wir die gewinnen? Ich kenne die Herrschaften zur Genüge: solange es ihnen nicht an die eigene Behaglichkeit geht, ist ihr zweites Wort: Treue unserm erhabenen Lehnsherrn! Was der im übrigen tut, ob das Reich durch ihn in Gefahr gerät, ob er sich an anderen vergreift, das ist ihnen höchst egal. Wenn nur sie ihre Wildschweine jagen oder Quadratwurzeln ausziehen können, oder was sie sonst für eine lehnsfürstliche Liebhaberei haben. Nein, meine Herren, so gehts nicht. Wir müssen abwarten, bis es der Kaiser auch mit ihnen verschüttet. Und, meine Lieben, wie ich Seine Majestät kenne, werden wir nicht lange zu warten brauchen. Die Maßregeln meines Verhaltens sind gegeben. Hier kann ich natürlich nicht bleiben, denn 1000 Taels sind ein schönes Stück Geld, und es möchte bald irgend einem Schuft einfallen, sie an meinem Kopfe verdienen zu wollen. Ich werde also mit meiner Familie auswandern. Und zwar werde ich in das Land der Tis gehen. – Oh! riefen die Parteigänger des Grafen, ins Land der Schweine? Zu den Barbaren? – Eine Annehmlichkeit ist es ja gewiß nicht, erwiderte der Graf, denn schon die Küche dieser borstigen Ungeziefer kann einen rechtschaffenen Chinesen zur Verzweiflung bringen, aber: darf sich ein Staatsmann durch solche Erwägungen von der Bahn des politischen Handelns abbringen lassen? Der Graf sah ehrfurchtgebietend aus, wie er dies sagte. Seine Parteigänger aber murmelten: Politik? Wie so? – Aber meine Herren! Erheben Sie sich doch auf die Höhe der Situation! Wenn ich den gräulichen Grützmus der Ti-Schweine esse, was anderes treibe ich dann als weit ausschauende Politik? Ich verschaffe der guten Sache Bundesgenossen, indem ich meinen Magen und meine Zunge zum Opfer bringe. – Ah! Ah! Welch politischer Blick! riefen die Getreuen, – aber: ist es nicht gefährlich, sich mit Barbaren einzulassen? Der alte Graf blinzelte schelmisch: Keine Sorgen, meine Herren! Die braven Barbaren läßt man sich, wenns nötig erscheint, wohl in den Pelz kriechen, aber, wenn man sie nicht mehr braucht, schüttelt man sie ab, wie Flöhe. Da lachten die Getreuen recht herzlich und freuten sich der Weisheit des alten Grafen und billigten alles, was dieser tat. Die Familie Schên zog mit großem Gefolge ins Land Ti und wurde dort, wenn auch mit unglaublich schalem Reisbier, aufs beste aufgenommen. XXIX. Die Witzkonkurrenz. So war auch das Unternehmen mit der Ausmerzung der Familie Schên fehlgeschlagen, und die Kaiserin wurde immer düsterer, launenhafter, unangenehmer. Da sagte der Kaiser: Jetzt kann nur noch ein Edikt helfen, und er ließ an allen Straßenecken anschlagen, was folgt: An mein Volk! Mein kaiserliches Herz ist in tiefste Betrübnis dadurch versetzt, daß meine hohe Gemahlin Pao, der Purpurkelch aller Seligkeiten, das Lachen verlernt hat. Der Rat meiner Weisen hat versagt; keiner wußte Hilfe. In dieser Not wende ich mich an mein getreues Volk, an den Mutterwitz des ganzen Landes. Meine teuern Untertanen! Strengt euren Verstand an! Sinnt etwas recht, recht Lächerliches aus! Wer es dahin zu bringen weiß, daß der Purpurkelch aller Seligkeiten ein einziges Mal lacht, der soll 1000 Taels und den violetten Mützenknopf erhalten. Der Sohn des Himmels. Man kann sich wohl denken, wie es in den witzigen Köpfen von China nach diesem Edikt aussah. Es gab damals noch keine Journale mit Preisausschreiben (weil es überhaupt noch keine Journale gab), und die witzigen Leute wußten daher durchaus nicht, wo sie ihre scherzhaften Einfälle abladen sollten. Nicht einmal gratis waren sie anzubringen, und der Spießkäfig konnte doch nicht eigentlich als Honorar angesehen werden. Und nun plötzlich, wie eine Himmelserscheinung, wie ein Strahlenfächer von der Sonne her, dieses Edikt. Tausend Taels und der violette Knopf! Alles, was Witz hatte in China, geriet in einen Taumel. Handel und Gewerbe stockten, denn es galt jetzt, einen Witz ad usum des Hofes zu machen, und das war wichtiger, als Filzsohlen auf Schuhe kleben, Zucker abwiegen, Fächer malen und dergleichen. – Schulfrei! Schulfrei! riefen die Buben und schwangen ihre Tafelkäscher, der Herr Lehrer muß einen Witz machen! Die Zivil- und Kriminalgerichtshöfe schlossen gleichfalls ihre Tore, denn vom Herrn Präsidenten bis hinab zum Gerichtsschreiber war die gesamte Justiz nur darauf bedacht, etwas Ulkiges zu erfinden. Selbst die Scharfrichter stellten ihre Beile in die Ecke, legten den Finger an die Stirn und sannen nach, ob ihnen nicht etwas Urkomisches einfallen möchte. Und die Verurteilten waren nicht minder heiß hinter Witzen her; selbst die, die im Bock hingen, strengten sich nach Möglichkeit an; nur die Spießkäfigleute hatten Wichtigeres zu tun. Daß alle Glieder der Regierung, vom Reichskanzler bis zum letzten Subkalkulator hinunter, kein wichtigeres Staatsgeschäft kannten, als Witze ergrübeln, versteht sich am Rande. Wie viele Suppen um diese Zeit versalzen wurden, weil die Köche, die freilich nicht feiern durften, wie abwesend ins Herdfeuer starrten, ist, bei dem niederen Stand der Statistik damals, nicht überliefert worden, aber soviel steht fest: es waren sehr viele, und mit dem Kochsalze wurde nicht minder verschwenderisch umgegangen, als mit dem Salze des Witzes. Natürlich erforderte es eine bis ins kleinste ausgearbeitete Organisation, die einlaufenden komischen Einfälle zu sammeln und zu sichten. Ein eigener Beamtenkörper, mit dem Kultusminister an der Spitze, wurde dazu gebildet. Er erhielt den Titel: Kaiserliche Witzsichtungskommission und bestand aus acht Rangklassen. Die einlaufenden Einfälle wurden nach einem scharfsinnig entworfenen Schema eingeteilt und jeder sub rubro so und so registriert. Eine fieberhafte Tätigkeit herrschte in den Bureaus der Kommission, in denen über dreitausend Schreiber Tag und Nacht den Pinsel schwangen. Als die Arbeit beendigt war, stellte es sich heraus, daß von diesen Schreibern zweitausend blödsinnig geworden waren, und der Kultusminister reichte seine Entlassung ein. Auf dreihundert Ochsenwagen wurden die mit Witzen bedeckten Schriftballen in die Kaiserstadt gekarrt. – Grundgütiger Himmel! rief Seine Majestät aus, ich habe meine Untertanen ja immer für sehr drollige Leute gehalten, aber daß sie solche Massen von Komik produzieren würden, hätt ich doch nicht gedacht. Jetzt werde ich allein ein paar Jahre brauchen, um mir über diese Literatur Vortrag halten zu lassen, und bis dahin wird mir mein süßer Purpurkelch schwarz vor Melancholie. Sagen Sie mir um Gotteswillen, lieber Reichskanzler, was soll ich tun? Ich kann doch unmöglich das Zeug alles durchlesen? – Das ist in der Tat ganz ausgeschlossen, oh Sohn des Himmels, antwortete Graf We. Schon das Sachregister allein erfordert ein Studium von Monaten. Ich habe mir erlaubt, es in meiner Kanzlei von den besten Köpfen meines Ressorts bearbeiten zu lassen, und muß leider gestehen: Es läßt wenig Hoffnung auf viel Gutes zu. Der Witz in seiner Überanstrengung und geblendet von der glänzenden Aussicht auf kaiserliche Belohnung ist meistens übergeschnappt, ganz abgesehen von den allzu naiven Äußerungen der Volksseele, die z. B. in den Rat ausklingen, Seine Majestät möge doch einfach Ihre Majestät kitzeln. – Das habe ich aber wirklich auch schon versucht, lieber Graf, aber Ihre Majestät hat keineswegs darüber gelacht, mir vielmehr eine –, aber genug davon! Was meinen Sie also? Graf We befand sich in einer etwas schwierigen Situation. Er hatte selbst einen Witz eingesandt. Natürlich nicht wegen der 1000 Taels oder gar, um den violetten Knopf zu bekommen, sondern ehrenhalber und zum Beweise seiner unablässigen Gedankenarbeit für das Wohl der Dynastie. Sollte, durfte er nun einfach sagen: ganz China hat nur einen guten Einfall produziert, und das ist meiner . . .? Das wäre doch am Ende auffällig erschienen. So beschloß der kluge Mann, erst einen Vortrab fremder Einfälle vorauszusenden und mit dem seinen erst dann nachzurücken, wenn sie, wie er voraussetzen durfte, sämtlich abgelehnt wären. Um aber auch für den Fall, daß ein fremder Einfall angenommen werden sollte, ein weniges davon zu profitieren, nahm er sich vor, nur solche Einfälle zu nennen, die, wenn auch nicht von ihm selber, so doch von Beamten seiner Kanzlei stammten. Er sprach: Wenn ich Ew. Majestät in dieser überaus schwierigen Angelegenheit meine untertänige Meinung unter die Sohlen der erhabenen Pantoffeln legen darf, so ist es diese: Eine systematische Prüfung des gesamten Materials zum Zwecke einer Sichtung und engeren Wahl ist unangängig, weil sie zuviel Zeit und Ew. Majestät kostbare Gehirntätigkeit kosten würde. Ich halte es für das zweckmäßigste, mit Stichproben vorzugehen, aber so, daß die Stichproben sich nicht sogleich auf die ganze unabsehbare Masse erstrecken, sondern kategorienweise vorgenommen werden. Die kaiserliche Witzsichtungskommission hat die eingereichten Einfälle mit feinem volkspsychologischen Takte nach dem Stande der Einsender rubriziert. Es gibt da z. B. eine Hauptabteilung: Handwerkereinfälle, die in zahlreiche Unterabteilungen wie: Schuster-, Schneider-, Friseur-, Kaminfegerwitze usw. zerfällt. – Das ist nicht übel, warf der Kaiser ein: die Friseurwitze könnten mich reizen. – Dann gibt es eine Hauptabteilung: Gelehrteneinfälle, mit Unterabteilungen wie: Schullehrer-, Philosophen-, Mathematikerwitze usw. – Darauf verzichte ich unbesehen, meinte der Kaiser. Ferner ist natürlich die Beamtenschaft mit ihren Einsendungen systematisch geordnet nach Justiz, Steuer, Zoll usw., und alles, was mit der Regierung direkt zusammenhängt, ist wiederum und zwar nach den Ressorts der Ministerien geordnet. – Löblich, löblich. Wie denken nun Ew. Durchlaucht, wo wir mit der Stichprobe beginnen sollen? – Mich dünkt, oh Sohn des Himmels, daß es der Weisheit Ew. Majestät am meisten entsprechen würde, wenn wir, wie es in Staatsdingen ja immer geschieht, oben anfangen, d. h. bei Einsendungen von Angehörigen der Reichskanzlei, wobei ich nur, um die Objektivität dieses meines Vorschlages zu erhärten, bitten möchte, daß mein persönlicher Einfall fürs erste hors concours bleibe, um erst dann beigegeben zu werden, wenn die andern sich als unzulänglich erwiesen haben sollten. – Sie sind wirklich ein Muster von Edelmut, lieber Graf, Ihr Vorschlag hat meinen ganzen Beifall. Man bringe die Witze der Reichskanzlei. Graf We beauftragte einen Eunuchen, die Ochsenwagen der Reichskanzlei herbeizurufen, und es dauerte nicht lange, so fuhren diese vor. – Hilf Himmel, was hat sich Ihre Kanzlei angestrengt! rief der Kaiser aus, als er die riesigen Fuhrwerke mit den zahllosen Ballen erblickte. Und da soll ich nun stichproben? Zu diesem Behufe müßte ja erst abgeladen werden, und das allein kann drei Stunden dauern. Nein, lieber Graf, das geht auch nicht! Nennen Sie mir auf gut Glück ein paar Einfälle Ihrer Beamten. – Wie Majestät befehlen! Ich habe mir einige notiert. – Lesen Sie, mein Lieber, lesen Sie! – Der Unter-Staatssekretär Hao-bo-schên meint: Wenn man die Eunuchen als Palastdamen und die Palastdamen als Eunuchen anzöge und beide Hofkategorien demgemäß agieren ließe, so müsse das unendlich komisch wirken. – Der Unter-Staatssekretär Hao-bo-schên verdient für diesen Einfall selber als Eunuch angezogen zu werden. Der Vorschlag ist so albern, wie der Herr, der ihn gemacht hat. – Der Geheimrat Bo-to schlägt vor. einen Kronrat aus dressierten Affen zusammentreten zu lassen, und meint, das müsse furchtbar lustig sein. – Der Geheimrat Bo-to ist selber ein dressierter Affe und scheint bei dieser Gelegenheit sein Mütchen am Kronrat kühlen zu wollen, weil er nicht dazu gehört. Der Vorschlag sieht ihm zu ähnlich, als daß er lustig sein könnte. – Der Supernumerarius Kui-ping hat die sonderbare Idee, alle Hunde und Katzen der Kaiserstadt gelb und blau anmalen zu lassen und behauptet, es gäbe nichts komischeres auf der Welt, als diesen Anblick. – Dieser Supernumerarius muß ein ausbündiger Schafskopf sein, daß er auf einen solchen witzlosen Einfall kommen konnte. Ich hätte nicht übel Lust, ihn dafür zu entsupernumeraren . . . Nein, teurer Graf, wenn Ihre Beamten nichts besseres vorzuschlagen wissen, so will ich doch lieber die Handwerkereinfälle prüfen. Ich bin überzeugt, daß jeder Schuster in China besseres eingesandt hat. Zuvor aber Ihren Vorschlag, lieber Reichskanzler! Wenn er auch nicht akzeptabel sein sollte, so wird er mich doch auf alle Fälle nach diesem Wust von Hirnverbranntheiten erquicken. Graf We hatte natürlich mit gutem Vorbedacht die törichtsten Einfälle seiner witzlosesten Beamten ausgewählt, um für seinen Vorschlag einen günstigen Hintergrund zu haben, und er schickte sich nun mit dem sicheren Gefühle, mindestens nicht abzufallen, an, seinen Vorschlag kund zu tun. Über diesen Vorschlag selber ist aber vorher einiges zu sagen. Er war gar nicht vom Reichskanzler selber, sondern ging nur unter dessen Flagge, und Graf We, so gescheit er im übrigen war, wußte nicht, was für schlimme Pläne er mit seinem Namen deckte. Der Gedanke stammte von einem jungen Kanzleiaspiranten, namens Pa-ni, der zum Bunde der blühenden Talente gehörte und im Einvernehmen mit der Partei des Grafen Schên handelte. Dieser Herr Pa-ni hatte, nachdem ihm der Inhalt jener politischen Rede des Grafen Schên bekannt geworden war, nur das eine Ziel im Auge: Die Lehnsfürsten müssen gegen den Kaiser aufgebracht werden. Und dieser Absicht sollte auch der scheinbar ulkige Vorschlag dienen, den er ausgeheckt hatte. Da er wohl wußte, daß der Einfall eines jungen Kanzleiaspiranten blutwenig Aussicht hatte, dem Kaiser bekannt zu werden, und da er vielmehr der Überzeugung war, daß doch nur der Vorschlag angenommen werden würde, den der Reichskanzler machte, so hatte er seine Idee dem Grafen We persönlich überschickt und erklärt, er werde der Glücklichste aller Sterblichen sein, wenn sie sein erhabener Chef zur seinigen machen wollte. Das Wohlwollen Seiner Durchlaucht sei ihm tausendmal mehr wert, als der violette Knopf und tausend Taels. Diesem Wohlwollen aber sich zu empfehlen, sei der Grund dieses seines Schrittes. Der Reichskanzler war erfreut über diesen Beweis löblicher Gesinnung und fand überdies, daß die Idee des Herrn Pani einen gewissen Zug von grotesker Größe und Originalität habe. So machte er sie zu der seinigen und ihren Urheber zum Kanzleirat. Dem Kaiser aber trug er den Vorschlag folgendermaßen vor: Es ist unmoralisch und beweist eine geringe Vertrautheit mit den Geboten des Anstandes, die unsere Klassiker aufgestellt haben, wenn jemand die Posaune seines eigenen Lobes ist. So ziemt es mir also nicht, den Vorschlag, den ich sogleich die Ehre haben werde, in den Lichtschein der Betrachtung Ew. Majestät zu rücken, als etwas besonders witziges hinzustellen. Aber das mag mir erlaubt sein zu sagen: auf der Stufe maskierter Eunuchen, dressierter Affen und angemalter Quadrupeden steht er nicht. – Daran habe ich nie gezweifelt, lieber Graf. Sie ahnen nicht, wie gespannt ich bin, erklärte der Kaiser. – Ich sagte mir: Wenn eine Kaiserin lachen soll, so muß der Anlaß durchaus außerhalb des Gewöhnlichen liegen, er muß einer Sphäre angehören, die sich im erhabenen Gesichtskreis der unvergleichlich hohen Persönlichkeit befindet, für die die ganze Sache arrangiert werden soll. Ist es schon ein Witz, so muß es ein Staats witz sein, ein Witz von politischer Perspektive, ein Witz, der gewissermaßen von den höchsten Staatsangehörigen agiert wird, kurz: eine Staatsaktion als Witz! – Sublim, lieber Graf, sublim! Sie spannen mich aufs angenehmste. – Es ist freilich keine Frage, daß es etwas Gefährliches hat, mit staatlichen Dingen Witze zu treiben und den Geist des Ulkes auf das ernste Gebiet der Reichspolitik zu übertragen, und wenn ich schon als Autor dieses Witzes ihn in aller Untertänigkeit zu empfehlen die Verwegenheit habe, so muß ich doch gleichzeitig als Reichskanzler darauf hinweisen, daß er, staatsmännisch angesehen, sein Bedenkliches hat. – Bah, bah, bah, bah! Machen Sie keine politischen Umschweife, lieber Freund; es handelt sich darum, daß die Kaiserin lächelt; alles übrige ist Nebensache. Heraus mit dem Witz! – Nun also denn! Ew. Majestät wissen, daß am Berge Li, unweit der Hauptstadt, zwanzig Feuerobelisken und vierzig Riesentrommeln aufgestellt sind, und daß in diesen Feuerobelisken unter andauerndem Getöse der Riesentrommeln Wolfsmist, als welcher die stärkste Flamme erzeugt, angezündet wird, um beim Einfalle der Barbaren die zunächst sitzenden Hauptvasallen Ew. Majestät herbei zu signalisieren. Mein Vorschlag geht nun dahin: Brennen wir die Feuerobelisken an! Lassen wir den Wolfsmist dampfen! Rühren wir die vierzig Trommeln! Und – sehen wir uns die verblüfften Mienen von Ew. Majestät getreuen Vasallen an, wenn sie in Wehr und Waffen atemlos herbeirücken und sehen, daß sie gefoppt sind! Wenn Ihre Majestät darüber nicht lacht, so lacht sie überhaupt über nichts mehr. Der Kaiser sprang mit einer ungewohnten Behendigkeit vom Throne, umarmte den Reichskanzler gegen alle Gesetze der Zeremonie stürmisch und rief: Mensch, Mensch, wo kriegen Sie nur die Einfälle her!? Das ist ja großartig! Das ist ja ein Riesenulk! Ein geradezu dämonischer Witz! Ein Witz, der in die Annalen des Reiches gehört! Dafür mache ich Sie zum Fürsten! Und erkläre die Reichskanzlerschaft als erblich in der Familie We! Nein, nein, wehren Sie nicht ab! Dafür gibt es ja gar nicht genug Ehren und Gnadenbeweise! Das ist . . . das ist . . . das ist einfach unsagbar! Genial! Genial! sag ich! . . . Das ganze übrige Witzzeug brauchen wir nun nicht mehr. Wir schleppen die Witzballen von ganz China auf den Berg Li und lassen sie mit dem Wolfsmist um die Wette gen Himmel stinken, als ein Flammenmal für Ihren genialen, alles in den Schatten stellenden Geist. Gott, was bin ich froh, daß ich so einen Reichskanzler habe! Ich muß Sie küssen! Kommen Sie her, lieber Fürst! Ein noch nie dagewesener Kuß für einen noch nie dagewesenen Witz! Und der Kaiser küßte tatsächlich den Reichskanzler auf den Mund. Der Alte im Barte hat darüber dieses Gedicht hinterlassen:         Es hätte geziemt, mit glühenden Messern Die giftigen Lippen ihm abzuschneiden Dem schnödesten Mann. Indessen: der Kaiser, der Sitte vergessend, Bedeckte die giftigen Sprudler des Unheils Mit schnödestem Kuß. Nun kauert das Unheil gleich schwangerem Drachen, Die Flanken zum Sprunge gespannt, heiß gierig Am Flamm-Berge Li. XXX. Die enttäuschten Witzbolde. Eine Million und sechsmalhunderttausend witzige Köpfe (soviele hatten sich an dem Kaiserlichen Preisausschreiben beteiligt) harrten in nervöser Spannung der Entscheidung Seiner Majestät. Das Geschäftsleben stockte noch immer, denn kein Mensch hatte für etwas anderes Sinn als für die eine Frage: Wer wird die 1000 Taels kriegen? Schon fingen die schwächeren Gehirnkonstitutionen an, unter der Aufregung des Wartens aus dem Gefüge zu gehen, und täglich, ja stündlich konnte man in den Straßen der Stadt arme Teufel sehen, die deutliche Zeichen von Übergeschnapptheit zur Schau trugen. Da trug ein unendlich fetter und blöd aussehender Mann eine Tafel an seiner Brust, auf der geschrieben stand: Platz da! Ich bin Herr Dê-ne-kê, das Genie, das den lächerlichsten Einfall von ganz China gehabt hat. Mein Kopf ist eine Birne geworden seitdem und mein Gehirn ein Eierkuchen! Achtung! Achtung! Meine Birne wird faul! Mein Eierkuchen brennt an! Ein anderer erfüllte die Luft mit unaufhörlichem kreischenden Gelächter, hielt sich den Bauch und drehte sich unablässig im Kreise: Ich platze! Ich platze! Legt mir Reifen um den Leib! Sonst schütte ich die Gedärme vor Lachen aus! Mein Witz! Mein Witz! Hahahaha! Haben Sie schon so etwas gehört? Wieder andere klagten und heulten, man habe ihren Witz unterschlagen; gewissenlose Beamte hätten ihn aus Konkurrenzangst zurückbehalten; und sie querulierten den Richtern unablässig die Ohren voll, bis man sie einsperrte. Es gab gar nicht genug kalte Duschen und Räucherpfannen, um dieser epidemisch auftretenden »Windkrankheit« Herr zu werden. Auch hingen sich Zahllose in der Ungeduld ihres Herzens auf. So erschien es denn als Staatsnotwendigkeit, die Gemüter zu beruhigen, indem man die Entscheidung kund gab. Es erschien ein Edikt. An die sämtlichen Einsender komischer Einfälle. Mein Appell an die witzigen Köpfe des Reiches ist nicht ungehört verhallt. In einer Masse, wie Ich sie nicht für möglich gehalten hätte, sind drollige Vorschläge aller Art an den Stufen Meines Thrones niedergelegt worden, und alle Klassen der Bevölkerung haben sich mit gleicher Beflissenheit um das Lächeln Ihrer Majestät, Meiner erhabenen Gemahlin und Mutter des Reiches bemüht. Ich spende ihnen allen Meinen kaiserlichen Dank. Sie dürfen sämtlich das erhebende Bewußtsein im Herzen tragen, sich an einer Sache von höchster Bedeutung werktätig beteiligt und ihrem kaiserlichen Herrn den Beweis erbracht zu haben, daß der alte Chinesengeist, die alte Chinesentreue noch lebt. Leider war es ganz unmöglich, alle die scherzhaften Einsendungen mit Preisen auszuzeichnen; waren sie auch mehr oder weniger löblich, so befand sich doch nur einer auf der Höhe des erhabenen Zieles. Es gereicht Mir zur besonderen Freude, verkünden zu dürfen, daß es der erste Beamte des Reiches gewesen ist, der mit seinem Einfalle diese Höhe erreicht hat: Mein lieber Reichskanzler We, den Ich dafür in den Fürstenrang erhoben habe. Aber auch die übrigen Einsendungen denke Ich auf eine noch nicht dagewesene Weise zu ehren: Ich werde sie eigenhändig in den zwanzig Feuerobelisken auf dem Berge Li verbrennen, wohin Ich Mich sogleich begeben werde. Möge der Lichtschein dieses Brandes ein weithinleuchtendes Zeichen Meiner kaiserlichen Zufriedenheit und Dankbarkeit sein. Yu, Kaiser. Mit sehr langen Gesichtern standen die witzigen Untertanen Seiner Majestät vor diesem Edikte, und da sie keine Hosentaschen hatten, in denen sie die Fäuste ballen konnten, so verrichteten sie diese symbolische Handlung innerhalb der Rockärmel. Wer feine Ohren hatte, konnte da wunderliche Monologe hören: – Natürlich: der Reichskanzler! – Wer die Wahrheit sagt, wird gespießkäfigt, wer einen Witz reißt, wird Fürst. – Ein netter kaiserlicher Dank! Er stinkt nach angebranntem Papier. – Dafür habe ich meine Kunden sitzen lassen! – Jetzt bin ich glücklich bankrott, und dazu wird noch illuminiert! – Ob Ihre Majestät über den fürstlichen Witz des Reichskanzlers lachen wird, ist am Ende noch fraglich, aber daß ich heule , steht fest. – Ich Esel! Hätte ich doch so viel Witz besessen, einzusehen, daß das Ganze bloß ein Witz Seiner Majestät gewesen ist. – Ich mache keine Witze mehr! Unter dieser Regierung vergeht einem das Witzemachen. – Na, wer zuletzt lacht, lacht am besten, – ein Kaiser, der die geistreichen Köpfe seines Landes zum Narren hat, wird sie bald zu Feinden haben. Seine Majestät wird sich die Finger verbrennen, wenn er die Feuerobelisken anzündet! Es war nur allzu klar, daß dieser kaiserliche Dank wenig Entzücken verursachte. Schon rührten sich die blühenden Talente aufs neue, und die Angehörigen der Schên-Partei schickten bedenklich zuversichtliche Chiffre-Briefe nach dem Lande der schweinischen Tis. XXXI. »Für tausend Taels ein Lächeln kaufen.« Indessen rüstete der Kaiser zur Reise nach dem Berge Li. Ihre Majestät hätte zwar beinahe den ganzen Plan vereitelt, indem sie erklärte, sie habe keine Lust, in die Sommerfrische zu gehen, sie sei müde und verdrossen und nicht zum Reisen aufgelegt, aber schließlich willigte sie ein, da der Hofastrologe erklärte, in den Sternen stehe geschrieben: Lachen! Lachen! Lachen! Und um den roten Stern breite sich ein nie gesehener Hof, aus dem ersichtlich sei, daß besondere Dinge bevorständen. So reiste man denn. Ein schier unendlicher Zug bewegte sich aus der Kaiserstadt hinaus. Zuerst ein Regiment Gardes du Corps der Kaiserin in vergoldeten Panzern und mit Standarten, auf denen ein purpurner Blumenkelch war. Dann hundertfünfzig Ochsenwagen mit Schriftballen, eskortiert von Kaiserjägern zu Pferde in grünblauen Mänteln mit roten Bogen und Köchern. Dann der Wagen des Polizeipräfekten, umgeben von einem Schwarm Gendarmen. Dann der Wagen des Kaisers mit der Kaiserin und dem Thronfolger, rechts und links begleitet von riesigen Hartschieren in Lederpanzern, – fürchterlichen Leuten, die immer die Augen rollten. Dann der Wagen des Reichskanzlers, umgeben von den Offizieren des neu errichteten Regiments Fürst We. Dann wieder hundertfünfzig Ochsenwagen mit den übrigen Manuskripten. Dann ein Regiment Gardes du Corps des Kaisers in silbernen Panzern mit Standarten, auf denen das Zeichen stand, das »Seligkeiten überall« bedeutet. Zum Schluß, von einem Regiment Trainsoldaten beschützt, der Küchen- und Kammertroß: Fünfzig Wagen mit Wein, Viktualien, Garderobe, Dienerschaft, Eunuchen usw. usw. Die Regimentsmusiken bliesen ihre Märsche, die Soldaten sangen; es war eine große Fröhlichkeit. Das Lied, das die Soldaten sangen, hatte der Kaiser allerhöchst selbst gedichtet und unter Beihilfe des berühmten Bung-ê komponiert. Es hieß so: Wir ziehen nicht zu Felde und ziehn nicht in die Schlacht. Jetzt dauerts ein paar Stunden blos, bis daß die Kaiserin lacht, Bis daß die Kaiserin lacht, juchhe! Und unsern Kaiser glücklich macht, Bis daß die Kaiserin lacht. Juchhe, juchhe, Juchhe, hurrah, juchhe! Der Kaiser konnte sich gar nicht satt hören an dem Liede. – Habe ich da den Volkston nicht famos getroffen, Schatz? fragte er die Kaiserin. – Gejuchhet wird allerdings genug, gab die zur Antwort. – Na, das ist ja eben der Volkston, Maus! Ohne Juchhe kein Volkslied. Und das Hurrah dazwischen! Das ist eine Nüance, auf die ich mir einigermaßen etwas einbilde: Juchhe, hurrah, juchhe! Der Kaiser schrie es förmlich. – Anfangs hatte ich heissa, – aber plötzlich sagte mir eine innere Stimme: hurrah muß es heißen, hurrah! Das ist wirklich eine Nuance, um die mich der gute We beneiden könnte. Ich glaube, er tuts auch ein bißchen. haha! . . . Gott, Maus, ich bin furchtbar glücklich. Paß mal auf, was ich dir am Berge Li vorführen werde! Das wird dich von der verdammten Melancholie kurieren! So was ist noch nicht in Szene gesetzt worden, so lange das Reich steht! – Wenns nur nicht wieder schief geht . . . – Keine Angst, Schatz, diesmal gehts gerade, oder ich will keinen Vers mehr dichten: Juchhe, hurrah, juchhe! – Schrei nicht so! Ich bin froh, daß Lulu schläft. – Ach so. Aber der Junge schläft auch was Rechtschaffenes zusammen. Der ist imstande und schläft, wenn die vierzig Pauken rasseln. – Schon wieder was mit Pauken? – Bloß als Begleitung, Schatz, nicht als Musik an sich. Hab nur keine Angst. Es wird unbeschreiblich lustig werden! Die Kaiserin lächelte – beinahe. Das Fahren in freier Luft, das bunte Gewimmel um sie herum, die von den Feldern herbeieilenden Bauern, die ihre Hacken und Rechen präsentierten, alles das hob ihre Stimmung sichtlich. Plötzlich aber hielt sie sich die Nase zu und rief: was stinkt denn hier so pestilenzialisch? – Das ist bloß der Wolfsmist, Schatz, den ich schon gestern habe anzünden lassen, damit wir nicht zu lange warten müssen, antwortete der Kaiser und enthüllte ihr nun die Idee mit den Vasallenfürsten. – Und darüber, glaubst du, werde ich lachen? – Ich glaube es nicht: ich weiß es! Du kennst meine braven Vasallen nicht, Schatz, aber paß nur auf. Es genügt eigentlich, einen einzigen von ihnen bloß so anzusehen, um sich vor Lachen auszuschütten; wenn sie aber gleich alle auf einmal herangerückt kommen und noch dazu ärgerlich sind, dann würde selbst der tausendköpfige Höllendrache vor Vergnügen seine hunderttausend Zähne fletschen. – Na, vielleicht. Übrigens: rede nicht von Drachen! – Pardon! Allmählich kam man auch ins Bereich der Riesentrommeln. Es war ein Gedröhne, als wenn sich die Berge aneinander rieben. Lulu wachte wirklich auf davon. Aber statt zu heulen, wie es bei ihm die Regel war, sperrte er den Mund auf, machte pf . . pf . . und lachte. – Ei, mein Mäuschen lacht ja? sagte die Kaiserin und lächelte wieder – beinahe. – Siehst du? Siehst du? Na, ich wußte es ja! Es geht sicher alles nach Wunsch! Der kaiserliche Zug kam gegen Abend am Berge Li an. Etwa um Mitternacht mußten die Vasallen, Eilmärsche als selbstverständlich angenommen, eintreffen. Bis dahin wurde auf dem breiten, riesigen Rücken des Berges zwischen den himmelanlohenden Feuerobelisken ein Mahl gerüstet und die Soldaten mit den Manuskriptballen, in die man Weihrauchkörner gestreut hatte, an die Feuerbecken verteilt. Der Mutterwitz Chinas brannte vortrefflich und vermischte sich verblüffend gut mit dem Wolfsmiste. Als man sich zur Tafel setzte, war man wie in einem Feuermeere. Nur dort, wo der Hauptweg aufs Plateau einmündete, war ein Zugang freigelassen. Das Mahl begann. Der Kaiser und die Kaiserin saßen auf goldenem Throne an einem erhöhten Tisch für sich, den Blick gerade auf den Zugang gerichtet, wo die zwei riesigsten Hartschiere Posten standen. Vor ihnen breitete sich hufeisenförmig die Tafel der Beamten und Offiziere aus. Von Zeit zu Zeit riefen die Wächter die Stunden ab. Man war eben beim fünften Gange, Hechtzungen in Schildkrötenaspik, und eben hatten die Wächter gerufen: Mit–ter–nacht! Mit–ter–nacht! Da näherte sich ein Gerassel den Berg herauf, das das Gedröhne der Lärmtrommeln noch übertönte. – Ah, sie sind pünktlich, meine Herren Vasallen, sagte der Kaiser und ließ die Eßstäbchen fallen. Nun, paß auf, Maus! Kommondorufe: Ha–alt! Setzt die Piken zusammen! Schlagt die Zelte auf! Dann Hörnersignale, Trompetengewirbel und der Ruf: Fahnen herbei! Nun ein Getrappel, ein Klirren wie von aneinander geriebenen Harnischteilen, ein dumpfes Gemurmel, dann, näher kommend, wuchtig stampfende Schritte. Aus dem Dunkel des Weges traten in den Lichtschein, schwarzgepanzert, den eisernen Helm auf dem Kopfe, Lanzen in der Hand, über und über mit Kot bespritzt und eskortiert von zwanzig Fahnenträgern, die die Fahnen kriegerisch schwangen, die Vasallen des Kaisers. Einen Augenblick vom Licht geblendet blieben sie stehen, dann stampften sie klirrend eilig vor, ließen sich in einer breiten Reihe auf die Knie nieder, und der älteste unter ihnen, noch halb atemlos, rief: Hier Kwei und Wu und Lung und Ko und Pa und Fêng und Fa und Pu! Über Berge gestiegen, durch Sümpfe gewatet, durch Flüsse geschwommen bei Tag und Nacht, in Wetter und Wind, von Kot bespritzt, von Schweiß bedeckt, in Waffen und Wehr! Heil Kaiser, wo sind die Barbaren!? – Barbaren? Der Kaiser sah sich lächelnd um: Sehen wir aus wie Barbaren? Gott Lob und Dank: Die Hunde und Schweine liegen in ihren Ställen. Ich wollte mir bloß das Vergnügen machen, Ew. Liebden wieder einmal von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Alles wohlauf zu Hause, meine Herren? In diesem Augenblick ließen sämtliche Vasallen ihre Speere fallen, sperrten den Mund auf, sahen einander unglaublich verdutzt an und riefen: Wa . . . a . . . s? Dabei schlugen sich die einen klatschend vor die Stirne, die andern schüttelten, wie von einem Mechanismus bewegt, die Köpfe, und einer, ein recht dicker, bemühte sich vergeblich, wieder auf die Füße zu kommen. Ein unendliches Gelächter brauste in der Runde, und die Kaiserin lehnte sich in den Thron zurück und lachte dreimal hinter einander laut auf: Die Köpfe! Die Köpfe! Hahaha! Wütend sprangen die Vasallen auf: Ausgelacht?! Ausgelacht?! In Waffen und Wehr durch Wetter und Wind, von Kot bespritzt, von Schweiß bedeckt, – und: ausgelacht!? Kaiser! Kaiser! Ist das dein Dank? – Mein Gott, ich erkenne ja die Eilmärsche Ew. Liebden an! Kommen Sie heran, meine Verehrten: Ein Löffel Suppe ist noch übrig. Sie sehen wirklich etwas mitgenommen aus. Die Vasallenfürsten aber machten, indessen noch immer das belustigte Lachen der Kaiserin wie der Ton einer hohen Glocke über dem Baßgelächter der Offiziere und Soldaten schwebte, kehrt und riefen: Rollt die Fahnen zusammen! Blast Abmarsch! Und stampften wütend ab. Der Kaiser aber stand auf, hob den Becher mit rotem Wein und rief: Nun wieder Glück und Glanz im Reich! Die Kaiserin lacht! Für tausend Taels hab ich das Lachen gekauft, in tausend Seligkeiten hat es mich getaucht! Lacht, lacht, lacht, meine Lieben und trinkt! Hahahaha! Hahahaha! Und ein Gelächter brauste hinter den abziehenden Vasallen her, wie die Flut hinter fliehenden Fischern donnert. Für tausend Taels ein Lächeln kaufen, heißet aber noch heute ein Sprichwort in China, das bedeutet: Eine Sache zu hoch bezahlen . . . XXXII. Die nackte Kaiserin. Die Kaiserin war nun wieder froh, ja, ein lachender Übermut war über sie gekommen; Tanz und Gesang ging durch das Kaiserschloß. Der Alte im Barte, ob er gleich ein sehr moralischer Dichter war und das Ende immer im Auge hatte, hat sich doch dieser Stimmung nicht ganz entziehen können, als er darüber dieses Gedicht schrieb: Zum zweiten Male blühte der Purpurkelch, Als Heiterkeit mit lachendem Licht ihn traf, Den ganzen Himmel und alle Seligkeiten Schlürfte er ein. Das ganze Leben war ihr ein Schwebetanz, Sie warf den Kopf mit Lachen zurück und sang: All meine Adern strömen voll rotem Weine, Leben ist Rausch! In ihrer Schönheit war jetzt die Glut des Sommers, und sie schritt wie eine Siegerin, die nichts zu fürchten hat. Am liebsten ging sie nackt mit lang herabfallenden Haaren, und hatte gerne große reife Früchte in der Hand und schwere, farbenglühende Blumenkränze auf dem Scheitel. Was ihr früher ein Entsetzen gewesen war, wurde ihr jetzt höchste Lust. Tausend riesige Drachen ließ sie aus Gold bilden und in einem Kreise um eine Wildnis roter Rosen herumstellen. Die Rosen umwandelnd grüßte sie die Drachen mit heißen Umarmungen ihrer Nacktheit. Und laute, brausende Musik mußte wie in schmetternden Strahlen immer um sie sein. Für den Kaiser hatte sie ein gütiges Lächeln, doch durfte er nicht mehr Schatz und Maus zu ihr sagen. Vielmehr war es ein heroischer Ton, auf den sie jetzt alles stimmte. Und als die Kunde kam, daß die Vasallen sich empört hätten und unter Führung des Grafen Schên mit den Yungs und Tis gegen die Hauptstadt heranrückten, da wurde ihr Jubel zur Ekstase. – Nackt auf einem schwarzen Hengste möcht ich ihnen entgegen reiten und mit großen goldenen Äpfeln auf sie zielen, rief sie, und der Kaiser mußte ihr ein Schwert machen lassen, das nannte sie Ta-hsiao, das große Lachen. Dem Kaiser aber war das Weinen näher, denn, je näher der Feind heranrückte, umso wilder gärte es auch in der Hauptstadt. Er hatte kaum mehr als seine Garde, sich den Empörern entgegenzustellen. – Ah bah, rief die Kaiserin, was tuts? Und wenn wir niemand haben, als meine tausend goldenen Drachen, so will ich mich zwischen die Rosen stellen, und meine Drachen werden die Feinde verzehren. Ta-hsiao, mein Schwert, Ta-hsiao: wir zweie wollen lachen! Sie ist verrückt, dachte sich der Kaiser und übte seine Garde ein. Herolde vom Feinde kamen und verkündeten: Wenn der Kaiser zugunsten seines Sohnes I-tschiu abdankte und die Dame aus Pao verstieße, so sollte er persönlich freien Abzug haben und ein Schloß als Verbanntensitz erhalten. Seine Majestät war nicht abgeneigt, darauf einzugehen, wenn er nur mit der Kaiserin Pao und seinem Sohn Lu abziehen dürfte. Die Kaiserin aber lachte: Willst du Gutsbesitzer werden, Kaiser? Geh, zieh ab! Mich aber laß bei meinen Drachen! Ah, wie freue ich mich, wenn die Barbaren kommen! Nackt zwischen Rosen sollen mich die haarigen Tölpel sehen! Was für Gesichter werden die Struppigen machen! Lustig. Kaiser, lustig! Ich will den Borstentieren das Tanzen beibringen! Und sie ließ ins feindliche Lager melden: Die Kaiserin Pao freut sich auf den Besuch der Hunde und Schweine, sie hat schon lange eine Menagerie haben wollen. Dieser Hohn entflammte die Wut der Heranrückenden aufs äußerste. Am nächsten Tag war die Kaiserstadt umzingelt. Die Fanfaren der Vasallen und Barbaren dröhnten bis in die innersten Gemächer. – Nun, Kaiser, nimm dein Schwert und deinen Sohn und kämpfe. Ich mit meinem Schwerte warte hier auf dich oder – die Barbaren. Der Kaiser tat, wie sie befahl, machte einen Ausfall und wurde mit dem kleinen Kronprinzen getötet. Zwei rote Pfeile hatten ihn und seinen Sohn getroffen, noch ehe die Truppen recht auf einander gestoßen waren. Kein Mann war in der Kaiserstadt; nur Palastdamen und Eunuchen. Im östlichen Palaste lagen wimmernd zu einem Haufen zusammen gedrängt die sechshundert Damen der sechs Serails und stöhnten und schrien: Was wird aus uns werden! Was wird aus uns werden! Die fetten Eunuchen aber trippelten hin und her und fistelten: Habt euch nicht so! Für euch ist immer gesorgt; die Barbarenhäuptlinge werden schon wissen, wie sie euch plazieren sollen. Aber wir! Wir! Was wissen Barbaren von der Mission kaiserlich chinesischer Eunuchen? Gott weiß, zu was sie uns benutzen werden! Wir haben zu viel Kultur! Ach, ach, – werden die Barbaren uns zu würdigen wissen? Ach hätten wir doch so viel Kurage, wie Herr A-yu, der Zauberkünstler, der sich an seinem ledernen Gürtel aufgehängt hat! Indessen ging die Kaiserin Pao ruhig und mit einem seltsamen Lächeln auf den Lippen in den Juwelenpavillon, sah sich in der Thronhalle kopfnickend um und setzte sich auf den Thron. – Nun sitze ich allein unterm Himmel! sagte sie ganz laut und langsam vor sich hin. – Wie sie draußen toben! Wie schön das klingt! Die Hörner dröhnen Wut und Kraft, und die Fanfaren der Posaunen sind wie wehende gelbe Tücher. So winken meine Drachen. Sie ergriff den Klöppel und schlug dreimal das Gong. Es hallte durch den Raum. – Wie die leere Luft bebt und alle Geister in ihr rufen! Sie schloß die Augen. – Wer die Augen schließt und in sich vollendet hat, der sieht sein Herz . . . – Was seh ich? Ein tiefer Kelch ist aufgetan und strudelt Blut in sich ein. Das dampft. Und aus den Dämpfen steigen meine Drachen. Und einer faßt mich und hebt mich hoch und setzt mich auf seinen Rücken und trägt mich fort. – Wohin? Da rauscht ein Fluß, und rote Vögel singen. Und ich liege in Binsen und schlafe so süß. – Und nun? Wolken wehen vom Monde, und eine Brust gibt sich mir zu trinken. – Und nun? Meine Knie drücken sich in feuchte Erde, und meine Hände mähen hohes Gras. Duft und Helle! Lachen fliegt im Winde. Ich singe ein Lied: Sichel, Sichel durch die Saat, Alle Halme fallen, Heute ist die große Mahd, Heute gilt es Allen: Gras im Felde: Dir, eija, Magd im Feld: mir, eija, – Müssen alle fallen, Denn der Tag ist da. – Wie wunderlich! Ein Beben und eine Lust . . . Ich schneide mich in den Finger und trinke mein Blut. Da nicken Drachen aus Wolken, und ein Wetter kommt. – Und nun? Wie klingt das andere Lied? Es steigt der Mond, Die Sonne sinkt . . . – Und sieh: Die Drachen tragen mich hoch, und unter mir glüht mich die Sonne an und bettelt: komm! – Was weiter? Weiter? Pah! Ich tue meine Augen auf und lache! Die Kaiserin öffnete die Augen, lehnte sich breit in den Thron zurück und lachte laut auf. – Fort mit der Seide! Thron und Kleider sind eng. Alle meine Poren wollen Luft und Sonne. Mit einem starken Risse teilte sie ihr Gewand, warf es hinter sich auf den Thron und stand nackt. – Nun bin ich ich! Nun bin ich frei! Nun tanz ich meinen letzten Tanz und weiß – wohin. Sie nahm ihr Schwert in die rechte Hand und schulterte es. – Dein Rücken ist kalt, mein Schwert Ta-hsiao, und meine Schulter ist heiß. Bald wird dir warm sein, mein großes Lachen. Sie trat in den leeren Garten. Grelle Sonne lag auf dem gelben Kies, der unter ihren dunkelroten Pantoffeln knirschte. Das Getöse der Kämpfenden klang nahe her: schwach die Signale der Kaiserlichen, dröhnend voll die Hörnerstöße der Rebellen und Barbaren. Die Kaiserin stieg auf den Hügel des Ahnentempels, ging in den kühlen Tempelvorsaal und sprach vor sich hin: Kühl habens die Ahnen und kühl hats nun mein guter Yu, – er und der Kleine. Werden sie ihm auch eine Tafel aufstellen? Die Tür zum Saal, in dem die Tafeln standen, war verschlossen. Sie legte das Schwert ans Schloß, und leise taten sich die beiden mit Goldblech beschlagenen Flügel auf. Da lehnten rund herum an den dunklen Wänden die hellen Tafeln des Hauses Tschou. Die Kaiserin ging bis in die Mitte des Saales und sah sich um. – Wo stehen die Tafeln meiner Ahnen? Sie ging die Tafeln entlang und las die großtönenden Namen und Devisen. Eine leere Tafel schloß die Reihe. Die Kaiserin kauerte sich vor ihr nieder, nahm ihr Schwert und schrieb in großen Zügen die purpurrot leuchteten, als hätte der Stahl Blut aus dem Steine geritzt, dies: Es steigt der Mond, Die Sonne sinkt; Die Seligkeiten Sind erfüllt. Das große Lachen schallt und schwillt, Verhallt und lebt in letzter Lust, Die nackte Kaiserin grüßt den Mond Und geht. Dann richtete sie sich hoch auf, schwang das Schwert langsam über ihrem Haupte und lachte laut. Ein wunderliches Echo klang – wie fernes Wolfsbellen. Die Kaiserin schritt langsam hinaus und die Turmtreppe hinauf. Oben, auf dem Turmumgang blieb sie stehen und lehnte ihre Arme auf die Brüstung. Mit großen, ruhigen Augen sah sie in die Schlacht vor den Mauern: auf die Flucht der kaiserlichen Garden. An die Mauer gedrängt, entwichen sie rechts und links; wie ein riesiger Stierschädel stieß breit mit gewaltigen Hörnern das Heer der empörten Vasallen und Barbaren vor. Ein riesiger Barbarenhäuptling. ein schwarzes Fell um die Schultern und sitzend auf einem breiten schwarzen Gaule, hielt die eroberte Standarte des kaiserlichen China. Wie ein gelber Baldachin wehte das Feldzeichen des Himmelssohnes über der schwarzen Gestalt. Die Kaiserin lehnte sich über die Brüstung vor und rief: Hebt eure Hauer, Schweine des Waldes, wittert empor, Giernüstern der hungrigen Hunde: Da steht die Beute und wartet auf eure blutigen Zähne! Dann wandte sie sich um und schlug mit ihrem Schwerte auf die große Glocke, genannt Klingdonner des Himmels, und die Glocke hob sich und klang gewaltig und tief: Pang-pong! Pang-pong! Pang-pong! Alle Köpfe im feindlichen Heere erhoben sich und starrten zum Turme des kaiserlichen Ahnentempels, und ein Geheul klang auf wie von einer hunderttausendköpfigen Meute wuttoller Hunde. Mit einem Satze, als wollte sie sich in die Tiefe stürzen, sprang die Kaiserin auf die Brüstung, so daß ihr Haar sich wie ein schwarzer Strudel über sie hob und dann vornüber fiel. Und, nackt vor allen Feinden stehend, hoch oben im klingenden Donner der großen Glocke, breit die Füße gestellt, das Schwert geschultert und die linke Hand in die Hüfte gestemmt, jauchzte sie hinunter: Heioh! Heioh! Heioh! Ich bin die Beute! Ich bin die Braut! Setzt über die Mauer und kommt! Posaunen und Tuben, Hörner und Trompeten dröhnten auf, und hunderttausend Trommeln rasselten Angriff. Die Barbaren stießen ihr Kampfgebell aus, die Truppen der Vasallen brüllten: Das Reich dem Kaiser I-tschiu! Der riesige Stierkopf stemmte sich gegen die Mauer der Kaiserstadt. Ruhig drehte sich die Kaiserin um und sprang von der Brüstung. Ganz langsam umwandelte sie den Turmumgang und überschaute die Palaststadt mit ihren Palais, Pavillons, Kiosken, Gärten, Seen und Flüssen. Dem Juwelenpavillon sandte sie noch eine lachende Kußhand, dann schritt sie die Treppe hinab. Trällernd ging sie den Weg zum Drachenrund. Der Weg lag wie beblutet von der untergehenden Sonne, und die tausend goldenen Drachen leuchteten wie gelber Wein aus einem roten Glase. Zwischen den Rosen und Drachen schreitend sang die Kaiserin so: Meine Drachen, meine Treuen! Meine Rosen, meine Geliebten! Könnt nicht lachen mit den Lippen, Euer Lachen ist die Röte, Rot vor Lachen liegt die Welt. Da drang ein Rasseln, Keuchen, Gemurmel heran, und die Kaiserin blieb lauschend vorgebeugt stehen. Sie hörte: – Wer warf die Garden? Wir, die ihr Barbaren schimpft! – Woher die Pfeile, die den Kaiser trafen? Von uns, den Vasallen! – Zurück mit euch! Die Kaiserstadt ist unser! – Unser ist der Kaiser I-tschiu! – Macht, was ihr wollt mit dem! Wir wollen die nackte Kaiserin! – Macht, was ihr wollt mit der! Wir wollen den Thron! – So geht in den Palast und laßt uns hier das Feld! Wir wollen nichts als die nackte Kaiserin. – Gut so! Hahaha! – Lacht immer! aber geht! Es waren die Vasallenfürsten und die Barbarenhäuptlinge, die da aneinander gerieten. Nach einer Weile ward es ruhig, die Vasallenfürsten zogen ab: zum Thronpalast. Die beiden Häuptlinge murmelten miteinander: – Laß du sie mir, Njang-Purr! Nimm alle sechs Serails dafür. – Das möchte dir gefallen, Ak-Pjörl, – haha! Redlich mitsammen gehauen, redlich mitsammen geteilt! – Der Weiber drüben sind über fünfhundert! Die alle du! Ich bloß die Eine, – ist das nicht redlich geteilt? – Ich will die Nackte, die auf dem Turme stand, die schöne Pao! – Du Ziegenkäsfresser? – Was sagst du, räudiger Hund? Sauf Stutenmilch und troll dich! Ein Keuchen, Ächzen, Grunzen, – sie lagen sich wohl in den Haaren. Die Kaiserin lächelte: das sind aimable Freier. Aber es wäre schade, wenn sie sich auffräßen, ehe ich sie sehe. Sie sprang in das Rund zwischen den Rosen und rief: Ei da, ihr Helden da draußen, was laßt ihr mich solange warten, die nach euch schmachtet? Kommt, meine riesigen Recken und holden Herren! Kommt alle Zweie und laßt mich den Schönsten von euch wählen! Njang-Purr ließ die Gurgel Ak-Pjörls los, die er eben zwischen den Fäusten hatte, und Ak-Pjörl hörte auf, die Weichen Njang-Purrs zu quetschen. – Sie hat Recht! – Gehen wir zusammen! Schnaubend, mit wuchtig stampfenden Schritten, hochrot und schwitzend vom Kampfe traten sie in das Drachenrund, zwei massige schwarzhaarige Gesellen mit langen struppigen Bärten, fellumhangen, eisenbehelmt, an den Beinen stahlbebuckelte Lederbinden, unter den Füßen dicke, metallbeschlagene Holzsohlen, in der linken Hand einen breiten krummen Säbel, über und über, wo man das Nackte sah, an Armen, Beinen und Brust, schwarzborstig behaart. – Huh! Welcher mag der Hund sein, welcher das Schwein? dachte sich die Kaiserin zwischen den Rosen. Nach dem Stalle riechen alle beide. Sie hatte sich geduckt, so daß sie von den Barbaren nicht gleich gesehen werden konnte. Die ließen die Blicke wild und gierig herumrollen und riefen: – Wo steckst du, Nackte? – Komm, zeige dich, komm! – Zwischen Rosen sitzt die Braut! lachte die Kaiserin und erhob sich. – Hah! keuchten die Beiden und verschlangen die Kaiserin mit ihren Blicken. Die hatte die Arme hinters Haupt gelegt und lächelte. – Soll ich euch eins tanzen? Und sie begann, sich in den Hüften zu wiegen, und schwang die Arme und bog und drehte sich und lachte dabei leise, heiß. Die beiden Barbaren standen wie angeheftet breitbeinig da, nur ihre Brust hob sich wild. Plötzlich grunzte Njang-Purr heiser auf, machte einen Satz und sprang vor. Aber Ak-Pjörl fuhr hinter ihm drein, erwischte ihn am Fell und brüllte: Halt da! Zurück! Njang-Purr holte mit dem Schwert aus und schlug nach hinten. Krach! höhnte der Schild Ak-Pjörls, und nun haute der zu. Hieb und Krach und Krach und Hieb, – es entwickelte sich ein Kampf auf Leben und Tod zwischen den Zweien, und sie jagten sich unter wildem Geknurr und Gekeuch zwischen den Rosen und Drachen herum. Die Kaiserin stand hoch aufgerichtet da und sah mit lautem Lachen großäugig zu. Da traf Ak-Pjörl seinen Gegner am Halse, und ein dicker Blutstrahl sprang aus der Wunde. Der Getroffene brüllte auf und sank nieder, Ak-Pjörl stürzte sich mit einem heulenden Jauchzer über ihn und riß die Wunde mit beiden Händen auseinander. Starr sah die Kaiserin, wie das Blut über die Hände des Siegers quoll. Sie schloß die Augen, kauerte nieder, lachte gellend auf und stieß sich mit beiden Händen das Schwert in die Brust. Da hob sich ein Rauschen von zweitausend ehernen Schwingen, und die tausend goldenen Drachen stiegen empor, und zwei große rote Vögel flogen in das Rosenrund. Ak-Pjörl ließ von dem Erschlagenen und sprang heulend mitten in die Rosen. Die Vögel flogen auf. Der Barbar, von tausend Dornen gerissen, wand sich durch den Busch und warf sich in die leere Blutlache. Nichts! brüllte er, nichts! Drachenflug und Gespenster! Genarrt! Genarrt! Genarrt! Und er erhob das Kriegsgebell seines Stammes. Von allen Seiten wimmelten die Barbaren heran. Über und über mit Blut besudelt, zerfetzt am ganzen Leibe, mit halbem Barte und halb nackt schrie Ak-Pjörl: Betrogen die Yung! Betrogen die Ti! Feuer, Feuer, Feuer in die Stadt der Paläste! Alles zertreten, zerstampft, zerhackt! Niedergemäht alles Volk! Alles zur Wüste gemacht und zernichtet! Auf! Auf! Auf! Und wie sich der Abend senkte und es dunkel werden wollte, flammte die Palaststadt auf, und in der Volksstadt erhob sich das Gemetzel zwischen den Barbaren und Chinesen. Der Alte im Barte hat es kurz in Verse gebracht: Die eine gab sich selbst den Tod, Nun ist der ganze Himmel rot Vom Blute. Dreihunderttausend starben da, Kein Lachen war, wie das geschah Voll Blute. Barbaren bellten durch die Stadt Und soffen sich mit Heulen satt Im Blute. XXXIII. Der Epilog des Kommentators Tiïen-tzê. Diese wahre Geschichte enthält für Kaiser, Beamte und Volk mancherlei Lehrreiches. Möge es immer wohl beachtet werden. Erstens: Es ist kein Heil bei der Sittenlosigkeit. Eine Weile mag es ja gehen und süß scheinen, aber am Schlusse kommt es immer bitter. Zweitens: Rühre niemand an die guten Traditionen! Sie sind erprobt und dürfen keinesfalls mißachtet werden. Die gelbe Unterschrift des Kaisers hat den Himmel nicht weniger erzürnt, als seine prinzipienlose Regierungsweise. Drittens: Gehe keiner zu weit in der Liebe! Es lauert immer Drachenspeichel darunter. Viertens: Beugt euch der Weisheit gelehrter Männer! Wie recht hatte doch der Hof- und Reichsastrologe Po-yang-fu! Seine Prophezeiung: Weinen und Lachen! Lachen und Weinen! Lamm, verschlungen vom Geiste! Pferd, verfolgt vom Hunde! Hüte dich! Hüte dich Vor dem Bogen von Yen, Vor dem Köcher von Tschi! hat sich aufs Wort genau erfüllt. Denn die Worte »Lamm verschlungen vom Geiste« bezogen sich auf das Todesjahr des Kaisers Hsüan, das unter dem Zeichen des Lammes stand und in dem der Kaiser von Geistern geplagt wurde; das Wort »Pferd verfolgt vom Hunde«, bezog sich auf das Schlußjahr der Regierung Kaiser Yus, das unter dem Zeichen des Pferdes stand und in dem die Barbarenhunde siegten; und was Lachen und Weinen bedeutete und der Bogen von Yen und der Köcher von Tschi, – das hat der geneigte Leser ja wohl gesehen. Fünftens: Ein Kaiser soll sich seine Ratgeber aus dem Kreise ernster Männer, aus dem Stande der geprüften Literaten wählen und nicht aus der lyrischen Bohême. Dieser Liebesgedichtemacher We-tê-king hat viel auf dem Gewissen! Gewiß war er ein tüchtiges Talent auf seinem Gebiete, aber – Minister? Aber – Reichskanzler? Es ist unglaublich! Nun: er ist nicht als Großwürdenträger gestorben! Dem Blutbade entrann er zwar, aber die Barbaren fingen ihn später ein, und er fristete das Ende seiner Tage als Bänkelsänger im Lande der Tis. Sechstens: Wie bei der Auswahl der Minister, so ist auch bei der Auswahl der Palastdamen höchste kaiserliche Vorsicht geboten. Es sollten nur Mädchen von ganz guter und vor allem sicherer Abstammung gewählt werden. Sonst könnte es geschehen, daß wieder so ein mysteriöses Ding des Kaiserlichen Kopfkissens gewürdigt würde. Denn, wer weiß! – das schöne Mädchen von Pao ist vielleicht gar nicht tot. Die Blutlache bedeutet gar nichts! Man vergesse nicht, daß die zwei roten Vögel erschienen! Wer weiß! Wer weiß! Ich fürchte: Der Drachenspeichel ist immer noch da. Es ist gar nicht ausgeschlossen, daß das schöne Mädchen von Pao wiederkommt . . . Der Himmel schütze seinen Sohn!