Hans Christian Andersen Sämmtliche Märchen. Einzige vollständige vom Verfasser besorgte Ausgabe Mit 67 in den Text gedruckten und 12 vorzüglichen großen Illustrationen auf Kupferdruckpapier nach Originalzeichnungen von L. Hutschenreuter und V. Petersen. Neunzehnte vermehrte und verbesserte Auflage. Leipzig. Verlag von Johann Friedrich Hartknoch. Der Tannenbaum. Draußen im Walde stand ein niedlicher kleiner Tannenbaum. Er hatte einen guten Platz; Sonne konnte er bekommen, Luft war genug da, und rings umher wuchsen viele größere Kameraden, sowohl Tannen als Fichten. Der kleine Tannenbaum wünschte aber so sehnlich, größer zu werden! Er achtete nicht der warmen Sonne und der frischen Luft, er kümmerte sich nicht um die Bauernkinder, die da umhergingen und plauderten, wenn sie herausgekommen waren, um Erdbeeren und Himbeeren zu sammeln. Oft kamen sie mit einem ganzen Topf voll und hatten Erdbeeren an einen Strohhalm gereiht; dann setzten sie sich neben den kleinen Tannenbaum und sagten: »Nein! wie niedlich klein ist der!« Das mochte der Baum gar nicht hören. Im folgenden Jahre war er um einen bedeutenden Ansatz größer und das Jahr darauf war er um noch einen länger; denn an den Tannenbäumen kann man immer an den vielen Ansätzen, die sie haben, sehen, wie viele Jahre sie gewachsen sind. »O, wäre ich doch so ein großer Baum, wie die andern!« seufzte das kleine Bäumchen; »dann könnte ich meine Zweige so weit umher ausbreiten und mit der Krone in die weite Welt hinaus blicken! Die Vögel würden dann Nester in meinen Zweigen bauen, und wenn der Wind wehte, könnte ich so vornehm nicken, gerade wie die andern dort!« Er hatte gar keine Freude am Sonnenschein, an den Vögeln und an den rothen Wolken, die Morgens und Abends über ihn hin segelten. War es dann Winter und der Schnee lag weiß und funkelnd rings umher, so kam häufig ein Hase angesprungen und setzte gerade über den kleinen Baum weg – o, das war ihm so ärgerlich! – Aber zwei Winter vergingen, und im dritten war das Bäumchen so groß, daß der Hase um dasselbe herumlaufen mußte. O! wachsen, wachsen, groß und alt werden: das ist doch das einzig Schöne in dieser Welt, dachte der Baum. Im Herbste kamen immer Holzhauer und fällten einige der größten Bäume; das geschah jedes Jahr, und den jungen Tannenbaum, der nun ganz gut gewachsen war, schauerte dabei, denn die großen, prächtigen Bäume fielen mit Prasseln und Krachen zur Erde, die Zweige wurden ihnen abgehauen, die Bäume sahen ganz nackt, lang und schmal aus; sie waren fast nicht mehr zu erkennen. Aber dann wurden sie auf Wagen gelegt, und Pferde zogen sie davon, aus dem Walde hinaus. Wo sollten sie hin? Was stand ihnen bevor? Im Frühjahr, als die Schwalben und Störche kamen, fragte sie der Baum: »Wißt Ihr nicht, wohin sie geführt wurden? Seid Ihr ihnen nicht begegnet?« Die Schwalben wußten nichts; aber der Storch sah nachdenklich aus, nickte mit dem Kopfe und sagte: »Ja, ich glaube wohl! Mir begegneten viele neue Schiffe, als ich aus Aegypten flog; auf den Schiffen waren prächtige Mastbäume; ich darf annehmen, daß sie es waren; sie hatten Tannen-Geruch; ich kann vielmals grüßen; ja! die prangen, die prangen!« »O, wäre ich doch auch groß genug, um über das Meer hin fahren zu können! Wie ist denn eigentlich dieses Meer und wie sieht es aus?« »Ja, das zu erklären, ist zu weitläufig,« sagte der Storch, und damit ging er fort. »Freue Dich Deiner Jugend!« sagten die Sonnenstrahlen; »freue Dich Deines frischen Wachsthums, des jungen Lebens, das in Dir ist.« Und der Wind küßte den Baum, und der Thau weinte Thränen über ihn; aber das verstand der Tannenbaum nicht. Wenn es gegen die Weihnachtszeit ging, wurden ganz junge Bäume gefällt, Bäume, die oft nicht einmal so groß oder gleichen Alters mit diesem Tannenbaum waren, der weder Ruhe noch Rast hatte, sondern immer davon wollte. Diese jungen Bäume, und es waren grade die allerschönsten, behielten immer alle ihre Zweige; sie wurden auf Wagen gelegt, und Pferde zogen sie fort, aus dem Walde hinaus. »Wohin sollen die?« fragte der Tannenbaum. »Sie sind nicht größer, als ich, vielmehr war einer da, der war viel kleiner! Weshalb behielten sie alle ihre Zweige? Wohin fahren sie?« »Das wissen wir! das wissen wir!« zwitscherten die Sperlinge. »Unten in der Stadt haben wir in die Fenster gesehen! Wir wissen, wohin sie fahren! O, sie gelangen zur größten Pracht und Herrlichkeit, die man nur denken kann! Wir haben in die Fenster gesehen und haben wahrgenommen, daß sie mitten in der warmen Stube aufgepflanzt und mit den schönsten Sachen: vergoldeten Aepfeln, Honigkuchen, Spielzeug und vielen Hunderten von Lichtern geschmückt werden.« »Und dann –?« fragte der Tannenbaum und bebte an allen Zweigen. »Und dann? Was geschieht dann?« »Ja, mehr haben wir nicht gesehen! Das war unvergleichlich.« – »Ob ich wohl auch bestimmt bin, diesen strahlenden Weg zu betreten?« jubelte der Tannenbaum. »Das ist noch besser, als über das Meer zu ziehen! Wie leide ich an Sehnsucht! Wäre es doch Weihnachten! Nun bin ich groß und ausgewachsen, wie die andern, die im vorigen Jahre weggeführt wurden! – O, wäre ich erst auf dem Wagen! Ware ich doch erst in der warmen Stube mit aller Pracht und Herrlichkeit! Und dann –? Ja, dann kommt noch etwas Besseres, noch weit Schöneres, weshalb würden sie uns sonst so schmücken! Es muß noch etwas Größeres, noch etwas Herrlicheres kommen –! Aber was? O, ich leide! ich sehne mich, ich weiß selbst nicht, wie mir ist!« »Freue Dich unser!« sagten Luft und Sonnenlicht; »freue Dich Deiner frischen Jugend im Freien!« Aber er freute sich durchaus nicht und wuchs und wuchs; Winter und Sommer stand er grün; dunkelgrün stand er da; die Leute, die ihn sahen, sagten: »Das ist ein schöner Baum!« Und zur Weihnachtszeit wurde er vor Allen zuerst gefällt. Die Axt hieb tief durch das Mark; der Baum fiel mit einem Seufzer zu Boden; er fühlte einen Schmerz, eine Ohnmacht; er konnte gar nicht an irgend ein Glück denken, er war betrübt, von der Heimath scheiden zu müssen, von dem Flecke, auf dem er emporgeschossen war; er wußte ja, daß er die lieben alten Kameraden, die kleinen Büsche und Blumen ringsumher nie mehr sehen würde, ja vielleicht nicht einmal die Vögel. Die Abreise war durchaus nicht angenehm. Der Baum kam erst wieder zu sich selbst, als er, im Hofe mit andern Bäumen abgepackt, einen Mann sagen hörte: »Dieser hier ist prächtig Wir brauchen nur diesen!« Nun kamen zwei Diener in vollem Putz und trugen den Tannenbaum in einen großen, schönen Saal. Ringsumher an den Wänden hingen Bilder, und neben dem Kachelofen standen große, chinesische Vasen mit Löwen auf den Deckeln; da gab es Schaukelstühle, seidene Sophas, große Tische voller Bilderbücher und Spielzeug für hundertmal hundert Thaler – wenigstens sagten das die Kinder. Und der Tannenbaum wurde in ein großes mit Sand gefülltes Gefäß gestellt; aber Niemand konnte sehen, daß es ein Gefäß war, denn es wurde rund herum mit grünem Zeuge behängt und stand auf einem großen bunten Teppich, O, wie der Baum bebte! Was wird nun wohl vorgehen? Sowohl die Diener als die Fräulein schmückten ihn. An seine Zweige hingen sie kleine Netze, ausgeschnitten aus farbigem Papier; jedes Netz war mit Zuckerwerk gefüllt; vergoldete Aepfel und Nüsse hingen herab, als wären sie festgewachsen und über hundert rothe, blaue und weiße Lichterchen wurden in den Zweigen – festgesteckt. Puppen, die leibhaftig wie Menschen aussahen – der Baum hatte früher nie solche gesehen – schwebten im Grünen, und hoch oben auf der Spitze wurde ein Stern von Flitter-Gold befestigt; das war prächtig, ganz außerordentlich prächtig. »Heut Abend,« sagten Alle, »heut Abend wird es strahlen!« »O!« dachte der Baum, »wäre es doch Abend! Würden nur die Lichter bald angezündet! Und was dann wohl geschieht? Ob da wohl Bäume aus dem Walde kommen, mich zu sehen? Ob die Sperlinge gegen die Fensterscheiben stiegen? Ob ich hier festwachse und Winter und Sommer geschmückt stehen werde?« Ja, er rieth nicht übel! aber er hatte ordentlich Borkenschmerzen vor lauter Sehnsucht, und Borkenschmerzen sind für einen Baum ebenso schlimm, wie Kopfschmerzen für uns Andere. Nun wurden die Lichter angezündet. Welcher Glanz! Welche Pracht! Der Baum bebte dabei an allen Zweigen so, daß eins der Lichter das Grüne anbrannte; es sengte ordentlich. »Gott bewahre uns!« schrieen die Fräulein und löschten es hastig aus. Jetzt durfte der Baum nicht einmal mehr beben. O, das war ein Grauen! Ihm war so bange, etwas von seinem Schmuck zu verlieren; er war ganz betäubt von all' dem Glanze. – Und nun gingen beide Flügelthüren auf – und eine Menge Kinder stürzten herein, als wollten sie den ganzen Baum umwerfen; die älteren Leute kamen bedächtig nach. Die Kleinen standen ganz stumm – aber nur einen Augenblick, dann jubelten sie wieder, daß es nur so schallte, sie tanzten um den Baum herum, und ein Geschenk nach dem andern wurde abgepflückt. »Was machen sie?« dachte der Baum. »Was soll geschehen?« Und die Lichter brannten bis dicht an die Zweige herunter, und je nachdem sie niederbrannten, wurden sie ausgelöscht, und dann erhielten die Kinder Erlaubnis;, den Baum zu plündern. O, sie stürzten auf ihn ein, daß es in allen Zweigen knackte; wäre er nicht mit der Spitze und mit dem Goldsterne an der Decke befestigt gewesen, so wäre er umgestürzt. Die Kinder tanzten mit ihrem prächtigen Spielzeuge herum. Niemand sah nach dem Baume, ausgenommen das alte Kindermädchen, welches kam und zwischen die Zweige blickte, aber nur, um zu sehen, ob nicht noch eine Feige oder ein Apfel vergessen worden wäre. »Eine Geschichte! Eine Geschichte!« riefen die Kinder und zogen einen kleinen dicken Mann zu dem Baume hin; und er setzte sich grade unter denselben, »denn da sind wir im Grünen,« sagte er, »und der Baum kann besondern Nutzen davon haben, zuzuhören!« Aber ich erzähle nur Eine Geschichte. Wollt Ihr die von Ivede-Avede oder die von Klumpe-Dumpe hören, der die Treppe hinunterfiel und doch zu Ehren kam und die Prinzessin erhielt?« » Ivede-Avede !« schrieen Einige, » Klumpe-Dumpe !« schrieen Andere; das war ein Rufen und Schreien! Nur der Tannenbaum schwieg ganz still und dachte: »Komme ich gar nicht mit, werde ich nichts dabei zu thun haben?« Er war ja mit gewesen, hatte ja geleistet, was er sollte. Und der Mann erzählte von Klumpe-Dumpe , welcher die Treppen herunterfiel und doch zu Ehren kam und die Prinzessin erhielt. Und die Kinder klatschten in die Hände und riefen: »Erzähle! erzähle!« Sie wollten auch die Geschichte von Ivede-Avede hören, aber sie bekamen nur die von Klumpe-Dumpe . Der Tannenbaum stand ganz stumm und gedankenvoll: nie hatten die Vögel im Walde dergleichen erzählt. » Klumpe-Dumpe fiel die Treppen herunter und bekam doch die Prinzessin! Ja, ja, so geht es in der Welt zu!« dachte der Tannenbaum und glaubte, daß es wahr sei, weil es ein so netter Mann war, der es erzählte. »Ja, ja! wer kann es wissen! Vielleicht falle ich auch die Treppe hinunter und bekomme eine Prinzessin.« Und er freute sich darauf, den nächsten Tag wieder mit Lichtern und Spielzeug, Gold und Früchten angeputzt zu werden. »Morgen werde ich zittern!« dachte er, »Ich will mich recht aller meiner Herrlichkeit freuen. Morgen werde ich wieder die Geschichte von Klumpe-Dumpe und vielleicht auch die von Ivede-Avede hören.« Und der Baum stand die ganze Nacht still und gedankenvoll. Am Morgen kamen die Diener und das Mädchen herein. »Nun beginnt das Schmücken aufs Neue!« dachte der Baum. Aber sie schleppten ihn zum Zimmer hinaus, die Treppe hinauf auf den Boden, und hier, in einen dunkeln Winkel, wo kein Tageslicht hinschien, stellten sie ihn hin. »Was soll das bedeuten?« dachte der Baum. »Was soll ich hier wohl machen? Was mag ich hier wohl hören sollen?« Und er lehnte sich an die Mauer und dachte und dachte.– – Und er hatte Zeit genug; denn es vergingen Tage und Nächte: Niemand kam hinauf; und als endlich Jemand kam, so geschah es, um einige große Kasten in den Winkel zu stellen. Nun stand der Baum ganz versteckt; man mußte glauben, daß er völlig vergessen war. »Jetzt ist es Winter draußen!« dachte der Baum. »Die Erde ist hart und mit Schnee bedeckt, die Menschen können mich jetzt nicht pflanzen! deshalb soll ich wohl bis zum Frühjahr hier im Schutze stehen! Wie wohl bedacht das ist! Wie die Menschen doch so gut sind! – Wäre es hier nur nicht so dunkel und so schrecklich einsam! – Nicht einmal ein kleiner Hase! – Das war doch so niedlich da draußen im Walde, wenn der Schnee lag und der Hase vorübersprang; ja, selbst als er über mich hinwegsprang; aber damals konnte ich es nicht leiden. Hier oben ist es doch schrecklich einsam! »Pip, pip!« sagte da eine kleine Maus und huschte hervor; und dann kam noch eine kleine. Sie beschnüffelten den Tannenbaum und dann schlüpften sie zwischen seine Zweige. »Es ist eine gräuliche Kälte!« sagten die kleinen Mäuse. »Sonst ist es hier gut sein! Nicht wahr, Du alter Tannenbaum?« »Ich bin gar nicht alt!« sagte der Tannenbaum; »es gibt viele, die weit älter sind, als ich!« »Wo kommst Du her?« fragten die Mäuse, »und was weißt Du?« Sie waren gewaltig neugierig. »Erzähle uns doch von dem schönsten Orte auf Erden! Bist Du dort gewesen? Bist Du in der Speisekammer gewesen, wo Käse auf den Brettern liegen und Schinken unter der Decke hängen, wo man auf Talglicht tanzt, mager hinein geht und fett heraus kommt?« »Das kenne ich nicht!« sagte der Baum. »Aber den Wald kenne ich, wo die Sonne scheint, und wo die Vögel singen!« Und dann erzählte er Alles aus seiner Jugend, und die kleinen Mäuse hatten früher dergleichen nie gehört und sie horchten auf und sagten: »Nein, wie viel Du gesehen hast! Wie glücklich Du gewesen bist!« »Ich?« sagte der Tannenbaum und dachte über das, was er selbst erzählte, nach. »Ja, es waren im Grunde ganz fröhliche Zeiten!« – Aber dann erzählte er vom Weihnachtsabend, wo er mit Kuchen und Lichtern geschmückt war. »O!« sagten die kleinen Mäuse, »wie glücklich Du gewesen bist, Du alter Tannenbaum!« »Ich bin gar nicht alt!« sagte der Baum. »Erst diesen Winter bin ich vom Walde gekommen! Ich bin nur so im Wachsthum zurückgeblieben.« »Wie schön Du erzählst!« sagten die kleinen Mäuse. Und in der nächsten Nacht kamen sie mit vier andern kleinen Mäusen, die den Baum erzählen hören sollten, und je mehr er erzählte, desto deutlicher erinnerte er sich selbst an Alles und dachte: »Es waren doch ganz fröhliche Zeiten! Aber sie können wiederkommen; Klumpe-Dumpe fiel die Treppe hinunter und erhielt doch die Prinzessin; vielleicht kann ich auch eine Prinzessin bekommen!« Und dann dachte der Tannenbaum an eine kleine niedliche Birke, die draußen im Walde wuchs; das war für den Tannenbaum eine wirkliche, schöne Prinzessin. »Wer ist Klumpe-Dumpe ?« fragten die kleinen Mäuse. Und dann erzählte der Tannenbaum das ganze Märchen; er konnte sich jedes einzelnen Wortes entsinnen, und die kleinen Mäuse waren nahe daran, aus reiner Freude bis an die Spitze des Baumes zu springen. In der folgenden Nacht kamen weit mehr Mäuse, und am Sonntage sogar zwei Ratten; aber die meinten, die Geschichte sei nicht hübsch, und das betrübte die kleinen Mäuse, denn nun hielten sie auch weniger davon. »Wissen Sie nur die eine Geschichte?« fragten die Ratten. »Nur die eine!« sagte der Baum; »die hörte ich an meinem glücklichsten Abend; damals dachte ich nicht daran, wie glücklich ich war.« »Das ist eine höchst jämmerliche Geschichte! Wissen Sie keine von Speck oder Talglicht? Keine Speisekammer-Geschichte?« »Nein!« sagte der Baum. »Dann danken wir dafür!« erwiderten die Ratten und gingen zu den Ihrigen zurück. Die kleinen Mäuse blieben zuletzt auch weg, und da seufzte der Baum: »Es war doch ganz hübsch, als sie um mich herum saßen, die beweglichen kleinen Mäuse, und zuhörten, wie ich erzählte! Nun ist auch das vorbei! – Aber ich werde daran denken, mich zu freuen, wenn man mich wieder hervorholt!« Aber wann geschah das? – Ja! es war eines Morgens, da kamen Leute und wirthschafteten auf dem Boden; die Kasten wurden weggesetzt, der Baum wurde hervorgezogen; sie warfen ihn freilich ziemlich hart gegen den Fußboden, aber ein Diener schleppte ihn sogleich nach der Treppe hin, wo der Tag leuchtete. »Nun beginnt das Leben wieder!« dachte der Baum; er fühlte die frische Luft, die ersten Sonnenstrahlen – und nun war er draußen im Hofe. Alles ging so geschwind; der Baum vergaß völlig, sich selbst zu betrachten; da war so vieles ringsumher zu sehen. Der Hof stieß an einen Garten, und Alles blühte darin; die Rosen hingen so frisch und duftend über das kleine Gitter hinaus, die Lindenbäume blühten, und die Schwalben flogen umher und sagten: »Quirre-virre-vit, mein Mann ist kommen!« aber es war nicht der Tannenbaum, den sie meinten. »Nun werde ich leben!« jubelte dieser und breitete seine Zweige weit aus: aber ach, sie waren alle vertrocknet und gelb; und er lag da im Winkel zwischen Unkraut und Nesseln. Der Stern von Goldpapier saß noch oben an der Spitze und glänzte im hellen Sonnenschein. Im Hofe selbst spielten einige von den muntern Kindern, die zur Weihnachtszeit den Baum umtanzt hatten und so fröhlich über ihn gewesen waren. Eins der kleinsten lief hin und riß den Goldstern ab. »Sieh, was da noch an dem häßlichen, alten Tannenbaum sitzt!« sagte es und trat auf die Zweige, sodaß sie unter seinen Stiefeln knackten. Und der Baum sah auf all' die Blumenpracht und Frische im Garten; er betrachtete sich selbst und wünschte, daß er in seinem dunkeln Winkel auf dem Boden liegen geblieben wäre; er gedachte seiner frischen Jugend im Walde, des lustigen Weihnachtsabends und der kleinen Mäuse, die so munter die Geschichte von Klumpe-Dumpe angehört hatten. »Vorbei! Vorbei!« sagte der alte Baum. »Hätte ich mich doch gefreut, als ich es noch konnte! Vorbei! Vorbei!« Und der Knecht kam und hieb den Baum in kleine Stücke; ein ganzes Bündel lag da; hell flackerte es auf unter dem großen Braukessel; und er seufzte tief und jeder Seufzer war einem kleinen Schusse gleich; deshalb liefen die Kinder, die da spielten, herbei und setzten sich vor das Feuer, blickten in dasselbe hinein und riefen: »Pfiff! Pfiff!« Aber bei jedem Knalle, der ein tiefer Seufzer war, dachte der Baum an einen Sommertag im Walde, oder an eine Winternacht da draußen, wenn die Sterne funkelten; er dachte an den Weihnachtsabend und an Klumpe-Dumpe, das einzige Märchen, welches er gehört hatte und zu erzählen wußte, und dann war der Baum verbrannt. Die Knaben spielten im Garten, und der kleinste hatte den Goldstern auf der Brust, den der Baum an seinem glücklichsten Abend getragen; und nun war der vorbei, und mit dem Baum war es vorbei und mit der Geschichte auch; vorbei, vorbei – und so geht es mit allen Geschichten! Der Schweinehirt. Es war einmal ein armer Prinz; er hatte ein Königreich, welches ganz klein war; aber es war immer groß genug, um darauf zu heirathen, und verheirathen wollte er sich. Nun war es freilich etwas keck von ihm, daß er zur Tochter des Kaisers zu sagen wagte: »Willst Du mich haben?« Aber er wagte es doch, denn sein Name war weit und breit berühmt; es gab Hunderte von Prinzessinnen, die gern ja gesagt hätten, aber ob sie es wohl thun würde? Nun, wir wollen sehen. Auf dem Grabe des Vaters des Prinzen war ein Rosenstrauch, ein gar herrlicher Rosenstrauch! Der blühte nur jedes fünfte Jahr, und auch dann trug er nur eine einzige Rose; aber was für eine Rose! Die duftete so süß, daß man alle seine Sorge und seinen Kummer vergaß, wenn man daran roch. Und dann hatte er eine Nachtigall, die konnte singen, als ob alle schönen Melodieen in ihrer kleinen Kehle säßen. Diese Rose und diese Nachtigall sollte die Prinzessin haben; und deshalb wurden sie beide in große Silberbehälter gesetzt und so ihr zugesandt. Der Kaiser ließ sie vor sich her in den großen Saal tragen, wo die Prinzessin war und »Es kommt Besuch« mit ihren Hofdamen spielte; und als sie die großen Behälter mit den Geschenken darin erblickte, klatschte sie vor Freude in die Hände. »Wenn es doch eine kleine Mietzekatze wäre!« sagte sie. – Aber da kam der Rosenstrauch mit der herrlichen Rose hervor. »Nein, wie ist die niedlich gemacht!« sagten alle Hofdamen. »Sie ist mehr als niedlich,« sagte der Kaiser, »sie ist charmant!« Aber die Prinzessin befühlte sie, und da war sie nahe daran, zu weinen. »Pfui, Papa!« sagte sie; »sie ist nicht künstlich, sie ist natürlich !« »Pfui!« sagten alle Hofdamen, »sie ist natürlich!« »Laßt uns erst sehen, was in dem andern Behälter ist, ehe wir böse werden,« meinte der Kaiser; und da kam die Nachtigall heraus; die sang so schön, daß man nicht gleich etwas Böses gegen sie vorzubringen wußte. » Superbe! charmant! « sagten die Hofdamen, denn sie plauderten alle französisch, eine immer ärger, als die andere. »Wie der Vogel mich an die Spieldose der seligen Kaiserin erinnert,« sagte ein alter Cavalier; »ach, das ist ganz derselbe Ton, derselbe Vortrag!« »Ja,« sagte der Kaiser, und dann weinte er wie ein kleines Kind. »Es wird doch hoffentlich kein natürlicher sein?« sagte die Prinzessin. »Ja, es ist ein natürlicher Vogel,« sagten Die, welche ihn gebracht hatten. »So laßt den Vogel fliegen,« sagte die Prinzessin, und sie wollte auf keine Weise gestatten, daß der Prinz käme. Aber der ließ sich nicht einschüchtern: er bemalte sich das Antlitz mit Braun und Schwarz, zog die Mütze tief über den Kopf und klopfte an. »Guten Tag, Kaiser!« sagte er; »könnte ich nicht hier auf dem Schlosse einen Dienst bekommen?« »Ja,« sagte der Kaiser, »es sind aber so sehr Viele, die um Anstellung bitten; ich weiß daher nicht, ob es sich machen wird; ich werde aber an Dich denken. Doch, da fällt mir eben ein, ich brauche Jemanden, der die Schweine hüten kann, denn deren haben wir viele, sehr viele.« Und der Prinz wurde angestellt als kaiserlicher Schweinehirt. Er bekam eine jämmerlich kleine Kammer unten beim Schweinekoben, und hier mußte er bleiben; aber den ganzen Tag saß er und arbeitete, und als es Abend war, hatte er einen niedlichen, kleinen Topf gemacht; rings um denselben waren Schellen, und sobald der Topf kochte, klingelten sie auf's Schönste und spielten die alte Melodie: »Ach, Du lieber Augustin, Alles ist hin, hin, hin!« Aber das Allerkünstlichste war doch, daß man, wenn man den Finger in den Dampf des Topfes hielt, sogleich riechen konnte, welche Speisen auf jedem Feuerherd in der Stadt zubereitet wurden. Das war wahrlich etwas ganz Anderes als die Rose. Nun kam die Prinzessin mit allen ihren Hofdamen daherspaziert, und als sie die Melodie hörte, blieb sie stehen und sah ganz erfreut aus; denn sie konnte auch »Ach, Du lieber Augustin« spielen; es war die einzige Melodie, die sie konnte, aber die spielte sie mit Einem Finger. »Das ist ja Das, was ich kann!« sagte sie. »Es muß ein gebildeter Schweinehirt sein! Höre, geh hinunter und frage ihn, was das Instrument kosten soll.« Und da mußte eine der Hofdamen hinuntergehen; aber sie zog Holzpantoffeln an. – »Was willst Du für den Topf haben?« fragte die Hofdame. »Ich will zehn Küsse von der Prinzessin haben,« sagte der Schweinehirt. »Gott bewahre!« sagte die Hofdame. »Ja, für weniger thue ich es nicht,« antwortete der Schweinehirt. »Nun, was antwortete er?« sagte die Prinzessin. »Das kann ich gar nicht sagen,« erwiderte die Hofdame. »Ei, so kannst Du es mir ins Ohr flüstern.« »Er ist unartig!« sagte die Prinzessin, und dann ging sie. – Aber als sie ein kleines Stück gegangen war, erklangen die Schellen so lieblich: »Ach, Du lieber Augustin, Alles ist hin, hin, hin!« »Höre,« sagte die Prinzessin, »frage ihn, ob er zehn Küsse von meinen Hofdamen haben will!« »Ich danke schön,« sagte der Schweinehirt: »zehn Küsse von der Prinzessin, oder ich behalte meinen Topf.« »Das ist doch langweilig!« sagte die Prinzessin, »Aber dann müßt Ihr Euch vor mich stellen, damit es Niemand sieht.« Und die Hofdamen stellten sich davor, und dann breiteten sie ihre Kleider aus, alsdann bekam der Schweinehirt zehn Küsse, und sie erhielt den Topf. Nun, das war eine Freude! Den ganzen Abend und den ganzen Tag mußte der Topf kochen; es gab nicht einen Feuerherd in der ganzen Stadt, von dem sie nicht wußten, was darauf gekocht wurde, sowohl beim Kammerherrn, wie beim Schuhmacher. Die Hofdamen tanzten und klatschten in die Hände. »Wir wissen, wer Suppe und Eierkuchen essen wird; wir wissen, wer Grütze und Carbonade bekommt; wie ist das doch interessant!« »Sehr interessant!« sagte die Oberhofmeisterin. »Ja, aber haltet reinen Mund, denn ich bin des Kaisers Tochter.« »Ja wohl; das versteht sich!« sagten Alle. Der Schweinehirt, das heißt der Prinz – aber sie wußten es ja nicht anders, als daß er ein wirklicher Schweinehirt sei – ließ keinen Tag verstreichen, ohne etwas zu thun, und so machte er eine Knarre, wenn man die herumschwang, erklangen alle die Walzer, Hopser und Polka's, die man seit Erschaffung der Welt gekannt hat. »Aber das ist superbe !« sagte die Prinzessin, indem sie vorbeiging. »Ich habe nie eine schönere Komposition gehört. Höre, gehe hinunter und frage ihn, was das Instrument kosten soll; aber ich küsse ihn nicht wieder.« »Er will hundert Küsse von der Prinzessin haben,« sagte die Hofdame, welche hinunter gegangen war, um zu fragen. »Ich glaube, er ist verrückt!« sagte die Prinzessin, und dann ging sie; aber als sie ein kleines Stück gegangen war, blieb sie stehen. »Man muß zur Kunst aufmuntern,« sagte sie. »Ich bin des Kaisers Tochter! Sage ihm, er solle, wie neulich, zehn Küsse haben; den Rest kann er von meinen Hofdamen bekommen.« »Ach, aber wir thun es so ungern!« sagten die Hofdamen. »Das ist Geschwätz,« sagte die Prinzessin; »und wenn ich ihn küssen kann, so könnt Ihr es auch. Bedenkt, ich gebe Euch Kost und Lohn!« Und nun mußten die Hofdamen wieder zu ihm hinunter. »Hundert Küsse von der Prinzessin,« sagte er, »oder Jeder behält das Seine.« »Stellt Euch vor uns,« sagte sie alsdann; und da stellten alle Hofdamen sich davor, und nun küßte er die Prinzessin. »Was mag das wohl für ein Auflauf beim Schweinekoben sein?« fragte der Kaiser, welcher auf den Balkon hinausgetreten war. Er rieb sich die Augen und setzte die Brille auf. »Das sind ja die Hofdamen, die da ihr Wesen treiben; ich werde wohl zu ihnen hinunter müssen.« – Und so zog er seine Hausschuhe hinten herauf, denn es waren Schuhe, die er zu Pantoffeln niedergetreten hatte. Potz Wetter, wie er sich sputete! Sobald er in den Hof hinunter kam, ging er ganz leise, und die Hofdamen hatten so viel damit zu thun, die Küsse zu zählen, damit es ehrlich zugehe, daß sie den Kaiser gar nicht bemerkten. Er erhob sich auf den Zehen. »Was ist das?« sagte er, als er sah, daß sie sich küßten, und dann schlug er sie mit einem seiner Pantoffeln an die Köpfe, gerade als der Schweinehirt den sechsundachtzigsten Kuß erhielt. »Packt Euch!« sagte der Kaiser, denn er war böse. Und sowohl die Prinzessin, als der Schweinehirt wurden aus seinem Kaiserreiche hinausgestoßen. Da stand sie nun und weinte; der Schweinehirt schalt, und der Regen strömte hernieder. »Ach, ich elendes Geschöpf,« sagte die Prinzessin; »hätte ich doch den schönen Prinzen genommen. Ach, wie unglücklich bin ich!« Und der Schweinehirt ging hinter einen Baum, wischte das Schwarze und Braune aus seinem Gesicht, warf die schlechten Kleider von sich und trat nun in seiner Prinzentracht hervor, so schön, daß die Prinzessin sich verneigen mußte. »Ich bin nun dahin gekommen, daß ich Dich verachte,« sagte er. »Du wolltest keinen ehrlichen Prinzen haben; Du verstandest Dich nicht auf die Rose und die Nachtigall; aber den Schweinehirten konntest Du für eine Spielerei küssen; das hast Du nun dafür!« Und dann ging er in sein Königreich und machte ihr die Thür vor der Nase zu. Da konnte sie draußen stehen und singen: »Ach, Du lieber Augustin, Alles ist hin, hin, hin!« Der Rosen-Elf. Mitten in einem Garten wuchs ein Rosenstock, der war über und über voll Rosen; und in einer derselben, der schönsten von allen, wohnte ein Elf. Der war so winzig klein, daß kein menschliches Auge ihn erblicken konnte. Hinter jedem Blatte in der Rose hatte er eine Schlafkammer. Er war so wohlgebildet und schön, wie nur ein Kind sein konnte, und hatte Flügel von den Schultern bis herunter zu den Füßen. O, welcher Duft war in seinen Zimmern, und wie klar und schön waren die Wände! Es waren ja die blaßrothen Rosenblätter. Den ganzen Tag freute er sich im warmen Sonnenschein, flog von Blume zu Blume, tanzte auf den Flügeln des fliegenden Schmetterlings und maß, wie viel Schritte er zu gehen habe, um über alle Landstraßen und Stege zu gelangen, welche auf einem einzigen Lindenblatte sind. Das war, was wir die Adern im Blatte nennen, die er für Landstraßen und Stege hielt. Ja, das waren ewige Wege für ihn! Ehe er damit fertig wurde, ging die Sonne unter; er hatte auch zu spät damit angefangen! Es wurde sehr kalt, der Thau fiel und der Wind wehte; nun war es das Beste, nach Hause zu kommen. Er tummelte sich, was er konnte; aber die Rose hatte sich geschlossen; er konnte nicht hinein gelangen; – keine einzige Rose stand geöffnet. Der arme, kleine Elf erschrak sehr. Er war früher nie des Nachts draußen gewesen, hatte immer sanft und süß hinter den warmen Rosenblättern geschlummert: o, das wird sicher sein Tod werden! Am andern Ende des Gartens, wußte er, befand sich eine Laube mit schönem Jelängerjelieber; die Blüthen sahen wie große bemalte Hörner aus; in eine derselben wollte er hinabsteigen und bis morgen schlafen. Er flog dahin. Still! Es waren zwei Menschen drin: ein junger, hübscher Mann und ein schönes Mädchen. Sie saßen neben einander und wünschten, daß sie sich nie zu trennen brauchten. Sie waren einander so gut, weit mehr noch, als das beste Kind seiner Mutter und seinem Vater sein kann. »Dennoch müssen wir uns trennen!« sagte der junge Mann. »Dein Bruder mag uns nicht leiden, deshalb sendet er mich mit einem Auftrage so weit über Berge und Seen fort! Lebe wohl, meine süße Braut, denn das bist Du doch!« Dann küßten sie sich, und das junge Mädchen weinte und gab ihm eine Rose. Aber bevor sie ihm dieselbe reichte, drückte sie einen Kuß so fest und innig darauf, daß die Blume sich öffnete. Da flog der kleine Elf in diese hinein und lehnte sein Haupt gegen die feinen, duftenden Wände; hier konnte er gut hören, daß Lebewohl gesagt wurde, lebe wohl! Er fühlte, daß die Rose ihren Platz an des jungen Mannes Brust erhielt. – O, wie schlug doch das Herz darin! Der kleine Elf konnte nicht einschlafen, so pochte es. Aber nicht lange ruhte die Rose auf der Brust ungestört. Der Mann nahm sie hervor und während er einsam in dem dunklen Walde ging, küßte er die Blume, o, so oft und so heftig, daß der kleine Elf fast erdrückt wurde. Er konnte durch das Blatt fühlen wie die Lippen des Mannes brannten, und die Rose selbst hatte sich wie bei der stärksten Mittagssonne geöffnet. Da kam ein anderer Mann, finster und böse; es war des hübschen Mädchens schlechter Bruder. Der zog ein scharfes Messer hervor, und während jener die Rose küßte, stach der schlechte Mann ihn todt, schnitt ihm den Kopf ab und begrub Kopf und Körper in der weichen Erde unter dem Lindenbaume. »Nun ist er vergessen und fort!« dachte der schlechte Bruder; »er kommt nie mehr zurück. Eine lange Reise sollte er machen, über Berge und Seeen: da kann man leicht das Leben verlieren, und das hat er verloren. Er kommt nicht mehr zurück, und mich darf meine Schwester nicht nach ihm fragen.« Dann scharrte er mit dem Fuße dürres Laub über die lockere Erde und ging wieder in der dunklen Nacht nach Hause. Aber er ging nicht allein, wie er dachte: der kleine Elf begleitete ihn. Der saß in einem vertrockneten, zusammengerollten Lindenblatte, welches dem bösen Manne, als er grub, in die Haare gefallen war. Der Hut war nun darüber gesetzt, es war sehr finster im Hute, und der Elf zitterte vor Schreck und Zorn über die schlechte That. In der Morgenstunde kam der böse Mann nach Hause; er nahm seinen Hut ab und ging in der Schwester Schlafkammer hinein. Da lag das schöne, blühende Mädchen und träumte von ihm, dem sie von Herzen gut war und von dem sie nun glaubte, daß er über Berge und durch Wälder ginge. Und der böse Bruder neigte sich über sie und lachte häßlich, wie nur ein Teufel lachen kann. Da fiel das trockene Blatt aus seinem Haare auf die Bettdecke nieder; aber er bemerkte es nicht, und ging hinaus, um in der Morgenstunde selbst ein wenig zu schlafen. Aber der Elf schlüpfte aus dem verwelkten Blatte, setzte sich in das Ohr des schlafenden Mädchens und erzählte ihr wie in einem Traume den schrecklichen Mord; beschrieb ihr den Ort, wo der Bruder den Geliebten ermordet und seine Leiche verscharrt habe; erzählte von dem blühenden Lindenbaume dicht daneben und sagte: »Damit Du nicht glaubst, daß es nur ein Traum sei, was ich Dir erzählt habe, so wirst Du auf Deinem Bette ein dürres Blatt finden!« Und das fand sie, als sie erwachte. O, welche bittere Thränen weinte sie! Das Fenster stand den ganzen Tag offen: der kleine Elf konnte leicht zu den Rosen und all den übrigen Blumen in den Garten hinaus gelangen. Aber er konnte es nicht über sein Herz bringen, die Betrübte zu verlassen. Im Fenster stand ein Strauch mit Monatsrosen: in eine der Blumen setzte er sich und betrachtete das arme Mädchen. Ihr Bruder kam oft in die Kammer hinein und schien, trotz seiner bösen That, immer heiter, sie aber durfte kein Wort über ihren Herzenskummer sagen. Sobald es Nacht wurde, schlich sie sich aus dem Hause, ging im Walde nach der Stelle, wo der Lindenbaum stand, nahm die Blätter von der Erde, grub diese auf und fand ihn, der ermordet war, sogleich. O, wie weinte sie und bat den lieben Gott, daß auch sie bald sterben möge! – Gerne hätte sie die Leiche mit sich nach Hause genommen, aber das konnte sie nicht. Da nahm sie das bleiche Haupt mit den geschlossenen Augen, küßte den kalten Mund und schüttelte die Erde aus seinem schönen Haare. »Das will ich behalten!« sagte sie. Und als sie Erde und Blätter auf den todten Körper gelegt hatte, nahm sie den Kopf und einen kleinen Zweig von dem Jasminstrauche, der im Walde blühte, wo er begraben war, mit sich nach Hause. Sobald sie in ihre Stube trat, holte sie sich den größten Blumentopf, der zu finden war: in diesen legte sie den todten Kopf, schüttelte Erde darauf und pflanzte dann den Jasminzweig in den Topf. »Lebe wohl! Lebe wohl!« flüsterte der kleine Elf; er konnte es nicht länger ertragen, all diesen Schmerz zu sehen, und flog deshalb hinaus zu seiner Rose im Garten. Aber die war abgeblüht; es hingen nur noch verbleichte Blätter an der grünen Hagebutte. »Ach, wie bald ist es doch mit dem Schönen und Guten vorbei!« seufzte der Elf. Zuletzt fand er wieder eine Rose; diese wurde sein Haus; hinter ihren feinen und duftenden Blättern konnte er hausen und wohnen. Jeden Morgen flog er nach dem Fenster des armen Mädchens, sie stand immer bei dem Blumentopfe und weinte. Die bittern Thränen fielen auf den Jasminzweig, und mit jedem Tage, an welchem sie bleicher und bleicher wurde, stand der Zweig frischer und grüner da; ein Schoß trieb nach dem andern hervor; kleine, weiße Knospen blühten auf, und die küßte sie. Aber der böse Bruder schalt die Schwester und fragte, ob sie närrisch geworden sei. Er konnte es nicht leiden und nicht begreifen, weshalb sie immer über dem Blumentopfe weine. Er wußte ja nicht, welche Augen da geschlossen, und welche rothe Lippen da zu Erde geworden waren. Und sie neigte ihr Haupt gegen den Blumentopf, und der kleine Elf von der Rose fand sie da schlummernd. Da setzte er sich in ihr Ohr, erzählte von dem Abende in der Laube, vom Duft der Rose und der Liebe der Elfen. Da träumte sie wunderbar süß, und während sie träumte, entschwand das Leben; sie war eines stillen Todes verblichen; sie war bei ihm, den sie liebte, im Himmel. Und die Jasminblume öffnete ihre großen, weißen Glocken; sie dufteten ganz eigenthümlich süß: anders konnten sie nicht über die Todte weinen. Aber der böse Bruder betrachtete den schön blühenden Strauch, nahm ihn als ein Erbgut zu sich, und setzte ihn in seine Schlafstube, dicht an sein Bett, denn er war herrlich anzuschauen und der Duft war gar süß und lieblich. Der kleine Rosen-Elf folgte mit, flog von Blume zu Blume, – in jeder wohnte ja eine kleine Seele – und erzählte von dem ermordeten jungen Manne, dessen Haupt nun Erde unter der Erde war, erzählte von dem bösen Bruder und der armen Schwester. »Wir wissen es!« sagte eine jede Seele in den Blumen; »wir wissen es! Sind wir nicht aus des Erschlagenen Augen und Lippen entsprossen? Wir wissen es! Wir wissen es!« Und dann nickten sie gar sonderbar mit dem Kopfe. Der Rosen-Elf konnte es nicht begreifen, wie sie so ruhig sein könnten, und flog hinaus zu den Bienen, die Honig sammelten und erzählte ihnen die Geschichte von dem bösen Bruder. Die Bienen sagten es ihrer Königin, und diese befahl, daß sie alle am nächsten Morgen den Mörder umbringen sollten. Aber in der Nacht vorher – es war die erste Nacht, welche auf den Tod der Schwester folgte – als der Bruder in seinem Bette dicht neben dem duftenden Jasminstrauche schlief, öffnete sich ein jeder Blumenkelch, und unsichtbar, aber mit giftigen Stacheln, stiegen die Blumenseelen heraus und setzten sich in sein Ohr und erzählten ihm böse Träume, flogen alsdann über seine Lippen und stachen seine Zunge mit den giftigen Stacheln. »Nun haben wir den Todten gerächt!« sagten sie und flogen zurück in des Jasmins weiße Glocken. Als es Morgen war und das Fenster der Schlafkammer alsdann geöffnet wurde, fuhr der Rosen-Elf mit der Bienenkönigin und dem ganzen Bienenschwarm herein, um ihn zu tödten. Aber er war schon todt; es standen Leute rings um das Bett und sagten: »Der Jasminduft hat ihn getödtet!« Da verstand der Rosen-Elf der Blumen Rache und erzählte es der Königin der Bienen, diese summte mit ihrem ganzen Schwärme um den Blumentopf. Die Bienen waren nicht zu verjagen. Da nahm ein Mann den Blumentopf fort, und eine der Bienen stach seine Hand, sodaß er den Topf fallen und zerbrechen ließ. Da sahen sie den bleichen Todtenschädel, und nun wußten sie, daß der Todte im Bette ein Mörder war. Die Bienenkönigin summte in der Luft und fang von der Rache der Blumen und von dem Rosen-Elf, und daß hinter dem geringsten Blatte Einer wohnt, der das Böse erzählen und rächen kann! Des Kaisers neue Kleider. Vor vielen Jahren lebte ein Kaiser, der so ungeheuer viel auf neue Kleider hielt, daß er all sein Geld dafür ausgab, um recht geputzt zu sein. Er kümmerte sich nicht um seine Soldaten, kümmerte sich nicht um das Theater und liebte es nur, spazieren zu fahren, um seine neuen Kleider zu zeigen. Er hatte einen Rock für jede Stunde des Tages, und eben so, wie man von einem Könige sagt, er ist im Rathe, sagte man hier immer: »Der Kaiser ist in der Garderobe!« In der großen Stadt, in welcher er wohnte, ging es sehr munter zu; an jedem Tage trafen viele Fremde daselbst ein. Eines Tages kamen auch zwei Betrüger an; sie gaben sich für Weber aus und sagten, daß sie das schönste Zeug, das man sich denken könne, zu weben verstanden. Die Farben und das Muster wären nicht allein ungewöhnlich schön, sondern die Kleider, die von dem Zeuge genäht würden, besäßen die wunderbare Eigenschaft, daß sie für jeden Menschen unsichtbar wären, der nicht für sein Amt tauge oder der unverzeihlich dumm sei. »Das wären ja prächtige Kleider,« dachte der Kaiser; »wenn ich die anhätte, könnte ich ja dahinter kommen, welche Männer in meinem Reiche zu dem Amte, das sie haben, nicht taugen; ich könnte die Klugen von den Dummen unterscheiden! Ja, das Zeug muß sogleich für mich gewebt werden!« Und er gab den beiden Betrügern viel Handgeld, damit sie ihre Arbeit beginnen möchten. Sie stellten auch zwei Webstühle auf und thaten, als ob sie arbeiteten; aber sie hatten nicht das Geringste auf dem Stuhle. Frischweg verlangten sie die feinste Seide und das prächtigste Gold, das steckten sie in ihre eigenen Taschen und arbeiteten an den leeren Stühlen bis spät in die Nacht hinein. »Ich möchte doch wohl wissen, wie weit sie mit dem Zeuge sind!« dachte der Kaiser. Aber es war ihm ordentlich beklommen zu Muthe, wenn er daran dachte, daß Derjenige, welcher dumm sei oder nicht zu seinem Amte tauge, es nicht sehen könne. Nun glaubte er zwar, daß er für sich selbst nichts zu fürchten habe, aber er wollte doch erst einen Andern senden, um zu sehen, wie es damit stände. Alle Menschen in der ganzen Stadt wußten, welche besondere Kraft das Zeug habe, und Alle waren begierig, zu sehen, wie schlecht oder dumm ihr Nachbar sei. »Ich will meinen alten, ehrlichen Minister zu den Webern senden!« dachte der Kaiser. »Er kann am Besten beurtheilen, wie das Zeug sich ausnimmt, denn er hat Verstand, und Keiner versteht sein Amt besser, als er!« – Nun ging der alte, gute Minister in den Saal hinein, wo die zwei Betrüger saßen und an den leeren Webstühlen arbeiteten. »Gott behüte uns!« dachte der alte Minister und riß die Augen auf; »ich kann ja nichts erblicken!« Aber das sagte er nicht. Beide Betrüger baten ihn, gefälligst näher zu treten, und fragten, ob es nicht ein hübsches Muster und schöne Farben seien. Dann zeigten sie auf den leeren Webstuhl, und der arme, alte Minister fuhr fort, die Augen aufzureißen; aber er konnte nichts sehen, denn es war nichts da. »Herr Gott!« dachte er, »sollte ich dumm sein? Das habe ich nie geglaubt, und das darf kein Mensch wissen! Sollte ich nicht zu meinem Amte taugen? Nein, es geht nicht an, daß ich erzähle, ich könnte das Zeug nicht sehen!« »Nun Sie sagen nichts dazu?« fragte der Eine, der da webte. »O, es ist niedlich, ganz allerliebst!« antwortete der alte Minister und sah durch seine Brille. »Dieses Muster und diese Farben! – Ja, ich werde dem Kaiser sagen, daß es mir sehr gefällt.« »Nun, das freut uns!« sagten beide Weber, und darauf nannten sie die Farben mit Namen und erklärten das seltsame Muster. Der alte Minister paßte gut auf, damit er dasselbe sagen könnte, wenn er zum Kaiser zurückkäme, und das that er. Jetzt verlangten die Betrüger mehr Geld, mehr Seide und mehr Gold, das sie zum Weben gebrauchen wollten. Sie steckten Alles in ihre eigenen Taschen, auf den Webstuhl kam kein Faden, aber sie fuhren fort, wie bisher, an dem leeren Webstuhle zu arbeiten. Der Kaiser sendete bald wieder einen andern ehrlichen Staatsmann hin, um zu sehen, wie es mit dem Weben stände und ob das Zeug bald fertig sei; es ging ihm gerade, wie dem Ersten; er sah und sah, weil aber außer dem leeren Webstuhle nichts da war, so konnte er nichts sehen. »Ist das nicht ein hübsches Stück Zeug?« fragten die beiden Betrüger und zeigten und erklärten das prächtige Muster, welches gar nicht da war. »Dumm bin ich nicht!« dachte der Mann; »es ist also mein gutes Amt, zu dem ich nicht tauge. Es ist komisch genug, aber das muß man sich nicht merken lassen!« und so lobte er das Zeug, welches er nicht sah, und versicherte ihnen seine Freude über die schönen Farben und das herrliche Muster. »Ja, es ist ganz allerliebst!« sagte er zum Kaiser. Alle Menschen in der Stadt sprachen von dem prächtigen Zeuge. Nun wollte der Kaiser es selbst sehen, während es noch auf dem Webstuhle sei. Mit einer ganzen Schaar auserwählter Männer, unter denen auch die beiden ehrlichen Staatsmänner waren, die schon früher dort gewesen, ging er zu den beiden listigen Betrügern hin, die nun aus allen Kräften webten, aber ohne Faser und Faden. »Ist das nicht prächtig?« sagten die beiden alten Staatsmänner, die schon einmal da gewesen waren. »Sehen Ew. Majestät, welches Muster, welche Farben!« Und dann zeigten sie auf den leeren Webstuhl, denn sie glaubten, daß die Andern das Zeug wohl sehen könnten. »Was!« dachte der Kaiser, »ich sehe gar nichts! Das ist ja schrecklich! Bin ich dumm? Tauge ich nicht dazu, Kaiser zu sein? Das wäre das Schrecklichste, was mir begegnen könnte.« – »O, es ist sehr hübsch!« sagte er. »Es hat meinen allerhöchsten Beifall!« Und er nickte zufrieden und betrachtete den leeren Webstuhl, denn er wollte nicht sagen, daß er nichts sehen könne. Das ganze Gefolge, das er bei sich hatte, sah und sah und bekam nicht mehr heraus, als alle die Andern; aber sie sagten, wie der Kaiser: »O, das ist hübsch!« Und sie riethen ihm, diese neuen, prächtigen Kleider das erste Mal bei der großen Processton, die bevorstand, zu tragen. »Es ist herrlich, niedlich, excellent!« ging es von Mund zu Mund; man schien allerseits innig erfreut darüber, und der Kaiser verlieh den Betrügern den Titel: Kaiserliche Hofweber. Die ganze Nacht vor dem Morgen, an dem die Procession stattfinden sollte, waren die Betrüger auf und hatten über sechzehn Lichter angezündet. Die Leute konnten sehen, daß sie stark beschäftigt waren, des Kaisers neue Kleider fertig zu machen. Sie thaten, als ob sie das Zeug von dem Webstuhle nähmen, sie schnitten mit großen Scheeren in die Luft, sie nähten mit Nähnadeln ohne Faden und sagten zuletzt: »Nun sind die Kleider fertig!« Der Kaiser kam mit seinen vornehmsten Cavalieren selbst dahin, und beide Betrüger hoben den einen Arm in die Höhe, gerade als ob sie Etwas hielten und sagten: »Seht, hier sind die Beinkleider! Hier ist der Rock! Hier der Mantel!« und so weiter. »Es ist so leicht wie Spinngewebe; man sollte glauben, man habe nichts auf dem Leibe; aber das ist gerade die Schönheit davon!« »Ja!« sagten alle Cavaliere; aber sie konnten nichts sehen; denn es war nichts da. »Belieben Ew. kaiserliche Majestät jetzt ihre Kleider allergnädigst auszuziehen,« sagten die Betrüger, »so wollen wir Ihnen die neuen anziehen, hier vor dem großen Spiegel!« Der Kaiser legte alle seine Kleider ab, und die Betrüger stellten sich, als ob sie ihm jedes Stück der neuen Kleider anzögen, welche fertig wären; und der Kaiser wendete sich und drehte sich vor dem Spiegel. »Ei, wie gut sie kleiden! Wie herrlich sie sitzen!« sagten Alle. »Welches Muster, welche Farben! Das ist eine köstliche Tracht!« »Draußen stehen sie mit dem Thronhimmel, welcher über Ew. Majestät in der Procession getragen werden soll,« meldete der Oberceremonienmeister. »Seht, ich bin fertig!« sagte der Kaiser. »Sitzt es nicht gut?« Und dann wendete er sich nochmals zu dem Spiegel, denn es sollte scheinen, als ob er seinen Schmuck recht betrachte. Die Kammerherren, welche die Schleppe tragen sollten, griffen mit den Händen nach dem Fußboden, gerade als ob sie die Schleppe aufhöben; sie gingen und thaten, wie wenn sie Etwas in der Luft hielten; sie wagten nicht, es sich merken zu lassen, daß sie nichts sehen konnten. So ging der Kaiser in Procession unter dem prächtigen Thronhimmel, und alle Menschen auf der Straße und in den Fenstern sprachen: »Gott, wie sind des Kaisers neue Kleider unvergleichlich; welche Schleppe der am Kleide hat, wie schön das sitzt!« Keiner wollte es sich merken lassen, daß er nichts sehe, denn dann hätte er ja nicht zu seinem Amte getaugt oder wäre sehr dumm gewesen. Keine Kleider des Kaisers hatten solches Glück gemacht, wie diese. »Aber er hat ja nichts an!« sagte endlich ein kleines Kind. »Herr Gott, hört des Unschuldigen Stimme!« sagte der Vater; und der Eine zischelte dem Andern zu, was das Kind gesagt hatte. »Aber er hat ja nichts an!« rief zuletzt das ganze Volk. Das ergriff den Kaiser, denn es schien ihm, als hatten sie Recht; aber er dachte bei sich: »Nun muß ich die Procession aushalten.« Und die Kammerherren gingen noch straffer und trugen die Schleppe, die gar nicht da war. Die Störche. Auf dem letzten Hause in einem kleinen Dorfe saß ein Storchnest. Die Storchmutter saß darin bei ihren vier Jungen, welche die Köpfe mit den spitzigen schwarzen Schnäbeln, denn diese waren noch nicht roth geworden, hervorstreckten. Eine kleine Strecke davon stand auf dem Nachrücken, stramm und steif, der Storchvater; er hatte das eine Bein in die Höhe gezogen, um doch nicht ganz müßig zu sein, wahrend er Schildwache stände. Man sollte glauben, er wäre aus Holz geschnitzt gewesen, so still stand er. »Es sieht gewiß recht vornehm aus, daß meine Frau eine Schildwache beim Neste hat!« dachte er. »Sie können ja nicht wissen, daß ich ihr Mann bin. Sie glauben sicher, daß ich commandirt worden bin, hier zu stehen. Das sieht so nobel aus!« Und er fuhr fort, auf einem Beine zu stehen. Unten auf der Straße spielte eine Schaar Kinder; und als sie die Störche gewahrten, sang einer der muthigsten Knaben, und später alle zusammen, den alten Vers von den Störchen. Aber sie sangen ihn nur so, wie er sich dessen entsinnen konnte: »Storch, Storch, fliege heim, Stehe nicht auf einem Bein; Deine Frau im Neste liegt, Wo sie ihre Jungen wiegt. Das eine wird gehängt, Das andere wird versengt, Das dritte man erschießt, Das vierte wird gespießt.« »Höre nur, was die Knaben singen!« sagten die kleinen Storchkinder; »sie singen, wir sollen gehängt und versengt werden!« »Daran sollt Ihr Euch nicht kehren!« sagte die Storchmutter. »Hört nur nicht darauf, so schadet es gar nichts!« Aber die Knaben fuhren fort, zu singen, und sie ätschten den Storch mit den Fingern aus; nur ein Knabe, welcher Peter hieß, sagte, daß es eine Sünde sei, die Thiere zum Besten zu haben, und wollte auch gar nicht mit dabei sein. Die Storchmutter tröstete ihre Jungen: »Kümmert Euch nicht darum, seht nur, wie ruhig Euer Vater steht, und zwar auf einem Beine!« »Wir fürchten uns sehr!« sagten die Jungen und zogen die Köpfe tief in das Nest zurück. Am nächsten Tage, als die Kinder wieder zum Spielen zusammenkamen und die Störche erblickten, sangen sie ihr Lied: »Das eine wird gehängt, Das andere wird versengt.« – »Werden wir wohl gehängt und versengt werden?« fragten die jungen Störche. »Nein, sicher nicht!« sagte die Mutter. »Ihr sollt fliegen lernen; ich werde Euch schon einexerciren! Dann fliegen wir hinaus auf die Wiese und statten den Fröschen Besuch ab; die verneigen sich vor uns im Wasser und singen: Koax, Koax! Und dann essen wir sie auf: das wird ein rechtes Vergnügen abgeben!« »Und was dann?« fragten die Storchjungen. »Dann versammeln sich alle Störche, die hier im ganzen Lande sind, und es beginnt das Herbstmanöver; da muß man gut fliegen; das ist von großer Wichtigkeit. Denn wer dann nicht fliegen kann, wird vom General mit dem Schnabel todt gestochen; deshalb gebt wohl Acht, etwas zu lernen, wenn das Exerciren anfängt!« »So werden wir ja doch gespießt, wie die Knaben sagten, und höre nur, jetzt singen sie wieder.« »Hört auf mich und nicht auf sie,« sagte die Storchmutter. »Nach dem großen Manöver fliegen wir nach den warmen Ländern, weit von hier, über Berge und Wälder. Nach Aegypten fliegen wir, wo es dreieckige Steinhäuser gibt, die, in eine Spitze auslaufend, bis über die Wolken ragen; sie werden Pyramiden genannt und sind älter, als ein Storch es sich denken kann. Dort ist ein Fluß, welcher aus seinem Bette tritt; dann wird das ganze Land zu Schlamm. Man geht in Schlamm und ißt Frösche.« »O!« sagten alle Jungen. »Ja! dort ist es herrlich! Man thut den ganzen Tag nichts Anderes, als essen; und während wir es dort so gut haben, ist in diesem Lande hier nicht ein grünes Blatt auf den Bäumen; hier ist es so kalt, daß die Wolken in Stücke frieren und in kleinen, weißen Lappen herunter fallen!« Es war der Schnee, den sie meinte, aber sie konnte es ja nicht anders erklären. »Frieren dann auch die unartigen Knaben in Stücke?« fragten die jungen Störche. »Nein, in Stücke frieren sie nicht; aber sie sind nahe daran und müssen in der dunklen Stube sitzen und duckmäusern. Ihr könnt dagegen in fremden Ländern umherfliegen, wo es Blumen und warmen Sonnenschein gibt.« Nun war schon einige Zeit verstrichen; und die Jungen waren so groß geworden, daß sie im Neste aufrecht stehen und weit umher sehen konnten; und der Storchvater kam jeden Tag mit schönen Fröschen, kleinen Schlangen und allen Storchleckereien, die er finden konnte. O, das sah lustig aus, wie er ihnen Kunststücke vormachte! Den Kopf legte er ganz zurück bis auf den Schwanz; mit dem Schnabel klapperte er, als wäre es eine kleine Knarre und dann erzählte er ihnen Geschichten, alle vom Sumpfe. »Hört, nun müßt Ihr fliegen lernen!« sagte eines Tages die Storchmutter; und dann mußten alle vier Jungen hinaus auf den Dachrücken. O, wie sie schwankten, wie sie mit den Flügeln balancirten; und doch waren sie nahe daran, herunter zu fallen! »Seht nur auf mich!« sagte die Mutter. »So müßt Ihr den Kopf halten! So müßt Ihr die Füße stellen! Eins, zwei! Eins, zwei! Das ist es, was Euch in der Welt forthelfen wird!« Dann flog sie ein kleines Stück, und die Jungen machten einen kleinen, unbeholfenen Sprung. Bums! da lagen sie, denn ihr Körper war zu schwerfällig. »Ich will nicht fliegen!« sagte das eine Junge und kroch wieder in das Nest hinauf; »mir liegt Nichts daran, nach den warmen Ländern zu kommen!« »Willst Du denn hier erfrieren, wenn es Winter wird? Sollen die Knaben kommen, Dich zu hängen, zu sengen und zu braten? Nun werde ich sie rufen!« »O nein!« sagte der junge Storch und hüpfte dann wieder auf das Dach, wie die andern. Am dritten Tage konnten sie schon ein Bischen fliegen, und da glaubten sie, daß sie auch schweben und auf der Luft ruhen könnten! Das wollten sie, aber bums! da purzelten sie; darum mußten sie schnell die Flügel wieder rühren. Nun kamen die Knaben unten auf der Straße und sangen ihr Lied: »Storch, Storch, fliege heim!« »Wollen wir nicht hinunter fliegen und ihnen die Augen ausstechen?« fragten die Jungen. »Nein, laßt das sein!« sagte die Mutter. »Hört nur auf mich, das ist weit wichtiger! Eins, zwei, drei! nun fliegen wir rechts herum; Eins, zwei, drei! nun links um den Schornstein! – Seht, das war sehr gut! Der letzte Schlag mit den Füßen war so niedlich und richtig, daß Ihr die Erlaubniß erhalten sollt, morgen mit mir in den Sumpf zu fliegen! Da kommen mehrere nette Storchfamilien mit ihren Kindern hin; zeigt ihnen nun, daß die meinen die niedlichsten sind, und daß Ihr recht einherstolzirt; das sieht gut aus und verschafft Ansehen!« »Aber sollen wir denn nicht an den unartigen Buben Rache nehmen?« fragten die jungen Störche. »Laßt sie schreien, so viel sie wollen! Ihr fliegt doch zu den Wolken auf, und kommt nach dem Lande der Pyramiden, wenn sie frieren müssen und kein grünes Blatt, keinen süßen Apfel haben!« »Ja, wir wollen uns rächen!« zischelten sie einander zu, und dann wurde wieder exercirt. Von allen Knaben auf der Straße war keiner ärger darauf erpicht, das Spottlied zu singen, als gerade der, welcher damit angefangen hatte, und das war ein ganz kleiner; er war wohl nicht mehr als sechs Jahre alt. Die jungen Störche glaubten freilich, daß er hundert Jahre zähle, denn er war ja um Vieles größer, als ihre Mutter und ihr Vater, und was wußten sie davon, wie alt Kinder und große Menschen sein könnten! Ihre ganze Rache sollte diesen Knaben treffen; er hatte zuerst begonnen und er blieb auch immer dabei. Die jungen Störche waren sehr aufgebracht, und als sie größer wurden, wollten sie es noch weniger dulden; die Mutter mußte ihnen zuletzt versprechen, daß sie gerächt werden sollten, aber erst am letzten Tage ihres Aufenthalts. »Wir müssen ja erst sehen, wie Ihr Euch bei dem großen Manöver benehmen werdet! Besteht Ihr schlecht, so daß der General Euch den Schnabel durch die Brust stößt, dann haben ja die Knaben recht, wenigstens in einer Weise! Laßt uns nun sehen!« »Ja, das sollst Du!« sagten die Jungen, und nun gaben sie sich recht Mühe; sie übten jeden Tag und flogen so niedlich und leicht, daß es eine Lust war. Nun kam der Herbst: alle Störche begannen, sich zu sammeln und nach den warmen Ländern fortzuziehen, während wir Winter hatten. Das war ein Manöver! Ueber Wälder und Dörfer mußten sie, nur um zu sehen, wie gut sie fliegen könnten, denn es war ja eine große Reise, die ihnen bevorstand. Die jungen Störche machten ihre Sachen so brav, daß sie »Ausgezeichnet gut, mit Frosch und Schlangen« erhielten. Das war das allerbeste Zeugniß, und den Frosch und die Schlangen konnten sie essen; das thaten sie auch. »Nun wollen wir uns rächen!« sagten sie. »Ja gewiß!« sagte die Storchmutter. »Was ich mir ausgedacht, ist gerade das Richtigste! Ich weiß, wo der Teich ist, in dem alle die kleinen Menschenkinder liegen, bis der Storch kommt und sie den Eltern bringt. Die niedlichen, kleinen Kinder schlafen und träumen so lieblich, wie sie später nie mehr träumen. Alle Eltern wollen gern solch ein kleines Kind haben, und alle Kinder wollen eine Schwester oder einen Bruder haben. Nun wollen wir nach dem Teiche hinfliegen und eins für jedes der Kinder holen, welche nicht das böse Lied gesungen und die Störche zum Besten gehabt haben!« »Aber Der, welcher zu singen angefangen, der schlimme, häßliche Knabe!« schrieen die jungen Störche; »was machen wir mit ihm?« »Da liegt im Teiche ein kleines, todtes Kind, das sich todt geträumt hat; das wollen wir für ihn nehmen; da wird er weinen, weil wir ihm einen kleinen, todten Bruder gebracht haben; aber dem guten Knaben – ihn habt Ihr doch nicht vergessen, ihn, der da sagte: Es sei Unrecht, die Thiere zum Besten zu haben! – ihm wollen wir sowohl einen Bruder, als eine Schwester bringen. Und da der Knabe Peter hieß, so sollt Ihr auch allesammt Peter heißen!« Und es geschah, wie sie sagten; und es hießen alle Störche Peter, und so werden sie noch genannt. Das Liebespaar. Ein Kreisel und ein Bällchen lagen im Kasten beisammen unter anderem Spielzeug, und da sagte der Kreisel zum Bällchen: »Wollen wir nicht Brautleute sein, da wir doch in Einem Kasten zusammenliegen?« Aber das Bällchen, welches von Saffian genäht war, und das sich eben so viel einbildete, als ein feines Fräulein, wollte auf dergleichen nicht antworten. Am nächsten Tage kam der kleine Knabe, dem das Spielzeug gehörte: er bemalte den Kreisel roth und gelb und schlug einen Messing-Nagel mitten hinein; das sah einmal recht prächtig aus, wenn der Kreisel sich herumdrehte! »Sehen Sie mich an!« sagte er zum Bällchen. »Was sagen Sie nun? Wollen wir nun nicht Brautleute sein? Wir passen so gut zu einander: Sie springen und ich tanze! Glücklicher, als wir Beide, würde Niemand werden können!« »So? Glauben Sie das?« sagte das Bällchen. »Sie wissen wohl nicht, daß mein Vater und meine Mutter Saffianpantoffeln gewesen sind, und daß ich einen spanischen Kork im Leibe habe?« »Ja, aber ich bin von Mahagoniholz,« sagte der Kreisel; »und der Bürgermeister hat mich selbst gedrechselt. Er hat seine eigene Drechselbank und es hat ihm viel Vergnügen gemacht.« »Kann ich mich darauf verlassen?« fragte das Bällchen. »Möge ich niemals die Peitsche bekommen, wenn ich lüge!« erwiderte der Kreisel. »Sie wissen gut für sich zu sprechen!« sagte das Bällchen. »Aber ich kann doch nicht: ich bin mit einer Schwalbe so gut wie versprochen; jedes Mal, wenn ich in die Luft fliege, steckt sie den Kopf zum Neste heraus und fragt: »Wollen Sie?« Und nun habe ich innerlich ja gesagt, und das ist so gut, wie eine halbe Verlobung; aber ich verspreche Ihnen, Sie nie zu vergessen!« »Ja, das wird viel helfen!« sagte der Kreisel. Und so sprachen sie nicht mehr mit einander. Am nächsten Tage wurde das Bällchen von dem Knaben hervorgenommen. Der Kreisel sah, wie es hoch in die Luft flog, gleich einem Vogel; zuletzt konnte man es gar nicht mehr erblicken; jedes Mal kam es wieder zurück, machte aber immer einen hohen Sprung, wenn es die Erde berührte; und das geschah entweder aus Sehnsucht, oder weil es einen spanischen Kork im Leibe hatte. Das neunte Mal aber blieb das Bällchen weg und kam nicht wieder; und der Knabe suchte und suchte, aber weg war es. »Ich weiß wohl, wo es ist!« seufzte der Kreisel. »Es ist im Schwalbenneste und hat sich mit der Schwalbe verheirathet!« Je mehr der Kreisel daran dachte, um so mehr wurde er für das Bällchen eingenommen; gerade weil er es nicht bekommen konnte, darum nahm seine Liebe zu; daß es einen Andern genommen hatte, das war das Eigenthümliche dabei; und der Kreisel tanzte herum und schnurrte, dachte aber beständig an das Bällchen, welches in seinen Gedanken immer schöner und schöner wurde. So verstrich manches Jahr – – und nun war es eine alte Liebe. Und der Kreisel war nicht mehr jung! – – Aber da wurde er eines Tages über und über vergoldet; nie hatte er so schön ausgesehen; er war nun ein Goldkreisel und sprang, daß er schnurrte. Ja, das war doch etwas! Aber auf einmal sprang er zu hoch und – weg war er! Man suchte und suchte, selbst unten im Keller, doch er war nicht zu finden. – – Wo war er? Er war in den Kehrichtkasten gesprungen, wo Allerlei lag: Kohlstrünke, Kehricht und Schutt, welcher von der Dachrinne herunter gefallen war. »Nun liege ich freilich gut! Hier wird die Vergoldung bald von mir verschwinden. Ach, unter welches Gesindel bin ich hier gerathen!«, und dann schielte er nach einem langen, abgeblätterten Kohlstrunk, und nach einem sonderbaren, runden Dinge, welches wie ein alter Apfel aussah; – aber es war kein Apfel, es war ein altes Bällchen, welches viele Jahre in der Dachrinne gelegen hatte und vom Wasser ganz durchnäßt war. »Gott sei Dank, da kommt doch einer Unsersgleichen, mit dem man sprechen kann!« sagte das Bällchen und betrachtete den vergoldeten Kreisel. »Ich hin eigentlich von Saffian, von Jungfrauen-Händen genäht, und habe einen spanischen Kork im Leibe; aber das wird mir wohl Niemand ansehen. Ich war nahe daran, mich mit einer Schwalbe zu verheirathen, allein da fiel ich in die Dachrinne, und darin habe ich wohl fünf Jahre gelegen und bin ausgequollen! Glauben Sie mir, das ist eine lange Zeit für ein junges Bällchen!« Aber der Kreisel sagte nichts; er dachte an seine alte Liebe, und je mehr er hörte, desto klarer wurde es ihm, daß sie es war. Da kam das Dienstmädchen und wollte den Kasten umwenden: »Heisa, da ist der Goldkreisel!« sagte es. Und der Kreisel kam wieder zu Ansehen und Ehre, aber vom Bällchen hörte man nichts. Und der Kreisel sprach nie mehr von seiner alten Liebe; die vergeht, wenn die Geliebte fünf Jahre lang in einer Wasserrinne gelegen hat und ausgequollen ist; ja, man erkennt sie nicht wieder, wenn man ihr im Kehrichtkasten begegnet. Die Geschichte des Jahres. Es war tief im Januar, ein furchtbares Schneegestöber tobte; der Schnee wirbelte durch Straßen und Gassen; die Fensterscheiben waren draußen wie mit Schnee überklebt, von den Dächern stürzte er in Massen, und in die Leute war Eile gekommen; sie liefen, flogen und fuhren einander in die Arme, sie hielten sich einen Augenblick fest, und standen wenigstens so lange sicher. Kutschen und Pferde waren gleichsam überzuckert; die Bedienten standen mit dem Rücken gegen den Kutschenrand und fuhren rücklings gegen den Wind; der Fußgänger hielt sich beständig im Schutze der Wagen, die sich nur langsam in dem tiefen Schnee vorwärts bewegten, und als sich endlich der Sturm legte, und längs der Häuser ein schmaler Steg geschaufelt wurde, blieben die Leute doch auf diesem stehen, wenn sie sich begegneten; Keiner von ihnen mochte den ersten Schritt thun und ausweichend in den tiefen Schnee treten, damit der Andere vorbeischlüpfen könne. Still und stumm standen sie da, bis endlich wie nach schweigender Uebereinkunft Jeder ein Bein preisgab, und es in dem Schneehaufen begrub. Gegen Abend war es windstill, der Himmel sah aus als ob er gefegt wäre, und höher und durchsichtiger gemacht sei, die Sterne schienen nagelneu zu sein, und einige waren zur Verwunderung hell und klar, – es fror, daß es knisterte, – da konnte wohl die oberste Schneelage so stark werden, daß sie in der Morgenstunde die Sperlinge trug; diese hüpften bald auf, bald nieder, wo geschaufelt war, aber viel Futter war nicht zu finden, und es fror sie nicht wenig. »Piep!« sagte der eine zum andern, »das heißt ein neues Jahr! – es ist ja schlimmer als das alte! da hätten wir das letztere ebenso gut behalten können. Ich bin unzufrieden und habe ein Recht dazu!« »Ja, die Menschen liefen nun umher und begrüßten durch Schießen das neue Jahr,« sagte ein kleiner durchfrorner Sperling, »sie warfen Töpfe gegen die Thüren und waren vor Freude außer sich, weil nun das alte Jahr verschwunden! Ich war auch froh darüber, denn ich hoffte, wir würden warme Tage bekommen, aber daraus ist nichts geworden; es friert weit strenger als vorher; die Menschen haben sich in der Zeitrechnung geirrt!« »Das haben sie!« sagte ein dritter, der alt und weiß am Schopfe war; »sie haben da Etwas, das sie den Kalender nennen, der ist nun so ihre eigene Erfindung, und Alles soll sich deshalb nach ihm richten; aber das geht nicht so! Wenn der Frühling kommt, beginnt das Jahr, das ist der Lauf der Natur, und darnach rechne ich!« »Aber, wann kommt der Frühling?« fragten die Andern. »Der kommt, wenn der Storch wiederkehrt, aber mit dem ist es sehr unbestimmt, und hier in der Stadt weiß Niemand was Bestimmtes davon, auf dem Lande wissen sie es besser, wollen wir dort hinausfliegen und es abwarten? Dort ist man jedenfalls dem Frühlinge näher.« »Ja, das mag Alles ganz gut sein!« sagte einer von den Sperlingen, der lange umher gehüpft war und gepiept hatte, ohne eigentlich etwas gesagt zu haben. »Ich habe hier in der Stadt einige Bequemlichkeiten gefunden, welche ich draußen zu vermissen befürchte. Hier in der Nähe, auf einem Hofe wohnt eine Menschenfamilie, welche den sehr vernünftigen Einfall bekommen hat, drei bis vier Blumentöpfe an der Wand zu befestigen, sodaß die großen Oeffnungen gegen dieselbe, die Boden der Töpfe aber nach außen gewendet sind, in einen jeden von diesen ist ein Loch geschnitten, so groß, daß ich ein- und ausfliegen kann; dort habe ich und mein Mann das Nest, und alle unsere Jungen sind von dort ausgeflogen. Die Menschenfamilie hat natürlich das Ganze eingerichtet, um das Vergnügen zu haben, uns zu sehen, sonst würden sie es gewiß nicht gethan haben. Ihres Vergnügens wegen streuen sie auch Brotkrümchen aus, und so haben wir das Futter, es ist gleichsam für uns gesorgt; – deshalb glaube ich, daß ich und mein Mann bleiben; obgleich wir sehr unzufrieden sind, – aber wir bleiben!« »Und wir fliegen auf's Land, um zu sehen, ob nicht der Frühling kommt!« und fort flogen sie. Draußen auf dem Lande war strenger Winter, es fror einige Grade stärker als in der Stadt. Der scharfe Wind strich über die schneebedeckten Felder. Der Bauer saß mit großen Fausthandschuhen in seinem Schlitten, schlug kreuzend seine Arme, um die Kälte auszutreiben; die Peitsche lag auf seinen Knieen; die mageren Pferde liefen, daß sie dampften; der Schnee knisterte und die Sperlinge hüpften in den Räderspuren und froren. »Piep! wann kommt der Frühling? Es dauert sehr lange!« »Sehr lange!« scholl es von dem nächsten, schneebedeckten Hügel weit übers Feld hin; es konnte das Echo sein, welches man hörte, aber auch die Rede des wunderbaren alten Mannes, der in Wind und Wetter hoch oben auf dem Schneehaufen saß, er war ganz weiß, wie ein Bauer im weißen, groben Friesrock, mit langem, weißem Haar, ganz bleich, und mit großen, klaren Augen. »Wer ist der Alte dort?« fragten die Sperlinge. »Das weiß ich!« sagte ein alter Rabe, der auf dem Zaunpfahl saß, und herablassend genug war, um anzuerkennen, daß wir Alle vor dem Angesichte des Herrn kleine Vögel sind, und sich deshalb auch mit den Sperlingen einließ und Aufklärung gab. »Ich weiß, wer der Alte ist. Es ist der Winter, der alte Mann vom vorigen Jahre, er ist nicht todt, wie der Kalender sagt, sondern Vormund für den kleinen Prinzen Frühling, welcher kommt. Ja, der Winter führt das Regiment. Hu! die Kälte schüttelt Euch wohl, Ihr Kleinen?« »Ja, ist's nicht so, wie ich sage?« äußerte der Kleinste. »Der Kalender ist nur Menschenerfindung, er ist nicht nach der Natur eingerichtet! Das sollten sie uns überlassen, die wir seiner geschaffen sind!« Und eine Woche verging, es vergingen zwei; der gefrorne Landsee lag starr und sah wie geronnenes Blei aus, es waren feuchte, eiskalte Nebel, die über dem Lande hingen; die großen, schwarzen Krähen flogen in Strichen dahin, ohne Geschrei, es war, als ob Alles schliefe. – Da glitt ein Sonnenstrahl über den See hin, und dieser glänzte wie geschmolzenes Zinn. Die Schneedecke auf dem Felde und auf dem Hügel schimmerte nicht wie früher, aber die weiße Gestalt, der Winter selbst, saß noch dort, den Blick unverwandt nach Süden gerichtet; er bemerkte nicht, daß der Schneeteppich gleichsam in die Erde sank, daß hier und dort ein kleiner, grüner Fleck hervorkam; da wimmelte es dann von Sperlingen. »Quivit! Quivit! kommt der Frühling nun?« »Der Frühling!« klang es über Feld und Flur und durch die schwarzbraunen Wälder, wo das Moos frischgrün an den Baumstämmen glänzte; und aus dem Süden kamen die beiden ersten Störche durch die Luft geflogen; auf dem Rücken eines jeden saß ein kleines, liebliches Kind, ein Knabe und ein Mädchen; sie küßten die Erde zum Gruße, und wohin sie ihre Füße setzten, wuchsen weiße Blumen unter dem Schnee hervor; Hand in Hand gingen sie zu dem alten Eismanne, dem Winter, legten sich zu neuer Begrüßung an seine Brust, und in demselben Nu waren sie alle Drei und die ganze Landschaft verhüllt; ein dicker, feuchter Nebel, schwer und dicht, verschleierte Alles. – Allmälig erhob sich der Wind, – brausend fuhr er nun dahin, und mit heftigen Stößen verjagte er den Nebel, warm glänzte die Sonne; – der Winter selbst war verschwunden, des Frühlings liebliche Kinder saßen auf dem Throne des Jahres. »Das nenne ich Neujahr!« sagten die Sperlinge. »Nun bekommen wir wohl unsere Gerechtsame und Vergütung für den strengen Winter wieder!« Wohin die beiden Kinder sich wandten, brachen grüne Knospen an Büschen und Bäumen hervor, das Gras schoß in die Höhe, das Saatfeld ergrünte immer mehr und immer lieblicher. Ringsumher streute das kleine Mädchen Blumen aus, über und über ruhten sie in ihrem aufgeschürzten Kleide, sie schienen dort hervor zu wimmeln, das Kleid war immer voll, wie eifrig sie die Blumen auch ausstreute, – in ihrem Eifer schüttete sie einen reichen Blüthenschnee über Apfel- und Pfirsichbäume, daß diese in voller Pracht standen, ehe noch ihre grünen Blätter recht hervorgesprossen waren. Und sie klatschte in die Hände und der Knabe klatschte; alsdann kamen Schaaren von Vögeln geflogen, man wußte nicht woher, und alle zwitscherten und sangen: »Der Frühling ist gekommen!« Das war wunderschön zu sehen. Manches alte Mütterchen trat aus der Thür in den Sonnenschein hinaus, rüttelte und schüttelte sich behaglich, warf einen Blick auf die gelben Blumen, die überall auf dem Felde prangten, war es doch ganz wie in seinen eigenen jungen Tagen; die Welt wurde ihm wieder jung, »heute ist ein gesegneter Tag, hier draußen!« sagte es. Der Wald trug noch sein braungrünes Gewand, Knospe an Knospe; aber der Waldmeister war schon da, frisch und duftend, Veilchen gab es in Fülle, Anemonen und Primeln keimten, in jedem Grashalme war Saft und Kraft: das war freilich ein Prachtteppich, auf dem man sich niederlassen mußte . Dort saß auch das junge Paar des Frühlings Hand in Hand, sang, lächelte und wuchs immer und immer. Ein milder Regen fiel vom Himmel auf sie herab, sie merkten es nicht, Regentropfen und Freudenthränen verschmolzen in einen Tropfen. Braut und Bräutigam küßten sich, und in demselben Nu entfaltete sich des Waldes Grün. – Als die Sonne aufging, waren alle Wälder grün! Und Hand in Hand schritt das Brautpaar unter frischem, hängendem Laubdache einher, wo nur die Strahlen des Sonnenlichts und die Schlagschatten den Farbenwechsel im Grünen hervorbrachten. Welche jungfräuliche Reinheit, welcher erfrischende Duft in den feinen Blättern! Klar und lebendig rieselte Aue und Bach zwischen dem sammetgrünen Schilfe und über die bunten Steine dahin. »Vollauf ewig und immer ist es und bleibt es!« sprach die ganze Natur. Der Kuckuk rief und die Lerche schwirrte, es war ein herrlicher Frühling; aber die Weidenbäume trugen wollene Fausthandschuhe um ihre Blüthen; sie waren sehr vorsichtig, und das ist langweilig! Es vergingen Tage, und es vergingen Wochen, die Wärme wälzte sich gleichsam herab; heiße Luftwellen zogen durch das Korn, das immer gelber und gelber wurde. Des Nordens weißer Lotus breitete seine großen, grünen Blätter auf dem Wasserspiegel der Waldseen aus, und die Fische suchten den Schatten unter denselben; an der Schutzseite des Waldes, wo die Sonne auf die Wand des Bauernhauses niederstrahlte, und die entfalteten Rosen und die Kirschbäume, welche voll saftiger, schwarzer, beinahe sonnenheißer Beeren hingen, durchwärmte, – dort saß des Sommers liebliches Weib, dasselbe, welches wir als Kind und als Braut gesehen haben; sein Blick hing an den steigenden, dunklen Wolken, welche in Wellenformen, wie Berge, schwarzblau und schwer, sich höher und höher hoben. Sie kamen von drei Seiten; immer wachsend, wie ein versteintes, umgekehrtes Meer senkten sie sich gegen den Wald, wo Alles wie durch einen Zauber verstummt war. Jeder Luftzug hatte sich gelegt, jeder Vogel schwieg, es war ein Ernst, eine Erwartung in der ganzen Natur; aber auf Wegen und Stegen eilten Fahrende, Reitende und Gehende dahin, um unter Dach zu kommen. – Da leuchtete es plötzlich als ob die Sonne hervorbräche: flammend, blendend, Alles verzehrend! und die Finsterniß brach wieder ein bei rollendem Gekrach! Das Wasser stürzte in Strömen hernieder; es wurde dunkel und wieder hell, es trat Stille ein und wieder lautes Getöse. Das junge, braungefiederte Röhricht im Moore bewegte sich in langen Wogen, des Waldes Zweige verbargen sich im Wassernebel, die Finsterniß kam, das Licht brach ein, die Stille und das Getöse wechselten. – Gras und Korn lagen wie niedergeschlagen, wie hingeschwemmt, als sollten sie sich nie wieder heben. – Plötzlich zog der Regen sich in einzelne Tropfen zusammen, die Sonne strahlte, und an Halm und Blatt glänzten die Wassertropfen wie Perlen, die Vögel sangen, die Fische schnellten sich über den Wasserspiegel in der Aue empor, die Mücken tanzten, und draußen auf dem Steine im salzigen, gepeitschten Meerwasser saß der Sommer selbst, der kräftige Mann, mit den festen Gliedern, mit nassem, triefendem Haar, – erjüngt von dem frischen Bade saß er im warmen Sonnenscheine. Die ganze Natur rings umher war verjüngt, Alles stand üppig, kräftig und schön; es war Sommer, warmer, lieblicher Sommer! Angenehm und süß war der Duft, der aus dem üppigen Kleefelde emporströmte, die Bienen summten dort um die alte Thingstätte; die Brombeerranke schlängelte sich um den Altarstein, der vom Regen gewaschen, im Sonnenlichte glänzte, dorthin flog die Bienenkönigin mit ihrem Schwärme und bereitete Wachs und Honig. Nur der Sommer sah es und sein kräftiges Weib; für sie stand der Altartisch mit den Opfergaben der Natur gedeckt. Der Abendhimmel leuchtete wie Gold, keine Kirchenkuppel glänzt so reich, und der Mond schien zwischen Abendröthe und Morgenröthe: es war Sommer! Und es vergingen Tage und es vergingen Wochen. – Die blanken Sensen der Schnitter blinkten in den Kornfeldern, die Zweige des Apfelbaumes bogen sich schwer von rothen und gelben Früchten; der Hopfen duftete lieblich und hing in großen Büscheln, und unter den Haselstauden, wo die Nüsse in schweren Dolden saßen, ruhten Mann und Weib, der Sommer mit seinem ernsten Weibe. »Welch ein Reichthum!« sagte es, »ringsumher ist Segen verbreitet, überall ist's heimisch und gut, und doch, ich weiß es selbst nicht, ich sehne mich nach – Stille, – Ruhe, – ich weiß nicht das Wort dafür! – Nun pflügen sie schon wieder auf dem Felde! Mehr und immer mehr wollen die Menschen gewinnen! Sieh, die Störche kommen in Schaaren, und gehen in einiger Entfernung hinter dem Pfluge her; der Vogel Aegyptens, welcher uns durch die Luft trug! Erinnerst Du Dich dessen noch, wie wir Beide als Kinder hierher nach dem Lande des Nordens kamen? – Blumen brachten wir, lieblichen Sonnenschein und grüne Wälder; der Wind verfuhr hart mit ihnen, sie bräunen und dunkeln, wie die Bäume des Südens, aber goldene Früchte tragen sie nicht, wie diese!« »Die goldenen Früchte willst Du sehen?« fragte der Sommer, »so freue Dich denn!« Er erhob seinen Arm, und des Waldes Blätter färbten sich roth und golden, Farbenpracht kam über alle Wälder; die Rosenhecke glänzte mit feuerrothen Hanebutten, die Fliederzweige hingen voll schwerer, großer, schwarzbrauner Beeren, die wilden Kastanien fielen reif aus den schwarzgrünen Schalen, und im Waldesgrunde blühten die Veilchen zum zweiten Male. Aber die Königin des Jahres wurde stiller und immer bleicher. »Es weht kalt!« sagte sie, »die Nacht bringt feuchte Nebel! – ich sehne mich nach dem – Lande der Kindheit!« Und sie sah die Störche fortfliegen, alle und jeden, und sie streckte die Hände nach ihnen aus. – Sie blickte nach den Nestern hinauf, welche leer standen, in dem einen wuchs die langstielige Kornblume, in einem andern der gelbe Rübsamen, als ob das Nest nur zu deren Schutze und zu deren Umzäunung da sei, und die Sperlinge flogen in die Nester der Störche hinauf. »Piep! Wo ist die Herrschaft geblieben! Sie kann es wohl nicht vertragen, wenn es weht, und deshalb hat sie das Land verlassen! Ich wünsche glückliche Reise!« Des Waldes Blätter wurden immer gelber, und Laub fiel auf Laub, die Stürme des Herbstes brausten; das Spätjahr war weit vorgerückt, und auf dem gelben Laubfalle ruhte die Königin des Jahres und schaute mit milden Augen nach dem schimmernden Sterne, und der Gatte stand bei ihr. Ein Windstoß wirbelte im Laube – es fiel wieder in Menge, da war sie verschwunden, aber ein Schmetterling, der letzte des Jahres, flog durch die kalte Luft. Die feuchten Nebel kamen, eisiger Wind blies, und die finstern, längsten Nächte schritten einher. Der Herrscher des Jahres stand da mit schneeweißen Locken; aber er selbst wußte es nicht, er glaubte, es seien Schneeflocken, die aus den Wolken fielen; eine dünne Schneedecke breitete sich über das grüne Feld. Und die Kirchenglocken läuteten die Weihnachtszeit ein. »Die Glocken der Geburt läuten!« sagte der Herrscher des Jahres, »bald wird das neue Herrscherpaar geboren; und ich gehe zur Ruhe, wie mein Weib! Zur Ruhe im leuchtenden Sterne!« Und im frischen grünen Tannenwalde, wo der Schnee lag, stand der Weihnachtsengel und weihte die jungen Bäume ein, die sein Fest verherrlichen sollten. »Freude im Zimmer und unter den grünen Zweigen!« sagte der alte Herrscher des Jahres, in Wochen war er zu einem schneeweißen Greise gealtert. »Meine Ruhezeit naht, das junge Paar des Jahres erhält nun Krone und Scepter!« »Die Macht ist doch Dein!« sagte der Weihnachtsengel, »die Macht und nicht die Ruhe! Laß den Schnee wärmend auf der jungen Saat liegen! Lerne es ertragen, daß einem Andern gehuldigt wird, und daß Du doch Herrscher bist! Lerne es, vergessen zu sein und doch zu leben! Die Stunde Deiner Freiheit kommt, wenn der Frühling erscheint!« »Wann kommt der Frühling?« fragte der Winter. »Der kommt, wenn der Storch einkehrt!« Und mit weißen Locken und schneeweißem Barte saß der Winter eiskalt, gebeugt und betagt, aber stark wie der Wintersturm und des Eises Macht, hoch auf der Schneewehe des Hügels und schaute gen Süden, wo er vorher gesessen und hinausgeblickt hatte. – Das Eis krachte, der Schnee knisterte, die Schlittschuhläufer kreisten auf den blanken Seen, und Raben und Krähen nahmen sich auf dem weißen Grunde gut aus, kein Wind rührte sich. In der stillen Luft ballte der Winter die Fäuste und das Eis war klafterdick zwischen Land und Land. Da kamen die Sperlinge wieder aus der Stadt und fragten: »Wer ist der alte Mann dort?« Und der Rabe saß wieder da, oder ein Sohn von ihm, was ja ganz dasselbe ist, der antwortete ihnen und sagte: »Der Winter ist's! Der alte Mann vom vorigen Jahre. Er ist nicht todt, wie der Kalender sagt, sondern Vormund des Frühlings, welcher kommt!« »Wann kommt der Frühling?« fragten die Sperlinge; »dann bekommen wir gute Zeit und besseres Regiment! Das alte taugte nicht.« Und in stillen Gedanken nickte der Winter dem blattlosen schwarzen Walde zu, wo jeder Baum die liebliche Form und Biegung der Zweige zeigte; und während des Winterschlafes senkten sich die eiskalten Nebel der Wolken, – dem Herrscher träumte von seiner Jugendzeit und von seinem Mannesalter, und gegen Tagesanbruch prangte der ganze Wald in blitzendem Reife, das war der Sommertraum des Winters: der Sonnenschein streute Reif von den Zweigen. »Wann kommt der Frühling?« fragten die Sperlinge. »Der Frühling!« klang es wie ein Echo von den Hügeln, auf welchen der Schnee lag. Die Sonne schien warmer, der Schnee schmolz, die Vögel zwitscherten: »Der Frühling kommt!« Und hoch durch die Luft kam der erste Storch, der zweite folgte; ein liebliches Kind saß auf dem Rücken eines jeden, und sie senkten sich nieder auf das offene Feld, küßten die Erde, und küßten den alten, stillen Mann, und wie Moses auf dem Berge verschwand er, vom Wolkennebel getragen. Die Geschichte des Jahres war zu Ende. »Das ist sehr richtig!« sagten die Sperlinge, »es ist auch sehr schön, aber es ist nicht nach dem Kalender, und darum ist es verkehrt!« Erlenhügel. Einige große Eidechsen liefen schnellfüßig in den Spalten eines alten Baumes umher; sie konnten einander gut verstehen, denn sie sprachen die Eidechsen-Sprache. »Wie das in dem alten Erlenhügel poltert und brummt!« sagte die eine Eidechse. »Ich habe vor dem Lärm schon zwei Nächte kein Auge zuthun können; ich konnte ebenso gut Zahnweh haben, denn da schlaf ich auch nicht.« »Da drinnen ist etwas los!« sagte die andere Eidechse. »Sie lassen den Hügel, bis Morgens der Hahn kräht, auf vier rothen Pfählen stehen; er wird recht ausgelüftet; und die Erlenmädchen haben neue Tänze gelernt. Da ist etwas los!« »Ja, ich habe mit einem Regenwurm aus meiner Bekanntschaft gesprochen,« sagte die dritte Eidechse; »der Regenwurm kam gerade aus dem Hügel, wo er Tag und Nacht in der Erde gewühlt hatte; der hatte Vieles gehört; sehen kann er ja nicht, das elende Thier, aber hineinzutappen und zu lauschen versteht er. Sie erwarten Fremde im Erlenhügel, vornehme Fremde; aber wen, das wollte der Regenwurm nicht sagen, oder er wußte es nicht. Alle Irrlichter sind bestellt, um einen Fackelzug zu halten, wie man das nennt; das Silber und Gold, wovon genug im Hügel ist, wird polirt und im Mondschein ausgestellt!« »Wer mögen wohl die Fremden sein?« fragten alle Eidechsen. »Was mag da wohl los sein? Höre, wie es summt! Höre, wie es brummt!« Zur selbigen Zeit theilte sich der Erlenhügel, und ein altes Erlenmädchen, hinten hohl, kam heraus getrippelt; es war des alten Erlenkönigs Haushälterin; sie war mit der Familie weitläufig verwandt und trug ein Bernsteinherz vor der Stirn. Ihre Beine bewegten sich so hurtig: trip, trip! Potztausend, wie konnte sie trippeln und das gerade hinunter in das Meer zum Nachtraben. Wenn vor Zeiten sich ein Gespenst zeigte, so bannte es der Prediger in die Erde; war dies geschehen, so rammte man einen Pfahl an dieser Stelle ein. Um Witternacht ertönte dann das Geschrei: »Laß los!« der Pfahl wurde herausgenommen, und der gebannte Geist flog in Gestalt eines Raben davon, mit einem Loch im linken Flügel. Dieser Gespenstervogel wurde Nachtrabe genannt. »Sie werden zum Erlenhügel eingeladen, und zwar diese Nacht,« sagte sie; »aber wollen Sie uns nicht einen großen Dienst erweisen und die Einladungen übernehmen? Sie müssen auch etwas thun, da Sie selbst kein Haus machen. Wir bekommen einige sehr vornehme Freunde, Zauberer, die etwas zu sagen haben; und deshalb will sich der alte Erlenkönig zeigen!« »Wer soll eingeladen werden?« fragte der Nachtrabe. »Zu dem großen Balle kann alle Welt kommen, selbst Menschen, wenn sie nur im Schlaf sprechen oder etwas dergleichen thun können, was in unsere Art fällt. Aber bei dem ersten Feste soll strenge Auswahl herrschen: wir wollen nur die Allervornehmsten haben. Ich habe mich mit dem Erlenkönig gestritten, denn ich meinte, wir könnten nicht einmal Gespenster zulassen. Der Meermann und seine Töchter müssen zuerst eingeladen werden. Es mag ihnen wohl nicht lieb sein, auf's Trockene zu kommen, aber sie sollen schon einen nassen Stein zum Sitzen oder noch etwas Besseres haben, und dann, denke ich, werden sie es für dieses Mal wohl nicht abschlagen. Alle alten Dämonen erster Classe mit Schweifen, den Alraun und die Kobolde müssen wir haben, und dann, denke ich, können wir das Grabschwein, das Todtenpferd Es ist ein Volksaberglaube in Dänemark, daß unter jeder Kirche, die gebaut wird, ein lebendiges Pferd begraben werden muß; das Gespenst desselben ist das Todtenpferd, das jede Nacht auf drei Beinen nach dem Hause hinkt, wo Jemand sterben soll. Unter einige Kirchen wurde auch ein lebendiges Schwein begraben, das Gespenst davon hieß das Grabschwein. und den Kirchenzwerg nicht weglassen; sie gehören freilich mit zur Geistlichkeit, die nicht zu unsern Leuten gezählt wird; aber das ist nur ihr Amt; sie sind mit uns doch nahe verwandt, und machen uns fleißig Besuch.« »Kräh,« sagte der Nachtrabe und flog davon, um einzuladen. Die Erlenmädchen tanzten schon auf dem Erlenhügel und sie tanzten mit Shawls, die aus Nebel und Mondschein gewebt waren, und das sieht recht niedlich aus, für Die, die dergleichen lieben. Mitten in dem Erlenhügel war der große Saal herrlich aufgeputzt; der Fußboden war mit Mondschein gewaschen und die Wände mit Hexenfett abgerieben, sodaß sie gleich Tulpenblättern vor dem Lichte glänzten. In der Küche waren vollauf Frösche am Spieße, Schneckenhäute mit Kinderfingern darin und Salate von Pilzsamen, feuchten Mäuseschnauzen und Schierling; Vier von der Sumpffrau Gebräu, glänzender Salpeterwein aus Grabkellern: Alles höchst solide; verrostete Nägel und Kirchenfensterglas gehörte zum Naschwerk. Der alte Erlenkönig ließ seine Goldkrone mit gestoßenem Schieferstift poliren; es war Bank-Erster-Schiefer und es ist für den Erlenkönig sehr schwer, Bank-Erster-Schiefer zu erhalten! Im Schlafgemach wurden Gardinen aufgehängt und mit Schneckenspeichel befestigt. Ja, das war ein rechtes Summen und Brummen! »Nun muß hier mit Roßhaaren und Schweineborsten geräuchert werden, dann glaube ich das Meinige gethan zu haben!« sagte das Erlenmädchen. »Väterchen!« sagte die kleinste der Töchter; »werde ich nun erfahren, wer die vornehmen Fremden sind?« »Nun ja,« sagte er, »jetzt muß ich es wohl sagen! Zwei meiner Töchter müssen sich zur Heirath bereit halten; zwei werden sicher verheirathet. Der alte Kobold oben aus Norwegen, er, der im alten Dovre-Gebirge wohnt und viele Klippen-Schlösser von Feldsteinen und ein Goldwert besitzt, welches besser ist, als man glaubt, kommt mit seinen beiden Söhnen herunter, die sich eine Frau aussuchen sollen. Der alte Kobold ist ein echter alter, ehrlicher norwegischer Greis, lustig und schlicht: ich kenne ihn aus alten Tagen, als wir Brüderschaft mit einander tranken; er war hier unten, seine Frau zu holen; nun ist sie todt; sie war eine Tochter des Königs der Kreidefelsen von Möen. Er nahm seine Frau auf Kreide, wie man zu sagen pflegt. O, wie ich mich nach dem norwegischen alten Kobolde sehne! Die Knaben, sagt man, sollen etwas unartige, naseweise Jungen sein; aber man kann ihnen ja wohl auch Unrecht thun, und sie werden schon gut, wenn sie älter werden. Laßt mich nun sehen, daß man ihnen Manieren beibringt!« »Und wann kommen sie?« fragte die eine Tochter. »Das kommt auf Wind und Wetter an!« sagte der Erlenkönig. »Sie reisen ökonomisch! Sie kommen mit Schiffsgelegenheit herunter. Ich wollte, sie sollten über Schweden gehen, aber der Alte neigte sich nicht nach jener Seite! Er schreitet nicht mit der Zeit fort, und das kann ich nicht leiden!« Da kamen zwei Irrlichter angehüpft, das eine schneller als das andere, und deshalb kam das eine zuerst. »Sie kommen! sie kommen!« riefen sie. »Gebt mir meine Krone und laßt mich im Mondscheine stehen.« sagte der Erlenkönig. Die Töchter hoben die Shawls auf und verneigten sich bis zur Erde. Da stand der Kobold-Greis von Dovre, mit der Krone von gehärteten Eis- und polirten Tannenzapfen; übrigens hatte er einen Bärenpelz und große warme Stiefel an; die Söhne hingegen gingen im bloßen Halse und in Hosen ohne Tragbänder, denn es waren Kraftmänner. »Ist das eine Anhöhe?« fragte der kleinste der Knaben und zeigte auf den Erlenhügel. »Das nennen wir oben in Norwegen ein Loch.« »Jungen!« sagte der Alte, »Loch geht hinein, Höhe geht hinauf. Habt Ihr denn keine Augen im Kopfe?« Das Einzige, was sie hier unten Wunder nähme, sagten sie, wäre, daß sie ohne Weiteres die Sprache verstehen könnten. »Habt Euch nur nicht!« sagte der Alte; »man möchte glauben, Ihr wäret nicht recht ausgebacken.« Und nun gingen sie in den Erlenhügel hinein, wo die wahrhaft seine Gesellschaft versammelt war, und das in einer Hast, man sollte glauben, sie seien zusammengeweht. Aber für Jeden war es niedlich und nett eingerichtet. Die Meerleute saßen in großen Wasserkübeln zu Tische; sie sagten, es sei gerade als ob sie zu Hause wären. Alle beobachteten die Tischsitte, nur die beiden kleinen nordischen Kobolde nicht; die legten die Beine auf den. Tisch; aber sie glaubten, daß ihnen Alles gut stehe. »Die Füße vom Napfe!« sagte der alte Kobold, und da gehorchten sie zwar, aber doch nicht sogleich. Ihre Tischdame kitzelten sie mit Tannenzapfen, die sie in der Tasche mit sich führten, und dann zogen sie ihre Stiefel aus, um bequem zu sitzen, und gaben ihr die Stiefel zu halten. Aber der Vater, der alte Dovre-Kobold, war freilich ganz anders; er erzählte so schön von den stolzen nordischen Felsen, und von Wasserfällen, die weißschäumend mit einem Gepolter wie Donnerschlag und Orgelklang niederstürzten; erzählte vom Lachse, der gegen die stürzenden Wasser emporspringt, wenn der Reck auf der Goldharfe spielt; er erzählte von den glänzenden Winternächten, wenn die Schlittenschellen tönen und die Burschen mit brennenden Fackeln über das Eis hinlaufen, welches so durchsichtig ist, daß sie die Fische unter ihren Füßen erschrecken sehen. Ja, er konnte so erzählen, daß man sah, was er beschrieb; es war gerade, als wenn Sägemühlen gingen, als wenn Knechte und Mägde Lieder sangen und den Hallingtanz tanzten; heisa, mit einem Male gab der alte Kobold dem alten Erlenmädchen einen Gevatter-Schmatz: das war ein ordentlicher Kuß! Und doch gingen sie einander nichts an. Nun mußten die Erlenmädchen tanzen, und zwar sowohl einfach, wie mit Stampfen, und das stand ihnen gut; dann kam der Kunst- und Solotanz. Der Tausend! wie sie die Beine ausstrecken konnten; man wußte nicht, was Ende und was Anfang, wußte nicht, was Arme und was Beine waren; das ging Alles unter einander wie Sägespäne; und dann schnurrten sie herum, daß dem Todtenpferde und dem Grabschweine unwohl wurde, und sie vom Tische gehen mußten. »Prrr!« sagte der alte Kobold, »ist das ein Wirtschaften mit den Beinen! Aber was können sie mehr als tanzen, die Beine ausstrecken und Wirbelwind machen?« »Das sollst Du bald erfahren,« sagte der Erlenkönig. Und dann rief er die jüngste von seinen Töchtern vor. Sie war so behende und klar wie Mondschein; sie war die feinste von allen Schwestern, Sie nahm einen weißen Span in den Mund, und dann war sie ganz fort: das war ihre Kunst. Aber der alte Kobold sagte, diese Kunst möge er bei seiner Frau nicht leiden, und er glaube auch nicht, daß seine Jungen etwas davon hielten. Die Andere konnte sich selbst zur Seite gehen, gerade als ob sie einen Schatten hätte, und den hat das Koboldvolk nicht. Die Dritte war ganz anderer Art; sie hatte in der Sumpffrau Brauhaus gelernt, und sie war es, die es verstand, Erlenknorren mit Johannis-Würmern zu spicken. »Sie wird eine gute Hausfrau abgeben,« sagte der alte Kobold, und dann stieß er mit den Augen an, denn er wollte nicht so viel trinken. Nun kam die Vierte; die hatte eine große Harfe zum Spielen; und als sie die erste Saite anschlug, erhoben Alle das linke Bein, denn die Kobolde sind linkbeinig; und als sie die zweite Saite anschlug, mußten Alle das thun, was sie wollte. »Das ist ein gefährliches Frauenzimmer!« sagte der alte Kobold; aber beide Söhne gingen zum Hügel hinaus, denn nun hatten sie es satt. »Und was kann die nächste Tochter?« fragte der Kobold-Greis. »Ich habe gelernt, das Norwegische zu lieben,« sagte sie, »und nie werde ich mich verheirathen, wenn ich nicht nach Norwegen kommen kann.« Aber die kleinste der Schwestern flüsterte dem Alten zu: »Das ist nur, weil sie aus einem norwegischen Liede gehört hat, daß, wenn die Welt untergeht, die nordischen Klippen doch gleich Denksteinen stehen bleiben werden, und deshalb will sie da hinauf, denn sie fürchtet das Untergehen so sehr.« »Ho, ho!« sagte der alte Kobold, »war es so gemeint? Aber was kann die Siebente und Letzte?« »Die Sechste kommt vor der Siebenten!« sagte der Erlenkönig, denn er konnte rechnen; aber die Sechste wollte nicht recht herauskommen. »Ich kann nur den Leuten die Wahrheit sagen,« sagte sie; »um mich kümmert sich Niemand, und ich habe genug damit zu thun, mein Sterbezeug zu nähen.« Nun kam die Siebente und Letzte, und was konnte die? Ja, die konnte Märchen erzählen, und zwar so viel sie wollte. »Hier sind meine fünf Finger,« sagte der alte Kobold; »erzähle mir eins von jedem!« Und sie faßte ihn um das Handgelenk, und er lachte, daß es in ihm gluckste; und als sie zum Goldfinger kam, der einen Goldring um den Leib hatte, gerade als ob er wisse, daß Verlobung sein solle, sagte der alte Kobold: »Halte fest, was Du hast; die Hand ist Dein; Dich will ich selbst zur Frau haben!« Und das Erlenmädchen sagte, daß das Märchen vom Goldfinger und vom kleinen Peter Spielmann noch fehlten. »Die wollen wir im Winter hören,« sagte der Kobold, »und von der Tanne wollen wir hören und von der Birke und von den Geistergeschenken und von dem klingenden Froste! Du sollst schon erzählen, denn das versteht noch keiner so recht dort oben! – Und dann wollen wir in der Steinstube, wo der Kienspan brennt, sitzen und Meth aus den goldenen Hörnern der alten norwegischen Könige trinken; der Reck hat mir ein Paar geschenkt; und wenn wir dasitzen, kommt die Nixe zum Besuch; sie singt Dir alle Lieder der Hirtenmädchen im Gebirge. Das wird lustig werden. Der Lachs wird im Wassersturze springen und gegen die Steinwände schlagen; aber er kommt doch nicht herein. – Ja, es ist gar gut sein in dem lieben alten Norwegen! Aber wo sind die Jungen?« Ja, wo waren die? Sie liefen auf dem Felde umher, und bliesen die Irrlichter aus, die so gutmüthig kamen, um den Fackelzug zu bringen. »Was ist das für ein Herumstreichen?« fragte der alte Kobold. »Ich habe mir eine Mutter für Euch genommen, nun könnt ihr eine von den Tanten nehmen.« Aber die Jungen sagten, daß sie am liebsten eine Rede halten und Brüderschaft trinken wollten; zum Heirathen hätten sie keine Lust. – Und da hielten sie Reden, tranken Brüderschaft und machten die Nagelprobe, um zu zeigen, daß sie ausgetrunken hatten. Nachher zogen sie die Röcke aus und legten sich auf den Tisch, um zu schlafen, denn es genirte sie nicht. Aber der alte Kobold tanzte mit seiner jungen Braut in der Stube herum und wechselte Stiefel mit ihr, denn das ist feiner, als Ringe wechseln. »Nun kräht der Hahn!« sagte das alte Erlenmädchen, welche das Hauswesen besorgte. »Nun müssen wir die Fensterladen schließen, damit die Sonne uns nicht verbrennt!« Und nun schloß sich der Hügel. Aber draußen liefen die Eidechsen in dem geborstenen Baume auf und nieder, und die eine sagte zur andern: »O, wie mir der norwegische alte Kobold gefiel!« »Mir gefallen die Knaben besser!« sagte der Regenwurm. Aber er konnte ja nicht sehen, das elende Thier! Die lieblichste Rose der Welt. Es herrschte einst eine Königin, in deren Garten man die herrlichsten Blumen zu allen Jahreszeiten und aus allen Ländern der Welt fand, aber besonders liebte sie die Rosen, und deshalb besaß sie von diesen die verschiedensten Arten, von der wilden Heckenrose mit den apfelduftenden grünen Blättern an bis zur schönsten Rose der Provence; sie wuchsen an der Schloßmauer, schlängelten sich um die Säulen und Fensterrahmen, in die Hausgänge hinein und längs der Decke in allen Sälen; und die Rosen wechselten in Duft, in Form und Farbe. Aber Sorge und Betrübniß wohnte drinnen; die Königin lag auf dem Krankenbette, und die Aerzte verkündeten, daß sie sterben müsse. »Es ist dennoch eine Rettung für sie!« sagte der Weiseste unter ihnen, »Bringt ihr die lieblichste Rose der Welt, diejenige, welche der Ausdruck der höchsten und reinsten Liebe ist, kommt die vor ihre Augen, ehe sie brechen, so stirbt sie nicht!« Jung und Alt kamen von allen Seiten mit Rosen, mit den lieblichsten, welche in jedem Garten blühten, aber es waren nicht die rechten; aus dem Garten der Liebe mußte die Blume geholt werden; aber welche Rose war dort der Ausdruck der höchsten, der reinsten Liebe? Die Dichter sangen von lieblichsten Rose der Welt, jeder nannte die seine. Und es ging Botschaft weit im Lande umher an jedes Herz, das in Liebe schlug, es ging Botschaft an jeden Stand und an jedes Alter. »Keiner hat bis jetzt die Blume genannt,« sagte der Weise, »Keiner hat auf den Ort hingezeigt, wo sie in ihrer Herrlichkeit hervorsproß. Es sind nicht die Rosen von Romeo's und Julien's Sarge oder von Walburg's Grabe, obgleich diese Rosen immer in Liedern duften werden; es sind nicht die Rosen, welche aus Winkelried's blutigen Lanzen emporsprießen, aus dem Blute, welches heilig aus der Brust des Helden im Tode fürs Vaterland quillt, obgleich kein Tod süßer ist, keine Rose rother als das Blut, welches dort fließt. Es ist auch nicht jene Wunderblume, für deren Pflege der Mann in Jahren und Tagen in langen, schlaflosen Nächten, in der einfachen Stube, sein frisches Leben hingiebt, – der Wissenschaft magische Rose.« »Ich weiß, wo sie blüht,« sagte eine glückliche Mutter, die mit ihrem zarten Kinde an das Lager der Königin kam. »Ich weiß, wo die herrlichste Rose der Welt gefunden wird! Die Rose, welche der Ausdruck der höchsten und reinsten Liebe ist, sie entsprießt den blühenden Wangen meines süßen Kindes, wenn es, vom Schlaf gestärkt, die Augen aufschlägt, und mir mit seiner ganzen Liebe entgegenlächelt!« »Lieblich ist diese Rose, aber es giebt noch eine lieblichere!« sagte der Weise. »Ja, eine viel schönere!« sagte eine der Frauen. »Ich habe sie gesehen, eine erhaben-heiligere Rose blüht nicht; aber sie war bleich, wie die Blätter der Theerose; ich sah sie auf den Wangen der Königin; sie hatte ihre königliche Krone abgelegt und trug selbst in der langen, kummervollen Nacht ihr krankes Kind, sie weinte, küßte es, und betete zu Gott für das Kind, wie eine Mutter in der Stunde der Angst betet!« »Heilig und wunderbar ist die weiße Rose der Trauer in ihrer Macht, aber die gesuchte ist sie nicht!« »Nein, die herrlichste Rose sah ich vor dem Altar des Herrn,« sagte der fromme, alte Bischof. »Ich sah sie leuchten, als ob eines Engels Antlitz sich zeigte. Die jungen Mädchen gingen zum Tische des Herrn, erneuerten den Bund ihrer Taufe, und es blühten und es erbleichten Rosen auf den frischen Wangen; ein junges Madchen stand da, sie blickte mit voller Reinheit und Liebe der ganzen Seele zu ihrem Gott empor; das war der Ausdruck der reinsten und höchsten Liebe!« »Sie sei gesegnet!« sagte der Weise, »aber noch Keiner von Euch hat bis jetzt die lieblichste Rose der Welt genannt«. Da trat ein Kind ins Zimmer, der kleine Sohn der Königin; Thränen standen in seinen Augen und auf seinen Wangen; er trug ein großes aufgeschlagenes Buch, der Einband war von Sammet, mit großen silbernen Spangen. »Mutter!« sagte der Kleine, »o, höre doch, was ich gelesen habe!« das Kind setzte sich ans Bett und las aus dem Buche von Ihm, der sich selbst dem Tode am Kreuze hingab, um die Menschen und sogar die ungebornen Geschlechter zu retten. »Größere Liebe giebt es nicht!« Und Rosenschein flog über die Wangen der Königin, ihre Augen strahlten, denn sie sah, daß aus den Blättern des Buches sich die lieblichste Rose erhob, das Bild derjenigen, welche aus dem Blute Christi am Kreuzesstamme entsprang. »Ich sehe sie!« sagte sie. »Niemals stirbt Derjenige, welcher diese Rose, die herrlichste auf Erden, erblickt!« Der standhafte Zinnsoldat. Es waren einmal fünfundzwanzig Zinnsoldaten alle Brüder, denn sie waren von einem alten zinnernen Löffel geboren. Das Gewehr hielten sie im Arme und das Gesicht gerade aus; roth und blau war ihre Uniform. Das Erste, was sie in dieser Welt hörten, als der Deckel von der Schachtel genommen wurde, in der sie lagen, war das Wort: »Zinnsoldaten!« Das rief ein kleiner Knabe und klatschte in die Hände; er hatte sie bekommen, denn es war sein Geburtstag, und stellte sie nun auf dem Tische auf. Der eine Soldat glich dem andern leibhaftig, nur ein einziger war zuletzt gegossen und da hatte das Zinn nicht ausgereicht; doch stand er eben so fest auf seinem einen Beine, als die andern auf ihren zweien, und grade er ist es, der merkwürdig wurde. Auf dem Tische, auf welchem sie aufgestellt wurden, stand viel anderes Spielzeug; aber das, was am meisten in die Augen fiel, war ein niedliches Schloß von Papier. Durch die kleinen Fenster konnte man in die Säle hineinsehen. Vor dem Schlosse standen kleine Bäume rings um einen kleinen Spiegel, der wie ein klarer See aussah. Schwäne von Wachs schwammen darauf und spiegelten sich. Das war Alles niedlich, aber das Niedlichste war doch eine kleine Dame, die mitten in der offenen Schloßthüre stand; sie war auch aus Papier geschnitten, aber sie hatte einen Rock vom klarsten Linnen an und ein kleines, schmales, blaues Band über die Schultern, ähnlich einem Gewande; mitten in diesem saß eine glänzende Flitterrose, so groß wie ihr ganzes Gesicht. Die kleine Dame streckte ihre beiden Arme aus, denn sie war Tänzerin; und dann hob sie das eine Bein so hoch empor, daß der Zinnsoldat es durchaus nicht finden konnte und glaubte, daß sie, wie er, nur ein Bein habe. »Das wäre eine Frau für mich!« dachte er; »aber sie ist sehr vornehm; sie wohnt in einem Schlosse; ich habe nur eine Schachtel, und da sind wir fünfundzwanzig drin; das ist kein Ort für sie! Doch ich muß mit ihr Bekanntschaft machen!« dann legte er sich, so lang er war, hinter eine Schnupftabaksdose, welche auf dem Tische stand; da konnte er die kleine, feine Dame recht betrachten, die fortfuhr, auf einem Beine zu stehen, ohne aus dem Gleichgewichte zu kommen. Als es Abend wurde, kamen alle die andern Zinnsoldaten in ihre Schachtel, und die Leute im Hause gingen zu Bette. Nun fing das Spielzeug an zu spielen, sowohl »Es kommt Besuch«, als auch »Krieg führen und Ball geben«. Die Zinnsoldaten rasselten in der Schachtel, denn sie wollten mit dabei sein, aber sie konnten den Deckel nicht abheben. Der Nußknacker machte Purzelbäume, und der Griffel belustigte sich auf der Tafel; es war ein Lärm, daß der Kanarienvogel davon erwachte und anfing mitzusprechen, und zwar in Versen. Die beiden Einzigen, die sich nicht von der Stelle bewegten, waren der Zinnsoldat und die Tänzerin; sie hielt sich gerade auf einer Fußzehenspitze und hatte beide Arme ausgestreckt; er war eben so standhaft auf seinem einen Beine; seine Augen wandte er keinen Augenblick von ihr. Jetzt schlug die Uhr Zwölf und klatsch! da sprang der Deckel von der Schnupftabaksdose; aber es war kein Tabak drin, sondern ein kleiner schwarzer Kobold; das war ein Kunststück. »Zinnsoldat!« sagte der Kobold; »sieh doch nicht nach Dem, was Dich Nichts angeht!« Aber der Zinnsoldat that, als ob er es nicht hörte. »Ja, warte nur bis morgen!« sagte der Kobold. Als es nun Morgen wurde und die Kinder aufstanden, wurde der Zinnsoldat in das Fenster gestellt und, war es nun der Kobold oder der Zugwind, auf einmal flog das Fenster auf und der Soldat fiel Hals über Kopf aus dem dritten Stockwerke hinunter. Das war eine schreckliche Fahrt! Er streckte das Bein gerade in die Höhe und blieb auf dem Tschako mit dem Bayonnet zwischen den Pflastersteinen stecken. Das Dienstmädchen und der kleine Knabe kamen sogleich herunter, ihn zu suchen; obgleich sie nun nahe daran waren, auf ihn zu treten, sahen sie ihn doch nicht. Hätte der Zinnsoldat gerufen: Hier bin ich! so hätten sie ihn wohl gefunden; aber er fand es nicht für passend, laut zu schreien, weil er in Uniform war. Nun fing es an zu regnen; bald fielen die Tropfen dichter; endlich wurde es ein Platzregen. Als er vorüber war, kamen zwei Straßenbuben. »Sieh einmal!« sagte der eine, »da liegt ein Zinnsoldat! Der muß hinaus und auf dem Kahne fahren!« Da machten sie einen Kahn von einer Zeitung, setzten den Soldaten mitten in denselben, und nun segelte er den Rinnstein hinunter; beide Knaben liefen nebenher und klatschten in die Hände. Gott bewahre uns! was für Wellen schlugen in dem Rinnsteine, und welch' ein Strom war da; ja der Regen hatte aber auch gefluthet! Das Papierboot schaukelte auf und nieder, und mitunter drehte es sich so geschwind, daß der Zinnsoldat bebte; aber er blieb standhaft, verzog keine Miene, sah gerade aus und hielt das Gewehr im Arme. Mit einem Male trieb der Kahn unter eine lange Rinnsteinbrücke, da wurde es so dunkel, als wäre er in seiner Schachtel. »Wohin mag ich nun kommen?« dachte er. »Ja, ja, daran ist der Kobold schuld! Ach säße doch die kleine Dame hier im Kahne, da möchte es hier meinetwegen noch einmal so dunkel sein!« Da kam plötzlich eine große Wasserratte, welche unter der Rinnsteinbrücke wohnte. »Hast Du einen Paß?« fragte die Ratte. »Her mit dem Passe!« Aber der Zinnsoldat schwieg und hielt das Gewehr noch fester. Der Kahn fuhr fort und die Ratte hinterher. Hu! wie fletschte sie die Zähne, und rief den Holzspänen und dem Stroh zu: »Haltet ihn! Haltet ihn! Er hat keinen Zoll bezahlt! Er hat den Paß nicht gezeigt!« Aber die Strömung wurde stärker und stärker; der Zinnsoldat konnte schon da, wo die Brücke aufhörte, den hellen Tag erblicken; allein er hörte auch einen brausenden Ton, der wohl einen tapfern Mann erschrecken konnte. Man denke nur: die Gosse mündete da, wo die Brücke endete, in einen großen Canal ein: das wäre für ihn eben so gefährlich gewesen, als für uns, einen großen Wasserfall hinunterzufahren. Nun war er schon so nahe daran, daß er nicht mehr anhalten konnte. Der Kahn fuhr hinaus, der arme Zinnsoldat hielt sich so steif, wie er konnte; Niemand sollte ihm nachsagen, daß er mit den Augen blinke. Der Kahn schnurrte drei, vier Mal herum, und war bis zum Rande mit Wasser gefüllt: er mußte sinken! Der Zinnsoldat stand bis an den Hals im Wasser, und tiefer und tiefer sank der Kahn, mehr und mehr löste das Papier sich auf; nun ging das Wasser über des Soldaten Kopf. – Da dachte er an die kleine, niedliche Tänzerin, die er nie mehr zu Gesicht bekommen sollte; und es klang vor seinen Ohren: »Fahre hin, o Kriegesmann! Den Tod mußt Du erleiden!« Nun ging das Papier entzwei, und der Zinnsoldat stürzte hinab – wurde aber augenblicklich von einem großen Fische verschlungen. O, wie dunkel war es im Fischleibe! Da war es noch finsterer, als unter der Rinnsteinbrücke; und dann war es da sehr enge. Aber der Zinnsoldat blieb standhaft und lag, so lang er war, mit dem Gewehr im Arme. – Der Fisch schwamm hin und her; er machte die schrecklichsten Bewegungen; endlich wurde er ganz still; es durchfuhr ihn wie ein Blitzstrahl; das Licht schien klar, und eine Stimme rief laut: »Der Zinnsoldat!« Der Fisch war gefangen, auf den Markt gebracht, verkauft und in die Küche hinaufgekommen, wo die Köchin ihn mit einem großen Messer aufschnitt. Sie faßte mit ihren beiden Fingern den Soldaten mitten um den Leib und trug ihn in die Stube hinein, wo alle einen solchen merkwürdigen Mann sehen wollten, der im Magen eines Fisches herumgereist war; aber der Zinnsoldat war nicht stolz. Sie stellten ihn auf den Tisch, und da – nein, wie sonderbar kann es doch in der Welt zugehen! Der Zinnsoldat war in derselben Stube, in der er früher gewesen war; er sah dieselben Kinder und dasselbe Spielzeug stand auf dem Tische: das herrliche Schloß mit der niedlichen, kleinen Tänzerin. Sie hielt sich noch auf dem einen Beine und hatte das andere hoch in der Luft: sie war auch standhaft. Das rührte den Zinnsoldaten; er war nahe daran, Zinn zu weinen, aber es paßte sich nicht. Er sah sie an, aber sie sagte nichts. Da nahm der eine der kleinen Knaben den Soldaten und warf ihn in den Ofen und gab keinen Grund dafür an; es war sicher der Kobold in der Dose, der Schuld daran war. Der Zinnsoldat stand beleuchtet da und fühlte eine Hitze, die schrecklich war; aber ob sie von dem wirklichen Feuer oder von der Liebe herrührte, wußte er nicht. Die Farben waren von ihm abgegangen; ob das auf der Reise geschehen, oder ob der Kummer daran Schuld war, konnte Niemand sagen. Er sah die kleine Dame an, sie blickte ihn an, und er fühlte, daß er schmolz; aber noch stand er standhaft mit dem Gewehr im Arme. Da ging plötzlich eine Thür auf, der Wind ergriff die Tänzerin, und sie flog, einer Sylphide gleich, in den Ofen zum Zinnsoldaten, loderte in Flammen auf und fort war sie. Da schmolz der Zinnsoldat zu einem Klumpen, und als das Mädchen am folgenden Tage die Asche herausnahm, fand sie ihn als ein kleines Herz. Von der Tänzerin hingegen war nur die Flitterrose da, welche kohlschwarz gebrannt war. Der Buchweizen. Oft, wenn man nach einem Gewitter an einem Acker vorübergeht, auf welchem Buchweizen wächst, sieht man, daß er schwarz geworden und abgesengt ist. Es ist, als ob eine Feuerflamme über denselben hingefahren wäre; der Landmann sagt dann: »Das hat er vom Blitze bekommen!« Aber warum bekam er das? – Ich werde erzählen, was der Sperling mir gesagt hat; dieser hat es von einem alten Weidenbaume gehört, welcher bei einem Buchweizenfelde steht. Es ist ein ehrwürdiger, großer Weidenbaum, aber verkrüppelt, alt und mitten durchgeborsten, und es wachsen Gras und Brombeerranken aus der Spalte hervor; der Baum neigt sich vorn über und die Zweige hängen auf die Erde herunter, als ob sie ein langes, grünes Haar bildeten. Auf allen Feldern ringsumher wuchs Getreide, nicht blos Roggen und Gerste, sondern auch Hafer, ja, der herrlichste Hafer, der, wenn er reif ist, wie eine Menge kleiner gelber Kanarienvögel auf einem Zweige aussieht. Das Getreide stand gesegnet, und je reicher die Aehre war, desto tiefer neigte sie sich in frommer Demuth. Aber da war auch ein Feld mit Buchweizen; dieses lag dem alten Weidenbaume gerade gegenüber. Der Buchweizen neigte sich durchaus nicht, wie das übrige Getreide, sondern prangte stolz und steif. »Ich bin wohl so reich, wie die Kornähre,« sagte er; »überdies bin ich weit hübscher; meine Blumen sind schön, wie die Blüthen des Apfelbaumes; es ist eine Freude, auf mich und die Meinigen zu blicken! Kennst Du etwas Prächtigeres, als uns, alter Weidenbaum?« Der Weidenbaum nickte mit dem Kopfe, als ob er damit sagen wolle: »Ja, das versteht sich!« Aber der Buchweizen spreizte sich aus lauter Hochmuth und sagte: »Der dumme Baum! Er ist so alt, daß ihm Gras im Leibe wächst!« Nun zog ein böses Wetter auf; alle Feldblumen falteten ihre Blätter zusammen oder neigten ihre kleinen Köpfe herab, während der Sturm über sie dahin fuhr; aber der Buchweizen prangte in seinem Stolze. »Neige Dein Haupt, wie wir!« sagten die Blumen. »Das brauche ich nicht!« erwiderte der Buchweizen. »Senke Dein Haupt, wie wir!« rief das Getreide. »Nun kommt des Sturmes Engel geflogen! Er hat Schwingen, die reichen von den Wolken bis herunter zur Erde, und er schlägt Dich mitten durch, bevor Du bitten kannst, Dir gnädig zu sein!« »Aber ich will mich nicht beugen!« sagte der Buchweizen. »Schließe Deine Blumen und neige Deine Blätter!« sagte der alte Weidenbaum. »Sieh nicht zum Blitze empor, wenn die Wolke berstet; sogar die Menschen dürfen das nicht, denn im Blitze kann man in Gottes Himmel hineinsehen, aber dieser Anblick vermag selbst die Menschen zu blenden; was würde aber nicht uns, den Gewächsen der Erde, geschehen, wenn wir es wagten, wir, welche doch weit geringer sind!« »Weit geringer?« sagte der Buchweizen. »Nun will ich gerade in Gottes Himmel hineinsehen!« Und er that es in seinem Uebermuthe und Stolze. Es war, als ob die ganze Welt in Flammen stände, so blitzte es. Als das böse Wetter vorbei war, standen die Blumen und das Getreide in der stillen, reinen Luft erfrischt vom Regen; aber der Buchweizen war vom Blitze schwarz gebrannt; er war nur ein todtes Unkraut auf dem Felde. Der alte Weidenbaum bewegte seine Zweige im Winde, und es fielen große Wassertropfen von den grünen Blättern, als ob der Baum weine; und die Sperlinge fragten: »Weshalb weinest Du? Hier ist es ja so gesegnet; sieh, wie die Sonne scheint; sieh, wie die Wolken ziehen! Athmest Du nicht den Duft von Blumen und Büschen? Weshalb weinest Du, Weidenbaum?« Und der Weidenbaum erzählte vom Stolze des Buchweizens, von seinem Uebermuthe und von der Strafe, die diesem immer folgt. Ich, der ich die Geschichte erzähle, habe sie von den Sperlingen gehört! – Sie erzählten sie mir eines Abends, als ich um ein Märchen bat. Am letzten Tage. Der heiligste Tag unter allen Tagen ist der, an welchem wir sterben; es ist der heilige, große Tag der Verwandlung. Hast Du recht ernsthaft über diese mächtige, sichere, letzte Stunde hier auf Erden nachgedacht? Einst war ein Mann, ein Strenggläubiger, wie er genannt ward, ein Kämpfer für's Wort, das ihm ein Gesetz war, ein eifriger Diener eines eifrigen Gottes. – Der Tod stand nun an seinem Lager, der Tod mit dem strengen Gesichte. »Die Stunde ist gekommen, Du mußt mir folgen!« sagte der Tod und berührte mit eiskaltem Finger seine Füße, und sie erstarrten; der Tod berührte seine Stirn, dann sein Herz, und es brach dabei, und die Seele folgte dem Engel des Todes. Aber in den wenigen Secunden, welche zwischen der Einweihung vom Fuß bis zur Stirn und zum Herzen lagen, ging, wie die großen, schwarzen Wellen eines Meeres, Alles, was das Leben gebracht und geweckt hatte, über den Sterbenden hin. So schaut er mit einem Blick in die schwindelnde Tiefe hinab, und umfaßt mit einem Gedankenblitz den unermeßlichen Weg; so sieht er mit einem Blicke in einer Summe das zahllose Sternengewimmel, Erdkugeln und Welten in dem weiten Räume erkennend. In einem solchen Augenblicke schaudert dem Sünder, er hat Nichts, woran er sich halten kann, ihm ist's als versänke er in eine unendliche Leere! – Aber der Fromme legt ruhig sein Haupt nieder, und ergiebt sich wie das Kind in: »Dein Wille geschehe mit mir!« Dieser Sterbende aber hat nicht des Kindes Sinn, er fühlt, daß er Mann ist. Ihn schauderte nicht wie den Sünder, er wußte, er sei der Rechtgläubige. Er hatte an den Formen der Religion in all' ihrer Strenge gehalten; Millionen, das wußte er, mußten den breiten Weg zur Verdammniß gehen; mit Feuer und Schwert würde er hier ihre Körper haben vernichten können, wie ihre Seelen es waren und stets sein werden! Sein Weg war gen Himmel gerichtet, wo die Gnade ihm die Pforte öffnete, die verheißene Gnade. Und die Seele ging mit dein Engel des Todes, aber noch einmal schaute sie nach dein Lager hin, wo das Bild des Staubes in dem weißen Leichenhemde saß, ein fremdes Abbild ihres eigenen Ich. – Sie flogen und gingen – es war wie in einer mächtigen Halle und doch wie in einem Walde; die Natur war beschnitten, ausgespannt, aufgebunden und in Rechen gestellt, künstlich behandelt wie die alten französischen Gärten; hier war Maskerade. »Das ist das Menschenleben!« sagte der Engel des Todes. Alle Gestalten sah man mehr oder weniger vermummt; nicht gerade alle Diejenigen waren die Edelsten und Mächtigsten, welche in Sammet und Gold gingen, auch waren nicht alle Diejenigen die Niedrigsten und Geringsten, die im Kleide der Armuth einherschritten. – Es war eine wunderbare Maskerade, und vorzüglich war es seltsam anzusehen, wie alle zusammen unter ihrer Kleidung sorgfältig Etwas vor einander verbargen; aber der Eine riß gewaltsam an dem Andern, damit es sichtbar werden könne, und dann sah man den Kopf eines Thieres hervorgucken; bei dem Einen war es ein grinsender Affe, bei dem Andern ein häßlicher Ziegenbock, eine feuchte Schlange oder ein matter Fisch. Es war das Thier, an dem wir Alle tragen, das Thier, welches im Menschen festgewachsen ist; es hüpfte, sprang und wollte vorwärts, und Jeder hielt die Kleider dicht um es zusammen, aber die Andern rissen sie zur Seite und riefen: »Siehst Du! sieh, das ist der! das ist der! das ist sie!« und der Eine entblößte die Jämmerlichkeit des Andern. »Welches Thier war bei mir?« fragte die wandernde Seele; der Engel des Todes deutete auf eine stolze Gestalt vor sich hin. Um das Haupt derselben zeigte sich eine bunte Glorie mit glänzenden Farben, aber am Herzen des Mannes verbargen sich die Füße des Thieres, Füße des Pfaues; die Glorie war nur des Vogels bunter Schweif. Als sie fortwanderten, schrieen große Vögel in widerlicher Weise von den Zweigen der Bäume; mit vernehmlichen Menschenstimmen schrieen sie: »Du Wanderer des Todes, erinnerst Du Dich meiner?« – Das waren die bösen Gedanken und Begierden aus seinen Lebenstagen, welche ihm zuriefen: »Erinnerst Du Dich meiner?« – Und einen Augenblick schauderte die Seele, denn sie erkannte die Stimmen, die bösen Gedanken und Begierden, welche gleich Gerichtszeugen auftraten. »In unserm Fleische, in unserer bösen Natur, wohnt nichts Gutes!« sagte die Seele, »aber die Gedanken bei mir wurden nicht zu Thaten, die Welt hat nicht die böse Frucht gesehen!« Und er beeilte sich noch mehr, um bald dem häßlichen Geschrei zu entfliehen: aber die großen, schwarzen Vögel umkreisten ihn und schrieen, als sollte es aller Welt kundgethan sein; er sprang wie die gejagte Hindin, und bei jedem Schritte stieß er den Fuß gegen scharfe Kieselsteine, welche in seine Füße schnitten, daß es schmerzte. »Wo kommen diese scharfen Steine her? Wie welkes Laub liegen sie über der Erde!« »Das ist jedes unvorsichtige Wort, welches Du fallen ließest, und das Deines Nächsten Herz viel tiefer verwundete als die Steine jetzt Deinen Fuß ritzen!« »Daran dachte ich nicht!« sagte die Seele. »Richtet nicht, damit man Euch nicht wieder richte!« klang es durch die Luft. »Wir Alle haben gesündigt!« sagte die Seele und erhob sich wieder. »Ich habe das Gesetz und das Evangelium gehalten, ich habe gethan, was ich thun konnte, ich bin nicht wie die Andern!« Sie standen an der Pforte des Himmels, und der Engel, der Wächter des Einganges, fragte: »Wer bist Du? Nenne mir Deinen Glauben, und zeige mir ihn aus Deinen Thaten!« »Ich habe alle Gebote streng erfüllt! Ich habe mich gedemüthigt vor den Augen der Welt, ich habe das Böse und die Bösen gehaßt und verfolgt.« »Du bist also Einer von den Bekennern Mahomed's?« fragte der Engel. »Ich? – Niemals!« »Derjenige, welcher zum Schwerte greift, soll durchs Schwert umkommen,« sagt der Sohn. »Seinen Glauben hast Du nicht. Bist Du vielleicht ein Sohn Israels, der mit Moses sagt: Auge um Auge, Zahn um Zahn, ein Sohn Israels, dessen eifriger Gott nur Deines Volkes Gott ist?« »Ich bin ein Christ!« »Das erkenne ich nicht in Deinem Glauben und aus Deinen Thaten. Christi Lehre ist Versöhnung, Liebe und Gnade!« »Gnade!« klang es durch den unendlichen Raum, und die Pforte des Himmels öffnete sich, und die Seele schwebte der offenen Herrlichkeit entgegen. Aber das ausströmende Licht war so blendend, so durchdringend, daß die Seele wie vor einem gezogenen Schwerte zurückwich; und die Töne erklangen so weich und ergreifend, wie keine irdische Zunge es auszusprechen vermag. Die Seele bebte und neigte sich tiefer und tiefer; aber die himmlische Klarheit drang in sie hinein, und da fühlte und vernahm sie, was sie früher nie so gefühlt hatte: die Last ihres Hochmuths, ihrer Härte und Sünde. – Es wurde klar in ihrem Innern. »Was ich Gutes auf der Welt that, das that ich, weil ich nicht anders konnte; aber das Böse – das war aus mir selbst!« Und die Seele fühlte sich geblendet von dem reinen himmlischen Lichte, sie sank ohnmächtig, so schien es, zusammen, tief, in sich selbst gehüllt, niedergedrückt, unreif für das Himmelreich: in dem Gedanken an den strengen, den gerechten Gott, wagte sie nicht »Gnade« zu stammeln. Alsdann aber war die Gnade da, die nicht erwartete Gnade ! Gottes Himmel war in dem unendlichen Räume, Gottes Liebe durchströmte ihn in unerschöpflicher Fülle! »Heilig, herrlich, liebreich und ewig werde Du, Menschenseele!« so klang und sang es. Und Alle, Alle werden wir am letzten Tage unseres Erdenlebens, wie die Seele hier, zurückbeben vor dem Glanze und der Herrlichkeit des Himmelreichs, wir werden uns tief beugen, werden demüthig niedersinken, und doch von seiner Liebe getragen, von seiner Gnade aufrecht erhalten sein; schwebend in neuen Bahnen, geläutert, edler und besser, uns mehr und mehr nähernd der Herrlichkeit des Lichtes, und durch ihn gestärkt, vermögen wir aufzusteigen in die ewige Klarheit. Eine gute Laune. Von meinem Vater habe ich das beste Erbtheil erhalten, nämlich eine gute Laune. Und wer war mein Vater? Ja, das geht den Humor nichts an! Er war lebhaft und wohlbeleibt, fett und rund, sein Aeußeres und Inneres, stand mit seinem Amte gänzlich im Widerspruche. Und was war er seines Amtes und seiner Stellung nach in der bürgerlichen Gesellschaft? Ja, wenn es im Anfange eines Buches gleich niedergeschrieben und gedruckt würde, so würden Mehrere, wenn sie es lesen, das Buch zur Seite legen und sagen, es sieht mir so unheimlich aus, ich mag nichts von der Art. Und doch war mein Vater weder Schinder noch Scharfrichter; im Gegentheile, sein Amt stellte ihn an die Spitze der rühmlichsten Männer der Stadt, und er war dort ganz in seinem Rechte, ganz an seinem Platze; er mußte der Vorderste sein, vor dem Bischof, vor den Prinzen von Geblüt – und er war der Vorderste – er war Leichenwagenkutscher. Nun ist's heraus! und das kann ich bekennen, daß, wenn man meinen Vater dort hoch oben auf dem Omnibus des Todes sitzen sah, bekleidet mit seinem langen, weiten, schwarzen Mantel, mit dem schwarzgarnirten, dreieckigen Hute auf dem Kopfe, und dazu mit seinem Gesichte, welches leibhaftig aussah wie man die Sonne zeichnet, rund und lachend, dann konnte man nicht an Trauer und Grab denken; das Gesicht sagte: »es macht nichts, macht nichts, – es wird viel besser, als man glaubt!« Seht, von ihm habe ich meine gute Laune und die Gewohnheit angenommen, gar oft nach dem Kirchhofe zu gehen: und das ist sehr amüsant, wenn man nur mit gutem Humor dorthin kommt, – und dann halte ich das Intelligenzblatt, so wie auch er es that. Ich bin nicht jung, – ich habe weder Weib, Kinder noch eine Bibliothek, aber, wie gesagt, ich halte das Intelligenzblatt, das ist mir genug, es ist mir das liebste Blatt, und war es meinem Vater auch; es hat seinen großen Nutzen, und bringt Alles, was ein Mensch zu wissen nöthig hat: wer in den Kirchen, und wer in den neuen Büchern predigt; und dann die viele Wohlthätigkeit, und die vielen unschuldigen, harmlosen Verse, die es enthält! Ehen, welche gesucht werden und Stelldichein, auf welche man sich einlaßt! Alles einfach und natürlich! Man kann wahrlich sehr gut und glücklich leben und sich begraben lassen, wenn man das Intelligenzblatt hält – schließlich hat man am Ende seines Lebens so viel Papier, daß man weich darauf liegen kann, wenn man es nicht liebt auf Hobelspänen zu ruhen. Das Intelligenzblatt und der Kirchhof waren immer meine, den Geist am meisten weckenden, Spaziergänge, meine beliebtesten Badeanstalten für den guten Humor. Jeder kann nun für sich das Intelligenzblatt durchwandern: aber geht mit mir nach dem Kirchhofe; laßt uns dorthin gehen, wenn die Sonne scheint, und die Bäume grün sind; laßt uns zwischen den Gräbern wandeln. Jedes derselben ist ein geschlossenes Buch mit dem Rücken nach oben, man kann den Titel lesen, welcher besagt, was das Buch enthält, und doch nichts sagt; aber ich weiß Bescheid, weiß es von meinem Vater und von mir selbst. Ich habe es in meinem Grabbuche, und das ist ein Buch, welches ich selbst zum Nutzen und Vergnügen gemacht habe; dort liegen sie Alle beisammen, und noch Einige mehr! Nun sind wir auf dem Kirchhofe. Hier, hinter dem weißbemalten Stabgitter, wo einst ein Rosenstrauch stand, – jetzt ist er fort, aber ein wenig Immergrün vom Grabe des Nachbars streckt seine grünen Finger hinein, um doch ein wenig Staat zu machen, – ruht ein sehr unglücklicher Mann, und doch stand er sich, als er lebte, wie man zu sagen pflegt, gut; er hatte sein gutes Auskommen und noch mehr, aber die Welt, das heißt die Kunst, ging ihm zu nahe. Saß er eines Abends im Theater, um mit ganzer Seele zu genießen, so war er außer sich, wenn der Maschinenmeister nur ein zu starkes Licht in eine der Wangen des Mondes setzte, oder wenn die Luftsoffiten vor den Coulissen hingen, wenn sie dahinter hängen sollten, oder wenn eine Palme im Berliner Thiergarten vorkam, oder Caktus in Tyrol und Buchen hoch oben in Norwegen erschienen! Bleibt sich das nicht gleich? Wer kümmert sich um so etwas! Es ist ja Komödie, bei welcher man sich amüsiren soll. – Bald klatschte ihm das Publikum zu viel, bald zu wenig. »Das ist nasses Holz,« sagte er, »es will heute Abend nicht zünden!« alsdann kehrte er sich um, um zu sehen, was für Leute es wären, und dann sah er, daß sie zu unrechter Zeit lachten, wo sie nicht lachen sollten; darüber ärgerte er sich, litt dabei, war ein unglücklicher Mensch, und nun ruht er im Grabe. Hier schlummert ein sehr glücklicher Mann, das soll heißen, ein sehr vornehmer Mann, von hoher Geburt, und das war sein Glück, denn sonst würde nie etwas aus ihm geworden sein, aber Alles ist so weise in der Natur angeordnet, daß es ein Vergnügen ist, daran zu denken. Er schritt vorn und hinten gestickt einher, und war im Saale untergebracht, so wie man den kostbaren, perlengestickten Klingelzug anbringt, hinter dem immer eine gute, dicke Schnur, welche den Dienst verrichtet, hängt; er hatte auch eine gute Schnur hinter sich, einen Substituten, der den Dienst verrichtete, und ihn noch, hinter einem neuen, gestickten Klingelzuge, verrichtet. Alles ist weise eingerichtet, daß man wohl einen guten Humor haben kann. Hier ruht, ja, das ist nun freilich sehr traurig –! hier ruht ein Mann, der siebenundsechzig Jahre darüber nachgedacht hat, wie er auf einen guten Einfall komme; er lebte nur um einen guten Einfall zu bekommen; endlich bekam er wirklich nach eigener Ueberzeugung einen, und wurde so froh darüber, daß er starb, vor Freude starb, ihn bekommen zu haben; Keiner hatte Nutzen davon, Keiner hörte den guten Einfall. Ich kann mir nun denken, daß er wegen des guten Einfalles nicht einmal Ruhe im Grabe hat, denn gesetzt, es wäre ein Einfall, den man nur beim Frühstück sagen könnte, wenn er von Wirkung sein sollte, und daß er als Todter, der allgemeinen Meinung nach, nur um Mitternacht erscheinen kann, so paßt der Einfall nicht für die Zeit, Niemand lacht, und der Mann kann mit seinem guten Einfalle wieder ins Grab steigen. Das ist ein trauriges Grab. Hier ruht eine sehr geizige Frau; während sie lebte, stand sie in der Nacht auf und miaute, damit die Nachbarn glauben sollten, daß sie sich Katzen hielte: so geizig war sie! Hier ruht ein Fräulein aus guter Familie; es mußte in Gesellschaften immer seine Stimme hören lassen, und dann sang es: »mi manca, la voce!« das war die einzige Wahrheit in ihrem Leben! Hier ruht eine Jungfrau – eines andern Schlages! Wenn der Kanarienvogel des Herzens zu schmettern beginnt, dann steckt die Vernunft die Finger in die Ohren. Schön Jungfrau stand in des Ehstands Glorie –! das ist eine Alltagshistorie – aber es ist hübsch gesagt: Laß die Todten ruhen. Hier ruht eine Wittfrau, welche Schwanengesang im Munde und Eulengalle im Herzen trug. Sie ging in den Familien auf Raub nach Fehlern ihres Nächsten aus, sowie in alten Tagen das »Reibeisen« umherging, um ein Rinnsteinbrett zu finden, welches nicht da war. Hier ist ein Familienbegräbniß; jedes Glied dieses Geschlechts hielt so im Glauben zusammen, daß, wenn auch die ganze Welt und die Zeitung dazu sagte: so ist's, und der kleine Sohn kam nun aus der Schule und sagte: »ich habe es auf die Weise gehört!« so war die seinige die einzig richtige, denn er war von der Familie. Und gewiß ist's, daß, wenn es sich so traf, daß der Hofhahn der Familie um Mitternacht krähte, so war es Morgen, wenn auch der Wächter und alle Uhren der Stadt verkündeten, daß es Mitternacht sei. Der große Göthe schließt seinen Faust damit: »kann fortgesetzt werden,« das kann unsere Wanderung nach dem Kirchhofe auch. Dahin komme ich oft, macht Einer oder der Andere meiner Freunde oder Nichtfreunde mir es zu bunt, gehe ich hinaus, suche einen Rasenplatz auf, und weihe denselben ihm oder ihr, irgend einer Person, die ich zu begraben wünsche, dann begrabe ich sie sogleich, und sie liegen todt und machtlos da, bis sie als neuere und bessere Menschen zurückkommen. Ihr Leben und ihre Thaten, nach meiner Art und Weise betrachtet, schreibe ich in mein Grabbuch, und so sollten alle Menschen verfahren, sie sollten sich nicht ärgern, wenn Jemand es ihnen zu toll macht, sondern ihn sogleich begraben, auf ihren guten Humor halten, und auch auf das Intelligenzblatt, auf dieses, vom Volke selbst oft mit »geführter Hand« geschriebene Blatt. Kommt die Zeit, daß ich selbst, sowie meine Lebensgeschichte, im Grabe eingebunden werden soll, dann setze man mir die Inschrift: Das ist meine Geschichte. Der große Klaus und der Kleine Klaus. In einem Dürfe wohnten zwei Leute, die Beide denselben Namen hatten. Beide hießen Klaus, aber der Eine besaß vier Pferde und der Andere nur ein einziges. Um sie jedoch von einander unterscheiden zu können, nannte man den, der vier Pferde hatte, den großen Klaus , und den, der nur ein einziges Pferd hatte, den kleinen Klaus . Nun wollen wir hören, wie es den Beiden erging, denn es ist eine wahre Geschichte. Die ganze Woche hindurch mußte der kleine Klaus für den großen Klaus pflügen und ihm sein einziges Pferd leihen; dann half der große Klaus ihm wieder mit seinen Vieren aus, aber nur einmal wöchentlich, und das war des Sonntags. Hussa! wie klatschte der kleine Klaus mit seiner Peitsche über alle fünf Pferde; sie waren ja nun so gut wie sein, an dem einen Tage. Die Sonne schien herrlich, und alle Glocken im Kirchturme läuteten, die Leute waren geputzt und gingen mit dem Gesangbuche unter dem Arme zur Kirche, den Prediger predigen zu hören; sie sahen den kleinen Klaus, der mit fünf Pferden pflügte; aber der war so vergnügt, daß er immer wieder mit der Peitsche klatschte und rief: »Hü, alle meine Pferde!« »So mußt Du nicht sprechen,« sagte der große Klaus , »das eine Pferd ist ja nur Dein!« Als aber wieder Jemand vorbeiging, vergaß der kleine Klaus, daß er es nicht sagen sollte, und rief: »Hü, alle meine Pferde!« »Ja, nun werde ich Dich ersuchen, es bleiben zu lassen!« sagte der große Klaus ; »denn sagst Du es noch einmal, so schlage ich Dein Pferd vor den Kopf, daß es auf der Stelle todt ist; dann ist es mit ihm aus!« »Ich will es wahrlich nicht mehr sagen!« sagte der kleine Klaus. Aber als bald wieder Leute herbeikamen und ihm guten Tag zunickten, wurde er froh und dachte, es sähe doch recht gut aus, daß er fünf Pferde habe, sein Feld zu pflügen; da klatschte er abermals mit der Peitsche und rief: »Hü, alle meine Pferde!« »Ich werde Deine Pferde hüten!« sagte der große Klaus und nahm das Wagscheit und schlug des kleinen Klaus einziges Pferd vor den Kopf, daß es umfiel und auf der Stelle todt war. »Ach, nun habe ich kein Pferd mehr!« sagte der kleine Klaus und fing an zu weinen. Darauf zog er dem Pferde die Haut ab und ließ sie gut im Winde trocknen, steckte sie dann in einen Sack, den er auf die Schulter nahm, und ging nach der Stadt, um seine Pferdehaut zu verkaufen. Er hatte einen sehr weiten Weg zu gehen, mußte durch einen großen, dunklen Wald, und es wurde ein gewaltig schlechtes Wetter; er verirrte sich gänzlich, und ehe er wieder auf den rechten Weg kam, war es Abend und allzuweit, um zur Stadt, oder wieder nach Hause zu gelangen, bevor es Nacht wurde. Dicht am Wege lag ein großer Bauernhof; die Fensterladen waren draußen vor den Fenstern geschlossen, aber das Licht konnte doch darüber hinausscheinen. Da werde ich wohl Erlaubniß erhalten können, die Nacht über zu bleiben, dachte der kleine Klaus und ging hin, um anzuklopfen. Die Bauersfrau machte auf, aber als sie hörte, was er wollte, sagte sie, er möge seinen Weg gehen; ihr Mann sei nicht zu Hause, und sie nehme keinen Fremden auf. »Nun, so muß ich draußen liegen bleiben,« sagte der kleine Klaus, und die Bauersfrau schlug ihm die Thüre vor der Nase zu. Dicht daneben stand ein großer Heuschober, und zwischen diesem und dem Hause ein kleiner Schuppen mit einem flachen Strohdache gedeckt. »Da oben kann ich liegen!« dachte der kleine Klaus, als er das Dach erblickte; »das ist ja ein herrliches Bett. Der Storch fliegt wohl nicht herunter und beißt mich in die Beine.« Denn es stand ein lebendiger Storch oben auf dem Dache, wo er sein Nest hatte. Nun kroch der kleine Klaus oben auf den Schuppen, wo er lag und sich drehte, um sich recht bequem zu betten. Die hölzernen Laden vor den Fenstern schlossen oben nicht zu, und so konnte er gerade in die Stube hineinblicken. Da war ein großer Tisch gedeckt mit Wein und Braten und einem herrlichen Fische darauf; die Bauersfrau und der Küster saßen bei Tische, sonst aber Niemand; sie schenkte ihm ein, und er gabelte in den Fisch, denn das war sein Leibgericht. »Wer doch auch Etwas davon bekommen könnte!« dachte der kleine Klaus, und streckte den Kopf gegen das Fenster hin, Gott, welchen herrlichen Kuchen sah er drinnen stehen! Ja, das war ein Fest! Nun hörte er Jemand von der Landstraße her gegen das Haus geritten kommen; das war der Mann der Bauersfrau, der nach Hause kam. Er war ein sehr guter Mann, aber er hatte die wunderliche Eigenheit, daß er nie vertragen konnte, einen Küster zu sehen; kam ihm ein Küster vor die Augen, so wurde er ganz rasend. Darin lag auch der Grund, daß der Küster zu seiner Frau hineingegangen war, um ihr guten Tag zu sagen, weil er wußte, daß der Mann nicht zu Hause sei; und die gute Frau setzte ihm deshalb das herrlichste Essen vor, was sie hatte. Als sie aber den Mann kommen hörten, erschraken sie, und die Frau bat den Küster, in eine große leere Kiste zu kriechen. Das that er, denn er wußte ja, daß der arme Mann es nicht vertragen konnte, einen Küster zu sehen. Die Frau verbarg eilends all' das herrliche Essen und den Wein in ihrem Backofen, denn hätte der Mann das zu sehen bekommen, so hätte er sicher gefragt, was es zu bedeuten habe. »Ach ja!« seufzte der kleine Klaus oben auf seinem Schuppen, als er das Essen verschwinden sah. »Ist Jemand dort oben?« fragte der Bauer und sah nach dem kleinen Klaus hinauf. »Weshalb liegst Du dort? Komm lieber mit in die Stube.« Nun erzählte der kleine Klaus, wie er sich verirrt habe, und bat, daß er die Nacht hier bleiben dürfe. »Ja freilich!« sagte der Bauer; »aber wir müssen zuerst Etwas zu leben haben!« Die Frau empfing Beide sehr freundlich, deckte einen langen Tisch und gab ihnen eine große Schüssel Grütze. Der Bauer war hungrig und aß mit rechtem Appetit, aber der kleine Klaus konnte nicht unterlassen, an den herrlichen Braten, Fisch und Kuchen, welche er im Ofen wußte, zu denken. Unter den Tisch, zu seinen Füßen, hatte er den Sack mit der Pferdehaut darin gelegt, denn wir wissen ja, daß er ihrethalben ausgegangen war, um sie in der Stadt zu verkaufen. Die Grütze wollte ihm nicht schmecken, darum trat er auf seinen Sack, und die trockene Haut im Sacke knarrte laut. »St!« sagte der kleine Klaus zu seinem Sacke, trat aber zu gleicher Zeit wieder darauf; da knarrte es lauter, als zuvor. »Ei, was hast Du denn in Deinem Sacke?« fragte der Bauer nun. »O, das ist ein Zauberer!« sagte der kleine Klaus. »Er sagt, wir sollten keine Grütze essen, denn er habe den ganzen Ofen voll von Braten, Fischen und Kuchen gehext.« »Potztausend!« sagte der Bauer und machte schnell den Ofen auf, wo er all' die prächtigen, leckern Speisen erblickte, welche die Frau dort verborgen hatte, aber die, wie er nun glaubte, der Zauberer im Sacke für sie gehext habe. Die Frau durfte nichts sagen, sondern setzte sogleich die Speisen auf den Tisch, und so aßen Beide vom Fische, vom Braten und von dem Kuchen. Nun trat der kleine Klaus wieder auf seinen Sack, daß die Haut knarrte. »Was sagt er jetzt?« fragte der Bauer. »Er sagt,« erwiderte der kleine Klaus, »daß er auch drei Flaschen Wein für uns gehext habe; sie ständen dort in der Ecke beim Ofen!« Nun mußte die Frau den Wein herholen, den sie verborgen hatte, und der Bauer trank und wurde sehr lustig! Einen solchen Zauberer, wie der kleine Klaus im Sacke hatte, hätte er doch gar zu gern gehabt. »Kann er auch den Teufel hervorhexen?« fragte der Bauer; »ich möchte ihn wohl sehen, denn nun bin ich lustig!« »Ja,« sagte der kleine Klaus, »mein Zauberer kann Alles, was ich verlange. Nicht wahr?« fragte er und trat auf den Sack, daß es knarrte. »Hörst Du? er sagt: Ja! Aber der Teufel sieht sehr häßlich aus; wir wollen ihn lieber nicht sehen!« »O, mir ist gar nicht bange. Wie mag er wohl aussehen?« »Er wird sich leibhaftig als ein Küster zeigen!« »Hu!« sagte der Bauer, »das ist häßlich! Ihr müßt wissen, ich kann nicht vertragen, einen Küster zu sehen! Aber es thut Nichts; ich weiß ja, daß es der Teufel ist; so werde ich mich wohl leicht drein finden! Nun habe ich Muth! Allein er darf mir nicht zu nahe kommen.« »Nun werde ich meinen Zauberer fragen,« sagte der kleine Klaus, trat auf den Sack und hielt sein Ohr hin. »Was sagt er?« »Er sagt, Ihr könnt die Kiste aufmachen, die dort in der Ecke steht: so werdet Ihr den Teufel sehen, wie er drin kauert; aber Ihr müßt den Deckel halten, daß er nicht entwischt.« »Wollt Ihr mir helfen, ihn zu halten?« bat der Bauer und ging zu der Kiste hin, wo die Frau den wirklichen Küster verborgen hatte, der drin saß und sich sehr fürchtete. Der Bauer öffnete den Deckel ein wenig und sah unter denselben hinein. »Hu!« schrie er und sprang zurück. »Ja, nun habe ich ihn gesehen; er sah ganz aus, wie unser Küster. Nein, das war schrecklich.« Darauf mußte getrunken werden, und so tranken sie denn noch bis in die tiefe Nacht hinein. »Den Zauberer mußt Du mir verkaufen,« sagte der Bauer. »Verlange dafür Alles, was Du willst! Ja ich gebe Dir gleich ein ganzes Scheffelmaß voll Geld!« »Nein, das kann ich nicht,« sagte der kleine Klaus. »Bedenke doch, wie vielen Nutzen kann ich nicht von diesem Zauberer haben!« »Ach, ich möchte ihn so gern haben!« sagte der Bauer und fuhr fort zu bitten. »Ja,« sagte der kleine Klaus zuletzt: »da Du so gut gewesen bist, mir diese Nacht Obdach zu gewähren, so mag es darum sein. Du sollst den Zauberer für einen Scheffel voll Geld haben; aber ich will den Scheffel gehäuft voll haben.« »Das sollst Du bekommen,« sagte der Bauer. »Aber die Kiste dort mußt Du mit Dir nehmen; ich will sie nicht eine Stunde im Hause behalten; man kann nicht wissen: vielleicht sitzt er noch drin.« Der kleine Klaus gab dem Bauer seinen Sack mit der trocknen Haut, und bekam ein Scheffelmaß voll Geld, und das gehäuft gemessen, dafür. Der Bauer schenkte ihm sogar noch einen Karren, um das Geld und die Kiste darauf fortzufahren. »Lebe wohl!« sagte der kleine Klaus, und fuhr mit seinem Gelde und der großen Kiste, worin noch der Küster saß, davon. Auf der andern Seite des Waldes war ein großer, tiefer Fluß; das Wasser floß so reißend, daß man kaum gegen den Strom schwimmen konnte; man hatte eine große neue Brücke darüber geschlagen; der kleine Klaus hielt mitten auf derselben an, und sagte ganz laut, damit der Küster in der Kiste es hören könne: »Nein, was soll ich doch mit der dummen Kiste machen? Sie ist so schwer, als ob Steine drin wären! Ich werde nur müde davon, sie weiter zu fahren; ich will sie in den Fluß werfen; schwimmt sie zu mir nach Hause, so ist es gut, und thut sie es nicht, so macht es auch nichts.« Nun faßte er die Kiste mit der einen Hand an und hob sie ein wenig auf, als ob er sie in das Wasser werfen wollte. »Nein, laß das sein!« rief der Küster in der Kiste. »Laß mich erst hinaus!« »Hu,« sagte der kleine Klaus und that, als fürchte er sich. »Er sitzt noch drin! Da muß ich ihn geschwind in den Fluß werfen, damit er ertrinkt!« »O nein, nein!« rief der Küster. »Ich will Dir einen ganzen Scheffel voll Geld geben, wenn Du mich gehen läßt!« »Ja, das ist etwas Anderes!« sagte der kleine Klaus und machte die Kiste auf. Der Küster kroch schnell heraus, stieß die leere Kiste in das Wasser und ging nach seinem Hause, wo der kleine Klaus einen Scheffel voll Geld bekam; einen hatte' er ja schon von dem Bauer erhalten, nun hatte er also seinen Karren voll Geld. »Sieh, das Pferd erhielt ich gut bezahlt!« sagte er zu sich selbst, als er zu Hause in seiner Stube alles Geld auf einen Berg ausschüttete. »Das wird den großen Klaus ärgern, wenn er erfährt, wie reich ich durch mein einziges Pferd geworden bin; aber ich will es ihm doch nicht gerade heraus sagen!« Nun schickte er einen Knaben zum großen Klaus, um sich ein Scheffelmaß zu leihen. »Was mag er wohl damit wollen?« dachte der große Klaus und schmierte Theer unter den Boden desselben, damit von dem, was gemessen werde, Etwas daran hängen bleiben könne. Und das geschah auch; denn als er das Scheffelmaß zurück erhielt, hingen drei neue silberne Achtgroschenstücke daran. »Was ist das?« sagte der große Klaus und lief sogleich zu dem kleinen Klaus. »Woher hast Du denn das viele Geld bekommen?« »O, das ist für meine Pferdehaut; ich verkaufte sie gestern Abend.« »Das ist wahrlich gut bezahlt!« sagte der große Klaus, lief geschwind nach Hause, nahm eine Axt, schlug alle seine vier Pferde vor den Kopf, zog ihnen die Haut ab und fuhr damit zur Stadt. »Häute! Häute! Wer will Häute kaufen!« rief er durch die Straßen. Alle Schuhmacher und Gerber kamen gelaufen und fragten, was er dafür haben wolle. »Ein Scheffelmaß Geld für jede« sagte der große Klaus. »Bist Du toll?« riefen Alle. »Glaubst Du, wir hätten Geld scheffelweise?« »Häute! Häute! Wer will Häute kaufen!« rief er wieder, und allen Denen, welche ihn fragten, was die Häute kosten sollten, erwiderte er: »Einen Scheffel Geld.« »Er will uns foppen!« sagten Alle; darauf nahmen die Schuhmacher ihre Spannriemen und die Gerber ihre Schurzfelle, und prügelten den großen Klaus tüchtig durch. »Häute! Häute!« höhnten sie ihm nach; »ja, wir wollen Dir die Haut gerben, daß Dir die rothe Suppe nachlaufen soll. Hinaus aus der Stadt mit ihm!« riefen sie, und der große Klaus mußte sich sputen, was er konnte; denn so war er noch nie durchgeprügelt worden. »Na!« sagte er, als er nach Hause kam, »das soll der kleine Klaus bezahlt erhalten! Ich will ihn dafür todtschlagen!« Zu Hause beim kleinen Klaus war die Großmutter gestorben. Sie war freilich recht böse und schlimm mit ihm gewesen, aber er war doch sehr betrübt und nahm die todte Frau und legte sie in sein warmes Bett, um zu sehen, ob sie nicht in's Leben zurückkäme. Da sollte sie die ganze Nacht liegen; er selbst wollte im Winkel sitzen und auf einem Stuhle schlafen; das hatte er schon öfter gethan. Als er nun in der Nacht dasaß, ging die Thüre auf, und der große Klaus kam mit seiner Axt herein. Er wußte wohl, wo des kleinen Klaus Bett stand, ging gerade darauf los und schlug die Großmutter vor den Kopf, indem er glaubte, daß es der kleine Klaus sei. »Siehst Du!« sagte er. »Nun sollst Du mich nicht mehr zum Besten haben!« Dann ging er wieder nach Hause. »Das ist doch ein recht böser Mann!« dachte der kleine Klaus. »Der wollte mich todtschlagen! Es war doch gut für die Großmutter, daß sie schon todt war, sonst hätte er ihr das Leben genommen!« Nun zog er der Großmutter die Sonntagskleider an, lieh sich von seinem Nachbar ein Pferd, spannte es vor den Wagen und setzte die Großmutter auf den hintersten Sitz, sodaß sie nicht herausfallen konnte, wenn er fuhr; und so rollten sie von dannen durch den Wald. Als die Sonne aufging, waren sie vor einem großen Wirthshause; da hielt der kleine Klaus an und ging hinein, um Etwas zu genießen. Der Wirth hatte sehr viel Geld; er war auch ein recht guter, aber hitziger Mann, als wären Pfeffer und Tabak in ihm. »Guten Morgen!« sagte er zum kleinen Klaus. »Du bist heute früh in's Zeug gekommen!^ »Ja,« sagte der kleine Klaus, »ich will mit meiner Großmutter zur Stadt; sie sitz! da draußen auf dem Wagen, ich kann sie nicht in die Stube hereinbringen. Wollt Ihr derselben nicht ein Glas Meth geben? aber Ihr müßt recht laut sprechen, denn sie kann nicht gut hören.« »Ja, das will ich thun!« sagte der Wirth und schenkte ein großes Glas Meth ein, mit dem er zur todten Großmutter hinausging, welche in dem Wagen aufrecht gesetzt war. »Hier ist ein Glas Meth von Eurem Sohne!« sagte der Wirth. Aber die todte Frau erwiderte kein Wort, sondern saß still. – »Hört Ihr nicht?« rief der Wirth, so laut er konnte; »hier ist ein Glas Meth von Eurem Sohne!« Noch einmal rief er Dasselbe, und dann noch ein Mal; da sie sich aber durchaus nicht von der Stelle rührte, wurde er ärgerlich und warf ihr das Glas in das Gesicht, sodaß ihr der Meth über die Nase lief, und sie rückwärts in den Wagen fiel; denn sie war nur aufrecht hineingesetzt und nicht festgebunden. »Heda!« rief der kleine Klaus, sprang zur Thüre hinaus und packte den Wirth an der Brust; »Du hast meine Großmutter erschlagen! Sieh nur, da ist ein großes Loch in ihrer Stirn!« »O, das ist ein Unglück!« rief der Wirth und schlug die Hände über dem Kopfe zusammen. »Das kommt Alles von meiner Hitze! Lieber kleiner Klaus, ich will Dir ein Scheffelmaß Geld geben und Deine Großmutter begraben lassen, als wäre es meine eigene; aber schweige still, sonst wird mir der Kopf abgeschlagen und das wäre doch unangenehm.« So bekam der kleine Klaus einen Scheffel Geld, und der Wirth begrub die Großmutter so, als ob sie seine eigene gewesen wäre. Als nun der kleine Klaus wieder mit dem vielen Gelde nach Hause kam, schickte er gleich seinen Knaben hinüber zum großen Klaus, um ihn zu bitten, ihm ein Scheffelmaß zu leihen. »Was ist das?« sagte der große Klaus. »Habe ich ihn nicht todtgeschlagen? Da muß ich doch selbst nachsehen!« Und so ging er selbst mit dem Scheffelmaße hinüber zum kleinen Klaus. »Nein, woher hast Du doch all das Geld bekommen?« fragte er, und riß die Augen auf, als er alles Das erblickte, was noch hinzugekommen war. – »Du hast meine Großmutter, aber nicht mich erschlagen!« sagte der kleine Klaus; »die habe ich nun verkauft und einen Scheffel Geld dafür bekommen.« »Das ist wahrlich gut bezahlt!« sagte der große Klaus und eilte nach Hause, nahm eine Art und schlug gleich seine Großmutter todt, legte sie auf den Wagen, fuhr mit ihr zur Stadt, wo der Apotheker wohnte und fragte, ob er einen todten Menschen kaufen wolle. »Wer ist es, und wo habt Ihr ihn her?« fragte der Apotheker. »Es ist meine Großmutter!« sagte der große Klaus . »Ich habe sie todtgeschlagen, um einen Scheffel Geld dafür zu bekommen!« »Gott bewahre uns!« sagte der Apotheker. »Ihr sprecht irre! Sagt doch nicht dergleichen, sonst könnt Ihr den Kopf verlieren!« – Und nun sagte er ihm ausführlich, was das für eine böse That, die er begangen habe, und was für ein schlechter Mensch er sei, und daß er bestraft werden müsse; da erschrak der große Klaus so sehr, daß er aus der Apotheke in den Wagen sprang, auf die Pferde hieb und nach Haufe fuhr. Aber der Apotheker und alle Leute glaubten, er sei verrückt, deshalb ließen sie ihn fahren, wohin er wollte. »Das sollst Du mir bezahlen!« sagte der große Klaus , als er draußen auf der Landstraße war. »Ja, das sollst du mir bezahlen, kleiner Klaus!« Dann nahm er, sobald er nach Hause kam, den größten Sack, den er finden konnte, ging hinüber zum kleinen Klaus und sagte: »Nun hast Du mich wieder gefoppt! Erst schlug ich meine Pferde todt, dann meine Großmutter! Das ist Alles Deine Schuld, aber Du sollst mich nie mehr foppen!« Damit packte er den kleinen Klaus um den Leib und steckte ihn in seinen Sack, nahm ihn so auf seinen Rücken und rief ihm zu: »Nun gehe ich mit Dir fort und ertränke Dich!« Es war ein weiter Weg, den er zu gehen hatte, bevor er zu dem Flusse kam, und der kleine Klaus war nicht so leicht zu tragen. Der Weg ging dicht bei der Kirche vorbei, die Orgel ertönte und die Leute sangen so schön! Da setzte der große Klaus seinen Sack mit dem kleinen Klaus darin dicht bei der Kirchenthüre nieder und dachte, es könne wohl ganz gut sein, hineinzugehen und einen Psalm zu hören ehe er weiter ginge. Der kleine Klaus konnte ja nicht herauskommen, und alle Leute waren in der Kirche; so ging er denn hinein. »Ach ja, ach ja!« seufzte der kleine Klaus im Sacke und drehte und wendete sich; aber es war ihm nicht möglich, das Band aufzulösen. Da kam ein' alter, alter Viehtreiber daher, mit schneeweißem Haare und einem großen Stabe in der Hand; er trieb eine Heerde Kühe und Stiere vor sich hin; die stießen an den Sack, in dem der kleine Klaus saß, sodaß er umgeworfen wurde. »Ach ja!« seufzte der kleine Klaus. »Ich bin noch so jung und soll schon in's Himmelreich!« »Und ich Armer,« sagte der Viehtreiber, »ich bin schon so alt und kann noch immer nicht dahin kommen!« »Mache den Sack auf!« rief der kleine Klaus; »krieche statt meiner hinein, so kommst Du augenblicklich in's Himmelreich.« »Ja, das will ich herzlich gern,« sagte der Viehtreiber und band den Sack auf, aus dem der kleine Klaus sogleich herauskroch. »Willst Du nun aber auch auf das Vieh Acht geben?« sagte der alte Mann und kroch statt seiner in den Sack hinein, worauf der kleine Klaus ihn zuband und mit allen Kühen und Stieren seines Weges zog. Bald darauf kam der große Klaus aus der Kirche und nahm seinen Sack wieder auf den Rücken, obgleich es ihm schien, als wäre derselbe leichter geworden; denn der alte Viehtreiber war nur halb so schwer wie der kleine Klaus. »Wie ist er doch jetzt leicht zu tragen! Das kommt daher, weil ich einen Psalm gehört habe.« So ging er nach dem Flusse, der tief und breit war, warf den Sack mit dem alten Viehtreiber hinein und rief hintendrein – denn er glaubte ja, daß es der kleine Klaus sei: »Da liege! Nun sollst Du mich nicht mehr foppen!« Darauf ging er nach Hause; als er aber an die Stelle kam, wo der Weg sich kreuzte, begegnete er dem kleinen Klaus, welcher mit seinem Viehe dahintrieb. »Was ist das?« sagte der große Klaus . »Habe ich Dich nicht ertränkt?« »Ja!« sagte der kleine Klaus. »Du warfst mich ja vor einer kleinen halben Stunde in den Fluß!« »Aber wie hast Du das herrliche Vieh bekommen?« fragte der große Klaus . »Das ist Seevieh!« sagte der kleine Klaus. »Ich will Dir die ganze Geschichte erzählen und Dir Dank sagen, daß Du mich ertränktest, denn nun bin ich obenauf, bin wahrhaft reich! – Wie war mir bange, als ich im Sacke steckte! der Wind pfiff mir um die Ohren, als Du mich von der Brücke hinunter in das kalte Wasser warfst. Ich sank sogleich zu Boden, aber ich stieß mich nicht, denn da unten wächst das schönste, weiche Gras. Auf dieses fiel ich, und sogleich wurde der Sack geöffnet; das lieblichste Mädchen mit schneeweißen Kleidern und mit einem grünen Kranze um das nasse Haar nahm mich bei der Hand und sagte: »Bist Du da, kleiner Klaus? Da hast Du zuerst einiges Vieh! Eine Meile weiter auf dem Wege steht noch eine ganze Heerde, die ich Dir schenken will!« – Nun sah ich, daß der Fluß eine große Landstraße für das Meervolk bildete. Unten auf dem Grunde gingen und fuhren sie gerade von der See her und ganz hinein in das Land, bis dahin, wo der Fluß endete. Da war es so schön voll Blumen und dem frischesten Grase; die Fische, welche im Wasser schwammen, schossen mir an den Ohren vorüber, wie hier die Vögel in der Luft. Was gab es da für hübsche Leute, und war da für Vieh, das in Gräben und auf Wällen graste!« »Aber weshalb bist Du gleich wieder zu uns heraufgekommen?« fragte der große Klaus . »Das hätte ich nicht gethan, wenn es so schön dort unten ist!« »Ja,« sagte der kleine Klaus, »das ist eben politisch von mir gehandelt. Du hörst ja wohl, daß ich Dir erzähle: die Seejungfer sagte mir, eine Meile weiter auf dem Wege – und mit dem Wege meinte sie ja den Fluß, denn sie kann nirgends anders hinkommen – stehe noch eine ganze Heerde Vieh für mich. Aber ich weiß, was für Krümmungen der Fluß macht, bald hier, bald dort, das ist ja ein weiter Umweg; nein, da macht man es kürzer ab, wenn man hier an das Land kommt und treibt querfeldüber wieder zum Fluße; dabei spare ich ja fast eine halbe Meile und komme hurtiger zu meinem Seevieh!« »O, Du bist ein glücklicher Mann!« sagte der große Klaus . »Glaubst Du, daß ich auch Seevieh erhalte, wenn ich auf den Grund des Flusses käme?« »Ja, das denke ich,« sagte der kleine Klaus. »Aber ich kann Dich nicht im Sacke bis zum Flusse tragen; Du bist mir zu schwer! Willst Du selbst dahin gehen und dann in den Sack kriechen, so werde ich Dich mit dem größten Vergnügen hineinwerfen.« »Ich danke Dir!« sagte der große Klaus . »Aber erhalte ich kein Seevieh, wenn ich hinunterkomme, glaube mir, so werde ich Dich tüchtig prügeln!« »O nein, mache es nicht so schlimm!« Da gingen sie zum Flusse hin. Als das Vieh, welches durstig war, das Wasser erblickte, lief es, was es konnte, um hinunter zum Wasser zu gelangen. »Sieh, wie es sich sputet!« sagte der kleine Klaus. »Es verlangt darnach, wieder auf den Grund zu kommen!« »Ja, hilf mir nur erst,« sagte der große Klaus , »sonst bekommst Du Prügel!« Und so kroch er in den großen Sack, der quer über dem Rücken eines Stieres gelegen hatte. »Lege einen Stein hinein, sonst befürchte ich, nicht unterzusinken,« sagte der große Klaus. »Es geht schon!« sagte der kleine Klaus, legte aber doch noch einen großen Stein in den Sack, knüpfte das Band fest zu, und dann stieß er daran. Plump! da lag der große Klaus in dem Flusse und sank sogleich hinunter auf den Grund. »Ich glaube, er wird das Vieh nicht finden!« sagte der kleine Klaus und trieb dann heim mit Dem, was er hatte. Der unartige Knabe. Es war einmal ein alter Dichter, so ein recht guter, alter Dichter. Eines Abends, als er zu Hause saß, gab es draußen ein schrecklich böses Wetter; der Regen strömte hernieder, aber der alte Dichter saß gemächlich hinter seinem Ofen, wo das Feuer brannte und die Aepfel zischten. »Es bleibt kein Faden trocken an den Armen, die in diesem Wetter draußen sind!« sagte er. »O, öffne mir! Mich friert und ich bin durchnäßt!« rief draußen ein kleines Kind. Es weinte und klopfte an die Thüre, während der Regen herabströmte und der Wind mit allen Fenstern klirrte. »Du armes Wesen!« sagte der Dichter und ging hin, die Thüre zu öffnen. Da stand ein kleiner Knabe; er war nackt, und das Wasser floß aus seinen langen, blonden Locken. Er zitterte vor Kälte; wäre er nicht hereingelassen, so wäre er in dem bösen Wetter sicher umgekommen. »Du kleines Wesen!« sagte der Dichter und nahm ihn bei der Hand. »Komm zu mir, ich werde Dich schon erwärmen! Wein und einen Apfel sollst Du haben, denn Du bist ein prächtiger Knabe!« Das war er auch. Seine Augen leuchteten wie zwei helle Sterne, und obgleich das Wasser aus seinen blonden Locken herabfloß, ringelten sie sich doch gar schön. Er sah aus, wie ein kleiner Engel, war aber bleich vor Kälte und zitterte am ganzen Körper. In der Hand trug er einen herrlichen Bogen, aber der war vom Regen völlig verdorben; alle Farben auf den schönen Pfeilen liefen vor Nässe ineinander. Der Alte setzte sich an den Ofen, nahm den kleinen Knaben auf seinen Schoos, drückte das Wasser aus seinen Locken, wärmte dessen Hände in den seinigen und machte ihm süßen Glühwein: da erholte er sich, bekam rothe Wangen, sprang auf den Fußboden und tanzte um den Alten herum. »Du bist ein lustiger Knabe!« sagte der Alte. »Wie heißt Du?« »Ich heiße Amor!« erwiderte er. »Kennst Du mich nicht? Dort liegt mein Bogen! Glaube mir, damit schieße ich! Sieh, nun wird das Wetter draußen wieder gut, der Mond scheint.« »Aber Dein Bogen ist verdorben!« sagte der alte Dichter. »Das wäre schlimm!« sagte der kleine Knabe, nahm ihn auf und besah ihn. »O, der ist völlig trocken und hat keinen Schaden gelitten; die Sehne sitzt straff; ich werde ihn probiren!« Dann spannte er ihn, legte einen Pfeil darauf, zielte und schoß den guten, alten Dichter mitten in das Herz. »Siehst Du wohl, daß mein Bogen nicht verdorben war?« sagte er, lachte laut auf und lief davon. Der unartige Knabe, so den alten Dichter zu schießen, der ihn in die warme Stube hereingenommen hatte, so gut gegen ihn gewesen war und ihm den schönsten Wein und den besten Apfel gegeben hatte! Der gute Alte lag auf dem Fußboden und weinte; er war wirklich in das Herz geschossen. »Pfui!« rief er, »was für ein unartiger Knabe ist dieser Amor! Das werde ich allen guten Kindern erzählen, damit sie sich in Acht nehmen können und nie mit ihm spielen, denn er thut ihnen was zu Leide!« Alle guten Kinder, Mädchen und Knaben, denen er dieses erzählte, nahmen sich auch vor dem bösen Amor in Acht; aber der führte sie doch an, denn er ist sehr durchtrieben! Wenn die Studenten aus den Vorlesungen kommen, so läuft er ihnen mit einem Buche unter dem Arme zur Seite und hat einen schwarzen Rock an. Sie können ihn nicht erkennen. Und dann fassen sie ihn unter den Arm und glauben, daß er auch ein Student sei; aber da sticht er ihnen den Pfeil in die Brust. Wenn die Mädchen vom Prediger kommen und eingesegnet werden, so ist er auch unter ihnen. Ja, er ist immer hinter den Leuten her! Er sitzt im großen Kronleuchter im Theater und brennt lichterloh, so daß die Leute glauben, es sei eine Lampe; aber später sehen sie den Irrthum ein. Er läuft im Schloßgarten und auf den Promenaden umher! Ja, er hat auch einmal Deinen Vater und Deine Mutter in das Herz geschossen! Frage sie nur darnach, so wirst Du hören, was sie sagen. Ach, es ist ein böser Knabe, dieser Amor; mit ihm mußt Du nie etwas zu schaffen haben! Er ist hinter Jedermann her. Denk' einmal, er schoß sogar einen Pfeil auf die alte Großmutter ab; aber das ist lange her. Die Wunde ist zwar lange geheilt, doch vergißt sich dies nie. Pfui, der böse Amor! Aber nun kennst Du ihn und weißt, was für ein unartiger Knabe er ist. Die Nachtigall. In China, weißt Du wohl, ist der Kaiser ein Chinese, und Alle, die er um sich hat, sind auch Chinesen. Es ist nun viele Jahre her, aber eben deshalb ist es der Mühe werth, die Geschichte zu hören, ehe sie vergessen wird! Des Kaisers Schloß war das prächtigste in der Welt, ganz und gar von feinem Porzellan, sehr kostbar, aber so spröde, so mißlich, daran zu rühren, daß man sich sehr in Acht nehmen mußte. Im Garten sah man die wunderbarsten Blumen und an die prächtigsten waren Silberglocken gebunden, welche klangen, damit man nicht vorbeigehen möchte, ohne die Blumen zu bemerken. Ja, Alles war in des Kaisers Garten fein ausspeculirt. Und er erstreckte sich so weit, daß der Gärtner selbst das Ende desselben nicht kannte. Ging man immer weiter, so kam man in den herrlichsten Wald mit hohen Bäumen und tiefen Seen. Der Wald ging gerade hinunter bis zum Meere, welches blau und tief war; große Schiffe konnten bis unter die Zweige der Bäume hinsegeln, und in diesen wohnte eine Nachtigall, die so herrlich sang, daß selbst der arme Fischer, der doch viel Anderes zu thun hatte, still hielt und horchte, wenn er des Nachts ausgefahren war, um das Fischnetz auszuwerfen, und dann die Nachtigall hörte. »Ach Gott, wie ist das schön!« sagte er; aber er mußte auf seine Sachen Acht geben und vergaß dabei den Vogel. Doch wenn dieser in der nächsten Nacht wieder sang und der Fischer dorthin kam, sagte er dasselbe: »Ach Gott, wie ist das schön!« Aus allen Ländern der Welt kamen Reisende nach der Stadt des Kaisers und bewunderten diese, das Schloß und den Garten. Doch wenn sie die Nachtigall zu hören bekamen, sagten sie Alle: »Das ist doch das Beste!« Die Reisenden erzählten davon, wenn sie nach Hause kamen; und die Gelehrten schrieben viele Bücher über die Stadt, das Schloß und den Garten. Aber auch die Nachtigall vergaßen sie nicht: die wurde am Höchsten gestellt; und Die, welche dichten konnten, schrieben die herrlichsten Gedichte über die Nachtigall im Walde bei dem tiefen See. Die Bücher durchliefen die Welt und einige davon kamen auch einmal zum Kaiser. Er saß in seinem goldenen Stuhle und las und las; jeden Augenblick nickte er mit dem Kopfe, denn es freute ihn, die prächtigen Beschreibungen der Stadt, des Schlosses und des Gartens zu vernehmen, »Aber die Nachtigall ist doch das Allerbeste!« stand da geschrieben. »Was ist das?« sagte der Kaiser. »Die Nachtigall kenne ich ja gar nicht! Ist ein solcher Vogel in meinem Kaiserreiche und sogar in meinem Garten? Das habe ich nie gehört! So etwas erst aus Büchern zu erfahren!« Und hierauf rief er seinen Cavalier. Der war so vornehm, daß, wenn Jemand, der geringer als er war, mit ihm zu sprechen oder ihn nach Etwas zu fragen wagte, er weiter nichts erwiderte, als: »P!« und das hat nichts zu bedeuten. »Hier soll ja ein höchst merkwürdiger Vogel sein, welcher Nachtigall genannt wird!« sagte der Kaiser. »Man sagt, dies sei das Allerbeste in meinem großen Reiche. Weshalb hat man mir nie etwas davon gesagt?« »Ich habe ihn früher nie nennen hören!« sagte der Cavalier. »Er ist nie bei Hofe vorgestellt worden!« »Ich will, daß er heute Abend herkommen und vor mir singen soll!« sagte der Kaiser. »Die ganze Welt weiß, was ich habe, und ich weiß es nicht!« »Ich habe ihn früher nie nennen hören!« sagte der Cavalier. »Ich werde ihn suchen, ich werde ihn finden!« – Aber wo war Der zu finden? Der Cavalier lief alle Treppen auf und nieder, durch Säle und Gänge, aber Keiner von allen Denen, auf die er traf, hatte von der Nachtigall sprechen hören. Und der Cavalier lief wieder zum Kaiser und sagte, daß es sicher eine Fabel von Denen sein müßte, die da Bücher schrieben. »Dero Kaiserliche Majestät können gar nicht glauben, was Alles geschrieben wird! Das sind Erdichtungen und Etwas, was man die schwarze Kunst nennt.« »Aber das Buch, in dem ich dieses gelesen habe,« sagte der Kaiser, »ist mir von dem großmächtigsten Kaiser von Japan gesandt, und es kann also keine Unwahrheit sein, Ich will die Nachtigall hören! Sie muß heute Abend hier sein! Sie hat meine höchste Gnade! Und kommt sie nicht, so soll dem ganzen Hofe auf den Leib getrampelt werden, wenn er Abendbrot gegessen hat!« »Tsing pe!« sagte der Cavalier und lief wieder alle Treppen auf und nieder, durch alle Säle und Gänge; und der halbe Hof lief mit, denn sie wollten nicht gern auf den Leib getrampelt sein. Da gab es ein Fragen nach der merkwürdigen Nachtigall, welche die ganze Welt kannte, nur Niemand bei Hofe. Endlich trafen sie ein kleines, armes Mädchen in der Küche. Die sagte: »O Gott, die Nachtigall kenne ich gut; ja, wie kann sie singen! Jeden Abend habe ich Erlaubniß, meiner armen, kranken Mutter Ueberbleibsel vom Tische nach Hause zu tragen; sie wohnt unten am Strande; und wenn ich zurückgehe, müde bin und im Walde ausruhe, dann höre ich die Nachtigall singen! Es kommen mir dabei die Thränen in die Augen, und es ist, als ob meine Mutter mich küßte!« »Kleine Köchin!« sagte der Cavalier, »ich werde Dir eine Anstellung in der Küche und die Erlaubniß verschaffen, den Kaiser speisen zu sehen, wenn Du uns zur Nachtigall führen kannst, denn sie ist zu heute Abend angesagt.« Und so zogen sie Alle hinaus in den Wald, wo die Nachtigall zu singen pflegte; der halbe Hof war mit. Als sie im besten Zuge waren, fing eine Kuh zu brüllen an. »O!« sagten die Hofjunker, »nun haben wir sie! Das ist doch eine merkwürdige Kraft in einem so, kleinen Thiere! Die habe ich sicher schon früher gehört!« »Nein, das sind Kühe, welche brüllen!« sagte die kleine Köchin. »Wir sind noch weit von dem Orte entfernt!« Nun quakten die Frösche im Sumpfe. »Herrlich!« sagte der chinesische Hofprediger. »Nun höre ich sie; es klingt gerade wie kleine Kirchenglocken.« »Nein, das sind Frösche!« sagte die kleine Köchin. »Aber nun denke ich, werden wir sie bald hören!« Da begann die Nachtigall zu schlagen. »Das ist sie!« sagte das kleine Mädchen. »Hört! Hört! Da sitzt sie!« Und sie zeigte nach einem kleinen, grauen Vogel oben in den Zweigen. »Ist es möglich!« sagte der Cavalier. »So halte ich sie mir nimmer gedacht! Wie sie einfach aussieht! Sie hat sicher ihre Farbe darüber verloren, daß sie so viele vornehme Menschen um sich erblickt!« »Kleine Nachtigall!« rief die kleine Köchin laut; »unser gnädigster Kaiser wünscht, daß Sie vor ihm singen!« »Mit dem größten Vergnügen!« sagte die Nachtigall und sang dann, daß es eine Lust war. »Es klingt gerade wie Glasglocken!« sagte der Cavalier. »Und seht die kleine Kehle, wie sie arbeitet! Es ist merkwürdig, daß wir sie früher nie gehört haben! Sie wird großen Succès bei Hofe machen!« »Soll ich noch einmal vor dem Kaiser singen?« fragte die Nachtigall, welche glaubte, der Kaiser sei auch da. »Meine vortreffliche kleine Nachtigall!« sagte der Cavalier, »ich habe die große Freude, Sie zu einem Hoffeste heute Abend einzuladen, wo Sie Dero hohe kaiserliche Gnaden mit Ihrem charmanten Gesänge bezaubern werden!« »Der hört sie am besten im Grünen an!« sagte die Nachtigall; aber sie kam doch gern mit, als sie hörte, daß es der Kaiser wünschte. Auf dem Schlosse war tüchtig aufgeputzt. Die Wände und der Fußboden, welche von Porzellan waren, glänzten im Strahle vieler tausend Goldlampen; die prächtigsten Blumen, welche recht klingeln konnten, waren in den Gängen aufgestellt. Das war ein Laufen und ein Zugwind, und alle Glocken klingelten so, daß man sein eigenes Wort nicht hören konnte. Mitten in den großen Saal wo der Kaiser saß war ein goldener Stecken gestellt, auf diesem sollte die Nachtigall sitzen. Der ganze Hof war da, und die kleine Köchin hatte die Erlaubniß erhalten, hinter der Thür zu stehen, da sie nun den Titel einer wirklichen Hofköchin bekommen hatte. Alle waren in ihrem größten Putz, und Alle sahen nach dem kleinen grauen Vogel, dem der Kaiser zunickte. Die Nachtigall sang so herrlich, daß dem Kaiser die Thränen in die Augen traten und ihm über die Wangen herniederliefen, da sang die Nachtigall noch schöner: das ging recht zu Herzen. Der Kaiser war so froh, daß er sagte, die Nachtigall solle seinen goldenen Pantoffel um den Hals zu tragen bekommen. Aber die Nachtigall dankte: sie habe schon Belohnung genug erhalten. »Ich habe Thränen in des Kaisers Augen gesehen, das ist mir der reichste Schatz! Eines Kaisers Thränen haben eine besondere Kraft! Gott weiß es, ich bin genug belohnt.« Darauf sang sie wieder mit ihrer süßen, herrlichen Stimme. »Das ist die liebenswürdigste Koketterie, die ich kenne!« sagten die Damen rings umher, und dann nahmen sie Wasser in den Mund um zu glucken, wenn Jemand mit ihnen spräche. Sie glaubten dann auch Nachtigallen zu sein. Ja, die Lakaien und Kammermädchen ließen melden, daß auch sie zufrieden seien; das will viel sagen, denn die sind am schwersten zu befriedigen. Kurz, die Nachtigall machte wahrlich Glück. Sie sollte nun bei Hofe bleiben, ihr eigenes Bauer und die Freiheit haben, zweimal des Tages und einmal des Nachts herauszuspazieren. Sie bekam dann zwölf Diener mit, welche ihr alle ein Seidenband um das Bein geschlungen hatten, an dem sie sie recht fest hielten. Es war durchaus kein Vergnügen bei einem solchen Ausfluge. Die ganze Stadt sprach von dem merkwürdigen Vogel, und begegneten sich Zwei, so sagte der Eine nichts Anderes als: »Nacht!« – und der Andere sagte: »gall!« Ist im Original doppelsinnig, da im Dänischen »gall« verrückt heißt. Und dann seufzten sie und verstanden einander. Ja, elf Hökerkinder wurden nach ihr benannt; aber nicht eins von ihnen hatte einen Ton in der Kehle. – Eines Tages erhielt der Kaiser ein großes Packet, worauf geschrieben stand: »Die Nachtigall«. »Da haben wir nun ein neues Buch über unsern berühmten Vogel!« sagte der Kaiser. Aber es war kein Buch, sondern ein kleines Kunstwerk, welches in einer Schachtel lag: eine künstliche Nachtigall, die der lebenden gleichen sollte, allein überall mit Diamanten, Rubinen und Saphiren besetzt war. Sobald man den Kunstvogel aufzog, konnte er eins der Stücke, die der wirkliche Vogel sang, singen; und dann bewegte sich der Schweif auf und nieder, und glänzte von Silber und Gold. Um den Hals hing ein kleines Band, darauf stand geschrieben: »Des Kaisers von Japan Nachtigall ist arm gegen die des Kaisers von China.« »Das ist herrlich!« sagten Alle; und der, welcher den künstlichen Vogel gebracht hatte, erhielt sogleich den Titel: Kaiserlicher Ober-Nachtigall-Bringer. »Nun müssen sie zusammen singen: was wird das für ein Duett werden!« Und so mußten sie zusammen singen; aber es wollte nicht recht passen, denn die wirkliche Nachtigall sang auf ihre Weise und der Kunstvogel ging auf Walzen. »Der hat keine Schuld,« sagte der Spielmeister; »der ist besonders taktfest und ganz nach meiner Schule!« Nun sollte der Kunstvogel allein singen. Er machte eben so viel Glück, als der wirkliche, und dann war er ja viel niedlicher anzusehen: er glänzte wie Armbänder und Busennadeln. Dreiunddreißig Mal sang er ein und dasselbe Stück und war doch nicht müde. Die Leute hätten ihn gern wieder aufs Neue gehört, aber der Kaiser meinte, daß nun auch die lebendige Nachtigall etwas singen solle. – – Aber wo war die? Niemand hatte bemerkt, daß sie aus dem offenen Fenster zu ihren grünen Wäldern fort geflogen war. »Aber was ist denn das!« sagte der Kaiser. Und alle Hofleute schalten und meinten, daß die Nachtigall ein höchst undankbares Thier sei. »Den besten Vogel haben wir doch!« sagten sie; und so mußte denn der Kunstvogel wieder singen, und das war das vierunddreißigste Mal, daß sie dasselbe Stück zu hören bekamen. Sie konnten es dessenungeachtet doch nicht auswendig; es war gar zu schwer. Und der Spielmeister lobte den Vogel außerordentlich; ja, er versicherte, daß er besser als eine Nachtigall sei, nicht nur was die Kleider und die vielen herrlichen Diamanten beträfe, sondern auch innerlich. »Denn sehen Sie, meine Herrschaften, der Kaiser vor Allen! bei der wirklichen Nachtigall kann man nie berechnen, was da kommen wird; aber bei dem Kunstvogel ist Alles bestimmt! Man kann es erklären, man kann ihn öffnen und dem Menschen begreiflich machen, wie die Walzen liegen, wie sie gehen, und wie das Eine aus dem Andern folgt!« »Das sind auch unsere Gedanken!« sagten Alle, und der Spielmeister erhielt die Erlaubniß, am nächsten Sonntage den Vogel dem Volke vorzuzeigen. Es sollte ihn auch singen hören, befahl der Kaiser. Und es hörte ihn; und es wurde so vergnügt, als ob es sich in Thee berauscht hätte, denn das ist chinesisch; da sagten Alle: »Oh!« und hielten den Zeigefinger in die Höhe und nickten dazu. Die armen Fischer jedoch, welche die wirkliche Nachtigall gehört hatten, sagten: »Das klingt hübsch genug; die Melodien gleichen sich auch; aber es fehlt Etwas, ich weiß nicht was!« Die wirkliche Nachtigall wurde aus dem Lande und Reiche verwiesen. Der Kunstvogel hatte seinen Platz auf einem Seidenkissen dicht bei des Kaisers Bette; alle die Geschenke, welche er erhalten, Gold und Edelsteine, lagen rings um ihn her, und im Titel war er zu einem »Hochkaiserlichen Nachttisch-Sänger« gestiegen, im Range bis Nummer Eins zur linken Seite. Denn der Kaiser rechnete die Seite für die vornehmste, auf der das Herz saß, und das Herz sitzt auch bei einem Kaiser links. Und der Spielmeister schrieb ein Werk von fünfundzwanzig Bänden über den Kunstvogel; das war so gelehrt und so lang, voll von den allerschwersten chinesischen Wörtern, daß alle Leute sagten, sie hatten es gelesen und verstanden, denn sonst wären sie ja dumm gewesen und wären auf den Leib getrampelt worden. So ging es ein ganzes Jahr. Der Kaiser, der Hof und alle die andern Chinesen konnten jeden Gluck in des Kunstvogels Gesange auswendig. Aber gerade deshalb gefiel er ihnen jetzt am Allerbesten: sie konnten selbst mitsingen, und das thaten sie auch. Die Straßenbuben sangen: »Zizizi! Gluckgluckgluck!« und der Kaiser sang es ebenfalls. Ja, das war gewiß prächtig! Eines Abends jedoch, als der Kunstvogel am Besten sang, und der Kaiser im Bette lag und darauf hörte, sagte es inwendig im Vogel »Schwupp«. Da sprang Etwas! »Schnurrrr!« alle Räder liefen herum, und dann stand die Musik still. Der Kaiser sprang gleich aus dem Bette und ließ seinen Leibarzt rufen; aber was konnte der helfen! Dann ließen sie den Uhrmacher holen, und nach vielem Sprechen und Nachsehen bekam er den Vogel etwas in Ordnung; aber er sagte, daß er geschont werden müsse, denn die Zapfen seien abgenutzt, und es wäre unmöglich, neue so einzusetzen, daß die Musik sicher ginge. Nun war eine große Trauer! Nur einmal des Jahres durfte man den Kunstvogel singen lassen, und das war schon fast zu viel. Aber dann hielt der Spielmeister eine kleine Rede voll inhaltsschwerer Worte und sagte, daß es eben so gut sei, wie früher; dann war es eben so gut, wie früher. Jetzt waren fünf Jahre vergangen, und das Land bekam eine große Trauer. Die Chinesen hielten im Grunde alle auf ihren Kaiser, und jetzt war er krank und konnte nicht lange mehr leben, sagte man. Schon war ein neuer Kaiser gewählt, und das Volk stand draußen auf der Straße und fragte den Cavalier, wie es ihrem alten Kaiser ginge. »P!« sagte er und schüttelte mit dem Kopfe. Kalt und bleich lag der Kaiser in seinem großen, prächtigen Bette; der ganze Hof glaubte ihn todt, und ein Jeder von ihnen lief hin, den neuen Kaiser zu begrüßen. Die Kammerdiener liefen hinaus, um darüber zu schwatzen, und die Kammermädchen hatten große Kaffeegesellschaft. Rings umher in alle Säle und Gänge war Tuch gelegt, damit man keinen Fußtritt vernehme, und deshalb war es da still, ganz still! Aber der Kaiser war noch nicht todt; steif und bleich lag er in dem prächtigen Bette mit den langen Sammetgardinen und den schweren Goldquasten; hoch oben stand ein Fenster offen, und der Mond schien herein auf den Kaiser und den Kunstvogel. Der arme Kaiser konnte kaum athmen; es war, als ob Etwas auf seiner Brust säße; er schlug die Augen auf, und da sah er, daß es der Tod sei, der auf seiner Brust saß und sich seine goldene Krone aufgesetzt hatte und in der einen Hand des Kaisers goldenen Säbel, in der andern seine prächtige Fahne hielt. Und rings umher aus den Falten der großen, sammtnen Bettgardinen sahen wunderbare Köpfe hervor: einige häßlich, andere lieblich und mild. Das waren alle des Kaisers böse und gute Thaten, welche ihn anblickten, jetzt da der Tod ihm auf dem Herzen saß. »Entsinnest Du Dich dieses?« flüsterte Einer nach dem Andern. »Erinnerst Du Dich dessen?« Und dann erzählten sie ihm so viel, daß ihm der Schweiß von der Stirne rann. »Das habe ich nicht gewußt!« sagte der Kaiser. »Musik! Musik! die große chinesische Trommel!« rief er; »damit ich nicht Alles zu hören brauche, was sie sagen!« Und sie fuhren fort, und der Tod nickte wie ein Chinese zu Allem, was gesagt wurde. »Musik, Musik!« schrie der Kaiser. »Du kleiner herrlicher Goldvogel! Singe doch, singe! Ich habe Dir ja Gold und Kostbarkeiten gegeben; ich habe Dir selbst meinen goldenen Pantoffel um den Hals gehängt: singe doch, singe!« Der Vogel aber stand still; es war Niemand da, ihn aufzuziehen, und sonst sang er nicht; aber der Tod fuhr fort, den Kaiser mit seinen großen, hohlen Augen anzustarren; und still war es, schrecklich still! Da klang auf einmal vom Fenster her der herrlichste Gesang: es war die kleine, lebende Nachtigall, welche auf einem Zweige draußen saß. Sie hatte von der Noth ihres Kaisers gehört und war deshalb gekommen, ihm Trost und Hoffnung zu singen. Und wie sie sang, wurden die Gespenster immer bleicher und bleicher; das Blut kam immer rascher und rascher in des Kaisers schwachen Gliedern in Bewegung, und selbst der Tod horchte und sagte: »Fahre fort, kleine Nachtigall! fahre fort!« »Ja, willst Du mir den prächtigen goldenen Säbel geben? Willst Du mir die reiche Fahne geben? Willst Du mir des Kaisers Krone geben?« Und der Tod gab jedes Kleinod für einen Gesang; und die Nachtigall fuhr noch fort zu singen; sie sang von dem stillen Gottesacker, wo die weißen Rosen wachsen, wo der Flieder duftet, und wo das frische Gras von den Thränen der Ueberlebenden befeuchtet wird. Da bekam der Tod Sehnsucht nach seinem Garten und schwebte, wie ein kalter, weißer Nebel, aus dem Fenster. »Dank, Dank!« sagte der Kaiser. »Du himmlischer, kleiner Vogel! Ich kenne Dich wohl! Dich habe ich aus meinem Lande und Reiche gejagt! Und doch hast Du die bösen Gesichter von meinem Bette weggesungen, den Tod von meinem Herzen weggeschafft! Wie kann ich Dir lohnen?« »Du hast mich belohnt!« sagte die Nachtigall. »Ich habe Deinen Augen Thränen entlockt, als ich das erste Mal sang: das vergesse ich nie! Das sind Juwelen, die ein Sängerherz erfreuen! – Aber schlafe nun und werde wieder frisch und stark! Ich werde Dir etwas vorsingen!« Und sie sang – und der Kaiser fiel in einen süßen Schlummer. Ach! wie mild und wohlthuend war der Schlaf! Die Sonne schien durch die Fenster zu ihm herein, als er gestärkt und gesund erwachte. Keiner von seinen Dienern war noch zurückgekehrt, denn sie glaubten, er sei todt; nur die Nachtigall saß noch bei ihm und sang. »Immer mußt Du bei mir bleiben!« sagte der Kaiser. »Du sollst nun singen, wenn Du selbst willst, und den Kunstvogel schlage ich in tausend Stücke.« »Thue das nicht!« sagte die Nachtigall. »Der hat ja Gutes gethan, so lange er konnte! Behalte ihn, wie bisher! Ich kann im Schlosse nicht mein Nest bauen und bewohnen; aber laß mich kommen, wenn ich selbst Lust habe: da will ich des Abends auf dem Zweige dort beim Fenster sitzen und Dir etwas vorsingen, damit Du froh werden kannst und gedankenvoll zugleich! Ich werde von den Glücklichen singen, und von Denen, die da leiden! Ich werde vom Bösen und vom Guten singen, was rings um Dich her verborgen bleibt! Der kleine Singvogel fliegt weit umher, zu dem armen Fischer, zu des Landmanns Dach, zu Jedem, der weit von Dir und Deinem Hofe entfernt ist! Ich liebe Dein Herz mehr als Deine Krone, und doch hat die Krone einen Duft von etwas Heiligthum um sich! – Ich komme, ich singe Dir etwas vor! – Aber Eins mußt Du mir versprechen.« – – »Alles!« sagte der Kaiser und stand da in seiner kaiserlichen Tracht, die er selbst angelegt hatte, und drückte den Säbel, welcher schwer von Gold war, an sein Herz. »Um Eins bitte ich Dich! Erzähle Niemand, daß Du einen kleinen Vogel hast, der Dir Alles sagt; dann wird es noch besser gehen!« Da flog die Nachtigall fort. Die Diener kamen herein, um nach ihrem todten Kaiser zu sehen – – ja, da standen sie, und der Kaiser sagte: »Guten Morgen!« »Ein Unterschied ist da.«. Es war im Maimonat, der Wind blies noch kalt; aber »der Frühling ist da«, sagten Büsche und Bäume, Feld und Flur; es wimmelte von Blumen bis in die lebendigen Hecken hinauf; und dort führte der Frühling selbst seine Sache, er predigte von einem kleinen Apfelbaume herab, dort hing ein einziger Zweig, frisch und blühend, mit feinen, rosenrothen Knospen überstreut, welche im Begriff waren, sich zu öffnen; er wußte recht wohl, wie schön es sei, denn es liegt im Blatte sowohl wie im Blute; deshalb überraschte es ihn auch nicht, als ein herrschaftlicher Wagen vor ihm anhielt, und die junge Gräfin sagte, daß ein Apfelzweig das lieblichste sei, das man sehen könne: er sei der Frühling selbst in seiner herrlichsten Offenbarung. Der Zweig wurde abgebrochen, sie nahm ihn in ihre feine Hand, und beschattete ihn mit ihrem seidenen Sonnenschirme, – dann fuhren sie nach dem Schlosse, wo sich hohe Säle und prächtige Zimmer befanden; klare, weiße Gardinen flatterten vor den offenen Fenstern und herrliche Blumen standen in glänzenden, durchsichtigen Vasen, und in eine derselben, die wie aus frischgefallenem Schnee geschnitten war, wurde der Apfelzweig zwischen frische, lichte Buchenzweige gesteckt; es war eine Lust ihn zu sehen. Da wurde der Zweig stolz und das ist ja menschlich! Es kamen verschiedenartige Leute durch die Zimmer, und je nachdem sie etwas galten, durften sie ihre Bewunderung aussprechen. Einige sagten nichts, andere wiederum zu viel, und der Apfelzweig verstand es, daß ein Unterschied zwischen den Gewächsen sei. »Einige sind zum Staate und einige zum Ernähren da; es giebt auch solche, die man ganz entbehren könnte,« meinte der Apfelzweig, und da er gerade vor dem offenen Fenster stand, von wo aus er in den Garten und auf das Feld sehen konnte, so hatte er Blumen und Gewächse genug, um sie zu betrachten und darüber nachzudenken; dort standen reiche und arme, einige gar zu ärmliche. »Arme verstoßene Kräuter!« sagte der Apfelzweig, »ein Unterschied ist freilich da! wie unglücklich müssen sie sich suhlen, wenn die Art so fühlen kann wie ich und meines Gleichen; freilich ist ein Unterschied da, aber der muß auch gemacht werden, sonst wären sie ja Alle gleich!« Und der Apfelzweig sah mit gewissem Mitleid besonders auf eine Art von Blumen, welche sich in Menge auf Feldern und in Gräben vorfanden; Keiner Band sie zum Strauße; sie waren gar zu gewöhnlich, ja, man konnte sie selbst zwischen den Steinpflaster finden. Sie schossen wie das ärgste Unkraut hervor, und hatten den häßlichen Namen: Hundsblumen. »Armes, verachtetes Gewächs!« sagte der Apfelzweig, »Du kannst nichts dafür, daß Du den häßlichen Namen erhieltest, welchen Du führst. Aber mit den Gewächsen ist es wie mit den Menschen, ein Unterschied muß sein!« »Unterschied!« sagte der Sonnenstrahl und küßte den blühenden Apfelzweig, küßte aber auch die gelben Hundsblumen draußen auf dem Felde, alle Brüder des Sonnenstrahls küßten sie, die armen Blumen sowohl wie die reichen. Der Apfelzweig hatte niemals über Gottes unendliche Liebe gegen Alles, was da lebt und sich in ihm bewegt, nachgedacht, wie viel Schönes und Gutes verborgen, aber nicht vergessen daliegen kann, – aber auch das war menschlich! Der Sonnenstrahl, der Strahl des Lichts wußte es besser: »Du siehst nicht weit, Du siehst nicht klar! – Welches ist das verachtete Kraut, das Du namentlich beklagst?« »Die Hundsblume!« sagte der Apfelzweig. »Niemals wird sie zum Strauß gebunden, sie wird mit Füßen getreten; es sind ihrer zu viele, und wenn sie in Samen schießen, so stiegen sie wie kleingeschnittene Wolle über den Weg und hängen sich an die Kleider der Leute. Unkraut ist's, aber auch das soll ja sein! – Ich bin wirklich sehr dankbar, daß ich keine jener Blumen geworden bin!« Und über das Feld kam eine Schaar Kinder. Das jüngste derselben war noch so klein daß es von den andern getragen wurde. Als es zwischen den gelben Blumen in das Gras gesetzt wurde, lachte es laut vor Freude, zappelte mit den Beinchen, wälzte sich umher, pflückte nur die gelben Blumen, und küßte sie in süßer Unschuld. Die etwas größeren Kinder brachen die Blumen von den hohen Stielen, bogen diese rund in sich selbst zusammen, Glied an Glied, sodaß eine Kette daraus entstand; erst eine für den Hals, dann eine, um sie über die Schultern und um den Leib zu hängen, und dann noch eine um sie auf der Brust und auf dem Kopf zu befestigen; das war eine Pracht von grünen Gliedern und Ketten! Aber die größten Kinder faßten vorsichtig die abgeblühte Blume beim Stengel, der die gefiederte zusammengesetzte Samenkrone trug; diese lose, luftige Wollblume, welche ein rechtes Kunstwerk ist, wie aus den feinsten Federn, Flocken oder Daunen, hielten sie an den Mund, um sie mit einem Male rein abzublasen, und wer das konnte, bekam, wie die Großmutter sagte, neue Kinder, bevor das Jahr zu Ende ging. Die verachtete Blume war bei dieser Gelegenheit ein Prophet. »Siehst Du!« sagte der Sonnenstrahl. »Siehst Du ihre Schönheit siehst Du ihre Macht?« »Ja für Kinder!« antwortete der Apfelzweig. Und eine alte Frau kam auf das Feld und grub mit ihrem stumpfen, schaftlosen Messer um die Wurzel des Krautes, und zog diese heraus; von einigen der Wurzeln wollte sie sich Kaffee kochen, für andere wollte sie Geld lösen, indem sie dieselbe dem Apotheker verkaufte. »Schönheit ist doch etwas Höheres!« sagte der Apfelzweig. »Nur die Auserwählten kommen in das Reich des Schönen! Es giebt einen Unterschied zwischen den Gewächsen, wie es einen Unterschied zwischen den Menschen giebt!« Der Sonnenstrahl sprach von der unendlichen Liebe Gottes, die sich im Erschaffnen offenbart, und von Allem, was Leben hat und von der gleichen Vertheilung aller Dinge in Zeit und Ewigkeit! »Ja, das ist nun Ihre Meinung!« sagte der Apfelzweig     Es kamen Leute in das Zimmer, und die junge schöne Gräfin erschien, sie, welche den Apfelzweig in die durchsichtige Vase gestellt hatte, wo das Sonnenlicht strahlte; sie brachte eine Blume, oder was es sonst sein mochte, der Gegenstand wurde von drei bis vier großen Blattern verborgen gehalten, welche wie eine Düte um ihn gehalten wurden, damit weder Zug noch Windstoß ihm Schaden thun solle, und er wurde so vorsichtig getragen, wie es mit einem Apfelzweige niemals geschehen war. Vorsichtig wurden nun die großen Blatter entfernt, und man sah die feine gefiederte Samenkrone der gelben verachteten Hundsblume. Die war es, welche sie so vorsichtig gepflückt hatte, so sorgfältig trug, damit nicht einer der seinen Federpfeile, welche ihre Nebelgestalten bilden, und lose sitzen, fortwehen solle. Unversehrt trug sie diese, und bewunderte ihre schöne Form, ihre luftige Klarheit, ihre ganz eigenthümliche Zusammensetzung, ihre Schönheit, die so im Winde verwehen sollte. »Sieh doch, wie wunderbar lieblich Gott sie gemacht hat!« sagte sie. »Ich will, sie mit dem Apfelzweige zusammen malen, den finden Alle so unendlich schön, aber auch diese arme Blume hat auf eine andere Weise ebenso viel vom lieben Gott erhalten; so verschieden sie auch sind, sind sie doch beide Kinder im Reiche der Schönheit!« Der Sonnenstrahl küßte die ärmliche Blume und den blühenden Apfelzweig, dessen Blätter dabei zu erröthen schienen. Der Garten des Paradieses. Es war einmal ein Königssohn; Niemand hatte so viele schöne Bücher, wie er; Alles, was in dieser Welt geschehen, konnte er darin lesen und die Abbildungen in prächtigen Kupferstichen erblicken. Von jedem Volke und jedem Lande konnte er Auskunft erhalten; aber wo der Garten des Paradieses zu finden sei, davon stand kein Wort darin; und der, gerade der war es, woran er am Meisten dachte. Seine Großmutter hatte ihm erzählt, als er noch klein war, aber anfangen sollte, in die Schule zu gehen, daß jede Blume im Garten dieses Paradieses der süßeste Kuchen und die Staubfäden die feinsten Weine wären; auf der einen stände Geschichte, auf der andern Geographie oder Tabelle; man brauche nur Kuchen zu essen, so könne man seine Lection; je mehr man speise, um so mehr Geschichte, Geographie und Tabellen lerne man. Das glaubte er damals. Aber schon, als er ein größerer Knabe wurde, mehr lernte und klüger ward, begriff er wohl, daß eine ganz andere Herrlichkeit im Garten des Paradieses vorhanden sein müsse. »O, weshalb pflückte doch Eva vom Baume der Erkenntniß? Weshalb aß Adam von der verbotenen Frucht? Das sollte ich gewesen sein, so wäre es nicht geschehen! Nie würde die Sünde in die Welt gekommen sein!« Das sagte er damals, und das sagte er noch, als er siebzehn Jahre alt war. Der Garten des Paradieses erfüllte alle seine Sinne. Eines Tages ging er im Walde allein, denn das war sein größtes Vergnügen. Der Abend brach an, die Wolken zogen sich zusammen; es fiel ein Regen, als ob der ganze Himmel eine einzige Schleuse sei, aus der Wasser stürze; es war so dunkel, wie es sonst des Nachts nur im tiefsten Brunnen ist. Bald glitt er in dem nassen Grase aus, bald fiel er über die glatten Steine, welche aus dem nassen Felsengrunde hervorragten. Alles triefte von Wasser; es war nicht ein trockner Faden an dem armen Prinzen. Er mußte über große Steinblöcke klettern, wo das Wasser aus dem hohen Moose quoll. Er war nahe daran, ohnmächtig zu werden. Da hörte er ein sonderbares Sausen, und vor sich sah er eine große, erleuchtete Höhle. Mitten in derselben brannte ein solches Feuer, daß man einen Hirsch daran braten konnte. Und das geschah auch. Der prächtigste Hirsch mit seinem hohen Geweihe war auf einen Spieß gesteckt und wurde langsam zwischen zwei abgehauenen Fichtenstämmen herumgedreht. Eine ältliche Frau, groß und stark, als wäre sie eine verkleidete Mannsperson, saß am Feuer und warf ein Stück Holz nach dem andern hinein. »Komm nur näher!« sagte sie; »setze Dich an das Feuer, damit Deine Kleider trocken werden.« »Hier zieht es sehr!« sagte der Prinz und setzte sich auf den Fußboden nieder. »Das wird noch ärger werden, wenn meine Söhne nach Hause kommen!« erwiderte die Frau. »Du bist hier in der Höhle der Winde: meine Söhne sind die vier Winde der Welt; kannst Du das verstehen?« »Wo sind Deine Söhne?« fragte der Prinz. »Ja, es ist schwer zu antworten, wenn man dumm gefragt wird,« sagte die Frau. »Meine Sühne treiben es auf eigene Hand; sie spielen Federball mit den Wolken dort oben im Königssaale!« Und dabei zeigte sie in die Höhe. »Ach so!« sagte der Prinz. »Ihr sprecht übrigens ziemlich barsch und seid nicht so mild, wie die Frauenzimmer, die ich sonst um mich habe!« »Ja, die haben wohl nichts Anderes zu thun! Ich muß hart sein, wenn ich meine Knaben in Respekt erhalten will; aber das kann ich, obgleich sie Trotzköpfe sind. Siehst Du die vier Säcke hier an der Wand hängen? Vor denen fürchten sie sich eben so, wie Du früher vor der Ruthe hinterm Spiegel. Ich kann die Knaben zusammenbiegen, sag' ich Dir, und dann stecke ich sie in den Sack; da machen wir keine Umstände! Da sitzen sie und dürfen nicht eher wieder umherstreifen, bis ich es für gut erachte. Aber da haben wir den Einen!« Es war der Nordwind, der mit einer eisigen Kälte hereintrat; große Hagelkörner hüpften auf dem Fußboden hin, und Schneeflocken stöberten umher. Er war in Bärenfellbeinkleidern und Jacke; eine Mütze von Seehundsfell ging bis über die Ohren; lange Eiszapfen hingen ihm am Barte; und ein Hagelkorn nach dem andern glitt ihm vom Kragen der Jacke herunter. »Gehen Sie nicht gleich an das Feuer!« sagte der Prinz. »Es könnten sonst leicht Gesicht und Hände erfrieren!« »Erfrieren?« sagte der Nordwind und lachte laut auf. »Kälte ist mein größtes Vergnügen! Was bist Du übrigens für ein Schneiderlein? Wie kommst Du in die Höhle der Winde?« »Er ist mein Gast,« sagte die Alte; »und bist Du mit dieser Erklärung nicht zufrieden, so kannst Du in den Sack kommen! – Verstehst Du mich nun?« Sieh, das half; und der Nordwind erzählte von wannen er kam und wo er fast einen ganzen Monat gewesen. »Vom Polarmeere komme ich,« sagte er; »ich bin auf dem Bäreneilande mit den russischen Walroßjägern gewesen. Ich saß und schlief auf dem Steuer, als sie vom Nordcap wegsegelten; wenn ich mitunter erwachte, flog mir der Sturmvogel um die Beine. Das ist ein komischer Vogel! Der macht einen raschen Schlag mit den Flügeln, hält sie darauf unbeweglich ausgestreckt und hat dann volle Fahrt.« »Mache es nur nicht zu weitschweifig!« sagte die Mutter der Winde. »Du kamst also nach dem Bäreneilande?« »Dort ist es schön! Da ist ein Fußboden zum Tanzen, flach wie ein Teller! Halbaufgethauter Schnee mit ein wenig Moos, scharfe Steine und Gerippe von Walrossen und Eisbären lagen umher, sowie auch Riesenarme und Beine mit verschimmeltem Grün. Man möchte glauben, daß die Sonne nie darauf geschienen hätte. Ich blies ein wenig in den Nebel, damit man den Schuppen sehen konnte: das war ein Haus, von Wrackholz erbaut und mit Walroßhäuten überzogen; die Fleischseite war nach außen gekehrt; auf dem Dache saß ein lebendiger Eisbär und brummte. Ich ging nach dem Strande, sah nach den Vogelnestern, erblickte die nackten Jungen, die schrieen und sperrten den Schnabel auf; da blies ich in die tausend Kehlen hinab, und sie lernten den Schnabel schließen. Weiterhin wälzten sich die Walrosse, wie lebendige Eingeweide oder Riesenmaden mit Schweineköpfen und ellenlangen Zähnen!« – »Du erzählst gut, mein Sohn!« sagte die Mutter. »Das Wasser läuft mir im Munde zusammen, wenn ich Dich anhöre!« »Dann ging das Jagen an! Die Harpune wurde in die Brust des Walrosses geworfen, sodaß der dampfende Blutstrahl, einem Springbrunnen gleich, über das Eis spritzte. Da gedachte ich auch meines Spieles! Ich blies auf und ließ meine Segler, die thurmhohen Eisberge, die Boote einklemmen. Hui! wie man pfiff und wie man schrie; aber ich pfiff lauter! Die todten Walroßkörper; Kisten und Tauwerk mußten sie auf das Eis auswerfen; ich schüttelte die Schneeflocken über sie und ließ sie in den eingeklemmten Fahrzeugen mit ihrem Fange nach Süden treiben, um dort Salzwasser zu kosten. Sie kommen nie mehr nach dem Bäreneilande!« »So hast Du ja Böses gethan!« sagte die Mutter der Winde. »Was ich Gutes gethan habe, mögen die Andern erzählen!« sagte er. »Aber da haben wir meinen Bruder aus Westen; ihn mag ich von Allen am Besten leiden; er schmeckt nach der See und führt eine herrliche Kälte mit sich!« »Ist das der kleine Zephyr?« fragte der Prinz. »Jawohl ist das Zephyr!« sagte die Alte. »Aber er ist doch nicht klein. Vor Jahren war er ein hübscher Knabe, aber das ist nun vorbei!« Er sah aus, wie ein wilder Mann, aber er hatte einen Fallhut auf, um nicht zu Schaden zu kommen. In der Hand hielt er eine Mahagonikeule, in den amerikanischen Mahagoniwäldern gehauen. Das war gar nichts Geringes! »Wo kommst Du her?« fragte die Mutter. »Aus den Waldwüsten,« sagte er, »wo die Wasserschlange in dem nassen Grase liegt und die Menschen unnöthig zu sein scheinen!« »Was triebst Du dort?« »Ich sah in den tiefsten Fluß, sah, wie er von den Felsen herabstürzte, Staub wurde und gegen die Wolken flog, um den Regenbogen zu tragen. Ich sah den wilden Büffel im Fluße schwimmen, aber der Strom riß ihn mit sich fort. Er trieb mit dem Schwärme der wilden Enten, welche in die Höhe flogen, wo das Wasser stürzte. Der Büffel mußte hinunter; das gefiel mir, und ich blies einen Sturm, daß uralte Bäume splitterten und zu Spänen wurden.« »Und weiter hast Du nichts gethan?« fragte die Alte. »Ich habe in den Savannen Purzelbäume geschossen; ich habe die wilden Pferde gestreichelt und Kokosnüsse geschüttelt. Ja, ja, ich habe Geschichten zu erzählen! Aber man muß nicht Alles sagen, was man weiß. Das weißt Du wohl, Alte!« und er küßte seine Mutter so, daß sie fast hintenüber gefallen wäre. Es war ein schrecklich wilder Bube! Nun kam der Südwind mit einem Turban und einem fliegenden Beduinenmantel. »Hier ist es recht kalt, hier draußen!« sagte er und warf noch Holz ms Feuer. »Man merkt, daß der Nordwind zuerst gekommen ist!« »Es ist hier so heiß, daß man einen Eisbären braten kann!« sagte der Nordwind. »Du bist selbst ein Eisbär!« antwortete der Südwind. »Wollt ihr in den Sack gesteckt sein?« fragte die Alte. – »Setze Dich auf den Stein dort und erzähle wo Du gewesen bist.« »In Afrika, Mutter!« erwiderte er. »Ich war mit den Hottentotten auf der Löwenjagd im Lande der Kaffern. Da wächst Gras in den Ebenen, grün wie eine Olive! Da lief der Straus mit mir um die Wette; aber ich bin doch noch schneller. Ich kam nach der Wüste zu dem gelben Sande; da sieht es aus, wie auf dem Grunde des Meeres. Ich traf eine Karavane; man schlachtete das letzte Kameel, um Trinkwasser zu erhalten; aber es war nur wenig, was man bekam. Die Sonne brannte von oben und der Sand von unten. Die ausgedehnte Wüste hatte keine Grenze. Da wälzte ich mich in dem feinen, losen Sande und wirbelte ihn zu großen Säulen auf. Das war ein Tanz! Du hättest sehen sollen, wie muthlos das Dromedar dastand, und der Kaufmann den Kaftan über den Kopf zog. Er warf sich vor mir nieder, wie vor Allah, seinem Gotte. Nun sind sie begraben; es steht eine Pyramide von Sand über ihnen allen. Wenn ich die einmal fortblase, dann wird die Sonne die weißen Knochen bleichen; da können die Reisenden sehen, daß dort früher Menschen gewesen sind. Sonst wird man das in der Wüste nicht glauben!« »Du hast also nur Böses gethan!« sagte die Mutter. »Marsch in den Sack!« und ehe er es sich versah, hatte sie den Südwind um den Leib gefaßt und in den Sack gesteckt. Er wälzte sich umher auf dem Fußboden, aber sie setzte sich darauf und da mußte er ruhig liegen. »Das sind muntere Knaben, die Du hast!« sagte der Prinz. »Ja wohl,« antwortete sie, »und ich weiß sie zu züchtigen! Da haben wir den vierten!« Das war der Ostwind, der war wie ein Chinese gekleidet. »Ach! kommst Du von jener Gegend?« sagte die Mutter. »Ich glaubte, Du wärest im Garten des Paradieses gewesen.« »Dahin fliege ich erst morgen!« sagte der Ostwind. »Morgen sind es hundert Jahre, seitdem ich dort war! Ich komme jetzt aus China, wo ich um den Porzellanthurm tanzte, daß alle Glocken klingelten. Auf der Straße bekamen die Beamten Prügel; das Bambusrohr wurde auf ihren Schultern zerschlagen, und das waren Leute vom ersten bis zum neunten Grade, Sie schrieen: »»Vielen Dank, mein väterlicher Wohlthäter!«« Aber es kam ihnen nicht vom Herzen, und ich klingelte mit den Glocken und sang: Tsing, tsang, tsu!« »Du bist muthwillig!« sagte die Alte. »Es ist gut, daß Du morgen in den Garten des Paradieses kommst; das trägt immer zu Deiner Bildung bei. Trinke dann tüchtig aus der Weisheitsquelle und bringe eine Flasche voll für mich mit nach Hause!« »Das werde ich thun!« sagte der Ostwind. »Aber weshalb hast Du meinen Bruder vom Süden in den Sack gesteckt? Heraus mit ihm! Er soll mir vom Vogel Phönix erzählen; von ihm will die Prinzessin im Garten des Paradieses stets hören, wenn ich jedes hundertste Jahr meinen Besuch abstatte. Mache den Sack auf, dann bist Du meine süßeste Mutter, und ich schenke Dir zwei Taschen voll Thee, so grün und frisch, wie ich ihn an Ort und Stelle gepflückt habe!« »Nun, des Thee's wegen und weil Du mein Herzensjunge bist, will ich den Sack öffnen!« Das that sie, und der Südwind kroch heraus; aber er sah ganz niedergeschlagen aus, weil der fremde Prinz es gesehen hatte. »Da hast Du ein Palmblatt für die Prinzessin!« sagte der Südwind. »Dieses Blatt hat der Vogel Phönix, der einzige, der in der Welt war, mir gegeben! Er hat mit seinem Schnabel seine ganze Lebensbeschreibung, die hundert Jahre, die er lebte, hineingeritzt. Nun kann sie es selbst lesen, wie der Vogel Phönix sein Nest in Brand steckte und darin saß und verbrannte, gleich der Frau eines Hindu. Wie knisterten die trockenen Zweige! Es war ein Rauch und ein Dampf! Zuletzt schlug Alles in Flammen auf; der alte Vogel Phönix wurde zu Asche; aber sein Ei lag glühend roth im Feuer; es barst mit einem großen Knalle, und das Junge flog heraus; nun ist Dieses Regent über alle Vögel und der einzige Vogel Phönix in der Welt. Er hat in das Palmblatt, welches ich Dir gab, ein Loch gebissen: das ist sein Gruß an die Prinzessin!« »Laßt uns etwas essen!« sagte die Mutter der Winde. Und nun setzen sie sich alle zusammen, um von dem gebratenen Hirsche zu speisen; der junge Prinz saß zur Seite des Ostwindes; deshalb wurden sie bald gute Freunde. »Höre, sag' mir einmal,« sagte der Prinz, »was ist das für eine Prinzessin, von der hier so viel die Rede ist, und wo liegt der Garten des Paradieses?« »Ho, ho!« sagte der Ostwind; »willst Du dahin? Ja, dann stiege morgen mit mir! Aber das muß ich Dir übrigens sagen: dort ist kein Mensch seit Adam's und Eva's Zeit gewesen. Die kennst Du ja wohl aus Deiner biblischen Geschichte?« »Ja wohl!« sagte der Prinz. »Damals, als sie verjagt wurden, versank der Garten des Paradieses in die Erde; aber er behielt seinen warmen Sonnenschein, seine milde Luft und all seine Herrlichkeit. Die Feenkönigin wohnt darin; da liegt die Insel der Glückseligkeit, wohin der Tod nie kommt, wo es herrlich ist! Setze Dich morgen auf meinen Rücken, dann werde ich Dich mitnehmen; ich denke, es wird sich wohl thun lassen. Aber nun höre auf zu sprechen, denn ich will schlafen!« Und dann schliefen sie allesammt. In früher Morgenstunde erwachte der Prinz und war nicht wenig erstaunt, sich schon hoch über den Wolken zu finden. Er saß auf dem Rücken des Ostwindes, der ihn noch treulich hielt; sie waren so hoch in der Luft, daß Wälder und Felder, Flüsse und Seen sich wie auf einer Landkarte ausnahmen. »Guten Morgen!« sagte der Ostwind. »Du könntest übrigens füglich noch ein Bischen schlafen, denn es ist nicht viel auf dem stachen Lande unter uns zu sehen, ausgenommen Du hättest Lust, die Kirchen zu zählen! Die stehen gleich Kreidepunkten auf dem grünen Breite.« Das waren Felder und Wiesen, was er das grüne Brett nannte. »Es war unartig, daß ich Deiner Mutter und Deinen Brüdern nicht Lebewohl gesagt habe!« meinte der Prinz. »Wenn man schläft, ist man entschuldigt!« sagte der Ostwind. Und darauf flogen sie noch rascher von dannen. Man konnte es in den Gipfeln der Bäume hören, denn wenn sie darüber hinfuhren, rasselten alle Zweige und Blätter; man konnte es auf dem Meere und auf den Seen hören, denn wo sie flogen, stiegen die Wogen höher, und die großen Schiffe neigten sich tief in das Wasser, gleich schwimmenden Schwänen. Gegen Abend, als es dunkel wurde, sahen die großen Städte ergötzlich aus; die Lichter brannten dort unten, bald hier, bald da; es war, als wenn man ein Stück Papier angebrannt hat und alle die kleinen Feuerfunken sieht, wie einer nach dem andern verschwindet. Und der Prinz klatschte in die Hände: aber der Ostwind bat ihn, das zu unterlassen und sich lieber festzuhalten; sonst konnte er leicht hinunterfallen und an einer Kirchthurmspitze hängen bleiben. Der Adler in den dunklen Wäldern flog zwar leicht, doch der Ostwind flog noch leichter. Der Kosak jagte auf seinem kleinen Pferde schnell über die Ebene dahin, doch der Prinz jagte noch schneller. »Jetzt kannst du den Himalaya sehen!« sagte der Ostwind. »Das ist der höchste Berg in Asien; nun werden wir bald nach dem Garten des Paradieses gelangen!« Dann wendeten sie sich mehr südlich, und bald duftete es dort von Gewürzen und Blumen; Feigen und Granatäpfel wuchsen wild, und die wilde Weinranke hatte blaue und rothe Trauben. Hier ließen sich Beide nieder und streckten sich in das weiche Gras, wo die Blumen dem Winde zunickten, als wollten sie sagen: »Willkommen!« »Sind wir nun im Garten des Paradieses?« fragte der Prinz. »Nein, bewahre!« erwiderte der Ostwind. »Aber wir werden bald dorthin kommen. Siehst du die Felsenmauer dort und die weite Höhle, wo die Weinranken gleich einer großen, grünen Gardine hängen? Da hindurch werden wir hineingelangen! Wickele Dich in Deinen Mantel; hier brennt die Sonne, aber einen Schritt weiter, und es ist eisig kalt. Der Vogel, welcher an der Höhle vorbeistreift, hat den einen Flügel draußen in dem warmen Sommer, und den andern drinnen in dem kalten Winter!« »So! Das ist also der Weg zum Garten des Paradieses?« fragte der Prinz. Nun gingen sie in die Höhle hinein. Hu, wie war es dort eisig kalt! Aber es währte doch nicht lange. Der Ostwind breitete seine Flügel aus, und sie leuchteten gleich dem hellsten Feuer. Nein, welch eine Höhle! Die großen Steinblöcke, von denen das Wasser träufelte, hingen über ihnen in den wunderbarsten Gestalten; bald war es da so enge, daß sie auf Händen und Füßen kriechen mußten, bald so hoch und ausgedehnt, wie in der freien Luft. Es sah aus wie Grabeskapellen mit stummen Orgelpfeifen und versteinerten Orgeln. »Wir gehen wohl den Weg des Todes zum Garten des Paradieses?« fragte der Prinz. Aber der Ostwind antwortete keine Silbe, zeigte nur vorwärts, und das schönste, blaue Licht strahlte ihnen entgegen. Die Steinblöcke über ihnen wurden mehr und mehr ein Nebel, der zuletzt wie eine weiße Wolke im Mondscheine aussah. Nun waren sie in der herrlichen, milden Luft; so frisch, wie auf den Bergen, so duftend, wie bei den Rosen des Thales. Da strömte ein Fluß, so klar, wie die Luft selbst; und die Fische waren wie Silber und Gold; purpurrote Aale, die bei jeder Bewegung blaue Feuerfunken sprühten, spielten unten im Wasser; und die breiten Nixenblumenblätter hatten des Regenbogens Farben; die Blume selbst war eine rothgelb brennende Flamme, der das Wasser Nahrung gab, gleichwie das Oel die Lampe beständig im Brennen erhalt; eine feste Brücke von Marmor, aber so künstlich und sein ausgeschnitten, als wäre sie von Spitzen und Glasperlen gemacht, führte über das Wasser zur Insel der Glückseligkeit, wo der Garten des Paradieses blühte. Der Ostwind nahm den Prinzen auf seine Arme und trug ihn hinüber. Da sangen die Blumen und Blätter die schönsten Lieder aus seiner Kindheit, aber so lieblich schwellend, wie keine menschliche Stimme hier singen kann. Waren es Palmbäume oder riesengroße Wasserpflanzen, die hier wuchsen? So saftige und große Bäume hatte der Prinz früher nie gesehen; in langen Guirlanden hingen da die wunderbarsten Schlingpflanzen, wie man sie nur mit Farben und Gold auf dem Rande alter Heiligenbücher, oder durch die Anfangsbuchstaben geschlungen, abgebildet findet. Das waren die seltsamsten Zusammensetzungen von Vögeln, Blumen und Ranken. Dicht daneben im Grase stand ein Schwarm Pfauen mit entfalteten, strahlenden Schweifen. Ja das war wirklich so! Als aber der Prinz daran rührte, merkte er, daß es keine Thiere, sondern Pflanzen waren; es waren die großen Kletten, die hier wie des Pfaues herrlicher Schweif strahlten. Der Löwe und der Tiger sprangen wie geschmeidige Katzen zwischen den grünen Hecken hin, die wie die Blumen des Olivenbaumes dufteten; und der Löwe und der Tiger waren zahm. Die wilde Waldtaube glänzte wie die schönste Perle und schlug mit ihren Flügeln den Löwen an die Mähne; und die Antilope, die sonst so scheu ist, stand daneben und nickte mit dem Kopfe, als ob sie auch mitspielen wollte. Nun kam die Fee des Paradieses; ihre Kleider strahlten wie die Sonne, und ihr Antlitz war heiter wie das einer frohen Mutter, wenn sie recht glücklich über ihr Kind ist. Sie war jung und schön, und die hübschesten Mädchen, jede mit einem leuchtenden Sterne im Haare, folgten ihr. Der Ostwind gab ihr das beschriebene Blatt vom Vogel Phönix und ihre Augen funkelten vor Freude. Sie nahm den Prinzen bei der Hand und führte ihn in ihr Schloß hinein, wo die Wände Farben hatten wie das prächtigste Tulpenblatt, wenn es gegen die Sonne gehalten wird. Die Decke selbst war eine große, strahlende Blume, und je mehr man zu derselben hinaufsah, desto tiefer erschien ihr Kelch. Der Prinz trat an das Fenster und blickte durch eine der Scheiben: da sah er den Baum der Erkenntniß mit der Schlange, und Adam und Eva standen dicht dabei. »Sind die nicht verjagt?« fragte er. Und die Fee lächelte und erklärte ihm, daß die Zeit auf jeder Scheibe ihr Bild eingebrannt habe; aber nicht, wie man es zu sehen gewohnt: nein, es war Leben darin; die Blätter der Bäume bewegten sich; die Menschen kamen und gingen, wie in einem Spiegelbilde. Und er sah durch eine andere Scheibe, da war Jakob's Traum, wo die Leiter bis in den Himmel reichte; und die Engel mit großen Schwingen schwebten auf und nieder. Ja, Alles, was in dieser Welt geschehen war, lebte und bewegte sich in den Glasscheiben; so künstliche Gemälde konnte nur die Zeit einbrennen. Die Fee lächelte und führte ihn in einen großen, hohen Saal, dessen Wände transparent erschienen. Hier waren Portraits, das eine Gesicht schöner, als das andere. Man sah Millionen Glückliche, die lächelten und sangen, so daß es in eine Melodie zusammenfloß: die Obersten waren so klein, daß sie kleiner erschienen, wie die kleinste Rosenknospe, wenn sie wie ein Punkt auf das Papier gezeichnet wird. Mitten im Saale stand ein großer Baum mit hängenden, üppigen Zweigen; goldene Aepfel hingen wie Apfelsinen zwischen den grünen Blättern. Das war der Baum der Erkenntniß, von dessen Frucht Adam und Ella gegessen hatten. Von jedem Blatte tröpfelte ein glänzender, rother Thautropfen: es war, als ob der Baum blutige Thränen weinte. »Laß uns nun in das Boot steigen!« sagte die Fee, »da wollen wir Erfrischungen auf dem schwellenden Wasser genießen! Das Boot schaukelt und kommt nicht von der Stelle, aber alle Länder der Welt gleiten an unsern Augen vorüber.« Und es war wunderbar anzusehen wie sich die ganze Küste bewegte. Da kamen die hohen, schneebedeckten Alpen mit Wolken und schwarzen Tannen; das Horn erklang tief wehmüthig, und der Hirt jodelte lustig im Thale. Dann bogen die Bananenbäume ihre langen, hängenden Zweige über das Boot nieder; schwarze Schwäne schwammen auf dem Wasser, und die seltsamsten Thiere und Blumen zeigten sich am Ufer; das war Neu-Holland, der fünfte Welttheil, der, mit einer Aussicht auf die blauen Berge, vorbeiglitt. Man hörte den Gesang der Priester und sah den Tanz der Wilden zum Schalle der Trommeln und der knöchernen Trompeten. Aegyptens Pyramiden, die bis in die Wolken ragten, umgestürzte Säulen und Sphinxe, halb im Sande begraben, segelten ebenfalls vorbei. Die Nordlichter leuchteten über ausgebrannten Vulkanen des Nordens: das war ein Feuerwerk, was Niemand nachmachen konnte. Der Prinz war sehr glücklich; ja, er sah noch hundert Mal mehr, als was wir hier erzählen. »Und ich kann immer hier bleiben?« fragte er. »Das kommt auf Dich selbst an!« erwiderte die Fee. »Wenn Du nicht, wie Adam, dich gelüsten lassest, das Verbotene zu thun, so kannst Du immer hier bleiben.« »Ich werde die Aepfel auf dem Erkenntnißbaume nicht anrühren!« sagte der Prinz. »Hier sind ja Tausende von Früchten, eben so schön, wie die!« »Prüfe Dich selbst, und bist Du nicht stark genug, so gehe mit dem Ostwinde, der Dich herbrachte. Er fliegt nun zurück und läßt sich in hundert Jahren hier nicht wieder blicken; die Zeit wird an diesem Orte für Dich vergehen, als wären es hundert Stunden, aber es ist eine lange Zeit für die Versuchung. Jeden Abend, wenn ich von Dir gehe, muß ich Dir zurufen: Komm mit! Ich muß Dir mit der Hand winken – aber bleibe zurück! Gehe nicht mit, denn sonst wird mit jedem Schritte Deine Sehnsucht größer werden. Du kommst dann in den Saal, wo der Baum der Erkenntniß wächst; ich schlafe unter seinen duftenden, hängenden Zweigen; Du wirst Dich über mich beugen, und ich muß lächeln; drückst Du aber einen Kuß auf meinen Mund, so sinkt das Paradies tief in die Erde, und es ist für Dich verloren. Der Wüste scharfer Wind wird Dich umsausen, der kalte Regen von Deinem Haupte träufeln. Kummer und Drangsal wird Dein Erbtheil.« »Ich bleibe hier!« sagte der Prinz. Und der Ostwind küßte ihn auf die Stirn und sagte: »Sei stark, dann treffen wir uns hier nach hundert Jahren wieder! Lebe wohl! Lebe wohl!« Und der Ostwind breitete seine großen Flügel aus; sie glänzten, wie das Wetterleuchten in der Erntezeit oder wie das Nordlicht im Winter. »Lebe wohl! Lebe wohl!« ertönte es von Blumen und Bäumen. Störche und Pelikane zogen wie flatternde Bänder in Reihen und geleiteten ihn bis zur Grenze des Gartens »Nun beginnen wir unsere Tänze!« sagte die Fee. »Zum Schlusse, wo ich mit Dir tanze, wirst Du, indem die Sonne sinkt, sehen, daß ich Dir winke; Du wirst mich Dir zurufen hören: Komm mit! Aber thue es nicht! Hundert Jahre lang muß ich es jeden Abend wiederholen; jedes Mal, wenn die Zeit vorbei ist, gewinnst Du mehr Kraft; zuletzt denkst Du gar nicht mehr daran. Heute Abend ist es zum ersten Male; nun habe ich Dich gewarnt!« Und die Fee führte ihn in einen großen Saal von weißen, durchsichtigen Lilien; die gelben Staubfäden in jeder Blume bildeten eine kleine Goldharfe, die mit Saitenlaut und Flötenton erklang. Die schönsten Mädchen, schwebend und schlank, in wallenden Flor gekleidet, so daß man die reizenden Glieder sah, schwebten im Tanze und sangen, wie herrlich es sei, zu leben, und daß sie nie sterben würden, und daß der Garten des Paradieses ewig blühen würde. Und die Sonne ging unter; der ganze Himmel wurde ein Gold, welches den Lilien den Schein der herrlichsten Rosen gab; und der Prinz trank von dem schäumenden Weine, welchen die Mädchen ihm reichten, und fühlte eine Glückseligkeit, wie nie zuvor. Er sah, wie der Hintergrund des Saales sich öffnete, und der Baum der Erkenntniß stand in einem Glanze, der seine Augen blendete; der Gesang dort war weich und lieblich, wie seiner Mutter Stimme, und es war, als ob sie sänge: »Mein Kind! mein geliebtes Kind!« Da winkte die Fee und rief so liebevoll: »Komm mit! Komm mit!« Und er stürzte ihr entgegen, vergaß sein Versprechen, vergaß es schon dm ersten Abend, und sie winkte und lächelte. Der Duft, der gewürzige Duft rings umher wurde stärker; die Harfen ertönten weit lieblicher, und es war, als ob die Millionen lächelnder Köpfe im Saale, wo der Baum wuchs, nickten und sängen: »Alles muß man kennen! Der Mensch ist der Herr der Erde.« Und es waren keine blutigen Thränen mehr, welche von den Blättern des Erkenntnißbaumes fielen: es waren rothe, funkelnde Sterne, die er zu erblicken glaubte. »Komm mit, komm mit!« lauteten die bebenden Töne, und bei jedem Schritte brannten des Prinzen Wangen heißer, bewegte sein Blut sich rascher. »Ich muß!« sagte er. »Es ist ja keine Sünde, kann keine sein! Weshalb nicht der Schönheit und der Freude folgen? Ich will sie schlafen sehen; es ist ja nichts verloren, wenn ich es nur unterlasse, sie zu küssen; und küssen werde ich sie nicht: ich bin stark, ich habe einen festen Willen!« Und die Fee warf ihren strahlenden Anzug ab, bog die Zweige zurück, und nach einem Augenblicke war sie darin verborgen. »Noch habe ich nicht gesündigt!« sagte der Prinz, »und will es auch nicht!« Und dann bog er die Zweige zur Seite: da schlief sie bereits, schön, wie nur die Fee im Garten des Paradieses sein kann. Sie lächelte im Traume, er bog sich über sie nieder und sah zwischen ihren Augenlidern Thränen beben! »Weinst Du über mich?« flüsterte er. »Weine nicht, Du herrliches Weib! Nun begreife ich erst des Paradieses Glück! Es durchströmt mein Blut, meine Gedanken; die Kraft des Cherubs und des ewigen Lebens fühle ich in meinem irdischen Körper! Möge es ewig Nacht für mich werden: eine Minute, wie diese, ist Reichthum genug!« Und er küßte die Thränen aus ihren Augen; sein Mund berührte den ihrigen. – Da krachte ein Donnerschlag, so tief und schrecklich, wie Niemand ihn je gehört. Und Alles stürzte zusammen; die schöne Fee, das blühende Paradies sank, sank tiefer und tiefer. Der Prinz sah es in die schwarze Nacht versinken; wie ein kleiner, leuchtender Stern strahlte es aus weiter Ferne; Todeskälte durchschauerte seinen Körper; er schloß seine Augen und lag lange wie todt. Der kalte Regen fiel ihm in das Gesicht, der scharfe Wind blies um sein Haupt; da kehrten seine Sinne zurück. »Was habe ich gethan!« seufzte er. »Ich habe gesündigt, wie Adam – gesündigt, so daß das Paradies tief versunken ist!« Und er öffnete seine Augen; den Stern in der Ferne, den Stern, der wie das gesunkene Paradies funkelte, sah er noch – es war der Morgenstern am Himmel. Er erhob sich und war in dem großen Walde dicht bei der Höhle der Winde: und die Mutter der Winde saß an einer Seite: sie sah böse aus und erhob ihren Arm in die Luft. Schon den ersten Abend!« sagte sie. »Das dachte ich wohl! Ja, wärest Du mein Sohn, so müßtest Du in den Sack!« »Da soll er hinein!« sagte der Tod. Das war ein starker, alter Mann mit einer Sense in der Hand und mit großen, schwarzen Schwingen. »In den Sarg soll er gelegt werden; aber jetzt noch nicht; ich zeichne ihn nur auf, lasse ihn dann noch eine Weile in der Welt umherwandern, seine Sünde sühnen, gut und besser werden. Ich komme aber einmal. Wenn er es gerade am Wenigsten erwartet, stecke ich ihn in den schwarzen Sarg, setze ihn auf meinen Kopf und fliege gegen den Stern empor. Auch dort blüht des Paradieses Garten, und ist er gut und fromm, so wird er hineintreten; sind aber seine Gedanken böse und ist das Herz noch voll Sünde, so sinkt er mit dem Sarge tiefer, als das Paradies gesunken, und nur jedes tausendste Jahr hole ich ihn wieder, damit er noch tiefer sinke oder auf den Stern gelange, den funkelnden Stern dort oben!« »Es ist ganz gewiß!«. »Das ist eine entsetzliche Geschichte!« sagte eine Henne, und zwar in einem Stadtviertel, wo die Geschichte nicht passirt war. »Das ist eine entsetzliche Geschichte im Hühnerhause! Ich kann heute Nacht nicht allein schlafen! Es ist gut, daß unsrer viele auf der Steige zusammen sitzen!« – Und nun erzählte sie so, daß die Federn der andern Hühner sich aufbusterten, und der Hahn den Kamm fallen ließ. Es ist ganz gewiß! Aber wir wollen mit dem Anfange beginnen, und der ist in einem Hühnerhause im andern Stadtviertel zu suchen. Die Sonne ging unter, und die Hühner flogen auf ihre Steige; eine Henne, weißgefiedert und mit kurzen Beinen, legte ihre Eier reglementsmäßig, und war als Henne in jeder Art und Weise respectabel; indem sie auf die Steige flog, zupfte sie sich mit dem Schnabel, und eine kleine Feder fiel ihr aus. »Da geht sie hin!« sagte sie, »je mehr ich mich zupfe, um so schöner werde ich!« Sie sagte es heiter, denn sie war der Ausbund unter den Hühnern, übrigens, wie gesagt, sehr respectabel; darauf schlief sie ein. Dunkel war es rings umher, Henne saß bei Henne, aber die, welche der heiteren am nächsten saß, schlief nicht; sie hörte, und hörte auch nicht, wie es ja in dieser Welt sein soll, um recht ruhig zu leben; aber ihrer anderen Nachbarin mußte sie es doch erzählen: »Hörtest Du, was hier gesagt wurde? Ich nenne Keinen, aber hier ist eine Henne, welche sich rupfen will, um gut auszusehen! Wäre ich ein Hahn, ich würde sie verachten!« Gerade über den Hühnern saß die Eule mit dem Eulenvater und ihren Eulenkindern; die Familie hat scharfe Ohren, sie alle hörten jedes Wort, welches die Nachbarhenne sagte; und sie rollten mit den Augen, und die Eulenmutter schlug mit den Flügeln und sprach: »Hört nur nicht darauf! Aber Ihr hörtet es wohl, was dort gesagt wurde? Ich hörte es mit meinen eigenen Ohren, und man muß viel hören, ehe sie Einem abfallen! Da ist eine unter den Hühnern, welche in solchem Grade vergessen hat, was sich für eine Henne schickt, daß sie sich alle Federn ausrupft, und es den Hahn sehen läßt!« » Prenez garde aux enfants !« sagte der Eulenvater, »das ist Nichts für die Kinder!« »Ich will es doch der Nachbareule erzählen; das ist eine sehr achtbare Eule im Umgange!« und darauf flog sie davon. »Hu, hu! uhuh!« heulten sie Beide in den Taubenschlag des Nachbars zu den Tauben hinein. »Habt Ihr's gehört? Habt Ihr's gehört? Uhuh! Eine Henne ist da, welche sich des Hahns wegen alle Federn ausgerupft hat; sie wird erfrieren, wenn sie nicht schon erfroren ist. Uhuh!« »Wo? wo?« girrten die Tauben. »Im Hofe des Nachbars! ich habe es so gut wie selbst gesehen! Es ist beinahe unpassend, die Geschichte zu erzählen. Es ist ganz gewiß!« »Glaubt, glaubt jedes einzelne Wort!« sagten die Tauben, und girrten in ihren Hühnerhof hinunter: »Eine Henne ist da, ja, einige sagen, daß ihrer zwei da sind, welche sich alle Federn ausgerupft haben, um nicht so wie die anderen auszusehen, und um die Aufmerksamkeit des Hahnes zu erwecken. Das ist ein gewagtes Spiel, man kann sich erkälten und am Fieber sterben, und sie sind Beide gestorben!« »Wacht auf! wacht auf!« krähte der Hahn, und flog auf die Planke; der Schlaf saß ihm noch in den Augen, aber er krähte dennoch: »Drei Hennen sind vor unglücklicher Liebe zu einem Hahne gestorben! Sie hatten sich alle Federn ausgerupft! Das ist eine häßliche Geschichte; ich will sie nicht für mich behalten, sie mag weiter gehen!« »Laßt sie weiter gehen!« pfiffen die Fledermäuse, und die Hühner gluckten und die Hähne krähten: »Laßt sie weiter gehen! Laßt sie weiter gehen!« und so ging die Geschichte von Hühnerhaus zu Hühnerhaus, und kam zuletzt an die Stelle zurück, von welcher sie eigentlich ausgegangen war. »Fünf Hühner,« hieß es, »haben sich alle Federn ausgerupft, um zu zeigen, welche von ihnen aus Liebesgram für den Hahn am magersten geworden sei, – und dann hackten sie sich gegenseitig blutig und stürzten todt nieder, zum Spott und zur Schande für ihre Familie, und zum großen Verluste des Besitzers!« Die Henne, welche die lose, kleine Feder verloren hatte, kannte natürlich ihre eigene Geschichte nicht wieder, und da sie eine respectable Henne war, so sagte sie: »Ich verachte jene Hühner; aber es giebt mehrere der Art! So etwas soll man nicht verschweigen, und ich werde das Meinige dazu thun, daß die Geschichte in die Zeitung kommt, dann verbreitet sie sich durch das ganze Land; das haben die Hühner verdient, und ihre Familie auch.« Es kam in die Zeitung, es wurde gedruckt, und es ist ganz gewiß: eine kleine Feder kann wohl zu fünf Hühnern werden! Das Gänseblümchen. Nun höre einmal! – Draußen auf dem Lande, dicht am Wege lag ein Landhaus; Du hast es gewiß selbst einmal gesehen. Vor demselben ist ein kleiner Garten mit Blumen und einem Stackete, welches angestrichen ist; dicht dabei am Graben, mitten in dem schönsten, grünen Grase, wuchs eine kleine Gänseblume; die Sonne beschien sie eben so warm und schön, wie die großen, schönen Prachtblumen im Garten, und deshalb wuchs sie von Stunde zu Stunde. Eines Morgens stand sie, mit ihren kleinen, blendend weißen Blättern, die wie Strahlen um die gelbe Sonne in der Mitte ringsherum sitzen, ganz entfaltet da. Sie dachte nicht daran, daß kein Mensch sie dort im Grase sähe, und daß sie eine arme, verachtete Blume sei; nein, sie war sehr vergnügt, sie wendete sich nach der warmen Sonne hin, sah zu ihr auf und horchte auf die Lerche, die in der Luft sang. Die kleine Gänseblume war so glücklich, als ob es ein großer Festtag wäre, und es war doch nur ein Montag. Alle Kinder waren in der Schule; während die auf ihren Bänken saßen und lernten, saß sie auf ihrem kleinen, grünen Stengel und lernte auch von der warmen Sonne und Allem rings umher, wie gut Gott ist; und es gefiel ihr recht, daß die kleine Lerche Alles, was sie in der Stille fühlte, so deutlich und schön sang. Und die Gänseblume blickte mit einer Art Ehrfurcht zu dem glücklichen Vogel, der singen und fliegen konnte, empor, war aber nicht betrübt, daß sie es selbst nicht konnte. »Ich sehe und höre ja!« dachte sie; »die Sonne bescheint mich und der Wald küßt mich! O, wie reich bin ich doch begabt!« Innerhalb des Stacketes standen viele steife, vornehme Blumen; je weniger Duft sie hatten, um so mehr prunkten sie. Die Päonien bliesen sich auf, um größer als eine Rose zu sein; aber die Größe macht es nicht! Die Tulpen hatten die allerschönsten Farben, und das wußten sie wohl und hielten sich kerzengerade, damit man sie besser sehen möchte. Sie beachteten die kleine Gänseblume da draußen nicht, aber diese sah desto mehr nach ihnen und dachte: »Wie sind die reich und schön! Ja, zu ihnen fliegt sicher der prächtige Vogel hernieder und besucht sie! Gott sei dank, daß ich so nahe dabeistehe, da kann ich doch die Pracht zu sehen bekommen!« Und so wie sie das dachte: »Quivit!« da kam die Lerche geflogen; aber nicht zu den Päonien und Tulpen herunter – nein, nieder ins Gras zu der armen Gänseblume. Die erschrack vor Freude so, daß sie nicht wußte, was sie denken sollte. Der kleine Vogel tanzte rings um sie her und sang: »Nein, wie ist doch das Gras so weich. Und sieh, welch eine liebliche, kleine Blume mit Gold im Herzen und Silber auf dem Kleide!« Der gelbe Punkt in der Gänseblume sah ja auch aus wie Gold, und die kleinen Blätter rings herum erglänzten silberweiß. Wie glücklich die kleine Gänseblume war – nein, das kann Niemand begreifen! Der Vogel küßte sie mit seinem Schnabel, sang ihr vor und flog dann wieder in die blaue Luft hinauf. Es währte sicher eine Viertelstunde, bevor das Gänseblümchen sich erholen konnte. Halb verschämt und doch innerlich erfreut, sah es nach den andern Blumen im Garten; sie hatten ja die Ehre und das Glück, das ihm widerfahren war, gesehen; sie mußten ja begreifen, welche Freude es war. Aber die Tulpen standen noch einmal so steif, wie früher; und dann waren sie spitz im Gesichte und roth, denn sie hatten sich geärgert. Die Päonien waren dickköpfig; es war gut, daß sie nicht sprechen konnten, sonst hätte die Gänseblume eine ordentliche Zurechtweisung bekommen. Die arme, kleine Blume konnte wohl sehen, daß sie nicht bei guter Laune waren, und das that ihr recht herzlich wehe. Zur selben Zeit kam ein Mädchen mit einem großen, scharfen und glänzenden Messer in den Garten; es ging durch die Tulpen hin und schnitt eine nach der andern ab. »Uh!« seufzte die kleine Gänseblume; »das ist ja schrecklich: nun ist es mit ihnen aus!« Dann ging das Mädchen mit den Tulpen fort. Das Gänseblümchen war froh darüber, daß es draußen im Grase stand und eine kleine Blume war; es fühlte sich sehr dankbar, und als die Sonne unterging, faltete es seine Blätter, schlief ein und träumte die ganze Nacht von der Sonne und dem kleinen Vogel. Am nächsten Morgen, als die Blume wieder glücklich alle ihre weißen Blätter wie kleine Arme gegen Luft und Licht ausstreckte, erkannte sie des Vogels Stimme: aber es klang traurig, was er sang. Ja, die arme Lerche hatte guten Grund dazu; sie war gefangen und saß nun in einem Käfige, dicht bei dem offenen Fenster. Sie besang das freie und glückliche Umherfliegen, sang von dem jungen, grünen Korn auf dem Felde und von der herrlichen Reise, die sie auf ihren Flügeln hoch in die Luft hinauf machen konnte. Die arme Lerche war nicht bei guter Laune; gefangen saß sie da im Käfige. Die kleine Gänseblume wünschte gar sehr zu helfen. Aber wie sollte sie das anfangen? Ja, es war schwer zu erdenken. Sie vergaß völlig, wie schön Alles ringsumher stand, wie warm die Sonne schien, und wie prächtig weiß ihre Blätter aussahen. Ach, sie konnte nur an den gefangenen Vogel denken, für den etwas zu thun sie durchaus nicht im Stande war. In derselben Zeit kamen zwei kleine Knaben aus dem Garten; der eine von ihnen trug ein Messer in den Händen, groß und scharf, wie das, welches das Mädchen hatte, um die Tulpen abzuschneiden. Sie gingen auf die kleine Gänseblume zu, die nicht begreifen konnte, was sie wollten. »Hier können wir ein herrliches Rasenstück für die Lerche ausschneiden!« sagte der eine Knabe und begann dann, um die Gänseblume herum ein Viereck zu schneiden, sodaß sie mitten in dem Rasenstücke stehen blieb. »Reiß die Blume ab!« sagte der andere Knabe, und das Gänseblümchen zitterte vor Angst, denn abgerissen zu werden, hieß ja das Leben verlieren; und nun wollte es noch gar zu gern leben, da es mit dem Rasenstücke zu der gefangenen Lerche in den Käfig sollte. »Nein, laß sie stehen!« sagte der andere Knabe; »sie putzt so niedlich!« Und so blieb sie stehen und kam mit in das Bauer der Lerche. Aber der arme Vogel klagte laut über seine verlorne Freiheit und schlug mit den Flügeln gegen den Eisendraht im Käfige; die kleine Gänseblume konnte nicht sprechen, kein tröstendes Wort sagen, so gern sie auch wollte. So verging der Vormittag. »Hier ist kein Wasser,« sagte die gefangene Lerche. »Sie sind Alle ausgegangen und haben vergessen, mir etwas zu trinken zu geben. Mein Hals ist trocken und brennend! Es ist Feuer und Eis in mir, und die Luft ist schwer! Ach, ich muß sterben, scheiden vom warmen Sonnenscheine, vom frischen Grün, von all der Herrlichkeit, die Gott geschaffen!« Und dann bohrte sie ihren Schnabel in das kühle Rasenstück, um sich dadurch ein Wenig zu erfrischen! Da fielen ihre Augen auf das Gänseblümchen, und der Vogel nickte ihm zu, küßte es mit dem Schnabel und sagte: »Du mußt hier drinnen auch vertrocknen, Du arme, kleine Blume! Dich und den kleinen Flecken grünen Grases hat man mir für die ganze Welt gegeben, die ich draußen hatte! Jeder kleine Grashalm soll mir ein grüner Baum, jedes Deiner weißen Blätter eine duftende Blume sein! Ach, Ihr erzählt mir nur, wie viel ich verloren habe!« »Wer ihn doch trösten könnte!« dachte die Gänseblume: über sie konnte kein Blatt bewegen; doch der Duft, der den seinen Blättern entströmte, war weit stärker, als man ihn sonst bei dieser Blume findet; das bemerkte der Vogel auch, und obgleich er vor Durst verschmachtete und in seinem Schmerze die grünen Grashalme abriß, berührte er doch nicht die Blume. Es wurde Abend, und noch kam Niemand, dem armen Vogel einen Wassertropfen zu bringen; da streckte er seine hübschen Flügel aus und schüttelte sie krampfhaft; sein Gesang war ein wehmüthiges Piep-piep; das kleine Haupt neigte sich der Blume entgegen, und des Vogels Herz brach vor Mangel und Sehnsucht. Da konnte die Blume nicht, wie am vorhergehenden Abende, ihre Blätter zusammenfalten und schlafen; sie hing krank und traurig zur Erde nieder. Erst am nächsten Morgen kamen die Knaben, und als sie den todten Vogel erblickten, weinten sie, weinten sie viele Thränen und gruben ihm ein niedliches Grab, welches mit Blumenblättern verziert wurde. Des Vogels Leiche kam in eine rothe, schone Schachtel; königlich sollte er bestattet werden, der arme Vogel! Als er lebte und sang, vergaßen sie ihn, ließen ihn im Käfige sitzen und Mangel leiden; nun bekam er Schmuck und viele Thränen. Aber das Rasenstück mit dem Gänseblümchen wurde in den Staub der Landstraße hinausgeworfen. Keiner dachte an die, welche am Meisten für den kleinen Vogel gefühlt hatte, und die ihn so gern trösten wollte! Die Gallochen des Glücks.   I. Ein Anfang. In einem Hause in Kopenhagen, nicht weit vom Königsneumarkt, hatte sich eine sehr große Gesellschaft versammelt, um von den Eingeladenen wieder Einladungen zu erhalten. Die eine Hälfte der Gesellschaft saß schon an den Spieltischen, die andere Hälfte erwartete das Resultat von dem »Was wollen wir denn nun anfangen?« der Wirthin. So weit war man, und die Unterhaltung fing an, einigermaßen in Gang zu kommen. Unter Anderm fiel auch die Rede auf das Mittelalter; Einzelne hielten es für interessanter, als unsere Zeit; ja Justizrath Knap vertheidigte diese Meinung so eifrig, daß die Frau vom Hause sogleich zu seiner Partei übertrat; und Beide eiferten nun gegen Oerstedt's Abhandlung im Almanach über alte und neue Zeiten, worin unserm Zeitalter im Wesentlichen der Vorzug gegeben wird. Der Justizrath betrachtete die Zeit des Dänenkönigs Hans Gestorben 1513. Mit Christine, Tochter des Kurfürsten Ernst von Sachsen vermählt. als die edelste und glücklichste. Während dies der Stoff der Unterhaltung war und dieselbe nur augenblicklich durch die Ankunft einer Zeitung unterbrochen wurde, welche nichts enthielt, was zu lesen der Mühe werth gewesen wäre, wollen wir uns in das Vorzimmer hinaus begeben, wo die Mäntel, Stöcke und Gallochen Platz gefunden hatten. Hier saßen zwei Mädchen, ein junges und ein altes; man konnte glauben, sie seien gekommen, um ihre weibliche Herrschaft nach Hause zu begleiten; betrachtete man sie aber etwas genauer, so begriff man bald, daß sie keine gewöhnliche Dienstboten waren: dazu waren die Formen gar zu edel, die Haut zu sein und der Schnitt der Kleider zu kühn. Es waren zwei Feen. Die Jüngste war zwar nicht das Glück selbst, aber ein Kammermädchen einer seiner Kammerfrauen, welche die geringeren Gaben des Glücks umhertragen. Die Aeltere sah etwas finsterer aus; sie war die Sorge, sie geht immer selbst, in höchsteigener Person ihre Geschäfte zu besorgen; dann weiß sie, daß selbige gut ausgeführt werden. Sie erzählten einander, wo sie an diesem Tage gewesen waren. Die Abgesandte des Glücks hatte nur einige unbedeutende Handlungen ausgeführt, wie: einen neuen Hut vor Regenguß bewahrt, einem ehrlichen Manne einen Gruß von einer vornehmen Null verschafft u. s. w.; aber was ihr noch übrig blieb, war etwas Ungewöhnliches. »Ich kann auch erzählen,« sagte sie, »daß heute mein Geburtstag ist, und zur Ehre desselben sind mir ein Paar Gallochen anvertraut, die ich der Menschheit bringen soll. Diese Gallochen haben die Eigenschaft, daß ein Jeder, der sie anzieht, augenblicklich an die Stelle und in die Zeit versetzt wird, wo er am liebsten sein will; ein jeder Wunsch in Bezug auf Zeit, Ort oder Existenz wird sogleich erfüllt, und der Mensch so endlich einmal glücklich hienieden!« »Glaube mir,« sagte die Sorge: »er wird sehr unglücklich und segnet den Augenblick, wo er die Gallochen wieder los wird!« »Wo denkst Du hin?« sagte die Andere. »Nun stelle ich sie an die Thüre; Einer vergreift sich und wird der Glückliche!« Sieh, das war das Zwiegespräch.   II. Wie es dem Justizrathe erging. Es war spät; Justizrath Knap, in die Zeit des Königs Hans vertieft, wollte heimkehren, und das Schicksal lenkte es so, daß er anstatt seiner Gallochen die des Glücks anzog und nun auf die Oststraße hinaustrat. Aber er war durch die Zauberkraft der Gallochen in die Zeit des Königs Hans zurückversetzt, und deshalb setzte er den Fuß geradezu in Koth und Morast auf die Straße, weil es zu jener Zeit noch kein Straßenpflaster gab. »Es ist ja schrecklich, wie schmutzig es hier ist!« sagte der Justizrath. »Das gute Trottoir ist fort und alle Laternen sind ausgelöscht!« Der Mond stand noch nicht hoch genug, und die Luft war überdies ziemlich dick, so daß alle Gegenstände rings umher bei dieser Dunkelheit in einander schwammen. An der nächsten Ecke hing inzwischen eine Laterne vor einem Madonnenbilde, aber die Beleuchtung war so gut wie keine; er bemerkte sie erst, als er gerade darunter stand, und seine Augen fielen auf das gemalte Kind mit der Gottesmutter. »Das ist vermuthlich,« dachte er, »ein Kunstcabinet, wo man vergessen hat, das Schild hereinzunehmen.« Einige Menschen, in der Tracht jenes Zeitalters, gingen an ihm vorüber. »Wie sahen die denn aus! Sie kamen wohl von einer Maskerade!« Plötzlich ertönten Trommeln und Pfeifen; Fackeln leuchteten hell. Der Justizrath stutzte und sah nun einen sonderbaren Zug vorüberziehen. Zuerst kam ein Trupp Trommelschläger, die ihre Instrumente recht artig bearbeiteten; ihnen folgten Trabanten mit Bogen und Armbrüsten. Der Vornehmste im Zuge war ein geistlicher Herr. Erstaunt fragte der Justizrath, was das zu bedeuten habe, und wer der Mann sei. »Das ist der Bischof von Seeland!« »Mein Gott, was fällt dem Bischofe ein?« seufzte der Justizrath und schüttelte den Kopf. Der Bischof konnte es doch unmöglich sein! Darüber grübelnd, und ohne zur Rechten oder Linken zu sehen, ging der Justizrath durch die Oststraße und über den Hohenbrückenplatz. Die Brücke, die nach dem Schloßplatze führt, war nicht zu finden; er gewahrte das Ufer eines seichten Wassers, und stieß endlich hier auf zwei Leute, die in einem Boote waren. »Will der Herr nach dem Holm übergesetzt werden?« fragten sie. »Nach dem Holm hinüber?« sagte der Justizrath, der ja nicht wußte, in welchem Zeitalter er sich befand. »Ich will nach Christianshafen in die kleine Torfstraße!« Die Leute sahen ihn an. »Sagt mir nur, wo die Brücke ist!« sagte er. »Es ist schändlich, daß hier keine Laternen angezündet sind; auch ist ein Schmutz, als ginge man in einem Sumpfe!« Je länger er mit den Bootsmännern sprach, desto unverständlicher waren sie ihm. »Ich verstehe Euer Bornholmisch nicht!« sagte er zuletzt ärgerlich und kehrte ihnen den Rücken. Die Brücke konnte er nicht finden, ein Geländer war auch nicht da. »Es ist ein Scandal, wie es hier aussieht!« sagte er. Nie hatte er sein Zeitalter elender gefunden, als an diesem Abende. »Ich glaube, ich werde am Besten thun, eine Droschke zu nehmen,« dachte er. Aber wo waren die Droschken? Keine ließ sich sehen. »Ich werde nach dem Königsneumarkte zurückgehen müssen, dort halten wohl Wagen, sonst komme ich nie nach Christianshafen hinaus.« Nun ging er nach der Oststraße und war fast hindurch gekommen, als der Mond hervorbrach. »Mein Gott, was ist das für ein Gerüst, das man hier errichtet hat!« rief er aus, als er das Ostthor erblickte, welches zu jener Zeit am Ende der Oststraße stand. Inzwischen fand er noch einen Durchgang offen und durch diesen kam er nach unserm Neumarkte hinaus; aber das war ein großer Wiesengrund; einzelne Büsche ragten hervor und quer durch die Wiese zog sich ein breiter Canal oder Strom. Einige erbärmliche Holzbuden für holländische Schiffer lagen auf dem entgegengesetzten Ufer. »Entweder erblicke ich eine fata morgana , oder ich bin betrunken!« jammerte der Justizrath. »Was ist das nur? Was ist das nur?« Er kehrte wieder um, in der festen Ueberzeugung, daß er krank sei. Indem er die Straße zurückkam betrachtete er die Häuser genauer; die meisten waren blos von Fachwerk und viele hatten nur Strohdächer. »Nein, mir ist gar nicht wohl!« seufzte er. »Und ich trank doch nur ein Glas Punsch! Aber ich kann ihn nicht vertragen, und es war auch ganz und gar verkehrt, uns Punsch und warmen Lachs zu geben; das werde ich der Frau Agentin auch sagen! Ob ich wohl wieder zurückkehre und sage, wie mir zu Muthe ist? Aber das sieht lächerlich aus, und es ist die Frage, ob sie noch auf sind.« Er suchte nach dem Hause, aber es war gar nicht zu finden. »Es ist schrecklich. Ich kann die Oststraße nicht wieder erkennen! Nicht ein Laden ist da; alte, elende, verfallene Häuser erblicke ich, als ob ich in Roeskilde oder Ringstedt wäre. Ach, ich bin krank! Es nützt nichts, sich zu geniren. Aber wo in aller Welt ist des Agenten Haus? Es ist nicht mehr dasselbe, aber dort drinnen sind noch Leute auf – ach, ich bin sicher krank!« Nun gelangte er an eine halb offene Thüre, wo das Licht durch eine Spalte fiel. Es war eine Herberge jener Zeit, eine Art Bierhaus. Die Stube hatte das Ansehen einer holländischen Diele; eine Anzahl Leute, bestehend aus Schiffern, Kopenhagener Bürgern und einigen Gelehrten, saßen hier im tiefsten Gespräche bei ihren Krügen und beachteten den Eintretenden nur wenig. »Um Entschuldigung,« sagte der Justizrath zur Wirthin, »mir ist sehr unwohl geworden; wollen Sie mir nicht eine Droschke nach Christianshafen hinaus besorgen lassen?« Die Frau sah ihn an und schüttelte mit dem Kopfe; darauf redete sie ihn in deutscher Sprache an. Der Justizrath nahm an, daß sie der dänischen Zunge nicht mächtig sei, und brachte deshalb seinen Wunsch auf Deutsch vor; dies im Vereine mit seiner Kleidung, bestärkte die Frau darin, daß er ein Ausländer sei; daß er sich unwohl befinde, begriff sie bald und brachte ihm deshalb einen Krug Wasser; freilich schmeckte es etwas nach Seewasser, wiewohl es draußen aus dem Brunnen geschöpft war. Der Justizrath stützte seinen Kopf auf die Hand, holte tief Athem und grübelte über alles Seltsame rings um ihn her nach. »Ist das die heutige Nummer vom »›Tag?‹« Eine Abendzeitung in Kopenhagen. fragte er ganz mechanisch, indem er sah, wie die Frau ein großes Stück Papier weglegte. Sie verstand nicht, was er damit meinte, reichte ihm aber das Blatt; es war ein Holzschnitt, welcher eine Lufterscheinung darstellte, die in der Stadt Köln gesehen worden war. »Das ist sehr alt!« sagte der Justizrath und wurde durch diese Antiquität ganz heiter. »Wie sind Sie denn zu diesem seltenen Blatte gelangt? Das ist höchst interessant, obgleich das Ganze eine Fabel ist! Man erklärt dergleichen Lufterscheinungen jetzt für Nordlichter, die man erblickt hat; wahrscheinlich entstehen sie durch die Elektricität.« Die, welche ihm zunächst saßen und seine Rede hörten, sahen ihn erstaunt an, und Einer von ihnen erhob sich, nahm ehrerbietig den Hut ab und sagte mit der ernsthaftesten Miene: »Ihr seid sicher ein höchst gelehrter Mann, Monsieur?« »O nein!« erwiderte der Justizrath; »ich kann nur von dem Einen und dem Andern mitsprechen, was man ja verstehen muß!« » Modestia ist eine schöne Tugend!« sagte der Mann. »Uebrigens muß ich zu Eurer Rede sagen: mihi secus videtur ; doch suspendire ich hier gern mein Judicium !« »Darf ich wohl fragen, mit wem ich das Vergnügen habe zu sprechen?« erwiderte der Justizrath. »Ich bin Baccalaureus der heiligen Schrift,« sagte der Mann. Diese Antwort war dem Justizrathe genügend: der Titel entsprach hier der Tracht. Das ist sicher, dachte er, ein alter Dorfschulmeister, ein origineller Patron, wie man sie noch zuweilen oben in Jütland treffen kann. »Hier ist zwar kein locus docendi ,« begann der Mann, »doch bitte ich, daß Ihr Euch bemüht, zu sprechen! Ihr seid sicher in den Alten sehr belesen!« »O ja!« antwortete der Justizrath; »ich lese gern alte nützliche Schriften, habe auch die neueren recht gern, mit Ausnahme der »Alltagsgeschichten«, deren wir in der Wirklichkeit genug haben!« »Alltagsgeschichten?« fragte unser Baccalaureus. »Ja, ich meine die neuen Romane, die man jetzt hat.« »O,« lächelte der Mann; »sie enthalten doch vielen Witz und werden bei Hofe gelesen; der König liebt besonders den Roman von Herrn Iffven und Gaudian , welcher vom König Artur und seinen Rittern der Tafelrunde handelt. Er hat mit seinen hohen Herren darüber gescherzt.« »Den habe ich freilich noch nicht gelesen!« sagte der Justizrath; »das muß ein ganz neuer sein, den Heiberg herausgegeben hat!« »Nein,« erwiderte der Mann, »er ist nicht bei Heiberg, sondern bei Godfred von Gehmen Erster Buchdrucker und Verleger in Dänemark unter König Hans. herausgekommen!« »So, ist das der Verfasser?« sagte der Justizrath. »Das ist ein sehr alter Name; so hieß ja wohl der erste Buchdrucker, der in Dänemark gewesen ist?« »Ja, das ist unser erster Buchdrucker!« sagte der Mann. So weit ging es ganz gut; nun sprach einer der Bürgersleute von der schweren Pestilenz, die vor einigen Jahren gewüthet hatte, und meinte die im Jahre 1484. Der Justizrath nahm an, daß es die Cholera sei, von der die Rede war, und so ging die Unterhaltung immer noch leidlich. Der Freibeuterkrieg von 1490 lag so nahe, daß er berührt werden mußte; die englischen Freibeuter hatten Schiffe auf der Rhede genommen, sagte er; und der Justizrath, der sich in die Begebenheiten von 1801 recht hineingelebt hatte, stimmte vortrefflich gegen die Engländer mit ein. Das übrige Gespräch hingegen ging nicht so gut; jeden Augenblick verfiel man gegenseitig in den Leichenbitterstyl; der gute Baccalaureus war gar zu unwissend, und die einfachsten Aeußerungen des Justizraths klangen ihm wieder zu dreist und zu phantastisch. Sie sahen einander an, und wurde es gar zu arg, dann sprach der Baccalaureus Latein, in der Hoffnung, besser verstanden zu werden; aber es half doch nichts. »Wie geht es Ihnen?« fragte die Wirthin und zog den Justizrath beim Aermel. Nun kam seine Besinnung zurück; im Laufe der Unterhaltung hatte er Alles vergessen, was vorgegangen war. »Mein Gott, wo bin ich?« sagte er; und es schwindelte ihm, als er daran dachte. »Claret wollen wir trinken! Meth und Bremer-Bier!« rief einer der Gäste. »Und Ihr sollt mittrinken!« Zwei Mädchen kamen herein; die Eine hatte eine zweifarbige Haube Nach König Hans' Gesetze mußten Frauenzimmer von zweideutigem Ruf solche tragen. auf. Sie schenkten ein und verneigten sich; dem Justizrathe rieselte es eiskalt über den Rücken hinab. »Was ist denn Das! Was ist denn Das!« sagte er. Aber er mußte mit ihnen trinken; sie bemächtigten sich artig des guten Mannes; er war höchst verzweifelt, und als der Eine sagte, daß er betrunken sei, zweifelte er durchaus nicht an des Mannes Wort, sondern bat sie nur, ihm eine Droschke zu verschaffen. Nun glaubten sie, er spräche Moskowitisch. Nie war er in so roher und gemeiner Gesellschaft gewesen. »Man sollte glauben, das Land wäre zum Heidenthume zurückgekehrt!« meinte er. »Das ist der schrecklichste Augenblick in meinem Leben!« Aber zu gleicher Zeit kam ihm der Gedanke, sich unter den Tisch zu bücken und dann nach der Thüre zu kriechen. Das that er auch, aber indem er beim Ausgange war, bemerkten die Andern, was er vorhatte; sie ergriffen ihn bei den Füßen, und nun gingen die Gallochen zu seinem guten Glücke ab, und – mit diesen schwand die ganze Bezauberung. Der Justizrath sah deutlich vor sich eine Laterne brennen, und hinter dieser ein großes Gebäude; Alles sah bekannt und prächtig aus. Es war die Oststraße, wie wir sie kennen; er lag mit den Beinen einer Pforte zugekehrt, und gerade gegenüber saß der Wächter und schlief. »Du mein Schöpfer, habe ich hier auf der Straße gelegen und geträumt!« sagte er. »Ja das ist doch die Oststraße! Wie prächtig hell und bunt! Es ist doch schrecklich, wie das Glas Punsch auf mich gewirkt haben muß!« Zwei Minuten später saß er in einer Droschke, die mit ihm nach Christianshafen fuhr. Er gedachte der Angst und Noth, die er ausgestanden, und pries von Herzen die glückliche Wirklichkeit, unsere Zeit, die mit allen ihren Mängeln doch weit besser sei, als die, in der er vor Kurzem gewesen war.   III. Des Wächters Abenteuer. »Da liegen wahrlich ein Paar Gallochen,« sagte der Wächter. »Sie gehören sicher dem Lieutenant, der dort oben wohnt. Sie liegen neben der Thür!« Gern hätte der ehrliche Mann geklingelt und sie abgeliefert, denn oben war noch Licht; aber er wollte nicht die übrigen Leute im Hause wecken und deshalb unterließ er es. »Das muß recht warm sein, ein Paar solcher Dinger anzuhaben!« sagte er. »Wie das Leder hübsch weich ist!« Sie paßten gut an seine Füße. »Wie ist es doch drollig in der Welt! Nun könnte er sich in sein warmes Bett legen, doch er thut es nicht! Da geht er im Zimmer auf und nieder! Er ist ein glücklicher Mensch! Er hat weder Frau, noch Kinder; jeden Abend ist er in Gesellschaft. O, wäre ich doch er; ja, dann wäre ich ein glücklicher Mann!« Indem er den Wunsch aussprach, wirkten die Galloschen, die er angezogen hatte; der Wächter ging in des Lieutenants Sein und Wesen über. Da stand er oben im Zimmer und hielt ein kleines, rosenrothes Papier zwischen den Fingern, worauf ein Gedicht stand, ein Gedicht des Herrn Lieutenants selbst. Denn wer hat in seinem Leben nicht einmal einen lyrischen Augenblick gehabt, und schreibt man dann den Gedanken nieder, so hat man Poesie. Hier stand geschrieben: »O, wär' ich reich!« »O, wär' ich reich!« so wünscht' ich mir schon oft. Als ich kaum ellengroß, hatt' ich auf Viel gehofft. O, wär' ich reich! so würd' ich Offizier; Mit Säbel, Uniform und Bandelier. Die Zeit kam auch, und ich ward Offizier: Doch nun und nimmer ward ich reich, ich Armer;           Hilf mir, Erbarmer! Einst saß ich Abends lebensfroh und jung, Ein kleines Mädchen küßte meinen Mund, Denn ich war reich an Märchen-Poesie. An Gold dagegen, ach! so arm wie nie –; Das Kind nur wollte diese Poesie; Da war ich reich, doch nicht an Gold, ich Armer:           Du weißt's, Erbarmer! »O, wär' ich reich!« so tönt zu Gott mein Flehn, Das Kind hab' ich zur Jungfrau reifen sehn: Sie ist so klug, so hübsch, so seelengut; O, wüßte sie, was mir im Herzen ruht; Das große Märchen – – wäre sie mir gut! Doch bin zum Schweigen ich verdammt, ich Armer;           Du willst's, Erbarmer! O, wär' ich reich an Trost und Ruhe hier, Dann käme all' mein Leid nicht auf's Papier. Verstehst Du mich, Du, der ich mich geweiht: So lies dies Blatt aus meiner Jugendzeit, Ein dunkles Märchen, dunkler Nacht geweiht. Nur finstre Zukunft seh' ich; ach, ich Armer!           Dich segne der Erbarmer! Ja, solche Gedichte schreibt man, wenn man verliebt ist, aber ein besonnener Mann läßt sie nicht drucken. Lieutenant, Liebe, Mangel: das ist ein Dreieck oder ebensogut die Hälfte des zerbrochenen Würfels des Glücks. Das fühlte der Lieutenant recht lebendig, und deshalb legte er das Haupt an die Fensterrahmen und seufzte tief. »Der arme Wächter draußen auf der Straße ist weit glücklicher, als ich! Er kennt nicht, was ich Mangel nenne! Er hat eine Heimath, Frau und Kinder, die bei seiner Trauer weinen, sich bei seiner Lust freuen! O, ich wäre glücklicher, als ich bin, könnte ich in sein Wesen und Sein übergehen, mit seinen Forderungen und Hoffnungen durch das Leben wandeln! Ja, er ist glücklicher, als ich!« In demselben Augenblicke war der Wächter wieder Wächter, denn durch die Gallochen des Glücks war er in das Wesen und Sein des Lieutenants übergegangen; aber da, wie wir sehen, fühlte er sich noch weniger zufrieden und zog Das vor, was er vor Kurzem verworfen hatte. Also der Wächter war wieder Wächter. »Das war ein häßlicher Traum,« sagte er, »aber drollig genug. Es war mir, als ob ich der Lieutenant dort oben sei, und das war durchaus kein Vergnügen. Ich entbehrte die Frau und die Buben, die bereit sind, mich halbtodt zu küssen!« Er saß wieder und nickte; der Traum wollte ihm nicht recht aus den Gedanken; die Gallochen hatte er noch an den Füßen. Eine Sternschnuppe glitt längs des Horizonts. »Da ging Die!« sagte er. »Dessenungeachtet sind dort genug! Ich hätte wohl Lust, die Dinger etwas näher zu betrachten, besonders den Mond, denn der kommt Einem doch nicht unter den Händen fort. Wenn wir sterben, sagte der Student, für den meine Frau wäscht, stiegen wir von dem einen zum andern. Das ist eine Lüge, würde aber recht hübsch sein. Könnte ich doch einen kleinen Sprung da hinauf machen, dann möchte der Körper gern hier auf der Treppe liegen bleiben!« Es giebt nun gewisse Dinge in der Welt, die auszusprechen man sehr vorsichtig sein muß; aber doppelt vorsichtig sein muß, wenn man die Gallochen des Glücks an den Füßen hat. Höre nur, wie es dem Wächter erging. Was uns betrifft, so kennen wir fast Alle die Schnelligkeit der Dampfbeförderung; wir haben sie entweder auf Eisenbahnen oder mit Schiffen über das Meer hin erprobt. Doch dieser ist wie die Wanderung des Faulthiers oder der Marsch der Schnecke im Verhältnis; zu der Schnelligkeit, die das Licht hat. Das fliegt neunzehn Millionen Mal schneller. Der Tod ist ein elektrischer Stoß, den wir in das Herz erhalten; auf den Flügeln der Elektrizität fliegt die befreite Seele. Acht Minuten und wenige Secunden gebraucht das Sonnenlicht zu einer Reise von mehr als zwanzig Millionen Meilen; mit der Schnellpost der Elektrizität bedarf die Seele nur weniger Minuten, um denselben Flug zu vollbringen. Der Raum zwischen den Weltkörpern ist für sie nicht größer, als es für uns in einer und derselben Stadt die Entfernungen zwischen den Häusern unserer Freunde sind, selbst wenn diese ziemlich nahe bei einander liegen. Inzwischen kostet dieser elektrische Herzensstoß uns den Gebrauch des Körpers hienieden, im Falle daß wir nicht zufällig, wie der Wächter, die Gallochen des Glücks anhaben. In wenigen Secunden hatte der Wächter die 52,000 Meilen bis zum Monde zurückgelegt, welcher, wie man weiß, von einem weit leichteren Stoffe als unsere Erde, geschaffen und weich wie frisch gefallener Schnee ist, wie wir sagen würden. Er befand sich auf einem der unzähligen Ringgebirge, die wir aus Dr. Mädler's großer Karte des Mondes kennen. Innerhalb ging es in einem Kessel ungefähr eine halbe Meile senkrecht hinab. Dort unten lag eine Stadt, von deren Ansehen wir nur einen Begriff bekommen können, wenn wir Eiweiß in ein Glas Wasser ausschlagen; die Materie hier war eben so weich und bildete ähnliche Thürme mit Kuppeln und segelförmigen Altanen, durchsichtig und in dünner Luft schwimmend. Unsere Erde schwebte, wie eine große, dunkelrothe Kugel über seinem Kopfe. Er sah gleich eine Menge Geschöpfe, die sicherlich das waren, was wir »Menschen« nennen; aber sie sahen anders aus, als wir. Eine reichere Phantasie, als die Pseudo-Herschel's hatte sie geschaffen. Würden sie in Reihe und Glied aufgestellt und so abgemalt, so würde man sagen: Das ist eine schöne Arabeske! Sie hatten auch eine Sprache, aber es kann ja Niemand verlangen, daß die Seele des Wächters sie verstehen sollte. Dessenungeachtet konnte sie es, denn unsere Seele hat größere Fähigkeiten, wie wir glauben. Zeigt sich uns nicht in unsern Träumen ihr erstaunliches, dramatisches Talent? Ein jeder Bekannter tritt da sprechend auf, so völlig im Charakter und mit demselben Organe, in einem Grade, daß Niemand von uns wachend es nachahmen kann. Wie weiß sie nicht uns Personen zurückzurufen, an die wir in vielen Jahren nicht gedacht haben; plötzlich treten sie in unserer Seele so lebendig bis auf die feinsten Züge hervor. Im Grunde sieht es mit unserm Seelen-Gedächtniß ängstlich aus; jede Sünde, jeden bösen Gedanken wird sie ja wiederholen können; dann wird es darauf ankommen ob wir Rechenschaft von jedem ungebührlichen Worte im Herzen und auf der Lippe werden geben können. Die Seele des Wächters verstand demgemäß die Sprache der Mondbewohner sehr gut. Sie disputirten über unsere Erde und bezweifelten, daß sie bewohnt sein könne; die Luft müßte dort zu dick sein, als daß ein vernünftiges Mondgeschöpf darin leben könnte. Sie hielten den Mond allein für bewohnt; er sei der eigentliche Weltkörper, wo die alten Weltbewohner lebten. Sie sprachen auch von Politik, doch wir begeben uns nach der Oststraße hinab, und sehen da, wie es dem Körper des Wächters ergeht. Leblos saß er auf der Treppe; der Morgenstern war ihm aus der Hand gefallen, und die Augen blickten zum Monde empor, auf dem die ehrliche Seele umherwandelte. »Was ist die Uhr, Wächter?« fragte ein Vorübergehender. Wer aber nicht antwortete, das war der Wächter. Da knipste der Mann ihn sacht an die Nase, und nun verlor er das Gleichgewicht. Da lag der Körper so lang er war: Der Mensch war todt. Alle seine Kameraden erschraken sehr; todt war und blieb er; es wurde gemeldet und es wurde besprochen, und in der Morgenstunde trug man den Körper nach dem Hospitale hinaus. Das konnte nun einen ganz hübschen Spaß für die Seele abgeben, im Falle sie zurückkäme und, aller Wahrscheinlichkeit nach, den Körper auf der Oststraße suchen, aber nicht finden würde. Wahrscheinlich würde sie dann erst auf die Polizei, später nach dem Adreß-Comptoir laufen, damit von dort aus Nachfrage unter den weggekommenen Sachen darüber angestellt werden könnte, und dann erst nach dem Hospitale hinauswandern. Doch wir können uns damit trösten, daß die Seele am klügsten ist, wenn sie auf ihre eigene Hand handelt, nur der Körper macht sie dumm. Wie gesagt, des Wächters Körper kam nach dem Hospitale, wurde dort in die Reinigungsstube gebracht, und das Erste, was man hier that, war natürlicherweise, daß man ihm die Gallochen abzog, da mußte die Seele zurück. Sie nahm sogleich die Richtung nach dem Körper zu, und wenige Secunden darauf war wieder Leben im Manne. Er versicherte, daß es die schrecklichste Nacht seines Lebens gewesen wäre; nicht für acht Groschen wolle er solche Empfindungen wieder haben; aber nun war es ja überstanden. An demselben Tage wurde er wieder entlassen, aber die Gallochen blieben in dem Hospitale.   IV. Ein Hauptmoment. Eine höchst ungewöhnliche Reise. Ein jeder Kopenhagener weiß, wie der Eingang zum Friedrichshospitale in Kopenhagen aussieht, aber da wahrscheinlich auch einige Nicht-Kopenhagener diese Geschichte lesen werden, müssen wir eine kurze Beschreibung davon geben. Das Hospital ist von der Straße durch ein ziemlich hohes Gitter geschieden, in welchem die dicken Eisenstäbe so weit von einander abstehen, daß, wie man erzählt, sich sehr dünne famuli hindurchgeklemmt und so ihre kleinen Besuche außerhalb abgestattet haben sollen. Der Theil des Körpers, der am schwierigsten hinauszubringen, war der Kopf; hier, wie oft in der Welt, waren also die kleinen Köpfe die glücklichsten. Dieses wird als Einleitung genug sein. Einer der jungen Volontairs, von dem man nur in körperlicher Hinsicht sagen konnte, daß er einen großen Kopf habe, hatte gerade die Wache an diesem Abende; der Regen strömte herab; doch ungeachtet dieser beiden Hindernisse mußte er hinaus. Nur eine Viertelstunde – das, meinte er, sei ja dem Pförtner anzuvertrauen nicht nöthig, zumal wenn man zwischen den Eisenstangen durchschlüpfen könne. Da lagen die Gallochen, die der Wächter vergessen hatte; es fiel ihm nicht im Mindesten ein, daß es die des Glücks seien; sie konnten in diesem Wetter recht gute Dienste leisten; er zog sie an. Nun kam es darauf an, ob er sich würde durchklemmen können; er hatte es bisher nie versucht. Da stand er nun. »Wollte Gott, ich hätte den Kopf draußen!« sagte er, und sofort, obgleich derselbe sehr dick und groß war, glitt er leicht und glücklich hindurch. Das mußten die Gallochen verstehen, aber nun sollte der Körper mit hinaus; das ging nicht. »Ich bin zu dick!« sagte er. »Der Kopf, dachte ich, sei das Schlimmste! Ich komme nicht hindurch.« Nun wollte er rasch den Kopf zurückziehen, aber das ging auch nicht. Den Hals konnte er bequem bewegen, aber das war auch Alles. Das erste Gefühl war, daß er ärgerlich wurde, das zweite, daß seine Laune unter Null sank. Die Gallochen des Glücks hatten ihn in diese schreckliche Lage gebracht, und unglücklicherweise fiel es ihm nicht ein, sich frei zu wünschen. Nein, statt zu wünschen, handelte er nur und kam nicht von der Stelle. Der Regen strömte herab; nicht Ein Mensch war auf der Straße zu erblicken; die Pfortenklingel konnte er nicht erreichen: wie sollte er nur loskommen? Er sah voraus, daß er hier bis zur Morgenstunde stehen könne; dann mußte man nach einem Schlosser schicken, damit er die Eisenstäbe durchfeile. Aber das geht nicht so geschwind; die ganze Armenschule gegenüber würde auf die Beine kommen, das angrenzende Matrosenviertel anlangen, um ihn am Pranger zu sehen; das würde einen Zulauf geben! »Hui! das Blut steigt mir zu Kopfe, sodaß ich wahnsinnig werden muß! – Ja, ich werde verrückt! O, wäre ich doch wieder los, dann ginge es wohl vorüber!« Das hätte er etwas eher sagen sollen. Augenblicklich, sowie der Gedanke ausgesprochen war, hatte er den Kopf frei und nun stürzte er hinein, ganz verwirrt über den Schreck, den ihm die Gallochen des Glücks eingejagt hatten. Hiermit dürfen wir nicht glauben, daß das Ganze vorbei war; nein, es wird noch ärger. Die Nacht verstrich und der folgende Tag mit; es wurde nicht nach den Gallochen geschickt. Am Abend sollte eine declamatorische Vorstellung auf einem Liebhabertheater in einer entlegenen Straße gegeben werden. Das Haus war gepfropft voll; unter den Zuschauern befand sich der Volontair aus dem Hospitale, der sein Abenteuer der vorhergehenden Nacht vergessen zu haben schien. Die Gallochen hatte er an, denn sie waren nicht abgeholt, und da es auf der Straße schmutzig war, leisteten sie ihm gute Dienste. Ein neues Gedicht: »Die Brille der Muhme« wurde recitirt; das war eine Brille, wenn man die auf der Nase hatte und vor einer großen Versammlung von Menschen saß, so sahen die Menschen wie Karten aus, und man konnte aus ihnen Alles, was im kommenden Jahre geschehen würde, prophezeien. Die Idee beschäftigte ihn; er hätte wohl eine solche Brille haben mögen. Wenn man sie richtig gebrauchte, konnte man vielleicht den Leuten gerade in die Herzen hinein schauen; das wäre eigentlich noch interessanter, meinte er, als zu sehen, was im nächsten Jahre geschehen würde, denn das erfahre man doch; das Andere dagegen nie. »Ich denke mir nun die ganze Reihe von Herren und Damen auf der ersten Bank; könnte man ihnen gerade in das Herz sehen – ja, das müßte so eine Oeffnung, eine Art von Laden sein – wie sollten meine Augen im Laden umher schweifen! Bei jener Dame dort würde ich sicher einen großen Modehandel finden; bei dieser da ist der Laden leer, dennoch würde es ihm nicht schaden, gereinigt zu werden. Würden wohl aber auch solide Läden da sein? Ach ja!« seufzte er. »Ich kenne einen, in dem ist Alles solide, aber es ist schon ein Diener drin; das ist das einzige Uebel im ganzen Laden! Aus dem einen und dem andern würde es schallen: Treten Sie gefälligst näher! Ja, könnte ich nur wie ein kleiner, niedlicher Gedanke hineintreten und durch die Herzen schlüpfen!« Das war das Stichwort für die Gallochen; der Volontair schrumpfte zusammen, und eine höchst ungewöhnliche Reise begann mitten durch die Herzen der vordersten Reihe der Zuschauer. Das erste Herz, durch welches er kam, war das einer Dame; doch glaubte er augenblicklich, im orthopädischen Institute, in dem Zimmer zu sein, wo die Gypsabgüsse der verwachsenen Glieder an den Wänden hangen; nur war der Unterschied der, daß sie im Institute geformt werden, wenn der Patient hineinkommt, aber hier im Herzen waren sie geformt und aufbewahrt, nachdem die guten Personen hinausgegangen waren. Es waren Abgüsse von Freundinnen, deren körperliche und geistige Fehler hier aufbewahrt wurden. Schnell war er in einem andern weiblichen Herzen. Allein dieses erschien ihm wie eine große, heilige Kirche; die weiße Taube der Unschuld flatterte über dem Hochaltar. Wie gern wäre er nicht auf die Kniee niedergesunken; aber fort mußte er, in das nächste Herz hinein. Doch hörte er noch die Orgeltöne, und er selbst kam sich vor, als wäre er ein neuer und besserer Mensch geworden. Er fühlte sich nicht unwürdig, das nächste Heiligthum zu betreten, welches ihm eine ärmliche Dachkammer mit einer kranken Mutter zeigte. Aber durch das Fenster strahlte Gottes warme Sonne, herrliche Rosen nickten von dem kleinen Holzkasten auf dem Dache, und zwei himmelblaue Vögel sangen von kindlicher Freude, während die kranke Mutter um Segen für die Tochter flehte. Nun kroch er auf Händen und Füßen durch einen überfüllten Schlächterladen: da war Fleisch und nur Fleisch, worauf er stieß. Das war das Herz in einem reichen, respectablen Manne, dessen Name sicher im Adreßbuche steht. Nun war er in dem Herze der Gemahlin desselben: das war ein alter, verfallener Taubenschlag. Das Portrait des Mannes wurde als Wetterfahne benutzt: diese stand in Verbindung mit den Thüren, und so gingen dieselben auf und zu, sowie sich der Mann drehte. Darauf kam er in ein Spiegelkabinet, gleich dem, welches wir auf dem Rosenburger Schlosse haben. Aber die Spiegel vergrößerten in einem unglaublichen Grade. Mitten auf dem Fußboden saß, wie ein Dalai-Lama, das unbedeutende Ich der Person, erstaunt, seine eigene Größe zu betrachten. Hierauf glaubte er sich in eine enge Nadelbüchse voll spitzer Nadeln versetzt zu sehen; er mußte denken: »Das ist sicher das Herz einer alten, unverheiratheten Jungfer!« Aber das war nicht der Fall: es war ein junger Militär mit mehreren Orden, von dem man sagte: Ein Mann von Geist und Herz. Betäubt kam der arme Volontair aus dem Herz der letzten Person der ersten Menschenreihe; er vermochte seine Gedanken nicht zu ordnen, sondern meinte, daß es seine allzu starke Phantasie sei, die mit durchgegangen wäre. »Mein Gott!« seufzte er: »ich habe gewiß Anlage, verrückt zu werden! Hier drinnen ist es auch unvergleichlich heiß; das Blut steigt mir zu Kopfe!« Und nun erinnerte er sich der großen Begebenheit des vorhergehenden Abends, wie sein Kopf zwischen den Eisenstäben des Hospitals festgesessen hatte. »Da habe ich es gewiß bekommen!« meinte er. »Ich muß bei Zeiten etwas thun. Ein russisches Bad könnte recht gut sein. Läge ich nur erst auf dem höchsten Brette!« Da lag, er auf dem obersten Brette im Dampfbade: aber er lag da mit allen Kleidern, mit Stiefeln und Gallochen; die heißen Wassertropfen von der Decke fielen ihm in das Gesicht. »Hui!« schrie er und fuhr herab, um ein Sturzbad zu nehmen. Der Aufwärter stieß auch einen lauten Schrei aus, wie er den angekleideten Menschen drin erblickte. Der Volontair hatte indeß so viel Fassung, daß er ihm zuflüsterte: »Es gilt eine Wette!« Aber das Erste, was er that, als er sein eigenes Zimmer erreichte, war, daß er sich ein großes, spanisches Fliegenpflaster in den Nacken und eins den Rücken hinab legte, damit sie die Verrücktheit herauszögen. Am nächsten Morgen hatte er einen blutigen Rücken: das war es, was er durch die Gallochen des Glücks gewonnen hatte.   V. Die Verwandlung des Copisten. Der Wächter, den wir sicher noch nicht vergessen haben, gedachte inzwischen der Gallochen, die er gefunden und mit nach dem Hospitale hinausgebracht hatte. Er holte sie ab, aber da weder der Lieutenant, noch sonst Jemand in der Straße sie als die seinigen anerkennen wollte, so wurden sie auf die Polizei abgeliefert. »Sie sehen wie meine eigenen Gallochen aus,« sagte einer der Herren Copisten, indem er das Findelgut betrachtete und an die Seite der seinigen stellte. »Es gehört mehr als ein Schuhmacherauge dazu, um sie von einander unterscheiden zu können!« »Herr Copist!« sagte ein Bedienter, der mit einigen Papieren hereintrat. Der Copist wendete sich um und sprach mit dem Manne; nachdem dies aber geschehen war, und er wieder die Gallochen ansah, war er in großer Ungewißheit darüber, ob es die zur Linken oder die zur Rechten wären, die ihm gehörten. »Es müssen die sein, die naß sind!« dachte er. Allein das war verkehrt gedacht, denn das waren die des Glücks; aber weshalb sollte nicht auch die Polizei fehlen können? Er zog sie an, steckte seine Papiere in die Tasche und nahm einige Manuscripte unter den Arm (zu Hause sollten sie durchgelesen und Concepte davon gemacht werden); aber nun war es zufällig Sonntag Vormittag und das Wetter gut. »Eine Tour nach Friedrichsburg könnte mir wohlthun,« dachte er; und so ging er denn hinaus. Es konnte keinen stilleren und solideren Menschen geben als diesen jungen Mann. Wir gönnen ihm den kleinen Spaziergang von Herzen; er wird nach dem vielen Sitzen sicher recht wohlthuend auf ihn wirken. Anfangs ging er nur wie ein vegetirender Mensch; deshalb hatten die Gallochen leine Gelegenheit, ihre Zauberkraft zu bethätigen. In der Allee begegnete er einem Bekannten, einem unserer jüngeren Dichter, der ihm erzählte, daß er am folgenden Tage seine Sommerreise antreten würde. »Wollen Sie schon wieder fort?« fragte der Copist. »Sie sind doch ein glücklicher, freier Mensch, Sie können fliegen, wohin Sie wollen; wir Andern haben eine Kette am Fuß!« »Aber sie ist an den Brotbaum befestigt!« erwiderte der Dichter. »Sie brauchen nicht für den morgenden Tag zu sorgen, und werden Sie alt, so bekommen Sie Pension!« »Sie haben es doch am Besten,« sagte der Copist. »Es ist ja ein Vergnügen, zu sitzen und zu dichten. Die ganze Welt sagt Ihnen Angenehmes, und dann sind Sie Ihr eigener Herr! Ja, Sie sollten es nur probiren, im Gerichte bei den frivolen Sachen zu kauzen!« Der Dichter schüttelte den Kopf; der Copist auch; jeder blieb bei seiner Meinung, und dann trennten sie sich. »Es ist ein eigenes Volk, diese Poeten!« dachte der Copist. »Ich möchte wohl probiren, in eine solche Natur einzugehen, selbst ein Poet zu werden; ich bin gewiß, daß ich nicht solche Klageverse schreiben würde, wie die Andern! – – Das ist ein rechter Frühlingstag für einen Dichter! Die Luft ist so ungewöhnlich klar, die Wolken sind so schön und das Grüne duftet so prächtig! Ja, in vielen Jahren habe ich es nicht so gefühlt, wie in diesem Augenblicke.« Wir bemerken schon, daß er ein Dichter geworden ist. Dies anzudeuten würde in den meisten Fällen, wie der Deutsche sagt, »abgeschmackt« sein; es ist eine thörichte Vorstellung, sich einen Dichter anders als andere Menschen zu denken; es können unter diesen weit poetischere Naturen sein, als manche anerkannte Dichter es sind. Der Unterschied ist nur der, daß der Dichter ein besseres geistiges Gedächtnis hat: er kann die Idee und das Gefühl festhalten, bis sie klar und deutlich durch das Wort verkörpert sind: das können die Andern nicht. Aber der Uebergang von einer Alltagsnatur zu einer begabten ist immer ein Uebergang, und so muß er bei dem Copisten in das Auge fallen. »Der herrliche Duft!« sagte er. »Wie erinnert er mich an die Veilchen bei der Tante Lone! Ja, das war, als ich ein kleiner Knabe war. Mein Gott, daran habe ich seit langer Zeit nicht gedacht! Das gute, alte Mädchen! Sie wohnt dort am Canale. Immer hatte sie einen Zweig oder grüne Schößlinge im Wasser, der Winter mochte so streng sein wie er wollte. Die Veilchen dufteten, wahrend ich die erwärmten Kupferschillinge gegen die gefrorne Fensterscheibe legte und Gucklöcher machte. Das war eine hübsche Perspective. Draußen im Canale lagen die Schiffe eingefroren und von der ganzen Mannschaft verlassen; eine schreiende Krähe bildete die einzige Bemannung. Wenn dann die Frühlingslüfte wehten, da wurde es lebendig; unter Gesang und Hurrahruf sägte man das Eis entzwei; die Schiffe wurden getheert und getakelt; dann fuhren sie nach fremden Landen. Ich bin hier geblieben und muß immer bleiben, immer auf der Polizei sitzen und Andere Pässe zu Reisen nach dem Auslande nehmen sehen. Das ist mein Loos! O ja!« seufzte er tief. Dann hielt er plötzlich inne. »Mein Gott, wie ist mir denn! So habe ich früher nie gedacht oder gefühlt: das muß die Frühlingsluft sein; das ist ebenso ängstlich, wie angenehm!« Er griff in die Tasche nach seinen Papieren. »Diese geben mir etwas Anderes zu denken!« sagte er und ließ die Augen über das erste Blatt hingleiten. »› Frau Sigbrith , Original-Tragödie in fünf Acten,‹« las er. »Was ist das? Und das ist ja meine eigene Hand. Habe ich diese Tragödie geschrieben? »› Die Intrigue auf der Promenade oder Bußtag , Vaudeville.‹« – Aber wo habe ich das herbekommen? Man muß es mir in die Tasche gesteckt haben! Hier ist ein Brief. Ja, der ist von der Theaterdirection; die Stücke waren verworfen und der Brief war durchaus nicht höflich abgefaßt. »Hm! Hm!« sagte der Copist und setzte sich auf die Bank nieder; seine Gedanken waren elastisch sein Herz weich. Unwillkürlich ergriff er eine der nächsten Blumen; es war eine gewöhnliche kleine Gänseblume. Was uns die Botaniker erst durch manche Vorlesungen sagen, verkündete sie in einer Minute. Sie erzählte die Mythe von ihrer Geburt; sie erzählte von der Kraft des Sonnenlichtes, welches die seinen Blätter ausspannte und sie zum Duften zwang. Da gedachte er der Kämpfe des Lebens, die gleichfalls Gefühle in unserer Brust erwecken. Luft und Licht sind die Liebhaber der Blume, aber das Licht ist der Begünstigte. Nach dem Licht wendete sie sich; verschwand dieses, so rollte sie ihre Blätter zusammen und schlief in der Umarmung der Luft ein. »Das Licht ist es, was mich schmückt!« sagte die Blume. »Aber die Luft läßt Dich athmen!« flüsterte die Dichterstimme. Dicht neben ihm stand ein Knabe und schlug mit seinem Stocke in einen morastigen Graben; die Wassertropfen spritzten zwischen den grünen Zweigen hinauf, und der Copist gedachte der Millionen Infusionsthierchen, die in dem Tropfen in die Höhe geschleudert wurden, was nach ihrer Größe für sie ebenso war, als es für uns sein würde, bis hoch über die Wolkenregion emporgewirbelt zu werden. Indem der Copist daran dachte und an die Veränderung, die mit ihm vorgegangen war, lächelte er. »Ich schlafe und träume! Merkwürdig ist es gleichwohl, wie natürlich man träumen und doch wissen kann, daß es nur ein Traum ist. Möchte ich mich doch morgen seiner entsinnen können, wenn ich erwache. Ich komme mir ungewöhnlich aufgeregt vor. Welche klare Anschauung habe ich von Allem und wie frei fühle ich mich! – Aber ich bin sicher, daß wenn ich morgen etwas davon behalten habe, es dummes Zeug ist: das ist mir schon früher begegnet! Es geht mit allem Klugen und Prächtigen, was man im Traume sagt und hört, wie mit dem Gelde der Unterirdischen: indem man es erhält, ist es reich und herrlich, aber bei Tage besehen, sind es nur Steine und vertrocknete Blätter. Ach!«' seufzte er wehmüthig und betrachtete die singenden Vögel, die fröhlich von Zweig zu Zweig sprangen, »die haben es weit besser als ich! Fliegen ist eine herrliche Kunst! Glücklich Der, welcher mit Schwingen geboren wird: Ja, könnte ich mich in Etwas verwandeln, dann sollte es in eine Lerche sein!« In demselben Augenblicke flogen Rockschöße und Aermel zu Flügeln zusammen; die Kleider wurden Federn und die Gallochen Krallen; er bemerkte es wohl und lachte innerlich: »So, nun kann ich doch sehen, daß ich träume! Aber so närrisch habe ich es früher nie gethan!« Und er flog in die grünen Zweige hinauf und sang; aber es war keine Poesie im Gesange, denn die Dichternatur war fort. Die Gallochen konnten, wie Jeder, der etwas gründlich thun will, nur Eine Sache auf einmal besorgen. Er wollte Dichter sein: das wurde er. Nun wollte er ein kleiner Vogel sein, und indem er dies wurde, hörte die vorige Eigenthümlichkeit auf. »Das ist allerliebst!« sagte er. »Bei Tage sitze ich auf der Polizei unter den solidesten Actenstücken; Nachts kann ich träumen und als Lerche im Friedrichsburger Garten umher fliegen. Es könnte wahrlich eine ganze Volkskomödie darüber geschrieben werden!« Nun flog er in das Gras nieder, drehte den Kopf nach allen Seiten hin und schlug mit dem Schnabel auf die geschmeidigen Grashalme, die, im Verhältnisse zu seiner gegenwärtigen Größe, ihm so lang wie die Palmzweige Nordafrika's erschienen. Es war nur einen Augenblick so, dann wurde es schwarze Nacht um ihn her. Ein, wie es schien, ungeheurer Gegenstand wurde über ihn hingeworfen: es war eine große Mütze, welche ein Matrosenknabe über den Vogel warf. Eine Hand kam herein und ergriff den Kopisten um Rücken und Flügel, sodaß er pfiff. Im ersten Schrecken rief er laut: »Du unverschämter Balg! Ich bin Copist auf der Polizei!« Aber das klang dem Knaben wie ein Piep-piep! Er schlug den Vogel auf den Schnabel und wanderte davon. In der Allee begegnete er zweien Schulknaben der gebildeten Classe, das heißt, gesellschaftlich betrachtet; als Geister waren sie in der niedrigsten Classe der Schule; diese kauften den Vogel für wenige Schillinge, und so kam der Kopist nach Kopenhagen zurück. »Es ist gut, daß ich träume,« sagte der Copist, »sonst würde ich wahrlich böse! Zuerst war ich Poet, nun bin ich eine Lerche! Ja, das war sicher die Poetennatur, die mich in das kleine Thier verwandelte! Es ist doch eine jämmerliche Geschichte, besonders wenn man Knaben in die Hände fällt. Ich möchte wohl wissen, wie das abläuft!« Die Knaben brachten ihn in eine höchst elegante Stube; eine dicke, lächelnde Dame empfing sie. Aber sie war durchaus nicht darüber erfreut, daß der gemeine Feldvogel, wie sie die Lerche nannte, mit herein kam. Nur für heute wollte sie es sich gefallen lassen, doch mußten sie den Vogel in den leeren Käfig setzen, her am Fenster stand. »Das wird vielleicht dem Papchen Freude machen!« fügte sie hinzu und lachte einem großen, grünen Papagei zu, der sich vornehm in seinem Ringe in dem prächtigen Messingkäsige schaukelte. »Es ist Papchens Geburtstag!« sagte sie einfältig; »deshalb will der kleine Feldvogel gratuliren!« Papchen erwiderte nicht ein einziges Wort, sondern schaukelte sich vornehm hin und her; dagegen begann ein hübscher Kanarienvogel, der im letzten Sommer aus seinem warmen, duftenden Vaterlande hierher gebracht war, laut zu schlagen. »Schreihals!« sagte die Dame und warf ein weißes Taschentuch über den Käfig. »Piep-piep!« seufzte er. »Das ist ein schreckliches Schneewetter!« Und mit diesen Seufzer schwieg er. Der Copist, oder wie die Dame sagte, der Feldvogel kam in einen kleinen Käsig, dicht neben den Kanarienvogel, nicht weit vom Papagei. Die einzige menschliche Tirade, welche Papchen plaudern konnte und die oft recht komisch klang, war die: »Nein, laßt uns nun Menschen sein!« Alles Uebrige, was er schrie, war eben so unverständlich, wie das Schlagen des Kanarienvogels, nur nicht für den Copisten, der nun selbst ein Vogel war; er verstand seine Kameraden sehr gut. »Ich flog unter der grünen Palme und dem blühenden Mandelbaume!« sang der Kanarienvogel. »Ich flog mit meinen Brüdern und Schwestern über die prächtigen Blumen und über den spiegelklaren See, wo die Pflanzen sich auf dem Boden wiegten. Ich erblickte auch viel schöne Papageien, welche die lustigsten Geschichten erzählten!« »Das waren wilde Vögel,« erwiderte der Papagei; »die besaßen keine Bildung. Nein, laßt uns nun Menschen sein! – Weshalb lachst Du nicht? Wenn die Dame und alle Fremden darüber lachen, so kannst Du es auch. Es ist ein großer Fehler, das Ergötzliche nicht goutiren zu können. Nein, laßt uns nun Menschen sein!« »O, entsinnst Du Dich der hübschen Mädchen, die unter dem ausgespannten Zelte bei den blühenden Bäumen tanzten? Entsinnst Du Dich der süßen Früchte und des kühlenden Saftes in den wild wachsenden Kräutern?« »O ja,« sagte der Papagei; »aber hier habe ich es besser! Ich habe gutes Essen und eine feine Behandlung; ich weiß, ich bin ein guter Kopf, und mehr verlange ich nicht. »Laßt uns nun Menschen sein!« Du bist eine Dichterseele, wie die es nennen. Ich habe gründliche Kenntnisse und Witz; Du hast Genie, aber keine Besonnenheit, Du steigst in diese hohen Naturtöne hinauf, und deshalb wirst Du zugedeckt. Das bietet man mir nicht; nein, denn ich habe ihnen etwas mehr gekostet! Ich imponire mit meinem Schnabel und kann mit »Witz« um mich werfen. »Nein, laßt uns Nun Menschen sein!« »O mein armes, blühendes Vaterland!« sang der Kanarienvogel; »ich will Deine dunkelgrünen Bäume und Deine stillen Meerbusen besingen, wo die Zweige die klare Wasserfläche küssen; singen von dem Jubel aller meiner schimmernden Brüder und Schwestern, wo »der Wüste Quellenpflanzen wachsen!« »Laß doch nur diese elegischen Töne!« sagte der Papagei. »Singe Etwas, worüber man lachen kann! das Lachen ist das Zeichen des höchsten geistigen Standpunktes. Sieh, ob ein Hund oder Pferd lacht! Nein, weinen können sie, aber lachen – das ist allein dem Menschen gegeben. Ho, ho, ho!« lachte das Papchcn und fügte seinen Witz: »Laßt uns nun Menschen sein!« hinzu. »Du kleiner, grauer, nordischer Vogel,« sagte der Karnarienvogel; »Du bist auch Gefangener geworden! Es ist sicher kalt in Deinen Wäldern, aber da ist doch die Freiheit. Fliege hinaus! Man hat vergessen Deinen Käsig zu schließen; das oberste Fenster steht auf. Fliege, fliege!« Instinctmäßig gehorchte der Copist und war aus dem Käfige; in demselben Augenblicke knarrte die halbgeöffnete, Thür zum nächsten Zimmer, und geschmeidig, mit grünen, funkelnden Augen, schlich die Hauskatze herein und machte Jagd auf ihn. Der Kanarienvogel flatterte im Käfige, der Papagei schlug mit den Flügeln und rief: »Laßt uns nun Menschen sein!« Der Copist fühlte den tödtlichen Schreck und flog durch das Fenster, über die Häuser und Straßen davon; zuletzt mußte er etwas ausruhen. Das gegenüberliegende Haus hatte etwas Heimisches. Ein Fenster stand offen; er flog hinein; es war sein eigenes Zimmer; er setzte sich auf den Tisch. »Laßt uns nun Menschen sein!« sprach er unwillkürlich dem Papagei nach, und in demselben Augenblicke war er der Copist; aber er saß auf dem Tische. »Gott bewahre mich!« sagte er. »Wie bin ich hier herauf gekommen und so in Schlaf verfallen! Das war auch ein unruhiger Traum, den ich hatte. Dummes Zeug war doch die ganze Geschichte.«   VI. Das Beste, was die Gallochen brachten. Am darauf folgenden Tage, in der frühen Morgenstunde, als der Copist noch im Bette lag, klopfte es an seine Thür; es war sein Nachbar in derselben Etage, ein junger Theologe; er trat herein. »Leihe mir deine Gallochen,« sagte er; »es ist sehr naß im Garten, aber die Sonne scheint herrlich: ich möchte wohl eine Pfeife dort unten rauchen.« Die Gallochen zog er an und bald war er unten im Garten, welcher einen Pflaumen- und einen Apfelbaum enthielt. Selbst ein so kleiner Garten, wie dieser, gilt im Innern großer Städte für eine Herrlichkeit. Der Theologe wanderte im Garten auf und nieder, die Uhr war erst Sechs; draußen auf der Straße ertönte ein Posthorn. »O, Reisen! Reisen!« rief er aus; »das ist doch das größte Glück in der Welt! Das ist meiner Wünsche höchstes Ziel! Da würde diese Unruhe, die ich fühle, gestillt werden. Aber weit fort müßte es sein! Ich möchte die herrliche Schweiz sehen, Italien bereisen und –« Ja, gut war es, daß die Gallochen sogleich wirkten, sonst wäre er gar zu weit, sowohl für sich selbst, wie für uns Andere herumgekommen. Er reiste. Er war mitten in der Schweiz, aber mit acht Andern in das Innere einer Diligence gepackt. Er hatte Kopfschmerzen, fühlte sich müde im Nacken, und das Blut war ihm in die Füße getreten, die angeschwollen waren und von den Stiefeln gedrückt wurden. Er schwebte in einem Zustande zwischen Schlafen und Wachen. In seiner Tasche zur Rechten hatte er das Accreditiv, in seiner Tasche zur Linken den Paß und in einem kleinen Lederbeutel auf der Brust einige eingenähte Louisd'or. Jeder Traum verkündete, daß er die eine oder die andere von diesen Kostbarkeiten verloren habe, und deshalb fuhr er fieberartig empor, und die erste Bewegung, welche die Hand machte, war ein Dreieck von der Rechten zur Linken und gegen die Brust hinauf, um zu fühlen, ob er seine Sachen noch habe, oder nicht. Schirme, Stöcke und Hüte schaukelten im Netze über ihm und benahmen so ziemlich die Aussicht, die höchst imponirend war; er schielte darnach, während das Herz sang, was wenigstens schon ein Dichter, den wir kennen, in der Schweiz gesungen, bis jetzt aber noch nicht hat drucken lassen: Hier ist's so schön, wie das Herz nur will,           Montblanc seh ich, den steilen Wenn nur das Geld ausreichen will,           Ach, dann ist hier gut weilen. Groß, ernst und dunkel war die Natur rings um ihn her. Die Tannewälder erschienen wie Haidekraut auf den hohen Felsen, deren Gipfel im Wolkennebel verborgen waren; nun begann es zu schneien, der Wind blies kalt. »Uh!« seufzte er; »wären wir doch auf der andern Seite der Alpen, dann wäre es Sommer, und ich hätte Geld auf mein Accreditiv erhoben; die Angst, die ich für dieses fühle, macht, daß ich die Schweiz nicht genieße. O, wäre ich doch erst auf der andern Seite!« Und da war er auf der andern Seite; mitten in Italien, zwischen Florenz und Rom. Der trasimenische See lag in der Abendbeleuchtung wie flammendes Gold zwischen den dunkelblauen Bergen. Hier, wo Hannibal den Flaminius schlug, hielten sich nun die Weinranken friedlich an den grünen Fingern; liebliche, halbnackte Kinder hüteten eine Heerde schwarzer Schweine unter einer Gruppe duftender Lorbeerbäume am Wege. Könnten wir dieses Gemälde richtig wiedergeben, so würden Alle jubeln: »Herrliches Italien!« Aber das sagte keineswegs der Theologe oder irgend einer von seinen Reisegefährten im Wagen des Vetturins. Giftige Fliegen und Mücken flogen bei ihnen zu Tausenden in den Wagen hinein. Vergebens schlugen sie mit einem Myrtenzweige um sich: die Fliegen stachen dessenungeachtet. Es war nicht Einer im Wagen, dessen Gesicht nicht von blutigen Stichen angeschwollen gewesen wäre. Die armen Pferde sahen wie Aas aus; die Fliegen saßen in großen Schaaren auf denselben, und es half nur augenblicklich, daß der Kutscher hinabstieg und die Thiere reinschabte. Nun sank die Sonne unter; eine kurze aber eisige Kälte ging durch die ganze Natur; es war wie des Grabgewölbes kalte Luft nach einem heißen Sommertage; doch ringsumher erhielten Berge und Wolken den sonderbaren, grünen Ton, welchen wir auf einzelnen alten Gemälden finden und,, wenn wir ein solches Farbenspiel nicht im Süden erlebt haben, für unnatürlich halten. Es war ein herrliches Schauspiel, allein – der Magen war leer, der Körper ermüdet; alle Sehnsucht des Herzens drehte sich um ein Nachtquartier, aber wie wird das ausfallen! Man blickte sehnsüchtiger darnach, als nach der schönen Natur. Der Weg ging durch einen Olivenwald; es war, als führe er daheim zwischen knotigen Weiden. Hier lag das einsame Wirthshaus. Ein Dutzend bettelnder Krüppel hatte sich vor demselben gelagert; der rascheste derselben sah aus wie, um einen Marryat'schen Ausdruck zu gebrauchen, »der älteste Sohn des Hungers, der das Alter seiner Volljährigkeit erreicht hat«; die Andern waren entweder blind, oder hatten den Schwund in den Beinen und krochen auf den Händen, oder verdorrte Arme mit fingerlosen Händen, Das war das Elend recht aus den Lumpen gezogen. »Eccellenza, miserabili!« seufzten sie und streckten die kranken Glieder vor. Die Wirthin selbst, in bloßen Füßen, mit ungeordnetem Haare und nur mit einer schmutzigen Blouse bedeckt, empfing die Gäste. Die Thüren waren mit Bindfaden zusammengebunden; der Fußboden in den Zimmern bot ein halb aufgewühltes Pflaster von Mauersteinen dar; Fledermäuse flogen unter der Decke hin, und der Gestank drinnen – – »Decken Sie den Tisch unten im Stalle!« sagte einer der Reisenden. »Dort weiß man doch, was man einathmet!« Die Fenster wurden geöffnet, damit etwas frische Luft hereindringen konnte; aber schneller, als diese, kamen die verdorrten Arme und das ewige Jammern: Miserabili, Eccelenza! herein. An den Wänden standen viele Inschriften; die Hälfte war gegen die bella, Italia ! Das Essen wurde aufgetragen; es war eine Suppe von Wasser, gewürzt mit Pfeffer und ranzigem Oel. Letzteres spielte die Hauptrolle beim Salat; verdorbene Eier und gebratene Hahnenkämme waren die besten Gerichte; selbst der Wein hatte einen Beigeschmack: es war eine wahre Mixtur. Zur Nacht wurden die Koffer gegen die Thür gestellt; einer der Reifenden hatte die Wache, während die andern schliefen; der Theologe war der Wachthabende; o, wie schwül war es drinnen! Die Hitze drückte, die Mücken summten und stachen, die miserabili draußen jammerten im Traume. »Ja, reisen ist schon gut,« sagte der Theologe, »hätte man nur keinen Körper! Könnte dieser ruhen und der Geist dagegen fliegen! Wohin ich komme, fühle ich einen Mangel, der das Herz drückt; etwas Besseres, als das Augenblickliche, ist es, was ich haben will; ja, etwas Besseres, das Beste; aber wo und was ist es? Im Grunde weiß ich wohl, was ich will: ich will zu einem glücklichen Ziele, dem glücklichsten von allen!« Und so wie das Wort ausgesprochen war, befand er sich in der Heimath. Die langen, weißen Gardinen hingen vor den Fenstern herab und mitten in der Stube stand der schwarze Sarg; in diesem lag er in seinem stillen Todesschlafe; sein Wunsch war erfüllt, der Körper ruhte, der Geist reiste. Preise Niemanden glücklich bevor er in seinem Grabe ist, waren die Worte Solon's; hier wurde ihre Bekräftigung erneuert. Jede Leiche ist eine Sphinx der Unsterblichkeit; auch die Sphinx hier auf dem schwarzen Sarkophage beantwortete uns, was der Lebende zwei Tage vorher niedergeschrieben hatte: Du starker Tod, Dein Schweigen machet Grau'n; Du hinterläßt als Spur nur Kirchhofsgräber. Soll nicht der Geist die Jacobsleiter schau'n? Nur auferstehn als Todesgarten-Gräser? Das größte Leiden sieht die Welt oft nicht! Du, der Du einsam warst bis an Dein Ende, Weit schwerer drückt das Herz so manche Pflicht, Als hier die Erde an des Sarges Wände! Zwei Gestalten bewegten sich im Zimmer. Wir kennen sie beide; es war die Fee der Sorge und die Abgesandte des Glücks . Sie beugten sich über den Todten hin. »Siehst Du?« sagte die Sorge . »Welches Glück brachten Deine Gallochen wohl der Menschheit?« »Sie brachten wenigstens ihm, der hier schlummert, ein dauerndes Gut!« antwortete das Glück . »O nein!« sagte die Sorge . »Er ging von selbst fort, er wurde nicht gerufen! Seine geistig« Kraft war nicht stark genug, um die Schätze hier zu heben, die er seiner Bestimmung nach heben muß! Ich will ihm eine Wohlthat erweisen!« Und sie zog die Gallochen von seinen Füßen; da endete der Todesschlaf, der Wiederbelebte erhob sich. Die Sorge verschwand, mit ihr verschwanden aber auch die Gallochen; sie hat sie gewiß als ihr Eigenthum betrachtet. Fünfe aus einer Hülse. Es waren fünf Erbsen in einer Hülse; sie und die Hülse waren grün, also glaubten sie, die ganze Welt sei grün, – und das war ganz in der Ordnung! Die Hülse wuchs, die Erbsen auch; sie richteten sich nach Umständen ein; sie saßen in einer Reihe. – Die Sonne schien von außen und erwärmte die Hülse, der Regen machte sie klar und durchsichtig; es war mild und gemüthlich, hell am Tage und dunkel des Nachts, wie es sein soll. Die Erbsen wurden, wie sie nun einmal so da saßen, größer und immer nachdenkender; denn etwas mußten sie doch thun. »Müssen wir denn ewig hier sitzen bleiben?« – fragte die eine, – »wenn wir nur nicht durch das lange Sitzen hart werden. Ist mir doch, als gäbe es draußen irgend Etwas, ich habe so ein Gefühl davon.« Wochen verstrichen; die Erbsen wurden gelb und die Hülse wurde gelb: »Die ganze Welt wird gelb!« – sagten sie; und dazu hatten sie ein Recht. Plötzlich empfanden sie einen Ruck an der Hülse; diese wurde abgerissen, gerieth in Menschenhände und glitt in die Tasche einer Jacke hinab und zwar in Begleitung anderer gefüllter Hülsen. – »Jetzt wird bald aufgemacht werden!« – sagten sie, und dessen harrten sie eben. »Wissen möcht' ich jetzt, wer es von uns am weitesten bringt!« – sagte die kleinste der Fünfe. »Ja, jetzt wird es sich bald zeigen.« »Es geschehe was geschehen muß!« – sagte die größte. »Krach!« – die Hülse zerplatzte und alle fünf Erbsen rollten hinaus in den hellen Sonnenschein. Da lagen sie nun in der Hand eines Kindes: ein kleiner Knabe hielt sie umfangen und sagte, es seien gar schöne Erbsen für seine Knallbüchse, und sogleich that er eine hinein und schoß sie heraus. »Jetzt fliege ich in die weite Welt hinaus! Hasche mich, wenn Du kannst!« – und damit war sie davon. »Ich,« – sagte die zweite – »ich fliege geraden Wegs in die Sonne hinein; das ist eine Hülse, die sich sehen lassen kann, und gerade so, wie sie für mich paßt!« Fort war sie. »Wir wollen uns schlafen legen, wo wir hinkommen,« – sagten die zwei nächsten, »aber wir werden schon vorwärts rollen!« – Sie rollten allerdings und fielen zu Boden, bevor sie in die Knallbüchse kamen, aber hinein kamen sie doch. »Wir werden es am weitesten bringen!« »Es geschehe, was geschehen muß!« – sagte die letzte, indem sie aus der Büchse geschossen wurde; sie flog gegen das alte Brett unter dem Fenster der Dachkammer in eine Ritze, die mit Moos und weicher Erde ausgefüllt war; das Moos schloß sich um sie zusammen, – da lag sie, zwar gefangen, aber nicht übergangen vom lieben Herrgott. »Es geschehe, was geschehen muß!« – sagte sie. Drinnen in der kleinen Dachkammer wohnte eine arme Frau, die am Tage ausging, um Oefen auszuputzen, Holz klein zu machen und dergleichen Arbeit zu verrichten, denn sie war stark und auch fleißig; aber sie blieb doch immer arm. Zu Hause in der Kammer lag ihre halberwachsene, einzige Tochter, die sehr fein und zart war; seit einem Jahre war sie bettlägerig und es schien, als könne sie weder leben noch sterben. »Sie geht zu ihrer kleinen Schwester!« – sagte die Frau. »Ich hatte nur die zwei Kinder und es war kein Leichtes, für Beide zu sorgen; aber der liebe Gott theilte mit mir und nahm das eine zu sich; jetzt möchte ich doch gar gern das andere behalten, das mir noch blieb; aber er will sie wahrscheinlich nicht getrennt wissen, und mein krankes Mädchen wird zu der Schwester dort oben gehen!« Allein das kranke Mädchen blieb wo es war; es lag geduldig und still den langen Tag über, während die Mutter außer dem Hause dem Verdienste nachging. Es war Frühling, und in einer frühen Morgenstunde, eben als die Mutter auf Arbeit gehen wollte, schien die Sonne recht mild und freundlich durch das kleine Fenster und warf ihre Strahlen über den Fußboden hin, und das kranke Mädchen richtete den Blick auf die unterste Glasscheibe. »Was mag doch das Grün sein, das dort an der Scheibe guckt? – Es bewegt sich im Winde!« Die Mutter trat an's Fenster und öffnete es halb. »Ach!« – sagte sie – »das ist wahrlich eine kleine Erbse, die hier gekeimt hat und ihre grünen Blätter treibt. Wie mag doch die hier in die Ritze gekommen sein? Das ist ein kleiner Garten, an dem Du Dich ergötzen kannst!« Das Bett der Kranken wurde näher an's Fenster gerückt, damit sie die keimende Erbse sehen könne; die Mutter aber ging auf Arbeit. »Mutter, ich glaube, ich werde wieder gesund!« sagte am Abend das kranke Mädchen. »Die Sonne hat heute hier gar lieblich warm zu mir herein geschienen. Die kleine Erbse gedeiht vortrefflich, und auch ich werde gewiß gedeihen und aufstehen und in den Sonnenschein hinaus kommen!« »Wollte Gott!« sagte die Mutter; aber sie glaubte nicht, daß es geschehen würde; doch, das keimende Grün, das dem Kinde die frohen Lebensgedanken eingegeben hatte, stützte sie mit einem Stäbchen, damit es nicht vom Winde geknickt werde; sie band ein Endchen Bindfaden an das Fensterbrett, und an den obern Theil des Rahmens, damit die Erbsenranke Etwas habe, um das sie sich schlingen könne, wenn sie emporschieße; das that sie, man konnte sehen, wie sie mit jedem Tage zunahm. »Wahrhaftig, die setzt ja eine Blume an!« – sagte die Frau eines Morgens, und nun machte auch die Hoffnung und der Glaube sich bei ihr geltend, daß ihre kranke Tochter genesen werde; sie entsann sich, daß das Kind während der letztverstrichenen Zeit viel lebhafter gesprochen, daß es seit mehreren Tagen sich selbst des Morgens im Bette aufgerichtet und dort gesessen, und strahlenden Auges den kleinen Erbsengarten, aus einer einzigen Erbse hervorgegangen, betrachtet habe. Eine Woche später blieb die Kranke zum ersten Male eine volle Stunde auf. Glücklich saß sie im warmen Sonnenscheine; das Fenster war geöffnet und vor demselben, draußen, stand in voller Blüthe eine weißrothe Erbsenblume. Das kranke Mädchen beugte sich herab und küßte leise die zarten Blätter. Es war dieser Tag gleichsam ein Festtag. »Der liebe Gott selbst hat sie gepflanzt und gedeihen lassen, Dir, mein gesegnetes Kind und auch mir zur Hoffnung und Freude!« sagte die frohe Mutter, und lächelte die Blume an, als sei sie ein guter Engel Gottes. Aber nun die anderen Erbsen! – Ja, die, welche hinaus in die weite Welt flog und: »hasche mich, wenn Du es kannst!« gesagt hatte, fiel in die Dachrinne und gerieth in einen Taubenmagen, und dort lag sie wie Jonas im Wallfischbauche. Die zwei Faulen brachten es eben so weit, auch sie wurden von Tauben verschluckt, und das heißt wenigstens auf solide Weise nützen; allein die vierte, die hinauf in die Sonne wollte, – die fiel in den Rinnstein, und blieb dort in dem unreinen Wasser Tage und Wochen lang liegen, und schwoll recht auf. »Ich werde so schön dick!« sagte die Erbse. »Ich zerplatze dabei und weiter, glaube ich, hat es keine Erbse gebracht oder wird es je bringen. Ich bin die merkwürdigste von den Fünfen aus der Hülse!« Und der Rinnstein stimmte ihr bei. Aber das junge Mädchen am Dachfenster stand dort mit strahlenden Augen, den rosigen Schimmer der Gesundheit auf den Wangen, und faltete seine zarten Hände über der Erbsenblume und dankte Gott für sie. »Ich,« sagte aber der Rinnstein, »halte auf meine Erbse!« Ole Luk-Oie. Es giebt Niemanden in der Welt, der so viele Geschichten weiß, als Ole Luk-Oie. – Der kann gehörig erzählen! So gegen Abend hin, wenn die Kinder noch nett am Tische oder auf ihrem Schemel sitzen, kommt Ole Luk-Oie . Er kommt leise die Treppe herauf, denn er geht auf Socken; er macht leise die Thüren auf und husch! da spritzt er den Kindern süße Milch in die Augen hinein, und das so sein, so sein, aber doch immer genug, daß sie die Augen nicht aufhalten und ihn deshalb auch nicht sehen können. Er schleicht sich hinter sie, bläst ihnen sanft in den Nacken, und davon wird ihnen schwer in dem Kopfe. O ja! aber es thut nicht weh, denn Ole Luk-Oie meint es gut mit den Kindern; er will nur, daß sie ruhig sein sollen, und das sind sie am ersten, wenn man sie zu Bette gebracht hat; sie sollen still sein, damit er ihnen Geschichten erzählen kann. – Wenn die Kinder dann schlafen, setzt sich Ole Luk-Oie auf ihr Bett. Er ist gut gekleidet; sein Rock ist von Seide, aber es ist unmöglich, zu sagen, von welcher Farbe, denn er glänzt grün, roth und blau, je nachdem er sich wendet. Unter jedem Arme hält er einen Regenschirm; den einen, mit Bildern darauf, spannt er über die guten Kinder aus, und dann träumen sie die ganze Nacht die herrlichsten Geschichten; aber den andern Schirm, auf welchem durchaus nichts ist, stellt er über die unartigen Kinder, dann schlafen sie wie dumm und haben am Morgen, wenn sie erwachen, nicht das Geringste geträumt. Nun werden wir hören, wie Ole Luk-Oie an jedem Abende in einer Woche zu einem kleinen Knaben kam, welcher Hjalmar hieß, und was er ihm erzählte. Es sind sieben Geschichten; denn es sind sieben Tage in der Woche. Montag. »Höre mal!« sagte Ole Luk-Oie am Abend, als er Hjalmar zu Bette gebracht hatte; »nun werde ich aufputzen!« Und da wurden alle Blumen in den Blumentöpfen zu großen Bäumen, welche ihre langen Zweige unter der Zimmerdecke und längs den Wänden ausstreckten, sodaß die Stube wie ein prächtiges Lusthaus aussah; und alle Zweige waren voll Blumen, und jede Blume war schöner, als eine Rose, duftete lieblich, und wollte man sie essen, so war sie noch süßer, als Eingemachtes! Die Früchte glänzten wie Gold, und Kuchen war da, der vor lauter Rosinen platzte. Es war unvergleichlich schön! Aber zu gleicher Zeit ertönte ein schreckliches Jammern aus dem Tischkasten her, wo Hjalmar's Schulbücher lagen. »Was ist nur das?« sagte Ole Luk-Oie und ging nach dem Tische und zog den Kasten auf. Es war die Schiefertafel, auf der es riß und wühlte, denn es war eine falsche Zahl in das Rechenexempel gekommen, sodaß es nahe dran war, auseinander zu fallen; der Griffel hüpfte und sprang an seinem Bande, als ob er ein kleiner Hund wäre, der dem Rechenexempel helfen möchte; aber er konnte es nicht. – Und dann jammerte es auch in Hjalmar's Schreibebuche; o, es war häßlich anzuhören! Auf jedem Blatte standen der Länge nach herunter die großen Buchstaben, einem jeden ein kleiner zur Seite: das war eine Vorschrift; und neben diesen standen wieder einige Buchstaben, welche eben so auszusehen glaubten, und diese hatte Hjalmar geschrieben; sie lagen aber fast so, als ob sie über die Bleistiftlinien gefallen waren, auf denen sie stehen sollten. »Seht, so sollt Ihr Euch halten!« sagte die Vorschrift. »Seht, so schräg geneigt, mit einem kräftigen Schwunge!« »O, wir möchten gern,« sagten Hjalmar's Buchstaben; »aber wir können nicht; wir sind zu schwächlich!« »Dann müßt Ihr einnehmen!« sagte Ole Luk-Oie . »O nein!« riefen sie, und da standen sie so schlank, daß es eine Lust war. »Ja, nun können wir keine Geschichten erzählen!« sagte Ole Luk-Oie ; »nun muß ich sie exerciren! Eins, zwei! Eins, zwei!« und so exercirte er die Buchstaben; und sie standen ganz schlank und so schön, wie nur eine Vorschrift stehen kann. Aber als Ole Luk-Oie ging und Hjalmar sie am Morgen besah, da waren sie ebenso schwächlich und jämmerlich wie früher. Dienstag. Sobald Hjalmar zu Bette gegangen war, berührte Ole Luk-Oie mit seiner kleinen Zauberspritze alle Möbeln in der Stube und zugleich fingen sie an zu plaudern, und sprachen allesammt von sich selbst, mit Ausnahme des Spucknapfes, welcher stumm dastand und sich darüber ärgerte, daß sie so eitel sein könnten, nur von sich selbst zu sprechen, nur an sich selbst zu denken und durchaus keine Rücksicht auf den zu nehmen, der bescheiden in der Ecke stand und sich bespucken ließ. Ueber der Kommode hing ein großes Gemälde in einem vergoldeten Rahmen, das war eine Landschaft; man sah darauf große, alte Bäume, Blumen im Grase und einen breiten Fluß, welcher um den Wald herumfloß, an vielen Schlössern vorbei, und weit hinaus in das wilde Meer. Ole Luk-Oie berührte mit seiner Zauberspritze das Gemälde, und da begannen die Vögel darauf zu singen, die Baumzweige bewegten sich, und die Wolken zogen weiter; man konnte ihren Schatten über die Landschaft hingleiten sehen. Nun hob Ole Luk-Oie den kleinen Hjalmar zu dem Rahmen empor, und stellte seine Füße in das Gemälde, gerade in das hohe Gras; da stand er. Die Sonne beschien ihn durch die Zweige der Bäume. Er lief hin zum Wasser und setzte sich in ein kleines Boot, welches dort lag; es war roth und weiß angestrichen, die Segel glänzten wie Silber, und sechs Schwäne, mit Goldkronen um den Hals und einem strahlenden blauen Sterne auf dem Kopfe, zogen das Boot an dem grünen Walde vorüber, wo die Bäume von Räubern und Hexen, und die Blumen von den niedlichen kleinen Elfen und von Dem, was die Schmetterlinge ihnen gesagt haben, erzählen. Die herrlichsten Fische, mit Schuppen wie Silber und Gold, schwammen dem Boote nach; mitunter machten sie einen Sprung, daß es im Wasser plätscherte, und Vögel, roth und blau, klein und groß, flogen in zwei langen Reihen hinterher; die Mücken tanzten und die Maikäfer sagten: Bum! Bum! Sie wollten Hjalmar Alle folgen, und Jeder hatte eine Geschichte zu erzählen. Das war eine Lustfahrt! Bald waren die Wälder dicht und dunkel, bald waren sie wie der herrlichste Garten voll Sonnen und Blumen; da lagen große Schlösser von Glas und von Marmor: auf den Altanen standen Prinzessinnen, und diese waren alle kleine Mädchen, die Hjalmar gut kannte; er hatte früher mit ihnen gespielt. Jede streckte die Hände aus und hielt das niedlichste Zuckerherz hin, welches je eine Kuchenfrau verkaufen konnte; und Hjalmar faßte die eine Seite des Zuckerherzens an, indem er vorüberfuhr, und die Prinzessin hielt recht fest, und so bekam Jeder ein Stück: sie das kleinste, Hjalmar das größte. Bei jedem Schlosse standen kleine Prinzen Schildwache, sie schulterten mit Goldsäbeln und ließen Rosinen und Zinnsoldaten regnen; man sah es ihnen an, daß es echte Prinzen waren. Bald segelte Hjalmar durch Wälder, bald durch große Säle, oder mitten durch eine Stadt, er kam auch durch die, in welchem sein Kindermädchen wohnte, welche ihn getragen hatte, da er noch ein kleiner Knabe war, und die ihm immer so gut gewesen; sie nickte und winkte und sang den niedlichen kleinen Vers, den sie selbst gedichtet und Hjalmar gesendet hatte: Ich denke Deiner so manches Mal, Mein theurer Hjalmar, Du Lieber! Ich gab Dir Küsse ohne Zahl Auf Stirne, Mund und Augenlider. Ich hörte Dich lallen das erste Wort, Doch mußt' ich Dir Abschied sagen; Es segne der Herr Dich an jedem Ort, Du Engel, den ich getragen. Und alle Vögel sangen mit, die Blumen tanzten auf den Stielen und die alten Bäume nickten, als ob Ole Luk-Oie ihnen auch Geschichten erzähle. Mittwoch. Nein, wie strömte der Regen draußen hernieder! Hjalmar konnte es im Schlafe hören; und da Ole Luk-Oie ein Fenster öffnete, stand das Wasser herauf bis an das Fensterbrett; es war ein ganzer See da draußen, aber das prächtigste Schiff lag dicht am Hause. »Willst Du mitsegeln, kleiner Hjalmar ,« sagte Ole Luk-Oie , »so kannst Du diese Nacht nach fremden Ländern gelangen und morgen wieder hier sein!« – Da stand Hjalmar plötzlich in seinen Sonntagskleidern mitten auf dem prächtigen Schiffe; sogleich wurde das Wetter schön, und sie segelten durch die Straßen, kreuzten um die Kirche und nun war Alles eine große wilde See. Sie segelten so lange, bis kein Land mehr zu erblicken war, und sie sahen einen Flug Störche, die kamen auch aus der Heimath und wollten nach den warmen Ländern; ein Storch flog immer hinter dem andern, und sie waren schon weit, weit geflogen! Einer von ihnen war so ermüdet, daß seine Flügel ihn kaum noch zu tragen vermochten; er war der Letzte in der Reihe, und bald blieb er ein großes Stück zurück; zuletzt sank er mit ausgebreiteten Flügeln tiefer und tiefer; er machte noch wenige Schläge mit den Schwingen, aber es half nichts; nun berührte er mit seinen Füßen das Tauwerk des Schiffes, dann glitt er vom Segel herab, und bums! da stand er auf dem Verdecke. Jetzt nahm ihn der Schiffsjunge und setzte ihn in das Hühnerhaus zu den Hühnern, Enten und Truthähnen; der arme Storch stand befangen mitten unter ihnen. »Sieh den Kerl an!« sagten alle Hühner. Und der calcutttische Hahn blies sich so dick auf, wie er konnte und fragte, wer er wäre; die Enten gingen rückwärts und pufften einander: »Rappel Dich! Rappel Dich!« Und der Storch erzählte vom warmen Afrika, von den Pyramiden und vom Strauße, der, einem wilden Pferde gleich, die Wüste durchlaufe; aber die Enten verstanden nicht, was er sagte, und dann pufften sie einander: »Wir sind doch wohl alle derselben Meinung, nämlich, daß er dumm ist!« »Ja, sicher ist er dumm!« sagte der Truthahn, und dann kollerte er. Da schwieg der Storch und dachte an sein Afrika. »Das sind herrlich dünne Beine, die Ihr habt!« sagte der Calcuttaer. »Was kostet die Elle davon?« »Skrat, skrat, skrat!« grinsten alle Enten; aber der Storch that, als ob er es nicht höre. »Ihr könnt immer mitlachen,« sagte der Calcuttaer zu ihm: »denn es war sehr witzig gesagt! Oder war es Euch vielleicht zu hoch? Ach, ach, er ist nicht vielseitig! Wir wollen interessant unter uns selbst bleiben!« Und dann gluckte er, und die Enten schnatterten: »Gik, gak! Gik gak!« Es war schrecklich, wie sie sich selbst belustigten. Aber Hjalmar ging nach dem Hühnerhause, öffnete die Thüre, rief den Storch, und der hüpfte zu ihm heraus auf das Verdeck. Nun hatte er ja ausgeruht, und es war als ob er Hjalmar zunickte, ihm zu danken. Darauf entfaltete er seine Schwingen und flog nach den warmen Ländern; aber die Hühner gluckten, die Enten schnatterten, und der calcuttische Hahn wurde feuerroth am Kopfe. »Morgen werden wir Suppe von Euch kochen!« sagte Hjalmar , und damit erwachte er und lag in seinem leinenen Bette. Es war doch eine sonderbare Reise, die Ole Luk-Oie ihn diese Nacht hatte machen lassen. Donnerstag. »Weißt Du was?« sagte Ole Luk-Oie , »werde nur nicht furchtsam! Hier wirst Du eine kleine Maus sehen!« Und dann hielt er seine Hand her mit dem leichten, niedlichen Thiere. »Sie ist gekommen, um Dich zur Hochzeit einzuladen. Hier sind in dieser Nacht zwei kleine Mäuse, die in den Stand der Ehe treten wollen. Sie wohnen unter Deiner Mutter Speisekammerfußboden: das soll eine schöne Wohnung sein!« »Aber wie kann ich durch das kleine Mauseloch im Fußboden hindurch kommen?« fragte Hjalmar . »Da laß mich nur sorgen!« sagte Ole Luk-Oie . »Ich werde Dich schon klein machen!« Und nun berührte er Hjalmar mit seiner Zauberspritze, worauf dieser sogleich kleiner und kleiner wurde! zuletzt war er keinen Finger lang. »Nun kannst Du Dir die Kleider des Zinnsoldaten leihen; ich denke, sie werden Dir passen, und es sieht gut aus, Uniform anzuhaben, wenn man in Gesellschaft ist!« »Ja freilich!« sagte Hjalmar , und war im Augenblick wie der niedlichste Zinnsoldat angekleidet. »Wollen Sie nicht so gut sein, sich in Ihrer Mutter Fingerhut zu setzen?« sagte die kleine Maus; »dann werde ich die Ehre haben, Sie zu ziehen!« »Gott, wollen sich das Fräulein selbst bemühen!« sagte Hjalmar ; und so fuhren sie zur Mausehochzeit. Zuerst kamen sie unter dem Fußboden in einen langen Gang, der aber nicht höher war, als daß sie gerade mit dem Fingerhut dort fahren konnten, und der ganze Gang war mit faulem Holze illuminirt. »Riecht es hier nicht herrlich?« fragte die Maus, die ihn zog. »Der Gang ist mit Speckschwarten geschmiert! Es kann nichts Schöneres geben!« Nun kamen sie in den Brautsaal hinein. Hier standen zur Rechten alle kleinen Mäuse-Damen; die wisperten und pisperten, als ob sie einander zum Besten hätten. Zur Linken standen alle Mäuse-Herren und strichen sich mit der Pfote den Schnauzbart; mitten in dem Saale aber sah man das Brautpaar; es stand in einer ausgehöhlten Käserinde und küßte sich gar schrecklich viel vor Aller Augen, denn es war Verlobung und es sollte auch gleich Hochzeit sein. Es kamen immer mehr und mehr Fremde; die eine Maus war nahe daran, die andere todt zu treten, und das Brautpaar hatte sich mitten in die Thüre gestellt, so daß man weder hinaus noch herein gelangen konnte. Die Stube war ebenso wie der Gang mit Speckschwarten eingeschmiert, das war die ganze Bewirthung; aber zum Dessert wurde eine Erbse vorgezeigt, in die eine Maus aus der Familie den Namen des Brautpaares eingebissen hatte, das heißt: den ersten Buchstaben. Das war etwas Außerordentliches! Alle Mäuse sagten, daß es eine schöne Hochzeit sei, und daß die Unterhaltung sehr angenehm gewesen wäre. Dann fuhr Hjalmar wieder nach Hause; er war wahrlich in vornehmer Gesellschaft gewesen, aber er hatte auch sehr zusammenkriechen, sich klein machen und Zinnsoldatenuniform anziehen müssen. Freitag. »Es ist unglaublich, wie viele ältere Leute es giebt, die mich gar zu gern haben möchten!« sagte Ole Luk-Oie . »Es sind besonders Die, welche etwas Böses verübt haben.« »»Guter, kleiner Ole ,«« sagten sie zu mir, »»wir können die Augen nicht schließen, und so liegen wir die ganze Nacht und sehen alle unsere bösen Thaten, die wie kleine häßliche Kobolde auf der Bettstelle sitzen, und uns mit heißem Wasser bespritzen; möchtest Du doch kommen und sie fortjagen, damit wir einen guten Schlaf bekämen;«« dann seufzten sie tief; »»wir möchten es wahrlich gern bezahlen; gute Nacht, Ole ! das Geld liegt im Fenster!«« »Aber ich thue es nicht für Geld!« sagte Ole Luk-Oie . »Was wollen wir nun diese Nacht vornehmen?« fragte Hjalmar . »Ja, ich weiß nicht, ob Du diese Nacht wieder Lust hast, zur Hochzeit zu gehen; es ist eine andere Art, als die gestrige war. Deiner Schwester große Puppe, die, welche wie ein Mann aussieht und Hermann genannt wird, will sich mit der Puppe Bertha verheirathen. Es ist obendrein der Puppe Geburtstag, und deshalb werden sie sehr viele Geschenke bekommen!« »Ja, das kenne ich schon,« sagte Hjalmar . »Immer, wenn die Puppen neue Kleider nöthig haben, läßt meine Schwester sie ihren Geburtstag feiern oder Hochzeit halten; das ist sicher schon hundert Mal geschehen!« »Ja, aber in dieser Nacht ist es die hundertunderste Hochzeit, und wenn Hundertundeins aus ist, dann ist Alles vorbei! Deshalb wird diese so beispiellos schön. Sieh nur einmal!« Und Hjalmar sah nach dem Tische. Da stand das kleine Papphaus mit Licht in den Fenstern, und draußen davor präsentirten alle Zinnsoldaten das Gewehr. Das Brautpaar saß gedankenvoll, wozu es wohl Ursache hatte, auf dein Fußboden, und lehnte sich gegen das Tischbein. Aber Ole Luk-Oie , in der Großmutter schwarzen Rock gekleidet, traute sie. Als die Trauung vorbei war, stimmten alle Möbeln in der Stube folgenden schönen Gesang an, welcher von dem Bleistift geschrieben war; er ging nach der Melodie des Zapfenstreiches: Das Lied ertöne wie der Wind; Dem Brautpaar hoch! das sich verbind't: Sie prangen Beide steif und blind, Da sie von Handschuhleder sind! :,: Hurrah, Hurrah! ob taub und blind, Wir singen es in Wetter und Wind!« Und nun bekamen sie Geschenke, aber sie hatten sich alle Speisewaaren verbeten, denn sie hatten an ihrer Liebe genug. »Wollen wir nun eine Sommerwohnung beziehen oder auf Reisen gehen?« fragte der Bräutigam. Und da wurde die Schwalbe, die viel gereist war, und die alte Hofhenne, welche fünfmal Küchlein ausgebrütet hatte, zu Rathe gezogen. Die Schwalbe erzählte von den herrlichen warmen Ländern, wo die Weintrauben so groß und schwer hingen, wo die Luft so mild sei und die Berge Farben hätten, wie man sie hier nicht an ihnen kenne! »Aber unsern Braunkohl haben sie doch nicht!« sagte die Henne. »Ich war einen Sommer lang mit allen meinen Küchlein auf dem Lande; da war eine Sandgrube, in der wir umhergehen und kratzen konnten; und dann hatten wir Zutritt zu einem Garten mit Braunkohl! O, wie herrlich war der! Ich kann mir nichts Schöneres denken.« »Aber der eine Kohlstrunk sieht ebenso aus, wie der andere,« sagte die Schwalbe; »und dann ist hier gar oft schlechtes Wetter.« »Ja, daran ist man gewöhnt!« sagte die Henne. »Aber hier ist es kalt, und es friert!« »Das ist gut für den Kohl!« sagte die Henne. »Uebrigens können wir es auch warm haben! Hatten wir nicht vor vier Jahren einen Sommer, der fünf Wochen lang währte? es war hier so heiß, man konnte nicht athmen! Und dann haben wir nicht alle die giftigen Thiere die sie dort haben! Und wir sind von Räubern frei: Der ist ein Bösewicht, der nicht findet, daß unser Land das schönste ist! Er verdient wahrlich nicht, hier zu sein!« Und dann weinte die Henne und fuhr fort: »Ich bin auch gereist! Ich bin in einer Bütte über zwölf Meilen gefahren! Es ist durchaus kein Vergnügen beim Reisen!« »Ja, die Henne ist eine vernünftige Frau!« sagte die Puppe Bertha. »Ich halte auch nichts davon, Berge zu bereisen, denn das geht nur hinauf und dann wieder herunter! Nein, wir wollen hinaus vor's Thor in die Sandgrube ziehen und im Kohlgarten umherspazieren!« Und dabei blieb es. Sonnabend. »Bekomme ich nun Geschichten zu hören?« fragte der kleine Hjalmar , sobald Ole Luk-Oie ihn in den Schlaf gebracht hatte. »Diesen Abend haben wir nicht Zeit dazu,« sagte Ole Luk-Oie und spannte seinen schönen Regenschirm über ihm auf. »Betrachte nur diese Chinesen!« Und der Regenschirm sah aus, wie eine große chinesische Schale mit blauen Bäumen und spitzen Brücken und mit kleinen Chinesen darauf, die dastanden und mit dem Kopfe nickten. »Wir müssen die ganze Welt zu morgen schön aufgeputzt haben,« sagte Ole Luk-Oie ; »es ist ja dann ein Feiertag, es ist Sonntag. Ich will nach den Kirchenthürmen hin, um zu sehen, ob die kleinen Kirchenkobolde die Glocken poliren, damit sie hübsch klingen! ich will hinaus auf das Feld und sehen, ob die Winde den Staub von Gras und Blättern blasen; und was die größte Arbeit ist, ich will alle Sterne herunter holen, um sie zu poliren. Ich nehme sie in meine Schürze; aber erst muß ein jeder numerirt werden, und die Löcher, worin sie da oben sitzen, müssen auch numerirt werden, damit sie wieder auf den rechten Fleck kommen, sonst würden sie nicht festsitzen, und wir bekämen zu viele Sternschnuppen, indem der eine nach dem andern herunterpurzeln würde!« »Hören Sie, wissen Sie was, Herr Ole Luk-Oie ?« sagte ein altes Portrait, welches an der Wand hing, wo Hjalmar schlief, »ich bin Hjalmar's Urgroßvater, ich danke Ihnen, daß Sie dem Knaben Geschichten erzählen, aber Sie müssen seine Begriffe nicht verwirren. Die Sterne können nicht heruntergenommen werden! Die Sterne sind Weltkugeln, ebenso wie unsere Erde, und gerade das ist das Gute an ihnen.« »Ich danke Dir, Du alter Großvater!« sagte Ole Luk-Oie ; »ich danke Dir! Du bist ja das Haupt der Familie; Du bist das Urhaupt: aber ich bin doch älter als Du! Ich bin ein alter Heide, Römer und Griechen nannten mich den Traumgott! Ich bin in die vornehmsten Häuser gekommen und komme noch dahin! Ich weiß sowohl mit Geringen, wie mit Großen umzugehen! Nun kannst Du erzählen.« – Und da ging Ole Luk-Oie und nahm seinen Regenschirm mit. »Nun, nun! Man darf seine Meinung wohl gar nicht mehr sagen!« brummte das alte Portrait. Da erwachte Hjalmar . Sonntag. »Guten Abend!« sagte Ole Luk-Oie , und Hjalmar nickte und sprang dann hin und kehrte das Portrait des Urgroßvaters gegen die Wand um, damit es nicht, wie gestern, mit hineinsprechen möchte. »Nun mußt Du mir Geschichten erzählen: von den fünf grünen Erbsen, die in einer Schote wohnten; von dem Hahnenfuße, der dem Hühnerfuße den Hof machte, und von der Stopfnadel, die so vornehm that, daß sie sich einbildete, eine Nähnadel zu sein!« »Man kann auch des Guten zu viel bekommen!« sagte Ole Luk-Oie . »Du weißt doch wohl, daß ich Dir am liebsten Etwas zeige! Ich will Dir meinen Bruder zeigen. Er heißt auch Ole Luk-Oie , aber er kommt zu Niemand öfter, als einmal, und zu wem er kommt, den nimmt er mit auf sein Pferd und erzählt ihm Geschichten. Er kennt nur zwei; die eine ist so außerordentlich schön, daß sie Niemand in der Welt sich denken kann, und die andere ist so häßlich und gräßlich – es ist gar nicht zu beschreiben!« Dann hob Ole Luk-Oie den kleinen Hjalmar zum Fenster hinauf und sagte: »Da wirst Du meinen Bruder sehen, den andern Ole Luk-Oie ! Sie nennen ihn den Tod! Siehst Du, er sieht nicht so schlimm aus, wie in den Bilderbüchern, wo er ein Knochengerippe ist! Nein, das ist Silberstickerei, die er auf dem Kleide hat, das ist die schönste Husaren-Uniform; ein Mantel von schwarzem Sammt fliegt hinten über das Pferd! Sieh, wie er in Galopp reitet.« Und Hjalmar sah, wie dieser Ole Luk-Oie davonritt und sowohl junge, wie alte Leute auf sein Pferd nahm. Einige setzte er vorn, Andere hinten auf, aber immer fragte er erst: »Wie steht es mit dem Censurbuche?« – »Gut!« sagten sie allesammt. »Ja, laßt sie mich selbst sehen!« sagte er; und dann mußte ihm Jeder das Buch zeigen, und alle Die, welche »Sehr gut« und »Ausgezeichnet« hatten, setzte er vorn auf das Pferd und bekamen die herrliche Geschichte. Die aber, welche »Ziemlich gut« und »Mittelmäßig« hatten, mußten hinten auf, und bekamen die gräßliche Geschichte zu hören; sie zitterten und weinten, sie wollten vom Pferde springen, konnten es aber nicht, denn sie waren sogleich darauf festgewachsen. »Aber der Tod ist ja der prächtigste Ole Luk-Oie !« sagte Hjalmar . »Vor ihm ist mir nicht bange!« »Das sollst Du auch nicht sein!« sagte Ole Luk-Oie , »sieh nur zu, daß Du ein gutes Censurbuch hast!« »Ja, das ist lehrreich!« murmelte des Urgroßvaters Portrait. »Es hilft doch, wenn man seine Meinung sagt!« Und nun gab er sich zufrieden. Sieh, das ist die Geschichte von Ole Luk-Oie ; nun mag er Dir selbst diesen Abend mehr erzählen! Das häßliche, junge Entlein. Es war herrlich draußen auf dem Lande. Es war Sommer, das Korn stand gelb, der Hafer grün, das Heu war unten auf den grünen Wiesen in Schobern aufgesetzt, und der Storch ging auf seinen langen, rothen Beinen und plapperte ägyptisch, denn diese Sprache hatte er von seiner Frau Mutter gelernt. Rings um die Aecker und Wiesen waren große Wälder, und mitten in den Wäldern tiefe Seen. Ja, es war wirklich herrlich draußen auf dem Lande! Mitten im Sonnenscheine lag dort ein altes Landgut, von tiefen Canälen umgeben, und von der Mauer bis zum Wasser herunter wuchsen große Klettenblätter, die so hoch waren, daß kleine Kinder unter den höchsten aufrecht stehen konnten; es war eben so wild darin, wie im tiefsten Walde. Hier saß auf ihrem Neste eine Ente, welche ihre Jungen ausbrüten mußte; aber es wurde ihr fast zu langweilig, ehe die Jungen kamen; dazu erhielt sie selten Besuch; die andern Enten schwammen lieber in den Canälen umher, als daß sie hinauf liefen, sich unter ein Klettenblatt zu setzen, um mit ihr zu schnattern. Endlich platzte ein Ei nach dem andern: »Piep! piep!« sagte es, und alle Eidotter waren lebendig geworden und steckten den Kopf heraus. »Rapp! rapp!« sagte sie; und so rappelten sich Alle, was sie konnten, und sahen nach allen Seiten unter den grünen Blättern; und die Mutter ließ sie sehen, so viel sie wollten, denn das Grüne ist gut für die Augen. »Wie groß ist doch die Welt!« sagten alle Jungen; denn nun hatten sie freilich viel mehr Platz, als wie im Ei. »Glaubt Ihr, daß dies die ganze Welt sei?« sagte die Mutter; »die erstreckt sich noch weit über die andere Seite des Gartens, gerade hinein in des Pfarrers Feld; aber da bin ich noch nie gewesen!« – »Ihr seid doch Alle beisammen?« fuhr sie fort und stand auf. »Nein, ich habe nicht alle; das größte Ei liegt noch da; wie lange soll denn das dauern! Jetzt bin ich es bald überdrüßig!« und so setzte sie sich wieder. »Nun, wie geht es?« sagte eine alte Ente, welche gekommen war, um ihr einen Besuch abzustatten. »Es währt recht lange mit dem einen Ei!« sagte die Ente, die da saß; »es will nicht platzen; doch sieh nur die andern an: sind es nicht die niedlichsten Entlein, die man je gesehen? Sie gleichen allesammt ihrem Vater; der Bösewicht kommt nicht, mich zu besuchen.« »Laß mich das Ei sehen, welches nicht platzen will!« sagte die Alte. »Glaube mir, es ist ein Kalkutten-Ei! Ich bin auch einmal so angeführt worden und hatte meine große Sorge und Noth mit den Jungen, denn ihnen ist bange vor dem Wasser! Ich konnte sie nicht hineinbringen; ich rappte und schnappte, aber es half nichts. – Laß mich das Ei sehen! Ja, das ist ein Kalkutten-Ei! Laß das liegen und lehre lieber die andern Kinder schwimmen!« »Ich will doch noch ein Bischen darauf sitzen,« sagte die Ente; »habe ich nun so lange gesessen, so kann ich auch noch einige Tage sitzen.« »Nach Belieben,« sagte die alte Ente und ging von dannen. Endlich platzte das große Ei. »Piep! piep!« sagte das Junge und kroch heraus. Es war sehr groß und häßlich! Die Ente betrachtete es: »Es ist doch ein gewaltig großes Entlein das,« sagte sie; »keins von den andern sieht so aus; sollte es wohl ein kalkuttisches Küchlein sein? Nun wir wollen bald dahinter kommen; in das Wasser muß es, sollte ich es auch selbst hineinstoßen.« Am nächsten Tage war schönes, herrliches Wetter; die Sonne schien auf alle grünen Kletten. Die Entleinmutter ging mit ihrer ganzen Familie zu dem Canale hinunter. Platsch! da sprang sie in das Wasser. »Rapp! rapp!« sagte sie, und ein Entlein nach dem andern plumpte hinein; das Wasser schlug ihnen über dem Kopfe zusammen, aber sie kamen gleich wieder empor und schwammen ganz prächtig; die Beine gingen von selbst, und alle waren sie im Wasser; selbst das häßliche, graue Junge schwamm mit. »Nein, es ist kein Kalkutt,« sagte sie; »sieh, wie herrlich es die Beine gebraucht, wie gerade es sich hält; es ist mein eigenes Kind! Im Grunde ist es doch hübsch, wenn man es nur recht betrachtet. Rapp! rapp! – Kommt nur mit mir, ich werde Euch in die große Welt führen, Euch im Entenhofe präsentiren; aber haltet Euch immer nahe zu mir, damit Euch Niemand trete und nehmt Euch vor den Katzen in Acht!« Und so kamen sie in den Entenhof hinein. Drinnen war ein schrecklicher Lärm, denn da waren zwei Familien, die sich um einen Aalkopf bissen, und am Ende bekam ihn doch die Katze. »Seht, so geht es in der Welt zu!« sagte die Entleinmutter und wetzte ihren Schnabel, denn sie wollte auch den Aalkopf haben. »Braucht nun die Beine!« sagte sie; »seht, daß Ihr Euch rappeln könnt, und neigt Euern Hals vor der alten Ente dort; die ist die vornehmste von allen hier; sie ist aus spanischem Geblüt, deshalb ist sie so dick, und seht Ihr: sie hat einen rothen Lappen um das Bein; das ist etwas außerordentlich Schönes und die größte Auszeichnung, welche einer Ente zu Theil werden kann; das bedeutet so viel, daß man sie nicht verlieren will und daß sie von Thier und Menschen erkannt werden soll! – Rappelt Euch! – setzt die Füße nicht einwärts: ein wohlerzogenes Entlein setzt die Füße weit auswärts, gerade wie Vater und Mutter; seht: so! Nun neigt Euern Hals und sagt: Rapp!« Und das thaten sie; aber die andern Enten rings umher betrachteten sie und sagten ganz laut: »Siehe da! Nun sollen wir noch den Anhang haben; als ob wir nicht schon so genug wären! Und pfui! wie das eine Entlein aussieht, das wollen wir nicht dulden!« – Und sogleich flog eine Ente hin und biß es in den Nacken. »Laß es gehen!« sagte die Mutter; »es thut ja Niemandem etwas.« »Ja, aber es ist zu groß und ungewöhnlich,« sagte die beißende Ente, »und deshalb muß es gepufft werden.« »Es sind hübsche Kinder, welche die Mutter hat,« sagte die alte Ente mit dem Lappen um das Bein, »alle schön, bis auf das eine; das ist nicht geglückt; ich möchte, daß sie es umarbeitete.« »Das geht nicht, Ihro Gnaden,« sagte die Entleinmutter; »es ist nicht hübsch, aber es hat ein innerlich gutes Gemüth und schwimmt so herrlich wie jedes andere, ja, ich darf sagen, noch etwas besser; ich denke, es wird hübsch heranwachsen und mit der Zeit etwas kleiner werden; es hat zu lange in dem Ei gelegen und deshalb nicht die rechte Gestalt bekommen!« Und so zupfte sie es im Nacken und glättete das Gefieder. »Es ist überdies ein Entrich,« sagte sie; »und darum macht es nicht so viel aus. Ich denke, er wird gute Kräfte bekommen; er schlägt sich schon durch.« »Die andern Entlein sind niedlich,« sagte die Alte; »thut nun, als ob Ihr zu Hause wäret, und findet Ihr einen Aalkopf, so könnt Ihr mir ihn bringen.« Und nun waren sie zu Hause. Aber das arme Entlein, welches zuletzt aus dem Ei gekrochen war und so häßlich aussah, wurde gebissen, gestoßen und zum Besten gehabt, und das sowohl von den Enten, wie von den Hühnern. »Es ist zu groß!« sagten Alle, und der kalkuttische Hahn, welcher mit Sporen zur Welt gekommen war und deshalb glaubte, daß er Kaiser sei, blies sich auf wie ein Fahrzeug mit vollen Segeln und ging auf dasselbe los; dann kollerte er und wurde ganz roth am Kopfe. Das arme Entlein wußte nicht, wo es stehen oder gehen sollte; es war betrübt, weil es häßlich aussah und vom ganzen Entenhofe verspottet wurde. So ging es den ersten Tag, und später wurde es schlimmer und schlimmer. Das arme Entlein wurde von Allen gejagt: selbst seine Schwestern waren böse gegen dasselbe und sagten immer: »Wenn die Katze Dich nur fangen möchte, Du häßliches Geschöpf!« Und die Mutter sagte: »Wenn Du nur weit fort wärst!« Die Enten bissen es, und die Hühner schlugen es, und das Mädchen, welches die Thiere füttern sollte, stieß mit den Füßen nach ihm. Da lief es und flog über den Zaun; die kleinen Vögel in den Büschen flogen erschrocken auf. »Das geschieht, weil ich so häßlich bin,« dachte das Entlein und schloß die Augen, lief aber gleichwohl weiter; so kam es hinaus zu dem großen Moor, wo die wilden Enten wohnten. Hier lag es die ganze Nacht; es war müde und kummervoll. Gegen Morgen flogen die wilden Enten auf und betrachteten den neuen Kameraden. »Was bist Du für Einer?« fragten sie; und das Entlein wendete sich nach allen Seiten und grüßte, so gut es konnte. »Du bist außerordentlich häßlich!« sagten die wilden Enten; »aber das kann uns gleich sein, wenn Du nur nicht in unsere Familie hinein heirathest.« – Das Arme! Es dachte wahrlich nicht daran, sich zu verheirathen, wenn es nur die Erlaubniß erhalten konnte, im Schilfe zu liegen und etwas Moorwasser zu trinken. So lag es zwei ganze Tage; da kamen zwei wilde Gänse oder richtiger wilde Gänseriche dorthin; es war noch nicht lange her, daß sie aus dem Ei gekrochen waren, und deshalb waren sie auch so keck. »Höre, Kamerad!« sagten sie; »Du bist so häßlich, daß wir Dich gut leiden können; willst Du mitziehen und Zugvogel werden? Hier nahebei in einem andern Moor gibt es einige süße, liebliche, wilde Gänse, sämmtlich Fräulein, die alle »Rapp!« sagen können. Du bist im Stande Dein Glück dort zu machen, so häßlich Du auch bist!« – »Piff! Paff!« ertönte es eben, und beide wilden Gänseriche fielen todt in das Schilf nieder, und das Wasser wurde blutroth. – »Piff! Paff!« erscholl es wieder, und ganze Schaaren wilder Gänse flogen aus dem Schilfe auf. Und dann knallte es abermals. Es war große Jagd; die Jäger lagen rings um das Moos herum; ja, einige saßen oben in den Baumzweigen, welche sich weit über das Schilfrohr hinstreckten. Der blaue Dampf zog gleich Wolken in die dunkeln Bäume hinein und weit über das Wasser hin; zum Moore kamen die Jagdhunde: Platsch, Platsch; das Schilf und das Rohr neigte sich nach allen Seiten. Das war ein Schreck für das arme Entlein! Es wendete den Kopf, um ihn unter den Flügel zu stecken, aber in demselben Augenblicke stand ein fürchterlich großer Hund dicht bei dem Entlein; die Junge hing ihm lang aus dem Halse heraus, und die Augen leuchteten greulich, häßlich; er streckte seine Schnauze den Entlein gerade entgegen, zeigte ihm die scharfen Zähne und – – Platsch, Platsch! ging er wieder, ohne es zu packen. »O, Gott sei Dank!« seufzte das Entlein; »ich bin so häßlich, daß mich selbst der Hund nicht beißen mag!« Und so lag es still, während die Schrote durch das Schilf sausten und Schuß auf Schuß knallte. Erst spät am Tage wurde es ruhig: aber das arme Junge wagte noch nicht, sich zu erheben; es wartete noch mehrere Stunden, bevor es sich umsah, und dann eilte es fort aus dem Moore, so schnell es konnte. Es lief über Feld und Wiese: da tobte ein solcher Sturm, daß es ihm schwer wurde, von der Stelle zu kommen. Gegen Abend erreichte es eine kleine, armselige Bauernhütte; die war so baufällig, daß sie selbst nicht wußte, nach welcher Seite sie fallen sollte; und darum blieb sie stehen. Der Sturm umsauste das Entlein so, daß es sich niedersetzen mußte, um sich dagegen zu stemmen, und es wurde schlimmer und schlimmer. Da bemerkte es, daß die Thüre aus dem einen Angel gegangen war, und so schief hing, daß es durch die Spalte in die Stube hineinschlüpfen konnte, und das that es. Hier wohnte eine Frau mit ihrem Kater und ihrer Henne. Und der Kater, welchen sie Söhnchen nannte, konnte einen Buckel machen und schnurren; er sprühte sogar Funken, aber dann mußte man ihn gegen das Haar streicheln. Die Henne hatte ganz kleine, niedrige Beine, und deshalb wurde sie Küchelchen-Kurzbein genannt; sie legte gute Eier, und die Frau liebte sie wie ihr Kind. Am Morgen bemerkte man sogleich das fremde Entlein; und der Kater begann zu schnurren und die Henne zu glucken. »Was ist das?« sagte die Frau und sah sich ringsum; aber sie sah nicht gut, und so glaubte sie, daß das Entlein eine fette Ente sei, die sich verirrt habe. »Das ist ja ein seltener Fang!« sagte sie. »Nun kann ich Enteneier bekommen. Wenn es nur kein Entrich ist! Das müssen wir erproben.« Und so wurde das Entlein für drei Wochen auf Probe angenommen; aber es kamen keine Eier. Und der Kater war Herr im Hause, und die Henne war die Dame, und immer sagte sie: »Wir und die Welt!« Denn sie glaubte, daß sie die Hälfte seien, und zwar die bei Weitem beste Hälfte. Das Entlein glaubte, daß man auch eine andere Meinung haben könne; aber das litt die Henne nicht. »Kannst Du Eier legen?« fragte sie. »Nein!« »Nun, da wirst Du die Güte haben zu schweigen!« Und der Kater sagte: »Kannst du einen krummen Buckel machen, schnurren und Funken sprühen?« »Nein!« »So darfst Du auch keine Meinung haben, wenn vernünftige Leute sprechen!« Und das Entlein saß im Winkel und war bei schlechter Laune; da fiel die frische Luft und der Sonnenschein herein; es bekam solche sonderbare Lust, auf dem Wasser zu schwimmen, daß es nicht unterlassen konnte, dies der Henne zu sagen. »Was fällt Dir ein?« fragte die. »Du hast nichts zu thun, deshalb fängst Du Grillen! Lege Eier oder schnurre, so gehen sie vorüber.« »Aber es ist so schön, auf dem Wasser zu schwimmen!« sagte das Entlein; »so herrlich, es über dem Kopfe zusammenschlagen zu lassen und auf den Grund zu tauchen!« »Ja, das ist ein großes Vergnügen!« sagte die Henne. »Du bist wohl verrückt geworden! Frage den Kater darnach – er ist das klügste Geschöpf, das ich kenne – ob er es liebt, auf dem Wasser zu schwimmen oder unterzutauchen? Ich will nicht von mir sprechen. – Frage selbst unsere Herrschaft, die alte Frau; klüger als sie ist Niemand auf der Welt! Glaubst Du, daß die Lust hat, zu schwimmen und das Wasser über dem, Kopfe zusammenschlagen zu lassen?« »Ihr versteht mich nicht!« sagte das Entlein. »Wir verstehen Dich nicht? Wer soll Dich denn verstehen können! Du wirst doch wohl nicht klüger sein wollen, als der Kater und die Frau; – von mir will ich nicht reden! Bilde Dir nichts ein, Kind! und danke Deinem Schöpfer für all' das Gute, was man Dir erwiesen! Bist Du nicht in eine warme Stube gekommen und hast Du nicht eine Gesellschaft, von der Du Etwas profitiren kannst? Aber Du bist ein Schwätzer und es ist nicht erfreulich, mit Dir umzugehen! Mir kannst Du glauben! Ich meine es gut mit Dir. Ich sage Dir Unannehmlichkeiten, und daran kann man seine wahren Freunde erkennen! Sieh nur zu, daß Du Eier legst oder schnurren und Funken sprühen lernst!« »Ich glaube, ich gehe hinaus in die weite Welt!« sagte das Entlein »Ja, thue das!« sagte die Henne. Und das Entlein ging; es schwamm auf dem Wasser, es tauchte unter, aber von allen Thieren wurde es wegen seiner Häßlichkeit übersehen. Nun trat der Herbst ein; die Blätter im Walde wurden gelb und braun; der Wind faßte sie, sodaß sie umher tanzten; und oben in der Luft war es sehr kalt; die Wolken hingen schwer von Hagel und Schneeflocken; und auf dem Zaune stand der Rabe und schrie: »Au! Au!« vor Kälte; ja, es fror Einen schon, wenn man nur daran dachte. Das arme Entlein hatte es wahrlich nicht gut! Eines Abends – die Sonne ging so schön unter! – kam ein Schwarm herrlicher, großer Vögel aus dem Busche; das Entlein hatte nie so schöne gesehen; sie waren blendend weiß, mit langen, geschmeidigen Hälsen: es waren Schwäne. Sie stießen einen eigenthümlichen Ton aus, breiteten ihre prächtigen, langen Flügel aus und flogen aus der kalten Gegend fort nach wärmeren Ländern, nach offenen Seen! Sie stiegen so hoch, so hoch, und dem häßlichen, jungen Entlein wurde gar sonderbar zu Muthe. Es drehte sich im Wasser, wie ein Rad, rund herum, streckte den Hals hoch in die Luft nach ihnen und stieß einen so lauten und sonderbaren Schrei aus, daß es sich selbst davor fürchtete. O, es konnte die schönen, glücklichen Vögel nicht vergessen; und sobald es sie nicht mehr erblickte, tauchte es unter bis auf den Grund; und als es wieder heraufkam, war es wie außer sich. Es wußte nicht, wie die Vögel hießen, auch nicht, wohin sie flögen; aber doch war es ihnen gut, wie es nie Jemandem gewesen. Es beneidete sie durchaus nicht. Wie konnte es ihm einfallen, sich solche Lieblichkeit zu wünschen? Es wäre schon froh gewesen, wenn die Enten es nur unter sich geduldet hätten – das arme, häßliche Thier! Der Winter wurde kalt, sehr kalt! Das Entlein mußte im Wasser umherschwimmen, um das völlige Zufrieren desselben zu verhindern; aber in jeder Nacht wurde das Loch, in dem es schwamm, kleiner und kleiner. Es fror so, daß es in der Eisdecke knackte; das Entlein mußte fortwährend die Beine gebrauchen, damit das Loch sich nicht schloß. Zuletzt wurde es matt, lag ganz stille und fror so im Eise fest. Des Morgens früh kam ein Bauer; da er dies sah, ging er hin, schlug mit seinem Holzschuh das Eis in Stücke und trug das Entlein heim zu seiner Frau. Da kam es wieder zu sich. Die Kinder wollten mit ihm spielen; aber das Entlein glaubte, sie wollten ihm etwas zu Leide thun, und fuhr in der Angst gerade in den Milchnapf hinein, sodaß die Milch in die Stube spritzte. Die Frau schlug die Hände zusammen, worauf es in das Butterfaß, dann hinunter in die Mehltonne und wieder heraus flog. Wie sah es da aus! Die Frau schrie und schlug mit der Feuerzange danach; die Kinder rannten einander über den Haufen, um das Entlein zu fangen; sie lachten und schrieen! – Gut war es, daß die Thür aufstand und es zwischen die Reiser in den frischgefallenen Schnee schlüpfen konnte; – da lag es ganz ermattet. Aber all' die Noth und das Elend, welche das Entlein in dem harten Winter erdulden mußte, zu erzählen, würde zu trübe sein. – – Es lag im Moore zwischen dem Schilfe, als die Sonne wieder warm zu scheinen begann. Die Lerchen sangen; es war herrlicher Frühling. Da konnte auf einmal das Entlein seine Flügel schwingen; sie brausten stärker, als früher und trugen es kräftig davon; und ehe es dasselbe recht wußte, befand es sich in einem großen Garten, wo der Flieder duftete und seine langen, grünen Zweige bis zu den geschlängelten Canälen hinunter neigte. O, hier war es so schön, so frühlingsfrisch! Und vorn aus dem Dickichte kamen drei prächtige, weiße Schwäne; sie brausten mit den Federn und schwammen leicht auf dem Wasser. Das Entlein kannte die prächtigen Thiere und wurde von einer eigenthümlichen Traurigkeit befangen. »Ich will zu ihnen hinfliegen, zu den königlichen Vögeln! Und sie werden mich todtschlagen, weil ich, der ich so häßlich bin, mich ihnen zu nähern wage. Aber das ist Einerlei! Besser, von ihnen getödtet, als von den Enten gezwackt, von den Hühnern geschlagen, von dem Mädchen, welches den Hühnerhof hütet, gestoßen zu werden und im Winter Mangel zu leiden!« Und es flog hinaus in das Wasser und schwamm den prächtigen Schwänen entgegen; diese erblickten es und schossen mit brausenden Federn auf dasselbe los. »Tödtet mich nur!« sagte das arme Thier, neigte seinen Kopf der Wasserfläche zu und erwartete den Tod. – Aber was erblickte es in dem klaren Wasser? Es sah sein eigenes Bild unter sich, das kein plumper, schwarzgrauer Vogel mehr, häßlich und garstig, sondern selbst ein Schwan war. Es schadet nichts, in einem Entenhofe geboren zu sein, wenn man nur in einem Schwanenei gelegen hat! Es fühlte sich erfreut über all' die Noth und das Drangsal, welche es erduldet. Nun erkannte es erst recht sein Glück an der Herrlichkeit, die es begrüßte. – Und die großen Schwäne umschwammen es und streichelten es mit, den Schnäbeln. In den Garten kamen einige kleine Kinder, die warfen Brot und Korn in das Wasser: und das kleinste rief: »Da ist ein neuer!« Und die andern Kinder jubelten mit: »Ja es ist ein neuer angekommen!« Und sie klatschten mit den Händen und tanzten umher, liefen zu dem Vater und der Mutter, und es wurde Brot und Kuchen in das Wasser geworfen, und sie sagten Alle: »Der neue ist der schönste! So jung und prächtig!« Und die alten Schwäne neigten sich vor ihm. Da fühlte er sich ganz beschämt und steckte den Kopf unter seine Flügel; er wußte selbst nicht, was er beginnen sollte; er war allzuglücklich, aber durchaus nicht stolz! Er dachte daran, wie er verfolgt und verhöhnt worden war, und hörte nun Alle sagen, daß er der schönste aller schönen Vögel sei. Selbst der Flieder bog sich mit den Zweigen zu ihm in das Wasser hinunter, und die Sonne schien warm und mild! Da brausten seine Federn; der schlanke Hals hob sich, und aus vollem Herzen jubelte er: »So viel Glück habe ich mir nicht träumen lassen, als ich noch das häßliche Entlein war!« Unter dem Weidenbaume. Die Gegend um das kleine seeländische Städtchen Kjöge ist sehr kahl; es liegt zwar am Meeresstrande, was immer schön ist, aber dort könnte es doch schöner sein als es eben ist: – rings umher sind ebene Felder und ein gar weiter Weg ist nach dem Walde. Doch wenn man in einem Orte recht zu Hause ist, so findet man dort immer irgend etwas Schönes, nach dem man später an dem reizendsten Orte der Welt Sehnsucht empfindet. Und das müssen wir freilich gestehen, daß es am äußersten Weichbilde des Städtchens, woselbst einige kleine ärmliche Gärten sich längs des Baches, der dort ins Meer fällt, hinstrecken, im Sommer ganz anmuthig sein konnte, was auch namentlich die beiden Nachbarskinder fanden, die hier spielten und durch die Stachelbeersträucher sich wanden, um zu einander zu gelangen. In dem einen Garten stand ein Fliederbaum, in dem andern ein alter Weidenbaum, und namentlich unter diesem letzteren spielten die Kinder gar gern: das war ihnen erlaubt, obgleich der Weidenbaum in der Nähe des Baches stand, und sie leicht ins Wasser hätten fallen können; aber das Auge Gottes ruht ja auf den Kleinen – würde es doch sonst gar schlimm um sie aussehen! Sie waren aber auch sehr vorsichtig in Betreff des Wassers, ja, der Knabe war dermaßen wasserscheu, daß es nicht möglich, war, ihn im Sommer ins Meer hinaus zu locken, in dem doch die anderen, Kinder gar gern umherplantschten; er wurde deshalb auch gehörig geneckt und verhöhnt, und er mußte es geduldig ertragen. Einmal träumte es der Johanna , dem kleinen Mädchen des Nachbars: sie segle in einem Kahne und Kanut wate zu ihr hinaus, so daß das Wasser ihm erst bis an den Hals, später bis über den Kopf stiege und endlich ganz verschwinde. Von dem Augenblicke an, wo der kleine Kanut diesen Traum erfuhr, duldete er nicht mehr die Verhöhnungen der anderen Knaben; durfte er doch jetzt ins Wasser gehen; habe es Johanna doch geträumt! – Selbst that er es freilich nie, aber jener Traum war immerhin sein Stolz. Die armen Eltern kamen oft zusammen, und Kanut und Johanna spielten in den Gärten und auf der Landstraße, welche längs der Gräben mit einer Reihe von Weidenbäumen besetzt war, die zwar mit ihren verstutzten Kronen nicht schön sahen, aber auch dort nicht zum Staat standen, sondern des Nutzens wegen; schöner war der alte Weidenbaum im Garten, und unter demselben saßen die beiden Kinder. – In dem Städtchen selbst ist ein großer Marktplatz, und zur Zeit des Jahrmarktes standen dort ganze Straßen von Zelten und Buden mit seidenen Bändern, Stiefeln und allem, was man sich wünscht; es war ein arges Gedränge und in der Regel Regenwetter, und dann spürte man den Dunst der Frieswämmse der Bauern, aber auch den schönsten Duft der Honig- oder Pfefferkuchen, von welchen eine Bude voll da stand, und was noch das herrlichste war: der Mann, der die Kuchen verkaufte, nahm immer während des Jahrmarktes seine Wohnung bei den Eltern des kleinen Kanut, und nun gab es dann und wann einen kleinen Pfefferkuchen, von welchem natürlich auch Johanna ihren Antheil erhielt. Aber was noch schöner war: – der Pfefferkuchenhändler wußte fast von allen möglichen Dingen Geschichten zu erzählen, selbst von seinen Pfefferkuchen; ja von diesen erzählte er eines Abends eine Geschichte, die einen so tiefen Eindruck auf die Kinder machte, daß sie dieselbe nie wieder vergaßen, und deshalb ist es wohl am besten, daß wir sie auch kennen lernen, um so mehr, da sie nur kurz ist. »Auf dem Ladentische« – erzählte er – »lagen zwei Pfefferkuchen, der eine in Gestalt einer Mannsperson mit einem Hute, der andere in der einer Jungfrau ohne Hut; sie hatten ihre Gesichter auf der Seite, die nach oben gekehrt war, und von derselben sollte man sie auch besehen, nicht von der Kehrseite, von welcher man überhaupt nie einen Menschen betrachten darf. Der Mann trug auf der linken Seite eine bittere Mandel, das war sein Herz, die Jungfrau dagegen war lauter Honigkuchen, sie lagen Beide als Proben auf dem Ladentische, lagen dort sogar lange, und endlich liebten sie sich; aber keiner sagte es dem andern, und das muß doch geschehen, wenn etwas daraus werden soll.« »»Er ist ein Mann, er muß das erste Wort sagen,«« dachte sie, wollte sich aber doch schon begnügen, wenn sie nur wüßte, daß ihre Liebe erwiedert würde. »Seine Gedanken waren nun zwar weit ausschweifender, und das ist immer der Fall mit den Männern; ihm träumte er sei ein leibhaftiger Straßenjunge, im Besitze von vier Schillingen und kaufe die Jungfrau und verzehre sie.« »Und so lagen sie Tage und Wochen lang auf dem Ladentische und vertrockneten, und die Gedanken der Jungfrau wurden immer zarter und weiblicher: »»es genügt mir schon, daß ich auf demselben Tische mit ihm zusammen gelegen habe!«« – dachte sie und knack! – brach sie mitten durch.« »»Hätte sie nur meine Liebe gekannt, sie hätte wohl etwas länger gehalten!«« – dachte er.« »Das ist die Geschichte, und hier sind sie alle Beide,« sagte der Kuchenbäcker. »Sie sind ihres Lebenslaufes und der stummen Liebe wegen, die nie zu etwas führt, merkwürdig; – da habt Ihr sie!« damit gab er Johanna die Mannsperson, die ganz war, und Kanut erhielt die geknickte Jungfrau; aber die Kinder waren dermaßen von der Geschichte ergriffen, daß sie es nicht übers Herz bringen konnten, die Liebesleute zu essen. Am folgenden Tage gingen sie mit ihnen auf den Friedhof und ließen sich dort an der Kirchenmauer nieder, die mit dem üppigsten Epheu, Sommer und Winter, wie mit einem reichen Teppiche behangen ist; hier stellten sie die Pfefferkuchen zwischen die grünen Ranken in den Sonnenschein und erzählten nun einer Schaar anderer Kinder die Geschichte von der stummen Liebe, die nichts werth sei, das heißt die Liebe; denn die Geschichte sei allerliebst, der Meinung waren sie alle; aber als sie wieder einen Blick auf das Honigkuchenpaar warfen, ja, da hatte ein großer Knabe – und zwar aus Bosheit – die geknickte Jungfrau aufgegessen; die Kinder weinten darüber, und nachher – dies geschah wahrscheinlich, damit der arme Liebhaber nicht allein in der Welt stehen sollte – nachher aßen sie auch ihn auf, doch die Geschichte vergaßen sie nie. Immer waren die Kinder beisammen am Fliederbaume und unter dem Weidenbaume, und das kleine Mädchen sang die schönsten Lieder mit einer Stimme, klar wie eine Glocke; Kanut dagegen hatte keinen Ton in sich, aber er wußte den Text, und das ist immerhin etwas. Die Leute in Kjöge , selbst die Frau des Galanteriewaarenhändlers, blieben stehen und lauschten, wenn Johanna sang. »Die hat eine recht süße Stimme, die Kleine!« – sagten sie. Das waren herrliche Tage, allein sie währten nicht immer. Die Nachbarn trennten sich; die Mutter des kleinen Mädchens war gestorben, der Vater war gesonnen, wieder zu heirathen, und zwar in der Residenz, wo man ihm versprochen hatte, daß er sein Brot haben und irgendwo Bote werden würde, und dies sollte ein sehr einträgliches Amt sein. Die Nachbarn trennten sich unter Thränen, namentlich weinten die Kinder, aber die Eltern gelobten sich einander wenigstens ein Mal jährlich zu schreiben. Den Kanut gab man in die Lehre zu einem Schuhmacher, den großen Knaben konnten sie doch nicht länger sich umhertreiben lassen. Und er wurde nun auch confirmirt. Ach, wie gern wäre er an diesem Festtage in Kopenhagen gewesen bei der kleinen Johanna, aber er blieb in Kjoge und war nie nach Kopenhagen gekommen, obgleich die Hauptstadt nur fünf Meilen von dem kleinen Städtchen entfernt ist; doch über den Meeresbusen hinweg bei klarem Himmel hatte Kanut die Thürme erblickt, und an dem Confirmationstage sah er deutlich das goldene Kreuz an der Frauenkirche in der Sonne glänzen. Ach, wie waren seine Gedanken bei Johanna ! Ob sie wohl seiner gedacht? Ja! – Gegen Weihnachten kam ein Brief von ihrem Vater an die Eltern Kanut's an, es gehe ihnen sehr gut in Kopenhagen, und namentlich dürfe Johanna , ihrer schönen Stimme wegen, ein großes Glück zu Theil werden; sie sei bei der Komödie, in welcher gesungen wird, angestellt, etwas Geld verdiene sie schon jetzt dabei, und von diesem sende sie den lieben Nachbarsleuten in Kjöge einen ganzen Thaler zum vergnügten Weihnachtsabend; sie sollten auf ihre Gesundheit trinken, das hatte sie selbst eigenhändig in einer Nachschrift hinzugefügt, und in derselben stand ferner: »Freundlichen Gruß an Kanut !« Die ganze Familie weinte, und doch war das ja Alles gar erfreulich; aber sie weinte vor Freude. Alle Tage hatte Johanna die Gedanken Kanut's erfüllt, und jetzt überzeugte er sich, daß auch sie an ihn denke, und je näher die Zeit heranrückte, wo er ausgelernt haben würde, um so klarer stand es vor ihm, daß er Johanna gar lieb habe, daß sie seine Frau werden müsse, und dabei spielte ein Lächeln um seine Lippen und er zog den Draht noch einmal so rasch und stemmte den Fuß gegen den Knieriemen an; er stach den Pfriemen tief in den einen Finger hinein, aber das that nichts! Er wollte wahrhaftig nicht den Stummen spielen, wie es die beiden Pfefferkuchen gethan; die Geschichte sei ihm eine gute Lehre. Jetzt war er Gesell und das Ränzel war geschnürt, endlich zum ersten Male in seinem Leben sollte er nach Kopenhagen gehen, dort habe er bereits einen Meister. Wie würde Johanna überrascht und erfreut sein! Sie zählte jetzt siebenzehn Jahre, er neunzehn. Schon in Kjöge wollte er einen goldenen Ring für sie kaufen, aber er besann sich doch, daß man dergleichen gewiß weit schöner in Kopenhagen bekäme; und nun wurde Abschied von den Eltern genommen, und an einem späten regnerischen Herbsttage wanderte er zu Fuß aus der Stadt seiner Heimath; die Blätter fielen von den Bäumen herab, durchnäßt kam er in der großen Hauptstadt und bei seinem neuen Meister an. Künftigen Sonntag wollte er den Besuch bei dem Vater Johanna's machen. Die neuen Gesellenkleider wurden hervorgesucht und der neue Hut aus Kjöge aufgesetzt, der stand dem Kanut gar gut, früher hatte er immer nur eine Mütze getragen. Er fand das Haus, das er suchte, stieg die vielen Stufen hinan, es war zum Schwindeligwerden, wie die Menschen hier in der großen Stadt über einander gestellt seien. In der Stube sah Alles wohlhabend aus, und der Vater Johanna's empfing ihn sehr freundlich, der Frau war er jedoch eine fremde Person, aber sie reichte ihm die Hand und den Kaffee. »Es wird Johanna freuen, Dich zu sehen,« – sagte der Vater, »Du bist ja ein sehr netter junger Mann geworden! – Nun sollst Du sie sehen; ja, sie ist ein Mädchen, das mir Freude macht und, mit Gottes Hilfe, noch mehr machen wird! Sie hat ihre eigene Stube und die bezahlt sie uns!« – Und der Vater selbst klopfte höflich an die Thüre, als wäre er ein fremder Mann, und darauf traten sie ein. Aber, wie war dort Alles niedlich; ein solches Stübchen fände man sicherlich nicht in ganz Kjöge; die Königin selbst könne es nicht anmuthiger haben! Da waren Fußdecken, da waren Fenstervorhänge ganz bis zum Fußboden herab, sogar ein Stuhl von Sammet, und ringsum Blumen und Gemälde, und ein Spiegel, in den man hinein zu treten fast Gefahr lief: er war ja so groß wie eine Thüre. Kanut sah dies Alles mit einem Blicke und nichtsdestoweniger sah er doch nur Johanna ; sie war ein erwachsenes Mädchen und ein ganz anderes, als Kanut es sich gedacht, aber viel schöner; in ganz Kjöge war keine einzige Jungfrau wie sie, und wie war sie fein, und wie blickte sie den Kanut so sonderbar fremd an, aber nur einen Augenblick, alsdann stürzte sie auf ihn zu, als wollte sie ihn küssen, – sie that es zwar nicht, aber es war nahe daran. Ja, sie freute sich in der That bei dem Anblicke des Freundes ihrer Kindheit! Standen ihr doch die Thränen in den Augen, und dann hatte sie gar viel zu fragen und zu reden, von den Eltern Kanut's bis auf den Flieder- und den Weidenbaum herab, diese nannte sie Fliedermutter und Weidenvater, als ob sie auch Menschen wären, doch dafür konnten sie auch ebenso gut gelten, wie die Pfefferkuchen; von diesen sprach sie auch und von deren stummer Liebe, wie sie auf dem Ladentische lagen und entzwei gingen, und dabei lachte sie recht herzlich – aber das Blut flammte in den Wangen Kanut's und sein Herz klopfte schneller als sonst! – Nein, sie war gar nicht stolz geworden! – Sie war es auch, – das bemerkte er wohl – daß ihre Eltern ihn einluden, den ganzen Abend dort zu bleiben, und sie schenkte den Thee ein und reichte ihm selbst eine Tasse, und später nahm sie ein Buch zur Hand und las laut vor, und es war Kanut, als wenn gerade Das, was sie las, von seiner Liebe handele, so gar gut fiel es mit seinen Gedanken zusammen; darauf sang sie ein einfaches Lied, aber dasselbe wurde durch sie zu einer Geschichte, es war, als ströme ihr eigenes Herz davon über. Ja, sie habe ganz gewiß den Kanut lieb. Die Thränen rollten ihm über die Wangen, er konnte nicht dafür und er vermochte kein einziges Wort zu sagen, ihm selbst schien es, als sei er verdummt, und doch drückte sie ihm die Hand und sagte: »Du hast ein gutes Herz, Kanut – bleibe immer, wie Du bist!« Das war ein Abend sonder gleichen; darauf zu schlafen, war nicht möglich, und das that Kanut denn auch nicht. Beim Abschiede hatte der Vater Johanna's gesagt: »Nun, jetzt wirst Du uns doch nicht ganz vergessen! Du wirst doch nicht den ganzen Winter verstreichen lassen, bis Du uns einmal wieder besuchst?« – also konnte er sehr wohl am folgenden Sonntag wieder hingehen, und das wollte er auch. Aber jeden Abend, nach den Arbeitsstunden, und es wurde bei Licht gearbeitet, ging Kanut in die Stadt; er ging durch die Straße, in welcher Johanna wohnte, blickte zu ihren Fenstern hinauf, sie waren fast immer erhellt, und an einem Abende sah er deutlich den Schatten ihres Antlitzes an dem Fenstervorhange – das war ein schöner Abend. Die Frau Meisterin lobte es gar nicht, daß er immer des Abends auf der Fahrt sein müsse, wie sie es nannte, und sie schüttelte den Kopf, aber der Meister lächelte: »Er ist ein junger Mensch!« sagte er. »Sonntag sehen wir uns, und ich sage ihr, wie sie mir im Sinn und Herzen liegt, und daß sie mein Frauchen werden muß; ich bin zwar nur ein armer Schuhmachergesell, aber ich kann Meister werden, ich werde arbeiten und streben – ja ich sage es ihr; es kommt nichts bei der stummen Liebe heraus, das habe ich von den Pfefferkuchen gelernt!« Der Sonntag kam und Kanut kam, aber wie unglücklich; Alle waren an dem Abende eingeladen, sie mußten es ihm sagen. Johanna drückte seine Hand und fragte: »Bist Du im Theater gewesen? Du mußt einmal hineingehen! Ich singe Mittwoch, und wenn Du Zeit an diesem Tage hast, dann will ich Dir ein Billet senden, mein Vater weiß, wo Dein Meister wohnt!« Wie liebevoll war das von ihr! Und am Mittwoch Mittag erhielt er auch ein versiegeltes Papier ohne Worte, aber das Billet lag in demselben, und am Abende ging Kanut zum ersten Male in seinem Leben ins Theater; und was sah er? – er sah Johanna, wie war sie schön und anmuthig; sie wurde zwar an eine fremde Person verheirathet, aber das war Alles Komödie, Etwas, das sie vorstellten, das wußte Kanut, sonst hätte sie es auch nicht über's Herz bringen können, ihm ein Billet zu senden damit er es sehe, und alle Leute klatschten in die Hände, schrieen laut auf, und Kanut schrie Hurrah! Selbst der König lächelte der Johanna zu, als wenn er seine Freude an ihr habe. Gott, wie fühlte Kanut sich so klein, aber er liebte sie recht innig, und sie habe ja auch ihn lieb, – allein der Mann muß das erste Wort sagen, so dachte ja auch die Pfefferkuchen-Jungfrau: – in dieser Geschichte lag sehr Vieles. Sobald der Sonntag kam, ging er wieder hin; er war in einer Stimmung als sollte er das heilige Abendmahl genießen; Johanna war allein und empfing ihn, das konnte nicht glücklicher treffen. »Es ist gut, daß Du kommst!« sagte sie, »ich dachte schon daran, meinen Vater zu Dir zu senden, allein ich hatte eine Ahnung von Deinem Kommen heute Abend: – denn ich muß Dir sagen, daß ich auf den Freitag nach Frankreich reise; ich muß es, damit ich es zu etwas bringe!« Aber Kanut schien es, als drehe sich die Stube um und um: ihm war zu Muthe, als wollte das Herz ihm zerspringen; zwar trat keine Thräne in seine Augen, aber es war deutlich zu sehen, wie betrübt er wurde. »Du ehrliche, treue Seele!« sprach sie, – und damit war nun die Zunge Kanut's gelöst, und er sagte ihr, wie innig lieb er sie habe und daß sie sein Frauchen werden müsse. Indem er dies sagte, sah er Johanna die Farbe wechseln und erblassen; sie ließ seine Hand fallen und erwiderte ernst und betrübt: »Mache nicht Dich selbst und mich unglücklich, Kanut! Ich werde Dir stets eine gute Schwester sein, auf die Du bauen kannst – aber auch nicht mehr!« und sie strich mit ihrer weichen Hand über seine heiße Stirn. »Gott giebt uns zu Vielem die Kraft, wenn wir nur selbst wollen!« Da trat in demselben Augenblicke ihre Stiefmutter ins Zimmer. »Kanut ist ganz außer sich, weil ich reise!« sagte Johanna. »Sei doch ein Mann!« und dabei legte sie ihre Hand auf seine Schulter; es war, als hatten sie nur von der Reise und sonst von nichts Anderem gesprochen. »Du bist ein Kind!« fuhr sie fort, »aber jetzt mußt Du gut und vernünftig sein, wie unter dem Weidenbaume, als wir noch Kinder waren!« Aber Kanut war es, als sei die Welt aus ihren Fugen gegangen, sein Gedanke war wie ein loser Faden, der im Winde hin- und herflattert. Er blieb, er wußte nicht, ob sie ihn zu bleiben gebeten; aber sie waren freundlich und gut, und Johanna schenkte ihm den Thee ein und sang; es war nicht der alte Klang, und doch so unendlich schön, es war zum Herzzerspringen; darauf trennten sie sich. Kanut reichte ihr nicht die Hand, aber sie ergriff die seinige und sagte: »Du giebst doch Deiner Schwester die Hand zum Abschiede, mein alter Jugendgespiel!« sie lächelte durch Thränen, die ihr über die Wangen flossen, und sie wiederholte das Wort » Bruder «. Ja, das war ein schöner Trost! – So war der Abschied. Sie segelte nach Frankreich, Kanut ging auf den schmutzigen Straßen Kopenhagens umher. – Die andern Gesellen in der Werkstätte fragten ihn, weshalb er so grübelnd umhergehe, er solle mit ihnen zusammen ein Vergnügen machen, er sei ja ein junges Blut. Sie gingen miteinander auf den Tanzboden; dort waren viele schöne Mädchen, aber freilich keins wie Johanna, und hier, wo er gedacht, sie zu vergessen, hier gerade stand sie am lebhaftesten vor seinen Gedanken; »Gott giebt uns zu Vielem Kraft, wenn wir nur selbst wollen!« hatte sie gesagt, und eine Andacht kehrte in seinen Sinn ein; er faltete die Hände; die Violinen spielten auf und die Mädchen tanzten im Kreise umher; er erschrak förmlich, es schien ihm, als sei er an einem Orte, wohin er Johanna nicht hätte führen sollen, denn sie war doch mit ihm in seinem Herzen da; deshalb ging er hinaus, lief auf die Straßen und ging an dem Hause vorüber, wo sie gewohnt hatte; dort war es finster, überall war es finster, leer und einsam; die Welt ging ihren Weg und Kanut den seinigen. Es wurde Winter und die Gewässer froren zu, es war, als wenn Alles sich auf Begräbniß einrichte. Als aber der Frühling wiederkehrte und das erste Dampfschiff ging, da ergriff ihn eine Sehnsucht, weit, weit in die Welt zu wandern, aber nicht nach Frankreich. Er schnürte sein Ränzel und wanderte weit, weit ins deutsche Land hinein, von Stadt zu Stadt, ohne Rast und Ruhe; erst als er die alte prächtige Stadt Nürnberg betrat, war es, als würde er wieder Herr seiner Füße; er gewann es über sich, dort zu bleiben. Nürnberg ist eine wunderliche, alte Stadt, wie aus einer Bilderchronik herausgeschnitten. Die Straßen liegen, wie sie eben selbst wollen; die Häuser lieben es nicht, in Reih' und Glied zu stehen; Erker mit kleinen Thürmen, Schnörkeln und Bildsäulen springen hervor und über den Bürgerstieg hinaus, und hoch von den Dächern laufen Dachrinnen bis über die Mitte der Straße hinaus, geformt wie Drachen und langbeinige Hunde. Auf dem Marktplatze hier stand Kanut mit dem Runzel auf dem Rücken; er stand an einem der alten Springbrunnen mit den herrlichen biblischen und historischen Figuren, die zwischen den springenden Wasserstrahlen stehen. Ein schönes Dienstmädchen schöpfte eben Wasser, es gab Kanut einen Labetrunk; und da es die Hand voll Rosen hatte, gab es ihm auch eine Rose, und das schien ihm ein guter Vorbote zu sein. Von der nahen Kirche brausten Orgeltöne ihm entgegen, sie klangen ihm so heimathlich, als kämen sie aus der Kirche zu Kjöge, und er trat in den großen Dom; die Sonne schien durch die gemalten Scheiben hinein zwischen die hohen, schlanken Säulen; Andacht erfüllte seine Gedanken, und stiller Friede kehrte in seinen Sinn ein. Er suchte und fand einen guten Meister in Nürnberg, bei diesem blieb er und erlernte die deutsche Sprache. Die alten Gräber um die Stadt herum sind in kleine Gemüsegärten umgewandelt, aber die hohen Mauern stehen noch da mit ihren schweren Thürmen. Der Seiler dreht sein Seil aus dem von Balken erbauten Gange längs der Innenseite der Stadtmauer, und hier, ringsumher aus Ritzen und Spalten wächst der Flieder; er streckt seine Zweige über die kleinen niedrigen Häuser, die unten liegen, und in einem dieser wohnte der Meister, bei dem Kanut arbeitete; über das kleine Dachfenster, an welchem Kanut saß, senkte der Fliederbaum seine Zweige. Hier wohnte er einen Sommer und einen Winter; aber als der Frühling kam, war's nicht mehr auszuhalten; der Flieder blühte und duftete so heimathlich, daß es ihm war, als sei er wieder in den Gärten von Kjöge, – alsdann zog Kanut von seinem Meister weg zu einem andern, weiter in die Stadt hinein, wo kein Flieder wuchs. Seine Werkstätte war in der Nähe einer alten gemauerten Brücke, über einer immer brausenden, niedrigen Wassermühle; draußen floß nur der reißende Strom, eingezwängt von Häusern, die alle mit alten morschen Erkern gleichsam behangen waren; es sah aus, als wollten sie diese alle ins Wasser hinabschütteln. Hier wuchs kein Flieder, hier stand nicht einmal ein Blumentopf mit wenigem Grün, aber gerade der Werkstätte gegenüber wurzelte ein großer alter Weidenbaum, der sich gleichsam an dem Hause festhielt, um nicht vom Strome hinweggerissen zu werden; er streckte seine Zweige über den Fluß hinaus, wie der Weidenbaum im Garten bei Kjöge über den Bach. Ja, er war freilich von Fliedermutter zum Weidenvater gezogen; der Baum hier, namentlich an Mondscheinabenden, hatte etwas, das ihm zu Herzen ging, aber es war durchaus nicht der Mondschein, sondern der alte Baum selbst. Dessenungeachtet litt es ihn doch nicht. Weshalb? Frage den Weidenbaum, frage den blühenden Flieder! – und deshalb sagte er dem Meister von Nürnberg Lebewohl und zog weiter. Zu Niemanden sprach er von Johanna , in seinem Innern verbarg er seinen Kummer – und eine tiefe Bedeutung legte er der Geschichte von den beiden Pfeffertuchen bei; jetzt begriff er, weshalb die Mannsperson dort eine bittere Mandel links hatte, er selbst hatte einen bitteren Geschmack davon; und Johanna, die stets so mild und freundlich war, sie war lauter Honigkuchen. Es war, als preßte der Riemen seines Ränzels dermaßen, daß er kaum zu athmen vermochte; er löste ihn, allein es half nichts; nur die halbe Welt erblickte er um sich, die andere Hälfte trug er in sich, in seinem Innern, so stand es mit ihm! Erst als er die hohen Berge erblickte, ward die Welt ihm freier, seine Gedanken wandten sich nach außen; Thränen traten in seine Augen. Die Alpen schienen ihm die zusammen gefalteten Flügel der Erde zu sein; – wie, wenn sich diese entfaltete? die großen Schwingen mit ihren bunten Bildern von schwarzen Wäldern, brausenden Gewässern, Wolken und Schneemassen ausbreitete? Am jüngsten Tage erhebt die Erde die großen Flügel, steigt gen Himmel und zerplatzt wie eine Seifenblase in dem Strahlenglanze Gottes. »O, wäre es nur der jüngste Tag!« seufzte er. Still wanderte er durch das Land, das ihm wie ein rasenbedeckter Fruchtgarten erschien; von den hölzernen Altanen der Häuser nickten ihm klöppelnde Mädchen zu, die Bergesgipfel glühten in der rothen Abendsonne, und als er die grünen Seen zwischen den dunklen Bäumen sah – dachte er an die Küste bei dem Kjögemeerbusen, und wohl die Wehmuth, aber nicht der Schmerz wohnte in seiner Brust. Dort, wo der Rhein wie eine lange Woge dahinrollt, zerstäubt, und in schneeweiße, klare Wolkenmassen verwandelt wird, als ginge hier die Schöpfung der Wolken vor sich – der Regenbogen flattert wie ein loses Band darüber hin, – dort dachte er an die Wassermühle bei Kjöge, wo die Gewässer brausen und schäumen. Gern wäre er hier in der stillen Rheinstadt geblieben, allein es waren hier gar zu viele Flieder- und Weidenbäume – deshalb zog er weiter, über die hohen, mächtigen Gebirge, durch zersprengte Felswände und auf Wegen, die Schwalbennestern gleich an der Bergwand hingen. Die Gewässer brausten in der Tiefe, die Wolken lagen unter ihm; über Disteln Alpenrosen und Schnee schritt er in der warmen Sommersonne dahin, – und sagte den Landen des Nordens Lebewohl und trat unter blühende Kastanienbäume, schritt durch Weingärten und Maisfelder; die Berge waren eine Mauer zwischen ihm und allen seinen Erinnerungen, und so mußte es sein. Vor ihm lag eine große, prächtige Stadt, sie nannten sie Milano , und hier fand er einen deutschen Meister, der ihn in Arbeit nahm; es war ein altes, frommes Ehepaar, in dessen Werkstätte er arbeitete. Die beiden Alten gewannen den stillen Gesellen lieb, der wenig sprach, aber desto mehr arbeitete und fromm und christlich lebte. Ihm schien es auch, als habe Gott die schwere Last von seinem Herzen genommen. Seine schönste Lust war, dann und wann auf die mächtige Marmorkirche zu steigen, die schien ihm wie von der Heimath Schnee geschaffen und zu Bildern, spitzen Thürmen, buntgeschmückten offenen Hallen geformt zu sein; von jedem Winkel, jeder Spitze, jedem Bogen herab lächelten ihn die weißen Bildsäulen an. Ueber sich hatte er den blauen Himmel, unter sich die Stadt und die weitgedehnte, grüne lombardische Ebene, und gen Norden die hohen Berge mit dem ewigen Schnee, – dabei dachte er an die Kjögekirche mit ihren rothen, von Epheu umrankten Mauern, aber er sehnte sich nicht fort; hier, hinter den Bergen, wollte er begraben sein. Ein Jahr hatte er hier gelebt, es waren drei Jahre verflossen, seitdem er die Heimath verlassen; da führte sein Meister ihn eines Tages in die Stadt, nicht nach der Arena zu den Kunstreitern, nein, in die große Oper, – und dort war auch ein Saal, der des Beschauens werth war. In sieben Etagen hingen die schönsten seidenen Vorhänge hernieder, und vom Fußboden an, schwindelnd hoch bis zur Decke hinauf saßen die feinsten Damen mit Blumenbouquets in den Händen, als wenn sie auf den Ball gehen wollten, und die Herren waren in vollem Staat und viele von ihnen mit Gold und Silber geschmückt; es war dort so hell wie in dem klarsten Sonnenscheine, und die Musik brauste herrlich, es war viel prächtiger als die Komödie in Kopenhagen, aber dort war Johanna ... Hier war sie auch – ja, es war wie ein Zauber ... der Vorhang ging auf, und auch hier stand Johanna in Gold und Seide, mit der goldenen Krone auf dem Haupte; sie sang, wie nur ein Engel Gottes zu singen vermag, sie trat so weit hervor, wie sie nur konnte; sie lächelte, wie nur Johanna zu lächeln vermochte; sie blickte gerade auf Kanut herab. Der arme Kanut ergriff die Hand des Meisters, indem er laut »Johanna!« rief; doch kein Anderer hörte es, die Musik übertönte Alles, nur der Meister nickte mit dem Kopfe dazu. »Ja wohl, sie heißt Johanna!« – und dabei zog er ein gedrucktes Blatt hervor und zeigte Kanut ihren Namen, – der volle Name stand da zu lesen. Nein, das war kein Traum! Alle Menschen jubelten und warfen ihr Blumen und Kränze zu, und jedes Mal, wenn sie abging, riefen sie sie auf's Neue; sie ging und kam immer wieder. Auf der Straße schaarten die Menschen sich um ihren Wagen und zogen denselben davon. Kanut war in der vordersten Reihe und jubelte am fröhlichsten auf; und als der Wagen vor ihrem prächtig erleuchteten Hause Halt machte, stand Kanut an der Wagenthür, dieselbe sprang auf, sie trat heraus, die Lichtstrahlen fielen auf ihr liebes Antlitz und sie lächelte und bedankte sich freundlich mild, und war tief gerührt; Kanut blickte ihr gerade in's Gesicht, auch sie blickte ihm in's Gesicht, – aber sie kannte ihn nicht. Ein Mann, auf dessen Brust ein Stern strahlte, reichte ihr den Arm – die Beiden seien verlobt, sagte man. Darauf ging Kanut nach Hause und schnürte sein Ränzel; er wollte, er mußte nach der Heimath zurück, zum Flieder-, zum Weidenbaum – ach, unter den Weidenbaum! In einer Stunde kann man ein ganzes Menschenleben durchlaufen. Das alte Ehepaar bat ihn, zu bleiben; – Worte vermochten nicht, ihn zurückzuhalten, vergeblich machte man ihn auf den Winter aufmerksam, sagte ihm, daß der Schnee schon in den Bergen gefallen sei; – in der Spur des langsam fahrenden Wagens, dem man doch den Weg bahnen müsse, meinte er, mit dem Ränzel auf seinem Rücken, gestützt auf seinen Stab, dahinschreiten zu können. Er schritt auf die Berge zu, schritt sie hinab, hinab; entkräftet erblickte er noch kein Städtchen, kein Haus; er schritt gegen Norden. Die Sterne blinkten über ihm, es schwankten ihm die Füße, es schwindelte ihm der Kopf; tief im Thale blinkten gleichfalls Sterne, es war, als sei der Himmel auch unter ihm; er fühlte sich krank; die Sterne dort unten vermehrten sich fortwährend und strahlten immer heller, sie bewegten sich hin und her. Es war ein kleines Städtchen, in dem die Lichter flimmerten, und als er das begriffen, strengte er seine letzten Kräfte an und erreichte dort eine ärmliche Herberge. Die Nacht und auch den ganzen folgenden Tag blieb er dort, denn sein Körper bedurfte der Ruhe und Pflege; es war Thauwetter; es regnete im Thale. Aber am andern frühen Morgen trat dort ein Leiermann ein, er spielte eine Melodie aus der Heimath, und nun vermochte Kanut nicht länger hier zu weilen; er zog weiter gegen Norden, er ging Tage, viele Tage lang mit einer Hast, als gelte es in die Heimath zu gelangen, bevor Alle dort gestorben seien; aber zu Niemandem sprach er von seiner Sehnsucht, Niemand hatte an seines Herzens Kummer, den tiefsten, den man haben kann, geglaubt; ein solcher ist nicht für die Welt, er ist nicht unterhaltend, nicht einmal für die Freunde. Fremd wanderte er durch die fremden Länder nach Hause gegen Norden! Es war Abend; er ging auf der offenen Landstraße, der Frost begann, sich geltend zu machen, das Land selbst wurde immer ebener, mehr Feld und Wiese; an der Straße stand ein großer Weidenbaum; Alles sah ganz heimathlich aus, er setzte sich unter den Baum, er fühlte sich sehr ermüdet; sein Kopf neigte sich, seine Augen schlossen sich zur Ruhe, aber er empfand doch, wie der Weidenbaum seine Zweige über ihn ausstreckte, herabsenkte; der Baum schien ihm ein alter, mächtiger Mann zu sein. – Es war der Weidenvater selbst, der ihn auf seine Arme hob und ihn, den müden Sohn, zurück in das Heimathland, an den offenen, bleichen Strand, nach Kjöge, in den Garten seiner Kindheit trug. Ja, es war der Weidenbaum selbst von Kjöge, der in die Welt gewandert war, um ihn zu suchen; und jetzt hatte er ihn gefunden und war in den kleinen Garten am Bache zurückgeführt, und hier stand Johanna in ihrer Pracht mit der goldenen Krone auf dem Haupte, wie er sie zuletzt gesehen, und rief ihm ein »Willkommen!« zu. Vor ihm standen zwei sonderbare Gestalten, wenn sie auch viel menschlicher als in seiner Kindheit aussahen; auch sie hatten sich verändert; es waren die zwei Pfefferkuchen, der Mann und das Frauenzimmer, sie wendeten ihm die rechte Seite zu und sahen gut aus. »Wir danken Dir!« sagten sie zu Kanut; »Du hast uns die Zungen gelöst, daß man frei seine Gedanken aussprechen soll, sonst käme Nichts dabei heraus, und jetzt ist Etwas dabei heraus gekommen: – wir sind verlobt!« Darauf gingen sie Hand in Hand durch die Straßen Kjöge's und sahen auch sehr anständig auf der Kehrseite aus, da war Nichts an ihnen auszusetzen. Sie schritten gerade auf die Kirche zu, und Kanut und Johanna folgten; auch sie gingen Hand in Hand, und die Kirche stand da wie immer mit ihren rothen Mauern, umrankt von dem grünen Epheu, und die große Thür der Kirche flog nach beiden Seiten auf, die Orgel brauste und sie schritten den breiten Hauptgang der Kirche entlang: »Die Herrschaften zuerst!« sagten die Pfefferkuchenbrautleute und machten Kanut und Johanna Platz, und diese knieten am Altare nieder; sie beugte ihr Haupt über sein Antlitz und eiskalte Thränen entfielen ihren Augen, es war das Eis, das um ihr Herz schmolz – durch seine starke Liebe; die Thränen fielen auf seine brennenden Wangen, und – er erwachte dabei, und saß unter dem alten Weidenbaume im fremden Lande, in dem winterkalten Abende; aus den Wolken fiel eisiger Hagel herab und peitschte sein Gesicht. »Das war die schönste Stunde meines Lebens!« – sagte er, »und sie war – ein Traum! – Gott, laß mich nochmals träumen!« – Er schloß die Augen auf's Neue, er schlief, er träumte. Gegen Morgen fiel Schnee. Er jagte vor dem Winde über ihn hin, er schlief. Dorfleute gingen zur Kirche, – an der Landstraße saß ein Handwerksbursch; er war todt, erfroren – unter dem Weidenbaume! Die Prinzessin auf der Erbse. Es war einmal ein Prinz, der wollte eine Prinzessin heirathen; aber es sollte eine wirkliche Prinzessin sein. Da reiste er in der ganzen Welt umher, um eine solche zu finden, aber überall stand dem etwas entgegen. Prinzessinnen gab es genug, aber ob es wirkliche Prinzessinnen waren, konnte er nicht herausbringen. Immer gab es etwas, was nicht in der Ordnung war. Da kam er denn wieder nach Hause und war traurig, denn er wollte doch gar zu gern eine wirkliche Prinzessin haben. Eines Abends zog ein schreckliches Gewitter auf; es blitzte und donnerte, der Regen strömte herunter, es war entsetzlich! Da klopfte es an das Stadtthor, und der alte König ging hin, um aufzumachen. Es war eine Prinzessin, die draußen vor dem Thore stand. Aber, o Gott! wie sah die von dem Regen und dem bösen Wetter aus! Das Wasser lief ihr von dem Haare und den Kleidern herunter; es lief in die Schnäbel der Schuhe hinein und an den Hacken wieder heraus. Und doch sagte sie, daß sie eine wirkliche Prinzessin sei. »Ja, das werden wir schon erfahren!« dachte die alte Königin. Aber sie sagte nichts, ging in die Schlafkammer hinein, nahm alle Betten ab und legte eine Erbse auf den Boden der Bettstelle, darauf nahm sie zwanzig Matratzen und legte sie auf die Erbse, und dann noch zwanzig Eiderdunenbetten auf die Matratzen. Darauf mußte nun die Prinzessin die ganze Nacht liegen. Am Morgen würde sie gefragt, wie sie geschlafen habe. »O, schrecklich schlecht!« sagte die Prinzessin. »Ich habe meine Augen fast die ganze Nacht nicht geschlossen! Gott weiß, was da im Bette gewesen ist! Ich habe auf etwas Hartem gelegen, so daß ich ganz braun und blau über meinen ganzen Körper bin! Es ist entsetzlich!« Nun sahen sie ein, daß sie eine wirkliche Prinzessin war, weil sie durch die zwanzig Matratzen und die zwanzig Eiderdunenbetten hindurch die Erbse verspürt hatte. So empfindlich konnte Niemand sein, als eine wirkliche Prinzessin. Da nahm der Prinz sie zur Frau, denn nun wußte er, daß er eine wirkliche Prinzessin besitze; und die Erbse kam auf die Kunstkammer, wo sie noch zu sehen ist, wenn Niemand sie gestohlen hat. Sieh, das ist eine wahre Geschichte. Die Hirtin und der Schornsteinfeger. Hast Du wohl je einen recht alten Holzschrank, über und über schwarz vor Alter und mit ausgeschnitzten Schnörkeln und Laubwerk daran, gesehen? Ein solcher stand in einer Wohnstube; er war von der Urgroßmutter ererbt und mit ausgeschnitzten Rosen und Tulpen von oben bis unten bedeckt. Da gab es die sonderbarsten Schnörkel und aus diesen ragten kleine Hirschköpfe mit Geweihen hervor. Mitten auf dem Schranke aber stand ein Mann ausgeschnitzt; er war freilich lächerlich anzusehen und grinste auch, denn Lachen konnte man es nicht nennen; er hatte Ziegenbocksbeine, kleine Hörner am Kopfe und einen langen Bart. Die Kinder im Zimmer nannten ihn immer den Ziegenbocksbein-Oberunduntergeneralkriegscommandirsergeanten: das war ein Name, schwer auszusprechen, und es giebt nicht Viele, die diesen Titel bekommen; aber ihn ausschnitzen zu lassen, das war auch etwas. Doch nun war er ja da! Immer sah er nach dem Tische unter dem Spiegel, denn da stand eine liebliche, kleine Hirtin aus Porzellan. Die Schuhe waren vergoldet, das Kleid war mit einer rothen Rose geschmückt, und dazu hatte sie einen Goldhut und einen Hirtenstab, sie war wunderschön. Dicht neben ihr stand ein kleiner Schornsteinfeger, so schwarz, wie eine Kohle, übrigens aber auch aus Porzellan; er war eben so rein und fein, als irgend ein Anderer; daß er ein Schornsteinfeger war, war ja nur etwas, was er vorstellte; der Porzellanarbeiter hätte ebenso gut einen Prinzen aus ihm machen können, wenn er gewollt hätte! Da stand er gar niedlich mit seiner Leiter und mit einem Gesicht so weiß und roch wie das eines Mädchens; und das war eigentlich ein Fehler, denn etwas schwarz hatte es sein müssen. Er stand ganz nahe bei der Hirtin; sie waren Beide hingestellt, wo sie standen; da sie nun einmal hingestellt waren, so hatten sie sich verlobt. Sie paßten ja zu einander; sie waren junge Leute, von demselben Porzellan und Beide gleich zerbrechlich. Dicht bei ihnen stand noch eine Figur, die war dreimal größer. Es war ein alter Chinese, der nicken konnte. Er war auch aus Porzellan und sagte, er sei der Großvater der kleinen Hirtin; aber das konnte er wohl nicht beweisen. Er behauptete, daß er Gewalt über sie habe, und deshalb hatte er dem Ziegenbocksbein-Oberunduntergeneralkriegscommandirsergeanten, der um die kleine Hirtin freite, zugenickt. »Da erhältst Du einen Mann,« sagte der alte Chinese, »einen Mann, der, wie ich fast glaube, von Mahagoniholz ist. Er kann Dich zur Ziegenbocksbein-Oberunduntergeneralkriegscommandirsergeantin machen; er hat den ganzen Schrank voll Silberzeug, was er in den geheimen Fächern aufbewahrt!« »Ich will nicht in den dunklen Schrank hinein!« sagte die kleine Hirtin. »Ich habe sagen hören, daß er eilf Porzellanfrauen darin hat!« »Dann kannst Du die zwölfte werden!« sagte der Chinese. »Diese Nacht, sobald es in dem alten Schranke knackt, sollt Ihr Hochzeit halten, so wahr ich ein Chinese bin!« Und darauf nickte er mit dem Kopfe und verfiel in Schlaf. Aber die kleine Hirtin weinte und blickte ihren Herzallerliebsten, den Porzellanschornsteinfeger, an. »Ich möchte Dich bitten,« sagte sie, »mit in die weite Welt hinaus zu gehen, denn hier können wir nicht bleiben!« »Ich will Alles, was Du willst!« sagte der kleine Schornsteinfeger. »Laß uns gleich gehen! Ich denke wohl, daß ich Dich mit der Profession ernähren kann!« »Wenn wir nur glücklich zum Tische hinunter wären!« sagte sie. »Ich werde nicht froh, bevor wir in die weite Welt hinaus sind!« Und er tröstete sie und zeigte ihr, wie sie ihren kleinen Fuß auf die ausgeschnittenen Ecken und das vergoldete Laubwerk am Tischfuße hinabsetzen müsse; seine Leiter nahm er auch zu Hilfe, und da waren sie auf dem Fußboden. Aber als sie nach dem alten Schranke hinsahen, war große Unruhe darin; alle die ausgeschnittenen Hirsche streckten die Köpfe weiter hervor, erhoben die Geweihe und drehten die Hälse; der Ziegenbocksbein-Oberunduntergeneralkriegscommandirsergeant sprang hoch in die Höhe und rief zum alten Chinesen hinüber: »Nun laufen sie fort! Nun laufen sie fort!« Da erschraken sie etwas und sprangen geschwind in den Schubkasten des Fenstertrittes. Hier lagen drei bis vier Spiele Karten, die nicht vollständig waren, und ein kleines Puppentheater, welches, so gut es sich thun ließ, aufgebaut war. Da wurde Komödie gespielt, und alle Damen, careau wie coeur, trèfle wie pique , saßen in der ersten Reihe und fächelten sich mit ihren Tulpen; und hinter ihnen standen alle Buben und zeigten, daß sie Kopf hatten, sowohl oben als unten, wie die Spielkarten es haben. Die Komödie handelte von zwei Personen, die einander nicht bekommen sollten, und die Hirtin weinte darüber; denn es war wie ihre eigene Geschichte. »Das kann ich nicht aushalten!« sagte sie. »Ich muß aus dem Schubkasten heraus!« Aber als sie auf dem Fußboden anlangten und nach dem Tische hinaufblickten: da war der alte Chinese erwacht und schüttelte den ganzen Körper; unten war er ja ein Klumpen! »Nun kommt der alte Chinese!« schrie die kleine Hirtin und fiel auf ihre Porzellankniee nieder: so betrübt war sie. »Es fällt mir etwas ein!« sagte der Schornsteinfeger. »Wollen wir in die große Potpourrivase, die in der Ecke steht, kriechen? Da können wir auf Rosen und Lavendel liegen und ihm Salz in die Augen werfen, wenn er kommt.« »Das kann nichts nützen!« sagte sie. »Ueberdies weiß ich, daß der alte Chinese und die Potpourrivase mit einander verlobt gewesen sind, und es bleibt immer etwas Wohlwollen zurück, wenn man in solchen Verhältnissen gestanden hat. Nein, es bleibt nichts übrig, als in die weite Welt hinauszugehen!« »Hast du wirklich Muth, mit mir in die weite Welt hinauszugehen?« fragte der Schornsteinfeger. »Hast Du bedacht, wie groß die ist, und daß wir nie mehr Hieher zurückkommen können?« »Das habe ich!« sagte sie. Und der Schornsteinfeger sah sie fest an und dann sagte er: »Mein Weg geht durch den Schornstein! Hast Du wirklich Muth, mit mir durch den Ofen, sowohl durch den eisernen Kasten als durch die Rohre zu kriechen? Dann kommen wir hinaus in den Schornstein, und da verstehe ich mich zu tummeln! Wir steigen so hoch, daß sie uns nicht erreichen können, und ganz oben geht ein Loch in die weite Welt hinaus!« Und er führte sie zu der Ofenthüre hin. »Da sieht es schwarz aus!« sagte sie, aber sie ging doch mit ihm, sowohl durch den Kasten wie durch die Rohre, wo die pechfinstere Nacht herrschte. »Nun sind wir im Schornsteine!« sagte er. »Und sieh! sieh! dort oben scheint der herrlichste Stern!« Und es war ein wirklicher Stern am Himmel, der gerade zu ihnen herab schien, als wollte er ihnen den Weg zeigen. Und sie kletterten und krochen; ein gräulicher Weg war es, unendlich hoch; aber er hob sie und half ihr; er hielt sie und zeigte ihr die besten Stellen, wo sie ihre kleinen Porzellanfüße hinsetzen könne; und so erreichten sie den Schornsteinrand und auf den setzten sie sich; denn sie waren sehr ermüdet, und das konnten sie auch wohl sein. Der Himmel mit allen seinen Sternen war hoch über und alle Dächer der Stadt tief unter ihnen. Sie sahen weit umher, weit, weit hinaus in die Welt. Die arme Hirtin hatte es sich nie so gedacht; sie lehnte sich mit ihrem kleinen Kopfe an ihren Schornsteinfeger und dann weinte sie, daß das Gold von ihrem Leibgürtel absprang. »Das ist allzuviel!« sagte sie. »Das kann ich nicht ertragen! Die Welt ist allzugroß! Wäre ich doch wieder auf dem Tische unter dem Spiegel! Ich werde nie froh, ehe ich wieder dort bin! Nun bin ich Dir in die Welt hinaus gefolgt, nun kannst Du mich auch wieder zurückbegleiten, wenn Du mich wirklich lieb hast.« Und der Schornsteinfeger sprach vernünftig mit ihr, sprach von dem alten Chinesen und vom Ziegenbocksbein-Oberuntergeneralkriegscommandandirsergeanten; aber sie schluchzte gewaltig und küßte ihren kleinen Schornsteinfeger, so daß er nicht anders konnte, als sich ihr fügen, obgleich es thöricht war. Und so kletterten sie mit vielen Beschwerden den Schornstein wieder hinunter und krochen durch die Rohre und den Kasten: das war nichts Schönes! Dann standen sie in dem dunklen Ofen; da horchten sie hinter der Thüre, um zu erfahren, wie es in der Stube aussehe. Dort war es ganz still; sie sahen hinein – ach, da lag der alte Chinese mitten auf dem Fußboden. Er war vom Tische heruntergefallen, als er hinter ihnen her wollte, und lag nun in drei Stücke zerschlagen: der ganze Rücken war in einem Stücke abgegangen und der Kopf war in eine Ecke gerollt. Der Ziegenbocksbein-Oberunduntergeneralkriegscommandirsergeant stand, wo er immer gestanden hatte und dachte nach. »Das ist gräßlich!« sagte die kleine Hirtin. »Der alte Großvater ist in Stücke zersprungen, und wir sind Schuld daran! Das werde ich nicht überleben!« Und dann rang sie ihre kleinen Hände. »Er kann noch genietet werden!« sagte der Schornsteinfeger. »Er kann noch genietet werden! – Sei nur nicht so heftig: Wenn sie ihn im Rücken kitten und ihm eine gute Niete im Nacken geben, so wird er so gut wie neu sein und kann uns noch manches Unangenehme sagen!« »Glaubst Du?« sagte sie. Und dann krochen sie wieder auf den Tisch hinauf, wo sie früher gestanden hatten. »Sieh, so weit kamen wir!« sagte der Schornsteinfeger. »Da hätten wir uns alle die Mühe ersparen können!« »Hätten wir nur erst den alten Großvater wieder genietet!« sagte die Hirtin. »Ob das sehr theuer ist?« Und genietet wurde er. Die Familie ließ ihn im Rücken kitten; er bekam eine gute Niete durch den Hals; er war so gut wie neu: aber nicken konnte er nicht mehr. »Sie sind wohl hochmüthig geworden, seitdem sie in Stücke zersprungen sind?« sagte der Ziegenbocksbein-Oberunduntergeneralkriegscommandirsergeant. »Mir däucht nicht, daß Sie Ursache hätten, so gefährlich zu thun. Soll ich sie haben oder soll ich sie nicht haben?« Und der Schornsteinfeger und die kleine Hirtin sahen den alten Chinesen gar rührend an; sie fürchteten, er möchte nicken. Aber das konnte er nicht; und es war ihm fatal, einem Fremden zu erzählen, daß er beständig eine Niete im Nacken habe. Und so blieben die Porzellanleute beisammen, und sie segneten des Großvaters Niete und liebten sich, bis sie zerbrachen. Das Feuerzeug. Es kam ein Soldat auf der Landstraße daher marschirt: Eins, zwei! Eins, zwei! Er hatte seinen Tornister auf dem Rücken und einen Säbel an der Seite, denn er war im Kriege gewesen und wollte nun nach Hause. Da begegnete er einer alten Hexe auf der Landstraße: die war sehr widerlich. Ihre Unterlippe hing ihr bis auf die Brust hinab. Sie sagte: »Guten Abend, Soldat! Was hast Du doch für einen schönen Säbel und großen Tornister! Du bist ein wahrer Soldat! Nun sollst Du so viel Geld haben als Du besitzen magst!« »Ich danke Dir, Du alte Hexe!« sagte der Soldat. »Siehst Du den großen Baum dort?« sagte die Hexe und zeigte auf einen Baum, der ihnen zur Seite stand. »Er ist inwendig hohl. Von dem mußt Du den Gipfel erklettern, dann erblickst Du ein Loch, durch welches Du Dich hinablassen und tief in den Baum gelangen kannst! Ich werde Dir einen Strick um den Leib binden, damit ich Dich wieder heraufziehen kann, wenn Du mich rufst.« »Was soll ich denn da unten im Baume?« fragte der Soldat. »Geld holen!« sagte die Hexe. »Wisse, wenn Du auf den Boden unter dem Baume kommst, so bist Du in einer großen Halle; da ist es hell, denn da brennen über dreihundert Lampen. Dann erblickst Du drei Thüren; Du kannst sie öffnen, der Schlüssel steckt daran. Gehst Du in die erste Kammer hinein, so siehst Du mitten auf dem Fußboden eine große Kiste; auf derselben sitzt ein Hund; er hat Augen so groß wie ein Paar Theetassen. Doch daran brauchst Du Dich nicht zu kehren! Ich gebe Dir meine blaucarrirte Schürze, die kannst Du auf dem Fußboden ausbreiten; geh dann rasch hin und nimm den Hund, setze ihn auf meine Schürze, öffne die Kiste, und nimm so viele Schillinge als Du willst. Sie sind von Kupfer. Willst Du lieber Silber haben, so mußt Du in das nächste Zimmer hineingehen. Aber da sitzt ein Hund, der hat Augen so groß wie Mühlräder. Doch das laß Dich nicht kümmern! Setze ihn auf meine Schürze und nimm von dem Gelde! Willst Du hingegen Gold haben, so kannst Du es auch bekommen, und zwar so viel als Du tragen magst, wenn Du in die dritte Kammer hineingehst. Aber der Hund, welcher dort auf dem Geldkasten sitzt, hat zwei Augen, jedes so groß wie ein Thurm. Glaube mir, es ist ein böser Hund! Aber deshalb fürchte Dich nur nicht! Setze ihn nur auf meine Schürze, so thut er Dir nichts, und nimm aus der Kiste so viel Gold als Du willst!« »Das ist so übel nicht!« sagte der Soldat. »Aber was soll ich Dir geben, Du alte Hexe, denn umsonst wirst Du es wohl nicht thun?« »Doch!« sagte die Hexe. »Nicht einen einzigen Schilling will ich haben! Für mich sollst Du nur ein altes Feuerzeug nehmen, welches meine Großmutter vergaß, als sie das letzte Mal unten war.« »Nun so binde mir den Strick um den Leib!« sagte der Soldat. »Hier ist er,« sagte die Hexe, »und hier ist meine blaucarrirte Schürze.« Da kletterte der Soldat auf den Baum hinauf, ließ sich in das Loch hinuntergleiten und stand dann, wie die Hexe gesagt hatte, unten in der großen Halle, wo die vielen hundert Lampen brannten. Nun öffnete er die erste Thür. Uh! da saß der Hund mit den Augen so groß wie Theetassen, und glotzte ihn an. »Du bist ein netter Kerl!« sagte der Soldat, setzte ihn auf die Schürze der Hexe und nahm so viele Kupferschillinge als seine Taschen fassen konnten, schloß dann die Kiste, setzte den Hund wieder darauf und ging in das andere Zimmer hinein. Richtig! da saß der Hund mit den Augen, so groß wie Mühlräder. »Du solltest mich lieber nicht so starr ansehen!« sagte der Soldat. »Deine Augen konnten Dir übergehen!« Und dann setzte er den Hund auf die Schürze der Hexe. Aber als er all das Silbergeld in der Kiste erblickte, warf er all das Kupfergeld, was er hatte, fort und füllte sich die Taschen und den Tornister nur mit Silber. Dann ging er in die dritte Kammer. – Nein, das war häßlich! Der Hund darin hatte wirklich zwei Augen, jedes so groß wie ein Thurm, die drehten sich im Kopfe gerade wie Räder. »Guten Abend!« sagte der Soldat und griff an die Mütze, denn einen solchen Hund hatte er früher nie gesehen. Als er ihn aber etwas genauer betrachtet hatte, dachte er, nun ist es genug, hob ihn auf die Diele herunter und machte die Kiste auf. Gott! was war da für eine Menge Gold! Er konnte dafür die ganze Stadt und die Zuckerferkel der Küchenfrauen, alle Zinnsoldaten, Peitschen und Schaukelpferde in der ganzen Welt kaufen. Ja, das war einmal viel Gold! Nun warf der Soldat alles Silbergeld, womit er Taschen und Tornister gefüllt hatte, fort und nahm dafür Gold; ja, alle Taschen, der Tornister, die Mütze und die Stiefel wurden gefüllt, so daß er kaum gehen konnte. Nun hatte er Geld! Den Hund setzte er auf die Kiste, schlug die Thür zu und rief dann durch den Baum hinauf: »Zieh mich jetzt in die Höhe, Du alte Hexe!« »Hast Du auch das Feuerzeug?« fragte die Hexe. »Dunnerwetter!« sagte der Soldat, »das hätte ich rein vergessen!« Und dann ging er und holte es. Die Hexe zog ihn herauf, und da stand er wieder auf der Landstraße mit Taschen, Stiefeln, Tornister und Mütze voll Gold. »Was willst Du mit dem Feuerzeuge machen?« fragte der Soldat. »Das geht Dich nichts an!« sagte die Hexe. »Du hast ja Geld bekommen! Gieb mir nur das Feuerzeug!« – »Ach was!« sagte der Soldat. »Wirst Du mir gleich sagen, was Du damit machen willst, oder ich ziehe meinen Säbel und schlage Dir den Kopf ab!« »Nein!« sagte die Hexe. Gleich schlug der Soldat ihr den Kopf ab. Da lag sie! Er aber band all sein Gold in ihre Schürze, nahm es wie ein Bündel auf seinen Rücken, steckte das Feuerzeug in die Tasche und ging geraden Wegs nach der Stadt. Das war eine prächtige Stadt! Und in dem prachtvollsten Wirthshause kehrte er ein, verlangte die allerbesten Zimmer und seine Lieblingsspeisen; denn nun war er ja reich, da er so viel Geld hatte. Dem Diener, welcher seine Stiefel putzen sollte, kam es freilich vor, als wären es recht wunderbar alte Stiefel für so einen reichen Herrn. Aber er hatte sich noch keine neuen gekauft; am nächsten Tage bekam er anständige Stiefel und schöne Kleider. Nun war er aus einem Soldaten ein vornehmer Herr geworden, und die Leute erzählten ihm von all den Herrlichkeiten, die in ihrer Stadt wären, und von ihrem Könige, und was für eine niedliche Prinzessin seine Tochter sei. »Wo kann man sie zu sehen bekommen?« fragte der Soldat. »Sie ist gar nicht zu Gesicht zu bekommen!« sagten Alle; »sie wohnt in einem großen kupfernen Schlosse, von vielen Mauern und Thürmen umgeben! Niemand außer dem Könige darf bei ihr ein- und ausgehen, denn es ist prophezeiet, daß sie an einen gemeinen Soldaten verheirathet wird, und das kann der König nicht zugeben!« »Die möchte ich wohl sehen!« dachte der Soldat; aber dazu konnte er ja durchaus keine Erlaubniß erhalten! Nun lebte er recht lustig, besuchte das Theater, fuhr in des Königs Garten und gab den Armen viel Geld; und das war hübsch von ihm; er wußte noch von früheren Zeiten her, wie schlimm es ist, nicht einen Schilling zu besitzen! Er war nun reich, hatte schöne Kleider, und bekam sehr viele Freunde, die alle sagten, er sei ein vortrefflicher Mensch, ein wahrer Cavalier. Und das hatte der Soldat gern. Aber da er jeden Tag Geld ausgab und nie etwas einnahm, so blieben ihm zuletzt nicht mehr als zwei Schillinge übrig, und er mußte die schönen Zimmer verlassen, worin er gewohnt hatte, und oben in einer kleinen Kammer unter dem Dache wohnen, seine Stiefel sich selbst putzen und sie mit einer Stopfnadel zusammennähen. Keiner seiner Freunde kam zu ihm, denn es waren zu viele Treppen hinaufzusteigen. Es war ein dunkler Abend, und er konnte sich nicht einmal ein Licht kaufen. Aber es fiel ihm ein, daß ein kleines Endchen Licht in dem Feuerzeuge liege, welches er aus dem hohlen Baume, in den die Hexe ihm hinuntergeholfen, genommen hatte. Er suchte das Feuerzeug und das Lichtendchen hervor; aber gerade indem er Feuer anmachte und die Flamme aus dem Feuerzeuge aufschlug, sprang die Thür auf, und der Hund, welcher Augen so groß wie ein Paar Theetassen hatte, und den er unter dem Baume gesehen, stand vor ihm und sagte: »Was befiehlt mein Herr?« »Was ist das?« fragte der Soldat. »Das ist ja ein lustiges Feuerzeug, wenn ich so bekommen kann, was ich haben will! – Schaffe mir etwas Geld!« sagte er zum Hunde, und wipps! war der Hund fort, wipps! war er wieder da, und hielt einen großen Beutel voll Schillinge in seiner Schnauze. Nun wußte der Soldat, was für ein prächtiges Feuerzeug das war! Strich er einmal daran, so kam der Hund, der auf der Kiste mit Kupfergeld saß; strich er zweimal, so kam der, welcher das Silbergeld hatte, und strich er dreimal, so kam der, welcher das Gold bewachte. Jetzt zog der Soldat wieder in die schönen Zimmer hinunter und erschien von Neuem in schönen Kleidern. Da erkannten ihn gleich alle seine Freunde wieder und hielten sehr viel auf ihn. Da dachte er einst: es ist doch etwas Sonderbares, daß man die Prinzessin nicht zu sehen bekommen kann. Sie soll sehr schön sein, sagen Alle; aber was hilft das, wenn sie immer in dem großen Kupferschlosse mit den vielen Thürmen sitzen muß! – Kann ich sie denn gar nicht zu sehen bekommen? – Wo ist nur mein Feuerzeug? Und so strich er Feuer an, und wipps! da kam der Hund mit den Augen so groß als Theetassen. »Es ist freilich mitten in der Nacht,« sagte der Soldat, »aber ich möchte gern die Prinzessin nur einen Augenblick sehen!« Der Hund war gleich aus der Thür, und ehe der Soldat sich's versah, kam er mit der Prinzessin wieder. Sie saß und schlief auf dem Rücken des Hundes und war so lieblich, daß ein Jeder sehen konnte, daß sie wirklich eine Prinzessin war. Der Soldat konnte es durchaus nicht unterlassen, sie zu küssen, denn er war ganz und gar Soldat. Darauf lief der Hund mit der Prinzessin wieder zurück. Doch als es Morgen wurde und der König und die Königin Thee tranken, sagte die Prinzessin, sie hätte in der vorigen Nacht einen sonderbaren Traum von einem Hunde und einem Soldaten gehabt; sie wäre auf dem Hunde geritten, und der Soldat hätte sie geküßt. »Das wäre wahrlich eine schöne Geschichte!« sagte die Königin. Nun sollte in der nächsten Nacht eine der alten Hofdamen am Bette der Prinzessin wachen, um zu sehen, ob es wirklich ein Traum sei, oder was es sonst sein möchte. Der Soldat hatte eine außerordentliche Sehnsucht, die Prinzessin wiederzusehen, und so kam denn der Hund in der Nacht, holte sie und lief so schnell wie er konnte. Aber die alte Hofdame zog Wasserstiefel an und lief eben so schnell hinterher. Als sie nun sah, daß sie in einem großen Hause verschwanden, dachte sie, nun weiß ich, wo es ist, und machte mit einem Stück Kreide ein großes Kreuz an die Thüre. Dann ging sie nach Hause und legte sich nieder, und der Hund kam auch mit der Prinzessin wieder. Aber als er sah, daß ein Kreuz an die Thüre des Hauses, wo der Soldat wohnte, gemacht war, nahm er auch ein Stück Kreide und machte Kreuze an alle Hausthüren in der Stadt, und das war klug gethan, denn nun konnte ja die Hofdame die richtige Thür nicht finden, da an allen Thüren Kreuze waren. Früh Morgens kam der König und die Königin, die alte Hofdame und alle Offiziere, um zu sehen, wo die Prinzessin gewesen war. »Da ist es!« sagte der König, als er die erste Thür mit einem Kreuz daran erblickte. »Nein, dort ist es, mein lieber Mann!« sagte die Königin, als sie die zweite Thür ebenfalls mit einem Kreuze sah. »Aber da ist eins und dort ist eins!« sagten Alle; wohin sie blickten, war ein Kreuz an den Thüren. Da begriffen sie denn wohl, daß ihnen das Suchen nichts helfen würde. Aber die Königin war eine äußerst kluge Frau, die mehr konnte, als in einer Kutsche fahren. Sie nahm ihre große goldene Scheere, schnitt ein Stück Seidenzeug in Stücke, und nähete daraus einen kleinen niedlichen Beutel; den füllte sie mit seiner Buchweizengrütze, band ihn der Prinzessin auf den Rücken, und als das gethan war, schnitt sie ein kleines Loch in den Beutel, sodaß die Grütze den ganzen Weg bestreuen mußte, den die Prinzessin nahm. In der Nacht kam nun der Hund wieder, nahm die Prinzessin auf den Rücken und lief mit ihr zum Soldaten hin, der sie sehr lieb hatte und gern ein Prinz hätte sein mögen, um sie zur Frau bekommen zu können. Der Hund merkte durchaus nicht, wie die Grütze gerade vom Schlosse bis zu dem Fenster des Soldaten, wo er die Mauer mit der Prinzessin hinauflief, sich ausstreute. Am Morgen sah der König und die Königin nun wohl, wo ihre Tochter gewesen war, und da nahmen sie den Soldaten und setzten ihn ins Gefängniß. Da saß er nun. Hu, wie dunkel und langweilig war es dort! Und sie sagten ihm: »Morgen wirst Du gehängt werden.« Das zu hören war eben nicht belustigend, und sein Feuerzeug hatte er im Gasthofe gelassen. Am Morgen konnte er durch das Eisengitter vor dem kleinen Fenster sehen, wie sich das Volk beeilte, aus der Stadt zu kommen, um ihn hängen zu sehen. Er hörte die Trommeln und sah die Soldaten marschiren. Alle Menschen liefen hinaus; darunter war auch ein Schuhmacherjunge mit Schurzfell und Pantoffeln; der lief so im Galopp, daß ihm ein Pantoffel von einem Fuße ab- und gerade gegen die Mauer anflog, wo der Soldat saß und durch das Eisengitter hinausguckte. »Ei, Du Schuhmacherjunge! Du brauchst nicht solche Eile zu haben!« sagte der Soldat zu ihm. »Es geht doch nicht an, bevor ich da bin! Aber willst Du hinlaufen, wo ich gewohnt habe, und mir mein Feuerzeug holen, so will ich Dir vier Schillinge geben. Aber Du mußt die Beine in die Hand nehmen!« Der Schuhmacherjunge wollte gern die vier Schillinge verdienen und holte das Feuerzeug, gab es dem Soldaten, und – ja, nun wir werden hören! Außerhalb der Stadt war ein großer Galgen gebaut, rings herum standen die Soldaten und viele hunderttausend Menschen. Der König und die Königin saßen auf einem prächtigen Throne den Richtern und dem ganzen Rathe gegenüber. Der Soldat stand schon oben auf der Leiter; aber als sie ihm den Strick um den Hals legen wollten, sagte er, daß man ja immer einem armen Sünder, bevor er seine Strafe erleide, die Erfüllung eines unschuldigen Wunsches gewähre. Er möchte so gern eine Pfeife Tabak rauchen; es wäre ja die letzte Pfeife in dieser Welt. Das wollte der König ihm denn auch nicht verwehren, und so nahm der Soldat sein Feuerzeug und schlug Feuer an, eins, zwei, drei. Und siehe da standen plötzlich alle drei Hunde; der mit den Augen, so groß wie Theetassen, der mit den Augen, so groß wie Mühlräder und der, dem jedes Auge so groß wie ein Thurm war. »Helft mir nun, daß ich nicht gehängt werde!« sagte der Soldat. Und da fielen die Hunde über den Richter und den ganzen Rath her, nahmen den Einen bei den Beinen und den Andern bei der Nase und warfen sie viele Klafter hoch in die Luft, sodaß sie niederfielen und in lauter Stücke zersprangen. »Ich will nicht!« sagte der König, aber der größte Hund nahm sowohl ihn, wie die Königin und warf sie den Andern nach; da erschraken die Soldaten und alles Volk rief: »Guter Soldat, Du sollst unser König sein und die schöne Prinzessin haben!« Dann setzten sie den Soldaten in des Königs Kutsche, und die drei, Hunde tanzten voran und riefen: »Hurrah!« Und Knaben pfiffen auf den Fingern und die Soldaten präsentirten das Gewehr. Die Prinzessin kam aus dem kupfernen Schlosse und wurde Königin, und das gefiel ihr wohl! Die Hochzeit währte acht Tage und die Hunde saßen mit bei Tische und machten große Augen. Ein Herzeleid. Diese Geschichte besteht eigentlich aus zwei Theilen; der erste Theil könnte zwar wegfallen, – aber er giebt uns einige Vorkenntnisse, und die sind nützlich! Wir halten uns auf dem Lande, auf einem Herrenhause auf, wo es sich ereignet hatte, daß die Herrschaft auf einige Tage verreist war. Während dessen kam aus dem nächsten Städtchen eine Madame an; sie führte einen Mops bei sich, und kam, wie sie sagte, damit man Actien auf ihre Gerberei nehmen möge. Sie hatte ihre Papiere mit, und wir riethen ihr, um dieselben ein Couvert zu legen und auf dieses die Adresse des Gutsbesitzers »Herrn Generalkiegscommissarius, Ritter etc.« zu schreiben. Sie hörte uns aufmerksam zu, ergriff die Feder, hielt wieder inne, und bat uns; wir möchten die Aufschrift wiederholen, aber langsam. Wir thaten es und sie schrieb; allein inmitten des »Generalkriegs ...« blieb sie stecken, seufzte tief auf und sagte: »ich bin nur ein Frauenzimmer!« – Ihr »Moppelchen« hatte sich, während sie schrieb, auf den Fußboden gesetzt und knurrte, war doch der Hund auch seines Vergnügens und seiner Gesundheit wegen mitgereist, und dann soll Einem nicht der Fußboden angetragen werden. Stumpfnase und Speckbuckel waren seine äußere Erscheinung. »Er beißt nicht!« sagte die Dame, »er hat keine Zähne. Er ist gleichsam ein Mitglied der Familie, treu und knurrig, allein dazu haben ihn meine Enkel gereizt; sie spielen Hochzeit, und ihm wollen sie die Rolle der Brautjungfer geben, und das strengt ihn zu sehr an, das alte Fell!« Und sie gab ihre Papiere ab und nahm das Moppelchen auf den Arm. – Dies ist der erste Theil, – dessen man füglich hätte entbehren können! »Das Moppelchen starb!« das ist der zweite Theil. Es war ungefähr eine Woche später; wir kamen in der Stadt an und kehrten im Gasthofe ein. Unsere Fenster führten auf den Hofraum, der durch eine Bretterwand in zwei Theile gesondert war; in deren einen Hälfte hingen Fälle und Häute, rohe und gegerbte. Hier befanden sich alle Materialien einer Gerberei, und dieselbe gehörte der Witwe. – Moppelchen war an diesem Morgen gestorben und in diesem Theile des Hofraumes begraben worden; die Enkel der Witwe, das heißt, die der Gerberwitwe, denn Moppelchen war nie verheirathet, deckten das Grab zu, und es war ein schönes Grab, es mußte ein wahres Vergnügen sein, darin zu liegen. Das Grab war mit Topfscherben eingezäunt und mit Sand bestreut; ganz oben hatten sie eine halbe Bierflasche hingepflanzt, den Hals derselben nach oben gekehrt, und das war durchaus nicht allegorisch. Die Kinder tanzten um das Grab herum, und der älteste der Knaben unter ihnen, ein praktischer Junge von sieben Jahren, machte den Vorschlag, daß eine Ausstellung der Moppelchen-Grabstätte stattfinden solle, und zwar für Alle aus dem Gäßchen; der Eintritt solle mit einem Hosenknopfe bezahlt werden, einen solchen besäße jeder Knabe, und jeder könne gleichfalls einen für ein kleines Mädchen hergeben; dieser Vorschlag wurde einstimmig genehmigt. Alle Kinder aus dem Gäßchen, ja selbst aus dem Hintergäßchen strömten herbei, und jedes gab einen Knopf; gar Viele gingen an diesem Nachmittage nur mit einem Hosenträger umher, aber dafür hatte man das Grab des Moppelchen gesehen, und der Anblick war viel mehr werth. Doch draußen vor dem Gerberhofe, dicht neben dem Eingange, stand ein kleines in Lumpen gekleidetes Mädchen, gar schön von Gestalt, mit gelocktem Haar und mit Augen, blau und klar, daß es eine Lust war; es sprach kein Wort, es weinte auch nicht, aber jedesmal, wenn das Pförtchen sich öffnete, warf es einen langen, langen Blick in den Hof. Es hatte keinen Knopf, das wußte es wohl, und deshalb blieb es traurig draußen stehen, bis alle die Anderen das Grab gesehen und sich wieder entfernt hatten; alsdann setzte es sich nieder, hielt die kleinen braunen Hände vor die Augen und brach in Thränen aus; das Mädchen allein hatte Moppelchens Grab nicht gesehen. Es war ein Herzeleid, so groß wie ein Erwachsener es nur empfinden kann. Wir sahen dies von oben – und von oben gesehen – dieses, wie manches eigene und Anderer Leute Herzeleid, ja, dann können wir darüber lächeln! – Das ist die Geschichte, und Derjenige, der sie nicht versteht, mag sich eine Actie in der Gerberei bei der Witwe kaufen. Fliedermütterchen. Es war einmal ein kleiner Knabe, der hatte sich erkältet; er war ausgegangen und hatte nasse Füße bekommen; Niemand konnte begreifen, wie er sie erhalten hatte, denn es war ganz trockenes Wetter. Nun entkleidete ihn seine Mutter, brachte ihn zu Bette und ließ die Theemaschine hereinbringen, um ihm eine gute Tasse Fliederthee zu bereiten, denn der erwärmt! Zu gleicher Zeit kam auch der alte freundliche Mann zur Thür herein, der oben im Hause allein wohnte und sehr vereinsamt lebte. Er hatte weder Frau noch Kinder, hielt aber viel auf alle Kinder und wußte gar viele Märchen und Geschichten zu erzählen, daß es eine Lust war. »Nun trinkst Du Deinen Thee!« sagte die Mutter; »vielleicht bekommst Du dann auch ein Märchen zu hören.« »Ja, wenn man nur ein neues wüßte!« sagte der alte Mann und nickte freundlich. »Wo aber hat der Kleine die nassen Füße bekommen?« fragte er. »Ja, wie das geschehen ist,« sagte die Mutter, »kann Niemand begreifen.« »Erhalte ich ein Märchen?« fragte der Knabe. »Ja, kannst Du mir einigermaßen genau sagen – denn das muß ich zuerst wissen – wie tief der Rinnstein in der kleinen Straße ist, wo Du in die Schule gehst?« »Gerade bis mitten auf die Schäfte,« sagte der Knabe; »aber dann muß ich in das tiefe Loch gehen!« »Sieh, davon haben wir die nassen Füße,« sagte der Alte. »Nun sollte ich freilich ein Märchen erzählen, aber weiß keins mehr!« »Sie können gleich eins machen,« sagte der kleine Knabe. »Mutter sagt, daß Alles, was Sie betrachten, zu einem Märchen werden kann, und von Allem, was Sie berühren, können Sie eine Geschichte machen.« »Ja, aber die Märchen und Geschichten taugen nichts! Nein, die rechten kommen von selbst, die klopfen mir an die Stirn und sagen: Hier bin ich!« »Klopft es nicht bald?« fragte der kleine Knabe; und die Mutter lachte, that Fliederthee in die Kanne und goß kochendes Wasser darauf. »Erzähle, erzähle!« »Ja, wenn ein Märchen von selbst käme; aber so eins ist vornehm; es kommt nur, wenn es selbst Lust hat.« – »Warte!« sagte er auf einmal. »Da haben wir es! Gieb Acht, nun ist eins in der Theekanne!« Und der kleine Knabe sah nach der Theekanne hin: der Deckel hob sich mehr und mehr, und die Fliederblumen kamen frisch und weiß daraus hervor; sie schossen große, lange Zweige; selbst aus der Tülle verbreiteten sie sich nach allen Seiten und wurden größer und größer; es war der herrlichste Fliederbusch, ein großer Baum; er ragte in das Bett hinein und schob die Gardinen zur Seite; nein, wie das blühte und duftete! Und mitten im Baume saß eine alte, freundliche Frau mit einem sonderbaren Kleide; es war ganz grün, gleich den Blättern des Fliederbaumes, und mit großen, weißen Fliederblumen besetzt; man konnte nicht gleich erkennen, ob es Zeug oder lebendiges Grün und Blumen waren. »Wie heißt die Frau?« fragte der kleine Knabe. »Ja, die Römer und Griechen,« sagte der alte Mann, »nannten sie eine Dryade, aber das verstehen wir nicht; draußen in der Vorstadt der Matrosen haben wir einen besseren Namen für dieselbe; dort wird sie Fliedermütterchen genannt, und sie ist es, auf die Du Acht geben mußt; horch' nur, und betrachte den herrlichen Fliederbaum.« »Gerade ein solcher großer, blühender Baum steht da draußen; er wuchs dort in einem Winkel eines kleinen, ärmlichen Hofes; unter diesem Baume saßen eines Nachmittags im schönsten Sonnenschein zwei alte Leute. Es war ein alter, alter Seemann und seine alte, alte Frau; sie waren Urgroßeltern und sollten bald ihre goldene Hochzeit feiern, aber sie konnten sich des Datums nicht recht entsinnen; und die Fliedermutter saß im Baume und sah so vergnügt aus, gerade wie hier. »»Ich weiß wohl, wann die goldene Hochzeit ist!«« sagte sie; aber sie hörten es nicht, sie sprachen von alten Zeiten.« »»Ja, entsinnst Du Dich?«« sagte der alte Seemann, »»damals, als wir noch ganz klein waren und herumliefen und spielten; es war gerade in demselben Hofe, in dem wir jetzt sitzen; wir pflanzten kleine Zweige in den Hof und machten einen Garten!«« »»Ja,«« sagte die alte Frau; »»dessen erinnere ich mich recht gut; und wir begossen die Zweige, und einer derselben war ein Fliederzweig, der schlug Wurzeln, schoß grüne Zweige und ist ein großer Baum geworden, unter dem wir alten Leute eben sitzen.«« »»Ja sicher!«« sagte er; »»und dort in der Ecke stand ein Wasserkübel; dort schwamm mein Fahrzeug; ich hatte es selbst ausgeschnitten. Wie das segeln konnte; aber ich kam freilich bald anderswohin zu segeln.«« »»Ja, aber zuerst gingen wir in die Schule und lernten etwas,«« sagte sie; »»und dann wurden wir eingesegnet; wir weinten Beide; aber des Nachmittags gingen wir Hand in Hand auf den runden Thurm und sahen in die weite Welt hinaus über Kopenhagen und das Wasser; dann gingen wir nach Friedrichsburg, wo der König und die Königin in ihrem prächtigen Boote auf den Kanälen umherfuhren.«« »»Aber ich mußte wahrlich anderswo umherfahren, und das viele Jahre, weit weg, auf langen Reisen!«« »»Ja, ich weinte oft Deinetwegen,«« sagte sie; »»ich glaubte, Du seiest todt und fort und längst dort unten im tiefen Wasser, von den Wellen geschaukelt. Manche Nacht stand ich auf und sah, ob die Wetterfahne sich drehte; ja, sie drehte sich wohl, aber Du kamst nicht! Ich erinnere mich so deutlich, wie eines Tages der Regen vom Himmel strömte; der Kärrner, der den Kehricht holte, kam dorthin, wo ich diente; ich ging mit dem Kehrichtfasse hinunter und blieb in der Thüre stehen; – was war das für ein abscheuliches Wetter! Und gerade als ich dastand, war der Briefträger mir zur Seite und gab mir einen Brief! der war von Dir! Ja, wie der herumgereist war! Ich riß ihn auf und las; ich lachte und weinte, ich war so froh! Da stand, daß Du in den warmen Ländern wärest, wo die Kaffeebohnen wachsen. Was muß das für ein herrliches Land sein! Du erzähltest so viel, und ich las das Alles, während der Regen herniederströmte und ich mit dem Kehrichtfasse dastand. Da kam Einer und faßte mich um den Leib – –«« »»– Ja, aber Du gabst ihm einen tüchtigen Schlag auf den Backen, daß es klatschte.«« »»Ich wußte ja nicht, daß Du es warst; Du warst eben so geschwinde wie Dein Brief gekommen. Und Du warst so schön; das bist Du noch; Du hattest ein langes, gelbes, seidenes Tuch in der Tasche und einen glänzenden Hut auf. Du warst so fein; Gott, was das doch für ein Wetter war, und wie die Straße aussah!«« »»Dann heiratheten wir uns,«« sagte er, »»entsinnst Du Dich? Und dann, als wir den ersten kleinen Knaben und dann Marie und Niels und Peter und Hans und Christian bekamen?«« »Ja, und wie Alle herangewachsen und zu ordentlichen Menschen geworden sind, die Jeder leiden mag!«« »»Und ihre Kinder haben wieder Kleine bekommen,«« sagte der alte Matrose. »»Ja, das sind Kindeskinder! Da ist Kern drin. – Es war, wenn ich nicht irre, in der Jahreszeit, als wir Hochzeitstag hielten.«« »»Ja, eben heute ist der goldene Hochzeitstag,«« sagte Fliedermütterchen und streckte den Kopf gerade zwischen die beiden Alten hinunter; und die glaubten, es sei die Nachbarin, die da nickte; sie sahen einander an und faßten sich bei den Händen. Bald darauf kamen die Kinder und Kindeskinder: die wußten wohl, daß es der goldene Hochzeitstag sei; sie hatten schon am Morgen gratulirt, aber die Alten hatten es wieder vergessen, während sie sich so gut an alles Das erinnerten, was vor vielen Jahren schon geschehen war. Und der Fliederbaum duftete so stark, und die Sonne, die im Untergehen begriffen war, schien den beiden Alten gerade ins Gesicht; sie sahen Beide so rothwangig aus; und das kleinste der Kindeskinder tanzte um sie herum und rief ganz glücklich, daß diesen Abend Pracht herrschen werde; sie sollten warme Kartoffeln haben; und die Fliedermutter nickte im Baume und rief mit allen Andern: »»Hurrah!«« »Aber das war ja kein Märchen!« sagte der kleine Knabe, der es erzählen hörte. »Ja, das wirst Du verstehen!« sagte der Alte, der erzählte. »Aber laß uns Fliedermütterchen darnach fragen!« »Das war kein Märchen,« sagte Fliedermütterchen; »aber nun kommt es! Aus der Wirklichkeit wächst gerade das sonderbarste Märchen heraus; sonst könnte ja mein schöner Fliederbusch nicht aus der Theekanne hervorgesproßt sein.« Und dann nahm sie den kleinen Knaben aus dem Bette und legte ihn an ihre Brust; und die Fliederzweige voll Blüthen schlugen um sie zusammen; sie saßen wie in der dichtesten Laube, und diese flog, mit ihnen durch die Luft; es war unaussprechlich schön. Fliedermütterchen war auf einmal ein junges, niedliches Mädchen geworden, aber das Kleid war noch von demselben grünen, weißgeblümten Zeuge, wie es Fliedermütterchen getragen hatte; am Busen hatte sie eine wirkliche Fliederblume, und um ihr gelbes, gelocktes Haar einen Kranz von Fliederblumen; ihre Augen waren so groß, so blau; o, wie waren sie herrlich anzuschauen: Sie und der Knabe küßten sich und dann waren sie im gleichen Alter und fühlten gleiche Freuden. Sie gingen Hand in Hand aus der Laube und standen nun in der Heimath schönem Blumengarten, bei dem frischen Grasplätze war des Vaters Stock an einem Pflocke angebunden; für die Kleinen war Leben im Stocke; sobald sie sich quer über denselben setzten, verwandelte sich der blanke Knopf in einen Prächtig wiehernden Pferdekopf, die lange schwarze Mahne flatterte, vier schlanke, starke Beine schossen hervor; das Thier war stark und muthig; im Galopp fuhren sie um den Grasplatz herum: hussa! – »Nun reiten wir viele Meilen weit fort!« sagte der Knabe; »wir reiten nach dem Rittergute, wo wir im vorigen Jahre waren!« Und sie ritten um den Rasenplatz herum, und immer rief das kleine Mädchen, die, wie wir wissen, keine andere als das Fliedermütterchen war: »Nun sind wir auf dem Lande! Siehst Du das Bauernhaus mit dem großen Backofen, der wie ein riesengroßes Ei aus der Mauer nach dem Wege heraussteht? Der Fliederbaum breitet seine Zweige über sie hin, und der Hahn geht und kratzt für die Hühner; sieh, wie er sich brüstet! – Nun sind wir bei der Kirche; die liegt hoch auf dem Hügel unter den großen Eichbäumen, von denen der eine halb abgestorben ist! – Nun sind wir bei der Schmiede, wo das Feuer brennt, und die halbnackten Männer mit den Hämmern schlagen, daß die Funken weit umher sprühen. Fort, fort nach dem prächtigen Rittergute!« Und Alles, was das kleine Mädchen sagte, die hinten auf dem Stocke saß, das flog auch vorbei; der Knabe sah es, doch kamen sie nur um den Grasplatz herum. Dann spielten sie im Seitengange und ritzten in die Erde einen kleinen Garten; und sie nahm Fliederblumen aus ihrem Haar und pflanzte sie; diese wuchsen gerade wie die bei den Alten damals, als diese noch klein waren, wie früher erzählt worden ist. Sie gingen Hand in Hand, gerade wie die alten Leute es als Kinder gemacht hatten; aber nicht auf den runden Thurm hinauf, oder nach dem Friedrichsburger Garten – nein, das kleine Mädchen faßte den Knaben um den Leib und dann flogen sie weit umher im ganzen Lande. Es war Frühling, und es wurde Sommer; es war Herbst und es wurde Winter, und Tausende von Bildern spiegelten sich in des Knaben Augen und Herz ab, und immer sang das kleine Mädchen ihm vor: »Das wirst Du nie vergessen!« Und auf dem ganzen Fluge duftete der Fliederbaum so süß, so herrlich; er bemerkte wohl die Rosen und die frischen Buchen; aber der Fliederbaum duftete noch stärker, denn seine Blumen hingen an des Mädchens Herzen, und daran lehnte er oft im Fluge den Kopf. »Hier ist es schön im Frühlinge!« sagte das kleine Mädchen; und sie standen in dem aufs Neue grünenden Buchenwalde, wo der Waldmeister zu ihren Füßen duftete; und in dem Grünen sahen die blaßrothen Anemonen so lieblich aus. »O, wäre es immer Frühling in dem duftenden Buchenwalde!« »Hier ist es herrlich im Sommer!« sagte sie; und sie fuhren an alten Schlössern aus der Ritterzeit vorbei, wo sich die hohen Mauern und gezackten Giebel in den Canälen spiegelten, wo die Schwäne schwammen und in die alten kühlen Alleen hinein sahen. Auf dem Felde wogte das Korn gleich einem See; in den Gräben standen rothe und gelbe Blumen und in den Gehegen wilder Hopfen und blühende Winden; Abends stieg der Mond groß und rund empor; die Heuhaufen auf den Wiesen dufteten süß. »Das vergißt sich nicht!« »Hier ist es herrlich im Herbste!« sagte das kleine Mädchen; und die Luft war doppelt so hoch und blau; der Wald bekam die schönsten Farben von Roth, Gelb und Grün. Die Jagdhunde jagten davon; ganze Schaaren Vogelwild flogen schreiend über die Hünengräber hin, auf denen sich Brombeerranken um die alten Steine schlangen. Das Meer war schwarzblau, mit Schiffen voll weißer Segel bedeckt; und auf der Tenne saßen alte Frauen, Mädchen und Kinder und pflückten Hopfen in ein großes Gefäß; die Jungen sangen Lieder, aber die Alten erzählten Märchen von Kobolden und Zauberern, Besser konnte es nirgends sein. »Hier ist es schön im Winter!« sagte das kleine Mädchen, und alle Bäume waren mit Reif bedeckt, so daß sie wie weiße Korallen aussahen! Der Schnee knarrte unter den Füßen als hätte man immer neue Stiefeln an; vom Himmel fiel eine Sternschnuppe nach der andern. Im Zimmer wurde der Weihnachtsbaum angezündet, da gab es Gesang und Fröhlichkeit! auf dem Lande ertönte in der Bauernstube die Violine; es wurde um Aepfelschnitzeln gespielt; selbst das ärmste Kind sagte: »Es ist doch schön im Winter!« Ja, es war schön! Und das kleine Mädchen zeigte dem Knaben Alles; immer duftete der Blüthenbaum, immer wehte die rothe Flagge mit dem weißen Kreuze, die Flagge, unter welcher der alte Seemann gesegelt war. Der Knabe wurde zum Jüngling, er sollte in die weite Welt hinaus, weit fort nach den warmen Ländern, wo der Kaffee wächst. Aber beim Abschiede nahm das kleine Mädchen eine Fliederblume von ihrer Brust, gab sie ihm zum Aufbewahren; sie wurde in das Gesangbuch gelegt und im fremden Lande, wenn er das Buch öffnete, geschah es immer an der Stelle, wo die Erinnerungsblume lag; und je mehr er dieselbe betrachtete, desto frischer wurde sie, so daß er gleichsam den heimathlichen Waldesduft einathmete; deutlich erblickte er dann das kleine Mädchen, wie es mit ihren klaren, blauen Augen zwischen den Blumenblättern hervorsah; und es flüsterte dann: »Hier ist es schön im Frühlinge, im Sommer, im Herbste und im Winter!« und Hunderte von Bildern glitten durch seine Gedanken. So verstrichen viele Jahre und er war nun ein alter Mann und saß mit seiner alten Frau unter einem blühenden Fliederbaume; sie hielten sich einander bei den Händen, gerade wie der Urgroßvater und die Urgroßmutter es draußen gethan hatten; und sie sprachen ebenso, wie diese, von alten Zeiten und von der goldenen Hochzeit. Das kleine Mädchen mit den blauen Augen und mit den Fliederblumen im Haare saß oben im Baume, nickte Beiden zu und sagte: »Heute ist der goldene Hochzeitstag!« Und dann nahm es zwei Blumen aus seinem Kranze und küßte sie; diese glänzten zuerst wie Silber, dann wie Gold, und als sie die auf die Häupter der Alten legte, wurde jede Blume zu einer Goldkrone. Da saßen sie Beide, einem Könige und einer Königin gleich, unter dem duftenden Baume, der ganz und gar wie ein Fliederbaum aussah; und er erzählte seiner Frau die Geschichte von dem Fliedermütterchen, wie sie ihm erzählt worden, als er noch ein kleiner Knabe war; und sie meinten Beide, daß die Geschichte gar Vieles enthielte, was ihrer eigenen glich; und das, was ähnlich war, gefiel ihnen am Besten. »Ja, so ist es!« sagte das kleine Mädchen im Baume. »Einige nennen mich Fliedermütterchen, Andere Dryade, aber ich heiße Erinnerung; ich bin es, die im Baume sitzt, welcher wächst und wächst; ich kann zurückdenken, ich kann erzählen! Laß sehen, ob Du Deine Blume noch hast.« Und der alte Mann öffnete sein Gesangbuch, da lag die Fliederblume, so frisch, als wäre sie erst kürzlich hineingelegt; und die Erinnerung nickte, und die beiden Alten mit den Goldkronen auf dem Kopfe saßen in der rothen Abendsonne; sie schlossen die Augen und – und –? Ja, da war das Märchen aus! Der kleine Knabe lag in seinem Bette, er wußte nicht, ob er geträumt, oder ob er es habe erzählen hören; die Theekanne stand auf dem Tische, aber es wuchs kein Fliederbaum daraus hervor; und der alte Mann, der es erzählt hatte, war im Begriff, zur Thüre hinauszugehen, und das that er auch. »Wie schön war das!« sagte der kleine Knabe. »Mutter, ich bin in den warmen Ländern gewesen!« »Ja, das glaube ich wohl!« sagte die Mutter; »wenn man zwei Tassen warmen Fliederthee zu sich nimmt, dann kommt man wohl nach den warmen Ländern!« – Und sie deckte ihn gut zu, damit er sich nicht erkälten sollte. »Du hast gut geschlafen, während ich mich mit ihm darüber stritt, ob es eine Geschichte oder ein Märchen sei!« »Und wo ist das Fliedermütterchen?« fragte der Knabe. »Das ist in der Theekanne,« sagte die Mutter, »und da mag sie bleiben.« Das Schwanennest. Zwischen der Ostsee und Nordsee liegt ein altes Schwanennest, dort sind und werden Schwäne geboren, die niemals sterben sollen. In der Vorzeit flog eine Schaar von Schwänen über die Alpen nach Mailands grünen Ebenen, wo es gar herrlich zu wohnen war; dieser Schwanenzug wurde Longobarden genannt. Eine andere Schaar mit glänzendem Gefieder und treuen Augen schwang sich nach Byzanz, setzte sich dort an den Thron des Kaisers und breitete ihre großen Schwingen als Schilde aus, um ihn zu beschirmen. Sie erhielt den Namen Wäringer . Von Frankreichs Küste scholl ein Schrei der Angst, der blutigen Schwäne wegen, welche mit Feuer unter den Flügeln aus dem Norden kamen, und das Volk betete: »Gott befreie uns von den wilden Normannen! « Auf Englands frischem Rasen stand der dänische Schwan auf offenem Strande, mit dreifacher Königskrone auf dem Haupte; sein goldenes Scepter streckte er über das Land aus. Die Heiden an Pommerns Küste beugten das Knie, und die dänischen Schwäne kamen mit der Flagge des Kreuzes und mit gezogenem Schwerte. »Das war in uralten Tagen!« sagst Du. Auch in jüngerer Zeit sah man mächtige Schwäne dem Neste entfliegen. Es leuchtete weit durch die Luft, es leuchtete weithin über die Länder der Welt; der Schwan zerstreute durch seine starken Flügelschläge den dämmernden Nebel, und der Sternenhimmel wurde sichtbar, es war, als ob er der Erde näher käme; das war der Schwan Tycho Brahe . »Ja, damals!« sagst Du, »aber in unseren Tagen!« Da sahen wir Schwan neben Schwan fliegen in herrlichem Fluge. Einer ließ seine Schwingen über die Saiten der Goldharfe gleiten, und es klang durch den Norden; Norwegens Berge hoben sich höher im Sonnenlichte der Vorzeit; es rauschte in der Tanne und in der Birke; des Nordens Götter, Helden und edle Frauen zeigten sich auf dem tiefen dunklen Waldgrunde. Wir sahen einen Schwan mit seinem Flügel den Marmorfelsen schlagen, so daß er barst, und die in Stein gebundenen Schönheitsgestalten schritten an den sonnenhellen Tag, und die Menschen in den Ländern rings umher erhoben ihre Häupter, um diese mächtigen Gestalten zu schauen. Wir sahen einen dritten Schwan den Gedankendraht spinnen, welcher von Land zu Land, rund um die Erde befestigt wird, so daß das Wort mit der Schnelligkeit des Blitzes durch die Länder fährt. Unser Herr hat das alte Schwanennest zwischen der Ost- und Nordsee lieb. Und kommen die mächtigen Vögel durch die Luft um es zu zerreißen: so stellen sich selbst die federlosen Jungen im Kreise auf den Rand des Nestes, sie lassen sich in die Brust hauen, sodaß ihr Blut fließt; sie schlagen mit dem Schnabel und mit der Klaue. Jahrhunderte werden noch vergehen, Schwäne werden dem Neste entfliegen, man wird sie rund umher in der Welt sehen und hören, ehe die Zeit kommt, wo man im Geiste und in der Wahrheit sagen kann: »Das ist der letzte Schwan, der letzte Gesang aus dem Schwanenneste!« Holger Danske. In Dänemark liegt ein Schloß Namens Kronburg . Es liegt dicht am Oeresund, wo die Schiffe jeden Tag zu Hunderten durchfahren, englische, russische und auch preußische Schiffe. Sie begrüßen das alte Schloß mit Kanonen: »Bum!« Und das Schloß antwortet mit Kanonen: »Bum!« Denn so sagen die Kanonen statt »Guten Tag!« und »Schönen Dank!« – Im Winter segeln da keine Schiffe; dann ist alles mit Eis bedeckt bis hinüber zur schwedischen Küste; aber es hat ganz das Aussehen einer Landstraße; da weht die dänische und schwedische Flagge, und Dänen und Schweden sagen einander: »Guten Tag!« »Schönen Dank!« aber nicht mit Kanonen, nein! mit freundlichem Handschlag; und der Eine holt Weißbrot und Brezeln bei dem Andern, denn fremde Kost schmeckt am besten. Aber das Schönste vom Ganzen ist doch das alte Kronburg, und hier ist es, wo Holger Danske in dem tiefen finstern Keller sitzt, wohin Niemand kommt. Er ist in Eisen und Stahl gekleidet und stützt sein Haupt auf die starken Arme; sein langer Bart hängt über den Marmortisch hinaus, in welchem er festgewachsen ist; er schläft und träumt, aber im Traume sieht er Alles, was hier oben in Dänemark vorgeht. Jeden Weihnachtsabend kommt ein Engel Gottes und sagt ihm, daß Das richtig sei, was er geträumt habe, und daß er ruhig weiter schlafen könne, Dänemark befinde sich noch in keiner wirklichen Gefahr; aber geräth es in eine solche, dann wird der alte Holger Danske sich erheben, sodaß der Tisch berstet, wenn er den Bart zurückzieht! Dann kommt er hervor und schlägt drein, daß es in allen Ländern der Welt gehört wird. Ein alter Großvater saß und erzählte alles Dieses von Holger Danske seinem kleinen Enkel; und der kleine Knabe wußte, daß das, was der Großvater sagte, wahr sei. Und während der Alte erzählte, schnitzte er an einem großen Holzbilde, welches Holger Danske vorstellen und an dem Vordertheile eines Schiffes angebracht werden sollte; denn der Großvater war ein Bildschnitzer, das ist ein Mann, der Figuren zu den Gallionen der Schiffe ausschneidet, nach denen je ein Schiff benannt werden soll. Und hier hatte er Holger Danske ausgeschnitzt, der so stolz und mit seinem langen Barte dastand und in der einen Hand das breite Schlachtschwert hielt, während er sich mit der andern Hand auf das dänische Wappen stützte. Der alte Großvater erzählte so viel von ausgezeichneten dänischen Männern und Frauen, daß es dem kleinen Enkel am Ende vorkam, als wisse er nun eben so viel, wie Holger Danske wissen könne, der es ja doch nur träumte; und als der Kleine in sein Bett kam, dachte er so viel daran, daß er sein Kinn gegen die Bettdecke preßte und meinte, er habe einen langen Bart, der daran festgewachsen sei. Aber der alte Großvater blieb bei seiner Arbeit sitzen und schnitzte an dem letzten Theile derselben: das war das dänische Wappen. Als er fertig war, betrachtete er das Ganze und dachte an Alles, was er gelesen und gehört und was er diesen Abend dem kleinen Knaben erzählt hatte; und nickte, wischte seine Brille ab, setzte sie wieder auf und sagte: »Ja, während meiner Lebenszeit kommt Holger Danske wohl nicht; aber der Knabe dort im Bette kann ihn vielleicht zu sehen bekommen und mit dabei sein, wenn es wirklich gilt.« Der alte Großvater nickte, und je mehr er seinen Holger Danske anblickte, desto deutlicher wurde es ihm, daß es ein gutes Bild sei, das er gemacht habe; es schien ihm Farbe zu bekommen, und daß der Harnisch wie Eisen und Stahl glänze; die Herzen im dänischen Wappen wurden mehr und mehr roth, und die Löwen mit der Goldkrone auf dem Kopfe sprangen. Das dänische Wappen besteht aus drei Löwen zwischen neun Herzen. »Das ist doch das schönste Wappen, das man in der Welt hat!« sagte der Alte. »Die Löwen sind die Stärke und die Herzen die Milde und die Liebe!« Und er betrachtete den obersten Löwen und gedachte des Königs Kanut , der das große England an Dänemarks Thron fesselte: und er sah auf den zweiten Löwen und dachte an Waldemar , der Dänemark vereinigte und die wendischen Länder bezwang; er besah den dritten Löwen und dachte an Margaretha , die Dänemark, Schweden und Norwegen vereinigte. Aber während er die rothen Herzen betrachtete, leuchteten sie noch stärker, als zuvor: sie wurden zu Flammen, die sich bewegten, und sein Geist folgte einer jeden. Die erste Flamme führte ihn in ein enges, dunkles Gefängniß hinein; da saß eine Gefangene, ein schönes Weib, Christian's des Vierten Tochter, Eleonore Ulfeld ; Diese hochbegabte Königstochter, Gemahlin des der Landesverrätherei beschuldigten Corsitz Ulfeld, deren einzige Schuld die treueste Liebe zu ihrem unglücklichen Gemahl war, mußte 22 Jahre in einem abscheulichen Gefängnisse zubringen, bis ihre Verfolgerin, die Königin Sophie Amalie, gestorben war. und die Flamme, einer Rose gleich, setzte sich an ihren Busen und blühte, vereint mit ihrem Herzen; sie die edelste und beste aller dänischen Frauen. »Ja, das ist ein Herz in Dänemarks Wappen!« sagte der alte Großvater. Und sein Geist folgte der zweiten Flamme, die ihn auf das Meer hinausführte, wo die Kanonen donnerten, wo die Schiffe in Rauch gehüllt lagen; und die Flamme heftete sich als Ordensband auf Hvitfeldt's Brust, indem er zur Errettung der Flotte sich und sein Schiff in die Luft sprengte. In der Seeschlacht in der Kjögebucht zwischen den Dänen und Schweden gerieth 1710 Hvitfeldt's Schiff »Danebrog« in Brand. Um die Stadt Kjöge und die dänische Flotte, gegen welche sein Schiff vor dem Winde trieb, zu retten, sprengte er sich und die ganze Mannschaft in die Luft. Und die dritte Flamme führte ihn nach Grönland's erbärmlichen Hütten, wo der Prediger Hans Egede Hans Egede ging 1721 nach Grönland und wirkte dort 15 Jahre lang unter unglaublichen Entbehrungen und Mühseligkeiten; er verbreitete nicht allein das Christenthum, sondern gab selbst das Beispiel des edelsten Christen. mit Liebe in Wort und That waltete; die Flamme war ein Stern auf seiner Brust, wieder ein Herz zum dänischen Wappen. Und des alten Großvaters Geist ging der schwebenden Flamme voran, denn sein Geist wußte, wohin die Flamme wollte. In der Bäuerin ärmlicher Stube stand Friedrich der Sechste und schrieb seinen Namen mit Kreide an den Balken; Auf einer Reise an der Westküste von Jütland kam der König zu einer armen Frau. Als er bereits das Haus wieder verlassen, lief ihm die Frau nach und bat ihn, seinen Namen zur Erinnerung daran an einen Balken zu schreiben; der König kehrte um und that es. Sein ganzes Leben hindurch fühlte und wirkte er für den Bauernstand. Daher baten auch dänische Bauern, seinen Sarg zur Königsgruft in Roeskilde (4 Meilen von Kopenhagen) tragen zu dürfen. die Flamme bebte auf seiner Brust, bebte in seinem Herzen; in der Stube des Bauern wurde sein Herz auch ein Herz im dänischen Wappen. Und der alte Großvater trocknete seine Augen, denn er hatte König Friedrich mit dem silberweißen Haare und den ehrlichen blauen Augen gekannt und für ihn gelebt; er faltete seine Hände und blickte still vor sich hin. Da kam des alten Großvaters Schwiegertochter und sagte, daß es spät sei; er solle nun ruhen, der Abendtisch sei gedeckt. »Aber schön ist es doch, was Du gemacht hast, Großvater!« sagte sie. » Holger Danske und unser ganzes altes Wappen! – Es ist mir, als hätte ich dieses Gesicht schon früher gesehen!« »Nein, das hast Du wohl nicht!« sagte der alte Großvater; »aber ich habe es gesehen, und ich habe gestrebt, es in Holz zu schneiden, wie ich es in der Erinnerung erhalten habe. Es war damals, als die Engländer auf der Rhede lagen; am dänischen zweiten April, Am 2. April 1801 fand die blutige Seeschlacht zwischen den Dänen und den Engländern unter Parker und Nelson Statt. als wir zeigten, daß wir alte Dänen wären! Auf dem »»Dänemark««, wo ich in Steen Bille's Escadre stand, hatte ich einen Mann zur Seite; es war, als fürchteten sich die Kugeln vor ihm! Lustig sang er alte Lieder und schoß und kämpfte, als wäre er mehr, denn ein Mensch. Ich erinnere mich seines Antlitzes noch; aber woher er kam und wohin er ging, weiß ich nicht, weiß Niemand. Ich habe oft gedacht, das möchte der alte Holger Danske wohl selbst gewesen sein, der von Kronburg herabgeschwommen und uns in der Stunde der Gefahr geholfen; das war nun so meine Idee, und dort steht sein Bild.« Und dieses warf seinen großen Schatten gegen die Wand hinauf, selbst über einen Theil der Decke; es sah aus, als wäre es der wirkliche Holger Danske selbst , der dahinter stände; denn der Schatten bewegte sich; aber es konnte auch daher rühren, daß die Flamme des Lichtes nicht gleichmäßig brannte. Und die Schwiegertochter küßte den alten Großvater und führte ihn nach dem großen Lehnstuhle vor dem Tische; und sie und ihr Mann, der des alten Großvaters Sohn und Vater des kleinen Knaben war, der im Bette lag, saßen und speisten ihr Abendbrot; und der alte Großvater sprach von den dänischen Löwen und den dänischen Herzen, von der Stärke und der Milde; und deutlich erklärte er, daß es noch eine Stärke außer der gebe, welche im Schwerte liege; und er zeigte nach dem Brette, wo alte Bücher standen, wo Holberg's Komödien lagen, die so oft gelesen waren; denn sie waren sehr belustigend; man meinte, alle die Personen vergangener Tage darin zu erkennen. »Sieh, der hat auch zu schlagen verstanden!« sagte der alte Großvater; »er hat das Unverständige und Eckige der Leute, so lange er konnte, gegeißelt!« Und der Großvater nickte zum Spiegel hin, wo der Kalender mit dem »runden Thurm« Das astronomische Observatorium in Kopenhagen. darauf hing, und sagte: » Tycho Brahe war auch Einer, der das Schwert gebrauchte, nicht um in Bein und Fleisch zu hauen, sondern um einen deutlicheren Weg zwischen alle Sterne des Himmels hinauf zu bauen! – Und dann Er , dessen Vater meinem Stande angehörte, des alten Bildschnitzers Sohn, Er, den wir selbst gesehen haben mit dem weißen Haare und den breiten Schultern, Er, der in allen Ländern genannt wird! Ja, er konnte hauen, ich kann nur schnitzen! Ja, Holger Danske kann in vielen Gestalten kommen, sodaß man in allen Ländern der Welt von Dänemarks Stärke hört! Wollen wir nun Bertel's Bertel Thorwaldsen. Gesundheit trinken?« Aber der kleine Knabe im Bette sah deutlich das alte Kronburg mit dem Oeresund, den wirklichen Holger Danske , der tief unten mit dem Barte im Marmortische festgewachsen saß und von Allem, was hier oben geschieht, träumte. Holger Danske träumte auch von der kleinen ärmlichen Stube, wo der Bildschnitzer saß; er hörte Alles, was da gesprochen wurde, und nickte im Traume und sagte: »Ja, erinnert Euch meiner nur, Ihr dänischen Leute! Behaltet mich im Andenken! Ich komme in der Stunde der Noth!« Und draußen vor Kronburg schien der helle Tag, und der Wind trug die Töne des Jagdhorns herüber vom Nachbarlande; die Schiffe segelten vorbei und grüßten: »Bum! Bum!« Und von Kronburg antwortete es: »Bum! Bum!« Aber Holger Danske erwachte nicht, so stark sie auch schössen, denn es war ja nur »Guten Tag« – »Schöner Dank!« Da muß anders geschossen werden, bevor er erwacht; aber er erwacht wohl, denn es ist Mark in Holger Danske . In Jahrtausenden. Ja, in Jahrtausenden werden sie auf den Flügeln des Dampfes durch die Luft über das Weltmeer herüberkommen! Die jungen Bewohner Amerika's werden die Besucher des alten Europa's sein. Sie werden wegen der Denkmäler hier und der alsdann versinkenden Städte herüberziehen, wie wir in unserer Zeit nach den hinfälligen Herrlichkeiten Süd-Asiens wallfahrten. In Jahrtausenden werden sie kommen. Die Themse, die Donau, der Rhein rollen noch dahin, der Montblanc steht noch mit seinem schneebedeckten Gipfel da, die Nordlichter strahlen noch über die Lande des Nordens; aber ein Geschlecht nach dem andern ist Staub geworden, ganze Reihen der Mächtigen des Augenblicks sind vergessen, vergessen wie diejenigen, die jetzt schon unter dem Hügel schlummern, auf welchem der vermögende Höcker, auf dessen Grund und Boden er sich befindet, eine Bank gezimmert hat, um dort zu sitzen und über sein flaches wogendes Kornfeld hinauszuschauen. »Nach Europa!« rufen die jungen Söhne Amerika's – »nach dem Lande der Väter, dem herrlichen Lande der Denkmäler und der Phantasie, nach Europa!« Das Luftschiff kommt; es ist mit Reisenden überfüllt, denn die Fahrt ist schneller als zur See, der elektromagnetische Draht unter dem Weltmeere hat bereits telegraphirt, wie groß die Luftkarawane ist, schon ist Europa in Sicht, es ist die Küste von Irland , die man erblickt, aber die Passagiere schlafen noch, sie wollten erst dann geweckt sein, wenn sie gerade über England sind; dort betreten sie den Boden Europa's im Lande Shakespeare's , wie es bei den Söhnen des Geistes heißt, – im Lande der Politik, im Lande der Maschinen, – so nennen es Andere. Hier verweilt man einen ganzen Tag, so viel Zeit hat das geschäftige Geschlecht auf das große England und Schottland zu verwenden. Die Fahrt geht weiter durch den Canal-Tunnel nach Frankreich, dem Lande Karl's des Großen und Napoleon's ; Moliere wird genannt, die Gelehrten reden von einer classischen Schule des fernen Alterthums, es wird gejubelt und man läßt Helden, Dichter und Männer der Wissenschaft hoch leben, die unsere Zeit nicht kennt, die aber auf dem Krater Europa's, Paris, geboren werden sollen. Der Luftdampfer fliegt über das Land hin, von welchem Columbus ausging, wo Cortez geboren wurde, und wo Calderon Dramen in wogenden Versen sang; reizende schwarzäugige Frauen wohnen noch in den blühenden Thälern, und die ältesten Lieder nennen den Cid und Alhambra . Durch die Luft über das Meer nach Italien , dorthin, wo die alte ewige Roma lag; es ist verschwunden, die Campagna ist verödet: von der Peterskirche zeigt man eine einsame übrig gebliebene Mauerruine, aber man zweifelt an ihrer Echtheit. Nach Griechenland , um eine Nacht in dem reichen Hôtel, hoch am Gipfel des Olymps, zu schlafen, dann ist man da gewesen; die Fahrt geht weiter zum Bosporus, um dort einige Stunden auszuruhen und die Stätte zu sehen, wo Byzanz lag; dort, wo die Sage vom Garten des Harems zur Zeit der Türken spricht, spannen arme Fischer ihre Netze aus. Ueber die Reste mächtiger Städte an der starken Donau, Städte, die unsere Zeit nicht kannte, fliegt man dahin; aber hier und da – an den reichen Stätten der Denkmäler, derer, die entstehen, und welche die Zeit gebären wird – hier und da läßt die Luftkarawane sich nieder und hebt sich wieder. Dort unten liegt Deutschland – das einst von dem dichtesten Netze von Eisenbahnen und Canälen umsponnen war – die Länder, wo Luther sprach, Goethe sang, und Mozart einst das Scepter der Töne führte! Große Namen strahlen in Wissenschaft und Kunst, Namen, die wir nicht kennen. Einen Tag Aufenthalt für Deutschland , und einen für den Norden , für das Vaterland Oersted's und für das Linné's , und für Norwegen, das Land der alten Helden und der jungen Normannen. Island wird auf der Rückfahrt mitgenommen; der Geyser siedet nicht mehr, Hekla ist erloschen, aber eine ewige Steintafel der Saga, wurzelt die starke Felseninsel inmitten des brausenden Meeres. »In Europa ist doch recht viel zu sehen!« sagte der junge Amerikaner; »und wir haben es in acht Tagen gesehen, und das kann man auch nach der Anleitung des großen Reisenden« – hier wird der Name eines ihrer Zeitgenossen genannt – »in seinem berühmten Werke: Ganz Europa in acht Tagen zu sehen .« Däumelinchen. Es war einmal eine Frau, die sich ein ganz kleines Kind sehr wünschte; aber sie wußte nicht, woher sie es nehmen sollte. Da ging sie zu einer alten Hexe und sagte zu ihr: »Ich möchte so herzlich gern ein kleines Kind haben, kannst Du mir nicht sagen, wo ich das bekommen kann?« »O, damit wollen wir schon fertig werden!« sagte die Hexe. »Da hast Du ein Gerstenkorn; das ist nicht von der Art, wie die, welche auf des Landmanns Felde wachsen, oder welche die Hühner zu fressen erhalten lege es in einen Blumentopf, so wirst Du was zu sehen bekommen!« »Ich danke Dir!« sagte die Frau und gab der Hexe zwölf Schillinge; denn so viel kostete es. Dann ging sie nach Hause und pflanzte das Gerstenkorn; sogleich wuchs da eine herrliche, große Blume, die aussah, wie eine Tulpe, aber die Blätter schlossen sich fest zusammen, als ob sie noch Knospe wäre. »Das ist eine schöne Blume!« sagte die Frau und küßte sie auf die rothen und gelben Blätter; aber indem sie darauf küßte, öffnete sich die Blume mit einem Knalle. Es war eine wirkliche Tulpe, wie man nun sehen konnte; aber mitten in der Blume saß auf dem grünen Sammetgriffel ein kleines Mädchen, gar fein und niedlich! Es war kaum einen halben Daumen hoch, und deshalb wurde es Däumelinchen genannt. Eine niedliche, lackirte Wallnußschale bekam Däumelinchen zur Wiege, blaue Veilchenblätter waren ihre Matratzen und ein Rosenblatt ihre Decke, Da schlief sie des Nachts, aber am Tage spielte sie auf dem Tische, wo die Frau einen Teller hingestellt und ringsum mit einem Kranze von Blumen belegt hatte, deren Stengel im Wasser standen; darin schwamm ein großes Tulpenblatt, und auf diesem konnte sie sitzen und von der einen Seite des Tellers nach der andern fahren, zum Rudern hatte sie zwei weiße Pferdehaare. Das sah wunderhübsch aus! Sie konnte auch singen, und zwar so zart und fein, wie man es noch nie gehört hatte. – Einst als sie Nachts in ihrem schönen Bette lag, kam eine alte Kröte durch das Fenster, in dem eine Scheibe entzwei war, hereingekrochen. Die Kröte war sehr häßlich, groß und naß; sie hüpfte auf den Tisch hinab, wo Däumelinchen lag und unter dem rothen Rosenblatte schlief. »Das wäre eine schöne Frau für meinen Sohn!« sagte die Kröte und nahm die Wallnußschale, worin Däumelinchen schlief und hüpfte mit ihr durch's Fenster, in den Garten hinunter. Dort floß ein großer, breiter Bach; aber das Ufer war sumpfig und morastig; hier wohnte die Kröte mit ihrem Sohne, Hu! der war häßlich und garstig und glich ganz seiner Mutter. »Koax, loa;, brekkekekex!« Das war Alles, was er sagen konnte, als er die niedliche Kleine in der Wallnußschale erblickte. »Sprich nicht so laut, denn sonst erwacht sie!« sagte die alte Kröte. »Sie könnte uns noch entlaufen, denn sie ist so leicht, wie ein Schwanenflaum! wir wollen sie auf eins der breiten Nixenblumenblatter in den Bach setzen; das ist für sie, die so leicht und klein ist, eine Insel! Da kann sie nicht davon laufen, wahrend wir die Staatsstube unter dem Moraste, wo Ihr wohnen und Hausen sollt, in Stand setzen.« Draußen in dem Bache wuchsen viele Nixenblumen mit breiten grünen Blättern, welche aussahen, als schwämmen sie oben auf dem Wasser; das Blatt, welches am weitesten lag, war auch das größte; da schwamm die alte Kröte hinaus und setzte die Wallnußschale mit Däumelinchen darauf. Das kleine, kleine Däumelinchen erwachte früh Morgens, und als sie sah, wo sie war, fing sie recht bitterlich an zu weinen; denn es war an allen Seiten des großen, grünen Blattes Wasser, und sie konnte nicht an das Land kommen. Die alte Kröte saß unten im Moraste und putzte ihre Stube mit Schilf und gelben Fischblattblumen aus; es sollte da recht hübsch für die neue Schwiegertochter werden; dann schwamm sie mit dem häßlichen Sohne zum Blatte hinaus, wo Däumelinchen war. Sie wollten ihr hübsches Bett holen, das sollte in das Brautgemach gestellt werden, bevor sie es selbst betrat. Die alte Kröte verneigte sich tief im Wasser vor ihr und sagte: »Hier siehst Du meinen Sohn; er wird Dein Mann sein, und Ihr werdet recht prächtig unten im Moraste wohnen!« »Koax, koax, brekkekekex!« war Alles, was der Sohn sagen konnte. Dann nahmen sie das niedliche, kleine Bett und schwammen damit fort; aber Däumelinchen saß allein auf dem grünen Blatte und weinte, denn sie mochte nicht bei der garstigen Kröte wohnen oder ihren häßlichen Sohn zum Manne haben. Die kleinen Fische, welche unten im Wasser schwammen, hatten die Kröte wohl gesehen und auch gehört, was sie gesagt hatte; deshalb streckten sie die Köpfe hervor: sie wollten auch das kleine Mädchen sehen. Sobald sie es erblickten, fanden sie dasselbe so niedlich, daß es ihnen recht leid that, daß es zur häßlichen Kröte hinunter sollte. Nein, das durfte nie geschehen! Sie versammelten sich unten im Wasser rings um den grünen Stengel, welcher das Blatt hielt, auf dem es stand und nagten mit den Zähnen den Stiel ab; da schwamm das Blatt den Bach hinab und Däumelinchen davon, weit weg, wo die Kröte sie nicht erreichen konnte. Däumelinchen segelte an vielen Städten vorbei, und die kleinen Vögel saßen in den Büschen, sahen sie und sangen: »Welch' liebliches, kleines Mädchen!« Das Blatt schwamm mit ihm immer weiter und weiter fort; so reiste Däumelinchen außer Landes. Ein niedlicher, kleiner, weißer Schmetterling umflatterte sie stets und ließ sich zuletzt auf das Blatt nieder; Däumelinchen gefiel ihm, und sie war sehr erfreut darüber; denn nun konnte die Kröte sie nicht erreichen, und es war so schön, wo sie fuhr; die Sonne schien auf das Wasser und dieses glänzte, wie das herrlichste Silber. Sie nahm ihren Gürtel und band das eine Ende um den Schmetterling; das andere Ende des Bandes befestigte sie am Blatte; das glitt nun schneller davon und sie mit, denn sie stand ja auf demselben. Da kam ein großer Maikäfer angeflogen, der erblickte sie und, schlang augenblicklich seine Klauen nm ihren schlanken Leib und flog mit ihr auf den Baum. Das grüne Blatt schwamm den Bach hinab, und der Schmetterling mit, denn er war an dem Blatte festgebunden und konnte nicht von ihm loskommen. Gott, wie war das arme Däumelinchen erschrocken, als der Maikäfer mit ihr auf den Baum flog. Aber hauptsächlich war sie wegen des schönen, weißen Schmetterlings betrübt, den sie festgebunden hatte; im Fall er sich nun nicht befreien könnte, müßte er ja verhungern. Allein darum kümmerte sich der Maikäfer nicht. Er setzte sich mit ihr auf das größte grüne Blatt des Baumes, gab ihr das Süße der Blumen zu essen und sagte, daß sie sehr niedlich sei, obgleich sie einem Maikäfer durchaus nicht gliche. Später kamen alle andern Maikäfer, die auf dem Baume wohnten, und machten Visite; sie betrachteten Däumelinchen und sagten: »Sie hat nicht einmal mehr als zwei Beine, das sieht erbärmlich aus!« »Sie hat keine Fühlhörner!« sagte ein Anderer. »Sie ist so schlank in der Taille; pfui! sie sieht wie ein Mensch aus! Wie sie häßlich ist!« sagten alle Maikäferinnen, und doch war Däumelinchen gar niedlich. Das erkannte auch der Maikäfer, der sie geraubt hatte. Aber als alle Andern sagten, sie sei häßlich, glaubte er es zuletzt auch und wollte sie nicht haben; sie könne gehen, wohin sie wolle. Nun flogen sie mit ihr den Baum hinab und setzten sie auf ein Gänseblümchen; da weinte sie, weil sie so häßlich sei, daß die Maikäfer sie nicht haben wollten, und doch war sie das Lieblichste, was man sich denken konnte, so fein und zart, wie das schönste Rosenblatt. Den ganzen Sommer über lebte das arme Däumelinchen allein in dem großen Walde. Sie flocht sich ein Bett aus Grashalmen und hing es unter einem Kleeblatte auf, so war sie vor dem Regen geschützt; sie pflückte das Süße der Blumen zur Speise und trank vom Thau, der jeden Morgen auf den Blättern stand. So vergingen Sommer und Herbst, aber nun kam der Winter, der kalte, lange Winter. Alle Vögel die so schön von ihr gesungen hatten, flogen davon; Bäume und Blumen entblätterten sich; das große Kleeblatt, unter dem sie gewohnt hatte, rollte zusammen, und es blieb nichts, als ein verwelkter Stengel zurück; sie fror schrecklich, denn ihre Kleider waren entzwei, und sie war selbst so fein und klein, das arme Däumelinchen: sie mußte erfrieren. Es fing an zu schneien, und jede Schneeflocke, die auf sie fiel, war, als wenn man auf uns eine ganze Schaufel voll wirft; denn wir sind so groß und sie war nur einen Zoll lang. Da hüllte sie sich in ein dürres Blatt ein; aber das riß in der Mitte entzwei und wollte nicht wärmen; sie zitterte vor Kälte. Dicht vor dem Walde, wohin sie nun gekommen war, lag ein großes Kornfeld; aber das Korn war seit langer Zeit fort, nur die nackten, trockenen Stoppeln standen aus der gefrorenen Erde hervor. Die waren ein Wald für sie zu durchwandern, o, wie zitterte sie vor Kälte! Da gelangte sie vor die Thüre einer Feldmaus. Die hatte ein kleines Loch unter den Kornstoppeln. Da wohnte die Maus warm und gemüthlich, hatte die ganze Stube voll Korn, eine herrliche Küche und Speisekammer. Das arme Däumelinchen stellte sich in die Thüre, wie ein armes Bettelmädchen, und bat um ein kleines Stück von einem Gersterkorn, denn sie hatte seit zwei Tagen nicht das Mindeste zu essen gehabt. »Du armes Thierchen!« sagte die Feldmaus, denn im Grunde war sie eine gute Alte; »komm herein in meine warme Stube und speise mit mir!« Da ihr nun Däumelinchen gefiel, sagte sie: »Du kannst meinetwegen den Winter über bei mir bleiben, aber Du mußt meine Stube sauber und rein halten und mir Geschichten erzählen, denn die liebe ich sehr.« Und Däumelinchen that, was die gute, alte Feldmaus verlangte, und hatte es dafür außerordentlich gut. »Nun werden wir bald Besuch erhalten!« sagte die Feldmaus; »mein Nachbar pflegt mich jede Woche einmal zu besuchen. Er steht sich noch besser, als ich, hat große Säle und trägt einen schönen, schwarzen Sammetpelz! Wenn Du den nur zum Manne bekommen könntest, so wärest Du gut versorgt. Aber er kann nicht sehen. Du mußt ihm die niedlichsten Geschichten erzählen, die Du weißt!« Aber darum kümmerte sich Däumelinchen nicht; ihr lag nichts an dem Nachbar, denn er war ja ein Maulwurf. Dieser kam und stattete in seinem schwarzen Sammetpelz Besuch ab. Er sei so reich und so gelehrt, sagte die Feldmaus, seine Wohnung sei auch mehr als zwanzig Mal größer, als die der Feldmaus; Gelehrsamkeit besaß er, aber die Sonne und die schönen Blumen mochte er nicht leiden; von diesen sprach er schlecht, denn er hatte sie nie gesehen. Däumelinchen mußte singen, und sie sang: »Maikäfer fliege!« und »Geht der Pfaffe auf das Feld«. Da verliebte sich der Maulwurf in sie, der schönen Stimme halber; aber er sagte nichts: er war ein besonnener Mann. – Er hatte sich vor Kurzem einen langen Gang durch die Erde von seinem bis zu ihrem Hause gegraben; in diesem erhielten die Feldmaus und Däumelinchen Erlaubniß zu spazieren, so viel sie wollten. Aber er bat sie, sich nicht vor dem todten Vogel zu fürchten, der in dem Gange läge. Es war ein ganzer Vogel mit Federn und Schnabel, der sicher erst kürzlich gestorben war und nun da begraben lag, wo Jener seinen Gang gemacht hatte. Der Maulwurf nahm ein Stück faules Holz in's Maul, denn das schimmert wie Feuer im Dunkeln, und ging dann voran und leuchtete ihnen in dem langen, finstern Gange. Als sie dahin kamen, wo der todte Vogel lag, stemmte der Maulwurf seine breite Nase gegen die Decke und stieß die Erde auf, sodaß ein großes Loch entstand, durch welches das Licht hinunter scheinen konnte. Mitten auf dem Fußboden lag eine todte Schwalbe, die schönen Flügel fest an die Seiten gedrückt, die Füße und den Kopf unter die Federn gezogen; der arme Vogel war sicher vor Kälte gestorben. Das that Däumelinchen recht leid; sie hielt sehr viel von allen kleinen Vögeln, die hatten ja den ganzen Sommer so schon vor ihr gesungen und gezwitschert; aber der Maulwurf stieß ihn mit seinen krummen Beinen und sagte: »Nun pfeift er nicht mehr! Es muß doch erbärmlich sein, als kleiner Vogel geboren zu werden! Gott sei Dank, daß keins von meinen Kindern das wird; ein solcher Vogel hat ja nichts außer seinem Quivit und muß im Winter verhungern!« »Ja, das mögt Ihr als vernünftiger Mann wohl sagen,« sprach die Feldmaus. »Was hat der Vogel für all' seinen Quivit, wenn der Winter kommt? Er muß hungern und frieren. Doch das soll wohl gar vornehm sein!« Däumelinchen sagte nichts; als aber die beiden Andern dem Vogel den Rücken wendeten, neigte sie sich herab, schob die Federn zur Seite, welche den Kopf bedeckten, und küßte ihn auf die geschlossenen Augen. »Vielleicht war er es, der so hübsch vor mir im Sommer gesungen,« dachte sie. »Wie viel Freude hat er mir nicht gemacht, der liebe, schöne Vogel!« Der Maulwurf stopfte nun das Loch zu, durch welches der Tag herein schien, und begleitete dann die Damen nach Hause. Aber des Nachts konnte Däumelinchen gar nicht schlafen; da stand sie aus ihrem Bette auf und flocht von Heu einen großen, schönen Teppich, den trug sie hin, breitete ihn über den todten Vogel aus und legte die feinen Staubfäden von Blumen, die weich wie Baumwolle waren, und die sie in der Stube der Feldmaus gefunden hatte, an die Seiten des Vogels, damit er in der Erde warm läge. »Lebe wohl, Du schöner, kleiner Vogel!« sagte sie. »Lebe wohl und habe Dank für Deinen herrlichen Gesang im Sommer, als alle Bäume grün waren und die Sonne warm auf uns herabschien!« Dann legte sie ihr Haupt an des Vogels Herz. Der Vogel aber war nicht todt: er lag nur erstarrt da, war nun erwärmt und bekam wieder Leben. Im Herbste stiegen alle Schwalben nach den heißen Ländern fort; aber ist eine da, die sich verspätet, dann friert sie so, daß sie wie todt niederstürzt und liegen bleibt, wo sie hinfällt; der kalte Schnee bedeckt sie dann. Däumelinchen zitterte, so war sie erschrocken; denn der Vogel war ja groß, sehr groß gegen sie, die nur einen Zoll lang war. Aber sie faßte doch Muth, legte die Baumwolle dichter um die arme Schwalbe, holte ein Krausemünzblatt, welches sie selbst zum Deckblatt gehabt hatte, und legte es über den Kopf des Vogels. In der nächsten Nacht schlich sie sich wieder zu ihm; da war er lebendig, aber sehr matt; er konnte nur einen kurzen Augenblick seine Augen öffnen und Däumelinchen ansehen, die mit einem Stück faulen Holzes in der Hand – denn eine andere Laterne hatte sie nicht – vor ihm stand. – »Ich danke Dir, Du niedliches kleines Kind!« sagte die kranke Schwalbe zu ihr. »Ich bin so herrlich erwärmt! Bald erlange ich meine Kräfte wieder und kann dann draußen in dem warmen Sonnenscheine umherfliegen!« »O!« sagte sie, »es ist kalt draußen; es schneit und friert! Bleib' in Deinem warmen Bette; ich werde Dich schon pflegen!« Dann brachte sie der Schwalbe Wasser in einem Blumenblatte; diese trank und erzählte ihr, wie sie sich den einen Flügel an einem Dornbusche wund gerissen und deshalb nicht so schnell habe fliegen können, wie die andern Schwalben, welche fortgeflogen seien, weit fort, nach den warmen Ländern. So sei sie zuletzt auf die Erde gefallen, aber mehr konnte sie sich nicht entsinnen, und wußte gar nicht, wie sie hierher gekommen war. Den ganzen Winter blieb sie nun da unten, und Däumelinchen hegte und pflegte sie so recht von Herzen; weder der Maulwurf noch die Feldmaus erfuhren etwas davon, denn die mochten ja die arme Schwalbe nicht leiden. Sobald das Frühjahr kam und die Sonne die Erde erwärmte, sagte die Schwalbe dem Däumelinchen Lebewohl, die das Loch öffnete, welches der Maulwurf oben gemacht hatte. Die Sonne schien so herrlich zu ihnen herein, und die Schwalbe fragte, ob sie mitkommen wolle; sie könne auf ihrem Rücken sitzen: sie wollten weit in den grünen Wald hinein fliegen. Aber Däumelinchen wußte, daß es die alte Feldmaus betrüben würde, wenn sie die so verließe. »Nein, ich kann nicht!« sagte Däumelinchen. »Lebe wohl, lebe wohl! Du gutes, niedliches Mädchen!« sagte die Schwalbe und flog hinaus in den Sonnenschein. Däumelinchen sah ihr nach, und die Thränen traten ihr in die Augen, denn sie war der armen Schwalbe herzlich gut. »Quivit, quivit!« sang der Vogel und flog in den grünen Wald. – Däumelinchen war sehr betrübt. Sie erhielt keine Erlaubniß, in den warmen Sonnenschein hinauszugehen. Das Korn, welches auf dem Felde, über dem Hause der Feldmaus, gesäet war, wuchs auch hoch in die Luft empor; das war ein dichter Wald für das arme, kleine Mädchen, das ja nur einen Zoll lang war. »Nun bist Du Braut, Däumelinchen!« sagte die Feldmaus. »Der Nachbar hat um Dich angehalten. Welch' großes Glück für ein armes Kind! Nun mußt Du Deine Aussteuer nähen, sowohl Wollen- wie Leinenzeug; denn es darf an Nichts fehlen, wenn Du des Maulwurfs Frau wirst!« Däumelinchen mußte die Spindel drehen, und die Feldmaus miethete vier Spinnen, um Tag und Nacht für sie zu weben. Jeden Abend besuchte sie der Maulwurf und sprach dann immer davon, daß, wenn der Sommer zu Ende gehe, die Sonne lange nicht so warm scheinen werde; sie brenne ja jetzt die Erde so fest wie einen Stein. Ja, wenn der Sommer vorbei sei, dann wolle er mit Däumelinchen Hochzeit halten. Aber die war gar nicht froh; denn sie mochte den langweiligen Maulwurf nicht leiden. Jeden Morgen, wenn die Sonne aufging, und jeden Abend, wenn sie unterging, stahl sie sich zur Thüre hinaus, und wenn dann der Wind die Kornähren trennte, so daß sie den blauen Himmel erblicken konnte, dachte sie daran, wie hell und schön es hier draußen sei, und wünschte sehnlichst, die liebe Schwalbe wiederzusehen. Aber die kam nie wieder; die war gewiß weit weg in den schonen, grünen Wald geflogen. Als es nun Herbst wurde, hatte Däumelinchen die ganze Aussteuer fertig. »In vier Wochen sollst Du Hochzeit halten!« sagte die Feldmaus zu ihr. Aber Däumelinchen weinte und sagte, sie wolle den langweiligen Maulwurf nicht haben. »Schnickschnack!« sagte die Feldmaus; »sei nicht widerspenstig, denn sonst werde ich Dich mit meinen weißen Zähnen beißen! Es ist ja ein schöner Mann, den Du bekommst! Die Königin selbst hat nicht solch' einen schwarzen Sammetpelz! Er hat Küche und Keller voll. Danke Gott dafür!« Nun sollte die Hochzeit sein. Der Maulwurf war schon gekommen, Däumelinchen zu holen; sie sollte bei ihm wohnen, tief unter der Erde, und nie an die warme Sonne hinauskommen, denn die mochte er nicht leiden. Die arme Kleine war sehr betrübt; sie sollte nun der schönen Sonne Lebewohl sagen, die sie doch bei der Feldmaus Erlaubniß gehabt hatte von der Thüre aus zu sehen. »Lebe wohl, du helle Sonne!« sagte sie, streckte die Arme hoch empor und ging auch eine kleine Strecke vor dem Hause der Feldmaus weiter; denn nun war das Korn geerntet, und hier standen nur die trockenen Stoppeln. »Lebe wohl, lebe wohl!« sagte sie und schlang ihre Arme um eine kleine, rothe Blume, die da noch blühte. »Grüße die kleine Schwalbe von mir, wenn Du sie zu sehen bekommst!« »Quivit, quivit!« ertönte es plötzlich über ihrem Kopfe; sie sah empor; es war die kleine Schwalbe, die gerade vorbeikam. Sobald sie Däumelinchen erblickte, wurde sie sehr froh; diese erzählte ihr, wie ungern sie den häßlichen Maulwurf zum Manne nehme, und daß sie dann tief unter der Erde wohnen solle, wohin nie die Sonne scheine. Sie konnte sich nicht enthalten, dabei zu weinen. »Nun kommt der kalte Winter,« sagte die kleine Schwalbe; »ich fliege weit fort nach den warmen Ländern; willst Du mit mir kommen? Du kannst auf meinem Rücken sitzen; dann fliegen wir von dem häßlichen Maulwurf und seiner dunklen Stube fort, weit weg, über die Berge, nach den warmen Ländern, wo die Sonne schöner scheint wie hier, wo immer Sommer ist und es herrliche Blumen giebt. Fliege nur mit mir, Du liebes, kleines Däumelinchen, die mein Leben gerettet hat, als ich erfroren in dem dunklen Erdkeller lag!« »Ja, ich werde mit Dir ziehen,« sagte Däumelinchen, setzte sich auf des Vogels Rücken, mit den Füßen auf seine entfaltete Schwinge, und band ihren Gürtel an einer der stärksten Federn fest; da flog die Schwalbe hoch in die Luft, über Wald und See, hoch hinauf über die großen Berge, wo immer Schnee liegt. Und Däumelinchen fror in der kalten Luft, aber dann verkroch sie sich unter des Vogels warme Federn und steckte nur den kleinen Kopf hervor, um alle die Schönheiten unter sich zu bewundern. Endlich kamen sie nach den warmen Ländern. Dort schien die Sonne weit heller als hier; der Himmel war zweimal so hoch, und in Gräben und auf Hecken wuchsen die schönsten grünen und blauen Weintrauben; in den Wäldern hingen Citronen und Apfelsinen; es duftete von Myrten und Krausemünze, und auf den Landstraßen liefen die niedlichsten Kinder und spielten mit großen bunten Schmetterlingen. Aber die Schwalbe flog noch weiter fort, und es wurde schöner und schöner. Unter den herrlichsten grünen Bäumen an dem blauen See stand ein blendend weißes Marmorschloß, noch aus alten Zeiten! Weinreben rankten sich um die hohen Säulen empor; oben waren viele Schwalbennester, und in einem derselben wohnte die Schwalbe, welche Däumelinchen trug. »Hier ist mein Haus!« sagte die Schwalbe. »Aber es schickt sich nicht, daß Du mit darin wohnst; ich bin nicht so eingerichtet, daß Du damit zufrieden sein kannst; suche Dir nun selbst eine der prächtigsten Blumen, die da unten wachsen; dann will ich Dich hineinsetzen, und Du sollst es gut haben, wie Du es nur wünschest!« »Das ist herrlich!« sagte sie und klatschte in die kleinen Hände. Da lag eine große, weiße Marmorsäule, welche zu Boden gefallen und in drei Stücke zersprungen war: aber zwischen diesen wuchsen die schönsten großen, weißen Blumen. Die Schwalbe flog mit Däumelinchen herunter und setzte sie auf eine der breiten Blätter. Aber wie erstaunte diese! Da saß ein kleiner Mann mitten in der Blume, so weiß und durchsichtig, als wäre er von Glas; die niedlichste Goldkrone trug er auf dem Kopfe und die herrlichsten Flügel an den Schultern; er war selbst nicht größer als Däumelinchen. Es war der Blume Engel. In jeder Blume wohnte so ein kleiner Mann oder eine Frau; aber dieser war der König über alle. »Gott, wie ist er schön!« flüsterte Däumelinchen der Schwalbe zu. Der kleine Prinz erschrak sehr über die Schwalbe, denn sie war ja gegen ihn, der so klein und fein war, ein Riesenvogel. Aber als er Däumelinchen erblickte, wurde er hoch erfreut; sie war das schönste Mädchen, das er je gesehen hatte. Deshalb nahm er seine Goldkrone vom Haupte und setzte sie ihr auf, fragte, wie sie heiße und ob sie seine Frau werden wolle; dann solle sie Königin über alle Blumen sein! Ja, das war freilich ein anderer Mann, als der Sohn der Kröte und der Maulwurf mit dem schwarzen Sammetpelze. Sie sagte deshalb »ja« zu dem herrlichen Prinzen, Und aus jeder Blume kam eine Dame und ein Herr, so niedlich, daß es eine Lust war; jeder brachte Däumelinchen ein Geschenk, aber das Beste von allen waren ein paar schone Flügel von einer großen, weißen Fliege, die wurden Däumelinchen am Rücken befestigt, und nun konnte sie auch von Blume zu Blume fliegen. Da gab es viele Freude, und die kleine Schwalbe saß oben in ihrem Neste und sollte das Hochzeitslied singen; das that sie denn auch, so gut sie konnte; im Herzen war sie doch betrübt, denn sie war Däumelinchen so gut, und hätte sich nie von ihr trennen mögen. »Du sollst nicht Däumelinchen heißen!« sagte der Blumenengel zu ihr. »Das ist ein häßlicher Name und Du bist zu schön dazu. Wir wollen Dich Maja nennen.« »Lebe wohl, lebe wohl!« sagte die kleine Schwalbe mit schwerem Herzen und flog wieder fort von den warmen Ländern, weit weg nach Dänemark zurück. Dort hatte sie ein kleines Nest über dem Fenster, wo der Mann wohnt, der Märchen erzählen kann. Vor ihm sang sie »Quivit, quivit!« Daher wissen wir die ganze Geschichte. Alles am rechten Platze. Es ist länger denn hundert Jahre her! Hinter dem Walde, am großen Landsee, lag das alte Herrenhaus; rings um dasselbe herum zogen sich tiefe Gräben, in welchen Schilf und Rohrbomben wuchsen. Dicht bei der Brücke am Einfahrtsthore stand ein alter Weidenbaum, der sich über das Schilf neigte. Vom Hohlwege herauf ertönten Hörnerklang und Pferdegetrappel; deshalb beeilte sich das kleine Mädchen, das die Gänse hütete, diese von der Brücke wegzutreiben, bevor die ganze Jagdgesellschaft herangaloppirt käme; diese kam mit solcher Hast, daß das Mädchen, um nicht überritten zu werden, schnell auf einen der hohen Ecksteine an der Brücke sich stellen mußte. Halb noch ein Kind, war es fein und zart gebaut, hatte dabei einen gar lieben Ausdruck im Gesichte und zwei schöne, klare Augen; allein dafür hatte der gnädige Herr keinen Blick. Indem er an der kleinen Gänsehüterin vorbeisprengte, kehrte er die Peitsche in der Hand um, und in roher Lustigkeit stieß er sie dermaßen mit dem Stiel derselben vor die Brust, daß sie rücklings in den Graben fiel. »Alles am rechten Platze!« rief er, »in die Pfütze mit Dir!« dabei lachte er laut auf, das sollte nun Witz heißen, und die Anderen stimmten mit ein; die ganze Gesellschaft schrie und lärmte, und die Jagdhunde bellten. Das arme Mädchen ergriff glücklicherweise im Fallen einen der herabhängenden Zweige eines Weidenbaumes, vermöge dessen es sich über dem Sumpfe erhielt, und sobald die Herrschaft und die Hunde durch das Schloßthor verschwunden waren, versuchte das Mädchen sich empor zu arbeiten, aber der Zweig brach an der Krone ab, und es wäre rücklings in das Schilf gefallen, wenn nicht in demselben Augenblicke eine kräftige Hand es von oben herab ergriffen hätte. Es war die Hand eines Landhausirers; dieser war in einiger Entfernung Zeuge des Geschehenen gewesen, und eilte nun herbei, um Hilfe zu leisten. »Alles am rechten Platze,« sagte er, dem gnädigen Herrn nachäffend, und zog das kleine Mädchen auf's Trockene; den abgebrochenen Zweig wollte er an der Stelle wieder anfügen, an welcher derselbe gebrochen war, aber »Alles am rechten Platze« – das geht doch nicht, und deshalb steckte er den Zweig in die weiche Erde. »Wachse und gedeihe, wenn Du es vermagst, und treibe ihnen dort am Herrenhofe eine tüchtige Flöte!« – sagte er, denn er gönnte dem gnädigen Herrn und dessen Sippschaft einen gehörigen Spießruthenmarsch. – Darauf begab er sich in's Schloß, doch nicht in den Ahnensaal, für diesen war er zu gering! – in die Gesindestube trat er ein, und die Knechte und Mägde beschauten seine Waaren und handelten; oben von der herrschaftlichen Tafel schallte es schreiend und lärmend herab, es sollte singen heißen; sie thaten ihr Bestes. Lautes Gelächter und Hundegeheul drang durch die offenen Fenster heraus; dort oben war Schmausen und Schwelgen; Wein und altes starkes Bier schäumten in den Gläsern und Krügen, und die Leibhunde fraßen mit der Herrschaft; dann und wann wurde eine dieser Bestien von den Junkern geküßt, nachdem man ihr mit dem Behänge die Schnauze abgewischt hatte. Den Hausirer ließ man heraufholen, aber nur um Scherz mit ihm zu treiben. Der Wein war in die Köpfe gestiegen, der Verstand herausgeflogen. Sie gossen ihm Bier in einen Strumpf, daß er mittrinken könne, aber schnell! das sollte nun Witz sein und gab Veranlassung zum Gelächter. Ganze Viehtriften, Bauern und Bauerhöfe wurden auf eine Karte gesetzt und verspielt. »Alles am rechten Platze!« sagte der Hausirer, als er endlich wieder wohlbehalten aus Sodom und Gomorrha heraus war, wie er es nannte. »Die offene Landstraße ist mein rechter Platz, dort oben war es mir nicht wohl.« Das kleine Mädchen, das die Gänse hütete, nickte ihm freundlich zu, als er durch's Gehege schritt. Tage und Wochen verstrichen, und es zeigte sich, daß der abgebrochene Weidenzweig, den der Hausirer am Schloßgraben in die Erde gesteckt, immer frisch und grün blieb, ja sogar junge Zweige trieb; das kleine Gänsemädchen sah, daß der Zweig Wurzel geschlagen habe und freute sich recht herzlich darüber; der Baum, so meinte es, sei nun sein Baum. Ja mit dem Baume ging es vorwärts, aber mit allem Andern auf dem Hofe ging es durch Gelage und Spiel gar sehr rückwärts; sind diese doch zwei Rollen, auf denen Niemand sicher steht. Es waren keine sechs Jahre verstrichen, als der gnädige Herr, ein armer Mann am Bettelstabe, von Haus und Hof wanderte, und der Herrensitz von einem reichen Krämer gekauft wurde; und dieser war gerade derselbe, der dort zum Spott und Gelächter gedient, dem man Bier in einen Strumpf eingeschenkt hatte; aber Ehrlichkeit und Betriebsamkeit geben guten Fahrwind, und jetzt war der Krämer Herr des Rittergutes. Von dieser Stunde an wurde aber kein Kartenspiel mehr dort geduldet: »Es ist eine böse Lectüre,« sagte er; »als der Teufel zum ersten Mal die Bibel sah, wollte er derselben ein Zerrbild gegenüber stellen, und erfand das Kartenspiel!« Der neue Gutsherr nahm sich ein Weib, und wen nahm er? – das kleine Gänsemädchen, das stets gut und fromm geblieben, und in den neuen Kleidern so fein und schön aussah, als wäre es eine vornehme Jungfrau. Und wie geschah das Alles? – Das ist eine zu lange Geschichte in unserer geschäftigen Zeit, aber es geschah in der That, und das Wichtigste kommt erst noch. Herrlich und gut war es auf dem alten Hofe zu sein; die Mutter selbst stand der inneren Haushaltung, der Vater der äußeren vor; es war, als ströme der Segen herbei! Wo Wohlstand ist, kehrt Wohlstand ein! Der alte Herrensitz wurde abgeputzt und angestrichen, die Gräben wurden gereinigt und Fruchtbäume angepflanzt; Alles war dort freundlich und gut, und die Fußboden sahen blank wie em Spickbrett. In den langen Winterabenden saß die Frau mit ihren Mägden am Spinnrade im großen Saale, jeden Sonntag Abend wurde laut aus der Bibel vorgelesen, und zwar vom Justizrathe selbst; dieser Titel war dem Krämer geworden, wenn auch erst in seinen alten Tagen. Die Kinder wuchsen auf – denn es kamen Kinder – und sie genossen alle den besten Unterricht, aber sie hatten nicht alle gleich gute Köpfe, wie dies denn in allen Familien der Fall ist. Unterdessen war der Weidenzweig an der Schloßbrücke zu einem prächtigen Baume herangewachsen, der frei und ungestutzt dastand. »Der ist unser Stammbaum!« sprachen die alten Leute, und diese Weide müsse geachtet und geehrt werden, sagten sie den Kindern, auch denjenigen, die gerade keinen guten Kopf hatten. Hundert Jahre waren verstrichen. Es war in unsrer Zeit; der See war in Moorland umgewandelt, und der ganze Herrenhof gleichsam verschwunden; ein Tümpel mit Wasser, an der Seite einige Mauerreste: das waren die Ueberbleibsel der tiefen Gräben, und hier stand noch ein prächtiger alter Baum mit herabhängenden Zweigen, das war der Stammbaum; er stand hier und zeigte, wie schön eine Weide sein kann, wenn man sie sich selbst überläßt. Der Stamm war zwar mittendurch gespalten, von der Wurzel bis zur Krone, der Sturm hatte ihn ein wenig gebeugt, aber er stand immerhin da, und aus jeder Ritze und Spalte, in welche Wind und Wetter Erde getragen, schossen Grashalme und Blumen hervor; namentlich oben, wo die großen Zweige sich theilten, war gleichsam ein ganzer hängender Garten mit Himbeeren und Wegebreit, ja selbst ein kleiner Vogelbeerstrauch hatte hier Wurzeln geschlagen und stand schlank und sein mitten im alten Weidenbaume, der sich in dem dunkeln Wasser abspiegelte, wenn der Wind manchmal die Meerlinsen in einen Winkel des Tümpels trieb. – Ein Feldweg führte dicht an dem Baume vorüber. Hoch am Waldeshügel, mit herrlicher Aussicht, lag der neue Herrenhof, groß und prächtig, mit Glasscheiben, so klar, daß man glauben konnte, es seien gar keine da. Die große Treppe, die zum Eingänge führte, sah aus, als sei sie eine Laube von Rosen und großblätterigen Gewächsen! Der Rasenplatz war so grün, als wenn jeder Halm Morgens und Abends einzeln gesäubert würde. Im Saale drinnen hingen kostbare Gemälde, standen seidene und sammetne Stühle und Sophas, die fast auf ihren eigenen Beinen umhergehen konnten, Tische mit blanken marmornen Platten und Bücher in Saffian und Goldschnitt... ja, hier wohnten freilich reiche Leute, vornehme Leute, hier wohnte der Baron und seine Familie. Das Eine entsprach daselbst dem Andern. »Alles am rechten Platze!« hieß es auch hier, und deshalb hingen alle die Gemälde, die einst zum Staat und zu Ehren auf dem alten Herrenhofe gewesen, jetzt in dem Gange, der in die Gesindestube führte; altes Gerumpel war es, namentlich zwei alte Portraits, das eine einen Mann in rosenrothem Rock mit Perrücke, das andere eine Dame mit gepudertem und frisirtem Haar und einer Rose in der Hand vorstellend; Beide aber in gleicher Weise von einem großen Kranze von Weidenzweigen umgeben. Diese Beiden hatten gar viele Löcher, und zwar deshalb, weil die kleinen Barone immer die beiden alten Leute als Zielscheibe für ihre Armbrüste benutzten. Sie stellten den Justizrath und die Frau Justizräthin vor, von welchen die ganze Familie abstammte. »Aber sie gehören nicht recht zu unserer Familie!« sagte einer der kleinen Barone. »Er war Krämer und Sie hütete die Gänse. Sie waren nicht wie Papa und Mama!« Die Bilder seien altes Gerumpel, und »Alles am rechten Platze!« sagte man, und deshalb kamen auch der Urgroßvater und die Urgroßmutter auf den Gang nach der Gesindestube. Der Sohn des Ortspredigers war Hauslehrer auf dem Gute. Eines Tages ging er mit den kleinen Baronen und deren ältesten Schwester, die kürzlich eingesegnet worden war, spazieren, und zwar über den Feldweg, der an dem alten Weidenbaume vorüberführte, und während sie alle dahinschritten, band sie einen Strauß von Feldblumen: »Alles am rechten Platze,« und der Strauß war ein schönes Ganzes. Indessen hörte sie doch sehr wohl Alles, was gesprochen wurde, und es erfreute sie gar sehr, den Predigersohn von den Naturkräften, von den großen Männern und Frauen der Geschichte erzählen zu hören; sie war eine gesunde herrliche Natur, geadelt an Seele und Gedanken, und mit einem Herzen, das alles von Gott Geschaffne mit Liebe umfing. Die Spaziergänger machten Halt an dem alten Weidenbaume, der jüngste der Barone wollte durchaus eine Flöte davon haben, eine solche hatte man ihm früher aus anderen Weiden geschnitten, und der Predigersohn brach einen Zweig von ihm ab. »O, thun Sie es nicht!« sagte die junge Baronesse; aber es war schon geschehen. »Das ist ja unser alter berühmter Baum! Ich liebe ihn gar sehr! Ich werde deshalb sogar zu Hause ausgelacht, aber das thut nichts: Man erzählt eine Sage von diesem Baume!« Und nun erzählte sie das, was wir wissen, vom Baume, vom alten Herrenhofe, vom Hausirer und dem Gänsemädchen, die an dem Baume sich zum ersten Male trafen, und die Stammeltern der vornehmen Familie und der jungen Baronesse wurden. »Sie wollten sich nicht adeln lassen, die alten, guten Leute!« sagte sie. »Sie hatten das Sprichwort: »Alles am rechten Platze!« und das meinten sie. sei nicht der Fall, wenn sie sich für Geld erheben ließen. Mein Großvater, der Baron wurde, war deren Sohn, er soll ein sehr gelehrter Mann, soll sehr angesehen und beliebt bei Prinzen und Prinzessinnen und bei Hoffesten zugegen gewesen sein. Ihn lieben die Andern zu Hause am meisten, aber, ich weiß nicht, mir scheint es, als sei Etwas an jenem alten Paare, das mein Herz zu ihnen zieht! Wie gemüthlich, wie patriarchalisch muß es auf dem alten Hofe gewesen sein, woselbst die Hausmutter am Spinnrade mit ihren Mägden saß und der alte Herr laut aus der Bibel vorlas!« »Das sind herrliche, vernünftige Leute gewesen!« sagte der Predigersohn, und mit diesen Worten kam die Rede wie von selbst auf Adelige und Bürgerliche; es war fast, als gehöre der Predigersohn nicht dem Bürgerstande an, in solcher Weise sprach er über die Bedeutung adelig zu sein. »Es ist ein Glück, einer Familie anzugehören, die sich ausgezeichnet hat, und dadurch gleichsam einen Sporn im Blute zu besitzen, um vorwärts zu schreiten in Allem, was tüchtig ist. Herrlich ist es, einen Familiennamen zu haben, der als Eintrittskarte in die höchsten Kreise gilt. Adel bedeutet edel, es ist die Goldmünze, die das Gepräge Dessen erhalten hat, was sie selbst werth ist. – Es ist der Ton der Zeit, und viele Poeten schlagen natürlicherweise diesen Ton an, daß Alles, was adelig ist, auch schlecht und dumm, daß aber bei den Armen, je niedriger man steige, Alles um so mehr glänze. Allein das ist nicht meine Ansicht, denn sie ist falsch. In den höheren Ständen findet man viele ergreifend schöne Züge; meine Mutter hat mir einen solchen erzählt, und ich könnte mehrere mittheilen. Sie war auf Besuch in einem vornehmen Hause in der Stadt; meine Großmutter, glaube ich, hatte die gnädige Frau als Kind gestillt. Meine Mutter und der hochadelige Herr befanden sich allein im Zimmer; da sieht dieser, daß unten im Hofe eine alte Frau auf Krücken hereinkommt, jeden Sonntag kam sie und holte sich eine Gabe. »Das ist die arme Alte,« sagte der Herr, »es wird ihr das Gehen so sauer« – und ehe noch meine Mutter diese Worte verstand, war er durch die Thür verschwunden und die Treppe hinabgestiegen, um ihr den beschwerlichen Gang nach der Gabe, die sie zu holen kam, zu ersparen. Das ist zwar nur ein kleiner Zug, aber wie die Gabe der armen Witwe in der Bibel hat er einen Klang, der wiederhallt in der Tiefe des Herzens, in der menschlichen Natur; und darauf soll der Dichter zeigen und zielen; in der jetzigen Zeit gerade soll er davon singen: es thut wohl, es mildert und versöhnt! Aber wo ein Stückchen Mensch, weil er von Blute ist und eine Stammtafel besitzt, wie die arabischen Pferde auf den Hinterbeinen steht und wiehert auf der Straße und in der Stube sagt: »Hier sind Leute von der Straße gewesen!« wenn ein Bürgerlicher dort war, – da ist der Adel in der Verwesung begriffen, zur Maske geworden, und zwar der Art, wie Thespis sie schuf, und man belustigt sich, wenn die Person der Satyre anheimfällt!« Das war die Rede des Predigersohns; dieselbe war ein wenig lang, aber unterdessen war denn auch die Flöte geschnitten. Auf dem Hofe war große Gesellschaft; viele Gaste aus der Umgegend und der Hauptstadt; viele Damen geschmackvoll und geschmacklos gekleidet; der große Saal war ganz voll von Menschen. Die Prediger aus der Umgegend standen ehrerbietigst aneinander gedrückt in einer Ecke, es sah aus, als sei hier ein Begräbniß, es war aber ein Freudenfest, nur daß die Freude noch nicht im Gange war. Ein großes Concert sollte aufgeführt werden, und deshalb hatte der kleine Baron auch seine Weidenflöte mit hereingebracht, aber er konnte keinen Ton hervorbringen, und Papa auch nicht, und darum taugte die Flöte nichts. Es gab Musik und Gesang von der Art, welche Diejenigen am meisten erfreut, die sie ausführen; sonst ganz allerliebst! »Sie sind ein Virtuos?« sagte ein Cavalier, der Sohn seines Vaters; »Sie blasen die Flöte, Sie verfertigen sie selbst; das ist das Genie, das herrscht – dem gebührt der Ehrenplatz!« – »Gott bewahre! Ich schreite immer mit der Zeit fort, das muß man schon!« »Nicht wahr, Sie werden uns Alle durch das kleine Instrument entzücken?« Und mit diesen Worten reichte er dem Predigersohne die Flöte, die aus dem Weidenbaume, der unten an dem Tümpel wuchs, geschnitten war, und verkündete laut, daß der Hauslehrer ein Solo auf dieser Flöte vortragen wolle. Man wollte ihn zum Besten haben, das war leicht einzusehen, und der Hauslehrer wollte darum auch nicht blasen, obgleich er es wohl konnte; doch man drang in ihn, man bestürmte ihn, und endlich nahm er die Flöte und setzte sie an die Lippen. Das war eine wunderbare Flöte; ein Ton, so anhaltend, wie er von der Dampflocomotive klingt, ja weit stärker, ertönte und erscholl über Hof, Garten und Wald, meilenweit ins Land hinaus, und gleichzeitig mit dem Tone kam ein Sturmwind heran, der da brauste: »Alles am rechten Platze!« – und dabei flog Papa wie vom Winde getragen aus dem Saale und geraden Wegs in die Behausung des Schäfers, und der Schäfer flog – nicht in den Saal, dorthin konnte er nicht kommen, nein, in das Zimmer der Dienerschaft, unter die feinen Bedienten hinauf, die dort in seidenen Strümpfen umherstolzirten; und die hochmüthigen Diener waren wie von der Gicht gelähmt, daß eine solche Person es wagen dürfe, sich mit ihnen zu Tische zu setzen. Aber in der Halle flog die junge Baronesse an den Ehrenplatz der Tafel hinauf, dahin, wo zu sitzen sie würdig war, und der Predigersohn erhielt seinen Sitz neben ihr, und dort saßen sie Beide, als seien sie ein Brautpaar. Ein alter Graf aus einer der ältesten Familien des Landes blieb unangetastet auf seinem Ehrenplatze; denn die Flöte war gerecht, und das muß man sein. Der witzige Cavalier, welcher Schuld an dein Flötenspiele und seiner Eltern Kind war, flog kopfüber in den Hühnerstall, aber nicht allein. Eine ganze Meile ins Land hinaus ertönte die Flöte, und man vernahm große Ereignisse. Eine reiche Banquiersfamilie, die mit Vieren dahinfuhr, wurde aus dem Wagen geblasen und konnte nicht einmal hinten auf demselben Platz finden; zwei reiche Bauern, die in unserer Zeit über ihr eigenes Kornfeld emporgeschossen waren, wurden in den Graben geschleudert; es war eine gefährliche Flöte; glücklicherweise zersprang sie bei dem ersten Tone, und das war gut, denn darauf wurde sie wieder in die Tasche gesteckt: »Alles am rechten Platze!« Tags darauf sprach man kein Wort Von diesem Ereignisse, – daher die Redensart: »Die Flöte einstecken!« Alles war auch wieder in gewohnter Ordnung, nur daß die beiden alten Bilder, der Krämer und das Gänsemädchen, im Festsaale hingen, dort an die Wand waren sie hinaufgeblasen, und da einer der wirklichen Kunstkenner sagte, sie seien von Meisterhand gemalt, so blieben sie auch hängen und wurden restaurirt. »Alles am rechten Platze!« und dahin wird es auch kommen! Die Ewigkeit ist lang, länger als diese Geschichte! Die rothen Schuhe. Es war einmal ein kleines Mädchen, fein und niedlich! Aber im Sommer mußte sie immer mit bloßen Füßen gehen, denn sie war arm, und im Winter mit großen Holzschuhen, so daß die kleine Spanne roth wurde, und zwar ganz und gar. Mitten im Dorfe wohnte eine alte Schuhmachersfrau; die saß und nähte, so gut sie konnte, aus alten, rothen Tuchstreifen ein Paar kleine Schuhe; sie waren plump, aber es war gut gemeint; die sollte das kleine Mädchen haben. Dieses hieß Karen . An dem Tage, als ihre Mutter begraben wurde, erhielt sie die rothen Schuhe und hatte sie zum ersten Male an. Freilich war es nichts, um damit zu trauern; aber sie hatte keine anderen, und daher steckte sie die bloßen Füße hinein und ging hinter dem ärmlichen Sarge her. Da kam ein großer, alter Wagen, und darin saß eine alte Dame; die betrachtete das kleine Mädchen und fühlte Mitleid mit ihr und sagte zum Prediger: »Hört, gebt mir das kleine Mädchen, dann werde ich mich ihrer annehmen!« Und Karen glaubte, das geschähe Alles nur der rothen Schuhe wegen; aber die alte Dame meinte, die seien abscheulich; und sie wurden verbrannt. Aber Karen selbst wurde rein und nett angezogen; sie mußte lesen und nähen lernen und die Leute sagten, sie sei niedlich. Der Spiegel aber sagte: »Du bist mehr als niedlich; Du bist schön!« Da reiste die Königin einst durch das Land und hatte ihre kleine Tochter bei sich: die war eine Prinzessin. Die Leute strömten nach dem Schlosse hin, und unter ihnen war Karen denn auch, und die kleine Prinzessin stand in feinen, weißen Kleidern in einem Fenster und ließ sich anstaunen. Sie hatte weder Schleppe, noch Goldkrone, aber herrliche, rothe Saffianschuhe; die waren freilich schöner als die, welche die Schuhmachersfrau der kleinen Karen genäht hatte. Nichts in der Welt kann doch mit rothen Schuhen verglichen werden! Nun war Karen so alt, daß sie eingesegnet werden sollte; sie bekam neue Kleider, und neue Schuhe sollte sie auch haben. Der reiche Schuhmacher in der Stadt nahm Maß zu ihrem kleinen Fuße; das geschah zu Hause in seinem eigenen Zimmer, da standen große Glasschränke mit niedlichen Schuhen und blanken Stiefeln. Das sah allerliebst aus, aber die alte Dame konnte nicht gut sehen, deshalb hatte sie kein Vergnügen daran Mitten unter den Schuhen standen ein Paar rothe, wie die, welche die Prinzessin getragen hatte. Wie schön waren die! Der Schuhmacher sagte auch, daß sie für ein Grafenkind gemacht seien: sie hatten aber nicht gepaßt. »Das ist wohl Glanzleder?« fragte die alte Dame. »Sie glänzen so!« »Ja, sie glänzen!« sagte Karen ; sie paßten und wurden gekauft. Aber die alte Dame wußte nichts davon, daß sie roth waren, denn sie hätte Karen nie erlaubt, in rothen Schuhen zur Einsegnung zu gehen; aber das that sie nun. Alle Menschen betrachteten ihre Füße. Und als sie zur Chorthüre über die Kirchthürschwelle hinschritt, kam es ihr vor, als wenn selbst die alten Bilder auf den Grabmälern, die Portraits von Predigern und Predigerfrauen mit steifen Kragen und langen, schwarzen Kleidern die Augen auf ihre rothen Schuhe hefteten. Und nur an diese dachte sie, als der Prediger seine Hand auf ihr Haupt legte und von der heiligen Taufe, vom Bunde mit Gott, und daß sie nun eine erwachsene Christin sein sollte, sprach. Die Orgel rauschte feierlich, die hübschen Kinderstimmen sangen und der alte Cantor sang; aber Karen dachte nur an die rothen Schuhe. Am Nachmittage erfuhr die alte Dame von allen Menschen, daß die Schuhe roth gewesen; und sie sagte, daß es häßlich wäre, daß es sich nicht passe, und daß Karen später, wenn sie zur Kirche ginge, immer mit schwarzen Schuhen gehen sollte, selbst wenn sie alt seien. Am nächsten Sonntage war Abendmahl. Und Karen betrachtete die schwarzen Schuhe, besah die rothen – besah sie wieder und – zog die rothen an. Es war herrlicher Sonnenschein; Karen und die alte Dame gingen den Fußsteig durch das Korn entlang; da stäubte es ein Wenig. An der Kirchthüre stand ein alter Invalide mit einem Krückstocke und mit einem wunderbar langen Barte; der war mehr roth wie weiß, und er neigte sich bis zur Erde und fragte die alte Dame, ob er ihre Schuhe abwischen dürfe. Und Karen streckte auch ihren kleinen Fuß aus. »Sieh, was für schöne Tanzschuhe!« sagte der Soldat. »Sitzt fest, wenn ihr tanzt!« Und darauf schlug er mit der Hand gegen die Sohlen. Und die alte Dame gab dem Soldaten ein Almosen und dann ging sie mit Karen in die Kirche. Und alle Menschen darin sahen nach Karen's rothen Schuhen, und alle Bilder sahen darnach, und als Karen vor dem Altar kniete und den goldenen Kelch an ihren Mund setzte, dachte sie nur an die rothen Schuhe; und es war ihr, als ob sie im Kelche herumschwämmen; und sie vergaß ihren Psalm zu singen, sie vergaß ihr »Vater-Unser« zu beten. Nun gingen alle Leute aus der Kirche, und die alte Dame stieg in ihren Wagen. Karen aber erhob den Fuß, um auch einzusteigen; da sagte der alte Soldat: »Sieh, was für schöne Tanzschuhe!« Und Karen konnte nicht umhin; sie mußte einige Tanztritte machen; und als sie anfing, fuhren die Beine fort, zu tanzen. Es war, als hätten die Schuhe Macht über sie erhalten. Sie tanzte um die Kirchenecke, sie konnte es nicht lassen; der Kutscher mußte hinterher laufen und sie greifen; und er hob sie in den Wagen, aber die Füße fuhren fort zu tanzen, so daß sie die gute, alte Dame gewaltig trat. Endlich zogen sie ihr die Schuhe aus und die Beine erhielten Ruhe. Daheim wurden die Schuhe in den Schrank gestellt, aber Karen konnte nicht unterlassen, sie zu betrachten. Nun lag die alte Dame krank darnieder; es hieß, sie würde nicht wieder aufkommen. Gepflegt und gewartet mußte sie werden und Keinem kam dies mehr zu als Karen . Aber in der Stadt war ein großer Ball; Karen war eingeladen: – sie besah die rothen Schuhe, und meinte, es wäre keine Sünde dabei; – sie zog die rothen Schuhe an, das durfte sie ja auch wohl; – aber dann ging sie zum Ball und fing an zu tanzen. Als sie aber zur Rechten wollte, tanzten die Schuhe zur Linken, und als sie die Diele hinauf wollte, tanzten die Schuhe dieselbe hinunter, die Treppe hinab, durch die Straße und durch das Stadtthor hinaus. Sie tanzte und mußte tanzen, hinaus in den finstern Wald. Da leuchtete es oben zwischen den Bäumen; und sie glaubte, es sei der Mond, denn es war ein Gesicht. Aber es war der alte Soldat mit dem rothen Barte; er saß und nickte und sagte: »Sieh, was für schöne Tanzschuhe!« Da erschrak sie und wollte die rothen Schuhe wegwerfen; aber die hingen fest. Und sie schleuderte ihre Strümpfe ab; aber die Schuhe waren an den Füßen festgewachsen. Sie tanzte und mußte über Feld und Wiese, in Regen und Sonnenschein, bei Nacht und bei Tage tanzen; allein Nachts war es am gräulichsten. Sie tanzte auf den offenen Kirchhof hinaus; aber die Todten dort tanzten nicht; die hatten Besseres zu thun, als zu tanzen. Sie wollte sich auf des Armen Grab setzen, wo das bittere Farrenkraut wachst: aber für sie war weder Ruhe noch Rast. Und als sie gegen die offene Kirchenthür hin tanzte, sah sie dort einen Engel in langen, weißen Kleidern, mit Flügeln, die ihm von den Schultern bis zur Erde reichten; sein Antlitz war streng und ernst, und in der Hand hielt er ein Schwert, breit und glänzend. »Tanzen sollst Du!« sagte er: »tanzen auf Deinen rothen Schuhen, bis Du bleich und kalt wirst, bis Deine Haut zu einem Gerippe zusammenschrumpft! Tanzen sollst Du von Thür zu Thür; und wo stolze, hochmilchige Kinder wohnen, sollst Du anklopfen, sodaß sie Dich hören und fürchten! Tanzen sollst Du, tanzen – –!« »Gnade!« rief Karen . Aber sie hörte nicht, was der Engel erwiderte, denn die Schuhe trugen sie durch die Thür auf das Feld, über Weg und über Steg, und immer mußte sie tanzen. Eines Morgens tanzte sie an einer Thür vorbei, die sie gut kannte; drinnen tönte Psalmengesang; ein Sarg wurde herausgetragen, der mit Blumen geschmückt war; da wußte sie, daß die alte Dame gestorben war, und nun fühlte sie, daß sie von Allen verlassen und von Gottes Engel verdammt sei. Sie tanzte und mußte tanzen, tanzen in der finstern Nacht. Die Schuhe trugen sie über Dorn und Stumpf davon; sie riß sich blutig; sie tanzte über die Haide dahin nach einem kleinen, einsamen Hause. Hier, wußte sie, wohnte der Scharfrichter; und sie klopfte mit den Fingern an die Scheiben und sagte: »Komm heraus! – Komm heraus! – Ich kann nicht hinein kommen, denn ich muß tanzen!« Und der Scharfrichter sagte: »Du weißt wohl nicht, wer ich bin. Ich schlage den bösen Menschen den Kopf ab, und ich merke, meine Axt klingt!« »Schlage mir den Kopf nicht ab!« sagte Karen, »denn sonst kann, ich meine Sünde nicht bereuen! Aber schlage meine Füße mit den rothen Schuhen ab!« Und darauf bekannte sie ihre ganze Sünde, und der Scharfrichter hieb ihr die Fuße mit den rothen Schuhen ab; aber die Schuhe tanzten mit den kleinen Füßen über das Feld dahin in den tiefen Wald hinein. Und er schnitzte ihr Holzfüße mit Krücken, lehrte sie einen Psalm, den die Sünder immer singen, und sie küßte die Hand, die das Beil geführt hatte, und ging über die Haide fort. »Nun habe ich genug für die rothen Schuhe gelitten!« sagte sie. »Nun will ich in die Kirche gehen, damit sie mich sehen können!« Und sie ging rasch auf die Kirchthüre zu; als sie aber dahin kam, tanzten die rothen Schuhe vor ihr her, und sie erschrak und kehrte um. Die ganze Woche hindurch war sie betrübt und weinte viele bittere Thränen; aber als es Sonntag wurde, sagte sie: »Nun habe ich genug gelitten und gestritten! Ich glaube wohl, daß ich eben so gut bin als Manche von Denen, die da in der Kirche sitzen und sich brüsten!« Und dann ging sie muthig hin; aber sie kam nicht weiter als bis zur Kirchhofsthüre, da sah sie die rothen Schuhe vor sich her tanzen; und sie entsetzte sich und kehrte um und bereute recht von Herzen ihre Sünde. Und sie ging zur Pfarrwohnung und bat, daß man sie dort in Dienst nehmen möge; fleißig wolle sie sein und Alles thun, was sie könne, auf den Lohn sähe sie nicht, nur daß sie unter Dach käme und bei guten Menschen wäre. Die Predigersfrau hatte Mitleid mit ihr und nahm sie in ihren Dienst. Und sie war fleißig und nachdenkend. Stille saß sie und horchte zu, wenn der Prediger des Abends aus der Bibel laut vorlas. Alle die Kleinen hielten viel von ihr; wenn sie aber von Putz und Pracht und von Schönheit sprachen, dann schüttelte sie mit dem Kopfe. Am nächsten Sonntage gingen Alle zur Kirche; und man fragte sie, ob sie mit wolle; aber sie blickte betrübt, mit Thränen in den Augen, auf ihre Krücken. Und dann gingen die Andern hin, Gottes Wort zu hören, sie aber ging allein in ihre kleine Kammer; die war nur so groß, daß blos das Bett und ein Stuhl darin stehen konnten. Hier setzte sie sich mit ihrem Gesangbuche hin; und als sie mit frommen Sinn darin las, trug der Wind die Orgeltöne von der Kirche zu ihr herüber; und sie erhob ihr Angesicht mit Thränen und sagte: »O Gott hilf mir!« Da schien die Sonne so klar; und gerade vor ihr stand Gottes Engel in den weißen Kleidern; derselbe, den sie in jener Nacht an der Kirchthüre erblickt hatte. Aber er hielt nicht mehr das scharfe Schwert, sondern einen herrlichen, grünen Zweig, der voll Rosen war; er berührte damit die Decke, und sie erhob sich sehr hoch; und wo er sie berührt hatte, glänzte ein goldener Stern. Er berührte die Wände, die erweiterten sich, und sie erblickte die Orgel, welche rauschte; sie sah die alten Bilder mit Predigern und Predigerfrauen; die Gemeindemitglieder saßen in den geputzten Stühlen und sangen aus ihren Gesangbüchern. – Die Kirche war selbst zu dem armen Mädchen in die enge Kammer hinein gekommen, oder auch sie war dahin gekommen. Sie saß im Stuhle bei den übrigen Leuten des Pfarrers; und als sie den Psalm beendet hatten und aufblickten, nickten sie und sagten: »Das war Recht, daß Du kamst, Karen !« »Das war Gnade!« sagte sie. Die Orgel klang, und die Kinderstimmen im Chore tönten weich und lieblich! Der klare Sonnenschein strömte warm durch das Fenster in den Kirchenstuhl, wo Karen saß, hinein, ihr Herz wurde so voll Sonnenschein, Frieden und Freude, daß es brach; ihre Seele flog auf Sonnenstrahlen zu Gott; und dort war Niemand, der nach den rothen Schuhen fragte. Das stumme Buch. An der Landstraße im Walde lag ein einsames Bauerngehöft, die Straße führte quer durch dessen Hofraum. Die Sonne schien hernieder, alle Fenster waren geöffnet; drinnen im Hause herrschte ein reges Leben; hier im Hofe, in einer Laubhütte von blühendem Flieder, stand ein offener Sarg – den Todten hatte man dahin getragen, diesen Vormittag sollte er begraben werden. Niemand weinte eine Thräne um ihn, sein Gesicht war mit einem weißen Tuche bedeckt, und unter seinem Haupte lag ein großes dickes Buch, dessen Blätter aus ganzen Bogen Löschpapier bestanden, und in jedem Blatte lag eine verwelkte Blume; es war ein Herbarium, an verschiedenen Orten gesammelt; es sollte mit ins Grab, so hatte er's selbst verlangt. An jede Blume knüpfte sich ein Kapitel aus seinem Leben. »Wer ist der Todte?« fragten wir, und man antwortete uns: »Der alte Student! Er soll einst ein flinker Mensch gewesen sein, alte Sprachen getrieben, gesungen und selbst Lieder gedichtet haben, so sagt man; du kam irgend Etwas dazwischen, und darum warf er seine Gedanken und sich selbst auf den Branntwein, und als endlich auch gar seine Gesundheit darauf ging, so kam er zuletzt hier aufs Land heraus, wo Jemand Kost und Logis für ihn bezahlte. Er war fromm wie ein Kind, wenn ihn nur nicht der finstere Sinn überkam; aber dann war er schlimm, und er wurde wie ein Riese und lief wie ein gehetztes Wild im Walde umher; aber wenn wir ihn erst wieder nach Hause kriegten, und ihn dahin brachten, daß er das Buch mit den trockenen Pflanzen öffnete, so saß er oft ganze Tage und blickte bald die, bald jene Pflanze an, und manchmal rollten ihm die Thränen über die Wangen; Gott weiß, was er dabei dachte. – Aber das Buch bat er uns, in den Sarg zu legen, und jetzt liegt er da, und in einer kleinen Weile wird der Deckel zugenagelt, und er wird seine süße Ruhe im Grabe haben!« – Das Leichentuch wurde emporgehoben; es war Friede auf des Todten Antlitz, ein Sonnenstrahl fiel darauf; eine Schwalbe schoß in ihrem pfeilschnellen Fluge in die Laubhütte hinein und kehrte im Fluge um, zwitschernd über dem Haupte des Todten. Welch sonderbares Gefühl ist es doch – wir kennen es gewiß Alle – alte Briefe aus unserer Jugendzeit wieder zu durchblättern; ein neues Leben taucht gleichsam mit allen seinen Hoffnungen und Sorgen empor. Wie viele der Menschen, mit denen wir in jener Zeit innig verkehrten, sind uns jetzt wie gestorben, und doch leben sie noch, aber wir haben ihrer seit lange nicht gedacht, ihrer, an die wir einst immer festzuhalten glaubten, mit denen wir Freud und Leid theilen wollten! Das verwelkte Eichenblatt im Buche hier erinnert an den Freund, den Schulfreund, den Freund für's ganze Leben; er heftete dieses Blatt auf die Studentenmütze, im grünen Walde, als der Bund für dieses Dasein geschlossen wurde; – wo lebt er jetzt? – Das Blatt ist aufgehoben, die Freundschaft zerstoben! Hier ist eine fremde Treibhauspflanze, zu zart für die Garten des Nordens – es ist, als dufteten die Blätter noch! Sie gab sie ihm, das Fräulein aus dem adeligen Garten. Hier ist eine Wasserrose, die er selbst gepflückt und mit salzigen Thränen genetzt hat; – die Rosen der süßen Gewässer. Und hier ist eine Nessel, was sprechen ihre Blätter wohl? Was dachte er wohl, als er sie pflückte, als er sie aufhob? Hier ist ein Maiblümchen aus des Waldes Einsamkeit, hier ist Immergrün aus dem Blumentöpfe der Schenkstube, und hier der nackte scharfe Grashalm. – Der blühende Flieder neigt seinen frischen, duftenden Büschel über das Haupt des Todten, die Schwalbe fliegt wiederum vorüber, »quivit! quivit!« – Jetzt kommen die Männer mit Nägeln und Hammer, der Deckel wird über den Todten gelegt, damit sein Haupt auf dem stummen Buche ruhe; – aufgehoben – zerstoben. Das Kleine Mädchen mit den Schwefelhölzchen. Es war entsetzlich kalt; es schneite und war beinahe dunkel, der letzte Abend des Jahres. In dieser Kälte und Finsterniß ging auf der Straße ein kleines, armes Mädchen mit bloßem Kopfe und nackten Füßen. Als sie das Haus verließ, hatte sie freilich Pantoffeln angehabt; aber was half das? Es waren sehr große Pantoffeln, die ihre Mutter bisher benutzt hatte, so groß waren sie. Die Kleine aber verlor dieselben, als sie über die Straße weg huschte, weil zwei Wagen schrecklich schnell vorüber rollten. Der eine Pantoffel war nicht wieder zu finden, den andern hatte ein Junge erwischt und lief damit fort. Da ging nun das kleine Mädchen mit nackten Füßen, die roth und blau vor Kälte waren. In einer rothen Schürze trug sie eine Menge Schwefelhölzchen und ein Bund davon in der Hand. Niemand hatte ihr den ganzen langen Tag etwas abgekauft, Niemand ihr einen Pfennig geschenkt. Zitternd vor Kälte und Hunger schlich sie einher, ein Bild des Jammers, die arme Kleine! Die Schneeflocken bedeckten ihr langes blondes Haar, welches in schönen Locken um den Hals fiel; aber daran dachte sie nun freilich nicht. Aus allen Fenstern glänzten die Lichter, und es roch herrlich nach Gänsebraten: es war ja Sylvesterabend. Ja daran dachte sie! In einem Winkel, von zwei Häusern gebildet, von denen das eine etwas mehr vorsprang als das andere, setzte sie sich hin und kauerte sich zusammen. Die kleinen Füße hatte sie an sich gezogen; aber es fror sie noch mehr, und nach Hause zu gehen wagte sie nicht; sie hatte ja keine Schwefelhölzchen verkauft und brachte keinen Pfennig Geld mit. Von ihrem Vater würde sie gewiß Schläge bekommen, und zu Hause war es auch kalt; über sich hatten sie nur das Dach, durch welches der Wind pfiff, wenn auch die größten Spalten mit Stroh und Lumpen zugestopft waren. Ihre kleinen Hände waren beinahe vor Kälte erstarrt. Ach! ein Schwefelhölzchen konnte ihr gar wohl thun, wenn sie nur ein einziges aus dem Bunde herausziehen, es an die Wand streichen und sich die Finger erwärmen dürfte. Sie zog eins heraus. Rrscht! wie sprühte, wie brannte es! Es war eine warme, helle Flamme, wie ein Lichtchen, als sie die Hände darüber hielt; es war ein wunderbares Lichtchen! Es schien wirklich dem kleinen Mädchen als säße sie vor einem großen, eisernen Ofen mit polirten Messingfüßen und einem messingenen Aufsatze. Wie brannte das Feuer darin, wie wohlthuend wärmte es! Die Kleine streckte schon die Füße aus, um auch diese zu wärmen: – doch – da erlosch das Flämmchen, der Ofen verschwand, sie hatte nur die kleinen Ueberreste des abgebrannten Schwefelhölzchens in der Hand. Ein zweites wurde an der Wand abgestrichen; es leuchtete, und wo der Schein auf die Mauer fiel, wurde diese durchsichtig wie ein Schleier: sie konnte in das Zimmer hineinsehen. Auf dem Tische war ein weißes Tischtuch ausgebreitet, darauf stand glänzendes Porzellangeschirr, und herrlich dampfte die gebratene Gans, mit Aepfeln und getrockneten Pflaumen gefüllt. Und was noch prächtiger anzusehen war, die Gans hüpfte von der Schüssel herunter und wackelte auf dem Fußboden, Messer und Gabel in der Brust, bis zu dem armen Mädchen hin. Da erlosch das Schwefelhölzchen, und es blieb nur die dicke, feuchtkalte Mauer zurück. Sie zündete noch ein Hölzchen an. Da saß sie nun unter dem herrlichen Christbaume; er war noch größer und geputzter als der, den sie durch die Glasthüre bei dem reichen Kaufmanne gesehen hatte. Tausende von Lichtern brannten auf den grünen Zweigen, und bunte Bilder, wie sie an Schaufenstern zu sehen waren, blickten auf sie herab. Die Kleine streckte ihre Hände danach aus: da erlosch das Schwefelhölzchen. Die Weihnachtslichter stiegen höher: sie sah sie jetzt als Sterne am Himmel; einer davon fiel herunter und bildete einen langen Feuerstreifen. »Jetzt stirbt Jemand!« dachte das kleine Mädchen, denn ihre alte Großmutter, die Einzige, die sie lieb gehabt hatte, und die jetzt gestorben war, hatte ihr erzählt, daß, wenn ein Stern herunterfällt, eine Seele zu Gott emporsteigt. Sie strich wieder ein Hölzchen an der Mauer ab, es wurde wieder hell, und in dem Gange stand die alte Großmutter klar und schimmernd, gar mild und liebevoll. »Großmutter!« rief die Kleine. »O! nimm mich mit! Ich weiß, Du entfernst Dich, wenn das Schwefelhölzchen erlischt; Du verschwindest wie der warme Ofen, wie der herrliche Gänsebraten und der große, prächtige Weihnachtsbaum!« Und sie strich schnell das ganze Bund Schwefelhölzchen ab, denn sie wollte die Großmutter recht fest halten. – Und die Schwefelhölzchen leuchteten mit einem solchen Glänze, daß es heller wurde als mitten am Tage; die Großmutter war früher nie so schön, so groß gewesen; sie nahm das kleine Mädchen auf ihre Arme, und Beide flogen in Glanz und Freude hoch über die Erde, unendlich hoch; und dort oben war weder Kälte, noch Hunger, noch Angst – sie waren bei Gott. Aber im Winkel an die Mauer gelehnt, saß in der kalten Morgenstunde das arme Mädchen mit rothen Backen und mit lächelndem Munde – erfroren an des alten Jahres letztem Abend. Die Neujahrssonne ging auf über der kleinen Leiche, Starr saß das Kind dort mit den Schwefelhölzchen, von denen ein Bund abgebrannt war. »Sie hat sich erwärmen wollen!« sagte man. Niemand ahnte, was sie Schönes gesehen hatte, in welchem Glänze sie mit der Großmutter zur Neujahrsfreude eingegangen war. Der Springer. Der Floh , die Heuschrecke und der Hüpfauf Ein Kinderspielzeug aus einem fleischlosen Gänsebrustknochen, nach Art der hölzernen Springfrösche gemacht. wollten einmal sehen, wer von ihnen am Höchsten springen könnte; da luden sie die ganze Welt ein und wer sonst noch kommen, wollte, die Pracht mit anzusehen. Es waren drei tüchtige Springer, die sich im Zimmer versammelten. »Ich gebe meine Tochter Dem, der am Höchsten springt!« sagte der König. »Denn es wäre zu geizig, wenn diese Personen umsonst springen sollten.« Der Floh kam zuerst vor; er hatte gar niedliche Manieren und grüßte nach allen Seiten, denn er hatte Fräuleinblut in den Adern und war gewohnt, nur mit Menschen umzugehen; und das machte sehr viel aus. Dann kam die Heuschrecke ; diese war freilich bedeutend schwerer; aber sie hatte doch eine hübsche Figur und trug grüne Uniform, welche ihr angeboren war. Ueberdies behauptete diese Person, daß sie im Lande Aegypten einer sehr alten Familie angehöre, und daß sie dort hochgeschätzt werde. Sie sei vom Felde genommen und in ein Kartenhaus von drei Etagen gesetzt worden, alle aus Kartenfiguren, deren bunte Seite nach innen gekehrt zusammengeklebt. Da seien sowohl Thüren als Fenster, und zwar im Leibe der Coeurdame ausgeschnitten. »Ich singe so,« sagte sie, »daß sechzehn eingeborne Heimchen, die von Klein auf gepfiffen und doch kein Kartenhaus erhalten hatten, sich noch dünner ärgerten, als sie schon waren, da sie mich hörten!« Alle beide, der Floh und die Heuschrecke , thaten gehörig kund, wer sie waren, und daß sie glaubten, eine Prinzessin heirathen zu können. Der Hüpfauf sagte nichts; aber man erzählte von ihm, daß er desto mehr dächte; und als der Hofhund ihn blos beschnüffelt hatte, haftete er dafür, daß der Hüpfauf von guter Familie und von dem Brustknochen einer echten Gans gemacht sei. Der alte Rathsherr, der drei Orden für das Stillschweigen erhalten hatte, versicherte, daß der Hüpfauf mit Weissagungskraft begabt wäre; man könnte an seinem Knochen erkennen, ob man einen milden oder einen strengen Winter bekäme; und das kann man nicht einmal aus dem Brustknochen Desjenigen ersehen, der den Kalender schreibt. »Ich sage nun nichts mehr!« sagte der alte König, »ich gehe nur immer still hin und denke mir das Beste!« Nun war es um den Sprung zu thun. Der Floh sprang so hoch, daß Niemand es sehen konnte; da behaupteten sie, daß er gar nicht gesprungen wäre. Das war doch nichtswürdig! Die Heuschrecke sprang nur halb so hoch, aber sie sprang dem Könige ins Gesicht, und dieser sagte, das wäre abscheulich. Der Hüpfauf stand lange still und bedachte sich; am Ende glaubte man, daß er nicht springen könne. »Wenn ihm nur nicht unwohl geworden ist!« sagte der Hofhund, und dann beschnüffelte er ihn wieder. Rutsch! da sprang er mit einem kleinen schiefen Sprunge hin in den Schoos der Prinzessin, welche niedrig auf einem goldenen Schemel saß. Da sagte der König: »Der höchste Sprung ist der, zu meiner Tochter hinaufzuspringen, denn darin liegt das Feine. Aber es gehört Kopf dazu, darauf zu kommen. Und der Hüpfauf hat gezeigt, daß er Kopf hat.« Und deshalb erhielt er die Prinzessin. »Ich sprang doch am Höchsten!« sagte der Floh . »Aber es ist einerlei! Laß sie nur den Gänseknochen mit Stock und Pech haben. Ich sprang doch am Höchsten! Allein es gehört in dieser Welt ein Körper dazu, damit man gesehen werden kann.« Und darauf ging der Floh in fremde Kriegsdienste, wo er, wie man sagt, erschlagen worden sein soll. Die Heuschrecke setzte sich draußen in den Graben und dachte darüber nach, wie es eigentlich in der Welt zugehe. Und sie sagte auch: »Körper gehört dazu! Körper gehört dazu!« Und dann sang sie ihr eigenes, trübseliges Lied, und daraus haben wir die Geschichte entlehnt, die trotzdem wohl erlogen sein könnte, wenn sie auch gedruckt ist. Der fliegende Koffer. Es war einmal ein Kaufmann, der war so reich, daß er die ganze Straße und fast noch eine kleine Gasse dazu mit Silbergeld pflastern konnte; aber das that er nicht: er wußte sein Geld anders anzuwenden. Gab er einen Schilling aus, so bekam er einen Thaler wieder; ein so guter Kaufmann war er – bis er starb. Der Sohn bekam nun all dieses Geld. Lebte lustig, ging jede Nacht zur Maskerade, machte Papierdrachen aus Thalerscheinen und warf Fitschen auf der See mit Goldstücken, anstatt mit Steinen. Auf diese Weise konnte das Geld schon zu Ende gehen, und das that es. Zuletzt besaß er nicht mehr, als vier Schillinge, und hatte keine andern Kleider, als ein Paar Pantoffeln und einen alten Schlafrock. Nun kümmerten sich seine Freunde nicht mehr um ihn, da sie ja nicht zusammen auf die Straße gehen konnten; aber einer von ihnen, der gutmüthig war, sandte ihm einen alten Koffer, mit der Bemerkung: »Packe ein!« Ja, das war nun recht schön, aber er hatte nichts einzupacken; darum setzte er sich selbst in den Koffer. Das war ein merkwürdiger Koffer, Sobald man an das Schloß drückte, konnte der Koffer fliegen. Er drückte und wips! flog er mit ihm durch den Schornstein hoch über die Wolken hinauf, weiter und weiter fort. So oft aber der Boden ein wenig knackte, war er gar sehr in Angst, daß der Koffer in Stücke gehen könnte; alsdann hätte er einen tüchtigen Purzelbaum gemacht. – Gott bewahre uns! Auf solche Weise kam er nach dem Lande der Türken. Den Koffer verbarg er im Walde unter den dürren Blättern und ging dann in die Stadt hinein. Das konnte er auch gut, denn bei den Türken gingen ja Alle so wie er: in Schlafrock und Pantoffeln. Da begegnete er einer Amme mit einem kleinen Kinde. »Höre, Du Türkenamme,« sagte er, »was ist das für ein großes Schloß hier dicht bei der Stadt, wo die Fenster so hoch oben sind?« »Da wohnt die Tochter des Sultans!« erwiderte sie. »Es ist prophezeit, daß sie über einen Geliebten sehr unglücklich werden würde, und deshalb darf Niemand zu ihr kommen, wenn nicht der Sultan und die Sultanin dabei sind!« »Ich danke!« sagte der Kaufmannssohn, und ging hinaus in den Wald, setzte sich in seinen Koffer, flog auf das Dach und kroch durch das Fenster zur Prinzessin hinein. Sie lag auf dem Sopha und schlief; sie war so schön, daß der Kaufmannssohn sie küssen mußte. Da erwachte sie und erschrak gewaltig; aber er sagte, er sei der Türkengott, der durch die Luft zu ihr herab gekommen wäre, und das gefiel ihr. Sie setzten sich nebeneinander, und er erzählte ihr Geschichtchen von ihren Augen: das wären die herrlichsten, dunklen Seen, da schwämmen die Gedanken gleich Meerweibchen drin. Und er erzählte von ihrer Stirn: die wäre ein Schneeberg mit den prächtigsten Sälen und Bildern. Ja das waren schöne Geschichten! Dann freiete er um die Prinzessin, und sie sagte gleich ja! »Aber Sie müssen den Sonnabend herkommen!« sagte sie. »Da sind der Sultan und die Sultanin bei mir zum Thee! Sie werden sehr stolz darauf sein, daß ich den Türkengott bekomme. Aber sehen Sie zu, daß Sie ein recht hübsches Märchen wissen, denn das lieben meine Eltern außerordentlich. Meine Mutter will es moralisch und vornehm, und mein Vater belustigend haben, so daß man lachen kann!« »Ja, ich bringe keine andere Morgengabe, als ein Märchen!« sagte er, und so schieden sie. Aber die Prinzessin gab ihm einen Säbel, der war mit Goldstücken besetzt, die konnte er gebrauchen. Nun flog er fort, kaufte sich einen neuen Schlafrock und saß dann draußen im Walde und dichtete ein Märchen: das füllte bis zum Sonnabend fertig sein, und das ist doch nicht leicht. Als er damit fertig wurde, war es Sonnabend. Der Sultan, die Sultanin und der ganze Hof waren zum Thee bei der Prinzessin. Er wurde sehr gnädig empfangen! »Wollen Sie uns ein Märchen erzählen?« sagte die Sultanin, »eins, das tiefsinnig und belehrend ist?« »Aber worüber man doch lachen kann!« sagte der Sultan. »Ja wohl!« erwiderte er und erzählte. Und nun gut aufgepaßt! »Es war einmal ein Bund Schwefelhölzchen, die waren sehr stolz auf ihre hohe Herkunft! Ihr Stammbaum, das heißt die große Fichte, von der ein jedes von ihnen ein kleines Hölzchen war, hatte als großer, alter Baum im Walde gestanden. Die Schwefelhölzchen lagen nun in der Mitte zwischen einem Feuerzeuge und einem alten, eisernen Topfe, und diese erzählten von ihrer Jugend. »Ja, als wir auf den grünen Zweigen waren,« sagten sie, »da waren wir wirklich auf den grünen Zweigen! Jeden Morgen und Abend gab es Diamantthee, das war der Thau; den ganzen Tag hatten wir Sonnenschein, wenn die Sonne schien, und die kleinen Vögel mußten Geschichten erzählen. Wir konnten wohl merken, daß wir auch reich waren, denn die Laubbäume waren nur im Sommer bekleidet, aber unsere Familie hatte Mittel zu grünen Kleidern sowohl im Sommer, wie im Winter. Doch da kam der Holzhauer, das war die große Revolution, und unsere Familie wurde zersplittert. Der Stammherr erhielt eine Stelle als Hauptmast auf einem prächtigen Schiffe, welches die Welt umsegeln konnte, wenn es wollte; die andern Zweige kamen nach andern Orten und wir haben nun das Amt, der niedrigen Menge das Licht anzuzünden. Deshalb sind wir vornehme Leute hierher in die Küche gekommen.« »Mein Schicksal gestaltete sich auf eine andere Weise!« sagte der eiserne Topf, neben welchem die Schwefelhölzchen lagen. »Von Anfang an, seit ich in die Welt kam, ist in mir viele Mal gescheuert und viele Male gekocht! Ich sorge für das Solide und bin der Erste hier im Hause. Meine einzige Freude ist, nach Tisch recht rein und nett an meinem Platze zu liegen und ein vernünftiges Gespräch mit meinen Kameraden zu führen. Doch wenn ich den Wassereimer ausnehme, der hin und wieder einmal in den Hof hinunter kommt, so leben wir immer innerhalb unserer vier Wände. Unser einziger Neuigkeitsbote ist der Marktkorb, aber der spricht sehr unruhig über die Regierung und das Volk; ja, neulich war da ein alter Topf, der vor Schreck darüber niederfiel und in Stücke zersprang. Der ist liberal, sage ich Euch!« – »Nun sprichst Du zu viel!« fiel das Feuer ein, und der Stahl schlug gegen den Feuerstein, daß er sprühte. »Wollen wir uns nicht einen lustigen Abend machen?« »Ja, laßt uns davon sprechen, wer der Vornehmste ist!« sagten die Schwefelhölzchen. »Nein, ich liebe es nicht, von mir selbst zu reden,« wendete der Topf ein. »Laßt uns eine Abendunterhaltung veranstalten! Ich will anfangen und eine Geschichte aus dem Leben, so Etwas, was Jeder erlebt hat, erzählen, da kann man sich leicht hineinversetzen und hat auch Freude daran. An der Ostsee bei den dänischen Buchen –« »Das ist ein hübscher Anfang!« sagten alle Teller. »Das wird eine Geschichte werden, die uns gefällt.« »Ja, da verlebte ich meine Jugend bei einer stillen Familie; die Möbel wurden gebohnt, der Fußboden gescheuert, und alle vierzehn Tage wurden reine Gardinen aufgehängt!« »Wie Sie doch interessant erzählen!« sagte der Kehrbesen. »Man kann gleich hören, daß ein Mann erzählt, der viel mit Frauen in Berührung gekommen ist; es geht so etwas Reines hindurch!« »Ja, das fühlt man!« sagte der Wassereimer und machte vor Freuden einen kleinen Sprung, so daß es auf dem Fußboden platschte. Und der Topf fuhr fort, zu erzählen und das Ende war eben so gut, wie der Anfang. Alle Teller klapperten vor Freude, und der Kehrbesen zog grüne Petersilie aus dem Sandloche und bekränzte den Topf, denn er wußte, daß es die Andern ärgern würde. »Bekränze ich ihn heute,« dachte er, »so bekränzt er mich morgen.« »Nun will ich tanzen!« sagte die Feuerzange und tanzte. Gott bewahre uns, wie konnte sie das eine Bein in die Höhe strecken! Der alte Stuhlüberzug dort im Winkel platzte, als er es sah! »Werde ich nun auch bekränzt?« fragte die Feuerzange, und sie wurde es. »Das ist doch nur Pöbel!« dachten die Schwefelhölzchen. Nun sollte die Theemaschine singen; aber die sagte, sie habe sich erkältet, sie könne nicht singen, wenn es nicht in ihr koche. Allein das war blos Vornehmthuerei: sie wollte nicht singen, wenn sie nicht drinnen bei der Herrschaft auf dem Tische stand. Im Fenster stak eine alte Gänsefeder, mit der das Mädchen zu schreiben pflegte. Es war nichts Bemerkenswerthes an ihr; außer daß sie gar zu tief in die Tinte getaucht worden. Aber darauf war sie stolz. »Will die Theemaschine nicht singen,« sagte sie, »so kann sie es bleiben lassen! Draußen hängt eine Nachtigall im Käfig, die kann singen. Die hat zwar nichts gelernt, aber das wollen wir diesen Abend dahin gestellt sein lassen!« »Ich finde es höchst unpassend, sagte der Theekessel, – er war Küchensänger und Halbbruder der Theemaschine, – »daß ein solcher fremder Vogel gehört werden soll!« Ist das patriotisch? Der Marktkorb mag darüber entscheiden!« »Ich ärgere mich nur!« sagte der Marktkorb; »ich ärgere mich innerlich so sehr, wie Niemand es sich denken kann! Ist das eine passende Art, den Abend hinzubringen? Würde es nicht vernünftiger sein, das Haus zurecht zu setzen? Ein Jeder müßte auf seinen Platz kommen, und ich würde das Spiel leiten. Das würde etwas Anderes werden!« »Ja, laßt uns Spectakel machen!« sagten Alle. Da ging die Thüre auf. Das Dienstmädchen kam, da standen sie still. Keiner muckste! Aber da war nicht ein einziger Topf, der nicht gewußt hatte, was er zu thun vermöge und wie vornehm er sei. »Ja, wenn ich gewollt hätte,« dachte Jeder, »so hätte es ein recht lustiger Abend werden sollen!« Das Dienstmädchen nahm die Schwefelhölzchen und machte Feuer damit an. – Gott bewahre uns, wie die sprühten und in Flammen geriethen! »Nun kann doch Jeder sehen,« dachten sie, »daß wir die Ersten sind! Welchen Glanz haben wir! Welches Licht!« – Und damit waren sie verbrannt. »Das war ein herrliches Märchen!« sagte die Sultanin. »Ich fühle mich ganz und gar in die Küche versetzt zu den Schwefelhölzchen. Ja, nun sollst Du unsere Tochter haben.« »Ja, wohl!« sagte der Sultan; »Du sollst unsere Tochter den Montag haben!« Denn nun sagten sie »Du« zu ihm, da er zur Familie gehören sollte. Die Hochzeit wurde bestimmt, und am Abend vorher die ganze Stadt illuminirt. Zwieback und Brezeln wurden unter das Volk geworfen; die Straßenbuben standen auf den Zehen, riefen Hurrah und pfiffen auf den Fingern; es war außerordentlich prachtvoll. »Ja, ich werde wohl auch Etwas zum Besten geben müssen!« dachte der Kaufmannssohn. Und so kaufte er Raketen, Knallerbsen und alles Feuerwerk, was man nur erdenken kann, legte es in seinen Koffer und flog damit in die Luft. Rutsch, wie das ging und wie das puffte! Alle Türken hüpften dabei in die Höhe, daß ihnen die Pantoffeln um die Ohren flogen; eine solche Lufterscheinung hatten sie noch nie gesehen. Nun konnten sie begreifen, daß es der Türkengott selbst war, der die Prinzessin haben sollte. Sobald der Kaufmannssohn wieder mit seinem Koffer herunter in den Wald kam, dachte er: »Ich will doch in die Stadt hinein gehen, um zu erfahren, wie es sich ausgenommen hat!« Und es war natürlich, daß er Lust dazu hatte. Nein, was doch die Leute erzählten! Ein Jeder, den er darnach fragte, hatte es auf seine Weise gesehen; aber schön hatten es Alle gefunden. »Ich sah den Türkengott selbst,« sagte der Eine. »Er hatte Augen wie glänzende Sterne, und einen Bart, wie schäumende Wasser!« »Er flog in einem Feuermantel,« sagte ein Anderer. »Die lieblichsten Engelskinder blickten aus den Falten hervor!« Ja, das waren herrliche Sachen, die er hörte, und am folgenden Tage sollte er Hochzeit machen. Nun ging er in den Wald zurück, um sich in seinen Koffer zu setzen – aber wo war der geblieben? Der Koffer war verbrannt. Ein Funken des Feuerwerks war zurückgeblieben, der hatte Feuer gefangen, und der Koffer lag in Asche. Er konnte nicht mehr fliegen, nicht mehr zu seiner Braut gelangen. Sie stand den ganzen Tag auf dem Dache und wartete; sie wartet wahrscheinlich noch. Er aber durchwandert die Welt und erzählt Märchen, doch sind sie nicht mehr so lustig, wie das, welches er von den Schwefelhölzchen erzählte. Eine Geschichte. Im Garten blühten alle Apfelbäume, sie hatten sich gesputet, Blumen zu treiben, ehe sie grüne Blatter bekamen; und im Hofe gingen alle Entlein spazieren, und auch die Katze; sie sonnte sich und leckte den Sonnenschein von ihrer eigenen Pfote: und schaute man über die Felder hin, wie stand dort das Korn und wie prangte es herrlich grün sonder Gleichen und es war ein Zwitschern und Schwirren von allen kleinen Vögeln, als sei es ein großes Fest, und das war es auch, denn es war Sonntag: Die Glocken lauteten und alle Leute gingen geputzt und in ihren besten Kleidern zur Kirche und sahen vergnügt aus; ja, an Allem war etwas Vergnügtes; es war ein Tag, so warm und gesegnet, daß man wohl sagen konnte: Der liebe Gott ist überaus beispiellos mit uns Menschen! Aber drinnen in der Kirche stand der Pfarrer auf der Kanzel und sprach sehr laut und zornig, er sagte, die Menschen seien alle gottlos, Gott würde sie deshalb strafen, und wenn sie stürben, kamen die Bösen alle in die Hölle, um ewig zu brennen. – Er eiferte, – »daß ihr Wurm nicht sterben und ihr Feuer nie verlöschen würde, daß sie niemals wieder Ruhe und Rast finden sollten!« Das war furchtbar zu hören, und er sagte es mit einer solchen Ueberzeugung; er beschrieb ihnen die Hölle als eine verpestete Höhle, wo aller Unrath der ganzen Welt zusammenfließt; – dort sei keine andere Luft, als die heiße brennende Schwefelflamme, kein Grund und Boden sei dort, sie – die Bösen – sänken und sänken immer tiefer und tiefer bei einem ewigen Schweigen! – Es war schon furchtbar, davon zu hören, denn der Prediger sprach es aus vollem Herzen und alle Leute in der Kirche waren entsetzt davon. – Draußen sangen indeß alle Vögel gar vergnügt, und die Sonne schien schön warm, es war, als sagte jedes Blümchen: Gott, Du bist beispiellos gut gegen uns Alle. – Ja, draußen war es gar nicht, wie der Pfarrer predigte. Denselben Abend beim Schlafengehen erblickte der Pfarrer seine Frau, wie sie sinnend und gedankenvoll da saß. »Was fehlt Dir?« – fragte er sie. »Ja, was mir fehlt!« – sagte sie – »mir fehlt, daß ich meine Gedanken nicht recht zu sammeln vermag, daß ich Das, was Du heute in der Kirche sprachst, nicht recht fassen kann, »»daß es so viel gottlose Menschen gäbe, und daß sie ewig brennen sollten!«« Ewig, ach, wie lange! – Ich bin nur ein Mensch, eine Sünderin vor Gott, aber ich könnte es nicht über mein Herz gewinnen, selbst den ärgsten Sünder ewig brennen zu lassen, und wie sollte es denn der liebe Gott können, der so unendlich gut ist, und der da weiß, wie das Böse von Außen und von Innen kommt. Nein, ich kann es mir nimmer denken, obgleich Du es sagst!«     Es war Herbst, die Bäume entblätterten sich, der ernste, strenge Pfarrer saß am Lager eines Sterbenden: eine fromme, gläubige Seele schloß die Augen: die Frau des Pfarrers. ... »Wenn Jemand Ruhe im Grabe und Gnade vor seinem Gotte findet, so bist Du es!« sagte der Pfarrer; er faltete ihre Hände und las einen Psalm für die Todte. Man trug sie zu Grabe; zwei große Zähren rollten über die Wangen des ernsten Mannes, und im Pfarrhause war es still und leer, die Sonne des Hauses war erloschen, sie war heimgegangen. Es war Nacht, ein kalter Wind strich über das Haupt des Pfarrers, er schlug die Augen auf, und es war ihm, als scheine der Mund in sein Zimmer hinein, aber der Mond schien nicht. Eine Gestalt war es, die vor seinem Bette stand, er sah den Geist seiner verstorbenen Frau; sie blickte ihn so innig betrübt an, es war, als wollte sie ihm etwas sagen. Der Pfarrer erhob sich bald im Bette, streckte die Arme gegen sie aus: »Auch Dir ist nicht die ewige Ruhe vergönnt! Du leidest, Du die Beste, die Frömmste?« Die Todte beugte ihren Kopf zum Ja und legte die Hand auf die Brust. »Und vermag ich Dir die Ruhe im Grabe zu verschaffen?« »Ja!« war die Antwort. »Und wie?« »Gieb mir ein Haar, nur ein einziges Haar vom Kopfe des Sünders, dessen Feuer nimmer erlöschen wird, des Sünders, den Gott zu ewiger Pein in die Hölle verstoßen wird.« »Ja, so leicht mußt Du erlöst werden können, Du Reine, Fromme!« – sagte er. »So folge mir!« – sagte die Todte – »es ist uns so vergönnt. An meiner Seite schwebst Du, wohin Deine Gedanken wollen; den Menschen unsichtbar dringen wir in ihre geheimsten Gemächer, – aber mit sicherer Hand mußt Du Denjenigen ausfindig machen, der zu ewiger Qual auserlesen ist, und vor dem Hahnenschrei muß er gefunden sein!« – Schnell, wie von den beflügelten Gedanken getragen, befanden sie sich in der großen Stadt, und von den Mauern und Wänden der Häuser leuchteten ihnen in Flammenschrift die Namen der Todsünden entgegen: Hochmuth, Geiz, Trunksucht, Wollust, kurz, der ganze siebenfarbige Bogen der Sünde. »Ja, da drinnen, wie ich es wohl glaubte, wie ich es wußte,« – sagte der Pastor – »hausen Die, die dem, ewigen Feuer anheimgefallen sind!« – Und sie standen vor dem prächtig erhellten Portal, die breiten Treppen prangten mit Teppichen und Blumen, und durch die festlichen Säle brauste die Tanzmusik. Der Schweizer in Seide und Sammt stand mit seinem großen silberbeschlagenen Stabe am Eingänge. »Unser Ball kann sich mit dem des Königs messen!« – sagte er, und wandte sich verächtlich an die gaffende Menge auf der Straße; was er dachte, leuchtete sattsam aus seinen Mienen und Bewegungen hervor: »Lumpengesindel, das da hereinguckt, gegen mich seid ihr insgesammt Canaille!« »Hochmuth!« – sagte die Todte – »siehst Du ihn?« »Den da?« – erwiderte der Pfarrer. – »Er ist ja nur ein armer Thor, ein Narr, und nicht dem ewigen Feuer der Qual verfallen!« »Nur ein Narr!« – tönte es durch das ganze Haus des Hochmuths; das waren sie dort Alle. Sie schwebten bis innerhalb der vier nackten Wände des Geizigen. Mager wie ein Gerippe, vor Kälte zitternd, hungrig, klammert sich der Greis mit allen seinen Gedanken an sein Geld an; sie sahen ihn fieberhaft von seinem elenden Lager emporspringen, einen losen Stein aus der Mauer herausnehmen, da lagen Goldmünzen in einem allen Strumpfe; sahen ihn seinen zerlumpten Rock ängstlich betasten, worin die Goldstücke eingenäht waren, und seine feuchten Finger zitterten! »Der ist krank! Das ist Wahnsinn, ein freudenloser Wahnsinn, von Angst und bösen Träumen umlagert!« Sie entfernten sich schnell und traten vor die Pritschen der Verbrecher; in langen Reihen schliefen die Unglücklichen neben einander. Wie ein wildes Thier fuhr Einer aus dem Schlafe auf und stieß einen abscheulichen Schrei aus, er versetzte seinem Cameraden einen derben Rippenstoß mit seinem spitzen Ellnbogen und dieser wandte sich schläfrig um: »Halt's Maul, Unmensch, und schlafe! – Das ist hier jede Nacht –!« »Jede Nacht!« – – –« – wiederholte der Andere – »ja, jede Nacht kommt er und quält mich! – – In meiner Heftigkeit habe ich Dies und Jenes gethan, mit einem bösen Sinne bin ich geboren, der hat mich zum zweiten Male hier hereingebracht; aber habe ich Unrecht gethan, so leide ich ja meine Strafe. – Eins habe ich jedoch nicht gestanden. Als ich letzthin herauskam und am Hofe meines früheren Herrn vorüberging, so kochte es hier Innen, weil mir Dies und Jenes einfiel – – und ich strich ein Schwefelholz so ein Bischen an der Mauer an; das mag dem Strohdache ein wenig zu nahe gekommen sein, Alles brannte nieder, die Hitze kam darüber, wie sie manchmal über mich kommt. Ich selbst half retten, Vieh und Sachen! Nichts Lebendiges verbrannte, als ein Flug Tauben, der ins Feuer flog, und der Kettenhund, an den hatte ich nicht gedacht. Man hörte ihn aus dem Feuer herausheulen, und – – dieses Heulen höre ich noch immer, wenn ich schlafen will, und wenn ich eingeschlafen, so kommt der Hund, groß und rauh, und legt sich auf mich, und heult, und drückt mich, und quält mich! – – So hör' doch, was ich Dir erzähle! Schnarchen kannst Du, die ganze Nacht schnarchst Du, aber ich kaum eine kurze Viertelstunde!« – Und das Blut trat dem hitzigen Gefangenen in die Augen, er warf sich über seinen Cameraden und schlug ihn mit geballter Faust ins Gesicht. »Der böse Matz ist wieder mal toll geworden!« hieß es jetzt in der Runde, und die andern Verbrecher faßten ihn, rangen mit ihm, schlossen ihn krumm, daß der Kopf zwischen den Knieen saß, und dort banden sie denselben fest, daß das Blut dem Matz fast aus den Augen und aus allen Poren quoll. »Ihr tödtet ihn, den Unglücklichen!« – rief der Pfarrer, und indem er schützend seine Hand über Denjenigen ausstreckte, der bereits zu sehr büßte, wechselte die Scene. Sie flogen durch reiche Säle und arme Stübchen; Wollust und Neid, alle Todsünden schritten an ihnen vorüber; ein Engel des Strafgerichts las ihre Schuld, ihre Vertheidigung; diese war zwar keine glänzende, aber sie wurde Gott gegenüber geführt, dem Gott, der in dem Herzen liest, der Alles insgesammt weiß und kennt, das Böse, das von Innen und von Außen kommt, dem Gott, der die Gnade und die Liebe selbst ist. – Die Hand des Pfarrers zitterte, er wagte sie nicht auszustrecken, er getraute sich nicht, dem Haupte des Sünders ein Haar auszuziehen. – Und die Thränen quollen ihm aus den Augen wie ein Strom der Gnade und Liebe, dessen kühlende Gewässer das ewige Feuer der Hölle löschen. Da krähte der Hahn. »Allerbarmender Gott! Gieb Du ihr den Frieden, den ich nicht einzulösen vermochte!« »Den habe ich jetzt!« – sagte die Todte. – »Es war Dein hartes Wort, Deine Verzweiflung an der Menschheit, Dein finsterer Glaube an Gott und seine Schöpfung, der mich zu Dir trieb! Lerne die Menschen kennen! Selbst in den Bösen lebt ein Theil von Gott, ein solcher, der die Flamme der Hölle löscht und besiegt!«     Der Prediger fühlte einen Kuß auf seinen Lippen, es leuchtete ein Schimmer um ihn; die klare Sonne Gottes strahlte ins Zimmer herein, wo sein Weib, lebend, mild und voller Liebe, ihn aus einem Traume erweckte, der ihm von Gott gesandt war! Die alte Straßenlaterne. Hast Du je die Geschichte von der alten Straßenlaterne gehört? Außerordentlich amüsant ist sie zwar nicht, jedoch einmal läßt sie sich anhören. Es war eine recht ehrliche, alte Laterne, die viele, viele Jahre hindurch ihren Dienst versehen hatte, jetzt aber in Ruhestand versetzt werden sollte. Zum letzten Male stak sie auf dem Pfahle und leuchtete durch die Straße. Es war ihr zu Muthe wie einer alten Balletfigurantin, die zum letzten Male tanzt und morgen vergessen auf ihrer Bodenkammer sitzt. Die Laterne hatte gar große Angst wegen des andern Tages, denn sie wußte, daß sie zum ersten Male auf dem Rathhause erscheinen und vom Bürgermeister und Rath besichtigt werden sollte, ob sie noch zu fernerem Dienste brauchbar sei oder nicht. Da sollte nun beschlossen werden, ob sie künftig ihr Licht für die Bewohner einer der Vorstädte müßte leuchten lassen, oder auf dem Lande in irgend einer Fabrik; vielleicht ging ihr Weg geradezu in eine Eisengießerei, um umgegossen zu werden. In diesem Falle konnte freilich Alles aus ihr werden, aber der Gedanke, ob sie dann wohl die Erinnerung daran behalten würde, daß sie früher Straßenlaterne gewesen, peinigte sie schrecklich. Wie es ihr auch gehen mochte: so viel ist gewiß, daß sie vom Nachtwächter und seiner Frau, die sie wie zu ihrer Familie gehörig betrachteten, getrennt werden würde. Als die Laterne zum ersten Male aufgehängt wurde, war der Nachtwächter ein junger, rüstiger Mann; es geschah, als er eben zu derselben Stunde sein Amt antrat. Ja! das war freilich lange her, daß sie Laterne und er Nachtwächter wurde. Die Frau war damals ein wenig stolz. Nur wenn sie Abends vorbeiging, würdigte sie die Laterne eines Blickes, am Tage nie. Jetzt aber, in den letzten Jahren, wo sie alle Drei, der Wächter, die Frau und die Laterne, alt geworden, hatte die Frau auch sie gepflegt, geputzt und mit Oel versehen. Grundehrlich waren die beiden Eheleute; nie hatten sie die Lampe nur um einen Tropfen des ihr bestimmten Oels betrogen. Es war ihr letzter Abend auf der Straße und morgen sollte sie auf's Rathhaus: das waren zwei finstere Gedanken! Kein Wunder, daß sie nicht schön brannte. Aber auch viele andere Gedanken durchkreuzten sie. Zu wie Vielem hatte sie ihr Licht geliehen, wie Vieles hatte sie gesehen, vielleicht eben so viel, wie Bürgermeister und Rath. Allein diese Gedanken ließ sie nicht laut werden, denn sie war eine gute, ehrliche, alte Laterne, die Niemandem etwas zu Leide thun mochte, am allerwenigsten der Obrigkeit. Gar Vieles fiel ihr ein und mitunter flackerte ihre Flamme auf. Sie hatte in solchen Augenblicken ein Gefühl, daß man sich auch ihrer erinnern würde. »Da war damals der junge, hübsche Mann – es ist freilich lange her – der hatte ein Briefchen auf rosarothem Papier mit Goldrand. Es war so zierlich geschrieben, wie von einer Damenhand. Zweimal las er es und küßte es und blickte empor zu mir mit Augen, die deutlich aussprachen: »»Ich bin der glücklichste der Menschen!«« Nur er und ich wußten, was in diesem ersten Briefe seine Geliebten geschrieben stand. Ja! auch noch eines Augenpaares erinnere ich mich. Es ist doch etwas Wunderbares um die Gedankensprünge! In der Straße war ein Leichenbegängniß; die junge, schöne Frau ruhte auf dem vornehmsten Leichenwagen in dem mit Blumen und Kränzen bedeckten Sarge; die vielen Fackeln verdunkelten mein Licht. Längs der Häuser standen die Menschen gedrängt; sie zogen alle dem Leichenzuge nach. Als aber die Fackeln mir aus dem Gesicht waren und ich umher blickte, stand eine einzige Person noch an meinen Pfahl gelehnt und weinte. Nie vergesse ich das trauernde Augenpaar, das zu mir aufblickte!« Diese und ähnliche Gedanken beschäftigten die alte Straßenlaterne, die heute zum letzten Male leuchtete. Die Schildwache, die von ihrem Posten abgelöst wird, kennt doch wenigstens ihren Nachfolger und darf ihm einige Worte zuflüstern: die Laterne kannte den ihrigen nicht, und sie hatte ihm doch einige nützliche Winke in Bezug auf Regen und Nebel geben, ihn in Kenntniß setzen können, wie weit die Strahlen des Mondes das Trottoir berührten, von welcher Seite der Wind gewöhnlich blase und Anderes mehr. Auf der Rinnsteinbrücke standen drei Personen, die sich der Laterne vorstellen wollten, weil sie glaubten, daß diese selbst das Amt zu vergeben habe. Die erste Person war ein Häringskopf, der im Finstern auch leuchten konnte. Er meinte, es sei eine große Oelersparniß, wenn er auf den Pfahl gesteckt würde. Nummer Zwei war ein Stück faules Holz, welches auch schimmert. Es sei, meinte es, aus einem alten Stamm, einst die Zierde des Waldes, entsprossen. Die dritte Person war ein Johanniswürmchen; woher dieses gekommen sei, begriff die Laterne nicht, da war es aber, und leuchten konnte es auch. Das faule Holz und der Häringskopf schwuren jedoch bei Allem, was ihnen heilig, daß es nur zu bestimmten Zeiten leuchte und daher nicht in Betracht kommen könne. Die alte Laterne erklärte, daß keins von ihnen genügend leuchte, um den Posten einer Straßenlaterne zu bekleiden; das glaubte aber keiner von ihnen. Als sie daher hörten, daß die Laterne nicht selbst das Amt zu vergeben habe, meinten sie, daß dies sehr erfreulich sei; sie wäre auch viel zu hinfällig, um diese Wahl treffen zu können. In demselben Augenblicke kam der Wind von der Straßenecke daher gesaust und fuhr durch die Luftlöcher der alten Laterne. »Was muß ich hören!« fragte er. »Du willst morgen fort? Ich treffe Dich heute zum letzten Male? Da muß ich Dir noch etwas zum Abschied bescheeren; ich blase jetzt so in Deinen Hirnkasten hinein, daß Du künftig Dich nicht allein alles Geschehenen und Gehörten wirst entsinnen können, sondern so helle soll es in Deinem Innern werden, daß Du Alles, wovon in Deiner Gegenwart gelesen oder erzählt wird, sehen kannst.« »Ach! das ist wahrlich viel, sehr viel!« sagte die alte Laterne. »Ich danke Dir herzlich! Wenn ich nur nicht umgegossen werde!« »Das geschieht sobald nicht!« sagte der Wind. »Jetzt blase ich Dir das Gedächtniß ein; wenn Du mehrere derartige Geschenke erhältst, da kannst Du immer noch Deine alten Tage recht vergnügt zubringen.« »Wenn ich nur nicht umgegossen werde!« sagte die Laterne. »Oder behalte ich für diesen Fall auch mein Gedächtniß?« »Alte Laterne, sei vernünftig!« sagte der Wind und blies. In dem Augenblicke trat der Mond hinter den Wolken hervor. »Was schenken Sie der Laterne?« fragte der Wind. »Nichts gebe ich!« antwortete er. »Ich bin ja im Abnehmen und die Laternen haben mir nie geleuchtet, wohl habe ich aber umgekehrt den Laternen geleuchtet.« Und mit diesen Worten versteckte der Mond sich wieder hinter den Wollen, um nicht ferneren Zumuthungen ausgesetzt zu sein. Jetzt fiel ein Tropfen auf die Laterne wie vom Dache herunter; der Tropfen erklärte, er käme aus den grauen Wolken und sei auch ein Geschenk, vielleicht sogar das beste. »Ich durchdringe Dich so, daß Du die Fähigkeit erlangst, in einer Nacht, wenn Du es wünschest, zu Rost zu werden und in Staub zusammenzufallen.« Dies schien aber der Laterne ein schlechtes Geschenk zu sein; dem Winde ebenfalls. »Giebt Niemand mehr? Giebt Niemand mehr?« blies er, so laut er konnte. Da fiel eine leuchtende Sternschnuppe, einen langen, hellen Streifen bildend. »Was war das?« rief der Häringskopf. »Fiel nicht ein Stern herunter? Ich glaube gar, er fuhr in die Laterne! Freilich, wenn solche hochstehende Personen sich um dieses Amt bewerben, da können wir gute Nacht sagen und uns nach Hause verfügen.« Und das thaten sie auch alle Drei. Die alte Laterne verbreitete aber ein wunderbar starkes Licht. »Das war ein herrliches Geschenk!« sagte sie. »Die klaren Sterne, über die ich stets meine größte Freude gehabt, und die so herrlich leuchten, wie ich nie habe leuchten können, obwohl mein ganzes Dichten und Trachten darauf gerichtet war, haben mich arme, alte Laterne doch bemerkt, und mir ein Geschenk gesandt, in der Fähigkeit bestehend, daß Alles, dessen ich mich selbst entsinne und was ich so deutlich sehe, als ob es vor mir stände, auch von allen Denen gesehen werden kann, die ich liebe. Und hierin liegt erst das wahre Vergnügen; denn Freude, die man nicht mit Andern theilen kann, ist doch nur halbe Freude.« »Das macht Deiner Gesinnung alle Ehre!« sagte der Wind. »Aber dazu sind Wachslichter nöthig. Wenn diese nicht in Dir angezündet sind, helfen Deine seltenen Fähigkeiten den Andern nichts. Sieh! daran haben die Sterne nicht gedacht; sie halten Dich und jede andere Beleuchtung für Wachslichter. Doch, ich will mich legen!« – Und er legte sich. »Ja, du lieber Gott! Wachslichter!« sagte die Laterne. »Die habe ich weder bisher gehabt, noch werde ich sie wohl künftig bekommen! Wenn ich nur nicht umgegossen werde!« Den nächsten Tag, ja, den nächsten Tag thun wir besser zu überspringen. – Am nächsten Abend ruhte die Laterne in einem Großvaterstuhle. Und rathe wo? Bei dem alten Nachtwächter! Er hatte vom Bürgermeister und Rath sich die Gnade ausgebeten, in Betracht seiner langen und treuen Dienste die alte Laterne behalten zu dürfen, die er selbst an seinem ersten Amtstage, vor vierundzwanzig Jahren, zum ersten Male auf- und angesteckt habe. Er betrachtete sie wie sein Kind, er hatte ja kein anderes; und die Laterne wurde ihm geschenkt. Jetzt lag sie da im Großvaterstuhl, neben dem warmen Ofen. Es war, als sei sie größer geworden, weil sie den Stuhl allein einnahm. Die alten Leute saßen bei ihrem Abendbrote und warfen freundliche Blicke auf die alte Laterne, der sie gern einen Platz am Tische gegönnt hatten. Sie bewohnten freilich einen Keller, zwei Ellen tief in die Erde hinein; man mußte über einen gepflasterten Gang um in die Stube zu gelangen; drinnen war es aber recht gemüthlich und warm; an die Thür waren, Tuchleisten genagelt. Alles reinlich und nett, Vorhänge um die kleinen Bettstellen und vor den kleinen Fenstern. Auf dem Fensterbrette standen zwei curiose Blumentöpfe, welche Matrose Christian mit aus Ost- oder Westindien gebracht hatte. Sie waren nur aus Thon und stellten zwei Elephanten vor; der Rücken fehlte; statt dessen blühte aus der Erde, mit der sie gefüllt waren, aus dem einen das schönste Schnittlauch: das war der Küchengarten; aus dem andern ein großer Geraniumbusch: das war der Blumengarten. An der Wand hing ein großes colorirtes Bild: der Congreß zu Wien. Da hatten sie alle Könige und Kaiser auf einmal. Eine Wanduhr mit schweren Bleigewichten ging »Tick! Tack!« und zwar ging sie immer vor ; doch dies, meinten die alten Leute, sei weit besser, als wenn sie nach ginge. Sie verzehrten ihr Abendbrot, und die Straßenlaterne lag, wie erwähnt, im Großvaterstuhl dicht neben dem Ofen. Es schien der Laterne, als sei die ganze Welt um und um gedreht. Als aber der alte Wächter sie anblickte und davon sprach, was sie alle Beide zusammen erlebt hätten, in Regen und Nebel, in hellen, kurzen Sommernächten, wie in den langen Winternächten bei Schneegestöber, wo man sich nach dem Kellerhalse sehnte – da fand sich die alte Laterne wieder zurecht. Sie sah Alles so deutlich, als geschehe es jetzt; ja, der Wind hatte ihr ein tüchtiges Licht aufgehen lassen. Die alten Leute waren sehr thätig und fleißig; keine Stunde wurde im Müßiggange zugebracht. Sonntag Nachmittags wurde irgend ein Buch hervorgesucht, am Liebsten eine Reisebeschreibung. Und der alte Mann las vor: von Afrika, von den großen Wäldern, von den Elephanten, die wild herum laufen; und die alte Frau horchte gespannt auf und blickte verstohlen nach den Thon-Elephanten, die als Blumentöpfe dienten. »Ich kann es mir beinahe vorstellen!« sagte sie. Und die Laterne wünschte sehnlichst, daß ein Wachslicht dagewesen und in ihr angebrannt worden wäre; dann hätte die alte Frau Alles bis ins Kleinste genau sehen können, wie es die Laterne erblickte: die hohen Bäume, die dicht in einander verwachsenen Zweige, die nackten, schwarzen Menschen zu Pferde und Schaaren von Elephanten, die mit ihren plumpen, breiten Füßen Rohr und Gebüsche zertraten. »Was helfen nun alle meine Fähigkeiten, wenn ich kein Wachslicht finde!« seufzte die Laterne. »Sie haben nur Oel und Talglicht, und das genügt nicht!« Eines Tages gelangte ein großer Haufen Wachslichtstückchen hinunter in den Keller; die größten Stücke wurden verbrannt, die kleinen benutzte die alte Frau, um ihren Nähzwirn zu wachsen. Wachslichter waren also genug da, es fiel aber Niemandem ein, ein kleines Stück in die Laterne zu stecken. »Da stehe ich nun mit meinen seltenen Fähigkeiten,« dachte die Laterne. »Ich trage Alles in mir und kann sie nicht daran Theil nehmen lassen; sie wissen nicht, daß ich die weißen Wände in die prächtigsten Tapeten zu verwandeln vermag, in die schönsten Wälder, in Alles, was sie sich nur wünschen können.« Die Laterne wurde übrigens nett gehalten und stand geputzt in einein Winkel, wo sie Jedermann in die Augen fiel. Die Fremden fanden, daß sie ein großes Gerumpel sei: daraus machten sich aber die alten Leute nichts; sie hatten die Laterne lieb. Eines Tages – es war des alten Wächters Geburtstag – näherte sich die alte Frau, vor sich hin lächelnd, der Laterne und sagte: »Ich will heute meinem Alten zu Ehren illuminiren!« Und die Laterne knarrte mit den blechernen Beschlägen und dachte: »Na! endlich geht ihnen doch ein Licht auf!« Es blieb aber bei Oel, und kein Wachslicht kam zum Vorschein. Sie brannte den ganzen Abend hindurch, sah aber jetzt zu gut ein, daß die Gabe der Sterne ein todter Schatz für dieses Leben bleiben würde. – Da hatte sie einen Traum – bei ihren Fähigkeiten war es eben keine Kunst zu träumen! Es kam ihr vor, als ob die alten Leute gestorben wären und sie selbst in die Eisengießerei gekommen sei, um umgegossen zu werden. Es wurde ihr dabei eben so ängstlich zu Muthe wie damals, als sie auf's Rathhaus mußte, um vom Bürgermeister und Rath besichtigt zu werden. Aber obwohl ihr die Kraft geworden war, nach Belieben in Rost und Staub zerfallen zu können, that sie es doch nicht. Sie wurde in den Schmelzofen gesteckt und in einen eisernen Leuchter verwandelt, so schön, wie ihn nur Jemand wünschen konnte, um Wachslichter darauf zu stecken. Sie hatte die Form eines Engels bekommen, der ein großes Bouquet trägt; mitten in das Bouquet wurde das Wachslicht gesteckt. Der Leuchter erhielt seinen Platz auf einem grünen Schreibtische; das Zimmer war höchst gemüthlich: es standen viele Bücher um ihn herum, die Wände waren mit herrlichen Bildern behangen; es gehörte einem Dichter. Alles, was er dachte oder schrieb, zeigte sich rings um ihn. Die Natur verwandelte sich in dichte, finstere Wälder, in freundliche Wiesen, wo die Störche umherstolzirten, in das Schiffsdeck auf der wogenden See, in den klaren Himmel mit allen seinen Sternen. »Was doch für Fähigkeiten in mir liegen!« sagte die alte Laterne, indem sie erwachte. »Beinahe möchte ich wünschen, umgegossen zu werden! Doch nein! Das darf nicht geschehen, so lange die Alten leben! Sie lieben mich meiner Person wegen; sie haben mich geputzt und mir Oel gereicht. Ich habe es ja auch eben so gut wie der ganze Congreß, in dessen Betrachtung sie ebenfalls Vergnügen finden.« Und seit dieser Zeit genoß sie mehr innere Ruhe, und das hatte die alte ehrliche Straßenlaterne verdient. Das Metallschwein. In der Stadt Florenz, nicht weit von der piazza del granduca , zieht sich eine kleine Querstraße hin, ich glaube, sie wird porta rosa genannt. In dieser, vor einer Art von Markthalle, wo Gemüse verkauft wird, liegt ein aus Metall künstlich gearbeitetes Schwein. Das frische klare Wasser rieselt aus dem Maule des Thieres, welches vom Alter schwärzlich grün geworden ist, nur der Rüssel glänzt, als sei er polirt, und das ist er auch von vielen hundert Kindern und Lazzaronis (Bettler), die ihn mit den Händen anfassen und ihren Mund an den Rüssel des Thieres legen, um zu trinken. Es ist ein vollständiges Gemälde, das wohlgestaltete Thier von einem hübschen, halbnackten Knaben umfaßt zu sehen, der seine frischen Lippen an dessen Rüssel legt. Jeder, der nach Florenz kommt, findet leicht die Stelle, er darf nur den ersten besten Bettler nach dem Metallschweine fragen, und er wird es finden. Es war ein später Winterabend; die Berge waren mit Schnee bedeckt, aber es war Mondschein, und der Mondschein in Italien giebt eine Beleuchtung, die eben so gut ist wie ein trüber nördlicher Wintertag, ja besser; denn die Luft glänzt und erhebt uns, während im Norden die kalte graue Bleidecke uns zur Erde drückt, zur kalten, nassen Erde, die einst auch unsern Sarg drücken wird. In des Großherzogs Schloßgarten, unter einem Piniendach, wo tausend Rosen zur Winterszeit blühen, hatte ein kleiner zerlumpter Knabe den ganzen Tag gesessen, ein Knabe, der ein Bild Italiens abgeben konnte, hübsch, lächelnd und dabei doch leidend. Es hungerte und durstete ihn, aber Niemand reichte ihm eine Gabe, und als es dunkelte und der Garten geschlossen werden sollte, jagte der Pförtner ihn hinaus. Lange stand er träumend auf der Brücke, die über den Arno führt, und blickte die Sterne an, die im Wasser zwischen ihm und der prächtigen Marmorbrücke della Trinità erglänzten. Er schlug den Weg zum Metallschweine ein, kniete halb nieder, schlang seine Arme um dasselbe, legte seinen Mund an dessen glänzenden Rüssel und trank das frische Wasser in großen Zügen. Dicht daneben lagen einige Salatblätter und ein Paar Kastanien; sie wurden seine Abendmahlzeit. Kein Mensch außer ihm war auf der Straße; sie gehörte ihm allein, und getrost setzte er sich auf des Metallschweins Rücken, bog sich vorn über, so daß sein lockiges Haupt auf dem des Thieres ruhte, und ehe er sich dessen bewußt war, umfing ihn der Schlaf. Es war Mitternacht, das Metallschwein regte sich, er hörte es deutlich sagen: »Du kleiner Knabe halte dich fest, denn nun laufe ich,« und fort lief es mit ihm; es war ein wunderbarer Ritt. – Zuerst gelangten sie auf die Piazza del granduca , und das metallene Pferd, welches des Herzogs Statue trägt, wieherte laut auf, die bunten Wappen auf dem alten Rathhause erschienen wie transparente Bilder, und Michael Angelo's David schwang seine Schleuder; es regte sich ein seltsames Leben! Die Metallgruppen, welche Perseus und den Raub der Sabinerinnen darstellen, standen da, als seien sie lebendig; ein Schrei der Todesangst entströmte ihnen und scholl über den prachtvollen Platz dahin. Beim Palazzo degli Uffizi im Bogengänge, wo der Adel sich zur Carnevalsfreude versammelt, hielt das Metallschwein an. »Halte Dich fest,« sagte das Thier, »halte Dich fest, denn nun geht es die Treppe hinan!« Der Kleine sagte noch kein Wort, halb zitterte er, halb war er glücklich. Sie betraten eine lange Galerie, er war schon früher hier gewesen; die Wände prangten mit Malereien: hier standen Statuen und Büsten, alles im schönsten Lichte, als sei es heller Tag; aber am prächtigsten war es, als die Thüre eines der Seitengemächer sich öffnete; ja der Herrlichkeit dort erinnerte sich der Kleine; doch in dieser Nacht war Alles in seinem höchsten Glänze. Hier stand ein nacktes, schönes Weib, so schön, wie nur Natur und des Marmors größter Meister es formen konnten; es bewegte die schönen Glieder, Delphine sprangen zu seinen Füßen, Unsterblichkeit leuchtete aus seinen Augen. Die Welt nennt es die mediceische Venus . An ihren Seiten prangen Marmorbilder, bei welchen des Geistes Leben den Stein durchdrungen hat; es sind nackte, schöne Männer, der eine wetzte das Schwert, der Schleifer wurde er genannt; die ringenden Gladiatoren bildeten eine andere Gruppe; das Schwert wurde gewetzt, es wurde gekämpft für die Göttin der Schönheit. Der Knabe war von diesem Glänze wie geblendet; die Wände strahlten von Farben, Alles war dort Leben und Bewegung. Das Bild der Venus zeigte sich verdoppelt, die irdische Venus so hingebend, so feurig, wie Titian sie an sein Herz gedrückt. Es war wunderbar zu schauen. Sie waren zwei schöne Weiber; ihre herrlichen, unverhüllten Glieder streckten sich auf den weichen Polstern, ihre Brüste hoben und ihre Köpfe bewegten sich, so daß die reichen Locken auf die runden Schultern herabfielen, während die dunkeln Augen des Blutes glühende Gedanken aussprachen; aber keins der Bilder wagte doch ganz aus dem Rahmen herauszutreten. Die Schönheitsgöttin selbst, die Gladiatoren und der Schleifer blieben an ihrem Platze, denn die Glorie, welche von Madonna, Jesus und Johannes ausstrahlte, bannte sie. Die heiligen Bilder waren keine Bilder mehr, sie waren die Heiligen selbst. Welcher Glanz und welche Schönheit von Saal zu Saal! Der Kleine sah sie alle; das Metallschwein ging ja Schritt vor Schritt durch all' diese Pracht und Herrlichkeit. Ein Anblick verdrängte den andern; nur ein Bild prägte sich tief in seine Seele ein, und das besonders durch die frohen, glücklichen Kinder, welche es zeigte, – der Kleine hatte sie einst im Tageslichte begrüßt. Viele gehen gewiß achtlos an dem Bilde vorüber, und doch umschließt es einen Schatz von Poesie, es ist Christus , der hinabsteigt in die Unterwelt; aber es sind nicht die Verdammten, welche man um ihn her sieht, nein, es sind Heiden. Der Florentiner Angiolo Bronzino hat dieses Bild gemalt! Am herrlichsten ist der Gesichtsausdruck der Kinder, das volle Vertrauen, daß sie in den Himmel kommen werden; zwei Kleine umarmen sich schon, ein Kleiner streckt die Hand nach einem andern, tiefer stehenden aus und zeigt auf sich, als sage er: »Ich werde in den Himmel kommen!« Die älteren stehen ungewiß, hoffend, oder beugen sich demüthig anbetend vor dem Herrn Jesus. Länger als auf einem der andern weilte des Knaben Blick auf diesem, das Metallschwein stand davor still; ein leiser Seufzer wurde gehört; kam er vom Bilde oder aus des Thieres Brust? Der Knabe erhob seine Hände zu den lächelnden Kindern; – da lief das Thier mit ihm fort, fort durch den offenen Vorsaal. »Dank und Segen Dir, Du herrliches Thier!« sagte der kleine Knabe und liebkoste das Metallschwein, welches die Treppen mit ihm hinabsprang. »Dank und Segen Dir selbst!« sagte das Metallschwein. »Ich habe Dir, und Du hast mir geholfen, denn nur mit einem unschuldigen Kinde auf dem Rücken erhalte ich die Kraft zum Laufen! Ja, siehst Du, ich darf sogar unter die Strahlen der Lampe vor das Madonnenbild treten, nur nicht in die Kirche! Aber von außen, wenn Du bei mir bist, kann ich durch die offene Thür hineinsehen. Steige nicht von meinem Rücken herunter; thust Du es, dann liege ich todt, wie Du mich am Tage siehst, in der porta rosa !« »Ich bleibe bei Dir, mein theures Thier!« sagte der Kleine, und so ging es in sausender Eile durch die Straßen von Florenz, hinaus auf den Platz vor der Kirche Santa Croce . Die Flügelthüre sprang auf, Lichter strahlten von dem Altare durch die Kirche hinauf auf den einsamen Platz. Ein wunderbarer Lichtglanz entströmte dem einen Grabmonumente in dem linken Seitengange, tausend bewegliche Sterne bilden gleichsam eine Glorie um dasselbe. Ein Wappenzeichen prangt auf dem Grabe, eine rothe Leiter im blauen Grunde, die wie Feuer zu glühen scheint, es war Galilei's Grab. Das Monument ist einfach, aber die rothe Leiter in dem Grunde ist ein bedeutungsvolles Zeichen, es ist, als sei es das der Kunst, denn hier führt der Weg immer eine glühende Leiter hinan, aber zum Himmel. Alle Propheten des Geistes eilen zum Himmel, wie der Prophet Elias . Rechts im Gange der Kirche schien jede Bildsäule auf den reichen Sarkophagen Leben erhalten zu haben. Hier stand Michael Angelo, dort Dante mit dem Lorberkranze um die Schläfen, Alfieri, Macchiavelli, Seite an Seite ruhen hier die großen Männer, Italiens Stolz. Dem Grabe Galilei's gegenüber befindet sich das Michael Angelo's. Auf dem Monumente ist seine Büste angebracht, und außerdem drei Figuren: die Sculptur, Malerkunst und Architektur; dicht daneben ist Dante's Grabmal (die Leiche selbst befindet sich in Ravenna); auf dem Monumente sieht man Italien, es deutet auf Dante's colossale Statue, die Poesie weint über seinen Verlust. Wenige Schritte weiter ist Alfieri's Monument, welches mit Lorber, Leier und Larven geziert ist, Italien weint über seine Särge. Macchiavelli beschließt hier die Reihe der berühmten Männer. Es ist eine prächtige Kirche, weit schöner, wenngleich nicht so groß, als der Marmordom zu Florenz. Er war, als regten sich die marmornen Gewänder, als erhöben die großen Gestalten ihre Häupter höher und schauten, unter Gesang und Tönen, hinauf zu dem bunten, strahlenden Altar, wo weißgekleidete Knaben goldene Rauchfässer schwingen; der starke Duft strömte aus der Kirche auf den freien Platz. Der Knabe streckte seine Hand nach dem Lichtglanz aus, und im Nu eilte das Metallschwein fort; er mußte sich fest anklammern, der Wind sauste ihm um die Ohren, er hörte die Kirchthüre in den Angeln kreischen, indem sie sich schloß, aber in dem Augenblicke schien ihn das Bewußtsein zu verlassen, er fühlte eine eisige Kälte – und schlug die Augen auf. Es war Morgen, er saß, halb hinabgeglitten vom Metallschweine, welches da stand, wo es immer in der Straße porta rosa zu stehen pflegte, noch auf dem Rücken desselben. Furcht und Angst erfüllte den Knaben bei dem Gedanken an die, welche er Mutter nannte, und die ihn gestern ausgesandt hatte, um Geld herbeizuschaffen; er hatte nichts, ihn hungerte und dürstete. Noch einmal umfaßte er des Metallschweins Hals, küßte es auf den Rüssel, nickte ihm zu, wanderte dann fort in eine der engsten Gassen, kaum breit genug für einen bepackten Esel. Eine große eisenbeschlagene Thür war halb angelehnt, hier stieg er eine gemauerte Treppe mit schmutzigen Wänden und einem Seile, das als Geländer diente, hinan, und gelangte in eine offene Galerie, mit Lumpen behängt; von hier führte eine Treppe in den Hof hinab, wo vom Brunnen große Eisendräthe nach allen Etagen des Hauses gezogen waren und ein Wassereimer neben dem andern schwebte, während die Rolle knarrte und der Eimer in der Luft tanzte, daß das Wasser in den Hof hinunter plätscherte. Wieder führte eine verfallene, gemauerte Treppe aufwärts; – zwei Matrosen, es waren Russen, sprangen munter herab und hätten den armen Knaben fast umgestoßen. Sie kamen von ihrem nächtlichen Bacchanal. Eine nicht junge, aber üppige Weibergestalt, mit vollem schwarzen Haar, folgte ihnen. »Was bringst Du nach Hause?« sagte sie zum Knaben. »Sei nicht böse!« bat dieser, »ich erhielt nichts, gar nichts!« – und ergriff der Mutter Kleid, als wollte er es küssen. Sie traten in das Stübchen; das will ich nicht beschreiben, nur so viel sei gesagt, daß dort ein Henkeltopf mit Kohlenfeuer stand, marito , wie er genannt wird. Diesen nahm sie in den Arm, wärmte sich die Finger und stieß den Knaben mit dem Ellnbogen. »Ja, gewiß hast Du Geld!« sagte sie. Das Kind weinte, sie stieß es mit dem Fuße; es jammerte laut. – »Wirst Du schweigen, oder ich zerschlage Deinen schreienden Kopf!« und sie schwang den Feuertopf, den sie in der Hand hielt; der Knabe bückte sich mit einem Schrei zur Erde. Du trat die Nachbarin zur Thür herein, auch sie hatte ihren marito im Arme. »Felicita! Was thust Du dem Kinde?« »Das Kind ist mein!« antwortete Felicita. »Ich kann es ermorden, wenn ich will, und Dich mit, Giannina,« und sie schwang ihren Feuertopf; die andere erhob den ihrigen zur Abwehr, und beide Töpfe schlugen so heftig gegen einander, daß Scherben, Feuer und Asche im Zimmer umherflogen; – – aber in demselben Augenblicke war der Knabe aus der Thür, über den Hof und aus dem Hause. Das arme Kind lief, daß es zuletzt nicht mehr athmen konnte; es hielt an bei der Kirche, deren große Thüre sich in voriger Nacht vor ihm aufgeschlossen, und ging hinein. Alles strahlte, der Knabe kniete an dem ersten Grabe zur Rechten nieder, es war das Grab Michael Angelo's, und bald schluchzte er laut. – Leute kamen und gingen, die Messe wurde gelesen, Keiner bemerkte den Knaben; nur ein ältlicher Bürger stand still, blickte ihn an – und ging dann fort wie die Andern. Hunger und Durst plagten den Kleinen, er war ganz ohnmächtig und krank; er kroch in einen Winkel zwischen den Marmormonumenten und schlief ein. Es war gegen Abend, als er durch ein Zupfen geweckt wurde; er fuhr auf, und derselbe alte Bürger stand vor ihm. »Bist Du krank? Wo bist Du zu Hause? Bist Du den ganzen Tag hier gewesen?« waren einige der vielen Fragen, die der Alte an ihn richtete. Sie wurden beantwortet, und der alte Mann nahm ihn mit sich in sein kleines Haus, dicht neben an in einer Seitenstraße. Sie traten in eine Schuhmacher-Werkstatt, die Frau saß eifrig nähend, als sie kamen. Ein kleiner weißer Spitz, so kurz geschoren, daß man seine rosenfarbene Haut sehen konnte, hüpfte auf den Tisch und machte vor dem kleinen Knaben seine Sprünge. »Die unschuldigen Seelen kennen sich,« sagte die Frau und liebkoste Hund und Knaben. Letzterer erhielt Speise und Trank von den guten Leuten, und sie sagten, es solle ihm erlaubt sein, die Nacht bei ihnen zu verweilen; am nächsten Tage würde Vater Giuseppe mit seiner Mutter sprechen. Er erhielt ein kleines ärmliches Bett; für ihn aber, der oft auf dem harten, steinernen Fußboden hatte schlafen müssen, war es königlich prächtig; wie süß schlief er, träumend von den reichen Bildern und dem Metallschweine. Vater Giuseppe ging am nächsten Morgen aus; das arme Kind war darüber nicht froh, denn es wußte, daß dieser Ausgang deshalb stattfinde, um es seiner Mutter wieder zuzuführen. Der Knabe küßte den kleinen muntern Hund, und die Frau nickte Beiden zu. – Welchen Bescheid brachte Vater Giuseppe? Er sprach viel mit seiner Frau, und diese nickte und streichelte den Knaben. »Es ist ein herrliches Kind!« sagte sie. »Er kann ein hübscher Handschuhmacher werden, wie Du warst, und Finger hat er, wie fein und biegsam! Madonna hat ihn zum Handschuhmacher bestimmt!« Und der Knabe blieb im Hause, die Frau lehrte ihn selbst nähen; er aß gut, schlief gut, wurde munter und begann Belissima zu necken, so hieß der kleine Hund; die Frau drohte mit dem Finger, schalt und wurde böse. – Das ging dem Knaben zu Herzen, gedankenvoll saß er in seiner kleinen Kammer. Diese hatte die Aussicht nach der Straße, in der Felle getrocknet wurden; dicke Eisenstangen waren vor den Fenstern, er konnte nicht schlafen; das Metallschwein erschien ihm stets in Gedanken, und plötzlich hörte er draußen: Klatsch, Klatsch. Das war gewiß ein Schwein! Er sprang an's Fenster, aber Nichts war zu sehen, es war schon vorüber. »Hilf dem Signor seinen Farbekasten tragen!« sagte Madame am folgenden Morgen zum Knaben, als der junge Nachbar, der Maler, diesen und eine große, zusammengerollte Leinwand tragend, vorüberschritt. Der Knabe nahm den Kasten und folgte dem Maler, sie schlugen den Weg nach der Galerie ein und dieselbe Treppe hinan, die ihm seit jener Nacht, als er auf dem Metallschweine ritt, wohl bekannt war. Er kannte die Statuen und Bilder, die schöne Marmor-Venus und die, welche in Farben lebte; er sah die Mutter Gottes, Jesus und Johannes wieder. Nun blieben sie vor dem Gemälde von Bronzino stehen, wo Christus in die Unterwelt hinabsteigt und die Kinder um ihn her lächeln in süßer Erwartung des Himmels – das arme Kind lächelte auch, denn hier war es in seinem Himmel! – »Geh nun nach Hause!« sagte der Maler, als der Knabe schon so lange gestanden, bis jener während dessen seine Staffelei aufgerichtet hatte. – »Darf ich Euch malen sehen?« fragte der Knabe, »darf ich zusehen, wie Ihr das Bild auf diese weiße Leinwand bringt?« »Noch male ich nicht!« antwortete der Mann und nahm seine schwarze Kreide hervor. Schnell bewegte sich die Hand, das Auge maß das große Bild, und obgleich nur ein seiner Strich sichtbar wurde, stand Christus doch schwebend da, wie auf dem farbigen Bilde. »Aber so gehe doch!« sagte der Maler, und still wanderte der Knabe heim, setzte sich auf den Tisch und – lernte Handschuhe nähen. Aber den ganzen Tag waren seine Gedanken im Bildersaale, und daher stach er sich in die Finger, betrug sich linkisch, neckte aber dafür Bellissima nicht. Als es Abend wurde und die Hausthüre gerade offen stand, schlich er sich hinaus; es war noch kalt, aber sternenhell, gar schön und heiter. Fort wanderte er durch die schon öden Straßen, und stand bald vor dem Metallschweine, über welches er sich beugte, seinen blanken Rüssel küßte und sich auf dessen Rücken setzte. – »Du gesegnetes Thier,« sagte er, »wie habe ich mich nach Dir gesehnt! Wir müssen in dieser Nacht einen Ritt machen!« Das Metallschwein lag unbeweglich, und die frische Quelle sprudelte ihm aus dem Rüssel. Der Kleine saß als Reiter auf ihm, da zupfte ihn Etwas an den Kleidern; er blickte zur Seite, Bellissima , die kleine kahlgeschorene Bellissima bellte, als wollte sie sagen: Siehst Du, ich bin auch da, weshalb setzest Du Dich hier her? – Kein feuriger Drache hätte den Knaben so erschrecken können als der kleine Hund an diesem Orte. Bellissima auf der Straße, und zwar ohne angekleidet zu sein, wie die alte Mutter es nannte! Was sollte daraus werden? Der Hund kam im Winter nur heraus, nachdem ihm zuvor ein kleines Lammfell übergezogen worden, welches für ihn zugeschnitten und genähet war. Das Fell, mit Schleifen und Schellen geschmückt, konnte mit einem rothen Bande um den Hals und unter dem Bauche festgebunden werden. Der Hund sah aus wie ein Zicklein, wenn er zur Winterzeit in diesem Anzüge Erlaubniß erhielt, mit Signora auszutrippeln. Bellissima war draußen und nicht angekleidet; was sollte daraus werden! Alle Phantasien waren verschwunden, doch küßte der Knabe das Metallschwein und nahm Bellissima auf den Arm; das Thier zitterte vor Kälte, daher lief der Knabe so schnell er vermochte. »Mit was läufst Du da?« riefen zwei Polizeisoldaten, denen er begegnete und welche Belissima anbellte. »Wo hast Du den hübschen Hund gestohlen?« fragten sie, und nahmen ihm denselben weg. »O, gebt mir ihn wieder!« jammerte der Knabe. »Hast Du ihn nicht gestohlen, so magst Du zu Hause sagen, daß der Hund auf der Wache abgeholt werden könne!« Sie nannten den Ort und gingen mit Belissima fort. Das war ein großer Jammer. Der Knabe wußte nicht, ob er in den Arno springen, oder nach Hause gehen und Alles gestehen sollte; sie würden ihn gewiß todtschlagen, dachte er. – »Aber ich will gern todtgeschlagen sein, ich will sterben, so gelange ich zu Jesus und der Madonna!« Und er ging heim, hauptsächlich um todtgeschlagen zu werden. Die Thür war verschlossen, er konnte den Klopfer nicht erreichen, Niemand war auf der Straße, aber ein Stein lag da, und mit diesem donnerte er gegen die Thür. »Wer ist da?« rief es drinnen. – »Ich bin's!« sagte er. » Belissima ist fort! Macht mir auf und schlagt mich dann todt!« Es verbreitete sich ein Schrecken, besonders bei der Madame wegen der armen Belissima . Sie blickte sogleich auf die Wand, wo des Hundes Anzug zu hängen pflegte, das kleine Lammfell hing dort. » Belissima auf der Wache!« rief sie ganz laut. »Du böses Kind! Wie hast Du sie hinausgelockt? Sie erfriert! Das zarte Thier bei den rohen Soldaten!« – Der Vater mußte sogleich fort, – die Frau jammerte, der Knabe weinte. – Alle Hausgenossen kamen zusammen, unter diesen der Maler; er nahm den Knaben zwischen seine Kniee, fragte ihn aus, und in Bruchstücken erhielt er die ganze Geschichte von dem Metallschweine und der Galerie – sie war ziemlich unverständlich. Der Maler tröstete den Kleinen, versuchte die Alte zu besänftigen, aber sie gab sich nicht zufrieden, bis der Vater mit Belissima ankam, welche unter den Soldaten gewesen; das war eine Freude, der Maler liebkoste den Knaben und gab ihm eine Handvoll Bilder. O, das waren herrliche Stücke, komische Köpfe! Und wahrlich – das Metallschwein war leibhaftig selbst darunter. O, nichts konnte herrlicher sein! Durch ein Paar Striche stand es auf dem Papiere, und selbst das dahinter stehende Haus war angegeben. Wer doch zeichnen und malen könnte, der könnte die ganze Welt um sich versammeln! In dem ersten einsamen Augenblicke des folgenden Tages ergriff der Kleine den Bleistift, und auf der weißen Seite eines der Bilder versuchte er die Zeichnung des Metallschweines wiederzugeben; sie gelang; – etwas schief zwar, etwas auf und ab, ein Bein dick, ein anderes dünn, aber es war doch zu erkennen, er jubelte selbst darüber. – Der Bleistift wollte nur nicht so recht gerade gehen wie er sollte, das bemerkte er wohl; am folgenden Tage stand wieder ein Metallschwein an der Seite des andern, und das war hundert Mal besser; das dritte war schon so gut, daß Jeder es erkennen konnte. Aber es ging schlecht mit dem Handschuhnähen, langsam mit den Bestellungen in der Stadt, denn das Metallschwein hatte ihn gelehrt, daß alle Bilder auf das Papier gebracht werden können, und die Stadt Florenz, ist ein Bilderbuch, wenn man darin blättern will. Auf der piazza del Trinità steht eine schlanke Säule und oben darauf die Göttin der Gerechtigkeit, mit verbundenen Augen und der Wagschale in der Hand. Bald stand sie auf dem Papiere, und es war der kleine Bursche des Handschuhmachers, der sie dahingestellt. Die Bildersammlung wuchs, aber noch enthielt sie nur Zeichnungen von leblosen Gegenständen; da hüpfte eines Tages Bellissima vor ihm her. »Steh still!« sagte er, »dann sollst Du schon werden und in meine Bildersammlung kommen!« Aber Bellissima wollte nicht still stehen, sie mußte festgebunden werden; Kopf und Schwanz wurden gebunden, sie bellte und machte Sprünge, die Schnur mußte straff gespannt werden; da kam Signora. »Du gottloser Knabe! Das arme Thier!« war Alles, was sie hervorbringen konnte, sie stieß den Knaben zur Seite, stieß ihn mit dem Fuße, verwies ihn aus ihrem Hause, ihn, der der undankbarste Taugenichts, das gottloseste Kind war, und weinend küßte sie ihre kleine halberwürgte Bellissima . In demselben Augenblicke kam der Maler die Treppe herauf und – hier ist der Wendepunkt der Geschichte. Im Jahre 1834 war in Florenz in der Academia delle arti eine Ausstellung. Zwei neben einander aufgestellte Gemälde versammelten eine Menge Zuschauer. Auf dem kleinsten war ein kleiner lustiger Knabe vorgestellt, welcher saß und zeichnete, zum Modell hatte er einen kleinen, weißen, eigenthümlich geschornen Spitz; aber das Thier wollte nicht still stehen und war daher mit Bindfaden sowohl am Kopfe wie am Schwanze festgebunden; es war Leben darin und eine Wahrheit, die Jeden ansprechen mußte. Der Maler, erzählte man, sei ein junger Florentiner, der als Kind auf der Straße gefunden, von einem alten Handschuhmacher erzogen worden sei und durch sich selbst das Zeichnen gelernt habe. Ein jetzt berühmter Maler habe dieses Talent entdeckt, als der Knabe einmal fortgejagt werden sollte, weil er der Madame Liebling, den kleinen Spitz, gebunden und zum Modell genommen hatte. Der Handschuhmacherbursche war ein großer Maler geworden, das zeigte dieses Bild, das zeigte besonders das größere daneben. Hier war nur eine einzige Figur, ein in Lumpen gekleideter, aber schöner Knabe, welcher schlafend auf der Straße saß, er lehnte sich an das Metallschwein in der Straße porta rosa . Alle Beschauer kannten die Stelle. Des Kindes Arme ruhten auf dem Kopfe des Schweines; der Kleine schlief so fest, die Lampe vor dem Madonnenbilde warf ein starkes, effectvolles Licht auf das blasse, herrliche Gesicht des Kindes. – Es war ein wunderschönes Gemälde; ein großer, vergoldeter Rahmen umgab es, an die Ecken desselben war ein Lorbeerkranz gehängt, aber zwischen den grünen Blättern schlängelte sich ein schwarzes Band, ein langer Trauerflor hing davon herab. – Der junge Künstler war in diesen Tagen – gestorben! Die Nachbar-Familien. Man hätte glauben sollen, daß in dem Ententeiche etwas Wichtiges vorgehe; aber es ging nichts vor. Alle Enten, die in ihrer Ruhe auf dem Wasser lagen oder auf dem Kopfe darin standen – denn das konnten sie – schwammen auf einmal nach dem Ufer; man sah in der nassen Erde die Spuren ihrer Füße und hörte weit und breit ihr Geschnatter. Das Wasser, vor Kurzem blank und glatt wie ein Spiegel, kam sehr in Bewegung. Zuvor hatte man darin jeden Baum, jeden Busch in der Nähe, das alte Bauernhaus mit den Löchern im Dache und dem Schwalbennest, besonders aber den großen, mit Blumen gleichsam besäeten Rosenstrauch gesehen; er bedeckte die Mauer und hing über das Wasser hinaus, in welchem man das Ganze wie auf einem Gemälde erblickte, nur daß Alles auf dem Kopfe stand; als aber das Wasser in Bewegung kam, schwamm Alles in einander und das Bild war fort. Zwei Federn, welche die aufflatternden Enten verloren hatten, schaukelten hin und her; auf einmal nahmen sie einen Anlauf, als ob der Wind käme; der kam aber nicht; sie mußten daher liegen bleiben, und das Wasser wurde wieder ruhig und glatt. Die Rosen spiegelten sich wieder ab; sie waren wunderschön, wußten es aber selbst nicht, denn Niemand hatte es ihnen gesagt; die Sonne schien zwischen den zarten Blättern hindurch; Alles athmete den schönsten Duft; es war Allen zu Muthe wie uns, wenn wir von dem Gedanken unsers Glücks recht freudig erfüllt sind. »Wie schön doch das Dasein ist!« sagte jede Rose. »Nur Eins wünschte ich: die Sonne küssen zu können, weil sie so warm und so hell ist. Auch die Rosen da unten im Wasser, unsere Ebenbilder, möchte ich küssen, und die niedlichen Vöglein unten im Neste. Auch oben giebt's welche; sie stecken die Köpfe heraus und piepen leise; sie haben keine Federn, wie ihr Vater und ihre Mutter. Es sind gute Nachbarn, sowohl die unten, als die oben. – Wie schön doch das Dasein ist!« Die Jungen oben und unten – die unten sind freilich nur der Widerschein im Wasser – waren Sperlinge; ihre Eltern waren ebenfalls Sperlinge; sie hatten das leere Schwalbennest vom vergangenen Jahre in Besitz genommen und hausten nun darin als wäre es ihr Eigenthum. »Sind das Entenkleider, die dort schwimmen?« fragten die Sperlingsjungen, als sie die Federn auf dem Wasser entdeckten. »Wenn Ihr einmal fragen wollt, so fragt wenigstens vernünftig!« sagte die Mutter. »Seht Ihr denn nicht, daß es Federn sind, lebendiger Kleiderstoff, wie ich ihn trage und wie Ihr ihn tragen werdet! Unserer ist aber feiner. Ich möchte übrigens, wir hätten sie oben im Neste, denn sie halten warm. Ich bin doch neugierig, worüber wohl die Enten so erschraken; über uns aber gewiß nicht; freilich sagte ich ziemlich laut zu Euch: »Piep.« Die dickköpfigen Rosen müßten es eigentlich wissen; aber die wissen gar nichts, betrachten nur sich und riechen; ich bin dieser Nachbarn herzlich überdrüssig!« »Höre die allerliebsten Vöglein oben,« sagten die Rosen; »die fangen nun auch an, singen zu wollen, können es aber noch nicht. Es wird sich indeß schon machen; welches Vergnügen das gewahren muß; es ist hübsch, solche lustige Nachbarn zu haben.« Plötzlich kamen zwei Pferde daher gesprengt, um getränkt zu werden; ein Bauernbursche ritt das eine; er hatte alle seine Kleider abgelegt bis auf seinen großen und breiten, schwarzen Hut. Der Bursche pfiff wie ein Vogel und ritt in den Teich hinein, wo er am tiefsten war; und als er an dem Rosenstrauche vorüberkam, brach er eine Rose ab und steckte sie auf seinen Hut, und nun kam er schon geputzt vor und ritt weiter. Die andern Rosen blickten ihrer Schwester nach und fragten sich: »Wohin reist sie wohl!« Niemand aber wußte es. »Ich möchte wohl einmal in die Welt hinaus,« meinte eine; »doch hier zu Hause in unserem Grün ist es auch schön. Den Tag über scheint die Sonne hell und warm und in der Nacht glänzt der Himmel noch schöner: das können wir durch alle die kleinen Löcher darin sehen.« Sie meinten die Sterne; sie wußten es nicht besser. »Wir machen es lebhaft um das Haus herum,« sagte die Sperlingsmutter, »und das Schwalbennest bringt Glück, sagen die Leute, deshalb freut man sich unser. Aber die Nachbarn! So ein Rosenstrauch an der Mauer hinauf verursacht Feuchtigkeit. Er wird wohl weggeschafft werden; dann wächst vielleicht hier wenigstens Korn. Die Rosen taugen zu nichts, als sie anzusehen und anzuriechen und höchstens auf den Hut zu stecken.« »Jedes Jahr, das weiß ich von meiner Mutter, fallen sie ab. Die Frau des Bauern legt sie ein und streut Salz dazwischen; dann erhalten sie einen französischen Namen, den ich weder aussprechen kann noch mag; sie werden aufs Feuer gestreut, wenn sie gut riechen sollen. Seht, so ist ihr Lebenslauf; sie sind nur für das Auge und die Nase da. Nun wißt Ihr es!« Als der Abend einbrach, und die Mücken in der warmen Luft und in den rothen Wolken spielten, kam die Nachtigall und sang den Rosen vor: daß das Schöne sich verhalte, wie der Sonnenschein in dieser Welt, und daß das Schöne ewig lebe. Die Rosen aber dachten, daß die Nachtigall sich selbst besänge, was man wohl hätte glauben können; denn daß der Gesang ihnen gelte, daran dachten sie nicht. Sie freuten sich aber darüber und sannen nach, ob wohl alle die kleinen Sperlinge auch Nachtigallen werden könnten. »Ich verstand recht gut den Gesang dieses Vogels,« sagten die jungen Sperlinge. »Nur ein Wort war mir nicht klar. Was heißt »»das Schöne?«« »Das ist nichts,« versetzte die Sperlingsmutter; »das ist nur etwas Aeußerliches. Oben auf dem Edelhofe, wo die Tauben ihr eigenes Haus haben und ihnen jeden Tag Erbsen und Korn vorgestreut wird – ich habe selbst mit ihnen gegessen, und das sollt Ihr mit der Zeit auch, denn: sage mir, mit wem Du umgehst, und ich werde Dir sagen, wer Du bist – oben auf dem Edelhofe haben sie zwei Vögel mit grünen Hälsen und einem Kamm auf dem Kopfe; die können den Schweif ausbreiten wie ein großes Rad, und der spielt in allen Farben, daß der Anblick den Augen weh thut. Diese Vögel werden Pfauen genannt, und das ist das Schöne . Sie sollten nur ein wenig gerupft werden, dann würden sie nicht anders aussehen, als wir andern alle. Ich würde sie schon gerupft haben, wenn sie nur nicht so groß wären.« »Ich will sie rupfen,« piepte der kleine Sperling, der noch keine Federn hatte. Im Bauernhause wohnten zwei junge Eheleute; sie liebten sich sehr, waren fleißig und flink, es sah Alles sehr hübsch bei ihnen aus. Des Sonntags früh kam die junge Frau heraus, pflückte eine Hand voll der schönsten Rosen und that sie in ein Glas mit Wasser, welches sie auf den Schrank stellte. »Jetzt sehe ich, daß es Sonntag ist,« sagte der Mann und küßte seine kleine Frau. Sie setzten sich, lasen im Gesangbuche und hielten sich bei den Händen; die Sonne beschien die frischen Rosen und das junge Ehepaar. »Dieser Anblick ist wirklich zu langweilig;« sagte die Sperlingsmutter, die von dem Neste aus in die Stube hineinblicken konnte, und flog davon. So ging es auch den nächsten Sonntag, denn jeden Sonntag wurden frische Rosen in das Glas gesteckt; doch der Rosenstrauch blühte stets gleich schön. Die jungen Sperlinge hatten jetzt Federn und wollten gern mitfliegen; die Mutter aber erlaubte es nicht, und sie mußten daheim bleiben. Sie flog, doch, wie es auch geschehen mochte: ehe sie es sich versah, war sie in eine Schlinge von Pferdehaaren gerathen, welche Knaben an einem Zweige angebracht hatten. Die Pferdehaare zogen sich fest um das Bein zusammen, so fest, als füllte es durchgeschnitten werden; das war eine Pein, ein Schrecken! Die Knaben sprangen hinzu und ergriffen den Vogel und zwar auf unsanfte Art. »Es ist nur ein Sperling!« sagten sie; aber sie ließen ihn doch nicht fliegen, sondern nahmen ihn mit nach Hause; und jedesmal, wenn er schrie, schlugen sie ihn auf den Schnabel. Im Bauernhause stand ein alter Mann, der es verstand, Bart- und Waschseife sowohl in Stücken, als in Kugeln zu verfertigen. Es war ein umherwandernder, lustiger Alter. Als er den Sperling sah, den die Jungen gebracht hatten und aus dem sie sich, wie sie sagten, nichts machten, meinte er: »Wollen wir ihn recht schön machen?« Es überlief die Sperlingsmutter eiskalt. Aus dem Kasten, worin die schönsten Farben lagen, nahm der Alte eine Menge glänzenden Schaumgoldes und die Jungen mußten Eiweiß holen, womit der Sperling über und über bestrichen wurde; darauf wurde das Gold geklebt, und die Sperlingsmutter war nun über und über vergoldet. Sie aber dachte nicht an den Putz und zitterte an allen Gliedern. Und der Seifenmann riß von dem rothen Futter seiner alten Jacke ein Läppchen, schnitt Zacken hinein, daß es wie ein Hahnenkamm aussah, und klebte es dem Vogel auf den Kopf. »Nun sollt Ihr den Goldrock fliegen sehen,« sagte der Alte und ließ den Sperling los, der in der tödtlichsten Angst davonflog, von der strahlenden Sonne beschienen. Wie er glänzte! Alle die Sperlinge, selbst eine Krähe, obwohl ein alter Knabe, erschraken sehr über diesen Anblick; sie flogen aber doch hinterdrein, um zu erfahren, was er für ein fremder Vogel sei. Von Angst und Entsetzen getrieben, flog er heimwärts; er war nahe daran, kraftlos zur Erde zu sinken; die Schaar der verfolgenden Vögel wuchs, ja einige versuchten sogar auf ihn loszuhacken. »Sieh Mal Den! Sieh mal Den!« schrieen sie alle. »Sieh mal Den! Sieh mal Den!« schrieen ihre Jungen, als er sich dem Neste näherte. »Das ist bestimmt ein junger Pfau, er spielt in allen Farben; er thut den Augen weh, wie die Mutter es erzählte. Piep! Das ist das Schöne! Und nun hackten sie mit ihren kleinen Schnäbeln auf den Vogel ein, daß es ihm unmöglich wurde, in das Nest zu gelangen; er war so mitgenommen, daß er nicht einmal »Piep!« sagen konnte, viel weniger: »Ich bin ja Eure Mutter!« Auch die andern Vögel fielen nun über den Sperling her und rupften ihm Feder für Feder aus, bis er blutend in den Rosenstrauch fiel. »Du armes Thier!« sagten alle Rosen; »sei nur ruhig, wir wollen Dich verbergen! Lehne Dein Köpfchen an uns an!« Der Sperling breitete noch einmal die Flügel aus, dann zog er sie fest an sich und lag todt bei der Nachbarfamilie, den schönen, frischen Rosen. »Piep!« tönte es aus dem Neste. »Wo nur die Mutter bleibt; das ist unbegreiflich. Es soll doch nicht ein Pfiff von ihr sein und soviel heißen, daß wir jetzt für uns selbst sorgen sollen! Das Haus hat sie uns als Erbtheil hinterlassen: wem von uns soll es nun aber allein gehören, wenn auch wir Familie haben werden?« »Ja, das geht nicht, daß Ihr bei mir bleibt, wenn ich meine Wirthschaft durch Frau und Kinder erweitere!« meinte der Kleinste. »Ich werde wohl mehr Frauen und Kinder haben, als Du!« sagte der Zweite. »Ich bin aber der Aelteste!« erwiderte der Dritte. Alle wurden nun hitzig; sie schlugen mit den Flügeln, hackten mit den Schnäbeln, und plauz! wurde einer nach dem andern aus dem Neste gepufft. Da lagen sie mit ihrem Zorn. Den Kopf hielten sie auf der Seite und blinzelten mit den nach oben gekehrten Augen. Das war so ihre Manier, dumm zu thun! Ein wenig konnten sie fliegen, durch Uebung lernten sie es noch besser, und zuletzt wurden sie über ein Zeichen einig, um sich, wenn sie einander in der Welt später begegnen sollten, wieder zu erkennen. Es sollte in einem »Piep!« bestehen und in einem dreimaligen Kratzen auf der Erde mit dem linken Fuß. Das Junge, welches im Neste zurückgeblieben war, machte sich so breit, wie es nur konnte: es war ja Hausbesitzer. Doch die Herrlichkeit dauerte nicht lange; in der Nacht brach das rothe Feuer durch das Fenster, die Flammen ergriffen das Dach, das trockene Stroh loderte hoch empor, das ganze Haus verbrannte und der junge Sperling mit; die beiden anderen Ehelustigen aber kamen glücklich mit dem Leben davon. Als die Sonne wieder aufging und Alles so erquickt aussah, wie nach einen ruhigen Schlafe, waren von den Bauernhause nur noch einige verkohlte, schwarze Balken übrig, die sich an den Schornstein lehnten, der nun sein eigener Herr war. Es rauchte noch stark aus dem Schutt; draußen aber stand frisch und blühend der Rosenstrauch, unversehrt, und spiegelte jede Blume, jeden Zweig in dem klaren Wasser ab. »Nein! wie schön doch die Rosen vor dem niedergebrannten Hause blühen!« rief ein Vorübergehender aus. »Ein anmuthigeres Bild kann man sich nicht denken. Das muß ich haben.« Und der Mann nahm aus der Mappe ein kleines Buch mit weißen Blättern hervor: er war ein Maler; und mit dem Bleistift zeichnete er das rauchende Haus, die verkohlten Balken und den überhängenden Schornstein, und dieser neigte sich mehr und mehr; im Vordergrunde aber den großen, blühenden Rosenstrauch; der gewährte einen herrlichen Anblick. Seinetwegen war ja auch das ganze Bild entstanden. Später am Tage kamen die zwei hier gebornen Sperlinge vorbei. »Wo ist das Haus?« fragten sie. »Wo ist das Nest? Piep! Alles ist verbrannt und unser starker Bruder mit. Das hat er nun davon, daß er das Nest behielt. Die Rosen sind gut davon gekommen; da stehen sie noch mit rothen Wangen. Die trauern freilich nicht über das Unglück der Nachbarn. Ich mag sie nicht anreden, und häßlich ist es hier, das ist meine Ansicht!« Und auf und davon ging es. An einem schönen, sonnenhellen Herbsttage, man hätte beinahe glauben können, es sei noch mitten im Sommer, hüpften in dem trockenen und reingekehrten Herrenhofe vor der großen Treppe die Tauben, sowohl schwarze, als auch weiße und bunte; sie glänzten im Sonnenscheine. Die Taubenmütter sagten zu den Jungen: »Stellt Euch in Gruppen! Stellt Euch in Gruppen! Denn das nimmt sich viel besser aus.« »Was sind das für graue Thierchen, die hinter uns umherlaufen?« fragte eine alte Taube, mit Roth und Grün in den Augen. »Kleine Graue! Kleine Graue!« rief sie. »Es sind Sperlinge, gute Thiere. Wir haben stets in dem Rufe gestanden, fromm zu sein: deshalb wollen wir ihnen gestatten, die Körner mit aufzupicken; sie reden nicht hinein und machen solche hübsche Kratzfüße.« Ja, sie kratzten dreimal mit dem Fuße und zwar mit dem linken Fuße und sagten auch »Piep!« Daran erkannten sie sich, denn es waren die Sperlinge aus dem Neste in dem abgebrannten Hause. »Hier ist sehr gut essen!« sagten die Sperlinge. Die Tauben stolzirten um einander herum, brüsteten sich gewaltig und hatten innerlich ihre Ansicht und Meinung. »Siehst Du die Kropftaube?« sprach eine von den andern. »Siehst Du die, wie sie die Erbsen verschluckt? Sie nimmt zu viele und noch dazu die besten! Kurre! Kurre! Wie sie den Kamm hebt, das häßliche, das boshafte Thier! Kurre! Kurre!« Und alle Augen funkelten vor Bosheit! »Stellt Euch in Gruppen! Stellt Euch in Gruppen! Kleine Graue! Kleine Graue! Kurre! Kurre! Kurre!« so gingen die Schnäbel in Einem fort, und so werden sie nach tausend Jahren noch gehen. Die Sperlinge aßen wacker; sie horchten aufmerksam zu und stellten sich sogar mit in die Reihen; es stand ihnen aber nicht gut. Satt waren sie und verließen daher die Tauben, tauschten gegenseitig ihr Urtheil über sie aus, huschten unter das Gartenstacket, und als sie die Thüre des Gartens offen fanden, hüpfte einer, der übersatt und deshalb muthig war, auf die Schwelle. »Piep!« sagte er, »das darf ich wagen!« »Piep!« sagte der Andere; »das darf ich auch und noch etwas dazu!« Und er hüpfte in die Stube hinein. Es war Niemand zugegen; das sah der Dritte, flog noch tiefer in die Stube und rief: »Entweder ganz oder gar nicht! Es ist übrigens ein sonderbares Menschennest; und was haben sie hier aufgestellt! Was ist denn das?« Dicht vor den Sperlingen blühten ja die Rosen; sie spiegelten sich im Wasser ab, und die verkohlten Balken lehnten an dem überhängenden Schornsteine! »Nein? was ist denn das? Wie kommt dies in das Zimmer auf den Edelhof?« Und alle drei Sperlinge wollten über die Rosen und den Schornstein wegfliegen, sie flogen aber gegen eine flache Wand an. Alles war ein Gemälde, ein großes prächtiges Bild, welches der Maler nach einer Skizze ausgeführt hatte. »Piep!« sagten die Sperlinge, »es ist nicht! Es sieht nur nach etwas aus. Piep! das ist das Schöne. Kannst Du es begreifen? Ich nicht!« Und sie flogen davon, denn Menschen traten in die Stube. Jahre und Tage vergingen; die Tauben hatten oft gekurrt, um nicht zu sagen: geknurrt, die boshaften Thiere: die Sperlinge hatten im Winter gefroren und im Sommer flott gelebt; sie waren alle verlobt oder verheirathet oder wie man es nennen will. Sie hatten Junge, und Jeder hielt natürlich seine für die schönsten und klügsten; einer flog hier hin, einer dort hin, und begegneten sie sich, so erkannten sie einander an ihrem »Piep« und dem dreimaligen Kratzen mit dem linken Fuße. Das Aelteste war ein Sperlingsfräulein geblieben, welches kein Nest und keine Jungen hatte; seine Lieblingsidee war, eine große Stadt zu sehen; es flog daher nach Kopenhagen. Ein großes Haus erblickte man da mit vielen bunten Farben dicht am Schloß und am Canal, worin viele mit Aepfeln und Töpfen beladene Schiffe schwammen. Die Fenster waren unten breiter, als oben, und wenn die Sperlinge hindurch guckten, so kam ihnen jede Stube wie eine Tulpe mit den buntesten Farben und Schattirungen vor. Mitten in der Tulpe aber standen weiße Menschen, die waren aus Marmor; einige auch aus Gyps; doch mit Sperlingsaugen betrachtet, bleibt sich das gleich. Oben auf dem Dache stand ein Metallwagen mit Metallpferden bespannt, und die Siegesgöttin, ebenfalls aus Metall, lenkte sie. Es war Thorwaldsen's Museum. »Wie es glänzt, wie es glänzt!« sagte das Sperlingsfräulein. »Das wird wohl das Schöne sein. Piep! Hier ist es aber größer als ein Pfau!« Es erinnerte sich noch aus seinen Kinderjahren an Das, was seine Mutter als das Größte unter dem Schönen erkannt hatte. Es flog in den Hof hinunter; da war Alles außerordentlich prächtig; an die Mauern waren Palmen und Zweige gemalt; mitten im Hofe stand ein großer, blühender Rosenstrauch; er breitete seine frischen Zweige mit den vielen Rosen über ein Grab hin. Dahin flog das Sperlingsfräulein, denn es sah dort mehrere, seines Schlages. Piep und drei Kratzfüße – so hatte es das Jahr hindurch oft gegrüßt und Niemand hier hatte geantwortet; denn die einmal getrennt sind, treffen sich nicht alle Tage: der Gruß war ihm zur Gewohnheit geworden. – Heute aber antworteten zwei alte Sperlinge und ein junger mit »Piep!« und dreimaligem Kratzen mit dem linken Fuße. »Ah! Guten Tag! Guten Tag!« Es waren zwei Alte aus dem Neste und noch ein Kleiner aus der Familie. »Treffen wir uns hier? Es ist ein vornehmer Ort, aber es giebt nicht viel zu essen. Das ist das Schöne! Piep!« Und viele Menschen traten aus den Seitengemächern heraus, wo die prächtigen Marmorgestalten standen, und näherten sich dem Grabe, das den großen Meister barg, der die Marmorgestalten gebildet hatte. Alle standen mit verklärten Gesichtern um Thorwaldsen's Grab, und Einzelne lasen die abgefallenen Rosenblätter auf und bewahrten sie auf. Sie waren weit hergekommen: Einer aus dem mächtigen England, Andere aus Deutschland und Frankreich. Die schönste Dame pflückte eine der Rosen und barg sie in ihrem Busen. Da glaubten die Sperlinge, daß die Rosen hier regierten, und daß das Haus ihretwegen gebaut sei; das schien ihnen nun allerdings zu viel, indeß, da die Menschen alle ihre Liebe für die Rosen zeigten, wollten sie nicht zurückbleiben. »Piep!« sagten sie und kehrten den Fußboden mit ihren Schwänzen und blinzelten mit einem Auge nach den Rosen; sie hatten sie nicht lange betrachtet, da überzeugten sie sich, daß es die alten Nachbarn waren. Und sie waren es wirklich. Der Maler, welcher den Rosenbusch bei dem abgebrannten Hause gezeichnet, hatte später Erlaubniß erhalten, ihn auszugraben, und hatte ihn dem Baumeister gegeben, denn schönere Rosen hatte man nie gesehen; und der Baumeister hatte ihn auf Thorwaldsen's Grab gepflanzt, wo er als Bild des Schönen blühte und feine rothen, duftenden Rosenblätter hingab, um nach fernen Landen als Erinnerung getragen zu werden. »Habt ihr hier in der Stadt Anstellung gefunden?« fragten die Sperlinge. Die Rosen nickten; sie erkannten die grauen Nachbarn, und freuten sich, sie wiederzusehen. »Wie es doch herrlich ist, zu leben und zu blühen, alte Freunde wiederzusehen und jeden Tag fröhliche Gesichter! Es ist, als wäre jeder ein Festtag.« »Piep!« sagten die Sperlinge. »Ja, es sind wahrlich die alten Nachbarn; ihre Abstammung vom Teiche her ist uns erinnerlich. Piep! Wie die zu Ansehen gekommen sind. Ja, Manchem gelingt es im Schlafe! – – Ah! da sitzt ein verwelktes Blatt, das sehe ich ganz deutlich!« Und sie pickten so lange daran, bis das Blatt abfiel. Aber frischer und grüner stand der Busch da; die Rosen dufteten im Sonnenschein auf Thorwaldsen's Grabe, an dessen unsterblichen Namen sie sich anschlossen. Eine Rose vom Grabe Homers. In allen Gesängen des Orients ertönt die Liebe der Nachtigall zur Rose; in den schweigenden, sternenhellen Nächten bringt der geflügelte Sänger seiner duftenden Blume eine Serenade. Nicht weit von Smyrna unter den hohen Platanen, wo der Kaufmann seine beladenen Kameele treibt, die stolz ihren langen Hals erheben und plump auf einen Boden treten, der heilig ist, sah ich eine blühende Rosenhecke; wilde Tauben flogen zwischen den Zweigen der hohen Bäume und ihre Flügel schimmerten, während ein Sonnenstrahl über die Flügel hinglitt, als waren sie von Perlmutter. Die Rosenhecke trug eine Blume, die unter allen die schönste war, und dieser sang die Nachtigall ihren Liebesschmerz; aber die Rose schwieg, ein Thautropfen lag, wie eine Thräne des Mitleids, auf ihren Blättern, sie beugte sich mit dem Zweige hinab über einige große Steine. »Hier ruht der Erde größter Sänger!« sagte die Rose, »aber seinem Grabe will ich duften, auf dieses meine Blätter streuen, wenn der Sturm mich entblättert! Iliums Sänger wurde Erde, der ich entsprieße! – Ich, eine Rose vom Grabe Homer's , bin zu heilig, um für eine arme Nachtigall zu blühen!« Und die Nachtigall sang sich zu Tode! Der Kameeltreiber kam mit seinen beladenen Kameelen und schwarzen Sklaven; sein Söhnchen fand den todten Vogel und beerdigte den kleinen Sänger in dem Grabe des großen Homer ; die Rose bebte im Winde. Der Abend kam, die Rose faltete ihre Blätter dichter zusammen und träumte! – es war ein schöner, sonnenheller Tag; eine Schaar fremder Männer nahte, sie hatten eine Pilgerreise nach Homer's Grabe unternommen. Unter den Fremden war ein Sänger aus dem Norden, aus der Heimath der Nebel und des Nordlichts; er brach die Rose ab, preßte sie fest in ein Buch und führte sie so mit sich in einen andern Welttheil, in sein fernes Vaterland. Die Rose welkte aus Kummer und lag in dem engen Buche, das er in seiner Heimath öffnete und sagte: »»hier ist eine Rose vom Grabe Homer's !«« Das träumte die Blume, und sie erwachte und zitterte im Winde: ein Thautropfen fiel von ihren Blättern auf das Grab des Sängers. Die Sonne ging auf, und schöner als zuvor glühte die Rose; es wurde ein heißer Tag, sie war in ihrem warmen Asien. Da wurden Fußtritte hörbar, fremde Franken kamen, wie die Rose sie im Traume gesehen, und unter den Fremden war ein Dichter aus dem Norden, er brach die Rose ab, drückte einen Kuß auf ihren schönen Mund und führte sie mit sich zur Heimath der Nebel und des Nordlichts. Als eine Mumie ruht nun die Blumenleiche in seiner Iliade , und wie im Traum hört sie ihn das Buch öffnen und sprechen: »Hier ist eine Rose vom Grabe Homer's !« Die Kleine Seejungfer. Weit draußen im Meere ist das Wasser so blau, wie die Blätter der schönsten Kornblume, und so klar, wie das reinste Glas. Aber es ist sehr tief, tiefer, als irgend ein Ankertau reicht; viele Kirchthürme müßten aufeinander gestellt werden, um vom Boden bis über das Wasser zu reichen. Dort unten wohnt das Meervolk. Nun muß man aber nicht glauben, daß da nur der nackte, weiße Sandboden sei; nein, da wachsen die sonderbarsten Baume und Pflanzen, die so geschmeidig im Stiele und in den Blättern sind, daß sie sich bei der geringsten Bewegung des Wassers rühren, als ob sie lebten. Alle kleinen und großen Fische schlüpfen zwischen den Zweigen hindurch, wie hier oben die Vögel durch die Bäume. An der tiefsten Stelle liegt des Meerkönigs Schloß; die Mauern sind von Korallen und die langen Spitzbogenfenster vom klarsten Bernstein; aber das Dach bilden Muschelschalen, die sich öffnen und schließen, jenachdem das Wasser strömt. Es sieht herrlich aus, denn in jeder liegen strahlende Perlen; eine einzige davon würde großen Werth in der Krone einer Königin haben. Der Meerkönig dort unten war seit vielen Jahren Witwer, während seine alte Mutter bei ihm wirthschaftete. Sie war eine kluge Frau, aber stolz auf ihren Adel; deshalb trug sie zwölf Austern auf dem Schwanze, die andern Vornehmen aber durften nur sechs tragen. – Sonst verdiente sie großes Lob, besonders weil sie viel auf die kleinen Meerprinzessinnen, ihre Enkelinnen, hielt. Es waren sechs schöne Kinder, aber die jüngste war die Schönste von allen, ihre Haut so klar und so fein wie ein Rosenblatt, ihre Augen so blau wie die tiefste See; aber ebenso, wie die Andern, hatte sie keine Füße; der Körper endete in einen Fischschwanz. Den ganzen Tag konnten sie unten im Schlosse, in den großen Sälen, wo lebendige Blumen aus den Wanden hervorwuchsen, spielen. Die großen Bernsteinfenster wurden aufgemacht, und dann schwammen die Fische zu ihnen herein, wie bei uns die Schwalben hereinfliegen, wenn wir die Fenster aufmachen; doch die Fische schwammen zu den Prinzessinnen hin, fraßen aus ihren Händen und ließen sich streicheln. Draußen vor dem Schlosse war ein großer Garten mit feuerrothen und dunkelblauen Blumen; die Früchte strahlten wie Gold und die Blumen wie brennendes Feuer, indem sie fortwährend Stengel und Blätter bewegten. Die Erde selbst war der feinste Sand, aber blau, wie die Schwefelflamme. Ueber dem Ganzen lag ein eigenthümlich blauer Schein; man hätte eher glauben mögen, daß man hoch in der Luft stehe und nur Himmel über und unter sich habe, als daß man auf dem Grunde des Meeres sei. Während der Windstille konnte man die Sonne erblicken; sie erschien wie eine Purpurblume, aus deren Kelche alles Licht strömte. Eine jede der kleinen Prinzessinnen hatte ihren kleinen Platz im Garten, wo sie graben und pflanzen konnte, wie es ihr gefiel. Die Eine gab ihrem Blumenfleck die Gestalt eines Walfisches; einer Andern gefiel es besser, daß der ihrige einem kleinen Meerweibe gleiche; aber die Jüngste machte den ihrigen rund, der Sonne gleich, und hatte Blumen, die roth wie diese schienen. Sie war ein sonderbares Kind, still und nachdenkend; und wenn die andern Schwestern mit den merkwürdigsten Sachen, welche sie von gestrandeten Schiffen erhalten hatten, prunkten, wollte sie außer den rosenrothen Blumen, die der Sonne dort oben glichen, nur eine hübsche Marmorstatue haben. Dies war ein herrlicher Knabe, aus weißem, klarem Steine gehauen, der beim Stranden auf den Meeresgrund gekommen war. Sie pflanzte bei der Statue eine rosenrothe Trauerweide; die wuchs herrlich und hing mit ihren frischen Zweigen über derselben, gegen den blauen Sandboden herunter, wo der Schatten sich violet zeigte und gleich den Zweigen in Bewegung war; es sah aus, als ob die Spitze und die Wurzeln mit einander spielten, als wollten sie sich küssen. Es gab keine größere Freude für sie, als von der Menschenwelt zu hören; die Großmutter mußte Alles, was sie von Schiffen und Städten, Menschen und Thieren wußte, erzählen; hauptsächlich erschien ihr besonders schön, daß oben auf der Erde die Blumen dufteten, denn das thaten sie auf dem Grunde des Meeres nicht, und daß die Wälder grün wären, und daß die Fische, die man dort zwischen den Bäumen erblickte, laut und herrlich singen könnten, daß es eine Lust sei. Es waren die kleinen Vogel, welche die Großmutter Fische nannte, denn sonst konnten sie sie nicht verstehen, da sie noch keinen Vogel gesehen hatten. »Wenn Ihr Euer fünfzehntes Jahr erreicht habt,« sagte die Großmutter, »dann sollt Ihr die Erlaubniß erhalten, aus dem Meer emporzutauchen, im Mondscheine auf der Klippe zu sitzen und die großen Schiffe vorbeisegeln zu sehen. Wälder und Städte werdet Ihr dann erblicken!« In dem kommenden Jahre war die eine der Schwestern fünfzehn Jahre alt, aber von den andern war die eine immer ein Jahr jünger als die andere; die jüngste von ihnen hatte demnach noch volle fünf Jahre zu warten, bevor sie von dem Grunde des Meeres hinaufkommen und sehen konnte, wie es bei uns aussehe. Aber die Eine versprach der Andern, zu erzählen, was sie erblickt und was sie am ersten Tage am Schönsten gefunden habe; denn ihre Großmutter erzählte ihnen nicht genug; da war so Vieles, worüber sie Auskunft haben wollten. Keine war sehnsüchtiger, als die Jüngste, gerade sie, die noch die längste Zeit zu warten hatte und die stets still und gedankenvoll war. Manche Nacht stand sie am offenen Fenster und sah durch das dunkelblaue Wasser empor, wie die Fische mit ihren Flossen und Schwänzen plätscherten. Mond und Sterne konnten sie sehen; freilich schienen diese ganz bleich, aber durch das Wasser sahen sie größer aus, als vor unsern Augen. Zog dann etwas, einer schwarzen Wolke gleich, unter ihnen hin: so wußte sie, daß es entweder ein Walfisch sei, der über ihr schwamm, oder ein Schiff mit vielen Menschen; die dachten sicher nicht daran, daß eine liebliche, kleine Seejungfer unten stehe und ihre weißen Hände gegen den Kiel emporstrecke. Nun war die älteste Prinzessin fünfzehn Jahre alt und durfte über die Meeresfläche emporsteigen. Als sie zurückkam, hatte sie Hunderterlei zu erzählen, aber das Schönste, sagte sie, sei, im Mondschein auf einer Sandbank in der ruhigen See zu liegen und die nahgelegene Küste mit der großen Stadt zu betrachten, wo die Lichter gleich hundert Sternen blinken, die Musik, das Lärmen und Toben von Wagen und Menschen zu hören, die vielen Kirchthürme zu sehen und das Läuten der Glocken zu vernehmen. O! wie horchte die jüngste Schwester auf, und wenn sie später Abends am offenen Fenster stand und durch das dunkelblaue Wasser emporblickte, gedachte sie der großen Stadt mit dem Lärmen und Toben; dann glaubte sie die Kirchenglocken bis zu sich herunter läuten hören zu können. Im folgenden Jahre erhielt die zweite Schwester die Erlaubniß aus dem Wasser emporzusteigen und zu schwimmen, wohin sie wolle. Sie tauchte auf, als die Sonne unterging, und dieser Anblick, fand sie, sei das Schönste. Der ganze Himmel habe wie Gold ausgesehen, und die Schönheit der Wolken konnte sie nicht genug beschreiben! Roth und violet waren sie über ihr dahingesegelt, aber weit schneller, als diese, flog, einem langen weißen Schleier gleich, ein Schwärm wilder Schwäne über das Wasser hin, wo die Sonne stand, Sie schwamm derselben entgegen, aber die Sonne sank und der Rosenschein erlosch auf der Meeresfläche und in den Wolken. Das Jahr darauf kam die dritte Schwester hinauf. Sie war die Dreisteste von allen, deshalb schwamm sie einen breiten Fluß, der in das Meer mündete, aufwärts. Herrliche, grüne Hügel mit Weinranken erblickte sie; Schlösser und Burgen schimmerten aus prächtigen Wäldern hervor; sie hörte, wie alle Vögel sangen; und die Sonne schien so warm, daß sie oft unter das Wasser tauchen mußte, um ihr brennendes Antlitz abzukühlen. In einer kleinen Bucht traf sie einen Schwärm kleiner Menschenkinder. Diese waren völlig nackt und plätscherten im Wasser; sie wollte mit ihnen spielen, aber die flohen erschrocken davon, und es kam ein kleines, schwarzes Thier, ein Hund – aber sie hatte nie einen Hund gesehen – der bellte sie so schrecklich an, daß sie ängstlich die offene See zu erreichen suchte. Doch nie konnte sie die prächtigen Wälder, die grünen Hügel und niedlichen Kinder vergessen, die im Wasser schwimmen konnten, obgleich sie keinen Fischschwanz hatten. Die vierte Schwester war nicht so dreist; sie blieb draußen im wilden Meere und erzählte, daß es dort am Schönsten sei! Man sehe ringsumher viele Meilen weit, und der Himmel stehe wie eine Glasglocke darüber. Schiffe hatte sie gesehen, aber nur aus weiter Ferne, die sahen wie Möven aus; die possirlichen Delphine hatten Purzelbäume geschlagen, und die großen Walfische aus ihren Nasenlöchern Wasser emporgespritzt, so daß es ausgesehen hatte, wie Hunderte von Springbrunnen rings umher. Nun kam die Reihe an die fünfte Schwester; ihr Geburtstag war im Winter, und deshalb erblickte sie, was die Andern das erste Mal nicht gesehen hatten. Die See sah ganz grün aus, und rings umher schwammen große Eisberge; ein jeder erschien wie eine Perle, sagte sie, und war doch weit größer, als die Kirchthürme, welche die Menschen bauen. Sie zeigten sich in den sonderbarsten Gestalten und glänzten wie Diamanten, Sie hatte sich auf einen der größten gesetzt, und alle Segler kreuzten erschrocken draußen herum, wo sie saß und den Wind mit ihrem langen Haare spielen ließ; aber gegen Abend wurde der Himmel mit Wolken überzogen; es blitzte und donnerte, während die schwarze See die großen Eisblöcke hoch emporhob und sie im rothen Blitze erglänzen ließ. Auf allen Schiffen reffte man die Segel ein; da war eine Angst und ein Grauen. Aber sie saß ruhig auf ihrem schwimmenden Eisberge und sah die blauen Blitzstrahlen im Zickzack in die schimmernde See fahren. Das erste Mal, wenn eine der Schwestern über das Wasser emporkam, war eine jede entzückt über das Neue und Schöne, was sie erblickte; aber da sie nun, als erwachsene Mädchen, die Erlaubniß hatten, hinaufzusteigen, wann sie wollten, wurde es ihnen gleichgültig. Sie sehnten sich wieder zurück, und nach Verlauf eines Monats sagten sie, daß es unten bei ihnen am schönsten sei; da sei man so hübsch zu Haufe. In mancher Abendstunde faßten die fünf Schwestern einander an den Armen und stiegen in einer Reihe über das Wasser auf; herrliche Stimmen hatten sie, schöner, denn irgend ein Mensch; und wenn dann ein Sturm im Anzüge war, so daß sie vermuthen konnten, es würden Schiffe untergehen, schwammen sie vor den Schiffen her und sangen so lieblich, wie schön es auf dem Grunde des Meeres sei; und baten die Seeleute, sich nicht zu fürchten, da hinunterzukommen. Aber die konnten die Worte nicht verstehen und glaubten, es sei der Sturm; sie bekamen auch die Herrlichkeit dort unten nicht zu sehen, denn wenn das Schiff sank, ertranken die Menschen und kamen als Leichen zu des Meerkönigs Schlosse. Wenn die Schwestern so des Abends, Arm in Arm, hoch durch das Wasser hinaufstiegen, dann stand die kleinste Schwester allein und sah ihnen nach; und es war ihr, als ob sie weinen müßte; aber die Seejungfer hat keine Thränen, und darum leidet sie weit mehr. »Ach, wäre ich doch fünfzehn Jahre alt!« sagte sie. »Ich weiß, daß ich die Welt dort oben und die Menschen, die darauf wohnen und hausen, recht lieben werde.« Endlich war sie denn fünfzehn Jahre alt. »Sieh, nun bist Du erwachsen!« sagte die Großmutter, die alte Königswitwe. »Komm nun, laß mich Dich schmücken, gleich Deinen andern Schwestern!« Sie setzte ihr einen Kranz weißer Lilien auf das Haar; aber jedes Blatt in der Blume war die Hälfte einer Perle; und die Alte ließ acht große Austern im Schweife der Prinzessin sich festklemmen, um ihren hohen Rang zu zeigen. »Das thut so weh!« sagte die kleine Seejungfer. »Ja, Hoffart muß Zwang leiden!« sagte die Alte. O, sie hätte so gern alle diese Pracht abschütteln und den schweren Kranz ablegen mögen: ihre rothen Blumen im Garten kleideten sie besser; aber sie konnte es nun nicht andern. »Lebt wohl!« sprach sie; und sie stieg dann leicht und klar, gleich einer Blase, aus dem Wasser auf. Die Sonne war eben untergegangen, als sie den Kopf über das Wasser erhob; aber alle Wolken glänzten noch wie Rosen und Gold; und inmitten der bleichrothen Luft strahlte der Abendstern so hell und schön; die Luft war mild und frisch und das Meer ruhig. Da lag ein großes Schiff mit drei Masten; nur ein einziges Segel war aufgezogen, denn es regte sich kein Lüftchen; und rings umher im Tauwerk und auf den Raaen saßen die Matrosen. Da war Musik und Gesang, und als es dunkelte, wurden Hunderte von bunten Laternen angezündet, die sahen aus, als ob aller Nationen Flaggen in der Luft wehten. Die kleine Seejungfer schwamm bis zum Kajütenfenster und jedes Mal, wenn das Wasser sie emporhob, konnte sie durch die spiegelhellen Fensterscheiben hineinblicken, wo viele geputzte Menschen standen. Aber der Schönste war doch der junge Prinz mit den großen, schwarzen Augen; er war sicher nicht viel über sechzehn Jahre alt; es war sein Geburtstag, und deshalb herrschte all diese Pracht. Die Matrosen tanzten auf dem Verdecke; und als der junge Prinz hinaustrat, stiegen über hundert Raketen in die Luft; die leuchteten, wie der helle Tag, so daß die kleine Seejungfer sehr erschrak und unter das Wasser tauchte; aber sie streckte bald den Kopf wieder hervor, und da war es, als ob alle Sterne des Himmels zu ihr herunterfielen. Nie hatte sie solche Feuerkünste gesehen! Große Sonnen sprühten umher, prächtige Feuerfische flogen in die blaue Luft, und Alles spiegelte sich in der klaren, stillen See. Auf dem Schiffe selbst war es so hell, daß man jedes kleine Tau, wie viel mehr also die Menschen sehen konnte. O, wie schön war doch der junge Prinz; er drückte den Leuten die Hand und lächelte, während die Musik in der herrlichen Nacht erklang. Es wurde spät, aber die kleine Seejungfer konnte ihre Augen nicht von dem Schiffe und vom schönen Prinzen wegwenden. Die bunten Laternen wurden ausgelöscht, Raketen stiegen nicht mehr in die Höhe, es ertönten auch keine Kanonenschüsse mehr; aber tief unten im Meere summte und brummte es, inzwischen saß sie auf dem Wasser und schaukelte auf und nieder, so daß sie in die Kajüte hineinblicken konnte. Aber das Schiff bekam mehr Fahrt; ein Segel nach dem andern breitete sich aus; nun gingen die Wogen stärker; große Wollen zogen auf; es blitzte in der Ferne. O, es wird ein böses Wetter werden! Deshalb zogen die Matrosen die Segel ein. Das große Schiff schaukelte in fliegender Fahrt auf der wilden See; das Wasser erhob sich wie große, schwarze Berge, die über die Masten rollen wollten; aber das Schiff tauchte wie ein Schwan zwischen den hohen Wogen nieder und ließ sich wieder auf die hochgethürmten Wasser heben. Der kleinen Seejungfer dünkte es eine recht lustige Fahrt zu sein, aber so erschien es den Seeleuten nicht; das Schiff knackte und krachte; die dicken Planken bogen sich bei den starken Stößen; die See stürzte in das Schiff hinein; der Mast brach mitten durch, als ob es ein Rohr wäre, und das Schiff legte sich auf die Seite, während das Wasser in den Raum eindrang. Nun sah die kleine Seejungfer, daß sie in Gefahr waren; sie mußte sich selbst vor den Balken und Stücken vom Schiffe, die auf dem Wasser trieben, in Acht nehmen. Einen Augenblick war es so finster, daß sie nicht das Mindeste sah; aber wenn es dann blitzte, wurde es wieder so hell, daß sie Alle auf dem Schiffe erkennen konnte; besonders suchte sie den jungen Prinzen, und sie sah ihn, als das Schiff sich theilte, in das tiefe Meer versinken. Sogleich wurde sie ganz vergnügt, denn nun kam er zu ihr hinunter. Aber da gedachte sie, daß die Menschen nicht im Wasser leben können, und daß er nicht anders als todt zum Schlosse ihres Vaters hinunter gelangen könnte. Nein, sterben durfte er nicht; deshalb schwamm sie hin zwischen Balken und Planken, die auf der See trieben, und vergaß völlig, daß diese sie hätten zerquetschen können. Sie tauchte tief unter das Wasser und stieg wieder hoch zwischen den Wogen empor, und gelangte am Ende so zu dem Prinzen hin, der nicht länger in der stürmischen See schwimmen konnte. Seine Arme und Beine begannen zu ermatten; die schönen Augen schlossen sich, er hätte sterben müssen, wäre die kleine Seejungfer nicht herzugekommen. Sie hielt seinen Kopf über das Wasser empor, und ließ sich dann mit ihm von den Wogen treiben, wohin sie wollten. Am Morgen war das böse Wetter vorüber; von dem Schiffe war kein Span zu erblicken; die Sonne stieg roth und glänzend aus dem Wasser empor; es war, als ob des Prinzen Wangen Leben dadurch erhielten; aber die Augen blieben geschlossen. Die Seejungfer küßte seine hohe, schöne Stirn und strich sein nasses Haar zurück, er kam ihr vor, wie die Marmorstatue in ihrem kleinen Garten; sie küßte ihn wieder und wünschte, daß er lebte. Nun erblickte sie vor sich das feste Land, hohe, blaue Berge, auf deren Gipfeln der weiße Schnee glänzte, als wären es Schwäne, die dort lägen. Unten an der Küste waren herrliche, grüne Wälder, und vorn lag eine Kirche oder ein Kloster, das wußte sie nicht recht, aber ein Gebäude war es. Citronen- und Apfelsinenbäume wuchsen im Garten, und vor dem Thore standen hohe Palmbäume. Die See bildete hier eine kleine Bucht; da war sie still, aber sehr tief; gerade auf die Klippe zu, wo der weiße, feine Sand aufgespült war, schwamm sie mit dem schönen Prinzen, legte ihn in den Sand, sorgte aber besonders dafür, daß der Kopf hoch im warmen Sonnenscheine lag. Nun läuteten alle Glocken in dem großen, weißen Gebäude, und es kamen viele junge Mädchen durch den Garten. Da schwamm die kleine Seejungfer weiter hinaus hinter einige hohe Steine, die aus dem Wasser hervorragten, legte Seeschaum auf ihr Haar und ihre Brust, so daß Niemand ihr kleines Gesicht sehen konnte, und dann paßte sie auf, wer zu dem armen Prinzen kommen würde. Es währte nicht lange, da kam ein junges Mädchen dorthin; sie schien sehr zu erschrecken; aber nur einen Augenblick; dann holte sie mehrere Menschen, und die Seejungfer sah, daß der Prinz zum Leben zurückkam, und daß er Alle anlächelte. Aber ihr lächelte er nicht zu; er wußte ja auch nicht, daß sie ihn gerettet hatte, sie war sehr betrübt, und als er in das große Gebäude hineingeführt wurde, tauchte sie traurig unter das Wasser und kehrte zum Schlosse ihres Vaters zurück. Immer war sie still und nachdenkend gewesen, aber nun wurde sie es noch weit mehr. Die Schwestern fragten sie, was sie das erste Mal dort oben gesehen habe; aber sie erzählte nichts. Manchen Abend und Morgen stieg sie hinauf, wo sie den Prinzen verlassen hatte. Sie sah, wie die Früchte des Gartens reisten und abgepflückt wurden; sie sah, wie der Schnee auf den hohen Bergen schmolz; aber den Prinzen erblickte sie nicht, und deshalb kehrte sie immer betrübter heim. Da war es ihr einziger Trost, in ihrem kleinen Garten zu sitzen und die Arme um die schöne Marmorstatue zu schlingen, die dem Prinzen glich; aber ihre Blumen pflegte sie nicht, die wuchsen wie in einer Wildniß über die Gänge hinaus und flochten ihre langen Stiele und Blätter in die Zweige der Bäume hinein, so daß es dort dunkel war. Zuletzt konnte sie es nicht länger aushalten, sondern sagte es einer ihrer Schwestern; und gleich erfuhren es die andern, aber Niemand weiter als diese und einige andere Seejungfern, die es nur ihren nächsten Freundinnen weiter sagten. Eine von ihnen wußte, wer der Prinz war; sie hatte auch das Fest auf dem Schiffe gesehen und gab an, woher er war und wo sein Königreich lag. »Komm, kleine Schwester!« sagten die andern Prinzessinnen und, sich umschlungen haltend, stiegen sie in einer langen Reihe aus dem Meere empor, wo sie wußten, daß des Prinzen Schloß lag. Dieses war aus einer hellgelben, glänzenden Steinart aufgeführt, mit großen Marmortreppen, deren eine in das Meer hinunterreichte. Prächtig vergoldete Kuppeln erhoben sich über das Dach, und zwischen den Säulen, um das ganze Gebäude herum, standen Marmorbilder, die aussahen, als lebten sie. Durch das klare Glas in den hohen Fenstern blickte man in die prächtigen Säle hinein, wo köstliche Seidengardinen und Teppiche ausgehängt und alle Wände mit großen Gemälden verziert waren, so daß es ein wahres Vergnügen war, es zu betrachten. Mitten in dem größten Saale plätscherte ein großer Springbrunnen; seine Strahlen reichten hoch hinauf gegen die Glaskuppel in der Decke, durch welche die Sonne auf das Wasser und die schönen Pflanzen schien, die im großen Bassin wuchsen. Nun wußte sie, wo er wohnte, und dort war sie manchen Abend und manche Nacht auf dem Wasser. Sie schwamm dem Lande weit näher als eine der andern es gewagt hätte; ja, sie ging den schmalen Canal hinauf, unter den prächtigen Marmoraltan, welcher einen großen Schatten über das Wasser warf. Hier saß sie und betrachtete den jungen Prinzen, der da glaubte, er sei ganz allein in dem hellen Mondscheine. Sie sah ihn manchen Abend mit Musik in seinem prächtigen Boote segeln, auf dem Flaggen wehten; sie lauschte durch das grüne Schilf hervor, und ergriff der Wind ihren langen silberweißen Schleier, und Jemand sah ihn, so glaubte er, es sei ein Schwan, der die Flügel ausbreite. Sie hörte in mancher Nacht, wenn die Fischer mit Fackeln auf der See waren, viel Gutes von dem jungen Prinzen erzählen; und es freute sie, daß sie sein Leben gerettet hatte, als er halbtodt auf den Wogen umhertrieb; sie dachte daran, wie fest sein Haupt an ihrem Busen geruht, und wie herzlich sie ihn da geküßt hatte; er aber wußte nichts davon und konnte nicht einmal von ihr träumen. Mehr und mehr fing sie an, die Menschen zu lieben; mehr und mehr wünschte sie, unter ihnen umherwandeln zu können, deren Welt ihr weit großer zu sein schien, als die ihrige. Sie konnten ja auf Schiffen über das Meer fliegen, auf den hohen Bergen über die Wolken emporsteigen; und die Länder, die sie besaßen, erstreckten sich mit Wäldern und Feldern, weiter, als ihre Blicke reichten. Da war so Vieles, was sie zu wissen wünschte; aber die Schwestern wußten ihr nicht Alles zu beantworten, deshalb fragte sie die Großmutter; diese kannte die höhere Welt recht gut, die sie sehr richtig die Länder über dem Meere nannte. »Wenn die Menschen nicht ertrinken,« fragte die kleine Seejungfer, »können sie dann ewig leben? Sterben sie nicht, wie wir hier unten im Meere?« »Ja,« sagte die Alte; »sie müssen auch sterben, und ihre Lebenszeit ist sogar noch kürzer, als die unsere. Wir können dreihundert Jahre alt werden, aber wenn wir dann aufhören, hier zu sein, so werden wir nur in Schaum auf dem Wasser verwandelt, haben nicht einmal ein Grab hier unten unter unsern Lieben. Wir haben keine unsterbliche Seele; wir erhalten nie wieder Leben; wir sind gleich dem grünen Schilfe; ist das einmal durchgeschnitten, so kann es nicht wieder grünen! Die Menschen hingegen haben ein Seele, die ewig lebt, die noch lebt, nachdem der Körper zu Erde geworden ist; sie steigt durch die klare Luft empor, hinauf zu den glänzenden Sternen! So wie wir aus dem Wasser auftauchen und die Länder der Welt erblicken, so steigen sie zu unbekannten herrlichen Orten auf, die wir nie zu sehen bekommen.« »Weshalb bekamen wir keine unsterbliche Seele?« fragte die kleine Seejungfer betrübt. »Ich möchte meine hunderte von Jahren, die ich zu leben habe, dafür geben, um nur einen Tag Mensch zu sein und dann hoffen zu können, Antheil an der himmlischen Welt zu haben.« »Daran darfst Du nicht denken!« sagte die Alte. »Wir fühlen uns weit glücklicher und besser, wie die Menschen dort oben!« »Ich werde also sterben und als Schaum auf dem Meere treiben, nicht die Musik der Wogen hören, die schönen Blumen und die rothe Sonne sehen? Kann ich denn gar nichts thun, um eine unsterbliche Seele zu gewinnen?« – »Nein!« sagte die Alte. »Nur wenn ein Mensch Dich so lieben würde, daß Du ihm mehr als Vater und Mutter wärest; wenn er mit all seinem Denken und all seiner Liebe an Dir hinge und den Prediger seine rechte Hand in die Deinige, mit dem Versprechen der Treue hier und in alle Ewigkeit, legen ließe, dann flösse seine Seele in Deinen Körper über, und auch Du erhieltest Antheil an der Glückseligkeit der Menschen. Er gäbe Dir Seele und behielte doch seine eigene. Aber das kann nie geschehen! Was hier im Meere schön ist, Dein Fischschwanz, finden sie dort auf der Erde häßlich; sie verstehen es eben nicht besser; man muß dort zwei plumpe Stützen haben, die sie Beine nennen, um schön zu sein!« Da seufzte die kleine Seejungfer, und sah betrübt auf ihren Fischschwanz. »Laß uns froh sein,« sagte die Alte; »hüpfen und springen wollen wir in den dreihundert Jahren, die wir zu leben haben; das ist wahrlich lang genug; später kann man sich um so besser ausruhen. Heute Abend werden wir Hofball haben!« Das war auch eine Pracht, wie man sie nie auf Erden erblickt. Die Wände und die Decke des großen Tanzsaals waren von dickem, aber durchsichtigem Glase, Mehrere hundert kolossale Muschelschalen, rosenrothe und grasgrüne, standen zu jeder Seite in Reihen mit einem blau brennenden Feuer, welches den ganzen Saal erleuchtete und durch die Wände hindurchschien, so daß die See draußen erleuchtet war,; man konnte die unzähligen Fische sehen, große und kleine, die gegen die Glasmauern schwammen; auf einigen glänzten die Schuppen purpurroth, auf andern erschienen sie wie Silber und Gold. – Mitten durch den Saal floß ein breiter Strom, und auf diesem tanzten die Meermänner und Meerweibchen zu ihrem eigenen, lieblichen Gesänge. So schöne Stimmen haben die Menschen auf der Erde nicht. Die kleine Seejungfer sang am Schönsten von ihnen Allen, und der ganze Hof applaudirte mit Händen und Schwänzen; und einen Augenblick fühlte sie eine Freude in ihrem Herzen, denn sie wußte, daß sie die schönste Stimme von Allen auf der Erde und im Meere hatte! Aber bald gedachte sie wieder der Welt über sich; sie konnte den hübschen Prinzen und ihren Kummer, daß sie keine unsterbliche Seele, wie er sie besitze, nicht vergessen. Deshalb schlich sie sich aus ihres Vaters Schlosse hinaus, und während Alles drinnen Gesang und Frohsinn war, saß sie betrübt in ihrem kleinen Garten. Da hörte sie das Waldhorn durch das Wasser ertönen und dachte: Nun segelt er sicher dort oben, er, an dem meine Sinne hangen und in dessen Hand ich meines Lebens Glück legen möchte. Alles will ich wagen, um ihn und eine unsterbliche Seele zu gewinnen! Während meine Schwestern dort in meines Vaters Schlosse tanzen, will ich zur Meerhexe gehen, vor der mir immer so bange gewesen ist; aber sie kann vielleicht rathen und helfen!« Nun ging die kleine Seejungfer aus ihrem Garten hinaus nach den brausenden Strudeln, hinter denen die Hexe wohnte. Den Weg hatte sie früher nie zurückgelegt; da wuchsen keine Blumen, kein Seegras; nur der nackte, graue Sandboden erstreckte sich gegen die Strudel hin, wo das Wasser gleich brausenden Mühlrädern herumwirbelte und Alles, was er erfaßte, mit sich in die Tiefe riß. Mitten zwischen diesen zermalmenden Wirbeln mußte sie hindurch, um in den Bereich der Meerhexe zu gelangen; und hier war eine lange Strecke kein anderer Weg, als über warmen, sprudelnden Schlamm; diesen nannte die Hexe ihren Torfmoor. Dahinter lag ihr Haus mitten in einem seltsamen Walde, alle Bäume und Büsche waren Polypen, halb Thier und halb Pflanze; sie sahen aus wie hundertköpfige Schlangen, die aus der Erde hervorwuchsen; alle Zweige waren lange, schleimige Arme mit Fingern wie geschmeidige Würmer; und Glied vor Glied bewegte sich, von der Wurzel bis zur äußersten Spitze. Alles, was sie im Meere erfassen konnten, umschlangen sie fest und ließen es nie wieder fahren. Die kleine Seejungfer blieb vor demselben ganz erschrocken stehen; ihr Herz pochte vor Furcht; fast wäre sie umgekehrt; aber da dachte sie an den Prinzen und an die Seele der Menschen, und nun bekam sie Muth, Ihr langes, fliegendes Haar band sie fest um das Haupt, damit die Polypen sie nicht daran ergreifen möchten; beide Hände legte sie über ihre Brust zusammen, und schoß so dahin, wie der Fisch durch das Wasser schießen kann, immer zwischen den häßlichen Polypen hindurch, die ihre geschmeidigen Arme und Finger hinter ihr her streckten. Sie sah, wie jeder von ihnen Etwas, was er ergriffen hatte, mit Hunderten von kleinen Armen hielt, Menschen, die auf der See umgekommen und tief hinunter gesunken waren, sahen wie weiße Gerippe aus der Polypen Armen hervor. Schiffsruder und Kisten hielten sie fest, auch Skelette von Landthieren und ein kleines Meerweib, welches sie gefangen und erstickt hatten: das war ihr das Schrecklichste. Nun kam sie zu einem großen, sumpfigen Platze im Walde, wo große, fette Wasserschlangen sich wälzten und ihren häßlichen weißgelben Bauch zeigten. Mitten auf dem Platze war ein Haus, von weißen Knochen ertrunkener Menschen errichtet; da saß die Meerhexe und ließ eine Kröte aus ihrem Munde fressen, wie die Menschen einen kleinen Kanarienvogel Zucker zu essen geben. Die häßlichen, fetten Wasserschlangen nannte sie ihre kleinen Küchlein und ließ sie sich auf ihrer großen, schwammigen Brust wälzen. »Ich weiß schon was Du willst!« sagte die Meerhexe. »Es ist zwar dumm von Dir, doch sollst Du Deinen Willen haben; denn er wird Dich ins Unglück stürzen, meine schöne Prinzessin. Du willst gern Deinen Fischschwanz los sein und statt dessen zwei Stützen, wie die Menschen zum Gehen haben, damit der junge Prinz sich in Dich verliebt und Du ihn und eine unsterbliche Seele erhalten kannst!« Dabei lachte die Hexe laut und widerlich, so daß die Kröte und die Schlangen auf die Erde fielen, wo sie sich wälzten. »Du kommst gerade zur rechten Zeit,« sagte die Hexe; »morgen, wenn die Sonne aufgeht, könnte ich Dir nicht helfen, bis wieder ein Jahr um wäre. Ich werde Dir einen Trank bereiten, mit dem mußt Du, bevor die Sonne aufgeht, nach dem Lande schwimmen, Dich dort an das Ufer setzen und ihn trinken: dann verschwindet Dein Schwanz und schrumpft zu dem, was die Menschen niedliche Beine nennen, zusammen, aber es thut weh; es ist, als ob ein scharfes Schwert Dich durchdränge. Alle, die Dich sehen, werden sagen, Du seiest das schönste Menschenkind, das sie gesehen hätten. Du behältst Deinen schwebenden Gang; keine Tänzerin kann sich so leicht bewegen wie Du; aber jeder Schritt, den Du machst, ist, als ob Du auf scharfe Messer trätest, als ob Dein Blut fließen müßte. Willst Du alles Dieses leiden, so werde ich Dir helfen!« »Ha!« sagte die kleine Seejungfer mit bebender Stimme, und gedachte des Prinzen und der unsterblichen Seele. »Aber bedenke« sagte die Hexe; »hast Du erst menschliche Gestalt bekommen, so kannst Du nie wieder eine Seejungfer werden! Du kannst nie durch das Wasser zu Deinen Schwestern und zum Schlosse Deines Vaters zurück, und gewinnst Du des Prinzen Liebe nicht so, daß er um Deinetwillen Vater und Mutter vergißt, an Dir mit Leib und Seele hängt und den Priester Eure Hände in einander legen läßt, daß Ihr Mann und Frau werdet, so bekommst Du keine unsterbliche Seele! Am ersten Morgen, nachdem er mit einer Andern verheirathet ist, wird Dein Herz brechen, und Du wirst zu Schaum auf dem Wasser.« »Ich will es,« sagte die kleine Seejungfer und war bleich wie der Tod. »Aber mich mußt Du auch bezahlen!« sagte die Hexe; »und es ist nicht wenig, was ich verlange. Du hast die schönste Stimme von Allen hier auf dem Grunde des Meeres; damit glaubst Du wohl, ihn bezaubern zu können; aber diese Stimme mußt Du mir geben. Das Beste, was Du besitzest, will ich für meinen köstlichen Trank haben! Mein eigen Blut muß ich Dir ja geben, damit der Trank scharf wird, wie ein zweischneidig Schwert!« »Aber wenn Du meine Stimme nimmst,« sagte die kleine Seejungfer, »was bleibt mir dann übrig?« »Deine schone Gestalt,« sagte die Hexe, »Dein schwebender Gang und Deine sprechenden Augen; damit kannst Du schon ein Menschenherz bethören. Nun, hast Du den Muth verloren? Strecke Deine kleine Zunge hervor, dann schneide ich sie an Zahlungsstatt ab, und Du erhältst den kräftigen Trank!« »Es geschehe!« sagte die kleine Seejungfer; und die Hexe setzte ihren Kessel auf, um den Zaubertrank zu kochen. »Reinlichkeit ist eine schöne Sache!« sagte sie und scheuerte den Kessel mit den Schlangen ab, die sie zu einem langen Knoten band; dann ritzte sie sich selbst die Brust und ließ ihr schwarzes Blut hineintröpfeln. Der Dampf bildete die sonderbarsten Gestalten, so daß Einem angst und bange werden mußte. Jeden Augenblick warf die Hexe neue Sachen in den Kessel, und als er kochte, war es, als ob ein Krokodil weinte. Endlich war der Trank fertig; er sah wie das klarste Wasser aus. »Da hast Du ihn!« sagte die Hexe und schnitt der kleinen Seejungfer die Zunge ab, die nun stumm war, weder singen, noch sprechen konnte. »Sollten die Polypen Dich ergreifen, wenn Du durch meinen Wald zurückgehst,« sagte die Hexe, »so wirf nur einen einzigen Tropfen dieses Getränkes auf sie: davon zerspringen ihre Arme und Finger in tausend Stücke!« Aber das brauchte die kleine Seejungfer nicht zu thun; die Polypen zogen sich erschrocken zurück, da sie den glänzenden Trank erblickten, der in ihrer Hand leuchtete, als sei er ein funkelnder Stern. So kam sie schnell durch den Wald, das Moor und die brausenden Strudel. Sie konnte ihres Vaters Schloß sehen; die Fackeln waren in dem großen Tanzsaale erloschen; sie schliefen sicher Alle drinnen; aber sie wagte doch nicht, sie aufzusuchen, jetzt da sie stumm war und sie auf immer verlassen wollte. Es war, als ob ihr Herz vor Trauer zerspringen sollte. Sie schlich in den Garten, nahm eine Blume von jedem Blumenbeete ihrer Schwestern, warf Tausende von Kußhändchen dem Schlosse zu und stieg durch die dunkelblaue See hinauf. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, als sie des Prinzen Schloß erblickte und die prächtige Marmortreppe hinaufstieg. Der Mond schien herrlich klar. Die kleine Seejungfer trank den brennenden, scharfen Trank, und es war, als ginge ein zweischneidiges Schwert durch ihren feinen Körper; sie fiel dabei in Ohnmacht und lag wie todt da. Als die Sonne über die See schien, erwachte sie und fühlte einen schneidenden Schmerz; aber gerade vor ihr stand der schöne, junge Prinz; er heftete seine schwarzen Augen auf sie, so daß sie die ihrigen niederschlug und wahrnahm, daß ihr Fischschwanz fort war und sie die niedlichsten, weißen Beine hatte, die nur ein Mädchen haben kann. Aber sie war nackt, deshalb hüllte sie sich in ihr langes Haar ein. Der Prinz fragte, wer sie sei und wie sie hierher gekommen wäre; und sie sah ihn mild und doch gar betrübt mit ihren dunkelblauen Augen an; sprechen konnte sie ja nicht. Da nahm er sie bei der Hand und führte sie in das Schloß hinein. Jeder Schritt, den sie that, war, wie die Hexe im Voraus gesagt hatte, als trete sie auf spitze Nadeln und Messer; aber das ertrug sie gern; an des Prinzen Hand schritt sie so leicht einher wie eine Seifenblase, und er, sowie Alle, wunderten sich über ihren lieblichen, schwebenden Gang. Sie bekam nun herrliche Kleider von Seide und Musselin anzuziehen; im Schlosse war sie die Schönste von Allen; aber sie war stumm, konnte weder singen noch sprechen. Herrliche Sklavinnen, in Seide und Gold gekleidet, traten auf und sangen vor dem Prinzen und seinen königlichen Eltern; die Eine sang schöner als alle Andern, und der Prinz klatschte in die Hände und lächelte sie an. Da wurde die kleine Seejungfer betrübt; sie wußte, daß sie selbst weit schöner gesungen hatte und dachte: »O, er sollte nur wissen, daß ich, um bei ihm zu sein, meine Stimme für alle Ewigkeit hingegeben habe.« Nun tanzten die Sklavinnen niedliche, schwebende Tänze zur herrlichsten Musik; da erhob die kleine Seejungfer ihre schönen, weißen Arme, richtete sich auf den Fußspitzen auf und schwebte tanzend über den Fußboden hin, wie noch keine getanzt hatte; bei jeder Bewegung wurde ihre Schönheit noch sichtbarer, und ihre Augen sprachen tiefer zum Herzen, als der Gesang der Sklavinnen. Alle waren entzückt davon, besonders der Prinz, der sie sein kleines Findelkind nannte; und sie tanzte mehr und mehr, obwohl es ihr jedesmal, wenn ihr Fuß die Erde berührte, war, als ob sie auf scharfe Messer träte. Der Prinz sagte, daß sie immer bei ihm bleiben solle, und sie erhielt die Erlaubniß, vor seiner Thür auf einem Sammetkissen zu schlafen. Er ließ ihr eine Männertracht machen, damit sie ihn zu Pferde begleiten könne. Sie ritten durch die duftenden Wälder, wo die grünen Zweige ihre Schultern berührten und die Vögel hinter den frischen Blättern sangen. Sie kletterte mit dem Prinzen auf die hohen Berge hinauf, und obgleich ihre zarten Füße bluteten, daß selbst die Andern es sehen konnten, lachte sie doch darüber und folgte ihm, bis sie die Wolken unter sich segeln sahen, als wäre es ein Schwarm Vögel, die nach fremden Ländern ziehen. Daheim in des Prinzen Schlosse, wenn Nachts die Andern schliefen, gingen sie auf die breite Marmortreppe hinaus; es kühlte ihre brennenden Füße, im kalten Seewasser zu stehen, und dann gedachte sie Derer dort unten in der Tiefe. Einmal des Nachts kamen ihre Schwestern Arm in Arm; traurig sangen sie, indem sie über dem Wasser schwammen; sie winkte ihnen und sie erkannten sie und erzählten ihr, wie sehr sie alle betrübt seien. Darauf besuchte sie dieselben in jeder Nacht, und einmal erblickte sie weit draußen ihre alte Großmutter, die in vielen Jahren nicht über der Meeresfläche gewesen war, und den Meerkönig mit seiner Krone auf dem Haupte; sie streckten die Hände nach ihr aus, wagten sich aber dem Lande nicht so nahe, wie die Schwestern. Tag für Tag wurde sie dem Prinzen lieber; er liebte sie, wie man ein gutes, liebes Kind liebt; aber sie zu seiner Königin zu machen, kam ihm nicht in den Sinn; und seine Frau mußte sie doch werden, sonst erhielt sie keine unsterbliche Seele und mußte an seinem Hochzeitsmorgen zu Schaum auf dem Meere werden. »Liebst Du mich nicht am meisten von ihnen Allen?« schienen der kleinen Seejungfer Augen zu sagen, wenn er sie in seine Arme nahm und ihre schöne Stirn küßte. »Ja, Du bist mir die Liebste,« sagte der Prinz, »denn Du hast das beste Herz von Allen. Du bist mir am meisten ergeben, und gleichst einem jungen Mädchen, das ich einmal sah, aber sicher nie wiederfinde. Ich war auf einem Schiffe, welches strandete; die Wellen warfen mich bei einem heiligen Tempel an das Land, wo mehrere junge Mädchen den Dienst verrichteten; die jüngste dort fand mich am Ufer und rettete mein Leben; ich sah sie nur zweimal, sie wäre die Einzige, die ich in dieser Welt lieben könnte; aber Du gleichst ihr und Du verdrängst fast ihr Bild aus meiner Seele; sie gehört dem heiligen Tempel an, und deshalb hat mein gutes Glück Dich mir gesendet; nie wollen wir uns trennen!« – »Ach er weiß nicht, daß ich sein Leben gerettet habe!« dachte die kleine Seejungfer; »ich trug ihn über das Meer zum Walde hin, wo der Tempel steht; ich saß hier hinter dem Stamme und sah, ob keine Menschen kommen würden. Ich sah das hübsche Mädchen, die er mehr liebt, als mich!« sie seufzte tief: weinen konnte sie nicht, »Das Mädchen gehört dem heiligen Tempel an, hat er gesagt; sie kommt nie in die Welt hinaus; sie begegnen sich nicht mehr, ich bin bei ihm, sehe ihn jeden Tag; ich will ihn pflegen, lieben, ihm mein Leben opfern!« Aber nun sollte der Prinz sich verheirathen und des Nachbarkönigs schöne Tochter zur Frau bekommen, erzählte man; deshalb rüstete er ein so prächtiges Schiff aus. Der Prinz reist, um des Nachbarkönigs Länder zu besichtigen, so heißt es wohl; aber es geschieht, um des Nachbarkönigs Tochter zu sehen. Ein großes Gefolge soll ihn begleiten. Die kleine Seejungfer schüttelte das Haupt und lächelte; sie kannte des Prinzen Gedanken weit besser, als alle Andern. »Ich muß reisen!« hatte er zu ihr gesagt; »ich muß die schöne Prinzessin sehen; meine Eltern verlangen es; aber sie wollen mich nicht zwingen, sie als meine Braut heimzuführen. Ich kann sie nicht lieben! Sie gleicht nicht dem schönen Mädchen im Tempel, dem Du ähnelst; sollte ich einst eine Braut wählen, so würdest Du es eher sein, mein stummes Findelkind mit den sprechenden Augen!« Und er küßte ihren rothen Mund, spielte mit ihrem langen Haare und legte sein Haupt an ihr Herz, so daß dieses von Menschenglück und einer unsterblichen Seele träumte. »Du fürchtest doch das Meer nicht, mein stummes Kind?« sagte er, als sie auf dem prächtigen Schiffe standen, welches ihn nach den Ländern des Nachbarkönigs führen sollte; er erzählte ihr vom Sturme und von der Windstille, von seltsamen Fischen in der Tiefe und von Dem, was die Taucher dort gesehen; und sie lächelte bei seiner Erzählung; sie wußte ja besser, als sonst Jemand, was auf dem Grunde des Meeres vorging. In der mondhellen Nacht, wenn Alle schliefen, bis auf den Steuermann, der am Steuerruder stand, saß sie am Bord des Schiffes und starrte durch das klare Wasser hinunter; sie glaubte ihres Vaters Schloß zu erblicken; hoch oben stand die Großmutter mit der Silberkrone auf dem Haupte und starrte durch die reißenden Ströme zu des Schiffes Kiel empor. Da kamen ihre Schwestern über das Wasser hervor und schauten sie traurig an und rangen ihre weißen Hände; sie winkte ihnen, lächelte und wollte erzählen, daß es ihr gut und glücklich ginge; aber der Schiffsjunge näherte sich ihr und die Schwestern tauchten unter, so daß er glaubte, das Weiße, was er gesehen, sei Schaum auf der See gewesen. Am nächsten Morgen segelte das Schiff in den Hafen von des Nachbarkönigs prächtiger Stadt, Alle Kirchenglocken läuteten, und von den hohen Thürmen wurden die Posaunen geblasen, während die Soldaten mit fliegenden Fahnen und blitzenden Bayonetten dastanden. Jeder Tag führte ein Fest mit sich. Bälle und Gesellschaften folgten einander: aber die Prinzessin war noch nicht da; sie werde, weit von hier entfernt, in einem heiligen Tempel erzogen, sagten sie; dort lerne sie alle königlichen Tugenden. Endlich traf sie ein. Die kleine Seejungfer war begierig, ihre Schönheit zu sehen, und sie mußte solche anerkennen: eine lieblichere Erscheinung hatte sie noch nie gesehen. Die Haut war fein und klar, und hinter den langen dunklen Augenwimpern lächelten ein paar schwarzblaue, treue Augen. »Du bist Die!« sagte der Prinz, »die mich gerettet hat, als ich, einer Leiche gleich, an der Küste lag!« Und er drückte seine erröthende Braut in seine Arme. »O, ich bin allzu glücklich!« sagte er zur kleinen Seejungfer. »Das Beste, was ich je hoffen durfte, ist mir in Erfüllung gegangen. Du wirst Dich über mein Glück freuen, denn Du meinst es am Besten mit mir von ihnen allen!« Und die kleine Seejungfer küßte seine Hand, und es kam ihr schon vor, als fühle sie ihr Herz brechen. Sein Hochzeitsmorgen würde ihr ja den Tod geben und sie in Schaum auf dem Meere verwandeln. Alle Kirchenglocken läuteten; die Herolde ritten in den Straßen umher und verkündeten die Verlobung. Auf allen Altären brannte duftendes Oel in köstlichen Silberlampen. Die Priester schwangen die Rauchfässer, und Braut und Bräutigam reichten einander die Hand und erhielten den Segen des Bischofs. Die kleine Seejungfer war in Seide und Gold gekleidet und hielt die Schleppe der Braut; aber ihre Ohren hörten die festliche Musik nicht, ihr Auge sah die heilige Ceremonie nicht; sie gedachte ihrer Todesnacht und alles Dessen, was sie in dieser Welt verloren hatte. Noch an demselben Abende gingen die Braut und der Bräutigam an Bord des Schiffes; die Kanonen donnerten, alle Flaggen wehten, und mitten auf dem Schiffe war ein köstliches Zelt von Gold und Purpur und mit den schönsten Kissen errichtet: da sollte das Brautpaar in der kühlen, stillen Nacht schlafen! Die Segel schwellten im Winde, und das Schiff glitt leicht und ohne große Bewegung über die klare See dahin. Als es dunkelte wurden bunte Lampen angezündet, und die Seeleute tanzten lustig auf dem Verdecke. Die kleine Seejungfer mußte ihres ersten Auftauchens aus dem Meere gedenken, wo sie dieselbe Pracht und Freude erblickt hatte; und sie wirbelte sich mit im Tanze, schwebte, wie die Schwalbe schwebt, wenn sie verfolgt wird; und Alle jubelten ihr Bewunderung zu: nie hatte sie so herrlich getanzt. Es schnitt ihr wie scharfe Messer in die zarten Füße, aber sie fühlte es nicht; es schnitt ihr noch schmerzlicher durch das Herz. Sie wußte, es sei der letzte Abend, an dem sie ihn erblickte, für den sie ihre Verwandten und ihre Heimath verlassen, ihre schöne Stimme dahingegeben und täglich unendliche Qualen ertragen hatte, ohne daß er es mit einem Gedanken ahnte. Es war die letzte Nacht, daß sie dieselbe Luft mit ihm einathmete, das tiefe Meer und den sternenhellen Himmel erblickte; eine ewige Nacht ohne Gedanken und Traum harrte ihrer, die keine Seele hatte, keine Seele gewinnen konnte. Und Alles war Freude und Heiterkeit auf dem Schiffe bis über Mitternacht hinaus; sie lachte und tanzte mit Todesgedanken im Herzen. Der Prinz küßte seine schöne Braut, und sie spielte mit seinem schwarzen Haare, und Arm in Arm gingen sie zur Ruhe in das prächtige Zelt. Es wurde still auf dem Schiffe, nur der Steuermann stand am Steuerruder, die kleine Seejungfer legte ihre weißen Arme auf den Schiffsbord und blickte gegen Osten nach der Morgenröthe; der erste Sonnenstrahl, wußte sie, würde sie tödten. Da sah sie ihre Schwestern der Fluch entsteigen; die waren bleich, wie sie; ihr langes schönes Haar wehte nicht mehr im Winde; es war abgeschnitten. »Wir haben es der Hexe gegeben um Dir Hilfe bringen zu können, damit Du diese Nacht nicht stirbst! Sie hat uns ein Messer gegeben, hier ist es! Siehst Du, wie scharf? Bevor die Sonne aufgeht, mußt Du es in das Herz des Prinzen stoßen, und wenn dann das warme Blut auf Deine Füße spritzt, so wachsen diese in einen Fischschwanz zusammen und Du wirst wieder eine Seejungfer, kannst zu uns herabsteigen und lebst Deine dreihundert Jahre, bevor Du zu todtem, salzigem Seeschaume wirst. Beeile Dich! Er oder Du mußt sterben, bevor die Sonne aufgeht! Unsere Großmutter trauert so, daß ihr weißes Haar, wie das unsrige, unter der Scheere der Hexe gefallen ist. Tödte den Prinzen und komm zurück! Beeile Dich! Siehst Du den rothen Streifen am Himmel? In wenigen Minuten steigt die Sonne auf, dann mußt Du sterben!« Und sie stießen einen tiefen Seufzer aus und versanken in den Wogen. Die kleine Seejungfer zog den Purpurteppich vom Zelte und sah die schöne Braut mit ihrem Haupte an des Prinzen Brust ruhen; und sie bog sich nieder, küßte ihn auf seine schöne Stirn, blickte gen Himmel, wo die Morgenröthe mehr und mehr leuchtete; betrachtete das scharfe Messer und heftete die Augen wieder auf den Prinzen, der im Traume seine Braut bei Namen nannte. Nur sie war in seinen Gedanken, und das Messer zitterte in der Hand der Seejungfer. – Aber da warf sie es weit hinaus in die Wogen; sie glänzten roth, wo es hinfiel; es sah aus, als keimten Blutstropfen aus dem Wasser auf. Noch einmal sah sie mit halbgebrochenen Blicken auf den Prinzen, stürzte sich vom Schiffe in das Meer hinab und fühlte, wie ihr Körper sich im Schaum auflöste. Nun stieg die Sonne aus dem Meere auf: die Strahlen fielen so mild und warm auf den kalten Meeresschaum und die kleine Seejungfer fühlte nichts vom Tode. Sie sah die helle Sonne, und über ihr schwebten Hunderte von durchsichtigen, herrlichen Geschöpfen, sie konnte durch dieselben des Schiffes weiße Segel und des Himmels rothe Wolken erblicken; die Sprache derselben war melodisch, aber so geisterhaft, daß kein menschliches Ohr sie vernehmen, ebenso wie kein irdisches Auge sie erblicken konnte, ohne Schwingen schwebten sie vermittelst ihrer eigenen Leichtigkeit durch die Luft. Die kleine Seejungfer sah, daß sie einen Körper hatte, wie diese, der sich mehr und mehr aus dem Schaume erhob. »Wo komme ich hin?« fragte sie, und ihre Stimme klang wie die der andern Wesen, so geisterhaft, daß keine irdische Musik sie wiederzugeben vermag. »Zu den Töchtern der Luft!« erwiderten die Andern. »Die Seejungfer hat keine unsterbliche Seele und kann sie nie erhalten, wenn sie nicht eines Menschen Liebe gewinnt; von einer fremden Macht hängt ihr ewiges Dasein ab. Die Töchter der Luft haben auch keine unsterbliche Seele, aber sie können durch gute Handlungen sich selbst eine schaffen. Wir fliegen nach den warmen Ländern, wo die schwüle Pestluft den Menschen tödtet; dort fächeln wir Kühlung. Wir breiten den Duft der Blumen durch die Luft aus und senden Erquickung und Heilung. Wenn wir dreihundert Jahre lang gestrebt haben, alles Gute, was wir vermögen, zu vollbringen, so erhalten wir eine unsterbliche Seele und nehmen Theil am ewigen Glücke der Menschen. Du arme, kleine Seejungfer hast mit ganzem Herzen nach demselben, wie wir, gestrebt; Du hast gelitten und geduldet, hast Dich zur Luftgeisterwelt erhoben und kannst nun Dir selbst durch gute Werke nach drei Jahrhunderten eine unsterbliche Seele schaffen.« Und die kleine Seejungfer erhob ihre verklärten Augen gegen Gottes Sonne, und zum ersten Male fühlte sie Thränen in ihren Augen, – Auf dem Schiffe war wieder Lärm und Leben; sie sah den Prinzen mit seiner schönen Braut nach ihr suchen; wehmüthig starrten sie den perlenden Schaum an, als ob sie wüßten, daß sie sich in die Fluthen gestürzt habe. Unsichtbar küßte sie die Stirn der Braut, fächelte den Prinzen an und stieg mit den übrigen Kindern der Luft auf die rosenrothe Wolke hinauf, welche den Aether durchschiffte. »Nach dreihundert Jahren schweben wir so in das Reich Gottes hinein!« »Auch können wir noch früher dahin gelangen!« flüsterte eine Tochter der Luft. »Unsichtbar schweben wir in die Häuser der Menschen hinein, wo Kinder sind, und für jeden Tag, an dem wir ein gutes Kind finden, welches seinen Eltern Freude bereitet und deren Liebe verdient, verkürzt Gott unsere Prüfungszeit. Das Kind weiß nicht, wann wir durch die Stube stiegen, und müssen wir aus Freude über dasselbe lächeln, so wird ein Jahr von den dreihundert Jahren abgerechnet; sehen wir aber ein unartiges und böses Kind, so müssen wir Thränen der Trauer vergießen, und jede Thräne legt unserer Prüfungszeit einen Tag zu!« Ib und Christinchen. In der Nähe von dem klaren Strome Gudenau in Nordjütland, im Walde, welcher sich an dessen Ufern hin und weit in das Land hinein erstreckt, erhebt sich ein großer Landrücken und zieht sich, einem Walle gleich, durch den Wald, An diesem liegt westwärts ein Bauernhaus, umgeben von magerem Ackerlande; der Sandboden schimmert durch die spärlichen Roggen- und Gerstenhalme, die hier wachsen. – Es sind einige Jahre her; die Leute, die hier wohnten, bebauten das Feld, hatten außerdem drei Schafe, ein Schwein und zwei Ochsen; kurz, sie nährten sich ganz gut, hatten zu leben, wenn man das Leben nimmt wie es kommt, ja, sie hätten es wohl gar dahin bringen können, zwei Pferde zu halten, aber sie sagten wie die andern Bauern der Gegend: »das Pferd frißt sich selber!« – es zehrt so viel wie es nährt. Jeppe-Jäns bestellte sein Feld im Sommer; im Winter machte er Holzschuhe, und alsdann hatte er auch einen Gehilfen, einen Burschen, der, wie er, es verstand die hölzernen Schuhe stark aber leicht und »mit Façon« zu machen; sie schnitzelten Schuhe und Löffel, und das brachte Geld, man würde Jeppe-Jansens Unrecht gethan haben, hätte man sie arme Leute genannt. Der kleine Ib, der siebenjährige Knabe, das einzige Kind im Hause, saß dabei und sah den Arbeitern zu, schnitzelte an einem Stocke, und schnitt sich wohl auch zuweilen in den Finger; aber eines Tages hatte es Ib mit zwei Stückchen Holz so weit gebracht, daß sie wie kleine Holzschuhe aussahen, und diese wollte er Christinchen schenken; und wer war Christinchen? Sie war des Kahnführers Töchterlein, fein und zart, wie ein herrschaftliches Kind; hätte sie Kleider darnach gehabt, es würde Niemand geglaubt haben sie sei aus der Hütte von der nahen Haide. – Dort wohnte ihr Vater, welcher Witwer war und sich davon nährte, daß er auf seinem großen Boote Brennholz aus dem Walde nach dem nahen Gute Silkeborg mit seinem großartigen Aalfange und Aalwehr, zuweilen auch gar bis nach dem entfernten Städtchen Randers fuhr. Er hatte Niemand, der Christinchen hätte unter seine Obhut nehmen können; deshalb war denn auch das Mädchen fast immer bei ihm im Boote oder im Walde zwischen Haidekraut und Heidelbeergesträuch; mußte er einmal ganz nach dem Städtchen hinauf, nun so brachte er Christinchen, das ein Jahr jünger als Ib war, über die Haide zu Jeppe-Jänsens hinüber. Ib und Christinchen vertrugen sich in allen Stücken, sie theilten sich in Brot und Beeren, wenn sie hungrig waren, sie wühlten gemeinschaftlich in der Erde, sie liefen und krochen spielend überall umher; und eines Tages wagten sie sich gar, Beide ganz allein, auf den großen Landrücken hinauf und eine weite Strecke in den Wald hinein; einmal fanden sie dort einige Schnepfeneier, und das war ein großes Ereigniß. Ib war noch nie auf der Haide gewesen, wo Christinchens Vater wohnte und auch nicht auf dem Strome gefahren; aber endlich einmal sollte das auch geschehen; Christinchens Vater hatte ihn dazu eingeladen und am Abende vorher folgte er diesem über die Haide nach dessen Hause. Am nächsten frühen Morgen saßen die beiden Kinder hoch auf dem im Boote aufgeschichteten Brennholze und aßen Brot und Heidelbeeren. Christinchens Vater und sein Gehilfe trieben das Boot durch Stangen vorwärts, sie hatten die Strömung mit sich, und in schneller Fahrt ging es den Strom entlang, durch die Seen, welche derselbe bildet, und die oft durch Wald, Schilf und Röhricht wie verschlossen erschienen, aber doch immer die Durchfahrt gestatteten, wenn auch die alten Bäume sich über die Gewässer neigten, und die Eichen ihre abgeschälten Zweige hervorstreckten, als wenn sie die Hemdärmel abgestreift hätten und ihre knorrigen, nackten Arme zeigen wollten; alte Erlen, welche der Strom vom Ufer losgeschwemmt, klammerten sich mit ihren Wurzeln fest am Uferboden an und sahen aus, als wären sie kleine Waldinseln; die Wasserlilien wiegten sich auf dem Strome; es war eine herrliche Fahrt! – und endlich gelangte man bis an das große Aalwehr, wo das Wasser durch die Schleusen brauste; – das war zu schön, meinten Ib und Christinchen. Damals war dort keine Fabrik und auch kein Städtchen; nur das alte große Gehöft mit seinem kärglichen Ackerbetrieb mit wenigen Leuten und wenigem Vieh war dort zu sehen, und das Gebrause des Wassers durch die Schleuse, das Schreien der wilden Enten war das ganze rege Leben Silkeborgs. – Nachdem das Brennholz ausgeladen war, kaufte der Vater Christinchens sich ein Bündel Aale und ein geschlachtetes Ferkel, welches Alles in einen Korb gethan und hinten in das Boot gestellt wurde. Darauf ging es stromaufwärts wieder zurück, aber der Wind war günstig und da man die Segel aufzog, war es so gut als hätte man zwei Pferde vorgespannt. Als man sich auf dem Strome ungefähr dem Orte gegenüber befand, wo der Gehilfe des Kahnführers landeinwärts nur eine kurze Strecke vom Ufer entfernt wohnte, wurde das Boot vertäuet und die beiden Männer gingen ans Land, nachdem sie zuvor den Kindern eingeschärft hatten, sich ruhig zu verhalten. Aber das thaten die Kinder nicht, wenigstens nur sehr kurze Zeit, mußten sie doch m den Korb hinein gucken, m welchem die Aale und das Ferkel lagen; das Ferkel mußten sie haben, in der Hand halten, befühlen, betasten, und da sie dies zu gleicher Zeit thun wollten, so geschah es, daß sie es ins Wasser fallen ließen, dort trieb nun das Ferkel mit der Strömung davon, und das war eine entsetzliche Begebenheit. Ib sprang ans Land und lief vom Boote eine kleine Strecke fort, und Christinchen sprang ihm nach; »nimm mich mit Dir!« rief sie, und in wenigen Augenblicken befanden sie sich tief im Gebüsch, sie sahen nichts mehr, weder das Boot, noch den Strand; sie liefen noch eine kleine Strecke weiter, dann fiel Christinchen zu Boden und weinte; Ib hob sie aber wieder auf. »Folge mir!« sagte er. »Drüben liegt das Haus!« – Aber das Haus lag nicht drüben. Sie wanderten immer weiter, über das dürre, raschelnde, vorjährige Laub, über herabgefallene Baumzweige, und es knackte unter ihren kleinen Füßen; bald darauf hörten sie ein lautes durchdringendes Rufen, – sie blieben lauschend stehen, darauf schrillte der Schrei eines Adlers durch den Wald, es war ein garstiger Schrei und sie erschraken dabei, aber vor ihnen, drinnen im Walde, wuchsen die schönsten Blaubeeren in unglaublicher Menge; das war zu einladend als daß sie nicht hätten bleiben sollen, sie blieben auch und aßen von den Beeren und bekamen einen blauen Mund und blaue Wangen. Aber nun hörten sie von Neuem das frühere Rufen. »Es setzt was für das Ferkel!« sagte Christinchen. »Komm wir gehen nach unserm Hause!« sagte Ib, »das ist hier im Walde!« und sie gingen weiter; sie geriethen auf einen Fahrweg, aber nach Hause führte der Weg nicht und es wurde finster und sie fürchteten sich. Die wunderbare Stille, welche ringsum herrschte, wurde durch garstiges Schreien der großen Horneule oder anderer Vögel unterbrochen; endlich verliefen sie sich Beide in ein Gebüsch; Christinchen weinte und Ib weinte, und als sie sodann eine Weile geweint hatten, streckten sie sich in das dürre Laub und schliefen ein. Die Sonne stand hoch am Himmel als die beiden Kinder erwachten, es fror sie, aber in der Nähe von ihrer Lagerstätte, auf dem Hügel, strahlte die Sonne durch die Bäume, dort wollten sie sich wieder erwärmen, und von dort aus, meinte Ib, würden sie das Haus seiner Eltern sehen können; aber sie waren weit von dem Hause entfernt, in einem ganz andern Theile des Waldes. Sie kletterten diese Anhöhe hinan und befanden sich an einem Abhange, einem klaren durchsichtigen See gegenüber; die Fische standen darin in großen Schaaren an dem Wasserspiegel, von den Sonnenstrahlen beleuchtet; was sie hier Alles erblickten, kam ihnen ebenso unerwartet als plötzlich; aber dicht neben ihnen prangte ein Haselnußstrauch voll der schönsten Nüsse, und nun pflückten sie die Nüsse ab, knackten sie auf und aßen die feinen jungen Kerne, die sich erst kürzlich gebildet hatten – aber es war ihnen doch noch eine Ueberraschung, ein Schrecken vorbehalten. Aus dem Gebüsche trat eine große, alte Frau hervor, deren Haar tief schwarz und glänzend war; das Weiße in ihren Augen leuchtete wie bei Mohren; auf dem Rücken trug sie ein Bündel, in der Hand einen Knotenstock; sie war eine Zigeunerin. Die Kinder verstanden nicht gleich, was sie sagte; sie zog drei große Nüsse aus der Tasche hervor; drinnen in diesen, erzählte sie, lägen die schönsten, herrlichsten Dinge, es seien Wünschelnüsse. Ib blickte sie an, sie sprach so freundlich, daß er sich zusammen nahm und sie fragte, ob sie ihm die Nüsse schenken wollte, und die Frau gab sie ihm und pflückte sich vom Haselnußstrauche andere, eine Tasche voll. Ib und Christinchen blickten die drei Wünschelnüsse mit großen Augen an. »Ist wohl in dieser Nuß ein Wagen mit zwei Pferden?« fragte Ib. »Ib, da drinnen ist eine goldene Carosse mit goldenen Pferden!« sagte die Frau. »Dann gieb mir die Nuß;« sagte Christinchen, und Ib gab sie ihr, die fremde Frau knüpfte die Nuß in ihr Halstuch ein. »Ist wohl in dieser Nuß hier so ein kleines hübsches Tuch wie Christinchen da um den Hals hat?« fragte Ib. »Es sind zehn Halstücher darin!« sagte die Frau, »es sind feine Kleider, Strümpfe, Hut und Schleier drin.« »Dann will ich auch die haben!« sagte Christinchen, und Ib gab ihr auch die zweite Nuß; die dritte war ein kleines schwarzes Ding. »Die mußt Du behalten,« sagte Christinchen, »und die ist auch schön. »Und was ist denn darin?« »Das Allerbeste für Dich!« antwortete die Zigeunerin. Und Ib hielt die Nuß recht fest. – Die Frau versprach, sie wolle die Kinder auf den richtigen Weg führen, damit sie sich nach Hause finden könnten, und nun ging es weiter, freilich in einer ganz andern Richtung als sie hätten gehen müssen, aber deshalb darf man noch lange nicht der alten Frau nachsagen, daß sie die Kinder stehlen wollte. Auf dem wilden Waldpfade begegneten sie dem Waldvoigt, derselbe kannte Ib, und durch seine Hilfe kamen denn auch Ib und Christinchen nach Hause; wo man sich ihretwegen sehr geängstigt hatte; es wurde ihnen verziehen und vergeben, obgleich sie allerdings Beide in der That verdient hätten, daß »es was gesetzt hätte« erstens weil sie das Ferkel ins Wasser hatten fallen lassen, und zweitens weil sie davongelaufen waren. Christinchen brachte man zu ihrem Vater auf der Haide und Ib blieb in dem Bauernhäuschen am Saume des Waldes und des großen Landrückens. Das Erste, was er nun Abends that, war, die kleine schwarze Nuß aus seiner Tasche hervorzuholen, welche das »Allerbeste« in sich schließen sollte; – er legte sie vorsichtig zwischen Thür und Thürangel nieder, klemmte darauf die Thüre zu, und die Nuß knackte richtig auf, aber Kern war nicht viel darin zu sehen: sie war wie mit Schnupftabak oder schwarzer, fetter Erde gefüllt; sie war taub oder wurmstichig wie man sagt. »Ja, das dachte ich mir gleich!« sagte Ib, »wie sollte auch in der kleinen Nuß Platz sein für das Allerbeste! Christinchen wird eben so wenig herauskriegen aus ihren zwei Nüssen, weder feine Kleider, noch eine goldene Karosse!«     Der Winter kam heran, und das neue Jahr trat ein; ja es verstrichen mehrere Jahre. Ib sollte endlich confirmirt und eingesegnet werden, und ging deshalb einen Winter zu dem Pfarrer weit im Dorfe drüben, um zu lernen. Um diese Zeit besuchte der Bootsmann eines Tages die Eltern Ib's und erzählte, daß Christinchen nun in Dienst zöge und daß es ein wahres Glück für sie sei, in solche Hände zu fallen und einen solchen Dienst bei solch' braven Leuten zu bekommen: denkt einmal! sie zieht zu den reichen Wirthsleuten in Herning-Krug, weit gen Westen, viele Meilen von Ib entfernt; dort soll sie der Krügerin zur Hand gehen und in der Wirtschaft beistehen, und später, wenn sie sich wohl anläßt und dort confirmirt und eingesegnet ist, wollen die Leute sie behalten als ihre Tochter. Und Ib und Christinchen nahmen Abschied von einander. »Die Brautleute« nannte man sie, und sie zeigte ihm beim Abschiede, daß sie noch die zwei Nüsse habe, die er ihr damals bei ihrer Irrfahrt im Walde gegeben, und sie sagte ferner, daß sie in ihrer Truhe die kleinen hölzernen Schuhe aufbewahre, die er als Knabe geschnitzelt und ihr geschenkt habe. Darauf trennten sie sich. Ib wurde eingesegnet; aber er blieb im Hause seiner Mutter, er war ein flinker Holzschuhmacher geworden; im Sommer bestellte er das Feld, seine Mutter hielt keinen Knecht mehr dazu, er that es allein, denn sein Vater war längst gestorben. Nur selten, und alsdann höchstens durch einen Postillon oder einen Aalbauern erfuhr man etwas über Christinchen. Es erging ihr jedoch wohl bei den reichen Krügersleuten, und als sie eingesegnet war, schrieb sie einen Brief an ihren Vater und darin auch einen Gruß an Ib und dessen Mutter; im Briefe stand geschrieben von sechs neuen Hemden und einem schönen Kleide, welches Alles Christinchen von ihrer Herrschaft zum Geschenke erhalten habe. Das waren freilich gute Nachrichten. Im nächsten Frühjahr klopfte es eines Tages an die Thüre der alten Mutter unseres Ib, und siehe da, der Kahnführer und Christinchen traten ein; sie war auf einen Tag zum Besuch angekommen, ein Wagen war vom Herning-Kruge nach dem nächsten Kirchdorfe abgeschickt, und die Gelegenheit hatte sie benutzt, um einmal wieder die Ihrigen zu sehen. Schön war sie wie ein feines Fräulein, und hübsche Kleider hatte sie an, die gut gearbeitet und zwar eigens für sie gemacht waren. Sie stand da im vollen Putze, und Ib war in seinen Alltagskleidern. Er konnte kein Wort hervorbringen; zwar ergriff er ihre Hand und hielt dieselbe fest in der seinigen und war recht innig erfreut, aber den Mund konnte er nicht in Gang bringen; das konnte aber Christinchen, sie sprach und erzählte immer fort, und küßte auch Ib ohne Weiteres gerade auf den Mund. »Kanntest Du mich gleich wieder, Ib?« sagte sie; aber selbst als sie später unter vier Augen waren, und er noch immer dastand und ihre Hand in der seinigen hielt, vermochte er nur zu sagen: »Du bist ganz wie eine feine Dame geworden, und ich sehe so zottig aus! Wie habe ich an Dich, Christinchen, und an die alten Zeiten gedacht!« Und Arm in Arm wanderten sie den großen Landrücken hinan und schauten über den Strom hinaus nach der Haide hinüber, nach den großen mit Ginster überwucherten Hügeln; aber Ib sagte nichts; doch als sie sich trennten, war es ihm klar geworden, daß Christinchen seine Frau werden müsse, hatte man sie doch von Kindesbeinen an die Brautleute genannt; sie seien, so schien es ihm, ein verlobtes Paar, wenn auch Keiner von Ihnen es jemals ausgesprochen hatte. Nur noch einige Stunden konnten sie beisammen bleiben, Christinnen mußte wieder ins Nachbardorf zurückkehren, von wo der Wagen am nächsten Morgen zeitig nach Herning abgehen sollte. Ihr Vater und Ib begleiteten sie bis ans Dorf, es war ein schöner, mondheller Abend, und als sie im Dorfe anlangten und Ib noch die Hand Christinchens in der seinigen hielt, konnte er sie nicht lassen, seine Augen leuchteten, aber die Worte flossen ihm spärlich über die Lippen; doch sie flossen aus seinem tiefinnersten Herzen, und er sagte: »Wenn Du nicht zu fein gewöhnt worden bist, Christinchen, und Du Dich darin finden kannst, im Hause der Mutter mit mir zusammen als meine Ehefrau zu leben, so werden wir Beide einmal Mann und Frau! – – aber wir können es noch ein wenig damit anstehen lassen.« »Ja, sehen wir es noch einige Zeit damit an, Ib!« sagte sie, dabei drückte sie seine Hand und er küßte sie auf den Mund. »Ich vertraue Dir, Ib!« sagte Christinchen »und ich glaube auch, daß ich Dich lieb habe, – aber ich will es mir beschlafen!« Darauf trennten sie sich. Auf dem Rückwege sagte Ib dem Kahnführer, daß er und Christinchen nun so gut wie verlobt seien, und der Kahnführer fand, daß das gerade so sei, wie er sich stets gedacht; er ging den Abend mit Ib nach Hause und blieb die Nacht über dort. Nun wurde nichts weiter von der Verlobung gesprochen. Ein Jahr verstrich, während dessen zwei Briefe zwischen Ib und Christinchen gewechselt wurden. »Treu bis in den Tod!« lautete die Unterschrift. – Eines Tages trat der Kahnführer zu Ib herein, er brachte ihm einen Gruß von Christinchen; was er sonst noch mehr zu sagen hatte, damit ging es nun allerdings etwas langsam von Statten, allein es lautete dahin, daß es Christinchen wohl, fast mehr denn wohl erginge, sie sei ja ein hübsches Mädchen, gefeiert und geliebt; der Sohn des Krügers sei auf Besuch zu Hause gewesen, er sei bei irgend einer großen Anstalt in einem Bureau in Kopenhagen angestellt, – und ihm gefiele Christinchen gar sehr, – sie fände ihn auch nach ihrem Sinne, seine Eltern seien zwar auch nicht unwillig, allein es läge nun doch Christinchen im Herzen, daß Ib wohl gar sehr ihrer gedenke, und so habe sie daran gedacht, sie wolle das Glück von sich stoßen, sagte der Kahnführer. Anfänglich sprach Ib kein Wort, aber er wurde so blaß wie die Wand, schüttelte den Kopf ein wenig, und darauf erst sagte er: »Christinchen darf das Glück nicht von sich stoßen!« »Nun, so schreibe ihr die paar Worte,« sagte der Kahnführer. Und Ib setzte sich zum Schreiben nieder, aber er vermochte es nicht, die Worte so zu stellen, wie er es wollte, und er strich aus und zerriß, – am folgenden Morgen jedoch lag ein Brief an Christinchen fertig da, und hier ist er: – »Den Brief, welchen Du Deinem Vater geschrieben hast, habe ich gelesen und sehe daraus, daß es Dir gut geht in allen Dingen und daß Du es noch besser bekommen kannst. Frage Dein Herz, Christinchen, und überlege es Dir genau, was Deiner wartet, wenn Du mich nimmst; was ich habe, ist nur wenig. Denke nicht an mich, oder an meinen Zustand, sondern denke an Dein ewiges Wohl! An mich bist Du durch kein Versprechen gebunden, und hast Du mir in Deinem Herzen ein solches gegeben, so entbinde ich Dich desselben. Die Freude schütte ihr Füllhorn über Dich aus, Christinchen! Der liebe Gott wird wohl Trost für mein Herz wissen. Immer Dein inniger Freund Jb.« Der Brief wurde abgesendet, Christinchen bekam ihn richtig. Im Verlaufe des Novembers wurde sie aufgeboten, in der Kirche auf der Haide und drüben in Kopenhagen, wo der Bräutigam wohnte, und nach Kopenhagen reiste sie in Begleitung ihrer Schwiegermutter ab, weil der Bräutigam seiner Geschäfte halber die weite Reise tief in Jütland hinein nicht unternehmen konnte. Christinchen traf in einem Dorfe auf der Reise mit ihrem Vater zusammen; hier nahmen die Beiden von einander Abschied. Hiervon fielen nun gelegentlich einige Worte vor, aber Ib sagte nichts dazu, er wäre sehr nachdenkend geworden, hätte seine alte Mutter gesagt; ja nachdenkend war er geworden, und deshalb kamen ihm auch die drei Nüsse in den Sinn, welche er als Kind von der Zigeunerin geschenkt erhalten, und von welchen er Christinchen zwei gegeben hatte; es seien Wünschelnüsse, in der einen, der ihrigen läge ja eine goldene Carosse mit Goldfüchsen, in der andern wären die prächtigsten Kleider; das sei richtig! all die Herrlichkeit bekäme sie nun drüben in der Hauptstadt. Ihr ging es in Erfüllung –! ihm, Ib, habe die Nuß nur schwarze Erde gespendet. »Das Allerbeste« für ihn, habe die Zigeunerin gesagt, – ja, richtig, auch das ginge in Erfüllung! Die schwarze Erde sei ihm das Beste. Jetzt begreife er deutlich, was die Frau gemeint habe. In der schwarzen Erde, in der finstern Gruft sei ihm am allerbesten!     Und es verstrichen Jahre, nicht gerade viele, aber lange Jahre, so schien es dem Ib; die alten Krügersleute starben, Eins nach dem Andern; der ganze Nachlaß, viele tausend Thaler, vererbte auf den Sohn. Ja, jetzt konnte Christinchen die goldene Carosse und seine Kleider genug bekommen. Zwei lange Jahre, welche darauf folgten, lief kein Brief von Christinchen ein, und als dann endlich der Vater einen bekam, war derselbe durchaus nicht in Wohlstand und Freuden geschrieben. Das arme Christinchen! weder sie noch ihr Mann hatten es verstanden, den Reichthum zu Rathe zu halten, es war kein Segen an ihm, – weil sie es selbst nicht so wollten. Die Haideblumen prangten und das Haidekraut verdorrte wieder; der Schnee strich schon viele Winter über die Haide, über den Landrücken dahin, unter welchem Ib in Schutz gegen die rauhen Winde wohnte; die Frühlingssonne schien, und Ib ließ den Pflug durch seinen Acker schneiden, da schnitt derselbe, wie er wähnte, über einen Feuerstein dahin, es kam ein großer, schwarzer Hobelspan aus dem Boden heraus, und als Ib ihn erfaßte, war es ein Metall, und die Stelle, wo der Pflug in dasselbe eineingeschnitten hatte, flimmerte ihm entgegen. Es war eine große, schwere goldene Armspange aus dem Alterthume; das Hünengrab war hier geschleift, und jetzt war sein köstlicher Schmuck gefunden. Ib zeigte es dem Pfarrer, der ihm nun den Werth des Fundes auseinander setzte, und darauf begab sich Ib zum Landrichter, welcher den Vorsteher des Museums von seinem Funde benachrichtigte, und Ib den Rath ertheilte, persönlich den Schatz zu überbringen. »Du hast in der Erde das Beste gefunden, was Du finden konntest,« sagte der Landrichter. »Das Beste!« dachte Ib. »Das Allerbeste für mich, und in der Erde! nun, wenn das das Beste ist, so hatte die Zigeunerin Recht in dem, was sie mir wahrsagte.« Ib ging mit der Fähre von Aarhus nach Kopenhagen; ihm, der nur einige Male über den heimathlichen Strom hinübergesetzt war, schien dies eine Reise über das Weltmeer zu sein. Er langte in Kopenhagen an. Der Werth des gefundenen Geldes wurde ihm ausgezahlt, es war eine große Summe; sechshundert Thaler. In der großen Stadt ging Ib von der Haide umher. Gerade am Abende vor seiner auf den nächsten Morgen mit dem Schiffer bestimmten Abreise, verirrte Ib sich mit den Straßen, und schlug eine andere Richtung ein, als er wollte; er hatte sich in die Nebenstadt, Christianshafen, in eine ärmliche Gasse verlaufen. Kein Mensch war zu sehen. Da trat endlich ein ganz kleines Mädchen aus einem der armseligen Häuser heraus; Ib fragte die Kleine nach der Straße, die er suchte; sie blickte ihn aber schüchtern an und weinte heftig. Nun fragte er sie, was ihr fehle, sie gab jedoch eine ihm unverständliche Antwort; aber indem sie die Straße entlang schritten und sich Beide unter einer Laterne befanden, deren Schein dem Mädchen gerade ins Gesicht siel, wurde ihm wunderbar zu Muthe, denn es war leibhaftig Christinchen, welches vor ihm stand, ganz wie er sich ihrer aus der Kindheit erinnerte. Er trat mit dem kleinen Mädchen in das ärmliche Haus, stieg die enge, wacklige Treppe hinauf, welche zu einer kleinen schrägen Kammer hoch oben unter dem Dache führte. Drinnen war die Luft schwer und fast erstickend, kein Licht brannte, in einem Winkel seufzte und athmete es schwer auf. Ib machte Licht durch Hilfe eines Streichhölzchens. Es war die Mutter des Kindes, welche seufzend auf dem ärmlichen Lager ruhte. »Kann ich Euch mit Etwas unterstützen?« fragte Ib. »Die Kleine hat mich heraufgeführt, allein ich bin fremd in der Stadt. Sind hier keine Nachbarn oder sonst Jemand, den ich rufen könnte?« Er richtete den Kopf der Kranken auf und schob ihr das Kissen zurecht. Es war Christinchen von der Haide . Seit Jahren war drüben ihr Name nicht genannt, das würde den stillen Sinn unsers Ib gestört haben, und was das Gerücht und die Wahrheit erzählte, war auch nichts Gutes: das viele Geld, welches ihr Mann von seinen Eltern geerbt, hatte ihn beirrt und übermüthig gemacht; er hatte seine feste Stellung aufgegeben, war ein halbes Jahr in fremden Ländern umhergereist, und hatte, zurückgekehrt, Schulden gemacht und doch auf einem großen Fuße gelebt; der Wagen neigte sich immer mehr und mehr, und zuletzt schlug er um. Die vielen lustigen Freunde und Tischgenossen sagten von ihm, er habe es so verdient, er habe ja wie ein Toller gewirthschaftet! – Eines Morgens habe man seine Leiche im Canal gefunden. Christinchen trug schon den Tod im Herzen, ihr jüngstes Kind, nur wenige Wochen alt, in Wohlstand getragen, in Elend geboren, lag bereits im Grabe, und jetzt war es so weit mit Christinchen selbst gekommen, daß sie todtkrank, verlassen in einer elenden Kammer lag; so dürftig wie sie es in ihren jüngern Jahren wohl hätte verschmerzen können, jetzt aber, besser gewöhnt, recht schmerzlich empfand. Es war ihr ältestes Kind auch sein kleines Christinchen, welches mit ihr Noth und Hunger litt, und welches Ib zu ihr hinaufgeführt hatte. »Ich ängstige mich, daß ich sterbe und das arme Kind hier zurücklasse,« seufzte sie, »ach wo soll denn das arme Kind hin!« – mehr vermochte sie nicht zu sagen. Ib zog nochmals ein Streichhölzchen hervor, zündete ein Stückchen Licht an, welches er in der Kammer fand, und die Flamme erhellte die elende Wohnung. Dann betrachtete er das kleine Mädchen und dachte an Christinchen als sie jung war, ihretwillen könne er dieses Kind, das er nicht kannte, lieb haben. Die Sterbende blickte ihn an, ihre Augen wurden immer größer – erkannte sie ihn? Er wußte es nicht, kein Wort ging über ihre Lippen. Und es war im Walde an dem Strome Gudenau, in der Haidegegend; die Luft war dick und finster, das Haidekraut trug keine Blüthen zu Schau, herbstliche Stürme trieben das gelbe Laub vom Walde in den Strom hinaus über die Haide dahin, wo die Hütte des Kahnführers stand, in welcher jetzt fremde Leute hausten; aber unter dem Landrücken, schön im Schutze hoher Bäume stand das Bauernhäuschen geweißt und angestrichen, drinnen flammte der Haidetorf im Kamin, drinnen war Sonnenschein, der leuchtende Schein zweier Kinderaugen, des Lenzes Lerchentöne klangen in der Rede von des Kindes rothen, lächelnden Lippen; Leben und Freude herrschte drinnen, Christinchen war dort; sie saß auf Ib's Knieen. Ib war ihr Vater und Mutter, diese waren ihr entschwunden, wie das Traumbild dem Kinde und dem Erwachsenen entschwindet, Ib saß drinnen in dem hübschen, geputzten Hause, er war ein wohlhabender Mann, die Mutter des kleinen Mädchens ruhte auf dem Friedhofe bei Kopenhagen – in Elend gestorben. Ib hatte Geld, hatte sein Schäfchen ins Trockne gebracht, und – er hatte ja auch Christinchen. Der Schatten. In den heißen Ländern brennt die Sonne sehr stark; dort werden die Leute mahagonibraun; ja in den heißesten Ländern werden sie sogar zu Negern gebrannt. Dieses Mal war es jedoch nur bis nach den heißen Ländern, wohin ein gelehrter Mann aus den kalten Gegenden gekommen war. Der glaubte nun, daß er da ebenso umherlaufen konnte, wie zu Hause; aber von der Meinung kam er bald ab. Er und alle vernünftigen Leute mußten zu Hause bleiben; die Fensterladen und Thüren wurden den ganzen Tag geschlossen; es sah aus als ob Alle im Hause schliefen oder ausgegangen wären. Die schmale Straße mit den hohen Häusern, in der er wohnte, war aber auch so gebaut, daß die Sonne vom Morgen bis zum Abende darauf liegen mußte; es war wirklich unerträglich! Der gelehrte Mann aus den kalten Gegenden war ein junger, kluger Mann; es kam ihm vor, als säße er in einem glühenden Ofen; das griff ihn sehr an, er wurde mager; selbst sein Schatten schrumpfte mehr zusammen und ward viel kleiner als zu Hause; die Sonne nahm auch sogar den mit und er lebte erst des Abends auf, wenn sie untergegangen war. Es war ein Vergnügen, dies mit anzusehen; sobald Licht in die Stube gebracht wurde, streckte sich der Schatten an der Wand hinauf, ja noch weiter, bis an die Decke, so lang machte er sich; er mußte sich strecken, um wieder zu Kräften zu kommen. Der gelehrte Mann ging auf den Altan hinaus, um sich zu dehnen, und sobald die Sterne an dem schönen, klaren Himmel hervorkamen, war es ihm, als ob er wieder auflebe. Auf allen Altanen in der Straße – und in den warmen Ländern ist vor jedem Fenster ein Altan – erschienen jetzt Leute; denn frische Luft muß man doch schöpfen, wenn man auch daran gewöhnt ist, mahagonibraun zu werden; dann war es lebhaft unten und oben; unten setzten sich Schuster und Schneider – worunter man alle Leute versteht – auf die Straße hinaus; dann brachte man Tische und Stühle, und Lichter brannten, ja, über tausend Lichter: Einer sprach, ein Anderer sang, und die Leute spazierten; Wagen fuhren, Maulthiere trabten, »Klingelingeling;« – sie tragen nämlich Schellen am Geschirre – Leichen wurden begraben mit Gesang: die Kirchenglocken läuteten; ja, es war fürwahr sehr lebhaft auf der Straße. Nur in dem einen Hause, dem gegenüber, wo der fremde, gelehrte Mann wohnte, war es sehr still; und dennoch wohnte Jemand dort, denn es standen Blumen auf dem Altane, die blühten gar schön in der Sonnenhitze; und das hätten sie ja nicht können, wenn sie nicht begossen worden wären, und Jemand mußte sie doch begießen! Leute mußte es also da geben. Die Thüre ward auch gegen Abend halb geöffnet; aber dann war es dunkel, wenigstens in dem vordersten Zimmer; weiter aus dem Innern hörte man Musik. Der fremde, gelehrte Mann fand dieselbe außerordentlich schön; aber es war freilich auch gut möglich, daß er sich das blos einbildete, denn er fand draußen in den warmen Ländern Alles vorzüglich, wenn nur keine Sonne dagewesen wäre. Der Wirth des Fremden sagte, daß er nicht wisse, wer das gegenüberliegende Haus gemiethet habe; man sehe keinen Menschen, und was die Musik anlange, so scheine es ihm, daß dieselbe schrecklich langweilig sei. »Es sei, als ob Jemand da säße und ein Stück einübe, das er doch nicht herausbringe: stets das nämliche Stück. »»Ich bringe es doch heraus!«« meinte er allerdings; er bringt es aber nicht heraus, wie lange er auch spielt.« – Einst in der Nacht wachte der Fremde auf; er schlief bei offener Altanthür; der Wind lüftete den Vorhang vor derselben, und es kam ihm vor, als komme ein wunderbarer Glanz von dem Altane des gegenüberliegenden Hauses; alle Blumen erschienen wie Flammen in den schönsten Farben und mitten zwischen den Blumen stand eine schöne, schlanke Jungfrau. Es war, als ob auch sie leuchte; es blendete ihm förmlich die Augen: aber er hatte sie nur zu weit aufgerissen und kam eben erst aus dem Schlaf. Mit einem Sprunge war er aus dem Bette; leise schlich er sich hinter den Vorhang; – allein die Jungfrau war fort, der Glanz war fort, die Blumen leuchteten nicht mehr, standen aber noch so schön da, wie immer; die Thür war angelehnt, und von innen klang Musik, so lieblich, so schön, daß man sich dabei wirklich in süße Gedanken vertiefen konnte. Es war wie ein Zauberwerk; aber wer wohnte da? Wo war der eigentliche Eingang? Denn nach der Straße und nach dem Seitengäßchen hin war das ganze Erdgeschoß Laden an Laden, und da konnten die Leute doch nicht immer durchlaufen. – Eines Abends saß der Fremde auf seinem Altan; in der Stube dicht hinter ihm brannte ein Licht, und so war es natürlich, daß sein Schatten auf die Wand des gegenüberstehenden Hauses fiel; ja, da saß er zwischen den Blumen auf dem Altan; und wenn der Fremde sich bewegte, so bewegte sich auch der Schatten. – »Ich glaube, daß mein Schatten das einzige Lebendige ist, was man drüben sieht,« sagte der gelehrte Mann. »Sieh, wie hübsch er dort zwischen den Blumen sitzt; die Thür steht nur angelehnt; nur sollte der Schatten so gescheidt sein und hineingehen, sich drinnen umsehen, dann zurückkommen und mir erzählen, was er da gesehen. »Ja, Du würdest Dich dadurch nützlich machen,« sagte er wie im Scherz. »Sei so gut und tritt hinein! Nun, wirst Du gehen?« Und dann nickte er dem Schatten zu und der Schatten nickte wieder. »Nun, geh nur, aber bleibe nicht ganz weg!« Und der Fremde erhob sich, und der Schatten auf dem Altane gegenüber erhob sich auch; der Fremde kehrte sich um; ja, wenn Jemand genau darauf Acht gegeben hätte, so würde er gesehen haben, wie der Schatten gerades Weges durch die halbgeöffnete Altanthür des gegenüberliegenden Hauses in demselben Augenblicke hineinging, wo der Fremde in seine Stube zurückging, und den langen Vorhang herabfallen ließ. Am nächsten Morgen ging der gelehrte Mann aus, um Kaffee zu trinken und Zeitungen zu lesen. »Was ist das!« sagte er, als er in den Sonnenschein kam. »Ich habe ja keinen Schatten mehr! So ist er also wirklich gestern Abend fortgegangen und nicht zurückgekommen; das ist ja recht verdrießlich!« Das ärgerte ihn; aber nicht so sehr deswegen, weil der Schatten fort war, sondern weil er wußte, daß es eine Geschichte gebe von einem Manne ohne Schatten; – alle Leute zu Hause kannten ja diese Geschichte; und kam nun der gelehrte Mann nach Hause und erzählte seine eigene Geschichte, so würden sie sagen, daß es nur eine Nachäffung von ihm sei; und das hatte er nicht nöthig, von sich sagen zu lassen. Er wollte daher nicht davon sprechen, und das war vernünftig von ihm gedacht. Am Abende ging er wieder auf seinen Altan hinaus; das Licht hatte er zwar hinter sich gesetzt, denn er wußte, daß der Schatten stets seinen Herrn zum Schirme haben will; aber er konnte ihn nicht herauslocken. Er machte sich klein, er machte sich lang; aber da war kein Schatten, da kam kein Schatten. Er sagte: »Hm, Hm!« aber das half nichts. Das war ärgerlich; doch in den warmen Ländern wächst Alles so geschwind, und nach Verlauf von acht Tagen merkte er zu seiner großen Freude, daß ihm ein neuer Schatten aus den Beinen herauswuchs, wenn er in den Sonnenschein kam: die Wurzel mußte also geblieben sein. Nach drei Wochen hatte er einen leidlichen Schatten, der, als er sich auf die Rückreise nach den nördlichen Ländern begab, immer mehr und mehr wuchs, sodaß er zuletzt so lang und so groß war, daß er gut die Hälfte hätte abgeben können. Als der gelehrte Mann nach Hause kam, schrieb er Bücher über das, was es Wahres in der Welt, und was es Gutes darin giebt, und was da Hübsches ist, und es vergingen Tage, und es vergingen Jahre – es vergingen viele Jahre. Da sitzt er eines Abends in seiner Stube, und leise klopfte es an seine Thür. »Herein!« sagte er; aber Niemand kam; da öffnete er die Thür; da stand ein so außerordentlich magerer Mensch vor ihm, daß ihm wunderlich zu Muthe wurde. Uebrigens war der Mensch äußerst fein angezogen: es mußte ein vornehmer Mann sein. »Mit wem habe ich die Ehre zu sprechen?« fragte er. »Ja, das dachte ich mir wohl,« sagte der seine Mann, »daß Sie mich nicht kennen würden: ich bin so viel Körper geworden, daß ich Fleisch und Kleider bekommen habe. Sie haben wohl nie daran gedacht, mich in solchem Zustande zu sehen? Kennen Sie ihren alten Schatten nicht? Ja, sie haben gewiß nicht geglaubt, daß ich doch wiederkommen würde. Mir ist es außerordentlich gut gegangen, seit ich zuletzt bei Ihnen war, ich bin in jeder Hinsicht sehr vermögend geworden; will ich mich vom Dienste freikaufen, so kann ich das.« Er klapperte mit einer Menge kostbarer Berlocken, die an seiner Uhr hingen, und steckte seine Hand durch die dicke goldene Kette, die er um den Hals trug; und wie blitzten an allen seinen Fingern Diamantringe! Und Alles war echt! – »Nein, ich kann nicht zu mir selbst kommen!« sagte der gelehrte Mann. »Was bedeutet alles Dieses?« »Ja, etwas Gewöhnliches nicht!« sagte der Schatten. »Aber Sie gehören ja auch selbst nicht zu den Gewöhnlichen, und ich bin, das wissen Sie wohl, von Kindesbeinen an in Ihre Fußtapfen getreten. Sobald Sie fanden, daß ich reif genug sei, um allein in der Welt fortzukommen, ging ich meinen eigenen Weg; ich bin in den brillantesten Verhältnissen. Aber mich überkam eine Art Sehnsucht, Sie noch einmal zu sehen, ehe Sie sterben; ich wollte diese Gegenden wiedersehen, man hängt doch stets an seinem Vaterlande. Ich weiß, daß sie einen andern Schatten bekommen haben; habe ich etwas an den oder an Sie zu bezahlen? Haben Sie nur die Güte, es zu sagen.« »Nein, bist Du es wirklich?« sagte der gelehrte Mann. »Das ist ja merkwürdig! Ich hätte nie geglaubt, daß man seinen alten Schatten jemals als Menschen wiedersehen könnte!« »Sagen Sie mir nur, was ich zu bezahlen habe,« sagte der Schatten, »denn ich möchte nicht gerne in Jemandes Schuld stehen.« »Wie kannst Du so sprechen?« sagte der gelehrte Mann. »Von welcher Schuld kann hier die Rede sein? Du bist so frei wie Einer! Ich freue mich außerordentlich über Dein Glück! Setze Dich nieder, alter Freund, und erzähle mir doch ein Wenig, wie das zugegangen ist und was Du dort in den warmen Ländern, in dem uns gegenüberliegenden Hause sahst!« »Ja, das will ich Ihnen erzählen,« sagte der Schatten und setzte sich; »aber dann müssen Sie mir versprechen, daß Sie niemals zu irgend Jemand hier in der Stadt, wo Sie mich auch antreffen sollten, es sagen wollen, daß ich Ihr Schatten gewesen bin! Ich beabsichtige, mich zu verloben; ich kann mehr als eine Familie ernähren.« »Sei unbesorgt,« sagte der gelehrte Mann; »ich werde Niemandem sagen, wer Du eigentlich bist. Hier ist meine Hand, ich verspreche es Dir, und ein Mann, ein Wort!« »Ein Wort, ein Schatten!« sagte der Schatten; denn so mußte der ja sprechen. Es war aber übrigens äußerst merkwürdig, wie sehr er Mensch geworden. Er war schwarz gekleidet und trug das feinste, schwarze Tuch, lackirte Stiefel und einen Hut, den man zusammendrücken konnte, sodaß er nichts als Deckel und Krempe war, nicht zu sprechen von dem, was wir bereits wissen: den Berlocken, der goldenen Halskette und den Diamantringen. Ja, der Schatten war außerordentlich gut gekleidet, und dies war es gerade, was ihn zu einem ganzen Menschen machte. »Nun will ich erzählen,« sagte der Schatten; und dann setzte er seine Füße mit den lackirten Stiefeln so fest er nur konnte, auf den Arm von dem neuen Schatten des gelehrten Mannes nieder, der wie ein Pudelhund zu seinen Füßen lag. Das geschah nun entweder aus Hochmuth, oder vielleicht auch, damit der neue Schatten daran kleben bleiben sollte. Aber der liegende Schatten verhielt sich still und ruhig, um recht zuhören zu können; er wollte auch wissen, wie man so los kommen und sich zu seinem eigenen Herrn hinauf dienen könne. »Wissen Sie wer in dem Hause uns gegenüber wohnte?« sagte der Schatten. »Das war das Herrlichste von Allem! es war die Poesie! Ich war drei Wochen da, und das wirkt ebenso sehr, als wenn man dreitausend Jahre »lebte und Alles lesen konnte, was gedichtet und geschrieben ist. Denn das sage ich, und es ist wahr: Ich habe Alles gesehen und ich weiß Alles!« »Die Poesie!« rief der gelehrte Mann. »Ja, sie lebt oft als Einsiedlerin in den großen Städten. Die Poesie! Ja, ich habe sie einen einzigen, kurzen Augenblick gesehen, aber der Schlaf steckte mir in den Augen: sie stand auf dem Altan und leuchtete, wie das Nordlicht leuchtet: Blumen mit lebenden Flammen. Erzähle, erzähle! Du warst auf dem Altan. Du gingst durch die Thür und dann – – –« »Dann befand ich mich im Vorzimmer,« sagte der Schatten. »Sie saßen drüben und sahen stets nach dem Vorzimmer hinüber. Da war kein Licht: es herrschte dort eine Art von Halbdunkel; aber eine Thür nach der andern in einer Reihe von Stuben und Sälen stand offen, und da war es hell, und die Masse von Licht würde mich getödtet haben, wäre ich bis zur Jungfrau, gekommen. Aber ich war besonnen; ich nahm mir Zeit, und das muß man thun.« »Und was sahst Du nun?« fragte der gelehrte Mann. »Ich sah Alles! Und das will ich Ihnen erzählen; aber – es ist wahrlich nicht Stolz von meiner Seite – als freier Mann und bei den Kenntnissen, die ich besitze, abgerechnet meine gute Stellung und meine ausgezeichneten Vermögensverhältnisse, wünschte ich doch, daß Sie, »Sie« zu mir sagen möchten.« »Bitte um Verzeihung,« sagte der gelehrte Mann; »das »Du« ist eine alte Gewohnheit, und solche legt man schwer ab. Sie haben vollkommen recht, und ich will daran denken. Aber nun erzählen Sie mir Alles, was Sie sahen.« »Alles,« sagte der Schatten, »denn ich sah Alles und ich weiß Alles.« »Wie sah es denn in den inneren Gemächern aus?« fragte der gelehrte Mann. »War es dort, wie in dem kühlen Haine? War es dort, wie in einem heiligen Tempel? Waren die Gemächer, wie der sternenhelle Himmel, wenn man auf den hohen Bergen steht?« »Alles war da,« sagte der Schatten; ich war zwar nicht ganz drinnen; ich blieb in dem vordersten Zimmer im Halbdunkel, aber da stand ich außerordentlich gut. Ich sah Alles und weiß Alles. Ich bin am Hofe der Poesie im Vorgemach gewesen.« »Aber was sahen Sie denn? Gingen durch die großen Säle alle die Götter der Vorzeit? Kämpften dort die alten Helden? Spielten dort liebliche Kinder und erzählten ihre Träume?« »Ich sage Ihnen, daß ich da gewesen bin, und daher begreifen Sie wohl, daß ich Alles sah, was zu sehen war. Wenn Sie dahin gekommen wären, da wären Sie nicht Mensch geblieben, aber ich wurde es! und zugleich lernte ich mein innerstes Wesen, mein Angeborenes, die Verwandtschaft kennen, in der ich zu der Poesie stand. Ja, damals, als ich bei Ihnen war, dachte ich nicht darüber nach; aber immer, das wissen Sie, wenn die Sonne auf- und niederging, war ich oft wunderbar groß: im Mondscheine war ich beinahe noch bemerkbarer, als Sie selbst; ich begriff damals nicht mein innerstes Wesen: im Vorgemach erschloß es sich mir – ich wurde Mensch! Reif kam ich wieder heraus, aber Sie waren nicht mehr in den warmen Ländern. Ich schämte mich, als Mensch so zu gehen, wie ich ging; ich hatte Stiefel, ich hatte Kleider und diesen ganzen Menschenfirniß nöthig, der einen Menschen erkennbar macht: ich nahm meinen Weg – ja, Ihnen kann ich es wohl anvertrauen; Sie werden es ja in kein Buch setzen – ich nahm meinen Weg unter den Rock der Kuchenfrau; unter den versteckte ich mich; das Weib dachte nicht daran, wie viel sie beherbergte. Erst am Abend ging ich aus; ich lief im Mondscheine auf der Straße umher; ich streckte mich lang an der Mauer hinauf; das kitzelte sehr angenehm auf dem Rücken; ich lief hinauf und hinab, schaute durch die höchsten Fenster in die Säle hinein und durch's Dach, wo Niemand hinsehen konnte, und ich sah, was Niemand sah, was Niemand sehen sollte. – Es ist im Grunde doch eine böse Welt; ich würde nicht Mensch sein wollen, wenn es nicht einmal angenommen wäre, daß es etwas bedeutet, Mensch zu sein. Ich sah das Allerunglaublichste bei Weibern und Männern und Eltern und den »»süßen, unvergleichlichen Kindern««. Ich sah, was kein Mensch weiter weiß, was sie aber Alle gar zu gern wissen möchten: Uebles bei den Nachbarn. Hätte ich eine Zeitung geschrieben, sie wäre gelesen worden; aber ich schrieb gradesweges an die Person selbst, und es entstand Schrecken in allen Städten, wohin ich kam. Sie hatten solche Angst vor mir, sie hatten mich außerordentlich lieb! Der Professor machte mich zum Professor; der Schneider gab mir neue Kleider (ich bin gut versehen); der Münzmeister schlug Münzen für mich; die Weiber sagten, daß ich schön sei – und so wurde ich der Mann, der ich jetzt bin! und nun sage ich Adieu! Hier ist meine Karte, ich wohne auf der Sonnenseite und bin bei Regenwetter stets zu Hause.« Und der Schatten ging. »Das war doch merkwürdig!« sagte der gelehrte Mann. Jahre und Tage vergingen, da kam der Schatten wieder. »Wie geht es?« fragte er. »Ach!« sagte der gelehrte Mann; »ich schreibe über das Wahre, das Gute und das Schöne; aber Keinem ist es darum zu thun, so etwas zu hören; ich bin verzweifelt, denn ich nehme mir das zu Herzen!« »Das thue ich aber nicht,« sagte der Schatten; »ich werde dick und fett, und das muß man zu werden suchen. Sie verstehen sich nicht auf die Welt; Sie werden krank dabei – Sie müssen reisen. Ich will diesen Sommer eine Reise machen, wollen Sie mit? Ich möchte wohl einen Reisecameraden haben, wollen Sie als Schatten mitreisen? Es soll mir ein großes Vergnügen sein! Ich bezahle die Reise!« »Sie reisen wohl sehr weit?« fragte der gelehrte Mann. »Wie man's nimmt!« sagte der Schatten. »Eine Reise wird Ihnen sehr gut thun. Wollen Sie mein Schatten sein? dann sollen Sie Alles auf der Reise frei haben.« »Das ist doch zu toll!« sagte der gelehrte Mann. »Aber so ist nun einmal die Welt,« sagte der Schatten, »und so wird es auch bleiben!« Dann entfernte er sich. Dem gelehrten Manne ging es gar nicht gut; Sorgen und Kummer verfolgten ihn; und was er von dem Wahren, dem Guten und dem Schönen sprach: das war den Meisten, was die Muskatnuß der Kuh. Er wurde zuletzt krank. »Sie sehen wirklich aus wie ein Schatten!« sagten die Leute zu ihm, und es überlief den gelehrten Mann wie ein Schauer, denn er hatte dabei seine eigenen Gedanken. »Sie müssen in ein Bad reisen!« sagte der Schatten, der ihm einen Besuch machte. »Es giebt keine andere Hilfe für Sie. Ich will Sie um unserer alten Bekanntschaft willen mitnehmen. Ich bezahle die Reise und Sie machen die Beschreibung davon und vertreiben mir damit die Zeit unterwegs. Ich will in ein Bad; mein Bart wächst nicht so recht, wie er sollte, das ist auch eine Krankheit; und einen Bart muß ich doch haben. Seien Sie vernünftig, und nehmen Sie mein Anerbieten an; wir reisen wie Cameraden.« Und sie reisten. Der Schatten war nun Herr und der Herr war Schatten. Sie fuhren mit einander, sie ritten und gingen zusammen, neben einander, vor und hinter einander, wie die Sonne eben stand. Der Schatten wußte stets den Ehrenplatz einzunehmen; das fiel dem gelehrten Mann nun nicht weiter auf; er hatte ein sehr gutes Herz und war außerordentlich mild und freundlich. Da sagte der Herr eines Tages zum Schatten: »Da wir nun auf solche Weise Reisecameraden geworden und zugleich von Kindesbeinen an mit einander aufgewachsen sind, wollen wir da nicht Brüderschaft trinken? Das Du klingt doch vertraulicher.« »Sie sagten da etwas,« sagte der Schatten, der ja nun eigentlich der Herr war, »was sehr wohlwollend und geradezu gesagt ist; ich will nun ebenso wohlwollend und geradezu sein. Sie, der Sie ein gelehrter Mann sind, wissen es wohl, wie wunderlich die Natur ist. Es giebt Menschen, die es nicht vertragen können, graues Papier anzuriechen; es wird ihnen unwohl davon; Andern geht es durch Mark und Bein, wenn man mit einem Nagel an einer Glasscheibe kritzelt, ich für meine Person habe ein ähnliches Gefühl, wenn ich Sie Du zu mir sagen höre: ich fühle mich dadurch, wie in meiner ersten Stellung bei Ihnen, zu Boden gedrückt. Sie sehen, daß dies ein Gefühl ist, kein Stolz. Ich kann Sie nicht Du zu mir sagen lassen; aber ich will gern Du zu Ihnen sagen: da wird ihr Wunsch doch wenigstens zur Hälfte erfüllt.« Und nun sagte der Schatten Du zu seinem frühern Herrn. »Das ist doch etwas stark,« dachte dieser, »daß ich Sie sagen muß, er aber Du sagt;« doch er mußte es sich gefallen lassen. Sie kamen in ein Bad, wo viele Fremde waren und unter diesen eine wunderschöne Königstochter, welche die Krankheit hatte, daß sie allzuscharf sah, was sehr beunruhigend war. Sogleich merkte sie, daß der Neuangekommene eine ganz andere Person sei, als alle die Andern. »Man sagt, daß er hier ist, um seinen Bart zum Wachsen zu bringen; aber ich erkenne die rechte Ursache: er kann keinen Schatten werfen!« Nun war sie neugierig geworden, und daher ließ sie sich auf der Promenade mit dem fremden Herrn sogleich in ein Gespräch ein. Als eine Königstochter brauchte sie nicht erst viel Umstände zu machen, deshalb sagte sie gerade heraus zu ihm: »Ihre Krankheit besteht darin, daß Sie keinen Schatten werfen können.« »Ihre Königliche Hoheit müssen sehr auf dem Wege der Besserung sein,« sagte der Schatten. »Ich weiß, Ihr Uebel besteht darin, daß Sie allzuscharf sehen; aber das hat sich gegeben; Sie sind wieder hergestellt. Ich habe einen ungewöhnlichen Schatten. Sehen Sie nicht die Person, die stets neben mir geht? Andere Menschen haben einen gewöhnlichen Schatten; aber ich liebe das Gewöhnliche nicht. Man giebt oft seinen Dienern feineres Tuch zur Livree, als man selbst trägt, und so habe ich meinen Schatten sich zu einem Menschen herausputzen lassen; ja, Sie sehen, daß ich ihm sogar einen Schatten gegeben habe. Das kostet sehr viel, aber ich liebe es, etwas Apartes zu haben.« »Wie,« sagte die Prinzessin »sollte ich mich wirklich erholt haben? Dieses Bad ist das beste, welches es giebt; das Wasser hat in unseren Zeiten ganz wunderbare Kräfte. Aber ich reise noch nicht von hier fort, denn jetzt wird es erst amüsant; der fremde Prinz – denn ein Prinz muß es sein – gefällt mir außerordentlich gut. Wenn nur sein Bart nicht wächst, denn dann reist er wieder ab.« Am Abende in dem großen Ballsaale tanzten die Königstochter und der Schatten zusammen. Sie war leicht, aber er war noch leichter; einen solchen Tänzer hatte sie noch nie gesehen. Sie sagte ihm, aus welchem Lande sie sei, und er kannte das Land; er war da gewesen, aber damals war sie abwesend; er hatte durch die Fenster des Schlosses gesehen, sowohl von unten, wie von oben: er hatte das Eine und das Andere erfahren, und daher konnte er der Königstochter antworten und Anspielungen machen, über die sie sehr erstaunte. Er mußte der klügste Mann der Erde sein; sie bekam einen großen Respect vor Allem, was er wußte. Und als sie wieder mit ihm tanzte, ward sie verliebt in ihn; und das bemerkte der Schatten sehr, denn sie hätte ihn beinahe mit ihren Augen durch und durch gesehen. Sie tanzten noch einmal, und sie war nahe daran, es ihm zu sagen; aber sie war vernünftig, sie dachte an ihr Land und Reich und an die vielen Menschen, über die sie regieren sollte. »Ein kluger Mann ist er,« sagte sie zu sich selbst, »das ist gut; und ganz vortrefflich tanzt er, das ist auch gut: aber sollte er wohl gründliche Kenntnisse haben? Das ist ebenso wichtig; er muß examinirt werden.« Und nun richtete sie sogleich eine schwierige Frage an ihn, daß sie selbst nicht darauf hätte antworten können; und der Schatten machte ein sonderbares Gesicht. »Darauf können Sie mir nicht antworten,« sagte die Königstochter. »Das habe ich schon in meinen Kinderjahren gelernt,« sagte der Schatten; »ich glaube sogar mein Schatten, der dort an der Thüre steht, würde darauf antworten können.« »Ihr Schatten?« sagte die Königstochter; »das wäre sehr merkwürdig.« »Ich sage es nicht als bestimmt, daß er es kann,« sagte der Schatten; »aber ich mochte es fast glauben. Er ist mir schon so manches Jahr gefolgt und hat gar Vieles von mir gehört: ich möchte es glauben. Aber Ihro Königliche Hoheit erlauben mir, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß er so stolz darauf ist, für einen Menschen zu gelten, daß er, wenn er bei guter Laune sein soll – und das muß er sein, um richtig zu antworten – ganz wie ein Mensch behandelt sein will.« »Das gefällt mir!« sagte die Königstochter. Und nun ging sie zu dem gelehrten Manne an der Thür; und sprach mit ihm von Sonne und Mond, von den grünen Wäldern und von den Menschen nah und fern, und der gelehrte Mann antwortete sehr klug und sehr gut. »Was das für ein Mann sein muß, der einen so klugen Schatten hat!« dachte sie. »Es würde ein wahrer Segen für mein Volk und mein Reich sein, wenn ich Den wählte; – ich thue es!« Und sie wurden bald einig, die Königstochter und der Schatten nämlich; aber Niemand sollte etwas davon wissen, bevor sie in ihr Reich heimgekehrt war. »Niemand; nicht einmal mein Schatten!« sagte der Schatten, und dazu hatte er seine besonderen Gründe. Sie kamen nach dem Lande, wo die Königstochter regierte, wenn sie zu Hause war. »Höre, mein Freund,« sagte der Schatten zu dem gelehrten Manne, »jetzt bin ich so glücklich und mächtig, wie nur Jemand es werden kann; jetzt will ich auch etwas Besonderes für Dich thun. Du sollst bei mir auf dem Schlosse wohnen, mit mir in einem königlichen Wagen fahren und hunderttausend Reichsthaler jährlich haben; aber Du mußt Dich von Allen und Jedem Schatten nennen lassen und darfst es nie sagen, daß Du jemals Mensch gewesen bist; und dann mußt Du jährlich einmal, wenn ich auf dem Altane im Sonnenscheine sitze und mich sehen lasse, zu meinen Füßen liegen, wie es einem Schatten gebührt. Denn ich will Dir sagen, ich heirathe die Königstochter, und heute Abend ist die Hochzeit!« »Nein, das ist doch zu toll!« sagte der gelehrte Mann. »Das will ich nicht, das thue ich nicht; das heißt, das ganze Land betrügen und die Königstochter dazu! Ich werde Alles sagen: daß ich Mensch bin und Sie Schatten, nur daß Sie Menschenkleider anhaben!« »Das würde Niemand glauben,« sagte der Schatten; »sei vernünftig, oder ich lasse die Wache rufen!« »Ich gehe geradeswegs zur Königstochter!« sagte der gelehrte Mann. »Aber ich gehe zuerst,« sagte der Schatten, »und Du gehst ins Gefängniß!« Und das geschah, denn die Schildwachen gehorchten Dem, von dem sie wußten, daß die Königstochter ihn heirathen wollte. – »Du zitterst?« sagte die Königstochter, als der Schatten bei ihr eintrat. »Ist etwas vorgefallen? Du darfst heute nicht krank werden, jetzt, da wir unsere Hochzeit feiern wollen!« »Ich habe das Fürchterlichste erlebt, was man erleben kann!« sagte der Schatten. »Denke Dir – ja, so ein armes Schattengehirn kann nicht viel vertragen! – Denke Dir, mein Schatten ist verrückt geworden; er bildet sich ein, daß er Mensch geworden ist und daß – denke Dir nur! daß ich sein Schatten bin!« »Dies ist ja schrecklich!« sagte die Prinzessin. »Er ist doch eingesperrt?« »Das versteht sich; ich fürchte, daß er sich nie wieder erholen wird.« »Der arme Schatten!« rief die Prinzessin. »Er ist sehr unglücklich; es wäre eine wahre Wohlthat, ihn von seinem Leben zu befreien, und wenn ich recht darüber nachdenke, wie in unserer Zeit das Volk nur allzu bereit ist, die Partie des Geringern gegen die Höheren zu nehmen, da scheint es mir nöthig zu sein, daß man ihn in aller Stille bei Seite schaffe.« »Das ist allerdings hart, denn er war ein treuer Diener,« sagte der Schatten, und er that, als wenn er seufzte. »Du bist ein edler Charakter!« sagte die Königstochter und verneigte sich vor ihm. Am Abend war die ganze Stadt illuminirt und Kanonen wurden abgefeuert: Bum! – Und die Soldaten präsentirten die Gewehre. Das war eine Hochzeit! Die Königstochter und der Schatten traten auf den Altan hinaus, um sich sehen zu lassen und noch einmal ein Hurrah zu bekommen. Der gelehrte Mann hörte nichts von all diesen Herrlichkeiten – denn er war schon hingerichtet. Der Freundschaftsbund. So eben haben wir eine kleine Reise gemacht und schon verlangt uns nach einer größern. Wohin? Nach Sparta, nach Mycene, nach Delphi! Es giebt hundert Orte, bei deren Namen das Herz von Reiselust pocht. Es geht zu Pferde die Bergpfade hinauf, durch Gestrüpp und Gesträuch; der einzelne Reisende erscheint wie eine ganze Karawane. Selbst reitet er mit seinem Agojat voraus, ein Packpferd trägt Koffer, Zelt und Proviant, ein paar Gensdarmen folgen zu seinem Schutze nach. Kein Wirthshaus mit weichen Betten erwartet ihn nach der ermüdenden Tagesreise, das Zelt ist oft sein Dach in der großen, wilden Natur, der Agojat kocht einen Pilau Derselbe wird aus Hühnern, Reis und Carri bereitet. zum Abendessen; tausend Mücken umschwärmen das kleine Zelt, es ist eine klägliche Nacht und morgen führt der Weg über stark angeschwollene Flüsse; sitze fest auf Deinem Pferde, daß Du nicht fortgespült wirst! Welcher Lohn wird Dir für diese Beschwerden? Der größte, reichste! Die Natur offenbart sich hier in ihrer ganzen Größe, jeder Fleck ist historisch, Augen und Gedanken schwelgen. Der Dichter kann es besingen, der Maler in reichen Bildern darstellen, aber den Duft der Wirklichkeit, der auf ewig hineindringt und in der Seele des Beschauers bleibt, vermögen sie nicht wiederzugeben. In vielen kleinen Skizzen habe ich versucht, eine kleine Strecke von Athen mit seiner Umgebung anschaulich zu machen, und dennoch, wie farblos steht das gegebene Bild, wie wenig zeigt es Griechenland, diesen trauernden Schönheitsgenius, dessen Größe und Kummer der Fremde nie vergißt! Der einsame Hirte droben auf dem Felsen würde durch eine einfache Erzählung einer seiner Lebensbegebenheiten vielleicht besser, als ich mit meinen Bildern, Demjenigen das Auge öffnen können, der in einigen Zügen das Land der Hellenen schauen will. Laß ihn denn reden! spricht meine Muse; wohlan! Eine Sitte, eine hübsche, eigenthümliche Sitte soll dem Hirten dort auf dem Berge Stoff für seine Erzählung bieten, nämlich: »Der Freundschaftsbund.«. »Unser Haus war aus Lehm zusammengeklebt, aber die Thürpfosten bestanden aus gewürfelten Marmorsäulen, dort gefunden wo man das Haus erbaute. Das Dach reichte fast bis zur Erde herab, jetzt war es schwarzbraun und häßlich, aber als es gedeckt wurde, bestand es aus blühendem Oleander und frischen Lorbeerzweigen, hinter den Bergen hergeholt. Um unsere Wohnung war es eng, die Wände strebten schroff empor und zeigten eine kahle, schwarze Farbe, an ihren Gipfeln hingen oft Wolken, gleich weißen, lebenden Gestalten. Niemals hörte ich hier einen Singvogel, nie tanzten die Männer hier zu den Tönen der Sackpfeife, aber der Ort war geheiligt aus alten Zeiten, selbst der Name erinnert daran, er wird ja Delphi genannt! Die dunkeln, ernsten Berge lagen alle mit Schnee bedeckt, der höchste, der am längsten in der rothen Abendsonne schimmerte, war der Parnaß ; der Bach nahe an unserm Hause schoß von ihm herab und war einst auch heilig, jetzt trübt der Esel ihn mit seinen Füßen, doch die Strömung wälzt sich fort und wird wieder klar. Wie entsinne ich mich jedes Flecks in seiner heiligen, tiefen Einsamkeit! Mitten in der Hütte wurde Feuer angezündet, und wenn die heiße Asche hoch und glühend da lag, das Brot darin gebacken. Wenn sich der Schnee so hoch um unsre Hütte thürmte, daß sie fast versteckt war, dann schien meine Mutter am fröhlichsten, dann hielt sie meinen Kopf zwischen ihren Händen, küßte meine Stirn und sang die Lieder, die sie sonst niemals sang; denn die Türken, unsere Herren litten es nicht, und sie sang: »Auf dem Gipfel des Olymp, in dem niedrigen Fichtenwalde war ein alter Hirsch, schwer waren seine Augen von Thränen; rothe, ja grüne und blaßblaue Thränen weinte er, und vorüber kam ein Rehbock: »Was ist Dir doch, daß Du so weinst, weinst rothe, grüne, ja blaßblaue Thränen?« »»Der Türke ist in unsre Stadt gekommen, hat wilde Hunde zu seiner Jagd, eine tüchtige Meute!«« »Ich jage sie über die Inseln,« sagte der junge Rehbock, »ich jage sie über die Inseln ins tiefe Meer! – Aber ehe der Abend herabsank, war der Rehbock erschlagen, und ehe die Nacht kam, war der Hirsch gehetzt und todt!« – Und wenn meine Mutter so sang, wurden ihre Augen naß, und in den langen Augenwimpern hing eine Thräne, aber sie verbarg sie und buk dann unser schwarzes Brot in der Asche. Dann ballte ich meine Hand und sagte: »Wir wollen die Türken todtschlagen!« aber sie wiederholte aus dem Liede: »Ich jage sie über die Inseln ins tiefe Meer! – Aber ehe der Abend herabsank, war der Rehbock erschlagen, und ehe die Nacht kam, war der Hirsch gehetzt und todt!« Mehrere Tage und Nächte waren wir einsam in unserer Hütte gewesen, da kam mein Vater; ich wußte, er würde mir Muschelschalen aus dem Golfe von Lepanto mitbringen, oder gar ein Messer, scharf und glänzend. Diesmal brachte er uns ein Kind, ein kleines, nacktes Mädchen, das er unter seinem Schlafpelze hielt; es war in ein Fell gewickelt, und Alles was die Kleine besaß, als sie ohne dieses in meiner Mutter Schoße lag, waren drei Silbermünzen, in ihrem schwarzen Haare befestigt. Der Vater erzählte von den Türken, die des Kindes Eltern erschlagen hatten, er erzählte uns so viel, daß ich die ganze Nacht davon träumte. – Mein Vater war selbst verwundet, die Mutter verband seinen Arm, die Wunde war tief, der dicke Schafpelz von Blut steif gefroren. Das kleine Mädchen sollte meine Schwester sein, wie strahlend schön war es! Meiner Mutter Augen waren nicht sanfter wie die seinigen. Anastasia , wie sie genannt wurde, sollte meine Schwester sein, denn ihr Vater war dem meinigen angetraut nach alter Sitte, wie wir sie noch halten. Sie hatten in der Jugend Brüderschaft geschlossen und das schönste und tugendhafteste Mädchen der ganzen Gegend erwählt, ihren Freundschaftsbund zu weihen, oft hörte ich von dem hübschen, seltsamen Gebrauche. Nun war die Kleine meine Schwester; sie saß auf meinem Schoße, ich brachte ihr Blumen und die Federn der Felsenvögel, wir tranken zusammen aus den Gewässern des Parnaß und schliefen Kopf an Kopf unter dem Lorbeerdache der Hütte, während meine Mutter noch manchen Winter von den rothen, grünen und blaßblauen Thränen sang! Aber noch begriff ich nicht, daß es mein eigenes Volk sei, dessen tausendfältige Sorgen sich in diesen Thränen abspiegelten. Eines Tages kamen drei fränkische Männer, sie waren anders wie wir gekleidet. Ihre Betten und Zelte hatten sie auf Pferden, und mehr als zwanzig Türken, alle mit Säbeln und Gewehren bewaffnet, begleiteten sie, denn sie waren Freunde des Paschas und hatten Geleitsbriefe von ihm. Sie kamen nur, um unsere Berge zu sehen, um in Schnee und Wolken den Parnaß zu besteigen und die seltsamen, schwarzen, steilen Felsen, um unsere Hütte zu betrachten. Sie hatten darin nicht Platz, vertrugen auch den Rauch nicht, der unter der Decke hinzog und durch die niedrige Thür hinausdrang; sie schlugen daher ihre Zelte auf dem engen Platze neben unserer Hütte auf, brieten Lämmer und Vögel, schenkten süße, starke Weine ein, aber die Türken durften nicht davon trinken. Als sie fortreisten, begleitete ich sie eine Strecke Wegs, und meine kleine Schwester Anastasia hing, in ein Ziegenfell eingenäht, auf meinem Rücken. Einer der fränkischen Herren stellte mich gegen einen Felsen und zeichnete mich und sie ab, so lebendig, wie wir dort standen, wir sahen aus wie ein Geschöpf; – nie hatte ich daran gedacht, aber Anastasia und ich waren ja Eins , immer lag sie in meinem Schoße oder hing auf meinem Rücken, und träumte ich, dann erschien sie in meinen Träumen. Zwei Nächte später kamen andere Leute, mit Messern und Gewehren bewaffnet, in unsere Hütte. Es waren Albaneser, kühne Leute, wie meine Mutter sagte. Sie verweilten nur kurze Zeit; meine Schwester Anastasia saß auf dem Schoße des Einen – als sie fort waren, hatte sie zwei und nicht drei Silbermünzen in ihrem Haare. Sie legten Tabak in Papierstreifen und rauchten daraus; der Aelteste sprach vom Wege, den sie einschlagen sollten, und war über diesen in Ungewißheit. »Spucke ich in die Höhe,« sagte er, »so fällt es mir ins Gesicht, spucke ich hinunter, so fällt es in meinen Bart!« – Aber ein Weg mußte gewählt werden; sie gingen und mein Vater begleitete sie. Bald darauf hörten wir Schüsse – es knallte nochmals; Soldaten drangen in unsere Hütte und nahmen meine Mutter, mich und Anastasia gefangen; die Räuber hatten ihren Aufenthalt bei uns gehabt, mein Vater sei ihr Führer gewesen, deshalb müßten wir fort. Ich sah die Leichen der Räuber, ich sah meines Vaters Leiche und weinte, bis ich einschlief. Als ich erwachte, waren wir im Gefängnisse, aber die Stube war nicht schlechter, als in unserer eigenen Hütte, ich erhielt Zwiebeln und harzigen Wein, den sie aus einem getheerten Sacke gossen, besser hatten wir es zu Hause auch nicht. Wie lange wir gefangen waren, weiß ich nicht; aber viele Tage und Nächte vergingen. Als wir freigelassen wurden, war das heilige Osterfest; ich trug Anastasia auf dem Rücken, denn meine Mutter war krank, nur langsam konnte sie gehen, und es war weit, ehe wir hinab bis an das Meer gelangten, bis an den Golf von Lepanto. Wir traten in eine Kirche, die von Bildern auf goldnem Grunde widerstrahlte; es waren Engel und sehr hübsch, aber mir schien doch, daß unsere kleine Anastasia eben so hübsch sei. Mitten auf dem Boden stand ein mit Rosen angefüllter Sarg; der Herr Christus liegt da als schöne Blume, sagte meine Mutter; und der Priester verkündete: »Christus ist erstanden!« Alle Leute küßten sich. Jeder hielt ein brennendes Licht in der Hand, ich selbst erhielt eins, die kleine Anastasia auch eins, Sackpfeifen ertönten, Männer tanzten Hand in Hand aus der Kirche und draußen brieten die Frauen das Osterlamm. Wir wurden eingeladen, ich saß am Feuer; ein Knabe, älter als ich, umschlang meinen Hals, küßte mich und sagte: »Christus ist erstanden!« So begegneten Aphtanides und ich uns zum ersten Mal. Meine Mutter konnte Fischernetze stricken, das gab hier an der Meeresbucht einen guten Verdienst und wir blieben lange Zeit am Meere, – dem schönen Meere, das wie Thränen schmeckte und durch seine Farben an die Thränen des Hirsches erinnerte, bald war es ja roth, bald grün und dann wieder blau. Aphtanides verstand das Boot zu lenken, und ich saß mit meiner kleinen Anastasia darin, es glitt auf dem Wasser wie eine Wolke durch die Luft. Wenn dann die Sonne sank, färbten sich die Berge mit tieferem Blau, eine Bergreihe erhob sich über die andere, und am fernsten stand der Parnaß mit seinem Schnee. In der Abendsonne schimmerte der Berggipfel, wie ein glühendes Eisen, es sah aus, als komme das Licht von innen, denn lange, nachdem die Sonne untergegangen war, schimmerte er in der blauen, glänzenden Luft; die weißen Seevögel schlugen den Wasserspiegel mit ihren Flügeln, übrigens war es hier so still, als bei Delphi zwischen den schwarzen Felsen. Ich lag im Boote auf dem Rücken, Anastasia lag an meiner Brust, und die Sterne über uns schimmerten noch heller als die Lampen in unserer Kirche. Es waren dieselben Sterne, und sie standen an derselben Stelle über mir, als wenn ich in Delphi vor unserer Hütte saß. Zuletzt schien es mir, als sei ich noch dort! – Da plätscherte es im Wasser und das Boot schaukelte stark; – ich schrie laut aus, denn Anastasia war ins Wasser gefallen, aber eben so schnell sprang Aphtanides nach und bald hob er sie zu mir empor! Wir zogen ihr die Kleider aus, preßten das Wasser aus denselben und kleideten sie dann wieder an; das that Aphtanides . Wir blieben auf dem Wasser, bis die Sachen wieder getrocknet waren, und Niemand erfuhr von unserm Schreck wegen der kleinen Pflegeschwester, an deren Leben ja Aphtanides nun Theil hatte. Der Sommer kam. Die Sonne brannte so heiß, daß das Laub der Bäume verdorrte; ich dachte an unsere kühlen Berge, an das frische Wasser in diesen; auch meine Mutter sehnte sich darnach und eines Abends wanderten wir wieder zurück. Welche Ruhe, welche Stille! Wir gingen durch den hohen Thymian, der noch duftete, obgleich die Sonne seine Blätter versengt hatte. Nicht einem Hirten begegneten wir, nicht an einer Hütte kamen wir vorüber. Alles war still und einsam, nur eine Sternschnuppe sagte: dort oben im Himmel sei noch Leben. Ich weiß nicht, ob die klare, blaue Luft selbst leuchtete, oder ob es die Strahlen der Sterne waren; wir erkannten gut alle Umrisse der Berge. Meine Mutter zündete Feuer an, briet Zwiebeln, die sie mitgebracht, und die kleine Schwester und ich schliefen im Thymian, ohne uns vor dem häßlichen Smidraki Der griechische Aberglaube läßt dieses Ungeheuer aus den unaufgeschnittenen Magen geschlachteter Schafe entstehen, die auf das Feld geworfen werden. zu fürchten, dem die Flamme aus dem Halse leckt, noch weniger vor dem Wolfe und dem Schakal; meine Mutter faß ja neben uns, und das hielt ich für genug zu unserm Schutze. Wir erreichten unsere alte Heimath, aber die Hütte war ein Schutthaufen, eine neue mußte gebaut werden. Einige Weiber halfen meiner Mutter, und in wenigen Tagen waren Mauern aufgeführt und ein neues Dach von Oleander darüber gedeckt. Meine Mutter flocht aus Fellen und Baumrinde viele Flaschenfutterale, ich hütete die Heerde der Priester; Ein Bauer, welcher lesen kann, wird oft Priester, und man nennt ihn dann »allerheiligster Herr«; die geringere Klasse küßt die Erde, die er betreten hat. Anastasia und die kleinen Schildkröten waren meine Spielkameraden. Eines Tages erhielten wir Besuch von dem geliebten Aphtanides ; er sehne sich so sehr, uns zu sehen, sagte er, und blieb zwei volle Tage bei uns. Nach einem Monate kam er wieder und erzählte, daß er mit einem Schiffe nach Patras und Corfu wolle; vorher müsse er uns Lebewohl sagen; unserer Mutter brachte er einen großen Fisch mit. Er wußte gar viel zu erzählen, nicht allein von den Fischern unten am Golfe von Lepanto , sondern auch von Königen und Helden, die einst Griechenland beherrscht hatten, wie jetzt die Türken. Ich habe den Rosenstrauch eine Knospe ansetzen und diese sich in Tagen und Wochen zu einer Blume entfalten sehen; sie wurde es, ehe ich daran dachte, wie groß, schön und roth sie sei; so erging es mir auch mit Anastasia . Sie war ein schönes, erwachsenes Mädchen, ich ein kräftiger Bursche. Die Wolfsfelle auf meiner Mutter und Anastasia's Lager hatte ich selbst den Thieren abgezogen, die von meinem Schusse gefallen waren. Jahre waren verstrichen. – Da kam eines Abends Aphtanides . schlank wie ein Rohr, stark und braun; er küßte uns Alle und wußte von dem großen Meere, von Malta 's Festungswerken und Aegyptens seltsamen Gräbern zu erzählen; es klang wunderbar wie eine Legende der Priester; ich sah mit einer Art Ehrfurcht zu ihm empor. »Wie viel Du weißt!« sagte ich, »wie Du erzählen kannst!« »Du hast mir doch einst das Schönste erzählt!« sagte er. »Du hast mir erzählt, was mir nie aus den Gedanken gekommen ist, von dem schönen, alten Gebrauche, dem Freundschaftsbunde; dem Gebrauche, welchem zu folgen ich Lust hätte! Bruder, laß uns Beide auch, wie Dein und Anastasia's Vater es thaten, zur Kirche gehen, das schönste und unschuldigste Mädchen ist Anastasia , die Schwester, sie soll uns weihen! Kein Volt hat doch schönere Gebräuche als wir Griechen!« Anastasia erröthete wie die junge Rose, meine Mutter küßte Aphtanides . Eine Stunde Wegs von unserer Hütte entfernt, dort, wo auf dem Felsen lockere Erde liegt und einzelne Bäume Schatten gewähren, lag die kleine Kirche; eine silberne Lampe hing vor dem Altare. Ich hatte meine besten Kleider angelegt, die weiße Fustanelle fiel in reichen Falten über die Hüften herab, das rothe Wamms saß eng und stramm, an der Quaste auf meinem Feß war Silber; in meinem Gürtel steckten Messer und Pistolen. Aphtanides hatte seine blaue Kleidung an, wie griechische Seeleute sie tragen, eine silberne Platte mit der Mutter Gottes hing an seiner Brust, seine Schärpe war kostbar, wie nur die reichen Herren sie tragen können. Jeder sah wohl, daß wir zu einer Feier wollten. Wir traten in die kleine einsame Kirche hinein, wo die Abendsonne durch die Thüre die brennende Lampe und die bunten Bilder auf goldenem Grunde bestrahlte. Wir knieten auf den Stufen des Altars nieder und Anastasia trat vor uns hin; ein langes, weißes Gewand hing lose und leicht um ihre schöne Form; ihr weißer Hals und ihre Brust waren mit einer Kette alter und neuer Münzen bedeckt, sie bildeten einen Kragen. Ihr schwarzes Haar auf dem Kopfe in einen einzigen Knoten geschlungen, welcher durch eine kleine Kopfbedeckung aus Silber- und Goldmünzen gehalten wurde, die in den alten Tempeln gefunden waren. Einen schöneren Schmuck hatte kein griechisches Mädchen. Ihr Gesicht leuchtete, ihre Augen waren wie zwei Sterne. Still beteten wir alle Drei, darauf fragte sie uns; »Wollt Ihr Freunde sein im Leben und im Tode?« – »Ja!« antworteten wir. »Wollt Ihr, was auch geschehen möge, Euch erinnern: mein Bruder ist von mir ein Theil; mein Geheimniß, mein Glück ist das seine: Aufopferung, Ausdauer, Alles in mir gehört ihm wie mir?« Und wir wiederholten unser »ja!« Sie legte unsere Hände in einander, küßte uns auf die Stirn und wir beteten wieder leise. Da trat der Priester aus der Thüre zunächst dem Altare, segnete uns alle Drei, und ein Gesang von den andern allerheiligsten Herren ertönte hinter der Altarwand. Der Bund ewiger Freundschaft war geschlossen. Als wir uns erhoben, sah ich meine Mutter heftig weinend an der Thüre der Kirche. Wie war es heiter in unserer kleinen Hütte und an Delphi's Quellen! Den Abend vor Aphtanides Abreise saß er gedankenvoll wie ich auf dem Abhange des Felsens, sein Arm war um meinen Leib geschlungen, der meine um seinen Hals; wir sprachen von Griechenlands Noth, von den Männern, denen es vertrauen könnte. Jeder Gedanke unserer Seelen lag klar vor uns Beiden, da ergriff ich seine Hand. »– Eins sollst Du noch wissen, Eins, was bis zu dieser Stunde nur ich und Gott gewußt! Meine ganze Seele ist Liebe! Eine Liebe stärker als die zu meiner Mutter und zu Dir – –!« »Und wen liebst Du?« fragte Aphtanides , und sein Gesicht und Hals wurden roth. »Ich liebe Anastasia !« sagte ich – und seine Hand zitterte in meiner, er wurde blaß wie eine Leiche; ich sah es, ich begriff es und ich glaubte, daß auch meine Hand bebte, ich neigte mich zu ihm, küßte seine Stirn und flüsterte: »Ich habe es ihr nie gesagt, sie liebt mich vielleicht nicht! – Bruder denke daran, ich sah sie täglich; sie ist an meiner Seite aufgewachsen, Eins mit meiner Seele!« – »Und Dein soll sie sein!« sagte er, »Dein! – ich darf Dich nicht belügen und will es auch nicht. Auch ich liebe sie! – Aber morgen ziehe ich fort! in einem Jahre sehen wir uns wieder, dann seid Ihr verheirathet, nicht? – Ich besitze einiges Gold, es sei Dein, Du mußt, Du sollst es nehmen!« Still wandelten wir über die Felsen; es war später Abend, als wir an meiner Mutter Hütte standen. Anastasia hielt uns die Lampe entgegen, als wir hereintraten, meine Mutter war nicht dort. Sie blickte wunderbar wehmüthig auf Aphtanides . »Morgen gehst Du von uns!« sagte sie, »wie mich das betrübt!« – »Dich betrübt!« sagte er, und mir schien ein Schmerz darin zu liegen, groß wie mein eigener. Ich konnte nicht reden, er aber faßte ihre Hand und sagte: »Unser Bruder dort liebt Dich, er ist Dir theuer! Sein Schweigen beweist eben seine Liebe.« – Anastasia zitterte und brach in Thränen aus; da sah ich nur sie, dachte nur ihrer, schlang meinen Arm um ihren Leib und sagte: »Ja, ich liebe Dich!« Sie drückte ihren Mund auf meinen, legte ihre Hände um meinen Hals; aber die Lampe war auf den Fußboden gefallen, es war dunkel um uns her, wie in dem Herzen des armen Aphtanides . Vor Tagesanbruch stand er auf, küßte uns Alle zum Abschied und zog fort. Meiner Mutter hatte er sein Geld für uns gegeben. Anastasia war meine Braut und nach wenigen Tagen meine Gattin! Das alte Haus. Dort unten in der Straße stand ein altes, altes Haus. Es war fast dreihundert Jahre alt; so stand es auf dem Balken zu lesen, auf welchem in und mit Tulpen und Hopfenranken die Jahreszahl angebracht war. Da las man ganze Verse, in der Schreibart der alten Zeit, und über jedem Fenster war ein Gesicht in dem Balken ausgeschnitzt, das allerlei Grimassen machte. Die eine Etage ragte ein ganzes Stück über der andern hervor, und dicht unter dem Dach war eine bleierne Rinne mit einem Drachenkopf. Das Regenwasser sollte aus dem Rachen herauslaufen, es lief aber aus dem Bauche, denn die Rinne hatte ein Loch. Alle andern Häuser in der Straße waren noch neu und hübsch, mit großen Fensterscheiben und glatten Wänden. Man sah es ihnen deutlich an, daß sie nichts mit dem alten Hause zu thun haben wollten. Sie mochten wohl denken: »Wie lange soll das Gerumpel noch zum allgemeinen Skandal in der Straße stehen? Das Gesimse steht so weit vor, daß Niemand aus unsern Fenstern sehen kann, was auf jener Seite dort vorgeht! Die Treppe ist so breit, wie eine Schloßtreppe, und so hoch, als führe sie auf einen Kirchthurm. Das eiserne Geländer sieht ja aus, wie die Thür zu einem Erbbegräbnisse, und messingene Knöpfe sind darauf – es ist wirklich zu albern!« Gegenüber standen auch neue und nette Häuser, und die dachten wie die andern; aber am Fenster saß hier ein kleiner Knabe mit frischen, rothen Wangen; mit klaren, strahlenden Augen, und dem gefiel das alte Haus besonders gut und zwar sowohl im Sonnen- wie im Mondscheine. Und wenn er nach der Mauer hinüberblickte, wo der Kalk abgefallen war: dann konnte er die wunderbarsten Bilder herausfinden, gerade wie die Straße früher ausgesehen hatte, mit Freitreppen, Gesimsen und spitzen Giebeln; er konnte Soldaten sehen mit Hellebarden, und Dachrinnen, die wie Drachen und Lindwürmer umher liefen. – Das war so recht ein Haus zum Anschauen, und da drüben wohnte ein alter Mann, der in ledernen Kniehosen ging und einen Rock mit großen Messingknöpfen und eine Perücke trug, der man es ansah, daß sie eine wirkliche Perücke war. Jeden Morgen kam ein alter Mann zu ihm, der bei ihm rein machte und Gänge für ihn besorgte. Uebrigens war der Alte in den Kniehosen ganz allein in dem alten Hause. Zuweilen kam er an die Fensterscheiben und sah hinaus, und der kleine Knabe nickte ihm zu, und der alte Mann nickte wieder und so wurden sie bekannt, und so wurden sie Freunde, obgleich sie niemals mit einander gesprochen hatten. Aber das war ja auch gar nicht nöthig. Der kleine Knabe hörte seine Eltern sagen: »Der alte Mann da drüben hat es sehr gut; aber er ist allein!« Am nächsten Sonntage wickelte der kleine Knabe Etwas in ein Stück Papier, ging damit vor die Hausthür und sagte zu Dem, welcher die Gänge für den Alten besorgte: »Höre! Willst Du dem alten Mann da drüben Dieses von mir bringen? Ich habe zwei Zinnsoldaten; dieses ist der eine, er soll ihn haben, denn ich weiß, daß er ganz allein ist!« Und der alte Aufwärter sah vergnügt aus, nickte und trug den Zinnsoldaten in das alte Haus. Nachher wurde herübergeschickt, ob der kleine Knabe nicht Lust habe, selbst zu kommen und seinen Besuch zu machen. Und dazu gaben ihm seine Eltern Erlaubniß: und so kam er nach dem alten Hause. Und die Messingknopfe auf dem Treppengeländer glänzten weit stärker als sonst: man hätte glauben sollen, daß sie wegen des Besuches polirt worden wären. Und es war ganz so, als ob die ausgeschnitzten Trompeter – denn auf der Thüre waren Trompeter ausgeschnitzt, die in Tulpen standen – aus Leibeskräften bliesen; ihre Backen sahen weit dicker aus, als früher. Ja, sie bliesen: »Schnetterengdeng. Der kleine Knabe kommt'. Schnetterengdeng!« – Und dann ging die Thür auf. Der ganze Hausflur war mit alten Portraits behängen, mit Rittern in Harnischen und Frauen in seidenen Kleidern: und die Harnische rasselten und die seidenen Kleider rauschten! – Und dann kam eine Treppe, die ging ein großes Stück hinauf und ein kleines Stück herunter, und dann war man auf einem Altan, der freilich sehr gebrechlich war, mit großen Löchern und langen Spalten; aus ihnen allen wuchs Gras heraus, denn der ganze Altan, der Hof und die Mauer war mit so vielem Grün bewachsen, daß es aussah, wie ein Garten; aber es war nur ein Altan. Hier standen alte Blumentöpfe, die Gesichter und Eselsohren hatten; die Blumen wuchsen aber so, wie es ihnen beliebte. In dem einen Topf wuchsen nach allen Seiten Nelken über, das heißt: das Grüne davon, Schößling auf Schößling; und die sprachen ganz deutlich: »Die Luft hat mich gestreichelt, die Sonne hat mich geküßt und mir auf den Sonntag eine kleine Blume versprochen, eine kleine Blume auf den Sonntag!« Und dann kamen sie in ein Zimmer, wo die Wände mit Schweinsleder überzogen waren, und auf dem Schweinsleder waren Goldblumen eingepreßt. »Vergoldung vergeht, Schweinsleder besteht!« sagten die Wände. Und da standen Stühle mit hohen Rücklehnen, mit Schnitzwerk und mit Armen an beiden Seiten! »Setzen Sie sich!« sagten sie. »Uh! wie es in mir knackt! Nun werde ich gewiß auch Gicht bekommen, wie der alte Schrank! Gicht im Rücken! Uh!« Und dann kam der kleine Knabe in die Stube, wo der alte Mann saß. »Dank für den Zinnsoldaten, mein kleiner Freund!« sagte der alte Mann. »Und Dank dafür, daß Du zu mir herüber gekommen bist!« »Dank! Dank!« oder »Knick! Knack!« sagten alle Möbel. Es waren ihrer so viele, daß sie sich beinahe einander im Wege standen, um den kleinen Knaben zu sehen. Und mitten an der Wand hing ein Gemälde, eine schöne Dame, jugendlich und fröhlich aussehend, aber so gekleidet, wie in alten Tagen! mit Puder im Haar und mit Kleidern, die steif standen. Die sagte weder »Dank« und »Knack«, sah aber mit ihren milden Augen auf den kleinen Knaben herab, der sogleich den alten Mann fragte: »Wo hast Du Die her?« »Da drüben vom Trödler,« sagte der alte Mann. »Dort hängen immer viele Bilder; Niemand kannte sie oder bekümmerte sich um sie, denn sie sind Alle begraben. Aber vor vielen Jahren habe ich Diese gekannt, und nun ist sie todt und fort seit einem halben Jahrhundert!« Und unter dem Bilde hing, hinter Glas, ein Strauß verwelkter Blumen; die waren gewiß auch ein halbes Jahrhundert alt, so sahen sie wenigstens aus. Und das Perpendikel der großen Uhr ging hin und her, und die Zeiger drehten sich, und Alles in der Stube wurde noch älter; aber Niemand bemerkte es. »Sie sagen zu Hause,« sagte der kleine Knabe, »daß Du immer allein bist!« »O,« sagte er, »die alten Gedanken mit alle Dem, was sie mit sich führen können, kommen und besuchen mich; und nun kommst Du ja auch! – Es geht mir sehr gut!« Und dann nahm er von dem Wandbrett ein Buch mit Bildern herunter; darin waren lange Aufzüge, die wunderbarsten Kutschen, wie man sie heutzutage nicht mehr sieht; Soldaten, wie Trefflebube, und Bürger mit wehenden Fahnen. Die Schneider hatten eine Fahne mit einer Scheere, von zwei Löwen gehalten, und die Schuhmacher eine Fahne ohne Stiefel, aber mit einem Adler, der zwei Köpfe hatte; denn bei den Schuhmachern muß Alles so sein, damit sie sagen können: »Das ist ein Paar!« – Ja, das war ein Bilderbuch! Der alte Mann ging in die andere Stube, um Eingemachtes, Aepfel und Nüsse zu holen. Es war wirklich herrlich in dem alten Hause. »Ich kann es nicht aushalten!« sagte der Zinnsoldat, der auf der Lade stand. »Hier ist es gar zu einsam und traurig! Nein, wenn man das Familienleben kennen gelernt hat, kann man sich an das hier nicht gewöhnen! Ich kann es nicht aushalten! Der Tag währt Einem schon lang; der Abend aber noch länger; hier ist es gar nicht so, wie drüben bei Dir, wo Dein Vater und Deine Mutter stets vergnügt sprachen, und wo Du und Ihr süßen Kinder einen prächtigen Lärm machtet. Nein, wie einsam es bei dem alten Manne ist! Glaubst Du, daß er Küsse bekommt? Glaubst Du, daß er freundliche Blicke oder einen Weihnachtsbaum bekommt? – Er bekommt nichts, als ein Grab! – Ich kann es nicht aushalten.« »Du mußt es nicht so von der traurigen Seite nehmen!« sagte der kleine Knabe. »Mir kommt dies Alles außerordentlich schön vor, und alle die alten Gedanken mit Dem, was sie mit sich führen können, kommen hier ja auf Besuch!« »Ja, aber die sehe ich nicht und kenne ich nicht!« sagte der Zinnsoldat. »Ich kann es nicht aushalten!« »Das mußt Du!« sagte der kleine Knabe. Der alte Mann kam mit dem vergnügtesten Gesichte und mit den schönsten eingemachten Früchten und Aepfeln und Nüssen; da dachte der Kleine nicht mehr an den Zinnsoldaten. Glücklich und vergnügt kam der kleine Knabe nach Hause; und es vergingen Tage und Wochen; es wurde nach dem alten Hause hin und von dem alten Hanse her genickt; dann kam der kleine Knabe wieder hinüber. Die ausgeschnitzten Trompeter bliesen: »Schnetterengdeng! Da ist der kleine Knabe! Schnetterengdeng!« Die Schwerter und Rüstungen auf den alten Ritterbildern rasselten, und die seidenen Kleider rauschten; das Schweinsleder erzählte, und die alten Stühle hatten Gicht im Rücken: »Au!« Das war eben so, wie das erste Mal, denn oa drüben war der eine Tag und die eine Stunde ganz so, wie die andere. »Ich kann es nicht aushalten!« sagte der Zinnsoldat. »Ich habe Zinn geweint! Hier ist es zu traurig! Laß mich lieber in den Krieg ziehen und Arme und Beine verlieren! Das ist doch eine Veränderung –. Ich kann es nicht aushalten! – Nun weiß ich, was es heißt, Besuch von seinen alten Gedanken und Allem, was sie mit sich führen können, zu bekommen. Ich habe Besuch von den Meinigen gehabt, und Du kannst glauben, das ist auf die Länge hin kein Vergnügen. Ich war zuletzt nahe daran, von der Lade herunterzuspringen. Euch Alle da drüben im Hause sah ich so deutlich, als ob Ihr wirklich hier wäret. Es war wieder Sonntag Morgen, wo Ihr Kinder alle vor dem Tische standet und den Psalm absangt, den Ihr jeden Morgen singt. Ihr standet andächtig mit gefalteten Händen, und Vater und Mutter waren ebenso feierlich gestimmt; da ging die Thüre auf, und die kleine Schwester Maria, die noch nicht zwei Jahre alt ist, und immer tanzt, wenn sie Musik oder Gesang hört, welcher Art dieser auch sein mag, wurde hereingesetzt. – Sie sollte zwar nicht, aber sie fing an zu tanzen, konnte jedoch nicht recht in den Takt kommen, denn die Töne waren zu lang gezogen, und deshalb stand sie erst auf dem einen Beine und hielt den Kopf vorn über; aber es reichte nicht aus. Ihr standet Alle sehr ernsthaft, obgleich das etwas schwer fiel; aber ich lachte innerlich, und deswegen fiel ich vom Tische herunter und bekam eine Beule, mit der ich noch umhergehe; denn es war nicht recht von mir, daß ich lachte. Aber dies Alles, und Alles was ich sonst erlebt habe, geht mir jetzt wieder in meinem Innern vorüber, und das sind wohl die alten Gedanken, mit Allem, was sie mit sich führen! Sage mir, ob Ihr noch des Sonntags singt? Erzähle mir etwas von der kleinen Maria ! Und wie geht es meinem Cameraden, dem andern Zinnsoldaten? Ja, der ist freilich recht glücklich! – Ich kann es nicht aushalten!« »Du bist weggeschenkt,« sagte der Knabe; »Du mußt bleiben. Kannst Du das nicht einsehen?« Und der alte Mann kam mit einem Kasten, in dem Manches zu sehen war: Schminkdöschen und Balsambüchsen, alte Karten, so groß und so vergoldet, wie man sie jetzt nicht mehr zu sehen bekommt. Es wurden mehrere Kästchen geöffnet; auch das Clavier; in dieses waren inwendig auf den Deckel Landschaften gemalt; aber es war heiser, als der alte Mann darauf spielte; dann nickte er dem Bilde zu, das er bei dem Trödler gekauft hatte, und des alten Mannes Augen leuchteten dabei gar klar. »Ich will in den Krieg! Ich will in den Krieg!« rief der Zinnsoldat so laut, wie er nur konnte, und stürzte sich auf den Fußboden hinab. Ja, aber wo blieb er? Der alte Mann suchte, der kleine Knabe suchte: fort war er und fort blieb er. »Ich werde ihn schon finden,« sagte der alte Mann; aber er fand ihn nie; der Fußboden war zu offen und durchlöchert. Der Zinnsoldat war durch eine Spalte gefallen, da lag er nun, wie in einem offenen Grabe. Der Tag verging, und der kleine Knabe kam nach Hause; und es vergingen mehrere Wochen. Die Fenster waren ganz zugefroren, und der kleine Knabe mußte auf die Scheiben hauchen, um ein Guckloch nach dem alten Hause zu machen, da war Schnee in alle Schnörkel und Inschriften geweht und bedeckte die ganze Treppe, als wenn Niemand im Hause sei. Und es war auch Niemand im Hause; der alte Mann war gestorben! Am Abend hielt ein Wagen vor der Thüre und auf denselben setzte man ihn in seinem Sarge: er sollte draußen auf dem Lande in seiner Familiengruft ruhen. Da wurde er nun hingefahren; aber Niemand gab ihm das Geleit; alle seine Freunde waren todt. Der kleine Knabe warf dem Sarge, als dieser vorübergefahren wurde, Kußhändchen nach. Einige Tage nachher wurde Auction in dem alten Hause gehalten, und der kleine Knabe sah aus seinem Fenster, wie man die alten Ritter und die alten Damen, die Blumentöpfe mit den langen Ohren, die Stühle und die alten Schränke wegtrug. Eins kam hier hin, ein Anderes dorthin; ihr Portrait, das vom Trödler gekauft war, kam wieder zum Trödler, und da blieb es hängen; denn Niemand bekümmerte sich um das alte Bild. Im Frühjahre riß man das Haus selbst ein, es sei ein Gerumpel, sagten die Leute. Man konnte von der Straße gerade in die Stube zu dem schweinsledernen Ueberzuge sehen, der zerfetzt und abgerissen wurde, und das Grün des Altans hing verwildert um die Einsturz drohenden Balken herum, – Und nun wurde hier aufgeräumt. »Das half!« sagten die Nachbarhäuser. Es wurde ein herrliches Haus aufgebaut mit großen Fenstern und weißen, glatten Mauern; aber vor dem Platze, wo das alte Haus gestanden hatte, wurde ein kleiner Garten angelegt, und an der Mauer des Nachbars wuchsen wilde Weinranken empor; vor den Garten kam ein großes eisernes Gitter mit eiserner Thüre; das sah stattlich aus. Die Leute blieben davor stehen und guckten hindurch. Und die Sperlinge setzten sich zu Dutzenden auf die Weinranken und schwatzten durcheinander, so laut sie konnten; aber nicht von dem alten Hause, denn dessen konnten sie sich nicht erinnern; es waren ja viele Jahre vergangen – so viele, daß der kleine Knabe zu einem Manne, ja zu einem tüchtigen Manne herangewachsen war, an dem seine Eltern Freude hatten. Er hatte eben geheirathet und war mit seiner Frau in das Haus gezogen, vor dem sich der Garten befand; und hier stand er neben ihr, während sie eine Feldblume einsetzte, die sie sehr hübsch fand; sie pflanzte sie mit ihrer kleinen Hand und drückte die Erde mit ihren Fingern fest an. – »Au! Was war das?« – Sie stach sich. Aus der weichen Erde ragte etwas Spitzes hervor. Das war – ja, denkt einmal! – das war der Zinnsoldat, derselbe, der oben bei dem alten Manne verloren gegangen war, der zwischen Zimmerholz und Schutt sich lange umhergetrieben und nun schon viele Jahre in der Erde gelegen hatte. Die junge Frau trocknete den Soldaten erst mit einem grünen Blatte ab, und dann mit ihrem seinen Taschentuche – das duftete wunderschön! Und es war dem Zinnsoldaten gerade so zu Muthe, als ob er aus einer Ohnmacht erwache. »Laß mich ihn sehen!« sagte der junge Mann, lächelte und schüttelte dann mit dem Kopfe: »Ja, der kann es nun freilich wohl nicht sein; aber er erinnert mich an eine Geschichte mit einem Zinnsoldaten, den ich hatte, als ich ein kleiner Knabe war.« Und dann erzählte er seiner Frau von dem alten Hause und dem alten Manne, und von dem Zinnsoldaten, den er ihm hinüber geschickt hatte, weil er allein war, so daß der jungen Frau die Thränen in die Augen traten über das alte Haus und den alten Mann. »Es ist doch möglich, daß dies derselbe Zinnsoldat ist!« sagte sie; »ich will ihn aufbewahren und will Dessen gedenken, was Du mir erzählt hast; aber das Grab des alten Mannes mußt Du mir zeigen.« »Ja, ich weiß nicht, wo das ist« antwortete er, »und das weiß Niemand. Alle seine Freunde waren todt; Keiner pflegte dasselbe, und ich war ja ein kleiner Knabe!« »Ach, wie der wohl allein gewesen sein mag!« sagte sie. »Ja, allein!« sagte der Zinnsoldat; »aber herrlich ist es, nicht vergessen zu werden!« »Herrlich!« rief eine Stimme ganz nahe bei; aber Niemand, außer dem Zinnsoldaten, sah, daß diese von einem Fetzen der schweinsledernen Tapete herkam, der nun ohne alle Vergoldung war. Er sah aus, wie nasse Erde; aber eine Ansicht hatte er doch, und die sprach er aus: »Vergoldung vergeht, Aber Schweinsleder besteht!« Allein der Zinnsoldat glaubte das nicht. Das Judenmädchen. In der Armenschule saß unter den andern Kindern auch ein kleines Judenmädchen. Es war ein gutes, aufgewecktes Kind, das flinkste in der ganzen Schule; aber es mußte doch von einer der Lehrstunden ausgeschlossen bleiben – am Religionsunterrichte nämlich durfte es nicht Theil nehmen; war doch die Schule eine christliche. Das Lehrbuch der Geographie durfte das Mädchen während dessen aufschlagen, oder auch das Rechenexempel für den nächsten Tag ausarbeiten, aber das war bald gethan, und hatte sie die Aufgabe aus der Erdbeschreibung erledigt, so blieb das Buch zwar aufgeschlagen vor ihr liegen, aber sie las nicht weiter darin; sie lauschte still den Worten des christlichen Lehrers, und dieser wurde bald inne, daß sie aufmerkte wie fast keins der andern Kinder. »Lies Du in Deinem Buche, Sara,« sagte der Lehrer mit mildem Ernste; allein ihr schwarzes, strahlendes Auge blieb an ihm hangen, und als er einmal eine Frage an sie richtete, siehe, da wußte sie besser Bescheid als alle die andern Kinder. Sie hatte gehört, begriffen und tief in ihr Herz geschlossen, was er gesprochen. Ihr Vater, ein armer, braver Mann, hatte, als er die Tochter in die Schule brachte, die Bedingung gestellt, daß sie vom Unterrichte im christlichen Glauben ausgeschlossen bliebe. Aber es hätte vielleicht Störung verursacht, oder gar Aergerniß des Gemüths bei den Andern erwecken können, wenn man sie während jener Unterrichtsstunde entfernt hätte, sie blieb demnach; doch so durfte es nun ferner nicht mehr sein. Der Lehrer begab sich zu dem Vater und stellte diesem vor, er möchte entweder seine Tochter aus der Schule nehmen, oder gewärtigen, daß Sara eine Christin werde. »Ich kann nicht länger ein müßiger Zuschauer dieser leuchtenden Blicke des Kindes, dieser Innigkeit und Sehnsucht der Seele nach dem Worte des Evangeliums bleiben,« sagte der Lehrer. Da brach der Vater in Thränen aus: »Ich weiß nur wenig von meiner Väter Gebote,« rief er, »aber die Mutter Sara's war fest im Glauben, eine Tochter Israels, und ihr gelobte ich auf dem Sterbebette, daß unser Kind nimmer getauft werden solle. Ich muß mein Gelübde halten, es ist mir gleich einem Bunde mit Gott!« Und das kleine Judenmädchen verließ die Schule der Christen.     – – Es sind Jahre verstrichen. In einer der kleinsten Provinzialstädte diente in einem geringen Hause ein armes Mädchen mosaischen Glaubens; ihr Haar war schwarz wie Ebenholz, ihr Auge dunkel wie die Nacht, und doch voll Glanz und Licht, wie es den Töchtern des Orients eigen ist. Es war Sara. Der Ausdruck im Antlitze des nun erwachsenen Mädchens war noch, immer der des Kindes, als es auf der Schulbank saß und sinnenden Blickes den Worten des christlichen Lehrers lauschte. Allsonntäglich ertönte aus der Kirche die Orgel und der Gesang der Gemeinde; sie klangen über die Straße in das Haus hinein, wo das Judenmädchen, fleißig und in Allem getreu, bei ihrer Arbeit stand. »Du sollst den Sabbath heilig halten!« erklang eine Stimme, die Stimme des Gesetzes in ihrem Innern; aber ihr Sabbath war ein Arbeitstag bei den Christen, und das schien ihr nicht zu genügen. Rechnet Gott denn nach Tagen und Stunden? sprach es in ihrer Seele, und als erst dieser Gedanke in ihr lebendig geworden, war es ihr ein Trost, daß am Sonntage der Christen die Andachtsstunde ungestörter bliebe; drangen dann die Klänge der Orgel und die Lieder der Gemeinde von drüben zu ihr in die Küche bei der Arbeit herein, da wurde ihr selbst dieser Ort ein geweihter. Alsdann las sie in dem Alten Testamente, dem Schatze und Horte ihres Volkes, und nur in diesem las sie; denn was der Vater, was der Lehrer ihr gesagt, als sie aus der Schule trat, das Gelübde, welches der Vater ihrer sterbenden Mutter gegeben, daß sie nie der christlichen Taufe theilhaftig werden, nie den Glauben der Väter verleugnen dürfe, das bewahrte sie treu in ihrem tiefen Sinne. Das Neue Testament sollte und mußte ihr ein verschlossenes Buch bleiben, und doch wußte sie gar Vieles aus demselben, das Evangelium klang mit den Erinnerungen ihrer Kindheit in ihr nach. Eines Abends saß sie in einem Winkel der Wohnstube. Ihr Dienstherr las laut vor, und ihm durfte sie wohl lauschen, war es doch nicht das Evangelium, sondern ein altes Historienbuch, aus welchem er las, da durfte sie wohl bleiben. Das Buch erzählte von einem ungarischen Ritter, der von einem türkischen Pascha gefangen genommen wurde, welcher ihn neben seinen Ochsen vor den Pflug spannen, ihn mit Peitschenhieben antreiben und bis aufs Blut peinigen, verhöhnen und fast verschmachten ließ. Das treue Weib des Ritters entäußerte sich daheim ihres Geschmeides und verpfändete Burg und Land; des Ritters Freunde brachten große Summen zusammen, denn fast unerschwinglich hoch war das geforderte Lösegeld; aber es wurde zusammengebracht und der Ritter aus Sklaverei und Schmach erlöst. Krank und leidend langte er in seiner Heimath an. Bald jedoch erscholl ein neuer allgemeiner Aufruf zum Kampfe gegen den Feind der Christenheit; der noch lebende Ritter vernahm die Kunde, und da duldete es ihn nimmer, er hatte keine Ruhe und Rast. Er ließ sich auf sein Streitroß heben; seine Wangen färbten sich, seine Kraft schien wiedergekehrt zu sein, und er zog hinaus zum Kampfe und Siege. Und eben der Pascha, welcher ihn vor den Pflug hatte spannen lassen, wurde nun sein Gefangener und in sein Burgverließ geschleppt. Aber keine Stunde war verstrichen, da stand der Ritter vor dem gefangenen Pascha und fragte ihn: »Was meinst Du wohl, was Deiner harret?« »Ich weiß es,« antwortete der Türke, »Vergeltung!« »Ja, die Vergeltung des Christen!« versetzte der Ritter. »Christi Lehre gebeut uns, dem Feinde zu vergeben, unsern Nächsten zu lieben, denn Gott ist die Liebe! Zieh hin in Frieden, zieh in Deine Heimath, ich gebe Dich Deinen Lieben zurück, sei aber fortan milde und menschlich gegen Diejenigen, die da leiden!« Da brach der Gefangene in Thränen aus: »Wie hab' ich mir die Möglichkeit einer solchen Milde denken können! Schmach und Qual schienen meiner zu harren, schienen mir gewiß, – da nahm ich Gift, das ich heimlich bei mir trug, seinen Wirkungen werde ich in wenigen Stunden erliegen. Ich muß sterben, Rettung ist unmöglich! Allein, bevor ich sterbe, verkündige Du mir die Lehre, die einer solchen Fülle von Liebe und Gnade Raum giebt; sie ist groß und göttlich! Vergönne es mir in dieser Lehre – als Christ zu sterben!« und ihm wurde diese Bitte gewährt. Das war die Legende, welche der Dienstherr aus dem alten Historienbuche vorlas. Alle die anwesenden Hausgenossen lauschten mit Teilnahme; doch sie, die still im Winkel saß, die Magd Sara , das Judenmädchen, entflammte in ihrem Herzen; große Thränen traten m ihre leuchtenden, schwarzen Augen, kindlich frommen Gemüths saß sie da, wie einst auf der Schulbank und empfand die Erhabenheit des Evangeliums, – die Thränen rollten ihr über die Wangen. Doch die letzten Worte der sterbenden Mutter wurden wieder laut in ihr. »Laß mein Kind keine Christin werden!« klang es ihr durch Herz und Seele mit den Worten des Gesetzes : »Du sollst Vater und Mutter ehren!« »Ich bin ja nicht in die Gemeinschaft der Christen aufgenommen!« sprach sie zu sich selbst; »sie schelten mich Judenmädchen, des Nachbars Knaben thaten es noch am verwichenen Sonntag, als ich vor der offenen Kirchthüre stehen blieb und hineinschaute, wo die Altarkerzen flammten und die Gemeinde sang! Ja, seit ich auf der Schulbank saß, habe ich die Macht des Christenthums empfunden, eine Macht, die einem, Sonnenstrahle gleicht, und wenn ich mein Auge ihm noch so sehr verschließe, mir doch in das Herz hineinstrahlt! Aber ich werde dich nicht in Deinem Grabe kränken, Mutter, ich werde nicht dem Gelübde des Vaters untreu werden, ich will die christliche Bibel nicht lesen! – Hab' ich doch den Gott meiner Väter, zu ihm will ich halten!« Jahre verstrichen von Neuem. Der Dienstherr starb. Die Witwe gerieth in dürftige Umstände! Das Dienstmädchen sollte entlassen werden. Aber Sara verließ das Haus nicht, sie ward die Stütze in der Noth, sie hielt das Ganze zusammen, arbeitete bis in die Nacht hinein, schaffte das tägliche Brot durch ihrer Hände Fleiß; denn kein Anverwandter stand der Familie zur Seite und die Witwe wurde von Tage zu Tage schwächer, blieb Monate lang ans Krankenlager gefesselt. Sara arbeitete, saß auch pflegend und wachend an der Kranken Bette; sie war mild und fromm, ein Engel des Segens in dem ärmlichen Hause. »Dort auf dem Tische liegt die Bibel,« sprach die Kranke zu Sara, »lies mir ein wenig aus derselben vor, die Nacht wird mir so lang, so lang, mein Herz dürstet nach dem Worte Gottes!« Und Sara beugte ihr Haupt. Sie griff nach dem Buche, sie faltete beide Hände um die Bibel der Christen, schlug sie auf und las der Kranken vor; Thränen traten ihr dabei oft in die Augen, aber diese leuchteten und strahlten, und in ihrem Herzen wurde es Licht; »Mutter,« sprach sie leise, »Dein Kind darf nicht die Taufe der Christen empfangen, nicht in der Gemeinde aufgenommen werden, – Du hast es so gewollt und ich werde Deinen Willen ehren, wir sind darüber einig hier auf Erden; aber über diese Erde hinaus, jenseits ist die Einigkeit eine höhere, in Gott: er geleitet und führt uns über den Tod hinaus! – Er steigt zur Erde herab, und wenn er sie hat schmachten lassen, überschüttet er sie mit Fruchtbarkeit, ich verstehe es! – Ich weiß selbst nicht, wie ich verstehen lernte! – doch, es ist durch ihn, durch Christus!« Sie bebte zusammen, als sie den heiligen Namen nannte und eine Taufe wie von Feuerflammen kam über sie und überwältigte den Körper, und ihr Leib zuckte, ihre Glieder brachen zusammen, sie sank ohnmächtig nieder, schwächer denn die Kranke, bei der sie wachte. »Die arme Sara!« sprachen die Leute, »sie ist von Arbeiten und Nachtwachen überangestrengt!« Man trug sie in das Armenkrankenhaus. Dort verschied sie, und von dort trug man sie zur Gruft, aber nicht auf den Friedhof der Christen, dort war keine Stätte für das Judenmädchen; – außerhalb an der Mauer grub man ihr Grab. Gottes Sonne aber, die über den Gräbern der Christen strahlt, wirft auch ihren Schein hinüber auf das Grab des Judenmädchens draußen an der Mauer, und wenn die Psalmenlieder auf dem Friedhofe der Christen ertönen, so tönen sie auch über ihre einsame Gruft hin, und auch dieser Entschlafenen gilt der Auferstehungsruf im Namen Christi, des Herrn, der zu seinen Jüngern sprach: »Johannes hat Euch mit Wasser getauft, ich werde Euch mit dem heiligen Geiste taufen!« Der Flachs. Der Flachs stand in der Blüthe; er hatte gar niedliche, blaue Blumen, zart, wie die Flügel einer Motte, und noch feiner! Die Sonne schien auf den Flachs, und die Regenwolken begossen ihn; und dies war ebenso gut für ihn, wie es für kleine Kinder ist, gewaschen zu werden und darauf einen Kuß von der Mutter zu bekommen; sie werden dann viel schöner, und das wurde der Flachs auch. »Die Leute sagen, daß ich ausgezeichnet gut stehe,« sagte der Flachs »und daß ich sehr schön lang sei, es werde ein tüchtiges Stück Leinwand aus mir werden. Nein, wie glücklich bin ich doch! Ich bin gewiß der Glücklichste von Allen. Wie habe ich es gut! Und aus mir wird auch etwas werden. Wie der Sonnenschein erfreut, und wie der Regen gut schmeckt und erfrischt! Ich bin grenzenlos glücklich, ich bin der Allerglücklichste!« »Ja, ja, ja!« sagte der Zaunpfahl. »Ihr kennt die Welt nicht, aber das thun wir, denn in uns stecken Knorren,« und dann knarrte es jämmerlich: »Schnipp-Schnapp-Schnurre, Bassellurre. Aus ist das Lied!« »Nein! es ist nicht aus!« sagte der Flachs. »Morgen scheint die Sonne, oder der Regen thut wohl. Ich fühle, wie ich wachse; ich fühle, daß ich in Blüthe stehe! Ich bin der Glücklichste!« Aber eines Tages kamen die Leute, die nahmen den Flachs beim Schopfe und zogen ihn mit der Wurzel aus; das that weh; er wurde ins Wasser gelegt, als ob er ersäuft werden sollte, und dann kam er über's Feuer, als wolle man ihn braten – es war entsetzlich! »Man kann es nicht immer gut haben!« sagte der Flachs. »Man muß etwas durchmachen, dann weiß man etwas!« Aber es kam allerdings schlimm; der Flachs wurde angefeuchtet und geröstet, gebrochen und gehechelt – ja, was wußte er, wie das hieß, was man alles mit ihm vornahm. Er kam auf das Spinnrad: schnurr, schnurr! – Da war es nicht möglich, die Gedanken beisammenzuhalten. »Ich bin außerordentlich glücklich gewesen!« dachte er bei aller seiner Pein; »man muß zufrieden sein mit dem Guten, das man genossen hat! – Zufrieden! Zufrieden! O!« Und das sagte er noch, als er auf den Webstuhl kam; – und so wurde er zu einem schönen, großen Stück Leinwand. Alle der Flachs, bis auf den letzten Stengel, ging zu dem einen Stücke auf. »Aber das ist doch außerordentlich! Das hätte ich nie geglaubt! Nein, wie das Glück mir doch günstig ist! Der Zaunpfahl wußte wirklich nicht übel Bescheid mit seinem: »Schnipp-Schnapp-Schnurre, Bassellurre.« Das Lied ist keineswegs aus! Nun fängt es erst recht an! Das ist wirklich außerordentlich! Hab ich auch etwas gelitten, so ist doch auch aus mir etwas geworden! Ich bin der Glücklichste von Allen! Wie bin ich stark und fein, wie weiß und lang! Das ist etwas Anderes, als bloße Pflanze zu sein, wenn man auch Blumen trägt; man wird nicht gepflegt; und Wasser bekommt man nur, wenn es regnet. Jetzt werde ich gewartet und gepflegt, die Magd wendet mich jeden Morgen um, und aus der Gießkanne bekomme ich jeden Abend ein Regenbad; ja, die Frau Pastorin hat selbst eine Rede über mich gehalten und gesagt, daß ich das beste Stück in dem ganzen Kirchspiel sei. Ich kann nicht glücklicher werden!« Nun kam die Leinwand in's Haus, dann unter die Scheere; nein wie man schnitt und riß, wie man mit Nähnadeln darauf losstach! – Das war kein Vergnügen; aber aus der Leinwand wurden zwölf Stücke Wäsche, von der Sorte, die man nicht gern nennt, die aber alle Menschen haben müssen: ein ganzes Dutzend wurde daraus gemacht. »Nein, seht doch! Jetzt bin ich erst was Rechtes geworden! Also das war meine Bestimmung! Das ist ja ein wahrer Segen! Nun schaffe ich Nutzen in der Welt, und das soll man ja, das ist erst das wahre Vergnügen! Wir sind zwölf Stück geworden, aber wir sind doch Alle Eins und Dasselbe: wir sind gerade ein Dutzend! Was das für ein außerordentliches Glück ist!« Jahre vergingen – und nun hielten sie nicht länger. »Einmal muß es ja vorbei sein,« sagte jedes Stück. »Ich hätte gern etwas länger gehalten, aber man muß nichts Unmögliches verlangen!« Jetzt wurden sie in Stücke und Fetzen zerrissen. Sie glaubten, daß es nun vorbei sei, denn sie wurden zerhackt, eingeweicht und gekocht, ja, sie wußten selbst nicht, was alles – – und dann wurden sie schönes, weißes Papier. »Nein, das ist eine Ueberraschung, und eine herrliche Ueberraschung!« sagte das Papier. »Nun bin ich feiner als vorher, und nun werde ich beschrieben werden. Das ist doch ein außerordentliches Glück!« Und es wurden wirklich die schönsten Geschichten und Verse darauf geschrieben, und nur ein einziges Mal kam ein Klex darauf; – das war denn freilich ein besonderes Glück! Und die Leute hörten, was darauf stand: es war klug und gut und machte die Menschen viel klüger und besser; es lag ein großer Segen in den Worten auf diesem Papier. »Das ist mehr, als ich mir träumen ließ, als ich noch eine kleine blaue Blume auf dem Felde war! Wie konnte es mir einfallen, daß ich dereinst Freude und Kenntnisse unter die Menschen bringen sollte! Ich kann es selbst noch nicht begreifen; aber es ist jetzt wirklich so! Unser Herr Gott weiß, daß ich selbst nichts gethan habe, als was ich nach schwachen Kräften für mein Dasein thun mußte; und doch fördert er mich auf diese Weise von der einen Freude und Ehre zur andern. Jedesmal, wenn ich denke: ›Aus ist das Lied!‹ da geht es wieder zu einem höheren und besseren Leben über. Nun soll ich gewiß auf Reisen in der Welt umhergeschickt werden, damit alle Menschen mich lesen können. Das kann nicht anders sein! Es ist das einzig Wahrscheinliche! Ich habe köstliche Gedanken, eben so viele, wie ich früher blaue Blumen hatte! Ich bin der Glücklichste!« Aber das Papier kam nicht auf Reisen, es kam zum Buchdrucker; und da wurde Alles, was darauf geschrieben stand, zum Drucke gesetzt zu einem Buche, ja zu vielen hundert Büchern, denn auf diese Weise konnten dann unendlich Viele mehr Nutzen und Vergnügen davon haben, als wenn das einzige Papier, auf dem es geschrieben stand, in der Welt hätte umherlaufen sollen und auf halbem Wege abgenutzt worden wäre. »Ja, das ist freilich das Vernünftigste!« dachte das beschriebene Papier. »Das fiel mir allerdings nicht ein! Ich bleibe zu Hause und werde in Ehren gehalten wie ein alter Großvater, und der bin ich ja auch von allen diesen neuen Büchern! Nun kann etwas ausgerichtet werden! So hätte ich nicht umherwandern können! Auf mich hat Der gesehen, der das Ganze schrieb! Jedes Wort floß geraden Wegs aus der Feder in mich hinein! Ich bin der Glücklichste!« Dann wurde das Papier in ein Bündel zusammengebunden und in eine Tonne geworfen, die im Waschhause stand. »Nach vollbrachter That ist gut ruhen!« sagte das Papier. »Es ist sehr weise, daß man sich sammelt und über das, was in Einem wohnt, zum Nachdenken kommt! Jetzt weiß ich erst so recht, was auf mir steht! Und sich selbst kennen, das ist der wahre Fortschritt. Was wird nun wohl mit mir geschehen? Vorwärts wird's jedenfalls wieder gehen; es geht allezeit vorwärts, das habe ich erfahren!« Da wurde eines Tages alles Papier herausgenommen und auf den Herd gelegt; es sollte verbrannt werden; denn es dürfe nicht an den Höker verkauft und zum Einschlage für Butter und Zucker benutzt werden: so sagte man. Und alle Kinder im Hause standen rund herum, denn sie mochten gern Papier brennen sehen; das flammte gar prächtig in die Höhe, und nachher konnte man in der Asche die vielen rothen Funken sehen, die hin und her fuhren. Einer nach dem andern erlosch, wie der Wind! Das nannte man: »Die Kinder aus der Schule kommen sehen,« und der letzte Funke war der Schulmeister; oft glaubte man, daß dieser gegangen sei, aber dann kam in demselben Augenblick noch ein Funke: »Da ging der Schulmeister!« sagten sie. Ei, die wußten schön Bescheid! Sie hätten nur wissen sollen, wer da ging; wir werden es zu wissen bekommen; aber sie wußten es nicht. Alles alte Papier, das ganze Bündel ward auf's Feuer gelegt, und es zündete schnell. »Uh!« sagte es und flackerte in hellen Flammen auf. Uh! das war eben nicht sehr angenehm; als aber das Ganze in hellen Flammen stand, schlugen diese so hoch in die Höhe, wie der Flachs niemals seine kleinen, blauen Blumen hatte erheben können, und glänzte, wie die weiße Leinwand niemals hatte glänzen können. Alle geschriebenen Buchstaben wurden einen Augenblick roth, und alle Worte und Gedanken gingen in Flammen auf. »Nun steige ich geraden Wegs zur Sonne hinauf!« sprach es in der Flamme, und es war, als ob tausend Stimmen dieses einstimmig sagten; und die Flammen schlugen durch den Schornstein, oben hinaus. – Und feiner, als die Flammen, unsichtbar für menschliche Augen, schwebten da kleine Wesen, ebenso viele, wie Blumen auf dem Flachse gewesen waren. Sie waren noch leichter, als die Flamme, die sie geboren hatte; und als diese erlosch, und von dem Papier nur die schwarze Asche übrig war, tanzten sie noch einmal über diese hin, und wo sie dieselbe berührten, da liefen die rothen Funken. »Die Kinder kamen aus der Schule und der Schulmeister war der Letzte!« Das war eine Lust, und die Kinder sangen bei der todten Asche: »Schnipp – Schnapp – Schnurre, Bassellurre, Aus ist das Lied!« Aber die kleinen unsichtbaren Wesen sagten alle: »Das Lied ist nie aus! Das ist das Schönste von dem Ganzen. Ich weiß es, und darum bin ich der Glücklichste!« Aber das konnten die Kinder weder hören, noch verstehen, und das sollten sie auch nicht, denn die Kinder dürfen nicht Alles wissen. Der Wassertropfen. Du wirst doch wohl ein Vergrößerungsglas kennen, ein rundes Brillenglas, das Alles hundert Mal größer macht, als es ist? Wenn man dies nimmt und es vor's Auge hält und auf einen Wassertropfen aus dem Teiche draußen sieht: da erblickt man über tausend, wunderbare Thiere, die man sonst niemals im Wasser wahrnimmt. Aber sie sind da, und es ist keine Täuschung. Es sieht beinahe aus wie ein Teller voll Meerspinnen, die durcheinander herumspringen. Und wie wüthend sie sind! Sie reißen sich Arme und Beine, Hinter- und Vordertheile aus, und sind doch auf ihre Art lustig und vergnügt. Nun war einmal ein alter Mann, den alle Leute Kribbel-Krabbel nannten; denn so hieß er. Er wollte stets von einer jeden Sache das Beste haben, und wenn es durchaus nicht anging, so nahm er es durch Zauberei. Da sitzt er nun eines Tages und hält sein Vergrößerungsglas vor die Augen und schaut in einen Wassertropfen, der aus einer Wasserpfütze im Graben genommen war. Aber wie kribbelte und krabbelte es da! Alle die Tausende von kleinen Thieren hüpften und sprangen; zerrten einander und verschlangen einander. »Das ist aber doch abscheulich!« sagte der alte Kribbel-Krabbel ; »kann man sie denn nicht dazu bringen, in Ruhe und Frieden zu leben, so daß sich Jeder nur um sich selbst bekümmert?« Er sann und sann, aber es wollte nicht gehen und er mußte also zaubern. »Ich muß ihnen Farbe geben, so daß sie deutlicher zu sehen sind!« sagte er; da goß er etwas, wie ein Tröpfchen rothen Wein in den Wassertropfen; aber das war Hexenblut aus dem Ohrläppchen, die feinste Sorte zu neun Pfennigen. Und nun wurden alle die wunderbaren Thierchen rosenroth über und über; es sah aus, wie eine Stadt voll nackter, wilder Männer. »Was hast Du da?« fragte ein anderer alter Zauberer, der keinen Namen hatte; und das war das Feine an ihm. »Ja, wenn Du rathen kannst, was das ist,« sagte Kribbel-Krabbel , »dann will ich es Dir schenken. Aber es ist nicht leicht ausfindig zu machen wenn man es nicht weiß!« Und der Zauberer, der keinen Namen hatte, sah durch das Vergrößerungsglas. Es sah wirklich aus darin, wie eine Stadt, in der alle Menschen ohne Kleider umherliefen! Es war schauderhaft! Aber noch schauderhafter war es, zu sehen, wie der Eine den Andern puffte und stieß, hackte und schnappte, biß und zerrte. Was unten war, sollte nach oben, und was oben war, sollte nach unten! Sieh, sieh! Sein Bein ist länger als meins! Bah! Weg damit! Da ist Einer, der hat ein Beulchen. Aber das thut ihm weh, und deshalb soll es noch mehr weh thun. Sie hackten darauf los, zerrten an ihm herum, und verschlangen ihn wegen des Beulchens. Da saß Eine so still, wie eine kleine Jungfrau, und wünschte blos Friede und Ruhe. Aber nun mußte sie hervor! Sie zerrten an ihr, rissen sie herum und verschlangen sie! »Das ist spaßhaft!« sagte der Zauberer. »Ja, aber was meinst Du denn, was das ist?« fragte Kribbel-Krabbel . »Kannst Du das ausfindig machen?« »Nun, das kann man doch wohl sehen!« sagte der Andere. »Das ist ja Paris oder eine andere große Stadt; – sie gleichen sich ja alle einander. Eine große Stadt ist es!« »Das ist Pfützenwasser!« sagte Kribbel-Krabbel . Zwei Jungfern. Hast Du wohl jemals eine Jungfer gesehen? das heißt was die Steinsetzer eine Jungfer nennen, ein Ding, mit welchem sie das Straßenpflaster feststampfen. Eine solche Jungfer ist ganz und gar von Holz, unten breit und mit eisernen Zwingen versehen, oben schmal mit einem Stocke quer durch die nicht geschnürte Taille, – und der Stock bildet die Arme der Jungfrau. Drinnen in der Niederlage standen zwei solche Jungfern, sie hatten ihren Platz zwischen Schaufeln, Handwagen, Schiebkarren und Klaftermaßen, und zu dieser ganzen Sippschaft war das Gerücht gedrungen, daß »die Jungfern« nicht länger »Jungfern«, sondern »Handrammen« heißen sollten, was die neueste und allein richtige Benennung in der Steinsetzersprache ist für das Ding, welches wir Alle in früheren, guten Zeiten stets eine Jungfer nannten. Nun giebt es unter uns Menschen was man so nennt, »freigestellte Frauenzimmer«, als da sind Institutvorsteherinnen, Hebammen, Tänzerinnen, welche von Amtswegen auf einem Beine stehen, Modistinnen und Krankenwärterinnen, und an diese Reihe »Freigestellter« schlossen sich auch die zwei Jungfern in dem Schuppen an; sie waren Jungfern beim Straßenwesen, und sie wollten durchaus nicht ihren guten ehrlichen Namen aufgeben und sich »Handrammen« benennen lassen. »Jungfer ist ein Menschenname,« sagten sie, »aber Handramme ist ein Ding, und wir lassen uns nicht Ding nennen, das heißt uns schimpfen!« »Mein Verlobter ist im Stande, die Verbindung rückgängig zu machen!« sagte die Jüngste, die mit einem Rammklotze versprochen war; und ein Rammklotz ist derjenige, welcher wie eine Maschine große Pfähle in die Erde treibt, also im Groben Das verrichtet, was die Jungfer im Feinen thut. »Er will mich als Jungfer heimführen, aber ob er es thäte, wenn ich Handramme würde, ist fraglich, und also lasse ich mich auch nicht umtaufen.« »Und ich,« sagte die Aeltere, »lasse mir eher beide Arme abbrechen.« Der Schiebkarren war jedoch anderer Ansicht, und der Schiebkarren war schon ein Etwas, er betrachtete sich als eine Viertel-Kutsche, weil er auf einem Rade einherging. »Ich muß Ihnen jedoch bemerklich machen,« sprach derselbe, »daß Jungfer ziemlich allgemein und bei weitem nicht so fein ist, als Handramme oder gar Stempel, welcher Name auch vorgeschlagen worden ist, und durch welchen Sie z. B. in die Rangklasse der Petschafte eintreten würden, und denken Sie nur an das große Staatspetschaft, welches das Staatssiegel aufdrückt, und erst dem Gesetze seine Kraft verleiht; nein, an Ihrer Stelle würde ich die »»Jungfer«« aufgeben.« »Nein, nimmermehr! dazu bin ich zu alt!« sagte die Aeltere. »Sie haben wahrscheinlich noch nie von einem Dinge reden hören, welches man die »europäische Notwendigkeit« nennt – schaltete das ehrliche Klaftermaß ein. »Man muß sich zu fügen wissen, muß sich unterordnen oder einordnen, sich in Zeit und Umstände schicken, und ist einmal ein Gesetz vorhanden, daß die Jungfer Handramme heißen soll, nun so muß sie Handramme heißen, da hilft kein Maulspitzen, denn jedes Ding hat sein Klaftermaß.« »Nein, dann möchte ich mich doch lieber, – wenn durchaus eine Veränderung sein muß,« – sagte die Jüngere, »Fräulein nennen lassen, Fräulein schmeckt doch immer ein wenig nach Jungfer!« »Ich aber lasse mich lieber zu Kleinholz machen!« sagte die ältere Jungfer. Endlich ging es an die Arbeit; die Jungfern fuhren, sie wurden in den Schiebkarren gelegt, immerhin zarte Behandlung, aber Handramme nannte man sie dessenungeachtet. »Jung –!« sagten sie, indem sie das Steinpflaster einstampften; »Jung –!« und sie waren nahe daran das ganze Wort »Jungfer« auszusprechen, aber sie brachen kurz ab und verschluckten die letzte Silbe, denn nach reiflicher Ueberlegung fanden sie es unter ihrer Würde zu reclamiren. Aber gegenseitig nennen sie sich stets »Jungfer« und preisen die guten alten Tage, da man jedes Ding bei seinem rechten Namen nannte, und Jungfer genannt wurde, wenn man Jungfer war; und das blieben sie alle Beide; denn der Rammklotz, die große Maschine, machte in der That die Verlobung mit der Jüngsten rückgängig, er wollte nun einmal eine Jungfer haben. Die glückliche Familie. Das größte grüne Blatt hier zu Lande ist doch jedenfalls das Klettenblatt; hält man eins vor seinen kleinen Leib, da ist es wie eine Schürze, und legt man es auf seinen Kopf, so ist es bei Regenwetter beinahe so gut, wie ein Regenschirm, denn es ist außerordentlich groß! Niemals wächst eine Klette allein; wo eine wächst, wachsen auch mehrere; es ist eine wahre Pracht! Und alle diese Pracht ist Schneckenkost. Die großen weißen Schnecken, aus denen vornehme Leute in alten Tagen Fricassee bereiten ließen und, wenn sie es gegessen hatten, sagten: »Hm! Wie das schmeckt!« – denn sie glaubten nun einmal, daß es vorzüglich gut schmecke – lebten Von Klettenblättern. Und darum wurden Kletten gesät. Nun gab es ein altes Rittergut, wo man keine Schnecken mehr aß. Die waren ausgestorben, aber die Kletten waren nicht ausgestorben. Diese wuchsen und wuchsen in allen Gängen, auf allen Beeten; man konnte ihnen nicht mehr Einhalt thun; es war ein förmlicher Klettenwald. Hier und da stand ein Apfel- oder Pflaumenbaum, sonst hätte man wohl nie und nimmer gedacht, daß dies ein Garten sei. Alles war Klette, und darin wohnten die beiden letzten uralten Schnecken. Sie wußten selbst nicht, wie alt sie waren; aber sie konnten sich sehr gut erinnern, daß ihrer weit mehr gewesen, daß sie von einer Familie aus fremden Landen abstammten, und daß für sie und die Ihrigen der Wald gepflanzt worden war. Sie waren niemals draußen gewesen, aber es war ihnen bekannt, daß es noch etwas in der Welt gab, welches das herrschaftliche Schloß hieß; da oben ward man gekocht, dann wurde man schwarz und auf eine silberne Schüssel gelegt; – was aber nachher noch weiter geschah, das wußten sie nicht. Wie das übrigens ist, wenn man gekocht und auf eine silberne Schüssel gelegt wird, konnten sie sich nicht denken; aber schön sollte es sein und besonders sehr vornehm! Weder der Maikäfer, noch die Kröte, noch der Regenwurm, die sie darum befragten, konnten ihnen darüber Bescheid geben; denn Keiner ihrer Art war jemals gekocht oder auf eine silbern Schüssel gelegt. Die alten, weißen Schnecken waren die vornehmsten in der Welt: das wußten sie! Der Wald war ihretwegen da, und das herrschaftliche Schloß auch, damit sie gekocht und auf eine silberne Schüssel gelegt werden könnten. Sie lebten nun sehr eingezogen und glücklich, und da sie selbst kinderlos waren, so hatten sie eine kleine gemeine Schnecke zu sich genommen, die sie als ihr eigenes Kind erzogen. Allein der Kleine wollte nicht wachsen, denn er war nur eine gemeine Schnecke; aber die Alten, namentlich die Schneckenmutter, meinte, sie merke wohl, wie er zunehme. Und sie bat den Vater, wenn er dies nicht sehen könne, doch nur das kleine Schneckenhaus anfühlen zu wollen; nun betastete er es und fand, daß die Mutter Recht hatte. Eines Tages regnete es sehr stark. »Hör', wie es auf den Klettenblättern trommelt; rumdumdum, rumdumdum!« sagte der Schneckenvater. »Das nenne ich Tropfen!« sagte die Schneckenmutter. »Es läuft ja am Stengel nieder! Du sollst sehen, es wird hier naß werden. Ich freue mich nur, daß wir unsere guten Häuser haben, und daß der Kleine auch das seinige hat! Es ist doch wirklich mehr für uns geschehen, als für alle anderen Geschöpfe; man sieht es doch recht deutlich, daß wir die Herrschaften in der Welt sind! Wir haben Häuser von unserer Geburt an, und der Klettenwald ist unsertwegen gesät! Ich möchte wissen, wie weit sich der erstreckt, und was außerhalb desselben liegt.« »Da ist nichts,« sagte der Schneckenvater, »was besser wäre, als bei uns: ich habe gar nichts zu wünschen.« »Ja!« sagte die Mutter. »Ich möchte wohl nach dem herrschaftlichen Schlosse gebracht, gelocht und auf eine silberne Schüssel gelegt werden; das ist mit allen unsern Vorfahren geschehen, und Du kannst glauben: dabei ist etwas Apartes!« »Das herrschaftliche Schloß ist vielleicht eingestürzt,« sagte der Schneckenvater; »oder der Klettenwald ist darüber hingewachsen, sodaß die Menschen nicht herauskommen können. Das hat denn doch auch gar keine Eile. Aber Du eilst immer zu sehr, und der Kleine fängt das nun auch schon an. Kriecht er nicht bereits seit drei Tagen an dem Stengel hinauf! Ich bekomme wirklich Kopfweh, wenn ich zu ihm emporblicke.« »Du mußt nicht auf ihn schelten!« sagte die Schneckenmutter. »Er kriecht ja recht besonnen: wir werden gewiß viele Freude an ihm erleben; und wir Alten haben ja nichts Anderes, wofür wir leben. Aber hast Du denn auch schon darüber nachgedacht, wo wir eine Frau für ihn herkriegen? Glaubst Du nicht, daß sich dort weiter hinein in den Klettenwald noch solche von unserer Art aufhalten?« »Schwarze Schnecken werden wohl da sein, denke ich,« sagte der Alte; »schwarze Schnecken ohne Haus! aber das ist zu ordinär, und doch bilden sie sich etwas ein. Aber wir könnten den Ameisen den Auftrag geben; die laufen hin und her, als ob sie Geschäfte hätten; die wissen gewiß eine Frau für unsern Kleinen!« »Ich wüßte allerdings die Schönste,« sagte eine der Ameisen; »aber ich fürchte, daß es nicht angeht, denn sie ist Königin!« »Das schadet nichts!« sagten die Alten. »Hat sie ein Haus?« »Sie hat ein Schloß!« antwortete die Ameise; »das schönste Ameisenschloß mit siebenhundert Gängen!« »Schönen Dank!« sagte die Schneckenmutter. »Unser Sohn soll nicht in einen Ameisenhügel. Wißt ihr nichts Besseres, so geben wir den weißen Mücken den Auftrag; die fliegen weit umher in Regen und Sonnenschein; die kennen den Klettenwald von innen und außen. »Wir haben eine Frau für ihn!« sagten die Mücken. »Hundert Menschenschritte von hier sitzt auf einem Stachelbeerbusche eine kleine Schnecke mit Haus; die ist ganz allein und alt genug, sich zu verheirathen. Es ist nur hundert Menschenschritte von hier!« »Ja, laß sie zu ihm kommen!« sagten die Alten. »Er hat einen Klettenwald, sie hat nur einen Busch.« Und nun holten sie das kleine Schneckenfräulein. Es dauerte acht Tage, bis es kam; aber das war ja eben das Rare dabei, denn daran sah man, daß es von der rechten Art war. Dann hielten sie Hochzeit. Sechs Johanniswürmchen leuchteten, so gut sie es vermochten; sonst ging es ganz still zu, denn die alten Schneckenleute konnten Schwärmen und Lustbarkeiten nicht vertragen. Aber eine herrliche Rede wurde gehalten von der Schneckenmutter. Der Vater konnte nicht sprechen: er war zu sehr gerührt. Dann gaben sie ihnen als Erbschaft den ganzen Klettenwald und sagten, was sie stets gesagt hatten: daß er das Beste in der Welt sei, und daß sie, wenn sie rechtschaffen und ehrbar lebten und sich vermehrten, dereinst nebst ihren Kindern nach dem herrschaftlichen Schlosse kommen, schwarz gekocht und auf eine silberne Schüssel gelegt werden würden. Und nachdem die Rede gehalten war, krochen die Alten in ihr Haus hinein und kamen nie wieder heraus; sie schliefen. Das junge Schneckenpaar regierte nun im Walde und bekam eine starke Nachkommenschaft. Da es aber niemals gekocht auf die silberne Schüssel kam, so schloß es daraus, daß das herrschaftliche Schloß eingestürzt, und daß alle Menschen in der Welt ausgestorben seien. Und da Niemand ihnen widersprach, so mußte es ja wahr sein. Der Regen fiel auf die Klettenblätter nieder, um ihretwegen Trommelmusik zu machen, die Sonne schien, um den Klettenwald ihretwegen zu färben; und sie waren sehr glücklich, und die ganze Familie war glücklich, unendlich glücklich. Die Geschichte von einer Mutter. Eine Mutter saß bei ihrem kleinen Kinde: sie war sehr betrübt und fürchtete, daß es sterben möchte. Sein Gesichtchen war bleich, die kleinen Augen hatten sich geschlossen. Das Kind holte schwer und zuweilen so tief Athem, als wenn es seufzte; und die Mutter sah noch trauriger auf das kleine Wesen. Da klopfte es an die Thüre, und ein armer, alter Mann trat ein, der in eine große Pferdedecke gehüllt war, denn die hält warm, und das hatte er nöthig; es war ja kalter Winter. Draußen war Alles mit Eis und Schnee bedeckt, und der Wind blies so scharf, daß er in's Gesicht schnitt. Da der alte Mann vor Kälte zitterte und das kleine Kind einen Augenblick schlief, ging die Mutter und setzte Bier in einem kleinen Topfe in den Ofen, um es für ihn zu wärmen. Der alte Mann setzte sich und wiegte, und die Mutter setzte sich auf einen alten Stuhl neben ihn, sah auf ihr krankes Kind, das so tief Athem holte, und erfaßte die kleine Hand. »Nicht wahr, Du glaubst doch auch, daß ich es behalten werde?« fragte sie. »Der liebe Gott wird es nicht von mir nehmen!« Der alte Mann – er war der Tod – nickte so sonderbar, daß es ebenso gut Ja, wie Nein bedeuten konnte. Die Mutter aber schlug die Augen nieder, und Thränen rollten ihr die Wangen herab. – Der Kopf wurde ihr schwer; in drei Tagen und drei Nächten hatte sie kein Auge geschlossen; und nun schlief sie, aber nur eine Minute; dann fuhr sie auf und bebte vor Kälte. Was ist das? fragte sie und sah sich nach allen Seiten um: Aber der alte Mann war fort, und ihr kleines Kind war fort: er hatte es mit sich genommen. Dort in der Ecke schnurrte und surrte die alte Uhr; das schwere Bleigewicht lief bis auf den Fußboden herab – plumps! – da stand die Uhr still. Die arme Mutter stürzte zum Hause hinaus und rief nach ihrem Kinde. Draußen, mitten im Schnee, saß eine Frau in langen, schwarzen Kleidern und sprach: »Der Tod ist bei Dir in Deiner Stube gewesen; ich sah ihn mit Deinem kleinen Kinde davon eilen; er schreitet schneller als der Wind, und bringt niemals zurück, was er genommen hat!« »Sage mir blos, welchen Weg er gegangen ist!« sagte die Mutter. »Sage mir den Weg, und ich werde ihn finden.« »Ich kenne ihn,« sagte die Frau in den schwarzen Kleidern; »aber bevor ich ihn Dir sage, mußt Du mir erst alle die Lieder vorsingen, die Du Deinem Kinde vorgesungen hast. Ich liebe diese Lieder; ich habe sie früher gehört; ich bin die Nacht und sah Deine Thränen, als Du sie sangst.« »Ich will sie alle, alle singen!« sagte die Mutter. »Aber halte mich nicht auf, damit ich ihn einholen, damit ich mein Kind wiederfinden kann!« Aber die Nacht saß stumm und still. Da rang die Mutter die Hände, sang und weinte. Und es gab viele Lieder, aber noch mehr Thränen! Dann sagte die Nacht: »Geh' rechts in den düstern Fichtenwald hinein; dahin sah ich den Tod mit dem kleinen Kinde den Weg nehmen.« Tief drinnen im Walde kreuzte sich der Weg, und sie wußte nicht mehr, welche Richtung sie einschlagen sollte. Da stand ein Schwarzdornbusch, der hatte weder Blätter noch Blumen; aber es war ja auch um die kalte Winterzeit, und Eiszapfen hingen an den Zweigen. »Hast Du den Tod mit meinem kleinen Kinde vorbeigehen sehen?« »Ja!« sagte der Schwarzdornbusch; »aber ich sage Dir nicht, welchen Weg er genommen hat, wenn Du mich nicht zuvor an Deinem Busen erwärmen willst! Ich friere hier todt, ich werde zu lauter Eis!« Und sie drückte den Schwarzdornbusch fest an ihre Brust, damit er recht aufthauen könne. Die Dornen drangen in ihr Fleisch ein und ihr Blut floß in großen Tropfen. Aber der Schwarzdornbusch schoß frische, grüne Blätter und bekam Blüthen in der kalten Winternacht; so warm ist es an dem Herzen einer betrübten Mutter! Der Schwarzdornbusch sagte ihr darauf den Weg, den sie gehen sollte. Da kam sie an einen großen See, auf dem sich weder Schiff noch Kahn befand. Der See war nicht genug gefroren, um sie tragen, und auch nicht offen und flach genug, um durchwatet werden zu können – und doch mußte sie über denselben, wollte sie ihr Kind finden. Da legte sie sich nieder, um den See auszutrinken; das war ja unmöglich für einen Menschen. Aber die betrübte Mutter dachte, daß vielleicht ein Wunder geschehen könnte. »Nein, das wird niemals gehen!« sagte der See. »Laß uns Beide lieber sehen, daß wir einig werden! Ich liebe es, Perlen zu sammeln, und Deine Augen sind zwei der klarsten, die ich je gesehen: willst Du sie in mich ausweinen, dann will ich Dich nach dem großen Treibhause hinüber tragen, wo der Tod wohnt und Blumen und Bäume pflegt; jeder von diesen ist ein Menschenleben.« »O, was gebe ich nicht, um zu meinem Kinde zu kommen!« sagte die verweinte Mutter. Sie weinte noch mehr, und ihre Augen fielen auf den Grund des Sees hinab und wurden zwei kostbare Perlen. Aber der See hob sie in die Höhe, als säße sie in einer Schaukel, und in einer Schwingung flog sie an das jenseitige Ufer, wo ein meilenlanges wunderbares Haus stand. Man wußte nicht, ob es ein Berg mit Wäldern und Höhlen, oder ob es gezimmert war. Aber die arme Mutter konnte es nicht sehen: sie hatte ja ihre Augen ausgeweint. »Wo werde ich den Tod finden, der mit meinem kleinen Kinde davon ging?« fragte sie. »Hier ist er noch nicht angekommen!« sagte ein altes graues Weib, das dort umherging und auf das Treibhaus des Todes Achtung geben mußte. »Wie hast Du Dich denn hierher gefunden, und wer hat Dir geholfen?« »Der liebe Gott hat mir geholfen!« antwortete sie. »Er ist barmherzig, und das wirst Du auch sein. Wo werde ich mein kleines Kind finden?« »Ich kenne es nicht,« sagte das alte Weib, »und Du kannst ja nicht sehen! – Viele Blumen und Bäume sind diese Nacht verwelkt, der Tod wird bald kommen, um sie umzupflanzen. Du weißt es wohl, daß jeder Mensch seinen Lebensbaum oder seine Lebensblume hat, wie gerade ein jeder eingerichtet ist. Sie sehen aus, wie andere Gewächse, aber ihre Herzen schlagen. Kinderherzen können auch schlagen! Darnach richte Dich, vielleicht erkennst Du den Herzschlag Deines Kindes. Aber was giebst Du mir, wenn ich Dir sage, was Du noch mehr thun mußt?« »Ich habe nichts zu geben,« sagte die betrübte Mutter. »Aber ich will für Dich bis ans Ende der Welt gehen.« »Da habe ich nichts zu besorgen,« sagte das alte Weib; »aber Du kannst mir Dein langes, schwarzes Haar geben; Du weißt wohl selbst, daß es schon ist; das gefällt mir! Du kannst mein weißes dafür bekommen; das ist doch immer etwas!« »Verlangst Du weiter nichts!« sagte sie. »Das gebe ich Dir mit. Freuden!« Und sie gab ihr ihr schönes Haar und erhielt dafür das schneeweiße des alten Weibes. Dann gingen sie in das große Treibhaus des Todes, wo Blumen und Bäume wunderbar durcheinander wuchsen. Da standen seine Hyacinthen unter Glasglocken, und große, baumstarke Pfingstrosen. Da wuchsen Wasserpflanzen, einige ganz frisch, andere halb krank; Wasserschlangen legten sich auf sie, und schwarze Krebse klemmten sich am Stengel fest. Da standen prächtige Palmenbäume, Eichen und Platanen, Petersilie und blühender Thymian. Alle Bäume und Blumen hatten ihre Namen; sie waren Jeder ein Menschenleben; die Menschen lebten noch, der eine in China, der andere in Grönland, rund umher in der Welt. Da waren große Bäume in kleinen Töpfen, sodaß sie beengt dastanden und nahe daran waren, den Topf zu sprengen; es war auch manche kleine schwächliche Blume da in fetter Erde, mit Moos ringsum, und gewartet und gepflegt. Aber die betrübte Mutter beugte sich über alle die kleinsten Pflanzen hin, sie hörte in jeder das Menschenherz schlagen, und aus Millionen erkannte sie das ihres Kindes heraus. »Da ist es!« rief sie und streckte die Hand über eine kleine Krokusblume aus, die krank nach einer Seite hinüber hing. »Rühre die Blume nicht an!« sagte das alte Weib. »Aber stelle Dich hierher, und wenn dann der Tod kommt – ich erwarte ihn jeden Augenblick – da laß ihn die Pflanze nicht herausreißen, sondern drohe ihm, daß Du dasselbe mit den andern Blumen thun würdest: dann wird ihm bange! Er muß dem lieben Gotte dafür einstehen; keine darf herausgerissen werden, bevor der die Erlaubniß dazu giebt!« Da sauste es mit einem Male eiskalt durch den Saal, und die blinde Mutter fühlte, daß es der Tod war, der nun ankam. »Wie hast Du den Weg hierher finden können?« fragte er. »Wie hast Du schneller hierher kommen können, wie ich?« »Ich bin eine Mutter!« antwortete sie. Der Tod streckte seine lange Hand nach der kleinen feinen Blume aus; aber sie hielt ihre Hände fest um dieselbe, hielt sie dicht umschlossen, und dennoch voll ängstlicher Sorgfalt, daß sie keins der Blätter berühre. Da hauchte der Tod auf ihre Hände, und sie fühlte, daß dies kälter war, als der kalte Wind; da sanken ihre Hände matt herab. »Gegen mich kannst Du doch nichts ausrichten!« sagte der Tod. »Aber der liebe Gott kann es!« sagte sie. »Ich thue nur, was er will!« sagte der Tod. »Ich bin sein Gärtner. Ich nehme alle seine Blumen und Bäume und verpflanze sie in den großen Paradiesgarten, in das unbekannte Land. Wie sie aber dort gedeihen, und wie es dort ist: das darf ich Dir nicht sagen!« »Gieb mir mein Kind zurück!« sagte die Mutter und weinte und flehte. Mit einem Male faßte sie mit den Händen zwei hübsche Blumen fest an und rief dem Tod zu: »Ich reiße alle Deine Blumen ab, denn ich bin in Verzweiflung!« »Rühre sie nicht an!« sagte der Tod. »Du sagst, daß Du so unglücklich bist, und nun wolltest Du eine andere Mutter ebenso unglücklich machen?« »Eine andere Mutter!« sagte die arme Frau und ließ sogleich beide Blumen los. »Da hast Du Deine Augen,« sagte der Tod. »Ich habe sie aus dem See aufgefischt; sie glänzten hell herauf; ich wußte nicht, daß es die Deinigen waren. Nimm sie zurück, sie sind jetzt noch, klarer, wie früher; dann sieh hinab in den tiefen Brunnen hier nebenan. Ich will die Namen der zwei Blumen nennen, die Du ausreißen wolltest, und Du wirst sehen, was Du zerstören und zu Grunde richten wolltest!« Und sie sah in den Brunnen hinab; und es war eine Glückseligkeit zu sehen, wie die Eine ein Segen für die Welt ward, zu sehen, wie viel Glück und Freude sich um dieselbe verbreitete; sie sah das Leben der Andern, das bestand aus Sorgen und Noth, Jammer und Elend. »Beides ist Gottes Wille!« sagte der Tod. »Welche von ihnen ist die Blume des Unglücks und welche die Gesegnete?« fragte sie. »Das sage ich Dir nicht,« antwortete der Tod: »aber das sollst Du von mir erfahren, daß eine der Blumen die Deines eigenen Kindes ist. Es war das Schicksal Deines Kindes, was Du sahst, die Zukunft Deines eigenen Kindes!« Da schrie die Mutter vor Schrecken laut auf. »Welche von ihnen ist die meines Kindes? Sag mir das! Befreie das unschuldige Kind! Erlöse mein Kind von allem Elende! Trag' es lieber fort! Trag' es in Gottes Reich! Vergiß meine Thränen, vergiß mein Flehen und Alles, was ich gethan habe!« »Ich verstehe Dich nicht,« sagte der Tod. »Willst Du Dein Kind zurück haben, oder soll ich mit ihm nach jenem Orte gehen, den Du nicht kennst?« Da rang die Mutter die Hände, fiel auf die Kniee und bat den lieben Gott: »Erhöre mich nicht, wenn ich gegen Deinen Willen bitte, der allezeit der beste ist! Erhöre mich nicht! Erhöre mich nicht!« Da ließ sie ihr Haupt auf die Brust hinabsinken. Und der Tod ging mit ihrem Kinde nach dem unbekannten Lande. Der Engel. »Jedes Mal, wenn ein gutes Kind stirbt, kommt ein Engel Gottes zur Erde hernieder, nimmt das todte Kind auf seine Arme, breitet die großen, weißen Flügel aus, fliegt hin über alle Plätze, welche das Kind lieb gehabt hat, und pflückt eine Hand voll Blumen, welche er zu Gott hinaufbringt, damit sie dort noch schöner wie auf der Erde blühen. Der liebe Gott drückt alle Blumen an sein Herz, aber derjenigen Blume, welche ihm die liebste ist, giebt er einen Kuß, und dann bekommt sie eine Stimme und kann in der großen Glückseligkeit mitsingen!« Sieh, alles Dieses erzählte ein Engel Gottes, indem er ein todtes Kind zum Himmel forttrug, und das Kind hörte gleichwie im Traume; und sie fuhren hin über die Stätten in der Heimath, wo der Kleine gespielt hatte, und kamen durch Gärten mit herrlichen Blumen. »Welche wollen wir nun mitnehmen und in den Himmel pflanzen?« fragte der Engel. Da stand ein schlanker, herrlicher Rosenstock, aber eine böse Hand hatte den Stamm zerbrochen, so daß alle Zweige, voll großer, halbaufgebrochener Knospen, rund herum vertrocknet, hingen. »Der arme Rosenstock!« sagte das Kind. »Nimm ihn, damit er dort oben bei Gott zum Blühen kommt!« Und der Engel nahm ihn, küßte das Kind dafür, und der Kleine öffnete halb seine Augen. Sie pflückten von den reichen Prachtblumen, nahmen aber auch die verachtete Butterblume und das wilde Stiefmütterchen mit. »Nun haben wir Blumen!« sagte das Kind, und der Engel nickte, aber er flog noch nicht zu Gott empor. Es war Nacht, es war sehr still; sie blieben in der großen Stadt und schwebten in einer der schmalen Gassen, umher, wo Haufen von Stroh, Asche und Auskehricht lagen; es war Umziehtag gewesen. Da lagen Scherben von Tellern, Gypsstücke, Lumpen und alte Hüte, was Alles nicht gut aussah. Der Engel zeigte in all diesen Wirrwar hinunter auf einige Scherben eines Blumentopfes und auf einen Klumpen Erde, der herausgefallen war und von den Wurzeln einer großen, vertrockneten Feldblume, welche nichts taugte und die man deshalb auf die Gasse geworfen hatte, zusammengehalten wurde. »Die nehmen wir mit!« sagte der Engel. »Ich werde Dir erzählen warum, während wir weiter fliegen!« »Dort unten in der schmalen Gasse, in dem niedrigen Keller wohnte ein armer, kranker Knabe; von Kindheit an war er immer bettlägerig gewesen; wenn er am gesundesten war, konnte er auf Krücken in der kleinen Stube ein paar Mal auf und nieder gehen: das war Alles. An einigen Tagen im Sommer drangen die Sonnenstrahlen während einer halben Stunde bis auf den Flur des Kellers; und wenn dann der arme Knabe dasaß und sich von der warmen Sonne bescheinen ließ, und das rothe Blut durch seine feinen Finger sah, die er vor das Antlitz hielt, dann hieß es: »»Heute ist er aus gewesen!«« – Er kannte den Wald mit seinem herrlichen Frühlingsgrün nur dadurch, daß ihm des Nachbars Sohn den ersten Buchenzweig brachte, den hielt er über sein Haupt und träumte dann, unter Buchen zu sein, wo die Sonne schiene und die Vögel sängen. An einem Frühlingstage brachte ihm des Nachbars Knabe auch Feldblumen, unter diesen war zufällig eine mit der Wurzel, und deshalb wurde sie in einen Blumentopf gepflanzt und dicht am Bette an das Fenster gestellt. Die Blume war von einer glücklichen Hand gepflanzt: sie wuchs, trieb neue Schößlinge und trug jedes Jahr ihre Blumen. Sie wurde des kranken Knaben herrlichster Blumengarten, sein kleiner Schatz hier auf Erden; er begoß und pflegte sie, und sorgte dafür, daß sie jeden Sonnenstrahl bis zum letzten, welcher durch das niedrige Fenster hinunter glitt, erhielt; und die Blume selbst verwuchs in seine Träume, denn für ihn blühte sie, verbreitete ihren Duft und erfreute ihm das Auge; zu ihr wendete er sich im Tode, als der Herr ihn rief. – Ein Jahr ist er nun bei Gott gewesen; ein Jahr hat die Blume vergessen im Fenster gestanden und ist verdorrt; sie wurde deshalb beim Umziehen in den Kehricht hinaus auf die Straße geworfen. Und dies ist die Blume, die arme, vertrocknete Blume, welche wir mit in unsern Blumenstrauß genommen haben; denn diese Blume hat mehr Freude gewährt als die reichste Blume im Garten einer Königin!« »Aber woher weißt Du das Alles?« fragte das Kind, welches der Engel gen Himmel trug. »Ich weiß es!« sagte der Engel. »Denn ich war selbst der kleine, kranke Knabe, welcher auf Krücken ging! Meine Blume kenne ich wohl!« Das Kind öffnete seine Augen ganz und sah in des Engels herrliches, frohes Antlitz hinein; und in demselben Augenblicke befanden sie sich in Gottes Himmel, wo Freude und Seligkeit war. Und Gott drückte das tobte Kind an sein Herz, da bekam es Flügel, wie der andere Engel und flog Hand in Hand mit ihm. Und Gott drückte alle Blumen an sein Herz; aber die arme, verdorrte Feldblume küßte er; und sie erhielt eine Stimme und sang mit allen Engeln, welche Gott umschwebten: einige nahe, andere um sie herum in großen Kreisen, immer weiter und weiter, in das Unendliche, aber alle gleich glücklich. Und alle sangen sie, kleine und große, das gute, gesegnete Kind und die arme Feldblume, welche verdorrt dagelegen hatte, hingeworfen in den Kehricht, unter dem Unrathe des Umziehtages, in der schmalen, dunkeln Gasse. Ein Bild vom Festungswalle. Es ist Herbst, wir stehen auf dem Festungswalle und blicken hinaus über das Meer; schauen die vielen Schiffe und die schwedische Küste jenseit des Sundes an, die sich in dem Abendscheine hoch über den Meeresspiegel erhebt; hinter uns schneidet der Wald jäh ab; prächtige Bäume umgeben uns, das gelbe Laub flattert von den Zweigen herab; unten am Fuße des Walles stehen finstere Häuser, eingezäunt mit Pallisaden, innerhalb dieser ist es gar beengt und schauerlich, aber noch schauerlicher ist es dort hinter dem vergitterten Mauerloche; dort sitzen die Baugefangenen, die ärgsten Verbrecher. Ein Strahl der sinkenden Sonne fällt in die kahle Kammer eines der Gefangenen. Die Sonne scheint über Gute und Böse. Der finstere, verstockte Verbrecher wirft einen widerwilligen Blick auf den kalten Sonnenstrahl. Ein Vögelein fliegt auf das Gitter zu. Das Vögelein zwitschert den Bösen wie den Guten: Es läßt nur ein kurzes »Quivit« ertönen, aber es bleibt auf der Gittermauer sitzen, schlägt mit den Flügeln, zupft eine Feder aus einem derselben, bustert sie auf, läßt die andern Federn sich emporsträuben an Hals und Brust – und der böse Mann an der Kette sieht ihm zu; in seinem harten Gesichte macht sich ein milderer Ausdruck geltend; in seiner Brust taucht ein Gedanke auf, den er sich selbst nicht einmal verdeutlicht, allein dieser Gedanke ist mit dem Sonnenstrahle ist mit dem Duft der Veilchen verwandt, die im Frühlinge üppig unten an der Mauer wuchern. – Jetzt klingen die Hörner der Schützen, lieblich und voll. Das Vögelein schreckt zusammen und flattert davon; der Sonnenstrahl schwindet allmälig und es ist wieder finster in der Kammer, finster im Herzen des bösen Mannes, aber die Sonne hat doch hineingeschienen, das Vögelein hineingezwitschert! Fahrt fort ihr herrlichen Töne des Jägerhorns! Fahrt fort zu klingen, der Abend ist mild, das Meer schaukelt leise seine spiegelglatte Fläche. Das Schneeglöckchen. Es war Winterszeit, die Luft kalt, der Wind scharf, aber hinter Thür und Riegel war es warm und gemüthlich, hinter Thür und Riegel lag, die Blume, sie lag in ihrer Zwiebel unter Erde und Schnee. Eines Tages fiel Regen; die Tropfen drangen durch die Schneedecke in die Erde hinab, berührten die Blumenzwiebel, sprachen von der lichten Welt oberhalb; bald drang der Sonnenstrahl fein und bohrend durch den Schnee zu der Zwiebel, und es kribbelte in ihr. »Herein!« sagte die Blume. »Ich kann nicht!« sagte der Sonnenstrahl, »ich bin nicht stark genug, um aufzuschließen! Wenn es Sommer wird, werde ich stark!« »Wann ist es Sommer?« fragte die Blume und wiederholte diese Frage jedesmal, wenn ein neuer Sonnenstrahl hinabdrang. Aber es war weit von der Sommerzeit entfernt; der Schnee lag noch, es fror Eis auf dem Wasser jede Nacht. »Wie das lange dauert! Wie das lange dauert!« sagte die Blume. »Ich fühle ein Kribbeln und Krabbeln, ich muß mich recken, ich muß mich strecken, ich muß aufschließen, ich muß hinaus, muß dem Sommer »Guten Morgen« zunicken, das wird eine beglückende Zeit werden!« Und die Blume reckte und streckte sich drinnen gegen die dünne Schale, die das Wasser von außen erweicht, Schnee und Erde erwärmt, der Sonnenstrahl gekribbelt hatte; sie schoß hervor unter dem Schnee, mit weißgrüner Knospe auf grünem Stengel mit schmalen, dicken Blättern, die sie gleichsam schützen wollten. Der Schnee war kalt, aber vom Lichte durchstrahlt, daher war es gar leicht, durch ihn hindurch zu brechen, und nun kam der Sonnenstrahl mit größerer Kraft als bisher. »Willkommen! Willkommen!« sang und klang jeder Strahl und die Blume hob sich über den Schnee hinaus in die Lichtwelt. Die Sonnenstrahlen streichelten und küßten sie, daß sie sich ganz öffnete, weiß wie der Schnee und geschmückt mit grünen Streifen. Sie beugte ihren Kopf in Freude und Demuth. »Wunderschöne Blume!« sangen die Sonnenstrahlen. »Wie bist Du frisch und zart! Du bist die Erste! Du bist die Einzige! Du bist unsere Liebe! Du läutest Sommer, schönen Sommer über Land und Stadt. All' der Schnee wird schmelzen! Die kalten Winde werden hinweggejagt! Wir werden herrschen! Alles wird grünen! Und dann wirst Du Gesellschaft haben, Syringen, Goldregen und Rosen, aber Du bist die Erste, so fein, so zart!« Das war ein großes Vergnügen. Es war, als singe und klinge die Luft, als drängen die Strahlen des Lichts in die Blätter und den Stengel der Blume; da stand sie so sein und so leicht zu brechen und doch so kräftig in junger Schönheit; sie stand in weißem Kleide mit grünen Bändern da, sie machte Sommer. Aber es war noch weit bis zur Sommerszeit. Wolken verdeckten die Sonne, scharfe Winde bliesen. »Du bist zu früh gekommen!« sagten Wind und Wetter. »Wir haben noch die Gewalt, und Du sollst sie empfinden und Dich darein fügen! Du hättest hübsch zu Hause bleiben, nicht herauslaufen sollen und Staat machen die Zeit dazu ist noch nicht da!« Es war eine schneidende Kälte! Die Tage, die da kamen, brachten nicht einen Sonnenstrahl! Es war ein Wetter zum Entzweifrieren für so eine kleine Blume. Aber sie besaß mehr Kraft als sie selbst wußte; sie war stark in Freude und im Glauben an den Sommer, der kommen mußte, der ihr in ihrem tiefen Sehnen verkündet und von dem warmen Sonnenlichte bestätigt worden war, und so blieb sie denn auch mit Zuversicht in ihrer weißen Tracht im weißen Schnee stehen, ihren Kopf beugend, selbst während die Schneeflocken dicht und schwer herabfielen und die eisigen Winde, über sie dahinfuhren. »Du wirst brechen!« sagten sie, »verwelken, verwelken! Was wolltest Du draußen? Weshalb ließest Du Dich verlocken, der Sonnenstrahl hat Dich gefoppt! Jetzt hast Du es darnach, Du Sommernärrin!« »Sommernärrin!« wiederholte sie in kalter Morgenstunde. »Sommernärrin!« jubelten einige Kinder, die in den Garten kamen, »da steht eine, wie schön, wie schön, die Erste, die Einzige!« Diese Worte thaten der Blume so wohl, es waren Worte wie warme Sonnenstrahlen. Die Blume empfand es in ihrer Freude nicht einmal, daß man sie brach; sie lag in Kindeshand, wurde von Kindesmund geküßt, in die warme Stube getragen, von sanften Augen beschaut, in's Wasser gesteckt, wie stärkend, wie belebend! Die Blume glaubte, sie sei plötzlich tief in den Sommer hineingerathen. Die Tochter vom Hause, ein schönes, kleines Mädchen, war confirmirt, sie hatte einen lieben Freund, und der war auch confirmirt, er studirte zum Amtsexamen. »Der soll mein Sommernarr sein!« sagte sie und nahm die seine Blume, legte sie in ein Stückchen duftendes Papier, auf welches Verse geschrieben waren, Verse von der Blume, die mit Sommernarr begannen und mit Sommernarr endigten, »mein Freund, sei Winternarr!« sie hatte ihn mit dem Sommer genarrt. Ja, das stand Alles in dem Verse und wurde als Brief gefaltet, die Blume lag in dem Briefe. Es war finster um sie her, finster wie damals, als sie in der Zwiebel lag. Die Blume ging auf die Reise, lag in der Posttasche, wurde geklemmt und gedrückt, was gar nicht angenehm war; allein das hatte auch ein Ende. Die Reise war vorüber, der Brief wurde geöffnet und gelesen von dem lieben Freunde; wie vergnügt war er, er küßte die Blume und sie wurde, in ihrem Umschlage von Versen, in einen Kasten gelegt, in welchem mehrere schöne Briefe, aber alle ohne Blume lagen; sie war die Erste, die Einzige, wie die Sonnenstrahlen sie genannt hatten, und darüber nachzudenken war ein Vergnügen. Man ließ ihr auch Zeit darüber nachzudenken, sie dachte während der Sommer verstrich und der lange Winter schwand, und es wurde wieder Sommer, als sie auf's Neue zum Vorscheine kam. Aber nun war der junge Mann durchaus nicht erfreut, er faßte die Briefe sehr unsanft an, warf den Vers hin, daß die Blume auf den Fußboden fiel. Flach und verwelkt war sie freilich, aber warum deshalb auf den Fußboden geworfen? Hier lag sie indeß besser als im Feuer, dort gingen die Verse und Briefe in Flammen auf. Was war geschehen? – Was so oft geschieht. Die Blume hatte ihn genarrt, das war ein Scherz; die Jungfrau hatte ihn genarrt, das war kein Scherz; sie hatte sich während des Sommers einen andern Freund erkoren. Am nächsten Tage schien die Morgensonne hinein auf das kleine, flachgedrückte Schneeglöckchen, das so aussah, als sei es auf den Fußboden hingemalt. Das Dienstmädchen, welches das Zimmer auslehrte, hob es auf, legte es in eins der Bücher hinein, die auf dem Tische lagen, und zwar in der Meinung, es müsse beim Aufräumen herausgefallen sein. Die Blume lag wieder zwischen Versen, gedruckten Versen, und die sind vornehmer als die geschriebenen, wenigstens ist mehr Geld auf sie verwendet. Darauf vergingen Jahre, das Buch stand auf dem Bücherbrette: dann wurde es einmal in die Hand genommen, man schlug es auf und las darin; es war ein gutes Buch: Verse und Lieder von dem alten dänischen Dichter Ambrosius Stub, die wohl zu lesen werth sind. Der Mann, der in dem Buche las, schlug ein Blatt um. »Da liegt ja eine Blume!« sagte er, »ein Schneeglöckchen, ein Sommernarr, ein Dichternarr! Die wird wohl mit Bedacht hier hereingelegt worden sein; armer Ambrosius Stub! Er war auch ein Sommernarr, ein Dichternarr! Er kam seiner Zeit zu früh, und deshalb mußte auch er die scharfen Winde kosten, als Gast bei den adeligen Gutsbesitzern umherwandern, als Blume im Wasserglase, Blume im gereimten Briefe! Sommernarr, Winternarr, Spaß und Narrheit, und doch der erste, der einzige, der jugendfrische dänische Dichter von damals. Ja, bleib Du als Zeichen im Buche liegen, Du kleines Schneeglöckchen, Du bist mit Bedacht hineingelegt worden.« Und das Schneeglöckchen wurde wieder in's Buch gelegt, es fühlte sich da sowohl geehrt als vergnügt, zu wissen, daß es ein Zeichen war in dem prächtigen Liederbuche und daß Derjenige, der zuerst von ihm gesungen und geschrieben hatte, auch ein Schneeglöckchen, ein Sommernarr gewesen, auch zur Winterzeit als Narr dagestanden hatte. Die Blume verstand das nun in ihrer Weise, wie wir ja auch jedes Ding in unserer Weise deuten. Das ist das Märchen vom Schneeglöckchen. Tölpel-Hans. (Eine alte Geschichte aufs Neue erzählt,). Tief im Innern des Landes lag ein alter Herrenhof; dort war ein alter Gutsherr, welcher zwei Söhne hatte, die sich so witzig und gewitzigt dünkten, daß die Hälfte genügt hätte; diese wollten sich nun um die Königstochter bewerben, denn dieselbe hatte öffentlich anzeigen lassen, sie wolle Denjenigen zum Ehegemahl wählen, der seine Worte am besten zu stellen wisse. Die Beiden bereiteten sich nun volle acht Tage auf die Bewerbung vor, die längste, aber allerdings auch genügendste Zeit, die ihnen vergönnt war; denn sie hatten Vorkenntnisse, und wie nützlich die sind, weiß Jedermann. Der Eine wußte das ganze lateinische Wörterbuch und nebenbei auch drei Jahrgänge vom Tageblatte des Städtchens auswendig, und zwar so, daß er Alles von vorne und hinten, je nach Belieben, hersagen konnte. Der Andere hatte sich in die Innungsgesetze hineingearbeitet und wußte auswendig, was jeder Innungsvorstand wissen muß, weshalb er auch meinte, er könne von Staatsaffairen mitreden und seinen Senf dazu geben; ferner verstand er noch Eins: Er konnte Hosenträger mit Rosen und anderen Blümchen und Schnörkeleien bestechen, denn er war auch sein und fingerfertig. »Ich bekomme die Königstochter!« riefen sie alle Beide, und so schenkte der alte Papa einem Jeden von ihnen ein prächtiges Pferd. Derjenige, welcher das Wörterbuch und das Tageblatt auswendig wußte, bekam einen Rappen, der Innungskluge erhielt ein milchweißes Pferd und dann schmierten sie sich die Mundwinkel mit Fischthran ein, damit sie recht geschmeidig würden. – Das ganze Gesinde stand unten im Hofraume und war Zeuge, wie sie die Pferde bestiegen, und wie von ungefähr kam auch der dritte Bruder hinzu, denn der alte Gutsherr hatte drei Söhne, aber Niemand zählte diesen dritten mit zu den anderen Brüdern, weil er nicht so gelehrt wie diese war, und man nannte ihn auch gemeinhin Tölpel-Hans . »Ei!« – sagte Tölpel-Hans – »wo wollt Ihr hin? Ihr habt Euch ja in den Sonntagsstaat geworfen!« »Zum Hofe des Königs, uns die Königstochter zu erschwatzen! Weißt Du denn nicht, was dem ganzen Lande bekannt gemacht ist?« und nun erzählten sie ihm den Zusammenhang. »Ei der Tausend! da bin ich auch dabei!« rief Tölpel-Hans; und die Brüder lachten ihn aus und ritten davon. »Väterchen!« – schrie Tölpel-Hans – »ich muß auch ein Pferd haben. Was ich für eine Lust zum Heirathen kriege! Nimmt sie mich, so nimmt sie mich, und nimmt sie mich nicht, so nehm ich sie – kriegen thu' ich sie!« »Laß das Gewäsch!« sagte der Alte, »Dir gebe ich kein Pferd. Du kannst ja nicht reden, Du weißt ja Deine Worte nicht zu stellen; nein, Deine Brüder, ah, das sind ganz andere Kerle.« »Nun,« sagte Tölpel-Hans, »wenn ich kein Pferd haben kann, so nehme ich den Ziegenbock, der gehört mir so wie so, und tragen kann er mich auch!« – und gesagt, gethan. Er setzte sich rittlings auf den Ziegenbock, preßte die Hacken in dessen Weichen ein, und sprengte davon, die große Hauptstraße wie ein Sturmwind dahin. Hei, Hop! das war eine Fahrt! »Hier komm' ich!« schrie Tölpel-Hans, und sang, daß es weit und breit wiederhallte. Aber die Brüder ritten langsam ihm voraus; sie sprachen kein Wort, sie mußten sich alle die guten Einfälle überlegen, die sie an den Tag bringen wollten, denn das sollte alles recht sein ausspeculirt sein! »Hei!« schrie Tölpel-Hans: »hier bin ich! Seht mal, was ich auf der Landstraße gefunden!« – und er zeigte ihnen eine todte Krähe, die er gefunden hatte. »Tölpel!« sprachen die Brüder, »was willst Du mit der machen?« »Mit der Krähe! – die will ich der Königstochter schenken!« »Ja, das thu' nur!« sagten sie, lachten und ritten weiter. »Hei – Hop! hier bin ich! Seht, was ich jetzt gefunden habe, das findet man nicht alle Tage auf der Landstraße!« Und die Brüder kehrten um, damit sie sähen, was er wohl noch gefunden haben könnte, »Tölpel!« sagten sie, »das ist ja ein alter Holzschuh, dem noch dazu das Obertheil fehlt; wirst Du auch den der Königstochter schenken?« »Wohl werde ich das!« erwiderte Tölpel-Hans; und die Brüder lachten und ritten davon; sie gewannen einen großen Vorsprung. »Hei hopsasa! hier bin ich!« rief Tölpel-Hans; »nein, es wird immer besser! heisa! Nein! es ist ganz famos!« »Was hast Du denn jetzt gefunden?« fragten die Brüder. »Oh,« – sagte Tölpel-Hans, »das ist gar nicht zu sagen! Wie wird sie erfreut sein, die Königstochter.« »Pfui!« sagten die Brüder, »das ist ja reiner Schlamm; unmittelbar aus dem Graben.« »Ja freilich ist es das!« sprach Tölpel-Hans, »und zwar von der feinsten Sorte, seht, er läuft Einem gar durch die Finger durch!« und dabei füllte er seine Tasche mit dem Schlamme. Allein die Brüder sprengten dahin, daß Kies und Funken stoben, deshalb gelangten sie auch eine ganze Stunde früher als Tölpel-Hans an das Stadtthor; an diesem bekamen alle Freier Nummern, sofort nach ihrer Ankunft und wurden in Reih' und Glied geordnet, sechs in jede Reihe, und so eng zusammengedrängt, daß sie die Arme nicht bewegen konnten; das war sehr weise so eingerichtet, denn sie hatten einander wohl sonst das Fell über die Ohren gezogen, blos weil der Eine vor dem Andern stand. Die ganze Volksmenge des Landes stand rings um das königliche Schloß in dichten Massen zusammengedrängt, bis an die Fenster hinauf, um die Königstochter die Freier empfangen zu sehen; je nachdem Einer von diesen in den Saal trat, ging ihm die Rede aus wie ein Licht. »Das taugt nichts!« sprach die Königstochter. »Fort, hinaus mit ihm!« Endlich kam die Reihe an denjenigen der Brüder, welcher das Wörterbuch auswendig wußte, aber er wußte es nicht mehr, er hatte es ganz vergessen in Reih' und Glied; und die Fußdielen knarrten und die Zimmerdecke war von lauter Spiegelglas, daß er sich selber auf dem Kopfe stehen sah, und an jedem Fenster standen drei Schreiber und ein Oberschreiber, und Jeder von diesen schrieb Alles nieder, was gesprochen wurde, damit es sofort in die Zeitung käme und für »Einen Silbergroschen« an der Straßenecke verkauft werde. Es war entsetzlich, und dabei hatten sie dermaßen in dem Ofen eingeheizt, daß er glühend war. »Hier ist eine entsetzliche Hitze, hier!« – sprach der Freier. »Ja wohl! mein Vater bratet aber auch heute junge Hähne!« sagte die Königstochter. »Mäh!« da stand er wie ein Mähäh; auf solche Rede war er nicht gefaßt gewesen; kein Wort wußte er zu sagen, obgleich er etwas Witziges hatte sagen wollen. »Mäh!« »Taugt nichts!« sprach die Königstochter. »Fort, hinaus mit ihm!« und hinaus mußte er. Nun trat der andere Bruder ein. »Hier ist eine entsetzliche Hitze!« – sagte er. »Ja wohl, wir braten heute junge Hähne!« bemerkte die Königstochter. »Wie be – wie?« sagte er, und die Schreiber schrieben: wie be – wie! »Taugt nichts!« sagte die Königstochter. »Fort, hinaus mit ihm!« Nun kam Tölpel-Hans dran; er ritt auf dem Ziegenbocke direct in den Saal hinein. »Na, das ist doch eine Mordhitze hier!« sagte er. »Ja wohl, ich brate aber auch junge Hähne!« sagte die Königstochter. »Ei, das ist schön!« erwiderte Tölpel-Hans, »dann kann ich wohl eine Krähe mit braten?« »Mit dem größten Vergnügen!« sprach die Königstochter; »aber haben Sie Etwas, worin Sie braten können? denn ich habe weder Topf noch Tiegel.« »Oh, das hab' ich!« sagte Tölpel-Hans. »Hier ist Kochgeschirr mit zinnernem Bügel,« und so zog er den alten Holzschuh hervor, und legte die Krähe hinein. »Da ist ja eine ganze Mahlzeit,« sagte die Königstochter, »aber wo nehmen wir die Brühe her?« »Die habe ich in der Tasche!« sprach Tölpel-Hans. »Ich habe so viel, daß ich sogar etwas davon wegwerfen kann!« – und nun goß er etwas Schlamm aus der Tasche heraus. »Das gefällt mir!« sagte die Königstochter, »Du kannst doch antworten, und Du kannst reden, und Dich will ich zum Manne haben! –aber weißt Du auch, daß jedes Wort, welches wir sprechen und gesprochen haben, niedergeschrieben wird und morgen in die Zeitung kommt? An jedem Fenster, siehst Du, stehen drei Schreiber und ein alter Oberschreiber, und dieser alte Oberschreiber ist noch der schlimmste, denn er kann nichts begreifen!« und das sagte sie nur, um Tölpel-Hans zu ängstigen. Und die Schreiber wieherten und spritzten dabei Jeder einen Tintenklecks auf den Fußboden. »Ah, das ist also die Herrschaft!« sagte Tölpel-Hans; »nun so werde ich dem Oberschreiber das Beste geben!« und damit kehrte er seine Taschen um und warf ihm den Schlamm gerade ins Gesicht. »Das war fein gemacht!« sagte die Königstochter, »das hätte ich nicht thun können! aber ich werde es schon lernen!« – Tölpel-Hans wurde König, bekam eine Frau und eine Krone und saß auf einem Throne, und das haben wir ganz naß aus der Zeitung des Oberschreibers und Schreiberinnungsmeisters – und auf die ist nicht zu bauen! Die Glockentiefe. »Ding – dang! Ding – dang!« klingt es aus der »Glockentiefe« herauf in der Odense-Au. – Jedes Kind in der alten Stadt Odense auf der Insel Fünen kennt die Au, welche die Gärten rings um die Stadt bespült und die sich von der Schleuse bis zur Wassermühle unter die hölzernen Ueberbrückungen dahinzieht. In der An blühen gelbe Wasserlilien oder Auknöpfe, und braungefiedertes Röhricht; es wächst dort die schwarze, sammetartige Rohrpompe, hoch und dick; alte geborstene Weiden, gereckt und gestreckt, hängen weit über den Strom hinaus an der Seite der Mönchswiese und der Bleiche; aber dieser gegenüber ist Garten an Garten, einer anders als die anderen, bald mit schönen Blumen und Lauben, glatt und zierlich, wie ein kleiner Puppenstaat, bald nur mit Kohl und anderem Gemüse bewachsen; oder auch ist kein Garten zu erblicken, indem die großen Hollunderbäume sich an den Ufern ausbreiten und weit über die strömenden Gewässer hinaushängen, die hier und da tiefer sind, als daß die Ruderstange ihren Grund erreichen könnte. Dem alten Fräuleinkloster gegenüber ist die tiefste Stelle, Glockentiefe genannt, und dort unten wohnt der alte Wassergeist, der »Aumann« . Derselbe schläft den Tag über, während die Sonne durch das Wasser hinabstrahlt, aber er zeigt sich bei sternenhellen Nächten und Mondschein. Er ist sehr alt; die Großmutter sagt, sie habe von ihm erzählen hören von ihrer Großmutter: er verlebe ein einsames Leben, habe Niemand, mit dem er reden könne, außer der großen, alten Kirchglocke. Einst hing die Glocke im Kirchthurme – ja, jetzt ist keine Spur mehr, vom Thurme ebensowenig wie von der Kirche, derjenigen, welche St. Albani hieß. »Ding-dang! Ding-dang!« klang die Glocke, als der Thurm noch dastand, und eines Abends, während die Sonne sank und die Glocke im stärksten Schwunge sich befand, riß sie sich los und flog dahin durch die Luft; das blanke Metall blitzte glühend in den rothen Strahlen. »Ding-dang! Ding-dang! Jetzt will ich mich zur Ruhe betten!« sang die Glocke und flog hinaus in die Odense-Au, wo sie am tiefsten ist, und deshalb heißt diese Stelle die Glockentiefe. Allein ihr ward keine Ruhe und kein Schlaf. Unten bei dem Aumann singt und klingt sie, daß es zuweilen herauftönt durch die Gewässer, und viele Leute sagen, solches Klingen bedeute, daß Jemand sterben solle, aber es ist nichts an Dem, nein, sie singt und unterhält sich mit dem Aumann, der jetzt nicht mehr allein ist. Was erzählt wohl die Glocke? – Sie ist alt, sehr alt, wie wir schon bemerkten, sie war schon lange da, bevor die Großmutter der Großmutter geboren wurde, und doch ist sie an Alter nur ein Kind gegen den Aumann, der ein alter, stiller Mann, ein Sonderling ist, mit seinen Hosen von Aalfell und seiner schuppigen Jacke mit den gelben Auknöpfen, mit einem Schilfkranze in dem Haar und Meerlinsen im Barte – aber er sieht so doch hübsch aus. Was die Glocke erzählt – das wiederzugeben würde Jahre und Tage erfordern; sie erzählt Jahr ein Jahr aus gar oft die alten Geschichten wieder auf's Neue, bald kurz, bald lang, wie es ihr die Stimmung giebt; sie erzählt von alten Zeiten, den harten, finsteren Zeiten. »In der St. Albani-Kirche stieg der Mönch hinauf in den Thurm; er war jung und schön, aber sinnend wie kein Anderer. Er schaute aus der Luke dort oben über die Odense-An hinaus, als noch ihr Bett ein breites und die Mönchswiese ein See war; er schaute über sie und über den grünen Wall, und den »Nonnenhügel« drüben, wo das Kloster lag, wo das Licht von der Zelle der Nonne herausstrahlte; er hatte die Nonne sehr gut gekannt, er erinnerte sich ihrer, und sein Herz klopfte stärker dabei – »ding-dang! ding-dang!« – Ja, so erzählte die Glocke. »In den Thurm stieg auch der dämliche Diener des Bischofs, und wenn ich, die Glocke, die aus Metall gegossen, hart und gewichtig sang und mich schwang, hätte ich ihm das Gehirn zerschmettern können; er setzte sich dicht unter mich und spielte mit zwei Stöckchen, als wenn dieselben gar ein Saitenspiel gewesen, und er sang dazu: »»Jetzt darf ich es laut heraussingen, was ich sonst nicht flüstern darf, von Allem singen, was hinter Schloß und Riegel versteckt gehalten wird. Dort ist es kalt und naß! Die Ratten fressen sie bei lebendigem Leibe! Niemand weiß darum! Niemand hört davon! Auch jetzt nicht, denn die Glocke klingt und singt ihr lautes Ding-dang! Ding-dang!«« »Ein König war damals, sie nannten ihn Kanut, er beugte sich vor Bischof und Mönch, als er aber den Wendelbauern zu nahe trat mit schweren Steuern und harten Worten, nahmen diese Waffen und Stangen zur Hand und jagten ihn in die Flucht, gleich einem wilden Thiere; er suchte Schutz in der Kirche, verschloß Thor und Thür hinter sich; die gewaltthätige Schaar lagerte draußen vor der Kirche, ich hörte davon erzählen; Krähen, Raben und Dohlen fuhren auf vor Schreck bei dem Geschrei und Gebrüll, welches ertönte; sie flogen in den Thurm hinein und wieder hinaus, sie schauten auf die Menge dort unten hinab, sie blickten auch durch die Fenster der Kirche hinein, sie schrieen es laut aus, was sie sahen. König Kanut lag betend vor dem Altare, seine Brüder, Erich und Benedict, standen dort als Wache mit gezogenen Schwertern, allein der Diener des Königs, der falsche Blake, verrieth seinen Herrn; die Menge vor der Kirche wußte, wo der König zu treffen sei, und Einer schleuderte einen Stein durch eine Fensterscheibe, und der König lag todt da! – Rufen und Schreien der wilden Schaar und der Vögel zitterte durch die Luft, und auch ich stimmte mit ein, ich sang und klang: Ding-dang! Ding-dang!« »Die Kirchglocke hängt hoch, schaut weit umher, sieht die Vögel um sich und versteht ihre Sprache, der Wind braust zu ihr hinein durch Luken und Schalllöcher, durch jede Ritze, und der Wind weiß Alles, er hat es von der Luft, und diese umschließt Alles, was Leben hat, dringt in die Lungen der Menschen hinein, weiß Alles, was sich in Laut und Ton kundgiebt, jedes Wort, jeden Seufzer –! Die Luft weiß es, der Wind erzählt es, die Kirchglocke versteht dessen Zunge und läutet es hinaus in die Welt: Ding-dang! Ding-dang!« »Allein es wurde mir zu viel zu hören und zu wissen, ich vermochte nicht mehr, es hinaus zu läuten. Ich wurde so müde, so schwer, daß der Balkon zerbrach und ich in die leuchtende Luft hinausflog, hinab, wo hier die Au am tiefsten ist und der Aumann wohnt, einsam und allein, und hier erzähle ich Jahr aus Jahr ein, was ich gehört und was ich weiß: Ding-dang! Ding-dang!« So läutet und klagt es aus der Glockentiefe in der Odense-Au; das hat die Großmutter erzählt. Aber der Schulmeister sagt: Es gebe keine Glocke, die dort unten läuten könne, denn sie kann es nicht! – auch keinen Aumann giebt es dort unten, denn es giebt gar keinen Aumann! und wenn alle andern Kirchglocken gar herrlich klingen, so sagt er, daß es nicht die Glocken sind, sondern daß es eigentlich die Luft ist, die da klingt, daß die es sei, die da Geläut gebe – und Großmutter erzählt auch, daß es die Glocke selbst so gesagt habe – darüber sind sie Beide demnach einig, und so viel ist gewiß! »Sei behutsam, behutsam, und achte auf Dich genau!« sagten sie Beide. Die Luft weiß Alles. Sie ist um uns, sie ist in uns, sie redet von unseren Gedanken und unseren Thaten, und sie spricht länger davon, als die Glocke unten in der Tiefe der Odense-Au, wo der Aumann wohnt; sie tönt es hinaus in die große Himmelstiefe, weit, weit hinaus, ewig und immer, bis die Himmelsglocken klingen: Ding-dang! Ding-dang! Die Schweine. Charles Dickens hat uns vom Schweine erzählt, und seit der Zeit werden wir schon guter Laune, wenn wir es nur grunzen hören. Der heilige Antonius hat es unter seine Glorie genommen, und denkt man an den »verlorenen Sohn,« so ist man schon inmitten des Schweinestalles, und vor einem solchen hielt unser Wagen drüben in Schweden an. Nach der Landstraße heraus, dicht an seinem Hause hatte der Bauer seinen Schweinestall, und zwar einen Schweinestall sonder gleichen. Es war eine alte Staatskarosse; die Sitze waren herausgehoben, die Räder fortgeschafft, und so ohne Weiteres stand sie auf dem Bauche, und vier Schweine waren darin eingesperrt; ob diese die ersten waren? Nun, darüber konnte man allerdings nicht entscheiden; daß es aber eine geborene Staatskutsche war, davon zeugte Alles, selbst der Saffianfetzen, der von der Decke herabhing – Alles zeugte von besseren Tagen. »Uff! – Uff!« sagte es da drinnen, und die Kutsche krachte und klagte; es war ja ein trauriges Ende, das sie genommen. »Das Schöne ist hin!« seufzte sie oder hätte sie wenigstens seufzen können. Wir kamen im Herbste wieder, die Kutsche stand noch hier, aber die Schweine waren fort; sie spielten die Herren im Walde, die Blüthen und Blätter waren von allen Bäumen herunter, Sturm und Regen regierten und gönnten ihnen weder Ruhe noch Rast; die Zugvögel waren fort. »Das Schöne ist hin! – Hier ist der herrliche, grüne Wald, der warme Sonnenschein und der Gesang der Vögel, hin! hin!« So sprach es, so krachte es in den Stämmen der hohen Bäume, und es klang ein Seufzer so tief, ein Seufzer aus dem Herzen des wilden Rosenstrauchs und Desjenigen, der da saß – es war der Rosenkönig. Kennst Du ihn? Er ist lauter Bart, der schönste, rothgrüne Bart, er ist leicht zu kennen. Geh' an die wilden Rosenhecken, und wenn im Herbste alle Blumen ihnen entfallen und nur noch die rothen Hagebutten übrig sind, wirst Du oft unter diesen eine große, rothgrüne Moosblume erblicken, das ist der Rosenkönig; es wächst ihm ein kleines grünes Blatt aus dem Scheitel, das ist seine Feder; er ist an dem Rosenstrauche der einzige Mann seiner Art, und er war es, der da seufzte. »Hin, hin! – Das Schöne ist hin! Die Rosen sind fort, die Blätter fallen ab! Hier ist's naß, hier ist's rauh! Die Vögel verstummen jetzt, die Schweine gehen auf die Eichelmast, sie sind Herren im Walde!« Es waren kalte Nächte und graue Tage, aber der Rabe saß auf dem Zweige und sang trotzdem: »Brav, brav!« Rabe und Krähe saßen auf dem hohen Zweige; sie haben eine große Familie, und alle sagten sie: »Brav, brav!« die Menge hat ja immer Recht. Unter den hohen Bäumen im Hohlwege war eine große Pfütze, und hier lag die Schweineheerde, groß und klein; sie fanden den Ort so beispiellos schön; oui! sagten sie; mehr Französisch konnten sie nicht, aber das war doch immer etwas. Sie waren so klug und so fett. Die Alten lagen ruhig, und dachten; die Jungen dagegen waren sehr emsig und hatten keine Ruhe; ein kleines Ferkel hatte einen Ringel am Schwanze, dieser Ringel war der Stolz der Mutter; sie glaubte, Alle blickten den Ringel an und dächten nur an ihn, aber das thaten sie nicht, sie dachten an sich selbst und an das Nützliche und daran, wozu der Wald wohl sei. Immer hatten sie gehört, daß die Eicheln, die sie fraßen, an der Wurzel der Bäume wüchsen, und hatten deshalb immer die Erde dort aufgewühlt; aber jetzt kam ein kleines Schwein – denn es sind immer die Jungen, die das Neue an den Tag fördern; – dasselbe behauptete, die Eicheln fielen von den Zweigen herab, ihm selbst sei eine auf den Kopf gefallen, und diese habe es auf die Idee gebracht; später habe es Beobachtungen angestellt, und jetzt sei es seiner Sache gewiß. Die Alten steckten die Köpfe zusammen; »uff!« sagten sie, »uff! Die Herrlichkeit ist hin! Mit dem Vogelgezwitscher ist es aus! Früchte wollen wir! Was gefressen werden kann, das ist gut, und wir fressen Alles!« »Oui! Oui!« sagten sie alle. Aber die Schweinemutter sah ihr kleines Ferkel an, das den Ringel am Schwanze hatte. »Man darf das Schöne nicht übersehen!« sagte sie. »Brav! Brav!« schrie die Krähe und flog vom Baume herab, um als Nachtigall angestellt zu werden; eine mußte ja da sein, und die Krähe wurde gleich angestellt! »Hin! hin!« seufzte der Rosenkönig. »Das Schöne ist hin!« Es war rauh, es war grau, kalt und windig, und durch den Wald und über das Feld peitschte der Regen in langen Regenwolken dahin. Wo ist der Vogel, der da sang, wo sind die Blumen auf der Wiese und die süßen Beeren des Waldes? – Hin! hin! Da schimmerte ein Licht aus dem Forsthause, wie ein Stern wurde es angezündet und warf seinen langen Strahl zwischen den Bäumen hindurch; es tönte ein Gesang aus dem Hause heraus; schöne Kinder spielten dort um den Großvater; er saß, die Bibel auf dem Knie, und las von Gott und dem ewigen Leben und sprach vom Frühlinge, der wiederkehren, vom Walde, der sich auf's Neue grün belauben, von den Rosen, die blühen, den Nachtigallen, die singen, und dem Schönen, das wieder als Herrscher auftreten würde! Aber der Rosenkönig hörte es nicht, er saß in dem nassen, kalten Wetter und seufzte: »Hin! hin!« – die Schweine waren Herren im Walde, und die Schweinemutter betrachtete ihr kleines Ferkel und seinen Ringel. »Es bleibt immer Jemand, der Sinn für das Schöne hat!« sagte die Schweinemutter. Am Spittelfenster. Nahe beim rasenbedeckten Walle, welcher sich rings um Kopenhagen zieht, liegt ein großes rothes Haus; Balsaminen und Ambra blicken uns aus den langen Fensterreihen des Hauses entgegen, in welchem es ärmlich genug aussieht, und arm und alt sind auch die Leute, die darin wohnen. Das Haus ist das Warton-Spittel. Sieh da! Am Fenster lehnt ein altes Mädchen; es zupft das dürre Blatt von der Balsamine ab und blickt hinaus auf den rasenbedeckten Festungswall, wo fröhliche Kinder spielen. Woran denkt wohl das alte Mädchen? Ein ganzes Lebensdrama rollt sich vor dem innern Blicke auf. Die armen Kleinen, wie glücklich sind sie, wie fröhlich spielen sie und tummeln sich! Welche rothe Wangen und Engelsaugen! aber Strümpfe und Schuhe haben sie nicht an. Sie tanzen auf dem grünen Walle umher an der Stelle, wo, der Sage nach, vor vielen vielen Jahren der Boden stets eingesunken war, und wo man ein unschuldiges Kind durch Blumen, Spielzeug und Zuckergebackenes, in ein offenes ihm bereitetes Grab lockte; über dem spielenden, lächelnd genießenden Kinde wurde die Gruft vermauert. Von Stunde an senkte sich aber der Boden nicht mehr, der Wall blieb hoch und fest liegen und überzog sich schnell mit herrlich grünendem Rasen. Die Kleinen, die jetzt an der Stelle spielen, wissen nichts von der Sage, sie würden sonst das Kindchen weinen hören dort unten in tiefer Erde, und die Thautropfen jedes Grashalms würden ihnen wie Schmerzensthränen sein. Sie wissen auch nichts von dem Dänenkönige, welcher hier im Angesichte des stürmenden Feindes seinen zitternden Hofleuten gegenüber den Schwur that, er wolle mit den Bürgern seiner Hauptstadt ausharren und in seinem Neste sterben; nichts von den hier kämpfenden Männern oder von den Frauen, welche von hier aus die Feinde mit siedendem Wasser begossen, die weißgekleidet an der äußern Wallseite sich im Schnee verbargen und von hier aus die Stadt überrumpeln wollten. Spiele nur immerhin, Du kleines Mädchen! bald kommen die Jahre – ja die herrlichen Jahre; die Confirmanden sind eingesegnet, Hand in Hand lustwandeln sie an dem grünenden Walle, Du trägst ein weißes Kleid, es hat Deiner Mutter viel Schweiß gekostet, und doch ist es aus einem größern, alten Kleide für Dich zugestutzt! Du wirst auch ein rothes Umschlagetuch tragen, und wenn es auch viel zu tief herabhängt, nun, so sieht man doch daraus wie groß, wie gar zu groß es ist! Du denkst an Deinen Putz und an den lieben guten Gott; ja, herrlich ist's auf dem grünenden Walle zu lustwandeln! Die Jahre verstreichen und haben auch Ueberfluß an finsteren Tagen. Du hast Dein frisches jugendliches Gemüth, und das führt Dir einen Freund zu, Du weißt selbst nicht wie; Ihr begegnet Euch, wie oft! Ihr lustwandelt auf dem Walle im frühen Lenze, an dem Buß- und Bettage, an welchem alle Welt auf dem Walle lustwandelt, und alle Glocken der Kirchthürme dem nahen Lenze ein Ave läuten. Noch sind kaum die Veilchen hervorgesprossen, aber dort auf dem Walle, gerade dem alten schönen Schlosse Rosenberg gegenüber, prangt ein Baum mit den ersten grünenden Knospen. Alljährlich treibt dieser Baum grüne Zweige, – ach, so nicht des Menschen Herz! »Trübe Wolken, in größerer Zahl als der reine nördliche Himmel sie kennt, ziehen in das Herz eines Menschen ein. Armes Kind! die Brautkammer Deines Freundes wird ein finsterer Sarg , und Du – wirst alte Jungfer; vom Spittelfenster aus, hinter der Balsamine schaust Du dereinst den fröhlichen, spielenden Kindern zu, siehst Du Deine eigene Geschichte sich erneuern. Und das ist das Lebensdrama, welches an dem alten Mädchen vorüberzieht, indem es auf den Wall, den grünen sonnigen Wall hinausschaut, wo die Kinder mit den rothen Wangen, barfuß ohne Schuhe und Strümpfe fröhlich aufjauchzen wie die andern freien Vögelein alle. – Der Goldschatz. Die Frau des Trommelschlägers ging in die Kirche; sie sah den neuen Altar mit gemalten Bildern und geschnitzten Engeln; sie waren ebenso schön, die auf der Leinewand in Farben und der Glorie, als die in Holz geschnitzten, und noch dazu gemalt und vergoldet. Das Haar strahlte in Gold und Sonnenschein, reizend anzusehen; aber Gottes Sonnenschein war doch noch reizender; der schien klarer, rother durch die dunkeln Bäume, wenn die Sonne unterging. Herrlich, in Gottes Angesicht zu schauen! sie sah in die rothe Sonne hinein und dachte so tief darüber nach, dachte an den Kleinen, den der Storch bringen sollte; sie war sehr fröhlich dabei und sah und sah und wünschte, daß das Kind den Sonnenglanz bekommen, zum wenigsten einem der strahlenden Engel am Altar gleichen möchte. Und als sie nun wirklich das kleine Kind in ihren Armen hielt und es zu seinem Vater erhob, da war es anzusehen wie einer von den Engeln in der Kirche, – das Haar wie Gold; der Schein der untergehenden Sonne leuchtete darin. »Mein Goldschatz, mein Reichthum, mein Sonnenschein!« sagte die Mutter und küßte die strahlenden Locken; und es klang wie Musik und Gesang in der Stube des Trommelschlägers; da war Freude, Leben und Bewegung. Der Trommelschläger schlug einen Wirbel, einen Freuden-Wirbel. Die Trommel ging, die Brandtrommel ging: »Rothes Haar! Der Kleine hat rothes Haar! Glaube dem Trommelfelle und nicht was Deine Mutter sagt! Trommelom, trommelom!« Und die Stadt erzählte, was die Brandtrommel erzählte.     Der Knabe kam in die Kirche, er wurde getauft. Von dem Namen war Nichts zu erzählen; er ward Peter genannt. Die ganze Stadt, auch die Trommel nannte ihn: Peter , des Trommelschlägers Knaben mit dem rothen Haare; aber seine Mutter küßte sein rothes Haar und nannte ihn Goldschatz . Im Hohlwege, in den lehmigen Abhang, hatten Viele ihren Namen zur Erinnerung eingeritzt. »Berühmtheit,« sagte der Trommelschläger , »das ist immer Etwas!« und so ritzte er auch seinen Namen und den seines kleinen Sohnes hinein. Die Schwalben kamen; sie hatten auf ihrer langen Reise dauerhaftere Schrift in den Klippen und in den Wänden des Tempels in Hindostan eingehauen gesehen: große Thaten von mächtigen Königen, unsterbliche Namen, so ganz alte, daß sie jetzt Keiner mehr lesen oder nennen konnte. Nennenswert! Berühmtheit! Im Hohlwege bauten die Erdschwalben; sie bohrten Löcher in den jähen Abhang, der Platzregen und der Staubregen bröckelte und spülte die Namen fort, – auch den des Trommelschlägers und seines kleinen, Sohnes. » Peters Name bleibt doch wohl anderthalb Jahr stehen!« sagte der Vater . »Narr!« dachte die Brandtrommel ; aber sie sagte nur: »Dum, dum, dum! dummelum!« Es war ein Knabe voll Leben und Lust: »des Trommelschlägers Sohn mit dem rothen Haare.« Er hatte eine liebliche Stimme; er konnte fingen und er sang auch wie der Vogel im Walde. Da war Melodie und doch keine Melodie. »Er muß Chorknabe werden,« sagte die Mutter; »in der Kirche singen und da unter den schönen, vergoldeten Engeln stehen, die ihm gleichen!« »Feuerkatze!« sagten die witzigen Köpfe in der Stadt. Die Trommel hörte das von den Nachbarsfrauen. »Gehe nicht nach Hause, Peter !« riefen die Straßenjungen . »Wenn Du auf dem Boden schläfst, dann ist Feuer im oberen Stockwerke, und dann geht die Brandtrommel!« »Nehmt Ihr Euch nur vor den Trommelstöcken in Acht!« sagte Peter ; und wie klein er auch war, so lief er doch muthig voran und schlug mit seiner Faust den Nächsten vor den Leib, daß er seine Beine verlor, und die Andern nahmen ihre Beine mit sich: ihre eigenen Beine. Der Stadtmusikant war so vornehm und sein; er war der Sohn eines königlichen Silberwäschers; er mochte Peter gern leiden, nahm ihn zeitweise mit nach Hause, gab ihm eine Violine und lehrte ihn spielen; es war als läge es dem Knaben in den Fingern, er wollte mehr als Trommelschläger, er wollte Stadtmusikant werden. »Soldat will ich werden!« sagte Peter ; denn er war noch ein ganz kleiner Bursche, und es schien ihm das Schönste in der Welt, das Gewehr zu tragen und so gehen zu können: »Eins, zwei! Eins, zwei!« und Uniform und Säbel zu tragen. »Lerne nur nach dem Trommelfelle zu verlangen, trommelom, komm, komm!« sagte die Trommel . »Ja, wenn er bis zum General hinaufmarschiren könnte,« sagte der Vater ; »aber dazu muß es Krieg werden.« »Das verhüte Gott!« sagte die Mutter . »Wir haben Nichts zu verlieren!« sagte der Vater . »Ja, wir haben da meinen Knaben!« sagte sie. »Aber wenn er nun als General zurückkommt?« sagte der Vater. »Ohne Arme und Beine!« sagte die Mutter ; »nein, lieber will ich meinen Goldschatz heil behalten!« »Trom! trom! trom!« Die Brandtrommel ging, alle Trommeln gingen. Es war Krieg. Die Soldaten zogen davon, und der Knabe des Trommelschlägers folgte: »Rothkopf! Goldschatz!« Die Mutter weinte; der Vater sah ihn in Gedanken »berühmt«; der Stadtmusikus meinte, er dürfe nicht in den Krieg gehen, sondern müsse bei der Heimathsmusik bleiben.     »Rothkopf!« sagten die Soldaten , und Peter lachte; aber es sagte auch Einer und der Andere: »Fuchspelz!« Da biß er die Zähne zusammen und sahe fort, – in die weite Welt hinein; er kümmerte sich um das Schimpfwort nicht. Flink war der Knabe, freudig der Sinn, der Humor gut; »und das ist die beste Feldflasche,« sagten die alten Kameraden. Und manche Nacht mußte er im Platzregen und Staubregen, bis aus die Haut durchnäßt, unter offenem Himmel liegen, aber die gute Laune verließ ihn nicht, die Trommelstöcke schlugen: »Trommelom! Jedermann auf!« Ja, er war gewiß zum Trommelschläger geboren. Der Tag der Schlacht begann; die Sonne war noch nicht aufgegangen, aber der Morgen war da: die Luft kalt, der Kampf heiß; es war Nebel in der Luft, aber es war mehr der Pulverdampf. Die Kugeln und Granaten flogen über die Köpfe hin und in die Köpfe hinein, in den Leib und die Glieder; aber vorwärts ging es. Einer und der Andere sank in die Knie, mit blutender Schläfe, kreideweiß im Gesicht. Der kleine Trommelschläger hatte seine gesunde Farbe noch; er hatte keinen Schaden genommen; er sah noch mit ebenso vergnügtem Gesichte dem Regimentshunde nach, der vor ihm hersprang, so vergnügt, als wäre er die Kurzweil des Ganzen und als schlügen die Kugeln nur vor ihm nieder, um damit zu spielen. »Marsch! Vorwärts! Marsch!« waren die Kommandoworte für die Trommel; und die Worte hießen nicht: »Zurückweichen!« aber sie konnten sich zurückziehen und darin konnte viel Verstand liegen; und jetzt wurde gesagt: »Zurück!« und da schlug der kleine Trommelschläger: »Marsch! Vorwärts!« er hatte den Befehl so verstanden; die Soldaten gehorchten dem Trommelfelle. Das war ein guter Trommelschlag und gab ihnen, die schon im Weichen waren, den Siegesschlag. Leiber und Glieder gingen in der Schlacht verloren. Granaten rissen das Fleisch in blutigen Stücken herunter; Granaten zündeten die Strohhaufen zu hellen Flammen an, wohin die Verwundeten sich geschleppt, um dort viele Stunden verlassen zu liegen, verlassen vielleicht für das Leben. Es hilft Nichts, daran zu denken! und doch denkt man daran; selbst weit davon, in der friedlichen Stadt; auch, der Trommelschläger und seine Frau dachten daran; Peter war ja im Kriege. »Nun bin ich des Klagens überdrüssig!« sagte die Brandtrommel. Wieder begann ein Tag der Schlacht; die Sonne war noch nicht aufgegangen, aber es war Morgen. Der Trommelschläger und seine Frau schliefen, sie hatten von dem Sohne gesprochen; das thaten sie fast jede Nacht; er war ja draußen – »in Gottes Hand«. Und der Vater träumte, daß der Krieg beendet, daß die Soldaten heimgekehrt, und Peter ein silbernes Kreuz auf der Brust trage; aber die Mutter träumte, daß sie in die Kirche getreten und die gemalten Bilder und geschnitzten Engel mit dem vergoldeten Haare gesehen; und ihr eigener, lieber Knabe, ihres Herzens Goldschatz, habe mitten unter den Engeln in weißen Kleidern gestanden und so herrlich gesungen, wie sicher nur die Engel singen können, und habe sich mit ihnen in den Sonnenschein erhoben und seiner Mutter so liebevoll zugenickt. »Mein Goldschatz!« rief sie und erwachte; »nun hat ihn unser Herrgott zu sich genommen!« Sie faltete ihre Hände, legte ihren Kopf in den Bettvorhang von Kattun und weinte. »Wo ruht er nun, unter den Vielen im großen Grabe, das sie für die Todten gegraben? Vielleicht auch im tiefen Moorwasser! Niemand kennt sein Grab! Es ist kein Gotteswort darüber gelesen worden!« Und das Vater unser ging lautlos über ihre Lippen; sie beugte ihr Haupt, sie war so müde, – sie schlummerte ein. Die Tage zogen vorüber, im Leben wie in den Träumen! Es war Abend; über der Wahlstätte erhob sich ein Regenbogen, der ben Wald und das tiefe Moor berührte. Es wird gesagt und ist im Volksglauben aufbewahrt: Wo der Regenbogen die Erde berührt, da liegt ein Schatz begraben, ein Goldschatz; und hier – lag einer; Keiner, außer seiner Mutter dachte an den kleinen Trommelschläger, und deshalb träumte sie von ihm. Die Tage zogen vorüber, im Leben wie in den Träumen! Nicht ein Haar auf seinem Haupte war ihm gekrümmt, nicht ein Goldhaar. »Trommerom! trommerom, das ist er! das ist er!« konnte die Trommel gesagt und seine Mutter gesungen haben, hätte sie das gesehen oder geträumt. Mit Hurrah und Gesang, mit grünen Siegeskränzen geschmückt, ging es heimwärts, da der Krieg beendet und Frieden geschlossen war. Der Regimentshund sprang in großen Kreisen voran, um sich den Weg gleichsam dreimal so lang zu machen, wie er war. Wochen vergingen und die Tage mit ihnen, und Peter trat in die Stube seiner Eltern; er war so braun wie ein Wilder, seine Augen sahen klar umher, sein Gesicht strahlte wie Sonnenschein. Und die Mutter hielt ihn in ihren Armen; sie küßte seinen Mund, seine Augen, sein rothes Haar. Sie hatte ja ihren Knaben wieder; er hatte kein silbernes Kreuz auf der Brust, wie der Vater geträumt, aber er hatte heile Glieder, was die Mutter nicht geträumt hatte. Und das war eine Freude; sie lachten und – weinten. Und Peter umarmte die alte Brandtrommel: »Da steht noch das alte Gerippe!« sagte er. Und der Vater schlug einen Wirbel darauf. »Es ist fast, als wäre hier eine große Feuersbrunst,« sagte die Brandtrommel, »Heller Tag, Feuer im Herzen, Goldschatz! skrat, skrat, skrat!«     Und nun? Ja, was nun? Frage nur den Stadtmusikanten. »Peter wächst ganz über die Trommel hinaus,« sagte er; »Peter wird größer als ich!« und er war doch der Sohn von einem königlichen Silberwäscher; aber Alles, was er in einer halben Lebenszeit gelernt, lernte Peter in einem halben Jahre. Es war etwas so Fröhliches in ihm, so innerlich Gutherziges. Die Augen leuchteten und das Haar leuchtete, – das konnte man nicht in Abrede stellen. »Er soll sein Haar färben lassen!« sagte die Nachbarin . »Das glückte der Polizeimeisters Tochter herrlich! und – sie verlobte sich.« »Aber es wurde ja gleich nachher grün wie Entengrütze und muß immer aufgefärbt werden!« »Sie weiß sich zu helfen,« sagte die Nachbarin, »und das kann Peter auch. Er kommt in die vornehmsten Häuser, selbst zu Burgemeisters, wo er dem Fräulein Lotte Klavierstunden gibt.« Spielen konnte er! ja, gleich die herrlichsten Stücke aus dem Herzen spielen, die noch auf keinem Notenblatte geschrieben standen. Er spielte in den hellen Nächten und auch in den dunklen. Das war gar nicht zum Aushalten, sagte die Nachbarin und auch die Brandtrommel. Er spielte, daß die Gedanken sich erhoben und große Zukunftspläne hervorsprudelten: »Berühmtheit!« Und Burgemeisters Lotte saß am Klavier; ihre seinen Finger tanz ten über die Tasten hin, daß es bis in Peter 's Herz hineinklang; es war, als würde ihm das allzuviel, und das geschah nicht ein Mal, sondern Viele Male, und da ergriff er eines Tages die seinen Finger und die schön geformte Hand, und küßte sie und sähe ihr in die großen, braunen Augen; Gott weiß, was er sagte; wir Andern haben aber Erlaubniß, es zu rathen . Lotte wurde über Hals und Schultern roth und erwiderte kein einziges Wort; – da kamen Fremde in das Zimmer, der Sohn des Staatsraths; der hatte eine hohe, weiße Stirn und trug sie hintenüber, fast bis in den Nacken. Und Peter saß lange bei ihr und sie sähe ihn mit sanften Blicken an. Daheim am Abende sprach er von der weiten Welt und von dem Goldschatze, der für ihn in seiner Violine verborgen läge. Berühmtheit! »Tummelum, tummelum, tummelum!« sagte die Brandtrommel . »Nun ist es mit Peter rein toll! Ich glaube, daß Feuer im Hause ist.« Am nächsten Tage ging die Mutter auf den Markt. »Weißt Du was Neues, Peter ?« sagte sie, als sie zurückkam, »eine herrliche Neuigkeit! Burgemeisters Lotte hat sich mit Staatsraths Sohne verlobt; und das geschah gestern Abend.« »Nein!« sagte Peter und sprang vom Stuhle auf. Aber seine Mutter sagte: »Ja!« sie wußte es von der Barbierfrau, deren Mann es aus dem eigenen Munde des Burgemeisters gehört hatte. Und Peter wurde bleich wie eine Leiche und setzte sich nieder. »Herr Gott, was hast Du?« sagte die Mutter . »Schon gut, gut! laß mich nur in Ruhe!« sagte er und die Thränen liefen ihm über die Backen. »Mein süßes Kind, mein Goldschatz!« sagte die Mutter und weinte; aber die Brandtrommel sang, nicht auswendig, sondern inwendig: »» Lotte ist todt! Lotte ist todt!«« »ja, nun ist das Lied aus!«     Das Lied war nicht aus; es hatte noch viele Verse, lange Verse, die allerschönsten, den Goldschatz eines Lebens. »Sie geberdet sich wie eine Närrin!« sagte die Nachbarin . »Die ganze Welt soll die Briefe, die sie von ihrem Goldschätze bekommt, lesen und auch noch hören, was die Zeitungen von ihm und seiner Violine sagen. Ja, Geld sendet er ihr, das kann sie gebrauchen, seitdem sie Witwe ist.« »Er spielt vor Kaisern und Königen,« sagte der Stadtmusikant. »Mir ist das Loos nicht gefallen, aber er ist mein Schüler und vergißt seinen alten Lehrer nicht.« »Sein Vater träumte, weiß Gott,« sagte die Mutter, »daß Peter mit dem silbernen Kreuze auf der Brust vom Kriege heimgekehrt; er bekam es im Kriege nicht, aber es ist noch schwieriger, es so zu bekommen! Jetzt hat er das Ritterkreuz. Das müßte sein Vater erlebt haben!« »Berühmt!« sagte die Brandtrommel und die Vaterstadt sagte das auch: des Trommelschlägers Sohn, Peter mit dem rothen Haare, Peter , den sie als kleinen Knaben mit Holzschuhen gesehen, als Trommelschläger gesehen und der zum Tanze aufspielte, – berühmt ! – »Er spielte bei uns, noch ehe er vor den Königen gespielt!« sagte die Frau des Burgemeisters. »Damals war er in Lotte ganz weg, er sah immer hoch hinauf! Damals war er naseweis und fabelte! Mein eigener Mann lachte, als er von der Narrheit hörte! Jetzt ist Lotte Staatsrätin!« Es war ein Goldschatz in das Herz und in die Seele des armen Kindes gelegt, der als kleiner Trommelschläger: »Marsch, vorwärts!« schlug; den Siegesschlag für die, welche im Begriff zu weichen waren. Es lag ein Goldschatz in seiner Brust, – die Gewalt der Töne; es brauste von der Violine, als sei eine ganze Orgel darin, als tanzten alle Sommernachts-Elfen auf den Saiten dahin; man hörte den Schlag der Drossel und die volle klare Stimme des Menschen; deshalb zog es mit Entzücken durch die Herzen und trug seinen Namen wiederhallend durch das Land. Das war ein großer Feuerbrand, – der Feuerbrand der Begeisterung. »Und dann sieht er auch so prächtig aus!« sagten die jungen Damen und auch die alten; ja, die allerälteste schaffte sich ein Album für berühmte Haarlocken an, nur allein, um sich eine Locke von dem reichen, herrlichen Haarwuchse, diesem Schatze, diesem Goldschatze, auszubitten. Der Sohn trat in die arme Stube des Trommelschlägers, fein wie ein Prinz, glücklicher als ein König. Die Augen waren so klar, das Gesicht wie Sonnenschein. Er hielt seine Mutter in den Armen; sie küßte seinen warmen Mund und weinte so glückselig, wie man nur vor Freude weinen kann; und er nickte jedem alten Meuble in der Stube zu, dem Schranke mit den Theetassen und dem Blumenglase; er nickte der Schlafbank zu, worin er als kleiner Knabe geschlafen; aber die alte Brandtrommel holte er hervor, zog sie mitten in die Stube und sagte zu ihr und seiner Mutter: »Mein Vater würde heute einen Wirbel geschlagen haben. Das muß ich nun thun!« Und er schlug ein ganzes Donnerwetter auf der Trommel, und diese fühlte sich so geehrt dadurch, daß sie ihr eigenes Trommelfell zerriß. »Er hat einen herrlichen Faustschlag!« sagte die Trommel . »Nun habe ich von ihm für immer eine Erinnerung! Ich warte darauf, daß seine Mutter auch vor Freuden über ihren Goldschatz platzen soll.« Das ist die Geschichte vom Goldschatze. . Die Windmühle. Da stand eine Windmühle auf dem Hügel, stolz anzusehen, und stolz fühlte sie sich auch. »Ich bin ganz und gar nicht stolz,« sagte sie, »aber ich bin sehr aufgeklärt, von außen und von innen. Ich habe Sonne und Mond zum äußerlichen Gebrauche und auch mit zum inwendigen, und dann habe ich ohnedies noch Stearinkerze, Thranlampe und Talglicht; ich darf sagen, daß ich helle bin; ich bin ein denkendes Wesen und so wohlgeschaffen, daß es ein Vergnügen ist. Ich habe eine gute Gurgel in der Brust, ich habe vier Finger, die sitzen mir oben am Kopfe, gleich unter dem Hute; die Vögel haben nur zwei Flügel und müssen sie auf dem Rücken tragen. Ich bin von Geburt ein Holländer, das kann man an meiner Gestalt sehen; ein fliegender Holländer; die werden zu den Uebernatürlichen gerechnet, das weiß ich, – und doch bin ich sehr natürlich. Ich habe eine Gallerie um den Magen und Wohnungs-Gelegenheit im Untertheil; da wohnen meine Gedanken. Mein stärkster Gedanke, der da regiert und befiehlt, den nennen die andern Gedanken: Den Mann in der Mühle . Er weiß, was er will, er steht hoch über Mehl und Kleie, aber er hat doch seine Gefährtin, und diese nennt sich »Mutter«; sie ist die Herzlage; sie läuft nicht verkehrt und linkisch umher, denn auch sie weiß, was sie will, sie weiß, was sie kann, sie ist sanft wie ein Lüftchen, sie ist stark wie der Sturm; sie versteht es, Etwas behutsam anzufassen und ihren Willen zu behalten. Sie ist mein sanfter Sinn, der Vater ist mein harter; sie sind Zwei und doch Eins, sie nennen auch einander »mein Halbpart«. Diese Beiden haben kleine Buben: junge Gedanken, die wachsen können. Die Kleinen halten Alles in Ordnung. Als ich kürzlich in meinem Tiefsinne »den Vater« und seine Burschen die Gurgel und das Loch in meiner Brust nachsehen ließ, um zu erfahren, was da vorgegangen, – denn es war etwas in mir nicht in rechter Ordnung und man muß sich selbst untersuchen, – da machten die Kleinen einen fürchterlichen Lärm, der sich nicht gut ausnimmt, wenn man, wie ich, hoch oben auf dem Hügel steht; man muß daran denken, daß man in Beleuchtung steht: die Meinung ist auch Beleuchtung. – Aber, was ich sagen wollte, – die Kleinen machten einen entsetzlichen Lärm! Der Kleinste fuhr mir hinauf in den Hut und jubelte da so herum, daß es mich kitzelte. Die kleinen Gedanken können wachsen, das habe ich vernommen, und draußen in der Welt kommen auch Gedanken, und nicht ganz allein von meinem Geschlechte, denn ich sehe, so weit ich auch sehen mag, keinen von ihnen, Niemand außer »mich selbst«; aber die flügellosen Häuser, wo man die Gurgel nicht hört, haben auch Gedanken; diese kommen zu meinen Gedanken und verloben sich mit ihnen, wie man das nennt. – Wunderbar genug, ja, es giebt viel Wunderbares. Es ist über mich gekommen, oder in mir; etwas hat sich im Mühlenwerke verändert; es ist, als ob der Vater, der Halbpart, sich verändert, – ja, einen sanfteren Sinn erhalten hätte, eine liebevollere Gefährtin, so jung und fromm und doch dieselbe, aber sanfter und frommer durch die Zeit. – Was bitter war, ist verdunstet; das Ganze ist viel vergnügter. Die Tage gehen und die Tage kommen immer weiter zur Klarheit und Freude, und dann, ja, das ist gesagt und geschrieben, dann kommt ein Tag, wo es mit mir vorbei, aber nicht ganz vorbei ist! Ich muß niedergerissen werden, um mich neu und besser zu erheben, ich muß aufhören, aber doch fortleben! Ein ganz Anderer werden und doch derselbe bleiben! Das ist für mich schwer zu begreifen, wie aufgeklärt ich auch sein mag bei Sonne, Mond, Stearin, Thran und Talg! – Mein altes Zimmer- und Mauerwerk soll sich aus dem Schutte erheben. Ich will hoffen, daß ich die alten Gedanken behalte: den Vater in der Mühle, die Mutter, Große und Kleine, die Familie; denn ich nenne das Ganze, Eins und doch so Viele, die ganze Gedanken-Gesellschaft , – weil ich muß und es nicht lassen kann! Und ich muß auch »Ich selber« bleiben, mit der Gurgel in der Brust, den Flügeln auf dem Kopfe, der Gallerie um den Leib, sonst könnte ich mich selbst nicht kennen, und die Andern könnten mich auch nicht kennen und nicht sagen: »Da haben wir ja die Mühle auf dem Hügel, stolz anzusehen, und doch gar nicht stolz!« Das sagte die Mühle, ja sie sagte noch viel mehr, aber dies war das Wichtigste. Die Tage kamen, gingen und der jüngste Tag war der letzte. Da ging die Mühle in Feuer auf; und die Flammen hoben sich hoch, schlugen heraus und hinein, naschten Balken und Bretter und fraßen sie auf. Die Mühle fiel, und es blieb nur noch ein Aschenhaufen zurück. Der Rauch fuhr über die Brandstätte hin, der Wind trug ihn fort. Das, was lebendig in der Mühle gewesen, blieb, und das, was dabei gewonnen, gehört nicht hierher zu dieser Begebenheit. Die Müllerfamilie, eine Seele, viele Gedanken und doch nur einer, baute sich eine neue, eine prächtige Mühle, womit ihr gedient sein konnte, so ganz glich sie der alten, und man sagte: Da steht ja die Mühle auf dem Hügel, stolz anzusehen! Aber diese war besser eingerichtet, mehr zeitgemäß, damit es vorwärts gehe. Die alten Hölzer waren wurmstichig und schwammig, lagen in Staub und Asche; der Mühlenkörper erhob sich nicht, wie sie geglaubt hatten; sie nahmen es nur wörtlich, und man soll nicht alle Dinge wörtlich nehmen. Das Geldschwein. In der Kinderstube lag eine Menge Spielzeug umher; auf dem Kleiderschranke stand die Sparbüchse, welche von Thon und beim Töpfer gekauft war, und zwar in der Gestalt eines kleinen Schweines; sie hatte natürlicherweise eine Spalte im Rücken und mit einem Messer war diese Spalte so erweitert, daß auch harte Thalerstücke durchschlüpfen konnten, und es waren schon außer vielen Groschen zwei solcher durchgeschlüpft. Das Geldschwein war dermaßen vollgestopft, daß es nicht mehr klappern konnte, und das ist das Höchste, wozu ein Geldschwein es zu bringen vermag. Da stand es nun oben auf dem Schranke, hoch und erhaben, und blickte herab auf Alles, was sich sonst in der Stube befand; es wußte gar wohl, daß es mit dem, was es im Magen hatte, den ganzen Kram hätte kaufen können, und das nennt man ein gutes Bewußtsein haben. Daran dachten gleichfalls die Andern, wenn sie es auch nicht aussprachen; es gab ja manches Andere zu besprechen. Der Commodekasten war halb ausgezogen und dort zeigte sich eine große hübsche Puppe, wenn sie auch etwas alt und im Halse genietet war; sie schaute hinaus und sagte: »Jetzt wollen wir Menschen spielen, das ist doch immer Etwas!« und nun gerieth Alles in Aufruhr, selbst die eingerahmten Schildereien an der Wand kehrten sich um und zeigten, daß sie auch eine Kehrseite hatten, aber sie thaten es keineswegs um zu protestiren. Es war tief in der Nacht, der Mond schien durch die Fensterscheiben und verlieh die billigste Beleuchtung. Das Spiel sollte nun beginnen, und Alle, selbst der Kinderwagen, der doch jedenfalls zu dem gröberen Spielzeuge zählte, wurde zur Betheiligung aufgefordert. »Jeder hat seinen besonderen Werth!« sagte der Wagen, »wir können nicht alle von Adel sein! Es müssen welche da sein, die was schaffen, wie man sagt.« Das Geldschwein war der Einzige, an den eine schriftliche Einladung erging, es stand zu hoch und man war der Ansicht, es würde die mündliche Aufforderung nicht annehmen; es antwortete auch nicht und sagte nicht ob es sich einstellen würde, und es stellte sich nicht ein; wenn es mit dabei sein solle, müsse es das Spiel vom Hause aus genießen, darnach könnten sie sich richten, und das thaten sie auch. Das kleine Puppentheater wurde nun so aufgestellt, daß das Geldschein gerade hineinschauen konnte; sie wollten mit Komödie anfangen, und später sollte Theegesellschaft und Verstandesübung sein, doch begannen sie mit dieser letzteren sofort; das Schaukelpferd sprach vom Training und Vollblut, der Kinderwagen von Eisenbahnen und Dampfkraft – schlug das doch Alles in ihr Fach und es gehörte also dazu, daß sie davon sprachen. Die Stutzuhr sprach von Politik – tik – tik! sie wußte was die Glock' geschlagen, wenn man sich auch zuflüsterte, sie ginge nicht richtig; der Rohrstock stand steif und stolz da, sich auf seine messingene Zwinge und seinen silbernen Knopf etwas einbildend, war er doch beschlagen oben und unten; auf dem Sopha lagen zwei gestickte Kissen, hübsch und dumm – und nun ging die Komödie an. Alle saßen und schauten dem Spiele zu, und es wurde gebeten, man möge knallen, klatschen und lärmen, je nachdem man Vergnügen habe. Aber die Reitgerte sagte, sie knalle nie für die Alten, immer nur für die Jungen, die noch keinen Bräutigam hätten. »Ich knalle für Alles,« sagte die Knallerbse. »Irgendwo muß man doch sein!« meinte der Spucknapf; das waren nun so die Gedanken, die Jeder hegte, während er der Komödie zuschaute. Das Stück taugte nichts, aber es wurde gut gespielt; sämmtliche Spielende kehrten die bemalte Seite dem Publikum zu, sie waren so gemacht, daß man sie nur von dieser Seite und nicht von der Kehrseite sehen durfte; und Alle spielten ausgezeichnet, über die Lampen hinaus, der Draht war ein wenig zu lang, aber dann thaten sie sich auch um so mehr hervor. Die genietete Puppe »war ganz hin« so sehr »hin«, daß sie an der genieteten Stelle am Halse wieder aus einander ging, und das Geldschwein war in seiner Weise dermaßen entzückt, daß es den Entschluß faßte, Etwas für einen der Künstler zu thun, ihn in seinem Testamente zu bedenken als Denjenigen, welcher mit ihm zusammen in der Familiengruft beigesetzt werden solle, das heißt wenn es erst so weit wäre. Es war ein wahrer Genuß, ein so wahrer, daß man auf den Thee verzichtete und es bei der Verstandesübung bewenden ließ, das nannte man Menschen spielen und darin war durchaus keine Bosheit, denn sie spielten eben nur – und Jeder dachte blos an sich und daran, was wohl das Geldschwein denken möchte. Das Geldschwein dachte am längsten, es dachte ja an Testament und Begräbniß – und wann käme dieses wohl zu Stande – immerhin viel eher als man es erwartet hätte. – Knack! fiel es vom Schranke herunter, fiel auf den Fußboden und zersprang in Scherben, und die Groschen tanzten und hüpften, daß es eine Lust war, die kleinsten drehten sich wie ein Kreisel, die großen rollten davon, namentlich der eine harte Silberthaler wollte in die Welt hinaus. Und er kam auch in die Welt hinaus, und das gelang ihnen Allen insgesammt; die Scherben vom Geldschweine wurden in das Kehrichtfaß gethan, aber auf dem Schranke stand wieder Tags darauf ein neues irdenes Geldschwein; es hatte noch keinen Heller im Magen, weshalb es denn auch nicht klappern konnte, und hierin ähnelte es dem andern, das war immerhin ein Anfang – und mit dem wollen wir ein Ende machen. Die Kröte. Der Brunnen war tief, deshalb war das Seil lang; die Winde drehte sich schwer, wenn man den Eimer mit Wasser gefüllt über die Brunnenkante hinauf heben mußte. So klar das Wasser auch war, so reichte die Sonne doch niemals so weit in den Brunnen hinab, daß sie sich im Wasser spiegeln konnte, aber so weit sie zu scheinen reichte, wuchs Grünes zwischen den Steinen der Brunnenwände hervor. Es wohnte dort unten eine Familie vom Krötengeschlechte; sie war eigentlich kopflings hinunter gerathen durch die alte Krötenmutter, die noch lebte. Die grünen Frösche, die weit früher hier zu Hause waren und im Wasser umherschwammen, erkannten die Vetterschaft an und nannten sie die »Brunnengäste«. Diese mochten aber im Sinne haben dort zu bleiben; sie lebten hier sehr angenehm auf dem Trockenen, wie sie die nassen Steine nannten. Die Froschmutter war einmal gereist, war im Wassereimer gewesen, als dieser aufwärts ging, aber es wurde ihr zu licht, sie bekam Augenschmerzen, glücklicher Weise gelangte sie aus dem Eimer heraus; sie fiel mit einem entsetzlichen Plump in's Wasser und lag drei Tage darauf krank an Rückenschmerzen. Von der Welt oberhalb sollte sie freilich nicht viel erzählen können, aber das wußte sie, und das wußten sie alle, daß der Brunnen nicht die ganze Welt sei. Die Krötenmutter hätte zwar Dieses und Jenes erzählen können, aber sie antwortete niemals, wenn man sie fragte, und so fragte man nicht. »Dick, fett und häßlich ist sie,« sagten die jungen grünen Frösche. »Ihre Jungen werden ebenso häßlich sein!« »Das mag sein!« sagte die Krötenmutter, »aber eins von ihnen hat einen Edelstein im Kopfe oder ich habe ihn!« Die grünen Frösche horchten und glotzten, und weil ihnen das nicht gefiel, so machten sie Grimassen und gingen in die Tiefe. Aber die Krötenjungen streckten die Hinterbeine aus vor lauter Stolz, jedes von ihnen glaubte, den Edelstein zu haben; und darauf saßen sie ganz still mit dem Kopfe, aber endlich fragten sie, was es wäre, worauf sie stolz wären und was so ein Edelstein eigentlich für ein Ding sei. »Das ist etwas so Herrliches und Köstliches, daß ich es gar nicht beschreiben kann!« sagte die Krötenmutter. »Es ist Etwas, womit man zu seinem eigenen Vergnügen umhergeht und über welches die Andern sich ärgern. Aber fragt nicht, ich antworte nicht!« »Ja, ich habe den Edelstein nicht!« sagte die kleinste Kröte; sie war so häßlich wie nur eine sein kann. »Weshalb sollte auch ich eine solche Herrlichkeit haben? Und wenn sie Andere ärgert, kann sie mich ja nicht erfreuen! Nein, ich wünsche nur, daß ich einmal bis an den Brunnenrand hinaufkommen und hinausschauen könnte; dort muß es reizend sein!« »Bleibe Du am liebsten, wo Du bist!« sagte die Alte, »hier kennst Du Alles und weißt was Du hast! Nimm Dich in Acht vor dem Eimer, der zerdrückt Dich; und kommst Du auch wohlbehalten hinein, so könntest Du herausfallen; nicht Alle fallen so glücklich wie ich und kommen mit ganzen Gliedmaßen und ganzen Eiern davon!« »Quak!« sagte die Kleine, und es war grade als wenn wir Menschen »Ach!« sagen. Sie hatte ein zu großes Verlangen bis zur Brunnenkante hinauf zu gelangen und dort auszuschauen; sie fühlte eine zu große Sehnsucht nach dem Grünen dort oben; und als am nächsten Morgen zufällig der mit Wasser gefüllte Eimer aufgewunden wurde und einen Augenblick unterwegs grade vor dem Steine anhielt, auf welchem die Kröte saß, bebte es im Innern des kleinen Thieres, es sprang in den gefüllten Eimer, der nun vollends hinaufgewunden und ausgegossen wurde. »Pfui Teufel!« sagte der Knecht, der den Eimer ausgoß und die Kröte erblickte. »So was Häßliches habe ich lange nicht gesehen!« Und mit seinem holzbeschuhten Fuße stieß er nach der Kröte, die beinahe verstümmelt worden wäre, sich aber doch in die hohen Nesseln hinein rettete, die am Brunnen standen. Hier sah sie Stiel an Stiel stehen, sie schaute aber auch aufwärts! Die Sonne schien auf die Blätter, die ganz transparent waren; ihr war zu Muthe wie uns Menschen, wenn wir plötzlich in einen großen Wald treten, wo die Sonne zwischen Zweige und Blätter hinein scheint. »Hier ist es viel schöner wie unten im Brunnen! Hier möchte man sein Leben lang bleiben!« sagte die kleine Kröte. Sie blieb deshalb eine Stunde, ja zwei Stunden liegen. »Was wohl draußen sein mag? Bin ich so weit gekommen, muß ich auch versuchen weiter zu kommen!« Sie kroch so schnell als sie kriechen konnte, und gelangte auf die Landstraße hinaus, wo die Sonne sie beschien und wo der Staub sie puderte, als sie quer über die Straße marschirte. »Hier ist man richtig auf's Trockene gelangt!« sagte die Kröte, »es ist beinahe zu viel des Guten, es kribbelt in mir!« Sie erreichte den Graben; hier wuchsen Vergißmeinnicht und Spiräen, ganz in der Nähe war eine Hecke von Weißdorn und auch Hollunder wuchs da und Schlingpflanzen mit weißen Blüthen; hier waren Couleurs zu sehen; auch ein Schmetterling flog da umher; die Kröte meinte, es sei eine Blume, die sich losgerissen habe, damit sie sich besser in der Welt umschauen könne, das wäre ja ganz natürlich. »Wenn man solche Fahrt machen könnte wie die,« sagte die Kröte. »Quak! Ach! welche Herrlichkeit!« Sie blieb acht Nächte und Tage am Graben und hatte keinen Mangel an Eßwaaren. Am neunten Tage dachte sie: »vorwärts, weiter!« – Aber was könnte sie Herrlicheres und Schöneres finden? Vielleicht eine kleine Kröte oder einige grüne Frösche. Es hatte die letzte Nacht grade so im Winde gelautet, als seien »Vettern« in der Nähe. »Es ist herrlich zu leben! Herrlich aus dem Brunnen heraus zu kommen, in Brennnesseln zu liegen, auf dem staubigen Wege zu kriechen! Aber weiter, vorwärts! um Frösche oder eine kleine Kröte zu finden, das ist nicht gut zu entbehren, die Natur ist Einem nicht genug!« Damit ging sie wieder auf die Wanderung. Sie gelangte auf's Feld an einen großen Teich, der mit Schilf umwachsen war; sie spazierte hinein. »Hier wird's Ihnen wohl zu naß sein!« sagten die Frösche; »aber Sie sind sehr willkommen! Sind Sie ein Er oder eine Sie? Es thut nichts zur Sache, Sie sind gleich willkommen!« Und nun wurde sie Abends zum Concert, zum Familienconcert eingeladen: große Begeisterung und dünne Stimmen; das kennen wir. Bewirthung fand nicht statt, nur freies Getränk gab es, den ganzen Teich. »Jetzt reise ich weiter!« sagte die kleine Kröte; sie fühlte immer einen Drang zu etwas Besserem. Sie sah die Sterne blitzen, so groß, so hell, sah den Neumond leuchten, sah die Sonne aufgehen, immer höher und höher steigen. »Ich bin am Ende noch im Brunnen, in einem größeren Brunnen, ich muß höher hinauf! Ich habe eine große Unruhe und Sehnsucht!« Und als der Mond voll und rund wurde, dachte das arme Thier: »Ob das wohl der Eimer ist, der herabgelassen wird, und in den ich hineinspringen muß, um höher hinauf zu gelangen? Oder ist die Sonne der große Eimer? Wie der groß ist, wie der strahlend ist, der kann uns Alle aufnehmen! Ich muß aufpassen, daß ich die Gelegenheit nicht versäume! O, wie es in meinem Kopfe leuchtet! Ich glaube, der Edelstein kann nicht besser leuchten! Aber den habe ich nicht, und darum weine ich auch nicht, nein, höher hinauf in Glanz und Freude! Ich habe eine Zuversicht, und doch eine Angst, – es ist ein schwerer Schritt zu thun, aber man muß ihn thun! Vorwärts! Immer gerade aus!« Sie that einige Schritte, wie sie ein Kriechthier eben schreiten kann, und befand sich bald auf einem Wege, an welchem Menschen wohnten; hier waren sowohl Blumengärten als Kohlgärten. Sie ruhte aus an einem Kohlgarten. »Wie gibt es doch so viele verschiedene Geschöpfe, die ich nie gekannt habe! Und wie ist die Welt so groß und schön! Aber man muß sich auch umsehen in ihr und nicht an einem Orte sitzen bleiben.« Und sie hüpfte in den Kohlgarten hinein. »Wie ist es hier grün, wie ist es hier schön!« »Das weiß ich schon!« sagte die Kohlraupe auf dem Blatte. »Mein Blatt ist das größte hier! Es verdeckt die halbe Welt, aber ich kann sie entbehren!« »Gluck! Gluck!« sagte es, es kamen Hühner heran; sie trippelten im Kohlgarten umher. Das Huhn, welches an der Spitze ging, war fernsichtig, es erblickte die Raupe auf dem krausen Blatte und schnappte nach ihr, daß sie auf die Erde fiel, wo sie sich krümmte und wand. Das Huhn betrachtete sie erst mit dem einen Auge, dann mit dem andern, denn es wußte nicht, was aus dem Krümmen herauskommen könnte. »Sie thut es nicht gutwillig!« dachte das Huhn und hob den Kopf, um nach ihr zu schnappen. Die Kröte entsetzte sich so sehr dabei, daß sie gerade auf das Huhn zukroch. »Also, die hat Hilfstruppen!« sagte das Huhn. »Sieh mal das Gekrieche an!« Und so kehrte das Huhn um. »Ich mache mir nichts aus dem kleinen grünen Bissen, er könnte höchstens den Hals kitzeln!« Die anderen Hühner waren derselben Ansicht und sie kehrten nun Alle um. »Ich wand mich von ihm los!« sagte die Raupe; »es ist gut, wenn man Geistesgegenwart besitzt; aber das Schwerste bleibt noch übrig: auf mein Kohlblatt wieder zu kommen. Wo ist das?« Und die kleine Kröte kam heran und äußerte ihre Theilnahme. Sie freute sich, daß sie in ihrer Häßlichkeit den Hühnern einen Schreck eingejagt hatte. »Was meinen Sie damit?« fragte die Raupe. »Ich wand mich ja selbst von dem Huhne los. Sie sind sehr unangenehm anzusehen! Darf ich wohl auf meinem Eigenthume in Ruhe sein? Jetzt rieche ich Kohl! Jetzt bin ich bei meinem Blatte! Nichts ist so schön als Eigenthum. Aber ich muß höher hinauf!« »Ja, höher hinauf!« sagte die kleine Kröte, »höher hinauf! Sie fühlt grade wie ich! Aber sie ist heute nicht guter Laune, das kommt von dem Schrecken. Alle wollen wir höher hinauf!« Und sie sah so hoch hinauf als sie konnte. Der Storch saß in seinem Neste auf dem Dache des Bauernhauses; er klapperte und die Storchmutter klapperte. »Wie die hoch wohnen!« dachte die Kröte. »Wer dort hinauf könnte!« In dem Bauernhause wohnten zwei junge Studenten; der Eine war Poet, der Andere Naturforscher; der Eine sang und schrieb in Freude von Allem, was Gott geschaffen hatte und wie es sich in seinem Herzen spiegelte; er sang es aus, kurz, klar und reich in klangvollen Versen; der Andere griff das Ding selbst an, ja schnitt es auf, wenn es sein mußte. Er betrachtete die Schöpfung Gottes als ein großes Rechen-Exempel, subtrahirte, multiplicirte, wollte es in- und auswendig kennen, mit Verstand darüber sprechen, und das war ganzer Verstand, und er sprach in Freude und mit Klugheit davon. Es waren gute, fröhliche Menschen, die Beiden. »Da sitzt ja ein gutes Exemplar von einer Kröte!« sagte der Naturforscher; »das muß ich in Spiritus haben!« »Du hast ja schon zwei Andere!« sagte der Poet; »laß die in Ruhe sitzen und sich des Lebens freuen!« »Aber sie ist so wunderbar häßlich!« sagte der Andere. »Ja, wenn wir den Edelstein in ihrem Kopfe finden könnten,« sagte der Poet, »dann würde ich selbst mit dabei sein sie aufzuschneiden.« »Edelstein!« sagte der Andere, »Du scheinst viel von der Naturgeschichte zu wissen!« »Aber ist nicht grade etwas Schönes an dem Volksglauben, daß die Kröte, das häßlichste Thier, oft den köstlichsten Edelstein in ihrem Kopfe trägt?! Geht es nicht grade so mit dem Menschen? Welchen Edelstein hatte nicht Aesop, und vollends Sokrates? –« Mehr hörte die Kröte nicht, und sie begriff nicht die Hälfte davon. Die beiden Freunde schritten weiter und sie entging dem Schicksale, in Spiritus zu kommen. »Die Beiden sprachen auch von dem Edelsteine!« sagte die Kröte, »Wie gut, daß ich ihn nicht habe! Ich hätte sonst Unannehmlichkeiten haben können.« Nun klapperte es auf dem Dache des Bauernhauses; Storchvater hielt Vortrag für die Familie, und diese schielte auf die zwei jungen Menschen im Kohlgarten hinab. »Der Mensch ist die eingebildetste Kreatur!« sagte der Storch. »Hört, wie das Maulwerk ihnen geht, und dabei können sie doch nicht ordentlich klappern. Sie brüsten sich mit ihren Rednergaben, mit ihrer Sprache! Das ist mir eine schöne Sprache: sie geht in's Unverständliche über bei jeder Tagereise, die wir machen; der Eine versteht den Andern nicht. Unsere Sprache können wir überall auf der ganzen Erde sprechen, im hohen Norden und in Egypten. Fliegen können die Menschen auch nicht! Sie schießen dahin durch eine Erfindung, die sie »Eisenbahn« nennen, aber sie brechen auch oft den Hals dabei. Es läuft mir kalt über den Schnabel, wenn ich daran denke! Die Welt kann ohne Menschen bestehen. Wir können sie entbehren! Wenn wir nur Frösche und Regenwürmer behalten!« »Das war denn eine gewaltige Rede!« dachte die kleine Kröte. »Ein wie großer Mann ist der, und wie sitzt er hoch, so hoch wie ich noch Niemand sitzen sah! Und wie kann er schwimmen!« rief sie, als der Storch mit ausgebreiteten Flügeln durch die Luft dahinfuhr. Und Storchmutter sprach im Neste, erzählte von Egypten, von den Gewässern des Nils und von dem Schlamme sonder Gleichen, der im fremden Lande war; es klang der kleinen Kröte ganz neu und reizend. »Ich muß nach Egypten!« sagte sie. »Wenn nur der Storch oder eins seiner Jungen mich mitnehmen wollte. Ich würde ihm wieder gefällig sein. Ja, ich werde nach Egypten kommen, denn ich bin so glücklich! All' die Sehnsucht und all' die Lust, die ich habe, ist freilich besser als einen Edelstein im Kopfe zu haben!« Und dabei hatte sie grade den Edelstein: die ewige Sehnsucht und Lust nach aufwärts, immer aufwärts! Es leuchtete drinnen im Kopfe, leuchtete in Freude, strahlte in Lust. Da kam plötzlich der Storch heran, der hatte die Kröte im Grase gesehen, fuhr nieder und faßte das kleine Thier eben nicht sanft an. Der Schnabel klemmte, der Wind sauste, es war nicht angenehm, aber aufwärts ging es, aufwärts nach Egypten, das wußte sie; und deshalb blitzten die Augen, es war als flöge ein Funken aus ihnen heraus. »Quak: Ach!« Der Körper war todt, die Kröte getödtet. Aber der Funken aus ihren Augen, wo blieb der? Der Sonnenstrahl nahm ihn, der Sonnenstrahl trug den Edelstein vom Kopfe der Kröte. Wohin? Frage nicht den Naturforscher, frage lieber den Poeten; er erzählt es Dir wie ein Märchen; und die Kohlraupe und die Storchfamilie ist mit in dem Märchen. Denke! die Kohlraupe wird verwandelt und aus ihr wird ein schöner Schmetterling! Die Storchfamilie fliegt über Berge und Meere nach dem fernen Afrika, und findet doch den kürzesten Weg zurück nach Hause, nach demselben Lande, demselben Dache! Ja, das ist freilich fast gar zu abenteuerlich, und doch ist es wahr; Du kannst sogar den Naturforscher fragen, er muß es zugestehen; und Du selbst weißt es auch, denn Du hast es gesehen. – Aber der Edelstein im Kopfe der Kröte? Suche ihn in der Sonne! Sieh' ihn, wenn Du kannst! Der Glanz dort ist zu stark. Wir haben noch die Augen nicht, um in die Herrlichkeit hineinsehen zu können, die Gott geschaffen hat, aber wir werden sie schon bekommen, und das wird das schönste Märchen sein, denn wir sind selbst mit in dem Märchen. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Ein alter Herrenhof lag da, umgeben von seinem schlammigen Wallgraben mit der Zugbrücke, die nur selten niedergelassen wurde: nicht alle Gäste sind gute Leute. Unter dem Traufendache waren Scharten angebracht, um durch dieselben zu schießen, kochendes Wasser, ja geschmolzenes Blei auf den Feind herabzugießen, wenn er sich zu sehr nähern sollte. Drinnen im Hause war es hoch bis zur Balkendecke, was sehr zu Statten kam bei dem vielen Rauche, der vom Kaminfeuer emporwirbelte, wo die großen, nassen Holzknorren schwehlten. An der Wand hingen Bilder von geharnischten Männern und stolzen Frauen in schweren Kleidern; die stattlichste von Allen schritt hier lebendig einher, sie wurde Meta Mogens genannt; sie war die Frau vom Hause, ihr gehörte der Herrenhof. Gegen Abend kamen Räuber an; sie erschlugen drei ihrer Leute, auch den Kettenhund erschlugen sie, und dann legten sie Frau Meta an die Hundekette am Hundehause, während sie sich selber in dem Saale breit machten, den Wein und das gute Bier aus ihrem Keller tranken. Frau Meta war an die Hundekette gelegt; sie konnte nicht einmal bellen. Aber siehe! Da schlich sich der Bursche eines der Räuber heran, ganz leise, er durfte nicht bemerkt werden, sonst hätten sie ihn todtgeschlagen. »Frau Meta Mogens!« sagte der Bursche; »weißt Du noch wie mein Vater zu Lebzeiten Deines Herrn auf dem hölzernen Pferde reiten mußte? – Du batest für ihn, aber es half zu Nichts, er sollte so lange reiten bis ihm die Glieder verstümmelt sein würden; aber Du schlichst Dich zu ihm hinab, wie ich mich jetzt zu Dir schleiche; Du selbst schobst einen kleinen Stein unter jeden seiner Füße, damit er sich stützen könnte. Niemand sah es, oder sie thaten, als sähen sie es nicht, Du warst ja die junge, gnädige Frau. Das hat mir mein Vater erzählt, und das habe ich mir gemerkt und nicht vergessen! Jetzt löse ich Dich ab, Frau Meta Mogens!« Darauf zogen sie Pferde aus dem Stalle heraus und ritten bei Regen und Wind und erhielten Freundeshilfe. »Das war die kleine That an dem Alten reichlich vergolten!« sagte Meta Mogens. »Aufgeschoben ist nicht aufgehoben!« sagte der Bursche. Die Räuber wurden gehenkt.     Ein alter Herrenhof lag da, er liegt noch da; es ist nicht der der Frau Meta Mogens; er gehört einem andern hochadeligen Geschlechte. Wir befinden uns in der Gegenwart. Die Sonne bescheint die vergoldete Thurmspitze, kleine Waldinselchen liegen gleich Bouquets auf dem Wasser, und die wilden Schwäne umkreisen sie schwimmend. Im Garten wachsen Rosen; die Frau vom Hause ist selbst das feinste Rosenblatt, es strahlt in Freude, in der Freude guter Thaten, nicht aber in die weite Welt hinaus, sondern drinnen in den Herzen, und was dort verwahrt ist, das ist nicht vergessen, – aufgeschoben ist nicht aufgehoben! Jetzt begiebt sie sich vom Herrenhause aus nach dem kleinen Bauernhäuschen auf dem Felde. Darin wohnt ein armes, gelähmtes Mädchen; das Fenster in dem Stübchen sieht nach Norden, die Sonne kommt hier nicht herein; das Mädchen kann nur über ein kleines Stückchen Feld hinausschauen, welches von einem hohen Zaune eingeschlossen ist. Aber heute ist Sonnenschein, die warme, herrlichschöne Sonne unseres lieben Herrgottes ist drinnen im Stübchen; sie kommt aus dem Süden durch das neue Fenster, dort wo früher nur Mauer war. Die Gelähmte sitzt in dem warmen Sonnenscheine, sieht Wald und See, die Welt ist so groß, so wunderschön geworden und zwar durch ein einziges Wort von der freundlichen Frau auf dem Herrenhofe. »Das Wort war so leicht, die That so winzig!« sagte sie; »die Freude, die sie mir gewährten, war unendlich groß und segensreich!« Und deshalb übt sie so manche gute That, denkt an Alle in den armen Häusern und in den reichen Häusern, wo es auch Betrübte giebt. Es ist verborgen und verwahrt, aber der liebe Gott vergißt es nicht; aufgeschoben ist nicht aufgehoben!     Ein altes Haus stand da; es war in der großen, Stadt mit ihrem regen Verkehr, Zimmer und Säle hat es; aber die betreten wir nicht; wir bleiben in der Küche, und dort ist es warm und hell, rein und niedlich; das Kupferzeug blitzt, der Tisch ist wie gebohnt, der Ausgußstein ist wie ein frisch gescheuertes Spickbret; das Alles hat das eine Dienstmädchen ausgerichtet und doch noch Zeit erübrigt, sich anzukleiden, als wolle es zur Kirche gehen. Es trägt eine Schleife an der Haube, eine schwarze Schleife; das deutet auf Trauer. Aber es hat ja Niemand zu betrauern, weder Vater noch Mutter, weder Verwandte noch Geliebte; es ist ein armes Mädchen. Einst war es verlobt, verlobt mit einem armen Burschen; sie liebten sich innig. Eines Tages kam er zu ihr und sagte: »Wir Beide haben Nichts!« sagte er; »die reiche Witwe drüben im Keller hat mir warme Worte gesagt; sie will mich in Wohlstand versetzen; aber Du bist in meinem Herzen. Wozu räthst Du mir?« »Zu dem, wovon Du meinst, es wird Dein Glück sein!« sagte das Mädchen. »Sei gut und liebevoll gegen sie, aber das laß Dir gesagt sein, daß wir Beide von Stund' an, wo wir uns trennen, uns nicht wieder sehen dürfen.« – Und es verstrichen Jahre; da begegnet ihr der einstige Freund und Bräutigam auf der Straße; er sah krank und elend aus; da konnte sie es nicht unterlassen, sie mußte fragen: »Wie geht's Dir?« »Reich und gut in jeder Beziehung!« sagte er; »die Frau ist brav und gut, aber Du bist in meinem Herzen. Ich habe meinen Kampf gekämpft, er ist bald ausgekämpft! Wir sehen uns jetzt nicht eher als bei Gott.« Eine Woche ist verstrichen; diesen Morgen stand es in der Zeitung zu lesen, daß er gestorben war; deshalb trägt das Mädchen ein Trauerkleid! Der Bräutigam ist gestorben und hat Frau und drei Stiefkinder hinterlassen, wie es zu lesen steht; es klingt dies, als wenn es einen Riß hätte, und doch ist das Metall rein. Die schwarze Schleife deutet auf Trauer, das Gesicht des Mädchens deutet in noch höherem Grade darauf; im Herzen ist sie verwahrt, wird niemals vergessen! Aufgeschoben ist nicht aufgehoben!     Seht, das waren drei Geschichten, drei Blätter an einem Stiele. Wünschest Du noch mehrere Kleeblätter? Im Herzbüchlein sind deren viele, aufgeschoben ist nicht aufgehoben! Die wilden Schwäne. Weit von hier, dort wohin die Schwalben fliegen, wenn wir Winter haben, wohnte ein König, der eilf Sohne und eine Tochter Elisa hatte. Die eilf Brüder waren Prinzen und gingen mit dem Stern auf der Brust und dem Säbel an der Seite in die Schule. Sie schrieben mit Diamantgriffeln auf Goldtafeln und lernten ebenso auswendig, wie sie lasen; man konnte gleich hören, daß sie Prinzen waren. Die Schwester Elisa saß auf einem kleinen Schemel von Spiegelglas und hatte ein Bilderbuch, welches für das halbe Königreich erkauft war. O, die Kinder hatten es außerordentlich gut; aber so sollte es nicht immer bleiben! Ihr Vater, welcher König über das ganze Land war, verheirathete sich mit einer bösen Königin, die die armen Kinder gar nicht liebte. Schon am ersten Tage konnten sie es merken. Auf dem Schlosse war große Pracht, und da spielten die Kinder: »Es kommt Besuch«; aber statt daß sie, wie sonst, alle Kuchen und alle gebratenen Aepfel erhielten, die nur zu haben waren, gab sie ihnen blos Sand in einer Theetasse und sagte, sie könnten thun, als ob Dies etwas wäre. Die Woche darauf brachte sie die kleine Schwester Elisa auf das Land zu einem Bauernpaare, und lange währte es nicht, da log sie dem König so viel von den armen Prinzen vor, daß er sich gar nicht mehr um sie kümmerte. – »Fliegt hinaus in die Welt und ernährt Euch selbst,« sagte die böse Königin. »Fliegt, wie die großen Vögel ohne Stimme!« Aber sie konnte es doch nicht so schlimm machen, wie sie gern wollte; sie wurden eilf herrliche wilde Schwäne. Mit einem sonderbaren Schrei flogen sie aus den Schloßfenstern, weit über den Park in den Wald hinein. Es war noch früh am Morgen, als sie da vorbeikamen, wo die Schwester Elisa in der Stube des Landmanns lag und schlief. Hier schwebten sie über dem Dache, drehten ihre langen Hälse und schlugen dann mit den Flügeln; aber Niemand hörte oder sah es. Sie mußten wieder weiter, hoch gegen die Wolken empor, hinaus in die weite Welt; da flogen sie nach einem großen, dunklen Walde, der sich bis an den Strand erstreckte. Die arme, kleine Elisa stand in der Stube des Landmannes und spielte mit einem grünen Blatte; anderes Spielzeug hatte sie nicht. Sie stach ein Loch in das Blatt, sah hindurch und gegen die Sonne empor, da war es, als sähe sie ihrer Brüder klare Augen; jedesmal, wenn die warmen Sonnenstrahlen auf ihre Wangen schienen, gedachte sie aller ihrer Küsse. Ein Tag verging eben so, wie der andere. Strich der Wind durch die großen Rosenhecken draußen vor dem Hause, so flüsterte er den Rosen zu: »Wer kann schöner sein, als Ihr?« Aber die Rosen schüttelten das Haupt und sagten: »Elisa ist es!« Und saß die alte Frau am Sonntage vor der Thür und las in ihrem Gesangbuche, so wendete der Wind die Blätter um und sagte zu dem Buche: »Wer kann frömmer sein, als Du?« – »Elisa ist es!« sagte das Gesangbuch. Und es war die reine Wahrheit, was die Rosen und das Gesangbuch sagten. Als sie fünfzehn Jahre alt war, sollte sie nach Hause; und als die Königin sah, wie schön sie war, wurde sie ihr gram. Gern hätte sie sie in einen wilden Schwan verwandelt, wie die Brüder; aber das wagte sie nicht gleich, weil ja der König seine Tochter sehen wollte. Früh Morgens ging die Königin in das Bad, welches von Marmor erbaut und mit weichen Kissen und den prächtigsten Decken geschmückt war; sie nahm drei Kröten, küßte sie, und sagte zu der einen: »Setze Dich auf Elisa's Kopf, wenn sie in das Bad kommt, damit sie dumm wird, wie Du!« »Setze Dich auf ihre Stirn,« sagte sie zur andern, »damit sie häßlich wird, wie Du, sodaß ihr Vater sie nicht erkennt!« »Ruhe an ihrem Herzen!« flüsterte sie der dritten zu; »laß sie einen bösen Sinn erhalten, damit sie Schmerzen davon hat!« Dann setzte sie die Kröten in das klare Wasser, welches sogleich eine grüne Farbe erhielt, rief Elisa, zog sie aus und ließ sie in das Wasser hinabsteigen. Und indem Elisa untertauchte, setzte die eine Kröte sich ihr in das Haar, die andere auf ihre Stirn und die dritte auf die Brust. Aber sie schien es nicht zu merken; sobald sie sich emporrichtete, schwammen drei rothe Mohnblumen auf dem Wasser. Waren die Thiere nicht giftig gewesen und von der Hexe geküßt gewesen, so wären sie in rothe Rosen verwandelt. Aber Blumen wurden sie doch, weil sie auf ihrem Haupte, ihrer Stirn und an ihrem Herzen geruht hatten. Sie war zu fromm und unschuldig, als daß die Zauberei Macht über sie haben konnte! Als die böse Königin das sah, rieb sie Elisa mit Wallnußsaft ein, sodaß sie schwarzbraun wurde, bestrich ihr das hübsche Antlitz mit einer stinkenden Salbe und ließ das herrliche Haar sich verwirren. Es war unmöglich, die schöne Elisa wiederzuerkennen. Als der Vater sie sah, erschrak er sehr und sagte, es sei nicht seine Tochter. Niemand, außer dem Kettenhunde und den Schwalben, wollte sie erkennen; aber das waren arme Thiere, die nichts zu sagen hatten. Da weinte die arme Elisa und dachte an ihre eilf Brüder, die alle fort waren. Betrübt stahl sie sich aus dem Schlosse und ging den ganzen Tag über Feld und Moor bis in den großen Wald hinein. Sie wußte gar nicht, wohin sie wollte, aber sie fühlte sich unendlich betrübt und sehnte sich nach ihren Brüdern; die waren sicher auch, gleich ihr, in die Welt hinausgejagt; die wollte sie suchen und finden. Nur kurze Zeit war sie im Walde gewesen, da brach die Nacht an; sie kam ganz von Weg und Steg ab; darum legte sie sich auf das weiche Moos nieder, betete ihr Abendgebet und lehnte ihr Haupt an einen Baumstumpf. Es herrschte tiefe Stille, die Luft war mild, und ringsumher im Grase und im Moose leuchteten, einem grünen Feuer gleich, Hunderte von Johanniswürmchen; als sie einen der Zweige leise mit der Hand berührte, fielen die leuchtenden Insecten wie Sternschnuppen zu ihr nieder. Die ganze Nacht träumte sie von ihren Brüdern; sie spielten wieder als Kinder, schrieben mit den Diamantengriffeln auf die Goldtafeln und betrachteten das herrliche Bilderbuch, welches das halbe Königreich gekostet hatte. Aber auf die Tafel schrieben sie nicht, wie früher, Nullen und Striche, sondern die muthigen Thaten, die sie vollführt, Alles, was sie erlebt und gesehen hatten; und im Bilderbuche war Alles lebendig; die Vögel sangen und die Menschen gingen aus dem Buche heraus und sprachen mit Elisa und ihren Brüdern. Aber wenn diese das Blatt umwendeten, sprangen sie gleich wieder hinein, damit keine Unordnung hineinkomme. Als sie erwachte, stand die Sonne schon hoch, Sie konnte diese freilich nicht sehen: die hohen Bäume breiteten ihre Zweige dicht und fest über ihr aus. Aber die Strahlen spielten dort oben wie ein webender Goldflor, da war ein Duft von dem Grünen, und die Vögel setzten sich fast auf ihre Schultern! Sie hörte Wasser plätschern: das waren viele große Quellen, die alle in einen See flössen, in dem der herrlichste Sandboden war. Freilich wuchsen dort dichte Büsche ringsumher, aber an einer Stelle hatten die Hirsche eine große Oeffnung gemacht, und hier ging Elisa zum Wasser hin. Dies war so klar, daß man, wenn der Wind nicht die Zweige und Büsche berührte, sodaß sie sich bewegten, hatte glauben müssen, sie wären auf dem Wassergrunde abgemalt gewesen; so deutlich spiegelte sich dort jedes Blatt, sowohl das, welches von der Sonne beschienen, als das, welches im Schatten war. Sobald Elisa ihr eigenes Gesicht erblickte, erschrak sie, so braun und häßlich war es; doch als sie ihre kleine Hand benetzte und Augen und Stirne rieb, glänzte die weiße Haut wieder vor. Da entkleidete sie sich und ging in das frische Wasser hinein! ein schöneres Königskind als sie war, wurde in dieser Welt nicht gefunden! Als sie sich wieder angekleidet und ihr langes Haar geflochten hatte, ging sie zur sprudelnden Quelle, trank aus der hohlen Hand und wanderte tief in den Wald hinein, ohne selbst zu wissen wohin. Sie dachte an ihre Brüder, dachte an den lieben Gott, der sie sicher nicht verlassen würde. Gott ließ die wilden Waldäpfel wachsen, um den Hungrigen zu sättigen: er zeigte ihr einen« solchen Baum; die Zweige bogen sich unter der Last der Früchte. Hier hielt sie ihre Mittagsmahlzeit, setzte Stützen unter die Zweige und ging dann in den dunkelsten Theil des Waldes hinein. Da war es so still, daß sie ihre eigenen Fußtritte hörte, sowie das Rascheln jedes dürren Blattes, welches sich unter ihrem Fuße bog. Nicht ein Vogel war da zu sehen, nicht ein Sonnenstrahl konnte durch die großen, dunklen Baumzweige dringen; die hohen Stämme standen so nahe beisammen, daß es, wenn sie vor sich hin sah, so schien, als ob ein Balkengitter dicht beim andern sie umschlösse. O, hier war eine Einsamkeit, wie sie solche früher nie gekannt! Die Nacht wurde sehr dunkel! nicht ein einziger kleiner Johanniswurm leuchtete mehr im Moose, Betrübt legte sie sich nieder, um zu schlafen. Da schien es ihr, als ob die Baumzweige über ihr sich zur Seite bewegten und der liebe Gott mit milden Augen auf sie niederblickte; und kleine Engel sahen über seinem Kopfe und unter seinen Armen hervor. Als sie am Morgen erwachte, wußte sie nicht, ob sie es geträumt habe, oder ob es wirklich so gewesen. Sie ging einige Schritte vorwärts, da begegnete sie einer alten Frau mit Beeren in ihrem Korbe; die Alte gab ihr einige davon. Elisa fragte, ob sie nicht eilf Prinzen durch den Wald habe reiten sehen. »Nein!« sagte die Alte; »aber ich sah gestern eilf Schwäne mit Goldkronen auf den Köpfen den Fluß hier nahebei hinschwimmen!« Und sie führte Elisa ein Stück weiter vor zu einem Abhange; am Fuße desselben schlängelte sich ein Flüßchen; die Bäume an seinen Ufern streckten ihre langen, blattreichen Zweige einander entgegen, und wo sie, ihrem natürlichen Wüchse nach, nicht zusammenreichen konnten, da waren die Wurzeln aus der Erde losgerissen und hingen, mit den Zweigen ineinander verschlungen, über das Wasser hinaus. Elisa sagte der Alten Lebewohl und ging längst dem Flüßchen bis dahin, wo dieses nach dem großen, offenen Strande hinausfloß. Das ganze herrliche Meer lag vor dem jungen Mädchen, aber nicht ein Segel zeigte sich darauf, nicht ein Boot war da zu sehen. Wie sollte sie nun dort weiter fortkommen? Sie betrachtete die unzähligen kleinen Steine am Ufer; das Wasser hatte sie alle rund geschliffen. Glas, Eisen, Steine, Alles, was da zusammengespült lag, hatte seine Form durch das Wasser, welches doch viel weicher als ihre seine Hand, bekommen. »Das rollet unermüdlich fort, und so ebnet sich das Harte; ich will ebenso unermüdlich sein. Dank für Eure Lehre, Ihr klaren, rollenden Wogen: einst, das sagt mir mein Herz, werdet Ihr mich zu meinen Brüdern tragen!« Auf dem angespülten Seegrase lagen eilf weiße Schwanenfedern; sie sammelte sie in einen Strauß. Es lagen Wassertropfen darauf: ob es Thautropfen oder Thränen waren, konnte Niemand sehen. Einsam war es dort am Strande, aber sie fühlte es nicht; denn das Meer bot eine ewige Abwechselung dar, ja mehr in nur wenigen Stunden, als die süßen Landseen in einem Jahre aufweisen können. Kam eine große, schwarze Wolke, so war das, als ob der See sagen wollte: »Ich kann auch finster aussehen,« und dann blies der Wind und die Wogen kehrten das Weiße nach außen. Schienen aber die Wolken roth, und schliefen die Winde, so war das Meer einem Rosenblatte gleich; bald wurde es grün, bald weiß. Aber wie still es auch ruhte, am Ufer war doch eine leise Bewegung; das Wasser hob sich schwach, wie die Brust eines schlafenden Kindes. Als die Sonne untergehen wollte, sah Elisa eilf wilde Schwäne mit Goldkronen auf den Köpfen dem Lande zufliegen; sie schwebten einer hinter dem andern; es sah aus, wie ein langes weißes Band. Da stieg Elisa den Abhang hinauf und verbarg sich hinter einem Busche; die Schwäne ließen sich nahe bei ihr nieder und schlugen mit ihren großen, weißen Schwingen. Sowie die Sonne hinter dem Wasser war, fielen plötzlich die Schwanengefieder und eilf schöne Prinzen, Elisa's Brüder, standen da. Sie stieß einen lauten Schrei aus; ungeachtet sie sich sehr verändert hatten, wußte sie doch, daß sie es waren, fühlte sie, daß sie es sein müßten. Und sie sprang in ihre Arme und nannte sie bei Namen; und die Prinzen fühlten sich hochbeglückt, als sie ihre kleine Schwester sahen, und erkannten auch sie, die nun groß und schön war. Sie lachten und weinten, und bald hatten sie einander verstanden, wie böse ihre Stiefmutter gegen sie alle gewesen war. »Wir Brüder,« sagte der Aelteste, »fliegen als wilde Schwäne so lange die Sonne am Himmel steht; sobald sie untergegangen ist, erhalten wir unsere menschliche Gestalt wieder. Deshalb müssen wir immer aufpassen, beim Sonnenuntergang eine Ruhestätte für die Füße zu haben; denn fliegen wir um diese Zeit gegen die Wolken empor, so müssen wir als Menschen in die Tiefe hinunterstürzen. Hier wohnen wir nicht; es liegt ein ebenso schönes Land, wie dieses, jenseit der See. Aber der Weg dahin ist weit: wir müssen über das große Meer, und es findet sich keine Insel auf unserm Wege, wo wir übernachten könnten: nur eine kleine Klippe ragt in der Mitte desselben hervor; sie ist nur so groß, daß wir, dicht nebeneinander gelagert, darauf ruhen können. Ist die See stark bewegt, so spritzt das Wasser hoch über uns hinweg; aber doch danken wir Gott für sie. Dort übernachten wir in unserer Menschengestalt; ohne diese könnten wir nie unser liebes Vaterland besuchen, denn zwei der längsten Tage des Jahres brauchen wir zu unserm Fluge. Nur einmal im Jahre ist es uns vergönnt, unsere Heimath zu besuchen; eilf Tage dürfen wir hier bleiben und über den großen Wald hinfliegen, von wo wir das Schloß, in dem wir geboren wurden und wo unser Vater wohnt, erblicken und den hohen Kirchthurm sehen können, wo die Mutter begraben ist. Hier kommt es uns vor, als wären Bäume und Büsche mit uns verwandt; hier laufen die wilden Pferde über die Steppen hin, wie wir es in unserer Kindheit gesehen: hier singt der Kohlenbrenner die alten Lieder, nach denen wir als Kinder tanzten; hier ist unser Vaterland; hierher fühlen wir uns gezogen, und hier haben wir Dich, Du liebe, kleine Schwester, gefunden! Zwei Tage können wir noch hier bleiben, dann müssen wir fort über das Meer, nach einem herrlichen Lande, welches aber nicht unser Vaterland ist! Wie bringen wir Dich fort? Wir haben weder Schiff noch Boot!« »Auf welche Art kann ich Euch erlösen?« fragte die Schwester. Und sie unterhielten sich fast die ganze Nacht: es wurde nur einige Stunden geschlummert. Elisa erwachte von dem Schlag der Schwanenflügel, welche über ihr brausten: die Brüder waren wieder verwandelt und flogen in großen Kreisen und zuletzt weit weg; aber der Eine von ihnen, der Jüngste, blieb zurück; und der Schwan legte den Kopf in ihren Schoos und sie streichelte seine Flügel; den ganzen Tag waren sie beisammen. Gegen Abend kamen die Andern zurück, und als die Sonne untergegangen war, standen sie in natürlicher Gestalt da. »Morgen fliegen wir von hier weg und können vor Ablauf eines ganzen Jahres nicht zurückkehren. Aber Dich können wir nicht so verlassen! Hast Du Muth, mitzukommen? Mein Arm ist stark genug, Dich durch den Wald zu tragen: sollten wir da nicht Alle so starke Flügel haben, um mit Dir über das Meer zu fliegen?« »Ja, nehmt mich mit!« sagte Elisa. Die ganze Nacht brachten sie damit zu, aus der geschmeidigen Weidenrinde und dem zähen Schilf ein Netz zu flechten, und das wurde groß und fest. Auf dieses Netz legte sich Elisa, und als die Sonne hervortrat und die Brüder in wilde Schwäne verwandelt wurden, ergriffen sie das Netz mit ihren Schnäbeln und flogen mit ihrer lieben Schwester, die noch schlief, hoch gegen die Wolken empor. Die Sonnenstrahlen fielen ihr gerade auf das Antlitz, deshalb flog einer der Schwäne über ihrem Kopfe, damit seine breiten Schwingen sie beschatten konnten. Sie waren weit vom Lande entfernt als Elisa erwachte; sie glaubte, noch zu träumen, so sonderbar kam es ihr vor, hoch durch die Luft, über das Meer getragen zu werden. An ihrer Seite lag ein Zweig mit herrlichen, reifen Beeren und ein Bündel wohlschmeckender Wurzeln; die hatte der jüngste der Brüder gesammelt und ihr hingelegt. Sie lächelte ihn dankbar an, denn sie erkannte ihn; er war es, der über ihr flog und sie mit seinen Schwingen beschattete. Sie waren so hoch, daß das größte Schiff, welches sie unter sich erblickten, eine weiße Möve zu sein schien, die auf dem Wasser lag. Eine große Wolke stand hinter ihnen: das war ein Berg. Und auf diesem sah Elisa ihren eigenen Schatten und den der eilf Schwäne; so riesengroß flogen sie da. Das war ein Gemälde, prächtiger, als sie früher je eins gesehen. Doch als die Sonne höher stieg, und die Wolke weiter zurückblieb, verschwand das schwebende Schattenbild. Den ganzen Tag flogen sie fort, gleich einem sausenden Pfeile durch die Luft; aber es ging doch langsamer, als sonst, denn jetzt hatten sie die Schwester zu tragen. Es zog ein böses Wetter auf; der Abend brach herein; ängstlich sah Elisa die Sonne sinken, und noch war die einsame Klippe im Meere nicht zu erblicken. Es kam ihr vor, als machten die Schwäne stärkere Schläge mit den Flügeln. Ach! sie war Schuld daran, daß sie nicht rasch genug fortkamen. Wenn die Sonne untergegangen war, so mußten sie Menschen werden, in das Meer stürzen und ertrinken. Da betete sie aus dem Innersten des Herzens ein Gebet zum lieben Gott; aber noch erblickte sie keine Klippe. Die schwarze Wolke kam naher; die Wolken standen in einer einzigen, großen, drohenden Welle da, welche fast wie Blei vorwärts schoß; Blitz leuchtete auf Blitz. Jetzt war die Sonne gerade am Rande des Meeres, Elisa's Herz bebte; da schossen die Schwäne hinab, so schnell, daß sie zu fallen glaubte. Aber nun schwebten sie wieder. Die Sonne war halb unter dem Wasser: da erblickte sie erst die kleine Klippe unter sich. Sie sah nicht größer aus, als ob es ein Seehund wäre, der den Kopf aus dem Wasser steckte. Die Sonne sank sehr schnell; jetzt erschien sie nur noch wie ein Stern: da berührte ihr Fuß den festen Grund. Die Sonne erlosch gleich dem letzten Funken im brennenden Papier: Arm in Arm sah sie die Brüder um sich stehen; aber mehr Platz, als gerade für diese und sie, war auch nicht da. Die See schlug gegen die Klippe und ging wie Staubregen über sie hin; der Himmel leuchtete m einem fortwährenden Feuer, und Schlag auf Schlag rollte der Donner; aber Schwester und Brüder faßten sich an den Händen und sangen Psalmen, aus denen sie Trost und Muth schöpften. In der Morgendämmerung war die Luft rein und still; sobald die Sonne emporstieg, flogen die Schwäne mit Elisa von der Insel fort. Das Meer ging noch hoch; es sah aus, wie sie hoch in der Luft waren, als ob der weiße Schaum auf der schwarzgrünen See Millionen Schwäne wären, die auf dem Wasser schwämmen. Als die Sonne höher stieg, sah Elisa vor sich, halb in der Luft schwimmend, ein Bergland mit glänzenden Eismassen auf den Felsen; und mitten darauf erhob sich ein wohl meilenlanges Schloß, mit einem kühnen Säulengange über dem andern; unten wogten Palmenwälder und Prachtblumen. Sie fragte, ob dies das Land sei, wo sie hin wollten; aber die Schwäne schüttelten mit dem Kopfe, denn das, was sie sah, war der Fata Morgana herrliches, allzeit wechselndes Wolkenschloß; in dieses durften sie keinen Menschen hineinbringen. Elisa starrte es an, da stürzten Berge, Wälder und Schloß zusammen, und zwanzig stolze Kirchen, alle einander gleich, mit hohen Thürmen und spitzen Fenstern standen vor ihnen. Sie glaubte die Orgel ertönen zu hören, aber es war das Meer, welches sie hörte. Nun war sie den Kirchen ganz nahe, da wurden diese zu einer ganzen Flotte, die unter ihr dahin segelte; doch als sie hinunter blickte, waren es nur Meernebel, die über dem Wasser hinglitten. So hatte sie eine ewige Abwechselung vor Augen, bis sie endlich das wirkliche Land sah, nach dem sie hin wollten; dort erhoben sich die herrlichsten blauen Berge mit Cedernwäldern, Städten und Schlössern. Lange bevor die Sonne unterging, saß sie auf dem Felsen vor einer großen Höhle, die mit feinen grünen Schlingpflanzen bewachsen war; es sah aus als wären es gestickte Teppiche. »Nun wollen wir sehen, was Du diese Nacht hier träumst,« sagte der jüngste Bruder und zeigte ihr ihre Schlafkammer. »Gebe der Himmel, daß ich träumen möge, wie ich Euch erlösen kann!« sagte sie. Und dieser Gedanke beschäftigte sie lebhaft; sie betete inbrünstig zu Gott um seine Hilfe; ja, selbst im Schlafe fuhr sie fort zu beten. Da kam es ihr vor, als ob sie hoch in die Luft fliege, zu der Fata Morgana Wolkenschloß; und die Fee kam ihr entgegen, schön und glänzend; und doch glich sie ganz der alten Frau, die ihr Beeren im Walde gegeben und ihr von den Schwänen mit Goldkronen auf dem Kopfe erzählt hatte. »Deine Brüder können erlöst werden,« sagte sie; »aber hast Du Muth und Ausdauer? Wohl ist das Wasser weicher, als Deine feinen Hände, und doch formt es die Steine um; aber es fühlt nicht die Schmerzen, die Deine Finger fühlen werden; es hat kein Herz, leidet nicht die Angst und Qual, die Du aushalten mußt. Siehst Du die Brennnessel, die ich in meiner Hand halte? Von derselben Art wachsen viele rings um die Höhle, wo Du schläfst; nur die dort und die, welche auf des Kirchhofs Gräbern wachsen, sind tauglich: merke Dir das. Die mußt Du pflücken, obgleich sie Deine Hand voll Blasen brennen werden. Brich diese Nesseln mit Deinen Füßen, so erhältst Du Flachs; aus diesem mußt Du eilf Panzerhemden mit langen Aermeln flechten und binden; wirf diese über die eilf Schwäne, so ist der Zauber gelöst. Aber bedenke wohl, daß Du von dem Augenblicke, wo Du diese Arbeit beginnst, bis dahin wo sie vollendet ist, wenn auch Jahre darüber vergehen, nicht sprechen darfst; das erste Wort, welches Du sprichst, geht als tödtender Dolch in Deiner Brüder Herzen! An Deiner Zunge hängt ihr Leben. Merke Dir das Alles!« Und sie berührte gleichzeitig ihre Hand mit der Nessel; es war einem brennenden Feuer gleich; Elisa erwachte dadurch. Es war heller Tag, und dicht daneben, wo sie geschlafen, lag eine Nessel, wie die, welche sie im Traume gesehen. Da fiel sie auf ihre Kniee, dankte dem lieben Gotte und ging aus der Höhle hinaus, um ihre Arbeit zu beginnen. Mit den feinen Händen griff sie hinunter in die häßlichen Nesseln; diese waren wie Feuer; sie brannten große Blasen in ihre Hände und Arme; aber gern wollte sie es leiden, konnte sie nur die lieben Brüder erlösen. Sie brach jede Nessel mit ihren bloßen Füßen und flocht den grünen Flachs. Als die Sonne untergegangen war, kamen die Brüder und erschraken, sie so stumm zu finden; sie glaubten, es wäre ein neuer Zauber der bösen Stiefmutter. Aber als sie ihre Hände erblickten, begriffen sie, was sie ihrethalben thue. Der jüngste Bruder weinte; und wohin seine Thränen fielen, da fühlte sie keine Schmerzen, da verschwanden die brennenden Blasen. Die Nacht brachte sie bei ihrer Arbeit zu, denn sie hatte keine Ruhe, bevor sie die lieben Brüder erlöst hätte. Den folgenden Tag, während die Schwäne fort waren, saß sie in ihrer Einsamkeit; aber noch nie war die Zeit ihr so schnell entflohen als jetzt. Ein Panzerhemd war schon fertig, nun fing sie das zweite an. Da ertönte ein Jagdhorn zwischen den Bergen: sie wurde von Furcht ergriffen. Der Ton kam immer näher; sie hörte Hunde bellen; erschrocken floh sie in die Höhle, band die Nesseln, die sie gesammelt und gehechelt hatte, in ein Bund zusammen und setzte sich darauf. Sogleich kam ein großer Hund aus der Schlucht hervorgesprungen, und gleich darauf wieder einer, und noch einer; sie bellten laut, liefen zurück und kamen abermals wieder. Es wahrte nur wenige Minuten, so standen alle Jäger vor der Höhle, und der schönste unter ihnen war der König des Landes, Er trat auf Elisa zu: nie hatte er ein schöneres Mädchen gesehen. »Wie bist Du hierher gekommen, Du herrliches Kind?« fragte er. Elisa schüttelte den Kopf: sie durfte ja nicht sprechen; es galt ihrer Brüder Erlösung und Leben. Und sie verbarg ihre Hände unter der Schürze, damit der König nicht sehen möge, was sie leiden müsse. »Komm mit mir!« sagte er; »hier darfst Du nicht bleiben. Bist Du so gut, wie Du schön bist, so will ich Dich in Seide und Sammet kleiden, die Goldkrone auf das Haupt setzen, und Du sollst in meinem reichsten Schlosse wohnen und herrschen!« – Dann hob er sie auf sein Pferd. Sie weinte und rang die Hände, aber der König sagte: »Ich will nur Dein Glück! Einst wirst Du mir dafür danken.« Mit diesen Worten jagte er fort durch die Berge, und setzte sie vor sich auf das Pferd, und die Jäger jagten hinterher. Als die Sonne unterging, lag die schöne Königsstadt mit Kirchen und Kuppeln vor ihnen. Und der König führte sie in das Schloß, wo große Springbrunnen in den Marmorsälen plätscherten, wo Wände und Decken mit Gemälden prangten. Aber sie hatte keine Augen dafür, sie weinte und trauerte. Willig ließ sie sich von den Frauen königliche Kleider anlegen, Perlen in ihre Haare flechten und feine Handschuhe über die verbrannten Finger ziehen. Als sie in ihrer Pracht dastand, war sie blendend schön, so daß der Hof sich tief verneigte. Und der König erkor sie zu seiner Braut, obgleich der Erzbischof mit dem Kopfe schüttelte und flüsterte, daß das schöne Waldmädchen sicher eine Hexe sei: sie blende die Augen und bethöre das Herz des Königs. Aber der König hörte nicht darauf, ließ die Musik ertönen, die köstlichsten Gerichte auftragen und die lieblichsten Mädchen um sie herum tanzen. Und sie wurde durch duftende Garten in prächtige Säle geführt, aber nicht ein Lächeln kam auf ihre Lippen oder aus ihren Augen: ein Bild der Trauer stand sie da. Dann öffnete der König eine kleine Kammer dicht daneben, wo sie schlafen sollte; die war mit köstlichen grünen Teppichen geschmückt und glich der Höhle, in der sie gewesen war; auf dem Fußboden lag das Bund Flachs, welches sie aus den Nesseln gesponnen hatte, und unter der Decke hing das Panzerhemd, welches fertig gestrickt war. Alles dieses hatte einer der Jäger als Kuriosität mitgenommen. »Hier kannst Du Dich in Deine frühere Heimath zurückträumen!« sagte der König. »Hier ist die Arbeit, die Dich dort beschäftigte; jetzt, mitten in all' Deiner Pracht, wird es Dich belustigen, an jene Zeit zurückzudenken.« Als Elisa dies sah, was ihrem Herzen so nahe lag, spielte ein Lächeln um ihren Mund und das Blut kehrte in die Wangen zurück. Sie dachte an die Erlösung ihrer Brüder, küßte des Königs Hand und er drückte sie an sein Herz und ließ durch alle Kirchenglocken das Hochzeitsfest verkünden. Das schöne, stumme Mädchen aus dem Walde ward des Landes Königin. Da flüsterte der Erzbischof böse Worte in des Königs Ohren, aber sie drangen nicht bis zu seinem Herzen. Die Hochzeit sollte stattfinden; der Erzbischof selbst mußte ihr die Krone auf das Haupt setzen, und er drückte mit bösem Sinn den engen Reif fest auf ihre Stirne nieder, so daß es schmerzte. Doch ein schwererer Reif lag um ihr Herz: die Trauer um ihre Brüder. Sie fühlte nicht die körperlichen Leiden. Ihr Mund war stumm; ein einziges Wort würde ja ihren Brüdern das Leben kosten; aber in ihren Augen sprach sich innige Liebe zu dem guten, schönen Könige aus, der Alles that, um sie zu erfreuen. Von ganzem Herzen gewann sie ihn von Tage zu Tage lieber; o, daß sie sich ihm nur anvertrauen und ihre Leiden klagen dürfte! Doch stumm mußte sie sein, stumm mußte sie ihr Werk vollbringen. Deshalb schlich sie sich des Nachts von seiner Seite, ging in die kleine Kammer, welche wie die Höhle geschmückt war und strickte ein Panzerhemde nach dem andern fertig. Aber als sie das siebente begann, hatte sie keinen Flachs mehr. Auf dem Kirchhofe, das wußte sie, wuchsen die Nesseln, die sie gebrauchen konnte; aber die mußte sie selbst pflücken; wie sollte sie da hinaus gelangen! – »O, was ist der Schmerz in meinen Fingern gegen die Qual, die mein Herz erduldet!« dachte sie. »Ich muß es wagen! Der Herr wird seine Hand nicht von mir abziehen!« Mit einer Herzensangst, als sei es eine böse That, die sie vorhabe, schlich sie sich in der mondhellen Nacht in den Garten hinunter und ging durch die Alleen und durch die einsamen Straßen nach dem Kirchhofe hinaus. Da sah sie auf einem der breitesten Leichensteine einen Kreis Lamien sitzen. Diese häßlichen Hexen zogen ihre Lumpen aus, als ob sie sich baden wollten, und dann gruben sie mit den langen, magern Fingern die frischen Gräber auf und holten mit teuflischer Gier die Leichen heraus und aßen deren Fleisch. Elisa mußte an ihnen nahe vorbei, und sie hefteten ihre bösen Blicke auf sie; aber sie betete still, sammelte die brennenden Nesseln und trug sie nach dem Schlosse heim. Nur ein einziger Mensch hatte sie gesehen: der Erzbischof; er war munter, wenn die Andern schliefen. Nun hatte er doch Recht, mit seiner Meinung, daß es mit der Königin nicht sei, wie es sein solle; sie sei eine Hexe, deshalb habe sie den König und das Volk bethört. Im Beichtstuhle sagte er dem Könige, was er gesehen hatte und was er befürchte. Und als die harten Worte seiner Zunge entströmten, schüttelten die Heiligenbilder die Köpfe, als wenn sie sagen wollten: »Es ist nicht so! Elisa ist unschuldig!« Aber der Erzbischof legte es anders aus; er meinte, daß sie gegen sie zeugten, daß sie über ihre Sünde die Köpfe schüttelten. Da rollten zwei schwere Thränen über des Königs Wangen herab; er ging nach Hause mit Zweifel in seinem Herzen und stellte sich, als ob er in der Nacht schlafe. Aber es kam kein ruhiger Schlaf in seine Augen, er merkte, wie Elisa aufstand. Jede Nacht wiederholte sie dieses, und jedes Mal folgte er ihr leise nach und sah, wie sie in ihre Kammer verschwand. Von Tag zu Tag wurden seine Mienen finsterer; Elisa sah es, begriff aber nicht, weshalb; allein es ängstigte sie, und was litt sie nicht im Herzen für die Brüder! Auf den königlichen Sammet und Purpur flossen ihre heißen Thränen; die lagen da wie schimmernde Diamanten, und Alle, welche die reiche Pracht sahen, wünschten Königin zu sein. Inzwischen war sie bald mit ihrer Arbeit fertig; nur ein Panzerhemde fehlte noch; aber Flachs hatte sie auch nicht mehr und nicht eine einzige Nessel. Einmal, nur dieses letzte Mal, mußte sie deshalb nach dem Kirchhofe, um einige Hände voll zu pflücken. Sie dachte mit Angst an diese einsame Wanderung und an die schrecklichen Lamien; aber ihr Wille stand fest, sowie ihr Vertrauen auf den Herrn. Elisa ging; aber der König und der Erzbischof folgten ihr, Sie sahen sie bei der Gitterpforte zum Kirchhofe hinein verschwinden, und als sie sich derselben näherten, saßen die Lamien auf dem Grabsteine, wie Elisa sie gesehen hatte; und der König wendete sich ab, denn unter ihnen dachte er sich die, deren Haupt noch diesen Abend an seiner Brust geruht hatte. »Das Volk muß sie verurtheilen!« sagte er. Und das Volk verurtheilte sie: den Feuertod zu erleiden. Aus den prächtigen Königssälen wurde sie in ein dunkles, feuchtes Loch geführt, wo der Wind durch das Gitter hineinpfiff; statt Sammet und Seide gab man ihr das Bund Nesseln, welches sie gesammelt hatte: darauf konnte sie ihr Haupt legen: die harten brennenden Panzerhemden, die sie gestrickt hatte, sollten ihre Decken sein. Aber nichts Lieberes hätte man ihr geben können; sie nahm wieder ihre Arbeit vor und betete zu Gott. Draußen sangen die Straßenbuben Spottlieder auf sie; keine Seele tröstete sie mit einem freundlichen Worte. Da schwirrten gegen Abend dicht am Gitter Schwanenflügel: das war der jüngste der Brüder. Er hatte die Schwester gefunden; und sie schluchzte laut vor Freude, obgleich sie wußte, daß die kommende Nacht wahrscheinlich die letzte sein würde, die sie zu leben habe. Aber nun war ja auch die Arbeit fast beendigt und ihre Brüder waren hier. Der Erzbischof kam nun, um in der letzten Stunde bei ihr zu sein: das hatte er dem Könige versprochen. Aber sie schüttelte das Haupt und bat mit Blicken und Mienen, er möge gehen. In dieser Nacht mußte sie ja ihre Arbeit vollenden, sonst war Alles unnütz, Alles: Schmerz, Thränen und die schlaflosen Nächte. Der Erzbischof entfernte sich mit bösen Worten gegen sie, aber die arme Elisa wußte, daß sie unschuldig fei, und fuhr in ihrer Arbeit fort. Die kleinen Mäuse liefen auf dem Fußboden; sie schleppten Nesseln zu ihren Füßen hin, um doch etwas zu helfen: und die Drossel setzte sich an das Gitter des Fensters und sang die ganze Nacht so munter, wie sie konnte, damit Elisa nicht den Muth verlieren möchte. Es dämmerte noch; erst nach einer Stunde ging die Sonne auf, da standen die eilf Brüder an der Pforte des Schlosses und verlangten vor den König geführt zu werden. Das könne nicht geschehen, wurde geantwortet; es wäre ja noch Nacht: der König schlafe und dürfe nicht geweckt werden. Sie baten, sie drohten, die Wache kam, ja selbst der König trat heraus und fragte: was das bedeute? Da ging die Sonne auf, und nun waren keine Brüder zu sehen; aber über das Schloß flogen eilf wilde Schwäne dahin. Aus dem Stadtthore strömte das ganze Volk: es wollte die Hexe verbrennen sehen. Ein alter Gaul zog den Karren, auf dem sie saß; man hatte ihr einen Kittel von grobem Sackleinen angezogen; ihr herrliches Haar hing aufgelöst um das schöne Haupt; ihre Wangen waren todtenbleich, ihre Lippen bewegten sich leise, während die Finger den grünen Flachs zurichteten. Selbst auf dem Wege zu ihrem Tode unterbrach sie die angefangene Arbeit nicht; die zehn Panzerhemden lagen zu ihren Füßen, an dem eilften arbeitete sie. Der Pöbel verhöhnte sie. »Sieh die rothe Hexe, wie sie murmelt! Kein Gesangbuch hat sie in der Hand; nein, mit ihrer häßlichen Gaukelei sitzt sie da; reißt sie ihr in tausend Stücke!« Und sie drangen alle auf sie ein und wollten die Panzerhemden zerreißen: da kamen eilf wilde Schwane geflogen, die setzten sich rings um sie auf den Karren und schlugen mit ihren großen Schwingen. Nun wich der Haufe erschrocken zur Seite. »Das ist ein Zeichen des Himmels! Sie ist sicher unschuldig!« flüsterten Viele. Aber sie wagten nicht, es laut zu sagen. Jetzt ergriff der Henker sie bei der Hand; da warf sie hastig die eilf Panzerhemden über die Schwäne. Und sogleich standen eilf schöne Prinzen da. Aber der Jüngste hatte einen Schwanenflügel statt des einen Armes, denn es fehlte ein Aermel in seinem Panzerhemde: den hatte sie nicht fertig gebracht. »Nun darf ich sprechen!« sagte sie. »Ich bin unschuldig!« Und das Volk, welches sah, was geschehen war, neigte sich vor ihr wie vor einer Heiligen; aber sie sank leblos in der Brüder Arme: so hatten Spannung, Angst und Schmerz auf sie gewirkt. »Ja, unschuldig ist sie,« sagte der älteste Bruder, und nun erzählte er Alles, was geschehen war. Und während er sprach, verbreitete sich ein Duft, wie von Millionen Rosen, denn jedes Stück Brennholz im Scheiterhaufen hatte Wurzel geschlagen und trieb Zweige; es stand eine duftende Hecke da, hoch und groß, mit rothen Rosen; oben saß eine Blume weiß und glänzend; sie leuchtete wie ein Stern. Die pflückte der König und steckte sie an Elisa's Busen: da erwachte sie mit Frieden und Glückseligkeit im Herzen. Und alle Kirchenglocken läuteten von selbst, und die Vögel kamen in großen Zügen. Es wurde ein Hochzeitszug zurück zum Schlosse, wie ihn noch kein König gesehen hatte! Ein Blatt vom Himmel. Hoch oben in der dünnen, klaren Luft flog ein Engel mit einer Blume aus dem Garten des Himmels. Indem er die Blume küßte, fiel ein ganz kleines Blättchen herab, in den erweichten Boden, mitten im Walde, und schlug sogleich Wurzel und trieb Wurzel und Schößlinge mitten zwischen andern Gewächsen. »Das ist ein possirlicher Steckling, der da,« sagten sie. Und Niemand wollte ihn anerkennen, weder Disteln noch Brennesseln. »Das wird wohl eine Art Gartenpflanze sein,« sagten sie, und nun wurde die Pflanze als Gartengewächs verhöhnt. »Wo willst du hin?« sagten die hohen Disteln, deren Blätter alle mit Stacheln bewaffnet sind. »Du lässest die Zügel gar weit schießen, das ist dummes Zeug! Wir stehen nicht hier, um Dich zu tragen!« Der Winter kam, der Schnee bedeckte die Pflanze; von ihr aber bekam die Schneedecke einen Glanz, als werde sie auch von unten vom Sonnenlicht durchströmt. Als das Frühjahr kam, zeigte sich ein blühendes Gewächs, herrlich wie kein anderes im Walde. Nun machte der botanische Professor sich auf, welcher es Schwarz auf Weiß hatte, daß er Das war, was er eben war. Er besah die Pflanze, er kostete sie, aber sie stand nicht in seiner Pflanzenlehre; es war ihm nicht möglich herauszufinden, in welche Classe sie gehöre. »Das ist eine Abart!« sagte er. »Ich kenne sie nicht. Sie ist nicht in das System aufgenommen.« »Nicht in das System aufgenommen?« sagten Disteln und Brennnesseln. Die großen Bäume, die ringsum standen, sahen und hörten es, aber sagten nichts – weder Böses noch Gutes, und das ist immer das Klügste, wenn man dumm ist. Da kam durch den Wald ein armes, unschuldiges Mädchen; ihr Herz war rein, ihr Verstand groß durch den Glauben; ihr ganzes Erbtheil, war eine alte Bibel; aber aus ihren Blättern sprach Gottes Stimme zu ihr: Wenn die Menschen uns Böses zufügen wollen, da heißt es ja von Joseph: »Sie dachten Böses in ihren Herzen, doch Gott lenkte es zum Guten.« Leiden wir unrecht, werden wir verkannt und verhöhnt, da tönt es von ihm, dem Reinsten, dem Besten, von ihm, den sie verspotteten und an das Kreuz nagelten, wo er betete: »»Vater, vergieb ihnen, denn sie wissen nicht, was sie thun!«« Das Mädchen blieb vor der wunderbaren Pflanze stehen, deren grüne Blätter süß und erquickend dufteten; deren Blumen m dem klaren Sonnenscheine wie ein Farbenfeuerwerk strahlten, und aus jeder klang es heraus, als verberge sie den tiefen Born der Melodien, den Jahrtausende nicht zu erschöpfen vermögen. Mit frommer Andacht erblickte es all diese Herrlichkeit Gottes, es bog einen der Zweige zu sich herab, um recht die Blume beschauen und ihren Duft einathmen zu können. Es wurde hell m ihrem Sinne; es that ihrem Herzen wohl; gerne hätte es eine Blume gepflückt; es konnte es aber nicht über sich gewinnen, sie abzubrechen: sie würde ja bald bei ihr verwelken; das Mädchen nahm nur ein einziges der grünen Blätter, legte dasselbe daheim in ihre Bibel; da lag es frisch, immer grün und unverwelkt. Zwischen den Blättern der Bibel lag es aufgehoben; mit der Bibel wurde es unter den Kopf des jungen Mädchens gelegt, als es nach einigen Wochen in seinem Sarge lag mit dem heiligen Ernste des Todes auf dem frommen Gesichte, als ob es sich in dem irdischen Staube abpräge, daß es letzt vor seinem Gotte stehe! Aber draußen im Walde blühte die wunderbare Pflanze; sie war fast wie ein Baum anzusehen, und alle Zugvögel beugten sich vor ihr. »Das ist nun wieder so eine Ausländischthuerei,« sagten die Disteln und die Kletten, »so können wir uns hier zu Lande doch nie betragen.« Die schwarzen Waldschnecken spuckten vor der Blume aus. Dann kam der Schweinehirt. Er sammelte Disteln und Gesträuche, um Asche daraus zu brennen. Die ganze wunderbare Pflanze sammt allen Wurzeln kam mit in sein Bündel: »Sie soll auch nutzbar werden,« sagte er, und gesagt, gethan! Doch seit Jahr und Tag litt der König des Landes an der tiefsten Schwermuth, er war fleißig und arbeitsam, es half ihm nichts; man las ihm sinnige gelehrte Schriften vor, man las die oberflächlichsten, die leichtesten, die man finden konnte, – es half nichts! Da sandte einer der Weisesten der Welt, an die man sich gewendet hatte, einen Boten ab und ließ sagen, daß es doch ein Mittel gebe, ihm Linderung zu verschaffen und ihn zu heilen: »In dem eigenen Reiche des Königs wüchse im Walde eine Pflanze himmlischen Ursprungs; so und so sähe sie aus, man könne sich nicht irren.« »Sie ist wohl mit in mein Bündel gekommen,« sagte der Schweinehirt, »und ist schon lange zu Asche geworden, aber ich wußte es nicht besser.« »Wußtest es nicht besser? Unwissenheit über Unwissenheit!« Und diese Worte konnte sich der Schweinehirt zu Herzen nehmen; ihm und keinem Andern galten sie. Kein Blatt war mehr zu finden, das einzige lag in dem Sarge der Todten, und davon wußte Niemand etwas. Und der König selbst wanderte in seinem Mismuthe in den Wald nach dem Orte hinaus. »Hier hat die Pflanze gestanden!« sagte er, »es ist eine heilige Stätte!« Und der Platz wurde mit einem goldenen Gitter eingezäunt, und eine Schildwache dort aufgestellt! Der botanische Professor schrieb eine große Abhandlung über die himmlische Pflanze; für diese wurde er vergoldet, und diese Vergoldung stand ihm und seiner Familie sehr gut; und das ist das Erfreulichste bei der ganzen Geschichte; denn die Pflanze war verschwunden und der König blieb mismuthig und betrübt – aber das war er auch vorher, sagte die Schildwache. Die alte Thurmglocke. (Geschrieben für das Schilleralbum.) In dem deutschen Lande Württemberg, wo die Akazien an der Landstraße blühen, wo die Aepfel und Birnbäume sich im Herbste zur Erde neigen unter dem Segen gereifter Früchte, liegt das Städtchen Marbach; gehört dieses nun auch in die Zahl der kleinen Städte, so liegt es dafür reizend am Neckarflusse, der dahin eilt an Dörfern, an alten Ritterburgen und grünenden Weinbergen vorüber, um seine Gewässer mit dem stolzen Rheine zu mischen. Es war Spätherbst, das Weinlaub hing zwar noch an der Rebe, aber die Blätter hatten sich schon röthlich gefärbt; Regengüsse zogen über die Gegend dahin, die kalten Herbstwinde nahmen an Kraft und Schärfe zu – es war eben keine angenehme Zeit für arme Leute. Die Tage wurden immer kürzer und trüber, und war es finster selbst draußen unter freiem Himmel, so war es noch finsterer drinnen in den alten, kleinen Häusern. – Eins dieser Häuser kehrte seinen Giebel der Straße zu und stand da mit seinen kleinen, niedrigen Fenstern, ärmlich und gering; arm war auch die Familie, die in dem Häuschen wohnte, aber sie war brav und fleißig und trug einen Schatz von Gottesfurcht im tiefinnersten Herzen. Noch ein Kind würde der liebe Gott ihr bald schenken; es war die Stunde da, die Mutter lag in Schmerzen und Nöthen. Da schallte vom Kirchthurme zu ihr herüber das tiefe, festliche Glockengeläute, es war eine feierliche Stunde, und der Sang der Glocke erfüllte die Betende mit Andacht und Glauben; aus ihrem innersten Herzen schwangen sich die Gedanken zu Gott hinan, und zur selben Stunde gebar sie ein Söhnchen. Erfüllt war sie von unendlicher Freude, und die Glocke drüben im Thurme läutete gleichsam ihre Freude über Stadt und Land hinaus. Zwei klare Kindesaugen blickten sie an, und das Haar des Kleinen glänzte wie golden. Das Kind wurde auf Erden mit Glockenklang an dem finstern Novembertage empfangen; Mutter und Vater küßten es, und in ihre Bibel schrieben sie: »Am zehnten November 1759 schenkte Gott uns einen Sohn«; später wurde noch hinzugefügt, daß er in der Taufe die Namen: Johann Christoph Friedrich erhalten habe. Und was wurde nun aus dem Bürschchen, dem armen Knaben aus dem geringen Marbach? Ja, damals wußte das noch Niemand, selbst die alte Thurmglocke nicht, wie hoch sie auch hing und zuerst über ihn gesungen und geklungen hatte, – über ihn, der einst das schönste Lied von der »Glocke« singen sollte. Nun, der Knabe wuchs heran, und die Welt wuchs mit ihm; die Eltern siedelten freilich später nach einer andern Stadt über, aber liebe Freunde blieben ihnen in dem kleinen Marbach, und deshalb machten sich auch Mutter und Söhnchen eines schönen Tages auf, und fuhren nach Marbach zum Besuche hinüber. Der Knabe war erst sechs Jahre alt, allein er wußte schon Manches aus der Bibel und den frommen Psalmen, hatte schon manchen Abend, wenn er auf seinem kleinen Rohrstuhle dasaß, dem Vater zugehört, wenn dieser aus Gellert's Fabeln, oder aus Klopstock's hohem Liede »Messias« laut vorlas; er und seine zwei Jahre ältere Schwester hatten heiße Thränen geweint über Denjenigen , der für uns Alle den Tod am Kreuze litt. Bei diesem ersten Besuche in Marbach hatte das Städtchen sich nicht viel verändert; es war ja auch nicht lange her, daß sie es verlassen hatten; die Häuser standen dort, jetzt wie ehemals, mit ihren spitzen Gipfeln, hervorspringenden Mauern, das eine Stockwerk über das andre hinaus, und ihren niedrigen Fenstern; nur auf dem Kirchhofe waren neue Gräber hinzugekommen, und dort, unten im Grase, hart an der Mauer, stand jetzt die alte Glocke; sie war von ihrer Höhe herabgestürzt, hatte einen Sprung erhalten und konnte nicht mehr läuten; auch war eine neue Glocke an ihre Stelle gekommen. Mutter und Sohn waren in den Kirchhof eingetreten. Sie blieben vor der alten Glocke stehen, und die Mutter erzählte ihrem Knaben, wie grade diese Glocke Jahrhunderte eine sehr nützliche Glocke gewesen sei, wie sie zur Kindtaufe, zur Hochzeit und zum Begräbniß geläutet habe; sie habe von Festen und Freuden und von den Schrecknissen des Feuers gesprochen, ja ganze Menschenleben habe die Glocke ausgesungen. Und nimmer vergaß der Knabe, was die Mutter erzählte, es klang und sang und hallte wieder in seiner Brust, bis er als Mann es heraussingen mußte. Auch das erzählte die Mutter ihm, daß die alte Thurmglocke ihr Trost und Freude in ihren Nöthen gesungen, daß sie gesungen und geklungen als er, das Knäblein, ihr gegeben worden; und fast mit Andacht betrachtete der Knabe die große, alte Glocke, er neigte sich über sie und küßte sie, so alt, zersprungen und hingeworfen sie auch da stand zwischen Gras und Nesseln. In gutem Andenken blieb die alte Glocke bei dem Knaben, der in Armuth heranwuchs, lang und hager mit röthlichem Haare und einem Gesichte voll Sommersprossen; ja, so sah er aus, aber dabei hatte er ein paar Augen, so klar und tief wie das tiefste Wasser. Und wie erging es ihm wohl? – Gut erging es ihm, beneidenswerth gut! Wir finden ihn in höchsten Gnaden in die Militairschule aufgenommen, in die Abtheilung sogar, wo die Söhne der feinen Welt, saßen, und das war ja Ehre, hieß ja Glück! Gamaschen trug er, steife Halsbinde und gepuderte Perrücke; und Kenntnisse brachte man ihm bei, und zwar unter dem Commando von »Marsch! Halt! Front!« Da konnte schon was dabei herauskommen. Die alte Thurmglocke hatte man unterdeß fast vergessen; daß sie noch einmal in den Schmelzofen wandern müsse, war vorauszusehen, und was würde dann wohl aus ihr werden? – Ja, das könne man unmöglich vorhersagen, und gleich unmöglich war es denn auch zu sagen, was von der Glocke klingen würde, die in der jungen Brust des Knaben von Marbach wiederhallte; aber ein tönendes Erz war sie, und klingen that sie, daß es in die weite Welt hinaus schallen müsse, und je enger es hinter den Schulwänden wurde, und je betäubender das »Marsch! Halt! Front!« erscholl, – um so lauter klang es in der Brust des Jünglings, und er sang es aus im Kreise der Kameraden, und der Klang tönte über die Grenzen des Landes hinaus. Doch, darum habe man ihm nicht seinen Freiplatz in der Militairschule, und nicht Kleider und Nahrung gegeben; hatte er doch hier schon die Nummer bekommen zu dem Stifte, der er sein sollte in dem großen Uhrwerk, in das wir Alle behufs des handgreiflichen Nutzens hineingehören. – Wie wenig begreifen wir uns selbst! Wie sollten denn die Andern, selbst die Besten, uns immer begreifen können? Aber grade durch den Druck wird der Edelstein geschaffen. Der Druck war richtig hier, – ob dereinst wohl die Welt den Edelstein erkennen werde? In der Hauptstadt des Landesherrn fand ein großes Fest statt. Tausende von Lampen und Lichtern strahlten dort, Raketen stiegen feuersprühend gen Himmel; – es lebt noch jener Glanz in der Erinnerung der Menschen, und zwar durch ihn, den Zögling der Militairschule, der damals in Thränen und im Schmerz, unbeachtet den Versuch wagte, fremden Grund und Boden zu erreichen; er mußte sie verlassen, Vaterland, Mutter, seine Lieben Alle verlassen, oder – in dem Strome der Allgemeinheit untergehen. – Die alte Thurmglocke hatte es gut, die stand im Schutze an der Kirchenmauer in Marbach, gut aufgehoben, fast vergessen. Der Wind brauste über sie dahin und hätte schon erzählen können von ihm, bei dessen Geburt die Glocke geklungen, erzählen, wie kalt er selbst über ihn dahingeweht im Walde des Nachbarlandes, wo er, erschöpft von Müdigkeit, Hingesunken war mit seinem ganzen Reichthume, seiner Zukunft Hoffnung: nur geschriebene Blatter von »Fiesko«; der Wind hätte von seinen einzigen Beschützern erzählen können; Künstler ja Alle insgesammt, die sich beim Vorlesen jener Blätter davonschlichen und beim Kegelspiele sich unterhielten; der Wind hätte von dem blassen Flüchtlinge berichten können, der Wochen, Monate lang in dem elenden Wirthshause verlebte, wo der Wirth tobte und trank, wo rohe Belustigung waltete, während er vom Ideale sang. – Schwere Tage, finstere Tage! Selbst muß das Herz leiden und die Prüfungen bestehen, die es hinaussingen soll. Finstere Tage, kalte Nächte zogen auch über die alte Glocke dahin; sie empfand sie nicht, aber die Glocke in des Menschen Brust, sie empfindet ihre trübe Zeit. Wie erging es dem jungen Manne? Wie erging es der alten Glocke? – Die Glocke wurde weit fortgeschafft, weiter als man sie von ihrer früheren hohen Thurmwarte aus jemals hatte vernehmen können; und der junge Mann? – Ja, die Glocke in seiner Brust tönte weiter als je sein Fuß wandern, sein Auge schauen sollte; sie läutete und läutet noch immerfort über das Weltmeer hinaus, über das ganze Erdenrund. – Bleiben wir aber zunächst bei der Thurmglocke. Aus Marbach kam auch sie fort; verkauft wurde sie als altes Kupfer und für den Schmelzofen im Bayernlande bestimmt. Wie und wann geschah das aber? – In Bayerns Königsstadt, viele Jahre nachdem sie vom Thurme heruntergestürzt, hieß es also, daß sie eingeschmolzen, mit zum Gusse eines Ehrendenkmals, einer der erhabenen Gestalten deutschen Volkes und deutscher Lande verwendet werden solle. Und sieh! wie sich das nun fügte; – sonderbar und herrlich geht es doch in der Welt zu! In Dänemark, auf einer jener grünen Inseln, wo die Buchenwälder rauschen und die vielen Hünengräber uns anschauen, war ein ganz armer Knabe geboren; in Holzschuhen war er einhergegangen, seinem Vater, der auf den Marinewerften schnitzelte, hatte er das Mittagsbrot in einem alten, verwaschenen Umschlagetuche hingetragen; – dieses arme Kind war aber der Stolz seines Landes geworden, aus Marmor verstand er Herrlichkeiten herauszuhauen, daß die ganze Welt erstaunte, Des Dichters Landsmann Thorwaldsen. und grade diesem war der Ehrenauftrag geworden, aus dem Thone eine Gestalt der Erhabenheit, der Schönheit, für den Guß in Erz, zu formen, das Standbild Desjenigen zu formen, dessen Namen der Vater einst mit Johann Christoph Friedrich in seine Bibel schrieb. Das Erz floß glühend in die Form; die alte Thurmglocke, an deren Heimath und verklungene Klänge Niemand dachte, – die Glocke floß mit in die Form, und bildete Kopf und Brust der Statue, wie sie jetzt enthüllt dasteht in Stuttgart vor dem alten Schlosse, auf dem Platze, wo er, den sie vorstellt, einst lebendigen Leibes einherging, im Kampf und Streben, gedrückt von der Außenwelt, er, der Knabe aus Marbach, der Zögling der Karlsschule, der Flüchtling, Deutschlands großer, unsterblicher Dichter, der da sang von dem Befreier der Schweiz und der gottbegeisterten Jungfrau Frankreichs. – Es war ein schöner, sonniger Tag, Fahnen wehten herab von Thürmen und Dächern in dem königlichen Stuttgart; die Thurmglocken läuteten zur Festlichkeit und Freude; nur eine Glocke schwieg, aber sie leuchtete dafür in hellem Sonnenscheine, strahlte vom Antlitze und von der Brust der Ruhmesgestalt; es waren an diesem Tage grade hundert Jahre verstrichen, seit jenem Tage, an welchem die Thurmglocke zu Marbach der leidenden Mutter Trost und Freude geläutet, als sie das Kind gebar, arm in dem armen Hause, – später aber der reiche Mann, dessen Schätze die Welt segnet, ihn, des edlen Frauenherzens Dichter, den Sänger des Erhabenen, des Herrlichen: Johann Christoph Friedrich Schiller. Der silberne Schilling. Es war einmal ein Schilling, blank ging er aus der Münze hervor, sprang und klang, »Hurrah! Jetzt geht's in die weite Welt hinaus!« – Und er kam freilich in die weite Welt hinaus. Das Kind hielt ihn mit warmen, der Geizige mit kalten, krampfhaften Händen; der Aeltere wendete und drehte ihn Gott weiß wie viel Male, während die Jugend ihn gleich wieder rollen ließ. Der Schilling war von Silber, hatte sehr wenig Kupfer an sich, und befand sich bereits ein ganzes Jahr in der Welt, das heißt in dem Lande, in welchem er ausgemünzt worden war. Eines Tages aber ging er auf Reisen in's Ausland; er war die letzte Landesmünze in dem Geldbeutel, den sein reisender Herr bei sich führte, der Herr wußte selbst nicht, daß er den Schilling noch hatte, bis er ihm unter die Finger gerieth. »Hier hab' ich ja noch einen Schilling aus der Heimath!« sagte er, »nun der kann die Reise mitmachen!« und der Schilling klang und sprang vor Freude, als er ihn wieder in den Beutel steckte. Hier lag er nun bei fremden, kommenden und gehenden Kameraden, einer machte dem andern Platz, aber der Schilling aus der Heimath blieb immer im Beutel zurück: das war eine Auszeichnung. Mehre Wochen waren schon verstrichen, und der Schilling war weit in die Welt hinaus gelangt, ohne daß er doch grade wußte, wo er sich befände; zwar erfuhr er von den andern Münzen, daß sie französische und italienische seien. Eine sagte, sie seien jetzt in der Stadt, eine Andere, sie seien in der, allein der Schilling konnte sich doch keine Vorstellung von alledem machen; man sieht Nichts von der Welt, wenn man immer im Sacke steht, und das war ja sein Loos. Doch eines Tages, als er so da lag, bemerkte er, daß der Geldbeutel nicht zugemacht war, und also schlich er sich bis an die Oeffnung hervor, um ein wenig heraus zu schauen: das hätte er nun freilich nicht thun sollen; er war aber neugierig, und das rächt sich; – er glitt hinaus in die Hosentasche, und als Abends der Geldbeutel herausgenommen wurde, lag der Schilling noch da wo er hingerutscht war und kam mit den Kleidern auf den Vorsaal hinaus; dort fiel er sogleich auf den Fußboden; Niemand hörte das, Niemand sah das. Am andern Morgen wurden die Kleider wieder in das Zimmer getragen, der Herr zog sie an, reiste weiter, und der Schilling blieb zurück, er wurde gefunden, sollte wieder Dienste thun, und ging mit drei andern Münzen aus. »Es ist doch angenehm, sich in der Welt umzusehen,« dachte der Schilling, »andere Menschen, andere Sitten kennen zu lernen.« »Was ist das für ein Schilling!« hieß es in demselben Augenblicke. »Das ist keine Landesmünze! Der ist falsch! Der taugt nichts!« Ja, nun beginnt die Geschichte des Schillings, wie er sie später selbst erzählte. »Falsch! Taugt nichts! – Dies fuhr mir durch und durch,« erzählte der Schilling. »Ich wußte, ich sei von gutem Klange, und habe ein echtes Gepräge. Die Leute mußten sich jedenfalls irren, mich konnten sie nicht meinen, aber sie meinten mich doch! ich war derjenige, den sie falsch nannten, ich taugte nichts! – »»Den muß ich im Dunkeln ausgeben!«« sagte der Mann, der mich erhalten hatte, und ich wurde im Dunkeln ausgegeben und am hellen Tage wieder ausgeschimpft, – »falsch, taugt nichts! wir müssen machen, daß wir ihn los werden!« Der Schilling zitterte zwischen den Fingern der Leute jedesmal, wenn er heimlich fortgeschafft werden und für Landesmünze gelten sollte. – »Ich elender Schilling! was hilft mir mein Silber, mein Werth, mein Gepräge, wenn das Alles keine Geltung hat. In den Augen der Welt ist man eben das, was die Welt von Einem halt! Es muß entsetzlich sein, ein böses Gewissen haben, sich auf bösen Wegen umherschleichen, wenn mir, der ich doch ganz unschuldig bin, schon so zu Muthe sein kann, weil ich blos das Aussehen habe!« Jedes Mal, wenn man mich hervor suchte, schauderte ich vor den Augen, die mich ansehen würden, wußte ich doch, daß ich zurückgestoßen, auf den Tisch hingeworfen werden würde, als sei ich Lug und Trug. Einmal kam ich zu einer alten, armen Frau, sie erhielt mich als Tagelohn für harte Arbeit, allein sie konnte mich nun gar nicht wieder los werden. Niemand wollte mich annehmen, ich war der Frau ein wahres Unglück. »Ich bin wahrhaftig gezwungen, Jemand mit dem Schillinge anzuführen,« sagte sie, »ich kann mit dem besten Willen einen falschen Schilling nicht aufheben: der reiche Bäcker soll ihn haben, er kann es am besten verschmerzen, aber unrecht ist es bei alledem doch, daß ich's thue!« »Auch das Gewissen der Frau muß ich noch obendrein belasten!« seufzte es in dem Schillinge. »Bin ich denn auf meine älteren Tage wirklich so verändert?« Die Frau begab sich zu dem reichen Bäcker, aber der kannte gar zu gut die gangbaren Schillinge, als daß er mich hätte behalten sollen, er warf mich der Frau grade in's Gesicht, Brot bekam sie für mich nicht, und ich fühlte mich so recht von Herzen betrübt, daß ich solchergestalt zu Anderer Ungemach ausgemünzt sei, ich, der ich in meinen jungen Tagen freudig und sicher mir meines Werthes und echten Gepräges bewußt gewesen war! So recht traurig wurde ich, wie es ein armer Schilling werden kann, wenn Niemand ihn haben will. Die Frau nahm mich aber wieder mit nach Hause, sie betrachtete mich mit einem herzlichen, freundlichen Blicke und sagte: »Nein, ich will Niemand mit dir anführen! Ich will ein Loch durch dich schlagen, damit Jedermann sehen kann, daß du ein falsches Ding bist – und doch – das fällt mir jetzt so ein, – du bist vielleicht gar ein Glücksschilling, – kommt mir doch der Gedanke so ganz von selbst, daß ich daran glauben muß! Ich werde ein Loch durch den Schilling schlagen und eine Schnur durch das Loch ziehen, und dem Kleinen der Nachbarsfrau den Schilling um den Hals als Glücksschilling hängen.« Und sie schlug ein Loch durch mich; angenehm ist es freilich nicht, wenn ein Loch durch Einen geschlagen wird, allein wenn es in guter Absicht geschieht, laßt sich Vieles ertragen! Eine Schnur wurde auch durchgezogen, ich wurde eine Art Medaillon zum Tragen, man hing mich um den Hals des kleinen Kindes, und das Kind lächelte mich an, küßte mich, und ich ruhte eine ganze Nacht an der warmen, unschuldigen Brüst des Kindes. Als es Morgen wurde, nahm die Mutter mich zwischen ihre Finger, sah mich an und hatte so ihre eigenen Gedanken dabei, das fühlte ich bald heraus. Sie suchte eine Scheere hervor und schnitt die Schnur durch. »Glücksschilling!« sagte sie. »Ja, das werden wir jetzt erfahren!« Und sie legte mich in Essig, daß ich ganz grün wurde; darauf kittete sie das Loch zu, rieb mich ein wenig und ging nun in der Dämmerstunde zum Lotteriecollecteur, sich ein Loos zu kaufen, das Glück bringen sollte. Wie war mir übel zu Muthe! Es zwickte in mir, als müßte ich zerknicken, ich wußte, daß ich falsch genannt und hingeworfen werden würde, und zwar grade vor die Menge von Schillingen und Münzen, die mit Inschrift und Gesicht da lagen, auf welche sie stolz sein konnten, aber ich entging der Schande, beim Collecteur waren viele Menschen, er hatte gar viel zu thun, und ich fuhr klingend in den Kasten unter die andern Münzen; ob später das Loos gewann, weiß ich nicht, das aber weiß ich, daß ich schon am andern Morgen als ein falscher Schilling erkannt, bei Seite gelegt und ausgesandt wurde, um zu betrügen und immer zu betrügen. Es ist nicht auszuhalten, wenn man einen reellen Charakter hat, und den kann ich mir selber nicht absprechen. Jahr und Tag ging ich in solcher Weise von Hand zu Hand, von Haus zu Haus, immer ausgeschimpft, immer ungern gesehen; Niemand traute mir, und ich traute mir selbst, traute der Welt nicht, das war eine schwere Zeit! Da langte eines Tags ein Reisender, ein Fremder an, bei dem wurde ich angebracht, und er war treuherzig genug, mich für gangbare Münze anzunehmen; aber nun wollte er mich abermals ausgeben, und ich vernahm wieder die Ausrufe: »taugt nichts! falsch!« »Ich habe ihn für gut erhalten,« sagte der Mann, und betrachtete mich dabei recht genau; plötzlich lächelte sein ganzes Gesicht, das geschah sonst mit keinem Gesichte, wenn man mich besah. »Nein, was ist doch das!« sagte er. »Das ist ja eine unserer eigenen Landesmünzen, ein guter, ehrlicher Schilling aus der Heimath, durch den man ein Loch geschlagen, den man falsch nennt. Das ist in der That curios! Dich werde ich doch aufheben und mit nach Hause nehmen!« Die Freude durchrieselte mich, man hieß mich einen guten, ehrlichen Schilling, und nach der Heimath sollte ich, zurückreisen, wo Alle und Jeder mich kennen und wissen würden, daß ich aus gutem Silber sei und echtes Gepräge habe. Ich hätte vor Freude Funken schlagen können, aber es liegt nun einmal nicht in meiner Natur zu sprühen, das kann wohl der Stahl, nicht das Silber. Ich wurde in ein feines, weißes Papier eingewickelt, damit ich nicht mit den andern Münzen verwechselt werden und abhanden kommen möchte, und bei festlichen Gelegenheiten, wenn Landsleute sich begegneten, wurde ich vorgezeigt und es wurde sehr gut von mir gesprochen; sie sagten, ich sei interessant: es ist freilich merkwürdig, daß man interessant sein kann, ohne ein einziges Wort zu sagen. Endlich langte ich in der Heimath an! Alle meine Noth hatte ein Ende, die Freude kehrte wieder bei mir ein, war ich doch von gutem Silber. hatte das echte Gepräge! Und keine Widerwärtigkeiten hatte ich mehr auszustehen, obgleich man das Loch durch mich geschlagen, als falsch, doch das thut nichts, wenn man es nur nicht ist! Man muß ausharren, Alles gelangt mit der Zeit zu seinem Rechte! Das ist mein Glaube,« sagte der Schilling. Zwei Brüder. Auf einer der dänischen Inseln, wo alte Thingsteine, der Urvorväter Gerichtssitze, sich in den Kornfeldern und große Bäume in den Buchenwäldern erheben, liegt ein kleines Städtchen, dessen niedrige Häuser mit rothen Ziegeln gedeckt sind. In einem dieser Häuser wurden über glühenden Kohlen auf dem offenen Herde wunderliche Dinge gebraut, es wurde in Gläsern gekocht, wurde gemischt und destillirt, und Kräuter zerhackt und in Mörsern zerstoßen; ein älterer Mann stand dem Allem vor. »Man muß nur das Rechte thun« sprach er, »ja das Rechte, das Richtige, die Wahrheit in jedem geschaffenen Theile muß man kennen und sich an dieselbe halten!« In der Stube bei der armen Hausfrau saßen ihre zwei Söhne, noch klein, aber mit großen Gedanken. Auch die Mutter hatte ihnen stets von Recht und Gerechtigkeit gesprochen, sie ermahnt, die Wahrheit fest zu halten, dieselbe sei das Antlitz Gottes in dieser Welt. Der älteste der Knaben sah schelmisch und unternehmend aus, seine Lust war von den Naturkräften, von Sonne und Sterne zu lesen, kein Märchen liebte er so. O, wie schön müsse es sein, auf Reise-Entdeckungen zu gehen, oder es herauszufinden, wie die Flügel der Vögel nachzumachen seien und dann stiegen zu können; ja, das herauszufinden, sei das Rechte, Vater hatte Recht und Mutter hatte Recht; die Wahrheit hält die Welt zusammen. Der jüngere Bruder war stiller und vertiefte sich ganz in die Bücher. Las er von Jacob, der sich in Schaafsfelle kleidete, um Esau zu ähneln und sich dadurch das Erstgeburtsrecht zu erschleichen, so ballte sich seine kleine Faust im Zorne gegen den Betrüger; las er von Tyrannen, dem Unrechte und der Bosheit der Welt, so standen ihm Thränen in den Augen der Gedanke von dem Rechte, von der Wahrheit, die siegen solle und müsse erfüllte ihn ganz – Eines Abends, er lag schon im Bette, aber die Vorhänge waren noch nicht ganz um dasselbe zusammengezogen, das Licht strahlte zu ihm hinein, er hatte sein Buch mit ins Bett genommen, er wollte durchaus die Geschichte von Solon zu Ende lesen Die Gedanken hoben und trugen ihn gar wunderbar weit, es war ihm, als würde das Bettein Schiff, das mit vollen Segeln dahinjagte. Träumte ihm, oder was ging mit ihm vor? Es glitt dahin über rollende Gewässer, die großen Seen der Zeit, er vernahm die Stimme Solons; ihm verständlich und doch in fremder Zunge vernahm er den dänischen Wahlspruch: »Mit Gesetz regiert man das Land!« Der Genius des Menschengeschlechts stand in der ärmlichen Stube, beugte sich über das Bett und drückte dem Knaben einen Kuß auf die Stirn: »Werde stark in Ruhm und stark im Kampfe des Lebens' Die Wahrheit im Busen fliege dem Lande der Wahrheit entgegen!« Der ältere Bruder war noch nicht zu Bett, er stand am Fenster, schaute auf die Nebel hinaus, die sich von den Wiesen erhoben; es seien nicht die Elfen, die dort tanzten, wie die alte Kindermuhme ihm gesagt, sondern er wisse es besser, es seien Dämpfe, wärmer als die Luft und deshalb stiegen sie. Eine Sternschnuppe leuchtet, und die Gedanken des Knaben waren in demselben Nu von den Dünsten der Erde oben bei dem leuchtenden Meteor. Die Sterne des Himmels blitzten, es war als hingen lange, goldene Fäden von ihnen herab bis zur Erde. »Fliege mit mir,« sang und klang es in das Herz des Knaben hinein; der mächtige Genius der Geschlechter, schneller als der Vogel, als der Pfeil, als Alles, was irdischen Ursprungs zu fliegen vermag, trug ihn hinaus in den Raum, wo der Strahl von Stern zu Stern die Himmelskörper an einander band; unsere Erde kreiste in der dünnen Luft; die eine Stadt schien ganz in der Nähe der andern zu liegen. Durch die Sphären klang es: »Was ist nah, was ist fern, wenn der mächtige Genius des Geistes Dich erhebt!« Und wiederum stand der Kleine am Fenster und schaute hinaus der jüngere Bruder lag in seinem Bette; die Mutter rief sie bei Namen: » Anders Sandöe « und » Hans Christian !« Dänemark kennt sie, die Welt kennt sie: die beiden Brüder Oersted . – Der alte Grabstein. In einem der kleinen Provinzialstädtchen bei einem Manne, der sein eigen Haus und Hof hatte, war eines Abends um die Jahreszeit, wo es heißt »der Abend wird länger« der ganze Familienkreis versammelt; es war noch mild und warm; die Lampe flammte auf dem Tische, die langen Vorhänge wallten herab hinter den offenen Fenstern, an welchen viele Blumentöpfe standen, und draußen unter freiem Himmel war der herrlichste Mondschein; – doch davon sprachen sie nun freilich nicht, sie sprachen von einem alten großen Steine, welcher unten im Hofraume hart an der Küchenthüre lag, auf welchen die Mägde oft das blank geputzte kupferne Küchengeschirr hinstellten, damit es in der Sonne trockene, und wo die Kinder gern herumspielten, – es war eigentlich ein alter Grabstein. »Ja,« sagte der Hausherr, »ich glaube der Stein ist von dem alten Klosterkirchhofe; von dort und aus der Kirche wurden die Kanzel, die Epitaphien und die Grabsteine verkauft! Mein Vater erstand die letzteren, sie wurden zu Pflastersteinen entzweigehauen, diesen Stein aber behielt man zurück und seitdem liegt er unten im Hofe.« »Man sieht's ihm wohl an, daß er ein Grabstein ist,« fiel das älteste der Kinder ein; »man erblickt noch daran ein Stundenglas und ein Stückchen von einem Engel, aber die Inschrift, die darunter gestanden, ist fast ganz verwischt, nur der Name Preben und ein großes S. dicht hinter demselben, und etwas weiter unten Martha sind noch zu lesen, aber mehr ist nicht herauszubringen, und auch das ist nur deutlich, wenn es geregnet hat, oder wenn wir den Stein gewaschen haben.« »Du lieber Gott, das ist der Grabstein von Preben Schwane und seiner Frau!« – nahm ein alter Mann das Wort, so alt, daß er sehr wohl der Großvater aller im Zimmer Anwesenden hätte sein können. »Ja dies war eins der letzten Ehepaare, die auf dem alten Friedhofe des Klosters beerdigt wurden! Es war ein altes, ehrwürdiges Paar, ich erinnere mich seiner noch aus meinen Knabenjahren her. – Alle kannten es, und Alle hatten es lieb, es war das Alterskönigspaar hier im Städtchen; die Leute sagten, es besäße über eine Tonne Goldes, und doch ging es sehr einfach gekleidet, in den gröbsten Stoffen, aber die Wäsche war immer glänzend weiß; – es war ein schönes, altes Paar, Preben und Martha ! – Wann Beide auf der Bank dort oben auf der hohen steinernen Treppe des Hauses saßen, über welche hinaus die alte Linde ihre Zweige breitet, und wem sie dann freundlich und mild zunickten, dem wurde wohl dabei. Sie waren sehr gut gegen die Armen; sie speisten sie, sie kleideten sie, und in ihrer Wohltätigkeit war Vernunft und wahres Christenthum. Die alte Frau starb zuerst; mir steht der Tag noch lebhaft vor Augen! Ich war ein kleiner Knabe und hatte meinen Vater zu dem alten Preben ins Haus begleitet, und wir waren eben dort, als sie hinübergeschlummert war; der alte Mann war tief bewegt und weinte wie ein Kind. – Die Leiche lag noch in der Schlafstube nebenan wo wir saßen, – er sprach zu meinem Vater und einigen Nachbarn, die dort waren, und sprach davon, wie einsam es nun bei ihm werden würde, wie gut und treu sie, die Entschlafene, gewesen, wie viele Jahre sie miteinander durchs Leben gewandelt und wie es gekommen, daß sie sich hatten kennen lernen und sich lieb gewonnen; ich war wie gesagt, ein Knabe, und stand nur dabei und hörte Dem zu, was die Andern sprachen, aber es erfüllte mich in wunderbarer Weise, den Worten des alten Mannes zu lauschen und Zeuge zu sein, wie er allmälig lebhaft wurde und seine Wangen sich färbten, als er von den Tagen des Brautstandes und davon sprach, wie schön sie gewesen, wie viele kleine unschuldige Umwege er gegangen sei, um ihr zu begegnen, und er erzählte von dem Hochzeitstage, seine Augen leuchteten, er lebte sich gleichsam zurück in jene Zeit der Freude, und nebenan lag sie in dem Kämmerchen, todt, eine alte Frau, und er war ein alter Mann und sprach von der Zeit der Hoffnung! – – ja, ja, so geht es! Damals war ich ein Kind nur, und jetzt bin ich alt, alt wie Preben Schwane. Die Zeit verstreicht und Alles wechselt! – Ich entsinne mich gar wohl des Tages ihrer Bestattung, der alte Preben ging dicht hinter dem Sarge einher. Wenige Jahre vorher hatte das Ehepaar seinen Grabstein zurecht machen lassen mit Inschrift und Namen bis auf das Todesjahr; der Stein wurde Abends nach dem Friedhofe gefahren und über das Grab gelegt, – und ein Jahr später ward er wieder abgewälzt und der alte Preben stieg zu seiner Ehegattin hinab. – Sie hinterließen bei weitem nicht den Reichthum, den die Leute geglaubt; was da war, kam an Familien weitläufiger Verwandtschaft, an Solche, von denen man bis dahin nichts gewußt hatte. Das alte Haus von Fachwerk, mit der Bank auf der hohen steinernen Treppe unter der Linde, wurde von der Behörde niedergerissen: es war zu alt und morsch, als daß man es hätte stehen lassen dürfen. Später als dasselbe Schicksal die Klosterkirche traf und als der Friedhof einging, kam der Grabstein Prebens und Martha's wie alles Andere von dort an Denjenigen, der es kaufen wollte, und nun trifft es sich doch so, daß der Grabstein nicht entzweigehauen und verwendet worden ist wie mancher andere, sondern daß er noch unten im Hofraume liegt, eine Scheuerbank der Mägde, eine Spielstätte der Kinder. – Die gepflasterte Straße führt jetzt über die Ruhestätte des alten Preben und seiner Gattin hin. »Niemand denkt mehr an sie!« Und der alte Mann, der dieses Alles erzählte, schüttelte wehmüthig den Kopf. »Vergessen! – Alles soll vergessen werden!« sprach er. Darauf sprachen sie im Zimmer von anderen Dingen; aber das jüngste Kind drinnen, ein Knabe mit großen ernsten Augen, stieg auf einen Stuhl hinter den Fenstervorhangen, und blickte in den Hofraum hinaus, woselbst der Mond den alten Stein mit seinem hellen Scheine übergoß, den alten Stein, der ihm sonst leer und flach erschienen war, jetzt aber da lag, ein großes Blatt aus einem Chronikbuche. Alles, was der Knabe von dem alten Preben und dessen Gattin vernommen, wohnte hier dem Steine inne: er blickte diesen an, und blickte in den klaren lichten Mond, schaute in die reine Luft hinein, es war als leuchte das Antlitz Gottes über die Erde hinaus. »Vergessen! – Alles soll vergessen werden!« tönte es drinnen im Zimmer, und in demselben Augenblicke küßte ein unsichtbarer Engel dem Knaben die Brust und die Stirn und flüsterte ihm leise zu: Bewahre Du das anvertraute Samenkorn, damit es gedeihe und reife, bewahre es wohl! Durch Dich, mein Kind, soll die verwischte Inschrift, der verwittert Grabstein in klaren, goldenen Zügen künftigen Geschlechtern vorgeführt werden! Das alte Ehepaar soll wieder Arm in Arm durch die alten Straßen wandeln und lächeln, mit frischen gesunden Wangen auf der hohen Bank unter der Linde sitzen, und Arm und Reich zunicken. Das Samenkorn dieser Stunde wird durch Jahre zu einer blühenden Dichtung gedeihen. Das Gute, das Schöne wird nicht vergessen, es lebt im Liede, es lebt in der Sage. Die Schnecke und der Rosenstock. Rings um den Garten zog sich eine Hecke von Haselbüschen; außerhalb derselben war Feld und Wiese mit Kühen und Schafen, aber mitten in dem Garten stand ein blühender Rosenstock; unter diesem saß eine Schnecke, die hatte Vieles in sich, sie hatte sich selbst. »Warte nur bis meine Zeit kommt!« sagte sie, »ich werde mehr ausrichten, als Rosen ansetzen, Nüsse tragen oder Milch geben, wie Haselbusch, Kühe und Schafe!« »Ich erwarte sehr viel von Ihr!« sagte der Rosenstock. »Darf ich fragen: wann wird es zum Vorscheine kommen?« »Ich lasse mir Zeit!« sagte die Schnecke. »Sie haben nun solche Eile! Das spannt die Erwartungen nicht.« Im darauf folgenden Jahre lag die Schnecke ungefähr auf derselben Stelle im Sonnenscheine unter dem Rosenstocke, der wieder Knospen trieb und Rosen entfaltete, immer frische, immer neue. Und die Schnecke kroch halb aus ihrem Hause heraus, streckte die Fühlhörner aus, und zog sie wieder ein. »Alles sieht aus wie im vorigen Jahre! Gar kein Fortschritt; der Rosenstock bleibt bei den Rosen, weiter kommt er nicht!« Der Sommer, der Herbst verstrich; der Rosenstock trug Rosen und Knospen bis der Schnee fiel, bis das Wetter rauh und naß wurde; dann beugte er sich zur Erde, die Schnecke kroch in die Erde. Es begann ein neues Jahr; die Rosen kamen zum Vorscheine, die Schnecke auch. »Sie sind jetzt ein alter Rosenstock!« sagte die Schnecke. »Sie müssen machen, daß Sie bald eingehen. Sie haben der Welt Alles gegeben, was Sie in sich gehabt haben, ob es von Belang war, das ist eine Frage, über die nachzudenken ich keine Zeit gehabt habe; so viel ist aber klar und deutlich, daß Sie nicht das Geringste für Ihre innere Entwicklung gethan haben, sonst wäre wohl etwas Anderes aus Ihnen hervorgegangen. Können Sie das verantworten? Sie werden jetzt bald ganz und gar nur Stock sein! Begreifen Sie, was ich sage?« »Sie erschrecken mich!« sagte der Rosenstock. »Darüber habe ich noch nicht nachgedacht.« »Nein, Sie haben sich wohl überhaupt nie mit Denken abgegeben! Haben Sie sich jemals Rechenschaft gegeben, weshalb sie blühten, und wie der Hergang beim Blühen ist; warum so und nicht anders?« »Nein!« sagte der Rosenstock. »Ich blühe in Freude, weil ich nicht anders konnte. Die Sonne schien und wärmte, die Luft erfrischte, ich trank den klaren Thau und den kräftigen Regen; ich athmete, ich lebte! Aus der Erde stieg eine Kraft in mich herauf, von Oben kam eine Kraft, ich vernahm ein immer neues, immer wachsendes Glück, und deshalb mußte ich immer blühen; das war mein Leben, ich konnte nicht anders!« »Sie haben ein sehr gemächliches Leben geführt!« sagte die Schnecke. »Gewiß! Alles wurde mir gegeben!« sagte der Rosenstock; »doch Ihnen wurde noch mehr gegeben! Sie sind eine dieser denkenden, tiefsinnigen Naturen, Einer dieser Hochbegabten, welche die Welt in Erstaunen setzen werden!« »Das fällt mir nicht im Entferntesten ein!« sagte die Schnecke. »Die Welt geht mich nichts an! Was habe ich mit der Welt zu schaffen? Ich habe genug mit mir selbst und genug in mir selbst!« »Aber müssen wir Alle hier auf Erden nicht unser bestes Theil den Andern geben, das darbringen, was wir eben vermögen? – Freilich, ich habe nur Rosen gegeben! – Doch Sie? Sie, die Sie so reich begabt sind, was schenkten Sie der Welt? Was werden Sie geben?« »Was ich gab? Was ich gebe? – Ich spucke sie an! sie taugt nichts! sie geht mich nichts an. Setzen Sie Rosen an, meinetwegen, Sie können es nicht weiter bringen! Mag der Haselbusch Nüsse tragen, die Kühe und Schafe Milch geben, die haben jedes ihr Publikum, ich habe das meine in mir selbst! Ich gehe in mich selbst hinein, und dort bleibe ich. Die Welt geht mich nichts an!« Damit begab die Schnecke sich in ihr Haus hinein, und verkittete dasselbe. »Das ist recht traurig!« sagte der Rosenstock. »Ich kann mit dem besten Willen nicht hineinkriechen, ich muß immer heraus, immer Rosen ausschlagen. Die entblättern nun gar, verwehen im Winde! Doch ich sah wie eine Rose in das Gesangbuch der Hausfrau gelegt wurde, eine meiner Rosen bekam ein Plätzchen an dem Busen eines jungen, schönen Mädchens, und eine wurde geküßt von den Lippen eines Kindes in lebensfroher Freude. Das that mir so wohl, das war ein wahrer Segen. Das ist meine Erinnerung, mein Leben!« Und der Rosenstock blühte in Unschuld, und die Schnecke lag und faulenzte in ihrem Hause. Die Welt ging sie nichts an. Jahre verstrichen. Die Schnecke war Erde in der Erde, der Rosenstock war Erde in der Erde; auch die Erinnerungsrose in dem Gesangbuche war verwelkt, – – aber im Garten blühten neue Rosenstöcke, im Garten wuchsen neue Schnecken; sie krochen in ihre Häuser hinein, spuckten aus, – die Welt ging sie nichts an. Ob wir die Geschichte wieder von vorn zu lesen anfangen? – Sie wird doch nicht anders. Der Schneemann. »Eine so wunderbare Kälte ist es, daß mir der ganze Körper knackt!« sagte der Schneemann. »Der Wind kann Einem freilich Leben einbeißen. Und wie die Glühende dort glotzt!« – er meinte die Sonne, die eben im Untergehen begriffen war. »Mich soll sie nicht zum Blinzeln bringen, ich werde schon die Stückchen festhalten.« Er hatte nämlich statt der Augen zwei große, dreieckige Stückchen von einem Dachziegel im Kopfe; sein Mund bestand aus einem alten Rechen, folglich hatte sein Mund auch Zähne. Geboren war er unter dem Jubelrufe der Knaben, begrüßt vom Schellengeläute und Peitschengeknalle der Schlittenfahrten. Die Sonne ging unter, der Vollmond ging auf, rund, groß, klar und schön in der blauen Luft. »Da ist sie wieder von einer andern Seite!« sagte der Schneemann. Damit wollte er sagen: die Sonne zeigt sich wieder. »Ich habe ihr doch das Glotzen abgewöhnt! Mag sie jetzt dort hängen und leuchten, damit ich mich selbst sehen kann. Wüßte ich nur, wie man es macht, um von der Stelle zu kommen! – Ich möchte mich gar zu gern bewegen! – Wenn ich es könnte, würde ich jetzt dort unten auf dem Eise hingleiten, wie ich die Knaben gleiten sehe; allein ich verstehe mich nicht darauf, weiß nicht wie man läuft.« »Weg! Weg!« bellte der alte Kettenhund; er war etwas heiser und konnte nicht mehr das echte »Wau! Wau!« aussprechen; die Heiserkeit hatte er sich geholt als er noch Stubenhund war und unter dem Ofen lag. »Die Sonne wird Dich schon laufen lehren! Das habe ich vorigen Winter an Deinem Vorgänger und noch früher an dessen Vorgänger gesehen. Weg! Weg! und weg sind sie alle!« »Ich verstehe Dich nicht, Kamerad,« sagte der Schneemann. »Die dort oben soll mich laufen lehren?« Er meinte den Mond; »ja, laufen that sie freilich vorhin, als ich sie fest ansah, jetzt schleicht sie heran von einer andern Seite.« »Du weißt gar nichts!« entgegnete der Kettenhund; »Du bist aber auch eben erst aufgekleckst. Der, den Du da siehst, ist der Mond; die, welche vorhin davonging, war die Sonne; die kommt morgen wieder, sie wird Dich schon lehren, in den Wallgraben hinabzulaufen. Wir kriegen bald anderes Wetter; ich fühle das schon in meinem linken Hinterbeine; es sticht und schmerzt: – das Wetter wird sich ändern!« »Ich verstehe ihn nicht,« sagte der Schneemann, »aber ich habe es im Gefühle, daß es Unangenehmes ist, das er spricht. Sie, die so glotzte und sich alsdann davon machte, die Sonne, wie er sie nennt, ist auch nicht mein Freund: – das habe ich im Gefühle!« »Weg! Weg!« bellte der Kettenhund, ging dreimal um sich selbst herum, und kroch dann in seine Hütte, um zu schlafen. Das Wetter änderte sich wirklich. Gegen Morgen lag ein dicker, feuchter Nebel über der ganzen Gegend; später kam der eisige Wind: das Frostwetter packte Einen recht; aber als die Sonne aufging, welche Pracht! Bäume und Gebüsch waren mit Reif überzogen, sie glichen einem Walde von Korallen, alle Zweige schienen mit strahlend weißen Blüthen über und über belegt. Die vielen und feinen Verzweigungen, die während der Sommerzeit der Blätterreichthum verbirgt, kommen jetzt alle zum Vorscheine. Es war wie ein Spitzengewebe, glänzend weiß; aus jedem Zweige strömte ein weißer Glanz. Die Hängebirke bewegte sich im Winde; sie hatte Leben, wie alle Bäume im Sommer: es war wunderbar schön! Und als die Sonne schien, nein, wie flimmerte und funkelte das Ganze, als läge Demantstaub auf Allem und als flimmerten über den Schneeteppich des Erdbodens die großen Diamanten, oder man konnte sich auch vorstellen, daß unzählige kleine Lichter leuchteten, weißer selbst als der weiße Schnee. »Das ist wunderbar!« sagte ein junges Mädchen, das mit einem jungen Manne in den Garten trat. Beide blieben in der Nähe des Schneemannes stehen und betrachteten von hier aus die flimmernden Bäume. »Einen schöneren Anblick gewährt der Sommer nicht!« sprach sie, und ihre Augen strahlten. »Und so einen Kerl, wie dieser hier, hat man im Sommer erst recht nicht,« erwiderte der junge Mann, und zeigte auf den Schneemann. »Er ist ausgezeichnet!« Das junge Mädchen lachte, nickte dem Schneemanne zu und tanzte darauf mit ihrem Freunde über den Schnee dahin, der unter ihren Schritten knarrte und pfiff, als wenn sie auf Stärkemehl gingen. »Wer waren die Beiden?« fragte der Schneemann den Kettenhund; »Du bist längere Zeit hier im Hofe wie ich, kennst Du sie?« »Ob ich sie kenne!« antwortete der Kettenhund. »Sie hat mich gestreichelt und Er hat mir einen Fleischknochen zugeworfen. Die Beiden beiße ich nicht!« »Aber was stellen die vor?« fragte der Schneemann. »Liebesleute!« gab der Kettenhund zur Antwort. »Sie werden in eine Hütte ziehen und zusammen an Knochen nagen. Weg! Weg!« »Sind denn die Beiden auch solche Wesen wie Du und ich?« fragte der Schneemann. »Sie gehören ja zur Herrschaft!« versetzte der Kettenhund; »freilich weiß man sehr wenig, wenn man den Tag zuvor erst zur Welt gekommen ist. Ich merke es an Dir! Ich habe das Alter, auch die Kenntnisse; ich kenne Alle hier im Hause, und auch eine Zeit habe ich gekannt, wo ich nicht hier in der Kälte an der Kette lag. Weg! Weg!« »Die Kälte ist herrlich,« sprach der Schneemann. »Erzähle, erzähle! Aber Du darfst nicht mit der Kette lärmen; es knackt in mir, wenn Du das thust.« »Weg! Weg!« bellte der Kettenhund. »Ein kleiner Junge sei ich gewesen, klein und niedlich, sagten sie; damals lag ich in einem mit Sammet überzogenen Stuhle dort oben im Herrenhause im Schooße der obersten Herrschaft; mir wurde die Schnauze geküßt und die Pfoten wurden mir mit gesticktem Taschentuch abgewischt, ich hieß: Ami! lieber, süßer Ami! Aber später wurde ich ihnen dort oben zu groß und sie schenkten mich der Haushälterin. Ich kam in die Kellerwohnung! Du kannst in sie hineinsehen von dort aus, wo Du stehst; Du kannst in die Kammer hinabsehen, wo ich Herrschaft gewesen bin, denn das war ich bei der Haushälterin. Es war zwar ein geringerer Ort als oben, aber er war gemüthlicher, ich wurde nicht in Einem fort von Kindern angefaßt und gezerrt wie oben. Ich bekam ebenso gutes Futter wie früher, ja besseres noch! Ich hatte mein eigenes Kissen, und ein Ofen war da, der ist um diese Zeit das Schönste von der Welt! Ich ging unter den Ofen, konnte mich darunter ganz verkriechen. Ach, von dem Ofen träumt mir noch. Weg! Weg!« »Sieht denn ein Ofen so schön aus?« fragte der Schneemann. »Hat er Aehnlichkeit mit mir?« »Der ist gerade das Gegentheil von Dir! Rabenschwarz ist er, hat einen langen Hals mit Messingtrommel. Er frißt Brennholz, daß ihm das Feuer aus dem Munde sprüht. Man muß sich an der Seite von ihm halten, nahe dabei, ganz unter ihm, ist es sehr angenehm. Durch das Fenster wirst Du ihn sehen können, von dort aus, wo Du stehst.« Und der Schneemann schaute danach und gewahrte einen blank polirten Gegenstand mit messingener Trommel; das Feuer leuchtete daraus von unten her. Dem Schneemann« wurde ganz wunderlich zu Muthe, es überkam ihn ein Gefühl, er wußte selbst nicht welches, er konnte sich keine Rechenschaft von ihm geben; aber alle Menschen, wenn sie nicht Schneemänner sind, kennen es. »Warum verließest Du sie?« fragte der Schneemann. Er hatte es im Gefühle, daß es ein weibliches Wesen sein mußte. »Wie konntest Du nur einen solchen Ort verlassen?« »Ich mußte wohl!« sagte der Kettenhund. »Man warf mich zur Thür hinaus und legte mich hier an die Kette. Ich hatte den jüngsten Junker ins Bein gebissen, weil er mir den Knochen wegstieß, an dem ich nagte; Knochen um Knochen, so denke ich! Das nahm man mir aber sehr übel, und von dieser Zeit an bin ich an die Kette gelegt und habe meine Stimme verloren, hörst Du nicht, daß ich heiser bin: Weg! Weg! Ich kann nicht mehr so sprechen wie die andern Hunde. Weg! Weg! Das war das Ende vom Liede!« Der Schneemann hörte ihm aber nicht mehr zu; er sah immerfort in die Kellerwohnung der Haushälterin, in ihre Stube hinein, wo der Ofen auf seinen vier eisernen Beinen stand und sich in derselben Größe zeigte wie der Schneemann. »Wie das sonderbar in mir knackt!« sagte er. »Werde ich nie dort hinein kommen? Es ist doch ein unschuldiger Wunsch, und unsere unschuldigen Wünsche werden gewiß in Erfüllung gehen. Ich muß dort hinein, ich muß mich an sie anlehnen, und wenn ich auch das Fenster eindrücken sollte!« »Dort hinein wirst Du nie gelangen,« sagte der Kettenhund, »und kommst Du an den Ofen hinan, so vergehst Du. Weg! Weg!« »Ich bin schon so gut wie weg!« erwiderte der Schneemann, »ich breche zusammen, glaube ich.« Den ganzen Tag guckte der Schneemann durch's Fenster hinein; in der Dämmerstunde wurde die Stube noch einladender; vom Ofen her leuchtete es mild, gar nicht wie der Mond, nicht wie die Sonne; nein, wie nur der Ofen leuchten kann, wenn er etwas zu verspeisen hat. Wenn die Stubenthüre aufging, stand ihm die Flamme zum Munde heraus – diese Gewohnheit hatte der Ofen; es flammte deutlich roth auf um das weiße Gesicht des Schneemannes, es leuchtete roth seine ganze Brust herauf. »Ich halte es nicht mehr aus!« sagte er. »Wie schön es ihm steht, die Zunge so herauszustrecken!« Die Nacht war lang; dem Schneemanne wurde sie aber nicht lang, er stand da in seine eigenen, schönen Gedanken vertieft, und die froren, daß es knackte. Am Morgen waren die Fensterscheiben der Kellerwohnung mit Eis bedeckt; sie trugen die schönsten Eisblumen, die nur ein Schneemann verlangen konnte, allein sie verbargen den Ofen. Die Fensterscheiben wollten nicht aufthauen; er konnte den Ofen nicht sehen, den er sich als ein so liebliches weibliches Wesen dachte. Es knackte und knickte in ihm und rings um ihn her; es war gerade so ein Frostwetter, an dem ein Schneemann seine Freude haben muß. Er aber freute sich nicht – wie hatte er sich auch glücklich fühlen können: er hatte Ofensehnsucht. »Das ist eine schlimme Krankheit für einen Schneemann,« sagte der Kettenhund, »ich habe auch an der Krankheit gelitten, aber ich habe sie überstanden. Weg! Weg!« bellte er. – »Wir werden anderes Wetter bekommen!« fügte er hinzu. Das Wetter änderte sich; es wurde Thauwetter. Dieses nahm zu; der Schneemann nahm ab. Er sagte nichts, er klagte nicht, und das ist das richtige Zeichen. Eines Morgens brach er zusammen. Und siehe, es ragte Etwas wie ein Besenstiel, da, wo er gestanden hatte, empor; um den Stiel herum hatten die Knaben ihn aufgebaut. »Ja, jetzt begreife ich es, jetzt verstehe ich es, daß er die große Sehnsucht hatte!« sagte der Kettenhund. »Da ist ja ein Eisen zum Ofenreinigen an dem Stiele, – der Schneemann hat einen Ofenkratzer im Leibe gehabt! Das ist es was sich in ihm geregt hat; jetzt ist das überstanden: Weg! Weg!« Und bald darauf war auch der Winter überstanden. »Weg! Weg!« bellte der heisere Kettenhund; aber die Mädchen aus dem Hause sangen: »Waldmeister grün! Hervor aus dem Haus; Weide! die wollenen Handschuhe aus; Lerche und Kuckuk! singt fröhlich drein, – Frühling mit Februar wird es sein! Ich singe mit: Kuckuk! Quivit! Komm, liebe Sonne, komm oft – quivit!« Und dann denkt Niemand an den Schneemann. Sie taugte nichts. Der Bürgermeister stand am offenen Fenster; er war in seinem Hemde mit Handmanschetten, mit Tuchnadel in dem Busenstreifen, und außerordentlich glatt rasirt, selbsteigene Arbeit; und doch hatte er sich einen kleinen Schnitt beigebracht, aber auf demselben klebte ein Stückchen Zeitung. »Höre 'mal, Du Kleiner!« rief er. Und der Kleine war kein Anderer als der Sohn der armen Waschfrau, der gerade am Hause vorüberging und ehrfurchtsvoll seine Mütze zog; der Schirm derselben war in der Mitte gebrochen, die Mütze war dazu eingerichtet, zusammengerollt und in die Tasche gesteckt zu wenden. In seinen ärmlichen, aber reinen und außerordentlich gut geflickten Kleidern, mit schweren Holzschuhen an den Füßen, stand der Knabe da, ehrfurchtsvoll, als stände er dem Könige selbst gegenüber. »Du bist ein guter Junge,« sagte der Bürgermeister. »Du bist ein höflicher Knabe. Deine Mutter spült wohl Wäsche unten am Flusse; dort mußt Du das gewiß hinbringen, was Du in der Tasche hast. Das ist ein garstig Ding mit Deiner Mutter; wie viel hast Du drin?« »Ein halbes Maas,« sagte der Knabe erschrocken, mit halblauter Stimme. »Und heute Morgen bekam sie ebenso viel,« fuhr der Mann fort. »Nein, es war gestern!« antwortete der Knabe. »Zwei halbe machen ein ganzes« – Sie taugt nichts! Es ist traurig mit der Art Leute! – Sage Deiner Mutter, sie solle sich schämen! und werde Du nur kein Trunkenbold; aber das wirst Du schon werden! Armes Kind! Geh nur!« Und der Knabe ging weiter; die Mütze behielt er in der Hand und der Wind spielte in seinen gelben Haaren, daß lange Büschel in die Höhe standen. Er lenkte um die Straßenecke, in die kleine Gasse ein, die nach dem Fluße führte, wo die Mutter im Wasser stand an der Waschbank und mit dem Schlägel die schwere Wäsche schlug. Das Wasser strömte stark, denn die Schleusen der Mühle waren aufgezogen, das Bettlaken trieb mit dem Strome und war im Begriffe, die Bank umzureißen. Die Waschfrau mußte sich dagegen stemmen. »Bald wäre ich davon gesegelt!« sagte sie, »es ist gut, daß Du kommst, denn ich habe es nöthig, den Kräften ein wenig zu Hilfe zu kommen! Es ist kalt hier im Wasser; sechs Stunden, stehe ich schon hier. Hast Du Etwas für mich?« Der Knabe zog die Flasche hervor und die Mutter setzte sie an den Mund und trank einen Schluck. »Ach, wie das wohl thut! Wie das wärmt! Das ist ebenso gut wie warmes Essen, und nicht so theuer! Trinke, mein Junge! Du siehst ganz blaß aus, es friert Dich in den dünnen Kleidern! Es ist ja auch Herbst. Hu! wie ist das Wasser kalt! Wenn ich nur nicht krank werde! Doch das werde ich nicht! Gieb mir noch einen Schluck und trinke auch Du, aber nur ein Tröpfchen, Du darfst Dich nicht daran gewöhnen, mein armes, gutes Kind!« Und sie ging um die Brücke herum, auf welcher der Knabe stand und trat ans Land; das Wasser troff von der Strohmatte, die sie um den Leib gebunden hatte, und von ihrem Rocke. »Ich arbeite und quäle mich, daß das Blut mir fast unter den Nägeln hervorquillt! aber ich thu' es gern, wenn ich Dich nur ehrlich und rechtschaffen durchbringe, mein lieber Junge!« In diesem Augenblicke trat eine etwas ältere Frau heran, eine ärmliche Erscheinung, lahm an dem einen Beine und mit einer gar großen, falschen Locke über dem einen blinden Auge: das Auge sollte von der Locke bedeckt sein, aber sie machte den Fehler dadurch nur auffallender. Es war eine Freundin der Waschfrau; »die lahme Marthe mit der Locke,« nannten sie die Nachbarn. »Du Arme, wie Du arbeitest und in dem kalten Wasser stehst! Du hast wahrhaftig nöthig, daß Du Dich ein wenig erwärmst, und doch schreien die bösen Zungen über die paar Tropfen, die Du trinkst! – Und nun währte es nur wenige Augenblicke, so war die ganze Rede des Bürgermeisters der Waschfrau hinterbracht, denn Marthe hatte Alles gehört und es hatte sie geärgert, daß er in solcher Weise zu dem Kinde von dessen eigener Mutter und von den wenigen Tropfen sprach, die sie zu sich nahm, und zwar weil es an diesem Tage geschehe, an welchem der Bürgermeister selbst einen großen Mittagsschmauß gab mit Wein flaschenweise! Feine Weine, und starke Weine! Ein wenig über den Durst vieler Leute! Aber das nennt man nicht trinken! Die taugen, aber Du taugst nichts!« »Ah so, er hat mit Dir gesprochen, Kind?« sagte die Waschfrau, und ihre Lippen bewegten sich zitternd: »Du hast eine Mutter, die nichts taugt! Vielleicht hat er Recht! Aber dem Kinde sollte er es nicht sagen! Doch von dem Hause aus ist Vieles über mich gekommen!« »Ihr habt ja dort gedient, als noch die Eltern des Bürgermeisters am Leben waren und das Haus bewohnten; das sind viele Jahre her! Seitdem sind viele Scheffel Salz gegessen, und man kann schon Durst haben;« und Marthe lächelte. »Der Bürgermeister hat heute großen Mittagstisch, den Gästen hätte es abgesagt werden sollen, aber es wurde zu spät, und das Essen war auch schon fertig. Ich habe es von dem Hausknechte gehört. Vor einer Weile ist ein Brief gekommen, daß der jüngere Bruder in Kopenhagen gestorben ist!« »Gestorben!« rief die Waschfrau, und wurde leichenblaß. »Ei doch!« sagte Marthe, »Nehmt Ihr Euch das so sehr zu Herzen? Nun, Ihr kanntet ihn von der Zeit her, als Ihr dort im Hause dientet.« »Ist er todt! Er war so ein lieber, herzensguter Mann! Der Herr bekommt nicht Viele seines Gleichen!« und die Thränen rollten ihr über die Wangen herab. »O, mein Gott, es tanzt Alles um mich her – das ist, weil ich die Flasche leerte – das habe ich nicht vertragen können – ich fühle mich ganz unwohl!« und sie lehnte sich an die Planke. »Herr Gott! Ihr seid ganz krank,« sagte die andere Frau. »Seht zu, daß das wieder vorüber geht! – Nein, Ihr seid in der That ernstlich krank! Es wird am besten sein, daß ich Euch nach Hause bringe!« »Aber die Wäsche dort.« »Ich werde mich schon der Wäsche annehmen! – Kommt, reicht mir Euren Arm! Der Junge kann hier bleiben und aufpassen, ich werde dann wiederkommen und den Rest waschen, das ist ja nur eine Kleinigkeit!« Und die Füße schwankten unter der Waschfrau. »Ich habe zu lange in dem kalten Wasser gestanden; seit heute Morgen habe ich weder Essen noch Trinken gesehen! Das Fieber steckt mir im Körper. O, Herr Jesus, hilf mir, daß ich nach Hause komme! – Mein armes Kind!« – Sie weinte. Auch der Knabe weinte, und bald saß er allein am Flusse bei der nassen Wäsche. Die zwei Frauen schritten nur langsam weiter, die Waschfrau schleppend, schwankend durch das Gäßchen um die Ecke in die Straße, an dem Hause des Bürgermeisters vorüber, und gerade vor demselben sank sie auf das Straßenpflaster nieder. Es sammelten sich mehrere Leute; die lahme Marthe lief ins Haus nach Hilfe. Der Bürgermeister und seine Gäste traten an's Fenster. »Das ist die Waschfrau!« sagte er, »die hat ein wenig über den Durst getrunken; sie taugt nichts! Schade um den hübschen Knaben, den sie hat. Ich mag in der That den Jungen gern. Die Mutter taugt nichts!« Und die Waschfrau erholte sich wieder und man führte sie in ihre armselige Wohnung, woselbst sie zu Bette gebracht wurde. Die gute Marthe kochte eine Schaale Warmbier mit Butter und Zucker; diese Medicin, glaubte sie, sei die beste, und darauf begab sie sich nach dem Flusse, spülte gar schlecht, aber meinte es gut, zog eigentlich nur die nasse Wäsche an's Land und legte sie in einen Korb. Gegen Abend saß sie in dem ärmlichen Stübchen bei der Waschfrau. Einige geröstete Kartoffeln und ein schönes fettes Stück Schinken hatte die Köchin des Bürgermeisters ihr für die Kranke gegeben; daran thaten Marthe und der Knabe sich gütlich; die Kranke erfreute sich an dem Geruch, derselbe sei sehr nahrhaft, meinte sie. Und der Knabe wurde zu Bette gebracht, in dasselbe, in welchem die Mutter lag, aber er hatte seinen Platz quer zu ihren Füßen, und deckte sich mit einer alten Fußdecke zu, die von blauen und rothen Streifen zusammengenäht war. Mit der Waschfrau ging es ein wenig besser; das Warmbier hatte sie gestärkt und der Geruch des feinen Essens ihr wohlgethan. »Habe Dank, Du gute Seele!« sagte sie zu Marthe. »Ich will Dir auch erzählen, wenn der Knabe schläft. Ich glaube, er thut es schon. Wie süß und fromm er aussieht, so wie er dort mit geschlossenen Augen liegt! Er weiß nicht, wie es um seine Mutter steht, Gott gebe, daß er es nie erfahre! – Ich diente bei dem Kammerrath, bei den Eltern des Bürgermeisters; es traf sich nun, daß der jüngste der Söhne, der Student, nach Hause kam; damals war ich jung, ein wildes Mädchen, aber ehrbar, das darf ich im Angesichte Gottes sagen!« – sagte die Waschfrau – »der Student war lustig und guter Dinge, lieb und brav! Jeder Blutstropfen in ihm war gut und rechtschaffen; ein besserer Mensch ist nicht auf Erden gewesen. Er war Sohn im Hause, ich nur Magd, aber wir liebten uns; in Zucht und Ehren; ein Kuß ist doch keine Sünde, wenn man sich recht liebt. Und er sagte es seiner Mutter; sie war ihm als der liebe Herrgott hier auf Erden! Und sie war klug und liebevoll! – Er reiste ab, und seinen goldenen Ring steckte er mir an den Finger; und als er kaum aus dem Hause war, rief meine Herrin mich vor sich. Ernst und doch milde trat sie mir gegenüber und sprach als wäre es Gott selbst, welcher redete; sie machte mir den Abstand klar zwischen ihm und mir, im Geist und in der Wahrheit.« »Jetzt steht er darauf, wie gut Du aussiehst, aber das Aussehen wird vergehen! Du bist nicht erzogen wie er, Ihr seid einander nicht gleich im Reiche des Geistes, und darin liegt das Unglück. Ich achte den Armen« – sagte sie – »bei Gott dürfte er einen höheren Platz als mancher Reiche einnehmen; aber hier auf Erden muß man sich hüten, in ein falsches Geleis zu gerathen, wenn man vorwärts fährt, sonst schlägt der Wagen um, und Ihr Beide werdet umschlagen! Ich weiß, daß ein braver Mann, ein Handwerker um Dich angehalten hat, ich meine Erich, den Handschuhmacher; er ist Witwer, hat keine Kinder, steht sich gut; überlege Dir das!« »Jedes Wort, das sie sagte, schnitt wie ein Messer in mein Herz, aber die Frau hatte Recht! und das lastete schwer auf mir! – Ich küßte ihre Hand und weinte bittere Thränen, und weinte noch mehr, als ich in meine Kammer kam und mich auf mein Bett warf. Es war eine schwere Nacht, die jetzt folgte, Gott weiß es, was ich litt und stritt. Sonntags darauf ging ich zum Tische des Herrn, damit mir Licht werde. Es war wie eine Schickung: indem ich aus der Kirche trat, kam mir Erich entgegen. Und nun blieb kein Zweifel mehr in meiner Seele; wir paßten für einander, im Stande und in Verhältnissen, ja er war sogar ein wohlhabender Mann; und ich trat denn auch auf ihn zu, nahm seine Hand und sagte: »Ist Dein Sinn noch zu mir?« – »»Ja, ewig und immer!«« sagte er. »Willst Du ein Mädchen nehmen, das Dich achtet und ehrt, aber nicht liebt – doch das kann wohl kommen!« – »Das wird kommen!« sagte er, und darauf gaben wir einander die Hand. Ich ging nach Hause zu meiner Herrin: den goldenen Ring, den mir der Sohn gegeben, trug ich an meinem Herzen, ich konnte ihn nicht am Tage, nur jeden Abend an den Finger stecken, wenn ich mich niederlegte. Ich küßte den Ring, daß mir die Lippen bluteten, und darauf gab ich ihn meiner Herrin, und sagte ihr, daß das Aufgebot für mich und den Handschuhmacher künftige Woche erfolgen werde. Alsdann umarmte und küßte mich meine Herrin – sie sagte nicht, daß ich nichts tauge , allein damals war ich vielleicht auch besser, obwohl ich noch nicht so wie jetzt von der Noth der Welt heimgesucht worden war. Zur Lichtmesse war die Hochzeit; und im ersten Jahre ging es gut, wir hatten einen Gesellen und einen Lehrburschen, und Du, Marthe, dientest bei uns.« »O, Ihr wäret eine liebe, gute Hausmutter!« sagte Marthe, »nie vergesse ich es, wie gütig Ihr und Euer Mann waret!« »Ja, das waren damals die guten Jahre, als Du bei uns warst! Kinder hatten wir noch nicht – Den Studenten sah ich nie! – Doch! ich sah ihn, aber er sah mich nicht. Er war hier zur Beerdigung seiner Mutter. Ich sah ihn am Grabe stehen, er war leichenblaß und sehr betrübt, aber das war um die Mutter; später, als der Vater starb, war er in fremden Landen und kam nicht wieder hierher. Er heirathete nie, das weiß ich; er wurde Advocat, glaube ich! – mich hatte er vergessen, und wenn er mich auch gesehen, er hätte mich doch gewiß nicht wieder erkannt, so garstig sehe ich aus. Und das ist ja auch sehr gut!« Sie sprach von den Tagen der Prüfung und erzählte, wie das Unglück gleichsam auf sie hereinstürzte. »Wir besaßen,« sagte sie, »fünfhundert Thaler, und weil damals in der Straße ein Haus für zweihundert zu kaufen war und es sich lohnen würde, es abzutragen und ein neues zu bauen, so wurde es gekauft. Der Maurer- und Zimmermeister machten den Ueberschlag, und der neue Bau sollte zehnhundertundzwanzig kosten. Kredit hatte Erich, das Geld lieh er sich in der Hauptstadt, aber – der Schiffer, der es bringen sollte, scheiterte und das Geld mit ihm.« »Um diese Zeit brachte ich meinen lieben, süßen Knaben, der dort schläft, zur Welt. Mein Mann fiel in eine schwere, langwierige Krankheit, drei Vierteljahr mußte ich ihn an- und ausziehen. Wir kamen immer mehr zurück, wir machten Schulden; Alles, was wir hatten, ging darauf und der Vater starb uns. Ich habe gearbeitet, gestritten und gestrebt, des Kindes wegen; Treppen gescheuert, Linnen gewaschen, grobes und feines, aber ich soll es nicht besser haben, es ist so Gottes Wille! Doch er wird mich schon zu sich nehmen und auch den Knaben nicht verlassen!« Dann schlief sie ein. Gegen Morgen fühlte sie sich gestärkt und kräftig genug, wie sie glaubte, um wieder an ihre Arbeit zu gehen. Sie war eben auf's Neue in das kalte Wasser hinaus getreten, da befiel sie ein Zittern, eine Ohnmacht; krampfhaft griff sie mit der Hand in die Luft, that einen Schritt und fiel um. Der Kopf lag auf dem trocknen Lande, aber die Füße im Flusse; ihre hölzernen Schuhe, die sie anbehalten hatte – in jedem war ein Strohwisch – trieben mit dem Strome, so fand Marthe sie, als sie ihr den Kaffee bringen wollte. Vom Bürgermeister war unterdessen ein Bote zu ihr ins Haus abgesendet worden, »sie möge sogleich zu ihm kommen, er habe ihr etwas zu sagen,« Es war zu spät! Ein Barbier wurde geholt, um einen Aderlaß vorzunehmen; die Waschfrau war todt. »Sie hat sich todt getrunken!« sagte der Bürgermeister. In dem Briefe, der die Nachricht vom Tode des Bruders brachte, war der Inhalt des Testaments angegeben, und demnach seien 600 Thaler der Handschuhmacher-Witwe vermacht, die einst seinen Eltern gedient habe. Nach bestem Ermessen sollte das Geld »in größeren oder kleineren Theilen ihr oder ihrem Kinde verabreicht werden!« »Da ist so ein Mischmasch zwischen meinem Bruder und ihr gewesen,« sagte der Bürgermeister. »Es ist gut, daß sie weg ist; der Knabe bekommt jetzt das Ganze, und ich werde ihn bei braven Leuten unterbringen; es kann ein tüchtiger Handwerker aus ihm werden!« – Und in diese Worte legte der liebe Gott seinen Segen. Der Bürgermeister ließ den Knaben kommen, versprach, sich seiner annehmen zu wollen, und fügte noch hinzu, wie gut es sei, daß seine Mutter gestorben, sie taugte nichts. Auf den Kirchhof trug man sie, auf den Kirchhof der Armen, Marthe streute Sand auf das Grab und pflanzte einen kleinen Rosenstock darauf; der Knabe stand neben ihr. »Meine liebe Mutter!« sagte er, und seine Thränen flossen. »Ist es denn wahr: – taugte sie nichts?« »Ja, sie taugte wohl etwas!« sagte die alte Magd und blickte zum Himmel. »Ich weiß es seit vielen Jahren und seit der letzten Nacht. Ich sage Dir, sie taugte etwas, und Gott im Himmel sagte es auch, laß die Welt nur sagen: » Sie taugte nichts !« Wie's der Alte macht, ist's immer recht. Eine Geschichte werde ich Dir erzählen, die ich hörte, als ich noch ein kleiner Knabe war; jedesmal wenn ich an die Geschichte dachte, kam es mir vor, als werde sie immer schöner; denn es geht mit Geschichten wie mit vielen Menschen – sie werden mit zunehmendem Alter schöner. Auf dem Lande warst Du doch gewiß schon gewesen, Du wirst wohl auch so ein recht altes Bauernhaus mit Strohdach gesehen haben. Moos und Kräuter wachsen von selbst auf dem Dache; ein Storchnest befindet sich auf dem Firste desselben, – der Storch ist unvermeidlich! Die Wände des Hauses sind schief; die Fenster niedrig, und nur ein einziges Fenster ist so eingerichtet, daß es geöffnet werden kann; der Backofen springt aus der Wand hervor, gerade wie ein kleiner, dicker Bauch; der Fliederbaum hängt über den Zaun hinaus und unter seinen Zweigen, am Fuße des Zaunes, ist eine Wasserlache, in welcher einige Enten liegen. Ein Kettenhund, der Alle und Jeden anbellt, ist auch da. Gerade so ein Bauernhaus stand draußen auf dem Lande, und in diesem Hause wohnten ein paar alte Leute, ein Bauer und seine Frau. Wie wenig sie auch hatten, ein Stück war doch darunter, das entbehrlich war – ein Pferd, das sich von dem Grase nährte, welches es an den Einzäunungen der Landstraße vorfand. Der alte Bauer ritt zur Stadt auf diesem Pferde, oft liehen es auch seine Nachbarn von ihm, und erwiesen den alten Leuten manchen andern Dienst dafür. Allein am gerathesten würde es doch wohl sein, wenn sie das Pferd verkauften, oder es gegen irgend etwas Anderes, was ihnen mehr nützen könnte, weggäben. Aber was könnte dies wohl sein? »Das wirst Du, Alter, am Besten wissen!« sagte ihm die Frau. »Heute ist gerade Jahrmarkt, reite zur Stadt, gieb das Pferd für Geld hin, oder mache einen guten Tausch; wie Du es auch machst, mir ist's immer recht. Reite zum Jahrmarkte!« Sie knüpfte ihm sein Halstuch um, denn das verstand sie besser als er; sie knüpfte es ihm mit einer Doppelschleife um: das machte sich sehr hübsch! Sie strich seinen Hut glatt mit ihrer flachen Hand und küßte ihn dann auf seinen warmen Mund. Darauf ritt er fort auf dem Pferde, welches verkauft, oder in Tausch gegeben werden sollte. Ja, der Alte versteht dies schon! Die Sonne brannte heiß, keine Wolke war am Himmel zu sehen. Auf dem Wege staubte es sehr, viele Leute, die den Jahrmarkt besuchen wollten, fuhren, ritten, oder legten den Weg zu Fuße zurück. Nirgend gab es Schatten gegen den Sonnenbrand. Unter Andern ging auch Einer des Weges dahin, der eine Kuh zu Markte trieb. Die Kuh war so schön wie eine Kuh nur sein kann. »Die giebt gewiß auch schöne Milch!« dachte der Bauer, »das wäre ein ganz guter Tausch: die Kuh für das Pferd!« »Heda, Du da mit der Kuh!« sagte er, »weißt Du was? Ein Pferd sollte ich meinen, kostet mehr als eine Kuh; aber mir ist das gleichgiltig, ich habe mehr Nutzen von der Kuh; hast Du Lust, so tauschen wir!« »Freilich will ich das,« sagte der Mann mit der Kuh – und nun tauschten sie. Das war also abgemacht und der Bauer hätte nun füglich wieder umkehren können, denn er hatte ja Das nun abgemacht, um was es ihm zu thun war; allein da er sich einmal auf den Jahrmarkt gespitzt hatte, so wollte er auch hin, blos um sich ihn anzusehen, und deshalb ging er mit seiner Kuh nach der Stadt. Die Kuh führend schritt er mit ihr rasch zu, und nach kurzer Zeit waren sie einem Manne zur Seite, der ein Schaaf trieb. Es war ein gutes Schaaf, fett, und hatte gute Wolle. »Das möchte ich haben,« dachte unser Bauersmann, »es würde an unserm Zaune vollauf Gras finden und während des Winters könnten wir es bei uns in der Stube haben. Eigentlich wäre es angemessener ein Schaaf statt einer Kuh zu besitzen.« – »Wollen wir tauschen?« Dazu war der Mann mit dem Schaafe sogleich bereit, und der Tausch fand statt. Unser Bauer ging nun mit seinem Schaafe auf der Landstraße weiter. Bald gewahrte er abermals einen Mann, der vom Felde her die Landstraße betrat und eine große Gans unter dem Arme trug. »Das ist ein schweres Ding, das Du da hast; es hat Federn und Fett, daß es eine Lust ist; die würde sich erst gut ausnehmen, wenn sie bei uns daheim an einer Leine am Wasser ginge. Das wäre etwas für meine Alte, für die könnte sie allerlei Abfall sammeln. Wie oft hat sie nicht gesagt, wenn wir nur eine Gans hätten. Jetzt kann sie vielleicht eine bekommen – und geht's, soll sie sie haben!« – »Wollen wir tauschen? Ich gebe Dir das Schaaf für die Gans und schönen Dank dazu.« Dagegen hatte der Andere nichts einzuwenden, und so tauschten sie denn. Unser Bauer bekam die Gans. Jetzt war er schon nahe bei der Stadt; das Gedränge auf der Landstraße nahm immer mehr zu; Menschen und Vieh drängten sich; sie gingen auf der Straße und längs der Zäune, ja am Schlagbaume gingen sie sogar in des Einnehmers Kartoffelfeld hinein, wo sein einziges Huhn an einer Schnur einherspazierte, damit es über den Gedrang nicht erschrecken, sich nicht verirren und verlaufen sollte. Das Huhn hatte kurze Schwanzfedern, es blinzelte mit einem Auge und sah sehr klug aus. »Kluck, Kluck!« sagte das Huhn. Was es sich dabei dachte, weiß ich nicht zu sagen, aber als unser Bauersmann es zu Gesicht bekam, dachte er sogleich: »Das ist das schönste Huhn, das ich je gesehen habe, es ist sogar schöner als des Pfarrers Bruthenne. Potztausend! das Huhn möcht' ich haben! Ein Huhn findet immer ein Körnchen, es kann sich fast selbst ernähren, ich glaube, es würde ein guter Tausch sein, wenn ich es für die Gans kriegen könnte.« – »Wollen wir tauschen?« fragte er den Einnehmer. »Tauschen?« fragte dieser, »ja, das wäre gar nicht übel!« – und so tauschten sie. Der Einnehmer am Schlagbaume bekam die Gans, der Bauer das Huhn. Das war gar viel, was er auf der Reise zur Stadt abgemacht hatte; heiß war es auch und er war müde. Ein Schnaps und ein Imbiß that ihm Noth; bald befand er sich im Wirthshause. Er wollte eben hineingehen, als der Hausknecht heraustrat, sie begegneten sich daher in der Thüre. Der Knecht trug einen gefüllten Sack. »Was hast Du denn in dem Sacke?« fragte der Bauer. »Verkrüppelte Aepfel!« antwortete der Knecht, »einen ganzen Sack voll, genug für die Schweine.« »Das ist doch eine zu große Verschwendung. Den Anblick gönnte ich meiner Alten daheim. Voriges Jahr trug der alte Baum am Torfstall nur einen einzigen Apfel; der wurde aufgehoben und stand auf dem Schranke, bis er ganz verdarb und zerfiel. »Das ist doch immerhin Wohlstand,« sagte meine Alte, »hier könnte sie aber erst Wohlstand sehen, einen ganzen Sack voll! Ja, den Anblick gönnte ich ihr!« »Was würdet Ihr für den Sack voll geben?« fragte der Knecht. »Was ich gebe? Ich gebe mein Huhn in den Tausch,« und er gab das Huhn in den Tausch, bekam die Aepfel und trat mit diesen in die Gaststube. Den Sack lehnte er behutsam an den Ofen, er selbst trat an den Schenktisch. Aber im Ofen war eingeheizt, das bedachte er nicht. – Es waren viele Gäste anwesend: Pferdehändler, Ochsentreiber und zwei Engländer, und die Engländer waren so reich, daß ihre Taschen von Goldstücken strotzten und fast platzten, – und wetten thun sie, das sollst Du erfahren. »Susss! Susss!« – »Was war denn das am Ofen?« – Die Aepfel begannen zu braten. »Was ist denn das?« »Ja, wissen Se,« sagte unser Bauersmann; – und nun erzählte er die ganze Geschichte von dem Pferde, das er gegen eine Kuh vertauscht und so weiter herunter bis zu den Aepfeln. »Na, da wird Dich Deine Alte derb knuffen, wenn Du nach Hause kommst, da setzt es was!« sagten die Engländer. »Was? Knuffen?« sagte der Alte, »küssen wird sie mich und sagen: Wie's der Alte macht, ist's immer recht.« »Wollen wir wetten?« sagten die Engländer, »gemünztes Gold tonnenweise? Hundert Pfund macht ein Schiffspfund!« »Ein Scheffel genügt schon,« entgegnete der Bauer, »ich kann nur den Scheffel mit Aepfeln dagegen setzen, und mich selbst und meine alte Frau dazu, das, dächte ich, wäre doch auch gehäuftes Maas!« »Topp! Angenommen!« und die Wette war gemacht. – Der Wagen des Wirths fuhr vor, die Engländer und der Bauersmann stiegen ein; vorwärts ging es und bald hielten sie vor dem Häuschen des Bauers an. »Guten Abend, Alte!« »Guten Abend, Alter!« »Der Tausch wäre gemacht!« »Ja, Du verstehst schon Deine Sache!« sagte die Frau, ihn umarmend, und beachtete weder den Sack, noch die fremden Gäste. »Ich habe eine Kuh für das Pferd ertauscht.« »Gott sei Lob! Die schöne Milch, die wir nun haben werden, und Butter und Käse auf dem Tische! Das war ein herrlicher Tausch!« »Ja! aber die Kuh tauschte ich wieder gegen ein Schaaf um.« »Ach, das ist um so besser!« erwiderte die Frau, »Du denkst immer an Alles; für ein Schaaf haben wir Grasweide genug; Schaafmilch und Schaafkäse und wollene Strümpfe und wollene Jacken! Das giebt die Kuh nicht, sie verliert ja die Haare! Wie Du doch Alles bedenkst!« »Aber das Schaaf habe ich wieder gegen eine Gans vertauscht!« »Also dieses Jahr werden wir wirklich Gänsebraten haben, mein lieber Alter? Du denkst immer daran mir eine Freude zu machen. Wie herrlich ist das! Die Gans kann man an einer Leine gehen und sie noch fetter werden lassen, bevor wir sie braten!« »Aber die Gans habe ich gegen ein Huhn vertauscht!« sagte der Mann. »Ein Huhn! Das war ein guter Tausch!« entgegnete die Frau. »Das Huhn legt Eier, die brütet es aus, wir kriegen Küchlein, wir kriegen nun einen ganzen Hühnerhof! Ei, den habe ich mir erst recht gewünscht!« »Ja! aber das Huhn gab ich wieder für einen Sack voll verkrüppelter Aepfel hin!« »Was? Nein jetzt muß ich Dich erst recht küssen!« versetzte die Frau. »Mein liebes, gutes Männchen! Ich werde Dir etwas erzählen. Siehst Du, als Du kaum fort warst heute Morgen, dachte ich darüber nach, wie ich Dir heut Abend einen recht guten Bissen machen könnte. Speckeierkuchen mit Schnittlauch, dachte ich dann. Die Eier hatte ich, den Speck auch der Schnittlauch fehlte mir nur. So ging ich denn hinüber zu Schulmeisters, die haben Schnittlauch, das weiß ich, aber die Schulmeistersfrau ist geizig, so süß sie auch thut. Ich bat sie, mir eine Handvoll Schnittlauch zu leihen. »»Leihen?«« gab sie zur Antwort. »»Nichts, gar nichts wächst in unserm Garten, nicht einmal ein verkrüppelter Apfel: nicht einmal einen solchen kann ich Ihr leihen, liebe Frau!«« Jetzt kann ich aber ihr zehn, ja einen ganzen Sack voll leihen. Das freut mich zu sehr, das ist zum Todtlachen!« – Und dabei küßte sie ihn, daß es schmatzte. »Das gefällt mir!« riefen die Engländer wie aus Einem Munde. »Immer bergabwärts und immer lustig. Das ist schon das Geld werth!« Und nun zahlten sie ein Schiffspfund Goldmünzen an den Bauersmann, der nicht geknufft, sondern geküßt wurde. Ja, das lohnt sich immer, wenn die Frau es einsieht und es auch immer sagt, daß der Mann der Klügste und sein Thun das Richtige ist. »Seht, das ist meine Geschichte. Ich habe sie schon als Kind gehört und jetzt hast Du sie auch gehört und weißt jetzt, daß »wie's der Alte macht, ist's immer recht!« Zwölf mit der Post. Es war eine schneidende Kälte, sternenheller Himmel, kein Lüftchen regte sich. »Bums!« da wurde ein alter Topf an die Hausthüre des Nachbars geworfen. »Puff, paff!« dort knallte die Büchse; man begrüßte das neue Jahr. Es war Neujahrsnacht! Jetzt schlug die Thurmuhr Zwölf! »Trateratra!« Die Post kam angefahren. Der große Postwagen hielt vor dem Stadtthore an. Er brachte zwölf Personen mit, alle Plätze waren besetzt. »Hurrah! Hurrah hoch!« sangen die Leute in den Häusern der Stadt, wo die Neujahrsnacht gefeiert wurde und man sich beim Schlage Zwölf mit dem gefüllten Glase erhob, um das neue Jahr leben zu lassen. »Prost Neujahr!« hieß es, »ein schönes Weib! viel Geld! keinen Aerger und Verdruß!« Das wünschte man sich gegenseitig, und darauf stieß man mit den Gläsern an, daß es klang und sang – und vor dem Stadtthore hielt der Postwagen mit den fremden Gästen, den zwölf Reisenden. Und wer waren diese Fremden? Jeder von ihnen führte seinen Reisepaß und sein Gepäck bei sich; ja sie brachten sogar Geschenke für mich und Dich und alle Menschen des Städtchens mit. Wer waren sie, was wollten sie und was brachten sie? »Guten Morgen!« riefen sie der Schildwache am Eingänge des Stadtthores zu. »Guten Morgen!« antwortete diese, denn die Uhr hatte ja Zwölf geschlagen. »Ihr Name? Ihr Stand?« fragte die Schildwache den von ihnen, der zuerst aus dem Wagen stieg. »Sehen Sie selbst im Passe nach,« antwortete der Mann. »Ich bin ich!« Und es war auch ein ganzer Kerl, angethan mit Bärenpelz und Pelzstiefeln. »Ich bin der Mann, in Den sehr viele Leute ihre Hoffnung setzen. Komm' morgen zu mir; ich gebe Dir ein Neujahrsgeschenk! Ich werfe Groschen und Thaler unter die Leute, ja ich gebe auch Bälle, volle einunddreißig Bälle, mehr Nächte kann ich aber nicht daraufgehen lassen. Meine Schiffe sind eingefroren, aber in meinem Comptoir ist es warm und gemüthlich. Ich bin Kaufmann, heiße Januar und führe nur Rechnungen bei mir.« Nun stieg der Zweite aus, der war ein Bruder Lustig; er war Schauspieldirector, Director der Maskenbälle und aller Vergnügungen, die man sich nur denken kann. Sein Gepäck bestand aus einer großen Tonne. »Aus der Tonne,« sagte er, »wollen wir zur Fastnachtszeit die Katze herausjagen. Ich werde Euch schon Vergnügen bereiten und mir auch; alle Tage lustig! Ich habe nicht gerade lange zu leben; von der ganzen Familie die kürzeste Zeit; ich werde nämlich nur achtundzwanzig Tage alt. Beisweilen schalten sie mir zwar noch einen Tag ein – aber das kümmert mich wenig, Hurrah!« »Sie dürfen nicht so schreien!« sagte die Schildwache. »Ei was, freilich darf ich schreien,« rief der Mann, »ich bin Prinz Carneval und reise unter dem Namen Februarius .« Jetzt stieg der Dritte aus; er sah wie das leibhaftige Fasten aus, aber er trug die Nase hoch, denn er war verwandt mit den »vierzig Rittern« und war Wetterprophet. Allein das ist kein fettes Amt, und deshalb pries er auch die Fasten. In einem Knopfloche trug er ein Sträußchen Veilchen, aber diese waren sehr klein. » März! März! « rief der Vierte ihm nach und schlug ihn auf die Schulter; »riechst Du nichts? Geschwind in die Wachtstube hinein, dort trinken sie Punsch, Deinen Leib- und Labetrunk; ich rieche es schon hier außen. Marsch, Herr Martius! – Aber es war nicht wahr, der wollte ihn nur den Einfluß seines Namens fühlen lassen, ihn in den April schicken; denn damit begann der Vierte seinen Lebenslauf in der Stadt. Er sah überhaupt sehr flott aus; arbeiten that er nur sehr wenig; desto mehr aber machte er Feiertage. »Wenn es nur etwas beständiger in der Welt wäre,« sagte er; »aber bald ist man gut, bald schlecht gelaunt, je nach Verhältnissen; bald Regen, bald Sonnenschein; Ein- und Ausziehen! Ich bin auch so eine Art Localvermiethungscomptoiragent, auch Leichenbitter; ich kann lachen und weinen, je nach Umstanden! Im Koffer hier habe ich Sommergarderobe, aber es würde sehr thöricht sein, sie anzuziehen. Hier bin ich nun! Sonntags geh' ich in Schuhen und weißseidenen Strümpfen und mit Muff spazieren.« Nach ihm stieg eine Dame aus dem Wagen. Fräulein Mai nannte sie sich. Sie trug einen Sommeranzug und Gallochen, ein lindenblattgrünes Kleid, Anemonen im Haare und dazu duftete sie dermaßen von Waldmeister, daß die Schildwache nießen mußte. »Zur Gesundheit und Gottes Segen!« sagte sie, das war ihr Gruß. Wie sie niedlich war! Und Sängerin war sie, nicht Theatersängerin, auch nicht Bänkelsängerin, nein, Sängerin des Waldes; – den frischen grünen Wald durchstreifte sie und sang dort zu ihrem eigenen Vergnügen. »Jetzt kommt die junge Frau!« riefen sie drinnen im Wagen, und ausstieg die junge Frau, sein, stolz und niedlich. Man sah es ihr an, daß sie, Frau Juni , von faulen Siebenschläfern bedient zu werden gewohnt war. Am längsten Tage des Jahres gab sie große Gesellschaft, damit die Gäste Zeit haben möchten, die vielen Gerichte der Tafel zu verzehren. Sie hatte zwar ihre eigene Equipage; allein sie reiste dennoch mit der Post wie die Andern, weil sie zeigen wollte, daß sie nicht hochmüthig sei. Aber ohne Begleitung war sie nicht; ihr jüngerer Bruder Julius war bei ihr. Er war ein wohlgenährter Bursche, sommerlich angekleidet und mit Panamahut. Er führte nur wenig Gepäck bei sich, weil dies bei großer Hitze zu beschwerlich sei: deshalb hatte er sich nur mit einer Schwimmhose versehen, und dies ist nicht viel. Darauf kam die Mutter selbst, Madame August, Obsthändlerin en gros , Besitzerin einer Menge Fischteiche, Landökonom in großer Crinoline; sie war dick und heiß, faßte selbst überall an, trug eigenhändig den Arbeitern Bier auf das Feld hinaus. »Im Schweiße Deines Angesichtes sollst Du Dein Brot essen!« sagte sie, »das steht in der Bibel. Hinterdrein kommen die Spazierfahrten, Tanz und Spiel im Grünen und die Erntefeste!« Sie war eine tüchtige Hausfrau. Nach ihr stieg wieder ein Mann aus der Kutsche, ein Maler, Herr Colorirmeister September; den mußte der Wald bekommen; die Blätter mußten Farbe wechseln; aber wie schön, wenn er es wollte; bald schillerte der Wald in Roth, Gelb oder Braun. Der Meister pfiff wie der schwarze Staar, war ein flinker Arbeiter und wand die braungrüne Hopfenranke um seinen Bierkrug. Das putzte den Krug, und für Ausputz hatte er gerade Sinn. Da stand er nun mit seinem Farbentopfe: der war sein ganzes Gepäck! Ihm folgte der Gutsbesitzer, der an den Saatmonat, an das Pflügen und Beackern des Bodens, auch an die Jagdvergnügungen dachte; Herr October führte Hund und Büchse mit sich, hatte Nüsse in seiner Jagdtasche: »knick, knack!« Er hatte viel Reisegut bei sich, sogar einen englischen Pflug; er sprach von der Landwirthschaft; aber vor lauter Husten und Stöhnen seines Nachbars vernahm man nicht viel davon. – Der November war es, der so hustete, während er ausstieg. Derselbe war sehr mit Schnupfen behaftet; er putzte sich fortwährend die Nase und doch, sagte er, müsse er die Dienstmädchen begleiten und sie in ihre neuen Winterdienste einführen; die Erkältung meinte er, verliere sich schon wieder, wenn er ans Holzmachen ginge, und Holz müsse er sägen und spalten; denn er sei Sägemeister der Holzmacherinnung. Die Abende brächte er mit Schneiden von Schlittschuhhölzern zu, denn er wisse wohl, sagte er, daß man in wenigen Wochen Bedarf für diese Art vergnüglichen Schuhwerks haben werde. Endlich kam der letzte Passagier zum Vorschein, das alte Mütterchen December mit der Feuerkiepe; die Alte fror, aber ihre Augen strahlten wie zwei helle Sterne. Sie trug einen Blumentopf auf dem Arme, in welchen ein kleiner Tannenbaum eingepflanzt war. »Den Baum will ich hegen und Pflegen, damit er gedeihe und groß werde bis zum Weihnachtsabende, vom Fußboden bis hoch an die Decke reiche und emporschieße mit flammenden Lichtern, goldenen Aepfeln und ausgeschnittenen Figürchen. Die Feuerkiepe wärmt wie ein Ofen; ich hole das Märchenbuch aus der Tasche und lese laut aus demselben vor, daß alle Kinder im Zimmer still, die Figürchen an dem Baume aber lebendig werden, und der kleine Engel von Wachs auf der äußersten Spitze die Flittergoldflügel ausbreitet, herabfliegt vom grünen Sitze und Klein und Groß im Zimmer küßt, ja auch die armen Kinder küßt, die draußen auf dem Flure und auf der Straße stehen und das Weihnachtslied von dem Bethlehemgestirne singen. »So! Jetzt kann die Kutsche abfahren,« sagte die Schildwache, »wir haben sie alle Zwölf. Der Beiwagen mag vorfahren!« »Laß doch erst die Zwölf zu mir herein!« sprach der wachhabende Capitain, »Einen nach dem Andern! Die Pässe behalte ich hier; sie gelten jeder einen Monat; wenn der verstrichen ist, werde ich das Verhalten auf dem Passe bescheinigen. Herr Januar, belieben Sie näher zu treten.« Und Herr Januar trat näher. – – Wenn ein Jahr verstrichen ist, werde ich Dir sagen, was die Zwölf Dir, mir und uns Allen gebracht haben. Jetzt weiß ich es nicht, und sie wissen es wohl selbst nicht, – denn es ist eine curiose Zeit, in der wir leben. Der Dornenpfad der Ehre. Es lebt noch eine alte Mähr vom › Dornenpfad der Ehre ‹, – ›von einem Schützen, welcher zwar zu Ehren und Würden gelangte, aber erst nach langen und vielen Widerwärtigkeiten und lebensgefährlichen Kämpfen.‹ – Wer hat nicht bei dieser Mähr seines eigenen stillen Dornenpfades und seiner vielen ›Widerwärtigkeiten‹ gedacht. Das Märchen und die Wirklichkeit grenzen gar nahe an einander, allein das Märchen hat seine harmonische Auflösung hier auf Erden, die Wirklichkeit weist dieselbe oft über das Erdenleben hinaus, auf Zeit und Ewigkeit deutend. Die Weltgeschichte ist eine Laterna magica , die uns in Lichtbildern auf dem dunklen Grunde der Gegenwart zeigt, wie die Wohlthäter der Menschheit, die Märtyrer des Genies, den Dornenpfad der Ehre und des Ruhmes wandern. Aus allen Zeiten, aus allen Ländern strahlen diese Glanzbilder uns entgegen, jeder zwar nur auf Augenblicke, doch aber als ein ganzes Leben, ein Lebensalter mit seinen Kämpfen und seinen Siegen. Betrachten wir hier und dort Einzelne dieser Märtyrerschaar, – dieser Schaar, die erst dann zu Ende geht, wenn der Erdball zerstäubt. Wir erblicken ein gefülltes Amphitheater. Aus den »Wolken« eines Aristophanes ergießt sich in Strömen der Spott und Humor über die Menge; auf der Schaubühne wird geistig und körperlich der merkwürdigste Mann Athens, er, welcher Schild und Hort des Volkes gegen die dreißig Tyrannen war, Sokrates , lächerlich gemacht, Sokrates, welcher im Getümmel der Schlacht Alcibades und Xenophon rettete, und dessen Geist sich über die Götter des Alterthums emporschwang. Er selbst ist hier zugegen; er hat sich erhoben von der Bank des Zuschauers und ist hervorgetreten, damit die lachenden Athenienser es recht inne werden, wie es sich mit der Aehnlichkeit zwischen ihm und dem Zerrbilde auf der Schaubühne verhält; da steht er vor ihnen, hoch über sie alle erhaben. Du saftiger, grüner, giftiger Schierling und nicht du Oelbaum; wirf du hier deinen Schatten über Athen. Sieben Städte stritten um die Ehre, Homer's Geburtsort zu sein, das heißt, nachdem er todt war! Betrachten wir ihn bei Lebzeiten! – Er schreitet zu Fuß durch die Städte und spricht seine Verse her, um zu leben; der Gedanke au den morgenden Tag macht sein Haar ergrauen! – Er, der große Seher ist erblindet und schreitet mühsam seinen Weg: der scharfe Dorn zerfetzt den Mantel des Dichterkönigs! – Seine Gesänge leben noch, und durch sie allein leben die Götter und Heroen des Alterthums. Ein Bild nach dem andern taucht empor aus Morgenland, aus Abendland, gar weit aus einander in Zeit und Raum und doch immer eine Strecke des Dornenpfades der Ehre, auf welchem die Distel erst dann eine Blume treibt, wenn das Grab geschmückt werden soll. Unter Palmen ziehen die Kameele hin, reich beladen mit Indigo und anderen köstlichen Schätzen, von dem Herrscher des Landes demjenigen gesandt, dessen Gesänge die Freude des Volkes, der Ruhm des Landes sind; er, welchen Lüge und Neid in Verbannung schickten, er ist gefunden – die Karawane nähert sich dem Städtchen, in welchem er ein Asyl fand: eine arme Leiche wird durch das Stadtthor hinausgetragen und der Leichenzug gebietet der Karawane Halt. Der Todte ist eben derjenige, den sie sucht: Firdusi – der Dornenpfad der Ehre ist zu Ende gewandert! Der Afrikaner mit den plumpen Gesichtszügen, den dicken Lippen, dem schwarzen wolligen Haare, sitzt auf den marmornen Stufen des Palastes in der Hauptstadt Portugals und bettelt – er ist der treuergebene Sclave des Camoez , ohne ihn und ohne die Kupfermünzen, welche diesem die Vorübergehenden zuwerfen, würde sein Herr, der Sänger der Lusiade des Hungers sterben. Jetzt erhebt sich ein kostbares Monument auf dem Grabe des Camoez. Ein neues Bild! Hinter dem eisernen Gitter zeigt sich ein Mann, blaß wie der Tod, mit langem, ungekämmtem Barte. »Ich habe eine Erfindung gemacht, die größte seit Jahrhunderten!« ruft er, »und man hat mich länger denn zwanzig Jahre hier eingesperrt gehalten!« – »Wer ist der Mann?« – »Ein Wahnsinniger!« antwortete der Wärter der Wahnsinnigen. »Auf was ein Mensch doch Alles in der Irre kommen kann! Er bildet sich ein, man könne sich durch Dampf vorwärts bewegen!« – Es ist Salomon de Caus , der Entdecker der Dampfkraft, dessen Ahnung, in unklaren Worten ausgesprochen, von einem Richelieu nicht verstanden wurde; er stirbt in der Irrenanstalt. Hier steht Columbus , den einst die Gassenbuben verfolgten und verspotteten, weil er eine neue Welt entdecken wollte – er hat sie entdeckt! Der Jubel hallt ihm aus Menschenbrust und Glockengeläute bei seiner sieggekrönten Rückkehr entgegen, aber die Glocken des Neides übertönten bald jene. Der Weltentdecker, er, welcher das amerikanische Goldland aus dem Meere hob und es seinem Könige schenkte, er wird mit eisernen Ketten belohnt! Er wünscht diese Ketten in seinen Sarg mitzunehmen, sie geben Zeugniß von der Welt und von der Art und Weise, wie die Zeitgenossen Verdienste schätzen. Ein Bild nach dem andern drängt sich heran, der Dornenpfad der Ehre und des Ruhmes ist überfüllt: Hier in finstrer Nacht sitzt Der, welcher die Mondberge ausmaß, Der, welcher in den unendlichen Raum zu Sternen und Planeten hinausdrang, er, der Mächtige, welcher den Geist der Natur vernahm und es empfand, daß die Erde sich unter seinen Füßen bewege: Galilei . Blind und taub sitzt er, ein Greis, gespießt an den Dorn der Leiden in den Qualen der Verleugnung, kaum noch im Stande den Fuß zu erheben, denselben, mit welchem er einst im Schmerze seiner Seele, als man die Wahrheit verwischte, die Erde stampfend, ausrief: »und sie bewegt sich doch!« Hier steht ein Weib mit kindlichem Gemüthe in Begeisterung und Glauben – dem kämpfenden Heere trägt sie das Panier voran, und bringt ihren: Vaterlande Sieg und Rettung. Der Jubel schallt und der Scheiterhaufen flammt: Jeanne d'Arc! die Hexe wird verbrannt. – Ja, ein künftiges Jahrhundert spuckt aus vor der weißen Lilie. Voltaire, der Satyr des gefunden Menschenverstandes, singt von »La pucelle« . Auf dem Thing zu Wiborg verbrennt der dänische Adel die Gesetze des Königs – sie flammen hoch empor, beleuchten das Zeitalter und den Gesetzgeber, werfen einen Glorienschein in den finstern Gefangenenthurm hinein, wo ergraut, gebeugt, mit seinem Finger eine Ritze in die steinerne Tischplatte hineinarbeitend, er, der ehemalige Herrscher über drei Königreiche sitzt, der volksthümliche König, der Freund des Bürgers, des Bauern; Christian der Zweite . Feinde schrieben seine Geschichte nieder. – Seiner siebenundzwanzigjährigen Gefangenschaft wollen wir gedenken, wenn wir seine Blutschuld nicht leugnen können. Ein Schiff segelt ab und verläßt die dänischen Strande; am Mastbaume lehnt ein Mann, zum letzten Male einen Blick auf die Insel Hveen werfend: – es ist Tycho Brahe ; er hob den Namen Dänemarks bis in die Sterne, und man lohnte ihn mit Kränkungen, mit Schaden und Verdruß – er zieht nach einem fremden Lande: »Der Himmel wölbt sich überall über mir, was will ich mehr!« spricht er, und segelt dahin, der berühmte Däne, geehrt und frei in einem fremden Lande! »Ach frei, wenn selbst nur für die unleidlichen Schmerzen des Leibes!« seufzt es durch die Zeiten und dringt an unser Ohr. Welches Bild! – Griffenfeld , ein dänischer Prometheus an die Felseninsel Munkholm gefesselt. Wir befinden uns in Amerika am Ufer eines der grüßten Ströme; eine zahllose Menschenmenge hat sich versammelt, ein Schiff, heißt es, soll gegen Wind und Wetter, den Elementen trotzend, segeln können; Robert Fulton nennt sich der Mann, welcher diese Aufgabe zu lösen glaubt. Das Schiff beginnt die Fahrt; plötzlich aber bleibt es stehen – der Haufe lacht auf, pfeift und zischt, der eigene Vater des Mannes pfeift: »Hochmut! Tollheit! Jetzt kommt es, wie er's verschuldet,« heißt es, »hinter Schloß und Riegel mit dem wahnsinnigen Kopfe!« – Da bricht ein kleiner Nagel, welcher auf Augenblicke die Maschine hemmte, die Ruder schwingen sich wieder, die Schaufeln brechen auf's Neue die Gewalt der Wässer, das Schiff setzt seine Fahrt fort – –! Der Webebaum des Dampfes kürzt die Stunden in Minuten zwischen den Ländern der Welt! Menschengeschlecht, erfassest Du die Seligkeit einer solchen Minute des Mitwissens, dieses Durchdrungensein des Geistes von seiner Mission, diesen Augenblick, in welchem alle Verzweiflung, jede Wunde, die der Dornenpfad der Ehre schlug – selbst diejenige der eigenen Schuld, – sich in Heil, Kraft und Klarheit verwandelt, die Disharmonie sich in Harmonie, gestaltet, diesen Augenblick, in welchem die Menschen die Offenbarung der göttlichen Gnade gewahr werden durch den Einzelnen und es empfinden, wie dieser sie ihnen Alles darbringt! So zeigt der Dornenpfad der Ehre sich als eine Glorie, die Erde umstrahlend; dreimal glücklich hier zum Wanderer auserkoren zu sein, und ohne Verdienst durch die Gnade zwischen den Baumeister der Brücke, zwischen Gott und das Menschengeschlecht gestellt zu werden! Auf mächtigen Flügeln schwebt der Geist der Geschichte durch die Zeiten und zeigt – ermuthigend und tröstend, milde Gedanken erweckend – auf nächtlich finsterm Grunde in leuchtenden Bildern den Dornenpfad der Ehre, welcher nicht, wie in dem Märchen, in Glanz und Freude hier auf Erden, sondern über dieselbe hinaus in Zeit und Ewigkeit endet! Die Schneekönigin. In sieben Geschichten.   Erste Geschichte. welche von dem Spiegel und den Scherben handelt. Seht! nun fangen wir an. Wenn wir am Ende der Geschichte sind, wissen wir mehr, als jetzt, denn es war ein böser Kobold! Er war einer der allerärgsten, er war der Teufel! Eines Tags war er recht bei Laune, denn er hatte einen Spiegel gemacht, welcher die Eigenschaft besaß, daß alles Gute und Schöne, was sich darin spiegelte, fast zu Nichts zusammenschwand, aber Das, was nichts taugte und sich schlecht ausnahm, hervortrat und noch ärger wurde. Die herrlichsten Landschaften sahen wie gekochter Spinat darin aus, und die besten Menschen wurden widerlich oder standen auf dem Kopfe ohne Rumpf; die Gesichter wurden so verdreht, daß sie nicht zu erkennen waren, und hatte man eine Sommersprosse, so konnte man überzeugt sein, daß sie sich über Nase und Mund ausbreitete. Das sei äußerst belustigend, sagte der Teufel. Fuhr nun ein guter frommer Gedanke durch einen Menschen, dann zeigte sich ein Grinsen im Spiegel, sodaß der Teufel über seine künstliche Erfindung lachen mußte. Die, welche die Koboldschule besuchten, – denn er hielt Koboldschule – erzählten überall, daß ein Wunder geschehen sei; nun könnte man erst sehen, meinten sie, wie die Welt und die Menschen wirklich aussähen. Sie liefen mit dem Spiegel umher, und zuletzt gab es kein Land und keinen Menschen mehr, welcher nicht verdreht darin gesehen wäre. Nun wollten sie auch zum Himmel selbst auffliegen, um sich über die Engel und den lieben Gott lustig zu machen. Je höher sie mit dem Spiegel flogen, um so mehr grinste er; sie konnten ihn kaum festhalten; sie flogen höher und höher, Gott und den Engeln näher; da erzitterte der Spiegel so fürchterlich in seinem Grinsen, daß er ihren Händen entfiel und zur Erde fiel, wo er in hundert Millionen, Billionen und noch mehr Stücke zersprang. Und nun gerade verursachte er weit größeres Unglück, als zuvor, denn einige Stücke waren kaum so groß als ein Sandkorn; diese flogen nun in die weite Welt, und wo Jemand sie in das Auge bekam, da blieben sie sitzen, und da sahen die Menschen Alles verkehrt, oder hatten nur Augen für das Verkehrte bei einer Sache; denn jede kleine Spiegelscherbe behielt dieselben Kräfte, welche der ganze Spiegel besessen hatte. Einige Menschen bekamen sogar eine Spiegelscherbe in das Herz, dann aber war es ganz entsetzlich; das Herz wurde einem Klumpen Eis gleich. Einige Spiegelscherben waren so groß, daß sie zu Fensterscheiben verbraucht wurden; aber durch diese Scheiben taugte es nicht, seine Freunde zu betrachten; andere Stücke kamen in Brillen, und dann ging es schlecht, wenn die Leute diese Brillen aufsetzten, um recht zu sehen und gerecht zu sein; der Böse lachte, daß ihm der Bauch wackelte und das kitzelte ihn so angenehm. Aber draußen flogen noch kleine Glasscherben in der Luft umher. Nun, wir werden's hören!   Zweite Geschichte. Ein kleiner Knabe und ein kleines Mädchen. Drinnen in der großen Stadt, wo so viele Menschen und Häuser sind, daß dort nicht Platz genug ist, damit alle Leute einen kleinen Garten besitzen können, und wo sich deshalb die Meisten mit Blumen in Blumentöpfen begnügen müssen, waren zwei arme Kinder, die einen etwas größeren Garten, als einen Blumentopf, besaßen. Sie waren nicht Bruder und Schwester, aber sie waren sich eben so gut, als wenn sie es wären. Die Eltern wohnten einander gerade gegenüber in zwei Dachkammern. Da, wo das Dach des einen Nachbarhauses gegen das andere stieß, und die Wasserrinne zwischen den Dächern entlang lief, war in jedem Hause ein kleines Fenster; man brauchte nur über die Rinne zu schreiten, so konnte man von dem einen Fenster zu dem andern gelangen. Beider Eltern hatten draußen einen großen hölzernen Kasten, und darin wuchsen Küchenkräuter, die sie gebrauchten, und ein kleiner Rosenstock; in jedem Kasten stand einer; die wuchsen herrlich! Nun fiel es den Eltern ein, die Kasten quer über die Rinne zu stellen, sodaß sie fast von dem einen Fenster zum andern reichten und zwei Blumenwällen ganz ähnlich sahen. Erbsenranken hingen über die Kasten herab, und die Rosenstücke schössen lange Zweige, die sich um die Fenster rankten und einander entgegen bogen; es war fast einer Ehrenpforte von Blättern und Blumen gleich. Da die Kasten sehr hoch waren und die Kinder wußten, daß sie nicht hinauf kriechen durften, so erhielten sie oft die Erlaubniß, zu einander hinaus zu steigen und auf ihren kleinen Schemeln unter den Rosen zu sitzen; da spielten sie dann prächtig. Im Winter hatte dieses Vergnügen ein Ende. Die Fenster waren oft ganz zugefroren; aber dann wärmten sie Kupferschillinge auf dem Ofen und legten den warmen Schilling gegen die gefrorene Scheibe; dadurch entstand ein schönes Guckloch, so rund, so rund; dahinter blitzte ein lieblich mildes Auge, eins vor jedem Fenster; das war der kleine Knabe und das kleine Mädchen. Er hieß Kay und sie hieß Gerda . Im Sommer konnten sie mit einem Sprunge zu einander gelangen, im Winter mußten sie erst die vielen Treppen herunter und die Treppen hinauf; draußen stob der Schnee. »Das sind die weißen Bienen, die schwärmen,« sagte die alte Großmutter. »Haben sie auch eine Bienenkönigin?« fragte der kleine Knabe, denn er wußte, daß unter den wirklichen Bienen eine solche ist. »Die haben sie!« sagte die Großmutter. »Sie fliegt dort, wo sie am dichtesten schwärmen! Es ist die größte von allen, und nie bleibt sie still auf der Erde; sie fliegt wieder in die schwarze Wolke hinauf. Manche Mitternacht fliegt sie durch die Straßen der Stadt und blickt zu den Fenstern hinein, und dann frieren diese so sonderbar und sehen wie Blumen aus.« »Ja, das haben wir gesehen!« sagten beide Kinder und wußten nun, daß es wahr sei. »Kann die Schneekönigin hier hereinkommen?« fragte das kleine Mädchen. »Laß sie nur kommen!« sagte der Knabe; »dann setze ich sie auf den warmen Ofen und sie schmilzt.« Aber die Großmutter glättete sein Haar und erzählte andere Geschichten. Am Abend als der kleine Kay zu Hause und halb entkleidet war, kletterte er auf den Stuhl am Fenster und guckte durch das kleine Loch; einige Schneeflocken fielen draußen, und eine derselben, die größte, blieb auf dem Rande des einen Blumenkastens liegen; die Schneeflocke wuchs mehr und mehr und wurde zuletzt wie eine ganze Jungfrau, in den feinsten weißen Flor gekleidet, der aus Millionen sternartigen Flocken zusammengesetzt war. Sie war so schön und fein, aber von Eis, von blendendem, blinkendem Eise. Doch sie war lebendig; die Augen blitzten, wie zwei klare Sterne; aber es war keine Ruhe oder Rast in ihnen. Sie nickte dem Fenster zu und winkte mit der Hand. Der kleine Knabe erschrak und sprang vom Stuhle herunter; da war es, als ob draußen vor dem Fenster ein großer Vogel vorbeiflöge. Am nächsten Tage wurde es klarer Frost – und dann kam das Frühjahr; die Sonne schien, das Grün keimte hervor, die Schwalben bauten Nester, die Fenster wurden geöffnet, und die kleinen Kinder saßen wieder in ihrem kleinen Garten hoch oben in der Dachrinne über allen Stockwerken. Wie prachtvoll blühten die Rosen diesen Sommer! Das kleine Mädchen hatte einen Psalm gelernt, in welchem auch von Rosen die Rede war; und bei den Rosen dachte sie an ihre eigenen; und sie sang ihn dem kleinen Knaben vor, und er sang mit: »Die Rosen, sie verblüh'n und verwehen, Wir werden das Christ-Kindlein sehen!« Und die Kleinen hielten einander bei den Händen, küßten die Rosen, blickten in Gottes hellen Sonnenschein hinein und sprachen zu demselben, als ob das Jesuskind da wäre. Was waren das für herrliche Sommertage; wie schön war es draußen bei den frischen Rosenstöcken, welche zu blühen nie aufhören zu wollen schienen! Kay und Gerda sahen in das Bilderbuch mit Thieren und Vögeln, da war es – die Uhr schlug gerade Fünf auf dem großen Kirchthurme, – als Kay sagte: »Au! es stach mich in das Herz, und mir flog etwas in das Auge!« Das kleine Mädchen fiel ihm um den Hals; er blinzelte mit den Augen; nein, es war nichts zu sehen. »Ich glaube, es ist weg!« sagte er; aber weg war es doch nicht. Es war gerade so eins von jenen Glaskörnern, welche vom Spiegel gesprungen waren, dem Zauberspiegel, – wir entsinnen uns seiner wohl – dem häßlichen Glase, welches alles Große und Gute, das sich darin abspiegelte, klein und häßlich machte; aber das Böse und Schlechte trat recht hervor und jeder Fehler an einer Sache war gleich zu bemerken. Der arme Kay hatte auch ein Körnchen gerade in das Herz hinein bekommen. Das wird nun bald wie ein Eisklumpen werden. Nun that es nicht mehr weh, aber das Körnchen war da. »Weshalb weinst Du?« fragte er. »So siehst Du häßlich aus!« »Mir fehlt ja nichts!« »Pfui!« rief er auf einmal, »die Rose dort hat einen Wurmstich! Und sieh, diese da ist ganz schief! Im Grunde sind es häßliche Rosen! Sie gleichen dem Kasten, in welchem sie stehen!« Und dann stieß er mit dem Fuße gegen den Kasten und riß die beiden Rosen ab. » Kay , was machst Du?« rief das kleine Mädchen; und als er ihren Schrecken gewahrte, riß er noch eine Rose ab und sprang dann in sein Fenster hinein von der kleinen, lieblichen Gerda fort. Wenn sie später mit dem Bilderbuche kam, sagte er, daß das für Wickelkinder wäre; und erzählte die Großmutter Geschichten, so kam er immer mit einem aber : – konnte er dazu gelangen, dann ging er hinter ihr her, setzte eine Brille auf und sprach ebenso, wie sie; das machte er ganz treffend, und die Leute lachten über ihn. Bald konnte er die Sprache und den Gang aller Menschen in der ganzen Straße nachahmen. Alles, was an ihnen eigenthümlich und unschön war, das wußte Kay nachzuahmen; und die Leute sagten: »Das ist sicher ein ausgezeichneter Kopf, den der Knabe hat!« Aber es war das Glas, welches ihm in dem Herzen saß; daher kam es auch, daß er selbst die kleine Gerda neckte, die ihm von ganzem Herzen gut war. Seine Spiele wurden nun anders, als früher; sie wurden ganz verständig. – An einem Wintertage, wo es schneite, kam er mit einem großen Brennglase, hielt seinen blauen Rockzipfel heraus und ließ die Schneeflocken darauf fallen. »Sieh nun in das Glas, Gerda !« sagte er; und jede Schneeflocke wurde viel größer und sah aus wie eine prächtige Blume oder ein zehneckiger Stern; es war schön anzusehen. »Siehst Du, wie künstlich!« sagte Kay . »Das ist weit interessanter, als die wirklichen Blumen! Und es ist kein einziger Fehler daran; sie sind ganz regelmäßig. Wenn sie nur nicht schmelzen!« Bald darauf kam Kay mit großen Handschuhen und seinem Schlitten auf dem Rücken; er rief Gerda in die Ohren: »Ich habe Erlaubniß erhalten, auf dem großen Platze zu fahren, wo die anderen Knaben spielen!« und weg war er. Dort auf dem Platze banden die kecksten Knaben oft ihre Schlitten an den Wagen der Landleute fest, und dann fuhren sie ein gutes Stück Wegs mit. Das ging recht schön. Als sie im besten Spielen waren, kam ein großer Schlitten; der war ganz weiß angestrichen, und darin saß Jemand, in einen rauhen, weißen Pelz gehüllt und mit einer rauhen, weißen Mütze auf dem Kopfe; der Schlitten fuhr zwei Mal um den Platz herum, und Kay band seinen kleinen Schlitten schnell daran fest, und nun fuhr er mit. Es ging rascher und rascher, gerade hinein in die nächste Straße. Der, welcher fuhr, drehte sich um, nickte dem Kay freundlich zu; es war, als ob sie einander kannten; jedesmal, wenn Kay seinen kleinen Schlitten abbinden wollte, nickte der Fahrende wieder, und dann blieb Kay sitzen; sie fuhren zum Stadtthore hinaus. Da begann der Schnee so dicht niederzufallen, daß der kleine Knabe keine Hand vor sich erblicken konnte; aber er fuhr weiter; nun ließ er schnell die Schnur fahren, um von dem großen Schlitten loszukommen, doch das half nichts, sein kleines Fuhrwerk hing fest, und es ging mit Windeseile vorwärts. Da rief er ganz laut, aber Niemand hörte ihn, und der Schnee stob, und der Schlitten flog von dannen; mitunter gab es einen Sprung; es war, als führe er über Gräben und Hecken. Der Knabe war ganz erschrocken; er wollte sein Vater unser beten, aber er konnte sich nur des großen Ein-Mal-Eins entsinnen. Die Schneeflocken wurden größer und größer; zuletzt sahen sie aus wie große, weiße Hühner; auf einmal sprangen sie zur Seite, der große Schlitten hielt, und die Person, die ihn fuhr, erhob sich; der Pelz und die Mütze waren ganz und gar von Schnee; es war eine Dame, hoch und schlank, glänzend weiß; es war die Schneekönigin. »Wir sind gut gefahren!« sagte sie; »aber wer wird wohl frieren! Krieche in meinen Pelz!« Und sie setzte ihn neben sich in den Schlitten und schlug den Pelz um ihn; es war als versänke er in einem Schneetreiben. »Friert Dich noch?« fragte sie und küßte ihn auf die Stirn. O! das war kälter, als Eis; das ging ihm gerade hinein bis ins Herz, welches ja schon zur Hälfte ein Eisklumpen war; es war als sollte er sterben; aber nur einen Augenblick, dann that es ihm recht wohl; er spürte nichts mehr von der Kälte rings umher. »Meinen Schlitten! Vergiß nicht meinen Schlitten!« Daran dachte er zuerst, und der wurde an einem der weißen Hühnchen festgebunden, und dieses flog hinterher mit dem Schlitten auf dem Rücken. Die Schneekönigin küßte Kay nochmals, und da hatte er die kleine Gerda , die Großmutter und Alle daheim vergessen. »Nun bekommst Du keine Küsse mehr!« sagte sie; »denn sonst küßte ich Dich todt!« Kay sah sie an; sie war so schön! ein klügeres, lieblicheres Antlitz konnte er sich nicht denken; nun erschien sie ihm nicht von Eis, wie damals, als sie draußen vor dem Fenster saß und ihm winkte; in seinen Augen war sie vollkommen; er fühlte gar keine Furcht. Er erzählte ihr, daß er kopfrechnen könne, und zwar mit Brüchen; er wisse des Landes Quadratmeilen und die Einwohnerzahl; und sie lächelte immer. Da kam es ihm vor, als wäre es doch nicht genug, was er wisse; und er blickte hinauf in den großen Luftraum; und sie flog mit ihm hoch hinauf auf die schwarze Wolke, und der Sturm sauste und brauste; es war, als sänge er alte Lieder. Sie flogen über Wälder und Seen, über Meer und Länder; unter ihnen sauste der kalte Wind, die Wölfe heulten, der Schnee knisterte; über ihnen flogen die schwarzen, schreienden Krähen; aber hoch oben schien der Mond groß und klar, und dort betrachtete Kay die lange, lange Winternacht; am Tage schlief er zu den Füßen der Schneekönigin.   Dritte Geschichte. Der Blumengarten bei der Frau, welche zaubern konnte. Aber wie erging es der kleinen Gerda , als Kay nicht zurückkehrte? Wo war er geblieben? – Niemand wußte es, Niemand konnte Bescheid geben. Die Knaben erzählten nur, daß sie ihn seinen Schlitten an einen andern großen hätten binden sehen, der in die Straße hinein und aus dem Stadtthore gefahren wäre. Niemand wußte, wo er geblieben; viele Thränen flossen, und besonders die kleine Gerda weinte sehr viel und lange; – dann sagte sie, er sei todt; er wäre im Fluß ertrunken, der nahe bei der Schule vorbei floß; o, das waren recht lange, finstere Wintertage! Nun kam der Frühling mit wärmerem Sonnenschein. » Kay ist todt und fort!« sagte die kleine Gerda . »Das glaube ich nicht!« antwortete der Sonnenschein. »Er ist todt und fort!« sagte sie zu den Schwalben. »Das glauben wir nicht!« erwiderten diese, und am Ende glaubte die kleine Gerda auch nicht. »Ich will meine neuen, rothen Schuhe anziehen,« sagte sie eines Morgens, »die, welche Kay nie gesehen hat, und dann will ich zum Flusse hinunter gehen und den nach ihm fragen!« Und es war noch sehr früh; sie küßte die alte Großmutter, die noch schlief, zog die rothen Schuhe an und ging ganz allein aus dem Stadtthore nach dem Flusse. »Ist es wahr, daß Du mir meinen kleinen Spielkameraden genommen hast? Ich will Dir meine rothen Schuhe schenken, wenn Du ihn mir wiedergeben willst!« Und es war ihr, als nickten die Wellen ganz sonderbar; da nahm sie ihre rothen Schuhe, die sie am liebsten hatte, und warf sie beide in den Fluß hinein; aber sie fielen dicht an das Ufer, und die kleinen Wellen trugen sie ihr wieder an das Land; es war gerade als wollte der Fluß das Liebste, was sie hatte, nicht, weil er den kleinen Kay nicht hatte; aber sie glaubte nun, daß sie die Schuhe nicht weit genug hinausgeworfen habe; und so kroch sie in ein Boot, welches im Schilfe lag; sie ging bis an das äußerste Ende desselben und warf die Schuhe von da in das Wasser; aber das Boot war nicht festgebunden, und bei der Bewegung, welche sie verursachte, glitt es vom Lande ab; sie bemerkte es und beeilte sich, herauszukommen; doch ehe sie zurückkam, war das Boot über eine Elle vom Lande, und nun trieb es schneller von dannen. Da erschrak die kleine Gerda sehr und sing an zu weinen; allein Niemand außer den Sperlingen hörte sie, und die konnten sie nicht an das Land tragen; aber sie flogen längs des Ufers und sangen, gleichsam um sie zu trösten: »Hier sind wir, hier sind wir!« Das Boot trieb mit dem Strome; die kleine Gerda saß ganz still, nur mit Strümpfen an den Füßen; ihre kleinen rothen Schuhe trieben hinter ihr her; aber sie konnten das Boot nicht erreichen; das hatte schnellere Fahrt. Hübsch war es an beiden Ufern; schöne Blumen, alte Bäume und Abhänge mit Schafen und Kühen; aber nicht ein Mensch war zu erblicken. »Vielleicht trägt mich der Fluß zu dem kleinen Kay hin,« dachte Gerda, und da wurde sie heiterer, erhob sich und betrachtete viele Stunden die grünen, schönen Ufer; dann gelangte sie zu einem großen Kirschgarten, in welchem ein kleines Haus mit sonderbaren, rothen und blauen Fenstern war übrigens hatte es ein Strohdach, und draußen waren zwei hölzerne Soldaten, die vor der Vorbeisegelnden das Gewehr schulterten. Gerda rief nach ihnen; sie glaubte, daß sie lebendig wären; aber sie antworteten natürlich nicht; sie kam ihnen ganz nahe; der Fluß trieb das Boot gerade auf das Land zu. Gerda rief noch lauter, und da kam eine alte, alte Frau aus dem Hause, die sich auf einen Krückstock stützte; sie hatte einen großen Sonnenhut auf, und der war mit den schönsten Blumen bemalt. »Du armes, kleines Kind!« sagte die alte Frau; »wie bist Du doch auf den großen, reißenden Strom gekommen, und weit in die Welt hinausgetrieben!« Und dann ging die alte Frau in das Wasser hinein, erfaßte mit ihrem Krückstucke das Boot, zog es an das Land und hob die kleine Gerda heraus. Und Gerda war froh, wieder auf das Trockene zu gelangen, obgleich sie sich vor der fremden alten Frau ein wenig fürchtete. »Komm doch und erzähle mir, wer Du bist, und wie Du hierher kommst!« sagte sie. Und Gerda erzählte ihr Alles; und die Alte schüttelte mit dem Kopfe und sagte: »Hm! Hm!« Und als ihr Gerda Alles gesagt und sie gefragt hatte, ob sie nicht den kleinen Kay gesehen, habe, sagte die Frau, daß er nicht vorbeigekommen sei; aber er komme wohl noch; sie solle nur nicht betrübt sein, sondern ihre Kirschen kosten und ihre Blumen betrachten; die wären schöner, als irgend ein Bilderbuch; eine jede könne eine Geschichte erzählen. Dann nahm sie Gerda bei der Hand, führte sie in das kleine Haus hinein und schloß die Thüre zu. Die Fenster lagen sehr hoch, und die Scheiben waren roth, blau und gelb; das Tageslicht schien mit allen Farben gar sonderbar herein; auf dem Tische standen die schönsten Kirschen, und Gerda aß davon, so viel sie wollte, denn das war ihr erlaubt. Wahrend sie aß, kämmte die alte Frau ihr das Haar mit einem goldenen Kamme, und das Haar ringelte sich und glänzte herrlich gelb rings um das kleine, freundliche Antlitz, welches so rund war und wie eine Rose aussah. »Nach einem so lieben, kleinen Mädchen habe ich mich schon lange gesehnt,« sagte die Alte. »Nun wirst Du sehen, wie gut wir mit einander leben werden!« Und so wie sie der kleinen Gerda Haar kämmte, vergaß Gerda mehr und mehr ihren Pflegebruder Kay ; denn die alte Frau konnte zaubern; aber eine böse Zauberin war sie nicht; sie zauberte nur ein Wenig zu ihrem Vergnügen und wollte gern die kleine Gerda behalten. Deshalb ging sie in den Garten, streckte ihren Krückstock gegen alle Rosensträuche aus, und wie schön sie auch blühten, so sanken sie doch alle in die schwarze Erde hinunter, und man konnte nicht sehen, wo sie gestanden hatten. Die Alte fürchtete, wenn Gerda die Rosen erblickte, möchte sie an ihre eigenen denken, sich dann des kleinen Kay erinnern und davonlaufen. Nun führte sie Gerda hinaus in den Blumengarten. Was war da für ein Duft und eine Herrlichkeit! Alle nur denkbaren Blumen, und zwar für jede Jahreszeit, standen hier im prächtigsten Flor; kein Bilderbuch, konnte bunter und schöner sein. Gerda sprang vor Freuden Hochauf und spielte, bis die Sonne hinter den hohen Kirschbäumen unterging; da bekam sie ein schönes Bett mit rothen Seidenkissen, die waren mit Veilchen gestopft; und sie schlief und träumte da so herrlich, wie nur eine Königin an ihrem Hochzeitstage. Am nächsten Tage konnte sie wieder mit den Blumen im warmen Sonnenscheine spielen, und so verflossen viele Tage. Gerda kannte jede Blume; aber wie viele deren auch waren, so war es ihr doch, als ob eine fehlte, allein welche, das wußte sie nicht. Da sitzt sie eines Tages und betrachtet den Sonnenhut der alten Frau mit den gemalten Blumen, und gerade die schönste war eine Rose. Die Alte hatte vergessen, diese vom Hute wegzuwischen, als sie die andern in die Erde zauberte. Aber so ist es, wenn man die Gedanken nicht beisammen hat! »Was! sind hier keine Rosen?« sagte Gerda und sprang zwischen die Beete, suchte und suchte; ach, da war keine zu finden. Da setzte sie sich hin und weinte, aber ihre Thränen fielen gerade auf eine Stelle, wo ein Rosenstrauch versunken war, und als die warmen Thränen die Erde benetzten, schoß der Strauch auf einmal empor, so blühend, wie er versunken war, und Gerda umarmte ihn, küßte die Rosen und gedachte der herrlichen Rosen daheim und mit ihnen auch des kleinen Kay. »O, wie bin ich aufgehalten worden!« sagte das kleine Mädchen. »Ich wollte ja den kleinen Kay suchen! – Wißt Ihr nicht, wo er ist?« fragte sie die Rosen. »Glaubt Ihr, er sei todt?« »Todt ist er nicht,« antworteten die Rosen. »Wir sind ja in der Erde gewesen; dort sind alle Todten, aber Kay war nicht da.« »Ich danke Euch!« sagte die kleine Gerda und ging zu den andern Blumen hin, sah in deren Kelch hinein und fragte: »Wißt Ihr nicht, wo der kleine Kay ist?« Aber jede Blume stand in der Sonne und träumte ihr eigenes Märchen oder Geschichtchen; davon hörte Gerda so viele, viele; aber keine wußte etwas von Kay. Und was sagte denn die Feuerlilie? »Hörst Du die Trommel: bum! dum! Es sind nur zwei Töne; immer: bum! bum! Höre der Frauen Trauergesang, höre den Ruf der Priester. – In ihrem langen rothen Mantel steht das Hinduweib auf dem Scheiterhaufen; die Flammen lodern um sie und ihren todten Mann empor; aber das Hinduweib denkt an den Lebenden hier im Kreise, an ihn, dessen Augen heißer als die Flammen brennen, an ihn, dessen Augenfeuer ihr Herz stärker berührt, als die Flammen, welche bald ihren Körper zu Asche verbrennen. Kann die Flamme des Herzens in der Flamme des Scheiterhaufens ersterben?« »Das verstehe ich durchaus nicht,« sagte die kleine Gerda . »Das ist mein Märchen!« sagte die Feuerlilie. Was sagt die Winde? »Ueber den schmalen Fußweg herüber hängt eine alte Ritterburg; das dichte Immergrün wächst um die morschen, rothen Mauern empor, Blatt an Blatt, um den Altan herum, und da steht ein schönes Mädchen; sie beugt sich über das Geländer hinaus und sieht den Weg entlang. Keine Rose hängt frischer an den Zweigen, als sie; keine Apfelblüthe, wenn der Wind sie dem Baume entführt, schwebt leichter dahin, als sie; wie rauschte das prächtige Seidengewand! »»Kommt er noch nicht?«« »Ist es Kay , den Du meinst?« fragte die kleine Gerda . »Ich spreche nur von meinem Märchen, meinem Traume,« erwiderte die Winde. Was sagt die kleine Schneeblume? »Zwischen den Bäumen hängt an Seilen das lange Brett; das ist eine Schaukel; zwei niedliche, kleine Mädchen – die Kleider sind weiß wie der Schnee; lange grüne Seidenbänder flatterten von den Hüten – sitzen darauf und schaukeln sich; der Bruder, welcher größer ist, als sie, steht in der Schaukel; er hat den Arm um das Seil geschlungen, um sich zu halten, denn in der einen Hand hat er eine kleine Schale, in der andern eine Thonpfeife; er bläst Seifenblasen; die Schaukel stiegt, und die Blasen steigen mit schönen, wechselnden Farben; die letzte hängt noch am Pfeifenstiele und wiegt sich im Winde. Die Schaukel schwebt; der kleine schwarze Hund, leicht wie die Blasen, erhebt sich auf den Hinterfüßen und will mit in die Schaukel; sie stiegt; der Hund fällt, bellt, und ist böse; er wird geneckt, die Blasen platzen. – Ein schaukelndes Brett, ein zerspringendes Schaumbild ist mein Gesang!« »Es ist möglich, daß es hübsch ist, was Du erzählst; aber Du sagst es so traurig und erwähnst den kleinen Kay nicht.« Was sagen die Hyacinthen? »Es waren drei schöne Schwestern, durchsichtig und fein; der Einen Kleid war roth, der Andern Kleid blau, der Dritten Kleid weiß; Hand in Hand tanzten sie beim stillen See im hellen Mondscheine. Es waren keine Elfen, es waren Menschenkinder. Dort duftete es so süß, und die Mädchen verschwanden im Walde; der Duft wurde stärker; drei Särge, dann lagen die schönen Mädchen, glitten von des Waldes Dickicht über den See dahin; die Johanniswürmchen flogen leuchtend rings umher, wie kleine schwebende Lichter. Schlafen die tanzenden Mädchen oder sind sie todt? – Der Blumenduft sagt, sie sind Leichen; die Abendglocke läutet den Grabgesang!« »Du machst mich ganz betrübt,« sagte die kleine Gerda . »Du duftest so stark; ich muß an die todten Mädchen denken! Ach, ist denn der kleine Kay wirklich todt? Die Rosen sind unten in der Erde gewesen und sagen: »Nein!« »Kling, Klang!« läuteten die Hyacinthenglocken. »Wir läuten nicht für den kleinen Kay , wir kennen ihn nicht; wir singen nur unser Lied, das einzige, welches wir wissen.« Und Gerda ging zur Butterblume, die aus den glänzenden, grünen Blättern hervorschien. »Du bist eine kleine, helle Sonne!« sagte Gerda . Sage mir, weißt Du, wo ich meinen Gespielen finden kann?« Und die Butterblume glänzte so schön und sah wieder auf Gerda . Welches Lied konnte wohl die Butterblume singen!« Es handelte auch nicht von Kay . »In einem kleinen Hofe schien die liebe Gottessonne am ersten Frühlingstage so warm; die Strahlen glitten an des Nachbarhauses weißen Wänden herab; dicht dabei wuchs die erste gelbe Blume und glänzte golden in den warmen Sonnenstrahlen; die alte Großmutter saß draußen in ihrem Stuhle; die Enkelin, ein armes, schönes Dienstmädchen, kehrte von einem kurzen Besuche heim: sie küßte die Großmutter; es war Gold, Herzensgold in dem gesegneten Kusse. Gold im Munde, Gold im Grunde, Gold in der Morgenstunde! Sieh, das ist meine kleine Geschichte!« sagte die Butterblume. »Meine arme, alte Großmutter!« seufzte Gerda . »Ja, sie sehnt sich gewiß nach mir und grämt sich um mich, ebenso wie sie es um den kleinen Kay that. Aber ich komme bald wieder nach Hause, und dann bringe ich Kay mit. – Es nützt nichts, daß ich die Blumen frage, die wissen nur ihr eigenes Lied; sie geben mir keinen Bescheid!« Und dann band sie ihr kleines Kleid auf, damit sie rascher laufen könne; aber die Pfingstlilie schlug an ihr Bein, indem sie darüber hinsprang; da blieb sie stehen, betrachtete die lange gelbe Blume und fragte: »Weißt Du vielleicht etwas?« Und sie bog sich ganz zur Pfingstlilie hinab; und was sagte die? »Ich kann mich selbst erblicken! Ich kann mich selbst sehen!« sagte die Pfingstlilie, »O, o, wie ich rieche! – Oben in dem kleinen Erkerzimmer steht, halb angekleidet, eine kleine Tänzerin; sie steht bald auf einem Beine, bald auf beiden; sie tritt die ganze Welt mit Füßen; sie ist nichts als Augentäuschung. Sie gießt Wasser aus dem Theetopfe auf ein Stück Zeug aus, welches sie halt; es ist der Schnürleib; – Reinlichkeit ist eine schöne Sache; das weiße Kleid hängt am Haken; das ist auch im Theetopf gewaschen und auf dem Dache getrocknet; sie zieht es an und schlägt das safrangelbe Tuch um den Hals; nun scheint das Kleid noch weißer. Das Bein ausgestreckt! Sieh, wie sie auf einem Stiele prangt! Ich kann mich selbst erblicken! Ich kann mich selbst sehen!« »Darum kümmere ich mich gar nicht!« sagte Gerda . »Das brauchst Du mir nicht zu erzählen;« und dann lief sie bis an das Ende des Gartens. Die Thüre war verschlossen, aber sie drückte auf die verrostete Klinke, sodaß diese losbrach; die Thüre ging auf und die kleine Gerda sprang mit nackten Füßen in die weite Welt hinaus. Sie blickte dreimal zurück, aber Niemand war da, der sie verfolgte; zuletzt konnte sie nicht mehr laufen und setzte sich auf einen großen Stein; und als sie sich umsah, war es mit dem Sommer vorbei; es war Spätherbst; das konnte man in dem schönen Garten gar nicht bemerken, wo immer Sonnenschein und Blumen aller Jahreszeiten waren. »Gott, wie habe ich mich verspätet!« sagte die kleine Gerda . »Es ist ja Herbst geworden! Da darf ich nicht ruhen!« Und sie erhob sich, um zu gehen. O, wie waren ihre kleinen Füße so wund und müde! Rings umher sah es kalt und rauh aus; die langen Weidenblätter waren ganz gelb, und der Thau tröpfelte als Wasser nieder; ein Blatt fiel nach dem andern ab; nur der Schlehendorn trug noch Früchte, die waren aber herbe und zogen den Mund zusammen. O, wie war es grau und schwer in der weiten Welt!   Vierte Geschichte. Prinz und Prinzessin. Gerda mußte wieder ausruhen; da hüpfte dort auf dem Schnee, der Stelle, wo sie saß, gerade gegenüber, eine große Krähe; die hatte lange gesessen, sie betrachtet und mit dem Kopfe gewackelt; nun sagte sie: »Krah! Krah! – Gu'Tag! Gu'Tag!« Besser konnte sie es nicht herausbringen, aber sie meinte es gut mit dem kleinen Mädchen und fragte, wohin sie so allein in die weite Welt hinausginge. Das Wort allein verstand Gerda sehr wohl und fühlte recht, wie viel darin lag; und sie erzählte der Krähe ihr ganzes Leben und Schicksal und fragte, ob sie Kay nicht gesehen habe. Und die Krähe nickte ganz bedächtig und sagte: »Das könnte sein! Das könnte sein!« »Wie? Glaubst Du?« rief das kleine Mädchen und hätte fast die Krähe todt gedrückt, so küßte sie diese. »Vernünftig, vernünftig!« sagte die Krähe. »Ich glaube, ich weiß; – ich glaube; es kann sein; der kleine Kay – aber nun hat er Dich sicher über der Prinzessin vergessen!« »Wohnt er bei einer Prinzessin?« fragte Gerda . »Ja, höre!« sagte die Krähe. »Aber es fällt mir so schwer, Deine Sprache zu sprechen. Verstehst Du die Krähensprache? Ein bei den Kindern übliches, durch Hinzufügung von Sylben und Buchstaben an jedes Wort entstehendes Kauderwelsch. dann will ich besser erzählen.« »Nein, die habe ich nicht gelernt,« sagte Gerda , »aber die Großmutter verstand sie, und auch sprechen konnte sie diese Sprache. Hätte ich sie nur gelernt!« »Thut gar nichts!« sagte die Krähe. »Ich werde erzählen, so gut ich kann; aber schlecht wird es gehen.« Dann erzählte sie, was sie wußte. »In dem Königreiche, in welchem wir jetzt sitzen, wohnt eine Prinzessin, die ist ganz unbändig klug; aber sie hat auch alle Zeitungen, die es in der Welt giebt, gelesen und wieder vergessen, so klug ist sie. Neulich saß sie auf dem Throne, und das ist doch nicht so angenehm, wie man sagt; da fing sie an, ein Lied zu singen, und das war dieses: »Weshalb sollt' ich mich nicht verheirathen?« »Höre, da ist etwas daran,« sagte die Krähe, »und so wollte sie sich verheirathen; aber sie wollte einen Mann haben, der zu antworten verstehe, wenn man mit ihm spreche; einen, der nicht blos da stehe und vornehm aussehe, denn das sei zu langweilig. Nun ließ sie alle Hofdamen zusammentrommeln, und als diese hörten, was sie wollte, wurden sie sehr vergnügt. »Das mag ich leiden!« sagte sie; »daran dachte ich neulich auch!« – »Du kannst glauben, daß jedes Wort, was ich sage, wahr ist!« fügte die Krähe hinzu. »Ich habe eine zahme Geliebte, die geht frei im Schlosse umher, und die hat mir Alles erzählt!« Die Geliebte war natürlich auch eine Krähe. Denn eine Krähe sucht die andere, und es bleibt immer eine Krähe. »Die Zeitungen kamen sogleich mit einem Rande von Herzen und der Prinzessin Namenszug heraus; man konnte darin lesen, daß es einem jeden jungen Manne, der gut aussehe, freistehe, auf das Schloß zu kommen und mit der Prinzessin zu sprechen; und Derjenige, welcher so spreche, daß man hören könne, er sei dort zu Hause, und der am Besten spräche, den wolle die Prinzessin zum Manne nehmen. – Ja, ja,« sprach die Krähe, »Du kannst mir es glauben; es ist so gewiß wahr, als ich hier sitze. Junge Männer strömten herzu; es war ein Gedränge und ein Laufen; aber es glückte weder am ersten, noch am zweiten Tage. Sie konnten alle gut sprechen, wenn sie auf der Straße waren, aber wenn sie in das Schloßthor traten und die Gardisten in Silber sahen und die Treppen hinauf die Lakaien in Gold und die großen erleuchteten Säle – dann wurden sie verwirrt. Und standen sie gar vor dem Throne, wo die Prinzessin saß, dann wußten sie nichts zu sagen, als das letzte Wort, was sie gesprochen hatte; und das noch einmal zu hören, dazu hatte sie keine Lust. Es war als ob die Leute drinnen Schnupftabak auf den Magen bekommen hätten und in den Schlaf gefallen wären, bis sie wieder auf die Straße kamen, dann erst konnten sie wieder sprechen. Da stand eine Reihe vom Stadtthore an bis zum Schlosse. – Ich war selbst drinnen, um es zu sehen!« sagte die Krähe. »Sie wurden hungrig und durstig, aber auf dem Schlosse erhielten sie nicht einmal ein Glas Wasser. Zwar hatten einige der Klügsten Butterbrot mitgenommen, aber sie theilten nicht mit ihrem Nachbar; sie dachten so: Laß ihn hungrig aussehen, dann nimmt ihn die Prinzessin nicht!« »Aber Kay, der kleine Kay !« fragte Gerda . »Wann kam der? War er unter der Menge?« »Warte! warte! Jetzt sind wir bei ihm! Es war am dritten Tage, da kam eine kleine Person, ohne Pferd und Wagen, fröhlich gerade auf das Schloß zu marschirt; seine Augen glänzten wie Deine; er hatte schönes langes Haar, aber sonst ärmliche Kleider.« »Das war Kay !« jubelte Gerda . »O, dann habe ich ihn gefunden!« und sie klatschte in die Hände. »Er hatte ein kleines Ränzel auf dem Rücken!« sagte die Krähe. »Nein, das war sicher sein Schlitten!« sagte Gerda ; »denn mit dem Schlitten ging er fort!« »Das kann wohl sein,« sagte die Krähe; »ich sah nicht so genau darnach! Aber das weiß ich von meiner zahmen Geliebten, daß er, als er in das Schloßthor kam und die Leibgardisten in Silber sah und die Treppe hinauf die Lakaien in Gold, nicht im mindesten verlegen wurde; er nickte und sagte zu ihnen: »Das muß langweilig sein, auf der Treppe zu stehen; ich gehe lieber hinein!« Da glänzten die Säle von Lichtern; Geheimräthe und Excellenzen gingen mit entblößten Füßen und trugen Goldgefäße; man konnte wohl andächtig werden! Seine Stiefel knarrten gar gewaltig laut, aber ihm wurde doch nicht bange.« »Das ist ganz gewiß Kay !« sagte Gerda . »Ich weiß, er hat neue Stiefel an; ich habe sie in der Großmutter Stube knarren hören!« »Ja freilich knarrten sie!« sagte die Krähe. »Und frischen Muths ging er gerade zur Prinzessin hinein, die auf einer großen Perle saß, die so groß wie ein Spinnrad war; und alle Hofdamen mit ihren Jungfern und den Jungfern der Jungfern, und alle Cavaliere mit ihren Dienern und den Dienern der Diener, die wieder einen Burschen hielten, standen rings herum aufgestellt; und je näher sie der Thür standen, desto stolzer sahen sie aus. Des Dieners Burschen, der immer in Pantoffeln geht, darf man kaum anzusehen wagen; so stolz steht er in der Thüre!« »Das muß gräulich sein!« sagte die kleine Gerda . »Und Kay hat doch die Prinzessin erhalten?« »Wäre ich nicht eine Krähe gewesen, so hätte ich sie genommen, und dessen ungeachtet daß ich verlobt bin. Er soll eben so gut gesprochen haben, wie ich, wenn ich die Krähensprache spreche: das habe ich von meiner zahmen Geliebten gehört. Er war fröhlich und niedlich; er war nicht gekommen zum Freien, sondern nur, um der Prinzessin Klugheit zu hören; und die fand er gut, und sie fand ihn wieder gut.« »Ja, sicher! das war Kay !« sagte Gerda . »Er war so klug; er konnte die Kopfrechnung mit Brüchen. – O, willst Du mich nicht auf dem Schlosse einführen?« »Ja, das ist leicht gesagt!« antwortete die Krähe. »Aber wie machen wir das? Ich werde es mit meiner zahmen Geliebten besprechen; sie kann uns wohl Rath ertheilen; denn das muß ich Dir sagen: so ein kleines Mädchen, wie Du bist, bekommt nie die Erlaubniß, hinein zu kommen!« »Ja, die erhalte ich!« sagte Gerda. »Wenn Kay hört, daß ich da bin, kommt er gleich heraus und holt mich!« »Erwarte mich dort am Gitter!« sagte die Krähe, wackelte mit dem Kopfe und flog davon. Erst als es spät am Abend war, kehrte die Krähe wieder zurück. »Rar! Rar!« sagte sie. »Ich soll Dich vielmals von ihr grüßen, und hier ist ein kleines Brot für Dich, sie nahm es aus der Küche, dort ist Brot genug, und Du bist gewiß hungrig. – Es ist nicht möglich, daß Du in das Schloß hineinkommen kannst: Du bist ja barfuß. Die Gardisten in Silber und die Lakaien in Gold würden es nicht erlauben. Aber weine nicht! Du sollst schon hinaufkommen. Meine Geliebte kennt eine schmale Hintertreppe, die zum Schlafgemach führt, und sie weiß, wie sie den Schlüssel erhalten kann.« Sie gingen in den Garten hinein, in die große Allee, wo ein Blatt nach dem andern abfiel: und als auf dem Schlosse die Lichter ausgelöscht wurden, das eine nach dem andern, führte die Krähe die kleine Gerda zu einer Hinterthür, die nur angelehnt war. O, wie Gerda's Herz vor Angst und Sehnsucht pochte! Es war als ob sie etwas Böses thun wollte; und sie wollte ja doch nur wissen, ob es der kleine Kay sei. Ja, er mußte es sein; sie gedachte so lebendig seiner klugen Augen, seines langen Haares; sie konnte sehen, wie er lächelte, wie damals, als sie daheim unter den Rosen saßen. Er würde sicher froh sein, sie zu erblicken; zu hören, welchen langen Weg sie um seinetwillen zurückgelegt; zu wissen, wie betrübt sie Alle daheim gewesen, als er nicht wiedergekommen. O, das war eine Furcht und eine Freude! Nun waren sie auf der Treppe; da brannte eine kleine Lampe auf dem Schranke; mitten auf dem Fußboden stand die zahme Krähe und wendete den Kopf nach allen Seiten und betrachtete Gerda, die sich verneigte, wie die Großmutter sie gelehrt hatte. »Mein Verlobter hat mir so viel Gutes von Ihnen gesagt, mein kleines Fräulein,« sagte die zahme Krähe; »Ihr Lebenslauf, wie man es nennt, ist auch sehr rührend. – Wollen Sie die Lampe nehmen, dann werde ich vorangehen. Wir gehen hier den geraden Weg, denn da begegnen wir Niemand.« »Es ist mir, als käme Jemand hinter uns her,« sagte Gerda; und es sauste an ihr vorbei; es war, wie Schatten an der Wand: Pferde mit fliegenden Mähnen und dünnen Beinen, Jägerburschen, Herren und Damen zu Pferde. »Das sind nur Träume« sagte die Krähe; »die kommen und holen der hohen Herrschaften Gedanken zur Jagd ab. Das ist recht gut, dann können Sie sie besser im Bette betrachten. Aber ich hoffe, wenn Sie zu Ehren und Würden gelangen, werden Sie ein dankbares Herz zeigen.« »Das versteht sich von selbst!« sagte die Krähe vom Walde. Nun kamen sie in den ersten Saal; der war von rosenrothem Atlas mit künstlichen Blumen an den Wänden hinauf, hier sausten an ihnen schon die Träume vorbei; aber sie fuhren so schnell, daß Gerda die hohen Herrschaften nicht zu sehen bekam. Ein Saal war immer prächtiger als der andere; ja, man konnte wohl verdutzt werden. Nun waren sie im Schlafgemache. Hier glich die Decke einer großen Palme mit Blättern von kostbarem Glas, und mitten auf dem Fußboden hingen an einem dicken Stengel von Gold zwei Betten, von denen jedes wie eine Lilie aussah; die eine war weiß, in der lag die Prinzessin; die andere war roth, und in dieser sollte Gerda den kleinen Kay suchen. Sie bog eins der rothen Blätter zur Seite, da sah sie einen braunen Nacken. – O, das war Kay ! – Sie rief laut seinen Namen, hielt die Lampe nach ihm hin – die Träume sausten zu Pferde wieder in die Stube herein – er erwachte, drehte den Kopf um und – es war nicht der kleine Kay . Der Prinz glich ihm nur im Nacken; aber jung und hübsch war er. Und aus dem weißen Lilienblatte blinzelte die Prinzessin hervor und fragte, wer da wäre. Da weinte die kleine Gerda und erzählte ihre ganze Geschichte und Alles, was die Krähen für sie gethan hatten. »Du armes Kind!« sagte der Prinz und die Prinzessin; und sie lobten die Krähen und sagten, daß sie nicht böse auf sie seien; aber sie sollten es ja nicht öfter thun. Uebrigens sollten sie eine Belohnung erhalten. »Wollt Ihr frei fliegen?« sagte die Prinzessin. »Oder wollt Ihr feste Anstellung als Hofkrähen haben, mit Allem, was in der Küche abfällt?« Und beide Krähen verneigten sich und baten um feste Anstellung, denn sie gedachten des Alters und sagten: »Es wäre schön, etwas für die alten Tage zu haben,« wie sie es nannten. Und der Prinz stand aus seinem Bette aus und ließ Gerda darin schlafen, mehr konnte er nicht thun. Sie faltete ihre kleinen Hände und dachte: »Wie gut sind nicht die Menschen und die Thiere!« – Dann schloß sie ihre Augen und schlief sanft. Alle Träume kamen wieder herein geflogen, sie sahen wie Engel Gottes aus und zogen einen kleinen Schlitten, auf welchem Kay saß und nickte; aber das Ganze war nur ein Traum, und deshalb war es auch wieder fort, sobald sie erwachte. Am folgenden Tage wurde sie vom Kopfe bis zum Fuße in Seide und Sammt gekleidet; es wurde ihr angeboten, auf dem Schlosse zu bleiben und gute Tage zu genießen; aber sie bat nur um einen kleinen Wagen mit einem Pferde und um ein Paar Stiefelchen; dann wollte sie wieder in die weite Welt hinausfahren und Kay suchen. Und sie erhielt sowohl Stiefelchen als Muff; sie wurde niedlich gekleidet; als sie fort wollte, hielt vor der Thür eine neue Kutsche aus reinem Golde; des Prinzen und der Prinzessin Wappen glänzte an derselben wie ein Stern; Kutscher, Diener und Vorreiter, – denn es waren auch Vorreiter da, – saßen mit Goldkronen auf dem Kopfe zu Pferde. Der Prinz und die Prinzessin halfen ihr selbst in den Wagen und wünschten ihr alles Glück. Die Waldkrähe, welche nun verheirathet war, begleitete sie die ersten drei Meilen; sie saß ihr zur Seite, denn sie konnte nicht vertragen, rückwärts zu fahren; die andere Krähe stand in der Thüre und schlug mit den Flügeln; sie kam nicht mit, denn sie litt an Kopfschmerzen, seitdem sie eine feste Anstellung und zu viel zu essen erhalten hatte. Inwendig war die Kutsche mit Zuckerbrezeln gefüttert, und im Sitze waren Früchte und Pfeffernüsse. »Lebewohl! Lebewohl!« rief der Prinz und die Prinzessin; und die kleine Gerda weinte, und die Krähe weinte. – So ging es die ersten drei Meilen; da sagte auch die Krähe Lebewohl, und das war der schwerste Abschied; sie flog auf einen Baum und schlug mit ihren schwarzen Flügeln, so lange sie den Wagen, welcher wie der helle Sonnenschein glänzte, erblicken konnte.   Fünfte Geschichte. Das kleine Räubermädchen. Sie fuhren durch den dunkeln Wald, aber die Kutsche leuchtete gleich einer Fackel; das stach den Räubern in die Augen, das konnten sie nicht ertragen. »Das ist Gold, das ist Gold!« riefen sie, stürzten hervor, ergriffen die Pferde, schlugen die kleinen Jockeys, den Kutscher und die Diener todt und zogen dann die kleine Gerda aus dem Wagen. »Sie ist fett, sie ist niedlich, sie ist mit Nußkernen gefüttert!« sagte das alte Räuberweib, das einen langen struppigen Bart und Augenbrauen hatte, die ihr über die Augen herabhingen. »Sie ist so gut wie ein kleines fettes Lamm; wie soll die schmecken!« Und dann zog sie ihr blankes Messer heraus, das glänzte, daß es gräßlich war. »Nu!« sagte das Weib zu gleicher Zeit; sie wurde von der eigenen Tochter, die auf ihrem Rücken hing, gar wild und unartig, daß es eine Lust war, in das Ohr gebissen. »Du häßlicher Balg!« sagte die Mutter und hatte nicht Zeit, Gerda zu schlachten. »Sie soll mit mir spielen!« sagte das kleine Räubermädchen. »Sie soll mir ihren Muff, ihr hübsches Kleid geben, bei mir in meinem Bette schlafen!« Und dann biß sie wieder, daß das Räuberweib in die Höhe sprang und sich rings herum drehte. Und alle Räuber lachten und sagten: »Sieh, wie es mit seinem Kalbe tanzt!« »Ich will in den Wagen hinein,« sagte das kleine Räubermädchen. Sie mußte und wollte ihren Willen haben, denn sie war ganz verzogen und sehr hartnäckig! sie und Gerda saßen drinnen, und fuhren über Stock und Stein tiefer in den Wald hinein. Das kleine Räubermädchen war so groß wie Gerda , aber stärker, breitschultriger und von dunkler Haut; die Augen waren schwarz; sie sahen fast traurig aus. Sie faßte die kleine Gerda um den Leib und sagte: »Sie sollen Dich nicht schlachten, so lange ich Dir nicht böse werde. Du bist wohl eine Prinzessin?« »Nein.« sagte Gerda und erzählte Alles, was sie erlebt hatte, und wie sehr sie den kleinen Kay lieb hätte. Das Räubermädchen betrachtete sie ganz ernsthaft, nickte ein wenig mit dem Kopfe und sagte: »Sie sollen Dich nicht schlachten, selbst wenn ich Dir böse werde; dann werde ich es schon selbst thun!« Und dann trocknete sie Gerda's Augen und steckte ihre beiden Hände in den schönen Muff, der weich und warm war. Nun hielt die Kutsche, sie waren mitten auf dem Hofe eines Räuberschlosses; dasselbe war von oben bis unten geborsten; Raben und Krähen flogen aus den offnen Löchern, und die großen Bullenbeißer, von denen jeder aussah, als könne er einen Menschen verschlingen, sprangen hoch empor; aber sie bellten nicht, denn das war verboten. In dem großen, alten, verräucherten Saale brannte mitten auf dem steinernen Fußboden ein helles Feuer; der Rauch zog unter der Decke hin und mußte sich selbst den Ausweg suchen; ein großer Braukessel mit Suppe kochte; Hasen und Kaninchen wurden am Spieße gebraten. »Du sollst diese Nacht mit mir bei allen meinen kleinen Thieren schlafen,« sagte das Räubermädchen. Sie bekamen zu essen und zu trinken und gingen dann nach einer Ecke, wo Stroh und Teppiche lagen. Oben darüber saßen auf Latten und Stäben mehr als hundert Tauben, die alle zu schlafen schienen, sich aber noch ein wenig drehten, als die beiden kleinen Mädchen kamen. »Die gehören mir alle!« sagte das kleine Räubermädchen und ergriff rasch eine der nächsten, hielt sie bei den Füßen und schüttelte sie, daß sie mit den Flügeln schlug. »Küsse sie,« rief sie und schlug sie Gerda ins Gesicht, »Da sitzen die Waldcanaillen,« fuhr sie fort und zeigte hinter eine Anzahl Stäbe, die vor einem Loche oben in die Mauer eingeschlagen waren. »Das sind Waldcanaillen, die beiden; die fliegen gleich fort, wenn man sie nicht recht verschlossen hält; und hier steht mein alter Liebster, Bä!« Und sie zog ein Rennthier am Horne hervor, welches einen blanken kupfernen Ring um den Hals trug und angebunden war. »Den müssen wir auch in der Klemme halten, sonst springt er von uns fort. An jedem Abend kitzele ich ihn mit meinem scharfen Messer am Halse, davor fürchtet er sich sehr!« Und das kleine Mädchen zog ein langes Messer aus einer Spalte in der Mauer und ließ es über des Rennthiers Hals hingleiten; das arme Thier schlug mit den Beinen aus, das kleine Räubermädchen lachte und zog dann Gerda mit in das Bett hinein. »Willst Du das Messer behalten, wenn Du schläfst?« fragte Gerda und blickte etwas furchtsam nach demselben hin. »Ich schlafe immer mit dem Messer!« sagte das kleine Räubermädchen. »Man weiß nie, was vorfallen kann! Aber erzähle mir nun wieder, was Du mir vorhin von dem kleinen Kay erzähltest, und weshalb Du in die weite Welt hinausgegangen bist.« Und Gerda erzählte wieder von vorn, und die Waldtauben kurrten oben im Käfig, aber die andern Tauben schliefen. Das kleine Räubermädchen legte ihren Arm um Gerda's Hals, hielt das Messer in der andern Hand und schlief, daß man es hören konnte; aber Gerda konnte ihre Augen durchaus nicht schließen; sie wußte nicht, ob sie leben oder sterben sollte. Die Räuber saßen rings um das Feuer, sangen und tranken, und das Räuberweib überpurzelte sich. O! es war dies mit anzusehen ganz gräßlich für das kleine Mädchen. Da sagten die Waldtauben: »Kurre! Kurre! Wir haben den kleinen Kay gesehen. Ein weißes Huhn trug seinen Schlitten; er saß im Wagen der Schneekönigin, welcher dicht über den Wald hinfuhr, als wir im Neste lagen; sie blies auf uns junge Tauben, und außer uns Beiden starben alle. Kurre! Kurre!« »Was sagt Ihr dort oben?« rief Gerda . »Wohin reiste die Schneekönigin? Wißt Ihr etwas davon?« »Sie reiste wahrscheinlich nach Lappland, denn dort ist immer Schnee und Eis! Frage das Rennthier, welches am Stricke angebunden steht.« »Dort ist Eis und Schnee, dort ist es herrlich und gut!« sagte das Rennthier. »Dort springt man frei umher in den großen glänzenden Thälern! Dort hat die Schneekönigin ihr Sommerzelt; aber ihr bestes Schloß ist oben, gegen den Nordpol hin, auf der Insel, die Spitzbergen genannt wird!« »O Kay, kleiner Kay !« seufzte Gerda . »Du mußt still liegen!« sagte das Räubermädchen, »sonst stoße ich Dir das Messer in den Leib!« Am Morgen erzählte Gerda ihr Alles, was die Waldtauben gesagt hatten, und das kleine Räubermädchen sah ernsthaft aus, nickte mit dem Kopfe und sagte: »Das ist einerlei! Das ist einerlei!« – »Weißt Du, wo Lappland ist?« fragte das Rennthier. »Wer könnte es wohl besser wissen, als ich?« sagte das Thier, und die Augen funkelten ihm im Kopfe. »Dort bin ich geboren und erzogen; dort bin ich auf den Schneefeldern umhergesprungen!« »Höre!« sagte das Räubermädchen zu Gerda ; »Du siehst, alle unsere Mannsleute sind fort; nur die Mutter ist noch hier, und die bleibt; aber gegen Mittag trinkt sie aus der großen Flasche und schlummert nachher ein wenig darauf; – dann werde ich etwas für Dich thun!« Nun sprang sie aus dem Bette, fuhr der Mutter um den Hals, zog sie am Bart und sagte: »Mein einzig lieber Ziegenbock, guten Morgen!« Und die Mutter gab ihr Nasenstüber, daß die Nase roth und blau wurde; und das geschah Alles aus lauter Liebe. Als die Mutter dann aus ihrer Flasche getrunken hatte und darauf einschlief, ging das Räubermädchen zum Rennthier hin und sagte: »Ich könnte große Freude daran haben, Dich noch manches Mal mit dem scharfen Messer zu kitzeln, denn dann bist Du so possirlich; aber es ist einerlei; ich will Deine Schnur lösen und Dir hinaushelfen, damit Du nach Lappland laufen kannst; aber Du mußt tüchtig Beine machen und dieses kleine Mädchen zum Schlosse der Schneekönigin bringen, wo ihr Spielkamerad ist. Du hast wohl gehört, was sie erzählte, denn sie sprach laut genug, und Du horchtest.« Das Rennthier sprang vor Freuden hochauf. Das Räubermädchen hob die kleine Gerda hinauf und hatte die Vorsicht, sie fest zu binden, ja ihr sogar ihr kleines Kissen als Sitz mitzugeben. »Da hast Du auch deine Pelzstiefel,« sagte sie, »denn es wird kalt; aber den Muff behalte ich, der ist gar zu niedlich! Darum sollst Du aber doch nicht frieren. Hier hast Du meiner Mutter große Fausthandschuhe, die reichen Dir gerade bis zu den Ellenbogen hinauf. Kriech hinein! – Nun siehst Du an den Händen ebenso aus, wie meine häßliche Mutter!« Und Gerda weinte vor Freuden. »Ich kann nicht leiden, daß Du grinsest!« sagte das kleine Räubermädchen. »Jetzt mußt Du gerade recht froh aussehen! Und hier hast Du zwei Brote und einen Schinken: nun wirst Du nicht hungern.« Beides wurde hinten auf das Rennthier gebunden; das kleine Räubermädchen öffnete die Thüre, lockte alle die großen Hunde herein, durchschnitt dann den Strick mit dem scharfen Messer und sagte zum Rennthiere: »Lauf nun! Aber gieb recht auf das kleine Mädchen Acht!« Und Gerda streckte die Hände mit den großen Fausthandschuhen gegen das Räubermädchen aus und sagte: Lebewohl! Dann jagte das Rennthier über Stock und Stein davon, durch den großen Wald, über Sümpfe und Steppen, so schnell es nur konnte. Die Wölfe heulten und die Raben schrieen. – »Fut! Fut!« ging es am Himmel. Es war als sprühe der Himmel Feuer. »Das sind meine alten Nordlichter!« sagte das Rennthier; »sieh wie sie leuchten!« Und nun lief es noch schneller davon, Tag und Nacht. Die Brote wurden verzehrt, der Schinken auch, und dann waren sie in Lappland.   Sechste Geschichte. Die Lappin und die Finnin. Bei einem kleinen Hause hielten sie an; es war sehr armselig: das Dach hing fast bis zur Erde herab, und die Thüre war so niedrig, daß die Familie kriechen mußte, wenn sie heraus oder hinein wollte. Hier war außer einer alten Lappin, welche bei einer Thranlampe Fische kochte, Niemand im Hause; und das Rennthier erzählte Gerda's ganze Geschichte; aber zuerst seine eigene, denn diese schien ihm weit wichtiger; und Gerda war so angegriffen von der Kälte, daß sie nicht sprechen konnte. »Ach, Ihr Armen!« sagte die Lappin; »da habt Ihr noch weit zu laufen! Ihr müßt über hundert Meilen in Finnmarken hinein, denn da wohnt die Schneekönigin auf dem Lande und brennt jeden Abend bengalische Flammen. Ich werde einige Worte auf einen trocknen Stockfisch schreiben; Papier habe ich nicht; den werde ich Euch für die Finnin dort oben mitgeben; sie kann Euch besser Bescheid ertheilen, als ich!« Und als Gerda nun erwärmt war und zu essen und zu trinken bekommen hatte, schrieb die Lappin einige Worte auf einen trocknen Stockfisch, bat Gerda , wohl darauf zu achten, band sie wieder auf dem Rennthier fest, und dieses sprang davon, »Fut! Fut!« ging es oben in der Luft; die ganze Nacht brannten die schönsten blauen Nordlichter; – und dann kamen sie nach Finnmarken und klopften an den Schornstein der Finnin; denn sie hatte nicht einmal eine Thüre. Da drinnen war eine Hitze, daß die Finnin fast nackt ging; sie war klein und schmutzig; gleich löste sie die Kleider der kleinen Gerda und zog ihr die Fausthandschuhe und Stiefel aus, – denn sonst wäre es ihr zu heiß geworden, – legte dem Rennthiere ein Stück Eis auf den Kopf und las dann, was auf dem Stockfische geschrieben stand; sie las es drei Mal, da wußte sie es auswendig und steckte den Fisch in den Suppenkessel; denn er konnte ja gegessen werden, und sie verschwendete nie Etwas. Nun erzählte das Rennthier zuerst seine Geschichte, dann die der kleinen Gerda ; und die Finnin blinzelte mit den klugen Augen, sagte aber nichts. »Du bist sehr klug,« sagte das Rennthier; »ich weiß, Du kannst alle Winde der Welt mit einem Zwirnfaden zusammenbinden; wenn der Schiffer den einen Knoten löst, so erhält er guten Wind, löst er den andern, dann weht er scharf, und löst er den dritten und vierten, so stürmt es, daß die Wälder umfallen. Willst Du nicht dem kleinen Mädchen einen Trank geben, daß sie Zwölf-Männer-Kraft erhält und die Schneekönigin überwindet?« »Zwölf-Männer-Kraft?« sagte die Finnin. »Ja, das würde viel helfen!« Dann ging sie nach einem Bette, nahm ein großes zusammengerolltes Fell hervor und rollte es auf; da waren wunderbare Buchstaben darauf geschrieben, und die Finnin las, daß ihr das Wasser von der Stirn herunter lief. Aber das Rennthier bat wieder so sehr für die kleine Gerda , und Gerda blickte die Finnin mit so bittenden Augen voll Thränen an, daß sie abermals mit den ihrigen zu blinzeln anfing und das Rennthier in einen Winkel zog, wo sie ihm zuflüsterte, während es wieder frisches Eis auf den Kopf bekam: »Der kleine Kay ist freilich bei der Schneekönigin und findet dort Alles nach seinem Geschmacke und Gefallen und glaubt, es sei der beste Ort in der Welt; aber das kommt daher, daß er einen Glassplitter in das Herz und ein kleines Glaskörnchen in das Auge bekommen hat; die müssen erst heraus, sonst wird er nie wieder ein Mensch, und die Schneekönigin wird die Gewalt über ihn behalten!« »Aber kannst Du nicht der kleinen Gerda etwas eingeben, daß sie Gewalt über das Ganze erhält?« »Ich kann ihr keine größere Gewalt geben, als sie schon besitzt; siehst Du nicht, wie groß die ist? Siehst Du nicht, wie Menschen und Thiere ihr dienen müssen, wie sie mit nackten Füßen so gut in der Welt fortgekommen ist? Sie kann nicht von uns ihre Macht erhalten; die besitzt sie in ihrem Herzen; die besteht darin, daß sie ein liebes unschuldiges Kind ist. Kann sie nicht selbst zur Schneekönigin hineingelangen und das Glas aus dem kleinen Kay bringen, dann können wir nicht helfen! Zwei Meilen von hier beginnt der Garten der Schneekönigin; dahin kannst Du das kleine Mädchen tragen; setze sie beim großen Busche ab, welcher mit rothen Beeren im Schnee steht; halte keinen Gevatterklatsch, sondern spute Dich, hierher zurückzukommen!« Und dann hob die Finnin die kleine Gerda auf das Rennthier, welches lief, was es konnte. »O, ich habe meine Stiefel nicht! Ich habe meine Fausthandschuhe nicht!« rief die kleine Gerda . Das merkte sie in der schneidenden Kälte; aber das Rennthier wagte nicht, anzuhalten; es lief, bis es zu dem Busche mit den rothen Beeren gelangte; da setzte es Gerda ab und küßte sie auf den Mund, und es liefen große, blanke Thränen über des Thieres Backen; und dann lief es, was es nur konnte, wieder zurück. Da stand die arme Gerda , ohne Schuhe, ohne Handschuhe, mitten in dem fürchterlichen, eiskalten Finnmarken. Sie lief vorwärts, so schnell sie nur konnte; da kam ein Regiment Schneeflocken; aber die fielen nicht vom Himmel herab, der war hell und glänzte von Nordlichtern; die Schneeflocken liefen gerade auf der Erde hin, und je näher sie kamen, desto größer wurden sie. Gerda erinnerte sich noch, wie groß und künstlich die Schneeflocken damals ausgesehen hatten, als sie dieselben durch ein Brennglas betrachtete. Aber hier waren sie freilich noch größer und fürchterlicher; sie lebten; sie waren der Schneekönigin Vorposten, sie hatten die sonderbarsten Gestalten. Einige sahen aus wie häßliche, große Stachelschweine; andere wie Knoten, gebildet von Schlangen, welche die Köpfe hervorstreckten; noch andere wie kleine dicke Bären, auf denen das Haar sich sträubte; alle waren glänzend weiß, alle waren lebendige Schneeflocken. Da betete die kleine Gerda ihr Vater unser; die Kälte war so groß, daß sie ihren eigenen Athem sehen konnte; er ging ihr wie Rauch aus dem Munde. Der Athem wurde dichter und dichter und gestaltete sich zu kleinen Engeln, die mehr und mehr wuchsen, wenn sie die Erde berührten; und alle hatten Helme auf dem Kopfe und Spieße und Schilde in den Händen; ihre Anzahl wurde größer und größer, und als Gerda ihr Vater unser beendet hatte, war eine ganze Legion um sie; sie stachen mit ihren Spießen gegen die gräulichen Schneeflocken, sodaß diese in hundert Stücke zersprangen; und die kleine Gerda ging sicher und frohen Muthes vorwärts. Die Engel streichelten ihre Hände und Füße, da empfand sie weniger wie kalt es war, und eilte nach der Schneekönigin Schloß. Aber nun müssen wir doch erst sehen, was Kay macht. Er dachte freilich nicht an die kleine Gerda , am wenigsten, daß sie draußen vor dem Schlosse stehe.   Siebente Geschichte. Von dem Schlosse der Schneekönigin, und was sich später darin zutrug. Des Schlosses Wände waren gebildet von treibendem Schnee, und Fenster und Thüren von den schneidenden Winden; es waren über hundert Säle darin, alle, wie sie der Schnee zusammenwehte; der größte erstreckte sich mehrere Meilen lang; das starke Nordlicht beleuchtete sie alle, und wie groß und leer, wie eisig kalt und glänzend waren sie! Nie gab es hier Lustbarkeiten, nicht einmal einen kleinen Bärenball, wozu der Sturm hätte aufspielen und wobei die Eisbären hätten auf den Hinterfüßen gehen und ihre feinen Manieren zeigen können; nie eine kleine Spielgesellschaft mit Maulklapp und Tatzenschlag; nie ein kleiner Kaffeeklatsch von Weißen-Fuchs-Fräuleins; leer, groß und kalt war es in der Schneekönigin Sälen. Die Nordlichter flammten so genau, daß man zählen konnte, wann sie am höchsten und wann sie am niedrigsten standen. Mitten in diesem leeren unendlichen Schneesaale war ein zugefrorner See, der war in tausend Stücke zersprungen; aber jedes Stück war dem andern gleich, daß es ein vollkommenes Kunstwerk war; und mitten auf dem See saß die Schneekönigin, wenn sie zu Hause war; dann sagte sie, daß sie im Spiegel des Verstandes säße, und daß dieser der einzige und der beste in der Welt sei. Der kleine Kay war blau vor Kälte, ja fast schwarz; aber er merkte es doch nicht, denn sie hatte ihm den Frostschauer abgeküßt und sein Herz glich einem Eisklumpen. Er schleppte einige scharfe, flache Eisstücke hin und her, die er auf alle mögliche Weise aneinander fügte, denn er wollte damit etwas herausbringen. Es war als wenn wir kleine Holztafeln haben und diese in Figuren zusammenlegen, was man das chinesische Spiel nennt. Kay ging auch und legte Figuren, und zwar die künstlichsten. Das war das Eisspiel des Verstandes. In seinen Augen waren die Figuren ausgezeichnet und von der höchsten Wichtigkeit: das machte das Glaskörnchen, welches ihm im Auge saß! Er legte vollständige Figuren, die ein geschriebenes Wort waren; aber nie konnte er es dahin bringen, das Wort zu legen, das er haben wollte, das Wort: Ewigkeit. Die Schneekönigin hatte gesagt: »Kannst Du diese Figur ausfindig machen, dann sollst Du Dein eigener Herr sein, und ich schenke Dir die ganze Welt und ein Paar neue Schlittschuhe«. Aber er konnte es nicht. »Nun sause ich fort nach den warmen Ländern!« sagte die Schneekönigin. »Ich will hinfahren und in die schwarzen Töpfe hineinsehen!« – Das waren die feuerspeienden Berge Aetna und Vesuv , wie man sie nennt. »Ich werde sie ein wenig weiß machen! Das gehört dazu; das thut den Citronen und Weintrauben gut!« Und die Schneekönigin flog davon, und Kay saß allein in dem viele Meilen großen, leeren Eissaale, betrachtete die Eisstücke und dachte so, daß es in ihm knackte; steif und still saß er; man hätte glauben sollen, er wäre erfroren. Da geschah es, daß die kleine Gerda durch das große Thor in das Schloß trat. Hier herrschten schneidende Winde, als ob sie schlafen wollten; und sie trat in die großen, leeren, kalten Säle hinein – da erblickte sie Kay ; sie erkannte ihn, flog ihm um den Hals, hielt ihn so fest und rief: » Kay ! lieber kleiner Kay ! Da habe ich Dich endlich gefunden!« Aber er saß still, steif und kalt; – da weinte die kleine Gerda heiße Thränen, die fielen auf seine Brust; sie drangen in sein Herz, sie thauten den Eisklumpen auf und verzehrten das kleine Spiegelstück darin; er betrachtete sie, und sie sang: »Rosen, die blü'hn und verwehen; Wir werden das Christkindlein sehen!« Da brach Kay in Thränen aus: er weinte so, daß das Spiegelkörnchen aus dem Auge schwamm; nun erkannte er sie und jubelte: » Gerda ! Liebe kleine Gerda ! – Wo bist Du doch so lange gewesen? Und wo bin ich gewesen?« Und er blickte rings um sich her. »Wie kalt ist es hier! Wie ist es hier weit und leer!« und er klammerte sich an Gerda an, und sie lachte und weinte vor Freuden; das war so herrlich, daß selbst die Eisstücke vor Freuden rings umher tanzten, und als sie müde waren und sich niederlegten, lagen sie in den Buchstaben, von denen die Schneekönigin gesagt hatte, daß er sie ausfindig machen solle, dann wäre er sein eigener Herr und sie wolle ihm die ganze Welt und ein Paar neue Schlittschuhe geben. Und Gerda küßte seine Wangen, und sie wurden blühend; sie küßte seine Augen und sie leuchteten gleich den ihrigen; sie küßte seine Hände und Füße, und er war gesund und munter. Die Schneekönigin mochte nun nach Hause kommen: sein Freibrief stand da mit glänzenden Eisstücken geschrieben. Und sie faßten einander bei den Händen und wanderten aus dem großen Schlosse heraus; sie sprachen von der Großmutter und von den Rosen oben auf dem Dache; und wo sie gingen, ruhten die Winde und die Sonne brach hervor; und als sie den Busch mit den rothen Beeren erreichten, stand das Rennthier da und wartete; es brachte noch ein anderes junges Rennthier mit, dessen Euter voll war; und dieses gab den Kleinen seine warme Milch und küßte sie auf den Mund. Dann trugen sie Kay und Gerda zuerst zur Finnin, wo sie sich in der heißen Stube auswärmten und über die Heimreise Bescheid erhielten; dann zur Lappin, welche ihnen neue Kleider genäht und ihren Schlitten in Stand gesetzt hatte. Das Rennthier und das Junge sprangen zur Seite und folgten bis zur Grenze des Landes; dort sproßte das erste Grün hervor; da nahmen sie Abschied von den Rennthieren und von der Lappin. »Lebt wohl!« sagten Alle. Und die ersten kleinen Vögel begannen zu zwitschern, der Wald hatte grüne Knospen, und aus ihm kam auf einem prächtigen Pferde, welches Gerda kannte – es war vor die goldene Kutsche gespannt gewesen –, ein junges Mädchen geritten, mit einer glänzend rothen Mütze auf dem Kopfe und Pistolen im Halfter; das war das kleine Räubermädchen, welches es satt hatte, zu Hause zu sein, und nun erst gegen Norden und später, wenn ihr das nicht zusagte, nach einer andern Weltgegend hin wollte. Sie erkannte Gerda sogleich, und Gerda erkannte sie auch: das war eine Freude. »Du bist ein schöner Patron mit herumschweifen!« sagte sie zum kleinen Kay . »Ich möchte wissen, ob Du verdienst, daß man Deinethalben bis an das Ende der Welt läuft!« Aber Gerda klopfte ihm die Wangen und fragte nach dem Prinzen und der Prinzessin. »Die sind nach fremden Ländern gereist!« sagte das Räubermädchen. »Aber die Krähe?« sagte Gerda . »Ja, die ist Krähe todt!« erwiderte sie. »Die zahme Geliebte ist Witwe geworden und geht mit einem Endchen schwarzen wollenen Garns um das Bein; sie klagt jämmerlich und Geschwätz ist das Ganze! – Aber erzähle mir nun, wie es Dir ergangen ist, und wie Du ihn erwischt hast.« Und Gerda und Kay erzählten. »Snipp-Snapp-Snurre-Purre-Basselurre!« sagte das Räubermädchen, nahm Beide bei den Händen und versprach, daß, wenn sie je durch ihre Stadt kommen sollte, sie hinaufkommen wolle, sie zu besuchen. Und damit ritt sie in die weite Welt hinein. Aber Gerda und Kay gingen Hand in Hand, und wo sie gingen, war es herrlicher Frühling mit Blumen und Grün; die Kirchenglocken läuteten und sie erkannten die hohen Thürme, die große Stadt; es war die, in der sie wohnten; und sie gingen in dieselbe hinein und hin zur Thüre der Großmutter, die Treppe hinauf, in die Stube hinein, wo Alles wie früher auf derselben Stelle stand; und die Uhr ging: Tick! Tack! und die Zeiger drehten sich; aber indem sie durch die Thüre gingen, bemerkten sie, daß sie erwachsene Menschen geworden waren. Die Rosen aus der Dachrinne blühten zum offenen Fenster herein, und da standen die kleinen Kinderstühle, und Kay und Gerda setzten sich ein Jeder auf den seinigen und hielten einander bei den Händen; die kalte, leere Herrlichkeit bei der Schneekönigin hatten sie wie einen schweren Traum vergessen. Die Großmutter saß in Gottes hellem Sonnenschein und las laut aus der Bibel: »Werdet ihr nicht wie die Kinder, so werdet ihr das Reich Gottes nicht schauen!« Und Kay und Gerda sahen einander in die Augen und verstanden auf einmal den alten Gesang: »Rosen, die blüh'n und verwehen: Wir werden das Christkindlein sehen!« Da saßen sie Beide, erwachsen und doch Kinder, Kinder im Herzen; und es war Sommer, warmer wohlthuender Sommer. Der letzte Traum der alten Eiche. (Ein Weihnachtsmärchen.). Im Walde hoch an dem steilen Ufer, hart an der offenen Meeresküste, stand eine recht alte Eiche. Sie war dreihundertfünfundsechzig Jahr alt, allein die lange Zeit war dem Baume nicht mehr als ebenso viele Tage uns Menschen sind. Wir wachen am Tage, schlafen in der Nacht, und haben dann unsere Träume; mit dem Baume ist es anders, er durchwacht die drei Jahreszeiten, erst gegen den Winter kommt sein Schlaf. Der Winter ist seine Ruhezeit, ist seine Nacht nach dem langen Tage, welcher Frühjahr, Sommer und Herbst heißt. An manchem warmen Sommertage hatte die Eintagsfliege rings um seine Krone getanzt, gelebt, geschwebt und sich glücklich gefühlt, und ruhte dann aus einen Augenblick in stiller Glückseligkeit, das kleine Geschöpf, auf einem der großen frischen Eichenblätter; dann sagte der Baum stets: »Arme Kleine! Nur ein einziger Tag ist Dein ganzes Leben! Wie so gar kurz! Es ist doch traurig!« »Traurig? – Was meinst Du damit?« fragte dann stets die Eintagsfliege. »Um mich her ist's ja wunderbar hell, warm und schön, das macht mich froh!« »Aber nur einen Tag, – dann ist Alles aus!« »Aus!« wiederholte die Eintagsfliege. »Was heißt aus? Bist Du auch aus?« »Nein, ich lebe vielleicht tausende von Deinen Tagen und mein Tag sind ganze Jahreszeiten! Das ist etwas so Langes, daß Du es gar nicht ausrechnen kannst!« »Nein, denn ich verstehe Dich nicht! Du hast tausende von meinen Tagen, aber ich habe tausende von Augenblicken, in denen ich fröhlich und glücklich sein kann! Hört denn alle Herrlichkeit dieser Welt auf, wenn Du stirbst?« »Nein,« sagte der Baum, »die währt gewiß viel länger, unendlich länger, als ich zu denken vermag.« »Aber dann haben wir ja gleich viel, nur daß wir verschieden rechnen!« Die Eintagsfliege tanzte und schwang sich in der Luft umher, freute sich ihrer feinen künstlichen Flügel, deren Flor und Sammet, freute sich der warmen Lüfte, die geschwängert waren mit würzigem Dufte des Kleefeldes und der wilden Rosen, des Flieders und Geisblattes, der Gartenhecke, des Waldmeisters, der Schlüsselblumen und Krausemünze; es duftete so stark, daß die Eintagsfliege fast berauscht war. Der Tag war lang und schön, voll Freude und süßen Gefühls, und als dann die Sonne sank, fühlte die kleine Fliege sich stets recht angenehm ermüdet von jener fröhlichen Lust. Die Flügel wollten sie nicht mehr tragen, und leise und langsam glitt sie hinab auf den weichen, wogenden Grashalm, nickte mit dem Kopfe, wie sie eben nicken kann, und schlief süß und fröhlich ein, – es war der Tod. »Arme, kleine Eintagsfliege!« sagte die Eiche, »das war doch ein gar zu kurzes Leben!« Und an jedem Sommertage wiederholte sich derselbe Tanz, dieselbe Rede, Antwort und dasselbe Einschlafen; es wiederholte sich Alles durch ganze Geschlechter von Eintagsfliegen, und Alle fühlten sie sich glücklich, gleich fröhlich. Die Eiche stand wachend da an ihrem Frühlingsmorgen, Sommermittage und Herbstabende; bald näherte sich ihre Ruhezeit, ihre Nacht. Der Winter kam heran. Schon sangen die Stürme ihr »Gute Nacht, gute Nacht!« Hier fiel ein Blatt, dort fiel ein Blatt. »Wir rütteln und schütteln! Schlaf ein, schlaf ein! Wir singen Dich in Schlaf, wir schütteln Dich in Schlaf, aber nicht wahr, es thut wohl in den alten Zweigen? Sie knacken dabei vor lauter Wonne! Schlaf süß, schlaf süß! Es ist Deine dreihundertfünfundsechzigste Nacht; eigentlich bist Du doch nur ein Guck-in-die-Welt! Schlaf süß! Die Wolke streut Schnee herab, es giebt eine Decke, schützend warm um Deine Füße! Schlaf süß, und – angenehme Träume!« Die Eiche stand da, ihres Laubes entkleidet, um zur Ruhe zu gehen den ganzen langen Winter und manchen Traum zu träumen, stets etwas Erlebtes, wie in den Träumen der Menschen. Der große Baum war auch klein, ja eine Eichel war einst seine Wiege gewesen; nach Menschenrechnung lebte er nun im vierten Jahrhundert; er war der größte und beste Baum im Walde, mit seiner Krone überragte er weithin alle andern Baume und wurde fern von der See aus gesehen, diente als Wahrzeichen den Seeleuten; er hatte keine Ahnung, daß gar viele Augen ihn suchten. Hoch oben in seiner grünen Krone baute die Waldtaube ihr Nest und der Kuckuk ließ seinen Ruf von ihr herab ertönen, und im Herbste, wenn die Blätter aussahen, als seien sie gehämmerte Kupferplatten, kamen die Zugvögel und rasteten dort, bevor sie über die See dahinflogen; doch jetzt war es Winter, der Baum stand entblättert da, man sah recht, wie krumm und verbogen die Zweige vom Stamme aus gingen. Krähen und Dohlen kamen heran und nahmen dort wechselweise ihren Sitz und sprachen von den harten Zeiten, die begannen, und davon, daß es im Winter gar schwer sei, sich zu ernähren. Es war um die heilige Weihnachtszeit, da träumte der Baum seinen schönsten Traum. Der Baum hatte deutlich ein Gefühl von der festlichen Zeit, ihm war, als höre er die Glocken läuten ringsum von allen Kirchen, und dazu schien es ihm zugleich ein herrlicher Sommertag zu sein, mild und warm. Frisch und grün breitete er eine mächtige Krone aus, die Sonnenstrahlen spielten zwischen Blättern und Zweigen, die Luft war erfüllt mit dem Dufte von Kräutern und Blüthen; bunte Schmetterlinge haschten sich; die Eintagsfliegen tanzten, als sei Alles nur dazu da, damit sie tanzen könnten und sich vergnügen. Alles, was der Baum Jahre hindurch erlebt hatte und was um ihn her geschehen war, zog an ihm vorüber wie in einem festlichen Aufzug. Er schaute alter Zeiten Ritter und edle Frauen hoch zu Roß, wallende Federbüsche vom Hute herab, den Falken auf der Hand, durch den Wald reiten; das Jagdhorn erklang und die Hunde bellten; er sah feindliche Krieger in bunten Kleidern mit blanken Waffen, mit Spieß und Hellebarde, Zelte aufschlagen und wieder abbrechen, das Wachtfeuer flammte und man sang und schlief unter dem Geäst des Baumes; er sah Liebesleute in stillem Glücke sich an seinem Stamme im Mondscheine begegnen und ihre Namen, den ersten Buchstaben in die graugrüne Rinde hineinschneiden. Zither und Aeolsharfe waren einst – ja, es lagen lange Jahre dazwischen – in den Zweigen der Eiche von reisenden fröhlichen Gesellen aufgehangen worden, jetzt hingen sie wieder dort, jetzt klangen sie wieder mit wunderbaren Tönen. Die Waldtauben girrten, als wollten sie erzählen, was der Baum dabei empfand, und der Kuckuk rief ihm zu, wie viel Sommertage er noch zu leben habe. Da war es, als riesele ihm eine neue Lebensströmung bis tief herab in die kleinste Wurzel und hoch hinauf bis in die am höchsten emporragenden Zweige, bis in die Blätter hinauf. Der Baum fühlte, daß er sich dabei strecke und recke, ja er empfand es mittelst der Wurzel, wie auch unten in der Erde Leben und Wärme sei; er fühlte seine Kraft zunehmen, er wuchs höher und höher, der Stamm schoß empor, es gab kein Stillstehen, er wuchs immer mehr und mehr, die Krone wurde voller, breitete sich aus, hob sich, – und je nachdem der Baum wuchs, steigerte sich sein Wohlsein, sein beseligendes Sehnen, immer höher zu reichen, ganz hinauf bis in die leuchtende, warme Sonne. Schon war er hoch über die Wolken hinaufgeschossen, die gleich dunklen Schaaren von Zugvögeln oder großen, weißen Schwänen unter ihm dahinzogen. Jedes Blatt des Baumes hatte die Gabe des Sehens, als hätte es Augen, um zu schauen; die Sterne wurden am hellen Tage sichtbar, groß und funkelnd; jeder von ihnen funkelte wie ein Augenpaar, mild und klar. Sie riefen bekannte, liebevolle Augen, Kinderaugen, Liebesleuteaugen, wenn diese sich unter dem Baume begegneten, ihm ins Gedächtniß. Es war ein wunderseliger Augenblick, so recht voller Freude und Lust! Und doch, in dieser Freude empfand der Baum ein Verlangen, eine sehnende Lust, daß alle andern Bäume des Waldes dort unten, alles Gebüsch, alle Kräuter und Blumen sich auch mit ihm möchten erheben können, daß sie auch diesen Glanz sehen, diese Freude empfinden möchten. Die große, majestätische Eiche war in ihrer Herrlichkeit nicht ganz glücklich, ohne sie Alle, Groß und Klein, bei sich zu haben, und dieses sehnende Gefühl durchbebte alle Zweige, alle Blätter, innig und kräftig wie eine Menschenbrust. Die Krone des Baumes wiegte sich hin und her, als suche sie in tiefem Sehnen; sie schaute zurück. Da empfand der Baum den Duft vom Waldmeister und bald noch stärkeren Duft vom Geisblatte und Veilchen; er wähnte, er höre den Kuckuk ihm antworten. Ja, durch die Wolken blickten die grünen Gipfel des Waldes hervor, und unter sich sah die Eiche die anderen Bäume, wie sie wuchsen und sich erhoben. Büsche und Kräuter schössen hoch auf, einzelne rissen sich mit der Wurzel los und flogen noch schneller hinauf. Die Birke war am schnellsten; einem weißen Blitzstrahle gleich schoß ihr schlanker Stamm wie im Zickzack in die Höhe, die Zweige umwallten ihn als grüner Flor und Fahnen; die ganze Waldnatur, selbst das braungefiederte Rohr, wuchs mit und die Vögel folgten und sangen, und auf dem Halme, der wie ein langes, grünseidenes Band in der Luft flatterte, saß die Heuschrecke und spielte mit dem Flügel an seinem Schienbeine; die Maikäfer brummten und die Bienen summten, jeder Vogel sang, wie ihm der Schnabel gewachsen war; Alles war Sang und Klang und Freude bis in den Himmel hinein. »Aber die kleine, blaue Blume am Wasser, wo bleibt die?« rief die Eiche, die rothe Glockenblume und das Gänseblümlein!« – ja, die alte Eiche wollte sie alle um sich haben. »Wir sind da! Wir sind da!« sang und klang es. »Aber der schöne Waldmeister vom vorigen Sommer – und im vorigen Jahre war hier doch ein Flor von Maiblümchen! – der wilde Apfelbaum, wie der so schön blühte! – und all' diese Waldespracht Jahr aus Jahr ein! – lebte sie doch jetzt, wäre sie doch jetzt erst geboren, sie hätte dann doch auch dabei sein können!« »Wir sind dabei! Wir sind da!« sang und klang es noch höher; es war, als seien sie vorangeflogen. »Nein, das ist gar zu schön, unglaublich schön!« jubelte die alte Eiche. »Ich habe sie Alle! Klein und Groß! Nicht Einer ist vergessen! Wie ist doch all' die Glückseligkeit denkbar! Wie ist sie möglich!« »Im Himmel des ewigen Gottes ist sie möglich und denkbar!« klang es durch die Lüfte. Der alte Baum, der immerfort wuchs, fühlte es, wie seine Wurzel sich von der Erde losriß. »Das ist recht so, ist das allerbeste!« sagte der Baum; »jetzt halten mich keine Bande! Ich kann jetzt hinauffliegen an das Allerhöchste Licht und Glanz! Und alle Lieben sind bei mir! Kleine und Große! Alle!« »Alle!« Das war der Traum der alten Eiche; und wahrend sie so träumte, brauste ein gewaltiger Sturm über Land und See dahin – am heiligen Weihnachtsfeste. Das Meer wälzte schwere Wogen gegen die Ufer; der Baum – es krachte und knackte in ihm – er wurde mit der Wurzel aus dem Boden gerissen, gerade in dem Augenblicke, wo er träumte, daß seine Wurzel sich von der Erde losriß. – Er fiel. Seine dreihundertfünfundsechzig Jahre waren jetzt wie ein Tag der Eintagsfliege. – Am Morgen des ersten Weihnachtstages, als die Sonne aufging, hatte sich der Sturm gelegt. Von allen Kirchen her tönte festliches Glockengeläute, und aus jedem Schornsteine, selbst aus dem kleinsten der geringsten Hütte, hob sich der Rauch in blauen Wolken, wie vom Altare der Rauch des Dankopfers beim Feste der Druiden, Das Meer beruhigte sich allmälig und am Bord eines großen Schiffes draußen, das während der Nacht mit dem stürmischen Wetter gekämpft und es glücklich überstanden hatte, wurden nun alle Flaggen weihnachtsfestlich, als das Zeichen der Freude aufgehißt. »Der Baum ist dahin! die alte Eiche, unser Wahrzeichen an der Küste!« – sprachen die Seeleute. »Er ist in dieser Sturmesnacht gefallen! Wer wird ihn ersetzen können – Niemand vermag es!« Eine solche Leichenrede, kurz, aber wohlgemeint, bekam der Baum, der auf der Schneedecke am Meeresufer hingestreckt lag; und über ihn dahin klangen die Psalmentöne vom Schiffe aus, ein Lied von der Weihnachtsfreude und von der Erlösung der Menschenseele in Christo und dem ewigen Leben: »Sing' laut zum Himmel, Christenschaar: Es ist erfüllt! – Sie ihn gebar, Die Freud' ist ohne Gleichen! Halleluja! Halleluja!« so ertönte das alte Psalmlied, und Jedermann draußen am Bord des Schiffes fühlte sich gehoben in seiner Weise durch das Lied und das Gebet, wie der alte Baum sich gehoben fühlte in seinem letzten, schönsten Traume in der Weihnachtsnacht. Die Eisjungfer. I. Der kleine Rudy. Besuchen wir die Schweiz, durchwandern wir das herrliche Bergland, wo die Wälder die jähen Felsenwände hinanwachsen; steigen wir hinauf in die blendenden Schneefelder und wieder hinab in die grünen Wiesen, durch welche Flüsse und Bäche dahinbrausen mit einer Eile, als könnten sie nicht schnell genug das Meer erreichen und verschwinden. Sengend steht die Sonne über dem tiefen Thale, und auch oben, auf die schweren Schneemassen sengt sie, daß diese mit den Jahren zusammenschmelzen zu schimmernden Eisblöcken und sich in rollende Lawinen, in aufgethürmte Gletscher gestalten. Zwei solche Gletscher liegen in den breiten Felsenschluchten unter dem »Schreckhorn« und »Wetterhorn«, bei dem Bergstädtchen Grindelwald; sie sind merkwürdig anzuschauen, und deshalb kommen auch bei Sommerzeit viele Fremde aus aller Welt hierher; sie kommen über die hohen, schneebedeckten Berge, sie kommen auch aus den tiefen Thälern, und dann müssen sie mehrere Stunden steigen, und während sie steigen, senkt sich das Thal immer tiefer; sie blicken in dasselbe hinab, als sähen sie aus einem Luftballon. Ueber ihnen hängen oft die Wolken als dicke, schwere Schleier um die Bergspitzen, während unten im Thale, wo die vielen braunen, hölzernen Häuser zerstreut stehen, noch ein Sonnenstrahl leuchtet und ein Fleckchen in strahlendem Grün hervorhebt, als sei es transparent. Dort unten summt und saust und braust das Wasser, dort oben rieselt und klingt es, es sieht aus, als flatterten Silberbänder über den Felsen hinab. Zu beiden Seiten des Weges, welcher bergan führt, stehen Balkenhäuser, jedes Haus hat seinen Kartoffelgarten, und dieser ist unentbehrlich, denn viele Hälse stecken drin in den Hütten, Kinder giebt es hier vollauf, die ihr Futter schon verzehren können; allerwärts kommen sie zum Vorscheine und schaaren sich um den Reisenden, mag dieser zu Fuß oder zu Wagen sein; die ganze Kinderschaar treibt hier Handel, die Kleinen bieten hübsch geschnitzte Häuserchen feil, in der Form derjenigen, die man hier im Gebirge baut. Mag es Regen oder Sonnenschein sein, die Kinderschaar ist da mit ihrer Waare. Vor einigen zwanzig Jahren stand hier oftmals, aber stets etwas fern von den andern Kindern, ein kleiner Knabe, der auch Handel treiben wollte, er stand da, machte ein gar ernstes Gesicht und hielt seine Schachtel mit den geschnitzten Waaren so fest mit beiden Händen, als sei er eigentlich nicht willens, sie hinzugeben, allein gerade dieser Ernst und daß das Bürschchen so sehr klein war, machte, daß es in die Augen fiel, oftmals von den Fremden herbeigerufen wurde und oft den größten Absatz für seine Waare fand; der Knabe selbst wußte nicht weshalb. Eine Stunde höher hinauf, auch im Gebirge, wohnte sein Großvater, der die seinen, hübschen Häuserchen schnitzte, und dort bei dem Alten in der Stube stand ein großer Schrank mit dergleichen geschnitzten Sachen in Hülle und Fülle, Nußknackern, Messern und Gabeln, Schachteln mit Laubwerk und springenden Gemsen, so recht ein Inhalt zur Freude aller Kinderaugen; aber der Knabe, Rudy hieß er, blickte mit größerer Lust und Sehnsucht auf die alte Büchse, die unter dem Balken an der Stubendecke hing, der Großvater hatte ihm versprochen, er solle sie späterhin bekommen, aber er müsse erst groß und stark werden, um sie handhaben zu können. So klein der Knabe auch war, er mußte doch die Ziegen hüten, und wenn derjenige ein guter Hüter ist, der mit ihnen zu klettern weiß, so war Rudy ein solcher; er kletterte sogar ein wenig höher, wie die Ziegen, er liebte es, die Vogelnester hoch oben auf den Bäumen auszunehmen; er war verwegen und dreist, aber lächeln sah man ihn nur, wenn er an dem brausenden Wasserfalle stand, oder das Hinabrollen einer Lawine hörte. Er spielte nie mit den andern Kindern; er kam nur dann mit diesen zusammen, wenn der Großvater ihn bergab sandte, um zu handeln, und den Handel liebte Rudy eben nicht besonders, er kletterte lieber allein auf den Bergen umher, oder saß beim Großvater und hörte diesen von der alten Zeit und von den Leuten in dem nahen Meiringen, seinem Geburtsorte, erzählen. Die Leute dort, sagte der Alte, seien nicht von Alters her dort gewesen, sie seien eingewandert, seien aus dem hohen Norden gekommen, wo ihre Stammväter wohnten und Schweden hießen. Rudy that sich darauf etwas zu gute, das zu wissen; aber er lernte auch durch andern guten Umgang, und einen solchen hatte er an den Hausgenossen, die der Thiergattung angehörten. Es war ein großer Hund da, der Ajola hieß und Rudy's Vater angehört hatte, und auch ein Kater war da; dieser Kater namentlich stand in hohen Ehren bei Rudy; der hatte ihn das Klettern gelehrt. »Komm nur mit hinaus auf's Dach!« hatte der Kater gesagt, und zwar deutlich und verständlich, denn wenn man ein Kind ist und noch nicht sprechen kann, versteht man sehr gut die Hühner und Enten; die Katzen und Hunde sprechen uns ebenso verständlich wie Vater und Mutter, nur muß man eben recht klein sein; selbst Großvaters Stock kann alsdann wiehern, zu einem ganzen Pferde werden mit Kopf, Beinen und Schweif. Bei einigen Kindern hört dieses Verständnis später als bei andern auf, und von solchen sagt man dann, daß sie weit zurück, gar lange Kinder geblieben sind. Was sagt man nicht Alles! »Komm mit mir hinauf auf's Dach, Rudy!« war wohl etwa das Erste, was der Kater gesagt und Rudy verstanden hatte. »Was die Leute vom Herunterfallen reden, ist eitel Einbildung, man fällt nicht, wenn man sich nicht davor fürchtet. Komm Du nur, setze Deine eine Pfote so, die andere so! fühle vor mit den Vorderpfoten! Mußt Augen im Kopfe und geschmeidige Glieder haben! Kommt irgend so 'ne Kluft, so springe nur, und halte Dich fest, so thu' ich's!« Und so that es Rudy denn auch; deshalb saß er so oft auf der Dachfirste bei dem Kater, saß mit ihm in den Baumwipfeln, ja hoch auf dem Felsenrande, wo der Kater nicht hinauf konnte. »Höher herauf!« sagten Baum und Gebüsch. »Siehst Du, wie wir klettern: Wie hoch wir reichen, wie wir uns festhalten, selbst an dem äußersten, schmalen Felsenrande!« Rudy erreichte die Bergesspitze, oftmals noch ehe die Sonne dahin gelangte, und dort schlürfte er seinen Morgentrank, die frische kräftigende Bergluft, den Trank, den nur der liebe Gott zu brauen versteht und von dem die Menschen nur das Recept zu lesen vermögen, in dem geschrieben steht: der frische Duft von den Kräutern des Berges, von der Krausemünze und dem Thymian des Thales. – Alles, was schwer ist, saugen die hängenden Wolken ein, und der Wind schleift und reibt sie über die Tannenwipfel dahin, der Geist des Duftes wird Luft, leicht und frisch, immer frischer, – diese war Rudy's Morgentrank. Die Sonnenstrahlen, die segenbringenden Töchter der Sonne, küßten seine Wangen, und der Schwindel stand auf der Lauer, wagte es aber nicht, sich ihm zu nähern, und die Schwalben vom Hause des Großvaters, an dem nicht weniger als sieben Nester waren, flogen zu ihm und den Ziegen hinauf und sangen: »Wir und Ihr! Ihr und Wir!« Sie brachten Grüße von Haus, vom Großvater, ja selbst von den beiden Hühnern, die einzigen Vögel im Hause, mit welchen Rudy sich jedoch niemals einließ. So klein er war, war er doch gereist, und für so ein kleines Bürschchen gerade keine kurze Reise; er war geboren drüben im Canton Wallis und hierher über die Berge getragen; kürzlich hatte er zu Fuße den nahen Staubbach besucht, der wie ein Silberstor vor dem schneebedeckten, blendend weißen Berge die »Jungfrau« in der Luft flatterte. Auch in Grindelwald bei dem großen Gletscher war er gewesen; aber das war eine traurige Geschichte: dort fand seine Mutter den Tod, dort sei die Kinderfröhlichkeit dem kleinen Rudy abhanden gekommen, sagte der Großvater. »Als der Knabe noch kein Jahr alt war, lachte er mehr, als er weinte,« so hatte die Mutter geschrieben, »von der Zeit an, wo er in der Eiskluft gesessen, sei aber ein anderer Sinn in ihn gekommen.« Der Großvater sprach selten hiervon, aber man wußte es schon auf dem ganzen Berge. Rudy's Vater war Postknecht gewesen; der große Hund, der in der Stube beim Großvater lag, war ihm stets auf der Fahrt über den Simplon hinab nach dem Genfersee gefolgt. In dem Rhonethale im Canton Wallis wohnten noch Anverwandte väterlicher Seite von Rudy; sein Ohm war ein tüchtiger Gemsjäger und wohlbekannter Führer. – Rudy war nur ein Jahr alt, als er seinen Vater verlor, und die Mutter sehnte sich nun mit ihrem Kinde zurück zu ihren Anverwandten im Berner Oberlande; ihr Vater wohnte einige Stunden Weges von Grindelwald; er schnitzte in Holz und verdiente dabei so viel, daß er leben konnte. Im Monat Juni ging sie, mit ihren Kinde, in Begleitung von zwei Gemsjägern, heimwärts, über den Gemmi, auf Grindelwald zu. Schon hatten sie die längste Strecke zurückgelegt, waren über den Hochrücken bis in das Schneefeld gelangt, schon erblickten sie ihr heimathliches Thal, mit allen den wohlbekannten Balkenhäusern, und hatten nur noch den einen großen Gletscher zu überschreiten. Der Schnee war frisch gefallen und verbarg eine Kluft, die zwar nicht bis auf den tiefen Grund reichte, wo das Wasser brauste, aber doch immerhin tiefer als Menschenhöhe; die junge Frau, die ihr Kind trug, glitt aus, versank und war verschwunden; man hörte keinen Schrei, keinen Seufzer, aber man vernahm das Weinen eines kleinen Kindes. Mehr als eine Stunde verstrich, bis ihre beiden Begleiter aus den nächsten Häuschen unten Taue und Stangen herbeischafften, um wo möglich noch Hilfe zu bringen, und nach vieler Anstrengung brachte man aus der Eiskluft zwei Leichen hervor, wie es schien. Alle Mittel wurden angewendet; es gelang, das Kind, nicht aber die Mutter in's Leben zurückzurufen, und so bekam der alte Großvater nur einen Tochtersohn in's Haus, eine Waise, denselben Knaben, der mehr lachte als weinte; es schien aber, als sei ihm jetzt das Lachen ausgegangen, und die Veränderung müsse wohl in der Gletscherkluft geschehen sein, in der kalten wunderlichen Eiswelt, wo die Seelen der Verdammten bis zum jüngsten Tage eingekerkert sind, – wie der Schweizerbauer glaubt. Ein brausendes Gewässer, zu Eis geronnen und zusammengepreßt wie zu grünen Glasblöcken, liegt der Gletscher, ein großer Eisblock auf den andern gewälzt; unten in der Tiefe braust der reißende Strom geschmolzenen Schnee's und zerflossenen Eises; tiefe Höhlen, große Schluchten dehnen sich dort unten aus, es ist ein wunderbarer Glaspalast, und in diesem wohnt die Eisjungfer, die Gletscherkönigin. Sie, die Tödtende, die Zermalmende, ist halb ein Kind der Luft, halb die mächtige Gebieterin des Flusses; deshalb vermag sie auch, sich mit der Schnelle der Gemse auf den obersten Gipfel des Schneeberges zu erheben, wo die kecken Bergsteiger sich erst Stufen in das Eis für ihre Tritte hauen müssen; sie segelt auf dem dünnen Tannenreise den reißenden Strom entlang, und springt dort von einem Felsblocke zum andern, umflattert von ihrem langen, schneeweißen Haar und ihrem blaugrünen Gewande, das wie das Wasser in den tiefen Schweizerseen glänzt. »Zermalmen, festhalten! mein ist die Macht!« spricht sie. »Einen schönen Knaben stahl man mir, einen Knaben, den ich geküßt, aber nicht todt geküßt habe. Er ist wieder unter den Menschen, er hütet die Ziegen auf dem Berge, klettert aufwärts, immer höher, weit weg von den Andern, nicht von mir! Mein ist er, ich hole ihn mir!« Sie gab dem Schwindel Auftrag, für sie zu handeln; denn es war der Eisjungfer zu schwül bei Sommerszeit im Grünen, wo die Krausemünze gedeiht; und der Schwindel stieg hinauf und hinab; es hob sich einer, es hoben sich drei. Der Schwindel hat viele Brüder, eine Schaar, und die Eisjungfer wählte den stärksten von den vielen, die außerhalb und innerhalb ihr Wesen treiben. Sie sitzen auf dem Treppen- und Thurmgeländer, sie laufen wie Eichkatzen den Felsrand entlang, sie springen über die Geländer und Stege hinaus und treten die Luft wie der Schwimmer das Wasser, und locken ihr Opfer hinaus und hinab in den Abgrund. Der Schwindel und die Eisjungfer, sie Beide greifen nach den Menschen, wie der Polyp nach Allem greift, was in seine Nähe kommt. Der Schwindel sollte Rudy greifen. »Ja, Den greifen!« sagte der Schwindel, – »ich vermag es nicht! Die Katze, das Unthier, hat ihm ihre Künste gelehrt. Das Menschenkind hat eine eigene Macht, die mich hinwegstößt, ich vermag ihn nicht zu erreichen, diesen Knaben, wenn er auf dem Zweige hängt über den Abgrund hinaus, und wie gern kitzelte ich ihm die Fußsohlen, oder stieße ihn kopfüber in die Luft hinaus! Aber ich bringe es nicht zu Stande!« »Wir bringen es schon zu Stande!« sagte die Eisjungfer. »Du oder ich! Ich, ich!« »Nein, nein,« klang es um sie her, als sei es ein Echo in den Bergen vom Geläute der Kirchenglocken; allein es war Gesang, es war Rede, es war ein zusammenschmelzender Chor anderer Naturgeister, guter, liebevoller Geister, – es warm die Töchter der Sonnenstrahlen. Diese lagern sich jeden Abend im Kranze um die Berggipfel; dort breiten sie ihre rosenfarbenen Flügel aus, die mit der sinkenden Sonne immer flammender werden und die hohen Alpen überglühen, die Menschen nennen das »Alpenglühen«. Wenn die Sonne dann gesunken, ziehen sie in die Berggipfel, in den weißen Schnee hinein, und schlummern dort, bis die Sonne wieder aufgeht, alsdann kommen sie auf's Neue zum Vorscheine. Besonders lieb haben sie die Blumen, die Schmetterlinge und die Menschen, und unter diesen letzteren hatten sie sich namentlich Rudy erkoren. »Ihr fangt ihn nicht! Ihr kriegt ihn nicht!« sagten sie. – »Größer und stärker habe ich sie gefangen!« sagte die Eisjungfer. Da sangen die Sonnentöchter ein Lied vom Wanderer, dessen Mantel der Sturm hinwegführte; – der Wind nahm die Hülle, aber nicht den Mann; »ihr könnt ihn schon ergreifen, aber nicht festhalten, ihr Kinder der Kraft; er ist stärker, er ist geistiger, als selbst wir! Er steigt höher wie die Sonne, unsere Mutter, er hat das Zauberwort, das Wind und Wasser bindet, daß sie ihm dienen und gehorchen müssen. Ihr löst das schwere, drückende Gewicht, und er hebt sich höher!« Herrlich klang der glockenklingende Chor. Jeden Morgen drangen die Sonnenstrahlen durch das kleine einzige Fenster im Hause des Großvaters hinein und beschienen das stille Kind. Die Töchter der Sonnenstrahlen küßten es, sie wollten die Eisküsse aufthauen, schmelzen, hinwegbringen, welche die königliche Jungfrau der Gletscher ihm gegeben, als es auf dem Schooße seiner todten Mutter in der tiefen Eiskluft lag, und dort wie durch ein Wunder gerettet wurde.   II. Die Reise in die neue Heimath. Rudy war jetzt acht Jahre alt; sein Ohm jenseit der Berge, im Rhonethale, wollte den Knaben zu sich nehmen, damit er etwas lerne und besser fortkomme; dies sah auch der Großvater ein und ließ ihn ziehen. Rudy nahm also Abschied. Außer dem Großvater waren aber noch Andere da, denen er Lebewohl sagen mußte; zuerst Ajola, dem alten Hunde. »Dein Vater war Postknecht und ich war Posthund,« sagte Ajola. »Wir sind hinüber und herüber gefahren, ich kenne die Hunde und auch die Menschen jenseit der Berge. Viel reden war nie meine Sache, jetzt aber, da wir wohl nicht mehr lange mit einander zu reden haben werden, will ich etwas mehr, denn sonst sagen; ich will dir eine Geschichte erzählen, mit der ich lange umhergegangen bin, auf der ich schon lange gekaut habe; ich verstehe sie aber nicht, und Du wirst sie auch nicht verstehen, aber das ist auch gleichgiltig; so viel habe ich wenigstens herausgekriegt, daß es in der Welt nicht ganz richtig vertheilt ist, weder für Hunde, noch für Menschen! nicht Alle sind geschaffen, auf dem Schooße zu liegen, oder Milch zu schlabbern; ich bin nicht daran gewöhnt; aber ich habe so ein Hündchen mit im Postwagen fahren sehen und darin Menschenplatz haben; die Dame, die seine Herrschaft oder deren Herrschaft es war, führte ein Säugefläschchen mit Milch bei sich, aus dem das Hündchen getränkt wurde; und Zuckerplätzchen bekam es, aber es beschnoberte sie höchstens, mochte sie nicht einmal fressen, und so fraß sie die Plätzchen selber auf. Ich lief im Schmutze neben dem Wagen her, hungrig, wie eben ein Hund es sein kann, ich kaute an meinen eigenen Gedanken, das war nicht so ganz in der Ordnung, – aber es soll viel Anderes auch nicht in der Ordnung sein. Möchtest Du auf den Schooß kommen und in der Kutsche fahren? ich gönne es Dir. Aber selbst kann Einer dies nicht bewerkstelligen, ich habe es nicht können, weder durch Bellen, noch Heulen!« Das waren Ajola's Worte, und Rudy umarmte ihn und küßte ihn herzhaft auf die nasse Schnauze; darauf nahm er die Katze in die Arme, aber die sträubte sich dabei. »Du wirst mir zu stark, und gegen Dich will ich die Krallen nicht gebrauchen! Klettere Du nur über die Berge, ich habe Dich ja das Klettern gelehrt! Bilde Dir nur nicht ein, daß Du herabfallen kannst, dann bleibst Du schon hängen!« Damit sprang die Katze davon, denn sie wollte nicht, daß Rudy bemerken sollte, wie ihr die Trauer aus den Augen sah. Die Hühner stolzirten in der Stube umher; eins hatte den Schwanz verloren; ein Reisender, der Jäger sein wollte, hatte ihm den Schwanz weggeschossen, der Mensch hatte das Huhn für einen Raubvogel angesehen. »Rudy will über die Berge wandern!« sagte das eine Huhn. »Er hat immer solche Eile!« sagte das andere, »ich nehme nicht gern Abschied!« und damit trippelten sie Beide davon. Den Ziegen sagte er auch Lebewohl, und sie meckerten und wollten mitgehen, »meck, meck!« das war sehr traurig. Zwei tüchtige Führer der Gegend, die über die Berge nach der andern Seite bei Gemmi wollten, nahmen Rudy mit, er folgte ihnen zu Fuß. Es war ein strenger Marsch für ein solches Knäblein, aber es hatte gute Kräfte und sein Muth sank nicht. Die Schwalben flogen eine Strecke mit. »Wir und Ihr! Ihr und Wir!« sangen sie. Der Weg führte über den reißenden Lütschine, der in vielen, kleinen Strömen aus der schwarzen Kluft des Grindelwald-Gletschers hervorstürzt. Als Brücke dienen hier lose Baumstämme und Steinblöcke. Drüben bei dem Ellernwalde angelangt, begannen sie den Berg da zu ersteigen, wo der Gletscher sich von der Bergwand losgetrennt hatte, und schritten nun über Eisblöcke und um solche herum auf den Gletscher hinaus; Rudy mußte bald eine Strecke kriechen, bald eine andere gehen; seine Augen strahlten vor lauter Freude und er trat so fest auf mit seinen mit Eisen beschlagenen Bergschuhen, als müsse er bei jedem Tritte ein Zeichen hinterlassen. Die schwarze Erde, die der Bergstrom auf dem Gletscher abgesetzt hatte, verlieh diesem das Aussehen, als sei er verwittert, doch das bläulichgrüne, glasartige Eis blickte dessenungeachtet durch; man mußte die kleinen Seen umgehen, die, von Eisblöcken eingedämmt, sich gebildet hatten, und auf solcher Wanderung kam man in die Nähe eines großen Steines, der schaukelnd auf dem Rande einer Spalte im Eise lag, der Stein gerieth aus dem Gleichgewichte, rollte hinab und ließ das Echo herauftönen aus den tiefen, hohlen Klüften der Gletscher. Es ging immerzu bergan; der Gletscher selbst streckte sich aufwärts wie ein Fluß von wild aufgethürmten Eismassen, eingezwängt zwischen jähe Felsen. Rudy dachte einen Augenblick daran, daß er, wie man ihm erzählt hatte, mit seiner Mutter tief unten in einer dieser Kälte athmenden Klüfte gelegen, doch bald waren solche Gedanken verscheucht, und diese kam ihm vor wie alle die andern Geschichten, deren er so viele hatte erzählen hören. Dann und wann wenn die Männer meinten, der Weg sei doch Wohl zu beschwerlich für das Bürschchen, reichten sie ihm eine Hand, aber er ermüdete nicht, und auf dem glatten Eise stand er fest wie eine Gemse. Sie betraten nun den Felsengrund und schritten bald zwischen kahlem Gesteine, bald zwischen Tannen und wieder hinaus auf die grünen Weiden, immer durch wechselnde neue Landschaften; ringsum erhoben sich die Schneegebirge, deren Namen, die ›Jungfrau‹, der ›Mönch‹, der ›Eiger‹, jedem Kinde hier und auch Rudy bekannt waren, Rudy war früher nie so hoch oben gewesen, hatte noch nie das ausgedehnte Schneemeer betreten; hier lag es nun mit seinen unbeweglichen Schneewellen, von welchen der Wind dann und wann eine Flocke hinwegblies, wie er den Schaum von den Meereswellen bläst. Die Gletscher stehen hier, so zu sagen, Hand in Hand; jeder ist ein Glaspalast für die Eisjungfer, deren Macht und Wille es ist, zu fangen, zu begraben. Die Sonne strahlte warm, der Schnee war blendend und wie mit bläulich weißen, funkelnden Diamantblitzen übersäet. Unzählige Insekten, namentlich Schmetterlinge und Bienen, lagen haufenweise todt auf dem Schnee, sie hatten sich zu hoch gewagt, oder der Wind sie so hoch getragen, bis sie in der Kälte ausathmeten. Um das Wetterhorn hing, gleich einem seinen schwarzen Wollbüschel, eine drohende Wolke; sie senkte sich herab, strotzend von dem, das sie in ihrem Innern barg: ein Föhn, gewaltthätig, wenn er losbricht. Der Eindruck dieser ganzen Wanderung, das Nachtlager hier oben, der spätere Weg, die tiefen Felsenklüfte, wo das Wasser während eines Zeitraums, bei dessen Ermessen der Gedanke erstarrt, die Steinblöcke durchsägt hat, grub sich unvergeßlich in Rudy's Gedächtniß ein. Ein verlassenes, steinernes Gebäude jenseit des Schneemeeres gewährte Schutz zum Uebernachten; hier fanden sie Holzkohlen und Tannenreiser; bald war ein Feuer angezündet, das Nachtlager bereitet, so gut es eben ging; die Männer setzten sich um das Feuer, schmauchten ihren Tabak und tranken das warme, würzige Getränk, welches sie selbst zubereitet hatten; auch Rudy bekam seinen Antheil vom Getränke und es wurde von dem geheimnißvollen Wesen des Alpenlandes, von den seltsamen riesigen Schlangen in den tiefen Seen, von dem nächtlichen Gespensterheere erzählt, das den Schlafenden durch die Lüfte nach der wunderbaren, schwimmenden Stadt Venedig trage, von dem wilden Hirten, der seine schwarzen Schafe über die Weide triebe; habe man diese auch nicht gesehen, jedenfalls habe man das Geklingel ihrer Glöcklein vernommen, das unheimliche Gemecker der Heerde gehört. Rudy lauschte neugierig, aber ohne alle Furcht, solche kannte er nicht, und während er lauschte, kam es ihm vor, als höre er das gespensterhafte hohle Gebrüll; ja, es wurde immer hörbarer, auch die Männer hörten es, hielten in ihrem Gespräch inne, lauschten und sagten zu Rudy, er dürfe nicht schlafen. Es war ein Föhn, dieser gewaltige Sturmwind, der sich von den Bergen herab ins Thal wirft, und in seiner Gewaltthätigkeit die Bäume knickt, als seien sie schwankes Röhricht, der die Balkenhäuser von einem Flußufer zum andern hinüberträgt, wie wir eine Schachfigur versetzen. Nach Verlauf etwa einer Stunde sagten sie zu Rudy, das sei jetzt überstanden, er könne nun schlafen, und ermüdet von dem Marsche, schlief er ein wie auf Kommando. Am nächsten Morgen brachen sie wieder auf. Die Sonne beleuchtete an diesem Tage für Rudy neue Berge, Gletscher und Schneefelder; sie waren in den Canton Wallis eingetreten und befanden sich jenseit des Bergrückens, den man vom Grindelwald aus erblickt, aber noch weit entfernt von der neuen Heimath. Es zeigten sich andere Klüfte, andere Triften, Wälder und Felsenpfade, auch andere Häuser, andere Menschen kamen zum Vorscheine, aber was für Menschen? Es waren Misgestalten, unheimliche, fette, weißgelbe Gesichter, die Hälse waren schwere, häßliche Fleischklumpen, wie Säcke herabhängend; es waren Cretins, sie schleppten sich kränkelnd vorwärts und sahen die Fremden mit dummen Augen an; die Weiber namentlich sahen entsetzlich aus. Waren das die Menschen in der neuen Heimath?   III. Der Ohm. Im Hause des Ohms, wo Rudy nun lebte, sahen die Menschen, gottlob, aus, wie er sie zu sehen gewohnt war; hier war nur ein einziger Cretin, ein armer, geistesbeschränkter Bursche, eines dieser beklagenswerthen Geschöpfe, die in ihrer Verlassenheit stets im Canton Wallis von Haus zu Haus gehen, und in jeder Familie ein paar Monate bleiben; der arme Saperli war gerade hier, als Rudy ankam. Der Ohm war noch ein kräftiger Jäger und verstand außerdem das Faßbinderhandwerk; seine Frau war eine kleine, lebhafte Person mit einem Vogelgesichte, Augen wie ein Adler und einem langen, über und über mit Flaum besetzten Halse. Alles war hier für Rudy neu, Kleidertracht, Sitte und Gebrauch, selbst die Sprache; doch diese würde des Kindes Ohr bald verstehen lernen. Wohlhabend sah es hier aus in Vergleich mit der frühern Heimath bei dem Großvater. Das Zimmer war größer, die Wände prangten mit Gemsgeweihen und blank polirten Jagdflinten, über der Thüre hing ein Bild der Mutter Gottes; frische Alpenrosen und eine brennende Lampe standen vor demselben. Der Ohm war, wie gesagt, einer der tüchtigsten Gemsjäger der ganzen Gegend und auch einer der besten Führer. In diesem Hause sollte nun Rudy das Schooßkind sein; zwar war hier schon ein solches, nämlich ein alter, blinder und tauber Jagdhund, der jetzt nicht mehr auf die Jagd mitging, es aber früher gethan hatte. Man hatte seine guten Eigenschaften aus früheren Zeiten nicht vergessen, und deshalb wurde das Thier nun mit zur Familie gerechnet und gut gepflegt. Rudy streichelte den Hund, aber der ließ sich nicht mehr mit Fremden ein, und ein solcher war ja Rudy noch; lange blieb er es aber nicht, er faßte bald Wurzel im Hause und im Herzen. »Hier im Canton Wallis ist es nicht so übel,« sagte der Ohm, »und Gemsen haben wir, die sterben nicht so bald aus wie der Steinbock; hier ist es jetzt viel besser als in früherer Zeit. Wie viel auch den alten Tagen zu Ehren erzählt wird, die unsern sind doch besser, der Sack ist aufgemacht, es geht ein Luftzug durch unser eingeschlossenes Thal. Etwas Besseres kommt immer zum Vorscheine, wenn das Abgenutzte fällt!« sagte er; und wenn der Ohm recht mittheilsam war, erzählte er von seinen Jugendjahren und weiter bis hinauf in die kräftigste Zeit seines Vaters, als Wallis, wie er sich ausdrückte, noch ein zugemachter Sack war, voll vieler kranker Leute, bejammernswerther Cretins; »aber die französischen Soldaten kamen herein, sie waren die richtigen Aerzte, sie schlugen gleich die Krankheit todt, und die Personen schlugen sie auch todt. Das Schlagen verstanden die Franzosen, in mehr als einer Weise eine Schlacht zu schlagen, und die Mädchen verstehen es auch!« Dabei nickte der Ohm seiner Frau, die eine geborene Französin war, zu und lachte. »Die Franzosen haben in die Steine geschlagen, daß es eine Art hat! Den Simplonweg haben sie in die Felsen geschlagen, einen Weg, daß ich jetzt zu einem Kinde von drei Jahren sagen kann, geh' mal hinab nach Italien! Halte Dich nur auf der Landstraße! – und das Kind wird richtig in Italien ankommen, wenn es sich nur auf der Landstraße hält!« Dann sang der Ohm ein französisches Lied und rief Hurrah und »Es lebe Napoleon Bonaparte!« Hier hörte Rudy zum ersten Male erzählen von Frankreich, von Lyon, der großen Stadt an der Rhone; dort war der Ohm gewesen. Es sollten nicht viele Jahre vergehen, bis Rudy ein flinker Gemsjäger werden würde, er habe das Zeug dazu, sagte der Ohm, und dieser lehrte ihn, die Büchse zu halten, lehrte ihn das Zielen und Schießen; er nahm ihn während der Jagdzeit mit in die Berge und ließ ihn von dem warmen Blute der Gemsen trinken, das dem Jäger den Schwindel benimmt; er lehrte ihn auch, die Zeit unterscheiden, wenn auf den verschiedenen Bergen die Lawinen rollen würden, Mittags oder Abends, je nachdem die Sonnenstrahlen dort wirken; er lehrte ihn, auf die Gemsen und deren Sprung Acht zu geben, daß man auf die Füße zu stehen käme und feststehe, und sei im Felsenrisse keine Stütze für den Fuß, so müsse man sich mit den Ellnbogen, mit den Lenden und Waden festklammern, selbst mit dem Nacken könne man sich festbeißen, wenn es sein müsse. Die Gemsen seien klug, sie stellten Vorposten aus, allein der Jäger müsse klüger sein, ihnen aus der Witterung gehen und sie irre führen; eines Tages, als Rudy mit dem Ohm auf der Jagd war, hing dieser seinen Rock und Hut auf den Alpenstock, und die Gemsen sahen den Rock für den Mann an. Der Felsenpfad war schmal, ja es war fast kein Pfad, nur ein schmales Gesims längs des gähnenden Abgrundes. Der Schnee, der hier lag, war halb aufgethaut, das Gestein bröckelte, wenn man auftrat, der Ohm legte sich deshalb nieder und kroch vorwärts. Jedes Stückchen, welches vom Felsen abbröckelte, fiel und prallte an, sprang und rollte von der einen Felswand zur andern, bis es zur Ruhe gelangte in der Tiefe. Etwa hundert Schritte hinter dem Ohm stand Rudy auf einer hervorspringenden festen Felsenspitze; von hier sah er einen großen Lämmergeier durch die Luft kreisen und über seinem Ohm schwebend stehen bleiben, den er mit seinem Flügelschlage in den Abgrund werfen wollte, um ihn sich zur Beute zu machen. Der Ohm hatte nur Auge für die Gemse, die mit ihrem Jungen jenseit der Felsenkluft zu sehen war; Rudy hielt seinen Blick fest auf den Vogel, er verstand schon, was er wollte; deshalb stand er bereit, die Büchse abzufeuern. Da erhob sich plötzlich die Gemse mit einem Sprunge, der Ohm schoß, und das Thier war getroffen von der tödtenden Kugel, aber das Junge sprang davon, als sei es ein langes Leben hindurch in Flucht und Gefahr geübt. Der große Vogel schlug erschreckt durch den Knall des Schusses eine andere Richtung ein; der Ohm wußte nichts von der Gefahr, in welcher er geschwebt hatte, erst von Rudy erfuhr er sie. Während sie sich nun in der besten Laune auf dem Heimwege befanden und der Ohm ein Lied aus seinen Jugendjahren pfiff, vernahmen sie plötzlich einen eigenthümlichen Laut aus ihrer Nähe; sie blickten um sich, und dort, in der Höhe auf dem Felsenabhange, hob sich die Schneedecke, sie bewegte sich wellenförmig wie ein Stück ausgebreitetes Leinen, wenn der Wind unter demselben hinfährt. Die Schneewellen barsten und lösten sich, zuvor glatt und fest wie marmorne Platten, in schäumende, stürzende Gewässer auf, die wie dumpfer Donnerschlag dröhnten; es war eine Lawine die herabstürzte, nicht über Rudy und den Ohm herab, aber in ihrer Nähe, ihnen gar zu nahe. »Halte Dich fest, Rudy!« rief der Ohm; »fest mit Deiner ganzen Kraft!« Und Rudy umklammerte den nächsten Baumstamm; der Ohm kletterte über ihn den Baum hinauf und hielt sich dort fest, während die Lawine viele Fuß von ihnen entfernt dahinrollte; allein der Luftdruck, die Sturmesflügel der Lawine, zerbrachen ringsum Baume und Gebüsch, als seien sie nur dürres Rohr, und warf sie weit umher. Rudy lag auf dem Erdboden niedergekauert; der Baumstamm, an dem er sich festhielt, war wie durchgesägt und die Krone war weithin geschleudert; dort, zwischen den geknickten Zweigen lag der Ohm mit zerschmettertem Kopfe, seine Hand war noch warm, aber sein Gesicht nicht zu erkennen. Rudy stand bleich und zitternd da; es war der erste Schreck seines Lebens, der erste Schauder, den er empfand. Am späten Abende kam er mit Todesbotschaft in die Heimath zurück, die nun ein Haus der Trauer ward. Das Weib fand keine Worte, keine Thränen, erst als man den Leichnam brachte, kam der Schmerz zum Ausbruche. Der arme Cretin kroch in sein Bett, man sah ihn den ganzen folgenden Tag nicht; erst gegen Abend trat er an Rudy heran. »Schreibe einen Brief für mich!« sagte er; »Saperli kann nicht schreiben! Saperli kann den Brief auf die Post bringen!« »Brief von Dir?« fragte Rudy. »Und an wen?« »An den Herrn Christ!« »An wen sagst Du?« Und der Dämliche, wie sie den Cretin nannten, sah mit rührendem Blicke auf Rudy, faltete die Hände und sagte feierlich und fromm: »Jesus Christ! Saperli will ihm Brief schicken, ihn bitten, daß Saperli todt liegen muß und nicht Mann im Hause hier!« Rudy drückte seine Hand und sagte: »Der Brief kommt nicht hin, giebt ihn uns nicht zurück!« Es wurde Rudy nicht leicht, ihm die Unmöglichkeit einleuchtend zu machen. »Jetzt bist Du die Stütze des Hauses!« sagte die Base Pflegemutter, und Rudy wurde es auch.   IV. Babette. Wer ist der beste Schütze im Canton Wallis? das wußten schon die Gemsen: »Hüte Dich vor Rudy!« konnten sie sagen. »Wer ist der hübscheste Schütze?« »Das ist Rudy!« sagten die Mädchen, aber sie sagten nicht: »Hüte Dich vor Rudy!« Das sagten nicht einmal die ernsten Mütter, denn er nickte ihnen ebenso freundlich zu wie den jungen Mädchen. Wie keck und fröhlich war er, seine Wangen waren gebräunt, seine Zähne frisch und weiß, die Augen glänzend schwarz, er war ein hübscher Bursch und zwanzig Jahre alt. Das Eiswasser konnte ihm nichts anhaben, wenn er schwamm; wie ein Fisch konnte er sich drehen und wenden im Wasser, und klettern wie kein Anderer, sich festkleben an die Felsenwand wie eine Schnecke, gute Muskeln und Sehnen hatte er, und das zeigte er auch im Sprunge, den er erst von der Katze, später von der Gemse gelernt hatte. Rudy war der beste Führer, dem man sich anvertrauen konnte; er würde sich ein ganzes Vermögen als Führer sammeln können; die Faßbinderei, die der Ohm ihm auch gelehrt hatte, sagte ihm aber nicht zu, seine Lust war die Gemsjagd, die brachte auch Geld ein. Rudy war eine gute Partie, wie man sagte, wenn er nur nicht über seinen Stand hinausschauen wollte. Ein Tänzer war er, von dem die Mädchen träumten, und den dieses und jenes gar wachend mit in seinen Gedanken umhertrug. »Mich hat er im Tanze geküßt!« sagte des Schulmeisters Annette zu ihrer liebsten Freundin; doch das hätte sie nicht sagen sollen, selbst nicht zu ihrer liebsten Freundin. Dergleichen ist nicht leicht geheim zu halten, es ist wie ein Sand in einem Siebe, er läuft heraus; bald wußte man auch, daß Rudy, so brav und gut er auch war, im Tanze küßte, und doch hatte er gar nicht Diejenige geküßt, die er am liebsten hätte küssen mögen. »Ja der!« sagte ein alter Jäger, »der hat Annette geküßt, er hat mit A angefangen und wird schon das ganze ABC durchküssen!« Ein Kuß beim Tanze war Alles, was die emsigen Zungen bis dahin von ihm zu sagen wußten, er hatte freilich Annette geküßt, und doch war sie gar nicht die Blume seines Herzens. Unten im Thale bei Bex, zwischen den großen Wallnußbäumen, an einem kleinen, reißenden Bergstrome, wohnte der reiche Müller; das Wohnhaus war ein großes Gebäude von drei Stockwerken mit kleinen Thürmen, gedeckt mit Spahn und belegt mit Blechplatten, die im Sonnen- und Mondenscheine glänzten. Der größte der Thürme hat eine Wetterfahne, einen blitzenden Pfeil, der einen Apfel durchbohrt hatte, das sollte an Tell's Schuß erinnern. Die Mühle sehe nett und wohlhabend aus, lasse sich auch abzeichnen und beschreiben, aber des Müllers Tochter lasse sich nicht abzeichnen und beschreiben, so würde wenigstens Rudy gesagt haben, und doch stand sie abgezeichnet in seinem Herzen; ihre Augen strahlten dort so, daß ein wahres Feuer darin war; das war plötzlich gekommen, wie anderes Feuer kommt, und das Sonderbarste dabei war, daß die Müllerstochter, die hübsche Babette, keine Ahnung davon hatte, sie und Rudy hatten noch nie ein Wort mit einander gesprochen. Der Müller war reich, und dieser Reichthum machte, daß Babette sehr hoch saß und schwer zu haschen war; aber Nichts sitzt so hoch, daß man es nicht sollte erreichen können; man muß nur klettern; herabfallen thut man schon nicht, wenn man es sich nur nicht einbildet. Die Lehre hatte er von Hause aus. Es machte sich einmal so, daß Rudy etwas in Bex auszurichten hatte: es war bis dorthin eine ganze Reise; die Eisenbahn war damals noch nicht zu Stande gekommen. Von dem Rhone-Gletscher längs dem Fuße des Simplon, zwischen vielen, wechselnden Bergeshöhen erstreckt sich das breite Wallisthal mit seinem mächtigen Flusse, die Rhone, die oft über ihre Ufer tritt und über Felder und Wege dahin fluthet, Alles zerstörend. Zwischen den Städten Sion und St. Maurice macht das Thal eine Krümmung, biegt sich wie ein Ellnbogen, und wird hinter Maurice so eng, daß es nur Platz für das Flußbett und die schmale Fahrstraße hat. Ein alter Thurm steht hier als Schildwache vor dem Canton Wallis, der hier endet, und schaut über die gemauerte Brücke hinüber nach dem Zollhause auf der andern Seite; dort beginnt der Canton Waadt, und die nächste, nicht weit entfernte Stadt ist Bex. Hier nun bei jedem Schritte schwillt Alles in Fülle und Ueppigkeit, man befindet sich wie in einem Garten von Kastanien und Wallnußbäumen; hier und dort blicken Cypressen und Granatblüthen hervor; es ist hier südlich warm, als wäre man nach Italien gekommen. – Rudy langte in Bex an und besorgte, was er dort auszurichten hatte, und sah sich um in der Stadt, aber nicht einen Müllerburschen, geschweige denn die Babette, bekam er zu Gesicht. Das war nicht wie es sein sollte. Es wurde Abend, die Luft war erfüllt mit dem Dufte des wilden Thymians und der blühenden Linde; um die waldesgrünen Berge lag gleichsam ein schimmernder, luftblauer Schleier; es herrschte weit und breit eine Stille, nicht die des Schlafes oder des Todes, nein, es war, als hielte die ganze Natur den Athem an, als fühle sie sich hingestellt, damit ihr Bild auf den blauen Himmelsgrund photographirt werde. Hier und da zwischen den Bäumen auf dem grünen Felde, standen Stangen, die den Telegraphendraht, der durch das stille Thal geführt ist, stützten; an einer dieser lehnte ein Gegenstand, so unbeweglich, daß man ihn für einen Baumstamm hätte halten können: es war Rudy, der hier eben so still dastand wie in diesem Augenblicke die ganze Umgebung; er schlief nicht, noch weniger war er todt, aber wie oft große Weltbegebenheiten durch den Telegraphendraht stiegen, – Lebensmomente von Bedeutung für den Einzelnen, ohne daß der Draht durch Zittern oder durch einen Laut darauf hindeutet, so durchzitterten Rudy mächtige, überwältigende Gedanken: das Glück seines Lebens, sein von nun an beständiger Gedanke. Seine Augen hefteten sich auf einen Punkt, ein Licht, das zwischen dem Laubwerke in der Wohnstube des Müllers, wo Babette wohnte, zum Vorscheine kam. Still wie Rudy hier stand, hätte man glauben müssen, er ziele auf eine Gemse, allein er selbst war in diesem Augenblicke wie die Gemse, die Minuten lang, wie aus dem Felsen gehauen, still stehen kann, bis sie plötzlich, wenn ein Stein hinabrollt, aufspringt und davonjagt; und so that es gerade Rudy; es rollte ein Gedanke in ihm. »Niemals verzagen!« rief er. »Ein Besuch in der Mühle! Guten Abend dem Müller, guten Abend Babetten. Man fällt nicht hinab, wenn man es sich nicht einbildet! Babette muß mich doch einmal sehen, soll ich ihr Mann werden!« Rudy lachte, er war frohen Muthes und schritt auf die Mühle zu; er wußte, was er wollte, er wollte Babette haben. Der Fluß mit dem weißgelben Grunde brauste dahin, Weiden und Linden hingen über die eilenden Gewässer hinaus; Rudy schritt den Pfad entlang auf des Müllers Haus zu. – Aber, wie die Kinder singen: »Es war Niemand hier zu Haus' – Nur das Kätzchen kam heraus!« Die Hauskatze stand auf der Treppe, krümmte den Rücken und sagte: »Miau!« aber Rudy hatte keinen Sinn für diese Rede; er klopfte an, Niemand hörte ihn, Niemand schloß ihm die Thüre auf. »Miau!« sagte die Katze. Wäre Rudy noch ein Kind gewesen, so hätte er die Sprache schon verstanden, und begriffen, daß die Katze eben sagte: »Hier ist Niemand zu Hause!« Jetzt mußte er aber auf die Mühle hinüber, um zu fragen, und dort bekam er die Auskunft, daß der Müller verreist sei weit, nach Interlaken, und Babette mit ihm; dort sei großes Schützenfest, es beginne morgen und dauere ganze acht Tage. Leute aus allen deutschen Cantonen würden dort sein. Armer Rudy, konnte man sagen, er hatte keinen glücklichen Tag zu seinem Besuche in Bex gewählt, er konnte jetzt wieder umkehren; das that er denn auch und schritt über St. Maurice und Sion auf sein heimathliches Thal, seine heimatlichen Berge zu, allein verzagen that er nicht. Als die Sonne am nächsten Morgen aufging, war sein guter Humor längst wohlauf, der war noch nie untergegangen. Babette ist in Interlaken, viele Tagereisen von hier, sagte er sich. Es ist ein langer Weg dorthin, wenn man die breite Landstraße geht, aber es ist nicht so weit, wenn man quer über die Berge steigt, und der Weg ist gerade für den Gemsjäger! Den Weg bin ich früher gegangen, drüben ist meine Heimath, wo ich als Kind bei dem Großvater gewesen bin; und in Interlaken ist Schützenfest! Ich will dabei sein und will der Erste sein, und bei Babette will ich auch sein, wenn ich erst ihre Bekanntschaft gemacht habe! Seinen leichten Ranzen, darin der Sonntagsstaat, auf den Rücken, Flinte und Jagdtasche über die Schulter geworfen, stieg Rudy den Berg hinan, den kurzen Weg, der doch ziemlich lang war; allein das Schützenfest war erst an diesem Tage angegangen und währte die ganze Woche und darüber hinaus; während dieser ganzen Zeit bliebe der Müller und Babette bei ihren Anverwandten in Interlaken, hatte man ihm gesagt. Rudy schritt über den Gemmi hin, er wollte bei Grindelwald hinabsteigen. – Frisch und fröhlich schritt er aufwärts in der frischen, leichten, stärkenden Bergluft. Das Thal senkte sich immer tiefer, der Gesichtskreis erweiterte sich; hier ein Schneegipfel, dort wieder einer, und bald die schimmernd weiße Alpenkette. Rudy kannte jeden Berg; er ging auf's Schreckhorn zu, das seinen weißgepuderten, steinernen Finger hoch in die blaue Luft streckt. Endlich war er über den Hochrücken hinaus; die Grastriften senkten sich hinab, dem Thale seiner Heimath zu; die Luft war leicht, der Sinn war leicht; Berg und Thal prangten in Fülle mit Blumen und Grün, das Herz war voll des Jugendgefühls, bei welchem kein Alter und kein Tod in Frage kommt: leben, herrschen, genießen! Frei wie ein Vogel, leicht wie ein Vogel war er. Und die Schwalben flogen an ihm vorüber und sangen wie sie in seiner Kindheit gesungen: »Wir und Ihr! Ihr und Wir!« Alles war Flug und Freude. Dort unten lag die sammetgrüne Wiese, übersäet mit braunen Balkenhäusern, die Lütschine summte und brauste. Er sah den Gletscher mit den glasgrünen Rändern und dem schmutzigen Schnee, sah in die tiefen Spalten hinein, sah den obersten und auch den untersten Gletscher. Die Kirchenglocken klangen zu ihm herüber, als wollten sie ihm ein Willkommen m der Heimath läuten; sein Herz klopfte stärker, erweiterte sich dermaßen, daß Babette einen Augenblick darin ganz verschwand, so weit wurde sein Herz, so erfüllt von Erinnerungen. Er schritt wieder auf dem Wege dahin, wo er als kleiner Knabe mit den andern Kindern gestanden und geschnitzte Häuser verkauft hatte. Dort oben, hinter den Tannen, stand noch das Haus seines Großvaters von mütterlicher Seite, fremde Leute bewohnten es jetzt. Kinder kamen ihm auf dem Wege entgegengelaufen, sie wollten handeln, eins bot ihm eine Alpenrose an, Rudy nahm die Rose als ein gutes Zeichen, und dachte an Babette. Bald war er über die Brücke geschritten, wo die beiden Lütschinen sich vereinigen, das Laubholz war hier schon dichter, die Wallnußbäume gaben Schatten. Jetzt sah er die wehenden Flaggen, das weiße Kreuz in dem rothen Felde, wie der Schweizer und der Däne es hat; und vor ihm lag Interlaken. Das war freilich eine Prachtstadt, wie keine andere, meinte Rudy. Ein Schweizerstädtchen im Sonntagsstaate. Das sah nicht aus wie die andern Städte, schwerfällig, ein Haufen schwerer Steinhäuser, fremd und vornehm; nein! hier sah es aus, als wären die hölzernen Häuser von den Bergen oben, hinab in das grüne Thal gelaufen, und hätten sich in Reih und Glied an dem klaren, pfeilschnell dahinströmenden Flusse aufgestellt, ein wenig ein und aus, aber doch immer eine hübsche Straße bildend. Die prächtigste aller Straßen war freilich emporgewachsen, seitdem Rudy als Knabe hier gewesen war; es schien ihm, als sei sie aus allen den niedlichen Häuserchen entstanden, die der Großvater geschnitzt hatte, und mit welchen der Schrank zu Hause angefüllt war, als hätten diese sich aufgestellt und wären kräftig aufgewachsen, wie die alten, ältesten Kastanienbäume. Jedes Haus war ein Hotel, wie es genannt wurde, mit ausgeschnitztem Holzwerke um Fenster und Söller, mit vorspringendem Dache, geputzt und zierlich, und vor jedem Hause ein Blumengarten nach der breiten, mit Steinen gepflasterten Landstraße hinaus; längs derselben standen die Häuser, aber nur an der einen Seite, sie würden sonst die frische, grüne Wiese verdeckt haben, in welcher die Kühe umhergingen mit Glocken um den Hals, die wie auf der Hochalp klangen. Die Wiese war von hohen Bergen umgeben, die in der Mitte gleichsam zur Seite traten, daß man recht deutlich den glänzenden, schneebedeckten Berg, die Jungfrau, den am schönsten geformten aller Schweizerberge, sehen konnte. Welch' eine Menge von geputzten Herren und Damen aus fremden Ländern, welch' Gewimmel von Landleuten aus den verschiedenen Cantonen! Jeder Schütze trug seine Schießnummer m einem Kranze um den Hut. Hier war Musik und Gesang, Leierkasten, Trompeten, Schreien und Lärmen. Häuser und Brücken waren mit Emblemen und Versen geschmückt; es wehten Fahnen und Flaggen, die Büchsen knallten Schuß auf Schuß, und die Schüsse waren in Rudy's Ohren die beste Musik, er vergaß in diesem Gewirre Babette ganz, um derenwillen er doch hierher gekommen war. Die Schützen drängten sich zum Scheibenschießen. Rudy stand bald unter ihnen und war der Tüchtigste, der Glücklichste von Allen; stets traf sein Schuß mitten in den schwarzen Fleck. »Wer mag doch der fremde junge Jäger sein?« fragte man, »Er spricht das Französische, das sie im Canton Wallis sprechen – er macht sich auch ganz gut verständlich in unserm Deutsch« sagten Einige. – »Als Kind soll er hier in der Gegend um Grindelwald gelebt haben,« wußte Einer der Jäger. Und voll Leben war dieser fremde Bursche: seine Augen flammten, sein Blick und sein Arm waren sicher, deshalb traf er auch. Das Glück giebt Muth, und Muth hatte Rudy ja immer. Bald hatte er hier einen Kreis von Freunden um sich versammelt, man ehrte ihn, ja man huldigte ihm, – Babette war ihm ganz aus den Gedanken verschwunden. Da schlug eine schwere Hand ihn auf die Schulter und eine tiefe Stimme sprach ihn in französischer Sprache an. »Ihr seid aus dem Canton Wallis?« Rudy wandte sich um und sah ein rothes vergnügtes Gesicht, eine dicke Person; es war der reiche Müller aus Bex; mit seinem breiten Körper verbarg er die seine, niedliche Babette, die jedoch bald hervorblickte mit ihren strahlenden, dunklen Augen. Es hatte dem reichen Müller geschmeichelt, daß es ein Jäger aus seinem Canton war, der die besten Schüsse that und von allen Andern geehrt wurde. Nun, Rudy war freilich ein Glückskind; das, weshalb er hierher gewandert war, aber jetzt an Ort und Stelle fast vergessen hatte, das suchte ihn auf. Wenn Landsleute sich weit von der Heimath treffen, so sprechen sie zusammen und machen Bekanntschaft mit einander. Rudy war durch seine Schüsse der Erste beim Schützenfeste, wie der Müller zu Hause in Bex der Erste durch sein Geld und seine gute Mühle war. So drückten die beiden Männer sich die Hand, was sie früher nie gethan hatten; auch Babette reichte dem Rudy treuherzig die Hand, und er drückte ihre Hand und blickte sie fest an, daß sie über und über roth dabei wurde. Der Müller erzählte von dem langen Wege, den sie hierher gereist waren, und von den vielen, großen Städten, die sie gesehen hatten; sie hatten, seiner Meinung nach, eine große Reise gemacht, und waren mit Dampfschiff, Dampfwagen und auch mit Postwagen gefahren. »Ich bin den kürzeren Weg gegangen,« sagte Rudy. »Ich bin über die Berge gekommen; kein Weg ist so hoch, daß man ihn nicht passiren kann.« »Aber auch den Hals brechen!« sagte der Müller. »Und Ihr seht mir grad' so aus, als würdet Ihr 'mal den Hals brechen; so verwegen wie Ihr seid!« »O, man fällt nicht herunter, wenn man es sich nur nicht einbildet!« sagte Rudy. Die Anverwandten des Müllers in Interlaken, bei denen der Müller und Babette auf Besuch waren, luden Rudy ein, bei ihnen vorzusprechen, – war er doch aus demselben Canton, wie der Müller. Das war für Rudy ein gutes Anerbieten, das Glück war ihm günstig, wie es stets demjenigen ist, der auf sich selbst baut und bedenkt, daß »Gott uns die Nüsse giebt, aber sie nicht für uns aufknackt.« Rudy saß da bei den Anverwandten des Müllers, als gehöre er auch zur Familie, und ein Glas wurde geleert auf das Wohl des besten Schützen; Babette stieß mit an, und Rudy dankte für den Trinkspruch. Gegen Abend spazierten Alle den schonen Weg längs der stattlichen Hotels unter den alten Wallnußbäumen, und so viele Menschen und ein solches Gedränge war dort, daß Rudy Babette seinen Arm anbieten mußte. Er freue sich so sehr, daß er Leute aus Waadt angetroffen habe, sagte er. Waadt und Wallis seien gute Nachbar-Cantone. Er sprach diese Freude so herzlich aus, daß Babette nicht unterlassen konnte, ihm dafür die Hand zu drücken. Sie gingen neben einander einher, als waren sie alte Bekannte: sie sprach und erzählte, und es stehe ihr gar zu gut, meinte Rudy, das Lächerliche und Uebertriebene an den Kleidern und dem Gange der fremden Damen bemerklich zu machen, sie thue das gar nicht um zu spotten, denn es könnten rechtschaffene, ja liebe, gute Menschen sein, das wisse Babette wohl, habe sie doch selbst eine Pathin, die eine solch' vornehme englische Dame sei. Vor achtzehn Jahren, als Babette getauft worden, sei die Pathin in Bex gewesen; sie habe Babette die kostbare Nadel geschenkt, die sie am Busen trage. Zwei Mal habe die Pathin geschrieben, und dieses Jahr hätten sie hier in Interlaken mit ihr und ihren Töchtern zusammentreffen sollen; die Töchter seien alte Mädchen, nahe an dreißig, sagte Babette, – war sie doch erst achtzehn. Der kleine süße Mund stand keinen Augenblick still, und Alles, was Babette sagte, klang in Rudy's Ohren wie Dinge von der größten Wichtigkeit, und er erzählte wieder, was er zu erzählen hatte, wie oft er in Bex gewesen, wie gut er die Mühle kenne und wie oft er Babette gesehen, während sie ihn wahrscheinlich nie bemerkt habe; und nun letzthin, als er in der Mühle gewesen und zwar mit vielen Gedanken, die er nicht aussprechen könne, waren sie und ihr Vater abwesend, weit verreist, aber doch nicht so weit, als daß man nicht über die Mauer hätte klettern können, die den Weg lang machte. Ja, das sagte er, und er sagte gar Vieles; er sagte, wie gut er sie leiden mochte – und daß er ihretwegen und nicht des Schützenfestes halber gekommen sei. Babette verstummte bei dem Allen; es war ihr, als muthete er ihr zu, gar zu viel zu tragen. Während sie dahinwanderten, sank die Sonne hinter die hohe Felswand hinab. Die »Jungfrau« stand da in Pracht und Glanz, umgeben vom waldesgrünen Kranze der nahen Berge. Alle Menschen blieben stehen und betrachteten die Naturschönheit; auch Rudy und Babette freuten sich darüber. »Nirgend ist es schöner als hier!« sagte Babette. »Nirgend!« sagte Rudy, und sah Babette an. »Morgen muß ich nach Hause!« sagte er einige Augenblicke später. »Besuche uns in Bex!« flüsterte Babette, »es wird meinen Vater freuen.«   V. Auf dem Rückwege. O, wie viel hatte Rudy zu tragen, als er Tags darauf über die hohen Berge nach Hause ging. Ja, er hatte drei silberne Becher, zwei schöne Büchsen, und eine silberne Kaffeekanne; die Kanne würde zu gebrauchen sein, wenn man sich häuslich einrichtete; aber das Alles war noch nicht das Gewichtigste, etwas Gewichtigeres, Mächtigeres trug er, oder trug ihn über die hohen Berge heimwärts. Das Wetter war jedoch rauh, grau, regnerisch und schwer; die Wolken senkten sich wie ein Trauerflor auf die Bergeshöhen herab und umhüllten die strahlenden Gipfel. Aus dem Waldesgrunde herauf drangen die letzten Axtschläge und den Berghang hinab rollten Baumstämme, die von der Höhe wie dünne Stocke aussahen, aber trotzdem wie die stärksten Schiffsmasten waren. Die Lütschine brauste ihren einförmigen Accord, der Wind sauste, die Wolken segelten. Da plötzlich ging dicht neben Rudy ein junges Mädchen einher; er hatte das Mädchen nicht eher bemerkt, als bis sie ganz in seiner Nähe war; sie wollte gleichfalls über den Felsen steigen. Des Mädchens Augen übten eine eigenthümliche Gewalt aus, man war gezwungen hineinzuschauen, sie waren gar seltsam, glasklar, tief, tief, bodenlos. »Hast Du einen Geliebten?« fragte Rudy; seine Gedanken waren alle auf Liebe gerichtet. »Ich habe keinen!« antwortete das Mädchen und lachte, es war aber, als spräche sie kein wahres Wort. »Machen wir doch keinen Umweg!« sagte sie. »Wir müssen uns mehr links halten, so ist der Weg kürzer.« »Ja wohl, um in eine Eiskluft zu stürzen!« sagte Rudy. »Kennst Du den Weg nicht besser und willst Führer sein?« »Ich kenne grade den Weg!« sagte das Mädchen, »und ich habe meine Gedanken beisammen. Die Deinigen sind wohl unten im Thale; hier oben muß man an die Eisjungfer denken, sie ist den Menschen nicht gut, sagen die Menschen!« »Ich fürchte sie nicht!« sagte Rudy, »mußte sie mich doch wieder herausgeben, als ich noch ein Kind war, ich werde mich ihr jetzt nicht hingeben, da ich älter bin!« Und die Finsternis; nahm zu, der Regen fiel herab, der Schnee kam, er leuchtete und blendete. »Reiche mir Deine Hand,« sagte das Mädchen, »ich werde Dir beim Steigen behilflich sein,« und er fühlte sich von eiskalten Fingern berührt. »Du mir beistehen,« sagte Rudy. »Noch brauche ich die Hilfe eines Weibes nicht, um zu klettern!« Und er schritt schneller vorwärts, fort von ihr; das Schneegestöber hüllte ihn ein wie in einen Schleier, der Wind sauste, und hinter sich hörte er das Mädchen lachen und singen; es klang gar sonderbar. Das müsse ein Spukgesicht sein im Dienste der Eisjungfer; Rudy hatte davon reden hören, als er, damals noch ein Knabe, bei der Wanderung über die Berge hier oben übernachtete. Der Schnee siel dünner, die Wolke lag unter ihm, er sah zurück, es war Niemand mehr zu sehen, aber er vernahm Lachen und Jodeln, und es klang nicht wie aus einer Menschenbrust. Als Rudy endlich die oberste Bergfläche erreichte, von wo der Pfad hinab in das Rhonethal führte, sah er in der Richtung von Chamouny, in dem klaren, blauen Luftstreifen zwei helle Sterne stehen, sie leuchteten und funkelten, und er dachte an Babette, an sich selbst und an sein Glück, und ihm wurde warm bei dem Gedanken.   VI. Der Besuch in der Mühle. »Herrschaftliche Sachen bringst Du in's Haus!« sagte die alte Pflegemutter, und ihre seltsamen Adleraugen blitzten, sie bewegte den mageren Hals noch schneller wie sonst in seltsamen Windungen. »Du hast Glück, Rudy! Ich muß Dich küssen, mein süßer Junge!« Und Rudy ließ sich küssen, aber in seinem Gesichte stand es geschrieben, daß er sich in die Umstände fügte, in die kleinen häuslichen Leiden. »Wie Du schön bist, Rudy!« sagte die alte Frau. »Bilde mir nichts ein!« sagte Rudy und lachte, – es machte ihm aber doch Vergnügen. »Ich sage es nochmals!« sprach die alte Frau, »das Glück ist mit Dir!« »Ja, darin magst Du Recht haben!« sagte er, und dachte an Babette. Noch nie hatte er eine solche Sehnsucht in das tiefe Thal hinab verspürt. »Sie müssen nach Hause gekommen sein!« sprach er zu sich selbst. »Es sind schon zwei Tage über die Zeit, wo sie zurück sein wollten. Ich muß nach Bex!« Rudy wanderte nach Bex, und in der Mühle waren sie zu Hause. Er wurde gut empfangen, und Grüße von der Familie in Interlaken hatten sie an ihn mitgebracht. Babette sprach nicht viel, sie war recht schweigsam geworden; aber die Augen sprachen, und das genügte Rudy vollständig. Es schien, als wenn der Müller, der sonst wohl das Wort führte – er war daran gewöhnt, daß man immer über seine Einfälle und Wortspiele lachte, er war ja der reiche Müller –, doch lieber Rudy's Jagdabenteuer erzählen hörte, und dieser sprach von den Schwierigkeiten und Gefahren, welche die Gemsjäger auf den hohen Berggipfeln zu bestehen hätten, wie sie längs der unsicheren Schneegesimse, die von Wind und Wetter gleichsam an den Felsenrand angekittet sind, und über die kühnen Brücken kriechen mußten, welche das Schneegestöber über tiefe Schluchten hinübergeworfen hat. Die Augen des kecken Rudy leuchteten, während er von dem Jägerleben erzählte, von der Klugheit der Gemse und ihren dreisten Sprüngen, von dem gewaltigen Föhn und den rollenden Lawinen; er bemerkte es wohl, daß er bei jeder neuen Beschreibung immer mehr den Müller für sich gewann, und namentlich fühlte dieser sich besonders angeregt durch das, was er von dem Lämmergeier und dem Königsadler erzählte. Nicht weit entfernt, im Canton Wallis, sei ein Adlernest, recht geschickt unter einen hohen hervorspringenden Felsenrand hingebaut; im Neste dort oben befände sich ein Junges, dasselbe sei aber nicht auszunehmen! Ein Engländer habe vor wenigen Tagen Rudy eine ganze Hand voll Gold geboten, wenn er ihm den jungen Adler lebendig verschaffen wolle, »aber Alles hat eine Grenze!« sagte Rudy, »der Adler ist nicht zu nehmen, es würde Thorheit sein, sich darauf einzulassen!« Der Wein floß, und die Rede floß, allein der Abend sei gar zu kurz, schien es Rudy, und doch war es nach Mitternacht, als er nach diesem ersten Besuche in der Mühle nach Hause ging. Die Lichter blitzten noch eine kurze Weile durch das Fenster der Mühle hinaus durch die grünen Baumzweige; aus der offenen Luke im Dache kam die Stubenkatze heraus und längs der Dachrinne kam die Küchenkatze heran. »Weißt Du Neues in der Mühle?« fragte die Stubenkatze. »Hier ist heimliche Verlobung im Hause! Vater weiß noch nichts davon; Rudy und Babette haben sich den ganzen Abend unter dem Tische auf die Pfoten getreten; mich traten sie zwei Mal, aber ich miaute doch nicht, das hatte Aufmerksamkeit erweckt.« »Ich hatte doch gemiaut!« sagte die Küchenkatze. »Was sich in der Küche schickt, schickt sich nicht in der Stube!« sagte die Stubenkatze. »Ich bin aber neugierig, was der Müller sagen wird, wenn er die Verlobung erfährt.« Ja, was wohl der Müller sagen würde – das hatte Rudy auch gern gewußt, aber lange warten, bis er es erführe, konnte er nicht. Als wenige Tage später der Omnibus über die Rhonebrücke zwischen Wallis und Wandt dahinrasselte, saß Rudy in demselben, guten Muthes, wie immer, und sich in schönen Gedanken an das Jawort wiegend, das er noch denselben Abend zu erhalten meinte. Und als der Abend herankam, und der Omnibus denselben Weg zurückfuhr, da saß Rudy auch drin, denselben Weg zurück, aber in der Mühle lief die Stubenkatze mit Neuigkeiten umher. »Weißt Du's, Du, aus der Küche? – Der Müller weiß jetzt Alles. Das nahm aber ein schönes Ende! Rudy kam hierher gegen Abend, und er und Babette hatten viel zu flüstern und heimlich zu reden miteinander, sie standen im Gange vor der Kammer des Müllers. Ich lag zu ihren Füßen, aber sie hatten weder Augen noch Gedanken für mich. »Ich gehe ohne Weiteres zu Deinem Vater hinein!« sagte Rudy, »das ist eine ehrliche Sache.« – »Soll ich mit Dir gehen?« fragte Babette, »es wird Dir Muth geben.« – »Ich habe Muth genug!« sagte Rudy, »aber wenn Du dabei bist, muß er schon freundlich sein, mag er wollen oder nicht!« – Darauf traten sie ein. Rudy trat mich gewaltig auf den Schwanz! Rudy ist sehr linkisch; ich miaute, aber weder er noch Babette hatten Ohren zu hören. Sie öffneten die Thüre, traten Beide ein, ich voran, ich sprang jedoch auf einen Stuhlrücken hinauf, ich konnte ja nicht wissen, wie Rudy vielleicht auftreten würde. Aber der Müller trat auf, er gab einen ordentlichen Fußtritt, er – aus der Thür hinaus, und den Berg hinauf zu den Gemsen, auf die mag der Rudy jetzt zielen und nicht auf unsere Babette!« »Was sprachen sie aber? was sagten sie?« fragte die Küchenkatze. »Was sie sagten? – Alles wurde gesagt, was die Leute so zu sagen pflegen, wenn sie auf Freiersfüßen gehen: »Ich liebe sie, und sie liebt mich! Und ist Milch da in der Butte für Einen, so ist auch Milch da für Zwei!« – »Aber sie sitzt Dir zu hoch!« sagte der Müller, »sie sitzt auf Gries, auf Goldgries, wie Du weißt, Du wirst sie nicht erreichen!« – »Nichts sitzt zu hoch, man kann es schon erreichen, wenn man nur will!« antwortete Rudy, »denn er ist ein kecker Bursche.« – »Aber das Adlerjunge kannst Du doch nicht erreichen, sagtest Du selbst letzthin; Babette sitzt noch höher!« – »Ich nehme sie alle Beide!« sagte Rudy. – »Ich werde Dir Babette schenken, wenn Du mir das lebendige Adlerjunge schenkst!« sagte der Müller und lachte, daß ihm die Augen thränten. »Aber jetzt danke ich Dir für den Besuch, Rudy, sprich 'mal morgen wieder vor, morgen ist Niemand zu Hause! Adieu, Rudy!« – Und Babette sagte auch Adieu, aber so kläglich wie ein kleines Kätzchen, das seine Mutter noch nicht sehen kann. – »Ein Wort – ein Mann,« sagte Rudy. »Weine nicht, Babette, ich bringe das Adlerjunge!« – »Du wirst den Hals brechen, hoffe ich!« sagte der Müller, »und wirst uns dann mit Deiner Lauferei hier verschonen!« – Das nenne ich einen tüchtigen Fußtritt! Jetzt ist Rudy fort, und Babette sitzt und weint, aber der Müller singt deutsch, das hat er auf der Reife letzthin gelernt. Ich mag nun nicht darüber traurig sein, das hilft nichts!« »Aber so ist doch immerhin noch eine Aussicht da!« fügte die Küchenkatze.   VII. Das Adlernest. Von dem Felsenpfade herab klang das Jodeln, lustig und kräftig, es deutete auf gute Laune und frischen Muth; es war Rudy; er ging seinen Freund Besinand aufzusuchen. »Du mußt mir behilflich sein! Wir nehmen Nagli mit, ich muß das Adlerjunge oben am Felsenrande ausnehmen.« »Möchtest Du denn nicht erst das Schwarze vom Monde herunterholen, das wird grad' ebenso leicht sein!« sagte Besinand. »Du scheinst guter Laune zu sein!« »Ja freilich! Denk' ich doch daran, Hochzeit zu machen! – Aber um ernstlich zu reden, ich will Dir sagen, wie es um mich steht.« Und bald wußten Besinand und Nagli, was Rudy wollte. »Du bist ein verwegener Bursche!« sagten sie. »Das geht nicht! Du wirst den Hals brechen!« »Man fällt nicht herunter, wenn man es sich selber nicht einbildet!« sagte Rudy. Um Mitternacht zogen sie von dannen mit Stangen, Leitern und Stricken; der Weg ging zwischen Wald und Gebüsch dahin, über rollendes Gestein, immer aufwärts, aufwärts in der finstern Nacht. Das Wasser brauste unten, Wasser rieselte oben, feuchte Wollen trieben in der Lust. Die Jäger erreichten den jähen Felsrand, hier wurde es finsterer, die Felsenwände begegneten sich fast, und nur hoch oben in der schmalen Spalte leuchtete die Luft; dicht neben ihnen, unter ihnen lag der tiefe Abgrund mit dem brausenden Gewässer. Die Drei saßen auf dem Gesteine, sie wollten das Tagesgrauen abwarten, wenn der Adler ausflöge, die Alte müsse erst erschossen werden, ehe sie daran denken konnten, sich des Jungen zu bemächtigen. Rudy saß dort niedergekauert, so still, als sei er ein Stück des Gesteins, auf welchem er ruhte, das Gewehr mit gespannten Hahne hielt er schußfertig vor sich, sein Blick haftete unverwandt auf der obersten Kluft, wo das Adlernest verborgen unter dem heraushängenden Felsen saß. Die drei Jäger mußten lange warten. Jetzt aber knackte und sauste es hoch über ihnen, ein großer, schwebender Gegenstand verfinsterte die Luft um sie her. Zwei Büchsenläufe zielten, indem die schwarze Adlergestalt aus dem Neste flog; – es fiel ein Schuß; einen Augenblick bewegten sich die ausgebreiteten Flügel, dann senkte der Vogel sich langsam herab, und es war, als müsse er durch seine Große und seine weit ausgestreckten Flügel die ganze Kluft ausfüllen und in seinem Falle die Jäger mit hinabreißen. Der Adler sank in die Tiefe hinunter, Baumzweige und Büsche brachen beim Falle des Vogels. Jetzt rührten sich die Jäger; drei der längsten Leitern wurden zusammengebunden, – die würden wohl hinaufreichen; man stellte sie auf den äußersten letzten festen Punkt, an den Rand des Abgrundes, doch sie reichten nicht hinan, und die Felswand war höher hinauf, da, wo das Nest sich im Schutze unter dem hervorspringenden Gipfel verbarg, glatt wie eine Mauer. Nach einigem Berathen einigte man sich dahin, daß zwei zusammengebundene Leitern von oben in die Schlucht hinabgelassen, und diese wiederum in Verbindung mit den drei von unten angesetzten gebracht werden sollten. Mit großer Mühe schleppte man die zwei Leitern hinauf und machte oben die Taue fest; die Leitern wurden über den hervorspringenden Felsen hinausgeschoben und hingen dort frei schwebend über dem Abgrunde; Rudy saß schon auf der untersten Sprosse, Es war ein eiskalter Morgen, Wolkennebel stiegen aus dem finsteren Abgrunde herauf. Rudy saß dort, wie eine Fliege auf dem schwanken Strohhalme sitzt, den irgend ein nestbauender Vogel auf dem Rande des hohen Fabrikschornsteins verloren hat, aber die Fliege kann davon fliegen, wenn der Strohhalm sich löst, Rudy aber konnte nur den Hals brechen. Der Wind umsauste ihn, und unten im Abgrunde brausten die Gewässer von dem thauenden Gletscher, dem Palaste der Eisjungfer. Nun brachte er die Leiter in eine schaukelnde Bewegung, wie die Spinne sich schaukelt, wenn sie, von ihrem langen, schwebenden Faden aus, Etwas ergreifen will, und als Rudy zum vierten Male die Spitze der von unten aufgestellten zusammengebundenen Leitern berührte, hatte er sie erfaßt; sie wurden mit sicherer und kräftiger Hand zusammengefügt, aber sie schwankten und klapperten, als hätten sie ausgeleierte Angeln. Die fünf langen Leitern, die hinauf bis zum Neste reichten und senkrecht sich an die Felswand lehnten, schienen ein schwankendes Rohr zu sein, und nun war erst das Gefahrvollste zu bestehen; es mußte geklettert werden, wie die Katze klettern kann, doch Rudy verstand das grade, die Katze hatte es ihn gelehrt; er verspürte nichts vom Schwindel, der die Luft hinter ihm trat und seine Polypenarme nach ihm ausstreckte. Jetzt stand er auf der obersten Sprosse der Leiter und bemerkte, daß er hier noch nicht hoch genug reichte, um in das Nest hineinzusehen, nur mit der Hand vermochte er hinaufzugelangen; er versuchte, wie fest wohl die untersten, dicken, in einander geflochtenen Zweige säßen, die den untersten Theil des Nestes bildeten, und nachdem er sich einen dicken und festen Zweig gesichert hatte, schwang er sich von der Leiter hinauf, lehnte sich an den Zweig und hatte nun Brust und Kopf über dem Neste; hier strömte ihm ein erstickender Gestank von Aas entgegen; im Neste lagen Lämmer, Gemsen, Vogel, die in Fäulniß übergegangen waren. Der Schwindel, der ihm nichts anhaben konnte, blies ihm die giftigen Dünste ins Gesicht, damit er wirr und betäubt werden solle, und unten in der schwarzen, gähnenden Tiefe auf den dahineilenden Gewässern saß die Eisjungfer selbst mit ihrem langen, weißgrünen Haare und starrte ihn an mit Todesaugen wie zwei Büchsenläufe. »Jetzt fange ich Dich!« In einem Winkel des Adlernestes sah er, groß und mächtig, das Adlerjunge sitzen, das noch nicht flügge war. Rudy heftete seine Augen auf dasselbe, hielt sich mit aller Kraft mit einer Hand fest und warf mit der andern die Schlinge um den jungen Adler; gefangen war er, lebendig; seine Beine steckten in der schneidenden Schnur, und Rudy warf die Schlinge mit dem Vogel über seine Schulter, so daß das Thier ein gut Stück unter ihm hing, während er sich an einem helfenden, herabhängenden Tau festhielt, bis seine Fußspitzen wieder die oberste Sprosse der Leiter berührten. »Halte Dich fest! Glaube nur nicht, daß Du hinabfallen kannst; so fällst Du auch nicht!« Es war die alte Lehre, und die befolgte er, hielt sich fest, kletterte, war überzeugt, daß er nicht fiele, und fiel nicht. Jetzt ertönte ein Jodeln, kräftig und freudig. Rudy stand auf dem festen Felsen mit seinem Adlerjungen.   VIII. Was die Stubenkatze Neues zu erzählen wußte. »Hier ist das Gewünschte!« sagte Rudy, indem er bei dem Müller in Bex eintrat, auf den Fußboden einen großen Korb setzte und das Tuch, welches diesen bedeckte, abhob. Zwei gelbe, schwarz geränderte Augen glotzten hervor, Funken sprühend, wild, als wollten sie sich fest brennen und fest beißen, wo sie hinblickten; der kurze, starke Schnabel war zum Bisse aufgesperrt, der Hals war roth und mit Stoppeln besetzt. »Das Adlerjunge,« rief der Müller. Babette schrie laut auf und sprang zurück, konnte aber ihre Augen weder von Rudy, noch von dem Adler wenden. »Du läßt Dich nicht abschrecken!« sagte der Müller. »Und Ihr haltet stets Wort!« sagte Rudy. »Jeder hat sein Kennzeichen!« »Aber weshalb brachst Du den Hals nicht?« sagte der Müller. »Weil ich festhielt!« antwortete Rudy, »und das thu' ich noch! Ich halte Babette fest!« »Erst sieh' mal zu, daß Du sie hast!« sagte der Müller und lachte; und das war ein gutes Zeichen, das wußte Babette. »Wir müssen ihn aus dem Korbe heraus haben, – es ist zum Rasendwerden, wie er glotzt! Wie aber hast Du ihn kriegen können?« Rudy mußte erzählen, und der Müller machte immer größere Augen. »Mit Deinem Muthe und Deinem Glücke kannst Du drei Frauen ernähren!« sagte der Müller. »Ich danke Euch!« rief Rudy. »Freilich, Babette hast Du noch nicht!« sagte der Müller und schlug im Scherze den jungen Alpenjäger auf die Schulter. »Weißt Du das Neueste in der Mühle?« sagte die Stubenkatze zur Küchenkatze. »Rudy hat uns das Adlerjunge gebracht und nimmt Babette in Tausch. Sie haben sich geküßt und haben es den Alten sehen lassen! Das ist so gut wie Verlobung. Der Alte war ganz manierlich, er zog die Krallen ein, machte sein Mittagsschläfchen und ließ die Beiden sitzen und schwänzeln; die haben sich so viel zu erzählen, sie werden bis Weihnachten nicht fertig!« Sie wurden auch nicht bis Weihnachten fertig. Der Wind wirbelte das braune Laub auf; der Schnee stöberte im Thale, wie auf den hohen Bergen; die Eisjungfer saß in ihrem stolzen Schlosse, welches während der Winterzeit an Grüße zunimmt; die Felsenwände standen da mit Glatteis bedeckt, und baumdicke Eiszapfen, schwer wie Elephanten, hingen da hinab, wo im Sommer der Felsenstrom seinen Wasserschleier wehen läßt; Eisguirlanden aus phantastischen Eiskrystallen zogen sich glänzend über die schneegepuderten Tannen hin. Die Eisjungfer ritt auf dem saufenden Winde über die tiefsten Thäler hinweg. Die Schneedecke lag bis ganz nach Bex hinab, die Eisjungfer kam auch dorthin, und sah Rudy in der Mühle sitzen, er saß diesen Winter mehr in der Stube wie sonst seine Gewohnheit war, er saß bei Babette. Nächsten Sommer sollte die Hochzeit sein; die Ohren klangen ihm oft, so viel sprachen die Freunde davon. In der Mühle war Sonnenschein, die schönste Alpenrose glühte, die fröhliche, lächelnde Babette, schön wie der kommende Frühling, der Frühling, der alle Vögel singen machte von Sommerzeit und Hochzeit. »Wie doch die Beiden immer dasitzen, immer beisammenstecken!« sagte die Stubenkatze. »Jetzt habe ich genug von dem Miauen!«   IX. Die Eisjungfer. Der Frühling hatte seine saftiggrüne Guirlande von Wallnuß- und Kastanienbäumen entfaltet, schwellend zogen sie sich namentlich von der Brücke bei St. Maurice bis an das Ufer des Genfersee's längs der Rhone, die mit gewaltiger Fahrt dahinjagt von ihrem Ausflusse unter dem grünen Gletscher, dem Eispalaste, wo die Eisjungfer wohnt, von wo sie sich von dem scharfen Winde hinauftragen läßt auf das höchste Schneefeld und sich in dem starken Sonnenlichte auf den schneeigen Pfühlen streckt; dort saß sie und schaute mit weitaussehendem Blicke in die tiefen Thäler hinab, wo die Menschen sich emsig rührten, wie Ameisen auf dem in der Sonne glänzenden Gesteine. »Geisteskräfte, wie euch die Kinder der Sonne nennen!« sagte die Eisjungfer. »Gewürm seid ihr! Ein rollender Schneeball – und ihr, eure Häuser und Städte sind zermalmt, verwischt!« Höher hob sie ihr stolzes Haupt und schaute weit und breit mit todesblitzenden Augen. Aber vom Thale herauf tönte ein Rollen, Felsen wurden gesprengt: Menschenwerk! Wege und Tunnel für Eisenbahnen wurden angelegt. »Sie spielen Maulwurf,« sagte sie; »sie graben Gänge unter der Erde, daher dieses Gepolter wie von Flintenschüssen. Wenn ich meine Schlösser versetze, braust es stärker als das Dröhnen des Donners!« Aus dem Thale herauf erhob sich ein Rauch, der sich vorwärts bewegte wie ein flatternder Schleier, ein wehender Federbusch der Lokomotive, die auf der kürzlich eröffneten Eisenbahn den Zug dahinzog, diese sich schlängelnde Schlange, deren Glieder Wagen an Wagen sind. Pfeilschnell flog sie dahin. »Sie spielen Herren dort unten, die Geisteskräfte!« sagte die Eisjungfer. »Die Kräfte der Naturmächte sind doch die herrschenden!« Sie lachte, sie sang und es dröhnte im Thale. »Da rollt eine Lawine herab!« sagten die Menschen. Aber die Kinder der Sonne sangen noch lauter von dem Menschen gedanken , der da herrscht, der das Meer in's Joch spannt, Berge versetzt, Thäler ausfüllt; dem Menschengedanken, welcher der Herr der Naturkräfte ist. Um diese Zeit zog über das Schneefeld, wo die Eisjungfer saß, eine Gesellschaft von Reisenden; die Menschen hatten sich hier mit Tauen fest an einander gebunden, damit sie gleichsam einen größeren Körper bildeten auf der glatten Eisfläche, am Rande der tiefen Abgründe. »Gewürm!« sagte die Eisjungfer. »Ihr, die Herren der Naturkräfte!« und sie wandte sich ab von der Gesellschaft und schaute hämisch hinab in das tiefe Thal, wo der Eisenbahnzug dahinbrauste. »Dort sitzen sie, diese Gedanken ! Sie sitzen in der Gewalt der Naturkräfte! Ich sehe sie, Alle und Jeden! – Einer sitzt stolz wie ein König, allein! Dort sitzen sie in einem Knäuel! Dort schläft die eine Hälfte! Und wenn der Dampfdrache anhält, steigen sie heraus, gehen ihre Wege! Die Gedanken gehen in die Welt hinaus!« Und sie lachte. »Da rollt wieder eine Lawine!« sagten sie unten im Thale. »Uns erreicht sie nicht!« sagten Zwei, die auf dem Rücken des Dampfdrachen saßen, »zwei Herzen und ein Schlag«, wie es heißt. Es waren Rudy und Babette; auch der Müller war dabei. »Als Bagage!« sagte er. »Ich bin dabei als das nöthige Anhängsel.« »Dort sitzen die Zwei!« sagte die Eisjungfer. »Viele Gemsen habe ich zermalmt, Millionen Alpenrosen habe ich geknickt und zerbrochen, nicht die Wurzel schonte ich! Ich wische sie aus, die Gedanken! die Geisteskräfte!« Und sie lachte. »Da rollt wieder eine Lawine!« sagten sie unten im Thale. –   X. Die Pathin. In Montreux, einer der nächsten Städte, die mit Clarens, Vevay und Crin eine Guirlande um den nordöstlichen Theil des Genfersee's bilden, wohnte die Pathin Babette's, die englische, vornehme Dame mit ihren Töchtern und einem jungen Anverwandten; sie waren zwar dort erst kürzlich angekommen, aber der Müller hatte sie schon besucht, ihnen Babette's Verlobung mitgetheilt und von Rudy und dem Adlerjungen, von dem Besuche in Interlaken, kurz, die ganze Geschichte erzählt, und diese hatte im höchsten Grade erfreut und sehr für Rudy und Babette und auch für den Müller eingenommen; alle Drei sollten denn auch durchaus herüberkommen, und deshalb kamen sie nun auch an, Babette sollte ihre Pathin, die Pathin Babette sehen. An dem Städtchen Villeneuve, am Ende des Genfersee's, lag das Dampfschiff, welches in einer halbstündigen Fahrt von dort nach Vevay, unterhalb Montreux anlegt. Die Küste hier ist von den Dichtern besungen; hier unter den Walnußbäumen, an dem tiefen, blaugrünen See saß Byron und schrieb seine melodischen Verse von dem Gefangenen im düstern Felsenschlosse Chillon. Dort, wo sich Clarens mit seinen Trauerweiden im Wasser spiegelt, wandelte Rousseau, von Heloise träumend. Die Rhone strömt dahin unter den hohen, schneebedeckten Bergen Savoyens; hier, nicht weit von ihrem Ausfluß, liegt in dem See eine kleine Insel, sie ist so klein, daß sie, von der Küste gesehen, ein Fahrzeug auf dem Gewässer zu sein scheint. Die Insel ist ein Felsengrund, welchen vor etwa hundert Jahren eine Dame mit Steinen eindämmen, mit Erde belegen und mit drei Akazienbäumen bepflanzen ließ, diese überschatten jetzt die ganze Insel. Babette war entzückt von diesem Fleck, der schien ihr der schönste auf der ganzen Fahrt, dort hinüber müsse man, es müßte dort wunderbar schön sein, meinte sie. Aber das Dampfschiff fuhr vorüber und legte an, wie es sollte, bei Vevay. Die kleine Gesellschaft wanderte von hier hinauf zwischen den weißen, sonnebestrahlten Mauern, welche die Weingärten vor dem Bergstädtchen Montreux umgeben, wo die Feigenbäume das Haus des Bauern beschatten, Lorbeeren und Cypressen in den Garten wachsen. Halbwegs auf dem Berge lag das Kosthaus, in dem die Pathin wohnte. Der Empfang war herzlich. Die Pathin war eine freundliche Frau mit einem runden, lächelnden Gesichte; als Kind war sie gewiß ein wahrer raphael'scher Engelkopf gewesen. Jetzt war sie ein alter Engelkopf, reich umlockt von silberweißem Haare. Die Tochter waren saubere, feine, lange und schlanke Mädchen. Der junge Vetter, den sie mitgebracht hatten, war von Kopf bis zu Fuß in Weiß gekleidet, hatte vergoldetes Haar und vergoldeten Backenbart, so groß, daß er auf drei Gentlemen hatte vertheilt werden können; er bewies sofort Babette die größte Aufmerksamkeit. Reich gebundene Bücher, Notenblätter und Zeichnungen lagen umhergestreut auf dein großen Tische, die Balkonthüre stand offen, hinaus nach dem schönen weitgedehnten See, der so blank und still war, daß die Berge Savoyens mit Städten, Wäldern und Schneegipfeln sich in demselben verkehrt spiegelten. Rudy, der sonst dreist, lebensfroh und frisch war, fühlte sich hier gar nicht heimisch; er bewegte sich, als gehe er auf Erbsen über einen glatten Fußboden. Wie war ihm die Zeit lang und langsam, wie in einer Tretmühle! Und nun wurde gar promenirt! Das ging ebenso langsam und langweilig; zwei Schritte vorwärts und einen rückwärts hätte Rudy thun können, um im Tritte mit den Andern zu bleiben. Sie spazierten hinab nach Chillon, dem alten, finstern Schlosse auf der Felseninsel, blos um die Martergeräthe zu sehen, die Todtengefängnisse, verrosteten Ketten in den Felsenwänden, steinernen Pritschen für die zum Tode Verurtheilten, die Fallthüre, durch welche die Unglücklichen hinabgestürzt und auf eiserne, spitze Pfähle in der Brandung gespießt wurden. Das Alles zu sehen nannten sie ein Vergnügen. Ein Richtplatz war es, durch Byron's Gesang in die Welt der Poesie gehoben. Rudy hatte nur das Gefühl der Richtstätte; er lehnte sich aus einem der großen, steinernen Fensterrahmen und sah hinab in das tiefe, blaugrüne Wasser und hinüber zu der kleinen Insel mit den drei Akazien, dorthin wünschte er sich, frei von der ganzen, schwatzenden Gesellschaft; aber Babette war außerordentlich fröhlich gestimmt. Sie habe sich herrlich amüsirt, sagte sie; der Vetter, fand sie, sei ganz complet. »Ja, ein ganz completer Laffe!« sagte Rudy; und das erste Mal war es, daß Rudy Etwas sagte, was ihr nicht gefiel. Der Engländer hatte ihr ein kleines Buch zum Andenken an Chillon geschenkt, es war Byron's Gedicht: »Der Gefangene von Chillon«, übersetzt ins Französische, so daß Babette es lesen konnte. »Das Buch mag gut sein,« sagte Rudy, »aber der feingekämmte Bursche, der es Dir gegeben, steht mir nicht an!« »Er sah grad' aus wie ein Mehlsack ohne Mehl!« sagte der Müller, und belachte seinen eigenen Witz. Auch Rudy lachte und sagte, so habe er grade ausgesehen.   XI. Der Vetter. Als Rudy einige Tage später zum Besuche in die Mühle kam, fand er dort den jungen Engländer; Babette war gerade im Begriffe, ihm gekochte Forellen vorzusetzen, die sie gewiß selbst mit der Petersilie aufgeputzt hatte, damit sie sich recht appetitlich ausnehmen sollten. Das sei aber gar nicht nöthig gewesen. Was wollte der Engländer hier? Was hatte er hier zu thun? Von Babette tractirt und kredenzt zu werden? – Rudy war eifersüchtig und das machte Babette Freude; es machte ihr Vergnügen, alle Seiten seines Herzens kennen zu lernen, die starken, wie die schwachen. Die Liebe war ihr noch ein Spiel, und sie spielte mit dem ganzen Herzen Rudy's, und doch war er, das muß gesagt werden, ihr Glück, ihr ganzes Leben, ihr steter Gedanke, ihr Bestes und Herrlichstes in dieser Welt, aber je mehr sein Blick sich verfinsterte, je mehr lachten ihre Augen, sie hätte den blonden Engländer mit dem vergoldeten Backenbarte küssen mögen, wenn sie dadurch hätte erreichen können, daß Rudy rasend werden und davon laufen würde; das grade würde ihr zeigen, wie sehr er sie liebe. Allein das war nicht recht von Babette, doch sie war ja erst neunzehn Jahre alt. Sie dachte wenig darüber nach, und dachte noch weniger daran, daß ihr Betragen von dem jungen Engländer leicht und anders gedeutet werden könnte, als es sich eben schicke für die ehrsame, verlobte Tochter des Müllers. Dort, wo die Landstraße von Bex unter die schneebedeckte Felsenhöhe dahinführt, die in der dortigen Landessprache Diablerets heißt, lag die Mühle, nicht weit von einem reißenden Bergstrome, welcher weißgrau war wie gepeitschtes Seifenwasser. Dieser trieb jedoch die Mühle nicht, wohl aber wurde das große Mühlrad von einem kleineren Strome herumgedreht, welcher auf der andern Seite des Flusses vom Felsen herabstürzte und durch einen steinernen Damm zu noch größerer Kraft und Fahrt getrieben in einem Bassin von Balken, eine breite Rinne, über den reißenden Fluß geführt wurde. Die Rinne war so reich an Wasser, daß sie überströmte, und somit einen nassen, schlüpfrigen Weg Demjenigen darbot, dem es einfallen möchte, durch sie schneller zur Mühle hinüber zu gelangen, und den Einfall hatte ein junger Mann, der Engländer. Weiß gekleidet wie ein Mühlknappe kletterte er am Abende hinüber, geleitet von dem Lichte, welches aus Babette's Kammerfenster strahlte. Klettern hatte er aber nicht gelernt und war auch nahe daran, kopfüber in den Strom zu fallen, kam aber doch davon mit durchnäßten Aermeln und bespritztem Beinkleide; naß und mit Schlamm bespritzt gelangte er unter Babette's Fenster, hier erkletterte er die alte Linde und begann die Stimme der Eule nachzuahmen, einem andern Vogel konnte er eben nicht nachsingen. Babette hörte es und blickte hinaus durch die dünnen Fenstervorhänge; als sie aber den weißen Mann sah und sich wohl denken konnte, wer es sei, klopfte ihr Herzchen vor Schreck, aber auch vor Zorn. Sie löschte eilig das Licht aus, untersuchte, ob auch alle Fensterriegel vorgeschoben wären, und ließ ihn nun heulen und uhuen, wie er wollte. Es wäre schrecklich, wenn jetzt Rudy hier in der Mühle wäre! – Aber Rudy war nicht in der Mühle, nein, was noch ärger war, er stand grade unter der Linde. Es wurde laut gesprochen, zornige Worte, es könne Schlägerei, vielleicht gar Todtschlag geben. Babette öffnete in Angst das Fenster, rief Rudy's Namen, bat ihn, er möchte doch gehen, sie leide es nicht, daß er bleibe, sagte sie. »Du leidest es nicht, daß ich bleibe!« rief er, »es ist somit verabredet'. Du erwartest gute Freunde, besser als ich bin! Schäme Dich, Babette!« »Du bist abscheulich!« sagte Babette. »Ich hasse Dich!« und sie weinte. »Geh, geh!« »Das habe ich nicht verdient!« sagte er, und ging von dannen; seine Wangen und sein Herz brannten wie Feuer. Babette warf sich auf ihr Bette und weinte. »So sehr wie ich Dich liebe, Rudy! Und Du kannst Schlechtes von mir denken!« Sie brach in Zorn aus, und das war gut für sie, denn sonst würde sie sehr betrübt geworden sein; jetzt konnte sie einschlafen, den stärkenden Schlaf der Tugend schlafen.   XII. Böse Mächte. Rudy verließ Bex, er schlug den Weg nach Hause ein, stieg auf die Berge in die frische, kühlende Luft, wo der Schnee lag, wo die Eisjungfer herrschte. Die Laubbäume standen tief unter ihm und sahen aus, als wären sie Kartoffelkraut, die Tannen, die Gebüsche wurden kleiner hier oben, die Alpenrosen wuchsen neben dem Schnee, der in vereinzelten Streifen lag, wie Leinen auf der Bleiche. Eine blaue Gentiane, die auf seinem Wege stand, zermalmte er mit dem Gewehrkolben. Höher hinauf zeigten sich zwei Gemsen; Rudy's Augen glänzten, seine Gedanken bekamen neue Flucht; aber er war nicht nahe genug, um einen sichern Schuß thun zu können; er stieg höher hinauf, wo nur ein hartes Gras zwischen den Steinblöcken wuchs; die Gemsen gingen ruhig auf dem Schneefelde; er beeilte seine Schritte. Der Wolkennebel senkte sich tief um ihn herab, plötzlich befand er sich vor der jähen Felswand; der Regen begann herabzuströmen. Er fühlte einen brennenden Durst, Hitze im Kopfe, Kälte in allen Gliedern: er griff nach seiner Jagdflasche, allein diese war leer, er hatte nicht daran gedacht, sie zu füllen, als er auf die Berge stürmte. Er war früher nie krank gewesen, aber jetzt hatte er das Gefühl eines solchen Zustandes; er war müde, er spürte Neigung, sich niederzulegen, Verlangen, zu schlafen, überall aber floß der Regen; er versuchte, sich Zusammenzunehmen. Seltsam zitterten und tanzten die Gegenstände vor seinen Augen; da gewahrte er plötzlich, was er hier noch nie gesehen hatte, ein neues niedriges Haus, das an den Felsen lehnte; in der Thüre stand ein junges Mädchen; ihm wollte es fast bedünken, es sei des Schulmeisters Annette, die er einst im Tanze geküßt hatte; aber es war nicht Annette, doch hatte er das Mädchen früher schon gesehen, vielleicht bei Grindelwald, an jenem Abende, als er vom Schützenfeste in Interlaken zurückkam. »Wie kommst Du hierher?« fragte er. »Ich bin hier zu Hause. Ich hüte meine Heerde!« »Deine Heerde? Wo werdet denn die? Hier giebt es ja nur Schnee und Felsen!« »Du weißt viel, was hier ist!« sagte das Mädchen und lachte. »Hier hinter uns, unten, ist eine herrliche Weide! Dort gehen meine Ziegen! Ich hüte sie sorgsam! Nicht eine verliere ich; was mein ist, bleibt mein!« »Du bist keck!« sagte Rudy. »Du auch!« antwortete das Mädchen. »Hast Du Milch im Hause, so gieb mir zu trinken, mich durstet ganz unleidlich!« »Ich habe Besseres als Milch,« sagte das Mädchen, »und ich werde es Dir geben. Gestern waren hier Reisende mit ihrem Führer, sie vergaßen eine halbe Flasche Wein, wie Du wohl solchen nie gekostet hast, sie werden ihn nicht wieder holen, ich trinke ihn nicht, trinke Du!« Und das Mädchen holte den Wein herbei, goß ihn in eine hölzerne Schale und reichte diese dem Rudy. »Der ist gut!« sagte er. »Noch nie kostete ich einen so erwärmenden, feurigen Wein!« Seine Augen strahlten, ein Leben, eine Gluth erfüllte ihn, als wenn jede Sorge, jeder Druck verdunstete; die sprudelnde, frische Menschennatur rührte sich in ihm. »Aber es ist ja doch Annette!« rief er. »Gieb mir einen Kuß!« »Ja, gieb mir den schönen Ring, den Du am Finger hast!« »Meinen Verlobungsring?« »Ja, grade den!« sagte das Mädchen, und goß auf's Neue Wein in die Schale, die es ihm an die Lippen setzte, und er trank. Es strömte Lebensfreude in sein Blut hinein, die ganze Welt gehöre ihm, meinte er, weshalb sich grämen! Alles ist geschaffen, damit wir es genießen, damit es uns glücklich macht! Der Strom des Lebens ist der Freudenstrom, hingerissen, getragen von demselben, das ist Glückseligkeit. Er sah das junge Mädchen an, es war Annette und doch nicht Annette, und noch weniger das Phantom, die Spukgestalt, wie er es nannte, welches ihm bei Grindelwald begegnet war. Das Mädchen hier auf dem Berge war frisch wie der weiße Schnee, schwellend wie die Alpenrose und schnellfüßig wie ein Zicklein; aber doch aus Adams Rippe geschaffen, wie Rudy. Er schlang seine Arme um die Schöne, schaute hinein in ihre wunderbar klaren Augen; nur eine Secunde währte dieser Blick, und in dieser Secunde, ja, wer erklärt es, giebt es in Worten wieder – war es das Leben des Geistes oder des Todes, das ihn erfüllte, wurde er emporgehoben oder versank er in die tiefe, tödtende Eiskluft, tiefer, immer tiefer; er sah die Eiswände als ein blaugrünes Glas, unendliche Klüfte gähnten ringsum und das Wasser troff klingend herab wie ein Glockenspiel, perlklar, leuchtend in weißbläulichen Flammen. Die Eisjungfer küßte ihn, ein Kuß, der ihn vom Nacken bis in die Stirne eisig durchschauern machte, ein Schrei des Schmerzes entfloh ihm, er riß sich los, wankte und – es wurde Nacht vor seinen Augen; allein er öffnete sie wieder. Böse Mächte hatten ihr Spiel getrieben. Verschwunden war das Alpenmädchen, verschwunden die schirmende Hütte, das Wasser rieselte die nackte Felswand herab, Schnee lag ringsum; Rudy zitterte vor Kälte, durchnäßt bis auf die Haut, sein Ring war verschwunden, der Verlobungsring, den ihm Babette gegeben hatte. Seine Büchse lag im Schnee neben ihm, er hob sie auf, wollte sie abfeuern, sie versagte. Nasse Wolken lagerten wie feste Schneemassen in der Kluft, der Schwindel saß dort und lauerte auf die kraftlose Beute, und unten in der tiefen Kluft klang es, als stürze ein Felsblock, der Alles zertrümmere und mit sich risse, was ihn im Falle aufhalten wollte. Aber in der Mühle saß Babette und weinte; Rudy war seit sechs Tagen nicht dort gewesen, er, der im Unrechte war, er, der sie um Verzeihung bitten müsse, den sie von ganzem Herzen liebe.   XIII. In der Mühle. »Was das für ein Wesen mit den Menschen ist!« sagte die Stubenkatze zur Küchenkatze. »Jetzt sind sie wieder auseinander, Babette und Rudy. Sie weint und er denkt wohl nicht mehr an sie.« »Das gefällt mir nicht!« sagte die Küchenkatze. »Mir auch nicht!« sagte die Stubenkatze, »aber ich will mir's nicht zu Herzen nehmen! Babette kann sich ja mit dem Rothbarte verloben! Er ist aber auch nicht wieder hier gewesen, seitdem er damals auf's Dach wollte!« Böse Mächte treiben ihr Spiel um uns und in uns; das hatte Rudy vernommen und viel darüber nachgedacht; was war Alles um ihn und in ihm geschehen dort auf dem Berge? Waren es Gespenster oder Fieberträume, er hatte früher weder Fieber, noch eine andere Krankheit gekannt. Aber als er Babette richtete, hatte er einen Blick in sein eigenes Innere gethan. Er hatte der wilden Jagd in seinem Herzen, dem heißen Föhn, der dort gehaust hatte, nachgespürt. Würde er Babette auch Alles beichten können, jeden Gedanken beichten, der in der Stunde der Versuchung bei ihm zur That werden könne? Ihren Ring hatte er verloren, und grade durch diesen Verlust hatte sie ihn wiedergewonnen. Würde sie ihm beichten können? Es war als wollte ihm das Herz zerspringen, wenn er an sie dachte; wie viele Erinnerungen stiegen nicht in ihm auf! Er sah sie, als stände sie leibhaftig vor ihm, lachend, ein muthwilliges Kind; manch' liebes Wort, welches sie aus der Fülle ihres Herzens gesprochen, drang wie Sonnenstrahlen in seine Brust, und bald war Alles darin nur Sonnenschein bei dem Gedanken an Babette. Ja, sie müsse ihm beichten können, und sie sollte es. Er ging zur Mühle; es kam zur Beichte, diese begann mit einem Kusse und endigte damit, daß Rudy der Sünder blieb; es war sein großer Fehler, daß er an Babette's Treue hatte zweifeln können, es war gradezu abscheulich von ihm! Solches Mistrauen, solche Heftigkeit konnte sie Beide ins Unglück stürzen. Ja, gewiß, das konnten sie! Und deshalb hielt Babette ihm eine kleine Predigt, die sie selbst belustigte und ihr allerliebst stand, doch in einen Punkte hatte Rudy Recht: der Neffe der Pathin Babette's war ein Laffe, sie wollte das Buch verbrennen, welches er ihr geschenkt hatte, und sie wollte nicht das Geringste besitzen, das sie an ihn erinnern könnte. »Jetzt ist das überstanden!« sagte die Stubenkatze, »Rudy ist wieder hier, sie verstehen sich, und das ist das größte Glück, sagen sie.« »Ich hörte diese Nacht von den Ratten,« sagte die Küchenkatze, »das größte Glück sei Talglichter fressen und vollauf von ranzigem Speck zu haben. Wem soll man nun glauben, den Ratten oder den Liebesleuten?« »Keinen von Beiden!« sagte die Stubenkatze, »das ist immer das Sicherste!« Das größte Glück Rudy's und Babette's, der schönste Tag, wie sie ihn nannten, der Hochzeitstag, stand nahe bevor. Doch nicht in der Kirche zu Bex, nicht in der Mühle sollte die Hochzeit gefeiert werden; die Pathin wollte, daß die Hochzeit bei ihr gefeiert und die Trauung in der schönen kleinen Kirche zu Montreux stattfinde. Der Müller bestand darauf, daß dieser Wunsch erfüllt werden solle; er allein wußte, was die Pathin den Neuvermählten bestimmt habe; sie sollten von ihr ein Hochzeitsgeschenk bekommen, das wohl einer solchen Fügsamkeit in ihren Willen werth sei. Der Tag war festgestellt. Schon Abends vor demselben wollten sie nach Villeneuve reisen, um am darauf folgenden Morgen recht zeitig nach Montreux überzufahren, damit die Töchter der Pathin die Braut schmücken könnten. »Hier im Hause wird es doch wohl auch einen Hochzeitsschmaus geben!« sagte die Stubenkatze, »wo nicht, so gebe ich nicht ein Miau für die ganze Geschichte!« »Hier wird schon geschmaust werden!« sagte die Küchenkatze. »Enten sind geschlachtet, Tauben abgethan, und ein ganzer Rehbock hängt an der Wand. Das Zahnfleisch juckt mir, wenn ich daran denke! Morgen beginnt schon die Reise!« Ja, morgen! – An diesem Abende saßen Rudy und Babette zum letzten Male als Verlobte in der Mühle. Draußen glühten die Alpen, die Abendglocken klangen, die Töchter der Sonne sangen: »Es geschehe das Beste!«   XIV. Nächtliche Traumgesichter. Die Sonne war untergegangen, die Wolken senkten sich im Rhonethale zwischen die hohen Berge hinab, der Wind blies aus Süden, ein Wind Afrika's fuhr über die hohen Alpen hin, ein Föhn, der die Wolken zerriß, und als der Wind dahingefahren war, wurde es einen Augenblick ganz still; die zerrissenen Wolken hingen in phantastischen Gebilden zwischen den waldbewachsenen Bergen, über dem eilenden Rhonestrome, sie hingen in Gestalten wie die Seethiere der Urwelt, wie der schwebende Adler der Luft, wie die springenden Frösche der Sümpfe; sie senkten sich hinab auf den reißenden Strom, sie segelten auf demselben und segelten doch in der Luft. Der Strom führte eine entwurzelte Tanne mit sich, im Wasser zeigten sich wirbelnde Kreise voran; es war der Schwindel, mehr denn einer, die auf dem hervorbrausenden Strome kreisten; der Mond beleuchtete den Schnee auf den Berggipfeln, die dunklen Wälder und die weißen wunderbaren Wolken, die Nachtgesichter, die Geister der Naturkräfte; der Bergbewohner sah sie durch die Fensterscheiben, sie segelten dort unten schaarenweise der Eisjungfer voran; diese kam aus ihrem Gletscherschlosse, sie saß auf dem zerbrechlichen Schiffe, auf der ausgerissenen Tanne; das Gletscherwasser trug sie den Strom hinab bis in die offene See. »Die Hochzeitsgäste kommen!« sauste und sang es in Luft und Wasser. Gesichter draußen, Gesichter drinnen. Babette träumte einen wunderbaren Traum. Es schien ihr, als sei sie mit Rudy verheirathet, und zwar seit vielen Jahren. Er sei auf der Gemsjagd, sie aber zu Hause in ihrer Wohnung, und dort säße der junge Engländer, der mit dem vergoldeten Barte, bei ihr! Seine Augen waren so beredt, seine Worte eine Zaubermacht, er reichte ihr die Hand, und sie mußte ihm folgen. Sie schritten hinweg vom Hause. Immer abwärts! – es war Babette, als läge ein Last auf ihrem Herzen, die immer schwerer ward, es war eine Sünde gegen Rudy, eine Sünde gegen Gott; und plötzlich stand sie verlassen da, ihre Kleider waren von den Dornen zerrissen, ihr Haar war ergraut, sie schaute in ihrem Schmerze aufwärts, und auf dem Felsenrande erblickte sie den Rudy; – sie streckte die Arme nach ihm aus, wagte aber nicht zu rufen oder zu bitten, das würde ihr auch nichts genützt haben, denn bald entdeckte sie, daß er es nicht war, sondern nur sein Jagdrock und sein Hut, die auf dem Alpenstocke hingen, den die Jäger so hinstellen, um die Gemsen zu täuschen! Und in grenzenlosem Schmerze jammerte Babette: »O, wäre ich doch an meinem Hochzeitstage, meinem glücklichsten Tage, gestorben! Mein Gott, das wäre eine Gnade, ein großes Glück gewesen! Alsdann wäre das Beste geschehen, was mir und Rudy hätte widerfahren können! Niemand kennt seine Zukunft!« Und in gottlosem Schmerze stürzte sie sich hinab in die tiefe Felsschlucht. Eine Saite sprang, ein Trauerton klang –! Babette erwachte, der Traum war vorüber und verwischt – aber sie wußte, daß sie etwas Schreckliches und von dem jungen Engländer geträumt hatte, den sie seit mehreren Monaten nicht gesehen, an den sie nicht gedacht hatte. Ob er wohl in Montreux sei? Würde sie ihn zur Hochzeit zu sehen bekommen? Ein kleiner Schatten glitt über den feinen Mund, ihre Brauen zogen sich zusammen; aber bald trat Lächeln um die Lippen, schossen Freudenstrahlen aus den Augen, draußen schien die Sonne so schön, und morgen war ihre und Rudy's Hochzeit. Rudy war schon in der Wohnstube, als sie in dieselbe trat, und bald ging es nach Villeneuve. Beide waren so überaus glücklich, und auch der Müller; er lachte und strahlte in der besten Laune; ein guter Vater und eine ehrliche Seele war er. »Jetzt sind wir die Herrschaft hier zu Hause!« sagte die Stubenkatze.   XV. Schluß. Es war noch nicht Abend, als die drei fröhlichen Menschen Villeneuve erreichten und dort ihre Mahlzeit hielten. Der Müller setzte sich in den Lehnstuhl, schmauchte seine Pfeife und hielt ein kleines Schläfchen. Die jungen Brautleute gingen Arm in Arm zur Stadt hinaus und schritten, den Fahrweg entlang unter den mit Gebüsch bewachsenen Felsen, längs des blaugrünen, tiefen Sees; das düstere Chillon spiegelte seine grauen Mauern und schwerfälligen Thürme in der klaren Fluth; die kleine Insel mit, den drei Akazien lag noch näher, sie sah aus wie ein Bouquet auf dem See. »Es muß drüben reizend sein!« sagte Babette. Sie hatte wieder die größte Lust hinüber zu gelangen, und dieser Wunsch konnte sogleich in Erfüllung gehen; am Ufer lag ein Kahn; die Leine, mit der er angebunden, war leicht zu lösen. Man erblickte Niemand, den man um Erlaubniß, ihn zu benutzten, hätte fragen können, und so nahm man denn ohne Weiteres den Kahn, Rudy verstand schon die Ruder zu gebrauchen. Die Ruder griffen wie Fischflossen in das gefügige Wasser, das so biegsam und doch so stark ist, einen Rücken zum Tragen, einen Rachen zum Verschlingen hat, mild lächelnd, die Weichheit selbst, und doch Schreck einflößend und stark zum Zermalmen ist. Ein schäumendes Kielwasser stand hinter dem Kahne, der in wenigen Minuten mit Beiden hinüber zur Insel gelangte, wo sie ans Land gingen. Hier war nicht mehr Platz, als zu einem Tanze für Zwei. Rudy schwang Babette zwei – drei Mal im Kreise herum; darauf setzten sie sich Hand in Hand auf die kleine Bank unter die herabhängenden Akazien, blickten sich in die Augen, und Alles ringsum strahlte im Glanze der sinkenden Sonne. Die Tannenwälder der Berge färbten sich lilaroth wie blühendes Haidekraut, und wo die Bäume aufhörten und das Gestein hervortrat, glühte dasselbe, als sei der Felsen durchsichtig; die Wolken am Himmel leuchteten wie rothes Feuer, der ganze See war wie das frische, glühende Rosenblatt. Allmälig stiegen die Schatten die schneebedeckten Berge Savoyens hinan und färbten sie schwarzblau, allein der oberste Gipfel leuchtete wie rothe Lava, sie zeigten ein Moment aus der Bildungsgeschichte der Berge, als diese Massen sich glühend aus dem Schooße der Erde erhoben und noch nicht abgekühlt waren, Rudy und Babette meinten, ein solches Alpenglühen noch nie gesehen zu haben. Der schneebedeckte Dent du midi hatte einen Glanz wie die Scheibe des Vollmondes, wenn sie am Horizonte aufsteigt. »So viel Schönheit! So viel Glück!« sagten Beide. – »Die Erde hat mir nichts mehr zu geben!« sagte Rudy. »Ein Abend wie dieser ist doch ein ganzes Leben! Wie oft fühlte ich mein Glück; wie ich es jetzt empfinde, und dachte, wenn auch Alles nun ein Ende hätte, wie glücklich hättest du doch gelebt! Wie herrlich ist diese Welt! Und der Tag ging zu Ende, aber ein neuer begann, und mir schien es, als sei der noch schöner! Wie unendlich gut ist Gott, Babette!« »Ich bin so recht von Herzen glücklich!« sagte sie. »Mehr hat die Erde mir nicht zu gewähren!« rief Rudy. Und die Abendglocken klangen von den Bergen Savoyens, von den Schweizerbergen, im Westen erhob sich im Goldglanze das schwarzblaue Juragebirge. »Gott gebe Dir das Herrlichste und Beste!« sagte Babette. »Das wird er!« sagte Rudy. »Morgen werde ich es haben! Morgen bist Du ganz die Meinige! Mein eigen, süßes Weib!« »Der Kahn!« rief Babette plötzlich. Der Kahn, der sie zurückführen sollte, war losgerissen und trieb von der Insel fort. »Ich hole ihn zurück!« sagte Rudy, warf seinen Rock ab, zog sich die Stiefel aus, sprang in den See und schwamm in kräftigen Sätzen dem Boote nach. Kalt und tief war das klare, blaugrüne Eiswasser vom Gletscher des Gebirges. Rudy blickte hinab in das Gewässer; nur ein einziger Blick, und es war ihm als sehe er einen goldenen Ring rollen, glänzen, funkeln, – ihm kam sein Verlobungsring in den Sinn, und der Ring ward größer, erweiterte sich in einen funkelnden Kreis, und in diesen hinein leuchtete der klare Gletscher; tiefe Schluchten gähnten ringsum, und das Wasser troff klingend wie ein Glockenspiel und leuchtend mit weißblauen Flammen; in einem Nu sah er, was wir in vielen Worten sagen müssen. Junge Jäger und junge Mädchen, Männer und Weiber, die einst in die Schluchten der Gletscher hinab gesunken, standen hier lebendig mit offenem und lächelndem Munde, und tief unten klangen die Kirchenglocken versunkener Städte; die Gemeinde kniete unter dem Kirchengewölbe, Eisstücke bildeten die Orgelpfeifen, der Felsenstrom orgelte; die Eisjungfer saß auf dem klaren, durchsichtigen Grunde, sie hob sich hinauf gegen Rudy, küßte seine Füße, und ein eiskalter Todesschauer ging durch seine Glieder, ein elektrischer Stoß – Eis und Feuer! man unterscheidet zwischen diesen bei der kurzen Berührung nicht. »Mein! Mein!« klang es um ihn und in ihm. »Ich küßte Dich, als Du klein warst, küßte Dich auf Deinen Mund! – Jetzt küsse ich Dich auf Deine Zehe und auf Deine Ferse, mein bist Du ganz!« Und er verschwand in dem klaren, blauen Gewässer. Alles war still, die Kirchenglocken verstummten, die letzten Töne schwanden mit dem Glanze an den rothen Wolken. »Mein bist Du!« klang es in der Tiefe; »mein bist Du!« klang es aus der Höhe, aus dem Unendlichen. Herrlich! von Liebe zur Liebe, von der Erde in den Himmel zu fliegen. Eine Saite zersprang, ein Trauerton klang, der Eiskuß des Todes besiegte das Vergängliche; das Vorspiel endigte, damit das Lebensdrama beginnen könne, der Misklang löste sich auf in Harmonie. Nennst du das eine traurige Geschichte? Die arme Babette! für sie war es eine unsägliche Angst. Der Kahn trieb immer weiter hinaus. Niemand auf dem Lande wußte, daß das Brautpaar nach der kleinen Insel hinübergefahren war. Die Wolken senkten sich, der Abend war finster. Allein, verzweifelt, jammernd stand sie da. Ein Unwetter hing über ihr, Blitz auf Blitz leuchtete über das Juragebirge, über das Schweizerland und über Savoyen hin; von allen Seiten Blitz auf Blitz, ein Gedröhn nach dem andern, sie rollten in einander, Minuten lang. Die Blitze hatten oft Sonnenglanz, man sah jeden einzelnen Weinstock wie um die Mittagszeit, und gleich darauf war Alles wieder in Finsterniß gehüllt. Die Blitze bildeten Schleifen, Verschlingungen, Zickzack, sie schlugen ringsum in den See ein, sie leuchteten von allen Seiten, während das Gedröhn durch das Echo wuchs. Auf dem Lande zog man die Kähne auf die Ufer hinauf; Alles, was Leben hatte, suchte Schutz! – und jetzt strömte der Regen herab. »Wo mögen doch Rudy und Babette in diesem Unwetter sein?« sagte der Müller. Babette saß mit gefalteten Händen, den Kopf in dem Schooße, stumm vor Schmerz; sie weinte, sie jammerte nicht mehr. »In dem tiefen Wasser!« sprach sie in sich selbst hinein. »Tief unten ist er, wie unter dem Gletscher!« In ihren Gedanken tauchte es auf, was Rudy von dem Tode seiner Mutter, von seiner Rettung erzählt hatte, als er, eine Leiche, aus der Gletscherkluft heraus gehoben wurde. »Die Eisjungfer hat ihn wieder!« Ein Blitz leuchtete, so blendend wie Sonnenglanz auf dem weißen Schnee. Babette fuhr auf; der See erhob sich in diesem Augenblicke wie ein leuchtender Gletscher, die Eisjungfer stand majestätisch da, bläulich blaß, leuchtend, und zu ihren Füßen lag Rudy's Leiche: »Mein!« sprach sie, und ringsum war wieder Finsterniß, rollendes Gewässer. »Wie grausam!« jammerte Babette. »Warum mußte er doch sterben als der Tag unseres Glücks anbrach! Gott! mein Gott, erleuchte meinen Verstand! Leuchte in mein Herz hinein! Ich verstehe Deine Wege nicht! Ich tappe umher in den Beschlüssen Deiner Allmacht und Weisheit!« Und Gott leuchtete in ihr Herz hinein. Ein Gedankenblitz, ein Gnadenstrahl, ihr Traum der verwichenen Nacht, lebendig wie er gewesen, durchblitzte sie; sie erinnerte sich der Worte, des Wunsches, den sie ausgesprochen, von dem was ihr und Rudy am besten frommen würde. »Wehe mir! War das der Keim der Sünde in meinem Herzen? War mein Traum ein Zukunftsleben, dessen Saite meiner Rettung wegen zerrissen werden mußte? Ich Elende!« Jammernd saß sie da in der finstern Nacht. Durch die tiefe Stille schienen ihr noch Rudy's Worte zu klingen, die letzten, die er hier sprach: »Mehr hat die Erde mir nicht zu gewähren!« Sie klangen in der Fülle der Freude, sie wiederholten sich im tiefen Schmerze.     Jahre sind seitdem verstrichen. Der See lächelt, seine Ufer lächeln; der Weinstock setzt schwellende Trauben an; Dampfschiffe mit wehenden Flaggen jagen vorüber; Lustkähne mit ihren geschwellten Segeln stiegen über den Wasserspiegel wie weiße Schmetterlinge; die Eisenbahn über Chillon ist eröffnet, sie führt tief in das Rhonethal hinein. Bei jeder Station steigen Fremde aus, sie haben ihre in Roth gebundenen Reisebücher in der Hand und lesen darin, was sie Bemerkenswertes zu sehen haben. Sie besuchen Chillon, sie sehen draußen in dem See die kleine Insel mit den drei Akazien, und lesen im Buche von dem Brautpaare, welches an einem Abende im Jahre 1856 dort hinüber segelte, von dem Tode des Bräutigams, und: »erst am folgenden Morgen vernahm man am Ufer das verzweifelte Jammergeschrei der Braut.« Aber das Reisehandbuch erzählt Nichts von dem stillen Leben Babette's bei ihrem Vater, nicht in der Mühle, dort wohnen jetzt andere Leute, sondern in dem schönen Hause in der Nähe des Bahnhofes, von dessen Fenstern sie noch manchen Abend über die Kastanienbäume nach den Schneebergen hinschaut, wo einst Rudy sich tummelte; sie sieht am Abende das Alpenglühen, die Kinder, der Sonne lagern sich auf den hohen Bergen, und wiederholen das Lied vom Wanderer, dem der Wirbelwind den Mantel hinwegriß, die Hülle nahm, nicht aber den Mann. Hier ist Rosenglanz auf dem Schnee des Berges, Rosenglanz in jedem Herzen, in dem der Gedanke wohnt: »Gott läßt das Beste für uns geschehen!« Allein es wird uns nicht immer geoffenbart, wie es Babette in ihrem Traume geoffenbart wurde. Die letzte Perle. Wir befinden uns in einem reichen, einem glücklichen Hause; Alles, die Herrschaft, das Gesinde und auch die Freunde des Hauses fühlen sich beglückt und von Freude erfüllt; denn an diesem Tage war ein Erbe, ein Sohn geboren, und Mutter und Kind erfreuten sich des besten Wohlbefindens. Die flammende Lampe in dem Schlafzimmer hatte man zur Hälfte verdeckt und die Fenster waren mit schweren seidenen Vorhängen von theuern Stoffen dicht verhüllt. Der Fußteppich war dicht und weich, wie eine Moosdecke, Alles lud zum Schlummer ein, war reizend zum Ausruhen, und das empfand denn auch die Wärterin, – sie schlief, und konnte schlafen, denn hier war Alles gut und gesegnet. Der Schutzgeist des Hauses lehnte an dem Kopfende des Lagers; über das Kind an der Mutter Brust breitete sich gleichsam ein Netz von blühenden Sternen in unendlicher Fülle aus, jeder Stern war eine Perle des Glücks. Alle guten Sterne des Lebens hatten dem Neugeborenen ihre Gaben dargebracht; hier funkelten Gesundheit, Reichthum, Glück und Liebe, kurz Alles, was sich der Mensch auf Erden wünschte. »Alles ist hier dargebracht!« sprach der Schutzgeist . »Nein, Alles nicht!« ertönte eine Stimme in seiner Nähe, die Stimme des guten Engels des Kindes. » Eine Fee hat noch nicht ihre Gabe gespendet, allein sie wird es thun, einst, und wenn auch Jahre darüber verstreichen, wird sie dieselbe darbringen; – die letzte Perle fehlt noch!« »Fehlt noch! Hier darf nichts fehlen, und wenn es doch der Fall wäre, dann laßt uns aufbrechen, die mächtige Fee zu suchen; begeben wir uns zu ihr!« »Sie kommt, sie kommt einst ungesucht! Ihre Perle darf nicht fehlen, sie muß da sein, damit der fertige Kranz gewunden werde.« »Wo ist sie zu finden? Wo weilt sie? sage es mir, ich will die Perle herbeischaffen!« »Du willst es!« – sprach der gute Engel des Kindes, »ich führe Dich gleich zu ihr, wo sie auch zu finden sein mag! Sie hat keine bleibende Stätte, bald waltet sie in des Kaisers Schlosse, bald triffst Du sie in der ärmlichen Hütte des Bauern, an keinem Menschen geht sie spurlos vorüber, Allen bringt sie ihre Gabe dar, sei dieselbe eine Welt oder eine Spielerei! Auch zu diesem Kinde muß sie kommen! Du meinst, die Zeit sei gleich lang, aber nicht gleich nützlich; wohlan wir werden die Perle holen, die letzte Perle in diesem Reichthume!« Hand in Hand schwebten sie dem Orte zu, an welchem die Fee jetzt verweilte. Es war ein großes Haus mit finstern Korridoren, leeren Zimmern, und eine eigenthümliche Stille herrschte in demselben; eine ganze Reihe Fenster waren geöffnet, daß die rauhe Luft so recht nach Herzenslust hineindringen konnte; die langen, weißen herabhängenden Vorhänge bewegten sich in dem Luftzuge. Inmitten der Stube stand ein offener Sarg und in diesem lag die Leiche eines Weibes noch in blühendem Alter und schön. Frische Rosen breiteten sich über sie aus, so daß nur die gefaltenen feinen Hände und das im Tode verklärte edle Antlitz mit dem hohen Ernste der Weihe und des Eingangs zu Gott sichtbar waren. Um den Sarg standen der Mann und die Kinder, eine ganze Schaar; das jüngste Kind ruhte auf dem Arme des Vaters, und Alle brachten der Mutter das letzte Lebewohl; der Mann küßte ihr die Hand, die, welche jetzt wie dürres Laub war, bis vor kurzem aber in thätiger Liebe für sie Alle geschaltet und gewaltet hatte. Thränen des Kummers rollten über ihre Wangen und fielen in schweren Tropfen auf den Fußboden nieder; aber kein Wort ward gesprochen. Das Schweigen, welches hier waltete, schloß eine Welt voll Schmerzen ein. Leisen Schrittes, schluchzend verließen sie das Zimmer. – Ein brennendes Licht steht im Zimmer, es treibt den langen rothen Docht weit über die Flamme hinaus, die im Zugwinde flattert. Fremde Leute treten ein, sie legen den Deckel auf den Sarg, über die Todte, sie treiben die Nägel fest hinein und die Schläge des Hammers hallen laut durch das ganze Haus, hallen wieder in den Herzen, die da bluten. »Wohin führst Du mich?« fragte der Schutzgeist, »hier weilt keine Fee, deren Perle den besten Gaben für das Leben zugezählt werden könnte.« »Hier weilt sie, hier in dieser geweihten Stunde,« sprach der Engel und deutete auf einen Winkel des Zimmers; dort, wo bei Lebzeiten die Mutter zwischen Blumen und Bildern ihren Sitz gehabt, dort, von wo sie als segnende Fee des Hauses, den Mann, die Kinder, die Freunde liebevoll begrüßt, von wo aus sie, dem Sonnenstrahle gleich, Freude und Frohsinn verbreitet und Kern und Herz des Ganzen gewesen, – dort saß ein fremdes Weib, angethan mit langen Gewändern, es war das Herzeleid , hier die Herrin, Mutter jetzt an der Todten Stelle. Eine heiße Thräne rollte in ihren Schoos herab, und gestaltete sich in eine Perle, diese blitzte in allen Farben des Regenbogens und der Engel ergriff sie, und die Perle leuchtete gleich einem Sterne von siebenfarbigem Glanze. Die Perle Herzeleid , die letzte, die nicht fehlen darf! sie erhöht den Glanz und die Bedeutung der andern Perlen. Siehst Du den Schimmer des Regenbogens, dessen, welcher die Erde mit dem Himmel verbindet? Wohl ist eine Brücke geschlagen von hier nach dem Jenseits. Durch die Nacht der Erde schauen wir hinauf in die Sterne, schauen wir nach der Vollendung aus! Blicke sie an die Perle des Herzeleids , in sich verbirgt sie die Flügel der Psyche, die uns von hinnen tragen!« Im Entenhofe. Es kam eine Ente aus Portugal an, Einige sagten aus Spanien, doch das bleibt sich gleich; genug sie wurde die Portugiesin genannt, legte Eier, wurde geschlachtet und angerichtet – das war ihr Lebenslauf. Alle die, welche aus ihren Eiern auskrochen, wurden später auch Portugiesen genannt, und das wollte schon etwas sagen. Jetzt war von der ganzen Familie nur noch eine im Entenhofe, einem Hofe, zu welchem auch die Hühner Zutritt hatten, und in welchem der Hahn mit Hochmuth auftrat. »Er ärgert mich durch sein lautes Krähen,« sagte die Portugiesin. »Aber hübsch ist er, das ist nicht zu leugnen, wenn er auch kein Enterich ist. Er sollte sich mäßigen, aber das ist eine Kunst, die von höherer Bildung zeugt, diese haben blos die kleinen Singvögel drüben im Nachbargarten in den Linden. Wie lieblich sie singen! Es liegt etwas so Rührendes in ihrem Gesänge, ich nenne es Portugal! Hätte ich nur solch einen kleinen Singvogel, ich würde ihm eine Mutter sein, lieb und gut, das liegt mir im Blute, in meinem portugiesischen Blute!« Und während sie noch so sprach, kam ein kleiner Singvogel kopfüber vom Dache herab in den Hof. Die Katze war hinter ihm; aber der Vogel kam dessenungeachtet mit einem gebrochenen Flügel davon – deshalb fiel er in den Entenhof. »Das sieht der Katze ähnlich, sie ist ein Bösewicht!« sagte die Portugiesin; »ich kenne sie noch von der Zeit her, wo ich Kinder hatte. Daß so ein Wesen leben und auf den Dächern umhergehen darf! Ich glaube nicht, daß dies in Portugal der Fall ist!« Sie bemitleidete den kleinen Singvogel, und die andern Enten, die nicht portugiesischer Abkunft waren, bemitleideten ihn auch. »Das kleine Thierchen!« sagten sie, während eine nach der andern herankam. »Wir können allerdings nicht singen,« sprachen sie, »aber wir haben den Singboden oder so Etwas innerlich, das fühlen wir schon, wenn wir auch nicht davon sprechen!« »Ich aber werde davon sprechen!« sagte die Portugiesin, »und ich will Etwas für die Kleine thun, das ist Pflicht!« Sie trat in den Wassertrog und schlug mit den Flügeln so in das Wasser, daß der kleine Singvogel von dem Bade, das er bekam, fast ertrank; aber es war gut gemeint. »Das ist eine gute That,« sprach sie; »die Andern können sich ein Beispiel daran nehmen!« »Pip!« sagte der kleine Vogel, dem einer seiner Flügel gebrochen war und dem es schwer wurde, sich zu schütteln; aber er begriff sehr gut das wohlgemeinte Bad. »Sie sind herzensgut, Madame!« sagte er, aber es verlangte ihn nicht nach einem zweiten Bade. »Ich habe nie über mein Herz nachgedacht,« fuhr die Portugiesin fort, »aber Das weiß ich, daß ich alle meine Mitgeschöpfe liebe; nur nicht die Katze; das kann aber auch Niemand von mir verlangen. Sie hat zwei der Meinigen gefressen, doch, thun Sie, als wären Sie zu Hause, – das kann man schon. Ich selbst bin auch aus einer fremden Gegend, wie Sie schon aus meiner Haltung und aus meinem Federkleide ersehen werden; mein Enterich dagegen ist ein Eingeborner, nicht von meinem Geblüte, aber ich bin nicht hochmüthig! – Versteht Sie Jemand hier im Hofe, so darf ich wohl sagen, daß ich es bin!« »Sie hat Portulak im Magen!« sagte ein kleines, gewöhnliches Entlein, das witzig war, und die andern gewöhnlichen Enten fanden das Wort Portulak ausgezeichnet: es klang wie Portugal und sie stießen sich an und sagten »Rapp!« Es war zu witzig! Und alle andern Enten gaben sich nun mit dem kleinen Singvogel ab. »Die Portugiesin hat freilich die Sprache mehr in ihrer Gewalt,« äußerten sie. »Was uns anbelangt, wir brüsten uns nicht so mit großen Worten im Schnabel; unsere Theilnahme ist aber ebenso groß. Thun wir nichts für Sie, so gehen wir still mit umher; und das finden wir am Schönsten!« »Sie haben eine liebliche Stimme!« sagte eine der Aeltesten. »Es muß ein schönes Gefühl sein, so Vielen Freude bereiten zu können, wie Sie dies zu thun vermögen. Ich verstehe mich freilich auf Ihren Gesang nicht, deshalb halte ich auch den Schnabel, und dies ist immer besser als Ihnen etwas Dummes zu sagen, wie dies gar viele Andere thun!« »Quäle ihn nicht so,« sagte die Portugiesin, »er bedarf der Ruhe und Pflege. Wünschen Sie, mein kleiner Singvogel, daß ich Ihnen wieder ein Bad bereite?« »Ach nein! lassen Sie mich trocken bleiben,« bat er. »Die Wassercur ist die einzige, die mir hilft, wenn mir etwas fehlt,« antwortete die Portugiesin. »Zerstreuung ist auch etwas Gutes! Jetzt werden bald die Nachbarhühner ankommen und Visite machen: unter ihnen befinden sich auch zwei Chinesinnen; diese haben Höschen an, viele Bildung und sind importirt; deshalb stehen sie höher in meiner Achtung wie die andern.« Die Hühner kamen und der Hahn kam; er war heute so höflich, daß er nicht grob war. »Sie sind ein wirklicher Singvogel!« sprach er, »und Sie machen aus Ihrer kleinen Stimme Alles, was aus so einer kleinen Stimme zu machen ist. Aber etwas mehr Locomotive muß man haben, damit Jeder hört, daß man männlichen Geschlechts ist.« Die zwei Chinesinnen standen ganz entzückt da beim Anblicke des Singvogels; er sah recht struppig aus von dem Bade, das er bekommen, so, daß es ihnen schien, er sähe fast wie ein chinesisches Küchlein aus. »Er ist reizend!« sagten sie, ließen sich mit ihm in ein Gespräch ein und sprachen nur flüsternd und mit Pa-Lauten, d. h. vornehm Chinesisch mit ihm. »Wir sind von Ihrer Art,« fuhren sie fort; »die Enten, selbst die Portugiesin, sind Schwimmvögel, wie Sie wohl bemerkt haben werden. Uns kennen Sie noch nicht; nur Wenige kennen uns, oder geben sich die Mühe uns kennen zu lernen; selbst von den Hühnern keine, ungeachtet wir dazu geboren sind, auf einer höhern Sprosse zu sitzen als die Mehrzahl der Andern. – Das kümmert uns aber nicht; wir gehen ruhig unseres Weges inmitten der Andern, deren Grundsätze zwar nicht die unsern sind; denn wir beachten nur die guten Seiten und sprechen nur von dem Guten, obwohl es schwierig ist, da Etwas zu finden, wo Nichts ist. Außer uns Beiden und dem Hahne giebt es im ganzen Hühnerhofe Niemand, der talentvoll und zugleich honnet ist! Das kann nicht einmal von den Bewohnern des Entenhofs gesagt werden. – Wir warnen Sie, kleiner Singvogel! trauen Sie nicht der dort mit den kurzen Schwanzfedern; sie ist hinterlistig! Die Bunte da mit der schiefen Zeichnung auf den Flügeln, ist streitsüchtig und läßt Niemand das letzte Wort, und obenein hat sie noch stets Unrecht. – Die fette Ente dort spricht Böses von Allen; dies ist unserer Natur zuwider; kann man nichts Gutes sprechen, so muß man den Schnabel halten. Die Portugiesin ist die Einzige, die ein wenig Bildung hat und mit der man Umgang pflegen kann; aber sie ist leidenschaftlich und spricht zu viel von Portugal!« »Was die beiden Chinesinnen nur immer zu flüstern haben!« flüsterte sich ein Entenpaar zu, »mich langweilen sie; wir haben nie mit ihnen gesprochen.« Jetzt kam der Enterich herbei. Er glaubte, der Singvogel sei ein Spatz. »Ja, ich kenne den Unterschied nicht,« sagte er, »und das ist auch einerlei! Er gehört zu den Spielwerken und hat man sie, so hat man sie!« »Legen Sie nur kein Gewicht auf das, was er sagt,« flüsterte die Portugiesin, »er ist in Geschäftssachen sehr respectabel, und Geschäfte gehen ihm über Alles. Aber jetzt lege ich mich zur Ruhe! – Das ist man sich selber schuldig, damit man hübsch fett sein kann, wenn man mit Aepfeln und Pflaumen balsamirt werden soll.« Sie legte sich nun in die Sonne und blinzelte mit dem einen Auge; sie lag recht gut, war auch sehr gut, und schlief außerdem auch sehr gut. Der kleine Singvogel machte sich mit seinem gebrochenen Flügel zu schaffen; endlich legte er sich auch hin und drückte sich eng an seine Beschützerin; die Sonne schien warm und herrlich, er hatte einen recht guten Ort gefunden. Die Nachbarhühner dagegen waren wach; sie gingen umher und kratzten den Boden auf; im Grunde genommen hatten sie den Besuch einzig und allein nur gemacht, um Nahrung zu sich zu nehmen. Die Chinesinnen waren die Ersten, die den Entenhof verließen; die andern Hühner folgten ihnen bald darauf. Das witzige Entlein sagte von der Portugiesin: die Alte werde nun bald »entenkindisch«. Die andern Enten lachten darüber, daß es schnatterte. »Entenkindisch!« flüsterten sie, »das ist zu witzig!« Sie wiederholten nun auch den ersten Witz: »Portulak!« – es sei zu amüsant, meinten sie, und darauf legten sie sich nieder. Als sie eine Weile gelegen hatten, wurde plötzlich etwas zum Schnattern in den Entenhof geworfen; es kam mit einem solchen Klatsche herab, daß die ganze Besatzung aus dem Schlafe auffuhr und mit den Flügeln schlug; auch die Portugiesin erwachte, wälzte sich auf die andere Seite und drückte dabei den kleinen Singvogel sehr unsanft. »Pip!« sagte er, »Sie traten sehr hart auf, Madame!« »Ja, warum liegen Sie mir im Wege!« rief sie. »Sie dürfen nicht so empfindlich sein! Ich habe auch Nerven, aber ich habe noch niemals »Pip« gesagt!« »Seien Sie nicht böse!« sagte der kleine Vogel, »das Pip fuhr mir unwillkürlich aus dem Schnabel.« Die Portugiesin hörte nicht auf ihn, sondern fuhr schnell in das Fressen und hielt eine gute Mahlzeit. Als diese zu Ende war und sie sich wieder hinlegte, nahte sich ihr der kleine Singvogel und wollte liebenswürdig sein. »Tilleleleit! Vom Herzen Dein Will ich singen fein, Fliegen so weit, weit, weit!« »Jetzt will ich nach dem Essen ruhen!« sprach die Portugiesin. »Sie müssen hier auf die Sitten des Hauses achten. Jetzt will ich schlafen!« Der kleine Singvogel wurde ganz verdutzt, denn er hatte es gut gemeint. – Als die Madame später erwachte, stand er wiederum vor ihr mit einem Körnchen, das er gefunden hatte; er legte es ihr zu Füßen; da sie aber nicht gut geschlafen hatte, war sie natürlicherweise sehr schlechter Laune. »Geben Sie das einem Küchlein!« sagte sie; »stehen Sie mir hier überhaupt nicht immer im Wege!« »Warum zürnen Sie mir?« antwortete das Vöglein. »Was habe ich gethan?« »Gethan?« fragte die Portugiesin wiederum, »dieser Ausdruck ist eben nicht fein, darauf möchte ich Ihre Aufmerksamkeit lenken!« »Gestern war hier Sonnenschein,« sagte der kleine Vogel, »heute ist hier trübe und dicke Luft.« »Sie wissen wohl wenig Bescheid in der Zeitrechnung,« entgegnete die Portugiesin. »Der Tag ist noch nicht zu Ende; stehen Sie nicht so dumm da!« »Aber Sie sehen mich gerade so an, wie die bösen Augen sahen, als ich hier in den Hof herabfiel.« »Unverschämter!« sagte die Portugiesin, »vergleichen Sie mich mit der Katze, dem Raubthiere? Kein falscher Blutstropfen ist in mir; ich habe mich Ihrer angenommen und werde Ihnen gute Manieren beibringen!« Und sofort biß sie dem Singvogel den Kopf ab; todt lag er da. »Was ist nun Das wieder?« sagte sie, »das konnte er nicht vertragen! Ja! dann war er freilich auch nicht für diese Welt geschaffen. Ich bin ihm eine Mutter gewesen, das weiß ich; denn ein Herz hab' ich.« Da steckte des Nachbars Hahn seinen Kopf in den Hof hinein und krähte mit Locomotivkraft. »Sie bringen mich um mit Ihrem Krähen!« rief sie. »Sie haben Schuld an Allem; er verlor den Kopf und ich bin nahe daran, ihn auch zu verlieren.« »Da, wo er fällt, liegt nicht viel!« sagte der Hahn. »Sprechen Sie mit Achtung von ihm!« erwiderte die Portugiesin, »er hatte Ton, Gesang und hohe Bildung. Liebevoll war er und weich, und das schickt sich für die Thiere sowohl, wie für die sogenannten Menschen.« Und alle Enten drängten sich um den kleinen todten Singvogel, Die Enten haben starke Passionen, mögen sie nun Neid oder Mitleid fühlen, und da hier nun nichts zu beneiden war, so kam das Mitleid zum Vorschein, selbst bei den beiden Chinesinnen. »Einen solchen Singvogel werden wir nimmer wieder bekommen; er war fast ein Chinese,« flüsterten sie und dabei weinten sie, daß es gluckste, und alle Hühner glucksten, aber die Enten gingen mit den rothesten Augen umher. »Herz haben wir!« sagten sie, »das kann uns Niemand absprechen.« »Herz!« wiederholte die Portugiesin, »ja, das haben wir beinahe eben so viel wie in Portugal.« »Denken wir jetzt daran, Etwas in den Magen zu bekommen!« sagte der Enterich, »das ist das Wichtigste! Wenn auch eins von den Spielwerken entzwei geht, wir haben genug dergleichen!« Der Flaschenhals. In der engen, winkeligen Gasse zwischen andern Häusern der Armuth stand ein besonders schmales und hohes Haus von Fachwerk, welchem die Zeit dermaßen mitgespielt hatte, daß es fast nach allen Seiten hin aus den Fugen gegangen war. Das Haus wurde von armen Leuten bewohnt, und am ärmlichsten sah es in der Dachkammerwohnung im Giebel aus, wo vor dem einzigen kleinen Fenster ein altes verbogenes Vogelbauer im Sonnenscheine hing, welches nicht einmal ein Wassernäpfchen, sondern nur einen umgekehrten mit Wasser gefüllten Flaschenhals mit einem Pfropfen unten hatte. Eine alte Jungfer stand am Fenster; hatte das Bauer mit grünem Vogelkraut behängen; und ein kleiner Hänfling hüpfte von einer Sprosse zur andern hin und her und sang und zwitscherte, daß es eine Lust war. »Ja, Du hast gut singen!« – sagte der Flaschenhals, – das heißt, er sprach es freilich nicht in der Weise aus wie wir es thun können; denn sprechen kann ein Flaschenhals nicht, sondern er dachte es so bei sich, in seinem stillen Sinne, wie wenn wir Menschen in uns selbst hinein reden. »Ja, Du hast gut singen, Du, der Du Deine Glieder alle unversehrt hast. Du solltest mal versuchen, was das heißt, sein Untertheil verloren, nur Hals und Mund und obendrein einen Pfropfen drin zu haben, wie ich es habe, und Du würdest gewiß nicht singen. Aber es ist immerhin gut, daß doch Jemand da ist, der vergnügt ist! Ich habe keinen Grund zu singen und ich kann auch nicht singen! ja, als ich eine ganze Flasche war, that ich es wohl, wenn man mich mit dem Pfropfen rieb; man nannte mich damals die rechte Lerche, die große Lerche! – als ich mit der Kürschnerfamilie auf einer Waldpartie war, und die Tochter verlobt wurde – ja, das weiß ich noch als wär's erst gestern gewesen! Ich habe Vieles erlebt, wenn ich mich recht darauf besinne! Ich bin im Feuer und im Wasser, bin tief in der schwarzen Erde und höher hinauf gewesen als die meisten Andern gekommen, und jetzt schwebe ich hier an der äußersten Seite des Vogelbauers in Luft und Sonnenschein! Oh, es dürfte wohl der Mühe werth sein, meine Geschichte zu hören, aber ich rede nicht laut davon, weil ich es nicht kann!« Nun erzählte der Flaschenhals seine Geschichte, die merkwürdig genug war; erzählte sie in sich hinein oder dachte sie so in seinem stillen Sinn; und der kleine Vogel sang vergnügt sein Lied, und unten auf der Straße war ein Gefahre und Gelaufe, Jedermann dachte an das Seine, oder dachte gar nichts – nur der Flaschenhals dachte. Er gedachte des flammenden Schmelzofens in der Fabrik, in welcher er ins Leben geblasen worden; erinnerte sich noch, daß er warm gewesen sei, daß er in den zischenden Ofen, die Heimath seines Ursprungs, hineingeschaut und gar große Lust empfunden habe, direct wieder in dieselbe hinein zu springen; daß er aber allmälig, indem er immer kühler wurde, sich dort recht wohl befunden, wohin er gekommen sei. Er habe in Reih und Glied gestanden mit einem ganzen Regimente Brüder und Schwestern alle aus demselben Ofen, von welchen allerdings einige als Champagnerflaschen, andere als Bierflaschen geblasen waren, und das macht einen Unterschied! Später, draußen in der Welt kann es wohl kommen, daß eine Bierflasche die köstlichsten Lacrymae Christi enthält und eine Champagnerflasche mit Schuhwichse gefüllt wird, aber an der Schablone ist es doch immerhin zu sehen, wozu man geboren ist, – Adel bleibt Adel, selbst mit Wichse im Leibe. Sämmtliche Flaschen wurden verpackt und unsere Flasche auch. Damals dachte sie nicht daran als Flaschenhals ihre Laufbahn zu enden, sich zum Vogelnapf empor zu arbeiten, was doch immerhin ein ehrenwerthes Dasein ist, – weil man alsdann doch Etwas ist! Die Flasche erblickte erst das Tageslicht wieder, als sie mit den übrigen Kameraden im Keller des Weinhändlers ausgepackt und zum ersten Male ausgespült wurde, – das war ein curioses Gefühl. Da lag sie nun leer und ohne Pfropfen, ihr war sonderbar zu Muthe, es fehlte ihr Etwas, allein sie wußte selbst nicht, was. – Endlich wurde sie mit einem guten, herrlichen Weine angefüllt, bekam auch einen Pfropfen und wurde zugelackt; »Prima Sorte« wurde ihr angeklebt, es war ihr, als habe sie die erste Censur beim Examen davon getragen, aber der Wein war dafür auch gut, und die Flasche war gut. Wenn man jung ist, ist man Lyriker! es sang und klang in ihr von Dingen, die sie gar nicht kannte: von den grünen sonnigen Bergen, wo der Wein wächst, wo fröhliche Winzer und Winzerinnen singen und kosen und sich küssen; – wohl ist das Leben schön! Von alledem sang und klang es in der Flasche wie in den jungen Poeten, die auch gar oft Das nicht begreifen, wovon es in ihnen klingt. Eines Morgens wurde sie angekauft; – der Kürschnerlehrling sollte eine Flasche Wein »vom besten« bringen. Und nun wurde sie in den Eßkorb nebst Schinken, Käse und Wurst gesteckt; die feinste Butter, das feinste Brot wurde mit hineingelegt; die Kürschnertochter packte selbst den Korb; sie war jung und schön; um die braunen Augen und um ihre Lippen spielte ein Lächeln. Sie hatte seine, weiche Hände, die schön weiß waren, und doch waren Hals und Busen noch viel weißer, man sah es ihr sogleich an, daß sie eines der schönsten Mädchen der Stadt war – und doch noch nicht verlobt! Der Vorrathskorb stand auf dem Schooße des jungen Mädchens als die Familie in den Wald hinausfuhr; der Flaschenhals blickte hervor zwischen den Zipfeln der weißen Serviette; an dem Pfropfen war rother Lack; die Flasche blickte dem Mädchen gerade ins Gesicht; sie blickte auch den jungen Seemann an, der neben dem Mädchen saß; derselbe war ein Jugendfreund, der Sohn des Portraitmalers. Vor kurzem hatte er das Examen als Steuermann mit Ehren bestanden und morgen sollte er mit einem Schiffe abgehen, weithin nach fernen Küsten, Hiervon war während des Packens viel gesprochen, und wahrend dessen sprach freilich nicht gerade der Frohsinn aus den Augen und dem Munde der schönen Kürschnerstochter. Die jungen Leute lustwandelten im grünen Walde, sie sprachen mit einander – was sprachen sie? Ja, das vernahm die Flasche nicht, stand sie doch im Vorrathskorbe. Es währte gar lange, bis sie hervorgezogen wurde, als das aber endlich geschah, waren auch fröhliche Dinge passirt; Alle lachten, auch die Tochter des Kürschners lachte, aber sie sprach weniger als vorher, ihre Wangen glühten wie zwei rothe Rosen. Väterchen nahm die volle Flasche und den Korkzieher zur Hand. – Ja es ist sonderbar so zum ersten Male aufgezogen zu werden! Der Flaschenhals hatte später diesen feierlichen Augenblick nie vergessen können, hatte es doch Schwapp in seinem Innern gesagt als der Pfropfen herausfuhr, und wie gluckte es erst als der Wein in die Glaser hineinfloß. »Die Verlobten sollen leben!« sprach der alte Papa, und jedes Glas wurde bis auf die Neige geleert, und der junge Steuermann küßte seine schöne Braut. »Glück und Segen!« sagten die beiden Alten, Vater und Mutter und der junge Mann füllte noch einmal die Gläser: »Rückkehr und Hochzeit heute über's Jahr!« – rief er, und als die Gläser geleert waren, nahm er die Flasche, hob sie empor und sprach: »Du bist dabei gewesen an dem schönsten Tage meines Lebens, Du sollst nimmermehr einem Andern dienen!« Und er schlenderte sie hoch in die Luft. Die Kürschnerstochter dachte damals nicht daran, daß sie die Flasche öfter sollte fliegen sehen, und doch sollte es so der Fall sein. – Sie fiel damals in das dichte Röhricht am Ufer eines kleinen Waldsees nieder, – der Flaschenhals entsann sich noch lebhaft wie er dort eine Zeit lang gelegen. »Ich gab ihnen Wein und sie gaben mir Sumpfwasser, – allein so ist es auch gut gemeint!« Er sah nicht länger die Verlobten und die vergnügten Alten, aber er vernahm noch lange wie sie jubilirten und sangen. Dann kamen endlich zwei Bauernknaben, guckten in das Röhricht hinein, erblickten die Flasche und hoben sie auf; nun war sie versorgt. Daheim, im Waldhause, war gestern der älteste Bruder dieser Knaben, ein Seemann, der eine längere Fahrt antreten sollte, gewesen, um Abschied zu nehmen; die Mutter war eben damit beschäftigt noch Dieses und Jenes einzupacken, das er mit auf die Reise bekommen sollte und der Vater Abends in die Stadt tragen wollte, um noch einmal den Sohn zu sehen und ihm seinen und der Mutter Gruß zu bringen. Eine kleine Flasche mit Kräuterbranntwein war schon eingewickelt und ein Packet beigelegt, da traten die Knaben mit einer größern, stärkeren Flasche, die sie gefunden hatten, zur Thür herein. In diese ginge mehr als in das kleine Fläschchen, und »der Schnaps sei gar zu gut für einen schlechten Magen, sei mit Kräutern versetzt«. Es war nicht wie früher der rothe Wein, den man jetzt in die Flasche einschenkte, es waren bittere Tropfen, aber auch die sind gut – für den Magen. Die neue große und nicht die kleine Flasche sollte mit; – und so ging die Flasche wieder auf die Wanderung. Sie kam an Bord bei Peter Jensen, und zwar an Bord desselben Schiffes, mit welchem der junge Steuermann fuhr. Doch er sah die Flasche nicht und er hatte sie auch nicht wieder erkannt oder gar gedacht: das ist dieselbe, bei der wir die Verlobung gefeiert und schon ein Hoch auf die Rückkehr ausgebracht haben. Freilich, Wein spendete sie nicht mehr, aber sie beherbergte doch etwas in ihrem Innern, was eben so gut war; sie wurde auch stets, wenn Peter Jensen sie hervorholte, von den Kameraden »der Apotheker« geheißen; sie schenkte die beste Medicin, die, welche den Magen kurirte, und sie spendete treu ihre Hilfe so lange sie einen Tropfen hatte. Das war eine vergnügte Zeit, und die Flasche sang, wenn man sie mit dem Pfropfen streichelte, sie hieß die große Lerche, »Peter Jensens Lerche«. Lange Tage und Monate verstrichen, sie stand bereits geleert in einem Winkel; da geschah es – ja ob auf der Ausfahrt oder Rückfahrt, das wußte die Flasche nicht genau anzugeben, war sie doch gar nicht ans Land gekommen – daß ein Sturm sich erhob; große Wogen wälzten sich finster und schwer einher, und hoben und warfen das Fahrzeug. Der Hauptmast zersplitterte, eine Woge schlug eine der Schiffsplanken ein, die Pumpen brachten keine Hilfe mehr; es war stockfinstere Nacht; das Schiff sank, – aber in der letzten Minute schrieb der junge Steuermann auf ein Blatt Papier: » In Christi Namen! wir gehen unter !« Er schrieb den Namen seiner Braut, schrieb seinen und des Schiffes Namen, steckte das Blatt in eine leere Flasche, die ihm in die Hand fiel, preßte den Pfropfen fest ein und warf die Flasche in die tobende See hinaus. Er wußte es nicht, daß es dieselbe war, aus welcher ihm und ihr der Becher der Freude und der Hoffnung einst gefüllt worden; – sie wiegt sich nun auf der Woge mit Gruß und Todesbotschaft. Das Schiff sank, die Mannschaft sank; die Flasche flog dahin gleich einem Vogel, – trug sie doch ein Herz, einen Liebesbrief in sich! Und die Sonne ging auf und sie ging unter, – der Flasche war es wie zur Zeit ihrer Entstehung in dem rothen glühenden Ofen, sie empfand eine Sehnsucht, wieder hinein zu fliegen. – Sie durchlebte die Meeresstille und auch neue Stürme; – sie stieß aber gegen keine Klippe, wurde von keinem Hai verschlungen, und trieb sich über Jahr und Tag umher, bald gen Norden, bald gen Süden, wie die Strömungen sie eben führten. Sie war im Uebrigen ihr eigener Herr, aber dessen kann man denn auch überdrüssig werden. Das beschriebene Blatt, das letzte Lebewohl von dem Bräutigam an die Braut würde nur Trauer bringen, wenn es einmal in die rechten Hände käme; allein, wo waren die Hände so weiß und weich, die damals das Tischtuch auf dem frischen Rasen, in dem grünen Walde am Tage der Verlobung ausbreiteten? – Wo war die Tochter des Kürschners? Ja, wo war das Land, und welches Land läge ihr wohl am nächsten? Die Flasche wußte es nicht; sie trieb und trieb und wurde endlich auch des Herumtreibens überdrüssig, weil das jedenfalls nicht ihre Aufgabe war; allein sie trieb sich doch umher bis sie endlich Land, fremdes Land erreichte. Sie verstand kein Wort von dem, was hier gesprochen wurde, es war nicht die Sprache, die sie früher hatte reden hören, und es geht Einem viel verloren, wenn man die Sprache nicht versteht. Die Flasche wurde herausgefischt und von allen Seiten betrachtet; der Zettel, der in ihr steckte, wurde gesehen, herausgenommen, gedreht und gewendet, aber die Leute verstanden nicht Das, was dort geschrieben stand. Zwar begriffen sie, daß die Flasche über Bord geworfen sein müsse, und daß hiervon auf dem Papiere stehe, allein was stand geschrieben? das war das Wunderbare, – und der Zettel wurde wieder in die Flasche gesteckt und diese in einen großen Schrank, in einer großen Stube, in einem großen Hause aufgestellt. Jedesmal, wenn Fremde kamen, wurde der Zettel hervorgenommen, gewendet und gedreht, so daß die Schrift, die nur mit Bleistift geschrieben war, allmälig immer unleserlicher wurde, zuletzt sah Niemand mehr, daß es Buchstaben waren. – Und noch ein ganzes Jahr blieb die Flasche im Schranke stehen, dann stellte man sie auf den Boden und Staub und Spinnengewebe lagerten sich auf ihr. Wie dachte sie nun zurück an bessere Tage, an die Zeiten, wo sie in dem frischen grünen Walde den rothen Wein gespendet, wo sie auf den Meereswellen schaukelte, ein Geheimniß, einen Brief, einen Abschiedsseufzer in sich getragen hatte. Volle zwanzig Jahre stand sie auf dem Boden; sie hätte noch länger dort stehen können, hätte das Haus nicht umgebaut werden sollen. Das Dach wurde aber abgetragen, man bemerkte die Flasche und sprach von ihr, allein sie verstand die Sprache nicht; die lernt man nicht dadurch daß man auf dem Boden steht, selbst in zwanzig Jahren nicht. »Wäre ich unten in der Stube geblieben,« meinte sie zwar, »hätte ich sie doch wohl gelernt!« Sie wurde nun gewaschen und ausgespült, es that ihr Noth; sie fühlte sich klar und durchsichtig, sie war wieder verjüngt auf ihre alten Tage, aber der Zettel den sie treu getragen, – der war in der Wäsche daraufgegangen. Man füllte die Flasche mit Sämereien, sie wußte viel, was das eigentlich war; man pfropfte sie zu und wickelte sie gut ein; sie bekam weder Licht noch Laterne, geschweige denn Sonne und Mond zu sehen, und Etwas muß man doch sehen, wenn man auf Reisen geht, meinte sie; aber sie sah Nichts, doch das Wichtigste that sie, – sie reiste und gelangte an den Ort ihrer Bestimmung und wurde dort ausgepackt. »Was sie sich dort im Auslande mit der Flasche für Mühe gegeben haben!« – hörte sie sagen – »und sie wird doch wohl zerbrochen sein!« – aber sie war nicht zerbrochen. Die Flasche verstand jedes Wort, welches gesprochen wurde, es war die Sprache, die sie am Schmelzofen und beim Weinhändler und im Walde und auf dem Schiffe vernommen, die einzige gute, alte Sprache, die man verstehen könne; sie war zurückgekommen in ihre Heimath, und die Sprache war ihr ein Gruß des Willkommens. Vor Freude wäre sie beinahe den Leuten aus den Händen gesprungen; sie bemerkte es kaum, daß ihr der Pfropfen ausgezogen, daß sie selbst ausgeschüttet und in den Keller getragen wurde, um dort aufgehoben und vergessen zu werden. Die Heimath ist doch der beste Ort, selbst im Keller! Es fiel ihr nie ein, darüber nachzudenken, wie lange sie wohl dort liege; sie lag gut und lag Jahre lang; endlich kamen Leute herab, die alle Flaschen aus dem Keller und auch die unsere holten. Draußen im Garten war ein großes Fest; flammende Lampen hingen dort als Guirlanden, papierne Laternen strahlten wie große Tultpanen in Transparenten. Es war ein herrlicher Abend, das Wetter still und klar; die Sterne flimmerten, und es war Neumond, eigentlich erblickte man den ganzen runden Mond als eine blaugraue Kugel mit goldenem Halbrand, was schön zu sehen war – mit guten Augen. Auch bis in die entlegenen Gartengänge erstreckte sich die Illumination, wenigstens so viel, daß man bei ihrem Scheine sich dort zurechtfinden konnte. In dem Gezweige der Hecken standen Flaschen, in jeder ein brennendes Licht, hier befand sich auch die Flasche, die wir kennen, die, welche einst als Flaschenhals, als Vogelnapf endigen sollte; ihr kam Alles hier wunderschön vor, war sie doch wieder im Grünen, wieder inmitten der Freude und beim Feste, vernahm Gesang und Musik und das Toben und Gemurmel der vielen Menschen, namentlich aus dem Theile des Gartens, wo die Lampen flammten und die papiernen Laternen ihre Farbenpracht zur Schau trugen. So stand sie zwar in einem entlegenen Gange, allein gerade das hatte etwas Beschauliches, sie trug ihr Licht, stand hier zum Nutzen und Vergnügen, und so ist es recht; in einer solchen Stunde vergißt man zwanzig Jahre auf dem Boden – und gut ist es zu vergessen. Dicht an ihr vorüber schritt ein einzelnes Paar, wie das Brautpaar damals im Walde, wie der Steuermann und die Kürschnerstochter; es war der Flasche, als erlebe sie das Alles wieder auf's neue! Im Garten gingen nicht allein die Gäste, sondern auch Leute, die sich diese und das festliche Gepränge ansehen durften, und unter den letzteren schritt ein altes Mädchen einher, das allein ohne alle Verwandtschaft in der Welt stand. Es dachte wie die Flasche, dachte an den grünen Wald und an ein junges Brautpaar, welches ihm sehr nahe lag, an dem es Theil hatte, ja dessen einer Theil es war, – damals in der glücklichsten Stunde seines Lebens, und die Stunde vergißt man nie und nimmer, und würde man eine noch so alte Jungfer. – Allein sie kannte die Flasche nicht, und diese bemerkte auch die alte Jungfer nicht; so geht man an einander vorüber in dieser Welt – bis man sich wieder begegnet, und das thaten die Beiden, waren sie doch jetzt Beide wieder in derselben Stadt. Die Flasche kam vom Garten noch einmal wieder zum Weinhändler, wurde wieder mit Wein gefüllt und an den Luftschiffer verkauft, der am folgenden Sonntage mit dem Ballon aufsteigen wollte. – Eine große Menschenmenge hatte sich zusammengefunden um sich »Das anzusehen,« es war Militairmusik engagirt und viele andere Vorbereitungen waren getroffen. Die Flasche sah Alles von einem Korbe aus, in welchem sie neben einem lebenden Kaninchen lag, das ganz verblüfft war, weil es wohl wußte, daß es mit hinauf solle, um mittelst Fallschirm wieder hinab zu gehen; die Flasche aber wußte Nichts weder vom »hinauf« noch »hinab,« sie sah nur, daß der Ballon sich groß aufblies, immer größer, und sich, als er nicht größer werden konnte, zu heben, immer unruhiger zu werden begann; die Taue, die ihn festhielten, wurden durchschnitten und er schwebte mit dem Luftschiffer, dem Korbe, der Flasche und dem Kaninchen hinauf, die Musik erklang und alle Menschen schrieen Hurrah! »Das ist eine wunderliche Fahrt, so in die Luft hinauf!« dachte die Flasche, »das ist eine neue Segelfahrt; hier oben wird man aber ebenfalls an Nichts anrennen können!« Tausende von Menschen schauten dem Ballon nach und die alte Jungfer blickte auch nach ihm aus; sie stand in ihrem offenen Dachkammerfenster, unter welchem der Käfig mit dem kleinen Hänfling hing, der damals noch kein Wassernäpfchen hatte, sondern sich mit einer Obertasse begnügen mußte. Im Fenster selbst stand eine Myrte im Topfe und dieser war ein wenig bei Seite geschoben, damit er nicht hinausfalle, denn die alte Jungfer bog sich aus dem Fenster, um es auch zu sehen; sie sah auch deutlich den Luftschiffer im Ballon, und daß er das Kaninchen mit Fallschirm herabließ, dann auf das Wohl aller Menschen trank und endlich die Flasche hoch in die Luft empor schleuderte; – nicht dachte sie daran, daß sie eben dieselbe Flasche, ihr und ihrem Freunde zu Ehren am Tage der Freude im grünen Walde, in ihrer Jugend hatte hoch emporfliegen sehen. Der Flasche blieb keine Zeit übrig, um nachzudenken, kam es ihr doch gar zu unerwartet und plötzlich so auf dem Höhepunkte ihres Lebens zu sein. Thürme und Dächer lagen weit, weit unten, die Menschen nahmen sich vollends recht klein aus. Nun sank sie aber und das mit einer ganz andern Fahrt als das Kaninchen; die Flasche machte Purzelbäume in der Luft, sie fühlte sich so jung, außer Rand und Band, sie war noch halbvoll von Wein, aber das blieb sie nicht lange. Welche Reise! Die Sonne beschien die Flasche, alle Menschen sahen ihr nach, der Ballon war schon weit weg, und bald war auch die Flasche weg, sie fiel auf eines der Dächer herab und damit war sie entzwei, aber die Stücke hatten noch einen solchen Flug, daß sie nicht liegen bleiben konnten, sie sprangen und rollten weiter, bis sie in den Hofraum hinab gelangten und dort in noch kleineren Stücken liegen blieben, nur der Flaschenhals erhielt sich und der war wie mit einem Diamant abgeschnitten. »Der wäre prächtig als Vogelnapf!« sagten die Kellerleute, allein sie hatten weder einen Vogel noch einen Käfig, und sich solche anzuschaffen, weil sie jetzt den Flaschenhals hatten, der als Napf zu gebrauchen wäre, sei doch zu viel verlangt, – aber die alte Jungfer auf dem Dache, ja, sie hatte vielleicht Gebrauch dafür, – und nun gelangte der Flaschenhals zu ihr hinauf, bekam einen Pfropfen eingesetzt, und was früher oben war, wurde jetzt nach unten gekehrt, wie es gar oft bei Veränderungen geschieht, frisches Wasser wurde ihm eingegossen, man hing ihn an den Käfig des kleinen Vogels, welcher sang und zwitscherte, daß es eine Lust war. »Ja, Du hast gut singen!« sagte der Flaschenhals, und der war ja merkwürdig genug, der war ja im Ballon gewesen, – mehr wußte man von seiner Geschichte nicht. Jetzt hing er da als Vogelnapf, hörte die Leute unten auf der Straße murmeln und wirthschaften, hörte die Rede der alten Jungfer drinnen in der Kammer; sie hatte Besuch von einer alten Freundin, sie sprachen – nicht aber von dem Flaschenhalse, sondern von der Myrte im Fenster. »Nein, Du darfst wahrlich keinen Thaler ausgeben für einen Brautkranz für Deine Tochter!« – sagte die alte Jungfer, – »Du sollst von mir ein allerliebstes Sträuschen voller Blüthen haben! Siehst Du wie prächtig der Baum steht. Ja, der stammt auch von einem Senker der Myrte ab, die Du mir am Tage nach meiner Verlobung schenktest, von der ich mir selbst, wenn das Jahr um wäre, meinen Brautkranz hatte nehmen sollen, – allein der Tag kam nie! die Augen schlossen sich, die mir in diesem Leben zur Freude und zum Segen hätten leuchten sollen. Auf dem Meeresgrunde schlummert er süß, der treue Freund! – Die Myrte wurde ein alter Baum, allein ich wurde noch älter, und als der Baum endlich einging, nahm ich den letzten grünen Zweig, steckte ihn in die Erde, und aus dem ist ein großer Baum geworden und die Myrte kommt nun endlich doch noch zum Hochzeitsfeste, – als Brautkranz für Deine Tochter. Und Thränen perlten in den Augen der alten Jungfer; sie sprach von dem Freunde ihrer Jugend, von der Verlobung im Walde; gar viele Gedanken kamen ihr, aber daran dachte sie doch nicht, daß sich ganz in ihre Nähe, vor dem Fenster noch eine Erinnerung an jene Zeit befand; der Hals der Flasche, welche laut aufjauchzte als der Pfropfen mit einem Knall bei der Verlobung aufsprang. Doch der Flaschenhals erkannte auch sie nicht wieder, denn er hörte nicht auf das, was sie sprach und erzählte, – weil er nur an sie dachte. Kinderschnack. Drinnen bei dem reichen Kaufmanne war eine Kindergesellschaft, reicher und vornehmer Leute Kinder; der Kaufmann war ein gelehrter Mann, er hatte einst das Studentenexamen gemacht, dazu hielt ihn sein ehrlicher Vater an, der von Anfang an nur Viehhändler gewesen, aber ehrlich und betriebsam; der Handel hatte Geld gebracht, und die Gelder hatte der Kaufmann zu mehren gewußt. Klug war er und Herz hatte er auch, aber von seinem Herzen wurde weniger gesprochen, als von seinem vielen Gelde. Bei dem Kaufmanne gingen vornehme Leute ein und aus, sowohl Leute von Blut, wie es heißt, als von Geist, auch Leute von beiden Theilen und auch keines von beiden. Diesmal war eine Kindergesellschaft dort und Kinderschnack, und Kinder sprechen rein von der Leber weg. Unter andern war dort ein wunderschönes, kleines Mädchen, aber die Kleine war entsetzlich stolz, das hatten die Dienstleute in sie geküßt, nicht die Eltern, denn dazu waren die gar zu vernünftige Leute, ihr Vater war Kammerjunker, und das ist was Großes, das wußte sie. »Ich bin ein Kammerkind!« sagte sie. Sie hätte nun ebenso gut ein Kellerkind sein können, selbst kann Jeder gleichviel dafür; dann erzählte sie den andern Kindern, daß sie »geboren« sei, und sagte, daß wenn man nicht geboren sei, könne man nichts werden; das helfe zu nichts, daß man lesen und fleißig sein wolle, sei man nicht geboren, könne man nichts werden. »Und diejenigen, deren Namen mit »sen« endigen,« sagte sie, »aus denen kann nun ganz und gar nichts werden! Man muß die Arme in die Seite stemmen und sie weit von sich halten diese »sen! sen!« – und dabei stemmte sie ihre wunderschönen, kleinen Arme in die Seite und machte den Ellenbogen spitz, um zu zeigen, wie man es thun sollte; und die Aermchen waren gar niedlich. Es war ein recht süßes Mädchen. Doch die kleine Tochter des Kaufmanns wurde bei dieser Rede gar zornig; ihr Vater hieß Petersen, und von dem Namen wußte sie, daß er auf »sen« endigte, und deshalb sagte sie so stolz wie sie es vermochte: »Aber mein Vater kann für hundert Thaler Bonbons kaufen und sie unter die Kinder werfen! – kann Dein Vater das?« »Ja, aber mein Vater,« fügte das Töchterlein eines Schriftstellers, »kann Deinen Vater, und Deinen Vater, und alle Väter in die Zeitung setzen! Alle Menschen fürchten ihn, sagt meine Mutter, denn mein Vater ist es, der in der Zeitung regiert!« Und das Töchterlein sah stolz dabei aus, als wenn es eine wirkliche Prinzessin gewesen, die da stolz aussehen müsse. Aber draußen vor der nur angelehnten Thüre stand ein armer Knabe und blickte durch die Thürspalte. Er war so gering, daß er nicht einmal mit in die Stube hinein durfte. Er hatte der Köchin den Bratspieß gedreht, und die hatte ihm nun erlaubt, hinter der Thür zu stehen und zu den geputzten Kindern, die sich einen vergnügten Tag machten, hinein zu blicken, und das war für ihn viel. »Wer doch Einer von Jenen wäre!« dachte er, und dabei hörte er, was gesprochen wurde, und das war nun freilich um recht mißmuthig zu werden. Nicht einen Pfennig besaßen die Eltern zu Hause, den sie zurücklegen, um dafür eine Zeitung halten zu können, geschweige denn eine solche schreiben, mit nichten! – und nun noch das Allerschlimmste: seines Vaters Name und also auch der seinige, endigte auf »sen«, aus ihm könne somit auch ganz und gar nichts werden. Das war zu traurig! – Doch, geboren sei er, schien es ihm, so recht geboren, das könne doch unmöglich anders sein. Das war nun an diesem Abende.     Seitdem verstrichen viele Jahre, und während dessen werden Kinder erwachsene Menschen. In der Stadt stand ein prächtiges Haus, es war angefüllt mit lauter schönen Sachen und Schätzen, alle Leute wollten es sehen, selbst Leute, die außerhalb der Stadt wohnten, kamen zur Stadt, um es zu sehen. Wer von den Kindern, von denen wir erzählt haben, mochte wohl jetzt das Haus das seinige nennen? Ja, das zu wissen, ist natürlich sehr leicht! Nein, nein, es ist doch nicht so sehr leicht. Das Haus gehörte dem kleinen, armen Knaben, der an jenem Abend hinter der Thür gestanden hatte; aus ihm wurde doch Etwas, obgleich sein Name auf »sen« endigte, – – Thorwaldsen . Und die drei andern Kinder? – die Kinder des Blutes , des Geldes und des Geisteshochmuths , – ja Eins hat dem Andern nichts vorzuwerfen, sie sind gleiche Kinder – aus ihnen wurde alles Gutes, die Natur hatte sie gut ausgestattet; was sie damals gedacht und gesprochen, war eben nur Kinderschnack . Hofhahn und Wetterhahn. Zwei Hähne waren da, einer auf dem Düngerhaufen, einer auf dem Dache; hoffährtig waren sie Beide, wer von den Beiden richtete aber am meisten aus? Sage uns Deine Ansicht – wir behalten dessenungeachtet doch unsere Meinung bei. Der Hühnerhof war durch eine Planke von einem andern Hofraume getrennt, in welchem ein Düngerhaufen lag, und auf dem Düngerhaufen lag und wuchs eine große Gurke, die das Bewußtsein hatte, ein Mistbeetgewächs zu sein. »Dazu wird man geboren,« – sprach es im Innern der Gurke! »nicht alle können als Gurken geboren werden, es muß auch andere Arten geben! Die Hühner, die Enten und der ganze Viehstand des Nachbarhofes sind auch Geschöpfe. Zu dem Hofhahn auf der Planke sehe ich nun empor, er ist freilich von ganz anderer Bedeutung wie der Wetterhahn, der so hoch gestellt ist und nicht einmal knarren, geschweige krähen kann; er hat weder Hühner, noch Küchlein, er denkt nur an sich und schwitzt Grünspan! Nein, der Hofhahn ist ein Hahn! Sein Auftreten ist Tanz! Sein Krähen ist Musik, wohin er kommt, wird es Einem gleich klar, was ein Trompeter ist! Wenn er nur hier herein käme! – Und wenn er mich auch mit Stumpf und Stiel auffräße, ich auch in seinen Körper aufgehen müßte – es würde ein seliger Tod sein!« – sprach die Gurke. Nachts wurde es ein entsetzliches Wetter; Hühner, Küchlein und selbst der Hahn suchten Schutz; die Planke zwischen den beiden Höfen riß der Wind nieder, daß es krachte; die Dachsteine fielen herunter, aber der Wetterhahn saß fest; er drehte sich nicht einmal, er konnte sich nicht drehen, und doch war er jung, frisch gegossen, aber besonnen und gesetzt; er war alt geboren, ähnelte durchaus nicht den fliegenden Vögeln in der Luft, den Sperlingen, den Schwalben, nein, die verachtete er, sie seien Pipvögel von geringer Größe, ordinäre Pipvögel! Die Tauben, meinte er, seien groß und blank, und schimmernd wie Perlmutter, sähen aus wie eine Art Wetterhähne, allein sie seien dick und dumm, ihr ganzes Sinnen und Trachten ginge darauf aus, den Freßwanst zu füllen, auch seien sie langweilige Dinger im Umgange. Auch die Zugvögel hatten dem Wetterhahn ihre Visite gemacht, ihm von fremden Ländern, von Luftcaravanen und haarsträubenden Räubergeschichten mit den Raubvögeln erzählt, das war neu und interessant, das heißt das erste Mal, aber später, das wußte der Wetterhahn, wiederholten sie sich, erzählten stets dieselben Geschichten und das ist langweilig! Sie seien langweilig und Alles sei langweilig, mit Niemand könne man Umgang pflegen, Jeder und Alle seien fade und bornirt. »Die Welt taugt nichts!« sprach er. »Das Ganze ist dummes Zeug!« Der Wetterhahn war aufgeblasen, und die Eigenschaft hätte ihn gewiß bei der Gurke interessant gemacht, wenn sie es gewußt hätte, allein sie hatte nur Augen für den Hofhahn, und der war jetzt im Hofe bei ihr. Die Planke hatte der Wind umgeblasen, aber das Ungewitter war vorüber. »Was sagt ihr zu dem Hahnengeschrei?« sprach der Hofhahn zu den Hühnern und Küchlein. »Das war ein wenig roh, die Eleganz fehlte.« Und Hühner und Küchlein traten auf den Düngerhaufen und der Hahn betrat ihn auch mit Reitertritten. »Gartengewächs!« sprach er zu der Gurke, und in diesem einen Worte wurde ihr seine tiefe Bildung klar, und sie vergaß es, daß er in sie hackte und sie auffraß. »Ein seliger Tod!« Die Hühner und die Küchlein kamen, und wenn die eine läuft, so läuft die andere auch; sie glucksten und pipten und sie sahen den Hahn an und waren stolz darauf, daß er von ihrer Art war. »Küchleküh,« krähte er, »die Küchlein werden sofort zu großen Hühnern, wenn ich es ausschreie in dem Hühnerhofe der Welt!« Und Hühner und Küchlein glucksten und pipten und der Hahn verkündete eine große Neuigkeit. »Ein Hahn kann ein Ei legen! Und wißt ihr, was in dem Ei liegt? – In dem Ei liegt ein Basilisk. Den Anblick eines solchen vermag Niemand auszuhalten; das wissen die Menschen, und jetzt wißt ihr es auch, wißt was in mir wohnt, was ich für ein Allerhühnerhofskerl bin!« Darauf schlug der Hofhahn mit den Flügeln, machte sich den Hahnenkamm schwellen und krähte wieder; und es schauderte sie alle, die Hühner und die kleinen Küchlein, aber sie waren gar stolz, daß Einer von ihren Leuten so ein Allerhühnerhofskerl war; sie glucksten und pipten, daß der Wetterhahn es hören mußte; er hörte es, aber er rührte sich nicht dabei. »Das Ganze ist dummes Zeug!« sprach es im Innern des Wetterhahns. Der Hofhahn legt keine Eier und ich bin zu faul dazu; wenn ich wollte, ich könnte schon ein Windei legen, aber die Welt ist keines Windeies werth. Das Ganze ist dummes Zeug! – Jetzt mag ich nicht einmal länger hier sitzen.« Damit brach der Wetterhahn ab, aber er schlug den Hofhahn nicht todt, obgleich es darauf abgesehen war, wie die Hühner sagten, und was sagt die Moral: »Immerhin doch besser krähen als aufgeblasen zu sein und abzubrechen!« Der Mistkäfer. Das Leibroß des Kaisers bekam goldene Hufbeschläge, ein goldenes Hufeisen an jeden Fuß. Aber weshalb das? Es war ein wunderschönes Thier, hatte feine Beine, kluge und helle Augen und eine Mähne, die ihm wie ein Schleier über den Hals herabhing. Es hatte seinen Herrn durch Pulverdampf und Kugelregen getragen, hatte die Kugeln singen und pfeifen hören, hatte gebissen, ausgeschlagen und mitgekämpft, als die Feinde eindrangen, war mit seinem Kaiser in einem Sprunge über das gestürzte Pferd des Feindes gesetzt, hatte die Krone von rothem Golde, das Leben seines Kaisers gerettet – und das war mehr werth als das rothe Gold: deshalb bekam des Kaisers Roß goldene Hufeisen. Und ein Mistkäfer kam hervorgekrochen. »Erst die Großen, dann die Kleinen,« sagte er, »aber die Größe allein macht es nicht.« Und dabei streckte er seine dünnen Beine aus. »Was willst Du denn?« fragte der Schmied. »Goldene Beschläge,« antwortete der Mistkäfer. »Ei, Du bist wohl nicht gescheidt!« rief der Schmied. »Du willst auch goldene Beschläge haben?« »Goldene Beschläge, ja wohl!« sagte der Mistkäfer. »Bin ich denn nicht ebenso gut wie das große Thier da, das abgewartet und gebürstet wird und dem man Essen und Trinken vorsetzt! Gehöre ich nicht auch in den kaiserlichen Stall?« »Weshalb aber bekommt das Roß goldene Beschläge?« fragte der Schmied, »begreifst Du das nicht?« »Begreifen? – Ich begreife, daß es eine Geringschätzung meiner Person ist,« sagte der Mistkäfer; »es geschieht, um mich zu kränken – und ich gehe deshalb auch in die weite Welt!« »Immer zu!« sagte der Schmied. »Grober Kerl, Du!« sagte der Mistkäfer, und dann ging er aus dem Stalle hinaus, flog eine kleine Strecke und befand sich bald darauf in einem schönen Blumengarten, wo es von Rosen und Lavendel duftete. »Ist es hier nicht wunderschön?« fragte eins der kleinen Marienhühnchen, die mit ihren rothen, schildstarken, mit schwarzen Pünktchen besäeten Flügeln darin umherflogen. »Wie süß ist es hier, wie ist es hier schön!« »Ich bin es besser gewöhnt,« sagte der Mistkäfer; »Ihr nennt das hier schön? Nicht einmal ein Misthaufen ist hier!« Darauf ging er weiter, unter den Schatten einer großen Levkoje; da kroch eine Kohlraupe. »Wie ist doch die Welt schön!« sprach die Kohlraupe; »die Sonne ist so warm, Alles so vergnügt! Und wenn ich einmal einschlafe und sterbe, wie sie es nennen, so erwache ich als ein Schmetterling.« »Was Du Dir einbildest!« sagte der Mistkäfer, »als Schmetterling umherfliegen. Ich komme aus dem Stalle des Kaisers, aber Niemand dort, selbst nicht des Kaisers Leibpferd, das doch meine abgelegten goldenen Schuhe trägt, bildet sich so etwas ein: Flügel kriegen! Fliegen! Ja, jetzt aber fliegen wir !« Und nun flog der Mistkäfer davon. »Ich will mich nicht ärgern, aber ich ärgere mich doch!« sprach er im Davonfliegen. Bald darauf fiel er auf einen großen Rasenplatz; hier lag er eine Weile und simulirte; endlich schlief er ein. Ein Platzregen stürzte plötzlich aus den Wolken! Der Mistkäfer erwachte bei dem Lärm und wollte sich in die Erde verkriechen, aber es gelang ihm nicht: er wurde um und um gewälzt; bald schwamm er auf dem Bauche, bald auf dem Rücken, an ein Fliegen war nicht zu denken; – er zweifelte daran, lebendig von diesem Orte fortzukommen. Er lag wo er lag und blieb auch liegen. Als das Wetter ein wenig nachgelassen und der Mistkäfer das Wasser aus seinen Augen weggeblinzelt hatte, sah er etwas Weißes schimmern, es war Leinwand, die auf der Bleiche lag; er gelangte zu derselben hin und kroch zwischen eine Falte der nassen Leinwand. Da lag es sich freilich anders wie in dem warmen Haufen im Stalle; allein etwas Besseres war hier einmal nicht vorhanden und deshalb blieb er, wo er war, blieb einen ganzen Tag, eine ganze Nacht, und auch der Regen blieb. Gegen Morgen kroch er hervor; er ärgerte sich sehr über das Klima. Auf der Leinwand saßen zwei Frösche; ihre hellen Augen strahlten vor lauter Vergnügen. »Das ist ein herrliches Wetter!« sagte der Eine, »wie erfrischend! und die Leinwand hält das Wasser so schön beisammen; es krabbelt mir in den Hinterfüßen, als wenn ich schwimmen sollte.« »Ich möchte wissen,« sagte der Andere, »ob die Schwalbe, die so weit umherfliegt, auf ihren vielen Reisen im Auslande ein besseres Klima als das unsrige gefunden hat; eine solche Nässe! Es ist wahrhaftig, als läge man in einem nassen Graben! Wer sich dessen nicht freut, liebt in der That sein Vaterland nicht!« »Seid Ihr denn nicht im Stalle des Kaisers gewesen?« fragte der Mistkäfer. »Dort ist das Nasse warm und würzig: das ist mein Klima; aber das kann man nicht mit auf Reisen nehmen. Giebt's hier im Garten kein Mistbeet, wo Standespersonen, wie ich, sich heimisch fühlen und einlogiren können?« Die Frösche verstanden ihn nicht, oder wollten ihn nicht verstehen. »Ich frage nie zweimal!« sagte der Mistkäfer, nachdem er bereits dreimal gefragt und keine Antwort erhalten hatte. Darauf ging er eine Strecke weiter und stieß hier auf einen Thonscherben, der freilich nicht hätte da liegen sollen, aber so wie er lag, gab er guten Schutz gegen Wind und Wetter. Hier wohnten mehrere Ohrwurmfamilien; diese beanspruchen nicht viel, – blos Geselligkeit. Die weiblichen Individuen sind voll der zärtlichsten Mutterliebe, und deshalb lobte auch jede Mutter ihr Kind als das schönste und klügste. »Unser Söhnchen hat sich verlobt!« sagte eine Mutter. »Die süße Unschuld! Sein ganzes Streben geht dahin, dermaleinst in das Ohr eines Geistlichen zu kommen. Es ist recht kindlich liebenswürdig; die Verlobung bewahrt ihn vor Ausschweifungen! Welche Freude für eine Mutter!« »Unser Sohn,« sprach eine andere Mutter, »kaum aus dem Ei gekrochen, war auch gleich auf der Fahrt; er ist ganz Leben und Feuer! Er läuft sich die Hörner ab! Welch' eine Freude für eine Mutter! Nicht wahr, Herr Mistkäfer?« Sie erkannten den Fremden an der Schablone. »Sie haben Beide Recht!« sagte der Mistkäfer, und nun bat man ihn, in das Zimmer einzutreten; so weit er nämlich unter den Thonscherben kommen konnte. »Jetzt sehen Sie auch mein kleines Ohrwürmchen,« rief eine Dritte und Vierte der Mütter. »Sie sind gar liebliche Kinder und machen sehr viel Spaß. Sie sind nie unartig, wenn sie nicht zufällig Bauchgrimmen haben; leider kriegt man das aber gar zu leicht in ihrem Alter.« In dieser Weise sprach jede Mutter von ihrem Püppchen, und die Püppchen sprachen mit und gebrauchten ihre kleinen Scheeren, die sie am Schwänze haben, um den Mistkäfer an seinem Barte zu zupfen. »Ja, die machen sich immer was zu schaffen, die kleinen Schelme!« sagten die Mütter und dampften vor Mutterliebe; allein das langweilte den Mistkäfer; er fragte deshalb, ob es noch weit bis zu dem Mistbeete sei. »Das ist ja draußen in der weiten Welt, jenseit des Grabens!« antwortete ein Ohrwurm, »so weit wird hoffentlich keines meiner Kinder gehen, ich würde den Tod davon haben!« »So weit will ich doch zu gelangen versuchen,« sagte der Mistkäfer, und entfernte sich, ohne Abschied zu nehmen; denn so ist es ja am feinsten. Am Graben traf er mehrere seines Gleichen an: insgesammt Mistkäfer. »Hier wohnen wir!« sagten sie. »Wir haben es ganz gemüthlich! Dürfen wir Sie wohl bitten, in den fetten Schlamm hinabzusteigen? Die Reise ist für Sie gewiß ermüdend gewesen!« »Allerdings!« sprach der Mistkäfer. »Ich war dem Regen ausgesetzt und habe auf Leinwand liegen müssen, und Reinlichkeit namentlich nimmt mich sehr mit. Auch habe ich Reißen in dem einen Flügel, weil ich unter einem Thonscherben im Zuge gestanden habe. Es ist in der That ein wahres Labsal, wieder einmal unter Seinesgleichen zu sein.« »Kommen Sie vielleicht aus dem Mistbeete?« fragte der Aelteste. »Oho! Von höheren Orten!« rief der Mistkäfer. »Ich komme aus dem Stalle des Kaisers, wo ich mit goldenen Schuhen an den Füßen geboren wurde; ich reise in einem geheimen Auftrage; Sie dürfen mich darüber aber nicht ausfragen, denn ich verrathe es nicht.« Darauf stieg der Mistkäfer in den fetten Schlamm hinab. Dort saßen drei junge Mistkäferfräuleins; sie kicherten, weil sie nicht wußten, was sie sagen sollten. »Sie sind alle Drei noch nicht verlobt,« sagte die Mutter; und die jungen Mistkäferfräuleins kicherten aufs Neue, diesmal aus Verlegenheit. »Ich habe sie nicht schöner in den kaiserlichen Ställen gesehen,« sagte der ausruhende Mistkäfer. »Verderben Sie mir meine Mädchen nicht; sprechen Sie nicht mit ihnen, es sei denn, Sie hätten reelle Absichten! – Doch die haben Sie jedenfalls und ich gebe meinen Segen dazu!« »Hurrah!« riefen alle die andern Mistkäfer, und unser Mistkäfer war nun verlobt. Der Verlobung folgte sogleich die Hochzeit, denn es war kein Grund zum Aufschub vorhanden. Der folgende Tag verstrich sehr angenehm; der nächstfolgende noch einigermaßen so; aber den dritten Tag mußte man schon auf Nahrung für die Frau, vielleicht sogar für die Kinder bedacht sein. »Ich habe mich übertölpeln lassen!« dachte der Mistkäfer; »es bleibt mir daher nichts Anderes übrig, als sie wieder zu übertölpeln!« Gedacht, gethan! Weg war er, den ganzen Tag blieb er aus, die ganze Nacht blieb er aus – und die Frau saß da als Witwe. »O,« sagten die andern Mistkäfer, »Der, den wir in die Familie aufgenommen haben, ist ein echter Landstreicher; er ging davon und läßt die Frau uns nun zur Last dasitzen!« »Ei, dann mag sie wieder als Jungfrau gelten,« sprach die Mutter, »und als mein Kind hier bleiben. Pfui! über den Bösewicht, der sie verließ.« Der Mistkäfer war unterdeß immer weiter gereist, auf einem Kohlblatte über den Wassergraben gesegelt. In der Morgenstunde kamen zwei Personen an den Graben; als sie ihn erblickten, hoben sie ihn auf, drehten ihn um und um, thaten beide sehr gelehrt, namentlich der eine von ihnen – ein Knabe. »Allah sieht den schwarzen Mistkäfer in dem schwarzen Gesteine, in dem schwarzen Felsen! Nicht wahr, so steht im Koran geschrieben?« Dann übersetzte er den Namen des Mistkäfers ins Lateinische und verbreitete sich über dessen Geschlecht und Natur. Die zweite Person, ein älterer Gelehrter, stimmte dafür, ihn mit nach Hause zu nehmen; sie hätten, sagte er, dort ebenso gute Exemplare, und das, so schien es unserm Mistkäfer, war nicht höflich gesprochen, – und deshalb flog er ihm auch plötzlich aus der Hand. Da er jetzt trockene Flügel hatte, flog er eine ziemlich große Strecke fort und erreichte das Mistbeet, wo er mit aller Bequemlichkeit, da hier ein Fenster angelehnt war, hineinschlüpfte und sich in dem frischen Miste vergrub. »Hier ist es wonnig!« sagte er. Bald darauf schlief er ein und es träumte ihm, daß des Kaisers Leibroß gestürzt sei und ihm seine goldenen Hufeisen und das Versprechen gegeben habe, ihm noch zwei anlegen zu lassen. Das war sehr angenehm. Als der Mistkäfer erwachte, kroch er hervor und sah sich um. Welche Pracht war in dem Mistbeete! Im Hintergrunde große Palmen, hoch emporragend; die Sonne ließ sie transparent erscheinen, und unter ihnen welche Fülle von Grün und strahlenden Blumen, roth wie Feuer, gelb wie Bernstein, weiß wie frischer Schnee! »Das ist eine unvergleichliche Pflanzenpracht, die wird schmecken, wenn sie fault!« sagte der Mistkäfer. »Das ist eine gute Speisekammer! Hier wohnen gewiß Anverwandte; ich will doch nachspüren, ob ich Jemand finde, mit dem ich Umgang pflegen kann. Stolz bin ich; das ist mein Stolz!« Und nun lungerte er in dem Mistbeete umher und gedachte seines schönen Traumes von dem todten Pferde und den ererbten goldenen Hufeisen. Da ergriff plötzlich eine Hand den Mistkäfer, drückte ihn und drehte ihn um und um. Der Sohn des Gärtners und eine kleine Freundin von diesem waren an das Mistbeet herangetreten, hatten den Mistkäfer gesehen und wollten nun ihren Spaß mit ihm treiben. Zuerst wurde er in ein Weinblatt gewickelt und alsdann in eine warme Hosentasche gesteckt; er kribbelte und krabbelte dort nach Kräften; dafür bekam er aber einen Druck von der Hand des Knaben und wurde so zur Ruhe verwiesen. Der Knabe ging darauf raschen Schrittes nach dem großen See hin, der am Ende des Gartens lag. Hier wurde der Mistkäfer in einem alten, halbzerbrochenen Holzschuh ausgesetzt, auf denselben ein Stäbchen als Mast gesteckt, und an diesen Mast band man den Mistkäfer mit einem wollenen Faden fest. Jetzt war er Schiffer und mußte segeln. Der See war sehr groß, dem Mistkäfer schien er ein Weltmeer, und er erstaunte darüber dermaßen, daß er auf den Rücken siel und mit den Füßen zappelte. Das Schifflein segelte ab; die Strömung des Wassers ergriff es; fuhr es aber zu weit vom Lande ab, krempelte sofort einer der Knaben seine Beinkleider auf, trat ins Wasser und holte es wieder an das Land zurück. Endlich aber, gerade als es wieder in bester Fahrt seewärts ging, wurden die Knaben abgerufen, ernstlich gerufen; sie beeilten sich zu kommen, liefen vom Wasser fort und ließen Schifflein Schifflein sein. Dieses trieb nun immer mehr und mehr vom Ufer ab, immer mehr in den offenen See hinaus; es war entsetzlich für den Mistkäfer, da er nicht fliegen konnte, weil er an den Mast gebunden war. Da bekam er Besuch von einer Fliege. »Was für schönes Wetter!« sagte die Fliege. »Hier will ich ausruhen und mich sonnen; Sie haben es sehr angenehm hier.« »Sie reden, wie Sie's verstehen! Sehen Sie denn nicht, daß ich angebunden bin?« »Ich bin nicht angebunden,« sagte die Fliege und flog davon. »Na, jetzt kenne ich die Welt!« sprach der Mistkäfer. »Es ist eine niederträchtige Welt! Ich bin der einzige Honnette auf der Welt! Erst verweigert man mir goldene Schuhe; dann muß ich auf nasser Leinwand liegen, in Zugluft stehen und zu guter Letzt hängen sie mir noch eine Frau auf. Thu' ich dann einen raschen Schritt in die Welt hinaus und erfahre, wie man es dort bekommen kann und wie ich es haben sollte, so kommt ein Menschenjunge, bindet mich und überläßt mich den wilden Wogen; während das Leibpferd des Kaisers in goldenen Schuhen einherstolzirt! Das ärgert mich am meisten. Aber auf Theilnahme darf man in dieser Welt nicht rechnen! Mein Lebenslauf ist sehr interessant; doch was nützt es, wenn ihn Niemand kennt! Die Welt verdient es nicht, sie kennen zu lernen; sie hätte mir sonst auch goldene Schuhe im Stalle des Kaisers gegeben, damals, als das Leibroß des Kaisers beschlagen wurde und ich meine Beine deshalb ausstreckte. Hätte ich goldene Schuhe bekommen, wäre ich eine Zierde des Stalles geworden; jetzt hat mich der Stall verloren, die Welt verloren: Alles ist aus!« Allein Alles war noch nicht aus. Ein Boot, in welchem einige junge Mädchen sich befanden, kam herangerudert. »Sieh, da segelt ein alter Holzschuh,« sagte eines der Mädchen. »Ein kleines Thier ist darin angebunden!« rief ein anderes. Das Boot kam ganz in die Nähe des Schiffleins unseres Mistkäfers; die jungen Mädchen fischten es aus dem Wasser; eins derselben zog eine kleine Scheere aus der Tasche, durchschnitt den wollenen Faden, ohne dem Mistkäfer ein Leid zuzufügen, und als es an das Land stieg, setzte es ihn in das Gras. »Krieche, krieche! Fliege, fliege! wenn du kannst,« sprach es, »Freiheit ist ein herrlich Ding.« Der Mistkäfer flog auf und durch ein offenes Fenster eines großen Gebäudes; dort sank er matt und müde herab auf die feine, weiche, lange Mähne des kaiserlichen Leibrosses, das im Stalle stand, wo es und auch der Mistkäfer zu Hause war. Der Mistkäfer klammerte sich in der Mähne fest, saß eine kurze Zeit ganz still und erholte sich. »Hier sitze ich auf dem Leibrosse des Kaisers, sitze als Kaiser auf ihm! Doch, was wollt' ich sagen! Ja, jetzt fällt mir's wieder ein! Das ist ein guter Gedanke, und der hat seine Richtigkeit. Weshalb bekommt das Pferd die goldenen Hufbeschläge? so fragte mich doch der Schmied. Jetzt erst wird mir diese Frage klar. Meinetwegen bekam das Roß die goldenen Hufbeschläge!« Und jetzt wurde der Mistkäfer guter Laune. »Man kriegt einen offenen Kopf auf Reisen!« sagte er. Die Sonne warf ihre Strahlen in den Stall auf ihn hinein und machte es dort hell und freundlich. »Die Welt ist, genau besehen, doch nicht so arg,« sagte der Mistkäfer, »man muß sie nur zu nehmen wissen!« Ja, die Welt war schön, weil des Kaisers Leibroß nur deshalb goldene Hufbeschläge bekommen hatte, damit der Mistkäfer sein Reiter sein konnte. »Jetzt will ich zu den andern Käfern hinabsteigen und ihnen erzählen, wie viel man für mich gethan hat; ich will ihnen alle Unannehmlichkeiten erzählen, die ich auf meiner Reise im Auslande genossen habe, und ihnen sagen, daß ich jetzt so lange zu Hause bleiben werde, bis das Roß seine goldenen Hufbeschläge abgetreten haben wird.« Die Blumen der kleinen Ida. Meine armen Blumen sind ganz abgestorben!« sagte die kleine Ida . »Wie schön waren sie gestern Abend, und nun hängen alle Blätter verwelkt da! Warum thun sie das?« fragte sie den Studenten, der auf dem Sopha saß, denn er mochte sie sehr gern leiden. Er wußte die allerschönsten Geschichten und schnitt höchst belustigende Bilder aus: Herzen mit kleinen Damen darin, welche tanzten, Blumen und große Schlösser, in denen man die Thüren öffnen konnte; er war ein munterer Student. »Weshalb sehen die Blumen heute so hinfällig aus?« fragte sie wieder und zeigte ihm einen Strauß, welcher welk war. »Weißt Du, was ihnen fehlt?« sagte der Student. »Die Blumen sind diese Nacht auf dem Balle gewesen, und sie lassen deshalb die Köpfe hängen.« »Aber die Blumen können ja nicht tanzen!« sagte die kleine Ida . »Allerdings,« sagte der Student, »wenn es dunkel wird und wenn wir schlafen, dann springen sie lustig umher; fast jede Nacht halten sie Ball.« »Können Kinder nicht mit auf diesen Ball kommen?« »Ja,« sagte der Student, »kleine Gänseblümchen und Maiblümchen.« »Wo tanzen die schönen Blumen?« fragte die kleine Ida . »Bist Du nicht oft außerhalb des Thores bei dem großen Schlosse gewesen, wo der König im Sommer wohnt, wo der herrliche Garten mit den vielen Blumen ist? Du hast ja die Schwäne gesehen, welche zu Dir hinschwimmen, wenn Du ihnen Brotkrümelchen geben willst. Glaube mir, da draußen ist großer Ball.« »Ich war gestern mit meiner Mutter draußen im Garten,« sagte Ida ; »aber alle Blätter waren von den Bäumen, und es waren durchaus keine Blumen mehr da. Wo sind die? Im Sommer sah ich so viele!« »Sie sind drinnen im Schlosse,« sagte der Student. »Wisse, sobald der König und alle Hofleute in die Stadt ziehen, laufen die Blumen gleich aus dem Garten auf das Schloß und sind lustig. Da sollst Du sehen: die beiden schönsten Rosen setzen sich auf den Thron, und dann sind sie König und Königin; alle die rothen Hahnenkämme stellen sich zu beiden Seiten auf und verbeugen sich: das sind die Kammerjunker. – Dann kommen alle die niedlichen Blumen und es ist großer Ball. Die blauen Veilchen stellen kleine Seecadetten vor; sie tanzen mit Hyacinthen und Crocus, welche sie Fräulein nennen; die Tulpen und die großen Feuerlilien sind alte Damen, die passen auf, daß schön getanzt wird und daß es hübsch zugeht.« »Aber,« fragte die kleine Ida, »ist Niemand da, der den Blumen Etwas zu Leide thut, weil sie im Schlosse des Königs tanzen?« »Es weiß eigentlich Niemand darum,« sagte der Student, »Zuweilen kommt freilich in der Nacht der alte Schloßverwalter, welcher dort draußen aufpassen soll; er hat ein großes Bund Schlüssel bei sich; aber sobald die Blumen die Schlüssel rasseln hören, sind sie still, verstecken sich hinter den Gardinen und stecken die Köpfe hervor.« »Ich rieche, daß Blumen hier sind,« sagte der alte Schloßverwalter, aber er kann sie nicht sehen. »Das ist herrlich!« sagte die kleine Ida und klatschte in die Hände. »Aber würde ich die Blumen auch nicht sehen können?« »Ja,« sagte der Student, »denke nur daran, wenn Du wieder hinauskommst, daß Du durch das Fenster siehst: so wirst Du sie schon bemerken. Das that ich heute; da lag eine lange gelbe Lilie auf dem Sopha und streckte sich; die war eine Hofdame.« »Können auch die Blumen aus dem botanischen Garten dahin kommen? Können sie den weiten Weg gehen?« »Ja gewiß,« sagte der Student; »wenn sie wollen, so können sie fliegen. Hast Du nicht die schönen Schmetterlinge gesehen, die rothen, gelben und weißen? Sie sehen fast aus wie Blumen: das sind sie auch gewesen. Sie sind vom Stengel ab hoch in die Luft geflogen und haben da mit den Blättern geschlagen, als wenn sie kleine Flügel waren, und da flogen sie. Und weil sie sich gut aufführten, bekamen sie die Erlaubniß, auch bei Tage herumzufliegen und brauchten nicht zu Hause und still auf dem Stiele zu sitzen; und so wurden die Blätter am Ende zu wirklichen Flügeln. Das hast Du ja selbst gesehen. Es kann übrigens sein, daß die Blumen im botanischen Garten noch nie im Schlosse des Königs gewesen sind oder nicht wissen, daß es dort des Nachts so munter hergeht. Deshalb will ich Dir etwas sagen: er wird recht erstaunen, der Professor der Botanik, der hier nebenan wohnt, Du kennst ihn ja wohl? Wenn Du in seinen Garten kommst, mußt Du einer der Blumen erzählen, daß draußen auf dem Schlosse großer Ball sei, die sagt es allen andern wieder und alsdann stiegen sie fort; kommt nun der Professor in den Garten hinaus, so ist nicht eine einzige Blume da, und er kann gar nicht begreifen, wo sie geblieben sind.« »Aber wie kann es denn die eine Blume den andern erzählen? Die Blumen können ja nicht sprechen!« »Das können sie freilich nicht,« erwiderte der Student, »aber dann wachen sie Pantomimen. Hast Du nicht oft, gesehen, daß die Blumen, wenn es ein wenig weht, sich zunicken und alle ihre grünen Blätter bewegen? Das ist ihnen ebenso verständlich, als wenn wir zusammen sprechen.« »Kann der Professor denn die Pantomimen verstehen?« fragte Ida . »Ja sicherlich. Er kam eines Morgens in seinen Garten und sah eine große Brennnessel stehen, die mit ihren Blättern einer schönen, rothen Nelke Pantomimen machte. Sie sagte: »Du bist gar so niedlich und ich bin Dir von Herzen gut!« Aber dergleichen kann der Professor nicht leiden, er schlug sogleich der Brennnessel auf die Blatter, denn das sind ihre Finger; aber da brannte er sich, und seit der Zeit wagt er es nicht, eine Brennnessel anzurühren.« »Das ist lustig!« sagte die kleine Ida und lachte. »Wie kann man einem Kinde so Etwas in den Kopf setzen!« sagte der langweilige Kanzleirath, welcher zum Besuch gekommen war und auf dem Sopha saß. Er konnte den Studenten nicht leiden und brummte immer, wenn er ihn die possirlichen, muntern Bilder ausschneiden sah: bald, war es ein Mann, der an einem Galgen hing und ein Herz in der Hand hielt, denn er war ein Herzdieb; bald eine alte Hexe, welche auf einem Besen ritt und ihren Mann auf der Nase hatte. Das konnte der alte Kanzleirath nicht leiden, und dann sagte er, gerade wie jetzt: »Wie kann man einem Kinde so Etwas in den Kopf setzen! Das ist dumme Phantasie!« Aber der kleinen Ida schien es doch recht drollig zu sein, was der Student von ihren Blumen erzählte, und sie dachte viel daran. Die Blumen ließen die Köpfe hängen, denn sie waren müde, da sie die ganze Nacht getanzt hatten; sie waren sicher krank. Da ging sie mit ihnen zu ihrem andern Spielzeuge, welches auf einem niedlichen, kleinen Tische stand, und das ganze Schubfach war voll schöner Sachen. Im Puppenbette lag ihre Puppe Sophie und schlief, aber die kleine Ida sagte zu ihr: »Du mußt wirklich aufstehen, Sophie, und damit fürlieb nehmen, diese Nacht im Schubkasten zu liegen. Die armen Blumen sind krank, und da müssen sie in Deinem Bette liegen; vielleicht werden sie dann wieder gesund!« Und sogleich nahm sie die Puppe heraus; aber die sah verdrießlich aus und sagte nicht ein einziges Wort, denn sie war ärgerlich, daß sie ihr Bett nicht behalten konnte. Dann legte Ida die Blumen in das Puppenbett, zog die kleine Decke über sie herauf und sagte, nun möchten sie hübsch still liegen, sie wolle ihnen Thee kochen, damit sie wieder gesund würden und morgen aufstehen könnten. Sie zog die Gardinen dicht um das kleine Bett zusammen, damit die Sonne ihnen nicht in die Augen scheine. Den ganzen Abend hindurch konnte sie nicht unterlassen, an Das zu denken, was ihr der Student erzählt hatte. Und als sie nun selbst zu Bette sollte, mußte sie erst hinter die Gardinen sehen, welche vor den Fenstern herabhingen, wo ihrer Mutter herrliche Blumen standen, sowohl Hyacinthen wie Tulpen; und da flüsterte sie leise: »Ich weiß wohl, Ihr geht diese Nacht auf den Ball!« Aber die Blumen thaten, als ob sie nichts verständen, und rührten kein Blatt; allein die kleine Ida wußte doch, was sie wußte. Als sie in das Bett gegangen war, lag sie lange und dachte daran, wie hübsch es sein müsse, die schönen Blumen draußen im Schlosse des Königs tanzen zu sehen. »Ob meine Blumen wirklich dabei gewesen sind?« Aber dann schlief sie ein. In der Nacht erwachte sie wieder: sie hatte von den Blumen und dem Studenten, den der Kanzleirath getadelt hatte, geträumt. Es war still in der Schlafstube, wo Ida lag; die Nachtlampe brannte auf dem Tische, und Vater und Mutter schliefen. »Ob meine Blumen wohl noch in Sophiens Bett liegen?« dachte sie bei sich selbst. »Wie gern mochte ich es doch wissen!« Sie erhob sich ein Wenig und blickte nach der Thüre, welche angelehnt stand: drinnen lagen die Blumen und all ihr Spielzeug. Sie horchte und da kam es ihr vor, als höre sie, daß drinnen in der Stube auf dem Clavier gespielt würde, aber ganz leise und so hübsch, wie sie es nie zuvor gehört hatte. »Nun tanzen sicherlich alle Blumen drinnen!« dachte sie. »O Gott, wie gern möchte ich es doch sehen!« Aber sie wagte nicht, aufzustehen, denn sonst weckte sie ihren Vater und ihre Mutter. »Wenn sie doch nur hereinkommen wollten,« dachte sie. Aber die Blumen kamen nicht und die Musik fuhr fort wunderhübsch zu spielen; da konnte sie es nicht mehr aushalten, denn es war gar zu schön; sie kroch aus ihrem kleinen Bette heraus und ging leise nach der Thüre und sah in die Stube hinein. Nein, wie herrlich war das, was sie zu sehen bekam! Es brannte keine Nachtlampe drinnen, aber doch war's hell; der Mond schien durch das Fenster mitten auf den Fußboden; es war fast, als ob es Tag sei. Alle Hyacinthen und Tulpen standen in zwei langen Reihen im Zimmer; es waren durchaus keine mehr am Fenster; da standen die leeren Töpfe. Auf dem Fußboden tanzten alle Blumen sehr zierlich rings um einander herum, machten Touren und hielten sich bei den langen, grünen Blättern, wenn sie sich herumschwenkten. Aber am Clavier saß eine große, gelbe Lilie, welche die kleine Ida bestimmt im Sommer gesehen hatte, denn sie erinnerte sich deutlich, daß der Student gesagt hatte: »Nein, wie gleicht sie dem Fräulein Lienchen!« Aber da wurde er von Allen ausgelacht; doch nun schien es der kleinen Ida wirklich auch, als ob die lange, gelbe Blume dem Fräulein gleiche; und sie hatte auch dieselben Manieren beim Spielen: bald neigte ihr lächelndes, gelbes Antlitz nach der einen Seite, bald nach der andern, und nickte den Tact zur herrlichen Musik! Niemand bemerkte die kleine Ida. Dann sah sie eine große, blaue Crocusblume mitten auf den Tisch hüpfen, wo das Spielzeug stand, hierauf auf das Puppenbett zugehen und die Gardinen bei Seite ziehen; da lagen die kranken Blumen, aber sie erhoben sich sogleich und nickten den andern zu, daß sie auch mittanzen wollten. Der alte Räuchermann, dem die Unterlippe abgebrochen war, stand auf und verneigte sich vor den hübschen Blumen: diese sahen durchaus nicht krank aus; sie sprangen hinunter zu den andern und waren recht vergnügt. Es war, als ob etwas vom Tische herunterfiele; Ida sah dorthin: es war die Fastnachtsruthe, welche heruntersprang: es schien auch, als ob sie mit zu den Blumen gehörte. Sie war ebenfalls sehr niedlich, und eine kleine Wachspuppe, die gerade einen solchen breiten Hut auf dem Kopfe hatte, wie ihn der Kanzleirath trug, saß oben drauf. Die Fastnachtsruthe hüpfte auf ihren drei rothen Stelzfüßen mitten unter die Blumen und stampfte laut, denn sie tanzte Mazurka; den Tanz konnten die andern Blumen nicht, weil sie zu leicht waren und nicht so zu stampfen vermochten. Die Wachspuppe auf der Fastnachtsruthe wurde auf einmal groß und lang, drehte sich über die Papierblumen hinweg und rief laut: »Wie kann man dem Kinde so Etwas in den Kopf setzen? Das ist dumme Phantasie!« Und da glich die Wachspuppe dem Kanzleirath mit dem breiten Hute ganz genau; sie sah eben so gelb und verdrießlich aus. Aber die Papierblumen schlugen ihn an die dünnen Beine; und da schrumpfte er wieder zusammen und wurde eine kleine Wachspuppe. Das war recht belustigend anzusehen; die kleine Ida konnte das Lachen nicht unterdrücken. Die Fastnachtsruthe fuhr fort zu tanzen, und der Kanzleirath mußte mittanzen; es half ihm nichts, er mochte sich nun groß und lang machen oder die kleine gelbe Wachspuppe mit dem großen, schwarzen Hute bleiben. Da legten die andern Blumen ein gutes Wort für ihn ein, besonders die, welche im Puppenbette gelegen hatten, und dann ließ die Fastnachtsruthe es gut sein. In demselben Augenblicke klopfte es laut drinnen an den Schubkasten, wo Ida's Puppe Sophie bei vielem andern Spielzeuge lag; der Räuchermann lief bis an die Kante des Tisches, legte sich lang hin auf den Bauch und begann den Schubkasten ein wenig herauszuziehen. Da erhob sich Sophie und sah erstaunt rings umher. »Hier ist wohl Ball?« sagte sie. »Weshalb hat mir das Niemand gesagt?« »Willst Du mit mir tanzen?« fragte der Räuchermann. »Ja Du bist mir der Rechte zum Tanzen!« sagte sie und kehrte ihm den Rücken zu. Dann setzte sie sich auf den Schubkasten und dachte, daß wohl eine der Blumen kommen würde, sie aufzufordern; aber es kam keine. Dann räusperte sie sich: »Hm, hm, hm!« Aber dessenungeachtet kam keine. Der Räuchermann tanzte nun allein, und das gar nicht so schlecht! Da nun keine der Blumen Sophie zu bemerken schien, ließ sie sich vom Schubkasten auf den Fußboden herunterfallen, sodaß es Lärm gab. Alle Blumen kamen auch zu ihr gelaufen und fragten, ob sie sich nicht weh gethan, und sie waren alle sehr artig gegen sie, besonders die Blumen, welche in ihrem Bette gelegen hatten. Aber sie hatte sich nicht weh gethan, und Ida's Blumen bedankten sich für das schöne Bett und waren ihr gut, nahmen sie mitten in die Stube, wo der Mond hinein schien, und tanzten mit ihr; und alle die andern Blumen bildeten einen Kreis um sie herum. Nun war Sophie froh und sagte, sie möchten ihr Bett behalten; sie machte sich nichts daraus, im Schubkasten zu liegen. Aber die Blumen sagten: »Wir danken Dir herzlich, doch wir können so nicht lange leben! Morgen sind wir todt. Aber sage der kleinen Ida, sie möge uns draußen im Garten, wo der Kanarienvogel liegt, begraben: dann wachen wir im Sommer wieder auf und werden weit schöner!« – »Nein, Ihr dürft nicht sterben!« sagte Sophie, und küßte die Blumen: da ging die Saalthüre auf und eine Menge herrlicher Blumen kam tanzend herein. Ida konnte gar nicht begreifen, woher sie gekommen waren; das waren sicher alle Blumen draußen vom Schlosse des Königs. Voran gingen zwei prächtige Rosen, die hatten kleine Goldkronen auf: sie waren ein König und eine Königin. Dann kamen die niedlichen Levkojen und Nelken, welche nach allen Seiten grüßten. Sie hatten Musik bei sich: große Mohnblumen und Päonien bliesen auf Erbsenschoten, daß sie ganz roth im Gesicht wurden. Die blauen Traubenhyacinthen und die kleinen, weißen Schneeglöckchen klingelten, als ob sie Schellen hätten. Das war eine merkwürdige Musik! Dann kamen viele andere Blumen und tanzten allesammt: Die blauen Veilchen und die rothen Tausendschönchen, die Gänseblümchen und die Maiblümchen. Alle Blumen küßten einander; es war allerliebst anzusehen! Zuletzt sagten die Blumen einander gute Nacht; dann schlich sich auch die kleine Ida in ihr Bett, wo sie von Allem träumte, was sie gesehen hatte. Als sie am nächsten Morgen aufstand, ging sie geschwind nach dem kleinen Tische hin, um zu sehen, ob die Blumen noch da seien. Sie zog die Gardine von dem kleinen Bette zur Seite: da lagen sie alle verwelkt, weit mehr denn gestern. Sophie lag im Schubkasten, wo sie sie hingelegt hatte; sie sah sehr schläfrig aus. »Entsinnst Du Dich, was Du mir sagen solltest?« sagte die kleine Ida. Aber Sophie sah dumm aus und sagte nicht ein einziges Wort. »Du bist gar nicht gut!« sagte Ida. »Und sie tanzten doch alle mit Dir.« Dann nahm sie eine kleine Papierschachtel, auf welche schöne Vögel gezeichnet waren, machte sie auf und legte die todten Blumen hinein. »Das soll Euer niedlicher Sarg sein,« sagte sie, »und wenn später die Vettern zum Besuch kommen, so sollen sie mir helfen, Euch draußen im Garten zu begraben, damit Ihr zum Sommer wieder wachsen und schöner werden könnt!« Die Vettern waren zwei muntere Knaben; sie hießen Jonas und Adolph; ihr Vater hatte ihnen zwei neue Armbrüste geschenkt, und die hatten sie bei sich, um sie Ida zu zeigen. Diese erzählte ihnen von den armen Blumen, welche gestorben waren, und dann erhielten sie Erlaubniß, sie zu begraben. Beide Knaben gingen mit den Armbrüsten auf den Schultern voran, und die kleine Ida folgte mit den todten Blumen in der niedlichen Schachtel. Draußen im Garten wurde ein kleines Grab gegraben; Ida küßte erst die Blumen und setzte sie dann mit der Schachtel in die Erde; Adolph und Jonas schossen mit den Armbrüsten über das Grab, denn Gewehre und Kanonen hatten sie nicht. Feder und Dintenfaß. In der Stube eines Dichters, wo sein Dintenfaß auf dem Tische stand, wurde gesagt: »Es ist merkwürdig, was doch Alles aus dem Dintenfasse herauskommen kann! Was wohl nun das Nächste werden wird! – Ja es ist merkwürdig!« »Ja freilich,« sagte das Dintenfaß. »Es ist unbegreiflich! das ist's, was ich immer sage!« sprach es zu der Feder und zu anderen Dingen auf dem Tische, die es hören konnten. »Es ist merkwürdig, was Alles aus mir herauskommen kann! Ja es ist schier unglaublich! Ich weiß wirklich selbst nicht, was das Nächste werden wird, wenn der Mensch erst beginnt aus mir zu schöpfen. Ein Tropfen aus mir genügt für eine halbe Seite Papier, und was kann nicht Alles auf der stehen. Ich bin etwas ganz Merkwürdiges! Von mir gehen alle Werke des Dichters aus, alle diese lebenden Menschen, die die Leute zu kennen wähnen, diese innigen Gefühle, dieser Humor, diese anmuthigen Naturschilderungen; – ich selbst begreife es nicht, denn ich kenne die Natur nicht, aber es steckt nun einmal in mir! Von mir sind sie ausgegangen und gehen sie aus die Heerschaaren schwebender, anmuthiger Mädchen, tapferer Ritter auf schnaubenden Rossen, Blinder und Lahmer, ja ich weiß selbst nicht Alles; ich versichere Sie, ich denke nichts dabei!« »Darin haben Sie Recht,« sagte die Feder, »denken thun Sie gar nichts, denn wenn Sie es thäten, würden Sie auch begreifen, daß Sie nur die Flüssigkeit hergeben. Sie geben das Flüssige, damit ich auf dem Papiere das, was in mir wohnt, das, womit ich schreibe, zur Anschauung bringen kann. Die Feder ist, die schreibt! daran zweifelt kein Mensch, und die meisten Menschen haben doch ebenso viel Einsicht in die Poesie wie ein altes Dintenfaß.« »Sie haben nur wenig Erfahrung,« antwortete das Dintenfaß; »Sie sind ja kaum eine Woche im Dienst, und schon halb abgenutzt. Bilden Sie sich ein, Sie wären der Dichter! Sie sind nur ein Dienstbote, und ehe Sie kamen, habe ich viele der Art gehabt, sowohl aus der Gänsefamilie als aus englischem Fabrikate, ich kenne so gut die Federspule wie die Stahlfeder. Viele habe ich in Dienst gehabt, und ich werde noch Viele bekommen, wenn erst er der Mensch kommt, der für mich die Bewegung macht, und niederschreibt, was er aus meinem Innern herausbekommt. Ich möchte wohl wissen, was er jetzt zuerst aus mir herausheben wird!« »Dintentopf!« sagte die Feder. Spät am Abend kam der Dichter nach Hause, er war in einem Concerte gewesen, hatte einen ausgezeichneten Violinspieler gehört und war ganz erfüllt und entzückt von dessen herrlichem Spiele. Einen erstaunlichen Schwall von Tönen habe der Spieler dem Instrumente entlockt: bald habe es wie klingende Wassertropfen, wie rollende Perlen getönt, bald wie zwitschernde Vögel im Chore, dann wieder sei es dahingebraust wie der Wind durch Tannenwälder; er glaubte sein eigen Herz weinen zu hören, aber in Melodien, wie sie in der Stimme eines Weibes ertönen können. Es sei gewesen, als klangen nicht allein die Saiten der Violine, sondern auch der Steg, ja selbst Schrauben und Resonanzboden! Es sei außerordentlich gewesen! Und schwer sei es auch gewesen, habe aber ausgesehen, als sei es eine Spielerei, als fahre der Bogen nur so über die Saiten hin und her, man hätte glauben können, Jeder könne das nachmachen. Die Violine klang von selbst, der Bogen spielte von selbst, die beiden waren es, die das Ganze thaten, man vergaß den Meister, der sie führte, ihnen Leben und Seele einhauchte; den Meister vergaß man; allein dessen erinnerte sich der Dichter, er nannte ihn und schrieb seine Gedanken dabei nieder: »Wie thöricht, wollten die Violine und der Bogen sich übermüthig von ihrem Thun geberden! und wir Menschen thun es doch so oft, der Dichter, der Künstler, der Erfinder auf dem Gebiete der Wissenschaft, der' Feldherr, sie thun es Alle, – wir Alle sind doch nur die Instrumente, auf denen Gott, der Herr, spielte; ihm allein die Ehre! Wir haben nichts, worauf wir stolz sein könnten!« Ja, das schrieb der Dichter nieder, schrieb es wie eine Parabel und nannte dieselbe: »Der Meister und die Instrumente.« »Da kriegten Sie was ab, Madame,« sprach die Feder zum Dintenfasse, als die Beiden wieder allein waren. »Sie hörten ihn doch laut lesen, was ich niedergeschrieben hatte?« »Ja, das, was ich Ihnen zu schreiben gab!« sagte das Dintenfaß. »Das war ein Hieb für Sie, Ihres Uebermuths halber. Daß Sie nicht einmal begreifen können, daß man Sie zum Besten hat! Ich versetzte Ihnen einen Hieb direct aus meinem Innersten heraus, ich muß doch meine eigene Malice kennen.« »Dintenscherben!« sagte die Feder. »Schreibestecken!« sagte das Dintenfaß. Und Jedes von ihnen hatte das Bewußtsein, daß es gut geantwortet habe, und das ist ein angenehmes Bewußtsein, zu wissen, daß man gut geantwortet hat, darauf kann man schlafen, und sie schliefen darauf. Allein der Dichter schlief nicht, Gedanken sprudelten aus ihm hervor gleich den Tönen aus der Violine, rollend wie Perlen, brausend wie der Sturmwind durch die Wälder, er empfand sein eigenes Herz in diesen Gedanken, vernahm einen Blitzstrahl vom ewigen Meister. Ihm allein die Ehre! Das Mädchen, welches auf das Brod trat. Die Geschichte von dem Mädchen, welches, um sich die Schuhe nicht zu beschmutzen, auf das Brod trat, und wie schlecht es diesem Mädchen erging, ist wohlbekannt, sie ist geschrieben und gar gedruckt. Inge hieß das Mädchen; sie war ein armes Kind, stolz und hochmüthig; es war ein schlechter Grund in ihr, wie man sagt. Schon als kleines Kind war es ihre Freude, Fliegen zu fangen, diesen die Flügel auszurupfen und sie in kriechende Thiere Zu verwandeln. Später nahm sie den Maikäfer und den Mistkäfer, steckte jeden an eine Nadel, schob dann ein grünes Blatt oder ein kleines Stück Papier zu ihren Füßen hin, und das arme Thier faßte es und hielt es fest, drehte und wendete es, um von der Nadel los zu kommen. »Jetzt liest der Maikäfer!« sagte Inge, »sieh 'mal, wie er das Blatt wendet!« Mit den Jahren wurde sie eher schlechter als besser, aber hübsch war sie, und das war ihr Unglück, sonst wäre sie schon anders mitgenommen worden, als sie es eben wurde. »Der Kopf bedarf einer scharfen Lauge!« – sagte ihre eigene Mutter. »Als Kind hast Du mir oft auf der Schürze herumgetrampelt, ich fürchte, Du wirst mir später aufs Herz treten.« Und das that sie auch. Sie kam aufs Land in Dienst zu vornehmen Leuten, und diese hielten sie wie ihr eigenes Kind, als solches ging sie auch angekleidet; gut sah sie aus, und der Hochmuth nahm zu. Als sie etwa ein Jahr dort gewesen, sagte ihre Herrschaft zu ihr: »Du sollst doch einmal Deine Eltern besuchen, Inge!« Und Inge begab sich auf den Weg zu ihren Eltern, aber nur um sich in der Heimath zu zeigen, dort sollten die Leute sehen, wie fein sie geworden; doch als sie am Eingange des Dorfes anlangte und die jungen Knechte und Mädchen dort plaudernd stehen und ihre Mutter auch dabei sah, wie diese auf einem Steine saß, ausruhend, vor sich ein Bündel Reisig, daß sie im Walde aufgesucht hatte, kehrte Inge um; sie schämte sich, daß sie, die so fein gekleidet war, eine solche zerlumpte Frau, die Reisig auflas, zur Mutter habe. Es reute sie gar nicht, daß sie umkehrte, sie war nur ärgerlich. Wieder verstrich etwa ein halbes Jahr. »Du solltest doch einmal wieder nach Deiner Heimath gehen und Deine alten Eltern besuchen, Inge!« sagte ihre Dienstherrin. »Ich schenke Dir ein großes Weißbrot, das Du ihnen geben kannst; sie werden sich gewiß freuen, Dich wiederzusehen!« Inge zog ihren besten Staat und ihre neuen Schuhe an, und hob sich die Kleider auf und schritt gar vorsichtig einher, damit sie rein und nett an den Füßen bleibe, und das konnte man ihr auch nicht verargen! Als sie aber dorthin gelangte, wo der Fußweg über den Moor führt und wo Lachen und Schmutz war, warf sie das Brot hin und trat darauf, damit sie mit reinen Schuhen hinüberkäme; allein, wie sie so dastand, den einen Fuß auf dem Brote, den andern gehoben, um weiter zu schreiten, versank das Brot mit ihr immer tiefer, sie verschwand, ganz und gar, und nur eine große Lache, die Blasen warf, blieb zu sehen. Das ist die Geschichte. Allein wohin gerieth Inge? Sie versank in den Moorgrund und kam zu der Moorfrau hinunter, die dort braut. Die Moorfrau ist die Base der Elfenmädchen, die bekannt genug sind, von denen man Lieder und die man abgemalt findet, aber von der Moorfrau wissen die Leute nur, daß wenn die Wiesen im Sommer dampfen, es die Moorfrau ist, die braut. Hier in die Brauerei der Moorfrau hinab versank Inge, und dort ist es nicht lange auszuhalten. – Die Schlammkiste ist ein helles Prunkgemach gegen die Brauerei der Moorfrau! Jedes Gefäß stinkt, daß den Menschen dabei ohnmächtig wird, und dazu stehen die Gefäße eng an einander gepreßt, und giebt es irgend eine kleine Oeffnung zwischen ihnen, durch welche man sich hätte hindurchdrängen können, so ist das doch nicht möglich wegen der nassen Kröten und fetten Schlangen, die sich hier förmlich versitzen; hier hinab versank Inge; all das ekelhafte, lebendige Gekrieche war so eisig kalt, daß alle ihre Glieder fröstelten, ja daß sie immer mehr und mehr erstarrte. An dem Brote blieb sie fest hangen und das Brot zog sie hinab wie ein Bernsteinknopf einen Strohhalm anzieht. Die Moorfrau war zu Hause, die Brauerei hatte an dem Tage Besuch, sie wurde besichtigt vom Teufel und seiner Großmutter, und des Teufels Großmutter ist ein altes, sehr giftiges Frauenzimmer, das nimmer müßig ist; sie reitet nie auf Besuch aus, ohne ihre Handarbeit bei sich zu führen, und die hatte sie denn auch hier bei sich. Sie nähte Bissenleder für die Schuhe der Menschen, daß diese immer umherwieseln und kein Sitzfleisch haben; sie stickte Lügengewebe und häkelte unbesonnene Worte, die zur Erde gefallen waren, Alles zum Schaden und Verderben. Ja, die konnte nähen, sticken und häkeln, die alte Großmutter! Sie gewahrte Inge, hielt ihr Brillenglas vors Auge und besah sich das Mädchen noch einmal: »Das ist ein Mädchen, das Fähigkeiten besitzt!« sprach sie, »und ich bitte mir die Kleine zur Erinnerung an meinen Besuch hier aus! Sie wird ein passendes Postament in dem Vorgemache meines Enkels abgeben können!« Und sie bekam sie. Auf diese Weise kam Inge in die Hölle. Dahinein fahren die Leute nicht immer auf directem Wege, aber sie können auf Umwegen hineingelangen, wenn sie Fähigkeiten besitzen. Das war ein Vorgemach ohne Ende; es schwindelte Einem, wenn man vorwärts oder rückwärts blickte, und eine Schaar dem Verschmachten nahe stand hier, die da harrte, daß ihnen das Thor der Gnade aufgethan werden sollte! sie hatte lange zu warten! Große fette, watschelnde Spinnen spannen tausendjähriges Gewebe über ihre Füße hinweg, und dieses Gewebe schnitt ein wie Fußangeln und fesselte wie kupferne Ketten; außerdem gährte noch eine ewige Unruhe in jeder Seele, eine Unruhe des Jammers. Der Geizige stand da und hatte den Schlüssel zu seinem Geldkasten vergessen; der Schlüssel steckte darin, das wußte er. Ja, es ist zu weitläufig, alle Arten der Peinigungen und des Jammers herzuzählen, die dort empfunden wurden. Inge empfand eine entsetzliche Pein, indem sie als Postament dort stehen mußte; sie war gleichsam von unten an das Brot geknebelt. Das hat man, weil man sich die Füße rein und sauber bewahren will! – sprach sie zu sich selber. Seht, wie sie mich anglotzen! – Ja, freilich waren die Blicke Aller auf sie gerichtet; – ihre bösen Gelüste leuchteten ihnen aus den Augen und sprachen ohne Laut aus ihrem Munde, sie waren entsetzlich anzusehen. »Mich anzuschauen, muß ein Vergnügen sein!« – dachte Inge, »ich habe ein hübsches Gesicht und schöne Kleider an!« Und nun drehte sie die Augen, den Nacken konnte sie nicht drehen, der war zu steif dazu. Nein, wie war sie im Brauhaus der Moorfrau beschmutzt worden, das hatte sie nicht bedacht. Ihre Kleider waren wie mit Schleim überzogen, eine Schlange hatte sich in ihr Haar gehangen und baumelte ihr am Rücken herab, und aus jeder Falte ihres Kleides sah eine große Kröte hervor, die wie ein engbrüstiger Mops bellte. Das war sehr unangenehm. »Aber die Andern hier unten sehen ja auch entsetzlich aus!« meinte sie, und damit tröstete sie sich selbst. Das Schlimmste von Allem war jedoch der gräßliche Hunger, den sie verspürte. Vermochte sie denn nicht, sich zu bücken und ein Stück von dem Brote zu brechen, auf welchem sie stand? Nein, der Rücken war steif, Arme und Hände waren erstarrt, ihr ganzer Körper war wie eine Steinsäule, nur die Augen konnte sie noch im Kopfe drehen, ringsherum drehen, so daß sie auch rückwärts zu sehen vermochte; das war ein häßlicher Anblick. Und dann kamen die Fliegen heran, die über ihre Augen krochen, hinüber und herüber; sie blinzelte mit den Augen, aber die Fliegen flogen nicht davon, denn fliegen konnten sie nicht, die Flügel waren ihnen ausgezupft: sie waren in kriechende Thiere verwandelt; – das war eine Pein, und dazu der Hunger, ja, zuletzt schien es ihr, als fräßen sich ihre Eingeweide selber auf und sie würde inwendig ganz leer. »Wenn das länger dauern soll, halte ich es nicht aus!« sprach sie, aber sie mußte aushalten. Da fiel eine heiße Thräne auf ihren Kopf herab, rollte über ihr Antlitz und ihre Brust bis auf das Brot, auf welchem sie stand, und es fiel noch eine Thräne, noch viele. Wer weinte wohl über Inge? – Hatte sie doch auf Erden noch eine Mutter! Die Thränen des Kummers, welche eine Mutter über ihr Kind weint, gelangen stets zu dem Kinde, allein sie erlösen nicht, sie brennen und vergrößern die Pein. Dieser unleidige Hunger und das Brot nicht erreichen können, auf welchem sie doch mit den Füßen stand! Sie hatte ein Gefühl, als wenn ihr ganzes Inneres sich selbst verzehrt habe, sie war wie ein dünnes hohles Rohr, das jeden Laut einsaugt; sie hörte deutlich Alles, was auf der Erde von ihr gesprochen wurde und was sie hörte, war hart und bös, Ihre Mutter weinte zwar sehr und war um sie betrübt, allein sie sprach dessenungeachtet: Hochmuth kommt vor dem Falle! Das war Dein Unglück, Inge! Du hast Deine Mutter sehr betrübt! Ihre Mutter und Alle auf der Erde wußten um die Sünde, die sie begangen, wußten, daß sie auf das Brot getreten hatte, daß sie versunken und verschwunden war; der Kuhhirt hatte es vom Abhange am Moorwege aus gesehen. »Wie hast Du doch Deine Mutter betrübt, Inge!« – sagte die Mutter; »ja, es ahnte mir wohl so!« »Wäre ich doch nie geboren!« dachte Inge dabei, »mir wäre weit besser gewesen. Wozu nützt es aber jetzt, daß meine Mutter weint?« Sie vernahm, wie ihre Herrschaft, die guten Leute, die sie wie Eltern gehegt und gepflegt hatten, jetzt sprachen und sagten: »sie sei ein sündhaftes Kind, sie habe die Gaben Gottes nicht geachtet, sondern sie mit Füßen getreten, die Thüre der Gnade würde sich ihr langsam aufschließen!« »Sie hätten mich züchtigen, mir die Mucken austreiben sollen,« dachte Inge, »wenn ich solche gehabt habe.« Sie hörte, daß ein ganzes Lied von ihr zusammengesetzt wurde, von dem hochmüthigen Mädchen, das auf das Brot trat, damit die Schuhe rein blieben, und daß man das Lied im Lande überall sang. »Daß man deshalb so viel Böses hören und so viel leiden muß!« dachte Juge; »die Andern müßten auch ihrer Sünden wegen bestraft werden! Ja, dann würde freilich Viel zu bestrafen sein! – Ach, wie ich gepeinigt werde!« Ihr Sinn verhärtete sich noch mehr als ihr Aeußeres. »Hier unten in dieser Gesellschaft kann man einmal nicht besser werden! und ich will auch nicht besser sein! sieh' wie sie mich anglotzen!« Ihr Sinn war voll Zorn und Bosheit gegen alle Menschen. »Jetzt haben sie endlich dort oben sich Etwas zu erzählen! – Ach wie ich gepeinigt werde!« Sie hörte auch wie ihre Geschichte den Kindern erzählt wurde, und die Kleinen nannten sie die gottlose Inge, – sie sei so häßlich, sagten sie, so garstig, sie müsse sehr gepeinigt werden. Immerfort kamen harte Worte über sie aus Kindesmunde. Doch eines Tages, während Gram und Hunger im Innern ihres hohlen Körpers nagten und sie ihren Namen nennen und ihre Geschichte einem unschuldigen Kinde, einem kleinen Mädchen, vorerzählen hörte, vernahm sie, daß die Kleine in Thränen ausbrach bei der Geschichte von der hochfahrenden putzsüchtigen Inge. »Aber kommt Inge denn nie mehr herauf?« fragte das kleine Mädchen. Und man antwortete: »Sie kommt nimmermehr herauf!« »Aber wenn sie nun bitte, bitte sagen, um Verzeihung bitten und es nie wieder thun würde?« »Dann wohl, doch sie will nicht um Verzeihung bitten!« hieß es hierauf. »Ich möchte so gern, daß sie es thäte!« sagte die Kleine und war ganz untröstlich. »Ich will meine Puppe und mein Spielzeug darum geben, wenn sie nur herauf kommen darf! Es ist zu schrecklich; die arme Inge!« Diese Worte reichten bis in Inge's innerstes Herz, sie thaten ihr wohl; es war das erste Mal, daß Jemand sagte: »die arme Inge!« und nichts von ihren Fehlern hinzufügte; ein kleines, unschuldiges Kind weinte und bat um Gnade für sie, es wurde ihr dabei sonderbar zu Muthe, sie selbst hätte jetzt gern geweint, aber sie vermochte es nicht, sie konnte nicht weinen, und das war auch eine Qual. Während Jahre dort oben verstrichen – unten gab es keinen Wechsel – vernahm sie immer seltener die Rede von oben, man sprach weniger von ihr. Da gelangte plötzlich eines Tages ein Seufzer zu ihrem Ohre: »Inge! Inge! wie Du mich betrübt hast! Ich sagte es wohl!« Es war ihrer sterbenden Mutter letzter Seufzer. Zuweilen hörte sie ihren Namen von ihrer früheren Herrschaft nennen und das waren sanfte Worte, wenn die Frau sagte: »Ob ich Dich wohl jemals wiedersehe, Inge? Man weiß nicht, wohin man kommt!« Aber Inge sah wohl ein, daß ihre gute Dienstherrin nie hierher kommen könne, wo sie war. So verstrich wiederum eine Zeit, eine lange, bittre Zeit. Da hörte Inge noch einmal ihren Namen nennen, und erblickte über sich zwei klare Sterne funkeln; es waren zwei sanfte Augen, die sich auf Erden schlossen. So viele Jahre waren damals verstrichen, als das kleine Mädchen untröstlich war und über »die arme Inge« weinte, daß das Kind eine alte Frau geworden, die Gott nun wieder zu sich rufen wollte; und grade um diese Stunde, um welche die Gedanken aus des Lebens ganzem Thun wieder emportauchten, entsann sie sich auch, wie sie einst als kleines Kind recht wehmüthig hatte weinen müssen bei der Geschichte von Inge. Jene Stunde und jener Eindruck wurden der alten Frau in ihrer Todesstunde dermaßen wieder lebendig, daß sie laut in die Worte ausbrach: »Mein Gott und Herr, ob ich nicht auch, wie Inge, oft Deine Segensgaben mit Füßen getreten und mir nichts Böses dabei gedacht habe, ob ich nicht auch umhergegangen bin mit einem hochmüthigen Sinne – allein Du hast in Deiner Gnade mich nicht sinken lassen, sondern mich aufrecht erhalten! O, lasse nicht ab von mir in meiner letzten Stunde!« Die Augen der Alten schlössen sich und ihrer Seele Auge öffnete sich, das Verborgene zu schauen. Sie, in deren letzten Gedanken Inge so lebhaft zugegen gewesen, sie sah auch jetzt, wie tief hinab sie gezogen war, und bei dem Anblicke brach die Fromme in Thränen aus: im Himmel stand sie wie ein Kind und weinte um die arme Inge! Und diese Thränen und Gebete klangen wie ein Echo hinab in die hohle, leere Hülle, welche die gefesselte, gepeinigte Seele umschloß; die nie gedachte Liebe von oben überwältigte sie: ein Engel Gottes weinte über sie! Weshalb wurde ihr wohl dies vergönnt? Die gepeinigte Seele sammelte gleichsam in Gedanken jede Erdenhandlung, die sie geübt, und sie, Inge, zitterte in Thränen, wie sie solche niemals geweint; Kummer über sie selbst erfüllte sie, ihr war es, als könne sich ihr die Pforte der Gnade nimmer öffnen, und indem sie in Zerknirschung dieses erkannte, schoß leuchtend ein Strahl in den Abgrund zu ihr hinab und zwar mit einer Kraft, die stärker war, als die des Sonnenstrahls, durch welchen der Schneemann anschaut, den die Knaben hinstellen; und weit schneller als die Schneeflocke schmilzt und zu einem Tropfen wird, die auf die warmen Lippen des Kindes fällt, löste sich die versteinerte Gestalt Inge's in Nebel auf – ein kleiner Vogel schwang sich im Zickzack des Blitzes hinauf in die Menschenwelt, Aber der Vogel war ängstlich und scheu gegen Alles ringsum, er schämte sich seiner selbst, schämte sich allen lebenden Geschöpfen gegenüber und suchte sich eiligst zu verbergen in ein finsteres Loch in einem alten, verwitterten Gemäuer, dort saß er und kauerte, zitternd am ganzen Körper, keinen Laut vermochte er von sich zu geben, er hatte keine Stimme; lange saß er, bevor er die Herrlichkeit ringsum sehen und vernehmen konnte; ja herrlich war es! Die Luft war frisch und mild, der Mond warf seinen klaren Schein über die Erde; Bäume und Gebüsch sandten Düfte aus, und gar traulich war es, wo er saß, sein Federgewand war rein und fein. Nein, wie war doch alles Geschaffene in Liebe und Herrlichkeit dargebracht! Alles, was sich im Busen des Vogels regte, wollte sich hinaussingen, aber der Vogel vermochte es nicht; gern hätte er gesungen wie im Frühling der Kuckuk und die Nachtigall. Unser Herrgott, der auch den lautlosen Lobgesang des Wurmes vernimmt, hörte auch hier den Lobgesang, der sich in Gedankenaccorden erhob, wie der Psalm im Innern Davids klang, bevor er in Wort und Melodie kam. Wochenlang regten sich diese lautlosen Lieder, sie mußten zum Ausbruche kommen, mußten es bei dem ersten Flügelschlage einer guten That, eine solche mußte gethan werden! Das heilige Weihnachtsfest kam heran. Der Bauer pflanzte in der Nähe der Mauer eine Stange auf und befestigte in dieselbe eine Garbe Hafer, damit die Vögel in der Luft auch ein fröhliches Weihnachtsfest und eine gute Mahlzeit haben möchten während dieser Zeit des Erlösers. Die Sonne erhob sich am Weihnachtsmorgen und beschien die Garbe, und zwitschernde Vögel in Menge umflatterten die Mahlzeitsstange. – Da klang es auch aus dem Mauerloche heraus »pip, pip!« Der schwellende Gedanke wurde ein Laut, das schwache Pipen eine ganze Freudenhymne, der Gedanke einer guten That erwachte und der Vogel schwang sich aus seinem Verstecke heraus; im Himmel wußten sie schon, was das für ein Vogel sei! Der Winter war streng, die Gewässer zugefroren, die Vögel und die Thiere des Waldes hatten knappe Futterzeiten. Unser kleiner Vogel schwang sich über die Landstraße dahin und dort in dem Geleise der Schlitten fand er auch hin und wieder ein Körnchen, an den Haltestellen einige Brotkrümelchen; er selbst fraß nur wenige, aber er rief alle die andern verhungerten Sperlinge herbei, damit sie etwas Futter bekämen. Er flog in die Städte hinein, spähte ringsum, und wo eine liebe Hand Brot auf das Fensterbret für die Vögel gestreut, fraß er selbst nur ein einzelnes Krümelchen, gab aber Alles den andern Vögeln. Im Verlaufe des Winters hatte der Vogel so viele Brotkrümelchen gesammelt und den andern Vögeln gespendet, daß sie zusammen das ganze Brot aufwogen, auf das Inge getreten hatte, damit ihre, Schuhe rein blieben, und als das letzte Brotkrümelchen gefunden und gespendet war, wurden die grauen Flügel des Vogels weiß und breiteten sich weit aus. »Dort fliegt eine Seeschwalbe über das Wasser hin!« sagten die Kinder, die den weißen Vogel sahen; nun tauchte sie in den See hinab, nun hob sie sich empor in den klaren Sonnenschein, sie glänzte, es war nicht möglich zu sehen wo sie blieb, – sie sagten, sie sei in die Sonne hineingeflogen. Die Großmutter. Die Großmutter ist sehr alt, sie hat viele Runzeln und ganz weißes Haar; aber ihre Augen, die gleich zwei Sternen glänzen, ja viel schöner noch, sie blicken mild und freundlich, und wohlthuend ist's, in sie hineinzuschauen! Dann weiß sie auch die schönsten Geschichten zu erzählen, und ein Kleid hat sie, eingewirkt mit großen, großen Blumen, es ist ein recht schweres Seidenzeug, es rauscht. Großmutter weiß sehr viel, denn sie hat viel früher gelebt als Vater und Mutter; das ist ganz gewiß! Großmutter hat ein Gesangbuch mit großen silbernen Spangen und liest sehr oft in dem Buche; mitten in ihm liegt eine Rose, ganz flach und trocken, die ist nicht so schon wie die Rosen, welche sie im Glase stehen hat, und doch lächelt sie ihr am freundlichsten zu, ja, es treten ihr sogar Thränen in die Augen! Warum Großmutter wohl die welke Blume in dem alten Buche so ansieht! Weißt Du es? – Jedesmal, wenn die Thränen der Großmutter auf die Blume fallen, werden die Farben wieder frisch, die Rose schwillt auf und füllt die ganze Stube mit ihrem Dufte, die Wände versinken, als seien sie nur Nebel, und rings um sie ist der grüne, herrliche Wald, wo die Sonne durch das Laub der Bäume strahlt; und Großmutter – ja, sie ist ganz jung, sie ist ein reizendes Mädchen mit blonden Locken, mit vollen Purpurwangen, schön und anmuthig, keine Rose ist frischer; doch die Augen, die milden, gesegneten Augen – ja, die gehören noch der Großmutter. – Ihr zur Seite sitzt ein junger Mann, groß und kräftig, er reicht ihr die Rose, und sie lächelt – so lächelt die Großmutter doch nicht! – ja doch, jetzt! Er aber ist verschwunden, viele Gedanken, viele Gestalten schweben vorüber, der schöne, junge Mann ist fort, die Rose liegt in dem Gesangbuche, und Großmutter – ja, sie sitzt wieder da als eine alte Frau, und blickt auf die welke Rose, die im Buche liegt. – Nun ist die Großmutter todt. – Sie saß im Lehnstuhle, und erzählte eine lange, lange herrliche Geschichte, sie sagte, jetzt sei die Geschichte aus, und sie sei müde; sie lehnte ihr Haupt zurück, um ein wenig zu schlafen. Man konnte ihren Athemzug hören, sie schlief; aber es ward stiller und stiller, und ihr Antlitz war voll Glück und Frieden; es war, als legte sich ein Sonnenschein über ihre Züge, sie lächelte wieder, und dann sagten die Leute, sie sei gestorben. – Sie wurde in den schwarzen Schrein gelegt, da lag sie gehüllt in das weiße Linnen, sanft und schön, und doch waren die Augen geschlossen, aber jede Runzel war verschwunden, sie lag da mit einem Lächeln um den Mund; ihr Haar war silberweiß und ehrwürdig, es bangte Einem nicht, die Todte anzuschauen, es war ja die liebe, herzensgute Großmutter. Und das Gesangbuch wurde unter ihr Haupt gelegt, dies hatte sie selbst begehrt, die Rose lag in dem alten Buche; dann begruben sie die Großmutter. Auf das Grab, dicht an der Kirchenmauer, pflanzten sie einen Rosenstock; er stand voll Rosen und die Nachtigall flog singend über die Blumen und das Grab; drinnen in der Kirche ertönten von der Orgel die schönsten Psalmen, die in dem alten Buche unter dem Haupte der Todten standen. Der Mond schien auf das Grab hernieder, aber die Todte war hier nicht; jedes Kind konnte bei Nacht ruhig hingehen und eine Rose dort an der Friedhofsmauer pflücken. Ein Todter weiß mehr, als wir Lebenden Alle wissen. Die Todten wissen es, welche Angst uns überkommen würde, wenn das Seltsame geschähe, und sie unter uns traten; die Todten sind besser, denn wir Alle, sie kehren nicht wieder. Die Erde hat sich über dem Sarge gehäuft, auch in dem Sarge ist Erde, des Gesangbuchs Blätter sind Staub, die Rose mit allen ihren Erinnerungen ist in Staub zerfallen. Aber oben über ihr blühen frische Rosen, oben singt die Nachtigall und tönt die Orgel, oben lebt die Erinnerung an die alte Großmutter mit den milden, ewig jungen Augen. – Augen können nimmer sterben . – Die unsrigen werden einmal die Großmutter wieder schauen, jung und schön, als wie sie zum ersten Male die frische, rothe Rose küßte, die jetzt Staub im Grabe ist. Des Schlammkönigs Tochter. Die Störche erzählen ihren Kleinen gar viele Märchen, alle aus dem Moore und Röhricht; sie sind in der Regel dem Alter und der Befähigung angemessen; die kleinsten Jungen sind zufrieden, wenn »kribbel, krabbel, plurremurre« gesagt wird, das finden sie schon ausgezeichnet; allein die älteren wollen einen tieferen Sinn, oder wenigstens Etwas von der Familie wissen. Von den beiden ältesten und längsten Märchen, welche sich bei den Störchen erhalten haben, ist uns allen das eine, das von Moses bekannt, den seine Mutter in den Nil aussetzte, der von des Königs Tochter aufgefunden wurde, eine gute Erziehung genoß und ein großer Mann ward, von dem man später nicht weiß, wo er begraben liegt. Das ist gewöhnlich! Das zweite Märchen ist noch unbekannt, vielleicht weil es fast ein inländisches Märchen ist. Es ist von Mund zu Mund, von Storchmama auf Storchmama, Tausende von Jahren hindurch gegangen, und eine jede von ihnen hat es besser und besser erzählt, und wir erzählen es nun am besten. Das erste Storchpaar, welches dieses brachte und sich in dasselbe hineinlebte, hatte seinen Sommeraufenthalt auf dem Balkenhause des Vikings, Viking: Seeheld, Seefahrer. welches an dem Wildmoore in Wendsyssel, das heißt, wenn wir aus der Fülle unserer Kenntnisse reden wollen, hart an der großen Moorhaide im Kreise Hjörring, oben am Skagen, der Nordspitze von Jütland liegt. Die Wildniß dort ist noch immer ein ungeheures, weites Moorhaideland, von dem zu lesen steht in der amtlichen Kreisbeschreibung. Ehemals, heißt es, sei hier Meeresgrund gewesen, der sich gehoben habe; jetzt erstreckt sich das Moorland meilenweit nach allen Seiten, umgeben von feuchten Wiesen und schwankendem, gleichsam zitterndem Sumpfgrunde, von Torfmoor mit Blaubeeren und verkrüppelten Bäumen. Fast immer schwebt der Nebel über dieser Landschaft, und vor siebenzig Jahren hausten hier noch die Wölfe. Freilich heißt sie mit Fug und Recht das »Wildmoor«, und man kann sich leicht denken, wie öde und unwegsam es hier sein mag, wie viel Sumpf und See hier vor tausend Jahren gewesen! Ja im Einzelnen erblickte man damals hier gerade, was noch zu sehen ist: das Röhricht hatte dieselbe Höhe, trug dieselbe Art lange Blätter und bläulichbrauner Federbüschel, die es jetzt noch tragt, die Birke stand da mit ihrer weißen Rinde und ihren feinen, lose herabhängenden Blättern, wie jetzt, und was die lebenden Wesen, die hier verkehrten, betrifft, – ja, die Fliege trug ihr Florkleid von demselben Schnitte wie jetzt, die Lieblingsfarbe des Storchs war Weiß mit Schwarz und rothen Strümpfen; dagegen hatten die Menschen damals einen andern Rockschnitt, als heut zu Tage, aber Jeden, mochte er Jäger oder Knappe, Herr oder Knecht sein, Jedweden, der auf das schwankende, schaukelnde Moorland hinaustrat, ereilte vor tausend Jahren, wie heut zu Tage Denjenigen, der es zu betreten wagt, dasselbe Schicksal: er versank und ging hinab zu dem Schlammkönige, wie sie ihn nannten, der unten in dem großen Moorreiche herrschte. Gungelkönig könnte man ihn auch nennen, aber uns gefällt Schlammkönig besser, und so nennen ihn auch die Störche. Gar wenig weiß man von des Schlammkönigs Regierung, allein das ist vielleicht gut. In der Nähe des Moorlandes, hart an dem großen Meeresarme der Nordsee und des Kattegatt, der Lymfjorden heißt, lag das Balkenhaus des Vikings mit seinen steinernen, wasserdichten Kellern, mit seinem Thurme und seinen drei absätzigen Stockwerken; auf dem Dachfirste hatte der Storch sein Nest gebaut, und Storchmama brütete dort die Eier und war ihrer Sache gewiß, daß ihr Brüten zu Etwas führe. Eines Abends blieb Storchpapa sehr lange aus, und als er nach Hause kam, sah er merkwürdig aufgebustert und eilfertig aus. »Ich habe Dir etwas Entsetzliches mitzutheilen!« sagte er zur Storchmama. »Laß das bleiben!« sagte sie, »bedenke, daß ich Eier ausbrüte, es könnte mir schaden und alsdann wirkt das auf die Eier!« »Du mußt es wissen!« fuhr er fort, »Sie ist hier angelangt, die Tochter unseres Wirthes in Egypten; sie hat es gewagt, die Reise hier herauf zu machen, – und dahin ist sie!« »Sie, die dem Geschlechte der Feen entsprungen! So erzähle doch! Weißt Du doch, daß ich es nicht vertrage, lange zu warten in der Zeit, wo ich brüte!« »Siehst Du, Mütterchen! Sie hat doch an das geglaubt, was der Doctor sagte und was Du mir erzähltest; sie hat daran geglaubt, daß die Moorblumen hier oben ihrem kranken Vater Heilung bringen würden, sie ist im Schwanengefieder, in Begleitung der andern Schwanenprinzessinnen, die jedes Jahr hierher nach dem Norden kommen, um sich zu verjüngen, hergeflogen; sie ist hierhergekommen, und dahin ist sie!« »Du machst Alles gar zu weitschweifig!« sagte die Storchmama, »die Eier könnten sich erkälten! Ich vertrage nicht, in solcher Spannung zu sein!« »Ich habe aufgepaßt!« fuhr Storchpapa fort – »und heute Abend, als ich in das Röhricht ging, dort wo der Sumpfgrund mich tragen kann, kamen drei Schwäne an. Ein Etwas an dem Schwunge sagte mir: aufgepaßt, das ist nicht ganz Schwan, das ist nur Schwanengefieder! Ja, Mütterchen, Du hast es am Gefühle, wie ich es habe, Du weißt, ob es der Rechte ist oder nicht!« »Jawohl!« sagte sie, »aber erzähle von der Prinzessin; ich habe es satt, von dem Schwanengefieder zu hören!« »Hier, inmitten des Moorgrundes, weißt Du wohl, ist gleichsam ein See« – sprach Storchpapa. »Du kannst einen Zipfel davon sehen, wenn Du Dich ein wenig erhebst; dort, an dem Röhricht und dem grünen Schlicke lag ein großer Erlenstumpf; auf diesen setzten sich die drei Schwäne, schlugen mit den Flügeln und schauten um sich; die Eine warf das Schwanengefieder ab und ich erkannte in ihr sogleich unsere Hausprinzessin aus Egypten. Da saß sie nun ohne irgend ein anderes Gewand als ihr langes, schwarzes Haar; sie bat die beiden andern, das hörte ich, auf das Schwanengefieder wohl Acht zu haben, wenn sie in die Gewässer hinabtauche, um die Blume zu brechen, die sie dort zu erblicken wähnte. Die andern nickten, hoben das leere Federkleid auf und nahmen es an sich. Ei, was die wohl damit beginnen werden, dachte ich, und sie sorgte sich wahrscheinlich um dasselbe. Sie erhielt Antwort, ja, thatsächliche Antwort: – die Beiden erhoben sich und flogen empor mit ihrem Schwanengefieder. »»Tauche Du nur hinab,«« riefen sie. »»Du wirst nimmermehr Egypten wieder schauen: Bleib Du in dem Moore hier sitzen!«« und damit zerrissen sie das Schwanengefieder in tausend Stücke, daß die Federn umherstieben, als sei es ein Schneegestöber, – und dann flogen sie, die beiden treulosen Prinzessinnen davon!« »Das ist ja entsetzlich!« sagte Storchmama; »ich halte es nicht aus, mehr davon anzuhören! – nun, sage mir noch, was dann Weiteres geschah.« »Die Prinzessin jammerte laut und weinte, ihre Thränen benetzten den Erlenstumpf und – dieser regte sich dabei, denn er war kein eigentlicher Erlenstumpf, sondern der Schlammkönig, er, der in dem Moorgrunde wohnt und herrscht. Ich selbst sah es, wie sich der Baumstumpf umkehrte, und dann war es kein Baumstumpf mehr; lange, schlammige Zweige ragten aus ihm empor wie Arme. Da erschrak das arme Kind heftig und sprang auf und davon. Sie eilte auf den grünen Schlickboden hinüber, allein der vermag nicht einmal mich zu tragen, viel weniger sie; sie versank sogleich und der Erlenstumpf tauchte gleichfalls unter, – der war es, der sie hinabzog. Große schwarze Blasen stiegen aus dem Moorschlamme empor und – jede Spur der Beiden war verschwunden. Jetzt ist die Prinzessin in dem Wildmoore begraben, nimmermehr wird sie eine Blume nach Egypten bringen. Das Herz wäre Dir zersprungen, Mütterchen, hattest Du das gesehen!« »So etwas solltest Du mir gar nicht in dieser Zeit erzählen, es könnten die Eier dadurch leiden! Die Prinzessin wird sich schon zu helfen wissen! Es springt ihr schon Jemand bei! Ja, wäre ich, oder wärest Du es gewesen, oder blos Einer von den Unseren, dann wäre es allerdings aus gewesen!« »Ich werde aber doch jeden Tag nachsehen, ob etwas passirt,« sagte Storchpapa, und so that er auch. Es verstrich lange Zeit, bis er endlich einen grünen Stengel aus dem tiefen Moorgrunde emporschießen sah. Als derselbe den Wasserspiegel erreichte, sproß ein Blatt hervor und entfaltete sich immer breiter; dicht an demselben setzte eine Knospe an, und als der Storchpapa eines Morgens über den Stengel dahinflog, öffnete die Knospe sich durch die Macht der kräftigen Sonnenstrahlen, und im Kelche der Blume lag ein reizendes Kind, ein kleines Mädchen, anzuschauen, als sei es eben aus dem Bade gestiegen. Die Kleine sah der Prinzessin aus Egypten so sehr ähnlich, daß der Storch im ersten Augenblicke wähnte, es sei wirklich die Prinzessin; als er sich aber besann, fand er es doch wahrscheinlicher, daß es die Tochter derselben mit dem Schlammkönige sein müsse, deshalb ruhe sie denn auch im Kelche der Wasserlilie. »Aber dort kann sie doch unmöglich liegen bleiben,« dachte Storchpapa, »und in meinem Neste sind wir schon gar zu viel Personen! – doch, mir fällt Etwas ein: Die Gemahlin des Vikings hat keine Kinder und wie oft wünschte sie sich ein Kleines! – Heißt es doch immer: der Storch hat das Kleine gebracht, endlich will ich doch einmal Ernst damit machen! Ich fliege mit dem Kinde zu der Vikingsfrau – welchen Jubel wird Das dort hervorrufen!« Der Storch hob das kleine Mädchen aus dem Blumenkelche, flog nach dem Balkenhause, hackte dort mit seinem Schnabel ein Loch in das Blasenfenster, legte die reizende Kleine an die Brust der Vikingsfrau, flog darauf zur Storchmama hinauf und erzählte, was er gesehen und gethan, und die Storchjungen hörten das mit an, sie waren groß genug dazu. »Siehst Du also, die Prinzessin ist nicht todt, sie hat die Kleine hier herauf gesandt, und jetzt ist die auch untergebracht.« »Das habe ich ja von Anfang an gesagt!« rief Storchmama; – »denke aber jetzt auch ein wenig an Deine eigene Familie; die Reisezeit rückt heran; dann und wann kribbelt es mir schon unter den Flügeln! Der Kuckuk und die Nachtigall sind schon fort, und die Wachteln hörte ich sagen, daß sie auch fort wollten, sobald der Wind sich gut anließe. Unsere Jungen werden sich schon bei dem Manöver brav halten, wenn ich sie sonst recht kenne.« Die Vikingsfrau war über die Maßen froh, als sie am andern Morgen erwachte und an ihrer Brust das kleine, reizende Kind erblickte; sie küßte und herzte es, allein es schrie entsetzlich und schlug um sich mit Händen und Füßen, es schien gar nicht erfreut zu sein; endlich weinte es sich selbst in Schlaf, und als es nun so still da lag, bot es einen gar wunderlieblichen Anblick dar. Die Vikingsfrau war höchst erfreut, fühlte sich gesund an Leib und Seele, ihr war recht leicht ums Herz, und es schien ihr nun auch, als müsse ihr Gemahl und seine Mannen, die abwesend waren, ebenso unerwartet und plötzlich heimkehren, als die Kleine gekommen war. Sie und das ganze Haus hatten deshalb vollauf zu thun, Alles recht schön für den Empfang des Herrn vorzubereiten. Die langen farbigen Tapeten, die sie und ihre Mägde selbst gefertigt, und in welche sie Bilder ihrer Götzen, Odin, Thor und Freia, eingewebt hatten, wurden aufgehangen; die Sclaven putzten die alten Schilder, die zur Ausschmückung dienten, Kissen wurden auf die Bänke und trocknes Holz auf die Feuerstelle in der Mitte der Halle gelegt, damit die Flamme sogleich angefacht werden könne. Die Vikingsfrau selbst legte Hand ans Werk, so daß sie gegen Abend sehr ermüdet war und leicht und schnell einschlief. Als sie gegen Morgen erwachte, erschrak sie heftig, denn das Kindlein war verschwunden. Sie sprang vom Lager auf, zündete einen Kienspan an und schaute sich rings um im Räume, und siehe, an der Stelle des Lagers, wo sie ihre Füße gestreckt, lag, nicht das Kindlein, sondern ein großer häßlicher Frosch. Es wurde ihr schlimm bei diesem Anblicke; sie ergriff eine schwere Stange, um damit den Frosch zu tödten, allein derselbe blickte sie mit so wunderbar betrübten Augen an, daß sie den Schlag nicht zu führen vermochte. Noch einmal spähte sie rings im Zimmer umher, der Frosch ließ ein feines, schmerzliches Quaken hören, sie fuhr dabei zusammen und sprang von der Lagerstätte nach der Luftluke hin und riß dieselbe eiligst auf; – die Sonne trat in diesem Augenblicke hervor, warf ihre Strahlen durch die Luke auf das Lager, auf den großen Frosch, und plötzlich – siehe da, es war, als ziehe sich das breite Maul zusammen, als werde es klein und roth, die Gliedmaßen streckten und reckten sich, und nahmen die schönste Gestalt an, und – es war ihr eigenes kleines, reizendes Kind, welches da lag, es war kein häßlicher Frosch. »Was ist das!« sagte sie; »habe ich einen bösen Traum geträumt? – Ist es doch mein eigenes, leibliches Ebenbild das dort liegt!« und sie küßte und herzte es, aber das Kind stieß und schlug um sich und biß wie ein wildes Kätzchen. Nicht an diesem Tage und auch nicht an dem darauf folgenden kehrte der Viking zurück, obgleich er sich freilich unterwegs nach der Heimath befand, aber der Wind stand ihm entgegen, der blies nach Süden für die Störche. Mitwind dem Einen ist Widerwind dem Andern. Als einige Tage und Nächte verstrichen, war es der Vikingsfrau klar, wie es um ihr Kind stand, sei es doch ein entsetzlicher Zauber, der auf ihm laste. Am Tage war es reizend wie ein Lichtelf, hatte aber eine böse, wilde Natur; Nachts dagegen war es ein häßlicher Frosch, still und klagend, mit kummervollen Augen; hier waren zwei Naturen, die, sowohl nach innen als nach außen, mit dem Sonnenlichte abwechselten; das war aber so der Fall, weil das Mägdlein am Tage die äußere Gestalt seiner wirklichen Mutter, aber die Sinnesart des Vaters besaß; Nachts dagegen trat die Abstammung vom Vater sichtbar in der Körpergestalt hervor, allein dann waltete zugleich im Innern des Kindes Gemüth und Herz der Mutter. Wer vermochte wohl diesen durch bösen Zauber bewirkten Bann zu lösen? Die Vikingsfrau lebte in Aengsten und Kummer darüber, und doch hing ihr Herz an dem kleinen Geschöpfe, von dessen Zustand sie ihrem Gemahl, wenn er nun bald heimkehrte, nichts zu erzählen sich getraute; denn er würde wahrscheinlich alsdann, wie es Brauch und Sitte war, das arme Kind auf die Heerstraße aussetzen, damit es nehmen könne, wer es wolle. Das geschehen zu lassen konnte die gute Vikingsfrau aber nicht übers Herz bringen. Sie beschloß, daß der Viking das Kind stets nur bei hellem Tageslichte sehen solle. Eines Morgens brausten Storchflügel über das Dach dahin; mehr denn hundert Storchpaare hatten sich während der Nacht von dem großen Manöver erholt, setzt flogen sie hoch empor, um gen Süden zu ziehen. »Alle Mannen da, und parat!« hieß es, »Frau und Kinder auch mit!« »Wie es uns leicht ist!« schrien die Storchjungen im Chore, »es kribbelt und krabbelt uns bis in die Zehen hinab, als wären wir mit lauter lebenden Fröschen angefüllt. Ach, wie schön ist's, ins Ausland zu reisen!« »Haltet Euch hübsch im Zuge mit uns,« riefen Papa und Mama. »Braucht das Mundwerk nicht so sehr, das greift die Brust an!« Und die Störche flogen davon. Zur selben Zeit tönten die Klänge des Kriegshorns über die Haide dahin, der Viking war gelandet mit seinen Mannen; sie kehrten heim mit Beute reich beladen, von der gallischen Küste, wo das Volk, wie im Britenlande, mit Entsetzen sang: »Befrei uns von den wilden Normannen!« Leben und rauschende Lust zog in die Vikingsburg an dem Wildmoore ein. Das große Methfaß wurde in die Halle getragen, der Holzhaufen angezündet, Pferde wurden geschlachtet; es sollte nun tüchtig aufgetischt werden. Der Opferpriester besprengte zur Weihe die Sclaven mit dem warmen Blute, das Feuer knisterte, der Rauch zog dicht unter der Decke hin, der Ruß flockte von den Balken herab, allein das war man gewohnt. Gäste waren eingeladen und sie bekamen gute Geschenke; Ränke und Falschheit waren vergessen. Getrunken wurde derb, und sie warfen sich gegenseitig die Knochen ins Gesicht, das war ein Zeichen guter Laune. Der Barde – so eine Art Spielmann, der aber auch Krieger und mit auf dem Vikingszuge gewesen war, und wußte, was er sang – gab ein Lied zum Besten, in welchem sie von ihren Kriegsthaten singen hörten und von Dem, was an Jedem Besonderes hervorzuheben war; jede Strophe endigte mit dem Refrain: »Gut und Gold, Freude und Freunde sterben, selbst stirbt man auch einmal, allein ein ruhmreicher Name stirbt nimmer aus!« dabei schlugen sie auf die Schilde und hämmerten mit Messern und Knochen auf die Tischplatte, daß es eine Art hatte. Die Vikingsfrau saß auf der Querbank in der offenen Gildehalle; sie trug ein seidenes Gewand, goldene Armspangen und große Bernsteinperlen. Sie war im schönsten Staate und der Sänger nannte auch sie in seinem Liede und sprach von dem goldenen Schatze, den sie ihrem reichen Gemahl gebracht. Dieser hatte seine herzliche Freude an dem wunderschönen Kinde, er hatte es nur am Tage in seiner Schönheit gesehen und das wilde Wesen des Kindes gefiel ihm. Aus dem Mädchen, sagte er, könne eine kräftige Schildjungfrau werden, die ihren Mann stehe. Sie würde nicht mit dem Auge blinzeln, wenn zum Scherz eine geübte Hand mit scharfem Schwerte ihr die Augenbrauen abschlüge. Das volle Methfaß wurde geleert und ein frisches aufgefahren, ja, das waren Leute, die Alles vollauf genossen. Zwar kannte man das alte Wort: »Das Vieh weiß, wenn es die Weide verlassen muß, aber ein unkluger Mann weiß das Maß seines Magens nicht;« – ja, das wußte man Alles, aber man weiß das Eine und thut das Andere. Man wußte auch: »daß selbst der Gerngesehene Langeweile erregt, wenn er lange im Hause sitzen bleibt«, aber man blieb doch sitzen, Speck und Meth sind gute Dinge, es ging lustig her, und Nachts schliefen die Leibeigenen in der warmen Asche, tauchten die Finger in den fetten Ruß und leckten sie ab. Es war das eine schöne Zeit! Noch einmal im Jahre zog der Viking aus, wenn auch schon die herbstlichen Stürme sich zu erheben begannen; er ging mit seinen Mannen nach der Küste des Britenlandes, das sei ja nur eine Spazierfahrt über's Wasser, sprach er, und seine Hausfrau blieb zurück mit dem kleinen Mädchen. So viel ist gewiß, daß die Pflegemutter bald den armen Frosch mit den frommen Augen und den tiefen Seufzern fast mehr liebte, als die Schönheit, die um sich schlug und biß. Der rauhe, feuchte Herbstnebel, der an den Blättern des Waldes zehrt, lag schon auf Forst und Haide. »Vogel Federlos« wie sie den Schnee nennen, flog in dichten Schaaren, der Winter war stark im Anzuge; die Sperlinge bemächtigten sich des Nestes der Störche und beredeten in ihrer Weise die abwesende Herrschaft: diese aber, das Storchpaar mit allen Jungen, ja, wo waren die geblieben?     Die Störche befanden sich nun in dem Lande Egypten, wo die Sonne warme Strahlen aussandte, wie bei uns an einem schönen Tage im Hochsommer. Tamarinthen und Akazien blühten ringsum im ganzen Lande, der Mond Mohameds strahlte hell von den Tempelkuppeln herab, auf den schlanken Thürmen saß manches Storchpaar und ruhte aus nach der langen Reise. Große Schaaren theilten sich in die Nester, die eng aneinander lagen auf ehrwürdigen Säulen und eingestürzten Tempelbogen vergessener Stätten. Die Dattelpalme hob ihren Schirm hoch empor, als wollte sie Sonnenschirm sein; die weißgrauen Pyramiden standen wie Schattenrisse in der klaren Luft der fernen Wüste, wo der Strauß seinen schnellen Lauf übte und der Löwe mit großen, klugen Augen die marmorne Sphinx anschaute, die halb im Sande begraben lag. Die Gewässer des Nils waren zurückgetreten, das ganze Flußbett wimmelte von Fröschen, und dieser Anblick war so recht nach dem Geschmacke der Storchfamilien. Die Jungen wähnten, es sei eine Augentäuschung, in dem Grade herrlich fanden sie Alles. »So ist es hier und so leben wir stets in unserm warmen Lande!« sagte Storchmama, und es krabbelte den Jungen im Magen dabei. »Ist noch mehr zusehen?« fragten sie, »geht es noch viel weiter ins Land hinein?« »Dort ist weiter Nichts zu sehen!« erwiderte Storchmama. »Nach der übrigen Gegend hier giebt es nur ungeheure Wälder, deren Gezweig in einander verwächst, während stechende Schlingpflanzen Weg und Steg versperren, dort vermag nur der Elephant mit seinen plumpen Füßen sich einen Weg zu bahnen, und die Schlangen dort sind uns zu groß, die Eidechsen zu lebendig. Wollt Ihr nach der Wüste zu gehen, so werdet Ihr die Augen voll Sand bekommen, d. h. wenn es sein hergeht, spielt aber das grobe Geschütz, dann gerathet Ihr in eine Sandhose hinein. Hier ist es am Besten! Hier sind Frösche und Heuschrecken. Hier werde ich bleiben und Ihr auch!« Sie blieben dort. Die Aeltern saßen im Neste auf dem schlanken Minaret, ruhten aus und waren doch emsig beschäftigt, das Gefieder zu glätten und zu schniegeln und den Schnabel an den rothen Strümpfen zu wetzen; sie streckten dann und wann den Hals empor, grüßten gravitätisch, und hoben den Kopf mit der hohen Stirn und den seinen glatten Federn, und ihre braunen Augen schauten gar klug darein. Die weiblichen Jungen stolzirten in dem saftigen Röhricht, schielten nach den anderen Storchjungen, machten Bekanntschaften und verschlangen bei jedem dritten Schritt einen Frosch oder schlenkerten eine kleine Schlange hin und her, was ihnen schön stand, wie sie wähnten, und auch gut schmeckte. Die männlichen Jungen fingen Streit an, schlugen einander mit den Flügeln, hauten drein mit den Schnäbeln, ja, sie stachen sich, daß das Blut hervorquoll, und in der Manier wurde bald dieser, bald jener verlobt, die jungen Herrchen und die Dämchen, und das war es ja, was sie wollten, und weshalb sie lebten; sie tragen dann zu Neste und geriethen dann wieder aufs Neue in Streit, denn in den heißen Ländern sind nun einmal Alle heftig und hitzig, aber vergnüglich war es doch und namentlich für die Alten war es eine große Freude: Alles steht ja den Jungen gut! Alle Tage war hier Sonnenschein, alle Tage vollauf zu fressen, man konnte nur an Vergnügen denken. – Allein in dem reichen Schlosse, bei dem egyptischen Hauswirthe, wie sie ihn nannten, war das Vergnügen nicht zu finden. Der reiche mächtige Herr ruhte auf seinem Lager inmitten des großen Saals mit den buntbemalten Wänden, es war, als läge er in einer Tulipane; allein er war steif und gelähmt an allen Gliedern und lag wie eine Mumie ausgestreckt. Seine Familie und Dienerschaft umstand ihn, todt war er nicht, und daß er lebe, konnte man eigentlich auch nicht sagen. Die rettende Moorblume aus dem Norden, welche von Derjenigen hätte gesucht und heimgeführt werden sollen, die ihn am innigsten liebte, wurde nie gebracht. Seine junge, schöne Tochter, die im Schwanengefieder über Meer und Länder dahin geflogen war, hoch nach dem Norden hinauf, sollte nie wiederkehren. »Sie ist immer todt,« hatten die beiden heimgekehrten Schwanenjungfrauen gemeldet, und sie hatten eine Geschichte zusammengesetzt, die sie erzählten: »Wir Drei zusammen,« sagten sie, »flogen hoch in der Luft dahin; da erblickte uns ein Jäger und schoß seinen Pfeil nach uns ab; derselbe traf unsere junge Freundin und Schwester, und langsam ihr Lebewohl singend, sank sie hinab, ein sterbender Schwan, in den Waldsee. Am Ufer des See's unter einer Hängebirke senkten wir sie in die kühle Erde. Doch, Rache haben wir geübt; wir banden Feuer unter die Flügel der Schwalbe, die unter dem Strohdache des Jägers nistete, das Haus ging in hellen Flammen auf, der Jäger verbrannte mit dem Hause; und es leuchtete über die See hinaus, bis zu der Hängebirke hinüber, wo sie jetzt zu Staub geworden. Nimmer kehrt sie in das Land Egypten zurück!« Und dabei weinten die Beiden, und als Storchpapa die Geschichte vernahm, klapperte er mit dem Schnabel, daß es weit hin schallte. »Lug und Trug!« rief er, »ich möchte ihnen den Schnabel tief in die Brust stoßen!« »Und ihn abbrechen!« fügte Storchmama hinzu, »dann würdest Du gut aussehen! Denke zuerst an Dich, und dann an Deine Familie, alles Andere geht uns nichts an.« »Morgen werde ich mich doch an den Rand der offenen Kuppel setzen, wenn die Gelehrten und Weisen sich versammeln, um von dem Zustande des Kranken zu reden, vielleicht daß sie der Wahrheit ein wenig näher kommen.« Die Gelehrten und Weisen kamen zusammen und sprachen Vieles, weit und breit, aus dem der Storch Nichts herausbekommen konnte, – es kam denn auch Nichts dabei heraus, weder für den Kranken, noch für die Tochter in der schlammigen Moorhaide. Doch deshalb können wir die Leute gern ein wenig anhören, man muß in der Welt gar Vieles mit anhören. Dann dürfte es aber auch am richtigsten sein, zu vernehmen, was Dem vorausgegangen ist, wir sind schon besser in der Geschichte bewandert, wissen wenigstens ebenso viel, als Storchpapa. »Liebe zeugt Leben! die höchste Liebe zeugt das höchste Leben! Nur durch Liebe kann ihm des Lebens Rettung werden!« So hatte man gesprochen, und das sei sehr klug und schön gesprochen, versicherten die Gelehrten. »Das ist ein schöner Gedanke!« hatte Storchpapa sofort gesagt. »Ich verstehe ihn nicht recht!« hatte Storchmama erwidert, »und das ist nicht meine Schuld, sondern der Gedanke ist Schuld daran; mag es aber darum sein, ich habe Anderes zu denken!« Nun hatten die Gelehrten von der Liebe zu Diesem und Jenem, und ihrem Unterschiede von der Liebe geredet, die Liebesleute empfinden, und von derjenigen zwischen Eltern und Kindern, von der Liebe des Lichts zu den Gewächsen, wie der Sonnenstrahl den Erdboden küßt und wie der Keim dadurch hervorsprießt, – es war Alles so weitschweifig und gelehrt aus einander gesetzt, daß es für Storchpapa eine Unmöglichkeit war, Dem zu folgen, geschweige denn es wiederzugeben. – Er wurde gedankenschwer dabei, schloß die Augen halb zu und stand den ganzen folgenden Tag noch immer sinnend auf einem Beine; es wurde ihm gar schwer, all' die Gelahrtheit zu ertragen. Doch Eins verstand Storchpapa: Alle, Hoch und Niedrig, hatten aus ihrem innersten Herzen herausgesprochen und gesagt, daß es ein großes Unglück für Tausende von Menschen, ja für das ganze Land sei, daß der Mann erkrankt danieder liege und nicht genesen könne, Freude und Segen würde es verbreiten, wenn er wieder aufkäme. Allein wo blühe die Blume, die ihm Gesundheit bringen könnte? Darnach hatten sie alle geforscht in gelehrten Schriften, in flimmernden Sternen, in Wetter und Wind; darnach geforscht auf allen Umwegen, die sie hatten ersinnen können, und endlich hatten die Gelehrten und Weisen, wie schon erwähnt, herausbekommen: daß »Liebe Leben zeuge, das Leben des Vaters«; dabei hatten sie sich selbst übertroffen und ein Mehreres gesagt, als sie begriffen. Sie wiederholten es dann und schrieben als Recept auf: »Liebe zeugt Leben«, allein wie das Ding nach dem Recepte zuzubereiten sei, – ja, dabei blieb man stehen! Endlich einigte man sich dahin, daß die Hilfe durch die Prinzessin kommen müsse, durch sie, die mit ihrer ganzen Seele an diesem Vater hing, und man ersann sogar endlich, wie diesem Zustande abzuhelfen sei. – Ja, jetzt war es schon über Jahr und Tag her, daß die Prinzessin sich Nachts, wenn des Neumonds kurzer Schein im Sinken begriffen war, hinaus zu der marmornen Sphinx begeben, den Sand von dem Sockel zurückgeworfen hatte und dort durch den langen Gang geschritten war, der mitten hinein in eine der großen Pyramiden führte, woselbst einer der mächtigen Könige des Alterthums, von Pracht und Herrlichkeit umgeben, in der Mumienhülle liege. Dort sollte sie ihren Kopf an die Brust des Todten lehnen, alsdann würde ihr offenbar werden, wo Leben und Erlösung für ihren Vater zu finden sei. Dieses Alles hatte sie ausgeführt und im Traume erfahren, daß sie aus dem tiefen See in der Moorhaide, hoch oben im dänischen Lande – ihr waren Ort und Stelle genau bezeichnet worden – die Lotusblume heimbringen müsse, die in der Gewässer Tiefe ihre eigene Brust berührt, – alsdann würde der Vater Genesung finden. Deshalb war sie im Schwanengefieder aus dem Lande Egyptens nach dem Haideland, dem Wildmoore hinaufgeflogen. – Sieh', dieses Alles wußte Storchpapa und Storchmama, und jetzt wissen auch wir es genauer, wie wir es zuvor gewußt. Wir wissen, daß der Schlammkönig sie zu sich hinabgezogen, wissen auch, daß sie für ihre Lieben in der Heimath todt ist für immer. – Einer der Weisesten unter ihnen sagte noch, wie es auch die Storchmama that, »sie wird sich schon zu helfen wissen«, und damit gaben sie sich endlich zufrieden und wollten der Dinge harren, die da kommen sollten, denn sie wußten nichts Besseres. »Ich möchte den beiden treulosen Prinzessinnen das Schwanengefieder entwenden!« sprach Storchpapa, »dann werden sie wenigstens nicht wieder bis an den Wildmoor hinauffliegen und Böses anstiften können; die beiden Schwanengefieder verberge ich dort oben, bis Jemand Gebrauch dafür haben wird.« »Wo aber wirst Du sie verstecken?« fragte Storchmama. »Oben in unserem Neste am Wildmoor!« antwortete er. »Ich und unsere jüngsten Jungen werden uns auf dem Fluge darein theilen, sie hinauf zu bringen, und sollte uns das zu schwierig sein, so giebt es ja Stellen genug unterwegs, wo wir sie verbergen können, bis zu dem nächsten Wanderzuge. Eigentlich genügte freilich schon ein Schwanengefieder für die Prinzessin; doch zwei sind immerhin besser; in den nördlichen Ländern kann man nicht Reisesachen genug haben.« »Niemand wird es Dir danken!« sprach Storchmama, – »doch Du bist ja der Herr! Ich habe außer der Brutzeit nichts zu sagen.«     In der Vikingsburg am Wildmoore, wohin die Störche gegen den Frühling ihren Flug richteten, hatte man dem kleinen Mädchen den Namen Helga gegeben; doch dieser Name war gar zu weich für ein Gemüth wie das, welches hier die schönste Gestalt besaß. Mit jedem Monate zeigte sich dieses Gemüth in immer schärferen Umrissen, und mit den Jahren, während die Störche immer dieselbe Reise machten: im Herbste nach dem Nil, im Frühjahre nach dem Moorsee, wuchs das Kind zu einem großen Mädchen heran, und ehe man sich's versah, war es eine wunderschöne Jungfrau im sechzehnten Jahre. Schön war die Schale, aber hart und barsch der Kern, wild war sie wie die meisten in jener harten, finstern Zeit. Es war ihr eine Lust, mit ihren weißen Händen das dampfende Blut des geschlachteten Opferpferdes umherzusprengen; sie biß in ihrer Wildheit den Hals des schwarzen Hahnes durch, den der Oberpriester schlachten wollte, und zu ihrem Pflegevater sprach sie in vollem Ernste: »Und wenn Dein Feind Dir das Dach Deines Hauses einrisse, während Du im sorglosen Schlafe lägest, und ich sähe oder hörte es, ich weckte Dich nicht, auch wenn ich es vermöchte. Ich würde es nimmer thun können, denn es sausen mir noch die Ohren von dem Schlage, den Du mir vor Jahren gegeben! Du! – ich habe ihn nicht vergessen.« Aber der Viking hielt ihre Worte für Scherz, er war, wie alle Andern, von ihrer Schönheit bethört; er wußte auch nicht, daß und wie Gemüth und Gestalt bei Helga wechselten. Ohne Sattel saß sie auf das Pferd gegossen, das in vollem Laufe dahinjagte; sie sprang nicht vom Pferde, wenn es sich auch mit den anderen Pferden biß. In den Kleidern warf sie sich oft von dem hohen Uferrande in den reißenden Strom der Bucht hinab und schwamm dem Viking entgegen, wenn sein Boot auf die Hütte zusteuerte. Von ihrem schönen Haare schnitt sie die längste Locke ab und flocht sich von derselben eine Sehne für ihren Bogen. »Selbstgethan ist wohlgethan!« sprach sie. Die Vikingsfrau war nach der Zeiten Maß und Sitte von starkem Willen und Gemüth, allein gegen die Tochter war sie wie ein weiches ängstliches Weib; wußte sie doch, daß es ein böser Zauber war, der auf dem beklagenswerthen Kinde laste. Es war als wenn Helga, recht aus böser Lust, gar oft, wenn die Mutter auf dem Söller stand oder in den Hof trat, sich auf das Brunnengeländer setzte, mit Armen und Beinen in der Luft focht und darauf plötzlich in den engen tiefen Brunnen hinabglitt, wo sie mit ihrer Froschnatur nieder- und wieder emportauchte, darauf wie eine Katze umherkletterte und nun, von Wasser triefend, in die Halle trat, daß die grünen Blätter, die dort auf den Fußboden gestreut waren, sich in dem von ihr herabtriefenden Wasser umkehrten. Doch ein Band gab es, das Helga im Zaume hielt, es war die Abenddämmerung; in dieser ward sie still und gleichsam sinnend, ließ sich rathen und führen; dann zog sie ein inneres Gefühl zu der Mutter hin. Und wenn die Sonne sank, und die Verwandlung innerlich und äußerlich stattfand, saß sie still und traurig da, zu der Froschgestalt zusammengeschrumpft, der Körper war jetzt zwar weit größer, als der des Thieres, aber deshalb auch um so entsetzlicher anzuschauen; sie sah aus wie ein jämmerlicher Zwerg mit Froschkopf und Schwimmhäuten zwischen den Fingern. Einen gar traurigen Ausdruck hatten die Augen; Stimme hatte sie nicht, nur ein hohles Quaken, fast wie das Schluchzen eines träumenden Kindes. Dann nahm die Vikingsfrau sie auf den Schoos, vergaß die häßliche Gestalt, blickte nur in die betrübten Augen und sprach oft: »Fast möchte ich, daß Du immerfort mein stummes Froschkind wärest; Du bist noch entsetzlicher, wenn die Schönheit Dir ihre Gestalt leiht!« Und die Vikingsfrau schrieb Runen gegen Zauber und Siechthum und warf diese über die Elende, – doch eine Besserung zeigte sich nicht. »Man glaubt es kaum, daß sie so klein gewesen, daß sie in dem Kelche einer Wasserlilie gelegen!« sprach Storchpapa; »jetzt ist sie ein ganzer Mensch und ihrer egyptischen Mutter wie aus den Augen geschnitten; ja, die sehen wir wohl nie wieder! Sie wußte sich doch nicht zu helfen, wie Du und der Gelehrteste sagten. Bin ich doch Jahr aus Jahr ein, die Kreuz und Quer in dem großen Morgenlande umhergeflogen, allein sie gab nie ein Zeichen, daß sie lebe. Ja, ich will es Dir jetzt erzählen, wie ich jedes Jahr, wenn ich einige Tage vor Dir hierher kam, um das Nest auszubessern und Dieses und Jenes in Stand zu setzen, eine ganze Nacht, als sei ich eine Fledermaus oder eine Eule, über den offenen See immer hin und her geflogen bin, aber vergeblich. Die beiden Schwanengefieder, welche ich und die Jungen hier herauf schleppten aus dem Nillande, wurden deshalb auch nicht gebraucht; mühsam genug war es uns aber, wir trugen sie in drei Reisen hierher und jetzt liegen sie hier unten im Neste, und bricht nun einmal Feuer aus, geschieht es, daß das Balken-Haus abbrennt, dann sind wir verloren.« »Und unser gutes Nest ist auch verloren!« fiel die Storchmama ein; »an das denkst Du weniger als an Deinen Gefiederkram und Deine Moor-Prinzessin. Gehe doch lieber in den Schlamm hinab und bleibe dort bei ihr! Du bist Deinen eigenen Kindern ein schlechter Vater, das habe ich schon gesagt, als ich zum ersten Male Eier ausbrütete. Wenn nur nicht wir oder unsere Jungen von dem wilden Mädchen einen Pfeil in die Flügel kriegen! Helga weiß ja nicht, was sie thut. Wir sind doch länger hier zu Hause als sie, möchte sie das bedenken; wir vergaßen nie unsere Schuldigkeit, wir gaben alljährlich unsere Abgaben, eine Feder, ein Ei und ein Junges, wie es Recht ist. Denkst Du, ich begebe mich wie in früheren Tagen in den Hof und überall hier herum, so wie ich es noch immer in Egypten thue, wo ich fast der Kamerad der Leute bin, um, wie dort, mich zu vergessen, und in Topf und Kessel hineinzugucken? Nein ich sitze hier oben und ärgere mich über sie, – den Backfisch! – und ich ärgere mich auch über Dich! Du hättest sie ruhig in der Wasserlilie liegen lassen sollen, dann wäre sie längst umgekommen!« »Du bist weit besser als Deine Rede!« sagte Storchpapa, – »ich kenne Dich besser, als Du Dich selbst kennst!« Damit that er einen Hops, zwei schwere Flügelschläge, streckte die Beine nach hinten aus und flog, ja, segelte davon, ohne die Flügel zu bewegen. Er war schon eine weite Strecke entfernt, dann that er einen kräftigen Schlag. Die Sonne fiel glänzend auf das große Gefieder, Hals und Kopf senkten sich stolz hervor: darin war Fahrt und Schwung! »Er ist doch der Schönste von Allen!« sprach Storchmama, »aber das sage ich ihm nicht!«     Frühzeitig in diesem Herbste kehrte der Viking heim, beladen mit Beute und Gefangene mit sich führend. Unter diesen befand sich ein junger christlicher Priester, Einer von denjenigen, die die Götter der nordischen Lande verspotteten. Gar oft war in der letzten Zeit in Halle und Kammer von dem neuen Glauben die Rede gewesen, der sich weit und breit im Süden ausbreite, ja, durch den heiligen Ansgarius selbst bis nach Hedeby an der Schlei gelangt war. Selbst Helga hatte von dem Glauben an den weißen Christus vernommen, der aus Liebe zu den Menschen für deren Erlösung sein Leben hingegeben hatte; bei ihr war das aber Alles, wie man sagt, zum einen Ohre hinein, zum andern heraus gegangen. Es schien, als habe sie für das Wort Liebe nur dann ein Gefühl, wenn sie in der elenden Froschgestalt in der verschlossenen Kammer zusammenkauerte; allein die Vikingsfrau hatte den Sagen und Kunden von dem Sohne eines einzigen wahren Gottes gelauscht und sich wunderbar dadurch ergriffen gefühlt. Die Männer, von den Seezügen heimgekehrt, hatten von prächtigen Tempeln aus behauenem, schönen Gesteine, erzählt, Demjenigen errichtet, dessen Gebet Liebe laute. Einige schwere Gefäße, künstlich aus massivem Golde gefertigt, waren erbeutet und heimgebracht, an jedem haftete ein eigener Kräuterduft, es waren Räuchergefäße, welche die christlichen Priester vor dem Altäre schwenkten, auf welchem kein Blut floß, sondern der Wein und das geweihte Brod sich in Dessen Blut verwandelte, der sich für noch ungeborne Geschlechter hingegeben hatte. In den tiefen, ausgemauerten Keller des Balkenhauses hatte man den jungen Priester Christi hinuntergebracht und ihm Hände und Füße mit Baststricken zusammen geschnürt. Schön wie Baldur sei er anzuschauen, sagte die Vikingsfrau und seine Noth rührte sie, allein Helga meinte, man müsse Stricke durch seine Fersenflechsen ziehen und ihn an die Schweife wilder Rinder anbinden. »Die Hunde würde ich dann loslassen, halloh! über Moor und Sumpf in die Haide hinüber! Das wäre ein Anblick für Götter! Schöner noch, ihm auf der Fahrt zu folgen!« Doch der Viking wollte ihn einen solchen Tod nicht leiden, sondern ihn, den Verleugner und Spötter der hohen Götter, Tags darauf auf dem Blutstein im Haine opfern lassen. Zum ersten Male sollte hier ein Mensch geopfert werden. Helga erbat sich, daß sie die Göttergebilde und das versammelte Volk mit dem Blute des Priesters besprengen dürfe, Sie schliff ihr blankes Messer, und als einer der großen bissigen Hunde, deren viele auf dem Vikingsitze umherliefen, an ihr vorübersprang, stieß sie demselben das Messer in die Seite. »Nur um das Messer zu probiren!« sprach sie, und die Vikingsfrau blickte das wilde, bösartige Mädchen betrübt an, und als die Nacht herankam und die Schönheit in Gestalt und Gemüth bei der Tochter wechselten, sprach sie beredte Worte ihres Kummers aus tiefer, trauriger Seele zu Helga. Der häßliche Frosch in Gestalt des Ungethüms stand vor ihr und richtete die braunen, traurigen Augen auf sie, lauschte ihren Worten und schien mit dem Gedanken des Menschen dieselben zu begreifen. »Niemals, selbst nicht zu meinem Herrn und Gemahl ist ein Wort über meine Lippen von Dem gekommen, was ich durch Dich zu leiden habe!« – sprach die Vikingsfrau, »mein Herz ist des Kummers voll über Dich, mehr, als ich selbst je gedacht, groß ist die Liebe einer Mutter! Allein noch nie zog die Liebe in Dein Gemüth ein, Dein Herz ist gleich den nassen, kalten Schlammpflanzen.« Da zitterte die elende Gestalt, es war, als berührten diese Worte ein unsichtbares Band zwischen Körper und Seele, große Thränen traten ihr in die Augen. »Deine harte Zeit wird einst kommen!« sprach die Vikingsfrau, »entsetzlich wird sie auch mir werden! – besser, wenn Du auf die Heerstraße hinausgesetzt worden wärest, und die Nachtkühle Dich in Schlaf gelullt hätte!« Die Vikingsfrau weinte bittere Thränen und ging vor Zorn und Betrübniß ihre Wege, schritt hinter das Fell, welches lose über dem Balken hing und die Halle theilte. Der zusammengeschrumpfte Frosch saß allein im Winkel; es herrschte lautlose Stille; allein in kurzen Zwischenräumen wurde ein halberstickter Seufzer laut in dem Innern Helga's; es war, als wenn ein Schmerz, ein Leben gezeugt im Innersten des Herzens. Sie that einen Schritt vorwärts, lauschte, that noch einen Schritt, und ergriff nun mit den unbeholfenen Händen die schwere Stange, die vor die Thür gezogen war. Leise und mühsam schob sie die Stange zurück, ebenso leise zog sie den Bügel ab, der über die Klinke geschoben war und ergriff nun die flackernde Lampe, die in der Vorkammer der Halle stand; war es doch, als verleihe ein starker Wille ihr die Kraft; sie zog den eisfernen Bolzen aus der verschlossenen Kellerluke und schlich sich zu dem Gefangenen hinunter. Dieser schlummerte; sie berührte ihn mit ihrer kalten feuchten Hand, und als er dabei erwachte und die häßliche Gestalt erblickte, schauderte ihn, wie wenn er eine böse Erscheinung gesehen. Sie zog ihr Messer, durchschnitt die Stricke, die ihm Hände und Füße banden, und winkte ihm, ihr zu folgen. Er sprach heilige Namen, machte das Zeichen des Kreuzes, und als die Gestalt unbeweglich blieb, sprach er die Worte der Bibel: »Wohl Dem, der sich des Dürftigen annimmt, den wird der Herr erretten zu böser Zeit ...! – Wer bist Du? Woher dieses Aeußere des Thieres! und doch erfüllt von wohlthuender Barmherzigkeit?« Die Froschgestalt winkte ihm und führte ihn hinter bergenden Vorhängen durch einen einsamen Gang nach dem Stalle, dort auf ein Pferd deutend. Er schwang sich auf dasselbe, aber auch sie sprang hinauf, setzte sich vor ihn und hielt sich an der Mähne des Thieres fest. Der Gefangene verstand sie, und in schnellem Trabe ritten sie einen Weg, den er nie gefunden haben würde, hinaus in die offene Haide. Er vergaß ihre häßliche Gestalt, er empfand es, wie die Gnade und Barmherzigkeit Gottes durch das Ungethüm wirkte; er betete fromme Gebete und stimmte heilige Lieder an. Da zitterte sie; war es die Macht des Gebets und des Gesanges, die hier wirkte, oder war es der Schauder in der kalten Morgendämmerung, die herannahte? Was empfand sie wohl? Sie hob sich hoch empor, wollte das Pferd anhalten und herabspringen; allein der christliche Priester hielt sie mit aller Macht zurück, sang ein frommes Lied, als vermöchte dieses den Zauber zu lösen, der sie in die häßliche Froschgestalt bannte. Das Pferd jagte noch wilder dahin, der Himmel färbte sich roth, der erste Sonnenstrahl drang durch die Wolke, und bei dem klaren Lichtquell trat auch der Wechsel der Gestalt ein; – Helga war wieder die junge Schöne mit dem dämonischen, bösen Sinne. Er hielt das schönste junge Weib in seinen Armen und er entsetzte sich darob; er sprang vom Pferde herab und zwang es zum Stehen. Er wähnte einen neuen unheilschweren Zauber zu erleben; allein Helga war gleichfalls mit einem Satze vom Pferde und stand auf dem Boden, Das kurze Gewand des Kindes reichte ihr nur bis ans Knie; sie riß das scharfe Messer aus dem Gürtel und stürzte sich blitzschnell auf den Ueberraschten ein. »Daß ich Dich nur erreiche!« rief sie; »daß ich Dich erreiche, und das Messer soll in Deinen Leib hineinfahren! Du bist ja blaß wie Heu, bartloser Sklave!« Sie drang auf ihn ein; sie rangen mit einander in schwerem Kampfe, allein es war, als sei eine unsichtbare Kraft dem Kämpfer Christi verliehen; er hielt sie fest, und die alte Eiche, an welcher sie standen, kam ihm zu Hilfe, indem die durch ihre vom Boden halb abgelösten Wurzeln gleichsam des Mädchens Füße banden, die sich in dieselben verstrickt hatten. Ganz in der Nähe rieselte eine Quelle, er besprengte Helga mit dem frischen Sprudel Brust und Antlitz, gebot dem unreinen Geist herauszufahren und segnete sie nach christlicher Sitte: allein das Wasser des Glaubens hat keine Kraft da, wo der Quell des Glaubens nicht auch von innen strömt. Und doch bewies er auch hierin seine Kraft, ja mehr denn die einfache Manneskraft setzte er durch seine Handlung der ringenden bösen Macht entgegen; die heilige Handlung überwältigte sie, sie ließ die Arme sinken, schaute staunend und mit erblassenden Wangen Denjenigen an, der ein mächtiger Zauberer und in geheimen Künsten erfahren zu sein schien; es waren dunkle Runen, die er sprach, Geheimzeichen, die er in die Luft zeichnete. Sie würde nicht geblinzelt haben, wenn er die blitzende Axt oder das scharfe Messer gegen sie geschwungen hätte; allein sie that es jetzt, als er ihr das Zeichen des Kreuzes an Stirn und Brust schrieb, und sie saß da, wie ein zahmer Vogel, das Haupt auf die Brust geneigt. Da sprach er in milden Worten zu ihr von der That der Liebe, die sie in der Nacht gegen ihn geübt, als sie in der Gestalt des häßlichen Frosches zu ihm gekommen, seine Bande gelöst und ihn zu Licht und Leben herausgeführt; auch sie sei gebunden, sprach er, in engere Bande geschlagen als er es gewesen, allein auch sie solle und durch ihn zu Licht und Leben geführt werden. Nach Hedeby Der ursprüngliche dänische Name der jetzigen Stadt Schleswig. zu dem heiligen Ansgarius wolle er sie bringen, dort in der christlichen Stadt müsse der Zauber gehoben werden. Doch nicht vor sich auf dem Pferde, wenn sie auch aus freien Stücken dort sitzen wolle, möchte er sie führen. »Hinter mir mußt Du sitzen, nicht vor mir! Die Schönheit Deines Zaubers hat eine Gewalt, die vom Bösen stammt, ich fürchte sie – und doch ist der Sieg mir gewiß in Christo!« Er kniete nieder und betete fromm und innig! Es war, als würde die stille Waldnatur dadurch zu einer heiligen Kirche geweiht; die Vögel sangen, als gehörten sie der neuen Gemeinde an, die wilde Krausemünze duftete, als wollte sie den Ambra und die Räucherung ersetzen; mit lauter Stimme verkündigte er die Worte der heiligen Schrift: »Auf daß Er erscheine Denen, die da sitzen in Finsterniß und Schatten des Todes, und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens.« Er sprach von dem tiefen Sehnen der ganzen Natur, und während er sprach, stand das Pferd, das sie Beide in wildem Laufe getragen, still vor großen Brombeerranken und zupfte an denselben, daß die reifen saftigen Beeren Helga über die Hand herabfielen, sich selbst zur Labung anbietend. Sie ließ sich geduldig auf das Pferd heben, saß dort, einer Mondsüchtigen gleich, die nicht wacht und doch nicht wandelt. Der Christ band zwei Aeste mit Bast zusammen, daß sie ein Kreuz bildeten, und er hielt das Kreuz hoch empor, während sie durch den Wald ritten, der stets dichter wurde den Weg entlang, und sich zuletzt ganz in eine unwegsame Wildniß verlief. Schlehdorngestrüpp versperrte hier den Weg, man mußte um dasselbe herum reiten; die Quelle wurde nicht zum Bache, sondern zum stehenden Sumpfe, um welchen man ebenfalls das Pferd lenken mußte. Kraft und Labung war in der frischen Waldluft; eine nicht geringe Kraft lag in den milden Worten, die in Glaube und christlicher Liebe, in innigem Drange gesprochen wurden, die Arme zu Licht und Leben zu führen. Der Regentropfen, sagt man ja, höhlt den harten Stein, die Meereswogen runden die abgerissenen eckigen Felspartien; der Thau der Gnade, der Helga gespendet, höhlte das Harte, glättete das Scharfe; zwar war es ihr nicht anzusehen, sie wußte es selbst nicht, – weiß aber der Keim in der Erde Schoos bei dem labenden Thau und dem warmen Sonnenstrahle, daß er Wachsthum und Blüthe in sich birgt? Wie das Lied der Mutter dem Kinde innerlich ins Gemüth dringt, und es die einzelnen Worte nachlallt, ohne sie zu verstehen, dieselben sich aber später in Gedanken sammeln und mit der Zeit immer klarer hervortreten, so wirkte auch hier das Wort, welches zu schaffen vermag. Sie ritten aus dem Walddickicht heraus, über die Haide dahin, wiederum durch unwegsame Wälder; da stießen sie gegen Abend auf eine Räuberbande. »Wo hast Du das reizende Mädchen gestohlen?« riefen die Räuber, fielen dem Pferde in den Zügel und rissen die beiden Reiter herunter. Der Priester hatte keine andere Wehr, als das Messer, das er Helga entwunden, mit diesem stieß er rechts und links um sich; einer der Räuber schwang seine Axt gegen ihn, allein der junge Priester that einen Sprung zur Seite, er wäre sonst getroffen, so fuhr nun das scharfe Beil tief in den Hals des Pferdes, daß das Blut herausströmte und das Thier niederstürzte. Da stürzte Helga, als erwache sie plötzlich aus ihrer langen tiefen Beschaulichkeit, sich eilends über das stöhnende Thier; der Priester stellte sich ihr voran zur Wehr und zum Schutz, allein einer der Räuber schwang seinen schweren eisernen Hammer gegen seine Stirn, daß dieselbe zerschmettert wurde und Blut und Gehirn rings umher spritzte, – er fiel todt zu Boden. Die Räuber faßten Schön-Helga an ihren weißen Armen und um ihren schlanken Leib – da ging die Sonne unter, der letzte Strahl erlosch in demselben Augenblicke und sie wurde in die Gestalt eines Frosches verwandelt; der weißgrüne Mund schob sich über das halbe Gesicht hinaus, die Arme wurden dünn und schleimig, eine breite Hand mit Schwimmhaut dehnte sich fächerförmig aus, – da ließen die Räuber entsetzt von ihr ab, sie stand ein häßliches Unthier, unter ihnen, und wie es die Natur des Frosches ist, hüpfte sie empor, höher als ihre eigene Gestalt und verschwand in das Dickicht. Da wurden die Räuber inne, daß dies böse List des Loke oder daß es geheime Zauberkünste seien, und entsetzt verließen sie eilends den Ort.     Der Vollmond ging schon auf; bald glänzte und leuchtete er über die Erde, und aus dem Dickicht kroch, in der elenden Gestalt des Frosches, die arme Helga; sie blieb stehen vor der Leiche des christlichen Priesters und vor ihrem getödteten Rosse; sie blickte sie mit Augen an, die zu weinen schienen, und der Froschkopf ließ ein Quacken ertönen, wie wenn ein Kind in Thränen ausbricht. Sie warf sich bald über das Eine, bald über das Andere, schöpfte Wasser mit der Hand, die durch die Schwimmhaut größer und hohler war, und übergoß sie mit dem Wasser, allein – todt waren sie, todt blieben sie, sie begriff es wohl. Bald werden wilde Thiere kommen und ihren Körper zerreißen; aber nein, das dürfte nicht geschehen! Sie grub deshalb in die Erde, so tief sie es eben vermochte, sie wollte ihnen ein Grab bereiten. Sie hatte hierzu nur einen Baumzweig und ihre beiden Hände, zwischen den Fingern derselben war die Schwimmhaut ausgespannt, dieselbe zerriß und das Blut floß ihr über die Hände. Sie begriff auch zuletzt, daß die Arbeit ihr nicht gelingen würde; da schöpfte sie wieder Wasser und wusch das Gesicht des Todten, bedeckte es mit frischen, grünen Blättern, trug große Zweige herbei und breitete diese über ihn, schüttete trocknes Laub zwischen die Zweige, holte dann die schwersten Steine, die sie zu heben vermochte, legte diese über den todten Körper und verstopfte die Oeffnungen mit Moos, – so wähnte sie, sei der Grabeshügel stark und eingefriedigt. Bei dieser schweren Arbeit war die Nacht verstrichen, die Sonne brach hervor – und Schön-Helga stand in ihrem Liebreize da mit blutenden Händen, und zum ersten Male mit Thränen auf den jungfräulichen Wangen. Da war es in der Verwandlung, als kämpften zwei Naturen mit einander in ihrem Innern; sie zitterte über den ganzen Körper, schaute um sich, als erwache sie aus einem beängstigenden Traume, stürzte darauf nach dem schlanken Baume hin, hielt sich an demselben, um doch eine Stütze zu haben, und bald, in einem Nu, kletterte sie, einer Katze gleich, in den Gipfel des Baumes und hielt sich dort fest. Sie saß darin wie ein geängstigtes Eichhörnchen, blieb den ganzen Tag daselbst sitzen in der einsamen Waldesstille, wo Alles ruhig und todt ist, wie man sagt! – todt. Schmetterlinge umkreisten einander im Spiele, in der Nähe befanden sich mehrere Ameisenhaufen, jeder mit mehreren Hundert emsiger, kleiner Geschöpfe, die sich hin und her bewegten; in der Luft tanzte eine Unzahl von Mücken, ein Schwarm neben dem andern, Scharen von summenden Fliegen, Marienkäfern, Goldflügeln und andern beflügelten, kleinen Thieren; der Regenwurm kroch empor aus dem nassen Grunde, die Maulwürfe schossen hervor, – im übrigen war es still, todt, ringsum todt. Niemand als die Elstern bemerkten Helga, diese umflogen schreiend den Gipfel des Baumes, in dem sie saß; die Vögel hüpften zu ihr heran auf den Zweigen in dreister Neugierde; ein Blick ihres Auges war ein Wink, der sie wieder verscheuchte. – Allein sie wurden nicht klug aus ihr, und sie auch nicht klug aus sich selbst. Als der Abend dämmerte und die Sonne im Sinken war, rief die Verwandlung sie zu neuer Bewegung; sie glitt von dem Baume herab und indem der letzte Sonnenstrahl schwand, stand sie da in der zusammengeschrumpften Gestalt des Frosches mit den zerrissenen Schwimmhäuten der Hände; allein ihre Augen strahlten jetzt in einem Glänze der Schönheit, die sie kaum früher in der Schönheitsgestalt selber besessen, es waren die mildesten, frommsten Mädchenaugen, die hinter der Froschlarve hervorleuchteten. Sie zeugten von dem tiefen Gemüthe, von dem menschlichen Herze; und die Augen der Schönheit floßen über in Thränen, weinten die schönen Thränen der Herzenserleichterung. Dort lag noch an dem aufgeworfenen Grabhügel das Kreuz von Baumzweigen zusammengebunden, die letzte Arbeit Desjenigen, der nun todt und kalt unter dem Hügel ruhte. Helga hob das Kreuz auf, der Gedanke kam ihr von selbst; sie pflanzte es zwischen dem Gesteine auf, über ihm und dem todten Pferde. In der Wehmuth der Erinnerung brachen Thränen hervor, und in dieser weichen Stimmung grub sie dasselbe Zeichen rings um das Grab in den Sand, bildete es doch eine zierliche Art Umzäunung desselben, und indem sie mit beiden Händen das Zeichen des Kreuzes schrieb, fiel die Schwimmhaut ab, wie ein zerrissener Handschuh, und als sie sich in der Quelle die Hände abspülte und staunend die zarte Weiße derselben erblickte, machte sie wiederum das Zeichen des Kreuzes in der Luft zwischen sich und dem Todten; da zitterten ihre Lippen, da bewegte sich ihre Zunge, und der Namen, den sie auf dem Ritte durch den Wald gar oft hatte aussprechen und singen hören, floß nun auch vernehmbar von ihrem Munde, sie sprach ihn aus: »Jesus Christus!« Da fiel die Froschhaut, sie war die junge Schönheit; – doch das Haupt neigte sich ermüdend, die Glieder bedurften der Ruhe, – sie schlummerte ein. Allein der Schlaf war nur ein kurzer. Gegen Mitternacht wachte sie auf; vor ihr stand das todte Pferd, strahlend, voll Leben, daß es ihm aus den Augen und dem verwundeten Halse leuchtete; dicht neben demselben zeigte sich der ermordete christliche Priester, »schöner als Baldur« würde die Vikingsfrau gesagt haben, und doch kam er wie in Feuerflammen. Ein solcher Ernst, ein Urtheil der Gerechtigkeit, ein so durchdringender Blick sprach aus den großen, milden Augen, daß es in jeden Winkel des Herzens hineinstrahlte. Schön-Helga zitterte vor diesem Blicke Und ihr Gedächtniß erwachte mit einer Kraft, als sei es der jüngste Tag. Alles Gute, das man ihr gethan, jedes liebevolle Wort, das ihr gesagt worden, wurde lebendig; sie verstand es, daß es die Liebe gewesen, die sie hier während der Tage der Prüfung aufrecht gehalten, wahrend welcher das Geschöpf vom Geiste und Staub – Seele und Schlamm – gährt und ringt; sie erkannte, daß sie nur dem Antriebe der Stimmungen gefolgt und selbst Nichts für sich gethan; Alles war ihr gegeben, Alles war wie durch Schickung geschehen; sie beugte sich demüthig, ihre eigene tiefe Unvollkommenheit eingestehend, vor Dem, der jede Falte des Herzens in uns zu lesen vermag, und in demselben Augenblicke leuchtete sie wie ein Blitz von der Flamme der Läuterung, – die Flamme des heiligen Geistes. »Du Tochter des Schlammes!« sprach der Christenpriester; »aus Schlamm, aus Erde stammst Du, – aus der Erde sollst Du wieder auferstehen! Der Sonnenstrahl in Deinem Innern geht, des Körpers bewußt, in seinen Ursprung zurück, nicht der Strahl vom Sonnenkörper, sondern der Strahl von Gott! – Ich komme aus dem Lande der Todten; auch Du wirst durch die tiefen Thäler reisen in das strahlende Gebirgsland, wo die Gnade und die Vollendung wohnt. Ich führe Dich nicht nach Hedeby, um die christliche Taufe zu erhalten, zuvor mußt Du den schirmenden Wasserspiegel über dem tiefen Moorgrunde zersprengen, die lebendige Wurzel Deines Lebens und Deiner Wiege herauf ans Licht ziehen, Deine Thatkraft üben, bevor die Weihe Dir gegeben werden darf.« Er hob sie auf das Pferd, reichte ihr ein goldenes Räuchergefäß, wie das, welches sie früher in der Vikingsburg gesehen; ein süßer, starker Duft strömte aus demselben; die offene Stirnwunde des Getödteten leuchtete wie ein strahlendes Diadem: das Kreuz nahm er vom Grabe, hielt es hoch empor, und nun fuhren sie dahin durch die Luft, über den rauschenden Wald, über die Hügel dahin, wo die Kämpen auf ihren getödteten Streitrossen gebettet waren; die ehernen Gestalten erhoben sich, sprengten hervor und pflanzten sich auf dem Gipfel der Hügel auf; im Mondscheine strahlte von ihrer Stirn der bunte Goldreifen mit dem goldenen Knoten, der Mantel flatterte im Winde. Der Drache, der auf Schätzen brütete, erhob den Kopf und schaute ihnen nach. Die Kobolde der Bergmännchen guckten unter den Hügeln und aus dem Ackerrain hervor, sie wimmelten mit rothen, blauen und grünen Lichtflammen, wie die Funken beim Verglimmen des brennenden Papiers. Ueber Wald und Haide, Fluß und Sumpf flogen sie dahin, hinauf nach dem Wildmoore; über diesem schwebten sie in großen Kreisen. Der Christenpriester hob das Kreuz hoch empor, es strahlte wie Gold, und von seinen Lippen tönten fromme Gebete. Schön-Helga stimmte in die Lieder mit ein, wie das Kind beim Gesange der Mutter mitlallt; sie schwenkte das Räucherfaß, ein Altarduft, so stark, so wunderthätig, strömte aus demselben, daß das Schilf und Röhricht des Moors dabei in Blüthen sprangen; jeder Keim schoß empor aus dem tiefen Grunde; Alles, was Leben hatte, hob sich, ein Flor von Wasserlilien breitete sich aus wie ein gewirkter blumichter Teppich, und auf diesem lag ein schlummerndes Weib gebettet, jung und wunderschön; Helga wähnte sich selbst in dem Spiegelbilde der stillen Gewässer zu erblicken; es war ihre Mutter, die sie erblickte, das Weib des Schlammkönigs, die Prinzessin von den Ufern des Nils. Der todte Christenpriester gebot, daß die Schlummernde auf das Pferd gehoben werde, allein dieses sank zusammen unter der Last, als sei sein Körper nur ein Bahrtuch, das im Winde flatterte; doch das Zeichen des Kreuzes machte das Luftphantom stark, und zu Dreien ritten sie jetzt vom Meere auf den festen Boden. Da krähte der Hahn in der Vikingsburg und die Traumgestalten lösten sich auf, flatterten im Winde davon, aber Mutter und Tochter standen einander gegenüber. »Bin ich es selbst, die aus dem tiefen Wasser heraufblickt?« sprach die Mutter. »Bin ich es selbst, die aus dem blanken Schilde herausstrahlt?« rief die Tochter, und sie näherten sich einander Brust an Brust, und umschlangen sich; am stärksten klopfte das Herz der Mutter und sie verstand der Herzen schnellere Schläge. »Mein Kind! Du Blume meines eigenen Herzens! mein Lotus der tiefsten Gewässer!« Sie umschlang auf's neue ihr Kind und weinte; die Thränen waren eine neue Lebens- und Liebestaufe für Helga. »Im Schwanengefieder kam ich hierher und warf auch hier das Gefieder ab,« sprach die Mutter; »ich versank durch den schwankenden Moor tief in den Grund hinab, der mich wie eine Mauer um sich schloß; doch bald vernahm ich eine frische Strömung; eine Kraft zog mich tiefer, immer tiefer, ich fühlte den Druck des Schlafes auf meinen Augenliedern, ich schlief ein, Träume umfingen mich – mir war, als läge ich wieder in der Pyramide Egyptens, doch vor mir stand noch immer der schwankende Erlenstamm, der mir auf der Moorfläche oben Schrecken eingejagt. Ich beschaute die Ritzen und Runzeln des Stammes, sie leuchteten in Farben und nahmen Gestalten von Hieroglyphen an, es war die Hülle der Mumie, die ich anschaute; dieselbe zerriß endlich und heraus trat der tausendjährige König, die Mumiengestalt, schwarz wie Pech, glänzend schwarz wie die Waldschnecke oder der fette, schwarze Moorschlamm, der Schlammkönig oder die Mumie der Pyramide – ich wußte es nicht. Er schlang seine Arme um mich und es war, als müßte ich sterben. Erst dann vernahm ich wieder das Leben, als mein Busen sich erwärmte und auf demselben ein kleiner Vogel mit den Flügeln schlug, zwitscherte und sang. Der Vogel flog von meinem Busen gegen die finstere schwere Decke empor, aber ein langes grünes Band verband ihn noch immer mit mir; ich hörte und verstand wohl die Töne seines Sehnens: Freiheit! Sonne! Zum Vater: – da dachte ich an meinen Vater und das sinnige Licht der Heimath, mein Leben, meine Liebe, und ich löste das Band, ließ den Vogel davonflattern – nach der Heimath zum Vater. Seit jener Stunde habe ich nicht geträumt, ich schlief einen Schlaf, fürwahr einen langen und schweren, bis in dieser Stunde Töne und Duft mich erhoben, mich erlösten!« Das grüne Band vom Herzen der Mutter nach den Flügeln des Vogels, wo flattert es jetzt, wo war es hingeweht? Nur der Storch hatte es gesehen. Das Band war der grüne Stengel, die Schleife die strahlende Blume, die Wiege des Kindes, welches jetzt in Schönheit entfaltet war und wieder am Herzen der Mutter lag. Und während die Beiden Brust an Brust lagen, flog Storchpapa in immer engeren Kreisen um sie herum, schoß endlich in schneller Fahrt nach seinem Neste davon, holte von dort die jahrelang aufbewahrten Schwanengefieder und warf jeder eins zu; und das Gefieder umschloß sie, und sie erhoben sich empor von der Erde, zwei weiße Schwäne. »Jetzt wollen wir mit einander reden!« – sagte Storchpapa, – »jetzt verstehen wir uns, wenn auch der Schnabel des einen Vogels anders gewachsen ist als der des andern! Es trifft sich zu schön, daß Ihr diese Nacht kommt, morgen wären wir schon auf und davon gewesen, Mutter, ich und die Jungen, – wir fliegen nach dem Süden! Ja, schau mich nur an! Ich bin ja ein alter Freund aus dem Niellande, und Mutter auch, sie hat es mehr im Herzen als im Schnabel. Sie meinte immer, die Prinzessin würde sich schon zu helfen wissen; ich und die Jungen haben das Schwanengefieder hier herauf getragen! – aber wie ich erfreut bin! und wie ist das ein Glück, daß ich noch hier bin! Wenn der Tag graut, ziehen wir von dannen, eine große Storchgesellschaft! Wir fliegen voran, fliegt Ihr nur hinterdrein, so verfehlt Ihr den Weg nicht, ich und die Jungen werden auch schon ein Auge auf Euch haben.« »Und die Lotusblume, die ich bringen sollte,« sagte die egyptische Prinzessin, »die fliegt im Schwanengefieder mir zur Seite! Die Blume meines Herzens führe ich mit mir, so hat sich das Räthsel gelöst! Nach der Heimath! Nach der Heimath!« Aber Helga sagte, sie könne das dänische Land nicht verlassen, ohne noch einmal ihre Pflegemutter, die liebevolle Vikingsfrau, gesehen zu haben. Ihr trat jede schöne Erinnerung, jedes liebe Wort, jede Thräne vor die Seele, die die Pflegemutter geweint hatte, und in diesem Augenblicke war es fast, als liebe sie diese Mutter am meisten. »Ja, wir müssen nach der Vikingsburg,« sagte Storchpapa, »dort harren unser die Mutter und die Jungen! Wie die die Augen verdrehen und mit dem Schnabel klappern werden! Ja, die Mutter spricht eben nicht viel, kurz und bündig ist sie und dabei meint sie es noch besser! Ich werde gleich Eins klappern, damit sie hören, daß wir kommen!« Storchpapa klapperte, daß es eine Art hatte, und er und die Schwäne flogen nach der Vikingsburg. In der Burg lagen alle noch im tiefsten Schlafe; erst spät am Abende war die Vikingsfrau zur Ruhe gegangen; sie ängstigte sich um Helga, die nun seit drei vollen Tagen verschwunden gewesen nebst dem Christenpriester; Helga müßte ihm auf der Flucht behilflich gewesen sein, war es doch ihr Pferd, das in dem Stalle vermißt wurde – durch welche Macht aber sei dies Alles bewerkstelligt. Die Vikingsfrau dachte an die Wunder, die man dem weißen Christen nachsagte, die durch ihn und diejenigen geschahen, die an ihn glaubten und ihm folgten. Die wechselnden Gedanken gestalteten sich in Traumleben, es schien ihr, als säße sie noch wach auf ihrem Lager und draußen herrschte die Finsterniß. Der Sturm nähere sich, sie höre das Meer brausen und rollen im Osten und Westen, wie der Nordsee und des Kattegatts Fluthen; die ungeheure Schlange, welche die Erde in der Meerestiefe umspannte, zitterte in krampfhaften Zuckungen; es sei die Nacht des Unterganges der Götter, Ragnarok, wie die Heiden den jüngsten Tag nannten, da Alles vergehen solle, selbst die hohen Götter. Das Kriegshorn ertönte, und über den Regenbogen dahin ritten die Götter, in Stahl gekleidet, um den letzten Kampf zu kämpfen; ihnen voran flogen die beflügelten Valkyren, und die Reihe schlossen die der Gestalten der todten Kämpen, die ganze Luft umstrahlte sie mit Nordlichtflammen, aber die Finsternis; blieb siegend. Es war eine entsetzliche Stunde. Dicht neben der geängstigten Vikingsfrau saß auf dem Fußboden Helga in der häßlichen Gestalt des Frosches, sie zitterte und schmiegte sich an die Pflegemutter, welche sie auf den Schoos nahm und in Liebe an sich drückte, wie häßlich auch die Froschgestalt war. Die Luft hallte wieder von Schwert und Keulenschlägen, von zischenden Pfeilen, als streiche ein Unwetter mit Hagel über sie dahin. Die Stunde war da, wo Himmel und Erde zerplatzen, die Sterne fallen, Alles zu Grunde gehen würde in Surtus Feuermeere; allein sie wußte, daß eine neue Erde und ein neuer Himmel kommen, daß die Getreideäcker dort wallen und wogen würden, wo jetzt das Meer dahinrollt über den öden Seegrund, der unnennbare Gott herrschen würde – und zu ihm, zu Gott hinauf stieg Baldur, der milde, liebevolle, aus dem Reiche der Todten Erlöste, – er kam – die Vikingsfrau sah ihn, sie erkannte sein Antlitz – es war der gefangene Christenpriester. »Weißer Christ!« rief sie laut, und bei dem Ausrufe drückte sie einen Kuß auf die Stirn des häßlichen Froschkindes; da fiel die Froschhülle und Helga stand vor ihr in ihrer ganzen Schönheit; lieblich und mild wie noch nie und mit strahlendem Auge; sie küßte der Pflegemutter die Hände, segnete sie für alle Pflege und Liebe während der Tage der Prüfung und des Drangsals, für die Gedanken, die sie ihr eingeflüstert und in ihr geweckt, für die Nennung des Namens, den sie wiederholte: Weißer Christ! – und Schön-Helga erhob sich; ein mächtiger Schwan, die Flügel breiteten sich weit mit Brausen, wie wenn die Schaaren der Zugvögel davonziehen. Die Vikingsfrau erwachte dabei, und draußen tönte noch derselbe starke Flügelschlag durch die Luft – sie wußte, es sei an der Zeit, wo die Störche ziehen, es müssen diese sein, deren Flug sie höre. Noch einmal wollte sie diese sehen und ihnen Lebewohl bei der Abreise sagen! Sie erhob sich vom Lager, trat auf den Söller, und nun erblickte sie auf dem Dachrücken des Seitenflügels und überall Storch an Storch, und rings um die Burg, über die hohen Bäume dahin, flogen die Schaaren in großen Kreisen, aber ihr und dem Söller gegenüber, am Brunnen, wo Helga so oft gesessen und sie durch ihre Wildheit geängstigt hatte, saßen zwei Schwäne und schauten sie mit klugen Augen an. Sie erinnerte sich an ihren Traum, derselbe erfüllte sie noch, als sei es Wirklichkeit, sie dachte an Helga in Schwanengestalt, dachte an den Christenpriester, und fühlte sich plötzlich recht frohen Herzens. Die Schwäne schlugen mit den Flügeln, bogen die Hälse, als wollten auch sie einen Gruß entsenden, und die Vikingsfrau breitete ihre Arme gegen sie aus, als empfände sie dieses Alles, lächelte durch Thränen und war in tiefe Gedanken versunken. Da erhoben sich mit Flügelgebrause und Schnabelgeklapper alle Störche für die Reise nach dem Süden. »Wir warten nicht auf die Schwäne,« sagte Storchmama; »wollen sie mit, so mögen sie kommen! Wir können nicht hier sitzen, bis die Brachvögel reisen! Es ist doch was Schönes dabei, so familienweise zu reisen, nicht wie die Finken und Rebhühner, wo die Hähne für sich und die Hühner für sich fliegen, das ist, aufrichtig gesprochen, nicht anständig! und was machen die Schwäne dort für einen Flügelschlag?« »Nun, Jeder fliegt in seiner Weise!« sagte Storchpapa, »die Schwäne nehmen es schräge, die Kraniche im Dreieck und die Brachvögel in Schlangenlinie.« »Rede nicht von Schlangen, wenn wir hier oben fliegen!« sagte Storchmama, »das giebt den Jungen Gelüste, die nicht befriedigt werden können.«     »Sind das die hohen Berge, von denen ich reden hörte?« fragte Helga im Schwanengefieder. »Das sind Gewitterwolken, die unter uns treiben,« antwortete die Mutter. »Was sind das für weiße Wolken, die sich so hoch erheben?« fragte Helga. »Das sind die ewig schneebedeckten Berge, die Du dort siehst!« sagte die Mutter, und sie flogen über die Alpen dem blauen Mittelmeer zu.     »Afrika's Land! Egypten's Strand!« jubelte in Schwanengestalt die Tochter des Nils, indem sie, hoch von der Luft aus, ihre Heimath als einen weißgelben, wellenförmigen Streifen erblickte. Und die Vögel alle erblickten denselben und beeilten ihren Flug. »Ich wittere Nilschlamm und nasse Frösche!« sagte Storchmama, »es kribbelt mir im Magen; – ja jetzt werdet Ihr kosten! und Ihr werdet schauen Marabu, Ibis und Kraniche; sie gehören alle zur Familie; allein sie sind bei weitem nicht so schön wie wir; sie thun sehr vornehm, namentlich Ibis; er ist nur von den Egyptern verwöhnt, sie machen ihn zur Mumie, stopfen ihn mit Kräutern; ich will lieber mit lebendigen Fröschen gestopft sein, das wollt Ihr auch, und das sollt Ihr auch werden! Besser etwas im Magen, während man lebt, als zum Staat dienen, wenn man todt ist! Das ist meine Meinung, und die ist immer die richtige!« »Jetzt sind die Störche gekommen,« sagte man in dem reichen Hause am Ufer des Nils, wo der königliche Herr in der offenen Halle auf weichem Polster lag, unter einem Leopardenfelle, nicht lebendig, auch nicht todt, hoffend und harrend der Lotusblume aus dem tiefen Moorgrunde im hohen Norden. Verwandte und Diener umstanden sein Lager. In die Halle hinein flogen zwei prächtige Schwäne; sie waren mit den Störchen gekommen; sie warfen das blendend weiße Gefieder ab, und zwei reizende Frauengestalten standen da, einander ähnlich, wie zwei Thautropfen. Sie beugten sich über den blassen, alten, siechen Mann, warfen ihr langes Haar zurück, und indem Schön-Helga sich über den Großvater beugte, rötheten sich seine Wangen, seine Augen flammten auf und seine starren Glieder bekamen Leben. Der Alte erhob sich gesund und verjüngt: Tochter und Enkelin umfingen ihn als zum Morgengruße in Freude nach einem langen schweren Traume.     Freude herrschte im ganzen Hause und auch im Storchneste, in diesem freilich zumeist über das gute Futter: die vielen Frösche, die gleichsam schaarenweise aus der Erde wuchsen; und während die Gelehrten eiligst in flüchtigen Zügen die Geschichte von den beiden Prinzessinnen und von der Gesundheitsblume als ein wichtiges Ereigniß und einen Segen für das Haus und das Land aufzeichneten, erzählte das Storchpaar sie seiner Familie in seiner Weise, doch erst, nachdem Alle gesättiget waren, denn sonst hatten sie Anderes zu thun, als Geschichten anzuhören. »Jetzt wirst Du endlich Etwas werden!« flüsterte Storchmama, »das kann nicht anders sein.« »Was sollte ich denn wohl werden?« sagte Storchpapa, »was habe ich denn gethan? Gar nichts!« »Du hast mehr als die Andern gethan! Ohne Dich und die Jungen hätten die beiden Prinzessinnen Egypten nie wieder gesehen und nie die Genesung des Alten bewerkstelligt. Du wirst zu Etwas! Man wird Dir gewiß den Doctorhut verleihen, und unsere Jungen werden später mit demselben geboren werden, und ihre Jungen wieder u. s. w.! Du siehst auch schon aus wie ein egyptischer Doctor – in meinen Augen!« Die Gelehrten und Weisen entwickelten den Grundgedanken, wie sie ihn nannten, der sich durch das ganze Ereigniß zog: »Liebe gebiert Leben!« Diesen Satz legten sie in verschiedener Weise aus. Der heiße Sonnenstrahl war die Prinzessin Egyptens, diese steige hinab zu dem Schlammkönige, und aus dieser Umarmung entspringe die Blume. – »Ich vermag nicht so ganz genau die Worte zu wiederholen,« sagte Storchpapa, der vom Dache herab gelauscht hatte, und nun Das, was er gehört, den Seinen wieder erzählen sollte. »Was sie sagten, war so verwickelt, es war so klug und ausgeklügelt, daß ihnen sofort Rang und Geschenke verliehen wurden, selbst der Mundkoch erhielt ein großes Zeichen der Auszeichnung – wahrscheinlich für die Suppe!« »Und was bekamst denn Du?« fragte Storchmama. »Sie sollten doch nicht den Wichtigsten vergessen, und der bist Du jedenfalls! Die Gelehrten haben bei der ganzen Geschichte weiter nichts gethan, als ihr Mundwerk gebraucht; doch das Deinige wird Dir wohl werden!« In später Nacht, als des Schlafes milder Frieden auf dem neuen glücklichen Hause ruhte, wachte doch Jemand – nicht Storchpapa, ungeachtet er auf einem Beine stand und Schildwache schlief, sondern Helga wachte. Sie beugte sich hinaus über den Altan und schaute in die klare Luft, blickte die großen leuchtenden Sterne an, größer und reiner an Glanz, als sie sie im Norden gesehen hatte, und doch dieselben. Sie dachte an die Vikingsfrau in der wilden Moorgegend, an die milden Augen der Pflegemutter und die Thränen, die sie über das arme Froschkind geweint hatte, das jetzt in Glanz und Sternenpracht an den Gewässern des Nils in herrlicher Frühlingsluft lebte. Sie gedachte der Liebe, die im Busen des heidnischen Weibes wohne, der Liebe, die einem elenden Geschöpfe, in Menschengestalt ein böses Thier, in Thiergestalt ekelerregend, erzeugt worden. Sie schaute die leuchtenden Sterne an und gedachte des Glanzes, der von der Stirn des Todten ausging, als sie mit ihm durch Wald und über Moor dahinflog, es klangen Töne in ihrer Erinnerung, Worte, die sie hatte aussprechen hören, als sie dahinritten und sie staunend und zitternd durch die Lüfte getragen ward, Worte von dem großen Urquell der Liebe, der höchsten Liebe, die alle Geschlechter umfaßt. Ja, was war nicht gegeben, gewonnen, erreicht! Schön-Helga vertiefte sich bei Tag, bei Nacht in die große Summe ihres Glücks, und stand im Anschauen derselben verloren, gleich dem Kinde, das sich eiligst vom Geber ab dem Gegebenen, all' den herrlichen Gaben zuwendet; sie ging gleichsam auf in die sich immer steigernde Glückseligkeit, die kommen könnte, kommen würde. War sie doch durch Wunder zu immer höherer Freude und höherem Glücke getragen, und in diesen Gedanken verlor sie sich eines Tages dergestalt, daß sie nicht mehr an den Geber dachte. Es war die Ueberschwänglichkeit des Jugendmuths, die ihre Flügel in keckem Schwunge entfaltete! Ihre Augen leuchteten dabei, allein plötzlich riß sie ein lauter Lärm unten im Hofe aus dem kecken Gedankenschwunge. Dort erblickte sie zwei große Strauße in engen Kreisen sehr schnell umherlaufen; sie hatte dieses Thier früher nie gesehen, – ein großer Vogel, plump und schwerfällig! die Flügel sahen aus, als seien sie gestutzt, der Vogel selbst als wenn ihm Gewalt angethan wäre, und sie fragte, was mit dem Thiere geschehen sei; und vernahm nun zum ersten Male die Sage, welche die Egypter vom Vogel Strauß erzählen. Einst sei das Geschlecht der Strauße schön und herrlich gewesen, die Flügel groß und stark; da sagten eines Abends die großen Vögel des Waldes zum Strauß: »Bruder, wollen wir morgen, so Gott will, nach dem Flusse fliegen und trinken?« Und der Strauß antwortete; »ich will es!« Mit Tagesanbruch flogen sie von dannen, erst richteten sie ihren Flug in die Höhe, hoch hinauf nach der Sonne, nach dem Auge Gottes, immer höher und höher, der Strauß allen den andern Vögeln weit voran; der Strauß flog stolz gegen das Licht empor, er trotzte auf seine Kraft und gedachte nicht des Gebers, er sagte nicht: »so Gott will!« Da zog der strafende Engel den Schleier von dem Flammenmeere der Sonne hinweg und im Nu versengten die Flügel des Vogels, derselbe sank elend zur Erde. Der Strauß und sein Geschlecht vermag nimmermehr sich wieder zu erheben; er flieht schreckerregt, stürmt in Kreisen umher in dem engen Raume. Eine Warnung ist diese Sage für uns Menschen, daß wir bei unserem Denken und Trachten, bei jeder Handlung sprechen und sagen: »so Gott will!« Und Helga beugte gedankenvoll und sinnend den Kopf, schaute den kreisenden Strauß an, dessen Angst, dessen einfältige Freude beim Anblicke seines eigenen, großen Schattens an der weißen, sonnebestrahlten Mauer. Und der Ernst schlug seine tiefe Wurzel in Gemüth und Gedanke. Ein gar reiches Leben an gegenwärtigem und zukünftigem Glücke war gegeben, war gewonnen, – was würde wohl noch geschehen, noch kommen. – Das Beste! – »So Gott will!«     Im frühen Lenz, als die Störche wieder nach dem Norden zogen, streifte Schön-Helga ihr goldenes Armband ab, ritzte ihren Namen in dasselbe, winkte Storchpapa, legte ihm den goldenen Reif um den Hals und bat ihn, denselben der Vikingsfrau zu überbringen; diese würde alsdann wohl daraus entnehmen, daß die Pflegetochter lebe, glücklich sei und ihrer gedenke. »Das ist schwer zu tragen!« dachte Storchpapa, als er es um den Hals hatte; »allein Gold und Ehre sind nicht auf die Heerstraße zu werfen! Der Storch bringt Glück, das werden sie dort oben schon eingestehen müssen!« »Du legst Gold und ich lege Eier!« sprach Storchmama: »allein Du legst nur ein Mal, ich lege alle Jahre! – doch Anerkennung wird Keinem von uns! Das kränkt Einen!« »Man hat das gute Bewußtsein, Mütterchen!« sprach Storchpapa. »Das kannst Du nicht umhängen!« sagte Storchmama, »das giebt so wenig guten Wind, als es eine Mahlzeit giebt!« Die kleine Nachtigall, die in dem Tamarindengebüsche sang, wird auch bald gen Norden ziehen; Schön-Helga hatte sie oft dort oben an dem Wildmoore singen hören, jetzt wollte sie ihr eine Botschaft mitgeben, sie verstand, seitdem sie im Schwanengefieder geflogen, die Sprache der Vögel, sie hatte dieselbe oft und wiederholt mit Storch und Schwalbe gesprochen die Nachtigall würde sie verstehen, Sie bat die Nachtigall, nach dem Buchenwalde auf der jütschen Halbinsel zu fliegen, woselbst der Grabhügel von Gestein und Gezweig aufgeworfen war, sie bat sie, alle kleinen Vögel zu bewegen, daß sie ihre Nester um die Grabstätte bauten und immer wieder und wieder ihre Lieder über das Grab ertönen ließen. Und die Nachtigall flog dahin – und die Zeit flog dahin!     Der Adler stand im Herbste auf der Pyramide und sah einen stattlichen Zug herannahen von reichbeladenen Kameelen, von reich gekleideten, bewaffneten Männern auf schnaubenden arabischen Rossen, glänzend weiß wie Silber mit rothen, zitternden Nüstern, mit großen, dicken Mähnen, die fast über die seinen Beine herabhingen. Reiche Gäste, ein königlicher Prinz aus Arabien, schön, wie ein Prinz sein soll, zog in das stolze Haus ein, auf dessen Dache jetzt das Storchnest leer stand; die, welche das Nest bewohnten, waren jetzt im hohen Norden, doch würden sie bald heimkehren. – Und gerade an dem Tage kehrten sie zurück, der so reich an Freude und Lust war. Hier wurde eine Hochzeit gefeiert, und Schön-Helga war die Braut, strahlend in Seide und Juwelen; der Bräutigam war der junge Prinz aus Arabien; Braut und Bräutigam saßen am obersten Ende der Tafel zwischen der Mutter und dem Großvater. Allein sie blickte nicht den Bräutigam an mit den braunen männlichen Wangen, um welche ein schwarzer Bart sich kräuselte, sie schaute nicht in seine feurigen dunkeln Augen, die an ihr hingen, sondern hinaus in den blinkenden Stern, der vom Himmel herabstrahlte. Da brauste es mit starken Flügelschlägen in der Luft, die Störche kehrten heim, und das alte Storchpaar, wie ermüdet es auch von der Reise und der Ruhe bedürftig war, flog doch sogleich auf das Geländer der Veranda hinab, sie wußten schon, welches Fest begangen wurde. Sie hatten schon an der Landesgrenze vernommen, daß Helga sie an der Mauer hatte abbilden lassen, – gehörten sie doch auch zu ihrer Geschichte. »Das ist sehr hübsch und sinnig,« sagte Storchpapa. »Das ist sehr wenig!« sprach Storchmama, »weniger konnte es doch nicht sein!« Als Helga sie erblickte, erhob sie sich und trat auf die Veranda, um ihr den Rücken zu streicheln. Das alte Storchpaar wiegte die Köpfe und neigte die Hälse, und die jüngsten Jungen fühlten sich sehr geehrt bei dem Empfange. Helga schaute hinauf zu dem leuchtenden Sterne, der immer klarer strahlte, und zwischen diesem und ihr bewegte sich eine Gestalt, reiner noch als die Luft, und dadurch sichtbar; sie schwebte ihr ganz nahe, es war der verstorbene christliche Priester; auch er kam zu ihrem Hochzeitsfeste, kam aus dem Himmelreiche. »Der Glanz und die Herrlichkeit dort überstrahlt Alles, was die Erde kennt« sprach er. Und Schön-Helga bat so weich, so innig, wie sie noch nie gebeten hatte, daß sie nur eine einzige Minute dort hinein schauen dürfe, nur einen einzigen Blick in das Himmelreich zum Allvater hinein senden dürfe. Der Priester trug sie in Glanz und Herrlichkeit, in einem wogenden Meere von Tönen und Gedanken hinauf; nicht nur um sie, sondern auch in ihr leuchtete und klang es, Worte vermögen es nicht auszusprechen. »Jetzt müssen wir zurückgehen, Du wirst vermißt!« sprach er. »Nur noch einen Blick!« bat sie, »nur eine einzige, kurze Minute!« »Wir müssen zur Erde hinab, die Gäste werden sich alle entfernen!« »Nur noch einen Blick! den letzten –!« Und Helga stand wieder in der Veranda – aber die Hochzeitsflammen draußen waren verschwunden, die Lichter alle im Festsaale erloschen, die Störche fort, nirgends ein Gast zu erblicken, kein Bräutigam, Alles in den kurzen Minuten wie zerstoben. Da überkam sie eine Angst: sie schritt durch die leere große Halle in die nächste Kammer; dort schliefen fremde Krieger; sie öffnete eine Seitenthür, die in ihre eigene Kammer führte, und indem sie wähnte, dort hineinzutreten, befand sie sich plötzlich im Garten – so sah es doch früher hier nicht aus, der Himmel leuchtete roth, es war Morgendämmerung. Drei Minuten nur im Himmel, und eine ganze Erdennacht war verstrichen! Da erblickte sie die Störche, sie rief diesen zu, redete ihre Sprache, und Storchpapa wendete den Kopf nach ihr, lauschte und näherte sich. »Du sprichst unsere Sprache!« sagte er, »was willst Du? Weshalb erscheinst Du hier, – ein fremdes Weib?« »Ich bin es ja, bin Helga! kennst Du mich nicht? Vor drei Minuten sprachen wir zusammen, dort in der Veranda.« »Das ist ein Irrthum!« sagte der Storch, »das hast Du Alles geträumt.« »Nein, nein,« sprach sie und erinnerte ihn an die Vikingsburg und das große Meer, an die Reise hierher –! Da blinzelte Storchpapa mit den Augen: »Das ist ja eine alte Geschichte, die ich aus der Zeit meines Urgroßvaters gehört habe! Allerdings war hier in Egypten eine solche Prinzessin aus dem dänischen Lande, aber sie verschwand am Abende ihres Hochzeittages vor vielen hundert Jahren und kehrte nie wieder! – Du kannst es selbst lesen dort auf dem Monumente im Garten, dort sind Schwäne und Störche eingehauen, und oben stehst Du selbst in weißem Marmor!« So war es. Helga sah es, verstand es und sank in die Knie. Die Sonne brach strahlend hervor, und wie ehedem bei ihren Strahlen die Froschhülle verschwand und die herrliche Gestalt zum Vorschein kam, so erhob sich nun bei der Lichttaufe eine Schönheitsgestalt klarer, reiner als die Luft, ein Lichtstrahl – zu dem Vater hinauf. Der Körper zerfiel in Staub: eine welke Lotusblume lag dort, wo Helga gestanden hatte. »Nun, das war ein neuer Schluß der Geschichte!« sagte Storchpapa »den hatte ich freilich nicht erwartet! Aber er gefällt mir gut!« »Was wohl die Jungen dazu sagen werden?« versetzte Storchmama. »Ja, das ist freilich das Wichtigste!« sagte Storchpapa. Vogel Phönix. Im Garten des Paradieses, unter dem Baume der Erkenntnis; blühte ein Rosenstrauch. Hier in der ersten Rose wurde ein Vogel geboren; sein Flug war wie des Lichtes Strahlen, seine Farbe herrlich, bezaubernd sein Gesang! Aber als Eva die Frucht der Erkenntniß brach, als sie und Adam aus dem Paradiese verjagt wurden, da fiel vom Flammenschwerte des strafenden Cherubs ein Funken in des Vogels Nest und zündete. Der Vogel kam in den Flammen um, aber aus dem rothen Ei schwang sich ein neuer, der einzige, der immer einzige Vogel Phönix empor. Die Sage berichtet, daß er in Arabien nistet, wo er sich selbst alle hundert Jahre in seinem Neste den Flammentod giebt, doch stiegt ein neuer Phönix, der einzige der Welt, aus dem rothen Ei hervor. Uns umflattert der Vogel, schnell wie das Licht, herrlich an Farbe, bezaubernd im Gesange. Wenn die Mutter an der Wiege ihres Kindes sitzt, ruht er am Kopfkissen und schlägt mit seinen Flügeln eine Glorie um des Kindes Haupt. Er durchfliegt die Kammer der Genügsamkeit, und es ist Sonnenglanz darin; auf dem ärmlichen Schranke duften die Veilchen. Doch Vogel Phönix ist nicht allein Arabiens Vogel; er flattert im Nordlichtschimmer über Lapplands Eisfelder, er hüpft zwischen den gelben Blumen in Grönlands kurzem Sommer. Unter Faluns Kupferfelsen, in Englands Kohlengruben fliegt er, eine staubige Motte, über das Gesangbuch dahin, das in den Händen des frommen Arbeiters ruht. Auf dem Lotusblatte gleitet er an des Ganges heiligen Gewässern hinab, und das Auge des Hindumädchens leuchtet bei seinem Anblick. Vogel Phönix! – kennst Du ihn nicht? Des Paradieses Vogel, den heiligen Schwan des Gesanges! Auf der Thespiskarre saß er als ein plaudernder Rabe und schlug mit den schwarzen, mit Hefen bestrichenen Flügeln; über Islands tönende Harfe strich der rothe Schnabel des Schwanes; auf Shakespeare's Schulter saß er als Odin's Rabe und flüsterte ihm ins Ohr: Unsterblichkeit! Er flatterte durch Wartburgs Rittersaal am Sängerfeste. »Vogel Phönix!« – Kennst Du ihn nicht? Er sang Dir die Marseillaise, und Du küßtest die Feder, die seinem Flügel entfiel; er kam in Paradieses Glanze, und Du wandtest Dich vielleicht ab, dem Sperlinge zu, der dasaß mit Goldschaum an den Flügeln. Der Vogel des Paradieses! – Jedes Jahrhundert, verjüngt, geboren in Flammen, gestorben in Flammen. Dein Bild, in Gold gefaßt, hängt in den Hallen der Reichen; selbst fliegst du oft irrend und einsam umher – eine Sage nur: »Vogel Phönix in Arabien.« – Im Paradiese, als Du geboren wurdest unter dem Baume der Erkenntniß in der ersten Rose, küßte Dich der Herr und gab Dir Deinen rechten Namen: Poesie! Der Marionettenspieler. Am Bord des Dampfschiffes befand sich ein ältlicher Mann mit einem so vergnügten Gesicht, daß, wenn es ihn nicht Lügen strafte, er der glücklichste Mensch von der Welt sein mußte. Das sei er auch, sagte er, und ich selbst hörte es aus seinem eigenen Munde. »Er war ein Däne, ein reisender Theaterdirektor. Er hatte das ganze Personal mit, es lag in einem großen Kasten; er war Marionettenspieler. Sein angeborener guter Humor, sagte er, sei von einem polytechnischen Kandidaten geläutert, und bei diesem Experimente sei er vollständig glücklich geworden. Ich begriff dies Alles nicht sogleich, aber dann setzte er mir die ganze Geschichte klar auseinander, und hier ist sie: Es war im Städtchen Slagelse – sagte er –; ich gab eine Vorstellung im Saale der Posthalterei, hatte brillantes Publicum, ganz und gar unconfirmirtes, mit Ausnahme von einem Paare alter Matronen; auf einmal kommt so eine schwarz gekleidete Person vom Studentenschlage in den Saal, setzt sich, lacht laut an den passendsten Stellen, klatscht ganz und gar richtig; das war ein ungewöhnlicher Zuschauer! Ich mußte wissen, wer der sei, und ich erfuhr dann, es sei ein Kandidat des polytechnischen Institutes zu Kopenhagen, der ausgesandt wäre, um die Leute in den Provinzen zu belehren. Punkt acht Uhr war meine Vorstellung aus, Kinder müssen ja früh zu Bette, und man muß an die Bequemlichkeit des Publikums denken. Um neun Uhr begann der Candidat seine Vorlesungen und Experimente, und nun war ich sein Zuhörer. Das war merkwürdig zu hören und zu sehen. Das Meiste ging mir über meinen Horizont, aber so viel dachte ich mir doch dabei, können wir Menschen so was ausfindig machen, so müssen wir auch länger aushalten können, als bis man uns in die Erde verscharrt. Es waren lauter kleine Mirakel, die er machte, und doch Alles wie Wasser, ganz natürlich! Um die Zeit Moses und der Propheten wäre ein solcher polytechnischer Candidat einer der Weisen des Landes geworden; im Mittelalter hätte man ihn auf den Scheiterhaufen gebracht. Ich schlief die ganze Nacht nicht; und als ich am andern Abend Vorstellung gab und der Candidat sich wiederum einfand, sprudelte mein Humor. Ich habe von einem Schauspieler gehört, daß er in Liebhaberrollen immer nur an eine einzige der Zuschauerinnen dachte; für sie spielte er und vergaß das ganze übrige Haus; der polytechnische Candidat war meine »sie«, mein einziger Zuschauer, für den ich allein spielte. Als die Vorstellung zu Ende war, wurden sämmtliche Marionetten hervorgerufen, und ich von dem polytechnischen Canditaten auf sein Zimmer auf ein Glas Wein eingeladen; er sprach von meinen Komödien und ich von seiner Wissenschaft, und ich glaube, wir fanden gleich große Freude daran. Aber ich bereue das Wort, denn in seinem Kram war nun einmal Vieles, worüber er nicht allemal Wort und Rede stehen konnte: z. B. das Ding, daß ein Stück Eisen, das durch einen Spiral fällt, magnetisch wird, ja! was ist das?! – Der Geist kommt über dasselbe, aber woher kommt er; es ist damit wie mit den Menschen dieser Welt, denk' ich: Unser lieber Herrgott läßt sie durch den Spiral der Zeit purzeln, und der Geist kommt über sie, und so steht da ein Napoleon, ein Luther, oder irgend eine ähnliche Person! »»Die ganze Welt ist eine Reihe von Wunderwerken,«« sagte der Candidat, »»aber wir sind so an dieselben gewöhnt, daß wir sie Alltagsgeschichten nennen.«« – Er sprach und erklärte; es war mir zuletzt, als hebe man mir den Hirnschädel in die Höhe, und ich gestand ehrlich, daß wenn ich nicht schon so ein alter Knabe wäre, so würde ich sofort die polytechnische Anstalt beziehen und lernen, die Welt so recht in den Nähten nachzusehen, – ungeachtet ich einer der glücklichsten Menschen bin! »»Einer der glücklichsten,«« – sagte er, und es war mir, als kostete er davon. »»Sind Sie glücklich?«« – »Ja!« sagte ich, »glücklich bin ich, und willkommen heißt man mich in allen Städten, wo ich mit meiner Gesellschaft eintreffe! Zwar – ich habe allerdings einen Wunsch, derselbe liegt nicht selten wie Blei, wie ein Alp, auf meinem guten Humor: ich möchte Theaterdirektor einer lebendigen Truppe, einer richtigen Menschengesellschaft sein.« »»Sie wünschen ihren Marionetten Leben eingehaucht, daß sie wirkliche Schauspieler – und Sie selbst Director würden!«« – sagte er. »»Dann würden Sie vollkommen glücklich sein? Glauben Sie?«« – Er glaubte es nicht, und wir sprachen hin und her, in die Kreuz und Quer und blieben doch gleich weit aus einander; doch mit den Gläsern stießen wir an, und der Wein war excellent, aber Zauberei war dabei, sonst würde ich bestimmt einen Rausch bekommen haben. Aber das war nicht der Fall, ich blieb klarsehend, in der Stube war Sonnenschein, und Sonnenschein strahlte aus den Augen des polytechnischen Candidaten; ich mußte an die alten Götter in ihrer ewigen Jugend denken, als sie noch auf der Erde umherspazierten und uns Menschen Besuche machten; und das sagte ich ihm auch, dann lächelte er, und ich hätte darauf schwören dürfen, er sei ein verkappter Gott, oder doch wenigstens aus der Familie! – das war er auch: Mein höchster Wunsch sollte in Erfüllung gehen, die Marionetten lebendig und ich Direktor einer Menschentruppe werden. Wir stießen darauf an und leerten die Gläser! Er packte alle meine Puppen in den Kasten, band ihn auf den Rücken, und dann ließ er mich durch einen Spiral fallen; – ich höre noch, wie ich purzelte, ich lag auf dem Fußboden, das weiß ich gewiß, und die ganze Gesellschaft sprang aus dem Kasten heraus, – der Geist war über uns Alle insgesammt gekommen, alle Marionetten waren ausgezeichnete Künstler geworden, das sagten sie selbst, und ich war Direktor! Alles war zur ersten Vorstellung bereit, die ganze Gesellschaft wollte mit mir reden, und das Publicum auch; die Tänzerin sagte, das Haus müsse fallen, wenn ich nicht auf einem Beine stände, sie sei die Meisterin des Ganzen, und bäte sich aus, darnach behandelt zu werden; Diejenige, welche die Königin spielte, wollte auch außerhalb der Scene als Königin behandelt sein – sie käme sonst aus der Uebung; Der, welcher nur dazu gebraucht wurde, einen Brief abzugeben, machte sich ebenso wichtig wie der erste Liebhaber, denn die Kleinen seien wie die Großen, sie seien von gleicher Wichtigkeit in einem künstlerischen Ganzen, sagte er; der Held wollte nur Rollen aus lauter Abgangs-Repliken bestehend, denn dabei werde geklatscht; die Primadonna wollte nur in rothem Lichte spielen, denn das stünde ihr, blaues leide sie nicht: – es war wie Fliegen in einer Flasche, und ich war mitten in der Flasche, ich war Direktor! Der Athem verließ mich, der Kopf verließ mich: ich war so elend, wie ein Mensch es werden kann; es war ein neues Menschengeschlecht, unter welches ich gerathen, ich wünschte nur, ich hätte sie alle wieder in dem Kasten, daß ich niemals Direktor geworden; ich sagte ihnen rund heraus, sie seien doch im Grunde Marionetten; dann schlugen sie mich todt. Ich lag auf dem Bette in meinem Zimmer, wie ich dorthin und überhaupt vom polytechnischen Candidaten weggekommen bin, das muß er wissen, ich weiß es nicht. Der Mond schien auf den Fußboden herein, wo der Puppenkasten umgeworfen und alle Puppen bunt durch einander lagen – Groß und Klein, die ganze Geschichte; aber ich war nicht faul: aus dem Bette fuhr ich heraus, in den Kasten kamen sie alle insgesammt, einige auf den Kopf, andere auf die Beine, ich warf den Deckel zu und setzte mich selbst oben auf den Kasten. »Jetzt werdet ihr schon drinnen bleiben!« sagte ich, »und ich werde mich hüten, euch wieder Blut und Fleisch zu wünschen.« Mir war ganz leicht geworden, meinen Humor hatte ich wieder, ich war der glücklichste Mensch; der polytechnische Candidat hatte mich förmlich geläutert. Ich saß in lauter Glückseligkeit und schlief auf dem Kasten ein. An nächsten Morgen – eigentlich war es Mittag, aber ich schlief diesen Morgen wunderbar lange – saß ich noch immer da, glücklich und belehrt, daß mein früherer einziger Wunsch dumm gewesen. Ich fragte nach dem polytechnischen Candidaten, aber er war fort, wie die griechischen und römischen Götter. Von der Zeit an bin ich der glücklichste Mensch gewesen. Ich bin ein glücklicher Direktor, mein Personal raisonnirt nicht, mein Publicum auch nicht, es ist herzensvergnügt. Meine Stücke kann ich zusammenflicken wie ich will; ich nehme aus allen Komödien das Beste heraus, das mir ansteht, und Niemand ärgert sich darüber. Stücke, die jetzt bei den großen Bühnen verachtet sind, nach welchen aber das Publicum vor dreißig Jahren wie besessen lief, und wobei es heulte, daß ihm die Thränen über's Gesicht rollten, deren nehme ich mich jetzt an; jetzt setze ich sie den Kleinen vor, und die Kleinen, die weinen wie Papa und Mama geweint haben; ich verkürze sie aber, denn die Kleinen lieben das lange Liebesgewäsch nicht, sie wollen: »Unglücklich, aber rasch!« Das Kind im Grabe. Trauer erfüllte das Haus, Trauer die Herzen; das jüngste Kind, ein Knabe von vier Jahren, die Freude und Hoffnung der Eltern, war gestorben. Es blieben ihnen zwar noch zwei Töchter, von denen die älteste eben confirmirt werden sollte, brave, herrliche Mädchen; aber das Kind, das man verloren hat, ist immer doch das liebste, und hier war es das jüngste und ein Sohn. Es war eine schwere Prüfung. Die Schwestern trauerten, wie es junge Herzen thun, und waren namentlich bei dem Schmerze der Eltern ergriffen, der Vater war tief gebeugt, die Mutter aber von dem großen Kummer überwältigt. Tag und Nacht war sie um das kranke Kind gewesen, hatte es gepflegt, gehoben, getragen; sie hatte gefühlt wie es ein großer Theil ihrer selbst war. Sie konnte es nicht fassen, daß das Kind todt sei, daß es in den Sarg gelegt werden und im Grabe ruhen solle: Gott könne ihr das Kind nicht nehmen, hatte sie gemeint, und als es doch so geschah, kein Zweifel mehr darüber aufkommen konnte, da sprach sie in ihrem krankhaften Schmerze: »Gott hat es nicht gewußt; er hat herzlose Diener hier auf Erden, die nach eigenem Gedanken verfahren, die die Gebete ihrer Mutter nicht beachten.« Sie ließ in ihrem Schmerze von Gott ab, und siehe, es kamen finstere Gedanken, die Gedanken des Todes, des ewigen Todes herauf, daß der Mensch Erde in der Erde, und daß damit Alles vorbei sei. Bei solchen Gedanken hatte sie aber keinen Halt, Nichts an das sie sich anklammern konnte, und sie versank in das bodenlose Nichts der Verzweiflung. In den schwersten Stunden konnte sie nicht mehr weinen; sie dachte nicht an die jungen Töchter, die sie noch besaß; die Thränen des Mannes fielen auf ihre Stirn, aber sie blickte ihn nicht an; ihre Gedanken waren bei dem todten Kinde, ihr ganzes Sinnen und Sein war nur darauf gerichtet, jede Erinnerung an den Kleinen, jedes seiner unschuldigen Kindesworte zurückzurufen. Der Tag der Beerdigung kam heran; Nächte vorher hatte die Mutter nicht geschlafen; in der Morgendämmerung dieses Tages aber schlummerte sie von Müdigkeit überwältigt ein wenig ein; unterdeß trug man den Sarg in ein abgelegenes Zimmer und dort wurde er zugenagelt, damit sie den Schlag des Hammers nicht höre. Als sie erwachte und ihr Kind sehen wollte, sagte der Mann unter Thränen: »Wir haben den Sarg geschlossen; es mußte geschehen.« »Wenn Gott hart gegen mich ist, wie sollten die Menschen dann besser sein?« rief sie unter Schluchzen und Thränen. Der Sarg wurde zu Grabe getragen; die untröstliche Mutter saß bei ihren Töchtern; sie sah die Thüre an, und sah sie doch nicht, ihre Gedanken hatten nunmehr nichts am heimathlichen Herde zu schaffen, sie gab sich dem Kummer hin, und dieser warf sie ruhelos hin und her wie die See ein Schiff ohne Ruder und Führer. So verstrich der Tag des Begräbnisses, und ähnliche Tage des dumpfen, lastenden Schmerzes folgten. Mit feuchten Augen und betrübten Blicken betrachteten die trauernden Töchter und der gebeugte Mann sie, die ihre Trostworte nicht hörte, und was vermochten sie wohl auch ihr zum Troste zu sagen? waren sie doch selber schwer gebeugt. Es war als kenne sie den Schlaf nicht mehr, und der allein wäre doch jetzt ihr bester Freund gewesen, hätte den Körper gestärkt, Frieden in die Seele gegossen; man überredete sie, das Lager zu suchen, und sie lag auch still dort, wie eine Schlafende. Eine Nacht lauschte der Mann, wie oft, ihrem Athemzuge und war des festen Glaubens, daß sie nun Ruhe und Erleichterung gefunden; er faltete betend die Hände und schlief bald selbst gesund und fest ein, merkte nicht, wie die Frau sich erhob, ihre Kleider um sich warf und sich still aus dem Hause schlich, um dorthin zu gelangen, wo ihre Gedanken bei Tag und Nacht weilten, nach dem Grabe, das ihr Kind barg. Sie schritt durch den Garten des Hauses, über die Felder, wo ein Pfad nach dem Friedhofe führte; Niemand sah sie auf ihrem Gange, – sie hätte Niemand erblickt, ihr Auge war starr nur auf das eine Ziel gerichtet. Es war eine herrliche, sternenklare Nacht; die Luft war noch mild, es war Anfang September. Sie betrat den Kirchhof und stand an dem kleinen Grabe, das gleichsam nur ein großer Strauß von duftenden Blumen war. Sie setzte sich hin und beugte ihr Haupt tief über das Grab, als hätte sie durch die feste Erdenschicht hindurch ihr Knäblein sehen können, dessen Lächeln ihr so lebhaft vorschwebte, dessen liebevoller Ausdruck der Augen, selbst auf dem Krankenlager, ja nimmer zu vergessen sei; wie sprechend war sein Blick gewesen, wenn sie sich über ihn beugte und seine zarte Hand ergriff, die er selbst nicht mehr zu erheben vermocht hatte. Wie sie an seinem Lager gesessen, so saß sie jetzt an seinem Grabe, nur daß ihre Thränen hier freien Lauf hatten; sie fielen auf das Grab. »Du möchtest zu Deinem Kinde hinab,« sprach eine Stimme ganz in ihrer Nähe; sie tönte so klar, so tief, sie klang ihr in's Herz hinein. Sie schaute empor, und neben ihr stand ein Mann, in einen schwarzen Mantel gehüllt, die Kappe tief über den Kopf gezogen; allein sie blickte hinauf und in sein Gesicht unter die Kappe hinein, es war streng, aber doch Zutrauen erweckend, seine Augen strahlten mit dem Glanze der Jugend. »Hinab zu meinem Kinde!« wiederholte sie, und eine Bitte der Verzweiflung sprach aus ihren Worten. »Getraust Du Dich, mir zu folgen?« fragte die Gestalt; – »ich bin der Tod.« Sie senkte bejahend ihr Haupt. Da war es in einem Nu, als leuchteten droben die Sterne mit dem Glanze des Vollmondes, sie sah die bunte Farbenpracht der Blumen auf dem Grabe, die Erddecke hier gab sanft und allmälig nach wie ein schwebendes Tuch, sie sank, und die Gestalt deckte sie mit dem schwarzen Mantel; es wurde Nacht, die Nacht des Todes, sie sank tiefer als je der Grabesspaten dringt, der Kirchhof lag wie ein Dach über ihrem Haupte. Der Zipfel des Mantels glitt herunter, – sie stand in einer mächtigen Halle, die sich groß und freundlich ausdehnte. Dämmerung herrschte ringsum, aber vor ihr erschien und in demselben Nu eng an ihr Herz geschmiegt lag ihr Kind, ihr zulächelnd, und zwar in einer Schönheit, wie sie es noch nie zuvor gesehen hatte. Sie stieß einen Schrei aus, doch wurde derselbe nicht hörbar; dann ganz nahe, und dann wieder weit entfernt und wieder ihr näher tönte eine herrliche, lieblich schwellende Musik; noch nie hatten solche seligstimmende Töne ihr Ohr erreicht; sie tönten jenseit des nachtschwarzen, dichten Vorhanges, welcher die Halle von dem großen Lande der Ewigkeit trennte. »Meine süße, meine Herzensmutter,« hörte sie ihr Kind sprechen. Es war die bekannte, geliebte Stimme, und Kuß folgte auf Kuß in unendlicher Glückseligkeit, und das Kind deutete auf den dunklen Vorhang. »So schön ist es doch nicht auf Erden; siehst Du, Mutter, siehst Du sie Alle? O das ist Seligkeit!« Aber die Mutter sah nichts, wohin das Kind zeigte, nichts als finstere Nacht; sie sah mit irdischen Augen, sah nicht wie das Kind, welches Gott zu sich gerufen hatte, sie hörte auch nur den Klang der Musik, die Töne, allein sie vernahm das Wort nicht, das Wort, an welches sie zu glauben hatte. »Jetzt kann ich fliegen, Mutter, fliegen mit allen den andern fröhlichen Kindern dorthin zu Gott. Ich möchte es so gerne, wenn Du aber weinst, wie Du jetzt weinst, könnte ich Dir verloren gehen, und ich möchte doch so gerne! nicht wahr, ich darf fliegen? Du wirst ja doch recht bald zu mir dorthin kommen, liebe Mutter!« »O bleibe, o bleibe!« sprach die Mutter, »nur noch einen Augenblick, nur noch ein einziges Mal möchte ich Dich ansehen, Dich küssen, Dich in meine Arme drücken.« Sie küßte und herzte das Kind. Da tönte ihr Name von oben her, wie klagend tönte er. »Was doch das sein mochte?« »Hörst Du,« sagte das Kind; »der Vater ist es, der Dich ruft!« Und wiederum nach wenigen Augenblicken wurden tiefe Seufzer laut wie von weinenden Kindern. »Es sind meine Schwestern,« sagte das Kind; »Mutter, Du hast sie doch nicht vergessen?« Und sie erinnerte sich der Zurückgebliebenen. Angst überkam sie; sie sah in den Raum hinaus, und immer schwebten Gestalten vorüber. Sie glaubte einige derselben zu erkennen, sie schwebten durch die Halle des Todes auf den dunklen Vorhang zu, dort verschwanden sie. Ob wohl ihr Mann, ihre Töchter auch vorüberschweben würden? Nein! ihr Rufen, ihre Seufzer tönten noch von dort oben her, fast hätte sie über den Todten diese ganz vergessen. »Mutter, jetzt läuten die Glocken des Himmelreichs,« sagte das Kind, »Mutter, jetzt geht die Sonne auf!« Ein überwältigendes Licht strömte auf sie ein; – das Kind war verschwunden und sie wurde in die Höhe getragen, – es wurde kalt rings um sie, sie erhob den Kopf und gewahrte, daß sie auf dem Friedhofe lag, auf dem Grabe ihres Kindes. Allein Gott war im Traume eine Stütze für ihren Fuß geworden, ein Licht für ihren Verstand; sie beugte ihr Knie und betete. »Herr, mein Gott! vergieb mir, daß ich eine ewige Seele von ihrer Flucht zurückhalten wollte, daß ich meine Pflichten vergaß gegen die Lebenden, die Du mir hier schenktest.« Bei diesen Worten war es, als fände ihr Herz Erleichterung. Da brach die Sonne hervor, ein Vöglein sang über ihr und die Kirchenglocken läuteten zum Frühgottesdienst. Alles wurde heilig um sie her, geweiht wie in ihrem Herzen. Sie kannte ihren Gott, sie kannte ihre Pflichten, und mit Sehnsucht eilte sie nach Hause, – Sie beugte sich über ihren noch schlummernden Gatten, ihr warmer, inniger Kuß weckte ihn, und Worte des Herzens und der Innigkeit flossen von Beider Lippen; und sie war stark und mild, wie es die Gattin sein kann, von ihr kam der Quell des Trostes: »Das Beste stets ist Gottes Wille.« Der Mann fragte sie: »Woher kam Dir auf einmal diese Kraft, dieser tröstende Sinn?« Und sie küßte ihn und küßte ihre Kinder. »Sie kamen mir von Gott, durch das Kind im Grabe!« Der Schmetterling. Der Schmetterling wollte eine Braut haben, und sich natürlicherweise unter den Blumen eine recht niedliche aussuchen. Zu dem Ende warf er einen musternden Blick über den ganzen Blumenflor und fand, daß jede Blume recht still und ehrsam auf ihrem Stengel saß, gerade wie es einer Jungfrau geziemt, wenn sie nicht verlobt ist; allein es waren gar viele da, und die Wahl drohte, mühsam zu werden. Diese Mühe gefiel dem Schmetterlinge nicht, deshalb flog er auf Besuch zu dem Gänseblümchen. Dieses Blümlein nennen die Franzosen »Margarethe«; sie wissen auch, daß Margarethe wahrsagen kann, und das thut sie, wenn die Liebesleute, wie es oft geschieht, ein Blättchen nach dem andern von ihr abpflücken, während sie an jedes eine Frage über den Geliebten stellen: »Von Herzen? – Mit Schmerzen? – Liebt mich sehr? – Ein klein wenig? – Ganz und gar nicht?« und dergleichen mehr. Jeder fragt in seiner Sprache. Der Schmetterling kam auch zu Margarethe, um zu fragen; er zupfte ihr aber nicht die Blätter aus, sondern er drückte jedem Blatte einen Kuß auf, denn er meinte, man käme mit Güte besser fort. »Beste Margarethe Gänseblümlein!« sprach er zu ihr, »Sie sind die klügste Frau unter den Blumen, Sie können wahrsagen, – bitte, bitte, mir zu sagen, bekomme ich Die oder Die? welche wird meine Braut sein? – Wenn ich Das weiß, werde ich geraden Weges zu ihr hinfliegen und um sie anhalten.« Allein Margarethe antwortete ihm nicht, sie ärgerte sich, daß er sie »Frau« genannt habe, da sie doch noch eine Jungfrau sei – das ist ein Unterschied! Er fragte zum zweiten und dritten Male; als sie aber stumm blieb und ihm kein einziges Wort entgegnete, so mochte er zuletzt auch nicht länger fragen, sondern flog davon und zwar direct auf die Brautwerbung. Es war in den ersten Tagen des Frühjahrs, ringsum blühten Schneeglöckchen und Crocus, »Die sind sehr niedlich,« dachte der Schmetterling, »allerliebste kleine Confirmanden, aber ein wenig zu sehr »Backfisch!« – Er, wie alle junge Burschen, spähte nach älteren Mädchen aus. Darauf flog er auf die Anemonen zu; diese waren ihm ein wenig zu bitter; die Veilchen ein wenig zu schwärmerisch; die Lindenblüthen zu klein und hatten eine zu große Verwandtschaft; die Apfelblüthen – ja, die sahen zwar aus wie Rosen, aber sie blühten heute, um morgen schon abzufallen, je nachdem der Wind bläst; die Ehe würde doch von zu kurzer Dauer sein, meinte er. Die Erbsenblüthe war die, welche ihm am besten gefiel, roth und weiß war sie, auch zart und fein und gehörte zu den häuslichen Mädchen, die gut aussehen, und doch für die Küche taugen; er stand eben im Begriffe, seinen Liebesantrag zu stellen – da erblickte er dicht neben ihr eine Schote, an deren Spitze eine welke Blüthe hing. »Wer ist die da?« fragte er. »Es ist meine Schwester,« antwortete die Erbsenblüthe. »Ah, so! Sie werden später auch so aussehen?« fragte er und flog davon, denn er hatte sich darob entsetzt. Das Geißblatt hing blühend über den Zaun hinaus, das war die Hülle und Fülle derartiger Fräulein, lange Gesichter, gelber Teint, nein, die Art gefiel ihm nicht. Aber welche liebte er denn? Der Frühling verstrich, der Sommer ging zu Ende; es war Herbst; er aber war noch immer unschlüssig. Die Blumen erschienen nun in den prachtvollsten Gewändern, – doch vergeblich! – es fehlte ihnen der frische, duftende Jugendsinn. Duft begehrt das Herz, wenn es selbst nicht mehr jung ist, und gerade hiervon ist bitter wenig bei den Georginen und Klatschrosen zu finden. So wandte sich denn der Schmetterling der Krausemünze zu ebener Erde zu. Diese hat nun keine Blüthe, sondern ist ganz und gar Blüthe, duftet von unten bis oben, hat Blumenduft in jedem Blatte. »Die werde ich nehmen!« sagte der Schmetterling. Und nun hielt er um sie an. Aber die Krausemünze stand steif und still da und hörte ihn an; endlich sagte sie: »Freundschaft, ja! Aber weiter nichts! Ich bin alt und Sie sind alt; wir können zwar sehr wohl für einander leben, aber uns heirathen, – nein! Machen wir uns nicht zu Narren in unserm Alter!« So kam es denn, daß der Schmetterling keine Frau bekam. Er hatte zu lange gewählt, und das soll man nicht! Der Schmetterling blieb ein Hagestolz, wie man es nennt. Es war im Spatherbste, Regen und trübes Wetter. Der Wind blies kalt über den Rücken der alten Weidenbäume dahin, so, daß es in ihnen knackte. Es war kein Wetter, um im Sommeranzuge umherzufliegen; aber der Schmetterling flog auch nicht draußen umher: er war zufälligerweise unter Dach und Fach gerathen, wo Feuer im Ofen und es so recht sommerwarm war; er konnte schon leben; doch »leben ist nicht genug!« sprach er. »Sonnenschein, Freiheit und ein kleines Blümchen muß man haben!« Und er flog gegen die Fensterscheibe, wurde gesehen, bewundert, auf eine Nadel gesteckt und in dem Raritätenkasten ausgestellt; mehr konnte man nicht für ihn thun. »Jetzt setze ich mich auf einen Stengel wie die Blumen!« sagte der Schmetterling, »so recht angenehm ist das freilich nicht! So ungefähr wird es wohl sein, wenn man verheirathet ist, man sitzt fest!« – Damit tröstete er sich denn einigermaßen. »Das ist ein schlechter Trost!« sagten die Topfgewächse im Zimmer. »Aber,« meinte der Schmetterling, »diesen Topfgewächsen ist nicht recht zu trauen, sie gehen zu viel mit Menschen um!« Der Kobold und der Höker. Es war einmal ein richtiger Student, er wohnte in einer Dachkammer und ihm gehörte gar Nichts; – es war aber auch einmal ein richtiger Höker, er wohnte zu ebener Erde, und ihm gehörte das ganze Haus, zu ihm hielt sich der Kobold, denn beim Höker gab es jeden Weihnachtsabend eine Schüssel voll Mus mit einem großen Klumpen Butter mitten darin! Das konnte der Höker machen; darum blieb der Kobold im Hökerladen, und das war sehr lehrreich. Eines Abends trat der Student durch die Hinterthüre ein, um selbst Licht und Käse zu kaufen; er hatte Niemanden zu senden, deshalb ging er selbst; er bekam, was er wünschte, er bezahlte es und der Höker und auch die Madame nickten ihm »einen guten Abend« zu, und sie war eine Frau, die mehr denn das bloße Nicken verstand; sie hatte Rednergabe! – der Student nickte gleichfalls, blieb aber darauf plötzlich stehen, und zwar indem er den Bogen Papier las, in welchen der Käse gewickelt war. Es war ein aus einem alten Buche herausgerissenes Blatt, ein Blatt aus einem Buche, das nicht hätte zerrissen werden sollen, ein Buch das voller Poesie war. »Dort liegt noch mehr von derselben Sorte!« sagte der Höker, »ich gab einer alten Frau einige Kaffeebohnen für das Buch; wollen Sie mir zwei Groschen geben, sollen sie den Rest haben.« »Ja,« sagte der Student, »geben Sie mir das Buch anstatt des Käses! Ich kann mein Butterbrot ohne Käse essen! Es wäre ja Sünde, wenn das Buch ganz und gar zerrissen werden sollte. Sie sind ein prächtiger Mann, ein praktischer Mann, aber auf Poesie verstehen Sie sich eben so wenig wie das Faß dort.« Und das war unartig gesprochen, namentlich gegen das Faß, aber der Höker lachte, und der Student lachte; es war ja nur aus Spaß gesagt. Doch der Kobold ärgerte sich, daß man einem Höker, der Hauswirth sei, und die beste Butter verkaufe, dergleichen Dinge zu sagen wage. Als es Nacht war und der Laden geschlossen wurde und Alle zu Bett waren, nur nicht der Student, trat der Kobold hervor, ging in die Schlafstube und nahm der Madame das Mundwerk ab; das brauchte sie nicht, wenn sie schlief; und wo er dasselbe einem Gegenstände in der Stube aufsetzte, bekam dieser Rede und Stimme, sprach seine Gedanken und seine Gefühle ebenso gut aus, wie die Madame; aber nur ein Gegenstand nach dem andern konnte es benutzen, und das war eine Wohlthat, sie hätten sonst durcheinander gesprochen. Der Kobold legte das Mundwerk auf das Faß, in welchem die alten Zeitungen lagen, »Ist es wirklich wahr,« fragte er, »daß Sie nicht wissen, was Poesie ist?« »Freilich weiß ich es,« antwortete das Faß, »Poesie ist so Etwas, was stets zu unterst in den Zeitungen steht, und bisweilen herausgeschnitten wird! Ich möchte behaupten, ich habe mehr derselben in mir als der Student, und ich bin doch nur ein geringes Faß gegen den Höker.« Und der Kobold setzte der Kaffeemühle das Mundwerk auf, nein, wie die ging! Und er setzte es dem Butterfasse und dem Geldkasten auf; – alle waren sie derselben Ansicht wie das Makulaturfaß, und Das, worüber die Mehrzahl einig ist, muß man respectiren. »Jetzt werde ich's dem Studenten sagen!« – und mit diesen Worten stieg er leise die Hintertreppe zur Dachkammer hinauf, wo der Student wohnte. Der Student hatte noch Licht und der Kobold guckte durch das Schlüsselloch, und sah, daß er in dem zerrissenen Buche las, das er unten im Laden geholt. Aber wie war es bei ihm hell! Aus dem Buche heraus schoß ein klarer Strahl, derselbe wuchs zu einem ganzen Stamme, zu einem mächtigen Baume empor, der sich erhob und seine Zweige weit über den Studenten ausbreitete. Jedes Blatt war frisch, und jede Blume war ein schöner Mädchenkopf, einige mit Augen, dunkel und strahlend, andere mit wunderbaren blauen und klaren; jede Frucht war ein glänzender Stern, und es sang und klang gar wunderherrlich im Zimmer des Studenten. Nein, an eine solche Herrlichkeit hatte der kleine Kobold noch nie gedacht, geschweige denn sie gesehen und vernommen. Er blieb auf den Fußspitzen stehen, guckte und guckte – bis das Licht in der Dachkammer erlosch; der Student blies wahrscheinlich dasselbe aus, und ging zu Bette, aber das Koboldchen blieb dessenungeachtet stehen, denn der Gesang ertönte noch immer weich und herrlich, dem Studenten, der sich zur Ruhe gelegt hatte, ein schönes Wiegenlied. »Hier ist es doch unvergleichlich!« sagte der Kobold, »das hätte ich nicht erwartet! – Ich möchte bei dem Studenten bleiben« – das Männchen sann darüber nach – und es war ein vernünftiges Männchen; doch es seufzte: Der Student hat kein Mus! – und darauf ging es – wieder zum Höker hinab; und es war sehr gut, daß es endlich dahin zurückkehrte, denn das Faß hatte das Mundwerk der Madame fast ganz verbraucht, es hatte nämlich schon Alles, was in seinem Innern wohnte, von einer Seite ausgesprochen, und stand gerade im Begriffe, sich umzukehren, um dasselbe von der andern Seite zum Besten zu geben, als der Kobold eintrat, und das Mundwerk wieder der Madame anlegte; aber der ganze Laden, vom Geldkasten bis auf das Kienholz herab, bildete von der Zeit an seine Ansichten nach dem Fasse, und Alle zollten sie ihm dermaßen Achtung und trauten ihm so Viel zu, daß sie in dem Wahne standen, es käme aus dem Fasse, wenn später der Höker die Kunst- und Theaterkritiken aus seiner Zeitung des Abends vorlas. Allein der Kobold saß nicht länger ruhig, der Weisheit und dem vielen Verstände dort unten lauschend; nein, sobald das Licht des Abends von der Dachkammer herabschimmerte, wurde ihm zu Muthe, als seien die Strahlen starke Ankertaue, die ihn hinaufzogen, und er mußte fort und durch's Schlüsselloch gucken; dort umbrauste ihn ein Gefühl der Größe, wie wir es empfinden an dem ewig rollenden Meer, wenn Gott im Sturme darüber hinfährt, und er brach in Thränen aus, er wußte selbst nicht, weshalb er weinte, aber ein eigenes gar wohlthuendes Gefühl mischte sich mit seinen Thränen! – Wie wunderbar herrlich müßte es doch sein, mit dem Studenten zusammen unter jenem Baume zu sitzen; allein das konnte nicht geschehen, er mußte sich mit dem Schlüsselloche begnügen und dessen froh sein. Dort stand er noch auf dem kalten Flur, der Herbstwind blies durch die Bodenluke herab, es war kalt, sehr kalt, aber das empfand der Kleine erst, wenn das Licht in der Dachkammer erlosch und die Töne im Walde dahinstarben. Hu! dann fror ihn, – und er kroch wieder hinab in seinen warmen Winkel; dort war es gemüthlich und gemächlich! – Als Weihnachten herankam, und mit ihm das Mus mit dem großen Klumpen Butter, – ja, dann war der Höker oben an! Aber mitten in der Nacht erwachte der Kobold durch ein entsetzliches Lärmen und Anschlagen gegen die Fensterladen, Leute klopften von außen gar unsanft an; der Nachtwächter tutete, eine große Feuersbrunst war ausgebrochen; die ganze Stadt stand in Feuer und Flammen. War es im Hause selbst, oder bei den Nachbarn? Wo war es? Das Entsetzen trat ein! Die Höker-Madame wurde dermaßen verdutzt, daß sie ihre goldenen Ohrringe aus den Ohren löste und sie in die Tasche steckte, – um doch Etwas zu retten; der Höker sprang nach seinen Staatspapieren, und die Magd nach ihrer schwarzseidenen Mantille – denn eine solche erlaubten ihr ihre Mittel! Jeder wollte das Beste retten; das wollte auch der Kobold, und in wenigen Sprüngen war er die Treppe hinan und in die Kammer des Studenten, der ganz ruhig an dem offenen Fenster stand und das Feuer betrachtete, das im Hause des Nachbars gegenüber wüthete. Der Kobold ergriff das auf dem Tische liegende Buch, steckte es in seine rothe Mütze und umklammerte diese mit beiden Händen; der beste Schatz des Hauses war gerettet, und nun fuhr er auf und davon, ganz auf das Dach hinaus, auf den Schornstein. Dort saß er, beleuchtet von den Flammen des gegenüber brennenden Hauses, beide Hände fest um seine rothe Mütze gepreßt, in welcher der Schatz lag, und jetzt kannte er die wahre Neigung seines Herzens, wußte, wem es eigentlich gehörte. – Allein, als das Feuer gelöscht und der Kobold wieder zur Besinnung gekommen war – ja! ... »Ich will mich zwischen Beide theilen,« sagte er, »ich kann den Höker nicht ganz aufgeben, des Muses wegen!« Und das war ganz menschlich gesprochen! Wir Andern gehen auch zum Höker – des Muses wegen. Der böse Fürst. Es war einmal ein böser Fürst; sein Dichten und Trachten ging darauf hinaus, alle Länder der Welt zu erobern und allen Menschen Furcht einzuflößen; mit Feuer und Schwert zog er umher und seine Soldaten zertraten die Saat auf den Feldern und zündeten des Bauern Haus an, daß die rothe Flamme die Blätter von den Bäumen leckte und das Obst gebraten an den versengten, schwarzen Bäumen hing. Mit dem nackten Säuglinge im Arme flüchtete sich manche arme Mutter hinter die noch rauchenden Mauern ihres abgebrannten Hauses, aber hier suchten die Soldaten sie auch, und fanden sie die Armen, so war dies neue Nahrung ihrer teuflischen Freude; böse Geister hätten nicht ärger verfahren können wie diese Soldaten; – der Fürst aber meinte, so sei es recht, so müßte es hergehen. Tagtäglich wuchs seine Macht, sein Name war von Allen gefürchtet, und das Glück schritt neben ihm einher bei allen seinen Thaten. Aus den eroberten Städten führte er große Schätze heim; in seiner Residenzstadt wurde ein Reichthum aufgehäuft, der an keinem andern Orte seines Gleichen hatte. Er ließ prächtige Schlösser, Kirchen und Hallen bauen und Jeder, der diese herrlichen Bauten und großen Schätze sah, rief ehrfurchtsvoll: »welch großer Fürst!« Sie gedachten aber nicht des Elends, das er über andere Länder und Städte verhängt hatte; sie vernahmen nicht die Seufzer und den Jammer, die aus den eingeäscherten Städten empor drangen. Der Fürst betrachtete sein Gold und seine prächtigen Bauten und dachte dabei gleich der Menge: »welch großer Fürst!« – »Aber ich muß mehr haben, weit mehr! Keine Macht darf der meinigen gleich kommen, geschweige denn größer als die meine sein!« Er bekriegte deshalb seine Nachbarn, und besiegte sie Alle. Die besiegten Könige ließ er mit goldenen Ketten an seinen Wagen fesseln und so fuhr er durch die Straßen seiner Residenz; tafelte er, so mußten jene Könige ihm und seinen Hofleuten zu Füßen knieen und sich von den Brocken sättigen, die ihnen von der Tafel zugeworfen wurden. Endlich ließ der Fürst seine eigene Bildsäule auf den öffentlichen Plätzen und in den königlichen Schlössern errichten, ja, er wollte sie sogar in den Kirchen vor dem Altare des Herrn aufstellen; allein hier traten die Priester ihm entgegen und sagten: »Fürst, Du bist groß, aber Gott ist größer, wir wagen es nicht, Deinem Befehle nachzukommen.« »Wohlan denn!« rief der Fürst, »ich werde auch Gott besiegen!« – Und im Uebermuthe und thörichtem Frevel ließ er ein kostbares Schiff bauen, mit welchem er die Lüfte durchsegeln könnte; es war bunt und prahlerisch anzusehen, wie der Schweif eines Pfaues, und es war wie mit Tausenden von Augen besetzt und übersäet, – aber jedes Auge war ein Büchsenlauf. Der Fürst saß in der Mitte des Schiffes, er brauchte nur an eine dort angebrachte Feder zu drücken und tausend Kugeln flogen nach allen Seiten hinaus, wahrend die Feuerschlünde sogleich wieder auf's Neue geladen waren. Hunderte von Adlern wurden vor das Schiff gespannt, und mit Pfeilesschnelle ging es nun aufwärts gegen die Sonne. Wie lag da die Erde tief unten! Mit ihren Bergen und Wäldern schien sie nur ein Ackerfeld zu sein, in das der Pflug seine Furchen gezogen, längs welchem der grüne, beraste Rain hervorblickte, bald glich sie nur noch einer flachen Landkarte mit undeutlichen Strichen, und endlich war sie ganz in Nebel und Wolken verhüllt. Immer höher flogen die Adler, aufwärts in den Lüften, – da sandte Gott einen einzigen seiner unzähligen Engel aus; der böse Fürst schleuderte Tausende von Kugeln gegen ihn, allein die Kugeln prallten zurück von den glänzenden Fittigen des Engels, fielen herab wie gewöhnliche Hagelkörner; doch, ein Blutstropfen, nur ein einziger, tröpfelte von einer der weißen Flügelfedern herab, und dieser Tropfen fiel auf das Schiff, in welchem der Fürst saß, er brannte sich im Schiffe ein, er lastete wie tausend Centner Blei und riß das Schiff in stürzender Fahrt abwärts zur Erde nieder; die starken Schwingen der Adler zerbrachen, der Wind umsauste des Fürsten Haupt, und die Wolken ringsum – waren diese doch von dem Flammenrauche der abgebrannten Städte gebildet – formten sich in drohende Gestalten, wie meilenlange Seekrabben, die ihre Klauen und Scheeren nach ihm ausstreckten, thürmten sich zu ungeheueren Felsen mit herabrollenden zerschmetternden Blöcken, bildeten sich zu feuerspeienden Drachen – – halb todt lag der Fürst im Schiffe ausgestreckt, und dieses blieb endlich mit einem furchtbaren Stoße in den dicken Baumzweigen eines Waldes hangen. – – »Ich will Gott besiegen!« sagte der Fürst, »ich habe es geschworen, mein Wille muß geschehen!« – Und sieben Jahre hindurch ließ er bauen und arbeiten an künstlichen Schiffen zum Durchsegeln der Luft, ließ Blitzstrahle vom härtesten Stahle schneiden, denn er wollte des Himmels Befestigung sprengen. Aus allen seinen Landen sammelte er Kriegsheere, die, als sie Mann bei Mann aufgestellt waren, einen Raum von mehreren Meilen bedeckten. Die Heere gingen an Bord der künstlichen Schiffe, der Fürst näherte sich dem seinen; – da sandte Gott einen Mückenschwarm, einen einzigen, kleinen Mückenschwarm aus. Derselbe umschwirrte den Fürsten und zerstach sein Gesicht und seine Hände; zornentbrannt zog er sein Schwert und schlug um sich, allein er schlug nur in die leere Luft hinein, die Mücken traf er nicht. Da befahl er kostbare Teppiche zu bringen, ihn in dieselben einzuhüllen, damit ihn keine Mücke fernerhin steche; und die Diener thaten wie befohlen. Allein, eine einzige Mücke hatte sich an die innere Seite des Teppichs gesetzt, von hier kroch sie in das Ohr des Fürsten und stach ihn; es brannte wie Feuer, das Gift drang hinein in sein Gehirn; wie wahnsinnig riß er die Teppiche von seinem Körper und schleuderte sie weit weg, zerriß seine Kleidung und tanzte nackend herum vor den Augen seiner rohen, wilden Soldaten, die nun des tollen Fürsten spotteten, der Gott bekriegen wollte, und von einer einzigen kleinen Mücke besiegt worden war. Der Kleine Tuk. Na, das war der kleine Tuk. Er hieß eigentlich nicht Tuk, aber als er noch nicht sprechen konnte, nannte er sich selbst so; das sollte Karl bedeuten, und es ist wohl gut, wenn man es nur weiß. Nun sollte er auf Schwesterchen Gustave Acht geben, die noch kleiner war, als er, und zugleich sollte er auch seine Lection lernen; aber diese beiden Dinge wollten nicht recht zusammenpassen. Der arme Junge saß da, mit seinem Schwesterchen auf dem Schoße und sang ihr alle Lieder vor, die er wußte, und unterdessen schielte er einmal ins Geographiebuch hinein, das offen vor ihm lag; bis morgen früh sollte er alle Städte in Seeland auswendig können und Alles davon wissen, was man eben davon wissen kann. Nun kam die Mutter nach Hause, denn sie war ausgewesen, und nahm die kleine Gustave auf den Arm! Tuk lief geschwind an das Fenster und las nun so eifrig, daß er sich beinahe die Augen ausgelesen hätte, denn es wurde immer dunkler; aber die Mutter hatte kein Geld, um Licht zu kaufen! »Da geht die alte Waschfrau aus der Gasse drüben!« sagte die Mutter, als sie zum Fenster hinaus sah. »Die arme Frau kann sich selbst kaum fortschleppen, und nun muß sie noch den Eimer voll Wasser vom Brunnen tragen; sei ein gutes Kind, Tukchen, spring hinüber und hilf der alten Frau! Ja?« Und Tuk lief geschwind hinüber und half ihr; als er aber wieder in die Stube kam, war es finster geworden, von Licht war keine Rede, und nun sollte er in sein Bett gehen: das war eine alte Schlafbank! Darauf lag er, und dachte an seine Geographielection und an Seeland und an Alles, was der Lehrer erzählt hatte. Er hätte freilich noch lesen sollen, aber das konnte er ja nicht. Darum steckte er das Geographiebuch unter sein Kopfkissen, weil er gehört hatte, daß das sehr viel helfen soll, wenn man seine Lection lernen will; aber man kann sich doch nicht darauf verlassen. Da lag er nun und dachte und dachte; und da war es auf einmal, als ob ihn Jemand auf Augen und Mund küsse. – Er schlief, und schlief doch wieder nicht; es war, als ob die alte Waschfrau ihn mit ihren sanften Augen anschaue und sage: »Es wäre eine große Sünde, wenn Du morgen deine Lection nicht wüßtest! Du hast mir geholfen, darum will ich Dir nun auch helfen, und unser lieber Gott wird das immer thun!« Und mit einem Male kribbelte und krabbelte das Buch unter Tukchens Kopfkissen. »Kikeliki! Put! Put!« Es war eine Henne, die angekrochen kam, und die war aus Kjöge . »Ich bin ein Kjögehuhn!« Kjöge , ein Städtchen an der Kjögebucht. »Kjögehühner sehen« nennt man, die Kinder durch Umfassen des Kopfes mit beiden Händen in die Höhe heben. Bei Kjöge wurde bei dem Ueberfall der Engländer im Jahre 1807 zwischen diesen und der undisciplinirten dänischen Landwehr ein nicht sehr ruhmvolles Treffen geliefert. sagte sie, und dann erzählte sie, wie viel Einwohner dort waren, und von der Schlacht, die da gewesen wäre, und die war eigentlich nicht der Rede werth. »Kribli, Krable, Plumps!« da fiel einer herunter, das war ein hölzerner Vogel, der Papagei vom Vogelschießen in Prästöe . Der sagte nun, daß dort so viel Einwohner wären, wie er Nägel im Leibe habe, auch war er sehr stolz. »Thorwaldsen hat dicht neben mir gewohnt. Prästöe , ein noch kleineres Städtchen. Einige hundert Schritte davon liegt der Edelhof Nysöe , wo Thorwaldsen sich während seiner Anwesenheit in Dänemark gewöhnlich aufhielt und viele unsterbliche Werke schuf. Plumps! hier liege ich prächtig!« Aber Tukchen lag nun nicht mehr mit einem Male saß er zu Pferde. Galopp, Galopp, Hopp, Hopp so ging's fort. Ein prächtig gekleideter Ritter mit schimmerndem Helmbusch hielt ihn vor sich auf dem Pferde, und so ritten sie durch den Wald hin zu der alten Stadt Wordingborg ; und das war eine große, sehr, lebhafte Stadt, auf des Königs Burg erhoben sich hohe Thürme, und Lichterglanz strömte aus allen Fenstern, drinnen war Sang und Tanz, und König Waldemar und die jungen, geputzten Hoffräulein tanzten mit einander. – Nun wurde es Morgen, und sowie die Sonne kam, sank plötzlich die ganze Stadt und des Königs Schloß zusammen, und ein Thurm nach dem andern; und zuletzt blieb nur noch ein einziger auf dem Hügel stehen, wo früher das Schloß gewesen war, Wordingborg , unter König Waldemar ein ansehnlicher Ort, jetzt ein unbedeutendes Städtchen. Nur ein einsam stehender Thurm und einige Mauerreste zeigen, wo das Schloß früher gestanden. und die Stadt war sehr klein und arm, und die Schulbuben kamen mit ihren Büchern unter dem Arme und sagten »zweitausend Einwohner«, das war aber nicht wahr, denn so viele hatte sie nicht. Und klein Tukchen lag m seinem Bette, ihm war, als ob er träume, und doch auch als ob er nicht träume, aber Jemand stand dicht neben ihm. »Klein Tukchen! Klein Tukchen!« sagte es da: das war ein Seemann, eine kleine Person, so klein, als ob es ein Cadet wäre, aber es war kein Cadet. »Ich soll vielmals von Corsör Corsör , an dem großen Belt, früher, vor Errichtung der Dampfschiffahrt, als die Reisenden oft lange auf günstigen Wind warten mußten, die langweiligste der Städte genannt und durch ein witziges Vaudeville Heiberg's zu dem dänischen Schilda gestempelt. Hier ist der Dichter Baggesen geboren. grüßen; das ist eine Stadt, die im Aufblühen ist, eine lebendige Stadt, die Dampfschiffe und Postwagen hat; früher nannte man sie immer häßlich, aber das ist nun nicht mehr wahr.« »Ich liege am Meere,« sagte Corsör; »ich habe Landstraßen und Lusthaine; und ich habe einen Dichter geboren, der witzig und unterhaltend war, und das sind sie nicht alle. Ich wollte einmal ein Schiff ausrüsten, das rund um die Erde gehen sollte; aber ich that es nicht, obgleich ich es hätte thun können; und dann rieche ich auch vortrefflich, denn dicht vor dem Thore blühen die prächtigsten Rosen!« Klein Tukchen sah hin und es ward ihm roth und grün vor den Augen; aber als nun der Farbenwirrwar vorüber war, war es auf einmal ein bewachsener Abhang dicht an der Bucht und hoch darüber stand eine prächtige alte Kirche mit zwei hohen, spitzen Thürmen. Aus dem Abhange sprangen Quellen in dicken Wasserstrahlen, so daß es immerfort plätscherte, und dicht daneben saß ein alter König mit der goldenen Krone auf dem weißen Haupte; das war König Hroar bei den Quellen, dicht bei der Stadt Roeskilde , wie man sie jetzt nennt. Und über den Abhang hin in die alte Kirche gingen alle Könige und Königinnen Dänemarks Hand in Hand, alle mit goldenen Kronen; und die Orgel spielte und die Quellen rieselten. Klein Tukchen sah Alles, hörte Alles. »Vergiß die Städte nicht!« sagte König Hroar. Roeskilde (Roesquelle, fälschlich Rothschild genannt), einst Dänemarks Hauptstadt. Die Stadt hat ihren Namen von dem König Hroar und den vielen Quellen der Umgegend. In dem schönen Dom liegen die meisten Könige und Königinnen von Dänemark. In Roeskilde versammelten sich auch die dänischen Stände. Auf einmal war Alles wieder fort; ja, wohin? Es war ihm, als ob man ein Blatt in einem Buche umwende. Und nun stand da eine alte Bauernfrau, die kam aus Soröe , Soröe, ein sehr stilles Städtchen in schöner Lage, umgeben von Wäldern und Seen. Dänemark's Molière, Holberg, stiftete hier eine Ritterakademie. Die Dichter Hauch und Ingemann waren hier als Professoren angestellt. wo das Gras auf dem Markte wächst: sie hatte eine graue Leinwandschürze über Kopf und Rücken hängen, die war sehr naß – es mußte wohl geregnet haben. »Ja, das hat es!« sagte sie, und nun wußte sie viel Hübsches aus Holberg's Komödien und von Waldemar und Absalon. Aber auf einmal kroch sie zusammen und wackelte mit dem Kopfe, als ob sie springen wollte. »Koax!« sagte sie, »es ist naß, es ist naß; es ist recht todtenstill in Soröe!« Nun war sie mit einem Male ein Frosch; »Koax!« und dann war sie wieder alte Frau. »Man muß sich nach dem Wetter kleiden,« sagte sie, »Es ist naß, es ist naß! Meine Stadt ist wie eine Flasche; beim Pfropfen kommt man hinein, beim Pfropfen muß man wieder heraus! Früher hatte ich die herrlichsten Fische und jetzt habe ich frische, rothwangige Buben auf dem Boden der Flasche, die lernen Weisheit: Hebräisch! Griechisch! Koax!« Das klang so, wie die Frösche schreien oder als ob man mit großen Stiefeln auf dem Moore ginge: immer derselbe Ton, so einförmig und so ermüdend, daß Kleintukchen einschlief, was ihm auch nicht schaden konnte. Aber selbst in diesem Schlafe kam ein Traum oder was es sonst war. Seine kleine Schwester Gustave mit den blauen Augen und dem blonden, lockigen Haare war auf einmal ein großes, schlankes Mädchen, und ohne daß sie Flügel hatte konnte sie fliegen; und nun flogen sie über Seeland, über die grünen Wälder und die blauen Seen. »Hörst Du den Hahn krähen, Kleintukchen? Kikeliki! Die Hähne fliegen aus Kjöge auf! Du bekommst einen Hühnerhof, einen großen, großen Hühnerhof! Du wirst weder Hunger, noch Noth leiden! Und den Vogel wirst Du abschießen, wie man sagt: Du wirst ein reicher und glücklicher Mann werden. Dein Haus wird sich erheben wie König Waldemar's Thurm und reich geschmückt sein mit marmornen Bildsäulen, wie die aus Prästöe. Du verstehst mich wohl. Dein Name soll mit Ruhm um die ganze Erde ziehen, sowie das Schiff, das von Corsör auslaufen sollte, und in Roeskilde – – »»vergiß die Städte nicht!«« sagte König Hroar – da wirst Du gut und klug sprechen, Kleintukchen; und wenn Du dann zuletzt in Dein Grab kommst, so sollst Du ruhig schlafen – –« »Als ob ich in Soröe läge!« sagte Tuk, und da wachte er auf. Es war Heller Morgen, und er konnte sich nicht mehr auf seinen Traum besinnen. Das war aber auch nicht nöthig, denn man darf nicht wissen, was einmal kommen wird. Nun sprang er geschwind aus seinem Bette und las in seinem Buche, da wußte er mit einem Male seine ganze Lection. Die alte Waschfrau steckte aber den Kopf zwischen die Thüre, nickte ihm freundlich zu und sagte: »Schönen Dank, Du gutes Kind, für Deine Hilfe! Der liebe Gott möge Dir Deinen schönen Traum erfüllen!« Kleintukchen wußte nun nicht, was ihm geträumt hatte, aber – der liebe Herrgott wußte es! Die Stopfnadel. Es war einmal eine Stopfnadel, die dünkte sich so fein, daß sie sich einbildete, sie sei eine Nähnadel. »Paßt nur hübsch auf, daß Ihr mich festhaltet!« sagte die Stopfnadel zu den Fingern, die sie hervornahmen. »Laßt mich nicht fallen! Falle ich auf die Erde, dann findet man mich bestimmt nimmermehr wieder, so fein bin ich.« »Das geht noch an,« sagten die Finger und faßten sie um den Leib. »Seht, ich komme mit Gefolge!« sagte die Stopfnadel und zog einen langen Faden nach sich; aber es war kein Knoten an diesem Faden. Die Finger richteten die Nadel gerade gegen den Pantoffel der Köchin. An dem war das Oberleder entzwei, das sollte zusammengenäht werden. »Das ist gemeine Arbeit!« sagte die Stopfnadel. »Ich komme nimmermehr hindurch; ich breche, ich breche!« Und wirklich, sie brach. »Sagt' ich's nicht?« sagte die Stopfnadel. »Ich bin zu fein!« »Nun taugt sie gar nichts!« sagten die Finger; aber sie mußten sie doch festhalten; die Köchin tröpfelte Siegellack auf die Nadel und steckte vorn ihr Tuch damit zusammen. »So, nun bin ich eine Busennadel!« sagte die Stopfnadel. »Ich wußte wohl, daß ich zu Ehren käme; ist man was, so wird man was!« Und dabei lachte sie in sich hinein; man kann es niemals einer Stopfnadel ansehen, wenn sie lacht. Da saß sie nun so stolz wie in einer Staatskutsche, und sah nach allen Seiten! »Mit Erlaubniß zu fragen, sind Sie von Gold?« fragte sie die Stecknadel, die ihre Nachbarin war. »Sie haben ein herrliches Aeußere und einen eigenen Kopf; aber er ist nur klein! Sie müssen sich Mühe geben zu wachsen, denn nicht eine Jede wird mit Siegellack betröpfelt!« Und damit richtete sich die Stopfnadel so stolz in die Höhe, daß sie aus dem Tuche fiel; und gerade in den Gußstein, den die Köchin ausspülte. »Nun gehen wir auf Reisen!« sagte die Stopfnadel. »Wenn ich nur nicht verloren gehe!« Aber sie ging wirklich verloren. »Ich bin zu sein für diese Welt!« sagte sie, als sie im Rinnsteine lag. »Aber ich weiß, wer ich bin, und das ist immer ein kleines Vergnügen!« Und die Stopfnadel behielt ihre stolze Haltung und verlor ihre gute Laune nicht. Und es schwamm Mancherlei über sie hin: Späne, Strohhalme und Stücke von alten Zeitungen. »Seht nur, wie sie segeln!« sagte die Stopfnadel. »Die wissen nicht, was unter ihnen steckt! Ich stecke, ich sitze hier fest! Sieh, da geht nun ein Span, der denkt an nichts in der Welt, als an sich selbst, an einen »»Span!«« Da treibt ein Strohhalm, nein, wie der sich dreht, wie der sich wendet! Denk doch nicht blos an Dich selbst, Du könntest leicht an einen Stein stoßen. Da schwimmt ein Stück Zeitung! Was darin steht, ist längst vergessen, und doch spreizt sie sich! Ich sitze geduldig und still. Ich weiß, wer ich bin, und der bleibe ich auch!« Eines Tages lag etwas dicht neben ihr, das glitzerte so prächtig, da glaubte die Stopfnadel, daß es ein Diamant sei; aber es war ein Flaschenscherben, und weil es glänzte, so redete die Stopfnadel es an und stellte sich als Busennadel vor. »Sie sind wohl ein Diamant?« »Ja, so etwas der Art!« Und da glaubte eins vom Andern, es wäre etwas recht Kostbares; und sie sprachen davon, wie sehr doch die Welt hochmüthig sei. »Ich bin bei einer Mamsell in der Schachtel gewesen,« sagte die Stopfnadel: »und diese Mamsell war Köchin; an jeder Hand hat sie fünf Finger; etwas so Eingebildetes, wie diese Finger, habe ich nie gesehen! Und sie waren doch nur da, um mich aus der Schachtel zu nehmen und wieder in die Schachtel zu legen!« »Waren sie denn vornehm?« fragte der Flaschenscherben. »Vornehm?« sagte die Stopfnadel; »nein, aber hochmüthig! Es waren fünf Brüder, alles geborene »»Finger««. Sie hielten sich stolz neben einander, obgleich sie verschiedener Lange waren, der äußerste, der Däumling war kurz und dick, der ging außen vor dem Gliede, hatte nur Ein Gelenk im Rücken und konnte nur Eine Verbeugung machen: aber er sagte, wenn er vom Menschen abgehackt würde, so tauge dieser nicht mehr zum Kriegsdienst. Leckermaul, der zweite Finger, kam sowohl in Süßes, wie in Saures, zeigte auf Sonne und auf Mond und gab den Druck, wenn sie schrieben. Langmann, der dritte, sah die andern alle über die Achsel an. Goldrand, der vierte, ging mit einem goldenen Gürtel um den Leib, und der kleine Spielmann that gar nichts, und darauf war er stolz. Prahlerei war's und Prahlerei blieb's, und darum ging ich fort!« »Und nun sitzen wir hier und glitzern!« sagte der Flaschenscherben. In demselben Augenblicke kam mehr Wasser in den Gußstein; es strömte über seine Grenzen und riß den Flaschenscherben mit sich fort. »So, nun wurde er befördert!« sagte die Stopfnadel. »Ich bleibe sitzen, ich bin zu fein; aber das ist mein Stolz und der ist achtbar!« Und stolz saß sie da und hatte viele große Gedanken. »Ich möchte fast glauben, ich sei von einem Sonnenstrahle geboren, so sein bin ich! Kommt es mir doch auch vor, als ob die Sonnenstrahlen mich immer unter dem Wasser suchten. Ach! ich bin so sein, daß meine Mutter mich nicht finden kann. Hätte ich mein altes Auge, welches abbrach, ich glaube, ich könnte weinen; aber ich tha't's nicht; – weinen ist nicht sein!« Eines Tages lagen ein paar Straßenjungen da und wühlten im Rinnstein, wo sie alte Nägel, Pfennige und ähnliche Sachen fanden. Es war schmutzige Arbeit, aber es war nun einmal ihr Vergnügen. »Au!« schrie der Eine, der sich an der Stopfnadel stach, »das ist aber ein Kerl!« »Ich bin kein Kerl, ich bin ein Fräulein!« sagte die Stopfnadel; aber darauf hörte Niemand. Das Siegellack war abgegangen und schwarz war sie auch geworden; aber schwarz macht schlanker, und da glaubte sie, sie sei noch seiner als früher. »Da kommt eine Eierschale gesegelt!« sagten die Jungen, und dann steckten sie die Stopfnadel fest in die Eierschale. »Weiße Wände und selbst schwarz,« sagte die Stopfnadel, »das kleide? gut; nun kann man mich doch sehen! Wenn ich nur nicht seekrank werde, denn dann muß ich mich übergeben!« Aber sie wurde nicht seekrank und übergab sich auch nicht. »Es ist gut gegen die Seekrankheit, wenn man einen Stahlmagen hat und dann auch nicht vergißt, daß man etwas mehr ist, als ein Mensch! Nun ist meine Seekrankheit vorüber! Je seiner man ist, desto mehr kann man vertragen.« »Krach!« sagte die Eierschale: es ging ein Rollwagen über sie. »Himmel, wie drückt das!« sagte die Stopfnadel; »nun werde ich doch seekrank! Ich breche mich!« Aber sie brach sich nicht, obgleich ein Rollwagen über sie ging; sie lag der Länge lang und so mag sie liegen bleiben. Die Glocke. Abends in den schmalen Straßen der großen Stadt, wenn die Sonne unterging und die Sonne oben mit Gold zwischen den Schornsteinen glänzte, hörte häufig bald der Eine, bald der Andere einen sonderbaren Laut, ähnlich dem Klange einer Kirchenglocke: aber man hörte ihn nur einen Augenblick, denn es herrschte in der Stadt ein immerwährendes Rasseln von Wagen und Rufen. Das stört! »Nun läutet die Abendglocke,« sagte man, »nun geht die Sonne unter!« Die, welche außerhalb der Stadt wandelten, wo die Häuser weiter von einander entfernt lagen, mit Gärten und kleinen Feldern dazwischen, sahen den Abendhimmel noch prächtiger und horten den Klang der Glocke weit stärker. Es war, als käme der Ton von einer Kirche, tief aus dem stillen, duftenden Walde; und die Leute blickten dorthin und wurden ganz andächtig. Nun verstrich längere Zeit, der Eine sagte zum Andern: »Ob wohl eine Kirche da draußen im Walde ist? Die Glocke hat doch einen eigenthümlich herrlichen Klang! Wollen wir nicht hinaus und sie näher betrachten?« Die reichen Leute fuhren, und die Armen gingen; aber der Weg wurde ihnen erstaunlich lang, und als sie zu einer Menge Weidenbäume kamen, die am Rande des Waldes wuchsen, lagerten sie sich und blickten zu den langen Zweigen hinauf und glaubten, daß sie nun recht im Grünen seien. Der Conditor aus der Stadt kam auch und schlug draußen sein Zelt auf; dann kam noch ein Conditor, der hing eine Glocke gerade über seinem Zelte auf, und zwar eine Glocke, die getheert war, um den Regen aushalten zu können, der Glocke fehlte aber der Klöppel. Wenn dann die Leute wieder nach Hause gingen, sagten sie, daß es höchst romantisch gewesen sei, und das bedeutet etwas Anderes, als einen Thee, Drei Personen versicherten, daß sie in den Wald eingedrungen seien, bis dahin, wo er ende; und sie hätten immer den sonderbaren Glockenklang gehört, aber es sei ihnen dort gerade gewesen, als wenn er aus der Stadt käme. Der Eine schrieb ein ganzes Lied darüber und sagte, daß die Glocke wie die Stimme einer Mutter zu einem lieben, klugen Kinde klänge; keine Melodie sei herrlicher, als der Klang der Glocke. Der Kaiser des Landes wurde auch aufmerksam darauf und versprach, daß Der, welcher wirklich ausfindig machen könne, woher der Schall komme, den Titel eines »Weltglöckners« haben solle, und das sogar, wenn es auch keine Glocke sei. Nun gingen Viele der guten Versorgung halber nach dem Walde; aber es war nur Einer, der mit einer Art Erklärung zurückkam. Keiner war tief genug eingedrungen, und er auch nicht; aber er sagte doch, daß der Glockenton von einer sehr großen Eule in einem hohlen Baume herkomme; es sei eine Weisheitseule, die ihren Kopf fortwährend gegen den Baum stoße; aber ob der Ton von ihrem Kopfe oder von dem hohlen Stamme kam, das konnte er noch nicht mit Bestimmtheit sagen. Er wurde als Weltglöckner angestellt und schrieb jedes Jahr eine kleine Abhandlung über die Eule; man ward dadurch ebenso klug, wie man vorher gewesen. Es war gerade Einsegnungstag. Der Prediger hatte schön und innig gesprochen; die Confirmanden waren davon tief bewegt; es war ein wichtiger Tag für sie: sie wurden aus Kindern mit einem Male zu erwachsenen Menschen; die Kinderseele sollte nun gleichsam in eine verständigere Person hinüberfliegen. Es war der herrlichste Sonnenschein; die Confirmanden gingen zur Stadt hinaus, und vom Walde klang die große, unbekannte Glocke besonders stark. Sie bekamen sogleich Lust, dahin zu gehen, und zwar Alle, bis auf Drei. Eine von diesen wollte nach Hause und ihr Ballkleid anprobiren, denn es war gerade das Kleid und der Ball Schuld daran, daß sie dieses Mal eingesegnet war, sonst wäre sie nicht zugelassen worden; der Zweite war ein armer Knabe, welcher seinen Confirmationsfrack und die Stiefeln vom Sohne des Hauswirthes geliehen hatte, und die mußte er zur bestimmten Stunde wieder abliefern; der Dritte sagte, daß er nie an fremde Orte ginge, wenn seine Eltern nicht dabei wären, und daß er immer ein artiges Kind gewesen und es auch bleiben wolle, selbst als Confirmand, und darüber solle man sich nicht lustig machen! – Aber das thaten sie doch. Diese Drei gingen also nicht mit, die Andern trabten vorwärts. Die Sonne schien, und die Vögel sangen, und die Confirmanden sangen mit und hielten einander bei den Händen, denn sie hatten ja noch keine Aemter erhalten und waren alle Confirmanden vor dem lieben Gott. Aber bald ermüdeten zwei der Kleinsten und kehrten um und gingen wieder zur Stadt; zwei kleine Mädchen setzten sich und banden Kränze: die kamen auch nicht mit. Und als die Andern die Weidenbäume erreichten, wo der Conditor wohnte, sagten sie: »Nun sind wir hier draußen; die Glocke existirt ja doch eigentlich nicht; sie ist nur Etwas, was man sich einbildet!« Da ertönte plötzlich tief im Walde die Glocke so schön und feierlich, daß Vier oder Fünf sich entschlossen, doch noch weiter in den Wald hinein zu gehen. Der war sehr dicht belaubt! Es war beschwerlich, vorzudringen; Waldlilien und Anemonen wuchsen fast zu hoch, blühende Winden und Brombeerranken hingen in langen Guirlanden von Baum zu Baum, wo die Nachtigallen sangen und die Sonnenstrahlen spielten. Das war gar herrlich: Aber für Mädchen war es kein gangbarer Weg; sie würden sich die Kleider zerrissen haben. Da lagen große Felsstücke, mit Moos von allen Farben bewachsen; das frische Quellwasser sprudelte hervor, und wunderbar tönte es, fast wie »Gluck, Gluck!« »Das ist doch wohl nicht die Glocke!« sagte einer der Confirmanden, und legte sich nieder und horchte. »Das muß man studiren!« Da blieb er und ließ die Andern gehen. Sie kamen zu einem Hause aus Baumrinde und Zweigen; ein großer Baum mit wilden Aepfeln streckte seine Aeste darüber hin, als wollte er seinen ganzen Segen über das Dach ausschütten, welches blühende Rosen trug; die langen Zweige lagen um den Giebel herum, und an diesem hing eine kleine Glocke. Sollte es die sein, die man gehört hatte? Ja, darin stimmten Alle überein, bis auf Einen; dieser sagte, daß die Glocke zu klein und zu sein sei, als daß sie in solcher Entfernung gehört werden könne, in welcher sie sie gehört hätten, und daß es ganz andre Töne wären, die ein Menschenherz so rührten. Der, welcher sprach, war ein Königssohn, und da sagten die Andern, so Einer wolle immer klüger sein. Deshalb ließen sie ihn allein gehen; und wie er ging, wurde seine Brust mehr und mehr von der Einsamkeit des Waldes erfüllt; aber noch hörte er die kleine Glocke, über die sich die Andern freuten, und mitunter, wenn der Wind die Töne vom Conditor herübertrug, konnte er auch hören, wie da zum Thee gesungen wurde. Aber die tiefen Glockenschläge tönten doch stärker; bald war es, als spielte eine Orgel dazu; der Schall kam von der Linken, von der Seite, auf der das Herz sitzt. Nun raschelte es im Busche, und da stand ein kleiner Knabe vor dem Königssohn, ein Knabe in Holzschuhen und mit einer so kurzen Jacke, daß man recht sehen konnte, wie lange Handgelenke er habe. Sie kannten einander; der Knabe war derjenige von den Confirmanden, der nicht hatte mitkommen können, weil er nach Hause mußte, um Frack und Stiefel an des Hauswirths Sohn abzuliefern. Das hatte er gethan und war dann in Holzschuhen und mit den ärmlichen Kleidern allein fortgegangen; denn die Glocke klang gar zu verlockend: er mußte hinaus. »Wir können ja zusammen gehen!« sagte der Königssohn, Aber der arme Konfirmand mit den Holzschuhen war verschämt. Er zupfte an den kurzen Aermeln der Jacke und sagte: er fürchte, er könne nicht so rasch mitkommen; überdies meinte er, daß die Glocke zur Rechten gesucht werden müsse, denn der Platz habe ja alles Große und Herrliche. »Ja, dann begegnen wir uns nicht!« sagte der Königssohn und nickte dem armen Knaben zu, der in den tiefsten, tiefsten Theil des Waldes ging, wo die Dornen seine ärmlichen Kleider entzwei und Gesicht, Hände und Füße blutig rissen. Der Königssohn erhielt auch einige tüchtige Risse, aber die Sonne beschien doch seinen Weg, und er ist es, dem wir nun folgen. Er war ein flinker Bursche. »Die Glocke will und muß ich finden!« sagte er, »und wenn ich auch bis ans Ende der Welt gehen muß.« Häßliche Affen saßen oben in den Bäumen und fletschten mit ihren Zähnen. »Wollen wir ihn prügeln?« sagten sie. »Wollen wir ihn dreschen? Er ist ein Königssohn!« Aber er ging unverdrossen tiefer und tiefer in den Wald, wo die wunderbarsten Blumen wuchsen; da standen weiße Sternlilien mit blutrothen Staubfäden, himmelblaue Tulpen, die im Winde funkelten, und Apfelbaume, deren Aepfel wie große, glänzende Seifenblasen aussahen; denkt nur, wie die Bäume im Sonnenscheine strahlen mußten! Ringsum die schönsten grünen Wiesen, wo Hirsch und Hindin im Grase spielten, wuchsen prächtige Eichen und Buchen, und war die Rinde von einem der Bäume gesprungen, so wuchs Gras und lange Ranken in den Spalten; da waren auch große Waldstrecken mit stillen Landseen, in denen weiße Schwäne schwammen und mit den Flügeln schlugen. Der Königssohn stand oft still und horchte; oft glaubte er, daß von einem dieser tiefen Seen die Glocke zu ihm herauf töne; aber dann merkte er wohl, daß es nicht daher käme, sondern daß die Glocke noch tiefer im Walde läute. Nun ging die Sonne unter; die Luft erglänzte roth wie Feuer; es wurde still im Walde, und er sank auf seine Kniee, sang sein Abendlied und sagte: »Nie finde ich, was ich suche! Nun geht die Sonne unter, nun kommt die Nacht, die finstere Nacht. Doch einmal kann ich die runde Sonne vielleicht noch sehen, ehe sie an dem Horizonte verschwindet; ich will doch auf die Felsen hinaufsteigen; ihre Höhe erreicht die der höchsten Bäume!« Und er ergriff nun Ranken und Wurzeln und kletterte an den nassen Steinen empor, wo die Wasserschlangen sich wanden, wo die Kröten ihn gleichsam anbellten; – aber hinauf kam er, bevor die Sonne, von dieser Höhe gesehen, ganz untergegangen war. O, welche Pracht! Das Meer, das große, herrliche Meer, welches seine langen Wogen gegen die Küste wälzte, streckte sich vor ihm aus, und die Sonne stand wie ein großer, glänzender Altar da draußen, wo Meer und Himmel sich begegneten; Alles schmolz in glühenden Farben zusammen; der Wald sang und sein Herz mit. Die ganze Natur war eine große, heilige Kirche, worin Bäume und schwebende Wolken die Pfeiler, Blumen und Gras die gewebte Sammetdecke und der Himmel selbst die große Kuppel bildeten; dort oben erloschen die rothen Farben, indem die Sonne verschwand; aber Millionen Sterne wurden angezündet; es glänzten Diamantlampen, und der Königssohn breitete seine Arme aus gegen den Himmel, gegen das Meer und gegen den Wald. Da kam plötzlich, von dem rechten Seitenwege der arme Confirmand mit der kurzärmeligen Jacke und den Holzschuhen; er war hier ebenso zeitig angelangt; er war auf seinem Wege dahin gekommen. Und sie liefen einander entgegen und faßten einander an der Hand in der großen Kirche der Natur und der Poesie. Und über ihnen ertönte die unsichtbare, heilige Glocke: Selige Geister umschwebten sie im Tanze zu einem jubelnden Hallelujah! Die Psyche. In der Morgendämmerung, in der rothen Luft, glänzt ein großer Stern, der hellste Stern des Morgens; seine Strahlen zittern auf der weißen Wand, als wollte er dort niederschreiben, was er zu erzählen weiß, was er Jahrtausende hindurch hier und dort auf unserer kreisenden Erde gesehen hat. Hören wir eine seiner Erzählungen: Erst kürzlich – das »kürzlich« des Sterns ist uns Menschen »vor Jahrhunderten« – begleiteten meine Strahlen einen jungen Künstler; es war in der Stadt der Päpste, in der Weltstadt Rom. Vieles hat sich dort in der Zeiten Lauf verändert, doch nicht so schnell, wie die Menschengestalt vom Kinde zum Greise übergeht. Die Kaiserburg war, wie heute noch, eine Ruine; Feigen- und Lorbeerbäume wuchsen zwischen den umgestürzten Marmorsäulen über die zerstörten Badezimmer hin, die noch mit Gold an den Wänden prangen; das Colosseum war eine Ruine, die Kirchenglocken läuteten, die Räucherung duftete, durch die Straßen ging man in Processionen mit Kerzen und strahlenden Baldachinen, Kirchenheilig war es hier, und hehr und heilig war die Kunst. In Rom lebte der größte Maler der Welt, Raphael; es lebte dort der erste Bildhauer des Zeitalters, Michel Angelo; selbst der Papst huldigte diesen Beiden, beehrte sie mit seinem Besuche; die Kunst war anerkannt, geehrt und wurde auch gelohnt. Allein dessenungeachtet wurde nicht alles Große und Tüchtige gesehen und bekannt. In einem engen Gäßchen stand ein altes Haus, früher war es ein Tempel gewesen; ein junger Künstler wohnte in demselben; er war arm und unbekannt; er hatte freilich junge Freunde, Künstler wie er, jung von Gemüth, jung im Hoffen und Denken; sie sagten ihm, er sei reich an Talent und tüchtig, allein er sei ein Narr, daß er nie selbst daran glaube; zerbreche er doch stets, was er in Thon geformt, würde niemals zufrieden, bekäme nie Etwas fertig, – und das muß man, damit es gesehen, erkannt werde und Geld bringe. »Du bist ein Träumer!« sagten sie ferner, »und das ist Dein Unglück! Das kommt aber daher, daß Du noch nicht gelebt, das Leben nicht gekostet, es nicht genossen hast in großen, gesunden Zügen, wie es genossen werden muß. Grade in der Jugend kann und muß man sein Ich mit dem Leben verschmelzen, auf daß sie Eins werden! Schau den großen Meister Raphael, den der Papst ehrt, die Welt bewundert, er ist kein Verächter von Wein und Brot!« »Er verspeist gar die Bäckerin, die niedliche Fornarina!« sagte Angelo, einer der lustigsten, jungen Freunde. Ja, was sagten sie nicht Alles, je nach ihrer Jugend und ihrem Verstände. Sie wollten den jungen Künstler mit hinausziehen in das lustige, wilde Leben, in das tolle Leben, wie man es auch nennen könnte; er fühlte auch auf Augenblicke Neigung dazu; er hatte heißes Blut, eine starke Phantasie und verstand es wohl, in das lustige Gespräch mit einzustimmen, laut zu lachen mit den Andern. Aber doch Das, was sie »Raphael's fröhliches Leben« nannten, schwand ihm wie der Morgenthau, wenn er den Gottesglanz sah, der aus den Bildern des großen Meisters leuchtete, und stand er im Vatican vor den Schönheitsgestalten, welche die Meister vor Jahrtausenden aus dem Marmorblocke geformt, da hob sich seine Brust, da vernahm er in seinem Innern etwas Hohes, Heiliges, Erhebendes, Großes und Gutes, und er wünschte aus dem Marmorblocke eben solche Gestalten zu schaffen, zu meißeln. Er wollte ein Bild schaffen von dem, was sich aus seinem Herzen hinauf nach dem Unendlichen emporschwang, aber wie und in welcher Gestalt? Der weiche Thon gestaltete sich unter seinen Fingern in Schönheitsformen, doch Tags darauf zerbrach er, wie immer, was er geschaffen. Eines Tages schritt er an einem der reichen Paläste vorüber, von welchen Rom viele aufzuweisen hat, er blieb stehen vor der großen, offenen Einfahrt und sah hier mit Bildern geschmückte Bogengänge einen kleinen Garten umschließen, der Garten prangte mit einer Fülle der schönsten Rosen. Große weiße Callaen mit ihren grünen, saftigen Blattern schossen empor aus dem Marmorbassin, in welchem das klare Wasser plätscherte, und hier schwebte eine Gestalt vorüber, ein junges Mädchen, die Tochter dieses fürstlichen Hauses, fein, leicht, wunderbar schön! Eine solche Frauengestalt hatte er noch nie gesehen, und doch! gemalt von Raphael, gemalt als Psyche in einem der römischen Paläste. Ja, dort war sie gemalt , hier schritt sie lebendig einher. In seinen Gedanken, in seinem Herzen lebte sie; und er ging zurück in sein ärmliches Zimmer und formte in Thon die Psyche, und es war die reiche, junge Römerin, die adelige Jungfrau; zum ersten Male betrachtete er sein Werk mit Befriedigung, Es hatte Bedeutung für ihn, es war sie. Die Freunde, die es sahen, jubelten vor Freude; dieses Werk sei eine Offenbarung feiner Künstlergröße, die sie im Voraus erkannt hätten, jetzt solle auch die Welt sie erkennen. Der Thon sei zwar fleischig und lebendig, er besitze aber nicht die Weiße und Dauer des Marmors; zum Leben in Marmor müsse diese Psyche gelangen, und den kostbaren Marmorblock besaß er schon, der lag schon seit Jahren als Eigenthum der Eltern im Hofraume; Glasscherben, Finochikraut, Ueberbleibsel von Artischocken häuften sich über ihn und beschmutzten ihn, allein im Innern war der Block wie der Schnee des Berges; aus diesem Marmor sollte die Psyche erstehen. Eines Tages nun geschah es – ja, der helle Stern erzählt hiervon nichts, der sah es nicht, wir wissen es aber – daß eine vornehme, römische Gesellschaft in die enge, unansehnliche Gasse kam. Die Equipage hielt am Eingange der Gasse, die Gesellschaft begab sich zu Fuß nach dem Hause, um die Arbeit des jungen Künstlers zu sehen, sie hatte zufällig von derselben reden hören. Und wer waren die vornehmen Gäste? – Armer junger Mann! Gar zu glücklicher junger Mann, könnte er auch genannt werden. Die junge Adelige selbst stand hier im Zimmer, und mit welchem Lächeln, als ihr Vater sagte: »Du bist es ja wie du lebst und leibst!« Das Lächeln kann nicht geformt werden, der Blick nicht wiedergegeben werden, der wunderbare Blick, mit welchem sie den jungen Künstler ansah, es war ein Blick, erhebend, adelnd, und – zermalmend. »Die Psyche muß in Marmor ausgeführt werden!« sagte der reiche Herr. Und das waren Lebensworte für den todten Thon und den schweren Marmorblock, so wie es auch Lebensworte für den tief ergriffenen, jungen Mann waren. »Wenn die Arbeit vollendet ist, kaufe ich sie!« sagte der fürstliche Herr. Es war, als rolle eine neue Zeit herauf in die ärmliche Werkstatt; Leben und Fröhlichkeit leuchteten, emsiger Fleiß schaffte in derselben. Der strahlende Morgenstern sah es wie die Arbeit fortschritt. Der Thon selbst war wie beseelt, seitdem sie dort gewesen, er formte sie in erhöhter Schönheit in den bekannten Zügen. »Jetzt weiß ich, was Leben ist!« jubelte er, »es ist Liebe! Es ist erhabene Hingebung in das herrliche, entzückende Aufgehen im Schönen! Das, was die Freunde Leben und Genuß nennen, ist vergängliches Wesen, sind Blasen in den Fahrenden Hefen, ist nicht der reine, himmlische Altarwein, der zum Leben weiht. Der Marmorblock wurde aufgestellt; der Meißel schlug große Stücke von ihm ab; da wurde gemessen, Punkte und Zeichen gemacht, das Handwerksmäßige ausgeführt, bis sich nach und nach der Stein in Körper, in Schönheitsgestalt, in die Psyche verwandelte, schön und herrlich wie das Gottesbild in der Jungfrau. Der schwere Stein wurde schwebend, tanzend, luftigleicht, eine anmuthige Psyche mit dem himmlisch unschuldigen Lächeln, wie dieses sich im Herzen des jungen Bildhauers abgespiegelt hatte. Der Stern des rosenfarbenen Morgens sah und begriff wähl, was sich in dem jungen Manne regte, begriff wohl die wechselnde Färbung seiner Wangen, den Blitz, der aus seinem Auge schoß, während er schaffte, während er Das wiedergab, was Gott gegeben hatte. »Du bist ein Meister, wie jene der alten Griechen!« sagten die entzückten Freunde. »Bald wird die ganze Welt Deine Psyche bewundern!« » Meine Psyche!« wiederholte er, »Meine! Ja, sie muß es werden! Auch ich bin ein Künstler, wie jene großen Verblichenen es waren. Gott hat mir das Gnadengeschenk gewährt, mich hoch gehoben wie die Edelgeborene!« Und er kniete nieder, weinte im Dankgebete zu Gott – und vergaß wiederum Gott ihretwegen, ihres Bildes in Marmor, der Psychegestalt wegen, die wie aus dem Schnee geformt dastand, in der Morgensonne erröthend. In Wirklichkeit sollte er sie sehen, die Lebende, Schwebende, sie, deren Worte wie Musik klangen. In den reichen Palast konnte er nun die Nachricht bringen, daß die Marmorpsyche vollendet sei. Er trat dort ein, schritt durch den offenen Hofraum, wo das Wasser von den Delphinen in die marmornen Bassins hinabplätscherte, wo die Callaen blühten und die frischen Rosen in reicher Fülle sproßten. Er trat in die große, hohe Vorhalle, deren Wände und Decke in Farben prangten mit Wappenzeichen und Bildern. Geputzte Diener, stolz und geziert, gingen hier auf und ab, einige streckten sich auch gemächlich und übermüthig auf den geschnitzten Holzbauten aus, als wären sie die Herren des Hauses. Er sagte ihnen, was ihn in den Palast geführt habe, und wurde darauf die blanken marmornen, mit weichen Teppichen belegten Treppen hinaufgeführt. Zu beiden Seiten standen Statuen er schritt durch reich ausgeschmückte Zimmer mit Bildern und glänzenden Mosaikfußböden. Alle diese Pracht und Glanz machte ihm den Athem schwer, aber bald fühlte er sich wieder leicht; der alte fürstliche Herr empfing ihn gar freundlich, fast herzlich, und als er sich von ihm verabschiedete, wurde er gebeten, bei der Signora einzutreten, auch sie wünsche ihn zu sehen. Der Diener führte ihn durch prachtvolle Zimmer und Säle in ihre Zimmer, wo sie selbst die Pracht und Herrlichkeit war. Sie sprach zu ihm; kein Miserere, kein Kirchengesang hätte das Herz so schmelzen, die Seele so erheben können wie ihre Rede. Er ergriff ihre Hand, drückte sie an seine Lippen; keine Rose war so weich, aber es ging ein Feuer von dieser Rose aus, ein Feuer! – ein erhebendes Gefühl durchströmte ihn; es flössen Worte von seiner Zunge, er wußte selbst nicht welche. Weiß der Krater, daß er glühende Lava wirft? Er gestand ihr seine Liebe. Sie stand überrascht, beleidigt, stolz da, mit einem Hohne in ihren Mienen, ja mit einem Ausdrucke, als habe sie plötzlich einen nassen, kalten Frosch berührt; ihre Wangen rötheten sich, ihre Lippen wurden blaß; ihre Augen waren Feuer, und doch schwarz wie die Finsterniß der Nacht. »Wahnsinniger!« sprach sie. »Fort! Hinab!« Und sie kehrte ihm den Rücken. Das Antlitz der Schönheit hatte einen Ausdruck, ähnlich jenem versteinerten Antlitze mit dem Schlangenhaare. Einem sinkenden, leblosen Gegenstande gleich wankte er die Treppen hinab, auf die Straße hinaus; wie ein Schlaftrunkener erreichte er seine Wohnung und erwachte in Raserei und Schmerz, ergriff einen Hammer, hob ihn hoch in die Luft, und wollte das schöne Marmorbild zermalmen; allein in seinem Zustande hatte er nicht bemerkt, daß der Freund Angelo neben ihm stand; dieser hielt mit einem kräftigen Griffe seinen Arm zurück. »Bist Du rasend? Was beginnst Du?« Sie rangen mit einander; Angelo war der Stärkere, und ermattet, mit tiefem Athemzuge warf der junge Künstler sich auf einen Stuhl nieder. »Was ist geschehen?« fragte Angelo. »So fasse dich doch! Sprich!« Doch was konnte er reden? Was konnte er sagen? Und da Angelo den Redeknäuel nicht zu entwirren vermochte, stand er davon ab. »Dickes Blut bekommst Du bei dieser ewigen Träumerei! Sei doch ein Mensch, wie wir Andern es sind, lebe nicht immerfort in Idealen, man schnappt über dabei! Ein Weinräuschchen und Du schläfst glücklich ein! Laß ein schönes Mädchen Deinen Arzt sein! Das Mädchen der Campagna ist schön wie die Prinzessin im Marmorschlosse; beide sind Evatöchter und im Paradiese nicht zu unterscheiden! Folge Du Deinem Angelo! Dein Engel bin ich, ein Engel des Lebens! Die Zeit wird kommen, wo Du alt bist und der Körper zusammensinken wird, und dann, an einem schönen sonnigen Tage, wenn Alles lacht und jubelt, liegst Du da, ein welker Halm, der nicht mehr wächst! Ich glaube nicht, was die Priester sagen von einem Leben jenseit des Grabes, das ist eine schöne Einbildung, ein Märchen für Kinder, ganz hübsch, wenn man es sich eben einbilden kann; – ich lebe aber nicht in Einbildungen, sondern in der Wirklichkeit! Komm mit mir! Sei Mensch!« Und er zog ihn mit sich, er konnte es in diesem Augenblicke; Feuer sprühte im Blute des jungen Künstlers, in seiner Seele war eine Veränderung vorgegangen, er fühlte einen Drang, sich loszureißen von dem Alten, dem Gewohnten, sich aus seinem eigenen, alten Ich herauszureißen, und heute folgte er Angelo. In einer entlegenen Gegend von Rom lag eine von Künstlern besuchte Osteria, in die Ruine einer alten Badekammer hineingebaut; die großen, gelben Citronen hingen zwischen der dunkeln, glänzenden Laube und verdeckten einen Theil der alten, rothgelben Mauern; die Osteria war eine tiefe Wölbung, fast einer Höhle gleich, in die Ruine hinein; drinnen flammte eine Lampe vor dem Madonnenbilde; ein großes Feuer loderte auf dem Herde, hier wurde gekocht und gebraten; draußen, unter Citronen- und Lorbeerbäumen standen einige gedeckte Tische. Beide wurden von den Freunden mit Jubel empfangen. Wenig aß man, viel trank man, das erhöhte die Fröhlichkeit; es wurde gesungen, Guitarre gespielt; der Saltarella erklang und der lustige Tanz begann. Zwei junge Römerinnen, Modelle der jungen Künstler, nahmen Theil an dem Tanze und an der Fröhlichkeit; zwei allerliebste Bacchantinnen! Freilich keine Psychegestalten, keine feinen, schönen Rosen, sondern frische, kräftige, glühende Nelken. Wie war es an diesem Tage heiß, selbst nach Sonnenuntergang war es heiß; Feuer im Blute, Feuer in der Luft, Feuer in jedem Blicke. Die Luft leuchtete in Gold und Rosen, das Leben war Gold und Rosen. »Endlich bist Du mal dabei! Laß Dich nur tragen von den Fluthen um Dich und in Dir!« »Noch nie war ich so gesund, so fröhlich!« sagte der junge Künstler. »Du hast Recht, Ihr habt Alle Recht, ich war ein Narr, ein Träumer, der Mensch gehört in die Wirklichkeit und nicht in die Phantasie!« Mit Gesang und klingenden Guitarren zogen die jungen Leute an dem sternenhellen Abende von der Osteria durch die kleinen Gassen; die beiden glühenden Nelken, Töchter der Campagna, zogen mit ihnen. In Angelo's Zimmer, zwischen umhergestreuten Farbenskizzen, hingeworfenen Foglietten und glühenden, üppigen Bildern, klangen die Stimmen gedämpfter, aber nicht weniger lebhaft; auf dem Fußboden lag manches Blatt, gar ähnlich den Töchtern der Campagna in wechselnder, kräftiger Schönheit, und doch waren diese selbst weit schöner. Die sechsarmige Lampe ließ alle ihre Dochte flammen und leuchten; und vom Innern flammte und leuchtete die Menschengestalt als Gottheit heraus. »Apollo! Jupiter! In Euren Himmel, in Eure Herrlichkeit werde ich hinausgehoben! Mir ist, als schlüge die Blüthe des Lebens in diesem Augenblicke aus in meinem Herzen!« Ja, sie schlug aus, – knickte, fiel, und ein häßlicher Dunst wirbelte heraus, blendete das Gesicht, betäubte den Gedanken; – das Feuerwerk der Sinne erlosch, und es wurde finster. Er befand sich wieder in seinem eigenen Zimmer; hier setzte er sich auf sein Bett und sammelte sich. »Pfui!« klang es aus seinem eigenen Munde, aus seinem Herzensgrunde. »Elender! Fort! Hinab!« – Und ein tiefer, schmerzlicher Seufzer entrang sich seiner Brust. »Fort! Hinab!« diese ihre Worte, die Worte der lebendigen Psyche klangen in seinem Innern, tönten von seinen Lippen. Er drückte seinen Kopf in die Kissen, der Gedanke wurde unklar, er schlief ein. In der Morgendämmerung fuhr er auf, sammelte sich auf's Neue. Was war geschehen? hatte er das Alles geträumt? Ihren Besuch geträumt, den Besuch in der Osteria, den Abend mit den purpurnen Nelken der Campagna geträumt? – Nein, Alles war Wirklichkeit, die ihm früher unbekannt gewesen. In der purpurnen Luft strahlte der klare Stern, der Strahl fiel auf ihn und die Marmorpsyche; er selbst zitterte, indem er das Bild der Unvergänglichkeit betrachtete, unrein schien ihm sein Blick. Er warf das Tuch über die Statue, noch einmal berührte er dasselbe, um die Gestalt zu entschleiern, allein er vermochte es nicht, sein Werk zu betrachten. Still, finster, in sich selbst versunken, blieb er den langen Tag sitzen, er vernahm nichts von dem, was sich draußen bewegte, Niemand wußte, was sich drinnen, in dieser Menschenbrust bewegte. Tage, Wochen vergingen; die Nächte waren die längsten. Der blitzende Stern sah ihn eines Morgens blaß, fieberzitternd sich vom Lager erheben, auf das Marmorbild hinschreiten, die Hülle desselben zurückschlagen, einen langen, schmerzlichen Blick auf sein Werk werfen, und dann, fast unter der Last erliegend, die Statue in den Garten hinausschleppen. Dort befand sich ein alter, ausgetrockneter Brunnen, jetzt eher ein Loch, in dieses senkte er die Psyche hinab, warf Erde über sie, deckte Reißig und Nesseln über die Stätte. »Fort! Hinab!« lautete die kurze Grabrede. Der Stern gewahrte es aus der rosenrothen Luft, und sein Strahl zitterte in zwei großen Thränen auf den todtenblassen Wangen des jungen Mannes, des Fiebernden, – des Todtkranken, sagten sie, als er auf dem Siechbette lag. Der Klosterbruder Ignatius besuchte ihn als Freund und Arzt, brachte ihm Trostesworte der Religion, sprach von dem Frieden und Glück der Kirche, von der Sünde der Menschen, von der Gnade und dem Frieden in Gott. Die Worte fielen gleich wärmenden Sonnenstrahlen auf gährenden Boden; der dampfte und entsandte Nebelwolken, Gedankenbilder, Bilder, die ihre Wirklichkeit hatten; und von diesen schwimmenden Inseln schaute er über das Menschenleben hin. Fehlgriffe, Täuschungen waren es, sie seien es auch ihm gewesen. Die Kunst sei eine Hexe, die uns in Eitelkeit, in irdische Gelüste hineintrüge. Falsch seien wir gegen uns selbst, gegen unsere Freunde, falsch gegen Gott. Die Schlange spreche immer in uns: »Iß und Du sollst werden wie Gott!« Nun erst schien es ihm, als habe er sich selbst verstanden, den Weg zur Wahrheit und zum Frieden gefunden. In der Kirche sei das Licht und die Helle Gottes, in der Mönchszelle die Ruhe, durch welche der Menschenbaum in die Ewigkeit hineinwachsen könne. Bruder Ignatius stärkte seinen Sinn, und der Entschluß wurde fest in ihm. Ein Weltkind wurde ein Diener der Kirche, der junge Künstler entsagte der Welt und ging in's Kloster. Liebevoll kamen ihm die Brüder entgegen und sonntagsfestlich war die Einweihung. Gott, schien es ihm, war in dem Sonnenscheine der Kirche, strahlte in diesem von den heiligen Bildern, und von dem glänzenden Kreuze. Und als er nun am Abende bei Sonnenuntergang in seiner kleinen Zelle stand und das Fenster öffnete, über das alte Rom hinaussah, über die zerstörten Tempel, das große, aber todte Colosseum sah, dieses Alles im Frühlingskleide, wenn die Akazien blühten, das Immergrün frisch war, die Rosen überall hervorsproßten, Citronen und Orangen prangten, die Palmen fächelten, da fühlte er sich ergriffen und erfüllt wie noch nie. Die offene, stille Campagna dehnte sich aus nach den blauen schneebedeckten Bergen, diese schienen in die Luft gemalt zu sein; Alles verschmelzend, Frieden und Schönheit athmend, schwimmend, träumend, – ein Traum das Ganze! Ja, ein Traum war die Welt hier, und der Traum waltet stundenlang und kann auf Stunden wiederkehren, aber das Klosterleben ist ein Leben von langen und vielen Jahren. Von Innen kommt Vieles, was den Menschen unrein macht, das fand er bestätigt! Welche Flammen durchloderten ihn manchmal! Welche Quelle des Bösen; Das, was er nicht wollte, quoll immerfort! Er strafte seinen Leib, aber von innen kam das Böse. Ein Theilchen des Geistes in ihm wand sich geschmeidig wie die Schlange um sich selbst und kroch mit seinem Gewissen unter den Mantel der Allliebe und tröstete: die Heiligen beten für uns, die Mutter betet für uns, Jesus selbst hat sein Blut für uns hingegeben. War es ein kindliches Gemüth oder der Jugend leichter Sinn, der ihn sich in die Gnade hingegeben, durch diese sich erhoben fühlen ließ, erhoben über Viele; denn er habe ja die Eitelkeit der Welt von sich gestoßen, er sei ja ein Sohn der Kirche. Eines Tages, nach Verlauf vieler Jahre, begegnete ihm Angelo, der ihn erkannte. »Mensch!« rief Angelo; – »ja, Du bist es! Bist Du jetzt glücklich? – Du hast gesündigt gegen Gott und sein Gnadengeschenk von Dir geworfen, Deine Mission in dieser Welt verscherzt. Lies die Parabel von dem anvertrauten Pfunde! Der Meister, der sie erzählte, sprach die Wahrheit! Was hast Du gewonnen, was gefunden? Legst Du selbst Dir nicht ein Traumleben, legst Du Dir nicht eine Religion zurecht nach Deinem Kopfe, wie sie es wohl Alle thun? Wenn nun Alles ein Traum, eine Phantasie, nur schöne Gedanken wären!« »Weiche von mir, Satan!« sprach der Mönch, und verließ den Angelo. »Es giebt einen Teufel, einen persönlichen Teufel! heute sah ich ihn!« sprach der Mönch vor sich hin. »Ich reichte ihm einst einen Finger, er nahm meine ganze Hand –! Nein!« seufzte er, »in mir selbst ist das Böse, und in jenem Menschen ist das Böse, aber es beugt ihn nicht, er geht mit freier Stirn einher, genießt sein Wohlsein; – und ich hasche nach meinem Wohlsein in dem Troste der Religion! – Wenn sie nur ein Trost wäre? Wenn Alles hier, wie die Welt, die ich verließ, nur schöne Gedanken wären, Täuschung, wie die Schönheit der rothen Abendwolken, wie das wallende Blau der fernen Berge! In der Nähe sind sie anders! Ewigkeit, du bist wie der große unendliche, Meeresstille Ocean, der winkt und ruft, uns mit Ahnungen erfüllt, und steigen wir hinaus auf ihn, dann sinken wir, verschwinden, – sterben, – hören auf zu sein! – Täuschung! Fort! Hinab!« Und ohne Thränen, in sich selbst versunken, saß er auf seinem harten Lager, kniete nieder – vor wem? Vor dem steinernen Kreuze, das in der Mauer saß? Nein, die Gewohnheit ließ den Körper diese Lage einnehmen. Je tiefer er in sich blickte, desto finsterer schien es ihm. »Nichts innen, nichts außen! Vergeudet dieses Leben!« Und dieser Gedankenschneeball rollte, wuchs, zermalmte ihn – wischte ihn aus. »Niemand darf ich mich anvertrauen, zu Niemand von diesem nagenden Wurme hier innen sprechen! Mein Geheimniß ist mein Gefangener, lasse ich ihn entschlüpfen, bin ich der seine.« Die Gotteskraft, die ihm innewohnte, litt und stritt. »O Herr, mein Herr!« rief er in seiner Verzweiflung, »sei barmherzig, schenke mir den Glauben! – Dein Gnadengeschenk warf ich von mir, meine Mission ließ ich unerfüllt! Mir fehlte die Kraft, Du gabst sie mir nicht. Die Unsterblichkeit, die Psyche in meiner Brust, – fort, hinab! – begraben soll sie werden wie jene Psyche, mein bester Lebensstrahl! nimmer ersteht sie aus dem Grabe!« Der Stern in der rosenrothen Luft leuchtete, der Stern, der gewiß verlöschen und vergehen, während die Seele leben und leuchten wird; sein zitternder Strahl fiel auf die weiße Wand, aber keine Schrift setzte er dorthin von der Herrlichkeit in Gott, von der Gnade, von der Allliebe, welche in der Brust des Gläubigen klingt. »Die Psyche hier innen nimmer sterben! – Leben im Bewußtsein? Kann das Unerfaßliche geschehen? – Ja! ja! unerfaßlich ist mein Ich. Unerfaßlich Du, o Herr! Deine ganze Welt unerfaßlich; – ein Wunderwerk von Macht, Herrlichkeit – Liebe!« Seine Augen leuchteten, seine Augen brachen. Der Klang der Kirchenglocken war der letzte Laut über ihm, dem Todten; und man senkte ihn in Erde, die von Jerusalem geholt und mit dem Staube von frommen Todten gemischt war. Nach Jahren hob man das Skelett heraus, wie es mit den vor ihm gestorbenen Mönchen geschehen war, man bekleidete es mit einer braunen Kutte, gab ihm eine Perlenschnur in die Hand und stellte es in die Reihen anderer Menschengebeine, wie sie in den Grabgewölben des Klosters vorgefunden wurden. Und draußen schien die Sonne, drinnen dufteten die Räucherfässer, wurden die Messen gelesen. Jahre vergingen. Die Gebeine fielen auseinander, durcheinander; Todtenköpfe wurden aufgestellt, sie bildeten eine ganze äußere Mauer der Kirche; dort stand auch sein Kopf in der sengenden Sonne, gar viele Todte waren dort, Niemand kannte jetzt die Namen derselben, auch seinen nicht. Und siehe, im Sonnenscheine bewegte sich etwas Lebendiges in den beiden Augenhöhlen, was mochte das sein? eine bunte Eidechse sprang umher darin in dem hohlen Schädel, huschte aus und ein durch die leeren, großen Augenhöhlen. Die Eidechse war jetzt das Leben in dem Kopfe, in welchem einst die großen Gedanken, die hellen Träume, die Liebe zur Kunst und zum Herrlichen sich erhoben hatten, von wo heiße Thränen herabgerollt waren, und wo die Hoffnung auf Unsterblichkeit gelebt hatte. Die Eidechse sprang, verschwand; der Schädel zerbröckelte, wurde Staub im Staube. Es war Jahrhunderte später. Der helle Stern leuchtete unverändert klar und groß wie Jahrtausende hindurch, die Luft leuchtete in Roth, frisch wie Rosen, purpurn wie Blut. Dort wo einst eine enge Gasse mit Ueberresten eines Tempels gewesen, lag jetzt ein Nonnenkloster; in dem Garten des Klosters wurde ein Grab gegraben, eine junge Nonne war gestorben und sollte an diesem Morgen in die Erde gebettet werden. Der Spaten stieß gegen einen Stein an, der Stein leuchtete blendend weiß, der Marmor kam zum Vorscheine, er rundete sich zu einer Schulter, die allmälig ganz hervortrat; der Spaten wurde nun vorsichtiger geführt; ein weiblicher Kopf kam zu Tage, – Schmetterlingsflügel. Aus dem Grabe, in welches die junge Nonne gelegt werden sollte, hob man an dem rosenrothen, flammenden Morgen eine wunderherrliche Psychegestalt, gemeißelt in weißen Marmor, herauf. »Wie schön, wie vollendet ist sie, ein Kunstwerk aus der besten Zeit!« sagte man. Wer mochte der Meister sein? Niemand wußte es, Niemand kannte ihn als der helle, durch Jahrtausende leuchtende Stern; der kannte den Gang seines Erdenlebens, seine Prüfung, seine Schwäche, wußte, daß er eben nur ein Mensch gewesen! – allein dieser war todt, verweht, wie der Staub es muß und soll; doch die Ausbeute seines besten Strebens, das Herrlichste, welches das Göttliche in ihm bekundete, die Psyche, die niemals stirbt, die den Nachruhm überstrahlt, der Glanz dieser Psyche hier auf Erden, selbst dieser blieb hier, wurde gesehen, erkannt, bewundert und geleitet. Der klare Morgenstern in der rosenfarbenen Luft sandte seinen blitzenden Strahl hernieder auf die Psyche und auf die in Glückseligkeit lächelnden Lippen und Augen der Bewunderer, welche die Seele sahen, gemeißelt aus dem Marmorblocke. Was Irdisch ist, verweht, wird vergessen, und der Stern im Unendlichen weiß davon. Was Himmlisch ist, strahlt selbst im Nachruhme, und wenn der Nachruhm erlischt – lebt noch die Psyche! Suppe auf einem Wurstspeiler.   I. »Das war gestern ein ausgezeichneter Mittag!« sagte eine alte Maus weiblichen Geschlechts zu Einer, die nicht bei der Festmahlzeit gewesen war. »Ich saß Nummer Einundzwanzig von dem alten Mausekönig abwärts; das war eben nicht schlecht placirt! – Wollen Sie jetzt die Anrichtung hören, die Gänge waren sehr gut geordnet: schimmeliges Brot, Speckschwarte, Talglicht und Wurst, – und dann wiederum dasselbe von vorn an; es war so gut als hätten wir zwei Festmahlzeiten gehabt. Angenehme Stimmung und gemüthlicher Unsinn wie in einem Familienkreise; nicht das Allergeringste außer den Wurstspeilern blieb übrig; aus diese kam dann das Gespräch, und es wurde schließlich auch der Redensart: »Suppe auf Wurstschalen«, oder wie es im Nachbarlande sprichwörtlich heißt: »Suppe auf einem Wurstspeiler« erwähnt; gehört hiervon hatte nun Jedermann, aber Niemand hatte die Suppe gekostet, geschweige sie jemals zubereitet. Es wurde ein allerliebster Toast dem Erfinder dafür ausgebracht. Derselbe verdiene Armendirector zu sein! Nicht wahr, das war witzig? – Und der alte Mausekönig erhob sich und versprach derjenigen der jungen Mäuse, welche die mehrerwähnte Suppe am wohlschmeckendsten zubereiten könne, sie solle seine Königin sein; Jahr und Tag gäbe er ihr Frist dazu.« »Das war nicht übel!« sagte die andere Maus; »aber wie bereitet man denn die Suppe zu?« »Ja, wie bereitet man sie zu!« – das fragen auch die andern weiblichen jungen und alten Mäuse. Alle möchten sie gar gern Königin sein, aber ungern wollen sie die Mühe haben, sich in die weite Welt hinauszubegeben, um die Suppe zubereiten zu lernen, und das würde denn doch nothwendig geschehen müssen! Aber es ist auch nicht Jedem gegeben, die Familie und die alten Winkel zu verlassen; draußen geht es nicht alle Tage an Käserinde und nicht alle Tage riecht man Speckschwarte; nein, Hunger muß man leiden, ja vielleicht wird man gar von einer Katze lebendig aufgefressen! Solche Gedanken waren es wohl auch, durch welche die Mehrzahl sich abschrecken ließ, nicht in die weite Welt zu gehen und Kenntnisse zu sammeln. Es stellten sich nur vier Mäuse ein, die zur Abreise bereit waren; sie waren jung und flink, aber arm; jede von ihnen wollte sich nach einer der vier Weltgegenden begeben, es würde sich dann herausstellen, welcher von ihnen das Glück günstig sei. Jede von ihnen nahm einen Wurstspeiler mit, damit sie eingedenk sei, weshalb sie reise; der Wurstspeiler sei ihr Wanderstab. Anfangs Mai zogen sie aus, und erst im Mai des folgenden Jahres kamen sie zurück, jedoch nur Drei, die Vierte meldete sich nicht, ließ gar nichts von sich hören, trotzdem daß der Tag der Entscheidung da war. »Ja, dem besten Vergnügen hängt sich stets irgend ein Kummer an,« sagte der Mausekönig; allein er gab Befehl, sämmtliche Mäuse im Umkreise vieler Meilen einzuladen; sie sollten sich in der Küche versammeln; die drei Reisemäuse standen in einer Reihe für sich; für die Vierte, die fehlte, war ein Wurstspeiler, mit schwarzein Trauerflor behangen, aufgerichtet. Niemand durfte seine Ansicht äußern, bevor nicht der Mausekönig gesagt hatte, was weiter gesagt werden solle. Wir werden hören!   II. Was die eiste kleine Maus auf Reisen gesehen und gelernt hatte. »Als ich in die weite Welt hinauszog,« – sagte die kleine Maus – »wähnte ich, wie es in meinem Alter gar Viele thun, ich hätte schon alles Wissen verschlungen; allein das hat man nicht, es vergeht Jahr und Tag, bis man so weit gelangt. – Ich ging sogleich zur See; ich ging mit einem Schiffe welches gen Norden steuerte, ich hatte mir sagen lassen, daß der Schiffskoch sich auf dem Meere zu helfen wissen müsse, allein es ist ein Leichtes sich zu helfen wissen, wenn man vollauf hat von Speckseiten von großen Tonnen mit Pökelfleisch, und milbigem Mehl; man lebt delicat aber man lernt nicht, wie man eine Suppe auf einem Wurstspeiler kochen kann. – Wir segelten viele Nächte und Tage hindurch, das Schiff schaukelte entsetzlich, und ohne Nässe lief es auch nicht ab. Als wir endlich dorthin gelangten, wohin wir sollten, verließ ich das Fahrzeug, es war oben im hohen Norden. Es ist gar wunderlich, aus seinem eigenen Winkel zu Hause herauszukommen, mit einem Schiffe gehen, das gewissermaßen auch so eine Art Winkel ist, und dann plötzlich über hundert Meilen weit sein und in einem fremden Lande stehen. Ich sah große unwegsame Wälder mit Tannen und Birken, sie dufteten gar stark, ich nießte, ich dachte an Wurst. Es waren auch große Seen dort; die Gewässer waren in der Nähe gesehen, ganz klar, aber von der Ferne sahen sie wie schwarze Tinte aus; weiße Schwäne lagen da, ich glaubte es sei Schaum, so still lagen sie, aber ich sah sie fliegen, sah sie gehen und nun erkannte ich sie; sie gehören dem Geschlechte der Gänse an, das sieht man wohl am Gange. Niemand vermag seine Abstammung abzuleugnen! – Ich hielt mich an meine Art, ich schloß mich den Wald- und Feldmäusen an, die übrigens sehr wenig wissen, besonders was Tractament anbetrifft, und das war es ja gerade, weshalb ich in's Ausland reiste. Der Gedanke, daß eine Suppe auf einem Wurstspeiler gekocht werden könne, war ihnen ein so außerordentlicher Gedanke, daß er sofort durch den ganzen Wald von Munde zu Munde ging; daß die Aufgabe gelöst werden könne, sei ein Ding der Unmöglichkeit, und am wenigsten dachte ich, daß ich dort, und zwar in der ersten Nacht, in die Zubereitung eingeweiht werden sollte. Es war im Hochsommer, und deshalb sagten die Mäuse, dufte auch der Wald so stark, seien die Kräuter so würzig die Seen so klar und doch so dunkel mit ihren weißen schwimmenden Schwänen. Am Saume des Waldes, zwischen drei oder vier Häusern war eine Stange, so hoch wie der Großmast eines Schiffes errichtet, und an der obersten Spitze derselben hingen Kränze und flatternde Bänder, es war der Maibaum. Knechte und Mägde tanzten um den Baum herum und sangen dazu um die Wette nach der Violine des Spielmannes. Es ging lustig her bei Sonnenuntergang und im Mondenscheine, aber ich nahm keinen Antheil, – was soll eine kleine Maus beim Maitanze! Ich saß in dem weichen Moose und hielt meinen Wurstspeiler fest. Der Mond warf seine Strahlen namentlich auf einen Fleck, wo ein Baum mit einem so außerordentlich seinen Moose stand, ja, ich darf fast sagen, so sein und weich, wie das Fell des Mausekönigs, aber es war von grüner Farbe, und die ist eine Wohlthat für die Augen. Auf einmal marschirten nun die wunderlieblichsten kleinen Leute auf, nicht größer als daß sie mir bis an's Kniee reichten; sie sahen aus wie die Menschen, aber sie waren besser proportionirt, sie nannten sich Elfen und hatten seine Kleider an von Blumenblättern mit Fliegen- und Mücken-Flügeln-Besatz; was nicht übel aussah. Es war gleich bei ihrem Erscheinen, als wenn sie etwas suchten, ich wußte nicht was, aber endlich kamen einige auf mich zu, der Vornehmste deutete auf meinen Wurstspeiler und sagte: »So einer ist es gerade, wie wir ihn gebrauchen! der ist zugespitzt, der ist ausgezeichnet!« und je länger er meinen Wanderstab betrachtete, desto entzückter ward er. »Leihen, ja, aber nicht behalten!« sagte ich. »Nicht behalten!« riefen sie Alle, erfaßten nun den Wurstspeiler, den ich fahren ließ, und tanzten mit ihm nach dem Flecke mit dem seinen Moose, wo sie den Wurstspeiler inmitten des Grünen aufrichteten. Sie wollten auch einen Maibaum haben, und der, welchen sie nun hatten, war denn auch als sei er für sie zugeschnitten. Nun wurde er ausgeschmückt; ja, das war erst ein Anblick! Kleine Spinnen bespannen ihn mit Golddrath, behingen ihn mit flatternden Schleiern und Fahnen, so sein gewebt, so schneeweiß im Mondenscheine gebleicht, daß es mir die Augen blendete; sie nahmen Farben von den Flügeln des Schmetterlings und streuten diese über das weiße Linnen, und Blumen und Diamanten flimmerten darauf, ich kannte meinen Wurstspeiler nicht wieder; einen solchen Maibaum, wie der geworden, gab es gewiß in der ganzen Welt nicht mehr. Und jetzt erst kam die richtige große Elfengesellschaft, die war ohne alle Bekleidung, seiner konnte es nicht sein; und mich lud man ein, das Fest mit anzusehen, doch nur von einer gewissen Entfernung, denn ich war ihnen zu groß. Nun begann aber eine Musik! Es war als klängen tausende von Glasglocken, so voll, so stark, daß ich glaubte, es seien die Schwäne, die da sängen, ja, es schien mir, als vernähme ich auch die Stimme des Kukuks und der Amsel, es war zuletzt, als klinge der ganze Wald mit; da waren Kinderstimmen, Glockenklang und Vogelsang; die wunderherrlichsten Melodien, und all' die Herrlichkeit klang aus dem Maibaume der Elfen, der war ein ganzes Glockenspiel und war mein Wurstspeiler. Daß so viel aus ihm hätte herauskommen können, hatte ich nie geglaubt, aber das hängt denn wohl davon ab, in welche Hände er kommt. Ich war gerührt; ich weinte wie eine kleine Maus weinen kann, vor lauter Vergnügen. Die Nacht war gar zu kurz, allein sie ist nun einmal um die Zeit nicht länger dort oben. In der Morgendämmerung kamen die wehenden Lüfte, der Wasserspiegel des Waldsees kräuselte sich, alle die seinen schwebenden Schleier und Fahnen flatterten dahin in der Lust; die schaukelnden Guirlanden von Spinnengeweben, die hängenden Brücken und Balustraden, wie sie nun alle heißen, flatterten davon, als seien sie Nichts; sechs Elfen trugen mir wieder meinen Wurstspeiler zu, indem sie mich zugleich fragten, ob ich irgend einen Wunsch hege, den sie zu erfüllen vermöchten; da bat ich sie, mir sagen zu wollen, wie man Suppe auf einem Wurstspeiler koche. »Wie wir es thun?« sagte der Vornehmste unter den Elfen und lächelte, »das hast Du ja doch so eben gesehen! Du kanntest ja kaum Deinen Wurstspeiler wieder!« »Sie meinen es nun so in der Weise!« dachte ich, und erzählte ihnen einfach, weshalb ich mich auf der Reise befände und was man sich in der Heimath von dieser Küche verspräche. »Welcher Nutzen,« fragte ich, »erwächst dem Mausekönig und unserem ganzen mächtigen Reiche dadurch, daß ich diese Herrlichkeit mit angesehen habe? ich vermag es doch nicht, sie aus dem Wurstspeiler zu schütteln und zu sagen: Seht, hier ist der Wurstspeiler, jetzt kommt die Suppe! das wäre höchstens eine Art Hinrichtung – wenn man satt wäre!« Da senkte der Elf seinen kleinen Finger in den Kelch eines blauen Veilchens und sprach zu mir: »Gieb Acht! Hier bestreiche ich Deinen Wanderstab, und wenn Du in Deiner Heimath in das Schloß des Mausekönigs trittst, dann berühre mit dem Stäbchen die warme Brust Deines Königs, und es werden Veilchen sprießen, die den ganzen Stab bedecken, selbst zur kältesten Winterzeit. Und damit habe ich Dir denn doch wohl etwas mit nach Hause gegeben und noch ein wenig mehr!« – Allein bevor die kleine Maus sagte, was dieses »ein wenig mehr« sei, richtete sie ihren Stab auf die Brust des Königs, und in der That, das schönste Veilchensträußchen sproß hervor, und duftete so stark, daß der Mausekönig den Mäusen, welche dem Schornsteine am nächsten standen, befahl, ihre Schwänze sofort ins Feuer zu stecken, damit man einen brandigen Geruch verspüre, denn der Veilchenduft sei nicht auszuhalten, der sei nicht die Sorte, die man liebe. »Aber was war das »Mehr«, von dem Du sprachst?« fragte der Mausekönig. »Ja,« sagte die kleine Maus, »das ist, glaube ich, Das, was man den Effekt nennt!« Und darauf kehrte sie den Wurstspeiler um, und siehe, keine einzige Blume war mehr an demselben zu erblicken, sie hielt nur den nackten Speiler, und diesen hob sie, wie man den Taktstock hebt. »Veilchen,« – sagte mir der Elf, »sind für den Anblick, für den Geruch und das Gefühl, es bleibt demnach noch übrig, auch auf das Gehör und den Geschmack Bedacht zu nehmen!« – Nun schlug das Mäuschen den Takt; das war eine Musik, nicht wie sie im Walde beim Feste der Elfen erklang, nein, wie sie in der Küche zu vernehmen ist. Das war ein Gekoche und Gebrate! Es kam plötzlich, als wenn der Wind durch alle Essen brause, als wenn Kessel und Töpfe überkochten. Die Feuerschaufel hämmerte auf den messingenen Kessel, und dann, – plötzlich wurde es wieder still: man vernahm das leise, gedämpfte Gesinge des Theekessels, und wunderlich war das anzuhören, man konnte nicht recht unterscheiden, ob der Kessel zu kochen beginne, oder aufhöre; der kleine Topf brodelte und der große Topf brodelte, einer kümmerte sich nicht um den andern, es war, als sei keine Vernunft im Topfe. Und die kleine Maus schwang ihren Taktstock immer wilder, – die Töpfe schäumten, warfen große Blasen, kochten über, der Wind brauste und pfiff durch den Schornstein – huha! es ward dermaßen entsetzlich, daß die kleine Maus selbst den Stock verlor. »Das war eine schwere Suppe!« sagte der Mausekönig; »kommt nun nicht bald die Anrichtung?« »Das war das Ganze!« erwiderte die kleine Maus und verneigte sich. »Das Ganze! – Nun dann möchten Wir vernehmen, was die Nächste zu berichten hat!« sprach der König.   III. Was die zweite kleine Maus zu erzählen wußte. »Ich bin in der Schloßbibliothek geboren,« sagte die andere Maus; »ich und mehrere unserer Familienglieder haben nie das Glück gekannt, in den Speisesaal, geschweige in die Speisekammer zu gelangen; erst auf meiner Reise und heut hier erblickte ich eine Küche. Wir mußten in der That oft Hunger leiden in der Bibliothek, aber wir bekamen viele Kenntnisse. Zu uns hinauf gelangte das Gerücht von dem königlichen Preise, ausgesetzt für Denjenigen, der Suppe auf einem Wurstspeiler zu kochen verstehe, und da war es denn meine alte Großmutter, die ein Manuscript hervorsuchte, das sie zwar nicht lesen konnte, das sie jedoch hatte vorlesen hören, und in welchem geschrieben stand: »»ist man ein Dichter, so kann man Suppe auf einem Wurstspeiler kochen.«« Sie fragte mich, ob ich Dichter sei. Ich fühlte mich in der Beziehung unschuldig, und sie sagte, alsdann müsse ich hinaus und machen, daß ich es werde; ich fragte wiederum, was wohl dazu erforderlich sei, denn es hatte für mich gerade so viel Schwierigkeit das herauszufinden, als die Suppe zuzubereiten; doch die Großmutter hatte Vieles vorlesen hören, sie sagte, es seien drei Haupttheile erforderlich; »»Verstand, Phantasie, Gefühl, – kannst Du machen, daß Du diese drei für Dich kriegst, so bist Du Dichter, und dann wird es Dir schon ein Leichtes mit dem Wurstspeiler sein.«« Ich ging ab und schritt gegen Westen in die weite Welt hinaus, damit ich ein Dichter werde. Verstand ist in jedem Dinge das Wichtigste, das wußte ich, die beiden anderen Theile genießen lange nicht die Achtung! und ich ging demnach zuerst nach dem Verstande aus. Ja, wo wohnt der wohl? Geh' zur Ameise und lerne Weisheit! hat ein großer König der Juden gesagt, das wußte ich von der Bibliothek her, und ich hielt nicht an bis ich an den ersten großen Ameisenhaufen gelangte, dort legte ich mich auf die Lauer, um weise zu werden. Die Ameisen sind ein sehr respectables Völkchen, sie sind lauter Verstand. Alles bei ihnen ist wie ein richtiges Rechenexempel, welches aufgeht. Arbeiten und Eier legen, sagen sie, heißt in der Zeit leben und für die Nachwelt sorgen, und das thun sie denn auch. Sie theilten sich in die reinen Ameisen und die schmutzigen; der Rang wird durch eine Nummer bezeichnet; die Ameisenkönigin ist Nummer Eins und ihre Ansicht die allein richtige, sie hat aller Welt Weisheit inne, und das war für mich zu wissen von Wichtigkeit! Sie sprach so Vieles und es war so klug, daß es mir wie dumm vorkam. Sie sagte, ihr Ameisenhaufen sei das Höchste in der Welt, aber dicht neben dem Haufen stand nichtsdestoweniger ein Baum, welcher höher, viel höher war, das konnte nicht abgeleugnet werden, – und so sprach man nicht davon. Eines Abends hatte sich eine Ameise auf den Baum verirrt, war den Stamm hinangekrochen, nicht einmal bis zur Krone, aber doch höher, als irgend eine Ameise bis dahin gelangt war, und als sie umkehrte und wieder nach Hause kam, erzählte sie nun von etwas weit Höherem, welches sie draußen gefunden habe, aber das fanden alle Ameisen beleidigend gegen die Gesellschaft, und die Ameise wurde deshalb zum Maulkorbe und zu immerwährender Einsamkeit verurtheilt. Allein kurze Zeit darauf gelangte eine andere Ameise an den Baum und machte dieselbe Reise und dieselbe Entdeckung; sie sprach davon mit Bedacht und Undeutlichkeit, wie es hieß, und da sie außerdem eine geachtete Ameise und eine der reinen war, so glaubte man ihr, und als sie starb, errichtete man ihr eine Eierschale als Denkmal, denn man hegte große Achtung vor den Wissenschaften. »Ich sah,« sagte die kleine Maus, »daß die Ameisen immer mit ihren Eiern auf dem Rücken umherliefen; eine verlor einmal ihr Ei, sie gab sich viele Mühe es wieder aufzuheben, allein es wollte ihr nicht gelingen, da kamen zwei andere hinzu, die halfen ihr aus Leibeskräften, so daß sie beinahe ihre eigenen Eier dabei verloren hätten, alsdann ließen sie aber auch augenblicklich in ihrer Hilfe nach, denn man ist sich selbst am nächsten, und die Ameisenkönigin sagte hiervon, es sei so Herz und Verstand an den Tag gelegt worden. »Diese Beiden stellen uns Ameisen auf die höchste Stufe unter allen Vernunftwesen; der Verstand muß durchaus in hervorragender Weise in uns zugegen sein, und ich habe den größten Verstand!« und dabei richtete sie sich auf den Hinterbeinen empor, sie war nicht zu verkennen, – ich konnte mich nicht irren: ich verschlang sie. Geht zu den Ameisen, um Weisheit zu lernen: – ich hatte jetzt die Königin!« Ich begab mich nun näher an den schon mehrerwähnten großen Baum heran; derselbe war eine Eiche, hatte einen hohen Stamm, eine volle, weit ausgebreitete Krone und war sehr alt; ich wußte, daß hier ein lebendes Geschöpf wohne, ein Weib, Dryade wird es genannt, wird mit dem Baume geboren und stirbt auch mit demselben; ich hatte davon auf der Bibliothek gehört; nun sah ich einen solchen Baum, ein solches Eichenmädchen. Es stieß einen entsetzlichen Schrei aus, als es mich so in der Nähe erblickte; es fürchtete sich wie alle Frauen sehr vor Mäusen; und es hatte denn auch mehr Grund dazu als alle andern, denn ich hätte den Baum durchnagen können, an welchem ja sein Leben hing. Ich sprach dem Mädchen freundlich und innig zu, flößte ihm Muth ein, und es nahm mich in seine zarte Hand, und als ich ihm erzählt, weshalb ich in die weite Welt gegangen sei, versprach es mir, ich sollte vielleicht noch an demselben Abende einen der zwei Schätze haben, die ich noch suchte. Es erzählte mir, daß Phantasus sein sehr guter Freund, daß er so schon wie der Liebesgott sei, und daß er manche Stunde unter den belaubten Zweigen des Baumes ruhe, die dann noch kräftiger über die Beiden rauschten. Er nenne es seine Dryade, sagte es, den Baum seinen Baum, die knorrige schöne Eiche sei gerade nach seinem Sinne, die Wurzel breite sich tief und fest in der Erde aus, der Stamm und die Krone heben sich hoch empor in die frische Luft und kennten den stöbernden Schnee, die scharfen Winde und den warmen Sonnenschein, wie diese gekannt sein müssen. »Ja,« fuhr die Dryade fort und sagte, »die Vögel singen dort oben in der Krone und erzählen von fremden Gefilden, die sie besuchten, und auf dem einzigen dürren Zweige hat der Storch sein Nest gebaut, das putzt schön aus und man bekommt auch ein wenig aus dem Lande der Pyramiden zu hören. Das Alles gefällt dem Phantasus, es genügt ihm aber doch nicht, ich selbst muß ihm erzählen von dem Leben im Walde, und muß zurückgreifen in meine Kindheit, als ich klein und der Baum zart war, so zart, daß eine Brennnessel ihn überschattete, und Alles erzählen bis jetzt, wo der Baum nun groß und stark geworden ist. Setze Du Dich nun dort unter den grünen Waldmeister und gieb wohl Acht, ich werde, wenn Phantasus kommt, schon Gelegenheit finden, ihn in den Flügel zu kneifen und eine kleine Feder auszurupfen; nimm die Feder – eine bessere wird keinem Dichter gegeben – dann hast Du genug!« Und Phantasus kam, die Feder wurde ausgerupft und »ich begriff sie«, sagte die kleine Maus, »ich steckte sie in Wasser und hielt sie darin, bis sie erweichte, – sie war noch sehr schwer verdaulich, aber ich habe sie doch endlich aufgenagt! Es ist sehr leicht, sich zum Dichter heranzunagen, es giebt gar Vieles, das man inne haben muß. Nun hatte ich denn die zwei, den Verstand und die Phantasie, und durch diese wußte ich nun, daß das Dritte in der Bibliothek zu finden sei, denn ein großer Mann hat gesagt und geschrieben, daß es Romane giebt, die einzig und allein dazu da sind, um die Menschen von ihrem Ueberflusse an Thränen zu befreien, demnach eine Art Schwämme sind, um die Gefühle aufzusaugen. Ich erinnerte mich an einige dieser Bücher, die immer besonders appetitlich ausgesehen hatten, recht abgelesen und fettig waren; sie müssen einen unendlichen Schwall in sich aufgenommen haben. Ich begab mich zurück in die Bibliothek, fraß gleichsam einen ganzen Roman, d. h. das Weiche, das Eigentliche; die Kruste dagegen, den Einband, ließ ich liegen. Als ich ihn verdaut hatte, und noch einen dazu, vernahm ich schon, wie es sich in meinem Innern regte, ich fraß noch ein Stückchen von einem dritten Roman, und alsdann war ich Dichter, das sagte ich mir selbst und sagte es auch den Andern! Ich hatte Kopfschmerzen und Leibschmerzen und – ich weiß nicht, was ich alles für Schmerzen hatte; ich dachte nun darüber nach, welche Geschichten wohl in Beziehung zu einem Wurstspeiler gebracht werden könnten, und gar viele Speiler und Stecken und Stäbe und Hölzchen kamen mir in den Gedanken, die Ameisenkönigin hatte einen außergewöhnlichen Verstand gehabt; ich erinnerte mich des Mannes, der einen weißen Stecken in den Mund nahm, wodurch er sowohl sich wie den Stecken unsichtbar machen konnte; ich dachte an Steckenpferde, an Stabreime, an »den Stab über Einen brechen« und Gott weiß, wie viele Redensarten der Art von Stäben, Stecken und Speilern. Alle meine Gedanken gingen in Speilern, Hölzchen und Stäben auf! und von diesen müsse, wenn man ein Dichter ist, und der bin ich, ich habe mich abgeäschert, daß ich es endlich geworden bin, auch gedichtet werden können. Ich werde somit an jedem Tage der Woche Ihnen mit einem Speiler, einer Historie aufwarten können, – ja, das ist meine Suppe!« »Hören wir, was die Dritte zu sagen hat!« befahl der Mausekönig. »Pi, pi!« sagte es in der Küchenthüre, und eine kleine Maus, – es war die vierte von den Mäusen, die sich um den Preis bewarben, die, welche die andern schon todt wähnten, schoß herein wie ein Pfeil. Sie rannte den Wurstpfeiler mit dem Trauerflor um und um, sie war Tag und Nacht gelaufen, war auf der Eisenbahn mit dem Güterzuge gefahren, wozu sie die Gelegenheit erspäht hatte, und doch war sie fast zu spät gekommen; sie drängte sich hervor, sah gar zerzaust aus, hatte ihren Wurstspeiler verloren, aber nicht die Sprache, sie nahm sofort das Wort, als wenn man nur ihrer harre, nur sie anhören wolle, als wenn alles Andere in der Welt die Welt nichts anginge; sie sprach sofort, sprach sich aus; sie trat so unerwartet auf, daß Niemand Zeit gewann, sich über sie und über ihre Rede aufzuhalten, während sie redete. Hören wir zu, was sie sprach:   IV. Was die vierte Maus, bevor die dritte gesprochen hatte, zu erzählen wußte. »Ich begab mich sogleich nach der größten Stadt,« sagte sie, »der Name ist mir entfallen, ich habe ein schlechtes Gedächtniß für Namen. Von der Eisenbahn kam ich mit confiscirten Gütern aufs Rathhaus und dort angekommen, lief ich in die Wohnung des Schließers. Der Schließer sprach von seinen Gefangenen, namentlich von einem derselben, der unüberlegte Worte gesprochen hatte; von diesen Worten waren wieder und wieder Worte gesprochen, und diese wieder niedergeschrieben und einregistrirt worden; »das Ganze sei Suppe auf einem Wurstspeiler!« sagte der Schließer, »allein die Suppe kann ihm seinen Hals kosten!« Das flößte mir nun Interesse für den Gefangenen ein,« sagte die kleine Maus, »ich benutzte die Gelegenheit und huschte zu ihm hinein; ein Mauseloch findet sich hinter jeder verschlossenen Thür! Der Gefangene sah blaß aus, hatte einen großen Bart und große, funkelnde Augen. Die Lampe flackerte und dampfte, und die Wände waren das so gewohnt, sie wurden deshalb nicht schwärzer. Der Gefangene ritzte Bilder und Verse mit Weiß auf Schwarz, ich las sie nicht. Ich glaube, er hatte Langeweile; ich war ein willkommener Gast. Er lockte mich mit Brotkrümelchen, mit Pfeifen und mit milden Worten, er freute sich meiner sehr, ich faßte allmälig Vertrauen zu ihm, und wir wurden Freunde. Er theilte Brot und Wasser mit mir, gab mir Käse und Wurst, ich lebte flott; allein es war doch, das muß ich sagen, namentlich der gute Umgang, der mich hielt. Er ließ mich auf seiner Hand, auf seinem Arm, ganz in den Aermel hinauf laufen; er ließ mich in seinem Barte umherkriechen, nannte mich seinen kleinen Freund; ich gewann ihn in der That lieb; so etwas ist wohl gegenseitig! Ich vergaß, was ich in der weiten Welt wollte, vergaß meinen Wurstspeiler in einer Ritze im Fußboden; dort liegt er noch. Ich wollte bleiben, wo ich war, ginge ich erst fort, dann hätte ja der arme Gefangene gar Niemand, und das ist zu wenig in dieser Welt! – Ich blieb, er blieb nicht! Er redete recht traurig zu mir das letzte Mal, gab mir doppelt so viel Brot und Käse wie sonst, und warf mir darauf Kußhände zu; er ging und kehrte nicht wieder. Ich kenne seine Geschichte nicht. »Suppe auf einem Wurstspeiler!« sagte der Schließer, und zu diesem ging ich nun hinein; doch ihm hätte ich nicht trauen sollen; er nahm mich zwar auf seine Hand, aber er steckte mich in einen Käfig ein, in eine Tretmühle; das ist entsetzlich! man läuft und läuft und kommt doch nicht weiter, und ist nur zum Gelächter! Die Enkelin des Schließers war eine allerliebste Kleine, ein Lockenkopf, wie das schönste Gold, Augen, wie freudig! und einen Mund, wie lächelnd! »Du arme kleine Maus!« sagte sie, guckte in meinen häßlichen Käfig hinein, zog den eisernen Stecken herab – und ich sprang aufs Fensterbrett herab, von dort hinaus auf die Dachrinne. Frei! Frei! nur das allein dachte ich, nicht an das Ziel der Reise! Es war finster, die Nacht zog herauf; ich logirte mich in einem alten Thurme ein, dort wohnte ein Wächter und eine Eule; ich traute Keinem von Beiden, am wenigsten der Eule; sie gleicht einer Katze und hat den großen Fehler, daß sie Mäuse frißt; allein man kann sich irren und das that ich; sie war eine respektable, außerordentlich gebildete, alte Eule; sie wußte mehr als der Wächter und eben soviel wie ich; die Eulenkinder machten Aufhebens von allen Dingen; »kocht nur keine Suppe auf einem Wurstspeiler!« sagte die Alte; das waren die härtesten Worte, die sie übers Herz bringen konnte, sie hegte eine zu innige Liebe zu ihrer eigenen Familie. Mir flößte ihr Betragen ein solches Vertrauen ein, daß ich aus der Ritze, wo ich saß, ihr ein »Pi« zurief; dieses Vertrauen gefiel ihr sehr, und sie versicherte mich, daß ich unter ihrem Schutze stehen solle, keinem Thiere sollte es erlaubt sein, mir Böses anzuthun, das wolle sie selbst zum Winter thun, wenn es schmale Bissen setze. Sie war in Allem eine kluge Frau; sie bewies mir, daß der Wächter nur mit dem Horn, welches lose an seiner Seite hing, heulen könne; »er bildet sich entsetzlich viel darauf ein, glaubt, er sei eine Eule im Thurme. Groß hinaus will es, aber gar winzig ist es! Suppe auf einem Wurstspeiler!« – Ich bat die Eule, mir das Recept zu der Suppe zu geben, und nun erklärte sie es mir: »Suppe auf einem Wurstspeiler« – sagte sie, »»sei nur eine menschliche Redensart, und sei in verschiedener Weise zu verstehen, ein Jeder glaube, seine Weise sei die richtigste; allein das Ganze sei eigentlich Nichts!«« »Nichts!« rief ich aus. Das schlug mich. Die Wahrheit ist nicht immer angenehm, aber die Wahrheit geht über Alles! und das sagte auch die alte Eule. Ich dachte nun darüber nach, und sah wohl ein, daß ich, wenn ich das brächte, was über Alles geht, so brächte ich weit mehr als Suppe auf einem Wurstspeiler. Und darauf beeilte ich mich, weiter zu kommen, damit ich noch zu rechter Zeit nach Hause käme und das Höchste und Beste, das, was über Alles geht, – die Wahrheit bringen könnte. Die Mäuse sind ein aufgeklärtes Völkchen und der Mausekönig ist über sie Alle insgesammt. Er ist capable, mich zur Königin zu machen – um der Wahrheit willen!« »Deine Wahrheit ist eine Lüge!« sagte die Maus, der das Wort noch nicht gegeben war; »ich kann die Suppe zubereiten, und ich werde sie auch zubereiten.«   V. Wie sie zubereitet wurde. »Ich bin nicht gereist,« sagte die dritte Maus, »ich blieb im Lande, das ist das Richtige! Man braucht nicht zu reisen, man kann hier Alles ebenso gut bekommen. Ich blieb; ich habe meins nicht von übernatürlichen Wesen gelernt, habe es mir nicht erfressen oder gar mit Eulen erredet. Ich habe das meinige durch selbsteigenes Denken. Wollt Ihr nun machen, daß Ihr den Kessel über das Feuer setzt! – So! – nun Wasser hineingegossen! – ganz voll – bis an den Rand herauf, so! – jetzt mehr gefeuert! – immer brennen lassen, damit das Wasser kocht, – es muß über und über kochen! – So! – jetzt werft den Speiler hinein! – Wolle nun der König geruhen, seinen Schwanz in das sprudelnd Kochende hinein zu tauchen und mit diesem Schwanz umrühren; je länger der König umrührt, um so kräftiger wird die Suppe werden; es kostet nichts! Zuthaten sind nicht erforderlich, – nur umrühren!« »Kann das ein andrer nicht thun?« fragte der König. »Nein,« sagte die Maus, »nur in des Königs Schwanz ist die Kraft enthalten!« Und das Wasser kochte und sprudelte, und der Mäusekönig stellte sich dicht neben den Kessel, – es war fast mit Gefahr verknüpft, – er steckte den Schwanz aus, so wie es die Mäuse in der Milchkammer thun, wenn sie einen Napf Milch abrahmen, und sich den rahmigen Schwanz hinterher ablecken, aber er kam mit seinem Schwanz nur bis in die heißen Wasserdämpfe hinein, dann sprang er sofort vom Herde herunter. »Das versteht sich, natürlicherweise, Du bist meine Königin!« rief er; »mit der Suppe wollen wir es bewenden lassen, bis zu unserer goldenen Hochzeit, denn so haben die Armen meines Reiches, die da gespeist werden sollen, Etwas, worauf sie sich freuen können, und haben eine lange Freude!« Darauf machten sie Hochzeit; aber mehrere der Mäuse sagten, als sie nach Hause zurückkamen: »Suppe auf einem Wurstspeiler sei das eigentlich doch nicht zu nennen, es sei eher Suppe auf einem Mauseschwanze!« – Dieses und Jenes von Dem, was erzählt war, fanden sie gut gegeben; das Ganze aber hätte anders sein können! »ich würde es nun so erzählt haben, und so – – und so – –!« Das war die Kritik, und die ist immer so klug – hinterdrein.     Diese Geschichte ging in die weite Welt überall hinaus, die Meinungen von ihr waren getheilt, allein die Historie selbst blieb wie sie war; das ist das Richtigste, im Großen wie im Kleinen, so auch in Betreff der Suppe auf einem Wurstspeiler, man erwarte nur keinen Dank dafür. Der Halskragen. Es war einmal ein reicher Cavalier, dessen sämmtliche Effekten aus einem Stiefelknechte und einer Haarbürste bestanden; aber er hatte den schönsten Halskragen der Welt, und von diesem Halskragen werden wir eine Geschichte hören. – Der war nun so alt, daß er daran dachte, sich zu verheiraten; da traf es sich, daß er mit einem Strumpfbande zugleich in die Wäsche kam. »Potztausend!« sagte der Halskragen, »habe ich doch niemals etwas so Schlankes und Feines, so Zartes und Niedliches gesehen! Darf ich nach Ihrem Namen fragen?« »Den nenne ich Ihnen nicht!« sagte das Strumpfband. »Wo gehören Sie denn zu Hause?« fragte der Halskragen. Aber das Strumpfband war etwas schüchterner Natur, und es schien ihm ziemlich wunderbar, darauf zu antworten. »Sie sind wohl ein Leibgürtel?« sagte der Halskragen, »so ein inwendiger Leibgürtel? Ich sehe, daß Sie sowohl zum Nutzen, wie zum Schmuck dienen, mein kleines Fräulein!« »Sie sollen nicht mit mir sprechen!« sagte das Strumpfband; »ich meine, daß ich dazu durchaus keine Veranlassung gegeben habe!« »Ei, wenn man so schön ist, wie Sie,« sagte der Halskragen, »ist das nicht Veranlassung genug?« »Gehen Sie, kommen Sie mir nicht so nah!« sagte das Strumpfband. »Sie sehen mir ganz wie eine Mannsperson aus!« »Ich bin auch ein seiner Cavalier,« sagte der Halskragen; »ich besitze einen Stiefelknecht und eine Haarbürste!« Das war gar nicht wahr: es war ja sein Herr, der diese Sachen besaß. Aber er prahlte. »Kommen Sie mir nur nicht so nah!« sagte das Strumpfband. »Ich bin das nicht gewohnt!« »Zieraffe!« sagte der Halskragen. Und dann wurden sie aus der Wäsche genommen, wurden gestärkt, über einen Stuhl im Sonnenscheine aufgehängt und dann auf's Plättbrett gelegt. Nun kam das glühende Eisen. »Frau Witwe!« sagte der Halskragen, »kleine Frau Witwe. Mir wird ganz warm! Ich werde ein ganz Anderer; ich komme ganz aus den Falten; Sie brennen ein Loch in mich hinein! Uh! Ich halte um Sie an!« »Sie Lump!« sagte das Plätteisen und fuhr stolz über den Halskragen hin; denn es bildete sich ein, daß es ein Dampfkessel sei, der auf die Eisenbahn hinaus und Wagen ziehen sollte. »Lump!« sagte es. Der Halskragen war an den Kanten ein wenig abgefasert, deshalb kam die Papierscheere und sollte die Fasern abschneiden. »Oh!« sagte der Halskragen, »Sie sind wohl erste Tänzerin! Wie können Sie die Beine ausstrecken! Das ist das Reizendste, was ich jemals gesehen habe! Das kann Ihnen kein Mensch nachmachen!« »Das weiß ich!« sagte die Scheere. »Sie verdienten, Gräfin zu sein!« sagte der Halskragen. »Alles, was ich besitze, besteht aus einem seinen Cavalier, einem Stiefelknechte und einem Frisirkamme. Hätte ich doch nur eine Grafschaft!« »Was? Er will freien?« sagte die Scheere, denn sie wurde ärgerlich und that einen so starken Schnitt, daß der Halskragen cassirt werden mußte. »Ich werde wohl um die Haarbürste freien müssen!« dachte der Halskragen: »Es ist merkwürdig, welch' schönes Haar Sie haben, mein kleines Fräulein! Haben Sie nie daran gedacht, sich zu verloben?« »Ja, das können Sie sich wohl denken!« antwortete die Haarbürste: »ich bin ja mit dem Stiefelknechte verlobt!« »Verlobt?« rief der Halskragen. Nun war Niemand mehr da, um den er freien konnte, und darum verachtete er jetzt die Freierei. Eine lange Zeit verging, da kam der Halskragen in den Sack des Papiermüllers. Dort war große Lumpengesellschaft: die feinen für sich, die groben für sich, wie sich das gehört. Sie hatten Alle viel zu erzählen, aber der Halskragen am Meisten, denn er war ein rechter Prahlhans. »Ich habe ungeheuer viele Liebschaften gehabt!« sagte der Halskragen. »Man ließ mir keine Ruhe. Ich war aber auch ein feiner Cavalier, ein gesteifter! Ich hatte sowohl einen Stiefelknecht, als auch eine Haarbürste, die ich nie gebrauchte! – Sie hätten mich damals nur sehen sollen, mich sehen sollen, wenn ich auf der Seite lag! – Niemals vergesse ich meine erste Liebe! Es war ein Leibgürtel, und wie fein, wie weich, wie niedlich war der! Meine erste Liebe stürzte sich meinetwegen in einen Waschkübel! – Da war auch eine Witwe, die glühte für mich: aber ich ließ sie stehen, daß sie schwarz wurde. Dann war da die erste Tänzerin, die brachte mir die Wunde bei, mit der ich jetzt umhergehe: sie war sehr auffahrend! Meine eigene Haarbürste war in mich verliebt, und verlor alle Haare aus Liebesschmerz. Ja, ich habe in der Art viel erlebt; aber am meisten thut es mir leid um das Strumpfband – – – um den Leibgürtel, wollt' ich sagen, der sich in den Waschkübel stürzte. Ich habe viel auf meinem Gewissen; es wird Zeit, daß ich weißes Papier werde!« Und dahin gelangte der Halskragen; alle die Lumpen wurden weißes Papier, das wir hier sehen, worauf diese Geschichte gedruckt worden ist. – Und das geschah deswegen, weil er hinterher so schrecklich mit Dingen prahlte, die gar nicht wahr gewesen. – Das wollen wir beherzigen, damit wir es ja nicht so machen; denn wir können es in der That nicht wissen, ob wir nicht auch einmal in den Lumpensack kommen und zu weißem Papier umgearbeitet werden, worauf man unsere ganze Geschichte, selbst die allergeheimste, abdruckt, sodaß wir ebenfalls umherlaufen, und sie, wie der Halskragen, erzählen müssen. Die Schnellläufer. Ein Preis, ja zwei Preise waren ausgesetzt, ein kleiner und ein großer, für die größte Schnelligkeit, nicht in einem Laufe, sondern für die Schnelligkeit das ganze Jahr hindurch. »Ich bekam den ersten Preis!« sprach der Hase ; »Gerechtigkeit muß doch wenigstens da sein, wenn Verwandte und gute Freunde im Preiscollegium sitzen; – daß aber die Schnecke den zweiten Preis erhielt, finde ich fast beleidigend für mich!« »Nein,« versicherte der Zaunpfahl, der Zeuge bei der Preisverteilung gewesen, »es muß auch Rücksicht auf Fleiß und guten Willen genommen werden, das sagten mehrere achtbare Leute, und das habe ich wohl begriffen. Die Schnecke hat freilich ein halbes Jahr gebraucht, um über die Thürschwelle zu gelangen; allein sie hat sich Schaden gethan, hat sich das Schlüsselbein gebrochen bei der Eile, die es doch immerhin für sie war. Sie hat ganz und gar für ihren Lauf gelebt, und sie lief mit dem Hause auf dem Rücken! – Das Alles ist sehr charmant! – und sie bekam deshalb auch den zweiten Preis!« »Mich hätte man doch auch berücksichtigen können!« sagte die Schwalbe ; »ich sollte meinen, daß Niemand sich schneller als ich im Fluge und Schwunge gezeigt habe, und wie bin ich weit umher gewesen, weit, weit, weit!« »Ja, das eben ist Ihr Unglück!« sprach der Zaunpfahl, »Sie sind zu flatterhaft! Immer müssen sie auf die Fahrt, ins Ausland, wenn es hier zu frieren beginnt; Sie haben keine Vaterlandsliebe! Sie können nicht berücksichtigt werden!« »Wenn ich nun aber den ganzen Winter hindurch in der Moorhaide läge?« erwiderte die Schwalbe; »wenn ich die ganze Zeit schliefe, würde ich dann in Betracht gezogen werden?« »Bringen Sie eine Bescheinigung der alten Moorfrau bei, daß Sie die Hälfte der Zeit im Vaterlande verschlafen haben, dann sollen Sie berücksichtigt werden.« »Ich hätte wohl den ersten Preis und nicht den zweiten verdient!« sprach die Schnecke, »So viel weiß ich wenigstens, daß der Hase nur aus Feigheit gelaufen ist, weil er jedesmal wähnte, es sei Gefahr im Verzuge; ich hingegen habe mein Laufen zur Lebensaufgabe gemacht und bin im Dienste zum Krüppel geworden! Sollte überhaupt Jemand den ersten Preis haben, so müßte ich ihn haben: – aber ich verstehe das Klappern, das Aufschneiden nicht, ich verachte es vielmehr!« »Ich werde mit Wort und Rede antworten können, daß jeder Preis, wenigstens meine Stimme zu demselben, mit gerechter Berücksichtigung gegeben worden ist!« nahm der alte Grenzpfahl im Walde, der Mitglied des beschließenden Rittercollegiums war, das Wort. »Ich gehe stets in gehöriger Ordnung, mit Ueberlegung und Berechnung vor. Siebenmal habe ich früher die Ehre gehabt, bei der Preisverteilung zugegen zu sein und mitzustimmen, aber erst heute habe ich meinen Willen durchgesetzt. Ich bin bei jeder Vertheilung von einem bestimmten Etwas ausgegangen. Ich bin stets zu dem ersten Preise von vorne im Alphabet, zu dem zweiten von hinten im Alphabet gegangen. Belieben Sie mir Ihre Aufmerksamkeit zu schenken, ich will Ihnen auseinander setzen, wie man von vorne anfängt. Der achte Buchstaben von A ist H, da haben wir den Hasen, und deshalb theilte ich dem Hasen den ersten Preis zu; der achte Buchstabe von hinten ist S, und deshalb erhielt die Schnecke den zweiten Preis. Das nächste Mal wird I zum ersten Preise und R zum zweiten an der Reihe sein! – Es muß bei allen Dingen die gehörige Ordnung obwalten! Man muß einen bestimmten Anhaltepunkt haben!« »Ich hätte freilich für mich selbst gestimmt, wenn ich nicht unter den Richtern gewesen wäre!« sagte der Maulesel , der gleichfalls Preisrichter war. »Man muß nicht allein die Schnelligkeit berücksichtigen, mit welcher man vorwärts kommt, sondern auch jedwede andere Eigenschaft, die vorhanden ist, z. :B. die, wie viel man zu ziehen vermag; doch Das wollte ich dieses Mal nicht hervorgehoben haben, auch nicht die Klugheit des Hasen auf der Flucht, oder die List, mit welcher er plötzlich einen Sprung seitwärts macht, um die Leute auf falsche Fährte zu leiten, daß sie nicht wissen, wo er sich versteckt hat; nein, es giebt noch Eins, auf welches Viele ein Gewicht legen, und das man nicht außer Acht lassen darf, ich meine Das, was man das Schöne nennt; auf das Schöne richtet sich namentlich mein Augenmerk; ich schaute die schönen wohlgewachsenen Ohren des Hasen an, es ist eine wahre Freude zu sehen, wie lang die sind; mir kam es vor, als sähe ich mich selber in meiner Kindheit Tagen, und – so stimmte ich für den Hasen!« »Pst!« sagte die Fliege , »ja, ich will nicht reden, ich will nur Etwas sagen, – will nur sagen, daß ich freilich mehr denn einen Hasen eingeholt habe. Letzthin zerschmetterte ich einem der jüngsten die Hinterläufe; ich saß auf der Locomotive vor dem Bahnzuge – das thue ich oft, man beobachtet so am besten seine eigene Schnelligkeit. Ein junger Hase lief lange Zeit der Locomotive voran, er hatte keine Ahnung, daß ich zugegen war; endlich aber mußte er innehalten und aus der Bahn weichen, allein da zerschmetterte die Locomotive ihm die Hinterbeine, denn ich saß auf derselben. Der Hase blieb liegen, aber ich fuhr weiter. Das heißt doch wohl ihn besiegen! – Allein ich brauche den Preis nicht!« »Mir scheint nun freilich,« dachte die wilde Rose , aber sie sagte es nicht, denn es ist nun einmal nicht ihre Natur, sich auszusprechen, obwohl es gut gewesen wäre, wenn sie es gethan hatte; – »mir scheint nun freilich, daß der Sonnenstrahl den ersten Ehrenpreis und auch den zweiten hätte haben müssen. Der Sonnenstrahl fliegt in einem Nu den unermeßlichen Weg von der Sonne zu uns herab, und kommt mit einer Kraft an, daß die ganze Natur dabei erwacht; der besitzt eine Schönheit, daß wir Rosen alle dabei erröthen und duften! Die hohe richterliche Obrigkeit scheint dies gar nicht bemerkt zu haben! Wäre ich der Sonnenstrahl, ich gäbe einem jeden von ihnen einen Sonnenstich – allein, der würde sie nur toll machen, und das können sie ohnehin werden. Ich sage Nichts!« dachte die wilde Rose. »Friede herrscht im Walde! Herrlich ist's, zu blühen, zu duften und zu leben, in Sang und in Sage zu leben! Der Sonnenstrahl überlebt uns doch Alle!« »Was ist der erste Preis?« fragte der Regenwurm , der die Zeit verschlafen hatte und nun erst hinzukam. »Der besteht im freien Zutritt zu einem Kohlgarten,« antwortete der Maulesel; »ich habe diesen Preis vorgeschlagen. Der Hase mußte und sollte ihn haben, und so nahm ich als denkendes und thätiges Mitglied vernünftige Rücksicht auf Dessen Nutzen, der ihn haben sollte; jetzt ist der Hase versorgt. Die Schnecke darf auf dem Zaune sitzen und Moos und Sonnenschein lecken und ist fernerhin als einer der ersten Preisrichter beim Schnelllaufen angestellt. Es ist sehr viel werth, Einen vom Fache mitzuhaben in dem Dinge, was die Menschen ein Comité nennen. Ich muß sagen, ich erwarte viel von der Zukunft, wir haben schon einen recht guten Anfang gemacht!« Der Reisekamerad. Der arme Johannes war tief betrübt, denn sein Vater war sehr krank und konnte nicht genesen. Außer den Beiden war durchaus Niemand in dem kleinen Zimmer: die Lampe auf dem Tische war dem Erlöschen nahe, und es war spät Abends. »Du warst ein guter Sohn, Johannes !« sagte der kranke Vater. »Der liebe Gott wird Dir schon in der Welt forthelfen!« Er sah ihn mit ernsten, milden Augen an, holte tief Athem und starb; es war, als ob er schliefe. Johannes weinte; nun hatte er Niemanden in der Welt, weder Vater noch Mutter, weder Schwester noch Bruder. Der arme Johannes ! Er lag vor dem Bette auf seinen Knieen, küßte des todten Vaters Hand und weinte sehr viele bittere Thränen; aber zuletzt schlossen sich seine Augen, und er schlief ein, mit dem Kopfe auf der harten Bettpfoste liegend. Da träumte er einen sonderbaren Traum: er sah, wie Sonne und Mond sich vor ihm neigten; er erblickte seinen Vater wieder frisch und gesund und hörte ihn lachen, wie er immer lachte, wenn er recht froh war. Ein schönes Mädchen mit einer goldenen Krone auf ihrem langen, glänzenden Haare reichte ihm die Hand; und sein Vater sagte: »Siehst Du, was für eine Braut Du erhalten hast? Sie ist die Schönste in der Welt.« Da erwachte er und alle Herrlichkeit war vorbei; sein Vater lag todt und kalt im Bette; es war Niemand bei ihnen. Der arme Johannes ! In der folgenden Woche wurde der Todte begraben; der Sohn ging dicht hinter dem Sarge und konnte nun den guten Vater nicht mehr zu sehen bekommen, der ihn so sehr geliebt hatte. Er hörte, wie sie die Erde auf den Sarg hinunterwarfen, und sah noch die letzte Ecke desselben; aber nach der nächsten Schaufel Erde, welche hinabgeworfen wurde, war auch die verschwunden; da war es, als wolle sein Herz in Stücke zerspringen. so betrübt war er. Rings herum sangen sie einen Psalm; es waren schöne, heilige Klänge, und die Thränen traten dem Johannes in die Augen; er weinte, und das that ihm in seiner Trauer wohl. Die Sonne beschien herrlich die grünen Bäume, als wolle sie sagen: »Du darfst nicht mehr betrübt sein, Johannes ! Siehst Du, wie schön der Himmel ist? Dort oben ist nun Dein Vater und bittet den lieben Gott, daß es Dir allezeit wohl ergehen möge!« »Ich will auch immer gut sein,« sagte Johannes ; »dann komme ich in den Himmel zu meinem Vater; und was wird das für eine Freude werden, wenn wir einander wiedersehen! Wie viel werde ich ihm dann nicht erzählen können; und er wird mir so viele Dinge zeigen, mir die Herrlichkeit des Himmels erklären, ebenso wie er mich hier auf Erden unterrichtete. O, was für eine Freude wird das werden!« Er dachte sich das so deutlich, daß er dabei lächelte, während die Thränen ihm noch über die Wangen liefen. Die kleinen Vögel saßen oben in den Kastanienbäumen und zwitscherten: »Quivit, Quivit!« Sie waren froh und munter, obgleich sie mit bei dem Begräbnisse gewesen: aber sie wußten wohl, daß der todte Mann nun im Himmel wäre, Flügel hätte, schöner und größer als die ihrigen; daß er nun glücklich sei, weil er hier auf Erden gut gewesen, und darüber waren sie vergnügt. Johannes sah, wie sie von den grünen Bäumen weit in die Welt hinausflogen, da bekam er auch Lust, mitzufliegen. Aber zuerst schnitt er ein großes Holzkreuz, um es auf seines Vaters Grab zu setzen; und als er es am Abend dahin brachte, war das Grab mit Sand und Blumen geschmückt, das hatten fremde Leute gethan, denn sie hielten alle viel von dem lieben Vater, der nun todt war. Früh am nächsten Morgen packte Johannes sein kleines Bündel zusammen und verwahrte in seinem Gürtel sein ganzes Erbtheil, welches fünfzig Thaler und ein paar Silberschillinge betrug; damit wollte er in die Welt hinaus wandern. Aber zuerst ging er nach dem Kirchhofe zu seines Vaters Grabe, betete ein Vater-Unser und sagte: »Lebe wohl!« Draußen auf dem Felde, wo er ging, standen alle Blumen frisch und schön in dem warmen Sonnenscheine; sie nickten im Winde, als wollten sie sagen: »Willkommen im Grünen! Ist es hier nicht schön?« Aber Johannes wendete sich noch einmal zurück, um die alte Kirche zu betrachten, in der er als kleines Kind getauft worden, und wo er jeden Sonntag mit seinem Vater zum Gottesdienst gewesen war und seinen Psalm gesungen hatte; da sah er hoch oben in einer der Oeffnungen des Thurms den Kirchenkobold mit seiner kleinen, rothen, spitzen Mütze stehen, wie er sein Gesicht mit dem gebogenen Arme beschattete, da ihm sonst die Sonne in die Augen schien. Johannes nickte ihm Lebewohl zu, und der kleine Kobold schwenkte seine rothe Mütze, legte die Hand auf das Herz und warf ihm viele Kußhändchen zu, um zu zeigen, wie gut er es mit ihm meine, und daß er ihm eine recht glückliche Reise wünsche. Johannes dachte daran, wie viel Schönes er nun in der großen, prächtigen Welt zu sehen bekommen würde, und ging weiter und weiter fort, so weit wie er früher nie gewesen war. Er kannte die Orte nicht, durch die er kam, oder die Menschen, denen er begegnete. – Nun war er weit draußen in der Fremde. Die erste Nacht mußte er sich auf einem Heuschober auf dem Felde schlafen legen; ein anderes Bett hatte er nicht. Aber das war recht hübsch, meinte er; der König könnte es nicht besser haben. Das ganze Feld mit dem Bache, der Heuschober und dann der blaue Himmel darüber; das war gewiß eine schöne Schlafkammer. Das grüne Gras mit den kleinen, rothen und weißen Blumen war die Fußdecke; die Fliederbüsche und die wilden Rosenhecken waren Blumensträuße; und zum Waschbecken diente ihm der ganze Bach mit dem klaren, frischen Wasser, wo das Schilf sich neigte und ihm guten Abend und guten Morgen bot. Der Mond war wahrhaft eine große Nachtlampe, hoch oben unter der blauen Decke; und der zündete die Gardinen nicht an mit seinem Feuer; Johannes konnte ruhig schlafen, und er that es auch und erwachte erst wieder, als die Sonne aufging und alle die kleinen Vögel rings umher sangen: »Guten Morgen! Guten Morgen! Bist Du noch nicht auf?« Die Glocken läuteten zur Kirche: es war Sonntag. Die Leute gingen hin, den Prediger zu hören, und Johannes folgte ihnen, sang einen Psalm und hörte Gottes Wort. Es war ihm, als wäre er in seiner eigenen Kirche, in der er getauft worden war, und wo er Psalmen mit seinem Vater gesungen hatte. Draußen auf dem Kirchhofe waren viele Gräber, und auf einigen wuchs hohes Gras. Da dachte er an seines Vaters Grab, welches am Ende auch so aussehen würde wie diese, da er es nicht jäten und schmücken konnte. Er setzte sich also nieder und riß das Gras ab, richtete die Holzkreuze auf, welche umgefallen waren und legte die Kränze, die der Wind vom Grabe fortgerissen hatte, wieder auf ihre Stelle, indem er dachte: Vielleicht thut Jemand Dasselbe an meines Vaters Grabe, da ich es nicht thun kann! Draußen vor der Kirchhofsthüre stand ein alter Bettler und stützte sich auf seine Krücke. Johannes gab ihm die Silberschillinge, die er hatte, und ging dann glücklich und vergnügt weiter fort in die weite Welt hinein. Gegen Abend war ein schrecklich böses Wetter; er sputete sich, unter Dach und Fach zu gelangen; aber es wurde bald finstere Nacht; da erreichte er endlich eine kleine Kirche, die einsam auf einem kleinen Hügel lag. »Hier will ich mich in einen Winkel setzen!« sagte er und ging hinein. »Ich bin ermüdet und habe es wohl nöthig ein Wenig auszuruhen.« Dann setzte er sich nieder, faltete seine Hände und betete sein Abendgebet; und ehe er es wußte schlief und träumte er, während es draußen blitzte und donnerte. Als er wieder erwachte, war es Mitternacht, das böse Wetter war vorüber gezogen und der Mond schien durch die Fenster zu ihm herein. Mitten in der Kirche stand ein offener Sarg mit einem todten Manne darin, weil er noch nicht begraben war. Johannes war durchaus nicht furchtsam, denn er hatte ein gutes Gewissen; und er wußte wohl, daß die Tobten Niemanden etwas zu Leide thun. Die Lebenden, die Uebles thun, sind böse Menschen. Solche zwei lebende, schlimme Leute standen dicht bei dem todten Manne, der hier in der Kirche beigesetzt war, bevor er beerdigt wurde; ihm wollten sie Uebles erweisen, ihn nicht in seinem Sarge liegen lassen, sondern ihn vor die Kirchthüre hinauswerfen, den armen, todten Mann! »Weshalb wollt Ihr das thun?« fragte Johannes . »Das ist böse und schlimm; laßt ihn in Jesu Namen ruhen!« »O, Schnickschnack!« sagten die beiden häßlichen Menschen. »Er hat uns angeführt! Er schuldet uns Geld: das konnte er nicht bezahlen; und nun ist er obendrein todt, nun bekommen wir vollends keinen Pfennig! Deshalb wollen wir uns rächen: er soll wie ein Hund draußen vor der Kirchthür liegen!« »Ich habe nicht mehr als fünfzig Thaler!« sagte Johannes . »Das ist mein ganzes Erbtheil, aber das will ich Euch gern geben, wenn Ihr mir ehrlich versprechen wollt, den armen, todten Mann in Ruhe zu lassen. Ich werde schon durchkommen ohne das Geld; ich habe gesunde, starke Gliedmaßen, und der liebe Gott wird mir allezeit helfen.« »Ja,« sagten die Menschen; »wenn Du seine Schuld bezahlen willst, wollen wir Beide ihm nichts thun, darauf kannst Du Dich verlassen!« Alsdann nahmen sie das Geld, welches er ihnen gab, lachten laut auf über seine Gutmüthigkeit und gingen ihres Weges. Er aber legte die Leiche wieder im Sarge zurecht und faltete deren Hände, nahm Abschied von ihr und ging dann durch den großen Wald zufrieden weiter. Rings umher, wo der Mond durch die Bäume herein schien, sah er die niedlichen, kleinen Elfen lustig spielen. Sie ließen sich nicht stören: sie wußten wohl, daß er ein guter, unschuldiger Mensch sei; und es sind nur die bösen Leute, welche die Elfen nicht zu sehen bekommen. Einige von ihnen waren nicht größer als ein Finger breit ist, und hatten ihr langes, gelbes Haar mit Goldkämmen aufgesteckt; je zwei schaukelten sie sich auf den großen Thautropfen, die auf den Blättern und dem hohen Grase lagen; zuweilen entrollte der Tropfen, dann fielen sie nieder zwischen den langen Grashalmen, und das verursachte ein Gelächter und Lärmen unter den andern Kleinen. Es war allerliebst! Sie sangen, und Johannes erkannte deutlich die hübschen Lieder, die er als kleiner Knabe gelernt hatte. Große, bunte Spinnen mit Silberkronen auf dem Kopfe mußten von der einen Hecke zur andern lange Hängebrücken und Paläste spinnen, welche, da der feine Thau darauf fiel, wie schimmerndes Glas im Mondscheine aussahen. So währte es fort bis die Sonne aufging. Die kleinen Elfen krochen dann in die Blumenknospen, und der Wind erfaßte ihre Brücken und Schlösser, die als Spinngewebe durch die Luft flogen. Johannes war eben aus dem Walde herausgekommen, als eine starke Mannesstimme hinter ihm rief: »Holla, Kamerad, wohin geht die Reise?« »In die weite Welt hinaus!« sagte er: »Ich habe weder Vater, noch Mutter, bin ein armer Bursche, aber der Herr hilft mir wohl.« »Ich will auch in die weite Welt hinaus,« sagte der fremde Mann. »Wollen wir Beide einander Gesellschaft leisten?« »Ja wohl,« sagte er, und so gingen sie mit einander. Bald gewannen sie sich recht lieb, denn sie waren Beide gute Menschen. Aber Johannes merkte wohl, daß der Fremde viel klüger war als er. Der hatte fast die ganze Welt durchreist und wußte von allem Möglichen, was existirte, zu erzählen. Die Sonne stand schon hoch, als sie sich unter einen großen Baum setzten, ihr Frühstück zu genießen; zur selben Zeit kam eine alte Frau. Die war sehr alt und ging krumm einher, sie stützte sich auf einen Krückstock, auf ihrem Rücken trug sie ein Bündel Brennholz, welches sie sich im Walde gesammelt hatte. Ihre Schürze war aufgebunden, und Johannes sah, daß drei große Ruthen von Farrenkraut und Weidenreisern daraus hervorsahen. Als sie ihnen nahe war, glitt sie mit dem einen Fuße aus, fiel und that einen lauten Schrei, denn sie hatte das Bein gebrochen; die arme, alte Frau! Johannes meinte sogleich, daß sie die alte Frau nach Hause tragen wollten, wo sie wohnte; aber der Fremde machte sein Ränzel auf, nahm eine Büchse hervor und sagte, daß er hier eine Salbe habe, welche sogleich ihr Bein wieder gesund und kräftig machen würde, so daß sie selbst nach Hause gehen könne, und zwar als ob sie nie das Bein gebrochen hätte. Allein dafür verlange er auch, daß sie ihm die drei Ruthen schenke, die sie in ihrer Schürze habe. »Das wäre gut bezahlt!« sagte die Alte und nickte ganz eigen mit dem Kopfe. Sie wollte die Ruthen nicht gern hergeben, aber es war auch nicht angenehm, mit gebrochenem Beine dazuliegen. So gab sie ihm denn die Ruthen, und sowie er nur die Salbe auf das Bein gerieben hatte, erhob sich auch die alte Mutter und ging viel besser denn zuvor. Solches konnte die Salbe bewirken. Aber die war auch nicht in der Apotheke zu haben. »Was willst Du mit den Ruthen?« fragte Johannes nun seinen Reisekameraden. »Das sind drei schöne Kräuterbesen,« sagte der, »die liebe ich sehr, denn ich bin ein närrischer Patron!« Dann gingen sie noch ein gutes Stück. »Sieh, wie der Himmel sich umzieht!« sagte Johannes und zeigte gerade aus. »Das sind schrecklich dicke Wolken!« »Nein,« sagte der Reisekamerad, »das sind keine Wolken, das sind Berge – die herrlichen, großen Berge, wo man hinauf über die Wolken und in die frische Luft gelangt! Glaube mir, da ist es herrlich! Morgen sind wir sicher weit in der Welt.« Das war aber nicht so nahe, wie es aussah; sie hatten einen ganzen Tag zu gehen, bevor sie die Berge erreichten, wo die schwarzen Wälder gegen den Himmel aufwuchsen und wo es Steine gab, fast so groß als eine große Stadt. Das mochte wahrlich eine schwere Anstrengung werden, da hinüber zu kommen; aber darum gingen auch Johannes und sein Reifekamerad in das Wirthshaus hinein, um sich gut auszuruhen und Kräfte zum morgenden Marsche zu sammeln. Unten in der großen Schenkstube im Wirthshause waren viele Menschen versammelt, denn dort war ein Mann, der gab Puppenkomödie. Er hatte soeben sein kleines Theater aufgestellt, und die Leute saßen rings umher, um die Komödie zu sehen. Aber vorn hatte ein dicker Schlächter Platz genommen und zwar den allerbesten; sein großer Bullenbeißer – der sah sehr bissig aus! – saß an seiner Seite und machte große Augen, so, wie alle Andern. Nun begann die Komödie, und das war eine niedliche Komödie mit einem Könige und einer Königin; die saßen auf dem schönsten Throne, hatten goldene Kronen auf dem Haupte und lange Schleppen an den Kleidern, denn ihre Mittel erlaubten das. Die niedlichsten Holzpuppen mit Glasaugen und großen Schnurrbärten standen an allen Thüren und machten auf und zu, damit frische Luft in das Zimmer kommen konnte. Es war eine recht niedliche Komödie. Aber als die Königin aufstand und über den Fußboden hinging, machte der große Bullenbeißer – Gott mag wissen, was er sich dachte – da der dicke Schlächter ihn nicht hielt, einen Sprung straks hinein in das Theater und packte die Königin mitten um ihre Taille, daß es knackte. Es war schrecklich! Der arme Mann, der die Komödie gab, war sehr erschrocken und betrübt über seine Königin! Denn es war die allerniedlichste Puppe, die er hatte; und nun hatte ihr der häßliche Bullenbeißer den Kopf abgebissen. Aber als die Leute später fortgingen, sagte der Fremde, der mit Johannes gekommen war, daß er sie schon wieder zurecht machen würde; und dann nahm er seine Büchse hervor und schmierte die Puppe mit der Salbe, womit er der alten Frau geholfen, als sie das Bein gebrochen hatte. Sowie die Puppe geschmiert worden, war sie wieder ganz; ja sie konnte sogar alle ihre Glieder selbst bewegen; man brauchte nicht mehr an der Schnur zu ziehen. Die Puppe war wie ein lebendiger Mensch, nur daß sie nicht sprechen konnte. Der Mann, der das kleine Puppentheater hatte, war sehr froh; nun brauchte er diese Puppe nicht mehr zu halten; die konnte ja von selbst tanzen. Das konnte keine der Andern. Als es später Nacht wurde und alle Leute im Wirthshause zu Bett gegangen waren, war Jemand da, der so schrecklich tief seufzte und so lange damit fortfuhr, daß Alle aufstanden, um zu sehen, wer es wäre. Der Mann, der die Komödie gegeben hatte, ging nach seinem kleinen Theater hin, denn dort war es, wo Jemand seufzte. Alle Holzpuppen lagen unter einander: der König und alle Trabanten; und die waren es, die so jämmerlich seufzten und mit ihren Glasaugen stierten, denn sie wollten so gern, wie die Königin, ein wenig geschmiert werden, damit sie sich auch von selbst bewegen könnten. Die Königin legte sich sofort auf die Knie und streckte ihre prächtige Krone in die Höhe, während sie bat: »Nimm mir diese, aber schmiere meinen Gemahl und meine Hofleute!« Da konnte der arme Mann, der das Theater und die Puppen besaß, nicht unterlassen, zu weinen; denn es that ihm wirklich ihretwegen leid. Er versprach sogleich dem Reisekameraden, ihm alles Geld zu geben, was er am nächsten Abend für seine Komödie erhalten würde, wenn er nur vier bis fünf von seinen niedlichen Puppen schmieren wolle. Aber der Reisekamerad sagte, daß er durchaus nichts weiter verlange, als den Säbel, den Jener an seiner Seite habe; und als er den erhielt, beschmierte er sechs Puppen, die sogleich tanzten, und zwar so niedlich, daß alle die lebenden Menschenmädchen, die es sahen, alsbald mittanzten. Der Kutscher und die Köchin tanzten, der Diener und das Stubenmädchen, alle die Fremden, und die Feuerschaufel und die Feuerzange; aber die fielen um, als sie die ersten Sprünge machten. – Ja, das war eine lustige Nacht! Am nächsten Morgen ging Johannes mit seinem Reisekameraden von ihnen fort auf die hohen Berge hinauf und durch die großen Tannenwälder. Sie kamen so hoch hinauf, daß die Kirchthürme tief unter ihnen zuletzt wie kleine, blaue Beeren unten in all dem Grünen aussahen; sie konnten sehr weit sehen, viele, viele Meilen weit, wo sie nie gewesen waren! So viel Schönes der prächtigen Welt hatte Johannes früher nie auf einmal gesehen! Die Sonne schien warm aus der frischen, blauen Luft, er hörte auch zwischen den Bergen die Jäger das Waldhorn so schön und lieblich blasen, daß ihm vor Freude die Thränen in die Augen traten und er nicht unterlassen konnte, auszurufen: »Du guter, lieber Gott! Ich möchte Dich küssen, weil Du so gut gegen uns Alle bist und uns all die Herrlichkeit, die in der Welt ist, gegeben hast!« Der Reisekamerad stand auch mit gefalteten Händen da und sah über den Wald und die Städte in den warmen Sonnenschein hinaus. Zu gleicher Zeit ertönte es wunderbar lieblich über ihrem Haupte; sie blickten in die Höhe, ein großer, weißer Schwan schwebte in der Luft und sang, wie sie früher nie einen Vogel hatten singen hören! Aber der Gesang wurde schwächer und schwächer; er neigte seinen Kopf und sank langsam zu ihren Füßen nieder, wo er todt liegen blieb; der schöne Vogel! »Zwei herrliche Flügel,« sagte der Reisekamerad, »so weiß und groß, wie die, welche der Vogel hat, sind Geldes werth: die will ich mit mir nehmen! Siehst Du nun wohl, daß es gut war, daß ich einen Säbel bekam?« Und so hieb er mit einem Schlage beide Flügel des todten Schwanes ab: die wollte er behalten. Sie reisten nun viele, viele Meilen weit fort über die Berge, bis sie zuletzt eine große Stadt vor sich sahen, mit Hunderten von Thürmen, die wie Silber in der Sonne glänzten. In der Stadt war ein prächtiges Marmorschloß, mit purem Golde gedeckt. Hier wohnte der König. Johannes und der Reisekamerad wollten nicht sogleich in die Stadt gehen, sondern blieben im Wirthshause vor der Stadt, damit sie sich putzen konnten; denn sie wollten nett aussehen, wenn sie auf die Straße kämen. Der Wirth erzählte ihnen, daß der König ein sehr guter Mann sei, der nie einem Menschen etwas zu Leide thäte; aber seine Tochter, ja, Gott behüte uns! die sei eine schlimme Prinzessin, Schönheit besaß sie genug; Keine konnte so hübsch und niedlich sein wie sie war; aber was half das? Sie war eine böse Hexe, die Schuld daran hatte, daß viele herrliche Prinzen ihr Leben hatten verlieren müssen. – Allen Menschen hatte sie die Erlaubniß ertheilt, um sie freien zu dürfen. Ein Jeder konnte kommen, er mochte Prinz oder Bettler sein: das sei ihr gleich. Er sollte nur drei Sachen rathen, an die sie gerade gedacht hätte und um die sie ihn befragte. Konnte er das, so wollte sie sich mit ihm vermählen, und er sollte König über das ganze Land sein, wenn ihr Vater stürbe; konnte er aber die drei Sachen nicht rathen, so ließ sie ihn aufhängen oder ihm den Kopf abhauen! Ihr Vater, der alte König war sehr betrübt darüber; aber er konnte ihr nicht verbieten, so böse zu sein, denn er hatte einmal gesagt, er wolle nie etwas mit ihren Liebhabern zu thun haben; sie könne selbst thun, was sie wolle. Jedes Mal, wenn ein Prinz kam und rathen sollte, um die Prinzessin zu erhalten, konnte er es nicht, und dann wurde er gehängt oder geköpft. Er war ja bei Zeiten gewarnt, er hätte das Freien unterlassen können. Der alte König war so betrübt über all die Trauer und das Elend, daß er einen ganzen Tag des Jahres mit allen seinen Soldaten auf den Knieen lag und betete, die Prinzessin möge gut werden; aber das wollte sie durchaus nicht. Die alten Frauen, die Branntwein tranken, färbten denselben schwarz, bevor sie ihn tranken; so trauerten sie. Und mehr konnten sie doch nicht thun! »Die häßliche Prinzessin!« sagte Johannes . »Sie sollte wirklich die Ruthe bekommen, das würde ihr gut thun. Wäre ich nur der alte König, sie sollte schon gegerbt werden!« Da hörten sie das Volk draußen Hurrah rufen. Die Prinzessin kam vorbei; und sie war wirklich so schön, daß alle Leute vergaßen, wie böse sie war; deshalb riefen sie Hurrah. Zwölf schöne Jungfrauen, alle in weißseidenen Kleidern und jede eine goldene Tulpe in der Hand, ritten auf schwarzen Pferden ihr zur Seite. Die Prinzessin selbst hatte ein weißes Pferd mit Diamanten und Rubinen geschmückt. Ihr Reitkleid war aus purem Goldstoff, und die Peitsche die sie in der Hand hatte, sah aus als wäre sie ein Sonnenstrahl. Die goldene Kette auf dem Haupte war wie kleine Sterne vom Himmel, und der Mantel war aus mehr als tausend schönen Schmetterlingsflügeln zusammengenäht. Dessenungeachtet war sie noch schöner als ihre Kleider. Als Johannes sie zu sehen bekam, wurde er so roth in seinem Gesichte wie ein Blutstropfen und konnte kaum ein einzelnes Wort sagen. Die Prinzessin sah so aus wie das schöne Mädchen mit der goldenen Krone, von der er in der Nacht geträumt hatte als sein Vater gestorben war. Er fand sie so schön, daß er nicht unterlassen konnte; sie recht zu lieben. Das wäre gewiß nicht wahr, daß sie eine böse Hexe sei, welche die Leute hängen oder köpfen ließe, wenn sie nicht rathen könnten, was sie von ihnen verlangte. »Ein Jeder hat die Erlaubniß, um sie zu freien, sogar der ärmste Bettler, Ich will wirklich nach dem Schlosse gehen, denn ich kann es nicht unterlassen!« Sie sagten ihm Alle, er möge es nicht thun; es würde ihm bestimmt wie all den Andern ergehen. Der Reisekamerad rieth ihm auch davon ab; aber Johannes meinte, es würde schon gut gehen. Er bürstete seine Schuhe und seinen Rock, wusch sein Gesicht und seine Hände, kämmte sein hübsches, blondes Haar und ging dann allein in die Stadt hinein und nach dem Schlosse. »Herein!« sagte der alte König, als Johannes an die Thüre pochte. Johannes öffnete, und der alte König im Schlafrocke und in gestickten Pantoffeln kam ihm entgegen; die Krone hatte er auf dem Haupte, das Scepter in der einen Hand und den Reichsapfel in der andern. »Warte ein Bischen!« sagte er und nahm den Apfel unter den Arm, um Johannes die Hand reichen zu können. Aber sowie er erfuhr, er sei ein Freier, fing er so an zu weinen, daß das Scepter sowohl, wie der Apfel auf den Fußboden fielen und er die Augen mit seinem Schlafrocke trocknen mußte. Der arme, alte König! »Laß es sein!« sagte er. »Es geht Dir schlecht, wie all den Andern. Nun, Du wirst es sehen!« Dann führte er ihn hinaus nach dem Lustgarten der Prinzessin. Da sah es schrecklich aus! Oben in jedem Baume hingen drei, vier Königssöhne, die um die Prinzessin gefreit hatten, aber die Sachen, die sie ihnen aufgegeben, nicht hatten rathen können. Jedesmal, wenn es wehte, klapperten alle Gerippe, sodaß die kleinen Vögel erschraken und nie in den Garten zu kommen wagten. Alle Blumen waren an Menschenknochen aufgebunden, und in Blumentöpfen standen Todtenköpfe und grinsten. Das war wirklich ein sonderbarer Garten für eine Prinzessin. »Hier siehst Du es!« sagte der alte König. »Es wird Dir ebenso, wie diesen hier ergehen. Laß es deshalb lieber. Du machst mich wirklich unglücklich, denn ich nehme mir das sehr zu Herzen!« Johannes küßte dem guten, alten König die Hand und sagte, es würde schon gehen, denn er sei entzückt von der schönen Prinzessin. Da kam die Prinzessin selbst mit allen ihren Damen in den Schloßhof geritten, sie gingen deshalb zu ihr hinaus und sagten ihr guten Tag. Sie war wunderschön anzuschauen und reichte Johannes die Hand. Und er hielt noch viel mehr von ihr wie früher. Sie konnte sicher keine böse Hexe sein, wie alle Leute es ihr nachsagten. – Dann begaben sie sich in den Saal, und die kleinen Pagen präsentirten ihnen Eingemachtes und Pfeffernüsse. Aber der alte König war betrübt; er konnte nichts essen. Und die Pfeffernüsse waren ihm auch zu hart. Es wurde bestimmt, daß Johannes am nächsten Morgen wieder nach dem Schlosse kommen sollte; dann würden die Richter und der ganze Rath versammelt sein und hören, wie es mit dem Rathen gehe. Würde er gut dabei fahren, so sollte er dann noch zweimal kommen; aber es war noch nie Jemand da gewesen, der das erste Mal richtig gerathen hätte, und dann mußte er das Leben verlieren. Johannes war nicht bekümmert darum, wie es ihm ergehen würde. Er war vielmehr vergnügt, gedachte nur der schönen Prinzessin und glaubte sicher, der liebe Gott werde ihm schon helfen. Aber wie, dies wußte er nicht und wollte lieber nicht daran denken. Er tanzte auf der Landstraße dahin als er nach dem Wirthshause zurückging, wo der Reisekamerad auf ihn wartete. Johannes konnte nicht fertig damit werden, zu erzählen, wie artig die Prinzessin gegen ihn gewesen und wie schön sie sei. Er sehne sich schon sehr nach dem nächsten Tage, wo er in das Schloß sollte, um sein Glück im Rathen zu versuchen! Aber der Reisekamerad schüttelte den Kopf und war betrübt. »Ich bin Dir so gut!« sagte er. »Wir hätten noch lange beisammen sein können, und nun soll ich Dich schon verlieren! Du armer, lieber Johannes ! Ich möchte weinen, aber ich will am letzten Abende, den wir vielleicht beisammen sind, Deine Freude nicht stören. Wir wollen lustig sein, recht lustig! Morgen, wenn Du fort bist, kann ich ungestört weinen.« Alle Leute drinnen in der Stadt hatten sogleich erfahren, daß ein neuer Freier der Prinzessin angekommen war, und deshalb herrschte große Betrübniß. Das Schauspielhaus blieb geschlossen; alle Kuchenfrauen banden Flor um ihre Zuckermänner; der König und die Priester lagen auf den Knieen in den Kirchen. Es war große Betrübniß, denn es konnte Johannes ja nicht besser ergehen, als es allen übrigen Freiern ergangen war. Gegen Abend bereitete der Reisekamerad eine große Bowle Punsch und sagte zu Johannes : »Nun wollen wir recht lustig sein und auf der Prinzessin Gesundheit trinken.« Als aber Johannes zwei Gläser getrunken hatte, wurde er so schläfrig, daß es ihm unmöglich war, die Augen offen zu halten; er sank in tiefen Schlaf. Der Reisekamerad hob ihn sanft vom Stuhle und legte ihn in das Bett hinein, und als es dunkle Nacht wurde, nahm er die beiden großen Flügel, die er von dem Schwane abgehauen hatte, und band sie an seine Schultern fest. Die größte Ruthe, die er von der alten Frau erhalten, welche gefallen war und das Bein gebrochen, hatte, steckte er in seine Tasche, öffnete das Fenster und flog so über die Stadt, nach dem Schlosse hin, wo er sich in einen Winkel unter das Fenster setzte, welches in die Schlafstube der Prinzessin ging. Es war still in der ganzen Stadt. Nun schlug die Uhr drei Viertel auf Zwölf, das Fenster ging auf, und die Prinzessin flog in einem langen, weißen Mantel und mit schwarzen Flügeln über die Stadt weg hinaus zu einem großen Berge. Aber der Reisekamerad machte sich unsichtbar, sodaß sie ihn nicht sehen konnte, flog hinterher und peitschte die Prinzessin mit seiner Ruthe, sodaß Blut kam, wohin er schlug. Ach, das war eine Fahrt durch die Luft! Der Wind erfaßte ihren Mantel, der sich nach allen Seiten ausbreitete, gleich einem großen Schiffssegel, und der Mond schien durch denselben. »Wie es hagelt! wie es hagelt!« sagte die Prinzessin bei jedem Schlage, den sie von der Ruthe bekam; und das war ihr schon recht. Endlich kam sie hinaus zum Berge und klopfte an. Es rollte gleich dem Donner, indem der Berg sich öffnete; sie ging hinein. Der Reisekamerad folgte ihr, denn Niemand konnte ihn sehen: er war unsichtbar. Sie gingen durch einen großen, langen Gang, wo die Wände eigenthümlich glänzten; es waren über tausend glühende Spinnen, die an der Mauer auf und ab liefen und wie Feuer leuchteten. Da kamen sie in einen großen Saal, von Silber und Gold erbaut; Blumen so groß wie Sonnenblumen, rothe und blaue, glänzten an den Wänden; aber Niemand konnte die Blumen pflücken, denn die Stengel waren häßliche, giftige Schlangen, und die Blumen waren Feuer, welches ihnen aus dem Rachen heraus brannte. Die ganze Decke war mit leuchtenden Johanneswürmchen und himmelblauen Fledermäusen bedeckt, die mit den dünnen Flügeln schlugen. Es sah ganz schauerlich aus! Mitten auf dem Fußboden war ein Thron, der von vier Pferdegerippen getragen wurde, welchen Zaumzeug von den rothen Feuerspinnen aufgelegt war; der Thron selbst war aus milchweißem Glase, und die Kissen waren kleine, schwarze Mäuse, die einander in den Schwanz bissen. Ueber demselben war ein Dach von rosenrothem Spinngewebe, mit den niedlichen, kleinen, grünen Flügeln besetzt, welche wie Edelsteine glänzten. Auf dem Throne saß ein alter Zauberer, mit einer Krone auf dem häßlichen Kopfe und einem Scepter in der Hand. Er küßte die Prinzessin auf die Stirn, ließ sie an seine Seite auf den kostbaren Thron setzen, und dann begann die Musik. Große, schwarze Heuschrecken bliesen auf Mundharmonikas, und die Ente schlug sich auf den Leib, denn sie hatte keine Trommel. Das war ein possirliches Concert. Kleine, schwarze Kobolde mit einem Irrlichte auf der Mütze tanzten im Saale herum. Niemand aber konnte den Reisekameraden erblicken; er hatte sich hinter den Thron gestellt und hörte und sah Alles. Die Hofleute, die nun herein kamen, waren sehr fein und vornehm!. Aber Der, welcher sehen konnte, merkte wohl, wie es damit zusammenhing. Sie waren nichts weiter, als Besenstiele mit Kohlköpfen darauf, in die der Zauberer Leben gehext und denen er gestickte Kleider gegeben hatte. Aber das machte nichts aus; sie wurden doch nur zum Prunk gebraucht. Nachdem erst etwas getanzt worden war, erzählte die Prinzessin dem Zauberer, daß sie einen neuen Freier erhalten habe, und fragte deshalb, woran sie wohl denken sollte, um ihn am nächsten Morgen darnach zu fragen, wenn er nach dem Schlosse käme. »Höre,« sagte der Zauberer, »das will ich Dir sagen! Du mußt etwas recht Leichtes wählen, denn dann fällt er gar nicht darauf. Denke an einen Deiner Schuhe. Das räth er nicht. Laß ihm den Kopf abhauen, doch vergiß nicht, wenn Du morgen Nacht wieder zu mir herauskommst, mir seine Augen mitzubringen, denn die will ich essen!« Die Prinzessin verneigte sich tief und sagte, sie würde die Augen nicht vergessen. Der Zauberer öffnete nun den Berg, und sie flog wieder zurück; aber der Reisekamerad folgte ihr und prügelte sie wieder so stark mit der Ruthe, daß sie tief über das starke Hagelwetter seufzte, und sich, so sehr sie konnte, beeilte, durch das Fenster in ihre Schlafstube zu gelangen. Der Reisekamerad dagegen flog zum Wirthshause zurück, wo Johannes noch schlief, löste seine Flügel ab, und legte sich dann auch auf das Bett; denn er konnte wohl müde sein. Es war früh am Morgen, als Johannes erwachte. Der Reisekamerad stand auch auf und erzählte, daß er diese Nacht einen sonderbaren Traum von der Prinzessin und ihrem Schuhe gehabt habe und bat ihn, deshalb doch zu fragen, ob die Prinzessin nicht an ihren Schuh gedacht haben sollte. Denn das war es ja, was er von dem Zauberer im Berge gehört hatte. »Ich kann eben so gut darnach als nach etwas Anderem fragen;« sagte Johannes. »Vielleicht ist das richtig, was Du geträumt hast, denn ich vertraue auf den lieben Gott, der mir schon helfen wird. Aber ich will Dir doch Lebewohl sagen, denn rathe ich falsch, so bekomme ich Dich nie mehr zu sehen.« Dann küßten sie sich, und Johannes ging in die Stadt und nach dein Schlosse. Der Saal war mit Menschen angefüllt; die Richter saßen in ihren Lehnstühlen und hatten Eiderdunenkissen unter den Köpfen, denn sie hatten gar viel zu denken. Der alte König stand auf und trocknete seine Augen mit einem weißen Taschentuche. Nun trat die Prinzessin herein. Sie war noch schöner wie gestern, und grüßte Alle in anmuthigster Weise; aber dem Johannes gab sie die Hand und sagte: »Guten Morgen, Du!« Nun sollte Johannes rathen, woran sie gedacht habe, Gott, wie sah sie ihn freundlich an! Aber sowie sie ihn das eine Wort: Schuh aussprechen hörte, wurde sie kreideweiß im Gesicht und zitterte am ganzen Körper. Allein das konnte ihr nichts helfen, denn er hatte richtig gerathen! Der Tausend! wie wurde der alte König vergnügt, er schoß einen Purzelbaum, daß es eine Lust war. Und alle Leute klatschten in die Hände, ihm und Johannes zu Ehren, der das erste Mal richtig gerathen hatte. Der Reisekamerad war auch erfreut als er erfuhr, wie gut es abgelaufen war. Aber Johannes faltete die Hände und dankte seinem Gotte, der ihm sicher die beiden andern Male wieder helfen würde. Am nächsten Tage sollte schon wieder gerathen werden. Der Abend verging ebenso, wie der gestrige. Als Johannes schlief, flog der Reisekamerad hinter der Prinzessin her zum Berge hinaus und prügelte sie noch stärker als das vorige Mal; denn nun hatte er zwei Ruthen genommen. Niemand bekam ihn zu sehen, und er hörte Alles. Die Prinzessin wollte an ihren Handschuh denken, und das erzählte er wieder dem Johannes , als ob es ein Traum sei. Daher konnte derselbe richtig rathen, und es verursachte eine große Freude auf dem Schlosse. Der ganze Hof schoß Purzelbäume, sowie sie es den König das erste Mal hatten machen sehen. Aber die Prinzessin lag auf dem Sopha und wollte nicht ein einziges Wort sagen. Nun kam es darauf an, ob Johannes das dritte Mal richtig rathen konnte. Glückte es, so sollte er ja die schöne Prinzessin haben und nach dem Tode des alten Königs das ganze Reich erben. Rieth er falsch, so sollte er sein Leben verlieren und der Zauberer seine schönen, blauen Augen essen. Den Abend vorher ging Johannes zeitig zu Bett, betete sein Abendgebet und schlief dann ruhig. Aber der Reisekamerad band seine Flügel an den Rücken, den Säbel aber an seine Seite, nahm alle drei Ruthen mit sich und flog so nach dem Schlosse. Es war finstere Nacht. Es stürmte so, daß die Dachsteine von den Häusern flogen, und die Bäume drinnen im Garten, wo die Gerippe hingen, bogen sich gleich dem Schilfe vor dem Sturmwinde. Es blitzte jeden Augenblick und der Donner rollte, als ob es nur ein einziger Schlag sei, der die ganze Nacht währte. Nun ging das Fenster auf, und die Prinzessin flog heraus. Sie war so bleich wie der Tod, aber sie lachte über das böse Wetter und meinte, es sei noch nicht arg genug. Und ihr weißer Mantel wirbelte in der Luft umher, gleich einem großen Schiffssegel; aber der Reisekamerad peitschte sie mit seinen drei Ruthen, daß das Blut auf die Erde tröpfelte und sie zuletzt kaum weiter fliegen konnte. Endlich kam sie doch nach dem Berge. »Es hagelt und stürmt,« sagte sie; »nie bin ich in solchem Wetter ausgewesen.« »Man kann auch des Guten zu viel haben!« sagte der Zauberer. Nun erzählte sie ihm, daß Johannes auch das zweite Mal richtig gerathen habe; würde er dasselbe morgen thun, so hätte er gewonnen, und sie könne nie mehr nach dem Berge hinaus kommen, vermöchte nie mehr solche Zauberkünste wie früher zu machen; deshalb war sie betrübt. »Er soll es nicht errathen können!« sagte der Zauberer. »Ich werde schon Etwas erdenken, was er sich nie gedacht hat, oder er müßte ein größerer Zauberer sein als ich. Aber nun wollen wir lustig sein!« Und dann faßte er die Prinzessin bei den Händen, und sie tanzten mit allen den kleinen Kobolden mit Irrlichtern herum, die in dem Zimmer waren. Die rothen Spinnen sprangen an den Wänden eben so lustig auf und nieder; es sah aus, als ob Feuerblumen sprühten. Die Eule schlug auf die Trommel, die Heimchen pfiffen, und die schwarzen Heuschrecken bliesen auf Mundharmonikas. Es war ein lustiger Ball. – Als sie nun lange genug getanzt hatten, mußte die Prinzessin nach Hause, sonst möchte sie im Schlosse vermißt werden. Der Zauberer sagte daß er sie begleiten wolle; da wären sie doch unterwegs noch beisammen. Dann flogen sie in dem bösen Wetter davon, und der Reisekamerad schlug seine drei Ruthen auf ihrem Rücken entzwei. Nie war der Zauberer in solchem Hagelwetter ausgewesen. Draußen vor dem Schlosse sagte er der Prinzessin Lebewohl und flüsterte ihr zugleich zu: »Denke an meinen Kopf!« Aber der Reisekamerad hörte es wohl, und gerade in dem Augenblicke, als die Prinzessin durch das Fenster in ihr Schlafgemach schlüpfte und der Zauberer wieder umkehren wollte, ergriff er ihn an seinem langen Bart, und hieb mit dem Säbel seinen häßlichen Zaubererkopf bei den Schultern ab, sodaß der Zauberer ihn nicht einmal selbst zu sehen bekam. Den Körper warf er hinaus in den See zu den Fischen, den Kopf aber tauchte er nur in das Wasser und band ihn dann in sein seidenes Taschentuch, nahm ihn mit nach dem Wirthshause und legte sich dann schlafen. Am nächsten Morgen gab er Johannes das Taschentuch und sagte ihm dabei, daß er es nicht aufbinden dürfe, bevor die Prinzessin frage, woran sie gedacht habe. Es waren so viele Menschen in dem großen Saale auf dem Schlosse, daß sie so dicht standen, wie Radieschen, die in ein Bündel zusammengebunden sind. Der Rath saß auf seinen Stühlen mit den weichen Kissen, und der alte König hatte neue Kleider an; die goldene Krone und das Scepter waren polirt: er sah feierlich aus. Aber die Prinzessin war bleich und hatte ein schwarzes Kleid an, als gehe sie zum Begräbniß. »Woran habe ich gedacht?« fragte sie den Johannes . Und sogleich löste er das Taschentuch auf, und war selbst erschrocken, als er das häßliche Zaubererhaupt erblickte. Es schauderte alle Menschen, denn es war schrecklich anzusehen; aber die Prinzessin saß da wie ein Steinbild und konnte nicht ein einziges Wort sagen. Endlich erhob sie sich und reichte Johannes die Hand, denn er hatte ja richtig gerathen. Sie sah weder auf den Einen, noch auf den Andern, sondern sie seufzte laut: »Nun bist Du mein Herr! Diesen Abend wollen wir Hochzeit halten!« »Das gefällt mir!« sagte der alte König. »So will ich es haben!« Alle Leute riefen Hurrah, die Wachtparade machte Musik in den Straßen, die Glocken läuteten und die Kuchenfrauen nahmen den schwarzen Flor von ihren Zuckermännern, denn nun herrschte große Freude. Drei gebratene Ochsen, mit Enten und Hühnern gefüllt, wurden mitten auf den Markt gesetzt, und Jeder konnte sich ein Stück abschneiden; in den Springbrunnen sprudelte der schönste Wein, und kaufte man eine Pfennigbrezel beim Bäcker, so bekam man sechs große Zwiebäcke als Zugabe, und den Zwiebäcke mit Rosinen darin. Am Abende war die ganze Stadt erleuchtet; die Soldaten schossen mit Kanonen, die Knaben mit Knallerbsen; und es wurde gegessen und getrunken, angestoßen und gesprungen oben im Schlosse. Alle die vornehmen Herren und Fräulein tanzten mit einander; man konnte in weiter Ferne hören, wie sie sangen: Hier sind viel hübsche Mädchen, Die gern tanzen rund herum, Drehen sich wie Spinnerädchen; Hübsches Mädchen, schwenk' Dich um. Tanzt und springet immer zu, Bis die Sohle fällt vom Schuh. Aber die Prinzessin war ja noch eine Hexe und mochte Johannes gar nicht leiden. Das fiel dem Reisekameraden ein, und deshalb gab er Johannes drei Federn aus den Schwanenflügeln und eine kleine Flasche mit einigen Tropfen darin, und sagte ihm dann, daß er ein großes Faß mit Wasser gefüllt vor das Bett der Prinzessin setzen lassen solle, und wenn die Prinzessin hineinsteigen wolle, sollte er ihr einen kleinen Stoß geben, sodaß sie in das Wasser hinunterfalle, wo er sie dreimal untertauchen müsse, nachdem er vorher die Federn und die Tropfen hineingeschüttet habe; dann werde sie ihre Zauberei verlieren und ihn recht lieb haben. Johannes that Alles, was der Reisekamerad ihm gerathen hatte. Die Prinzessin schrie laut, als er sie unter das Wasser tauchte, und zappelte ihm unter den Händen wie ein großer, schwarzer Schwan mit funkelnden Augen. Als sie das zweite Mal wieder über das Wasser herauf kam, war der Schwan weiß, bis auf einen schwarzen Ring um den Hals. Johannes betete fromm zu Gott und ließ das Wasser das dritte Mal über den Vogel zusammenschlagen, und in demselben Augenblicke wurde dieser in die schönste Prinzessin verwandelt. Sie war noch schöner, als zuvor und dankte ihm mit Thränen in ihren herrlichen Augen, daß er den Zauber von ihr gelöst habe. Am nächsten Morgen kam der alte König mit seinem ganzen Hofstaate, da gab es ein Gratuliren bis spät in den Tag hinein. Zuletzt kam der Reisekamerad; er hatte seinen Stock in der Hand und das Ränzel auf dem Rücken. Johannes küßte ihn viele Mal und sagte, er dürfe nicht fortreisen, er solle bei ihm bleiben, denn er wäre ja die Ursache seines Glücks. Aber der Reisekamerad schüttelte mit dem Kopfe und sagte mild und freundlich: »Nein, nun ist meine Zeit um. Ich habe nur meine Schuld bezahlt. Erinnerst Du Dich des todten Mannes, dem die bösen Menschen Uebles thun wollten? Du gabst Alles, was Du besaßest, damit er Ruhe in seinem Grabe haben konnte. Der Todte bin ich!« In demselben Augenblicke war er verschwunden. – Die Hochzeit währte nun einen ganzen Monat. Johannes und die Prinzessin liebten einander innig, und der alte König erlebte manche frohe Tage und ließ ihre kleinen Kinderchen auf seinen Knieen reiten und mit seinem Scepter spielen. Aber Johannes wurde König über das ganze Land. »Etwas.«. »Ich will Etwas sein!« sagte der Aelteste von fünf Brüdern, »ich will Etwas nützen in der Welt; mag es eine noch so geringe Stellung sein, wenn nur das, was ich ausrichte, etwas Gutes ist, dann ist es in der Thal etwas. Ich will Mauersteine machen, die sind nicht zu entbehren, und ich habe wirklich Etwas gemacht!« »Aber Etwas gar zu wenig!« sprach der zweite Bruder, »das, was Du thun willst, ist so gut wie Nichts, das ist Handlangerarbeit und kann durch eine Maschine ausgerichtet werden. Nein, dann lieber Maurer sein, das ist doch Etwas, das will ich sein; das ist ein Stand! Durch den wird man zünftig, ein Bürger, bekommt seine eigene Fahne, seine eigene Herberge; ja, wenn Alles gut geht, werde ich Gesellen halten können, werde ich Meister und meine Frau wird die Frau Meisterin heißen; das ist doch Etwas!« »Das ist gar nichts!« sagte der Dritte ; »das ist doch außerhalb der eigentlichen Stände, und es giebt viele solche in einer Stadt, die alle weit über einen Handwerksmeister stehen. Du kannst ein braver Mann sein, allein Du gehörst als »Meister« doch nur zu denen, die man den »gemeinen« Mann nennt, nein, dann weiß ich etwas Besseres! Ich will Baumeister sein, will mich auf das Gebiet der Kunst, auf das der Speculation begeben, will zu den Höherstehenden im Reiche des Geistes zählen. Zwar muß ich von der Pieke auf dienen, ja, daß ich es gerade heraus sage: ich muß als Zimmerlehrling anfangen, muß als Bursche mit der Mütze einhergehen, obgleich ich daran gewöhnt bin, einen seidenen Hut zu tragen, muß den gewöhnlichen Gesellen Schnaps und Bier holen, und diese werden mich Du heißen, das ist beleidigend; allein, ich werde mir einbilden, daß das Ganze eine Mummerei ist, daß es Maskenfreiheit ist! Morgen – das heißt, wenn ich Geselle sein werde, gehe ich meinen Weg, die Andern gehen mich Nichts an! Ich gehe auf die Akademie, bekomme Zeichenunterricht, heiße Architekt! – Das ist Etwas, das ist Viel! Ich kann Wohl-, ja Hochwohlgeboren werden, ja gar noch Etwas mehr bekommen vorn und hinten, und ich baue und baue, gerade wie die Andern vor mir gebaut. Das ist immer Etwas, worauf man eben bauen kann! Das Ganze ist Etwas !« »Ich aber mache mir aus diesem Etwas gar nichts!« sprach der Vierte ; »ich will nicht in dem Kielwasser Anderer segeln, nicht eine Copie sein; ich will ein Genie sein, will tüchtiger dastehen als Ihr Alle insgesammt! Ich bin der Schöpfer eines neuen Styls, ich gebe die Idee zu einem Gebäude, passend für das Klima und das Material des Landes, für die Nationalität des Volkes, für die Entwicklung des Zeitalters, und gebe außerdem noch ein Stockwerk zu für mein eigenes Genie!« »Wenn nun aber das Klima und das Material nichts taugen?« sagte der Fünfte . »Das würde ein unangenehmer Umstand sein, denn sie üben ihren Einfluß! Die Nationalität kann sich auch dermaßen erweitern und breit machen, daß sie affectirt wird, die Entwickelung des Zeitalters kann mit Dir durchgehen, wie die Jugend oft durchgeht. Ich sehe es schon kommen, daß Keiner von Euch eigentlich Etwas werden wird, wie sehr Ihr es auch selber glaubt! Aber thut, was Ihr wollt, ich werde Euch nicht ähnlich sein, ich stelle mich außerhalb der Dinge, ich will über das raisonniren, was Ihr ausrichtet! An jedem Dinge klebt Etwas, was nicht richtig ist, etwas Verkehrtes, das werde ich heraustifteln und besprechen; bas ist Etwas!« Das that er denn auch, und die Leute sagten von dem Fünften »An Dem ist bestimmt Etwas! Er ist ein guter Kopf! Aber er thut Nichts!« – Doch, dadurch gerade war er Etwas! Seht, das ist nur eine kleine Geschichte und doch hat sie kein Ende, so lange die Welt steht! Aber, wurde denn weiter Nichts aus den fünf Brüdern? – Das war ja Nichts und nicht Etwas! – Hören wir weiter, es ist ein Märchen. Der älteste Bruder, welcher Mauersteine fabricirte, wurde bald inne, daß von jedem Ziegel, wenn derselbe fertig war, eine kleine Münze, wenn auch nur von Kupfer, abfiel; doch viele Kupferpfennige, auf einander gelegt, machen einen blanken Thaler, und wo man mit einem solchen anklopft, sei es beim Bäcker, beim Schlächter, Schneider, ja bei Allen, dort fliegt die Thüre auf und man bekommt, was man gebraucht; – seht, das werfen die Ziegel ab; – einige zerbröckelten zwar, oder sprangen entzwei, aber auch solche konnte man gebrauchen. Auf dem hohen Erdwalle, dem schützenden Deiche an der Meeresküste, wollte Margarethe, die arme Frau, sich ein Häuschen bauen; sie bekam alle die zerbröckelten Ziegel und noch dazu einige ganze, denn ein gutes Herz besaß der älteste Bruder, wenn er es auch in der That nicht weiter brachte, als daß er Mauersteine anfertigte. Die arme Frau baute selbst ihr Häuschen; es war zwar schmal und eng, das eine Fenster saß schief, die Thür war zu niedrig und das Strohdach hätte besser gelegt werden können, aber Schutz verlieh es immerhin, und weit über das Meer, das sich mit Gewalt gegen den Wall brach, konnte man von dem Häuschen hinausschauen; die salzigen Wogen spritzten ihren Schaum über das ganze Haus, welches noch dastand, als Derjenige, der die Mauersteine dazu fabricirt hatte, schon längst todt und begraben war. Der zweite Bruder, ja, der verstand nun das Mauern besser, war er doch auch dazu angelernt. Als er die Gesellenprüfung bestanden, schnürte er seinen Ranzen und stimmte das Lied des Handwerkers an: »Weil ich jung bin, will ich wandern, Draußen will ich Häuser bau'n, Zieh'n von einem Ort zum andern; Jugendsinn giebt mir Vertrau'n. Und kehr ich heim ins Vaterland, Wo mein die Liebste harrt! Hurrah! der brave Handwerksstand! Wie bald ich Meister ward!« Und das wurde er denn auch. Als er zurückgekommen und Meister geworden war, mauerte er in der Stadt ein Haus neben dem andern, eine ganze Straße, und als die Straße vollendet war, sich gut ausnahm und der Stadt zur Zierde gereichte, bauten die Häuschen ihm wieder ein Haus, das sein Eigenthum sein sollte. Doch, wie können die Häuser wohl bauen? Frage sie, und sie werden Dir die Antwort schuldig bleiben; aber die Leute werden das Wort ergreifen und sagen: »Allerdings hat die Straße ihm sein Haus gebaut!« Klein war es, und der Fußboden war mit Lehm belegt, aber als er mit seiner Braut über den Lehmboden hintanzte, wurde dieser blank und gelohnt, und aus jedem Steine in der Wand sprang eine Blume hervor, und schmückte das Zimmer wie mit der kostbarsten Tapete. Es war ein hübsches Haus und ein glückliches Ehepaar. Die Fahne der Innung flatterte vor dem Hause und Gesellen und Lehrburschen schrieen: »Hurrah!« Ja, der war Etwas! Und darauf starb er, das war auch Etwas! Nun kam der Architekt, der dritte Bruder, welcher erst Zimmerlehrling gewesen, mit der Mütze gegangen war und den Laufburschen gemacht hatte, aber von der Akademie aus bis zum Baumeister gestiegen war, »Hoch- und Wohlgeborner Herr!« – Ja, hatten die Häuser der Straße dem Bruder, der Maurermeister war, ein Haus gebaut, so erhielt nun die Straße seinen Namen, und das schönste Haus der Straße wurde sein Eigenthum das war Etwas und er war Etwas – und das mit einem langen Titel vorn und hinten. Seine Kinder hieß man »vornehme« Kinder, und als er starb, war seine Witwe eine »Witwe von Stande« – das ist Etwas! und sein Name blieb für immer an der Straßenecke geschrieben stehen und lebte in Aller Munde als Straßenname – ja, das ist Etwas! Darauf kam das Genie, der vierte Bruder, der etwas Neues, etwas Apartes, und noch ein Stockwerk darüber erfinden wollte, aber derselbe fiel herunter und brach den Hals; – allein er bekam ein schönes Begräbniß mit Innungsfahnen und Musik, Blumen in der Zeitung und auf der Straße über das Pflaster dahin, und man hielt ihm drei Leichenreden, die eine länger als die andere, und das wird ihn sehr erfreut haben, denn er hatte es sehr gern, wenn von ihm geredet ward; auch ein Monument wurde ihm auf seinem Grabe errichtet, zwar nur aus einem Stockwerk, aber das ist immerhin Etwas! Er war nun gestorben wie die drei andern Brüder es waren; der letzte aber, der, welcher raisonnirte, überlebte sie Alle, und das war ja eben das Richtige, wie es sein sollte, denn dadurch bekam er ja das letzte Wort und ihm war es von großer Wichtigkeit, das letzte Wort zu haben. War er doch ein guter Kopf! sagten die Leute. – Endlich schlug aber auch seine Stunde, er starb und kam an die Pforten des Himmels. Dort traten stets je zwei heran; er stand daselbst mit einer andern Seele, die auch gern hinein wollte, und diese war gerade die alte Frau Margaretha aus dem Hause auf dem Deich. »Das geschieht wohl des Contrastes halber, daß ich und diese elende Seele hier zu gleicher Zeit antreten müssen!« sprach der Raisonneur. »Nun, wer ist Sie, Frauchen? Will Sie auch hinein?« fragte er. Die alte Frau verneigte sich, so gut sie es vermochte; sie glaubte, es sei St. Petrus selber, der zu ihr rede. »Ich bin eine alte arme Frau, ohne alle Familie, bin die alte Margaretha aus dem Hause auf dem Deiche.« »Nun, was hat Sie gethan, was ausgerichtet dort unten?« »Ich habe wahrhaftig gar Nichts in dieser Welt ausgerichtet! Nichts, wodurch mir hier könnte aufgeschlossen werden! Es wird eine wahre Gnade sein, wenn man erlaubt, daß ich durchs Thor hineinschlüpfe!« »In welcher Weise hat Sie diese Welt verlassen?« fragte er weiter, um doch von Etwas zu reden, da es ihm Langeweile machte, dort zu stehen und zu warten. »Ja, wie ich sie verlassen, das weiß ich nicht! Krank und elend war ich während der letzten Jahre, und ich habe es wohl nicht vertragen können, aus dem Bette zu kriechen und in Frost und Kälte so plötzlich hinaus zu kommen. Es ist ein harter Winter, doch jetzt habe ich es ja überstanden. Es war einige Tage stilles Wetter, aber sehr kalt, wie Ew. Ehrwürden ja selbst wissen, die Eisdecke lag so weit übers Meer hinaus, als man nur schauen konnte; alle Leute aus der Stadt spazierten auf's Eis hinaus, dort war, wie sie sagten, Schlittschuhlaufen und Tanz, glaube ich; große Musik und Bewirthung war auch da; sie schallte in mein ärmliches Stübchen herein, wo ich lag. Und dann war es so gegen Abend, der Mond war schön aufgegangen, aber noch nicht in seinem vollen Glänze; ich blickte von meinem Bette über das weite Meer hinaus, und dort draußen, am Rande vom Himmel und Meer tauchte eine wunderbare weiße Wolke empor; ich lag und sah die weiße Wolke an, ich sah auch das schwarze Pünktchen inmitten der Wolke, das immer größer und größer wurde; und nun wußte ich, was das zu bedeuten hatte; ich bin alt und erfahren, obwohl man das Zeichen nicht oft sieht. Ich kannte es, und ein Grausen überkam mich. Habe ich doch zwei Mal früher bei Lebzeiten das Ding kommen sehen, wußte ich doch, daß es einen entsetzlichen Sturm mit Springfluth geben würde, die über die armen Menschen draußen käme, die jetzt tranken, umhersprangen und jubilirten; Jung und Alt, die ganze Stadt war ja draußen; wer sollte sie warnen, wenn Niemand dort das sah und zu deuten wußte, was ich wohl kannte. Mir wurde angst, ich wurde so lebendig, wie ich es seit langer Zeit nicht gewesen. Aus dem Bette heraus kam ich und zum Fenster hin, weiter konnte ich mich vor Mattigkeit nicht schleppen. Das Fenster zu öffnen gelang mir aber doch; ich sah die Menschen draußen auf dem Eise laufen und springen; ich sah auch die schönen Flaggen, die im Winde wehten; ich hörte die Knaben Hurrah schreien, Knechte und Mägde sangen; es ging fröhlich her; aber – die weiße Wolke mit dem schwarzen Punkte! – Ich rief, so laut ich es vermochte, allein Niemand hörte mich; ich war zu weit von den Leuten. Bald mußte das Unwetter losbrechen, das Eis platzen und Alle, die draußen waren, ohne Rettung verloren sein. Mich hören konnten sie nicht, zu ihnen hinauszureichen vermochte ich nicht; o, konnte ich sie doch auf's Land führen! Da gab der gute Gott mir den Gedanken, mein Bette anzuzünden, lieber das Haus niederbrennen zu lassen, als daß die Vielen so gar jämmerlich umkommen sollten. Es gelang mir, ihnen ein Licht aufzustecken; die rothe Flamme loderte hoch empor, – ja, ich entkam glücklich aus der Thür, allein vor derselben blieb ich liegen, ich konnte nicht weiter; die Flamme leckte nach mir heraus, flackerte aus den Fenstern, loderte hoch aus dem Dache empor; die Menschen alle draußen auf dem Elfe wurden sie gewahr, und Alle liefen sie, was sie konnten, um einer Armen zu Hilfe zu eilen, die sie lebendig verbrennen wähnten; nicht Einer war da, der nicht lief; ich hörte sie kommen, aber ich vernahm auch, wie es mit einem Male in der Luft brauste, ich hörte es dröhnen wie schwere Kanonenschüsse; die Springfluth hob die Eisdecke, die in tausend Stücke zerschellte; aber die Leute, sie erreichten den Damm, wo die Funken über mich dahinflogen; ich rettete sie Alle! – Doch ich habe die Kälte wohl nicht vertragen können und auch nicht den Schrecken, und so bin ich nun hier herauf an das Thor des Himmels gekommen; man sagt ja, es wird auch so einem armen Menschen, wie ich bin, aufgethan, und jetzt habe ich ja kein Haus mehr unten auf dem Deiche, – doch das giebt mir wohl keinen Eintritt hier!« Da öffnete sich des Himmels Pforte und der Engel führte die alte Frau hinein; sie verlor einen Strohhalm draußen, einen der Strohhalme, die in ihrem Lager gewesen, als sie dasselbe anzündete, um die Vielen zu retten, und das hatte sich in das reinste Gold verwandelt, und zwar in solches Gold, das immer wuchs und sich in den schönsten Blumen und Blättern emporrankte. »Siehe, Das brachte die arme Frau!« sagte der Engel. »Was bringst Du? Ja, ich weiß es wohl, daß Du Nichts ausgerichtet hast; nicht einmal einen Mauerstein hast Du gemacht; wenn Du nur wieder zurückgehen könntest und wenigstens es so weit bringen; wahrscheinlich würde der Stein, wenn Du ihn gemacht, nicht viel werth sein; doch mit gutem Willen gemacht, wäre es doch immerhin Etwas; allein, Du kannst nicht zurück, und ich kann Nichts für Dich thun!« Da legte die arme Seele, das Mütterchen aus dem Hause auf dem Deiche, eine Bitte für ihn ein: »Sein Bruder hat mir die Ziegelsteine und Brocken geschenkt, aus welchen ich mein armseliges Haus zusammenstellte, und das war sehr viel für mich Arme! Könnten nun nicht alle die Brocken und ganzen Ziegelsteine als ein Mauerstein für ihn gelten? Es ist ein Akt der Gnade! Er ist derselben jetzt bedürftig und hier ist ja der Urquell der Gnade!« »Dein Bruder, Derjenige, den Du den Geringsten nanntest,« sagte der Engel, »Derjenige, dessen ehrliches Thun Dir am niedrigsten erschien, schenkt Dir seine Himmelsgabe. Du sollst nicht abgewiesen werden; es soll Dir erlaubt sein, hier außen zu stehen und nachzusinnen, und Deinem Leben dort unten aufzuhelfen, aber hinein gelangst Du nicht, bevor Du in guter That – Etwas ausgerichtet hast!« »Das hätte ich besser sagen können!« – dachte der Raisonneur, aber er sprach es nicht laut aus, und das war wohl schon Etwas! Der Sturm bewegt das Schild. In alten Tagen, als Großvater ein ganz kleiner Knabe war und mit rothen Höschen umherlief, auch mit einem rothen Rocke, mit einem Gurt um den Leib und einer Feder auf dem Casquet, – denn so gingen die kleinen Knaben in seiner Kindheit gekleidet, wenn sie recht geputzt waren; – da war so Vieles ganz anders wie jetzt; da war gar oft viel Staat auf der Straße, Staat, den wir nicht mehr sehen weil er abgeschafft ist, – er war zu altväterisch; aber unterhaltend ist es doch, Großvater davon erzählen zu hören. Es muß damals wirklich ein Staat gewesen sein, als der Schuhmacher beim Wechsel des Gerichtshauses das Schild hinüberbrachte. Die seidene Fahne wehte; aus das Schild selbst war ein großer Stiefel und ein Adler mit zwei Köpfen gemalt; die jüngsten Burschen trugen das »Willkommen« und die Lade der Handwerker-Innung, und hatten rothe und weiße Bänder an ihren Hemdärmeln herabflattern; die älteren trugen gezogene Degen mit einer Citrone auf der Spitze. Da war volle Musik und das prächtigste von allen Instrumenten war » der Vogel «, wie Großvater die große Stange nannte mit dem Halbmonde daran und allem möglichen Dingeldangel; eine richtig türkische Musik. Die Stange wurde hoch in die Luft gehoben und geschwungen, daß es klingelte und klang und es einem die Augen blendete, wenn die Sonne auf das Gold, Silber und Messing schien. Vor dem Zuge her lief der Harlekin in Kleidern von allen möglichen bunten Lappen zusammengenäht, mit schwarzem Gesichte und Glöckchen um den Kopf, wie ein Schlittenpferd; der schlug mit seiner Pritsche auf die Leute ein, daß es klatschte, ohne ihnen Schaden zu thun, und die Leute drückten sich zusammen um zurückzuweichen und gleich wieder hervorzukommen; kleine Knaben und Mädchen sielen über ihre eigenen Füße in den Rinnstein; alte Frauen pufften mit den Ellenbogen, machten eine saure Miene und schnupften. Der Eine lachte, ein Anderer schwatzte; das Voll war auf den Treppen und in den Fenstern, ja auf allen Dächern. Die Sonne schien; ein wenig Regen bekamen sie auch, aber das war gut für den Landmann, und wenn sie so recht patschnaß wurden, so war das ein wahrer Segen für das Land. Wie Großvater erzählen konnte! Er hatte als kleiner Knabe den Staat in der größten Pracht gesehen. Der älteste Gerichtsdiener hielt tue Rede vom Gerüste, wo das Schild aufgehängt wurde; die Rede war in Versen, als ob sie gedichtet wäre, und das war sie auch; es waren ihrer Drei dazu gewesen; sie hatten erst eine tüchtige Bowle Punsch getrunken, um es recht gut zu machen. Und das Volk brachte für die Rede ein Hurrah, aber rief noch viel öfter: Hurrah für den Harlekin, als er auf dem Gerüste zum Vorscheine kam und den Leuten einen schiefen Mund zog. Der Narr machte einen ausgezeichneten Narren und trank Meth aus Schnapsgläsern, die er dann unter das Volk schleuderte, wo sie von den Leuten aufgefangen wurden. Großvater war im Besitze eines solchen, das ihm ein Maurergeselle, der es erwischt, verehrt hatte. Das war wirklich belustigend. Das Schild an dem neuen Gerichtshause war mit Blumen und mit Grün behangen. »Solch' einen Staat vergißt man niemals, wie alt man auch werden mag,« sagte Großvater , und er vergaß es auch nicht, obgleich er noch viel andere Pracht und Herrlichkeit gesehen hatte und auch davon erzählte; das Ergötzlichste blieb aber doch immer, ihn von dem Schild erzählen zu hören, das in der großen Stadt von dem alten zu dem neuen Gerichtshause gebracht wurde. Der Großvater reiste als kleiner Knabe mit seinen Eltern zu der Feierlichkeit; er hatte die größte Stadt des Landes vorher nie gesehen. Da waren so viele Menschen auf der Straße, daß er glaubte, man trüge schon das Schild fort; es gab da viele Schilder; man hätte hundert Stuben mit Bildern anfüllen können, hätte man sie inwendig und auswendig aufgehängt. Da waren bei dem Schneider alle Arten von Menschenkleidern abgemalt, und er konnte die Leute vom Groben bis zum Feinen benähen; da waren die Schilder von den Tabaksspinnern, mit den anmuthigsten, kleinen Knaben, welche Cigarren rauchten, eben so wie in der Wirklichkeit; da waren Schilder mit Butter und Häringen, Priesterkragen und Särgen, und außerdem Inschriften und Anschlagzettel; man konnte recht gut einen ganzen Tag in den Straßen auf und niedergehen und sich an den Bildern müde sehen; dann wußte man aber auch das Ganze, und welche Menschen in den Häusern wohnten, denn: sie hatten ja ihr Schild selbst herausgehängt, und das ist so gut, sagte Großvater , und auch so lehrreich, gleich in einer großen Stadt zu wissen, wer darinnen wohnt. So trug sich das mit dem Schilde zu, als der Großvater in die Stadt kam; er hat es selbst erzählt und er hatte keinen Schelm im Nacken, wie die Mutter glaubte und es mir gesagt, wenn er mir Etwas weiß machen wollte; er sah ganz zuverlässig aus. Die erste Nacht, als er zur Stadt gekommen, war hier das fürchterlichste Wetter gewesen, wovon man noch jemals in der Zeitung gelesen: ein Wetter, wie sich niemals ein Mensch erinnerte erlebt zu haben. Die ganze Luft war mit Ziegelsteinen angefüllt; altes Holzwerk stürzte zusammen; ja ein Schubkarren lief ganz von selbst die Straße hinauf, nur, um sich zu retten. Es tutete in der Luft, es heulte und kreischte, es war ein entsetzlicher Sturm. Das Wasser im Kanale lief über das Bollwerk hinaus, denn es wußte nicht wo es bleiben sollte. Der Sturm fuhr über die Stadt hin und nahm die Schornsteine mit; mehr als eine alte, stolze Kirchthurmspitze mußte sich beugen und hat das seitdem nie überwunden. Da stand ein Schilderhaus draußen, wo der alte, anständige Brand-Major wohnte, der immer mit der letzten Spritze kam; der Sturm konnte ihm das kleine Schilderhaus nicht gönnen, es wurde aus den Fugen gerissen und rollte die Straße hinab; und wunderbar genug erhob es sich wieder und blieb vor dem Hause des schmutzigen Zimmergesellen stehen, der bei dem letzten Brande drei Menschenleben gerettet hatte; aber das Schilderhaus dachte sich Nichts dabei. Das Schild vom Barbier, der große Messingteller, wurde heruntergerissen und gerade in die Fenstervertiefung des Justizrathes geschleudert, und das sah fast wie Bosheit aus, so sagte die ganze Nachbarschaft, weil diese und die allerintimsten Freundinnen der Frau Justizräthin sie Rasirmesser nannten. Sie war so klug, daß sie von den Menschen mehr, als die Menschen über sich selber wußten. Da flog ein Schild mit einem abgerissenen, trocknen Klippfische grade über die Thür eines Hauses, wo ein Mann wohnte, der eine Zeitung schrieb. Das war ein sehr flauer Scherz von dem Sturmwinde, der nicht daran dachte, daß ein Zeitungsschreiber gar nicht geschaffen ist, um mit sich scherzen zu lassen, denn er ist ein König in seiner eigenen Zeitung und auch in seiner eigenen Meinung. Der Wetterhahn flog auf das gegenüberliegende Dach und stand da wie die schwärzeste Bosheit, – sagten die Nachbarn. Die Tonne des Faßbinders wurde unter »Damenputz« aufgehängt. Des Gastwirth Speisezettel in einem schweren Rahmen, der an der Thüre hing, wurde von dem Sturme über den Eingang des Theaters gestellt, wo die Leute niemals hin kommen; es war ein lächerliches Plakat: »Meerrettig, Suppe und gefüllter Kohlkopf«; aber jetzt kamen die Leute. Des Kürschners Fuchspelz, der sein ehrbares Schild ist, wurde an die Klingelschnur des jungen Mannes geschleudert, der immer in die Frühpredigt ging, wie ein heruntergeschlagener Regenschirm aussah, nach Wahrheit strebte und wie seine Tante sagte: ein »Exempel« war. Die Inschrift: »höhere Bildungs-Anstalt « wurde über den Billardklub hingeschleudert und die Anstalt selbst bekam das Schild: »Hier zieht man Kinder mit der Flasche auf«; das war gar nicht witzig, nur unartig, aber das hatte der Sturm gethan, und den kann man nicht regieren. Es war eine fürchterliche Nacht, und am Morgen, – denkt nur, – waren fast alle Schilder der Stadt verwechselt; an einigen Orten war es mit so großer Malice geschehen, daß Großvater gar nicht davon reden wollte, aber doch, wie ich ganz gut gesehen, inwendig lachte, und da ist es doch wohl möglich, daß er Etwas hinter den Ohren hatte. Die armen Leute in der Stadt und ganz besonders die Fremden, irrten sich immer in den Menschen und es konnte auch nicht gut anders sein, wenn sie sich nach dem Schilde richteten. So wollten Einige zu einer sehr ernsten Versammlung älterer Männer, wo die wichtigsten Dinge verhandelt werden sollten, und kamen nun in eine kreischende Knabenschule, wo Alle über Tische und Bänke sprangen. Es waren auch Leute da, die sich mit der Kirche und dem Theater irrten, und das ist doch entsetzlich! Einen solchen Sturm haben wir nun in unsern Tagen nie erlebt, das ist nur zu des Großvaters Zeiten geschehen, als er ein kleiner Knabe war; wir erleben vielleicht einen solchen Sturm nicht mehr, aber unsere Enkelkinder; da müssen wir gewiß hoffen und darum bitten, daß sich Alle, während der Sturm die Schilder wechselt, hübsch zu Hause halten . Am äußersten Meere. Große Schiffe waren hoch hinauf nach dem Nordpole gesandt, um dort die äußersten Grenzen, die letzten Meeresküsten aufzufinden, und zu versuchen, wie weit die Menschen dort oben wohl vorzudringen vermöchten. Schon steuerten sie Jahr und Tag durch Nebel und Eis hindurch und standen viel Mühseligkeiten aus; endlich war der Winter herangekommen und die Sonne aus jenen Gegenden verschwunden; viele, viele Wochen würden nun eine lange Nacht sein; Alles, so weit der Blick ringsum reichte, war ein einziges Eisstück; jedes der Schiffe war an dasselbe vertäuet, der Schnee thürmte sich in große Haufen, und aus ihm waren Hütten in der Form von Bienenkörben gebildet und errichtet, einige groß wie die alten Hünengräber, andere wiederum nicht größer, als daß sie zwei oder vier Männer beherbergen konnten; allein finster war es nicht, die Nordlichter stammten roth und blau, es war ein ewiges, großartiges Feuerwerk; der Schnee flimmerte und leuchtete, die Nacht hier war eine einzige lange, flammende Dämmerstunde. Wenn sie am hellsten strahlte, kamen die Eingeborenen schaarenweise heran, wunderbar zu schauen in ihrer behaarten, rauhen Pelzkleidung; sie kamen in Schlitten von Eisstücken, brachten Felle und Pelze in großen Bündeln mit, und die Schneehäuser bekamen warme Fußteppiche; die Felle dienten abwechselnd als solche und als Deckbetten, die Matrosen betteten sich unter die Schneekruste, während es draußen fror, daß es knisterte, und zwar ganz anders als manchmal im Winter bei uns. Bei uns war es noch Spätherbst, und dessen gedachten sie dort oben; sie erinnerten sich an das gelbliche Laub der heimathlichen Bäume. Die Uhr zeigte, daß es Abend und Zeit zum Schlafen sei, und in einer der Schneehütten streckten sich bereits Zwei, die Ruhe suchend, aus. Der Jüngste von diesen führte aus der Heimath seinen besten, theuersten Schatz, die Bibel, bei sich, welche ihm die Großmutter bei der Abreise geschenkt hatte. Jede Nacht ruhte die heilige Schrift unter seinem Kopfe, und noch aus den Kinderjahren wußte er, was in ihr geschrieben stand, täglich las er darin, und auf seinem Lager ausgestreckt, kamen ihn oft jene heiligen Worte in den Sinn, die da lauten: »Nähme ich Flügel der Morgenröthe und bliebe am äußersten Meere, so würde mich doch Deine Hand daselbst führen und Deine Rechte mich halten!« – Unter dem Einflüsse des ewigen Wortes und des wahren Glaubens schloß er die Augen, und der Schlaf überkam ihn, und der Traum, die Offenbarung des Geistes in Gott; die Seele lebte und war thätig, während der Körper sich der Ruhe ergab; er empfand dieses Leben, es war ihm, als klängen alte liebe, bekannte Melodien, als umgaukelten ihn milde, sommerwarme Lüfte, und von seinem Lager sah er es über sich glänzen, als strahle es von außen durch die Schneekruste hinein; er hob sein Haupt empor, der strahlende helle Schimmer war jedoch kein Widerschein der Schneedecke, es waren die mächtigen Fittige an der Schulter eines Engels, in dessen mildes, strahlendes Angesicht er emporschaute. Wie aus dem Kelche einer Lilie hob der Engel sich von den Blättern der Bibel empor, breitete seine Arme weit aus, und die Wände der Schneehütte versanken rings, als seien sie ein luftiger, lichter Nebelschleier; die grünen Matten und Hügel der Heimath mit den rothbraunen Wäldern lagen rings um ihn im stillen Sonnenglanze an einem schönen Herbsttage; das Nest des Storches war leer, aber noch hingen Aepfel an dem wilden Apfelbaume, wenn dieser auch schon entblättert war; die rothen Hagebutten glänzten und der Staar pfiff in dem grünen Käfige über dem Fenster der Bauernhütte, der heimathlichen Hütte; der Staar pfiff die gelernte Melodie, und die Großmutter behing seinen Käfig mit grünen Vogelfutter, wie er, der Enkel, es stets gethan; und die Tochter des Dorfschmieds, gar schön und jung, stand am Brunnen, schöpfte Wasser und nickte der Großmutter zu, die Großmutter winkte ihr und zeigte ihr einen Brief, der aus weiter Ferne gekommen wäre. An diesem Morgen war der Brief aus den kalten Landen oben am Nordpole selbst gekommen, dort wo der Enkel war und in Gottes Hand stände. – Sie lächelten und weinten, und er, dort oben unter Eis und Schnee, unter den Fittigen des Engels, auch er lächelte und weinte im Geiste mit ihnen, denn er sah und hörte sie. Aus dem Briefe wurde laut vorgelesen, auch die Worte der heiligen Schrift: »am äußersten Meere, seine Rechte mich halten wird.« – Ringsum ertönte der schönste Psalmengesang und der Engel ließ seine Fittige, einem Schleier gleich, über den Schlafenden herab, – das Traumbild war verschwunden – es war finster in der Schneehütte, aber die Bibel ruhte unter seinem Kopfe, der Glaube und die Hoffnung wohnten in seinem Herzen. Gott war mit ihm und die Heimath trug er im Herzen – »am äußersten Meere«. Der Vogel des Volksliedes. Es ist Winterzeit; die Erde hat eine Schneedecke, als wäre sie von Marmor, aus dem Felsen gehauen; die Luft ist hell und klar, der Wind ist scharf wie ein hart geschmiedetes Schwert, die Bäume stehen da wie weiße Korallen, wie blühende Mandelzweige, hier ist es frisch wie auf den hohen Alpen. Die Nacht ist prächtig im Nordlichtscheine, im Glänze unzähliger funkelnder Sterne. Es kommen die Stürme, die Wolken erheben sich und schütteln Schwanendaunen herab; die Schneeflocken jagen, decken Hohlweg und Haus, das offene Feld und die eingeschlossenen Straßen. Aber wir sitzen in der warmen Stube, am glühenden Ofen und erzählen uns von alten Zeiten; wir hören eine Sage: An dem offenen Meere lag ein Riesengrab, auf dem saß zur Mitternachtszeit der Geist des begrabenen Helden, der ein König gewesen war; der Goldreif leuchtete von seiner Stirn, das Haar flatterte im Winde, er war in Stahl und Eisen gekleidet; er beugte sorgenvoll sein Haupt und seufzte in tiefem Schmerze, wie ein unseliger Geist. Da segelte ein Schiff vorbei. Die Matrosen warfen den Anker aus und stiegen an's Land. Unter ihnen war ein Sänger; der trat zum Königs-Geiste und fragte: »Warum trauerst Du und warum leidest Du?« Da antwortete der Todte: »Niemand hat die Thaten meines Lebens besungen; sie sind todt und vergessen; der Gesang trägt sie nicht über die Länder hinaus und in die Herzen der Menschen; darum habe ich keine Ruhe; keinen Frieden!« Und er sprach von seinen Werken und Großthaten, die seine Zeitgenossen gekannt, aber nicht besungen, denn unter ihnen war kein Sänger. Da griff der alte Barde in die Saiten der Harfe und sang von dem Jugendmuthe des Helden, von der Kraft des Mannes und der Größe der guten Thaten. Dabei leuchtete des Todten Angesicht wie der Wolkensaum im Mondenscheine: froh und hochselig erhob sich die Gestalt in Glanz und Strahlen, sie entschwand wie ein Nordlichtschein; man sah nur noch den grünen Rasenhügel mit den runenlosen Steinen; aber darüber hin schwang sich, beim letzten Klange der Saiten, so recht, als wenn er aus der Harfe käme, ein kleiner Vogel, der reizendste Singvogel, mit dem klangvollen Schlage der Drossel, mit dem seelenvollen Schlage des Menschenherzens, dem Klange des Heimathlandes, wie der Zugvogel ihn hört. Der Singvogel flog über die Berge, über Thal, über Feld und Wald, – das war der Vogel des Volksliedes , der niemals stirbt. Wir hören den Gesang; wir hören ihn jetzt hier in der Stube, während die weißen Bienen draußen schwärmen und der Sturm starke Griffe thut. Der Vogel singt uns nicht blos die Trauerklage der Helden, er singt auch fuße, sanfte Liebesgesänge, so warme und so viele, von der Treue im Norden; er hat Märchen in Worten und Tönen; er hat Sprüchwörter und Liedersprüche, die, gleich Runen unter des Todten Zunge gelegt, – ihn zum Sprechen nöthigen, und so weiß das Volkslied von seinem Heimathlande! In der alten Heidenzeit, in der Vikingerzeit, hing seine Rede in des Barden Harfe. In den Tagen der Ritterburgen, als die Faust die Wagschale der Gerechtigkeit hielt, nur die Macht das Recht war, ein Bauer und ein Hund von gleicher Bedeutung, – wo fand da der Vogel des Gesanges Obdach und Schutz? Weder Rohheit noch Dummheit dachten an ihn. Aber, in dem Erker der Ritterburg, wo die Burgfrau vor dem Pergamente saß und die alten Erinnerungen in Gesängen und Sagen niederschrieb, und das alte Mütterchen aus dem Walde und der Tabulettkrämer, der immer herumwandernde, bei ihr saßen und erzählten, da flog er über sie hin, da flatterte, zwitscherte und sang der Vogel, der niemals stirbt, so lange die Erde einen Hügel für seinen Fuß hat, für den Vogel des Volksliedes. Nun singt er zu uns herein. Draußen ist der Schneesturm und die Nacht; er legt die Runen unter unsere Zunge, wir kennen unser Heimathland; Gott spricht zu uns in unserer Muttersprache, in den Tönen des Vogels vom Volksliede. Die alten Erinnerungen tauchen auf, die erblichenen Farben frischen sich auf, die Sage und der Gesang geben einen Segenstrunk, der Sinn und Gedanken erhebt, so daß der Abend ein Weihnachtsfest wird. Die Schneeflocken jagen, das Eis kracht, der Sturm herrscht, denn er hat die Macht, er ist der Herr, – aber doch nicht unser Herr-Gott ! Es ist Winterzeit, der Wind ist scharf wie ein hartgeschmiedetes Schwert; die Schneeflocken jagen, – es schneite, so schien es uns, Tage und Wochen, und der Schnee liegt wie ein ungeheurer Schneeberg über der großen Stadt; ein schwerer Traum in der Winternacht. Alles ist auf der Erde verborgen und fort, nur das goldene Kreuz der Kirche, das Symbol des Glaubens, erhebt sich über dem Schneegrabe und leuchtet in der blauen Luft, in dem klaren Sonnenscheine. Und über der begrabenen Stadt stiegen die Vögel des Himmels, die kleinen und die großen; sie zwitschern und singen, wie sie es grade können, jeder Vogel mit seinem Schnabel. Zuerst kommt die Schaar der Sperlinge; sie piepen bei allen Kleinigkeiten in der Straße und in der Gasse, im Neste und im Hause; die wissen Geschichten vom Vorder- und Hinterhause. »Wir kennen die begrabene Stadt,« sagen sie. »Alles Lebendige darin hat Pip! Pip! Pip!« Die schwarzen Raben und Krähen stiegen über den weißen Schnee. »Grab! grab!« schreien sie. »Da unten ist noch Etwas zu bekommen, Etwas für den Schlund, das ist das Wichtigste; das ist die Meinung der Meisten da unten im Grunde, und die Meinung ist bra', bra', brav!« Die wilden Schwäne kommen auf sausenden Flügeln und singen von dem Herrlichen und dem Großen, das noch aus den Gedanken und Herzen der Menschen hervorsprossen wird dort unten, in der unter der Schneedecke ruhenden Stadt. Da ist kein Tod, da waltet das Leben; wir vernehmen es in den Tönen, die gleich der Kirchenorgel brausen, die uns ergreifen wie der Klang von der Elfenhöhe, wie die Gesänge Ossian's, wie der brausende Flügelschlag der Walkyren. Welcher Einklang! der spricht in unserm Herzen, erhebt unfern Gedanken, – das ist der Vogel des Volksliedes, den wir hören! Und in diesem Augenblicke weht der warme Hauch Gottes vom Himmel herunter, die Schneeberge bekommen Spalten, die Sonne scheint hinein, der Frühling kommt, die Vogel kommen, neue Geschlechter, mit den heimathlichen, denselben Tonen. Höre die Geschichte des Jahres: »Die Macht des Schneesturmes, der schwere Traum der Winternacht – Alles löst sich, Alles erhebt sich, im herrlichen Gesänge des Vogels des Volksliedes , der Niemals stirbt!«