Charles Dickens David Copperfield Erster Teil. Inhalt Vorwort. Charles Dickens. Sein Leben und Schaffen. David Copperfield. Einleitung des Herausgebers. Erstes Kapitel. Meine Geburt. Zweites Kapitel. Ich beobachte. Drittes Kapitel. Eine Veränderung. Viertes Kapitel. Ich falle in Ungnade. Fünftes Kapitel. Von Hause fortgeschickt. Sechstes Kapitel. Ich erweitere den Kreis meiner Bekanntschaften. Siebentes Kapitel. Mein erstes Semester in Salemhaus. Achtes Kapitel. Die Ferien. Ein glücklicher Nachmittag. Neuntes Kapitel. Ich feiere einen denkwürdigen Geburtstag. Zehntes Kapitel. Ich werde vernachlässigt und später wieder versorgt. Elftes Kapitel. Ich beginne auf eigene Art zu leben, und finde daran keinen Gefallen. Zwölftes Kapitel. Da mir das Leben auf eigene Faust durchaus nicht mehr gefällt, fasse ich einen großen Entschluß. Dreizehntes Kapitel. Die Folgen meines Entschlusses. Vierzehntes Kapitel Meine Tante kommt zu einem Entschluß über mich. Fünfzehntes Kapitel Anfang eines neuen Lebens. Sechzehntes Kapitel Ich bin in mehr als einer Hinsicht ein Neuling. Siebzehntes Kapitel Es findet sich jemand. Achtzehntes Kapitel Ein Rückblick. Neunzehntes Kapitel. Ich sehe mich um und mache eine Entdeckung. Zwanzigstes Kapitel. Steerforth daheim. Einundzwanzigstes Kapitel. Die kleine Emilie. Zweiundzwanzigstes Kapitel. Alte Orte und neue Menschen. Dreiundzwanzigstes Kapitel. Mr. Dicks Erzählung bestätigt sich und ich wähle einen Beruf. Vierundzwanzigstes Kapitel. Meine erste Ausschweifung. Fünfundzwanzigstes Kapitel. Gute und böse Engel. Sechsundzwanzigstes Kapitel. Ich gerate in Gefangenschaft. Siebenundzwanzigstes Kapitel. Tommy Traddles. Achtundzwanzigstes Kapitel. Mr. Micawber wirft seinen Handschuh hin. Neunundzwanzigstes Kapitel. Ich besuche Steerforth noch einmal in seinem Heim. Dreißigstes Kapitel. Ein Verlust. Einunddreißigstes Kapitel. Ein größerer Verlust. Vorwort. Eine Auswahl des Besten und Gediegensten, was der berühmte humoristische Novellist geschrieben hat, wird der deutschen Leserwelt gewiß um so willkommener sein, als sich die Anteilnahme für Dickens, die in Deutschland wohl nie ganz erloschen war, seit einigen Jahren wieder so bedeutend erhöht hat, daß man geradezu von einer Dickensrenaissance sprechen kann. Denn schien es noch vor zehn, zwölf Jahren, als ob die Popularität dieses Autors bei uns und auch unter seinen Landsleuten etwas nachgelassen habe, so hat seit einigen Jahren eine kräftige Gegenbewegung eingesetzt, die den Londoner Sittenschilderer wieder auf eine selbst zu seinen Lebzeiten kaum erreichte Höhe der Beliebtheit emporgehoben hat, die schon durch den bloßen buchhändlerischen Erfolg zu beweisen ist, wonach in den letzten zwei Jahren in England allein ungefähr anderthalb Millionen Exemplare von seinen Skizzen und Romanen abgesetzt worden sind. Darum soll ihm auch jetzt in London ein eigenartiges Denkmal errichtet werden, in Gestalt einer Dickensbibliothek, der National Dickens Library, um deren Begründung sich namentlich die Dickensgesellschaft und der Boz-Klub bemühen. Den Grundstock soll die reichhaltige Dickenssammlung bilden, die der vor einigen Jahren verstorbene M. F. G. Kitton zusammengebracht hat. Alle Ausgaben der Dickensschen Schriften in Original und Übersetzung, alle literarischen Veröffentlichungen über ihn, alle Plagiatversuche in Gestalt von »Fortsetzungen« seiner Romane, Parodien, Porträts, Illustrationen, Karikaturen, Kuriositäten usw. sollen dies Museum füllen, zu dessen Aufnahme die Guildhall-Bibliothek die erforderlichen Räume zur Verfügung gestellt hat. Kein anderer Autor hat je einen solchen Grad von Volkstümlichkeit erreicht wie Dickens. Welcher Erzähler hätte es ihm auch gleichgetan? Welchem Erzähler hat je ein größeres und dankbareres Publikum gelauscht? Und wer hat solche andächtige Aufmerksamkeit und Liebe mehr verdient, als Dickens? Selten hat wohl auch einem Autor die Natur alle dem erzählenden Dichter unentbehrlichen Eigenschaften so verschwenderisch in den Schoß geschüttet, wie ihm. Vornan steht da die Schärfe seiner alles durchdringenden Beobachtungsgabe und die staunenswerte Gewandtheit in der Behandlung der Sprache, dann die Milde seiner Weltanschauung und der gesunde Humor, durch den er alle Gegensätze im Leben wohltuend zu versöhnen weiß. Und sind auch nicht wegzuleugnende Mängel in seiner Darstellungsweise vorhanden, so werden seine Werke doch immer infolge der erwähnten überwiegenden Vorteile zahlreiche und begeisterte Leser finden, und vor allem wegen der überall durchblickenden warmen Menschenliebe, die von jeher die Aufmerksamkeit auf die Armen und Verlassenen zu lenken wußte und schließlich deshalb, weil auch die Jugend und die Frauenwelt jeden, aber auch jeden seiner Romane ohne Scheu in die Hand nehmen kann, trotzdem der Dichter seine Leser häufig genug in die Niederungen des menschlichen Lebens, ja selbst in die Höhle des Verbrechens führt. Bereitwillig bin ich daher dem Ansuchen der Verlagshandlung nachgekommen, eine Auswahl der Dickensschen Werke neu herauszugeben. Ich habe bei meiner Arbeit gute ältere Übersetzungen mitbenutzt, diese aber genau mit dem Original verglichen, überarbeitet und ergänzt; dies erschien um so nötiger, als viele der mir vorliegenden früheren Übersetzungen Auslassungen größerer und kleinerer Stellen zeigen. Möge der alte liebe Dichter in diesem Gewande seine früheren Freunde wiedergewinnen und sich zahlreiche neue dazu erwerben, wie er es wahrlich verdient in Deutschland, das ihm und seines Geistes anmutigen Kindern seit seinem ersten Auftreten vor fünfundsiebzig Jahren eine dauernde Stätte und zweite Heimat bereitete. Berlin, 13, März 1909. R. Z. Charles Dickens. Sein Leben und Schaffen. Charles Dickens , der vorzüglichste Dichter Londons, der volkstümlichste Novellist des 19. Jahrhunderts, nebst Thackeray der Gründer der Londoner Romanschule und einer der größten Humoristen Englands, wurde am Freitag den 7. Februar 1812 geboren, in Landport auf Portsea , der Insel am Eingang des Hafens von Portsmouth. Sein Vater, John Dickens , war damals, als Beamter im Zahlamt der Marine, im Dockyard von Portsmouth angestellt. Charles war ein schwächliches Kind von Geburt an und mußte sich damit begnügen, den fröhlichen Spielen und dem ausgelassenen Getümmel seiner Altersgenossen vom Fenster aus zuzuschauen. Dadurch fand er sich früh genug auf den Umgang mit sich selbst angewiesen, indem er scharf seine Umgebung beobachtete und alles einem Gedächtnisse einzuprägen verstand, das ein geradezu eisernes genannt werden muß. Walter Scott erzählt in dem Fragment seiner Selbstbiographie, wo er von den gegen seine Lahmheit angewandten Heilmitteln spricht, daß er sich erinnere, als noch nicht ganz dreijähriger Junge auf dem Fußboden des Wohnzimmers in dem Pachthause seines Großvaters gelegen zu haben, eingewickelt in ein Schafsfell, das noch warm vom Leibe des Tieres gekommen war. David Copperfield's, oder wie man hier sagen muß, das Gedächtnis von Dickens reicht noch weiter zurück. Er erzählt, daß er weit genug in die dunkle Ferne seiner Kindheit zurückblicken kann, um darin seine Mutter und deren Dienstmagd zu unterscheiden, wenn auch in verkleinerter Gestalt für sein Auge, weil sie auf den Boden niederknieten oder sich bückten, während er sich selbst mit schwankendem Schritt von der einen zur andern tappeln sieht. Auch hat er seinem Freunde und späteren Biographen John Forster erzählt, daß er sich des kleinen Gartens vor dem Hause in Portsea deutlich erinnere, das er verließ, als er zwei Jahre alt war und wo er, von dem Kindermädchen durch ein niedriges mit der Gartenfläche fast in gleicher Höhe liegendes Küchenfenster beobachtet, mit irgend etwas Eßbarem in der Hand, in Begleitung seiner älteren Schwester umherlief. Eines Tages trug man ihn aus dem Garten hinaus, um ihm zu zeigen, wie die Soldaten exerzierten, »und ich entsinne mich (sagt Forster), daß er, als wir zu der Zeit, da er seinen Nickleb schrieb, zusammen in Portsmouth waren, die Gestalt des Paradeplatzes genau wiedererkannte, den er ein Vierteljahrhundert vorher an derselben Stelle als Kind gesehen hatte.« Er verkürzte sich, sobald er in die Geheimnisse des Alphabetes, eingeweiht war, die meiste Zeit mit Lesen, und ein günstiger Zufall fügte es, daß ihm aus seines Vaters Bücherei Cervantes, Lesage, Robinson Crusoe, Tausend und eine Nacht und die englischen Humoristen des achtzehnten Jahrhunderts in die Hände fielen. Sie waren eine Schar von Freunden, Lehrern und Spielkameraden für ihn gewesen, als er keinen anderen Freund und keine andere Beschäftigung hatte; diese Bücher verliehen seinem kleinen kränkelnden Leben Freude, Gestalt und Sonnenschein. Jedoch sollte dieser kongeniale Verlauf seiner geistigen Entwicklung nur zu bald unterbrochen werden; denn sein Vater, der inzwischen nach London versetzt worden war, geriet in Geldverlegenheiten, die sich nach und nach vermehrten und schließlich so verwickelten, daß er in das Schuldgefängnis wandern mußte. Während Charles in Chatam, wo sein Vater vorübergehend im Dockyard angestellt gewesen war, noch wenigstens die Elementarschule des jungen Baptistenpredigers William Giles besucht hatte, hörte hier in London jeglicher Unterricht für ihn auf. Der kaum zehnjährige, schwächliche, aber auffallend hübsche Knabe mußte sich schon seinen Lebensunterhalt selbst verdienen! Was man bei dem Erscheinen des Copperfield vermutet hatte, bestätigt sich; daß er nämlich manche Züge und Szenen aus seinem wirklichen Leben in diesen Roman verwebt habe: aber keiner ahnte, wie weit das ging. Dickens selbst ist der zehnjährige Knabe, den seine Eltern in ein schmutziges Wichsgeschäft gesteckt hatten, wo er von früh bis spät die Flaschen und Kruken mit kaltem Wasser auszuspülen und die gereinigten zuzubinden und mit Etiketten zu bekleben hat – und zwar für einen Wochenlohn von sechs Schillingen! Dickens selbst ist es, der für Micawber einzelne Hausratgegenstände versetzt und mit seinem Vater im Schuldgefängnisse sitzt. Nicht ein Stiefvater, nein sein rechter Vater hat ihn in den schmierigen Wichsladen gesteckt, und seine eigene Mutter wollte, ihn dahin zurückbringen, als er fortgelaufen war, weil er es bei dieser niedrigen unsaubern Beschäftigung unter rohen und gemeinen Menschen nicht mehr aushalten konnte. »Es scheint mir wunderbar,« sagt er einmal, »wie man mich in einem solchen Alter so leicht in die Welt hinausstoßen konnte. Es scheint mir wunderbar, daß selbst nach meinem Herabsinken zu der Stellung des armen kleinen Sklaven, der ich seit unserer Ankunft in London gewesen war, niemand Mitleid genug hatte mit mir – einem Kinde von hervorstechenden Fähigkeiten, aufgeweckt, lernbegierig, zart und körperlich wie geistig leicht verletzt – um vorzuschlagen, daß man, wie ganz gewiß möglich gewesen wäre, etwas erübrigen könne, mich in eine gewöhnliche Schule zu schicken.... Keine Worte können die geheime Seelenqual ausdrücken, die ich erduldete, als ich zu dieser Kameradschaft hinabsank, diese alltäglichen Gefährten mit denen meiner glücklicheren Kindheit verglich und meine frühen Hoffnungen, ein gelehrter und berühmter Mann zu werden, in meiner Brust zusammenstürzen fühlte. Der tiefe Schmerz, den ich bei dem Gedanken empfand, völlig verwahrlost und hoffnungslos zu sein, die Scham über meine Lage, das Elend meines jungen Herzens bei dem Gedanken, daß Tag auf Tag alles, was ich gedacht und gelernt, und woran ich meine Freude gehabt und meine Phantasie und meine Nacheiferung begeistert hatte, nur entschwand, um nie wiederzukehren, läßt sich nicht beschreiben. Mein ganzes Wesen war so von dem Schmerz und der Demütigung dieser Gedanken durchdrungen, daß ich selbst jetzt, berühmt, geliebt und glücklich wie ich bin, in meinen Träumen oft vergesse, daß ich ein liebes Weib und Kinder habe – selbst jetzt, da ich ein Mann bin – und trostlos in jene Zeit meines Lebens zurückwandere« . . . . . . »Ich schreibe nicht«, sagt er ein andermal, »aus Groll oder Zorn; ich weiß, daß alles so kommen mußte, um mich zu dem zu machen, der ich bin. Aber ich habe niemals vergessen, ich werde nie vergessen, ich kann nie vergessen, daß es meine Mutter war, die mich in dies Geschäft zurückbringen wollte!« Er hat es seine Eltern nie fühlen, geschweige denn entgelten lassen, er hat ihnen vielmehr, sobald er es nur vermochte, eine sorgenfreie, ja angenehme Lebensführung verschafft. Er hing mit einer gewissen Zärtlichkeit an diesem Micawber, diesem wunderlichen Vater, der gerade gestorben war, als er an seinem Copperfield schrieb. Eine gewisse Zärtlichkeit zeigt sich auch immer in der Schilderung dieser Romanfigur, besonders am Schlusse, wo er es mit meisterhafter Kunst verstanden hat, uns in Micawber eine Persönlichkeit zu hinterlassen, der man eine Art Achtung, und mehr noch eine gewisse Zuneigung nicht versagen kann. Aber es berührt einen doch seltsam, wenn man sich bei der Lektüre der Lebensgeschichte von Dickens erinnern muß, daß Micawber der Vater des Dichters ist! Dickens allerdings, und das versöhnt uns empfand nicht ebenso. Der Humor steckte so tief in seiner Natur, daß er durch Aufmerken auf die lächerlichen Züge das wohltuende Gesamtbild nicht zu beeinträchtigen glaubte. »Kenne ich einmal«, sagt er sehr bezeichnend, »einen Menschen mit all seinen kleinen und großen Fehlern, so wird er mir lieb und für mich ein interessanter Gegenstand.« In der unwürdigen Stellung eines Wichsekrukenreinigers scheint der beklagenswerte Knabe bis zu seinem zwölften Jahre ausgehalten zu haben; wenigstens hatten sich die äußeren Verhältnisse seines Vaters um das Jahr 1824 herum wieder soweit aufgebessert, daß Charles von neuem eine Schule besuchen konnte. Er sagte darüber selbst: »Ein Mr. Jones, ein Walliser, hielt eine Schule in Hampstead-Road, wohin mich mein Vater schickte, um einen Prospectus mit den Preisen zu holen. Die Jungen waren gerade beim Essen und Mr. Jones war in einem Paar leinener Halbärmel mit dem Vorschneiden beschäftigt, als ich mich dieses Auftrages entledigte. Er kam heraus und gab mir was ich wünschte, und hoffte, ich würde sein Schüler werden. Ich wurde sein Schüler: um sieben Uhr eines Morgens, sehr bald nachher, trat ich als Tagschüler in das Institut von Mr. Jones, das in Mornington Place lag und dessen Schulzimmer abgerissen wurde, als man die Eisenbahn nach Birmingham durch diesen Stadtteil führte. Damals aber war das Schulzimmer weder durch Eisenbahndirektoren noch durch Ingenieure bedroht und über der Tür befand sich ein Schild, geziert mit den Worten: »Wellington House Academy«. In der »Akademie« in Wellingtonhouse blieb er fast zwei Jahre, denn er war etwas über 14 Jahre alt, als er sie verließ. Sowohl in seinen kleineren Schriften als im Copperfield finden sich allgemeine Andeutungen darüber, und unter den aus den Household Words gesammelten Artikeln ist einer, der ganz besonders den Zweck hat, sie zu beschreiben. Er bezeichnet sie darin als besonders merkwürdig wegen ihrer weißen Mäuse. Er sagt, daß sich die Jungen allerhand Vögel, Finken, Hänflinge und Kanarienhähne in ihren Pulten, Schubkästen oder Hutschachteln hielten, daß aber weiße Mäuse die Haupttiere waren und daß die Jungen die Mäuse viel besser unterrichteten, als die Lehrer die Jungen. Nichtsdestoweniger erwähnt er, daß die Schule einer gewissen Berühmtheit in der Nachbarschaft genossen habe, obgleich niemand sagen konnte, worin sie bestanden hätte, und fügt hinzu, die Jungen seien der Ansicht gewesen, daß der Prinzipal nichts wisse und einer der Hilfslehrer alles! Nach dem Austritt aus dieser Schule trat Dickens als Schreiber in das Bureau eines Sachwalters ein und verfiel, noch während er diese Stelle bekleidete, auf den Gedanken, sich durch Erlernung der Stenographie auf die Reporterlaufbahn vorzubereiten. Von der Mühe, die ihm diese, achtzehn Monate, hindurch eifrigst betriebenen stenographischen Studien verursachten, hat er ebenfalls einiges im Copperfield mitgeteilt. Sein Vater, bei dem er noch wohnte, war bereits als parlamentarischer Berichterstatter an einer der Morgenzeitungen angestellt und befand sich nun, auch infolge der Vermehrung seiner amtlichen Pension, durch den Ertrag dieser lobenswerten Beschäftigung in behaglicheren Verhältnissen, Um die Mittel für den Unterhalt seiner Familie zu vermehren, beschloß also der junge Dickens, es seinem Vater gleich zu tun. Und er erreichte sein Ziel durch die eiserne Konsequenz und die Selbstzucht, die ihm eigen war, und den Prozeß seiner Selbsterziehung erleichterte. Man würde auch keinen besseren erläuternden Kommentar über diese Jahre seines »Bureaujungentums« finden, als in der Antwort seines Vaters auf die Frage eines Freundes: »Wo hat Ihr Sohn denn seine Erziehung erhalten?« »Nun, Sir, man kann sagen – ha! ha! – er hat sich sozusagen selbst erzogen!« – Von den zwei Arten der Erziehung, die nach Gibbons Ausspruch alle Menschen empfangen, die über das gewöhnliche Durchschnittsmaß hinaussteigen, der seiner Lehrer und der persönlicheren und wichtigeren, die er sich selbst gab, genoß er nur den Vorzug der letzteren. Nichtsdestoweniger reichte sie für ihn aus. Er machte sich also eifrig an das Studium der Stenographie und teils um seine allgemeinen Kenntnisse soweit zu vervollständigen, als man von einem jungen wohlerzogenen Mann erwarten durfte, teils der Befriedigung eines höheren Bedürfnisses wegen, wurde er ein fleißiger Besucher der Lesezimmer des Britischen Museums. Er wies oft auf jene Tage als auf die ihm persönlich nützlichsten hin, die er je verlebt habe, und nach den Resultaten zu urteilen, müssen sie dies in der Tat gewesen sein. Niemand, der ihn in späteren Jahren kannte und mit ihm eingehend von Büchern und Dingen sprach, würde geahnt haben, daß seine Erziehung im Knabenalter, fast völlig selbsterworben wie sie war, von so schwankender und zufälliger Art gewesen ist. Das Geheimnis lag darin, daß er sich stets auf die Höhe der Sache erhob, die ihn gerade beschäftigte, und daß er nie die Regeln unberücksichtigt ließ, die den Helden seines Romans leiteten. »Was ich in meinem Leben zu tun versucht habe, habe ich mit ganzem Herzen und gut zu tun versucht. Wenn ich mich einer Aufgabe widmete, so widmete ich mich ihr ganz. Niemals nur eine Hand an das zu legen, worauf ich mein ganzes Selbst wirken lassen konnte, und nie meine Arbeit zu unterschätzen, was sie auch sein mochte, das waren meine goldenen Regeln.« Dickens war neunzehn Jahre alt, als er endlich in der Galerie der Berichterstatter im Parlament seinen Sitz einnahm. Anfänglich wurde er zwar nur dazu verwandt, Bericht über die Verhandlungen in Doctor's Commons und anderen Londoner Gerichtshöfen zu erstatten, indes schon nach kaum drei Jahren fand er als Dreiundzwanzigjähriger an der Morning Chronicle Anstellung als Parlaments-Reporter. Dieser Beschäftigung ist es gewiß zuzuschreiben, daß er später ein so gewandter Stilist wurde; andererseits trug sie ihm aber jene gründliche Verachtung des Parlamentarismus ein, die sich in so vielen seiner Romane kundgibt: er hatte eben aus allzu großer Nähe mitangesehen, wie Politik gemacht wird, und konnte daher vor ihr und ihren Helden keinerlei Ehrerbietung empfinden. Einen weit bedeutungsvolleren Schritt als den zum Berichterstatter (obgleich er dies damals nicht wußte), hatte er kurz zuvor getan, indem er dem Old Monthly Magazine sein erstes schriftstellerisches Erzeugnis übersandte, das auch in der Dezembernummer von 1833 das Licht erblickte. Er selbst hat es beschrieben, wie er den – später als »Mr. Minns und sein Vetter« in das Londoner Skizzenbuch aufgenommenen – Artikel eines Abends im Zwielicht, mit Furcht und Zagen, verstohlen in einen dunkeln Briefkasten in einem dunkeln Postbureau in einem dunkeln Hofe bei Fleetstreet steckte, und er hat seine Aufregung geschildert, als der Artikel in vollem Glanze des Drucks erschien. »Ich ging bei dieser Gelegenheit nach der Westminsterhalle und blieb eine halbe Stunde dort, denn meine Augen waren so dunkel vor Stolz und Freude, daß sie die Straße nicht ertragen und sich dort nicht sehen lassen konnten.« Er hatte das »Magazin« in einem Laden am Strand gekauft, und genau zwei Jahre später erkannte er in dem jüngeren Teilhaber einer Verlagshandlung, der ihn in seiner Mietswohnung in Furnivals-Inn mit einem Vorschlage besuchte, aus dem die »Pickwickier« entstanden, dieselbe Person wieder, von der er jenes »Magazin« gekauft und die er weder vorher noch seitdem gesehen hatte. Diese Zwischenzeit von zwei Jahren umfaßte mehr als den Rest seiner Laufbahn in der »Galerie« und der damit zusammenhängenden Arbeiten. Aber daß diese Beschäftigung in ihrem Einfluß auf sein Leben, für die Ausbildung seines Talents wie seines Charakters von höchster Bedeutung war, kann nicht bezweifelt werden, »Aus der heilsamen Schule der harten Zeitungsarbeit, die ich als ganz junger Mann durchmachte, leite ich immer meine ersten Erfolge her«, sagte er zu den Zeitungsredakteuren in Neuyork, als er auf seiner zweiten Amerikareise von ihnen Abschied nahm. Diese Schule eröffnete ihm einen weiten und abwechselungsreichen Kreis von Erfahrungen, die ihm seine wunderbare, ebenso getreue als humoristische Beobachtungsgabe ganz zu eigen machten. »Niemand, der je für Zeitungen gearbeitet hat (schrieb er 1845) hat innerhalb desselben Zeitraumes soviel Expreß- und Extraposterfahrungen gesammelt wie ich. Und was für Herren waren es, denen man am alten Morning Chronicle diente! Groß oder Klein, es kam nicht drauf an! Ich habe die Kosten für ein halb Dutzend Umstürze binnen einer Zeit von einem halben Dutzend mal sovielen Meilen zu berechnen gehabt. Ich habe Ersatz zu fordern gehabt für den Schaden, den das Herabtröpfeln von einer Wachskerze meinem Überzieher zufügte, wenn ich in den frühesten Morgenstunden in einem dahinsausenden Wagen schrieb. Ich habe wohl fünfzigmal während einer einzigen Reise für alle möglichen Beschädigungen Kosten berechnen müssen: solcherart waren die gewöhnlichen Folgen der Schnelligkeit, mit der wir uns fortbewegten. Ich habe für zerbrochene Hüte, zerbrochenes Gepäck, zerbrochene Stühle, zerbrochenes Pferdegeschirr Kosten berechnet; für alles: außer für einen zerbrochenen Kopf, das einzige, wofür man ungern bezahlt haben würde.« In ähnlicher Weise äußerte er sich noch zwanzig Jahre später, als er im Mai 1865 bei dem zweiten jährlichen Festessen des Newspaper-preßfund, einer zum Besten notleidender Zeitungsangestellten gegründeten Gesellschaft, den Vorsitz führte und in seine Rede eine kurze Darstellung seines ganzen Berichterstatterlebens verflocht, »Ich vertrete hier«, sagte er, »nicht die Sache eines gewöhnlichen Klienten, von dem ich wenig oder nichts weiß. Ich vertrete hier die Angelegenheit meiner Brüder. Ich begann meine Tätigkeit als parlamentarischer Berichterstatter als achtzehnjähriger Knabe und gab sie – ich kann kaum an die unerbittliche Wahrheit glauben – vor ungefähr 30 Jahren auf! Und ich bin meinem Berufe unter Umständen nachgekommen, von denen sich meine hier anwesenden Brüder schwerlich eine hinreichende Vorstellung machen können. Oft habe ich wichtige öffentliche Reden, bei denen die peinlichste Genauigkeit erforderlich war und bei denen ein Versehen für einen jungen Mann äußerst bloßstellend gewesen sein würde, nach meinen stenographischen Skizzen für den Druck übertragen in der flachen Hand, bei dem Licht einer Laterne, in einer mit vier Pferden bespannten schaukelnden Postkutsche, die mit der damals erstaunlichen Geschwindigkeit von fünfzehn Meilen die Stunde in tiefer Nacht durch eine wilde Gegend dahingaloppierte. Als ich das letztemal in Exeter war, besuchte ich den dortigen Schloßhof, um einem Freunde zu Gefallen die Stelle zu identifizieren, wo ich einmal während des Wahlkampfes in Devonshire eine Rede Lord John Russels »aufnahm«, wie wir es nannten, inmitten eines von sämtlichen Vagabunden jener Gegend unterhaltenen lebhaften Handgemenges und in einem solchen Platzregen, daß zwei gutmütige Kollegen, die gerade nichts zu tun hatten, mir ein Taschentuch nach Art eines Thronhimmels bei geistlichen Prozessionen, schützend über mein Notizbuch hielten. Ich habe mir die Knie wundgeschrieben auf der alten Hinterbank der alten Galerie des alten Unterhauses, und ich habe mir die Füße wundgestanden in einem abgeschmackten Pferch im alten Oberhause, wo man uns wie ebensoviele zusammengedrängte Hammel warten ließ, bis etwa der Wollsack einer neuen Stopfung bedürfe. Bei der Rückkehr von aufgeregten politischen Meetings auf dem Lande zu den wartenden Londoner Druckern bin ich, wie ich glaube, in fast allen in England bekannten Arten von Fuhrwerken umhergeworfen worden. Auf schlammigen Landwegen wurde ich in der Nacht, vierzig bis fünfzig Meilen vor London, in alten Rumpelkästen, mit erschöpften Gäulen und betrunkenen Postillionen aufgehalten und kam doch noch vor Ausgabe der Zeitungen an Ort und Stelle rechtzeitig an, um von Mr. Black, dem verstorbenen Redakteur des Morning Chronicle in dem breitesten Schottisch, das aus dem weitesten aller Herzen kam, die ich je kannte, mit nie vergessenen Komplimenten empfangen zu werden. Ich erwähne diese kleinen Umstände zum Beweise, daß ich den Zauber jener alten Berufstätigkeit nie vergessen habe. Das Vergnügen, das ich über die Geschwindigkeit und das Geschick in der Ausübung zu empfinden pflegte, ist nie in meiner Brust erloschen. Von der Gewandtheit, die ich damals darin erwarb, ist mir noch soviel geblieben, daß ich fest überzeugt bin, ich könnte morgen wieder damit beginnen. Bis auf den heutigen Tag vertreibe ich mir, wenn ich (was mitunter vorkommt) eine langweilige Rede anhören muß, gelegentlich die Zeit damit, daß ich dem Redner in der alten, alten Weise folge, und manchmal ertappe ich mich sogar dabei, wie meine Hand, mit imaginären Aufzeichnungen beschäftigt, auf dem Tischtuch hin und her geht.« Soviel von der Darstellung seiner Laufbahn in der »Galerie«. Inzwischen hatte er seine andere Beschäftigung nicht aus den Augen verloren. Seit dem Erscheinen der ersten Skizze im Monthly Magazine hatten schon neun andere die Seiten der späteren Nummern dieser Zeitschrift bereichert, die letzte im Februar 1835 und jene, die im August 1834 erschienen war, hatte zuerst die Unterschrift »Boz« getragen. Dies war der Spitzname seines von ihm zärtlich geliebten jüngeren Bruders Augustus , den er zu Ehren des Vicars von Wakefield Moses getauft hatte, was (scherzhaft durch die Nase gesprochen) zu Böses wurde, woraus dann die Abkürzung Boz entstand. »Boz war mir ein wohlbekannter Familienname, lange ehe ich mich der Schriftstellerei widmete, und so kam es, daß ich dies Pseudonym annahm.« Zwei entscheidende Ereignisse im Leben von Dickens fallen fast gleichzeitig. Der Anfang des Jahres 1836 fand ihn noch damit beschäftigt, die erste Reihe der »Skizzen von Boz« gegen ein Honorar von etwa 3000 Mark in zwei Bänden herauszugeben. Aber schon am 31. März 1836 erschien das erste Schillings-Heft seines in Lieferungen veröffentlichten Romans der »Pickwickier«, nachdem es die Times vom 26. März angekündigt hatte, und am 2. April meldete dasselbe Blatt, daß sich Charles Dickens verheiratet habe mit Katharine , der ältesten Tochter George Hogarths , seines Freundes und Kollegen am Morning Chronicle. Die Flitterwochen verlebte der 24jährige Ehemann in der Gegend, zu der er in allen bedeutungsvollen Epochen seines Lebens mit einer sich seltsam erneuernden Vorliebe zurückkehrte, in dem ruhigen kleinen Dorfe Chalk an der Straße zwischen Gravesend und Rochester. Daß in der jungen Ehe ein Mißverhältnis bestanden hätte, wird von keiner Seite aus berichtet. Freilich nahm er von vornherein noch eine jüngere Schwester seiner Frau, Mary, mit ins Haus, zu der er bald, wenn man seinen eigenen Worten Glauben schenken darf, eine leidenschaftliche Zuneigung faßte. Und als sie schon im nächsten Jahre sehr plötzlich starb, war er gänzlich niedergeschmettert. Er wollte sein Grab neben dem ihrigen haben, und noch fünf Jahre später, als über den Raum anders verfügt werden sollte, geriet er fast in Verzweiflung. »Die Sehnsucht, einst neben ihr begraben zu werden, ist bei mir noch so stark wie vor fünf Jahren, und ich weiß jetzt – denn ich glaube nicht, daß es jemals eine so starke Liebe gab wie die meinige zu ihr – daß sich diese Sehnsucht niemals vermindern wird. Ich kann den Gedanken nicht ertragen, von ihrem Staube ausgeschlossen zu sein. Es schiene mir, daß ich sie zum zweiten Male verliere.« Auch während seiner zweiten amerikanischen Reise glaubte er, daß ihr Geist ihn immer umschwebe. Wenn man dies nun alles wortwörtlich nähme, so würde die arme Katharine von Anfang an einen schweren Stand neben ihrem Manne gehabt haben. Aber Dickens war Dichter, und wie es innerlich mit seinen Liebesneigungen stand, hat er im Copperfield in seinem Verhältnis zu Klein-Emily, Dora und Agnes geschildert: es wird wohl etwas Übertreibung und etwas Einbildung seine Hand dabei mit im Spiele gehabt haben. Marys Grabschrift, von ihm geschrieben, ist auf einem Grabstein des Kirchhofs in Kensal-Green zu lesen: »Jung, schön und gut, zählte sie Gott in seiner Gnade in dem frühen Alter von siebenzehn Jahren seinen Engeln zu.« Es ist hier der Ort, darauf hinzuweisen, daß Käthe nicht in der Dora porträtiert ist, die wir aus dem Copperfield so liebgewonnen haben. Eine Bostoner Gesellschaft von Bücherliebhabern veröffentlichte vor kurzem die Liebesbriefe des Dichters an Maria Beadnell. Diese Publikation beweist nun wiederum die Tatsache, daß Dickens David Copperfield selbst ist und daß Maria Dora ist. Der letzte Brief des 22jährigen an die, einem reichen Mann angeheiratete, schloß: »Ich habe nie jemand vor Dir geliebt und kann auch kein menschliches Wesen außer Dir lieben! Und die Liebe, die ich jetzt zu Dir hege, ist so rein und so ewig wie zu irgend einer Zeit unseres Briefwechsels. Meine Gefühle wurden früh auf ein einziges Ziel gerichtet, und sie waren stark und werden ewig dauern.« Nach 23 Jahren, nachdem Maria von den Fittichen des Schicksals hart geschlagen worden war, schrieben sich die beiden wieder. Einer der rührendsten Briefe von Dickens an Mrs. Winter lautet: »Was ich heute an Einbildungskraft, Erzählungstalent, Energie, Leidenschaft, Streben und Entschlossenheit besitze habe ich nie getrennt und werde ich nie trennen von der hartherzigen kleinen Frau ... von Ihnen ... für die ich buchstäblich mit der größten Bereitwilligkeit gestorben wäre. Mir ist vollständig klar, daß ich meinen Weg aus der Armut und der Verborgenheit zu erkämpfen anfing mit dem beständigen Gedanken an Sie .... Meine große Hingebung und meine unnütze Zärtlichkeit in jenen harten Jahren, derer ich mich seitdem teils mit Freude, teils mit Grauen erinnere, haben auf mich einen solchen Einfluß ausgeübt, daß ich auf diese Zeit der Unterdrückung meiner Gefühle meine jetzige Zurückhaltung zurückführen muß, die sicherlich nicht ein Teil meiner ursprünglichen Natur ist, aber die mich jetzt abhält, meine Gefühle zu zeigen, selbst meinen Kindern gegenüber, außer wenn sie noch ganz klein sind ... Dies alles sind Dinge, die ich in meiner Brust verschlossen hielt und von denen ich nie glaubte, daß ich sie einmal sehen lassen würde. Aber jetzt, wo ich wieder an Sie schreibe, ... an Sie ganz allein ... wie könnte ich es unterlassen, Sie in mich hineinsehen zu lassen, um Ihnen zu zeigen, daß sie immer noch da sind . Wenn die reinsten, die glühendsten und die selbstlosesten Tage meines Lebens Sie als Sonne hatten ... und es war wirklich so ... und wenn ich weiß, daß der Traum, in dem ich damals lebte, mir gut tat, mein Herz läuterte und mich geduldig und standhaft machte, und wenn der Traum nur Sie kannte .. Gott weiß, daß es so war ... wie kann ich von Ihnen Vertrautes erfahren und Sie Vertrautes von mir hören, wenn ich Ihnen vorheuchelte, daß dies alles bei mir ausgelöscht wäre?« Später einmal schreibt Dickens an Mrs. Winter: »Sie sind und bleiben immer dieselbe in meiner Erinnerung. Und wenn Sie sagen, daß Sie ›zahnlos, dick, alt und häßlich‹ geworden seien (was ich nebenbei nicht glaube), dann eile ich in Gedanken zu dem Hause in Lombard Street, das ebenso wie meine Luftschlösser verschwunden ist und dessen Backsteine und Mörtel zerfallen sind, und ich sehe Sie in einem himbeerfarbigen Kleide, mit einer kleinen schwarzen Einfassung oben ... aus schwarzem Plüsch, scheint es ... in Zackenspitzen geschnitten ... in unzähligen Zackenspitzen ... und mich mit meinem jugendlichen Herzen wie ein gefangener Schmetterling auf jeder Spitze aufgespießt.« Von Käthe selbst hören wir erst aus der amerikanischen Reise (1842) etwas ausführlicher. Er schildert ihr Wesen dort recht humoristisch. Käthe hat allerdings die ständige Neigung anzustoßen: aus jeder Droschke zu fallen, sich den Fuß zu verstauchen, mit der Stirn an alle Laternenpfähle anzurennen. Doch gibt ihr Dickens das Zeugnis einer in jeder Hinsicht bewundernswürdigen Reisegefährtin. Sie ist nie müde, nie verstimmt, klagt nie und beklagt sich über nichts, obgleich er ihr starke Anstrengungen zumutet; sie ist immer willig und heiter: »kurz« – so schließt Dickens – »sie hat mir sehr gut gefallen.« Selbst seinem Wunsche, gleich ihm eine Rolle auf dem Theater zu übernehmen, gibt sie nach, obwohl nicht gerne. »Ich spielte das ganze Stück hindurch unter lautem Gelächter; was sagst Du aber dazu,« schreibt Dickens aus Montreal an Forster, »daß Käthe spielte, und zwar verteufelt gut, wie ich Dir versichern kann?« Mit der Parlamentssession von 1836 endete übrigens seine Tätigkeit als Berichterstatter, und einige Früchte seiner vermehrten Muße zeigten sich noch vor dem Schlusse dieses Jahres. Die musikalischen Talente und Verbindungen seiner ältesten Schwester hatten ihn mit vielen Freunden und Professoren dieser Kunst bekanntgemacht. So kam es, daß er sich lebhaft für Brahams Unternehmen an dem St. James-Theater interessierte. Braham war ein damals bekannter englischer Sänger und Komponist, der in diesem Jahre den Versuch machte, im St. James-Theater eine englische Oper zu begründen. Dickens schrieb zu seinem Besten eine auf einer seiner Skizzen beruhende Posse und das Textbuch für eine Oper, zu der sein Freund Hullah die Musik komponierte. Sowohl die Posse, die unter dem Titel »Der fremde Herr« im September, als die »Die Dorfkoketten« betitelte Oper, die im Dezember 1836 aufgeführt wurden, hatten einen guten Erfolg. Das Aussehen von Dickens war in jenen Tagen sehr verschieden von dem Antlitz, wie es die Photographien der späteren Generation bekanntgemacht haben. »Zuerst wurde man (so schreibt sein Biograph John Forster) durch ein Aussehen von kindlicher Jugend angezogen und dann durch einen Freimut und eine Offenheit des Ausdrucks, die ein sicheres Zeugnis ablegten für die inneren guten Eigenschaften. Die Züge waren sehr edel. Er hatte eine prächtige Stirn, eine feste Nase mit vollen weiten Flügeln, Augen, die wunderbar glänzten von Geist, und die überströmten von Humor und Heiterkeit, und einen ziemlich hervortretenden, von lebhafter Erregbarkeit zeugenden Mund. Diese Darstellung liegt dem Bilde zugrunde, das unsern Band als erstes ziert. Thackeray sagte von dem Originalgemälde Maclises: »Die Ähnlichkeit ist wahrhaft staunenerregend. Ein Spiegel könnte kein besseres Faksimile geben. Wir haben hier den wirklichen identischen Menschen Dickens, den inneren sowohl als den äußeren.« Der ganze Kopf war gut geformt und symmetrisch und von äußerst kühner Miene und Haltung. Das in späteren Jahren so spärliche und ergraute Haar war damals von reichem Braun und üppigster Fülle, und das bärtige Gesicht seiner letzten zwei Jahrzehnte zeigte kaum eine Spur mehr davon; aber es war etwas in dem Gesichte, wie ich mich dessen zuerst erinnere, das keine Zeit verändern konnte und was ihm bis zuletzt unverwandelt aufgeprägt blieb. Das war die Schnelligkeit, die Schärfe, die praktische Macht, der eifrige, ruhelose, energische Ausdruck aller Züge, der so wenig von einem Gelehrten oder Schreiber von Büchern und soviel von einem Manne der Tat und der Welterfahrung kundtat. Licht und Bewegung glänzte aus allen Teilen dieses Angesichtes. Es war wie aus Stahl gemacht , bemerkte vier oder fünf Jahre nach der Zeit, von der ich rede, eine höchst selbständige und feine Beobachterin, die verstorbene Mrs. Carlyle. ›Was für ein Gesicht in einem Gesellschaftszimmer!‹ schrieb mir Leigh Hunt am Morgen, nachdem ich sie miteinander bekanntgemacht hatte. ›Es hat Leben und Seele für fünfzig menschliche Geschöpfe.‹ In solchen Ausdrücken erkennt man nicht allein die ruhelose und unwiderstehliche Lebhaftigkeit und Kraft, von der ich gesprochen habe, sondern auch das, was von Beständigkeit und fester Ausdauer darunterlag.« Wenn die Erfindung den wesentlichsten Bestandteil eines Dichters ausmacht, so war Dickens ein sehr großer Dichter. Er hat gleich Shakespeare gewiß reichlich hundert von Gestalten geschaffen, die von Wahrheit und Lebenskraft strotzen. Die Neigung zur Karikatur, zur »Charge« ist allerdings ein nicht zu entkräftender Vorwurf, den man gegen die Künstlerschaft dieses großen Humoristen erheben kann, aber diese Neigung ist doch mehr eine Äußerlichkeit, die der Lebenswahrheit seiner Gestalten keinen großen Abbruch tut, um so mehr sich seit den Pickwickiern bis zu seinem letzten Werke eine fortwährende Abnahme dieser Untugend feststellen läßt. Schwerlich hat die englische Literatur einen zweiten Schriftsteller aufzuweisen, der so wie er mit der Hauptstadt verwachsen und mit ihren Verhältnissen vertraut gewesen wäre, der sie gleichzeitig so fest und unlöslich mit seinen Dichtwerken verflochten hätte. Zwar verstand er vornehmlich nur das Leben der mittleren und unteren Volksschichten zu schildern – die Darstellung des Highlife war seinem Zeitgenossen Thackeray vorbehalten – aber es gab dafür auch innerhalb dieses beschränkten Gebietes keine Pforte, die sich vor ihm und seiner Kunst nicht erschlossen hätte. Unterstützt wird er hierin durch seine alles durchdringende Beobachtungsgabe und seine staunenswerte Gewandtheit und Sicherheit in der Handhabung der Sprache. Was die peinliche Treue seiner Schilderung anbetrifft, so wird Dickens nur von Defoe , was das Malerische und Anschauliche betrifft, nur von Balzac erreicht, mit dem er noch die Eigenschaft teilt, daß seine kühne und kräftiggestaltende Phantasie alle leblosen Dinge zu beseelen vermag. Bei Dickens wird ein messingener Türklopfer zu einer menschlichen Gestalt, ein alter Stuhl zu einem neuen Märchen und ein prosaischer Bettpfosten zu einer poetischen Traumerscheinung. So lebendig und kraftvoll ist die Entfaltung der Phantasie, daß alles von ihr mit fortgerissen wird. Erdichtete Gegenstände nehmen die Genauigkeit wirklicher Gegenstände an. Lebendige Gedanken werden durch leblose Dinge beeinflußt. Die Glocken trösten den armen alten Zettelausträger, das Heimchen bringt die Zweifel des rauhen Kärrners zur Ruhe, die Meereswogen besänftigen den sterbenden Knaben, Wolken, Blumen, Blätter, alle spielen ihre Rolle, kaum eine Form der Materie ist ohne eine lebendige Eigenschaft, kein schweigendes Ding ohne seine Stimme. Dazu kommt die lebensfrohe Überzeugung, daß es in der Welt nicht mit allem so schlimm bestellt sei, wie es oft den Anschein habe, und aus diesem Optimismus erwächst ihm der gesunde Humor, mit dem er in seinen Romanen die schroffsten Gegensätze wohltuend zu versöhnen weiß. Sein Humor hat nicht den bloßen spaßhaften Charakter, seine Komik ist stets drastisch, sein Spott verletzt nicht, und selbst da, wo seine Satire ätzend wirkt, fühlt man noch sicher heraus, daß der Dichter kein eifernder Sittenprediger ist, sondern ein Herz hat voll von warmer Menschenliebe. Als Anwalt der Schutzlosen und Mißhandelten, namentlich der Kinder, wandte er sich an die Herzen seiner Leser, die von solchen Existenzen zuvor kaum eine Ahnung hatten und für die sich damit in den Dickensschen Romanen eine ganz neue Welt auftat, die Welt des Alltags, der Darbenden und Hungernden. Sein Freund Forster erzählt, wie der Schöpfer des modernen Londoner Romans bei Tag und Nacht die Straßen der Metropole zu durchstreifen liebte, wie er sich in die Höhlen des Lasters und Verbrechens begab und so an der Quelle studierte. Daher die Echtheit der Schilderung, die selbst der Ausländer fühlt, z. B. in den Landschaftsbildern an den Themseufern bei Nacht, oder in den Straßen im flackernden Schimmer der Laternen, die der braune Nebel mit seinen flutenden Bändern umflort. Freilich geht ihm eine Gabe bis zum gewissen Grade ab: das ist die konsequente Charakterzeichnung. Ein feiner Kenner der Dickensschen Romane hat gesagt, sie gleichen fast ohne Ausnahme Märchen, die glaubhaft gemacht seien durch den meisterhaften Realismus, mit dem der Dichter die ganze Umgebung, das äußere Beiwerk zu schildern weiß. Und Johann Proescholdt bestätigt es, wenn er sagt: Jeder aufmerksame Leser wird bemerken, daß sich in den einzelnen Dickensschen Romanen eine Reihe von Charaktertypen wiederholt, die sich weniger durch immanente Eigenschaften, als vielmehr durch zufällige Äußerlichkeiten, sei es durch sprachliche Eigentümlichkeiten, sei es durch seltsame Gewohnheiten, voneinander abheben. – Gerade hierauf sei noch einmal als auf eine Eigenschaft hingewiesen, durch die sich Dickens wesentlich von seinem Rivalen Thackeray unterscheidet: Thackeray ergreift nur die inneren Vorgänge und läßt das äußere Akzidens lediglich aus sich selbst heraus erwachsen, Dickens legt das Hauptgewicht auf die Schilderung der umgebenden Außenwelt, und geht von dieser aus erst in zweiter Linie auf das Seelische ein. Diese Eigenheit ist zur Achillesferse der Dickensschen Muse geworden; denn als sich der Dichter in der Beobachtung und Schilderung der realen Welt erschöpft hatte (und selbst eine Dickenssche Beobachtung mußte sich endlich einmal erschöpfen), da war er gezwungen, seine Zuflucht zu Phantasiegebilden zu nehmen, die in seinen späteren Werken um so weniger lebenswahr oder auch nur lebensfähig ausfielen, jemehr sich seine ungezügelte Phantasie der Kontrolle der Verstandestätigkeit zu entziehen wußte. Das in vorstehendem kurz Dargelegte zeigt sich in allen Schöpfungen von Dickens, der schon 1837 das Fundament zu seinem Ruhme mit den Pickwickiern legte, die er im Verein mit dem Illustrator Hablot Browne herausgab und die in kürzester Zeit in 30 000 Exemplaren verkauft wurden und wodurch der Autor »the rage« wurde. Man könnte glauben, daß diese Geschichten aus fertigen Illustrationen hervorgegangen wären, doch ist dem nicht so; die Zeichnungen sind erst nach Angabe des Dichters entworfen. Obwohl ich den in den meisten dieser satirischen Zeichnungen obwaltenden glücklichen Humor durchaus nicht verkenne, muß ich die Bilder im Ganzen doch roh in der Erfindung und plump in der Ausführung nennen. Und ich muß mich, so oft ich sie betrachte, immer wieder wundern, daß Dickens mit all seinen verschiedenen Zeichnern im Wesentlichen stets zufrieden gewesen ist. Die Illustrationen müssen doch daher eine gewisse Ähnlichkeit mit den Personen gehabt haben, wie sich der Autor von ihnen in seiner Seele eine Vorstellung gemacht hatte: also charakteristisch, aber einseitig und etwas fratzenhaft. Der tollausgelassene Humor der Pickwickier kann auf allzu hohen künstlerischen Wert keinen Anspruch machen, weit mehr aber sein nächster Roman Nikolas Nickleby , während im Oliver Twist die geschilderten Vorgänge teilweis etwas an den Kolportage-Roman erinnern. Doch gerade in diesem letzten Roman hat Dickens im Sinne des praktischen Christentums gewirkt wie kein zweiter Romanschriftsteller. Schon früh öffnete ihm sein Ruf die beste Gesellschaft, und er wurde allgemach mit den berühmtesten Schriftstellern bekannt und befreundet. Vornan stand Carlyle , den er bei allen späteren Entwürfen und Arbeiten zu Rate zog, und namentlich Harte Zeiten und die Geschichte zweier Städte sind ganz unter dem Einflüsse der Gespräche und der Lektüre der Carlyle schen Werke geschrieben worden. Dann kamen Wilkin Collins , Bulwer , der sich immer sehr freundlich und anerkennend gegen ihn benahm, Ainsworth , Yates , Thackeray und zuletzt George Eliot , »Dies ist ein Umstand,« sagt Julian Schmidt, »um die wir die Engländer sehr zu beneiden haben; ihre hervorragenden Talente halten eng zusammen und zeigen in ihrem Verkehr nicht nur gegenseitige Achtung, sondern wirkliche Teilnahme.« Freilich haben wir noch einen anderen Grund des Neides: für den ersten Abdruck des »Barnaby Rudge« (1840) erhielt Dickens 60 000 Mark. Aber auch damit war der erfolgreiche Novellist nicht zufrieden, sondern suchte immer nach neuen Mitteln, einen höheren Ertrag zu erzielen. So schrieb er im Oktober 1840: »Es erfüllt mich mit Zorn, daß meine Bücher jedermann bereichern, nur nicht mich, daß sie dem Verleger ein ungeheures Vermögen, mir selbst aber nur eine klägliche, dürftige Summe eingebracht haben.« Man vergleiche dazu sein Testament, in dem er fast 2 Mllionen Mark nach unserem Gelde hinterließ und das doch nur aus Honoraren bestand. Die politische Gesinnung von Dickens war von jeher eine radikale gewesen, d. h. was die Engländer darunter verstehen: er suchte eine Partei, die sich gleich unabhängig von den Tories wie von den Whigs, hauptsächlich mit den Interessen der notleidenden Klassen beschäftigte. Sein Haß gegen das Manchestertum stammt von Carlyle her. Aber über das, was geschehen sollte, war er sich ebensowenig klar wie sein Vorbild; er suchte nur zu zeigen, daß die Lösung in keiner Weise befriedigen könne, die man bisher gefunden zu haben glaubte. Wenn er von politischen Grundsätzen im allgemeinen spricht, ist er ziemlich unbedeutend in dem, was er heranzubringen weiß. Dagegen hat er, wie ich schon oben bemerkte, auf bestimmte Schäden der Londoner Gesellschaft sehr nachdrücklich hingewiesen und zu ihrer Abhilfe in vielen Punkten beigetragen; ja es ließe sich wohl im einzelnen leicht nachweisen, welche bestimmten Reformen aus den oder jenen seiner Romane zurückzuführen sind. Man erinnere sich der Schuldgefängnisse in den Pickwickiern , in Copperfield und in Klein-Dorrit , man denke an die Satire auf die Kirchspielsverwaltung in Oliver Twist , man vergegenwärtige sich wieder das Verfahren des Kanzleigerichtshofes in Bleak House . Was hier auch in künstlerischer Hinsicht getadelt werden muß, z. B. die Einseitigkeit und Übertreibung, sowie das Abstrakte in der Zeichnung der tadelnswerten Charaktere, das wird reichlich wettgemacht durch die praktische Wirkung seiner Schriften, die sich noch im heutigen England bemerkbar macht, nämlich das rühmenswerte Bestreben, das Los der Armen und Enterbten nach besten Kräften zu erleichtern. Nicht frei von den soeben erwähnten Mängeln ist auch Humphrys Clock , ein 1842 veröffentlichter Roman, der überhaupt an Längen und Unklarheiten leidet, aber als Ersatz einige der ergreifendsten Szenen bietet, die dem liebenswürdigen Novellisten jemals glückten. Vor allem müssen wir hier der berühmten Figur der Kleinen Nell gedenken, die schon damals zahllose Leser in Tränen auflöste und sogar den greisen Kritiker Lord Jeffrey zu dem Ausruf hinriß, daß seit Cordelia keine so rührende Gestalt gezeichnet worden sei! So war denn auch der pekuniäre Erfolg gerade dieses Romans ein ganz beispielloser; außerdem wurde der junge Verfasser von der schottischen Nation als Ehrengast eingeladen und in Edinburg auf einem öffentlichen Festmahl gefeiert, so daß er mit einem Schlage eine europäische Berühmtheit wurde. Natürlich wollte, wie schon damals und noch heute, Amerika nicht zurückbleiben und lud den Dichter gleichfalls ein, was Dickens, wie er nachher erfahren mußte, zu seinem Leidwesen annahm, da eine gegenseitige Entfremdung die Folge war. Im Januar 1842 tritt er seine Reise nach Nordamerika an. Der Entschluß kam wie alle seine Entschlüsse plötzlich, ohne alle Vorbereitung, und er befand sich in dem gewöhnlichen Fieber, bis die der Ausführung entgegenstehenden Schwierigkeiten beseitigt waren. Die Frau begleitete ihn, die Kinder blieben bei einer befreundeten Familie zurück. Was er in Amerika erlebte und erfuhr, hat er in den American Note's und im Martin Chuzzlewit so vollständig beschrieben, daß den Briefen nur eine dürftige Nachlese übrigblieb, die sich in der Hauptsache auf die Aufzählung der festlichen Gastmähler beschränkt. Aber wir erfahren etwas gründlicher, was ihn damals verstimmte: wenn man ihn in der Gesellschaft seinem eigenen Urteile nach so glänzend empfing wie vorher nur Lafayette , so wurde er dagegen im Privatverkehre »unerhört begaunert«. Ferner mußte er auf Schritt und Tritt Rede stehen, was er über die Sklaverei denke, und da konnte er natürlich mit seinem gerechten Zorn nicht zurückhalten, sondern machte seiner Entrüstung darüber ungescheut Luft. Endlich hatte er gehofft, es durch seinen persönlichen Einfluß dahin zu bringen, daß ein Gesetz gegen den unberechtigten Nachdruck englischer Bücher erlassen würde, und damit fand er nirgend auch nicht den geringsten Anklang. Seine gründliche Verachtung gegen dies amerikanische Piratentum und gegen fast alle Einrichtungen des großen Staatswesens, sowie seinen Widerwillen gegen die Amerikaner an sich, gegen ihr Menschentum, ihren Snobismus, ihren teils recht verlogenen Lebenswandel und ihren ekelhaften Geschäftsgeist legte er in den erwähnten Noten zur allgemeinen Zirkulierung (1842) und in Martin Chuzzlewit (1843) nieder. Letzterer Roman enthält die wütendsten Ergüsse seiner ausfallenden Satire und die bissigsten Übertreibungen in der Karikierung seiner Personen, z. B. des Architekten Pecksniff und der Hebeamme Mrs. Gamp mit ihrem Idol Mrs. Harris. Es ist wohl das bitterste, was überhaupt gegen das Erblaster des heuchlerischen Cant geschrieben worden ist, und Mr. Pecksniff kann sich sehr gut neben Molières Tartuffe behaupten. Allerdings sah er bei seinem scharfen Auge und seiner blühenden Phantasie alles greller, als es in Wirklichkeit war, und vergebens widerrieten ihm gute Freunde den allzu lebhaften Ausdruck seines Widerwillens. In solchen Dingen war ihm aber schwer beizukommen. Das einzige, was sie erreichten, war die Unterdrückung des geplanten Mottos zu den Noten : »Auf eine Frage des Richters bemerkte der Bank-Advokat, diese Sorten Noten zirkulierten am allgemeinsten in den Ländern, wo sie gestohlen und gefälscht seien. Gerichtsverhandlungen in Old Bailey .« Jedenfalls muß man seine obenerwähnte Verstimmung in Anschlag bringen, um die übrigens glänzend hingemalten Bilder von den amerikanischen Zuständen richtig zu würdigen. Nach der Rückkehr aus Nordamerika ließ sich Dickens auf zwei Dinge ein, die für sein späteres Leben nicht ohne Folgen blieben: er gründete eine Zeitung, zu deren Leitung er doch nicht der berufene Mann war, und er nahm seine jüngere Schwägerin Georgine zu sich, die ihm, ebenso wie vorher Mary, in geistiger Beziehung bald bedeutend näher trat als seine Frau. In das Jahr 1844 fällt ein längerer Aufenthalt in Italien, Ende Juni 1845 landete er wieder in England, um schon ein Jahr darauf, am 30. Mai 1846, abermals England zu verlassen. Er reiste über Ostende, Verviers, Coblenz, Mannheim, Straßburg und Basel in die Schweiz, wo er einige Zeit in Lausanne verblieb, dann in Genf der Revolution (Aufstand gegen die Jesuiten) beiwohnte und dort am 9. November seinen Dombey abschloß. Hierauf fuhr er in fünf Tagen mit drei Wagen (einer für die Kinder, einer für das Gepäck und der dritte für ihn und seine Frau) nach Paris, wo er zu dreimonatigem Aufenthalte am 20. November eintraf. Es ist bemerkenswert, wie in Beziehung auf diese verschiedenen Reisen die Stimmung bei ihm wechselt. Ihm liegt daran, seiner selbst und seiner Arbeit wegen, einen ruhigen, abgelegenen Aufenthaltsort zu finden, wie in Lausanne, aber dann ergreift ihn plötzlich wieder die alte Unrast: es fehlt ihm der Londoner Straßenlärm, und ohne diesen Faktor fühlt sich die Schwinge seiner Phantasie gelähmt. »Meine Figuren«, sagt er einmal von sich selber, »kommen ins Schwanken, sobald sie nicht eine Masse Volks um sich haben.« Man sieht, der gewiegte Menschenschilderer versteht auch sich selbst zu beobachten; denn da ihm für eine ruhige einfache Erzählung in der Tat die nötige Stimmung fehlt, so muß man diese Bemerkung über seine Schaffensart als durchaus treffend bezeichnen. Und an einer anderen Stelle berichtet er, wie ihn selbst nachts der Gedanke beunruhigt, daß er nicht in einer Londoner Straße herumlaufen könne, wenn ihn gerade die Lust dazu anwandle. »Ich werde meine Gespenster nicht los, wenn ich mich nicht in einem Volksgedränge bewegen kann.« Hierbei ist hauptsächlich in Betracht zu ziehen, daß er seiner Phantasie, obgleich sie vieles vertrug, allzu Starkes zumutete, indem er gleichzeitig verschiedene Romane anfing, und er sich infolgedessen fortwährend aus dem einen Milieu ins andere hineinleben und umstimmen mußte. Und das erträgt auf die Dauer kaum die willigste und ergiebigste Einbildungskraft. Bei seinem bereits erwähnten längeren Aufenthalte in Paris lernte er alle dortigen Größen und Berühmtheiten kennen und wurde mit weit mehr als der gewöhnlichen Pariser Höflichkeit aufgenommen, ja geradezu angeschwärmt . Diese Anerkennung tat ihm umso wohler, als sie sich in viel gebildeteren Formen kundtat als beispielsweise bei den Amerikanern. In Deutschland hielt er sich nicht lange auf und mochte es wohl auch darum nicht, weil ihm die Sprache zeitlebens fremd geblieben war. Infolgedessen nahm er auch von der deutschen Literatur wenig Notiz, und das wenige rührte nur aus Übersetzungen her. Zu allen seinen zahlreichen sonstigen Arbeiten übernahm er nun noch die Herausgabe der »Household-Words« (Hausworte) und damit journalistische Verpflichtungen gegen das Publikum, wahrend er gleichzeitig seinen »Copperfield« in Monatsheften erscheinen ließ. Vor dem Beginne dieses Romanes besuchte er zum ersten Male Yarmouth, seinen Geburtsort, aus dem er aber schon seit seinem zweiten Jahre entfernt gewesen war; die prächtigen Seebilder im Copperfield sind also aus der unmittelbarsten Anschauung geschöpft. Daß auch die Charaktere in diesem wie in fast allen anderen Romanen auf Porträts beruhen, ist leicht herauszukennen, wenn man dichterisches Schaffen einigermaßen versteht. Forster zählte alle seine Bekannten auf, die ihm Modell gesessen haben. Oft hat dies zu Unzuträglichkeiten Anlaß gegeben: das Modell zu Harald Skimpoln war z. B. sein Freund und Kollege, der bekannte Schriftsteller und Byronbiograph Leigh Hunt. Daß dieser nun mit völliger Anschaulichkeit porträtiert wurde, aber in einem Charakter, der schließlich auf einen vollkommenen Lumpen hinauslief, mußte die Freunde doch verletzen. Dickens beruhigte sie damit, daß er seinen eigenen Vater ja in ähnlicher Weise nach dem Leben abgezeichnet habe. Jedenfalls war dieser Zug für die Dickenssche Art zu sehen charakteristisch, ob es auch als kein Milderungsgrund für dies Freundschaftsstück anzusehen war, daß eine Natur wie die Skimpoles eben als Lump endigen mußte. Erfreulich war es da immer für mich, zu sehen, daß Dickens in Dora nicht seine Frau Käthe, sondern eine frühere Jugendliebe geschildert hat: aber Jip, der Mops, und Grip, der Rabe, haben wirklich existiert. Aus der Virtuosität in der Schilderung dieser Haustiere kann man jedenfalls noch mehr als aus seinen menschlichen Porträts die sympathische Beobachtung alles wirklichen Lebens erkennen, die nicht auf bloßem Verständnis, sondern auf einem völligen Mitleben und Mitfühlen beruhte. Dickens hatte sich aber in dieser Zeit mit der Übernahme so vieler Arbeiten, der Herausgabe von Wochenschriften und Zeitungen neben der gleichzeitigen Abfassung verschiedener Romane entschieden zuviel zugemutet. Aber der Wechsel in seinem Schicksal vom armen Jungen zum reichen Manne war zu schnell gekommen, und er lebte nun in einer Art von ungezähmtem Drange zum Erwerb, er häufte seine Arbeiten auf unnatürliche Weise und sann unaufhörlich auf Mittel, sein Vermögen zu vergrößern. Schon im dreiundzwanzigsten Jahre hatte er durch seine Skizzen allein eine feste Einnahme von ungefähr 8000 Mark gehabt, ein Jahr darauf, nachdem die ersten Pickwickhefte in 400 Exemplaren gedruckt waren, stieg mit dem vierten Hefte die Zahl der Abonnenten auf 40 000, und so ging es immer weiter und weiter. Julian Schmidt , der ein prächtiges Porträt von Dickens entworfen hat, zieht hier einen sehr anschaulichen Vergleich zwischen ihm und Walter Scott. Er sagt: Dieser sonst durch und durch geistig wie körperlich gesunde Mensch hatte die Marotte, ein gotisches Schloß mit Park besitzen zu wollen; zu diesem Zweck spannte er seine ohnehin riesige Arbeitskraft über die Maßen an und gab sich zu einer Spekulation her, die schließlich seinen Ruin nach sich zog. Aber es ist in beider Verhalten ein großer Unterschied. W. Scott betrieb die Spekulation als etwas, das zu seinem eigentlichen Leben gar nicht gehörte, und er schloß seinen Vertrag mit dem Buchhändler und ließ diesen dann gewähren. In seinem eigentlichen Leben war weder von seinen Romanen noch von seinen Spekulationen die Rede: er war der immer lustige Gentleman, der seine Bäume pflanzte, Antiquitäten aufkaufte und jedes gesellige Vergnügen unbefangen mitmachte. Seine Spekulation war aller Welt ein Geheimnis. Daraus ergab sich freilich, daß er selber nicht wußte, wie es um ihn stand, daß ihn der tödliche Schlag völlig unvorbereitet traf. Dickens dagegen nahm die Spekulation ganz ernsthaft in sein eigentliches Leben auf; er grübelte und verhandelte darüber gerade so ausführlich wie über die Konzeption seiner Romane. Es war nicht allein die Gewinnsucht, die ihn bestimmte; es kam etwas anderes ins Spiel. Dickens hatte von der Natur einen großen Überschuß an Kräften erhalten, er hatte Nerven von Stahl. Unablässige Anstrengung war ihm Bedürfnis: als Fußgänger und Reiter machte er alle seine Freunde zu schanden; so kolossal sein poetisches Schaffen war, es genügte ihm nicht, er bedurfte Anstrengungen anderer Art! Ein weiterer Unterschied: Scott fehlte das, was man bei Dichtern Eitelkeit zu nennen pflegt, in einem Maß, wie es in der Weltgeschichte noch nicht vorgekommen ist. Er war seinerzeit ohne Zweifel der gefeiertste Autor in Europa, aber keiner durfte ihm davon reden. Es hatte ihm Vergnügen gemacht, seine Romane zu schreiben, und er gewann durch sie ein großes Vermögen; weiter wollte er nichts davon wissen. Dickens dagegen bedurfte einer starken Resonanz: der Jubel, der ihm von allen Seiten entgegenscholl, die Festreden, mit denen man ihn in einer Weise überschüttete wie keinen anderen Sterblichen, reichten ihm nicht aus; er hatte das Bedürfnis, die Wirkung seines Schaffens unmittelbar vor Augen zu sehen. Er las seine Werke gern vor, er unternahm große theatralische Aufführungen, in denen er eigentlich alles war, Held, Direktor, Regisseur, Maschinist usw. Das war alles zunächst reiner Tätigkeitsdrang und Bedürfnis auch unmittelbar sinnlicher Anerkennung: erst allmählich kam er dahinter, daß es auch eine wichtige Erwerbsquelle werden könne, und nun verfolgte, er es mit fieberhafter Hast. Es wäre (besonders in seinen späteren Lebensjahren) besser für ihn gewesen, wenn er wie Hume gesagt hatte: Ich bin reich, fett, faul; daher mag ich nicht mehr schreiben! In den letzten Jahren seines Lebens unternahm er die zweite Reise nach Amerika (1867-68) gegen den Rat aller seiner Freunde. Forster spricht sich mißbilligend darüber aus, weil er seinen Kräften zuviel zumutete und dadurch sein Ende beschleunigte. Mir ist ein anderer Grund, den Forster nur leise andeutet, wichtiger. Bei solchen mit Hetzjagd betriebenen Vorlesungen gibt man doch eigentlich dem Publikum eine Schaustellung seiner Person; diese wird bezahlt, nicht der Vortrag selbst, den man ja zu Hause bequemer haben kann: man will den berühmten Mann sehen und hören und zahlt dafür ein Honorar. Es ist eine Unterschiebung niedrigerer für höhere Ziele, ein Hinabsteigen von einem edleren Beruf zum gewöhnlichen, und es trägt so sehr den Charakter einer öffentlichen Bloßstellung für Geld, um mit der Frage der Achtung vor seinem Beruf als Schriftsteller auch die Frage der Achtung vor sich als Gentleman in Anregung zu bringen. Meinem Gefühl widerstrebt diese Schaustellung durchaus, aber doppelt in diesem Fall, da Dickens vorher den Amerikanern die blutigsten Insulten ins Gesicht geschleudert hatte. Auch hier war das Bedürfnis der Aufregung wieder ein ebenso starkes Motiv als die Absicht des Gewinnes. In dieser Beziehung liegt im Leben von Dickens etwas Ungestümes, Hastiges, Friedloses, was den Idealen seiner Dichtung widerspricht: denn hier scheint eine ruhige, behagliche, durch keine Stürme angefochtene Existenz das höchste Ziel der Wünsche. Die Ideale des Dichters und des Menschen deckten sich nicht. Vielleicht war er sich selbst nicht im vollen Maße bewußt, wie sehr sein Verlangen, ein öffentlicher Vorleser zu werden, nur das Resultat der ruhelosen häuslichen Unzufriedenheit der letzten vier Jahre war, von denen weiter unten des Näheren die Rede sein wird, und daß er, indem er diesem Verlangen und den davon unzertrennlichen wandernden Gewohnheiten nachgab, jeder Hoffnung entsagte, sein gestörtes häusliches Glück wiederherzustellen. – Dies behaupten auch Schmidt und Forster . Im Copperfield , um nun wieder auf diesen Roman zu sprechen zu kommen, hat Dickens die Natur seines Talentes dargelegt. Schon als Kind ein scharfer Beobachter, bewahrte sein Gedächtnis alle empfangenen Bilder treu und unverwischbar. Da er an den Spielen seiner Kameraden nicht teilnehmen konnte, sah er ihnen aufmerksam zu und prägte sich jeden Zug ihrer Gesichter ein. Im Schuldgefängnis seines Vaters beobachtete er jeden Gefangenen, fragte nach seiner Geschichte und ergänzte sie aus eigenen Mitteln. Dann las er eifrig, las immer und immer wieder, und sah so die Welt nicht nur mit seinen eigenen hellen Augen an, sondern auch mit den Augen seiner Romanverfasser, deren Figuren ihn veranlassen, ähnliche Erscheinungen zu suchen und zu finden. Von gleicher Wichtigkeit waren die Werke Hogarths für ihn, dessen Bilder noch bis in die letzte Zeit hinein stets aufgeschlagen auf seinem Tische lagen: diesem großen Zeichner hat er die Effekte abgelernt, Tugenden zu empfehlen und Laster zu geißeln. Wenn er aber dieselben Wirkungen, die Hogarth durch seine Stiche erreichte, durch Worte erzielte, so beweist dies eine königliche Gewalt über die Sprache, die nicht durch Erziehung zu erlangen ist, sondern angeboren sein muß. Der unermeßliche Wortschatz des Englischen war ihm bis auf die kleinste Münze tributpflichtig; für jeden Begriff, jede Stimmung hatte er den bezeichnendsten Ausdruck in der passendsten Nüance zur Hand. Darin kann er nicht genug bewundert werden, denn jede Skizze, jeder Roman zeigt seine Meisterschaft, in Worten zu malen. Mit Copperfield erreichte er die Höhe seines Ruhmes und er hat diesen Roman nie wieder überboten. Die Popularität, die dieses Werk von Anfang an errang, wuchs in einem Maße, wie bei keinem vorhergehenden Buche, mit Ausnahme Pickwicks . »Sie erfreuen mich mehr, als ich sagen kann«, schrieb er im Juli 1850 an Bulwer Lytton, »durch das, was Sie über Copperfield sagen, weil ich selbst hoffe, daß einige bisher fehlende Eigenschaften darin zum Vorschein gekommen sind.« Zwar kann Bleak House , was die Kunst und Kraft der Darstellung betrifft, mit Copperfield wetteifern, aber es liegt eine gewisse Mißstimmung darüber, die nicht allein vom Gegenstande ausgeht, und ihren Schatten auch auf die Seele des Dichters wirft. Besonders deutlich wird dies an jener Stelle, die wie ein Blitzlicht einen Vorgang erleuchtet, ich meine die Stelle, wo die kleine Miß Flite, die als eines der Opfer in dem großen Prozeß »Jarndyce und Jarndyee« halb blödsinnig geworden ist, in einem Gespräche gelegentlich die Frage tut: Ich denke, in England nehmen ausgezeichnete und verdiente Leute eine angesehene Stellung ein? – und Dickens hinzusetzt: »Bisweilen war die gute Dame wirklich völlig verrückt.« Was muß da nicht alles in einer Seele vorgegangen sein, die solcher Empfindung fähig sein konnte! Was berechtigte den Dichter zu einem solchen Ausruf, ihn, der so unerhört glänzende Erfolge zu verzeichnen gehabt hat, wie kaum jemals ein Dichter? Seine Lebensgeschichte gibt auch hierüber wieder einige Winke. Forster macht auf die bekannte Stelle im Copperfield aufmerksam, wo Dickens schreibt, daß bei aller wirklichen Liebe zu Dora doch auf Copperfields Seele das unbestimmte Gefühl eines unglücklichen Verlustes gelastet habe oder von irgend etwas anderem, das ihm fehle. Dora ist, wie gesagt, nicht das Porträt von der Gattin des Dichters, aber die hier geschilderte Empfindung ist eine Dickenssche Empfindung. Aber dies allein mag es nicht gewesen sein. »Denken Sie einmal an das«, schreibt er noch im Jahre 1862 an seinen Freund, »was ich Ihnen von meiner Kindheit erzählt hatte, und fragen Sie sich selbst, ob es nicht natürlich ist, daß etwas an dem Charakter, der sich damals bildete und in glücklicheren Tagen zu verschwinden schien, in den letzten fünf Jahren wieder auftauchte. Das nimmer zu vergessende Elend jener früheren Tage rief, verknüpft mit dem Bilde eines schlecht gekleideten und schlecht genährten Kindes, eine ängstliche Empfindung hervor, die in dem nimmer zu vergessenden Elend dieser letzten Tage wiederkehrt.« Vier Jahre vor diesem Briefe (1858) hatte sich Dickens von seiner Frau getrennt. Forster macht über diese Erklärung einige sehr eingehende Bemerkungen. Von den Eindrücken, die in ihm die Demütigung seiner Kindheit zurückließ, war am stärksten die Furcht vor einem möglichen neuen Elend, das ihm aufgespart sein könnte, verbunden mit dem leidenschaftlichen Entschluß, mit den Umständen und Zufällen des Lebens einen Krieg bis aufs Messer zu führen. Dieser Entschluß hatte ihn stark gemacht, aber die beständige Anspannung all seiner Kräfte, diese ruhelose Energie, die keinen Widerstand litt, hatte auch manchen Übelstand im Gefolge. Oft war er in Gesellschaft unbehaglich, scheu, von übertriebener Empfindlichkeit, und dann hatte er das wieder zu bekämpfen. Ein zu hochgesteigertes Selbstgefühl, der Glaube an eine Kraft in ihm, der alles möglich sei, reizte ihn, sich Lasten aufzubürden, denen auf die Dauer auch die stärksten Schultern nicht gewachsen waren. In solchen Entschlüssen konnte er zuweilen hart, strenge und heftig sein; solche Augenblicke waren nicht häufig, aber sie kehrten doch von Zeit zu Zeit immer wieder. Eine finstere und kalte Isolierung, die nur auf sich selbst vertraute, seltsam verbunden mit einer fast weiblichen Empfänglichkeit und einem leidenschaftsvollen Bedürfnis nach Sympathie. In solchen Momenten schien es, als seien seine angeborenen Impulse für alles Edle und Freundliche vorübergehend unterdrückt durch den harten und unerbittlichen Nachklang seines Jugendschicksals. Für diese gemischten Empfindungen fand der Dichter eben in seinem Hause nicht die ersehnte Befriedigung, und von Jahr zu Jahr wurde ihm solch Mangel fühlbarer, zumal es ihm nicht gelang, in dem Ersatz zu finden, was man Gesellschaft nennt. Niemand war geeigneter als er, jedem Zirkel Ehre zu machen, in den er hätte eintreten wollen, aber er vermied es vielmehr, er gab sich fast ebensoviel Mühe, den Häusern der Großen fernzubleiben, als sich andere bemühten, dort Zugang zu finden. »Zum Teil bestimmte ihn dazu die Verachtung gegen das in England so häufige Laster der Kriecherei gegen Vornehme. Aber außer diesem Motiv spielte noch ein anderes mit, das er sich nicht so vollständig eingestand: er war sehr empfindlich gegen die sozialen Ungleichheiten, aus denen jenes Laster hervorgegangen ist. Immer stand das Gespenst seiner Kindheit hinter ihm. Er war von einer starken Empfindlichkeit für Lob und Tadel, aber es war sein Stolz, diese Empfindung zu verhehlen und gleichgültig zu scheinen; er hatte eine ungeheure Höhe erstiegen, aber diese Erinnerung war ihm eher bitter als süß, denn vor ihm stand eine Schranke, hinter der ihm die vornehme Welt zwar Beifall rief, aber doch von oben herunter: er verachtete die Schranke und wußte doch, daß er sie nicht übersteigen konnte. In Augenblicken, wo dies Gefühl mächtig über ihn wurde, konnte er im Ausdruck hart und intolerant erscheinen. Seine schlimme Kindheit hatte ihm den unermeßlichen Wert eines eisernen Kampfes gegen Schwierigkeiten gelehrt, aber die Fähigkeit, der Entsagung und des Opfers hatte sie ihm nicht gegeben. In dem Sprung aus einer dunkeln Existenz in eine weltberühmte war er Meister von allen Gaben, durch die man etwas erreicht, aber nicht Meister über sich selbst. Trotz der Ordnung und Regelmäßigkeit in seinem Tun, trotz seinem Sinn für Häuslichkeit, hatte er etwas von dem Ungestüm überkräftiger Naturen, die nach aller Existenz greifen, ohne die Kosten zu erwägen, und denen es ebenso unmöglich ist, sich in das einmal Fertige, zu finden, als einer Schwierigkeit zu weichen.« Hatte sich früher, etwa bis zur Beendigung des Copperfield, seine innere Unruhe mehr darin gezeigt, daß er mit Vorliebe seinen Aufenthaltsort wechselte, so trat jetzt auch darin eine Veränderung ein. Die Erfindung sprudelte nicht mehr so leicht als früher hervor, was er schon bei der Beendigung von Bleak House gemerkt hatte, wo er diesem Mangel durch allerhand bis dahin verschmähte Mittel, wie Notizen und ähnliches, abzuhelfen suchte. Oft hatte er das beängstigende Gefühl, daß es ihm nicht gelingen werde, den weitausgespannten Rahmen seiner neuen Entwürfe genügend mit lebendigen Gestalten auszufüllen; dann wurde er ungeduldig, warf seine Arbeiten beiseite und stürzte sich mit Gier in Beschäftigungen, die außerhalb seines Talentes lagen, in Journalistik oder politische Agitationen. In dieser Stimmung wurde es ihm immer schwerer, zu entbehren; er sprach in Andeutungen von einer »so glücklichen und doch so unglücklichen Existenz«, und brach in die herzbewegliche Klage aus: »Wie seltsam es auch sein mag, niemals Ruhe, niemals Befriedigung zu finden, immer nach etwas zu suchen, was nie erreicht wird, sich immer mit Plänen, Entwürfen und Sorgen zu beladen, so ist es mir doch klar, daß es so sein muß, daß ich von einer unwiderstehlichen Macht getrieben werde, bis mein Tagewerk zu Ende ist. Für manche Menschen gibt es keine Ruhe.« Später, im Frühherbst 1857, erwiderte er auf ernste Hinwendungen seines Freundes Forster folgendes: »Es ist zu spät zu sagen: Lege den Zaum an und stürme nicht die Berge hinauf! Du sagst es dem unrechten Manne. Meine einzige Befreiung liegt jetzt im Handeln. Ruhe ist mir unmöglich geworden. Ich bin vollkommen überzeugt, daß ich rosten, brechen und sterben würde, wenn ich mich schonte. Viel besser, tätig zu sterben. Zu dem, was ich auf diese Weise bin, schuf mich erst die Natur, und meine jüngste Lebensweise hat es leider bekräftigt. Ich muß den Nachteil – da es doch einmal einer ist – mit den Talenten, die ich habe, hinnehmen, und ich muß leben nach den mir vorgeschriebenen Bedingungen.« Hierbei ist zu bemerken, sagt Forster, daß etwas von demselben traurigen Gefühl, auch im Zusammenhange mit dem Mangel an häuslicher Befriedigung und mit der Besorgnis, von Zeit zu Zeit während der vorhergegangenen drei Jahre (1853–56) Ausdruck gefunden hatte; aber ich schrieb dies anderen Ursachen zu und beachtete es wenig. Während seiner Abwesenheit auf dem Festlande in den Jahren 1854, 1855 und 1856, als seine älteren Kinder aus der Kindheit heranwuchsen und seine Bücher ihm weniger leicht wurden als im früheren Mannesalter, kamen in seinen Briefen schon Spuren jenes »unglücklichen Verlustes und Entbehrens eines gewissen Etwas« zum Vorschein, dem er im Copperfield eine durchdringende Bedeutung gegeben hatte. In dem ersten jener Jahre machte er eine ausdrückliche Anspielung auf diese Art von Erfahrung, die er in jenem Lebenswerke beschrieben hatte, und identifizierte sie, im Hinweis auf die Nachteile seines eigenen Lebens, zum erstenmal mit seiner eigenen: »Nie so glückliche und doch so unglückliche Existenz, die ihre Wirklichkeiten in Unwirklichkeiten sucht und ihren gefährlichen Trost findet in einem beständigen Entrinnen aus den sie umgebenden Täuschungen des Herzens.« Und später schrieb er aus Boulogne: »Ich habe schreckliche Gedanken, ganz allein für mich irgend wohin fortzugehen – auf sechs Monate. Rastlosigkeit , wirst Du sagen! Was es auch sein mag, es treibt mich unaufhörlich und ich kann nichts dagegen tun ... Ich befinde mich in einem aufgelösten Zustande!... Wie kommt es, daß, wenn ich jetzt in trübe Stimmung verfalle, immer ein Gefühl über mich kommt wie bei dem armen David Copperfield, von einem Glück, das ich im Leben verfehlt, und von einem Freunde und Genossen, den ich nie gefunden habe?« Immer wieder ist er bemüht, in einem bestimmten Verhältnis den Grund für seine Unbehaglichkeit zu suchen, bis er endlich gegen Forster mit der Sprache herausrückt: »Die arme Käthe und ich, wir sind nicht füreinander gemacht. Dem läßt sich nicht abhelfen. Es ist nicht nur, daß sie mich unbehaglich und unglücklich macht, ich mache sie ebenso und noch weit mehr. Was Freundlichkeit und Gefälligkeit betrifft, so ist sie noch ganz die alte, aber wir stimmen einmal nicht zusammen; Gott weiß, sie würde tausendmal glücklicher geworden sein, wenn sie einen anderen Mann geheiratet hätte. Es schneidet mir oft ins Herz, wenn ich daran denke, wie traurig es ist um ihrer selbst willen, daß ich ihr in den Weg kam. Würde ich heute krank, sie würde das größte Mitgefühl mit mir haben, aber der Augenblick, daß ich gesund wäre, würde das alte Elend wieder hervorrufen. Nichts in der Welt kann sie dahinbringen, mich wirklich zu verstehen. Auch ihr Temperament stimmt nicht zu dem meinigen. Ich habe es lange kommen sehen, niemand kann mir helfen. Warum ich das schreibe, weiß ich kaum, aber es ist immer eine Art erbärmlicher Trost, mich einmal aussprechen zu können.« Darauf hat ihm Forster anscheinend ernstliche Vorstellungen gemacht, denn Dickens antwortet ihm: »Ich weiß sehr gut, daß ein großer Teil meiner Rastlosigkeit mit dem imaginativen Leben zusammenhängt, das ich führe. Für die Freuden dieses Lebens, das mich mit den höchsten Empfindungen beglückt, bin ich nicht undankbar; ich habe mir wiederholt gesagt, man müsse davon auch die Schattenseite hinnehmen. Ich will in keiner Weise behaupten, daß ich keinen Tadel verdiene. Ich kenne meine tausend Ungewißheiten, Launen und Gemütsschwierigkeiten. Aber damit wird die Sache nicht besser. Für uns beide wird mit den Jahren das Mißverständnis immer schwieriger zu ertragen, und ich sehe kein Ende ab. Aber nur eines wird all dies ändern und das ist das Ende , das alles ändert.« Es wird den meisten nicht scheinen, daß hier etwas vorlag, was nicht unter glücklicheren Umständen einer umsichtigen Erledigung fähig gewesen wäre. Aber alle Umstände waren ungünstig, und der mäßige Mittelweg, auf den die Eingeständnisse in jenem Briefe hinwiesen und den sie vollständig gerechtfertigt haben würden, wurde unglücklicherweise nicht eingeschlagen. Alle Einflüsse, die dem einen Gedanken, der ihn jetzt beherrschte, hätten entgegenwirken können, waren so geschwächt, daß sie beinahe machtlos waren. Seine älteren Kinder waren keine Kinder mehr; seine Bücher hatten damals die Bedeutung verloren, die sie früher vor allen Dingen in seinem Leben gehabt hatten, und in sich selbst besaß er nicht die Hilfsquellen, die man bei einem Manne wie ihn hätte erwarten mögen, wenn man ihn von der Oberfläche aus beurteilte. Nicht nur sein Genie, sondern seine ganze Natur war allzu ausschließlich aus der Sympathie für das Wirkliche in seiner intensivsten Gestalt zusammengesetzt, um gegen die Mängel der ihn umgebenden Wirklichkeiten hinreichend gerüstet zu sein. Es gab für ihn keine »Stadt des Geistes« zu innerem Schutz und Trost gegen alle äußeren Übel. Von da an verbohrte er sich immer tiefer in den Gedanken, daß etwas geschehen müsse ! Immer lautere Aufregungen suchte er und fand doch keine Befriedigung darin, immer wieder suchte er in und aus dem Wirklichen noch die Freiheit und Befriedigung eines Ideals, und eben durch seine Versuche, der Welt zu entrinnen, sah er sich immer nur wieder in ihr Gedränge zurückgetrieben. Aber was er dort hätte suchen mögen, gewährt sie niemandem, und das Bemühen, das Unendliche aus etwas so endlichem zu gewinnen, hat schon manches stärkere Herz gebrochen. Zuletzt erfaßte ihn ein glühender Haß gegen den Gedanken an Haus und Heim. Nach 22jähriger Ehe, die ihn mit neun Kindern beschenkte, kam es im April 1858 zur Trennung. Der älteste Sohn blieb bei der Mutter, die anderen Kinder blieben beim Vater, dem von jetzt an seine Schwägerin Georgine den Haushalt führte. Im übrigen war es den Kindern unbenommen, mit der getrennten Mutter in jeder gewünschten Weise zu verkehren. Forster fügt dieser »Anordnung streng privater Natur« mit Recht die Bemerkung hinzu, das das Weitere das Publikum nichts anginge. Er beklagt auch lebhaft, daß sich Dickens einmal, durch allerhand böswilliges Geschwätz verleitet sah, in seiner Zeitschrift, den Household Words , etwas darüber zu sagen. Indessen war das Los, das die beiden Ehegatten traf, kein ganz gleiches; denn während Dickens selbst nach wie vor im öffentlichen Leben stand und glänzte, führte seine Frau ein dunkles, einsames Leben. In seinem Testamente fordert er die Kinder dringend auf, ihrer Tante die größte Verehrung und Liebe zu bewahren, während von ihrer Mutter nur insofern die Rede ist, als daß sich Dickens gegen den etwaigen Verdacht zu rechtfertigen sucht, daß er sie in pekuniärer Hinsicht nicht reichlich genug bedacht habe. Auf seiner zweiten amerikanischen Reise (1867) ließ er sich durch wiederholte Anklagen abermals verleiten, einen Brief über seine Frau in die Öffentlichkeit zu schicken, der im Ton nicht nur im höchsten Grade unedelmütig ist, sondern überhaupt auf das gröblichste aller Würde eines Gentleman widerspricht. Der trotz alledem bedauernswerte Dichter mußte übrigens sehr bald einsehen, daß er von der durch ihn selbst heraufbeschworenen Neuregelung der Dinge dennoch keinen inneren Frieden gewann. Die alte Unrast und Unbehaglichkeit, für deren einzigen oder doch hauptsächlichen Grund er die häuslichen Zustände gehalten hatte, kehrten nach der Trennung von seiner Gattin nicht nur wieder, sondern erhöhten sich in gesteigertem Maße, und zwar um so heftiger, je mehr er sich gegen die Einsicht sträubte, einen schweren Irrtum begangen zu haben. Dazu kam noch seit dem Jahre 1865 eine Kränklichkeit, der er durch das falsche Mittel zu trotzen versuchte, sich immer gesteigerte Anstrengungen zuzumuten. Von seinen jetzt noch erscheinenden Werken ist die Geschichte der zwei Städte das einzige, das noch das Gemüt innerlich beschäftigt; er hatte, wie er selbst berichtet, als Urstudie dazu seines Freundes Carlyle Revolutionsgeschichte einige fünfzig Male durchgelesen. Die anderen Romane zeigen in Aufbau und Handlung zwar noch immer die ursprüngliche Meisterschaft, doch es strömt einem aus ihnen nicht die Freude entgegen, die man aus seinen früheren Werken mit den herzerwärmenden Gestalten herausfühlte, weil das Leben, das der Dichter zeigt, sich ihm nicht mehr in der früheren Ungezwungenheit offenbart, sondern daß er es mit einiger Mühe suchen muß, um es zu zeigen. Die erwähnte zweite amerikanische Reise, die ihm ungefähr eine halbe Million Mark einbrachte, hatte bei den unerhörten physischen und geistigen Anstrengungen seine Gesundheit stark angegriffen. Aber er wurde es kaum gewahr im Taumel der Begeisterung, die ihm von Stadt zu Stadt folgte. Bei einem großen, ihm zu Ehren gegebenen Festmahl in Neuyork sagte er den Amerikanern, daß sich in den letzten 25 Jahren dort alles auf das vorteilhafteste verändert habe und er darum nicht vergessen werde, dies bei einer neuen Ausgabe der Noten und des Chuzzlewit zu betonen. Dickens starb plötzlich, durch einen Schlaganfall, inmitten der Abfassung eines neuen Romans »Das Geheimnis Edwin Droods«, der auf zwölf Monatshefte berechnet war, aber mit dem sechsten Hefte im Juni 1870 seinen vorzeitigen Abschluß fand. Aus seinen letzten Stunden erzählt Forster folgendes: »Er verließ das Schweizerhäuschen spät; aber vor dem Diner, das auf sechs Uhr bestellt war, da er nachher noch einen Spaziergang aufs Land machen wollte, schrieb er einige Briefe, darunter einen an seinen Freund Charles Kent , worin er eine Zusammenkunft mit ihm in London für den folgenden Tag verabredete, und das Diner hatte bereits angefangen, als Miß Hogarth mit Bestürzung einen eigentümlichen Ausdruck von Unruhe und Schmerz auf seinem Gesicht bemerkte. »Seit einer Stunde«, sagte er ihr dann, »sei er sehr krank gewesen«, aber er wünschte, daß das Diner seinen Verlauf nehme. Dies waren die einzigen wirklich zusammenhängenden Worte, die er sprach. Es folgten ihnen einige Worte über ganz andere Dinge, die ihm unzusammenhängend entfielen: über eine bevorstehende Auktion im Hause eines Nachbars, darüber, ob Macreadys Sohn bei seinem Vater in Cheltenham sei und über seine eigene Absicht, sofort nach London zu gehen. Aber bei diesen letzten Worten war er aufgestanden und nur die Unterstützung seiner Schwägerin hinderte es, daß er da hinfiel, wo er stand. Sie bemühte sich dann, ihn nach dem Sofa zu führen, aber nach einem kurzen Kampfe sank er schwer auf seine linke Seite nieder. »Auf dem Boden«, waren die letzten Worte, die er sprach. Es war jetzt etwas mehr als zehn Minuten nach sechs Uhr. Seine beiden Töchter kamen noch an demselben Abend mit Mr. Beard, an den man auch telegraphiert hatte und den sie an der Station trafen. Sein ältester Sohn traf in der Frühe des nächsten Morgens ein, und am Abend folgte ihm (zu spät) sein jüngerer Sohn aus Cambridge. Alle mögliche ärztliche Hilfe war herbeigerufen worden. Der Arzt aus der Nachbarschaft war von Anfang an da, und außer Mr. Beard war noch ein anderer Arzt aus London eingetroffen. Aber alle menschliche Hilfe war vergeblich. Es hatte ein Bluterguß ins Gehirn stattgefunden, und obgleich ein röchelndes Atmen noch die ganze Nacht hindurch und bis 10 Minuten nach 6 Uhr am Donnerstag abend, den 9. Juni, fortdauerte, war während der vierundzwanzig Stunden nie ein Hoffnungsstrahl aufgedämmert. Er hatte ein Alter von 58 Jahren und 4 Monaten erreichte Carlyle, der ihm bis zuletzt am nächsten gestanden hatte, schrieb: »Ich kenne ihn nun seit fast dreißig Jahren. Bei jedem neuen Zusammensein trat mir immer deutlicher der selten und große Wert dieses Menschenbruders entgegen, bis er mir zuletzt so nahe stand wie kein anderer Mann unserer Zeit. Ein herzlicher, aufrichtiger, klar blickender, ruhig entschiedener, gerechter und liebender Mann. Sein Tod ist ein Weltereignis: ein Unikum von Talenten plötzlich erloschen; mit ihm scheint die harmlose Fröhlichkeit der Nationen plötzlich verdunkelt. Der gute, freundliche, hochbegabte, edle Dickens; jeder Zoll an ihm ein anständiger Mann!« Und Julian Schmidt setzt hinzu: »Dieses Zeugnis eines würdigen Mannes muß man zu den Schilderungen Forsters hinzufügen, damit das Bild nicht schielend werde: was im Charakter von Dickens Unbefriedigendes bleibt, hängt aufs engste mit der Größe seiner Gaben zusammen und ruft mehr unser Mitleid als unseren Tadel hervor.« Die Aufregung und der Schmerz bei seinem Tode sind noch in frischer Erinnerung der älteren Generation. Ehe die Nachricht auch nur die abgelegeneren Teile Englands erreichte, war sie schon über Europa hingeblitzt, war sie bekannt in den fernen Kontinenten von Indien, Australien und Amerika, und hatte nicht nur unter englisch redenden Völkern, sondern in jedem Lande der zivilisierten Erde Schmerz und Sympathie erweckt. In seinem eigenen Vaterlande war es, als wäre ein jeder von einem persönlichen Verluste betroffen worden. Die Königin telegraphierte aus Balmoral »ihr tiefstes Bedauern über die traurige Nachricht von Charles Dickens Tode«, und dies war die Empfindung aller Klassen ihres Volkes. Es gab keine englische Zeitung, die ihr nicht einen rührenden und edeln Ausdruck verlieh, und die Times war es, die zuerst die Ansicht aussprach, daß die einzig passende Ruhestätte für die Reste eines von dem englischen Volke so geliebten Mannes die Abtei sei, in der die berühmtesten Engländer bestattet sind. Der Dekan von Westminster verlor keine Zeit, dem auf diese Weise ausgesprochenen allgemeinen Wunsche ein bereitwilliges Gehör zu schenken und machte schon am Morgen des Tages, an dem jener Artikel erschien, der Familie und deren Vertretern eine entsprechende Mitteilung. Die öffentliche Huldigung eines Begräbnisses in der Abtei mußte versöhnt werden mit Dickens' eigenen Verordnungen, daß er still, ohne vorhergehende Ankündigung der Zeit und des Ortes und ohne Denkmal oder Erinnerungszeichen begraben werden wolle. Er hätte selbst am liebsten in dem kleinen Kirchhofe unter der Schloßmauer in Rochester geruht, oder in den kleinen Kirchen von Cobham oder Shorne; aber es fand sich, daß alle diese geschlossen seien, und man war schon auf den Wunsch des Dekans und des Kapitels von Rochester, ihn in ihrer Kathedrale zu bestatten, eingegangen, als die Bitte des Dekans von Westminster und die rücksichtsvolle Freundlichkeit seiner edeln Versicherung, daß kein anderes Zeremoniell stattfinden solle, als ein solches, das mit allen Erfordernissen eines Privatbegräbnisses im Einklang stehe, die Annahme dieses Anerbietens zu einer wohltuenden Pflicht machte. Die Stätte war bereits von dem Dekan ausgewählt worden, und vor Mittag, am folgenden Morgen, Dienstag, den 14. Juni, war, unter dem ausschließlichen Mitwissen derer, die an dem Begräbnis teilnahmen, alles vollendet. Die Feierlichkeit hatte nichts verloren durch ihre Einfachheit. Nichts so Großartiges oder Ergreifendes hätte sie begleiten können als die Stille und das Schweigen der gewaltigen Kathedrale. Dann, später am Tage und den ganzen folgenden Tag, kamen freiwillige Leidtragende in solchen Scharen, daß der Dekan um Erlaubnis bitten mußte, das Grab bis Donnerstag offen zu halten; aber auch nachdem es geschlossen war, hörten sie nicht auf zu kommen, und »während des ganzen Tages«, schrieb Doktor Stanley, »war ein beständiges Gedränge nach der Stätte hin und viele Blumen wurden von unbekannten Händen gestreut, viele Tränen von unbekannten Augen vergossen.« Er bezog sich darauf in der ergreifenden Leichenrede, die von ihm am Sonntag morgen, den 19. Juni, in der Abtei gehalten wurde, indem er hinwies auf die von neuem gestreuten frischen Blumen (wie sie noch immer gestreut werden im vierten Jahre nach Dickens' Tode), und sagte, daß »diese Stätte hinfort eine heilige sein werde, in der Alten wie in der Neuen Welt, als die Ruhestätte des Repräsentanten der Literatur, nicht dieser Insel allein, sondern aller derer, die in englischer Zunge reden.« Der darauf gelegte Stein trägt die Inschrift: Charles Dickens. Geboren den siebenten Februar 1812. Gestorben den neunten Juni 1870. Die höchsten Erinnerungen an die beiden Künste, die er liebte, umgeben ihn, wo er ruht. Ihm zunächst ist Richard Cumberland . Mrs. Pritchards Denkmal blickt auf ihn nieder und unmittelbar dahinter ist das David Garricks . Auch ist die entzückende Kunst des Schauspielers nicht würdiger vertreten als das edlere Genie des Autors. Dem Grabe gegenüber und zu seiner Linken und Rechten sind die Denkmäler Chaucers , Shakespeares und Drydens , der drei Unsterblichen, die am meisten getan haben, die Sprache zu schaffen und zu gestalten, der Charles Dickens einen andern unvergänglichen Namen gegeben hat. Dies möge von den Lebensnachrichten des großen englischen Humoristen genügen. Dem Leser, der sich für ein ausführlicheres Bild von Charles Dickens interessiert, sei das fesselnd und liebevoll eingehende Werk empfohlen: Charles Dickens Leben . Von John Forster . Ins Deutsche übertragen von Friedrich Althaus . (Vom Verfasser autorisierte Übersetzung.) Drei Bände in Lex. 8° (391, 458 und 542 Seiten, mit Porträts und Abbildungen). Berlin 1872-1875 bei R. v. Decker. Die englische Ausgabe »Life of Dickens« (London 1871-1873, 3 Vol.) ist auch bei Tauchnitz erschienen; ebenda Briefe von Dickens in 3 Bänden, herausgegeben von John Forster. David Copperfield. Einleitung des Herausgebers. Der Ruhm von Dickens stand nie so hoch als zur Zeit der Vollendung von David Copperfield . Die Popularität, die dieses Buch von Anfang an errang, wuchs in einem Maße wie bei keinem vorhergehenden Werke, mit Ausnahme Pickwicks . Wenn das Talent nicht größer war als im Chuzzlewit , so übte der Gegenstand doch eine größere Anziehungskraft aus; die Begebenheiten waren mannigfaltiger, das Spiel der Charaktere freier, und außerdem herrschte eine, allerdings allgemeine und unbestimmte Vermutung, die das Interesse nicht wenig verschärft hatte, daß nämlich der Dichtung etwas aus dem Leben des Autors zugrunde liege. Aus seinem handschriftlichen Nachlasse hat sich nun einerseits ergeben, daß in David Copperfield allerdings Wahrheit und Dichtung eng miteinander verflochten sind, anderseits aber zugleich, daß man mit der Identifizierung von Dickens mit David Copperfield früher viel zu weit gegangen ist. Die Lebensgeschichte des Dichters deckt sich mit der des David Copperfield nicht weiter als die traurigen Hungerford-Szenen reichen! Hier ist nun freilich die interessante Tatsache zu verzeichnen, daß Dickens lange vor der Konzeption des David Copperfield seine Autobiographie zu schreiben begonnen hatte, und daß er das Bruchstück, das von seinen mit Bob Fagin und Paul Green verlebten Jahren handelte, ohne wesentliche Änderungen dem Romane einverleibte. Alles, was über diese Episode hinausgeht, ist nicht Autobiographie, sondern eitel Fiktion. Besonders irrig ist es, in dem Charakter des David Copperfield den von Dickens suchen zu wollen, man müßte denn beide nach Analogie des Satzes einander nahe bringen wollen, daß sich die Gegensätze berühren. Hat nun auch das Bekanntwerden der wirklichen Dickensschen Lebensgeschichte auf der einen Seite dazu beigetragen, unsern Roman eines guten Teils seines autobiographischen Reizes zu entkleiden, so hat es doch auf der andren Seite zugleich das Interesse an ihm, sowie an allen übrigen Dickensschen Romanen wesentlich erhöht, in die Personen aus dem Kreise des Dichters in poetischer Umhüllung verwoben sind. Der Brauch, Romancharakteren Originale aus dem wirklichen Leben zugrunde zu legen, ist in der englischen Literatur zwar älter als Dickens (schon Smollett und Fielding, auch W. Scott haben ihn befolgt), aber keiner hat ihn in so originaler Weise auszubeuten verstanden wie gerade er. Wo ihm auch eine bemerkenswerte Charakterseite an einem Menschen entgegentrat, griff er sie auf und verwertete sie in seinen Werken. Ja, er ging nach Modellen förmlich auf die Suche. Daß in Mr. Micawber sein Vater porträtiert ist, wurde bereits in der Haupt-Einleitung: »Charles Dickens. Sein Leben und Schaffen« erwähnt. Die Freiheit, mit der Dickens seine Romanfiguren lebenden Personen anähnelte, fand nicht bei allen, deren er sich bemächtigte, die gleiche Beurteilung. Während die einen ein wahres Vergnügen und selbst eine Ehre darin fanden, ihrem Ebenbilde in Dickensscher Idealisierung oder auch Karikierung in einem seiner Werke zu begegnen, fühlten sich andere unangenehm davon berührt, ihre persönlichen Eigenschaften und häuslichen Verhältnisse durch den Dichter auf den öffentlichen Markt hinausgetragen zu sehen. Obschon nun dem Dichter aus keinem seiner Romane peinlichere Unannehmlichkeiten erwuchsen, als aus Bleak House , in dem er seinen Freund Leigh Hunt unter dem Namen Skimpole eine mehr als zweifelhafte Rolle spielen ließ, so ist es ihm doch auch bei David Copperfield begegnet, daß jemand aus seiner Bekanntschaft Verwahrung dagegen einlegte, sich in unliebsamer Weise in den Roman verflochten zu sehen. Dies geschah von einer Dame, die in Miß Moucher die Karikatur ihres eigenen Ichs erkannte. Nun konnte Dickens zwar das einmal Geschehene nicht ungeschehen machen, aber er wußte doch noch Abhilfe zu schaffen. Während es nämlich ursprünglich in seinem Plane gelegen hatte, die Figur der Miß Moucher in höchst bedenklicher Weise zu verwerten, gab er nun noch zu rechter Zeit der ganzen Sache eine solche Wendung, daß ihr Charakter in durchaus günstigem Lichte erscheint und einen nichts weniger als unangenehmen Eindruck hinterläßt. Wie geschickt der Dichter dabei verfuhr, zeigt sich dem Leser bei einer aufmerksamen Vergleichung des 32. mit dem 22. Kapitel. Alle Personen, die uns im David Copperfield entgegentreten, hier einzeln Revue passieren zu lassen, hieße der Wirkung des Romans Eintrag tun: die beredteste Sprache zum Herzen des Lesers sprechen sie selbst. Nur über den Roman als Ganzes mögen noch einige Worte hier Platz finden. Keines der Dickensschen Werke nimmt gegenüber der allgemeinen Bemerkung, der Dichter ermangele bis zu einem gewissen Grade der Gabe konsequenter Charakterzeichnung, eine solche Ausnahmestellung ein, wie gerade David Copperfield . Hier heben sich alle Personen in scharfen Konturen voneinander ab, und befinden sich unter ihnen auch nicht gerade jene Meistergebilde, durch die der Dickenssche Humor unsterblich geworden ist, so hat doch die Phantasie des Dichters nirgends eine reichere Fülle gänzlich voneinander verschiedener Charaktere zu schaffen vermocht. In keinem anderen Dickensschen Romane schließt sich die Handlung so folgerichtig und ungezwungen an Charaktere an, von denen sie ausgeht; nirgends zeigt sich des Dichters Begabung für das Pathetische in glänzenderem Lichte als in der Sturmszene am Schlusse des David Copperfield , wo der Leichnam des Verführers tot in die Trümmer des Hauses geschleudert wird, das er verödet, und an die Seite des Mannes, dessen Herz er gebrochen hat, während der eine ebensowenig weiß was ihm mißlungen war zu erreichen, als der andere, was er durch seinen Untergang gerettet. Aus seinem eigenen Munde weiß man, daß dieser Roman das Lieblingsprodukt seines Verfassers von Anfang an gewesen und bis ans Ende geblieben ist; aber auch ohne dieses Zeugnis würde man an der Wärme des Tones, der das ganze Werk durchweht, die liebende Hingabe, die ihm der Dichter gewidmet hat, erkennen. Keiner seiner Romane trägt das Gepräge seines Geistes deutlicher an der Stirne, und keiner wird mehr dazu beitragen, den Namen Dickens späteren Geschlechtern zu übermitteln, als gerade David Copperfield . Daß die Begebenheiten sich leicht entwickeln und bis ans Ende mit den Charakteren, von denen sie einen Teil ausmachen, in natürlichem und anspruchslosem Zusammenhange stehen, kann wohl hier mit größerer Wahrheit behauptet werden, als von irgend einem anderen Romane von Dickens. Es ist ein Überfluß von eigentümlichen und deutlich erkennbaren Personen darin und ein verschwenderischer Reichtum an Detail; aber die Einheit des Planes und Zweckes ist immer klar, und der Ton ist durchweg der richtige. Durch den Gang der Ereignisse lernen wir den Wert der Entsagung und Geduld, des ruhigen Ertragens unvermeidlicher Übel kennen, und alles in den Schicksalen der handelnden Personen fordert uns auf, unsere edeln Triebe zu stärken und die Reinheit des häuslichen Lebens zu wahren. Es ist daher leicht die außerordentliche Popularität Copperfields zu erklären, auch wenn man nicht das hinzufügt, daß der Roman wohl kaum einen Leser, Mann oder Knaben, Frau oder Mädchen, gehabt haben kann, der nicht entdeckte, daß er selbst etwas von diesem Kinde an sich hatte. Kindheit und Jugend leben für uns alle von neuem in seinen wunderbaren Kindeserfahrungen auf. Daß das Werk auch seine Fehler hat, ist gewiß, aber keine, die mit den meisterhaftesten Eigenschaften unverträglich sind, und ein Buch wird unsterblich nicht durch den Umstand, daß keine Fehler darin sind, sondern dadurch, daß trotz alledem Genie darin ist. Wer sollte nicht, um nur einige Personen aus diesem Prachtroman namhaft zu machen, Betsey Trotwood lieben? Eckig, rauh, überspannt, aber die Großmut und Rechtschaffenheit selber, ein in allen seinen Teilen gründlich durchgeführter Charakter, ein knorriges Stück weibliches Holz, gesund bis ins Mark, eine Frau, die durch vollkommene Weiblichkeit den zartesten ihres Geschlechtes angehört. Dickens hat an durchgreifender Echtheit und Wahrheit nichts Besseres geschaffen als Betsey Trotwood . Es ist eine ihrer Wunderlichkeiten, einen Narren zum Gefährten zu haben, aber es ist auch eine Wunderlichkeit, in der die größte Angemessenheit und Weisheit liegt. Durch eine in »Wilhelm Meister« hingeworfene Zeile: daß die wahre und zugleich vollkommen mögliche Art, Wahnsinnige zu behandeln darin bestehe, mit ihnen zu verfahren, als ob sie gesund wären, antizipierte Goethe ein Mittel gegen das furchtbarste Leiden der Menschheit, das erst ein Jahrhundert später zur Anwendung gebracht wurde; und was Mrs. Trotwood für Mr. Dick tut, geht noch einen Schritt weiter, indem es zeigt, wie oft man ohne Irrenhäuser fertig werden und wie groß die Zahl schwachsinniger Menschen sein könnte, die sich, mit einiger Geduld, in ihren eigenen Häusern behandeln ließen. Andere, sowohl durch Wahrheit als durch Wunderlichkeit gleich bemerkenswerte Gestalten sind die freundliche alte Pflegefrau und ihr Mann, der Fuhrmann, dessen Erlebnisse von Liebe wie von Sterblichkeit zusammengedrängt sind in drei seitdem in die allgemeine Verkehrssprache, übergegangenen Worte Barkis ist willens. Und obgleich Miß Dartle eigentümlich unangenehm ist, so hat doch auch sie einige recht natürliche Züge, so z. B. ihre Eigentümlichkeit nie etwas geradeheraus zu sagen, sondern es nur anzudeuten und dadurch die Sache, erst recht aufzubauschen. Was Ms. Steerforth betrifft, so verdient es Erwähnung, daß Thackeray eine Art Zuneigung für sie fühlte. »Ich wußte, wie es kommen würde, als ich zu lesen anfing« sagte er in einem ganz von ihm selbst handelnden Briefe, den er gleich nach, dem Auftreten von Mrs. Steerforth in dem Romane schrieb. »Meine Briefe an meine Mutter sind gerade so; aber sie hat sie gern, gerade wie Mrs. Steerforth. Gefällt Mrs. Steerforth Ihnen nicht?« In der Verwandlung des brutalen Schulmeisters der früheren Kapitel in die milde Obrigkeitsperson von Middlesex am Schlüsse liegt eine gesunde und sehr wirksame Satire. Auch begegnet man nirgend einem feineren Humor, als bei dem provinziellen Leichenbesorger, der die Kürze seines Atems durch die Fülle seines Herzens ersetzt und so wenig von dem Vampirauge des städtischen Leichenbesorgers in Chuzzlewitt hat, daß er sich nicht einmal nach kranken Freunden erkundigen mag, aus Furcht vor unfreundlicher Deutung. Die ganze den Roman durchdringende Mischung von Heiterkeit und Trauer wird geschickt in die Behandlung dieses Teiles aufgenommen, und unter Heiratsanträgen und Vorbereitungen zu Hochzeiten und in das Lauten der Kirchenglocken zur Taufe hört man das beständige Rattattat des Hammers auf dem Sarge. Von den Heldinnen, die die lebhafte, leicht gelenkte, nicht treulose, aber arg-verwirrte Neigung des Helden teilen, ist die verzogene Torheit und Zärtlichkeit der liebenden, kleinen und so kindlich-naiven Frau Dora anziehender, als die so unfehlbare Weisheit und selbstaufopfernde Güte der engelgleichen Frau Agnes . Die Szenen, die die Liebeswerbung und den Haushalt darstellen, sind unvergleichlich, und die Einblicke in Doktors-Commons, die jene Ansichten Mr. Spenlows über die Eitelkeit der menschlichen Erwartungen und die Inkonsequenz seiner Handlungsweise einleiten, bilden einen höchst angemessenen Hintergrund zu Davids häuslichem Leben. Dies gehörte unter die in den Roman aufgenommenen persönlichen Erlebnisse; aber eine traurigere Erkenntnis stellte sich einige Jahre später mit her Überzeugung ein, daß Davids Vergleiche, wahrend der ersten Zeit seines ehelichen Lebens, zwischen dem Glück, das er genoß, und dem Glück, das er einst erwartete, »der unbestimmte unglückliche Verlust oder Mangel an Etwas«, worüber er so oft klagte (vgl. die Haupt-Einleitung), auch eine persönliche Erfahrung abspiegelten, die in der Wirklichkeit nicht so erfolgreich ersetzt würde als in der Dichtung des Romanes. Schließlich sei noch erwähnt, daß der Einfluß Copperfields auf den deutschen Roman besonders klar zu spüren ist: Hammer und Amboß von Friedrich Spielhagen , und teilweise auch Soll und Haben von Gustav Freytag, sind dem Geiste und besonders in vielen Partien der Handlung nach mehr mit dem Dickensschen Werke verwandt, als sich die beiden Autoren dessen vielleicht selber bewußt waren. Erstes Kapitel. Meine Geburt. Ob ich schließlich der Held meines eigenen Lebens werde, oder ob jemand anders diese Stelle einnehmen wird, das sollen diese Blätter zeigen. Um mit dem Anfang meines Lebens zu beginnen, berichte ich, daß ich (wie man mir später erzählt hat und wie ich auch glaube) an einem Freitag um zwölf Uhr mitternachts geboren bin. Wie man sagt, fing zu gleicher Zeit die Uhr zu schlagen und ich zu schreien an. In Anbetracht von Tag und Stunde meiner Geburt erklärten die Wärterin und einige weise Frauen, die sich schon seit Monaten lebhaft für mich interessiert hatten, noch bevor die Möglichkeit einer persönlichen Bekanntschaft vorhanden war, erstens, daß ich im Leben kein Glück haben, und zweitens, daß mir die Fähigkeit beschieden sein würde, Geister und Gespenster zu sehen, denn beide Gaben würden unabänderlich allen unglücklichen Kindern beiderlei Geschlechts verliehen, die um Freitag Mitternacht zur Welt kämen. Über ersteres brauche ich nichts zu sagen, denn meine Lebensgeschichte beweist besser als alles andere, ob sich diese Prophezeiung erfüllt hat oder nicht. Was die zweite Fähigkeit betrifft, so muß ich dies Erbteil entweder als bewußtloser Säugling verscherzt haben oder es ist mir noch nicht zugefallen. Aber ich beklage mich durchaus nicht, daß mir dieser Besitz bisher vorenthalten worden ist, und sollte sich jetzt ein anderer seiner erfreuen, so gönne ich ihm den herzlich gern. Ich wurde mit einer Glückshaube geboren, und man bot sie in der Zeitung zu dem niedrigen Preise von fünfzehn Guineen aus. Ob damals die seefahrende Bevölkerung sehr arm an Geld oder arm an Glauben war und daher Korkjacken vorzog, weiß ich nicht, aber jedenfalls erfolgte nur ein einziges Angebot. Es kam von einem Notar her, einem Wechselmakler, der zwei Pfund Sterling bar anbot und das übrige in Sherry geben wollte, aber die Sicherheit gegen das Ertrinken zu keinem höheren Preise erkaufen mochte. Ich erblickte in Blunderstone in Suffolk das Licht der Welt oder dort herum , wie sie in Schottland sagen. Ich bin ein nachgebornes Kind. Die Augen meines Vaters schlossen sich sechs Monate eher, als sich die meinigen öffneten. Noch jetzt kommt mir der Gedanke seltsam vor, daß er mich niemals gesehen habe, und noch seltsamer erscheint mir aus meiner ersten Kindheit die dunkle Erinnerung an den weißen Grabstein auf dem Kirchhofe, und meine innige Trauer bei dem Gedanken, daß er dort draußen allein liege in der dunklen Nacht, während unser kleines Wohnzimmer warm und hell war von Feuer und Licht; und daß die Haustür vor ihm verschlossen und verriegelt war, kam mir manchmal fast grausam vor. Eine Tante meines Vaters, also eine Großtante von mir, über die ich noch viel zu erzählen haben werde, war die angesehenste Person in unsrer Familie. Miß Trotwood oder Miß Betsey, wie meine arme Mutter sie stets nannte, wenn sie die Scheu vor dieser gefürchteten Dame hinlänglich überwand, was nur selten geschah, war mit einem Gatten verheiratet gewesen, jünger als sie und sehr schön, nur nicht im Sinne des biedern Sprichworts: »Schön ist, wer schön handelt« – denn er stand im starken Verdachte, Miß Betsey geprügelt zu haben, und einmal sogar soll er einer Summe Geldes wegen in der Hitze nur zu deutliche Anstalten gemacht haben, sie zum Fenster im zweiten Stocke hinauszuwerfen. Diese Unerträglichkeit der Gemütsart veranlaßte Miß Betsey, sich von ihm loszukaufen und in eine Trennung durch gegenseitige Übereinkunft zu willigen. Er ging mit seinem Kapital nach Ostindien, und dort will man ihn nach einer abenteuerlichen Familiensage einmal mit einem Affen auf einem Elefanten haben reiten sehen; aber ich glaube, es wird wohl eine indische Äffin gewesen sein. Soviel ist sicher, daß zehn Jahre später aus Indien die Nachricht von seinem Tode eintraf. Was meine Tante dabei fühlte, weiß niemand, denn sie hatte unmittelbar nach der Trennung ihren Mädchennamen wieder angenommen und sich ein Landhäuschen in einem weit entlegenen Flecken an der Seeküste gekauft; dort lebte sie mit einer einzigen Dienerin in äußerster Zurückgezogenheit. Mein Vater war früher einmal ihr Liebling gewesen, aber sie fühlte sich tödlich beleidigt durch seine Heirat, weil meine Mutter ein »Wachspüppchen« war. Sie hatte meine Mutter zwar nie gesehen, wußte aber, daß sie noch nicht zwanzig Jahre alt war. Mein Vater und Miß Betsey sahen sich seitdem nie wieder. Er war doppelt so alt wie meine Mutter, als er sie heiratete, und von zarter Gesundheit. Ein Jahr darauf starb er, wie gesagt, sechs Monate vor meiner Geburt. Dies war der Stand der Dinge am Nachmittag jenes, wie ich mir wohl erlauben darf zu sagen, wichtigen und ereignisvollen Freitags. Ich kann natürlich keinen Anspruch darauf erheben, zu wissen, wie die Sachen damals standen; oder das, was hier folgt, aus eigener Anschauung zu berichten. Meine Mutter saß am Kamin, sehr leidend und niedergedrückt, schaute durch ihre Tränen in das Feuer und sann trübe über ihr und des vor der Geburt Verwaisten Schicksal nach, zu dessen Empfang schon oben in einem Schubkasten einige Gros Nadelklammern bereit lagen, während sonst die Welt seinem Erscheinen mit ziemlichem Gleichmut entgegensah. Es war also ein heller, windiger Märznachmittag, und sie saß betrübt, niedergeschlagen und von bangen Zweifeln erfüllt, ob sie glücklich die zu erwartende schwere Prüfung durchmachen werde, am Kaminfeuer, als sie, ihre Augen trocknend, aufblickte, und durch das gegenüberliegende Fenster eine fremde Dame zum Garten hereintreten sah. Beim ersten Blick schon hatte meine Mutter die sichere Ahnung, daß es Miß Betsey sei. Die untergehende Sonne warf ihre Strahlen über die Garteneinzäunung auf die fremde Dame, und diese näherte sich der Tür mit einer so unbeugsamen Strenge in Gesicht und Haltung, wie sie nur ihr angehören konnte. Als sie das Haus erreicht hatte, gab sie noch einen andern Beweis ihrer Identität. Mein Vater hatte nämlich oft erwähnt, daß sie sich selten wie ein gewöhnlicher Christenmensch benehme, und dies tat sie auch diesmal; denn anstatt die Glocke zu ziehen, trat sie ans Fenster und drückte ihre Nase mit solcher Heftigkeit gegen das Glas, daß meine arme gute Mutter nachher immer erzählte, die Nase sei urplötzlich ganz platt und weiß geworden. So sehr erschrak meine Mutter über sie, daß ich immer überzeugt gewesen bin, ich verdanke es der Miß Betsey, an einem Freitag geboren worden zu sein. In ihrem Schreck war die Mutter aufgestanden und hinter den Stuhl in eine Ecke getreten. Miß Betsey sah sich indes langsam und forschend im Zimmer um, wobei sie am andern Ende der Stube anfing, und wendete maschinenmäßig, wie ein Türkenkopf auf einer holländischen Wanduhr, ihren Kopf, bis ihre Blicke endlich auf meiner Mutter haften blieben. Dann zog sie die Stirne kraus und winkte meiner Mutter wie eine, die das Befehlen gewohnt ist, die Tür aufzumachen. Meine Mutter gehorchte. »Mrs. David Copperfield, wie ich vermute«, sagte Miß Betsey. Der Nachsatz galt wohl der Trauerkleidung und dem Zustande meiner Mutter. »Ja«, sagte meine Mutter schüchtern. »Miß Trotwood«, sagte der Besuch. »Sie haben von ihr gehört, hoffe ich.« Meine Mutter entgegnete, sie habe das Vergnügen gehabt, und hatte dabei das unangenehme Bewußtsein, nicht danach auszusehen, als ob es ein überwältigendes Vergnügen gewesen sei. »Jetzt steht sie vor Ihnen«, erklärte Miß Betsey. Meine Mutter verbeugte sich und bat sie einzutreten. Sie trat in die Wohnstube, wo meine Mutter gesessen hatte, denn das Besuchszimmer auf der andern Seite des Flures war dunkel und war nicht erleuchtet gewesen seit meines Vaters Leichenbegängnis; und als sie beide Platz genommen hatten und Miß Betsey nichts sagte, fing meine Mutter, nach vergeblichem Bemühen sich zu fassen, zu weinen an. »O still doch, still!« sagte Miß Betsey beschwichtigend. »Nur das eine nicht! Bitte, bitte!« Aber meine Mutter konnte doch nicht anders, und ihre Tränen flossen, bis sie sich ausgeweint hatte. »Nehmen Sie die Trauerhaube ab, Kind,« sagte Miß Betsey, »daß ich Sie ansehen kann.« Meine Mutter war zu sehr eingeschüchtert, um dieses wunderliche Verlangen abzuschlagen, selbst wenn sie es gewollt hätte. Daher entsprach sie dem Wunsche, tat es aber mit so zitternden Händen, daß ihr das Haar, das sehr üppig und schön war, wirr über das Gesicht fiel. »Ach mein Himmel, du bist ja noch ein wahres Kind!« rief Miß Betsey aus, in das Du verfallend. Allerdings sah meine Mutter selbst für ihre Jahre noch ungewöhnlich jung aus, und nun ließ sie den Kopf sinken, als ob es ihre Schuld wäre, und sagte schluchzend, daß sie freilich befürchte, sie sei ein wahres Kind von einer Witwe, und werde wohl auch ein Kind von einer Mutter sein, falls sie am Leben bliebe. In der kurzen Pause, die hierauf folgte, kam es ihr fast vor, als ob Miß Betsey ihr Haar berühre und zwar mit keiner unsanften Hand; aber als sie schüchtern hoffend aufblickte, saß die Dame steif da, ihr Kleid aufgenommen, die Hände über ein Knie gefaltet, die Füße auf den Kaminvorsetzer gestemmt und mit grimmigem Blick ins Feuer schauend. »Aber in des Himmels Namen«, sagte Miß Betsey plötzlich. »Warum Krähenhorst?« »Meinen Sie das Haus, Madame?« fragte meine Mutter. »Warum Krähenhorst?« sagte Miß Betsey. »Hühnerstall oder dergleichen wäre passender gewesen, wenn ihr beide überhaupt Begriffe vom praktischen Leben gehabt hättet.« »Mr. Copperfield hat den Namen gewählt«, erwiderte meine Mutter »Als er das Haus kaufte, war ihm der Gedanke lieb, daß Krähen in der Nähe waren.« Der Abendwind fegte in diesem Augenblick so heftig durch die alten, hohen Ulmen am Ende des Gartens, daß sowohl meine Mutter als Miß Betsey ihre Augen dorthin wandten. Als sich die Ulmen so gegeneinander neigten wie Riesen, die sich Geheimnisse zuflüsterten, dann, nachdem sie einige Sekunden so niedergebeugt verharrt hatten, in heftige Bewegungen gerieten und mit ihren phantastischen Armen in die Luft emporfuhren, als ob diese Geheimnisse zu gräßlich wären für ihre Seelenruhe, wurden auf ihren höchsten Zweigen ein paar alte, vom Sturm zerzauste Krähennester wie Wracks auf stürmischer See hin und her geschleudert. »Wo sind die Vögel?« fragte Miß Betsey. »Wie?« Meine Mutter hatte bereits an etwas anderes gedacht. »Die Krähen – wo sind sie hingekommen?« fragte Miß Betsey. »Seit wir hier sind, haben wir keine gesehen«, sagte meine Mutter. »Wir glaubten – Mr. Copperfield glaubte, es sei ein großer Krähenhorst, aber die Nester waren alt, und die Vögel haben sie seit langer Zeit verlassen,« »Ganz David Copperfield'sch!« sagte Miß Betsey. »Der echte wirkliche David Copperfield; nennt ein Haus einen Krähenhorst, wenn keine Krähe in der Nähe ist, und hält die Vögel im guten Glauben für vorhanden, weil er die Nester sieht!« »Mr. Copperfield ist tot,« gab meine Mutter zur Antwort »und wenn Sie es wagen, unfreundlich über ihn zu sprechen mir gegenüber –« Ich glaube, meine arme Mutter hatte einen Augenblick wirklich die Absicht, sich an meiner Tante tätlich zu vergehen, die sie leicht mit einer Hand bezwungen hätte, selbst wenn meine Mutter in einer bessern Verfassung für einen solchen Kampf gewesen wäre, als heute abend. Aber beim Aufstehen verging die Anwandlung und sie setzte sich wieder sehr demütig hin und sank in Ohnmacht. Als sie wieder zu sich kam, oder als Miß Betsey sie zu sich gebracht hatte, sah sie letztere am Fenster stehen. Die Dämmerung war inzwischen bereits zur Dunkelheit geworden, daß sich die beiden Frauen beim Scheine des Feuers noch gerade erkennen konnten. »Nun?« sagte Miß Betsey und trat wieder an den Stuhl, als ob sie nur einen Augenblick habe hinaussehen wollen, »und wann, meinst du –?« »Ich zittere an allen Gliedern«, stammelte meine Mutter. »Ich weiß nicht, was mir fehlt, ach, ich sterbe sicherlich,« »Nein, nein, nein!« sagte Miß Betsey. »Trink eine Tasse Tee.« »Ach Gott, ach Gott! Meinen Sie, daß mir das gut sein wird?« rief meine Mutter in weinerlichem Tone und ganz hilflos. »Natürlich«, sagte Miß Betsey. »Es ist alles nur Einbildung. – Wie heißt denn das Mädchen?« »Ich weiß nicht, ob es ein Mädchen sein wird«, sagte meine Mütter unschuldig. ^ »Gott segne dich mein Kind«, rief Miß Betsey und zitierte unwillkürlich die Inschrift auf dem Nadelkissen, das auf der Kommode lag, nur meinte sie mit dem Kind meine Mutter und nicht mich. – »Das meine ich nicht. Ich meine das Dienstmädchen.« »Peggotty«, sagte meine Mutter. »Peggotty!« wiederholte Miß Betsey mit einiger Entrüstung. »Willst du damit sagen, Kind, daß ein Mensch jemanden in einer Christenkirche Peggotty habe taufen lassen?« »Es ist ihr Vatersname«, sagte meine Mutter schüchtern. »Mr. Copperfield nannte sie so, weil sie den gleichen Taufnamen mit mir hat.« »Heda, Peggotty!« rief Miß Betsey hinaus, indem sie die Stubentür öffnete. »Tee! Deine Herrschaft ist ein bißchen unwohl. Aber rasch ein bißchen!« Nachdem sie diesen Befehl so herrisch gesprochen hatte, als ob sie von jeher die anerkannte Gebieterin des Hauses gewesen wäre, und die erstaunte Peggotty gemustert hatte, die verwundert über die fremde Stimme mit einem Lichte in der Hand in den Flur hinausgetreten war, machte Miß Betsey die Tür wieder zu und nahm Platz wie vorhin, die Füße abermals auf den Kaminvorsetzer gestemmt, das Kleid etwas aufgenommen, und die Hände über ein Knie gefaltet. »Du meinst also, es könnte ein Mädchen werden«, sagte Miß Betsey. »Ich zweifle gar nicht daran, ich habe eine Ahnung, daß es ein Mädchen sein muß. Also, Kind, von dem Augenblick der Geburt des Mädchens an –« »Oder vielleicht Knaben«, erlaubte sich meine Mutter einzuwerfen. »Ich sage dir ja, ich ahne gänzlicher, daß es ein Mädchen ist«, entgegnete Miß Betsey. »Widersprich mir also nicht! Von dem Augenblick der Geburt dieses Mädchens an, Kind, will ich seine Freundin sein. Ich will seine Patin werden, und sie soll Betsey Trotwood Copperfield heißen. Mit dieser Betsey Trotwood Copperfield muß im Leben alles gut gelingen. Mit ihren Gefühlen soll nicht frevelhaft gespielt werden. Sie muß gut auferzogen und in acht genommen werden, damit sie ihr Vertrauen nicht törichterweise an Unwürdige verschenkt. Und das soll meine Sorge sein!« Miß Betsey warf bei jedem dieser Sätze den Kopf zur Seite, als ob das erlittene Unrecht vergangener Zeiten in ihr wieder lebendig würde, und sie jede noch deutlichere Anspielung darauf nur mit großer Anstrengung zurückhielte. So dachte wenigstens meine Mutter, als sie sie bei dem schwachen Feuerschein beobachtete, aber sie war von Miß Betsey zu sehr eingeschüchtert, selbst zu verlegen, und von dem Besuch zu bestürzt, als daß sie hätte genau beobachten oder etwas sagen können. »Und war David gut gegen dich, Kind?« fragte Miß Betsey, als sie eine Weile geschwiegen hatte und die Bewegungen ihres Kopfes allmählich ausgehört hatten. »Habt Ihr Euch immer gut vertragen?« »Wir lebten sehr glücklich«, sagte meine Mutter. »Mr. Copperfield war nur zu gut gegen mich.« »Ah, er hat dich also verzogen?« erwiderte Miß Betsey. »Ich fürchte sehr, er hat mich insofern verzogen, als es mir schwer sein wird, ganz allein und ohne Stütze wieder in die rauhe Welt zu treten«, schluchzte meine Mutter. »Na, na, schon gut, nur nicht weinen!« sagte Miß Betsey. »Ihr wart eben nicht passend verheiratet, Kind – wenn man überhaupt passend verheiratet sein kann – und deshalb frage ich. Du warst ja Wohl eine Waise, Kind, nicht wahr?« »Ja!« »Und Gouvernante?« »Ja, zweite Gouvernante in einer Familie, die Mr. Copperfield als Gast häufig besuchte. Mr. Copperfield war immer sehr freundlich und aufmerksam gegen mich und machte mir zuletzt einen Heiratsantrag. Und ich sagte: Ja. Und so wurden wir Mann und Frau«, sagte meine Mutter ganz schlicht und treuherzig. »Hm! armes Kind!« murmelte Miß Betsey und sah immer noch grimmig ins Feuer. »Verstehst du denn etwas?« »Was beliebt, Madame?« entgegnete meine Mutter. »Na, z.B. von der Wirtschaft?« fragte Miß Betsey. »Ich fürchte, nicht viel«, erwiderte meine Mutter. »Nicht so viel wie ich wünschen möchte. Aber Mr. Copperfield unterwies mich darin –« »Verstand selber recht viel davon«, schaltete Miß Betsey ein. »– Und ich hätte sicherlich Fortschritte darin gemacht, da ich sehr eifrig im Lernen und er sehr geduldig im Lehren war, wenn nicht das große Unglück seines Todes« – meine Mutter verlor wieder die Fassung und konnte nicht weiter sprechen. »Nun ja, nun ja!« begütigte Miß Betsey. »Ich führte mein Wirtschaftsbuch regelmäßig und schloß es mit ihm gewissenhaft jeden Abend ab«, rief meine Mutter, in einem neuen Ausbruch des Schmerzes aufschluchzend. »Nun, nun, weine nur nicht mehr!« sagte Miß Betsey. »Und es fiel niemals auch nur das kleinste Wort der Uneinigkeit darüber, außer wenn Mr. Copperfield tadelte, daß ich die Drei und Fünf einander so ähnlich und an die Sieben und die Neun Schleifen machte«, schluchzte meine Mutter weiter und sah sich immer wieder von Tranen unterbrochen. »Du wirst dich noch krank machen«, sagte Miß Betsey fürsorglich, »und das ist weder für dich noch für mein Patchen gut. Komm, komm! «Du mußt das unterlassen!« Diese Begründung trug einiges zur Beruhigung meiner Mutter bei, obgleich ihr zunehmendes Übelbefinden einen größern Anteil daran hatte. Es folgte eine Pause des Schweigens, das nur unterbrochen würde von einem gelegentlichen »Hm!« der Miß Betsey, die immer noch dasaß, die Füße auf den Kaminvorsetzer gestemmt. »David hatte sich für sein Geld eine Leibrente gekauft«, sagte sie nach einer Weile. »Was hat er für dich getan?« »Mr. Copperfield«, sagte meine Mutter mit einiger Anstrengung, »war so rücksichtsvoll und gut gegen mich, mir einen Teil der Leibrente zu sichern.« »Wieviel?« fragte Miß Betsey. »Hundertundfünf Pfund jährlich«, sagte meine Mutter. »Es hatte übler kommen können«, sagte meine Tante. Das war eine in doppelter Hinsicht treffende Bemerkung, denn der Zustand meiner Mutter hatte sich so sehr verschlimmert, daß Peggotty, die soeben mit Teebrett und Lampe hereintrat und auf den ersten Blick ihren Zustand erkannte, – was Miß Betsey natürlich schon längst bemerkt hätte, wenn das Zimmer nicht so finster gewesen wäre –- daß sie also Peggotty so rasch wie möglich in die Stube hinauf brachte und sofort Ham Peggotty, ihren Neffen, der seit einigen Tagen als immer verfügbarer Bote für unvorhergesehene Fälle im Hause verborgen gewesen war, nach der Hebamme und dem Doktor schickte. Diese verbündeten Mächte wunderten sich nicht wenig, bei ihrer kurz hintereinander erfolgenden Ankunft eine unbekannte Dame von gewichtigem Aussehen vor dem Feuer sitzen zu sehen, die den Hut an dem zusammengeknüpften Bande über den linken Arm hängen hatte und sich die Ohren mit einer seinen Watte zustopfte. Da Peggotty nichts von ihr wußte und meine Mutter sich über sie nicht geäußert hatte, so blieb sie ein vollständiges Geheimnis in der Wohnstube, und die rätselhafte Tatsache, daß sie ein ganzes Wattemagazin in der Tasche zu haben schien und sich Watte auf besagte Art in die Ohren stopfte, schmälerte die Feierlichkeit ihrer Anwesenheit nicht im mindesten. Nachdem der Doktor oben gewesen und wieder heruntergekommen war, und nun vermutete, daß er wahrscheinlich mit der unbekannten Dame einige Stunden würde beisammen bleiben müssen, so schickte er sich an, höflich und gesellig zu sein. Es war der sanfteste seines Geschlechts und der gutmütigste aller Männer. Er schob sich immer nur seitwärts durch die Tür, wenn er kam oder ging, um weniger Raum einzunehmen. Er ging so leise wie der Geist im Hamlet, nur noch langsamer. Er trug den Kopf auf eine Seite geneigt, halb in bescheidener Herabsetzung seiner selbst, halb in bescheidener Höflichkeit gegen andere. Er hatte noch nie jemandem ein böses Wort gesagt, selbst einem Hunde nicht! Er hatte kein böses Wort für einen tollen Hund. Ein sanftes Wörtchen höchstens würde er zu ihm gesagt haben, aber ein rauhes Ware ihm unter keiner Bedingung möglich gewesen. Mr. Chillip sah meine Tante mit dem auf die Seite geneigten Kopfe sanft an, machte eine zierliche Verbeugung und sagte, auf die Watte anspielend, indem er leise sein linkes Ohr berührte: »Lokale Störung, Madame?« »Was«, entgegnete meine Tante, und riß die Watte wie einen Korkpfropfen aus dem Ohre. Mr. Chillip erschrak so sehr über ihr barsches Wesen (wie er später meiner Mutter erzählte), daß er schier die Fassung verlor. Aber er wiederholte verbindlich: »Lokale Störung, Madame?« . »Unsinn!« erwiderte meine Tante, und stöpselte das Ohr energisch wieder zu. Mr. Chillip konnte nun weiter nichts tun, als sie schüchtern anzusehen, während sie dasaß und in das Feuer stierte, bis man ihn wieder hinaufrief. Nach viertelstündiger Abwesenheit kehrte er zurück. »Nun?« sagte meine Tante und nahm die Watte aus dem ihm zugekehrten Ohre. »Nun, Madame,« entgegnete Mr. Chillip, »es geht langsam vorwärts, Madame.« »Pa – a – ah!« sagte meine Tante, mit einem vollständigen Triller die verächtliche Ausrufung verlängernd, und schloß ihren Gehörgang wieder zu, wie vorhin. Wahrhaftig, wahrhaftig (wie Mr. Chillip später meiner Mutter erzählte), er war geradezu entsetzt gewesen. Aber dennoch blickte er sie fast zwei Stunden lang an, wie sie dasaß und ins Feuer starrte, bis man ihn wieder rief. Nach abermaliger Abwesenheit kehrte er nochmals zurück. »Nun!« sagte meine Tante und nahm den Wattepfropfen wieder aus demselben Ohr heraus. »Nun, nun, Madame,« erwiderte Mr. Chillip, »es geht langsam vorwärts, Madame.« »Wirklich also –« sagte meine Tante in so barschem Tone, daß es Mr. Chillip nun nicht länger aushalten konnte. Es war wirklich danach angetan, ihn ganz kleinlaut und verzagt zu machen, äußerte er später. Er ging lieber hinaus und setzte sich draußen im Dunkeln bei starkem Zug auf die Treppe, bis man wieder nach ihm schickte. Ham Peggotty, der die Stadtschule besuchte und im Katechismus so fest war, daß er als glaubwürdiger Zeuge betrachtet werden kann, berichtete am nächsten Tage, er habe eine Stunde später zur Stubentür hineingeguckt und sei sofort von Miß Betsey, die in großer Aufregung auf und ab gegangen, bemerkt und erwischt worden, bevor er habe flüchten können. Er berichtete ferner, man habe zuweilen Fußtritte und Summen in den oberen Zimmern gehört, die von der Watte wohl nicht genügend gedämpft worden seien, wie er dies aus dem Umstände geschlossen hätte, daß ihn die Dame ersichtlich als ein Opfer festhielt, an dem sie ihrer überströmenden Aufregung, wenn die Töne am lautesten waren, Luft machen konnte, daß sie ihn beim Kragen gepackt gehalten und in der Stube auf und ab geführt (als ob er zuviel Laudanum genossen), ihn alsdann geschüttelt, ihm in das Haar gefahren, den Kragen zerzaust und die Ohren verstopft, als ob sie diese mit ihren eigenen verwechselte, und ihn auf andere Weise mißhandelt habe. Diese Erzählung wurde teilweise durch seine Tante bestätigt, die ihn halb ein Uhr kurz nach seiner Befreiung sah, wo er so rot ausgesehen haben solle wie – ich. Der sanfte Mr. Chillip konnte niemand etwas nachtragen, am allerwenigsten zu einer solchen Zeit. Er trat durch die halbgeöffnete Tür ins Zimmer, sobald er nur abkommen konnte, und sagte in seiner sanftesten Weise zu meiner Tante: »Madame, es freut mich, Sie beglückwünschen zu können.« »Wozu?« sagte meine Tante scharf. Mr. Chillip wurde wieder verlegen bei der außerordentlichen Schroffheit meiner Tante; er machte daher eine zierliche Verbeugung und verzog sein Gesicht zu einem sanften Lächeln, um sie zu besänftigen. »O über diesen Mann, was er nur macht!« rief meine Tante ungeduldig. »Kann er nicht sprechen?« »Seien Sie ruhig, meine liebe Madame«, flötete er mit seiner sanftesten Stimme. »Es ist durchaus keine Ursache mehr zur Besorgnis vorhanden, Madame, beruhigen Sie sich bitte.« Man hat es damals fast als ein Wunder betrachtet, daß ihn meine Tante nicht umschüttelte, um das, was sie hören wollte, aus ihm herauszuschütteln. Sie schüttelte nur das eigene Haupt, aber auf eine Art, die ihn zittern machte. »Nun, Madame«, begann Mr. Chillip von neuem, sobald er wieder etwas Mut gefaßt hatte. »Es freut mich, Sie beglückwünschen zu können, alles ist nun vorbei, Madame, und glücklich vorbei.« Während der fünf Minuten, die Mr. Chillip zu dieser Rede brauchte, sah ihn meine Tante scharf an. »Wie befindet sie sich?« fragte sie und kreuzte ihre Arme, an deren einem immer noch der Hut hing, vor der Brust übereinander. »Nun, Madame, sie wird sich bald ganz Wohl befinden, hoffe ich,« erwiderte Mr. Chillip, »so wohl, als wir von einer jungen Mutter und unter so betrübten häuslichen Umständen erwarten können. Es steht gar nichts im Wege, wenn Sie sie jetzt besuchen wollen, Madame. Es dürfte ihr gut tun.« »Und sie? Wie geht es ihr?« sagte meine Tante kurz. Mr. Chillip legte den Kopf noch ein wenig mehr auf die eine Seite und sah meine Tante an wie ein gezähmtes Vögelchen. »Das Kind, das Mädchen«, sagte meine Tante. »Was macht es?« »Madame,« erwiderte Mr. Chillip, »ich glaubte, Sie wüßten es schon. Es ist ein Junge.« Meine Tante sagte kein Wort, sondern packte ihren Hut wie eine Schleuder beim Bande, führte damit einen Streich gegen Mr. Chillips Kopf, stülpte den Hut auf und verschwand und kam nicht wieder. Sie verschwand wie eine beleidigte Fee oder wie eines jener übernatürlichen Wesen, die ich dem Volksglauben nach zu schauen die Gabe hatte, und kehrte nie wieder zurück. Nein. Ich lag in meinem Korbe, und meine Mutter lag in ihrem Bette. Aber Betsey Trotwood Copperfield war für immer hinüber geschwunden in das Land der Träume und Schatten, in jene geheimnisvolle Region, aus der ich vor so kurzer Zeit gekommen war; und das Licht, das durch das Fenster unseres Zimmers hinausschien, erleuchtete den irdischen Bezirk unserer Mitpilger aus diesen Gefilden und schien auf den Hügel über dem Staube und der Asche dessen, ohne den ich nie gewesen wäre. Zweites Kapitel. Ich beobachte. Die ersten Gegenstände, die deutlich vor meinem Geiste erscheinen, wenn ich weit zurück in das Dunkel meiner ersten Kinderjahre blicke, sind meine Mutter mit ihrem schönen Haar und der jugendschlanken Gestalt, und Peggotty ohne alle Figur und mit so dunkeln Augen, daß sie alles in ihrer Nähe zu verdunkeln schienen, und mit so roten und drallen Backen und Armen, daß es mich wunderte, warum die Vögel nicht lieber daran als an den Äpfeln pickten. Ich glaube die beiden noch heute in nächster Nähe von mir zu sehen, wie sie sich klein machten oder auf den Boden hinkauerten, wählend ich mit taumelnden Schütten von der einen zur andern trippelte. ^ Ich habe auch noch einen dunkeln Eindruck behalten, den ich von wirklicher Erinnerung nicht unterscheiden kann, eine Vorstellung von Peggottys Zeigefinger, den ich anfaßte und der von der Nadel so rauh war wie ein kleines Muskat-Reibeisen. Das beruht vielleicht auf Einbildung, obgleich ich meine, daß das Gedächtnis der meisten Menschen in eine viel fernere Kinderzeit zurückreicht, als man gewöhnlich annimmt, ebenso wie ich glaube, daß die Beobachtungsgabe bei vielen kleinen Kindern an Schärfe und Genauigkeit ganz wunderbar ist. In der Tat bin ich der Ansicht, daß die meisten Erwachsenen, die sich in dieser Beziehung auszeichnen, richtiger gesagt, jene Gabe nur nicht verloren, aber sich diese später nicht angeeignet haben, um so mehr, als man an jenen Leuten eine gewisse Frische, Liebenswürdigkeit und Genußfähigkeit bemerkt die auch ein aus ihrer Kindheit herübergerettetes Erbteil find. Vielleicht gerate ich mit dieser Bemerkung in den Verdacht des Abschweifens, aber sie läßt mich doch sagen, daß ich diese Schlüsse zum gewissen Teil auf meine eigene Erfahrung aufbaue, und, wenn aus irgend etwas in dieser Erzählung hervorgeht, daß ich ein scharf beobachtendes Kind war und als Mann ein lebhaftes Gedächtnis an meine Kindheit bewahrt habe, daß ich fraglos Anspruch auf diese beiden Eigenschaften erhebe. Wenn ich also in das früheste Kindheitsdunkel zurückblicke, so sondern sich aus dem Wirrwarr von allerlei Dingen zunächst die beiden Gestalten meiner Mutter und Peggottys ab. Was weiß ich sonst noch? Wir wollen einmal sehen. – Da taucht aus dem Nebel der Erinnerung unser Haus in seiner, mir von frühester Erinnerung her vertrauten Gestalt hervor. Im Erdgeschoß ist Peggottys Küche, die auf den Hinterhof hinausgeht, wo in der Mitte ein Taubenhaus auf einer Stange steht, aber ohne Tauben, eine große Hundehütte in einer Ecke, aber kein Hund darin, und eine, Anzahl Hühner, die mir schrecklich groß vorkamen, stolzierten drohenden und wilden Wesens darin herum. Ein Hahn fliegt auf einen Pfosten, um zu krähen, und scheint sein Auge ganz besonders auf mich zu werfen, wie ich ihn durch das Küchenfenster ansehe, und darüber zittere ich vor Furcht, weil er so kampflustig aussieht. Von den Gänsen draußen am Seitentürchen, die mir mit lang ausgestreckten Hälsen nachwatscheln, wenn ich vorbeigehe, träume ich nachts, wie ein Mann, der in der Nähe von wilden Tieren lebt, von Löwen träumen mag. Dann ist da ein langer Gang – in meiner Erinnerung eine endlose Perspektive – der von Peggottys Küche nach der vorderen Haustür führt. Eine dunkle Vorratskammer mündet auf diesen Gang – wo ich nachts stets nur vorbeihusche, denn wer weiß was hinter diesen Krügen, Tonnen und alten Teekisten stecken mochte, wenn niemand mit einer matt leuchtenden Kerze darin ist – und eine dumpfige Luft strömt heraus, in der sich der Geruch von Seife, Pickles, Pfeffer, Lichtem und Kaffee vermischt. Dann sind unten die beiden Wohnzimmer: das eine, in dem wir, meine Mutter, ich und Peggotty, abends sitzen – denn Peggotty leistet uns Gesellschaft, wenn sie ihre Arbeit gemacht hat und wir allein sind – und das gute Zimmer, wo wir Sonntags sitzen – feierlich, aber nicht so traulich. Für mich hat dies Zimmer etwas Wehmütiges, denn Peggotty hat mir erzählt – ich weiß nicht mehr wann, aber es muß lange, lange her sein – wie mein Vater begraben wurde und hier die Leichenträger ihre schwarzen Mäntel umhingen. Und eines Sonntags abends liest meine Mutter Peggotty und mir vor, wie Lazarus auferstand von den Toten. Und ich ängstige mich so sehr darüber, daß sie mich aus dem Bette herausnehmen und mir aus dem Schlafzimmerfenster den stillen Kirchhof zeigen müssen, wo die Toten alle in feierlichem Mondlicht friedlich im Grabe ruhen. Kein Grün dünkte mir jemals so grün wie das Gras auf diesem Kirchhofe, keine andern Bäume auch nur halb so schattig, und nichts so lautlos still wie die Grabsteine dort. Wenn, ich frühmorgens in meinem Bettchen knie, das in einer Wandnische in der Schlafstube meiner Mutter steht, so sehe ich die Schafe dort grasen, und die Morgenröte die Sonnenuhr bestrahlen, und ich denke im geheimen: Ob sie sich wohl freut, wieder einen Tag verkünden zu können? Da ist unser Kirchenstuhl. Was er für eine hohe Lehne hat! Und ein Fenster ist in seiner Nähe, durch das man unser Haus sehen kann; und wie oft während des Frühgottesdienstes sieht Peggotty hinüber, ob sich keine Diebe einschleichen oder kein Feuer ausbricht. Aber obschon sie ihre Augen fleißig herumschweifen läßt, nimmt sie es doch sehr übel, wenn ich es so mache und steht mich stirnrunzelnd an, wenn ich auf meinen Sitz steige, um den Geistlichen anzuschauen. Aber ich kann ihn doch nicht immer anschauen – ich kenne ihn ja ohne das weiße Zeug da, das er anhat, und fürchte, daß er sich wundert, warum ich ihn so anstarre, und er dann am Ende gar seine Predigt unterbricht und mich fragt, warum ich das täte – und – was soll ich dann tun? Das Herumgaffen ist wahrhaftig nicht hübsch – aber ich muß doch etwas tun! Ich sehe meine Mutter an: sie tut, als ob sie mich nicht sähe. Ich schaue nach einem Knaben auf dem Chore: der schneidet mir Gesichter. Ich sehe das Sonnenlicht zur offenen Kirchenpforte hereinfallen und ein einzelnes verirrtes Schaf davor, ich meine keinen Sünder damit, sondern einen Hammel, der nicht übel Lust verrät, der Kirche einen Besuch abzustatten. Ich muß fortsehen, denn es ist mir ganz so, als müßte ich laut zu ihm sprechen, und dann – wehe mir! Ich sehe nach den steinernen Gedächtnistafeln an der Wand und bemühe mich an das verstorbene Mitglied dieser Gemeinde Mr. Bodgers zu denken, und an Ms. Bodgers' Trauer, »denn gar schwerer Krankheit Walten hat er christlich ausgehalten; hilflos war der Arzte Kunst.« Ich überlegte, ob sie Mr. Chillip gehabt hätten, und ob der auch »hilflos« gewesen, und ob es ihm lieb ist, allsonntaglich daran erinnert zu werden? Von Mr. Chillip mit seiner Sonntagskrawatte sehe ich wieder zur Kanzel empor und denke, was das für ein schöner Spielplatz wäre, was für eine feine Burg, um sie zu verteidigen, wenn ein anderer Junge die Stufen zum Angriff hinaufstürmte, und ich ihm das Samtkissen mit den Troddeln an den Kopf werfen könnte. Allmählich schließen sich meine Augen, ich glaube in der Schwüle den Geistlichen noch in schläfrigem Tone ein einschläferndes Lied singen zu hören, und dann höre ich nichts mehr, bis ich mit lautem Gepolter von meinem Sitze falle und von Peggotty, mehr tot als lebendig, aufgehoben werde. Und jetzt sehe ich die Außenseite unseres Hauses mit den offenen Jalousien des Schlafzimmers, damit die herrlich duftende Luft hinein kann, und im Hintergrunde des vorderen Gartens immer noch in den hohen Ulmen die zerfetzten alten Krähennester hängen. Jetzt bin ich in dem Garten hinter dem Hofe mit dem leeren Taubenhaus und der Hundehütte – ein wahrer Park für Schmetterlinge, wo die Früchte dicht gedrängt und reifer und schöner, als ich sie irgendwo gesehen, an den Zweigen hängen, und wo meine Mutter in ein Körbchen Obst pflückt, während ich dabei stehe und heimlich ein paar entwendete Stachelbeeren rasch in den Mund stecke, und mich bemühe, ein unschuldiges Gesicht zu machen. Ein starker Wind erhebt sich, und in einem Augenblick ist der Sommer verweht. Wir spielen in dem Winterzwielicht und tanzen in der Stube herum. Wenn meine Mutter außer Atem ist und in einem Lehnstuhle ausruht, so sehe ich, wie sie ihre schönen Locken um den Finger wickelt und das Leibchen glatt zieht, und niemand weiß so gut wie ich, daß sie sich freut, so wohl auszusehen, und stolz ist, so hübsch zu sein. Das sind so einige meiner frühesten Eindrücke, das und ein Bewußtsein, daß wir uns beide ein wenig vor Peggotty fürchteten und in den meisten Dingen ihrer Meinung folgten, war einer meiner Schlüsse – wenn man es so nennen kann – die ich aus dem zog, was ich sah. Peggotty und ich saßen eines Abends allein in der Wohnstube vor dem flackernden Kamin. Ich hatte Peggotty von Krokodilen vorgelesen, und ich muß mit sehr vielem Ausdruck gelesen haben, oder das arme Ding muß sehr wenig interessiert gewesen sein, denn ich erinnere mich, als ich fertig war, hatte sie so eine Idee, daß Krokodile eine Art Gemüse wären. Darauf war ich des Lesens müde und sehr schläfrig, aber da ich besonderer Ursache halber Erlaubnis hatte, aufzubleiben, bis meine Mutter von einem Abendbesuche nach Hause kam, so wäre ich natürlich lieber auf meinem Posten gestorben, als zu Bett gegangen. Ich hatte jetzt jenen Grad von Schläfrigkeit erreicht, wo Peggotty mir immer größer und größer zu werden schien. Ich hielt meine Augenlider mit den beiden Zeigefingern offen und sah sie fest und lang an, wie sie auf ihrem Stuhle saß und unermüdlich arbeitete, sah dann das kleine Stückchen Wachslicht an, mit dem sie ihren Zwirn wichste – das ganz mit Rillen und Furchen durchackerte Wachsklümpchen! – sah das strohgedeckte Häuschen an, worin ihr Ellenbandmaß wohnte, ihr Arbeitskastchen mit dem Schiebedeckel, worauf die St. Paulskirche (die Kuppel rosenrot!) gemalt war, dann ihren messingenen Fingerhut und endlich sie selbst, die mir gar lieblich vorkam. Ich war so schläfrig, daß ich fühlte, so wie ich nur einen Augenblick meine Augen abwendete, würde ich einschlafen. »Peggotty,« fragte ich plötzlich, »bist du einmal verheiratet gewesen?« »Herjeh, Master Davy«, entgegnete Peggotty. »Wie kommst du aufs Heiraten?« Sie fuhr bei meiner Frage so überrascht auf, daß ich darüber ganz wach wurde. Dann hielt sie aber im Nähen inne und sah mich an, indem sie den Faden, so lang er war, straff anzog. »Aber bist du einmal verheiratet gewesen, Peggotty?« fragte ich. »Du bist doch sehr hübsch, nicht wahr?« Allerdings war ihr Typus ein anderer als der meiner Mutter; aber in einer andern Art von Schönheit hielt ich sie für ein vollkommenes Muster, In unserer Putzstube war nämlich ein Fußbänkchen von rotem Samt, auf das meine Mutter einen Strauß gemalt hatte. Dieser Samt und Peggottys Teint schienen mir zum Verwechseln gleich zu sein, Die Fußbank freilich war glatt und weich, und Peggotty war rauh, aber das machte keinen Unterschied. »Ich hübsch, Davy?« sagte Peggotty. »Ach du meine Güte, liebes Kind! Aber wie kommst du nur aufs Heiraten?« »Ich weiß nicht! – Aber du darfst nicht mehr als einen auf einmal heiraten, nicht wahr, Peggotty?« »Gewiß nicht«, sagte Peggotty mit sicherer Entschiedenheit. »Aber wenn du jemand heiratest und der jemand stirbt, dann kannst du einen andern heiraten, nicht wahr, Peggotty?« »Man kann, wenn man Lust hat, liebes Kind«, sagte Peggotty. »Das ist Meinungssache.« »Aber was ist deine Meinung, Peggotty?« sagte ich und blickte sie bei dieser Frage neugierig an, weil sie mich so forschend ansah. »Meine Meinung ist,« sagte Peggotty, als sie nach einiger Unschlüssigkeit ihre Augen von mir abgewendet und wieder zu arbeiten angefangen hatte, »daß ich niemals verheiratet gewesen bin, Master Davy, und daß ich nicht glaube, jemals zu heiraten. Weiter kann ich nichts darüber sagen.« »Du bist doch nicht böse, Peggotty?« sagte ich, nachdem ich ein Weilchen still dagesessen hatte. Ich glaubte wirklich, daß sie es wäre, denn so kurz war sie gewesen, aber ich irrte mich ganz und gar, sie legte ihre Arbeit (einen ihrer Strümpfe) beiseite, öffnete ihre Arme, nahm meinen lockigen Kopf und drückte ihn derb an sich. Daß sie mich derb herzhaft an sich drückte, weiß ich, denn da sie sehr wohlbeleibt war, so pflegten stets, wenn sie ganz angekleidet eine kleine Anstrengung machte, ein paar Knöpfe hinten von ihrem Rocke abzuspringen. Und ich besinne mich, daß diesmal zwei in die andere Ecke des Zimmers flogen, wahrend sie mich umarmte. »Na, nun lies mir noch etwas von den Korkodilliens vor,« sagte Peggotty, »denn ich habe noch lange nicht genug davon.« Ich begriff damals nicht, warum Peggotty so versessen auf ihre Korkodilliens war, aber mit neuer Frische meinerseits kehrten wir also zu den Ungeheuern zurück, ließen sie ihre Eier in den Sand legen und von der Sonne ausbrüten, rissen vor ihnen aus, entrannen ihnen durch plötzliches Umwenden, was sie wegen ihrer Ungelenkigkeit nicht rasch tun konnten, verfolgten sie als Eingeborene bis ins Wässer, steckten ihnen scharf zugespitzte Stücke Holz in den Rachen: kurz und gut, wir nahmen die Krokodile von A bis Z durch. Ich wenigstens tat es, aber über Peggotty hatte ich meinen Zweifel, denn sie stach mit ihrer Nadel gedankenvoll in verschiedene Teile ihres Gesichts und ihrer Arme. Nachdem wir mit den Krokodilen fertig waren, hatten wir mit den Alligatoren angefangen, als es am Gartentür klingelte. Wir gingen hinaus, und draußen stand meine Mutter, die mir ungewöhnlich hübsch vorkam, und neben ihr ein Herr mit schönem schwarzen Haar und schwarzem Backenbart, der uns schon am vorigen Sonntag aus der Kirche nach Hause begleitet hatte. Als meine Mutter auf der Schwelle stehen blieb und mich in ihre Arme nahm und küßte, sagte der Herr, ich sei glücklicher als ein Fürst oder etwas ähnliches. Denn ich merke, hier kommt mir mein späteres Verständnis zu Hilfe. »Was heißt das?« fragte ich ihn über ihre Schulter hinweg. Er klopfte mich auf den Kopf, aber ich konnte weder ihn noch seine tiefe Baßstimme leiden, und es erregte meine Eifersucht, daß seine Hand mich anfaßte und dabei gleichzeitig die meiner Mutter berührte. Und ich schob sie hinweg, so weit ich's vermochte. »Aber Davy!« ermahnte meine Mutter. »Der liebe Junge!« sagte der Herr. »Ich kann seine Zärtlichkeit schon begreifen.« , . Noch nie hatte ich meiner Mutter Antlitz so schön erröten sehen. Sie schalt mich sanft aus wegen meiner Unfreundlichkeit, und sprach, indem sie mich dicht an sich hielt, ihren Dank gegen den Herrn aus, daß er so gütig gewesen war, sie nach Hause zu begleiten. Sie reichte ihm ihre Hand, und als er sie nahm, kam es mir vor, als ob sie mich von seitwärts her rasch anblickte. »Nun laß auch uns gute Nacht sagen, mein kleiner Mann«, sagte der Herr zu mir, nachdem er sich–ich sah es ganz deutlich – über den zierlichen Handschuh meiner Mutter gebeugt hatte. »Gute Nacht!« sagte ich. »Komm! Wir müssen die besten Freunde von der Welt werden!« sagte er lachend. »Gib mir die Hand!« Meine rechte Hand lag in der linken meiner Mutter, deshalb gab ich ihm die andere. »Das ist ja aber die falsche Hand, Davy!« sagte der Herr lachend. Meine Mutter zog meine rechte Hand hervor, aber ich war entschlossen sie ihm nicht zu geben, und tat es auch nicht. Ich reichte ihm die andere, er schüttelte sie kräftig und sagte, ich sei ein wackerer Junge, und ging fort. Noch jetzt sehe ich ihn, wie er sich in der Gartentür umdrehte und uns noch einmal mit seinen unangenehmen schwarzen Augen ansah, ehe sich das Gitter hinter ihm schloß, Peggotty, die kein Wort gesprochen und keinen Finger gerührt hatte, schob sofort den Riegel vor, und wir gingen alle in das Wohnzimmer. Anstatt sich wie gewöhnlich in den Lehnstuhl neben das Feuer zu setzen, blieb meine Mutter heute am andern Ende des Zimmers stehen, und sang dabei leise vor sich hin. »Hoffentlich haben Sie einen angenehmen Abend verlebt, Ma'am«, sagte Peggotty, die so steif wie ein Stock in der Mitte des Zimmers stand und einen Leuchter in der Hand hielt. »Ich danke, Peggotty«, erwiderte meine Mutter mit sehr heiterer Stimme. »Ich habe einen sehr angenehmen Abend verlebt.« »Etwas Fremdes gibt eine angenehme Abwechselung«, bemerkte Peggotty. »Eine sehr angenehme Abwechselung, gewiß«, entgegnete meine Mutter. Da Peggotty regungslos in der Mitte des Zimmers stehen blieb, meine Mutter wieder zu singen anfing, schlief ich ein, obgleich ich nicht so fest schlief, daß ich nicht Stimmen hören konnte, wiewohl ich nicht verstand, was sie sagten. Als ich aus diesem unbehaglichen Schlummer halb erwachte, sah ich, daß Peggotty und meine Mutter in großer Aufregung miteinander sprachen und dabei weinten. »So einer wie dieser hätte Mr. Copperfield nicht gefallen«, behauptete Peggotty. »Das sage ich und das schwöre ich!« »Guter Gott,« rief meine Mutter, »du wirst mich noch zur Verzweiflung treiben! Ist jemals ein armes Mädchen von ihrem Dienstboten so mißhandelt worden! Aber warum tue ich mir das Unrecht, mich ein Mädchen zu nennen? Bin ich niemals verheiratet gewesen, Peggotty?« »Gott weiß, daß es wahr ist, Ma'am«, entgegnete Peggotty. »Wie kannst du dann wagen,« sagte meine Mutter – »das heißt, ich meine nicht, wie du es wagen kannst, Peggotty, sondern wie du es auch nur übers Herz bringen kannst, mir solches Unbehagen zu bereiten und so böse Worte zu sagen, da du doch recht gut weißt, daß ich draußen auf der ganzen Welt keinen einzigen Freund habe.« »Um so mehr habe ich Grund zu sagen, daß es nicht geht«, entgegnete Peggotty. »Nein, es geht nicht, nein; um keinen Preis, nein, nein!« – Ich glaube wahrhaftig, Peggotty wollte den Leuchter hinschleudern, so dramatisch deklamierte sie damit. »Wie kannst du mich nur so ärgern,« sagte meine Mutter und fing von neuem an zu weinen, »und mich so ungerecht verklagen? Wie kannst du reden, als ob alles schon abgemacht wäre, Peggotty, wenn ich dir immer und immer wieder sage, du böses Mädchen, daß außer den gewöhnlichsten Höflichkeiten nichts vorgefallen ist? Du sprichst von Bewunderung – was soll ich tun? Wenn Leute so töricht sind, Bewunderung zu fühlen, ist das meine Schuld? Was soll ich dagegen tun, frage ich dich? Soll ich mir etwa das Haar abscheren lassen, soll ich mir das Gesicht schwärzen, oder mich mit einem Brandfleck oder heißem Wasser oder etwas ähnlichem verunstalten? Ich glaube, du könntest das verlangen, Peggotty, ja ich glaube, du würdest dich noch darüber freuen.« Peggotty schienen diese Zumutungen nicht sonderlich zu Herzen zu gehen. »Und mein lieber Bubi,« rief meine Mutter und kam an meinen Stuhl und liebkoste mich, »mein lieber kleiner Davy! Willst du etwa sagen, es fehle mir an Liebe für mein kostbares Goldkind, für den besten kleinen Buben auf der Welt?« »Kein Mensch hat jemals an so etwas gedacht«, sagte Peggotty. »Du hast es getan, Peggotty!« gab meine Mutter zurück. »Ich weiß, daß du es gemeint hast! Was anders soll ich aus deinen Worten entnehmen, du böses Mädchen, da du doch recht gut weißt, daß ich mir nur seinetwegen im letzten Vierteljahr keinen neuen Sonnenschirm kaufen wollte, obgleich der alte grüne obenherum ganz schlecht ist und die Fransen entzwei sind: Das weißt du, Peggotty, und das kannst du nicht leugnen!« Dann wendete sie sich zärtlich an mich, schmiegte ihre Wange an die meine und sagte: »Bin ich eine böse Mama, Davy? Bin ich eine hartherzige, selbstsüchtige, schlechte Mama? Sage ja, Kind, sage ja, liebes Herz, dann wird dich Peggotty lieben und Peggottys Liebe ist viel, viel besser, als die meine, Davy. Ich liebe dich ja gar nicht, nicht wahr?« Bei diesen Worten fingen wir alle zu weinen an, und soviel ich mich besinnen kann, war ich der lauteste von den dreien, aber wir meinten es sicherlich alle drei gleich aufrichtig. Ich war wie aufgelöst, und ich glaube, daß ich in den ersten Aufwallungen verletzter Zärtlichkeit Peggotty ein Scheusal nannte. Ich besinne mich noch, wie das gute Mädchen in die tiefste Betrübnis geriet und bei dieser Gelegenheit alle ihre Knöpfe verloren haben muß, denn eine ganze Ladung davon sprang ins Zimmer, als sie, nach Versöhnung mit meiner Mutter vor meinen Stuhl hinkniete und das gleiche mit mir tat. Wir gingen alle sehr niedergeschlagen zu Bett. Mein Schluchzen hielt mich noch lange Zeit wach, und als mich ein starker Seufzer im Bette ordentlich in die Höhe hob, sah ich, daß meine Mutter auf dem Gestell saß und sich über mich beugte. Ich schlummerte nun in ihren Armen ein und schlief fest. Ob ich, schon am folgenden Sonntag den Herrn wieder sah oder ob ein größerer Zeitraum dazwischen lag, dessen kann ich mich nicht mehr entsinnen. In der Zeitrechnung bin ich nicht ganz zuverlässig. Aber er war wieder in der Kirche und begleitete uns dann nach Hause, Er kam auch in die Stube, um sich ein schönes Geranium anzusehen, das im Fenster stand. Er schien es nicht besonderer Aufmerksamkeit zu würdigen, aber ehe er uns verließ, bat er meine Mutter, ihm eine Blüte davon zu geben. Sie sagte, er solle sich selbst eine aussuchen, aber das wollte er nicht – ich konnte nicht begreifen, warum – und so pflückte sie eine Blüte ab und gab sie ihm. Er sagte, er werde sich nun und niemals von ihr trennen, und ich dachte, er müsse ein rechter Narr sein, um nicht zu wissen, daß die Blätter in ein oder zwei Tagen verwelkt sein würden. Peggotty fing jetzt an, uns abends weniger oft Gesellschaft zu leisten als früher. Meine Mutter besprach zwar mancherlei mit ihr – viel mehr als gewöhnlich, wie mir schien – und wir vertrugen uns vortrefflich, aber es war doch zwischen uns dreien anders geworden, und wir befanden uns nicht mehr so behaglich wie früher. Manchmal kam es mir vor, Peggotty habe etwas dagegen, daß meine Mutter jetzt immer ihre besten Kleider hervorholte und anzog, die in ihrem Kleiderschränke hingen, dann wieder, daß ihr Mutters häufige Besuche in der Nachbarschaft zuwider waren: doch ich konnte mir nicht klar darüber werden, was es eigentlich war. Allmählich gewöhnte ich mich an den Anblick des Herrn mit dem schwarzen Backenbart. Er gefiel mir nicht besser als von Anfang an, und ich fühlte immer noch in bezug auf ihn dieselbe unbestimmte Eifersucht. Aber wenn ich überhaupt einen Grund dafür hatte, abgesehen von instinktiver kindischer Abneigung, und von der allgemeinen Überzeugung, daß Peggotty und ich meine Mutter auch ohne fremde Hilfe beherrschen konnten: jedenfalls geschah es nicht aus dem Grunde, den ich herausgefunden hatte, wenn ich älter gewesen wäre. Das kam mir nie, auch nicht im entferntesten in den Sinn. Ich vermochte meine Beobachtungen gewissermaßen nur stückweise anzustellen, doch aus diesen Bruchstücken ein Netz zu machen und darin irgendeinen zu fangen, das ging noch über meine Kräfte. An einem Herbstmorgen war ich mit meiner Mutter in dem Garten vor dem Hause, als Mr. Murdstone (ich kannte ihn jetzt unter diesem Namen) vorbeigeritten kam. Er hielt sein Pferd an, um meine Mutter zu begrüßen, und sagte, er ritte nach Lowestoft, um einige Freunde zu besuchen, die dort eine Jacht hätten, und machte scherzend den Vorschlag, mich vor sich aus den Sattel zu nehmen, wenn ich an dem Ritt Gefallen fände. Das Wetter war so wunderschön und die Luft so milde, und dem Pferde selbst schien die Aussicht auf den Ritt sehr zu gefallen, weil es schnaubend und stampfend vor der Gartentür stand, daß ich große Lust fühlte, mitzureiten. Die Mutter schickte mich daher mit Peggotty hinauf, Um Schmuck gemacht zu werden, und unterdessen stieg Mr. Murdstone ab und ging, die Zügel über den Arm geworfen, langsam vor der Hagebuttenhecke auf und ab, während meine Mutter ihm zur Gesellschaft auf der inneren Seite mit ihm Schritt hielt. Ich erinnere mich noch, wie Peggotty und ich aus meinem kleinen Fenster auf sie hinabguckten, ich besinne mich auch noch, wie eifrig sie bei ihrem Spaziergange in den Hagebuttenbusch spähten, und wie Peggotty, die vorher in der besten Laune gewesen war, plötzlich ganz ärgerlich wurde und mein Haar recht derb gegen den Strich bürstete. Mr. Murdstone und ich waren bald unterwegs und trabten auf dem grünen Rasenstreifen neben der Landstraße dahin. Er hielt mich leicht mit einem Arm umfaßt, und ich glaube nicht, daß ich besonders unruhig war; aber ich konnte mich nicht entschließen, vor ihm sitzen zu bleiben, ohne den Kopf umzuwenden und ihm ins Gesicht zu sehen. Er hatte jene Art von seichten schwarzen Augen– ich habe kein besseres Wort für ein Auge, das keine Tiefe hat, in die man hineinblicken könnte – die durch ein eigentümliches Spiel des Lichts zu schielen scheinen, wenn sie nachsinnend blicken. Mehrmals, wenn ich ihn ansah, bemerkte ich mit einer Art Scheu diesen Blick, und fragte mich, worüber er wohl nachdenken möge. Sein Haupthaar und sein Bart waren, in der Nähe betrachtet, noch schwärzer und dichter, als ich je geglaubt hätte. Die eckigstarken Kinnladen und die bläulichen Schatten, die von dem sorgfältig rasierten Barte übrig blieben, erinnerten mich an eine Wachsfigur, die vor einem halben Jahre in unserer Gegend gezeigt worden war. Dieses, seine regelmäßigen Augenbrauen und das schöne Weiß, Schwarz und Braun seines Teints – verwünscht sei sein Teint und sein Gedächtnis! – all dieses machte, daß ich ihn trotz meiner bangen Ahnungen für einen sehr schönen Mann hielt. Ich bezweifle gar nicht, daß meine arme Mutter ganz derselben Meinung war. Wir gingen nach einem am Meere belegenen Gasthofe, wo zwei Herren in einem eigenen Zimmer Zigarren rauchten. Jeder von ihnen räkelte sich auf mindestens vier Stühle hingestreckt und hatte eine zottige Matrosenjacke an. In einem Winkel lagen auf einem Haufen übereinander Überröcke und Schifferjacken und eine Flagge, Sie stolperten beide schwerfällig in die Höhe, als wir eintraten, und riefen: »Holla, Murdstone! Wir dachten, Ihr wäret tot!« »Noch nicht«, sagte Mr. Murdstone. »Und wer ist dieser kleine Mann?« sagte einer der Herren, und faßte mich beim Arme. »Das, ist Davy«, gab Mr. Murdstone zur Antwort. »Davy Wer?« sagte der Herr. »Jones?« »Copperfield«, sagte Mr. Murdstone. »Was? ein Sprößling der himmlischen Mrs. Copperfield?« rief der Hell. »Von der reizenden kleinen Witwe?« »Quinion, sagte Mr. Murdstone, »bitte mit Vorsicht, Jemand ist schlau.« ^ »Wer?« fragte der Herr lachend. Ich blickte rasch auf, denn ich war neugierig es zu erfahren. »Ach, nur Brooks von Sheffield«, sagte Mr. Murdstone. Ich fühlte mich ordentlich erleichtert, als ich erfuhr, daß es nur Brooks von Sheffield sei, denn anfangs glaubte ich wirklich, man meine mich. Mr. Brooks von Sheffield schien aber außerordentlich komische Erinnerungen zu erregen, denn beide Herren lachten recht Herzlich, als sie seinen Namen hörten, und auch Mr. Murdstone amüsierte sich köstlich darüber. Nach einigem Lachen sagte der Herr, den er Quinion genannt hatte: »Und was ist des Mr. Brooks von Sheffield Meinung über das beabsichtigte Geschäft?« »Hm! Ich weiß nicht, ob Brooks vorderhand viel davon weiß,« entgegnete Mr. Murdstone; »aber ich glaube im allgemeinen ist er dem Plan nicht besonders günstig.« Darüber wurde viel gelacht, und Mr. Quinion sagte, er wolle nach Sherry klingeln, um auf Brooks Gesundheit zu trinken. Das tat er, und als der Wein kam, schenkte er mir ein Gläschen voll ein, hieß mich aufstehen und vor dem Trinken sagen: »Daß dich der Deixel – Brooks von Sheffield!« Der Toast wurde mit großem Beifall und so schallendem Gelächter aufgenommen, daß ich selbst mitlachen mußte, worüber sie noch mehr lachten. Kurz, wir waren sehr vergnügt miteinander. Wir gingen danach auf den Klippen des Strandes spazieren und fetzten uns ins Gras und guckten nach verschiedenen Dingen durch das Teleskop – ich konnte nichts sehen, als sie es mir vor das Auge hielten, obgleich ich so tat – und dann kehrten wir nach, dem Gasthofe zurück, um zeitig zu Mittag zu essen. Während unseres Spazierganges rauchten die beiden Herren in einem fort – was sie, nach dem Dufte ihrer Schifferjacken zu urteilen, unaufhörlich seit dem Tage getan haben mußten, an dem sie die Jacken vom Schneider erhielten. Ich darf auch nicht zu berichten vergessen, daß wir die Jacht besuchten, wo sie alle drei in die Kajüte hinabgingen und sich mit einigen Papieren zu tun machten. Ich sah sie damit sehr eifrig beschäftigt, als ich durch das offene Lukenfenster hinabblickte. Diese ganze Zeit über ließen sie mich in Gesellschaft eines sehr netten Mannes mit einem starken Schopf roter Haare und einem sehr kleinen lackierten Hut darauf; er trug ein buntgestreiftes Hemd, mit dem Worte »Seemöve« in großen Buchstaben quer über die Brust. Ich glaubte, es sei sein Name und er schreibe ihn auf die Brust, weil er auf dem Schiffe wohnte und daher seinen Namen an keine Haustür schlagen könnte; als ich ihn aber Mr. Seemöve nannte, sagte er, das Schiff heiße so. Den ganzen Tag über bemerkte ich, daß Mr. Murdstone ernster und gesetzter war, als die andern beiden Herren. Diese waren sehr lustig und ungeniert; sie trieben ihren Scherz miteinander, aber selten mit ihm. Er schien mir klüger und kälter als sie, und sie mochten ihn ziemlich mit denselben Gefühlen einer gewissen Scheu betrachten wie ich. Auch kann ich mich nicht erinnern, daß Mr. Murdstone den ganzen Tag über gelacht hätte, außer über den Witz mit Brooks von Sheffield – und das war, beiläufig gesagt, sein eigener Witz. Zeitig gegen Abend traten wir wieder den Heimweg an. Es war ein sehr schöner Abend, und meine Mutter und er machten einen zweiten Spaziergang am Hagebuttenstaket, während sie mich zum Tee hinauf schickte. Als er fort war, fragte mich meine Mutter begierig aus über das, was ich den Tag über gesehen und gehört hätte. Ich erzählte, was sie über sie geäußert hatten, und sie lachte und sagte, es wäre unverschämtes, junges Volk, das Unsinn schwatze, – aber ich wußte, daß es ihr Vergnügen machte; ich wußte es damals gerade so gut wie jetzt. Darauf fragte ich sie, ob sie einen gewissen Mr. Brooks von Sheffield kenne, aber sie erwiderte, nein, sie glaube indessen, es müsse wohl ein Stahlwarenfabrikant sein. Soviel Grund ich auch habe, mich ihres nachmals so veränderten Gesichts, zu erinnern – kann ich sagen, daß es in seiner unschuldsvollen, mädchenhaften Schöne für immer dahin ist, wenn ich es jetzt noch so leuchtend klar vor mir stehen sehe, wie das des nächsten besten Menschen, der mir im Straßengewühl begegnet? Wenn ich noch jetzt den Hauch ihres Mundes auf meiner Wange zu verspüren glaube, wie ich ihn an jenem Abende verspürte? Darf ich sagen, daß sie sich je verändert hat, wenn sie mir meine Erinnerung immer nur so wieder ins Leben zurückruft und, treuer der Jugendliebe als ich oder ein Mann es je gewesen ist, die damals geliebte Gestalt noch immer festhält? ... Ich schildere sie mit denselben Zügen, wie sie war, als ich nach dieser Unterhaltung zu Bett gegangen war und sie noch einmal zu mir kam, um mir gute Nacht zu sagen. Sie kniete neben meinem Bett nieder, legte das Kinn auf ihre Hände und fragte lachend: »Was sagten sie, Davy? Sage es noch einmal! Ich kann es nicht glauben,« »Die Himmlische –« fing ich an. Meine Mutter legte mir die Hand auf den Mund. »Die Himmlische gewiß nicht«, sagte sie lachend. »Himmlisch kann es nicht gewesen sein, Davy. Das weiß ich jetzt ganz bestimmt, daß es nicht so ist!« »Doch! Die Himmlische Mrs. Copperfield,« wiederholte ich standhaft, – »und reizend!« »Nein, nein, reizend gewiß nicht, nicht reizend!« unterbrach mich meine Mutter und legte mir wieder die Hand auf den Mund. »Und sie sagten es doch. ›Die reizende kleine Witwe!‹« »Was für närrische, unverschämte Menschen!« rief meine Mutter lachend und bedeckte ihr Gesicht mit den Händen. »Wie lächerlich! Nicht wahr? Lieber Davy –« »Ja, Ma.« »Sage Peggotty nichts davon; sie könnte sonst böse auf die Herren werden. Ich bin auch sehr böse auf sie; aber es ist besser, Peggotty erfährt nichts davon.« Ich versprach es natürlich, wir küßten uns noch vielmals zur »Guten Nacht«, und bald lag ich in festem Schlafe. Es kommt mir jetzt noch so vor, als ob mir Peggotty schon am Tage darauf den seltsamen Vorschlag gemacht hatte, den ich sogleich erzählen will; aber wahrscheinlich geschah es erst zwei Monate später. Wir saßen wieder eines Abends, als meine Mutter auf Besuch war, in Gesellschaft mit dem Strumpfe, dem Ellenmaß, dem Stückchen Wachslicht und dem Arbeitskästchen mit der St. Paulskirche auf dem Deckel, und dem Krokodilenbuch, als Peggotty, nachdem sie mich mehrmals angeblickt und den Mund aufgetan hatte, als ob sie sprechen wollte, ohne dazu zu kommen – was ich für Gähnen hielt, sonst hätte es mich beunruhigt –endlich mit schmeichelnder Stimme sagte: »Master Davy, wie wäre es denn, wenn du mit mir auf vierzehn Tage meinen Bruder in Darmouth besuchtest? Wäre das nicht herrlich?« »Ist dein Bruder ein netter Mann, Peggotty?« fragte ich vorsichtigerweise. »O was für ein netter Mann«, rief Peggotty und hielt die Hände in die Höhe. »Dann ist das Meer da und die Boote und Schiffe und die Fischer und der Strand und Ham als Spielkamerad –« Ham war jener Neffe Peggottys, der schon in meinem ersten Kapitel vorgekommen ist, und den sie stets um seinen Anfangsbuchstaben verkürzte. Ihre Aufzählung dieser Genüsse von Darmouth versetzte mich ganz in Aufregung, und ich erwiderte, daß es freilich herrlich wäre, aber was wohl die Mutter dazu sagen würde. »Ich will eine Guinee wetten,« sagte Pegotty, mich dabei scharf prüfend, »daß sie uns Erlaubnis zur Reise gibt. Wenn du willst, frage ich sie, sobald sie nach Hause kommt.« »Aber was soll sie machen, während wir dort sind?« sagte ich und stemmte meine kleinen Ellbogen auf den Tisch, um die Sache gründlich durchzusprechen. »Sie kann doch nicht allein bleiben!« Wenn Peggotty ganz plötzlich nach einem Loche im Hacken des Strumpfes fahndete, so muß es wahrhaftig ganz, ganz klein und des Stopfens nicht wert gewesen sein, »Peggotty! Ich sage, sie kann doch nicht allein bleiben!« »O du meine Güte!« sagte Peggotty und sah mich endlich wieder an. »Weißt du es noch nicht? Sie geht auf vierzehn Tage zum Besuch zu Mrs. Grayper. Mrs. Grayper bekommt viele, viele Gäste.« O! wenn sich die Sache so verhielt, dann war ich ganz bereit zur Reise. In der größten Ungeduld wartete ich, bis meine Mutter von Mrs. Grayper (denn das war die Nachbarin) nach Hause kam, um zu erfahren, ob sie mit dem hochfliegenden Plane einverstanden sei? Ohne so überrascht zu sein, wie ich erwartet hatte, ging meine Mutter bereitwillig darauf ein, und die Sache wurde diesen Abend noch abgemacht und festgesetzt, was an Wohnung und Kost für mich während der vierzehn Tage zu bezahlen sei. Der Tag der Abreise kam bald. Er war so nahe angesetzt, daß er selbst für mich bald kam, obgleich ich von fieberhafter Ungeduld erfüllt war und fast fürchtete, ein Erdbeben oder ein feuerspeiender Berg oder der Eintritt einer andern großen Katastrophe könnte die Reise verhindern. Wir sollten mit einem Fuhrmann reisen, der immer morgens nach dem Frühstück abfuhr. Ich hätte viel Geld für die Erlaubnis gegeben, mich über Nacht in den Mantel wickeln und schon reisefertig mit Hut und Stiefeln schlafen zu dürfen. Es rührt mir jetzt noch das Herz, obgleich ich es in kalten Worten erzähle, wenn ich daran denke, wie ungeduldig ich mich von dem glücklichen heimischen Herd wegsehnte und wie wenig ich ahnte, wieviel ich auf immer verlieren sollte. Es freut mich, wenn ich daran denke, daß, als der Fuhrmann mit seinem Wagen vor der Tür stand und meine Mutter mich küßte, meine zärtliche Liebe zu ihr und zu dem alten Hause, das ich noch nie verlassen hatte, mich weinen machte. Es freut mich, zu wissen, daß auch meine Mutter weinte und daß ich ihr Herz an dem meinigen schlagen fühlte. Es freut mich, wenn ich daran denke, daß, als der Wagen fortfuhr, meine Mutter noch einmal zur Gartentür hinausgelaufen kam und dem Fuhrmann zurief, anzuhalten, damit sie mich noch einmal küssen könne. Wie beglückt rufe ich mir die Innigkeit ins Gedächtnis, mit der sie ihr Antlitz zu dem meinen aufhob und mich küßte. Als sie dann, uns nachblickend, mitten auf der Straße stand, trat Mr. Murdstone hinzu und schien ihr Vorstellungen über ihre große Erregtheit zu machen. Ich blickte um den Plan des Wagens herum nach ihr zurück und wunderte mich, was ihn eigentlich die ganze Sache anging? Peggotty, die auf der andern Seite gleichfalls aus dem Wagen hinaussah, schien nichts weniger als zufrieden zu sein, wie ihr Gesicht verriet, als sie wieder ruhig im Wagen saß. Ich saß eine Zeitlang stumm neben Peggotty, betrachtete sie aufmerksam und war ernstlich beschäftigt mit der Lösung der Frage, ob, im Falle sie mich vom Hause entführen sollte, wie den Knaben im Märchen, ich imstande sein werde, vermittels der Knöpfe, die sie verlor, den Heimweg glücklich wieder aufzufinden. Drittes Kapitel. Eine Veränderung. Das Pferd des Fuhrmanns war, wie es mir vorkam, das faulste Pferd auf der ganzen Welt, und schlich mit gesenktem Kopfe die Straße entlang, als ob es ihm Spaß machte, die Leute, denen es Sendungen brachte, warten zu lassen. Ja, mir kam es manchmal vor, als ob es bei diesem Gedanken vernehmlich in sich hinein kicherte, aber der Fuhrmann sagte, es habe nur den Husten. Der Fuhrmann ließ auch den Kopf hängen wie sein Pferd und nickte im Fahren schläfrig, die Arme auf das Knie gestützt. Ich brauche das Wort »fahren«, aber mir schien es fast, als ob der Wagen ebensogut auch ohne ihn nach Darmouth gekommen wäre, denn das Pferd tat alles allein, und was die Unterhaltung betrifft, so ließ er es beim Pfeifen bewenden. Peggotty hatte vor sich auf den Knien einen Korb mit Eßwaren, der reichlich bis London gereicht hätte. Wir aßen viel und schliefen viel, und Peggotty stützte beim Schlafen immer das Kinn auf den Henkel des Korbes, den sie nie losließ; und ich hätte es nicht geglaubt, wenn ich es nicht gehört hätte, daß ein einziges Weib so stark schnarchen könnte. Wir machten so viel Kreuz- und Querwege und brauchten so viel Zeit, um eine Bettstelle an einem Wirtshaus abzuladen und an verschiedenen Orten anzuhalten, daß ich ganz müde und recht froh war, als wir endlich Darmouth erblickten. Es sah mir sozusagen ziemlich grau und schmuddelig aus, als mein Auge die weite einförmige Öde über den Fluß drüben musterte, und ich fragte mich verwundert, wie es kommen möge, daß, wenn die Welt wirklich so rund wäre, wie mein Geographiebuch sagte, ein Teil davon so flach sein könnte. Aber dann fiel mir ein, daß Darmouth an einem Pole liegen könnte, was die Fläche erklärt hätte. , Als wir etwas näher kamen und die ganze Landschaft sich wie ein gerader schmaler Streifen am Himmel abzeichnete, bemerkte ich gegen Peggotty, daß ein kleiner Hügel oder so etwas der Aussicht nichts schaden könnte; ferner, daß es gar nicht übel wäre, wenn das Land etwas besser vom Meere getrennt und Stadt und Flut nicht so sehr wie Brotsuppe untereinander gespült wären. Aber Peggotty sagte mit größerem Ausdruck als gewöhnlich, daß wir die Dinge nehmen müßten, wie wir sie fanden, und daß sie ihrerseits stolz sei, ein Bückling von Darmouth Ein Spitzname der Darmouther. zu sein. Als wir in die Straßen einfuhren, die mir wunderbar genug vorkamen, und die Fische und das Pech und das Werg und den Teer rochen, die Matrosen herumschlendern sahen und die Karren über die Steine rasseln hörten, fühlte ich, daß ich einem so geschäftigen Orte Unrecht getan hatte, und sprach dies gegen Peggotty aus, die meine Ausrufe der Freude mit innerem Behagen anhörte und sagte, es sei bekannt (wahrscheinlich denen, die den Vorzug hatten »Bücklinge« zu sein), daß Yarmouth alles in allem genommen die schönste Stadt der Welt wäre. ' »Da ist ja mein Am!« schrie Peggotty überrascht auf, »und so gewachsen ist er, daß man ihn gar nicht mehr erkennt!« Ham erwartete uns am Gasthaus und erkundigte sich wie ein alter Bekannter nach meinem Befinden. Anfangs kam es mir natürlich nicht so vor, als ob ich ihn so gut kennte als er mich, weil er seit der Nacht, wo ich geboren wurde, nicht wieder in unser Haus gekommen war, und dadurch hatte er also in dieser Hinsicht einen Vorteil vor mir voraus. Aber unsere Vertraulichkeit nahm alsbald sehr zu, als er mich auf seinem Rücken nach Hause trug. Er war ein gewiß sechs Fuß hoher, breitbrüstiger und starkschulteriger Bursche geworden mit einem verlegengrinsenden Knabengesicht und blondgeringeltem Haar, was ihm ein etwas schafiges Aussehen verlieh. Er hatte eine Segeltuchjacke an und Hosen von so stocksteifem Zeug, daß sie ganz von selbst, ohne Menschenbeine darin, aufrecht gestanden hätten. Einen eigentlichen Hut trug er gerade nicht, aber er hatte etwas Schwarzes obendrauf sitzen wie alte Dachpappe auf einein Hause. Ham trug mich also auf dem Rücken, und ein kleines Kistchen, das wir mitgebracht hatten, nahm er unter den Arm, während Peggotty einen zweiten Kasten trug, und so gingen wir durch Seitengäßchen, wo der Boden mit Abfall von Zimmerholz und kleinen Sandhäufchen bedeckt war, an Gasanstalten und Schmieden, an Seilerwerkstätten und Zimmerplätzen vorbei, wo Schiffe und Boote gebaut, auseinandergelegt, kalfatert und aufgetakelt wurden, bis wir auf die einförmige Fläche kamen, die ich schon von weitem gesehen hatte. Da rief Ham: »Da ist unser Haus, Master Davy!« Ich sah mich nach allen Seiten um, so weit ich konnte, und ließ meine Augen über die flache Ebene, über das Meer und über den Fluß schweifen, aber nirgends konnte ich ein Haus entdecken. Dagegen lag, nicht weit von uns, hoch auf eine kleine trockene Bodenerhebung aus der Flut gezogen, ein schwarzes, ausrangiertes Boot oder sonst etwas Fahrzeugähnliches mit einem eisernen als Schornstein dienenden Gußrohr, das gemütlich rauchte; aber sonst erblickte ich nichts, was einer Wohnung ähnlich gesehen hätte. »Ist es das dort?« sagte ich. »Das Ding da, das wie ein Schiff aussieht?« »Das ist's, Master Davy«, erwiderte Ham. Ich glaube, selbst wenn es Aladdins Palast mit dem Ei des Vogels Rock und allem sonstigen zauberischem Zubehör gewesen wäre, so hätte ich mich nicht mehr über den romantischen Gedanken, darin zu wohnen, freuen können. In die Seitenwand war eine bewundernswerte Tür geschnitten, die überdacht war, und daneben waren richtige kleine Fenster. Aber der wunderbarste Reiz für mich war, daß es ein wirkliches Boot war, das gewiß hundertmal, auf dem Wasser geschwommen hatte und niemals bestimmt gewesen war, auf dem Trockenen zur Wohnung zu dienen: Gerade das bezauberte mich ganz und gar. Wenn es ursprünglich zu einer Wohnung bestimmt gewesen wäre, so hätte es mir vielleicht klein und eng und unbequem oder allzu abgelegen geschienen: da es aber nie zu dem Zwecke einer Wohnung hatte dienen sollen, so kam es mir ganz vollkommen vor als Aufenthaltsort. Im Zimmer war es außerordentlich reinlich und so schmuck wie möglich. Ein Tisch war vorhanden und eine Holländer Wanduhr und eine Kommode; auf der Kommode stand ein Präsentierbrett, bemalt mit einer spazierenden Dame, die einen Sonnenschirm trug und einen soldatisch aussehenden Knaben an der Hand führte, der einen Reifen rollte. Das Präsentierbrett wurde durch eine Bibel vom Herunterrutschen bewahrt, und wenn es umgefallen wäre, so hätte es eine Anzahl Tassen und eine Teekanne zerschlagen, die um die Bibel gruppiert waren. An den Wänden hingen ein paar gewöhnliche kolorierte Bilder aus der heiligen Schrift unter Glas und Rahmen, wie ich sie seitdem nie wieder auf Jahrmärkten sehen konnte, ohne daß gleich das ganze Innere von dem Hause des Peggottyschen Bruders deutlich vor mir stand, Gin roter Abraham, der einen blauen Isaak opfern wollte, und ein gelber Daniel in einer Höhle unter grünen Löwen waren am hervorstechendsten. Über dem kleinen Kaminsims hing ein Bild des Luggers Sarah Jane, in Sunderland gebaut, und an dem Gemälde war am Stern ein wirklicher kleiner Schiffsspiegel von Holz angebracht, so daß ich dieses Kunstwerk, in dem sich die Malerei mit der Zimmerkunst vereinte, für als das beneidenswerteste Besitztum der Welt hielt. An den Deckbalken bemerkte ich ein paar Haken, deren Bestimmung ich nicht gleich erraten konnte, und dann gab's noch einige Schiffskisten und Koffer in den Winkeln, die zugleich als Sitze für die fehlenden Stühle dienten. Alles dies sah ich gleich auf den ersten Blick – nach Art der meisten Kinder, wie ich behaupte – und dann machte Peggotty eine kleine Tür auf und zeigte mir mein Schlafstübchen. Es war das vollkommenste und behaglichste Schlafstübchen, das ich jemals gesehen hatte – und lag gerade im Heck des Bootes, mit einem kleinen Fenster, wo früher das Steuer hindurchgegangen war, mit einem kleinen Spiegel, für mich gerade in richtiger Höhe an die Wand genagelt und mit Austernschalen eingefaßt, mit einem kleinen Bett und davor gerade Platz genug, um hinein zu kriechen, und mit einem Strauß von Seegras in einem blauen Krug auf dem Tisch. Die Wände waren so weiß getüncht wie Milch, und die aus Resten zusammengesetzte Steppdecke auf dem Bette blendete meine Augen fast durch ihren schneeigen Glanz. Etwas, was mir in diesem allerliebsten Hause besonders auffiel, war der Fischgeruch, der so durchdringend war, daß mein Taschentuch, als ich es einmal herausnahm, um mir die Nase zu putzen, gerade so roch, als ob ein Hummer darin eingewickelt gewesen wäre. Als ich diese Entdeckung Peggotty im Vertrauen mitteilte, sagte sie mir, daß ihr Bruder mit Hummern, Krabben und Krebsen handle; und später fand ich, daß immer ein Haufen von diesen Geschöpfen im Zustande eines wunderlichen Konglomerats draußen in einem kleinen hölzernen Schuppen, in dem Töpfe und Kessel hingen, aufbewahrt wurde, und daß die Zangentiere nach allem packten, was in ihre Nähe geriet. Uns empfing eine sehr höfliche Frau mit einer weihen Schürze, die ich schon in der Tür hatte knicksen sehen, als ich auf Hams Rücken noch eine gute Strecke vom Hause entfernt war. Neben ihr stand ein sehr schönes kleines Mädchen (so kam es mir wenigstens vor) mit einem Halsband von blauen Glasperlen. Das Kind ließ sich aber nicht küssen, als ich mich dazu anschickte, sondern rannte fort und versteckte sich. Später, als wir ein opulentes Mittagsessen, bestehend aus gekochten Flundern, geschmolzener Butter und Kartoffeln und einem Schöpskotelett extra für mich, zu uns genommen hatten, kam ein stark behaarter Mann mit einem sehr gutmütigen Gesicht nach Hause. Da er Peggotty »Mädel« nannte und ihr einen derben Schmatz auf die Backe gab, schloß ich aus der sonstigen Züchtigkeit ihres Benehmens, daß es ihr Bruder sei, und das war auch der Fall, und er wurde mir als Mr. Peggotty, der Herr vom Hause, vorgestellt. »Freut mich, Sie zu sehen, Sir«, sagte Mr. Peggotty. »Sie werden sehen, wir find einfache, aber ehrliche Leute.« Ich dankte ihm und gab zur Antwort, daß ich mich an einem so reizenden Orte gewiß wohl befinden würde. »Wie befindet sich Ihre Mama, Sir?« sagte Ml. Peggotty. »Haben Sie sie recht munter und frisch verlassen?« Ich gab Mr. Peggotty zu verstehen, daß sie so munter und frisch sei, wie ich nur wünschen könnte, und daß sie mir aufgetragen, ihm Empfehlungen auszurichten – was eine kleine Höflichkeitsflunkerei meinerseits war. »Da danke ich schönstens, allerschönstens!« sagte Mr. Peggotty. »Nun also, Sir, wenn Sie auf vierzehn Tage mit der dort« – er nickte seiner Schwester zu – »und Ham und der kleinen Emilie vorliebnehmen, wollen, so wird uns Ihr Besuch eine große Ehre sein.« Nachdem Mr. Peggotty die Honneurs seines Hauses auf so gastfreundliche Weise gemacht hatte, ging er hinaus, um sich in einem Kessel warmen Wassers abzubrühen, denn »kaltes Wasser kriegte den Jux nicht herunter« meinte er. Er kehrte bald zurück, in seinem Aussehen bedeutend verschönert, aber so gelötet, daß ich mich des Gedankens nicht entschlagen konnte, daß sein Gesicht mit den Hummern und Krebsen das gemein habe, daß sie sehr schwarz in das warme Wasser hinein und sehr rot wieder heraus kämen. Als nach dem Tee die Tür »dicht gemacht« und die Fensterladen vorgesetzt waren – denn die Nächte waren kalt und nebelig – erschien mir das Haus als die allerprächtigste Wohnung, die sich die Phantasie eines Menschen nur ausmalen konnte. Den Wind draußen auf dem Meere brausen zu hören, zu wissen, daß sich der Nebel über die öden Dünenflächen ausbreite, und in das Feuer zu sehen und zu denken, daß auf der ganzen weiten Ebene nur dies eine Wohnung war, und diese Wohnung ein Boot: es war wirklich rein märchenhaft! Die kleine Emilie hatte ihre Blödigkeit überwunden und saß neben mir auf der niedrigsten und kleinsten der Schiffskisten, die gerade groß genug für uns beide war und sich genau in die Kaminecke einpaßte. Mrs. Peggotty mit der weißen Schürze strickte auf der andern Seite des Feuers; Peggotty war bei ihrer Arbeit ebenso zu Hause mit der St. Paulskirche und dem Stückchen Wachslicht, als ob sie nie unter einem andern Dache gehaust hätte. Ham, der mir die erste Lektion im »schwarzen Peterspiel« erteilt hatte, suchte herauszubringen, wie man aus den Karten wahrsagen könnte, und drückte mit seinen Fingern tranige Spuren auf jede Karte, die er anfaßte. Mr. Peggotty rauchte seine Pfeife, und ich fühlte, es war nun die Zeit zu Unterhaltung und traulichem Gespräch gekommen. »Mr. Peggotty!« fing ich an. »Sir!« antwortete er. »Haben Sie Ihren Sohn Ham genannt, weil Sie in einer Art von Arche Noa wohnen?« Mr. Peggotty schien das für einen tiefen Gedanken zu, halten, aber er antwortete: »Nein, Sir. Ich habe ihm überhaupt nie keinen Namen gegeben.« »Wer aber hat ihm denn diesen Namen gegeben?« fragte ich neugierig weiter. »Sein Vater hat ihm diesen Namen gegeben«, sagte Mr. Peggotty. »Ich dachte, Sie waren sein Vater?« »Mein Bruder Joe war sein Vater«, sagte Mr. Peggotty. »Tot, Mr. Peggotty?« fragte ich nach einem schonenden Zögern. »Tot und ertrunken«, sagte Mr. Peggotty. Ich war sehr erstaunt, daß Mr. Peggotty nicht Hams Vater war und fing mich an zu fragen, ob ich mich etwa auch über sein Verwandtschaftsverhältnis zu den andern Anwesenden irre. Ich war so begierig, darin Klarheit zu haben, daß ich mich entschloß, es um jeden Preis aus Mr. Peggotty herauszukriegen. »Die kleine Emilie«, sagte ich mit einem Blick auf das Mädchen, »ist Ihre Tochter, nicht wahr, Mr. Peggotty?« »Nein, Sir. Mein Schwager Tom war ihr Vater.« Ich konnte mich nicht halten und: »Tot, Mr. Peggotty?« fragte ich zögernd nach einer Anstandspause. »Tot und ertrunken«, sagte Mr. Peggotty. Ich fühlte die Schwierigkeit, die Sache von neuem aufzunehmen, aber sie war noch nicht ganz ergründet, und das mußte sie jedenfalls sein. So fragte ich denn abermals: »Haben Sie keine Kinder, Mister Peggotty?« »Nein, Master«, gab er mit einem kurzen Lachen zur Antwort. »Ich bin unverheiratet.« »Unverheiratet?« rief ich ganz verwundert. »Aber wer ist denn das da, Mr. Peggotty?« fragte ich und wies auf die Frau mit der weißen Schürze und dem Strickzeug. »Das ist Mrs. Gummidge«, erklärte Mr. Peggotty. »Gummidge, Mr. Peggotty?« Aber hier machte Peggotty – ich meine unsere Peggotty – so nachdrückliche Gebärden, nicht länger zu fragen, daß ich nichts weiter tun konnte, als die schweigende Gesellschaft stumm anzusehen, bis wir zu Bett gingen. Dann in meinem eigenen Zimmerchen belehrte sie mich, daß Ham und Emilie beides Waisen seien, ein Neffe und eine Nichte, die ihr Bruder zu verschiedenen Zeiten in ihrer frühesten Kindheit zu sich genommen hatte, als sie vereinsamt zurückgeblieben waren, und daß Mrs. Gummidge die Witwe eines Mannes sei, der früher mit ihm gemeinschaftlich ein Boot besessen hätte und sehr arm gestorben war. Ihr Bruder sei auch nur ein armer Mann, sagte Peggotty, aber so echt wie Gold und so treu wie Stahl –: das waren ihre Gleichnisse! Er würde nur heftig und fluchte nur, fuhr sie in ihrer Erläuterung fort, wenn man auf sein gutes Herz anspielte; wenn jemand nur darauf andeutete, so schlug er heftig auf den Tisch (und er habe ihn dabei einmal in Stücke gehauen) und schwur einen fürchterlichen Eid, daß er verdöbelholmert sein wollte, wenn er nicht auf und in die weite Welt ginge, sobald man noch einmal davon anfange. Auf meine Nachfrage stellte sich heraus, daß niemand die Etymologie dieses schrecklichen Wortes »verdöbelholmert sein« kannte, aber alle stimmten darin überein, daß es ein höchst feierlicher und entsetzlicher Schwur sei. Ich bekam natürlich einen gewaltigen Eindruck durch die Herzensgüte meines Wirtes und hörte mit einem Gefühl sehr wohltuender Gemütlichkeit, die durch meine Schläfrigkeit noch vermehrt wurde, wie die weibliche Hälfte der Bewohnerschaft in einer zweiten kleinen Kajüte am andern Ende des Bootes zu Bett ging und wie er und Ham für sich zwei Hängematten an den früher erwähnten Haken an den Deckbalken befestigte. Wie mich der Schlaf allmählich überwältigte, hörte ich draußen auf dem Meere den Wind so heulen und so gewaltig über die öde Strandfläche blasen, daß mich im halben Traume die Furcht überkam, das Meer könnte während der Nacht austreten und das Land überfluten. Aber ich tröstete mich damit, daß wir ja in einem Boote wohnten und daß es kein übel Ding wäre, einen Mann wie Mr. Peggotty an Bord zu haben, wenn wirklich irgend etwas vorfallen sollte. Es kam jedoch nichts Schlimmeres, als daß es Morgen wurde. Sobald er seine Strahlen auf den Spiegel mit dem Austernschalenrahmen warf, war ich aus dem Bett heraus und mit der kleinen Emilie draußen am Strande und suchte Steine. »Du bist wohl ein ganzer kleiner Matrose«, sagte ich zu Emilien. Ich glaube nicht, daß ich selber etwas derartiges glaubte, aber ich suhlte, es sei galant, ihr etwas derartiges zu sagen, und ein glänzendweißes Segel dicht neben uns spiegelte sich gerade als ein so hübsches kleines Bild in ihrem hellen Auge, daß mir diese Worte fast ungewollt in den Kopf kamen. »Nein,« erwiderte Emilie kopfschüttelnd, »ich fürchte mich vor dem Meere.« »Fürchten!« sagte ich mit zeitgemäßer Kühnheit und sah den mächtigen Ozean mit einer kecken Miene an. »Ich nicht!« »Ach! es ist so böse«, sagte Emilie. »Ich habe es sehr böse gesehen gegen unsere Leute. Ich habe gesehen, wie es ein Boot, so groß wie unser Haus, in lauter Stücke zerriß.« »Das war doch nicht das Boot, mit dem –« »Der Vater ertrank?« sagte Emilie. »Nein, das war es nicht; das habe ich nie gesehen.« »Auch ihn nicht?« fragte ich weiter. Die kleine Emilie schüttelte den Kopf. »Kann mich nicht an ihn erinnern.« Hier war eine merkwürdige Ähnlichkeit in unserem Leben! Ich erzählte ihr sogleich haarklein, wie auch ich niemals meinen Vater gesehen hatte, und wie meine Mutter und ich stets allein in der größten Zufriedenheit gelebt hätten und noch so lebten und immer so leben wollten, und wie meines Vaters Grab auf dem Gottesacker nicht weit von unserem Hause sei, beschattet von einem Baume, unter dessen Zweigen ich an manchem schönen Morgen gesessen und dem Gesänge der Vögel gelauscht hätte. Aber zwischen Emiliens Verwaisung und der meinigen stellten sich doch noch einige kleine Unterschiede heraus, Sie hatte ihre Mutter schon vor dem Vater verloren, und wo ihres Vaters Grab war, wußte niemand, außer, daß er irgendwo im tiefsten Meere ruhte. »Und außerdem«, sagte Emilie, während sie nach Muscheln und bunten Steinchen suchte, »war dein Vater ein vornehmer Herr, und deine Mutter ist eine feine Dame; und mein Vater war ein Fischer und meine Mutter eines Fischers Tochter, und mein Onkel Dan ist ein Fischer.« »Dan ist Mr. Peggotty, nicht wahr?« sagte ich, »Onkel Dan – dort«, gab Emilie zur Antwort und nickte nach dem Schiffhause hin. »Ja, den meinte ich. – Er muß ein sehr guter Mann sein, nicht?« »Gut?« sagte Emilie, »Wenn ich einmal eine reiche Lady bin, schenke ich ihm einen himmelblauen Rock mit Diamantknöpfen und Nankinghosen und eine rote Samtweste und einen dreieckigen Hut und eine große goldene Uhr und eine silberne Pfeife und eine Kiste voll Gold.« Ich sagte, daß ich gar nicht zweifle, daß Mr. Peggotty alle diese prächtigen Sachen vollkommen verdiene. Aber ich gestehe, daß ich mir nicht recht vorstellen konnte, daß es ihm in solchen Kleidungsstücken wohl sein würde, die ihm seine dankbare kleine Nichte zudachte. Besonders zweifelte ich an der Zweckmäßigkeit des Dreispitz, behielt aber diese Bedenken wohlweislich für mich. Die kleine Emilie war stehen geblieben und hatte zum Himmel emporgeschaut, während sie alle diese Dinge aufzählte, als sähe sie dort eine herrliche Vision. Wir gingen nun weiter und suchten wieder Muscheln und bunte Steine. »Du wärest gern eine seine Dame?« fragte ich dann. Emilie sah mich an, lachte und nickte »Ja«. »Ich wäre es zu gern. Wir wären dann alle feine Leute. Ich und Onkel und Ham und Mrs. Gummidge. Wir würden uns dann nicht darum kümmern, wenn es stürmt – unsertwegen, meine ich. Um die armen Fischer wohl, und wir würden ihnen Geld geben, wenn sie zu Schaden kämen.« Das erschien mir als ein sehr lobenswertes und daher als ein durchaus nicht unwahrscheinliches Bild. Ich verhehlte mein Gefallen daran denn auch nicht im geringsten, und Emilie fühlte sich dadurch zu der schüchternen Frage ermutigt: »Sage, fürchtest du dich jetzt nicht vor dem Meere?« Es war in diesem Augenblick allerdings ruhig genug da, um mir keinerlei Besorgnis einzuflößen, aber ich bin überzeugt, wenn nur eine mäßig große Welle herangerollt wäre, so wäre ich mit einer erschrockenen Erinnerung an ihre ertrunkenen Verwandten davon gelaufen. Aber dennoch sagte ich »nein« und fügte hinzu: »Du scheinst dich auch nicht so sehr davor zu fürchten, obgleich du es sagtest«; – denn sie ging so nahe am Rande eines alten Bollwerkes oder hölzernen Hafensteges, daß ich immer fürchtete, sie würde ins Meer fallen. »So fürchte ich mich nicht«, sagte die kleine Emilie. »Aber ich wache auf, wenn es stürmt, und denke mit Zittern und Angst an Onkel Dan und Ham, und immer kommt es mir vor, als ob sie um Hilfe riefen. Das ist eben der Grund, weshalb ich gern eine große Dame sein möchte. Aber so fürchte ich mich nicht. Nicht ein bißchen. Sieh nur!« Sie rannte von mir weg und lief einen alten morschen Balken entlang, der ohne Geländer und ziemlich hoch über das tiefe Meer aus der Verschalung hinausragte. So deutlich steht der Vorfall noch vor meinem Gedächtnis, daß ich, wenn ich ein Zeichner wäre, die Szene mit dem Stift festhalten könnte, wie die kleine Emilie ihrem Verderben entgegeneilte (denn so schien es mir) mit einem weit hinaus auf das Meer gerichteten Blick, den ich nie vergessen habe. Die leichte, kecke Gestalt in dem flatternden Kleide kehrte um, und die kleine Tollkühne gelangte wieder glücklich bis zu mir, und bald darauf lachte ich über meine Angst und den Schrei, den ich ausgestoßen hatte –- in jedem Falle ganz nutzlos, denn niemand war in der Nähe, um darauf achten zu können. Aber es kam später einmal eine Zeit, wo ich mich als Mann fragte, ob es möglich wäre im Bereich der uns unbekannten Möglichkeiten, daß in diesem wilden Impulse des Kindes und ihrem irre hinausschweifenden Blick irgend eine geheimnisvolle Anziehung in das Verderben lag, daß ihr toter Vater sie an sich locken durfte, damit ihr Leben an jenem Tage hätte endigen können? Ich habe mich später gefragt, ob, wenn mir das ihr bevorstehende Leben mit einem Blick hätte enthüllt werden können, so enthüllt, daß es ein Kind völlig begriff, und ob, wenn ihre Rettung von einer Bewegung meiner Hände abgehangen hätte, ich sie hätte regen dürfen, um sie aufzuhalten? Es hat eine Zeit gegeben – sie hat freilich nicht lange gedauert –in der ich mich fragte: Wäre es besser für die kleine Emilie gewesen, wenn an jenem Morgen vor meinen Augen die Wasser über ihrem Haupte zusammengeschlagen wären? Und in dieser Zeit habe ich geantwortet: »Ja, es wäre besser gewesen.« Doch, ich greife damit vor und erwähne das vielleicht zu früh; aber es mag nun stehen bleiben. Wir gingen noch lange Zeit hin und her spazieren und beluden uns mit Dingen, die uns merkwürdig vorkamen, und setzten ganz sorgfältig ein paar aufs Trockene geratene Seesterne wieder ins Wasser – ich weiß auch in diesem Augenblick noch nicht so viel von den Lebensgewohnheiten dieser Tiere, um zu wissen, ob wir ihnen damit einen Gefallen taten oder nicht – und kehrten dann nach Mr. Peggottys Wohnung zurück. Unter dem Schatten des Schuppens, wo die Krebse lagen, blieben wir stehen, gaben uns einen unschuldigen Kuß, und gingen, von Gesundheit und Freude glühend, hinein zum Frühstück. »Wie zwei junge Biepers«, sagte Mr. Peggotty. Ich nahm dies als ein Kompliment an, weil ich wußte, daß es »wie zwei junge Amseln« bedeuten sollte. Natürlich war ich in die kleine Emilie verliebt. Ich bin überzeugt, ich liebte das Kind so wahrhaft, so zärtlich und reiner und uneigennütziger, als man selbst im besten Falle in späteren Zeiten lieben kann, sei die Liebe dann auch noch so veredelnd und erhebend. Ich weiß, meine Phantasie umwob das blauäugige Kind mit einer Glorie, die es über die Erde erhob und einen wahren Engel aus ihm machte. Wenn Emilie an einem sonnenhellen Morgen ein paar kleine lichte Schwingen entfaltet hätte und vor meinen Augen weggeflogen wäre, so glaube ich kaum, daß ich das als etwas Außerordentliches bestaunt hätte. Lange Stunden gingen wir beide so auf dem öden alten Strande um Yarmouth in liebender Eintracht spazieren. Die Tage eilten an uns vorüber, als ob die Zeit selbst noch nicht alt geworden wäre, sondern noch ein Kind und nur für Spiel und Getändel da sei. Ich sagte Emilien, daß ich sie anbete und wenn sie mir nicht gestände, daß sie mich gleichfalls anbetete, so bliebe mir keine Wahl, als mich mit einem Schwerte totzustechen. Aber sie begütigte mich und sagte, daß sie mich anbete, und ich zweifle auch nicht im mindesten, daß es der Fall war. Über Ungleichheit des Standes, zu große Jugend oder eine andere uns im Wege stehende Schwierigkeit machten wir uns weder Gedanken noch Sorgen, da wir keinen Begriff von der Zukunft hatten. Wir kümmerten uns um das Älterwerden so wenig, wie etwa – ums Jüngerwerden. Wir waren ein Gegenstand beständiger Bewunderung für Mrs. Gummidge und Peggotty, die des Abends, wenn wir zärtlich Arm in Arm auf der Schiffskiste saßen, einander zuflüsterten: »Gott! Ist das ein hübsches Paar!« Hinter seiner Pfeife hervor lächelte uns Mr. Peggotty an, und Ham grinste den ganzen Abend und tat weiter nichts. Sie sahen uns etwa mit dem Vergnügen an, mit dem man ein hübsches Spielzeug betrachtet oder etwa die Taschenausgabe des Kolosseums. Ich entdeckte bald, daß sich Mrs. Gummidge nicht immer so liebenswürdig machte, als man es nach den Verhältnissen hätte erwarten sollen, unter denen sie bei Mr. Peggotty wohnte. Mrs. Gummidge war nämlich etwas wehleidiger Natur und quengelte manchmal mehr, als den andern Personen in einer so engen Wohnung angenehm war. Sie tat mir zwar sehr leid, aber es gab doch Augenblicke, wo es angenehmer gewesen wäre (so dachte ich), wenn Mrs. Gummidge ein eigenes Zimmer hätte, in das sie sich zurückziehen konnte, bis sie sich von ihrem Schmerz erholt hatte. Mr. Peggotty ging manchmal in ein Wirtshaus, das »Zur fröhlichen Laune« hieß. Ich merkte es durch seine Abwesenheit am zweiten oder dritten Abend meines Besuchs und daran, daß Mrs. Gummidge zwischen acht und neun immer nach der Holländer Wanduhr hinaufsah und sagte, er sei dort und sie habe es schon am Morgen geahnt, daß er hingehen würde. Mrs. Gummidge war den ganzen Tag über sehr verstimmt gewesen, und war schon vormittags in Tränen ausgebrochen, als der Kochherd so rauchte. »Ich bin ein armes, verlassenes Geschöpf,« sagte Mrs. Gummidge, so oft ihr etwas Unangenehmes passierte, »und alles geht mir konträr.« »Ach, es wird schon bald wieder ins Lot kommen,« sagte Peggotty – ich meine wieder unsere Peggotty – »und außerdem, wissen Sie, ist es für Sie nicht unangenehmer als für uns.« »Ich fühle es aber mehr«, sagte Mrs. Gummidge. Es war ein sehr kalter Tag und draußen blies der Wind scharf und heftig. Mrs. Gummidges Ecke am Kamin schien mir zweifellos die wärmste und gemütlichste in der ganzen Stube zu sein, und ihr Stuhl war sicherlich der bequemste, aber sie fühlte sich heute nicht wohl darin. Sie klagte beständig über Kälte, weil sie ihr ein Leiden verursachte, das sie »ihr Schuddern« nannte, und zuletzt fing sie an zu weinen und sagte wieder, sie sei ein armes, verlassenes Geschöpf, und alles gehe ihr konträr. »Ja, es ist recht kalt,« sagte Peggotty, »und das muß jeder fühlen.« »Ich fühle es aber mehr als andere Leute«, sagte Mrs. Gummidge. Ebenso war es bei Tische, wo Mrs. Gummidge immer unmittelbar nach mir bedient wurde, der als Ehrengast den Vorzug hatte. Die Fische waren klein und mager, und die Kartoffeln waren ein wenig angebrannt. Wir merkten alle, daß dies nicht besonders angenehm sei aber Mrs. Gummidge sagte, sie merkte es mehr als wir, und weinte wieder und gab ihre frühere Erklärung mit großer Bitterkeit zum besten. Als daher Mr. Peggotty gegen neun Uhr nach Hause kam, strickte die unglückliche Mrs. Gummidge in einer sehr bedrückten und niedergeschlagenen Stimmung in ihrer Ecke. Peggotty hatte wacker mit ihrem Nähzeug gearbeitet. Ham hatte ein Paar große Wasserstiefel ausgeflickt und ich hatte ihnen vorgelesen, während Emilie an meiner Seite saß. Ms. Gummidge hatte außer einigen vereinzelten Seufzern nichts von sich hören lassen und seit dem Tee die Augen nicht aufgeschlagen. »Nun, Mannschaft, wie geht's?« sagte Mr. Peggotty, während er unter uns Platz nahm. Wir alle antworteten freundlich durch Wort und Blick, außer Mrs. Gummidge, die über ihrem Strickstrumpf den Kopf schüttelte. »Wo fehlt's?« sagte Mr. Peggotty, die Hände reibend. »Nur munter und Kopf hoch, Alte!« Mrs. Gummidge schien nicht imstande zu sein, sich aufzumuntern. Sie zog ein alles, schwarzseidnes Taschentuch hervor und wischte sich die Augen; aber anstatt es wieder in die Tasche zu stecken, behielt sie es in der Hand, wischte sich noch einmal und noch einmal die Augen, und legte es neben sich, um es immer bereit zu haben. - »Wo fehlt's denn, Alte?« sagte Peggotty wieder. »Nirgends«, entgegnete Mrs. Gummidge. »Ihr kommt aus der fröhlichen Laune, Dan?« »Nun ja, ich war einen Augenblick dort«, sagte Peggotty. »Es tut mir leid, daß ich Euch immer ins Wirtshaus treibe«, sagte Mrs. Gummidge. ^ »Treiben? Bei mir braucht's kein Treiben«, erwiderte Peggotty mit herzlichem Lachen. »Ich gehe nur zu gern hin.« »Nur zu gern«, sagte Mrs. Gummidge, schüttelte den Kopf und wischte sich die Augen. »Ja, ja, nur zu gern. Es tut mir nur leid, daß Ihr meinetwegen so gern hingeht.« »Wegen Euch! wegen Euch gewiß nicht!« sagte Mr. Peggotty. »Davon braucht Ihr kein Wort zu glauben!« »Ja, ja, ich weiß es wohl«, rief Mrs. Gummidge. »Ich weiß, daß ich ein armes, verlassenes Geschöpf bin und daß nicht nur mir selber alles konträr geht, sondern daß ich auch allen andern im Wege bin. Ja, ja, es geht mir alles mehr als andern Leuten zu Herzen, und ich zeige es mehr, und das ist nun mal mein Unglück.« Während ich dies anhörte, konnte ich mich nicht des Gedankens entschlagen, daß das Unglück auch noch andere Mitglieder der Familie, außer Mrs. Gummidge, treffe. Aber Mr. Peggotty machte keine Bemerkung dieser Art, sondern bat nur Mrs. Gummidge noch einmal, munter und wohlgemut zu sein. »Ich bin nicht so wie ich gern sein möchte«, sagte Mrs. Gummidge. »Ich bin sogar weit davon entfernt. Ich weiß das recht gut! Mein vieles Unglück macht mich unangenehm. Ich sichte mein Unglück so sehr, und das hat mich konträr gemacht. Ich wollte, es wäre nicht so, aber ich fühle es nun einmal. Ich wollte, ich könnte es vergessen, aber es geht nicht. Ich mache das Haus dadurch ungemütlich. Ich wundere mich nicht darüber, ich habe heute den ganzen Tag lang Eurer Schwester das Leben sauer gemacht und Master Davy dazu.« Hier wurde ich plötzlich gerührt und rief in großem Seelenschmerze ein lautes: »Nein, nein, das haben Sie nicht getan, Mrs. Gummidge!« »Es ist gar nicht recht von mir«, sagte Mrs. Gummidge. »Es ist kein schöner Dank. Ich sollte lieber ins Armenhaus gehen und dort sterben. Ich bin ein armes verlassenes Geschöpf und sollte hier nicht Verdrießlichkeiten machen. Wenn alles mit mir konträr geht und ich allen konträr bin, so will ich auch lieber davongehen und meiner Heimat zur Last fallen. Dan'l, es ist besser, ich gehe ins Armenhaus und sterbe, damit Ihr mich los seid!« Mrs. Gummidge entfernte sich mit diesen Worten und begab sich zu. Bett. Als sie fort war, sah uns Mr. Peggotty, der bei jedem Worte die tiefste Teilnahme gezeigt hatte, der Reihe nach an, nickte mit dem Kopf und sagte mit einem Gesichte, auf dem sich immer noch das lebhafteste Mitleid ausprägte, im Flüstertone: »Sie hat heute wieder an den Alten gedacht!« Ich verstand nicht recht, an was für einen Alten Mrs. Gummidge gedacht haben sollte, bis mir Peggotty, als sie mich zu Bett brachte, erklärte, daß es der selige Mr. Gummidge sei und daß ihr Bruder bei solchen Gelegenheiten steif und fest glaube, daß solch Gedenken an ihn Schuld sei an Mrs. Gummidges Traurigkeit, und daß solche Treue stets einen rührenden Eindruck auf ihn mache. Noch in der Hängematte hörte ich ihn zu Ham sagen: »Die arme Frau! Sie hat wieder an den Alten gedacht!« Und wenn Mrs. Gummidge während unseres Besuchs in ähnlicher Stimmung war, was ein paarmal geschah, so sagte er immer dasselbe zu ihrer Entschuldigung Und stets mit dem aufrichtigsten Mitleid. So vergingen die vierzehn Tage rasch, mit keiner andern Veränderung, als dem Wechsel in der Flutzeit, die auch die Stunden immer anders regelte, zu denen Mr. Peggotty und Ham zur Arbeit ausgingen. Wenn Ham freie Zeit hatte, führte er uns manchmal zu den Schiffen, um sie uns zu zeigen und nahm uns auch ein paarmal zu einer Ruderfahrt mit. Ich weiß nicht, wie es kommt, daß sich gewisse Eindrücke mehr als andere gerade mit gewissen Örtlichkeiten besonders innig verknüpfen, doch wird das Wohl in der Kindheit bei den meisten Menschen der Fall sein. So kann ich nie das Wort Yarmouth lesen oder hören, ohne eines gewissen Sonntagsmorgens am Strande zu gedenken, wo die Kirchenglocken läuteten, die kleine Emilie an meiner Schulter lehnte, Ham lässig und verträumt Steine ins Wasser fallen ließ, und uns die Sonne, plötzlich aus schweren Nebeln über der See hervorbrechend, die Schiffe enthüllte, als wären's ihre eigenen Schattenbilder. Endlich kam der Tag der Heimreise. Ich ertrug noch mannhaft die Trennung von Mr. Peggotty und Mrs. Gummidge, über der Abschied von der kleinen Emilie zerschnitt mir das Herz. Wir gingen Arm in Arm nach dem Wirtshause, wo der Fuhrmann ausspannte, und unterwegs versprach ich, ihr einen Brief zu schreiben.(Dieses Versprechen löste ich später in Buchstaben ein, die größer waren als die, mit denen man Vermietungsanzeigen zu schreiben pflegt.) Das Scheiden erschütterte uns sehr, und wenn ich jemals in meinem Leben eine Leere in meinem Herzen gesuhlt habe, so war es an diesem Tage. Während der ganzen Zeit meines Besuchs war ich undankbar gegen das mütterliche Haus gewesen, und hatte wenig oder gar nicht daran gedacht. Aber kaum wendete ich ihm meine Schritte wieder entgegen, so wies auch vorwurfsvoll mein kindliches Gewissen mit standhaftem Finger dorthin, und ich fühlte es auch an dem Bangen, das mich überkam, daß es meine Heimat war und daß meine Mutter meine beste Trösterin und treueste Freundin sei. Dieser Gedanken wuchs im Verlauf meiner Reise immer mehr an, so daß ich mich, je näher ich dem Ziele kam und je vertrauter mir die Umgebung wurde, desto lebhafter sehnte, nach Hause zu kommen und in ihre Arme zu eilen. Aber anstatt diesen Drang zu teilen, suchte ihn Peggotty, obgleich liebreich und sanft, zu unterdrücken, und sah verlegen und verstimmt aus. Aber trotz ihrer Bemühung und der Langsamkeit des Pferdes kamen wir doch nach Blunderstone Krähenhorst. Wie deutlich es noch vor mir steht an dem kalten, grauen Nachmittag – mit dem dunkeln, regendrohenden Himmel! Die Gartentür öffnete sich und ich erwartete in meiner freudigen Erregtheit halb lachend und halb weinend meine Mutter zu sehen. Aber nicht sie, sondern eine fremde Magd trat heraus. »Ach, Peggotty!« sagte ich mißmutig. »Ist Mama denn noch nicht wieder zu Hause?« »Ei ja, Master Davy!« sagte Peggotty. »Nur ein bißchen Geduld, Davy, und ich will dir etwas sagen.« Teils infolge ihrer Aufregung, teils infolge ihres natürlichen Ungeschicks machte Peggotty gar seltsame Manöver, um aus dem Wagen zu kommen, aber ich war viel zu verlegen und sozusagen verblüfft, um eine Bemerkung darüber zu machen. Als sie endlich unten stand, faßte sie mich bei der Hand, und führte mich, der ich immer noch ganz verwundert war, in die Küche und machte die Tür zu. »Peggotty!« sagte ich ganz erschrocken. »Was ist denn?« »Nichts ist – du meine Güte, du lieber, guter Davy,« antwortete sie und heuchelte eine recht muntere Miene. »Doch, es muß was vorgefallen sein! Wo ist Mama?« »Wo Mama ist, Master Davy?« wiederholte Peggotty. »Ja! Warum ist sie nicht an die Gartentür gekommen, und weshalb sind wir hier hineingegangen? Ach, Peggotty!« Meine Augen waren voll Tränen, und mir war, als ob ich umsinken müßte. »Mein Gott, das Kind!« rief Peggotty und nahm mich in ihre Arme. »Was gibt's denn? Sprich, mein Goldsohn!« »Sie ist doch nicht tot? – Nein! Ach, sie ist nicht tot, Peggotty?« Peggotty rief mir ein außerordentlich lautes und nachdrucksvolles »Nein!« entgegen und setzte sich dann hin und fing an zu ächzen und sagte, ich hätte sie fürchterlich erschreckt. Um das wieder gut zu machen, fiel ich ihr um den Hals und stellte mich vor sie hin und sah sie in banger Erwartung an. »Ja, ja, Liebling, ich hätte dir's eher sagen sollen,« fing Peggotty an, »aber ich fand keine Gelegenheit dazu. Ich hatte es eigentlich eher tun sollen, aber ich konnte nur partout nicht das Herz dazu fassen.« . »Nur weiter, Peggotty!« sagte ich, noch mehr in Angst als vorher. »Master Davy!« sagte Peggotty, während sie ihren Hut mit zitternden Händen aufknüpfte. »Denke nur mal: du hast einen Papa bekommen!« Ich? fuhr zusammen und wurde blaß. Ein Etwas –- ich weiß nicht was oder wie – aber eine Vorstellung, die mit dem Grabe auf dem Kirchhof und dem Auferstehen der Toten zusammenhing, schien mich wie ein unheimlicher Frosthauch zu treffen. »Einen neuen«, sagte Peggotty. »Einen neuen?« wiederholte ich. Peggotty schluckte, als ob ihr etwas Bitteres im Halse stecken geblieben sei, reichte mir die Hand und sagte: »Komm jetzt, du mußt ihn sehen –« »Ich mag ihn nicht sehen.« »Aber deine Mama«, sagte Peggotty. Ich weigerte mich nicht mehr, und wir gingen sogleich in das gute Zimmer, wo sie mich verließ. An der einen Seite des Kamins saß meine Mutter, an der andern Mr. Murdstone. Meine Mutter ließ ihre Arbeit aus der Hand sinken und stand rasch, aber wie es mir schien, etwas verlegen auf. »Meine liebe Klara«, sagte Mr. Murdstone, »vergiß nicht! Immer zusammengenommen! Nun, Davy, wie geht's, Junge?« Ich gab ihm die Hand. Nach einem augenblicklichen Zögern ging ich zu meiner Mutter und küßte sie; sie erwiderte meinen Kuß, streichelte mich, klopfte mich sanft auf den Rücken und nahm wieder ihre Arbeit zur Hand. Ich konnte sie nicht ansehen, ich konnte ihn nicht ansehen, ich wußte bestimmt, daß er uns beide beobachtete, und ich ging ans Fenster und sah hinaus auf ein paar Sträucher, die ihre Köpfe in der Kälte hängen ließen. Sobald ich mich fortschleichen konnte, ging ich die Treppe hinauf. Mein altes liebes Schlafzimmer hatte eine andere Bestimmung erhalten, und ich war weit hinten umquartiert. Ich ging wieder hinab, um überhaupt etwas zu entdecken, was sich gleich geblieben wäre, denn so anders erschien mir alles, und ich ging auf den Hof hinaus. Aber hier war meines Bleibens nicht, denn in der sonst leeren Hundehütte war jetzt ein großer Hund untergebracht mit einer so tiefen Stimme und so schwarzem Haar wie er – und der Racker wurde sehr grimmig bei meinem Anblick und zerrte an der Kette, um über mich herzufallen. Viertes Kapitel. Ich falle in Ungnade. Wenn die Stube, in der jetzt mein Bett stand, ein Wesen mit Bewußtsein wäre, und Zeugnis ablegen könnte, so möchte ich sie heute – wer mag wohl jetzt dort schlafen? – auffordern, zu sagen, mit wie schwerem Herzen ich zu ihr hineintrat. Wie ich die Treppe hinaufging; hörte ich den Hund hinter mir her bellen, und drinnen sah ich die Stube eben so verständnislos und befremdlich an, wie sie mich, und ich setzte mich, die kleinen Hände gefaltet, nieder und sann. Ich dachte an die seltsamsten Sachen: an die Form des Zimmers, an die Sprünge an der Decke, an die Tapeten an den Wänden, an die Blasen und Höcker im Fensterglas, die alle Gegenstände draußen wunderlich verzerrten und verschoben, an den Waschtisch, der auf seinen drei Beinen wackelte und etwas Unzufriedenes hatte, was mich an Mrs. Gummidge erinnerte, wenn sie wieder an den Alten dachte. Dabei weinte ich die ganze Zeit über, aber ich weiß gewiß, daß ich außer die Empfindung von Kälte und Verlassenheit zu haben, keinen Augenblick daran dachte, warum ich weinte. Ich fing endlich in meiner Einsamkeit an zu denken, daß ich schrecklich verliebt in die kleine Emilie sei, und daß man mich gewaltsam von ihr getrennt habe, um mich hierher zu bringen, wo sich niemand halb so sehr wie sie um mich zu kümmern schien. Das machte mich vollends so unglücklich, daß ich mich in einen Teil der Bettdecke einwickelte und mich in Schlaf weinte. Ich wachte auf, als jemand sagte: »Da ist er ja!« und meinen brennenden Kopf aufdeckte. Meine Mutter und Peggotty hatten mich gesucht, und eine von beiden war es gewesen. »Davy«, sagte meine Mutter. »Was fehlt dir.« Es kam mir seltsam vor, daß sie mich fragte, und ich antwortete: »Nichts.« Ich besinne mich auch noch, ich legte mich wieder aufs Gesicht, damit sie meine zitternden Lippen nicht sähe, die ihr wahrere Auskunft gegeben hätten. »Davy«, sagte meine Mutter. »Davy, mein Kind!« Ich kann wohl sagen, kein Wort konnte mich damals mehr rühren, als daß sie mich, Kind nannte. Ich verbarg meine Tränen im Bettzeug und drängte mein Mutter mit der Hand von mir weg, als sie mich emporheben wollte. »Daran bist du schuld, Peggotty, du grausames Mädchen!« sagte meine Mutter. »Ich zweifle nicht im geringsten daran. Wie kannst du das mit deinem Gewissen abmachen, mein eigenes Kind gegen mich aufzuhetzen, oder gegen jemand, den ich lieb habe? Was soll das heißen,, Peggotty?« Die arme Peggotty. erhob beteuernd Hände und Augen und antwortete nur mit einer Art Umschreibung des Gebets, das ich nach dem Essen hersagte: »Gott verzeihe Ihnen, Mrs. Copperfield, was Sie diesen Augenblick gesagt haben, und mögen Sie es niemals ernstlich bereuen!« »Es ist rein zum Wahnsinnigwerden«, rief meine Mutter. »Und noch dazu in meinen Flitterwochen, wo mein bitterster Feind Erbarmen und Einsicht haben und mir das bißchen Ruhe und Glück nicht mißgönnen sollte! Davy, du ungezogenes Kind! Peggotty, du unbarmherziges Geschöpf! Ach Gott, ach Gott!« rief meine Mutter, sich bald an mich, bald an Peggotty wendend, »was ist das für eine schlimme Welt, gerade wenn man das höchste Recht hätte, zu erwarten, daß sie so angenehm wie möglich sei!« Ich fühlte die Berührung einer Hand, der ich sogleich anmerkte, daß es weder meiner Mutter noch Peggottys Hand war, und schlüpfte rasch bis ans Fußende des Bettes. Es war Mr. Murdstone, der seine Hand auf meinem Arm ruhen ließ, als er sagte: »Was ist das? Liebe Klara, hast du es vergessen? – Festigkeit, meine Liebe!« »Es tut mir recht leid, Eduard!« begann meine Mutter. »Es sollte recht gut gehen, aber nun ist alles so unbehaglich!« »Wirklich?« erwiderte er. »Das ist schlimm, Klara, und schon gleich im Anfang!« »Es ist recht grausam, daß es mich jetzt so treffen muß«, sagte meine Mutter schmollend. »Sehr, sehr hart, nicht wahr?« Er zog sie an sich, flüsterte ihr etwas ins Ohr und küßte sie. Als ich sah, daß meine Mutter ihren Kopf an seine Schulter legte und ihr Arm seinen Hals berührte, da wußte ich damals schon, daß er ihrem weichen Charakter jede beliebige Form geben konnte, wie ich es jetzt weiß, daß er es getan hat! »Geh hinunter, liebes Kind!« sagte Mr. Murdstone- »David und ich werden nachher auch hinunter kommen.« »Meine Gute«, sagte er mit einem finstern Gesicht zu Peggotty, als er meine Mutter an die Tür begleitet und sich mit einem Nicken und einem Lächeln verabschiedet hatte. »Wissen Sie den Namen Ihrer Herrin?« , »Sie ist seit langer Zeit meine Herrin, Sir«, erwiderte Peggotty. »Ich sollte ihn wissen.« »Das ist richtig«, antwortete er, »Aber mir kam es vor, wie ich die Treppe herauf kam, als ob Sie meine Frau mit einem Namen anredeten, der nicht der ihrige ist. Sie werden aber wissen, sie trägt jetzt den meinen. Vergessen Sie das nicht.« Mit einem besorgten Blick auf mich knickste Peggotty, ohne zu antworten, aus dem Zimmer, denn sie sah, man erwarte ihre Entfernung, und sie hatte keine Entschuldigung, zu bleiben. Als wir beide allein waren, machte er die Tür zu, setzte sich auf einen Stuhl, stellte mich aufrecht vor sich hin, während er mich immer noch am Arme hielt, und sah mir fest in die Augen. Ich fühlte die meinigen nicht weniger fest zu den seinigen hingezogen. Wenn ich mir zurückrufe, wie wir uns Auge in Auge gegenüberstanden, kommt es mir vor, als hörte ich noch einmal mein Herz schneller und lauter schlagen. »David,« sagte er und preßte seine Lippen zusammen, »wenn ich ein ungehorsames Pferd oder einen störrischen Hund habe, was meinst du wohl, was ich mit ihnen mache?« »Das weiß ich nicht.« »Ich prügle sie.« Ich hatte ihm in einem schier tonlosen Geflüster geantwortet, aber ich fühlte, daß jetzt mein Atem ganz stockte. »Ich schlage sie, daß sie sich krümmen. Ich sage zu mir, ich will diese Geschöpfe gehorchen lehren; und wenn's ihnen alles Blut in ihrem Leibe kosten sollte, fügen müßten sie sich doch. Was hast du im Gesicht?« »Es ist Schmutz«, sagte ich. Er wußte so gut wie ich, daß es die Spuren von Tränen waren. Aber wenn er mich zwanzigmal gefragt hätte, jedesmal mit zwanzig Hieben, so glaube ich doch, mein Kinderherz wäre eher zersprungen, als daß ich es gesagt hätte. »Du bist ziemlich gescheit für einen kleinen Jungen«, sagte er mit seinem düstern Lächeln, wie es ihm eigen war, »und ich sehe, du hast mich recht gut verstanden. Wasche dir nun das Gesicht und komm mit mir hinunter.« Er wies nach dem Waschtisch, der mir wie Mrs. Gummidge vorkam, und machte eine Bewegung mit seinem Kopf, die mich ohne Verzug gehorchen ließ. Ich zweifelte damals ebensowenig, und jetzt noch weniger, daß er mich ohne das geringste Erbarmen zu Boden geschlagen hätte, wenn ich nicht gehorcht hätte. »Meine liebe Klara,« sagte er, als ich es auf sein Geheiß getan hatte und er, mich immer noch am Arm haltend, mit mir in die Wohnstube trat. »Du wirst hoffentlich keinen Verdruß in Zukunft haben. Wir wollen unser junges Freundchen bald bessern.« Gott verzeihe mir's, aber ich hätte für mein ganzes Leben gebessert werden, ich hätte ein ganz anderer Mensch werden können, wenn man mir damals ein einziges freundliches Wort gesagt hätte, ein Wort der Ermutigung und der Aufklärung, ein Wort des Mitleids mit meiner kindischen Unwissenheit oder ein Wort der Bewillkommnung in der Heimat, ein Wort der Versicherung, daß das alte, mütterliche Haus noch ganz dasselbe sei, solcher Worte ein paar hätten mich zu einem gehorsamen Sohne gemacht, anstatt daß ich jetzt Gehorsam heuchelte, und hätten mich ihn achten anstatt hassen gelehrt. Mir kam es vor, als wenn es meiner Mutter wehe täte, mich so scheu und fremd im Zimmer stehen zu sehen, und daß sie, als ich nach einem Stuhle schlich, mir mit betrübten Blicken folgte: aber keines jener Worte wurde gesprochen, und die Gelegenheit dazu war bald vorüber. Wir aßen allein, wir drei zusammen. Er schien meine Mutter sehr gern zu haben, und ich fürchte fast, er war mir deshalb nur um so mehr zuwider, – und sie war gleichfalls sehr zärtlich gegen ihn. Aus ihren Reden merkte ich, daß eine ältere Schwester meines Stiefvaters heute abend kommen und hier bleiben sollte, Ich weiß nicht, ob ich schon damals oder erst später entdeckte, daß er, ohne selbst ein Geschäft zu haben, einen Gewinnanteil an einer Weinhandlung in London hatte, die mit seiner Familie schon vom Urgroßvater her in Verbindung gestanden hatte und bei der seine Schwester in gleicher Weise beteiligt war; aber ich kann es gleich hier bemerken. Als wir nach Tische vor dem Feuer saßen und ich auf eine Flucht zu Peggotty sann, ohne den Mut zu haben, fortzuschlüpfen, aus Furcht, den Herrn vom Hause zu erzürnen, fuhr ein Wagen vor der Gartentür vor, und Mr. Murdstone ging hinaus, den Besuch zu empfangen. Meine Mutter folgte ihm. Ich ging ihr schüchtern nach, und als sie sich in der Stubentür umdrehte und mich in der Dämmerung ans Herz drückte, wie sie es früher zu tun pflegte, flüsterte sie mir zu, ich solle meinen neuen Vater lieben und ihm gehorsam sein. Sie tat dies in großer Eile und sehr geheimnisvoll, als ob es ein Unrecht wäre, aber voller Zärtlichkeit; dann gab sie mir ihre Hand und führte mich hinter sich her in den Garten, wo er stand. Hier ließ sie mich wieder los und legte ihren Arm in den seinen. Der Ankömmling war Miß Murdstone: eine recht finster aussehende Dame. Sie war so schwarz wie ihr Bruder, dem sie in Gesicht und Summe sehr ähnelte, und hatte ganz buschige Augenbrauen, die über ihrer großen Nase fast zusammenliefen, als ob sie, durch die Schwäche ihres Geschlechts des Vorzugs eines Backenbarts beraubt, ihn über die Augen versetzt hätte. Sie brachte ein paar scharfkantige, ungefüge, schwarze Koffer mit, auf deren Deckel in harten Messingnägeln ihre Anfangsbuchstaben standen. Als sie dm Kutscher bezahlte, holte sie ihr Geld aus einer harten stählernen Börse, und sie trug die Börse in einem wahren Kerker von einem Strickbeutel, der an einer schweren Ketteln ihrem Arme hing und wie ein scharfes Gebiß auf- und zuschnappte. Ich hatte damals noch nie eine in allen Einzelheiten so harte metallene Dame gesehen, als Miß Murdstone eine war. Sie wurde mit vielen Zeichen der Bewillkommnung in die Wohnstube geführt und erkannte hier förmlich meine Mutter als eine neue und nahe Anverwandte an. Dann fiel ihr Auge auf mich, und sie sagte: »Ist das Ihr Junge, Schwägerin?« Meine Mutter gab ein bejahendes Zeichen. »Im allgemeinen kann ich Jungens nicht leiden«, sagte Miß Murdstone. »Wie geht dir's, Bube?« Unter diesen entmutigenden Verhältnissen erwiderte ich, daß ich mich wohl befinde und daß ich von ihr das gleiche hoffe, aber mit so wenig Wärme, daß mich Miß Murdstone mit zwei Worten abfertigte: »Schlechte Manieren!« Nachdem sie dies ganz unverblümt festgestellt hatte, wünschte sie nach ihrem Zimmer gewiesen zu werden, das für mich von da an ein Ort der Scheu und des Grauens wurde, wo die beiden schwarzen Koffer stets verschlossen dastanden und wo (denn ich guckte ein- oder zweimal in ihrer Abwesenheit hinein) am Spiegel in Ehrfurcht gebietenden Reihen eine Menge kleiner Stahlkettchen und Pflöckchen hingen, mit denen sich Miß Murdstone zu schmücken pflegte. Soviel ich herausbringen konnte, war sie in der löblichen Absicht gekommen, uns niemals wieder zu verlassen! Schon am nächsten Morgen fing sie an, meiner Mutter zu »helfen«, und ging den ganzen Tag über in der Vorratskammer aus und ein, um alles zurechtzusetzen und die alte liebe Ordnung umzustürzen. Die erste bemerkenswerte Eigenschaft, die mir an Miß Murdstone auffiel, war die, daß sie beständig von dem Verdacht beherrscht war, die Dienstmädchen hätten irgendwo im Hause einen Mann versteckt. Von diesem Wahne besessen, stürzte sie zu den allerungewöhnlichsten Zeiten in den Kohlenkeller und öffnete kaum ein einziges Mal die Tür eines dunkeln Schrankes, ohne daß sie ihn wieder zuschlug in der Meinung, sie habe den Mann nun glücklich dann gefangen. Obgleich Miß Murdstone nichts sehr Lustiges hatte, war sie doch in betreff ihres Aufstehens eine wahre Lerche. Sie war auf den Beinen (und ich glaube es heute noch, nur um den versteckten Kerl einmal zu finden), ehe sich, jemand im Hause regte. Peggotty war der Meinung, daß sie stets mit einem offenen Auge schliefe; aber ich konnte mich dieser Meinung nicht anschließen, denn ich hatte es selbst versucht, als sie diese Vermutung ausgesprochen hatte, und fand, daß es auf keine Weise möglich war. Am allerersten Morgen nach ihrer Ankunft hörte man ihre Klingel schon mit dem ersten Hahnenschrei. Als meine Mutter zum Frühstück herunterkam und den Tee bereiten wollte, fuhr Miß Murdstone mit dem Mund nach ihrer Wange, was bei ihr einen Kuß bedeuten sollte, und sagte: »Liebe Klara, Sie wissen ja, ich bin hergekommen, um Ihnen alle beschwerlichen Arbeiten abzunehmen, die ich nur abnehmen kann. Sie sind viel zu hübsch und flattersinnig« – meine Mutter errötete, lachte und schien sich diese Charakterisierung nicht ungern gefallen zu lassen – »als daß Ihnen Pflichten auferlegt werden dürften, die ich erfüllen könnte. Wenn Sie so gut sein wollen, mir Ihre Schlüssel zu geben, meine Liebe, so will ich alles das in Zukunft selber besorgen.« Von dieser Zeit an hielt Miß Murdstone die Schlüssel den Tag über in ihrem Beutelverlies und die Nacht über unter ihrem Kopfkissen und meine Mutter hatte also fortan nicht mehr damit zu tun als ich selbst. Meine Mutter ließ sich jedoch ihre Herrschaft nicht ohne den Versuch eines leisen Widerstandes rauben. Eines Abends, als Miß Murdstone ihrem Bruder gewisse Haushaltungspläne entwickelt hatte, denen er seine Zustimmung gab, fing meine Mutter an zu weinen und sagte, man hatte sie doch wohl auch zu Rate ziehen können. »Klara!« versetzte Mr. Murdstone streng. »Klara, ich muß mich ungemein über dich wundern.« »Ach, du hast gut von Wundern sprechen, Eduard!« rief meine Mutter »und du hast sehr gut von Festigkeit sprechen, aber du würdest dir dies selbst nicht gefallen lassen.« Ich will bei dieser Gelegenheit bemerken, daß Festigkeit die große Eigenschaft war, auf die Mr. und Miß Murdstone mit bedeutendem Nachdruck fußten. Wie ich damals den Begriff dieses Wortes erläutert hätte, wenn jemand auf den Gedanken gekommen wäre, mich danach zu fragen, weiß ich nicht; aber jedenfalls sah ich in meiner Weise vollkommen ein, daß es nur ein anderer Name für Tyrannei war und für einen gewissen finstern, anmaßenden knechtungsfrohen Zug, die in beiden lag. – Die Sache verhielt sich, wie ich sie mir heutzutage zurechtlege, so: Mr. Murdstone war »fest«; niemand auf der Welt war so fest wie er. Niemand in seiner speziellen Welt war überhaupt fest, denn seiner Festigkeit mußte sich alles unterjochen. Nur Miß Murdstone durfte davon eine Ausnahme bilden. Sie durfte zwar auch fest sein, aber nur in geringerem, mehr abhängigem Grade, gleichsam nur infolge ihrer Verwandtschaft mit ihm. Meine Mutter sodann war die zweite Ausnähme. Sie durfte und sollte auch »fest« sein, aber nur in der Art, daß sie die Festigkeit dieser beiden Tyrannen ertrug, und fest glauben sollte, es gebe sonst keine andere Festigkeit auf Erden. »Es ist sehr hart,« sagte meine Mutter, »daß ich in meinem eigenen Hause –« »In meinem eigenen Hause?« wiederholte Mr. Murdstone vorwurfsvoll. »Klara!« »In unserm eignen Hause meine ich«, stotterte meine Mutter ganz eingeschüchtert – »du weißt ja, was ich meine, Eduard – es ist sehr hart, daß ich in deinem eignen Hause nicht ein Wort über häusliche Angelegenheiten haben soll. Ich habe recht gut gewirtschaftet, bevor wir uns heirateten, das glaube mir! Ich habe Zeugen,« sagte meine Mutter schluchzend; »frage Peggotty, ob es nicht recht gut ging, wenn man mich allein machen ließ.« »Eduard, wir wollen der Sache ein Ende machen«, sagte Miß Murdstone. »Ich reise morgen ab.« »Jane Murdstone,« sagte ihr Bruder, »schweig! Wie kannst du dir erlauben, meinen Charakter nicht besser zu kennen, als deine Worte andeuten?« »Ich will gewiß niemand verdrängen«, sagte meine arme Mutter unter vielen Tränen. »Es würde mich sehr unglücklich machen, wenn jemand fortgehen sollte. Ich verlange nicht viel. Ich mache keine unvernünftigen Forderungen, man soll mich nur manchmal zu Rate ziehen. Ich bin jedem dankbar, der mir beisteht, und ich verlange nur, daß man mich manchmal der Form wegen zu Rate zieht. Ich dachte, es hätte dir früher gefallen, daß ich ein wenig unerfahren, und fast wie ein halbes Kind war, Eduard – gesagt hast du das – aber du scheinst mich deshalb jetzt nicht leiden zu können, denn du bist so streng gegen mich.« »Eduard«, sagte Miß Murdstone wieder. »Wir wollen der Sache ein Ende machen. Ich reise morgen.« »Jane Murdstone«, donnerte Mr. Murdstone. »Willst du schweigen? Wie kannst du so etwas sagen?« Miß Murdstone riß ihr Taschentuch aus dem kerkerartigen Beutel, in dem es in Verwahrsam lag, und hielt es sich vor die Augen. »Klara«, fuhr er fort und sah meine Mutter an, »du setzt mich wirklich in Verwunderung! Ja, ich fand Freude an dem Gedanken, ein unerfahrenes argloses Mädchen zu heiraten und seinen Charakter zu bilden und ihm etwas von der Festigkeit und Entschiedenheit zu geben, die ihm fehlten, und die er haben muß. Aber wenn Jane Murdstone so gütig ist, mir in diesem Unternehmen beizustehen, und sich meinetwegen zu einer Stellung gleich der einer Haushälterin herabläßt und dafür schlechten Dank erntet –« »O bitte, bitte, Eduard,« rief meine Mutter, »beschuldige mich nicht des Undanks. Ich bin gewiß nicht undankbar. Das hat mir noch niemand gesagt. Ich habe viele Fehler, aber nicht diesen. O bitte, lieber Mann!« »Wenn Jane Murdstone, sage ich,« fuhr er fort, nachdem er gewartet hatte, bis meine Mutter schwieg, »schlechten Dank dafür erntet, so erkältet und verändert sich dieses Gefühl in meinem Herzen.« »O bitte, lieber Mann, sage das nicht!« flehte meine Mutter ganz erweicht. »O bitte, Eduard! Ich kann es nicht hören. Wie ich auch immer sein mag, ich habe ein liebevolles Herz. Ich weiß, ich habe ein liebevolles Herz. Ich würde es nicht sagen, wenn ich es nicht genau wüßte. Frage Peggotty. Sie wird es gewiß bestätigen, daß ich liebevoll bin!« »Bloße Schwäche, wie groß sie auch sein mag, hat bei mir nicht das mindeste Gewicht, Klara«, erwiderte Mr. Murdstone. »Du verschwendest nur Worte.« »Komm, wir wollen uns wieder versöhnen«, sagte meine Mutter. »In Unfreundlichkeit oder Kälte kann ich nicht leben. Es tut mir so herzlich leid. Ich habe sehr viele Fehler, das weiß ich, und es ist sehr freundlich von dir, Eduard, daß du dir mit deinem starken Charakter die Mühe gibst, mich zu bessern. Jane, ich mache gar keine Einwendungen mehr. Es würde mich ganz unglücklich machen, wenn Sie noch ein einziges Mal ans Abreisen dächten«, – meine Mutter konnte nicht weiter sprechen; sie war zu sehr gerührt. »Jane Murdstone,« sagte Mr. Murdstone zu seiner Schwester, »harte Worte sind zwischen uns selten. Es ist nicht meine Schuld, daß sich heute ein so ungewöhnlicher Vorfall ereignet hat. Jemand anders hat mich dazu fortgerissen. Aber es ist auch nicht deine Schuld. Auch dich hat jemand anders dazu hingerissen. Wir wollen beide suchen, es zu vergessen. Und du, David, geh zu Bett«, setzte er nach diesen großmütigen Worten hinzu, »denn das ist kein geeignetes Schauspiel für den Knaben da!« Ich konnte kaum die Tür finden, so voll standen meine Augen von Tränen. Ich fühlte meiner Mutter Schmerz so tief, aber ich schlich hinaus und tappte im Dunkeln die Treppe hinauf in mein Schlafstübchen, ohne auch nur das Herz zu haben, Peggotty gute Nacht zu sagen oder mir ein Licht geben zu lassen. Als sie vielleicht eine Stunde später hereintrat, um nach mir zu sehen, wachte ich darüber auf. Sie sagte, meine Mutter sei sehr betrübt zu Bett gegangen und Mr. und Miß Murdstone saßen unten noch allein. Am nächsten Morgen ging ich etwas zeitiger hinunter als gewöhnlich und blieb draußen vor der Stubentür stehen, als ich drinnen meiner Mutter Stimme hörte. Sie bat Miß Murdstone dringend und sehr zerknirscht um Verzeihung, wozu sich diese Name großherzig verstand, und dann fand eine vollständige Aussöhnung statt. Seitdem habe ich meine Mutter nie wieder über irgend etwas eine Meinung aussprechen hören, ohne daß sie sich erst an Miß Murdstone gewendet oder durch ein sicheres Mittel in Erfahrung gebracht hatte, was Miß Mudstones Meinung über die Sache war; und nie wieder sah ich Miß Murdstone, wenn sie übler Laune war (und das passierte ihr zuweilen), nach dem harten Beutel greifen, als ob sie die Schlüssel herausnehmen und sie meiner Mutter übergeben wollte, ohne daß diese in große Angst geraten wäre. Das schwarze Etwas, das in den Adern der Murdstones floß, gab auch der Religion der Murdstones eine düstere Färbung von Strenge und Zorn. Ich habe später einsehen gelernt, daß sie diesen Charakter annehmen mußten infolge der Festigkeit von Mr. Murdstone, die es nicht erlaubte, daß er irgend jemand die härtesten Strafen erlassen konnte, wenn er einen Vorwand dafür gefunden hatte. Sei dem wie ihm wolle, so kann ich mich noch recht gut der entsetzlich feierlichen Gesichter erinnern, mit denen wir in die Kirche gingen, und des veränderten Eindrucks, den die Kirche jetzt auf mich machte. Wieder kommt der gefürchtete Sonntag, und ich marschiere zuerst in den alten Kirchenstuhl wie ein bewachter Gefangener, der zu einem Sträflings-Gottesdienst geführt wird. Dicht hinter mir folgt Miß Murdstone in einem schwarzen Samtkleide, das aussieht, als ob es aus einem Bahrtuche gemacht wäre; dann kommt meine Mutter, dann ihr Gatte. Peggotty geht jetzt nicht mehr mit wie früher. Wieder höre ich, wie Miß Murdstone die Responsen der Liturgie brummelt und auf alle strafenden Worte mit grausamem Behagen besonderen Nachdruck legt. Wieder sehe ich, wie ihre dunklen Augen in der Kirche umherschweifen, wenn sie sagt: »Elende Sünder«, als wenn sie die ganze Gemeinde unter diesem Namen begreifen wollte. Deutlich sehe ich ab und zu meine Mutter, die, zwischen beide eingeklemmt, schüchtern ihre Lippen bewegt, während ihr von rechts und links das Gemurmel wie ferner Donner in die Ohren schallt. Wieder überkommt mich eine plötzliche Angst, ob vielleicht doch unser guter Pfarrer unrecht und Mr. und Miß Murdstone recht haben und alle Engel im Himmel rächende Vernichtungsengel sein könnten? Und wieder, wenn ich einen Finger bewege oder mit einem einzigen Muskel meines Gesichts zucke, stößt mich Miß Murdstone mit ihrem Gebetbuch in die Seite, daß es mich schmerzt. Ja, und wieder bemerke ich auf dem Nachhauseweg, wie einige Nachbarn mich und meine Mutter ansehen und untereinander tuscheln. Und wieder, wie die drei Arm in Arm vor mir gehen und ich allein hinterher komme, folge ich der Richtung dieser Blicke und frage mich, ob meiner Mutter Gang wirklich nicht mehr so leicht ist und heiter wie früher, und ob das lächelnde Glück ihres hübschen Gesichts wirklich fast ganz verschwunden ist? Dann frage ich mich, ob sich wohl einer der Nachbarn noch daran erinnert, wie vergnügt sie, ehedem mit mir nach Hause ging? Und ich grüble darüber mit dumpfen Sinnen den ganzen freudlosen, langweiligen Tag hindurch. Von Zeit zu Zeit war davon die Rede gewesen, mich in eine Erziehungsanstalt zu schicken. Mr. und Miß Murdstone hatten den Gedanken angeregt, und meine Mutter hatte natürlich beigestimmt. Die Sache gedieh jedoch für jetzt noch nicht zum Abschluß. Mittlerweile hatte ich Lehrstunden zu Hause. Werde ich jemals diese Lehrstunden vergessen? Angeblich führte meine Mutter die Aufsicht, aber tatsächlich Mr. Murdstone und seine Schwester, die immer anwesend waren und dabei eine günstige Gelegenheit fanden, meiner Mutter Unterricht in der von ihnen so sehr mißverstandenen Festigkeit zu geben, die uns das Leben vergiftete. Ich glaube, man behielt mich nur deshalb zu Hause! Ich hatte gut und willig gelernt, als meine Mutter und ich noch allein miteinander lebten. Ich kann mich noch schwach erinnern, wie ich auf ihrem Schoß das Alphabet lernte. Wenn ich noch heutigestags auf die großen schwarzen Buchstaben einer Fibel sehe, so steht mir die verwirrende Neuheit ihrer Gestalten wieder vor Augen, und ich sehe die leicht zu unterscheidenden O's und Q's so deutlich, wie ich sie zuerst kennen lernte. Aber sie rufen mir keine Empfindung des Abscheus oder Widerwillens wach. Im Gegenteil scheint es mir, als sei ich einen Blumenpfad gewandelt bis zu dem Krokodilbuch, und wäre dabei durch die sanfte Stimme und Art meiner Mutter zum Vorwärtsschreiten ermuntert worden. Aber die feierlichen Lektionen, die nach diesen kamen, treten vor mich hin als der Tod meines Seelenfriedens und als eine tägliche, jämmerliche Plage und als ein tägliches Elend. Sie waren sehr lang, sehr zahlreich, sehr schwer – einige vollkommen unverständlich für mich – und sie verblüfften mich meistens ebensosehr wie wahrscheinlich meine arme Mutter selber. Ich will mir einmal ein Beispiel, wie es dabei an einem solchen Morgen zuzugehen pflegte, in meine Erinnerung zurückrufen. Nach dem Frühstück trete ich in unser zweitbestes Wohnzimmer mit meinen Büchern, einem Übungsheft und einer Schiefertafel. Meine Mutter erwartet mich bereits an ihrem Schreibtische, aber viel mehr noch erwarten mich Mr. Murdstone in seinem Lehnstuhl am Fenster, obwohl er anscheinend ein Buch liest und Miß Murdstone, die in der Nähe meiner Mutter sitzt und Stahlperlen auf einen Faden reiht. Der bloße Anblick der beiden Geschwister übt einen so verwirrenden Einfluß auf mich, daß ich fühle, wie die von mir mit unsäglicher Qual eingebüffelten Worte unwiederbringlich entschwinden. Nebenbei gesagt: ich möchte wirklich wissen, wohin sie eigentlich immer verschwinden? Ich überreiche das erste Buch der Mutter, vielleicht ist es Geographie, Grammatik oder Geschichte, und werfe schnell noch einen verschwimmenden letzten Blick auf die aufgeschlagene Seite, dann leiere ich im raschesten Tempo her, was mir noch frisch im Gedächtnisse haftet. Da stolpere ich über ein Wort. Mr. Murdstone blickt auf. Ich stolpere über ein zweites. Miß Murdstone blickt auf. Ich werde rot, mache noch ein halb Dutzend Schnitzer und bleibe stecken. Ich glaube, meine Mutter möchte mich ins Buch sehen lassen, wenn sie sich nur getraute, aber sie getraut es sich nicht und sagt nur sanft: »O Davy, Davy!« »Jetzt, Klara, sei fest mit dem Jungen. Sage nicht: o Davy, Davy! Das ist kindisch. Entweder kann er seine Lektion oder er kann sie nicht!« »Er kann sie nicht !« fällt Miß Murdstone in schrecklichem Tone ein. »Ich fürchte, er kann sie nicht«, sagt Meine Mutter. »Also, Klara, mußt du ihm das Buch zurückgeben und es ihm begreiflich machen.« »Ja, liebe Jane, das will ich. Also, Davy, versuchen wir's noch einmal, und sei recht gescheit.« Aber ich bin nichts weniger als gescheit. Bei der Wiederholung verwickele ich mich an einer Stelle, über die ich vorhin glatt hinwegkam und noch dazu in einem Stück, das ich sonst sehr gut konnte. Aber nun halte ich an, sitze fest und habe keine Gedanken mehr für meine Lektion. Ich denke darüber nach, wieviel Ellen Spitzen wohl Miß Murdstones Haube enthält, was Mr. Murdstones Ausgehrock kosten mag, oder über etwas ähnlich Albernes, was mich gar nichts angeht und womit ich auch gar nichts zu tun haben will. Mr. Murdstone macht eine Bewegung der Ungeduld, was ich längst erwartet habe. Miß Murdstone desgleichen. Meine Mutter sieht unterwürfig zu ihnen hinüber, klappt das Buch zu und legt es einstweilen als rückständige Leistung beiseite, die abgearbeitet werden muß, bevor ich andere Aufgaben erledigt habe. Aber der Stoß des »einstweilen beiseite Gelegten« wird immer größer und wächst an wie ein gewälzter Schneeball, und je größer er wird, desto dümmer werde ich. Der Fall ist so hoffnungslos, und ich fühle mich so tief in einem wahren Morast von Unsinn stecken, daß ich alle Gedanken auf ein Entrinnen aufgebe und mich meinem Schicksal überlasse. Es ist ein gar melancholischer Anblick, wie wir beide, ich und meine Mutter, uns mit kläglichen Blicken anschauen, während ich immer weiter holpre und stolpre. Manchmal, wenn sie sich unbeobachtet wähnt, versucht es meine Mutter, mir das, was ich nicht weiß, durch lautloses Sprechen mit der Lippenbewegung anzudeuten. Aber sofort läßt Miß Murdstone, die nur darauf gelauert hat, ihre tiefe, warnende Stimme vernehmen: »Klara!« Meine Mutter schrickt zusammen, errötet und lächelt verlegen. Mr. Murdstone erhebt sich aus seinem Stuhle, packt das Buch, wirft es nach mir oder schlägt es mir um die Ohren, und führt mich beim Kragen aus dem Zimmer. Selbst wenn ich die Lektion einigermaßen hergesagt habe, wartet meiner noch das Schlimmste in Gestalt eines schauerlichen Rechenexempels, das Mr. Murdstone eigens für mich erdacht hat, und das so anfängt: Wenn ich zum Käsehändler gehe und fünftausend Doppel-Gloucester-Käse kaufe, das Pfund zu 4 1/2 Pence usw. –« wobei sich Miß Murdstone vor Freude nicht zu fassen weiß. Ich sitze und druckse auf diesen Käsen, ohne die geringste Aussicht auf ein günstiges Resultat, bis Mittag, wo ich dann, zum Mulatten verwandelt, da ich mir den Schmutz von der Schiefertafel ins Gesicht gerieben habe, zu den gedachten Käsen nur eine Brotschnitte erhalte und für den ganzen übrigen Tag in Ungnade verfallen bin. Mir scheint fast, daß meine Studien in jener fernliegenden Zeit fast regelmäßig derart verliefen: Und ich hätte ohne die Murdstones so gut arbeiten können, aber ihre Gegenwart war von einem Einfluß auf mich gleich dem Zauber zweier Schlangen auf ein junges Vöglein. Selbst wenn ich leidlich gut am Vormittag abgeschnitten hatte, gewann ich damit kaum etwas anderes, als das Mittagbrot. Denn, sowie mich Miß Murdstone nur ein Weilchen ohne Aufgabe sah, sogleich lenkte sie ihres Bruders Aufmerksamkeit darauf, indem sie sagte: »Klara, meine Liebe, es geht nichts über die Arbeit – gib deinem Jungen eine Übung auf.« – Und flugs wurde mir eine neue Aufgabe aufgehalst. Von einer Erholung unter Altersgenossen war daher bei mir so gut wie nicht die Rede, denn die düstere Religion der Murdstones hielt bereits die Kinder für ein so verdorbenes Otterngezücht (und doch ward einst ein Kind in die Mitte der Jünger gestellt!), daß sie untereinander die gegenseitige Verderbnis nur förderten. Die natürliche Folge dieser Behandlungsweise, die vielleicht ein halbes Jahr gedauert haben mochte, war die, daß ich ein Kind von schweren Begriffen und von mürrischer und verstockter Gemütsart wurde. Und was nicht wenig dazu beitrug, war das Gefühl, daß ich mich meiner Mutter täglich mehr entfremdete: ich glaube, ohne einen glücklichen Umstand wäre ich fast blödsinnig geworden. Es war dies folgender. Mein Vater hatte eine kleine Büchersammlung in einem Zimmerchen neben meiner Schlafstube hinterlassen, zu der ich Zutritt hatte und um die sich niemand kümmerte als ich. Aus diesem gesegneten kleinen Stübchen kam eine erhabene Schar von Helden zu mir: Roderick Random, Peregrine Pickle, Humphrey Clinker, Tom Jones, der Vicar von Wakefield, Don Quixote, Gil Blas und Robinson Crusoe, eine herrliche Schar, um mir Gesellschaft zu leisten. Sie erhielten meine Phantasie und meine Hoffnungen lebendig darauf, daß es noch etwas jenseits dieses Ortes und dieser Zeit gäbe – sie, und Tausend und eine Nacht und die persischen Märchen – und taten mir keinen Schaden, denn das Unreine, das in einigen war, war für mich nicht da, weil ich nichts davon wußte. Ich muß mich wirklich noch jetzt wundern, wie ich in meiner Plackerei über anstrengende und obendrein unlösbare Aufgaben noch Zeit fand, diese Bücher so zu lesen, wie ich es tat. Es kommt mir wunderbar vor, wie für mich in meinen kleinen Leiden (es waren aber damals für mich sehr schwere Leiden) ein Trost war, wenn ich die Rollen meiner Lieblingscharaktere in diesen Geschichten auf mich übernahm und Mr. und Miß Murdstone die Rollen von Bösewichtern übertrug. Ich bin eine ganze Woche lang Tom Jones gewesen – ein sehr kindlicher harmloser Tom Jones! – Die Rolle Roderick Randoms, wie er mir erschien, habe ich einen Monat lang gespielt. Einen wahren Heißhunger hatte ich auf ein paar Bände Reisebeschreibungen in diesem Bücherschrank! Ich weiß nicht mehr, wie sie hießen. Tage und Tage lang ging ich durch meine Region des Hauses bewaffnet mit dem Mittelstück aus einem alten zerbrochenen Stiefelständer, als leibhaftiges Ebenbild von Kapitän X. der königlich britischen Marine, der in Gefahr ist, von Wilden überfallen zu werden und sein Leben teuer zu verkaufen beabsichtigt. Es tat der Würde dieses Kapitäns keinen Abbruch, daß er fast täglich mit der lateinischen Grammatik geohrfeigt wurde. Diese Schande traf nur mich: der Kapitän selbst blieb Kapitän und war ein Held trotz allen Grammatiken in sämtlichen lebenden und toten Sprachen. Das war mein einziger und beständiger Trost. Wenn ich daran denke, tritt mir immer ein Sommerabend vor Augen, wie die Kinder draußen auf dem Kirchhofe spielten und ich auf dem Bette saß und so eifrig las, als ob es das Leben gelte. Jede Scheune in der Nachbarschaft, jeder Stein in der Kirche, jeder Fußbreit Erde auf dem Kirchhofe stand in meiner Seele mit diesen Büchern in ganz besonderer Verbindung und vertrat die Stelle einer in ihnen berühmt gewordenen Örtlichkeit. Tom Pipes kletterte auf unsern Kirchturm, Strap mit dem Ränzel auf dem Rücken lehnte sich an unsere Gartentür, und ich war davon durchdrungen, daß Kommodore Trunnion und Mr. Trunnion ihre Klubsitzungen in der Gaststube unserer kleinen Dorfschenke abhielten. Der Leser weiß jetzt so gut wie ich, wie und was ich war, als das Ereignis eintrat, das für meine Jugendgeschichte zum Wendepunkt wurde und das ich jetzt erzählen will. Eines Morgens, als ich mit meinen Büchern in die Wohnstube trat, bemerkte ich, daß meine Mutter sehr verängstigt und Miß Murdstone sehr fest aussah, und Mr. Murdstone etwas um das untere Ende eines Rohrstöckchens wickelte. Es war ein geschmeidiges und schmächtiges Röhrchen, das er soeben gebrauchsfertig hergerichtet hatte und wie ich eintrat, in der Hand wog und auf und ab schwippen ließ. »Ich sage dir, Klara,« sagte Mr. Murdstone, »ich habe selbst oft Schläge gekriegt.« »Allerdings, natürlich«, bestätigte Miß Murdstone. »Gewiß, liebe Jane«, stammelte meine Mutter demütig. »Aber – aber meinst du, daß es Eduard gut getan hat?« »Meinest du, daß es Eduard geschadet hat, Klara?« fragte Mr. Murdstone feierlich. »Das ist eben die Frage!« sagte seine Schwester. Darauf wiederholte meine Mutter: »Gewiß, liebe Jane!« und sagte weiter nichts. Mich überschlich das Gefühl, daß ich bei dem Zwiegespräche persönlich beteiligt sei, und ich suchte Mr. Murdstones Blick, der sich drohend auf mich heftete. »Nun, David,« sagte er – und wieder mit jenem schielendfalschen Blick – »du mußt dich heute viel mehr in acht nehmen als gewöhnlich.« Er wog das Röhrchen gleichsam noch einmal in der Hand und ließ es wieder auf und nieder wippen. Dann legte er es mit einem ausdrucksvollen Blick neben sich bereit und nahm das Buch zur Hand. Als Anfang war dies schon ein vortreffliches Auffrischungsmittel für meine Geistesgegenwart. Ich fühlte, wie die Worte meiner Lektion unaufhaltsam dem Gedächtnis entschlüpften, nicht einzeln oder zeilenweise, sondern gleich seitenweise. Ich versuchte, ihrer wieder habhaft zu werden, aber es war gerade, wenn ich mich so ausdrücken darf, als ob die infamen Worte Schlittschuhe anhätten und mit einer unaufhaltsamen Schnelligkeit hinwegglitten. Die Sache fing schon schlecht an und ging noch schlechter fort. Ich war mit dem Gedanken ins Zimmer getreten, mich heute recht auszuzeichnen, denn ich glaubte, recht gut vorbereitet zu sein; aber es stellte sich als ein vollständiger Irrtum heraus. Ein Buch nach dem andern türmte sich auf und vermehrte den Haufen der Rückstände, und Miß Murdstone wendete die ganze Zeit über das Auge nicht von uns weg. Und als wir endlich zu den fünftausend Käsen kamen (diesmal machte er fünftausend Rohrstöckchen daraus, wie ich mich wohl erinnere), fing meine Mutter zu weinen an. »Klara!« rief Miß Murdstone warnend. »Ich fürchte, ich bin nicht ganz wohl, liebe Jane«, sagte meine Mutter. Ich sah, wie er seiner Schwester bedeutungsvoll zublinkte, als er aufstand, das Rohr nahm und sagte: »Jane, wir können kaum erwarten, daß Klara mit vollkommener Festigkeit den Ärger und die Qual erträgt, die David ihr heute verursacht hat. Das wäre wahrhaft stoisch. Klara hat sich sehr gebessert, aber wir können kaum so viel von ihr erwarten. David, Junge, komm, wir wollen beide hinaufgehen.« Als er mich beim Kragen zur Tür hinausschob, eilte meine Mutter uns nach. Miß Murdstone sagte: »Klara, du bist doch eine vollständige Törin!« und hielt sie auf. Ich sah, wie meine Mutter sich die Ohren zuhielt, und hörte sie weinen. Er führte mich in mein Zimmer: langsam und feierlich – ich bin überzeugt, es machte ihm teuflische Freude, die Exekution mit solchen Förmlichkeiten auszustatten – und als wir oben angekommen waren, packte er plötzlich meinen Kopf, zwängte ihn unter seinen Arm und hielt ihn dort fest. »Mr. Murdstone! Sir!« rief ich. »Bitte, schlagen Sie mich nicht! Ich habe mir alle Mühe gegeben, zu lernen, Sir, aber ich kann nicht lernen, wenn Sie und Miß Murdstone da sind! Ich kann es wirklich nicht!« »Kannst du es wirklich nicht, David?« sagte er. »Wirklich nicht? Nun, wir wollen das einmal versuchen.« Er hielt meinen Kopf fest wie in einem Schraubstock, aber es gelang mir doch noch einmal, mich umzudrehen und ihn einen Augenblick hinzuhalten, um ihn nochmals zu bitten, mich nicht zu schlagen. Doch das war nur ein augenblicklicher Aufschub, denn gleich darauf versetzte er mir einen derben Schlag, und in demselben Augenblick haschte ich seine Hand, mit der er mir den Mund zuhielt, faßte sie zwischen die Zähne und biß sie durch und durch. Es knirscht mir jetzt noch in den Zähnen, wenn ich daran denke. Nun hieb er auf mich los, als ob er mich zu Tode prügeln wollte. Über all den Lärm, den wir machten, hörte ich die andern die Treppe hinaufgestürzt kommen und schreien. Ich hörte meine Mutter schreien und Peggotty. Dann war er fort, und die Tür wurde von draußen verschlossen, und ich lag fieberheiß und zerbläut und wund und bebend auf den Dielen und raste in ohnmächtiger Wut. Wie gut ich mich noch erinnere, als ich wieder ruhig wurde, welche unnatürliche Stille im ganzen Hause zu herrschen schien! Wie gut ich mich erinnere, als sich Schmerz und Leidenschaft in mir legten, wie schlecht ich mir vorkam. Ich saß lange Zeit still da, aber es war kein Laut zu vernehmen. Ich krabbelte mich mühsam vom Erdboden auf und sah im Spiegel mein Gesicht so geschwollen und rot und häßlich, daß ich mich davor förmlich entsetzte. Die Striemen waren wund und geschwollen und ich mußte aufschreien, wenn ich mich rührte; aber dieser Schmerz war nichts gegen mein Schuldgefühl. Es lag schwerer auf meiner Brust, als wenn ich der abscheulichste Verbrecher gewesen wäre. Es fing an dunkel zu werden, und ich hatte das Fenster zugemacht (ich hatte die meiste Zeit mit dem Kopf auf dem Fensterbrett gelegen und abwechselnd geweint, abwechselnd halb geschlafen oder gedankenlos hinausgesehen), als sich der Schlüssel im Schlosse drehte und Miß Murdstone mit Brot, Fleisch und Mich hereintrat. Das setzte sie ohne ein Wort zu sprechen auf den Tisch, starrte mich während der ganzen Zeit mit unnachahmlicher Festigkeit an, entfernte sich wieder und schloß die Tür hinter sich zu. So saß ich noch lange nach dem Dunkelwerden da und grübelte, ob noch sonst jemand kommen werde. Als dies für diesen Abend unwahrscheinlich wurde, zog ich mich aus und ging zu Bette; und hier fing ich an mich zu ängstigen über das, was mit mir geschehen werde und zu überlegen, ob ich ein Verbrechen begangen hatte? Ob man mich verhaften und ins Gefängnis stecken werde? Ob man mich am Ende gar hängen könnte? Ich werde niemals das Erwachen am nächsten Morgen vergessen, wo ich mich für den ersten Augenblick froh und erleichtert fühlte, und wie mich dann plötzlich wieder die aufwachende Erinnerung niederdrückte. Miß Murdstone erschien wieder, ehe ich aufstand, sagte mir mit kurzen Worten, daß ich eine halbe Stunde aber nicht länger, im Garten spazieren gehen dürfe, und ging wieder. Sie ließ diesmal die Tür offen, damit ich von der Erlaubnis Gebrauch mache. Ich benutzte diese Erlaubnis wie an jedem Morgen meiner Gefangenschaft, die fünf Tage dauerte. Wenn ich meine Mutter allein hätte sehen und sprechen dürfen, so wäre ich vor ihr auf die Knie niedergefallen und hätte sie um Verzeihung gebeten; aber ich sah während der ganzen Zeit niemand außer Miß Murdstone. Eine Ausnahme bildete die Stunde des Abendgebetes in der Wohnstube; dorthin spedierte mich Miß Murdstone, nachdem alle ihre Plätze eingenommen hatten, und ich mußte als junger Sträfling ganz allein an der Tür stehen bleiben, und ehe sich die andern wieder erhoben hatten, transportierte mich meine Kerkermeisterin mit pompöser Feierlichkeit ins Gefängnis zurück. Ich bemerkte nur, daß meine Mütter am allerweitesten von mir postiert war und ihr Gesicht von mir abgewendet hatte, so daß sie mich nicht sehen konnte, und daß Mr. Murdstones Hand mit einem Leinwandstreifen verbunden war. Die entsetzliche Länge dieser fünf Tage kann ich niemand begreiflich machen. Sie nehmen in meiner Erinnerung den Raum von Jahren ein. Die Spannung, mit der ich allen Vorgängen im Hause, die sich hörbar machten, lauschte, dem Schellen der Klingeln, dem Öffnen und Zumachen der Türen, dem Stimmengemurmel, dem Tritt auf der Treppe, dem Lachen, Pfeifen oder Singen draußen, was mir in meiner Einsamkeit und Verbannung trübseliger klang als alles andere – die völlige Unwissenheit über das Vorrücken der Zeit, die mit ihren Stunden, vorzüglich des Nachts, zu schleichen schien und wo ich oft im Glauben aufwachte, es sei Morgen, während die Familie noch gar nicht zu Bette gegangen war und ich also noch die ganze lange Nacht vor mir hatte – die bösen Träume, die mich quälten – die Wiederkehr von Tag, Mittag, Nachmittag und Abend, wo die Knaben draußen auf dem Friedhof spielten und ich sie vom Hintergrunde des Zimmers aus beobachtete, weil ich mich schämte, mich am Fenster zu zeigen, damit sie nicht merkten, ich sei ein Gefangener – das seltsame Gefühl, mich niemals sprechen zu hören – die schnell entschwindenden Augenblicke erleichterter Stimmung, die mit dem Essen und Trinken kamen und wieder mit ihm gingen – der Regen eines Abends mit seinem frischen Geruch, wie er immer dichter und dichter niederging zwischen mir und der Kirche, bis er und das wachsende Dunkel mich wie in Nacht und Angst und Reue zu hüllen schienen – alles das scheint Jahre – anstatt Tage gedauert zu haben, so lebendig und tief ist es meiner Erinnerung eingeprägt. In der letzten Nacht meiner Haft erweckte mich das Rufen meines Namens im Flüsterton. Ich richtete mich im Bette auf, breitete meine Arme im Dunkeln aus und sagte: »Bist du's, Peggotty?« Es kam nicht sogleich eine Antwort, aber nicht lange darauf hörte ich wieder meinen Namen in einem so geheimnisvollen und schauerlichen Tone, daß ich vor Schrecken Krämpfe bekommen hätte, wenn es mir nicht eingefallen wäre, daß es durch das Schlüsselloch kommen müßte. Ich tappte bis an die Tür, legte den Mund an das Schlüsselloch und flüsterte: »Bist du's, liebe Peggotty?« »Ja, mein lieber, guter Herzens-Davy«, erwiderte sie. »Sei stille wie ein Mäuschen, sonst hört uns die Katze.« Ich verstand sogleich, daß sie Miß Murdstone meinte, und fühlte die Notwendigkeit größter Vorsicht, denn ihr Zimmer war dicht nebenan. »Was macht Mama, liebe Peggotty? Ist sie recht böse auf mich?« Ich hörte Peggotty auf ihrer Seite des Schlüssellochs leise weinen, gleich mir, ehe sie antwortete: »Nein, nicht sehr.« »Was wird denn mit mir geschehen, liebe Peggotty? Weißt du's?« »Schule. Nicht weit von London«, war Peggottys Antwort. Sie mußte es noch einmal wiederholen, denn sie hatte es zuerst in meine Kehle hineingesprochen, weil ich vergessen hatte, den Mund vom Schlüsselloche zu nehmen und das Ohr daran zu legen, und obgleich mich ihre Worte sehr im Halse kitzelten, konnte ich doch nichts davon verstehen. »Wann, Peggotty?« »Morgen.« »Hat deswegen Miß Murdstone meine Kleider aus der Kommode genommen?« Sie hatte das nämlich getan, obgleich ich vergessen hatte, es zu erwähnen. »Ja,« sagte Peggotty, »Koffer.« »Werde ich Mama nicht wiedersehen?« »Ja«, sagte Peggotty. »Morgen früh.« Dann legte Peggotty die Lippen so dicht an das Schlüsselloch und sprach die folgenden Worte mit solchem Gefühl und solcher Innigkeit, wie kaum jemals Worte durch ein Schlüsselloch befördert worden sind, indem sie jeden abgebrochenen kleinen Satz nach einer kurzen Pause ohne Rücksicht auf den Sinn hindurchpustete. »Guter Davy! Wenn ich letzthin nicht mehr ganz so zutunlich – mit dir bin wie früher – so geschah das nicht, weil ich dich nicht – so sehr und noch mehr liebe, als früher mein Herzenspüppchen – sondern nur weil ich glaube, es ist besser für dich, mein Herzchen–und für jemand anders. Lieber, guter Davy, hörst du mir zu? Verstehst du mich?« »Ja, ja, ja, Peggotty!« schluchzte ich. »Mein Herzenskind!« sagte Peggotty mit unendlichem Mitleid. »Ich will dir nur das sagen – du darfst mich nie und niemals vergessen – denn ich werde dich auch nie und niemals vergessen. – Und, Davy, ich will deine Mama so sehr in acht nehmen, als ich dich in acht genommen habe – und ich werde sie nie verlassen – der Tag wird wohl noch kommen, wo sie gern ihren armen Kopf auf den Arm ihrer einfältigen mürrischen alten Peggotty legen wird. – Und ich werde dir schreiben, gutes Herz – obgleich ich nicht mit der Feder umzugehen weiß. Und ich will – ich will« – Peggotty fing an das Schlüsselloch zu küssen, da sie mich nicht küssen konnte. »Danke, liebe Peggotty!« sagte ich. »O, ich danke dir! Ich danke dir! Willst du mir eins versprechen, Peggotty? Willst du an Mr. Peggotty und die kleine Em'ly und Mrs. Gummidge und Ham schreiben, daß ich nicht so schlecht bin, als sie denken könnten, und daß ich sie alle herzlich grüßen lasse –besonders die kleine Em'ly? Willst du das tun, liebe Peggotty?« Die gute Seele versprach es mir, und wir beide küßten das Schlüsselloch mit der größten Zärtlichkeit – ich streichelte es sogar mit der Hand, wie ich mich noch entsinne, als ob es ihr ehrliches Gesicht wäre – und dann trennten wir uns. Seit dieser Nacht entstand in mir ein Gefühl für Peggotty, das ich nicht recht beschreiben kann. Sie trat etwa nicht an die Stelle der Mutter, denn das konnte niemand tun, aber sie füllte doch eine Leere in meinem Herzen aus und ich fühlte für sie etwas, was ich für kein anderes menschliches Wesen gefühlt habe. Es war eine auch mit dem Gefühl des Komischen vermischte Zärtlichkeit, und dennoch kann ich mir nicht denken, was ich hätte tun, oder wie ich den Schmerz hätte ertragen sollen, wenn sie gestorben wäre. Früh morgens erschien Miß Murdstone wie gewöhnlich, und kündigte mir an, daß ich von jetzt an auf eine Schule kommen sollte, was mich natürlich nicht so sehr überraschte, als sie voraussetzte. Sie sagte mir auch, wenn ich angezogen sei, sollte ich hinunter in die Wohnstube zum Frühstück kommen. Dort fand ich meine Mutter sehr blaß und mit roten Augen. Ich eilte in ihre Arme und, bat sie aus tief zerknirschter Seele um Verzeihung. »O Davy!« sagte sie. »Daß du jemand verwunden konntest, den ich liebe! Versuche, ein besseres Kind zu sein, ich bitte dich; ein besseres Kind! Ich verzeihe dir, aber es schmerzt mich so sehr, Davy, daß du ein böses Herz hast!« Sie hatten ihr eingeredet, ich wäre ein tückischer Junge, und das schmerzte sie mehr als mein Fortgehen. Auf mich machte es einen tiefen Eindruck. Ich versuchte mein Abschiedsfrühstück zu essen, aber die Tränen liefen mir auf meine Butterschnitte und tröpfelten in meinen Tee. Ich sah, wie mich meine Mutter manchmal anblickte und dann einen Blick auf die lauernde Miß Murdstone warf, und dann die Augen niederschlug oder wegsah. »Master Copperfields Koffer bringen!« sagte Miß Murdstone, als draußen ein Wagen vorrollte. Ich sah mich nach Peggotty um, aber weder sie noch Mr. Murdstone erschien. Meine frühere Bekanntschaft, der Fuhrmann, stand an der Tür; er nahm den Koffer in Empfang und hob ihn in den Wagen. »Klara!« sagte Miß Murdstone warnend. »Ich bin bereit, liebe Jane«, sagte meine Mutter. »Leb' wohl, Davy. Du gehst um deines eigenen Besten willen. Lebe wohl, mein Kind. Du wirst die Feiertage wiederkommen und ein besserer Sohn sein.« »Klara!« wiederholte Miß Murdstone. »Ja, ja, liebe Jane«, entgegnete meine Mutter, die meine Hand noch immer festhielt. »Ich verzeihe dir, mein geliebtes Kind. Gott segne dich!« »Klara!« wiederholte Miß Murdstone. Miß Murdstone hatte die Gewogenheit, mich bis an den Wagen zu führen und mir unterwegs zu sagen, sie hoffe, ich werde bereuen, ehe ich zu einem schlechten Ende komme, und dann stieg ich in den Wagen, und der träge Gaul setzte sich langsam in Schritt. Fünftes Kapitel. Von Hause fortgeschickt. Wir mochten kaum ein Viertelstündchen gefahren sein und mein Taschentuch war ganz naß geworden, als der Wagen auf einmal stillhielt. Als ich hinausschaute, um die Ursache zu entdecken, sah ich zu meinem Erstaunen Peggotty hinter einer Hecke hervorbrechen und in den Wagen steigen. Sie schloß mich in beide Arme und drückte mich an ihren Schnürleib, bis der Druck auf meiner Nase sehr empfindlich wurde, obgleich ich dessen erst später bewußt wurde, als meine Nase etwas geschwollen war. Dabei sprach Peggotty kein einziges Wort. Sie ließ mich mit dem einen ihrer Arme los, streckte ihn bis an den Ellbogen in ihre Tasche und holte ein paar in Papier gewickelte Kuchen heraus, die sie mir in die Tasche stopfte, und ein Geldbeutelchen, das sie mir in die Hand drückte, aber sie sprach kein Wort. Nachdem sie mich noch einmal an ihren Schnürleib gedrückt hatte, stieg sie aus und lief fort, und wie ich glaube und immer geglaubt habe, diesmal ohne einen einzigen Knopf an ihrer Jacke. Von mehreren, die im Wagen herumkollerten, hob ich einen auf und bewahrte ihn noch lange Zeit als ein Andenken. Der Fuhrmann sah mich an, als wollte er fragen, ob sie zurückkomme. Ich schüttelte den Kopf und sagte: Nein, ich glaube nicht. »Na, denn hott!« sagte der Fuhrmann zu seinem faulen Gaule, der sich wieder schwerfällig in Trott setzte. Da ich mich jetzt so ziemlich ausgeweint hatte, fing ich an zu bedenken, daß mein Weinen doch zu nichts nütze wäre, vorzüglich, da weder Roderich Random, so viel ich mich besinnen konnte, jemals in schwierigen Lagen geweint hatte, noch jener Kapitän der königlich britischen Marine mit dem alten Stiefelknecht, den ich in meiner heimlichen Lektüre ebenfalls als einen Helden so sehr bewundert hatte. Als mich der Fuhrmann so getröstet sah, schlug er mir vor, mein Taschentuch zum Trocknen dem Pferde auf den Rücken zu legen. Ich dankte ihm und stimmte zu, und ganz besonders klein sah es aus, wie es dort draußen ausgebreitet lag. Ich hatte jetzt Muße, die Börse zu untersuchen. Es war ein kleines, ledernes Beutelchen mit einem Schloß, und darin waren drei glänzende Schillinge, die Peggotty, damit es mir mehr Freude machte, sicherlich mit Putzpulver poliert hatte. Aber sein kostbarster Inhalt bestand aus zwei halben Kronen in ein Papier gewickelt, auf das mit meiner Mutter Hand geschrieben stand: »Für Davy. Mit meiner Liebe.« Ich war davon so gerührt, daß ich den Fuhrmann bat, er möchte doch so gut sein, mir das Taschentuch wieder hereinzuholen, aber er meinte, es wäre besser, wenn ich mich ohne das behülfe, und ich dachte es am Ende auch, wischte mir also die Augen mit dem Rockärmel und suchte meine Rührung zu bezwingen. Und es gelang mir, obgleich sich manchmal ein heftiges Aufschluchzen Luft machte. Nachdem wir eine Weile im Schneckentempo so weiter gefahren waren, fragte ich den Fuhrmann, ob er die ganze Reise mit mir mache? »Reise, wohin?« fragte der Fuhrmann. »Dorthin«, sagte ich. »Wo ist das dorthin?« fragte der Fuhrmann. »Bei London«, sagte ich. »Na,« sagte der Fuhrmann feierlich und wies mit einem Ruck des Zügels auf das Tier, »dann wäre das Pferd mausetot, ehe wir halb hinkämen.« »Wir fahren also nur bis Yarmouth?« fragte ich. »Getroffen«, sagte der Fuhrmann. »Und dort bringe ich Euch zur Landkutsche, und die Landkutsche bringt Euch nach Euerm Dingsda.« Da das für den Fuhrmann, der Barkis hieß, eine sehr lange Rede war – denn er war, wie ich früher bemerkte, von phlegmatischem Temperament und nichts weniger als redselig – so bot ich ihm als ein Zeichen der Aufmerksamkeit einen Kuchen an, den er auf einen Bissen hinunterschlang wie ein Elefant, und der auf sein breites Gesicht nicht mehr Eindruck machte, als er es auf eines Elefanten Gesicht gemacht hätte. »Hat sie sie gemacht, he?« sagte Mr. Barkis, der immer vorwärts gebeugt auf seinem Sitze hockte und einen Arm auf jedes Knie stützte. »Peggotty, meinen Sie?« »Hm!« sagte Mr. Barkis. »Sie.« »Ja. Sie bäckt alle unsere Pasteten und besorgt bei uns die Küche.« »Potztausend!« sagte Mr. Barkis. Er spitzte den Mund, als wollte er pfeifen, aber er pfiff nicht, sondern saß da und stierte auf die Ohren seines Pferdes, als ob er dort etwas ganz Besonderes erblickte, und verharrte so geraume Zeit. Endlich sagte er: »Herzliebste sind wohl nicht vorhanden?« »Meinen Sie Kuchenherzen, Mr. Barkis?« Ich wußte nicht gleich, was er meinte, und glaubte, er machte eine nicht mißzuverstehende Anspielung auf meine Kuchen, um noch einen davon abzubekommen. »Ne, ne, Herzliebste«, sagte Mr. Barkis. »Ich frage, es geht keine Mannsperson mit ihr?« »Mit Peggotty?« »Hm!« sagte er. »Mit der.« »Ach nein, sie hat nie einen Liebsten gehabt.« »Wirklich nicht!« sagte Mr. Barkis. Wieder spitzte er den Mund zum Pfeifen und pfiff doch nicht, sondern sah nach den Ohren des Pferdes. Endlich sagte Mr. Barkis nach einer langen Pause des Nachdenkens: »Sie macht also die Apfeltorten alle selbst und besorgt die ganze Küche?« Ich antwortete bestätigend. , »Nun, dann will ich Euch was sagen«, schmunzelte Mr. Barkis, »Vielleicht schreibt Ihr mal an sie.« »Ich schreibe jedenfalls an sie«, entgegnete ich. »Hm!« sagte er und wendete langsam die Augen auf mich. »Nun, wenn Ihr an sie schreibt, vergeßt nicht, ihr zu bestellen, daß Barkis willens wäre; wollt Ihr so gut sein?« »Daß Barkis willens wäre«, wiederholte ich unschuldig, »Ist das die ganze Bestellung?« »Ja, na«, sagte er bedächtig. »Ja – na, Barkis ist Willens.« »Aber Ihr seid ja morgen selbst schon wieder in Blunderstone,« sagte ich, und fühlte mich etwas beunruhigt von dem Gedanken, daß ich um diese Zeit so weit davon entfernt sein würde, »und da könntet Ihr es ja selbst viel besser ausrichten.« Er wies jedoch diesen Vorschlag mit einem Kopfschütteln weit von sich und wiederholte seinen ersten Wunsch mit tiefstem Ernste, indem er noch einmal sehr feierlich sagte: »Barkis ist willens, das ist die Bestellung.« Ich übernahm also gern den Auftrag und nachmittags, während wir in dem Gasthofe in Yarmouth auf die Landkutsche warteten, ließ ich mir einen Bogen Papier und ein Tintenfaß bringen, und schrieb folgenden Brief an Peggotty: »Meine liebe Peggotty! Ich bin glücklich hier angekommen. Barkis ist willens. Zärtlichsten Gruß an die liebe Mama. Freundlichst Dein Davy. Nachschrift: Er trägt mir noch besonders auf, Dir zu sagen – Barkis ist willens!« Als ich diesen Zukunftsauftrag übernommen hatte, verfiel Mr. Barkis wieder in sein voriges absolutes Schweigen, und ich, ganz erschöpft von den letzten Ereignissen, legte mich auf einen Sack im Wagen und schlief ein. Ich schlief gesund, bis wir in Yarmouth eintrafen, das mir von dem Gasthofe aus, in den wir einfuhren, von einer so neuen und seltsamen Seite vorkam, daß ich sofort die stille Hoffnung aufgab, hier jemand von Mr. Peggottys Familie oder vielleicht gar die kleine Emilie zu treffen, Die Postkutsche stand schmuck und funkelnd im Hofe, aber Pferde waren noch nicht vorgespannt, und sie sah in diesem Zustande gar nicht danach aus, als wenn sie London je erreichen würde. Ich dachte darüber nach und fragte mich, was wohl aus meinem Koffer werden würde, den Mr. Barkis auf den Boden neben den Türpfosten gesetzt hatte (denn er war des Umwendens halber auf den Hof hinaufgefahren), und dachte was aus mir würde, als eine Frau aus einem großen Fenster, vor dem ein paar Stück Geflügel und mehrere große Stücke Fleisch hingen, heraussah und sagte: »Ist das der junge Herr aus Blunderstone?« »Ja, Ma'm«, gab ich zur Antwort. - »Wie ist der Name?« fragte die Frau. »Copperfield, Ma'm«, sagte ich. »Stimmt nicht«, sagte die Dame. »Auf diesen Namen ist hier kein Mittagessen bezahlt.« »Vielleicht dann für Murdstone?« sagte ich. »Wenn du Murdstone heißt,« sagte die Frau, »warum sagst du da zuerst einen andern Namen?« Ich erklärte der Frau den Sachverhalt und sie klingelte und rief: »William! führe den jungen Herrn ins Frühstückszimmer«; worauf ein Kellner aus einer Küche am andern Ende des Hofes herbeigerannt kam, und ganz erstaunt zu sein schien, als er nur mich vorfand. Ich kam in ein langgestrecktes und weites Zimmer, in dem einige große Landkarten hingen; doch zweifle ich, daß ich mir noch fremder und verlassener hätte vorkommen können, wenn die Karten wirklich die fremden Länder gewesen wären, die sie vorstellten, und wenn ich mitten in sie hineingesetzt worden wäre. Ich kam mir wahrhaftig schon sehr dreist vor, als ich mich scheu mit der Mütze in der Hand auf die Ecke des Stuhles setzte, der am nächsten an der Tür stand. Und als der Kellner nun gar einen Tisch für mich deckte und eine Menge darauf setzte, mußte ich ganz rot vor Bescheidenheit geworden sein. Er brachte mir einige Koteletts und Gemüse, und nahm die Deckel in so heftiger Weise von den Schüsseln ab, daß ich glaubte, ich hätte ihn mit irgend etwas verletzt oder geärgert. Aber ich beruhigte mich wieder, als er einen Stuhl für mich an den Tisch setzte und sehr herablassend sagte: »Nun, Dreikäsehoch! immer Platz genommen!« Ich dankte ihm und setzte mich an den Tisch, fand es aber sehr schwer, Messer und Gabel nur mit einiger Gewandtheit zu handhaben und mich nicht mit der Brühe zu bespritzen, weil er mir gegenüberstand und kein Auge von mir abließ, und mich immer erröten machte, wenn ich seinen Blicken begegnete. Als ich mit dem zweiten Hammelkotelett angefangen hatte, sagte er: »Es ist auch ein halbes Maß Ale für Sie bestellt, junger Herr. Wollen Sie es jetzt?« Ich dankte ihm und sagte ja, worauf er das Bier aus einem Kruge in ein großes Glas goß und es gegen das Licht hielt. »Strafe mich Gott!« sagte er. »Es ist viel Zeug, nicht wahr?« »Es ist viel Zeug«, antwortete ich mit einem Lächeln, denn es machte mir ordentlich Spaß, ihn so freundlich zu finden. Es war ein Mann mit kleinen lustigen Augen, er hatte rote Pusteln im Gesicht, und das kurze Haar stand borstig in die Höhe; und wie er so dastand, den Arm in die Seite gestemmt, und mit der andern Hand das Glas gegen das Licht hielt, sah er ganz gemütlich aus. »Gestern war ein Herr hier,« fing er an–»namens Purzler – ein dicker Herr, vielleicht kennen Sie ihn?« »Nein – ich glaube nicht« – meinte ich. »Kurze Hosen und Gamaschen, breitkrempigen Hut, grauen Überrock, gesprenkelten wollenen Schal«, fuhr der Kellner zu beschreiben fort. »Nein,« erwiderte ich bescheiden, »ich habe wirklich nicht das Vergnügen.« »Ja, also, der kehrte hier ein,« sagte der Kellner, und sah immer noch durch das Bierglas nach dem Fenster – »bestellte ein Glas von diesem Ale – bestand darauf – ich riet ihm noch ab – aber er trinkt es aus und fällt tot nieder. – War zu alt für ihn. Es sollte nicht verschenkt werden; das ist die Sache.« Der traurige Vorfall machte mich ganz betroffen, und ich meinte, ich würde dann doch ein Glas Wasser vorziehen. »Ja, sehen Sie,« sagte der Kellner, der immer noch mit dem einen Auge – das andere hatte er zugekniffen, – das Bier anblinzelte, »unsere Herrschaft sieht es nicht gern, wenn etwas bestellt wird und stehen bleibt. Nehmen's übel. Aber ich will's trinken, wenn Sie's erlauben, ich bin daran gewöhnt und Gewohnheit ist alles. Ich glaube nicht, daß es mir schadet, wenn ich den Kopf zurücklege und es rasch hinuntergieße. Soll ich?« Ich erwiderte ihm, er würde mich sehr verpflichten, wenn er es tränke, falls er wirklich meine, daß es ihm nicht schade, sonst aber durchaus nicht. Als er den Kopf zurücklegte und es rasch hinuntergoß, erfaßte mich eine schreckliche Angst, er könnte das Schicksal des unseligen Purzler teilen und wie dieser tot zu Boden sinken. Aber es tat ihm nichts. Im Gegenteil, er schien nur noch gestärkter zu sein. »Was ist denn das hier?« sagte er und fuhr mit der Gabel in meine Schüssel. »Doch nicht Koteletts?« »Ja, Koteletts«, sagte ich. »Straf mich Gott!« rief er aus, »ich wußte ja gar nicht, daß es Koteletts waren? Und Koteletts sind ja grade wie geschaffen dazu, um das Bier unschädlich zu machen! Ist das nicht ein wahres Glück?« Mit diesen Worten nahm er ein Kotelett, das er an dem Knochen faßte, in die eine Hand und eine Kartoffel in die andere, und verzehrte sie zu meiner größten Befriedigung mit einem wunderbaren Appetite. Als er fertig war, nahm er noch ein Kotelett und noch eine Kartoffel, und hernach noch ein Kotelett und eine dritte Kartoffel. Als die Schüssel leer war, setzte er einen Pudding auf den Tisch, schien dann nachzudenken und ein paar Augenblicke ganz in Gedanken zu versinken. »Wie ist die Pastete?« fragte er, wie aus einem Traum erwachend. »Es ist Pudding«, antwortete ich. »Pudding!« rief er aus. »Bei Gott!« sagte er und beschaute ihn näher; »aber was seh ich? Es ist doch nicht etwa ein Blätterpudding?« »Ja, es ist ein Blätterpudding.« »Was Blätterpudding?« sagte er und nahm einen Eßlöffel zur Hand, »das ist ja mein Lieblingspudding. Ist das nicht ein rechtes Glück? Kommen Sie, Kleiner, wollen sehen, wer das meiste kriegt,« Der Kellner bekam wirklich das meiste. Er bat mich allerdings mehr als einmal, mich daran zu halten, um die Wette zu gewinnen, aber das Mißverhältnis seines Eßlöffels zu meinem Teelöffel, seiner Schnelligkeit zu meiner, seines Appetits zu meinem machte, daß ich bei dem ersten Bissen weit zurückblieb und alle Aussicht verlor, ihn wieder einzuholen. Ich glaube, ich habe niemals jemand einen Pudding mit solchem Genusse essen sehen, und er lachte, als er fertig war, als ob sein Genuß noch fortdauere. Da er so gesprächig und gefällig war, bat ich ihn um Feder, Tinte und Papier, um an Peggotty zu schreiben. Er brachte die Schreibmaterialien mir nicht nur sogleich, sondern war auch so freundlich, mir über die Achsel zu sehen, während ich die vorher erwähnten Zeilen schrieb. Als ich damit fertig war, fragte er mich, in welche Schule ich ginge? Ich sagte, »da bei London«, denn ich wußte weiter nichts. »Straf mich Gott!« sagte er und machte ein sehr betrübtes Gesicht, »das tut mir wirklich leid.« »Warum?« fragte ich. »Gott, Gott!« sagte er und schüttelte den Kopf, »das ist die Schule, wo sie dem Knaben die Rippen zerbrochen haben – zwei Rippen – war ein kleiner Knabe. War etwa – wartet einmal – wie alt sind Sie, junger Herr?« Ich sagte ihm, zwischen acht und neun Jahre. »Das ist gerade sein Alter«, sagte er. »Er war acht Jahr und sechs Monate, als sie ihm die erste Rippe zerbrachen, und acht Jahr und acht Monate bei der zweiten, und dann war es aus mit ihm.« Ich konnte weder mir noch dem Kellner verhehlen, daß dies ein unangenehmes Zusammentreffen sei, und fragte, wie es sich zugetragen habe? Seine Antwort diente eben nicht zu meiner Erheiterung, denn er sagte mir mit feierlichem Ernste: »Durch Kloppe.« Das Blasen des Posthorns auf dem Hofe war eine recht willkommene Ablenkung, die mich veranlaßte, aufzustehen, und mit einem von Stolz und Blödigkeit gemischten Gefühl, eine Börse zu haben, zu fragen, ob noch etwas zu bezahlen sei? »Einen Bogen Briefpapier«, sagte er. »Haben Sie schon einmal einen Bogen Briefpapier gekauft?« Ich konnte mich dessen nicht entsinnen. »Ist sehr teuer wegen des Zolls«, sagte er. »Drei Pence. Ja, ja! So werden wir in England besteuert! Sonst weiter nichts, nur noch den Kellner. Die Tinte macht nichts, bei der setze ich zu.« »Was soll ich – bitte, was muß ich – was habe ich dem Kellner zu geben?« stammelte ich verlegen. »Wenn ich nicht Familienvater wäre und meine Kinder nicht die Windpocken hätten« sagte der Kellner, »so würde ich nicht sechs Pence annehmen, straf mich Gott! Wenn ich nicht einen alten Vater und eine liebe Schwester zu unterstützen hätte« – hier wurde der Kellner sehr aufgeregt – »so würde ich keinen Dreier nehmen! Wenn ich eine gute Stelle hätte und hier gut behandelt würde, so würde ich die Gäste eher bitten, eine Kleinigkeit von mir anzunehmen, anstatt ein Trinkgeld zu verlangen. Aber ich muß mich von den Speiseüberresten sättigen – und schlafe auf den Kohlen« – hier brach der Kellner in Tränen aus. Mich rührte seine unglückliche Lage sehr, und ich fühlte, daß ein Trinkgeld von weniger als neun Pence eine wahre Knickrigkeit und Herzenshärte wäre. Daher gab ich ihm einen meiner drei glänzenden Schillinge, den er mit großer Demut und Ehrerbietung annahm, und gleich darauf zwischen den Fingern probierte, ob er gut sei. Ich kam in einige Verlegenheit, als ich beim Einsteigen in die Postkutsche merkte, daß ich im Verdacht stand, das Mittagessen ganz allein aufgegessen zu haben. Ich hörte nämlich die Frau aus dem breiten Fenster zum Kondukteur sagen: Nehmt den Knaben in acht, Georg, sonst platzt er! und die Dienstmädchen kamen heraus und staunten mich an und bekicherten mich als ein kleines Wundertier. Mein unglücklicher Freund, der Kellner, der sich von seiner Betrübnis vollständig erholt hatte, teilte die allgemeine Lustigkeit, ohne im geringsten verlegen zu erscheinen. Wenn ich einiges Mißtrauen gegen ihn hegte, so entstand es wahrscheinlich dadurch; aber ich glaube eher, daß ich bei dem arglosen Vertrauen eines gläubigen Kindes und der natürlichen Achtung, die ein Kind vor dem höheren Alter hat, selbst damals kein ernstliches Mißtrauen gegen ihn fühlte. Und ich für mein Teil würde es sehr bedauern, wenn Kinder diese Eigenschaften vorzeitig gegen Weltklugheit eintauschen würden. Ich gestehe, es ärgerte mich ein wenig, daß ich, ohne es zu verdienen, zur Zielscheibe von Witzen zwischen dem Kutscher und dem Kondukteur wurde, wenn sie behaupteten, die Kutsche werde hinten zu schwer, weil ich dort saß, und es sei für mich ratsamer, mit dem Frachtwagen zu reisen. Als die Fabel von meiner Gefräßigkeit unter den Außenpassagieren auf dem Verdeck ruchbar wurde, machten sie auch ihre Späße über mich und fragten, ob ich den Pensionspreis für zwei oder drei Brüder bezahlen müsse, oder ob ich in Akkord genommen werde, oder zu den üblichen Bedingungen und ähnliches? Aber das Schlimmste bei der Sache war, daß ich fühlte, ich würde mich schämen, in der nächsten Station etwas zu essen, wenn sich mir die Gelegenheit dazu böte, und daß ich bei dem schmalen Mittagessen die ganze Nacht würde hungern müssen, denn ich hatte in der Eile auch noch meine Küchelchen im Gasthofe zurückgelassen. Meine Befürchtung bestätigte sich denn auch in vollem Umfange. Als wir abends an einem neuen Gasthofe anhielten, konnte ich mich nicht entschließen, am Abendessen teilzunehmen, obgleich ich großen Appetit hatte, sondern setzte mich ans Fenster und sagte, ich wollte nichts essen. Das schützte mich aber doch nicht vor Sticheleien, denn ein Herr mit einer heisern Stimme und einem roten, dicken Gesichte, der die ganze Zeit über in der Kutsche aus einer Büchse Butterbrote gefüttert hatte, wenn er nicht aus einer Flasche trank, verglich mich mit einer Boakonstriktor, die auf einmal so viel ißt, daß es lange Zeit vorhält, und dabei holte er ein großes Stück kaltes Fleisch hervor. Wir waren um drei Uhr nachmittags von Yarmouth abgefahren, und mußten in London gegen acht Uhr am nächsten Morgen ankommen. Es war mitten im Sommer und schönes Wetter, und der Abend war herrlich. Wenn wir durch ein Dorf kamen, stellte ich mir vor, wie es in den Häusern aussehen möge und was die Bewohner täten, und wenn uns manchmal Jungen nachliefen, sich hinten anhingen und eine Weile mitfuhren, fragte ich mich, ob ihr Vater noch lebe und sie es gut zu Hause hätten? So hatte ich über vielerlei nachzudenken, und am meisten überlegte ich, wie die Anstalt beschaffen sein möchte, nach der ich unterwegs war, und das war ein recht bedrückender Gedanke. Manchmal, dessen entsinne ich mich noch, vertiefte ich mich in Gedanken an zu Hause und an Peggotty, und versuchte mir mühsam und unsicher vorzustellen, wie mir zumut und was für ein Junge ich gewesen war, ehe ich Mr. Murdstone gebissen hatte; doch ich konnte diese Frage durchaus nicht befriedigend lösen, denn mir war, als hätte ich ihn in altersgrauer Vorzeit gebissen. Die Nacht war nicht so schön wie der Abend, denn es wurde kühl, und da man mich zwischen zwei Herren (den mit der heisern Stimme und einen andern) gesetzt hatte, damit ich nicht herunterfalle, so erstickten sie mich fast, als sie einschliefen und mich ganz zudeckten. Sie quetschten mich manchmal so unbarmherzig, daß ich ausrufen mußte: »Ach, bitte, bitte!« – was ihnen gar nicht gefiel, weil sie davon aufwachten. Mir gegenüber saß eine ältliche Dame in einem großen Pelzmantel, die im Finstern mehr wie ein Heuschober, als wie eine Dame aussah, so sehr war sie eingewickelt. Diese Dame hatte einen Korb bei sich, und wußte lange Zeit nicht, wo sie damit bleiben sollte, bis sie entdeckte, daß er wegen meiner kurzen Beine ganz gut unter meinen Sitz geschoben werden konnte. Er beengte mich dort aber so sehr, daß ich ganz unglücklich darüber wurde, und wenn ich mich nur ein wenig regte und das Glas, das im Korbe war, klapperte, was stets der Fall war, so gab sie mir einen derben Stoß mit ihrem Fuße und sagte: »Sitz' doch still. Deine Knochen sind jung genug, sollte ich meinen!« Endlich ging die Sonne auf, und jetzt schienen meine Nachbarn ruhiger zu schlafen. Was sie die Nacht über an ängstlichen Traumen oder Gefahren ausgestanden hatten, und wie sie sich durch das schreckliche Ächzen und Schnarchen Luft machten, läßt sich gar nicht beschreiben. Je höher die Sonne stieg, desto leiser schliefen sie, und allmählich erwachte einer nach dem andern. Ich weiß noch, daß es mich sehr wunderte, wie nun ein jeder so tat, als habe er gar nicht geschlafen, und ungemein heftig wurde, wenn man ihn dessen anklagte. Noch heutigestags empfinde ich dasselbe Staunen, denn ich habe unabänderlich beobachtet, daß von allen menschlichen Schwächen (ich weiß nicht aus welchem Grunde) die Menschen im allgemeinen am abgeneigtesten sind einzugestehen, daß sie im Wagen geschlafen haben. Wie überwältigend mir London vorkam, als ich es in der Ferne erblickte, und wie ich mir vorstellte, daß sich alle Abenteuer meiner sämtlichen Lieblingshelden dort täglich wieder abspielten, und wie in mir die dunkle Vorstellung entstand, daß es reicher an Wundern und Verbrechen sei, als jede andere Stadt der Welt: das alles brauche ich hier nicht zu erzählen. Wir näherten uns der Stadt allmählich, und erreichten zu gehöriger Zeit den Gasthof in Whitechapel, wo wir ausspannten. Ich weiß nicht mehr, ob es der blaue Bock oder der blaue Bär war, aber ich weiß, daß es ein blaues Ding war und daß dasselbe Bild auf der Rückseite der Kutsche zu sehen war. Die Augen des Kondukteurs fielen auf mich, als er herunterstieg, und er fragte an der Tür des Billettschalters: »Wartet hier jemand auf einen Knaben, der auf den Namen Murdstone aus Blunderstone in Suffolk eingeschrieben ist und abgeholt werden soll?« Niemand antwortete. »Bitte, versuchen Sie's einmal mit Copperfield, Sir«, sagte ich, und blickte ratlos hinab. »Wartet hier jemand auf einen Knaben, der auf den Namen Murdstone aus Blunderstone in Suffolk eingeschrieben ist, aber Copperfield heißt und abgeholt werden soll?« fragte der Kondukteur abermals. »Heda! Ist niemand da?« Nein. Es war niemand da. Ich sah mich spähend und besorgt um, aber die Nachfrage machte keinen Eindruck auf einen der Umstehenden, wenn ich nicht einen Mann mit Gamaschen und einem Auge ausnehmen will, der den Rat gab, mir ein messingenes Halsband anzulegen und mich im Stalle festzubinden. Man brachte eine Leiter, und ich stieg erst nach der Dame hinunter, die einem Heuschober ähnlich sah, weil ich mich nicht eher zu rühren wagte, als bis sie ihren Korb weggenommen hatte. Die Kutsche war jetzt an Passagieren leer geworden, das Gepäck war bald heruntergeholt, die Pferde waren abgeschirrt und weggeführt worden, und jetzt wurde auch die Kutsche von ein paar Hausknechten herumgedreht und hinten in den Hof geschoben. Aber es kam immer noch niemand, um den staubbedeckten Knaben von Blunderstone in Suffolk abzuholen. Verlassener als Robinson Crusoe, den wenigstens niemand angaffte und dessen Verlassenheit keiner bemerkte, begab ich mich in den Schalterraum, verfügte mich auf die Einladung des Beamten hinter den Ladentisch und setzte mich auf die Gepäckwage. Während ich hier saß und die Pakete, Kisten und Bücher musterte und den Stallgeruch einatmete (der mir seitdem, sooft ich ihn irgendwo rieche, jenen Morgen ins Gedächtnis zurückbringt), begann eine Parade höchst bedenklicher Betrachtungen durch meinen Geist zu marschieren. Gesetzt, es holte mich niemand ab, wielange würden sie mich dann hier behalten? Würden sie mich dableiben lassen, bis meine sieben Schillinge zu Ende wären? Würde ich nachts in einem hölzernen Kasten mit dem übrigen Gepäck schlafen, und mir des Morgens das Gesicht am Brunnen im Hofe waschen dürfen? Oder würde man mich jede Nacht bei Schluß des Bureaus hinausjagen und erwarten, daß ich den nächsten Morgen bei Öffnung des Bureaus wiederkehre, um zu bleiben, bis ich abgeholt würde? Gesetzt, es sei gar kein Irrtum, und Mr. Murdstone habe sich den Plan ausgedacht, mich auf diese Weise loszuwerden, was sollte ich dann tun? Wenn sie mich auch wirklich hier bleiben ließen, bis meine sieben Schillinge zu Ende waren, so konnte ich doch nicht auf das Bleiben rechnen, wenn ich anfing zu verhungern. Das wäre gewiß den Reisenden unangenehm und widerwärtig gewesen, und hätte auch dem blauen Dingskirchen schließlich noch die Kosten für mein Begräbnis aufgebürdet. Wenn ich mich gleich aufmachte und versuchte nach Hause zurückzugehen, wie sollte ich den Weg finden, wie durfte ich hoffen, die Kräfte dafür zu behalten, und selbst wenn ich zurückkam, auf wen durfte ich zählen außer auf Peggotty? Wenn ich selbst die nächsten Behörden ausfindig machte und mich erbot, Soldat oder Matrose zu werden, so war es doch sehr unwahrscheinlich, daß sie mich nähmen, da ich noch ein so kleines Bürschchen war. Solche und hundert ähnliche Gedanken machten mich brühsiedendheiß, und mir schwindelte vor Sorge und Angst. Auf dem Höhepunkte dieses Fieberzustandes trat ein Mann in den Schalterraum und sagte leise etwas zu dem Beamten, worauf mich dieser von der Wage herunter und dem andern zuschob, als ob ich verkauft, gewogen, abgeliefert und bezahlt worden wäre. Als ich Hand in Hand mit dem neuen Bekannten das Bureau verließ, warf ich einen verstohlenen Blick auf ihn. Es war ein hagerer, blasser junger Mann, mit hohlen Wangen und einem Kinn, das fast so schwarz war, wie Mr. Murdstones Kinn, aber damit hörte die Ähnlichkeit auf, denn sein Backenbart war wegrasiert, und das Haar war, anstatt glänzend schwarz, rostfarben und stumpf. Er trug schwarze Kleidung, die auch etwas rostfarben und stumpf, und an den Armen und den Beinen etwas zu kurz war, und hatte ein weißes, nicht allzu reines Tuch um den Hals. Ich setzte damals ebensowenig wie heute nicht voraus, daß dieses Halstuch alles Weißzeug war, was er auf dem Leibe hatte, es war aber weiter keins zu erblicken oder zu ahnen. »Du bist der neue Schüler?« fragte er. »Ja, Sir«, gab ich zur Antwort. – Ich vermute das wenigstens, denn ich wußte es ja noch nicht. »Ich bin einer der Lehrer von Salemhaus«, sagte er. Ich verbeugte mich und fühlte mich sehr unbedeutend. Ich schämte mich gleichzeitig sehr, etwas so Gewöhnliches, wie es doch mein Koffer war, einem Gelehrten und Lehrer von Salemhaus gegenüber zu erwähnen, so daß wir schon ein ganzes Stückchen weg waren, ehe ich die Kühnheit hatte, ihn daran zu erinnern. Auf meine bescheidene Äußerung, daß er für mich später immerhin von einigem Nutzen sein könne, kehrten wir um, und er sagte dem Schalterbeamten, daß der Fuhrmann angewiesen sei, den Koffer zu Mittag abzuholen. »Erlauben Sie, Sir,« sagte ich, als wir ebensoweit wie vorher weg waren, »ist es weit?« »Es ist unten bei Blackheath«, sagte er. »Ist das weit, Sir?« fragte ich schüchtern. »Es ist eine gute Strecke«, sagte er. »Wir fahren mit der Landkutsche, es sind immerhin ein paar Stunden.« Ich war so müde und hungrig, daß der Gedanke, noch ein paar Stunden auszuhallen, zu viel für mich war. Ich faßte mir darum ein Herz und sagte zu ihm, daß ich seit gestern abend nüchtern sei, und daß ich ihm sehr dankbar sein würde, wenn er mir erlauben wollte, mir etwas zu essen zu kaufen. Er schien sich darüber zu wundern – ich erinnere mich, daß er stehen blieb und mich ansah – und nachdem er einen Augenblick bei sich überlegt hatte, sagte er, er wolle mit mir eine alte Frau, die nicht weit wohne, aufsuchen, und das beste werde sein, wenn ich unterwegs Brot, und was ich sonst brauche, kaufe, und bei ihr, wo wir Milch erhalten könnten, frühstücke. Wir gingen daher zu einem Bäcker, und nachdem ich aus seinem Schaufenster nacheinander fast alles, was schwer verdaulich war, hatte kaufen wollen, er mir aber davon abgeraten hatte, so entschieden wir uns endlich für einen hübschen, kleinen Laib Schwarzbrot, der drei Pence kostete. Dann kauften wir in einem Krämerladen ein Ei und einen Schnitt durchwachsenen Speck, was mir immer noch viel kleine Münze von meinem zweiten Schilling übrig ließ, weshalb mir London als ein sehr billiger Platz vorkam. Als wir mit unserm Einkaufe fertig waren, gingen wir durch Straßen, die von entsetzlichem Lärm und großem Getöse, widerhallten, so daß mein müdes Haupt ganz verwirrt wurde, und über eine Brücke, zweifellos Londonbridge (ich glaube, er sagte es mir auch, aber ich war halb schlaftrunken) bis wir das Haus der alten Frau erreichten. Es bildete einen Teil von verschiedenen Armenhäusern, was ich sofort an ihrem Aussehen erkannte, und auch an einer steinernen Inschrift über der Pforte, aus der hervorging, sie wären für fünfundzwanzig arme Frauen eingerichtet. Der Schullehrer von Salemhaus öffnete den Drücker einer der kleinen schwarzen Türen, die alle einander ganz gleich waren, und neben denen sich ein paar kleine bleigefaßte Fenster von geripptem Glas befanden, und wir traten in das kleine Haus einer dieser armen Personen, die soeben ein Feuer anblies, auf dem sie einen kleinen Tiegel zum Kochen bringen wollte. Als sie den Schullehrer eintreten sah, ließ die Alte, die auf der Diele kniete, den Blasebalg in den Schoß sinken und sagte etwas, das wie: Mein Charley! klang, als sie aber auch mich erblickte, stand sie auf, wischte sich die Hände ab und knickste mit einiger Verlegenheit. »Kannst du vielleicht das Frühstück für diesen jungen Herrn kochen?« sagte der Schullehrer von Salemhaus. »Ob ich kann?« sagte die Alte. »Natürlich kann ich.« »Was macht Mrs. Fibbitson heute?« sagte der Schullehrer, und sah eine andere alte Frau an, die in einem großen Stuhl am Feuer saß und so in Kleider gehüllt war, daß ich heute noch froh bin, mich nicht aus Versehen auf sie gesetzt zu haben. »Ach, sie befindet sich nur so so«, sagte die erste alte Frau, »'s ist einer ihrer schlimmen Tage. Wenn das Feuer durch Zufall ausginge, glaube ich wahrhaftig, sie würde auch ausgehen und nicht wieder zu sich kommen.« Da die beiden sie ansahen, blickte ich auch hin. Obwohl es ein warmer Tag war, schien sie an nichts als an das Feuer zu denken, und mir schien, sie sei auf den Tiegel mitten darin neidisch. Auch nahm sie es übel, daß es mißbraucht wurde, mein Ei und meinen Schinken zu braten, denn ich sah mit meinen eigenen erschrockenen Augen, daß sie mir, als es niemand bemerkte, mit der Faust drohte, wie diese Kochkünste ausgeführt wurden. Die Sonne schien in das kleine Fenster, aber sie kehrte ihr den Rücken und den Rücken des Stuhls zu, und saß so dicht am Feuer, als müsse sie es warm halten, statt daß es sie wärmte, und dabei behielt sie es stets mit mißtrauischen Blicken im Auge. Als die Vorbereitungen für das Frühstück fertig waren, und das Feuer nicht mehr beansprucht wurde, war sie so außerordentlich froh, daß sie laut lachte. – Freilich muß ich gestehen, daß ihr Lachen sehr unmelodisch klang. Ich setzte mich hin zu meinem Schwarzbrot, dem Ei und dem Speck und einem Napf mit Milch, und hatte ein ganz köstliches Mahl. Während ich noch im vollen Genuß damit beschäftigt war, sagte die Alte zum Schullehrer: »Hast du deine Flöte bei dir?« »Ja«, antwortete er. »Blase ein bißchen«, bat ihn die Alte. »Bitte!« Der Schulmeister steckte bei dieser Aufforderung die Hände unter den Rockschoß und brachte eine Flöte in drei Stücken hervor, die er zusammensetzte und auf der er sogleich zu blasen anfing. Nach vieljähriger Überlegung muß ich immer noch wie damals der Meinung sein, daß auf der ganzen Welt kein Mensch sein konnte, der schlechter blies. Er brachte die allerjämmerlichsten Klänge hervor, die ich jemals erzeugen gehört habe, sei es auf natürlichem oder mechanischem Wege. Ich weiß nicht, was er für Melodien spielte – wenn er überhaupt Melodien spielte, woran ich sehr zweifle; aber der Einfluß seines Spiels auf mich war erstlich der, daß mir alle meine Kümmernisse einfielen, so daß ich kaum die Tränen zurückhalten konnte, ferner, daß es mir die Eßlust benahm, und mich schließlich so schläfrig machte, daß ich kaum die Augen offen halten konnte. Sie fangen jetzt schon wieder an sich zu schließen und ich einzunicken, wo die Erinnerung daran frisch in mir auflebt. Wieder entschwindet meinen müden Blicken das kleine Zimmer mit dem offenen Eckschrank, den steifen Stühlen, der winkligen kleinen Treppe, die in das Oberstübchen führt, und den drei Pfauenfedern auf dem Kaminsims (ich weiß, ich dachte beim Eintreten, wie sich der Pfau gewundert hätte, wüßte er, wohin sein Schmuck gekommen wäre) und ich nicke ein und schlafe. Die Flöte verstummt, ich höre Räder knarren – wir sind unterwegs. Der Wagen schüttelt, ich fahre im Schlaf auf, und wieder ist die Flöte da und der Lehrer sitzt mit gekreuzten Beinen mir gegenüber und bläst winselnde Töne, während ihm die Alte begeistert zuhört. Auch sie erblaßt vor meinen Augen, er und die ganze Umgebung: es gibt keine Flöte mehr, keinen Lehrer, kein Salem House, keinen David Copperfield, nichts als tiefen Schlaf. Ich glaube, ich träumte einmal, während er die kläglichen Töne hervorblies, daß die alte Frau in ihrer entzückten Bewunderung dem Schüler nahe und immer näher kam, dicht hinter den Stuhl getreten war und den Arm zärtlich um des Schullehrers Hals geschlungen hatte, was dem Spielen für den Augenblick ein Ende machte. Damals, unmittelbar darauf, war ich in einem Mittelzustand zwischen Schlafen und Wachen, denn als er wieder anfing, – er unterbrach einmal das Spielen – hörte ich die alte Frau Mrs. Fibbitson fragen, ob es nicht köstlich sei (sie meinte das Flötenspiel), worauf Mrs. Fibbitson antwortete: »Ei ja, ei ja«, und dem Feuer zunickte, dem sie, wie ich nicht zweifle, das Hauptverdienst an dieser Kunstleistung zuschrieb. Ich muß meiner Ansicht nach lange Zeit geschlummert haben, als der Schulmeister von Salemhaus seine Flöte in drei Stücke auseinanderschraubte, sie einsteckte und mich mit sich fortnahm. Die Landkutsche war nicht weit, und wir stiegen oben auf das Dach; aber ich war so schläfrig, daß, als sie mich, wie wir einmal unterwegs anhielten, hineinsetzen ließen, um einen neuen Passagier aufzunehmen, ich so fest schlief, daß ich nicht eher wach wurde, bis die Kutsche unter einem grünen Laubdach im Schritt einen steilen Hügel hinauffuhr. Gleich darauf hielt sie an und hatte ihr Ziel erreicht. Wenige Schritte brachten uns, nämlich den Schullehrer und mich, nach Salemhaus, das von einer hohen Ziegelmauer umschlossen war und sehr unwirsch aussah. Über einer Tür in dieser Mauer stand auf einem Brette die Inschrift: Salemhaus, und durch ein Gitterfenster in dieser Tür musterte uns erst, nachdem wir geklingelt hatten, ein mürrisches Gesicht, das, wie ich nach dem Öffnen der Tür bemerkte, einem dicken Manne mit einem Stiernacken, einem hölzernen Beine, hervorstehenden kantigen Schläfen und gleichmäßig um den ganzen Kopf verschnittenen Haaren, angehörte. »Der neue Schüler«, sagte der Lehrer. Der Mann mit dem hölzernen Beine musterte mich mit kritischen Augen vom Kopf bis zur Zehe, wozu er nicht lange brauchte, weil ich sehr klein war, schloß die Tür hinter uns zu und zog den Schlüssel ab. Wir gingen unter ein paar großen, mit den Zweigen tief zur Erde hängenden Bäumen nach dem Hause hin, als er meinem Führer zurief. »Heda!« Wir sahen uns um; er stand in der Türe des Pförtnerhäuschens, ein Paar Stiefel in der Hand haltend. »Hier, Mr. Mell! Der Schuhflicker ist dagewesen,« sagte er, »und der meinte, er könne sie nicht mehr flicken. Er sagte, es wäre kein Stück mehr vom ursprünglichen Stiefel übrig, und er wunderte sich überhaupt, daß Sie so etwas verlangen könnten.« Mit diesen Worten warf er die Stiefel dem Mr. Mell (so hieß der Lehrer) vor die Füße, und dieser kehrte die Paar Schritte um, hob sie auf, und betrachtete sie mit betrübtem Blick, als wir weiter gingen. Ich bemerkte jetzt zum ersten Male, daß auch die Stiefel, die er trug, in einem sehr schlechten Zustande waren, und daß an einer Stelle der Strumpf eben hervorbrach, wie die Blüte aus ihrer Knospe. Salemhaus war ein viereckiger Hauskasten aus roten Ziegeln, mit einem Flügel auf jeder Seite, und sah sehr kahl und unwohnlich aus. Überall war es so still, daß ich zu Mr. Mell sagte, die Schüler müßten wohl spazieren gegangen sein, aber er schien sich zu wundern, daß ich nicht wußte, daß Ferien waren, und die Schüler alle nach Hause gereist wären, daß sich Mr. Creakle, der Eigentümer, nebst Frau und Tochter im Seebade befand, und daß man mich zur Strafe für meine Missetat während der Ferien hierher geschickt hatte. Dies alles setzte er mir unterwegs auseinander. Die Schulstube erschien mir als der ungemütlichste, ödeste, traurigste Platz, den ich jemals auf, Gottes Erdboden gesehen hatte. Es war ein langes Zimmer mit drei Reihen von Pulten und sechs Reihen von Bänken, ringsum starrend von Kleiderhaken und Nägeln zum Aufhängen der Schiefertafeln. Fetzen von Schreib- und Übungsheften bedeckten den schmutzigen Fußboden. Schächtelchen aus demselben Material für Seidenwürmer lagen auf den Pulten umher. Zwei erbärmliche, kleine weiße Mäuse, die ihr Besitzer zurückgelassen hatte, rannten in einem aus Draht und Pappe gefertigten, stinkig riechenden Häuschen rastlos auf und ab und spähten mit ihren roten Augen in allen Winkeln nach Futter. Ein Vogel in einem Käfig, nur wenig größer als er selbst, macht ein trauriges Gerassel, wenn er auf sein zwei Zoll hohes Stängelchen hinauf- und von da wieder hinabhüpft, singt aber weder, noch zwitschert er. Ein eigentümlicher, ungesunder Geruch erfüllt die Stube, wie von schimmligem Juchtenleder, faulenden Äpfeln, denen die frische Luft fehlt, und nassen, stockigen Büchern. Und Tinte überall umhergespritzt in solchen Massen, daß es nicht ärger sein könnte, wenn das Zimmer von Stunde seines Baues an nie eine Decke gehabt und es Tinte zu allen Jahreszeiten hereingeregnet, -geschneit, -gehagelt hätte. Mr. Mell hatte mich allein gelassen, während er seine unflickbaren Stiefel hinauftrug, und ich ging unterdessen leise nach dem obern Ende des Zimmers. Als ich an den Tisch des Lehrers kam, fand ich eine Pappe mit der schön geschriebenen Inschrift: »Achtung! Er beißt.« Ich kletterte sofort auf das Pult hinauf, denn ich fürchtete, es sei unten ein großer Hund versteckt. Aber obgleich ich mich überall besorgt umsah, konnte ich doch nichts entdecken. Ich forschte immer noch, als Mr. Mell zurückkehrte und mich fragte, was ich da oben täte. »Ich bitte um Verzeihung, Sir,« sagte ich, »ich suche den Hund.« »Hund?« sagte er. »Welchen Hund?« »Ist's kein Hund, Sir?« »Was soll ein Hund sein?« »Vor dem man sich in acht nehmen soll, der beißt.« »Nein, Copperfield,« sagte er ernst, »das ist kein Hund, das ist ein Knabe. Ich habe Befehl, Copperfield, diesen Zettel auf deinen Rücken zu heften. Es tut mir leid, daß ich so mit dir anfangen muß, aber ich muß es tun.« Bei diesen Worten hob er mich vom Pulte herunter und band mir die Pappe, die zu diesem Zwecke sinnreich vorgerichtet war, wie eine Buckelmappe auf den Rücken, und von nun an hatte ich den Trost, sie überall, wo ich hinging, mitzunehmen. Was ich von dieser Warnungstafel zu leiden hatte, kann sich niemand vorstellen. Ob mich Leute sehen konnten oder nicht, immer bildete ich mir ein, jemand läse es. Es war für mich keine Beruhigung, wenn ich mich umdrehte und niemand erblickte; ich konnte den Gedanken nicht loswerden, daß stets jemand hinter meinem Rücken stehe. Der niederträchtige Kerl mit dem hölzernen Beine verschlimmerte noch mein Leiden. Er hatte Amtsgewalt, und wenn er sah, daß ich mich an einen Baum, an eine Wand oder an das Haus lehnte, so schrie er mir aus seinem Häuschen mit fürchterlich lauter Stimme zu: »Heda, Copperfield! verstecke die Tafel nicht, sonst zeige ich dich an!« Der Spielplatz war ein kahler, mit Kies bestreuter Hof, von den Fenstern der Küche und Gesindestube und der ganzen Rückseite des Hauses aus zu überblicken, und ich wußte, daß die Dienerschaft, der Fleischer und der Bäcker den Zettel lasen, mit einem Worte, daß jeder, der früh, wenn ich auf dem Spielplatz spazieren gehen mußte, im Hause ab und zu ging, las, daß man sich vor mir in acht nehmen müsse, weil ich beiße. Ich erinnere mich, daß ich mich vor mir selbst zu fürchten anfing, als vor einem jungen Menschenfresser, der beißt. An jenem Spielplatz befand sich eine alte Tür, darin die Knaben ihre Namen zu schneiden pflegten. Sie war mit solchen Inschriften über und über bedeckt. In meiner Furcht vor dem Ende der Ferien und der Rückkehr der Zöglinge konnte ich keinen dieser Namen sehen, ohne mir vorzustellen, in welchem Ton und mit welchem Ausdruck der Eigentümer laut lesen würde: »Achtung! Er beißt.« Da war ein Knabe, ein gewisser J. Steerforth, der seinen Namen sehr häufig und sehr tief eingeschnitten hatte, und von dem ich mir dachte, er würde es mit recht kräftiger Stimme lesen und mir dann das Haar zerzausen. Ferner gab es einen andern, einen Tommy Traddles, von dem ich besorgte, er würde sich lustig darüber machen, und so tun, als fürchte er sich entsetzlich vor mir. Bei einem dritten, George Demple, ängstigte ich mich, daß er ihn singen würde. Ich kleiner, zitternder Wicht habe die Tür angesehen, bis ich meinte, die Besitzer aller dieser Namen – (fünfundvierzig Zöglinge waren jetzt in der Anstalt, sagte Mr. Mell) – wollten mich unter allgemeiner Zustimmung fortjagen und jeder rief in seinem eigentümlichen Sprachton: »Achtung! Er beißt!« Ebenso war es mit den Plätzen an den Pulten und auf den Schulbänken. Ebenso zwischen den Reihen leerer Bettstellen, nach denen ich auf dem Wege in mein eigenes Bett scheu hinblickte. Ich träumte eine Nacht nach der andern, daß ich bei meiner Mutter wäre, so wie früher, oder zu einer Gesellschaft zu Mr. Peggotty ginge, oder oben auf der Landkutsche führe, oder wieder in Gemeinschaft mit meinem unglücklichen Freunde, dem Kellner, zu Mittag speiste, und bei jeder dieser Gelegenheit fingen die Leute an zu gaffen und laut zu kreischen, denn sie machten die traurige Entdeckung, daß ich nichts anhatte, als mein Nachthemdchen und die Warnungstafel. In der Einförmigkeit meines Lebens und in der beständigen Furcht vor der Wiedereröffnung der Schule war dies für mich ein unerträgliches Leiden! Ich hatte jeden Tag lange Lektionen bei Mr. Mell, und da Mr. und Miß Murdstone nicht anwesend waren, bewältigte ich sie glücklich, ohne in Strafe zu verfallen. Vor und nach den Lehrstunden ging ich spazieren, überwacht von dem Mann mit dem hölzernen Beine. Wie lebhaft erinnere ich mich noch der Nässe in der Nähe des Hauses, der grünbemoosten zersprungenen Steinfliesen im Hof, der alten undichten Wassertonne, der fahlen Stämme von einigen alten Bäumen, die viel mehr Regen und viel weniger Sonne als andere Bäume erhalten zu haben schienen. Um ein Uhr pünktlich speisten Mr. Mell und ich am obern Ende des langen, kahlen Eßsaals, der voll kienerne Tische stand und nach altem Fett roch. Dann haben wir wieder zu arbeiten bis zum Tee, den Mr. Mell aus einer blauen Teetasse und ich aus einem zinnernen Kruge trank. Den ganzen Tag lang, bis sieben oder acht Uhr abends, hatte Mr. Mell an seinem alleinstehenden Pult im Klassenzimmer zu arbeiten; der wirkte unablässig mit Feder, Tinte, Lineal, in Büchern und auf Schreibpapier, denn (wie ich herausbekam), setzte er die Rechnungen für das verflossene halbe Jahr auf. Hatte er seine Arbeit für die Nacht beiseite gelegt, nahm er die Flöte heraus und blies, daß ich schier meinte, er würde sich selbst in das große Loch an der Spitze hineinblasen und durch die Klappen verduften. Ich stelle mir meine kleine Gestalt in der schwacherleuchteten Stube vor, den Kopf auf die Hand gestützt, Mr. Mells klagenden Flötentönen zuhörend und mir dabei die Aufgaben für den nächsten Tag einprägend. Ich stelle mich mir vor, mit schon zugeklappten Büchern immer noch Mr. Mell zuhörend, und in den Klängen Erinnerungen an meine Heimat suchend, wie sie früher war, und an das Pfeifen des Windes über den Strand von Yarmouth, wobei ich mich recht betrübt und einsam fühlte. Ich sehe mich allein zu Bett gehen, oben in den fremden Zimmern, und weinend auf meiner Bettkante sitzen, voller Sehnsucht nach einem herzlichen Wort von Peggotty. Dann komme ich morgens herunter und sehe durch das lange unheimliche, tiefeingeschnittene Treppenfenster nach der Schulglocke, die oben auf einem Nebengebäude angebracht ist, mit einem Wetterhahn darüber, und fürchte mich vor der Zeit, in der sie J. Steerforth und die andern zur Arbeit rufen wird: und doch steht diese Besorgnis noch jenem ahnungsvollen Schauer nach, vor der Stunde, in der der Stelzfuß das verrostete Gitter aufschließt, um den gefürchteten Mr. Creakle zu empfangen. Ich kann mir nicht vorstellen, daß ich unter diesen Umständen ein sehr gefährliches Subjekt war, aber ich trug beständig dieselbe Warnungstafel auf dem Rücken. Mr. Mell sprach niemals viel mit mir, war aber auch nie unfreundlich gegen mich. Ich glaube, wir leisteten uns gute Gesellschaft, ohne viel miteinander zu sprechen. Ich vergaß übrigens, noch zu erwähnen, daß er manchmal mit sich selbst sprach und vor sich hin lachte, Gesichter schnitt, die Faust ballte, mit den Zähnen knirschte und sich aus mir unbekannten Gründen die Haare raufte. Das waren Eigentümlichkeiten, die mir zuerst Furcht einflößten, obwohl ich mich bald daran gewöhnte. Sechstes Kapitel. Ich erweitere den Kreis meiner Bekanntschaften. So hatte ich ungefähr einen Monat gelebt, als der Mann mit dem hölzernen Beine, mit dem Besen und dem Wassereimer herumzuspazieren begann, woraus ich schloß, daß man sich auf den Empfang Mr. Creakles und der Schüler vorbereitete. Ich irrte mich nicht; denn es dauerte nicht lange, so kam der Besen in die Schulstube und verdrängte Mr. Mell und mich. Ein paar Tage lang mußten wir uns im Hause herumdrücken, wo wir gerade Ruhe vor ihm fanden, und waren dabei doch beständig zwei oder drei Mädchen, die ich vorher nie gesehen hatte, im Wege, und fortwährend so in Staub eingehüllt, daß ich fast soviel nieste, als ob Salemhaus eine große Schnupftabaksdose gewesen wäre. Eines Tages benachrichtigte mich Mr. Mell, daß Mr. Creakle diesen Abend kommen werde, und abends nach dem Tee hörte ich, daß er nun wirklich da war. Noch vor dem Schlafengehen holte mich der Mann mit dem hölzernen Beine zu ihm, damit ich ihm vorgestellt werde. Der Teil des Hauses, wo Mr. Creakle wohnte, war bedeutend angenehmer als der unsere; er hatte einen kleinen Garten vor sich, der sich sehr hübsch ausnahm im Vergleich zu dem staubigen Spielplatze, der so sehr eine Wüste in Miniatur war, daß ich glaube, nur ein Kamel oder ein Dromedar konnte sich darin zu Hause fühlen. Es schien mir sehr dreist, daß ich überhaupt diese Wahrnehmung machte, während ich dem Führer zitternd nach Mr. Creakles Zimmer folgte und so verlegen eintrat, daß ich kaum Mrs. Creakle oder Miß Creakle, die beide anwesend waren, oder überhaupt etwas anderes sah, als Mr. Creakle, einen dicken Herrn mit einer großen Uhrkette mit Berlocken, der in einem Lehnstuhle saß und Glas und Flasche neben sich hatte. »So!« sagte Creakle, »das ist also der junge Mann, dem die Zähne gestutzt werden müssen! Drehe Er ihn um!« Der Mann mit dem hölzernen Beine drehte mich um, daß die Tafel sichtbar wurde, und nachdem der Schullehrer ihren vollen Anblick genossen hatte, drehte er wieder mein Gesicht Mr. Creakle zu und stellte sich neben diesen. Mr. Creakles Gesicht war rot und seine Augen waren klein und lagen tief im Kopfe; er hatte dicke Adern auf der Stirn, eine kleine Nase und ein großes Kinn. Auf dem Kopfe hatte er eine Platte, und das noch übrige dünne, feuchte Haar, das oben grau wurde, war von den Schlafen nach vorn gebürstet, so daß sich die Spitzen auf der Stirne begegneten. Was aber den meisten Eindruck auf mich machte, war, daß er mit einer halb flüsternden, tonlosen Stimme sprach. Die Anstrengung, die ihm dies kostete, oder das Bewußtsein, so unmännlich heiser zu sprechen, machten sein zorniges Gesicht noch zorniger und die dicken Adern noch dicker, wenn er sprach, so daß ich mich nicht wundere, wenn mir dieser Zug seines Äußern am lebhaftesten in der Erinnerung blieb. »Nun, was ist von dem Knaben zu melden?« fragte Mr. Creakle. »Es ist nichts gegen ihn vorzubringen«, erwiderte der Mann mit dem hölzernen Beine. »Es ist noch keine Gelegenheit gewesen.« Ich glaube, Mr. Creakle fühlte sich durch diesen Bericht enttäuscht. Mit Mrs. und Miß Creakle (die ich jetzt zum erstenmal ansah und in denen ich zwei stille und dünne Personen erkannte) schien mir das Gegenteil der Fall zu sein. »Tritt näher!« sagte Mr. Creakle und winkte mir. »Tritt näher!« sagte der Mann mit dem hölzernen Beine, und wiederholte die Gebärde. »Ich habe die Ehre, deinen Stiefvater zu kennen,« krähte Mr. Creakle heiser und nahm mich beim Ohre; »er ist ein würdiger Mann und ein Mann von starkem Charakter. Er kennt mich und ich kenne ihn. Kennst du mich? Heh!« sagte Mr. Creakle und zwickte dabei mein Ohr mit grausamer Scherzhaftigkeit. . »Noch nicht, Sir«, sagte ich, und zuckte vor Schmerz zusammen. »Noch nicht? Heh!« wiederholte Mr. Creakle. »Aber du wirst mich bald kennen lernen. Heh?« »Du wirst mich bald kennen lernen. Heh?« wiederholte der Mann mit dem hölzernen Beine. Ich merkte später, daß er mit seiner starken Stimme als Dolmetscher zwischen dem heisern Mr. Creakle und den Knaben auftrat. Ich war sehr eingeschüchtert und sagte, ich hoffte das, wenn es ihm so beliebte. Während dieser ganzen Zeit fühlte ich mein Ohr wie Feuer brennen; so derb kniff er es. »Ich will dir sagen, was ich bin«, krächzte Mr. Creakle wieder und kniff mich noch einmal zum Abschied, daß mir das Wasser in die Augen kam. »Ich bin ein Barbar.« »Ein Barbar«, echote der Mann mit dem hölzernen Beine. »Wenn ich sage, ich will etwas tun, so tue ich es,« sagte Mr. Creakle, »und wenn ich sage, es soll etwas geschehen, so muß es geschehen.« »Soll etwas geschehen, so muß es geschehen«, dolmetschte der Mann mit dem hölzernen Beine. »Ich bin ein entschlossener Charakter,« fuhr der heisere Mr. Creakle fort; »ja, das bin ich. Ich tue meine Pflicht. Die tue ich immer. Wenn sich mein Fleisch und Blut« – er sah dabei Mrs. Creakle an – »mir widersetzt, so ist es nicht mehr mein Fleisch und Blut. Ich verstoße es. – Ist der Kerl wieder dagewesen?« sagte er zu dem Mann mit dem hölzernen Beine. »Nein«, war die Antwort. »Nein«, krächzte Mr. Creakle. »Er weiß, was er tut. Er kennt mich. Er mag sich vor mir hüten. Ich sage, er mag sich vor mir hüten,« sagte Mr. Creakle, schlug mit der Hand auf den Tisch und sah Mrs. Creakle an, »denn er kennt mich. Jetzt hast du angefangen, mich kennen zu lernen, junger Freund, und du kannst nun gehen. Führe Er ihn fort.« Ich war sehr froh, daß ich fortgehen konnte, denn Mrs. und Miß Creakle wischten sich beide die Augen: sie taten mir leid und ich fühlte mich ihretwegen noch unbehaglicher als meinetwegen, aber ich hatte eine Bitte auf dem Herzen, die mir so nahe lag, daß ich nicht umhin konnte sie auszusprechen, obgleich ich mich selbst über meinen Mut wunderte: »Verzeihen Sie, Sir –« Mr. Creakle krähte: »He? was ist das?« und sah mich mit seinen Augen so scharf an, als ob er mich damit durchbohren wollte. »Verzeihen Sie, Sir,« stammelte ich, »wenn Sie mir erlauben wollten (denn ich bereue recht sehr, was ich getan habe, Sir) die Tafel abzulegen, ehe die andern Schüler zurückkehren –« Ob es Mr. Creakle Ernst war, oder ob er es nur tat, um mich zu erschrecken, weiß ich nicht, aber er sprang mit solcher Heftigkeit von seinem Stuhle auf, daß ich eilig den Rückzug antrat, ohne die Begleitung des Mannes mit dem hölzernen Beine abzuwarten, fortlief und erst wieder in meinem Schlafzimmer stillstand. Als ich sah, daß ich nicht verfolgt wurde und da es Schlafenszeit war, ging ich zu Bett und lag zitternd und schlaflos ein paar Stunden da. Nächsten Morgen kehrte Mr. Sharp zurück. Mr. Sharp war der erste Lehrer und Vorgesetzte von Mr. Mell. Mr. Mell aß mit den Schülern, aber Mr. Sharp speiste mittags und abends an Mr. Creakles Tisch. Es war ein schmächtiger, zart aussehender Herr mit einer übergroßen Nase und einer Art, den Kopf auf die eine Seite geneigt zu tragen, als ob er ein wenig zu schwer für ihn wäre. Sein Haar war sehr weich und etwas gelockt; aber der erste Schüler, der zurückkam, sagte, es sei eine Perücke (aber eine abgelegte, d. h. getragen gekauft), und Mr. Sharp gehe jeden Sonnabend Nachmittag aus, um sie brennen zu lassen. Diese Nachricht erhielt ich von keinem andern, als von Tommy Traddles. Er war der erste Knabe, der zurückkehrte. Er führte sich dadurch bei mir ein, daß er mir sagte, sein Name stehe in der rechten Ecke des Tores über dem obersten Querbalken, worauf ich sagte: »Traddles?« und er erwiderte: »Der nämliche«, und dann verlangte er von mir volle Auskunft über mich und meine Familie. Es war ein glücklicher Umstand für mich, daß Traddles zuerst zurückkehrte. Ihm machte die Warnungstafel so viel Spaß, daß er mich aus einer großen Verlegenheit rettete, indem er mich jedem einzelnen Knaben bei seiner Rückkehr mit den Worten vorstellte: »Sieh mal, welch guter Witz!« Ein anderes Glück war, daß die meisten Schüler ziemlich niedergedrückt zurückkehrten und auf meine Kosten nicht so viel Lärm machten, als ich gefürchtet hatte. Einige tanzten allerdings um mich her wie wilde Indianer, und die meisten konnten der Versuchung nicht widerstehen, zu tun, als ob ich ein Hund wäre und mich zu streicheln und zu besänftigen, damit ich nicht beiße, und zu sagen: »Kusch dich, Sir«, und mich Bullenbeißer zu nennen. Das war natürlich unter so vielen Fremden nicht gerade angenehm und kostete einige Tränen, aber im ganzen ging alles viel besser vorüber, als ich mir vorgestellt hatte. Als förmlich aufgenommen in die Schulgemeinschaft galt ich jedoch nicht eher, als bis J. Steerforth da war. Vor diesen Schüler, der für sehr gelehrt galt und sehr hübsch aussah, und mindestens ein halbes Dutzend Jahre älter war als ich, führte man mich wie vor einen Vorgesetzten oder Richter. Unter einem Schutzdach auf dem Spielplatz befragte er mich über die Einzelheiten meiner Strafe, und geruhte seine Meinung dahin auszusprechen, daß es ein » schändlicher Witz« sei, wofür ich ihm ewig dankbar wurde. »Wieviel Geld hast du bei dir, Copperfield?« fragte er, als er meine Angelegenheit mit diesen Worten abgetan hatte und dann mit mir beiseite ging. Ich sagte ihm, ich hätte 7 Schillinge. »Es ist besser, du gibst sie mir zum Aufheben«, sagte er. »Wenigstens kannst du das tun, wenn du willst. Du brauchst's auch nicht zu tun, wenn du nicht willst.« Ich beeilte mich, diesem freundlichen Rate nachzukommen, öffnete Peggottys Börse und schüttete sie in seine Hand aus. »Willst du jetzt etwas davon verwenden?« fragte er. »Nein, ich danke«, entgegnete ich. »Du kannst aber, wenn du Lust hast,« sagte Steerforth, »du brauchst es nur zu sagen.« »Nein, ich danke Sir«, wiederholte ich. , »Vielleicht möchtest du ein paar Schillinge anwenden für eine Flasche Johannisbeerwein, oben für unser Schlafzimmer?« sagte Steerforth. »Du bist nämlich mit in meinem Schlafzimmer.« Gewiß war mir dies vorher nicht eingefallen, aber ich sagte, ja, das würde mir schon recht sein. »Sehr gut«, sagte Steerforth. »Und vielleicht einen Schilling für Mandelkuchen?« Ich bestätigte, daß mir auch dies recht wäre. »Und einen Schilling für Biskuit und einen für Obst, nicht wahr?« sagte Steerforth. »Wahrhaftig, kleiner Copperfield! du bringst dein Geld großartig durch!« Ich lachte, weil er lächelte, aber ich war doch innerlich ein wenig beunruhigt. »Na!« sagte Steerforth, »wir müssen sehen, wie weit es reicht! das ist alles. Ich will mein Möglichstes für dich tun. Ich kann ausgehen, wenn ich will, ich werde die ganze Geschichte hereinschmuggeln.« Mit diesen Worten steckte er das Geld in seine Tasche und sagte mir, ich sollte mir keine Sorge machen, er wollte schon zusehen, das alles in Ordnung sei. Er hielt Wort (wenn man das für »in Ordnung« nennen konnte, was eine innere Stimme in mir ein Unrecht nannte), denn mir schien es, daß ich meiner Mutter beide halbe Kronen unnützerweise verschwendete – obgleich ich das Stück Papier, in das sie gewickelt gewesen waren, sorgfältig und wie einen kostbaren Schatz aufbewahrte. Als wir zu Bett gingen, breitete er seine Einkäufe im Mondscheine auf dem Bette aus und sagte: »So, junger Copperfield, das nenn' ich mir eine famose Bescherung, ein königliches Mahl!« Solange er anwesend war, konnte ich in meinem Alter nicht daran denken, die Honneurs des Festes zu machen; meine Hand zitterte bei dem bloßen Gedanken daran. Ich bat ihn daher um die Gefälligkeit, den Vorsitz zu führen; und da mein Wunsch von den übrigen Schülern, die in diesem Schlafzimmer waren, unterstützt wurde, so gab er nach und nahm auf meinem Kopfkissen Platz. Hier teilte er die Lebensmittel aus – ich muß gestehen mit vollkommener Unparteilichkeit – und schenkte den Johannisbeerwein in einem kleinen Stehauf-Glase ohne Fuß, das ihm gehörte, Reihe um, aus. Ich saß an seiner linken Seite, und die übrigen hatten sich auf die nächsten Betten und auf den Fußboden um uns gruppiert. Wie deutlich erinnere ich mich noch, wie wir zusammen dasaßen und flüsternd miteinander sprachen; oder ich sollte vielmehr sagen, wie sie miteinander sprachen und wie ich ehrerbietig zuhörte! Das Mondlicht schien ein Stück ins Zimmer hinein und malte ein blasses Fenster auf den Fußboden, während der übrige Teil mit der Mehrzahl der Knaben im Dunkeln blieb, außer wenn Steerforth, um etwas auf dem Tisch zu suchen, einen Zünder in die Phosphorbüchse tauchte und einen blauen Schein über uns verbreitete, der sogleich wieder verschwunden war. Ein Gefühl des Geheimnisvollen infolge der Dunkelheit, der Heimlichkeit des Zusammenseins und des flüsternden Tones, in dem sich alle bei dieser Mahlzeit unterhielten, beschleicht mich wieder, und ich höre allen zu mit einem dunkeln Gefühl der Ehrfurcht und Beklemmung, so daß ich froh bin, daß mir alle so nahe sind, und mich fürchte (obgleich ich tue, als ob ich lachte), als Traddles ein Gespenst in der Ecke zu sehen behauptete. Bei dieser Gelegenheit hörte ich allerlei Geschichten von der Schule und was damit zusammenhängt. Ich hörte, daß Mr. Creakle nicht ohne Grund ein Barbar zu sein behauptete, daß er der unbarmherzigste Schulhalter und der strengste aller Lehrer war, daß er jeden Tag wie ein richtiger Holzhacker schonungslos und unbarmherzig über die Knaben herfiel und um sich schlug, daß er weiter nichts wisse, als die Kunst Schläge auszuteilen, und unwissender sei (J. Steerforth sagte das) als der dümmste Knabe in der Schule. Denn er war früher ein kleiner Hopfenhändler in der Vorstadt gewesen und hatte sich dem Schulgeschäft erst zugewandt, als er Bankrott gemacht und das Geld seiner Frau verludert hatte. Und ich hörte noch ein gut Teil mehr von diesen Dingen, und ich wunderte mich nur, woher sie das alles wußten. Ich hörte ferner, daß der Mann mit dem hölzernen Beine, der Tungay hieß, ein hartherziger Barbar war, der in Mr. Creakles Diensten im Hopfengeschäfte gestanden hatte und von diesem auch in die Schulbranche übernommen war, da er, wie die Schüler munkelten, in Mr. Creakles Diensten das Bein gebrochen, so manche Betrügerei für seinen Chef ausgeführt hätte und dessen Geheimnisse kannte. Ich erfuhr, daß Tungay mit Ausnahme Mr. Creakles die ganze Anstalt, Schullehrer und Knaben, als seine natürlichen Feinde betrachtete, und daß das einzige Vergnügen seines Lebens war, mürrisch und boshaft zu sein: Ich erfuhr ferner, daß Mr. Creakle einen Sohn hatte, der Unterlehrer in Salemhaus, aber nicht Tungays Freund war, und seinem Vater einmal eine besondere Grausamkeit gegen einen Schüler mißbilligend vorgehalten, auch gegen die Behandlung der Mrs. Creakle, seiner Mutter, protestiert hatte, und dann deswegen von Mr. Creakle des Elternhauses verwiesen worden war. Und seitdem trauerten Frau und Tochter. Aber das allerwunderbarste, was ich von Mr. Creakle hörte, war, daß sich in der Schule ein Junge befand, an den er nie Hand zu legen wagte, und daß dieser Junge Steerforth war. Steerforth bestätigte das selbst, als es erzählt wurde, und sagte, er möchte doch sehen, wenn er es einmal versuchen wollte. Als ihn ein schüchterner Knabe (nicht ich) fragte, was er in diesem Falle tun werde, tauchte er einen Zünder in die Phosphorbüchse, wohl um einen geheimnisvollen Schein über seine Antwort zu verbreiten, und sagte, er wollte ihn zu allererst mit der großen Tintenkruke, die immer auf dem Kamine stand, durch einen Schlag vor die Stirn zu Boden schmettern. Wir blieben eine Zeitlang atemlos im Dunkeln sitzen. Ich hörte, daß Mr. Sharp und Mr. Mell beide sehr schlecht bezahlt wurden, und daß man, wenn warmes und kaltes Fleisch auf Mr. Creakles Tafel stand, Mr. Sharp stets zu der Aussage verpflichtet sei, daß er kaltes vorziehe; und das bestätigte Steerforth, der als einziger Pensionär erster Klasse allein an der Tafel des Direktors speiste. Ich hörte, daß Mr. Sharps Perücke nicht fest säße, und daß er nicht so »eitel« darauf zu sein brauche, da man ganz deutlich sehen könnte, wie hinten sein rotes Haar darunter hervorguckte. Ich hörte, daß ein Junge, der Sohn eines Kohlenhändlers, in die Anstalt aufgenommen wäre, als Ausgleich für die Kohlenrechnung, und daher den Spitznamen Tausch oder Kompens führte, Ausdrücke die dem Rechenbuch entnommen waren und jenes Verhältnis ausdrücken sollten. Ich hörte, daß das Tischbier eine an den Eltern verübte Räuberei und der Pudding ein Betrug sei. Ich hörte, daß Mr. Creakle im allgemeinen dafür galt, in Steerforth verliebt zu sein; und wie ich im Dunkeln dasaß und an seine wohlklingende Stimme, sein hübsches Gesicht, sein ungeniertes Benehmen und sein lockiges Haar dachte, hielt ich es durchaus nicht für unwahrscheinlich. Ich hörte, daß Mr. Mell im Grunde nicht so schlimm war, aber keinen gebogenen Dreier besaß, und daß kein Zweifel darüber war, daß seine alte Mutter, Mrs. Mell, so arm war wie eine Kirchenmaus. Ich dachte an mein Frühstück und an den Ausruf: mein Charley! aber ich war mucksstill, und das ist mir heute noch lieb! Das Erzählen dieser und vieler anderer Sachen dauerte viel länger als das Festmahl. Der größere Teil der Gaste war indessen zu Bett gegangen, sobald das Essen und Trinken vorbei war; und wir, die wir halb entkleidet im flüsternden Gespräch noch ausgeblieben waren, verfügten uns endlich auch zu Bett. »Gute Nacht, kleiner Copperfield,« sagte Steerforth, »ich will dich unter meinen Schutz nehmen,« »Du bist sehr freundlich«, erwiderte ich dankbar. »Ich bin dir sehr verpflichtet.« »Du hast wohl keine Schwester?« sagte Steerforth gähnend. »Nein«, antwortete ich. »Das ist schade«, sagte Steerforth. »Wenn du eine hättest, glaube ich, sie müßte ein kleines, schüchternes, hübsches Mädchen mit hellen Augen sein, das ich wohl hätte kennen mögen. Gute Nacht, kleiner Copperfield.« »Gute Nacht, Sir«, erwiderte ich. Ich dachte an ihn sehr viel, als ich im Bette lag, und richtete mich manchmal auf, nach ihm zu sehen, wie er im Mondenscheine dalag, das schöne Gesicht aufwärts gewendet und den Kopf lässig und leicht auf dem Arme ruhend. In meinen Augen war er eine Person von großer Macht; deshalb beschäftigten sich meine Gedanken so viel mit ihm. Keine verschleierte Zukunft umschimmerte ihn trübe im Mondlicht, und in dem Garten, in dem ich die ganze Nacht spazieren ging, hatte er noch keine dunkeln Fußstapfen zurückgelassen. Siebentes Kapitel. Mein erstes Semester in Salemhaus. Die Schule fing am nächsten Morgen in vollem Ernste an, und ich weiß, es machte einen tiefen Eindruck auf mich, wie der laute Lärm in der Schulstube plötzlich zur Totenstille wurde, als Mr. Creakle nach dem Frühstück eintrat, in der Tür stehen blieb und sich umsah, wie der Menschenfresser im Märchen seine Gefangenen betrachtet. Tungay stand neben Mr. Creakle. Ich dachte bei mir, der hätte keine Ursache gehabt, so grimmig Ruhe! zu rufen, denn die Knaben saßen alle stumm und regungslos da. Jetzt sah man Mr. Creakle sprechen, und Tungay wiederholte laut seine Worte. »Nun, ihr Jungen, ein neues Semester ist angegangen. Nehmt euch in acht in diesem neuen Semester. Seid gut vorbereitet für die Lektionen, das rate ich euch, denn ich werde gut vorbereitet für die Strafe sein. Ich werde nicht wanken. Es nützt euch nichts, wenn ihr euch reibt; ihr werdet die Striemen nicht wegreiben, die ihr von mir bekommen sollt. Nun macht euch an die Arbeit, ihr Jungen!« Als diese schreckliche Rede zu Ende und Tungay hinausgestelzt war, kam Mr. Creakle zu mir und sagte mir, wenn ich gut beißen könne, so könne er mir es gleichtun. Er zeigte mir alsdann ein spanisches Röhrchen und fragte mich: »Wie kommt dir der Zahn vor, he? Ist's ein scharfer Zahn, he? Ist's ein Backzahn, he? Hat er eine lange Spitze, he? Beißt er, he? Beißt er wirklich?« Bei jeder Frage gab er mir einen Hieb über den Rücken, daß ich mich vor Schmerzen krümmte; und so war ich bald in Salemhaus eingeführt und zu Hause (wie Steerforth sich ausdrückte) und sehr bald in Tränen. Nicht etwa daß diese Behandlung eine besondere Auszeichnung gewesen wäre. Im Gegenteil, bei der großen Mehrzahl der Knaben (vornehmlich bei den kleinen in der großen Mehrzahl) machte sich Mr. Creakle auf dieselbe Weise bemerklich, wie er die Runde im Zimmer machte. Die halbe Schule weinte und krümmte sich vor Schmerzen, ehe die Arbeit des Tages begann; und wie groß die Zahl der Weinenden noch wurde, bevor der Tag zu Ende ging, getraue ich mich gar nicht anzugeben, aus Furcht, der Übertreibung beschuldigt zu werden. Ich glaube, es hat nie einen Menschen gegeben, der in seinem Berufe mehr Genuß fand, als Mr. Creakle. Die Knaben zu schlagen bereitete ihm eine Wollust, die der Befriedigung einer heißen Begierde gleich kam. Ich bin fest überzeugt, daß er sich pausbäckigen Knaben gegenüber nicht halten konnte, daß darin etwas für ihn lag, was ihn nicht ruhen ließ, bevor er den Knaben für den Tag gezeichnet hatte. Ich war selbst pausbäckig und muß es wissen. Wahrhaftig, wenn ich an diesen Kerl denke, so siedet mein Blut noch heute mit derselben unparteiischen Entrüstung, als wenn ich dies alles von ihm nur gehört und nie selbst unter seiner Fuchtel gestanden hätte, weil ich weiß, daß er ein unfähiger, brutaler Tatar war, der nicht größeres Recht hatte, einen solchen Vertrauensposten einzunehmen, als Großadmiral oder Höchstkommandierender zu sein, und doch würde er wahrscheinlich in beiden Stellungen viel weniger Schaden hätte stiften können, als er hier tat! Wie demütig wir gegen ihn waren! wir unglücklichen kleinen Zitterer vor einem erbarmungslosen Götzen. Wenn ich jetzt daran zurückdenke, so muß ich mir sagen: was es doch für ein vielversprechender Anfang für mein Leben war, daß ich gegen einen so unfähigen, anmaßenden Menschen untertänig und kriechend sein mußte. Hier sitze ich wieder in Gedanken auf meiner Bank und folge seinem Auge – voll Untertänigkeit folge ich ihm, wie er ein Rechenbuch für ein anderes Opfer liniiert, das mit dem Lineal eben etwas auf die Hand bekommen hat und die Schwiele mit dem Taschentuch reibt. Ich habe die Fülle zu tun. Doch ich folge seinem Auge nicht, weil ich müßig bin, sondern weil es mich unnatürlich anzieht, und im bangen Verlangen, zu wissen, was er in der nächsten Minute tun und ob er über mich oder über einen andern herfallen werde. Eine doppelte Reihe kleiner Jungen hinter mir beobachtet ihn mit demselben Interesse. Ich denke, er weiß es, obgleich er sich anders stellt. Er zieht schreckliche Grimassen, während er das Rechenbuch liniiert, und jetzt wirft er einen Seitenblick auf uns, und wir alle lassen den Blick aufs Buch sinken und fangen an zu zittern. Einen Augenblick später beobachten wir ihn schon wieder. Ein Unglücklicher, der seine Sache schlecht gemacht hat, wird vorgerufen. Er stammelt Entschuldigungen und verspricht es morgen besser zu machen. Mr. Creakle macht einen schlechten Witz, ehe er ihn züchtigt, und wir lachen darüber – ja, wir elenden, erbärmlichen Schelme lachen darüber mit Gesichtern so weiß wie Kalk, und Herzen, die uns in die Hosen gefallen sind. Wieder sitze ich am Pult an einem erschlaffendheißen Sommernachmittag; um mich herum summt und schwirrt es, als wären die Schüler lauter Brummfliegen. Der widerliche Geschmack von dem lauwarmen Fett an dem Fleisch, das wir vor zwei Stunden verzehrt haben, ist mir noch geblieben und mein Kopf so schwer wie ein Bleiklumpen. Ich gäbe alles in der Welt hin, wenn ich jetzt ein wenig schlafen dürfte. Ich sitze da und richte die Augen auf Mr. Creakle, blinzle wie eine junge Eule, und wenn der Schlaf mich für einen Augenblick übermannt, verfolgt sein Bild mich bis in den Schlummer und ich träume, daß er Bücher liniiert, bis er leise hinter mich tritt und mich durch einen roten Striemen auf meinem Rücken zu einem klarem Bewußtsein seiner Gegenwart weckt. Auch auf dem Spielplatz hängt mein Auge wie gebannt an ihm, obwohl ich ihn nicht sehen kann. Das kleine Fenster dort, hinter dem er, wie ich weiß, sein Mittagmahl verzehrt, bedeutet ihn, und deshalb richte ich mein Auge darauf. Zeigt er sein Antlitz, so nimmt das meine einen flehenden unterwürfigen Ausdruck an. Steckt er den Kopf heraus, so hält der keckste Junge (mit Ausnahme von Steerforth) in seinem Freuden- oder Schmerzensschrei ein und wird plötzlich nachdenklich. Eines Tages zerbrach Traddles (der größte Pechvogel von der Welt) durch Zufall jene Scheibe mit einem Ball. Noch jetzt schaudre' ich vor Entsetzen, als ich diese Tat geschehen sah, und merkte, daß der Ball gegen Mr. Creakles geweihtes Haupt geflogen war. Der arme Traddles, in einem engen himmelblauen Anzug, worin seine Arme und Veine wie Bratwürste aussahen, war der lustigste und zugleich unglücklichste unter allen Schülern. Er bekam immer Schläge – ich glaube, in diesem Semester an jedem Tag, mit Ausnahme eines Ferienmontags, wo er nur mit dem Lineal etwas auf die Hand bekam – und wollte immer deshalb an seinen Onkel schreiben und unterließ es doch stets. Nachdem er mit dem Kopf eine kleine Weile auf dem Pult gelegen hatte, wurde er wieder heiter und fing zu lachen an und, auf seine Schiefertafel Gerippe zu zeichnen, ehe noch seine Augen trocken waren. Ich konnte mir lange Zeit nicht erklären, welchen Trost Traddles im Zeichnen dieser Skelette fand, und betrachtete ihn als eine Art Einsiedler, der sich durch diese Symbole der Vergänglichkeit ins Gedächtnis zurückrufen wollte, daß Schläge nicht ewig dauern können. Aber ich glaube jetzt, er zeichnete die Klappermänner nur, weil sie so leicht waren und er ihnen keine Gesichter zu geben brauchte. Traddles war sehr ehrenhaft, das ist wahr, und er betrachtete es als eine heilige Pflicht der Schüler, treu einander beizustehen. Er hatte dafür mehr als einmal zu leiden, und vornehmlich einmal, wo Steerforth während des Gottesdienstes lachte und der Kirchendiener glaubte, es sei Traddles gewesen, und ihn hinaus führte. Ich sehe ihn noch jetzt, wie er in den Karzer hinausging, von der Gemeinde verabscheut. Er verriet niemals den eigentlichen Täter, obgleich er es den nächsten Tag zu fühlen bekam und so viel Stunden eingesperrt wurde, daß er einen ganzen Kirchhof voll Gerippe in seinem lateinischen Wörterbuch mit herausbrachte. Aber er erhielt auch seinen Lohn. Steerforth sagte, Traddles sei ein grundbraver Kerl, und hätte nicht die mindeste Anlage zu einer Petze, und wir fühlten alle, daß dies das höchste Lob war. Ich selbst hätte viel ertragen mögen, obschon ich weniger herzhaft als Traddles war und noch lange nicht so alt, um eine solche Belobigung einzuheimsen. Steerforth Arm in Arm mit Miß Creakle in die Kirche vor mir hergehen zu sehen, war nichts Kleines. Ich konnte Miß Creakle, der kleinen Emilie hinsichtlich der Schönheit nicht gleichstellen, und ich liebte sie nicht (das wagte ich überhaupt nicht), aber sie erschien mir doch als eine junge Name von ungewöhnlichen Reizen und von unübertrefflicher Eleganz des Benehmens. Wenn Steerforth in weißen Beinkleidern einherstolzierte und ihr Sonnenschirmchen trug, so war ich stolz auf seine Freundschaft und ich glaubte, das Fräulein müsse ihn von Herzen bewundern. Mr. Sharp und Mr. Mell waren ja beides wichtige Persönlichkeiten in meinen Augen, aber Steerforth war im Vergleich zu ihnen, was die Sonne gegen zwei Sterne ist. Steerforth blieb mein Beschützer und zeigte sich mir als einen sehr nützlichen Freund, da niemand einem Knaben, dessen Gönner er war, etwas zu tun wagte. Gegen Mr. Creakle konnte er mich allerdings nicht schützen, oder er tat es wenigstens nicht, und dieser war sehr hart gegen mich; aber wenn er mich einmal härter gestraft hatte als gewöhnlich, sagte er mir stets, mir fehlte ein wenig von seinem Mute, und er würde es nicht ertragen haben. Damit beabsichtigte er, mich zu trösten, und ich fand es sehr freundlich. Einen Vorteil, aber nur einen einzigen, hatte Mr. Creakles Strenge. Die Pappe auf meinem Rücken genierte ihn, wenn er mir im Vorbeigehen an den Bänken eins überziehen wollte, und aus diesem Grunde wurde sie entfernt: – ich sah sie nicht wieder. Ein zufälliger Umstand befestigte das vertrauliche Verhältnis zwischen Steerforth und mir in einer Weise, die mich mit stolzer Befriedigung erfüllte, obgleich sie manchmal etwas beschwerlich war. Als er mir einmal die Ehre erwies, auf dem Spielplatze mit mir zu sprechen, erwähnte ich, daß der oder jener, oder dies oder das Vorkommnis – was es war, habe ich vergessen, einer entsprechenden Szene in Peregrine Pickle ähnlich war. Er sagte nichts; aber als wir abends zu Bett gingen, fragte er mich, ob ich das Buch besitze. Ich sagte: nein, und erzählte ihm, wie ich es gelesen habe, und erwähnte auch die andern Bücher, an denen ich mich damals gelabt hatte. »Und weißt du die Geschichten noch?« sagte Steerforth. »O ja«, gab ich zur Antwort; ich hatte ein gutes Gedächtnis und glaubte sie fast auswendig zu wissen. »Dann will ich dir was sagen, kleiner Copperfield,« meinte Steerforth, »dann sollst du sie mir erzählen! Ich kann abends nicht sehr zeitig einschlafen und wache meistens schon früh auf. Wir wollen sie alle miteinander durchmachen. Wir wollen Tausend und eine Nacht spielen.« Ich fühlte mich durch diesen Vorschlag außerordentlich geschmeichelt, und wir fingen gleich diesen Abend an. Welche Sünden ich im Verlauf meiner Erzählung an meinen Lieblingsdichtern beging, sie verstümmelte oder entstellte, das weiß ich nicht mehr und möchte es auch gar nicht wissen; aber ich glaubte an sie aufrichtig, und hatte, so viel ich mich erinnern kann, eine einfache und sinnige Weise, zu erzählen: und das entschädigte für vieles, und damit kann man schon weit kommen. Die Schattenseite dabei war nur, daß ich abends oft schläfrig oder niedergeschlagen und daher wenig aufgelegt war, die angefangene Geschichte weiter zu erzählen. Dann war es ein saures Stück Arbeit, das jedoch getan werden mußte, denn Steerforth etwas abzuschlagen oder sein Mißfallen zu erregen, war natürlich nicht möglich. Auch morgens, wenn ich noch müde war und gern eine Stunde langer geschlafen hätte, war es recht lästig, wie die Sultanin Scheherazade geweckt zu werden und eine lange Geschichte erzählen zu müssen, ehe die Glocke für das Aufstehen erklang. Aber Steerforth beharrte dabei, und da er mir dafür die Exerzitien und Rechenexempel erklärte, oder was mir sonst an meinen Schulaufgaben zu schwer war, so war dies Abkommen auch nicht unvorteilhaft für mich. Doch will ich selbst gerecht gegen mich sein. Ich ließ mich nicht durch selbstsüchtige oder gewinnsüchtige Absichten leiten, und auch nicht etwa durch Furcht vor ihm. Ich bewunderte und liebte ihn, und seine Anerkennung war mir Lohn genug. Sie war mir so köstlich, daß ich jetzt an diese kleinen Vorfälle mit zuckendem Heizen zurückdenke. Doch Steerforth war auch nachsichtig und bewies seine Rücksichtnahme bei einer Gelegenheit auf eine unnachgiebige Weise, die dem armen Traddles und den übrigen Tantalusqualen bereitete. Peggottys versprochener Brief – was für ein kostbarer Brief war's – kam richtig an, ehe das Semester viele Wochen alt war, und in Begleitung des Schreibens ein Kuchen, in einem wahren Nest von Apfelsinen gebettet, und zwei Flaschen Johannisbeerwein. Ich legte diesen Schatz pflichtgemäß zu Steerforths Füßen nieder und bat ihn um dessen Verteilung. »Ich will dir was sagen, kleiner Copperfield,« sagte er, »wir wollen den Wein aufheben, um dir den Schnabel feucht zu halten, wenn du Geschichten erzählst.« Der Gedanke machte mich erröten, und ich bat ihn in meiner Bescheidenheit, nicht an so etwas zu denken. Aber er sagte, ich sei manchmal ein wenig heiser (»krächzend« wie er sagte), und jeder Tropfen davon sollte für mich allein bleiben. Demnach füllte er die Kruke in eine Medizinflasche um, schloß die Flasche in seinen Koffer ein, und labte mich mit dem Inhalt durch eine im Kork angebrachte Federspule, wenn ich seiner Meinung nach der Stärkung bedurfte. Manchmal war er so gütig, den Trank zu verbessern, Pommeranzensaft hineinzupressen oder ihn mit Ingwer umzurühren oder ein Pfefferminzplätzchen darin aufzulösen, und obgleich ich nicht behaupten kann, daß der Geschmack dadurch sehr verbessert wurde, oder daß er abends vor dem Einschlafen und früh nüchtern genossen besonders magenstärkend war, so trank ich ihn doch dankbar und empfand solche Aufmerksamkeit von Steerforth mit Anerkennung. Ich glaube, wir hatten monatelang mit Peregrine Pickle und mehrere Monate mit den andern Geschichten zugebracht. Mangel an Stoff trat nie ein, das weiß ich gewiß, und der Wein hielt fast so lange aus wie der Stoff. Der arme Traddles, dessen ich stets nur mit einer Anwandlung zu lachen gedenken kann, und trotzdem habe ich seinetwegen Tränen in den Augen, spielte dabei gewissermaßen die Rolle des Chorus, bekam entweder bei den komischen Partien förmliche Lachkrämpfe, oder stellte sich von übertriebener Furcht ergriffen, wenn die Erzählung ängstliche Spannung zu erwecken geeignet war. Das brachte mich oft aus dem Konzepte. So z.B. war es ein Hauptspaß von ihm, zu sagen, er könne sich des Zähneklapperns nicht enthalten, wenn in den Abenteuern des Gil Blas ein Alguajil vorkam, oder wenn Gil Blas in Madrid den Räuberhauptmann antraf. Und einmal ahmte der unglückliche Spaßmacher den Angstschauer so natürlich, aber leider zu geräuschvoll nach, daß es ihm wegen ungebührlichen Betragens im Schlafzimmer die schönsten Prügel eintrug, als Mr. Creakle draußen auf dem Gange spionierend herumschnüffelte. Die romantischen und träumerischen Seiten meines Charakters fanden viel Nahrung an diesem Erzählen im Dunkeln; und in dieser Hinsicht war die Beschäftigung Wohl nicht sehr nützlich für mich. Aber der Umstand, daß ich in meiner Stube als eine Art Spielzeug gehätschelt wurde, und das Bewußtsein, daß meine Fertigkeit den übrigen Knaben zu Ohren kam und mir einiges Ansehen gab, obgleich ich der jüngste war, spornte mich an, mein Bestes zu leisten. In einer Schule, wo bloße brutale Strenge herrscht, wird schwerlich viel gelernt, mag an ihrer Spitze ein Dummkopf stehen oder nicht. Ich glaube, meine Kameraden waren im allgemeinen so unwissende Schüler, als es sie nur in einer Anstalt geben konnte; sie wurden viel zu sehr verprügelt und verschüchtert, um etwas lernen zu können; sie konnten dies ebensowenig mit Vorteil tun, als irgend wer etwas anderes in einem Leben von beständiger Mühsal und Plage mit Glück und Erfolg zu Ende führen kann. Aber ein bißchen Eitelkeit auf meiner Seite und Steerforths Hilfe auf der andern trieben mich an, und dieser Eifer machte mich, ohne mich von den Strafen zu befreien, zu einer Ausnahme von den übrigen, indem ich sicher wenigstens einige Brosamen von Kenntnissen auflas. Mr. Mell, der eine Teilnahme für mich an den Tag legte, für die ich ihm noch heute dankbar bin, unterstützte mich darin sehr. Ich bemerkte stets mit Schmerz, daß Steerforth ihn mit Geringschätzung behandelte, und selten eine Gelegenheit vorübergehen ließ, wo er seine Gefühle verletzen konnte. Dies beunruhigte mich einige Zeit um so mehr, als ich Steerforth, vor dem ich ein Geheimnis ebensowenig wie einen Kuchen oder einen andern greifbaren Gegenstand behalten konnte, von den beiden alten Frauen erzählt hatte, zu denen mich Mr. Mell gebracht hatte, und ich fürchtete immer, Steerforth werde es ausplaudern und den Lehrer gar damit necken. Wer von uns hätte gedacht, als ich an jenem ersten Morgen in London mein Frühstück aß und unter dem Schatten der drei Pfauenfedern beim Blasen der Flöte einschlief, was für Folgen die Einführung meiner kleinen Wenigkeit in dies Armenhaus haben würde? Doch dieser Besuch hatte seine unvorhergesehenen Folgen, und zwar recht ernste in ihrer Art. Eines Tages nämlich, als Mr. Creakle wegen Unpäßlichkeit das Zimmer hütete, was natürlich die lebhafteste Freude über die ganze Schule verbreitete, wurde schon während der Morgenstunde viel Lärm gemacht. Die Stimmung der Knaben war so übermütig, daß mit ihnen nur schwer auszukommen war, und obgleich der gefürchtete Tungay mit dem hölzernen Beine ein- oder zweimal hereingestelzt kam und die Namen der Hauptmissetäter aufschrieb, so machte dies doch wenig Eindruck, da alle wußten, sie würden morgen doch in Strafe kommen, mochten sie tun, was sie wollten, und es deshalb jedenfalls für das beste hielten, sich des heutigen Tages möglichst zu erfreuen. Es war eigentlich ein halber Feiertag, nämlich Sonnabend. Aber da der Lärm auf dem Spielplatze Mr. Creakle hätte stören können und das Wetter zum Spazierengehen nicht günstig war, so mußten wir nachmittags in der Klasse bleiben und einige leichtere Arbeiten verrichten. Es war der Tag in der Woche, wo Mr. Sharp ausging, um sich die Perücke kräuseln zu lassen, und so traf auf Mr. Mell, dem immer alle Plackereien zufielen, das Amt, für heute allein Schule zu halten. Wenn ich den Vergleich mit einem Stier oder Bären auf einen so sanften Menschen wie Mr. Mell anwenden könnte, so würde ich sagen, daß er an jenem Nachmittage, als der Tumult seinen Höhepunkt erreicht hatte, einem jener von tausend Hunden gehetzten Tiere glich. Ich sehe ihn seinen schmerzenden Kopf auf seine knochendürre Hand stützen, über das Buch auf seinem Pulte gebeugt, umsonst kläglich bemüht, sich mit seiner Aufgabe unter einem so rasenden Aufruhr abzufinden, daß er den Sprecher des Unterhauses betäubt hätte. Die Lümmels schossen hin und her, sprangen auf die Bänke und wieder hinunter, spielten Haschens miteinander, lachten, sangen, tanzten, johlten, scharrten mit den Füßen, drehten sich um ihn im Kreise, grinsten, schnitten Gesichter, äfften ihm hinter seinem Rücken nach und vor seinen Augen, verspotteten seine Armut, seine Stiefel, seinen Rock, seine Mutter, kurz alles, war nur irgend einen Bezug auf ihn haben konnte, aber was sie hätten achten und ehren sollen. »Ruhe!« rief Mr. Mell plötzlich aufspringend und mit dem Buche auf das Pult schlagend. »Was soll das heißen? Es ist nicht auszuhalten. Es ist zum Verrücktweiden. Wie könnt Ihr mir das antun, Jungens.« Es war mein Buch, mit dem er auf das Pult geschlagen hatte, und da ich neben ihm stand und seinem Auge, das im Zimmer umherflog, folgte, sah ich, wie alle Knaben schwiegen, einige aus plötzlicher Überraschung, manche aus halber Furcht, manche vielleicht aus Reue über ihr Betragen. Steerforths Platz war am untern Ende der langgestreckten Schulstube. Er hatte sich mit dem Rücken an die Wand gelehnt, die Hände in den Taschen, und sah Mr. Mell an, die Lippen gespitzt, als wollte er pfeifen. »Still, Mr. Steerforth!« sagte Mr. Mell. »Seien Sie selber still!« sagte Steerforth mit gerötetem Gesicht. »Zu wem sprechen Sie?« »Setzen Sie sich!« sagte Mr. Mell. »Setzen Sie sich selber!« sagte Steerforth, »und bekümmern Sie sich um Ihre Arbeit.« Ich hörte ein Kichern und hier und da leisen Beifall, aber Mr. Mell war so käsebleich, daß es fast augenblicklich wieder still wurde, und ein Knabe, der wieder aufgesprungen war und seine Mutter nachäffen wollte, besann sich anders und ließ sich die Feder schneiden. »Wenn Sie meinen, Steerforth,« sagte Mr. Mell, »es wäre mir nicht bekannt, welche Macht Sie hier über jedes Gemüt ausüben« – er legte dabei seine Hand wohl unbewußt auf meinen Kopf – »oder ich hätte nicht bemerkt, wie Sie Ihre jüngeren Mitschüler in jeder Weise aufmuntern, mich zu beleidigen, so irren Sie sich sehr.« »Ich gebe mir gar nicht die Mühe, an Sie zu denken,« sagte Steerforth kaltblütig, »also irre ich mich zufällig gar nicht.« »Und wenn Sie Ihre Stellung als Günstling hier benutzen, Sir,« fuhr Mr. Mell mit zuckenden Lippen fort, »einen Ehrenmann zu beleidigen –« »Was? Wo soll einer sein?« sagte Steerforth. Hier rief jemand: »Pfui, Steerforth! Das ist zu arg!« Es war Traddles, den Mr. Mell sofort damit abtrumpfte, daß er ihm Schweigen gebot. »Wenn Sie einen Mann beleidigen, dem es nicht so gut im Leben geht wie Ihnen, Sir, und der Sie niemals im mindesten beleidigt hat, und wenn Sie zugleich die vielen Gründe kennen, die Sie veranlassen sollten, ihn nicht zu beleidigen, Gründe, die zu kennen Sie alt und klug genug sind,« sagte Mr. Mell, und seine Lippen zitterten immer mehr, »so begehen Sie eine niedrige und schlechte Handlung. Sie können sich niedersetzen oder stehen bleiben, ganz wie Sie wollen, Sir! – Copperfield, weiter!« »Kleiner Copperfield,« sagte Steerforth und trat vor an das Pult; »warte einen Augenblick. – Ich will Ihnen was sagen. Mr. Mell, ein für allemal. Wenn Sie sich die Freiheit nehmen, mich niedrig oder schlecht zu nennen, oder einen ähnlichen Ausdruck gebrauchen, so sind Sie ein unverschämter Bettler. Sie sind von jeher ein Bettler gewesen, das wissen Sie ja; aber wenn Sie das tun, so sind Sie ein unverschämter Bettler.« Ich bin nicht recht klar darüber, ob er Mr. Mell oder ob Mr. Mell ihn schlagen wollte, oder ob überhaupt auf einer der beiden Seiten eine solche Absicht vorhanden war. Ich sah nur, daß die ganze Schule plötzlich wie versteinert geworden war, und auf einmal sah ich Mr. Creakle mitten unter uns stehen, neben ihm Tungay, und an der Türe Mrs. und Miß Creakle mit scheuen und erschrockenen Gesichtern. Mr. Mell, die Ellbogen auf das Pult gestützt und das Gesicht in die Hände gelegt, saß einige Augenblicke regungslos da. »Mr. Mell«, sagte Mr. Creakle und schüttelte ihn beim Arme, und sein Gekrächze war diesmal so laut, daß Tungay die Worte nicht zu wiederholen brauchte. »Sie haben sich doch nicht etwa vergessen?« »Nein, Sir! Nein, Sir!« erwiderte der Unterlehrer, der jetzt wieder sein Gesicht enthüllte und in großer Aufregung den Kopf schüttelte und die Hände rieb. »Nein, Sir! Nein, ich habe mich nicht vergessen – nein, Mr. Creakle, ich habe mich nicht vergessen. Ich – wünschte nur, Sie hätten mich auch nicht vergessen und etwas eher an mich gedacht – es – es – wäre gütiger gewesen und gerechter, Sir. Es hätte mir manches erspart, Sir.« Mr. Creakle sah Mr. Mell streng an, legte die Hand auf Tungays Schulter, trat auf eine Bank neben sich und setzte sich auf das Pult. Nachdem er von diesem Throne noch eine Weile Mr. Mell scharf angesehen hatte, der noch immer in großer Aufregung den Kopf schüttelte und die Hände rieb, wendete er sich zu Steerforth und sagte: »Nun, Sir, da er sich nicht herabläßt, es mir zu sagen, so sagen Sie, was hier vorgefallen ist.« Steerforth wich der Frage ein Weilchen aus; er sah seinen Gegner mit höhnischem und zornigem Gesichte an und blieb stumm. Selbst damals konnte ich mich des Gedankens nicht enthalten, wie vornehm sein Aussehen war und wie dürftig und unschön sich Mr. Mell gegen ihn ausnahm. »Was hat er denn da gemeint, als er von Günstlingen sprach?« sagte Steerforth endlich. »Von Günstlingen?« wiederholte Mr. Creakle, und die Adern auf seiner Stirne schwollen plötzlich an. »Wer hat von Günstlingen gesprochen?« »Mr. Mell«, sagte Steerforth. »Und bitte, wen haben Sie damit gemeint, Sir?« fragte Mr. Creakle und wendete sich voll Zorn an seinen Unterlehrer. »Ich meinte, was ich sagte, Mr. Creakle,« erwiderte der Gefragte ruhig, – »daß kein Schüler das Recht hat, seine Stellung als Günstling auszunutzen, um mich zu erniedrigen.« » Sie zu erniedrigen?« sagte Mr. Creakle. »Das ist nicht schlecht! Aber Sie werden mir erlauben, zu fragen, Mr. Dingsda,« und hier schlug Mr. Creakle die Arme mit dem Rohrstock übereinander und zog die Brauen zusammen, bis die kleinen Schlitzaugen fast unsichtbar waren, – »sagen Sie mir, ob Sie mir die gehörige Achtung bewiesen haben, wenn Sie von Günstlingen sprachen? Nun, Sir?« sagte Mr. Creakle und schoß plötzlich mit dem Kopfe gegen ihn vor und zog diesen wieder zurück, »mir, dem Direktor dieser Anstalt und Ihrem Prinzipal?« »Es war allerdings unüberlegt, Sir, das gebe ich gerne zu«, sagte Mr. Mell. »Ich hätte es nicht getan, wenn ich bei kaltem Blute gewesen wäre.« Hier fiel Steerforth ein: »Dann sagte er, ich wäre niedrig, und dann sagte er, ich wäre schlecht, und dann habe ich ihn einen Bettler genannt. Wenn ich bei kaltem Blute gewesen wäre, hätte ich ihn vielleicht auch keinen Bettler genannt. Aber ich tat es und nehme die Folgen auf mich.« Ohne zu überlegen, ob vielleicht Folgen da wären, die ihn treffen würden, durchglühte mich diese wackere Rede ordentlich. Sie machte auch Eindruck auf die übrigen Knaben, denn es entstand unter ihnen einige Aufregung, obgleich keiner sprach. »Es muß mich wirklich wundern, Steerforth – obgleich Ihnen Ihre Aufrichtigkeit Ehre macht, alle Ehre macht,« sagte Mr. Creakle, »ich muß mich wundern, Steerforth, daß Sie eine solche Benennung auf eine Person anwenden können, die in Salemhaus angestellt ist und bezahlt wird, Sir.« Steerforth lachte höhnisch. »Das ist keine Antwort auf meine Bemerkung, Sir«, sagte Mr. Creakle. »Ich erwarte mehr von Ihnen, Steerforth,« Wenn Mr. Mell in meinen Augen im Vergleich mit dem schönen Knaben klein und unschön aussah, so kann ich gar nicht sagen, wie Mr. Creakle mit seiner Häßlichkeit hinter ihm zurückstand. »Er mag es ableugnen«, sagte Steerforth. »Ableugnen, daß er ein Bettler ist, Steerforth?« schrie Mr. Creakle. »Mein Gott, wo bettelt er denn?« »Wenn er selber kein Bettler ist, so ist es doch seine nächste Verwandte«, sagte Steerforth. »Das ist ein und dasselbe.« Er sah mich an, und Mr. Mells Hand klopfte mich sanft auf die Schulter. Ich sah hinauf, Schamröte im Gesicht und Reue im Herzen, aber Mr. Mells Augen ruhten auf Steerforth, und wenn er auch fortfuhr, mich zu streicheln, sah er doch Steelforth unverwandt an. »Da Sie eine Rechtfertigung von mir verlangen, Mr. Creakle,« sagte Steerforth, »und ich sagen soll, was ich gemeint habe, so sage ich, daß seine Mutter von öffentlichen Almosen im Spitale lebt.« Mr. Mell sah ihn immer noch an und klopfte mich immer noch freundlich auf die Schulter, und sagte leise vor sich hin: »Ja, das habe ich mir gedacht.« Mr. Creakle wendete sich mit strengem Gesicht und mühsam erzwungener hochtrabender Höflichkeit an seinen Unterlehrer. »Sie haben jetzt gehört, was dieser Herr sagt, Mr. Mell. Haben Sie jetzt die Gefälligkeit, seine Aussage vor der ganzen Schule zu berichtigen.« »Er hat vollkommen recht«, erwiderte Mr. Mell, während ringsum eine wahre Totenstille herrschte. »Was er sagt, ist wahr.« »So bitte ich Sie um die Gefälligkeit, öffentlich zu erklären, ob ich bis zu diesem Augenblick etwas davon gewußt habe«, sagte Mr. Creakle und rollte mit den Augen im Kreise umher! »Ich glaube nicht direkt«, erwiderte er. »Was, Sie wissen das nicht genau?« rief Mr. Creakle. »Nicht ganz genau?« ^ »Ich glaube, daß Sie meine Lebensverhältnisse niemals für sehr gut gehalten haben«, erwiderte der Unterlehrer. »Sie wissen, was für eine Stellung ich hier habe und immer gehabt habe.« »Und ich glaube,« sagte Mr. Creakle, und seine Zornadern wurden immer dicker, »daß Sie überhaupt in einer falschen Stellung gewesen sind und diese Anstalt irrtümlicherweise für eine Armenschule gehalten haben. Mr. Mell, ich denke, wir trennen uns, und zwar je eher, desto besser!« »Es gibt dazu keine bessere Zeit als die gegenwärtige«, erwiderte Mr. Mell und stand auf. »Für Sie freilich!« schrie Mr. Creakle. »Ich nehme Abschied von Ihnen, Mr. Creakle, und von Euch allen«, sagte Mr. Mell, indem er sich im Zimmer umsah und mich wieder sanft auf die Schulter klopfte. »James Steerforth, der beste Wunsch, den ich Ihnen hinterlassen kann, ist, daß Sie sich eines Tages schämen mögen über das, was Sie heute getan haben. Jetzt ist es mir lieb, daß Sie nicht mein Freund sind, und es wäre mir lieber, wenn Sie auch nicht der Freund von jemand wären, an dem ich teilnehme.« Wieder legte er mir die Hand auf die Schulter, dann nahm er seine Flöte und ein paar Bücher aus seinem Pulte, ließ den Schlüssel darin für seinen Nachfolger, und verließ die Schule, sein ganzes Besitztum unter dem Arme tragend. Mr. Creakle hielt dann durch Tungays Vermittlung eine Rede, in der er Steerforth dankte, daß er, wenn auch vielleicht etwas zu lebhaft, die Unabhängigkeit und Ehre von Salemhaus verteidigt hatte. Zum Schluß der Rede schüttelte er Steerforth die Hand, während wir drei Hochs gaben – ich weiß nicht mehr recht, für wen, aber ich glaube für Steerforth, und rief also mit, obgleich ich mich sehr gedrückt fühlte. Dann züchtigte Mr. Creakle den kleinen Tommy Traddles, weil er über Mr. Mells Fortgehen weinte, anstatt in das Hoch einzustimmen, und kehrte wieder zu seinem Sofa oder zu seinem Bett oder wo er sonst hergekommen war, zurück. Nachdem wir uns jetzt selbst überlassen waren, sahen wir uns sehr verblüfft an. Ich selbst fühlte so viel Gewissensbisse und Reue über das Geschehene, daß meine Tränen nur die Furcht zurückhielt, Steerforth, der mich oft ansah, möchte es für unfreundschaftlich oder, wie ich lieber bei unserer Stellung zueinander sagen sollte, für pflichtwidrig halten, wenn ich weinte. Er war sehr böse auf Traddles und sagte, es freue ihn, daß er es gekriegt habe. Der arme Traddles, der über das Stadium hinaus war, wo er den Kopf auf das Pult legte und wie gewöhnlich seinem Verdruß mit Skeletten Luft machte, sagte, es sei ihm ganz gleichgültig; Mr. Mell sei unrecht geschehen. »Wer hat ihm unrecht getan, du Mädchenherz?« sagte Steerforth. »Wer anders als du?« »Was habe ich getan?« sagte Steerforth. »Was du getan hast?« gab Traddles zurück. »Du hast seine Gefühle verletzt und ihn um seine Stelle gebracht.« »Seine Gefühle!« wiederholte Steerforth verächtlich. »Seine Gefühle werden sich bald wieder davon erholen, darauf will ich wetten. Er ist sicher nicht halb so gefühlvoll als du, Mr. Traddles. Und was seine Stelle betrifft – die so vortrefflich gewesen ist, nicht wahr? – so werde ich doch natürlich nach Hause schreiben und Sorge tragen, daß er Geld bekommt. Na, du Mädchenherz?« Uns kam dieser Vorsatz Steerforths, dessen Mutter eine steinreiche Witwe war, die ihm in allem nachgab, sehr edel vor. Wir freuten uns alle, daß er Traddles so abgekanzelt hätte, und erhoben Steerforth in den Himmel, vorzüglich, als er sich herabließ uns zu erzählen, daß er alles nur für uns getan und uns durch sein allergnädigstes und selbstloses Benehmen einen großen Dienst erwiesen habe. Aber ich muß gestehen, als ich abends im Dunkeln eine Geschichte erzählte, schien mir Mr. Mells Flöte mehr als einmal trauervoll in die Ohren zu klingen, und als endlich Steerforth müde war und ich mich zum Schlafen hinlegte, meinte ich die Flöte immer noch klagen zu hören, und ich fühlte mich ganz elend. Doch vergaß ich Mr. Well bald in der Bewunderung Steerforths, der in leichter Dilettantenweise und ohne Buch (er schien alles auswendig zu wissen) einige seiner Lektionen übernahm bis der neue Lehrer erschien. Dieser kam aus einer lateinischen Schule und speiste, bevor er sein Amt antrat, einen Tag bei dem Direktor, um Steerforth vorgestellt zu werden. Steerforth fand großen Gefallen an ihm und erklärte ihn für einen Kapitalkerl. Ohne so recht zu verstehen, was für ein Grad von Gelehrtentüchtigkeit damit ausgedrückt sein sollte, hatte ich daher gewaltigen Respekt vor ihm, obwohl er sich mit mir nie die Mühe gab und mir nie die Beachtung schenkte wie Mr. Mell, doch was bedeutete auch meine Wenigkeit! Nur noch ein ungewöhnliches Ereignis in diesem Semester machte einen Eindruck auf mich, der immer noch vorhanden ist, und der seine lange Dauer verschiedenen Gründen verdankt. Eines Nachmittags, als wir alle äußerst schwer zu leiden hatten und Mr. Creakle fürchterlich um sich schlug, kam Mr. Tungay hereingehumpelt und rief wie gewöhnlich mit Donnerstimme: »Besuch für Copperfield!« Er wechselte mit Mr. Creakle einige Worte über den Rang des Besuchs und das Zimmer, in das er gewiesen werden sollte, dann sagte der Direktor zu mir – ich war, wie es bei solchen Fällen Gebrauch war, bei der Anzeige aufgestanden und ganz verblüfft vor Erstaunen – ich sollte die hintere Treppe hinaufgehen und einen reinen Kragen umlegen, bevor ich ins Speisezimmer ging. Ich gehorchte dem Befehle in einer Aufregung, wie ich sie noch gar nicht gekannt hatte, und als ich an die Tür des Besuchszimmers kam und der Gedanke in mir aufblitzte, es könnte meine Mutter sein – ich hatte bloß an Mr. und Miß Murdstone gedacht – ließ ich die Klinke los und blieb stehen und machte mir durch einen Seufzer Luft, bevor ich eintrat. Zuerst sah ich niemand; aber da ich einen Druck gegen die Tür fühlte, sah ich dahinter und erblickte zu meinem Erstaunen Mr. Peggotty und Ham, die ihre Hüte abnahmen, dienerten und einander gegen die Wand drückten. Ich konnte mich des Lachens nicht enthalten, aber mehr aus Freude sie zu sehen, als über ihren Anblick. Wir schüttelten uns herzlich die Hände, und ich lachte und lachte, bis ich mein Taschentuch herauszog und mir die Augen wischte. Mr. Peggotty (der während des ganzen Besuches den Mund aufsperrte) legte große Teilnahme an den Tag, als er dies sah, und gab Ham mit dem Ellbogen einen Rippenstoß, er solle etwas sagen. »Immer munter, Master Davy?« sagte Ham in seiner einfältigen Weise, »Herrjeh, wie seid Ihr gewachsen!« »Bin ich gewachsen?« sagte ich und trocknete mir die Augen, Ich weinte nicht über etwas Besonderes, so viel ich weiß, aber der Anblick alter Freunde trieb mir unaufhaltsam die Tränen in die Augen. »Gewachsen, Master Davy! Ist er nicht gewachsen!« sagte Ham. »Ist er nicht gewachsen!« sagte Mr. Peggotty. Da sie einander anlachten, lachte ich Mit, und dann lachten wir alle drei, bis ich fast wieder geweint hatte. »Wißt Ihr, was Mama macht, Mr. Peggotty?« sagte ich, »Und wie befindet sich meine liebe, alte Peggotty?« »Partuh gesund«, sagte Mr. Peggotty. »Und die kleine Emilie und Mrs. Gummidge?« »Partuh gesund«, sagte Mr. Peggotty. Es trat hier eine Pause ein. Um sie zu beendigen, brachte Mr. Peggotty zwei riesige Hummern, einen mächtigen Krebs und einen großen Leinwandbeutel voll Seekrabben aus seiner Tasche und türmte sie Ham auf die Arme. »Sehen Sie, wir haben uns die Freiheit genommen,« sagte Mr. Peggotty, »da wir noch von damals, wo Sie bei uns waren, wissen, Sie haben so ein Kosthäppchen gern. Die Alte hat sie gekocht. Mrs. Gummidge hat sie gekocht. Ja«, sagte Mr. Peggotty langsam und wie mir schien, weil er von nichts anderem zu reden wußte, »Mrs. Gummidge hat sie gekocht, verlassen Sie sich drauf.« Ich drückte ihm meinen Dank aus, und Mr. Peggotty fuhr fort, nachdem er Ham angeblickt hatte, der die Krebse angrinste, ohne einem Versuch zu machen, ihn zu unterstützen: »Sehen Sie, wir sind mit günstigem Wind und Flut in einem unserer Yarmouths-Lugger nach Gravesend gekommen. Meine Schwester, die hatte mir den Namen von dem Ort hier aufgeschrieben, und wenn ich nach Gravesend komme, dann sollte ich mich nach Master Davy erkundigen, sagte sie, und Ihnen ihre Empfehlung und Gruß bringen, sagte sie, und Ihnen von der Familie sagen, daß sie gesund sind wie die Fische. Die kleine Emilie soll dann meiner Schwester schreiben, wenn ich wieder heimkomme, daß ich Sie besucht habe, und daß Sie auch so gesund wie ein Fisch sind, und so geht's im vergnügten Ringel-Ringel-Rosenkranz!« Ich mußte erst ein wenig nachdenken, ehe ich verstand, was Mr. Peggotty mit diesem letzten Vergleich meinte. Dann dankte ich ihm herzlich und sagte, wie ich fühlte, mit Erröten, die kleine Emilie werde sich wohl auch verändert haben, seitdem wir zusammen Muscheln und Kiesel am Strände suchten. »Sie wird bald ein großes Mädel sein, Sir«, sagte Mr. Peggotty. »Sie ist fast aus den Kinderschuhen heraus; fragen Sie den da.« Er meinte Ham, der hinter dem Sack voll Krebse aus seinen Armen mit begeisternder Zustimmung grinste und lachte. »Welch hübsches Gesicht das sie hat!« sagte Mr. Peggotty, und sein eigenes glänzte wie Licht. »Und ihre Gescheitheit!« sagte Ham. »Und ihre Schrift!« sagte Mr. Peggotty. »Gott, die ist so schwarz wie Kohle und so groß, daß man sie schon von weitem lesen kann.« Es machte mir ordentlich Freude zu sehen, welche Begeisterung Mr. Peggotty erfüllte, wenn er an seinen kleinen Liebling dachte. Ich sehe ihn noch vor mir stehen, mit dem breiten haarigen Gesichte, das von freudiger Liebe strahlte, und von einem Stolz, den ich nicht beschreiben kann. Seine ehrlichen Augen blitzten funkelnd auf und glänzten, als ob in ihren Tiefen Feuer wohnte. Seine breite Brust hob sich vor Freude. Seine starken Hände ballten sich unwillkürlich zusammen, und er gab dem, was er sprach, Nachdruck mit den Bewegungen eines Armes, der mir kleinem Knirps, wie ein Schmiedehammer vorkam. Ham meinte es ebenso ernstlich wie er. Ich glaube, sie hätten noch viel mehr von Em'lyn erzählt, wenn sie nicht das unvermutete Erscheinen Steerforths verlegen gemacht hätte. Als er mich in einer Ecke mit zwei Fremden sprechen sah, unterbrach er das Lied, das er eben vor sich hinsummte, und sagte: »Ich wußte nicht, daß du hier wärest, kleiner Copperfield!« (denn es war nicht das gewöhnliche Besuchszimmer), und wollte wieder zur andern Tür hinausgehen. Ich weiß nicht, ob es der Stolz war, einen solchen Freund wie Steerforth zu haben, oder der Wunsch, ihm zu erklären, wie ich zu solchen Bekannten kam, wie Mr. Peggotty einer war, was mich veranlaßte, ihn herbeizurufen. Aber ich sagte in bescheidenem Tone – guter Gott, wie mir nach so langer Zeit alles wieder frisch vor das Gedächtnis tritt! – »Geh nicht fort, Steerforth, wenn du so gut sein willst. Hier sind zwei Schiffer von Yarmouth – gute, liebe Leute – Verwandte meiner Kindsfrau, die von Gravesend gekommen sind, um mich zu besuchen.« »So, so«, sagte Steerforth und drehte sich um. »Freut mich, Euch zu sehen. Was macht Ihr beide?« Er hatte etwas Ungeniertes in seinem Wesen – etwas so Sicheres, Munteres und Ungezwungenes, aber nichts Prahlerisches – daß er immer eine Art unwiderstehlichen Zauber auf andere ausübte. Immer noch kommt es mir vor, als ob sein Auftreten, seine Haltung, seine Lebhaftigkeit, seine schöne Stimme, sein hübsches Gesicht und, wie es mir schien, eine innewohnende Anziehungskraft eine Gewalt ausübten, der nachzugeben natürlich war, und der nur wenige widerstehen mochten. Ich konnte nicht umhin, zu sehen, wie sehr er den beiden Fischern gefiel und wie sie ihm gleich ihre Herzen öffneten. »Sie müssen ihnen auch zu Hause sagen, Mr. Peggotty,« sagte ich, »daß Mr. Steerforth sehr freundlich gegen mich ist und daß ich ohne ihn gar nicht wüßte, wie ich mich hier durchschlagen sollte.« »Unsinn!« sagte Steerforth lachend. »So etwas dürft Ihr nicht schreiben.« »Und wenn Mr. Steerforth einmal nach Norfolk oder Suffolk kommt, Mr. Peggotty,« sagte ich, »und ich bin auch grade dort, so bringe ich ihn ganz gewiß mit nach Yarmouth, um ihm Euer Haus zu zeigen. Du hast noch nie so ein nettes Haus gesehen, Steerforth. Es ist aus einem Boote gemacht!« »Aus einem Boote, ist's möglich?« sagte Steerforth. »Na, das ist jedenfalls das richtige Haus für einen echten und tüchtigen Seebären.« »Ja wohl, Sir«, sagte Ham grinsend. »Sie haben recht, junger Herr. Master Davy, der Herr hat recht. Ein echter tüchtiger Seebär! Ha ha, das ist er auch, meiner Seele!« Mr. Peggotty fühlte sich nicht weniger geschmeichelt als sein Neffe, obgleich ihm seine Bescheidenheit verbot, ein persönliches Kompliment mit so stürmischer Anerkennung auf sich zu beziehen. »Nun, Sir,« sagte er kratzfüßelnd und in sich hineinlachend und die Zipfel seines Halstuches in den Westenausschnitt stopfend, »danke schön, Sir, danke schön! Ich tue, was ich kann, in meinem Gewerbe, Sir.« »Der beste kann nicht mehr tun, Mr. Peggotty«, sagte Steerforth. Er wußte schon seinen Namen. »Ich wette, Sie tun es auch,« sagte Peggotty und schüttelte ihm die Hand, »und tun's gehörig – recht gehörig! Danke schön, Sir! Ich bin Ihnen recht dankbar, Sir, daß Sie mich so freundlich aufgenommen haben. Ich bin schlecht und recht, Sir – das heißt, ich hoffe, ich bin recht, verstehen Sie? An meinem Hause ist weiter nicht viel zu sehen, Sir, aber Sie sind willkommen, und es steht Ihnen ganz zu Diensten, Sir, wenn Sie einmal mit Mr. Davy hinkommen. Ich bin so eine richtige Treckschuite, eine alle Schnecke,« sagte Mr. Peggotty – damit meinte er seine Langsamkeit im Fortgehen, denn er hatte nach jedem Satze versucht, zu gehen, und war immer wieder umgekehrt – »aber ich wünsche Ihnen allen beiden beste Gesundheit und viel Glück!« Ham gab dieser Äußerung seine Bestimmung, und wir schieden von ihnen auf das herzlichste. Ich kam diesen Abend fast in Versuchung, Steerforth von der hübschen kleinen Emilie zu erzählen, aber ich scheute mich zu sehr, ihren Namen zu nennen, und fürchtete, von ihm ausgelacht zu werden. Auch erinnere ich mich, daß ich viel und nachhaltig darüber gesonnen hatte, daß Mr. Peggotty gesagt hatte, sie sei bald ein großes Mädel; aber ich sagte mir bei näherer Überlegung, das wäre ja Übertreibung! Wir praktizierten die Krebse oder das »Kosthäppchen«, wie der Schiffer sein Geschenk bescheiden bezeichnet hatte, unbemerkt in unser Zimmer und veranstalteten diesen Abend ein großes Essen. Aber Taddles sollte nicht gut dabei wegkommen. Er hatte soviel Malheur, daß er selbst nicht mit einem Essen wie andere Leute fertig wurde. Er aß zuviel und wurde in der Nacht krank, und da er die Ursache nicht gestehen wollte und nachdem er Tränke und Pillen in solchen Massen bekommen hatte, daß ein Pferd daran genug gehabt hätte (wie Demple sagte, der es wissen mußte, weil sein Vater Doktor war), wurde er noch obendrein mit einer derben Tracht Prügel bedacht, und zum Auswendiglernen von sechs Kapiteln aus dem griechischen Testament verurteilt. Der Rest des Semesters gehört einer Masse verworrener Erinnerungen an aus den Plagen und Mühseligkeiten unseres täglichen Lebens: an den schwindenden Sommer und die wechselnde Jahreszeit, an die kühlen Morgen, wo man uns aus dem Bette rief, und an den kalten Geruch der dunkeln Nächte, wo wir wieder ins Bett mußten, an die schlecht beleuchtete und schlecht geheizte Abend- und Morgenschulstube, die weiter nichts war, als eine große Fröstelbude, an die Abwechselung zwischen gekochtem Rindfleisch und Rinderbraten und gekochtem Schöpsenfleisch und Schöpsenbraten, an Schichten von Brot und Butter, an Schulbücher mit Eselsohren, zerbrochene Schiefertafeln, Schreibbücher mit Tränenflecken, Hiebe mit dem Röhrchen und dem Lineal, Haarzupfen, regnerische Sommertage, Speckpuddings und eine schmutzige Tintenatmosphäre, die alles umgibt. Doch erinnere ich mich noch recht gut der fernen Aussicht auf die Feiertage, die uns erst vor unendlich langer Zeit wie ein feststehender Punkt erschienen waren, der sich uns immer mehr näherte und beständig größer wurde, wie wir erst Monate und dann Wochen und dann Tage zählten, wie ich dann anfing zu fürchten, daß ich nicht nach Hause reisen werde, und wie ich, als ich von Steerforth erfuhr, daß man schon meine Heimreise angemeldet hatte, von einer dunklen Ahnung gequält wurde, ich könnte das Bein brechen. Wie dann endlich der Tag der Abreise rasch näher rückte, von der übernächsten Woche auf die nächste Woche, dann auf die gegenwärtige Woche, auf übermorgen, morgen, heute abend – wo ich in der Postkutsche von Yarmouth saß und nach Hause reiste. Ich schlummerte mit vielen Unterbrechungen in der Kutsche und hatte manchen unzusammenhängenden Traum von allen diesen Dingen. Aber wenn ich manchmal aufwachte, war die Gegend draußen vor dem Fenster nicht der Spielplatz von Salemhaus, und was in meine Ohren tönte, war nicht Mr. Creakles krächzende Stimme, der eben Traddles abstrafte, sondern die des Kutschers, der die Pferde antrieb. Achtes Kapitel. Die Ferien. Ein glücklicher Nachmittag. Als wir, noch vor Tagesanbruch, in dem Gasthof ankamen, wo die Postkutsche hielt, der aber nicht der Gasthof war, wo mein Freund, der Kellner hauste, sondern es stand über seiner Tür »Delphin«, wies man mich in ein kleines hübsches Schlafzimmer. Ich weiß noch, wie sehr ich fror, trotz dem heißen Tee, den sie mir unten vor einem großen Feuer eingeschenkt hatten, und legte mich gern ins Bett, wickelte mich in die Bettdecke und schlief ein. Mr. Barkis, der Fuhrmann, sollte mich morgens früh um neun Uhr abholen. Ich stand um acht Uhr auf, noch etwas benommen von dem kurzen Schlummer, und wartete auf ihn schon vor der bestimmten Zeit, Er empfing mich ganz so, als ob nicht fünf Minuten vergangen gewesen wären, seit wir uns zuletzt gesehen hatten, und als wäre ich nur in das Gasthaus getreten, um mir ein Sixpencestück wechseln zu lassen oder so was ähnliches. Als ich und mein Koffer im Wagen waren und der Fuhrmann auf dem Bocke Platz genommen hatte, machte sich der faule Gaul in seinem alten trägen Trott mit uns auf den Weg. »Sie sehen recht wohl aus, Mr. Barkis«, sagte ich, in der Meinung, daß es ihn erfreuen würde. Mr. Barkis rieb sich die eine Backe mit dem Ärmel und sah dann diesen an, als ob er darauf etwas von der Röte seines Gesichts zu finden erwartete; aber eine andere Anerkennung des Kompliments gab er nicht von sich. »Ich habe auch Ihre Botschaft ausgerichtet, Mr. Barkis«, sagte ich. »Ich habe an Pegotty geschrieben.« »So, hm!« sagte Mr. Barkis, und schien verdrießlich zu sein und antwortete sehr kurz angebunden. »War's nicht richtig, Mr. Barkis?« fragte ich nach einigem Zögern. »Nu nein«, sagte Mr. Barkis. »Nicht die Botschaft?« »Die Botschaft war schon recht«, sagte Mr. Barkis. »Aber damit war's aus.« Da ich nicht verstand, was er meinte, wiederholte ich fragend: »Damit war's aus, Mr. Barkis?« »Es war mal nichts damit«, sagte er und blickte mich von der Seite an. »Kam keine Antwort.« »Sie erwarteten also eine Antwort, Mr. Barkis?« sagte ich und tat vor Verwunderung die Augen weit auf, denn nun ging mir ein ganz neues Licht auf. »Wenn jemand sagt, er ist Willens,« sagte Mr. Barkis und wendete seine Augen langsam wieder auf mich, »dann heißt das so viel, wie der jemand wartet auf eine Antwort.« »Nun ja, Mr. Barkis.« »Nun ja«, sagte Mr. Barkis und stierte mit seinen Augen von neuem auf die Ohren des Pferdes. »Der jemand wartet immer noch auf eine Antwort.« »Haben Sie ihr das gesagt, Mr. Barkis?« »Hm«, brummte Mr. Barkis nachdenklich, nachdem er ein Weilchen überlegt hatte. »Es ist nicht mein Fall, ihr so etwas zu sagen. Hab' noch keine drei Worte mit ihr gesprochen. Ich kann's ihr so nicht sagen.« »Soll ich's vielleicht für Sie tun, Mr. Barkis«, sagte ich schüchtern. »Das könnten Sie schon, wenn Sie wollen,« schmunzelte er, »und sagen, daß Barkis, auf eine Antwort wartet. Sagen Sie mal, wie ist eigentlich der Name?« »Ihr Name?« »Hm!« sagte Mr. Barkis mit einem Kopfnicken. »Peggotty!« »Taufname oder Vatersname?« sagte Mr. Barkis. »Oh, das ist nicht ihr Taufname. Der ist Klara.« »I der Tausend!« machte Mr. Barkis. Dieser Umstand schien Anlaß zum tiefsten Nachdenken zu geben, denn er saß eine lange Zeit da und pfiff leise vor sich hin. »Nun ja«, fing er endlich wieder an. »Sagen Sie also: Peggotty, Barkis wartet auf Antwort. Sagt sie vielleicht: ›Antwort worauf?‹ Sagen Sie, auf das, was ich ihr gesagt habe. ›Was ist das?‹ sagt sie. Barkis ist willens, sagen Sie.« Diesen außerordentlich schlauen Rat begleitete Mr. Barkis mit einen freundschaftlichen Stoß mit dem Ellbogen, daß mir die Seite wehtat. Darauf hockte er wieder wie gewöhnlich ruhig auf seinem Platze, kam nicht wieder auf das Thema zurück, und blieb in dieser Stellung, bis er eine halbe Stunde später ein Stück Kreide aus der Tasche holte und inwendig auf die Seite des Wagens mit großen Buchstaben schrieb: Klara Peggotty – offenbar als Privatnotiz. Ach welch seltsames Gefühl war es doch, sich dem heimischen Hause zu nähern, in dem man sich nicht mehr heimisch fühlt, und zu finden, daß jeder Gegenstand, den man erblickt, uns an das alte liebe Daheim erinnert, das wie ein Traum erscheint, den man nie wieder träumen kann! Die Tage, da meine Mutter, Peggotty und ich einander alles in allem waren, da sich niemand zwischen uns drängte, stiegen unterwegs so schmerzlich vor meinem Geiste auf, daß ich nicht wußte, ob es nicht besser gewesen wäre, fern geblieben zu sein und jene Zeiten in Steerforths Gesellschaft zu vergessen. Aber ich war einmal da, und schon stand ich vor unserm Hause, – die kahlen alten Ulmen reckten alle ihre Arme in die schaurig kalte Winterluft wie verzweifelnd empor und Stücke der alten Krähennester trieben im Winde. Der Fuhrmann lud meinen Koffer an der Gartentür ab, verließ mich dann, und ich ging durch den Garten auf das Haus zu, sah nach den Fenstern und fürchtete jeden Augenblick Mr. Murdstone oder Miß Murdstone zu erblicken. Es zeigte sich jedoch kein Gesicht. Ich erreichte indessen das Haus und, da ich die Tür bei Tage ohne anzuklopfen zu öffnen wußte, trat ich leise und schüchtern ein. Gott weiß, wie kindlich die Erinnerung gewesen sein mag, die in mir erwachte, als ich draußen im Flur vor der alten Wohnstube meiner Mutter Stimme vernahm. Sie sang leise vor sich hin. Ich glaube, ich muß in ihren Armen gelegen und sie so singen gehört haben, als ich noch ein Säugling war. Das Lied war mir neu und doch so altvertraut; daß es mein Herz zum Überströmen erfüllte, wie ein alter Freund, der nach langer Abwesenheit zurückkehrt. Aus der versonnenen träumerischen Art, in der meine Mutter das Lied sang, schloß ich, daß sie allein sei, und ich trat leise in das Zimmer. Sie saß beim Feuer und säugte ein Kind, dessen kleines Händchen an ihrer Brust ruhte. Ihre Augen ruhten auf seinem Gesicht und sie sang ihm etwas vor. Sonst war sie ganz allein. Ich sprach sie an, und sie fuhr zusammen, und ein Schrei der Überraschung tönte aus ihrem Munde. Aber als sie mich sah, nannte sie mich ihren lieben Davy, ihr geliebtes Kind, und kam mir entgegen, kniete vor mir nieder und küßte mich, und zog meinen Kopf an ihren Busen neben den kleinen Säugling, der dort ruhte, und drückte sein Händchen gegen meine Lippen. Ich wollte, ich wäre dabei gestorben. Ich wollte, ich hätte dabei sterben können mit diesem Gefühle im Herzen! Ich hätte damals besser für den Himmel gepaßt, als seitdem zu irgend einer Zeit. »Das ist dein Brüderchen«, sagte meine Mutter Und liebkoste mich. »Davy, mein armes Kind!« Dann küßte sie mich immer wieder und umhalste mich. So lag ich an ihrer Brust, als Peggotty hereingelaufen kam; sie stürzte auf den Boden neben uns hin und war eine Viertelstunde lang ganz verrückt. Ich war nicht so zeitig erwartet worden, und der Fuhrmann war eher angekommen als gewöhnlich. Ich erfuhr auch, daß Mr. und Miß Murdstone einen Besuch in der Nachbarschaft machten und vor Schlafengehen nicht zurückkommen würden. Das hatte ich nicht zu hoffen gewagt. Ich hatte mir nie vorgestellt, daß wir drei noch einmal allein und ungestört zusammen sein könnten, und mir war in jenem Augenblick zumute, als sei die alte Zeit zurückgekehrt! Wir aßen unser Mittag vor dem Kamin. Peggotty wollte uns bedienen, aber meine Mutter litt es nicht, und sie mußte mit uns am Tische essen. Ich bekam meinen alten Teller mit der braunen Ansicht eines Kriegsschiffs mit vollen Segeln, den Peggotty wahrend der ganzen Zeit meiner Abwesenheit irgendwo versteckt gehalten hatte, und den zu zerbrechen sie nicht um hundert Pfund erlauben würde, wie sie sagte. Auch meinen alten Krug, mit dem David darauf, bekam ich, sowie die kleinen stumpfen Messer und Gabel. Als wir bei Tische saßen, hielt ich es für eine günstige Gelegenheit, den Auftrag von Mr. Barkis an Peggotty auszurichten. Ehe ich damit fertig war, fing sie an zu lachen und hielt die Schürze vors Gesicht. »Peggotty!« sagte meine Mutter. »Was gibt's denn?« Peggotty lachte nur noch mehr und hielt die Schürze noch fester vor ihr Gesicht, als sie meine Mutter wegziehen wollte, und ihr Kopf sah aus, als steckte er in einem Sack. »Was hast du denn, du schnurriges Ding?«sagte meine Mutter. »Ach, zum Kuckuck mit dem dummen Kerl!« rief Peggotty. »Er will mich heiraten.« »Das wäre eine ganz gute Partie für dich,« sagte meine Mutter, »nicht wahr?« »Ach, ich weiß es nicht«, sagte Peggotty. »Fragen Sie mich nicht. Ich möchte ihn nicht haben und wenn er von Gold wäre. Ich will gar niemand, haben.« »Nun, warum sagst du's ihm nicht, du närrisches Ding?« sagte meine Mutier. »Es ihm sagen?« entgegnete Peggotty und sah unter ihrer Schürze hervor. »Er hat mir noch nie ein Wort davon gesagt. Er weiß auch warum. Wenn er sich unterstehen wollte, so gäbe ich ihm eine ins Gesicht.« Ihr Gesicht war so rot, wie ich es kaum jemals gesehen hatte, und wiewohl nie ein anderes so rot werden kann: sie deckte es denn auch gleich wieder zu und brach in heftiges Lachen aus, und nachdem sich dieser Anfall zwei- oder dreimal wiederholt hatte, aß sie ruhig weiter. Ich bemerkte, daß meine Mutter, obgleich sie lächelte, wenn Peggotty sie ansah, immer ernster und nachdenklicher wurde. Ich hatte von vorherein bemerkt, daß sie sich verändert hatte. Ihr Gesicht war noch sehr hübsch, aber es war viel hagerer geworden, und der Gram hatte tiefe Spuren darauf zurückgelassen; ihre Hand war so weiß und dünn, daß sie mir fast durchsichtig vorkam. Aber dazu kam noch eine andere Veränderung, die ich jetzt bemerkte, nämlich ein beklommenes und aufgeregtes Wesen. Endlich legte sie ihre Hand liebevoll auf die Hand ihrer alten Dienerin und sagte: »Liebe Peggotty, du willst doch nicht jetzt heiraten?« »Ich, Ma'am«, erwiderte Peggotty und sah sie mit großen Äugen an. »Behüte mich der Himmel, nein!« »Nicht gerade jetzt?« sagte meine Mutter zärtlich. »Nie!« rief Peggotty aus. Meine Mutter ergriff ihre Hand und sagte: »Verlaß mich nicht, Peggotty. Bleibe bei mir. Es wird vielleicht nicht lange nötig sein. Was sollte ich ohne dich anfangen?« »Ich dich verlassen, Goldkind?« rief Peggotty. »Nicht um die ganze Welt. Wer hat das in das kleine törichte Köpfchen gesetzt?« – denn Peggotty war aus alter Zeit her gewohnt, mit meiner Mutter manchmal wie mit einem Kinde zu sprechen. Aber meine Mutter gab ihr keine Antwort, außer einem einfachen Dank, und Peggotty fuhr in ihrer Weise fort: »Ich Sie verlassen? Da möchte ich mich doch sehen.« Peggotty von Ihnen fortgehen? Da wollte ich sie kriegen! Nein, nein«, sagte Peggotty heftig, schüttelte den Kopf und schlug entschlossen die Arme übereinander. »Freilich gibt's ein paar Katzen, die sich darüber freuen würden, aber sie sollen sich nicht freuen. Sie sollen sich ärgern. Ich bleibe bei Ihnen, bis ich eine alte, mürrische Frau bin. Und wenn ich zu taub, zu lahm und zu blind bin, um noch von Nutzen sein zu können, und als zahnlose Alte nur noch mummeln kann, und sich keiner selbst nicht mehr die Mühe nimmt, mich zu schelten, dann gehe ich zu meinem Davy und bitte ihn, mich aufzunehmen.« »Und ich werde mich freuen, dich zu sehen, Peggotty, und dich aufnehmen wie eine Königin«, sagte ich. »Gott segne dein gutes Herz!« rief Peggotty. »Ich wußte das ja!« Und sie küßte mich im voraus in dankbarer Anerkennung meiner Gastlichkeit. Darauf deckte sie das Gesicht wieder mit der Schürze zu und lachte noch einmal über Mr. Barkis. Hierauf nahm sie den Säugling aus der Wiege und schaukelte ihn auf dem Arme. Dann räumte sie den Tisch ab, und erschien wieder mit einer andern Haube und ihrem Arbeitskästchen und dem Ellenmaß und dem Stückchen Wachslicht, ganz wie vor alters. Wir saßen beim Feuer um den Kamin und unterhielten uns ganz prächtig! Ich erzählte Ihnen, welch strenger Schulmeister Mr. Creakle sei, und sie bedauerten mich sehr. Ich sagte ihnen, was für ein prächtiger Kerl Steerforth sei und wie er mich unter seinen Schutz nehme, und Peggotty sagte, sie hätte zwanzig Meilen gehen können, um ihn zu sehen. Ich nahm den Säugling, als er wieder aufwachte, auf meine Arme und wiegte ihn zärtlich. Als er wieder eingeschlafen war, setzte ich mich dicht neben meine Mutter nach altem Brauch und schlang die Arme um ihren Hals, wie ich es so lange nicht getan hatte, legte meine kleine rote Wange auf ihre Schulter und fühlte wieder einmal ihr schönes üppiges Haar mich umwehen – wie einen Engelsfittich, dachte ich immer – und war sehr glücklich. Während ich so dasaß und ins Feuer sah und Gestalten in den glühenden Kohlen erblickte, kam es mir fast vor, als wäre ich niemals von Hause entfernt gewesen, und Mr. und Miß Murdstone wären nur Schattenbilder und würden wieder verschwinden, wenn das Feuer ausging, und von allen meinen Erinnerungen sei nichts wirklich und wahr, außer meine Mutter, Peggotty und ich. Peggotty stopfte darauf los, solange sie noch sehen konnte, und blieb dann, den Strumpf wie einen Handschuh über die linke Hand gezogen, damit sitzen und wartete, die Stopfnadel in der Rechten bereit, bis ein neues Aufflackern der Flamme im Kamin erfolgte. Ich kann noch heute nicht begreifen, was sie nur ohne Ende für Strümpfe stopfte, und wo ein solcher nie versiegender Vorrat von Strümpfen herkam oder für wen sie eigentlich angefertigt wurden? Von meiner frühesten Kindheit an scheint sie nur zu solchem Zwecke die Nadel geführt zu haben und zu keiner anderen Handarbeit. »Ich möchte eigentlich wissen,« sagte Peggotty, die manchmal einen Anfall der Verwunderung über einen höchst unerwarteten Gegenstand bekam, »ich möchte eigentlich wissen, was aus Davys Großtante geworden ist?« »Mein Gott, Peggotty,« bemerkte meine Mutter, die sinnend dagesessen hatte, »was du da schwatzest!« »Nun ja, aber ich möcht' es doch wissen«, sagte Peggotty »Wie kommst du nur auf so etwas?« sagte meine Mutter. »Warum kommt dir grade die Großtante in den Kopf und sonst kein anderer?« »Ich weiß nicht, wie's zugeht,« sagte Peggotty, »wenn's nicht meine Einfältigkeit ist, aber mein Kopf kann sich die Leute nicht aussuchen, die ihm einfallen. Sie kommen und sie gehen, und sie kommen nicht und sie gehen nicht, gerade wie's ihnen gefällt. Ich möchte aber wohl wissen, was aus ihr geworden ist?« »Wie einfältig du bist«, erwiderte meine Mutter. »Man sollte wahrhaftig meinen, du möchtest sie zum zweitenmal hier sehen.« »Gott behüte!« rief Peggotty. »Nun so sprich nicht von so unangenehmen Dingen, wenn du ein gutes Mädchen sein willst«, sagte meine Mutter, »Miß Betsey sitzt gewiß in ihrem Häuschen am Meere und verläßt es nicht. Jedenfalls wird sie uns schwerlich noch einmal beunruhigen.« »Nein«, meinte Peggotty nachdenklich, »Nein, wahrscheinlich nicht. – Ich möchte aber wissen, ob sie dem Davy wohl etwas vermacht, wenn sie stirbt?« »Tu lieber Himmel, Peggotty!« rief meine Mutter. »Was du für ein schnurriges Geschöpf bist! Du weißt ja recht gut, sie nahm es gerade übel, daß der liebe Junge geboren wurde!« »Aber vielleicht verziehe sie ihm jetzt«, bemerkte Peggotty. »Warum sollte sie ihm jetzt verzeihen?« fragte meine Mutter etwas gereizt. »Nun, weil er jetzt einen Bruder hat«, sagte Peggotty. Meine Mutter fing sogleich an zu weinen und wunderte sich, wie Peggotty so etwas sagen könne. »Als ob das arme kleine Wesen da in der Wiege dir oder sonst jemand etwas zu leide getan hätte, du eifersüchtiges Geschöpf!« sagte sie. »Geh lieber hin und heirate Mr. Barkis, den Fuhrmann. Warum tust du das nicht?« »Weil ich damit Miß Murdstone einen Gefallen tun würde«, sagte Peggotty. »Was für ein schlechtes Herz du hast, Peggotty!« entgegnete meine Mutter. »Du bist auf Miß Murdstone so eifersüchtig, wie es ein lächerliches Geschöpf nur sein kann. Du willst wahrscheinlich selbst die Schlüssel haben und die Sachen ausgeben, nicht wahr? Das sollte mich gar nicht wundern. Du weißt aber, daß sie es nur mit der besten Absicht tut! Das weißt du, Peggotty – du weißt es recht gut!« Peggotty brummte etwas vor sich hin, das beinahe klang wie: »Zum Kuckuck mit den besten Absichten« und noch etwas anderes des Inhalts, daß man leider zuviel von den »besten Absichten« spüre! »Ich weiß, was du mit deinem Gebrummel meinst; du böses Mädchen«, sagte meine Mutter. »Ich verstehe dich vollkommen, Peggotty. Das weißt du auch, und es wundert mich nur, daß du darüber nicht schamrot wirst. Aber eins nach dem andern, und jetzt handelt es sich um Miß Murdstone, und du sollst mir nicht entschlüpfen. Hast du nicht oft genug von ihr gehört, daß sie denkt, ich sei zu unerfahren und zu – zu –« »Hübsch«, ergänzte Peggotty. »Nun meinetwegen«, erwiderte meine Mutter lächelnd. »Und wenn sie töricht genug ist, dies zu sagen, so kann man mich deshalb doch nicht tadeln!« »Kein Mensch behauptet das«, sagte Peggotty. »Nun, das wollte ich meinen!« entgegnete meine Mutter. »Hast du nicht immer und immer wieder von ihr gehört, wie sie mir deshalb viele Arbeiten ersparen will, für die sie mich nicht geeignet hält und für die ich mich auch wahrhaftig selbst nicht geeignet halte, und wie sie früh und spät auf den Beinen ist und alles besorgt und selbständig herumwirtschaftet, und sich im Kohlenkeller und in Speisekammern und ich weiß nicht wo sonst, wo es nicht sehr angenehm sein kann, zu tun macht – und willst du etwa zu verstehen geben, daß sich darin nicht eine Art von Aufopferung zeigt?« »Das will ich gar nicht zu verstehen geben«, sagte Peggotty. »Und doch tust du das, Peggotty«, entgegnete meine Mutter. »Du tust nie etwas anderes, außer wenn du arbeitest. Du sprichst immer durch die Blume. Das macht dir Freude. Und wenn du von Mr. Murdstones guten Absichten sprichst –« »Von denen habe ich noch nicht gesprochen«, sagte Peggotty. »Nein, Peggotty,« erwiderte meine Mutter, »aber du stichelst auf ihn. Das sagte ich dir eben. Das ist das Schlimmste an dir. Du mußt immer in versteckten Anspielungen sprechen. Ich sagte dir soeben, daß ich verstand, wo du hinaus willst, und du siehst selbst ich habe recht. Wenn du von Mr. Murdstones guten Absichten sprichst und sie zu unterschätzen vorgibst (denn dein wirklicher Ernst kann das doch nicht sein, Peggotty), so mußt du so gut wissen wie ich, wie gut sie sind und wie sie ihn in allem, was er vornimmt, bestimmen. Wenn er manchmal strenge gegen einen gewissen Jemand gewesen ist, Peggotty – du weißt natürlich und ich hoffe, auch Davy weiß es, daß ich nicht von Anwesenden spreche – so geschieht es nur, weil er überzeugt ist, daß es zum Besten einer gewissen Person geschieht. Er liebt natürlich einen gewissen Jemand meinetwegen und handelt lediglich für das Beste einer gewissen Person. Das versteht er besser zu beurteilen als ich, denn ich weiß recht gut, daß ich ein schwaches, unselbständiges, unerfahrenes Wesen bin und er ein fester, ernster, entschiedener Mann. Und er gibt sich so viel Mühe mit mir (dabei flossen ihr die Tränen die Wangen herab, die ihr liebevolles Gemüt so leicht hervorrief), und ich bin ihm so viel Dank schuldig und so viel Gehorsam, selbst in Gedanken. Und wenn ich es nicht bin, Peggotty, quäle ich mich und klage mich selbst an und werde irre an meinem eigenen Herzen und weiß nicht, was ich machen soll.« Peggotty saß da, das Kinn auf die mit dem Strumpfe überzogene Faust gestützt, und sah in das Feuer. »Also, liebe Peggotty,« sagte meine Mutter und nahm einen andern Ton an, »wir wollen uns nicht erzürnen, denn ich könnte es sonst nicht aushalten. Ich weiß, du bist meine wahre Freundin, wenn ich auf der Welt überhaupt noch eine habe! Wenn ich dich ein einfältiges oder ein lächerliches Geschöpf nannte, Peggotty, so meinte ich damit nur, daß du immer meine wahre Freundin warst und bist, schon seit jenem Abend, wo mich Mr. Copperfield zuerst hierher brachte und du mir an der Gartentür entgegen kamst.« Peggotty ließ mit ihrer Antwort nicht warten und besiegelte den Freundschaftsvertrag damit, daß sie mich mit einer ihrer herzhaften Umarmungen drangsalierte. Ich glaube, ich hatte auch damals schon eine Art von Einsicht in den verborgenen Sinn dieser Unterhaltung: aber heute bin ich fest davon überzeugt, daß sie die gute Seele nur aufbrachte und ihre Rolle darin durchführte, um meiner Mutter die Befriedigung dieser kleinen sich selbst so sehr widersprechenden Strafpredigt zu ermöglichen, die sie sich nun auch gewährt hatte. Dieses Mittel bewies sich äußerst wirksam, denn ich erinnere mich, daß meine Mutter für den Rest der Zeit unbefangener war und Peggotty sie weniger beobachtete. Nach dem Tee las ich zur Erinnerung an alte Zeiten Peggotty ein Kapitel aus dem Krokodilenbuche vor – sie holte es aus ihrer Tasche, und ich weiß wahrhaftig nicht, ob es seit meiner Abreise immer darin gesteckt hatte – und dann unterhielten wir uns von Salemhaus, was mich wieder auf Steerforth brachte, von dem ich immer reden mußte. Wir waren sehr glücklich; und dieser Abend, der letzte in seiner Art und bestimmt, diesen Lebensabschnitt auf ewig zu beschließen, wird nie aus meinem Gedächtnis entschwinden. Es war fast zehn Uhr geworden, als ein Wagen vor die Tür rollte. Wir standen jetzt alle auf, und meine Mutter sagte ängstlich zu mir, da es so spät sei und Mr. und Miß Murdstone es gern sähen, wenn junge Leute früh zu Bette gehen, so wäre es wohl besser, wenn ich gleich schlafen ginge. Ich küßte sie und ging eilig mit meinem Lichte hinauf, noch ehe sie eintraten. Indem ich nach dem Schlafzimmer ging, in dem ich damals eingesperrt worden war, kam es meiner kindlichen Phantasie vor, als ob mit den beiden ein eisiger Luftzug in das Haus gekommen wäre, der das alte, heimlich-traute Gefühl wie eine Feder hinwegwehte. Es war mir sehr unbehaglich, als ich den andern Morgen zum Frühstück hinuntergehen sollte, denn ich hatte Mr. Murdstone seit jenem Tage, wo ich das große unvergessene Verbrechen an ihm begangen hatte, nicht wieder gesehen. Aber es mußte doch einmal geschehen, und ich erreichte die Stubentür, nachdem ich halbwegs mehrmals schüchtern nach meinem Stübchen umgekehrt war. Endlich trat ich ins Zimmer. Er stand vor dem Kamine, den Rücken dem Fenster zugekehrt, wahrend Miß Murdstone den Tee bereitete. Er sah mich fest an, als ich eintrat, aber regte sich nicht im mindesten. Nach einigem verlegenen Zögern ging ich auf ihn zu und sagte: »Ich bitte Sie um Verzeihung, Sir. Was ich getan habe, tut mir sehr leid, und ich hoffe, Sie werden es mir vergeben.« »Es freut mich, daß du es bereust, David«, erwiderte er. Die Hand, die er mir reichte, war dieselbe, die ich gebissen hatte. Ich konnte mich nicht enthalten, meinen Blick eine Weile auf einer roten Narbe ruhen zu lassen; aber sie war nicht so rot wie ich, als ich aufblickte und seinem falschen Blick begegnete. »Wie geht es Ihnen, Madame?« sagte ich zu Miß Murdstone. »Ach lieber Himmel!« seufzte Miß Murdstone und gab mir den Teelöffel anstatt ihrer Finger. »Wie lange dauern die Ferien?« »Vier Wochen, Madame.« »Von wann an?« »Von heute an, Madame.« »O,« sagte Miß Murdstone, »so wäre denn schon ein Tag weniger.« Sie führte in dieser Art einen Ferienkalender und strich ganz in derselben Weise an jedem Morgen einen Tag ab. Sie machte dabei ein mürrisches Gesicht, bis sie zum zehnten kam; aber ihr Herz wurde erleichtert, wie sie die zweistelligen Zahlen erreichte, und sie wurde förmlich heiter, je näher das Ende heranrückte. Schon an diesem ersten Tage hatte ich das Unglück, sie in einen Zustand der größten Bestürzung zu versetzen, obgleich sie im allgemeinen solchen Schwächen nicht unterworfen war. Ich kam in das Zimmer, wo sie und meine Mutter saßen, und da der Säugling (der erst ein paar Wochen alt war) auf dem Schoße meiner Mutter lag, nahm ich ihn sehr sorgfältig in meine Arme. Plötzlich stieß Miß Murdstone einen solchen Schrei aus, daß ich ihn beinahe fallen gelassen hätte. »Liebe Jane!« rief meine Mutter. »Gütiger Himmel, Klara, siehst du nicht?« rief Miß Murdstone aus. »Was, liebe Jane?« sagte meine Mutter. »Wo?« »Er hat ihn!« rief Miß Murdstone. »Der Junge hat das Kind!« Sie sank fast zusammen vor Entsetzen, aber sie richtete sich wieder auf, um auf mich loszustürzen und mir das Kind wieder zu entreißen. Dann wurde ihr so unwohl, daß sie ihr Kirschbranntwein geben mußten. Als sie sich wieder erholt hatte, untersagte sie mir auf das feierlichste, meinen Bruder jemals wieder unter irgend einem Vorwand anzurühren; und meine arme Mutter, die, wie ich sah, anderer Meinung war, bestätigte demütig das Verbot und sagte: »Du mußt doch wohl recht haben, liebe Jane.« Bei einer andern Gelegenheit, als wir drei beisammen waren (und es war mir meiner Mutter wegen wirklich lieb), gab der Säugling abermals die unschuldige Ursache ab, die Miß Murdstone in heftige Aufregung versetzte. Meine Mutter, die die Augen des Säuglings in ihrem Schoße betrachtet hatte, sagte: »Davy, komm einmal her«, und betrachtete dann meine Augen. Ich sah, wie Miß Murdstone die Stahlperlen hinlegte, die sie aufreihte. »Wirklich,« sagte meine Mutter erfreut, »sie sind ganz gleich! Ich glaube es sind meine Augen. Ich glaube, sie haben eine Farbe mit meinen Augen. Aber sie sind sich wunderbar gleich!« »Wovon sprichst du denn, Klara?« sagte Miß Murdstone. »Liebe Jane,« stammelte meine Mutter etwas beschämt von dem herben Tone dieser Frage, »ich finde, daß der Säugling und Davy ganz dieselben Augen haben.« »Klara,« sagte Miß Murdstone und stand zornig auf, »du bist geradezu eine Närrin!« »Liebe Jane«, wendete meine Mutter ein. »Geradezu eine Närrin!« wiederholte Miß Murdstone. »Wer könnte sonst meines Bruders Kind mit diesem Knaben vergleichen? Sie sind sich gar nicht ähnlich. Sie sind sich in jeder Hinsicht unähnlich, und ich hoffe, daß sie es immer bleiben werden. Ich kann solche Vergleiche nicht ruhig mit anhören!« Damit ging sie feierlichen Schrittes hinaus und schlug die Tür hinter sich zu. Mit einem Worte, ich war kein Liebling der Miß Murstone, mit einem Worte, es sah mich niemand freundlich an, denn die mich liebten, konnten es nicht zeigen, und die mich nicht liebten, zeigten es so deutlich, daß ich mich nicht von dem beschämenden Bewußtsein losmachen konnte, befangen, ungeschickt und dumm zu erscheinen. Ich hatte also die Empfindung, daß es mir so unbehaglich mit ihnen, wie ihnen mit mir erging. Trat ich in das Zimmer, wo sie sich unterhielten, und meine Mutter schien heiter, so flog mit dem Augenblick meines Hereinkommens eine Wolke von Spannung über ihre Stirn. War Mr. Murdstone in seiner besten Laune, mein Anblick dämpfte sie. War Miß Murdstone in ihrer schlechtesten Stimmung, ich verschlimmerte sie noch. Ich besaß Einsicht genug, um zu erkennen, daß meine Mutter immer darunter leiden mußte, daß sie sich fürchtete, freundlich zu mir zu sein oder mit mir zu sprechen, damit sie dadurch nicht bei jenen Anstoß erregte und sich hinterher Vorwürfe zuzöge. Ich merkte, daß sie nicht nur beständig fürchtete, anzustoßen, sondern auch daß ich anstieße und deshalb unablässig die Blicke der beiden beobachtete, sobald ich mich nur rührte. Deshalb beschloß ich, mich von ihnen so fern wie möglich zu halten, und saß manche kalte Winterstunde in meinem einsamen Schlafzimmer und las in einem Buche in meinen kleinen Überrock eingewickelt. Des Abends leistete ich manchmal Peggotty in der Küche Gesellschaft. Dort befand ich mich wohl und brauchte mich nicht zu scheuen, mich zu geben, wie ich eben war! Aber diese Unterhaltungen fanden keine Billigung in der Wohnstube. Die dort herrschende Lust am Quälen machte ihnen bald ein Ende, Man hielt mich immer noch für ein unentbehrliches Hilfsmittel bei der Erziehung meiner armen Mutter, und ich durfte daher als eine der ihr auferlegten Prüfungen nicht abwesend bleiben. »David,« sagte Mr. Murdstone eines Tages nach dem Essen, als ich mich wie gewöhnlich entfernen wollte, »ich finde zu meinem großen Leidwesen, daß du von mürrischer Gemütsart bist.« »So brummig wie ein Bär!« sagte Miß Murdstone, Ich blieb vor ihnen stehen und ließ den Kopf sinken. »Und ich muß dir sagen, David,« sagte Mr. Murdstone, »eine mürrische und verstockte Gemütsart ist von allen die schlimmste.« »Und die Gemütsart dieses Jungen ist von allen, die ich bis jetzt gefunden habe, die verstockteste«, bemerkte seine Schwester. »Ich glaube, selbst du mußt es bemerken, liebe Klara!« »Ich bitte um Verzeihung liebe Jane,« sagte meine Mutter, »aber bist du auch wirklich sicher – du wirst es gewiß entschuldigen, liebe Jane – daß du Davy verstehst?« »Ich würde mich doch wahrhaftig vor mir selbst schämen, Klara, wenn ich den oder jenen andern Bengel nicht verstände«, erwiderte Miß Murdstone. »Ich maße mir nicht an, sehr scharfsinnig zu sein, aber ich mache wenigstens auf gesunden Menschenverstand Anspruch.« »Gewiß, liebe Jane,« entgegnete meine Mutter, »hast du einen sehr scharfen Verstand –« »Ach Gott, nein! Bitte, sage das nicht, Klara«, unterbrach sie Miß Murdstone ärgerlich-gereizt. »Aber ich weiß, daß dies der Fall ist,« begann meine Mutter von neuem, »und jedermann weiß es. Ich habe selbst in mancherlei Art so großen Nutzen davon – oder es sollte wenigstens sein – daß niemand mehr davon überzeugt sein kann als ich; und deshalb sage ich es mit großer Schüchternheit, liebe Jane.« »Ich will zugeben, daß ich den Knaben nicht verstehe, Klara«, sagte Miß Murdstone und rückte die kleinen Fesseln der Stahlarmbänder um ihre Knöcheln, zurecht. »Ich will zugeben, daß ich ihn gar nicht verstehe. Er ist viel zu tief für mich. Aber meines Bruders Scharfblick genügt vielleicht, einige Einsicht in seinen Charakter zu gewinnen. Und ich glaube, mein Bruder sprach über diese Frage, als wir ihn – nicht sehr höflich – unterbrachen.« »Ich glaube, Klara,« sagte Mr. Murdstone mit leiser, ernster Stimme, »es gibt bessere und unbefangenere Richter über diese Frage, als du bist.« »Eduard,« sagte meine Mutter schüchtern, »du bist natürlicherweise in solchen Fragen ein viel besserer Richter als ich. Und Jane gewiß auch. Ich sagte nur –« »Du sagtest nur etwas sehr Rücksichtsloses und Unüberlegtes«, erwiderte er. »Bemühe dich, es nicht wieder zu tun und nimm dich besser in acht, Klara!« Die Lippen meiner Mutter bewegten sich, als ob sie antwortete: »Ja, lieber Eduard!« Aber sie brachte keinen Laut hervor. »Ich habe zu meinem Leidwesen bemerkt, David,« sagte Mr. Murdstone von neuem zu mir, »daß du von verstockter Gemütsart bist. Ich werde nicht gestatten, daß sich ein solcher Charakter unter meinen Augen entwickelt, ohne daß ich einen Versuch mache, ihn zu bessern. Du mußt dich anstrengen, anders zu werden, David. Wir müssen uns bemühen, dich anders zu machen.« »Ich bitte um Verzeihung, Sir«, stotterte ich. »Es fällt mir gar nicht ein, verstockt zu sein, seitdem ich wieder hier bin.« »Nimm deine Zuflucht nicht zum Lügen, Knabe!« herrschte er mir so rauh zu, daß meine Mutter unwillkürlich ihre zitternde Hand ausstreckte, wie um uns auseinander zu halten. »Du ziehst dich in deiner Verstocktheit auf dein eigenes Zimmer zurück. Du bleibst in deinem Zimmer, wenn du hier sein solltest. Ich sage dir es jetzt ein für allemal, daß ich dich hier und nicht dort zu sehen erwarte. Ferner verlange ich, daß du Gehorsam mit hierher bringst. Du kennst mich, David. Ich will es so.« Miß Murdstone ließ ein heiseres Lachen vernehmen. »Ich will, daß du dich achtungsvoll, gehorsam und dienstwillig gegen mich und gegen Jane Murdstone und gegen deine Mutter benimmst«, fuhr er fort. »Ich will nicht haben, daß ein Kind nach seinem Belieben dieses Zimmer scheut, als wäre es verpestet. Setze dich!« Er befahl mir wie einem Hunde, und ich gehorchte wie ein Hund. »Noch eins«, sagte, er. »Ich bemerke, daß du einen Hang zu niedriger und gemeiner Gesellschaft hast. Du darfst nicht mit Dienstboten umgehen. In der Küche wirst du von den vielen Sachen, die dir noch fehlen, nichts lernen. Von dem Geschöpf, das dich darin bestärkt, Klara, will ich nichts sagen – da du«, fuhr er etwas leiser zu meiner Mutter gewendet, fort, »aus alter Erinnerung und langer Gewohnheit in bezug auf sie eine Schwäche zeigst, die noch nicht überwunden ist.« »Eine ganz unerklärliche Schwäche!« rief Miß Murdstone. »Ich sage nur,« fuhr er wieder zu mir gewendet fort, »daß ich es nicht billigen kann, wenn du solche Gesellschaft, wie Miß Peggotty ist, vorziehst, und daß du sie aufgeben mußt. Jetzt weißt du, was ich meine, David, und weißt auch, was die Folge sein wird, wenn du mir nicht buchstäblich gehorchst.« Ich kannte diese Folgen wohl – besser vielleicht, als er es dachte, soweit sie meine arme Mutter betraf – und ich gehorchte ihm buchstäblich. Ich zog mich nicht mehr auf mein Zimmer zurück; ich suchte nicht mehr eine Zuflucht bei Peggotty, sondern saß jeden langen Tag in der großen Wohnstube und sehnte mich nach dem Abend und nach dem Schlafengehen. Unter welchem peinlichen Zwang hatte ich zu leiden, wenn ich in einer Stellung stundenlang dasaß und mich fürchtete, einen Arm oder einen Fuß zu rühren, damit nicht Miß Murdstone (was sie bei jeder Gelegenheit tat) über mein unruhiges Wesen klagte, oder ein Auge zu bewegen, daß es nicht etwa einem Blicke der Abneigung oder des Forschens begegne, der neuen Stoff zur Beschwerde in meinem Blicke fand! Welche unerträgliche Langeweile, dem Ticken der Uhr zuzuhören, zu sehen, wie Miß Murdstone die kleinen glänzenden Stahlperlen aufreihte, sich den Kopf zu zerbrechen ob sie wohl einmal heiraten werde und welchen Unglücklichen, die Absätze am Kaminsims zu zählen und dann mit den Augen durch die labyrinthischen Verschnörkelungen der Tapete hinauf zur Decke zu schweifen. Wenn ich einsam auf den schmutzigen winterlichen Wegen spazieren ging, schleppte ich immer mit mir das Wohnzimmer herum, eine fürchterliche Last, ein Alpdrücken bei Tage, aus dem es kein Erwachen gab, ein Druck, der auf meinen geistigen Kräften lastete und sie abstumpfte. Und wie vielmal saß ich am Speisetisch schweigend und verlegen, und fühlte immer, daß ein Messer und eine Gabel zuviel da waren, und zwar meine, ein Appetit zuviel, und zwar meiner, ein Teller und ein Stuhl zuviel, und zwar meiner, eine Person zuviel, und zwar ich! Welche öden Abende, wenn die Lichter kamen und ich mich beschäftigen sollte, aber da ich ein unterhaltendes Buch nicht zu lesen wagte, eine unverdauliche Abhandlung über Arithmetik hernahm, wenn sich die Maß- und Gewichtstabellen Melodien anpaßten, wie »Heil dir im Siegerkranz« oder »Weg mit den Grillen und Sorgen«, und sich durch ein Ohr in meinen unglücklichen Kopf hineinbohrten und zum andern wieder hinausgingen! Was habe ich da zusammengegähnt und wie oft bin ich eingenickt, so sehr ich mich auch zusammennahm; wie oft fuhr ich aus meinem Schlafe empor, bemüht, ihn zu bemänteln! Nie habe ich eine Antwort erhalten, wenn ich einmal ein paar Worte wagte, was selten genug geschah; jedermann ignorierte mich, als ob ich nicht dagewesen wäre und doch war ich jedermann im Wege, und es war ein trübseliger Trost, Miß Murdstones Stimme den ersten Glockenschlag von neun Uhr abends verkünden zu hören und zu Bett geschickt zu werden! So schleppten sich die Ferien hin bis zu dem Morgen, wo Miß Murdstone sagte: Das wäre also der letzte Tag! und mir für die Ferien die letzte Tasse Tee gab. Der Abschied machte mir keine Schmerzen. Ich war in ein dumpfes Hinbrüten versunken; aber ich erholte mich ein wenig und freute mich auf das Wiedersehen mit Steerforth, obgleich Mr. Creakle hinter ihm dräute. Wieder erschien Mr. Barkis an der Gartentür, und wieder sprach Miß Murdstone warnend: »Klara!« als meine Mutter sich über mich beugte, um nur Lebewohl zu sagen. Ich küßte sie und meinen kleinen Bruder, und war jetzt wirklich schmerzlich bewegt, aber nicht wegen des Fortgehens, denn die Kluft zwischen uns und die Trennung war jeden Tag vorhanden gewesen. Und weniger ihr Kuß und ihre Umarmung, so inbrünstig beides war, lebt noch so unverlöschlich in meiner Erinnerung, als das was der Umarmung folgte. Ich saß schon im Wagen, als sie mich noch einmal rief. Ich sah hinaus und sie stand in der Gartentür allein und hielt den Säugling empor, um ihn mir zu zeigen. Die Luft war kalt aber still, und kein Haar auf ihrem Haupte, keine Falte ihres Anzugs regte sich, als sie unverwandt zu mir hinsah und das Kind emporhielt. So verlor ich sie. So sah ich sie später in meinen Träumen in der Schule – eine stumme, neben meinem Bett stehende Gestalt, die mich mit demselben unverwandten Blick ansah und den Säugling emporhielt. Neuntes Kapitel. Ich feiere einen denkwürdigen Geburtstag. Ich übergehe alles, was in der Schule vorging, bis zu meinem Geburtstage im März. Ich erinnere mich auch an nichts mehr aus dieser Periode, außer daß Steerforth bewundernswürdiger war als je. Er sollte Ende dieses Semesters, wenn nicht noch eher, abgehen, und kam mir lebhafter und unabhängiger und daher noch bezaubernder als früher vor; aber sonst weiß ich weiter nichts. Das große Ereignis, das diese Zeit in meiner Seele auszeichnet, scheint alle kleinen Erinnerungen verdrängt und getilgt zu haben und allein übrig geblieben zu sein. Ich kann sogar kaum glauben, daß zwischen meiner Rückkehr nach Salemhaus und meinem Geburtstage eine Zeit von zwei Monaten liegt. Ich begreife nur, daß es so gewesen ist, weil es notwendigerweise so gewesen sein muß, denn ich würde meinen, es sei keine Zeit dazwischen verstrichen, und ein Ereignis wäre dem andern unmittelbar gefolgt. Wie klar ich mich noch an den Tag erinnern kann. Ich rieche noch den Nebel, der durch das ganze Haus zu spüren war, sehe durch ihn den gespenstisch bleichen Rauhreif, fühle, wie mir mein lockiges Haar klamm um das Gesicht hängt, sehe das lange Schulzimmer, in dem einzelne verstreute tropfende Lichter den nebligen Morgen erhellen sollen, sehe, wie der Atem der Jungen sichtbar in der bitteren Kälte aufsteigt, während sie sich in die Finger blasen und mit den Füßen an der Erde scharren. Es war nach dem Frühstück, und wir waren eben von dem Spielplatz hereingerufen worden, als Mr. Sharp eintrat und sagte: »David Copperfield soll ins Sprechzimmer zum Direktor kommen!« Ich erwartete ein Geburtstagsgeschenk von Peggotty und mein Gesicht heiterte sich auf. Ein paar Knaben in meiner Nähe riefen mir zu, sie bei der Verteilung der guten Dinge nicht zu vergessen, als ich mit großer Schnelligkeit aufstand. »Beeile dich nicht, David«, sagte Mr. Sharp. »Du hast Zeit genug, mein Sohn, beeile dich nicht.« Der teilnahmsvolle Ton, mit dem er dies sprach, hätte mich überraschen sollen, aber er fiel mir weiter nicht auf. Ich eilte nach dem Sprechzimmer, wo Mr. Creakle beim Frühstück saß, das Rohrstöckchen und eine Zeitung vor sich, und Mrs. Creakle einen offenen Brief in der Hand hielt. Aber ein Geburtstagskorb war nicht da. »David Copperfield«, sagte Mrs. Creakle und führte mich nach dem Sofa, wo sie sich neben mich setzte. »Ich habe etwas Besonderes mit dir zu reden. Ich habe dir etwas mitzuteilen, mein Kind!« Mr. Creakle, den ich natürlich ansah, schüttelte den Kopf, ohne mich anzusehen, und unterdrückte einen Seufzer mit einem sehr großen Stück fetten Butterbrotes. »Du bist noch zu jung, um zu wissen, wie sich die Welt jeden Tag ändert«, sagte Mrs. Creakle, »und wie die Menschen vergehen und schwinden. Aber wir alle müssen es lernen, David: manche in ihrer Jugend, manche in ihrem Alter, manche zu jeder Zeit ihres Lebens.« Ich sah sie mit ängstlichem Ernste an. »Als du nach den Ferien von Hause weg reistest,« sagte Mrs. Creakle nach einer Pause, »befanden sich da alle wohl?« Nach einer andern Pause: »War deine Mama wohl?« Ich zitterte, ohne recht zu wissen, warum, und sah sie immer noch mit erschrecktem Ernste an, versuchte aber nicht, ihr zu antworten. »Weil ich dir zu meinem großen Leidwesen sagen muß,« fuhr sie fort, »daß deine Mutter, wie ich diesen Morgen höre, sehr krank ist.« Ein Nebel erhob sich zwischen Mrs. Creakle und mir, und sie schien sich darin einen Augenblick lang zitternd zu bewegen. Dann stürzten mir die brennenden Tränen aus den Augen und ich sah sie wieder deutlich vor mir sitzen. »Sie ist sehr gefährlich krank«, fügte sie hinzu. Ich wußte jetzt alles. »Sie ist tot!« Sie brauchte es mir nicht zu sagen. Ich hatte schon einen verzweifelten Schmerzensschrei ausgestoßen und fühlte mich als Waise allein in der weiten Welt. Sie war sehr gütig gegen mich, behielt mich den ganzen Tag bei sich im Zimmer und ließ mich manchmal allein. Ich weinte, bis ich vor Erschöpfung einschlief und erwachte und wieder weinte. Als ich nicht mehr weinen konnte, fing ich an nachzudenken, und dann war die Beklemmung meines Gemütes am schwersten und mein Gram ein dumpfer Schmerz, für den es keine Linderung gab. Und doch schweiften meine Gedanken umher und sammelten sich nicht auf das Unglück, das mich niederdrückte. Ich dachte wie still jetzt unser Haus mit dem verschlossenen Laden wäre. Ich dachte an den Säugling, der, wie Mrs. Creakle sagte, seit einiger Zeit kränkelte und wohl auch sterben würde. Ich dachte an meines Vaters Grab auf dem Friedhofe neben unserem Hause, und wie meine Mutter jetzt auch unter dem so wohlbekannten Baume ruhte. Ich stellte mich auf den Stuhl, als ich allein war, und blickte in den Spiegel, um zu sehen, wie rot meine Augen und wie bekümmert meine Züge waren. Ich fragte mich nach einigen Stunden, ob meine Tränen wirklich versiegt wären, wie es der Fall zu sein schien, was mich außer meinem Verlust mit am meisten betrübte, wenn ich an das Nachhausegehen dachte – denn ich sollte dem Leichenbegängnis beiwohnen. Ich fühlte, daß mich etwas wie eine Würde vor den übrigen Schülern auszeichnete und absonderte, und daß ich in meiner Betrübnis eine wichtige Person war. Wenn jemals ein Kind einen aufrichtigen Schmerz fühlte, so war ich es. Aber ich erinnere mich dennoch, daß mir diese Wichtigkeit eine Art Befriedigung gewährte, als ich nachmittags während der Schulstunden auf dem Spielplatze spazieren ging, während die andern in der Klasse waren; und als ich sah, wie die Knaben an den Fenstern nach mir herunterblickten, fühlte ich mich ausgezeichnet und nahm ein bekümmertes Aussehen an und ging langsamer. Als die Schule vorüber war und sie herauskamen und mich anredeten, rechnete ich es mir fast hoch an, daß ich gegen keinen stolz war und alle ebenso sehr beachtete wie früher. Ich sollte nächsten Abend nach Hause zurückkehren, nicht mit der Eilpost, sondern mit der langsamen Landkutsche, die man den »Pächter« nannte und die meistens von Landleuten benutzt wurde, die nur kurze Strecken auf der Tour reisten. Das Geschichtenerzählen unterblieb für diesen Abend, und Traddles bestand darauf, mir sein Kissen zu leihen. Ich weiß nicht, was es mir nützen sollte, denn ich besaß selber eines, aber der arme Kerl hatte weiter nichts zu verschenken außer einem Bogen Briefpapier voll Gerippe, und den gab er mir zum Abschied als Tröster für meinen Schmerz und Wiederhersteller meines Seelenfriedens. Ich verließ Salemhaus am nächsten Nachmittag, ohne im mindesten zu ahnen, daß ich nicht wieder zurückkehren sollte. Wir fuhren die ganze Nacht hindurch sehr langsam und erreichten Yarmouth erst um neun oder zehn Uhr am nächsten Morgen. Ich sah mich nach Mr. Barkis um, aber er war nicht da; anstatt seiner erschien am Kutschenfenster ein dicker, kurz atmender, lustig aussehender, kleiner, alter Mann, in schwarzem Rock und Hosen mit fadenscheinigen schwarzen Schleifen an den Knien und einem breitkrempigen Hut, kam an das Wagenfenster gekeucht und sagte: »Master Copperfield?« »Ja, Sir!« »Wenn Sie mich begleiten wollen, junger Herr,« sagte er und machte die Tür auf, »so werde ich das Vergnügen habe, Sie mit nach Hause zu nehmen.« Ich gab ihm meine Hand, im stillen überlegend, wer es sein mochte, und wir gingen nach einem Laden in einem engen Gäßchen, über dem geschrieben stand: »Omer«, Tuchhändler, Schneider, Schnittwarenhändler, Leichenbesorger usw. Eine drückende und dumpfe Atmosphäre herrschte in dem kleinen Laden, der vollgepfropft war mit fertigen und halbfertigen Kleidern aller Art mit Einschluß eines Fensters voll Filzhüte und Mützen. Wir traten alsdann in ein kleines Stübchen hinter dem Laden, wo drei Mädchen eine große Menge schwarzen Stoff bearbeiteten, der über den ganzen Tisch ausgebreitet war und von dem kleine Schnitzel ringsum auf dem Fußboden zerstreut lagen. In der Stube brannte ein scharfes Feuer, und es roch stark nach schwarzem Krepp – aber ich kannte damals diesen Geruch noch nicht und habe ihn erst später kennen gelernt! Die drei Mädchen, die sehr fleißig und vergnügt zu sein schienen, blickten auf, um mich anzusehen, und nähten dann unermüdlich weiter. Stich stich stich! Zu gleicher Zeit erklang aus einem Arbeitsschuppen auf einem kleinen Hofe vor dem Fenster ein takt= und ewig gleichmäßiges Hämmern: Ratt tatat tatt – tatat tatt – tatat! »Nun«, sagte mein Geleitsmann zu einem der drei Mädchen, »wie weit seid ihr, Mimi?« »Wir werden zur rechten Zeit zum Anpassen fertig«, erwiderte sie munter, ohne aufzublicken. »Sei ohne Sorgen, Vater.« Mr. Omer nahm den breitkrempigen Hut ab, setzte sich hin und keuchte. Er war so dick, daß er einige Zeit weiter keuchen mußte, ehe er sagen konnte: »Das ist schön.« »Vater,« sagte Mimi lächelnd, »wie entsetzlich dick du wirst!« »Ja, ich weiß nicht, wie es kommt, liebes Kind«, sagte er nach einigem Überlegen. »Aber es ist nunmal wirklich so.« »Du hast es zu gut, daher kommt's«, sagte Mimi. »Und dann nimmst du die Dinge alle auf die leichte Schulter!« . »Es hilft nichts, Kind, wenn man sie anders nimmt«, sagte Mr. Omer. »Freilich, freilich«, entgegnete seine Tochter. »Wir sind alle ziemlich munter hier, Gott sei Dank! Nicht wahr, Vater?« »Das will ich hoffen, mein Kind«, sagte Mr. Omer. »Da ich jetzt wieder zu Atem gekommen bin, will ich diesem jungen Studenten hier Maß nehmen. Wollen Sie so gut sein und mit mir in den Laden kommen, Master Copperfield?« Ich erfüllte seinen Wunsch und ging in den Laden, und nachdem er mir ein Stück Tuch gezeigt hatte, das, wie er mir sagte, extrasuperfein, und für alles andere, als für Trauer um Eltern, zu sein war. Dann nahm er mir das Maß und schrieb die Zahlen in sein Buch ein. Während er sie buchte, lenkte er meine Aufmerksamkeit auf seine Waren, und zeigte mir verschiedene Moden, die, wie er sagte, »eben aufkämen«, und andre, die »eben abgekommen« wären. »Dabei verlieren wir oft ein schweres Stück Geld«, sagte Mr. Omer. »Aber mit den Moden ist's wie mit den menschlichen Wesen. Sie kommen, niemand weiß wann, wie oder warum, und sie gehen wieder, und niemand weiß wann, wie und warum? Alles gleicht dem Leben, meiner Meinung nach, wenn Sie's von dem Standpunkt aus ansehen.« Ich war zu betrübt, um auf die Frage einzugehen, die aber vielleicht selbst unter andern Umständen für mich zu schwierig zum Lösen gewesen wäre, und Mr. Omer komplimentierte mich in die Stube zurück, selbst auf diesem kurzen Wege schweratmend. Dann rief er eine hinter der Tür gelegene schmale, halsbrecherische Stiege hinunter: »Bringt Tee und Butterbrot herauf.« Ich setzte mich hin, sah mich um, grübelte, horchte auf das Sticheln im Zimmer und auf die Melodie, die dort hinten im Hofe gehämmert wurde, und nach einiger Zeit wurde ein Brett mit Tee und Butterbrot gebracht, und zwar für mich. »Ich kenne Sie schon seit sehr langer Zeit, mein junger Freund«, sagte Mr. Omer, nachdem er mich eine Zeitlang beobachtet hatte und während der ich von dem Frühstück nur wenig genoß, denn die schwarze Umgebung benahm mir den Appetit. »Wirklich, Sir?« »Ihr ganzes Leben lang«, sagte Mr. Omer. »Ich könnte sagen, vorher schon. Ich kannte schon Ihren Vater. Er war 5 Fuß 9 1/2 Zoll lang und er liegt 25 Fuß tief.« Ratt – tatat tatt – tatat tatt – tatat ging es draußen im Hofe. »Er liegt 25 Fuß tief, ganz genau«, sagte Mr. Omer munter. »Es geschah entweder auf sein oder auf ihr Verlangen, ich weiß nicht mehr recht.« »Wissen Sie, was mein kleiner Bruder macht, Sir?« fragte ich. Mr. Omer schüttelte mit dem Kopfe. Ratt – tatat tatt – tatat tatt – tatat. »Er liegt in seiner Mutter Armen«, sagte er. »Ach, der arme Kleine! Ist er tot?« »Grämen Sie sich nicht mehr darum, als Sie müssen«, sagte Mr. Omer. »Ja, das Kind ist tot.« Meine Wunde brach bei dieser Nachricht von neuem auf. Ich ließ das kaum berührte Frühstück stehen, stand auf und legte den Kopf auf den andern Tisch in einer Ecke des kleinen Zimmers, den Mimi hastig aufräumte, damit ich nicht die Trauersachen, die darauf lagen, mit meinen Tränen benetze. Sie war ein hübsches, gutherziges Mädchen, und strich mir mit sanfter freundlicher Hand das Haar aus den Augen; aber sie war sehr heiter, weil sie ihre Arbeit getan hatte und rechtzeitig fertig geworden war, und ihr war ganz anders zumute als mir. Jetzt hörte das Hämmern auf, und ein junger hübscher Bursche kam über den Hof in das Zimmer. Er hatte einen Hammer in der Hand und den Mund voll kleiner Nägel, die er herausnehmen mußte, ehe er reden konnte. »Nun, Joram!« sagte Mr. Omer. »Wie weit seid Ihr?« »Alles in Ordnung«, sagte Joram. »Fertig, Sir.« Mimi wurde ein wenig rot, und die andern beiden Mädchen lächelten einander an. »Was? Ihr habt also gestern bei Lichte gearbeitet, als ich im Klub war? Nicht wahr?« sagte Mr. Omer und kniff das eine Auge zu. »Ja«, sagte Joram. »Da Sie sagten, wir könnten eine kleine Landpartie damit verknüpfen und zusammen hinüberfahren, wenn wir fertig würden, Mimi und ich – und Sie –« »O, und ich dachte, Ihr wolltet mich ganz weglassen«, sagte Mr. Omer und lachte, bis er husten mußte und beinahe erstickte. »Und da Sie so gut waren, das zu sagen,« fuhr der junge Mann fort, »so habe ich mich recht ordentlich darüber hergemacht, sehen Sie. Wollen Sie sich's einmal ansehen, ob es gut ist?« »Ja«, sagte Mr. Omer und stand auf. »Junger Herr,« sagte er und blieb vor mir stehen, »wollen Sie vielleicht Ihrer –« »Nein, Vater«, unterbrach ihn Mimi. »Ich dachte, es wäre ihm vielleicht angenehm«, sagte Mr. Omer. »Aber vielleicht hast du recht.« Ich weiß nicht, wieso ich es erriet, daß er sich meiner guten Mutter Sarg besehen wollte. Ich hatte noch nie einen zimmern hören, ich hatte meiner Erinnerung nach überhaupt noch nie einen Sarg gesehen, aber es wurde mir allmählich klar, was das Hämmern bedeutete, während ich es hörte, und als der junge Mann eintrat, wußte ich ganz bestimmt, womit er sich beschäftigt hatte. Da die Arbeit jetzt fertig war, klopften die beiden Mädchen, deren Namen ich nicht kannte, die Schnitzel und Fäden von ihren Kleidern und gingen in den Laden hinaus, um dort aufzuräumen und auf Kunden zu warten. Mimi blieb zurück, um die fertiggewordene Arbeit zusammenzulegen und in zwei Körbe zu packen. Das tat sie auf ihren Knien und summte dabei ein munteres Lied. Joram, in dem ich sogleich ihren Schatz erkannte, kam herein und raubte ihr einen Kuß, während sie sich so beschäftigte (er schien sich gar nicht um mich zu bekümmern) und sagte, ihr Vater sei nach dem Wagen gegangen und er müsse sich beeilen und sich reisefertig machen. Dann ging er wieder fort. Mimi steckte Fingerhut und Schere in die Tasche und eine Nähnadel mit schwarzem Faden vorsorglich vorn an ihr Kleid, ordnete ihren Umhang zierlich vor dem kleinen Spiegel hinter der Tür, in dem ich das mit ihrer eignen Erscheinung zufriedene Gesicht sehen konnte. Alles dies beobachtete ich, während ich an dem Tisch in der Ecke saß, den Kopf in die Hand stützte und meine Gedanken mit ganz andern Dingen beschäftigt waren. Der Wagen fuhr bald danach vor dem Laden vor, und nachdem man zuerst die Körbe und dann mich hineingehoben, stiegen die drei andern ein. Ich erinnere mich noch, es war halb ein Korbwagen und halb ein Möbelwagen, dunkel angestrichen und gezogen von einem Rappen mit langem Schweif. Drinnen war genügend Platz für uns alle. Ich glaube, ich habe niemals ein so seltsames Gefühl gehabt (jetzt bin ich vielleicht weiser), als auf dieser Fahrt, wenn ich daran dachte, womit sie sich beschäftigt hatten und wie vergnügt sie jetzt waren. Ich zürnte ihnen nicht; ich fürchtete mich vielmehr vor ihnen, als ob ich unter Geschöpfe gekommen wäre, die keine Gemeinschaft mit mir hätten. Sie waren alle sehr heiter. Der Alte saß auf der vordern Bank und kutschierte, die beiden jungen Leutchen saßen hinter ihm, und wenn er sprach, beugten sie sich vor, der eine auf der einen Seite des Vollmondgesichts und die andere auf der andern, und machten sich viel mit ihm zu schaffen. Sie wollten auch mit mir sprechen, aber ich zog mich scheu in eine Ecke zurück, entsetzt über ihr Liebeln und ihre Heiterkeit, obgleich sie nicht lärmend waren, und wunderte mich fast, daß vom Himmel keine Strafe für ihre Hartherzigkeit herunterkam. Als sie anhielten, um das Pferd zu füttern, und aßen und tranken und sich's wohl sein ließen, konnte ich nichts anrühren und blieb nüchtern. Als wir unser Haus erreichten, schlüpfte ich so rasch wie möglich hinten aus dem Wagen, damit ich nicht in ihrer Gesellschaft vor diese feierlichen Fenster trete, die mich mit ihren zugemachten Laden ansahen, wie geschlossene Augen, die einst glänzten. Und ach, wie wenig hatte ich Ursache zu besorgen, daß ich zuletzt keine Tränen mehr haben würde, wenn ich nach Hause käme –: als ich jetzt die Fenster von meiner Mutter Stube erblickte und neben ihnen das Zimmer, das in besseren Zeiten das meinige war! Peggotty schloß mich in ihre Arme, bevor ich noch die Tür erreichte, und führte mich in das Haus. Ihr Schmerz brach von neuem hervor, als sie mich erblickte, aber sie bewältigte ihn bald und sprach so flüsternd, und ging so sacht auf den Zehen, als ob die Toten aus ihrer tiefen Ruhe gestört werden könnten. Sie war, wie ich später erfuhr, seit langer Zeit in kein Bett gekommen. Sie war immer aufgeblieben und wachte noch jetzt jede Nacht. Solange ihr armer lieber, hübscher Engel über der Erde sei, sagte sie, werde sie ihn nicht verlassen. Mr. Murdstone nahm keine Notiz von mir, als ich in die Wohnstube trat, sondern saß ruhig in seinem Lehnstuhle neben dem Kamine und weinte still vor sich hin. Miß Murdstone, die eifrig an dem mit Briefen und Papieren bedeckten Tische schrieb, gab mir ihre kalten Fingerspitzen und fragte mich mit teilnahmslosem Flüstern, ob mir die Trauerkleidung angemessen sei? Ich sagte: »Ja.« »Und deine Hemden,« sagte Miß Murdstone, »hast du sie mitgebracht?« »Ja, Madame. Ich habe alle meine Kleider mitgebracht.« Das war der ganze Trost, den mir ihre Charakterfestigkeit spendete. Ich glaube, daß sie ein auserlesenes Vergnügen daran fand, ihre sogenannte Selbstbeherrschung, ihre Festigkeit, ihren gesunden Menschenverstand und das ganze diabolische Verzeichnis ihrer unliebenswürdigen Eigenschaften bei solchen Gelegenheiten an den Tag zu legen. Sie war besonders stolz auf ihre Geschäftsgewandtheit, und diese zeigte sich jetzt, indem sie alles zu Papier brachte und sich von nichts rühren ließ. Diesen Tag und den nächsten, vom Morgen bis zum Abend, saß sie an diesem Schreibtische, kritzelte hörbar und ruhig gefaßt mit einer harten Feder, sprach zu jedem mit demselben teilnahmslosen Geflüster und kein Muskel ihres Gesichts erschlaffte, kein Ton ihrer Stimme milderte sich einen Augenblick, und kein Fältchen ihrer Kleidung verschob sich je im geringsten. Ihr Bruder nahm manchmal ein Buch, las aber nie darin, soviel ich bemerkte. Er öffnete es und sah hinein, als ob er lese, aber eine ganze Stunde wendete er kein Blatt um, legte es dann wieder hin und ging im Zimmer auf und ab. Ich saß meistens mit gefalteten Händen da, beobachtete ihn stundenlang und zählte seine Schritte. Er sprach selten mit seiner Schwester und mit mir nie. Er schien außer den Uhren das einzige ruhelose Wesen in dem ganzen totenstillen Hause zu sein. In diesen Tagen vor dem Begräbnis kam mir Peggotty nur wenig zu Gesicht, ausgenommen wenn ich die Treppe hinauf oder hinab ging, und ich sie immer in unmittelbarer Nähe des Zimmers fand, wo meine Mutter und ihr Kind lagen, und jeden Abend kam sie an mein Bett und blieb bei mir, bis ich einschlief. Ein oder zwei Tage vor dem Leichenbegängnis nahm sie mich mit in das Zimmer: ich vermute, daß es um diese Zeit war, denn meine Erinnerungen an diese schwere Zeit, deren Wandel durch nichts bezeichnet wurde, sind etwas verworren. Ich erinnere mich nur noch, daß unter einem weißen Laken auf dem Bette, das wunderschön rein und frisch war, die Verkörperung der feierlichen Stille, die im Hause herrschte, zu liegen schien, und daß ich, als sie die Decke sanft wegnehmen wollte, ausrief: »O nein, o nein!« und ihre Hand aufhielt. Wenn das Leichenbegängnis erst gestern gewesen wäre, so könnte ich mich seiner nicht klarer erinnern. Das Aussehen der Putzstube, als ich hereintrat, die eigentümliche Luft, der helle Schein des Feuers, der glänzende Wein in den Karaffen, die Formen der vielen Gläser und Teller, der schwache süße Duft des Kuchens, der Geruch von Miß Murdstones Anzug und von unsern Trauerkleidern – alles steht deutlich vor mir. Mr. Chillip ist im Zimmer und kommt auf mich zu. »Und wie befindet sich Master David?« fragte er freundlich. Ich konnte nicht sagen: »Gut.« Ich gab ihm daher nur meine Hand, die er behielt. »Gott! Gott!« sagte Mr. Chillip und lächelte wehmütig, während etwas in seinen Augen glänzte, »Unsere kleinen Freunde wachsen um uns in die Höhe. Wir verlieren sie fast aus den Augen, Madame.« Das sagt er zu Miß Murdstone, von der er aber keine Antwort erhält. »Große Fortschritte hier, Madame!« sagte Mr. Chillip. Miß Murdstone antwortet nur mit einem zurückweisenden Blick und einem steifen Knicks. Mr. Chillip geht eingeschüchtert in eine Ecke, nimmt mich mit sich und tut den Mund nicht mehr auf. Ich bemerke es, weil ich alles bemerke, was um mich herum vorgeht, nicht weil mir daran lag meinetwegen oder weil mir seit meiner Rückkehr nach Hause daran gelegen hatte. Und jetzt fängt die Sterbeglocke zu läuten an; Mr. Omer kommt mit einem Gehilfen, uns anzukleiden und zum Leichenbegängnis bereit zu machen. Wie Peggotty mir schon mehr als einmal erzählt hatte, war dies dasselbe Zimmer, worin auch das Leichengefolge meines Vaters mit dem Trauerputz versehen worden war, um ihn zum selben Grabe zu geleiten. Es sind da Mr. Murdstone, unser Nachbar Mr. Grayper, Mr. Chillip und ich. Als wir zur Türe heraustreten, sind die Träger und ihre Bürde schon im Garten und bewegen sich langsam den Pfad hinab, an den Ulmen vorbei und durch das Gartentor in den Friedhof, wo ich so manchen Sommermorgen die Vögel habe singen hören. Wir stehen in einem Kreis um das Grab. Der Tag scheint mir anders als jeder andere Tag, und das Licht nicht von derselben Farbe zu sein, sondern trüber. Jetzt ist eine feierliche Stille, die wir mit dem, was im Staube ruht, aus dem Hause mit hergebracht haben, und während wir entblößten Hauptes dastehen, höre ich die Stimme des Geistlichen, die hier im Freien so fern und doch so deutlich und klar klingt: »Ich bin die Auferstehung und das Leben, spricht der Herr!« Jetzt höre ich schluchzen und sehe, abseits unter den Zuschauern stehend, die gute treue Magd, die ich jetzt von allen Menschen aus Erden am liebsten habe, zu der, wie mein kindliches Herz die felsenfeste Überzeugung hegt, der Herr des Himmels einst sagen wird: »Dein Werk war wohlgetan auf Erden!« Unter den Umstehenden sind viele Gesichter, die ich kenne; Gesichter, die ich von der Kinderzeit her aus der Kirche kenne; Gesichter, die meine Mutter sahen, als sie in ihrer Jugendblüte in das Dorf kam. Ich kümmerte mich – nur mit meinem Schmerz beschäftigt – nicht um sie, und dennoch sehe und kenne ich sie alle, und sehe selbst im Hintergrund Mimi zuschauen und auf ihren Schatz blicken, der nicht weit von mir steht. Es ist vorbei – das Grab ist zugeschüttet, und wir wenden uns wieder heimwärts. Vor uns steht das Haus, so hübsch, so unverändert, so eng verknüpft in meinem Geist mit dem jugendschönen Bilde der Geschiedenen, daß all mein bisheriger Schmerz nichts ist gegen den Schmerz, den sein Anblick hervorruft. Aber sie ziehen mich mit sich fort, und Mr. Chillip spricht mir freundlich zu, und als wir nach Hause kommen, gibt er mir etwas Wasser zu trinken, und da ich bitte, ob ich auf mein Zimmer gehen darf, heißt er mich mit weiblicher Zärtlichkeit gehen. Alles das, sage ich, kommt mir so vor, als wär es erst gestern geschehen. Spätere Ereignisse sind hinübergespült worden zu jenem Strande, wo alles Vergessene wieder auftauchen wird: aber dieses eine Ereignis steht wie ein hoher Fels im weiten Meere. Ich wußte, daß Peggotty zu mir aufs Zimmer kommen würde. Die Sabbatstille jener Zeit (der Tag war wie ein Sonntag, das vergaß ich zu erwähnen) entsprach so recht unserer beider Stimmung. Sie setzte sich neben mich auf mein kleines, Bett; dann nahm sie meine Hand, und während sie diese manchmal an ihre Lippen drückte und streichelte, wie wenn sie meinen kleinen Bruder hätte beruhigen wollen, erzählte sie mir in ihrer einfachen Weise, wie alles gekommen war. »Sie befand sich seit langer Zeit schon gar nicht mehr recht wohl«, sagte Peggotty. »Sie fühlte sich nicht glücklich. Als das Kleine zur Welt kam, glaubte ich anfangs, es werde sich mit ihr bessern, aber sie war angegriffener als je und nahm mit jedem Tage mehr ab. Vor der Geburt des Kindes pflegte sie viel allein zu sitzen und dann weinte sie; aber später sang sie dem Kinde vor – so leise, daß ich manchmal, wenn ich sie hörte, dachte, es sei wie eine Stimme in der Luft, die immer höher und höher steigt und endlich ganz verschwebt. Ich glaube, sie wurde in der letzten Zeit immer schüchterner und furchtsamer; und ein hartes Wort war für sie wie ein Schlag, Aber gegen mich blieb sie immer dieselbe. Sie wurde nie anders gegen ihre närrische Peggotty, der liebe Engel.« Hier hielt Peggotty inne und klopfte mir ein Weilchen sanft die Hand. »Das letztenmal, wo sie ganz wieder war wie früher, das war an dem Abend, wo du nach Hause kamst, liebes Kind. An dem Tage, wo du fortgingst, sagte sie zu mir: ›Ich werde meinen lieben Herzensjungen nie wieder sehen. Das sagt mir eine innere Stimme, die die Wahrheit spricht.‹ Sie versuchte aber von da ab, sich aufrecht zu erhalten und ein heiteres Gesicht anzunehmen; und so manchesmal, wenn sie ihr sagten, sie sei leichtsinnig und sorglos, stellte sie sich so; aber damit war es vorbei. Sie sagte ihrem Manne nie, was sie mir gesagt hatte – sie fürchtete sich, es jemand anders zu sagen – bis sie eines Abends, kaum acht Tage bevor es geschah, zu ihm sagte: ›Lieber Mann, ich glaube, ich sterbe bald.‹ ›Jetzt habe ich mir das Herz erleichtert, Peggotty,‹ sagte sie zu mir, als ich sie an diesem Abend zu Bett brachte. ›Es wird ihm in den wenigen Tagen immer deutlicher werden, dem Armen; und dann ist's vorbei. Ich bin sehr müde. Wenn das Schlaf ist, so bleibe bei mir sitzen, während ich schlafe. Verlaß mich nicht! Gott segne meine beiden Kinder! Gott beschütze und behüte meinen vaterlosen Knaben!‹ Ich habe sie seitdem nicht verlassen«, sagte Peggotty. »Sie sprach oft mit den beiden da unten – denn sie liebte sie; sie mußte jeden lieben, der in ihre Nähe kam – aber wenn die zwei fort waren, wendete sich sie immer wieder zu mir, als ob für sie nur da Ruhe wäre, wo Peggotty war, und anders konnte sie nie einschlafen. Am letzten Abend küßte sie mich und sagte: ›Wenn der Säugling mit mir sterben sollte, Peggotty, so sollen sie ihn mir in die Anne legen und uns zusammen begraben.‹ (Es geschah, denn das arme Lämmchen lebte nur noch einen Tag länger.) ›Und mein teuerster Davy soll mit zu meinem Grabe gehen,‹ sagte sie, ›und erzähle ihm, daß seine Mutter als sie hier lag, ihn nicht einmal, sondern tausendmal segnete.‹« Hier folgte wieder eine Pause des Schweigens, und sie klopfte mir wieder sanft die Hand. »Es war schon tief in der Nacht,« sagte Peggotty, »als sie zu trinken verlangte; und als sie getrunken hatte, da lächelte sie mich so geduldig an und so lieb und so schön! Der Tag war schon angebrochen, und die Sonne ging auf, als sie mir erzählte, wie gütig und rücksichtsvoll Mr. Copperfield immer gegen sie gewesen, wie er mit ihr Geduld gehabt, und wie er, wenn sie an sich selbst gezweifelt, zu ihr gesagt hätte, daß ein liebendes Herz besser und stärker sei als Weisheit, und daß er sich glücklich fühle in ihrer Liebe. ›Liebe Peggotty,‹ sagte sie dann, ›lege mich näher an dich heran‹ – denn sie war sehr schwach. – ›Lege deinen lieben Arm unter meinen Kopf‹, sagte sie, ›und wende ihn dir zu, denn dein Gesicht weicht immer ferner und ferner von mir, und ich möchte dir gern so recht nahe sein.‹ – Ich tat, wie sie verlangte; und ach, Davy! die Zeit war gekommen, wo das wahr wurde, was ich beim ersten Abschied von dir gesagt hatte – wo sie froh war, ihren armen Kopf auf den Arm ihrer einfältigen mürrischen, alten Peggotty zu legen – und sie starb wie ein Kind, das in Schlummer sinkt!« So endete Peggottys Erzählung. Von dem Augenblicke an, wo ich den Tod meiner Mutter erfuhr, war das Bild, das ich mir zuletzt von ihrem Wesen gemacht hatte, verschwunden. Von diesem Augenblicke an stand sie nur vor mir, als die junge Mutter meiner frühsten Erinnerungen, wie sie sich die hellblonden Locken immer um die Finger wickelte und mit mir im Zwielicht in der Wohnstube tanzte. Was Peggotty mir jetzt erzählt hatte, war weit entfernt, mich an die spätere Zeit zu erinnern, es befestigte nur das frühere Bild in meiner Seele. Es mag seltsam klingen, aber es ist wahr. Mit ihrem Tode schwebte sie zurück zu ihrer ruhigen, ungetrübten Jugend, und alles übrige war verwischt und ausgelöscht. Die Mutter, die im Grabe lag, war die Mutter meiner ersten Kinderzeit, das kleine Wesen in ihren Armen war ich selbst, wie ich es früher gewesen war, – aber an ihrem Busen auf ewig eingeschlummert. Zehntes Kapitel. Ich werde vernachlässigt und später wieder versorgt. Das, erste, was Miß Murdstone am Tage nach dem Begräbnisse tat, und nachdem die Läden wieder dem Lichte geöffnet waren, bestand darin, daß sie Peggotty binnen vier Wochen den Dienst kündigte. So sehr auch Peggotty der Dienst mißfallen mußte, so hätte sie ihn doch nur um meinetwillen lieber als den besten andern auf der Welt behalten. Sie sagte mir, daß wir uns trennen müßten, und teilte mir auch den Grund mit; und wir beklagten einander in aller Aufrichtigkeit. In bezug auf mich oder meine Zukunft wurde von Murdstones nichts gesprochen und nichts unternommen. Ich bin aber überzeugt, sie hätten sich glücklich geschätzt, wenn sie mich auch durch Kündigung auf Monatsfrist hätten fortschicken können. Einmal faßte ich mir ein Herz und fragte Miß Murdstone, wann ich wieder in die Schule gehen würde, und sie antwortete trocken, sie glaube nicht, daß ich überhaupt wieder hinkommen werde. Weiter erfuhr ich nichts. Ich hätte aber gar zu gern gewußt, was man mit mir vorhatte, und Peggotty hätte es auch gern gewußt; aber weder sie noch ich konnten das mindeste erkunden. Indessen hatte sich meine Lage in einer Weise verändert, die mir zwar die Gegenwart viel angenehmer machte, die mir aber, wenn ich ihre Bedeutung hätte gehörig ermessen können, für die Zukunft viele Sorgen hätte machen müssen. Und das kam daher. Der mir sonst auferlegte Zwang hatte ganz aufgehört. Anstatt mir zu befehlen, meinen tödlich langweiligen Platz in der Wohnstube einzunehmen, veranlaßte mich jetzt Miß Murdstones finsterer Blick mehr als einmal, das Zimmer zu verlassen, wenn ich es versucht hatte. Anstatt mir ebenso Peggottys Gesellschaft zu verbieten, fragte man niemals nach mir, wenn ich nur nicht Mr. Murdstone vor die Augen kam. Anfangs fürchtete ich an jedem Morgen, er oder Miß Murdstone würden mich wieder zu unterrichten anfangen; aber ich fand bald, daß diese Besorgnis ganz unbegründet war, und daß ich weiter nichts zu erwarten hatte als Vernachlässigung. Ich glaube nicht, daß mir diese Entdeckung damals viel Kummer verursachte. Ich war noch immer betäubt von dem Tode meiner Mutter und stand allen andern Dingen mit einer ziemlich gleichgültigen Dumpfheit gegenüber. Ich kann mich erinnern, daß mir zu Zeiten gar nichts mehr daran lag, überhaupt erzogen zu werden, daß ich wie ein Bummler, der sich im Dorfe herumtrieb, hätte aufwachsen mögen; oder ich dachte daran, diese Vorstellung los zu werden durch die andere: irgendwohin zu gehen und wie die Helden meiner Romane mein Glück zu versuchen. Aber das waren rasch vorübergehende Stimmungen, Träumereien mit wachen Augen, die wie Rauch= und Schattenbilder ihre Spuren auf die Wände meines Zimmers zeichneten, und dann wieder spurlos verschwunden waren. ... »Peggotty,« sagte ich gedankenvoll flüsternd eines Abends, als ich meine Hände am Küchenfeuer wärmte, »Mr. Murdstone hat mich noch weniger gern als früher. Er hat mich nie gern gehabt, Peggotty; aber jetzt möchte er mich am liebsten gar nicht sehen.« »Vielleicht ist's sein Gram«, sagte Peggotty und strich mir die Haare glatt. »Ich gräme mich gewiß auch, Peggotty«, erwiderte ich. »Wenn ich glaubte, es wäre sein Gram, so würde ich weiter gar nicht daran denken. Aber das ist's nicht, ach nein, das ist's nicht.« »Woher weißt du, daß es das nicht ist?« sagte Peggotty nach einer Pause. »Ach! sein Kummer ist etwas ganz, ganz anderes. Er grämt sich auch jetzt, wo er mit Miß Murdstone am Kamin sitzt; aber wenn ich hineinkäme, Peggotty, so würde er noch anders sein.« »Wie würde er sein?« fragte Peggotty. »Zornig«, antwortete ich und ahmte unwillkürlich seinen drohenden Blick nach. »Wenn er sich nur grämte, würde er mich nicht so ansehen, wie er es zu tun pflegt. Ich gräme mich auch, aber mich macht es nur freundlicher gegen andere.« Peggotty sagte für jetzt weiter nichts, und ich wärmte mir meine Hände, stumm wie sie. »Davy«, sagte sie endlich. »Ja, Peggotty.« »Liebes Kind, ich habe auf alle Weise versucht, hier in Blunderstone einen passenden Dienst zu bekommen, aber es ist hier keiner zu finden.« »Und was gedenkst du nun zu tun, Peggotty?« sagte ich und sah sie forschend an. »Willst du fortgehen und dein Glück anderwärts versuchen?« »Ich glaube wohl, ich werde nach Yarmouth gehen und dort bleiben müssen«, erwiderte Peggotty. »Du hättest noch weiter fortgehen können und so gut wie verloren für mich sein,« sagte ich ein wenig erleichtert, »aber dort kann ich dich wenigstens manchmal besuchen, meine gute alte Peggotty. Du bist doch da nicht ganz am andern Ende der Welt, nicht wahr?« »Ganz das Gegenteil, will's Gott!« rief Peggotty mit großer Lebhaftigkeit. »Solange du hier bist, mein Goldkind, besuche ich dich jede Woche einmal, solange ich lebe – jede Woche einmal, solange ich lebe.« Dies Versprechen nahm mir eine wahre Last vom Herzen; aber selbst das war noch nicht alles, denn Peggotty fuhr fort: »Nun, siehst du, Davy, ich gehe erst auf vierzehn Tage zu meinem Bruder auf Besuch, damit ich mich ein bißchen umsehen und wieder ins alte Gleis kommen kann. Nun habe ich mir gedacht, da sie dich hier nicht brauchen, so lassen sie dich vielleicht mit mir gehen.« Wenn mir damals irgend etwas (abgesehen von einer gänzlichen Umgestaltung des Verhältnisses zu meiner Umgebung, mit Ausnahme von Peggotty) ein Gefühl der Freude einzuflößen vermocht hätte, so wäre es dieser Vorschlag gewesen. Der Gedanke, wieder von jenen ehrlichen Gesichtern umgeben zu sein, von ihnen herzlich empfangen zu werden, wieder einen so friedlich stillen Sonntagmorgen zu erleben, die Glocken klingen zu hören, die Steine plätschernd in das Wasser zu werfen und zu sehen, wie die schattenhaften Schiffe aus dem Nebel auftauchten. Wieder mit der kleinen Emily umherzuschweifen, ihr meine Leiden klagen zu können und Zaubermittel dagegen in den Muscheln und Steinen auf dem Strand zu suchen: das beruhigte mir wundersam das Herz. Doch diese Ruhe wurde im nächsten Augenblick durch den Zweifel gestört, ob Miß Murdstone ihre Erlaubnis dazu geben würde, allein selbst dieser wurde rasch beschwichtigt. Denn Miß Murdstone erschien sehr bald, während wir uns noch unterhielten, um eine nächtliche Untersuchung des Vorratsschrankes anzustellen, und Peggotty brachte die Sache mit einer mich in Staunen setzenden Kühnheit alsbald zur Sprache. »Der Junge wird dort freilich nur faulenzen,« sagte Miß Murdstone, indem sie in einen Krug mit sauer eingelegten Früchten guckte, »und Nichtstun ist die Wurzel alles Übels. Aber er wird hier ebensowenig etwas tun – hier und überall: das ist meine Meinung!« Auf Peggottys Lippen schwebte eine heftige Antwort; aber sie verschluckte sie meinetwegen und blieb stumm. »Hm!« sagte Miß Murdstone und guckte immer noch in den Krug mit dem Eingemachten hinein, »es ist jetzt von großer Wichtigkeit – von größerer sogar als alles andere, daß mein Bruder durchaus nicht gestört wird. Ich glaube daher, es ist besser, ich willige ein.« Ich dankte ihr, ohne Freude an den Tag zu legen, damit sie nicht etwa ihre Einwilligung zurückziehe. Und ich konnte nicht umhin, dies für klug zu halten, als sie mich jetzt wieder mit einem so sauern Gesicht ansah, als hätte sie mit ihren schwarzen Augen den ganzen Inhalt des Kruges mit sauerm Eingemachten verzehrt. Die Erlaubnis war jedoch erteilt und wurde nicht zurückgenommen; denn als der Monat vorüber war, waren Peggotty und ich zur Abreise bereit. Mr. Barkis kam ins Haus, um Peggottys Koffer abzuholen. Soviel ich weiß, hatte er noch nie die Schwelle der Gartentür überschritten, aber bei dieser Gelegenheit kam er bis ins Haus. Und als er den größten Koffer auf seine Schultern lud und hinausging, warf er mir einen vielsagenden Blick zu, wenn Mr. Barkis' Gesicht überhaupt jemals etwas sagen konnte. Peggotty war natürlich sehr betrübt über ihren Abschied von dem Orte, wo sie soviele Jahre heimisch gewesen war und wo die beiden stärksten Neigungen ihres Lebens – zu meiner Mutter und mir – entstanden waren. Sie war schon ganz früh auf dem Kirchhof gewesen; und als sie in den Wagen stieg und sich setzte, hielt sie das Taschentuch vor die Augen. Solange sie dies tat, gab Mr. Barkis kein Lebenszeichen von sich. Er saß auf seinem gewöhnlichen Platz und in seiner gewöhnlichen Haltung, wie eine große ausgestopfte Strohpuppe. Aber als sie das Taschentuch entfernt hatte und mit mir zu sprechen anfing, nickte er mehrmals und zeigte grinsend die Zähne. Ich hatte nicht die leiseste Vorstellung davon, was er damit meinte. »Ein schöner Tag heute, Mr. Barkis«, sagte ich, um ein Gespräch anzuknüpfen. »Nicht schlecht«, sagte Mr. Barkis, der selten ganz offen heraus sprach und alle seine Bemerkungen vorsichtig abwog. »Peggotty befindet sich jetzt ganz wohl, Mr. Barkis«, bemerkte ich zu seiner Befriedigung. »Wirklich?« sagte Mr. Barkis. Nachdem Mr. Barkis mit wahrhaft philosophischer Miene darüber nachgedacht hatte, sah er sie an und sagte: »Hm, befindet Ihr Euch jetzt wirklich recht wohl?« Peggotty lachte und antwortete bejahend. »Aber wirklich und wahrhaftig, meine ich. Wirklich?« brummte Mr. Barkis und rutschte auf der Bank näher an sie heran und gab ihr einen zärtlichen Stoß mit dem Ellbogen. »Wirklich? Wirklich und wahrhaftig wohlauf? Wirklich? He?« Bei jeder dieser Fragen rutschte Mr. Barkis ihr näher und gab ihr einen Stoß mit dem Ellbogen, so daß wir alle zuletzt in der linken Ecke des Wagens zusammengedrängt waren und ich so eingeklemmt dasaß, daß ich es kaum mehr aushalten konnte. Peggotty machte ihn auf meine Drangsal aufmerksam, worauf Mr. Barkis sogleich etwas Platz machte und nach und nach wieder weiter abrückte. Aber ich bemerkte doch, daß er zu glauben schien, er sei auf ein herrliches Mittel verfallen, sich angenehm, fein und deutlich auszudrücken, ohne viel mühsame und zeitraubende Worte zu gebrauchen. Eine Zeitlang lachte er vergnügt vor sich hin. Allmählich wandte er sich wieder zu Peggotty um und fragte von neuem: »Seid Ihr hübsch wohlauf?« und wiederholte das vorige Manöver des Zusammenrückens, bis ich fast keinen Atem mehr hatte. Es dauerte nicht lange, so tat er dasselbe noch einmal mit denselben Folgen. Endlich stand ich auf, wenn ich ihn herankommen sah, und tat, als ob ich mir die Gegend ansähe; und dabei befand ich mich ganz wohl. Er war so zuvorkommend, nur unsertwegen an einem Wirtshause anzuhalten und uns mit Hammelbraten und Bier zu bewirten. Aber selbst einmal, während Peggotty trank, hatte er einen seiner alten Drängelanfälle und brachte sie fast zum Ersticken. Als wir jedoch dem Ziele der Reise näher kamen, hatte er mehr zu tun und weniger Zeit galant zu sein, und als wir erst das Pflaster von Yarmouth erreichten, wurden wir viel zu sehr durcheinandergeschüttelt, als daß wir zu etwas anderm Zeit gehabt hätten. Mr. Peggotty und Ham erwarteten uns an der alten Stelle. Sie empfingen mich und Peggotty sehr freundlich, und schüttelten Mr. Barkis die Hand, der mit weit zurückgeschobenem Hut, einem einfältigen Lächeln auf dem Gesichte und weit auseinandergespreizten Beinen dastand. Jeder von den beiden nahm einen von Peggottys Koffern, und wir wollten eben fortgehen, als Mr. Barkis mir feierlich zuwinkte, mit ihm unter einen Torweg zu treten. »Was ich sagen wollte,« brummte Mr. Barkis, »alles in Ordnung.« Ich sah ihn an und antwortete mit einem Versuch, ein sehr kluges Gesicht zu machen: »Ah!« »Damals war's noch nicht aus«, sagte Mr. Barkis mit einem vertraulichen Nicken. »Alles in Ordnung.« Wieder antwortete ich: »Ah!« »Sie wissen, wer willens war«, sagte mein Freund. »Es war Barkis und nur Barkis.« Ich nickte beistimmend. »Alles in Ordnung«, sagte Mr. Barkis und schüttelte mir die Hand. »Ich bin dafür Ihr Freund. Sie haben es zuerst ins Lot gebracht. Alles in Ordnung.« In seinem Bestreben, besonders klar zu sein, war Mr. Barkis so erstaunlich rätselhaft, daß ich ihn eine Stunde hätte ansehen können, ohne mehr von ihm zu erfahren, als von einer Uhr, die still steht, wenn mich nicht Peggotty weggerufen hätte. Unterwegs fragte sie mich, was er gesagt habe, und ich wiederholte ihr seine Worte: »Alles in Ordnung.« »O über seine Unverschämtheit!« sagte Peggotty. »Aber das ist mir gleich! Lieber Davy, was meinst du wohl, wenn ich mich verheiratete?« »Nun, du würdest mich doch wohl ebenso lieb haben, wie jetzt, Peggotty?« erwiderte ich nach einiger Überlegung. Zum großen Erstaunen der Vorübergehenden und der beiden voranschreitenden Peggottys mußte die gute Seele stehen bleiben und mich mit vielen Beteuerungen ihrer unveränderlichen Liebe umarmen. »Sage mir, was du dazu meinst, lieber Schatz?« fragte sie wieder, als sie damit fertig war und wir unsern Weg fortsetzten. »Wenn du dich verheiratetest – mit Mr. Barkis, Peggotty?« »Ja«, sagte Peggotty. »Ich glaube, es wäre ganz vortrefflich. Denn siehst du, Peggotty, du hättest immer das Pferd und den Wagen, um mich zu besuchen, und könntest umsonst kommen und wann du willst.« »Wie klug das Goldkind ist!« rief Peggotty. »Das habe ich immer schon den ganzen Monat gedacht! Ja, lieber Schatz; und ich glaube, ich wäre im ganzen viel unabhängiger, und es würde mir jetzt viel leichter, im eignen Hause zu arbeiten, als bei Fremden. Ich weiß nicht, ob ich's jetzt als Dienstbote bei Fremden aushalten könnte. Und ich wäre immer in der Nähe der Ruhestätte meines Engels,« sagte Peggotty nachdenklich, »– könnte sie sehen, wann ich wollte; und wenn ich mich zur Ruhe lege, könnten sie mich neben meiner lieben Frau legen.« Wir schwiegen beide eine Weile. »Aber ich würde kein einzigesmal wieder daran denken,« sagte Peggotty heiter, »wenn mein Davy etwas dagegen hätte – und wenn ich auch dreimal dreißigmal in der Kirche aufgeboten sein würde und den Ring mein lebelang in der Tasche herumtragen müßte.« »Sieh mich an, Peggotty,« erwiderte ich, »und sieh, ob ich mich wirklich nicht freue und es wahrhaftig wünsche!« – was ich auch von ganzem Herzen tat. »Liebes Herz,« sagte Peggotty und drückte mich an sich, »ich habe es Tag und Nacht überlegt und in jeder Weise daran gedacht, und ich glaube, in der rechten Weise; aber ich will noch einmal darüber nachdenken und mit meinem Bruder darüber sprechen, unterdessen wollen wir es aber für uns behalten, Davy. Er ist ein einfacher, guter Mann,« sagte Peggotty, »und wenn ich versuchte, meine Pflicht gegen ihn zu tun, so glaube ich, wäre es meine Schuld, wenn ich nicht – wenn ich mich nicht recht wohl mit ihm befände«, sagte Peggotty und lachte herzlich. Dieses Zitat von Mr. Barkis war so passend und kitzelte uns beide so sehr, daß wir immer von neuem zu lachen anfingen und sehr heiterer Laune waren, als wir Mr. Peggottys Häuschen erblickten. Es sah noch ganz aus wie früher, nur daß es vielleicht in meinen Augen ein wenig kleiner geworden war; Mrs. Gummidge wartete in der Tür, als ob sie seit jener Zeit immer noch dort stände. Inwendig war alles noch beim alten geblieben einschließlich des Seegrases im blauen Krug in meinem Schlafzimmer. Ich ging in den Seitenschuppen, um mich umzusehen, und dieselben Hummern, Krabben und Krebse, erfüllt von demselben Verlangen, alles in der Welt zu kneifen, lagen in demselben wirren krabbelnden Durcheinander in derselben alten Ecke. Aber keine kleine Emilie war zu sehen, und ich fragte daher Mr. Peggotty, wo sie sei. »Sie ist in der Schule, Sir«, sagte Mr. Peggotty und wischte sich den Schweiß von der Stirn ab, den ihm das Tragen von Peggottys Koffer verursacht hatte. Dann sah er nach der Wanduhr und sagte: »Sie kommt in zwanzig Minuten oder in einer halben Stunde. Wir vermissen sie auch alle, das weiß Gott!« Mrs. Gummidge seufzte. ' »Na, immer munter, Mutter!« rief Mr. Peggotty. »Ach,« sagte Mrs. Gummidge, »ich bin ein einsames, verlassenes Geschöpf.« Das Haus war noch so hübsch wie immer, oder hätte mir ebenso erscheinen sollen, aber dennoch machte es nicht denselben Eindruck auf mich wie früher. Ich fühlte mich sogar etwas enttäuscht. Vielleicht war die Abwesenheit der kleinen Emilie schuld daran. Ich wußte, welchen Weg sie kommen würde, und ging ihr daher immer langsam entgegen. Es dauerte auch nicht lange, so erschien in der Ferne eine Gestalt, und ich erkannte bald Emilien, die, obgleich gewachsen, immer noch klein und zierlich war. Aber als sie näher kam und ich sah, wie ihre blauen Augen noch blauer, ihr Gesicht mit den Grübchen noch heiterer und ihr ganzes, reizendes Ich noch hübscher und schelmischer geworden war, da überkam mich ein seltsames Gefühl der Scheu, das mich veranlaßte, zu tun als ob ich sie nicht kennte, und vorbeizugehen, als ob ich nach etwas, draußen in der Ferne sähe. Ich habe so etwas auch noch später im Leben getan, oder ich müßte mich sehr irren. Die kleine Emilie kümmerte sich gar nicht darum. Sie sah mich recht gut; aber anstatt sich umzudrehen und mich zu rufen, rannte sie lachend fort. Das trieb mich, ihr nachzueilen, aber sie lief so schnell, daß ich sie erst nahe beim Häuschen einholen und fangen konnte. »O, du bist's?« sagte die kleine Emilie – »du also?« »Na, du wußtest doch, wer's war, Emilie!« »Und wußtest du es nicht, wer's war?« sagte Emilie. Ich wollte sie küssen, aber sie bedeckte ihre Kirschenlippen mit den Händen und sagte, sie sei kein kleines Kind mehr, lief fort ins Haus und lachte toller als vorher. Sie schien einen Gefallen daran zu finden, mich zu necken, und das war eine Veränderung an ihr, über die ich mich sehr wunderte. Der Teetisch war fertig, unsere kleine Sitzlade stand auf dem alten Flecke, aber anstatt sich neben mich zu setzen, leistete sie der alten brummigen Mrs. Gummidge Gesellschaft; und als Mr. Peggotty fragte, warum, vermuschelte sie das Gesicht mit den krausen Locken ihres Stirnhaars und konnte nicht aufhören zu lachen. »Ein kleines Miesekätzchen, nicht wahr?« sagte Mr. Pegotty und streichelte sie mit seiner großen Hand. »Das ist sie! das ist sie!« rief Ham. »Mas'r Davy, das ist sie!« und er saß da und lachte sie eine Zeitlang an in einem gemischten Zustande von Wonne und Bewunderung, der sein Gesicht brennendrot machte. Ja, die kleine Emilie wurde von ihnen in allem verzogen und von niemand mehr als von Mr. Peggotty, dem sie alles abschmeicheln konnte, wenn sie nur zu ihm ging und ihre Wangen an seinen stacheligen Backenbart legte. So glaubte ich wenigstens, als ich sah, daß sie es so machte, und ich fand, daß Mr. Peggotty vollkommen recht hatte. Denn sie war so zärtlich und herzig und hatte eine so angenehme Art, neckisch und schüchtern zugleich zu sein, daß ich mehr als je ihr Sklave war. Sie hatte aber auch ein weiches Gemüt; denn als wir nach dem Tee um das Feuer saßen und Mr. Peggotty eine Hindeutung auf den Verlust, den ich erlitten hatte, machte, traten ihr die Tränen in die Augen, und sie sah mich über den Tisch so freundlich an, daß ich ihr wirklich dankbar war. »Ah!« sagte Mr. Peggotty, indem er ihre Locken nahm und sie wie Wasser über die Hand laufen ließ, »hier ist auch eine Waise, Sir. Und hier,« sagte Mr. Peggotty und gab Ham mit der Rückseite der Hand einen leisen Schlag auf die Brust, »hier ist noch eine Waise, obgleich man es ihnen nicht sehr anmerkt.« »Wenn ich Sie zum Vormund hätte, Mr. Peggotty,« sagte ich und schüttelte mit dem Kopf, »so glaube ich wohl, ich würde es auch nicht so sehr fühlen.« »Schön gesagt, Master Davy!« rief Ham ganz entzückt. »Hurra! Schön gesagt! Nein, das täten Sie auch nicht! Hört, hört!« – Hierbei klopfte er in freundschaftlicher Erwiderung des erhaltenen Puffs Mr. Peggotty auf die Brust, und die kleine Emilie stand auf und küßte Mr. Peggotty. »Und was macht Ihr Freund, Sir?« sagte Mr. Peggotty zu mit. »Steerforth?« sagte ich. »Ja ja, den meine ich«, erwiderte Mr. Peggotty. »Ich wußte doch, sein Name gehörte zu unserm Gewerbe.« »Du sagtest immer, er hieße Rudderforth«, lachte Ham. »Na« – verteidigte sich Mr. Peggotty – »Ruder oder Steuer, das ist kein so großer Unterschied. – Also wie geht's ihm, Sir?« »Er war ganz wohl, als ich ihn verließ, Mr. Peggotty.« »Ja, das ist ein Freund!« sagte Mr. Peggotty und streckte seinen Arm mit der Pfeife vor sich aus. »Das ist ein Freund, wenn Ihr von Freunden sprecht! Gott soll mich ewig leben lassen, wenn es nicht eine Freude ist, ihn anzusehen.« »Er ist sehr hübsch, nicht wahr?« sagte ich, und mein Herz wurde warm bei diesem Lobe. »Hübsch!« rief Mr. Peggotty. »Er steht vor einem wie – wie ein – na, ich weiß wahrhaftig nicht, wie er vor einem steht. Er ist so, er hat so etwas keckvornehmes!« »Ja, das ist gerade sein Charakter«, sagte ich. »Er ist mutig wie ein Löwe; Sie können sich nicht denken, wie freimütig er ist, Mr. Peggotty.« »Und ich vermute,« sagte Mr. Peggotty und sah mich durch den Rauch seiner Pfeife an, »daß ihm in der Gelehrsamkeit fast keiner nahe kommt.« »Ja,« sagte ich voll Freuden, »er weiß alles. Er ist wunderbar gescheit.« »Das nenne ich einen Freund!« murmelte Mr. Peggotty mit einem ernsten Wiegen des Kopfes. »Nichts scheint ihm auch nur die geringste Mühe zu machen«, sagte ich. »Er kann seine Aufgaben, nachdem er sie kaum angesehen hat. Er ist der beste Ballschläger, den ich kenne; im Brettspiel gibt er Ihnen so viel Steine vor, als Sie wollen, und er schlägt Sie ohne Mühe.« Mr. Peggotty nickte wieder mit dem Kopfe, als wollte er sagen: Das versteht sich von selbst. »Und ein Redner ist er,« fuhr ich fort, »daß er jeden für sich gewinnen kann, Sir; und ich weiß nicht, was Sie sagen würden, wenn Sie ihn singen hörten, Mr. Peggotty.« Mr. Peggotty nickte wieder mit dem Kopfe, als wollte er sagen: Das glaube ich recht gern. »Und er ist so edelmütig, eine so vornehme Natur,« sagte ich, ganz von meinem Gegenstande eingenommen, »daß man ihn überhaupt kaum nach Gebühr loben kann. Ich kann nie genug Dankbarkeit fühlen für die edelmütige Art, wie er mich, den soviel jüngeren und geringeren, auf der Schule beschützt hat.« So redete ich eifrig fort, und mitten in meinem Eifer fielen meine Augen auf die kleine Emilie. Sie saß da, über den Tisch gebeugt, und hörte mit der tiefsten Aufmerksamkeit zu, während ihr Atem stockte, ihre blauen Augen wie Saphire glänzten und ihr das Blut in die Wangen stieg. Sie sah so wunderbar begeistert und lieblich aus, daß ich erstaunt innehielt: mit mir zugleich beobachteten sie die andern alle, denn als ich innehielt, lachten sie und sahen sie an. »Emilien geht's wie mir,« sagte meine Peggotty, »sie möchte ihn auch gern mal sehen.« Emilie war ganz verlegen geworden, ließ den Kopf hängen und wurde noch röter als vorher. Als sie gleich danach wieder aufblickte, durch die ihr in die Stirn hängenden Locken blinzelte und bemerkte, daß man sie immer noch ansah (ich meinesteils hätte sie stundenlang ansehen können), lief sie fort und blieb weg, bis es fast Schlafenszeit war. Ich legte mich in das alte kleine Bett im Bootsspiegel, und der Wind strich klagend über die Dünen, wie ehedem. Doch jetzt konnte ich mich nicht des Gedankens erwehren, daß er um die Dahingeschiedene klagte. Aber statt der Vorstellung, daß die See in der Nacht anschwellen und das Boot fortschwemmen könnte, dachte ich an das Unwetter, das dahergebraust war, seit ich zuletzt diesen Ton gehört, und das meine glückliche Heimat zerstört hatte. Ich weiß, als das Tosen des Windes und das Branden der Wellen schwächer zu werden schien, schob ich noch einen kleinen Zusatz in mein Abendgebet, daß ich ein Mann werden und Klein-Emily heiraten möchte, und schlief dann ganz glückselig ein. Die Tage vergingen ziemlich ebenso wie früher, nur – und das war freilich ein großer Unterschied – daß die kleine Emilie und ich nur selten am Strande spazieren gingen. Sie hatte Schulaufgaben auswendig zu lernen und zu nähen und war einen großen Teil des Tages abwesend. Aber ich fühlte, daß diese alten Spaziergänge auch unter andern Umständen weggefallen wären. So ausgelassen und voll kindischer Einfälle Emilie war, so war sie doch schon viel mehr Jungfrau, als ich glaubte. Sie schien in wenig mehr als einem Jahre für mich viel weiter entrückt worden zu sein! Sie hatte mich gern, aber sie lachte mich aus und quälte mich; wenn ich ihr entgegen ging, suchte sie sich einen andern Weg aus und empfing mich lachend an der Tür, wenn ich enttäuscht und mißvergnügt zurückkehrte. Die beste Zeit hatte ich, wenn sie an der Tür saß und arbeitete, und ich ihr auf der Schwelle, zu ihren Füßen, vorlas. Es kommt mir noch jetzt so vor, als ob ich niemals wieder solchen Sonnenschein gesehen hätte, wie an jenem schönen Aprilnachmittag, daß ich niemals eine so sonnige kleine Gestalt gesehen habe, als damals an der Tür des alten Bootes, daß ich niemals einen solchen Himmel gesehen habe, solches Wasser und solche herrlichen Schiffe, die in die goldene Luft hinaussegelten. Schon am ersten Abend nach unserer Ankunft erschien Mr. Barkis mit sehr einfältigem Gesicht und in sehr linkischer Weise, mit einer Anzahl Apfelsinen in einem Taschentuch. Da er weiter nichts von diesem Paket sagte, so glaubten wir, er habe es aus Zufall vergessen, als er wegging, bis Ham, der ihm nacheilte, mit der Nachricht zurückkam, daß es für Peggotty bestimmt sei. Nach diesem Tage erschien er jeden Abend genau um dieselbe Stunde und stets mit einem kleinen Paket, von dem er nie sprach und das er regelmäßig hinter die Tür legte und dort zurückließ. Diese Liebesgaben waren von der verschiedensten und seltsamsten Art. Ich erinnere mich zum Beispiel an ein paar Schweinsfüße, ein großes Nadelkissen, ungefähr eine halbe Metze Äpfel, ein Paar schwarze Ohrringe, ein Bund Schalotten, ein Dominospiel, einen Kanarienvogel in einem Käfig und im eine gepökelte Schweinskeule. Mi. Barkis Liebeswerbung war von ganz eigentümlicher Art. Er sprach selten ein Wort, sondern saß meistens beim Feuer, ziemlich in derselben Stellung wie auf seinem Wagen, und glotzte Peggotty an, die ihm gegenüber saß. Eines Abends fuhr er, von Liebe begeistert, hastig auf das Stückchen Wachslicht zu, nahm es weg, steckte es in die Westentasche und hieß es mitgehen. Nach diesem Vorfalle war es sein Hauptspaß, sobald Peggotty danach fragte, es aus der Tasche zu holen, was nicht ganz leicht war, denn es war unterdessen halb geschmolzen und klebte regelmäßig an dem Futter der Tasche fest. Es schien ihm bei uns sehr zu gefallen, aber er fühlte sich durchaus nicht berufen, ein Wort zu sprechen. Selbst wenn er Peggotty ein Stündchen am Strande spazieren führte, war ihm daran schwerlich viel gelegen, denn er begnügte sich dann, manchmal zu fragen, ob sie wohlauf sei; und ich erinnere mich, daß sich Peggotty manchmal, wenn er fort war, die Schürze vor das Gesicht hielt und eine halbe Stunde lang lachte. In der Tat belustigten wir uns alle mehr oder weniger über ihn, außer der unglücklichen Mrs. Gummidge, deren Brautstand wohl ganz ähnlicher Art gewesen sein mußte, denn sie wurde durch diese Fälle beständig daran erinnert. Als endlich der letzte Tag meines Besuches nahe war, sagte man mir, daß Peggotty und Mr. Barkis zusammen eine Reise machen und Emilie und ich sie begleiten sollten. In Erwartung des Vergnügens, mich einen ganzen Tag der Gegenwart Emiliens zu erfreuen, hatte ich die Nacht vorher nur wenig Ruhe. Schon frühzeitig waren wir alle auf den Beinen; während wir noch beim Frühstück saßen, erschien Mr. Barkis von fern mit seinem Korbwagen, dem Ziel seiner Liebe zusteuernd. Peggotty hatte wie gewöhnlich ihre netten, bescheidenen Trauerkleider an; aber Mr. Barkis blühte in einem neuen blauen Rocke, zu dem ihm der Schneider so reichlich Maß genommen hatte, daß die Ärmelaufschläge im kältesten Wetter Handschuhe unnötig gemacht hätten, während sich der Kragen so hoch aufsteifte, daß er seine Haare auf dem Scheitel empordrängte. Die gelben Knöpfe waren vom größten Kaliber. Vervollständigt mit hellgrauen Beinkleidern und einer gelben Weste, hielt ich Mr. Barkis für ein Wunder von Vornehmheit. Als wir alle reisefertig vor der Tür standen, fand ich, daß Mr. Peggotty einen alten Schuh hatte, der des Glückes wegen hinter uns her geworfen werden sollte, und den wir zu diesem Zwecke Mrs. Gummidge anboten. »Nein, lieber sollte es jemand anders tun«, sagte Mrs. Gummidge. »Ich bin immer ein einsames und verlassenes Geschöpf gewesen; und alles, was mich an ein Geschöpf erinnert, das nicht einsam und nicht verlassen ist, geht konträr mit mir.« »Ei, nicht doch, Alte!« rief Mr. Peggotty. »Hier nimm und wirf ihn!« »Nein, Daniel!« winselte Mrs. Gummidge und schüttelte den Kopf mit tränenden Augen. »Wenn mir nicht alles so zu Herzen ginge, könnt ich's tun. Ihr fühlt das nicht so wie ich. Euch geht auch nicht alles so konträr, und Ihr seid auch niemand im Wege. Tut's darum lieber selbst!« – Aber hier rief Peggotty, die mit großer Eilfertigkeit von einem zum andern gegangen war und alle geküßt hatte, aus dem Wagen, worin wir bereits saßen (Emilie und ich auf zwei kleinen Stühlen nebeneinander), daß es Mrs. Gummidge durchaus tun müsse. Darauf gehorchte Mrs. Gummidge und dämpfte leider durch einen traurigen Schatten den festlichen Charakter unserer Reise, indem sie in Tränen ausbrach und mit der Erklärung, daß sie wisse, aller Welt zur Last zu sein, und wünschte, ins Armenhaus gebracht zu werden, Ham in die Arme sank. Ich fand den Gedanken sehr vernünftig und wünschte im stillen, Ham brächte ihn sofort zur Ausführung. Wir traten unterdes unsere Vergnügungsfahrt an; und das erste, was wir taten, war, daß wir vor einer Kirche still hielten, wo Mr. Barkis das Pferd an ein Gitter band und mit Peggotty hineinging, wahrend Emilie und ich im Wagen blieben. Ich ergriff diese Gelegenheit, meinen Arm um Emiliens Hüfte zu legen und ihr vorzuschlagen, daß, da ich bald weggehen müsse, wir uns recht gut sein und den ganzen Tag recht glücklich sein wollten. Da mir's die kleine Emilie erlaubte, sie zu küssen, faßte ich mir ein Herz und sagte ihr, daß ich niemals eine andere lieben würde, und bereit sei, das Blut jedermanns zu vergießen, der nach ihrer Liebe zu streben wagte. Wie die kleine Emilie darüber scherzte, welche gesetzte jungfräuliche Miene sie annahm, als ob sie unendlich viel älter und klüger wäre als ich! Dann sagte die kleine Elfe, ich sei ein törichtes Kind, und lachte dann so liebreizend, daß ich den Schmerz über die demütigende Benennung in der Freude über ihren Anblick vergaß. Mr. Barkis und Peggotty blieben lange in der Kirche, kamen aber endlich wieder zum Vorschein, und dann fuhren wir hinaus aufs Land. Unterwegs wendete sich Mr. Barkis an mich und sagte, indem er schlau ein Auge zudrückte (ich hätte gar nicht geglaubt, daß er dazu imstande wäre): »Was für einen Namen habe ich damals im Wagen angeschrieben?« »Klara Peggotty!« antwortete ich. »Welchen Namen müßte ich jetzt hinschreiben, d. h. wenn ein Brett da wäre?« »Doch wohl wieder Klara Peggotty?« meinte ich. »Klara Peggotty Barkis!« erwiderte er und lachte, daß der ganze Wagen wackelte. Mit einem Worte, sie waren verheiratet und waren zu keinem andern Zwecke in die Kirche gegangen. Peggotty hatte gewünscht, daß es in aller Stille geschähe und keine Zeugen zu der Feierlichkeit eingeladen würden. Sie war etwas verlegen, als Mr. Barkis plötzlich mit der Wahrheit herausplatzte, und konnte mich nicht genug umarmen, um mir ihre unveränderte Liebe zu zeigen; aber sie wurde bald wieder gefaßter und sagte, sie sei froh, daß alles vorbei sei. Wir hielten an einem kleinen Wirtshaus an einer Nebenstraße, wo wir erwartet wurden, ein recht gutes Mittagsmahl einnahmen und den Tag sehr angenehm verbrachten. Wenn Peggotty sich seit zehn Jahren täglich hätte trauen lassen, hätte ihr die Sache nicht geläufiger sein können: es war nicht die mindeste Änderung an ihr zu bemerken, sie war ganz, so wie sonst. Vor dem Tee ging sie noch ein Weilchen mit der kleinen Emilie und mir spazieren, während Mr. Barkis philosophisch seine Pfeife schmauchte und sich vermutlich mit Betrachtungen seines jungen Eheglücks ergötzte. Wenn dem so war, so hatten sie zur Anregung seines Appetits beigetragen, denn ich weiß noch genau, daß er zwar bei Tisch ein gut Teil Schweinebraten und Gemüse, und hinterher noch ein paar Hühner gegessen hatte, aber doch noch kalten gekochten Schinken zum Tee forderte und ohne eine Miene zu verziehen eine tüchtige Portion davon verspeiste. Ich habe mir seitdem oft gedacht, was für eine seltsame, komische und unschuldige Hochzeit dies war! Bald nach Dunkelwerden stiegen wir wieder in den Wagen und fuhren gemütlich zurück, während wir die Sterne ansahen und von ihnen sprachen. Ich leitete hauptsächlich die Unterhaltung und klärte Mr. Barkis' Geist in ganz erstaunlicher Weise auf. Ich erzählte ihm alles, was ich mußte, aber er würde alles geglaubt haben, was mir eingefallen wäre, ihm zu sagen; denn er fühlte die größte Verehrung für meine Gescheitheit und sagte seiner Frau so laut, daß ich es hörte, ich sei ein Wunderkind. Als wir das Thema der Sterne erschöpft hatten, oder vielmehr als ich die geistigen Fähigkeiten von Mr. Barkis erschöpft hatte, benutzten die kleine Emilie und ich ein altes Umhängetuch als Mantel und blieben darin eingehüllt während der ganzen Reise sitzen. O, wie sehr ich sie liebte! Welche Seligkeit, dachte ich, wenn wir verheiratet wären und hinaus in die weite Welt gingen, um unter den Bäumen und in den Feldern zu leben, niemals älter und klüger zu werden, immer Kinder zu bleiben, Hand in Hand im Sonnenschein über blumige Wiesen zu wandeln, abends im Schlummer in Kinderunschuld das Haupt auf das samtene Moos zu legen und nach unserm gemeinsamen Tode von den Vögeln vergraben zu werden! Solche und ähnliche Phantasiebilder, die nicht von dieser Welt waren, verklärt vom Schimmer unserer Unschuld und so hoch in zitternd unbestimmter Ferne über der Wirklichkeit, wie die heiligen Sterne da droben, gingen mir während des ganzen Weges durch den Kopf. Mich freut die Vorstellung, daß auf Peggottys Hochzeit zwei so unverdorbene Herzen waren, wie Emiliens und meins. Mich freut, daß Amor und die Grazien so lieblich bei der schlichten Feier vertreten waren. Wir erreichten noch ziemlich zeitig des Abends wieder das alte Boot; dort nahmen Mrs. und Mr. Barkis Abschied von uns und fuhren gemütlich nach ihrer eigenen Wohnung. Jetzt fühlte ich das erstemal, daß ich Peggotty verloren hatte. Mit blutendem Herzen hätte ich mich unter jedem andern Dache, das die kleine Emilie nicht beschützte, zu Bette gelegt. Mr. Peggotty und Ham wußten recht gut, was mir im Kopfe herumging, und hielten ein luxuriöses Abendessen und ihre freundlichen Gesichter bereit, um mich zu zerstreuen. Die kleine Emilie setzte sich neben mich auf den Koffer, das erste und einzige Mal, während ich da war, und so war es im ganzen ein wundervoller Schluß eines wundervollen Tages. Die Flut war diesmal nachts, und bald nachdem wir uns schlafen gelegt hatten, fuhren Mr. Peggotty und Ham zum Fischen aus. Ich kam mir sehr wichtig vor in dem einsamen Hause allein als Beschützer Emiliens und der Mrs. Gummidge zurückgelassen zu sein, und wünschte nur, daß ein Löwe oder eine Schlange oder ein anderes greuliches Ungeheuer uns angriffe und ich es vernichten und mich mit Ruhm bedecken könnte. Aber da sich für diesen Abend nichts von dieser Art auf den Dünen von Yarmouth herumzutreiben schien, so träumte ich, um den Mangel möglichst zu ersetzen, von Drachen bis zum Morgen. Mit dem Morgen erschien Peggotty wie gewöhnlich, die mich von dem Fenster aus rief, als ob Mr. Barkis, der Fuhrmann, von Uranfang an nichts als ein Traum gewesen wäre. Nach dem Frühstück nahm sie mich mit zu sich, es war ganz herrlich bei ihr, in der kleinen hübschen sauberen Wohnung. Von allen Möbeln in ihrem Heim machte den meisten Eindruck auf mich ein alter Schreibtisch von dunklem Holze, der in der guten Stube stand; die mit roten Steinfliesen gepflasterte Küche diente zugleich als Wohnzimmer. Man konnte den Deckel des Schreibtisches oben zurückschieben, und es wurde ein Pult daraus, worin sich eine große Quartausgabe von Foxes »Martyrologium« befand. Diesen kostbaren Band, aus dem mir kein Wort mehr erinnerlich ist, entdeckte ich sofort und ich machte mich sogleich darüber her; kein einziges Mal habe ich später einen Besuch im Hause gemacht, ohne daß ich auf einen Stuhl kniete, das Schatzkästlein öffnete, worin dies Juwel geborgen war, meine Arme über das Pult breitete und den Inhalt des Buches gierig verschlang. Insbesondere war ich, ich muß es leider sagen, von den zahlreichen Abbildungen erbaut, die alle erdenklichen Greuel und Martern darstellten – aber das Märtyrerbuch und Peggottys Haus waren von Stunde an in meiner Vorstellung unzertrennlich und – sind es noch heute. Schon an diesem Tage verabschiedete ich mich von Mr. Peggotty, von Ham, Mrs. Gummidge und Klein-Emily und brachte die Nacht bei Peggotty zu in einem Dachstübchen (mit dem Krokodilbuch auf einem Brett zu Häupten meines Lagers), das immer für mich da sein und stets für mich in demselben Zustand erhalten werden sollte. »Solange ich lebe, lieber Davy, und dieses Haus habe,« sagte Peggotty, »sollst du es vorfinden, als ob ich dich jede Minute erwartete. Es soll jeden Tag bereit sein, wie ich dein altes kleines Zimmer bereit hielt; und selbst wenn du nach China gingest, soll es während der ganzen Zeit, wo du abwesend bist, immer bereit gehalten werden.« Ich fühlte von ganzem Herzen die Wahrheit und Beständigkeit meiner lieben, alten Wärterin und dankte ihr so gut ich konnte. Das war nicht zum besten, denn sie sagte es mir, die Hände um meinen Hals geschlungen, an dem Morgen, wo ich in dem Wagen mit ihr und Mr. Barkis nach Hause fuhr, wo sie mich vor der Gartentür absetzten. Der Abschied war für uns nicht leicht, und es war für mich ein seltsamer Anblick, den Wagen mit Peggotty fortfahren zu sehen, während ich unter den alten Rüstern vor dem elterlichen Hause stand, wo mich kein Gesicht mit Liebe oder Zuneigung betrachtete. Und jetzt verfiel ich in einen Zustand der Vernachlässigung, auf den ich nicht zurückblicken kann, ohne mich selbst zu bemitleiden. Ich verfiel einer gänzlichen Vereinsamung – ohne freundliche Berücksichtigung, ohne Gesellschaft von andern Knaben meines Alters, ohne eine andere Gesellschaft als meine eigenen trüben Gedanken, die selbst jetzt noch, wo ich dieses schreibe, einen Schatten auf das Papier zu werfen scheinen. Was hätte ich darum gegeben, wenn man mich wieder in die strengste Schule geschickt, wenn man mich nur etwas gelehrt hätte! Keine solche Hoffnung schimmerte mir. Sie konnten mich nicht leiden, und sie übersahen mich hartnäckig und mürrisch: sie behandelten mich, als ob ich Luft wäre! Ich glaube, Mr. Murdstone hatte damals sehr geringe Mittel; aber das tut wenig zur Sache. Er konnte mich nicht ausstehen; und indem er mich vernachlässigte und später fortschickte, da glaubte ich, wollte er vergessen, daß ich einen Anspruch an ihn hatte–und das gelang ihm. Man mißhandelte mich nicht tatsächlich; man schlug und tadelte mich nicht, man ließ mich nicht hungern; aber das Unrecht, das ich erlitt, wurde mir ununterbrochen und in systematischer leidenschaftsloser Weise zugefügt. Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat wurde ich grundsätzlich so kalt behandelt. Ich wundere mich noch manchmal, wenn ich daran denke, was sie getan hätten, wenn ich krank geworden wäre: ob sie mich in meinem einsamen Zimmer hätten schmachten lassen, oder ob mich jemand gepflegt hätte! Waren Mr. und Miß Murdstone zu Hause, genoß ich die Mahlzeiten in ihrer Gegenwart, in ihrer Abwesenheit aß und trank ich allein. Zu allen Zeiten trieb ich mich ganz unbeachtet im Hause und in dessen Nahe herum; nur trugen sie Sorge, daß ich keine Bekanntschaften machte – vielleicht dachten sie, ich könnte mich gegen jemand über sie beklagen. Aus diesem Grunde war es mir wahrscheinlich nur selten erlaubt, einen Nachmittag mit Mr. Chillip zu verleben, obgleich er mich sehr oft einlud: er war Witwer und hatte vor ein paar Jahren seine kleine, dünne, blonde Frau verloren. Und so konnte ich nur selten des Vergnügens teilhaftig werden, einen Nachmittag in seinem Doktorstübchen zu verbringen, ein neues Buch zu lesen, wahrend der Duft sämtlicher Heilkräuter in meine Nase stieg, oder unter seiner freundlichen Anleitung etwas in einem Mörser zu zerstampfen. Aus demselben Grunde, zu dem vermutlich noch die alte Abneigung gegen sie hinzukam, war es mir nur selten erlaubt, Peggotty zu besuchen. Ihrem Versprechen getreu kam sie entweder die Woche einmal zu mir oder sie traf mich irgendwo und kam nie mit leeren Händen; aber wie viele, viele Male täuschte ich mich bitter in der Hoffnung, Erlaubnis zu erhalten, sie in ihrer Wohnung zu besuchen. Ein paarmal wurde es mir indessen, wenn auch nur in großen Zwischenräumen bewilligt, und da erfuhr ich denn, daß Mr. Barkis ein kleiner Geizhals und etwas knickerig war (oder wie sich Peggotty ausdrückte, »etwas genau war«) und viel Geld in dem Koffer unter seinem Bette aufbewahrte, der seiner Angabe nach nur voll Kleider war. Mit so zäher Bescheidenheit verbargen sich seine Reichtümer in diesem Koffer, daß die kleinste Summe nur durch listige Kunstgriffe herauszulocken war, und Peggotty mußte mühsam einen langen Plan, eine wahre Pulververschwörung entwerfen, um jeden Sonnabend das Wirtschaftsgeld für die Woche herauszupressen. Während dieser ganzen Zeit fühlte ich so sehr das Schwinden aller Hoffnungen, die ich gehegt hatte, und meine gänzliche Vernachlässigung, daß ich mich ohne die alten Bücher höchst elend befunden hätte. Sie waren mein einziger Trost und ich las sie, ich weiß nicht, wieviele Male durch. Und nur dadurch geschah es zum Teil, daß die geistigen Fähigkeiten, die ich einst gezeigt hatte, nicht ganz vernachlässigt wurden und versumpften. Jetzt komme ich zu einem Abschnitt in meinem Leben, dessen Erinnerung sich nie verwischen wird, solange mir das Gedächtnis bleibt, und dessen Bild oft ungerufen und wie ein Gespenst vor mir aufgestiegen ist und mich auch in glücklicheren Zeiten heimgesucht hat. Ich war in meiner gewöhnlichen zwecklosen und träumerischen Weise eines Tages umhergestreift, als ich, um eine Ecke in der Nähe unseres Hauses biegend, unvermutet auf Mr. Murdstone, in Begleitung von einem Herrn, stieß. Ich wurde verlegen und wollte vorbeigehen, als der Herr rief: »Sieh da – Brooks!« »Nein, Sir, David Copperfield!« sagte ich. »Sei still«, sagte der Herr. »Du bist Brooks, ›Brooks von Sheffield‹. Das ist dein Name.« Bei diesen Worten sah ich mir den Herrn genauer an. Da mir jetzt auch sein Lachen ins Gedächtnis kam, erkannte ich in ihm Mr. Quinion, den ich damals mit Mr. Murdstone in Lowestoft besucht hatte, ehe – doch ich brauche das nicht noch zu sagen! »Und was machst du und wo gehst du in die Schule, Brooks?« sagte Mr. Quinion. Er legte seine Hand auf meine Schulter und drehte mich um, damit ich mit ihnen gehe. Ich wußte nicht, was ich antworten sollte, und blickte Mr. Murdstone unschlüssig an. »Er ist jetzt zu Hause«, sagte dieser. »Er geht gar nicht in die Schule. Ich weiß nicht, was ich mit ihm anfangen soll. Es ist ein schwieriger Fall.« Der alte falsche Blick ruhte wieder ein Weilchen auf mir; dann zog er grollend die Brauen zusammen, als er sich mit Widerwillen von mir abwandte. »Hm!« sagte Mr. Quinion und sah uns beide an. »Schönes Wetter heute!« Eine Pause folgte, und ich überlegte, wie ich mich von ihm am besten losmachen und fortgehen könnte, als er sagte: »Ich glaube, du bist noch ein ziemlich gescheites Kerlchen! He! Brooks?« »Ja, er ist gewitzig genug«, sagte Mr. Murdstone ungeduldig. »Ich rate Ihnen, lassen Sie ihn gehen. Er wird's Ihnen nicht Dank wissen, daß Sie ihn hier festhalten.« Mr. Quinion ließ mich aus diese Andeutung hin los, und ich beeilte mich, nach Hause zu kommen. Als ich mich beim Eintreten an der Gartentür umdrehte, sah ich, daß Mr. Murdstone am Kirchhofe stehen geblieben war und daß Mr. Quinion auf ihn einsprach. Sie sahen mir beide nach, und ich merkte, daß sie von mir sprachen. Mr. Quinion blieb diese Nacht bei uns. Nach dem Frühstück am nächsten Morgen setzte ich meinen Stuhl fort und wollte soeben das Zimmer verlassen, als mich Mr. Murdstone zurückrief. Er ging dann feierlich nach einem andern Tische, wo seine Schwester an ihrem Schreibpult saß. Mr. Quinion sah, die Hände in die Taschen gesteckt, zum Fenster hinaus, und ich stand vor ihnen und blickte sie alle erwartungsbange an. »David,« sagte Mr. Murdstone, »für die Jugend ist dies eine Welt der Tätigkeit, aber keine Welt zum Brüten und Nichtstun.« – »Wie du es machst«, fügte seine Schwester hinzu. »Jane Murdstone, überlasse es mir, wenn es dir gefällig ist. – Ich sage, David, für die Jugend ist dies eine Welt der Tätigkeit und nicht zum Brüten und Nichtstun; hauptsächlich für einen Knaben von deinem Charakter, der sehr der strengen Zucht bedarf und dem kein größerer Dienst geleistet werden kann, als wenn man ihn zwingt, sich den Gewohnheiten der arbeitenden Welt anzubequemen, um seinen Trotz zu biegen und zu brechen.« »Denn mit Trotz ist es hier nichts«, sagte seine Schwester. »Er muß geduckt werden. Und geduckt soll er werden.« Er warf ihr einen halb abmahnenden, halb billigenden Blick zu und fuhr fort: »Ich glaube, du weißt, David, daß ich nicht reich bin. Jedenfalls weißt du es jetzt. Du hast schon eine ziemliche Erziehung und Schulbildung erhalten. Erziehung ist eine teure Sache; und selbst wenn das nicht der Fall wäre und ich das Geld dazu übrig hätte, so halte ich es nicht für vorteilhaft für dich, in einer Schule zu sein. Was vor dir liegt, ist ein Kampf mit der Welt und je eher du damit anfängst, desto besser.« Ich glaube, ich dachte daran, daß ich solchen Kampf in meiner Weise schon begonnen hatte; jedenfalls denke ich es jetzt. »Du hast wohl schon von dem Kontor gehört?« sagte Mr. Murdstone. »Das Kontor, Sir?« wiederholte ich. »Von Murdstone und Grimbys Weingeschäft«, erwiderte er. Ich mochte ihn wohl erstaunt angesehen haben, denn er fuhr hastig fort: »Du hast von dem Kontor gehört, oder von dem Geschäft, oder der Kellerei, oder dem Badeplatz oder von irgend etwas, das damit zusammenhängt?« »Ja, Sir, ich glaube, ich habe von solchem Geschäft gehört«, sagte ich, denn ich erinnerte mich dunkel an das, was ich von seinem und seiner Schwester Einkommen gehört hatte. »Aber ich weiß nicht wann.« »Das ist auch gleichgültig«,«erwiderte er. »Mr. Quinion führt das Geschäft.« Ich sah diesen, der noch immer aus dem Fenster blickte, ehrerbietig an. »Mr. Quinion hat mich wissen lassen, daß er noch ein paar Knaben beschäftigen kann und daß er keinen Grund sieht, warum er nicht auch dich unter denselben Bedingungen dort beschäftigen sollte.« »Da er keine andern Aussichten hat, Murdstone«, bemerkte Mr. Quinion halblaut und sah sich nach uns um. Ohne zu beachten, was jener sagte, fuhr Mr. Murdstone mit ungeduldiger, fast ärgerlicher Miene fort: »Die Bedingungen sind so, daß du genug verdienen kannst, und Essen, Trinken und Taschengeld hast. Deine Wohnung, die ich besorge, bezahle ich; auch deine Wäsche.« »Deren Stückzahl ich festsetzen werde«, sagte seine Schwester. »Für deine Kleider soll auch gesorgt werden,« sagte Mr. Murdstone, »da du sie für die erste Zeit nicht aus eigenen Mitteln wirst schaffen können. Du gehst jetzt also mit Mr. Quinion nach London, um das Leben selbständig zu beginnen.« »Kurz, du bist nun versorgt,« bemerkte seine Schwester, »und wirst deine Pflicht und Schuldigkeit tun.« Obgleich ich recht gut einsah, daß man weiter nichts im Auge hatte, als mich loszuwerden, so weiß ich doch nicht mehr recht, ob ich darob betrübt oder erfreut war. Ich glaube, ich war so bestürzt darüber, daß ich zwischen beiden Empfindungen hin und her schwankte und mich keiner hingab. Auch hatte ich nicht viel Zeit, mit meinen Gedanken klar zu werden, da Mr. Quinion den nächsten Morgen abreisen sollte. Seht mich nun am Morgen des nächsten Tages in einem sehr abgetragenen kleinen weißen Hute mit einem schwarzen Flor darum, als Trauer für meine Mutter, in einer schwarzen Jacke und in einem Paar steifen Manchesterhosen – die Miß Murdstone für die beste Rüstung der Beine in dem mir bevorstehenden Kampfe mit der Welt hielt, seht mich so gekleidet, alle meine weltliche Habe vor mir in einem kleinen Koffer, als einsames, verlassenes Geschöpf (wie Mrs. Gummidge sagen würde) in der Postchaise sitzen, die Mr. Quinion zu dem Londoner Eilwagen nach Yarmouth brachte! Seht, wie unser Haus in der Ferne entschwindet, wie das Grab unter dem Baume, von den sich dazwischenschiebenden Dingen verdeckt wird, bis ich dann auch nicht mehr den über meinen Spielplatz emporragenden schlanken Kirchturm sehe und mir der ganze Himmel so leer vorkommt! Elftes Kapitel. Ich beginne auf eigene Art zu leben, und finde daran keinen Gefallen. Ich kenne jetzt genug von der Welt, um mich fast über nichts mehr zu verwundern oder zu erstaunen; aber es wundert mich dennoch einigermaßen, daß man mich so leichtfertig in einem solchen Alter verstieß. Ein Kind von vortrefflichen Fähigkeiten, mit großer Beobachtungsgabe, von leichten Begriffen, lernlustig, zart, körperlich und geistig leicht verletzbar, sieht es fast wunderbar aus, daß sich niemand meiner im geringsten annahm. Aber es erschien niemand, und ich wurde in meinem zehnten Jahre ein kleiner dienstwilliger Packesel bei Murdstone und Grimby. Das Geschäft von Murdstone und Grimby lag an der Themse unten bei Blackfriars. Umbauten haben seitdem die Stelle verändert, aber es war das letzte Haus in einer engen Straße, die sich hügelabwärts zu dem Fluß zog und am Ende ein paar Stufen hatte, wo die Leute die Boote zu besteigen pflegten. Es war ein baufälliges, altes Haus mit einem eigenen Badeplatz und einer Badestelle, die zur Flutzeit in das Wasser hineinragte und bei der Ebbe im Schlamm stand, im buchstäblichsten Sinn ein Rattennest. Die holzgetäfelten Stuben von hundertjährigem Schmutz und Rauch starrend, die morschen Dielen und Treppen, das Quieken und Rascheln der alten grauen Ratten unten in den Kellern, die Unsauberkeit und Verkommenheit des ganzen Gebäudes, sind nicht wie Vergangenes in meinem Gedächtnis, sondern wie eben Erlebtes. Sie stehen so deutlich vor mir, als ich sie in der unglückseligen Stunde sah, in der ich zuerst dorthin kam, mich mit zitternder Hand an Mr. Quinion haltend. Murdstone und Grimby hatten zahlreiche Verbindungen und mit vielen Leuten zu tun; ihr Hauptgeschäft aber war, gewisse Paketschiffe mit Wein und Branntwein zu versorgen. Ich weiß nicht mehr, wohin diese Schiffe hauptsächlich gingen, aber ich glaube, einige davon fuhren nach Ost- und Westindien, Eine große Menge leerer Flaschen häufte sich infolge dieses Handels alltäglich auf, und eine Anzahl Männer und Knaben waren beschäftigt, diese Flaschen zu untersuchen und zu sondern: gegen das Licht zu halten, die beschädigten beiseite zu legen und die übrigen auszuspülen. Wenn die leeren Flaschen aufgearbeitet waren, so galt es, die gefüllten mit Etiketten zu bekleben, zu korken, zu versiegeln oder in Kisten zu verpacken. Das war meine Arbeit, und ich war einer der damit beschäftigten Knaben. Außer mir waren drei oder vier andre Jungen auf gleiche Weise beschäftigt. Meine Arbeitsstelle wurde mir in einer Ecke des Warenlagers angewiesen, in der mich Mr. Quinion sehen konnte, wenn er sich auf die unterste Sprosse seines Arbeitsstuhles im Kontor stellte und durch ein neben seinem Pult befindliches Fenster spähte. An diese Stelle wurde der älteste der festangestellten Knaben beschieden, an dem ersten Morgen, an dem ich unter so glänzenden Bedingungen mein »selbstständiges« Leben begann, um mich in meine Arbeit einzuweihen. Er hieß Mick Walker und trug eine zerrissene Schürze und eine papierne Mütze. Sein Vater war Kahnführer, wie er mir erzählte, und beim Aufzuge des Lord-Mayors ginge er in einer schwarzen Sammetmütze mit. Dann berichtete er mir gleichfalls, daß unser Hauptgehilfe ein andrer Junge wäre, den er mir unter dem absonderlichen Namen Kartoffelkloß vorstellte. Indessen erfuhr ich, daß er nicht auf diesen Namen getauft war, sondern daß man ihm denselben nur im Geschäft beigelegt hatte, wegen seines blassen kartoffelartigen Aussehens. Der Vater vom Kartoffelkloß war Wasserträger, bekleidete aber daneben auch noch die Stelle eines Feuermanns bei einem der größeren Theater, in dem eine junge Verwandte von Kartoffelkloß, ich glaube es war seine kleine Schwester, Zwergrollen in den Pantomimen gab. Keine Worte können die geheime Seelenqual beschreiben, als ich zu dieser Gesellschaft herabsank, als ich diese täglichen Mitarbeiter mit den Genossen meiner glücklicheren Kinderjahre verglich, um gar nicht einmal Steerforth, Traddles oder meine übrigen Mitschüler anzuführen, als ich in meiner Brust die Hoffnung ganz geknickt fühlte, einst zu einem gelehrten, ausgezeichneten Manne heranzuwachsen. Ich kann nicht beschreiben, wie mich das Bewußtsein niederdrückte, daß mir jetzt gar keine Hoffnung mehr darauf bliebe, nicht beschreiben, wie ich mich meiner Stellung schämte, welche Qual es meiner jungen Seele verursachte, mir zu sagen, daß mit jedem Tage alles was ich gelernt und gedacht, woran ich mich erfreut, was meine Phantasie und mein Streben angeregt hatte, ganz allmählich entschwinden würde und mir unwiederbringlich verloren ginge. So oft sich Mick Walker im Laufe des Vormittags entfernte, mischte ich meine Tränen mit dem Wasser, in dem ich die Flaschen wusch, und schluchzte, als sollte mir die Brust zerspringen. Die Kontoruhr zeigte halb eins, und alles machte sich zum Mittagsessen bereit, als Mr. Quinion ans Fenster klopfte und mich herein rief. Ich gehorchte und fand drinnen einen wohlbeleibten Mann von mittleren Jahren, in einem braunen Überzieher und schwarzen engen Hosen und Schnallenschuhen, mit einem kahlen Kopf, der so glatt war wie ein Ei, und einem vollen, breiten Gesicht. Die Kleider waren schäbig, aber er hatte ungeheuere Hemdkragen, sog. Vatermörder. In der Hand hielt er einen ziemlichen Stock, der seinerzeit ein glänzendes Exemplar gewesen war und noch ein paar große, ehemals schwarze Quasten hatte. Vor der Brust hing ihm eine Lorgnette, wie ich später fand, nur zur Zierde, denn er benutzte sie selten und konnte nichts erkennen, wenn er hindurchsah. »Das ist er«, sagte Mr. Quinion und deutete auf mich. »Das ist Master Copperfield?« sagte der Unbekannte mit einer gewissen affektierten Herablassung in seiner Stimme und in seinem Benehmen, die einen großen Eindruck auf mich machte. »Ich hoffe, Sie befinden sich wohl, Sir.« Ich sagte: Ja, und hoffte das gleiche von ihm. Der Himmel weiß es, es war mir ziemlich schlimm zumute; aber es lag nicht in meiner Art, viel zu klagen, und so sagte ich, ich befände mich »ganz wohl« und hoffe von ihm das gleiche. »Ich befinde mich ganz wohl, Gott sei Dank!« sagte der Unbekannte. »Ich habe einen Brief von Mr. Murdstone empfangen, in dem er mich ersucht, in einem Zimmer in dem hintern Teile meines Hauses, das jetzt unvermietet ist und – und –« platzte der Fremde in einem Anfall von Vertraulichkeit mit einem Lächeln heraus, »als Schlafstube vermietet werden soll, den jugendlichen Anfänger aufzunehmen, den ich jetzt das Vergnügen habe, zu –« hier brach der Unbekannte ab, machte eine theatralische Handbewegung und zog das Kinn in den Hemdkragen zurück. »Das ist Mr. Micawber«, sagte Mr. Quinion zu mir. »Hm!« sagte der Fremde. »Das ist mein Name.« »Mr. Micawber«, sagte Mr. Quinion, »ist mit Mr. Murdstone bekannt. Er sammelt Aufträge für uns, wenn er sie bekommen kann. Mr. Murdstone hat an ihn wegen deiner Wohnung geschrieben; er wird dich als Mieter zu sich nehmen.« »Meine Adresse«, sagte Mr. Micawber, »ist Windsor-Terrasse City Road. Ich – kurz,« sagte Mr. Micawber und fiel aus derselben vornehmtuenden Redeweise plötzlich wieder in den vertraulichen Ton – »kurz, ich wohne dort.« Ich machte eine Verbeugung. »In der Voraussetzung,« sagte Mr. Micawber, »daß Ihre Exkursionen in dieser Metropole bisher nicht sehr ausgedehnt gewesen sein können, und daß es Ihnen einigermaßen schwerfallen dürfte, die Mysterien des modernen Babylon in der Richtung des City Road zu durchdringen – kurz,« sagte Mr. Micawber wieder mit plötzlicher Vertraulichkeit, »daß Sie sich verlaufen könnten, werde ich so frei sein, Sie diesen Abend abzuholen, um Sie in die Kenntnis des nächsten Weges zu meinem Domizil einzuweihen.« Ich dankte ihm von ganzem Herzen, denn es war freundlich von ihm, diese Mühe freiwillig zu übernehmen. »Zu welcher Stunde, Mr. Micawber, soll ich –« »Gegen acht«, sagte Quinion. »Also gegen acht«, sagte Mr. Micawber. »Ich erlaube mir, Ihnen einen guten Morgen zu wünschen, Mr. Quinion. Ich will nicht länger stören.« Er setzte seinen Hut auf und ging hinaus, den Stock unter dem Arme, hochaufgerichtet und ein Liedchen summend, als er das Kontor hinter sich hatte. Mr. Quinion engagierte mich alsdann förmlich als Gehilfen in der Weinniederlage von Murdstone und Grimby mit einem Salär, glaube ich, von sechs Schillingen wöchentlich. Ich weiß nicht mehr genau, ob es sechs oder sieben waren; aber aus der Unsicherheit meiner Erinnerung vermute ich, daß ich erst sechs und später sieben erhielt. Er bezahlte mich eine Woche im voraus – aus seiner Tasche glaube ich, – und ich gab davon dem Kartoffelkloß eine Sixpence, damit er meinen Koffer abends nach Windsor Terrace trage, weil ich ihn, so klein er war, doch noch nicht tragen konnte. Fernere Sixpence zahlte ich für mein Mittagessen, das in einem Stück Fleischpudding und in einem Trunk aus dem nächsten Brunnen bestand und verbrachte die Stunde, die für die Mahlzeit freigegeben war, mit Herumschlendern durch die nächsten Straßen. Abends zur bestimmten Stunde stellte sich Mr. Micawber ein. Ich wusch mir Hände und Gesicht, um mich mit seiner Vornehmheit in größeren Einklang zu bringen, und wir gingen zusammen nach »unsrer« Wohnung, wie ich wohl sagen kann. Unterwegs machte mich Mr. Micawber auf die Namen der Straßen und das Aussehen der Eckhäuser aufmerksam, damit ich am andern Morgen wieder den Rückweg finden könnte. In seinem Hause in der Windsor-Terrasse angekommen; das, wie ich bemerkte, ebenso schäbig war wie er, aber auch wie er soviel wie möglich auf äußern Schein hielt, stellte er mich der Mrs. Micawber vor, einer dünnen und welken und durchaus nicht mehr jungen Dame, die, mit einem Kinde an der Brust, in der Wohnung im ersten Stock saß, denn das ganze Parterre war gar nicht möbliert: die Vorhänge waren aber schlauerweise heruntergelassen, um die Nachbarn zu täuschen. Der Säugling gehörte zu einem Zwillingspaar; und ich will gleich hier bemerken, daß ich während meiner ganzen damaligen Bekanntschaft mit der Familie schwerlich jemals die Brust der Mutter ohne einen der Zwillinge sah. Mit einem der Kinder war sie stets beschäftigt, um es zu nähren. Außerdem waren noch zwei andere Kinder vorhanden: Master Micawber, etwa vier, und Miß Micawber, etwa drei Jahre alt. Dazu kam noch ein junges, schwarzes Dienstmädchen, das beständig den Stockschnupfen zu haben schien und als Waise aus dem benachbarten St. Lukas-Armenhause stammte. Mein Zimmer war unter dem Dache nach dem Hofe hinaus, klein und schmal, weiß und blau gemalt mit Ornamenten, die für meine kindliche Phantasie eine Reihe von Semmeln bildeten, und sehr dürftig möbliert. »Ich hätte nie gedacht,« sagte Mrs. Micawber, als sie mit den beiden Zwillingen herauf kam, um mir meine Behausung zu zeigen, und sich setzte, um Atem zu schöpfen, – »ich hätte nie geglaubt, ehe ich heiratete und noch bei Papa und Mama war, daß ich einmal an fremde Leute würde vermieten müssen. Aber da Mr. Micawber in Bedrängnis ist, müssen alle Rücksichten auf selbstische Gefühle vergessen werden.« Ich sagte: »Jawohl, Madame!« »Mr. Micawbers Bedrängnisse sind in diesem Augenblick gerade fast erdrückend,« fuhr Mrs. Micawber fort, »und ob es möglich sein wird, ihn wieder herauszubringen, weiß ich nicht. Als ich noch zu Hause war bei Papa und Mama, verstand ich kaum, was das Wort in dem Sinne zu bedeuten hat, in dem ich es jetzt gebrauche, aber experientia ist die beste Lehrmeisterin – wie Papa zu sagen pflegte.« Ich weiß nicht mehr recht, ob sie mir sagte, daß Mr. Micawber Marineoffizier gewesen wäre, oder ob ich es mir nur einbildete. Ich weiß nur noch, daß ich bis zu dieser Stunde glaube, daß er einmal bei der Marine gewesen ist, ohne einen Grund für diese Annahme anführen zu können. Gegenwärtig war er eine Art Stadtreisender für verschiedene Häuser, machte aber, wie ich fürchte, wenig oder gar keine Geschäfte dabei. »Wenn Mrs. Micawbers Gläubiger nicht warten wollen,« sagte Mr. Micawber, »so müssen sie die Folgen tragen; und je eher desto besser. Blut läßt sich aus keinem Steine pressen, und auf Abschlag kann Mr. Micawber jetzt nichts bezahlen, von Gerichtskosten ganz abgesehen.« Ich weiß nicht, ob meine frühreife Selbständigkeit Mrs. Micawber über mein Alter irre machte oder ob die Sache sie so sehr erfüllte, daß sie davon sogar den Zwillingen erzählt hätte, wenn sie niemand anders gehabt hätte – aber in diesem Tone fing sie an und redete weiter, während der ganzen Zeit unseres Zusammenwohnens. Die arme Mrs. Micawber! Sie habe sich keine Mühe verdrießen lassen, sagte sie; und daran zweifle ich nicht. Die Haustür war halb verdeckt von einer großen Messingplatte mit der Aufschrift: »Mrs. Micawbers Pension für junge Damen«, aber ich erfuhr nie daß sich hier eine junge Dame in Pension gegeben hätte oder angemeldet worden wäre. Die einzigen Besuche, die das Haus empfing, waren Gläubiger. Diese kamen freilich zu allen Stunden des Tages, und waren manchmal fuchsteufelswild. Ein Mann mit schmutzigem Gesicht – ich glaube, es war ein Schuster – pflegte z. B. schon um sieben Uhr morgens in den Flur zu kommen und die Treppe hinaufzurufen: »Mr. Micawber! kommen Sie nur heraus! Ich weiß, daß Sie noch zu Hause sind! Wollen Sie mich bezahlen – he?! Verstecken Sie sich nur nicht! Das ist gemein und erbärmlich! Pfui, schämen Sie sich was! Wollen Sie bezahlen?! Hören Sie?!! Heraus mit Ihnen!« Als er auf solche Stachelreden keine Antwort erhielt, verstieg er sich in wachsendem Zorne zu »Schwindler!« und »Räuber!« und wenn auch diese Kraftausdrücke wirkungslos blieben, ging er in seiner Wut manchmal so weit, sich auf der Straße gegenüber Mr. Micawbers Wohnung hinzupflanzen und zu dessen Fenstern im zweiten Stocke hinaufzubrüllen, wo, wie er wußte, sein Schuldner wohnte. Dann konnte Mr. Micawber vor Gram und Aufregung dazu gebracht werden – worauf ich einmal durch einen Schrei Mrs. Micawbers aufmerksam gemacht wurde – sich mit dem Rasiermesser nach der Gurgel zu fahren, wenn er auch eine halbe Stunde später mit minutiösester Sorgfalt seine Stiefel putzte und ausging, und mit weltmännischer Gelassenheit eine muntere Arie trällerte. Ganz so elastisch war auch Mrs. Micawber. Ich habe es erlebt, daß sie um drei Uhr Ohnmachtsanfälle bekam, wenn der Steuerbote erschien – und daß sie um vier Uhr mit bestem Appetit panierte Lammsrippchen aß und warmes Ale dazu trank, was mit dem Erlös für zwei zum Pfandleiher gewanderte Teelöffel bezahlt war. Eines Tages, an dem ich zufällig schon um sechs Uhr nach Hause gekommen war, fand ich sie, nachdem eben eine Pfändung stattgefunden hatte, unter der Herdnische in Ohnmacht liegen (natürlich mit einem Zwilling an der Brust), das Haar wild zerrauft, und noch denselben Abend erzählte sie mir, so heiter wie noch nie, mit einem Kalbskotelett am Herdfeuer beschäftigt, Geschichten von ihrem Papa und ihrer Mama und von den Gesellschaften, die sie zu geben pflegten. In diesem Hause, bei dieser Familie verbrachte ich meine freie Zeit. Mein eigenes Frühstück, bestehend aus einem Groschenbrötchen und Milch für einen Groschen, besorgte ich mir selbst, ebenso reservierte ich mir auf einem bestimmten Brett eines bestimmten Schrankes ein anderes kleines Laibchen mit einem bißchen Käse zum Abendessen, wenn ich nach Hause kam. Daß dies schon ein fühlbares Loch in meinen mit sechs oder sieben Schillingen gefüllten Beutel machte, wußte ich wohl: mußte ich mich doch mit dieser Summe die ganze Woche beköstigen! Kurz – von Montag früh bis Sonntag abends spät keinen Rat, keine Ermunterung, keinen Trost, keine hilfreiche Hand irgend einer Art von irgend jemand. Und das ist die Wahrheit, so wahr ich selig zu werden hoffe! Ich war so jung und kindisch und so wenig geeignet, ohne Beaufsichtigung für mich zu sorgen (wie hätte es auch anders der Fall sein können), daß ich oft früh, wenn ich zu Murdstone und Grimby ging, dem Anblick des zum halben Preise in einem Konditorladen ausgestellten altbackenen Kuchens nicht widerstehen konnte und dazu das Geld verwendete, das zu meinem Mittagsessen bestimmt war. Dann fastete ich mittags oder kaufte mir ein Brötchen oder eine Schnitte Pudding. Ich erinnere mich an zwei Puddingladen, die ich abwechselnd mit meiner Kundschaft erfreute, je nach dem Stande meiner Finanzen. Der eine befand sich in einem Hofe dicht hinter der St. Martinskirche, die jetzt abgebrochen ist. Der Pudding von dort war mit Johannisbeeren gefüllt und besonders gut, aber freilich auch teuer, denn für zwei Pence gab es nur so viel, wie wo anders weniger gute Ware für einen Penny. Ein guter Laden für diesen billigern war am Strand in einer Gegend, die heutzutage gleichfalls umgebaut ist. Das war ein schwerer, quadderiger Pudding mit Rosinen darin, aber äußerst dünn gesät. Er war gerade immer warm aus dem Ofen zu haben, wenn ich vorbeikam, und das war so manchen Tag mein ganzes Mittagessen. Wenn ich regelrecht und gut zu Mittag aß, so nahm ich eine gekochte Rindfleischwurst und ein Groschenbrötchen, oder einen Teller Rindfleisch für vier Pence aus einer Garküche, oder Brot und Käse und ein Glas Bier aus einer elenden Winkelkneipe, unserm Geschäft gegenüber, die sich stolz »Zum Löwen« nannte, vielleicht auch gar »Zum goldenen Löwen« – ich habe die genaue Bezeichnung vergessen! Einmal, ich kann mich noch daran erinnern, trug ich mein Brot, in Papier eingewickelt, wie ein Buch unter dem Arme, ging in ein renommiertes flottes Speisehaus in Drury Lane und bestellte mir eine halbe Portion Boeuf à la mode, das dort einen Ruf hatte. Was der Kellner gedacht haben mag, als ich so mutterseelenallein eintrat, weiß ich nicht, aber ich sehe ihn noch, als ob es gestern gewesen wäre, wie er auch noch den andern Kellner holte, um mich gemeinschaftlich mit ihm anzustarren. Ich gab ihm einen halben Penny Trinkgeld und wünschte nur, er hätte ihn nicht genommen. Wir hatten, glaube ich, eine halbe Stunde Vesperzeit. Wenn ich hinreichend Geld hatte, ließ ich mir ein Quart Melangekaffee geben mit Butterbrot. Hatte ich keines, so ging ich auf die Suche und sah mich an dem Schaufenster einer Wildbrethandlung in Fleetstreet satt, oder ich schlenderte bis zum Coventgardenmarkt und gaffte die Ananasse an. Ich schlenderte sehr gern umher, namentlich in Adelphi, wo mir die dunkeln Bogengänge so verhängnisvoll vorkamen. Ich sehe mich noch eines Abends aus einem dieser Bogen treten und mich einer kleinen Schenke bei dem Fluß nähern, vor der sich eine freie Stelle befand, auf der ein paar Kohlenträger miteinander tanzten. Ich setzte mich auf eine Bank und sah ihnen zu. Was sie wohl von mir gedacht haben mögen! Ich war noch so sehr Kind und noch so klein, daß oft, wenn ich in ein fremdes Wirtshaus trat und ein Glas Ale oder Porter forderte, um mein Hungerleidermahl damit hinunterzuspülen, daß sie es mir oft zu geben zauderten. Ich weiß noch, wie ich an einem warmen Abende an das Büfett eines Bierhauses trat und zu dem Wirte sagte: »Was kostet das Glas von Ihrem allerbesten Ale?« denn es war eine besonders festliche Gelegenheit, vielleicht gar mein Geburtstag. »Zwei einen halben Pence ist der Preis für das echte extrastarke«, sagte der Wirt. Dann sagte ich und legte das Geld hin: »Geben Sie mir ein Glas von dem echten Doppel-Ale, frisch vom Fasse – aber bitte eine schöne Schaumkappe mit drauf.« Der Wirt hinter dem Schenktisch sah mich von Kopf bis zu Füßen mit einem seltsamen Lächeln auf seinem Gesichte an; und anstatt das Bier aus dem Fasse einzuschenken, blickte er hinter die spanische Wand und sagte etwas zu seiner Frau. Sie kam hervor, ihre Näharbeit in der Hand, und musterte mich jetzt auch. Und ich sehe uns drei noch ganz deutlich vor mir. Der Wirt in Hemdärmeln lehnte gegen das Fensterkreuz des Schenkzimmers, die Frau sah über die halbe Zwischentür, und ich, außerhalb des Verschlages stehend, blickte verdutzt zu ihnen auf. Sie fragten mich vielerlei, wie ich heiße, wie alt ich sei, wo ich wohne, was ich treibe und wie ich dazu komme? Auf alle diese Fragen erfand ich, um niemand zu kompromittieren, passende Antworten. Dann versorgten sie mich mit Bier, obgleich ich vermute, daß es nicht das echte, extrastarke Doppel- Ale war; und als ich damit fertig war, öffnete die Frau des Wirtes die Klappe des Buffetts, beugte sich über mich, gab mir mein Geld zurück und einen Kuß dazu, der halb bewundernd und halb mitleidig, aber recht mütterlich war. Ich weiß, ich übertreibe nicht unbewußt oder unabsichtlich die Knappheit meiner Einkünfte oder die Schwierigkeit meines damaligen Lebens. Ich weiß, daß wenn mir Mr. Quinion einen Schilling gab, ich ihn für Mittagbrot oder Vesper verwendete. Ich weiß, daß ich von früh bis spät abends als ärmliches Kind unter Männern und Knaben der untersten Stande arbeitete. Ich weiß, daß ich mich in den Straßen umhertrieb, unzweckmäßig und ungenügend ernährt. Ich weiß, daß ich ohne die Barmherzigkeit Gottes infolge der Vernachlässigung, die man gegen mich übte, ein kleiner Dieb oder Taugenichts hätte werden können. Dennoch nahm ich bei Murdstone und Grimby eine gewisse Sonderstellung ein. Außer daß Mr. Quinion tat, was ein so viel beschäftigter und im ganzen so oberflächlicher Mann tun konnte, um mich auf anderm Fuße als die übrigen zu behandeln, äußerte ich niemals gegen meine Gefährten, wie ich an diesen Ort gekommen war, und nie im mindesten verriet ich, daß ich darüber bekümmert war. Daß ich im geheimen aufs tiefste litt, erfuhr niemand außer mir. Wie sehr ich litt, läßt sich gar nicht mit Worten schildern, wie ich schon sagte. Aber ich behielt meinen Schmerz für mich und verrichtete meine Arbeit. Ich begriff von vornherein, daß wenn ich nicht ebensogut wie die übrigen arbeitete, ich mich nicht vor Geringschätzung und Mißachtung schützen könnte. Bald wurde ich auch mindestens so flink und anstellig wie irgend einer der andern Lehrlinge, und obwohl ich mich immer freundlich zu ihnen zeigte, waren mein Betragen und meine Manieren doch so verschieden von den ihrigen, daß sich eine natürliche Grenze zwischen uns bildete. Die Männer nannten mich gewöhnlich »das Herrchen« oder »den jungen Suffolker«. Ein gewisser Gregory, der oberste der Packer, und ein anderer namens Tipp, der Rollkutscher, der eine rote Jacke trug, redeten mich zuweilen »David« an, aber ich glaube, es war in besonders vertraulichen Momenten, oder wenn ich mich bemüht hatte, sie bei der Arbeit zu unterhalten mit irgend einer Erzählung aus den früher gelesenen Büchern, die jetzt rasch meinem Gedächtnis entschwanden. Kartoffelkloß rebellierte einst gegen meine Ausnahmestellung, aber Mick Walker legte es ihm im Umsehen. Den Gedanken an eine Erlösung aus diesem Dasein hatte ich ganz aufgegeben. Ich bin fest überzeugt, daß ich mich nicht eine Stunde lang damit aussöhnte oder mich anders als höchst unglücklich fühlte, aber ich duldete still, und selbst Peggotty entdeckte ich teils aus Liebe zu ihr und teils aus Scham in keinem Briefe die Wahrheit, obgleich ich viele schrieb. Mr. Micawbers Verlegenheiten vermehrten noch die Last auf meinem Gemüte. In meiner Verlassenheit wurde ich der Familie ordentlich zugeneigt und ging herum, beschäftigt mit Mr. Micawbers Berechnungen von Auskunftsmitteln und beschwert mit der Last von Mr. Micawbers Schulden. Sonnabend nachmittag, wo mein Hauptfest war – teils weil es etwas Großes war, mit sechs oder sieben Schilling in der Tasche nach Hause zu gehen, nach den Läden zu blicken und zu denken, was man mit einer solchen Summe alles kaufen könne, teils weil ich zeitig nach Hause ging – machte mir Mrs. Micawber im Vertrauen die herzzerreißendsten Mitteilungen; auch Sonntags früh, wo ich die Portion Tee oder Kaffee, die ich mir des Abends zuvor gekauft hatte, in einem kleinen Rasiertopf wärmte und lange beim Frühstück blieb. Es war gar nicht ungewöhnlich, daß Mr. Micawber zu Anfang dieser Sonnabendsunterhaltung heftig schluchzte und gegen Ende ein lustiges Lied zum besten gab. Es kam vor, daß Mr. Micawber in Tränen gebadet zum Abendessen nach Hause kam und erklärte, jetzt bliebe ihm nur noch das Gefängnis übrig, und zu Bette ging, mit einer Berechnung beschäftigt, wieviel es wohl kosten würde, seine Wohnung mit Erkerfenstern ausstatten zu lassen, für den Fall, »daß sich etwas finden sollte«, wie seine Lieblingsredensart lautete. Und Mrs. Micawber war genau ebenso. Eine merkwürdige freundschaftliche Gleichheit, die vielleicht ihren Ursprung in unsern gegenseitigen Verhältnissen fand, entsprang zwischen mir und diesen Leuten trotz der lächerlichen Verschiedenheit unserer Jahre. Aber nie ließ ich mich bewegen, eine der vielen Einladungen, mit ihnen zu essen oder zu trinken, anzunehmen, denn ich wußte recht gut, daß sie mit Bäcker und Fleischer schlecht standen und oft nicht zuviel für sich hatten, bis Mrs. Micawber mir ihr ganzes Vertrauen schenkte. Dies tat sie eines Abends mit folgenden Worten: »Master Copperfield,« sagte Mrs. Micawber, »ich betrachte Sie nicht als Fremden und stehe daher nicht an, Ihnen zu sagen, daß Mr. Micawbers Geldverlegenheiten jetzt zu einer Krisis kommen.« Das betrübte mich tief, und ich sah Mrs. Micawbers rote Augen mit der größten Teilnahme an. »Mit Ausnahme der Kruste von einem Holländer Käse – die doch für kleine Kinder nicht zum Essen taugt –« sagte Mrs. Micawber, »ist auch buchstäblich kein Krümchen mehr in der Speisekammer. Als ich mich noch bei Papa und Mama befand, war ich gewohnt, von der Speisekammer zu sprechen, und ich brauche das Wort, fast ohne es zu wissen. Ich will damit nur sagen, daß nichts zu essen im Hause ist.« »O Gott!« sagte ich ganz erschrocken. Ich hatte noch zwei oder drei Schillinge von meinem Wochengelde in der Tasche – woraus ich schließe, daß es Mittwoch abend gewesen sein muß – zog sie eilfertig aus der Tasche und bat Mrs. Micawber mit aufrichtig gefühlter Teilnahme, sie als Darlehen anzunehmen. Aber sie küßte mich, steckte mir wieder das Geld in die Tasche und sagte, daß daran nicht zu denken sei. »Nein, lieber Master Copperfield,« sagte sie, »das sei ferne von mir! Aber Sie sind verständig über Ihre Jahre hinaus und können mir einen andern Dienst erweisen, wenn Sie wollen, und einen Dienst, den ich mit Dank annehmen werde.« Ich bat Mrs. Micawber, ihn mir zu nennen. »Das Silberzeug habe ich schon selbst verpfändet«, sagte Mrs. Micawber. »Sechs Tee-, zwei Salz- und ein paar Zuckerlöffel habe ich zu verschiedenen Zeiten im geheimen mit eigenen Händen versetzt. Aber die Zwillinge sind ein großes Hindernis; und für mich mit meinen Erinnerungen an Papa und Mama sind diese Gänge sehr schmerzlich. Ein paar Kleinigkeiten können wir immer noch entbehren. Aber Mr. Micawber würden seine Empfindungen nie gestatten, sie persönlich zu versilbern; und Clickitt – das Mädchen aus dem Armenhause – ist eine gemeine Seele und würde sich unangenehme Freiheiten herausnehmen, wenn man ihr so viel Vertrauen schenkte. Master Copperfield, wenn ich Sie bitten dürfte –« Ich verstand jetzt Mrs. Micawber und bat sie, ganz über mich zu verfügen. Schon diesen Abend fing ich an, die tragbaren Gegenstände im Hause zu verwerten, und trat eine ähnliche Expedition fast jeden Morgen an, ehe ich ins Geschäft ging. Mr. Micawber hatte auf einer kleinen Kommode ein paar Bücher, die er seine Bibliothek nannte; diese kamen zuerst an die Reihe. Ich trug eines nach dem andern zu einem Antiquar in City-Road und verkaufte sie um jeden Preis. Die eine Hälfte dieser Straße, in der Nähe unserer Wohnung, war ganz von Buch- und Vogelhändlerläden eingenommen. Der Antiquar, der in einem kleinen Hause unweit seines Standes wohnte, pflegte sich jeden Abend zu betrinken und jeden Morgen von seiner Frau tüchtig ausgescholten zu werden. Mehr als einmal, wenn ich frühzeitig hinging, traf ich ihn noch im Bette, entweder mit einer Wunde in der Stirn oder einem blauen Auge als Erinnerung für seine nächtlichen Ausschweifungen – er mußte Wohl in der Trunkenheit rauflustig sein –, und er suchte dann mit zitternder Hand die nötigen Schillinge in den verschiedenen Taschen seiner Kleider zusammen, die auf dem Boden herumlagen, während sein Weib, mit einem Kind auf den Armen und in niedergetretenen Schuhen, nie aufhörte zu keifen. Manchmal hatte er das Geld verloren, und dann hieß er mich wiederkommen. Aber seine Frau hatte immer ein paar Schillinge – die sie ihm vielleicht während der Trunkenheit aus der Tasche geholt hatte – und schloß den Kauf heimlich auf der Treppe ab, während wir zusammen hinunter gingen. Auch bei dem Pfandleiher wurde ich sehr bekannt. Der Hauptbuchhalter, der hinter dem Ladentisch saß, schenkte mir viel Beachtung, und ließ mich oft, während ich mein Geschäft mit ihm abschloß, ein lateinisches Substantiv oder Adjektiv deklinieren oder ein lateinisches Verbum konjugieren. Nach derartigen Geschäften bereitete mir Mrs. Micawber meistens ein kleines Vergnügen in Gestalt eines bescheidenen Abendessens, und diese Abende hatten für mich immer einen besonderen Reiz. Endlich kamen Mr. Micawbers Bedrängnisse zu einer Krisis, und er wurde eines Morgens früh verhaftet und in das Kings-Bench-Gefängnis in dem Borough gebracht. Als er fortging, sagte er zu mir, daß der Gott des Tages jetzt für ihn versunken sei – und ich glaube wirklich, ihm und mir war das Herz gebrochen. Aber ich hörte später, daß er noch vor Mittag 12 Uhr kreuzvergnügt eine Partie Kegel geschoben hatte. Am ersten Sonntag seiner Verhaftung sollte ich ihn besuchen und bei ihm essen. Ich sollte mich erst bis nach einem Platz durchfragen, dann sollte ich kurz vorher in eine Straße einbiegen, dann würde ich einen Hof sehen, ihn quer überschreiten und immer geradeaus gehen, bis ich zu dem Gefangenwärter käme. Das tat ich alles nach Vorschrift. Als ich endlich den Gefangenwärter fand (ich armes kleines Bürschchen!), dachte ich daran, als Roderick Random im Schuldgefängnis saß, sei ein Mann dort gewesen, der nichts angehabt hätte als eine alte wollene Decke, und ich konnte zuletzt den Schließer nicht mehr sehen, wegen meiner überströmenden Augen und wegen meines klopfenden Herzens. Mr. Micawber wartete auf mich hinter dem Einlaßpförtchen, und wir gingen hinauf in sein Zimmer im vorletzten Stock unter dem Dache und weinten dort sehr. Er beschwor mich feierlich, an seinem Schicksal ein Beispiel zu nehmen und nie zu vergessen, daß ein Mann von zwanzig Pfund Jahreseinkommen glücklich ist, wenn er neunzehn Pfund neunzehn Schilling und sechs Pence verausgabt habe, daß er sich aber zugrunde richtet, wenn er einen Schilling mehr verzehrt. Darauf borgte er mir einen Schilling zu Porter ab, gab mir eine geschriebene Anweisung an Mrs. Micawber für den Betrag, steckte sein Taschentuch ein und wurde wieder seelenvergnügt. Wir setzten uns vor ein kleines Feuer, das, um Kohlen zu sparen, zwischen zwei Ziegelsteinen in dem verrosteten Feuerloch brannte, bis ein anderer Schuldgefangener, Mr. Micawbers Stubengenosse, mit einer gebratenen Schöpskeule vom Backhause kam, die unser gemeinschaftliches Mittagsmahl abgeben sollte. Dann erhielt ich den Auftrag, zu Kapitän Hopkins in die Stube über uns zu gehen, mit vielen Komplimenten von Mr. Micawber, und ich sei sein junger Freund und bäte Kapitän Hopkins um die Gefälligkeit, mir Messer und Gabel zu leihen. Kapitän Hopkins lieh mir Messer und Gabel mit vielen Komplimenten an Mr. Micawber. In seiner kleinen Stube fand ich noch eine sehr schmuddelige Frau und zwei blasse Mädchen, seine Töchter, mit ganz zerrauften Haaren. Mir kam es vor, als ob es besser sei, Kapitän Hopkins' Messer und Gabel, als Kapitän Hopkins' Kamm zu borgen. Der Kapitän selbst befand sich im letzten Stadium verkommener Schäbigkeit mit seinem unverschnittenen und ungekämmten Backenbart und einem alten braunen Überrock, ohne anderes Unterkleid. Ich sah, daß sein Bett in einer Ecke zusammengerollt lag; was er an Tellern, Schüsseln und Töpfen besaß, stand auf einem Brett an der Wand, und ich erriet (Gott weiß wie!), daß zwar die beiden Mädchen mit dem zerzausten Haargeflecht Kapitän Hopkins Kinder wären, die schmuddelige Dame aber nicht mit ihm verheiratet sei. Ich hatte kaum länger als ein paar Minuten schüchtern auf seiner Schwelle gestanden, und dennoch alle diese Bereicherung meiner Kenntnisse mit heruntergebracht, ebenso gewiß, als ich die Gabel und das Messer in meiner Hand hatte. Es war trotzdem etwas Romantisch – Zigeunerhaftes in unserer Mahlzeit. Ich brachte Kapitän Hopkins' Messer und Gabel beizeiten nachmittags wieder hinauf und ging heim, um Mrs. Micawber mit einem Bericht über meinen Besuch zu trösten. Sie fiel in Ohnmacht, als sie mich zurückkehren sah, und machte nachher einen kleinen Krug Eierpunsch zu unsrer Stärkung, wählend wir die Ereignisse des Tages besprachen. Ich weiß nicht, inwiefern die Möbel zum Nutzen der Familie verkauft wurden und wer sie kaufte; nur soviel weiß ich, daß ich es nicht war. Verkauft wurden sie jedoch und in einem großen Möbelwagen fortgefahren, mit Ausnahme des Bettes, einiger Stühle und des Küchentisches. Mit diesen Besitztümern kampierten wir sozusagen in den beiden Wohnstuben des ausgeleerten Hauses auf der Windsor-Terasse: Mrs. Micawber, die Kinder, die stockschnupfige Waise aus dem Armenhaus und ich. So hausten wir in den öden Räumen Tag und Nacht. Ich weiß nicht mehr, wie lange es dauerte, aber es muß sehr lange gewesen sein. Endlich entschloß sich Mrs. Micawber ins Gefängnis überzusiedeln, wo Mr. Micawber jetzt ein eigenes Zimmer erlangt hatte. So trug ich die Hausschlüssel zu dem Besitzer, der sehr froh war, sie wieder in die Hand zu bekommen, und die Betten wurden in die Kings-Bench geschickt, mit Ausnahme des meinigen, für das wir ein kleines Stübchen außerhalb der Umfassungsmauern, aber – zu meiner Befriedigung – in der Nähe dieser segensreichen Anstalt mieteten. Denn Micawbers und ich hatten uns in unsrer Not zu sehr aneinander gewöhnt, um uns zu trennen. Die Waise wurde gleichfalls mit einem wenig kostbaren Unterschlupf in der Nachbarschaft versorgt. Meins war ein stilles Kämmerchen mit schrägem Dach, das einen freundlichen Blick auf einen Zimmerplatz hatte, und als ich davon Besitz ergriff in dem Bewußtsein, daß Mr. Micawbers Schwulitäten nun zu einer Krisis gekommen waren, schien es mir ein wahres Paradies. Die ganze Zeit über arbeitete ich bei Murdstone und Grimby in derselben niedrigen Beschäftigung, mit denselben niedrigen Genossen und mit demselben Gefühl unverdienter Erniedrigung, wie zu Anfang. Aber niemals machte ich, und gewiß zu meinem Glück, eine Bekanntschaft oder sprach mit einem der vielen Knaben, die ich täglich auf dem Wege von und nach der Niederlage oder bei meinem Herumstreifen auf der Straße von Zeit zu Zeit sah. Ich führte dasselbe heimlich unglückliche Leben und in derselben einsamen, selbstgenügsamen Weise. Ich weiß nur von der einzigen Veränderung, daß ich äußerlich noch mehr heruntergekommen war, und daß die Sorge um Mr. und Mrs. Micawber bei weitem weniger auf mir lastete; denn einige Verwandte oder Freunde unterstützten sie jetzt, und sie lebten besser im Gefängnis, als in der letzten Zeit außerhalb dieser Anstalt. Infolge eines Arrangements, dessen Details ich vergessen habe, frühstückte ich jetzt bei ihnen. Auch habe ich vergessen, zu welcher Stunde morgens die Tore geöffnet wurden und ich hineingehen durfte, aber ich weiß noch, daß ich schon oft um sechs Uhr auf war, und daß mein Lieblingsaufenthalt in der Zwischenzeit die alte Londonbridge war. Ich pflegte in einer der steinernen Nischen zu sitzen, die Vorübergehenden zu beobachten oder durch das Geländer zu sehen, wie die Sonne auf das Wasser schien und wie sie die goldene Flamme auf der Spitze des Monumentes erhellte. Hier traf ich manchmal die Waise, der ich dann die ungeheuerlichsten Erdichtungen in bezug auf die Werften und den Tower aufband, von denen ich jetzt nur sagen kann, daß ich sie damals hoffentlich selbst geglaubt habe. Abends pflegte ich wieder das Gefängnis aufzusuchen und mit Mr. Micawber auf der Promenade auf und ab zu spazieren, oder mit Mrs. Micawber Kasino zu spielen und ihre Erinnerungen an Papa und Mama mit anzuhören. Ob Mr. Murdstone wußte, wo ich war, kann ich nicht sagen; bei Murdstone und Grimby sprach ich nie davon. Obgleich Mr. Micawbers Angelegenheiten jetzt über die Krisis hinaus waren, so waren sie doch noch sehr verwickelt wegen eines gewissen Dokumentes, von dem ich viel reden hörte, und das, wie ich jetzt vermute, eine frühere Vereinbarung mit seinen Gläubigern gewesen sein mag. Damals war mir freilich die ganze Geschichte durchaus nicht klar, und ich bin mir bewußt, daß ich es mit jenen teuflischen Pakten verwechselte, die einstmals in Deutschland sehr gebräuchlich gewesen sein sollen. Endlich schien dies Dokument irgendwie aus dem Wege geräumt zu sein, wenigstens hörte es auf, die Klippe zu bilden, die es bisher gewesen war. Mrs. Micawber teilte mir mit, daß »ihre Familie« beschlossen habe, Mr. Micawber sollte sich auf das Bankerottgesetz berufen, wodurch er, wie sie hoffte, binnen sechs Wochen in Freiheit gesetzt werden würde. Endlich war diese Klippe glücklich umschifft und Mrs. Micawber benachrichtigte mich, daß »ihre Familie« beschlossen habe, Mr. Micawber solle sich unter den Schutz des Fallitengesetzes begeben, wodurch seine Befreiung in etwa sechs Wochen in Aussicht stand. »Und dann«, sagte Mr. Micawber, der ebenfalls anwesend war, »bezweifle ich nicht, daß ich mit Gottes Hilfe wieder vorwärts kommen und ein ganz neues Leben anfangen werde, wenn – kurz wenn sich etwas findet.« Um jede Gelegenheit zu benutzen, sich auf alle eintretenden Möglichkeiten vorzubereiten, kann ich mich noch erinnern, daß Mr. Micawber um diese Zeit eine Petition an das Unterhaus um Abänderung der Gesetze über die Schuldhaft entwarf. Ich schalte diese Erinnerung hier ein, weil sie mir ein Beweis ist für die Art, wie ich die alten Bücher meinem neuen Leben anpaßte, und mir selbst Geschichten zurecht machte aus den Straßen und den Menschen darin, und wie sich in einigen Hauptpunkten der Charakter, den ich unwillkürlich zeichne, indem ich mein Leben beschreibe, meiner Meinung nach schon allmählich entwickelt. Es bestand im Gefängnisse ein Klub, in dem Mr. Micawber als Gentleman eine große Autorität genoß. Mr. Micawber hatte den Grundgedanken zu dieser Petition dem Klub kundgegeben, und der Klub hatte ihn lebhaft gebilligt. Darauf machte sich Mr. Micawber, der außerordentlich gutherzig war und tätig wie kein anderer in allen Angelegenheiten fremder Leute, außer in seinen eigenen, und der sich niemals so glücklich fühlte, als wenn er mit irgend etwas zu tun hatte, was für ihn nie den mindesten Nutzen abwarf, – dann machte er sich also über die Petition her, faßte sie ab, schrieb sie fein sauber auf einen großen Bogen Papier, breitete diesen auf einem Tische aus und bestimmte eine Zeit, wo der ganze Klub und alle Gefangenen, die noch Lust hatten, heraufkommen und unterzeichnen sollten. Als ich von der bevorstehenden Feierlichkeit hörte, fühlte ich ein so lebhaftes Interesse, sie alle einzeln heraufkommen zu sehen, obgleich ich die meisten schon kannte und sie mich, daß ich bei Murdstone und Grimby eine Stunde Urlaub auswirkte und meinen Platz in einer Ecke des Zimmers einnahm. So viele von den vornehmsten Mitgliedern des Klubs, als in dem kleinen Zimmer nur irgend Platz finden konnten, umstanden den Tisch und Mr. Micawber, während mein alter Freund, Kapitän Hopkins (der sich der feierlichen Gelegenheit zuliebe gewaschen hatte), in unmittelbarer Nähe der Petition stand, um sie den Beteiligten vorzulesen. Die Türen wurden dann geöffnet, und die übrigen Bewohner des Gefängnisses kamen in langer Reihe hereingeströmt. Es warteten immer mehrere draußen, während einer eintrat, unterschrieb und wieder herausging. Kapitän Hopkins fragte jeden einzeln: »Haben Sie sie gelesen? – Nein! – Soll ich sie Ihnen vorlesen?« Wenn er schwach genug war, nur die mindeste Neigung an den Tag zu legen, sie zu hören, so las sie Kapitän Hopkins mit lauter, sonorer Stimme Wort für Wort vor und schenkte dem Unglücklichen auch nicht das kleinste davon. Der Kapitän hätte sie zwanzigtausendmal gelesen, wenn ihn zwanzigtausend Personen einzeln hätten anhören wollen. Wie deutlich erinnere ich mich noch des Wohlbehagens, mit dem er Sätze las wie: »Die im Parlament versammelten Vertreter des Volks«, oder »die Petenten nahen sich deshalb ehrfurchtsvoll dem hohen Hause,« oder »Seiner Majestät unglückliche Untertanen«, als ob die Worte etwas Wirkliches in seinem Munde waren, das ihm vorzüglich schmeckte. Mr. Micawber hörte während der Zeit mit leiser Autoreneitelkeit zu und betrachtete – aber nicht mit strenger Miene – die Eisenspitzen auf der gegenüberstehenden Mauer. Wenn ich täglich zwischen Southwark und Blackfriars hin und her ging, und während der Essensstunden durch abgelegene Gassen schlenderte, deren Pflaster noch jetzt von meinen Kinderfüßen abgenutzt sein mag, so wundere ich mich, wieviele von den Leuten in der Menge fehlen, die wieder vor meinen Blicken vorbeipassieren beim Echo von Kapitän Hopkins Stimme! Wenn sich meine Gedanken auf jene qualvolle Jugendzeit zurücklenken, dann frage ich mich, wieviel Geschichten, die ich über diese Leute ersann, sich wie ein Nebel um die wohlbekannten Tatsachen spinnen! Wenn ich an die alte Stelle komme, so wundere ich mich nicht, daß ich glaube, einen unschuldigen romantischen Knaben vor mir hergehen zu sehen, dem ich mitleidig nachblicke, und der sich eine poetische Welt aus so wunderlichen Erfahrungen und so gemeinen Dingen erschafft. Zwölftes Kapitel. Da mir das Leben auf eigene Faust durchaus nicht mehr gefällt, fasse ich einen großen Entschluß. Nach Ablauf der gehörigen Zeit kam Mr. Micawbers Petition zur Verhandlung, und das Gericht ordnete zu meiner großen Freude seine Freilassung an. Seine Gläubiger zeigten sich nicht unversöhnlich; und Mrs. Micawber erzählte mir, daß selbst der grimmige Schuhmacher öffentlich vor Gericht erklärt habe, er trage ihm nichts Böses nach, wünsche aber bezahlt zu sein, wenn man ihm Geld schulde. Er sagte, er glaube, das sei menschlich. Mr. Micawber kehrte nach der Verhandlung nach Kings-Bench zurück, als seine Sache entschieden war, denn es waren noch Spesen zu bezahlen und einige Förmlichkeiten zu erfüllen, ehe er tatsächlich ganz frei wurde. Der Klub empfing ihn mit Begeisterung und gab diesen Abend ihm zu Ehren ein musikalisches Kränzchen; wahrend Mrs. Micawber und ich, umgeben von der schlummernden Familie, privatim Lammbraten verspeisten. »Bei dieser Gelegenheit will ich mit Ihnen, Master Copperfield,« sagte Mrs. Micawber, bei einem zweiten Glase Eierpunsch – wir hatten schon mehrere getrunken – »auf das Wohl von Papa und Mama trinken.« »Sind sie tot, Madame?« fragte ich, nachdem ich mit ihr angestoßen hatte. »Meine Mutter schied von dieser Welt,« sagte Mrs. Micawber, »bevor Mr. Micawbers Bedrängnisse anfingen, oder mindestens bevor sie so drückend wurden. Mein Papa lebte noch lange genug, um mehrmals für Mr. Micawber Bürgschaft zu leisten, und starb dann, beweint von einem zahlreichen Freundeskreis.« Mrs. Micawber schüttelte den Kopf und ließ eine fromme Träne auf den Zwilling fallen, der gerade bei der Hand war. Da ich schwerlich eine günstigere Gelegenheit zu einer Frage, die mir sehr am Herzen lag, finden konnte, sagte ich zu Mrs. Micawber: »Darf ich fragen, Madame, was Sie und Mr. Micawber jetzt, wenn Mr. Micawber wieder frei ist, zu tun gedenken? Haben Sie schon einen Entschluß gefaßt?« »Meine Familie,« sagte Mrs. Micawber, die diese Worte immer mit einem gewissen Stolze sprach, obgleich ich nie entdecken konnte, wer eigentlich darunter zu verstehen war, »meine Familie ist der Meinung, daß Mr. Micawber London verlassen und seine Talente in der Provinz verwenden soll. Mr. Micawber ist ein Mann von großem Talent, Master Copperfield!« Ich sagte: »Daran zweifle ich nicht.« »Von großem Talent«, wiederholte Mrs. Micawber. »Meine Familie ist der Meinung, daß für einen Mann von solcher Fähigkeit mit einiger Fürsprache etwas beim Zollamte erreicht werden kann. Da meine Familie einige Lokaleinflüsse hat, so soll Mr. Micawber nach Plymouth gehen. Sie halten es für unbedingt notwendig, daß er sich an Ort und Stelle begibt.« »Damit er stets bereit ist«, meinte ich. »Ganz recht«, erwiderte Mrs. Micawber. »Damit er stets bereit ist – im Fall sich etwas finden sollte.« »Und begleiten Sie ihn, Madame?« Die Ereignisse des Tages, die Zwillinge und vielleicht auch der Eierpunsch hatten Mrs. Micawber sehr weich gemacht, und sie gab mir weinend zur Antwort: »Ich werde Mr. Micawber nie verlassen. Wenn er mir auch im Anfang seine Geldschwierigkeiten verhehlt hat, so mag ihn doch sein vertrauensseliger Charakter zu dem Glauben verleitet haben, er werde ihrer Herr werden können. Das Perlenhalsband und die Armbänder, die ich von Mama geerbt habe, sind allerdings weit unter der Hälfte ihres Wertes losgeschlagen worden, und die Korallengarnitur, mein Hochzeitsgeschenk von Papa, ist geradezu verschleudert worden. Aber ich werde Mr. Micawber nun und nie verlassen! Nein, nein, das werde ich nun und nimmer tun! Es ist ganz umsonst, das von mir zu verlangen!« fügte Mr. Micawber mit einem noch heftigem Ausbruche hinzu. Mir wurde es ganz unbehaglich – das hatte gerade so geklungen, als ob ich derartiges von ihr verlangt hätte. »Mr. Micawber hat ja seine Fehler. Ich leugne nicht, daß er allzu kühn ist. Ich leugne nicht, daß er mich betreffs feiner Hilfsquellen und Verbindlichkeiten im Dunkeln gelassen hat, aber ich werde Mr. Micawber« – und sie starrte dabei die Wand an – »nie verlassen!« Da sich Mrs. Micawbers Stimme jetzt zu gellenden Tönen gesteigert hatte, so war ich so geängstigt, daß ich eiligst nach dem Zimmer rannte, wo der Klub seine Sitzung hatte, und Mr. Micawber als Präsidenten einer langen Tafelrunde störte, bei der er den Vorsänger eines fröhlichen Chorliedes machte. »Steh' auf, Dobbin, steh' auf, Steh' auf, Dobbin, steh' auf, Steh' auf, Dobbin, steh' auf – a – u – auf!« Als ich ihm den Zustand Mrs. Micawbers kurz meldete, brach er sogleich in Tränen aus, stand auf und eilte mit mir davon, die Weste noch ganz mit Schwänzen und Köpfen von den eben verzehrten Krabben bedeckt. »Emma, mein Engel!« schrie er, als er ins Zimmer trat, »was gibt's?« »Ich werde dich nie verlassen, Micawber!« rief sie aus. »Mein teures Leben!« sagte Mr. Micawber, indem er sie in seine Arme schloß, »aber das weiß ich ja zur Genüge!« »Er ist der Vater meiner Kinder! Er ist der Erzeuger meiner Zwillinge! Er ist der Gatte meiner Seele!« sagte Mrs. Micawber krampfhaft schluchzend, »und ich will Mr. Micawber nie, nie verlassen.« Mr. Micawber war so tief gerührt von diesem Beweise ihrer Liebe – ich meinesteils war buchstäblich in Tränen aufgelöst –, daß er sich mit leidenschaftlicher Teilnahme über sie beugte und sie anflehte, ruhig zu sein, und ihn anzusehen. Aber je mehr Mr. Micawber bat, ihn anzusehen, desto mehr starrten ihre Augen ins Leere, und je mehr er sie bat, sich zu fassen, desto weniger gelangte sie dazu. Die Folge war, daß Mr. Micawber ebenfalls bald so gerührt wurde, daß er seine Tränen mit den ihrigen und meinigen vermischte, bis er mich bat, ihm die Liebe zu erweisen und mich auf einen Stuhl draußen auf die Treppe zu setzen, bis er sie zu Bette gebracht habe. Ich hätte gerne für die Nacht Abschied genommen, aber das wollte er vor der gesetzlichen Scheidestunde für Besucher nicht zulassen. So setzte ich mich an das Treppenfester, bis er mit einem zweiten Stuhl nachkam und mir Gesellschaft leistete. »Wie befindet sich jetzt Mrs. Micawber, Sir?« fragte ich. »Sehr geschwächt,« sagte Mr. Micawber, und schüttelte den Kopf; »der Rückschlag. Ach, das ist ein schrecklicher Tag! Wir stehen jetzt allein, – alles hat uns verlassen!« Mr. Micawber drückte mir die Hand, seufzte und fing an zu weinen. Ich war sehr gerührt und enttäuscht zu gleicher Zeit, denn ich hatte erwartet, wir würden bei dieser glücklichen und lange gehofften Gelegenheit sehr heiter sein. Aber Mr. und Mrs. Micawber waren wohl so an ihre alten Bedrängnisse gewöhnt, glaube ich, daß sie sich jetzt, wo sie von ihnen befreit waren, ganz unglücklich fühlten. Die ganze Elastizität ihres Gemüts war verschwunden, und ich habe sie noch nie halb so niedergedrückt gesehen, wie an diesem Abend, und als die Glocke läutete und Mr. Micawber mich bis an das Portierhäuschen begleitete und dort mit einem Segensspruch von mir Abschied nahm, fürchtete ich mich fast, ihn allein zu lassen, so unglücklich war er. Aber auf meinem Nachhauseweg an jenem Abend und in den schlaflosen Stunden im Bett, die ihm folgten, kam mir zuerst der Gedanke, der sich später zu einem festen Entschluß ausbildete. Ich hatte mich so sehr an die Micawbers gewöhnt, war mit ihnen in ihren Nöten so vertraut geworden, und war so ohne alle Freunde, wenn sie mir fehlten, daß mir die Aussicht, die ich nun schon genügend aus Erfahrung kannte, wieder unter fremde Leute hinausgestoßen zu werden, ganz unerträglich war. Alle die Gefühle, die mir die Welt so grausam verwundet hatte, das Schamgefühl und die Qual, die sie beständig in meiner Brust wach erhielt, schmerzten mich mehr als je bei diesem Gedanken; und ich sagte mir, dies Leben sei unerträglich. Ich wußte jetzt recht gut, daß ich mich nur auf eigene Hand aus meinem Jammerleben erlösen konnte. Ich hörte nur selten etwas von Miß Murdstone und niemals von ihrem Bruder; aber zwei oder drei Pakete neuer und geflickter Kleider waren für mich an Mr. Quinion gekommen, und in jedem lag ein Zettel, worauf J.M. hoffte, daß D.C. in seinem neuen Geschäft fleißig und gehorsam sei, aber nicht die geringste Andeutung, die, eine Änderung in meinem Schicksal erhoffen ließ. Schon der nächste Tag zeigte mir, während mein Gemüt noch von dem neu aufgetauchten Entschluß beunruhigt war, daß Mrs. Micawber nicht ohne Grund von ihrem Weggehen gesprochen hatte. Sie mieteten sich in dem Hause, wo ich wohnte, für eine Woche ein, um sich nach Ablauf dieser Zeit nach Plymouth zu begeben. Mr. Micawber kam nachmittags selbst auf das Kontor und sagte zu Mr. Quinion, daß mit dem Tage seiner Abreise mein Mietsverhältnis zu ihm aufhören müsse, und er stellte mir das beste Zeugnis aus, das ich auch sicher verdiente. Dann rief Mr. Quinion Tipp, den Rollkutscher herein, der ein verheirateter Mann war und eine Stube zu vermieten hatte, und bestellte mir bei ihm Quartier, – unter unserer beiderseitigen Zustimmung, wie er voraussetzen mußte – denn ich sagte nichts; aber mein Entschluß war gefaßt. Wahrend der letzten acht Tage, die ich noch unter demselben Dache mit Micawbers hauste, brachte ich meine Abende bei Mr. und Mrs. Micawber zu, und ich glaube, wir gewannen uns jeden Tag lieber. Am letzten Sonntag luden sie mich zu Tische ein; wir hatten eine Schweinskeule mit Apfelsauce und Pudding. Am Abend vorher hatte ich als Abschiedsgeschenk dem kleinen Wilkins Micawber einen hölzernen Apfelschimmel gekauft und eine kleine Puppe für die kleine Emma. Der stockschnupfigen Waise, die aus dem Dienste entlassen wurde, schenkte ich einen Schilling. Wir hatten einen sehr vergnügten Tag, obgleich wir alle über unsere nahe Trennung sehr weich gestimmt waren. »Nie werde ich an die Zeit, wo Mr. Micawber in Bedrängnis war, zurückdenken, Master Copperfield,« sagte Mrs. Micawber, »ohne mich Ihrer zu erinnern. Ihr Benehmen war immer von der zartesten, verbindlichsten Art, Sie waren für uns niemals ein Mietsmann, Sie waren uns stets ein Freund.« »Meine Teuerste,« sagte Mr. Micawber, »Copperfield« (denn so nannte er mich in der letzten Zeit) »hat ein Herz für die Leiden seiner Mitmenschen, das es mitfühlt, wenn sie die Wolken des Unglücks beschatten, einen Kopf, der ersinnt, und eine Hand, die – kurz, eine allgemeine Fähigkeit, alles verfügbare Eigentum, das zu verwerten war, unterzubringen.« Ich drückte meine Erkenntlichkeit für diese Empfehlung aus, und sagte, es tue mir sehr leid, daß wir uns trennen müßten. »Mein lieber, junger Freund,« sagte Mr. Micawber, »ich bin älter als Sie; ein Mann von meiner Lebenserfahrung und – von einiger Erfahrung in Not und Bedrängnissen, im allgemeinen zu sprechen – vorderhand und bis sich etwas findet (was ich stündlich erwarte), habe ich nichts zu geben als guten Rat. Aber mein Rat ist wenigstens insofern der Beachtung wert, als – kurz, als ich ihn nie selbst beachtet habe, und jetzt« – hier machte Mr. Micawber, der bis hierher mit strahlendem Gesicht dagesessen hatte, eine Pause und wurde ganz finster – »der elende Mensch bin, den Sie vor sich sehen.« »Lieber Micawber!« flehte seine Gattin. »Ich sage,« entgegnete Mr. Micawber und vergaß sich ganz und lächelte wieder, »der elende Mensch, den Sie vor sich sehen. Mein Rat also ist, tun Sie nie morgen, was Sie heute tun können. Zaudern und Aufschub ist der Dieb der Zeit. Fassen Sie sie beim Schopf!« »Das war auch meines armen Papas Maxime«, bemerkte Mrs. Micawber. »Meine Teuerste,« sagte Mr. Micawber, »dein Papa war vortrefflich in seiner Art, und der Himmel verhüte, daß ich ihm etwas Übles nachsagen sollte. Nehmt ihn in allen, wie er war, und niemals werden wir – mit einem Worte, die Bekanntschaft eines Mannes machen, der in seinen Jahren noch so ansehnliche Waden zu Gamaschen hatte und so kleine Schrift ohne Brille lesen konnte. Aber er wendete diese Maxime auch bei unsrer Hochzeit an, meine Liebe, und diese war insofern zu übereilt gefeiert, als ich seitdem niemals wieder auf die Kosten kam.« Mr. Micawber blickte Mrs. Micawber von der Seite an, und fügte hinzu: »Nicht daß es mich deshalb gereute. Ganz im Gegenteil, meine Liebe.« Hierauf beobachtete er ein paar Minuten ein ernstes Schweigen. »Meinen zweiten Rat«, fuhr Mr. Micawber fort, »kennen Sie schon. Jährliches Einkommen 20 Pfund. Jährliche Ausgabe 19 Pfund 19 Schilling 6 Pence. Fazit: Wohlstand. Jährliches Einkommen 20 Pfund. Jährliche Ausgabe 20 Pfund und 6 Pence. Fazit: Dürftigkeit. Die Blüte ist getötet, das Laub ist verwelkt, der Gottestag verbirgt sich vor der trüben Szene in – mit einem Wort, Sie sind lebenslang zum Teufel. Wie ich zum Exempel!« Micawber trank mit einer Miene großer Befriedigung ein Glas Punsch und pfiff, um den Eindruck seiner Worte auf mich noch zu verschärfen, den »lustigen Kesselflicker«. Ich verfehlte nicht, ihm zu versichern, daß ich mir seine Vorschriften tief einprägen würde, obgleich ich das gar nicht zu tun brauchte, denn sie rührten mich damals ohnehin sichtbarlich. Den nächsten Morgen begleitete ich die ganze Familie nach der Landkutsche, und sah mit betrübtem Herzen, wie sie ihre Außenplätze einnahmen. »Master Copperfield,« sagte Mrs. Micawber, »Gott segne Sie! Ich kann es nie vergessen, wissen Sie, und möchte nicht, wenn ich es könnte.« »Leben Sie wohl, Copperfield«, sagte Mr. Micawber. »Alles mögliche Glück und Gedeihen! Wenn ich mich im wechselnden Lauf der Jahre überreden könnte, daß mein verlornes Leben für Sie eine Warnung gewesen ist, so würde ich fühlen, daß ich auf Erden nicht ganz vergeblich einen falschen Platz eingenommen hätte. Wenn sich etwas finden sollte (worauf ich ziemlich fest vertraue), so werde ich mich außerordentlich glücklich schätzen, wenn ich etwas für Ihr Vorwärtskommen tun kann.« Ich glaube, als Mrs. Micawber auf dem Rücksitz des Wagens saß, die Kinder auf dem Schoß, und ich betrübt von unten zu ihr heraufsah, sank es ihr wie Schuppen von den Augen und sie merkte erst, was für ein kleiner Junge ich noch war. Ich schließe es daraus, daß Mrs. Micawber mir ein Zeichen machte, aufzusteigen, ihren Arm mit wahrhaft mütterlichem Gebaren um meinen Hals schlang und mich wie ihr eigenes Kind küßte. Ich hatte kaum Zeit, wieder hinabzugelangen, bevor sich der Wagen in Bewegung setzte, und ich konnte die Familie kaum sehen vor den Taschentüchern, mit denen sie winkten. Im nächsten Augenblick war der Wagen entschwunden; die Waise und ich sahen einander verdutzt an, mitten auf der Straße, schüttelten uns dann die Hand und trennten uns; sie ging vermutlich in das St. Lukasarbeitshaus zurück, ich an mein saures Tagewerk bei Murdstone und Grimby. Aber mit der Absicht, nicht lange mehr dort auszuhalten. Nein. Ich hatte mir vorgenommen, fortzulaufen, und auf irgend eine Weise die einzige Verwandte die ich noch hatte, aufzusuchen und meiner Tante Miß Betsey meine Leiden zu erzählen. Ich habe schon erwähnt, daß ich nicht weiß, wie mir dieser verzweifelte Gedanke in den Kopf kam. Aber einmal entstanden, blieb er drin stecken und wurde allmählich zu einem so festen Vorsatz, wie ich ihn später im Leben kaum jemals gefaßt habe. Ich glaube durchaus nicht, daß ich den Plan damals für sehr hoffnungsvoll ansah, aber ich war davon so durchdrungen, daß er trotzdem ausgeführt werden müsse. Wieder und wieder, und hundertmal seit der Nacht, in der mir der Gedanke zuerst aufgestiegen war und mir den Schlaf verscheuchte, hatte ich an die alte Erzählung meiner Mutter über meine Geburt gedacht, die zu hören mir die größte Wonne gewesen war und die ich auswendig wußte. Die Tante trat in die Geschichte und wandelte hindurch als gestrenge, furchteinflößende Erscheinung, aber es war doch ein Zug in dem Bericht, bei dem ich gern verweilte und der mir einen schwachen Schimmer von Ermutigung bot. Ich konnte nicht vergessen, daß meine Mutter gemeint hatte, die Tante hätte ihr mit leiser freundlicher Hand über das schöne Haar gestrichen, und obwohl das ja auch nur eine durch gar keine Tatsachen begründete Einbildung von ihr gewesen sein mochte, malte ich mir dennoch ein hübsches Bild aus. Die gestrenge Tante sei von der Lieblichkeit und Schönheit, deren ich mich noch so deutlich erinnerte und die ich so zärtlich geliebt hatte, gerührt gewesen, und dadurch bekam die ganze Geschichte eine andere Färbung. Möglich, daß diese Vorstellung schon lange in meinem Gemüt geschlummert und allmählich meinen Entschluß zur Reife gebracht hatte. Da ich nicht einmal wußte, wo Miß Betsey sich aufhielt, so schrieb ich einen langen Brief an Peggotty und fragte sie beiläufig, ob sie es wisse; ich gab vor, ich hätte von einer Dame dieses Namens in einer Stadt, die ich aufs Geratewohl nannte, gehört und möchte gern wissen, ob es meine Tante wäre. In demselben Briefe sagte ich Peggotty, daß ich zu einem besondern Zweck eine halbe Guinee brauche, bat sie recht sehr, mir diese zu leihen, und versprach ihr, später ihre Verwendung mitzuteilen. Peggottys Antwort ließ nicht lange auf sich warten und war, wie gewöhnlich, voll zärtlicher Hingebung. Sie legte die halbe Guinee bei (ich fürchte, sie hat sie erst nach unendlicher Mühe aus dem Kasten von Mr. Barkis herausgelockt) und sagte mir, daß Miß Betsey in der Nähe von Dover wohne, aber ob in Dover selbst, in Hythe, Sandgathe oder Folkstone, konnte sie nicht sagen. Als ich einen unserer Leute nach diesen Orten fragte, erfuhr ich, daß sie alle dicht beieinander lagen; deshalb hielt ich Peggottys Auskunft für genügend und beschloß, mich Ende der Woche auf den Weg zu machen. Da ich ein sehr ehrlicher kleiner Kerl war und keinen schlechten Ruf bei Murdstone und Grimby zurücklassen wollte, hielt ich mich für verpflichtet, bis Sonnabend abends zu bleiben, und da ich bei meinem Antritt einen Wochenlohn im voraus erhalten, mir diesmal keinen auszahlen zu lassen. Aus diesem Grunde hatte ich mir die halbe Guinee geborgt, damit ich einiges Reisegeld hätte. Als daher Sonnabend abend kam und wir alle in der Niederlage auf unsern Lohn warteten, und Tipp, der Rollkutscher, der stets der erste war, hineinging, um sich sein Geld zu holen, schüttelte ich einem andern Genossen die Hand, bat ihn, wenn die Reihe an ihn käme, Mr. Quinion zu sagen, daß ich fortgegangen sei, um meinen Koffer zu Tipp zu bringen, und rannte fort, nachdem ich dem Kartoffelkloß eine letzte gute Nacht geboten hatte. Mein Koffer stand in meiner alten Wohnung jenseits der Themse; ich hatte auf die Rückseite einer der Geschäftsadressen, die wir auf unsere Fässer nagelten, als Adresse geschrieben: »Master David, Postkutschen-Bureau, Dover; wird abgeholt.« Ich hatte den Zettel in der Tasche, um ihn auf dem Koffer zu befestigen, sobald ich aus dem Hause war, und während ich mich nach meiner Wohnung begab, sah ich mich nach jemand um, der mir das Gepäck nach dem Einschreibebureau bringen könnte. Nicht weit von dem Obelisken am Blackfriars-Road fiel mein Auge auf einen langbeinigen Burschen vor einem niedrigen, mit einem Esel bespannten leeren Karren. Als sich unsere Augen begegneten, fragte er, ob ich ihn jetzt kenne – wahrscheinlich weil ich ihn so fest ansah. Ich versicherte ihm, daß ich ihm nicht zu nahe treten wolle, sondern nur jemand für eine kleine Besorgung suche. »Was für eine?« sagte der langbeinige Mann. »Einen Koffer fortzuschaffen«, antwortete ich. »Was für einen Koffer?« fragte der langbeinige Bursche. Ich sagte ihm, meinen Koffer, der in der nächsten Straße abzuholen sei, und den er mir für 6 Pence nach dem Bureau der Dover-Landkutsche bringen sollte. »Abgemacht, für sechs Pence!« sagte der langbeinige Bursche, sprang auf seinen Karren und fuhr so rasch davon, daß ich nur mit größter Mühe mit dem Esel Schritt halten konnte. Der Bursche hatte etwas Frechtrotziges in seinem Wesen, und vorzüglich in der Art, wie er Stroh zerbiß, während er mit mir sprach, was mir nicht gefiel; da aber der Handel abgeschlossen war, nahm ich ihn mit in meine Stube, und wir brachten zusammen den Koffer herunter und setzten ihn auf den Karren. Um nicht von meinen Wirtsleuten entdeckt zu werden, wollte ich die Adresse hier nicht darauf befestigen, und sagte deshalb dem Burschen, er solle einen Augenblick an der Mauer der Kings Bench halten. Kaum waren die Worte aus meinem Munde, so fuhr er auf und davon, als ob er, mein Koffer, der Karren und der Esel, alle gleich verrückt wären, und ich war ganz außer Atem von Nachlaufen und Rufen, als ich ihn an dem verabredeten Platze einholte. In meiner Aufregung riß ich die halbe Guinee aus der Tasche, als ich die Adreßkarte hervorholte. Ich steckte sie der Sicherheit wegen in den Mund, und obgleich meine Hände sehr zitterten, hatte ich die Adresse eben zu meiner Zufriedenheit festgemacht, als der langbeinige Bursche mich heftig unter das Kinn stieß und ich meine halbe Guinee aus dem Mund in seine Hand fliegen sah. »Was!« rief der Bursche und packte mich beim Kragen. »Das gehört vor die Polizei. Du willst fortlaufen, he? Auf die Polizei, du Knirps, auf die Polizei!« »Gib mir mein Geld zurück«, sagte ich sehr erschrocken, »und laß mich in Ruhe.« »Auf die Polizei!« sagte der Bursche. »Du sollst auf der Polizei nachweisen, daß es dein ist.« »Gib mir meinen Koffer und mein Geld!« rief ich und brach in Tränen aus. Der Bursche rief immer noch: »Auf die Polizei!« und zerrte mich nach dem Esel hin, als ob dieser der Vertreter der Polizeibehörde wäre, bis er sich plötzlich anders besann, auf den Karren sprang, sich auf meinen Koffer setzte und mit den Worten: »Ich fahre gleich nach der Polizei!« auf und wilder als vorher davonfuhr. Ich rannte ihm nach, so schnell ich konnte, hatte aber keinen Atem mehr, um ihm nachzurufen, und hätte es auch gar nicht gewagt. Wohl zwanzigmal in einer Viertelstunde wäre ich fast überfahren worden, jetzt verlor ich ihn aus den Augen, jetzt sah ich ihn wieder, jetzt verlor ich ihn nochmals, jetzt erhielt ich einen Peitschenhieb, jetzt schrie mir jemand nach, jetzt lag ich unten in der Gosse, jetzt war ich wieder aufgestanden, jetzt stürzte ich jemand in die Arme, schließlich rannte ich gegen einen Laternenpfahl. Endlich gab ich, ganz verwirrt von Aufregung und Hitze und in der Furcht, halb London könnte schon zu meiner Verfolgung auf den Beinen sein, meinen Koffer und mein Geld auf und machte keuchend und weinend, aber nie stillstehend, Kehrt nach Greenwich, der ersten Station nach Dover, wie ich gehört hatte. Ich nahm wenig mehr aus der Welt mit mir mit, als ich auszog, meine Tante Miß Betsey zu suchen, als ich an dem Abend in die Welt mitgebracht hatte, wo ihr meine Ankunft so ungelegen gewesen war. Dreizehntes Kapitel. Die Folgen meines Entschlusses. Als ich von der Verfolgung des Burschen mit dem Eselgespann abstand und nach Greenwich aufbrach, mochte ich wohl im Sinne haben, den ganzen Weg nach Dover zu laufen. Darüber kam ich jedoch bald ins Klare; denn in Kent Road konnte ich nicht weiter und mußte vor einem kleinen Hause, mit einem kleinen Teiche davor, stehenbleiben. Mitten darin befand sich eine wunderliche Figur, die auf einer Muschel blies. Hier setzte ich mich auf eine Türstufe, ganz erschöpft von den gemachten Anstrengungen und fast ohne den nötigen Atem, um den Verlust meines Koffers und meiner halben Guinee zu beweinen. Es war um diese Zeit dunkel geworden; ich hörte die Uhren zehn schlagen, als ich so dasaß. Aber es war zum Glück eine Sommernacht und schönes Wetter. Als ich wieder zu Atem gekommen und ein Gefühl, fast wie Ersticken, aus der Kehle losgeworden war, stand ich auf und ging weiter. Mitten in meinem Schmerz dachte ich nicht im mindesten daran, umzukehren, und ich glaube, ich wäre selbst vor einer Lawine nicht zurückgewichen! Aber der Umstand, daß ich nur 3 1/2 Pence auf der Welt besaß (und es war wunderbar genug, daß ich sie an einem Sonnabend abend in der Tasche hatte), beunruhigte mich dessenungeachtet sehr. Ich sah mich schon in der Zeitung, tot gefunden unter einer Hecke, und ich schleppte mich elend, doch so schnell wie möglich hin, bis ich an einem kleinen Laden vorüberkam, wo, dem Schilde nach, Damen- und Herrengarderobe gekauft und die besten Preise für Lumpen, Knochen und Küchenabfälle bezahlt wurden. Der Herr des Ladens saß in Hemdärmeln an der Tür und rauchte, und da viele Röcke und Hosen von der niedern Decke herabhingen und nur zwei trübe Lichter das Innere erhellten, so fand ich, er sähe aus, wie ein Mann von ingrimmigem Herzen, der alle seine Feinde aufgehängt hatte und nun gemütlich davon ausruhte. Die bei Mr. und Mrs. Micawber erlangten Lebenserfahrungen sagten mir, daß ich hier vielleicht meine Mittel ein wenig vermehren könnte. Ich ging in das nächste Seitengäßchen, zog meine Weste aus, nahm sie sauber zusammengerollt unter den Arm und kehrte wieder zu der Ladentür zurück. »Lieber Herr,« sagte ich, »ich sollte dies für einen anständigen Preis verkaufen.« Mr. Dolloby – diesen Namen führte wenigstens das Schild – nahm die Weste, lehnte die Pfeife gegen den Türpfosten, trat in den Laden, schneuzte die beiden Lichter mit den Fingern, breitete die Weste auf dem Ladentisch aus und besah sie dort, hielt sie gegen das Licht, besah sie abermals und sagte endlich: »Was nennt Ihr einen Preis für das kleine Westchen?« »O! das wissen Sie selbst am besten«, erwiderte ich bescheiden. »Ich kann nicht Käufer und Verkäufer zugleich sein«, sagte Mr. Dolloby. »Nennt einen Preis.« »18 Pence etwa«, sagte ich nach einigem Zögern. Mr. Dolloby rollte die Weste wieder zusammen und gab sie mir zurück. »Ich würde meine Familie berauben,« sagte er, »wenn ich 9 Pence dafür böte.« Das war eine unangenehme Weise zu handeln, weil es mir, einem ganz Fremden, die peinliche Pflicht auferlegte, Mr. Dolloby aufzufordern, meinetwegen seine Familie zu berauben. Aber die Not drängte mich, und ich sagte, ich wollte neun Pence annehmen. Nicht ohne einiges Gebrumm gab Mr. Dolloby neun Pence. Ich wünschte ihm gute Nacht und verließ den Laden, reicher um diese Summe und ärmer um eine Weste. Aber wenn ich die Jacke zuknöpfte, fühlte ich den Verlust nicht so sehr. Ich sah auch schon ziemlich bestimmt voraus, daß meine Jacke zunächst an die Reihe kommen werde, und daß ich den größten Teil meines Weges nach Dover in Hemd und Hosen würde zurücklegen müssen, und mich für glücklich halten mußte, wenn ich noch in diesem Aufzug hinkäme. Aber dennoch war mein Geist damit nicht so beschäftigt, als man hätte denken sollen. Außer der allgemeinen Vorstellung von dem weiten Weg, der vor mir lag und von dem Burschen mit meinem Koffer, der so schlecht an mir gehandelt hatte, erfüllte mich wohl kaum ein besonderes Gefühl wegen meiner schwierigen Lage, als ich die Weiterreise mit neun Pence in der Tasche antrat. Über mein Verbleiben während der Nacht hatte ich mir einen Plan ausgedacht, den ich jetzt auszuführen Anstalt machte. Ich beabsichtigte nämlich, mich hinter die Mauer an der Rückseite meiner alten Schule zu legen, in eine Ecke, wo gewöhnlich ein Heuschober stand. Ich dachte mir, es wäre eine Art Gesellschaft, wenn ich die Knaben und das Schlafzimmer, wo ich die Geschichten zu erzählen pflegte, so nahe hätte, obgleich die Knaben nichts von meiner Anwesenheit wußten, und das Schlafzimmer mir keinen Schutz bot. Ich hatte einen langen Marsch hinter mir, und ich war sehr müde, als ich auf die Ebene von Blackheath heraustrat. Es machte mir einige Mühe, Salemhaus in der Dunkelheit zu finden; aber ich fand es endlich und fand auch einen Heuschober in der Ecke. Ich legte mich daneben nieder, nachdem ich vorher um die Mauer herumgegangen war, nach den Fenstern gesehen und alles finster und still gefunden hatte. Nie werde ich das Gefühl von Verlassenheit vergessen, als ich mich so das erstemal, nur mit dem Himmel über mir, niedergelegt habe. Aber der Schlaf kam zu mir, wie er in dieser Nacht zu so vielen andern Heimatlosen kam, vor denen Haustüren verschlossen waren und die von Haushunden angebellt wurden, und ich träumte, ich läge auf meinem alten Schulbett und erzählte den Knaben in einem Zimmer, und ich fuhr erschrocken in die Höhe und fand mich auf einmal sitzend, während Steelforths Name mir auf der Lippe schwebte und meine Augen verwundert nach den Sternen starrten, die über mir schimmerten. Als ich mich besonnen, wo ich mich zu dieser ungewöhnlichen Stunde befand, beschlich mich ein Gefühl, das mich bewog, aufzustehen und herumzugehen. Aber der schwächere Schimmer der Sterne und die Dämmerung am Himmel im Osten beruhigte mich wieder. Und da ich noch sehr schläfrig war, legte ich mich wieder hin und schlummerte ein – obgleich ich im Schlafe fühlte, daß es kalt war – bis mich die warmen Strahlen der Sonne und die Frühglocke von Salemhaus weckten. Hätte ich hoffen können, daß Steerforth da wäre, würde ich irgendwo versteckt gewartet haben, bis er allein herauskäme; aber ich wußte, daß er schon lange fort sein müsse. Vielleicht war Traddles noch da, aber das war sehr zweifelhaft. Auch hatte ich nicht genug Zutrauen auf seine Vorsicht und sein gutes Glück, – wie fest ich auch auf seine Gutmütigkeit baute – um den Wunsch zu hegen, ihn mit meiner Lage bekannt zu machen. Darum schlich ich von der Mauer fort, während Mr. Creakles Zöglinge aufstanden, und schlug die lange, staubige Landstraße ein, die ich in meiner Schulzeit als den Weg nach Dover kennen gelernt hatte, als ich noch wenig ahnte, daß man mich einmal darauf in meiner jetzigen Verfassung als Fußwanderer sehen würde. Wie anders war dieser Sonntagmorgen als jener Sonntagmorgen in Yarmouth! Während ich weiterwandelte, hörte ich die Kirchenglocken läuten und begegnete den Kirchgängern; auch kam ich an ein paar Kirchen vorbei, in denen die Gemeinde versammelt war, und der Gesang zog hinaus in den Sonnenschein, während sich der Küster draußen in dem Schatten des Portals abkühlte, oder unter einer Hängebirke stand und mich streng musterte. Aber der Frieden und die Ruhe jenes früheren Sonntagmorgens waren über alles ausgegossen, nur nicht über mich. Das war eben der Unterschied. Ich kam mir ordentlich schlecht vor in meinem Schmutz und Staub und mit meinen wirren Haaren. Hätte ich mir nicht das stille Bild meiner Mutter in ihrer Jugend und Schönheit vor Augen beschworen, wie sie weinend beim Feuer sitzt, und meine Tante gegen sie weich wird, so hätte ich kaum den Mut gehabt, noch den nächsten Tag auszuhalten. Aber so schwebte ihr geliebtes Bildnis immer vor mir her, und ich folgte ihm. Ich legte an diesem Sonntag dreiundzwanzig englische Meilen zurück, obgleich nicht ohne große Mühe, denn ich war nicht an eine so gewaltige Anstrengung gewöhnt. Noch sehe ich mich bei einfallendem Abend fußwund und müde über die Brücke in Rochester wanken und das Brot verzehren, das ich mir zum Abendessen gekauft hatte. Ein oder zwei kleine Häuser mit der Überschrift: »Nachtquartier für Reisende«, hatten mich in Versuchung gesetzt; aber ich fürchtete mich, die wenigen Pence, die ich noch im Besitz hatte, hinzugeben, und ich fürchtete mich noch mehr vor den bösen Blicken der Landstreicher, denen ich unterwegs begegnete oder die mich eingeholt hatten. Ich suchte daher kein anderes Obdach als den Himmel, und als ich mich bis Chatham gequält und es erreicht hatte, das, bei Nacht gesehen, wie ein bloßes Traumgebild von Mauern und Zugbrücken und entmasteten Schiffen in einem schmutzigen Flusse, überdacht wie Noahs Arche, aussieht, kroch ich endlich auf eine Art Schanze, die grasüberwachsen über dem Wege hing und auf der eine Schildwache auf und ab schritt. Hier legte ich mich neben einer Kanone hin und schlief gesund bis zum Morgen, glücklich in der Gesellschaft der Fußtritte der Schildwache, obgleich sie ebensowenig von meinem Dasein wußte, wie die Knaben von Salemhaus geahnt hatten, daß ich in ihrer Nähe war. Am nächsten Morgen war ich allerdings ganz steif, hatte wunde Füße und war ganz betäubt von dem Trommelschall und dem Marschieren der Soldaten, die mich von allen Seiten zu umgeben schienen, als ich nach der langen, schmalen Straße hinabging. Da ich fühlte, daß ich diesen Tag nur eine kurze Strecke würde zurücklegen können, wenn ich Kraft genug behalten wollte, die Reise zu vollenden, so entschloß ich mich, den Verkauf meiner Jacke zum Hauptgeschäft des Tages zu machen. Ich zog sie aus, um schon immer zu versuchen, ob ich ohne sie fertig werden könnte, trug sie unter dem Arme und begann einen Rekognoszierungsstreifzug an den verschiedenen Trödelkellern oder -läden vorüber. Es war ein ganz geeigneter Ort, eine Jacke zu verkaufen, denn die »Händler mit alten Kleidern« waren zahlreich und sahen sich im allgemeinen in ihren Ladentüren nach Kunden um. Aber da bei den meisten eine oder zwei Offiziersuniformen mit Epauletten in dem Laden hingen, so schreckte mich der vornehme Charakter ihres Geschäfts ab, und ich lief lange Zeit herum, ehe ich jemand meine Ware anbot. Meine Aufmerksamkeit lenkte sich daher bescheidenermaßen vorzugsweise auf die kleinen Läden; endlich fand ich einen, der meinen Wünschen entsprach, an der Ecke eines schmutzigen Gäßchens, das an einem eingezäunten grünen Fleck voll Nesseln endete. An dem Zaune hingen ein paar alte Matrosenanzüge und verrostete Flinten und Wachstuchhüte, während vor dem Laden mehrere Mulden mit so viel verrosteten Schlüsseln von so viel verschiedenen Formen standen, daß alle Türen der Welt damit hätten aufgesperrt werden können. In diesen Laden, der niedrig und klein war, und mehr verdunkelt als erhellt von einem kleinen Fenster, das alte Kleider halb verdeckten, trat ich mit klopfendem Herzen, und meine Bangigkeit wuchs noch, als ein häßlicher alter Mann mit einem grauen Stoppelbart aus einem schmutzigen Winkel hervorstürzte und mich bei den Haaren packte. Er sah in seiner schmutzigen Flanelljacke ganz abscheulich aus und roch schrecklich nach Rum. Sein mit einer zerrissenen bunten Decke unordentlich zugedecktes Bett stand in dem Winkel, aus dem er hervorgekommen war, und dort bot ein anderes kleines Fenster eine Aussicht auf ein zweites Nesselfeld und einen lahmen Esel. »O, was willst du?« grinste der Alte mit wildem, eintönigem Winseln. »O, meine Augen und Glieder, was willst du? O, meine Lunge und Leber, was willst du? O goru! goru!« So sehr schüchterten mich diese Worte und vorzüglich das letzte mir unbekannte ein, das wie eine Art Röcheln aus seiner Kehle drang, daß ich nicht antworten konnte, worauf der Alte, der mich immer noch bei den Haaren hatte, wiederholte: »O, was willst du? O, meine Augen und Glieder, was willst du? O, meine Lunge und Leber, was willst du? O goru, goru?« Dies quetschte er mit einer Energie, die seine Augen aus seinem Kopfe hervortreten ließ, aus sich heraus. »Ich wollte fragen,« sagte ich zitternd, »ob Sie eine Jacke kaufen wollten.« »Laß mal die Jacke sehen!« rief der Alte. »O mein brennendes Herz, zeig die Jacke! O, meine Augen und Glieder, her mit der Jacke!« Damit verließen seine zitternden Hände, die den Klauen eines großen Raubvogels glichen, meine Haare, und er setzte eine Brille auf, die seine entzündeten Augen durchaus nicht verschönerte. »O, wieviel kostet die Jacke?« sagte der Alte, nachdem er sie genau besehen hatte. »O, goru, goru! wieviel kostet die Jacke ?« »Eine halbe Krone!« sagte ich gefaßt. »O, meine Lunge und Leber«, winselte der Alte, »Nein! O, meine Augen! O, meine Glieder, nein! Achtzehn Pence, goru!« Stets wenn er diesen Ausruf hören ließ, schienen sich seine Augen aus ihren Höhlen hervordrängen zu wollen, und jeden Satz sprach er in einer Art eintöniger Melodie, die mehr einem Windstoß ähnelte, der leise anfängt, immer lauter wird und wieder abnimmt, als sonst etwas anderm, mit dem ich's vergleichen könnte. »Gut,« sagte ich, froh, den Handel abgeschlossen zu haben, »ich will achtzehn Pence nehmen.« »O, meine Leber!« rief der Alte und warf die Jacke auf eine bretterne Wand. »Hinaus aus dem Laden! O, meine Lunge, 'raus aus dem Laden! O, meine Augen und Glieder! goru! – Geld kriegst du nicht; wir wollen einen Tausch machen.« Nie in meinem Leben bin ich so erschrocken gewesen; aber ich sagte ihm bescheiden, daß ich Geld brauchte und daß mir nichts anderes nützen könnte, aber daß ich nach seinem Wunsche draußen darauf warten wolle und ihn nicht drängen würde. Ich ging also hinaus und setzte mich in eine Ecke in den Schatten. Und dort saß ich so viele Stunden, daß der Schatten Sonnenschein und der Sonnenschein wieder Schatten wurde, und ich immer noch auf mein Geld wartete. Ich glaube, es hat in diesem Geschäft nie einen zweiten tolleren Betrunkenen gegeben, als dieser war. Daß er in der Nachbarschaft dafür Wohl bekannt war und in dem Rufe stand, sich dem Teufel verkauft zu haben, erfuhr ich bald von den Straßenjungen, die beständig tobend um den Laden herumsprangen, und ihm darauf bezügliche Äußerungen zuriefen, und ihn aufforderten, sein Geld herauszubringen. »Du bist nicht arm, Charley, wie du dich stellst. Bring dein Geld heraus. Bring dein Geld heraus, für das du dich dem Teufel verkauft hast. Komm nur! In der Matratze ist's eingenäht, Charley. Schneide sie auf und bring uns ein bißchen!« Diese Äußerungen und viele Anerbietungen, ihm ein Messer zum Auftrennen der Matratze zu leihen, brachten ihn dermaßen auf, daß der ganze Tag eine Aufeinanderfolge von Ausfällen seinerseits und schleunigen Rückzügen der Knaben wurde. Manchmal hielt er mich in seiner Wut für einen von ihnen und stürzte auf mich los mit einer Grimasse, als ob er mich in Stücke reißen wollte; dann besann er sich aber noch zur rechten Zeit auf mich, als seinen Kunden, und zog sich schleunigst in den Laden zurück, warf sich auf seine Matratze und summte wie toll den Tod Nelsons mit einem O vor jeder Zeile und unzähligen Gorus dazwischen. Als ob das noch nicht schlimm genug für mich wäre, wurde ich von den Knaben mit Steinen beworfen und arg mißhandelt, weil sie der mangelhaften Kleidung wegen und der Geduld und Ausdauer wegen, mit der ich vor dem Laden saß, glaubten, ich gehöre zu ihm. Er machte viele Versuche, mich zu bewegen, mir einen Tausch gefallen zu lassen, und kam manchmal mit einer Angel, dann mit einer Violine, mit einem dreieckigen Hut, oder mit einer Flöte heraus. Aber ich wies alle diese Anerbietungen zurück und saß voll Verzweiflung da und verlangte jedesmal tränenden Auges mein Geld oder meine Jacke. Endlich fing er an, mich halbpenceweise zu bezahlen, und es dauerte volle zwei Stunden, ehe ich in den Besitz eines Schillings kam. »O, meine Augen und Glieder!« rief er dann aus, als er nach einer langen Weile wieder einmal zum Laden hinausschielte, »willst du gehen, wenn ich dir zwei Pence mehr gebe?« »Ich kann nicht,« sagte ich; »ich muß sonst verhungern.« »O, meine Lunge und Leber! willst du für drei Pence gehen?« »Ich würde umsonst gehen, wenn ich könnte,« sagte ich, »aber ich muß das Geld haben.« »O, goru!« Es ist gar nicht zu beschreiben, wie er diesen Ton aus sich herausquetschte, während er hinter dem Türpfosten hervor zu mir herspähte, so daß man nur den schlauen alten Kopf sehen konnte, – »willst du für vier Pence gehen?« Ich war so hungrig und müde, daß ich dieses Anerbieten annahm; und als ich das Geld nicht ohne Zittern aus seiner Klaue empfangen hatte, ging ich kurz vor Sonnenuntergang hungriger und durstiger, als ich je gewesen, meines Weges. Aber für drei Pence stärkte ich mich bald vollkommen und hinkte jetzt bei besserer Laune sieben Meilen weit. Für diese Nacht schlief ich wieder unter einem Heuschober, nachdem ich meine mit Blasen bedeckten Füße in einem Bach gewaschen und sie, so gut es ging, mit ein paar kühlenden Blättern verbunden hatte. Den nächsten Morgen führte mich der Weg durch Hopfenfelder und Obstanlagen. Die Jahreszeit war so weit vorgerückt, daß überall reife Apfel glänzten, und an einigen Orten hatte die Hopfenlese schon begonnen. Mir kam alles so hübsch vor, und ich faßte den Entschluß, diese Nacht in dem Hopfengarten zu schlafen, denn die langen Reihen von Stangen mit den anmutig sie umwindenden Blättern kamen mir wie eine gemütliche Gesellschaft vor. Die Landstreicher waren dieser Tage schlimmer als je, und flößten mir einen Schrecken ein, der mir noch frisch in der Erinnerung ist. Einige waren gewalttätig aussehende Kerle, die mich im Vorübergehen grimmig anstierten und manchmal stehen blieben und mir zuriefen, umzukehren und mich, wenn ich nicht Rede und Antwort stand, sondern ausriß, mit Steinen warfen. Ich erinnere mich noch an einen jungen Kerl, einen Kesselflicker, der ein Weib bei sich hatte. Er stierte mich im Vorbeigehen so an, und rief mir dann mit so fürchterlicher Stimme nach, zu ihm zu kommen, daß ich stehen blieb und mich umsah. »Komm her, wenn du gerufen wirst,« sagte der Kesselflicker, »oder ich schlitze dir den Bauch auf.« Ich hielt es fürs beste, umzukehren. Als ich näher herankam, und den Kesselflicker durch meine Blicke zu beschwichtigen suchte, bemerkte ich, daß das Weib ein blaues Auge hatte. »Wo willst du hin?« sagte der Kesselflicker und packte mich mit seiner geschwärzten Hand vorn bei der Brust. »Ich gehe nach Dover«, sagte ich. »Wo kommst du her?« sagte der Kesselflicker und packte noch fester zu. »Ich komme von London«, sagte ich. »Auf was für einem Strich bist du?« fragte der Kesselflicker, »bist du vom Geschäft der Langfinger?« »Nein, nein!« sagte ich. »Nicht, du Kreuzsakramenter? Wenn du mir mit deiner Ehrlichkeit was vorlügen willst, so drehe ich dir den Hals um.« Er machte mit seiner noch freien Hand eine Bewegung, als ob er mich schlagen wollte, und musterte mich dann vom Kopf bis zu den Füßen. »Hast du Geld für eine Kanne Bier bei dir?« sagte der Kesselflicker. »Her damit, ehe ich mir's selbst nehme.« Ich würde ihm gewiß etwas gegeben haben, aber ich begegnete den Augen der Frau, die hinter ihm kaum merklich den Kopf schüttelte und mit den Lippen ein »Nein!« machte. »Ich bin sehr arm,« sagte ich und versuchte zu lächeln, »und habe kein Geld.« »Was sagst du?« sagte der Kesselflicker, und sah mich so scharf an, daß ich fast fürchtete, er sähe das Geld in meiner Tasche. »Sir?« stotterte ich. »Und was soll das bedeuten,« sagte der Kesselflicker; »daß du von meinem Bruder das Seidenhalstuch um hast? Gib's her!« Mit diesen Worten riß er mir das Halstuch ab und warf es der Frau zu. Die Frau brach in ein Gelächter aus, als ob sie das für einen schlechten Witz halte und warf es mir wieder hin, wobei sie wieder wie vorhin nickte und mit den stummen Lippen das Wort »fort« machte. Ehe ich aber gehorchen konnte, riß mir der Kesselflicker das Tuch wieder aus der Hand, daß ich wie eine Feder ein Stück weit wegflog, wendete sich mit einem Fluch zu der Frau um und schlug sie zu Boden. Ich werde nie vergessen, wie ich sie rücklings auf die Steine hinstürzen und dann daliegen sah, den Hut vom Kopf gefallen und das Haar ganz weiß vom Staube; und wie ich mich aus der Ferne umschaute, saß sie neben der Straße im Graben und wischte sich mit einem Zipfel ihres Tuches das Blut aus dem Gesicht, während er unbekümmert weiterging. Dieses Abenteuer schüchterte mich so ein, daß ich später, wenn ich solche Leute kommen sah, mich versteckte, bis sie vorbei waren, was so oft geschah, daß es meine Reise sehr verzögerte. Aber in dieser Bedrängnis und in allen andern Reisebeschwerlichkeiten schien mich das Bild meiner Mutter zu schützen, in ihrer jugendlichen Schönheit, ehe ich auf die Welt kam. Es leistete mir beständig Gesellschaft, es war bei mir zwischen den Hopfenstangen, zwischen denen ich mich schlafen legte, es stand morgens beim Erwachen neben mir, es schwebte tagüber vor mir her. Es ist mir seitdem untrennbar verknüpft mit der sonnenbeleuchteten Straße von Canterbury, die in der heißen Mittagsglut zu schlafen schien, mit der Ansicht seiner alten Häuser und Torwege und der stattlichen grauen Kathedrale, um deren Türme die Krähen flogen. Als ich endlich auf die kahlen Weidendünen bei Dover kam, erheiterte ihr luftiges Bild die öde Landschaft mit Hoffnung, und erst als ich dies erste große Ziel meiner Reise erreichte und am sechsten Tage meiner Flucht wirklich den Fuß in die Stadt setzte, wich es von mir. Denn seltsam genug, als ich mit zerrissenen Schuhen staubig, sonnenverbrannt und nur halb bekleidet in der so lange ersehnten Stadt stand, schien es wie ein Traum zu verschwinden und mich mutlos und hilflos zurückzulassen. Ich erkundigte mich nach meiner Tante zuerst bei den Bootsleuten und erhielt verschiedene Antworten. Der eine sagte, sie wohne auf dem Leuchtturm von Southforeland und habe sich dorten den Backenbart verbrannt; ein anderer, sie sei an der großen Boje draußen vor dem Hafen angeschlossen und könne nur bei halber Flut besucht werden; ein dritter, daß sie wegen Kinderdiebstahl in Maidstone eingesperrt sei; ein vierter, sie sei während des letzten Sturmes auf einem Besen nach Calais geritten. Die Droschkenkutscher, bei denen ich mich zunächst erkundigte, gaben eben so spaßige Antworten; und die Leute in den Läden, denen mein Aussehen nicht gefiel, antworteten meistens, ohne meine Frage anzuhören, sie hätten nichts für mich. Ich fühlte mich unglücklicher als zu der Zeit, wo ich fortgelaufen war. Mein Geld war zu Ende, und ich hatte nichts mehr zu verkaufen; ich war hungrig, durstig und todmüde, und schien meinem Ziele so fern zu sein, als ob ich in London geblieben wäre. Der Morgen war mit diesen Erkundigungen vergangen, und ich saß auf den Stufen vor einem leeren Laden, an einer Straßenecke nicht weit vom Marktplatz, und ging mit mir zu Rate, ob ich nach den andern mir genannten Orten gehen solle oder nicht, als ein vorbeifahrender Kutscher eine Pferdedecke verlor. Etwas Gutmütiges in dem Gesichte des Mannes, als ich ihm das Verlorene hinaufreichte, ermutigte mich, ihn zu fragen, ob er mir Miß Trotwoods Wohnung sagen könne, obgleich ich die Frage so oft gestellt hatte, daß sie mir fast auf den Lippen erstarb. »Trotwood«, sagte er. »Wart einmal, der Name ist mir bekannt. Ältliche Dame?« »Ja,« sagte ich, »ziemlich.« »Ziemlich steif im Rücken«, sagte er und setzte sich selbst recht gerade. »Ja«, sagte ich. »Ich glaube wohl.« »Trägt einen Strickbeutel?« sagte er – »einen Strickbeutel, in dem sehr viel Platz ist – ist brummig und fährt die Leute hart an?« Der Mut sank mir, als ich die unbezweifelte Genauigkeit dieser Beschreibung anerkannte. »Nun, ich will dir was sagen,« sagte er, »wenn du dort hinaufgehst,« und er wies mit seiner Peitsche nach den Höhen, »und dann geradeaus, bis du zu ein paar Häusern am Meere kommst, so wirst du wohl von ihr hören. Ich glaube nicht, daß sie etwas gibt, deshalb ist hier ein Penny für dich.«. Ich nahm die Gabe dankbar an und kaufte mir Brot dafür, das ich unterwegs aß. Ich ging eine ziemliche Strecke in der angedeuteten Richtung, ehe ich an die Häuser kam. Endlich erreichte ich sie, trat in einen kleinen Laden und fragte, ob sie so gut sein wollten, mir über Miß Trotwoods Wohnung Auskunft zu geben. Ich wendete mich an einen Mann hinter dem Ladentisch, der eine Düte Reis für ein Mädchen abwog, die sich umdrehte. »Meine Herrschaft?« sagte sie. »Was willst du bei ihr, Junge?« »Ich möchte mit ihr sprechen«, antwortete ich. »Das heißt, du willst betteln«, entgegnete das Mädchen. »Nein,« sagte ich, »wahrhaftig nicht.« Aber da mir plötzlich einfiel, daß ich im Grunde zu keinem andern Zweck kam, schwieg ich verwirrt und fühlte, wie ich rot wurde. Meiner Tante Dienstmädchen, denn das mußte sie sein, legte den Reis in ein kleines Körbchen und verließ den Laden mit der Weisung an mich, ihr zu folgen, wenn ich wissen wollte, wo Miß Trotwood wohne. Ich ließ mir das nicht zweimal sagen, obgleich ich so ängstlich und aufgeregt war, daß ich mich kaum aufrechthalten konnte. Ich folgte dem Mädchen, und wir erreichten bald ein sehr schmuckes Häuschen mit freundlichen Erkerfenstern. Davor ein kleiner Garten mit Kieswegen und voll Blumen, die sorgfältig gepflegt waren und köstlich dufteten, »Hier wohnt Miß Trotwood«, sagte das Mädchen. »Jetzt weißt du es, weiter kann ich dir nichts sagen.« Mit diesen Worten eilte sie ins Haus, als ob sie die Verantwortlichkeit für mein Erscheinen von sich abschütteln wollte, und ließ mich an der Gartentür stehen, wo ich schüchtern nach dem Wohnstubenfenster sah, an dem eine in der Mitte etwas zurückgeschobene Musselingardine einen großen runden grünen Schirm oder Fächer sehen ließ, der am Fensterbrett befestigt war, außerdem ein kleines Tischchen und einen Lehnstuhl, in dem meine gestrenge Tante vielleicht in diesem Augenblicke thronte. Meine Schuhe waren um diese Zeit in einem kläglichen Zustande. Die Sohlen hatten sich stückweise losgelöst, das Oberleder war hier und dort geplatzt, bis sie selbst die Form von Schuhen verloren hatten. Mein Hut (der mir auch als Nachtmütze gedient hatte) war so zerdrückt und formlos, daß es jeder alte zerbeulte Zinntopf auf einem Düngerhaufen mit ihm aufnehmen konnte. Mein Hemd und meine Hosen, gefärbt von Hitze, Tau, Gras und kentischem Kalkboden, auf dem ich geschlafen hatte, und außerdem zerrissen, hätten die Vögel aus dem Garten meiner Tante verscheuchen können. Mein Haar hatte, seitdem ich London verlassen, weder Kamm noch Bürste gesehen. Im Gesicht, an Hals und Händen hatte mich Luft und Sonne dunkelbraun gebrannt. Dabei war ich vom Kopf bis zu den Füßen von Kalk und Staub fast so weiß gepudert, als ob ich aus einem Kalköfen käme. In diesem Aufzug und mit einem starken Bewußtsein meines Zustandes gedachte ich mich meiner gestrengen Tante vorzustellen und gleich einen solchen Eindruck auf sie zumachen. Da mich die ununterbrochene Ruhe im Wohnzimmer darauf schließen ließ, daß sie nicht dort sei, wendeten sich meine Augen zu dem Fenster darüber, wo ich einen freundlich aussehenden Herrn mit rotem Gesicht und grauem Haar erblickte, der ein Auge auf drollige Weise zumachte, mehrmals mit dem Kopfe nickte, mich anlachte und wieder verschwand. Ich war schon vorher aus der Fassung gewesen; aber dieses Benehmen raubte mir vollends den letzten Rest meiner Selbstbeherrschung, und ich stand aus dem Punkte, wieder fortzuschleichen, um zu überlegen, was zu tun sei, als eine Dame, die über ihre Haube ein Taschentuch gebunden hatte, Gartenhandschuhe angezogen, eine große Gartentasche wie ein Zolleinnehmer umgehängt hatte, und ein großes Messer in der Hand trug, aus dem Hause trat. Ich erkannte in ihr unverzüglich Miß Betsey, denn sie kam genau so aus dem Hause stolziert, wie sie nach der Erzählung meiner armen Mutter in unserm Garten stolziert war. »Fort!« sagte Miß Betsey, indem sie mit dem Kopfe schüttelte und das Messer in der Luft schwenkte. »Fort! Jungens werden hier nicht gelitten! Marsch, fort!« Ich beobachtete sie, das Herz auf der Zunge, wie sie nach einer Ecke des Gartens ging und sich bückte, um etwas Unkraut auszujäten. Jetzt ging ich ohne ein Fünkchen Mut, aber im tiefsten verzweifelt, leise zu ihr hin und rührte sie mit dem Finger an. »Erlauben Sie, Ma'am«, fing ich an. Sie schrak zusammen und blickte auf. »Sie erlauben Tante, ich bin Ihr Neffe.« »He?« rief Miß Betsey in einem Tone des Erstaunens aus, wie ich ihn nie wieder gehört habe. »Wenn Sie erlauben, Tante, ich bin Ihr Neffe.« »O Gott!« sagte meine Tante, und setzte sich mitten in den Gartenweg hin – plumps! »Ich bin David Copperfield von Blunderstone in Suffolk, wo Sie an dem Abend, als ich geboren wurde, meine gute Mutter besuchten. Ich bin seit ihrem Tode sehr unglücklich gewesen. Man hat mich vernachlässigt und mich nichts gelehrt, und mich zur Arbeit verwendet, die nicht für mich paßt. Deshalb bin ich fortgelaufen zu Ihnen. Gleich zu Anfang sind mir meine Sachen gestohlen worden, und ich bin den ganzen Weg gegangen und habe, seit ich auf der Reise bin, in keinem Bett geschlafen.« Hier war es mit meiner Fassung zu Ende, und mit einer Gebärde, mit der ich ihre Aufmerksamkeit auf meinen zerlumpten Zustand lenken wollte, als Beweis, was ich gelitten, brach ich in einen Tränenstrom aus, der sich die ganze Woche hindurch in mir angesammelt hatte. Meine Tante, aus deren Gesicht jeder andere Ausdruck als Verwunderung verschwunden war, saß auf dem mit gelbem Sande bestreuten Fußpfad und starrte mich an, bis ich zu weinen anfing; dann stand sie in großer Hast auf, packte mich beim Kragen und schleppte mich in die Stube. Ihr erstes war hier, einen hohen Schrank aufzuschließen, Flaschen herauszunehmen und mir aus jeder etwas in den Mund zu stecken. Ich glaube, sie muß auf gut Glück zugegriffen haben, denn ich weiß gewiß, daß ich Aniswasser, Anchovissauce und Salatsauce geschmeckt habe. Da ich selbst nach dem Genuß dieser Stärkungsmittel meinem Schluchzen noch nicht Einhalt tun konnte, so legte sie mich auf das Sofa, mit einem Schal unter meinen Nacken und das Tuch von ihrem Kopf unter meine Füße, damit ich das Sofa nicht beschmutzte; alsdann setzte sie sich hinter einen grünen Wandschirm, so daß ich ihr Gesicht nicht sehen konnte, und rief alle Minuten aus: »O, mein Gott!« Es fuhr aus ihr jedesmal heraus wie ein kleiner Flintenschuß. Nach einiger Zeit klingelte sie. »Janet,« sagte meine Tante, als die Dienerin hereintrat, »geh hinauf, empfiehl mich Mr. Dick und sage ihm, ich wünsche ihn zu sprechen.« Janet wunderte sich nicht wenig, als sie mich regungslos auf dem Sofa liegen sah, denn ich wagte mich nicht zu rühren, aus Furcht, meine Tante böse zu machen, aber sie ging, ihren Auftrag auszuführen. Meine Tante schritt, die Hände auf dem Rücken, im Zimmer auf und ab, bis der Herr, der mich aus dem obern Fenster angeschielt hatte, lachend hereintrat. »Mr. Dick,« sagte meine Tante, »seien Sie jetzt kein Spaßmacher, weil niemand verständiger sein kann, als Sie, wenn Sie Lust haben. Wir wissen das alle: also nur vernünftig.« Der Herr machte sogleich ein ernstes Gesicht und sah mich an, als ob er mich bitten wollte, nichts von der Szene am Fenster zu verraten. »Mr. Dick,« sagte meine Tante, »Sie haben mich von David Copperfield erzählen hören? Jetzt tun Sie aber nicht, als ob Sie kein Gedächtnis hätten, weil Sie und ich es besser wissen.« »David Copperfield?« sagte Mr. Dick, der sich nicht viel dessen zu erinnern schien; »David Copperfield? O ja, gewiß! David? Ganz gewiß.« »Das ist hier sein Sohn«, sagte meine Tante. »Er wäre seinem Vater so ähnlich, als es nur möglich wäre, wenn er nur nicht zugleich seiner Mutter so ähnlich wäre.« »Sein Sohn«, sagte Mr. Dick, »Davids Sohn? Wirklich?« »Ja,« fuhr meine Tante fort, »und er hat schöne Geschichten gemacht. Er ist davongelaufen. Ach! seine Schwester Betsey Trotwood wäre nie davongelaufen!« Meine Tante schüttelte entschlossen mit dem Kopfe, in festem Vertrauen auf den Charakter und das Betragen eines Mädchens, das nie geboren wurde. »O! Sie glauben, sie wäre nicht davongelaufen?« sagte Mr. Dick. »O, über den Mann,« rief meine Tante ärgerlich, »wie er spricht! Weiß ich nicht, daß sie's nie getan haben würde? Sie wäre zu ihrer Pate gezogen, und wir hätten einander lieb gehabt. Wo in aller Welt hätte seine Schwester Betsey Trotwood fortlaufen sollen?« »Nirgends!« sagte Mr. Dick. »Nun also,« erwiderte die Tante, durch die Antwort besänftigt, »wie können Sie denn so zerstreut sein, Dick, während Ihr Verstand doch so scharf ist wie eine Lanzette? Nun, hier sehen Sie also den jungen Herrn David Copperfield, und die Frage, die sie mir beantworten sollen, ist, was ich mit ihm anfangen soll?« »Was Sie mit ihm anfangen sollen?« sagte Mr. Dick verlegen und kratzte sich hinter den Ohren. »Anfangen sollen?« »Ja«, sagte meine Tante mit ernstem Blick und den Zeigefinger emporhaltend. »Ich brauche einen sehr guten Rat.« »Hm, wenn ich an Ihrer Stelle wäre,« sagte Mr. Dick überlegend und mich mit leerem Blick anstarrend, »so würde ich« – mein Anblick schien ihm einen plötzlichen Gedanken einzuflößen, und er setzte rasch hinzu, »so würde ich ihn waschen!« »Janet«, sagte meine Tante und drehte sich mit einem stillen Triumph in ihren Augen, den ich erst später begriff, zu mir um, »Mr. Dick hat allemal recht. Besorge Badewasser!« Obgleich mich dieses Zwiegespräch höchlichst interessierte, so konnte ich doch nicht umhin, währenddessen meine Tante, Mr. Dick und Janet zu beobachten und mich im Zimmer umzusehen. Meine Tante war eine große Dame mit strengen Zügen, aber keineswegs häßlich. Diese Strenge sprach sich nicht nur in ihrem Gesicht, sondern auch in ihrer Stimme, in ihrem Anzug und in ihrer Haltung genügend aus, um den Eindruck zu erklären, den sie auf ein so sanftes Geschöpf, wie meine Mutter war, gemacht hatte; aber ihre Züge waren eher hübsch als häßlich, obgleich hart und streng. Hauptsächlich fiel mir ihr lebhaftes und glänzendes Auge auf. Ihr Haar, das schon ergraut war, war unter einer unter dem Kinn zugebundenen, damals sehr häufig getragenen Haube einfach in zwei Hälften gescheitelt. Ihr Kleid war lavendelfarbig und ausnehmend reinlich, aber knapp gemacht, als ob sie so wenig wie möglich geniert zu sein wünschte. Mir kam es mehr wie ein Reitkleid vor, von dem die Schleppe abgeschnitten ist, als wie sonst eine andere Mode. An der Seite trug sie eine goldene Uhr, die wegen ihrer Größe und der daran befindlichen Siegel eher für einen Herrn gepaßt hätte; am Halse bemerkte man etwas Leinen, wie einen Halskragen, und an ihren Händen etwas wie Manschetten. Mr. Dick hatte graues Haar und ein rotes Gesicht, wie schon früher erwähnt. Außerdem muß ich noch bemerken, daß er den Kopf seltsam gebeugt trug, aber nicht infolge des Alters. Diese Haltung erinnerte mich immer an Mr. Creakles Schüler, wenn sie ihre Schläge weg hatten. Seine großen Augen standen weit hervor und hatten einen eigentümlichen wässerigen Glanz, was mich mit seinem zerstreuten Wesen, seiner Unterwürfigkeit gegen meine Tante und seiner kindischen Freude, wenn sie ihn lobte, zusammengehalten, auf den Gedanken brachte, daß er ein wenig verschroben sei, obgleich ich mir in diesem Falle nicht erklären konnte, wie er hierher kam, wenn er es wirklich sein sollte. Er war wie andere Leute mit einem weiten grauen Morgenrock und weißen Hosen bekleidet, hatte eine Uhr und Geld in der Tasche und klimperte damit, als ob er stolz darauf wäre. Janet war ein hübsches Mädchen, etwa neunzehn oder zwanzig Jahre alt, und ein wahres Muster von Nettigkeit. Obgleich ich damals nur dies an ihr bemerkte, muß ich hier doch erwähnen, was ich aber erst später erfuhr, daß sie eine aus der Reihenfolge von Schützlingen war, die meine Tante in Dienst genommen hatte, um sie zur Männerfeindschaft zu erziehen, und die meistens ihre Abschwörung der Ehe damit vervollständigt hatten, daß sie den Bäcker heirateten. Das Zimmer war so nett wie Janet oder wie meine Tante. Als ich eben in Erinnerung daran die Feder niederlegte, spürte ich wieder die Seeluft, die mit dem Duft der Blumen gemischt in das Fenster drang, sah ich den altmodischen Hausrat blitzblank gerieben und poliert, den geheiligten Stuhl und Tisch der Tante neben dem runden grünen Schirmfächer im Erkerfenster, den mit baumwollenen Läufern bedeckten Teppich, die Katze, den Teekesselständer, die beiden Kanarienvögel, die alten Porzellansachen, die alte Punschbowle voll getrockneter Rosenblätter, den hohen Schrank, in dem allerlei Flaschen und Töpfe verwahrt wurden, und gänzlich unpassend in diese ganze Umgebung meine verstaubte kleine Gestalt auf dem Sofa, alles mit den Augen musternd. Janet war fortgegangen, um das Bad anzurichten, als meine Tante zu meinem größten Schrecken in einem Augenblick starr vor Entrüstung wurde, und kaum Stimme genug behielt, um zu rufen: »Janet! Esel!« Darauf kam Janet die Treppe heraufgesprungen, als ob das Haus brenne, stürzte auf einen kleinen Rasenfleck vor dem Hause hinaus, und verjagte zwei von Damen gerittene Esel, die es gewagt hatten, ihren Huf auf den Rasen zu setzen, während meine Tante auf dem Fuße folgte, den Zaum eines dritten Esels, auf dem ein Kind saß, ergriff, ihn umdrehte, seitab führte, und den unglücklichen Jungen, der den Esel führte, und die heilige Stelle zu entweihen gewagt hatte, hinter die Ohren schlug. Bis heute weiß ich noch nicht, ob meine Tante irgend ein gesetzliches Recht auf diesen Rasenfleck hatte; aber sie hatte sich's einmal in den Kopf gesetzt, und das war so gut, als ob sie das Recht gehabt hätte. Die größte Untat gegen sie, die beständige Ahndung verlangte, war eben, daß ein Esel diese unbefleckte Stelle betrat. Womit sie auch immer beschäftigt sein mochte, sollte das Gespräch, worin sie begriffen war, auch noch so interessant sein – der Anblick eines Esels lenkte ihre Gedanken blitzschnell ab, und sie fiel sofort über ihn her. Mit Wasser gefüllte Krüge und Gießkannen standen versteckt bereit, über die frevelnden Eseltreiberjungen ergossen zu werden, Stöcke lauerten im Hinterhalte (hinter der Haustür): zu allen Zeiten wurden Ausfälle gemacht, und der Krieg war in Permanenz erklärt. Vielleicht war dies für die Eselsjungen eine angenehme Aufregung; vielleicht gefielen sich auch die intelligenteren Esel, die den Sachverhalt begriffen, gerade darin, mit angeborenem Eigensinn diesen Weg zu wandeln. Ich weiß nur noch, daß drei Alarmrufe ertönten, bevor das Bad fertig war, und daß meine Tante im letzten und verzweifeltesten Falle ganz allein zum Kampfe mit einem hellblonden fünfzehnjährigen Bengel schritt, dessen Schädel sie erst gegen das Haustor bumpsen mußte, bevor er begriff, um was es sich handelte. Die Geschichte kam mir um so lächerlicher vor, weil mich meine Tante gerade eifrig mit einem Suppenlöffel fütterte – denn sie hatte sich's in den Kopf gesetzt, ich sei buchstäblich dem Verhungern nahe und dürfe anfangs nur winzige Mengen zu mir nehmen – plötzlich aber »Janet! Esel!« schrie, den Löffel in die Terrine fallen ließ und – zum Angriff hinausstürmte, während ich den Mund schon offen hielt, um die warme Ladung in mich aufzunehmen. Das Bad war eine wahre Erquickung für mich. Denn durch das Schlafen im Freien hatte ich mir Gliederschmerzen zugezogen, und ich war jetzt so matt, daß ich kaum fünf Minuten lang wach bleiben konnte. Als ich mich gebadet hatte, zogen sie mir (ich meine die Tante und Janet) ein Hemd und ein Paar Hosen von Mr. Dick an, und wickelten mich in zwei oder drei große Schals. Wie ich in diesem bündelmäßigen Aufzuge aussah, weiß ich nicht, aber sehr warm war es darin. Da mich überdies ein Gefühl von Mattigkeit und Schläfrigkeit überkam, legte ich mich bald wieder aufs Sofa und schlummerte ein. Es mag ein Traum gewesen sein, der seinen Ursprung in dem Bilde, das mich so lange erfüllt hatte, genommen, aber ich erwachte mit der Vorstellung, daß sich meine Tante über mich gebeugt, mir das Haar aus dem Gesicht gestrichen, mir den Kopf bequemer gelegt und mich dann betrachtet hätte. Die Worte: »hübsches Kind« oder »armes Kind« schienen mir auch noch in den Ohren zu klingen, aber sonst war bei meinem Erwachen nichts da, was mich hätte glauben machen können, meine Tante hatte sie gesprochen, denn sie saß unbeweglich am Erkerfenster und blickte hinaus nach dem Meere, hinter dem grünen Schirm, der wie ein Fächer in einem Drehring saß und sich hin und her schieben und nach allen Seiten verstellen ließ. Wir speisten bald nachdem ich erwacht war. Ein gebratenes Huhn und ein Pudding kamen auf den Tisch, an dem ich selbst fast wie ein zugerichteter Vogel saß, da ich meine Arme nur mit großer Schwierigkeit bewegen konnte. Aber da meine Tante mich eingewickelt hatte, so wollte ich mich nicht darüber beklagen. Die ganze Zeit über lag mir sehr am Herzen, zu erfahren, was sie mit mir anzufangen gedenke; aber sie nahm ihr Essen im tiefsten Schweigen zu sich, außer wenn sie mich manchmal ansah und ausrief: »Gütiger Himmel!« was gar nicht geeignet war, meine Besorgnisse zu beschwichtigen. Nachdem das Tischtuch entfernt war, kam Sherry auf die Tafel, wovon ich ein Glas erhielt, und meine Tante schickte wieder nach Mr. Dick, der uns Gesellschaft leistete und so klug aussah, wie er konnte, als sie ihn aufforderte, meiner Geschichte Aufmerksamkeit zu schenken, die sie durch eine Reihe Fragen aus mir herauslockte. Während meiner Erzählung verließen ihre Augen Mr. Dick nicht, der, glaube ich, sonst eingeschlafen wäre, und der, wenn er sich verleiten ließ, zu lächeln, von einem strafenden Blick meiner Tante in seine Schranken gewiesen wurde. »Was nur dem armen, unglücklichen Kinde eingefallen sein muß, daß sie noch einmal heiratete,« sagte meine Tante, als ich fertig war; »ich kann es nicht begreifen.« »Vielleicht hat sie sich in ihren zweiten Mann verliebt«, meinte Mr. Dick. »Verliebt!« wiederholte meine Tante; »was reden Sie da? Wie konnte sie sich verlieben?« »Vielleicht«, meinte Mr. Dick, nachdem er ein wenig nachgedacht hatte, »vielleicht tat sie's zu ihrem Vergnügen.« »Zu ihrem Vergnügen!« entgegnete meine Tante. »Ein schönes Vergnügen für das arme Kind, ihr vertrauensvolles Herz einem Kerl von einem Manne zu schenken, der es ganz gewiß nur auf die eine oder andere Art mißhandeln wollte. Ich möchte wissen, was sie sich dabei gedacht hat! Sie hatte ja einen Mann gehabt. Sie hatte ja noch dazu David Copperfield gehabt, der von Kindesbeinen an beständig dem Wachspüppchen nachgelaufen war. Sie hatte ein Kind, obgleich sie selbst noch eins war, an dem Freitag Abend, als der Junge geboren wurde, – und was brauchte sie mehr?« Mr. Dick wiegte bedenklich den Kopf und sah mich an, als ob er meine, dagegen lasse sich nichts sagen. »Und die konnte nicht einmal ein Mädchen kriegen wie andere Leute«, fuhr meine Tante fort, »Wo war dieses Kindes Schwester Betsey Trotwood! Sie kam nicht. Unterbrechen Sie mich nicht!« Mr. Dick schien ganz erschrocken zu sein. »Der kleine Doktor mit dem seitwärts geneigten Kopfe,« sagte meine Tante, »Yellips oder wie er sonst hieß, was tut er? Er konnte weiter nichts tun, als mir sagen: ›'s ist ein Junge.‹ Ein Junge! Hoho, über die Dämlichkeit dieser ganzen Sippschaft!« Über die Energie dieses Ausrufs erschrak Mr. Dick vollends, und ich ebenfalls, wenn ich die Wahrheit sagen soll. »Und dann, als ob dies noch nicht genug wäre und sie der Schwester dieses Kindes, Betsey Trotwood, noch nicht genug im Licht gestanden hätte,« sagte meine Tante, »heiratet sie zum zweitenmal – heiratet einen Mörder – oder einen Mann, der beinahe so heißt – und steht diesem Kinde im Licht! Und die natürliche Folge ist die, die jeder, nur ein Kind nicht, hätte voraussehen können, daß der Knabe in der Wildnis herumstreift. Er ist einem Kain in seinem Kindesalter so ähnlich wie möglich.« Mr. Dick sah mich prüfend an, als ob er mich erst in dieser Eigenschaft erkennen wollte. »Und dann ist das Frauenzimmer da mit dem heidnischen Namen,« sagte meine Tante, »diese Peggotty, die muß nun auch noch heiraten! Als ob sie noch nicht genügend gesehen hätte, was für schlimme Folgen das hat, heiratet sie auch noch, wie das Kind erzählt. Ich hoffe nur,« sagte meine Tante und schüttelte mit dem Kopf, »daß ihr Mann einer von den Handfesten ist, von denen man immer in den Zeitungen liest, und sie tüchtig mit einem Feuerhaken schlägt.« Das konnte ich von meiner alten Amme nicht mit anhören; ich sagte meiner Tante, daß sie sich hierin sicherlich irre. Daß Peggotty die beste, treueste, hingebendste und aufopferndste Freundin und Dienerin von der Welt sei, daß sie mich und meine Mutter stets zärtlich geliebt habe, daß sie meiner Mutter sterbendes Haupt gestützt, und daß meine Mutter ihren letzten dankbaren Kuß auf ihr Gesicht gedrückt habe. Und da mich die Erinnerung an beide Geliebten zu sehr erschütterte, konnte ich nicht ausreden, als ich noch sagen wollte, daß ihr Haus mein Haus sei, daß alles, was sie habe, mein sei, und daß ich nur mit Rücksicht auf ihre bescheidene Stellung, die mich fürchten ließ, ihr Ungelegenheiten zu machen, nicht bei ihr Schutz gesucht hätte. Tränen erstickten meine Stimme, und ich legte das Gesicht in meine Hände auf den Tisch. »Schon gut! schon gut!« sagte meine Tante, »das Kind macht es recht, daß es zu denen hält, die bei ihm ausgehalten haben. – Janet! Esel!« Ich bin überzeugt, ohne diese unglücklichen Esel wären wir jetzt zu einer Verständigung gekommen; denn meine Tante hatte ihre Hand auf meine Schulter gelegt, und ich stand, dadurch kühn geworden, im Begriff, sie zu umarmen und zu bitten, mir ihren Schutz angedeihen zu lassen. Aber die Unterbrechung und die Aufregung, in die sie durch den Kampf draußen geriet, machten vorderhand allen sanftem Gedanken ein Ende und veranlaßten meine Tante, sich höchst entrüstet gegen Mr. Dick über ihren Entschluß zu verbreiten, bei den Gesetzen des Landes Hilfe zu suchen und sämtliche Eselseigentümer von Dover zu verklagen. Nach dem Tee setzten wir uns ans Feuer, um, wie ich aus dem gespannten Gesicht meiner Tante schloß, auf neue Eindringlinge zu lauern, und als es zu dämmern begann, brachte Janet Lichter und ein Puffbrett und ließ die Vorhänge herunter. »Jetzt, Mr. Dick, will ich Ihnen eine andere Frage vorlegen«, sagte meine Tante mit ernstem Blick und emporgehobenem Zeigefinger, ganz wie vorhin. »Sehen Sie das Kind an.« »Davids Sohn?« sagte Mr. Dick mit aufmerksamem, verlegenem Gesicht. »Ganz richtig bemerkt«, entgegnete meine Tante. »Was würden Sie jetzt mit ihm machen?« »Mit Davids Sohn machen?« sagte Mr. Dick. »Ja,« erwiderte meine Tante, »mit Davids Sohn.« »O«, sagte Mr. Dick. »Ja. Mit ihm machen – ich würde ihn zu Bett bringen.« »Janet!« rief meine Tante mit derselben triumphierenden Befriedigung, die ich früher bemerkt hatte. »Mr. Dick rät uns immer das rechte. Wenn das Bett fertig ist, wollen wir ihn hinaufbringen.« Auf Janets Äußerung, daß es fertig sei, führten sie mich hinauf, freundlich, aber fast wie eine Art Gefangenen, indem meine Tante vor mir und Janet hinter mir ging. Der einzige Umstand, der mir neue Hoffnungen einflößte, war, daß, als die Tante auf der Treppe stehen blieb und fragte, woher der brandige Geruch komme, ihr Janet antwortete, daß sie unten in der Küche mein altes Hemd verbrannt habe. Aber es befanden sich keine anderen Kleider in meinem Zimmer als die wunderlichen Sachen, in die man mich eingewickelt hatte, und als man mich mit einer kleinen Kerze, die, wie mir meine Tante sagte, genau fünf Minuten brannte, allein gelassen hatte, hörte ich, wie sie draußen die Tür zuschlossen. Wie ich mir das überlegte, hielt ich es für möglich, daß meine Tante, die mich natürlich noch nicht kannte, mich in Verdacht hatte, die Gewohnheit des Fortlaufens zu haben, und dagegen Vorkehrungen traf. Das Zimmer war freundlich und hatte die Aussicht auf das Meer, das der Mond glänzend beschien. Ich erinnere mich, wie ich, nachdem ich mein Nachtgebet hergesagt hatte und als das Licht ausgebrannt war, noch sitzen blieb und auf das mondbeschienene Wasser hinausblickte, als hoffte ich, darin mein Schicksal zu lesen, oder meine Mutter mit ihrem Kinde zu sehen, wie sie auf dem Strahlenpfade vom Himmel herabstieg, um mich anzusehen wie damals, als ich zum letztenmal ihr liebliches Gesicht sah. Ich weiß, wie das feierliche Gefühl, mit dem ich endlich die Augen abwendete, einem Gefühl der Dankbarkeit und der Ruhe Platz machte, die mir der Anblick des weißen Himmelbetts einflößte, und gar erst, als ich weich darinnen lag und mich in die schneeigen weißen Laken schmiegte. Ich weiß, wie ich an alle die einsamen Stellen unter dem Nachthimmel dachte, an denen ich geschlafen hatte, und wie ich betete, daß ich nie wieder obdachlos sein und nie der Obdachlosen vergessen möge. Dann war mir, als schwämme ich, durch den feierlichen glänzenden Streifen auf der See, weit weg in die Welt der Träume. Vierzehntes Kapitel Meine Tante kommt zu einem Entschluß über mich. Als ich am nächsten Morgen hinunterging, saß die Tante so in Gedanken vertieft vor dem Frühstückstisch, den Ellbogen auf das Teebrett gestützt, daß der Teekessel übergelaufen war und mit einem Teile seines Inhalts das ganze Tischtuch unter Wasser gesetzt hatte, als mein Erscheinen ihre Gedanken in die Flucht schlug. Ich fühlte mich überzeugt, daß ich der Gegenstand ihres Nachdenkens gewesen war, und war mehr gespannt als je, ihre Absichten über mich zu erfahren. Doch durfte ich meinen Wünschen nicht Ausdruck geben, aus Furcht, sie zu beleidigen. Meine Augen jedoch, die ich nicht so zügeln konnte wie meine Zunge, fühlten sich während des Frühstücks sehr oft zu meiner Tante hingezogen. Ich konnte sie nur ein paar Augenblicke hintereinander ansehen, ohne daß sie mich ebenfalls ansah, und zwar in einer seltsamen, nachdenklichen Weise, als ob ich in unendlich weiter Ferne wäre, anstatt auf der andern Seite des kleinen runden Tisches. Als meine Taute mit ihrem Frühstück fertig war, lehnte sie sich sehr nachdenklich in ihren Stuhl zurück, faltete die Brauen, schlug die Arme übereinander und betrachtete mich mit so ununterbrochener Aufmerksamkeit, daß ich mich vor Verlegenheit nicht zu fassen wußte. Na ich noch nicht mit meinem Frühstück fertig war, suchte ich meine Verwirrung dadurch zu verbergen, daß ich darin fortfuhr; aber mein Messer hakte sich in die Gabel fest, und die Gabel stolperte über das Messer; ich schnitt an dem Schinken herum, daß die Stücke hochflogen, und verschluckte mich an dem Tee, der stets in die falsche, statt in die richtige Kehle kam, bis ich es ganz aufgab und errötend unter den forschenden Blicken meiner Tante dasaß. »Hallo!« sagte meine Tante nach einer ziemlichen Weile. Ich blickte auf und begegnete mit ehrerbietiger Miene ihren scharfen und hellen Augen. »Ich habe an ihn geschrieben«, sagte sie. »An – ?« »An deinen Stiefvater«, sagte sie. »Ich habe ihm geschrieben, er soll hierher kommen, oder er bekommt's mit mir zu tun, darauf kann er sich verlassen!« »Weiß er, wo ich bin, Tante?« fragte ich mit großer Unruhe. »Ich habe es ihm mitgeteilt«, sagte meine Tante und nickte. »Soll er – soll er mich wieder mitnehmen?« stotterte ich. »Ich weiß es nicht«, sagte die Tante. »Wir werden sehen.« »Ach! dann weiß ich nicht, was ich tue, wenn ich wieder zu Mr. Murdstone zurück muß!« rief ich aus. »Ich weiß es auch nicht«, sagte meine Tante und schüttelte den Kopf. »Ich weiß es wahrhaftig nicht. Wir werden aber erst sehen.« Diese Auskunft machte mich sehr niedergeschlagen, und mein Herz fühlte sich sehr bedrückt. Ohne dem Anscheine nach weiter darauf zu achten, band meine Tante eine grobe Schürze mit einem Brustlatz vor, die sie aus einem Schranke nahm, spülte mit eignen Händen die Teetasse aus, und als sie damit fertig war und die Tassen wieder auf das Teebrett gesetzt und das Tischtuch wieder zusammengefaltet und oben darauf gelegt hatte, klingelte sie nach Janet, daß diese das Teezeug hinaustrage. Jetzt zog sie ein Paar Handschuhe an und kehrte die Krumen mit einem kleinen Besen weg, bis auch kein mikroskopisches Fleckchen mehr auf dem Tisch zu sehen war, und dann stäubte und ordnete sie das ganze Zimmer, das schon aufs sauberste abgestäubt und geordnet war. Als alle diese Arbeiten zu ihrer Zufriedenheit beendigt waren, legte sie Handschuhe und Schürze wieder ab, faltete sie zusammen, gab ihnen ihren besondern Platz in dem Schranke, setzte ihr Arbeitskästchen auf ihren Tisch an das offene Fenster und nahm dort Platz, den grünen Schirm zwischen sich und das Licht gestellt. »Du könntest hinaufgehen,« sagte meine Tante, als sie ihre Nadel einfädelte, »mich Mr. Dick bestens empfehlen und ihn fragen, wie er mit seiner Denkschrift vorwärts kommt.« Ich stand diensteifrig auf, um meinen Auftrag auszuführen. »Ich vermute,« sagte meine Tante, und sah mich so scharf an, wie sie die Nadel beim Einfädeln angesehen hatte, »du meinst, Mr. Dick ist ein sehr kurzer Name?« »Er kam mir gestern abend ein wenig kurz vor«, gestand ich. »Du darfst nicht glauben, daß er keinen längern Namen hat, wenn er Gebrauch davon machen wollte«, sagte meine Tante mit einer großartigen Miene. »Babley – Mr. Richard Babley – ist des Herrn wahrer Name.« Ich wollte mit einem bescheidenen Bewußtsein meiner Jugend und der Vertraulichkeit, die ich mir schon hatte zu schulden kommen lassen, indem ich ihn so nannte, bemerken, daß ich ihm die vollständige Ehre seines Namens wolle zukommen lassen, als meine Tante fortfuhr: »Aber nenne ihn beileibe nicht so. Er kann den Namen nicht ausstehen. Das ist eine seiner Schrullen. Obgleich ich eigentlich gar nicht einmal sagen kann, daß es eine so unverständliche Seltsamkeit ist, denn er ist von einigen, die diesen Namen führen, schlecht genug behandelt worden, um einen tödlichen Widerwillen dagegen zu haben. Mr. Dick heißt er jetzt hier und anderwärts – wenn er wo anders hinkäme, was nicht der Fall ist. So nimm dich in Acht, Kind, daß du ihn nicht anders als Mr. Dick nennst.« Ich versprach zu gehorchen und ging mit meiner Botschaft hinauf. Unterwegs dachte ich, wenn Mr. Dick schon lange eben so eifrig an seiner Denkschrift gearbeitet hätte, wie ich es heute früh im Vorbeigehen durch die offene Tür gesehen, so müsse er gut damit vorwärts kommen. Wie ich hinein kam, schrieb er höchst eifrig mit einer langen Feder daran, und sein Kopf lag fast auf dem Papiere. So vertieft war er in seine Arbeit, daß ich Zeit genug hatte, den großen Papierdrachen in einer Ecke, die große Menge Bündel beschriebenen Papiers, die vielen Federn und vor allem die viele Tinte (die er in Dutzenden von großen Quartkruken vorrätig hatte) zu betrachten, bevor er meine Anwesenheit bemerkte. »Ha! Phöbus!« sagte Mr. Dick und legte die Feder hin. »Wie sieht's aus in der Welt! Ich will dir was sagen,« setzte er leiser hinzu, »ich möchte es nicht weiter gesagt wissen, aber es ist« – hier winkte er mich zu sich und hielt seinen Mund dicht an mein Ohr – »es ist eine verrückte Welt. Verrückt wie ein Irrenhaus, mein Sohn!« sagte Mr. Dick, nahm eine Prise aus einer großen runden Tabaksdose, die auf dem Tisch stand, und lachte herzlich. Ohne mir anzumaßen, über diese Frage eine Meinung abzugeben, richtete ich meinen Auftrag aus. »Nun?« gab Mr. Dick darauf zur Antwort, »richte ihr meine Empfehlungen aus, und sage ihr, ich glaube, ich sei ein Stück vorwärts gekommen. Ich glaube, ich bin vorwärts gekommen«, sagte Mr. Dick, indem er mit der Hand in das krause Haar fuhr und einen nichts weniger als zuversichtlichen Blick auf sein Geschreibsel warf. »Bist du in der Schule gewesen?« »Ja, Sir,« erwiderte ich, »kurze Zeit.« »Kannst du dich auf das Jahr besinnen,« sagte Mr. Dick indem er mich angelegentlich ansah und eine Feder nahm, um es sofort zu notieren, »in dem König Karl dem Ersten der Kopf abgeschlagen worden ist?« »Ja,« sagte ich, »ich glaube, es ist das Jahr 1649 gewesen.« »Hm!« entgegnete Mr. Dick, indem er sich mit der Feder hinter dem Ohr kratzte und mich zweifelnd ansah. »So sagen die Bücher; aber ich sehe nicht ein, wie das wahr sein kann? Denn wenn es so lange her wäre, wie hätte da seine Umgebung das Versehen machen können, ein paar Sorgen aus seinem Kopf, nachdem er abgeschlagen war, in meinen zu stecken?« Mich versetzte diese Frage in großes Erstaunen, aber ich konnte ihm über diesen Punkt keine Auskunft geben. »Es ist doch seltsam,« sagte Mr. Dick, mit einem kleinmütigen Blick auf sein Geschreibsel und mit der Hand wieder ins Haar fahrend, »daß ich nie damit ins reine kommen kann. Aber es tut nichts, es tut nichts!« sagte er, wieder Mut fassend, »ich habe Zeit genug! Meine Empfehlungen an Miß Trotwood, und ich käme recht gut vorwärts.« Ich wollte hinausgehen, als er meine Aufmerksamkeit auf den Drachen lenkte. »Was sagst du zu diesem Drachen?« fragte er. Ich erwiderte, daß er sehr schön sei. Ich glaube, er war mindestens sieben Fuß hoch. »Ich habe ihn gemacht. Wir wollen ihn zusammen steigen lassen«, sagte Mr. Dick. »Sieh einmal her.« Er zeigte mir, daß er mit sehr eng beschriebenem Manuskript bedeckt war; es war aber so deutlich, daß, wie ich seinem Finger folgte, ich an ein oder zwei Stellen eine Hindeutung auf König Karls des Ersten Kopf erkennen konnte. »Bindfaden ist genug da,« sagte Mr. Dick, »und wenn er hoch fliegt, so trägt er die Tatsachen in weite Fernen. Das ist meine Manier, sie zu verbreiten. Ich weiß nicht, wo sie niederfallen. Das hängt von Umständen, vom Winde usw. ab; aber darauf lasse ich's eben ankommen.« Sein Gesicht war so sanft und freundlich und hatte etwas so Ehrwürdiges in sich, obgleich es gesund und frisch war, daß ich nicht recht wußte, ob er nicht einen gutgelaunten Scherz mit mir treibe. Also lachte ich, und er lachte, und wir schieden als die besten Freunde. »Nun, Kind,« sagte meine Tante, als ich wieder hinunter kam, »was sagt Mr. Dick diesen Morgen?« Ich sagte ihr, daß er sich empfehlen und ihr sagen lasse, daß er recht gute Fortschritte mache. »Was denkst du von ihm?« sagte meine Tante. Ich wollte zwar der Frage durch die Antwort ausweichen, daß ich ihn für einen sehr hübschen Mann hielt, aber so leichten Kaufs ließ mich meine Tante nicht durch, denn sie legte ihre Arbeit in den Schoß und sagte, ihre Hände darüber kreuzend: »Komm! Deine Schwester Betsey Trotwood hätte mir ohne zu zögern gesagt, was sie von jemand denkt. Sei deiner Schwester so ähnlich wie du kannst und heraus mit der Sprache!« »Ist er – ist Mr. Dick – ich frage nur, weil ich es nicht weiß, Tante – ist er nicht ein bißchen verschroben?« stotterte ich, denn ich fühlte, daß ich mich auf gefährlichem Boden bewegte. »Nicht ein bißchen«, sagte meine Tante. »O wirklich!« bemerkte ich schüchtern. »Wenn es etwas in der Welt gibt,« sagte meine Tante mit großer Entschiedenheit, »was Mr. Dick nicht ist, so ist es gerade das.« Ich hatte darauf nichts weiter zu erwidern, als ein zweites schüchternes: »Ja, so!« »Er ist geisteskrank genannt worden«, sagte meine Tante. »Ich finde ein seltenes Vergnügen darin, zu sagen, er ist verrückt genannt worden, denn ich hätte sonst nicht das Vergnügen seiner Gesellschaft und die Wohltat seines Rates gehabt seit den letzten zehn Jahren – kurz seitdem deine Schwester Betsey Trotwood mich getäuscht hat.« »So lange schon?« sagte ich. »Und recht nette Leute waren es, die die Keckheit hatten, ihn geisteskrank zu nennen«, fuhr meine Tante fort. »Mr. Dick ist eine Art entfernter Verwandter von mir – es kommt nicht darauf an wie, ich brauche nicht darauf einzugehen. Wenn ich nicht wäre, so hätte ihn sein leiblicher Bruder auf Lebenszeit eingesperrt. Das ist alles.« Ich fürchte, ich heuchelte ein wenig, aber da ich sah, daß meiner Tante die Sache sehr am Herzen lag, so versuchte ich, auch ein empörtes Gesicht zu machen. » Der und verrückt!« sagte meine Tante. »Weil sein Bruder ein wenig exzentrisch war – obgleich lange noch nicht halb so exzentrisch wie viele andere Leute – schickt er ihn in ein Privat- Irrenhaus, obgleich er ihm von seinem Vater, der ihn für halb blödsinnig hielt, zur Pflege anvertraut worden war. Und das muß auch ein weiser Mann gewesen sein, um auf einen solchen Gedanken zu kommen; er muß selbst verrückt gewesen sein.« Da auch jetzt meine Tante sehr überzeugt aussah, so bemühte ich mich, dasselbe Gesicht zu machen. »So mischte ich mich denn hinein«, sagte meine Tante, »und machte ihm ein Anerbieten. Ich sagte: Ihr Bruder ist vernünftig – viel vernünftiger als Sie sind, oder jemals sein werden. Geben Sie ihm sein kleines Einkommen, und dann mag er zu mir ziehen. Ich fürchte mich nicht vor ihm, ich bin nicht stolz, ich will ihn gern unter meine Obhut nehmen, und werde ihn nicht mißhandeln, wie gewisse Leute außerhalb des Irrenhauses getan haben. Nach vielem Hin- und Herreden«, sagte meine Tante, »erhielt ich ihn, und seitdem hat er mich nicht wieder verlassen. Er ist das freundlichste und zugänglichste Geschöpf auf der Welt, und ein Ratgeber! – Aber niemand außer mir kennt seine Befähigung.« Meine Tante strich ihr Kleid glatt und schüttelte den Kopf, als ob sie den Trotz, den sie der ganzen Welt bot, aus dem einen striche und aus dem andern schüttelte. »Er hatte eine Lieblingsschwester,« sagte meine Tante, »ein gutes Geschöpf, und sie war sehr gut gegen ihn. Aber sie tat, was sie alle tun – sie nahm einen Mann. Und der tat, was sie alle tun, er machte sie unglücklich. Das machte auf Mr. Dicks Gemüt einen solchen Eindruck (und das ist doch wahrhaftig kein Wahnsinn!), daß er – die Furcht vor seinem Bruder und das Bewußtsein von dessen Unfreundlichkeit kam noch dazu – ein hitziges Fieber bekam. Das war, bevor er hierher zog, aber die Erinnerung daran drückt ihn jetzt noch, – Hat er gegen dich etwas von König Karl dem Ersten erwähnt, mein Kind?« »Ja, Tante.« »Ah!« sagte meine Tante und rieb ihre Nase, als ob sie etwas verlegen wäre. »Das ist eine allegorische Weise, etwas auszudrücken. Seine Krankheit erinnert ihn natürlich an Zerstörung, und das ist das Bild, oder das Gleichnis, oder wie es sonst heißt, das er anzuwenden beliebt. Und warum sollte er nicht, wenn er es für gut findet?« Ich erwiderte: »Gewiß, Tante.« »Es ist kein geschäftsmäßiger Ausdruck,« sagte meine Tante, »und auch kein in der Welt üblicher, das weiß ich recht Wohl, und deshalb bestehe ich darauf, daß kein Wort davon in seine Denkschrift aufgenommen wird.« »Schreibt er in der Denkschrift über seine eigene Angelegenheit, Tante?« »Ja, Kind«, sagte meine Tante und rieb sich wieder die Nase. »Er schreibt eine Bittschrift an den Lordkanzler oder an einen andern Lord – jedenfalls an einen von den Männern, die bezahlt werden, um Bittschriften zu empfangen. Ich glaube, er wird nächstens damit fertig sein. Bis jetzt hat er immer wieder sein Gleichnis hineingebracht, aber das schadet nichts: er hat doch wenigstens Beschäftigung.« Ich fand in der Tat später, daß Mr. Dick seit länger als zehn Jahren bemüht war, Karl den Ersten aus der Denkschrift fern zu halten, aber dieser kam immer wieder hinein und befand sich auch jetzt wieder drin. »Ich sage nur noch einmal,« sagte meine Tante, »niemand außer mir kennt dieses Mannes Befähigung, und er ist das zugänglichste und freundlichste Geschöpf auf der Welt. Wenn er manchmal einen Drachen steigen laßt, was tut das? Franklin ließ auch Drachen steigen. Er war ein Quäker oder etwas Ähnliches, wenn ich nicht irre. Und ein Quäker, der einen Drachen steigen läßt, macht sich viel lächerlicher als ein anderer Mensch.« Wenn ich hätte meinen können, daß meine Tante mir diese Einzelheiten als einen Beweis ihres Vertrauens erzählte, so würde ich mich sehr ausgezeichnet gefühlt und von diesem Beweis ihrer guten Meinung sehr günstig für mich geschlossen haben. Aber ich konnte nicht umhin zu bemerken, daß sie mehr davon sprach, um eigene Zweifel zu beruhigen, als um mich zu unterrichten. Zugleich muß ich gestehen, daß die Wärme, mit der sie sich des armen harmlosen Mr. Dick annahm, nicht nur mein junges Herz mit einer selbstischen Hoffnung für mich erfüllte, sondern es auch selbstloser gegen sie erwärmte. Ich glaube, ich fing an zu fühlen, daß meine Tante neben ihren Wunderlichkeiten und schrulligen Launen Eigenschaften besaß, die man ehren und denen man Vertrauen schenken mußte. Sie war heute gerade so schroff wie gestern, hatte eben so oft einen Ausfall auf die Esel zu machen und geriet in fürchterliche Entrüstung, als ein junger Bursche im Vorbeigehen Janet ansah (eins der ernstesten Vergehen, deren man sich gegen die Würde meiner Tante schuldig machen konnte), aber doch schien sie mir mehr Achtung, wenn auch vielleicht nicht weniger Furcht zu verdienen. Meine Angst in der Zwischenzeit, die bis zum Eintreffen eines Briefes von Mr. Murdstone entstehen mußte, ist nicht zu beschreiben, aber ich machte einen Versuch, sie zu beherrschen und mich in einer stillen Weise meiner Tante und Mr. Dick so angenehm wie möglich zu machen. Dieser und ich wären ausgegangen, und wir hätten den Drachen steigen lassen, wenn ich etwas anderes anzuziehen gehabt hätte, als die nichts weniger als malerische Draperie, mit der ich am Tage meiner Ankunft umhüllt worden war; so aber war ich ans Haus gebannt, mit Ausnahme einer Stunde nach Dunkelwerden, wo meine Tante, bevor ich zu Bette ging, mich am Strande auf und ab paradieren ließ. Endlich traf die Antwort Mr. Murdstones ein, und meine Tante sagte mir zu meinem größten Schrecken, daß er den nächsten Tag persönlich kommen werde. Selbst am nächsten Tage saß ich, immer noch in meiner seltsamen Vermummung eingehüllt in der Stube und zählte die Minuten, aufgeregt von dem innerlichen Kampfe sinkender Hoffnungen und steigender Befürchtungen, und jeden Augenblick erwartend, von dem Anblick des finstern Gesichts erschreckt zu werden, dessen noch immer verzögertes Erscheinen mir gleichfalls jede Minute neue Angst einflößte. Meine Tante war etwas gebieterischer und strenger als gewöhnlich, aber ich konnte sonst nichts bemerken, wodurch sie sich auf den Empfang des von mir so sehr gefürchteten Besuchs vorbereitete. Bis ziemlich spät nachmittags saß sie am Fenster und arbeitete, und ich saß neben ihr, meine Gedanken vielfach beschäftigt mit allen möglichen und unmöglichen Folgen von Mr. Murdstones Besuch. Unser Mittagessen war auf unbestimmte Zeit hinausgeschoben worden, aber es wurde so spät, daß meine Tante befohlen hatte, zu decken, als der plötzliche Alarmruf »Esel« ertönte, und ich zu meiner Bestürzung und meinem Erstaunen Miß Murdstone auf einem Damensattel recht kaltblütig über den heiligen Rasenfleck kommen und vor dem Hause halten sah. »Maisch fort!« rief meine Tante und drohte mit der Faust am Fenster. »Sie haben dort nichts zu tun. Das ist ein verbotener Weg! Wie können Sie meinen Rasenfleck betreten! Marsch fort! Sie freche Person!« Meine Tante war so heftig erzürnt über die Kaltblütigkeit, mit der Miß Murdstone um sich schaute, daß ich wirklich glaube, sie war außerstande, sich zu bewegen und nach ihrer Gewohnheit hinauszustürzen. Ich benutzte diese Gelegenheit, um ihr zu sagen, wer es sei, und daß der Herr, der jetzt nachfolge (denn der Weg war sehr steil), Mr. Murdstone selbst sei. »Mir ist's einerlei, wer's ist!« rief meine Tante, schüttelte mit dem Kopf und machte nichts weniger als freundliche Gebärden aus ihrem Balkonfenster, »Ich lasse mir keine Übergriffe gefallen! Ich erlaube es nicht, fort! Janet, dreh' ihn herum. Führe ihn fort!« Und ich sah hinter meiner Tante hervor sich eine Art verwirrten Schlachtgemäldes entwickeln, in dem der Esel, seine vier Füße seitwärts fest in den Boden eingepflanzt, absoluten Widerstand entgegensetzte, während Janet ihn am Zügel herumzudrehen versuchte, Mr. Murdstone bemüht war, ihn zum Vorwärtsgehen zu bewegen, Miß Murdstone Janet mit einem Sonnenschirm schlug, und mehrere Knaben, die als Zuschauer des Gefechts herzugeeilt waren, nach Herzenslust johlten. Als aber meine Tante unter ihnen plötzlich den jungen Verbrecher erkannte, unter dessen Obhut der Esel stand und der einer der hartnäckigsten Verbrecher gegen sie war, stürzte sie hinaus, fiel über ihn her, fing ihn ein, schleppte ihn, die Jacke über den Kopf gezogen und mit den Absätzen Furchen in den Erdboden ziehend, in den Garten und hielt ihn dort fest, nachdem sie Janet befohlen hatte, die Polizei und die Richter zu holen, damit er auf der Stelle arretiert, vor Gericht gestellt und abgeurteilt werde. Ihre Freude war aber bald zu Ende; denn der junge Schelm, der listiger und schlauer war, als meine Tante ahnte, sprang bald mit einem Hussa ins Weite, ließ in den Blumenbeeten tiefe Spuren seiner benagelten Absätze zurück und führte den Esel im Triumph mit sich fort. Miß Murdstone war gegen Ende des Kampfes abgestiegen und wartete jetzt mit ihrem Bruder vor der Haustür, bis meine Tante Muße hätte, sie zu empfangen. Von dem Kampfe etwas aufgeregt, aber mit großer Würde ging meine Tante an ihnen vorbei ins Haus und beachtete sie weiter nicht, bis sie von Janet angemeldet wurden. »Soll ich hinausgehen, Tante?« fragte ich zitternd. »Nein, Kind,« sagte meine Tante, »gewiß nicht!« und damit schob sie mich in eine Ecke neben sich und setzte einen Stuhl davor, als ob es ein Gefängnis oder die Schranke eines Gerichts wäre. In dieser Ecke für Angeklagte blieb ich während der ganzen Unterredung, und von hier aus sah ich jetzt Mr. und Miß Murdstone in das Zimmer treten. »Oh!« sagte meine Tante, »Ich wußte anfangs nicht, gegen wen ich die Ehre hatte einzuschreiten. Aber ich erlaube niemand, über diesen Rasenfleck zu reiten. Ich mache keine Ausnahme. Ich erlaube es niemand.« »Ihre Ansicht ist etwas lästig für Fremde«, sagte Miß Murdstone. »Mir gleich!« sagte meine Tante. Mr. Murdstone schien eine Erneuerung der Feindseligkeiten zu befürchten, und mischte sich jetzt seinerseits ein. »Miß Trotwood –« »Was beliebt?« bemerkte meine Tante und musterte ihn mit einem lebhaften Blick. »Sie sind also der Mr. Murdstone, der die Witwe meines seligen Neffen David Copperfield von Blunderstone Krähenhorst geheiratet hat? – Obwohl mir nicht klar ist, warum es Krähenhorst hieß.« »Das bin ich«, sagte Mr. Murdstone. »Sie werden die Bemerkung entschuldigen, Sir,« entgegnete meine Tante, »aber ich glaube, es wäre viel besser und heilsamer gewesen, wenn Sie sich um das arme Kind nicht bekümmert hätten.« »Ich stimme insofern mit Miß Trotwood überein,« bemerkte Miß Murdstone gereizt, »daß ich glaube, unsere vielbeklagte Klara war in allen wesentlichen Punkten ein bloßes Kind.« »Es ist ein Trost für uns beide, Madame,« sagte meine Tante, »die wir in die Jahre kommen, und schwerlich durch unsere persönlichen Reize unglücklich gemacht werden können, daß niemand von uns behaupten kann, wir waren Kinder .« »Unzweifelhaft!« erwiderte Miß Murdstone, obgleich, wie mir schien, mit nicht sehr bereitwilliger oder freundlicher Beistimmung. »Und es wäre gewiß, wie Sie sagten, besser und heilsamer für meinen Bruder gewesen, wenn er diese Ehe nie eingegangen wäre. Ich war immer dieser Meinung.« »Ich bezweifle es gar nicht«, sagte meine Tante. »Janet,« sagte sie, nachdem sie geklingelt hatte, »richte meine Komplimente an Mr. Dick aus, und bitte ihn, herunter zu kommen.« Bis er kam, saß meine Tante ganz steif und aufrecht auf ihrem Stuhle und sah mit gerunzelter Stirn die Wand an. Als er eintrat, stellte ihn meine Tante vor. »Mr. Dick. Ein alter und vertrauter Freund – auf dessen Urteil ich mich verlasse«, setzte meine Tante nach einer Pause mit Nachdruck hinzu, während Mr. Dick an seinem Zeigefinger kaute und ziemlich blöde darein schaute. Mr. Dick nahm auf diesen Wink den Finger aus dem Munde und stand mit einem ernsten und aufmerksamen Ausdruck des Gesichts unter der Gruppe. Meine Tante verneigte sich gegen Mr. Murdstone, der nun fortfuhr: »Miß Trotwood, beim Empfange Ihres Briefes hielt ich es, um gerecht gegen mich zu sein und vielleicht aus Achtung vor Ihnen, für besser –« »Ich danke,« sagte meine Tante, und sah ihn immer noch durchdringend scharf an – »Sie brauchen auf mich keine Rücksicht zu nehmen.« »Trotz der Unannehmlichkeit der Reise, lieber persönlich als brieflich zu antworten«, fuhr Mr. Murdstone fort. »Dieser unglückselige Knabe, der von seinen Freunden und von seiner Beschäftigung fortgelaufen ist –« »Und dessen äußere Erscheinung«, unterbrach ihn seine Schwester, auf meinen unbeschreiblichen Anzug hindeutend, »ein wahrer Skandal und eine Schmach ist.« »Jane Murdstone«, sagte ihr Bruder, »sei so gut, mich nicht zu unterbrechen. Dieser unglückselige Knabe, Miß Trotwood, hat uns vieles häusliche Ungemach und Leidwesen verursacht, sowohl bei Lebzeiten meines verstorbenen geliebten Weibes, als nachher. Er hat einen verstockten, widerspenstigen Charakter, ein heftiges Gemüt und ein unlenksames, unzugängliches Wesen. Meine Schwester und ich haben uns bemüht, seine Fehler zu verbessern, aber vergeblich. Und ich fühlte mich überzeugt – ich kann sagen, wir fühlten es beide, denn meine Schwester besitzt mein ganzes Vertrauen – daß Sie diese ernste, ungeschminkte Versicherung aus unserm eigenen Munde vernehmen müssen.« »Ich habe kaum nötig, etwas, was aus meines Bruders Munde kommt, zu bestätigen,« sagte Miß Murdstone; »ich bitte zu bemerken, daß ich ihn von allen Jungen auf der Welt für den schlimmsten halte.« »Das ist stark!« sagte meine Tante kurz. »Aber durchaus nicht zu stark für die Wirklichkeit«, erwiderte Miß Murdstone. »Hm!« sagte meine Tante. »Weiter, Sir!« »Ich habe meine eigenen Meinungen über die beste Art ihn zu erziehen,« sprach Mr. Murdstone weiter, dessen Gesicht immer finsterer wurde, je mehr er und meine Tante sich gegenseitig beobachteten, was sie mit großer Aufmerksamkeit taten; »sie gründen sich teils auf meine Kenntnis seines Charakters, teils auf Kenntnis meiner eigenen Mittel und Hilfsquellen. Ich bin für deren Verwendung nur mir selbst verantwortlich, ich handle danach und gehe nicht weiter darauf ein. Es genügt, daß ich diesen Knaben unter der Obhut eines meiner Freunde in einem achtbaren Geschäft anstelle, daß es ihm dort nicht gefällt, daß er fortläuft, sich als Vagabund herumtreibt, und endlich in Lumpen zu Ihnen kommt, Miß Trotwood, um sich an Sie zu wenden. Ich wünsche Sie ganz aufrichtig auf die wahren Folgen Ihres Benehmens – soweit ich Sie kenne – aufmerksam zu machen, wenn Sie sich von seinen Bitten bewegen lassen.« »Aber erst wollen wir mal von dem so ›achtbaren‹ Geschäft sprechen«, sagte meine Tante. »Wenn es Ihr eigener Sohn gewesen wäre, so würden Sie ihn wahrscheinlich auch hingebracht haben?« »Wenn es meines Bruders eigener Sohn wäre,« fiel Miß Murdstone ein, »so wäre sein Charakter ein ganz anderer gewesen.« »Oder wenn das arme Ding, seine Mutter, noch am Leben wäre, so würden Sie ihn auch in das achtbare Geschäft getan haben?« fragte meine Tante. »Ich glaube,« sagte Mr. Murdstone mit einer Neigung des Kopfes, »daß Klara keine Maßregel bestritten hätte, die ich und meine Schwester Jane Murdstone für die beste hielten.« Miß Murdstone bestätigte das mit einem vernehmbaren Murmeln. »Hm!« sagte meine Tante. » Das arme Kind! « Mr. Dick, der die ganze Zeit über mit seinem Gelde geklimpert hatte, klimperte jetzt so laut damit, daß ihn meine Tante mit einem Blick abmahnen mußte, bevor sie sagte: »Des armen Weibes Leibrente hörte mit ihrem Tode auf?« »Hörte mit ihrem Tode auf«, entgegnete Mr. Murdstone. »Und es fand sich keine testamentarische Bestimmung vor, die das Haus und den Garten – ein Krähenhorst ohne Krähen – nach ihrem Tode ihrem Sohne vermachte?« »Ihr erster Gatte hatte ihr das Grundstück ohne alle einschränkenden Bedingungen hinterlassen«, fing Mr. Murdstone an, als ihn meine Tante mit der größten Heftigkeit und Ungeduld unterbrach: »Gütiger Himmel, Mensch, das brauchen Sie mir nicht erst zu versichern! Ohne alle Bedingungen hinterlassen! Ich kann mir David Copperfield denken, wie er an Bedingungen von irgend einer Art denkt, obgleich sie ihm vor der Nase liegen! Natürlich war ihr das Grundstück ohne Bedingungen hinterlassen. Aber als sie sich wieder verheiratete – als sie den höchst unglücklichen Schritt tat, Sie zu heiraten, um offen zu sein,« sagte meine Tante – »hat damals niemand ein Wort für den Knaben eingelegt?« »Meine selige Gattin liebte ihren zweiten Mann, Madame,« sagte Mr. Murdstone, »und schenkte ihm unbedingtes Vertrauen!« »Ihre selige Gattin, Sir, war ein höchst unpraktisches, höchst gutmütiges, höchst unglückliches Kind«, entgegnete meine Tante und schüttelte mit dem Kopf »Das war sie! Und was haben Sie nun noch zu sagen?« »Nur dies noch, Miß Trootwood«, gab er zurück. »Ich bin hier, um David mit mir zu nehmen – ihn ohne Bedingungen mit mir zu nehmen und über ihn zu verfügen, wie ich es für gut finde. Ich bin nicht gewillt, ein Versprechen zu geben, oder mich gegen jemand zu verpflichten. Sie haben möglicherweise die Absicht, Miß Trootwood, ihm in seinem Fortlaufen und in seinen Beschwerden gegen mich die Stange zu halten. Ihr Benehmen, das, ich muß es gestehen, mir nicht sehr versöhnlich erscheint, veranlaßt mich, das für möglich zu halten. Ich muß Sie aber warnen, daß, wenn Sie sich einmal für ihn ins Mittel gelegt haben, Sie dies für immer tun, daß, wenn Sie sich einmal seinethalben einmischen, Sie die Verantwortlichkeit für immer übernehmen. Ich kann weder Possen treiben, noch Possen mit mir treiben lassen! Ich komme zum ersten und zum letzten Male hierher, um ihn mitzunehmen. Ist er bereit zu gehen? – Wenn er's nicht ist – und nach Ihrer Angabe ist er's nicht, aus welchem Grunde ist mir gleichgültig – so ist ihm meine Tür in Zukunft verschlossen, und Ihre, setze ich voraus, wird ihm geöffnet bleiben!« Dieser Rede hatte meine Tante mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zugehört, und saß dabei, die Hände über ein Knie gefaltet und den Sprechenden scharf ansehend, vollkommen aufrecht. Als er fertig war, wendete sie ihre Augen auf Miß Murdstone, ohne ihre Stellung zu verändern, und sagte: »Nun, Madame, haben Sie noch etwas zu bemerken?« »Alles, was ich sagen könnte,« sagte Miß Murdstone, »hat mein Bruder so gut gesagt, und alles, was ich weiß, hat er so klar dargelegt, daß ich nichts weiter hinzuzufügen habe, als meinen Dank für Ihre Höflichkeit. Für Ihre sehr große Höflichkeit muß ich betonen«, sagte Miß Murdstone mit einer Ironie, die meine Tante nicht mehr rührte als die Kanone, neben der ich in Chatham geschlafen hatte. »Und was sagt der Knabe dazu?« sagte meine Tante. »Willst du mitgehen, David?« Ich erwiderte: »Nein«, und bat sie, mich nicht fortzulassen. Ich sagte, daß weder Miß noch Mr. Murdstone mich jemals geliebt hätten, und daß sie nie freundlich gegen mich gewesen wären. Daß sie meiner Mutter, die mich immer zärtlich geliebt habe, das Herz schwer gemacht hätten, und daß ich und Peggotty dies recht gut wüßten. Ich sagte, daß ich in einer elendern Lage gewesen, als jemand glauben könnte, der es wüßte, wie jung ich sei. Und ich bat und flehte meine Tante an – ich weiß nicht mehr, in welchen Worten, aber ich weiß, daß sie mich damals sehr rührten – mich um meines Vaters willen zu schützen und mir beizustehen! »Mr. Dick,« sagte meine Tante, »was soll ich mit dem Kinde anfangen?« Mr. Dick überlegte, schwankte, wurde sich klar und sagte: »Lassen Sie ihm sogleich einen Anzug anmessen.« »Mr. Dick,« sagte meine Tante triumphierend, »geben Sie mir Ihre Hand; Ihr richtiger Blick ist unschätzbar.« Nachdem sie ihm herzlich die Hand gedrückt, zog sie mich an ihre Seite und sagte zu Mr. Murdstone: »Sie können gehen, wenn Sie Lust haben; ich will es mit dem Knaben versuchen. Wenn er wirklich so ist, wie Sie ihn schildern, so kann ich wenigstens ebensoviel wie Sie für ihn tun. Ich glaube aber kein Wort davon.« »Miß Trootwood,« entgegnete Mr. Murdstone, und zuckte die Achseln, »wenn Sie ein Mann wären –« »Ach dummes Zeug!« sagte meine Tante. »Lassen Sie mich damit ja in Ruhe!« »Wie unendlich höflich«, rief Miß Murdstone aus, und stand auf. »Überwältigend, wahrhaftig!« Meine Tante beachtete aber die Schwester durchaus nicht, sondern sprach nur auf den Bruder ein und begleitete jedes ihrer Worte mit ausdrucksvollen Kopfbewegungen: »Glauben Sie etwa, ich weiß nicht, welches Leben das arme, unglückliche, verblendete Ding mit Ihnen geführt hat? Glauben Sie etwa, ich weiß nicht, welch ein Unglückstag es für das sanfte kleine Wesen war, als Sie ihr zuerst begegneten – sie umwedelten und sie anlächelten und anblinzelten, als ob Sie nicht bis drei zählen könnten?« »Eine so feine Ausdrucksweise habe ich wahrhaftig noch nicht gehört!« spottete Miß Murdstone. »Meinen Sie, ich durchschaute Sie nicht so deutlich, als ob ich dabei gewesen wäre, nun ich Sie sehe und höre, was mir, aufrichtig gesagt, keineswegs Vergnügen macht! O ja! Wer konnte zuerst glatter und geschmeidiger sein als Mr. Murdstone. Das arme verblendete Schäfchen hatte noch nie solch einen liebenswürdigen Mann gesehen. Er war der reine Zucker! Er betete sie an! Und wie er ihren Jungen liebte! Wie er für ihn schwärmte! Ein zweiter Vater wollte er ihm sein, und sie wollten alle in Wonne und Seligkeit zusammenleben, nicht wahr? Pfui! So, nun machen Sie, daß Sie wegkommen!« »Ich habe in meinem Leben noch nie eine so grobe Person gesehen!« rief Miß Murdstone. »Und als Sie das arme kleine Närrchen sicher im Garn hatten,« sagte meine Tante – »Gott verzeihe mir's, daß ich sie so nennen muß, nachdem sie dahin gegangen ist, wohin Sie gewiß nicht so leicht kommen werden – mußten Sie, weil Sie ihr und den Ihrigen noch nicht unrecht genug getan hatten, sie schulmeistern und knechten, und sie abrichten wie einen armen eingesperrten Vogel, damit sie Ihr Lied pfeifen lerne?« »Sie ist entweder verrückt oder betrunken,« sagte Miß Murdstone, ganz unglücklich darüber, daß sie dem Strom der Beredsamkeit meiner Tante nicht eine andere Richtung geben und ihn auf sich ablenken konnte; »aber ich fürchte, sie ist betrunken.« Ohne diese Unterbrechung im mindesten zu beachten, fuhr Miß Betsey fort, nur zu Mr. Murdstone zu sprechen. »Mr. Murdstone,« sagte sie, und drohte ihm mit dem Zeigefinger, »Sie waren ein Tyrann gegen das unschuldige Weib, und haben ihm das Herz gebrochen. Es hatte ein liebebedürftiges Herz, das weiß ich; ich wußte es viele Jahre früher, als Sie es gesehen haben – und durch Hilfe des besten Teils seiner Schwäche versetzten Sie ihm die Wunden, an denen das arme Kind gestorben ist. Das ist die Wahrheit zu Ihrer Erbauung, wenn sie Ihnen auch nicht gefällt. Und Sie und Ihre Werkzeuge mögen daraus bestens Nutzen ziehen.« »Erlauben Sie mir zu fragen,« unterbrach sie Miß Murdstone, »wen Sie in einer Sprache, der ich nicht Meister bin, meines Bruders Werkzeuge zu nennen belieben?« Immer noch vollständig taub gegen diese Stimme und ihr in keiner Weise zugänglich, fuhr Miß Betsey in ihrer Strafpredigt fort. »Es war, wie gesagt, viele Jahre, ehe Sie sie sahen, schon sonnenklar – und warum gerade Sie ihr nach dem unerforschlichen Willen der Vorsehung in den Weg laufen mußten, das zu begreifen, ist der Menschheit unmöglich – es war sonnenklar, sage ich, daß das arme, weichherzige, kleine Geschöpf zu irgend einer Zeit jemand heiraten würde; aber ich hoffte, es würde für sie nicht so schlecht ausfallen. Ich sah sie damals, Mr. Murdstone, wo sie diesen Knaben gebar, das arme Kind, vermittels dessen Sie sie später peinigten, und das ist jetzt eine unheimliche Erinnerung für Sie, und macht Ihnen den Anblick des Kindes verhaßt. Ja, ja! Sie brauchen nicht zusammenzuzucken! Ich weiß auch ohnedies, daß es wahr ist.« Er hatte die ganze Zeit über an der Tür gestanden und zu lächeln versucht, obgleich die schwarzen Brauen dicht zusammengezogen waren. Jetzt sah ich, daß das Lächeln und auf einen Augenblick die Farbe aus seinem Gesicht gewichen war und er schwer aufatmete. »Ich empfehle mich Ihnen, Sir!« sagte meine Tante, »guten Weg und glückliche Reise! – Auch Ihnen empfehle ich mich, Ma'am«, fuhr meine Tante fort, sich plötzlich an seine Schwester wendend. »Wenn Sie sich noch einmal unterstehen, auf einem Esel über meinen Rasenfleck zu reiten, so werde ich Ihnen, so gewiß Sie einen Kopf auf den Schultern haben, den Hut herunterreißen und mit Füßen treten!« Nur ein Maler, und zwar ein sehr geschickter Künstler, hätte das Gesicht meiner Tante, wie sie diesen unerwarteten Ausfall machte, und das Gesicht der Miß Murdstone, als sie ihn hörte, malen können. Aber der Ton in der Stimme meiner Tante war so energisch, daß Miß Murdstone verständigerweise, ohne ein Wort zu sagen, stumm ihrem Bruder den Arm gab und stolz das Haus verließ. Meine Tante blieb im Fenster stehen und sah ihnen nach, ohne Zweifel bereit, im Fall der Esel sich wieder zeigen sollte, ihre Drohung sofort auszuführen. Da jedoch jede Herausforderung unterblieb, verschwand allmählich der strenge Ausdruck ihres Gesichts, und es wurde so freundlich, daß ich mir ein Herz faßte, sie küßte und mich bei ihr bedankte. Ich tat dies mit großer Wärme und schlang beide Arme um ihren Hals. Dann schüttelte ich Mr. Dick die Hand, der gar nicht wieder aufhören konnte, mir auch die Hand zu schütteln, und die glückliche Beendigung dieser Angelegenheit mit wiederholtem lautem Gelächter begrüßte. »Sie haben sich nun mit mir als Vormund dieses Kindes zu betrachten, Mr. Dick«, sagte meine Tante. »Es soll mich freuen,« sagte Mr. Dick, »der Vormund von Davids Sohn zu sein.« »Sehr gut,« entgegnete meine Tante, »das ist abgemacht. Wissen Sie, Mr. Dick, ich bin auf den Gedanken gekommen, ihn Trotwood zu nennen?« »Ganz gewiß, ganz gewiß. Nennen Sie ihn Trotwood. Davids Sohn Trotwood.« »Trotwood Copperfield, meinen Sie«, bemerkte meine Tante. »Ja, allerdings. Ja! Trotwood Copperfield, allerdings«, sagte Mr. Dick etwas beschämt. Meine Tante faßte diesen Gedanken mit solcher Lebhaftigkeit auf, daß einige an diesem Nachmittag fertig gekaufte Kleidungsstücke von ihrer eigenen Hand und mit unverlöschlicher Tinte sofort Trotwood Copperfield gezeichnet wurden, und man kam überein, die andern Kleider, die für mich gemacht werden sollten – an diesem Nachmittag wurde eine ganze Ausstattung für mich bestellt –, in gleicher Weise zu zeichnen. So begann ich mein neues Leben mit einem neuen Namen und mit einer neuen Umgebung. Jetzt, wo ich von der Ungewißheit befreit war, erschien ich mir viele Tage wie ein Träumender. Es kam mir nie in den Sinn, was ich für ein Paar wunderliche Vormünder an der Tante und Mr. Dick hätte. Auch über mich dachte ich nicht klar nach, und die zwei Dinge, die mir am klarsten vor Augen standen, waren: daß das alte Leben in Blunderstone in eine unermeßliche Ferne hinausgerückt schien, und daß für immer ein Vorhang vor mein Leben bei Murdstone und Grimby gesunken war. Seitdem hat niemand diesen Vorhang emporgezogen. Ich selbst habe ihn in dieser Erzählung nur widerwillig für einen Augenblick gelüpft und ihn gern wieder fallen lassen. Die Rückerinnerung an diese Zeit meines Lebens ist in meinem Innern mit so vielem Schmerze, so vielem Seelenleid und so vieler Hoffnungslosigkeit verbunden, daß ich nie den Mut gehabt habe, zu untersuchen, wielange ich eigentlich zu dieser Existenz verdammt gewesen war. Ob es ein Jahr oder längere oder kürzere Zeit dauerte, weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß es war und aufhörte zu sein; und das habe ich geschrieben und will es dabei lassen. Fünfzehntes Kapitel Anfang eines neuen Lebens. Mr. Dick und ich wurden bald die besten Freunde, und wir gingen oft, wenn er für den Tag fertig war, spazieren, um den großen Drachen steigen zu lassen. Tag für Tag beschäftigte er sich mit seiner Denkschrift, die trotz seinem Fleiße nicht die geringsten Fortschritte machte, denn König Karl der Erste kam darin stets früher oder später zum Vorschein, und dann wurde die Arbeit beiseite geworfen und eine andere angefangen. Die Geduld und Hoffnung, womit er die wiederholten Täuschungen ertrug, sein mildes Anerkennen, daß etwas mit König Karl dem Ersten nicht richtig sein könnte, seine schwachen Versuche, ihn fern zu halten, und die Gewißheit, mit der er sich einstellte und die Denkschrift verdarb, machten einen tiefen Eindruck auf mich. Was die Denkschrift, wenn sie fertig war, bewirken, oder wo sie hingehen sollte, das wußte wohl Mr. Dick ebensowenig als andere Leute. Auch brauchte er sich gar nicht mit solchen Fragen zu quälen, denn das Eine war wenigstens ganz gewiß – daß die Denkschrift nie fertig werden würde. Mir schien es immer ein rührender Anblick, wenn er dem hoch in der Luft schwebenden Drachen nachsah. Was er mir damals auf seinem Zimmer gesagt hatte, über seinen Glauben an die Verbreitung der auf dem Drachen befindlichen Tatsachen (er war aus lauter mißglückten Denkschriften zusammengeklebt), das mochte er sich manchmal einbilden, aber jedenfalls nicht, wenn er draußen war, den Drachen hoch oben am Himmel sah und ihn an seiner Hand zerren und zucken fühlte. Er sah nie so glückselig aus, als in jenen Augenblicken. Wenn ich so gegen Abend neben ihm auf einem grünen Abhang saß und ihn dem Drachen hoch in der Luft nachblicken sah, kam es mir vor, als höbe dieser seinen Geist über die Verwirrung hinaus und trüge ihn, nach meiner kindlichen Vorstellung, in den Himmel. Wickelte er dann den Faden auf, sank er tiefer und tiefer aus der herrlichen Lichtsphäre herab, streifte er den Boden und lag endlich wie ein toter Vogel an der Erde, so schien er allmählich aus einem Traum zu erwachen. Ich entsinne mich, daß er ihn dann aufhob und sich wie verwundert umsah, als seien sie beide zusammen heruntergefallen, und daß ich ihn dann von ganzem Herzen bemitleidete. Wahrend ich täglich mit Mr. Dick befreundeter und vertrauter wurde, machte ich keine Rückschritte in der Gunst meiner Tante. Sie gewann mich so lieb, daß sie nach Verlauf weniger Wochen meinen Adoptivnamen Trotwood in Trot abkürzte, und ließ mich sogar hoffen, daß ich allmählich in ihrem Herzen auf gleicher Stufe mit meiner nie gewesenen Schwester Betsey Trotwood stehen würde. »Trot,« sagte meine Tante eines Abends, als Janet wie gewöhnlich das Puffbrett für sie und Mr. Dick hinsetzte, »wir dürfen deine Erziehung nicht vergessen.« Dies war meine einzige Sorge, und ich war sehr erfreut, daß sie darauf zu sprechen kam. »Möchtest du nach Canterbury in die Schule gehen?« fragte meine Tante. Ich sagte, daß es mir sehr lieb sein würde, da ich dann in ihrer Nähe blieb. »Gut«, sagte meine Tante. »Möchtest du morgen fort?« Da ich die rasche Entschlossenheit meiner Tante schon gewohnt war, so konnte mich dieser Vorschlag nicht überraschen, und ich sagte: »Ja.« »Gut«, sagte meine Tante wieder. »Janet, bestelle für morgen früh um zehn Uhr den grauen Pony und die Chaise, und packe heute abend Master Trotwoods Sachen ein.« Ich war sehr erfreut über diese Anordnungen, aber ich fühlte einen Stich im Herzen über meine Selbstsucht, als ich den Eindruck der bevorstehenden Veränderung auf Mr. Dick bemerkte. Die Aussicht auf unsere Trennung machte ihn so niedergeschlagen, und er spielte infolgedessen so schlecht, daß meine Tante, nachdem sie ihm als Erinnerung mit dem Würfelbecher ein paar Klapse auf die Finger gegeben, das Brett zumachte und erklärte, nicht weiter spielen zu wollen. Aber er wurde wieder heiter, als er von meiner Tante vernahm, daß ich Sonnabend manchmal herüberkommen, und daß er mich manchmal Mittwochs besuchen sollte, und gelobte mir zur Feier dieser Tage einen neuen Drachen anzufertigen, viel größer als den jetzigen. Am andern Morgen war er wieder niedergeschlagen, und er hatte sich nur damit getröstet, daß er mir all sein Geld, Gold und Silber, gab, wenn ihn meine Tante nicht abgehalten und das Geschenk auf fünf Schillinge, die später auf sein dringendes Anliegen auf zehn vermehrt wurden, beschränkt hätte. Wir schieden am Gartentor in der herzlichsten Weise, und Mr. Dick kehrte erst in das Haus zurück, als wir seinen Blicken entschwunden waren. / Meine Tante, die sich nicht im mindesten um die Leute kümmerte, leitete den grauen Pony in meisterlicher Weise durch Dover. Sie saß regungslos und gerade wie ein Staatskutscher, verfolgte jeden Schritt des Pferdes mit stetigem Blick und schien etwas Besonderes darin zu suchen, ihm nie den Willen zu lassen. Als wir auf die Landstraße hinauskamen, ließ sie ihm etwas mehr freien Willen, und sah auf mich herab, der ich, in einem ganzen Berg von Kissen versunken, neben ihr saß, und fragte mich, ob ich mich glücklich fühle. »Sehr glücklich, danke Ihnen, Tante«, erwiderte ich. Sie freute sich sehr darüber, und da sie beide Hände voll hatte, klopfte sie mir nur mit dem Peitschenstiel auf den Kopf. »Ist's eine große Schule, Tante?« fragte ich. »Ich weiß es noch nicht«, sagte meine Tante. »Wir gehen erst zu Mr. Wickfield.« »Ist das ein Schulvorsteher?« fragte ich. »Nein, Trot«, sagte meine Tante. »Er hat ein Anwaltsbureau.« Ich fragte weiter nicht nach Mr. Wickfield, und wir sprachen über andere Sachen, bis wir nach Canterbury kamen. Da gerade Markttag war, hatte meine Tante viel Gelegenheit, den grauen Pony zwischen Karren, Körbe, Gemüse und Stände hineinzuschieben. Die künstlichen Wendungen, die wir mit unserm Wagen machten, zogen uns eine Anzahl nicht immer schmeichelhafter Äußerungen von den Leuten zu, aber meine Tante fuhr höchst unbekümmert weiter, und ich bin überzeugt, sie wäre ebenso unbekümmert durch feindliches Land gefahren. Endlich hielten wir vor einem uralten Hause, das in die Straße hineinsprang, mit langen, schmalen, vergitterten Fenstern, die sich noch mehr vordrängten, und Schrägbalken mit geschnitzten Köpfen an den Enden, die ebenfalls weit vorragten, so daß es mir vorkam, das ganze Haus lehne sich vor, um zu sehen, was unten auf dem schmalen Pflaster vorgehe. Es war in seiner Sauberkeit vollkommen fleckenlos. Der altertümliche Klopfer an der niedrigen Bogentür, die mit geschnitzten Gewinden von Früchten und Blumen verziert war, funkelte wie ein Stern, die beiden steinernen Stufen, die zur Tür herabführten, waren so weiß, als wären sie mit frischgebleichter Leinwand bezogen, und alle Kanten und Ecken, alles Schnitzwerk, jeder Zierat, die altmodischen kleinen Butzenscheiben und die noch altmodischeren kleinen Fenster waren zwar uralt, aber blitzblank. Als ich das Haus musterte, sah ich an einem kleinen Fenster im Erdgeschoß – in einem kleinen runden Turm, der die eine Seite des Hauses bildete – ein leichenhaftes Gesicht erscheinen und rasch wieder verschwinden. Die niedrige, rundüberwölbte Tür ging dann auf, und das Gesicht kam heraus. Es war ganz so leichenfahl, wie es vom Fenster aus erschienen war, obwohl es jenen rötlichen Anflug hatte, den man häufig in der Gesichtsfarbe rothaariger Leute bemerkt. Das Gesicht gehörte einem rotköpfigen Menschen – einem Jüngling von fünfzehn Jahren, wie ich jetzt glaube, der aber viel älter aussah – dessen Haar ganz kurz geschoren war, der kaum Augenbrauen, keine Augenwimpern und rötlichbraune Augen hatte; letztere so unbeschützt und unbeschattet, daß ich mich wundere, wie er nur einschlafen konnte. Er war hochschultrig und hager, ganz in Schwarz gekleidet, mit einem schmalen weißen Halstuch, bis oben zugeknöpft, und hatte eine lange, schmale, hagere Hand, die besonders meine Aufmerksamkeit auf sich zog, als er bei dem Pferde stand, sich mit der Hand das Kinn rieb, und zu uns am Wagen hinaufsah. »Ist Mr. Wickfield zu Hause, Uriah Heep?« sagte meine Tante. »Mr. Wickfield ist zu Hause, Ma'am«, sagte Uriah Heep, »wenn Sie gefälligst dort eintreten wollen.« Wir stiegen aus, ließen den Wagen unter seiner Obhut und traten in ein langes niedriges Zimmer, das auf die Straße hinaussah, durch dessen Fenster ich Uriah Heep erblickte, wie er dem Pony in die Nüstern blies, und sie dann mit der Hand zudeckte, als ob er einen Zauber über das Tier verhängte. Dem hohen alten Kamin gegenüber hingen zwei Porträts: das eine war ein Herr mit grauem Haar, obgleich keineswegs alt, und schwarzen Augenbrauen, über mit rotem Band zusammengebundenen Papieren beschäftigt; das andere eine Dame mit einem sehr stillen, lieblichen Gesicht. Ich glaube, ich sah mich nach Uriahs Person um, als sich eine Tür am andern Ende des Zimmers öffnete und ein Herr erschien, bei dessen Eintritt ich unwillkürlich nach dem erwähnten Porträt blickte, halb mit der Furcht, es sei aus dem Rahmen herausgetreten. Es war aber noch dort, und als der Herr näher kam, sah ich in der bessern Beleuchtung, daß er einige Jahre älter war als zu der Zeit, wo er gemalt worden. »Miß Betsey Trotwood,« sagte der Herr, »bitte, treten Sie ein. Ich war für den Augenblick beschäftigt, aber Sie werden mich entschuldigen. Sie kennen meinen Beweggrund. Ich habe nur einen im Leben.« Miß Betsey dankte ihm, und wir traten in sein Zimmer, das als Expeditionsraum mit Büchern, Papieren, Kästen von Weißblech usw. ausgestattet war. Die Fenster gingen auf den Garten hinaus, und in die Wand war ein eiserner Geldschrank eingelassen, und zwar so unmittelbar über dem Kaminsims, daß ich mich beim Hinsetzen wunderte, wie die Schornsteinfeger beim Kaminkehren daran vorbei könnten. Mr. Wickfield, denn ich merkte bald, daß er es selbst sei, war Advokat und Geschäftsführer für einen der reichen Grundbesitzer in der Gegend. »Nun, Miss Trotwood, was für ein Wind bläst Sie her?« fragte er. »Hoffentlich kein schlimmer?« »Nein,« sagte meine Tante, »ich komme nicht in Prozeßangelegenheiten.« »Das ist recht, Madame«, sagte Mr. Wickfield. »Es ist besser, Sie lassen das ganz beiseite.« Sein Haar war schon ganz weiß, seine Augenbrauen waren aber immer noch schwarz. Er hatte ein angenehmes Gesicht und war meiner Ansicht nach ein schöner Mann. Sein Gesicht hatte eine gewisse Röte, die ich seit langer Zeit durch Peggottys Belehrung mit Portwein in Verbindung brachte, auch die Fülle seiner Stimme und seine angehende Korpulenz schrieb ich dieser Ursache zu. Er trug sich außerordentlich nett und hatte einen blauen Frack, gestreifte Weste und Nankinghosen, sein feines gefälteltes Hemd und batistenes Halstuch sahen ungewöhnlich glatt und weiß aus, und erinnerten mich unwillkürlich an das Gefieder auf der Brust eines Schwanes. »Das ist mein Neffe«, sagte meine Tante. »Wußte nicht, daß Sie einen hätten, Miß Trotwood«, entgegnete Mr. Wickfield. »Eigentlich mein Großneffe«, bemerkte meine Tante. »Ich versichere Sie, ich wußte nicht, daß Sie einen Großneffen hätten«, sagte Mr. Wickfield. »Ich habe ihn adoptiert«, sagte meine Tante mit einer Handbewegung, als ob es ihr ganz gleich wäre, ob er von meinem Dasein etwas wüßte oder nicht, »und habe ihn jetzt mitgebracht, um ihn in eine Schule zu tun, wo er sehr guten Unterricht und gute Behandlung findet. Nun sollen Sie mir sagen, wo diese Schule ist, wie sie eingerichtet ist und alles übrige.« »Ehe ich Ihnen einen passenden Rat erteilen kann,« sagte Mr. Wickfield, »muß ich die alte Frage stellen: Was ist Ihr Beweggrund?« »Das ist doch nicht zum Aushalten mit dem Manne!« rief meine Tante. »Immer spürt er nach Beweggründen, wenn sie auf der Hand liegen! Mein Gott, ich will das Kind glücklich und zu einem nützlichen Menschen machen.« »Ich glaube, es muß ein gemischter Beweggrund sein«, sagte Mr. Wickfield, indem er den Kopf schüttelte und ungläubig lächelte. »Ein gemischter Pappenstiel!« entgegnete meine Tante. »Sie beanspruchen selbst bei allem, was Sie tun, nur einen einfachen Beweggrund zu haben. Glauben Sie etwa, Sie sind der einzige?« »Ja, aber ich habe überhaupt nur einen Lebenszweck bei allem, was ich tue, Miß Trotwood«, erwiderte er lächelnd. »Andere haben sie dutzend- und hundertweise. Ich habe nur einen. Das ist der Unterschied. Doch das gehört nicht hierher. – Die beste Schule? Also das heißt, Sie wollen ohne Rücksicht auf den Beweggrund die beste kennen lernen?« Meine Tante nickte beistimmend. »In unserer besten«, sagte Mr. Wickfield nachdenklich, »könnte Ihr Neffe jetzt nicht Wohnung und Kost erhalten.« »Aber ich könnte ihn doch anderswo in Quartier und Kost geben?« sagte meine Tante. Mr. Wickfield meinte, das ginge wohl. Nach einigem Hin- und Herreden schlug er meiner Tante vor, sie nach der Schule zu bringen, damit sie selbst urteilen könne, und ihr auch einige Häuser zu zeigen, wo ich wohnen könnte. Meine Tante ging auf diesen Vorschlag ein, und wir wollten alle drei miteinander ausgehen, als er stehen blieb und sagte: »Unser junger Freund könnte vielleicht einen Beweggrund haben, gegen unsere Entschlüsse Einwendungen zu erheben. Ich glaube, es ist besser, wir lassen ihn hier.« Meine Tante schien nicht abgeneigt, diesen Punkt zu bestreiten; aber um die Sache zu erleichtern, sagte ich, ich würde gern zurückbleiben, wenn sie es wünschten, und kehrte in Mr. Wickfields Expedition zurück, wo ich mich in Erwartung ihrer Rückkehr wieder auf den Stuhl setzte, den ich schon vorhin eingenommen hatte. Zufällig stand dieser Stuhl einem schmalen Gange gegenüber, an dessen Ende das kleine runde Zimmer lag, wo ich Uriah Heeps bleiches Gesicht am Fenster bemerkt hatte. Uriah, der unterdessen den Pony nach einem benachbarten Stalle geführt hatte, arbeitete wieder in diesem Zimmer an einem Pulte, unter dem sich ein messingener Stab, um Papier darauf zu hängen, befand. Auch jetzt machte er eine Abschrift von einem daran befestigten Papiere. Obgleich sein Gesicht mir zugekehrt war, glaubte ich doch einige Zeit, da sich das Papier zwischen uns befand, er könne mich nicht sehen; aber als ich aufmerksamer hinblickte, machte es einen beängstigenden Eindruck auf mich, wie dann und wann seine schlummerlosen Augen wie zwei rote Sonnen unter dem Papiere hervorlugten, und mich wohl eine ganze Minute verstohlen anstierten, ohne daß seine Feder deshalb still gestanden hätte. Ich machte mehrere Versuche, ihm aus dem Wege zu gehen – einmal stieg ich auf einen Stuhl, um mir eine Karte an der Wand anzusehen, ein andermal vertiefte ich mich in die langen Spalten eines Provinzialblattes – aber stets zogen sie mich wieder an meinen alten Platz zurück, und wenn ich meine Augen den beiden roten Sonnen zuwandte, so erblickte ich sie sicherlich entweder im Aufgehen oder im Untergehen begriffen. Endlich kehrten zu meiner großen Erleichterung nach ziemlich langer Abwesenheit meine Tante und Mr. Wickfield zurück. Ihr Gang war nicht so erfolgreich gewesen, wie ich gewünscht hätte; denn wenn auch die Vorzüge der Schule zweifellos waren, so hatte meine Tante doch kein passendes Kosthaus gefunden. »Es ist sehr unangenehm«, sagte meine Tante. »Ich weiß nicht, was ich tun soll, Trot.« »Es trifft sich in der Tat nicht glücklich«, sagte Mr. Wickfield. Aber ich will Ihnen sagen, was Sie tun können, Miß Trotwood.« »Was ist das?« fragte meine Tante. »Lassen Sie Ihren Neffen vorderhand hier. Er scheint sehr still zu sein. Er wird mich nicht im geringsten stören. Das Haus eignet sich vortrefflich zum Studieren. Es ist so still wie ein Kloster und fast so geräumig. Lassen Sie ihn hier.« Meiner Tante war das Anerbieten offenbar sehr angenehm, obgleich sie ihr Zartgefühl verhinderte, es anzunehmen. Mir ging es ebenso. »Schlagen Sie ein, Miß Trotwood«, sagte Mr. Wickfield. »Damit kommen wir aus der Schwierigkeit. Natürlich geschieht es nur auf einige Zeit. Wenn sich der Versuch nicht bewährt oder wenn es unsern gegenseitigen Erwartungen nicht entspricht, kann er ohne Umstände wieder wegziehen. In der Zwischenzeit wird sich schon ein besserer Platz für ihn finden. Es ist das beste, Sie lassen ihn vorderhand hier!« »Ich bin Ihnen sehr verbunden,« sagte meine Tante, »und wie mir scheint, auch er; aber –« »Ach, ich weiß, was Sie sagen wollen«, rief Mr. Wickfield. »Ich will Sie nicht mit einem Geschenk belästigen, Miß Trotwood. Sie können für ihn bezahlen, wenn Sie durchaus wollen. Über die Bedingungen wollen wir schon einig werden, aber bezahlen sollen Sie.« »Unter dieser Voraussetzung will ich ihn recht gern hier lassen,« sagte meine Tante, »obgleich meine Verpflichtung damit durchaus nicht vermindert wird.« »Nun, so kommen Sie mit mir zu meinem kleinen Hausmütterchen«, sagte Mr. Wickfield. Wir stiegen jetzt eine wundervolle alte Treppe hinauf, mit einem Geländer so breit, daß man fast ebenso leicht auf ihm hätte hinaufgehen können, und traten in ein schattiges altes Besuchzimmer, beleuchtet von drei oder vier der seltsamen Fenster, die ich von der Straße aus betrachtet hatte. In ihren Nischen waren alte eichene Sitze, anscheinend von demselben Holze herrührend wie der glänzende eichene Flur und die großen Balken an der Decke. Das Zimmer war hübsch ausgestattet mit einem Piano und rot und grün überzogenen Möbeln und einigen Blumen. Es schien ganz voll alter Winkel und Ecken zu sein, und in jeder Ecke und in jedem Winkel stand ein seltsames Tischchen oder ein Schränkchen, oder ein Bücherschrank, oder ein Sessel oder etwas anderes, was mich glauben machte, es gäbe weiter keine solche gemütliche Ecke im Zimmer, bis ich die nächste ansah, die mir ebenso, wenn nicht noch hübscher, vorkam. Und alles hatte denselben Anstrich von Zurückgezogenheit und Reinlichkeit wie die Außenseite des Hauses. Mr. Wickfield klopfte an eine Tür in einer Ecke der getäfelten Wand, und alsbald trat ein Mädchen, etwa von meinem Alter, heraus und küßte ihn. Auf ihrem Gesicht erkannte ich sogleich den stillen und lieblichen Ausdruck des Damenbildes wieder, das ich unten gesehen hatte. Es kam mir vor, als ob das Bild zum Weibe emporgewachsen und das Original ein Kind geblieben wäre. Obwohl dieses Antlitz von Glück und Heiterkeit strahlte, so lag doch ein Ausdruck von Ruhe darauf und umschwebte ihr ganzes Wesen, eine wahrhaft himmlische Ruhe, die ich nie vergessen habe und nie vergessen werde. Das wäre sein kleines Hausmütterchen, seine Tochter Agnes, sagte uns Mr. Wickfield. Als ich hörte, wie er das sagte, und sah, wie er ihre Hand hielt, erriet ich, was das einzige Ziel seines Lebens war. Sie trug ein kleines Körbchen mit Schlüsseln an der Seite, und sah so gesetzt und ernst aus, wie das alte Haus von einer Haushälterin verlangen konnte. Als ihr der Vater von mir erzählte, hörte sie mit regem Interesse zu; und als er fertig war, schlug sie meiner Tante vor, hinaus zu gehen und mein Zimmer anzusehen. Wir gingen alle hinauf, und sie führte uns; es war ein herrliches altes Zimmer mit noch mehr Eichengebälk und Butzenscheiben, und das breite Treppengeländer zog sich bis hinauf. Ich weiß nicht mehr, wo und wann ich in meiner Kindheit das erste bunte Kirchenfenster sah, noch weiß ich mehr, was es darstellte. Aber das weiß ich, daß mir, wie sie oben in der dämmerigen Beleuchtung der alten Treppe stand, sich umwendete und uns erwartete, jenes Kirchenfenster in den Sinn kam, und etwas von dessen stillbeschaulichem Schimmer blieb für mich immerdar mit Agnes Wickfield verbunden. Meiner Tante gefiel das getroffene Abkommen ebenso sehr wie mir, und wir verfügten uns sehr befriedigt wieder in das Besuchzimmer hinunter. Da sie durchaus nicht zum Essen dableiben wollte, aus Furcht, vor Dunkelwerden mit dem grauen Pony nicht nach Hause kommen zu können, und Mr. Wickfield sie wahrscheinlich zu gut kannte, um ihr lange zuzusetzen, so wurde ihr ein Lunch vorgesetzt, Agnes kehrte zu ihrer Gouvernante und Mr. Wickfield in seine Expedition zurück. So konnten, wir, ohne geniert zu sein, voneinander Abschied nehmen. Sie sagte mir, daß Mr. Wickfield alles für mich besorgen würde und daß es mir an nichts fehlen sollte, und gab mir die herzlichsten Versicherungen und besten Ratschläge. »Trot,« sagte meine Tante zum Schluß, »mache dir, mir und Mr. Dick Ehre, und der Himmel sei mit dir!« Ich war sehr gerührt, und konnte ihr nur immer und immer wieder danken, und meinen freundlichsten Gruß an Mr. Dick senden. »Nie sei niedrig, nie sei unwahr, nie sei grausam«, sagte meine Tante. »Meide diese drei Fehler, Trot, und ich kann immer Hoffnung auf dich setzen.« Ich versprach, so gut ich konnte, daß ich ihre Güte nie mißbrauchen und ihre Ermahnungen nie vergessen würde. »Der Pony steht vor der Tür,« sagte meine Tante, »und ich muß fort! Bleib!« Mit diesen Worten umarmte sie mich hastig und verließ das Zimmer, dessen Tür sie hinter sich zumachte. Anfangs machte mich diese hastige Trennung betroffen, und ich fürchtete fast, sie verletzt zu haben; aber als ich durch das Fenster blickte und sah, wie niedergeschlagen sie in die Chaise stieg und wegfuhr, ohne aufzublicken, da verstand ich sie besser, und tat ihr dieses Unrecht nicht an. Um fünf Uhr, Mr. Wickfields Speisestunde, hatte ich wieder frischen Mut gefaßt und war bereit, Messer und Gabel zu führen. Der Tisch war nur für uns beide gedeckt; aber Agnes wartete im Besuchzimmer auf uns, ging mit ihrem Vater hinunter und saß am Tisch ihm gegenüber. Ich glaube nicht, daß er ohne sie hätte etwas genießen können, und es ihm von anderen Händen geschmeckt hätte. Wir blieben nach dem Essen nicht im Speisezimmer, sondern gingen wieder in das Besuchzimmer hinauf. In einer traulichen Ecke setzte Agnes dort für den Vater Gläser und eine Karaffe Portwein hin. Ich glaube, es hätte dem Wein die gewöhnliche Blume gefehlt, wenn andere Hände ihn hingesetzt hätten. So saß er zwei Stunden lang und trank seinen Wein, und trank ziemlich viel, während Agnes Klavier spielte, arbeitete oder mit ihm und mir plauderte. Er war meist gesprächig und heiter; aber manchmal verweilten seine Augen auf Agnes, und dann wurde er nachdenklich und verstummte. Sie bemerkte dies immer sehr rasch, wie mir vorkam, und erweckte ihn aus seinem Brüten stets mit einer Frage oder einer Liebkosung. Dann riß er sich los von seinen Gedanken und stürzte wieder ein Glas Wein hinunter. Agnes bereitete den Tee und machte am Teetisch die Wirtin; dann vertrieb man sich die Zeit in derselben Weise wie nach dem Essen, bis sie zu Bett ging; ihr Vater umarmte und küßte sie und bestellte sich Licht in die Expedition. Und ich ging ebenfalls zu Bett. Aber vorher im Laufe des Abends war ich hinunter an die Tür gegangen und ein wenig auf die Straße hinaus, um die alten Häuser und den grauen Dom noch einmal anzusehen, und ich erinnerte mich, wie ich auf meiner Wanderschaft durch diese alte Stadt gekommen war und ohne es zu ahnen an diesem Hause vorüber, in dem ich nun wohnte. Als ich zurückkehrte, machte Uriah Heep die Expedition zu, und da ich mich gegen jedermann freundlich gestimmt fühlte, so ging ich zu ihm und sprach mit ihm, und gab ihm beim Abschied die Hand. Aber ach, wie kalt und feucht die Hand war! Dem Gefühl ebenso gespenstig wie dem Gesicht! Ich rieb meine Hand später, um sie zu erwärmen und seine Berührung abzureiben. So widerlich war mir diese Hand, daß die Erinnerung an ihre feuchte Kälte noch nicht von mir weichen wollte, als ich auf meinem Zimmer war. Als ich mich zum Fenster hinausbog, und eins der Gesichter an den Balkenköpfen mich von der Seite anblicken sah, bildete ich mir ein, es müßte Uriah Heep sein, der irgendwie dort hinaufgekommen war, und machte rasch das Fenster vor ihm zu. Sechzehntes Kapitel Ich bin in mehr als einer Hinsicht ein Neuling. Am nächsten Morgen, nach dem Frühstück, fing mein neues Schulleben an. Begleitet von Mr. Wickfield ging ich nach dem Schauplatz meiner künftigen Studien – einem ernstaussehenden Gebäude in einem Hofe, – mit einer gelehrten Miene an sich, so daß die Dohlen und Krähen, die sich von den Türmen der Kathedrale dahin verirrten und gelehrtenmäßig auf dem Rasenplatze herumstelzten, sehr gut herpaßten, und wurde meinem Lehrer, Doktor Strong, vorgestellt. Doktor Strong sah in meinen Augen fast so verrostet aus, wie die hohen Eisengitter und Pforten vor dem Hause und so steif und unbeweglich wie die großen steinernen Urnen, die sie flankierten und die oben auf der roten Ziegelmauer rund um den Hof in regelmäßigen Abständen wiederkehrten, wie Riesenkegel, die sich die Zeit dorthin gesetzt hat, um damit zu spielen. Er war in seiner Bibliothek (ich meine Doktor Strong), und seine Kleider waren nicht besonders gebürstet, die Haare nicht besonders glatt gekämmt, die kurzen Hosen an den Knien nicht zugebunden, die langen schwarzen Gamaschen nicht zugeknöpft, auch war er ohne Schuhe, die auf dem Teppich vor dem Kamin lagen und mir wie zwei Höhlen entgegengähnten. Indem er mich mit einem glanzlosen Auge ansah, das mich an ein lange vergessenes, blindes altes Pferd erinnerte, das auf dem Kirchhofe von Blunderstone herumzustolpern pflegte, sagte er, es freue ihn, mich zu sehen; darauf gab er mir seine Hand, mit der ich nichts anzufangen wußte, da sie selbst nichts mit sich anfing – so leblos lag sie in der meinigen. Aber nicht weit von ihm saß mit einer Handarbeit eine sehr hübsche junge Dame – er nannte sie Annie, und ich hielt sie für seine Tochter – die mich damit aus der Schwierigkeit zog, daß sie niederkniete, um dem Doktor die Schuhe anzuziehen und ihm die Gamaschen zuzuknöpfen, was sie sehr rasch und munter tat. Als sie fertig war und wir nach der Schulstube gehen wollten, überraschte es mich sehr, als Mr. Wickfield sie als Mrs. Strong anredete, und ich grübelte noch nach, ob sie wohl die Frau seines Sohnes oder etwa gar Mrs. Doktor Strong sei, als er mich selbst ohne es zu wollen aufklärte. »Apropos, Wickfield,« sagte er, und blieb auf dem Gange stehen, die Hand auf meine Schulter legend, »Sie haben noch kein passendes Unterkommen für den Vetter meiner Frau gefunden?« »Nein«, sagte Mr. Wickfield. »Nein. Noch nicht.« »Ich wünschte, es geschähe, sobald es geschehen kann, Wickfield,« sagte der Doktor, »denn Jack Maldon ist unbemittelt und arbeitet nicht gern, und aus diesen beiden schlechten Eigenschaften entstehen oft noch schlimmere. Was sagt Doktor Watts«, fuhr er fort, indem er mich ansah und den Kopf nach dem Rhythmus des Verses bewegte: »Denn arbeitslosen Händen gibt Der Satan gerne was zu tun!« »Na, Doktor,« entgegnete Mr. Wickfield, »wenn Doktor Watts ein Menschenkenner gewesen wäre, so hätte er ebensogut sagen können: »Den Händen, die geschäftig sind, Gibt Satan stets zu tun!« Die geschäftigen Leute richten Unheil genug an in der Welt, darauf können Sie sich verlassen. Was haben die Leute angestiftet, die seit einem oder zwei Jahrhunderten mit Jagen nach Reichtümern oder Macht beschäftigt gewesen sind? Kein Unheil?« »Jack Maldon wird niemals weder nach Geld noch nach Macht sehr geschäftig jagen«, sagte der Doktor und rieb sich nachdenklich das Kinn. »Vielleicht nicht,« sagte Mr. Wickfield, »und Sie bringen mich wieder zur Sache. Nein, ich habe noch nichts für Mr. Jack Maldon tun können. Ich glaube,« sagte er nach einigem Zögern, »ich errate Ihren Beweggrund, und das macht die Sache schwerer.« »Mein Beweggrund«, sagte Doktor Strong, »ist der Wunsch, für einen Vetter und alten Spielkameraden Annies ein passendes Unterkommen zu finden.« »Ja, ich weiß«, sagte Mr. Wickfield, »im Inland oder im Ausland?« »Ja«, entgegnete der Doktor, etwas verwundert, warum Wickfield diese Worte so betonte. »Im Inland oder im Ausland.« »Es sind Ihre eigenen Worte«, sagte Mr. Wickfield, »oder im Ausland.« »Jawohl,« versetzte der Doktor, »jawohl. Eins von beiden.« »Eins von beiden? Können Sie nicht frei wählen?« fragte Mr. Wickfield. »Nein«, erwiderte der Doktor. »Nicht?« meinte Wickfield ganz erstaunt. »Nicht im geringsten.« »Sie hätten keinen Grund, sich entweder für das Inland oder das Ausland zu entscheiden?« »Nein«, sagte der Doktor. - »Nun, so muß ich Ihnen natürlich glauben«, sagte Mr. Wickfield. »Es hätte mir meine Aufgabe sehr erleichtert, wenn ich das früher gewußt hätte; aber ich muß gestehen, ich hatte einen andern Eindruck.« Doktor Strong sah ihn einigermaßen verlegen und zweifelnd an, aber seine Züge gingen augenblicklich in ein Lächeln über, das mich sehr ermutigte, weil es große Liebenswürdigkeit und Sanftheit verriet; überhaupt war sein ganzes Wesen von einer natürlichen Schlichtheit, wenn die starre künstliche Rinde um sein Herz nur erst auftaute, die für einen Schüler wie ich, nur anziehend und vielversprechend sein konnte. Immer wieder »Nein«, »nicht im geringsten« usw. wiederholend, ging er vor uns mit regellosen Schritten her, und wir folgten. Mr. Wickfield sah sehr ernst drein und schüttelte für sich den Kopf, ohne zu ahnen, daß ich es bemerkt habe. Die Schulstube war ein ziemlich großer Saal, auf der ruhigsten Seite des Hauses, dem ein halbes Dutzend der steifen Urnen in die Fenster schaute, und gewährte einen Blick auf einen alten, abgeschlossenen, dem Doktor gehörigen Garten, in dem Pfirsiche an der sonnigen Südseite reiften. Auch zwei große Aloen, deren breite harte Blätter aussahen, als ob sie von bemaltem Blech wären, standen in Kübeln auf dem Rasen, und gemahnten mich seither infolge einer Gedankenverbindung symbolisch an Schweigen und Zurückgezogenheit. Ungefähr fünfundzwanzig Knaben waren eifrig über ihren Büchern beschäftigt, als wir eintraten, aber sie standen auf, um dem Doktor einen guten Morgen zu wünschen, und blieben stehen, als sie Mr. Wickfield und mich erblickten. »Ein neuer Schüler, junge Herren,« sagte der Doktor: »Trotwood Copperfield.« Ein gewisser Adams, der Primus der Klasse war, trat dann vor und begrüßte mich. Er sah in seinem weißen Halstuch aus wie ein junger Geistlicher, war aber sehr liebreich und freundlich, wies mir meinen Platz an und stellte mich den Lehrern vor, alles in einer gentlemanartigen Weise, die mich eigentlich hier gleich heimisch und aller Blödigkeit hätte entkleiden sollen. Aber es schien mir zu lange her zu sein, daß ich unter solchen Knaben und unter Leuten meines Alters gewesen war (mit Ausnahme von Mick Walker oder von Kartoffelkloß), um mich nicht höchst verlegen zu fühlen. Ich war mir bewußt, Dinge gesehen zu haben, von denen sie keine Vorstellung hatten, Erfahrungen gemacht zu haben, die nicht meinem Alter, meinem Äußern, meiner Stellung als ihr Mitschüler entsprachen, und es schien mir beinahe, als beginge ich einen Betrug, daß ich hier als ein gewöhnlicher kleiner Schuljunge auftrat. Ich hatte mich während meines Lebens bei Murdstone und Grimby, wie kurz es auch gedauert haben mochte, so sehr aller knabenhaften Vergnügungen und Spiele entwöhnt, daß ich wußte, ich würde ungeschickt und ungeübt in allem sein, was dazu gehörte. Was ich früher gelernt hatte, war mir in den kleinlichen Mühen und Sorgen meines harten arbeitsamen Lebens so vollständig verloren gegangen, daß ich jetzt bei der Prüfung nichts mehr wußte, und in die unterste Klasse kam. Aber so drückend mir das Gefühl meiner geistigen Unwissenheit und körperlichen Ungeschicklichkeit war, so war mir doch der Gedanke noch unendlich unbehaglicher, daß ich mich in dem, was ich wußte, von meinen Schulgenossen noch viel mehr unterschied, als in dem, was ich nicht wußte. Mich beschäftigte immer die Sorge, was sie wohl denken möchten, wenn sie von meiner vertrauten Bekanntschaft mit dem Kingsbenchgefängnis wüßten? Ob sie mir etwas anmerkten von meinen Verhältnissen mit der Familie Micawber, von dem Versetzen, den Verkäufen und den Abendessen? Gesetzt, einer oder der andere dieser Knaben hätte mich vor kurzem müde und zerlumpt durch Canterbury gehen sehen, und erkannte mich jetzt?! Was würden sie sagen, die so unbekümmert mit dem Gelde umgingen, wie ich meine Pfennige hatte zusammenhalten müssen, um meine tägliche Wurst, das Bier oder den Schnitt Pudding zu bezahlen? Was würde es ihnen für Eindruck machen, die so wenig von dem Londoner Leben und den Londoner Straßen wußten, wie ich leider vertraut mit ihren gemeinsten Verhältnissen war? Alles dies ging mir am ersten Tage meines Aufenthalts bei Doktor Strong so sehr im Kopf herum, daß ich mich nicht getraute, mich zu bewegen oder aufzublicken, daß ich zusammenschreckte, sobald sich mir einer meiner neuen Schulkameraden näherte, und ich nach Hause eilte, gleich als die Schule vorüber war, aus Furcht, mich durch meine Antworten auf die freundlichen Anreden oder Annäherungen bloßzustellen. Aber Mr. Wickfields altertümliches Haus machte auf mich einen solchen beruhigenden Eindruck, daß alle Beklemmung in mir zu schwinden anfing, als ich, die Schulbücher unter dem Arme, an die Tür klopfte. Als ich in mein luftiges altes Zimmer hinaufging, schien der ernste Schatten der Treppe auf meine Sorgen und Befürchtungen zu fallen und die Vergangenheit in undeutliche Ferne zurücktreten zu lassen. Ich blieb dort eifrig studierend bis zur Tischzeit sitzen – die Schule war um drei Uhr aus –, und ging hinab, gestärkt durch die Hoffnung, noch ein ganz leidlicher Schüler zu werden. Agnes wartete im Besuchszimmer auf ihren Vater, der in der Expedition eine Abhaltung hatte. Sie kam mir mit ihrem freundlichen Lächeln entgegen und fragte mich, wie es mir in der Schule gefallen habe? Ich sagte ihr, ich hoffe, es werde mir sehr gefallen, aber für den Anfang komme ich mir etwas fremd darin vor. »Du bist wohl niemals in der Schule gewesen?« fragte ich. »O ja, täglich«, antwortete sie. »Ja, aber du meinst hier im Hause?« »Papa konnte mich nicht gehen lassen«, sagte sie lächelnd, und schüttelte den Kopf. »Seine kleine Haushälterin muß natürlich zu Hause bleiben.« »Er hat dich gewiß recht lieb«, sagte ich. Sie nickte »Ja«, und ging nach der Tür, um zu sehen, ob er noch nicht komme, um ihm entgegen zu gehen. Aber er kam noch nicht, und sie kehrte wieder zurück. »Mama ist schon seit meiner Geburt tot«, sagte sie in ihrer ruhigen Weise. »Ich kenne nur ihr Bild unten. Ich sah, wie du es gestern betrachtetest. Wußtest du, wer es sei?« Ich sagte ja, weil es ihr so ähnlich sei. »Papa sagt das auch«, sagte Agnes, der die Antwort offenbar gefiel. »Horch, jetzt kommt Papa.« Ihr liebes, stilles Gesicht strahlte vor Freude, als sie ihm entgegenging, worauf beide Hand in Hand hereintraten. Er begrüßte mich herzlich und sagte mir, ich würde mich beim Doktor Strong, der einer der gütigsten Menschen sei, gewiß recht wohl befinden. »Einige mißbrauchen vielleicht seine Güte«, sagte Mr. Wickfield. »Tue das niemals, Trotwood. Er ist das argloseste aller Menschenkinder; und mag dies ein Vorzug oder ein Fehler sein, es gebührt sich, so oft man mit dem Doktor in Berührung kommt, sowohl in kleinen als in großen Dingen, darauf Rücksicht zu nehmen.« Er sagte dies, wie mir schien, als ob er etwas müde oder mit etwas unzufrieden sei; aber ich dachte nicht weiter darüber nach, denn es wurde gemeldet, daß gedeckt sei, und wir gingen hinunter ins Speisezimmer. Wir waren kaum eingetreten und hatten unsere Plätze eingenommen, als Uriah Heep den roten Kopf und seine schmächtige Hand zur Tür hereinstreckte: »Mr. Maldon ist da, Sir, und bittet Sie einen Augenblick sprechen zu dürfen.« »Mr. Maldon hat mich ja soeben verlassen«, erwiderte der Prinzipal. »Ja, Sir,« versetzte Uriah Heep, »aber Mr. Maldon ist zurückgekommen und bittet nur noch einmal um einen Augenblick.« Wie Uriah die Tür so offen hielt, sah er mich, Agnes, die Teller und Schüsseln und alles mögliche im Zimmer an und schien doch nichts anzusehen, schien vielmehr seine roten Augen nur pflichtschuldigst auf seinen Prinzipal geheftet zu halten. »Bitte um Verzeihung! Komme nur, um nach näherer Überlegung zu sagen,« bemerkte eine Stimme hinter Uriah, an dessen Stelle sich der Kopf des Sprechers präsentierte, »– bitte meine Zudringlichkeit zu entschuldigen – also um zu sagen, daß es schon am besten ist, weil ich keine freie Wahl in der Sache zu haben scheine, wenn ich so bald wie möglich fortkomme. Base Annie sagte zwar, als wir darüber sprachen, sie habe ihre Freunde lieber in der Nähe, statt sie verbannt zu sehen, und der alte Doktor –« »Meinen Sie damit Doktor Strong, he?« unterbrach ihn Mr. Wickfield ernst. »Doktor Strong, natürlich,« sagte der andere; »ich nenne ihn den alten Doktor, das ist ja einerlei, denke ich.« »Das denke ich nicht «, erwiderte Mr. Wickfield. »Na, meinetwegen denn Doktor Strong«, sagte der andere, »Doktor Strong also war derselben Meinung, glaube ich. Aber nach der Art und Weise, wie Sie mit mir verhandeln, scheint er seine Gesinnung geändert zu haben, daher nur so viel – je früher ich fortkomme, desto besser. Drum bin ich noch einmal zurückgekommen, um Ihnen das zu sagen: je früher ich fortkomme, desto besser. Muß man durchaus ins Wasser springen, so hilft kein Zaudern auf dem Sprungbrett.« »Es soll in Ihrer Angelegenheit so wenig als möglich gezaudert werden, Herr Maldon, verlassen Sie sich darauf«, sagte Mr. Wickfield. »Danke schön! Sehr verbunden! Einem geschenkten Gaul sieht man nicht ins Maul – wäre auch nichts Angenehmes – sonst, möchte ich sagen, Base Ännie könnte die Sache leicht nach ihrem Belieben regeln. Ich glaube, Ännie brauchte einfach zu dem alten Doktor zu sagen –« »Sie meinen, daß Mrs. Strong nur zu ihrem Gatten zu sagen brauchte – wenn ich Sie recht verstehe?« fragte Mr. Wickfield. »Ganz recht,« versetzte Maldon, – »brauchte einfach zu sagen, daß sie etwas so und so arrangiert haben will, und so geschähe es natürlich auch.« »Und warum natürlich, Mr. Maldon?« fragte Mr. Wickfield, der ruhig weiter aß. »Ei nun, weil Ännie ein reizendes junges Mädchen ist und der alte Doktor – Doktor Strong meine ich – nicht gerade ein ebenso reizender junger Mann«, sagte Mr. Maldon lachend. »Das ist nicht böse gemeint, Mr. Wickfield. Ich meine nur, daß eine kleine Entschädigung recht und billig ist in einer solchen Ehe.« »Entschädigung für die Dame?« fragte Wickfield ernst. »Für die Dame natürlich!« rief Jack Maldon lachend. Da aber Mr. Wickfield mit unerschütterlicher Ruhe weiter aß, unbeweglich blieb und keine Miene verzog, fügte er hinzu: »Indes ich habe bereits gesagt, warum ich zurückkam, und mit der wiederholten Bitte die Störung zu entschuldigen, hebe ich mich von hinnen. Selbstverständlich werde ich Ihre Weisungen befolgen, da die Sache lediglich zwischen mir und Ihnen verhandelt werden und bei Doktors nicht weiter erwähnt werden soll.« »Haben Sie gespeist?« fragte Mr. Wickfield mit einer einladenden Handbewegung. »Danke,« sagte Mr. Maldon, »werde bei meiner Kousine Ännie speisen. Adieu!« Mr. Wickfield sah ihm, ohne sich zu erheben, gedankenvoll nach. Maldon, dachte ich, war ein etwas oberflächlicher junger Herr, mit einem hübschen Gesicht, rascher Zunge und sehr viel Selbstvertrauen in seinen Gesichtszügen. Das war das erstemal, daß ich Mr. Jack Maldon sah, den ich nicht erwartet hatte so bald kennen zu lernen, als ich den Doktor von ihm an jenem Morgen sprechen hörte. Nach dem Essen gingen wir wieder hinauf in das Besuchszimmer, wo alles ganz wie gestern vor sich ging. Agnes setzte die Gläser und die Karaffe in dieselbe Ecke, und Mr. Wickfield setzte sich zum Weine und trank nicht wenig. Agnes spielte ihm etwas auf dem Klavier vor, setzte sich neben ihn, arbeitete und plauderte, und spielte mit ihm ein paar Partien Domino. Zur rechten Zeit bereitete sie dann den Tee, und als ich später meine Bücher herunterbrachte, sah sie hinein, sagte mir, was sie davon wußte – und das war nicht wenig, obgleich sie sehr bescheiden davon sprach –, und wie es am besten zu verstehen und zu lernen sei. Ich sehe sie in diesem Augenblick in ihrer bescheidenen, gemessenen und stillen Weise und vernehme ihre liebliche ruhige Stimme. Der bessernde, reinigende Einfluß, den sie später auf mich ausübte, begann sich schon bald fühlbar zu machen. Ich liebe die kleine Emilie, doch ich liebe Agnes nicht – nein, gar nicht in der Weise – aber ich fühle, daß überall, wo Agnes ist, Güte, Friede und Wahrheit ist. Das milde Licht der buntbemalten Kirchenfenster, die ich einmal vor langer Zeit gesehen habe, umfließt sie gleichsam beständig und fällt auch auf mich, wie auf alles was sich in ihrer Nähe aufhält. Als sie uns zur gewöhnlichen Zeit verlassen hatte, gab ich Mr. Wickfield die Hand, um ebenfalls zu gehen. Er hielt mich aber fest und sagte: »Möchtest du bei uns bleiben, Trotwood, oder lieber wo anders hin.« »Bleiben«, erwiderte ich rasch. . »Bist du dessen gewiß?« »Ja. Wenn ich hier bleiben darf –« »Ich fürchte aber, mein Junge, wir führen hier ein ziemlich einförmiges Leben«, sagte er. »Es ist nicht einförmiger für mich als für Agnes, Sir. Gar nicht einförmig,« »Als für Agnes«, wiederholte er, und ging langsam nach dem Kamin, an dessen Sims er sich lehnte. »Als für Agnes!« Er hatte heute so viel getrunken, wie es mir schien, daß seine Augen trübe geworden waren. Jetzt konnte ich sie zwar nicht sehen, denn sie waren zu Boden gesenkt, und er hatte die Hand davor gehalten, aber ich hatte sie kurz vorher gesehen. »Ich möchte wirklich wissen,« murmelte er, »ob meine Agnes meiner müde ist. Wann könnte ich ihrer je müde werden! Doch das ist etwas anderes – etwas ganz anderes.« Er sagte dies nachdenklich vor sich hin – nicht zu mir, deshalb schwieg ich. »Ein tristes altes Haus«, sagte er, »und ein eintöniges Leben, aber ich muß sie um mich haben. Ich muß sie um mich haben. Wenn der Gedanke, daß ich sterben und mein Herzblättchen verlassen könnte, oder daß sie sterben und mich verlassen könnte, wie ein Gespenst auftaucht, meine glücklichsten Stunden zu verbittern, so ist er nur zu ertränken in –« Er vollendete den Satz nicht, sondern ging langsam zu seinem Sitze, nahm mechanisch die halbleere Flasche, tat, als schänke er sich ein und ging wieder zurück. »O, es ist ein elendes Leben, sogar wenn sie hier ist, wie wäre es erst – nein, nein, nein! Ich kann es nicht ausdenken!« Er lehnte sich gegen den Kaminsims und verharrte brütend so lange da, daß ich nicht wußte, ob ich durch mein Gehen Gefahr laufen würde ihn zu stören, oder ob ich ruhig warten sollte, bis er aus seinem Hinträumen erwachte. Endlich raffte er sich auf und sah sich im Zimmer um, bis er meinen Augen begegnete. »Hierbleiben also, Trotwood?« sagte er in seiner gewöhnlichen Weise, und als ob er auf etwas, was ich eben gesagt, antwortete, »das freut mich. Du leistest uns beiden Gesellschaft. Es ist eine Wohltat, dich hier zu haben. Wohltätig für mich, wohltätig für Agnes, wohltätig vielleicht für uns alle.« »Für mich ist es gewiß gut, Sir«, sagte ich. »Ich bin so gern hier.« »Ein braver Junge!« sagte Mr. Wickfield. »Solange du gern hier bist, sollst du hier bleiben.« Er schüttelte mir die Hand, klopfte mich auf den Rücken und sagte mir, wenn ich abends, sobald Agnes fort sei, etwas zu tun hätte, oder etwas zur Unterhaltung zu lesen wünschte, sollte ich hinunter in sein Zimmer kommen, wenn er dort sei, und ich Lust hätte, ihm Gesellschaft zu leisten. Ich dankte ihm für die Erlaubnis; da er später hinunterging, und ich nicht müde war, so ging ich ebenfalls mit einem Buch hinunter, um für eine halbe Stunde von seiner Erlaubnis Gebrauch zu machen. Da ich aber in der kleinen runden Stube Licht sah, und mich sofort zu Uriah Heep hingezogen fühlte, der einen unheimlichen Reiz aber fast eine Art Zauber auf mich ausübte, so trat ich dort hinein. Uriah las in einem großen Buche mit so sichtbarer Aufmerksamkeit, daß sein hagerer Zeigefinger Zeile für Zeile verfolgte, und feuchte Spuren, wie eine Schnecke, auf der Seite zurückließ. So kam es mir wenigstens vor. »Sie arbeiten heute abend spät, Uriah.« »Ja, Master Copperfield«, sagte Uriah. Als ich mich auf den Kontorschemel ihm gegenüber setzte, um besser mit ihm reden zu können, bemerkte ich, daß er gar nicht lächeln, vielmehr kaum den Mund aufmachen und nur zwei tiefe und schmale Falten auf beiden Backen machen konnte. »Ich arbeite jetzt nicht für das Bureau, Master Copperfield«, sagte Uriah. »Was denn«, fragte ich. »Ich vermehre meine juristischen Kenntnisse, Master Copperfield«, sagte Uriah. »Ich studiere Tidds Zivilprozeß, O, was für ein Lehrer Mr. Tidd ist, Master Copperfield!« Ich konnte ihn von meinem Stuhl aus sehr gut beobachten und bemerkte, wie er nach diesem begeisterten Ausruf weiter las, und den Zeilen mit seinem Zeigefinger folgte, daß seine Nasenlöcher eine eigentümliche und unangenehme Manier hatten, sich auszudehnen und zusammenzuziehen, – daß sie anstatt seiner Augen, die wohl niemals zwinkerten, zu zwinkern schienen. »Sie sind wohl schon ein ganz gewiegter Jurist?« sagte ich, nachdem ich ihn eine Weile angesehen hatte. »Ich?! Master Copperfield!« sagte Uriah. »O Himmel, nein! Ich bin eine sehr geringe Person!« Wie ich sah, war die Eigentümlichkeit seiner Hände keine Einbildung von mir, denn er drückte häufig ihre Flächen aneinander, als wollte er sie trocknen und warm pressen, und wischte sie oft verstohlen an seinem Taschentuch ab. »Ich weiß recht wohl, daß ich die geringste Person auf der Welt bin«, sagte er bescheiden. »Meine Mutter ist auch eine geringe Person. Wir wohnen sehr bescheiden, Master Copperfield, aber ich habe Ursache dankbar zu sein. Meines Vaters früheres Gewerbe war sehr gering. Er war Totengräber.« »Was ist er jetzt?« fragte ich. »Er nimmt jetzt teil am himmlischen Ruhm, Master Copperfield«, sagte Uriah Heep. »Aber wir haben alle Ursache dankbar zu sein. Wie sehr muß ich dafür dankbar sein, daß ich bei Mr. Wickfield bin.« Ich fragte Uriah, ob er schon lange bei Mr. Wickfield sei. »Es geht jetzt ins vierte Jahr, Master Copperfield«, erwiderte Uriah und machte das Buch zu, nachdem er mit größter Sorgfalt ein Zeichen hineingelegt hatte. »Seit einem Jahre nach meines Vaters Tode. Wie dankbar muß ich dafür sein! Wie sehr muß ich dankbar sein, daß mir Mr. Wickfield einen Lehrbrief gibt, den ich sonst mit meinen und meiner Mutter geringen Mitteln nicht hätte bekommen können!« »Wenn also Ihre Lehrzeit vorüber ist, sind Sie dann also ein ordentlicher Advokat?« sagte ich. »Mit dem Segen der Vorsehung, Master Copperfield«, entgegnete Uriah. »Vielleicht werden Sie einmal Teilhaber in Mr. Wickfields Geschäft?« meinte ich, um ihm etwas Angenehmes zu sagen, »und es heißt dann: Wickfield \& Heep , oder Heep, vormals Wickfield .« »Ach nein, Master Copperfield,« entgegnete Uriah und schüttelte den Kopf, »dazu bin ich viel zu gering!« Er sah wahrhaftig der geschnitzten Fratze an dem Balkenkopf vor meinem Fenster sehr ähnlich, wie er in seiner Demut dastand und mich mit geöffnetem Munde und den Falten in den Backen von der Seite anschielte. »Mr. Wickfield ist ein vortrefflicher Mann, Master Copperfield«, sagte Uriah. »Wenn Sie ihn schon lange kennen, wissen Sie es jedenfalls viel besser, als ich es Ihnen sagen kann.« Ich erwiderte ihm, daß ich davon überzeugt sei, daß ich ihn aber noch nicht lange kenne, sondern daß er ein Freund meiner Taute sei. »Wirklich, Master Copperfield«, sagte Uriah. »Ihre Tante ist eine angenehme Dame, Master Copperfield.« Er hatte eine gewisse Art sich zu winden, wenn er Begeisterung ausdrücken wollte, die sehr häßlich war, und die meine Aufmerksamkeit von dem Kompliment, das er meiner Tante machte, auf die schlangenhafte Bewegung seines Halses und seines Körpers lenkte. »Eine angenehme Dame, Master Copperfield. Sie hält viel auf Miß Agnes, Mr. Copperfield, glaube ich.« Ich sagte keck: »Ja«, obgleich ich nicht das mindeste davon wußte. »Ich hoffe, Sie auch, Master Copperfield«, sagte Uriah. »Gewiß tun Sie's auch.« »Jedermann muß viel auf sie halten«, entgegnete ich. »O, ich danke Ihnen für diese Bemerkung, Master Copperfield«, sagte Uriah Heep. »Sie ist so wahr! Eine so niedrige Person ich bin, weiß ich doch, daß sie so wahr ist! ich danke Ihnen, Master Copperfield!« Er wand sich in der Aufregung seiner Gefühle ganz vom Stuhle herunter und machte nun Anstalten, nach Hause zu gehen. »Die Mutter wird auf mich warten und unruhig werden«, sagte er nach einer Pause, auf seine nach nichts aussehende Taschenuhr blickend; »denn obgleich wir sehr niedere Personen sind, Master Copperfield, so hängen wir doch sehr aneinander. Wenn Sie uns einmal nachmittags in unserer bescheidenen Wohnung besuchen und eine Tasse Tee bei uns trinken wollen, so würde meine Mutter ebenso stolz auf Ihren Besuch sein wie ich.« Ich sagte, ich würde gern kommen. »Ich danke Ihnen, Master Copperfield«, erwiderte Uriah, und stellte das Buch auf ein Brett. – »Ich vermute, Sie bleiben für einige Zeit hier, Master Copperfield?« Ich sagte, ich würde hier wohnen, solange ich in die Schule ginge. »O, wirklich«, rief Uriah aus. »Ich glaubte, Sie würden mit der Zeit ins Geschäft treten, Master Copperfield.« Ich beteuerte, daß ich, wie meine Tante, keine Absichten der Art hätten; aber Uriah antwortete auf alle meine Versicherungen mit immer gleich schmeichelnder Stimme: »O ja, Master Copperfield, ich glaube, Sie werden es noch tun!« Als er endlich bereit war zu gehen, fragte er mich, ob er jetzt das Licht auslöschen könnte, und da ich »ja« sagte, blies er es sofort aus. Nachdem er mir die Hand geschüttelt – seine Hand fühlte sich im Dunkeln an wie ein Fisch – machte er die Haustür ein ganz klein wenig auf, schlüpfte hinaus und machte sie sogleich wieder zu, so daß ich im Finstern aus dem Zimmer tappen mußte, wo ich über einen Stuhl stolperte. Fast die ganze Nacht träumte ich von ihm, unter anderm, daß er Mr. Peggottys Haus, mit einer schwarzen Flagge mit der Inschrift »Tidds Zivilprozeß« an der Mastspitze, flott gemacht und darin einen Piratenzug angetreten habe, und mich und die kleine Emilie aufs Meer hinausschleppe, um uns zu ertränken. Am nächsten Tage kam ich schon etwas weniger blöde in die Schule, und mit jedem Tage wurde es besser, so daß ich nach zwei Wochen unter meinen neuen Schulkameraden ganz heimisch und glücklich war. In ihren Spielen war ich zwar linkisch genug und in ihrem Studienstoffe weit genug zurück; aber ich hoffte, daß Übung dies bei dem einen, und angestrengte Arbeit bei dem andern bessern werde. Deshalb machte ich mich beim Spielen wie beim Lernen tüchtig ans Werk und erntete großes Lob. Und in sehr kurzer Zeit trat das Leben bei Murdstone und Grimby so in die Ferne, daß ich gar nicht mehr recht an seine Wirklichkeit glaubte; und mein gegenwärtiges Dasein mir so natürlich und vertraut vorkam, als hätte ich nie ein andres Leben geführt. Die Schule Doktor Strongs war ganz vortrefflich, und so verschieden von Mr. Creakles Schule, als gut nur von schlecht verschieden sein kann. Es herrschte eine ernste und anständige Ordnung darin und ein gesundes System. Überall wendete man sich an das Ehrgefühl und an die Ehrlichkeit der Schüler, und legte die Absicht an den Tag, auf das Vorhandensein dieser Eigenschaften so lange zu rechnen, bis die Schüler sich dieses Vertrauens unwürdig machten, und das wirkte Wunder. Wir fühlten alle, daß wir ein Interesse an der Leitung der Schule hatten, um ihren Ruf und ihr Ansehen aufrechtzuerhalten. Daher hingen wir bald mit großer Liebe an ihr – von mir wenigstens kann ich's sagen, und ich habe während meiner ganzen Schulzeit keinen einzigen Knaben gekannt, von dem ich das Gegenteil sagen könnte – und wir leinten alle gern, um ihr Ehre zu machen. Wir hatten nach den Lehrstunden schöne Spiele und Freiheit vollauf; und dennoch standen wir in gutem Ruf in der Stadt, und machten selten durch unser Äußeres oder unser Benehmen Doktor Strong oder Doktor Strongs Schule Unehre. Einige von den Schülern der höhern Klassen wohnten bei dem Doktor im Hause, und von ihnen erfuhr ich indirekt einige Einzelheiten aus des Doktors Lebensgeschichte – zum Beispiel, daß er noch nicht ein Jahr mit der hübschen jungen Dame, die ich im Studierzimmer gesehen, verheiratet sei, und daß er sie aus Liebe geheiratet, denn sie habe keinen Dreier, aber eine Anzahl arme Verwandte, die sich, wie die Jungen sagten, gleich einem Heuschreckenschwarm auf des Doktors Haus und Hof stürzten. Ferner, daß des Doktors zerstreutes Wesen hauptsächlich eine Folge seiner Forschungen nach griechischen Wurzeln wäre, was ich in meiner Unschuld und Unwissenheit für eine botanische Manie von seiten des Doktors hielt, besonders da er beim Spazierengehen immer auf den Boden sah, bis ich erfuhr, daß es Wurzeln von Wörtern seien, und daß er mit der Abfassung eines neuen Wörterbuchs umginge. Adams, der Primus unserer Klasse, der in Mathematik äußerst gut beschlagen war, hatte berechnet, daß der Doktor, wenn er nach seinem gegenwärtigen Tempo und Plane an dem Wörterbuch fortarbeite, zu dessen Vollendung, von des Doktors letztem zweiundsechzigstem Geburtstage an gerechnet, 1649 Jahre brauchen werde. Aber der Doktor selbst war der Abgott der ganzen Schule; und es hätte auch eine schlechte Schule sein müssen, wenn er es nicht gewesen wäre, denn er war ein Mann von der größten Herzensgüte und einer Einfalt des Gemüts, die selbst die steinernen Herzen der Urnen auf der Mauer hätte rühren müssen. Wenn er im Hofe auf und ab ging, wo ihm die Krähen und Dohlen mit schlau zur Seite geneigten Köpfen nachsahen, als ob sie wüßten, daß sie von weltlichen Angelegenheiten ja doch mehr verstanden als er, und es konnte ihm ein Landstreicher so nahe in den Bereich seiner knarrenden Stiefel kommen, um eine klägliche Erzählung anzufangen, so war der Herumtreiber für die nächsten zwei Tage versorgt. Das war im ganzen Hause so bekannt, daß die Lehrer und die Klassenersten bemüht waren, die Strolche an allen Ecken des Hauses abzufangen, ja daß sie oft zum Fenster hinaussprangen, um die Zudringlichen dem Doktor vom Leibe zu halten, was manchmal wenige Schritte von ihm zu bewerkstelligen war, ohne daß er etwas davon merkte, während er auf und ab pendelte im Schulhofe. Außerhalb der Schule und ohne Begleitung war er ein verlorner Mann. Er hätte die Gamaschen von den Beinen weg verschenkt. Es wurde sogar in der Schule eine Geschichte erzählt (ich weiß nicht auf wessen Autorität hin, und habe das nie gewußt, aber die Geschichte so viele Jahre lang geglaubt, daß ich von ihrer Wahrheit ganz überzeugt bin), daß er vor langer Zeit an einem kalten Winterabend einmal seine Gamaschen von seinen Beinen weg an eine Bettelfrau verschenkt habe, die einiges Ärgernis in der Nachbarschaft damit erregte, daß sie hernach ein hübsches Kind, in die Gamaschen gewickelt, von Haus zu Haus trug. Natürlich wurden die Gamaschen von jedermann erkannt, denn sie waren in der Gegend ebenso bekannt wie der Doktor. Die Sage erzählte noch, daß die einzige Person, die sie nicht erkannt habe, der Doktor selbst gewesen sei. Denn als sie später an der Tür eines Trödelladens aushingen, der nicht in besonders gutem Rufe stand, und wo derartige Sachen gegen Branntwein eingetauscht wurden, soll sie der Doktor wiederholt mit beifälligen Blicken betrachtet haben, als bewundere er an ihnen eine merkwürdige Neuheit des Musters, und halte sie für eine bessere Ausgabe seiner eigenen Gamaschen. Es war ein lieblicher Anblick, den Doktor mit seiner hübschen jungen Frau zu sehen. Er hatte eine väterliche, leutselige Weise, seine Liebe zu ihr an den Tag zu legen, die an und für sich schon den guten Menschen verriet. Ich sah sie oft zusammen im Garten an den Pfirsichspalieren, oder noch näher in der Studierstube oder im Wohnzimmer. Sie schien mir sehr sorglich mit dem Doktor umzugehen und ihn sehr gern zu haben, obgleich sie nie sehr lebhaft für das Wörterbuch interessiert war, von dem der Doktor stets einige voluminöse Fragmente in der Tasche oder in seinem Hutfutter trug, die er ihr auf den Spaziergängen zu erklären schien. Ich sah Mistreß Strong sehr oft, teils weil sie gleich bei meinem ersten Dortsein Gefallen an mir gefunden hatte, und immer freundlich gegen mich war; teils weil sie Agnes sehr lieb hatte und uns häufig besuchte. Doch hatte ihr Benehmen gegen Mr. Wickfield, den sie zu fürchten schien, etwas Gezwungenes, das nie verschwand. Wenn sie abends zu uns kam, vermied sie stets, seine Begleitung anzunehmen, und lief lieber mit mir fort. Und wenn wir manchmal so über den Domplatz liefen, ohne daran zu denken, daß uns irgend ein Bekannter begegnen könnte, trafen wir auf Mr. Jack Maldon, der dann immer sehr überrascht war, uns zu sehen. Mrs. Strongs Mama war eine Dame, die mich sehr ergötzte. Sie hieß Mrs. Markleham, aber wir Schüler nannten sie gewöhnlich nur den »Alten Soldaten«, wegen ihres taktischen Feldherrngeschickes, große Mengen Streitkräfte von Verwandten gegen den Doktor ins Feld zu führen. Sie war eine kleine Frau mit scharfem Blick, die, wenn sie Toilette gemacht hatte, eine und dieselbe unwandelbare Haube trug, mit einigen künstlichen Blumen und zwei künstlichen darüber schwebenden Schmetterlingen. Wir hegten den Aberglauben, daß diese Haube aus Frankreich sei, denn so etwas könne nur die Mache dieser erfinderischen Nation sein. Was ich aber gewiß weiß, ist, daß die Haube erschien, wo Mrs. Markleham auftauchte, und daß sie zu freundschaftlichen Tees in einem geflochtenen Bambuskörbchen mitgenommen wurde, und ferner, daß die Schmetterlinge beständig auf ihrem Draht zitterten und daneben, gleich emsigen Bienen, die Zeit auch auf Doktor Strongs Kosten gut zu benutzen verstanden. Ich konnte den »Alten Soldaten« (diese Bezeichnung soll durchaus nichts unehrerbietiges in sich haben) in ziemlich günstiger Weise eines Abends beobachten, der mir besonders durch etwas sonst noch denkwürdig ist, was ich erzählen werde. Es gab ein kleines Kränzchen beim Doktor gelegentlich der Abreise Jack Maldons nach Indien, wohin er als Kadett ging, nachdem Mr. Wickfield die Sache endlich arrangiert hatte. Zugleich war's gerade auch Doktors Geburtstag. Die Schule hatte frei gehabt, wir hatten ihn am Morgen Geschenke überreicht, der Primus hatte eine Ansprache gehalten, und wir hatten ihn hochleben lassen bis wir heiser waren und er Tränen vergoß. Und jetzt am Abend begaben Mr. Wickfield, Agnes und ich uns zum Tee hin, zu ihm als Menschen und Privatmann. Mr. Jack Maldon war schon vor uns da. Mrs. Strong, in Weiß gekleidet, das mit kirschroten Bändern aufgeputzt war, spielte gerade Klavier, als wir eintraten; er lehnte sich hinter dem Musikstuhl über sie, die Blätter umzuwenden. Das reine Rot und Weiß ihres Teints kam mir heute nicht so blühend frisch vor wie sonst, aber sie sah sehr hübsch, wunderbar hübsch aus. Als wir Platz genommen hatten, sagte Madame Markleham: »Ich habe vergessen, Ihnen meine Glückwünsche zum heutigen Tage darzubringen, Doktor, trotzdem sie keine leeren Redensarten sind und von Herzen kommen. Ich wünsche Ihnen noch recht oft eine glückliche Wiederkehr dieses Tages!« »Ich danke Ihnen, Madame«, erwiderte der Doktor. »Ja, noch recht, recht oft!« sagte der »Alte Soldat«. »Nicht nur um Ihrer selbst willen, sondern auch Ännies und John Maldons wegen, und noch vieler anderer wegen. Es kommt mir vor, als ob es erst gestern gewesen wäre, John, daß du, ein kleiner Kerl, noch einen Kopf kleiner als Master Copperfield, warst, und mit Ännie Braut und Bräutigam hinter einem Stachelbeerstrauch im Garten hinter dem Hause spieltest.« »O liebe Mama,« sagte Mrs. Strong, »laß doch jetzt die alten Geschichten.« »Sei doch nicht kindisch«, versetzte die Mutter. »Wenn du über solche Dinge jetzt errötest, wo du eine alte Frau bist, so weiß ich wahrhaftig nicht, wann du nicht darüber erröten wirst?« »Alt?« rief Mr. Jack Maldon. »Ännie? Nanu!« »Ja, John«, versetzte der »Alte Soldat«. »Alt, natürlich nicht den Jahren nach, – denn wer wird wohl glauben, daß ich ›zwanzig Jahr sein‹ alt nenne? – Aber deine Kousine ist des Doktors Flau, und somit auch alt. Gut für dich, John, daß dein Kousinchen die Frau des Doktors ist! – Du hast in ihm einen mächtigen lieben Freund gefunden, der noch viel gütiger gegen dich sein wird, wenn du es verdienst – das wage ich zu prophezeien! Ich habe keinen falschen Stolz, Ich habe kein Bedenken, offen einzugestehen, daß es verschiedene Glieder unserer Familie gibt, die eines Freundes bedürfen. Du warst selbst einer von ihnen, bevor dir deine Kousine einen solchen verschafft hat.« Der Doktor machte in der Güte seines Herzens eine abwehrende Handbewegung, um Jack Maldon weiteres Derartiges zu ersparen. Aber Mrs. Markleham setzte sich so nahe zum Doktor, als sie konnte, legte ihren Fächer auf seinen Rockärmel und sagte: »Nein, nein, mein lieber Doktor, Sie müssen schon entschuldigen, wenn ich dabei etwas verweile – ich habe so starke Empfindungen. Es ist geradezu eine fixe Idee von mir, es ist mein Leibthema. Sie sind ein Segen für uns, Sie sind für uns wahrhaftig ein Geschenk Gottes, ja!« »Unsinn, Unsinn«, sagte der Doktor. »Nein, nein, bitte um Verzeihung«, erwiderte der »Alte Soldat«. »Da niemand sonst zugegen ist als unser lieber, vertrauter Freund Mr. Wickfield, lasse ich mich nicht so abfertigen. Wenn Sie so fortfahren, werde ich von dem Privilegium der Schwiegermütter Gebrauch machen und Sie auszanken. Ich bin die Ehrlichkeit und Offenherzigkeit selbst. Was ich jetzt sage, das habe ich gesagt, als Sie mich durch Ihre Werbung um Ännie geradezu vor Staunen starr machten! Natürlich nicht durch die bloße Tatsache an sich – das zu behaupten wäre lächerlich – sondern weil Sie ihren armen Vater kannten, weil Sie Ännie als ein Wickelkind von sechs Monaten gesehen haben, konnte ich an Sie unmöglich in dieser Eigenschaft denken, namentlich da ich Sie mir überhaupt nicht als einen Freier vorstellen konnte, aber auch ganz und gar nicht!« »Äh, äh«, machte der Doktor gutgelaunt. »Lassen Sie doch nur!« »Aber nein«, sagte der »Alte Soldat«, und hielt ihm mit dem Fächer den Mund zu. »Ich lasse es ganz und gar nicht! Ich komme darauf zurück, damit man mir widerspreche, wenn ich unrecht habe. – Gut! Ich sprach also mit Ännie und erzählte ihr, was sich ereignet. Ich sagte: ›Meine Liebe, Doktor Strong ist dagewesen, hat sich erklärt und dir einen wunderschönen Antrag gemacht.‹ Habe ich dich irgendwie gedrängt? Nein. Ich sagte: ›Nun sag' mir einmal die Wahrheit – ist dein Herz frei?‹ ›Mama,‹ rief sie weinend, ›ich bin noch so sehr jung‹ – das war vollkommen wahr – ›und weiß kaum, ob ich überhaupt ein Herz habe.‹ ›Dann, meine Liebe,‹ sagte ich, ›ist es sicher frei. Auf alle Fälle, mein liebes Kind, befindet sich Doktor Strong in einer aufgeregten Stimmung und muß Antwort haben. In diesem Zustande der Ungewißheit kann man ihn nicht lassen.‹ ›Mama,‹ sagte Ännie immer noch weinend, ›würde er ohne mich unglücklich sein? Wenn das wäre, so verehre und achte ich ihn so hoch, daß ich ihn nehmen will.‹ Und so kam's. Und dann, und nicht früher, sagte ich zu ihr: ›Ännie, Doktor Strong wird nicht nur dein Gatte sein, er wird auch Vaterstelle an dir vertreten, er wird das Haupt unserer Familie sein, er wird die Weisheit unserer Familie repräsentieren, sozusagen ihre Existenzmittel verkörpern, kurz, er wird für uns ein Geschenk Gottes sein!.‹ Damals habe ich dies Wort gebraucht, und ich gebrauche es heutzutage noch. Wenn ich einiges Verdienst habe, so ist es Konsequenz.« Die Tochter hatte sich während dieser Rede vollkommen still verhalten, die Augen auf den Fußboden geheftet; ihr Vetter stand in der Nähe und sah ebenfalls zu Boden. Mit zitternder Stimme sagte sie jetzt sehr sanft: »Mama, ich hoffe, du bist zu Ende?« »Nein, meine liebe Ännie,« versetzte der »Alte Soldat«, »noch nicht ganz. Da du ausdrücklich danach fragst, muß ich schon sagen, noch nicht. Ich beklage mich darüber, daß du gegen deine Familie in der Tat ein wenig unnatürlich bist, und da es nichts hilft, sich bei dir zu beklagen, so gedenke ich bei deinem Gatten Klage zu führen. Nun, mein lieber Doktor, betrachten Sie sich nur einmal Ihr kleines Närrchen von einer Frau!« Als sich der Doktor mit seinem schlichten, liebreichen Lächeln zu Ännie wandte, beugte sie ihren Kopf um so mehr hinunter. Ich bemerkte, daß Mr. Wickfield sie nicht aus den Augen ließ. »Als ich zu dem unartigen Kinde da«, fuhr die Mutter fort, indem sie Ännie scherzhaft mit dem Fächer drohte, »erst gestern sagte, daß es eine Familienangelegenheit gebe, die sie gegen Sie erwähnen solle, ja eigentlich zu erwähnen verpflichtet sei, sagte sie, das hieße eine Gunst erbitten, und da dies bei Ihrem allzu großen Edelmut soviel wie deren Gewährung bedeute, so wolle sie nicht.« »Meine geliebte Ännie,« sagte der Doktor, »das war unrecht! Es beraubte mich eines Vergnügens.« »Fast wörtlich so sagte ich zu ihr!« rief die Mutter. »Nun aber werde ich das nächstemal, wenn sie Ihnen aus diesem Grunde wieder etwas nicht erzählen will, es Ihnen selbst sagen!« »Das wird mich freuen«, erwiderte der Doktor. »Soll ich?« »Gewiß!« »Gut, so werde ich's tun!« sagte der »Alte Soldat«. »Das ist abgemacht!« Als sie so erreicht hatte, was sie wollte, küßte sie erst ihren Fächer, tätschelte dann zu wiederholten Malen des Doktors Hand damit und kehrte triumphierend auf ihren früheren Platz zurück. Das Gespräch wurde jetzt, da weitere Gesellschaft kam, worunter die beiden Lehrer und Adams, allgemein und wendete sich in natürlicher Weise Mr. Jack Maldon zu, seiner Seereise, dem Lande, das sein Reiseziel war und seinen Plänen und Aussichten. Er sollte noch heute nacht mit der Postkutsche nach Gravesend fahren, wo das Schiff lag, mit dem er seine Reise anzutreten hatte; und er sollte, falls er nicht auf Krankenurlaub zurückkam, ich weiß nicht wie viele Jahre fortbleiben. Ich erinnere mich, daß man dahin übereinkam, Indien sei ein ganz falsch geschildertes Land, in dem es nichts Anstößiges gebe als höchstens den einen oder andern Tiger und etwas Hitze in der warmen Tageszeit. Ich meinerseits erblickte in Mr. Jack Maldon einen modernen Sindbad und stellte mir ihn bereits als Freund aller Radschahs vor, wie er unter Baldachinen saß und gewundene goldene Pfeifen rauchte, die, gerade gestreckt, eine Meile lang gewesen wären. Mrs. Strong sang recht hübsch, wie ich wußte, da ich sie oft für sich allein singen gehört hatte. Aber, ob sie nun ängstlich und befangen war, weil sie vor Leuten singen sollte, oder heute abend nicht bei Stimme war – soviel stand fest, daß sie diesmal überhaupt nicht singen konnte. Sie probierte zuerst ein Duett mit Vetter Maldon, konnte aber nicht einmal anfangen, dann, als sie Solo singen wollte, nahm sie zwar einen sehr lieblichen Anlauf, aber plötzlich ging ihr die Stimme aus und sie ließ, wie gänzlich trostlos, den Kopf über die Tasten hängen. Der gute Doktor sagte, sie sei nervös, und schlug zu ihrer Erholung ein Gesellschaftskartenspiel vor, wovon er gerade so viel verstand wie vom Posaunenblasen. Aber der »Alte Soldat« nahm sich seiner sogleich an und gab ihm Unterweisung darin, und das erste, womit sie ihren Unterricht begann, war, daß sie ihm alles Silbergeld abverlangte, das er in der Tasche hatte. Das Spiel war recht lustig und wurde durch die Fehler und Böcke des Doktors noch lustiger, deren er unzählige beging, trotz der Aufmerksamkeit der wackelnden Schmetterlinge auf Mrs. Marklehams Haupte und sehr zu ihrem Arger. Mrs. Strong nahm am Spiele nicht teil, sondern entschuldigte sich mit Unwohlsein, und Vetter Maldon hatte sich entschuldigt, weil er noch einiges zu packen habe. Als er damit fertig war, kam er wieder, setzte sich zu Ännie aufs Sofa und plauderte mit ihr. Von Zeit zu Zeit stand sie auf, sah dem Doktor, sich über ihn beugend, in die Karten, und sagte ihm, was er spielen solle. Sie war sehr blaß, und ich glaubte ihren Finger, mit dem sie auf die Karten wies, zittern zu sehen; aber der Doktor war ganz glücklich über ihre Aufmerksamkeit und nahm keine Notiz davon, wenn es wirklich so war. Beim Abendessen war die Stimmung nicht ganz so fröhlich. Jedermann schien zu fühlen, daß ein Abschied eine mißliche Sache ist, und daß, je näher er heranrückte, die Sache um so mißlicher wurde. Mr. Jack Maldon, bemühte sich recht gesprächig zu sein, er war aber nicht bei Laune und machte die Sache nur schlimmer. Der »Alte Soldat« gab fortwährend Züge aus Mr. Jack Maldons Jugendzeit zum besten, und machte dadurch, meinem Gefühle nach, die Sache auch durchaus nicht besser. Der Doktor aber, der sicherlich die Empfindung hatte, zu jedermanns Vergnügen beigetragen zu haben, fühlte sich sehr wohl und zweifelte nicht im geringsten daran, daß wir uns alle auf dem Gipfel des Wohlbehagens befanden. »Teure Ännie,« sagte er, seine Uhr ziehend und sein Glas füllend, »es ist die höchste Zeit für deinen Vetter, und wir dürfen ihn nicht langer zurückhalten, da ja Zeit und Flut – die hier gerade recht sehr in Betracht kommen – auf niemand warten. Mr. Jack Maldon, Sie haben eine weite Reise und ein fremdes Land vor sich, aber das ist bei vielen Menschen der Fall, und wird so sein bis ans Ende der Zeiten. Die Winde, denen Sie sich anvertrauen sollen, haben Taufende und Abertausende ihrem Glücke entgegengetragen und Tausende und Abertausende glücklich wieder zurückgebracht!« »Es hat etwas Ergreifendes,« sagte Mrs. Markleham, »in welchem Lichte man's auch betrachten mag, wenn ein schöner junger Mann, den man von der Wiege auf gekannt hat, bis ans andere Ende der Welt fortgeht, und alles ihm Bekannte zurückläßt, ohne zu wissen, was ihm bevorsteht. Ein junger Mann, der solche Opfer bringt, verdient in der Tat beständige Unterstützung und Gönnerschaft«, sagte sie mit einem Blick auf den Doktor. »Die Zeit wird Ihnen schnell vergehen, Mr. Jack Maldon,« fuhr der Doktor fort, »und sie eilt für uns alle schnell dahin. Einige von uns freilich dürfen, im natürlichen Verlaufe der Dinge, vielleicht kaum hoffen, Sie bei Ihrer Rückkehr noch zu begrüßen und können das im besten Falle eben nur hoffen, und dies ist bei mir der Fall. Ich will Sie mit gutem Rat nicht ermüden. Sie haben die längste Zeit ein musterhaftes Beispiel vor Augen gehabt: Kousine Ännie. Ahmen Sie ihren Tugenden nach, soviel sie können!« Frau Markleham fächelte sich und wiegte den Kopf hin und her. »Leben Sie wohl, Mr. Jack«, sagte der Doktor aufstehend, worauf wir uns alle erhoben. »Eine glückliche Reise, eine glänzende Karriere in der Fremde und eine glückliche Rückkehr!« Wir alle tranken bei diesem Toast und schüttelten Mr. Jack Maldon die Hand; dann nahm er eiligst von den Damen Abschied und eilte zur Haustür, wo er mit einer dröhnenden Salve von Lebehochs empfangen wurde, die unsere Schüler ausbrachten, die sich zu diesem Behufe auf dem Rasen aufgestellt hatten, als er in den Wagen stieg. Ich mischte mich in ihre Reihen und stand dicht beim Wagen, als sich dieser in Bewegung setzte, und hatte den lebhaften Eindruck, gesehen zu haben, wie Mr. Maldons Gesicht aufgeregt aussah, und daß er etwas Kirschrotes in der Hand hatte, als der Wagen vorbeirasselte. Nach einem weiteren Hoch auf den Doktor und dann auf seine Frau zerstreuten sich die Schüler, und ich kehrte ins Haus zurück, wo alle Gäste um den Doktor gruppiert standen, allerlei über die Abreise Mr. Jack Maldons aufs Tapet bringend. Mitten unter diesen Bemerkungen rief Mrs. Markleham: »Wo ist Ännie?« Ännie war nicht da, und als man sie rief, gab sie keine Antwort. Alles drängte aus dem Zimmer, und da fand man sie im Vorsaal am Boden liegend. Anfangs herrschte große Aufregung, bis man sah, daß es eine Ohnmacht war und daß diese den gewöhnlichen Mitteln wich; dann strich ihr der Doktor, der ihr Haupt auf seine Knie gelegt hatte, die Locken aus dem Gesicht und sagte, indem er im Kreise um sich blickte: »Arme Ännie! Sie ist so treu und weichherzig! Das hat der Abschied getan von ihrem alten Spielgenossen und Freund, von ihrem Lieblingsvetter! O des Jammers! Ah! es tut mir so sehr leid!« Als sie die Augen aufschlug und sah, wo sie war und bemerkte, daß wir alle um sie herumstanden, erhob sie sich unter Beistand ihres Mannes und wendete den Kopf, sei's um ihn auf des Doktors Schulter zu legen, sei's um ihr Gesicht zu verbergen. Wir gingen ins Empfangszimmer, um sie mit dem Doktor und ihrer Mutter allein zu lassen; aber sie muß wohl erklärt haben, daß ihr jetzt besser sei, als wie sie sich den ganzen Tag gefühlt habe, und daß sie lieber in unserer Gesellschaft sein wolle; so brachten sie sie denn zu uns und setzten sie aufs Sofa. Sie sah sehr bleich und angegriffen aus. »Liebe Ännie,« sagte die Mutter und zupfte die Kleidung der Tochter zurecht – »liebe Ännie, schau her! Du hast doch eine Schleife verloren, und die Herren haben die Güte, danach zu suchen: sie war aus kirschrotem Band.« Es war das Band, das sie als Busenschleife getragen hatte. Wir suchten alle danach, ich insbesondere in jedem Winkel; aber es war nicht zu finden. »Weißt du vielleicht, wann du es zuletzt gehabt hast?« fragte die Mutter. Wenn ich sie vorher für bleich gehalten hatte, so erstaunte ich, sie jetzt plötzlich brennend rot werden zu sehen, als sie sagte, sie habe es noch ganz vor kurzem gehabt, aber es lohne sich nicht der Mühe, es zu suchen. Man suchte trotzdem und fand es wieder nicht. Sie bat, das Suchen doch zu unterlassen; es wurde aber, wenn auch nicht systematisch, immer noch gesucht, so lange, bis sie wieder ganz wohl war und alles Abschied nahm. Wir gingen langsam schlendernd heim, Mr. Wickfield, Agnes und ich; wir beide das Mondlicht bewundernd, Mr. Wickfield kaum vom Boden aufschauend. Als wir endlich vor unserm Haustor standen, entdeckte Agnes, daß sie ihr Handtäschchen vergessen hatte, und entzückt, ihr einen kleinen Dienst erweisen zu können, lief ich zurück, es zu holen. Ich trat ins Speisezimmer, wo sie es vergessen hatte, und das war leer und finster. Da aber eine Verbindungstür nach des Doktors Studierzimmer, wo Licht war, offen stand, so ging ich dahin, sagte, was ich suchte, und ließ mir ein Licht geben. Der Doktor saß in seinem Lehnstuhl beim Kamin, seine Frau auf einem Schemel zu seinen Füßen. Er las ihr aus dem Manuskripte des endlosen Wörterbuchs irgend eine kritische Stelle vor und lächelte so lieb dabei, während sie zu ihm emporsah; und zwar mit einem Gesichtsausdruck, wie ich ihn nie gesehen habe. Ihr Gesicht war klassisch schön in seinen Formen, geisterbleich, so ganz in Sinnen verloren und es lag ein so träumerisches schreckhaftes Etwas wie von Somnambulismus darauf. Die Augen waren weit geöffnet, das braune Haar fiel in zwei reichen Strähnen auf die Schultern und auf das durch den Verlust des Bandes in Unordnung geratene weiße Kleid herab. So deutlich ich mich noch ihres Aussehens erinnere, so vermag ich doch nicht zu sagen, was der Ausdruck bedeutete. Ich kann nicht einmal sagen, was ich mit gereifter Erfahrung jetzt darin lese, wo er wieder vor mir aufsteigt. War es Reue, Buße, Scham, Stolz, Liebe und Zutrauen, ich sehe sie alle darin und doch zugleich in allen den Schrecken vor etwas mir Unbekanntem. Mein Eintreten und meine Bitte störten sie auf. Auch der Doktor war abgelenkt worden, denn als ich das Licht zurückbrachte, streichelte er in seiner väterlichen Weise sanft ihr Haupt und sagte, er sei ein rechter Tyrann, daß er sich verleiten lasse, ihr immer mehr vorzulesen, und sie solle doch schlafen gehen. Aber sie bat ihn hastig und dringend, sie doch dableiben zu lassen, damit sie am heutigen Abend die Gewißheit habe (ich hörte sie ein paar abgebrochene Worte dieses Inhalts herausstoßen), daß sie sein Vertrauen genieße. Dann sah sie mir nach, als ich die Tür hinter mir schloß, und ich sah sie gerade noch ihre Hände auf seinem Knie kreuzen, und sah, wie sie mit demselben Antlitz, das nur etwas ruhiger geworden war, zu ihm aufsah, als er ihr vorzulesen fortfuhr. Das machte einen tiefen, mächtigen Eindruck auf mich, und ich erinnerte mich dessen noch lange Zeit danach, wie ich seinerzeit erzählen werde. Siebzehntes Kapitel Es findet sich jemand. Ich habe seit meiner Flucht nicht Gelegenheit gefunden, Peggotty zu erwähnen; aber natürlich schrieb ich ihr einen Brief, sowie ich ein Unterkommen in Dover gefunden hatte, und einen zweiten und ganz ausführlichen, als mich meine Tante ausdrücklich unter ihren Schutz genommen hatte. Als ich zu Doktor Strong in die Schule kam, schrieb ich ihr nochmals und setzte ihr meine glückliche Lage und meine guten Aussichten auseinander. Das Vernaschen oder jeder anderweitige Verbrauch des Geldes, das mir Mr. Dick geschenkt hatte, hätte mir nicht so viel Freude gemacht, als seine Verwendung zur Bezahlung meiner Schuld an Peggotty; ich wechselte eine goldene halbe Guinee ein und schickte sie Peggotty mit der Post; und erst bei dieser Gelegenheit erzählte ich ihr die Geschichte von dem Burschen und dem Eselskarren. Auf diese Briefe antwortete Peggotty so rasch, wenn auch nicht so geschäftsmäßig kurz, wie ein Kommis. Ihre äußerste Fähigkeit, ihren Gefühlen Ausdruck zu geben – die mit Tinte gewiß nicht groß war – hatte sie bei dem Versuche aufgeboten, den Zustand ihres Innern bei dem Durchlesen meines Reiseberichts zu schildern. Vier Seiten unzusammenhängender und mit Ausrufungen beginnender Satzanfänge, die kein anderes Ende hatten als verschwimmende Kleckse, hatten ihr ersichtlich noch keine Erleichterung gewähren können. Aber die Kleckse waren ausdrucksvoller für mich als die beste Stilisierung; denn sie sagten mir, daß Peggotty während des Schreibens des Briefes geweint hatte, und was wollte ich mehr? Ohne große Schwierigkeit erkannte ich, daß sie sich noch nicht recht mit meiner Tante aussöhnen konnte. Die Zeit war zu kurz einem so lange Zeit gehegten Vorurteile gegenüber. »Wir lernen nie einen Menschen auskennen,« schrieb sie; »aber zu denken, daß Miß Betsey so ganz anders sei, als man sie sich vorgestellt, das sei eine Moral!« Das war ihr Ausdruck. Sie fürchtete sich offenbar immer noch vor Miß Betsey, denn sie ließ sich etwas schüchtern als ihre gehorsame und dankbare Dienerin empfehlen; und hinsichtlich meiner fürchtete sie offenbar, ich könnte bald noch einmal ausreißen, denn sie machte mir wiederholt bemerklich, daß ich das Fahrgeld nach Yarmouth, wenn ich es brauche, nur von ihr verlangen soll. Eine Nachricht teilte sie mir mit, die einen sehr schmerzlichen Eindruck auf mich machte; nämlich daß die Möbel in unserm alten Hause auf Auktion verkauft worden waren, und daß Mr. und Miß Murdstone fortgezogen wären und das Haus vermietet oder verkauft werden sollte. Gott weiß es, ich hatte keinen Teil daran, solange sie dort hausten, aber es schmerzte mich, mir das liebe alte Haus ganz verlassen vorzustellen, den Garten voll hohen Unkrauts und die Wege mit welkem, feuchtem Laub bedeckt zu denken. Ich stellte mir vor, wie es der Winterwind umheulen, wie der kalte Regen an die Fenster schlagen, wie der Mond Gespenster an die Wände der leeren Zimmer malen und in ihre Einsamkeit die ganze Nacht hineinsehen würde. Ich dachte wieder an das Grab auf dem Kirchhofe unter dem Baume; und es war mir, als ob das Haus jetzt ebenfalls tot und alles, was an meinen Vater und an meine Mutter erinnerte, von der Erde verschwunden wäre. Doch es standen auch noch weitere Neuigkeiten in Peggottys Briefen. Sie sagte mir, Mr. Barkis sei ein vortrefflicher Ehemann, »wenn auch immer noch etwas genau«; aber wir hatten alle unsere Fehler und sie selbst eine Menge – obgleich ich mich auf keine besinnen kann –; und er lasse mich grüßen und mir sagen, daß mein kleines Schlafzimmer oben immer für mich bereit sei. Mr. Peggotty befinde sich wohl, und Ham befinde sich wohl, und Mrs. Gummidge befinde sich soso, und die kleine Emily wolle mich nicht grüßen lassen, erlaube es aber Peggotty, wenn sie es tun wolle. Alle diese Nachrichten teilte ich gewissenhaft meiner Tante mit und unterließ nur, die kleine Emily zu erwähnen, der sie sich nicht sehr zärtlich zuneigen würde, wie ich instinktmäßig fühlte. In den ersten Monaten meiner Schulzeit kam die Tante mehrmals nach Canterbury, um mich zu besuchen und stets zu ungewöhnlichen Stunden, wie, um mich zu überraschen. Da sie mich aber stets gehörig beschäftigt fand, ein gutes Zeugnis vernahm und von allen Seiten hörte, daß ich in der Schule rasche Fortschritte machte, stellte sie bald diese Besuche ein. Ich ging alle drei bis vier Wochen Sonnabends zu ihr nach Dover, während ich Mr. Dick einen Mittwoch um den andern sah, wo er mittags mit der Landkutsche ankam und bis nächsten Morgen blieb. Bei diesen Gelegenheiten reiste Mr. Dick nie ohne Reiseschreibpult mit Schreibmaterialien und der Denkschrift, die ihm jetzt sehr dringlich erschien, und mit deren Vollendung er eifriger beschäftigt war als je. Mr. Dick aß sehr gern Pfefferkuchen. Um seine Besuche ihm um so angenehmer zu machen, hatte meine Tante mir geheißen, bei einem Konditor eine laufende Rechnung für ihn zu eröffnen, jedoch unter der Bedingung, an einem Tage nie mehr als für einen Schilling zu entnehmen. Dies und der Umstand, daß alle seine kleinen Rechnungen in dem Wirtshaus, wo er übernachtete, meiner Tante vorgelegt werden mußten, bevor sie bezahlt wurden, erregte in mir den Argwohn, daß er mit seinem Gelde nur klappern, es aber nicht ausgeben dürfe. Bei weiterer Nachforschung fand ich, daß dies wirklich so war oder wenigstens, daß zwischen ihm und meiner Tante die Verabredung bestand, daß er ihr von allen seinen Ausgaben Rechenschaft ablegte. Da er nicht den leisesten Gedanken hatte, sie zu hintergehen, und alle ihre Wünsche zu erfüllen bestrebt war, so wurde er dadurch sehr vorsichtig in seinen Ausgaben. Hinsichtlich dieses Punktes, sowie hinsichtlich aller andern möglichen Punkte war Mr. Dick überzeugt, daß meine Tante die weiseste und wunderbarste aller Frauen sei, wie er es mir sehr oft höchst geheimnisvoll und stets flüsternd sagte. »Trotwood,« sagte Mr. Dick an einem Mittwoch, als er mir das anvertraut hatte, mit geheimnisvoller Miene zu mir, »wer ist der Mann, der sich bei unserm Haufe versteckt hält und sie erschreckt?« »Meine Tante erschreckt?« fragte ich zurück. Mr. Dick nickte. »Ich dachte, nichts könnte sie erschrecken,« sagte er, »denn sie ist« – hier fing er an leiser zu sprechen – »die klügste und wunderbarste aller Frauen. Aber bitte sage es niemand wieder.« Nachdem er dies gesagt hatte, trat er ein paar Schritte zurück, um die Wirkung dieser Worte auf mich zu beobachten. »Das erstemal kam er,« sagte Mr. Dick, – »warte einmal. – Im Jahre 1649 wurde Karl I. hingerichtet. Ich glaube, du sagtest 1649?« »Ja, Sir.« »Ich weiß gar nicht, wie das sein kann«, sagte Mr. Dick, in arger Verlegenheit den Kopf schüttelnd. »Ich glaube nicht, daß ich so alt bin.« »Ist der Mann in diesem Jahre erschienen, Sir?« fragte ich. »Ich weiß nicht, wie es in diesem Jahre gewesen sein soll, Trotwood«, sagte Mr. Dick. »Hast du die Jahreszahl aus der Geschichte?« »Ja, Sir.« »Ich glaube, die Geschichte lügt wohl niemals?« sagte Mr. Dick, mit einem Strahl von Hoffnung auf dem Gesicht. »O niemals, niemals!« erwiderte ich sehr bestimmt. Ich war vertrauensvoll und jung und hegte diesen Glauben. »Dann kann ich nicht daraus klug werden«, sagte Mr. Dick, den Kopf schüttelnd. »Etwas ist da nicht in Ordnung. Jedenfalls war es aber nicht lange nach der Zeit, wo sie aus Versehen einen Teil der Sorgen aus König Karls Kopf in den meinigen steckten, als der Mann zum erstenmal kam. Ich ging gleich nach Dunkelwerden mit Miß Trotwood spazieren, und da fanden wir ihn dicht bei unserm Hause.« »Er ging dort herum?« fragte ich. »Ob er herumging?« wiederholte Mr. Dick. »Wart' einmal. Ich muß mich ein bißchen besinnen. N – nein – nein; er ging nicht herum.« Ich fragte, was er denn getan habe. »Er war eigentlich gar nicht da,« sagte Mr. Dick, »bis er plötzlich hinter ihr war und ihr etwas zuflüsterte. Dann drehte sie sich um und wurde ohnmächtig und ich stand still und sah ihn an, und er ging fort; aber daß er sich seit der Zeit immer versteckt gehalten hat – unter der Erde oder sonst, wo – ist das allermerkwürdigste!« »Hat er sich seitdem nicht wieder sehen lassen?« fragte ich. »Doch!« entgegnete Mr. Dick und nickte ernst mit dem Kopfe. »Erst gestern ist er wieder zum Vorschein gekommen. Wir gingen gestern abend miteinander spazieren, und er war wieder auf einmal hinter ihr, und ich erkannte ihn wieder.« »Und erschreckte wieder meine Tante?« »Sie zitterte und bebte«, sagte Mr. Dick, indem er diese Bewegung nachmachte und mit den Zähnen klapperte, hielt sich an das Geländer, schrie. »Aber Trotwood, komm einmal her,« sagte er, indem er mich dicht an sich heranzog, damit er sehr leise sprechen könne; »warum gab sie ihm später im Mondschein Geld?« »Es war vielleicht ein Bettler«, sagte ich. Mr. Dick schüttelte lebhaft den Kopf, als ob er diese Vermutung entschieden zurückweise, und nachdem er mit großer Zuversicht und vielmals hintereinander »kein Bettler, kein Bettler, kein Bettler, Sir!« wiederholt hatte, fuhr er fort zu berichten, daß er von seinem Fenster aus gesehen, wie meine Tante spät nachts, als der Mond geschienen, draußen vor der Gartentür dem Unbekannten Geld gegeben habe, worauf dieser verschwunden sei – wahrscheinlich wieder in die Erde – während meine Tante rasch und verstohlen wieder in das Haus ging und noch am andern Morgen sehr aufgeregt gewesen war, was Mr. Dick große Sorge machte. Ich zweifelte anfangs nicht im mindesten, daß der Unbekannte ein Gebild von Mr. Dicks Phantasie und einer aus der Reihe unglücklicher Fürsten sei, die ihm so viel zu schaffen machten; aber nach einigem Nachdenken fragte ich mich, ob nicht vielleicht ein Versuch oder eine Androhung eines Versuchs, Mr. Dick dem Schutze meiner Tante zu entziehen, stattgefunden, und ob sich nicht meine Tante, deren große Zuneigung für ihren Schützling ich aus ihrem eigenen Munde kannte, veranlaßt gesehen haben könnte, seine Sicherheit mit Geld zu erkaufen. Da ich schon sehr an Mr. Dick hing und seine Wohlfahrt mir sehr am Herzen lag, so unterstützten meine Befürchtungen diese Vermutung; und lange Zeit erschien kaum einer seiner Mittwoche ohne die Befürchtung, ihn diesmal nicht auf seinem gewöhnlichen Platz auf dem Kutscherbocke zu sehen. Aber dort erblickte ich ihn immer, grauköpfig, lachend und glücklich; und er hatte nie wieder etwas von dem Manne, der meine Tante erschrecken konnte, zu erzählen. Diese Mittwoche waren die glücklichsten Tage in Mr. Dicks Leben, und sie waren keineswegs die am wenigsten glücklichen in dem meinigen. Er war bald mit jedem Knaben der Schule bekannt, und obwohl er an den Spielen, mit Ausnahme des Drachensteigenlassens, keinerlei tätigen Anteil nahm, so interessierte er sich doch für alle so sehr als nur irgendeiner von uns. Wie oft sah er ganz vertieft dem Murmel- oder Kreiselspiele zu und wagte in kritischen Momenten kaum zu atmen! Wie oft stand er beim Hasen- und Hundespiel auf einem Hügelchen, und munterte die ganze Gesellschaft mit frohem Zurufen auf, und schwenkte den Hut um sein graues Haupt, und hatte dann das unglückliche Haupt Karls I. und alles, was damit zusammenhing, vergessen! Wie war ihm so manche Sommerstunde zur bloßen seligen Minute geworden auf dem Kriketplatz! Und an so manchem Wintertage stand er im Schnee und bei Ostwind mit blaugefrorner Nase da und sah den Schülern zu, wenn sie die lange Schlidderbahn dahinflogen, und klatschte entzückt in die wollbehandschuhten Hände! Er war aller Liebling, und seine Handgeschicklichkeit in kleineren Dingen war wunderbar. Er konnte Apfelsinen in Figuren schneiden, an die keiner von uns im entferntesten gedacht hatte. Aus fast jedem Gegenstände konnte er ein Boot machen. Brustknochen der Hühner wußte er in Schachfiguren zu verwandeln; Spielkarten in römische Triumphwagen, Zwirnrollen in Speichenräder und alten Draht in Vogelbauer. Aber am stärksten war er in künstlichen Sachen aus Bindfaden und Stroh, woraus er, wie wir alle überzeugt waren, alles machen konnte, was Menschenhände zu machen fähig waren. Mr. Dicks Ruhm blieb nicht lange auf unsern Kreis beschränkt. Nach einigen Mittwochen erkundigte sich Doktor Strong bei mir nach ihm, und ich sagte ihm alles, was mir meine Tante erzählt hatte, was den Doktor so sehr für ihn einnahm, daß er mich hieß, ihm meinen Freund Mr. Dick bei dessen nächstem Besuche vorzustellen. Dies geschah, und der Doktor bat Mr. Dick, wenn er mich nicht am Postkutschenbureau treffen sollte, nach der Schule zu kommen und zu warten, bis die Schulstunden zu Ende wären. Bald wurde es ihm zur Gewohnheit, nach dem Schulhause zu kommen, und wenn es etwas später wurde, was Mittwochs häufig der Fall war, auf dem Hofe spazieren zu gehen. Hier machte er die Bekanntschaft der schönen jungen Frau des Doktors, die jetzt immer viel bleicher als sonst aussah, mir oder den andern seltener zu Gesicht kam, und wenn sie auch minder heiter schien, nicht weniger reizend war. Und so wurde er allmählich immer bekannter, bis er zuletzt in die Klasse selbst kam und wartete. Er saß stets in einer besonderen Ecke, auf einem besonderen Stuhle, der nach ihm »Dick« hieß, das graue Haupt vorgebeugt und mit großer Aufmerksamkeit und tiefer Verehrung der Gelehrsamkeit, die er sich selbst nie hatte zu eigen machen können, den Vorträgen zuhörend. Diese Verehrung dehnte Mr. Dick auch auf den Doktor aus, den er für den scharfsinnigsten und vollendetsten Philosophen aller Zeiten hielt. Es dauerte lange, ehe Mr. Dick anders als barhäuptig mit ihm sprach; und selbst als er und der Doktor Freundschaft miteinander geschlossen hatten, und stundenlang an der Seite des Hofes, die dem Doktor ausschließlich vorbehalten war, spazieren gingen, legte Mr. Dick seine Ehrfurcht vor der Wissenschaft dadurch an den Tag, daß er von Zeit zu Zeit den Hut abzog. Wie es dazu kam, daß der Doktor auf diesen Spaziergängen Bruchstücke aus dem berühmten Wörterbuch vorlas, weiß ich nicht; vielleicht war es ihm anfangs ganz dasselbe, als ob er sie sich vorlese. Doch es wurde auch zur Gewohnheit, und Mr. Dick, der mit einem vor Stolz und Freude glänzenden Gesicht zuhörte, hielt im Innersten seines Herzens das Wörterbuch für das angenehmste Buch von der Welt. Wenn ich mir die beiden vorstelle, wie sie an den Klassenfenstern vorübergingen – der Doktor mit zufriedenem Lächeln, oder einer bekräftigenden Handbewegung oder ernstem Neigen des Kopfs, vorlesend, und Mr. Dick gespannt zuhörend, während sein armer Verstand auf den Flügeln der schweren Worte, Gott weiß wohin, entführt wurde – erscheint mir das Bild als eines der liebenswürdigsten und beruhigendsten, das ich je gesehen habe. Mir ist, als ob sie für alle Zeiten so auf und ab gehen sollten, und als ob die Welt dann viel besser daran wäre, und tausend Dinge, um die man jetzt großen Lärm macht, für die Welt und für mich nicht halb so viel wert wären wie dies. Agnes wurde ebenfalls bald mit Mr. Dick befreundet; und da er oft zu uns ins Haus kam, wurde er auch mit Uriah bekannt. Die Freundschaft zwischen Mr. Dick und mir nahm täglich zu und regelte sich in der Art, daß mich Mr. Dick, der formell als mein Vormund kam, immer über alle seine kleinen Zweifel zu Rate zog und stets meinen Ratschlägen folgte; denn er hatte nicht nur hohe Achtung vor meinem angebornen Scharfsinn, sondern glaubte auch, daß ich einiges von den Gaben meiner Tante geerbt hätte. An einem Donnerstag morgens, als ich Mr. Dick nach dem Postkutschen-Bureau begleitete, ehe ich mich wieder in die Schule begab (denn wir hatten eine Lehrstunde vor dem Frühstück, begegnete ich Uriah auf der Straße, und er erinnerte mich an mein Versprechen, zu ihm und seiner Mutter zum Tee zu kommen; mit einem Krümmen des Körpers fügte er hinzu: »Aber ich erwarte nicht, daß Sie Wort halten würden, Master Copperfield; wir sind so geringe Leute.« Ich war mir wirklich noch nicht klar geworden, ob ich Uriah leiden konnte oder nicht; und ich wußte es auch jetzt nicht, wie ich ihn vor mir sah. Aber die Voraussetzung, ich sei stolz, betrachtete ich fast wie eine Beleidigung, und ich sagte, ich hätte nur erst eine förmliche Einladung abgewartet. »O, wenn das alles ist, Master Copperfield,« sagte Uriah, »und Sie sich nicht von dem Umstände abhalten lassen, daß wir geringe Leute sind, so kommen Sie heute abend. Aber wenn Sie es nicht tun wollen, weil wir geringe Leute sind, so sagen Sie es nur offen, Master Copperfield, denn wir kennen unsere bescheidene Stellung.« Ich versprach, Mr. Wickfield um Erlaubnis, die nicht ausbleiben würde, zu fragen, und sagte, ich würde mit Vergnügen kommen. Um sechs Uhr abends, denn es wurde an diesem Tage gerade zeitig geschlossen, meldete ich mich bei Uriah als zum Gehen bereit. »Die Mutter wird wirklich stolz sein«, sagte er, als wir zusammen fortgingen. »Oder sie würde stolz sein, wenn es keine Sünde wäre, Master Copperfield.« »Und doch setzten Sie heute früh bei mir dieselbe Sünde voraus«, sagte ich. »Ach lieber Himmel, nein, Master Copperfield!« entgegnete Uriah. »O nein, glauben Sie mir das! So ein Gedanke ist mir nie in den Sinn gekommen! Ich hätte es gar nicht für Stolz gehalten, wenn Sie geglaubt hätten, wir wären zu unbedeutende Leute für Sie. Denn wir sind so sehr niedrige Leute.« »Haben Sie neuerdings viel studiert?« fragte ich, um das Gespräch auf einen andern Gegenstand zu bringen. »Ach, Master Copperfield,« sagte er mit selbstverleugnender Miene, »mein Lesen ist kein Studieren zu nennen. Ich habe abends manchmal ein oder zwei Stunden in Gesellschaft mit Mr. Tidd verbracht.« »Er ist wohl ziemlich schwer?« sagte ich. » Mir wird er manchmal schwer«, erwiderte Uriah. »Aber wie es bei einem Begabteren sein würde, weiß ich nicht.« Nachdem er mit den beiden Fingern seiner magern rechten Hand ein Weilchen auf seinem Kinn getrommelt hatte, fuhr er fort: »Sehen Sie, Master Copperfield, es kommen in Mr. Tidd Ausdrücke vor – lateinische Wörter und Phrasen – die einem Leser von meinen geringen Kenntnissen sicher schwer werden.« »Wollen Sie Latein lernen?« fragte ich rasch. »Ich will Ihnen das recht gern beibringen, je nachdem ich in den Lektionen weiterkomme.« »O, ich danke Ihnen, Master Copperfield«, antwortete er mit einem Kopfschütteln. »Es ist sehr freundlich von Ihnen, mir das Anerbieten zu machen, aber ich bin eine viel zu geringe Person, um es annehmen zu können.« »Dummes Zeug, Uriah!« »Sie müssen mich wirklich entschuldigen, Master Copperfield! Ich bin Ihnen sehr verbunden, und ich würde es außerordentlich gern tun, aber ich bin eine viel zu geringe Person. Es gibt Leute genug, die mich in meiner Bedeutungslosigkeit mit Füßen treten, ohne daß ich sie durch Gelehrsamkeit beleidige. Gelehrsamkeit ist nicht für mich. Eine Person wie ich läßt lieber hochfliegende Pläne beiseite. Wenn eine solche Person im Leben fortkommen soll, so muß es auf bescheidene Weise sein, Master Copperfield.« Ich sah seinen Mund noch nie so weit offen oder die Falten in seinen Wangen so tief gezogen, als während dieser Rede, die er mit einem Kopfschütteln und einem demütigen Krümmen des Körpers begleitete. »Ich glaube, Sie haben unecht, Uriah«, sagte ich. »Ich glaube doch, ich könnte Sie manches lehren, wenn Sie es nur lernen wollten.« »O, daran zweifle ich nicht, Master Copperfield,« antwortete er; »nicht im mindesten. Aber da Sie selbst keine niedrige Person sind, so urteilen Sie freilich anders. Ich will die über mir Stehenden nicht durch Kenntnisse gegen mich reizen, dafür bedanke ich mich. Ich bin eine viel zu geringe Person. Hier ist meine bescheidene Wohnung, Master Copperfield.« Wir traten unmittelbar von der Straße in ein niedriges, altmodisches Zimmer und fanden dort Mrs. Heep, ein Ebenbild Uriahs, nur in kleinerem Maßstabe. Sie empfing mich mit der größten Demut und bat mich um Verzeihung, daß sie ihren Sohn küßte, mit dem Bemerken, daß sie, so unbedeutende Personen sie wären, doch auch Gefühle hätten, die hoffentlich andere nicht verletzen würden. Es war ein ganz anständiges Zimmer, halb Wohnstube und halb Küche, aber durchaus nicht traulich. In der Stube stand eine Kommode, die oben ein Schreibpult bildete, an dem Uriah abends lesen und schreiben konnte, darauf lag Uriahs blaue Mappe, aus der sich ein Schwall von Akten ergoß. Dann stand eine Kolonne von Uriahs Büchern da, überragt von Mr. Tidd. In der Ecke befand sich ein Schrank und was sonst noch zum Hausrat gehört. Das Teezeug stand auf dem Tisch, und der Kessel kochte über dem Feuer. Ich wüßte nicht, daß irgend ein besonderer Gegenstand einen kahlen oder ärmlichen Anblick geboten hätte; aber das Ganze machte diesen Eindruck. Es war vielleicht auch ein Teil von Mrs. Heeps Demut, daß sie immer noch Trauer trug, obgleich Mr. Heep schon sehr lange Zeit tot war. Nur in der Haube bemerkte man einige Milderung; aber sonst trug sie noch eben so tiefe Trauer wie am ersten Tage. »Es ist ein Tag, den wir nie vergessen werden, mein Uriah,« sagte Mrs. Heep, indem sie den Tee bereitete, »an dem Master Copperfield uns besucht.« »Ich sagte gleich, du würdest der Meinung sein, Mutter«, erwiderte Uriah. »Wenn ich den seligen Vater aus einem Grunde zu uns zurückwünschte,« sagte Mrs. Heep, »so wäre es der, daß er unsern Gast diesen Nachmittag sehen könnte.« Mich setzten diese Komplimente in Verlegenheit, aber ich empfand es auch, daß ich als geehrter Gast empfangen würde, und Mrs. Heep erschien mir als eine angenehme Frau. »Mein Uriah hat die Stunde lange herbeigesehnt, Sir«, sagte Mrs. Heep. »Er befürchtete, unsere Niedrigkeit sei ein Hindernis, und ich stimmte mit ihm überein. Niedrig sind wir, niedrig waren wir und niedrig werden wir bleiben«, sagte Mrs. Heep. »Gewiß haben Sie keinen Grund zu dieser übertriebenen Bescheidenheit, Ma'am«, antwortete ich. »Ich danke Ihnen, Sir«, entgegnete Mrs. Heep. »Wir kennen unsere bescheidene Stellung und sind dankbar dafür.« Ich fand, daß Mrs. Heep mir allmählich näherrückte und daß Uriah ebenso mir gegenüberrückte und daß sie mir ehrerbietig die auserlesensten Sachen auf dem Tisch zuschoben. Freilich war nichts besonders Ausgezeichnetes da, aber ich nahm den guten Willen für die Tat und fühlte, daß sie sehr aufmerksam waren. Alsbald fingen sie an von Tanten zu sprechen und dann erzählte ich ihnen von meiner Tante; und dann fing Mrs. Heep an, von Stiefvätern zu sprechen, und ich begann von meinem zu erzählen, hörte aber bald auf, da meine Tante mir geboten hatte, darüber zu schweigen. Aber ein weicher, frischer Kork hätte nicht mehr Aussicht auf Rettung vor ein paar Korkziehern gehabt, oder ein zarter junger Zahn vor ein paar Zahnärzten, oder ein kleiner Federball vor ein paar derben Schlegeln, als ich in den Händen Uriahs und Mrs. Heeps hatte. Sie machten mit mir, was sie wollten und lockten Dinge aus mir heraus, die ich ihnen um keinen Preis erzählen wollte, und zwar um so leichter, als ich in meiner kindlichen Arglosigkeit mir etwas darauf einbildete, so vertraulich zu sein und mich als Gönner meiner beiden ehrerbietigen Wirte fühlte. Sie hatten einander sehr lieb, das war gewiß. Das machte wahrscheinlich auch einige Wirkung auf mich, als ein Zug der Natur; aber die Geschicklichkeit, mit der sich beide unterstützten, war ein Zug der Kunst, dem ich noch weniger gut widerstehen konnte. Als nichts mehr aus mir herauszulocken war – denn über das Leben hei Murdstone und Grimby und über meine Reise beobachtete ich ein unverbrüchliches Schweigen –, fingen sie von Mr. Wickfield und Agnes an. Uriah warf den Ball Mrs. Heep zu, Mrs. Heep fing ihn und warf ihn Uriah zurück; Uriah spielte eine Zeitlang damit und sandte ihn dann wieder seiner Mutter zu, und so ging es hinüber und herüber, bis ich gar nicht mehr wußte, wer ihn habe und ganz verwirrt war. Auch wurde der Ball stets ein anderer. Bald war es Mr. Wickfield, bald Agnes, bald Mr. Wickfields vortrefflicher Charakter, bald meine Bewunderung für Agnes, dann wieder Mr. Wickfields Geschäft, unser häusliches Leben nach dem Essen, Mr. Wickfields Weintrinken und die Ursache, warum er so viel trank, und wie schade das sei, jetzt das eine, dann das andere und dann alles auf einmal, und die ganze Zeit über, ohne daß ich sehr oft sprach, außer daß ich sie manchmal etwas aufmunterte, aus Furcht, sie würden ganz in Demut ersterben, ertappte ich mich immer, wie ich etwas ausgeplaudert hatte, was ich hätte bei mir behalten sollen, und merkte es an Uriahs scharfhakigen zitternden Nasenflügeln. Es wurde mir schon etwas unbehaglich, und der Wunsch regte sich in mir, dem Besuch ein Ende zu Machen, als eine Gestalt an der Tür, die wegen der schwülen Luft offen stand, vorüberging, wieder umkehrte, hereinsah und mit dem Ausrufe: »Ist's möglich, Copperfield!« in die Stube trat. Es war Mr. Micawber! Es war Mr. Micawber mit seiner Lorgnette, seinem Spazierstocke, seinen Vatermördern, seinem hochtrabenden Wesen und dem herablassenden Ton seiner Stimme, wie er leibte und lebte. »Mein lieber Copperfield,« sagte Mr. Micawber und bot mir die Hand, »das ist wahrhaftig eine Begegnung, die ganz geeignet ist, den Geist hinzulenken auf die Ungewißheit und Wandelbarkeit alles Menschlichen – kurz, es ist eine außerordentliche Begegnung. Indem ich auf der Straße herumgehe, beschäftigt mit Nachdenken über die Möglichkeit, daß ich etwas finden könnte – und meine Hoffnung in dieser Hinsicht ist jetzt ziemlich lebhaft –, finde ich einen jungen, aber geschätzten Freund, der mit der ereignisreichsten Periode meines Lebens in Verbindung steht; ich kann wohl sagen, mit dem Wendepunkt meines Daseins. Und nun, mein bester Copperfield, was machen Sie?« Ich kann nicht sagen, nein wirklich nicht, daß ich hier Mr. Micawber sehr gern sah; aber doch freute es mich, ihn überhaupt zu sehen, und ich schüttelte ihm herzlich die Hand, indem ich ihn nach dem Befinden der Mrs. Micawber fragte. »Ich danke Ihnen«; sagte Mr. Micawber mit der alten gnädigen Handbewegung und zog das Kinn in den hohen Kragen zurück. »Sie befindet sich munter. Die Zwillinge saugen ihre Nahrung nicht mehr an dem Quell der Natur, kurz,« sagte Mr. Micawber mit einem seiner Ausbrüche von Vertraulichkeit, »sie sind entwöhnt und Mrs. Micawber ist jetzt meine Reisegefährtin. Sie wird sich freuen, Copperfield, ihre Bekanntschaft mit einem jungen Manne zu erneuern, der in jeder Hinsicht ein würdiger Priester am heiligen Altar der Freundschaft gewesen ist.« Ich sagte, es würde mich freuen, sie zu sehen. »Sie sind sehr freundlich«, sagte Mr. Micawber. Alsdann lächelte Mr. Micawber, senkte das Kinn in das Halstuch und sah sich im Zimmer um. »Ich habe meinen Freund Copperfield«, sagte Mr. Micawber vornehm herablassend und ohne sich an eine besondere Person zu wenden, »nicht in der Einsamkeit gefunden, sondern bei einem geselligen Mahl in Gesellschaft einer Witwe und eines jungen Mannes, der wahrscheinlich ihr Sprosse ist – kurz –« sagte Mr. Micawber mit einem neuen Vertraulichkeitsausbruch, »ihr Sohn. Ihnen vorgestellt zu werden, würde ich für eine Ehre erachten.« Unter diesen Umständen konnte ich nicht weniger tun, als Mr. Micawber mit Uriah Heep und seiner Mutter bekannt zu machen, was ich denn auch tat. Da sie sich vor ihm demütigten, nahm Mr. Micawber einen Stuhl an und bewegte mit vornehmer, wahrhaft königlicher Gebärde die Hand. »Jeder Freund meines Freundes Copperfield«, sagte Mr. Micawber, »hat einen persönlichen Anspruch auf mich.« »Wir sind zu geringe Personen, sowohl mein Sohn als ich,« sagte Mrs. Heep, »um Master Copperfields Freunde sein zu können. Er ist so gut gewesen, zu uns zum Tee zu kommen, und wir sind ihm dankbar für seine Gesellschaft, so wie Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit, Sir.« »Madame,« sagte Mr. Micawber mit einer Verbeugung, »Sie sind sehr gütig; und was machen Sie, Copperfield? Immer noch im Weingeschäft?« Es lag mir außerordentlich viel daran, Mr. Micawber fortzubringen; ich erwiderte, den Hut in der Hand und wahrscheinlich mit einem sehr roten Gesicht, daß ich bei Doktor Strong in der Schule sei. »In der Schule?« sagte Mr. Micawber und zog die Brauen in die Höhe. »Es freut mich außerordentlich, dies zu hören. Obgleich ein Talent, wie mein Freund Copperfield ist,«– das sagte er zu Uriah und Mrs. Heep – »nicht des Studierens bedarf, das er ohne seine Kenntnisse der Menschen und der Verhältnisse brauchen würde, so ist es doch ein fruchtbarer Boden für noch schlummernde Keime, kurz –« sagte Mr. Micawber lächelnd, in einem abermaligen Ausbruch seiner Vertraulichkeit – »ein Talent, fähig, es mit den Klassikern in unbeschränktem Maße aufzunehmen.« Uriah machte, die schmalen weißen Hände langsam umeinander windend, eine drehende Bewegung mit dem Oberleib, um seine Beistimmung auszudrücken. »Wollen wir zu Mrs. Micawber gehen, Sir?« sagte ich, um Mr. Micawber fortzubringen. »Wenn Sie ihr diese Gunst erweisen wollen, Copperfield«, erwiderte Mr. Micawber und stand auf. »Ich stehe nicht an, vor unsern Freunden hier zu sagen, daß ich ein Mann bin, der mehrere Jahre lang mit Geldverlegenheiten gekämpft hat.« Ich wußte im voraus, daß etwas derart herauskommen werde; er prahlte immer gern mit seinen Geldverlegenheiten. »Manchmal habe ich mich über meine Verlegenheiten siegreich erhoben,« fuhr er fort, »manchmal haben meine Verlegenheiten mich niedergeschmettert. Manchmal habe ich nicht ohne Erfolg mit ihnen gerungen; oftmals wurden sie zu zahlreich für mich, und ich unterlag, und sagte zu Mrs. Micawber mit Catos Worten: ›Plato, wohl hast du recht. Es ist vorbei. Nicht länger kann ich ringen.‹ Aber zu keiner Zeit meines Lebens habe ich mich mehr befriedigt gefühlt, als damals, wo ich meinen Schmerz (wenn ich Verlegenheiten Schmerzen nennen darf, die hauptsächlich durch Exekutionsdekrete und Schuldscheine auf zwei oder vier Monate Sicht entstanden), in den Busen meines Freundes Copperfield ausschütten konnte.« Mr. Micawber schloß diese schöne schwungvolle Rede mit den Worten: »Mr. Heep! Guten Abend. Mrs. Heep! Ihr ergebener Diener«, und ging dann mit einer eleganten Schwenkung hinaus, wobei er mit seinen Schuhen ziemliches Geklapper auf dem Bürgersteig machte und ein Liedchen summte. Mr. Micawber war in einem kleinen Gasthause abgestiegen und bewohnte darin ein kleines Zimmer, das von dem großen Absteigezimmer abgeteilt war und stark nach Tabaksqualm roch. Es muß auch über der Küche gewesen sein, denn durch den Flur drang zuweilen ein warmer Fettgeruch, und ein feuchter Wrasen beperlte die Wände. Ein Duft nach Branntwein und ein Geklirr von Gläsern belehrte mich, daß das Büfett ebenfalls in der Nähe sein müsse. Hier lag auf einem kleinen Sofa, unter der Abbildung eines Rennpferdes, Mrs. Micawber. Sie hielt den Kopf dicht gegen den Kamin und hatte die Füße an den stummen Diener am andern Ende des Zimmerchens gestemmt, so daß sie beinahe die Mostrichbüchse herunterstieß. Mr. Micawber trat zuerst ein und sagte: »Liebe Frau, erlaube mir, dir einen Schüler des Doktor Strong vorzustellen.« Ich bemerke beiläufig, daß es Mr. Micawber stets als etwas sehr Gentiles hervorhob, daß ich Schüler bei Doktor Strong sei, obschon er noch so konfus wie immer über mein Alter und meine Stellung war. Mrs. Micawber war erstaunt, aber sehr erfreut, mich zu sehen. Ich war ebenfalls sehr erfreut, sie wiederzusehen, und nach einer freundlichen Begrüßung von beiden Seiten setzte ich mich neben sie auf das kleine Sofa. »Meine Liebe,« sagte Mr. Micawber, »wenn du Copperfield über unsere gegenwärtige Lage aufklären willst, die er gewiß gern wird wissen wollen, so will ich einstweilen die Zeitungen lesen gehen, um zu sehen, ob sich unter den Annoncen nichts Passendes findet.« »Ich glaubte, Sie wären in Plymouth«, sagte ich zu Mrs. Micawber, als er fort war. »Mein lieber Master Copperfield,« erwiderte sie, »wir waren in Plymouth.« »Um rechtzeitig da zu sein«, ergänzte ich. »Ganz recht«, sagte Mrs. Micawber. »Um rechtzeitig am Platze zu sein. Aber das Schlimme ist, sie wollen kein Talent beim Zollamte. Der lokale Einfluß meiner Familie genügte durchaus nicht, in diesem Departement einen Platz für einen Mann von Mr. Micawbers Fähigkeiten zu finden. Sie wollten einen Mann von Mr. Micawbers Fähigkeiten lieber nicht haben. Er hätte nur die Mangelhaftigkeit der andern ans Licht gestellt. Und außerdem will ich Ihnen nicht verhehlen, mein lieber Master Copperfield, als der Zweig der Familie, der in Plymouth seinen Wohnsitz hat, erfuhr, daß Mr. Micawber von mir, von dem kleinen Wilkins und seiner Schwester und den beiden Zwillingen begleitet sei, wir nicht mit der Wärme empfangen wurden, die wir so kurz nach unserer Befreiung hätten erwarten können. Mit einem Wort,« sagte Mrs. Micawber mit leiser Stimme, – »doch das unter uns – unsere Aufnahme war kühl.« »Wie schade!« erwiderte ich. »Ja«, sagte Mrs. Micawber. »Es ist wahrhaft peinlich, die Menschheit in diesem Lichte zu sehen, Master Copperfield, aber unsere Aufnahme war entschieden kühl. Daran läßt sich nicht zweifeln. Ja, der Zweig meiner Familie, der seinen Wohnsitz in Plymouth hat, war vor Ablauf einer Woche entschieden verstimmt gegen Mr. Micawber.« Ich dachte und sprach es aus, daß sich solche Leute über sich selbst schämen sollten. »Aber es war einmal so«, fuhr Mrs. Micawber fort. »Was konnte unter diesen Umständen ein Mann von Mr. Micawbers Charakter tun! Es blieb ihm nur ein Weg übrig. Wir mußten von diesem Zweig unserer Familie das Geld zur Rückkehr nach London borgen und um jeden Preis abreisen.« »Und so kehrten Sie alle zurück, Ma'am?« fragte ich. »Wir kehrten alle zurück«, erwiderte Mrs. Micawber. »Seitdem habe ich andere Zweige meiner Familie über den nun von Mr. Micawber einzuschlagenden Weg zu Rate gezogen – denn ich behaupte, daß Mr. Micawber einen Weg einschlagen muß«, sagte Mrs. Micawber. »Es ist klar, daß eine Familie mit sechs Personen, selbst ohne Dienstboten, nicht von der Luft leben kann.« »Gewiß, Ma'am«, sagte ich. »Die Meinung dieser andern Zweige meiner Familie,« fuhr Mrs. Micawber fort, »ist, daß Mr. Micawber seine Aufmerksamkeit sofort der Steinkohle zuwenden solle.« »Wie sagen Sie, Ma'am?« »Der Steinkohle,« sagte Mrs. Micawber, »ich meine dem Steinkohlenhandel. Mr. Micawber sah sich bei näherer Erkundigung zu der Meinung veranlaßt, daß für einen Mann von seinen Talenten im Medway-Kohlenhandel etwas zu machen wäre. Nun war, wie Mr. Micawber sehr richtig sagte, offenbar der erste Schritt, der zu tun war, eine Reise, um den Medwayfluß zu sehen. Und diese Reise traten wir an. Ich sage ›wir‹, Master Copperfield,« sagte Mrs. Micawber bewegt, »denn ich werde nie Mr. Micawber verlassen.« Ich gab halblaut meine Bewunderung zu verstehen. »Wir kamen also an und sahen den Medway«, fing Mrs. Micawber wieder an. »Mein Urteil über den Kohlenhandel auf diesem Fluß war, daß er vielleicht Talent, jedenfalls aber Kapital verlangt. Talent besitzt Mr. Micawber; Kapital besitzt Mr. Micawber nicht. Ich glaube, wir sahen den größten Teil des Medway, und das ist mein individuelles Urteil. Da wir einmal in der Nähe von Canterbury waren, so war Mr. Micawber der Meinung, es sei kein Leichtsinn, auch hierher zu gehen und uns den Dom zu besehen. Erstens, weil er wirklich des Sehens wert ist und wir ihn noch nicht gesehen haben, und zweitens, weil in einem erzbischöflichen Sitz sich leicht etwas finden kann. Bis jetzt hat sich noch nichts gefunden, und es wird Sie, lieber Master Copperfield, nicht so sehr wundern, wie das bei einem Fremden der Fall wäre, wenn ich Ihnen sage, daß wir jetzt auf Geld aus London warten, um unsere Rechnung im Gasthaus zu bezahlen. Bis zur Ankunft dieses Geldes«, sagte Mrs. Micawber mit vielem Gefühl, »bin ich getrennt von meinem Herde (ich meine unsere möblierte Stube in Pentonville), von meinem Knaben und meinem Mädchen und von meinen Zwillingen.« Ich fühlte das größte Mitgefühl für Mr. und Mrs. Micawber in dieser bedrängten Lage und sprach dies auch gegen Mr. Micawber aus, der eben zurückkehrte, und setzte hinzu, daß ich nur wünschte, im Besitz des nötigen Geldes zu sein, um ihnen aushelfen zu können. Mr. Micawbers Antwort verriet seine schwere Sorge. »Copperfield,« sagte er und schüttelte mir die Hand, »Sie sind ein wahrer Freund; aber wenn es zum schlimmsten geht, so ist kein Mann ohne Freund, wenn er Rasierzeug besitzt.« Bei diesem schrecklichen Winke fiel Mrs. Micawber ihrem Mann um den Hals und bat ihn, sich zu beruhigen. Er fing an zu weinen, erholte sich aber gleich wieder so weit, daß er dem Kellner klingeln und einen warmen Nierenpudding und einen Teller voll Seekrabben zum Frühstück bestellen konnte. Als ich von ihnen Abschied nahm, drangen sie so sehr in mich, mit ihnen einmal zu essen, ehe sie fortgingen, daß ich es unmöglich ausschlagen konnte. Aber da ich den nächsten Tag nicht Zeit hatte, versprach Mr. Micawber morgen (er hatte eine Ahnung, daß das Geld kommen werde) zu Doktor Strong zu kommen und den darauffolgenden Tag vorzuschlagen, wenn er mir besser passen sollte. Wirklich wurde ich nächsten Vormittag in der Schule herausgerufen und fand Mr. Micawber im Sprechzimmer, der mir sagte, daß das Essen am nächsten Tag stattfinden werde. Als ich ihn fragte, ob das Geld gekommen sei, drückte er mir nur schweigend die Hand und ging. Als ich an diesem Abend zum Fenster hinausschaute, sah ich zu meiner Verwunderung und nicht ohne Unruhe Mr. Micawber und Uriah Arm in Arm Vorbeigehen. Uriah im demütigen Bewußtsein der ihm angetanen Ehre, Mr. Micawber mit einem herablassenden Vergnügen, seine Gönnerschaft auf Uriah auszudehnen. Noch mehr aber überraschte es mich, am nächsten Tage, als ich zur verabredeten Stunde zu Tisch in das Gasthaus kam, zu vernehmen, daß Mr. Micawber Uriah nach Hause begleitet und dort Grog getrunken hätte. »Und ich will Ihnen was sagen, mein lieber Copperfield,« sagte Mr. Micawber, »Ihr Freund Heep ist ein junger Mann, der Generalfiskal sein könnte. Wenn ich diesen jungen Mann zu der Zeit, wo meine Verhältnisse zur Krisis kamen, gekannt hätte, so sage ich nur das Eine: meine Gläubiger wären wahrscheinlich viel mürber gemacht worden, als es der Fall gewesen ist.« Ich konnte mir dies kaum als möglich denken, da Mr. Micawber ihnen ja gar nichts bezahlt hatte, aber ich wollte nicht fragen. Auch wollte ich nicht äußern, ich hoffe, er sei nicht zu mitteilsam gegen Uriah gewesen, oder fragen, ob sie viel von mir gesprochen. Ich scheute mich, Mr. Micawbers oder jedenfalls Mrs. Micawbers Gefühle zu verletzen; aber es war mir unangenehm, und ich dachte später oft daran. Das kleine Mittagessen war ganz prächtig. Ein feines Fischgericht, ein Kalbsnierenbraten, Fleischklößchen, ein Rebhuhn und ein Pudding. Wir hatten Wein und starkes Ale; und nach dem Essen machte Mrs. Micawber eigenhändig eine Bowle warmen Punsch. Mr. Micawber war ungewöhnlich gemütlich. Er war noch nie ein so guter Gesellschafter gewesen. Sein Gesicht glänzte von Punsch, daß es wie lackiert aussah. Er hielt eine humoristisch- sentimentale Rede über die Stadt und trank auf ihr Gedeihen, wobei er bemerkte, daß Mrs. Micawber und er sich außerordentlich gemütlich darin befunden hätten und nie die in Canterbury verlebten angenehmen Stunden vergessen würden. Dann brachte er einen Toast auf mich aus, und er, Mrs. Micawber und ich unterhielten uns dann über frühere Zeiten unserer Bekanntschaft, wobei wir das ganze Besitztum der Familie in Gedanken nochmals Stück für Stück verkauften. Dann brachte ich einen Toast auf Mrs. Micawber aus oder sagte wenigstens bescheiden: »Wenn Sie mir erlauben, Mrs. Micawber, so werde ich das Vergnügen haben, auf Ihre Gesundheit zu trinken, Ma'am.« Darauf hielt Mr. Micawber eine Lobrede auf Mrs. Micawbers Charakter, und sagte, sie hatte ihm immer als Führerin, Philosophin und Freundin zur Seite gestanden, und er empfehle mir, seinerzeit eine solche Frau zu heiraten, wenn eine zweite solche zu finden sei. Je mehr der Punsch auf die Neige ging, je mehr wurde Mr. Micawber gemütlicher und heiterer. Und da auch Mrs. Micawbers Lebhaftigkeit zunahm, sangen wir: »O schöne alte Zeit«, und als wir an die Stelle kamen: »Die Hand darauf, mein Brüderlein!« reichten wir uns rings um den Tisch die Hände und waren sehr gerührt dabei. . Mit einem Worte, ich sah nie jemand so fidel, als Mr. Micawber an diesem Abend bis zu dem Augenblick war, wo ich von ihm und seiner liebenswürdigen Frau einen herzlichen Abschied nahm. Um so verwunderter war ich, nächsten Morgen um 7 Uhr folgende Mitteilung zu erhalten, datiert von halb zehn Uhr abends, eine Viertelstunde nach meinem Scheiden: »Mein lieber junger Freund! Der Würfel ist gefallen – alles ist vorbei. Indem ich die Verzweiflung des Grams unter der künstlichen Maske der Heiterkeit verbarg, sagte ich Ihnen nicht, daß kein Geld zu hoffen sei! Unter diesen Verhältnissen, die zu ertragen, zu betrachten und zu erzählen gleich demütigend wäre, habe ich meine Rechnung hier getilgt mit einer Schuldverschreibung, zahlbar vierzehn Tage nach der Ausstellung in meinem Domizil in Pentonville, London. Bei Verfall wird sie nicht eingelöst werden. Die Folge davon ist der Untergang. Die Axt ist erhoben und der Baum wird fallen. Möge der Unglückselige, der Ihnen jetzt dieses schreibt, mein lieber Copperfield, Ihnen eine Warnung fürs Leben sein. Er schreibt in dieser Absicht und mit dieser Hoffnung. Wenn er glauben dürfte, noch in dieser Hinsicht zu nützen, so könnte vielleicht ein lichter Strahl in das trübe Kerkerdunkel seiner Zukunft dringen – obgleich ihre lange Dauer, aufrichtig gesagt, vorderhand wenigstens, außerordentlich problematisch ist. Das ist die letzte Mitteilung, mein lieber Copperfield, die Sie empfangen von dem an den Bettelstab gebrachten und ins Elend hinausgestoßenen Wilkins Micawber .« Der Inhalt dieses herzzerreißenden Briefes versetzte mich in so große Bestürzung, daß ich unverzüglich nach dem kleinen Gasthause eilte, um zu versuchen, Mr. Micawber einigen Trost einzuflößen. Aber unterwegs begegnete ich der Londoner Postkutsche, und auf dem Rücksitz thronten Mr. und Mrs. Micawber: ein wahres Bild ruhigen behaglichen Genießens. Er lächelte zu Mrs. Micawbers Unterhaltung, knackte Nüsse aus einem Papiersack und hatte eine Flasche in der Brusttasche des Rockes stecken. Da sie mich nicht sahen, hielt ich es ebenfalls für das beste, sie nicht zu sehen. So lenkte ich denn erleichterten Herzens in eine Nebenstraße ein, die den nächsten Weg nach der Schule bildete, und fühlte mich im ganzen sehr erleichtert, daß sie fort waren, obgleich ich sie nach wie vor sehr gern hatte. Achtzehntes Kapitel Ein Rückblick. Meine Schulzeit! Das lautlose Dahingleiten meines Daseins – der unsichtbare, unmerkliche Übergang meines Lebens von der Kindheit in das Jünglingsalter! Ich will mich besinnen, wenn ich jetzt auf das fließende Wasser, das nun ein mit Blättern überwachsener ausgetrockneter Kanal ist, zurücksehe, ob sich an seinem Ufer Merkzeichen befinden, mit deren Hilfe ich mir die Richtung seines Laufes zurückrufen kann. Da sitze ich wieder Sonntags im Dom, in den wir uns alle begaben, nachdem wir uns erst zu diesem Zweck in der Schule versammelt hatten. Der Modergeruch, die düstere Beleuchtung, das Gefühl, von der Welt abgeschieden zu sein, das Brausen der Orgel durch die schwarz und weißen Hallen und Gewölbe, werden zu Schwingen, die mich in die Vergangenheit zurücktragen und mich in halbwachem, halb traumartigem Zustande über jenen Tagen schweben lassen. Ich bin nicht mehr der Letzte in der Schule. In wenigen Monaten habe ich mehrere Mitschüler überholt. Aber der Primus erscheint mir als ein großartiger Mensch, der mir unerreichbar dünkt und in schwindelnder Höhe zu thronen scheint. Agnes sagt: »Nein«, ich aber sage: »Ja«, und erkläre ihr, sie ahne nicht, welche Schätze von Kenntnissen sich dieses wunderbare Wesen zu eigen gemacht habe, auf dessen Platz sie mich selbst, ein so schwaches strebsames Geschöpf, mit der Zeit zu erblicken hofft. Er ist nicht mein Freund und Gönner wie Steerforth es war, aber ich blicke ihn mit ehrfurchtsvoller Achtung an. Ich beschäftige mich viel mit dem Gedanken, was er sein wird, wenn er Doktor Strong verläßt, und wie sich die Welt gegen ihn behaupten wird. Aber wer erscheint mir da? Miß Shepherd, meine kleine Flamme! Miß Shepherd ist in Pension bei den Misses Nettingall. Ich sehe Miß Shepherd an. Es ist ein netter Backfisch in einem Spenser, mit einem runden Gesicht und lockigem Flachshaar. Die jungen Damen aus Miß Nettingalls Pension kommen ebenfalls in den Dom. Ich kann nicht in das Gebetbuch sehen, denn ich muß Miß Shepherd ansehen. Wenn die Chorknaben singen, höre ich Miß Shepherd. In das Gebet schließe ich innerlich Miß Shepherds Namen ein – ich setze ihn mitten unter die königliche Familie. Zu Hause in meinem Zimmer drängt es mich manchmal in Liebesverzückung zu rufen: »Ach, Miß Shepherd!« Eine Zeitlang bleibe ich in Zweifel über Miß Shepherds Gefühle, aber das Schicksal ist uns endlich günstig, und wir treffen uns in der Tanzstunde, Miß Shepherd ist meine Tänzerin. Ich berühre Miß Shepherds Handschuh, fühle ein elektrisches Zucken durch meinen rechten Arm laufen und zu den Haarspitzen wieder hinausgehen. Ich mache Miß Shepherd keine zärtlichen Anträge, aber wir verstehen uns. Miß Shepherd und ich – wir leben nur, um dereinst ein Paar zu sein. Warum schenke ich Miß Shepherd heimlich zwölf Paranüsse? Sie sind eigentlich keine Liebessymbole und schwer in ein manierliches Paket zu wickeln, auch selbst zwischen Stubentüren mühsam zu knacken, und schmecken, wenn man sie geknackt hat, recht ölig: trotzdem scheinen sie mir eine sehr passende Gabe für Miß Shepherd, Aber auch zarte süße Biskuits und zahllose Apfelsinen widme ich ihr. Einmal küsse ich Miß Shepherd in der Garderobe. O Wonne! Wie groß ist mein Schmerz und meine Entrüstung am nächsten Tage, als ich erfahre, daß Miß Shepherd hat vorn stehen müssen, weil sie einwärts gegangen ist. ... Wie kommt es, daß ich doch mit ihr breche, wo Miß Shepherd der allesbeherrschende Traum meines Lebens ist? Ich kann es nicht begreifen. Miß Shepherd und ich erkalten allmählich gegeneinander. Ein Gerücht kommt mir zu Ohren, daß Miß Shepherd gesagt hat, sie wollte, ich starrte sie nicht so an, und sie ziehe Master Jones vor, – Jones! Einen Schüler ohne alle Verdienste! Die Kluft zwischen Miß Shepherd und mir wird weiter. Endlich begegne ich einmal Miß Nettingalls Schule beim Spazierengehen. Miß Shepherd zieht mir beim Vorbeigehen ein schnippisches Gesicht und wendet sich lachend zu ihren Begleiterinnen. Alles ist vorbei. Die Hingebung meines Lebens – es erscheint mir wie ein ganzes Leben – ist zu Ende. Miß Shepherd verschwindet aus dem Morgengebet, und die königliche Familie kommt nicht mehr mit ihr in Berührung. Ich sitze in der Schule höher; niemand stört meinen Frieden. Ich bin jetzt gar nicht mehr höflich gegen Miß Nattingalls junge Damen und würde mich gar nicht um sie bekümmern, und wenn ihrer noch zweimal soviel und sie alle zwanzigmal so hübsch wären. Die Tanzstunde kommt mir langweilig vor, und ich finde es wunderbar, daß die Mädchen nicht allein tanzen und uns ungeschoren lassen. Ich werde stark in lateinischen Versen, und vernachlässige es, meine Stiefel zu schnüren. Doktor Strong bezeichnet mich öffentlich als einen vielversprechenden Schüler. Mr. Dick ist wahnsinnig vor Freude und meine Tante schickt mir mit nächster Post eine Guinee. Der Schatten eines Fleischerburschen erscheint, gleich dem behelmten Haupte in Macbeth. Wer ist dieser Fleischerbursche? Es ist der Schrecken der Jugend von Canterbury. Man trägt sich mit dem unbestimmten Glauben, der Rindstalg, mit dem er sein Haar salbe, verleihe ihm unnatürliche Stärke, so daß er es mit einem Erwachsenen aufnehmen könne. Er hat ein breites Gesicht, einen Stiernacken, dicke rote Backen, ein böses Gemüt und eine noch bösere Zunge, die er vornehmlich gebraucht, um Doktor Strongs Zöglinge schlecht zu machen. Er brüstet sich öffentlich, wenn sie etwas von ihm wollten, so sollten sie nur »aus dem Bau kommen«. Er ruft sogar den Namen einzelner laut aus (auch den meinen) und sagt, er würde mit uns leicht fertig werden, sogar mit einer Hand, wenn man ihm die andere auf den Rücken binden wollte. Er lauert den kleinen Schülern auf, um den Schutzlosen Kopfnüsse zu geben, und ruft mir auf offener Straße Herausforderungen nach. Aus solch genügenden Gründen beschließe ich, es mit dem Fleischerburschen auszufechten. Es ist an einem Sommerabend, in einer grünen Talmulde an der Ecke einer Mauer. Ich habe mich mit dem Fleischerburschen bestellt. Eine auserlesene Anzahl unserer Mitschüler begleitet mich; den Fleischerburschen zwei andere Fleischerburschen, ein junger Wirt und ein Essenkehrer. Die Vorbereitungen sind vollendet, und der Fleischerbursche und ich stehen uns gegenüber. In einem Nu hat er zehntausend Feuerfunken aus meinem linken Auge herausgeschlagen. In einem andern Nu weiß ich nicht, wo die Mauer ist oder wo ich bin, oder wo sonst jemand ist – so wütend balgten wir uns auf dem zertretenen Rasenplatze herum. Bald sehe ich den Burschen blutend, aber zuversichtlich; bald sehe ich gar nichts und sitze, nach Luft schnappend, auf dem Knie meines Sekundanten; bald falle ich den Fleischerburschen wütend an und schlage mir meine Knöchel an seinem Gesicht wund, ohne ihn im mindesten außer Fassung zu bringen. Endlich wache ich sehr duselig auf, wie aus einem betäubten Schlaf, und sehe den Burschen fortgehen, beglückwünscht von seinen Begleitern, dem jungen Kneipwirt und dem Essenkehrer, und im Gehen den Rock anziehend, woraus ich sehr richtig schließe, daß er gesiegt hat. Ich werde in einem traurigen Zustand nach Hause gebracht. Man legt rohe Beefsteaks auf mein Auge, reibt mich mit Essig und Branntwein ein, und auf meiner Oberlippe finde ich eine große weiße Quetschung, die zu einer Geschwulst wird. Ich muß drei oder vier Tage als eine sehr traurige Gestalt, mit einem grünen Schirm über den Augen, das Haus hüten, und es würde mir sehr langweilig sein, wenn Agnes nicht wie eine Schwester wäre, mich tröstete und mir vorläse und mir die Zeit vertriebe. Agnes besitzt immer mein ganzes Vertrauen: ich erzähle ihr die ganze Geschichte von dem Fleischerburschen und den Beleidigungen, mit denen er mich überhäuft hat, und sie ist auch der Meinung, daß ich nicht umhin konnte, mich mit ihm zu boxen, während sie doch bei dem Gedanken daran schaudert und zittert. ... Unbeachtet ist die Zeit verstrichen, denn Adams ist nicht mehr der Erste in der Schule – er ist es seit langer Zeit nicht mehr. Adams ist schon so lange abgegangen, daß, als er wieder einmal den Doktor besucht, außer mir nicht viele mehr da sind, die ihn kennen. Adams steht im Begriff Advokat zu werden und eine Perücke zu tragen. Mich wundert es, daß er bescheidener auftritt als ich gedacht hatte, und in seinem Äußern weniger imponiert. Er hat auch nicht die Welt außer Fassung gebracht; denn, soviel ich weiß, geht sie ruhig weiter, ohne sich von ihm stören zu lassen. Die Helden der Poesie und der Geschichte in stattlichen Scharen, die kein Ende zu nehmen scheinen, ziehen bei mir vorbei und füllen eine leere Stelle aus; – und was kommt dann? Ich bin jetzt der Erste in der Klasse und sehe auf die Reihe Schüler unter mir mit einer herablassenden Teilnahme für alle die herab, die mich an den Knaben erinnern, der ich war, als ich zuerst die Schule betrat. Dieser kleine Knabe erscheint mir nicht als ein Teil meiner selbst: ich denke an ihn wie an etwas, das ich auf meinem Lebenswege hinter mir zurückgelassen habe, denke fast an ihn wie an eine andere Person. Und wo ist das kleine Mädchen, das ich am ersten Tage bei Mr. Wickfield sah? Auch das ist nicht mehr da. An seiner Stelle lebt im Hause das vollkommene Ebenbild des Porträts, und Agnes, meine liebe Schwester, wie ich sie im stillen nenne, meine Beraterin und Freundin, der bessere Engel aller, die mit ihrem stillen, guten, selbstverleugnenden Ich in Berührung kommen, ist zur Jungfrau herangereift. Und was für sonstige Veränderungen sind an mir zu bemerken, außer der in Größe und Aussehen, und in den Kenntnissen, die ich gesammelt habe? Ich trage eine goldene Uhr mit Kette, einen Ring am kleinen Finger und einen Schoßrock und ich verbrauche sehr viel Bärenpomade – was in Verbindung mit dem Ring nichts Gutes bedeutet. Bin ich wieder verliebt? Ja. Ich bete die älteste Miß Larkins an. Die älteste Miß Larkins ist kein kleiner Backfisch. Sie ist schlank, brünett, schwarzäugig, eine imposante Gestalt. Die älteste Miß Larkins ist kein Backfisch, denn die jüngste Miß Larkins ist über diesen Zustand längst hinaus, und die älteste ist drei oder vier Jahre älter. Die älteste Miß Larkins ist vielleicht gegen dreißig. Meine Leidenschaft für sie übersteigt alle Grenzen. Die älteste Miß Larkins hat Offiziersbekanntschaften. Das ist schrecklich zu ertragen. Ich sehe Offiziere auf der Straße mit ihr sprechen. Ich sehe sie über die Straße weg zu ihr hinübergehen, wenn ihr Hut – sie trägt gern lebhafte Farben – auf dem Bürgersteig neben dem Hut ihrer Schwester erscheint. Sie lacht und plaudert mit den Herren und scheint Gefallen daran zu finden. Ein großer Teil meiner Mußezeit wird mit Spazierengehen verbracht, um ihr zu begegnen. Wenn ich sie einmal des Tages grüßen kann, fühle ich mich glücklich. Ich verdiene dann und wann einen Gegengruß. Meine verzweifelten Qualen in der Nacht, wo der Wettrennball ist, wo die älteste Miß Jarkins mit Offizieren tanzt, sollten einen Gegenlohn finden, wenn es noch Gerechtigkeit auf der Welt gibt. Meine Leidenschaft nimmt mir allen Appetit und veranlaßt mich, stets mein neuestes seidenes Halstuch zu tragen. Ich habe nur den einen Trost, beständig meine besten Kleider anzuziehen und mir immer wieder die Stiefel putzen zu lassen. Dann kommt es mir vor, als ob ich der ältesten Miß Larkins würdiger wäre. Alles, was ihr gehört oder mit ihr zusammenhängt, ist mir teuer. Mr. Larkins – ein brummiger alter Herr mit einem Doppelkinn und einem starren Auge – flößt mir das größte Interesse ein. Wenn ich seine Tochter nicht sehen kann, suche ich ihn zu treffen. Die Frage: »Was machen Sie, Mr. Larkins? Sind Ihre Fräulein Töchter und werte Familie ganz wohl?« erscheint mir so beziehungsreich, daß ich dabei erröte. Ich denke beständig über mein Alter nach. Wenn ich auch siebzehn bin und siebzehn sehr jung für die älteste Miß Larkins ist, was tut das? Außerdem werde ich ehestens einundzwanzig sein. Ich streife abends immer um Mr. Larkins Haus herum, obgleich es mir einen Stich ins Herz gibt, wenn ich Offiziere hineingehen sehe oder sie oben im Besuchszimmer höre, wo die älteste Miß Larkins die Harfe spielt. Ich umkreise sogar zwei- oder dreimal in schwächlich-sentimentaler Weise das Haus, nachdem die Familie zu Bett gegangen ist, und grüble, wo der ältesten Miß Larkins Schlafgemach sein mag – und rate sicherlich auf Mr. Larkins Zimmer –; wünsche, daß ein Feuer ausbrechen möge, daß die entsetzten Zuschauer ratlos dastehen, daß ich mit einer Leiter durch die Massen dränge, sie an das Fenster setze, sie in meinen Armen rette, noch einmal umkehre, um etwas Vergessenes zu holen, und in den Flammen meinen Tod finde. Denn ich bin meistens sehr uneigennützig in meiner Liebe und glaube, ich wäre befriedigt, wenn ich mich bei Miß Larkins hervortun und dann sterben könnte. Meistens – aber nicht immer. Manchmal stehen anspruchsvollere Träume vor mir. Während ich mich zu einem großen Ball bei Larkins ankleide (was mich zwei Stunden beschäftigt), unterhält sich meine Phantasie mit lieblichen Bildern von dem Balle, auf den ich mich seit drei Wochen spitzbübisch gefreut habe. Ich stelle mir vor, wie ich den Mut fasse, Miß Larkins meine Liebe zu erklären. Ich male mir aufs schönste aus, wie Miß Larkins den Kopf auf meine Schulter sinken läßt und sagt: »Ach, Mr. Copperfield, darf ich meinen Ohren trauen?« Ich stelle mir vor, wie Mr. Larkins am nächsten Morgen zu mir kommt und sagt: »Lieber Copperfield, meine Tochter hat mir alles eingestanden. Ihre Jugend ist kein Hinderungsgrund. Hier sind zwanzigtausend Pfund. Kinder, seid glücklich!« Ich sehe, wie meine Tante nachgibt und uns segnet, und wie Mr. Dick und Doktor Strong der Trauung beiwohnen. Ich glaube, ich bin damals ein ordentlicher und bescheidener Mensch gewesen, aber immerhin ist so etwas doch nicht durchaus unmöglich! Nun verfüge ich mich in den Feenpalast, wo ich Kerzenschimmer, fröhliches Geplauder, Musik, Blumen, Offiziere (zu meinem Arger) und die älteste Miß Larkins in strahlender Schönheit finde. Sie trägt ein blaues Kleid und blaue Blumen in den Haaren – Vergißmeinnicht – als ob sie Vergißmeinnicht zu tragen brauchte! Es ist die erste wirklich große Gesellschaft, zu der ich eingeladen bin, und ich fühle mich ein wenig verlegen, denn ich scheine zu niemand zu gehören und niemand scheint ein Wort für mich zu haben, außer Mr. Larkins, der mich fragt, was meine Schulkameraden machen, was er bleiben lassen könnte, denn ich komme nicht hin, um mich beleidigen zu lassen. Aber nachdem ich einige Zeit in der Tür gestanden und in dem Anblick der Göttin meines Herzens geschwelgt habe, kommt sie – sie , die älteste Miß Larkins – und fragt freundlich, ob ich tanze. Ich stammle mit einer Verbeugung: »Mit Ihnen, Miß Larkins.« »Nur mit mir?« fragt Miß Larkins. »Es würde mir kein Vergnügen machen, mit jemand anders zu tanzen.« Miß Larkins lacht und errötet – wenigstens bilde ich mir's ein, sie errötet – und sagt: »Beim zweitnächsten Tanz wird es mir ein Vergnügen sein.« Die Zeit kommt endlich heran. »Es ist ein Walzer«, bemerkt Miß Larkins bedenklich, als ich zu ihr komme. »Können Sie Walzer tanzen? Sonst würde Kapitän Balley –« Aber ich kann Walzer tanzen – noch dazu ziemlich gut – und nehme Miß Larkins Arm. Ich entführe sie unbarmherzig dem Kapitän Bailey. Er ist unglücklich, daran zweifle ich nicht; aber das ist mir gleichgültig. Ich bin auch unglücklich gewesen. Ich walze mit der ältesten Miß Larkins! Ich weiß nicht mehr wohin und wie lange. Ich weiß nur, daß ich in seligem Verzücken mit einem blauen Engel im Raume dahinschwebe, bis ich mich in einem kleinen Zimmer auf einem Sofa wiederfinde. Sie bewundert eine Blume in meinem Knopfloch – eine rote Kamelie, Camelia japonica, die mich eine halbe Krone kostet. – Ich gebe sie ihr mit den Worten: »Ich verlange einen unschätzbaren Preis dafür, Miß Larkins.« »Wirklich! Und der wäre?« entgegnete Miß Larkins. »Eine Blume von Ihnen, damit ich sie hüten kann wie ein Geizhals seinen Schatz.« »Sie sind ein kecker Knabe«, sagte Miß Larkins. »Hier!« Sie gibt mir eine Blume, nicht unfreundlich; ich drücke sie an meine Lippen und dann an meine Brust. Miß Larkins gibt mir lächelnd ihren Arm und sagt: »Jetzt führen Sie mich zu Kapitän Bailey zurück.« Ich schwelge noch in der Erinnerung an dieses köstliche Zwiegespräch und an den Walzer, als sie mit einem unscheinbar aussehenden ältlichen Herrn, der den ganzen Abend Whist gespielt hatte, am Arm zurückkehrte und sagte: »Ach! hier ist mein kecker Freund! Mr. Chestle wünscht Sie kennen zu lernen, Mr. Copperfield.« Ich merke sogleich, daß er ein Freund der Familie ist, und fühle mich sehr geschmeichelt. »Ich bewundere Ihren Geschmack, Sir«, sagte Mr. Chestle. »Er macht Ihnen alle Ehre. Ich glaube, Hopfen interessiert Sie nicht sehr, aber ich baue selbst ziemlich viel; und wenn es Ihnen einmal einfällt, in unsere Nähe zu kommen – bei Ashford meine ich – so sollen Sie uns willkommen sein.« Ich danke Mr. Chestle herzlich und schüttle ihm die Hand. Ich bin wie in einem schönen Traum. Ich walze noch einmal mit der ältesten Miß Larkins – sie sagt, ich walze so gut! Ich gehe unaussprechlich glücklich nach Hause und walze die ganze Nacht hindurch im Traume, den Arm um die blaue Taille meiner angebeteten Göttin geschlungen. Ein paar Tage lang bin ich in entzückende Träume versunken; aber ich sehe sie weder auf der Straße, noch in ihrem Hause. Der Besitz des heiligen Pfandes, der welken Blume, tröstet mich nur unvollkommen über diese Enttäuschung. »Trotwood,« sagte Agnes eines Tages nach dem Essen zu mir, »weißt du, wer sich morgen verheiratet? Jemand, den du bewunderst.« »Du doch nicht, Agnes?« »Ich!« sagte sie und blickte mit dem freundlichsten Gesicht von den Noten, die sie abschrieb, auf. »Hörst du es, Papa? – Die älteste Miß Larkins.« »Mit – mit Kapitän Bailey?« habe ich noch Kraft zu sagen. »Nein, mit keinem Offizier. Mit Mr. Chestle, einem Hopfenzüchter.« Ich bin ein oder zwei Wochen lang entsetzlich niedergeschlagen. Ich lege meinen Ring ab, trage meine schlechtesten Kleider, gebrauche keine Bärenpomade mehr und seufze oft über Miß Larkins verwelkte Blume. Dann aber werde ich dieses Lebens satt, und da mich der Fleischerbursche neuerdings gereizt hat, werfe ich die Blume weg, boxe mich mit dem Burschen und besiege ihn glorreich. Dieser Vorfall und das Wiederanlegen des Ringes und der jetzt mäßige Gebrauch von Bärenpomade sind die einzigen Merkzeichen, die mir von meinem Wege zum siebzehnten Geburtstag im Gedächtnis geblieben sind. Neunzehntes Kapitel. Ich sehe mich um und mache eine Entdeckung. Ich weiß nicht, ob ich innerlich froh oder traurig war, als meine Schulzeit zu Ende ging und die Zeit nahte, wo ich von Doktor Strong Abschied nehmen sollte. Ich war dort glücklich gewesen, hatte große Zuneigung zu dem Doktor und Ansehen und Bedeutung in dieser kleinen Welt. Aus diesen Gründen schied ich ungern; aber aus andern, ziemlich unwesentlichen Gründen freute ich mich. Dunkle Ideen erfüllten mich über die neuerlangte Selbständigkeit, über die Wichtigkeit eines selbständig gewordenen jungen Mannes, über die wunderbaren Dinge, die ich verrichten wollte, und den wunderbaren Eindruck, den ich nicht verfehlen würde auf die Gesellschaft zu machen! So lebhaft wirkten diese Luftschlösser auf mein junges Gemüt, daß es mir jetzt manchmal vorkommt, als hätte ich die Schule ohne Kummer verlassen. Der Abschied hat jedenfalls nicht den Eindruck auf mich gemacht, den andere Trennungen auf mich machten. Vergebens versuche ich mich zu erinnern, welche Gefühle ich damals hegte, und unter welchen Umständen er stattfand; aber nichts ist meinem Gedächtnis geblieben. Ich glaube, die Aussicht auf die Zukunft verwirrte mich. Ich weiß, daß meine Jugenderfahrungen dabei für wenig oder gar nichts zählten, und daß das Leben mehr einem großen Feenmärchen, das ich damals gerade las, als etwas anderm glich. Meine Tante und ich hatten manche ernste Beratung über den Beruf, dem ich mich widmen sollte. Seit mehr als einem Jahr hatte ich mich bemüht, eine genügende Antwort auf ihre oft wiederholte Frage: was ich werden wollte? zu finden. Aber ich konnte keine vorherrschende Neigung zu einem bestimmten Berufe in mir entdecken. Wenn ich mit einem Male die Schiffahrtskunst hätte erlernen, den Befehl über eine schnellsegelnde Flotte übernehmen und eine Entdeckungsreise um die Welt antreten können, so glaube ich, wäre ich vollkommen zufrieden gewesen. Aber da ich zu einer so wunderbaren Versorgung keine Aussicht hatte, so wünschte ich einen Beruf zu wählen, der die Börse meiner Tante möglichst schonte, und in ihm meine Pflicht tun zu können. Mr. Dick hatte jederzeit mit nachdenklicher Miene und überlegendem Benehmen unsern Beratungen beigewohnt. Er erteilte mir einmal einen Rat, indem er plötzlich vorschlug, ich solle – Kupferschmied werden. Meine Tante nahm aber diesen Vorschlag so ungnädig auf, daß er nie einen zweiten wagte und sich von da an begnügte, meine Tante erwartungsvoll anzusehen und mit seinem Gelde zu klappern. »Ich will dir was sagen, Trot,« sagte meine Tante eines Morgens um die Weihnachtszeit; »da diese schwierige Frage immer noch nicht gelöst ist und wir uns vor einem irrtümlichen Entschlüsse hüten müssen, so wollen wir lieber die Sache ein wenig aufschieben. Unterdessen mußt du dich bemühen, sie von einem andern Gesichtspunkte aus zu betrachten und nicht als Schüler.« »Das will ich tun, liebe Tante.« »Es ist mir eingefallen,« fuhr meine Tante fort, »daß dir eine kleine Veränderung und ein Blick auf die Außenwelt zur Bildung eines richtigen Urteils von Nutzen sein könnte. Was meinst du zu einer kleinen Reise? Wenn du z. B. wieder in deine alte Heimat reistest und die – das sonderbare Weib mit dem Namen aus der Urwildnis besuchtest!« sagte meine Tante und rieb sich die Nase, denn sie konnte Peggotty ihren Namen nie verzeihen. »Tante!« rief ich. »Von allem auf der Welt wäre mir das das Liebste.« »Nun, das ist schön,« sagte meine Tante, »denn es wäre mir auch lieb. Es ist nur natürlich und vernünftig, daß es dir lieb ist. Und ich bin ganz überzeugt, Trot, daß du immer das Natürliche und Vernünftige tun wirst.« »Das hoffe ich, Tante.« »Deine Schwester, Betsey Trotwood,« sagte meine Tante, »wäre stets das natürlichste und vernünftigste Mädchen auf Erden gewesen. Du wirst dich ihrer würdig machen, nicht wahr?« »Ich hoffe, ich werde mich Ihrer würdig machen, Tante, das genügt mir.« »Es ist eine Wohltat, daß das arme gute Kind, deine Mutter nicht mehr lebt,« sagte meine Tante und sah mich billigend an, »denn sie wäre so stolz auf ihren Sohn geworden, daß ihr armes kleines Köpfchen ganz verdreht worden wäre, wenn noch daran etwas zu verdrehen war.« (Meine Tante entschuldigte stets ihre Schwäche gegen mich damit, daß sie diese auf solche Weise auf meine arme Mutter übertrug.) »Aber Trotwood, wie du mich an sie erinnerst!« »Angenehm, hoffe ich, Tante?« sagte ich. »Er ist ihr so ähnlich, Dick,« sagte meine Tante mit Nachdruck, »er ist ihr so ähnlich, wie sie an dem Nachmittag war, bevor sie zu weinen anfing – er ist ihr so ähnlich, als er mich nur aus seinen beiden Augen ansehen kann!« Wirklich?« sagte Mr. Dick. »Und ist auch David ähnlich«, sagte meine Tante mit Entschiedenheit. »Er ist David sehr ähnlich!« sagte Mr. Dick. »Aber was ich in dir zu sehen wünsche, Trot,« fuhr meine Tante fort, – »nicht in physischer Hinsicht, sondern in moralischer, denn physisch bist du schon vortrefflich geraten – das ist ein tüchtiger Mensch. Ein braver, tüchtiger Mensch, der seinen eignen Willen hat. Und Entschlossenheit«, sagte meine Tante, und nickte mir energisch zu, und ballte die Faust. »Und Entschiedenheit. Und Charakter, Trot, – ein starker Charakter, der sich, außer mit gutem Grund, von niemand und in keinerlei Weise bestimmen läßt. So wünsche ich dich zu sehen. So hätte dein Vater und deine Mutter sein können, Gott weiß es, und es wäre besser für sie gewesen.« Ich gab meine Hoffnung zu erkennen, zu werden wie sie es wünschte. »Damit du im kleinen anfängst, allein zu sehen und selbständig zu handeln,« sagte meine Tante, »lasse, ich dich allein reisen. Ich beabsichtigte erst, dich von Mr. Dick begleiten zu lassen; allein bei näherer Überlegung dachte ich, er bleibt hier zu meinem Schutze.« Mr. Dick machte für den Augenblick ein etwas unzufriedenes Gesicht, bis die hohe Ehre, die wunderbarste Frau der Welt unter seinem Schutz zu haben, den Sonnenschein wieder auf sein Gesicht brachte. »Außerdem«, sagte meine Tante, »ist die Denkschrift –« »Ja, ja,« sagte Mr. Dick eilfertig, »ich gedenke sie sofort fertig zu machen, Trotwood – sie muß sofort fertig werden! Und dann wird sie eingereicht, und dann« – sagte Mr. Dick nach einer langen Pause, »dann wird's eine schöne Aufregung geben!« Nach dem freundlichen Plane meiner Tante wurde ich bald darauf mit einer hübschen Summe Geldes und einem Koffer ausgerüstet, und trat nach zärtlichem Abschied meine Reise an. Meine Tante gab mir mehrere gute Ratschläge und viele, viele Küsse, und sagte, ihre Absicht sei, daß ich mich etwas umsehen und ein wenig denken solle; deswegen empfahl sie mir, auf der Hin- oder auf der Herreise ein paar Tage in London zu bleiben. Mit einem Worte, es stand mir drei oder vier Wochen lang vollkommen frei, zu tun was ich wollte, unter der einzigen Bedingung, daß ich mich umsehen und jede Woche dreimal schreiben solle. Ich begab mich zuerst nach Canterbury, um von Agnes und Mr. Wickfield – in dessen Haus ich immer noch mein altes Zimmer hatte – und dem guten Doktor Abschied zu nehmen. Agnes war sehr erfreut mich zu sehen, und sagte mir, das Haus sei gar nicht mehr das alte, seitdem ich fort sei. »Ich bin auch nicht der Alte, sobald ich nicht hier bin«, sagte ich, »Mir ist, als fehlte mir die rechte Hand, wenn ich dich nicht habe. Obgleich damit nicht viel gesagt ist; denn in meiner rechten Hand ist kein Kopf und kein Herz. Jedermann, der dich kennt, Agnes, zieht dich zu Rate und läßt sich von dir leiten.« »Jedermann, der mich kennt, verzieht mich, glaube ich«, gab sie lächelnd zur Antwort. »Nein. Es geschieht, weil du ganz anders bist, als alle übrigen. Du bist so gut und freundlich. Du hast ein so sanftes Gemüt, und hast immer recht.« »Du sprichst,« sagte Agnes mit einem lieblichen Lachen, »als ob ich die ehemalige Miß Larkins wäre.« »Ah, es ist nicht recht, mein Vertrauen zu mißbrauchen«, antwortete ich und errötete bei dem Gedanken an die blaue Schöne, die mich bezaubert hatte. »Aber ich werde mich dir doch anvertrauen, Agnes. Das kann ich mir nicht abgewöhnen. Wenn ich in Ungelegenheiten komme oder mich verliebe, werds ich dir's sagen – selbst wenn ich mich in allem Ernst verliebe.« »Nun, du warst ja immer im Ernst?« sagte Agnes und lachte wieder. »O! das waren damals Kindereien oder Schulknabenstreiche«, sagte ich und lachte jetzt auch, nicht ohne mich ein wenig zu schämen. »Die Zeiten sind andere geworden, und ich werde gelegentlich einmal fürchterlichen Ernst machen. Mich wundert es übrigens, daß du selbst nicht Ernst machst, Agnes.« Agnes lachte wieder und schüttelte den Kopf. »O, ich weiß, daß es nicht der Fall ist,« sagte ich; »sonst hättest du es mir gesagt. Oder wenigstens« – ich bemerkte eine leichte Röte auf ihren Wangen – »hättest du es mich erraten lassen: Aber ich kenne auch keinen, der es verdiente, dich zu lieben, Agnes. Ein Mann von edlerem Charakter und deiner viel würdiger als ich bis jetzt gesehen, muß erst kommen, bevor ich meine Einwilligung geben kann. Vorderhand werde ich ein scharfes Auge auf alle Bewunderer haben und werde von dem Glücklichen sehr viel verlangen, darauf kannst du dich verlassen.« So hatten wir eine Zeitlang gesprochen in einer Mischung von gemütlichem Scherz und Ernst, wie wir es durch unser vertrauliches Verhältnis, das wir als Kinder begonnen, gewohnt waren. Aber plötzlich sah mich Agnes an, und sprach in ganz anderm Tone: »Trotwood! Ich will dich etwas fragen, was ich gegen niemand sonst äußern möchte. Hast du eine allmähliche Veränderung an meinem Vater bemerkt?« Ich hatte so etwas bemerkt, und mich oft gefragt, ob sie es auch gewahr werde. Ich muß es durch meine Miene verraten haben; denn sie schlug sogleich die Augen nieder, und ich erblickte in ihnen Tränen, »Sage mir, was es ist«, sagte sie mit leiser Stimme. »Ich glaube – soll ich ganz aufrichtig sein, Agnes, da ich ihn so sehr liebe?« »Ja«, sagte sie. »Ich glaube, er schadet sich durch die Gewohnheit, die seit meiner Hierherkunft zugenommen hat. Er ist oft sehr angegriffen – oder es kommt mir nur so vor.« »Es ist wirklich so«, sagte Agnes und schüttelte mit dem Kopf. »Die Hand zittert ihm, er spricht nicht deutlich und sieht verstört aus. Ich habe bemerkt, daß gerade zu solchen Zeiten, und wenn er am wenigsten er selbst ist, in Geschäftssachen nach ihm gefragt wird.« »Von Uriah«, sagte Agnes. »Ja, und das Gefühl, es nicht verrichten zu können oder seinen Zustand wider seinen Willen verraten zu haben, scheint ihn so aufzuregen, daß es den nächsten Tag schlimmer geht und den nächsten noch schlimmer, und so wird er zuletzt ganz angegriffen und schwach. Beunruhige dich nicht zu sehr, Agnes, aber in diesem Zustand sah ich neulich abends, daß er den Kopf auf das Pult legte und wie ein Kind weinte.« Sie legte die Hand sanft auf meinen Mund, wahrend ich noch sprach, und einen Augenblick später hatte sie den Vater an der Tür empfangen und stützte sich auf seine Schulter. Der Ausdruck ihrer Gefühle, wie beide sich ansahen, war sehr rührend. Es sprach sich dann eine tiefe Zärtlichkeit, eine hingebende Dankbarkeit gegen den Vater für alle seine Liebe und Sorgfalt aus; ihr Blick bat mich so innig, selbst in meinen innersten Gedanken nicht unsanft mit ihm umzugehen; sie war zu gleicher Zeit so stolz auf ihn, und so zärtlich gegen ihn, und doch so teilnahmsvoll und so bekümmert und so voller Vertrauen in mich, daß es tiefern Eindruck auf mich machte und mich mehr rührte als alles, was sie hätte vorbringen und sagen können. Wir waren bei Doktor Strong zum Tee geladen. Wir gingen zur gewöhnlichen Stunde hin und fanden den Doktor, seine junge Frau und deren Mutter um den Kamin versammelt. Der Doktor, der von meiner Reise so viel Aufhebens machte, als ob ich nach China ginge, empfing mich wie einen geehrten Gast und ließ einen Klotz auf das Feuer legen, damit er bei dessen frischauflodernder Flamme noch einmal das Gesicht seines alten Schülers, in rote Glut getaucht, sehen konnte. »Ich werde nicht viel neue Gesichter mehr an Trotwoods Stelle sehen, Wickfield«, sagte der Doktor, und wärmte sich die Hand über dem Feuer. »Ich werde alt und bedarf der Ruhe. Binnen sechs Monaten werde ich von meinen jungen Leuten scheiden und ein ruhigeres Leben führen.« »Das haben Sie schon zehn Jahre lang gesagt, Doktor«, erwiderte Mr. Wickfield. »Aber jetzt will ich es wirklich ausführen«, gab der Doktor zur Antwort. »Mein erster Hilfslehrer soll mein Nachfolger sein – ich mache endlich Ernst – und Sie werden bald die Kontrakte abzufassen und uns fest daran zu binden haben, gleich zwei Schelmen.« »Ja, und Sorge zu tragen haben, daß Sie nicht betrogen werden, nicht?« sagte Mr. Wickfield – »was gewiß geschehen würde, wenn Sie den Kontrakt allein machten. Nun, ich bin bereit. Es gibt in meinem Beruf unangenehmere Arbeiten als diese.« »Ich werde dann an weiter nichts zu denken haben als an mein Wörterbuch,« sagte der Doktor mit einem Lächeln »und, an den andern kontraktlichen Erwerb – an Ännie.« Als Mr. Wickfield diese, die neben Agnes saß, ansah, schien es mir, als ob sie seinen Blick so ratlos und scheu vermeide daß sie Mr. Wickfields Aufmerksamkeit auf sich zog, daß er aufmerksam wurde, als ob ihm etwas in den Sinn käme. »Wie ich gesehen habe, ist eine Post aus Indien eingetroffen«, sagte er nach kurzem Stillschweigen. »Und, nebenbei bemerkt, Briefe von Jack Maldon!« bemerkte der Doktor. »So!« »Der arme gute Jack!« sagte Mrs. Markleham, den Kopf schüttelnd. »Dieses böse Klima! Ein Leben wie auf einem Sandhaufen unter einem Brennglas, habe ich mir sagen lassen! Er sah kräftig aus, ist es aber nicht. Mein lieber Doktor, er verließ sich auf seinen Geist, nicht auf seinen Körper, das machte ihn so kühn! Teure Ännie, du erinnerst dich sicher, daß dein Vetter nie kräftig war, nicht, was man robust nennt; weißt du,« sagte Mrs. Markleham mit Nachdruck und sah uns alle im Kreise an, »von der Zeit her, wo meine Tochter und er Kinder waren, und den ganzen lieben langen Tag miteinander Arm in Arm spazieren gingen.« Die so angeredete Ännie gab keine Antwort. »Verstehe ich recht, Madame, daß Mr. Maldon krank ist?« fragte Mr. Wickfield. »Krank!« antwortete der »Alte Soldat«. »Mein lieber Herr, er ist alles mögliche.« »Vor allem also die Gesundheit?« sagte Mr. Wickfield. »Ja, die Gesundheit!« versetzte Mrs. Markleham. »Er hat fürchterliche Sonnenstiche gehabt – Wechselfieber und Ceylonfieber, und alles, was Sie sich nur denken können. Was seine Leber betrifft«, sagte der »Alte Soldat« mit Resignation, »die hat er natürlich drangegeben, als er fortzog!« » Schreibt er das alles?« fragte Mr. Wickfield. »Schreiben?! Mein lieber Herr«, erwiderte Mrs. Markleham, Haupt und Fächer schüttelnd. »Sie kennen meinen armen Jack Maldon schlecht, wenn Sie so fragen. Schreiben? Er wahrlich nicht. Da müßten Sie ihn erst von vier Pferden schleifen lassen.« »Mama!« sagte Mrs. Strong. »Meine liebe Ännie,« versetzte ihre Mutter, »ich muß dich ein für allemal ersuchen, mich nicht zu unterbrechen, außer um mir beizustimmen. Du weißt so gut wie ich, daß dein Vetter Maldon sich von beliebig viel Pferden schleifen ließe – warum sollte ich mich auf vier beschränken! Nein, gerade nicht! und darum sage ich, daß er sich lieber von acht, sechzehn, zweiunddreißig Pferden schleifen ließe, als daß er die Pläne des Doktors durchkreuzen würde.« »Wickfields Pläne«, sagte der Doktor, strich sich mit der Hand über das Gesicht, und sah reuig seinen Berater an. »Oder vielmehr unsere gemeinschaftlichen Pläne. Denn ich sagte allerdings auch: ›im Inlande oder im Auslande‹.« »Und ich riet,« setzte Mr. Wickfield ernst hinzu, »›im Ausland‹. Er ist durch mich ins Ausland geschickt worden. Ich bin also dafür verantwortlich.« »Oh! verantwortlich«, meinte der »Alte Soldat«. »Es ist ja alles in der besten Absicht geschehen, mein lieber Mr. Wickfield, alles in der liebevollsten, besten Absicht, das weiß man ja. Aber wenn der Gute nicht dort leben kann, so kann er eben dort nicht leben. Wenn er aber dort nicht leben kann, so wird er lieber dort sterben, als daß er die Pläne des Doktors durchkreuzen würde. Ich kenne ihn,« sagte der »Alte Soldat« mit einer Art stillen prophetischen Schmerzes, und fächelte sich, »und weiß, daß er eher dort sterben, als die Pläne des Doktors durchkreuzen wird.« »Nun, nun, Ma'am,«'sagte der Doktor heiter, »ich bin meinen Plänen ja gar nicht so blind ergeben, daß ich sie nicht selbst durchkreuzen könnte. Ich kann einige andere an ihre Stelle setzen. Wenn Mr. Jack Maldon krankheitshalber zurückkommt, so darf er natürlich nicht wieder hin, und wir müssen trachten, eine passendere und glücklichere Versorgung in der Heimat für ihn zu finden.« Mrs. Markleham war von diesen edelmütigen Worten so überwältigt, – denn sie hatte diesen Erfolg gar nicht erwartet – daß sie zu dem Doktor nur sagen konnte, das sehe ihm ganz und gar ähnlich, und daß sie immer nur wieder die Stäbe ihres Fächers küssen und dann seine Hände damit patschen konnte. Sodann schalt sie zärtlich Ännie, daß diese sich nicht dankbarer zeige, wenn sich ihr zuliebe soviel Güte über ihren alten Spielkameraden ergieße, und unterhielt uns dann noch mit allerlei Einzelheiten über andere verdiente Mitglieder ihrer Familie, von denen es wünschenswert wäre, daß es ihnen nach Verdienst erginge. Diese ganze Zeit über sprach ihre Tochter Ännie weder ein Wort, noch sah sie auf. Und diese Zeit über hielt Mr. Wickfield seinen Blick auf sie gerichtet, die neben seiner Tochter saß. Es schien mir, als ob ihm nicht einen Augenblick der Gedanke kam, er könne beobachtet werden, so ganz vertieft war er in den Anblick Ännies und in Gedanken, die sich auf sie bezogen. Endlich aber fragte er, was Jack Maldon eigentlich geschrieben und an wen er es geschrieben habe? »O hier,« sagte Mrs. Markleham, vom Kaminsims über des Doktors Haupt einen Brief herunterlangend, »der liebe Mensch sagt es zum Doktor selbst – wo ist die Stelle – ach! hier: ›Ich bedaure, Sie benachrichtigen zu müssen, daß meine Gesundheit hier ernstlich leidet und daß ich fürchte, gezwungen zu sein, auf einige Zeit nach Hause zu kommen, wovon allein meine Wiederherstellung zu hoffen ist.‹ Das ist ziemlich deutlich, denke ich. ›Wovon allein meine Herstellung zu hoffen ist!‹ Aber noch deutlicher ist der Brief an Ännie. Ännie, zeige den Brief nochmals her!« »Jetzt nicht, Mama«, wandte Ännie leise ein. »Meine Liebe, du bist in einigen Punkten wirklich die lächerlichste Person von der Welt,« erwiderte ihre Mutter, »und vielleicht die unnatürlichste gegen die Ansprüche ihrer Familie. Wir hätten von dem Briefe, glaube ich, überhaupt nie etwas erfahren, wenn ich ihn nicht zu sehen verlangt hätte. Nennst du das Vertrauen gegen Doktor Strong, mein Herz? Ich bin erstaunt!« Der Brief kam widerstrebend zum Vorschein, und als ich ihn der alten Dame überreichte, glaubte ich zu gewahren, daß die Hand, aus der ich ihn nahm, zitterte. »Nun wollen wir sehen,« sagte Mrs. Markleham, ihr Augenglas vorhaltend, »wo die Stelle ist. ›Die Erinnerung an die alten Zeiten, liebste Ännie‹ usw. – das ist's nicht. ›Der liebenswürdige alte Proktor‹ – wer ist das? Ach, mein Gott, Ännie, wie unleserlich dein Vetter Maldon schreibt, und wie dumm von mir! ›Doktor‹ natürlich! Ach, in der Tat liebenswürdig!« Hier setzte sie ab, um abermals ihren Fächer zu küssen und ihn gegen den Doktor zu schwenken, der uns mit friedlich-stiller Genugtuung ansah. »Jetzt hab ich's! ›Du brauchst dich nicht zu wundern, liebe Ännie‹ – nein, wahrhaftig nicht, da du ja wußtest daß er nie kräftig war: was hatte ich soeben gesagt? – ›daß ich an diesem fernen Orte so viel durchgemacht habe, daß ich entschlossen bin, dieses Land auf alle Fälle zu verlassen; auf Krankenurlaub, wenn möglich, sonst, wenn ich den nicht erhalten kann, gegen Quittierung des Dienstes. Was ich ausgestanden habe und noch hier ausstehe, ist unerträglich.‹ Und wenn der beste aller Menschen nicht solche Hilfsbereitschaft zeigte,« sagte Mrs. Markleham wieder mit einem telegraphisch übermittelten Kuß, indem sie den Brief schloß, »wäre es mir unerträglich, auch nur daran zu denken.« Mr. Wickfield sagte kein Wort, obwohl ihn die alte Dame herausfordernd ansah, und machte keine Miene, sich hierüber vernehmen zu lassen: er saß ernst und schweigsam da, die Augen auf den Fußboden geheftet. Längst nachdem dieses Thema abgetan war und andere Gesprächsstoffe uns beschäftigten, verweilte er noch so und erhob nur selten seine Blicke, außer um sie für einen Augenblick mit einem Stirnrunzeln auf Doktor Strong oder dessen Frau oder auf beiden ruhen zu lassen. Der Doktor war ein großer Freund der Musik. Agnes sang mit großer Anmut und hohem Ausdruck, und Mrs. Strong gleichfalls. Sie sangen zusammen und spielten vierhändig, und es gab ein richtiges kleines Konzert. Aber ich beobachtete zweierlei: erstens, daß, obwohl Annie ihre Fassung bald wieder gewann, und ganz wieder die alte war, zwischen ihr und Mr. Wickfield gleichsam eine Mauer als Scheidewand war, zweitens aber, daß er die Vertraulichkeit zwischen Mrs. Strong und Agnes ungern zu sehen und mit Unbehagen zu betrachten schien. Und jetzt erst, ich muß es gestehen, erinnerte ich mich an das, was sich an dem Abende von Mr. Jack Maldons Abreise ereignet hatte, und es gewann eine Deutung, die es bisher für mich nicht gehabt hatte: die unschuldige Schönheit ihres Angesichts erschien mir nicht mehr so unschuldig, ich fing ihrer natürlichen Anmut und dem Zauber ihres Wesens zu mißtrauen an, und wenn ich Agnes neben ihr sah und daran dachte, wie gut und treu diese war, so stieg ein Argwohn in mir auf, ob das eine passende Freundschaft sei. Beide waren so glücklich in dieser Freundschaft, daß der Abend verflog, als wäre er nur von der Dauer einer Stunde gewesen. Zuletzt ereignete sich noch etwas, was ich erwähnen will. Die beiden Damen nahmen soeben Abschied voneinander, und Agnes wollte Annie eben umarmen und küssen, als Mr. Wickfield wie zufällig dazwischen trat und Agnes wegzog. Und da sah ich plötzlich wieder, als ob keine Zeit dazwischen läge, jenen Ausdruck in Annies Gesicht, wie an jenem Abend der Abreise Jack Maldons, als sie ihm von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand. Ich vermag es nicht zu sagen, was für einen Eindruck das auf mich machte, oder warum es mir, wenn ich nachmals ihrer gedachte, ganz unmöglich war, diesen Blick von ihrem Bilde fernzuhalten und ihrer wieder in der gewohnten unschuldigen Lieblichkeit zu gedenken. Es verfolgte mich auf dem Nachhausewege wie ein Spuk. Es kam mir vor, als brüte eine finstere Wolke über dem Heim des Doktors. Die Ehrfurcht, die ich vor seinem grauen Haupte hatte, war mit Mitleid gemischt, daß er denen so treu war, die ihn verrieten, und mit Groll gegen die, die ihm so großes Unrecht antaten. Der drohende Schatten eines großen Kummers und ein schlimmes Unglück, das noch nicht bestimmte Gestalt angenommen hatte, lagen wie ein häßlicher Fleck auf dem stillen Orte, wo ich als Knabe gelernt und gespielt hatte und beeinträchtigten ihn gar sehr. Ich konnte nicht mehr mit Vergnügen an die alten ernsten breitblättrigen Aloebäume denken, die ihre Blüte hundert Jahre in sich verschließen, nicht an den schmucken glatten Rasenplatz, noch an die steinernen Urnen, noch an des Doktors Auf- und Abschlendern in ihrer Nähe, noch an den traulichen Klang der Glocken der Kathedrale. Es war, als ob das stille Heiligtum meines Knabenalters vor meinen Augen verwüstet, dessen Frieden und Ehre den Winden zum Raube preisgegeben wurden wäre ... Aber mit dem Morgen kam der Abschied von dem alten Hause, das Agnes mit ihrem stillen Wirken erfüllte, und das beschäftigte ausreichend mein Gemüt. Freilich sollte ich wahrscheinlich bald wieder dahin zurückkehren, ich sollte noch manchmal, vielleicht noch oft, in meinem alten Zimmer schlafen, aber ich wohnte nicht mehr dort, und die alte Zeit war vorüber. Als ich meine Sachen einpackte, war mir's schwerer ums Herz, als ich Uriah Heep merken lassen wollte, der mir so dienstwillig half, daß ich lieblos genug war, zu glauben, er sei über meine Abreise sehr froh. Ich verabschiedete mich von Agnes und ihrem Vater mit einem nicht besonders gelungenen Versuch, gefaßt zu erscheinen, und nahm meinen Platz auf dem Bock der Londoner Landkutsche ein. Ich war so weichherzig geworden, daß ich, als wir durch die Stadt fuhren, fast in Versuchung gekommen wäre, meinem alten Feind, dem Fleischerburschen, zuzunicken, und ihm ein Fünfschillingstück als Trinkgeld zuzuwerfen. Aber er sah so trotzig aus, wie er den großen Hauklotz im Laden rein schabte, und sein Aussehen hatte sich durch den Verlust eines Schneidezahns, den ich ihm ausgeschlagen hatte, so wenig gehoben, daß ich es für besser hielt, keine Aussöhnungsversuche zu machen. Am meisten lag mir am Herzen, als wir erst draußen im Freien waren, dem Kutscher so alt wie möglich zu erscheinen, und in tiefem Baß zu sprechen. Das letztere gelang mir nicht ohne unangenehme Anstrengungen; aber ich setzte es durch, weil es sich so männlich ausnahm. »Sie fahren die ganze Fahrt mit, Sir?« fragte der Kutscher. »Ja, William,« sagte ich herablassend – ich kannte ihn –; »ich reise nach London. Und dann geh' ich nach Suffolk.« »Auf die Jagd, Sir?« fragte er weiter. Er wußte so gut wie ich, daß in dieser Jahreszeit von Jagd nicht die Rede sein und ich ebensogut auf den Walfischfang ausziehen konnte, aber ich fühlte mich doch geschmeichelt. »Ich weiß nicht,« sagte ich, und stellte mich noch unentschlossen, »ob ich die Flinte einmal zur Hand nehme oder nicht.« »Die Rebhühner halten jetzt nicht Stand, hieß es«, meinte William. »Das hab' ich gehört«, sagte ich. »Sie sind wohl aus Suffolk, Sir?« »Ja,« erwiderte ich mit einiger Wichtigkeit, »ich bin aus Suffolk.« »Die Apfelklöße sollen dort sehr schön sein«, sagte William. Ich wußte es nicht, aber ich fühlte die Notwendigkeit, die Eigentümlichkeiten meiner Grafschaft aufrechtzuerhalten, und mich mit ihnen vertraut zu zeigen. Ich nickte daher nur mit dem Kopf, als wollte ich sagen: »Das will ich meinen!« »Und die Ponixe«, sagte William. »Das ist eine Lust! Ein Suffolker Pony, wenn's ein guter ist, ist sein Gewicht in Gold wert. Haben Sie selbst Ponixe gezüchtet, Sir?« »Nein,« sagte ich, »das gerade nicht.« ^ »Hier der Herr hinter mir, will ich wetten,« rief Williams, »hat sie im großen gezüchtet.« Der erwähnte Herr schielte häßlich, hatte ein vorstehendes Kinn, auf dem Kopfe einen hohen, weißen Hut mit schmalem Rande, und enganliegende, helle Hosen, die an der Seite von den Stiefeln auf bis an die Hüfte zugeknöpft waren. Er sah den Kutscher über die Schulter an und war mir so nah, daß ich seinen Atem dicht an meinem Kopfe fühlte, und als ich mich umdrehte, schielte er mit Kennermiene nach den Vorderpferden. »Ist's nicht wahr?« sagte William. »Was soll wahr sein?« fragte der Herr hinter mir. »Haben Sie nicht Ponixe im großen gezüchtet?« »Das soll ich meinen«, sagte der Herr. »Es gibt keine Rasse Pferde und keine Rasse Hunde, die ich nicht gezüchtet hätte. Pferde und Hunde sind nun einmal die Leidenschaft von manchen Leuten. Aber für mich sind sie Essen und Trinken – Wohnung, Weib und Kind – Lesen, Schreiben und Rechnen – Schnupftabak, Rauchtabak und Schlaf.« »So ein Mann sollte nicht hinter dem Kutschbock sitzen, nicht wahr?« flüsterte mir William ins Ohr. Ich legte diese Bemerkung als die Andeutung des Wunsches aus, ich möchte dem andern meinen Platz überlassen, wozu ich mich errötend anbot. »Na, wenn's Ihnen nicht drauf ankommt,« sagte William, »ich glaube, so ist's richtiger,« Ich habe dies immer als meine erste Niederlage im Leben betrachtet. Als ich mich im Bureau einschreiben ließ, wurde hinter meinen Namen: Sitz auf dem Kutschbock, gesetzt, und ich hatte dem Buchhalter hierfür extra eine halbe Krone gegeben. Ich hatte einen besondern Überrock und Schal angezogen, um der auserlesenen Stelle Ehre zu machen, war sehr stolz darauf, und fühlte, daß ich dem Kutscher keine Schande machte. Und jetzt auf der ersten Station verdrängte mich ein schäbig aussehender, schielender Mann, der kein anderes Verdienst hatte, als daß er nach dem Stalle roch, und älter und größer war als ich! Verdrängte mich, als ob ich eine Fliege und nicht einmal ein menschliches Wesen wäre! Ein Mangel an Selbstvertrauen, der sich oft im Leben bei kleinen Veranlassungen an mir gezeigt hatte, wurde gewiß nicht durch diesen kleinen Vorfall vermindert. Vergeblich war es, mich hinter meine Baßstimme zu stecken. Die ganze übrige Reise sprach ich aus der Tiefe meines Magens heraus, aber ich fühlte mich trotzdem ganz vernichtet und entsetzlich jung. Dennoch war es merkwürdig und interessant, als wohlgezogener, gutgekleideter und reichlich mit Geld versehener Jüngling da oben hinter den vier Pferden zu sitzen, und sich nach den Plätzen umzusehen, wo ich auf meiner mühseligen Reise gerastet hatte. Jedes auffällige Merkzeichen am Weg gab meinen Gedanken reichliche Nahrung. Als ich auf die Landstreicher herabblickte und die wohlbekannten Physiognomien dieser Klasse Menschen herausschauen sah, war mir's, als ob mich des Kesselflickers geschwärzte Hand wieder bei der Brust packte. Als wir durch die enge Straße von Chatham rasselten, und ich im Vorbeifahren einen flüchtigen Blick auf das Gäßchen werfen konnte, wo ich meine Jacke verkauft hatte, spähte ich nach der Stelle, an der ich in der Sonne und im Schatten gesessen und gewartet hatte, bis ich von dem alten Goruungeheuer mein Geld erhielt. Als wir endlich die letzte Station vor London erreichten und an Salemhaus vorbeifuhren, wo Mr. Creakle so unbarmherzig den Stock führt, da hätte ich alle meine Habe für die gesetzliche Erlaubnis gegeben, hineinzugehen und ihn durchzuprügeln, und alle Knaben wie eingesperrte Spatzen herauszulassen. Wir stiegen im Goldenen Kreuz in Charing Croß ab, das damals ein altes muffiges Haus in einer engen Gasse war. Ein Kellner wies mich in das Frühstückszimmer, und ein Stubenmädchen führte mich in ein kleines Schlafzimmer, das wie eine Landkutsche roch und düster wie eine Familiengruft war. Ich hatte immer noch ein peinigendes Bewußtsein meiner Jugend, denn niemand hatte Respekt vor mir; das Stubenmädchen nahm nicht die mindeste Notiz von meinen Meinungsäußerungen, und der Kellner war vertraulich gegen mich und bot sich meiner Unerfahrenheit als Ratgeber an. »Na,« sagte der Kellner dummdreist, »was möchten Sie wohl essen? Junge Herren essen meistens gern Huhn – wollen Sie ein Huhn?« Ich sagte ihm so majestätisch als mir möglich war, daß ich keinen Appetit zu Huhn hätte. »Also nicht!« sagte der Kellner. »Junge Herren pflegen sich meistens in Rinder- und in Schöpsenbraten satt zu essen; wollen Sie Kalbkoteletts?« Ich stimmte diesem Vorschlag bei, da ich nichts weiter vorzuschlagen wußte. »Essen Sie gern Kartoffeln?« fragte der Kellner mit einschmeichelndem Lächeln. »Junge Herren machen sich in der Regel nichts aus Kartoffeln.« Ich befahl ihm mit meiner tiefsten Stimme, Kalbskoteletts und Kartoffeln mit allem Zubehör zu bestellen, und beim Wirt zu fragen, ob Briefe für Trotwood Copperfield, Esquire, da wären – ich wußte recht gut, daß dies nicht der Fall sein konnte, es kam mir aber männlicher vor, wenn ich tat, als ob ich Briefe erwartete. Er kehrte bald mit der Nachricht zurück, daß keine da wären – worüber ich mich sehr erstaunt stellte –, und fing an, in der Nähe des Kamins für mich den Tisch zu decken. Während er damit beschäftigt war, fragte er mich, was ich trinken wollte; und nahm, wie mir schien, die Gelegenheit wahr, da ich antwortete: »Eine halbe Flasche Sherry!« den Wein aus den abgestandenen Resten mehrerer Karaffen zusammenzugießen, Ich bin dieser Meinung, weil ich ihn während des Zeitungslesens, hinter einer Bretterwand, die sein Privatzimmer abschied, sehr eifrig die Reste aus mehreren Flaschen in eine einzige zusammengießen hörte, wie ein Apotheker, der ein Rezept verfertigt. Als der Wein auf den Tisch kam, schien er mir matt, und es waren jedenfalls mehr englische Krumen darin, als von einem vollkommen reinen, ausländischen Wein zu erwarten war; aber ich war blöde genug, ihn zu trinken und nichts zu sagen. Da ich jetzt heiter gestimmt war – woraus ich schließe, daß Vergiften im Anfangsstadium nicht immer unangenehm ist –, beschloß ich ins Theater zu gehen. Ich wählte das Coventgarden-Theater, und sah dort, von einem nach hinten gelegenen Platz der Mittelloge aus Julius Cäsar und eine neue Pantomime. Alle die stolzen Römer lebendig vor mir zu sehen, wie sie zu meiner Unterhaltung auf der Bühne kamen und gingen, während sie mir in der Schule immer nur wie finstere Arbeitgeber erschienen waren, machte einen ganz neuen und ergreifenden Eindruck auf mich. Aber das Gemisch von Wirklichkeit und Märchenhaftigkeit, das die Bühne, der Eindruck, den die Poesie, der Kerzenglanz, die Musik, die Gesellschaft, der wunderbare Wechsel herrlicher Szenen auf mich machten, war so blendend und eröffnete mir eine so endlose Perspektive der Wonne, daß es mir vorkam, wie ich um zwölf Uhr nachts hinaus in die regenfeuchte Luft trat, als ob ich aus einer feenhaften Wolkenregion herab in eine schneiende, regenbespülte, fackelerhellte, sich mit Regenschirmen anrennende und um Fiaker zankende, schmutzige, elende Welt komme. Ich war zu einer andern Tür hinausgegangen und blieb eine kleine Weile auf der Straße stehen, als ob ich wirklich fremd auf Erden wäre; aber die rücksichtslosen Rippenstöße, die ich im Gedränge empfing, brachten mich bald wieder zur Besinnung, und ich kehrte nach meinem Gasthof zurück, immer noch erfüllt von der glänzenden Vision. Sie verließ mich auch nicht, als ich bei Porter und Austern im Gastzimmer bis ein Uhr am Feuer saß. Das Schauspiel und die Vergangenheit – denn es war wie ein glänzender Schleier, durch den mein früheres Leben durchschimmerte, – nahm mich so in Anspruch, daß ich nicht mehr weiß, wann ich die Gestalt eines schönen jungen Mannes zuerst bemerkte, dessen Kleidung die mir nur noch zu leicht erinnerliche, etwas nachlässige, aber geschmackvolle Eleganz verriet. Aber ich erinnere mich, daß ich ihn schon seit einiger Zeit sitzen sah, ohne sein Kommen bemerkt zu haben, indes ich noch nachdenklich vor dem Feuer brütete. Endlich erhob ich mich, um zu Bette zu gehen, sehr zur Freude des schläfrigen Kellners, der mit den Füßen trippelte, als ob er einen Wadenkrampf bekommen hätte, und sie nicht eine Minute ruhig an einem Orte lassen konnte. Auf dem Weg nach der Tür ging ich an dem Fremden vorbei, und konnte ihn ordentlich sehen. Ich kehrte um und sah ihn nochmals an. Er erkannte mich nicht, aber ich erkannte ihn sogleich. Zu andern Zeiten hätte mir das Selbstvertrauen oder die schnelle Entschlossenheit gefehlt, ihn anzureden, und ich hätte es vielleicht auf den nächsten Tag verschoben und so die Gelegenheit versäumt. Aber in meiner augenblicklichen Gemütsverfassung, wo der Eindruck des Theaterstücks noch frisch war, gedachte ich seiner frühern schützenden Rolle mit Dankbarkeit, und meine alte Liebe zu ihm machte sich so mächtig Luft, daß ich mit klopfendem Herzen vor ihn trat und sagte: »Steerforth! kennst du mich nicht?« Er sah mich an – gerade wie er früher manchmal auszusehen pflegte – aber ich gewahrte kein Zeichen, daß er mich erkannte. »Kennst du mich nicht mehr?« sagte ich. »Ach leider nicht!« »Mein Gott!« rief er plötzlich aus. »Es ist der kleine Copperfield!« Ich ergriff seine beiden Hände und konnte sie nicht loslassen. Hätte ich mich nicht geschämt und gefürchtet, sein Mißfallen zu erregen, so hätte ich ihm um den Hals fallen und weinen können. »Nie, nie habe ich mich so sehr gefreut, lieber Steerforth! Es macht mir so unendliches Vergnügen, dich zu sehen!« »Und mich freut es ebenso, dich zu sehen!« sagte er und schüttelte mir herzlich die Hand. »O, Copperfield, alter Knabe, fasse dich.« Und doch, glaube ich, freute er sich auch, daß mich die Freude, ihn wiederzusehen, so rührte. Ich wischte die Tränen weg, die ich mit der größten Anstrengung nicht hatte zurückhalten können, und versuchte zu lachen, dann setzten wir uns nebeneinander an den Tisch. »Aber wie kommst du hierher?« fragte Steerforth und schlug mich auf die Achsel. »Ich bin heute mit der Canterburyeilkutsche hier angekommen. Eine Tante dort unten hat mich adoptiert, und ich bin eben frei von der Schule. Wie kamst du hierher, Steerforth?« »Nun, ich bin, wie man so sagt, Student in Oxford,« erwiderte er; »das heißt, ich muß mich dort alle halbe Jahre ein paar Monate langweilen – und ich bin jetzt auf dem Wege zu meiner Mutter. Du siehst verwünscht hübsch aus, Copperfield. Gerade wie früher, wenn ich dich jetzt ordentlich ansehe! Nicht im mindesten verändert!« »Ich erkannte dich gleich,« sagte ich; »aber dich vergißt man auch nicht leicht.« Er lachte, während er mit der Hand durch sein reichgelocktes Haar fuhr, und sagte heiter: »Ja, ich bin auf einer Pflichtreise begriffen. Meine Mutter wohnt eine kleine Strecke vor der Stadt, und da der Weg jetzt ganz abscheulich, und es zu Hause bei mir ziemlich langweilig ist, so beschloß ich, lieber für die Nacht hier zu bleiben. Ich bin kaum sechs Stunden in der Stadt und habe mich die Zeit über im Theater gelangweilt.« »Ich war auch im Theater«, sagte ich. »Im Coventgarden. Welch' schöne und herrliche Unterhaltung, Steerforth!« Steerforth lachte herzlich. »Mein lieber junger Davy,« sagte er, und schlug mich wieder freundschaftlich auf die Achsel, »wie grün du noch bist; du bist ein wahres Blümchen. Das Blümchen auf dem Felde bei Sonnenaufgang ist nicht grüner als du! Du unschuldiges Veilchen! Ich war auch im Coventgarden, und habe nie etwas Jämmerlicheres gesehen. – Heda, Kellner!« Der Kellner, der unserer Erkennungsszene von weitem sehr ernsthaft zugesehen hatte, trat jetzt sehr ehrerbietig heran. »Wo haben Sie meinen Freund Mr. Copperfield hingesteckt??« fragte Steerforth. »Ich bitte um Verzeihung, wie meinen Sie?« »Wo schläft er? Welche Nummer hat er? Sie verstehen mich«, sagte Steerforth. »Hm, Sir«, machte der Kellner mit der Miene eines Mannes, der um Verzeihung bittet. »Mr. Copperfield wohnt jetzt in Nr. 44.« »Und was zum Teufel soll es heißen,« fuhr ihn Steerforth an, »daß Sie mir Mr. Copperfield in so ein kleines Loch über dem Stall stecken?« »Ja, sehen Sie, wir wußten nicht, daß sich Mr. Copperfield viel daraus machte«, sagte der Kellner immer noch sehr bescheiden. »Aber Mr. Copperfield kann Nr. 72 bekommen, wenn es gewünscht wird. Neben Ihnen, Sir.« »Natürlich wird es gewünscht«, sagte Steerforth. »Und gleich.« Der Kellner entfernte sich spornstreichs, um die nötigen Vorkehrungen zu treffen. Steerforth, dem es viel Spaß machte, daß sie mich in Nr. 44 gesteckt hatten, lachte wieder, klopfte mich abermals auf die Schulter, und lud mich zum Frühstück nächsten Morgen um zehn ein – eine Einladung, die ich mit Stolz und Freude annahm. Da es jetzt ziemlich spät war, nahmen wir unsere Lichter und gingen hinauf, wo wir uns an seiner Tür mit großer Herzlichkeit trennten, und wo ich ein neues Zimmer fand, viel schöner als mein erstes, denn es war nicht nur nicht dumpfig, sondern hatte auch ein ungeheures Himmelbett, das ein wahres kleines Landgut war. Hier, in Kissen, die für sechs Personen genügten, schlief ich bald ein und träumte vom alten Rom, von Steerforth und Freundschaft, bis mich frühmorgens die aus dem Torweg rasselnden Landkutschen vom Donner und den Göttern träumen ließen. Zwanzigstes Kapitel. Steerforth daheim. Als das Stubenmädchen früh um acht Uhr an meine Tür klopfte und mir anzeigte, daß draußen Rasierwasser für mich stehe, fühlte ich es schmerzlich, daß ich dessen nicht bedurfte, und errötete im Bett darüber. Der Argwohn, das Mädchen habe gelacht, als sie es sagte, quälte mich die ganze Zeit über, als ich mich anzog, und gab mir ein scheues, schuldbewußtes Aussehen, als ich auf dem Weg zum Frühstückszimmer dem Mädchen auf der Treppe begegnete. So empfindlich war mir das Gefühl, jünger zu sein, als ich wünschte, daß ich mich eine Zeitlang gar nicht entschließen konnte, unter den obwaltenden, demütigenden Umständen an ihr vorbeizugehen, sondern, wie ich sie unten den Besen führen hörte, an einem Fenster stehen blieb, und die Reiterstatue König Karls betrachtete, die von einem Labyrinth von Fiakern umgeben war und in dem seinen Regen und dunkelbraunen Nebel nichts weniger als königlich aussah, bis mich der Kellner benachrichtigte, daß der Herr mit dem Frühstück auf mich warte. Steerforth erwartete mich nicht im Kaffeezimmer, sondern in einem besondern, sehr gemütlichen Zimmer mit roten Vorhängen und türkischen Teppichen, wo ein helles Feuer brannte und ein warmes Frühstück auf dem gedeckten Tisch stand, und wo sich ein niedliches Miniaturbild des Zimmers, des Feuers, des Frühstücks und Steerforths und alles übrige in dem kleinen runden Spiegel über dem Serviertisch abbildete. Ich war anfangs etwas blöde, da Steerforth so selbstbewußt und elegant, und mir in allem, selbst in den Jahren, so überlegen war: aber sein vertraulich aufmunterndes Wesen brachte das bald ins Gleis, und ich fühlte mich ganz zu Hause. Ich konnte nicht genug bewundern, wie sehr er das »Goldene Kreuz« umgewandelt hatte, oder aufhören meine gestrige langwellige Verlassenheit mit der Behäbigkeit und dem Genuß dieses Morgens zu vergleichen. Des Kellners Vertraulichkeit war spurlos verschwunden, als ob sie nie dagewesen wäre: er bediente uns, möchte ich sagen, so feierlich, als wäre es ein Leichenschmaus. »Nun, Copperfield,« sagte Steerforth, als wir uns allein befanden, »ich möchte wissen, was du treibst, und wohin du gehst, und so weiter. Es kommt mir vor, als ob du mein Eigentum wärst.« Vor Freude glühend, daß er noch soviel Teilnahme für mich fühlte, erzählte ich ihm, daß meine Tante mich zu dieser kleinen Reise veranlaßt habe, in welcher Absicht und was ihr Ziel sei. »Da du also keine Eile hast,« sagte Steeforth, »so komm mit zu meiner Mutter nach Highgate und bleib ein oder zwei Tage bei uns. Meine Mutter wird dir gefallen – sie ist ein wenig eitel auf mich, und spricht viel von mir, aber das kannst du ihr verzeihen – und du wirst ihr gewiß auch gefallen.« »Ich möchte dessen so sicher sein, wie du es freundlich behauptest«, erwiderte ich lächelnd. »Oh!« sagte Steerforth, »wer mich liebt, hat ohne Ausnahme einen Anspruch auf sie, der sicherlich anerkannt wird.« »Nun, dann muß ich ihr Günstling werden«, sagte ich. »Gut!« meinte Steerforth. »Komm und zeige es. Wir wollen uns ein paar Stunden in der Stadt umsehen. – Es ist ordentlich eine Lust, sie einem solchen Neuling wie du bist, Copperfield, zeigen zu können – und dann fahren wir mit der Landkutsche nach Highgate.« Ich konnte mich kaum von dem Gedanken freimachen, ich träume, und werde sogleich wieder in Nummer 44 oder in der einsamen Nische im Frühstückszimmer mit dem vertraulich tuenden Kellner aufwachen. Nachdem ich an meine Tante über das glückliche Zusammentreffen mit meinem vielbewunderten alten Schulkameraden und über die angenommene Einladung berichtet, fuhren wir in einem Fiaker aus, besichtigten ein Panorama und einige andere Sehenswürdigkeiten, und besahen uns das Museum. Ich konnte dabei nicht umhin zu bemerken, wieviel Steerforth von unendlich vielen Dingen wußte, und wie wenig Wert er auf seine Kenntnisse zu legen schien. »Du willst dir gewiß einen hohen akademischen Grad erwerben, Steerforth,« sagte ich, »wenn du ihn nicht schon hast; und man wird guten Grund haben, auf dich stolz zu sein.« »Ich einen Grad erwerben!« rief Steerforth. »Ich gewiß nicht! mein liebes Blümchen – du nimmst es doch nicht übel, wenn ich dich Blümchen nenne?« »Durchaus nicht!« sagte ich. »Bist doch ein guter Junge! Liebes Blümchen,« sagte Steerforth, »ich wünsche oder beabsichtige nicht im mindesten, mich in dieser Art auszuzeichnen. Für meine Zwecke habe ich schon genug gelernt. Ich komme mir schon jetzt ziemlich langweilig genug vor.« »Aber der Ruhm« – fing ich an. »Du romantisches Veilchen!« sagte Steerforth, und lachte noch herzlicher; »warum sollte ich mich plagen, damit ein Dutzend schwerfälliger Pedanten den Mund aufsperrt und verwundert die Hände in die Höhe hält! Das mögen sie bei einem andern tun, dem will ich den Ruhm gern lassen.« Ich schämte mich ordentlich, daß ich so sehr fehlgegriffen hatte, und bemühte mich, die Rede auf etwas anderes zu bringen. Das war zum Glück nicht schwer, denn Steerforth konnte immer mit einer ihm eigenen Leichtigkeit und Gewandtheit von einem Gegenstand zum andern übergehen. Nach unserer Umschau in der Stadt nahmen wir ein zweites Frühstück ein, und der kurze Wintertag verging so schnell, daß wir in unserm Eilwagen erst in der Dämmerung an einem alten ungetünchten Hause in Highgate oben auf der Höhe hielten. Eine ältliche Dame, obgleich nicht sehr bei Jahren, von stolzer Haltung und hübschem Angesicht, stand in der Tür, als wir abstiegen, und schloß Steerforth mit der Begrüßung »mein liebster James« in die Arme. Diese Dame stellte er mir als seine Mutter vor, und sie bewillkommnete mich mit größer Freundlichkeit. Es war ein stattliches, altmodisches, sehr stilles und wohlgehaltenes Haus. Von den Fenstern meines Zimmers sah ich London in der Ferne wie eine riesige Nebelmasse vor mir liegen, mit einem hier und da durchblickenden Lichte. Ich hatte gerade nur Zeit, während ich Toilette machte, einen Blick auf die gediegene Ausstattung und die Stickereien zu werfen – ich glaube von Mrs. Steerforth als junges Mädchen herrührend –, sowie einige Pastellgemälde mit gepuderten Damen an den Wänden beim Scheine des jüngst angezündeten Kaminfeuers flüchtig zu sehen, als ich zum Diner gerufen wurde. Im Speisezimmer fand ich noch eine zweite Dame, von kleinerem Wuchs, dunkelm Teint und nicht sehr angenehmem Äußern, obgleich sie nicht häßlich war. Sie zog meine Aufmerksamkeit auf sich, vielleicht weil ich nicht erwartet hatte sie zu sehen, vielleicht weil ich ihr zufällig gegenüber saß, vielleicht auch weil wirklich etwas Bemerkenswertes an ihr war. Sie hatte schwarzes Haar und lebhafte schwarze Augen, war hager und hatte eine Narbe auf der Lippe. Es war eine alte Narbe, die den Mund gegen das Kinn hin durchschnitten hatte, jetzt aber bloß noch als ein schmaler weißer Streif über und auf der Oberlippe zu sehen war. In mir setzte sich sogleich die Vorstellung fest, daß sie ungefähr dreißig Jahre alt sei, und sich einen Mann wünsche. Sie war ein wenig verfallen – wie ein Haus wegen langer Herrenlosigkeit – aber war, wie ich schon oben sagte, nicht gerade häßlich zu nennen. Ihre Hagerkeit schien die Wirkung von innerlich zehrendem Feuer zu sein, das aus ihren dunkeln tiefliegenden Augen herausblitzte. Sie wurde mir als Miß Dartle vorgestellt, Steerforth und seine Mutter nannten sie Rosa. Ich erfuhr, daß sie im Hause wohnte und seit langer Zeit Mrs. Steerforth Gesellschafterin war. Es schien mir, als ob sie das, was sie sagen wollte, nie offen heraus sagte, sondern es nur umschrieb und es dadurch viel wichtiger erscheinen ließ. Zum Beispiel, als Mrs. Steerforth mehr im Scherz als im Ernste bemerkte, sie fürchte, ihr Sohn lebe etwas zu locker auf der Universität, sagte Miß Dartle: »O wirklich? Sie wissen, wie wenig ich das kenne, und, daß ich nur frage, um mich belehren zu lassen, aber ist das nicht immer so? Ich habe immer geglaubt, das Leben auf der Universität sei immer – nicht?« »Es ist die Vorbereitung zu einer sehr ernsten Laufbahn, wenn Sie das meinen, Rosa«, antwortete Mrs. Steerforth mit einiger Kälte. »Oh! Ja! Das ist gewiß sehr richtig«, entgegnete Miß Dartle. »Aber ist es bei alledem nicht–? Ich lasse mich belehren, wenn ich unrecht habe – ist es wirklich nicht –?« »Was soll es denn wirklich sein?« fragte Mrs. Steerforth. »Oh! Sie meinen, es ist es nicht!« erwiderte Miß Dartle. »Oh, es freut mich, das zu hören! Nun weiß ich, was ich zu tun habe. Das ist der Vorteil des Fragens. Ich werde nie mehr dulden, daß die Leute das Universitätsleben verschwenderisch und liederlich nennen.« »Und da tun Sie recht«, sagte Mrs. Steerforth. »Der Lehrer meines Sohnes ist ein sehr gewissenhafter Mann; und wenn ich meinem Sohne kein unbedingtes Vertrauen schenkte, so würde ich ihm vertrauen.« »Wirklich?« sagte Miß Dartle. »Wirklich! Gewissenhaft ist er! Also wirklich gewissenhaft?« »Ja, ich bin davon überzeugt«, sagte Mrs. Steerforth. »Das ist herrlich!« sagte Miß Dartle. »Welch ein Trost! Wirklich gewissenhaft? Da ist er also nicht – aber natürlich kann er's nicht sein, wenn er wirklich gewissenhaft ist. Nun, diese Gewißheit über ihn wird mir in Zukunft eine wahre Erquickung sein. Sie können sich gar nicht denken, wie ihn die Überzeugung, daß er wirklich gewissenhaft ist, in meiner Meinung hebt.« Ihre eigene Ansicht über jede Frage und ihre Berichtigung jeder Äußerung, die ihr nicht einleuchtete, gab Miß Dartle auf dieselbe Weise zu verstehen; und manchmal, wie ich mir nicht verbergen konnte, mit großem Nachdruck, obgleich im Widerspruch selbst mit Steerforth. Ein Beispiel dieser Art kam noch während des Essens vor. Mrs. Steerforth sprach von meiner beabsichtigten Reise nach Suffolk, und ich warf hin, wie sehr ich mich freuen würde, wenn Steerforth mich begleitete; und indem ich ihnen erzählte, daß ich meine alte Amme und Mr. Peggottys Familie besuchen wollte, erinnerte ich ihn an den Schiffer, den er in der Schule gesehen. »Aha! Der ehrliche Kauz!« sagte Steerforth. »Er hatte einen Sohn mit, nicht?« »Nein. Das war sein Neffe,« gab ich zur Antwort, »den er aber als Sohn adoptiert hat. Er hat auch eine sehr hübsche kleine Nichte, die er als Tochter angenommen hat. Mit einem Wort, sein Haus – oder vielmehr sein Boot, denn er wohnt in einem Boot auf den Dünen – ist voll von Leuten, die sein Edelmut und seine Güte erhält. Du wirst dich freuen, diese Häuslichkeit zu sehen.« »Meinst du?« sagte Steerforth. »Nun, wir wollen sehen, was zu tun ist. Es wäre der Reise wert, einmal mitten unter der Art Leuten zu leben – gar nicht zu sprechen von dem Vergnügen, mit dir zu reisen, Blümchen.« Mein Herz schlug in der Hoffnung einer neuen Freude. Aber in bezug auf den Ton, in dem er von »der Art Leuten« gesprochen, fing jetzt Miß Dartle, deren glänzende Augen uns beobachtet hatten, wieder an. »Oh, wirklich? Bitte, sagen Sie mir, sind sie's wirklich?« sagte sie. »Was sollen sie sein? Und wer soll was sein?« sagte Steerforth. »Der Art Leute – sind sie wirklich Stöcke und Klötze, und Wesen anderer Art? Darüber möchte ich belehrt sein.« »Nun, es ist ein ziemlich großer Unterschied zwischen ihnen und uns«, sagte Steerforth obenhin. »Es ist nicht zu erwarten, daß sie so feinfühlend sind wie wir. Ihr Zartgefühl ist nicht sehr leicht zu verletzen. Sie sind entsetzlich tugendhaft, glaub' ich – wenigstens behaupten das manche Leute, und ich will ihnen gewiß nicht widersprechen – aber sie haben kein sehr zartes Gefühl, und sie können dankbar sein, daß es nicht so leicht verwundbar ist wie ihre grobe dicke Haut.« »Wirklich!« sagte Miß Dartle. »Nein, ich muß gestehen, es hat mich sehr gefreut, so etwas zu hören. Es ist so tröstlich! Es ist ein wahres Vergnügen, zu wissen, daß sie's nicht fühlen, wie sie leiden! Manchmal habe ich mir ordentlich Kummer gemacht um diese Art Leute; aber von nun an werde ich auch gar nicht mehr an sie denken. Man lebt, um zu lernen. Ich gestehe, ich hatte meine Zweifel, aber die sind jetzt verschwunden. Ich wußte es nicht, aber jetzt weiß ich's, und das beweist, wie nützlich es ist, zu fragen – nicht wahr?« Ich glaubte, Steerforth habe das, was er sagte, nur im Scherz gesagt, oder um Miß Dartle zu foppen, und ich glaubte, er werde mir das erklären, als sie fort war, und wir beide allein vor dem Feuer saßen. Aber er fragte mich nur, was ich von ihr halte. »Sie ist sehr gescheit, nicht wahr?« »Gescheit! Sie legt alles auf einen Schleifstein«, sagte Steerforth, »und macht es scharf, wie sie sich und ihr Gesicht seit Jahren scharf gemacht hat. Sie ist halb alle geworden durch beständiges Schärfen. Sie ist ganz Schneide.« »Was für eine merkwürdige Narbe sie auf der Lippe hat!« sagte ich. Steerforths Gesicht wurde ein wenig lang, und er schwieg einen Augenblick. »Hm,« sagte er – »an der bin ich schuld.« »Durch einen unglücklichen Zufall?« »Nein. Ich war noch ein kleiner Bengel; sie erzürnte mich, und ich warf mit einem Hammer nach ihr. Ein vielversprechender junger Engel muß ich gewesen sein!« Es tat mir sehr leid, einen so peinlichen Gegenstand berührt zu haben, aber das konnte jetzt nichts mehr helfen. »Sie hat die Narbe seit jener Zeit behalten, wie du siehst,« sagte Steerforth, »und sie wird sie mit ins Grab nehmen, wenn sie jemals in einem ruht – obgleich ich kaum glauben kann, daß sie jemals Ruhe finden wird. Sie war das mutterlose Kind eines weitläufigen Vetters von meinem Vater. Er starb, und meine Mutter, die damals Witwe war, nahm sie als Gesellschafterin zu sich. Sie hat ein paar tausend Pfund eigenes Vermögen und schlägt die Zinsen alljährlich zu dem Kapital. Da hast du die ganze Lebensgeschichte von Miß Rosa Dartle.« »Und ich zweifle nicht, daß sie dich liebt wie einen Bruder?« sagte ich. »Hm!« entgegnete Steerforth, und sah in das Feuer. »Manche Brüder werden nicht allzusehr geliebt, und manche lieben – aber schenk' ein, Copperfield! Wir wollen trinken.« Das trübe Lächeln, das auf seinem Gesicht geschwebt hatte, verschwand, als er dies mit Heiterkeit sprach, und er war wieder ganz der alte offene und gewinnende Jüngling. Ich konnte nicht umhin, mit peinlichem Interesse die Narbe zu betrachten, als wir zum Tee hinaufgingen. Ich bemerkte bald, daß es der empfindlichste Fleck ihres Gesichts war, und daß er, wenn sie blaß wurde, sich zuerst veränderte und sich in seiner ganzen Länge als ein bleifarbiger Streif darstellte, ähnlich einem mit unsichtbarer Tinte gezogenen Strich, der an das Feuer gehalten wird. Sie und Steerforth hatten einen kleinen Streit zusammen beim Puffbrettspiel – sie schien einen Augenblick ganz wütend zu sein, und da wurde der Streif sichtbar, wie das alte »Mene Tekel Upharsin« an der Mauerwand. Ich wunderte mich natürlich nicht, daß Mrs. Steerforth große Stücke auf ihren Sohn hielt. Es war, als ob sie von nichts anderm denken und sprechen könnte. Sie zeigte mir sein Bild als kleines Kind, in einem Medaillon mit seinem Haar; sie zeigte mir sein Bild, aus der Zeit, wo ich ihn zuerst kennen gelernt hatte, und sie trug sein Bild, wie er jetzt war, auf ihrer Brust. ^ Alle Briefe, die er ihr geschrieben hatte, verwahrte sie in einem Schränkchen neben ihrem Platz am Kamin, und sie würde mir daraus vorgelesen haben, und ich hätte sie gern gehört, wenn er nicht Einspruch getan und es ihr ausgeredet hätte. »Mein Sohn sagte mir, Sie wären bei Mr. Creakle mit ihm bekannt geworden«, sagte Mrs. Steerforth, als wir uns beide miteinander an dem einen Tisch unterhielten, während der Sohn mit Miß Turtle an einem andern Tisch Puff spielte. »Ich kann mich aus jener Zeit erinnern, daß er mir von einem jungen Schüler erzählte, an dem er Gefallen gefunden hätte, aber wie Sie sich leicht denken können, ist mir Ihr Name nicht erinnerlich geblieben.« »Er benahm sich damals sehr schön und edel gegen mich, Madame,« antwortete ich, »und ich war eines solchen Freundes sehr bedürftig. Ich wäre ohne ihn ganz unterdrückt worden.« »Er benimmt sich immer schön und edel«, meinte Mrs. Steerforth mit Stolz. Ich sagte dazu von ganzem Herzen »ja«, Gott weiß es. Sie fühlte das; denn ihr vornehmes Wesen fing etwas an nachzulassen, außer wenn sie von ihrem Sohne sprach, wobei sie stets eine stolze Miene annahm. »Es war eigentlich keine passende Schule für meinen Sohn; durchaus nicht! Aber es kamen damals bei der Wahl besondere Umstände in Betracht. Meines Sohnes feuriger Geist machte es notwendig, daß er mit einem Manne zusammenkam, der seine Überlegenheit fühlte, und sich vor ihm beugte, und wir fanden dort einen solchen Mann.« Ich wußte das, weil ich den Kerl kannte. Und dennoch verachtete ich ihn deshalb nicht noch mehr, sondern hielt es eher für einen Zug, der manches gut machte – wie es überhaupt ein Milderungsgrund war, daß er einem so unwiderstehlichen Menschen wie Steerforth nicht widerstehen konnte. »Die großen Fähigkeiten meines Sohnes«, fuhr sie in ihrem mütterlichen Stolze fort, »wurden von freiwilligem Wetteifer und selbstbewußtem Stolze angestachelt. Er würde sich gegen jeden Zwang empört haben; aber er war der Herr in der Schule, und war fest entschlossen, sich seines Platzes würdig zu machen. Es sah ihm ganz ähnlich.« Ich stimmte dem aus vollstem Herzen bei. »Mein Sohn sagte mir, daß Sie ihn, Mr. Copperfield, förmlich verehrt haben, und daß Sie ihn gestern, als Sie ihn trafen, mit Freudentränen im Auge anredeten. Es würde Heuchelei sein, wenn ich mich überrascht stellen sollte, daß mein Sohn solche Gemütsbewegungen veranlassen könnte, aber ich kann gegen eine Person, die seine Verdienste so tief fühlt, nicht gleichgültig sein, und es freut mich außerordentlich, Sie hier zu sehen, und ich kann Sie versichern, daß er Gefühle ungewöhnlicher Freundschaft für Sie hegt, und daß Sie sich auf seinen Schutz immer werden verlassen können.« Miß Dartle trieb das Puffspiel mit demselben Eifer wie alles andere. Wenn ich sie das erstemal am Spielbrette gesehen hätte, so müßte ich denken, daß sie selbst mager und ihre Augen groß geworden wären durch die Ausschließlichkeit mit dieser Beschäftigung. Aber ich müßte mich sehr irren, wenn sie nur ein Wort des eben berichteten Gesprächs verlor, oder einen der Blicke, mit denen ich freudeerfüllt zuhörte, und mich, geehrt durch das Vertrauen von Mrs. Steerforth, älter fühlte, als es mir seit Canterbury widerfahren war. Als der Abend ziemlich weit vorgerückt war, und ein Präsentierbrett mit Gläsern und Flaschen erschien, versprach Steerforth, am Kamin sitzend, daß er ernstlich an die Reise nach Yarmouth denken wolle. Es sei aber keine Eile dabei, meinte er: in einer Woche sei es auch noch Zeit genug; seine Mutter sagte gastfreundlich dasselbe. Während des Gesprächs nannte er mich mehr als einmal Blümchen, was Miß Dartle wieder zu einer Demonstration veranlaßte. »Aber wirklich, Mr. Copperfield,« fragte sie, »ist das ein Spitzname? Und warum nennt er Sie so? – Vielleicht – vielleicht – weil er Sie für jung und für sehr unerfahren hält? Ich bin so unwissend in solchen Sachen.« Ich wurde rot, als ich antwortete: »Ich glaube, Sie haben recht.« »Oh!« sagte Miß Dartle. »Jetzt freut's mich, daß ich es weiß! Ich erbitte immer nur Auskunft, um mich zu belehren, und es freut mich, daß ich es weiß! Er hielt Sie für jung und unerfahren; und Sie sind also sein Freund, das ist ja ganz herrlich!« Sie ging bald darauf zu Bett, und Mrs. Steerforth folgte ihrem Beispiel. Nachdem Steerforth und ich noch eine halbe Stunde am Feuer gesessen, und von Traddles und den übrigen alten Erinnerungen aus Salemhaus geplaudert hatten, gingen wir zusammen hinauf. Das Zimmer von Steerforth stieß an das meinige, und ich trat hinein, um es mir anzusehen. Es war ein wahres Muster von Komfort, voller Lehnstühle, Kissen und Fußschemel, von seiner Mutter mit Stickereien und mit allem, was man nur verlangen konnte, ausgestattet. Ihr hübsches Gesicht sah von der Wand herab auf ihren Liebling, als wenn es noch ein Genuß für sie wäre, ihn im Bildnisse während seines Schlummers zu überwachen. Ein helles Feuer brannte jetzt in meinem Zimmer, und die vor den Fenstern und um das Bett gezogenen Gardinen gaben ihm ein sehr behagliches Ansehen. Ich nahm in einem großen Lehnstuhl vor dem Kamin Platz, um über mein Glück nachzudenken, und hatte mich eine Zeitlang in diesen Genuß versenkt, als ich bemerkte, daß ein Porträt Miß Dartles mit forschendem Blick vom Kaminsims auf mich herabsah. Das Bildnis erschreckte mich ordentlich, so sprechend ähnlich war es. Der Maler hatte die Narbe vergessen, ich aber ergänzte sie, und da war sie, bald hervortretend und bald verschwindend, jetzt auf die Oberlippe beschränkt, wie ich sie bei Tisch gesehen, und jetzt wieder, wie sie der Hammer geschlagen hatte, in ganzer Länge dunkelfarbig erscheinend, wenn ihre Trägerin zornig war. Ich ärgerte mich darüber, daß man sie gerade in meiner Stube untergebracht hatte. Um sie loszuwerden, entkleidete ich mich rasch, löschte das Licht aus und ging zu Bett. Aber während ich im Einschlafen begriffen war, konnte ich nicht vergessen, daß sie mich immer forschend ansah. »Ist's wirklich so? Ich möchte es gern wissen«; so hörte ich ihr ewiges Gefrage, und als ich mitten in der Nacht aufwachte, merkte ich, daß ich im Traume allerlei Leute unruhig gefragt hatte, ob es wirklich so sei oder nicht – ohne zu wissen, was ich meinte. Einundzwanzigstes Kapitel. Die kleine Emilie. In dem Hause von Steerforths Mutter war ein Bedienter angestellt, wie ich hörte, gewöhnlich im Dienst des jungen Herrn und von ihm auf der Universität in Dienst genommen. Dem Äußern nach war er ein Muster von Respektabilität. Ich glaube nicht, daß es jemals in solcher Stellung einen respektabler aussehenden Mann gegeben hat. Er war wortkarg, von leisem Tritt, sehr still in seinem Wesen, ehrerbietig, aufmerksam, immer bei der Hand, wenn er gebraucht, und nie im Wege, wenn er nicht gebraucht wurde: aber sein Hauptanspruch auf Beachtung war seine Respektabilität. Er hatte dabei kein bewegliches Gesicht und sogar einen ziemlich steifen Nacken; einen runden glatten Kopf mit kurzem, aber an den Schläfen dicht anliegendem Haar, eine sanfte Stimme und eine eigentümliche Art, den Buchstaben S so deutlich zu lispeln, daß er ihn öfter zu gebrauchen schien als jeder andere Mensch; aber jede Eigentümlichkeit, die er hatte, wurde durch ihn respektabel. Wenn seine Nase verkehrt gestanden hätte, so hätte bei ihm auch diese Eigentümlichkeit respektabel ausgesehen. Er umgab sich mit einer wahren Atmosphäre von Respektabilität, und ging sicher in ihr einher. Es wäre ganz unmöglich gewesen, ihm wegen dieser seiner Respektabilität etwas Unrechtes zuzutrauen. Niemand hätte es gewagt, ihn in eine Livree zu stecken, so ungemein respektabel sah er aus. Ihm eine niedrige Arbeit zuzumuten, hätte eine mutwillige Verletzung der Gefühle eines hochachtbaren Mannes bedeutet, und wie ich merkte, empfanden das die weiblichen Dienstboten im Hause unwillkürlich, denn sie besorgten derartige Arbeiten selbst, während er dabei am Kamin der Schrankstube die Zeitung las. Ein so zurückhaltender Mann war mir noch nie vorgekommen. Aber durch diese, wie durch jede andere seiner Eigenschaften, erschien er nur um so respektabler. Selbst der Umstand, daß niemand seinen Taufnamen kannte, schien zur Hebung seiner Respektabilität beizutragen. Gegen seinen Zunamen Littimer, mit dem er gerufen wurde, war nichts einzuwenden. »Peter« konnte gehängt oder »Tom« deportiert worden sein, aber »Littimer« klang höchst respektabel. Ich glaube, es rührte von der Ehrfurcht einflößenden Natur der Respektabilität als Begriff her, daß ich mich diesem Manne gegenüber so außerordentlich knabenhaft fühlte. Wie alt er selbst war, konnte ich nicht erraten – und das kam ihm wieder in derselben Hinsicht zu gute; denn in der ruhigen Haltung seiner Respektabilität hätte er ebensogut 50 wie 30 Jahr alt sein können. Littimer brachte mir morgens, ehe ich aufstand, das vorwurfsvolle Rasiermesser und meine Kleider in das Zimmer. Als ich die Gardinen zurückzog und zum Bett hinausblickte, sah ich ihn, wie er in einer gleichmäßigen Respektabilitätstemperatur, ungerührt von dem winterlichen Ostwinde, und nicht einmal fröstelnd aufatmend, meine Stiefel in die erste Position der Tanzkunst stellte, die Stäubchen von meinem Rock blies und ihn so zärtlich hinlegte, als wäre es ein Wickelkind. Ich wünschte ihm guten Morgen und fragte, welche Zeit es sei. Er zog eine höchst respektable Savonetteuhr aus der Tasche, drückte nur so wenig an der Feder, daß sich der Deckel nur so wenig öffnete wie eine Austernschale und sah von der Seite nach dem Zifferblatt hinein, als ob er ein orakelkündendes Wesen zu Rate zöge, klappte sie wieder zu und sagte: »Wenn es beliebt, es ist halb neun Uhr. – Mr. Steerforth wird sich freuen, zu hören wie Sie geruht haben, Sir«, setzte er hinzu. »Ich danke Ihnen,« antwortete ich, »vortrefflich. Befindet sich Mr. Steerforth auch wohl?« »Ich danke Ihnen, Sir, Mr. Steerforth befindet sich leidlich wohl.« Wieder eine seiner Eigenschaften: – er machte keinen Gebrauch von Superlativen. Immer einen kühlen ruhigen Mittelweg. »Könnte ich die Ehre haben, noch etwas für Sie zu tun, Sir? Die Frühstücksglocke läutet um neun Uhr; gefrühstückt wird halb zehn.« , »Ich danke Ihnen; es ist schon gut«, sagte ich. , »Ich danke Ihnen, wenn Sie erlauben«, erwiderte er; und damit und mit einer leichten Verbeugung, als er vor meinem Bett vorbeiging, wie wenn er für seine Berichtigung um Verzeihung bitten wollte, ging er hinaus, wobei er die Tür so leise und vorsichtig zumachte, als ob ich eben in einen süßen Schlummer gesunken wäre, von dem mein Leben abhing. Jeden Morgen fand dasselbe Gespräch zwischen uns statt: niemals mehr, und niemals weniger; und dennoch, so weit ich mich infolge von Steerforths Gesellschaft, oder Mrs. Steerforths Vertrauen, oder Miß Dartles Unterhaltung während der Nacht über mich selbst erhoben hatte, oder dem reifen Alter näher gekommen zu sein glauben mochte –, diesem höchst respektabeln Manne gegenüber wurde ich, wie unsere Dichter sagen, wieder zum Kind. Er besorgte uns Pferde, und Steerforth, der alles konnte, gab mir Reitstunde. Littimer besorgte uns Floretts, und Steerforth lehrte mich das Fechten; er besorgte Handschuhe, und ich begann bei demselben Lehrmeister meine Lektion im Boxen. Es verletzte mich nicht, daß ich Steerforth gegenüber als ein Neuling in allen diesen Wissenschaften erschien, aber nie konnte ich mich entschließen, meinen Mangel an Geschicklichkeit vor diesem respektabeln Littimer zu zeigen. Ich hatte zwar keinen Grund zu glauben, daß Littimer selbst etwas von diesen Künsten verstand, auch nicht durch ein Zucken seiner respektabeln Augenlider ließ er so etwas ahnen: aber so wie er da war, wenn ich mich übte, kam ich mir wie der unerfahrenste und ungeschickteste aller Sterblichen vor. Ich habe länger bei diesem Manne verweilt, weil er damals einen besondern Eindruck auf mich machte, und wegen späterer Ereignisse. Die Woche verstrich in der angenehmsten Weise. Wie sich leicht denken laßt, verging sie mir in meinem Entzücken sehr schnell; und doch gab sie mir so viele Gelegenheiten, Steerforth besser kennen zu lernen, und ihn aus tausend Gründen noch mehr zu bewundern, daß mir an ihrem Schluß die Zeit viel länger gewesen zu sein schien. Seine ungenierte, aber liebenswürdige Weise, mich wie ein Spielzeug zu behandeln, war mir angenehmer als jedes andere Benehmen, das er gegen mich hatte zeigen können. Es erinnerte mich an die Zeit unserer früheren Bekanntschaft, es erschien als die natürliche Folge davon. Auch zeigte er mir, daß er noch ganz der alte war, und er enthob mich der Sorge, die ich sonst vielleicht gefühlt hätte, meine geringen Verdienste mit den seinen zu vergleichen und meine Ansprüche auf seine Freundschaft mit gleichem Maßstabe messen zu wollen. Vor allem aber war es ein traulicher, ungezwungener, liebevoller Ton, den er gegen niemand sonst anschlug. Wie er mich auf der Schule anders als alle übrigen behandelt hatte, so glaubte ich beglückt, würde er jetzt zu mir auch anders wie zu irgend einem andern Freunde sein. Ich glaubte, daß ich seinem Herzen näher als jeder andere Freund stände, und mein eignes Herz ergab sich ihm in warmer Zuneigung. Er entschloß sich mit mir in die Provinz zu gehen, und der Tag unserer Abreise erschien. Lange wußte er nicht, ob er Littimer mitnehmen sollte oder nicht, aber zuletzt beschloß er ihn dazulassen. Der respektable Mann, zufrieden mit seinem Geschick, wie es immer ausfallen mochte, befestigte unsere Koffer auf dem kleinen Wagen, der uns aus London bringen sollte, als wären sie bestimmt, dem Sturm der Jahrhunderte zu trotzen, und nahm meine bescheiden dargebotene Erkenntlichkeit in vollkommener Seelenruhe hin. Wir nahmen von Mrs. Steerforth und Miß Dartle mit vielen Danksagungen von meiner Seite, und vielen Freundschaftsbezeugungen von der Mutter, Abschied. Das letzte, was ich sah, war Littimers unerschütterlicher Blick, in dem ich die schweigende Begutachtung las, daß ich doch noch sehr jung sei. Meine Empfindungen bei einer so glücklichen Rückkehr zu der alten trauten Umgebung will ich nicht zu beschreiben versuchen. Nach Yarmouth nahmen wir Post. So sehr lag mir die Ehre der Stadt am Herzen, daß ich sehr erfreut war, als Steerforth, wie wir durch die dunkeln Straßen nach dem gewohnten Gasthofe »zum Delphin« fuhren, sagte, es schiene ihm ein gutes, närrisches, abgelegenes Nest zu sein, soweit er sehen könnte. Wir begaben uns nach Ankunft zu Bett, nachdem ich vor meiner ehemaligen Zimmertür ein Paar schmutzige Stiefel mit Gamaschen hatte stehen sehen, und frühstückten zu einer späten Stunde des Morgens. Steerforth, der sehr aufgeräumt war, hatte schon vorher einen Spaziergang am Strande gemacht, und war schon, wie er sagte, mit der Hälfte der Fischerbevölkerung bekannt geworden. Außerdem war er sicher, in der Ferne Mr. Peggottys Haus mit dampfenden Essen gesehen zu haben; er hätte große Lust gehabt, hineinzugehen und sich als Copperfield vorzustellen und zu beteuern, daß ich mich nur so gänzlich verändert hätte, »Wann wirst du mich dort einführen, Blümchen?« sagte er. »Ich stehe ganz zu deiner Verfügung. Richte es ganz nach deinem Belieben ein.« »Hm, Steerforth, ich glaube, heute abend wäre eine gute Zeit, wenn sie alle um das Feuer sitzen. Wir müssen hingehen, wenn sie sich alle gemütlich eingerichtet haben, und damit du den Raum recht behaglich findest.« »Gut!« sagte Steerforth. »Heute abend also.« »Ich werde ihnen nichts von unserem Hiersein verraten«, bemerkte ich ganz erfreut. »Wir müssen sie überraschen.« »Natürlich!« sagte Steerforth. »Es wäre kein Spaß dabei, wenn wir sie nicht überraschten. Wir müssen die Eingebornen in ihrem Naturzustande sehen.« »Wenn sie auch nur › solche Art Leute ‹ sind, wie du dich ausdrücktest!« »Haha! Du meinst mein Scharmützel mit Rosa!« sagte er und sah mich scharf an. »Zum Kuckuck mit dem Frauenzimmer; manchmal habe ich beinahe Angst vor ihr. Sie kommt mir wie ein Kobold vor. Aber nichts mehr von ihr! – Was willst du denn anfangen? Du wirst natürlich zuerst deine Kinderfrau sehen wollen?« »Ja,« sagte ich, »Peggotty muß ich vor allen Dingen sehen.« Steerforth sah nach der Uhr. »Sehen wir den Fall: ich lasse dich auf zwei Stunden fort, daß du dich bei ihr ausweinen kannst, Würde das genug sein?« Ich erwiderte lachend, daß ich glaubte, in dieser Zeit damit fertig zu werden, machte ihm die genauesten Angaben, um die Wohnung von Mr. Barkis, Fuhrmann nach Blunderstone und andern Orten aufzufinden, und ging dann allein aus. Die Luft war kalt und frisch, der Erdboden hart und trocken, auf dem Meere glänzten kurze krause Wellen; die Sonne goß viel Licht, doch wenig Wärme über die Umgebung aus, und alles war munter und frisch. Ich war selbst so frisch und freudig angeregt in dem Gedanken, wieder hier zu sein, daß ich die fremden Leute auf der Straße hätte anreden und ihnen die Hand geben mögen. Die Straßen kamen mir natürlich eng und schmal vor, und die Häuser klein und niedrig, wie es wohl immer der Fall ist, wenn wir in reiferm Alter die Umgebung unserer Kinderjahre wiedersehen. Aber ich hatte nichts davon vergessen und fand nichts verändert, bis ich an Mr. Omers Laden kam. Omer und Joram hieß es jetzt, wo früher Omer gestanden hatte; aber die Firma Tuchhändler, Schneider, Putz- und Mützenmacher, Leichenbesorger usw. prangte noch in unverminderter Vollständigkeit am Hause. Meine Schritte schienen sich, nachdem ich die Firma gelesen hatte, so natürlich dem Laden zuzuwenden, daß ich über die Straße ging und hineinsah. Im Hintergrunde des Ladens erblickte ich eine hübsche Frau, die ein kleines Kind in ihren Armen schaukelte, während sich ein zweites, etwas größeres, an ihre Schürze klammerte. Unschwer erkannte ich Minnie und ihre Kinder. Die Glastür des Hinterzimmers stand nicht offen, aber aus dem Arbeitsschuppen quer über dem Hofe konnte ich in gedämpften Tönen die alte Weise hören, als ob sie nie aufgehört hätte. »Ist Mr. Omer zu Hause?« fragte ich, indem ich in den Laden trat. »Ich möchte ihn einen Augenblick sprechen.« »O ja, Sir, er ist zu Hause,« sagte, Minnie, »bei solchem Wetter erlaubt ihm sein Asthma nicht auszugehen. Joe, rufe den Großvater.« Der kleine Kerl, der sich an ihrer Schürze festhielt, setzte seine Lunge so wacker in Tätigkeit, daß er sich selbst darüber schämte und sein Gesichtchen in ihrem Kleide versteckte, während die Mutter stolz auf ihn herniedersah. Jetzt hörte ich ein Keuchen und Husten näher und näher kommen, und bald stand Mr. Omer vor mir, kurzatmiger, aber nicht viel älter aussehend als ehedem. »Dienerchen, Sir«, sagte M. Omer. »Was wünschen Sie von mir, Sir?« »Eine Hand, Mr. Omer, wenn es Ihnen gefällig ist«, sagte ich und bot ihm die meine. »Sie waren einmal sehr gütig gegen mich, und ich glaube nicht, daß ich damals meine Erkenntlichkeit gebührend an den Tag legte.« »War ich das gegen Sie?« erwiderte der Alte. »Freut mich, das zu hören; kann mich aber nicht darauf besinnen. Wissen Sie es auch ganz gewiß, daß gerade ich es gewesen bin?« »Ganz gewiß.« »Ich glaube, mein Gedächtnis wird so kurz wie mein Atem,« sagte Mr. Omer und sah mich kopfschüttelnd an, »denn ich kann mich nicht auf Sie besinnen.« »Können Sie sich nicht erinnern, wie Sie auf meine Ankunft mit der Eilkutsche warteten, wie ich dann hier frühstückte, und wie ich mit Ihnen nach Blunderstone fuhr – mit Ihnen, mit Mrs. Joram und mit Mr. Joram, der damals Ihre Tochter noch nicht geheiratet hatte?« »Ach du lieber Himmel!« rief Mr. Omer, nachdem ihm die Überraschung einen Hustenanfall zugezogen hatte, »ist das wirklich wahr? Liebe Minnie, weißt du es noch? Mein Gott, ja – es war für eine Dame, glaube ich?« »Für meine Mutter«, gab ich zur Antwort. »Wahr–haf–tig,« sagte Mr. Omer und tupfte mich mit dem Zeigefinger auf die Weste, »und ein kleines Kind war auch dabei. Sie wurden miteinander begraben. Drüben in Blunderstone war's, ganz recht. O Gott, o Gott! Und wie haben Sie sich seitdem befunden?« »Ganz gut«, sagte ich, und hoffte, daß es mit ihm eben so gewesen sei. »Nu, ich hätte nicht besonders zu klagen«, sagte Mr. Omer. »Mein Atem wird kurz; er wird aber selten länger mit den Jahren. Ich nehme es so hin und schicke mich darein, wie es geht. Das ist das beste, nicht wahr?« Mr. Omer hustete wieder infolge seines Lachens, und seine Tochter, die jetzt neben ihm stand, und das kleinste Kind auf den Ladentisch gestellt hatte, klopfte ihm auf den Rücken, bis er sich wieder erholt hatte. »Mein Gott!« sagte Mr. Omer. »Ja wahrhaftig. Zwei Leichen! Auf derselben Fahrt Sie können mir's glauben, wurde der Hochzeitstag für meine Minnie festgesetzt. »Bestimmen Sie ihn Sir«, sagte Joram. »Ja, bitte, Vater, tue es«, sagte Minnie. Und jetzt ist er mit im Geschäft. Und sehen Sie einmal her! Das Jüngste!« Minnie lachte und strich sich das Haar an den Schläfen glatt, wie ihr Vater jetzt einen sehr fetten Finger dem Kinde gab, das sie auf dem Ladentisch tanzen ließ. »Zwei Leichen, natürlich!« sagte Mr. Omer und nickte mit dem Kopfe, seinen Erinnerungen nachgehend. »Ganz richtig! Und Joram arbeitet jetzt gerade an einem grauen mit silbernen Nägeln, noch nicht das Maß« – er meinte das Maß des tanzenden Kindes auf dem Ladentisch, – »es fehlen noch mehr als zwei Zoll. Wollen Sie etwas genießen?« Ich lehnte dankend ab. »Warten Sie einmal,« sagte Mr. Omer »– Barkis, dem Votenfuhrmann seine Frau, Peggotty, dem Schiffer seine Schwester – hatte sie nicht etwas mit Ihrer Familie zu tun? War sie nicht bei Ihnen in Diensten?« Meine bejahende Antwort gereichte ihm sehr zur Befriedigung. »Ich glaube wahrhaftig, mein Atem Wird nächstens auch besser, denn mein Gedächtnis ist stärker geworden«, sagte Mr. Omer. »Denken Sie sich, Sir, wir haben bei uns hier in der Lehre eine junge Verwandte von ihr, die einen so feinen Geschmack im Putzmachen hat – ich glaube, keine Herzogin in ganz England nimmt es mit ihr auf.« »Doch nicht die kleine Emilie«, sagte ich unwillkürlich. »Emilie heißt sie,« sagte Mr. Omer, »und klein ist sie auch. Aber ich sage Ihnen, ein Lärvchen hat sie, daß die Hälfte der Weibsen in Yarmouth ganz wütend auf sie ist.« »Dummes Zeug, Vater!« rief Minnie. »Meine Liebe,« sagte Mr. Omer, »ich meine dich nicht mit« – er warf mir dabei einen schlauen Seitenblick zu – »ich sagte ja auch nur › die Hälfte ‹ der Weibsen von Yarmouth – und fünf Meilen in der Runde.« »Dann hätte sie sich nicht überheben sollen, Vater,« sagte Minnie, »und den Leuten keinen Anlaß geben von ihr zu reden, und sie hätten es nicht tun können.« »Hätten es nicht tun können!« entgegnete Mr. Omer, »hätten es nicht tun können! Ist das deine Lebenserfahrung? Was könnte ein Weibsen nicht tun, wenn es sich um das hübsche Gesicht einer andern handelt?« Ich glaubte wirklich, es sei mit Mr. Omer vorbei, als er diesem Spaß Worte gegeben hatte. Er hustete so stark, und sein Atem entzog sich so sehr allen Bemühungen, ihn wieder zu erlangen, daß ich in der Tat erwartete, seinen Kopf hinter dem Ladentisch verschwinden und seine kleinen schwarzen Beine mit den halbverschossenen Kniebändern im letzten Todeskampf emporzappeln zu sehen. Endlich erholte er sich wieder, keuchte aber immer noch sehr und war so erschöpft, daß er sich auf den Schemel vor dem Ladenpulte setzen mußte. »Sehen Sie,« sagte er, indem er sich die Glatze abtrocknete und schwer aufatmete, »sie hat sich hier an niemand angeschlossen, sie hat weder Bekannte noch Freunde gesucht; geschweige denn Liebsten. Natürlich klatschten gleich böse Zungen, Emilie wolle die vornehme Dame spielen. Nun meine ich, das Gerede entstand nur, weil sie manchmal in der Schule gesagt hatte, wenn sie eine vornehme Dame sei, wolle sie deshalb das oder jenes für ihren Onkel tun – verstehen Sie? oder ihm dies oder jenes kaufen.« »Das hat sie mir tausendmal gesagt, als wir noch beide Kinder waren«, bestätigte ich voll Eifer. Mr. Omer nickte mit dem Kopfe und rieb sich das Kinn. »Ganz recht. Dann verstand sie es, sich mit sehr geringen Mitteln viel besser zu kleiden als andere mit großem Aufwand, und das machte die Sache schlimm. Außerdem war sie, was manche Leute launenhaft nennen wollen – ich will sagen, was ich launenhaft nennen würde – wußte nicht recht, was sie wollte – ein wenig verzogen, und konnte sich nicht recht in anderer Leute Willen schicken. Mehr kann nicht gegen sie gesagt werden, Minnie?« »Nein, Vater«, sagte Mrs. Joram. »Nichts Schlimmeres, glaube ich.« »Als sie daher eine Stelle bekam und einer alten verdrießlichen Dame Gesellschaft leisten sollte, so vertrug sie sich nicht mit ihr und blieb nicht. Endlich kam sie zu uns auf drei Jahre in die Lehre. Zwei davon sind beinahe vorbei, und sie hat sich so gut gehalten wie kein anderes Mädchen. Sie ist sechs andere wert! Minnie, ist sie nicht sechs andere wert?« »Ja, Vater«, erwiderte Minnie. »Ich werde ihr niemals etwas Unrechtes nachsagen!« ' »Sehr gut«, sagte Mr. Omer. »So ist's recht. Und so, junger Herr,« sagte er, nachdem er sich noch ein Weilchen das Kinn gerieben hatte, »damit Sie mich nicht für eben so langatmig wie kurzatmig halten, höre ich auf, weil ich nichts mehr zu sagen habe.« Da sie das ganze Gespräch in leisem Tone gefühlt hatten, so bezweifelte ich nicht, daß Emilie in der Nähe sei. Als ich jetzt fragte, ob dies dei Fall sei, nickte Mr. Omer bejahend und deutete nach der Tür des Hinterstübchens. Meiner eiligen Frage, ob ich einen Blick hineinwerfen dürfe, wurde keine Einwendung entgegengehalten, und ich sah sie, indem ich durch die Glasscheibe blickte, bei ihrer Arbeit sitzen. Ich sah sie, ein wunderliebes kleines Wesen, die blauen klaren Augen, die einst in mein kindliches Herz geblickt hatten, jetzt lachend einem von Winnies Kindern zugewandt, das in ihrer Nähe spielte. Es lag Mutwillen genug in dem hübschen Gesicht, um zu rechtfertigen, was ich von ihr gehört hatte, aber nichts, was nicht von Reinheit und Glück sprach und auf einen guten und glücklichen Wandel deutete. Die Weise vom Hofe drüben, die nie aufgehört zu haben schien – ach, es war ja auch die Weise, die auf Erden niemals aufhört – summte leise die ganze Zeit über. »Wollen Sie nicht hineingehen und mit ihr sprechen?« sagte Mr. Omer. »Gehen Sie hinein und sprechen Sie mit ihr, Sir! Tun Sie, als ob Sie zu Hause wären.« Ich war zu blöde, um der Aufforderung zu folgen – ich fürchtete, sie in Verlegenheit zu setzen und selbst verlegen zu erscheinen; aber ich erkundigte mich nach der Stunde ihres Fortgehens, um die Zeit unseres Besuchs bei ihren Verwandten danach, einzurichten, und nahm Abschied von Mr. Omer und seiner hübschen Tochter und ihren Kindern, um mich zu meiner guten alten Peggotty zu begeben. Da stand sie in der mit Ziegelsteinen gepflasterten Küche und kochte das Essen! Auf mein Klopfen machte sie mir die Tür auf und fragte, was ich wünsche. Ich sah sie mit einem Lächeln an, aber sie gab das Lächeln nicht zurück; ich hatte nie aufgehört ihr zu schreiben, aber es mußten sieben Jahre sein, daß wir uns nicht gesehen hatten. »Ist Mr. Barkis zu Hause?« fragte ich mit angenommener rauher Stimme. »Er ist zu Hause, Sir,« erwiderte Peggotty, »aber er liegt zu Bett, weil er so arges Reißen hat.« »Fährt er noch nach Blunderstone?« »Wenn er das Bett verlassen kann«, gab sie zur Antwort. »Fahren Sie manchmal hinüber, Mrs. Barkis?« Sie betrachtete mich aufmerksamer, und ich bemerkte ein rasches Gegeneinanderbewegen ihrer Hände. »Weil ich mich nach einem Hause dort erkundigen möchte, das sie – hm – ja – Krähenhorst nennen«, sagte ich. Sie trat einen Schritt zurück und streckte in Ungewissem Bangen ihre Hände vor sich aus, als wollte sie mich fern halten. »Peggotty!« rief ich endlich. Sie rief: »Mein Herzensjüngchen«, und wir brachen beide in Tränen aus und lagen uns in den Armen. Welche Torheiten sie beging, wie sie abwechselnd lachte und weinte, welchen Stolz, welche Freude sie an den Tag legte, wie sie beklagte, daß sie, deren Stolz und Freude ich hätte sein können, mich nie zärtlich an die Brust hatte schließen können – das kann ich nicht über das Herz bringen zu sagen. Mich quälte nicht der Zweifel, ob es nicht allzu kindlich sei, auf ihre Empfindungen einzugehen. Ich habe nie so von Herzen als an diesem Morgen gelacht und geweint – selbst vor ihr nicht. »Wie wird sich Barkis freuen,« sagte Peggotty und wischte sich die Augen mit der Schürze, »daß es ihm mehr helfen wird als ganze Töpfe voll Salbe. Soll ich ihm sagen, daß du hier bist? Willst du zu ihm mit hinauf kommen, liebes Kind?« Natürlich war ich ganz damit einverstanden. Aber Peggotty kam nicht so leicht fort, als sie glaubte, denn so oft sie die Tür erreicht hatte und sich nach mir umsah, kehrte sie wieder um, um mir noch einmal lachend und weinend um den Hals zu fallen. Endlich, um die Sache abzukürzen, begleitete ich sie hinauf, und trat, nachdem ich draußen ein wenig gewartet hatte, um ihr Zeit zu geben, Mr. Barkis auf mein Kommen vorzubereiten, in das Zimmer des Kranken, ' Er empfing mich mit unverhohlener Begeisterung. Er war zu gichtisch, um sich die Hand schütteln zu lassen, aber er bat mich, dafür die Troddel an seiner Zipfelmütze zu schütteln, was ich mit großer Herzlichkeit tat. Als ich neben seinem Bette Platz nahm, sagte er, es täte ihm ordentlich wohl, daß ich da sei, und ihm wäre, als ob – – er mich wieder im Botenwagen nach Blunderstone fahre. Wie er so dalag, die Augen gegen die Decke gelichtet und so zugedeckt, daß man nur das Gesicht sah, nahm er sich höchst wunderlich aus: etwa wie ein aus dichten Wolken lugender Cherub. »Was für einen Namen schrieb ich damals im Wagen an, Sir?« fragte Mr. Barkis mit einem mühsamen Lächeln. »Ach, Mr. Barkis, wir hatten eine wichtige Unterhaltung über diese Angelegenheit, nicht wahr!« sagte ich. »War ich nicht lange Zeit willens, Sir!« sagte Mr. Barkis. »Lange Zeit«, gab ich zur Antwort. »Und ich bereue es nicht«, sagte Mr. Barkis. »Besinnen Sie sich noch, wie Sie mir einmal erzählten, daß sie alle Apfeltorten machte und das Kochen besorgte?« »O, recht gut«, bestätigte ich. »Es war so wahr wie Kohlrüben,« sagte Mr. Barkis und schüttelte die Nachtmütze als einzige für ihn mögliche Bekräftigung, »so wahr wie Steuernzahlen! Und nichts ist so wahr wie die.« Mr. Barkis wendete seine Augen mir zu, als ob er von mir eine Beistimmung erwartete, und ich gab sie ihm zu erkennen. »Nichts ist so wahr und wirklich wie Steuernzahlen,« wiederholte Mr. Barkis, »ein so armer Mann, wie ich bin, findet das heraus, wenn er zu liegen kommt, und ich bin ein sehr armer Mann, Sir.« »Das tut mir sehr leid, Mr. Barkis.« »Ein sehr armer Mann, Sir, das versichere ich Sie«, wiederholte Mr. Barkis. Er brachte jetzt langsam seine Hand unter der Bettdecke hervor, und ergriff nach längerem Hin- und Hertappen einen Stock, der neben dem Bette hing. Damit tastete er eine Weile unter dem Bett herum, währenddem sich sein Gesicht vor Schmerz auf die seltsamste Weise verzog, und traf endlich auf ein Kistchen, von dem ich längst ein Ende unter dem Bett vorlugen gesehen hatte. Dann glätteten sich seine Züge wieder. »Alte Kleider«, meinte Mr. Barkis. »So?« erwiderte ich. »Ich wollte, es wäre Geld, Sir«, sagte Mr. Barkis. »Ich wünschte es Ihnen auch«, gab ich ihm zur Antwort. »Aber es ist keins drin«, sagte Mr. Barkis und sperrte seine Augen so weit wie möglich auf. Ich versicherte ihm, daß ich dies vollkommen glaube, und Mr. Barkis fuhr fort, indem er seine Frau mit sanfteren Augen ansah: »Sie ist das nützlichste und beste aller Weiber, C. P. Barkis. Alles Lob, was man der C. P. Barkis nachsagen kann, verdient sie und noch mehr! Meine Liehe, du wirst heute für Gäste kochen: was Gutes zu essen und zu trinken, nicht wahr?« Ich hätte gegen diesen unnötigen Empfang mir zu Ehren Einwand erhoben, wenn mir nicht Peggotty an der anderen Seite des Bettes Zeichen gemacht hätte, nichts zu sagen. So schwieg ich. »Ich muß hier irgendwo ein bißchen Geld haben, Frau«, sagte Mr. Barkis, »aber ich bin recht müde. Geh du fort mit Mr. David; will sehen, daß ich ein bißchen schlafen kann. Wenn ich aufwache, will ich sehen, ob ich's finde.« Seinem Verlangen Folge leistend, verließen wir das Zimmer. Als wir vor der Tür standen, erzählte mir Peggotty, daß Mr. Barkis, der noch genauer war als früher, stets zu dieser List seine Zuflucht nahm, bevor er ein einziges Geldstück aus seinem Schatz hervorholte, und daß er unsägliche Schmerzen erduldete, indem er ohne Beistand aus dem Bette kroch und das Geld aus dem unglücklichen Kasten holte. Wirklich hörten wir ihn jetzt drinnen jämmerlich stöhnen; aber während Peggottys Augen von Teilnahme für ihn feucht wurden, sagte sie zugleich, dieser Aufwand von Freigebigkeit werde ihm gut tun, und es sei besser, ihm nicht entgegenzutreten. So stöhnte er weiter, bis er wieder im Bett war, ohne Zweifel unsägliche Folterqualen, leidend; dann rief er uns herein und gab vor, eben von einem erquickenden Schlummer erwacht zu sein, und eine Guinee unter seinem Kopfkissen gefunden zu haben. Das Bewußtsein, uns so glücklich getäuscht und das undurchdringliche Geheimnis der Geldkiste vor uns bewahrt zu haben, schien ihn hinlänglich für die ausgestandenen Qualen zu entschädigen. Ich bereitete Peggotty auf die Ankunft von Steerforth vor, und er ließ nicht lange auf sich warten. Ich bin überzeugt, es war für sie kein Unterschied, ob er ein persönlicher Wohltäter von ihr oder ein Freund von mir war, und sie würde ihn in dem einen wie in dem andern Falle mit der größten Dankbarkeit und Ergebenheit aufgenommen haben, aber seine heitere, frische Laune, sein offenes, leutseliges Benehmen, sein hübsches Gesicht, seine Gabe, sich in jeden Menschen zu schicken, und, wenn er wollte, das herauszufinden, was dem, mit dem er sich unterhielt, am meisten am Herzen lag, gewannen sie in weniger als fünf Minuten. Schon sein Benehmen gegen mich würde ihm ihr Herz gewonnen haben. Aber aus allen diesen Ursachen zusammengenommen betrachtete sie ihn, glaube ich, mit einer Art Verehrung, ehe er uns für den Abend verließ. Er blieb mit mir zum Essen da: – wenn ich sagte bereitwillig, so würde ich nur unvollkommen seine freudige Beistimmung ausdrücken. Er kam in Mr. Barkis Zimmer wie Luft und Licht, und machte es frischer und heiterer, als ein gesundes Sommerwetter. Dabei tat er alles ohne Geräusch, ungezwungen und unabsichtlich, vielmehr mit einer unaussprechlichen Leichtigkeit, als könne er es gar nicht anders machen, oder habe gar nichts besseres zu tun; und diese Anmut war so natürlich und unwiderstehlich, daß sie mich noch jetzt in der Erinnerung berückt. Wir verbrachten unsere Zeit in dem kleinen Wohnzimmer, wo das Martyrologium, seit meiner Zeit unberührt, wie ehedem aufgeschlagen, auf dem Pult lag, und als ich jetzt seine schrecklichen Schildereien betrachtete, dachte ich wieder an die Empfindungen, die sie in mir erweckt hatten, aber ich fühlte sie nicht mehr. Als Peggotty erwähnte, was sie mein Zimmer nannte, daß es für mich als Schlafzimmer bereit sei, und daß sie hoffe, ich werde Gebrauch davon machen, da hatte ich kaum Zeit, Steerforth zögernd anzublicken, als er schon die ganze Sache wußte. »Natürlich«, sagte er. »Solange wir hier bleiben, schläfst du hier, und ich schlafe im Gasthof.« »Aber dich zu einer so weiten Reise zu bewegen, und sich dann von dir zu trennen, scheint mir schlechte Freundschaft zu sein, Steerforth«, wendete ich ein. »Aber mein Gott, wohin gehörst du von Rechts wegen!« sagte er. »Was will alles andere dagegen bedeuten?« Damit war es abgemacht. Er behielt alle seine angenehmen Eigenschaften bis zum letzten Augenblick, wo wir uns – es war um acht Uhr – nach Mr. Peggottys Boot auf den Weg machten! Ja, er wurde noch unwiderstehlicher, je weiter die Stunden vorrückten, denn ich dachte selbst damals und zweifle jetzt noch nicht daran, daß ihm das Gefühl des Erfolgs, bei seinem Wunsch zu gefallen, größeren Scharfblick verlieh und ihn um so leichter erreichen ließ, was er wünschte. Wenn mir damals jemand gesagt hätte, daß dies alles nur ein blendendes Spiel sei, das er nur der augenblicklichen Erregung wegen spiele, nur um seinen lebhaften Geist zu beschäftigen und rücksichtslos seine Überlegenheit geltend zu machen, daß er nur in leichtsinniger Verschwenderlaune gewinne, was ihm an und für sich wertlos sei und was er im nächsten Augenblick wieder wegwerfe, – ich sage, wenn irgend jemand gegen mich an jenem Abend eine solche Behauptung geäußert hätte, so möchte ich wissen, auf welche Weise sich meine Empörung Luft gemacht hätte! Wahrscheinlich wäre dadurch nur das romantische Gefühl von Treue und Freundschaft gesteigert worden – wenn das überhaupt noch möglich war – mit dem ich neben ihm über die dunkle winterliche Sandfläche dem Boot zuschritt. Der Wind heulte noch klagender um uns als an jenem Abend, wo ich zuerst über Mr. Peggottys Schwelle trat. »Eine unheimliche Gegend, nicht wahr, Steerforth!« sagte ich. »Unheimlich genug in der Nacht,« sagte er; »und die See brüllt, als ob sie nach uns hungerte. Liegt dort das Boot, wo das Licht schimmert.« »Das ist das Boot«, gab ich zur Antwort, »So ist es dasselbe, das ich heute früh sah. Ich hab's gleich herausgefunden, instinktiv glaub' ich.« Wir schwiegen, bis wir uns dem Lichte näherten, und gingen leise auf die Tür zu. Ich legte die Hand auf den Drücker, flüsterte Steerforth zu, sich in meiner Nahe zu halten und trat ein. Von draußen hatten wir ein Stimmengemurmel vernommen, und im Augenblick unseres Eintritts Händeklatschen; zu meinem großen Erstaunen rührte letzteres von der für gewöhnlich untröstlichen Mrs. Gummidge her. Aber Mrs. Gummidge war nicht allein ungewöhnlich aufgeregt. Mr. Peggotty, das Gesicht strahlend vor freudiger Befriedigung, und aus vollem Halse lachend, hatte seine kräftigen Arme geöffnet, wie um die kleine Emilie darin aufzunehmen; Ham mit einem gemischten Ausdruck von Bewunderung, Entzücken und einer ungeschickten Verlegenheit, die ihm sehr gut stand, hatte die kleine Emilie an der Hand, als wollte er sie Mr. Peggotty vorstellen; die kleine Emilie selbst, errötend und verschämt, aber erfreut über Mr. Peggottys Freude, wie uns ihre strahlenden Augen sagten, hielt nur unser Eintritt ab – sie sah uns zuerst –, sich an Mr. Peggottys Brust zu werfen. In dem Augenblick, wo wir aus der dunkeln kalten Nacht in die warme helle Stube traten, stellte sich uns dieses Bild dar mit Mrs. Gummidge im Hintergrund, die wie eine Verrückte in die Hände klatschte. Das Bild dieser kleinen Gruppe löste sich aber bei unserm Eintritt so rasch auf, daß man hätte zweifeln können, es sei noch soeben vorhanden gewesen. Ich stand mitten unter der erstaunten Familie, unmittelbar vor Mr. Peggotty, und hielt ihm die Hand hin, als Ham ausrief: »Master Davy ist's! Master Davy!« In einem Augenblick schütteln wir uns alle gegenseitig die Hände; fragen einander, wie es uns ginge, sagen, wie froh wir wären uns zu sehen, und sprechen alle durcheinander. Mr. Peggotty war so stolz und froh über unsern Besuch, daß er nicht wußte, was er sagen oder tun sollte, sondern immer in einem fort erst mir, und dann Steerforth, und dann wieder mir die Hand schüttelte, und dann mit der Hand in seinem struppigen Haar wühlte, und so freudig und triumphierend lachte, daß es eine wahre Wonne war ihn anzuhören. »Nein, daß diese beiden Herren – und nun richtige erwachsene Herren – gerade heute abend hierher kommen müssen,« sagte Mr. Peggotty »so was ist ganz gewiß noch nicht in der Welt passiert! Emilie, Goldkind, komm her! Komm her, du kleine Hexe! Das ist Master Davys Freund! Das ist der Herr, von dem du schon gehört hast, Emilie. Er kommt und besucht mich mit Master Davy an dem glücklichsten Abend, den dein Onkel jemals erlebt hat und erleben wird, und ein Hurra wollen wir ihm rufen!« Nachdem er alles dies in einem Atem und mit außerordentlicher Lebendigkeit gesprochen, nahm Mr. Peggotty das Antlitz seiner Nichte zwischen seine beiden großen Hände, küßte es wohl ein Dutzend Mal, legte es mit einem Ausdruck von zärtlichem Stolz und Liebe an seine Brust, und streichelte es, als wäre seine Hand eine zarte Damenhand. Dann ließ er sie wieder los, und wie sie hinaus in das kleine Zimmerchen flüchtete, das mir als Schlafstube gedient hatte, sah er uns alle nacheinander an, ganz erhitzt und außer Atem von ungewöhnlicher Befriedigung. »Wenn Sie zwei beide Herren – jetzt erwachsene Herren und solche Herren«, sagte Mr. Peggotty. »Das sind sie, das sind sie«! rief Ham. »Gut gesagt, das sind sie. Master Davy – erwachsene Herren – das sind sie.« »Wenn Sie zwei beide Herren, erwachsene Herren«, sagte Mr. Peggotty, »mir auch übel nehmen, daß ich so aus dem Häuschen bin, wenn Sie wissen warum, so muß ich Sie um Verzeihung bitten. Emilie, liebes Kind! – sie merkt, daß ich's erzählen will,« – hier machte sich seine Freude wieder Luft – »und ist deshalb fortgelaufen. Willst du so gut sein, einmal nach ihr zu sehen, Mutter?« Mrs. Gummidge nickte und verschwand. »Wenn das nicht der schönste Abend meines Lebens ist,« sagte Mr. Peggotty, und nahm bei uns vor dem Feuer Platz, »so will ich eine Auster sein, und eine gekochte dazu, – mehr kann ich nicht sagen. Diese kleine Emilie da, Sir,« sagte er leise zu Steerforth – »die da so rot wird – « Steerforth nickte nur, aber mit einem so freundlichen Ausdruck des Verständnisses an Mr. Peggottys Gefühl, daß dieser ihm antwortete, als ob er gesprochen hätte. »Gewiß«, sagte Mr. Peggotty. »Das ist sie und so ist sie. Danke Ihnen, Sir.« Ham nickte mir mehrmals zu, als ob er mir dasselbe hätte sagen wollen. »Sehen Sie, diese kleine Emilie da«, sagte Mr. Peggotty, »ist für unser Haus gewesen, was nur ein kleines helläugiges Wesen für irgend ein Haus sein kann. Sie ist nicht mein Kind, ich hatte nie eins; aber ich könnte sie nicht lieber haben, Sie verstehen! Ich könnte es nicht!« »Ich verstehe«, sagte Steerforth. »Das weiß ich, Sir«, sagte Mr. Peggotty, »und danke schönstens. Master Davy da weiß noch, was sie war; Sie selber können mit eigenen Augen sehen, was sie jetzt ist. Aber keiner von Ihnen kann wissen, was sie meinem Herzen war, ist und sein wird. Ich bin rauh, Sir,« sagte Mr. Peggotty, »rauh wie ein Meerigel; aber niemand, als vielleicht eine Frau kann wissen, was mir die kleine Emilie ist. Und unter uns gesagt,« sprach er noch leiser, »diese Frau heißt nicht Mrs. Gummidge, obwohl die auch ihre großen Verdienste hat.« Mr. Peggotty fuhr hier mit beiden Händen in das Haar und legte sie dann auf die Knie, um weiter zu sprechen. »Nun war eine gewisse Person da, die unsere Emilie auch von der Zeit an kannte, wo ihr Vater ertrank, die sie immer gesehen hatte von Kindesbeinen auf. Erst als kleines Dingschen und dann immer größer und nun als ein junges Mädchen! Nicht von besonderem Aussehen ist er,« sagte Mr. Peggotty, »etwas von meinem Schlage – wetterhart – ein bißchen vom Südwester – sehr salzig – aber im ganzen ein ehrlicher Kerl; und das Herz auf dem rechten Fleck hat er!« Ich glaube, ich hatte Ham noch nie so, wie jetzt, den Mund lachend auseinanderziehen sehen. »Ja, und was wird die brave Teerjacke tun«, sagte Mr. Peggotty, dessen Gesicht ein Vollmond der Wonne war – »er verliert sein Herz an die kleine Emilie. Er folgt ihr auf Schritt und Tritt, er machte sich sozusagen zu ihrem Bedienten, er verliert ganz und gar seinen Appetit, und endlich gesteht er mir, was ihm fehlt. Natürlich hätte ich gern gesehen, daß unsre kleine Emilie versorgt worden wäre. Ich hätte jedenfalls gern einen Mann neben ihr gesehen, der ein Recht hatte, sie in Schutz zu nehmen. Ich weiß nicht, wie lange ich lebe, oder wie bald ich sterben kann; aber ich weiß, wenn einmal nachts draußen auf der Reede im Sturme mein Boot umschlüge, und ich die Lichter der Stadt zum letztenmal glänzen sähe über die Wellen hinweg, gegen die ich mich nicht halten könnte, so würde ich ruhiger sinken mit dem Gedanken: »Dort am Ufer ist ein Mann, der treu wie Gold aushält bei meiner kleinen Emilie, die Gott segnen möge; und kein Haar kann meiner Emilie gekrümmt werden, solange dieser Mann lebt!«« Dabei schwenkte Mr. Peggotty in seiner einfachen ernsten Weise den rechten Arm, als ob er das letztemal von den Lichtern der Stadt Abschied nehme, und fuhr dann fort, nachdem er Ham zugenickt hatte. »Nun also, ich riet ihm, mit Emilie zu reden. Er ist groß genug, aber er ist blöder als ein Schulbube, und er wollte nicht. So redete ich mit ihr. »Was! ihn!« sagte Emilie. »Ihn, den ich so viele Jahre kenne und den ich so lieb habe! Ach, Onkel! Den kann ich nicht heiraten. Er ist ein so guter Mensch!« Ich gebe ihr einen Kuß und sage weiter nichts zu ihr als: »Liebes Kind, du hast ein Recht, dich offen auszusprechen, du sollst nach deinem Sinn wählen und frei sein wie ein Vögelchen.« Dann gehe ich zu ihm und sage: »Ich wollte, sage ich, es wäre so gewesen, aber es geht nicht. Aber ihr könnt beide bleiben, wie ihr jetzt seid, und was ich zu dir sage ist: sei mit ihr wie du früher mit ihr gewesen bist, und sei ein Mann.« Er schüttelte mir die Hand und antwortete: »Das will ich«, sagt er. Und das tat er auch ehrlich und männlich zwei Jahre lang, und wir waren hier zu Hause unter uns ganz, wie ehedem.« Mr. Peggottys Gesicht, dessen Ausdruck sich in den verschiedenen Stadien seiner Erzählung verändert hatte, leuchtete jetzt wieder ganz in dem frühem triumphierenden Entzücken, wie er eine Hand auf meine und die andere auf Mr. Steerforths Knie legte, nachdem er den Nachdruck noch durch ein Hineinspucken verstärkt hatte und zwischen uns folgende Rede, teilte: »Mit einem Male eines Abends – heute abend etwa – kommt die kleine Emilie von der Arbeit nach Hause und er mit ihr! Dabei ist nicht viel Besonderes, werden Sie sagen. Nein, weil er sie unter seine Obhut nimmt wie ein Bruder, nach Dunkelwerden und vor Dunkelwerden und zu jeder Zeit. Aber diese Teerjacke da nimmt ihre Hand und ruft mir ganz freudig zu: »Sieh her Onkel! das will meine kleine Frau werden!« Und sie sagt halb keck und halb blöde und halb lachend und halb weinend: »Ja, Onkel! Wenn Sie erlauben!« – Na, ob ich's erlaube!« rief Mr. Peggotty und wiegte außer sich vor Freude den Kopf hin und her, »als ob ich etwas anderes tun könnte! – »Sieh, Onkel«, sagt sie, »wenn du erlaubst, ich bin jetzt gesetzter und habe mir's noch einmal überlegt, und ich will ihm eine so gute kleine Frau sein, als es mir nur möglich ist, denn er ist im Grunde doch ein lieber, guter Mensch.« Da klatschte Mrs. Gummidge in die Hände, wie im Theater, und Sie traten herein. So! Nun ist die Geschichte heraus«, sagte Mr. Peggotty – »Sie kamen gerade! Jetzt, diese Stunde eben, ist's vorgefallen; und da steht der Mann, der sie heiraten wird, sowie sie ausgelernt hat.« Ham wankte unter dem Schlag, den ihm Mr. Peggotty in seiner unbegrenzten Freude als ein Zeichen des Vertrauens und der Freundschaft auf die Achsel gab; und das war bei solchem Puff auch kein Wunder; aber da er sich ebenfalls gedrungen fühlte, etwas zu sagen, sprach er mit vielem Stottern: »Sie war nicht größer als Sie, Master Davy – als Sie das erstemal herkamen – als ich schon dachte, wie schön sie heranwachsen würde. Ich sah sie in die Höhe wachsen wie eine Blume. Ich gebe mein Leben für sie – Master Davy – ach, mit Freuden! Sie ist mir mehr – als – – sie ist mir alles, was ich jemals brauchen kann, und mehr, als ich – als ich jemals sagen könnte. Ich – liebe sie wahr und wahrhaftig! Kein vornehmer Herr im ganzen Lande – und keiner auf dem Meere – kann seine Liebste mehr lieben, als ich sie, obgleich mancher gemeine Mann – besser sagen würde, was er meint, als – als ich es kann!« Es kam mir rührend vor, einen so rüstigen Gesellen wie Ham jetzt war, in der Innigkeit seines Gefühls für das hübsche kleine Geschöpfchen, das sein Herz gewonnen hatte, beben zu sehen, das schlichte Vertrauen allein schon, das sie beide, Mr. Peggotty und er, in uns setzten, war rührend. Aber auch die Geschichte selbst rührte mich. Inwieweit meine Bewegung durch die Erinnerungen aus meiner Kindheit beeinflußt wurde, kann ich nicht sagen. Ob ich mit einer unbestimmten nachdämmernden Vorstellung, daß ich Emilie noch weiter lieben würde, hingekommen bin, weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß ich durch alles dies zusammengenommen in eine wonnevolle Stimmung versetzt war: in eine Stimmung, so unbeschreiblich, so empfindungsreich und wonnevoll, daß sie durch eine Kleinigkeit in Schmerz hatte umschlagen können. Wenn es daher von mir abgehangen hätte, den richtigen Ton unter ihnen geschickt anzuschlagen, so würde ich eine erbärmliche Rolle gespielt haben: aber das war Steerforths Sache,, und er tat es mit solcher Gewandtheit, daß wir uns in wenig Minuten so ungeniert und wohl fühlten, wie es nur möglich war. »Mr. Peggotty,« sagte er, »Sie sind durch und durch ein guter Mensch und verdienten immer so glücklich zu sein, wie Sie es heute abend sind. Meine Hand darauf! Ham, ich gratuliere. Auch darauf meine Hand! Blümchen, schüre das Feuer und laß es aufprasseln! Und Mr. Peggotty, wenn Sie Ihre kleine Nichte nicht bewegen können wieder zu kommen, gehe ich lieber und räume ihr hier meinen Eckplatz ein. Eine solche Lücke in Ihrem Familienkreise an einem solchen Abend möchte ich um alle Schätze der Welt nicht verschulden.« Mr. Peggotty ging daher alsbald in mein früheres Zimmer, um die kleine Emilie zu holen. Anfangs wollte sie nicht kommen, und dann ging Ham hinaus. Endlich brachten sie sie wieder, sehr verlegen. –- Aber sie faßte sich bald, als sie fand, wie rücksichtsvoll Steerforth mit ihr redete, wie geschickt er alles zu vermeiden wußte, was sie in Verlegenheit setzen konnte; wie er mit Mr. Peggotty von Booten und Schiffen, dem Meer und Fischen sprach; wie er sich an mich wendete, als er die Zeit erwähnte, wo er Mr. Peggotty in Salemhaus gesehen hatte; und wie gewandt und leicht er das Gespräch führte, so daß wir ganz ungeniert durcheinander sprachen. Emilie sprach wenig an diesem Abend, aber sie sah und hörte zu, ihr Gesicht belebte sich, und sie war reizend. Steerforth erzählte eine Geschichte von einem schauerlichen Schiffbruch (sie bezog sich auf sein Gespräch mit Mr. Peggotty), und er schilderte alles so anschaulich, als ob er es vor sich sähe, und »klein Emiliens« Blicke hingen an ihm, als ob sie die Sache ebenfalls sähe. Drauf erzählte er uns zur Entschädigung ein lustiges Abenteuer, das er selbst erlebt hatte, mit solcher Heiterkeit, als ob es ihm etwas geradeso neues wie uns wäre, und die kleine Emilie lachte, daß es melodisch im Boote wiederhallte, und wir alle lachten – Steerforth mit – im unwiderstehlichen Drange der Fröhlichkeit. Er bewog auch Mr. Peggotty zu singen, oder vielmehr zu brüllen: »Wenn die wilden Stürme blasen, blasen, blasen.« Und dann sang er selbst ein Seemannslied, mit solchem Pathos und so schön, daß ich mir hätte einbilden können, der das alte Boot umschleichende Wind, den man in Pausen atemloser Stille murmeln hörte, lausche selber draußen. Was Mrs. Gummidge betrifft, so wußte er dieses Opfer der Schwermut mit einem Erfolg aufzuheitern, der seit dem Tode ihres Alten (wie mir Mr. Peggotty sagte) unerhört war. Erließ ihr so wenig Zeit sich unglücklich zu fühlen, daß sie den Tag darauf sagte, sie müsse behext gewesen sein. Aber er nahm weder die allgemeine Aufmerksamkeit, noch die Unterhaltung allein in Anspruch. Als die kleine Emilie kecker wurde und mit mir immer noch gleich verschämt von unsern alten Streifereien am Strande sprach, um Muscheln und glatte Wesel zu suchen, und als ich sie fragte, ob sie noch wisse, wie sehr ich sie geliebt habe, und als wir beide lachten und erröteten bei den Erinnerungen an die schönen alten Zeiten, die uns jetzt fast wie ein Traum erschienen, da schwieg er und beobachtete uns gedankenvoll. Diesmal saß sie den ganzen Abend über auf der alten Kiste, in ihrer Ecke neben dem Feuer, und an ihrer Seite, wo ich sonst zu sitzen Pflegte, saß Ham. Ich konnte nicht dahinterkommen, ob es eine kleine Koketterie oder mädchenhafte Scheu vor uns war, daß sie sich immer dicht an der Wand und von ihm entfernt hielt; aber ich bemerkte, daß dies den ganzen Abend der Fall war. Es war fast Mittemacht, als wir Abschied nahmen. Wir hatten zum Abend Schiffszwieback und getrockneten Fisch gegessen. Steerforth hatte aus seiner Tasche eine ganze Flasche Schiedamer Likör hervorgeholt, die wir Männer leerten – ich kann jetzt ohne Erröten sagen, »wir Männer«. – Wir schieden sehr lustig voneinander; und als sie alle in der Tür standen, um uns, so weit es ging, heimwärts zu leuchten, sah ich die schönen blauen Augen der kleinen Emilie uns hinter Ham hervor nachblicken, und hörte uns ihre liebliche Stimme vor dem schlechten Wege warnen- »Ein allerliebstes Mädchen!« sagte Steerforth und nahm meinen Arm. »Es ist ein kurioses Haus und kuriose Leute, und es ist ein ordentlich neues Gefühl, mit ihnen umzugehen!« »Und welch ein Glück,« entgegnete ich, »daß wir gerade zu dieser Verlobung kommen mußten. Ich habe in meinem Leben noch nicht so glückliche Leute gesehen. Wie angenehm ist es, so etwas zu sehen und an ihrer ehrlichen Freude teilzunehmen.« »Es ist doch immerhin ein etwas tölpelhafter Kerl für das Mädchen, nicht wahr?« meinte Steerforth. Er war so herzlich mit Ham und mit allen gewesen, daß mich die unerwartete und kalte Antwort ordentlich verletzte. Aber als ich mich rasch umwendete und seine lachenden Augen sah, sagte ich sehr erleichtert: »Ach Steerforth! du kannst gut über die Armen scherzen! Du kannst dich mit Miß Dartle necken oder deine Gefühle im Scherz vor mir zu verbergen suchen, ich weiß es besser. Wenn ich sehe, wie vollkommen du sie verstehst, wie du auf ein solches Glück wie das dieser Fischerleute, oder auf die Liebe meiner, alten Kindermuhme eingehen kannst, so weiß ich recht wohl, daß dir keine Freude und kein Schmerz solcher Leute gleichgültig ist. Und ich bewundere und liebe dich deshalb um so mehr, Steerforth!« Er blieb stehen, sah mich an und sagte: »Blümchen, ich glaube, du nimmst es ernst und bist ein guter Mensch. Ich wollte, wir wären es alle!« Im nächsten Augenblick trällerte er lustig Mr. Peggottys »Lied von den wilden Stürmen«, während wir raschen Schrittes nach Marmouth zurückkehrten. Zweiundzwanzigstes Kapitel. Alte Orte und neue Menschen. Steerforth und ich blieben über vierzehn Tage in dieser Gegend. Natürlich waren wir viel beisammen, aber mitunter trennten wir uns auch auf ein paar Stunden. Er war ein guter Seemann und ich ein sehr mittelmäßiger, und wenn er mit Mr. Peggotty eine Bootfahrt anstellte, was eine seiner Lieblingsunterhaltungen war, so blieb ich meistens zu Hause. Der Umstand, daß ich bei Peggotty wohnte, legte mir einen Zwang auf, von dem er frei war; denn da ich wußte, mit wie zärtlichem Eifer sie Mr. Barkis pflegte, wollte ich abends nie zu lange wegbleiben, wogegen sich Steerforth, der im Gasthof wohnte, ganz nach Belieben einrichten konnte. Deshalb hörte ich auch von kleinen Gastereien, die er zu einer Zeit, wo ich längst zu Bett war, in Mr. Peggottys Wirtshaus, zur »Herzenslust«, den Fischern gab, oder von Seefahrten in Mondscheinnächten, von denen er erst morgens mit der Flut zurückkehrte. Ich wußte jedoch jetzt schon, daß sich seine unruhige Natur und sein feuriger Geist ebenso gern in schwerer Arbeit und bösem Wetter, als in andern Mitteln der Auflegung, die sich ihm darboten, Luft machte, und so überraschten mich diese Unternehmungen nicht. Die Teilnahme, die ich für Blunderstone fühlte, und mein Wunsch, die alten vertrauten Umgebungen aus meiner Kindheit öfter zu besuchen, war ein anderer Grund, weshalb wir uns manchmal trennten. Es war natürlich, daß Steerforth, nachdem er dort einmal gewesen, kein besonderes Interesse an dem Orte fand. So geschah es, daß wir uns an drei oder vier Tagen, deren ich mich noch erinnere, gleich nach einem zeitigen Frühstück trennten, ein jeder seiner eignen Wege ging und wir uns erst beim späten Mittagessen wiedertrafen. Ich hatte keine Ahnung davon, wie er in der Zwischenzeit seine Zeit verwendete, und wußte nur im allgemeinen, daß er bei allen Leuten sehr beliebt war, und zwanzig Mittel, sich die Zeit zu vertreiben hatte, wo ein anderer Mann nicht eines gefunden hätte. Was mich betrifft, so beschäftigte ich mich auf meinen einsamen Spaziergängen damit, mir jeden Schritt des alten Weges ins Gedächtnis zurückzurufen und auf den alten Stätten zu verweilen und konnte mich nicht so schnell von ihnen losreißen. Ich verweilte auf ihnen, wie es meine Erinnerung so oft getan hatte. Das Grab unter dem Baume, wo meine beiden Eltern ruhten – das ich, als nur mein Vater darin lag, mit einem so seltsamen Mitleid betrachtet hatte, und bei dem ich so unglücklich und verlassen stand, als es meine Mutter und den Säugling aufnahm – das Grab, das Peggottys eigene treue Sorgfalt seitdem gepflegt und zu einem Garten umgewandelt hatte, war mir ein Ort, den ich oft stundenlang besuchte. Es befand sich etwas abseits vom Wege in einer stillen Ecke, aber nicht so weit ab, daß ich nicht im Auf- und Abgehen die Namen auf dem Leichensteine hätte lesen können, während mich manchmal von oben der dumpfe Schall der Kirchenglocken, der wie die Stimme eines Verstorbenen klang, erschreckte. Meine Gedanken beschäftigten sich damals stets mit der Rolle, die ich im Leben spielen, und den großen Dingen, die ich vollbringen würde. Meine hallenden Schritte tönten stets die gleiche Melodie, und ich war dabei so unermüdlich, als hätte ich meine Luftschlösser in Gesellschaft meiner lebenden Mutter gebaut. In dem alten Vaterhause war vieles anders geworden. Die alten, von ihren Inwohnern längst verlassenen Krähennester waren fort, und die Bäume hatten durch Verstutzen ihre alte Gestalt verloren. Der Garten war verwildert, und die Hälfte der Fenster war mit Läden versetzt. Bewohnt war es jetzt von einem armen, wahnsinnigen Herrn mit seinen Wärtern. Er saß immer an meinem kleinen Fenster und sah auf den Kirchhof hinaus, und ich fragte mich, ob seine wirrumherschweifenden Gedanken wohl je die Gestalt der Phantasiebilder annähmen, die mich beschäftigt hatten in den rosigen Frühstunden, in denen ich im Nachtröckchen aus dem Fenster guckte und die Schafe ruhig im Morgenschimmer grasen sah. Unsere alten Nachbarn, Mr. und Mrs. Grayper, waren nach Südamerika gegangen, der Regen hatte sich einen Weg durch das Dach ihres verlassenen Hauses gebahnt und die Wände mit mißfarbigen landkartenartigen Flecken bedeckt. Mr. Chillip hatte sich wieder verheiratet; diesmal mit einer langen, großnasigen Frau. Sie hatten ein kleines, schwächliches Kind mit einem schweren Kopfe, den es nicht in die Höhe halten konnte, und zwei blöden, wässerigen Augen, mit denen es sich immer zu wundern schien, warum es überhaupt geboren sei. Mit einem seltsamen Gemisch von Trauer und Freude verweilte ich in meinem Geburtsort, bis mich die röter werdende Wintersonne mahnte, daß es Zeit zur Heimkehr sei. Aber als ich den Ort verlassen hatte und vornehmlich, als Steerforth und ich bei dem flackernden Feuer gemütlich am Tisch saßen, war es so wonnig, dort gewesen zu sein und nun an alles zurückzudenken. Dasselbe war aber im gemilderten Grade der Fall, wenn ich mich abends, in mein Zimmerchen zurückzog und beim Herumblättern im Krokodilenbuch – das stets auf einem kleinen Tische lag – mit dankbarem Herzen daran dachte, wie glücklich ich sei mit einem Freunde wie Steerforth, einer Freundin wie Peggotty, und einem solchen Ersatz wie der Großmut meiner vortrefflichen Tante für das, was ich verloren hatte. Der nächste Weg von meinen ausgedehnten Spaziergängen nach Yarmouth zurück führte zu einer Fähre, die mich nach der Ebene zwischen Stadt und Meer brachte, über die ich quer gehen konnte, um einen beträchtlichen Umweg zu vermeiden, den die Landstraße machte. Da Mr. Peggottys Haus kaum hundert Schritte abseits lag, so stattete ich im Vorbeigehen dort immer einen Besuch ab. Steerforth wartete dort fast stets auf mich, und wir gingen alsdann miteinander nach Hause. An einem dunkeln Abend – es war später als gewöhnlich, denn ich hatte länger in Munderstone verweilt, da es mein Abschiedsbesuch war – fand ich ihn in Mr. Peggottys Haus ganz allein und gedankenvoll vor dem Feuer sitzen. Er war so in Gedanken vertieft, daß er mein Kommen nicht bemerkte. Ich stand dicht neben ihm und sah ihn an, aber immer noch saß er in Gedanken verloren mit düsterer Stirne da. Als ich aber meine Hand auf seine Schulter legte, erschrak er so sehr, daß ich selbst erschrak. »Du kommst ja über mich wie ein mahnender Geist«, sagte er fast ärgerlich. »Ich mußte mich auf irgend eine Weise bemerklich machen«, entgegnete ich. »Habe ich dich von den Steinen herabgerufen?« »Nein«, antwortete er. »Nein.« »Woher dann?« sagte ich und setzte mich neben ihn. »Ich habe mir die Bilder im Feuer betrachtet«, erwiderte er. »Aber du gönnst sie ja mir nicht«, sagte ich, als er die Flamme rasch mit einem Stück Holz schürte und eine Unmasse feurige Funken herausschlug, die hinauf in die Esse prasselten, um in der Luft zu zerstieben. Du hättest sie ja doch nicht gesehen«, entgegnete er. »Mir ist die Zwitterzeit, die weder Tag noch Nacht ist, verhaßt. Wie lange du ausbleibst! Wo warst du?« »Ich habe von meinem gewöhnlichen Spaziergang Abschied genommen«, erwiderte ich. »Und ich habe hier gesessen,« sagten Steerforth und sah sich im Zimmer um, »und gedachte, daß alle die Leute, die wir am Abende unserer Ankunft hier so glücklich beisammen fanden, nach dem wüsten Eindruck, den jetzt die Umgebung macht, tot, zerstreut oder wer weiß zu welchem Schaden gekommen sein könnten. David, ich sage dir, bei Gott, ich wollte, ich hätte in den zwanzig Jahren meines Lebens einen verständnisvollen Vater gehabt!« »Lieber Steerforth, was ist dir?« »Ich wollte von ganzem Herzen, ich wäre besser geleitet worden!« rief er aus. »Ich wollte von ganzem Herzen, ich könnte mich selbst besser beherrschen!« Er sprach dies mit einer leidenschaftlichen Niedergeschlagenheit, die mich ganz in Erstaunen setzte. Er war sich unähnlicher, als ich es je für möglich gehalten hätte. »Es wäre besser, diese arme Peggotty oder dieser Lümmel von einem Neffen zu sein«, sagte er, indem er aufstand und sich mit finsterer Stirne an den Kamin lehnte, – »als ich, der zwanzigmal reicher und zwanzigmal klüger und sich so zur Qual ist, wie ich es mir während der letzten halben Stunde in diesem verwünschten Boote war!« Diese Veränderung an ihm verblüffte mich so, daß ich ihn anfangs nur stillschweigend beobachten konnte, als er, das Haupt auf die Hand gestützt, trübe ins Feuer sah. Endlich bat ich ihn mit aller Innigkeit, mir zu sagen, was ihm so ungewöhnlicherweise das Herz bedrücke, und mir zu erlauben, an seinen Empfindungen teilzunehmen, wenn ich ihm nicht raten könne. Wer ehe ich ganz fertig war, fing er an zu lachen – anfangs noch verdrießlich, aber bald mit wiederkehrender Heiterkeit. »Ach, es ist nichts, Blümchen! nichts!« erwiderte er. »Ich sagte dir ja schon in London, daß mir manchmal mit mir selber die Zeit lang wird. Ich ängstige mich manchmal selbst mit so bösen Träumen und habe wohl eben wieder ein so böses Albdrücken gehabt, das ist alles. Es gibt närrische Zeiten, wo einem in stiller Stunde Märchen im Gedächtnis aufsteigen, ohne daß man weiß, was sie eigentlich sind. Ich glaube, ich habe mich verwechselt mit dem bösen Knaben, der nicht folgen wollte und von Löwen gefressen wurde – nur ein feineres Bild für zum Teufel gehen, glaube ich. Was die alten Weiber das Gruseln nennen, hat mich von Kopf bis Fuß überlaufen – sonst nichts! Ich habe mich vor mir selber gefürchtet!« »Du fürchtest dich vor weiter nichts, glaube ich.« »Vielleicht nicht – und kann doch noch vielerlei zu fürchten haben«, antwortete er. »So. Nun ist's vorbei! Es wird mich nicht noch einmal überlaufen, David; aber mein lieber Junge, ich sage dir noch einmal, daß es gut für mich und andere Leute gewesen wäre, wenn ich einen charakterfesten und einsichtsvollen Vater gehabt hätte!« Sein Angesicht war immer sehr ausdrucksvoll, aber ich hatte darin doch nie einen so düstern Ernst bemerkt als jetzt, wie er, in das Feuer schauend, diese Worte sprach. »Damit wären wir fertig!« sagte er und machte eine Handbewegung, als ob er etwas Leichtes wegwerfe. »Nun, da's vorüber, bin ich wieder Mann«. um mit Macbeth zu reden! – Jetzt zu Tisch. Hoffentlich habe ich nicht auch wie Macbeth die Luft verscheucht, das Fest gebrochen durch wundersame Krankheit.« »Aber ich möchte wissen, wo sie nur alle sind!« sagte ich. »Das weiß der Himmel«, meinte Steerforth. »Nachdem ich dich an der Fähre erwartet hatte, trat ich hier ein und fand das Haus leer. Darauf fing ich an nachzugrübeln, und bei dieser Beschäftigung fandest du mich.« Die Ankunft der Mrs. Gummidge mit einem Marktkorbe erklärte, warum das Haus leer gestanden hatte. Sie war fortgelaufen, um etwas zum Abendessen für Mr. Peggotty einzuholen, wenn er mit der Flut zurückkehrte, und hatte unterdessen die Tür offen stehen lassen, im Fall, daß Ham und die kleine Emilie nach Hause kommen sollten. Nachdem Steerforth Mrs. Gummidges Laune durch eine heitere Begrüßung und eine scherzende Umarmung sehr gehoben hatte, nahm er meinen Arm, und wir eilten fort. Seine eigene Laune hatte nicht nur Mrs. Gummidge, sondern auch ihn selbst erheitert, denn er war wieder ganz in seinem gewöhnlichen Zuge und unterhielt mich mit großer Lebhaftigkeit. »Also morgen geben wir dieses Piratenleben auf, nicht wahr?« sagte er lustig. »So haben wir's ausgemacht«, gab ich lustig zurück. »Und du weißt, unsere Plätze in der Landkutsche sind bestellt.« »Nun, dann kann es nichts helfen«, sagte Steerforth. »Ich habe fast vergessen, daß es noch etwas anderes auf der Welt zu tun gibt, als sich auf dem Meere draußen von den Wellen herumwerfen zu lassen. Ich wollte, es gebe weiter nichts.« »Solange die Sache für dich neu ist«, sagte ich lachend. »Leicht möglich,« erwiderte er, »obgleich für einen, der so liebenswürdig und unschuldig wie mein junger Freund ist, eine fast zu sarkastische Meinung in der Bemerkung versteckt ist. Ja, ich bin ein launischer Mensch, David, das weiß ich. Aber solange das Eisen warm ist, kann ich es auch tüchtig schmieden. Ich glaube, ich könnte schon ein leidliches Examen als Lotse in diesen Gewässern machen.« »Mr. Peggotty sagte, du wärest ein reines Wunder«, gab ich zur Antwort. »Ein nautisches Phänomen?« lachte Steerforth, »Freilich sagte er das, und du weißt mit welchem Rechte, da du so eifrig betreibst, was du einmal angegriffen hast, und es so leicht erlernst. Doch was mich am meisten bei dir in Erstaunen setzt, Steerforth, ist, daß du dich begnügst, deine Anlagen in so planloser Weise zu verwenden.« »Begnügst«? antwortete er lustig. »Ich bin nie genügsam, außer mit deiner Naivität, mein sanftes Blümchen. Und was die Planlosigkeit betrifft, so habe ich nie die Kunst gelernt, mich an eines der Räder, auf denen sich die modernen Ixions unserer Tage herumdrehen, festzubinden. Das ist mir in meiner schlechten Lehrzeit nicht eingebleut worden, und jetzt ist mir's einerlei. – Du weißt doch, ich habe mir hier ein Boot gekauft?« »Was für ein wunderbarer Mensch du bist!« rief ich aus und stand still – denn ich hörte jetzt das erstemal davon. »Du kommst vielleicht in deinem Leben nicht wieder hierher.« »Das weiß ich nun eben nicht«, entgegnete er. »Ich habe Gefallen an dem Ort gefunden. Jedenfalls«, fuhr er fort und führte mich rasch weiter, »habe ich ein Boot gekauft, das ausgeboten wurde – einen Schnellsegler, ein wackeres Boot, wie Mr. Peggotty sagt, und recht hat er – und Mr. Peggotty soll es während meiner Abwesenheit unter seine Obhut nehmen.« »Jetzt versteh' ich dich, Steerforth!« sagte ich frohlockend, »Du tust, als hättest du es für dich gekauft, aber du willst ihm im Grund ein Geschenk damit machen. Das hätte ich gleich wissen können, wie ich dich kenne. Mein lieber Steerforth, wie kann ich nur ausdrücken, wie sehr ich deinen Edelmut fühle,« »Still!« sagte er und wurde rot, »je weniger du Worte machst, desto besser!« »Wußte ich das nicht?« rief ich aus, »sagte ich nicht, daß dir keine Freude, kein Leid oder keine Empfindungen dieser ehrlichen Herzen gleichgültig bleiben können?« »Ja, ja,« antwortete er, »alles das hast du mir gesagt. Aber laß es dabei bewenden. Wir haben genug Worte darüber gemacht.« In der Besorgnis, ihn zu verletzen, wenn ich länger bei dieser Angelegenheit verweilte, beschäftigte ich mich nur in Gedanken damit, wahrend wir noch rascher als vorhin unsern Weg zurücklegten. »Das Boot muß nun aufgetakelt werden,« sagte Steerforth, »und ich werde Littimer zur Aufsicht dalassen, bis es ganz fertig ist. Habe ich dir schon gesagt, daß Littimer hier ist?« »Nein.« »Ja, er kam heute früh mit einem Brief von meiner Mutter.« Als sich unsere Augen begegneten, bemerkte ich, daß er ganz erblaßt war, obgleich er mich sehr gefaßt ansah. Ich fürchtete, ein Streit zwischen ihm und seiner Mutter habe ihn in die Stimmung versetzt, in der ich ihn bei Peggottys gefunden hatte. Ich tat eine Äußerung in diesem Sinne. »Ach nein!« sagte er, schüttelte den Kopf und lachte leise. »Nichts von der Art! Ja. Er ist wieder hier, mein Bedienter.« »Und ganz der Alte?« fragte ich. »Ganz der Alte,« sagte Steerforth, »kalt und still wie der Nordpol! Er soll Sorge tragen, daß das Boot umgetauft wird. Es heißt jetzt der ›Sturmvogel‹. Was kümmert sich Mr. Peggotty um Sturmvögel! Ich will es umtaufen lassen.« »Wie soll es denn heißen?« fragte ich. »Klein-Emily.« Da er mich immer noch scharf ansah, hielt ich es für einen Wink, daß er wegen seiner Aufmerksamkeit nicht nochmals gelobt zu sein wünschte. Ich konnte nicht umhin, zu verraten wie sehr ich mich darüber freute, aber ich sagte wenig, und er ließ wieder wie gewöhnlich sein Lächeln blicken und schien leichtern Herzens geworden zu sein. »Aber sieh da,« rief er, »da kommt die kleine Emilie selbst und dieser Bursche mit ihr! Wahrhaftig, ein echter Ritter. Er verläßt sie nie.« Ham war Bootbauer und hatte seine natürlichen Anlagen so ausgebildet, daß er für einen sehr geschickten Handwerker galt. Er hatte seinen Arbeitsrock an und sah ziemlich unmanierlich, aber auch männlich aus, und erschien als ein sehr passender Beschützer für das kleine, blühende Wesen an seiner Seite. Auch sprach sich in seinem Gesicht eine solche Offenheit aus, eine Ehrlichkeit und ein unverhülltes Darlegen seines Stolzes auf sie und seiner Liebe zu ihr, die mir als die beste Schönheit erschienen. Ich sagte zu mir, als sie uns näher kamen, daß sie selbst darin gut zueinander paßten. Sie entzog ihm schüchtern die Hand, als wir stehen blieben, um sie zu begrüßen, und errötete, als sie Steerforth und mir die Hand reichte. Als sie weiter gingen, nachdem wir einige Worte miteinander gesprochen hatten, legte sie ihre Hand nicht wieder in seinen Arm, sondern ging schüchtern mit gezwungenem Wesen neben ihm her. Mir kam dies alles seht hübsch und anmutig vor, und Steerforth schien dasselbe zu denken, als wir dem im Dämmerlichte des aufgehenden Mondes verschwindenden Paare nachsahen. Plötzlich strich an uns, und offenbar jenen folgend, ein Weib vorbei, deren Annäherung wir nicht bemerkt hatten, deren Gesicht mir aber bekannt vorkam. Sie war leicht angezogen, hatte ein freches, ärmliches und abgezehrtes Aussehen, schien aber für jetzt an weiter nichts zu denken als jenen nachzugehen. Aber da der dunkle Boden, der die beiden andern Gestalten gleichsam verschluckt hatte, nichts sehen ließ zwischen uns und der See und den Wolken, so verschwand auch diese Gestalt, ohne daß sie für uns jenen beiden näher gekommen zu sein schien. »Was für ein schwarzer Schatten folgt da dem Mädchen nach?« sagte Steerforth und blieb stehen; »was soll das bedeuten?« Er sprach dies in einem leisen Tone, der mich fast erschreckte, weil er mir so fremd klang. »Sie mag wohl von ihnen betteln wollen«, sagte ich. »Eine Bettlerin wäre keine Seltenheit,« entgegnete Steerforth, »aber es ist seltsam, daß eine Bettlerin heute abend gerade diese Gestalt annehmen muß.« »Warum?« »Aus keinem andern Grunde, als weil ich an ein ähnliches Gesicht dachte, wie sie vorbeiging. Wo zum Teufel mag sie hergekommen sein?« fragte er nach einigem Schweigen. »Wahrscheinlich hat sie im Schatten dieser Mauer gewartet«, bemerkte ich, als wir einen Weg erreichten, der an einer Mauer hinging. »Sie ist fort!« sagte er und sah sich um. »Und möge alles Böse mit ihr verschwunden sein. Jetzt zu Tisch.« Aber er sah sich noch ein paarmal nach der ferndämmernden See um, als er noch verschiedene Male seine Verwunderung über die Erscheinung äußerte, und schien sie erst zu vergessen, als wir in der warmen Stube bei Kerzenschein und behaglichem Kaminfeuer fröhlich bei Tische saßen. Littimer war auch da und brachte die gewöhnliche Wirkung auf mich hervor. Als ich gegen ihn die Hoffnung aussprach, daß Mrs. Steerforth und Miß Dartle sich wohl befinden möchten, antwortete er ehrerbietig, sie befänden sich leidlich und ließen sich mir empfehlen. Weiter sagte er nichts, und doch schien er mir, so deutlich wie möglich zu verstehen zu geben: Sie sind sehr jung, Sir, über alle Maßen jung. Wir waren fast mit dem Essen fertig, als er an die Tafel herantrat und zu seinem Herrn sagte: »Ich bitte um Vergebung, Sir, Miß Mowcher ist hier.« »Wer?« rief Steerforth sehr überrascht. »Miß Mowcher, Sir.« »Was zum Kuckuck will die hier?« fragte Steerforth. »Sie scheint aus dieser Gegend gebürtig zu sein, Sir. Sie erzählte mir, sie mache jedes Jahr eine Geschäftsreise hierher. Ich traf sie heute nachmittag auf der Straße, und sie läßt anfragen, ob sie die Ehre haben kann, Ihnen nach dem Essen ihre Aufwartung zu machen.« »Kennst du die fragliche Riesin, Blümchen?« fragte Steerforth. Ich mußte leider gestehen – ich schämte mich selbst wegen dieses Mangels vor Littimer – daß mir Miß Mowcher eine gänzlich unbekannte Größe war. »Dann sollst du sie kennen lernen,« sagte Steerforth, »denn sie ist eines der sieben Weltwunder. Wenn Miß Mowcher kommt, so lassen Sie die Miß eintreten.« Ich war nicht wenig neugierig auf die Dame, hauptsächlich da Steerforth stets zu lachen anfing, wenn ich sie erwähnte, und sich entschieden weigerte, irgend eine sie betreffende Frage zu beantworten. Ich blieb daher in einem Zustande ziemlicher Spannung, bis nach einer halben Stunde – so lange war das Tischtuch weggenommen und wir saßen bei unserm Weine – die Tür aufging und Littimer mit seiner gewöhnlichen unstörbaren Ruhe meldete: »Miß Mowcher«. Ich blickte nach der Tür und sah nichts. Ich sah immer noch nach der Tür und dachte für mich, Miß Mowcher lasse recht lange auf sich warten, als zu meinem endlosen Erstaunen um die Ecke eines bei der Tür stehenden Sofas eine Zwergin gewackelt kam, dick, vierzig bis fünfundvierzig Jahre alt, mit einem sehr großen Kopf und Gesicht, schelmischen grauen Augen und so außerordentlich kleinen Armen versehen, daß sie, um einen Finger verschmitzt an ihr Stumpfnäschen legen zu können, als sie Steerforth anschielte, dem Finger entgegenkommen und die Nase daran legen mußte. Ihr Doppelkinn war so fett, daß die Bänder ihres Huts samt der Schleife darin verschwanden. Hals fehlte, Rumpf gleichfalls; die Beine waren nicht der Erwähnung wert, denn obgleich die Gestalt von mehr als gewöhnlicher Größe bis dahin war, wo die Taille hätte beginnen sollen, und obgleich ihr Körper wie bei andern Menschen unten in ein Paar Füße auslief, so war sie doch so klein, daß sie vor einem gewöhnlichen Stuhl, wie vor einem Tische stand, und auf seinen Sitz ihren Strickbeutel legte. Diese Dame, in etwas auffällig koketter Tracht von eigener Erfindung, blieb, den Zeigefinger an die Nase gelegt und das eine ihrer schlauen Äuglein zugekniffen mit lustigem Gesicht noch eine Weile vor uns stehen und machte dann ihrem Herzen durch einen Strom von Worten Luft. »Was, mein Goldsohn!« fing sie scherzend an und drohte ihm mit ihrem großen Kopfe. »Sie sind also hier! O, Sie böser Mensch, schämen Sie sich! – Was tun Sie so weit von Hause weg? Auf bösem Wege, will ich wetten. Ah, Sie sind ein verschmitztes Kerlchen, Steerforth, und ich auch, nicht wahr? Ha ha ha! Sie hätten hundert Pfund gegen fünf gewettet, daß Sie mich hier nicht sehen würden, nicht wahr? Ich sage Ihnen, mein Männchen, ich bin überall. Ich bin hier – und da – und dort nicht, wie die halbe Krone des Taschenspielers im Taschentuch der Dame. Aber da wir einmal von Taschentüchern sprechen und von Damen – welch' ein Segen Sie für Ihre liebe Mutter sind, nicht wahr, lieber Sohn? Man kann gar nicht sagen, ein wie großer Segen.« Miß Mowcher band jetzt ihren Hut ab und setzte sich keuchend auf einen Fußschemel vor das Feuer, wo der Speisetisch, der seine Mahagonidecke über sie breitete, eine Art Laube für sie bildete. »O du meine Sterne und wie alle heißen!« fuhr sie fort, indem sie mit den Händen auf die kleinen Knie schlug und mich listig anschielte, »die Sache ist die, daß ich zu stark werde, Steerforth. Wenn ich eine Treppe hinaufgegangen bin, wird mir jeder Atemzug so schwer, als ob er ein Eimer voll Wasser wäre. Wenn Sie mich aus einem oberen Fenster herausblicken sähen, würden Sie mich für eine ansehnliche Frau halten, nicht wahr?« »Ich würde das überall tun, wo ich Sie sähe«, entgegnete Steerforth. »Gehen Sie, Sie Schelm Sie!« rief die kleine Frau aus und schlug nach ihm mit dem Taschentuch, mit dem sie sich das Gesicht wischte – »und seien Sie nicht zu unverschämt! Aber ich versichere Sie auf Wort und Ehre, ich war vorige Woche bei Lady Mithers – das ist eine Frau! Wie die sich hält! – und Mithers selbst trat in das Zimmer, als ich auf sie wartete – ist das ein Mann! Wie der sich hält! und auch seine Perücke, denn er hat sie schon zehn Jahre, – und er fing an, mir solche Komplimente zu machen, daß ich wirklich glaubte, ich würde um Hilfe klingeln müssen. Ha ha ha! Er ist ein angenehmer Schwerenöter – aber er hat keine Grundsätze.« »Was hatten Sie bei Lady Mithers zu tun?« fragte Steerforth. »Das hieße ausplappern,, mein kleines Engelchen«, gab sie zur Antwort, indem sie den Finger an die Nase legte, das eine Auge zumachte und uns mit dem andern wie ein Kobold von übernatürlicher Schlauheit anblinzelte, »Darüber lassen Sie sich kein graues Haar wachsen! Sie möchten gern wissen, ob ich verhüten soll daß ihr die Haare ausfallen, oder ob ich sie färben muß, oder ob ich ihrem Teint oder ihren Augenbrauen nachhelfe? nicht wahr? Und Sie sollen's erfahren, mein Schätzchen – wenn ich's Ihnen sage! Wissen Sie, wie mein Urgroßvater hieß?« »Nein«, sagte Steerforth. » Wart-a-bissel hieß er, mein Goldkind; er stammte von einer langen Reihe von Wart-a-bissels, und alle meine Besitzungen in ›Großgeduld‹ habe ich von ihm geerbt.« Ich habe nie etwas gesehen, was Miß Mowchers Augenzwinkern gleichgekommen wäre, außer Miß Mowchers Unverfrorenheit. Sie hatte auch eine absonderliche Art jemand zuzuhören oder auf Antwort, zu warten, wenn sie etwas gesagt hatte, indem sie den Kopf verschmitzt auf eine Seite neigte und mit dem betreffenden Auge wie eine Elster in die Höhe lugte. Ich wußte mich vor Staunen gar nicht zu lassen und starrte sie fortwährend an; wie ich dasaß, war Wohl sehr gegen alle Regeln der Höflichkeit. Sie hatte indessen den Stuhl an sich herangezogen und holte geschäftig aus dem Beutel (indem sie bei jedem Griff den kleinen Arm bis an die Achsel darin versenkte) eine Anzahl von Fläschchen hervor, Schwämmchen, Kämme, Bürsten, Flanelläppchen, Brenneisen und andere Instrumente, die sie in einem Haufen auf den Stuhl legte. Aber plötzlich unterbrach sie sich in dieser Beschäftigung und sagte zu Steerforth, sehr zu meiner Verwirrung: »Wer ist Ihr Freund?« »Mr. Copperfield,« sagte Steerforth; »er wünscht Sie kennen zu lernen.« »Nun, das Vergnügen soll er haben! Er sah mir gleich danach aus!« erwiderte Miß Mowcher und watschelte lächelnd auf mich zu. »Ein Gesicht wie ein Pfirsich!« sagte sie, indem sie sich auf die Zehen stellte und mich in die Wange kniff. »Ganz verführerisch! Ich habe die Pfirsiche gern. Ich schätze mich glücklich, Ihre Bekanntschaft zu machen, Mr. Copperfield.« Ich antwortete, daß ich mir Glück wünschte, ihre Bekanntschaft gemacht zu haben und daß das Glück gegenseitig sei. »Ach du meine Güte, wie höflich wir sind!« rief Miß Mowcher aus und machte einen lächerlichen Versuch, ihr großes Gesicht mit ihrer winzigen Hand zu bedecken. »Was für eine Welt von Dunst und Schwindel es ist, nicht wahr?« Das sagte sie vertraulich zu uns beiden, als sie die Hand wieder vom Gesicht entfernte und samt dem Arme im Strickbeutel versenkte. »Was meinen Sie damit, Miß Mowcher?« sagte Steerforth. »Ha ha ha! Was für eine köstliche Gesellschaft von Schwindlern wir sind, nicht wahr, mein Süßer?« erwiderte die Kleine und suchte, den Kopf auf eine Seite gelegt und mit dem einen Auge nach der Decke blickend, im Strickbeutel herum. »Sehen Sie her!« rief sie, indem sie etwas herausnahm. »Schnitzelchen von den Nägeln des russischen Fürsten, Fürst Zungenbrecher, wie ich ihn nenne, denn in seinem Namen befinden sich sämtliche Buchstaben des Alphabets durcheinandergewürfelt,« »Der russische Fürst ist einer Ihrer Kunden, nicht wahr?« fragte Steerforth. »Aber natürlich, mein Schatz«, entgegnete Miß Mowcher. »Ich habe seine Nägel in Ordnung zu halten. Zweimal die Woche! An den Fingern und an den Zehen!« »Er bezahlt hoffentlich gut?« fragte Steerforth. »Er bezahlt, wie er spricht, mein Engel – durch die Nase«, entgegnete Miß Mowcher. »Er läßt es auf ein Härchen nicht ankommen, der Fürst. Das werden Sie zugeben, wenn Sie seinen Schnurrbart sehen. Rot von Natur, schwarz durch Kunst.« »Durch Ihre Kunst natürlich«, sagte Steerforth. Miß Mowcher nickte beistimmend. »Mußte nach mir schicken. Konnte nicht anders. Das Klima hatte auf seine Farbe Einfluß, in Rußland ging sie; aber hier nicht. So einen rostigen Fürsten haben Sie Ihr lebelang nicht gesehen. Wie altes Eisen!« »Und deswegen redeten Sie vorhin von Schwindel?« fragte Steerforth. »O, Sie sind ein Nichtsnutz, ein Prachtkerl, nicht wahr?« rief Miß Mowcher und schüttelte heftig den Kopf. »Ich sage, was wir für Schwindler sind, wir Menschen im allgemeinen, und zeigte Ihnen zum Beweis die Schnitzel von den Nägeln des Fürsten. Die Nägel des Fürsten empfehlen mich mehr in den einzelnen Familien vornehmer Art, als alle meine Talente zusammengenommen. Ich trage sie stets bei mir. Sie sind die beste Einführung. Wenn Miß Mowcher dem Fürsten die Nägel verschneidet, so muß was Rechtes an ihr sein. Ich schenke sie den jungen Damen. Ich glaube wahrhaftig, sie legen sie in ihre Albums. Ha ha ha! Wahrhaftig, das ganze soziale System (wie's die Leute nennen, wenn sie Reden im Parlament halten) ist ein System von Fürstennägeln!« meinte die kleine Frau, indem sie ihre kleinen Arme übereinander zu legen suchte und mit ihrem großen Kopfe nickte. Steerforth lachte herzlich, und ich lachte auch. Miß Mowcher fuhr die ganze Zeit über fort, den Kopf zu schütteln und mit dem einen Auge nach der Decke zu gucken und das andere einzukneifen, »Ei,« sagte sie, schlug auf ihre Knie und stand auf, »das nenne ich nicht das Geschäft betreiben. Kommen Sie her, Steerforth, lassen Sie uns die Polarregionen erforschen.« Sie suchte sich dann zwei oder drei von ihren kleinen Werkzeugen heraus und ein Fläschchen, und fragte zu meinem Erstaunen, ob sie der Tisch aushalten würde. Auf Steerforths bejahende Antwort schob sie einen Stuhl daran, bat um meine Hand zum Beistand und stieg ziemlich rasch hinauf, wie auf eine Bühne. »Wenn einer von Ihnen meine Knöchel gesehen hat,« sagte sie, als sie sicher oben stand, »so sagen Sie es nur, und ich gehe nach Hause und nehme mir das Leben,« »Ich habe sie nicht gesehen«, sagte Steerforth. »Ich auch nicht«, entgegnete ich. »Nun, dann will ich noch weiter leben«, rief Miß Mowcher. »Nun Putt, Putt, Putt komm zu Miß Bond und laß dich schlachten!« Das war eine Einladung an Steerforth, sich ihren Händen zu übergeben; er setzte sich demgemäß mit dem Rücken gegen den Tisch, das lachende Gesicht mir zugewendet, und ließ sich den Kopf besehen, offenbar zu keinem andern Zweck, als zu unserer beiderseitigen Unterhaltung, Miß Mowcher übrigens stehen zu sehen, wie sie sein reiches braunes Haar durch ein großes, rundes Vergrößerungsglas beschaute, war wirklich ein staunenswerter Anblick. »Sie sind ein schöner Bursch!« sagte Miß Mowcher nach kurzem Mustern. »Ohne mich hätten Sie in einem Jahre eine Glatze wie ein echter Mönch. Nur eine halbe Minute halten Sie still, junger Freund, und ich will Ihren Locken eine Frisur geben, daß Sie Ihr Haar noch für die nächsten zwölf Jahre behalten sollen.« Mit diesen Worten goß sie ein Paar Tröpfchen aus einer ihrer kleinen Flaschen auf ein Flanellfleckchen, rieb damit eins von ihren Bürstchen, und fing an, Steerforths Kopf in der geschäftigsten Weise zu bearbeiten, ohne während der Zeit mit Sprechen aufzuhören. »Sie kennen doch Charley Pyegrave, des Herzogs Sohn«, fragte sie. »Nicht wahr?« und sie sah ihm ins Gesicht. »Ein wenig«, sagte Steerforth. »Was für ein Mann das ist! der hat einen Schnurrbart! Und Charleys Waden würden es mit allen andern aufnehmen, wenn sie nur gleichmäßig wären. Können Sie glauben, er versucht es ohne mich – und noch dazu wo er in der Garde steht?« »Verrückt!« sagte Steerforth. »Er sieht ganz danach aus. Aber verrückt oder nicht, er hat's versucht«, fuhr Miß Mowcher fort. »Denken Sie, was er tut: er geht zu einem Parfümeur und verlangt eine Flasche Madagaskar-Balsam!« »Charley?« fragte Steerforth. »Charley. Aber sie hatten keinen Madagaskar-Balsam.« »Was ist das? Etwas zu trinken?« fragte Steerforth. »Zu trinken?« erwiderte Miß Mowcher und hielt inne, um ihm im Scherze einen Schlag auf die Wange zu geben. »Um seinem Schnauzbart damit aufzuhelfen, das wissen Sie recht gut. Im Laden war eine Frau – eine ältliche Frau – die nie davon gehört hatte – selbst nicht den Namen. ›Ich bitte um Verzeihung, Sir‹; sagte die Frau zu Charley. ›Sie meinen doch nicht – nicht Schminke?‹; ›Schminke?‹ sagte Charley zu der Frau. ›Was zum Kuckuck soll ich mit Schminke tun?‹ war die Antwort. ›Es war nicht böse gemeint,‹ sagte die Frau; ›es wird bei uns unter so vielen Namen danach gefragt, daß ich dachte, es könnte Schminke sein‹.– Nun sehen Sie, mein Kind«, fuhr Miß Mowcher fort und rieb dabei mit unverminderter Geschäftigkeit, »das ist ein anderes Beispiel der erhebenden Schwindelei, von der ich vorhin sprach. Ich mache selbst darin einige Geschäfte – vielleicht viel – vielleicht wenig – aber schlau ist die Parole, mein Sohn!« »Worin meinen Sie? in Schminke?« sagte Steerforth, »Addieren Sie dies und das, mein liebes Kind,« erwiderte die vorsichtige Mowcher und legte den Finger pfiffig an die Nase; »dividieren Sie es nach der Regel des Geschäftsgeheimnisses und das Fazit wird sein, wie Sie es wünschen. Ich sage, ich mache auch einige Geschäfte damit. Die eine nennt es Lippenpomade; bei einer andern heißt es Handschuhe; bei einer dritten Spitzenbesatz; bei einer vierten ein Fächer. Ich nenne es, wie sie es nennen. Ich besorge es ihnen, aber wir verstellen uns so gegeneinander, daß sie ebensogut vor einer ganzen Gesellschaft, wie vor mir auflegen würden. Und wenn ich sie besuche, so sagen sie manchmal zu mir – während es ihnen dick auf den Wangen liegt – ›wie sehe ich aus, Mowcher? sehe ich blaß aus?‹ Ha! Ha! Ha! Ha! Ist das nicht heiter, junger Freund!« Ein Schauspiel, wie Mowcher, auf dem Tische stehend, sich an dieser heitern Sache über die Maßen belustigte, geschäftig Steerforths Kopf bearbeitete und mir schlau zuwinkte, war mir noch nicht vorgekommen. »Ah!« sagte sie. »Nach solchen Sachen fragt man hier nicht viel. Das bringt mich wieder auf etwas! Ich habe kein hübsches Mädchen gesehen, seitdem ich hier bin, Jemmy.« »Nicht?« sagte Steerforth. »Nicht den Schatten von einem Schatten von hübschen Mädchen«, erwiderte Miß Mowcher. »Wir können ihr eine Lebendige zeigen, glaub' ich«, fragte Steerforth und sah mich an. »Nicht wahr, Blümchen?« »Jawohl«, sagte ich. »Aha!« rief die Kleine aus und sah erst mich und dann Steerforth mit schlauem Blick an. – »Hm?« Der erste Ausruf klang wie eine Frage an uns beide, der zweite wie eine, die nur an Steerforth gerichtet war. »Ihre Schwester, Mr. Copperfield?« fing sie nach einer kleinen Pause wieder an. »Nicht wahr?« »Nein«, sagte Steerforth, ehe ich antworten konnte. »Nichts von der Art. Im Gegenteil, Mr. Copperfield war ein großer Bewunderer von ihr, wenn ich nicht irre.« »So, und jetzt nicht mehr?« entgegnete Miß Mowcher. »Ist er unbeständig? O pfui! Schwebt er von Blume zu Blume in schnellwechselndem Flug, bis Polly ihn zärtlich im Herzen trug? – Heißt sie nicht Polly?« Die koboldartige Schnelligkeit, mit der sie mich mit dieser Frage überfiel, und ihr forschender Blick brachten mich für einen Augenblick ganz außer Fassung. »Nein, Miß Mowcher;« erwiderte ich, »sie heißt Emilie.« »Aha!« rief sie gerade wie vorhin. »Hm? Was für eine Plaudertasche ich bin! Mr. Copperfield, nicht wahr?« In ihrem Ton und Blick lag etwas, was mir in Verbindung mit dieser Sache nicht angenehm war. Deshalb sagte ich ernster, als bis jetzt einer von uns gesprochen hatte: »Sie ist eben so tugendhaft wie schön. Sie ist mit einem sehr vortrefflichen Manne von ihrem eigenen Stande verlobt. Ich achte sie wegen ihrer Verständigkeit ebensosehr, als ich sie wegen ihrer Schönheit bewundere.« »Gut gesagt!« rief Steerforth. »Hört! Hört! Hört! Jetzt will ich die Neugier dieser kleinen Fatime dadurch befriedigen, liebes Blümchen, daß ich ihr nichts zu erraten übrig lasse: Sie ist jetzt in der Lehre bei Omer und Joram, Putzmacher usw. hier in der Stadt. Verstehen Sie wohl? Omer und Joram. Verlobt ist sie mit ihrem Vetter, Vorname Ham, Zuname Peggotty, Beruf Schiffszimmermann, Aufenthalt Yarmouth. Sie wohnt bei ihrem Verwandten, Vorname unbekannt, Zuname Peggotty, Beruf Schiffer, Wohnort ebenfalls Yarmouth. Sie ist die hübscheste kleine Fee von der Welt. Ich bewundere sie ebensosehr wie mein Freund. Und wenn es nicht den Anschein hätte, als wollte ich ihrem Bräutigam unrecht tun, was mein Freund, wie ich weiß, nicht gern sieht, so würde ich hinzufügen, daß sie mir zu gut für ihn zu sein scheint, daß ich überzeugt bin, sie könnte einen Bessern finden, und daß ich schwöre, sie ist zu einer vornehmen Dame geboren.« Miß Mowcher hörte diesen Worten, die sehr langsam und deutlich gesprochen wurden, mit nach der Decke gewendeten Augen zu, als ob sie immer noch von dort eine Antwort erwartete. Als er aufhörte, wurde sie wieder ganz rührig und fuhr fort mit wunderbarer Schnelligkeit zu plaudern. »Oh! Und das ist alles?« rief sie. aus, während sie seinen Backenbart mit einer kleinen Schere beschnitt, die in allen Richtungen um seinen Kopf glänzte. »Sehr gut; sehr gut! Eine lange Geschichte. Sollte eigentlich schließen: ›und sie führten zusammen ein glückliches Leben‹; nicht wahr? Ah! Wie heißt es doch im Pfänderspiel? Ich liebe meine Geliebte mit einem E, weil sie entzückend ist; ich hasse sie mit einem E, weil sie für einen andern eingenommen ist. Ich führte sie in das Wirtshaus »zum Einhorn« und traktierte sie mit einer Entführung, ihr Name ist Emilie, und sie wohnt an der Ecke? Ha! Ha! Ha! Mr. Copperfield, bin ich nicht eine närrische Frau?« Sie sah mich dabei mit ausnehmender Schlauheit an und wartete keine Antwort ab, sondern fuhr ohne Atem zu schöpfen fort: »So! Wenn jemals ein Taugenichts vollkommen zurecht geputzt worden ist, so sind Sie's, Steerforth. Wenn ich jemandes Kopf verstehe, so verstehe ich Ihren. Hören Sie, was ich Ihnen sage, mein Schatz! Ich verstehe Sie«, wiederholte sie und sah ihm ins Gesicht. »Jetzt können Sie sich drücken, Jemmy – wie wir bei Hofe sagen –, und wenn Mr. Copperfield Platz nehmen will, so will ich ihn bearbeiten.« »Was meinst du, Blümchen?« fragte Steerforth lachend und stand auf. »Willst du dich verschönern lassen?« »Ich danke Ihnen, Miß Mowcher, heute nicht.« »Sagen Sie nicht nein,« entgegnete die Kleine und sah mich mit Kennermiene an, »ein bißchen mehr Augenbrauen?« »Ich danke Ihnen,« erwiderte ich, »ein andermal.« »Einen Viertelzoll weiter nach den Schläfen zu«, sagte Miß Mowcher. »Das läßt sich in vierzehn Tagen machen.« »Nein, ich danke Ihnen. Jetzt nicht.« »Kommen Sie, um einen Anfang zu machen«, drang sie in mich. »Nicht? Nun wollen wir den Grund zu einem Backenbart legen. Kommen Sie her!« Ich konnte nicht umhin zu erröten, als ich es ausschlug, denn ich fühlte, daß sie jetzt meine schwache Seite berührt hatte. Aber da Miß Mowcher fand, daß ich vorderhand nicht geneigt war, von ihrer kunstfertigen Hand Gebrauch zu machen, und da ich ungerührt blieb von den Reizen des kleinen Fläschchens, das sie mir zur Unterstützung ihrer Überredungskunst vor die Augen hielt, so sagte sie, wir wollten nächstens einmal anfangen, und bat mich, ihr von ihrer Höhe herabzuhelfen. Auf meine Hand gestützt, sprang sie mit vieler Gewandtheit herunter und band ihr Doppelkinn in ihren Hut. »Das Honorar«, – sagte Steerforth. »Fünf Schilling,« entgegnete Miß Mowcher, »und spottbillig ist das, mein Puttchen. Bin ich nicht eine närrische Frau, Mr. Copperfield?« Ich erwiderte höflich: »Durchaus nicht!« Aber innerlich war ich ganz mit ihr einverstanden, als sie die beiden halben Kronen wie ein Miniaturtaschenspieler in die Luft warf, wieder auffing, in die Tasche fallen ließ und dieser einen Schlag gab. »Das ist die Ladenkasse!« bemerkte Miß Mowcher, die jetzt wieder vor dem Stuhle stand und ihre Siebensachen in den Strickbeutel steckte. "Habe ich alle meine Sachen? Es scheint so. Ich kann es doch nicht machen, wie der lange Ned Beadwood, als sie ihn nach der Kirche brachten, ›um ihn mit jemand zu verheiraten‹, wie er sagt, und die Braut vergaßen. Ha! Ha! Ha! Ein böser Kerl, der Ned, aber ein närrischer Kauz! Nun, ich weiß schon, ich breche Ihnen das Herz, aber ich muß Sie jetzt verlassen. Sie müssen alle Ihre Kraft zusammennehmen und versuchen, wie Sie's tragen können. Leben Sie wohl, Mr. Copperfield! Leben Sie wohl, Hänschen von Norfolk! Wie ich geplappert habe! Da seid ihr beiden bösen Menschen allein daran schuld. Ich verzeihe euch! ›Bong swoar‹, wie der Engländer sagte, der Französisch lernte und glaubte ›Gute Nacht‹ zu sagen. ›Bong swoar!‹ Kinderchen!" Mit der Tasche am Arm redete sie unaufhörlich weiter, während sie nach der Tür wackelte, blieb aber noch einmal davor stehen und fragte, ob sie uns eine Locke zum Andenken dalassen sollte. "Bin ich nicht fidel?" fügte sie hinzu und legte schlau den Finger an die Nase; dann verschwand sie. Steerforth lachte so unbändig, daß ich nicht umhin konnte, mitzulachen, was ich sonst vielleicht nicht getan hätte. Als wir uns nach einiger Zeit endlich ausgelacht hatten, erzählte er mir, daß Miß Mowcher eine wirklich sehr ausgebreitete Bekanntschaft habe und sich einer Menge von Leuten in der verschiedensten Weise nützlich mache. Manche trieben ja mit ihr als einer schnurrigen Abnormität nur ihren Spaß, aber sie sei so verschlagen und habe eine so scharfe Beobachtungsgabe, wie nur irgendwer, den er kenne, sagte Steerforth, und ihr Verstand sei so lang, wie ihre Arme kurz. Was sie von ihren Kreuz- und Querfahrten erzählt habe, sei vollkommen richtig; sie mache plötzliche Abstecher in die Provinzen, und scheine die Kunden nur überall so aufzulesen und alle Welt zu kennen. Ich fragte ihn nach ihrer Gesinnung, ob sie boshaft sei und ob ihre Sympathien sich auf der rechten Seite befänden, aber da ich ihn hierfür nicht zu interessieren vermochte, so verschob ich's oder vergaß auch, meine Fragen zum dritten oder vierten Male zu stellen. Statt dessen erzählte er mir zungenfertig mancherlei von ihrer klugen Geschicklichkeit und ihren Einnahmen, und daß sie wie ein gelernter Bader Schröpfköpfe setze – wenn ich mich ihrer einmal in dieser Eigenschaft bedienen wolle. Sie bildete den Hauptgegenstand unserer Unterhaltung während des Abends, und als ich von Steerforth für die Nacht schied, rief er mir noch über das Treppengeländer nach: ›Bong swoar!‹ Bin ich nicht fidel?« Als ich Mr. Barkis Haus erreichte, fand ich zu meiner Verwunderung Ham davor auf und ab gehen und hörte zu meiner noch größeren Verwunderung, daß die kleine Emilie drin sei. Ich fragte natürlich, warum er nicht ebenfalls hineingegangen sei, statt hier so einsam auf und ab zu wandeln? »Ja sehen Sie, Master Davy,« gab er zögernd zur Antwort, »Emilie hat drinnen mit jemand zu reden.« »Ich sollte meinen,« sagte ich lächelnd, »das wäre für Euch gerade ein Grund darin zu sein, Ham.« »Im allgemeinen freilich, Davy,« erwiderte er, »aber sehen Sie, Master Davy,« sagte er leise und sehr ernst, »ein Mädchen, Sir, – ein Mädchen – das Emilie einmal kannte und eigentlich nicht mehr kennen sollte.« Jetzt fiel mir wieder plötzlich die Gestalt ein, die ich vor ein paar Stunden hinter ihr hatte hergehen sehen. »Es ist ein armer Wurm, Master Davy,« sagte Ham, »den die ganze Stadt hier unter die Füße tritt, in den Gräbern auf dem Kirchhofe ist keiner, vor dem sich die Leute mehr scheuten.« »Bin ich ihr heute abend nicht begegnet, Ham, als wir Euch trafen?« »Sie folgte uns!« sagte Ham. »Das ist leicht möglich, Master Davy. Freilich weiß ich es nicht, aber nicht lange darauf kam sie zu Emilie ans Fenster hingeschlichen, als sie es Licht werden sah, und flüsterte: ›Emilie, Emilie! um Christus willen, hab' ein weibliches Herz im Busen. Ich war einmal, was du bist!‹ Das waren feierliche Worte, Master Davy!« »Jawohl, Ham. Und was tat Emilie?« »Emilie sagte: ›Martha, bist du's? O Martha, bist du's wirklich?‹ Denn sie hatten manchen Tag bei Mr. Omer gearbeitet.« »Jetzt besinne ich mich auf sie!« rief ich, denn ich erinnerte mich an eins der beiden Mädchen, die ich bei meinem ersten Besuch dort gesehen hatte. »Ich besinne mich recht gut auf sie!« »Martha Endell«, sagte Ham. »Zwei oder drei Jahre älter als Emilie, aber eine Schulgenossin.« »Ich habe ihren Namen nie gehört«, sagte ich. »Ich wollte Euch nicht unterbrechen.« »Was das betrifft, Master Davy,« erwiderte Ham, »so ist alles fast mit den Worten gesagt: ›Emilie, Emilie! um Christus willen, habe ein weibliches Herz im Busen. Ich war einmal was, was du bist!‹ Sie wollte mit Emilie sprechen; Emilie konnte jetzt nicht mit ihr sprechen, denn ihr guter Onkel war nach Hause gekommen, und er wollte nicht – nein, Master Davy, so gut und weichherzig er ist, so konnte er doch nicht, um alle Schätze, die im Meere liegen, die beiden nebeneinander sehen.« Ich fühlte, wie wahr das sei, ich fühlte es so deutlich wie Ham. »Emilie schrieb also mit Bleistift auf einen Zettel«, fuhr er fort, »und reichte es ihr durch das Fenster hinaus. ›Zeige das meiner Tante Mrs. Barkis,‹ sagte sie, ›und sie wird dich aus Liebe zu, mir aufnehmen, bis der Onkel ausgegangen ist und ich kommen kann.‹ Und darauf erzählte sie mir, was ich Ihnen erzählt habe, Master Davy, und bat mich, sie hierher zu begleiten. Was kann ich tun? Freilich sollte sie solche Personen nicht kennen, aber ich kann ihr nichts abschlagen, besonders nicht, wenn sie Tränen im Auge hat.« Er griff in die Brust seiner Flanelljacke und zog sehr sorgfältig eine kleine hübsche Börse hervor. »Und wenn ich ihr's nicht abschlagen könnte, wenn ihr die Tränen im Auge stehen, Master Davy,« sagte Ham und breitete die Börse vorsichtig auf seiner rauhen Handfläche aus, »wie konnte ich ihr's abschlagen, als sie mir das zu tragen gab – da ich doch wußte wozu? Ein so niedlich Dingelchen«, sagte Ham und sah die Börse gedankenvoll an. »Und so wenig Geld darin!« Ich schüttelte ihm herzlich die Hand – denn das genügt immer besser als Worte – und wir gingen ein paar Minuten schweigend auf und ab. Da ging die Tür auf; Peggotty erschien und winkte Ham hereinzutreten. Ich wollte mich entfernen, aber sie kam mir nach und bat mich ebenfalls hereinzukommen. Selbst da hätte ich gern den Raum vermieden, in dem sie alle waren, aber dies war die schon öfter erwähnte sauber gepflasterte Küche, und da man in diese unmittelbar von der Straße eintrat, stand ich unversehens mitten unter ihnen. Das Mädchen – dasselbe, das ich auf den Dünen gesehen – saß nicht weit vom Feuer auf dem Fußboden und ließ den Kopf und einen Arm auf einem Stuhl ruhen. Aus ihrer Stellung vermutete ich, daß Emilie eben erst vom Stuhle aufgestanden war und daß die Arme ihren Kopf auf ihrem Schoße hatte ruhen lassen. Ich konnte nicht viel von dem Gesicht des Mädchens sehen, denn es war halb von dem gelösten Haar bedeckt, das ungeordnet war, als ob sie selbst darin gewühlt hätte; aber ich sah, daß sie jung und blond war. Peggotty hatte geweint. Die kleine Emilie ebenfalls. Niemand sprach ein Wort, als wir zuerst eintraten, und die Holländer Wanduhr neben dem Küchentisch schien in der lautlosen Stille doppelt so laut wie gewöhnlich zu ticken. Emilie fing zuerst an zu sprechen. »Martha will nach London«, sagte sie zu Ham. »Warum nach London?« erwiderte Ham. Er stand zwischen beiden und sah auf das am Boden hingekauerte Mädchen herab mit einem Gemisch von Mitleid und Besorgnis, sie möchte in eine zu nahe Berührung mit der Geliebten seines Herzens kommen. Beide sprachen, als ob sie krank wäre, in einem leisen, gedämpften Ton, aber doch so deutlich, daß ich alles hören konnte. »Besser dort als hier«, sagte eine dritte Stimme laut. Es war Martha, aber sie regte sich nicht dabei. »Niemand kennt mich dort. Jedermann kennt mich hier.« »Was will sie dort?« fragte Ham. Sie hob den Kopf und sah ihn einen Augenblick finster an, dann beugte sie ihn wieder, legte den Arm um den Hals, wie eine Fieberkranke oder eine von einem Schuß Getroffene sich krümmt. »Sie wird versuchen ordentlich zu sein«, sagte die kleine Emilie. »Du weißt nicht, was sie zu uns gesprochen hat. Nicht wahr, Tante?« Peggotty nickte mitleidig mit dem Kopfe. »Ich will es versuchen, wenn ihr mir forthelft,« sagte Martha, »schlimmer als hier kann es nicht werden. Vielleicht wird es besser. O!« sagte sie mit angstvollem Schaudern, »bringt mich fort aus diesen schrecklichen Straßen, wo mich die ganze Stadt von Kindheit an kennt!« Als Emilie Ham die Hand hinhielt, sah ich, wie er ihr einen kleinen Leinwandbeutel hineinlegte, sie nahm ihn in der Meinung, es sei ihre eigene Börse, bemerkte aber bald den Irrtum, und trat wieder an ihn heran. »Es ist alles dein, Emilie«, hörte ich ihn sagen, »Ich habe nichts in der Welt, was nicht dein ist, liebe Emilie. Es macht mir keine Freude, ausgenommen deinetwegen.« Die Tränen traten ihr von neuem in die Augen, aber sie wandte sich ab und ging zu Martha. Was sie ihr gab, weiß ich nicht, aber ich hörte, wie sie flüsternd fragte: »Ist das genug?« »Mehr als genug«, sagte die andere, nahm ihre Hand und küßte sie. Jetzt stand Martha auf, nahm ihr Tuch zusammen, bedeckte sich das Gesicht damit und ging laut weinend nach der Tür. Auf der Schwelle blieb sie einen Augenblick stehen, als wollte sie noch etwas sagen oder umkehren, aber kein Wort kam über ihre Lippen. Halblaut in das Tuch weinend ging sie hinaus. Als die Tür zu war, sah die kleine Emilie uns aufgeregt an, verbarg dann ihr Gesicht in den Händen und fing an zu schluchzen. »Ich bitte dich, Emilie!« sagte Ham und legte seine Hand sanft auf ihre Schulter. »Ich bitte dich! Du solltest nicht so weinen, liebes Herz!« »Ach Ham!« rief sie, immer noch bitterlich weinend, aus, »ich bin nicht so gut, wie ich sein sollte! Ich bin manchmal Gott nicht so dankbar, wie ich sein sollte!« »Du bist es doch«, sagte Ham. »Nein, nein, nein!« rief die kleine Emilie und schluchzte und schüttelte den Kopf. »Ich bin nicht so gut als ich sein sollte! Noch lange nicht, noch lange nicht!« Und sie weinte, als ob ihr das Herz brechen wollte. »Ich mute deiner Liebe oft zuviel zu. Ich weiß das wohl!« schluchzte sie. »Ich bin oft mürrisch und launisch gegen dich, wenn ich ganz anders sein sollte. Du bist niemals so gegen mich.« »Du machst mich immer glücklich, mein Herz«, sagte Ham. »Ich bin glücklich, wenn ich dich sehe. Ich bin den ganzen Tag glücklich, wenn ich an dich denke.« »Ach, das ist nicht genug!« rief sie aus. »Das geschieht, weil du so gut bist, nicht, well ich es bin! Ach, Lieber, es wäre vielleicht besser für dich, wenn du eine andere liebtest, eine, die beständiger als ich und deiner würdiger, eine, die ganz in dir aufginge und niemals eitel und veränderlich wäre, wie ich.« »Das arme, kleine Herzchen«, sagte Ham leise. »Martha hat sie ganz außer sich gebracht.« »Bitte Tante,« schluchzte Emilie, »komm zu mir und laß mich mein Haupt auf deinen Schoß legen. Ach, ich bin heute sehr unglücklich, Tante! Ach, ich bin lange nicht so gut, wie ich sein sollte. Noch lange nicht, ich weiß es wohl!« Peggotty setzte sich auf den Stuhl neben dem Feuer. Emilie umschlang sie mit ihren Armen, kniete neben ihr nieder und sah ihr flehend ins Gesicht. »O, bitte, Tante, steh mir bei! Lieber Ham, steh mir bei! Mr. David, um alter Zeiten willen, bitte, stehen Sie mir doch bei! Ich muß ein besseres Mädchen werden, als ich es bin! Ich muß hundertmal mehr Dankbarkeit empfinden als ich's tue. Ich muß es fühlen lernen, was für ein Segen es ist, das Weib eines guten Mannes zu sein und ein friedliches Leben zu führen! O weh! o weh! O mein armes, armes Herz!« Sie verbarg ihr Gesicht an dem Busen meiner alten Kindsfrau, unterbrach ihre Klage, die in ihrem Schmerz etwas Kindliches hatte, wie ihr ganzes Wesen, und weinte stumm, während Peggotty sie zu beruhigen suchte, wie ein kleines Kind. Sie wurde allmählich ruhiger, und dann sprachen wir ihr Trost zu, bis sie wieder aufblickte und mit uns redete. So unterhielten wir sie, bis sie wieder lächeln konnte und dann lachte, und sich zuletzt halb beschämt wieder aufrecht setzte; während Peggotty ihr die zerstörten Locken wieder zurückstrich, ihr die Augen trocknete und sie wieder schmuck machte, damit der Onkel beim Nachhausekommen nicht frage, warum sein Liebling geweint habe. Sie tat heute etwas, was ich noch nie bei ihr gesehen hatte. Ich sah, wie sie ihren Bräutigam unschuldig auf die Backen küßte, und sich dicht an die derbe Gestalt andrängte, als wäre er ihre beste Stütze. Als sie im verbleichenden Mondschein zusammen fortgingen und ich ihnen nachblickte, im stillen ihr Fortgehen mit dem von Martha vergleichend, da sah ich, wie sie seinen Arm mit beiden Händen umschlungen hielt, und sich immer noch dicht an ihn andrängte. Dreiundzwanzigstes Kapitel. Mr. Dicks Erzählung bestätigt sich und ich wähle einen Beruf. Als ich am nächsten Morgen aufwachte, dachte ich viel an die kleine Emilie und an ihre große Aufregung gestern abend nach Marthas Fortgehen. Es kam mir vor, daß ich zur Kenntnis dieser häuslichen Schwächen und zarten Saiten in geheiligtem Vertrauen gekommen war, und daß es unrecht sei, selbst nur Steerforth etwas davon zu sagen. Gegen niemand hegte ich zartere Empfindung als gegen das liebliche Mädchen, das meine Gespielin gewesen und das ich, wie ich fest überzeugt bin, auf das Hingehendste liebte. Was ich erfahren hatte, als ihr Herz in der Fülle ihrer Bewegung einen Augenblick durch Zufall vor mir offen dalag, jemals zu erzählen und selbst Steerforth, das kam mir vor wie eine Roheit, unwürdig meiner selbst; unwürdig des Schimmers unserer reinen Kinderjahre, der immer noch ihr Haupt umgab. Ich faßte daher den Entschluß, es als ein Geheimnis in meiner Brust zu bewahren; es verlieh ihrem Bilde einen neuen Reiz. Während wir frühstückten, erhielt ich einen Brief von meiner Tante, dessen Inhalt von der Art war, daß ich glaubte, Steerforth werde mir einen Rat erteilen können; so beschloß ich, mit ihm darüber während unserer Heimreise zu sprechen. Vorderhand hatten wir mit dem Abschiednehmen von unsern Freunden genug zu tun. Mr. Barkis war in seinem Schmerz über unsere Abreise gewiß nicht der letzte von ihnen; und ich glaube sogar, er hätte uns seine Geldkiste noch einmal aufgetan und noch eine zweite Guinee geopfert, wenn er uns noch achtundvierzig Stunden in Jarmouth hätte zurückhalten können. Peggotty und ihre ganze Familie war voller Schmerz über unsere Abreise. Das ganze Geschäft Omer und Joram erschien an der Tür, uns Lebewohl zu sagen; und Steerforth hatte so viele freiwillige Schiffer zur Begleitung, als unsere Koffer nach den Wagen gebracht wurden, daß es uns selbst für das Gepäck eines ganzen Regiments nicht an Trägern gefehlt hatte. Kurz, wir reisten ab zum allgemeinen Bedauern, aber auch bewundert von allen Beteiligten und ließen viele traurig zurück. »Werden Sie lange hier bleiben, Littimer?« sagte ich, als er bei uns stand, auf das Abfahren des Wagens wartend. »Nein, Sir, wahrscheinlich nicht sehr lange«, erwiderte er. »Er kann das jetzt noch kaum sagen«, bemerkte Steerforth leichthin. »Er weiß, was es gilt, und dies wird er ausführen.« »Das wird er sicherlich«, versetzte ich. Littimer berührte in Anerkennung meiner guten Meinung von ihm seine Kopfbedeckung und – ich fühlte mich acht Jahr alt. Er tat es noch einmal, uns glückliche Reise wünschend, und wir ließen ihn auf dem Trottoir stehend zurück, so geheimnisvoll respektabel aussehend wie eine der ägyptischen Pyramiden. Eine Zeitlang sprachen wir nicht, denn Steerforth war ungewöhnlich stumm, und ich hatte genug zu tun mit meinen Gedanken, die sich mit den alten Umgebungen und den neuen Veränderungen beschäftigten, die dort während meiner Abwesenheit vielfach vorgekommen waren. Endlich faßte mich Steerforth, der in einem Augenblick heiter und gesprächig wurde, wie er alles in einem Augenblick werden konnte, beim Arm und sprach: »Nun, David, du bist ja ganz stumm. Was war mit dem Briefe, den du heute beim Frühstück erwähntest?« »Ah!« sagte ich und holte ihn aus der Tasche. »Der ist von meiner Tante.« »Und was schreibt sie darin?« »Sie erinnert mich daran, daß der Zweck meiner Reise war, mich ein wenig umzusehen und nachzudenken«, gab ich zur Antwort. »Was du natürlich getan hast.« »Ich könnte es eben nicht sagen. Die Wahrheit zu gestehen, ich fürchte, ich habe es vergessen.« »Nun, so sieh dich jetzt um und hole das Versäumte nach«, sagte Steerforth. »Wende die Augen rechts, und du wirst ein flaches Land sehen, mit viel Sumpf darin; wende die Augen links, und du wirst dasselbe sehen. Wende die Augen geradeaus und du wirst keinen Unterschied finden; kehre dich rückwärts und dort sieht es gerade so aus.« Ich lachte und erwiderte, daß ich in der ganzen Aussicht keinen geeigneten Beruf erblickte, was vielleicht ihrer Einförmigkeit zuzuschreiben sei. »Was sagt unsere Tante darüber?« fragte Steerforth und blickte auf den Brief in meiner Hand. »Schlägt sie etwas vor?« »Allerdings«, sagte ich. »Sie fragt mich, ob ich ein Proktor werden wolle, was meinst du dazu?« »Das weiß ich nicht«, entgegnete Steerforth gleichgültig. »Du könntest ebensogut das wie etwas anderes werden.« Ich konnte nicht umhin, über den gleichen Maßstab zu lachen, den er an alle Berufsarten ohne allen Unterschied legte, und ich sagte es ihm. »Was ist denn ein Proktor, Steerforth?« sagte ich. »Es ist so eine Art mönchischer Anwalt. Er ist dasselbe bei einigen uralten Gerichten in Doktors' commons, eine stille alte Ecke beim St. Paulskirchhof – was Solicitors bei den gewöhnlichen Zivilgerichtshöfen sind. Es ist ein Beamter, der den natürlichen Verlauf der Dinge nach eigentlich schon vor zweihundert Jahren hätte aufhören sollen zu existieren. Ich kann es dir am besten erklären, wenn ich dir sage, was Doktors' Commons ist. Es ist ein kleiner Ort in einer halbvergessenen Ecke, wo sie nach kanonischem Rechte richten und allerlei Streiche mit uralten Ungeheuern von Parlamentsakten spielen, von denen drei Vierteile der Welt nichts wissen, während das andere Viertel der Meinung ist, sie wären versteinert unter dem Äquator ausgegraben worden. Es ist ein Ort, der ein altes Monopol in Testaments- und Ehesachen und Prozessen wegen Schiffe und Boote hat.« »Dummes Zeug, Steerforth«, rief ich aus. »Du willst doch nicht sagen, daß eine Verwandtschaft zwischen nautischen und kirchlichen Sachen bestände?« »Das weiß ich freilich nicht, mein Lieber,« erwiderte er, »aber ich behaupte dennoch, daß beide von denselben Leuten in Doktors' Commons geführt und entschieden werden. Du wirst eines Tags hinkommen und sie über die Hälfte der Ausdrücke in Youngs nautischem Wörterbuche stolpern finden, anläßlich des Vorfalls, daß ›Nancy‹ die ›Sarah Jane‹ übersegelt hat, oder weil Mr. Peggotty und die Yarmouther Schiffer bei Sturmwetter mit Anker und Kabel in See gegangen sind, dem in Nöten befindlichen Ostindienfahrer ›Nelson‹ Hilfe zu bringen; dann kommst du einen andern Tag hin, und triffst sie, wie sie das Für und Wider im Falle eines Geistlichen ventilieren, der sich übel aufgeführt hat, und du wirst den Richter im nautischen Fache, die Advokaten im Falle des Geistlichen tätig finden, oder umgekehrt. Sie sind wie die Schauspieler, jetzt ist einer ein Richter und dann ist er kein Richter, jetzt ist er das eine, und dann ist er wieder etwas anderes und dann ist es wieder etwas anderes, aber es ist immer ein sehr angenehmes, profitables kleines Privat-Theatergeschäft, aufgeführt vor einer ungewöhnlich auserlesenen Zuhörerschaft.« »Aber Advokat und Proktor ist nicht ein und dasselbe?« fragte ich etwas verwirrt. »Nein«, erwiderte Steerforth, »die Advokaten sind Rechtsgelehrte und müssen auf der Universität den Doktor machen – und deshalb weiß ich auch von ihnen etwas. Die Proktors nehmen Advokaten an, beschäftigen diese. Beide bekommen sehr hübsche Honorare, und im ganzen machen sie ein außerordentlich gemütliches Geschäftchen. Alles in allem genommen würde ich dir anempfehlen, dich für Doktors' Commons zu entscheiden, David. Du mußt wissen, sie bilden sich etwas auf ihre Vornehmheit ein, wenn dir das etwas ausmacht.« Ich zog bei dem etwas karikierten Bilde, das Steerforth eben entworfen hatte, seine Eigenheiten in gehörigen Betracht, und fühlte mich nicht abgeneigt, auf den Plan meiner Tante einzugehen, wenn ich an das würdige und altertümliche Aussehen dachte, das ich unwillkürlich mit der stillen alten Ecke, nicht weit von St. Paulskirchhof, verband. Sie überließ mir übrigens ganz die Entscheidung, und sagte mir offen, daß es ihr bei dem neulichen Besuch bei ihrem Proktor eingefallen sei, als sie dort ihr Testament zu meinen Gunsten habe umändern lassen. »Das ist jedenfalls ein sehr lobenswertes Vorhaben unserer Tante,« sagte Steerforth, als ich ihm davon sagte, »und verdient alle Aufmunterung. Blümchen, mein Rat ist, daß du dich für Doktors' Commons entscheidest.« Mein Entschluß stand jetzt fest. Ich erzählte dann Steerforth, daß mich meine Tante in der Stadt erwartete (das meldete sie mir im Briefe) und daß sie sich auf eine Woche in einem Hotel garni in Lincolns Innfield einlogiert habe, das eine steinerne Treppe und eine Tür im Dache hätte; denn meine Tante war fest überzeugt, daß in jedem Hause in London jede Nacht eine Feuersbrunst wäre. Wir vollendeten den Rest unserer Reise in größter Heiterkeit, sprachen oft von Doktors' Commons und malten uns die ferne Zukunft aus, in der ich dort als Proktor angestellt sein würde, und Steerforth entwarf davon die drolligsten, launigsten Bilder, die uns beide belustigten. Als wir unser Reiseziel erreichten, nahm er Abschied mit dem Versprechen, mich übermorgen zu besuchen; und ich fuhr nach Lincolns Innfield, wo meine Tante auf mich wartete. Wenn ich während der Zeit eine Reise um die Welt gemacht hätte, so hätten wir uns nicht freudiger begrüßen können. Meine Tante weinte geradezu, als sie mich umarmte, und sagte, indem sie sich stellte, als ob sie lachen wollte, daß, wenn meine arme Mutter noch am Leben wäre, dieses kleine Närrchen gewiß Tränen vergossen haben würde. »Du hast also Mr. Dick zu Hause gelassen, Tante?« sagte ich. »Das tut mir leid. Ach, Janet, wie geht's?« Janet nickte, sagte, ich wäre hoffentlich auch wohl, aber ich sah, daß das Gesicht der Tante immer länger wurde. »Auch mir tut es leid«, sagte meine Tante, und rieb sich die Nase. »Ich habe keine Sekunde Ruhe gehabt seit meinem Hiersein, Trot.« Ehe ich fragen konnte warum, fuhr sie schon fort. »Ich bin überzeugt,« sagte meine Tante, indem sie die Hand mit bekümmerter Gefaßtheit auf den Tisch legte, »daß Dicks Charakter nicht geeignet ist, die Esel fern zu halten. Ich bin überzeugt, es fehlt ihm die nötige Entschiedenheit. Ich hätte lieber Janet zu Hause lassen sollen, und dann hätte ich vielleicht ruhig sein können. Wenn ein Esel über meinen Rasen gegangen ist, so war es heute nachmittag um vier Uhr. Ein kalter Schauer überlief mich vom Kopf bis zur Zehe – ich wußte, es war ein Esel.« Ich versuchte sie zu trösten, aber sie wies jeden Trost zurück. »Es war ein Esel,« sagte meine Tante, »und es war der mit dem Stutzschwanz, auf dem die mörderische Schwester ritt, als sie zu uns kam.« Meine Tante gab Miß Murdstone nie einen andern Namen. »Wenn es einen Esel in Dover gibt, dessen Keckheit ich am allerwenigsten ertragen kann, so ist es dieser!« rief meine Tante und schlug auf den Tisch. Auch der Versuch Janets, meine Tante zu beruhigen, wurde von dieser zurückgewiesen. Das Abendessen wurde gut serviert und warm aufgetragen, obgleich die Zimmer meiner Tante sehr hoch waren – ich weiß nicht, ob sie für ihr Geld soviel steinerne Stufen als möglich haben, oder in nächster Nähe der Tür im Dache sein wollte – und bestand in einem gebratenen Huhn, einem Beefsteak und Gemüse, die sämtlich vortrefflich waren und die ich mit vielem Appetit verzehrte. Meine Tante dagegen hatte ihre eigenen Gedanken über Londoner Lebensmittel und aß nur wenig. »Ich glaube dieses arme Huhn ist in einem Keller ausgekrochen und aufgezogen«, sagte meine Tante; »und ist nicht an die Luft gekommen, außer auf einen Fiakerstand. Ich hoffe, das Steak ist Rindfleisch, aber ich glaub' es nicht. Nichts ist echt hier in der Stadt, mit Ausnahme des Schmutzes.« »Meinst du nicht, daß das Huhn vom Lande sein könnte, Tante?« fragte ich. »Gewiß nicht«, entgegnete meine Tante. »Es würde einem Londoner kein Vergnügen machen, etwas Echtes zu verkaufen.« Ich wagte nicht, diese Meinung zu bestreiten, aber ich ließ mir das Abendessen schmecken, was meiner Tante sehr zur Befriedigung gereichte. Als der Tisch abgeräumt war, machte ihr Janet das Haar, damit sie die Nachthaube aufsetzen konnte, die künstlicher gebaut war als gewöhnlich (wegen eines möglichen Feuers, sagte meine Tante), dann schlug sie sich das Kleid bis über die Knie aufwärts, um sich am Feuer zu wärmen, was ihre gewöhnlichen Vorbereitungen vor dem Zubettgehen waren. Und dann machte ich ihr nach gewissen feststehenden Regeln, von denen selbst die leichteste Abweichung nicht geduldet wurde, ein Glas weißen Glühwein zurecht und schnitt eine Scheibe Toast in lange dünne Streifen. Damit sollte der Rest des Abends vergehen; meine Tante saß mir gegenüber und trank ihren Glühwein mit dem Toast, und sah mich unter dem Rüschenbesatz ihrer Nachthaube hervor wohlwollend an. »Nun Trot«, fing sie an, »was sagst du zu dem Proktor? oder hast du noch nicht darüber nachgedacht?« »Ich habe viel darüber nachgedacht, liebe Tante, und bin deshalb viel mit Steerforth zu Rate gegangen. Ich finde sehr großen Gefallen daran; ausnehmenden Gefallen!« »Nun, das ist mir sehr lieb!« sagt meine Tante. »Ich sehe nur eine Schwierigkeit dabei, liebe Tante.« »Nur heraus damit, Trot«, erwiderte sie. »Sieh, ich möchte wissen, Tante, da dies ein privilegierter Beruf ist, ob mein Eintritt nicht sehr teuer zu stehen kommen würde?« »Dich dafür ausbilden zu lassen, kostet gerade tausend Pfund«, sagte meine Tante. »Das macht mir wirklich Sorge, liebe Tante«, erwiderte ich, und rückte meinen Stuhl näher an sie heran. »Das ist sehr viel Geld. Du hast schon so viel ausgegeben für meine Erziehung, und hast mich in jeder Hinsicht so freigebig ausgestattet, wie es nur möglich war, kurz, bist in jeder Hinsicht die Großmut selbst gewesen! Gewiß gibt es manchen Beruf, den ich ohne besondere Auslage anfangen könnte, und in dem ich doch alle Aussicht hätte, es mit Fleiß und Ausdauer zu etwas zu bringen. Bist du sicher, daß es nicht besser wäre, es auf diese Weise zu versuchen? Weißt du bestimmt, daß du soviel Geld entbehren kannst, und daß es recht ist, es auf diese Weise auszugeben? Ich bitte dich als meine zweite Mutter, nur das nach allen Seiten hin zu überlegen. Bist du dessen gewiß?« Meine Tante aß das Stückchen Toast, das sie eben im Munde hatte, vollends auf, wobei sie mich fest ansah; dann setzte sie das Glas auf den Kaminsturz, legte die Hände auf ihrem Schoße übereinander und sagte: »Trot, mein liebes Kind, wenn ich einen Lebenszweck habe, so ist es der, dich zu einem guten, glücklichen und verständigen Menschen zu machen. Ich habe es mir vorgenommen – und Dick auch. Ich wünschte, manche Leute könnten Dicks Äußerung über diese Sache hören. Sein Scharfblick ist ganz wunderbar. Aber kein Mensch weiß, was für einen Verstand dieser Mann hat, ich ausgenommen!« Sie hielt einen Augenblick inne, um meine Hand zu ergreifen und fuhr fort: »Es hilft nichts, Trot, sich an die Vergangenheit zu erinnern, wenn man sich daraus nicht einige Lehren auf die Gegenwart herauszieht. Vielleicht hätte ich mich mit deinem armen Vater besser vertragen können. Vielleicht hätte ich mich mit dem armen Kinde, deiner Mutter, besser vertragen können, selbst nachdem mich deine Schwester Betsey Trotwood hintergangen hatte. Als du ein armer verlassener Flüchtling, bestäubt und reisemüde zu mir kamst, dachte ich dies. Von dem Tage an bis heute, Trot, bist du immer mein Stolz und meine Freude gewesen, niemand anders hat an mich Ansprüche; wenigstens« – hier stockte sie zu meiner Verwunderung und wurde verlegen – »nein, niemand anders ist, der meine Mittel beanspruchen darf, und du bist mein Adoptivkind! Ich verlange nur, daß du mir in meinem Alter ein guter Sohn bist und es mit meinen Schrullen und Grillen nicht so genau nimmst; und du wirst mehr tun für eine alte Frau, deren beste Lebenszeit nicht so glücklich und zufrieden war, als sie hätte sein können, als diese alte Frau je für dich getan hat.« Dies war das erstemal, wo ich meine Tante von ihrer frühern Lebensgeschichte sprechen hörte. In der anspruchslosen Weise, wie sie es tat und davon abbrach, lag eine Seelenstärke, die ihr allein schon meine Liebe und Verehrung erworben hätte. »Wir sind jetzt schon in allem einig, Trot«, sagte meine Tante, »und wir brauchen nicht weiter davon zu reden. Gib mir einen Kuß, wir wollen morgen früh nach dem Frühstück zu den Doktors' Commons gehen.« Bevor wir zu Bette gingen, plauderten wir noch lange miteinander. Mein Schlafzimmer befand sich mit dem meiner Tante auf einem Flur: und es störte mich nicht wenig, als sie im Laufe der Nacht jedesmal bei mir anklopfte, so oft sie in der Ferne Fiaker rollen hörte, und mich fragte, ob ich die Spritzen nicht höre? Aber gegen Morgen schlief sie ruhig und störte mich nicht weiter. Gegen Mittag machten wir uns nach dem Bureau der Herren Spenlow und Jorkins in Doktors' Commons auf den Weg. Meine Tante, die auch noch die andere vorgefaßte Meinung von London hatte, daß jeder, dem sie begegnete, ein Taschendieb sei, gab mir ihre Börse, in der sich zehn Guineen und einiges Silbergeld befanden, zum Aufheben. Vor dem Spielzeugladen in Fleet Street blieben wir stehen, um die Riesen auf dem St. Dunstanturm auf die Glocken schlagen zu sehen; auch hatten wir unsern Ausgang so eingerichtet, um sie beim Zwölf-Uhr-Schlagen zu beobachten, und dann wendeten wir uns nach Ludgate Hill und dem St. Pauls Kirchhof. Wir wollten eben nach letzterem Platz herübergehen, als ich sah, daß meine Tante ihre Schritte plötzlich beschleunigte und sehr geängstigt aussah. Ich nahm zu gleicher Zeit wahr, daß jetzt ein verkommener, ärmlich-gekleideter und verdächtig aussehender Mann, der uns erst eine Weile aufmerksam angesehen hatte, hinter uns herkam und meine Tante anstieß. »Trot, lieber Trot!« flüsterte mir meine Tante erschrocken zu und drückte mir den Arm. »Ich weiß nicht, was ich tun soll.« »Ängstige dich nicht«, sagte ich. »Es ist hier nichts zu besorgen. Tritt in einen Laden und ich will bald mit dem Kerl fertig werden.« »Nein, nein, Kind!« entgegnete sie. »Um alles in der Welt, sprich nicht mit ihm. Ich bitte dich, ich befehle es dir!« »Aber ich bitte dich, liebe Tante«, sagte ich. »Er ist nichts als ein frecher Bettler.« »Du weißt nicht, was er ist!« entgegnete meine Tante. »Du weißt nicht, wer er ist! Du weißt nicht, was du sprichst!« Wir waren indessen in einen offenen Torweg getreten, und der Mensch war ebenfalls stehen geblieben. »Sieh ihn nicht an!« sagte meine Tante, als ich mich zornig umwandte, »sondern besorge mir eine Droschke und erwarte mich auf dem Paulskirchhofe.« »Dich erwarten?« wiederholte ich. »Ja«, erwiderte meine Tante. »Ich muß allein gehen. Ich muß mit diesem Mann gehen.« »Mit ihm, Tante? Mit diesem Mann?« »Ich weiß, was ich spreche,« gab sie zur Antwort, »und ich sage dir, ich muß. Besorge mir ein Fuhrwerk.« So sehr mich ihr Benehmen in Verwunderung setzte, fühlte ich doch, daß ich einem so entschieden ausgesprochenen Willen gewähren mußte. Ich ging eilig ein paar Schritte fort und rief einen Kutscher zu, der eben leer vorbeifuhr. Ich hatte kaum Zeit, den Tritt herabzulassen, als meine Tante schon hineinstieg und der Unbekannte ihr folgte. So ernstlich bittend winkte sie mir mit der Hand, zu gehen, daß ich ihr unwillkürlich sofort gehorchte, nachdem sie mir wieder ihre Börse abverlangt hatte. Währenddessen hörte ich, wie sie zu dem Kutscher sagte: »Fahren Sie nur zu! Wohin es ist!« worauf sich der Wagen in Bewegung setzte. Jetzt fiel mir wieder ein, was mir Mr. Dick erzählt, und was ich damals für eine Täuschung seiner Sinne gehalten hatte. Ich konnte nicht bezweifeln, daß dieser Unbekannte derselbe sei, von dem er so geheimnisvoll gesprochen hatte, obgleich ich mir nicht im mindesten denken konnte, von welcher Art sein unzweifelhafter Einfluß auf meine Tante sein mochte. Nachdem ich eine halbe Stunde auf dem Kirchhof gefroren hatte, sah ich die Droschke wieder kommen. Sie hielt vor mir; und meine Tante saß allein darin. Doch hatte sie sich noch nicht genug von ihrer Aufregung erholt, um sogleich den beabsichtigten Besuch machen zu können. Sie forderte mich nun auf, in den Wagen zu steigen und dem Kutscher zu sagen, eine Weile die Straße langsam auf und ab zu fahren. Sie sagte weiter nichts, als: »Liebes Kind, frage mich niemals, was er war, und sprich nicht wieder davon«, – und sprach vorerst kein Wort mehr, bis sie ihre Fassung vollkommen wiedergewonnen hatte, worauf sie dann sagte, daß sie wieder ganz ruhig sei und daß wir aussteigen könnten. Als sie mir die Börse zurückgab, um den Kutscher zu bezahlen, bemerkte ich, daß die Guineen nicht mehr darinnen waren, sondern nur das einzelne Silbergeld. Ein kleiner niedriger Torweg führte uns zu Doktors' Commons. Bevor wir noch viele Schritte hinter uns hatten, schien das Geräusch der Stadt wie durch Zauber in eine mildernde Ferne zurückzuweichen. Ein paar stille Höfe und schmale Gänge brachten uns in die Bureaus von Spenlow und Jorkins, in deren Vorzimmer, zu denen die Pilger ohne anzuklopfen Eintritt finden konnten, drei oder vier Schreiber tätig waren. Einer davon, ein kleiner verschrumpelter Mann mit einer steifen braunen Perücke, die wie von Pfefferkuchen gemacht aussah, stand auf, um meine Tante zu begrüßen, und wies uns in Mr. Spenlows Zimmer. »Mr. Spenlow hat eine Sitzung auf dem Gericht, Madame,« sagte er; »aber es ist dicht nebenan, und ich werde sogleich nach ihm schicken.« Während wir warteten, benutzte ich die Gelegenheit, um mich umzusehen; die Ausstattung des Zimmers war altmodisch und bestaubt, und das grüne Tuch auf dem Schreibtisch hatte ganz die Farbe verloren und war welk und bleich wie ein alter Spittaleinwohner. Es lagen viele beschriebene Rollen und Aktenbündel darauf, einige mit Konsistorial-Gericht bezeichnet, andere mit Arches-Gericht, andere mit Prärogativen-Gericht, andere, mit Admiralitäts-Gericht, noch andere mit Delegierten-Gericht, so daß ich davon Veranlassung nahm, mich zu fragen, wieviel Gerichte es wohl geben möchte und wie lange es dauern würde, bis ich sie alle begriffen hätte. Außerdem bemerkte ich viele Folianten, richtige dicke Wälzer, voll notariell aufgenommener Zeugenaussagen, stark gebunden und in einzelne Abteilungen zusammengesetzt, für jeden Rechtsfall eine, als ob jeder eine Geschichte von zehn oder zwanzig Bänden wäre. Alles dies sah sehr einträglich aus und gab mir einen angenehmen Begriff von den Geschäften eines Proktors. Ich musterte mit zunehmendem Wohlgefallen diese und andere ähnliche Gegenstände, als man draußen eilige Tritte hörte und Mr. Spenlow in einem schwarzen mit weißem Pelz besetzten Tatar hereintrat, der gleich beim Eintritt den Hut abnahm. Es war ein kleiner Herr mit hellblondem Haar, untadelhaften Stiefeln und weißem Halskragen von der steifsten Sorte. Er war sehr knapp und peinlich zugeknöpft, und mußte sich sehr viel Mühe gegeben haben mit seinem Backenbart, der sehr sorgfältig gekräuselt war; seine goldene Uhrkette war so schwer, daß ich auf den Einfall kam, er müßte, um sie herauszuziehen, einen so muskelkräftigen goldenen Arm haben, wie er über den Läden der Goldschläger zu sehen ist. Er war so sorgfältig angezogen und so steif, daß er sich kaum verbeugen konnte und, wenn er ein paar Papiere auf seinem Pult ansehen wollte, den ganzen Körper vom Ende des Rückgrats an bewegen mußte, wie eine Gliederpuppe. Meine Tante stellte mich ihm vor, und er begrüßte mich mit großer Höflichkeit. Er sagte dann: »Sie denken also bei uns einzutreten, Mr. Copperfield. Ich erwähnte neulich zufällig gegen Miß Trotwood« – mit einer Gliederpuppenverbeugung – »daß bei uns eine Stelle frei sei. Miß Trotwood war so freundlich zu bemerken, daß sie einen Neffen habe, der ihr sehr am Herzen liege und für den sie ein anständiges Unterkommen suche. Diesen Neffen habe ich wahrscheinlich jetzt das Vergnügen –« wieder eine Gliederpuppenverbeugung. Ich verbeugte mich dabei bejahend und erwiderte, meine Tante habe mir gesagt, es sei eine Stelle erledigt, und ich glaube, ich werde Gefallen daran finden; daß ich mich nicht zum Eintritt unbedingt verpflichten könnte, bis ich etwas mehr davon kennen gelernt hätte; und daß ich, obgleich ich das mehr für eine Formsache halte, voraussetzte, ich würde versuchsweise eintreten können. »O, gewiß, gewiß!« sagte Mr. Spenlow. »Wir gewähren in unserem Geschäft immer einen Monat – einen Probemonat. Ich würde mich glücklich schätzen, zwei Monate – oder drei – oder eine unbestimmte Zeit anzubieten, aber ich habe einen Associé, Mr. Jorkins.« »Und das Lehrgeld ist tausend Pfund, Sir?« fragte ich weiter. »Und das Lehrgeld, Stempelgebühren mit eingeschlossen, ist tausend Pfund«, sagte Mr. Spenlow. »Wie ich schon gegen Miß Trotwood bemerkte, werde ich nicht von selbstsüchtigen Beweggründen geleitet; weniger vielleicht als viele andere, aber Mr. Jorkins hat seine Ansichten über diese Sache, und ich halte es für meine Pflicht, Mr. Jorkins Meinung zu achten. Mr. Jorkins meint, tausend Pfund sei noch zuwenig.« »Ich vermute,« sagte ich, immer noch in der Hoffnung, meiner Tante etwas ersparen zu können, »daß es vielleicht Gebrauch ist, einen eingeschriebenen Lehrling, wenn er sich besonders nützlich macht und seinen Beruf vollkommen gründlich erlernt hat – ich konnte nicht umhin zu erröten, denn es klang so sehr wie ein Selbstlob, – »in den letzten Jahren seiner Lehrzeit ...« Mr. Spenlow hob den Kopf gerade weit genug aus dem Halstuch, um ihn schütteln zu können, und antwortete, meinen letzten Worten vorgreifend: »Salär zu geben? Nein! Ich wüßte nicht, wie ich selbst über diesen Punkt denken würde, Mr. Copperfield, wenn ich nicht gebunden wäre. Mr. Jorkins ist unerbittlich.« Mir wurde ordentlich angst vor diesem schrecklichen Jorkins. Aber ich fand später, daß er ein sanfter Mann von etwas trägem Temperament war, der weiter nichts zu tun hatte, als im Geschäft selbst stets unbemerkt im Hintergrunde zu bleiben, und dessen Name dabei immer als der des hartnäckigsten und unbarmherzigsten Menschen dargestellt wurde. Wenn ein Schreiber höheres Salär haben wollte, wollte Mr. Jorkins nichts davon wissen. Wenn ein Klient langsam im Bezahlen der Kosten war, so bestand Mr. Jorkins unerbittlich auf Zahlung; und so höchst unangenehm diese Sachen Mr. Spenlow waren, Mr. Jorkins drang auf eine Schuldverschreibung. Das Herz und die Hand des guten Engels Spenlow wären immer offen gewesen ohne den hartherzigen Dämon Jorkins. In späteren Jahren habe ich noch andere Häuser kennen gelernt, die ihre Geschäfte nach dem Prinzip Spenlow und Jorkins betrieben. Es wurde verabredet, daß ich meinen Monat Probezeit anfangen sollte, sobald es mir beliebe, und daß meine Tante bis dahin weder in der Stadt zu bleiben noch wieder zu kommen brauche, da ihr der Kontrakt ohne weiteres zur Unterschrift nach Hause geschickt werden könnte. Als wir das abgemacht hatten, erbot sich Mr. Spenlow, mir den Gerichtshof zu zeigen. Ich nahm das Anerbieten an, und wir gingen fort, ließen aber meine Tante zurück, denn sie wollte sich, wie sie sagte, an keinen solchen Ort wagen, und hielt, glaube ich, alle Gerichtshöfe für eine Art Pulvermühlen, die jeden Augenblick auffliegen können. Mr. Spenlow führte mich über einen gepflasterten Hof, umgeben von ernsten Häusern mit Rauhputz, die, nach den Schildern an den Türen und den Namen der Doktoren zu schließen, die Amtswohnungen der gelehrten Advokaten waren, von denen Steerforth gesprochen hatte und endlich in einen großen dunklen Saal, der fast wie eine Kapelle aussah. Der obere Teil war durch ein Gitter abgeschlossen; dort saßen an beiden Seiten einer erhöhten Bühne in Hufeisenform, auf bequemen altmodischen Lehnstühlen in roten Talaren und grauen Perücken die vorerwähnten Doktoren des Gerichts. In der Kurve des Hufeisens lugte über einem kleinen Pulte aus einer großen Perücke das Augenpaar eines alten Herrn hervor, der fast wie eine Eule aussah, in dem ich den vorsitzenden Richter kennen lernte. Innerhalb des Hufeisens, etwas niedriger, saßen an einer langen grünen Tafel verschiedene andere Herren von Mr. Spenlows Rang, wie er, in schwarze Talare, mit weißem Pelz verbrämt, gekleidet. Ihre Halstücher kamen mir im allgemeinen sehr steif und ihre Blicke sehr stolz vor, aber in dieser letzten Hinsicht bemerkte ich sogleich, daß ich ihnen unrecht getan hatte, denn als zwei oder drei aufzustehen und eine Frage des Vorsitzenden Richters zu beantworten hatten, konnte keine Fliege schläfriger aus der Buttermilch kriechen. Das Publikum, bestehend aus einem Knaben mit einem Halstuch und einem schäbig-eleganten Mann, der verstohlen Brotkrumen aus seinen Taschen aß, wärmte sich an einem Ofen, der inmitten des Saales stand. Die schläfrige Stille des Ortes wurde nur durch das Prasseln des Feuers und die Stimme eines der Doktoren unterbrochen, der mit der Stimme langsam durch eine ganze Bibliothek von Zeugenaussagen wanderte und unterwegs manchmal eine Station machte, um bei einer Beweisführung zur Erquickung vorzusprechen. Kurz, ich habe in meinem ganzen Leben nie in einem so altmodischen, duseligen, schlafmützigen Kreise verweilt, und ich fühlte, es dürfte kein angenehmeres Schlafmittel geben, als dieser Gesellschaft in irgend einer Weise anzugehören, außer – vielleicht für den Klienten. Sehr befriedigt von dem träumerischen Charakter des Ortes gab ich Mr. Spenlow zu verstehen, daß ich vorderhand genug gesehen hätte, und wir verfügten uns wieder zu meiner Tante, mit der ich alsbald die Commons verließ, nachdem ich noch beim Hinausgehen von Spenlow und Jorkins meine große Jugend sehr lebhaft gefühlt hatte, als die Schreiber einander zuflüsternd mit ihren Federn auf mich deuteten. Wir erreichten Lincolns Innfields ohne neue Abenteuer, außer daß wir einem unglücklichen Esel begegneten, der peinliche Erinnerungen in meiner Tante erweckte. Wir hatten noch eine lange Unterhaltung über meine Zukunftspläne, als wir in unserer Wohnung angekommen waren; und da ich wußte, wie sehr sie sich nach Hause sehnte und sich, geplagt von ihrem seltsamen Gedanken über Nahrungsmittelverfälschung, Feuer und Taschendiebe, keine Stunde in London heimisch fühlen konnte, so drang ich in sie, sich meinetwegen keine Sorge zu machen, sondern ungescheut mich mir selbst zu überlassen. »Auch daran habe ich schon gedacht, liebes Kind, ich bin nicht schon umsonst morgen eine Woche hier«, erwiderte sie. »Eine kleine möblierte Wohnung ist in Adelphi zu vermieten, Trot, das ausgezeichnet für dich passen muß.« Nach dieser kurzen Einleitung holte sie aus ihrer Tasche eine sorgfältig aus einer Zeitung ausgeschnittene Anzeige des Inhalts, daß in der Buckinghamstraße in Adelphi einige möblierte Zimmer mit der Aussicht auf den Fluß als passende Wohnung für einen jungen Herrn, Mitglied der Rechtsschulen, zu vermieten und sogleich zu beziehen seien. Der Preis war billig, und sie konnten, wenn es gewünscht wurde, auch monatweise abgelassen werden. »Das paßt ja vortrefflich, Tante!« rief ich aus, ganz erfreut von der Aussicht, eine eigene Wohnung zu beziehen. »So komm«, erwiderte meine Tante und nahm sogleich wieder den Hut, den sie eben erst abgelegt hatte. »Wir wollen sie gleich ansehen.« Und fort ging's. Die Anzeige wies uns an Mr. Crupp im Hause selbst; wir klingelten an der Küche, wo wir Mrs. Crupp zu finden hofften. Erst als wir drei- bis viermal geläutet hatten, erschien Mrs. Crupp in Gestalt einer wohlbeleibten Dame in einem flanellenen Unterrock unter einem Nankingüberkleid. »Ich möchte Ihre Zimmer ansehen, Madame«, sagte meine Tante. »Für diesen jungen Herrn?« fragte Mrs. Crupp und suchte in der Tasche nach den Schlüsseln. »Ja, für meinen Neffen«, sagte meine Tante. »Sie werden Ihnen gewiß gefallen!« bemerkte Ms. Crupp. Wir folgten ihr die Treppe hinauf. Sie befanden sich im obersten Stock des Hauses – ein großer Vorzug im Auge meiner Tante, wegen der Feuersgefahr – und bestanden aus einem kleinen dunkeln Eintrittszimmer, wo man kaum etwas sehen konnte, einer kleinen Vorratskammer, in der man gar nichts sehen konnte, einem Wohnzimmer und einem Schlafgemach. Die Möbel waren etwas alt und verschossen, aber genügten mir; und auf alle Fälle war der Fluß vor den Fenstern. Da mir die Wohnung gefiel, so zogen sich meine Tante und Mrs. Crupp in das Vorzimmer zurück, um über die Bedingungen zu verhandeln, während ich im Wohnzimmer auf dem Sofa sitzen blieb und kaum an die Möglichkeit zu denken wagte, Inhaber einer so ausgezeichneten Wohnung zu werden. Nach einem Zweikampf von einiger Dauer kehrten sie zurück, und zu meiner Freude sagte mir das Gesicht von Mrs. Crupp und meiner Tante, daß die Sache abgemacht sei. »Sind das die Möbel des letzten Mieters?« fragte meine Tante. »Ja, Madame«, sagte Ms. Crupp. »Was ist aus ihm geworden?« fragte meine Tante. Ms. Crupp wurde von einem beschwerlichen Husten befallen, der ihr nur mit einiger Mühe zu sagen erlaubte: »Er wurde hier krank Madame und – Uh! Uh! Uh! mein Gott – und starb.« »Ah! und woran starb er?« »Er starb vom Trinken«, sagte Mrs. Crupp im Vertrauen, »und vom Rauchen.« »Rauchen? Sie meinen doch nicht Ofenrauch?« sagte meine Tante. »Nein, Madame,« erwiderte Mrs. Crupp. »Zigarren und Pfeifen.« »Das ist nicht ansteckend, Trot,« sagte meine Tante, indem sie sich zu mir wendete, »keineswegs!« »In der Tat nicht«, antwortete ich. Kurz, da meine Tante sah, wie sehr mir die Wohnung gefiel, so nahm sie das Quartier vorläufig für einen Monat, und wenn dann keine Kündigung erfolgte, auf das ganze Jahr. Mrs. Crupp hatte die Wäsche und das Kochen zu besorgen. Alles andere war bereits abgemacht; und Ms. Crupp verpflichtete sich ausdrücklich, daß sie mich stets wie einen Sohn lieben werde. Ich sollte übermorgen einziehen und Mrs. Crupp sagte, sie danke dem Himmel, daß sie wieder für jemand zu sorgen habe. Auf dem Nachhausewege sagte mir meine Tante, sie vertraue darauf, daß das Leben, das ich anzufangen im Begriff stehe, mir einen selbständigen und festen Charakter verleihen werde; weiter verlange sie nichts. Sie wiederholte das noch öfter am folgenden Tage, während wir die Hierhersendung meiner Bücher und Sachen von Canterbury regelten. Ich benutzte die Gelegenheit, um einen langen Brief an Agnes zu schreiben, dessen Besorgung meine Tante auf sich nahm. Um diese Einzelheiten nicht zu weit auszudehnen, füge ich noch hinzu, daß sie für alle meine möglichen Bedürfnisse während des Probemonats auf das Ausreichendste sorgte und daß Steerforth zu ihrer und zu meiner großen Enttäuschung vor ihrer Abreise nicht erschien. Sie saß wieder sicher im Wagen, Janet an ihrer Seite, und genoß im voraus die Triumphe des über die vagabondierenden Esel hereinbrechenden Ungemachs. Als der Wagen abgefahren war, kehrte ich das Gesicht gegen Adelphi und gedachte sinnend der alten Tage, da ich in dessen unterirdischen Gewölben und Gängen herumstreifte, sowie der glücklichen Schicksalswendung, die mich dauernd an die Oberwelt versetzte. Vierundzwanzigstes Kapitel. Meine erste Ausschweifung. Es war wunderbar herrlich im einzigen Besitz dieses hohen Schlosses zu sein und mich, wenn ich die Tür draußen zumachte, wie Robinson Crusoe zu fühlen, wenn er sich in seiner Festung befand und die Leiter hinter sich aufgezogen hatte. Es war wunderbar herrlich, mit dem Hausschlüssel in der Tasche in der Stadt herumzugehen und zu wissen, daß man jeden zu sich einladen könnte, ohne jemandes Unzufriedenheit zu erregen als seine eigene. Es war so wunderbar herrlich, zu kommen und zu gehen, ohne jemand zu fragen und Mrs. Crupp keuchend aus den Tiefen der Erde herauszuläuten, wenn ich sie brauchte und wenn sie Lust hatte zu kommen. Das war alles wunderbar herrlich aber ich muß gestehen, daß es auch manchmal recht langweilig war. Es war sehr hübsch, vorzüglich früh am schönen Morgen, es war frisch und lebendig bei Tage, und noch frischer und lebendiger bei Sonnenschein. Aber wie der Tag sank, schien das Leben ebenfalls zu sinken. Ich weiß nicht, wie es kam, aber es war selten hübsch bei Lampenlicht. Ich hätte jemand haben mögen, um mich mit ihm zu unterhalten. Agnes fehlte mir. An ihre Stelle, die immer lächelnd meine Herzensergießungen aufgenommen hatte, war eine entsetzliche Leere getreten. Bis zu Mrs. Crupp schien es weit, so weit zu sein. Ich dachte an meinen Vorgänger, der vom Trinken und Rauchen gestorben war; und ich hätte wünschen können, er wäre so gut gewesen leben zu bleiben, anstatt mich mit seinem Tode zu ärgern. Nach zwei Tagen und Nächten kam es mir vor, als ob ich schon ein Jahr dort gewohnt hätte; und doch war ich noch nicht um vieles älter, aber meine große Jugend quälte mich so sehr wie früher. Da Steerforth noch immer nicht erschien, und ich fast fürchtete, er möchte krank sein, so machte ich am dritten Tage früh vom Gericht weg einen Abstecher nach Highgate. Mrs. Steerforth freute sich sehr mich zu sehen, und sagte mir, er sei zu einem seiner Oxforder Freunde auf Besuch nach St. Albans gegangen, sie erwarte ihn aber morgen zurück. Ich liebte ihn so sehr, daß ich auf seinen Oxforder Freund ordentlich eifersüchtig war. Ihre dringende Einladung, zum Essen dazubleiben, mußte ich annehmen; und ich glaube, wir sprachen von nichts als von ihm den ganzen Tag über. Ich erzählte ihr, wie sehr er den Leuten in Yarmouth gefalle und was er für ein angenehmer Gesellschafter gewesen. Miß Dartle war wie gewöhnlich mit Andeutungen und geheimnisvollen Fragen geladen, aber sie hörte auch so mit großem Interesse zu und fragte: Wäre es wirklich so? usw. so oft, daß sie von mir alles erfuhr, was sie wissen wollte. Sie sah noch eben so aus, wie ich sie nach meinem ersten Besuch beschrieben habe, aber die Gesellschaft der beiden Damen erschien mir so angenehm, und stand in so wohltuendem Gegensatz zu meinem zweitägigen Einsiedlerleben, daß ich mich wirklich ein ganz klein wenig im Laufe des Abends in Miß Dartle verliebte, und vornehmlich bei meinem Nachhauseweg drängte sich auch mir mehrmals der Gedanke auf, was für eine angenehme Gesellschaft sie für mich in der Buckinghamstraße sein würde. Ich saß am andern Tage beim Kaffee und aß gerade mein Brötchen – und ich muß bei dieser Gelegenheit bemerken, daß es wirklich erstaunlich war, wieviel Kaffee Mrs. Crupp brauchte und wie schwach er dabei war – als zu meiner allergrößten Freude Steerforth eintrat. »Lieber Steerforth,« rief ich aus, »ich fing schon an zu glauben, ich würde dich nie wiedersehen!« »Sie haben mich ja gewaltsam entführt,« sagte Steerforth; »und zwar am nächsten Morgen nach meiner Heimkehr. Aber Blümchen, welche herrliche Junggesellenwirtschaft!« Ich zeigte ihm die ganze Wohnung und vergaß nicht die Vorratskammer; er lobte alles herzlich. »Ich will dir was sagen, alter Junge,« setzte er hinzu, »ich hätte Lust, das zu meinem Absteigequartier zu machen, bis du mir kündigst.« Das war mir wonnig zu hören. Ich sagte ihm, wenn es darauf ankäme, könnte er bis zum jüngsten Tage warten. »Aber du mußt etwas zum Frühstück haben!« sagte ich und griff nach der Klingel; »Mrs. Crupp soll frischen Kaffee kochen, und ich will dir hier auf meiner Junggesellenmaschine etwas Schinken rösten.« »Nein, nein!« sagte Steerforth, »klingle nicht! Ich kann nicht! Ich habe versprochen, mit meinen Leuten im Piazza-Hotel in Coventgarden zu frühstücken.« »Dann kommst du doch zum Essen?« sagte ich. »Ich kann nicht, auf mein Wort. Nichts würde mir angenehmer sein, aber ich muß bei diesen beiden Leuten bleiben. Wir wollen alle drei morgen früh wieder fort.« »Nun, dann bring sie mit hierher zu Tisch«, erwiderte ich. »Würden sie wohl kommen?« »O, sie würden gern genug kommen,« sagte Steerforth, »aber wir würden dir Ungelegenheiten machen. Speise du lieber mit uns.« Damit konnte ich mich in keiner Weise einverstanden erklären, denn es fiel mir ein, daß ich doch eigentlich einen kleinen Einzugsschmaus geben müßte; und eine bessere Gelegenheit konnte sich nicht finden. Ich war auf meine Wohnung noch einmal so stolz, nachdem er sie gelobt hatte, und brannte vor Verlangen, alle ihre Hilfsquellen zu entwickeln. Er mußte mir daher auf das Bestimmteste im Namen seiner Freunde auf sechs Uhr zusagen. Als er fort war, klingelte ich Mrs. Crupp und machte sie mit meinem hochtrabenden Entschluß bekannt. Mrs. Crupp sagte ernstlich, natürlich lasse sich nicht erwarten, daß sie bei Tische aufwarte, aber sie kenne einen gewandten jungen Mann, der für fünf Schilling und ein kleines Trinkgeld vielleicht dazu bereit sein würde. Ich bestellte natürlich diesen jungen Mann. Zunächst sagte Ms. Crupp, sie könne jedoch an zwei Orten nicht zugleich sein (was ich ganz begreiflich fand) und ein Mädchen mit einer Küchenlampe in der Vorratskammer, um Teller zu waschen, sei durchaus unentbehrlich. Ich fragte, was so ein Mädchen kosten werde, und Mrs. Crupp sagte, sie glaube, achtzehn Pence würden mich weder glücklich machen noch zu Grunde richten. Ich war auch der Meinung, und so war das abgemacht. Dann sagte Mrs. Crupp: »Jetzt also das Essen.« Es war ein merkwürdiges Beispiel von Mangel an Vorbedacht seitens des Maurers, der Mrs. Crupps Küchenherd gebaut hatte, daß man darauf nur Koteletten und Kartoffelbrei kochen konnte. Was dann ein Fischgericht betrifft, sagte Mrs. Crupp, so sollte ich nur in die Küche kommen und mir den Herd ansehen. Mehr könnte sie nicht sagen. Wollte ich ihn ansehen? Da dies doch nichts helfen konnte, so schlug ich es aus und sagte: »Auf den Fisch kommt es mir dann nicht an.« Aber Mrs. Crupp sagte: »Sprechen Sie nicht so; es gibt um diese Jahreszeit frische Austern, und warum wollen Sie die nicht nehmen?« So war das abgemacht. Dann sagte Mrs. Crupp, sie würde folgendes empfehlen: ein paar gebratene Hühner – vom Koch; ein Gericht gedämpftes Rindfleisch mit Gemüse – vom Koch; zwei Zwischengerichte, etwa ein Auflauf und gedämpfte Niere – vom Koch; eine Torte und vielleicht etwas Gelee – vom Koch. Das, sagte Mrs. Crupp, würde ihr volle Zeit lassen, ihre geistige Tätigkeit auf die Kartoffeln zu konzentrieren, und den Käse und den Sellerie so zu servieren, wie sie ihn serviert sehen möchte. Ich handelte nach Mrs. Crupps Rat und gab selbst dem Koch die nötigen Aufträge. Als ich nachher an den Strand ging, und in einem Fleischladen eine harte marmorierte Substanz mit der Aufschrift »Mock-Turtle« bemerkte, ließ ich mir ein Stück davon abschneiden, das, wie ich später erfuhr, für fünfzehn Personen gereicht hätte. Nicht ohne einige Skrupel verstand sich Mrs. Crupp dazu, das Präparat aufzuwärmen, und es war, als sie es nachher servierte, sonderbarerweise so sehr »zusammengelaufen«, daß es nach Steerforths Urteil »für vier Mann etwas knapp« war. Außerdem kaufte ich noch ein kleines Dessert auf dem Coventgardenmarkt und gab einem Weinhändler in der Nachbarschaft einen nicht ganz unbedeutenden Auftrag. Als ich nachmittags nach Hause kam und das stattliche Viereck von Flaschen auf dem Fußboden der Vorratskammer stehen sah, kamen sie mir so zahlreich vor – obgleich zwei fehlten, was Mrs. Crupp sehr unangenehm war –, daß ich wirklich darüber erschrak. Der eine von Steerforths Freunden hieß Grainger, der andere Markham. Beide waren sehr heitere und lebhafte Gesellen; Grainger etwas älter als Steerforth; Markham von jüngerem Aussehen und höchstens zwanzig. Ich bemerkte, daß der letzte stets von sich in unbestimmtem Sinne, als von einem dritten sprach, aber niemals in der ersten Person des Singulars, »Hier könnte sich der Mensch recht wohl befinden, Mr. Copperfield«, sagte Markham – damit meinte er sich. ^ »Es ist keine schlechte Lage,« erwiderte ich, »und die Wohnung ist wirklich recht bequem.« »Ich hoffe, ihr habt beide guten Appetit mitgebracht?« sagt Steerforth. »Auf Ehre,« erwiderte Markham, »die Stadt scheint einem Menschen Appetit zu machen. Hier kann der Mensch den ganzen Tag in einem fort essen!« Da ich anfangs etwas verlegen war und mir zu jung vorkam, um den Wirt zu machen, so bat ich Steerforth, sich obenan zu setzen, und nahm den Platz gegenüber ein. Alles war sehr gut: der Wein wurde nicht geschont, und Steerforth gab sich so viele Mühe, damit alles gut von statten gehe, daß nie eine Pause eintrat. Ich war während des Essens kein so guter Gesellschafter, als ich hätte wünschen können, denn mein Stuhl war der Tür gegenüber, und meine Aufmerksamkeit wurde immer dadurch in Anspruch genommen, daß der gewandte junge Mann sehr oft das Zimmer verließ, und daß ich seinen Schatten stets unmittelbar darauf mit einer Flasche am Munde an der Wand sah. Auch das Mädchen machte mir einige Sorgen – nicht, weil sie die Teller zu waschen versäumte, sondern weil sie sie zerbrach. Denn da sie sehr wißbegierig war, und es nicht über sich bringen konnte, sich auf die Vorratskammer zu beschränken, wozu sie ausdrücklich gemietet worden war, so guckte sie uns beständig durch die halb geöffnete Tür zu und glaubte ebensooft, sie sei entdeckt; in diesem Glauben zog sie sich zu wiederholten Malen auf die Teller zurück – mit denen sie sorgfältig den Boden bepflastert hatte – und richtete solcherart viel Unheil an. Das waren jedoch geringfügige Unannehmlichkeiten, die leicht vergessen waren, als das Tischtuch weggenommen war und das Dessert auf der Tafel stand, zu einer Zeit, wo beiläufig bemerkt, der gewandte junge Mann kaum noch lallen konnte. Ich schickte daher ihn und das junge Mädchen auf eigene Verantwortung zu Mrs. Crupp hinunter und überließ mich ganz der Feststimmung. Ich fing damit an sehr heiter zu sein; allerlei halbvergessene Sachen kamen mir in den Kopf und machten mich wieder meine Art ganz ungewöhnlich gesprächig. Ich lachte herzlich über meine eigenen und der andern Spaße, rief Steerforth zur Ordnung, weil er den Wein nicht hatte herumgehen lassen, gab mehrfache Versprechungen nach Oxford zu kommen, erklärte, daß ich auf weiteres jede Woche ein solches Diner geben werde, und nahm wahnsinnigerweise soviel Tabak aus Graingers Dose, daß ich in die Vorratskammer hinausgehen und mich zehn Minuten lang ausniesen mußte. Immer rascher und rascher ließ ich den Wein herumgehen und war stets bereit, eine neue Flasche aufzumachen, bevor es nötig war. Ich brachte Steerforths Gesundheit aus. Ich sagte, er sei mein teuerster Freund, der Beschützer meiner Jugend und der Gefährte meiner Jünglingsjahre. Ich sagte, ich sei ihm mehr schuldig, als ich ihm jemals vergelten, und ich bewundere ihn mehr als ich ausdrücken könnte. Ich schloß also: »Steerforth! Gott, segne ihn! Hurra!« Wir brachten ihm dreimal drei Hurras und ein noch recht ordentliches, um es voll zu machen. Ich zerbrach mein Glas, als ich um den Tisch ging, um ihm die Hand zu schütteln, und zu ihm ziemlich lallend sagte: »Steer–forth, du bist der, Leit–stern mei–nes Le–bens!« So ging's fort, bis ich plötzlich entdeckte, daß schon jemand inmitten eines Liedes war. Markham sang und zwar: »Wenn Gram beschwert das Menschenherz.« Nach dem Schlüsse sagte er, er wolle die Gesundheit »der Weiber« ausbringen. Ich erhob dagegen Einwand und konnte es nicht gestatten. Ich fand die Form nicht ehrerbietig genug, und wollte keinem in meinem Hause einen andern Toast gestatten, als auf die Damen! Ich kanzelte ihn ordentlich ab, wohl hauptsächlich, weil ich glaubte, Steerforth und Grainger über mich oder uns beide lachen zu sehen. – Er sagte, er wäre nicht der jemand, sich etwas vorschreiben zu lassen! – Ich sagte, das täte ich doch! – Er sagte, man dürfe nicht beleidigen! – Ich sagte, er habe da ganz recht – wenigstens sollte das niemals unter meinem Dach» geschehen, wo die Laren und die Gesetze der Gastfreundschaft heilig gehalten würden! – Er sagte, es sei eines jemandes nicht unwürdig, zu gestehen, daß ich ein verteufelt guter Kerl sei! – Ich brachte sofort seine Gesundheit aus! – Es rauchte jemand. Wir rauchten bald alle. Ich rauchte und versuchte einen angehenden Ekel zu unterdrücken. Steerforth hatte eine Rede über mich gehalten, die mich fast bis zu Tränen rührte. Ich dankte in einer Gegenrede und hoffte, die Anwesenden würden morgen bei mir speisen und übermorgen – jeden Tag um fünf Uhr, damit wir einen langen Abend vor uns hätten. Ich fühlte mich veranlaßt, einen Toast auszubringen. Ich trank auf das Wohl meiner Tante, Mrs. Betsey Trotwood, die beste ihres Geschlechts! Es sah jemand aus meinem Schlafzimmerfenster heraus und kühlte sich die Stirn an dem steinernen Simse. Der jemand war ich. Ich redete mich an als Copperfield und sagte: »Copperfield, warum versuchtest du zu rauchen? Du hättest wissen können, daß du es nicht vertragen kannst.« Jetzt betrachtete jemand sein wankendes Gesicht im Spiegel. Das war auch ich. Ich sah sehr blaß aus; meine Augen waren stier, und mein Haar – nur mein Haar, weiter nichts – war betrunken. Jemand sagte zu mir: »Wir wollen ins Theater gehen, Copperfield!« Das war aber nicht mehr im Schlafzimmer, sondern an dem mit vielen Gläsern bedeckten wackelnden Tisch; Grainger an meiner rechten Seite, Markham an meiner linken und Steerforth mir gegenüber – alle von einem Nebel umgeben und weit, weit weg. »Ins Theater? Natürlich. Nur fort! Aber Sie müssen mir erst erlauben, alle hinaus zu begleiten und die Lampe auszudrehen – wegen des Feuers.« Die Finsternis mußte mich irre machen, aber die Tür war fort. Ich tappte danach in den Fenstergardinen, als Steerforth mich lachend beim Arme faßte und hinausführte. Wir gingen die Treppe hinunter, einer nach dem andern. Auf einer der letzten Stufen fiel jemand und kollerte hinunter. Jemand sagte, es sei Copperfield. Ich ärgerte mich über die Unwahrheit, bis ich mich in dem Hausflur auf dem Rücken liegen fand und zu glauben anfing, daß doch etwas Wahres daran sein könnte. Draußen war starker Nebel und um die Straßenlaternen waren große Ringel! Ich hörte so etwas wie: »Ein feuchter Abend«. Mir kam er kalt vor. Steerforth stäubte mich unter einer Laterne ab und gab mir meinen Hut wieder, den jemand auf eine höchst außerordentliche Weise irgendwo hervorgeholt hatte, denn ich hatte ihn vorher nicht aufgehabt. Dann sagte Steerforth: »Nun, bist du in Ordnung, Copperfield?« und ich erwiderte lallend: »Alles in Ordnung!« Ein Mann in einem nebelumringten Taubenschlag tauchte an irgend einem Kassenfenster auf, strich von jemand Geld ein, fragte, ob ich mit zu den Herren gehörte und schien eine Zeitlang zu zweifeln, ob er Geld für mich nehmen sollte oder nicht. Kurz darauf fand ich mich sehr hoch oben in der schwülen Luft des Theaters wieder, und sah in ein großes Parterre hinab, das mir zu rauchen schien – so wenig konnte ich die Leute darin unterscheiden. Auch eine große Bühne sah ich, sehr rein und glatt im Vergleich mit der Straße; darauf Personen, die von irgend etwas sprachen, aber nichts weniger als deutlich. Überfluß von Kerzenschein und Musik; Damen in den Logen waren da, und ich weiß nicht was sonst noch. Das ganze Gebäude kam mir vor, als ob es schwimmen lernen wollte; es benahm sich auf eine so seltsame Weise, und wogte hin und her, als ich versuchte, es fest zu halten. Auf jemandes Vorschlag beschlossen wir, in die erste Rangloge zu den Damen zu gehen. Ein Herr in vollem Gesellschaftsanzuge auf einem Sofa mit einem Operngucker in der Hand schwebte vor meinen Augen vorbei, ebenso mein eigenes Bild im Spiegel. Dann führte man mich in eine der Logen und sagte etwas, und die andern Leute in der Loge riefen jemand »St.« zu, und die Damen sahen mich zürnend an! und – wie! ja! – auch Agnes saß in der Reihe vor mir – neben einem Herrn und einer Dame, die ich nicht kannte. Ich sehe ihr Gesicht jetzt noch, besser als ich es damals zu sagen wagte, mit dem auf mich gerichteten, kaum zu beschreibenden Blick voll Schmerz und Verwunderung. »Agnes!« lallte ich, »mein Gott! Agnes!« »Still! ich bitte dich«, sagte sie, ich konnte nicht begreifen warum. »Du störst das Publikum. Sieh nach der Bühne!« Ich versuchte meinen Blicken eine bestimmte Richtung zu geben, um etwas von dem zu verstehen, was unten vorging, aber ich mühte mich umsonst. Ich sah sie wieder an, und sie rückte scheu in ihre Ecke und hielt die behandschuhte Hand an die Stirn. »Agnes!« lallte ich. »Du bist doch nicht unwohl?« »Ja, ja. Bitte aber, laß mich, Trotwood«, erwiderte sie. »Hör' mich an! Wirst du bald gehen?« »Du – bald – gehen?« wiederholte ich mit schwerer Zunge. »Ja.« Es fuhr mir wie eine verworrene Vorstellung durch den Kopf, ihr zu sagen, daß ich auf sie warten würde, um sie nach dem Wagen zu begleiten. Ich glaube auch, ich sagte ihr ähnliches, denn nachdem sie mich eine Weile aufmerksam angesehen hatte, sagte sie leise: »Ich weiß, daß du mir folgst, wenn ich sage, daß mir sehr viel daran liegt. Geh jetzt, Trootwod, um meinetwillen, und bitte deinen Freund, dich nach Hause zu bringen.« Sie hatte mich augenblicklich doch insoweit zur Besinnung gebracht, daß ich mich schämte, obwohl ich mich zugleich über sie ärgerte, und mit einem möglichst kurzen »gute Na–« aufstand, was »Gute Nacht« heißen sollte und fortging. Mein Begleiter folgte mir, und ich trat aus der Loge unmittelbar in mein Schlafzimmer (so war mir wenigstens zumute), wo nur noch Steerforth bei mir war und mich auskleiden half, und wo ich ihm wiederholt sagte, Agnes sei meine Schwester, und ihn ebensooft bat, den Korkzieher zu bringen, damit ich noch eine Flasche Wein aufmachen könne. Wie jemand, in meinem Bette liegend, die ganze Nacht hindurch alles dies in einem Fiebertraum und in buntem Wirrwarr noch einmal tat und sagte – während das Bett wie eine nie ruhende, wogende See ging! Wie ich, als dieser jemand langsam Ich zu werden anfing, mit fieberndem Durst in fieberheißer trockner Haut, die mich umspannte wie ein hartes Brett, dalag, meine Zunge, dem Boden eines leeren Kessels gleich, mit Kesselstein bekrustet von langem Gebrauche und über einem langsamen Feuer röstend, meine Handflächen Platten von glühendem Metall, die kein Eis kühlen konnte! Aber die Seelenqual, die Reue, die Scham, als ich am Morgen wieder meiner bewußt wurde! Mein Entsetzen, tausend Beleidigungen verschuldet zu haben, die ich vergessen hatte, und die ich nie wieder sühnen konnte – die Erinnerung an Agnes' nie zu vergessenden Blick – das quälende Gefühl der Unmöglichkeit, mich mit ihr zu verständigen, da ich weder wußte, wann sie nach London gekommen war, noch wo sie wohnte – mein Ekel vor dem bloßen Anblick der Stube, wo das Gelage abgehalten worden war, – der Kopfschmerz – der Geruch von dem Zigarrenrauch der vorigen Nacht, der Anblick der Gläser, die Unmöglichkeit auszugehen, ja selbst aufzustehen! O, was für ein Tag war das! O, was für ein Abend, als ich am Feuer saß mit einem Teller schwacher Suppe, auf der nur einige Fettaugen schwammen, gequält von dem Gedanken, auf demselben Wege wie mein Vorgänger zu sein, der Erbe seiner traurigen Geschichte in seiner Wohnung, und halb Willens, stracks nach Dover zu eilen und alles zu beichten! Welch ein Abend, als Mrs. Crupp, den Suppenteller holend, mir eine Niere auf einem Käseteller als den einzigen Überrest des gestrigen Gelages zeigte, und ich wirklich Neigung fühlte, an ihre nankingumhüllte Brust zu stürzen, und mit aufrichtiger Reue zu ihr zu sagen: »O, Mrs. Crupp, Mrs. Crupp, lassen wir das sein! Mir ist sehr elend zumute!« nur daß ich selbst in diesem Katzenjammer zweifelte, ob Mrs. Crupp ganz die Frau sei, der man vertrauen könne! Fünfundzwanzigstes Kapitel. Gute und böse Engel. Ich trat am Morgen nach jenem beklagenswerten Tage voll Kopfschmerz, Übelbefinden, Reue und einer seltsamen Ungewißheit über das Datum des von mir gegebenen Festes, als ob eine Anzahl Titanen mit einem ungeheuern Hebel den vorgestrigen Tag ein paar Monate zurückgeschoben hätte, aus meiner Stube, als ich einen Ausläufer mit einem Briefe in der Hand die Treppe heraufkommen sah. Er nahm sich in diesem Augenblick Zeit genug, aber als er mich oben auf der Treppe gewahrte, verfiel er in einen Trab und hielt keuchend vor mir still, als ob er sich bis zur äußersten Erschöpfung angestrengt hätte. »T. Copperfield, Esquire«, sagte der Ausläufer, und berührte mit seinem spanischen Röhrchen grüßend den Hut. Ich konnte mich kaum zu dem Namen bekennen, so sehr verwirrte mich das Bewußtsein, daß der Brief von Agnes sei. Zuletzt aber bekannte ich mich doch zu dem Namen Copperfield, und er gab mir den Brief, der, wie er sagte, eine Antwort erforderte. Ich ließ ihn vor der Tür warten und trat wieder in solcher Aufregung in meine Stube, daß ich den Brief erst auf den Tisch legen mußte, um mich mit seiner Außenseite etwas vertraut zu machen, ehe ich mich entschließen konnte, das Siegel zu brechen. Als ich den Brief endlich öffnete, fand ich ein paar sehr freundliche Zeilen, die nicht die mindeste Hindeutung auf meinen Zustand im Theater enthielten. Sie sagten weiter nichts, als: »Lieber Trotwood! Ich wohne bei dem Agenten meines Vaters, Mr. Waterbrook, am Elyplatz, Holborn. Willst Du mich heute zu jeder Dir beliebigen Stunde besuchen? Deine Dich liebende Freundin und Schwester Agnes.« Ich brauchte zur Abfassung einer mich befriedigenden Antwort so viel Zeit, daß ich wahrhaftig nicht weiß, was der Ausläufer draußen gedacht haben muß, wenn er nicht gedacht hat, ich lernte schreiben. Ich muß mindestens ein halb Dutzend Briefe geschrieben haben. Einer fing an: »Wie kann ich jemals hoffen, liebe Agnes, daß Du den widrigen Eindruck vergessen wirst –« das gefiel mir nicht, und ich zerriß den Brief. Ich fing ein drittes Billett mit einer Zeile von sechs Silben an: »O, gedenke niemals –« aber das erinnerte an den 5. November, den Jahrestag der Pulververschwörung, und machte es zu einer Dummheit. Ein anderer Brief fing an: »Shakespeare sagt, liebe Agnes, wie seltsam es sei, daß ein Mann einen Feind in seinen Mund tue«, doch der »Mann« erinnerte mich an Markham und ich mochte nicht weiter schreiben. Dann versuchte ich es in poetischer Form, aber das klang erst recht albern, und nach vielen mißglückten Versuchen schrieb ich: »Liebe Agnes, Dein Brief ist ganz wie Du selbst, und könnte ich mehr zu seinem Lobe sagen? Ich komme um vier Uhr. Mit aufrichtiger Zuneigung und Betrübnis T. C.« Mit diesem Briefchen (das ich wohl zwanzigmal zurückfordern wollte, nachdem ich es kaum aus der Hand gegeben hatte) trat der Ausläufer endlich den Rückweg an. Wenn einem andern Mitgliede von Doktor's Commons der Tag halb nur so schrecklich war wie mir, so hat er, glaube ich, wahrhaftig genügende Buße für seinen Anteil an diesem alten, verschimmelten Sauerteig getan. Obgleich ich die Expedition um halb vier Uhr verließ, und nur ein paar Minuten später vor Agnes' Wohnung eintraf, so dauerte es noch eine volle Viertelstunde nach der Uhr von St. Andrews in Holborn, ehe ich den verzweifelten Entschluß fassen konnte, an Mr. Waterbrooks Haus die Klingel zu ziehen. Die gewöhnlichen Geschäfte Mr. Waterbrooks wurden im Erdgeschoß, das vornehme Geschäft aber, das nicht unbedeutend war, im oberen Teil des Hauses abgemacht. Man wies mich in ein hübsches, aber kleines Gesellschaftszimmer, und hier saß Agnes und häkelte eine Börse. Ihr Gesicht war so gut und still, und erinnerte mich so sehr an die heitern, frischen Tage meiner Schulzeit in Canterbury und den weingefüllten und tabakdurchräucherten Jämmerling, der ich den Mond vorher gewesen war, daß es meiner Reue und Beschämung freien Lauf ließ, und – kurz, mich wie ein Kind benahm. Ich kann nicht leugnen, daß ich weinte. Bis zu dieser Stunde weiß ich noch nicht, ob dies das Klügste oder das Lächerlichste war, was ich tun konnte. »Wenn es jemand anders gewesen wäre als du, Agnes,« sprach ich mit abgewendetem Gesicht, »so würde es mich weniger grämen. Aber daß du mich so sehen mußtest! Ich wollte fast, ich wäre eher gestorben.« Sie legte ihre Hand – ihre Berührung war wie die keiner andern Hand – einen Augenblick auf meinen Arm, und ich fühlte mich so getröstet und gehoben, daß ich nicht umhin konnte, sie an meine Lippen zu drücken. »Setze, dich«, sagte Agnes freundlich. »Beruhige dich, Trotwood. Wenn du mir nicht vertrauen willst, wem willst du dann vertrauen?« »Ach, Agnes!« erwiderte ich. »Du bist mein guter Engel!« Sie lächelte wie mir schien, ziemlich trübe und schüttelte den Kopf. »Ja, Agnes!« wiederholte ich, – »mein guter Engel! Immer mein guter Engel!« »Wenn ich das wäre, Trotwood,« sagte sie, »so würde mir etwas sehr am Herzen liegen.« Ich sah sie forschend an, aber schon mit einem Vorgefühl dessen, was sie sagen wollte. »Dich gegen deinen bösen Engel zu warnen«, sagte Agnes mit einem festen Blick. »Liebe Agnes,« fing ich an, »wenn du Steerforth meinst –« »Allerdings, Trotwood«, sagte sie. »Dann tust du ihm sehr unrecht. Er, mein böser Engel! Eher jeder andere! Er, der mir nie etwas anderes als ein Freund, eine Stütze und ein Führer gewesen ist! Liebe Agnes! Ist es nicht ungerecht und deiner unwürdig, ihn nach dem, was du von mir gestern abend sahst, zu beurteilen?« »Ich beurteile ihn nicht nach dem, was ich gestern von dir sah«, – gab sie ruhig zur Antwort. »Wonach denn?« »Nach vielerlei Sachen,« sagte sie – »an sich Kleinigkeiten, die mir aber wichtiger erscheinen, wenn ich sie im Zusammenhang betrachte. Ich beurteile ihn teils nach dem, was du mir von ihm erzählt hast, und nach deinem Charakter und dem Einfluß, den er auf dich ausübt.« Es lag etwas in dem Klange ihrer sanften Stimme, das eine nur bei diesem Tone in mir anklingende Saite zu berühren schien. Ihre Stimme war immer ernst, aber wenn sie sehr ernst war wie jetzt, übte sie einen überwältigenden Einfluß auf mich aus. Ich sah sie an, während sie die Blicke auf ihre Arbeit herabsenkte; mir war's, als ob ich ihr zuhörte, und Steerforth trat trotz aller meiner Liebe zu ihm vor diesem Tone in den Schatten. »Ich nehme mir viel heraus,« sagte Agnes und blickte mich wieder an, »wenn ich dir bei meiner geringen Weltkenntnis so zuversichtlich einen Rat gebe, oder überhaupt eine so entschiedene Meinung ausspreche. Aber ich weiß, welchem Gefühl sie entsprossen ist, Trotwood – wie sie ihren Ursprung hat in der treuen Erinnerung an unsere gemeinsam verlebte Jugend und in einer innigen Teilnahme an allem, was dich angeht. Das eben macht mich so zuversichtlich. Ich bin überzeugt, daß ich recht habe. Mir ist, als ob jemand anders zu dir spreche und nicht ich, wenn ich dich vor diesem gefährlichen Freunde warne, denn ich behaupte, daß er es ist!« Wieder blickte sie mich an, ich hörte ihr immer noch zu, als sie schon schwieg, und wieder trat sein Bild, obgleich es noch in meinem Herzen verweilte, in den Schatten zurück. »Ich erwartete nicht etwa,« begann Agnes nach einer Weile mit ihrer alten Stimme von neuem, »daß du auf einmal ein Gefühl, das dir zu einer Überzeugung geworden ist, ausrotten wirst oder kannst: am allerwenigsten ein Gefühl, das ein Ausfluß deines vertrauensseligen Charakters ist. Das ist nicht so schnell zu erwarten. Ich bitte dich nur, Trotwood, wenn du jemals an mich denkst, – ich meine,« sagte sie mit einem ruhigen Lächeln, denn ich wollte sie unterbrechen, und sie wußte, warum, – »sooft du an mich denkst, – dir zu überlegen, was ich eben gesagt habe. Verzeihst du mir jetzt?« »Ich werde dir verzeihen, Agnes,« erwiderte ich, »wenn du Steerforth Gerechtigkeit widerfahren lässest und ihn so gern hast wie ich.« »Nicht früher?« sagte Agnes. Ihr Gesicht verdüsterte sich einen Augenblick bei diesen Worten, aber sie erwiderte mein Lächeln, und wir waren wieder so rückhaltlos in unserm gegenseitigen Vertrauen wie früher. »Und wann wirst du mir den gestrigen Abend verzeihen, Agnes?« sagte ich. »Wenn ich mich daran erinnere«, entgegnete Agnes. Sie hatte damit diesen Gegenstand fallen lassen, aber das Herz war mir zu voll davon, und ich bestand darauf, ihr alles ausführlich zu erklären und ihr auseinanderzusetzen, von welcher Kette von zufälligen Umständen das Theater das letzte Glied gewesen war. Diese Erklärung und ein längeres Verweilen bei der Verpflichtung, die ich Steerforth für seine freundlichen Dienste an jenem Abend schuldete, war mir eine große Herzenserleichterung. »Du darfst nicht vergessen,« sagte Agnes, indem sie, sobald ich fertig war, die Unterhaltung auf einen andern Gegenstand lenkte, »daß du mir auch immer Bericht erstatten wolltest, wenn du dich verliebst. Wer ist Miß Larkins nachgefolgt, Trotwood?« »Niemand, Agnes.« »Jemand, Trotwood«, sagte Agnes lachend und drohte mir mit dem Finger. »Nein, Agnes, auf mein Wort nicht! Bei Mrs. Steerforth lebt freilich eine Dame, die sehr gescheit ist und mit der ich mich gern unterhalte – Miß Dartle – aber ich bete sie nicht an.« Agnes lachte wieder über ihren Scharfblick und sagte, wenn ich ihr immer mein Vertrauen schenke, werde sie vielleicht ein kleines Verzeichnis meiner Liebschaften anlegen, mit dem Anfangsdatum, der Dauer und dem Ende einer jeden, wie die Tabellen über die Könige und Königinnen von England, Dann fragte sie mich, ob ich Uriah gesehen habe. »Uriah Heep? – Nein. Ist er in London?« »Er kommt täglich in das Bureau unten«, entgegnete mir Agnes. »Er war schon eine Woche vor mir in London. Ich fürchte, in unangenehmen Geschäften, Trotwood.« »In Geschäften, die dir Unruhe machen, Agnes«, sagte ich. »Was mag das sein?« Agnes legte ihre Arbeit hin, ihre Hände übereinander und sah mich mit ihren schönen sanften Augen nachdenklich an. »Ich glaube, er will beim Vater ins Geschäft eintreten.« »Was? Uriah? Dieser niedrige kriechende Kerl will sich in eine solche Stellung drängen?« rief ich entrüstet. »Hast du dagegen keine Vorstellungen gemacht, Agnes? Bedenke nur, was das für eine Verbindung werden wird. Du darfst hier kein Blatt vor den Mund nehmen. Du darfst nicht dulden, daß dein Vater einen so wahnsinnigen Schritt tut. Du mußt es verhindern, solange es noch Zeit ist.« Agnes schüttelte den Kopf, während ich sprach, lächelte ein wenig über meine Wärme, dann erwiderte sie: »Du erinnerst dich doch noch an Unser letztes Gespräch wegen des Vaters? Nicht lange nachher – höchstens zwei oder drei Tage, gab er mir die erste Andeutung von dem, was ich dir eben sagte. Es war ein trauriger Anblick, ihn kämpfen zu sehen zwischen dem Wunsche, es mir einerseits als eine Sache seiner freien Wahl dazustellen und andererseits als ein Resultat seiner Unfähigkeit zu verbeigen, daß ihm der Schritt abgezwungen wurde. Es schmerzte mich recht sehr.« »Abgezwungen, Agnes? Von wem?« »Uriah hat sich dem Vater unentbehrlich gemacht«, erwiderte sie nach einigem Schweigen. »Er ist schlau und übersieht nichts; er hat die Schwächen des Vaters kennen gelernt und sie benutzt, bis – um es in einem Worte zu sagen, Trotwood, – bis der Vater ihn fürchtete,« Es war offenbar, daß sie darüber mehr hätte sagen können, daß sie mehr wußte, oder mehr argwöhnte. Ich wollte ihr durch weiteres Fragen keinen Schmerz verursachen, denn ich wußte, daß sie es mir lediglich verschwieg, um ihren Vater zu schonen. Ich fühlte wohl, daß die Dinge längst dieser Wendung entgegengereift waren, und ich blieb daher still. »Seine Macht über den Vater ist sehr groß«, sagte Agnes. »Er stellt sich demütig und dankbar – er ist es vielleicht wirklich, ich will es wenigstens hoffen – aber er hat eine sehr einflußreiche Stellung, und ich fürchte, er benutzt diesen Einfluß aufs äußerste.« Ich sagte, er sei ein heimtückischer Hund, was mir in diesem Augenblick zu großer Befriedigung gereichte. »Zu der Zeit, von der ich spreche, damals, als es mir der Vater sagte,« fuhr Agnes fort, »hatte er dem Vater erzählt, er wolle fort; es tue ihm sehr leid, aber er habe bessere Aussichten. Der Vater war damals sehr niedergeschlagen und von Sorge mehr gebeugt, als du oder ich ihn jemals gesehen haben; aber dieser Ausweg, ihn als Associé anzunehmen, schien ihm eine Erleichterung zu gewähren, obgleich es ihn damals verletzte und er sich darüber zu schämen schien.« »Und was sagtest du dazu, Agnes?« »Ich tat, was ich für das Rechte hielt, und was es hoffentlich auch ist, Trotwood«, erwiderte sie. »Ich fühlte, daß dies Opfer nötig war, um den Vater zu beruhigen, und deshalb bat ich ihn, es zu bringen. Ich sagte, es würde ihm die eine Sorge seines Lebens leichter machen – und ich hoffe das – und es werde mir noch mehr Gelegenheit geben, beständig um ihn zu sein. Ach, Trotwood!« rief Agnes und bedeckte sich das Gesicht mit dm Händen, während sie in Tränen ausbrach, »mir ist es fast, als wäre ich des Vaters Feind gewesen, anstatt seines liebenden Kindes. Denn ich weiß, wie sehr er den Kreis seiner Sympathie und Pflichten in der Konzentration seines ganzen Gemütes auf mich verengert hat. Ich weiß, gegen wieviel Dinge er sich verschlossen hat, nur meinetwegen, wie seine Sorge um mich sein Leben verdüstert, seine Kraft und Energie geschwächt hat, indem er sie immer auf diesen Gedanken gerichtet hielt. Wenn ich das einmal wieder gut machen könnte! Wenn ich jemals beitragen könnte zu seiner Wiedergesundung, wie ich unschuldigerweise die Ursache seines Verfalls gewesen bin!« Ich hatte noch nie Agnes so weinen sehen. Tränen sah ich in ihren Augen, als ich neue Ehrenbeweise aus der Schule brachte, ich hatte sie weinen sehen, als wir zuletzt von ihrem Vater sprachen, ich hatte gesehen, wie sie ihr liebliches Haupt abseits wendete, als wir voneinander Abschied nahmen; aber nie hatte ich sie so schmerzlich bewegt gesehen. Es berührte mich so tief, daß ich nur fast kindisch sagen konnte: »Bitte, Agnes, weine nicht! Bitte, liebe Schwester!« Aber Agnes war mir zu sehr dem Charakter und der Willenskraft nach überlegen, wie ich es damals noch nicht, aber jetzt wohl weiß, um lange meiner Bitten zu bedürfen. Ihre schöne, ruhige Weise, die ihr Bild in meiner Erinnerung vor jedem andern noch ausgezeichnet, kehrte zurück, als ob eine Wolke von einem heitern Himmel verschwunden wäre, »Wir werden wohl nicht lange mehr allein bleiben,« sagte Agnes, »und solange ich noch Zeit habe, laß mich dich ernstlich bitten, Trotwood, freundlich gegen Uriah zu sein. Stoß ihn nicht zurück. Sei nicht heftig gegen ihn (was du, glaube ich, im allgemeinen zu sein geneigt bist), wenn er dir unangenehm wird. Er verdient es vielleicht nicht, denn wir können ihm noch nichts Böses nachsagen. In jedem Falle denke zuerst an den Vater und an mich.« Agnes konnte weiter nichts sagen, denn die Tür ging auf, und Mrs. Waterbrook kam hereingesegelt. Ich hatte eine dunkle Erinnerung, sie im Theater gesehen zu haben, aber wie es schien, erinnerte sie sich meiner noch vollkommen, und hatte mich noch immer in Verdacht, betrunken zu sein. Als sie aber allmählich fand, daß ich nüchtern und ein bescheidener junger Mann sei, wurde Mrs. Waterbrook viel milder gegen mich und fragte mich erstlich, ob ich oft die Parks besuche, und zweitens, ob ich viel in Gesellschaft gehe. Auf meine verneinende Antwort auf beide Fragen kam es mir vor, als ob ich sehr in ihrer guten Meinung sänke, aber gnädig genug verbarg sie das und lud mich für den nächsten Tag zu Tisch ein. Ich nahm die Einladung an und verabschiedete mich; darauf suchte ich Uriah im Bureau auf und ließ meine Karte für ihn zurück, da er nicht anwesend war. Als ich den Tag darauf zu Tische ging, und, sowie die Haustür aufging, in ein Dampfbad von Schöpsenbraten geriet, merkte ich, daß ich nicht der einzige Gast sei; denn ich erkannte sogleich den zum Bedienten verkleideten Ausläufer wieder, der gestern unten an der Treppe stand, um meinen Namen hinauf zu melden. Als er mich danach fragte, sah er, soviel ich weiß, genau so aus, als ob er mich noch nie gesehen hätte; aber ich erkannte ihn recht gut, und er kannte mich ebenfalls. Das Gewissen machte Feiglinge aus uns beiden. Mr. Waterbrook war ein Mann in mittleren Jahren mit kurzem Hals, und sehr viel Halskragen, dem nur eine schwarze Nase fehlte, um das Ebenbild eines Mopses zu sein. Er sagte mir, er schätze sich glücklich, die Ehre zu haben, meine Bekanntschaft zu machen, und als ich Mrs. Waterbrook mein Kompliment gemacht hatte, stellte er mich mit großer Feierlichkeit einer sehr imposant aussehenden Dame in schwarzem Samtkleide und großem schwarzen Samthute vor, die mir vorkam wie eine nahe Verwandte von Hamlet, – etwa wie seine Tante. Diese Dame hieß Mrs. Henry Spiker und ihr Gemahl, war ebenfalls anwesend: ein so frostiger Mann, daß sein grauer Kopf mit Reif bestreut zu sein schien. Mr. Henry Spiker und seine Gemahlin wurden mit außerordentlicher Ehrfurcht behandelt, wie mir Agnes sagte, weil Mr. Spiker der Anwalt eines gewissen jemand war, der in entfernten Beziehungen (ich weiß nicht, in welche) zum Schatzkanzleramt stand. Uriah Heep fand ich ebenfalls unter der Gesellschaft. Er war in schwarzes Tuch und tiefe Demut gekleidet. Als ich ihm die Hand schüttelte, sagte er mir, er sei stolz, daß ich mich seiner erinnert hätte, und er fühle sich wirklich verpflichtet für meine Herablassung. Ich hätte gewünscht, er wäre mir weniger verpflichtet gewesen, denn in seiner Dankbarkeit verließ er mich den ganzen Abend nicht; und sooft ich ein Wort zu Agnes sagte, sah er mit seinen schattenlosen Augen und seinem Leichengesicht gespensterhaft auf uns herab. Auch noch andere Gäste waren anwesend – alle wie mir vorkam, des Festes wegen in Eis gesetzt, gleich dem Wein. Einer aber zog meine Aufmerksamkeit auf sich, ehe er hereintrat, weil er als Mr. Traddles angemeldet wurde! Mein Geist fühlte sich auf einmal wieder nach Salemhaus versetzt; und ich dachte: Kann das Tommy sein, der die Gerippe zeichnete? Ich sah Mr. Traddles' Erscheinung mit ungewöhnlichem Interesse entgegen. Es war ein stiller, gesetzt aussehender Mann von zurückhaltendem Wesen, mit einem seltsamen Haarwuchs und ziemlich weit offenen Augen; er versteckte sich so rasch in einen dunkeln Winkel, daß ich ihn nur mit Mühe wiederfinden konnte. Endlich gelang mir das, und entweder täuschten mich meine Augen, oder es war wirklich der alte unglückliche Tommy, der Pechvogel! Ich suchte Mr. Waterbrook auf und sagte ihm, ich glaube das Vergnügen zu haben, einen alten Schulkameraden hier zu finden. »Wirklich?« sagte Mr. Waterbrook ganz überrascht. »Sie sind zu jung, um mit Mr. Henry Spiker in der Schule gewesen zu sein.« »O, den meine ich nicht!« erwiderte ich. »Ich meine Mr. Traddles.« »O! So, so! Wirklich!« sagte mein Wirt mit merklich verminderter Teilnahme. »Wohl möglich.« »Wenn es wirklich derselbe ist,« sagte ich, »so waren wir Schulkameraden in Salemhaus; er war ein ganz vortrefflicher Mensch.« »O ja. Traddles ist ein guter Mensch«, erwiderte mein Wirt, und nickte mit duldsamer Miene. »Traddles ist ein recht guter Mensch.« »Es ist ein seltsames Zusammentreffen«, sagte ich. Es ist wirklich ein merkwürdiges Zusammentreffen,« erwiderte mein Wirt, »daß Traddles gerade hier ist. Denn er wurde erst heute morgens eingeladen, als der Platz am Tische, der für Mrs. Henry Spikers Bruder bestimmt war, infolge seiner Unpäßlichkeit frei wurde. Mrs. Henry Spikers Bruder ist ein sehr feiner Mann, Mr. Copperfield.« Ich murmelte Bestimmung, natürlich sehr gefühlvoll, da ich gar nichts von dem betreffenden wußte, und fragte, womit Mr. Traddles sich beschäftigte. »Traddles bereitet sich für die Advokatur vor«, entgegnete Mr. Waterbrook. »Ja, er ist ein ganz guter Kerl – hat niemand zum Feinde wie sich selber.« »Er hat sich selbst zum Feinde?« sagte ich bedauernd, denn es tat mir leid, das zu hören. »Nun ja«, erwiderte Mr. Waterbrook und spielte in behäbiger Weise mit seiner Uhrkette. »Ich würde sagen, er sei einer von den Leuten, die sich selbst im Lichte stehen. Ja, ich würde z.B. sagen, er werde kaum 500 Pfund wert sein. Traddles würde mir durch einen Geschäftsfreund empfohlen. O ja. Ja. Er hat ein gewisses Talent, eine Rechtsschrift auf- und einen Rechtsfall schriftlich auseinanderzusetzen. Ich kann ihm im Laufe des Jahres etwas zu verdienen geben; etwas, was für ihn nicht unbedeutend ist. O ja. Ja.« «Die sehr behäbige und selbstzufriedene Weise, in der Mr. Waterbrook jedesmal das Wörtchen Ja sprach, machte großen Eindruck auf mich. Es lag sehr viel darin. Es machte ganz den Eindruck, als käme es von einem Manne, der zwar nicht mit einem silbernen Löffel, aber doch mit einer Sturmleiter geboren war, und der damit alle Höhen des Lebens, eine nach der andern erstiegen hatte, bis er jetzt mit dem Auge eines Philosophen und eines Gönners von der Spitze der Befestigungen auf die Leute unten im Laufgraben herabsah. Ich beschäftigte mich noch mit diesem Gedanken, als gemeldet würde, es sei serviert. Mr. Waterbrook gab Hamlets Tante den Arm. Mr. Henry Epiker führte Mrs. Waterbrook. Agnes, die ich gern in meine Obhut genommen hätte, erhielt einen einfältig lächelnden Menschen mit dünnen Beinen zum Begleiter. Uriah, Traddles und ich schlossen, als die jüngsten der Gesellschaft den Zug. Daß ich nicht neben Agnes sitzen konnte, ärgerte mich nicht so sehr, weil ich dadurch eine Gelegenheit erhielt, mich auf der Treppe Traddles erkennen zu geben, der mich mit großer Innigkeit begrüßte, während Uriah sich vor lauter Selbsterniedrigung so zudringlich krümmte, daß ich ihn am liebsten über das Treppengeländer hätte werfen mögen. Traddles und ich wurden bei Tische getrennt und erhielten unsern Platz an zwei voneinander entfernten Ecken, er in dem Sonnenscheine einer rotsamtnen Dame, ich in der düstern Nacht der Tante Hamlets. Das Essen dauerte sehr lange, und die Unterhaltung drehte sich um die Aristokratie und Geblüt. Mrs. Waterbrook sagte uns mehr als einmal, wenn sie eine Schwäche habe, so sei es die für edles Blut. Es kam mir mehrmals vor, daß wir uns gemütlicher befunden hätten, wenn wir nicht so entsetzlich vornehm gewesen wären. Wir waren so außerordentlich vornehm, daß der Kreis unserer Unterhaltung dadurch sehr beschränkt wurde. Unter, der Gesellschaft war ein Mr. und eine Mrs. Gulpidge, die in zweiter Hand (wenigstens Mr. Gulpidge) mit den juristischen Geschäften der Bank zu tun hatten; und so trugen teils die Bank, teils das Schatzkanzleramt dazu bei, daß wir exklusiv waren wie der Hofkalender. Dazu kommt noch, daß Hamlets Tante den Familienfehler hatte, viel zu monologisieren, und über jeden Gegenstand,, auf den die Rede kam, sich selbst eine Rede hielt. Allerdings waren dieser Gegenstände nur wenige; aber da wir immer auf das edle Geblüt zurückkamen, so hatte sie ein eben so weites Feld für das Philosophieren wie ihr Neffe. Wir hätten eine Gesellschaft von Blutegeln oder von Vampyren sein können, so blutig wurde allmählich die Unterhaltung. »Ich gestehe, ganz Mrs. Waterbrooks Meinung zu sein«, sagte Mr. Waterbrook, durch sein erhobenes Weinglas blickend, »Andere Dinge mögen ja alle recht nett in ihrer Art sein – aber Vollblut über alles!« »Ah!« bemerkte Hamlets Tante, »nichts geht darüber! Was könnte es geben, das einem so sehr beau-ideal zu sein vermöchte! Es gibt ja niedere Seelen (nicht viele, wie zu glauben ich mich glücklich preise, aber es gibt deren!), die ja lieber, wie ich mich ausdrücken möchte, Götzen anbeten! Richtige Götzen! Verdienste, Vernunft usw. Aber das ist nichts Greifbares. Nicht so Vollblut. Wir sehen es in einer Nase, und wir kennen es. Wir treffen es in einem Kinn an, und wir sagen: ›Da! Aas ist Vollblut!‹ Es ist eine richtige Tatsache. Wir können mit Fingern darauf weisen. Es schließt jeden Zweifel aus!« Der einfältig Lächelnde mit den Spindelbeinen, der Agnes als Begleiter gedient hatte, faßte die Frage noch viel schärfer, dünkte mich. »Äh, Teufel noch 'n mal!« sagte dieser Gentleman, mit einem blöden Lächeln ringsum blickend, »Vollblut nicht zu entbehren, äh?! Müssen – äh! – Vollblut haben, 'n paar von jungen hochgeborenen Kerls – äh – mögen ja vielleicht, was Erziehung und Benehmen betrifft, hinter distinguierter Stellung zurückgeblieben und 'n bißken verbauert sein – äh – und sich und andere Leute öfter in die Patsche bringen, aber – Teufel noch 'n mal, 's ist doch 'n gottvoller Gedanke, daß sie Vollblut in den Adern haben! Was mich betrifft, ich möchte mich jederzeit lieber von 'nem Manne mit Vollblut in den Adern zu Boden werfen, als mir von einem ohne solches vom Boden aufhelfen lassen!« Diese feinsinnige Erklärung, die so erschöpfend die Allgemeinheit der Frage in nuce zusammenfaßte, gereichte zur allgemeinen höchsten Genugtuung, und rückte den Herren in den Mittelpunkt der Beachtung, bis sich die Damen zurückzogen. Dann aber bemerkte ich, daß Mr. Gulpidge und Mr. Henry Spiker, die bisher sehr zurückhaltend gewesen waren, ein Schutz- und Trutzbündnis gegen uns, den gemeinsamen Feind, eingingen, und uns durch einen geheimnisvollen, über den Tisch hinweggeführten Dialog gänzlich vernichten und zu Boden schmettern wollten. »Die Geschichte mit der ersten Verschreibung von viereinhalbtausend Pfund ist nicht so abgelaufen, wie man erwartet hätte, Gulpidge«, sagte Mr. Henry Spiker. »Meinen Sie die D–s von A?« »Die B–s von C«, erwiderte Mr. Gulpidge. Mr. Spiker zog die Brauen hoch und sah sehr besorgt aus. »Als die Sache dem Lord – ich brauche keinen Namen zu nennen – hinterbracht wurde«, sagte Mr. Gulpidge und hielt inne .... »Verstehe,« versetzte Mr. Spiker, »N.« Mr. Gulpidge nickte geheimnisvoll, »– – dem Lord hinterbracht wurde, gab er zur Antwort: ›Geld oder weiter brummen!‹« »Gott steh' mir bei!« rief Mr. Spiker. »Geld oder weiter brummen!« wiederholte Mr. Gulpidge mit festem Tone. »Der Anwart – Sie verstehen mich?« – »K.«, sagte Mr. Spiker mit einem ominösen Blicke. »K. also weigerte sich schlechtweg zu zeichnen. Man suchte ihn in Newmarket auf, aber er weigerte sich rund- und schlankweg.« Mr. Spiker war vor Interesse ganz versteinert. »Das ist zur Stunde der Stand der Sache«, sagte Mr. Gulpidge, sich in seinen Stuhl zurückfallen lassend. »Unser Freund Waterbrook wird mich entschuldigen, wenn ich mich nur allgemein ausdrücke, wegen der weitreichenden Bedeutung der mit hineingezogenen Interessen.« Mr. Waterbrook war nur zu glücklich, wie es mir vorkam, daß solche Interessen und solche Namen an seinem Tische berührt wurden. Er nahm eine Miene düstern Verständnisses an (obwohl ich überzeugt bin, daß er nicht mehr davon wußte als ich) und billigte höchlichst die beobachtete Diskretion. Nachdem er solchen Vertrauens teilhaft geworden, wünschte Mr. Spiker natürlich seinem Freunde das gleiche Maß von Vertrauen entgegenzubringen, und so folgte dem vorhergegangenen Dialog ein zweiter, im Verlauf dessen die Reihe zu erstaunen an Mr. Gulpidge war, und so wechselte das noch mehrmals hinüber und herüber. Wir, die Uneingeweihten, fühlten uns die ganze Zeit über von den ungeheuern in die Konversation hereinspielenden Interessen bedrückt, und unser Gastgeber sah uns mit Stolz die Opfer eines heilsamen ehrerbietigen Staunens werden. Ich war froh, als ich endlich zu Agnes hinaufgehen, mich mit ihr in einer Ecke unterhalten und ihr Traddles vorstellen konnte, der schüchtern, aber angenehm und noch ganz dasselbe gutmütige Geschöpf war wie früher. Da er zeitig fort mußte, weil er am nächsten Morgen die Stadt für einen Monat verlassen wollte, konnte ich lange nicht so viel mit ihm sprechen, wie ich gewünscht hatte; aber wir tauschten unsere Karten aus und versprachen uns das Vergnügen einer Zusammenkunft, sobald er wieder zurückkehrte. Es war ihm sehr interessant zu hören, daß ich mit Steerforth verkehrte, und er sprach von ihm mit so viel Wärme, daß ich ihn seine Äußerungen vor Agnes wiederholen ließ. Aber Agnes sah unterdessen nur mich an und schüttelte ein wenig den Kopf, doch so, daß ich es nur sehen konnte. Da sie sich in Gesellschaft von Leuten befand, wo sie sich nach meiner Überzeugung unmöglich sehr gemütlich fühlen konnte, freute es mich fast zu hören, daß sie in wenigen Tagen die Stadt verlassen wollte, obgleich es mir zugleich leid tat, daß ich so bald von ihr scheiden mußte. Dies veranlaßte mich zu bleiben, bis alle Gäste fort waren. Mit ihr zu sprechen, sie singen zu hören, war eine so beglückende Erinnerung an mein friedliches Leben in dem ernsten alten Hause, das sie so verschönt hatte, daß ich hier gern die halbe Nacht geblieben wäre. Doch da ich keinen Vorwand hatte, noch länger bei Waterbrooks zu verweilen, nachdem alle Kerzen ausgelöscht waren, so verabschiedete ich mich sehr widerwillig. Deutlicher als je fühlte ich, daß sie mein guter Engel sei, und wenn ich an ihr liebes Gesicht dachte mit dem milden Lächeln, das gleich dem eines verklärten Engels auf mich herunterleuchtete, so glaube ich, tat ich mit diesem Vergleich kein Unrecht. Ich sagte eben, die Gäste seien alle fort gewesen; aber ich hätte Uriah ausnehmen sollen, den ich nicht mit darunter begreife, und der unsere Nähe nie verlassen hatte. Er war dicht hinter mir, als ich die Treppe hinabging. Er ging dicht neben mir, als ich mich vom Hause entfernte, und schob langsam seine langen Knochenfinger in die noch viel längeren Finger seiner Handschuhe. Ich fühlte keine Neigung für Uriahs Gesellschaft; aber ich dachte an die Bitte von Agnes und lud ihn ein, mit mir zu kommen und eine Tasse Kaffee zu trinken. »Ach, Master Copperfield,« erwiderte er, – »ich bitte um Verzeihung Mister Copperfield, aber das andere kommt mir so natürlich auf die Lippen, – ich möchte nicht, daß Sie sich eine Ungelegenheit dadurch machten, daß Sie eine so niedrige Person, wie ich bin, zu sich laden.« »Es ist keine Ungelegenheit dabei«, sagte ich. – »Wollen Sie?« »Es würde mir sehr angenehm sein, sehr angenehm«, entgegnete Uriah mit einem kriechenden Kompliment. »Nun, so kommen Sie«, sagte ich. Ich konnte mich nicht enthalten, ihn ziemlich kurz zu behandeln, aber er schien sich davon nicht stören zu lassen. Wir gingen den nächsten Weg, ohne uns viel zu unterhalten, und er war so demütig selbst mit seinen Handschuhen, die einer Riesenscheuche gepaßt hätten, daß er sie immer noch anzog und noch keine Fortschritte gemacht zu haben schien, als wir meine Wohnung erreichten. Ich führte ihn die dunkle Treppe hinauf, damit er sich nicht stieße, und seine feuchte kalte Hand lag wie ein Frosch in der meinigen, so daß ich in Versuchung kam, sie fallen zu lassen und davon zu laufen. Der Gedanke an Agnes und die Pflichten der Gastlichkeit behielten jedoch in mir die Oberhand, und ich lotste ihn glücklich bis in meine Stube. Als ich Licht anbrannte, geriet er in ein demütiges Entzücken über das Zimmer, das sich seinen Augen zeigte, und als ich den Kaffee in einem bescheidenen Blechgefäß kochte, in dem ihn Mrs. Crupp am liebsten bereitete – wahrscheinlich, weil das Gefäß nicht dazu bestimmt war, denn es war ein Rasiertopf, und weil sie lieber einen sehr teuern Patentkaffeetopf in der Vorratskammer verrosten ließ – so legte er so viel Schlangenbewegungen an den Tag, daß ich ihn mit Vergnügen verbrüht hätte. – »Ach, wirklich, Master Copperfield, – ich meine Mister Copperfield,« sagte Uriah, »zu sehen, wie Sie mich so bedienen – das hätte ich nicht erwarten können! Aber in einer Art oder in der andern geschehen mit mir so viele Dinge, die ich nie hätte in meiner niedrigen Stellung erwarten können, daß es ordentlich ist, als regnete es Segnungen auf mein Haupt hernieder. Sie haben gewiß etwas von der Veränderung in meinen Aussichten gehört, Master Copperfield – Mister Copperfield, meine ich?« Als ich ihn auf meinem Sofa sitzen sah, mit den heraufgezogenen Knien, Hut und Handschuh dicht neben sich an der Erde, immer langsam mit dem Löffel in der Tasse rührend, und die glotzenden Augen, deren Wimpern abgesengt zu sein schienen, auf mich gerichtet, doch ohne mich anzusehen, bemerkte ich wieder bei jedem Atemzuge das unangenehme Jucken der Nasenflügel, und das schlangenartige Winden des ganzen Körpers vom Kopf bis in die Fußspitzen, und ich war mir ganz klar darüber, daß ich ihn nicht ausstehen könne. Es war mir sehr peinlich, ihn als Gast zu haben, denn ich war noch jung und ungeübt, das zu unterdrücken, was ich lebhaft fühlte. »Sie haben ja wohl etwas von meinen veränderten Aussichten gehört, Master Copperfield, oder ich mußte sagen Mister Copperfield?« fing er wieder an. »Ja,« sagte ich, »etwas.« »Ah! ich dachte mir gleich, Miß Agnes müsse davon wissen!« entgegnete er ruhig. »Es freut mich zu hören, daß es Miß Agnes weiß. – O, ich danke Ihnen, Master – Mister Copperfield!« Ich hätte ihm den Stiefelknecht, der so recht handlich vor mir auf dem Teppich stand, an den Kopf schleudern können, weil er mich verleitet hatte, etwas über Agnes zu sagen, so unwesentlich es auch war. Aber ich trank ruhig meinen Kaffee weiter. »Was für ein Prophet Sie gewesen sind, Mr. Copperfield!« fuhr Uriah fort. »Gott, was für ein Prophet Sie gewesen sind! Wissen Sie noch, wie Sie einmal zu mir sagten, daß ich vielleicht einmal in Mr. Wickfields Geschäft eintreten und die Firma gar Wickfield und Heep heißen könnte! Sie besinnen sich vielleicht nicht mehr darauf; aber eine Person so geringen Standes, Master Copperfield, wie ich es bin, merkt sich solche Äußerungen recht wohl!« »Ich erinnere mich, etwas derartiges gesagt zu haben,« erwiderte ich, »obgleich ich es damals nicht für sehr wahrscheinlich hielt.« »O! Wer hätte das für wahrscheinlich gehalten, Mr. Copperfield!« entgegnete Uriah voller Begeisterung. »Ich gewiß nicht. Ich weiß noch recht gut, wie ich mit meinem eigenen Munde sagte, daß ich dazu eine viel zu niedrige Person sei. Und das war wirklich und wahrhaftig mein Ernst.« Er saß vor mir mit seinem wie aus Holz geschnitzten Grinsen auf dem Gesicht, und sah in das Feuer. »Aber auch die unwürdigste Person, Master Copperfield,« fuhr er sogleich wieder fort, »kann ein Werkzeug zum Guten werden. Der Gedanke muß mich freuen, daß ich für Mr. Wickfield ein Werkzeug zum Guten gewesen bin, und daß ich es noch öfter werde sein können. O, was das für ein würdiger Mann ist, Mr. Copperfield, und wie unvorsichtig er gewesen ist!« »Es tut mir sehr leid, das zu hören«, sagte ich. Ich konnte nicht umhin, ziemlich bedeutsam hinzuzufügen: »Für alle Beteiligten.« »Sie haben ganz recht, Mr. Copperfield«, erwiderte Uriah. »Für alle Beteiligten. Vorzüglich wegen Miß Agnes! Sie erinnern sich wohl nicht mehr an Ihre beredten Äußerungen, Master Copperfield; aber ich erinnere mich noch recht wohl, wie Sie einmal sagten, daß sie jedermann bewundern müsse, und wie dankbar ich Ihnen dafür war! Sie haben das gewiß vergessen, Master Copperfield?« »Nein«, sagte ich trocken. »O, wie mich das freut!« sagte Uriah. »Zu denken, daß Sie der erste waren, der die Funken des Ehrgeizes in meiner demütigen Brust entfachte, und daß Sie es nicht vergessen haben! O! – Wollen Sie mir erlauben, Sie noch um eine Tasse Kaffee zu bitten?« Etwas in dem Nachdruck, den er auf das Anfachen der Funken legte, und etwas in dem Blick, den er dabei auf mich warf, hatte mich aufgeschreckt, als ob er plötzlich im grellsten Lichte vor mir stände. Von seiner Bitte, die er in einem ganz andern Tone vorbrachte, wieder zur Besinnung gebracht, schenkte ich ihm ein, aber mit so unsicherer Hand, mit einem so plötzlichen Gefühl, daß ich ihm nicht gewachsen sei, und in einer so bangen, argwöhnischen Angst vor dem, was er zunächst sagen würde, daß ich wohl fühlte, alles dies werde seiner Beobachtung nicht entgehen. Er sagte gar nichts. Er rührte seinen Kaffee um, trank ihn langsam, befühlte sein Kinn vorsichtig mit der magern Totenhand, sah in das Feuer, sah sich im Zimmer um, lächelte oder vielmehr schnappte mich an, krümmte sich in seiner tiefen Demut, rührte wieder den Kaffee und trank, aber er überließ mir die Wiederanknüpfung des Gesprächs. »Also Mr. Wickfield,« sagte ich endlich, »der so viel wert ist als fünfhundert wie Sie – oder ich –« und hätte es mein Leben kosten sollen, ich glaube nicht, daß ich diesen Zusatz hätte aussprechen können, ohne dazwischen einen Gedankenstrich zu markieren – »ist unvorsichtig gewesen, Mr. Heep?« »O, sehr unvorsichtig, Master Copperfield«, entgegnete Uriah mit einem bescheidenen Seufzer. »O, sehr unvorsichtig! Aber ich wollte, Sie wären so gut, mich Uriah zu nennen. Es erinnert an die alten Zeiten.« »Nun gut: Uriah«, sagte ich, brachte aber den Namen nur schwer heraus. »Ich danke Ihnen«, erwiderte er mit Inbrunst. »Ich danke Ihnen, Master Copperfield! Es ist wie das Wehen alter Lüfte oder das Läuten alter Glocken, wenn Sie sagen: Uriah. Ich bitte um Verzeihung. Was hatte ich doch gleich gesagt?« »Sie sprachen von Mr. Wickfield«, erwiderte ich. »O! Ja richtig!« sagte Uriah. »Ach! Sehr unvorsichtig, Mr. Copperfield. Zu irgend jemand anders würde ich gar nicht von der Sache reden. Selbst gegen Sie kann ich es nur andeutungsweise. Wenn in den letzten paar Jahren jemand anders an meiner Stelle gewesen wäre, so hätte er Mr. Wickfield (o, was das für ein würdiger Mann ist, Master Copperfield) ganz in seiner Hand. In – seiner – Hand«, sagte Uriah sehr langsam, als er seine Hand über meinen Tisch ausstreckte und sie geballt darauf niederpreßte, bis er wackelte und das Zimmer erschütterte. Wenn ich hätte mitansehen müssen, wie er seinen unförmlich breiten Fuß auf Mr. Wickfields Kopf setzte, so hätte ich ihn schwerlich mehr hassen können. »Ach ja, Master Copperfield,« fuhr er mit sehr sanfter Stimme fort, und geriet dadurch in seltsamen Gegensatz zu der Gebärde seiner Faust, die immer noch fest auf dem Tische lastete, »daran ist kein Zweifel. Vermögensverlust, Schande und wer weiß was noch wäre das Ende gewesen. Mr. Wickfield weiß es. Ich bin das niedrige Werkzeug, das ihm demütig dient, und er stellt mich auf eine Höhe, die ich kaum zu erreichen erwarten durfte. Wie dankbar muß ich sein!« Als er ausgesprochen hatte, wendete er mir sein Gesicht zu, aber ohne mich anzusehen, nahm seine Hand vom Tische und schabte langsam und gedankenvoll seinen eckigen Kinnbacken mit dem Daumen, als ob er sich rasierte. Ich erinnere mich recht gut, mit welcher Empörung mein Herz schlug, als ich sah, wie das tückische Gesicht, seinem diabolischen Charakter entsprechend von dem roten Feuerschein beleuchtet wurde und merkte, daß nun noch etwas komme! »Master Copperfield,« fing er also an – »aber ich halte Sie vom Schlafengehen ab.« »Sie halten mich nicht ab. Ich gehe meistens spät zu Bett.« »Ich danke Ihnen, Master Copperfield! – Ich habe mich aus meiner niedrigen Stellung etwas erhoben, seitdem Sie mich zuerst sahen, das ist wahr; aber ich bin immer noch bescheiden. Ich hoffe nie anders zu sein als bescheiden. Sie werden von meiner Bescheidenheit nicht schlimmer denken, wenn ich Ihnen ein klein wenig mein Herz öffne, Master Copperfield? Nicht wahr?« »O, nein«, sagte ich mit Anstrengung, »Ich danke Ihnen!« Er zog ein Taschentuch heraus und fing an seine Handflächen abzuwischen. »Miß Agnes, Master Copperfield –« »Nun, Uriah!« »O, wie schön ist es, daß Sie mich freiwillig Uriah nennen!« rief er aus und, gab sich einen Ruck, wie ein zappelnder Fisch, der den Krampf hat. »Meinen Sie nicht, daß sie heute recht schön aussah, Master Copperfield?« ^ »Ich fand, daß sie wie immer aussah: ihrer ganzen Umgebung in jeder Hinsicht überlegen«, entgegnete ich. »O, ich danke Ihnen! Das ist so wahr!« rief er; – »o, dafür bin ich Ihnen recht sehr dankbar!« »Keine Ursache!« sagte ich kühl. »Sie haben durchaus keinen Grund mir zu danken.« »Nur das wollte ich mir eben die Freiheit nehmen Ihnen anzuvertrauen, Master Copperfield«, sagte Uriah. »Von so niedrigem Stande ich bin –« er wischte seine Hände eifriger ab und sah abwechselnd sie und das Feuer an – »und von so niedrigem Stande meine Mutter ist und so bescheiden unser armes, aber ehrliches Dach immer gewesen ist, so hat doch das Bild der Miß Agnes – ich stehe nicht an, Ihnen mein Geheimnis anzuvertrauen, Master Copperfield, denn mein Herz floß immer gegen Sie über seit dem ersten Tage, wo ich das Vergnügen hatte, Sie in der Ponychaise zu sehen – jahrelang schon in meinem Herzen gewohnt. Ach, Master Copperfield, mit welch einer reinen Leidenschaft liebe ich den Boden, den meine Agnes betritt!« Ich glaube, ich hatte den wahnsinnigen Gedanken, das rotglühende Schüreisen aus den Kohlen zu reißen, um es ihm durch den Leib zu rennen. Ich stieß aber den Gedanken wieder zurück mit einer Erschütterung, wie wenn eine Kugel eine Büchse verläßt; aber Agnes' Bild, schon geschändet durch den bloßen Gedanken dieses rotköpfigen Getiers, blieb vor meiner Seele stehen – wählend ich ihn ansah, wie er verkrümmt vor mir saß, als ob seine niedrige Seele seinen Körper zusammenschraubte –, und machte mich schwindeln. Es war, als ob er vor meinen Augen anschwölle und größer würde – als ob das Zimmer erfüllt wäre von dem Widerhall seiner Stimme: es bemächtigte sich meiner das seltsame Gefühl – das vielleicht keinem Menschen ganz fremd ist –, daß dies alles vor einer unbestimmten Zeit schon einmal geschehen wäre, und daß ich wüßte, was er zunächst sagen würde. Ich wurde noch zur rechten Zeit das Bewußtsein der Macht gewahr, das in seinem Gesicht lauerte, und dies erinnerte mich mehr an Agnes' Bitte als jede andere Anstrengung meines Geistes. Ich fragte ihn mit einem bessern Scheine von Fassung, als ich mir noch vor einer Minute zugetraut hätte, ob er Agnes seine Gefühle gestanden hätte. »O nein, Master Copperfield!« erwiderte er; »ach Gott, nein! Niemand anders als Ihnen. Sie sehen ja, ich trete erst aus meiner niedrigen Stellung heraus. Eine meiner Haupthoffnungen ist, daß sie gewahr wird, wie nützlich ich ihrem Vater bin – denn ich glaube wirklich, ich bin ihm sehr nützlich, Master Copperfield – und wie ich ihm die Sachen bequem mache und ihn auf dem rechten Wege erhalte. Sie liebt ihren Vater so sehr, Master Copperfield – o wie schön ist das von einer Tochter! –, daß ich glaube, sie wird zuletzt seinetwegen freundlich gegen mich gesonnen sein.« Ich ergründete die ganze Tiefe des schurkischen Plans und sah sogleich ein, warum er ihn mir enthüllte. »Wenn Sie die Güte haben wollen, mein Geheimnis zu bewahren, Master Copperfield,« fuhr er fort, »und nicht gegen mich sein wollen, so würde ich Ihnen ganz besonders dankbar sein. Sie werden keine Unannehmlichkeiten veranlassen wollen. Ich weiß, was Sie für ein gutes Herz haben; aber da Sie mich nur in meiner niedrigen Stellung haben kennen lernen – in meiner niedrigsten sollte ich sagen, denn ich bin immer noch in einer sehr niedrigen –, so könnten Sie, ganz ohne daß Sie es selber wüßten, bei meiner Agnes vielleicht gegen mich wirken. Ich nenne sie mein, Master Copperfield. Es gibt ein Lied: ‹Ich würde Kronen geben, sie mein zu nennen!› Und das hoffe ich mit der Zeit.« Teure Agnes! du – vielleicht zu gut und schön für irgendeinen, den ich mir ausdenken konnte, solltest am Ende gar zur Gattin eines solchen elenden Halunken bestimmt sein! ... »Aber wissen Sie, die Sache hat noch gar keine Eile, Master Copperfield«, fuhr Uriah in seiner aalschlüpfrigen Weise fort, während ich ihn, mit diesen martervollen Gedanken beschäftigt, ansah. »Meine Agnes ist noch sehr jung, und meine Mutter und ich müssen noch weit, sehr weit vorwärtskommen und noch gar vieles einrichten, ehe wir so weit sind. So werde ich Zeit genug haben, sie allmählich mit meinen Hoffnungen vertraut zu machen, wie sich Gelegenheit dazu findet. Ach ich bin Ihnen so dankbar, daß ich Ihnen dies habe anvertrauen dürfen. Sie können sich gar nicht denken, welch eine Erleichterung es für mich ist, daß Sie unsere Lage verstehen, und daß ich gewiß bin (denn Sie werden der Familie keine Ungelegenheiten machen wollen), daß sie mir nicht entgegen sein werden! O, ich bin Ihnen so außerordentlich dankbar, daß Sie mir Gehör geschenkt haben!« Er nahm meine Hand, die ich ihm nicht zu entziehen wagte, und nachdem er sie in seiner feuchten Hand gedrückt hatte, zog er seine Uhr heraus. »Mein Gott!« sagte er. »Es ist eins vorüber. Die Stunden vergehen wie Minuten, wenn man von alten Zeiten spricht, Master Copperfield; es ist fast halb zwei!« Ich erwiderte, ich hätte es für später gehalten. Nicht daß ich wirklich so dachte, sondern weil es mit meiner Unterhaltungsgabe ganz und gar zu Ende war. »Mein Gott!« sagte er bedenklich. »Das Haus, wo ich wohne, eine Art Hotel garni, Master Copperfield, nicht weit vom New River, ist gewiß schon seit zwei Stunden zu und alles wird zu Bett sein.« »Es tut mir leid,« gab ich zur Antwort, »daß ich hier nur ein Bett habe, und daß ich –« »O, sprechen Sie nicht von Betten, Master Copperfield«, entgegnete er voll Entzücken und zog ein Bein in die Höhe, »Hätten Sie etwas dawider, wenn ich mich hier vors Feuer legte?« »Wenn wir einmal soweit kommen,« sagte ich, »so nehmen Sie mein Bett und ich lege mich vors Feuer.« Der Ton, mit dem er das Anerbieten zurückwies, war in dem Übermaß seiner Überraschung und seiner Demut fast ein Geschrei zu nennen und schrill genug, um selbst zu den Ohren der Mrs. Crupp zu dringen, die, wie ich vermute, um diese Zeit in einer entlegenen Kammer etwa auf Tiefwasserstandshöhe schlummerte, eingelullt von dem Ticken einer unverbesserlichen Uhr – auf die sie sich stets bezog, wenn es eine Meinungsverschiedenheit in Bezug auf Pünktlichkeit zwischen uns gab, wobei es sich nie um weniger als um dreiviertel Stunden handelte, obwohl die Uhr jeden Morgen von ausgezeichneten Fachleuten reguliert worden war. – Da keiner meiner Gründe den mindesten Eindruck auf seine Bescheidenheit machte, und ihn vermögen konnte, sich in mein Schlafzimmer zu legen, so mußte ich, so gut es ging, Anordnung treffen, daß er vor dem Feuer schlafen konnte. Die Rückenpolster des Sofas, das zu kurz für seine lange Gestalt war, um es einfach als Bett zu benutzen, einige Kissen, ein Bettlaken, zwei Tischtücher und ein Überrock brachten für ihn ein Bett, ein Lager und eine Bettdecke zuwege, für die er mehr als dankbar war. Nachdem ich ihm eine Nachtmütze geliehen, die er sofort über den Kopf zog und in der er so gräßlich aussah, daß ich seitdem keine wieder getragen habe, bot ich ihm eine gute Nacht. Ich werde diese Nacht nie vergessen. Ich werde nie vergessen, wie ich mich im Bett herumwälzte, wie ich mich mit meinen Gedanken an Agnes und an dieses Geschöpf quälte, wie ich mir überlegte, was ich tun könnte und was ich tun sollte, wie ich zu keinem andern Entschluß kommen konnte, als daß es der beste Weg für ihren Frieden sei, nichts zu tun, und was ich gehört hatte, für mich zu behalten. Kaum war ich einen Augenblick eingeschlafen, so erschien mir Agnes und ihr Vater, dessen Blick zärtlich auf ihr ruhte, wie ich es so oft gesehen hatte, beide mit flehendem Gesicht, und erfüllten mich mit unbestimmtem Bangen. Wenn ich wieder erwachte, bedrückte mich der Gedanke, daß Uriah im nächsten Zimmer schlafe, wie ein Alb und lastete auf mir mit einem bleischweren Schrecken, als ob ich einen der höllischen Unterteufel zu Gaste hatte. Auch das Schüreisen drängte sich in meinen halbwachen Schlummer und wollte nicht wieder daraus verschwinden. Zwischen Schlafen und Wachen kam es mir vor, als wäre es noch rotglühend, und ich hätte es aus dem Feuer gerissen und ihm durch den Leib gerannt. Dieser Gedanke quälte mich zuletzt so sehr, obgleich ich wußte, es sei das nur eine phantastische Vorstellung, daß ich mich an die Tür schlich und in das Nebenzimmer sah. Da lag er vorm Feuer auf dem Rücken, die Beine, ich weiß nicht, weit von sich gestreckt, während es in seiner Kehle gurgelte und ihm in der Nase der Atem zu stocken schien, und der Mund offen war wie ein Postburea«. Er übertraf in der Wirklichkeit an Häßlichkeit so sehr mein fieberisches Träumen, daß mich der bloße Widerwille gegen seine Erscheinung zu ihm hinzog, und ich mich nicht enthalten konnte, jede halbe Stunde wieder einmal hinzugehen und ihn noch einmal anzusehen. Endlos, hoffnungslos dünkte mich die lange, schwere Nacht, und der Tag schien am trübdunkeln Himmel heute nicht dämmern zu wollen. Als er endlich früh des Morgens die Treppe hinabging – denn, Gott sei Dank, weigerte er sich, zum Frühstück zu bleiben – war es mir, als ob sich in seiner Person die Nacht entfernte. Als ich mich auf mein Bureau verfügte, gab ich Mrs. Crupp besonderen Befehl, die Fenster offen zu lassen, damit frische Luft in meine Stube käme und sie von seiner Gegenwart gereinigt würde. Sechsundzwanzigstes Kapitel. Ich gerate in Gefangenschaft. Ich sah Uriah Heep erst an dem Tage wieder, als Agnes die Stadt verließ. Ich fand mich bei dem Postkutschenbureau ein, um Abschied von ihr zu nehmen und sie abfahren zu sehen; und er war richtig auch da, um in demselben Wagen nach Canterbury zurückzukehren. Es gereichte mir einigermaßen zur Befriedigung, als ich seinen an den Ärmeln und der Taille verwachsenen, hochschultrigen, maulbeerfarbigen Überrock in Gesellschaft von einem Regenschirm, so groß wie ein Zelt, auf dem Rande eines Rücksitzes auf dem Dache sitzen sah, während Agnes natürlich inwendig fuhr; doch die Qualen, die ich während meiner Bemühungen ausstand, freundlich gegen ihn zu sein, solange Agnes zusah, verdienten vielleicht diese kleine Belohnung. Wie bei jenem Mittagsessen, umschwebte er uns auch vor dem Wagenfenster ohne einen Augenblick Unterbrechung, wie ein großer Geier, und verschlang gierig jede Silbe, die ich zu Agnes und die Agnes zu mir sagte. In dem Zustande der Aufregung, in den mich seine Enthüllung in meiner Wohnung versetzt hatte, mußte ich gar oft an die Worte von Agnes denken, deren sie sich in bezug auf das Kompaniegeschäft bedient hatte: »Ich tat, was ich für das Rechte hielt und was es hoffentlich auch ist. – Ich fühlte, daß das Opfer nötig war, um den Vater zu beruhigen, und deshalb bat ich ihn es zu bringen.« Eine mich ganz unglücklich machende Ahnung, daß sie derselben Empfindung nachgeben würde, wenn diese was immer für ein Opfer seinetwegen erheischte, beherrschte fortan mein Gemüt. Ich kannte das Hingebende ihrer Natur. Ich wußte es ja von ihren eigenen Lippen, daß sie sich als die unschuldige Ursache seiner Fehltritte betrachtete, daß sie wähnte, sie habe ihm eine gar große Schuld abzutragen, und daß sie das sehnsüchtigst wünschte. Kein Trost lag für mich in der augenfälligen Grundverschiedenheit ihres Wesens von dem dieses scheußlichen rotköpfigen Reptiles mit dem maulbeerfarbenen Überrock, denn gerade darin, in der Selbstverleugnung ihrer reinen Seele und in der schmutzigen Gemeinheit der seinigen, lag die um so größere Gefahr. Alles dies aber wußte Uriah ohne Zweifel ganz genau, und hatte es in seiner Verschlagenheit Wohl erwogen. Und die Aussicht auf ein solches, wenn auch noch so fernes Opfer mußte sicherlich das Glück von Agnes zerstören, doch war ich ihrem ganzen Benehmen nach so sicher, es sei noch kein Schatten einer Ahnung davon auf sie gefallen, daß ich sie ebensogut hätte verwunden können, als ihr mitteilen, was ihr drohe und bevorstehe. So schieden wir ohne eine Erklärung: sie mit der Hand Lebewohl winkend und durchs Wagenfenster lächelnd; ihr böser Genius sich auf dem Kutschdache krümmend, als ob er sie triumphierend in seinen Klauen hielte. Lange Zeit konnte ich diese Abschiedsszene nicht vergessen. Als Agnes mir ihre sichere Ankunft meldete, fühlte ich mich so unglücklich, als ob ich sie eben erst abreisen sähe. So oft ich in Nachdenken versank, trat dieser Gegenstand vor meinen Geist, und alle meine Sorge und Unruhe verdoppelte sich. Kaum eine Nacht verging, ohne daß ich davon träumte. Diese Sorge wurde zu einem Teile meines Lebens, und so unzertrennlich davon wie mein Kopf. Auch hatte ich Muße genug, über meine Unruhe zu brüten, denn Steerforth war in Oxford, wie er mir schrieb, und wenn ich nicht im Bureau war, war ich meistens allein. Ich glaube, ich hegte damals schon einen unbestimmten Argwohn gegen Steerforth. Ich beantwortete seinen Brief höchst freundschaftlich, aber ich war im ganzen froh, daß er jetzt nicht nach London kam. Ich glaube, daß war der Einfluß von Agnes, der sich stärker geltend machte, wenn ihn der Anblick von Steerforth nicht zurückdrängte, und der um so mächtiger wirkte, als Agnes jetzt meine Gedanken so viel beschäftigte. Unterdessen vergingen Tage und Wochen. Ich kam kontraktmäßig zu Spenlow und Jorkins in die Lehre. Meine Tante gab mir ausschließlich des Hauszinses und einiger damit verwandten Ausgaben neunzig Pfund jährlich. Meine Zimmer waren auf zwölf Monate gemietet, und obgleich sie mir immer noch abends äußerst ungemütlich und die Abende überhaupt sehr lang vorkamen, so hatte ich mich doch allmählich an eine sehr gleichmäßige, melancholische Temperatur und vielen Kaffee gewöhnt; dieses Getränk, glaube ich, genoß ich damals tonnenweise. Um dieselbe Zeit machte ich auch drei Entdeckungen: erstlich, daß Mrs. Crupp von einer Krankheit gequält wurde, die sie Magenkrämpfe nannte, und die sich besonders dadurch auszeichnete, daß sie stets von einer geröteten Nase begleitet war und mit Pfefferminze behandelt werden mußte; zweitens, daß eine Eigenheit in der Temperatur meiner Vorratskammer alle Kognakflaschen zum Springen brachte; drittens, daß ich allein und verlassen in der Welt war, und diese Entdeckung in Bruchstücken englischer Lyrik niederzuschreiben pflegte. An dem Tage, wo ich in das Geschäft eintrat und mein Vertragsartikel aufgesetzt wurde, fand keine Feierlichkeit statt; nur die Schreiber traktierte ich mit kalter Küche und Sherry, und ich ging abends allein ins Theater. Ich sah den »Fremdling« als ein meinen zukünftigen Beruf behandelndes Stück und war so erschöpft, daß ich mich bei meiner Nachhausekunft kaum im Spiegel erkannte. Als der Kontrakt unterzeichnet war, meinte Mr. Spenlow, er hatte sich glücklich geschätzt, mich zur Feier des Tages in seinem Hause in Norwood zu sehen, wenn nicht seine Wirtschaft infolge der erwarteten Ankunft seiner Tochter, die aus einer Erziehungsanstalt in Paris zurückkehrte, etwas in Unordnung wäre. Aber er deutete zugleich an, daß er es sich nach ihrer Rückkehr zum Vergnügen machen werde, mich bei sich zu sehen. Ich wußte, daß er ein Witwer war und eine einzige Tochter hatte, und drückte ihm meinen Dank aus. Mr. Spenlow hielt Wort. In ein paar Wochen kam er auf sein Versprechen zurück und sagte, wenn ich ihm die Ehre erweisen wollte, ihn nächsten Sonnabend zu besuchen und bis Montag zu bleiben, so würde er sich sehr glücklich schätzen. Natürlich sagte ich, ich würde ihm die Ehre erweisen; er versprach mir, mich in seinem Phaethon mitzunehmen und mich wieder zurückzufahren. Als der bestimmte Tag kam, war sogar meine Reisetasche den alarmierten Schreibern ein Gegenstand der Verehrung, denn ihnen war das Haus in Norwood ein geheiligtes Mysterium. Einer erzählte mir, er habe gehört, Mr. Spenlow speise nur von Silber und Porzellan; und ein anderer bedeutete mich, Champagner werde beständig vom Faß geschenkt wie Tischbier. Der alte Bureauvorsteher in der Perücke, der Mr. Tiffey hieß, war im Verlauf seines Lebens mehrmals in Geschäften dort gewesen und war dann stets bis in das Frühstückszimmer vorgedrungen. Er beschrieb es als ein Gemach von der prunkvollsten Einrichtung und sagte, daß er dort dunkelbraunen, ostindischen Sherry getrunken hätte, so kostbar, daß man dabei die Augen zukneifen müßte, um ihn würdigen zu können. Wir hatten an diesem Tage eine langvertagte Verhandlung im Konsistorium – es handelte sich um die Exkommunikation eines Bäckers, der sich in einer Kirchenältestenversammlung gegen eine Pflastersteuer gesträubt hatte – und da die Verlesung der Zeugenaussagen nach meiner Berechnung gerade zweimal so lang dauerte wie Robinson Crusoe, so wurde es ziemlich spät, bis wir zu Ende kamen. Zuletzt aber gelang es uns doch, ihn zu sechswöchentlicher Exkommunikation und zu einer Unmasse von Kosten verurteilt zu sehen, und dann verließen der Proktor des Bäckers und der Richter und die Advokaten der beiden Parteien, die alle sehr nahe miteinander verwandt waren, zusammen die Stadt, und Mr. Spenlow und ich setzten uns in den Phaethon. Der Phaethon war ein ganz reizendes Dingchen, und die Pferde bäumten den Nacken und hoben die Beine, als ob sie gewußt hätten, daß sie zu Doktors' Commons gehörten. In allen Dingen, die Schaustellung und Prunk betrafen, herrschte in den Commons viel Wetteifer; doch habe ich stets dafür gehalten und werde stets dieser Ansicht bleiben, daß der eigentliche Artikel in dem man sich wetteifernd zu überbieten suchte, Stärkemehl war, das von den Proktoren in ihrer Wäsche in einem Maße getragen wurde, wie es der Menschennatur überhaupt möglich ist, sie an sich zu tragen. Wir unterhielten uns auf der Hinfahrt sehr angenehm, und Mr. Spenlow gab mir einige Andeutungen über meinen Beruf. Er sagte mir, es sei der anständigste Beruf von der Welt und dürfte durchaus nicht mit dem eines einfachen Anwalts etwa eines Solicitors verwechselt werden, denn er sei etwas ganz anderes, bedeutend exklusiver, weniger mechanisch und viel gewinnreicher. »Wir machen uns in den Commons die Sachen viel leichter, als es anderswo geschehen könnte,« bemerkte er, »und das macht uns schon zu einer privilegierten Klasse.« Er sagte, man könne sich allerdings nicht die unangenehme Tatsache verbergen, daß wir hauptsächlich von Anwälten verwendet würden, aber er gab mir zu verstehen, daß sie eine untergeordnete Klasse von Menschen wären und von allen Proktoren mit einigen Ansprüchen geringschätzig angesehen würden. Ich fragte Mr. Spenlow, was er für die beste Art von Geschäften halte; er entgegnete, daß ein guter Prozeß um ein bestrittenes Testament, wo es sich um ein kleines hübsches Gut von dreißig oder vierzig Tausend handle, vielleicht die beste Sache sei. Bei einem solchen Prozeß, sagte er, fiele nicht nur ziemlich viel durch die Rechtseinwände in jedem Stadium des Verfahrens und unter den Bergeslasten von Zeugenbeweisen bei Vernehmungen und Wiedervernehmungen ab, sondern, da die Kosten doch am Ende auf das Grundstück fielen, so gingen beide Parteien mit gleicher Lebhaftigkeit an den Prozeß, und um die Höhe der Kosten mache man sich keine Sorge. Dann erhob er sich zu einer allgemeinen Lobrede auf die Commons. Was an den Commons besonders zu bewundern sei, sagte er, sei ihre »Kompaktheit«. Es war der am bequemsten organisierte Platz auf der Welt, der Inbegriff der Behaglichkeit. Alles wie in einer Nußschale beisammen. »Z. B.: Sie bringen einen Scheidungsfall oder eine Restitutionsklage vor das Konsistorium. Schön! Also Sie versuchen's im Konsistorium. Wie ein Gesellschaftsspiel in einem Familienkreise spielen Sie da gemächlich ihr Partiechen zu Ende. Gesetzt nun den Fall, Sie wären mit dem Konsistorium nicht zufrieden, – was dann? Nun dann gehen Sie vor das Oberkonsistorium, vor das sogenannte Archesgericht. Was ist dies? Dasselbe Gericht, im selben Saale, mit derselben Barre und denselben Rechtsgelehrten, aber mit einem andern Richter, denn der Konsistoriumsrichter kann ja an jedem Gerichtstage als Advokat fungieren. Also gut, wieder ein gemütliches Gesellschaftsspielchen. Sie sind wieder nicht befriedigt gewesen. Schön! Was tun Sie dann? Jetzt gehen Sie zum sogenannten Oberappellationsgericht, zum Delegiertengericht. Was ist das Delegiertengericht? Das sind die unbeschäftigten Advokaten, die in den beiden andern Fällen, als Sie Ihr Spielchen vor den zwei Gerichten machten, nichts zu tun hatten, sondern zusahen, wie die Karten gemischt, abgehoben und ausgespielt wurden, sich mit allen Mitspielern darüber besprochen hatten, und jetzt als frische Kräfte drankamen, um als Richter zu jedermanns Zufriedenheit Recht zu sprechen! Mißvergnügte mögen ja von Korruption in den Commons reden, von dem engen Horizont der Commons und von der Notwendigkeit sie zu reformieren,« schloß Mr. Spenlow zum Schlüsse feierlich; »aber die Commons hatten noch immer am meisten zu tun, wenn der Preis des Weizens per Scheffel am höchsten stand, und man darf die Hand aufs Herz legen und frei vor der ganzen Welt sagen: Rüttelt an den Commons und das Vaterland ist in Gefahr!« Ich hörte alledem mit großer Aufmerksamkeit zu, und, wennschon ich einigermaßen zweifelte, ob das Vaterland den Commons wirklich so sehr verpflichtet sei, wie Mr. Spenlow behauptete, so beugte ich mich doch ehrerbietig vor seiner Autorität. Der Weizenpreis per Scheffel – ich fühlte es in aller Bescheidenheit – ging über meinen beschränkten Horizont und entschied die Sache. Ich habe niemals, und bis zur Stunde nicht, mit diesem Scheffel fertig werden können. Er ist immer wieder aufgetaucht, auf den verschiedensten Gebieten und in den mannigfaltigsten Zusammenhängen, um mir eine Schlappe beizubringen. Ich weiß eigentlich gar nicht, wie ich dazu komme und wie er mich bei zahllosen Gelegenheiten hat den Kürzern ziehen lassen können – doch sei's wie es sei: so oft ich meinen alten Freund, den Scheffel mit Kopf und Schultern – so wird er ja immer transportiert – herbeigeschleppt werden sehe, gebe ich's auf. Doch das ist eine Abschweifung. Ich war jedenfalls nicht der Mann, an den Commons zu rütteln und die Grundfesten des Vaterlandes zu erschüttern. Durch Schweigen drückte ich meine ehrerbietige Zustimmung zu allem aus, was mir mein an Jahren und Kenntnissen überlegener Gesellschafter sagte; wir unterhielten uns vom »Fremdling« und dem Theater im allgemeinen und dem Gespann vor dem Wagen, bis wir Mr. Spenlows Tür erreichten. Mr. Spenlows Haus lag in einem wunderschönen Garten, und obwohl dies nicht die beste Jahreszeit war, um einen Garten zu sehen, war er dennoch so vorzüglich gehalten, daß er mich ganz entzückte. Er hatte einen hübschen Rasenplatz, Baumgruppen und anmutig verschlungene Wege mit Spalieren überdeckt, an dem sich in der Blütezeit Schlinggewächse rankten. Dort geht Miß Spenlow gewiß oft allein spazieren! Ach! dachte ich. Wir traten in das Haus, das sehr hell erleuchtet war, und in eine Vorhalle, wo alle Arten Hüte, Mützen, Überröcke, Mantel, Handschuhe, Peitschen und Spazierstöcke aufbewahrt waren. »Wo ist Miß Dora?« sagte Mr. Spenlow zu dem Bedienten. »Dora!« dachte ich, »was für ein schöner Name!« Wir traten in das nächste Zimmer (ich glaube, es war das durch den braunen, ostindischen Sherry merkwürdig gewordene Frühstückszimmer) und ich hörte eine Stimme sagen: »Mr. Copperfield, meine Tochter Dora und die vertraute Freundin meiner Tochter Dora.« Ohne allen Zweifel war es Mr. Spenlows Stimme, aber ich wußte es nicht und kümmerte mich auch nicht darum. In einem Augenblick war alles vorbei mit mir. Mein Schicksal war erfüllt. Ich war ein Gefangener und ein Sklave. Ich liebte Dora Spenlow zum Wahnsinnigwerden. Sie war für mich mehr als ein irdisches Wesen. Sie war eine Fee, eine Sylphe, ich weiß nicht mehr was – alles, was noch niemand gesehen, und alles, wonach sich jedermann jemals gesehnt hatte. Ich war in einem Augenblick in einen Abgrund von Liebe versunken; da war von keinem Zögern an seinem Rande, von keinem Hinuntersehen oder Zurückbleiben die Rede; Hals über Kopf war ich hineingestürzt, ehe ich auch nur die Besinnung gehabt hatte, ein Wort zu ihr zu sagen. »Ich,« bemerkte eine wohlbekannte Stimme, nachdem ich mich verbeugt und ein paar Worte gemurmelt hatte, »ich habe Mr. Copperfield schon früher gesehen.« Das war nicht Dora, nein, sondern die vertraute Freundin Miß Murdstone! Ich glaube nicht, daß ich sehr überrascht war. So viel wie ich noch urteilen kann, hatte ich die Fähigkeit zu erstaunen verloren. In der ganzen irdischen Welt war nichts des Erstaunens wert, außer Dora Spenlow. Ich sagte: »Wie befinden Sie sich, Miß Murdstone? Ich hoffe, Sie befinden sich wohl?« Sie erwiderte: »Sehr wohl.« Ich sagte: »Was macht M. Murdstone?« Sie erwiderte: »Mein Bruder ist recht wohl, ich danke Ihnen recht sehr.« Mr. Spenlow, den wahrscheinlich unser früheres Bekanntsein überraschte, mischte sich jetzt ins Gespräch. »Es freut mich zu erfahren, Copperfield,« sagte er, »daß Sie und Miß Murdstone bereits miteinander bekannt sind.« »Mr. Copperfield und ich,« sagte Miß Murdstone mit strenger Fassung, »sind Verwandte. Wir waren einmal ein wenig miteinander bekannt. Es war in seinen Kinderjahren. Verhältnisse haben uns seitdem voneinander getrennt. Ich hätte ihn nicht wieder erkannt.« Ich entgegnete, daß ich sie unter allen Umständen wiedererkannt hätte, und das war auch wirklich wahr. »Miß Murdstone ist so gütig gewesen,« sagte Mr. Spenlow, »das Amt – wenn ich es so nennen darf – der vertrauten Freundin meiner Tochter Nora anzunehmen. Da meine Tochter Nora leider keine Mutter hat, ist Miß Murdstone so gütig gewesen, ihre Gefährtin und Beschützerin zu werden.« Ein schnell wieder verschwindender Gedanke sagte mir, daß Miß Murdstone gleich dem Taschenwerkzeug, das man gewöhnlich einen Lebensreiter nennt, vielmehr zu Angriffs- als zu Verteidigungszwecken geeignet war. Aber da ich keine Minute lang an etwas anderes als an Dora denken konnte, so warf ich einen Blick auf sie und dachte gleich darauf, daß dieses hübsche, mutwillige Gesicht nicht sehr geneigt sein dürfte, allzu vertraulich gegen ihre Gefährtin und Beschützerin zu sein. Da wurde aber geläutet, zum Zeichen, daß es Zeit zum Ankleiden vor dem Mittagsessen sei, und Mr. Spenlow führte mich in mein Zimmer. Der Gedanke, sich in diesem Zustande des Verliebtseins anzuputzen, oder überhaupt etwas zu tun, war zu lächerlich. Ich konnte mich nur vor das Feuer hinsetzen, mit dem Schlüssel meiner Reisetasche spielen und an die entzückende, jugendliche lebhafte Nora mit den herrlichen Augen denken. Welche Gestalt, welches Antlitz, welch anmutiges, schelmisches, bezauberndes Wesen! Die Glocke läutete so bald wieder, daß ich mich zuletzt in aller Hast anziehen mußte, anstatt diesem Geschäft die Aufmerksamkeit zu widmen, die ich unter diesen Umständen gewünscht hätte. Als ich hinunter kam, fand ich einige Gesellschaft vor. Dora sprach mit einem alten grauköpfigen Herrn. Obgleich er grau war – und noch dazu ein Urgroßvater, wie er selbst sagte – war ich doch fürchterlich eifersüchtig auf ihn. Ach! In welcher Gemütsstimmung ich mich überhaupt befand! Ich war auf jeden eifersüchtig. Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, daß jemand Mr. Spenlow besser kannte als ich! Es war eine Qual für mich, von Vorfällen sprechen zu hören, von denen ich nichts wußte. Als ein sehr liebenswürdiger Mann mit einem glänzenden, kahlen Kopfe mich über den Tisch fragte, ob ich das erstemal hier sei, hätte ich die fürchterlichste Rache an ihm nehmen können. Ich glaube, ich genoß nur Dora, ich weiß nicht im mindesten, wer sonst noch anwesend war und schickte ein halbes Dutzend Schüsseln unberührt fort! Nur Dora existierte für mich! Ich saß neben ihr! Ich sprach mit ihr! Sie hatte das lieblichste Stimmchen, das heiterste Lächeln, die anmutigsten und entzückendsten kleinen Launen, die jemals einen verlornen Jüngling in hoffnungslose Sklaverei schmiedeten. Sie war niedlich in allem, ein richtiges Porzellanpüppchen, aber sie erschien mir dadurch nur um so interessanter und ungewöhnlicher! Als sie mit Miß Murdstone das Speisezimmer verließ – die Gesellschaft zählte keine andern Damen –, verfiel ich in ein träumerisches Brüten, das nur von der quälenden Furcht, gestört wurde, Miß Murdstone möchte mich in ihren Augen herabsetzen. Der liebenswürdige Mann mit dem kahlen, glänzenden Kopfe erzählte mir eine lange Geschichte, ich glaube, von einem Garten. Ich glaube, er sagte mehrere Male: »Mein Gärtner.« Ich tat, als ob ich ihm die tiefste Aufmerksamkeit widmete, aber ich wandelte die ganze Zeit über mit Dora in dem Garten Eden. Meine Befürchtung, dem Gegenstande meiner alles verzehrenden Neigung nachteilig dargestellt zu werden, wurde wieder wach, als wir in den Salon traten, und ich das strenge und kalte Angesicht der Miß Murdstone sah. Aber sie wurde bald in sehr unerwarteter Weise zerstreut. »David Copperfield«, sagte Miß Murdstone und winkte mich in ein Fenster. »Auf ein Wort!« Ich stand allein vor Miß Murdstone. »David Copperfield,« sagte Miß Murdstone, »ich brauche mich nicht über Familienverhältnisse zu verbreiten. Sie sind kein sehr verlockender Gegenstand.« »Durchaus nicht, Madame«, erwiderte ich. »Durchaus nicht«, stimmte Miß Murdstone bei. »Es liegt mir nichts daran, die Erinnerung an alte Streitigkeiten oder Beleidigungen aufzufrischen. Ich bin von einer Person beleidigt worden – einer Frau, muß ich leider zur Unehre meines Geschlechts sagen – deren Namen ich nicht ohne Zorn und Entrüstung erwähnen kann, und deswegen will ich sie lieber nicht erwähnen.« Diese Anspielung auf meine Tante reizte meinen Zorn; aber ich sagte, es wäre sicherlich besser, sie nicht zu erwähnen. »Ich könnte nicht mit Mißachtung von ihr sprechen hören«, fügte ich hinzu, bestimmt, aber so höflich, als es mir möglich war. Miß Murdstone machte die Augen zu und senkte voll Verachtung den Kopf; dann öffnete sie wieder langsam die Augen und sagte: »David Copperfield, ich werde nicht versuchen die Tatsache zu verhehlen, daß ich in Ihrer Kindheit eine sehr ungünstige Meinung von Ihnen gefaßt hatte, Ich kann mich damals geirrt haben, oder Sie haben aufgehört, mein Urteil zu rechtfertigen. Aber darum handelt es sich jetzt nicht zwischen uns. Ich gehörte einer Familie an, die sich, wie ich glaube, durch einige Festigkeit des Charakters ausgezeichnet hat – ich bin kein Geschöpf der Verhältnisse oder des Wechsels und lasse mich durch so was nicht umstimmen. Ich kann meine Meinung von Ihnen haben. Sie können Ihre Meinung von mir haben.« Die Reihe mich zu verbeugen war jetzt an mir. »Aber es ist deshalb nicht notwendig,« sagte Miß Murdstone, »daß diese Meinungen hier in Kollision kommen sollten. Unter obwaltenden Umständen ist es in jeder Hinsicht ebensogut, daß dies nicht geschehe. Da die Wechselfälle des Lebens uns wieder zusammengeführt haben und uns auch öfter wieder zusammenführen können, wollte ich Ihnen vorschlagen, uns gegenseitig als entfernte Bekannte zu behandeln. Die obwaltenden Familienverhältnisse rechtfertigen es vollkommen, wenn wir uns auf diesem Fuße behandeln, und es ist gar nicht notwendig, daß einer von uns den andern zum Gegenstände von unliebsamen Bemerkungen machen sollte. Sind Sie damit einverstanden?« »Miß Murdstone,« erwiderte ich, »ich glaube, Sie und Mr. Murdstone haben mich sehr grausam und ungerecht behandelt und meiner armen Mutter das Leben schwer gemacht. Dessen werde ich gedenken, solange ich lebe. Aber mit Ihrem Vorschlage bin ich ganz einverstanden.« Miß Murdstone machte wieder die Augen zu und verbeugte sich, dann berührte sie eben noch den Rücken meiner Hand mit den Spitzen ihrer kalten, steifen Finger und verließ mich, indem sie die kleinen Stahlfesseln an ihrem Handgelenk und an ihrem Halse zurechtschob. Es schienen mir noch die alten zu sein, und auch noch in demselben Zustande, wie ich sie zuletzt gesehen hatte. Zusammengehalten mit Miß Murdstones Charakter, erinnerten sie mich an die Ketten über einer Kerkertür, die allen Vorübergehenden schon an der Außenseite sagen, was drinnen zu erwarten ist. Ich weiß weiter nichts mehr von dem ganzen Abend, als daß ich die Königin meines Herzens entzückende Balladen in französischer Sprache singen hörte, wozu sie sich selbst auf einem vielgepriesenen, gitarrenähnlichen Instrumente begleitete, meist des Inhalts, daß wir, was auch los sei, mit »Trallalla« durchs Leben tanzen sollten, so daß ich in seliges Entzücken verloren war und jede angebotene Erfrischung zurückwies, und namentlich vor Punsch zurückschauderte. Daß, als Miß Murdstone sie hinwegführte, Dora lächelte und mir ihr entzückendes Händchen gab. Daß ich einen Blick in einen Spiegel tat und ganz blöde und einfältig aussah. Das ich in einer höchst sentimental-weinerlichen Gemütsverfassung zu Bette ging, und noch im Zustande einer schwachen Betörung wieder aufwachte. Es war ein schöner Morgen und noch sehr früh; ich kam auf den Einfall, in den Laubengängen zwischen den Drahtspalieren einen kleinen Spaziergang zu machen und meiner Leidenschaft nachzuhängen, indem ich mir das Bild der Angebeteten hervorrief. Als ich durch die Vorhalle ging, begegnete ich ihrem kleinen Hunde, namens Jip. Ich näherte mich ihm zärtlich, denn ich liebte selbst ihn; aber er zeigte mir grimmig alle seine Zähne, verkroch sich unter einen Stuhl, um zu knurren, und wollte sich nicht die mindeste Vertraulichkeit gefallen lassen. Der Garten war morgenfrisch und einsam. Ich ging auf und ab und fragte mich verwundert, wie unendlich glücklich ich mich fühlen müßte, wenn ich jemals mit diesem herrlichen Engel verlobt sein sollte. An Heirat und Vermögen und ähnliche Sachen dachte ich in meiner Unschuld damals ebensowenig, wie zu der Zeit, wo ich die kleine Emilie liebte. Sie »Dora« nennen, ihr schreiben, sie anbeten und glauben zu dürfen, daß sie in Gesellschaft anderer Leute doch noch an mich denke, das erschien mir als der Gipfel menschlichen Ehrgeizes – sicherlich als Gipfelpunkt des meinigen. Ohne allen Zweifel war ich ein sentimentaler, halb kindischer, bis über die Ohren verliebter Knabe; aber doch trugen alle diese Gefühle einen Charakter der Herzensreinheit, daß ich unmöglich mit Verachtung darauf zurückblicken kann, obgleich ich jetzt manchmal darüber herzlich lache. Ich war noch nicht lange spazieren gegangen, als ich ihr, um eine Ecke biegend, begegnete. Schon bei der Erinnerung an dieses Zusammentreffen durchzuckt es mich jetzt noch von Kopf bis zu Fuß, und die Feder zittert mir in der Hand. »Sie – sind – recht früh aufgestanden, Miß Spenlow«, stotterte ich. »Es ist so langweilig im Hause,« sagte sie »und Miß Murdstone ist so dumm, sie redet solchen Unsinn von der Notwendigkeit, daß der Erdboden erst trocken werden müsse, bevor ich ausginge.« »Trocken!« – sie lachte hier auf die anmutigste Weise – »Sonntags morgens, wenn ich drinnen nichts zu tun habe muß ich doch etwas tun! Deshalb sagte ich dem Vater schon gestern abend, ich müßte heute sehr früh spazieren gehen. Außerdem ist es die schönste Zeit des ganzen Tages. Meinen Sie nicht auch?« Ich wagte einen kühnen Anlauf und sagte nicht ohne Stottern, daß es allerdings ein heiterer Tag sei, daß er mir aber vor einer Minute noch sehr finster vorgekommen sei. »Soll das ein Kompliment sein,« sagte Dora, »oder hat sich das Wetter wirklich geändert?« Ich stotterte noch schlimmer als vorher heraus, daß es kein Kompliment, sondern die einfache Wahrheit sei, daß ich aber von einer Änderung des Wetters nichts wüßte. Der Grund liege im Zustande meines Herzens, setzte ich beschämt hinzu, um die Erklärung zu vollenden. Noch nie sah ich solche Locken – wie konnte das auch sein, denn es gab keine solche Locken mehr auf der Welt – wie die ihren, die sie jetzt schüttelte, um ihr Erröten zu verbergen. Und der Strohhut und die blauen Bänder, die ihre Locken bedeckten, wären für mich ein unbezahlbarer Schatz gewesen, wenn ich sie in meinem Zimmer in der Buckinghamstraße hätte aufhängen können. »Sie sind eben von Paris zurückgekehrt?« sagte ich. »Ja«, antwortete sie. »Sind Sie einmal dort gewesen?« »Nein.« »O, dann müssen Sie bald hingehen. Es wird Ihnen sehr gefallen.« Spuren tiefen Schmerzes zeigten sich auf meinem Gesicht. Daß sie mein Fortgehen wünschen sollte, daß sie es nur für möglich hielt, ich könnte gehen, war mir unerträglich. Ich wollte nichts von Paris, nichts von Frankreich wissen. Ich sagte, ich würde unter den gegenwärtigen Umständen unter keiner Bedingung England verlassen. Nichts würde mich dazu bringen. Kurz, sie schüttelte schon wieder ihre Locken, als zum Entsatz meiner Verlegenheit ihr Hündchen den Gang hergelaufen kam. Er war entsetzlich eifersüchtig auf mich und bellte mich heftig an. Sie nahm Jip auf ihren Arm, – o du mein Himmel, wie beneidenswert! – und liebkoste ihn, aber er fuhr fort zu bellen. Er wollte nicht leiden, daß ich ihn angriff; und da bekam er Schläge von ihr. Meine Leiden wurden nicht wenig vergrößert, als ich sah, wie sie ihn auf seine Mopsnase eher streichelte als schlug, während er mit den Augen zwinkerte und ihr die Hände leckte, und innerlich immer noch murrte wie ein kleiner Brummbaß. Endlich war er still – er konnte gut still sein, denn ihr rosiges Kinn mit dem niedlichen Grübchen ruhte auf seinem Kopfe! Dann gingen wir weiter, um uns das Gewächshaus zu besehen. »Sie sind nicht sehr genau bekannt mit Miß Murdstone?« fragte Nora.– »Mein Liebling!« – dies galt dem Hunde. – O, wenn ich damit gemeint gewesen wäre! »Nein,« antwortete ich, »durchaus nicht.« »Sie ist ein sehr lästiges Geschöpf«, sagte Dora schmollend. »Ich kann gar nicht begreifen, woran Papa gedacht hat, als er sie zu meiner Beschützerin wählte. Wer braucht denn Schutz? Ich gewiß nicht, Jip kann mich viel besser beschützen als Miß Murdstone – nicht wahr, guter Jip?« Er zwinkerte bloß schläfrig mit den Augen, als sie ihn auf den runden Kopf küßte. »Papa nennt sie meine vertraute Freundin, aber das ist sie ganz und gar nicht – nicht wahr, Jip? Wir beide, Jip und ich, schenken solchen grämlichen Leuten unser Vertrauen gewiß nicht. Wir schenken unser Vertrauen nach unserm eigenen Ermessen und suchen uns selbst unsere Freunde aus, anstatt sie uns überweisen zu lassen –nicht wahr, Jip?« Jip brummte bejahend, so ungefähr wie ein summender Teekessel. Für mich war jedes Wort eine neue, der alten hinzugefügte Fessel. »Es ist recht schlimm, weil wir keine gute Mama haben, an ihrer Stelle ein brummiges altes unfreundliches Geschöpf, wie Miß Murdstone, immer auf den Hacken zu haben – nicht wahr, Jip? Aber das ist uns einerlei, Jip. Wir wollen nicht mit ihr vertraut sein, und wir wollen trotz ihr so glücklich sein, wie wir können, und wir wollen sie peinigen und ihr nichts zu Gefallen tun – nicht wahr, Jip?« Wenn das noch viel langer gedauert hätte, so wäre ich wahrhaftig vor ihr auf die Knie gefallen mit der Aussicht, sie mir auf dem Kies wund zu scheuern und obendrein sofort aus dem Hause geworfen zu werden. Aber zum Glück war das Gewächshaus nicht weit, und wir standen jetzt an seinem Eingange. Es enthielt einen wahren Schatz von schönen Geranien. Wir gingen die Reihe entlang, und Dora blieb oft stehen, um diese oder jene Blume zu bewundern; ich folgte ihrem Beispiele und bewunderte dieselbe Blume, und Dora hielt scherzend das Hündchen in die Höhe, damit es an den Geranien rieche. Und wenn wir uns nicht alle drei im Feenlande befanden, so war ich doch ganz bestimmt darin. Der Duft eines Geraniumblatts erfüllt mich noch heute mit halb ernstem, halb heiteren Staunen über die Wandlung, die so schnell über mich gekommen war, und ich sehe dann einen Strohhut mit blauen Bändern, einen Lockenkopf und ein schwarzes Hündchen, das von zwei zarten Armen in die Höhe gehalten wird, vor einem Gestell von Blüten und blanker Blätter stehen. Miß Murdstone hatte uns gesucht. Sie fand uns hier und bot ihre gestrenge Wange, deren kleine Runzeln mit Puder gefüllt waren, Dora zum Kuß. Dann nahm sie Doras Arm und führte uns in feierlichem Schritt zum Frühstück, so steif, als ob wir zum Begräbnis eines Soldaten gingen. Wieviel Tassen Tee ich trank, weil Dora ihn bereitete, weiß ich nicht mehr. Aber ich weiß noch, daß ich Tee hinuntergoß, bis mein ganzes Nervensystem, wenn ich damals eins hatte, in Glut und Feuer war. Später gingen wir in die Kirche. Miß Murdstone saß zwischen Dora und mir, aber ich hörte sie singen, und die Gemeinde verschwand. Ich hörte eine Predigt – natürlich über Dora – und ich fürchte das ist alles, was ich von dem Gottesdienste weiß. Der Sonntag verging sehr still. Keine Gesellschaft, ein Spaziergang, ein Familiendiner von vier Personen, während der Abend mit dem Besehen von Büchern und Bildern verging und Miß Murdstone mit einem Predigtbuch vor sich da saß und über uns aufmerksam Wache hielt. Ach! wie wenig ahnte wohl Mr. Spenlow, als er mir nachmittags gegenüber saß, sein Taschentuch über den Kopf gebreitet, wie innig ich ihn schon in Gedanken als sein Schwiegersohn umarmte! Wie wenig ahnte er, als ich am Abend Abschied von ihm nahm, daß er soeben seine volle Zustimmung zu meiner Verlobung mit Nora gegeben hatte, und daß ich des Himmels Segen auf sein Haupt herabrief! Wir fuhren am Montag früh morgens nach der Stadt, denn wir hatten im Admiralitätsgericht einen Bergungsfall, der eine ziemlich genaue Kenntnis der Schiffahrt verlangte und zu dem – da wir in den Commons von solchen Sachen nicht viel verstehen konnten – der Richter zwei alte Mitglieder vom Schifffahrtsbureau zugezogen hatte, damit sie ihm aus der Klemme helfen möchten. Doch war Dora wieder am Frühstückstisch, um den Tee zu machen; ich hatte das schmerzliche Vergnügen, noch am Phaethon den Hut vor ihr abzunehmen, als sie mit Jip auf den Armen in der Tür stand. Ich will nicht den fruchtlosen Versuch machen, zu beschreiben in welchem Lichte mir an jenem Tage die Admiralität erschien; welch unseliger Wirrwarr in meinem Kopfe herrschte, als ich den Verhandlungen zuhörte; wie ich den Namen Dora auf dem silbernen Ruder las, das als Emblem des hohen Gerichts auf dem grünen Tische lag, und wie sehr ich mir, als Mr. Spenlow ohne mich nach Hause fuhr – ich hatte mir mit der wahnsinnigen Hoffnung geschmeichelt, Mr. Spenlow werde mich noch einmal mitnehmen –, wie ein Seemann vorkam, der von seinem Schiff auf einer wüsten Insel zurückgelassen ist. Wenn der langweilige Gerichtshof auferstehen und in greifbarer Form die wachen Träume wiedergeben könnte, die ich über Dora geträumt hatte, so würde er die Wahrheit dessen bezeugen. Ich meine nicht nur die Träume, die ich an jenem Tage träumte, sondern Tag für Tag, Woche für Woche, von Sitzungstermin zu Sitzungstermin! Ich ging hin, nicht um den Verhandlungen zu folgen, sondern um an Dora zu denken. Wenn ich jemals den Verhandlungen, wie sie sich langsam hinschleppten, einen Gedanken schenkte, so geschah es nur, um mich bei Ehesachen mit einer Erinnerung an Nora zu fragen, wie sich verheiratete Leute überhaupt veruneinigen könnten, und bei Erbschaftssachen zu überlegen, was ich in bezug auf Dora getan hätte, wenn das streitige Geld mir vermacht worden wäre. In der ersten Woche meines Verliebtseins kaufte ich vier prachtvolle Westen – nicht für mich; ich machte mir nichts daraus, aber für Dora – trug gelbe Glacehandschuhe auf der Straße und legte den Grund zu all meinen Hühneraugen, die ich je besessen hatte. Wenn meine damaligen Stiefel mit der natürlichen Größe meiner Füße verglichen werden könnten, würden sie auf die rührendste Weise Zeugnis von dem Zustande meines Herzens ablegen. Und trotzdem, daß ich mich auf diese Weise Dora zu huldigen, zum Krüppel machte, ging ich doch täglich meilenweit, um sie zu sehen. Ich war nicht nur auf der Straße nach Norwood bald so bekannt wie die Briefträger des Distriktes, sondern ich durchstreifte auch London. Ich wandelte in den Straßen, wo die besten Läden für Damen waren, auf und ab, ich trieb mich am Wasser herum wie ein ruheloser Geist, ich trieb mich noch in den Parks herum, nachdem ich schon längst todmüde war. Manchmal, in langen Zwischenräumen, sah ich sie auch richtig. Einmal winkte sie mir mit dem Handschuh zum Wagenfenster hinaus, ein andermal begegnete ich ihr mit Miß Murdstone, ging dann ein Stückchen mit ihnen und sprach mit ihr. Im letzteren Falle war mir hinterdrein immer recht elend zumut, weil ich nichts recht zur Sache Gehöriges gesprochen hatte, oder weil mich der Gedanke peinigte, daß sie von der Tiefe meiner Gefühle für sie keine Ahnung habe, oder daß ihr an mir nichts gelegen sei. Wie leicht zu glauben, erwartete ich stets eine neue Einladung von Mr. Spenlow. Aber ich erlebte fortwährende Enttäuschungen, denn es kam keine Einladung. Mrs. Crupp muß eine sehr scharfblickende Frau gewesen sein, denn als ich mich kaum ein paar Wochen verliebt und noch nicht den Mut gehabt hatte, an Agnes etwas anderes zu schreiben, als daß ich Mr. Spenlow, »dessen Familie aus einer Tochter bestehe«, wie ich hinzufügte, in seinem Hause besucht habe – hatte sie es schon herausgefunden. Als ich eines Abends sehr schwermütig zu Hause saß, kam sie herauf zu mir (sie litt an ihrer früher erwähnten Krankheit, den Magenkrämpfen) und fragte mich, ob ich ihr mit etwas Kardamomtinktur mit Rhabarber, mit sieben Tropfen Nelkenessenz vermischt, – das beste Mittel für ihr Übel – aushelfen könnte, oder, wenn ich das nicht habe, mit ein klein wenig Kognak, der das nächstbeste Mittel war. Da ich von dem ersten Mittel nie etwas gehört und das zweite stets im Vorrat hatte, schenkte ich Mrs. Crupp ein Glas Kognak ein, das sie in meiner Anwesenheit trank, um jedem Verdacht zu begegnen, es könnte unrecht verwendet werden. »Seien Sie doch munter,« sagte Mrs. Crupp; »es schneidet mir ins Herz, Sie so zu sehen; ich bin selbst eine Mutter.« Ich sah nicht recht ein, was mich dieser Umstand eigentlich anging, aber ich lächelte Mrs. Crupp so gnädig an wie mir möglich war. »Ach, Sie müssen mir die Freiheit verzeihen«, sagte Mrs. Crupp. »Ich weiß ja, was es ist. Es steckt eine Herzensangelegenheit dahinter!« »Mrs. Crupp«, sagte ich und wurde rot. »Ach du lieber Himmel! Nur frischen Mut!« sagte Mrs. Crupp und nickte mir Ermutigung zu. »Nur nicht die Hoffnung verloren! Wenn sie Ihnen nicht lächelt, so gibt es noch andere genug! Sie sind ein junger Herr, der das Anlächeln schon wert ist, erst müssen Sie aber Ihren Wert kennen lernen, Mr. Copperfull!« Mrs. Crupp nannte mich stets Mr. Copperfull, erstens weil ich nicht so hieß, und zweitens weil das bei ihr wohl eine unklare Vorstellung von einem Waschkessel hervorrief. »Warum vermuten Sie, daß es eine Herzensangelegenheit ist, Mrs. Crupp?« sagte ich. »Mr. Copperfull,« sagte Mrs. Crupp mit vielem Gefühl, »ich bin selbst eine Mutter.« Einige Zeitlang konnte Mrs. Crupp nur ihre Hand auf ihren Nankingbusen legen und sich gegen die Wiederkehr des Schmerzes mit kleinen Schlückchen ihrer Medizin stärken. Endlich ergriff sie wieder das Wort. »Als Ihre liebe Tante diese Zimmer mietete, Mr. Copperfull, sagte ich, jetzt hätte ich jemand, um den ich mich bekümmern könnte. Dem Himmel sei Dank! sagte ich, ich habe jetzt jemand, um den ich mich kümmern kann. – Sie essen nicht genug und trinken nicht, Mr. Copperfield.« »Gründen Sie darauf Ihre Vermutungen, Mrs. Crupp?« sagte ich. »Sir,« erwiderte Mrs. Crupp mit fast strengem Tone, »ich habe für andere junge Herren gewaschen, außer für Sie. Ein junger Herr kann zuviel auf sich halten oder kann zuwenig auf sich halten. Er kann sein Haar zuwenig bürsten oder zuviel bürsten. Er kann viel zu große Stiefel tragen oder viel zu kleine. Das geschieht ganz nach der Art, wie der junge Herr seinen ursprünglichen Charakter ausgebildet hat. Aber mag er sich in das eine oder in das andere Extrem verlieren, Mr. Copperfield, jedenfalls ist eine junge Dame im Spiel.« Mrs. Crupp schüttelte den Kopf dabei so entschieden und bedeutsam, daß ich zu meiner Verteidigung auch gar nichts gegen sie vorbringen konnte. »Ich will nur den Herrn anführen, der hier vor Ihnen starb«, sagte Mrs. Crupp. »Er verliebte sich – in ein Schenkmädchen – und ließ sich die Westen enger machen, obgleich er sehr dick geworden war vom vielen Trinken.« »Mrs. Crupp,« sagte ich, »ich muß Sie bitten, die junge Dame, von der wir jetzt sprechen, nicht mit einem Schenkmädchen oder etwas ähnlichem zu vergleichen.« »Mr. Copperfull,« entgegnete Mrs. Crupp, »ich bin selbst eine Mutter und deshalb wird mir so etwas nicht einfallen. Ich bitte Sie um Verzeihung, wenn ich zudringlich bin. Es fällt mir nie ein zudringlich zu sein, wo ich nicht willkommen bin. Aber Sie sind noch jung, Mr. Copperfull, und mein Rat ist, fassen Sie sich ein Herz, lassen Sie den Kopf nicht hängen und lernen Sie erst Ihren eigenen Wert kennen. Wenn Sie sich zur Zerstreuung auf etwas legen wollten,« sagte Mrs. Crupp, »wie z. B. auf das Kegelspielen, das sehr gesund ist, so würde das recht gut sein.« Mit diesen Worten nahm Mrs. Crupp sehr behutsam ihr Glas, als wollte sie nichts verschütten, obwohl gar kein Kognak mehr darin war, dankte mir mit einer majestätischen Verbeugung und verließ mich. Wie ihre Gestalt in dem dunkeln Eingangsraum verschwand, erschien mir ihr Rat allerdings als eine kleine Zudringlichkeit; aber zu gleicher Zeit ließ ich ihn mir von einem andern Gesichtspunkte aus als ein Wort für die Klugen und eine Warnung für mich, in Zukunft mein Geheimnis besser zu bewahren, gefallen. Siebenundzwanzigstes Kapitel. Tommy Traddles. Am nächsten Tage kam ich, vielleicht infolge des Rates von Mrs. Crupp, mir Zerstreuung zu verschaffen, auf den Einfall, Traddles zu besuchen. Die Zeit, die er mir genannt hatte, war vorüber. Er wohnte in einer kleinen Straße, nicht weit von der Tierarzneischule in Camdentown, in einer Gegend, die, wie mir einer unserer Schreiber sagte, meistens von wohlhabenderen Studenten bewohnt war, die lebendige Esel kauften und in ihren Zimmern Experimente mit diesen unglückseligen Tieren machten. Nachdem ich mir von diesem Schreiber den Weg nach der genannten Straße hatte beschreiben lassen, machte ich mich noch an demselben Nachmittag auf, um meinen alten Schulkameraden zu besuchen. Die Straße erschien mir nicht so angenehm, als ich sie Traddles wegen gewünscht hätte. Die Bewohner schienen eine besondere Neigung zu haben, allerlei Kleinigkeiten, die sie nicht brauchten, vor ihre Haustüren zu werfen, was durchaus nicht zur Reinlichkeit, aber bedeutend zur Vermehrung der Schlüpfrigkeit des Weges beitrug. Und nicht nur Kohlblätter und ähnliche vegetabilische Abfälle wurden auf die Straße verwiesen, sondern ich entdeckte auch einen Schuh, eine zerdrückte Blechpfanne, einen schwarzen Hut und einen Regenschirm in verschiedenen Stadien der Zersetzung, während ich mich nach Traddles Hausnummer umsah. Das allgemeine Aussehen der Örtlichkeit erinnerte mich lebhaft an die Tage, wo ich bei Mr. und Mrs. Micawber wohnte. Das von mir aufgesuchte Haus, das einst gewiß bessere Tage gesehen hatte, zeichnete sich durch einen unbeschreiblichen Charakter verblichener Vornehmheit aus, wodurch es allen andern Häusern der Straße unähnlich wurde – obgleich sie alle nach einer einförmigen Schablone gebaut waren und wie die jugendlichen Kopien eines ungeschickten Knaben aussahen, der das Häuserbauen lernt und noch nicht über das stümperhafte architektonische Buchstabieren mit Ziegeln und Kalk hinausgekommen ist – und ich wurde gerade durch dieses Haus noch mehr an Mr. und Ms. Micawber erinnert. Ich erreichte gerade die Tür, als sie für den die Nachmittagsmilch bringenden Mann geöffnet wurde, und das rief mir noch lebhafter Mr. und Mrs. Micawber ins Gedächtnis zurück. »Na nu,« sagte der Milchmann zu einem sehr jungen Dienstmädchen, »wie steht's denn mit meiner kleinen Rechnung?« »O, der Herr sagte, er werde sie nächstens in Ordnung bringen«, war die Antwort. Der Milchmann fuhr fort, als ob er seine Worte für jemand in dem Hause und nicht für das Mädchen bestimmte – dieser Eindruck wurde noch dadurch verstärkt, daß er grimmig den Vorplatz entlang sah –: »weil die kleine Rechnung schon so lange läuft, daß ich fürchte, sie ist ganz fortgelaufen und läßt nie wieder etwas von sich hören, und das lasse ich mir gewiß nicht gefallen, das sollt Ihr sehen!« rief der Milchmann in den finstern Gang hinein. Sein Äußeres paßte durchaus nicht für einen Händler mit einem so milden Artikel wie Milch ist; er hätte eher für einen Fleischer oder einen Schnapshändler gepaßt. Die Stimme des Dienstmädchens wurde schwach, aber nach der Bewegung der Lippen schien sie mir noch einmal zu bemerken, daß der Herr sie nächstens in Ordnung bringen werde. »Ich will dir was sagen,« sagte der Milchmann, indem er sie zum erstenmal scharf ansah und ihr unter das Kinn griff, »trinkst du gern Milch?« »Ja, ich trinke sie gern«, erwiderte sie. »Gut«, sagte der Milchmann. »So merke dir also, morgen bekommst du keine, hörst du? Auch kein Tröpfchen Milch bekommst du morgen.« Ich glaube, sie fühlte sich einigermaßen durch den Gedanken getröstet, daß sie heute wenigstens Milch bekam. Nachdem der Milchmann mit einem wütenden Blick auf sie den Kopf geschüttelt hatte, öffnete er zögernd seinen Krug und goß das gewöhnliche Maß in die Familienkanne. Darauf entfernte er sich brummend und rief seine Milch mit ingrimmigem Gekreisch weiter in der Straße aus. »Wohnt Mr. Traddles hier?« fragte ich. Eine geheimnisvolle Stimme hinten vom Gange rief: »Ja«, worauf auch das junge Mädchen antwortete: »Ja«. »Ist er zu Hause?« sagte ich. Abermals antwortete die geheimnisvolle Stimme bejahend, und abermals wiederholte das Mädchen die Antwort im Echo. Darauf trat ich in das Haus und ging der Weisung des Mädchens gehorchend die Treppe hinauf, nicht ohne beim Vorbeigehen an dem Zimmer hinten mir bewußt zu sein, daß mich ein geheimnisvolles Auge überwachte, das wahrscheinlich zu der geheimnisvollen Stimme gehörte. Als ich oben an der Treppe ankam – das Haus war nur ein Stock hoch – stand Traddles zu meinem Empfange da. Er freute sich mich zu sehen, und führte mich mit herzlichem Willkommen in sein kleines Zimmer. Es war vornheraus und sehr nett, obgleich spärlich möbliert. Ich sah, daß es sein einziges Zimmer war, denn es befand sich ein Schlafsofa darin, und die Wichse und Wichsbürsten standen auf dem Bücherregal, ganz oben hinter einem dicken Wörterbuch. Sein Tisch war mit Papieren bedeckt, und er in einem alten Rock hatte eifrig bei der Arbeit gesessen. Obwohl ich mich nicht absichtlich umschaute, sah ich doch alles, selbst die in Porzellan gemalte Kirche auf seinem Tintenfaß, und auch diese Fähigkeit hatte ich in der alten Micawberzeit erworben. Verschiedene sehr geschickte Erfindungen, die er ersonnen hatte, um seinen Waschtisch, seine Stiefel und sein Rasierzeug zu verhüllen, prägten sich mir besonders lebhaft ein, als Beweise, daß ich noch denselben Traddles vor mir hatte, der aus Schreibpapier Elefantenkäfige verfertigte, um gefangene Fliegen hineinzusetzen, und sich für Mißhandlungen durch die oft erwähnten Skelettkunstleistungen tröstete. In einer Ecke des Zimmers war etwas sauber mit einem Tischtuche zugedeckt. Ich konnte nicht herausbekommen, was es war. »Traddles,« sagte ich und schüttelte ihm wieder die Hand, nachdem ich mich gesetzt hatte, »es freut mich dich zu sehen.« »Es freut mich dich zu sehen, Copperfield«, erwiderte er. »Es freut mich außerordentlich – dich zu sehen. Weil ich mich so außerordentlich freute dich zu sehen, und ich von dir dasselbe voraussetzen konnte, gab ich dir diese Adresse, anstatt die meines Geschäftsbureaus.« »Ah! Du hast ein Geschäftsbureau?« sagte ich. »Nun ja, ich habe den vierten Teil eines Zimmers, eines Vorflurs und eines Schreibers«, erwiderte Traddles. »Drei andere und ich haben uns zusammengetan, um uns ein Bureau zu mieten – damit es geschäftsmäßiger aussieht – und wir haben auch einen Schreiber angenommen. Mich kostet er eine halbe Krone wöchentlich.« Sein alter, einfacher Charakter und seine treuherzig-muntre Gutmütigkeit, und auch etwas von seinem Mißgeschick glänzte aus dem Lächeln, mit dem er diese Erklärung abgab. »Es ist nicht etwa Stolz, Copperfield,« sagte Traddles, »daß ich für gewöhnlich diese Adresse nicht gebe. Es ist nur wegen der Leute, die mich besuchen und vielleicht nicht gern hierher gehen würden. Was mich betrifft, so habe ich mich in der Welt gegen vielerlei Hindernisse durchzuschlagen, und es wäre lächerlich, wenn ich anders erscheinen wollte, als ich bin.« »Du bereitest dich auf die Advokatur vor, erzählte mir Mr. Waterbrook?« sagte ich. »Nun ja,« erwiderte Traddles und rieb sich langsam die Hände, »ich bereite mich auf die Advokatur vor. Ich habe eben angefangen, nach ziemlich langem Säumen. Ich bin schon seit einiger Zeit eingeschrieben, aber das Bezahlen dieser hundert Pfund war keine Kleinigkeit«, sagte Traddles, mit einem Zucken, als ob ihm ein Zahn gezogen würde. »Weißt du, woran ich mir nicht helfen kann zu denken, Traddles, wenn ich dich vor mir sitzen sehe?« fragte ich ihn, »Nein«, sagte er. »An den himmelblauen Anzug, den du immer trugst.« »Ah, das ist spaßhaft!« rief Traddles lachend. »Zu eng an Armen und Beinen, nicht wahr? O Gott! O, was waren das für glückliche Zeiten, nicht wahr?« »Ich glaube, unser Schultyrann hätte sie glücklicher machen können, ohne uns besonders zu verwöhnen, sollte ich meinen«, entgegnete ich. . »Vielleicht«, sagte Traddles, »Aber mein Gott, wir haben Spaß genug gehabt. Und weißt du, wie ich Schläge kriegte, weil ich über Mr. Mell weinte? Der alte Creakle! Ich möchte ihn auch einmal gern wiedersehen.« »Er hat dich sehr schlecht behandelt, Traddles«, sagte ich entrüstet. »Meinst du?« erwiderte Traddles. »Wirklich? Vielleicht hat er's getan. Aber es ist jetzt alles lange vorbei. Der alte Creakle!« »Damals sorgte ein Onkel für dich, nicht wahr?« fragte ich. »Natürlich«, sagte Traddles. »Ein Onkel, an den ich immer schreiben wollte – und niemals schrieb. Ha! ha! ha! Ja, ich hätte damals einen Onkel. Er starb bald, nachdem ich aus der Schule war.« »Wirklich!« »Ja. Er war ursprünglich ein Tuchhändler, hatte sich zur Ruhe gesetzt und mich zu seinem Erben bestimmt. Aber ich gefiel ihm nicht, als ich erwachsen war.« »Ist das dein Ernst?« fragte ich. Er erzählte mir das so ruhig, als ob er eigentlich etwas anderes sagen wollte. »Nun ja, Copperfield, es ist mein Ernst«, entgegnete Traddles. »Es war eine schlimme Sache, aber ich gefiel ihm durchaus nicht. Er sagte mir, ich entspräche seinen Erwartungen ganz und gar nicht, und darauf heiratete er seine Haushälterin.« »Und was tatest du?« fragte ich. »Ich tat nichts Besonderes«, sagte Traddles. »Ich blieb bei ihm wohnen in der Erwartung, daß er mich in einem Beruf unterbringen würde, bis ihm unglücklicherweise die Gicht in den Magen trat – und da starb er, und sie heiratete einen jungen Mann, und ich bekam nichts.« »Bekamst du gar nichts, Traddles?« »O mein Gott,« sagte Traddles, »ich erhielt fünfzig Pfund. Ich war für keinen bestimmten Beruf erzogen und anfangs wußte ich durchaus nicht, was ich anfangen sollte. Endlich fing ich mit dem Beistande des Sohnes eines Advokaten, der auch in Salemhaus gewesen war – Yawler mit der schiefen Nase – du erinnerst dich seiner noch –« »Nein, er war zu meiner Zeit nicht dort gewesen; damals hatten alle gerade Nasen gehabt.« »Nun, es macht nichts aus«, sagte Traddles. »Mit seiner Hilfe lernte ich Akten abschreiben. Dabei kam nicht viel heraus; dann fing ich an, Referate für sie zu besorgen und Auszüge zu machen und ähnliche Arbeiten zu verrichten, denn ich hatte alle Anlage zum mühsamen Arbeiten, Copperfield, und hatte gelernt, mich in solchen Sachen kurz zu fassen. Hernach kam es mir in den Kopf, mich als Student der Rechte einschreiben zu lassen, und damit wurde ich den Rest meiner fünfzig Pfund los. Hawler empfahl mich indessen bei ein paar andern Advokaten – unter andern an Mr. Waterbrook – und ich bekam ziemlich viel zu tun. Außerdem war ich so glücklich, mit einem Buchhändler bekannt zu werden, der eine Encyklopädie herausgibt, und mir ebenfalls Arbeit zukommen ließ; ich arbeite gerade jetzt für ihn«, sagte er mit einem Blick auf den Tisch. »Ich kompiliere nicht schlecht, Copperfield,« meinte Traddles mit einer gewissen heitern Zufriedenheit, »aber ich habe nicht die mindeste Erfindung. Ich glaube wahrhaftig, es hat noch nie einen Mann von so wenig Originalität gegeben als mich!« Da Traddles meine Zustimmung zu dieser Äußerung zu erwarten schien, nickte ich, und er fuhr mit derselben bescheidenen Zufriedenheit fort: »So sammelte ich mir endlich durch Arbeit und Sparsamkeit die hundert Pfund, und Gott sei Dank, daß sie bezahlt sind, obgleich es wahrhaftig keine Kleinigkeit war«, sagte Traddles und zuckte, als ob ihm abermals ein Zahn ausgezogen würde. »Ich ernähre mich durch solche Arbeiten, und ich hoffe, nach und nach mit einer Zeitung in Verbindung zu kommen, und dann wäre mein Glück so gut wie gemacht. – Und noch eins, Copperfield, du bist ganz so wie du früher warst, mit deinem gemütlichen Gesicht, und es freut mich so sehr, dich zu sehen, daß ich dir nichts verbergen kann. Daher will ich dir auch sagen, daß ich verlobt bin.« »Verlobt? O Dora!« »Mit der Tochter eines Pfarrers,« sagte Traddles; »eine von zehn Schwestern unten in Nevonshire. Ja!« denn er sah mich unwillkürlich einen Blick auf das Tintenfaß werfen, »das ist die Kirche. Man geht hier links herum durch dieses Tor, und gerade hier, wo ich die Feder hinhalte, steht das Haus – hier mit den Fenstern nach der Kirche.« Die Freude, mit der er auf diese Einzelheiten einging, wurde mir erst später ganz offenbar; denn meine selbstsüchtigen Gedanken entwarfen in diesem Augenblick einen Grundriß von Mr. Spenlows Haus und Garten. »Und was für ein liebes Mädchen!« sagte Traddles; »ein wenig älter als ich, aber ein herrliches Mädchen! Ich erzählte dir ja, ich würde verreisen; ich war dort. Ich reiste zu Fuß hin und zurück und habe mich herrlich amüsiert! Freilich wird es ein ziemlich langer Brautstand sein, aber unser Wahlspruch ist: ›Warten und hoffen!‹ Und, Copperfield, sie würde auf mich warten, bis sie sechzig Jahre alt wäre, und noch länger, darauf kannst du dich heilig verlassen!« Traddles stand auf und legte mit triumphierendem Lächeln die Hand auf das weiße Tischtuch, das ich schon früher erwähnte. »Und dennoch haben wir schon einen kleinen Anfang mit der Wirtschaft gemacht«, sagte er. »Ja, ja, wir haben schon einen Anfang gemacht. Freilich geht es nur langsam vorwärts, aber angefangen haben wir. Hier sind schon zwei Stücke Hausrat«, sagte er, indem er das Tischtuch sehr sorgfältig und mit großem Stolz wegzog. »Diesen Blumentopf mit Untersetzer hat sie selbst gekauft. Der wird in das Fenster gesetzt,« sagte Traddles und trat ein wenig zurück, um das Stück mit desto mehr Bewunderung zu betrachten, »mit den Blumen darin, und – und dann ist es schön! Diesen kleinen runden Tisch mit der Marmorplatte – zwei Fuß zehn Zoll im Umfange – habe ich gekauft. Man will ein Buch hinlegen, oder es kommt jemand zu Besuch und will eine Teetasse aus der Hand setzen, und – da ist so etwas gut! Der Tisch ist ausgezeichnet gearbeitet, fest wie ein Felsen!« Ich lobte beide Stücke höchlichst und Traddles deckte das Tischtuch so sorgfältig wieder darüber, wie er es weggenommen hatte. »Es ist freilich nur ein kleiner Anfang zur vollständigen Ausstattung,« sagte Traddles, »aber es ist doch etwas. Die Tischtücher und Betten und die andern Sachen dieser Art machen mir am meisten Sorge, Copperfield. Auch der Eisenkram – die Lichtkästen und Roste und derart Sachen – weil die so sehr ins Geld laufen. Aber ›Warten und hoffen!‹ Und ich sage dir, sie ist ein herrliches Mädchen.« »Davon bin ich überzeugt«, sagte ich. »Unterdessen,« sagte Traddles und setzte sich wieder auf seinen Stuhl – »und damit will ich aufhören von mir zu schwatzen – stümpere ich mich so gut durch wie ich kann. Ich verdiene nicht viel, aber ich brauche nicht viel. Für gewöhnlich esse ich bei den Leuten unten, ganz angenehme Leute. Mr. und Mrs. Micawber haben viel erlebt und sind vortreffliche Gesellschaft.« »Lieber Traddles!« rief ich aus. »Was sagst du da?« Traddles sah mich an, als ob er mich nicht verstände. »Mr. und Mrs. Micawber!« wiederholte ich. »Mein Gott, die kenne ich ja ganz genau!« Ein zweimaliges Klopfen an der Haustür, das ich aus alter Erfahrung von der Windsorterrasse her recht gut kannte, und das nur von Mr. Micawber herrühren konnte, löste alle meine Zweifel über die Nähe meiner alten Freunde. Ich bat Traddles, seinen Wirt einzuladen, heraufzukommen. Traddles rief ihn über das Treppengeländer herauf, und Mr. Micawber trat, nicht im mindesten verändert – die engen Beinkleider, der Rock, der Vatermörder und die Lorgnette ganz wie ehedem – mit vornehmer und jugendlicher Miene in das Zimmer. »Ich bitte um Verzeihung, Mr. Traddles«, sagte Mr. Micawber mit dem alten hochtrabenden Tonfall in seiner Stimme, und unterbrach sich in einer Arie, die er vor sich hinsummte. »Ich wußte nicht, daß sich ein Ihrer Wohnung fremdes Individuum in Ihrem Sanktum befindet.« Mr. Micawber machte mir eine leichte Verbeugung und zog den Hemdkragen in die Höhe. »Wie befinden Sie sich, Mr. Micawber?« sagte ich. »Sir,« sagte Mr. Micawber, »ich bin Ihnen ausnehmend verbunden. Ich bin in statu quo.« »Und Mrs. Micawber?« fuhr ich fort. »Sir,« sagte Mr. Micawber, »auch sie ist, Gott sei Dank, in statu quo.« »Und die Kinder, Mr. Micawber?« »Sir, es freut mich, Ihnen sagen zu können, daß auch sie sich der Gesundheit erfreuen.« Bis dahin hatte mich Mr. Micawber noch nicht erkannt, obgleich ich unmittelbar vor ihm stand. Aber als er mich jetzt lächeln sah, betrachtete er meine Züge näher, trat zurück und rief aus: »Ist's möglich! Habe ich das Glück, Copperfield wiederzusehen!« und schüttelte mir mit der größten Herzlichkeit beide Hände. »Ach, Mr. Traddles,« sagte Mr. Micawber, »daß ich in Ihrem Bekannten den Freund meiner Jugend, den Gefährten meiner frühern Jahre wiederfinden muß! Liebe Frau,« rief er über das Treppengeländer hinab, während Traddles nicht ohne Grund ein nicht wenig verwundertes Gesicht über diese Beschreibung meiner Person machte, »hier bei Mr. Traddles ist ein Herr, den ich dir vorzustellen wünsche.« Mr. Micawber trat wieder in das Zimmer und schüttelte mir wieder die Hände. »Und was macht unser guter Freund, der Doktor Strong, lieber Copperfield?« fragte Mr. Micawber, »und der ganze gemütliche Kreis in Canterbury?« »Ich habe nur gute Nachrichten von ihnen«, sagte ich. »Es freut mich sehr das zu hören«, sagte Mr. Micawber. »In Canterbury sahen wir uns zuletzt. Es war im Schatten, bildlich zu sprechen, jenes erhabenen Tempels, den Chaucer unsterblich gemacht hat und der in alten Zeiten das Wanderziel von Pilgern aus den fernsten Winkeln der – kurz,« sagte Mr. Micawber, »es war in der unmittelbaren Nähe des Doms.« Ich stimmte dem bei. Mr. Micawber fuhr fort, mit derselben Zungenfertigkeit zu sprechen, aber, wie mir es schien, nicht ohne einige Zeichen von Unruhe über gewisse Töne im Nebenzimmer, gerade als ob Mrs. Micawber ihre Hände wüsche und schwer zugehende verquollene Kasten eilig öffnete und zuschöbe. »Sie finden uns, Copperfield,« sagte Mr. Micawber, und sah mit einem Auge Traddles an, »gegenwärtig in einem sozusagen kleinen und anspruchslosen Haushalt; aber Sie wissen, daß ich im Verlaufe meines Lebens Schwierigkeiten besiegt und Hindernisse aus dem Wege geräumt habe. Ihnen ist die Tatsache nicht unbekannt, daß es Perioden in meinem Leben gegeben hat, wo ich genötigt war zu warten, bis gewisse, längst erwartete Ereignisse eintraten: wo ich sozusagen einen Anlauf nehmen mußte, ehe ich das tat, was ich gewiß ohne Anmaßung den entscheidenden Sprung nennen kann. Auch die gegenwärtige Zeit ist einer dieser verhängnisvollen Augenblicke in dem menschlichen Leben. Auch jetzt bin ich zurückgetreten, um einen Anlauf zu nehmen; und ich habe allen Grund zu glauben, daß ich binnen kurzem einen kräftigen Sprung machen werde.« Ich hatte kaum meine Befriedigung darüber ausgesprochen, als Mrs. Micawber hereintrat; etwas salopper als früher, wenigstens kam es meinen ungewohnten Augen so vor, aber dennoch einigermaßen für die Gesellschaft angeputzt und mit braunen Handschuhen bekleidet. »Liebe Frau,« sagte Mr. Micawber und führte sie mir entgegen, »hier ist ein Herr, namens Copperfield, der seine Bekanntschaft mit dir zu erneuern wünscht.« Es wäre besser gewesen, wenn die gute Frau erst etwas vorbereitet worden wäre, denn da Mrs. Micawber gerade in zarten Gesundheitsumständen war, so wurde sie von der plötzlichen Erschütterung so überwältigt und fühlte sich so unwohl, daß Mr. Micawber in großer Angst zur Wassertonne im Hinterhof hinablaufen und ein Becken voll Wasser heraufholen mußte, um ihr das Gesicht damit anzufeuchten. Sie kam aber sogleich wieder zu sich und freute sich aufrichtig mich zu sehen. Wir unterhielten uns etwa eine halbe Stunde lang, und ich erkundigte mich nach den Zwillingen, die, wie sie sagte, ganz groß geworden waren, und nach Master und Miß Micawber, die sie als vollkommene Riesen beschrieb, die sich aber bei dieser Gelegenheit nicht zeigten. Mr. Micawber wollte mich durchaus zum Essen dabehalten. Ich hätte nichts dawider gehabt, aber aus Mrs. Micawbers Augen schien mir Unruhe und Berechnung des noch vorhandenen kalten Bratens zu blicken. Ich gab daher vor, wo anders eingeladen zu sein, und widerstand allem Drängen, diese Einladung rückgängig zu machen; da ich bemerkt hatte, daß Mrs. Micawber sofort heiterer wurde. Aber ich sagte Traddles und Mr. und Mrs. Micawber, daß ich unter keiner Bedingung eher fortgehen würde, als bis sie einen Tag bestimmt hätten, wo sie bei mir speisen wollten. Traddles Arbeiten nötigten uns, den bestimmten Tag etwas weit hinauszuschieben; aber wir wurden doch zuletzt einig, und ich nahm Abschied. Unter dem Vorwande, mir einen nähern Weg zu zeigen, begleitete mich Mr. Micawber bis an die Ecke der Straße, da er, wie er mir sagte, mit einem alten Freunde gern ein paar Worte im Vertrauen sprechen wollte. »Lieber Copperfield,« sagte Mr. Micawber, »ich brauche Ihnen wohl kaum zu sagen, daß es ein unsäglicher Trost ist, unter den obwaltenden Umständen unter unserm Dache ein Gemüt zu besitzen, wie es in Ihrem Freunde Traddles leuchtet – wenn ich mir diesen Ausdruck erlauben darf. Wenn auf der einen Seite eine Waschfrau wohnt, die in dem Fenster ihres Wohnzimmers alte Backware zum Verkauf ausstellt, und ein Kriminalpolizist uns gegenüber, so können Sie sich wohl denken, daß Traddles Gesellschaft für mich und Mrs. Micawber eine Quelle des Trostes ist. Ich beschäftige mich gegenwärtig mit einem Kommissionshandel in Getreide, lieber Copperfield. Es ist kein sehr lohnender Beruf – mit andern Worten, es kommt nichts dabei heraus – und infolgedessen befinde ich mich in einigen vorübergehenden Verlegenheiten von geldlicher Natur. Es freut mich jedoch ungemein, sogleich hinzusetzen zu können, daß ich sichere Aussicht habe, es werde sich diesmal etwas finden, obgleich ich noch nicht sagen darf, wo, was mich instand setzen wird, dauernd für mich und unsern lieben Freund Traddles zu sorgen, für den ich eine aufrichtige Teilnahme fühle. Es wird Sie vielleicht nicht wundern, wenn ich Ihnen sage, daß Mrs. Micawber in Gesundheitsumständen ist, die eine Vermehrung der Pfänder der Liebe – kurz, unserer Kinder– nicht ganz unwahrscheinlich machen. Mrs. Micawbers Familie hat sich zwar gemüßigt gesehen, über diesen Umstand ihre Unzufriedenheit zu äußern. Ich habe nur zu bemerken, daß ich diese Äußerung ihrer Empfindungen mit Hohn und Entrüstung zurückweise.« Mr. Micawber schüttelte mir wieder die Hand und verließ mich. Achtundzwanzigstes Kapitel. Mr. Micawber wirft seinen Handschuh hin. Bis zu dem Tage, wo ich meine neuaufgefundenen alten Freunde bewirten sollte, lebte ich vorzüglich von Dora und Kaffee. In meinem Liebessiechtum schwand mir der Appetit; ich freute mich darüber, denn es kam mir wie eine Perfidie gegen Dora vor, wenn ich den gewöhnlichen Geschmack an meinem Mittagsessen gefunden hätte. Mein vieles Spazierengehen hatte in dieser Hinsicht nicht die gewöhnlichen Folgen, da der Gram meiner Seele der frischen Luft entgegenwirkte. Ich habe auch meine Zweifel, die sich auf die damals erlangte schmerzliche Erfahrung gründen, ob sich überhaupt ein gesunder Appetit in einem menschlichen Individuum entwickeln kann, das immer von zu engen Stiefeln gepeinigt wird. Ich glaube, die Extremitäten müssen in Ruhe sein, bevor der Magen in kräftige Wirksamkeit treten kann. Ich wiederholte diesmal nicht die großen Vorbereitungen, die ich zu meinem frühern Gastmahl gemacht hatte. Das Essen bestand nur aus ein paar Seezungen, einer kleinen Hammelkeule und einer Taubenpastete. Mrs. Crupp wurde rebellisch, als ich ihr zuerst schüchtern die Bereitung des Fisches und des Bratens zumutete, und sagte mit gekränkter, aber würdiger Miene: »Nein! Nein, Sir! So etwas werden Sie von mir nicht verlangen, denn Sie kennen mich zu gut, als daß Sie voraussetzen könnten, ich würde etwas tun, was ich nicht ohne vollständige Befriedigung meiner Gefühle tun könnte!« Aber zuletzt verglichen wir uns doch, und Mrs. Crupp verstand sich zu dem Geforderten unter der Bedingung, daß ich auf vierzehn Tage nicht zu Hause äße. Und hier muß ich bemerken, daß ich von Mrs. Crupp wegen der Tyrannei, die sie über mich ausübte, Schreckliches zu erdulden hatte. Noch nie habe ich mich so sehr vor jemand gefürchtet. Über alles wurde ein Vergleich geschlossen. Wenn ich zögerte, ergriff sie das wunderbare Übel, das immer bei ihr im Hinterhalte lag und stets bereit war, sich auf ihre edelsten Teile zu stürzen. Wenn ich nach einem halben Dutzend bescheidenen und erfolglosen Zügen ungeduldig an der Klingel riß und sie endlich erschien – worauf man sich keineswegs fest verlassen konnte – trat sie mit vorwurfsvoller Miene herein, sank atemlos auf einen Stuhl unweit der Tür, legte ihre Hand auf ihren Nankingbusen und wurde so schwach, daß ich froh war, sie mit jedem Opfer von Kognak oder sonst etwas wieder loszuwerden. Wenn ich es mir nicht gefallen lassen wollte, daß mein Bett um fünf Uhr nachmittags gemacht wurde, – und es scheint mir immer noch eine sehr unangenehme Sache zu dieser Zeit,– so genügte eine Bewegung ihrer Hand nach der Nankingregion ihres verwundeten Gemüts, um mich zu einer stotternden Bitte um Verzeihung zu bewegen. Kurz, ich ließ mir alles gefallen, was ich mir ehrenhalber gefallen lassen konnte, ehe ich Mrs. Crupp beleidigte: und sie war der Schrecken meines Lebens. Ich kaufte einen gebrauchten Serviertisch für dieses Gastmahl, denn ich wollte den »gewandten jungen Mann« um keinen Preis wieder annehmen. Es hatte sich meiner ein Vorurteil gegen ihn bemächtigt, weil ich ihm an einem Sonntagmorgen am Strand in einer Weste begegnete, die einer von mir seit jenem festlichen Tage vermißten wunderbar ähnlich sah. Das Mädchen bestellte ich wieder, aber unter der Bedingung, daß sie nur die Gerichte hereinzubringen und dann sich auf den Treppenflur vor der Zimmertür zurückzuziehen hatte, wo ihr beständiges Schnüffeln von den Gästen nicht gehört wurde, und wo ein gefährlicher Rückzug auf die Teller eine physische Unmöglichkeit war. Nachdem ich das Nötige zu einer Bowle Punsch besorgt hatte, die Mr. Micawber brauen sollte, ferner ein Fläschchen Lavendelwasser, zwei Wachslichter, ein Papier voll verschiedener Nadeln und ein Nadelkissen, damit Mrs. Micawber ihre Toilette bei mir machen könnte, und in meinem Schlafzimmer für Mr. Micawber Feuer angemacht und endlich mit eigenen Händen den Tisch gedeckt hatte, sah ich voll Gemütsruhe der Zukunft entgegen. Zur bestimmten Stunde erschienen meine drei Gäste auf einmal. Mr. Micawber mit noch stärker entwickelten Vatermördern als gewöhnlich, und einem neuen Bande an seinem Augenglase; Mrs. Micawber noch ohne Haube, die sie in eine hellbraune Papierschachtel eingeschlagen hatte, Traddles damit unter dem Arm und Mrs. Micawber führend. Alle freuten sich sehr über meine Wohnung. Als ich Mrs. Micawber an meinen Toilettentisch führte und sie die Vorbereitungen sah, die ich für sie getroffen hatte, war sie so entzückt, daß sie Mr. Micawber herbeirief. »Lieber Copperfield,« sagte Mr. Micawber, »das ist wirklich luxuriös. Es ist dies eine Lebensweise, die mich an jene Zeit erinnert, wo ich mich selbst noch im Zölibat befand, und wo Mrs. Micawber noch nicht gebeten worden war, mir Treue an dem Altar Hymens zu schwören.« »Er meint, noch nicht von ihm gebeten worden war, Mr. Copperfield«, sagte Mrs. Micawber schelmisch. »Denn, ob es nicht andere auch getan hatten, dafür kann er nicht einstehen.« »Meine Liebe«, entgegnete Mr. Micawber plötzlich mit Ernst. »Ich habe keinen Wunsch, für andere Leute einzustehen. Ich weiß nur zu gut, daß, als du nach dem unerforschlichen Ratschluß des Schicksals für mich aufbewahrt wurdest, dies vielleicht für einen geschehen sollte, der nach langem Kampfe endlich als ein Opfer finanzieller Verlegenheiten höchst verwickelter Natur fallen sollte. Ich verstehe deine Anspielung, Liebste. Sie schmerzt mich, aber ich kann es ertragen.« »Micawber!« rief Mrs. Micawber weinend aus. »Habe ich das verdient! Ich, die ich dich nie verlassen habe, die dich nie verlassen wird, Micawber!« »Meine teuerste Frau,« sagte Mr. Micawber sehr gerührt, »du wirst verzeihen, und gewiß auch unser alter und geprüfter Freund Copperfield, wenn die Wunde eines verletzten Gemüts, empfindlich geworden durch einen kaum vergessenen Zusammenprall mit dem Knechte der rohen Gewalt, – mit einem Wort, mit einem schuftigen Kassierer der Wasserwerke, einen Augenblick sichtbar wird, und wirst seine Verirrung bemitleiden und nicht verdammen.« Mit diesen Worten umarmte Mr. Micawber seine Frau, drückte mir die Hand und ließ mich durch diese dunkle Andeutung vermuten, daß ihm sein häuslicher Bedarf an Wasser wegen versäumter Zahlung diesen Nachmittag abgeschnitten worden war. Um seine Gedanken von diesem traurigen Vorfall abzuwenden, benachrichtigte ich Mr. Micawber, daß ich wegen einer Bowle Punsch auf ihn rechnete, und führte ihn zu den Zitronen. Seine Niedergeschlagenheit, ich will nicht sagen Verzweiflung, war in einem Augenblick verschwunden. Ich habe noch nie einen Menschen von dem Duft der Zitronenschale und des Zuckers, dem Geruch des brennenden Rums und dem Dampf des kochenden Wassers so vergnügt gesehen, als Mr. Micawber an diesem Nachmittag. Es war ein prächtiger Anblick, sein Antlitz aus einer leichten Wolke zarter Dämpfe herausglänzen zu sehen, wie er rührte, mischte, kostete, und aussah, als ob er, anstatt Punsch zu bereiten, den Grundstein zu einem Vermögen für seine Familie bis auf die fernste Nachkommenschaft lege. Und Mrs. Micawber, ich weiß nicht, ob die Haube, oder das Lavendelwasser, oder die Nadeln, oder das Feuer, oder die Wachslichter daran schuld waren, trat für ihre Jahre wirklich liebreizend aus meinem Zimmer. Und nie war die Lerche fröhlicher als heute diese vortreffliche Frau. Ich vermute, – ich wagte nie eine Nachfrage, aber ich vermute, – daß Mrs. Crupp nach dem Braten der Seezungen krank geworden war. Denn von da an ging es mit dem Essen schief. Die Hammelkeule kam auf den Tisch, inwendig sehr rot und auswendig sehr blaß, und war über und über mit einem uns unbekannten Stoff von sandiger Natur bestreut, als ob sie in die Asche des merkwürdig konstruierten Küchenherdes gefallen wäre. Aber wir wurden nicht instand gesetzt, uns durch die Brühe weiter darüber aufzuklären, denn das Mädchen hatte diese auf die Treppe gegossen – wo sie als ein langer, mehrere Stufen hoher Fettfleck blieb, bis ihn die Tritte allmählich verwischten. Die Taubenpastete war nicht schlecht, aber eine Täuschung; denn die Rinde war wie ein phrenologischer Schädel, der viel verspricht, aber nichts enthält; voll Knötel und Hügel, aber nichts inwendig. Kurz, das Gastmahl war so mißlungen, daß ich mich höchst unglücklich gefühlt hätte – wegen des Mißlingens, meine ich, denn wegen Dora fühlte ich mich immer unglücklich – wenn mir nicht die vortreffliche Laune meiner Gäste und ein glücklicher Einfall Mr. Micawbers zu Hilfe gekommen wäre. »Mr. Copperfield,« sagte Mr. Micawber, »solche unangenehmen Zufälle treten in den besten Haushaltungen ein; und in Familien, die nicht durch den alles durchdringenden Einfluß, der die Genüsse heiligt, während er sie erhöht – ah – ich wollte sagen, durch den Einfluß der Frauen in dem erhabenen Charakter einer Gattin geregelt werden, sind sie mit Sicherheit zu erwarten und müssen mit Philosophie ertragen werden. Wenn Sie mir die Bemerkung erlauben wollen, daß wenige Speisen in ihrer Art besser sind als ein sogenannter Devil, und daß ich der Meinung bin, wir können mit einiger Teilung der Arbeit einen recht guten zubereiten, wenn unsere jugendliche Aufwärterin uns nur einen Rost verschaffen wollte, so würde ich wohl meinen, daß ich das kleine Unglück leicht wieder gutmachen könnte.« In meiner Speisekammer befand sich ein Rost, auf dem ich meine Frühstückschnittchen Speck briet. Er war im Nu herbeigeschafft, und wir machten uns sogleich daran, Mr. Micawbers Vorschlag zur Ausführung zu bringen. Die Teilung der Arbeit, von der er gesprochen, war folgende: Traddles schnitt die Hammelkeule in Scheibchen; Mr. Micawber, der in allen derartigen Sachen ein Meister war, tat Pfeffer, Senf und Cayennepfeffer darauf; ich legte sie auf den Rost, wendete sie mit der Gabel und nahm sie weg nach Mr. Micawbers Anleitung, und Mrs. Micawber wärmte und rührte einen Extrakt für Champignonsauce in einer kleinen Pfanne. Als wir genug Scheibchen hatten, um einen Anfang zu machen, fingen wir an mit aufgestreiften Ärmeln zu essen, während noch mehr Schnitten über dem Feuer zischten und unsere Aufmerksamkeit sich zwischen dem Fleisch auf unsern Tellern und dem Fleisch über dem Feuer teilte. Die Neuheit unserer Kocherei, die Vortrefflichkeit des Gerichts, die angenehme Aufregung, die mit der Zubereitung verknüpft war, das häufige Aufstehen, um nach dem Feuer zu sehen, das häufige Hinsetzen, um zu essen, wie die knusprigen Scheibchen ganz heiß vom Roste kamen, die Späße, die bei dem Sieden und Brodeln gemacht wurden, und der Lärm und der Duft, der uns umgab – alles trug dazu bei, daß wir die Hammelkeule bis auf den letzten Knochen verzehrten. Mein Appetit kehrte wie durch ein Wunder wieder. Ich schäme mich es niederzuschreiben, aber ich glaube wirklich, ich vergaß Dora eine Zeitlang. Ich bin überzeugt, Mr. und Mrs. Micawber hätten sich nicht mehr über das Mahl freuen können, wenn sie ein Bett verkauft hätten, um es zu besorgen. Traddles, lachte die ganze Zeit über ebenso herzlich, wie er aß und seiner Arbeit oblag. Und wir machten es alle ebenso und zwar immer gleichzeitig. Etwas Gelungeneres wird es nicht oft geben. Wir waren auf dem Höhepunkt der Freude angekommen und waren alle in unsern verschiedenen Beschäftigungen über die Maßen tätig, denn wir wollten eben die letzte Auflage von Scheibchen in den Zustand höchster Vollkommenheit auf den Rost bringen, um damit das Fest zu krönen, als ich bemerkte, daß sich noch jemand im Zimmer befand und meine Augen in die des gesetzten Littimer sahen, der, den Hut in der Hand, unerschütterlich vor mir stand. »Was gibt's?« fragte ich unwillkürlich. »Ich bitte um Verzeihung, Sir, man hat mich hier herein gewiesen. Ist mein Herr nicht hier?« »Nein.« »Haben Sie ihn nicht gesehen, Sir?« »Nein; kommen Sie nicht von ihm?« »Nicht direkt, Sir.« »Hat er Ihnen gesagt, daß Sie ihn hier finden würden?« »Das gerade nicht, Sir, Aber ich sollte meinen, er würde morgen hier sein, da er heute noch nicht hier ist.« »Kommt er von Oxford hierher?« »Ich bitte Sie recht sehr, Sir,« sagte er voll Ehrerbietung, »Platz zu nehmen und mir zu erlauben, mich mit diesen Dingen zu befassen.« Damit nahm er mir die Gabel aus der widerstandslosen Hand und beugte sich über den Rost, als ob sich seine ganze Aufmerksamkeit darauf konzentrierte. Der Eintritt von Steerforth selbst würde uns nicht so aus der Fassung gebracht haben, aber wir waren augenblicklich wie auf den Mund geschlagen vor seinem respektabeln Bedienten. Mr. Micawber trällerte eine Melodie, um zu beweisen, daß er ganz unbefangen wäre, aber er setzte sich hin, und die Gabel, die er, um sie schnell zu verbergen, in die Brusttasche gesteckt hatte, guckte daraus hervor, als hätte er sich selbst damit umgebracht. Mrs. Micawber zog die braunen Handschuhe an und nahm eine vornehm schmachtende Miene an. Traddles fuhr mit den fettglänzenden Händen durch das Haar, daß es kerzengerade stand, und starrte verwirrt auf das Tischtuch. Ich selbst saß wie ein hilfloses Wickelkind an der Spitze meiner eigenen Tafel und wagte kaum, einen Blick auf die respektable Erscheinung zu werfen, die, der Himmel weiß woher, gekommen war, um meine Haushaltung in Ordnung zu bringen. Mittlerweile nahm er das Fleisch von dem Rost und reichte es mit ernster Miene herum. Wir langten alle zu, aber es schmeckte uns nicht mehr, und wir taten nur, als ob wir davon äßen. Wie wir alle unsere Teller zurückschoben, nahm er sie geräuschlos weg und setzte den Käse auf den Tisch. Als wir damit fertig waren, nahm er ihn auch weg, räumte die Tafel ab, setzte die Weingläser vor uns hin und rollte den Serviertisch auf eigene Hand in die Speisekammer. Alles dies geschah in der untadelhaftesten Weise; er wandte keinen Blick von seinem Geschäft weg. Und doch schien selbst in seinen Ellbogen, wie er mir den Rücken zukehrte, der Ausdruck seiner unerschütterlichen Meinung zu lauern, daß ich außerordentlich jung sei. »Haben Sie sonst noch etwas zu befehlen, Sir?« Ich dankte und sagte: »Nein«; fragte ihn aber, ob er nicht selbst essen wollte. »Nein, ich danke Ihnen recht sehr, Sir.« »Wird Mr. Steerforth von Oxford nach London kommen?« »Ich bitte um Verzeihung, Sir, wie sagten Sie?« »Wird Mr. Steerforth von Oxford nach London kommen?« »Ich sollte meinen, er müßte morgen hier sein, Sir. Ich glaubte eigentlich, er würde schon heute hier sein. Die Schuld des Irrtums liegt jedenfalls an mir, Sir.« »Wenn Sie ihn vor mir sehen sollten« – sagte ich – »Sie werden mir verzeihen, Sir, ich glaube kaum, daß ich ihn vor Ihnen sehen werde.« »Wenn es der Fall sein sollte,« sagte ich, »so sagen Sie ihm nur, es täte mir sehr leid, daß er heute nicht hier gewesen ist, da ich einen Besuch von einem seiner Schulkameraden hatte.« »Sehr wohl, Sir.« Und er teilte eine Verbeugung zwischen mir und Traddles, während er einen Blick auf diesen warf. Er bewegte sich leise nach der Tür, als ich in einer verzweifelten Hoffnung, einmal recht ungezwungen zu sprechen – was ich gegen diesen Mann nie imstande war – noch sagte: »Ach, Littimer!« »Sie belieben, Sir?« »Sind Sie diesmal lange in Yarmouth geblieben?« »Nicht so sehr lange, Sir.« »Haben Sie das Boot schon fertig gesehen?« »Ja, Sir. Ich blieb dort, bis es fertig war.« »Das weiß ich!« Er sah mich ehrerbietig an. »Mr. Steerforth hat es wahrscheinlich noch nicht gesehen.« »Ich weiß es wahrhaftig nicht, Sir. Ich glaube – aber ich weiß es wahrhaftig nicht. Ich erlaube mir, Ihnen gute Nacht zu wünschen, Sir.« Die ehrerbietige Verbeugung, mit der er diese letzten Worte begleitete, galt uns allen zugleich, und er verschwand. Meine Gäste schienen freier aufzuatmen, als er fort war; aber auch ich fühlte mich sehr erleichtert, denn abgesehen von dem Gefühle, wie ich es stets in dieses Menschen Gegenwart hatte, daß ich ihm gegenüber im Nachteil war, hatte ich Gewissensbisse, daß ich Mißtrauen gegen seinen Herrn gehegt, und eine nicht zu beschwichtigende Angst, daß er mich durchschaut haben könnte. Wie ging es nur zu, daß ich immer das Gefühl hatte, der Mann habe mich, der ich doch so herzlich wenig zu verbergen hatte, durchschaut? Mr. Micawber weckte mich aus diesem Hinbrüten, indem er mit vollen Backen das Lob Littimers als eines höchst respektabeln Menschen und ausgezeichneten Dieners ertönen ließ. Beiläufig gesagt hatte Mr. Micawber von der uns allen geltenden Verbeugung seinen vollen Anteil weggenommen und sie mit unendlicher Herablassung erwidert. »Aber der Punsch, lieber Copperfield,« sagte Mr. Micawber, indem er kostete, »wartet auf niemand, so wenig wie Zeit und Flut. – Ah! er hat jetzt gerade die schönste Blume. Liebe Frau, darf ich um dein Urteil bitten?« Mrs. Micawber nannte ihn vortrefflich. »Dann will ich,« sagte Mr. Micawber, »wenn es mir mein Freund Copperfield erlauben wird, mir diese Freiheit zu nehmen, dann will ich auf die Tage trinken, wo mein Freund Copperfield und ich noch jünger waren und wir uns Schulter an Schulter auf den Wegen dieser Welt durchkämpften. Ich kann von mir und Copperfield mit Worten, die wir früher manchmal gesungen haben, figürlich gesprochen, sagen: Wir stiegen hügelab und -auf, Maßliebchen ward gepflückt. Ich weiß zwar nicht so recht, was die Maßlieben zu bedeuten haben, aber gepflückt hätten wir sie, wenn es sich hätte machen lassen«, sagte Mr. Micawber mit jenem unbeschreiblichen Air, das er sich gab, wenn er glaubte, etwas Hübsches zu sagen. Nach diesen Worten leerte Mr. Micawber sein Glas mit herzhaftem Zuge, und wir folgten seinem Beispiele: Traddles, offenbar in Erstaunen verloren, in welcher entlegenen Zeit Mr. Micawber und ich wohl Kameraden im Kampfe des Lebens gewesen sein möchten. »Ahem!« sagte Mr. Micawber, sich räuspernd, durchglüht von Punsch und Feuer. »Liebe Frau, noch ein Glas?« Mrs. Micawber wollte nur noch ein kleines Tröpfchen, aber das ließen wir uns nicht gefallen, und sie erhielt daher ein volles Glas. »Da wir hier ganz unter uns sind, Mr. Copperfield,« sagte Mrs. Micawber, indem sie an ihrem Punsch nippte, – »denn Mr. Traddles gehört ja ganz zu unserm häuslichen Kreise, – so möchte ich gern Ihre Meinung über Mr. Micawbers Aussichten hören, denn« – meinte Mrs. Micawber mit besonderer Betonung – »das Getreidegeschäft ist, wie ich wohl wiederholt gegen Mr. Micawber geäußert habe, anständig genug, aber es lohnt nicht. Kommissionsgebühren in Höhe von zwei Schilling neun Pence in vierzehn Tagen können, so bescheiden auch unsere Ansprüche find, kein lohnender Ertrag genannt werden.« Darin stimmten wir alle mit ihr überein. »Also muß ich dir folgende Frage vorlegen«, sagte Mrs. Micawber, die sich sehr viel darauf einbildete, die Dinge klar ins Auge zu fassen und durch ihre Weisheit Mr. Micawber auf dem geraden Wege zu erhalten. »Wenn man sich nicht auf Korn verlassen kann, worauf kann man sich denn verlassen! Kann man sich auf Kohlen verlassen? Durchaus nicht. Wir haben schon einmal auf den Rat meiner Familie unsere Aufmerksamkeit auf dieses Experiment gelenkt, aber es ist uns fehlgeschlagen.« Mr. Micawber lehnte sich in seinen Stuhl zurück, steckte beide Hände in die Taschen, sah uns von der Seite an und nickte mit dem Kopfe, als ob er sagen wollte: In welch klares Licht stellt sie die Sache! »Da also von Getreide und Kohlen durchaus nicht die Rede sein kann, Mr. Copperfield,« fuhr Mrs. Micawber noch wichtiger fort, »so sehe ich mich natürlich in der Welt um und frage, in welchem Fach könnte eine Person von Mr. Micawbers Talenten wohl Glück machen, und ich schließe da gleich von vornherein Kommissionsgeschäfte aus, weil Kommissionsgeschäfte nicht sicher sind. Für eine Person von Mr. Micawbers eigentümlichen Anlagen ist eine sichere Sache sicherlich die geeignetste.« Durch ein teilnehmendes Gemurmel sprachen Traddles und ich unsere Meinung aus, daß diese große Entdeckung jedenfalls richtig sei. »Ich will gar nicht verhehlen, Mr. Copperfield,« sagte Mrs. Micawber, »daß ich seit langer Zeit überzeugt bin, daß das Brauereigeschäft höchst passend für Micawber wäre. Sehen Sie Barclay und Perkins! Sehen Sie Trumann, Hanbury und Burton! Nur in einem großartigen Wirkungskreise kann Mr. Micawber glänzen, wie ich aus eigener Erfahrung weiß; und der Gewinn ist, wie ich erfahren habe, ungeheuer! Aber wenn Mr. Micawber in diesem Geschäft nicht Associé werden kann – wenn diese Leute seine Briefe gar nicht beantworten, selbst wenn er seine Dienste in einer untergeordneten Stelle anbietet, – was nützt es da, sich länger dabei aufzuhalten? Durchaus nichts. – Ich darf mich überzeugt halten, daß Mr. Micawbers Manieren –« »Hm! Aber bitte, meine Liebe« – wandte Mr. Micawber ein. »Still, mein Lieber«, sagte Mrs. Micawber und legte ihren braunen Handschuh auf seine Hand. »Ich darf mich überzeugt halten, Mr. Copperfield, daß Mr. Micawbers Manieren ihn insbesondere für das Bankgeschäft geeignet machen. Ich muß sagen, daß mir, wenn ich Depots an einer Bank zu plazieren hätte, die Manieren Mr. Micawbers vertraueneinflößend für das Bankhaus erschienen und dessen Konnexionen zu erweitern geeignet. Wenn sich nun aber die verschiedenen Bankhäuser Mr. Micawbers Fähigkeiten nicht zu nutze machen wollen oder sein Anerbieten schmachvoll fallen lassen – was hilft es, sich dabei länger aufzuhalten? Nichts. Was den Gedanken anlangt, ein eigenes Bankhaus zu gründen, so mag ich ja erwähnen, daß Glieder meiner Familie, wenn sie ihre Gelder in Mr. Micawbers Hände zu geben beliebten, eine durchaus vertrauenswürdige Bank zur Verfügung hätten. Wenn sie ihre Gelder aber nicht in Mr. Micawbers Hände geben wollen – und sie wollen es nicht – was kann das helfen! Und so sind wir denn nicht weiter als vorher.« Ich schüttelte den Kopf und sagte: »Um gar nichts.« Und Traddles schüttelte auch den Kopf und sagte: »Um gar nichts.« »Und was folgt nun aus diesem?« fuhr Mrs. Micawber fort, als müsse sie die Sache völlig klarstellen. »Zu welchem Schluß werde ich dadurch unabweislich gedrängt, mein lieber Copperfield? Habe ich unrecht, wenn ich sage, wir müssen doch leben?« Ich antwortete: »Durchaus nicht«, und Traddles antwortete: »Durchaus nicht«, und ich fügte noch die sehr weise Bemerkung hinzu, daß man als Mensch entweder leben oder sterben müsse. »Vollkommen richtig«, erwiderte Mrs. Micawber. »Das ist es eben. Und die Sache, lieber Mr. Copperfield, ist, daß wir nicht leben können, wenn sich nicht sehr bald etwas ganz anderes, von unseren gegenwärtigen Verhältnissen ganz Abweichendes findet. Nun bin ich aber überzeugt, und ich habe es Mr. Micawber zu wiederholten Malen gesagt, daß wir nicht erwarten können, daß sich etwas von selber findet. Wir müssen gewissermaßen den Dingen beistehen, daß sie sich finden lassen. Ich kann unrecht haben, aber ich habe nun einmal diese Meinung.« Traddles und ich stimmten ihr lebhaft bei. »Sehr gut«, sagte Mrs. Micawber. »Was empfehle ich also nun? Hier ist Mr. Micawber mit einer Anzahl der verschiedenartigsten Eigenschaften, mit großen Talenten – –« »Ich bitte dich, liebe Frau!« sagte Mr. Micawber. »Erlaube mir auszureden, lieber Mann. Hier ist Mr. Micawber mit einer Anzahl der verschiedenartigsten Eigenschaften, mit großen Talenten – ich möchte sagen: mit Genie ausgestattet, aber man wird glauben, ich sei als seine Frau parteiisch –« Traddles und ich murmelten beide: »Nein, nein.« »Und dennoch ist dieser Mr. Micawber ohne passende Stellung oder passende Beschäftigung. Auf wen fällt die Verantwortung zurück? Ganz natürlich auf die Gesellschaft. Und daher will ich eine so schmähliche Tatsache laut verkündigen und die Gesellschaft herausfordern, sie in Ordnung zu bringen. Was nach meiner Ansicht, lieber Copperfield, Mr. Micawber zu tun hat, ist, daß er der Gesellschaft den Handschuh hinwerfen und zu ihr sagen sollte: Hier, zeige sich der Mann, der ihn aufhebt. Und er möge ungescheut vortreten.« Ich erlaubte mir die Frage an Mrs. Micawber, wie dies anzufangen sei. »Durch Anzeigen«, sagte Mrs. Micawber, »in allen Zeitungen. Nach meiner Ansicht muß Mr. Micawber, um sich selbst, um seiner Familie, und ich will sogar sagen, um der Gesellschaft, die ihn bis jetzt ganz und gar übersehen hat, gerecht zu werden, sich in alle Zeitungen setzen lassen; muß sich deutlich beschreiben als der und der, mit den und den Eigenschaften, und dann die Forderung stellen: Jetzt stellt mich an unter den gehörigen Bedingungen und wendet euch in frankierten Briefen an W. M. postlagernd Camdentown.« »Dieser Gedanke meiner lieben Frau, mein lieber Copperfield,« sagte Mr. Micawber, indem er das Kinn so tief in den Hemdkragen sinken ließ, daß die beiden Spitzen vorn zusammenstießen, und mich von der Seite anblickte, »ist der Sprung, von dem ich neulich sprach, als ich das Vergnügen hatte Sie zu sehen.« »Anzeigen in den Zeitungen sind aber ziemlich teuer«, bemerkte ich zweifelnd. »Sehr wahr!« sagte Mrs. Micawber, immer noch so zuversichtlich wie vorhin. »Sehr wahr, lieber Copperfield! Ganz dasselbe habe ich schon gegen Mr. Micawber bemerkt. Hauptsächlich aus diesem Grunde bin ich der Meinung, daß Mr. Micawber – wie ich bereits sagte, um sich selbst, um seiner Familie und um der Gesellschaft gerecht zu werden – eine gewisse Summe Geld aufnehmen sollte – und zwar auf einen Wechsel.« Mr. Micawber spielte, immer noch in den Stuhl zurückgelehnt, mit seinem Augenglase und blickte mit den Augen nach der Decke, aber doch kam es mir vor, als ob er dabei einen Seitenblick auf Traddles werfe, der in das Feuer sah. »Wenn kein Glied meiner Familie«, sagte Mrs. Micawber, »natürliches Gefühl genug besitzt, um diesen Wechsel zu negoziieren, – ich glaube, man hat noch einen bessern Geschäftsausdruck dafür –« Mr. Micawber, immer noch die Augen an die Decke geheftet, unterbrach sie: »diskontieren.« »Also diesen Wechsel zu diskontieren,« sagte Mrs. Micawber, »dann würde ich vorschlagen, daß Mr. Micawber in die City gehen, den Wechsel auf den Geldmarkt bringen und den möglich höchsten Preis dafür erlangen sollte. Wenn die Personen auf dem Geldmarkt Mr. Micawber nötigen, ein großes Opfer zu bringen, so haben sie das mit ihrem Gewissen abzumachen. Ich betrachte die Summe streng genommen als ein angelegtes Kapital. Ich empfehle Micawber dasselbe zu tun, die Summe als eingelegtes Kapital zu betrachten, das sichern Gewinn bringt, und sich auf jedes Opfer gefaßt zu machen.« Ich hatte eine unklare Vorstellung davon, daß dies von Mrs. Micawbers Selbstverleugnung und liebevollem Zugetansein Zeugnis ablege und murmelte etwas in diesem Sinne. Traddles machte mir es nach und schaute immer noch ins Feuer. »Ich will aber diese Bemerkungen über Mr. Micawbers Geldverhältnisse nicht weiter ausspinnen«, meinte. Mrs. Micawber, indem sie ihren Punsch austrank und ihre Schärpe wieder über die Schultern zusammennahm, um sich in mein Schlafzimmer zurückzuziehen. »An Ihrem Tisch, lieber Mr. Copperfield, und in Mr. Traddles Anwesenheit, der zwar kein so alter Freund, aber doch ganz einer von uns ist, konnte ich mich nicht enthalten, Sie mit dem Weg bekannt zu machen, den ich Mr. Micawber vorschlage. Ich fühle, daß die Zeit gekommen ist, wo Mr. Micawber eine Anstrengung machen und, erlaube ich mir noch hinzuzufügen, die ihm zukommende Stellung in der Welt beanspruchen muß. Meiner Ansicht nach sind das die rechten Mittel dazu. Ich weiß wohl, daß ich nur eine Frau bin, und daß ein Männerurteil für kompetenter zur Erörterung solcher Fragen erachtet wird, aber ich darf nicht vergessen, daß, als ich noch bei Papa und Mama lebte, Papa zu sagen pflegte: ›Emma ist zart gebaut, aber im Erfassen eines Gegenstandes bleibt sie hinter niemand zurück‹. Daß Papa zu parteiisch war, weiß ich wohl; daß er aber bis zu einem gewissen Grade Charakterkenner war, verbieten Pflicht und Vernunft mir gleichmäßig, zu bezweifeln.« Mit diesen Worten und allen unsern Bitten widerstehend, daß sie das Kreisen des Punsches noch ferner mit ihrer Gegenwart verschönen möge, zog sich Mrs. Micawber in mein Schlafzimmer zurück. Mir hinterließ sie wirklich den Eindruck, daß sie eine edle Frau sei, – eine Frau, die eine römische Matrone hätte sein und allerlei heroische Taten in Zeiten öffentlicher Gefahr vollbringen können. Unter der Herrschaft dieses Eindrucks wünschte ich Mr. Micawber Glück zu dem Schatze, den er besaß. Das Gleiche tat Traddles. Mr. Micawber reichte uns beiden nacheinander die Hand und deckte dann das Gesicht mit seinem Taschentuch zu, in dem, wie mir schien, mehr Schnupftabak war als er ahnte. Dann kehrte er in der Seelenvergnügtesten Laune wieder zum Punsch zurück. Er war voll Beredsamkeit und gab uns zu verstehen, daß man in seinen Kindern ein zweites Leben lebe, und daß daher unter dem Drucke pekuniärer Verlegenheiten jede Vermehrung ihrer Zahl doppelt willkommen geheißen werden müsse. Er sagte, daß Mrs. Micawber letzthin Zweifel bezüglich dieses Punktes gehegt, daß er diese aber verscheucht und Mrs. Micawber wieder beruhigt habe. Was ihre, seiner Frau, Familie betreffe, so sei diese ihrer ganz unwürdig, es sei ihm höchst gleichgültig, wie sie gesonnen sei, und sie möchten sich seinetwegen »zu allen Teufeln scheren«. Mr. Micawber hielt dann eine warme Lobrede auf Traddles. Er sagte, Traddles' Charakter weise die Tugenden einer Stetigkeit und Standhaftigkeit auf, worauf er – Micawber – keinen Anspruch machen könne, doch, dem Himmel sei's gedankt, könne er sie bewundern. Er machte eine gefühlvolle Anspielung auf die unbekannte junge Dame, der Traddles die Ehre seiner Neigung erwiesen und die dies dadurch erwidert habe, daß sie Traddles die Ehre ihrer Neigung erweise. Mr. Micawber brachte ihr Wohl aus. Desgleichen ich. Traddles dankte uns beiden und sagte mit einer schlichten Einfalt und Ehrlichkeit, die ich vollauf zu würdigen wußte: »Und ich versichere Euch, sie ist das beste Mädchen von der Welt!« Danach benutzte Mr. Micawber die erste Gelegenheit, um sich mit der größten Schonung und Ehrerbietung nach dem Zustande meines Herzens zu erkundigen. Nur die ernstlichste gegenteilige Beteuerung seines Freundes Copperfield, bemerkte er, könne ihn von dem Eindruck befreien, daß sein Freund Copperfield liebe und geliebt werde. Nach langem verlegenen Erröten, Stottern und Leugnen sagte ich endlich, mit dem Glase in der Hand: »Nun gut! So wollen wir auf D's Wohl trinken«, was Mr. Micawber so freudig erregte, daß er mit dem Punschglas in das Schlafzimmer eilte, damit auch Mrs. Micawber auf D's Wohl trinken könne. Sie tat es mit großer Begeisterung und rief mit schriller Stimme herüber: »Hört, hört! Lieber Mr. Copperfield, ich bin hocherfreut! Hört! Hört!« und klopfte zum Zeichen ihres Beifalls an die Wand. Unser Gespräch wendete sich allmählich auf weniger heilige Gegenstände. Mr. Micawber erzählte uns in seinen gewählten Ausdrücken, daß ihm Camdentown nicht mehr gefalle, und daß der erste Schritt, den er beabsichtige, sobald sich durch die Zeitungen etwas gefunden habe, der sein werde, eine neue Wohnung zu nehmen. Er sprach von einer Terrasse an dem westlichen Ende der Oxfordstraße, Hydepark gegenüber, die er von jeher im Auge gehabt hätte, die er aber wahrscheinlich nicht gleich werde mieten können, da sie einen großen Haushalt erforderte. In der Zwischenzeit wolle er sich damit begnügen, den obern Trakt eines Hauses in einer anständigen Geschäftslage zu bewohnen, allenfalls in Piccadilly, was für Mrs. Micawber eine recht angenehme Lage wäre; da könnte man dann ein Erkerfenster ausbrechen, dem Dach einen Stock aufsetzen, oder sonst eine derartige kleine Veränderung vornehmen lassen, und sich so für einige Jahre das Leben ganz angenehm machen. Was ihm auch in der Zukunft vorbehalten sein und wo immer er auch seinen Aufenthalt nehmen möge – immer würde ein Zimmer für Traddles und ein Besteck für mich bereit sein – darauf könnten wir uns verlassen. Wir dankten ihm für seine Freundlichkeit; er aber bat uns zu verzeihen, daß er auf so praktische und geschäftsmäßige Einzelheiten eingegangen sei – wir würden das indessen bei einem Manne entschuldigen, der einen so ganz neuen Anfang im Leben zu machen im Begriffe stehe. Unsere Unterhaltung wurde jetzt dadurch unterbrochen, daß Mrs. Micawber wieder an die Wand klopfte, um zu erfahren, ob wir für den Tee fertig seien. Sie bereitete ihn für uns auf die angenehmste Weise und fragte mich stets, wenn ich bei dem Zureichen der Teetassen und des Butterbrots in ihre Nahe kam, flüsternd, ob D. blond oder brünett, oder klein oder schlank sei, oder etwas Ähnliches, was mir recht wohl tat. Nach dem Tee sprachen wir vor dem Kamin über die verschiedenartigsten Gegenstände und Mrs. Micawber war so gütig, uns mit ihrer dünnen blechernen Stimme, die ich zur Zeit unserer ersten Bekanntschaft für den Inbegriff der einzig richtigen Tischmusik hielt, die Lieblingsballaden des vorigen Vierteljahrhunderts vorzusingen, nämlich: den »tapferen Sergeanten« und den »Kleinen Tafflin«. Wegen dieser Balladen war Mrs. Micawber, als sie noch zu Hause bei ihren Eltern war, berühmt gewesen. Mr. Micawber vertraute uns an, daß seine jetzige Frau, als sie die erste Ballade bei seiner ersten Anwesenheit unter dem elterlichen Dache gesungen hatte, seine Aufmerksamkeit in ungewöhnlichem Grade auf sich gezogen habe; daß er aber, als sie die zweite gesungen, den Entschluß gefaßt habe das Herz dieses Mädchens zu gewinnen oder in dem Versuche unterzugehen. Es war zehn Uhr vorbei, als Mrs. Micawber aufstand, um ihre Haube wieder in dem hellbraunen Papierumschlag unterzubringen und den Hut aufzusetzen. Mr. Micawber benutzte die Gelegenheit, als Mr. Traddles ihm seinen Überrock anzog, in meine Hand einen Brief gleiten zu lassen, und flüsterte mir dabei zu, ich möchte ihn bei Gelegenheit lesen. Ich benutzte ebenfalls die Gelegenheit, als ich meinen Gästen über die Treppe hinableuchtete und Mr. Micawber mit Mrs. Micawber am Arm voranging und Traddles mit der Haube folgte, diesen einen Augenblick festzuhalten. »Traddles,« sagte ich, »Mr. Micawber meint es nicht böse, aber wenn ich wäre wie du, so würde ich ihm niemals etwas leihen.« »Lieber Copperfield,« entgegnete Traddles lächelnd, »ich habe nichts zu verborgen.« »Einen Namen hast du doch«, sagte ich. »O! kann man den auch verborgen? Ich danke dir recht sehr, Copperfield, aber – ich fürchte, den habe ich ihm schon geliehen.« »Zu dem Wechsel, der eine ›sichere Kapitalsanlage‹ sein soll?« fragte ich. »Nein«, sagte Traddles. »Nicht zu dem. Heute abend habe ich von dem zum erstenmal gehört. Wahrscheinlich wird er mir diesen auf dem Nachhausewege in Vorschlag bringen. Ich meine einen andern.« »Ich hoffe, du kommst nicht dabei zu Schaden«, sagte ich. »O sicherlich nicht«, erwiderte Traddles. »Er sagte mir neulich noch, es sei schon für Deckung gesorgt. Diesen Ausdruck gebrauchte Mr. Micawber: ›Für Deckung ist gesorgt‹.« Da Mr. Micawber jetzt zu uns herauf sah, konnte ich nur noch meine Warnung wiederholen. Traddles dankte mir und ging die Treppe hinab. Ich kehrte in meine Stube zurück und dachte halb ernsthaft und halb lachend über den Charakter Mr. Micawbers und unsere ehemaligen Verhältnisse zueinander nach, als ich einen raschen Schritt die Treppe heraufkommen hörte. Anfangs glaubte ich, Traddles kehre zurück, um etwas, was Mrs. Micawber vergessen, zu holen; aber als der Schritt näher kam, erkannte ich ihn und fühlte, wie mein Herz lauter klopfte und das Blut mir in das Gehirn schoß, denn es war Steerforth. Ich vergaß niemals Agnes und sie kam nie aus dem Allerheiligsten meiner Gedanken – wenn ich es so nennen darf – wohin ich sie von Anfang an gestellt hatte. Aber als er eintrat und mir die Hand entgegenstreckte, da wurde der Schatten, der auf ihn gefallen war, zu Licht und ich konnte nur mit Beschämung und Verwirrung daran denken, daß ich an ihm gezweifelt hatte. Ich liebte sie deshalb nicht weniger, sie erschien mir immer noch als derselbe wohltätige sanfte Engel meines Lebens; ich warf mir vor, nicht ihr, ihm unrecht getan zu haben. »Was Blümchen, alter Knabe, ganz stumm geworden!« lachte Steerforth und schüttelte mir herzlich die Hand und schleuderte sie scherzend wieder weg, »habe ich dich wieder bei einem andern Gelage ertappt, du Sybarit? Diese Leute aus den Doktors' Commons sind die größten Lebeleute in der Stadt und stellen uns solide Leute von Oxford ganz und gar in den Schatten!« Sein helles Auge schweifte lustig in der Stube herum, als er sich auf das Sofa neben mir auf den Platz setzte, den Mr. Micawber soeben verlassen hatte und das Feuer aufschürte, daß es im Kamin emporloderte. »Du hast mich so überrascht,« sagte ich, indem ich ihn mit aller Herzlichkeit bewillkommnete, »daß ich kaum Atem fand, dich zu begrüßen, Steerforth.« »Nun, mein Anblick tut bösen Augen wohl, wie die Schotten sagen,« entgegnete Steerforth, »und auch dein Anblick, Blümchen, in voller Blüte. Was machst du, du Schwelger?« »Ich befinde mich sehr wohl«, sagte ich, »und schwelge heute durchaus nicht, obgleich ich mich auch diesmal zu einer Gesellschaft von dreien bekennen muß.« »Die ich alle auf der Straße traf, überströmend von deinem Lobe«, erwiderte Steerforth. »Wer ist der Herr mit dem Vatermörder?« Ich beschrieb ihm Mr. Micawber in ein paar Worten, so gut es ging. Er lachte herzlich über mein schwaches Porträt dieses Herrn und sagte, es sei wert solch Original zu kennen, und er müsse ihn kennen lernen. »Aber rate einmal, wer unser anderer Freund ist«, sagte ich dann. »Das mag der Himmel wissen«, sagte Steerforth, »Ich hoffe doch, kein langweiliger Mensch? Er sieht ein bißchen danach aus.« »Traddles!« rief ich triumphierend. »Wer ist das?« fragte Steerforth leichthin. »Erinnerst du dich nicht mehr an Traddles, Traddles aus unserer Schule in Salemhaus?« »Ah der!« sagte Steerforth und zerklopfte mit dem Schüreisen ein Stück Kohle auf dem Feuer; »ist der immer noch so simpel? und wo zum Kuckuck hast du den aufgefischt?« In meiner Antwort pries ich Traddles so sehr ich konnte, denn ich merkte, daß Steerforth geringschätzig von ihm dachte. Er lenkte mit einem leichten Nicken und einem Lächeln das Gespräch von dieser Sache unter der Bemerkung ab, daß es ihn freuen würde, den alten Kumpan wiederzusehen, denn er sei immer ein närrischer Kauz gewesen, und fragte, ob ich etwas zu essen habe? Während dieses kurzen Gesprächs saß er, wenn er nicht lebhaft sprach, stumm da und hämmerte mit dem Schüreisen auf die Kohlen. Dasselbe tat er, während ich die Überreste der Taubenpastete und was sonst noch da war, hervorholte. »Das ist ja ein Abendessen für einen Fürsten, Blümchen!« rief er aus, indem er sein Schweigen mit auffallender Lebhaftigkeit brach und am Tisch Platz nahm. »Es wird mir schmecken, denn ich komme von Yarmouth.« »Ich denke, du kommst von Oxford«, erwiderte ich. »O nein«, sagte Steerforth. »Ich habe den Seefahrer gemacht – eine viel bessere Beschäftigung.« »Littimer war heute hier, um sich nach dir zu erkundigen,« bemerkte ich, »und ich verstand seine Äußerungen so, daß du in Oxford wärest, obgleich ich mich jetzt recht wohl besinne, daß er es nicht sagte.« »Littimer ist ein größerer Esel als ich dachte, wenn er sich nach mir erkundigt,« sagte Steerforth, indem er sich ein Glas Wein einschenkte und mir zutrank. »Und wenn du ihn verstehen kannst, Blümchen, so bist du viel gescheiter als wir alle.« »Das ist wohl wahr«, meinte ich und rückte meinen Stuhl an den Tisch. »Du bist also in Yarmouth gewesen, Steerforth –« fuhr ich neugierig fort. »Warst du lange dort?« »Nein«, entgegnete er. »Nur auf eine Spritztour für acht Tage oder sowas.« »Und was machen sie alle? Natürlich ist die kleine Emilie noch nicht verheiratet?« »Noch nicht, noch nicht. Aber die Hochzeit, glaube ich, soll in soviel Wochen oder Monaten oder sonst wann sein. Ich habe die Leute wenig gesehen. Da fällt mir ein,« – er legte Messer und Gabel hin, die er mit großem Eifer gebraucht hatte, und fühlte in seinen Taschen – »ich habe einen Brief für dich.« »Von wem?« »Nun, von deiner alten Kindermuhme«, gab er zur Antwort und nahm verschiedene Papiere aus seiner Brusttasche. »Rechnung für James Steerforth, Esquiere, vom Wirtshaus zum fröhlichen Herzen; nein, das ist er nicht. Aber nur Geduld, wir werden ihn schon finden. Mit dem Alten, wie heißt er gleich, steht es schlecht, und davon schreibt sie, glaube ich.« »Barkis, meinst du.« »Ja!« sagte er und musterte immer noch den Inhalt seiner Taschen. »Ich fürchte, es ist vorbei mit dem armen Barkis. Ich sprach einen kleinen Apotheker oder Chirurgen, oder was er ist – der dich selbst in die Welt geschafft hat. Er sprach außerordentlich gelehrt von der Krankheit, aber das Lange und das Kurze seiner Gelahrtheit war, daß der Fuhrmann seine Reise ziemlich rasch mache. Greif einmal in die Brusttasche des Überrocks auf dem Stuhle dort; da drin wird der Brief wohl stecken. Nicht wahr?« »Da ist er!« sagte ich. Er war von Peggotty, etwas weniger leserlich als gewöhnlich, und kurz. Sie benachrichtigte mich, daß ihr Mann hoffnungslos danieder liege und noch etwas genauer sei als früher, und daß er deswegen um so schwieriger zu pflegen sei. Von ihren eigenen Mühen und Anstrengungen sagte sie nichts, sondern lobte ihn höchlichst. Der Brief war mit einer einfachen, ungeheuchelten Frömmigkeit geschrieben und schloß mit einem lieben Gruß an ihr Herzenskind – womit sie mich meinte. Während ich das Schreiben entzifferte, fuhr Steerforth fort zu essen und zu trinken. »Es ist eine schlimme Geschichte,« sagte er dann, als ich fertig war, »aber die Sonne geht jeden Tag unter, und es sterben alle Minuten Menschen, doch wir dürfen über das allen gemeinsame Schicksal nicht erschrecken. Wenn wir uns auf unsern Wegen aufhalten ließen, weil dieser ausbleibliche Gast an jemands Tür klopft, so würden wir nie etwas in dieser Welt erreichen. Nein! Immer drauf! Scharf, wenn es sein muß, langsam, wenn es nicht anders geht, aber immer drauf! Über alle Hindernisse hinweg und dem Ziele entgegen.« »Welchem Ziele?« sagte ich. »Dem Ziele, nach dem man einmal strebt«, sagte er. »Immer drauf!« Als er jetzt inne hielt und mich ansah, den schönen Kopf ein wenig zurückgeworfen und das Glas emporhebend, da erinnere ich mich noch, in seinem Gesicht, obgleich es die frische Seeluft gelötet hatte, Spuren entdeckt zu haben, als ob er von dem verzehrenden Feuer der wilden Energie gelitten hätte, die ihn manchmal so leidenschaftlich durchtobte. Ich wollte ihm eben Vorstellungen über die wilde Art machen, mit der er jede Laune, die ihm in den Sinn kam, aufgriff und verfolgte – wie z.B. jetzt gerade dieses Herumfahren auf stürmischer See bei rauhem Wetter – aber mein Geist sprang zu dem soeben besprochenen Gegenstande um. »Ich will dir was sagen, Steerforth,« sagte ich, »wenn deine aufgeregten Lebensgeister mich anhören können –« »Die mächtigen tun, was du willst«, gab er zur Antwort und begab sich vom Tische wieder zum Kamin. »Dann will ich dir was sagen, Steerforth. Ich habe Lust, hinzureisen und meine alte Freundin zu besuchen. Nicht daß ich ihr besondere Dienste leisten könnte, aber sie liebt mich so sehr, daß mein Besuch gewiß eine sehr gute Wirkung auf sie haben wird. Er wird für sie ein wahrer Trost sein. Auch ist es keine große Leistung von mir in Anbetracht dessen, was sie für mich getan hat. Würdest du dir etwa aus einer Reise von einem Tage etwas machen, wenn du an meiner Stelle wärest?« Sein Gesicht war nachdenklich geworden, und er sagte nach einigem Besinnen nur halblaut: »Ja! geh hin. Du kannst nichts schaden.« »Du bist eben erst wieder zurück,« sagte ich, »es wäre daher vergebliche Mühe, dich zu fragen, ob du mitreisen willst.« »Ganz vergebens«, entgegnete er. Ich fahre heute noch nach Highgate. Ich habe diese ganze lange Zeit meine Mutter nicht gesehen, und es liegt mir ordentlich schwer auf dem Gewissen, denn es ist wirklich etwas, geliebt zu werden, wie sie ihren verlornen Sohn liebt. Pah! Unsinn! – Du denkst wohl schon morgen abzureisen«, sagte er und sah mich, jede seiner Hände auf eine meiner Schultern legend, nachdenklich an. »Ja, ich denke wohl.« »Geh' erst übermorgen. Ich wünschte so sehr, daß du zu uns kämst und ein paar Tage bei uns bliebst. Ich kam gerade mit der Absicht her, um dich einzuladen, und nun willst du mir nach Yarmouth ausreißen?« »Du hast ein schönes Recht vom Ausreißen zu sprechen, Steerforth. Du bist ja selber bald hier, bald dort, daß man dir kaum folgen kann.« Er sah mich eine Weile fest an, ohne etwas zu sagen und versetzte dann, während er mir immer noch die Hände auf die Schultern legte und mich schüttelte: »Also übermorgen, und unter der Zeit schenkst du uns von dem morgigen Tag soviel wie du kannst! Wer weiß, wann wir uns wiedersehen. Also es ist abgemacht. Übermorgen: du mußt dich zwischen Rosa Dartle und mich stellen und uns auseinanderhalten.« »Damit ihr euch nicht zu sehr liebt?« »Ja, oder haßt,« lachte Steerforth; »es ist ganz einerlei. Also es ist abgemacht, übermorgen.« Ich sagte zu, und er zog seinen Überrock an, brannte sich eine Zigarre an und begab sich nach Hause. Ich zog gleichfalls meinen Überrock an, nahm mir aber keine Zigarre, da ich einstweilen noch vom Rauchen genug hatte, und begleitete ihn bis auf die Chaussee, die damals abends sehr still war. Er war die ganze Zeit über in der heitersten Laune, und als wir voneinander schieden, und ich ihm nachsah, wie er so straff und munter dahinschritt, dachte ich an seine Worte: »Immer drauf, über alle Hindernisse hinweg und dem Ziele entgegen!« und wünschte das erstemal, daß er ein seiner würdiges Ziel haben möge. Als ich mich in meinem Zimmer auszog, fiel Mr. Micawbers Brief auf den Fußboden. Ich wurde dadurch an ihn erinnert, erbrach das Siegel und las wie folgt. Der Brief war anderthalb Stunden vor dem Mittagessen datiert. Ich weiß nicht, ob ich es schon erwähnt habe, aber wenn Mr. Micawber sich in einer besonders verzweifelten Krisis befand, so machte er immer von einer Art juristischen Kanzleistils Gebrauch, womit er seine Geschäftsangelegenheiten abgewickelt zu haben glaubte. »Sir, – denn ich wage nicht zu sagen: mein lieber Copperfield, ich kann nicht umhin, Sie zu benachrichtigen, daß der Unterzeichnete unter dem Schlitten ist. Einige schwache Versuche, Ihnen die vorzeitige Kenntnis seiner unglücklichen Lage zu ersparen, werden Ihnen vielleicht heute bemerklich werden, aber die Hoffnung ist unter den Horizont gesunken, und der Unterzeichnete ist unter dem Schlitten. Gegenwärtiger Brief wird in der persönlichen Nähe – ich kann es nicht Gesellschaft nennen – eines Individuums geschrieben, daß sich in einem der Trunkenheit nahen Zustande befindet. Dieses Individuum ist im gerichtlichen Besitz des Hauses kraft einer Exekution wegen rückständigen Zinses. Sein Inventar schließt nicht nur die dem Unterzeichneten gehörigen Mobilien jeder Art in sich, sondern auch die des Mr. Thomas Traddles, Aftermieters und Mitglieds der ehrenwerten Gesellschaft des Inner Temple. Wenn noch ein bitterer Tropfen in dem überschäumenden Kelche fehlte, der jetzt, um mit den Worten eines unsterblichen Dichters zu sprechen, den Lippen des Unterzeichneten geboten wird, so wäre er in der Tatsache zu finden, daß ein freundschaftliches Akzept für 23 Pfund 4 Schillinge 9 1/2 Pence, das der eben erwähnte Mr. Thomas Traddles für Unterzeichneten gegeben hat, fällig und nicht für Deckung gesorgt ist! Ferner in der Tatsache, daß sich die an Unterzeichnetem haftenden lebenden Responsabilitäten im Laufe der Natur noch um ein hilfloses Opfer vermehren werden, dessen unglückliches Erscheinen nach Verlauf – um in runden Zahlen zu sprechen – von nicht ganz sechs Monaten von heute an zu erwarten steht. Nachdem ich schon so viel gesagt habe, wäre es ganz überflüssig, hinzuzufügen, daß Staub und Asche für immer bedecken das unselige Haupt des unglücklichen Wilkins Micawber.« Der arme Traddles! Wie ich jetzt Mr. Micawber kannte, wußte ich, daß er sich von dem Schlage erholen würde, aber mein Schlaf in dieser Nacht wurde so oft gestört durch Gedanken an Traddles und an die Pfarrerstochter, die ein prächtiges Mädchen war und auf Traddles warten wollte – ein ominöses Lob –, bis sie sechzig Jahr alt wäre und noch darüber. Neunundzwanzigstes Kapitel. Ich besuche Steerforth noch einmal in seinem Heim. Ich zeigte Mr. Spenlow am nächsten Morgen an, daß ich einen kurzen Urlaub wünsche, und da ich kein Gehalt erhielt, und es dem hartherzigen Jorkins auch nicht unangenehm war, so wurde meinem Wunsche bald genügt. Ich benutzte diese Gelegenheit, mit fast erstickender Stimme und einem Schleier vor den Augen, während ich die Worte sprach, die Hoffnung auszusprechen, daß Miß Spenlow sich wohl befinde, worauf er mit so viel Gleichgültigkeit, als ob es sich um einen ganz gewöhnlichen Menschen handelte, erwiderte, daß er mir danke und daß sie sich wohl befinde. Wir Volontäre wurden als Keim zu dem auserlesenen Orden der Proktoren immer mit so viel Rücksicht behandelt, daß ich fast stets mein eigener Herr war. Da mir aber nichts daranlag, vor ein oder zwei Uhr in Highgate einzutreffen und es gerade wieder einen Exkommunikationsfall gab, Tipkins gegen Bullock, so hörte ich in Gesellschaft Mr. Spenlows eine oder zwei Stunden zu, und die Zeit verging mir sehr angenehm. Der Fall war aus einem Handgemenge zweier Kirchenvorsteher entsprungen, deren einer den andern an eine Pumpe gestoßen hatte; der Pumpenschwengel berührte beinahe ein Schulhaus, das von dem Giebel eines Kirchendachs überragt war, und so – ward ein kirchliches Vergehen daraus. Es war ein sehr spaßiger Fall, und als ich auf dem Dache der Landkutsche nach Highgate fuhr, dachte ich über die Commons nach und über das, was mir Mr. Spenlow gesagt hatte, daß das Vaterland in Gefahr gerate, wenn man an ihnen rütteln wollte. Mrs. Steerforth war erfreut, mich zu sehen, und auch Rosa Dartle. Angenehm überrascht war ich davon, daß Littimer nicht da war, sondern daß ein bescheidenes kleines Stubenmädchen mit einer blaubebänderten Haube aufwartete, deren Blicken zufällig zu begegnen entschieden angenehmer und viel weniger verwirrend war. Was mir aber, bevor ich eine halbe Stunde im Hause gewesen war, besonders auffiel, war die scharfe und unermüdliche Aufmerksamkeit Miß Dartles auf mich und die lauernde Weise, in der sie mein Gesicht mit Steerforths Zügen und Steerforths mit den meinigen zu vergleichen schien. So oft ich sie ansah, konnte ich sicher sein, daß die großen schwarzen, stechenden Augen mit gespannter Aufmerksamkeit auf mir ruhten oder rasch von mir zu Steerforth hinüberglitten oder uns beide zugleich ansahen. Von diesem luchsartigen Belauern stand sie so wenig ab, wenn ich es bemerkte, daß sie mich alsdann sogar noch durchbohrender ansah. Trotz des Bewußtseins meiner Unschuld schüchterten mich diese seltsamen Augen ein, und es war mir nicht möglich, ihren hungrigen Glanz zu ertragen. Den ganzen Tag über schien sie in jedem Teile des Hauses anwesend zu sein. Wenn ich mit Steerforth auf seinem Zimmer sprach, hörte ich ihr Kleid auf dem kleinen Gange draußen rauschen. Wenn wir des Zeitvertreibs wegen auf dem Rasenplatz hinter dem Hause fochten oder boxten, sah ich ihr Gesicht wie ein Irrlicht von Fenster zu Fenster huschen, bis es endlich an einem still stand und uns beobachtete. Als wir alle vier nachmittags spazieren gingen, legte sich ihre magere Hand wie eine Feder auf meinen Arm, um mich zurückzuhalten, während Steerforth und seine Mutter so weit vorausgingen, daß sie uns nicht hören konnten, und dann redete sie mich an. »Sie sind recht lange nicht hier gewesen«, sagte sie. »Ist Ihr Beruf wirklich so interessant, daß er Ihre Aufmerksamkeit so ausschließlich in Anspruch nimmt? Ich frage nur, weil ich mich gern unterrichte, wenn ich etwas nicht weiß. Ist Ihr Beruf wirklich so interessant?« Ich antwortete, daß er mir schon recht wohl gefiele, aber doch nicht so ausschließlich, wie sie vermute. »O, es freut mich, das zu hören, weil ich mich immer gern in meiner Meinung berichtigen lasse, wenn ich nicht recht habe«, sagte Rosa Dartle. »Sie meinen vielleicht, er ist ein wenig trocken?« »Allerdings!« erwiderte ich. »O! und das ist der Grund, warum Sie einiger Abwechselung und Veränderung bedürfen«, sagte sie. »Ah! Sehr wahr! Aber ist's nicht ein wenig – nicht? – für ihn; ich meine Sie nicht.« Ein rascher Blick ihres Auges nach Steerforth, der, seine Mutter am Arm, vor uns her ging, ließ mich erraten, wen sie meinte; aber im übrigen war mir ihre Rede unerklärlich. Das mochte sie mir auch ansehen. »Nimmt es ihn nicht ganz in Anspruch – ich sage nicht, daß es wirklich der Fall ist, sondern ich frage nur. Hält es ihn vielleicht ein wenig mehr ab, seine ihn blind liebende Mutter zu besuchen, nicht?« Diese Worte waren mit einem Blick auf jene und mit einem Blick auf mich begleitet, der in meine innersten Gedanken zu dringen schien. »Miß Dartle,« entgegnete ich, »ich bitte Sie, nicht zu denken –« »Ich, gewiß nicht!« sagte sie, »O, mein Gott, glauben Sie nur ja nicht, daß ich mir etwas denke! Ich bin nicht von argwöhnischer Natur. Ich lege nur eine Frage vor. Ich stelle keine Meinung auf. Ich will mir eine Meinung nach dem bilden, was sie mir sagen. Also ist's nicht der Fall? Nun, das freut mich recht sehr.« »Jedenfalls,« sagte ich ganz verwirrt, »kann ich nicht verantwortlich für Steerforth sein, daß er länger als gewöhnlich von Hause weggeblieben ist– wenn dies der Fall ist – was ich wahrhaftig selbst nicht weiß, wenn ich es nicht von Ihnen erfahre. Ich habe ihn gestern abend seit langer Zeit zum ersten Male wieder gesehen.« »Wirklich?« »Wirklich, Miß Dartle.« Wie sie mich jetzt fest ansah, wurde ihr Gesicht spitzer und blasser, und die Narbe der alten Wunde wurde deutlicher und länger, bis sie die Oberlippe durchschnitt und tief in die Unterlippe hineinging und sich am Kinn verlor. Es lag etwas geradezu Schauerliches darin, sowie in dem hellen Glänze ihrer Augen, als sie, mich scharf ansehend, fragte: »Was treibt er?« Ich wiederholte die Worte, oder sprach sie vielmehr nach, so erstaunt war ich. »Was treibt er?« sagte sie mit einer Leidenschaft, die sie wie Feuer zu verzehren schien. »Worin steht ihm dieser Mensch bei, der mich nie ansehen kann, ohne daß unergründliche Falschheit in seinen Augen lauert? Wenn Sie ehrenwert und treu sind, so verlange ich nicht, daß Sie Ihren Freund verraten sollen. Ich verlange von Ihnen nur zu wissen, ob es Zorn, Haß, Stolz, innere Unruhe, ob es irgend eine wilde, tolle Laune, ob es Liebe – kurz, was es ist, das ihn mit sich fortreißt.« »Miß Dartle,« entgegnete ich, »wie soll ich Ihnen beteuern, daß ich von Steerforth nichts weiß, was seit meinem ersten Besuch hier anders geworden wäre. Ich kann mich auf nichts besinnen. Ich bin fest überzeugt, daß es nichts ist. Ich verstehe sogar kaum, was Sie meinen.« Wie sie mich immer noch so fest ansah, bemerkte ich in der Narbe ein Jucken, von dem ich den Gedanken des Schmerzes nicht trennen konnte; und sie zog das Ende ihrer Lippe in die Höhe, wie von Spott oder von Mitleid erfüllt, das einen Gegenstand verabscheut. Rasch legte sie die Hand darauf – eine Hand, so fein und dünn, daß ich sie manchmal, wenn sie diese vor das Licht gehalten, mit seinem Porzellan verglichen hatte, – und sagte in wilder leidenschaftlicher Weise: »Schwören Sie mir, das geheimzuhalten!« Dann sprach sie kein Wort mehr. Mrs. Steerforth fühlte sich überglücklich in ihres Sohnes Gesellschaft, und Steerforth war diesmal mehr als gewöhnlich aufmerksam und ehrerbietig gegen sie. Mehr als einmal kam mir der Gedanke, daß eine ernstliche Uneinigkeit zwischen beiden eine schlimme Sache sein würde, denn zwei solche Charaktere – ich sollte lieber sagen, zwei Schattierungen eines und desselben Charakters – mußten viel schwerer zu versöhnen sein, als die entschiedensten Gegensätze. Der Gedanke kam mir nicht von selbst, sondern wurde durch einige Äußerungen Rosa Dartles veranlaßt. Sie sagte bei Tische: »Aber sagen Sie mir doch eines, weil ich den ganzen Tag daran gedacht habe und es gern wissen möchte – « »Was wollen Sie wissen, Rosa?« erwiderte Mrs. Steerforth. »Ich bitte Sie, Rosa, tun Sie nur nicht so geheimnisvoll.« »Geheimnisvoll!« rief sie aus. »Wirklich? Meinen Sie, ich tue geheimnisvoll?« »Habe ich Sie nicht immer gebeten,« sagte Mrs. Steerforth, »offen heraus und in Ihrer natürlichen Manier zu sprechen?« »Also das ist nicht meine natürliche Manier?« entgegnete sie. »Da müssen Sie wirklich Nachsicht mit mir haben, denn ich frage, um mich zu unterrichten. Wir kennen uns selbst nie so recht.« »Es ist Ihnen zur zweiten Natur geworden,« sagte Mrs. Steerforth mild; »aber ich kann mich noch entsinnen – und Sie wahrscheinlich auch – als Sie darin anders waren, Rosa; damals waren Sie offener.« »Sie haben gewiß recht,« gab sie zur Antwort; »und da sieht man, wie unversehens man sich schlechten Gewohnheiten hingibt! Wirklich? Also offener? Wie ich mich nur so unversehens verändert haben kann! Es ist wirklich recht seltsam! Ich muß mich bemühen, wieder zu werden wie früher.« »Ich wollte, es gelänge Ihnen«, sagte Mrs. Steerforth mit einem Lächeln. »Versuchen werde ich es gewiß!« antwortete sie. »Ich will Offenheit lernen von – na von wem denn gleich – ja! von James da!« »Sie können in keiner bessern Schule Offenheit lernen, Rosa«, erwiderte Mrs. Steerforth lebhaft, denn aus allem, was Miß Dartle sagte, blickte ein gewisser Sarkasmus hervor, obgleich sie es auf die unschuldigste Weise sagte. »Davon bin ich überzeugt«, erwiderte sie mit ungewöhnlicher Innigkeit. »Wenn ich von etwas überzeugt bin, so ist es dieses.« Mrs. Steerforth schien zu bereuen, daß sie sich ein klein wenig gereizt gezeigt hatte, denn sie fing gleich wieder in einem sehr gütigen Tone an: »Aber, liebe Rosa, wir wissen immer noch nicht, was Sie gern erfahren möchten.« »Was ich gern erfahren möchte«, gab sie mit fast ängstlicher Ruhe zur Antwort. »O! Ich wollte nur wissen, ob Leute, die sich in Ihrer moralischen Konstitution sehr ähnlich sind – ist das das rechte Wort?« »Es ist ein so gutes Wort wie jedes andere«, sagte Steerforth. »Ich danke, James, – ob Leute, die sich in Ihrer moralischen Konstitution sehr ähnlich sind, mehr Gefahr laufen als andere, bei ernstlichen Zwistigkeiten in dauernde und bittere Feindschaft zu geraten?« »Ich sollte meinen, ja«, sagte Steerforth. »Wirklich?« gab sie zurück. »O Gott! Nehmen wir zum Beispiel an – zu einem solchen Beispiel kann man den unwahrscheinlichsten Fall nehmen – daß Sie und Ihre Mutter sich ernstlich veruneinigen sollten – « »Liebe Rosa,« unterbrach sie Mrs. Steerforth mit einem gutmütigen Lachen, »nehmen Sie ein anderes Beispiel! James und ich kennen unsere gegenseitigen Pflichten dazu gewiß zu gut.« »O!« sagte Miß Dartle und nickte gedankenvoll mit dem Kopfe. »Gewiß! Dies wird es verhüten. Freilich würde das genügen. Vollkommen. Es freut mich ordentlich, daß ich einfältig genug war, gerade dies Beispiel zu wählen, denn es ist so tröstlich zu wissen, daß es Ihr gegenseitiges Pflichtgefühl verhüten würde! Ich danke Ihnen recht sehr.« Noch eine andere Kleinigkeit von Miß Dartle darf ich nicht zu erwähnen vergessen, denn ich hatte Grund, später daran zu denken, als mir die ganze nicht wieder gut zu machende Vergangenheit klar geworden war. Den ganzen Tag über, aber hauptsächlich von dieser Zeit an, strengte sich Steerforth mit der größten Geschicklichkeit an, dieses eigentümliche Wesen durch einschmeichelndes Entgegenkommen zu einer angenehmen und sich wohl befindenden Gesellschafterin zu machen. Mich wunderte es nicht, daß es ihm gelang. Daß sie sich gegen den bezaubernden Einfluß seiner gewinnenden Kunst sträubte – ich hielt es damals noch für Natur –, wunderte mich ebenfalls nicht; denn ich wußte, daß sie oft grämlich und mürrisch war. Ich sah, wie sich ihre Züge und ihr Benehmen langsam veränderten; ich sah, wie sie ihn mit wachsender Bewunderung betrachtete; ich sah, wie sie sich schwächer und immer schwächer bemühte, aber immer widerwillig, als ob sie darin eine Schwäche sähe, seiner bezaubernden Gewalt zu widerstehen; und zuletzt sah ich, wie ihr kalter Blick milder und ihr spitziges Lächeln sanfter wurde. Die Angst, die ich den ganzen Tag vor ihr gehabt hatte, verschwand, und wir saßen alle um das Feuer, zusammen lachend und plaudernd, so heiter und rückhaltlos wie Kinder. Mochte das lange Verweilen vor dem Kamin daran schuld sein, oder wollte Steerforth den errungenen Vorteil nicht wieder verlieren, kurz, wir blieben kaum fünf Minuten im Speisezimmer, als Rosa aufgestanden und fortgegangen war. »Sie spielt auf ihrer Harfe«, sagte Steerforth leise an der Tür des Salons, »und ich glaube, daß dies seit diesen drei Jahren nur meine Mutter von ihr gehört hat.« Er sagte das mit einem seltsamen Lächeln, das sogleich wieder verschwand, und wir traten in das Zimmer und fanden sie allein. »Bitte, stehen Sie nicht auf!« sagte Steerforth; »ich bitte Sie, liebe Rosa! Tun Sie mir ein einziges Mal einen Gefallen und singen Sie uns ein irländisches Lied.« »Was kümmern Sie sich um irländische Lieder?« erwiderte sie. »Sehr viel«, sagte Steerforth. »Viel mehr, als um jedes andere. Und Blümchen hier liebt die Musik von ganzem Herzen. Singen Sie uns ein irländisches Lied, Rosa! und ich setze mich neben Sie und höre Ihnen zu wie in alten Zeiten.« Er rührte weder sie noch den Stuhl an, von dem sie aufgestanden war, sondern setzte sich neben die Harfe. Sie blieb mit seltsamer Unentschiedenheit eine Weile davor stehen und bewegte ihre Hand über die Saiten, aber ohne zu spielen. Endlich setzte sie sich hin, zog die Harfe hastig an sich und spielte und sang. Ich weiß nicht, lag es in ihrem Anschlag oder ihrer Stimme, daß diese Töne ganz anders klangen, als irgend eine Musik, die ich je gehört habe. Es lag etwas Erschreckendes in ihrer Unmittelbarkeit. Es war als entspränge diese Melodie der wilden Leidenschaft in ihrem Innern, die nur einen unvollkommenen Ausfluß fand in dem gedämpften Klang der Stimme und sich wieder in das Herz zurückdrängte, als das Lied zu Ende war. Ich war noch wie betäubt, als Rosa dann wieder neben der Harfe stand und die Rechte spielend, aber keinen Ton hervorbringend, über die Saiten gleiten ließ. Aber im nächsten Augenblick hatte mich ein blitzschneller Auftritt aus meiner Verzückung geweckt. Steerforth war von seinem Sitz aufgestanden, war an sie herangetreten, hatte den Arm scherzend um sie geschlungen und zu ihr gesagt: »Kommen Sie, Rosa, in Zukunft wollen wir einander recht gut sein?« aber sie hatte nach ihm geschlagen und ihn mit der Wut einer wilden Katze von sich gestoßen, und war aus dem Zimmer geeilt. »Was war mit Rosa?« fragte Mrs. Steerforth, die jetzt hereintrat. »Sie war eine kurze Zeitlang ein Engel, Mutter,« entgegnete Steerforth, »und verfiel dann, um ihr Benehmen auszugleichen, wieder ganz ins Gegenteil.« »Du solltest dich hüten, sie zu reizen, James. Du weißt, ihr Gemüt ist verbittert, und du solltest ihr nicht zuviel zumuten.« Rosa kam nicht wieder, und sie wurde nicht weiter erwähnt, bis ich Steerforth auf sein Zimmer begleitete, um ihm gute Nacht zu sagen. Da äußerte er sich lachend über sie und fragte mich, ob ich jemals ein so böses, kleines unbegreifliches Wesen gesehen hätte. Ich gab meinem Erstaunen Worte und fragte ihn, ob er eine Vermutung habe, was sie plötzlich so übel aufgenommen haben könnte. »Ach, das mag der Himmel wissen«, sagte Steerforth. »Alles, was du willst, oder nichts! Ich sagte dir schon, daß sie alles, sich selbst mit eingerechnet, auf einen Schleifstein legte und scharf und spitzig machte. Sie ist ein scharfes Messer, und man muß sehr vorsichtig mit ihr umgehen. Sie ist immer gefährlich. Gute Nacht!« »Gute Nacht«, sagte ich, »lieber Steerforth. Ehe du aufstehst, bin ich schon fort. Gute Nacht!« Er wollte mich nicht fortlassen und stand vor mir, eine Hand auf jede meiner Schultern gelegt, wie vorhin oben in meinem Zimmer. »Blümchen,« sagte er mit einem Lächeln, »denn obgleich dies nicht der Name ist, den dir deine Paten gegeben haben, so gebe ich ihn dir doch am liebsten – und ich wollte, ich wollte, ja ich wollte, du könntest auch mich so nennen!« »Das kann ich ja tun, wenn du es möchtest«, sagte ich. »Blümchen, wenn uns jemals etwas voneinander trennen sollte, so mußt du immer an mich denken, wie ich in meinen besten Stunden war, alter Knabe. Versprich mir das. Denke immer an mich, wenn uns das Leben jemals trennen sollte, wie ich in meinen besten Stunden war.« »Ich kenne an dir keine besten Stunden, Steerforth und keine schlimmen Stunden«, erwiderte ich. »Ich liebe dich immer mit gleicher Liebe.« Dabei fühlte ich so tiefe Reue, ihm selbst mit einem bloßen Gedanken unrecht getan zu haben, daß mir das Bekenntnis meiner Schuld schon auf den Lippen schwebte. Aber ich konnte es nicht über das Herz bringen, zu verraten, was mir Agnes anvertraut hatte, und ich wußte nicht, wie ich von der Sache anfangen sollte, so daß ich noch nicht gesprochen hatte, als er zu mir sagte: »Gott behüte dich, Blümchen, und gute Nacht!« Mit dem Morgengrauen stand ich auf, zog mich rasch und still an und blickte in sein Zimmer. Er lag in festem Schlafe, den Kopf auf den Arm gelegt, wie ich ihn oft auf der Schule gesehen hatte. Es kam die Zeit, und zwar nur allzubald, wo ich fast verwundert fragte, warum nichts seine Ruhe gestört hatte, als ich ihn angesehen. Aber er schlummerte – laßt mich noch einmal an dieses Bild zurückdenken – wie ich ihn auf der Schule oft hatte schlummern gesehen; und so verließ ich ihn in stiller Morgenstunde. Und niemals mehr, möge Gott es dir verzeihen, Steerforth, habe ich deine Hand in Liebe und Freundschaft gedrückt! Niemals, niemals, niemals wieder! – Dreißigstes Kapitel. Ein Verlust. Ich kam abends nach Yarmouth und ging nach dem Gasthaus. Ich wußte, daß Peggottys Gastzimmer, mein Zimmer – wahrscheinlich binnen kurzem besetzt sein würde, wenn nicht schon jener grause Gast im Hause war, vor dessen Anwesenheit alle Lebenden Platz machen müssen, und so begab ich mich nach dem Gasthof, aß dort und bestellte ein Bett. Erst um zehn Uhr ging ich aus. Die meisten Läden waren geschlossen, und die Stadt war sehr still. Als ich bei Omer und Joram vorbeikam, waren die Läden geschlossen, aber die Tür stand offen. Da ich im Hintergrunde Mr. Omer eine Pfeife rauchend erblickte, trat ich ein und fragte ihn nach seinem Befinden. »Ei du meine Seele!« sagte Mr. Omer, »was machen Sie Gutes? Setzen Sie sich. Das Rauchen ist Ihnen doch nicht unangenehm?« »Durchaus nicht«, sagte ich, »Ich habe es gern – wenn ich es nicht selbst zu tun brauche.« »Aha, selbst wollen Sie es also nicht«, erwiderte Mr. Omer lachend. »Um so besser, Sir. Schlechte Angewohnheit für einen jungen Mann. Nehmen Sie einen Stuhl. Ich rauche auch nur – des Asthmas wegen.« Mr. Omer hatte mir Platz gemacht und einen Stuhl hingestellt. Er setzte sich jetzt wieder ganz außer Atem nieder und sog an seiner Pfeife, als ob sie den nötigen Atem enthielte, ohne den er ersticken müßte. »Ich habe zu meinem Leidwesen schlimme Nachrichten von Mr. Barkis gehört«, sagte ich. Mr. Omer sah mich mit ernstem Gesicht an und nickte mit dem Kopfe. »Wissen Sie, wie er sich heute abend befindet«, fragte ich. »Gerade diese Frage hätte ich an Sie stellen mögen, Sir,« erwiderte Mr. Omer, »wenn mich das Zartgefühl nicht abgehalten hätte. Das ist einer der Nachteile unseres Geschäfts. Wenn ein Kunde krank wird, können wir nicht nach seinem Befinden fragen.« Diese Schwierigkeit war mir gar nicht eingefallen, obwohl ich ja schon im voraus, noch vor meinem Eintreten, die alte Weise wieder zu vernehmen fürchtete. Als diese Schwierigkeit aber zur Erwähnung kam, erkannte ich die Richtigkeit seiner Bemerkung. »Ja, ja, Sie verstehen«, sagte Mr. Omer, mit dem Kopfe nickend. »Herr des Himmels, die meisten Kunden kriegten einen solchen Schrecken, daß sie sich gar nicht wieder davon erholen täten, wenn man fragen ließe: ›Eine schöne Empfehlung von Omer und Joram, und wie steht das Befinden heute früh?‹ – oder ›nachmittag‹?« Wir nickten uns gegenseitig zu, und Mr. Omer kam seinem Atem wieder mit der Pfeife zu Hilfe. »Ja das ist so einer von unsern Fällen! Wir in unserm Geschäft dürfen wahrhaftig nicht so aufmerksam sein, wie wir möchten«, sagte Mr. Omer. »Nehmen Sie mich selbst. Ich habe Barkis mindestens vierzig Jahre gekannt und jedesmal, wenn er vorbeikam, hat er hier vorgesprochen. Ich kann aber nicht hingehen und fragen: ›Wie steht's mit ihm?‹« Ich begriff und sagte, es wäre recht peinlich für ihn. »Ich bin nicht interessierter als ein anderer, denke ich«, meinte Mr. Omer. »Sehen Sie mich an. Mein Atem kann jeden Augenblick wegbleiben, und es ist nicht wahrscheinlich, daß ich unter diesen Umständen interessiert sein könnte. Es ist nicht wahrscheinlich, sage ich, bei einem Manne, der weiß, daß sein Atem ausgehen wird, wenn er überhaupt schon so geht als wie ein aufgeschnittener Blasebalg, und wenn der Mann noch dazu ein Großvater ist.« Ich sagte: »Durchaus nicht.« »Nicht, daß ich mich über meine Geschäftsbräuche beklage, nicht das«, sagte Mr. Omer. »Jeder Stand hat seine Licht- und Schattenseiten. Ich wünschte nur, daß die Kunden darin nicht so empfindlich wären.« Mr. Omer machte ein liebenswürdiges Gesicht, als er schweigend einige Züge aus seiner Pfeife tat, dann fuhr er fort, auf das Ausgangsthema zurückkommend: »Wir müssen uns also, von Barkis Befinden etwas zu erfahren, auf Emilie beschränken. Sie kennt unsere wahren Absichten und hat nicht mehr Scheu vor oder Verdacht gegen uns, als ob wir die reinen Lämmer wären. Minnie und Joram sind eben mal hingegangen – sie ist nach der Arbeitszeit bei ihrer Tante, um ihr ein bißchen zu helfen –, und wollen sich nach Barkis Befinden erkundigen; und wenn sie warten wollen, bis sie wiederkommen, so können sie alles ausführlich hören. Wollen Sie etwas genießen? Ein Glas Syrup und Wasser vielleicht? Ich trinke Syrup und Wasser,« sagte Mr. Omer und nahm das Glas zur Hand, »weil es die Wege glätten soll, durch die mein beschwerlicher Atem heraufpustet. Aber die Sache ist nur die,« sagte Mr. Omer mit heiserer Stimme, »daß nicht die Wege außer Ordnung sind! Gebt mir Luft genug, sage ich zu meiner Tochter Minnie, und ich will die Wege schon finden.« Er hatte wirklich keinen Atem übrig, und ihn lachen zu sehen, war in der Tat angsterregend. Als er sich wieder beruhigt hatte, dankte ich ihm für die angebotene Erfrischung, die ich zurückwies, da ich eben erst gegessen hatte; erwiderte aber, ich wollte seine freundliche Aufforderung annehmen und warten, bis seine Tochter und sein Schwiegersohn zurückkehrten, und fragte, was die kleine Emilie mache. »Sehen Sie,« sagte Mr. Omer und nahm die Pfeife aus dem Munde, damit er sich am Kinn reiben konnte, »ich will es Ihnen aufrichtig sagen, es soll mich freuen, wenn die Hochzeit vorbei ist.« »Warum?« fragte ich. »Es ist jetzt eine eigene Sache mit ihr«, sagte Mr. Omer. »Nicht etwa, daß sie nicht so hübsch wäre wie früher, denn sie ist hübscher, ich versichere Sie, sie ist hübscher. Nicht daß sie weniger arbeitete als früher, denn sie arbeitet ebensoviel. Sie machte so viel wie sechs andere, und sie macht noch so viel wie sechs andere. Aber es fehlt ihr das rechte Herz. Ich weiß nicht, ob Sie verstehen, Sir, was ich damit meine,« er rieb sich wieder das Kinn und tat ein paar Züge, »wenn ich sage, ›ziehen, tüchtig ziehen, und alle auf einmal ziehen, Kinder, hurra!‹ Seh'n Sie, daß vermisse ich an der Kleinen.« Mrs. Omers Miene war so ausdrucksvoll, daß ich nur mit dem Kopf nickte, weil ich seinen Gedankengang erriet. Mein schnelles Verständnis schien ihm zu gefallen, denn er fuhr fort: »Nun, seh'n Sie, meiner Ansicht nach liegt die Hauptschuld in dem Umstande, daß alles noch unentschieden ist. Ihr Onkel und ich und ihr Schatz und ich haben nach der Arbeitszeit gar oft darüber gesprochen; und ich glaube, es ist, weil die Sache noch nicht abgemacht ist. Sie wissen ja,« sagte Mr. Omer und schüttelte den Kopf, »daß Emilie immer das merkwürdigste und zärtlichste kleine Wesen war. Das Sprichwort sagt: ›Eine seidene Börse läßt sich nicht aus einem Schweinsohr machen.‹ Nun, ich verstehe nichts davon. Ich glaube aber doch, es geht, wenn man beizeiten anfängt. Dieses alte Boot war für sie ein Vaterhaus geworden und durch sie zu einem Palast, das Marmor und Quadersteine nicht besser machen könnten.« »Das ist wahr«, sagte ich. – »Wenn man sieht, wie sich das kleine hübsche Ding mit jedem Tage enger und enger an ihren Onkel anschließt, ist wirklich ein wunderbarer Anblick«, sagte Mr. Omer. »Aber Sie wissen, wenn das der Fall ist, dann geht immer ein Kampf vor sich. Warum sollte er mehr verlängert werden als notwendig ist?« Ich hörte aufmerksam dem guten Alten zu und stimmte von ganzem Herzen allem bei, was er sagte. »So machte ich ihm folgenden Vorschlag«, fuhr Mr. Omer ruhig und behaglich fort, »Ich sage zu ihm: ›Denkt nicht etwa, daß Emilie so genau an die Lehrzeit gebunden ist. Macht das, wie Ihr wollt. Sie ist mir nützlicher gewesen, als ich glaubte, sie hat rascher gelernt, als ich glaubte, Omer und Joram können schon einen Strich durch den Rest machen, und sie soll frei sein, so bald Ihr es wünscht. Wenn es ihr später paßt und sie will für uns eine Kleinigkeit zu Hause arbeiten, so ist das gut. Wenn es ihr nicht paßt, so ist es auch gut. Wir verlieren jedenfalls nichts dabei.‹ Denn sehen Sie,« sagte Mr. Omer und legte die Pfeife auf meinen Arm, »ein Mann, der so kurz von Atem ist, wie ich, und noch dazu ein Großvater ist, wird es doch wahrhaftig nicht so genau nehmen mit einem lieben blauäugigen Kinde, wie sie ist?« »Ganz gewiß nicht!« rief ich aus. »Durchaus nicht! Sie haben recht«, sagte Mr. Omer. »Also ihr Vetter – Sie wissen ja, sie soll ihren Vetter heiraten.« »Jawohl«, erwiderte ich. »Ich kenne ihn recht gut.« »Natürlich kennen Sie ihn, Sir«, sagte Mr. Omer. »Also hören Sie! Da ihr Vetter gute Arbeit und ein reichliches Auskommen hat, so dankte er mir offen und herzlich dafür, und benahm sich dabei, muß ich sagen, auf eine Art, die mir eine hohe Meinung von ihm einflößt, (überhaupt halte ich große Stücke auf ihn!) na, und dann ging er fort und mietete sich ein so hübsches kleines Häuschen, als Sie oder ich uns nur wünschen könnten. Das Häuschen ist jetzt ausmöbliert, so vollständig und hübsch, wie die Putzstube einer Puppe; und wenn nicht Barkis' Krankheit diese schlechte Wendung genommen hätte, so wären sie jetzt gewiß Mann und Frau. So aber ist es aufgeschoben worden.« »Und Emilie, Mr. Omer?« fragte ich. »Ist sie nun ruhiger geworden?« »Nun, sehen Sie,« gab er mir zur Antwort und rieb sich wieder am Unterkinn, »das konnte natürlich nicht erwartet werden. Die Aussicht auf die Veränderung und Trennung und das übrige ist ihr sozusagen zu gleicher Zeit nahe und fern. Barkis' Tod hätte es nicht weit hinausgeschoben, aber wohl sein langes Siechtum. Jedenfalls ist es ein ungewisser Zustand, dessen Ende sich noch nicht absehen läßt.« »Sehr wahr«, sagte ich. »Deshalb ist Emilie immer noch gar nicht recht im alten Schick, immer noch ein wenig unruhig und aufgeregt,« fuhr Mr. Omer fort; »im ganzen sogar vielleicht etwas mehr als früher. Mit jedem Tage scheint sie ihrem Onkel mit größerer Liebe anzuhangen, und mit jedem Tage scheint ihr die Trennung von uns allen schwer zu werden. Ein freundliches Wort von mir bringt ihr Tränen in die Augen, und wenn Sie sähen, wie sie mit dem kleinen Mädchen meiner Minnie umgeht, so würden Sie es nie vergessen. Ei du lieber Himmel,« sagte Mr. Omer nachdenklich, »wie sie das Kind liebt!« Da die Gelegenheit günstig war, kam ich auf den Gedanken, ehe wir durch die Rückkehr von Tochter und Schwiegersohn unterbrochen wurden, Mr. Omer zu fragen, ob er etwas von Martha wisse, »Ah!« erwiderte er und schüttelte mit bekümmertem Blick den Kopf. »Nichts Gutes. Eine traurige Geschichte, lieber Herr. Ich hätte nie geglaubt, daß in dem Mädchen Arges wäre. Ich möchte es nicht vor meiner Tochter Minnie äußern – denn sie würde mich gleich zurechtsetzen – ich habe es nie geahnt. Keiner von uns hat es geahnt.« Mr. Omer, der seine Tochter kommen hörte, bevor ich etwas merkte, berührte mich warnend mit der Pfeife und machte ein Auge zu. Sie und ihr Mann traten unmittelbar darauf herein. Ihr Bericht lautete, daß es mit Mr. Barkis nicht noch schlimmer gehen könne: daß er das Bewußtsein verloren habe, und daß Mr. Chilipp in der Küche beim Fortgehen geäußert habe, daß das Kollegium der Ärzte, das Kollegium der Chirurgen und die Apothekergilde alle zusammen ihm nicht helfen könnten. Auf diese Nachricht und da ich zugleich erfuhr, daß sich Mr. Peggotty dort befinde, beschloß ich, sofort nach dem Hause zu gehen. Ich wünschte Mr. Omer und dem jungen Paare gute Nacht und wendete meine Schritte dorthin, erfüllt von einem feierlichen Gefühl, daß Mr. Barkis zu einem ganz neuen und andern Wesen machte. Mein leises Klopfen an der Tür rief Mr. Peggotty heraus. Er war nicht so sehr überrascht mich zu sehen, als ich erwartete. Dasselbe war bei Peggotty der Fall, als ich herabkam; ich habe etwas Ähnliches seitdem öfter bemerkt und glaube, daß in der Erwartung solcher Schreckensdinge alle andern Veränderungen und Überraschungen zu einem Nichts zusammenschrumpfen. Ich schüttelte Mr. Peggotty die Hand und trat in die Küche, während er vorsichtig die Tür zumachte. Die kleine Emilie saß vor dem Feuer, das Gesicht mit beiden Händen bedeckt. Ham stand neben ihr. »Das ist recht gut von Ihnen, Master Davy«, sagte Mr. Peggotty. »Recht sehr gut«, sagte Ham. »Liebe Emilie!« rief Mr. Peggotty. »Schau her! Da ist Master Davy gekommen! Nur hübsch munter, mein Kätzchen! Hast du kein Wort für Master Davy?« Ich sehe noch, wie sie am ganzen Leibe zitterte. Ich fühle noch, wie mich ihre kalte Hand berührte. Sie gab kein anderes Lebenszeichen von sich, als daß sie sich rasch zurückzog; und dann stand sie von ihrem Stuhl auf, trat auf die andere Seite ihres Onkels und lehnte immer noch stumm und zitternd den Kopf an seine Brust. »Sie hat ein so weiches kleines Herz,« sagte Mr. Peggotty und strich ihr schönes Haar mit seiner großen harten Hand glatt, »daß sie diesen Kummer nicht ertragen kann. Es ist bei jungen Leuten natürlich, Master Davy; ihnen sind solche Prüfungen noch neu und sie sind schüchtern wie mein Mäuschen – Es ist natürlich.« Sie drängte sich dichter an ihn heran, aber sie schlug weder die Augen auf, noch sprach sie ein Wort. »Es wird spät, liebes Kind,« sagte Mr. Peggotty, »und Ham ist schon da, um dich abzuholen. Da! geh hin zu dem andern zärtlichen Herzen! Nun, Emilie? Nun, mein Engel?« Ich hörte sie nicht sprechen, aber er beugte sein Haupt herab, als ob er ihr zuhörte, und sagte dann: »Du willst bei deinem Onkel bleiben? Was? Das kann dein Ernst doch nicht sein? Wenn dich dein Bräutigam, der bald dein Mann sein wird, nach Hause bringen will? Wer sollte das denken, daß das kleine zarte Ding bei einem so verwetterten rauhen Kerl, wie ich, bleiben will,« sagte Mr. Peggotty, uns beide mit unendlichem Stolze anblickend; »aber die See hat nicht mehr Salz als sie Liebe für ihren Onkel – die kleine närrische Emilie!« »Und Emilie hat da ganz recht, Master Davy«, rief Ham. »Sehen Sie her! Da Emilie es wünscht und so unruhig und aufgeregt ist, so will ich sie bis morgen hier lassen. Aber ich bleibe dann auch hier!« »Nein, nein«, sagte Mr. Peggotty. »Das geht nicht – ein verheirateter Mann, wie du bist – oder wie du beinahe bist – kann nicht ein ganzes Tagewerk versäumen. Und die Nacht aufbleiben und zugleich arbeiten darfst du auch nicht. Das geht nicht. Du gehst nach Hause und legst dich zu Bett.« Ham gab nach und nahm seinen Hut, um fortzugehen. Selbst als er sie küßte – und ich habe nie gesehen, daß er ihr nahekam, ohne die Empfindung zu haben, daß die Seele eines Gentlemans in ihm wohne – schien sie sich dichter an ihren Onkel zu drängen, als wiche sie vor ihrem Bräutigam zurück. Ich machte die Tür hinter ihm zu, damit die hier herrschende Stille nicht gestört werden möge; und als ich wieder in die Küche trat, sprach Mr. Peggotty immer noch zu seiner Nichte. »So, jetzt gehe ich hinauf, der Tante zu sagen, daß Master Davy hier ist, das wird sie ein bissel heiterer stimmen«, sagte er. »Setz' dich unterdessen ans Feuer, mein Kind, und wärme deine eiskalten Hände. Brauchst nicht so furchtsam zu sein und dir's gar so zu Herzen zu nehmen. Wie? Du willst nur mit mir sein? Komm, komm nur, bist ja immer bei mir! Master Davy, wenn ihr Onkel von Haus und Hof vertrieben würde und in einem Grabe liegen müßte,« sagte Mr. Peggotty mit höchstem Stolze, »so würde sie auch noch mit ihm gehen, glaube ich! Aber bald wird's ein anderer sein – bald – ein anderer, Emily!« Als ich nachher die Treppe hinaufging und an der offenen Tür meines kleinen Zimmers, das ganz dunkel war, vorbeikam, da machte es auf mich den unbestimmten Eindruck, daß sie darinnen ohnmächtig auf dem Fußboden läge. Aber ich weiß nicht mehr, ob es Wirklichkeit oder nur ein Phantasiebild war, dem die trübe Dämmerung des Zimmers Vorschub leistete. Vor dem Küchenfenster sitzend, hatte ich Zeit, an die Todesfurcht der kleinen Emilie zu denken – ein Gefühl, dem ich mit Hinzurechnung dessen, was mir Mr. Omer erzählt hatte, die große Veränderung zuschrieb, die in ihr vorgegangen war – und ich hatte Zeit genug, diese Schwäche mit milderen Augen zu betrachten, während ich die tickenden Schläge der Uhr zählte und immer lebhafter den feierlichen Eindruck der tiefen Stille ringsum fühlte. Peggotty schloß mich in ihre Arme und segnete mich und dankte mir immer und immer wieder, daß ich in ihrem Unglück solchen Trost bringe. Dann bat sie mich heraufzukommen, und sagte mir schluchzend, daß Mr. Barkis immer großes Wohlgefallen an mir gefunden habe; daß er oft von mir gesprochen habe, ehe er in seinen bewußtlosen Zustand verfallen sei, und daß er sich gewiß, wenn er wieder zu sich kommen sollte, von meinem Anblick gestärkt fühlen würde, wenn ihn noch etwas Irdisches stärken könnte. Die Wahrscheinlichkeit, daß dies geschehen werde, kam mir bei seinem Anblick sehr gering vor. Er lag mit dem Kopfe und den Schultern außerhalb des Bettes sehr unbequem auf dem Koffer, der ihm so viel Schmerz und Unruhe verursacht hatte. Ich erfuhr, daß er, wie er nicht mehr aus dem Bett kriechen konnte, um ihn zu öffnen, und außerstande war, sich über sein Vorhandensein durch Hilfe des bewußten Stockes zu vergewissern, verlangt hatte, daß man ihn auf einen Stuhl neben sein Bett stelle, wo er seitdem immerfort Tag und Nacht seinen Arm um ihn gelegt hatte. Auch jetzt lag sein Arm darauf. Zeit und Welt sollten bald für ihn verloren sein, aber der Koffer war noch da; und seine letzten Worte, die er erläuternd gesprochen hatte, waren: »Alte Kleider.« »Guter Barkis«, sagte Peggotty fast heiter, und bog sich über ihn, während ihr Bruder und ich unten am Bett stehen blieben. »Hier ist mein lieber Sohn – mein lieber Sohn, Master Davy, der uns zusammengebracht hat, Barkis, durch den du mir immer Nachrichten schicktest, weißt du noch? Willst du nicht mit Master Davy sprechen?« Er war so stumm und bewußtlos, wie der Koffer, der unter seinem Arm lag. »Er macht fort mit der Flut«, sagte Mr. Peggotty leise zu mir. Meine Augen waren feucht, wie die Mr. Peggottys, aber ich wiederholte flüsternd: »Mit der Flut?« »Die Leute hier an der Küste können nicht sterben,« antwortete Mr. Peggotty, »wenn die Flut nicht ziemlich zur Neige geht. Sie können nicht geboren werden, wenn sie nicht ziemlich auf ihrem Höhepunkt ist. Er macht fort mit der Flut. Halb vier ist Ebbe, und dann bleibt's stehen eine halbe Stunde lang. Wenn er leben bleibt, bis das Wasser wieder steigt, so hält er aus, bis die Flut vorbei ist, und stirbt mit der nächsten Ebbe.« Wir blieben dort, beobachteten ihn lange, stundenlang. Welchen geheimnisvollen Einfluß meine Gegenwart in seinem bewußtlosen Zustand auf ihn haben konnte, wage ich nicht zu sagen, aber als er endlich leise anfing zu phantasieren, sprach er davon, daß er mich nach der Schule fahren müsse. »Er kommt jetzt zu sich«, sagte Peggotty. Mr. Peggotty legte die Hand auf meinen Arm und flüsterte mir mit feierlicher Ehrfurcht zu: »Es geht jetzt mit beiden vorüber.« »Mein guter Barkis«, sagte Peggotty. »C. P. Barkis!« seufzte er mit schwacher Stimme. »Es gibt kein besseres Weib auf Erden.« »Sieh, da ist Mas'r Davy« – sagte seine Frau. Denn er hatte jetzt die Augen geöffnet. Ich wollte ihn fragen, ob er mich noch kenne, als er versuchte seinen Arm auszustrecken, und ganz deutlich und mit freundlichem Lächeln zu mir sagte: »Barkis ist Willens.« Es war Ebbezeit, und er starb mit dem verrinnenden Wasser der Ebbe. Einunddreißigstes Kapitel. Ein größerer Verlust. Auf Peggottys Bitte wurde mir der Entschluß nicht schwer, zu bleiben, bis die sterblichen Reste des Botenfuhrmanns ihre letzte Reise nach Blunderstone verrichtet hatten. Schon seit langer, langer Zeit hatte sie aus ihren eigenen Ersparnissen ein Grab auf dem alten Kirchhofe gekauft; neben dem Grabe ihrer lieben guten Tochter, wie sie immer meine Mutter nannte, dort sollte er ruhen. Während ich Peggotty Gesellschaft leistete und alles für sie tat, was ich tun konnte (im besten Fall wenig genug!), war ich, und das ist mir jetzt noch eine liebe Erinnerung, so herzlich dankbar, daß es mir möglich sei, ihr einen Dienst zu leisten. Aber ich fürchte, daß ich außerdem ein ungemeines Wohlgefallen empfand, das sowohl persönlicher als geschäftlicher Natur war, weil ich Mr. Barkis' Testament übernahm und seinen Inhalt erklärte. Ich kann auf das Verdienst des Ratschlags Anspruch machen, das Testament sei in dem Kasten zu suchen. Nach einigem Suchen fand man es unten in einem Futtersack, worin sich außerdem noch, außer einer Quantität Heu, eine alte goldene Uhr mit Kette und Petschaften befand, die Mr. Barkis an seinem Hochzeitstage getragen und die seitdem niemand wieder gesehen hatte, ein silberner Pfeifenstopfer in Gestalt eines Beins, eine Atrappe, die eine Zitrone darstellte, und mit winzigen Täßchen und Untertassen gefüllt war, und die Mr. Barkis vermutlich gekauft hatte, um sie mir zu schenken, als ich noch klein war, von denen er sich aber nachher nicht hatte trennen können. Außerdem fanden wir 87 1/2 Guineen in Gold, 210 Pfund in ganz nagelneuen Banknoten, mehrere Aktien der Englischen Bank, ein altes Hufeisen, ein schlechter Schilling, ein Stück Kampfer und eine Austerschale. Aus dem Umstande, daß diese sorgfältig poliert aussah und auf der Innenseite in prismatischen Farben spielte, schließe ich, daß Mr. Barkis einige undeutliche Vorstellungen von Perlen hatte, die ihm aber nie klar wurden. Durch viele Jahre hatte Mr. Barkis auf jeder seiner Fahrten diesen Kasten mit sich gefühlt. Damit er weniger Argwohn erwecke und nicht die Augen Unberufener auf sich zöge, hatte er eine Fabel erfunden, daß er einem Mr. Blackboy gehöre und von Barkis abgeholt werden sollte. Diese Fabel hatte er in aller Ausführlichkeit in Buchstaben, die jetzt kaum noch lesbar waren, auf den Deckel geschrieben. Er hatte ziemlich viel zusammengescharrt. Seine Hinterlassenschaft in Geld betrug fast 3000 Pfund. Davon vermachte er die Zinsen von einem Tausend Mr. Peggotty, solange dieser lebte; bei seinem Tode sollte das Kapital zwischen Peggotty, der kleinen Emilie und mir oder unsern Erben geteilt werden. Alles übrige vermachte er Peggotty, die er auch zur einzigen Vollstreckerin dieses seines letzten Willens und Testaments einsetzte. Ich fühlte mich schon ordentlich als ein Proktor, als ich das Dokument mit aller möglichen Feierlichkeit laut vorlas und die einzelnen Artikel wer weiß wievielmal den Beteiligten auseinandersetzte. Ich fing an zu denken, es sei an den Commons doch mehr, als ich mir gedacht hatte. Ich prüfte das Testament mit der größten Aufmerksamkeit, erkannte seine vollkommene Formrichtigkeit an, machte ein paar Bleistiftbemerkungen an den Rand und wunderte mich fast, daß ich so viel von der Sache verstand. Mit dieser schwierigen Beschäftigung, der Aufnahme eines Inventars der Hinterlassenschaft und mit Raterteilen über alle möglichen Punkte, wegen deren Peggotty sich an mich wendete, verging die Woche vor dem Leichenbegängnis. In der Zwischenzeit sah ich nichts von Emilien, aber ich erfuhr, daß sie in vierzehn Tagen in aller Stille getraut werden solle. Bei dem Begräbnis spielte ich keine Hauptrolle, wenn ich so sagen darf; ich will damit sagen, daß ich nicht im schwarzen Mantel und langen Kreppbande um den Hut einherschritt, geeignet die Vögel zu verscheuchen, sondern ich ging ganz früh nach Blunderstone hinüber und war auf dem Kirchhof, als die Leiche kam, die nur von Peggotty und ihrem Bruder begleitet wurde. Der verrückte Herr sah aus meinem kleinen Fenster zu: Mr. Chillips Kind wackelte über der Schulter seiner Amme mit seinem schweren Kopfe und stierte mit seinen großen Augen den Geistlichen an, Mr. Omer keuchte im Hintergrunde: sonst war niemand da, und es war sehr still. Wir gingen nach dem Begräbnis noch eine Stunde auf dem Kirchhof auf und ab und nahmen uns von dem Baume über dem Grabe meiner Mutter ein paar junge Blätter zum Andenken mit. Und jetzt befällt mich ein finsteres Bangen. Eine Wolke schwebt über der fernen Stadt, der ich meine einsamen Schritte zuwende. Ich fürchte mich vor ihr. Kaum kann ich mich überwinden, an das zu denken, was an jenem denkwürdigen Abend geschah und was sich vor meiner Phantasie wiederholen muß, wenn ich in der Erzählung fortfahre. Es wird aber nicht schlimmer, weil ich es niederschreibe. Die Sache wird nicht besser, wenn ich meine zögernde Hand sinken lasse. Es ist geschehen. Niemand kann es ungeschehen machen; niemand kann es anders machen, als es ist. Meine alte Kindsfrau sollte mit mir wegen des Testaments am nächsten Tage nach London reisen. Die kleine Emilie blieb den ganzen Tag über bei Mr. Omer. Am Abend wollten wir uns alle in dem alten Boote treffen. Ham wollte Emilie zur gewöhnlichen Stunde nach Hause bringen. Ich wollte vom Kirchhofe heimkehren, wenn es mir paßte und mich auch dort einfinden. Und Bruder und Schwester wollten uns zum Abend erwarten. Ich nahm Abschied von ihnen am Kirchhofsgitter an der Straße, wo in meiner Kinderzeit die Straps meiner Phantasie mit Roderik Randoms Rucksack ausgeruht hatten, und ging, anstatt unmittelbar umzukehren, in der Richtung nach Lowestoft eine Strecke spazieren. Dann kehrte ich um und schlug wieder den Weg nach Yarmouth ein. In einem anständigen Wirtshause an der Straße, eine oder zwei Meilen von der früher erwähnten Fähre, aß ich zu Mittag; so verging der Tag und es war Abend, als ich die Stadt erreichte. Es regnete sehr und war ziemlich stürmisch; aber hinter den Wolken stand der Vollmond, und es war nicht ganz finster. Bald erblickte ich Mr. Peggottys Haus, oder vielmehr das Licht, das durch die Fenster glänzte. Ein kurzer, aber etwas mühsamer Weg über den tiefen Sand brachte mich an die Tür, und ich trat ein. Wie behaglich es darin aussah. Mr. Peggotty hatte seine Abendpfeife geraucht, und es waren schon einige Vorbereitungen zum Abendessen getroffen. Das Feuer brannte hell, die Asche war zusammengefegt, und der Kasten für die kleine Emilie stand auf seinem alten Platz. Auch Peggotty saß wieder auf ihrem gewohnten Platz und sah aus, bis auf den Traueranzug, als ob sie ihn nie verlassen hätte. Sie war schon wieder auf die Gesellschaft des Arbeitskästchens mit der St. Paulskirche auf dem Deckel, des Yardmaßes und des Stückchens Wachslicht beschränkt; und sie lagen neben ihr, als ob sie nie von ihrer Seite gekommen wären. Mrs. Gummidge schien in ihrer alten Ecke ein wenig grämlich zu sein, befand sich also ebenfalls in ganz natürlichem Zustande. »Sie sind der erste von allen, Master Davy«, sagte Mr. Peggotty mit glücklichem Gesicht. »Behalten Sie nur den Rock nicht an, wenn er naß ist, Sir.« »Ich danke Ihnen, Mr. Peggotty,« erwiderte ich und gab ihm meinen Überrock zum Aufhängen; »er ist ganz trocken.« »Jawohl«, sagte er, nachdem er ihn angefaßt hatte. »Wie ein Spohn! Setzen Sie sich, Sir. Zu Ihnen braucht man nicht erst Willkommen zu sagen; denn Sie sind immer von Herzen willkommen.« »Danke, Mr. Peggotty, das merkt man Ihnen an! Nun Peggotty«, sagte ich und gab ihr einen Kuß. »Wie geht's, meine Gute?« »Ha! ha!« lachte Mr. Peggotty, der sich jetzt neben uns setzte und sich in der ganzen Gemütlichkeit seiner Natur behäbig die Hände rieb, »keine Frau auf der ganzen Welt, wie ich ihr immer sage, hat ein Recht, sich so leicht ums Herz zu fühlen wie sie! Sie hat ihre Pflicht um den Seligen getan; und der Selige wußte es; und der Selige hat seine Schuldigkeit gegen sie getan, wie sie ihre Schuldigkeit gegen den Seligen getan hat; und – und – und 's ist alles in Ordnung!« – Mrs. Gummidge seufzte tief auf. »Nur heiter, Mutter, immer heiter«, sagte Mr. Peggotty. – Aber er schüttelte den Kopf nach uns hin, indem er voraussah, daß die Begebenheiten der jüngsten Zeit geeignet wären, sie wieder an den Alten zu erinnern. – »Nur nicht niedergeschlagen! Nur ein klein bissel munter, probier's nur, dann wirst du schon ganz von selbst immer vergnügter werden, und alles andere findet sich dann!« »Bei mir nicht, Dan'l,« erwiderte Mrs. Gummidge, »für mich schickt sich nur einsame Trauer.« »Nicht doch, nicht doch«, sagte Mr. Peggotty beschwichtigend. »Ja, Dan'l, ja«, sagte Mrs. Gummidge, »Ich bin nicht die Person, bei Leuten zu leben, die soviel Geld geerbt haben. Alles geht konträr mit mir. Man sollte mich lieber los sein.« »Na, glaubst du, ich werd's für dich nicht mit ausgeben?« sagte Mr. Peggotty fast mit ernstem Vorwurf. »Was redest du da zusammen? Brauche ich dich jetzt nicht mehr als je?« »Ich hab's ja gewußt, daß man mich früher nicht gebraucht hat,« rief Mrs. Gummidge, kläglich wimmernd, »und jetzt wird mir's gesagt! Wie könnt' ich auch denken, nützlich zu sein, verlassen und hilflos wie ich bin!« Mr. Peggotty schien sich über sich selbst zu ärgern, daß er etwas gesagt habe, was einer so herzlosen Deutung fähig sei, kam aber nicht dazu, eine Antwort zu geben, weil ihn Peggotty am Ärmel zupfte und den Kopf schüttelte. Nachdem er die Gummidge ein paar Augenblicke bekümmert angesehen hatte, sah er nach der Holländer Uhr, stand auf, putzte das Licht und stellte es ins Fenster. »Da steht's!« sagte er vergnügt. »Da sind wir, Mrs. Gummidge!« Mrs. Gummidge seufzte leichter. »Da brennt's nach altem Brauch! – Sie wundern sich wohl, Sir, wozu? Das ist für unsere kleine Emilie, das Licht. Sie sehen, der Weg ist nicht zu hell und nicht gerade erfreulich in der Dunkelheit; und wenn ich gerade zu Hause bin zur Zeit, wo sie kommt, so stelle ich das Licht ins Fenster. Das«, sagte er urgemütlich, indem er sich über mich beugte, »hat einen doppelten Zweck; denn Emilie sagt, wenn sie's sieht: ›Da ist unser Haus!‹, sagt sie; und dann sagt sie: ›Der Onkel ist da!‹ denn wenn ich nicht da bin, stelle ich kein Licht hin.« »Du bist wie ein kleines Kind«, sagte Peggotty, und das war ihr höchstes Lob. »Na,« rief Mr. Peggotty, breitbeinig dastehend und sich in gemütlicher Behäbigkeit die Schenkel reibend, wobei er abwechselnd ins Feuer schaute und uns ansah: »Mag ja sein, daß ich eins bin; aber ich sehe jedenfalls nicht so aus.« »Nicht ak'krat so«, meinte Peggotty. »Nein,« lachte Mr. Peggotty, »ich seh' nicht akkurat so aus, aber, aber – halten kann man mich dafür. Na, meinetwegen, ich mache mir nichts draus. Aber jetzt will ich euch was sagen. Wenn ich mir das hübsche kleine Haus unserer Emilie besehe, da will ich vertebelholmiert sein«, sagte Mr. Peggotty mit plötzlichem Nachdruck – »na! mehr kann ich nicht sagen – wenn es mir nicht vorkommt, als ob die kleinsten Sachen sie selber wären. Ich nehme sie und lege sie wieder hin, und ich fasse sie so zärtlich an, als wären sie Emilie selber. So ist's auch mit ihrem Hütchen und ihren andern Sachen. Ich litte nicht, daß ein einziges hart angegriffen würde – um die ganze Welt nicht. Da habt ihr ein kleines Kind in Gestalt eines großen Seeigels!« sagte Mr. Peggotty und machte seinen Gefühlen mit einem lauten Lachen Luft. Auch Peggotty und ich lachten, aber nicht so laut. »Ich meine,« sagte Mr. Peggotty mit fröhlichem Gesicht, nachdem er mehrere Male auf seine Schenkel geschlagen hatte, »ich meine, daß dies daher kommt, daß ich mit ihr so viel gespielt und getan habe, als wären wir Türken oder Franzosen oder Haifische oder anderes fremdes Volk – wahrhaftig, und Löwen oder Walfische, und wer weiß, was sonst noch alles, – als sie nicht höher war, als meine Knie. Ich hab es mir so angewöhnt. Und dort!« sagte Mr. Peggotty und wies mit fröhlichem Gesicht auf das Licht, »ich weiß recht gut, daß ich es auch hinstellen werde, gerade wie jetzt, wenn sie verheiratet oder fort von hier ist. Ich weiß recht gut, wenn ich abends hier bin – und wo sollte ich sonst wohnen, und wenn ich noch so reich würde! – und sie ist nicht da, so stelle ich das Licht ins Fenster und setze mich vor das Feuer und tue, als ob ich auf sie wartete, wie jetzt. Da habt ihr das kleine Kind«, rief Mr. Peggotty wieder laut lachend, »in Gestalt eines Seeigels! Und selbst jetzt, wenn ich das Licht aufflackern sehe, sag' ich zu mir selber: Sie sieht her! Emilie kommt! Da habt ihr das kleine Kind in Gestalt eines Seeigels! Und ich habe recht,« sagte Mr. Peggotty, indem er sein Lachen unterbrach und die Hände zusammenschlug, »denn da ist sie!« Es war aber nur Ham. Es mußte wohl stärker regnen als vorhin, denn er hatte einen großen Südwesterhut auf und diesen ins Gesicht gezogen. »Wo ist Emilie?« fragte Mr. Peggotty. Ham machte eine Bewegung mit dem Kopfe, als ob sie draußen stünde. Mr. Peggotty nahm das Licht aus dem Fenster, putzte es, stellte es auf den Tisch und schürte emsig das Feuer; da sagte Ham, der sich nicht gerührt hatte: »Master Davy, wollen Sie einen Augenblick herauskommen und sich ansehen, was Emilie und ich mitgebracht haben?« Wir gingen hinaus. Als ich an der Tür an ihm vorbeikam, sah ich zu meinem Staunen und Schrecken, daß er totenbleich war. Er schob mich hastig hinaus ins Freie und machte die Tür hinter uns zu. Nur hinter uns zweien. »Ham! Was gibt's?« »Master Davy!« – O dieses gebrochene Herz, wie schrecklich er weinte! Ich mußte verstummen vor dem Anblick dieses Schmerzes. Ich weiß nicht, was ich dachte, oder was ich fürchtete. Ich konnte ihn nur ansehen. »Ham! Lieber, guter Ham! Um Gottes willen, sagt mir, was ist geschehen?« »Mein lieber Schatz, Master Davy – der Stolz und die Hoffnung meines Herzens – sie, für die ich gestorben wäre und jetzt noch sterben würde – sie ist fort!« »Fort!« »Emilie ist entführt! Ach, Master Davy, denkt Euch, unter welchen Umständen sie fort ist, wenn ich meinen guten und gnädigen Gott bitte, sie lieber zu töten, sie, die ich vor allen Dingen in der Welt liebe, als daß sie in Schmach und Schande gerät!« Das Gesicht, das er hinauf zu dem stürmischen Himmel wendete, die zitternden Hände, die sich fest ineinander schlossen, der krampfhafte Schmerz in seinem ganzen Wesen bleiben bis zu dieser Stunde in meiner Erinnerung unzertrennlich mit dieser einsamen, öden Düne verbunden. Es ist dort immer Nacht für mich, und er ist der einzige Gegenstand in der ganzen Landschaft. »Ihr seid ein studierter Mann«, sagte er hastig, »und wißt, was recht und gut ist. Was soll ich drinnen sagen? Wie soll ich es ihm zu wissen tun, Master Davy?« Ich sah die Tür aufgehen und versuchte, sie von außen zuzuhalten, um nur einen Augenblick Zeit zu gewinnen. Es war zu spät. Mr. Peggotty steckte den Kopf heraus, und nie werde ich vergessen, welche Veränderung in seinem Gesichte vorging, als er uns erblickte, nie – und wenn ich fünfhundert Jahre alt würde! Ich erinnere mich noch an ein lautes, durchdringendes Klagegeschrei, und wie sich die Frauen ihm um den Hals warfen und wir alle im Zimmer standen, ich mit einem Papier in der Hand, das Ham mir gegeben hatte, Mr. Peggotty mit aufgerissener Jacke, zerrauftem Haar, totenblassem Gesicht und Lippen und Blutstropfen auf seiner Brust (ich glaube, es kam aus seinem Munde) und den Blick wie versteinert auf mich geheftet. »Lesen Sie, Sir«, sagte er mit leiser, gepreßter Stimme. »Aber langsam. Ich weiß nicht, ob ich es sonst verstehen werde.« Umgeben von Totenstille las ich aus einem tränenbefleckten Briefe: »›Wenn Du, der Du mich viel mehr liebst, als ich manchmal verdient habe, selbst als ich noch unschuldig war, dies siehst, werde ich weit weg von Dir sein.‹« »Werde ich weit weg von dir sein«, wiederholte er langsam. »Halt! Emilie weit weg. Gut!« »›Wenn ich diesen Morgen das geliebte Vaterhaus – das liebe, liebe Haus verlassen habe –‹« Der Brief war vom Abend vorher datiert. »›–so werde ich nie wieder zurückkehren, wenn er mich nicht als seine Gattin zurückbringt. Viele Stunden später, nachdem ich fort bin, wirst Du diesen Brief anstatt meiner finden. O, wenn Du wüßtest, wie sehr mein Herz blutet! Wenn Du, den ich so sehr beleidigt habe, daß Du mir nie verzeihen könntest, wissen könntest, was ich leide! Ich bin zu schlecht, um von mir selbst zu schreiben. O, laß es Dir einen Trost sein, daß ich so schlecht bin. Um der himmlischen Barmherzigkeit willen sage dem Onkel, daß ich ihn niemals so sehr geliebt habe wie jetzt. O, vergiß lieber, wie zärtlich und gütig Du gegen mich gewesen bist, – vergiß, daß wir einander heiraten sollten – oder versuche zu glauben, ich sei als kleines Kind gestorben und irgendwo begraben. Bitte den lieben Gott, daß er Erbarmen habe mit meinem Onkel. Sage ihm, daß ich ihn nie so sehr geliebt habe wie jetzt. Sei sein Trost. Liebe ein gutes Mädchen, das meinem Onkel das werden kann, was ich ihm einmal war, und bleibe Dir selbst treu, und lerne keine andere Schande kennen als mich. Gott möge alle segnen! Ich werde oft auf meinen Knien für Euch alle beten. Wenn er mich nicht als seine Gattin zurückbringt und ich nicht für mich selbst bete, so will ich für Euch alle beten. Noch einmal meinem Onkel die herzlichste Liebe. Noch einmal dem Onkel meine letzten Tränen und meinen letzten Dank.‹« Das war alles. Lange, nachdem ich aufgehört hatte zu lesen, stand er noch regungslos da und starrte mich an. Endlich wagte ich seine Hand zu ergreifen und ihn zu bitten, so gut ich konnte, sich etwas zu fassen. Er antwortete: »Ich danke, ich danke!« aber rührte sich nicht. Ham redete ihn an, Mr. Peggotty empfand seinen Schmerz so weit, daß er ihm die Hand drückte; aber sonst blieb er versteinert stehen wie früher, und keiner wagte ihn zu stören. Endlich wandte er die Augen von mir ab, als wenn er aus einem Traum erwachte, und ließ sie im Zimmer herumschweifen. Dann sagte er mit leiser Stimme: »Wer ist es? Ich will seinen Namen wissen.« Ham sah mich an, und plötzlich durchzuckte es mich wie ein elektrischer Schlag. »Du hast Verdacht auf jemand!« sagte Mr. Peggotty, »Wer ist es?« »Master Davy!« bat Ham flehend. »Gehen Sie ein Weilchen hinaus, damit ich ihm sagen kann, was ich ihm sagen muß. Sie dürfen es nicht hören.« Wieder durchzuckte es mich wie vorhin. Ich sank in einen Stuhl und versuchte eine Antwort zu stammeln, aber meine Zunge war wie gelähmt, und vor meinen Augen war ein Schleier. »Ich will seinen Namen wissen!« hörte ich ihn noch einmal sagen. »Seit einiger Zeit«, stammelte Ham, »hielt sich manchmal ein Bedienter hier auf. – Auch ein Herr war da. – Beide gehörten zusammen.« Mr. Peggotty stand so starr da wie vorhin, aber sah ihn jetzt an. »Den Bedienten«, fuhr Ham fort, »hat man gestern noch mit – unserm armen Mädchen – gesehen. Er hat diese Woche und länger hier herumgelauert. Man glaubte, er sei fort, aber er hatte sich versteckt. Gehen Sie hinaus, Master Davy, ich bitte!« Ich fühlte wie sich Peggottys Arm um meinen Hals schlang, aber ich hätte nicht von der Stelle gehen können, und wenn das Haus über mir her zusammengestürzt wäre. »Ein fremder Wagen und Pferde – niemand wußte, wem sie gehörten – stand heute früh fast vor Tagesanbruch auf der Straße nach Norwich«, erzählte Ham weiter, »Der Bediente ging zu dem Wagen und kam von dem Wagen und ging wieder hin. Als er zuletzt hinging, ging Emilie mit ihm. Der andere saß darinnen. Und das ist der Mann.« »Um Gottes Barmherzigkeit willen«, sagte Mr. Peggotty, und er trat zurück und streckte die Hand aus, als wollte er etwas, was er fürchtete, von sich fern halten. »Sage nicht: sein Name ist Steerforth!« »Master Davy,« rief Ham mit gebrochener Summe aus, »es ist nicht Ihre Schuld – und ich gebe Ihnen gewiß nicht die Schuld–––- aber er heißt Steerforth, und er ist ein verfluchter Schurke!« Kein Laut – keine Träne und keine Bewegung verriet Mr. Peggottys Schmerz, bis er plötzlich wieder aufzuwachen schien und seinen zottigen Flauschrock von dem Riegel in einer Ecke herabnahm. »Helft mir einmal! Ich bin wie niedergedonnert und kann es nicht zuwegebringen«, sagte er ungeduldig, »Kommt her und helft mir! Gut!« sagte er, als ihm jemand geholfen hatte. »Jetzt gebt mir den Hut her!« Ham fragte ihn, wohin er gehen wolle. »Ich will meine Nichte suchen. Ich will meine Emily suchen. Zuerst will ich hingehen und dem verwünschten Boote den Boden einschlagen und es ersäufen, wo ich ihn ersäuft hätte, so wahr ich lebe, wenn ich ihn nur mit einem Gedanken im Verdacht gehabt hätte.« Er blickte wild umher und streckte die geballte Faust aus. »So wahr ich lebe, so, wie er mir gegenübersah, Auge in Auge, hätte ich ihn ertränkt, und hätte es für recht gehalten! – Ich will meine Nichte suchen.« »Wo?« sagte Ham und stellte sich vor die Tür. »Überall! Ich will meine Nichte suchen durch die ganze Welt! Ich will meine arme Nichte aufsuchen in ihrer Schande und sie zurückbringen. Niemand soll mich halten! Ich sage euch, ich will meine Nichte suchen!« »Nein, nein!« rief Mrs. Gummidge, und trat in hellen Tränen zwischen uns. »Nein, nein, Daniel, nicht in Euerm jetzigen Zustande. Sucht sie in einem kleinen Weilchen, mein armer, verlassener Daniel, und dann ist es ganz recht, aber nicht in Euerm jetzigen Zustande. Setzt Euch, und verzeiht mir, daß ich Euch jemals eine Plage gewesen bin, Daniel – was sind meine Widerwärtigkeiten gewesen gegen Eure? Und wir wollen von den Zeiten sprechen, wo sie noch eine Waise und wo Ham eine Waise war, und wo ich eine arme Witfrau war und Ihr mich aufnahmt. Es wird Euerm armen Herzen wohltun, Daniel,« sagte sie, und legte ihren Kopf auf seine Schulter, »und der Schmerz wird für Euch leichter zu tragen sein, denn Ihr kennt das Wort, Daniel: ›Was ihr dem Kleinsten von diesen getan, das habt ihr mir getan‹, und dies Wort kann nicht zuschanden werden unter diesem Dache, das uns so viele, viele Jahre Schutz gegeben hat.« Er ließ sich jetzt ganz willenlos führen wie ein Kind, und als ich ihn weinen hörte, da wich der Drang in mir, auf die Knie zu fallen und sie um Verzeihung zu bitten wegen des hereingebrochenen Unheils, wovon doch ich die Grundursache war, da wich der Drang in mir, Steerforth zu verfluchen, und gab einem bessern Gefühle nach. Mein überbürdetes Herz fand dieselbe Erleichterung wie sie, und auch ich weinte.