Wilhelm Busch Kurze Geschichten   Der vergeßliche Stadtschreiber Aus dem Rathausener Tagblatt Der harte Winter Zur Warnung Eine Nachtgeschichte Die Täuschung     Der vergeßliche Stadtschreiber Es war ein kalter regnerischer Abend, als der Stadtschreiber Dröge aus dem Wirtshause trat, seinen Regenschirm aufspannte und, da seine Wohnung ganz am Ende der Stadt lag, mit eiligen Schritten sich auf den Heimweg machte. Schon hatte er den größten Teil des Weges zurückgelegt, da – plötzlich – überkam ihn jenes sonderbare unbehagliche Gefühl, welches den Menschen zu befallen pflegt, wenn er glaubt, etwas vergessen zu haben. Ja, es fehlte ihm etwas; er mußte etwas vergessen haben und wußte doch nicht was. Daß er aber etwas vergessen hatte, das wußte er ganz genau, denn als er ins Wirtshaus gegangen, hatte er etwas unter dem Arme getragen. – Unser Stadtschreiber entschließt sich kurz; er geht wieder zurück, das Vermißte zu suchen. In der Nähe des Wirtshauses hört der Regen auf, und der Stadtschreiber klappt infolgedessen seinen Regenschirm zu. – Nicht lange, so verspürt er einen gewissen Gegenstand unter seinem Arme, der es ihm auf einmal klarmacht, daß er eigentlich nichts vergessen als dies: daß es bei seiner Einkehr ins Wirtshaus nicht geregnet und er also zu der Zeit denselben Gegenstand unter dem Arme getragen hatte, den er jetzt darunter trug, nämlich – den zugeklappten Regenschirm.   Aus dem Rathausener Tagblatt Rathausen, den 7. Oktober Soeben kommt das Gerücht einer ebenso beklagenswerten als ruchlosen Tat zu unsern Ohren, einer Tat, die sich nur aus der tiefen moralischen Verderbnis unserer modernen gesellschaftlichen Zustände erklären läßt. Der Tatbestand ist folgender: Ein junger Maler aus hiesiger Stadt lockt durch Schmeicheleien ein junges schönes, aber noch sehr schüchternes weibliches Modell in sein Atelier. Da sie ihm nicht zu Willen ist, ermordet er sie. Alles Schreien der Unglücklichen wird überhört, da das Atelier des Malers im Hintergebäude über drei Stiegen liegt. Bei einbrechender Nacht schleppt der Mörder den Leichnam der Ermordeten in den Hof, um ihn dort eigenhändig in den Sand zu scharren. Unmittelbar darauf begibt sich derselbe in eine nahe gelegene Brauerei und trinkt wie gewöhnlich seine sechs Glas Bier, ohne daß eine besondere Aufregung an ihm bemerklich gewesen wäre. Es steht zu erwarten, daß es der anerkannten Umsichtigkeit unserer hochlöblichen Polizei sehr bald gelingen werde, die näheren Umstände und tieferliegenden Motive dieser Tat ans Licht zu ziehen. Nachschrift Wie wir aus glaubwürdiger Quelle vernehmen, so soll eine würdige alte Dame unserer Stadt bei diesem Vorfalle sehr nahe und schmerzlich beteiligt sein. – Der Täter ist bereits eingezogen und wird jetzt möglicherweise schon sitzen. Rathausen, den 8. Oktober Dem von uns unter dem gestrigen Datum berichteten und bereits in weiteren Kreisen vielfach besprochenen Vorfalle scheint zu unserm Bedauern lediglich ein mutwillig verbreitetes Gerücht zugrunde zu liegen und ist dasselbe dahin zu berichtigen, daß allerdings ein junger Maler ein junges weibliches Modell ermordet hat und daß allerdings eine alte würdige Dame von diesem Vorfalle nahe berührt ist; daß aber dieser Maler ein Tiermaler und das Modell die Lieblingskatze einer alten Dame ist, in deren Hause derselbe Maler vor kurzem ein Atelier bezogen hatte. Daß er demzufolge eingezogen, ist gewiß, und daß er jetzt schon sitzt, nämlich im Bierhause, wird niemandem, der ihn näher kennt, unmöglich scheinen.   Der harte Winter Es war einmal ein unvernünftig kalter Winter; da gingen zwei gute Kameraden miteinander auf das Eis zum Schlittschuhlaufen. Nun waren aber hin und wieder Löcher in das Eis geschlagen, der Fische wegen; und als die beiden Schlittschuhläufer nun in vollem Zuge waren, sintemalen der Wind auch heftig blies, versah's der eine, rutschte in ein Loch und traf so gewaltsam mit dem Halse vor die scharfe Eiskante, daß der Kopf auf das Eis dahinglitschte und der Rumpf ins Wasser fiel. Der andere, schnell entschlossen, wollte seinen Kameraden nicht im Stich lassen, zog ihn heraus, holte den Kopf und setzte ihn wieder gehörig auf, und weil es eine so barbarische Kälte in dem Winter war, so fror der Kopf auch gleich wieder fest. Da freute sich der, dem das geschah, daß die Sache noch so günstig für ihn abgelaufen war. Seine Kleider waren aber alle ganz naß geworden; darum ging er mit seinem Kameraden in ein Wirtshaus, setzte sich neben den warmen Ofen, seine Kleider zu trocknen, und ließ sich von dem Wirte einen Bittern geben. »Prosit, Kamerad!« sprach er und trank dem andern zu. »Auf den Schrecken können wir wohl einen nehmen.« Nun hatte er sich durch das kalte Bad aber doch einen starken Schnupfen geholt, daß ihm die Nase lief. Da er sie nun zwischen die Finger klemmte, sich zu schnäuzen, behielt er seinen Kopf in der Hand, denn der war in der warmen Stube wieder losgetaut. Das war nun freilich für den armen Menschen recht fatal, und er meinte schon, daß er nun in der Welt nichts Rechtes mehr beginnen könnte; aber er wußte doch Rat zu schaffen, ging hin zu einem Bauherrn und ließ sich anstellen als Dielenträger, und das war eine gar schöne passende Arbeit für ihn, weil ihm dabei der Kopf niemals im Wege saß wie vielen andern Leuten, die auch Bretter tragen müssen.   Zur Warnung Unter den Bildern der großen deutschen Kunst-Ausstellung in München machte eine Landschaft, worauf die Sonne mit täuschender Natürlichkeit gemalt war, großes Aufsehen. Eine junge Dame, welche längere Zeit entzückt davor stand, bemerkte nachher zu ihrem nicht geringen Schrecken, daß sie Sommersprossen bekommen hatte.   Eine Nachtgeschichte Vor einiger Zeit kehrte spätabends im Goldenen Löwen zu Kassel ein elegant, aber nachlässig gekleideter Fremder ein, der augenscheinlich eine längere Fußtour gemacht hatte. Aus seinen schmerzlichen Zügen sprach eine stille Verzweiflung, ein heimlicher Kummer mußte seine Seele belasten. Er aß nur äußerst wenig und ließ sich bald sein Schlafzimmer anweisen. Es mochte wohl eine Viertelstunde später und nahezu Mitternacht sein, als der Kellner an Nr. 6, dem Zimmer des Fremden, vorüberkam. Ein lautes, herzzerreißendes Ächzen und Stöhnen drang daraus hervor. Dem erschrockenen Kellner erstarrte das Blut in den Adern. Irgend etwas Entsetzliches mußte da vorgehen. Schleunige Hilfe tat not; der Kellner stürzt zur Polizei. Unterdessen hat die Regierungsrätin v. Z., welche in Nr. 7 schläft, dieselbe schreckliche Entdeckung gemacht und bereits das ganze Wirtshaus in Alarm gebracht, als der Kellner mit der Polizei zurückkommt. Man dringt nun sofort in das Zimmer des Fremden. Aber leider kam die Hilfe zu spät, denn derselbe hatte bereits in Ermanglung eines anderen Instrumentes mit eigener Hand unter Schmerzen und Wehklagen seine – engen Stiefel ausgezogen.   Die Täuschung Es steht die Bäuerin abends in der Stube am Backtrog, hat die Ärmel aufgeschlagen und macht das Brot an. Sie tut die Säure hinein und knetet, daß es quitscht und quatscht – und wie sie endlich meint, es wäre genug, streift sie die Hände ab, rückt den Backtrog an den Ofen, der noch hübsch warm ist, daß der Teig über Nacht aufgeht, nimmt ein Tischtuch und deckt es darüber, daß keine Fliegen hineinfallen. Drauf schaut sie noch in der Stube herum, räumt dies auf und jenes – der Bauer ist noch nicht zu Haus, wer weiß, wann der wieder kommt! –, geht nachher in die Kammer, betet ihr Nachtgebet, legt das Gewand ab, putzt das Licht aus, flackt sich ins Bett und schläft. Während der Weil sitzt der Bauer im oberen Wirtshaus mit ein paar Kameraden, und im Disputieren trinkt er eine Maß nach der andern, bis ihm endlich ganz dumm im Kopfe wird und alles sich mit ihm herumdreht. Die andern Kameraden trinken nach und nach aus und gehen nach Haus, bis unser Bauer noch ganz allein dasitzt und alleweil fortsauft. »Jetzt meinet ich aber schon«, sagt die Nanny, die schon seit vier Jahren Kellnerin beim obern Wirt ist, »jetzt meinet ich schon«, sagt sie, »wär's Zeit, Bauer, wenn du heimgingst, du kannst ja nimmer aus den Augen 'raus schauen vor lauter Rausch.« »No, no!« sagt der Bauer. »Ich geh' schon, nur Zeit lassen, er kommt schon. – Geh, schenk noch amal ein a Maß, Nanny!« – »Heut nimmer, geh du nur heim zu deinem Weib, andere Leut möchten auch in ihr Bett – es wird so elfe, bis ich all die Krügeln noch geputzt hab'; geh du nur auch heim! Hast's gehört?« – »No, no! Ich geh' schon!« Und richtig steht er auf, wackelt hinum und herum, bis er endlich die Türe findet, und taumelt das Dorf hinunter, seinem Hof zu. Wie er ins Haus kommt, stößt er da an und dort, rumpelt an den Tisch, wirft die Stühle um, zieht sich aus, soweit es geht, und endlich legt er sich nieder. »Heut hat die Bäuerin amal gut aufbettet, heut liegt sich's amal schön weich«, brummt er so vor sich hin, schlaft ein und schnarcht wie eine Sägmühle die ganze Nacht fort, und geradeso macht's die Bäuerin auch. Wie es aber nur ein bißchen grau wird in der Früh, wacht die auf und schaut hinum nach dem Bauern seinem Bett. »Ja, wo ist denn der Bauer? Was wär' denn das? Gar nit heimgehn? Die ganze Nacht saufen, no wart nur, Lump, dir will ich kommen!« Mit einem Satz ist sie aus dem Bett, schlieft in den Unterrock, bindet das Kopftüchel um und hat nichts anderes im Sinn, als einen Besen zu nehmen, zum oberen Wirt zu laufen und dem Bauer heimzuleuchten. Wie sie in die Stube heraustritt, kriegt sie schier die Maulsperre vor lauter Schreck: – »Ja, um Gottes willen, was wär' denn jetzt das? Ja, Bauer, was hast denn du getan?« – Liegt der Bauer gestreckter Längs in der Bäuerin ihrem Backtrog, die Haare, das Gesicht, die Hände und die Füße um und um alles verpippt und verpappt, mitten im Brotteig!