Felix Dahn Vom Chiemgau Historischer Roman aus der Völkerwanderung * Die zweite Serie dieser »Neuen wohlfeilen Gesamtausgabe« in einer Auflage von zwanzigtausend Exemplaren in der Buchdruckerei von Ernst Hedrich Nachfolger in Leipzig gedruckt. Den Einband und die Innentitel zeichnete Erich Gruner in Leipzig. Die Buchbinderarbeiten besorgte H. Fikentscher in Leipzig. (a. 596 n. Chr.).     * »Peiere vurin ie ci wige gerno« (Bayern fuhren stets zu Kampfe gern)                      Annolied. »Chouner volc newart niemêre« (Kühner Volk war niemals)                      Rolandslied.   *   Meinem lieben alten Freund und Chiemseeischen Segelgenossen Max Haushofer zu eigen. Vorwort. Reich an stimmungsvoller Poesie ist die Landschaft des bayerischen Chiemgaus. In vielen, vielen Jugendjahren hab' ich die herbstliche Freizeit dort verlebt: fischend, jagend, die Berge erkletternd, forschend, sinnend, dichtend und träumend. Von reizvoller Schönheit sind vor allen die beiden größeren Eilande: die idyllische Fraueninsel und das stolz von Hochwald und Fels gekrönte Herrenwörth. Aber auch gar manche Strecke der Ufer, die sich gerade von dem Frauen-Eiland aus gesehen am malerischsten darstellen: so wann über den dunkeln Tannen im Westen des Festlandes die Sonne zu Golde geht und nun, kaum hinter den grünen Wipfeln versunken, ein sattes, leuchtendes Gelb in langen Streifen wagrecht über den ganzen Westhimmel spreitet. Wie oft saß ich in solcher Stunde als Knabe, als Jüngling tief versteckt, vor jeder Störung geborgen, auf einer der alten Weiden des »Frauengangs« hart vor der Klostermauer! Wann dann die Welle, ganz sacht ersterbend im sanften Abendwind, die Kiesel leise raschelnd an das flache Ufer schob, wann nur die scheue Fledermaus noch durch die Dämmerung huschte und aus dem uralten Kirchenturm herab die ernste, tiefstimmige Glocke das Ave Maria durch die Lüfte hallte, wann nun der letzte Tonhauch, klingend und schwingend, über den See hin verschwebte, – dann brauchte man Poesie wahrlich nicht zu dichten: – sie lebte und webte ringsum! – Auch »auf der Hachel« lag ich oft mit meinem »Einbaum«, dem aus Einem Eichenstamm gehöhlten Schiff, wie wir solche den bald zweitausend Jahre alten germanischen Grabhügeln entnehmen, wo sie als »Totenbäume«, das heißt Särge, die Leichen aufnahmen. Die »Hachel« ist eine schmale, nicht ganz leicht – nur mittels gewisser Merkmale – zu findende Stelle zwischen Frauenwörth und der kleinen »Krautinsel«, von beträchtlicher Tiefe, wo auf dem Seegrund im Sommer und Herbst ungezählte Völker von Bürschlingen (Barschen, Krätzern, perca fluviatilis ) stehen. Man festigt den Kahn mittels eines schweren, angeseilten Steines – an des Ankers Statt – und fischt mit der Fingerleine, ohne Angelrute und Kork; die viele Klafter lange Schnur wird, um den rechten Zeigefinger gebunden, hinabgelassen bis auf den tiefen Grund: ein Riß an der Schnur zeigt an, »der Fisch will mit dem Hamen fahren«: nun rasch ein kräftiger Ruck in der der Bewegung des Fisches entgegengesetzten Richtung, – die Angel hat gefaßt! Und dann sofort die lange Schnur aufgehaspelt und in das Schiff gereiht mit der Linken, wahrend die Rechte die Spannung der Schnur nie locker werden lassen darf, bis die Beute über den Kahnrand hereingeschnellt ist. Jede Stunde des Tages, – das Morgengrauen und das heraufziehende Abenddunkel – hab' ich dort in dem schaukelnden Schifflein verlebt: es war gut dort träumen, von den Wellen gewiegt und doch von dem Steinanker festgehalten: – ein anmutig Bild dichterisch bewegten und doch sicher gefestigten Lebens –: die Hora wie das Ave Maria hab' ich dort lauschend vernommen und den See, die nahen Ufer, die fernen Berge in jeder wechselnden Stimmung geschaut. Unter den Bergen, die im Süden die Landschaft umrahmend begrenzen, bestieg ich den Hochgern und den Hochfelln: am häufigsten aber, wohl mehr als ein halbdutzendmal, im Südwesten die »zinnenstolze Kampenwand mit ihren Zackenschroffen«. S. Bd. XVII S. 419. Zwar führte damals noch nicht der bequeme, schöne Fahrweg hinauf, den vor einigen Jahren ein großsinniger, bayerischer »Adaling« anlegen ließ: aber auch damals war der Aufstieg weder beschwerlich noch zeitraubend; man mochte im Laufe des Nachmittags hinaufgehen, oben den Sonnenuntergang beobachten und nach dem Schlaf auf dem duftigen Heu der Sennhütte am andern Morgen den meist noch viel großartigeren Sonnenaufgang, nach ein paar Stunden des Frühdämmers, A. a. O. S. 413. die auf jener einsamen Bergeshöhe ganz besonders feierlich, ahnungsreich vorüberzogen. Schon damals von sehr kampffreudiger Einbildungskraft beseelt und eifrig die Geschichte von Schlachten und Belagerungen verfolgend, ward ich schon bei dem ersten Aufstieg merksam auf eine etwa halbwegs der Höhe sich ausbreitende größere Wiesenfläche, auf der ich mir in meinen Träumen ein festes Wehrhaus erbaute: der schmale und steile Bergpfad, der hierher führte, wäre durch Einen Mann mit Schild und Speer gegen eine Übermacht von Angreifern, die nur einer hinter dem andern andringen konnten, zu verteidigen gewesen: die Natur selbst hatte durch mächtige abgestürzte Felstrümmer mit einer Art »kyklopischer Mauer« die Fläche gegen unten zu umwallt. Deutlich sah ich im Abendglanz den germanischen Ringwall um das feste Gehöft sich heben. Einmal hatt' ich auch bei einer Jagdfahrt eine herrliche Schau. Es war im September: lange vor Tagesgrauen war ich – allein – von der Fraueninsel gen Südwest in das Schilficht gefahren, das gerade gegenüber der Herreninsel das Westufer des Sees säumt und in dem häufig bei erstem Frühdämmer der scheue Silberreiher stelzte, sein Frühmahl zu erfischen. Ich lag gut verdeckt im hochbordigen Einbaum und spähte hinaus in das graue Gedämmer: nur fern im Osten stieg allmählich ein Streif von fahlem Gelb empor: ich blickte über den von Nebel bezogenen Wasserspiegel hin, aus dem dunkel die Herreninsel aufragte mit ihrem stolzen Wald. Da glaubte ich plötzlich aus Nebel und Wasser hervor ein kleines Geschwader von tiefbraunen Kähnen – Einbaumspitzen? – auftauchen zu sehen: näher, gar rasch näher kam es gegen mich, gegen das Ufer, heran – wenig unterhalb – südlich – meines Bootes: nein, das waren keine Schiffe! Aber was sonst? Scharf spähte ich aus: Tiere waren's, hochbekrönte: nun könnt' ich's deutlich sehen: Hirsche waren's, ein ganzes Rudel! Die stolzen mutigen Tiere hatten es gewagt, von dem engen Eiland, in dem sie sich doch wie in gelinder Haft fühlen mochten, über den breiten See hin die Freiheit zu suchen. Schon fanden die Schwimmer Grund: sie hielten: sie äugten: mein wurden sie nicht gewahr: der hohe Bord des Einbaums verbarg den Liegenden und der Wind strich von ihnen zu mir. Jetzt war es ein prachtvoller Anblick, wie sie ruhig, in wahrhaft königlichem Gang, ein Vierzehn-Ender als Führer voran, ans Land schritten, und bald verschwanden sie in dem dichten Ufergehölz. Wunderschön war auch der Blick von den Höhen des Westufers, etwa von dem Aischingerhof oder dem roten Kreuz oberhalb Gstad: die Fraueninsel – gerade gegenüber – bildete den reizvoll lieblichen Vordergrund: bei ruhigem Wetter schien sie auf der spiegelglatten Fläche zu schwimmen, einer Seerose gleich: wunderbar war die Beleuchtung, wann die Sonne hinter mir zu Rüste sank und nun der See, die Inseln, die fernen Ostberge bis gen Süden hin in allen Farbenabstufungen – vom glühenden Rot bis in das dunkle Veilchenblau hinein – erstrahlten. Am längsten aber und am häufigsten weilte ich in dem Dörflein Seebruck, am Nordende des Sees, dem Bedaium der Römer, die hier einen keltischen Gott: »Bid«, in einen Jupiter Bedaius umgewandelt, verehrt und zahlreiche Spuren ihres Lebens in Frieden und Krieg zurückgelassen haben, zumal in dem nahen Ising, dessen weit ausblickende Höhe wohl einen Wachtturm getragen hatte zur Beobachtung der wichtigen Legionenstraße, die, von Salzburg herkommend, hier den See erreichte, dessen Ausfluß, die tiefe und reißende Alz, überschritt, und von da nach Westen – gen Augsburg – weiter zog. Die Landschaft ist hier in der Ruhe tief schwermütig: ödes, sumpfiges Wiesland, alter Seeboden, vielfach noch von Binsen bewachsen: malerisch höchst reizvoll, aber traurig; wie verwunschen neigen aus dem rechten Ufer des unheimlichen, tückischen Flusses ein paar uralte Stumpfweiden die langen, hangenden, im leisesten Windhauch wehenden Zweige über das mannshohe dunkelgrüne Schilf. Wann über die Wipfel dieser Weiden – sehr oft aus dichtem Nebeldunst der Moorwiesen – der Vollmond aufstieg wie ein Blut verkündend Meteor, durch die feuchte Luft ins Unmäßige vergrößert, so war das bei dem tiefen Schweigen der nächtlichen Landschaft – nur das leise gurgelnde Ziehen der Alz durch das Schilf vernahm man – von mächtigster Poesie der Schwermut. Dagegen den Eindruck übermenschlicher, götterhafter Kraft machte »der Weitsee« (das heißt die gewaltige Wasserfläche, die sich von diesem Nordende des Sees ohne Unterbrechung bis zu der fernen Fraueninsel dehnt), wann Gewittersturm diese weiten Fluten empörte: jagte der Südsturm die unabsehbaren Wassermassen in hochgewölbten Wogen heran gegen die zitternde Brücke, war der Eindruck überwältigend. Bei dem starken Gefäll des Abflusses schien die ganze ungeheure Wucht des Sees sich auf einmal auf das Dörflein stürzen zu wollen wie wilde ungeheure Reiterscharen. Dann ward es am hellen Tag infolge der fast über den ganzen See gespannten Gewitterwolken so dunkel wie in der Nacht: nirgends sah man mehr Ufer, Berge, Land: nur die finstere, drohend steigende Fläche des Sees, zuweilen erhellt durch grelle Zickzackblitze; und unaufhörlich krachte und rollte weithin durch die Himmel der Donner: – ununterbrochen, weil, bevor der dröhnende Wiederhall des ersten Schlages, den die Berge zurückwarfen, verschollen war, schon ein zweiter folgte: ich wähnte mich dann mitten in den Kampf der Götter und der Riesen versetzt. Einmal verschlug mich der Südweststurm gegen die Felsen hin, die vor Chieming nah an die Oberfläche des Wassers reichen, das Ruder brach mir: ich wäre wohl verloren gewesen, hätten mich heimeilende Fischer nicht bemerkt, meinen Einbaum an ihr Boot gebunden und gelandet. Ich habe diese Chiemsee-Geschichten getreulich verzeichnet in meinen Erinnerungen (II.) Leipzig 1891. S. 217f. . Ich wiederhole, das Beste an all dem Treiben dort in Wald und Feld, auf Berg und See und Eiland war wohl das Träumen und Sinnen. Aber nicht ein bodenloses in die Luft hinein: sondern das Sinnen und Träumen über die Geschicke dieser Landschaft, dieser Inseln und Ufergestade, der Menschen, die in grauer Vorzeit hier gearbeitet, gekämpft, gehaßt und geliebt, geflucht und gebetet zu vielfach wechselnden Göttern hinauf, aber immer aus den gleichen Wünschen und Hoffnungen, Ängsten und Nöten des Menschenherzens heraus, die, verschieden gefärbt im Ausdruck, doch im Inhalt die nämlichen sind aller Zeit und jedes Orts. Diese Betrachtung nun hat mich von Jugend an gereizt: nachzusinnen, nachzufühlen, endlich nachzubilden, wie die immer gleichen menschlichen Triebe, Leidenschaften, Strebungen im Wechsel der Völker und Zeiten wechselnden Ausdruck, verschiedenartig gefärbte Form der Erscheinung annehmen. Wohl leuchtet die Sonne Homers auch uns, wohl sieht sie in den Menschen den gleichen Kern: – aber wie reizvoll wechselt die Schale! Wen das nicht anzieht, wer die Versenkung in solche Vergangenheit verwirft, der verwerfe den geschichtlichen Roman, aber auch wie die Antigone und die Elektra, so den Coriolan und den Macbeth, den Tell und den Wallenstein, den Götz und den Egmont, – kurz alle Kunst, die geschichtliche Stoffe wählt und schließlich auch die Wissenschaft der Geschichtsforschung. – Ich aber will berichten, wie ich zu dieser hier folgenden Erzählung kam. Wie weiland zu der Dichtung von »Felicitas« ein zufälliger Fund im Wald bei Salzburg und ein daran gereihter Traum den Anstoß gab, wie ein Stück gelben Bernsteins die »Briefe aus Thule« anregte, so sind hier die Träume dichterisch gestaltet und die »Sinnierungen«, die ein fremdartig geformt Hufeisen heraufbeschwor. Vor vielen, vielen Jahren war's. Ich saß an spätem Nachmittag des Erntemonds in Seebruck an dem Ausfluß des Sees, der raschflutigen Alz, an ihrem linken Ufer, gerade wo sie, stark ziehend, an die Brücke drängt. Da standen stets stattliche Bürschlinge. Ich hatte mit gutem Erfolg geangelt: der gierige Raubfisch biß scharf: denn das Wetter war schwül: fern im Süd zog ein Gewitter über die Kampenwand: der Wetterwind hatte stundenlang die Fluten des Sees grundtief aufgewühlt: einzelne große Regentropfen fielen schwer durch die Äste des alten Birnbaums. Ich hatte, der Seebeute befriedigt, die Angelgerte neben mich ins Gras gelegt und träumte und sann, wie so oft, in den See hinaus, die Berge hinan, der Menschen gedenkend, die einst hier geschafft. Ich sah über den Fluß geradeaus nach »Arlaching«, wo also ein Stammvater Harlacho, auf das ferne Chieming, weiter im Südosten, wo ein Hof-Erbauer Kiemo gehaust, dann auf die ragende Höhe von Ising nah im Nordwesten, »der Iso-Söhne Heim« ... – Seltsame Stimmung überzog mich. Ich dachte der römischen Inschriften aus »Bedaium« im Nationalmuseum zu München: ich sah die letzten Kohorten der Legio Italica II, pia , abberufen von Odovakar, abziehen auf der Straße nach Augsburg: – abziehen für immerdar. Ich sah die Bajuvaren von Osten, von der Donau, von Lorch und Passau, hereinwandern in das herrenlose, aber nicht leere Land – etwa 500 nach Christus – und sich allmählich ausbreiten nach Süden, nach Westen. Ich gedachte ihrer Stände: der Adalinge, des uralten Adels, der ältesten Geschlechter des Stammes, die fromme ehrfurchtvolle Sage von den Göttern, von Wuotan zumal, entsprießen und die Anfänge des Volkes begründen ließ: – eignete doch eines dieser Adelsgeschlechter, die Fágãna, in der Nähe seinen befestigten Stammhof: noch heute mahnen daran die Trümmer der Burg Fagen an der Mangfall. – Ich gedachte ihrer Gemeinfreien, der breiten Masse des Volkes, der eigentlichen Träger von Recht und Verfassung, den späteren Freibauern entsprechend, trotzig im Gefühl ihrer Kraft und ihrer Freiheit, den Adalingen nur Ehrenvorrechte, keinerlei Vorherrschaft einräumend, doch gern an der »Götterentsproßten« glänzendem Reichtum und Wesen sich freuend, solange es nicht in Übermut sich verstieg. Ich sah, vom Nebel der Legende mehr verhüllt als gezeigt, die ersten Goten des neuen Glaubens vom Westen her den Fuß setzen in diese Lande, in denen auf die keltisch-römischen, ohne sie völlig zu verdrängen, die germanischen Götter gefolgt waren: ich sah die paar einsamen Mönche furchtlos das Kreuz ihres Gottes aufrichten: – furchtlos, aber auch fruchtlos – bald sank es wieder und die Spur ihrer Schritte verlor sich: späte Nachfolger hatten ganz von neuem zu beginnen. Ich gedachte dann auch der bösen, ja scheußlichen, tierischwilden Feinde der Bajuvaren, ihrer schlimmen Nachbarn im Osten, der räuberischen Reiterhorden der Awaren, der wilderen Nachfolger der Hunnen, von deren unerhörten Grausamkeiten die Zeitgenossen mit Grauen berichten. So lag ich und sann und zuletzt dachte ich: spülte doch die aufgeregte Woge da zu meinen Füßen mir ein Stück, ein Erinnerungszeichen jener alten Tage in die Hand! Warum sollte kein solch' Andenken, von den Wassern des Sees überflutet, hier liegen? »Wuotan, alter Gönner, Wunschgott, erfülle mir diesen, wie zuvor manchen kühneren Wunsch. Du weißt, ich bin der letzte übrig Gebliebene, der an dich glaubt. Willfahre meinem Begehr. Laß mich etwas finden als Gedenkstück jener Tage.« »Kling! klang! klirr!« scholl es da zu meinen Füßen, bis zu denen der Südwind die trüben Wellen trieb. Rasch griff ich zu: an einen großen Stein am Ufer hatte die Welle angeschlagen ein seltsam gebogen Stück Metall; schwer blieb es liegen. Ich hob's heraus. Ich reinigte es mit dem Taschenmesser – demselben, das mir die Inschrift von »Felicitas« klar geschabt – von einer dicken, offenbar uralten Kruste von grünem Schleim, fest gewordenem Schlamm und Schmutz. Nun stieß ich erst auf den metallnen Kern. Es war ein Hufeisen, ganz verrostet, so morsch, daß die Krümmung bei leichtem Druck mir unter den Fingern zerbrach. Aber ein Eisen für so kleinen Huf wie kein Römer- und kein Germanen-Roß ihn je gehoben. Doch was für andre Reiter haben hier getrabt? Hunnen? Wäre doch gar lange her! Waren auch nie in diesen Landen! Aber vielleicht ...? Könnte sein. Ich legte mich zurück in das weiche Gras. Der ferne Donner war verstummt, der Regen tröpfelte nicht mehr. Aber noch lastete auf mir die Schwüle der Gewitterstunden. Ich schlief ein unter dem breitschattenden Birnbaum. Und nun' hob's an: »Die Edeln – die Fagana – die trotzigen Freien hier an der Alz mit ihrem weisen Mark-Richter – seine Tochter mit den weizenblonden Zöpfen – ein kecker Adaling – Gewalt – Fehde – plötzlich wilde Feinde – unzählige Rosse wie die Wellen des Sees – kleine zottige Gäule, – zahllos! wie die kleinen Hufe klappen auf der festen Römerstraße daher – von Osten. Weh, arme Bauern! Wo sind eure tapfern Reiter? Nur Reiter können euch retten. Ach, ihr habt sie verbannt. Sie zürnen – sie können, sie wollen euch nicht helfen ... ihr seid verloren.« Da, krach! Der letzte Donnerschlag. Aufgeschreckt aus Schlaf und Traum sprang ich auf: und es galt nur noch, auszugestalten, was ich gesonnen und geträumt. Erstes Buch. I. Es war an einem Frühlingsabend des Jahres fünfhundertsechsundneunzig nach Christus. Da saßen zwei Männer auf der Bank vor dem stattlichsten Gehöft des kleinen Weilers an dem linken Ufer der Alz, den die Römer Bedaium genannt hatten, aber die von der Donau her einwandernden Bajuwaren, die seit etwa hundert Jahren hier siedelten, »zur Seebrücke«, weil hier weiland die Römerstraße den Fluß hart am Auslauf aus dem See überbrückt hatte; die Brückenbalken hatten die abziehenden Kohorten hinter sich verbrannt: nun führte über die stehengebliebenen gemauerten Pfeiler nur ein schmaler schwankender Laufsteg, den die neuen Anwohner darauf gelegt. Jener Hof, der Arninge ragende Heimstatt, stand auf der Anhöhe, über die heute nördlich von Seebruck die Straße nach Seeon führt: so gewährte er weithin die Schau über Fluß und See und die fernher grüßenden Berge. Die beiden Männer, von etwa gleichem Alter – rüstige Fünfziger – sahen sich, obwohl nicht verwandt, ähnlich: der kernfeste schlichte Ausdruck der hart und ein wenig grob geschnittenen Gesichter, der steten grauen Augen war der gleiche, gleich die bemessene Ruhe der seltenen Bewegungen, gleich auch die wortkarge Rede, die den Gedanken mehr andeutete, erraten ließ als aussprudelte. »Hm,« meinte der Ältere der beiden, mit dem Ende des Speerschaftes Kreise zeichnend in den weißen Sand vor seinen Füßen, »manch' gedeihlich Geschäft haben wir gedingt diese vielen Winter her, Arno. Und das Angebot, das ich dir heute zutrug, wäre das gedeihlichste geworden. Aber du schlägst diesmal nicht ein in die hingereckte Hand.« »Noch nicht, Nachbar Iso. Ich sage nicht Nein. Aber ich sage auch nicht schon Ja!« »Nun, ich dächte,« fuhr der andere fort, beharrlich weitere Kreise ziehend, und so die innere Erregung meisternd, »der Muntschatz, den ich bot, ist – auch für Arntrud! – nicht zu niedrig bemessen. Hundert untadlige Rinder – alamannischen Schlags, – eisengraue! – das sind – du weißt es – die besten.« Arno schwieg, »Und langt das nicht, – du wolltest mir schon lange gern meine zwölf fetten Hufen abkaufen – da drüben, rechts der Alz, abwärts gegen den Hof des Truchtlacho hin – sei's drum: ich lege sie zu! – Es ist mir – es ist mir um den Buben. Meinen einzigen! Der Baumstarke, der Bärentapfere« – des Vaters Augen leuchteten vor Stolz ... aber rasch wich dieser Glanz trüber Trauer – »es frißt an ihm – es verzehrt ihn. Ich biete auch noch ...« »Schon zuviel, Iso, hast du geboten,« erwiderte nun der andere, leicht die Rechte hebend. »Ich würde von dir gar geringen Muntschatz heischen für das Kind. Aber eben: sie ist noch ein Kind. Ich kann sie noch nicht in den Schuh des Ehemanns treten lassen. Laß doch die beiden – wie bisher! – noch weiter als Kinder – als Nachbarkinder – nebeneinander hinleben.« »Mein Isanbert ist aber kein Knabe mehr. Und dann ...« Er stockte. – »Und dann?« – »Ich meine ... und er fürchtet ... auch die Blondgezöpfte ist nicht das Kind, für das du sie hältst. – Oder ... ausgiebst.« – »Ausgiebst? Ich pflege nicht zu lügen, Nachbar.« – »Nicht andern. Aber hier vielleicht – dir. Du täuschest dir vor, die Sechzehnjährige sei ein Kind, weil du ...« »Nun, weil?« fragte Arno, möglichst ruhig, gleichgültig im Klang der Stimme. Aber er konnte nicht verhindern, daß eine rote Blutwelle in seine tiefgebräunten Wangen stieg. »Weil du Zeit gewinnen, abwarten willst. Weil du dir selbst noch nicht eingestehen magst, wo du hinaus willst mit dem schönen Mädel. Hoch hinauf! So hoch wie – da drüben die Kampenwand.« – »Vielleicht,« erwiderte Arno langsam, ihm voll in die Augen sehend. »Vielleicht hast du recht,« »Siehst du!« rief der andere bitter. »Damit nämlich hast du recht: mir war's nicht klar geworden, bis du es aussprachst – unvorsichtig! Geister kommen, nennst du sie bei Namen.« – »Hüte dich vor diesem Geist: – Hochflug heißt er. Gleich mit gleich gedeiht am besten. Der Falk schlägt das Feldhuhn, er freit es nicht. Willst du, unter uns Gemeinfreien der Erste, der Richter der Markgenossenschaft des ganzen Untersees, dein Kind emporheben unter die Edelfreien, daß es auf jener Höhe gering geachtet werde?« »Bei Donar, nein!« rief Arno. »Weh jedem, der uns gering achten wollte. Aber – winkt mir jener Wunsch, – es ist mir nicht um mich oder um das Kind. Es ist mir nur – um die Mark, um das Ganze. Das darf ich sagen.« – »Du darfst es sagen. Andere würden's lügen.« »Sieh, Freund,« begann der Richter, tief Atem schöpfend und, voll Bedachtes, langsam sprechend, »auf der Eintracht zwischen uns und den Edelfreien ruht das Gedeihen, ja die Erhaltung all' unserer Höfe, der ganzen Mark. Was die Eintracht stärkt, stärkt uns alle. Und wahrlich: wir können solche Stärkung brauchen: – wir wie die Adalinge.« – »Gut, daß nicht Harlacho – da drüben unter seinen Weiden am See – dich hört, der grimme Adelshasser! Laut würde er schreien, daß wir sie nicht brauchen, die Hochmütigen.« – »Hochgemut dürfen sie sein, die götterentstammten, uralten Geschlechter,« – »Sie sind aber gar oft – darüber hinaus! –übermütig, selbstisch, voll Überhebung ...« »Ich meine, ich höre Harlacho,« lächelte der Richter. »Laß ihm doch noch ein paar Schmähworte übrig. Und – unter uns alten Freunden geraunt! – sind nicht unter uns Gemeinfreien gar manche gehässig, neidisch gegen die Adalinge? Wir gehören so notwendig zusammen wie Schild und Schildbuckel. Und doch! schon oft hat in diesen Jahrzehnten der Freiheitstrotz der Unsern, und – ich muß es einräumen! – der Übermut manches unter unsern Adalingen, den Faganos an der Prien da drüben, das Schwert der Fehde halb aus der Scheide gezogen.« – »Um zu verhüten, daß es vollends herausfahre, hast du ja vor zwei Wintern den Beschluß des Herbstdings durchgesetzt, daß keine Sippe für sich allein den Fehdegang beschließen dürfe, nur das Handmehr aller Markgenossen.« – »Ja, so hoffe ich die Gefahr zu bannen. Denn es werden sich neben den Stimmen der Ergrimmten stets vernehmen lassen die mäßigenden der nicht selbst Verletzten. Aber freilich, zugestehen mußte ich den zweiten Beschluß, daß, verlangt das Handmehr den Blutgang, jeder Markgenoß die Fehde als eigne aufnehmen, mitkämpfen muß, Nun, das wird wohl nie werden. Denn gegen solche Übermacht der gesamten Märker wird Wohl keine Sippe die Fehde auf sich nehmen, jede wird sich der Sühne, dem Rechtsgang fügen.« »Es ist das, mein' ich, in all diesen Jahren das Weiseste was du geraten: ich gönne, ich wünsche dir, daß du die Frucht dieser Saat einst selbst ernten mögest. Wir müssen zusammenstehn, du hast recht. Denn wir sind viel bedroht.« – »Ja, wie die Weltesche, an der überall Feinde nagen: – an den Wipfeln wie an den Zweigen und an den Wurzeln. Und die Helfer – sind weit.« »Und anderwärts vollauf in Arbeit,« nickte Iso. »Seit etwa fünfzig Wintern, als die Frankenkönige, übermächtig, nachdem sie unsere Nachbarn in Niedergang und Mitternacht: Alamannen und Thüringe, bezwungen, eines ihrer Adelsgeschlechter, die Agilolfingen, über unsere fünf alten gauküniglichen erhöht haben, ist uns doch von jenen Merowingen – fern drüben über dem Rhein! – noch niemals Hilfe gekommen wider unsere schlimmen Nachbarn im Aufgang, – die Slovênen. Und nun soll ein neues Reiter- und Raubvolk, von Unholden, in der Steppe von Nachtelben mit Alraunen gezeugt, aufgekommen sein, greulich, von viehischen Sitten. Und bis an die Enns schon sollen ihre kleinen zottigen Gäule traben.« – »Ich hörte davon. Aber wie heißen sie doch?« – »Awaren! Schweifende, soll das heißen in ihrer Sprache. So hat ein aus ihrem Volk Gefangener – in einer Schlacht bei Linz – dem Fagano bedeutet. Woher soll uns Hilfe kommen wider alte und neue Feinde? Nicht von den Merowingen, nicht von den Austrasiern zu Metz! Zur Zeit waltet dort – so berichtete des Fagano Sohn ...« »Jener Adalfrid,« unterbrach Iso grollend. »Du siehst sie nicht selten, die Adalinge, den Sohn wie den Vater.« »Und leider auch – öfter als mir lieb! – den frechen Neffen,« meinte der Richter, die Brauen furchend. – »Nun, Adalfrid, der Sohn, ward von unserem Herzog Tassilo zu Regensburg zu den Merowingen übern Rhein gesandt, Hilfe zu erbitten wider die Slovenen, die von Südosten her die Gail und Drau heraufdringen: – schon lange haben sie ein Thal verödet und dann Pustriza – ödes Thal – genannt. Wenig Trost brachte der junge Adaling aus Metz zurück! Dort waltet zwar eine hehre Königin, Frau Brunichildis, wacker für ihren wehrunmündigen Sohn. Aber sie konnte keine Heereshilfe versprechen. Denn eine böse Walandine, rotlockig, aber zauberschön, – Loges Tochter soll sie sein – bedroht ihr Land unablässig mit Krieg: Fredigundis nennen sie die Leute und zittern bei dem Namen! Unser Herzog aber hat Arbeit genug mit den Slovenen. So müssen wir uns selber helfen und Eintracht halten mit den Adalingen. Und deshalb...« »Und deshalb soll mein Bub das Nachbarmädel nicht haben, mit dem er von Kind auf gespielt, das er einmal aus der tiefen Alz da drunten gerettet, dem tückischen Neck entrissen hat.« »Alle Götter mögen's ihm lohnen!« »Aber nicht Frau Berahta: – scheint es, geht es nach deinem Wunsch. Denn danach soll dein Kind des Adalings Weib werden, der da sein Trutzhaus auf der halben Höhe der Kampenwand gebaut hat und der ihr freilich vieler anderer Höfe Schlüsselgewalt verleihen kann an der Prien und der Mangfall, an der Glon und dem Inn. Wohl weiß ich: es ist dir dabei nicht um den reichen Besitz und den Adelglanz: – dir ist's um die Mark. Deshalb haben wir dich zum Markrichter gekoren, als du kaum vierzig Jahre zähltest. Und gerecht und weise hast du des Amtes gewaltet diese zehn Winter. Und es ist auch wahr: der schöne Adaling ist gegen meinen starken Isanbert wie der Edelhirsch gegen den Ackergaul. Aber doch, Freund Arno! Möge es dich niemals reuen, dein Kind an die stolzen Faganos gehängt zu haben. Gedeiht die Linnenblüte auf der Kampenwand?« Er stand auf, reichte dem Freunde die Hand, ging den Wiesenhang hinunter an die Alz und überschritt sie auf dem schmalen Laufsteg, von dem ab auf dem rechten Ufer der Weg zu der Höhe führte, wo sein Gehöft, das der »Isinge«, lag. *   II. Das wellige Gelände, das sich von den heutigen Dörfern Gstad und Breitbrunn gen Norden nach Seebruck hinzieht und meist von Kornfeldern und Wiesen, selten und undicht von Gehölz bedeckt ist, trug damals auf seinen Höhen fast undurchdringbaren, nur von schmalen Jägerpfaden durchschnittenen, Urwald, während die Niederungen von dem nach allen Ufern viel weiter ausgedehnten See mit Seichtwasser oder Sumpf überspült oder überzogen waren. In dem über Manneshöhe ragenden Schilf mit seinen dunkelbraunen, bei jedem Lufthauch zierlich wiegenden Federblüten, stapfte hochaufspritzend der ungeschlachte Elch mit seinem mächtig breiten Schaufel-Geweih, wühlte der grunzende Wildeber, röhrte der stolze Hirsch. Nur dicht südwestlich vor Seebruck hatten die Markgenossen oben auf den Höhen den Wald ein wenig gelichtet und seine nördlichen Ausläufer »mit hallender Hacke und brennendem Brand, mit beißendem Beil und flammender Fackel« ganz gerodet und geschwendet, sonnenbeschienene trockene Wiesen – die Almännde-Weide – für ihre Herden zu gewinnen. In solche Nähe der Menschen mit ihrer lärmenden Hantierung wagten sie sich nicht, die gewaltigen Raubtiere jener Wälder: die Bären, die in den Felsenhöhlen der Kampenwand und des Hochgern nicht selten hausten, und die Wölfe, die nur in harten Wintern, vom Hunger getrieben, dann aber in starken Rudeln, gegen die Gehöfte trabten und die Ställe umheulten. Der Luchs freilich lag wohl auch in dem nahen Almänndegehölz, wagrecht hingestreckt auf dem seinem rotbraunen Fell ganz ähnlichen Eichenast; und manch verirrt Zicklein fiel seinem nie fehlenden Ansprung auf den Nacken zum Opfer; aber an Menschen traute er sich nicht; noch auch, außer im Wundzorn, die bösartige Wildkatze. Daher gingen auch die Frauen und Kinder des Dörfleins furchtlos ihrer Arbeit nach in den Weidewiesen und dem gelichteten Hag der Almännde. So wandelten denn am Morgen nach jenem Zwiegespräch vor der Arninge Hof aus dessen Pfahlwehre eine Jungfrau und ihr klein Schwesterlein Hand in Hand, dann aus dem Dorfe hinaus auf die nahe Waldwiese im Südwesten; die ältere trug auf der linken Schulter eine mächtige »Butte«, das heißt ein hohes schmales Gefäß aus weißem Lindenholz, während das Kind eine zierliche kleine Nachbildung dieses Bottichs in der Hand führte. Es war noch früh am Tag. Die steigende Morgensonne warf einen breiten Strahlenguß, einer goldenen Brücke vergleichbar, von den Ostbergen her auf den regungslos liegenden, von keinem Lüftchen, keiner Welle gekräuselten spiegelglatten See. Der Tau glitzerte und glänzte auf allen Grashalmen, allen Blüten: er näßte die Flügel der Wildbienen und machte es ihnen schwer, von Glockenblume zu Glockenblume zu fliegen: sie setzten sich klüglich auf die breiten Polster der Skabiosen, sich hier zu sonnen und die Flügel zu putzen und zu trocknen; über dem schönen dunkelroten Agelei schwebte, wählerisch den Rüssel in den Kelch tauchend, der hellgelbe Segelfalter. Vom Dorfe her – im Rücken – scholl durch die morgenstille Luft ein lauter, langgezogener Schrei. Das Kind wandte das Köpflein. »Welcher Vogel hat da gesungen, Trudis?« – »Das war der neue, der große, mit dem roten Kamm, weißt du, den uns Secundus neulich mitgebracht hat von der Stadt – das ist ein großes Dorf – am Lech.« »Der Vogel mit seinen drei Frauen, den Eierhühnern? Er singt den steigenden Tag an: ›Tagsänger‹ nennen ihn drum die Nachbarn. Ich höre aber lieber,« plauderte die Kleine weiter, »das Girren und Gurren der weißen Taubenvögel, die dir der Gute schon früher gebracht: ich weiß nicht, woher. Aus Salzburg mein' ich? – Warum geht der Alte so oft es der Vater erlaubt in die Fremde?« – »Er sucht seinen Gott,« – »Ja aber, ist der nicht auch hier zu Land wie die Unsern?« – »Mag sein, aber nicht seines Gottes Priester.« – »Sind gar zahm geworden, die girrenden, binnen Jahr und Tag.« – »Sieh, da hinter uns glänzen ihre weißen Schwingen hoch in der Luft im Sonnenschein. Wie das blendet! Jetzt haben sie mich erschaut, erkannt! Sieh, wie pfeilschnell sie herangeflogen kommen! Kommt! Gurri-Gurri!« Und sie reckte den rechten Arm, heranwinkend, über den Kopf. Alsbald flatterten, aus großer Höhe schräg sich herablassend, zwei weiße Tauben hernieder und setzten sich auf die beiden Schultern des schönen Mädchens, mit den gesträubten Flügeln zierlich schlagend, das Gleichgewicht zu suchen. »So, so, nur ruhig! – Nun aber, Arnhild, komm und hilf bei der Arbeit.« Sie hatten jetzt den Wiesengrund, der zu ihrem Gehöfte gehörte, erreicht; er erstreckte sich bis an die Bäume des Almännde-Waldes hin: zahllose Angerblumen des Lenzmonds neigten im nun leise beginnenden Morgenwind die Köpflein. Hier vorn, auf der lichtbestrahlten Wiese, lag es bunt wie ein farbenreicher Teppich – das weiß-rote Schaumkraut neben dem gelben Hahnenfuß und dem lichtblauen Frühlingsenzian leuchteten um die Wette im Sonnenglanz, während tief drinnen, im schattigen Grunde des Waldes, der Tüpfelfarn und die gelbe Goldnessel die purpurne Heidelbeerblüte überragten, an der mit dichtbestäubten Höslein die Hummel naschte. Über den Grasanger hin waren lange Streifen von fein gesponnenem Linnen, säuberlich nebeneinander, zum Bleichen hingespreitet: die obere Seite schimmerte schon ganz weiß: nun wandte das Mädchen emsig Stück für Stück, die andere Seite dem Lichte zuzukehren. Dabei besprengte sie, auslesend, manche Streifen aus dem Holzbottich, den sie, wann geleert, nachfüllte aus dem Gerinnsel eines schmalen Wässerleins; das rieselte, an steileren Strecken in Holzröhren – durchbohrte Baumstämme – gefaßt, die geneigte Halde zu Thal, dem See zu. Die Kleine half ihr eifrig dabei, mit ihrem Wasserkrüglein ebenfalls hin und wieder laufend. Nun aber hielt sie inne, setzte sich außer Atem auf den gehöhlten Baumstamm und fragte, die hellbraunen Augen weit aufreißend: »Trudis, woher kommt das Linnen?« – »Du weißt es ja – fort, fort, Gurro und Gurra, von den Streifen! – das Linnen kommt von dem Flachs.« – »Ja, den du spinnst an den langen, langen Abenden, wann die Frauen und Töchter der Knechte aus den Schalkhöfen bei uns zusammenkommen. Wer hat dich gelehrt, die Spindel so hurtig tanzen lassen auf dem Estrich?« – »Die liebe Mutter.« – »Ach, ich hab sie nicht gekannt. Du warst mir die Mutter! Aber wer hat es die Mutter gelehrt?« – »Die Großmutter.« – »Ja aber, wer hat's die erste, die aller-aller-erste Großmutter gelehrt?« – »Das hat gethan Frau Berahta, die hohe Herrin, aller Hausfrauen oberste und Vorbild. Hold sei uns die Hehre immerdar!« – »Und wo kommt der Flachs her, der dort drüben jenseit des Moosrieds aus den Schollen wächst?« – »Der? Der kommt aus dem Samen von älterem Flachs.« – »Ja aber – von Anfang – ich meine: wer war die Großmutter des Flachses?« Die Schwester lachte: »Den ersten Samen hat in die braunen Schollen gesteckt Gott Frô, von dem aller Körner Gedeihen stammt; weißt du, der, zu dessen heil'ger Buche die Gauleute fahren und reiten, wann der erste Reif über die Felder fiel, ihm Roß und Rind fürs nächste Jahr durch Opfer von Weizenbroten zu empfehlen.« – »Ja aber ...« – »Was denn wieder, kleines Abermäulchen? Du kannst leichter fragen als ich antworten.« – »Ja aber, es ist doch nicht Frô, der den Roggen reckt und die Hirse hebt,« – »Das hast du gut gemerkt aus des Vaters Opferspruch um Ernte! – Nein, das ist Donar, unser, der Pflugleute, nächster Herr. Er befreunde uns Acker und Eigen! Und feste den Frieden!« – »Aber Donar ist doch nicht der Mächtigste.« – »Wird wohl mächtig genug sein für dich, du Kecke!« – »Ja aber, da meinte jüngst der Adaling ...« »Welcher?« fragte das Mädchen rasch und hielt inne im Sprengen des Wassers, »Wen von ihnen hast du zuletzt gesehn?« – »Nicht den Guten: – den Argen, den Ragino.« Arntrudis nahm die Arbeit wieder auf. »Er hielt,« fuhr die Kleine eifrig fort, »von der Wisentjagd zurückreitend, vor unserer Hofwehre: scharf spähte er, hoch hob er sich in den Bügeln darüber hinein, als wolle er mit seinen kohlschwarzen Augen durch Holzwand und Hausthür schaun: dann verlangte er Wasser für seinen Rappen, der war ganz verlechzt: Schaum sprühte von den Nüstern. Der Adaling befahl ...« »Er befahl?« fragte Arntrudis, die Stirne furchend. – »Ja, recht barsch. Ich erschrak: ich wollte aufspringen von der Thürbank und an den Hofbrunnen laufen, aber Nachbar Isanbert, der gekommen war, den Vater zu holen zum Hechtstechen, hielt mich zurück: er haschte mich am Zopf – es that weh! – und rief: Halt, Hilde. Wie spricht deines Vaters Spruch? Gutem Gast gieb Gewährung, Dem Bittenden beut, Wes er bedarf und begehrt: Doch herrischem Heischer – Und wollt er nur Wasser – Weigre den Wunsch. Da rief der Reiter zornig – er stieß dem armen Roß den Sporn in die Flanke, daß es hoch bäumend stieg –: ›Verschmachten soll mir der Hengst, eh der Adaling euch bittet, ihr Keucher hinter dem Pfluge. Hoch wie der waltende Wuotan über eurem Garben-Gott ragt der Adel über euch Gemeinfreien!‹ »Der Übermütige!« grollte das Mädchen. »Vor des Vaters Hof!« – »Und sprengte wild an uns vorbei durch eine Wasserpfütze, daß der Schmutz mich bespritzte – er that's wohl mit Fleiß! – und den Nachbarsohn. Der sprang ihm nach, drohend, mit geballter Faust, Aber wie ein schwarz Gewölk vor dem Sturm war er entflogen, – Wie ist das, nun, was der Wilde geprahlt hat von Wuotan und Donar und von den Adalingen hoch über uns?« Die Jungfrau sann eine Weile nach, dann sprach sie ernst und bedachtsam: »Wuotan ist Donars Vater: so ist er erhabener denn der Sohn: er ist der Adalinge Schirmgott, wie Donar der unsre. Aber auch Allvater ist Wuotan und so auch der unsre. Und die Adalinge ...« – sie errötete ein wenig – »wohl mögen sie stolz sein und hoch die Häupter tragen! Sind sie doch von dem Götterkönig, von Wuotan selbst entstammt, der ihnen viel von seiner Art vererbt hat. Und die ältesten, die ersten Sippen sind sie unsres Volkes. Drum werden sie auch, wird einer erschlagen, mit zwiefachem Wergeld gebüßt. Jedoch frei, freigeboren und nie in der Vollfreiheit gemindert oder geniedert sind von alters her auch wir. Und Übermut der Edeln, – sagt der Vater – ist zwiefach übel.« »Wenig mag sie, die Adalinge, Harlacho, der Nachbar drüben unter den Weiden am See.« »Wenig Ursach soll er haben,« meinte die Schwester, eifrig sprengend. – »Aber auch der starke Isanbert! Groll trägt er ihnen allen! Auch ihm, der mir aus allen der liebste, Adalfrid dem Freundlichen.« – »Ah ja! Und der ist doch ...« – »Ei, der ist so lieb und leuchtend wie der Vater Paltar lobt, den lichten Lenzgott: er ist ihm gleich in allem!« – Arntrudis erschrak'. »O schweig! Unheil birgt dies Wort! Früh fällt der Lichte.« »Ja aber ...« wollte die Kleine wieder anheben, als sie sich mit einem schrillen Schrei unterbrach und erschrocken gen Himmel wies: hier verfinsterte plötzlich ein breiter Schatten das von Osten einfallende Sonnenlicht: auch Arntrudis, nun emporschauend, stieß einen Schrei aus: eine ihrer Tauben, die hoch im Blau über der Herrin Haupt zierliche Kreise gezogen hatte, war von einem mächtigen Raubvogel, der schon vorher unvermerkt auf der nächsten Tanne des Vorholzes aufgebäumt hatte, im Fluge geschlagen worden. Pfeilschnell schoß der Räuber, die Beute in den Fängen, mit hastigen Flügelschlägen dem Walde zu. »Gurra, arme Gurra!« klagte die Kleine. Da – auf einmal – stockte der Habicht in seinem windraschen Schwung: einen Augenblick rittelte er, mit den gewaltigen Schwingen schlagend: dann ließ er den Raub aus den Waffen fallen und stürzte selbst mit dumpfem, schwerem Schlag zu Boden. Nun sprang aus dem dichten Hasel- und Brombeergebüsch des Gehölzes der glückliche Schütze, haschte die Taube, die, halb betäubt vom Schreck, im hohen Grase zappelte, und schritt auf die beiden Schwestern zu. *   III. Er war strahlend schön, der hochgewachsene Jüngling, im Schmuck der lichtblonden Locken, die ihm in langen Wellen aus dem schmalrandigen Jägerhut von grauem Filz quollen, an dem auf der linken aufgeschlagenen Seite eine silberne Spange die hellblauen Spiegel des Eichelhähers mit dem zarten weißen Flaum vom Hals des Lämmergeiers und die lange Kopffeder des Silberreihers fest zusammenschloß. Gar ungleich feiner als die Wolle an den schlichten dunkelfarbigen Röcken der beiden Mädchen waren die Stoffe an des jungen Jägers Gewandung: in zierlichen Wellenlinien war ein kirschroter Strich von feinstem friesischem Tuch um die Achselränder, den Halsrand und den Schosrand des moosgrünen Wamses gewirkt; die breiten Lederbinden, die von den wohlgeschnittenen hohen Jagdschuhen über die Knöchel hin die Waden rautenförmig bis an die nackten Kniee umhüllten, waren fein gesteppt: die Arme, auffallend weiß, – auffallend, weil sie nie Ärmel, und nur im Winter der Mantel bedeckten – umschlossen in Schlangenform gewundene fingerdicke silberne Ringe; auch der Wehrgurt von Elchleder zeigte silberne Schmuckscheiben; in den Griff des Kurzschwertes war ein Jaspis gefaßt, der aus weißem Lindenholz geschnitzte Köcher, der, an fest gedrehter Schnur über der Schulter hangend, die langen von Adlerfedern beschwingten Pfeile trug, glänzte an der Öffnung von Onyx und Karneol und auf der nackten oberen Brust war an weißem Lederriemen ein Schutz- und Zauberzeichen sichtbar: ein langer Bernsteinstift in Gestalt eines Speeres; in der Linken trug der Schütz den Langbogen von zähem Eibenholz, der ihm bis an die Schulter reichte, die Rechte barg die noch immer zitternde Taube an dem Brustwams. So schritt er auf die Mädchen zu: ein sonniges Lächeln spielte um die sein geschnittenen Lippen, die, wie die Wangen, ein blonder Flaumbart mit dem Reiz der Jugend schmückte. Die Kleine lief ihm hurtig entgegen: in hohen Sprüngen, daß das kurze braune Röcklein flog, setzte sie über die nickenden Halme: als sie dicht vor ihm stand, patschte sie in die rundlichen Hände: »Dank dir, Adalo, Lieber! Dank dir und Heil! Gurra, Gurra, lebst du noch?« – »Jawohl! Und unverletzt, vom Pfeil wie von der krummen Waffe Herrn Hapuchos: der ist der Lufträuber frechster wie Herr Hechit von denen im Wasser. Da, Arntrudis, nimm sie hin.« Viel schöner doch noch als zuvor war das schöne Mädchen jetzt, da der Strahl des freudigen Dankes, der unverborgenen Bewunderung ihr blühendes Antlitz verklärte. Wie leuchteten die dunkelblauen Augen, als sie das nun beruhigtere Tier nahm und an den kaum entknospten Busen drückte: so war das von einem der jungen Herzen an das andere gewandert. »Dank, Adalfrid! Das war ein Schuß!« Sie gab die Hand. »Wer ist deinesgleichen?« – »Ei, gar mancher im Gau. Der älteste von den Huosi, dort an der Amper, trifft noch schärfer.« »Und stets erscheinst du mir zur rechten Zeit,« fuhr sie, mit dankfreudigem Blick zu ihm emporschauend, fort. »Wie diesen Hornung, da dein Speerwurf den Bären traf, der unsern Schlittengaul schon gerissen hatte – Secundus war in den Schnee geschleudert – ich sprang heraus und schrie in Todesnot: da flog plötzlich den Tannenbühl herab ein Speer von hinten hart an meiner Schulter vorbei! – ich sah um: du warst es – auf deinem Weißhengst sprengtest du hinter uns zu Thal.« »Ja aber,« meinte die Kleine, »wie kommt es denn, daß du immer um die Wege bist – ganz nah zur Hand – wie bestellt! – wann der Trudis da was droht? Wie kommst du nun heut in aller Frühe wieder in die Waldboschen? Gewiß hast Brombeeren gesucht. Ja, ja! dort wachsen gar süße: aber sie sind ja noch nicht reif!« Hellauf lachte der Jäger und strich ihr über das rotbraune Haar, das sich in kleinen eigensinnigen Locken rings um den Kopf krauste. »Bin nicht so genäschig wie du, elbisch Gewächslein.« Arntrudis aber sah ihm ruhig und fest in die grauen Augen: »Wie das kommt? Weil ihn mir zum Schützer die Götter gekoren!« »O wär' es wahr!« rief der Edeling mit leuchtenden Augen auf sie blickend. Aber sie blieb ganz ruhig und unbefangen. »Es ist,« sprach sie. »Am Abend von Frôs großem Opfer, nach der Drischellege, als die Knechte auf der Tenne den letzten Drischelschlag auf die letzte Garbe gethan und der Goldeber – vom besten Weizen buk ich ihn! – verzehrt war, da sprach der Vater, bevor wir schlafen gingen in unsere Frauenstube: ›Das ist eine Los-Nacht! Nahe sind heut' alle Götter. Wer heute Nacht, das Haupt mit den getrockneten Sengkräutern umwunden, einschläft und dabei die Himmlischen anruft, den besten Freund und Beschirmer, den sie uns gesetzt, im Traume zu zeigen, der erblickt ihn unfehlbar alsbald.‹ Der Vater ging dann, zu den Göttern flehend, mit der heißen Räucherpfanne opfernd und weihend, durch die Halle, die Ställe, die Scheunen und die Schlafstuben: würzig, fast betäubend stieg aus der Glutschale der schwere Duft der heilgen Kräuter auf, die wir zu Anfang des Erntemonds, schweigend, vor Hahnenkraht, mit den alten Steinmessern der Ahnen geschnitten: – ich folgte mit leisem süßem Grauen dem strengen Schmack: immer dichter stieg weißkräuselnder Rauch aus dem Glutbecken: nun schwenkte das, als ich zu Lager gestiegen, der Vater noch siebenmal über mein Haupt: ich sah's wie weiße Gestalten über mich schweben ... Und kaum war ich entschlafen, noch das Gebet an Frau Berahta, meine Schutzherrin, auf den Lippen, da kamen mir schwere Träume. Üble Wichte, Waldschrate und braune Alraunen hatten mich dicht umringt auf dem Tannenbühl, wo ich auf dem Waldmoos lag: immer näher drangen sie an: schon saß mir's lastend auf der keuchenden Brust – mich ritt die Drude. ›Zu Hilfe,‹ rief ich, ›du, mein gottergesandter Beschirmer!‹ Und sofort sah ich ihn – ich meine: dich! – heransprengen auf seinem Weißhengst, mit gezücktem Speer – sein Goldhaar flatterte im Wind – die Schrate zerstoben in Nacht – die Drude schwand in eitel Luft – ich konnte tief atmen: ich erwachte und lächelte: ›Dank, Adalfrid!‹ Dank! Wie so oft schon! Wie ... immer.« »Hei, könnt' ich doch mal mehr für dich thun als Bär und Habicht erlegen!« »Ja aber,« forschte die Beharrliche, »jetzt weiß ich doch immer noch nicht recht, wie du heut früh in die Brombeeren geraten bist? Schwerlich doch hat dich Frau Berahta an der Hand hergeführt?« »Nein,« lachte der Jäger. »Aber ... ich wußte, daß du Kleine – vielmehr daß ihr beide – bald nachdem die Sonne auf den Weitsee schaut, hier euer Linnen wendet und besprengt.« »Und da hast du uns helfen wollen? Bist ein viel guter Bub!« lobte das Kind und reckte sich, ihn zu streicheln. »Das nicht!« Er errötete leicht. »Aber ich habe etwas mitgebracht – für deine Schwester ... was ich für sie gefangen.« »Ei was?« fragten, gleich neugierig, beide. »Gleich! Gleich!« Er eilte in ein paar Schritten in den Vorwald zurück und kehrte bald wieder, in der Rechten ein viereckig länglich Kästchen, gar zierlich aus Schilf und Weiden gefügt: darin saß auf einer Querstange ein unscheinbar graubraun Vögelein: ganz zutraulich sah es: ohne Flattern und Hüpfen ließ es geschehen, daß der Käfig von seinem Herrn in die Hände der Fremden überglitt und blickte der ganz vertraut in die hineinspähenden Augen. »Was ist das?« forschte sie. – »Nur ein klein Vögelein.« – Ich hab' dergleichen nie im Hag gesehen.« – »Ja, sie weilen nicht hier. Ist ihnen wohl zu rauh. Aber oft hab' ich sie singen hören, weit da drüben, über den Bergen, wann ich mit dem Vater und den Gesippen in des Herzogs Heer hinüberzog zu den Langbärten, ihnen zu helfen wider die falschen Byzantiner in der Rabenstadt. Du – dort – dort drüben ist's aber schön! Warm, fruchtbar und reich! Dort in Hecken und Büschen, die – denk' dir nur! – auch im Winter grün bleiben, lernt' ich das Vöglein kennen. Und seinen Sang lieben. Bei den Langbärten gilt es Freia geweiht.« – »Der Liebesgöttin! Warum?« »Weil's gar so heiße Lieder singt, werbend um sein Weibchen! Und – denke nur! – es singt auch zur Nacht. Neulich – in der schwülen, mondhellen Nacht – wieder einmal konnte ich nicht schlafen, wie jetzt so oft! – hört' ich ein Singen in den blühenden Rotdornbüschen vor unserem Hof zu Fagen. Gleich mußt' ich dein gedenken.« – »Mein? Ei warum?« – »Ah ... ich weiß nicht. Kaum konnt' ich den Morgen erwarten: ich stellte das Fallnetz, darin wir im Herbst die Wacholderdrossel fangen, –: ein paar gelbe Würmer zur Köderung und flugs huschte die liebe Neugier – sie hatte mir beim Fallenstellen zugesehen, das Köpflein hin- und herdrehend! – darunter und war gefangen. Und in wenigen Wochen ward sie gar zahm und zutraulich. Ich schenk' es dir. Und singt es in der stillen Nacht ...« Sie reichte ihm die Hand und sah ihm fest ins Auge: »Dann denk' ich dein, der mir's geschenkt. So denn – schon wieder: – Dank.« – »Ja aber, warum hast du's denn nicht gleich in unsern Hof getragen?« Er errötete wieder. »Ich ... ich war ja auf dem Wege! Doch: nein: nicht lügen! Ich wollte es euch lieber allein geben. So harrte ich euer hier, im Buschicht geborgen.« – »Ja, ja,« meinte das Kind, gar wichtig, klug. »Nachbar Isanbert ist immer irgendwo in der Nähe. Und der, so oft er dich in unserem Hofe findet, grollt er und sieht so finster wie der Weitsee zur Nacht. Und sein Vater auch.« – »Aber euer Vater ... grollt er dann auch, Klein-Elbchen?« – »O nein! Du! Der hat dich gern! Jüngst sagte er, fast wie unsern Bruder, den armen Arnger, der vor ein paar Wintern in dem Geklipp des Kiemo beim Weststurm versank mitsamt seinem Einbaum. Er freut sich immer, sieht er dich antraben auf deinem weißen Rößlein.« – »So? Dann komm' ich bald wieder angetrabt! Aber heut' bin ich zu Fuß: und weit ist der Weg bis an unsern Hof nah der Prien. Freia befreunde, Berahta befriede euch beide.« Er drückte ihnen die Hände, wandte sich und eilte, den Wald links lassend, auf der alten Römerstraße, die sich hier nach Westen bog, davon. Die Mädchen beendeten nun flink und fröhlich die Arbeit und gingen in das Dorf zurück. Als alle drei verschwunden waren, ward es gar seltsam lebendig hoch in dem Wipfel einer dichtbelaubten Ulme in der dritten Baumreihe des Waldes: und alsbald glitt an dem Stamm, von Querast zu Querast ganz geräuschlos sich niederlassend, ein anderer Weidmann herab: ähnlich dem ersten an reichgeschmückter Gewandung und vornehmer Gestalt, aber etwa zehn Jahre älter und ebenso dunkel an Haar, Haut und Auge wie jener licht. Als er sich, an dem Fuße des Baumes, behutsam vorspähend, überzeugt hatte, daß Wiese und Wald ganz leer waren von Menschen, sprang er behend wie der Sumpfluchs auf den toten Habicht zu, der da im hohen Grase lag, zog ihm den Pfeil aus der Brust und verwahrte ihn sorgfältig im Wehrgurt. »Hei,« lachte er vor sich hin und die schönen, aber sehr scharf geschnittenen und finsteren Züge erhellte ein seltsam Licht, »also Vetter Adalo hält Frühpirsch auf das Dorfdirnlein? So weit ist das schon? Nun, weiter soll's nicht wachsen! Sein Pfeil schützt sie vor dem Räuber! Ah, dem armen Hapucho fehlte meine Brünne: mir soll beim Fang des Täubleins – bald hol' ich mir's! – sein Pfeil nicht schaden. Aber Vater Fagano soll erfahren, wo die Schäfte mit der Adlerfeder bleiben.« Rasch war er im Gehölz verschwunden; in dessen Tiefe stand, an eine schlanke Tanne gebunden, ein prachtvoller Rappe, der den Herrn mit freudigem Wiehern begrüßte. Der Schwarzlockige schwang sich in den Sattel und jagte alsbald auf dem schmalen Waldpfad dahin. »Lauf,« flüsterte er, dem Hengst den Hals klopfend, »lauf, Nachtelb! Wir wollen dem Milchbart zeigen, daß vier Füße flinker als zwei!« *   IV. In der Nähe des heutigen Marktes Prien, in südlicher Richtung gegen den See zu, oberhalb des Dörfleins Ernsdorf, erhebt sich ein ansehnlicher Hügel, heute in der Senkung nach Norden von dünner Holzung bedeckt. Damals aber rauschte noch mächtig der Urwald auf jener Höhe: nur auf deren Krone war ein Geviert geschwendet worden mit Feuer: – daher hieß man es dort: »im Gebränd«: der Zugang zu einem Gehöft der Fagana sollte auf allen Seiten auf Pfeilschußweite ohne Deckung liegen. In dem viereckigen hochumzäunten Hofraum, der das Wohngebäude, das Badhaus, den Backofen, die Scheuer und ein paar »Schupfen« von Unfreien, sowie den geräumigen Pferdestall umschloß, stelzte hochbeinig ein Kranich mit verschnittenen Flügeln: der »Kranich-Adler«, der starke Falke, der den Kranich wie den Reiher lebend beizte, unversehrt dem Falkner zutrug und so auch diese Beute eingebracht hatte, mit silberner Kette auf dem Stender festgebunden, schien mit Befriedigung auf seinen Gefangenen herabzublicken. Auch eine zahlreiche Meute trieb sich hier um: da fehlte weder der Biberhund noch der Spürhund, weder der Windhund noch der Sperberhund, der bei der Falkenjagd das geschlagene Gefieder beiholte. Obzwar ein stattlicher Bau – die Hallen der Adalinge dehnten sich ungleich geräumiger und prangten schmuckreicher als etwa das schlichte Haus Arnos an der Alz – ist das Ganze spurlos verschwunden: denn auch diese Adelshöfe waren ausschließend aus Holz ausgeführt: die Flamme hat sie verzehrt: der Ungar schwang hier im zehnten Jahrhundert seine Fackel. In dem Hauptraum des Hauses, der Halle, ragte, im mittleren Hintergrund auf mehreren Stufen erhöht, der Hochsitz: des Hausherrn und der vornehmsten Gäste Ehrenplatz. Auf dem hochrückigen, breitsitzigen Lehnstuhl von Eichenholz lag gespreitet das Fell eines mächtigen Bären, dessen Klauen versilbert glänzten. Aber auch das durchsichtig gegitterte Holzgeländer, das sich in zierlichem Schnitzwerk aus gelbweißem stark duftenden Zirbelholz mit eingeritzten mennigroten Drachenlinien von dem Estrich aus gestampftem, mit Binsen bestreutem Lehm über die niedrigen breiten Stufen zu dem Hochsitz hinanzog, war bedeckt mit Fellen von Hirsch und Gemse, von Elch und Ur, von Wolf und Luchs; ebenso die Bänke, die zu beiden Seiten des Hochsitzes wie unten zwischen den Pfeilern des Saales standen, bestimmt für die Gefolgen des Edelherrn, abgestuft nach dessen Würdigung. Hier fanden auch die obersten der Knechte ihren Platz, der Roßknecht, der Mundschenk, der Druchtsaz, der Altknecht. An den Wänden ringsum waren Beutestücke der Jagd angebracht: die breiten Schaufeln des Elch, das Geweih des Berghirsches von achtzehn Enden, das Gehörn eines mächtigen Steinbocks, des Wisent und des Ur, ein Bärenkopf, ein Wolfsrachen. Und von der Mitte der Saaldecke schwebte an weißem Lederriemen ein gewaltiger Steinadler, dessen ausgespannte Schwingen weithin klafterten und sich bei jeder Lufterschütterung in majestätisch kreisende Bewegung setzten. Neben den Tierhäuptern hingen an den Pfeilern und Wänden von Ahornholz Jagdwaffen jeder Art: der dickgeschaftete Stoßspeer mit der starken eisernen Querstange, welche die Umarmung des aufrecht heranschreitenden Bären von der Brust, den Anhieb des Gewehrs des wütenden Keilers von den Beinen des Jägers fernhalten sollte. Dann die wuchtige Wurflanze für die gewaltigen Wildstiere jener Tage: Wisent und Ur, deren Ansturm auch ein Riese nicht hatte standhalten mögen und die daher nie im Nahekampf bestanden, nur aus sicherer Ferne oder herab von eigens hierfür gelichteten Bäumen an ihrer Wassersuche erlegt wurden. Weiter Langbogen, Köcher und zumal in reicher Auswahl Pfeile: vom stumpfen, kaum fingerlangen Bolzen, mit dem die kleinen Träger wertvoller Pelze, Edelmarder, Baummarder, Hermelin durch einen Kopfschuß getötet wurden, bis zu dem drei Fuß langen Eschenpfeil, der den Brustschild des Ebers wie den Holzschild des Slovenen durchbohrte. Ferner die leichten Rohrpfeile mit langer dünner Spitze für die Raubvögel, für Wildgans und Wildente; aber auch die Handpfeile, mit scharfen Widerhaken für Lachs und Hecht, die sich im Seichtwasser, mit der Rückenflosse fast die Luft erreichend, sonnten. Denn auch das Gerät für die »feuchte Jagd«, die Fischerei, mangelte da nicht: mancherlei Netze, Reusen, Körbe, Hamen – aus Eisen meist, aber auch noch uralte aus Bronze und sogar aus Feuerstein – und zwei Männer lange Angelruten; auch winzige Bolzen an langer, lang hinrollender Leine, mit der Asch und Forelle getroffen wurden: der Fischer ließ sie dahinschießen an der Schnur, bis sie ermatteten und mühelos gelandet wurden. An den acht Pfeilern auf jeder Seite der Halle waren aufgekreuzt breite Schaufelruder für die schweren, weiten Lastschiffe, auf denen zumal Getreide, Heu und Binsen von der Südostseite des Sees, der »Feldwiese« her auf die Eilande und an die Uferhöfe verschleppt wurden, schmale Ruder für die »Einbäume« und für die Flachkähne, die »Plätten«; auch Segel und schlanke Maste waren aufgerichtet. Die Rücklehne des Herrenstuhls auf dem Hochsitz – im Dreieck verjüngt nach oben – krönte ein anderer Adler: – ein gewaltiger Seeadler diesmal, mit gesträubten Schwingen: denn die Herrschaft über den See, oder doch über seine größte Insel, das Escheneiland, und das Südwestufer stand diesem Adelsgeschlecht zu: des sollte der Seeadler ein Wahrzeichen sein. Auch sonst waren unter den in die Pfeiler, Banklehnen und Wände eingebrannten und eingeritzten Schmucktieren und Schmuckpflanzen Adler und Esche am häufigsten vertreten. Denn als des Edelgeschlechts Ahnherr und Schutzherr galt Wuotan. Daher auch seine Waffe, der Speer, neben der Hausmarke, der Rune F, – – die alle Waffen und Geräte trugen, ebenfalls aus Bernstein, Holz oder alter Bronze sowie jüngerem Eisen so häufig als Zierbild verwendet war. Außer den Jagd- und Fischfang- und Schiffsgeräten füllten nun aber den weiten Saal Kriegswaffen jeder Art zu Schutz und Trutz in bunter reicher Menge. Und offenbar waren heute viel zahlreichere als die sonst zur Ausstattung und Ausschmückung der Halle dienten von den Knechten hereingeschafft worden. Denn auf dem langen viereckigen Speisetische von Ahorn in der Mitte der Halle wie auf dem eichenen Rundtisch vor dem Hochsitz, dann auf dessen Stufen und Bänken, endlich auch auf dem Estrich lagen noch viel mehr Waffen gehäuft als an den Pfeilern und Wänden hingen. Noch waren mehrere Knechte – das ganz kurz geschorene Haar unterschied sie wie von den Adalingen so von den Gemeinfreien – beschäftigt, die gehäuft hereingetragenen Stücke auseinander zu breiten und zur Prüfung vorzulegen dem Manne, den nicht nur sein Platz auf dem Hochsitz bei dem ersten Blick als den Herrn dieses Hauses darwies. Es war eine überwältigende Gestalt! Das Antlitz des etwa Fünfzigjährigen zeigte starke Ähnlichkeit mit dem seines Sohnes Adalfrid: allein mehr noch als die Zahl hatte der reiche Inhalt seiner Lebensjahre diesen Zügen höheren Ernst, gewaltigere Bedeutung eingeprägt. Der Vater war nicht nur breitbrüstiger, er war auch noch höher gewachsen als der doch auch gar stattliche Jüngling: kaum ergraut war das Haar um die majestätische Stirn und der mächtige Bart, der die ganze breite Brust bedeckte und bis zu dem Wehrgurt herabwallte in weicher Wellung. Das Auge war goldbraun wie des Adlers und es leuchtete unter kühn geschwungenen Brauen hervor in überlegener Ruhe. Vornehme Ruhe war überhaupt der regelmäßige Ausdruck dieser edeln Züge, wie die Bewegungen des Hofherrn selten, maßvoll, verhalten waren: jedoch man fühlte, lodernde Feuergewalt fehlte hier nicht: sie lag nur geborgen und gebändigt durch altvererbte adelige Haltung und durch jahrzehntelang gegenüber den mannigfaltigsten Erregungen in Krieg und Frieden, auf dem Kampffeld wie in den Palatien der Könige und der Herzöge durchgeführte Willenszucht. Zu seinen Füßen ruhte ein prachtvoller starker dunkelbrauner Hund von dem mutigen Schlag, der den Bären angeht, der langgestreckte Kopf lag auf dem Knie des Herrn: merksam folgten die klugen Augen jedem Blick bei dessen Hantierung. Er hob nun, wägend und prüfend, ein Kurzschwert auf, das ein vor ihm knieender Knecht darreichte: er bog es nur leicht mit beiden Händen: – klirrend zerbrach es, ruhig ließ er die Stücke fallen. »Du hast den Rost, den Schmutz zu tief einfressen lassen, Slovene. Du stehst fortab nicht mehr unter dem Waffenwart; ich werde dich aus der Halle fortschicken, in die Almhütte oben auf der Kampenflüh: da magst du Kühe melken statt Waffen pflegen.« Flehentlich hob der Mann beide Hände empor: sein Gesicht war unschön, die dunkelgelbe Hautfarbe, die stumpfe Nase, die vorstehenden Backenknochen ließen es unedel erscheinen: aber jetzt lag in den braunen Augen etwas Rührendes – so blickt wohl ein treuer Hund zu dem geliebten Herrn auf – wie er bat: »O Herr – großes Herr! Nix mich jagen aus deinen Augen. Lieber lassen mich geißeln.« »Nicht doch! Aber ihr lernt nicht Reinlichkeit, nicht an Leib noch an den Dingen. – Ich wollte dich freilassen im nächsten Ding unter der alten Eiche ob der Alz. Nun sollst du erst den Wert der Waffe abverdienen, auf daß du lernest, Reinlichkeit und Sorgfalt sind notwendig, sind ersparsam und ersprießlich. Ich schätze sie nur auf drei Denáre.« »O Herr, wie kann abverdienen? Alles was verdiene, erarbeite mit Hand, ist ja doch dein wie Hand und ganzer Zwentopluck selbst,« – »Wohl! Aber hoch über dem Recht schwebt die Gnade. Wem's wohl ergeht, der soll's andern wohl gehen lassen. Nach zwölf Nächten bist du frei. Nein, nicht die Hand küssen, wie der Hofwart da die Hand des Herrn beleckt. Und dann geb' ich auch Dowina frei, die mit dir im selben Grenzdorf gefangen ward.« – »Herr, groß! Ah, damals, wie ich mit schwerer Wunde fiel ...« – »Ihr waret wieder einmal nachts über die Grenze geschlichen, Schafe zu stehlen. Aber wir kamen dazu, jagten euch über die Landmark und verfolgten euch bis in eure Strohzelte.« – »Ui, flackerten die auf! Ich lag unter dem Brand – konnt mich nix rühren – die andern meinten, Zwentopluck tot – aber du sahst, ich lebe, rissest mich heraus. – Und dein Sohn zog Dowina neben dran – schon brannte ihr Hemd – aus Feuer ...« – »Nun, ihr seid zusammengewachsen in der Gefangenschaft. So mögt ihr denn Mann und Weib werden. Ich schenk' euch die Fischerhütte dort unten im Schilficht. Und zwei Hufen Ackerland links der Prien. Und drei Hammerwürfe Grasacker in der Feldwies. Und das Recht auf den Hau im Hochgern-Tann. Dafür sollst du mir zwei Tage in der Siebennacht fronen und zwanzig Metzen Roggensaat zinsen. Und was du rodest an Neubruch, soll neun Jahre zinsfrei sein.« – »Herr, wenn ich nix darf Hand küssen, was soll thun?« – »Schweigen. Und künftig, gilt es deine eigene Habe, besser acht haben als auf die meine. Geschickt seid ihr schon, ihr Slovenen: aber 's ist kein Verlaß auf euch.« »Ich will – ich schwöre bei Perun, daß du noch sollst sagen: »Zwentopluck treu.« – »Schon gut! Verkünd' es ihr, der Braunen, mit den dicken Zöpfen wie von Roßhaar. Und ich schenk' ihr als Brautgabe die drei Kühe, die sie bisher gewartet auf der Kampenalm. Geh!« *   V. An der Thüre traf der Slave auf den eintretenden Adalfrid. »O junges Herr,« rief er ihm, in Sprüngen enteilend, zu, »dein Vater ... gut. Wie ein Gott. Wie Triglaf!« Freudig bellend sprang der Hund dem jungen Herrn entgegen, der ihm den Kopf streichelte. »Ja, er ist gut,« sprach der Sohn leise vor sich hin, mit freudiger Ehrfurcht, mit Stolz zu dem Vater emporblickend. Der schien sein kaum zu achten; er prüfte den Handgriff eines Erzschildes, ob er noch halte. Der Jüngling trat nun, ehrerbietig grüßend, die Stufen des Hochsitzes hinan. Mit kurzem Nicken des mächtigen Hauptes erwiderte der Vater; nur einen raschen Blick warf er auf sein Antlitz. »Du fehltest beim Mittagmahl,« warf er kurz hin, ergriff einen Bogen und spannte mit Leichtigkeit die zähe, strenge Sehne. – »Ich jagte, Vater.« – »Weit ab, wie es scheint. Deine Beute?« – »Dein Frilaz Rimisto – auch sein Nachbar Greinhart! – klagte solang schon, das Schwarzwild steh' ihm schwer im Gebräche. Ich trieb sie aus dem Kessel, darein die ganze Rotte sich eingeschoben. Die schlimmste grobe Saue stellte sich; sie liegt im Sumpf bei dem Neubruch: sie wog so schwer – ich konnte sie nicht allein tragen: Zwentopluck und Heinilo sollen sie holen.« – »Gut, daß Rimisto geholfen ist;« er legte den Bogen zur Seite. »Sonst keine Beute?« – Da traf sein Auge voll den Sohn. Der errötete stark: er öffnete langsam die Lippen: »Wie ... wie man's nimmt. Nichts was der Rede wert.« Er nahm den Köcher ab und stellte ihn an die Wand neben den Vater. Der musterte die Öffnung: »Da fehlt ein Pfeil – im ersten Loch.« – »Ja. Ich ... ich schoß einen Habicht. Ich war über der Rimstinge Hof hinausgegangen – gen Norden.« – »Ziemlich weit! Bis auf der Arninge Wiesgrund.« Hoch erstaunt fuhr Adalfrid auf. »Tot liegt dort der Habicht neben dem Linnen des arglos vertrauenden Kindes.« Jetzt erbleichte Adalfrid in leisem Grauen: erhielt der Vater wirklich, wie viele raunten, geheime Botschaft durch Wuotans Raben? – »Das Raubgetier that wie es mußte. Aber Schmach dem Mann, der sich gelüsten ließe derer, die er – wie er weiß, wissen muß! – nur als freveln Raub davonschleppen könnte. Heilig ist echtem Mann, heiliger noch dem Adaling die Tochter des kleinsten Freien seines Volkes. Schande dem Adalmann, der nicht edler denkt als alle andern. – Schweig! – Botschaft kam – während du Linnen behüten halfst – vom Langobardenkönig Agilulf aus Paula: er wiederholt seinen Vorschlag, der uns ehrt und stärkt: nur sei seine Tochter noch zu jung. Das trifft sich gut. Denn spät erst vermählt in der Fagana Geschlecht der Vater den Sohn: erst, wann er voll gereift. Das Herzogtum Trient verspricht König Agilulf seinem Eidam als Mitgift. – Schweig', sag ich! – Nie mehr gehst du unbegleitet an die Alz. Und auf daß du nicht sobald wieder schauest, was viel zu hoch für frevles Spiel und doch zu niedrig für den Ernst: – du verreitest Morgen! Gleich nach Hahnenkraht. Hörst du?« »Du gebeutst, mein Vater. – Wohin?« »Nach Regensburg! An den Hof des Herzogs. Du bringst ihm den Brief, den ich meinem Tabellio vorgesprochen: ich mahne ihn, seine Südostmark kräftiger zu wahren: dunkle Gerüchte gingen mir zu von neuen Feinden, die dorther drohen, außer den Slovenen. Wir brauchen Hilfe. Nimm die Hälfte meiner Gefolgschaft mit! In ihrem besten Waffenschmuck! Reich und stolz soll der Faganing vor den Agilolfingen treten und ihm vor Augen weisen, daß unser Geschlecht von der Götter oberstem stammt und des Königtums gewaltet hat im Südgau unserer markomannischen Ahnen, als jene Agilolfingen noch Schildträger merowingischer Klein-Könige waren, wir wie in den anderen Gauen die Huosi, die Drozza, die Hachilinga und die Anniona, das fünfblätterige Kleeblatt bajuvarischen Adels. Des Herzogs Antwort bringst du dann zurück, nach einem Einsprechen bei den Huosi an der Amper und den Hachilinga an der Isar: diese wollten mir doch die beiden Jüngsten zur Schwertleite schicken. Mahne sie dran. Geh! Rüste den Ritt. Wuotan, der Wege Gott, geleite dich.« *   VI. Den Tag über und die ersten Stunden der Nacht hatte Adalfrid vollauf zu thun, die Gefährten seiner Sendung zu wählen und sie wie sich selbst mit Waffen, Rossen und allem Reisebedarf zu versehen. Aber nach Vollendung dieser Vorbereitungen und nach dem Abschied vom Vater litt es ihn nicht mehr in dem Hause, unter dem bedrückenden Dach. Es drängte ihn hinaus ins Freie, in Feld und Flur, die im Mondlicht der Frühlingsnacht wunderbar da draußen glänzten: der See lag fernab wie ein Silberspiegel. Dorthin, an den See, lenkte er, leise die Hofwehre hinter sich lassend, die Schritte: er wollte noch einen Abschied nehmen – ach nur mit den sehnenden Augen! Er kannte dort, im Norden von ihrem Jagd- und Waffenhof, eine Waldblöße, dicht am Ufer, von wo man deutlich in der weiten Ferne die hochragenden drei Eichen der Dingstätte auf der Höhenkrone, dort über der Alz, auch den First des Arnohofes erkennen mochte bei Tag: und wohl auch – so meinte er – mit seinen scharfen Augen in dem fast taghellen Mondlicht. Bald hatte der Rasche die gesuchte Stelle erreicht. Die Mitternacht war lang vorüber. Zauberisch glänzte vor ihm der See, zahllose Sterne in nicht zitterndem Bilde spiegelnd; wie Seerosen schienen die drei Eilande auf der glatten Flut zu schwimmen: von fernher grüßten in geisterhaft weißem Duft erschimmernd die Berge: im Norden aber glaubte er deutlich den Hof zu erkennen, der die Geliebte umhegte. Er warf sich, den Blick dorthin gerichtet, das schmerzende Haupt auf die Hand gelehnt, auf den reinlichen weisen Ufersand, bis zu dem heran zuweilen das leise Atmen der Flut fast geräuschlos die landende Welle schob. Lange, lange saß er so schweigend, sinnend, träumend; schon blichen allgemach die Sterne. Es kam jene geheimnisvolle Stunde, von der man nicht sagen mag, ob sie dem Tage schon, ob noch der Nacht zu eigen? Ein farblos Grau erfüllte nun, seit der Mond hinter hohen Berggipfeln gesunken, weithin Himmel, Land und See. Allmählich zog von Osten her ein ganz schmaler Streif, fahl gelblich, weithin quer über den Himmel: des steigenden Frühlichts erster Lanzenwurf! Da horch, setzt ein lebhafterer Lufthauch ein, wie er der klimmenden Sonne vorauffliegt: glaubte man doch, die ersten Strahlen des Tages seien wie von wehendem Wind so von klingendem Klang begleitet: »tönend schon für Geisterohren wird der junge Tag geboren!« so hat noch spät die Phantasie gehört. Nun rühren die Buchenwipfel, von lebhafterem Wind leise geweckt, die jungen, zarten Blätter: lauter, rascher an den Ufersand kommen kürzere Wellen gerauscht. Jetzt der erste laute Ton: tief aus dem Inneren des Waldes dringt der schmerzliche Ton der Hinde, laut, eindringlich, mahnend: der Lauscher kennt den Grund ihres Rufens: vor kurzem hat der Fagano den stolzen Edelhirsch, ihren kronenstolzen Gemahl, in der Grube lebend fangen und nach der Escheninsel hinüber schaffen lassen, wo der Hirschkühe zu viel, der Hirsche zu wenig geworden. Wie laut die Verlassene klagte! Da fand endlich auch des Jünglings Seele Erleichterung in einem tiefen Seufzer, dann in ringenden Worten. »Ach, schwer ist mir das Herz! Schwer mein Geschick! Fort – fort von ihr! Nicht nur auf lange Zeit: – auf immer! Gebunden an eine Fremde, Ungeliebte, wenn des Vaters Wille geschieht. Und wie könnte der nicht geschehn? Ihm gehorchen, das ist mir so notwendig – ist's von je gewesen! – wie atmen. Wie sollte ich ihm trotzen? Ich müßte weichen aus der Halle, aus dem Gau, aus dem Land! Aber von ihr lassen? Ich kann, es auch nicht, kann's noch weniger. Zumal, seit ich glaube, sie ist mir auch gut: – sie weiß es freilich gar nicht, aber doch, aber doch ein ganz klein wenig gut im jungen Herzen. Ob wohl heut Nacht, ob jetzt der singende Vogel sie meiner gemahnt? Und wenn es ihr nun allmählich aufdämmert in der Seele – und das wird's am ehesten, falls ich nun plötzlich verschwinde – was wird sie leiden! Was soll sie von mir halten, der ich, launisch, ohne Grund, auf einmal zerreiße das freundliche Band der Gewöhnung an trauliche Gespräche. Ach! Ich bring's nicht übers Herz.« Traurig sah er gen Himmel. »Was taucht da aus den Dämmerwolken so hell? Es ist der Morgenstern: – Freias Stern! O Freia, hohe, holde Herrin, die du die Liebenden befreundest, hilf mir – rate mir – gieb mir in dieser Stünde, gieb mir gleich ein Zeichen, das ich deuten möge für die Zukunft, für mein Geschick, für mein Thun oder Lassen.« In gläubigem Gebet sah er über die Fläche des See's hin nach oben. Da glaubte er aus dem dunstvollen hellgrauen Geflimmer der glatten Flut etwas Emporragendes zu erschauen: etwas dunkelbraunes: war es ein Kahn, eines Einbaums Schnabel? Nein! Dem glich es nicht. War es ein schwimmender Mensch? Dazu ragte es zu hoch aus dem Wasser. Und näher und näher kam's von der Escheninsel her. Die Helligkeit stieg jeden Augenblick – jeden Augenblick drang das Rätsel näher: vorsichtig, ohne sich vom Boden zu heben, lugte der Spähende aus: das war ein hochbekröntes Haupt, ohne Zweifel! – ein Hirsch, der gerufene Hirsch. Schon hielt er im Seichtwasser, nur einen Pfeilschuß gen Süden entfernt: der Südostwind verhielt ihm die Witterung des Menschen: so schritt er furchtlos zu Land: prachtvoll sich aufrichtend schüttelte und rüttelte der Vierzehnender, das Haupt ganz in den Nacken zurückbiegend, das viele Wasser von sich ab: nun war's genug: nun stieß er einen weithin dröhnenden frohlockenden Antwortruf aus auf den Ruf der Hinde und in wahrhaft königlichem Gang brach der König des Waldes durch das Unterholz und eilte der Ruferin zu. Da sprang Adalfrid auf, riß den Jagdhut vom lockigen Haupt und neigte sich dreimal tief vor dem nun rasch verblassenden Morgenstern: »Ich neige dir, Freia, freundliche Frau; ich neige dir, Befreunderin, Beschwichtigerin, ratende Retterin! Ich verstehe dein Zeichen. Wie der mutige Hirsch durch Gewalt, durch den weiten hemmenden See von der Hindin getrennt, Hemmnis und Gefahr nicht scheuend, sich in die Flut warf und todesmutig herüberdrang ans Ziel zur Geliebten, – so soll auch ich nicht verzagen, nicht verzweifeln. Der Mut, der Wagemut treuer, heißer Liebe überwindet alles. Dank dir, Freia! Und Heil dir, Frau Sunna, die du da strahlend durch die Dämmerwolken brichst: Zuversicht des Sieges strahlst du in mein Herz. Ich gehorche dem Vater: ich scheide jetzt: – aber ich kehre wieder, und ich werde siegen. Treue Liebe dringt durch jede Hemmung. Zweites Buch. I. Wo heut' am Nordostufer des See's die schmucken weißgetünchten Häuser des Dorfes Chieming glänzen, stand damals nur der Hof des Gemeinfreien Kiemo: er hat dem See und dem ganzen Seegebiet, das ursprünglich ohne besondere Benennung zu dem Ostgau der Bajuvaren gehörte, in der Folge den Namen gegeben: man nannte jenes Ufer »ze den Kiemingen«, das heißt bei den Nachkommen des Kiemo, und der Name ging später auf den Untersee, zuletzt auf den ganzen Gau und den See über. Der Eigner, ein kraftvoller Mann in den dreißiger Jahren, führte gegen Sonnenuntergang des nächsten Tages aus seiner Hofwehre den schmalen Pfad durch die sumpfige »saure« Wiese an den See hin einen kleinen ältlichen Mann, den die dunkle Farbe der Augen und des spärlichen Haars deutlich von den Bajuvaren der Mark unterschied. »Ich danke dir, Secundus,« sprach Kiemo, ihm die breite Hand fest auf die Schulter drückend; »du hast meinem Weib – ist ja noch so jung, die Fritigilt! – den Weg nach Hel erspart mit deinem Säftlein und Tränklein.« »Nicht, nicht!« rief der Alte eifrig. »Nicht ich! Das hat gethan mein Herr und Gott, allmächtiger Schöpfer Himmels und der Erden! Nicht meine Tränklein, – mein Gebet, der Herr möge die Kräuter segnen, haben geholfen.« »Nun,« meinte Kiemo treuherzig, »das ist mir gleich. Weil nur geholfen ist. Weil sie nur lebt! Sie soll mir aber fortab nicht mehr in die feuchte Feldwiese fahren um Futtergras: – von dort hat sie wohl das Sumpffieber heimgebracht,« »Nicht, nicht!« Unzufrieden schüttelte Secundus abermals den Kopf. »Das ist doch nicht! Nicht der Sumpf schickt das Fieber, sondern Gott.« »So?« grollte der Ehemann. » Dein Gott? Höre, der könnte was Gescheiteres thun und was Besseres schicken! Unsere Götter schicken nur Heil und Friede, Sieg und Sonnenschein und reiche Ernte: Seuche und Beißwürmer und Mißwachs senden ihre Feinde, – und die unsern! – die Riesen. Wehe, wehe, über deinen bösen Gott!« »Nicht, nicht, nicht doch!« eiferte das Männlein. »Ach, wie schlimm ist's, daß ich deine und der andern Heiden Gegenworte nicht widerlegen kann. Aber allzu lang ist's her, daß ich von einem Priester des Herrn dessen Lehre vernommen habe. Fast noch ein Knabe war ich damals, wie der letzte aus dem brennenden Salzburg über die Berge nach Italien floh. Und als mich mein guter, goldherziger Herr in die ferne Lechstadt wandern ließ, einen Priester zu suchen, – gar ein Bischof solle dort walten! – da war dort kein Bischof mehr zu finden und die paar Geistlichen konnten nicht lesen, kaum ein paar Gebete sagen. Und nun bin ich schon so alt! Und mein Kopf ist, mein' ich oft, noch älter als ich! Will sagen! meine Gedanken sind schwächer als meine Arme und Beine. So kann ich Euch nicht genug Widerspruch thun. – Vielleicht aber schickte deinem Weibe das böse Fieber nicht Gott, sondern ...« Er bekreuzigte sich und sah sich scheu um – »Vielmehr ... ganz im Gegenteil der ... nun: der andere. Man nennt ihn nicht gern.« – »Ah so! also eine Art von Riese, ein Unhold, ein übler Wicht.« – »Ja ja. Aber sei still von dem, bitte.« – »Hm, wundert mich. Sagtest doch eben wieder, dein Gott sei allmächtig. Warum leidet er dann solchen Unfug, daß Unschuldige siechen? Warum hat er dann den Unhold nicht schon lang erschlagen? Wuotan hätte längst die Riesenbrut vertilgt, könnte er's. Ei, so wird eben auch dein Gott nicht können.« – »Still! Um Gotteswillen still. Er hört's ja! Ich weiß freilich auch nicht, warum er den ... den andern geschaffen hat. Und den viel übeln Apfelbaum! Hat doch alles vorhergewußt. Und wenn er ihn geschaffen, warum er ihn nicht maustot gemacht hat ... lange schon! Wär' mir auch lieber! – Ach, gewiß weiß die heilige Kirche auch dafür Gründe. Liegen da in meiner alten Truhe vom Urgroßvater her neben andern Erbstücken ein Paar beschriebene Blätter, – heilige Blätter, aus dem heiligen Buch! – da steht gewiß die Antwort drin auf all' Eure ungläubigen Zweifelfragen. Aber ach: ich kann's ja nicht lesen. Den Knaben hatte der Vater lesen gelehrt: – aber nachdem der gestorben, hab' ich bald alles vergessen. Nur von einem Gebet kann ich noch ein paar Worte: vom Vater im Himmel und erlösen vom Übel.« »Wohl, wohl. Glaub', was du willst, von mir aus! Es müssen doch wohl gute Götter sein, denen du dienst: denn was du thust in ihrem Dienst, ist gut: hilfreich sind dir Herz und Hand. – Was darf ich dir schenken zum Lohnvergelt? Oft und oft bei Nacht und Tag bist du gekommen in diesen Monden, durch Eis und Schnee oder auch über den See bei argem Sturm – wie er jetzt wieder anhebt: – ganz schwarz kommt's schon daher dort aus dem Wetterloch bei der Kampenwand. Soll dir Fritigilt von ihrem besten Manteltuch ein paar Armellen ...?« »Nicht! Nicht! Gottes Lohn lohnt reicher als Menschen Lohn! Hilf mir nur meinen Einbaum ins Wasser schieben: der Westwind geht gerade dawider.« – »Bleib' lieber über Nacht unter unserm Dach. Der See wird schlimm. Der Wind wächst noch. Horch, wie die Möwen schrillen. Bleib!« – »Ich bin überall in Gottes Hand, der ist doch stärker als Fasold, Euer Sturmriese. Und Arno erwartet mich des Nachts. Schieb! Noch einen Ruck! So! nun in des Heilands Namen, der da wandelte auf brausenden Wogen!« Bald war das Schifflein in dem dunkeln Wettergewölk verschwunden, das, finster wie die Nacht, den wildbewegten Weitsee bedeckte: scharf stachen von der schwarzen Flut die weißen Schaumkämme der überschlagenden Sturzwellen ab. Schwer hatte der alte Mann zu arbeiten, der den morschen Kahn an dessen vielgeflicktem Hintergransen – dunkelgrünes Moos überzog ihn – aufrechtstehend mit dem einen breitschaufeligen Ruder vorwärts zu bringen und zugleich zu steuern hatte: er trachtete nach Norden: aber der heftige Sturm trieb ihn immer wieder nach Osten gegen Geklipp, das, dem Hofe des Kiemo im See vorgelagert, bis nah an die Oberfläche reichte: schon gar manch Schifflein, das in diese Scheren geraten, ward von der Brandung so lang hin und her geschleudert bis es barst und sank. Über dem Bestreben, die Richtung zu halten, kam der Greis nur wenig vorwärts. Allmählich nahmen seine Kräfte ab, während die Wellen immer höher sich türmten, immer häufiger über die linke Schiffswand schlugen und den schmalen Nachen immer höher mit Wasser füllten, so daß es dem einsamen Fergen schon handhoch über die Knöchel stieg. Ihn fröstelte; doch konnte er nicht daran denken, auszuschöpfen: unterbrach er das Steuern nur auf Augenblicke, so trieb ihn der Sturm sofort in die Steinbänke. am Ostufer. Wie er einen besorgten Blick in jene Richtung warf, sich zu versichern, daß er hinreichend weiten Abstand gewonnen, glaubte er gerade an dem gefährlichsten Fleck, mitten in den kurzen kreisenden Brandungswellen, ein kleines Fahrzeug wahrzunehmen, das, steuerlos, hilflos von den wütenden Wogen hin- und hergeworfen, offenbar bald an die dem Ufer nähere Steinreihe geschleudert, bald von dieser wieder an die äußere zurückgestoßen ward. Eine Gestalt war darin sichtbar, fortwährend von hoch aufspritzendem Gischt überschäumt. »Gott gnade dem Armen, wer er auch sei!« seufzte der Alte. »Er ist verloren! Wollt' ich auch wagen, ihm Hilfe zu bringen, – ich käme zu spät und auch meinen Kahn würde es dort zerschlagen. Ich kann nichts thun, als für ihn beten! Höre mich, Herr Christus und du, Sankt Peter, du, selbst ein Fischer ... Ah, was ist das?« er unterbrach sein Gebet, »Ist's ein Wunder? Ein Traumgesicht? Nein! Ich wache ja. Es ist ein Kreuz, ein hohes Kreuz, das der Verlorene da aufrichtet in seinem Schifflein! Ein Christ! Ein Bekenner des Herrn! Der erste seit soviel Jahren! Er ruft des Kreuzes Hilfe an: so helf ich ihm denn, Herr, um deines Namens willen oder ich sterbe mit ihm. Höre mich, Herr, und stärke meinen Arm.« Und er wandte den Schnabel des Einbaums scharf nach Osten. Pfeilschnell schoß sofort das Schiff dahin gerade auf die umbrandeten Klippen los, von den wütenden Wellen an dem breiten Hinterteil in rufender Eile vorwärts getrieben: wie hungrige Wölfe sprangen sie in den ächzenden Kahn. *   II. Am nächsten Morgen lag in der schmalen Knechthütte, die, aus unentrindeten Eichenstämmen roh zusammengefügt, im Schatten des Arnohofs wie Schutz suchend sich zu ducken schien, auf der dichten, weichen Streu von getrocknetem Schilf, dem hochröhrigen, der tiefen Alz, ein fremder Mann. Sein einzig Gewand war eine Kutte von Kamelfell, die Haarseite nach innen gekehrt; ein derber, siebenfach geknoteter Strick hielt sie über den mageren Hüften zusammen; ein langer, schwarzer, von einem mächtigen Kreuze gekrönter Stab lag neben ihm. Zu seinen Häupten kniete Secundus, beflissen, ihm dampfende Milch einzuflößen aus einer flachen Thonschale, die, wann leer geschlürft, wieder gefüllt ward von Arntrudens emsigen Händen aus einem Melkeimer von weißem Lindenholz. Zu den Füßen des Fremden saß auf dem Herdrand Arno, Arnhild auf den Knieen wiegend, die mit großen, neugierigen Augen auf den Gast schaute. Nun nickte der mit dem Haupte Dank und richtete sich, gelabt und gestärkt, zu sitzender Stellung auf: er begann – in der uferfränkischen Sprache, die den Bajuvaren doch leidlich verständlich war: – »Wo bin ich?« Er blickte in dem ärmlichen aber sauber gehaltenen Raum umher: da fiel sein Auge auf den Namenszug Christi, das Zeichen , das mit Kohle auf den weißen Steinrand des Herdes gemalt war. »O bei Christen! Bei Knechten des Herrn Christus.« Hoch auf horchte Arno und zog die starken Brauen empor: »Ja, du bist in der Hütte eines Knechts. Aber nicht Christus, – Arno heißt sein Herr. Und der bin ich.« »Auf Erden!« erwiderte der Fremde und hob das Haupt fest empor: nun sah man erst, wie gewaltig dieses Antlitz, wie bedeutend diese Züge waren, als aus den dunkeln, tief in die Höhlen gesunkenen Augen ein heiß lodernder Blick sieggewohnter Überzeugung hervorschoß. Das geschorene Haar war dunkel wie die Augen, deren brennende Glut meist durch die gesenkten langen Wimpern gedeckt war. Die mächtige tief gefurchte Stirn, die kühn gebogene Nase, der scharf geschnittene, streng geschlossene Mund, das starke Kinn wiesen auf starke Kraft, harte Zucht des Willens, auf einen Feuergeist, aber auch auf maß- und schrankenlosen Glaubenseifer hin. »Auf Erden,« wiederholte er nachdrucksam mit einem geringschätzigen Blick, »aber im Himmel ist der Herr dieses Mannes – wie der deine – der Vater Jesu Christi.« Unwillig wollte die kleine Arnhild auffahren: der Vater drückte ihre Schulter nieder und erwiderte ruhig: »Die mögen ja Götter sein, alle beide. Weit wölbt sich über der Erde der Himmel, hat für vieler Völker Götter Raum. Deshalb red' ich meinem Knecht nicht in seinen Glauben.« »O glaub' es,« mahnte Secundus, sich vom Boden erhebend, eindringlich den Fremden, »er – mein Herr und dieses Hauses und des großen Hofes dort und all' der Äcker, die du ringsum schauest, Eigentümer – er ist soviel gut, gutherzig, großherzig. Wär' er getauft, er könnte auch nicht edler sein! Er – nicht ich – er hat dich gerettet.« »Schweig!« gebot Arno streng. »Und du – berichte: wie kömmst du hierher?« »Ich weiß nur noch ...«, begann der Gast, sich besinnend und mit der Hand über die Brauen streichend, » ... mein Nachen war im Versinken, so mächtig drang das Wasser durch das Loch, das die scharfen Steine in den Boden gestoßen hatten.« – »Wie kamst du zu dem Plattkahn? Er gehörte – die Hausmarke auf dem ans Land gespülten Ruder zeigt es – Rimisto, dem Meier der Fagana, der, ganz weit von hier, auf der Westseite des See's seinen Hof hat.« – »Jenes Boot? Mein Gott hat es mir gegeben.« – »So? – Er vergaß aber dabei, Rimistos Hausmarke durch die seine zu ersetzen. Der Plattschelch lag wohl unangekettet, ungehütet am Seesteg?« Der Fremde nickte: »Ich hatte gebetet, der Herr möge mir, da der Wald, der Sumpf, die den See umgaben, den ich zu Fuß, vom Lech her wandernd, erreicht hatte, an jener Stelle undurchdringbar waren, Schiff und Ruder weisen, auf daß ich meinen gottgewiesenen Weg gen Osten fortsetzen könne. Knieend hatte ich gebetet: sowie ich mich erhob, sah ich das Schifflein ganz nah vor mir an dem schmalen Steg im Schilf, auf den Ufersand gezogen: das Ruder stak bereits in der Weidenschlinge, diese war durch das Schiffsöhr gezogen: alles zur Abfahrt fertig gestellt durch Gottes Hand. Ich dankte dem Herrn, sprang ein und stieß ab.« Arno furchte die Stirn. – »Was weist unser Gaurecht? ›Hirtenlose Herde, Schifferloses Schiff, Egge sonder Ackerer, Muß statt der Menschen – mächtiger! – Schützen und schirmen Und rächen das Recht: Höher, heiliger Umfriedet sie gegen Frevel Der Friede der Freien.‹ Weißt du, was auf feigen Diebstahl steht des Schiffes, das der Eigner vertrauend am Ufer ließ?« Der Fremde schwieg: er hatte wohl nicht verstanden. Aber Secundus erschrak heftig: »O lieber Gast,« bat er, »mein Herr, der dich da fragt, ist der Richter in der Mark. Er darf, er muß dich fragen und – strafen.« »Die Ehre wird ihm abgehauen, wie die häßliche Diebshand, und dreimal neunfach hat er den Wert zu ersetzen,« sprach der Richter. Jedoch unerschrocken erwiderte der Gast: »Meine Ehre ist die Schmach, die der Herr Christus auf sich nahm am Kreuzgalgen. Meine Hand aber ist sein Werkzeug: er wird sie schützen solang er ihrer bedarf. Und Geld darf ich nicht zu eigen haben.« – »Fahre fort, zu berichten.« – »Kaum hatte ich die Mitte des See's erreicht, da hob sich großer Sturm und verschlug mich weit nach Osten in jene Steine: ich erkannte, mein Schifflein müsse zerschellen: da richtete ich in dem Mastloch der Ruderbank dies mein hohes Kreuz empor: – der große Columba selber hat es geweiht: – zu diesem Kreuze betend empfahl ich dem Herrn meine Seele, warf mich auf die Kniee und erwartete den Tod.« »Und durch dies Kreuz hat dich der Herr gerettet!« frohlockte Secundus. »Denn nur, weil ich das Kreuz erschaute, wagte ich mein Leben, den Scheiternden zu retten.« Da erhob sich der Mönch, auf die Linke gestützt, und gab dem Erstaunten einen heftigen Backenstreich: »Nimm das, mein Sohn, und dazu drei Tage Fleischfasten. Wie sagt die Schrift? Alle Menschen sollen wir lieben wie uns selbst. Der Herr hat auch der Heiden sich erbarmt.« Verlegen, beschämt, stammelte der Gezüchtigte: »Dank, heiliger Mann Gottes, für die Strafe und bitte, vergieb mir.« Merksam hatten Arno und seine Kinder diesen Reden gelauscht, jetzt rief die Kleine zornig: »Ja aber, Vater, darf denn der Graurock den guten Secundus schlagen?« – »Nein, das durfte er nicht, Kind. Wer eines andern Knecht schlägt, büßt einen drittel Solidus nach Bajuvarenrecht. Er wird überhaupt noch unser Recht lernen. – Sprich, was führt dich vom Lech, – wie du sagst, – hierher? Was hast du zu suchen hier im Land?« – »Ich suche nicht, was da mein, was meines Herrn ist. Oder doch wieder sein werden soll. Das Kreuz war schon hoch aufgerichtet in diesen Gauen: getauft war alles Volk der Räter, Noriker, Römer, da kamt ihr, ihr wilden Markomannen, ihr grimmbösen Quaden, die Donau heraufgezogen nach Noricum, von da bald auch nach Rätien: Bajuvaren nanntet ihr euch jetzt von eurer früheren Heimat Bajuheim. Da flohen vor euch aus diesen Landen über die Alpen die vornehmen Römer, die reich waren an Schätzen dieser Welt; und mit ihnen schwand das Kreuz.« »Ja,« fiel Secundus ein, »denn auch die Unfreien, die wohnen blieben und nur den Herrn wechselten – wie meine Großeltern – verloren, verlernten bald den Glauben: war doch niemand mehr da, ihn zu lehren. Nur karge Trümmer davon hab' ich mir gerettet.« »Wir lassen jeden glauben, was er will, wenn er thut, was er soll,« sprach Arno ruhig. »Da drüben in Artobriga, auf der Breitstraße nach Salzburg, beten die dunkelhaarigen Salzarbeiter, die wir vorfanden, nach wie vor ungestört zu ihren Halaunen und zu Teutates oder Merkur. Und die Herzöge zu Regensburg haben den Glauben ihrer Herrn, der Frankenkönige mitgebracht: das ist ihre Sache.« »Aber,« klagte der Mönch, »sie haben nie versucht, den Samen des Heils hier wieder auszustreuen. Das machen unsre Könige zu Metz und Paris und Orleans anders. Ihre Grafen zwingen in Auster, Neuster und Burgund die Heiden zur Taufe mit Bann und Gewalt.« »Wie?« rief Arno und die Stirnadern schwollen ihm an, »und das dulden die freien Franken? Bei Donars Hammer! Wie geschwind flögen bei uns solche Grafen in den tiefsten See!« – »Weil nun unsre Bischöfe in Auster mit Schmerz erfuhren, wie hier zu Lande die Wahrheit wieder völlig überwuchert ist von Götzenwahn, – wie verlassenes Ackerfeld wieder zu Walde wächst – haben sie die hohe Frau Brunichildis, die bei uns in Auster unter Krone geht, beschworen, Glaubensboten hierher auszusenden mit dem Kreuz, aber zugleich ihre Grafen mit dem Schwert.« »So?« entgegnete Arno ruhig. »Sollen nur kommen. Dann werfen wir Kreuz und Schwert und die sie tragen, zusammengebunden in die Alz.« »Auch mir mißhagt der Zwang. Freiwillig – lehrte der weise Tertullian – soll der Glaube angenommen, nicht aufgedrungen soll er werden. So denkt auch unsere Frau Königin. Aber ein anderes ist es,« fuhr er fort und Begeisterung sprühte aus den fieberhaft glänzenden Augen, »setzt der Waffenlose, Schwache sein Leben ein, den Götzendienst zu bekämpfen durch das Wort und todesmutige That.« »Und zu solchem Thun,« sprach Arno mit forschendem Blick, »bist du in unsere Gaue gewandert?« – »Du sagst es. Als in dem stillen Kloster im Wasgenwald, in dem ich dem Herrn diente...« – »Wie lange schon? Ich meine, diese starke Rechte hat einst das Schwert geführt.« Dem Mönch schoß das Blut in das sonst so bleiche Antlitz: »Leider!...« – »Hältst du's für Unrecht, den Feind deines Volkes von der Markung zu scheuchen?« »O nein!« rief der Fremde mit kraftvollerem Ton als er bisher angeschlagen hatte. »Auch ich...« Aber plötzlich hemmte er die Wallung und fuhr mit wieder gedämpfter Stimme fort: »jedoch mich... mich führten dunkle Wege, dunkle Thaten – Gottes Zorn! – ins Kloster. Ich meinte, für immer: in Reue und Buße und Gebet gedachte ich dort meine Tage verrinnen zu sehen. Da, als die Nachricht in unsere waldverborgenen Mauern drang, die Königin habe das Verlangen der Bischöfe, die Taufe mit dem Schwert bei den Alamannen und euch durchzuzwingen, abgelehnt, und als unser Abt, der feuereifrige Columba, sie in flammenden Worten schalt und die Brüder grollten und ich selbst mit mir in Zweifeln rang, – da kam mir in der Nacht ein Traumgesicht.« »Träume täuschen oft,« meinte Secundus schüchtern. »Man soll sie nicht deuten.« – »Nur die von den Heiligen kommen, wie der meine. Mir erschien, nachdem ich in schmerzlichem Grübeln über der edeln Frau Königin und des heiligen Abtes Streit entschlummert war, nach langem brünstigem Gebet zu Sankt Paulus, meinem Patron, dessen Namen ich beim Scheiden aus der Welt angenommen habe, dieser selbst, von himmlischem Glanz das ehrwürdige Haupt umleuchtet, und mit gen Aufgang ausgestrecktem Arme sprach er: ›Zeuch aus, mein Sohn, gen Osten zu den Heiden an Donau und Inn. Und bekehre sie zum Heile. Aber nicht mit einem Frankenheer, – ganz allein: nicht durch den Zwang des Schwertes, – einen Stab in der Hand, und durch den Mut deines Glaubens. Zieh hin von West nach Ost: sorge nicht um Weg und Steg: ich werde dein Wegweiser sein, versagt dir andere Kunde.‹ Und ich berichtete gleich nach dem Erwachen die Offenbarung meinem Abte: der entließ mich mit seinem Segen. Und ich wanderte über den Rhein und über die Donau, über den Lech und über den Inn auf zitterndem Steg, auf schmaler Furt, durch breiten Sumpf: ich zehrte von dem geweihten Brot, das mir der Heilige in den Strickgürtel gesteckt. Traf ich auf ein Gehöft, so trat ich ein und verkündete das Wort vom Heil für die Mühseligen und Beladenen: aber nur ein Weib etwa oder ein Knecht schenkte mir Gehör und Glauben, die Männer schüttelten trotzig die Köpfe – ach! wie weiland ich selbst, obwohl als Kind schon getauft, bei mancher Lehre der heiligen Kirche! – Dann blies ich den Staub von meinen nackten Füßen und wanderte weiter. Wohin? Ich wußt' es nicht: nur, – nach der Sonne blickend und den Sternen – stets gen Ost. Und oft, wann ich Weg und Wegspur verlor, kniete ich nieder, wo ich gerade stand, betete zu meinem Patron und siehe: jedesmal sandte er mir einen Wegweiser: bald hoch im Blau einen Zug von Wandervögeln, bald im grünen Waldgras ein hüpfend Häslein ...« »Ja aber,« fiel ein Stimmchen ein, »Has ist häßlicher Anhupf!« Ohne darauf zu achten, fuhr der Mönch fort: »Einmal, im tiefen Waldgestrüpp, war ich eingeschlafen auf weichem Moos. Plötzlich weckte mich ein Geheul: – wohl kannt' ich's von den Wäldern des Wasgengaues her! – Wölfe waren's. Sie drangen näher, näher: mir war, ich sah ihre glühenden Augen im Dunkeln leuchten wie Irrwische; da erhob ich mich, reckte meinen Kreuzstab wider sie und rief: ›Dämonen in Wolfsgestalt, die ihr den Boten des Herrn in seiner Sendung hemmen wollt – weicht aus dem Wege, ich beschwöre euch, im Namen Pauli, meines Patrons.‹ Und horch: das Geheul lenkte ab, weit ab von mir: – der Apostel hatte das Rudel auf andere Fährte gelenkt. Bald darauf kam ich an diesen großen See und wie ich ratlos am Ufer stand, half mir der Himmel abermals: er zeigte mir jenen Nachen. Und zuletzt, als ich bewußtlos vor dem aufgerichteten Kreuz in dem Schifflein zusammengebrochen war, half er mir durch die Hand dieses Glaubensgenossen.« »Ich wäre aber mit dir zu Grunde gegangen,« berichtigte Secundus, »nachdem ich deinen Nachen an meinen Einbaum angeseilt hatte, ihn zu schleppen, wäre nicht mein guter Herr hier zu Hilfe gekommen und mit ein paar Knechten rasch uns entgegengefahren, denn meine Kraft war erschöpft: der Sturm trug uns schon wieder gegen jene Steine.« »Ich werde,« schloß nun der Richter, »Rimisto sein Eigentum ausgeflickt zurückstellen und ihn bitten, die Diebesklage nicht zu rufen: der es genommen, habe in Irrwahn gehandelt. Bleibe hier, bis du dich erholt und erkräftigt hast, weiter zu wandern auf deinen sonderbaren Wegen.« »Nicht, bevor ich dir das Wort des Heils verkündet habe: dir und diesen armen Kindern hier. Ich danke dir,« sprach er zu Arntrudis gewendet, die ihm oft während seiner Erzählung Milch geschenkt hatte. »Du hast ein freundlich Wesen, Jungfrau, und Gott gab dir ein schönes Antlitz: das ist eine große, große Gefahr! Lerne früh aller Lust der Welt entsagen! Sprich, was ist dir von all deiner Habe das Liebste?« Ohne Besinnen antwortete das Mädchen, ihn voll anblickend: »Das Liebste ist mir ein klein Vögelein: es singt auch zur Nacht: gar liebe, liebe Hand hat mir's geschenkt.« »Das opfere Gott,« schrie er mit unheimlich flammenden Augen. »Entsage der Lust an dem heißen Lied der brünstigen Kreatur der Nachtigall. Dreh ihr den Hals um! Denn auch die Tiere sind verteufelt durch die Erbsünde!« »Abscheulich!« rief sie entsetzt und trat von ihm hinweg an ihres Vaters Seite. »Laß solche Rede, Lieber,« mahnte Secundus, »Nein doch! Ich muß versuchen, diese Seelen zu retten vor der ewigen Qual. Denn wer die Welt liebt und den Götzen dient, brennt ewig in der Hölle.« »Ja aber,« meinte Arnhild, »wenn dich der Vater nun nicht gerettet hätte, lägst du im See und könntest uns gar nichts verkünden.« Der Mönch wollte erwidern: doch unwillig stand der Hofherr auf: »Schweig, Fremdling, mit solchen Worten. Wohl mag dein Gott, mögen deine Götter mancherlei Gewalt haben: wir wehren dir nicht, ihnen zu dienen, sie zu preisen: aber unsere Götter schmähen, uns von ihnen hinwegreden zu wollen, – das sollst du nicht unter der Arninge Dach, das Donar behütet, und in dieser Mark. Sobald du wandern kannst, begleitet dich Secundus über unsern Gau hinaus. – Kommt Kinder! Nachbar Iso bringt Frô ein Opfer um Ernte: seht ihr: schon lodert auf seinem Bühl die heilige Flamme auf; sie winkt uns zu frommem Thun!« *   III. Als sie allein waren, wandte sich der Knecht eindringlich warnend zu dem Mönch: »Nicht, nicht! Laß ab, o laß ab von ihm und seinem Hause! Du, ergrimmst ihn nur und erreichst nichts. Ich kenne ihn: eher möchtest du die Kampenwand da drüben und den Hochgern, umblasen mit dem Hauch deines Mundes als diesen Mann abwenden von seinen Göttern.« Tief nachsinnend senkte Paulus das Haupt in die Rechte, dann sprach er: »Der Glaube, das Gebet kann Berge versetzen, kann Wasserquellen schlagen aus dem Fels: sie können auch felsharte Herzen erschüttern und erweichen. Schon oft haben die Heiligen, die Wahrheit unseres Glaubens zu erweisen, auf das brünstige Gebet ihrer Boten Zeichen und Wunder gethan. Ein Wunder, ein unleugbar, sichtbar, greifbar Wunder müßte auch diesen trotzigen Heiden bekehren. – Aber es ist vielleicht Anmaßung, Überhebung, daß ich unwürdiger Sünder vom Himmel ein solch Zeichen begehre. Vielleicht genügt statt dessen ein Geringeres, eine That von mir allein. Wie, wenn ich dem Richter und seinen Markgenossen zeigte, daß ihre Götter machtlos sind, sich selbst nicht schützen mögen gegen einen eifrigen Diener des Herrn? Ja, das ist leichter zu erreichen, als ein Wunder dem Himmel abzuringen. Es bedarf nur des mutigen Vertrauens auf den Herrn und stolze Verachtung der Heidengötter.« »Du, du!« warnte der Alte ängstlich! »Nimm dich in acht! Die Heidengötter sind nicht ohne Macht!« – »Ich weiß! Sind es doch Dämonen – wie Columba sagt – üble Wichte, wie wir sprechen. Gott hat ihnen allerlei Gewalt gelassen, zu zaubern und zu schaden.« »Ja, warum aber hat er das gethan?« forschte Secundus verdrießlich. »Wenn ich nur das wüßte! Das treibt mich schon lang um in Grübeln und Zweifeln! Ist er doch wie allgütig so allmächtig! Warum tilgt er sie dann nicht aus oder bindet sie doch irgendwo an – aber recht fest! – wie die Heidengötter so manch riesisch Ungetüm?« – »Weil er uns durch die Schäden und Leiden, die sie uns anthun, in Trübsal läutern will, weil wir mit ihnen ringen sollen mit geistlichen Waffen in Gebet und Buße. Und schließlich sind Gottes Wege unerforschlich,« – »So, so? Das werd´ ich morgen dem Kiemo sagen. Weiß aber nicht, ob ich ihn damit überzeugen werde.« »Sprich,« fragte nach einigem Nachsinnen der Mönch und ein heldenhafter Strahl kühnen, todesfreudigen Mutes erhellte die sonst so schmerzumwölkten Züge, »sage, wo ist hier in der Nähe das höchste Weihtum der Heiden, wo sie ihren Götzen opfern? Bildsäulen mein' ich, die ein starker Arm wie einen Schild zerschmettern mag?« Dabei ballte er die hagere Faust um den neben ihm liegenden Pilgerstab und führte damit einen sausenden Streich in die Luft. Erschrocken duckte sich der Knecht: »Behüte! O heiliger Bruder, wie bist du streitgewaltig!« »Ich war's!« seufzte der, den schweren Stock traurig fallen lassend. »Aber ... gieb Bescheid! Wo find' ich das nächste Heiligtum der Heiden?« »O,« meinte Secundus, »was das angeht, wenn du weiter nichts willst, – da ist dir leicht zu helfen. Auf dem kleineren Eiland im See, – du sahst es wohl liegen in der Ferne von Rimisto's Halde aus! – auf dem Linden-Wörth, stehen sieben schöne uralte Linden im Kreis um einen tiefen, tiefen Ziehbrunnen, den Donar über dem Urspring klarsten Wassers gezimmert haben soll: Frau Berahta, der Ehegöttin der Bajuvaren, sind Linden und Brunnen geweiht. Und auf dem größern Eiland, dem Eschen-Wörth, – weißt du: weiter gen Mittag hin und gen Abend – da ragt am Eingang in die dunkeln Schauer dichten Urwalds aus dem Stamm einer mächtigen Esche halb heraus geschnitzt das Bild ihres obersten Gottes, zwei Raben auf den Schultern ...« »Wuotans, des ärgsten der Dämonen!« schrie der Mönch und Feuer sprühte aus den tief eingesunkenen Augen. »Ihn haß' ich zumeist! – Wohlan! Ich fühl's: schon kann ich den Arm wieder schwingen! Morgen führst du mich zu der Götzin und dem Götzen!« *   IV. Am Abend des folgenden Tages fuhren der Fremdling und Secundus, dem sein Herr Urlaub erteilt hatte, über den Weitsee nach dem »Linden-Wörth«, der heutigen Fraueninsel. Secundus, aufrecht stehend, steuerte, aber er ruderte auch allein: denn Paulus lag auf den Knieen vor dem Kreuzstab, den er auf dem Schnabel des Einbaums befestigt hatte, in heißem Gebet: er flehte den Herrn und Sankt Paulus an, ihn nicht zu Schanden werden zu lassen vor den Heiden und ihren Abgöttern. Die Sonne ging allmählich zu Gold über den dunkeln Tannenwäldern auf den sanft welligen Hügeln des Westufers: prachtvoll hob sich von diesem schwarzgrünen Höhensaum ein leuchtend warmer, gelber Streif: in wundersamem Frieden ruhten Land und See: die von Nord nach Süd kaum absehbare Wassermasse lag spiegelglatt, ganz unhörbar spülten die leisen Wellen an den weißen Sand der Nordspitze des Eilands, auf der nun der Einbaum knirschend auffuhr. Die liebliche Insel, heute von Fischer- und Kleingütler-Häuslein dicht bedeckt, in Karolingerzeit der Sitz eines Frauenklosters, war damals nur von gar wenigen Menschen bewohnt. Denn ein Weihtum, Frau Berahta geheiligt, war das ganze Eiland: eine silberhaarige Priesterin waltete dort, ihrer Verehrung dienend, umgeben und unterstützt von zwölf Jungfrauen aus den edelsten und angesehensten Geschlechtern der Bajuvaren: die von der Greisin Erwählten, in je drei Jahren wechselnd, rechneten sich solchen Dienst zu hoher Ehre. Die kleine Aue bot weder für Ackerbau noch für Viehweide genügend Raum: auch sollte der heilige Boden, nur von Gras und Bäumen bestanden, nicht unheiligen Wirtschaftszwecken dienen: so waren es nur wenige freie Grundholden, auch wohl Unfreie, dem Weihtum von den reichen Grundherren der Nachbargaue zu eigen geschenkt, die, von Fischfang und kärglichem Viehstand lebend, für den das Gras von den »Feldwiesen« am Südostufer des See's geholt ward, für den Unterhalt und den Schutz der Priesterin und ihrer Jungfrauen sorgten. An der Nordspitze, gegen Bedaium zu, lag eine solche Fischerhütte, verborgen hinter hohen Weidenbüschen, die ihre langen Zweige bis in das Wasser hängen ließen. Aus diesem grünen Versteck trat jetzt, da die Ankömmlinge aus dem Boot stiegen, ein in Wolfsfelle gekleideter Mann hervor: er ließ den Holzschild vom linken Arm in die Hand herab gleiten, stieß den scharfen Lachsspeer neben sich in den Ufersand und reckte Secundus die Rechte entgegen. »Willkommen,« sprach er, in einer vom Bajuvarischen verschiedenen Mundart, – auch das Haar trug er anders: gegen den Wirbel zurückgekämmt und hier in einem Büschel zusammengeflochten, – »in Frau Berahtas Frieden. Ich glaubte ja doch den Einbaum der Arninge zu erkennen. Und dich am Steuer. Nur die Stange mit dem Querholz irrte mich. Da griff ich, zu Tius betend, zum Speer. Hab' ich doch allein die Wörthwache hier auf dem Nordzipfel. Und der Fagano ließ uns von dem Eschen-Eiland herüber sagen, wir sollten scharfe Ausspäh halten: räuberisch Volk sei gemeldet von Aufgang her.« »Gegrüßt, Suapo,« erwiderte Secundus. »Treu hältst du Wache. Aber wir kommen als Freunde. Gieb uns Obdach heut Nacht. Der Herr Christus wird dir's lohnen.« Der Uferwart schüttelte den Kopf: »Kenn' ihn nicht. Wuotan, der Wegfährtigen Schutzherrn, geht das an. – Weit und breit ist kein Kahn zu sehen: – alles sicher. So kommt mit.« Und er wandte sich und schritt auf seine Hütte zu; beide folgten. Jedoch bevor der Mönch über die Schwelle trat, blieb er stehen und sprach: »Und du fragst nicht, woher noch weshalb ich komme?« »Unrecht wär's, ungastlich. Wuotan würde zürnen.« »Und doch,« erwiderte der Gast, »mußt du's wissen: nicht im Frieden Euerer Götzin komm' ich: Trutz und Kampf bring' ich ihr.« Ruhig entgegnete der Fischer: »Schlimm für dich! Dann wirst du bald aus ihrem Eiland scheiden: lebend oder – tot. – Morgen feiern wir,« fuhr er, zu Sccundus gewendet, fort, »ihr Fest: die Weihe des Brunnens, den die Göttin dereinst den Ahnen gewiesen und Donar dann überwölbt: danach erst konnten Menschen hier siedeln: denn Seewasser trinken, treibt den Leib auf.« »Ein Fest?« forschte der Mönch eifrig. »Ein Opferfest für die Inselgöttin? Morgen? Dank, Sancte Paule, zu rechter Zeit führtest du mich her!« *   V. Vor Hahnenkraht wurden die Gäste wach durch das Geräusch, das der Wirt verursachte: – er hauste allein mit seinem zwölfjährigen Knaben – indem er sich mit seinem Fischzeug zu schaffen machte. »Was hast du vor, – so früh am Tag?« fragte Secundus, sich die Augen reibend. – »Hei, Fische fangen. Der Krätzer beißt am besten gleich wann der Sonnengott über die Berge stieg,« lachte er. »Siebenmal zehn Rückenstacheln – das heißt mit den Fischen daran! – Hab' ich an das Weihtum zu liefern zu diesem Tag. Was wäre ein Fest Frau Berahtas – Frigg heißt sie aber bei uns Alamannen – ohne einen Schmaus von Fischen? Reichlich, wie der Fisch Roggen tragt, soll sie ja aller guten Menschen, nützer Tiere und nährsamer Kräuter Samen wachsen und gedeihen lassen!« »Hei ja, Vater,« rief der krausköpfige Bub, er befestigte Bleistücklein an den Schnüren der Senkangel, »heute wird's wieder mal gut. Der Südwind hat die Nacht schwül gemacht: ein Gewitter ist im Anzug: da beißen sie wie die Wölfe. Und der Nachbar hat mir ein Stück Leber geschenkt von dem Roß, das er zum Opferschmaus geschlachtet: das ist ihnen lieber als der fetteste Regenwurm. Komm, Vater: schon spiegelt der See den Sonnenwagen wider.« »Der Fang ... das soll wohl ein Opfer werden für eure Abgöttin?« fragte Paulus rasch. – »Gewiß: für unsre hohe Huldfrau!« – »Secundus, wir fahren mit. Ich will ihnen den Fang ...! Höre mich, Sankt Peter, du bist wie der Fischer so der Fische Herr. Gebeut ihnen zu thun nach meinem Willen!« Bald flog der Flachkahn um jenen Nordzipfel der Insel, der heute noch nach jenem Suapo der Schwabenzipfel heißt, auf dem Westufer dahin scharf gen Süd. Als man sich der Mitte zwischen der Fraueninsel und dem damals noch namenlosen, heute »Krautinsel« benannten ganz kleinen Eiland näherte, hemmte der Fischer das Steuer und gebot seinem Knaben, das Ruder aufzuziehen: der hielt es nun wagrecht über dem Schiffsrand: die Wassertropfen träuften von der breiten Schaufel langsam auf die Fläche des wellenfreien See's: jeder Tropfen bewirkte einen kleinen Ring, der sich allmählich erweiterte und so verging. – »Halt! gleich sind wir zur Stelle! Man muß den Wipfel der höchsten von den sieben Linden und die Spitze der höchsten Weide auf dem kleinen Werder in einer Richtung sehen: noch ein klein wenig rechts, Suapilo – nun gerad aus! So! Halt. Jetzt sind wir auf dem kleinen Haken, auf dem Hakilo, sprechen die Bajuvaren. Nun laß den Stein an dem langen Seil herab – langsam. So! das hält so fest wie ein Zahnanker daheim am blauen großen See. Bald hebt sich nun der Morgenwind: – aber so mag er uns nicht von der Stelle treiben.« »Ich wette,« rief Suapilo, »ich hasple den ersten herauf!« Und er schlang die lange mit angedrücktem Blei und mit kleinen festgebundenen Kieseln beschwerte Schnur, die noch den uralten Bronzehamen trug, beködert mit einem Stück der rohen Leber, um den Zeigefinger der rechten Hand und wollte sie über den Schiffsbord gleiten lassen: aber der Vater hemmte seinen Arm. – »Halt an! Immer zu rasch noch! Erst den Fangspruch, den der Ahn vom fernen Bodensee mit in dies Ostland gebracht.« »Vom Bodensee?« forschte der Mönch. »Das ist das große Wasser bei Bregenz, nicht? Dorthin trachtet mein Abt Columba das Kreuz zu tragen,« erklärte er Secundus. – »Wie kam dein Ahn hierher? Warum verließ er die Heimat?« Unwirsch erwiderte der Fischer: »Wort verdirbt Werk. Viel Fragen frommt nicht. Ich habe dich auch nicht gefragt. Schweig jetzt, wann ich zu den hohen Göttern rede.« Und er begann, nachdem er zuvor das Haupt geneigt, nun den Blick ehrfurchtsvoll gen Himmel gerichtet: »Höre mich, hoher Dröhnender Donar, Der du, der Fischer findigster, Hobst an dem Hamen Aus greulichem Abgrund Den fröhlichsten Fisch: Den wütigen Wurm, Der riesig umringelt Allen Erdkreis! Fülle der Fischlein Hänge mir heut' an den Hamen! Und du, glänzende Göttin, Des Guten Geberin, Frigga, freundliche, freudige Frau, Gebieterin, beut du selber das Beste Zu dem frohen Fest, das wir dir feiern: Schick' mir die schuppigen, Schwänzelnden Schwimmer In Fülle zum Fang!« »So! Nun wirf aus, Bub! Du zur Linken, – ich zur Rechten. Da, Secundus, nimm auch eine Schnur.« Der griff willig zu und wollte auswerfen. Aber der Mönch fiel ihm in den Arm. »Nein! Du wirst nicht! Willst du beitragen zum schnöden Opferschmaus der Heiden?« Und er entriß ihm die Schnur und schleuderte sie weit in den See. »O weh! mein bester Hamen!« klagte Suapilo. »Fremdling, das thatest du wider Recht!« grollte der Vater. – »Immer euer elendes Recht, immer euere Menschensatzungen, wo es sich um den Himmel handelt! – Nun Hort mich, ihr Heiligen, vor allen du, Sankt Peter, großer Seelensischer, den der Herr jenes reichen Fischfangwunders gewürdigt hat am See Genezareth: zeigt all ihr Heiligen diesem Heiden, daß ihr Gewalt habt wie über Land, so über Wasser und alles Getier, das darin schwimmet und fleußt! Nicht Eine Flosse sollen sie fangen für ihr Götzenfest. Ich beschwöre euch, Kreaturen der Tiefe, meidet ...« »Heia,« jauchzte der Knabe, »der hat stark gerissen! Das ist ein großer.« Und eifrig wand und haspelte er mit der Linken, säuberlich dabei jede Verwickelung und Wirrung der Schnur meidend, die viele, viele Klafter lange, herauf in den Kahn, ohne sie jemals an dem untern Ende schlaff werden zu lassen. »Der ist schwer, Vater!« frohlockte er und schnellte seinen Fang, einen mächtigen Barsch, über den Schiffsrand herein. »Und der ist auch nicht übel,« meinte der Fischer und zog einen zweiten herein. »Ei, wie sie heute beißen!« lachte Suapilo. »Ich sagt' es ja! Der Südwind!« – »Ja, und der Fischspruch! Der hilft!« Verdrießlich wandte sich Secundus, wie der Fang fort und fort so rasch und reichlich fruchtete, an den Mönch: »Aber,« meinte er kopfschüttelnd, »was ist denn mit den Heiligen?« – »Schweig! Es ist eine Prüfung des Glaubens. Oder mein Gebet war zu schwach. Oder ich bin zu unwürdig. Oder die Dämonen sind allzustark an diesen Stätten uralten Götzendienstes!« – »Aber Gott ist doch allmächtig! Und allgegenwärtig! Warum also...?« – »Schweig und glaube!« Es war aber doch hart für den Alten, die Fische trotz des Gebets und Verbots des Mönches sich wie um die Wette an die Hamen drängen zu sehen. »Es ist, als ob sie's ihm zum Verdruß thäten!« dachte er. »Gut, daß Kiemo noch nicht da ist.« In kurzer Frist waren so viele Fische gefangen, als die breiten Lägel im Kahn zu fassen vermochten. Suapo lichtete den Steinanker und in rascher Fahrt ging's nach Hause. »Jetzt,« sprach er, die ganze Armeskraft in das Steuerruder legend, »jetzt magst du fragen, Fremdling. Nun stört die Rede nicht mehr; aber: ›stumm ist der Fisch, stumm sei der Fischer.‹ 's ist ein guter, alter Spruch. – Also, wie der Ahn vom Alamannenland hierher verstürmt ward, begehrst du zu wissen? So hör' es. Denn es geht auch dich an und deine Werke. Vor siebzig Wintern etwa war's, da kam auch so einer wie du bist, im härenen Rock, den Kreuzstab in der Hand, aus dem Burgundenland an unsern See nahe der alten Walenstadt Arbon. Und lehrte die neuen drei Götter und die göttliche Jungfrau, die den Einen gebar ...« »Nicht so! Nicht doch!« schalt Paulus und sprang heftig auf. – »Bleib sitzen! Sonst fliegst du ja ins Wasser. – Die meisten Männer hörten ihn gar nicht zu Ende, nur ein Paar Weiber lauschten ihm gern. – An die – und an die Knechte! – machte er sich immer zuerst. Darunter war auch Itta, die Ahnin; ihr Gatte, der Großvater, ließ sie gewähren, verstattete auch, daß der üble Wale sie tauchte in das üble Zauberwasser ... sitz still, sag ich, bei Donars Strahl! sonst liegen wir alle im See und nur der Bub und ich würden wieder herauskommen! – Aber nun verbot der Fremde der Getauften die Ehegemeinschaft mit ihrem Eheherrn, bis auch der gechristnet sei. Das ist der Friede, den ihr bringt! Der Ahn warf den frechen Ehestörer aus dem Gehöft und zwang die Frau zu seinem Eherecht. In derselben Nacht, als der Ahn neben ihr eingeschlafen war, entlief sie, dem Mönche folgend, seine Verzeihung zu erflehen. Wie der Mann erwachte und das Bett leer sah, faßte er die Axt, folgte ihrer Spur und traf das Paar am Morgen auf der Straße nach der Bischofstadt am Lech; sie lag vor dem Fremden auf den Knieen, rang die Hände, ihn um Verzeihung stehend, die er weigerte. Da hob Suapogrim die Axt und erschlug sie beide auf dem Fleck. Dann ging er zurück ins Dorf und sagte es dem Richter an. Der berief das Ding. Und das Ding sprach den Ahn frei. Und es lobten ihn alle Männer. Aber ihm war das Gehöft verleidet, wo er so lang in Frieden und Glück gewaltet hatte mit der schönen Itta, bis der Christenpriester kam mit dem Grußwort: »Friede sei mit euch.« Und er rief alle Nachbarn als Zeugen zusammen, sprang, nur mit dem Hemd bekleidet, den Stab in der Hand, über den Zaun des Gehöftes, warf dessen Staub rücklings über die linke Schulter und ließ Hof und Habe, Acker und Erde, Wunn und Weide feinem Brudersohn auf im echten Ding. Und zog mit seinem Knaben über Lech und Isar und Inn gen Osten, bis er hier an jenem Eilandzipfel neue Heimatbalken aufrichtete. Und die gütevolle Priesterin des Weihtums schenkte ihm die Scholle Landes und das Bauholz zu dem Hof und schenkte ihm ein paar Rinder und das Futter dafür drüben in den Feldwiesen. Und er und wir, seine Erben, haben dafür nichts zu leisten als die Uferwart gen Mitternacht und etliche Fische zu den großen Festen der Göttin. Wie gern thun wir das! Denn gütig ist Frau Berahta, gut lebt sich's unter ihrem Frieden und gütig und huldreich – wie die Göttin – sind ihre Priesterinnen. Wie haben sie mein armes krankes Weib gepflegt, wie den verwaisten Buben da herangezogen! Ja, gütevoll sind sie, unsre großen Götter, und gütevoll die ihnen dienen. – So! 'raus das Ruder, Bub! Wir sind zur Stelle. Steig' aus, Fremdling, und teile unser Frühmahl; Wuotan sendet allerlei Gäste: man muß sie aufnehmen, wie er sie schickt. Aber unter Suapos Firstbalken sprich nicht euer »Friede sei mit euch«: – lehre nicht die neue Lehre: – übel ist sie uns schon einmal gediehen.« *   VI. Alsbald begann nun auf der Insel eifrige Bewegung. Aus den Höflein der Hütten der Grundholden, Freigelassenen und Unfreien des Weihtums eilten die Bewohner: Männer, Frauen und Kinder, zu der Opferstätte an dem Lindenbrunnen, wo sich das Hauptgebäude des Eilandes erhob: die Wohnstätte der greisen Priesterin und ihrer jugendlichen Gehilfinnen; im Halbkreise, gegen Osten geöffnet, zog sich der nur aus dem Erdgeschoß bestehende Holzbau um das Heiligtum, dahinter, gen Westen, standen die Ställe und Vorrathäuser, in denen die der Göttin geweihten Tiere gehegt und die Opfergeräte, zumal die Gefäße, meist Weihgeschenke, verwahrt wurden: nur behufs des festlichen Gebrauches wurden sie feierlich entnommen. Aber nicht nur die paar Dutzend Inselleute erschienen zu dem Feste: schon am frühen Morgen bedeckte sich der See von allen vier Himmelsgegenden her mit Einbäumen, Plattkähnen, breiten Segel- und schmalen Ruderbooten, die Anwohner der Uferdörfer in großer Zahl heranzuführen: zumal Frauen und Mädchen, aber auch Väter, Muntwalte, Bräutigame, die für die Wohlfahrt der Töchter, der Mündel, der Bräute, für das Gedeihen des eignen Herdes Opfer darbrachten. Hoch gehäuft lagen in den Schiffen die Eier, spärlich von den noch im Gaue gar seltenen Hühnern, meist von Möwen, von der Wildgans und der Stockente, in zierlich geflochtenen Binsenkörben, zuweilen waren die Eier mit Mennig rot gefärbt; dann die duftenden Laibe des für dies Fest besonders gebackenen Gebildbrotes, die in ungefügen Umrissen das Bild der Göttin selbst darstellten, kenntlich an dem das Haupt verhüllenden Linnenschleier, an dem ringförmigen Halsgeschmeid aus roten Ebereschebeeren, sowie an dem Gürtel, mit gelbem Ocker, der das Gold bedeuten sollte, mit dem Schlüsselbund, dem Abzeichen der hausfraulichen Schlüsselgewalt, aufgemalt. Aber zumal Fische, noch lebend, platschend in mächtigen durchlochten Holzkufen, die unter dem Boden des Kahnes angebracht waren, oder schon ausgeweidet und zum Behuf des Backens auf lange spitze Stäbe gesteckt, wurden in bunten Mengen herangefahren in allen Arten, die das reich nährende tiefe Gewässer bot: vom riesigen Waller und schmackhaftem Seelachs und dem räuberischen Hecht bis zum stachligen Barsch. Andere Höfe hatten Milch in hohen, kühl haltenden Thonkrügen mit gewölbtem Bauch und dünnem Halse geliefert; oder Butter, sauber verpackt in breite Sumpflattichblätter, oder allerlei Käse von Kuh- und Ziegenmilch, deren Bereitung man den vorgefundenen römischen Colonen längst abgelernt hatte und nun auf den Almen durch den Senn, den Altknecht, selbst betrieb; auch Waben von Wachs und Scheiben duftigen Honigs fehlten nicht, noch Holzfäßlein, mit Met gefüllt, auch wohl mit Bier, das aber des Hopfens gebrach. Für Blutopfer wurden Lämmer, Geiszicklein, Kälber herbeigefahren und die dichten Wälder, die ringsum die Ufer bis zu der Mittelhöhe der Berge hinauf bedeckten, hatten ihr mannigfaltig Wildbret gespendet: Bärenschinken und -Tatzen, Lenden vom jungen Auerstier, Frischlinge vom Wildeber, ganze Gemsen, Hirsche und Rehe, allerlei Wildgeflügel, vornehmlich aber den Hasen, der, der Ehegöttin, wie die Fische wegen seines reichen Kindersegens geweiht, auch in Gestalt von Gebildbrot häufig die langen Löffel reckte oder Männchen machte. Aber die Kinder, die, zumal gerade aufknospende Mädchen, in großer Zahl zum Opferfest mitgebracht wurden, auf daß ihnen von der Priesterin in der Göttin Namen die Hand auf Scheitel und Busen gelegt werde, hatten in hübschen, aus Bast und Rinde mit den geschickten Fingern ineinandergefügten Butten alle schmackhaften Beeren des Waldes, die bereits gereift waren, gesammelt und als ihr duftig Opfer dargebracht: die sauern Holzäpfel und Holzbirnen der Gehölze waren noch hart und so auch die nicht zahlreichen Früchte der veredelten Bäume in den vorgefundenen römischen Obstgärten. Und die Kinder und Jungfrauen waren es auch gewesen, die den unabsehbar reichen Schmuck von Kränzen aus Waldlaub, Waldblumen – bunt blühen die Auen dort im wonnigen Frühsommer! – und aus dunkelgrünem Moos und Schilf geflochten, und gewunden Hütten, der die Masten, Segelstangen, Nahen, Vorderbuge und Hintergransen der Schiffe dicht umhüllt hatte und nunmehr zur Schmückung der Opferstätte hinangetragen wurde. Denn allmählich – gegen die Mittagsstunde – sammelten sich jetzt die Eiländer, und von all den Stegen, an denen sie gelandet, aufsteigend, die Opfergäste auf der höchsten Fläche – in der ungefähren Mitte – der Insel, die, nördlich von dem Brunnenweihtum ziemlich eben belegen, damals schon wie heute noch ebenso wie der Brunnen von einer Gruppe mächtiger Linden bestanden war. Leis flutete über die Stätte der süße Duft der Lindenblüte, ein Weihrauch der Natur, kein künstlich bereiteter: und das Summen unzähliger Bienen um die breitbuschigen Wipfel hin hörte sich an wie das Raunen geheimnisvoller Weissagung. Hohe, stille Weihe der Natur lag über diesem Götterdienst, der den wohlthätigen Gewalten des Himmels und der Erde danken wollte. Da schollen von dem Weihtum her drei dröhnende Schläge, mit dem Steinhammer auf einen weitbauchigen Kessel von Erz geführt. Sofort setzten sich die auf der Lindenhöhe Harrenden in Bewegung und schritten langsam auf die Weihestätte zu: die Kinder – die Kleinsten – voran, bunte Kränzlein, weiß und rot und blau und gelb, aus Ehrenpreis und Augentrost, Vergißmeinnicht und Butterblumen auf den meist blonden, ja weißgelben Köpfen: sie streuten aus den Schürzen und aufgebauschten Röcken Blumen links und rechts vom Pfad: sorglich achteten die nachschreitenden Erwachsenen, ja nicht darauf zu treten: denn aus Kinderhänden kam der Göttin das liebste Opfer. Gar feierlich bemessen, in rhythmischem Wechsel, war das Einherschreiten der Wallenden im Takt eines kleinen uralten Liedes, das alle, die Kleinen wie die Alten, gleich gut kannten und in frommer Ehrfurcht mit verhaltenen Stimmen sangen: »Wir wallen auf geweihtem Weg: – Zu guten Göttern gehen wir: Winzig Weniges weihen wir Von unserm Eigen, Das doch nicht unser, Das der Seligen selber ist.« Bald war der schmale Raum von dem Zuge überschritten, der von dem Brunnen trennte: vor diesem angelangt scharten sich die Opfergäste im Kreise ganz von selbst – es bedurfte keiner Weisung oder Ordnung – nach den Sippen: und da die Gesippen bei der Einwanderung nebeneinander siedelten, wie sie unterwegs nebeneinander gegangen, geritten, gefahren waren, gliederten sich auch die hier Versammelten von selbst nach den Dorfschaften und Einödhöfen, in die dieser Teil des »Ostgaues« zerfiel. *   VII. Die hohen eichenen Doppelthüren des Hauptgebäudes westlich von dem Brunnen waren über und über mit Kränzen behangen: die eingeritzten Ziergebilde zeigten Frau Berahtas heilige Tiere: den Hasen, den Fisch und, roh umrissen, die Göttin selbst auf ihrem von zwei Ziegen gezogenen Wagen, der sieghaft über Drachen und Schlangen dahinrollt: diese Einritzungen waren zum Feste mit Waid frisch geblaut und mit seinen roten Linien von Mennig eingefaßt. Die beiden hohen Thürpfeiler zeigten, flach eingeschnitten, den Herd, auf dem die Flamme loderte, dann die flachsumwundene Spindel, das Halsgeschmeid und den Schlüsselgurt der hehren Hausfrau des Himmels; das jugendliche Antlitz ihres Sohnes Paltar war zu oberst an dem Knauf des linken, das ihres Hammergewaltigen Sprossen Donar auf dem des rechten Pfeilers eingezeichnet, während das mächtige bärtige Haupt ihres Eheherrn von der Mitte des obersten Querbalkens herabschaute und über dem Eingang zu wachen schien. Aus dem Innern des Gebäudes erscholl jetzt ein lauter Hornruf, die breite Doppelthür sprang auf und aus ihr kam langsam und feierlich der Festwagen gefahren, von vier weißen Hirschen gezogen: der Wagen, auf zwei hohe Räder gestellt, von vorn durch brusthohe, im Halbkreis nach außen gewölbte Brustwehr geschlossen, auf der Rückseite offen, also einem homerischen Streitwagen nicht unähnlich, aber erheblich mehr in die Länge, die Tiefe gezogen, war samt seinem Viergespann so über und über von Blumengewinden bedeckt, daß man kaum die runenbedeckte Goldplatte wahrnahm, die, in Gestalt eines länglichen Harstschilds, an der Vorderwölbung des Gefährtes prangte und kaum das mit Silber gespängte Zaumwerk und Gespann der hoch stapfenden Hirsche, deren Geweihe, mit Silber überzogen, im Sonnenschein weithin blendend leuchteten: die klug blickenden Tiere, den Menschen lang vertraut, schienen ihren leichten Dienst gern und wie mit Stolz zu verrichten. Mit Silber überzogen war auch das schön gewundene Gehörn des stattlichen Opferwidders, der dem Wagen nachgeführt ward; mit roten Bändern war sein weißes Vließ durchflochten. Um die Reihe traf jedes Gehöft am See die Verpflichtung, je in Einem Jahr das Opfertier zu liefern, wie das in manchen jener Thäler – so in der Jachenau – bis vor kurzem mit dem zu liefernden Osterlamm der Fall war; diesmal war Kiemo an der Reihe gewesen: und er und sein Weib hatten selbst den Widder herangefahren, hinter dem sie nun in dem Zuge schritten: die Ausschmückung war aber in dem Weihtum geschehen. Über den Vorderbug hin des Wagens führte die von bunten Halbedelsteinen glänzenden breiten Zügel von weißem Leder die greise Priesterin, eine hochragende, Ehrfurcht gebietende Gestalt: das lange Haar floß in dichten Wellen auf den langfaltigen weißen Linnenmantel, – so weiß wie dieser selbst; die scharf geschnittenen, aber vornehmen Züge, denen des Fagano ähnlich, bekundeten weihevollen Ernst: aber der Kranz von wilden, roten Rosen, den sie – wie ihre Jungfrauen – auf dem Haupte trug, schien wie das Abendrot auf der Gletscherfirne anzudeuten, daß dieser Reinheit die Wärme, diesem Ernst die Güte nicht gebrach. Lautes, freudiges Heilorufen begrüßte den Wagen und die Priesterin. »Wer ist das?« fragte der Mönch den Alten – sie standen weitab in der hintersten Reihe. »Sie scheint ein Edelweib.« Secundus nickte ehrdienig. »Gewiß! Eine Fagana! Die Witwe Berchtatrudis, – sie war einem Drozzo vermählt – des Gewaltigen Vaterschwester. Und schau – hinter ihr – der lange Zug von Jungfrauen – in roten, blauen Festgewanden.« – »Auch Priesterinnen?« – »Nein, nur auf kurze Zeit ihr zur Hilfe gesellt – aus andern Sippen des Adels. Still! die Feier beginnt.« »Sie soll nicht lange währen!« grollte Paulus. Die Greisin war nun, gehoben von den Gehilfinnen, von den Hinterstufen des Wagens herabgestiegen: feierlichen Schrittes ging sie auf den von den hohen Linden umgebenen Brunnen zu, dessen Umrandung aus Steinen, ohne Mörtel, »kyklopisch« aufeinander gehäuft, ebenfalls völlig von Kränzen verdeckt war. Sie hob den Bronzeeimer, der an langer, langer Kette an dem Rande befestigt war, küßte das Bild der Göttin, das in gehämmerter Arbeit an der Vorderseite angebracht war und sprach, bevor sie ihn hinabsenkte: »Hört mich, ihr Hehren Hoch in den Himmeln, Gütige, gabengebende Götter, Der mühseligen Menschen Schirmende Schützer! Du vor allen befreunde uns, freudige Frau, Ewig bräutliche Berahta, Goldengegürtelte Göttin! Fördre uns fürder den Flachs Und das linde Linnen, Hilf der Hausfrau am heiligen Herd Und über dem Ehebett Walte und wirke weihevoll. Wie ich hier weihe und hole Aus dem ehrwürdigen Urspring Geheimnisvolle Gabe Und spritzend sie sprenge Über alle Häupter hier, Über Flur und Feld, Über Anger und Acker, Über Wunn und Weide, – So sprenge und spreite Du gütig Gedeihn, Fruchtbare Freuden Über all' den Ostgau.« Unter diesen Worten hob sie den in den tiefen Brunnen hinabgelassenen Eimerkessel in die Höhe, stellte ihn auf den Steinrand und sprengte mit beiden Händen Wasser über die andächtig sich beugenden Häupter und darüber hinaus über die Flur. Mit schwer verhaltenem Grimm hatte der Mönch all' das mit angesehen und angehörte wiederholt hatte ihn Secundus am Arme zurückgehalten, wie er vorspringen, sprechen wollte. Nun hob die Priesterin wieder an: »Das war das Naß des alten Jahres. Das junge Naß des neuen Jahres hat die meiner Jungfrauen zu schöpfen, die wir im Weihtum alle die würdigste, die edelste nennen.« Sie schüttete nun das letzte Wasser aus dem Eimer und reichte ihn dem nächststehenden Mädchen, deren Schleier zurückschlagend: »Das aber ist – in unser aller Augen – Adaltrud, die Tochter der Anniona.« Da scholl ein dumpfes Stöhnen aus der äußersten Reihe der Umstehenden: es drang nicht bis zu der Priesterin und sie fuhr fort: »Komm, Adaltrud, tritt an meine Stelle. Nimm den Eimer, bekränze ihn, senke ihn hinab und schöpfe, du Liebling Berahtas, den Weiheguß für das junge Jahr.« Das schlanke, wunderschöne Mädchen, nicht mehr in erster Jugendblüte, das edle bleiche Gesicht wie geweiht von tief verschlossenem Weh, trat nun vor, den Eimer aus der Hand der Priesterin zu nehmen, sie – allein von ihren Gefährtinnen – trug nicht ein helles, festfreudiges Kleid, ein dunkelgrünes Trauergewand. »Halt! Halt ein!« gellte da eine grelle Stimme und, die Reihen aller vor ihm Stehenden mit Gewalt durchbrechend, sprang der Mönch dicht vor die beiden Frauen: »Halt! Du sollst nicht deine Seele morden, wie die meine, Adaltrud. Hinweg von diesem Eimer der Hölle!« Da hob sich unbeschreiblicher Lärm und Aufruhr, die Frauen wehklagten, die Männer schrieen, rissen die Schwerter heraus, zückten die Speere: »Nieder! Nieder der Neiding. Er brach den Frieden Berahtas!« Jedoch hoheitvoll trat die Priesterin den Tobenden entgegen, hoch die Rechte hebend: »Schweigt! Schweigt alle! Nieder die Waffen! Ihr , ihr brecht den Frieden mit gezückter Waffe.« – Und nun flüsterte sie der bebenden Jungfrau zu: »Ist er's?« »Er ist's!« hauchte diese erbleichend. Da richtete sich die Frau noch höher auf, winkte der Menge mit der Hand zurück und sprach ruhig: »Dieser Fremdling, ein Franke, ein Christenpriester, wird umgetrieben von den rächenden Göttern. Er hat seinen Bruder erschlagen. Er ist von Unholden geritten. Man kann ihn nicht strafen.« »Nicht?« schrie Paulus. »Laß sehn, ob ihr ihn nicht strafen werdet! Euere Brunnengöttin ist eine üble Teufelin. Ohnmächtig, sich selbst und ihre Heiligtümer zu schützen, – wie sollte sie euch schützen können? Schaut her! So wahr ich mit diesem Beil ihr Bildnis dort zertrümmere, so wahr ist Christus der einzige Gott und eure Götzin Kot.« Damit raffte er ein zu seinen Füßen liegendes scharf geschliffenes Opferbeil auf und führte, hoch ausholend, einen wütenden Streich gegen den Eimer, den Adaltrud erschrocken auf den Brunnen gestellt hatte. Aber laut aufschreiend stürzte er zusammen. Das Beil hatte sich bei dem gewaltigen Schwung aus dem Schafte gelöst und war ihm durch die Kutte tief in den linken Schenkel gefahren; stark blutend lag er am Boden. Viele Klingen waren flugs über ihm gezückt; allein die Priesterin spreitete ihren langen, weißen Mantel über ihn. »Haltet ein! Wollt ihr Frau Berahta mit Blut beflecken? Ich decke meinen Mantelfrieden über ihn. Die Göttin hat schon selbst gerichtet: wollt ihr, sie bessernd, ihr Urteil schelten? Zurück, alle zurück! – – Du, Suapo, hast ihn gehoft und gehaust? Du legst ihn sofort in deinen Kahn und schaffst ihn fort aus dem heiligen Lindeneiland, das er entweihen wollte. Dank dir, Göttin, für dein Urteil, das er selbst begehrte. – Nun, Adaltrud, reich mir die Hand. Sei stark! Und vollende dein heilig Werk!« *   VIII. Bald darauf führte Suapo in seinem Einbaum seine beiden Gäste auf des Mönches Wunsch nach dem nahen Eschen-Wörth, der heutigen Herreninsel, jetzt von ihrem Mönchskloster so benannt. Secundus hatte die Wunde gewaschen und verbunden und mühte sich nun gutherzig, den Mönch aus dem finsteren, schweigenden Vorsichhinbrüten zu wecken durch allerlei Fragen und freundlichen Zuspruch; während ihr Ferge kein Wort, keinen Blick mehr dem von der Göttin gerichteten Frevler gönnte: – seinen Knaben hatte er nicht mehr in jenes Nähe geduldet –; über seine beiden Fahrgäste hinweg sah er starr und unverrückt nach der Waldspitze des Eilands aus, an der er landen wollte. »Sprich doch,« mahnte Secundus, »wenn die Wunde nicht zu heftig schmerzt! Brennt sie?« »Nicht diese Wunde brennt,« erwiderte der Fremde, das Haupt schüttelnd. »Warum hast du nicht der Fagana widersprochen, als sie dich der Blutthat zieh? Denn ich mag nicht glauben ...« »Sie sprach die Wahrheit.« Da that Suapo einen mächtigen Stoß am Steuer. Secundus aber rief, die Hand, die er zutraulich auf des Mönches Schulter gelegt hatte, erschrocken zurückreißend: »die Wahrheit?« – »Siehst du? Auch dir graut vor dem Brudermörder.« »Nicht, nicht! Nicht doch!« beschwichtigte der Alte und rückte ihm wieder näher auf der Schiffsbank. »Aber wie konntest du ...? Und woher wußte die Fagana...?« »Sie ... Adaltrud hat ihr's gesagt! – Aber auch du sollst alles wissen: bist du doch mein Bruder in Christo. Und uns demütigen untereinander ist unser aller Pflicht. Dann magst du mich verachten, hassen, auf jenem Eiland, sowie wir gelandet, verlassen und umkehren. – Vernimm! – Nicht lange schon trage ich dieses Gewand, diesen heiligen Namen. Childiwalt hieß ich und bin von edlem Geschlechte der Uferfranken: am reichsten Hof der Mosel, bei Trier, steht meiner Sippe Hantgemal! Ja, königliches Blut – Merowingenblut: – du, das ist heiß! – fließt in meinen Adern: meine Mutter war eine Tochter des Königs Chlothachar. Und gleich unserem Vater, dem Herzog Childibrant von Ripuaria, thaten auch wir Brüder, Childimer und ich, uns wacker hervor in König Sigiberts Heerbann: sie fürchteten uns Austrasier, sein falscher Bruder Chilperich und Frau Fredigundis, die schöne rotlockige Walandine. Da kam sie , da kam Adaltrud, – aus einem eurer ersten Geschlechter hier im Lande, – in das Palatium König Sigiberts, in den Hofdienst von Frau Brunichildis. An einem Tage, in der gleichen Stunde, erschauten wir beiden Brüder sie, unter den Edelmaiden zu Metz die lieblichste, von elbischem Reiz. Aber Childimer, mein Bruder, war jünger, schöner, freundlicher: ihn zog sie vor! Sie achtete, sie ahnte gar nicht die lodernden Gluten wilden, heißen Verlangens, die mich verzehrten – ach, die sündigen schlugen heut' aufs neue empor bei ihrem Anblick – nach all diesen Jahren der Kasteiung! Da! sieh den Stachelgürtel, den ich unter der Kutte trage! Eines Abends traten mir beide in dem Vorgemach Brunichildens entgegen: – Hand in Hand! Ihre Augen strahlten vor Seligkeit! ›Soeben,‹ rief mir der Bruder zu, ›hat die Frau Königin uns verlobt!‹ Da ward mir's schwarz vor den Augen und rot zugleich wie Blut, ich riß das Schwert heraus und stieß ihn nieder.« »Den eigenen Bruder!« sprach der schweigsame Ferge entsetzt. »Das ist der Frevel größter.« Secundus seufzte tief auf. Der Mönch schüttelte sich in leisem Schauer: »Sein heißes Blut spritzte mir ins Gesicht, nie vergeß ich des Sterbenden brechenden Blick: ich seh' ihn immer, seh' ihn auch jetzt! – Laut aufschreiend warf sie sich über ihn: herbei eilten die Antrustionen, sie fesselten mich. Am Tage darauf ward ich vor das Pfalzgericht gestellt: das sprach mir das Leben ab: Bruch des Pfalzfriedens, Bruderblut...! Aber in meine Kerkerzelle, mich zum Tode vorzubereiten, trat ... Er!« Er hielt inne, kopfnickend, vor sich hinschauend, wie in die weite Ferne. »Wer?« »Der wunderbarste, gewaltigste Mann, den ich je geschaut: Columba, der Mönch aus Irland!« – »Ich habe von ihm gehört. Adalfrid der Faganing, wie er vom Hof zu Metz zurückkam, erzählte von ihm: er sagte, der Mönch sei wie ein feurig Schwert.« – »Das ist er: in Gottes Hand ein feurig Schwert, um auszubrennen alle Sünde. Das will aber sagen: alle Weltlichkeit: denn alles Weltliche ist Sünde, ist verteufelt. Er hat die tief in alle Erdenlust versunkene Priesterschaft im Frankenreich emporgerissen mit eiserner Hand, er hat das wuchernde Unkraut mit Gewalt aus ihren Herzen gejätet, ob manches darob verblutete: er hat in der tiefsten Einsamkeit des Wasgenwaldes drei Klöster gegründet – mit furchtbar strenger Zucht...« »Viel grausamer,« meinte der Faganing, »als die Kerkerzucht der kettengebundenen Verbrecher.« – »Ja, sie ist hart, aber sie hat mich gerettet. In den ersten Stunden schon seines Besuchs in meiner Haft hat dieser gewaltige Mönch aus Banchuir mit der Kraft seines Geistes den Menschen, den Weltling in mir gebrochen für immerdar. Mein innerstes Mark hat er zermürbt mit der Macht seiner Rede, und wie weiches Wachs zerschmolzen mit seiner Glaubensglut all' meine Mannheit: wie mit Hammerschlägen hat er mir zerschmettert nicht nur Trotz und Stolz, nein, alle Heldenschaft. Ich lernte die Welt, den Staat vor allem hassen und verachten. Hat doch Columba seinen eigenen König Theuderich, den Sohn Sigiberts, einen Hund genannt.« »Und der Schuft lebt noch?« rief Suapo, inne haltend im Rudern. Dann spie er aus und steuerte weiter. Auch Secundus schüttelte den Kopf. »Das ist doch ...« »Heiliger Eifer ist es, wohlgefällig dem Herrn. Denn Reich und Staat und Heldenschaft und Königschaft ist – wie die ganze Welt – Teufelswerk.« »Die Welt Teufelswerk?« warf der Alte schüchtern ein. »Mein Vater lehrte mich doch einen Spruch ... wie hieß er doch? Ja: im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.« »Gott schuf sie: aber der Teufel durchdrang in dem Sündenfall alle Kreatur. Der Heilige – er thut bereits lebend Wunder, nicht wie andre nach ihrem Tod an ihren Gräbern mit ihren Knochen! – hat an mir sein größtes Wunder gethan: er schuf aus einem stolzen Frankenhelden mit allen Freuden, Lüsten, Leidenschaften der Weltlichkeit einen zerknirschten Sünder, der alles Irdische verachtet. Höre nur. Ich ersehnte den Tod. Nach ein paar Nächten führten mich die Fronboten, geleitet vom Pfalzgrafen, in die kalte Ecke gen Mitternacht, hinter dem Palatium an der Mosel. Ich sah die Weidenschlinge an dem entlaubten Ast der Eibe über meinem Haupte im Morgenwinde wiegen: ich stieg die Sprossen der Leiter hinan: meine Kniee zitterten nicht dabei: Columba lobte mich darum, wie er mir zum letztenmal die Hand drückte: nun war ich oben: nun schob mir der Henker, der auf dem Baume saß, den Kopf bis an die Gurgel in die Schlinge: nun stieg er die Leiter hinab, nun sprang er zur Erde, nun faßte er die Leiter, sie unter meinen Füßen wegzuziehn; ich empfahl meine Seele dem Herrn... , da rief der Heilige mit seiner erzdröhnenden Stimme – sie scholl mir wie die Posaune des jüngsten Gerichts: – ›Halt! Childiwalt ist in diesem Augenblick gestorben, Paulus lebe, ein Mönch, mein Mönch. Er lebe nur noch dem Herrn und mir, nicht mehr der Welt. Die Königin hat ihn auf meine Bitte begnadigt, ihn mir geschenkt. Aber er sollte die Qual der Todesstunde schmecken, das wollte ich, auf daß er das Leben verachten lerne.‹ Ich glitt die Leiter hinab, stürzte ihm zu Füßen, küßte ihm die hagern Hände und stand auf – nicht mehr ein Mann, ein Franke, ein Krieger, ... ein willenlos Werkzeug in der Hand des Gewaltigen, wie dieser Stab hier in der meinen.« »Nun versteh' ich erst manches an dir,« sprach Secundus kopfnickend. »Er nahm mich mit in das einsamste seiner Klöster, das er in dem wildesten Gebirgswald des Wasgengaus erbaut hat, in den Trümmern alter römischer Bäder und Göttertempel. Jahrelang hat er selbst dort meine Zucht geleitet: – seine Hand hat mir den Stachelgürtel angelegt: ›nie dürfen sie ganz zuheilen, die eiternden Wunden, die er dir stechen wird‹: – so sprach er dabei – ›wie dich der Gewissensbrand brennen soll fort und fort.‹ Als ich ihm nun vor einigen Wochen von jenem Traumgesicht erzählte, erlaubte, ja befahl er mir, hinauszuziehen, wie mein Herz begehrte, allein, ohne Waffen, und die Heiden im Ostland zu bekehren. Jedoch mit euch soll ich nur den Anfang machen: von hier soll ich, verlass' ich euer Land – (ich hoffe aber, es nicht mehr lebend zu verlassen, –« schaltete er ein mit einem seltsam siegesgewissen Blick auf die nun ganz nahe gerückte Eschen-Insel –) »soll ich die noch viel rauheren Slovenen in ihrem Ödethal Pustriza und zuletzt die wildesten von allen aufsuchen, die sich selbst Söhne des Teufels nennen: – die Avaren.« »Wir sind zur Stelle,« sprach Suapo und schob den Einbaum mit dem Ruder vollends auf den Ufersand. »Steigt aus. Und nie mehr, Alter, bringe solchen Gast an meinen Herd.« *   IX. Langsam nur stiegen die beiden von dem Landesteg auf der Nordostseite der Insel den ziemlich steilen Hang hinan, auf dessen Krone ein stattlich Gehöft weiten Ausblick über die Wipfel des Inselwaldes hinweg nach allen Seiten über See und Land gewährte. Den Schritt des Mönches hemmte gar oft der Schmerz der Wunde: Secundus stützte ihn auf der Linken. Dazu kam, daß die Sonne – es war jetzt Mittag vorüber – stechende Strahlen senkrecht niederschoß, die heiße Schwüle wollte sich in einem Gewitter entladen: schwarzes Gewölk, dicht geballt, drohend ragenden Türmen vergleichbar, war zuerst über der Kampenwand aufgestiegen und verbreitete sich rasch, weithin den Himmel überziehend: schon hörte man aus jener Richtung grollenden Donner näher dringen. »Ich that nun nach deinem Willen, Bruder Paulus,« sprach der Alte, wie sie erschöpft eine Weile im Grase ruhten, »bald wirst du vor dem Fagano stehen: ich wußte, er weile heute dort oben in seinem Jagdhaus: denn ich sah, von weitem kenntlich, auf dem First seinen Gunfanon wehen: er jagt hier oft auf allerlei Wild, dessen der Inselwald mancherlei birgt. Nun gedenk' aber auch meiner Bitte: sei behutsam! Dies ganze Eiland gehört dem Mächtigen: ihm ist auch zu eigen das Weihtum Wuotans auf der Insel, über das er die Schirmgewalt hat: denn nicht Arno, unser Richter, hat hier den Strafbann über alle Missethat wider das dem Gott Heilige, sondern er, der Schutzherr! Reize nicht des Gewaltigen Zorn! Der Fagano ist edeln Sinnes: aber er ist ja selbst von Wuotan entstammt ...« »Also auch ein echter Sohn des Teufels – wie der Avar!« grollte der Mönch. – »So glaubt er und rühmte er. Fürchte daher seinen ...« »Ich fürchte Gott den Herrn und verachte den Teufel und alle seine Kinder und Werke. Feindschaft hab' ich gelobt und Kampf Wuotan und allen, die seine Genossen sind,« erwiderte er mit flammenden Augen. »Mich dürstet danach, diesen vornehmsten der Heiden zu bekehren!« »O das hoffe nicht!« »Dann werd' ich ihn demütigen vor allem Volk! Hörst du, wie der Donner des Herrn mir Beifall ruft? Da, das war ein Blitz! Ganz nahe schon. Schwere Regentropfen fallen. Komm, hilf mir auf! Wir sind ja wohl schon bald oben. Ist das des Heiden Hof?« »Ja, sein Jagdhaus. – Nun hier rechts, die Stufen hinan!« Zwei Gewaffnete hielten Wache an dem oberen Ende des Aufstiegs, von wo man diese Seite der Insel übersah; einer von ihnen versprach dem Alten, den er kannte, den Fremdling sofort vor den Edelherrn zu führen. Der saß vor dem stattlichen Holzgehöft auf dem breiten, von einem Dach überdeckten Vorsprung, zu dem mehrere Steinstufen emporstiegen, auf der an die Vorderseite des Hauses gezimmerten Langbank neben der Thüre; ihm zur Rechten sein Neffe Ragino, zu seiner Linken zwei erheblich jüngere Männer, ebenfalls in der schmuckreichen Gewandung von Adalingen: Hachirat und Hachifrid waren Sprößlinge des Adelgeschlechts der Hachilinga, die auf dem rechten Isarufer, nahe der Stätte, von wo man es später »zu den München« nannte, ihren Stammsitz hatten; ihr Vater hatte sie vor kurzem zu dem Fagano gesendet, der ihnen dann alsbald, nach Erprobung ihrer Waffenrüstigkeit, die Schwertleite erteilte und sie als die vornehmsten Glieder in seine Gefolgschaft aufnahm. Neben dem Neffen und den beiden Adalingen saßen viele andere Gefolgen, nach Abstufung ihrer Würdigung durch den Gefolgsherrn, näher oder ferner ab von diesem. Das Jagdmahl war zu Ende: Knechte trugen die letzten Schüsseln ab; ein mächtig Horn, dem Wisent abgenommen, am schmalen Ende wie am Ausfluß in Silber gefaßt, kreiste von Mund zu Mund. Zur Linken von dem Aufstieg ragte an dem Südosteingang des dichten Inselwaldes, nur einen halben Speerwurf von dem Hause entfernt, das Wuotanweihtum des Eilands: eine riesige uralte Esche, ein Sinnbild der Weltesche, der Irminsul der Sachsen ähnlich: sie trug auf der dem Hause zugewandten Seite des Stammes, aus diesem herausgeschnitzt, in rohen Umrissen das lebensgroße Bild des Gottes: der Schreckenshelm auf seinem Haupte sträubte zwei wirkliche Flügel des Seeadlers nach vorwärts, seinen Rücken umwallte der faltig geschnitzte Mantel, dunkelblau gefärbt, seine zwei Raben hockten auf seinen Schultern, der Speer ruhte an dem rechten Arme, an den linken hatten sie ihm einen reich mit goldnen Buckeln geschmückten runden Erzschild gehängt: der trug den Donnerkeil des Jupiter: denn vor vielen Jahrzehnten hatte ihn ein Fagano, damals noch ein Gaukönig, dem von ihm erschlagenen Tribun der letzten Legion, der secunda Italica, pia , abgenommen, die den von der Donau her vordringenden Markomannen und Quaden den Weg von Salzburg nach Nordwesten hatte verlegen wollen: es war die letzte Römerschlacht der Sieger: den »Siegesschild« hatte ihn der Erbeuter genannt und Siegvater dargebracht. Jagdgeräte, Jagdwaffen, Bogen, Pfeile, Wurfspeere lehnten überall an der Brüstung, die den um das Haus laufenden Gang nach außen abschloß. Zu diesem Gange schritten jetzt die Ankömmlinge die Stufen hinan. Der Adaling warf einen forschenden Blick auf den Mönch, der hoch aufgerichtet emporstieg, sonder Gruß, während Secundus sich scheu verneigte. »Du bist ein Christenpriester. Was willst du mir?« – »Deine Seele retten vor den ewigen Flammen, dich losreißen von deinen falschen Göttern.« Der Fagano schlug die goldbraunen Adleraugen groß auf: »Weiter nichts? – Deine Züge mahnen mich an ... an alt vertraute. Ja, ja, du bist Childiwalt, Herzog Childibrands Sohn: oft stritt ich Schild an Schild neben deinem Vater. Er war ein Held. Du – du bist Mönch geworden – ich hörte viel davon! – – Sprich, was hast du zu sagen?« Da krachte, die Antwort des Gefragten abschneidend, ein Donnerschlag laut rollend über die Insel hin: alles Blau des Himmels war jetzt von schwarzem Gewölk überzogen: grell hatte der Blitz hart vor der Insel in den See geschlagen. »Habt ihr's gehört?« rief nun Paulus. »An meiner Statt hat Gott der Herr selbst gesprochen Du, Adaling, bist der Gewaltigsten einer in deinem Volk, der ehrenreichsten. Aber deine Gewalt ist Moder und dein Ehrenruhm stinkt gen Himmel. Es kommt der Tag, da dein starker speervertrauter Arm sich nicht mehr heben kann, da die Kraft deiner Lenden, mit denen du jetzt den Streithengst zusammenzwingst, Würmer zerfressen! Was hast du dein Leben lang gethan? Nicht bloß gejagt und gezecht, – ich weiß! – auch dein Blut vergossen im Kampfe für dein Volk ...« »Ist das nichts?« rief der junge Hachifrid und wollte aufspringen. Aber der Gefolgsherr drückte ihn auf die Bank nieder. Ragino warf höhnend die Lippe auf, der Mönch fuhr fort: »Schlimmer als nichts! Sünde ist's, weltlicher Hochmut, vom Teufel eingeblasener Stolz und Ruhmdrang.« Die Waffengefolgen murrten laut: der Fagano hob die Hand: – sie schwiegen. »Ah, das mißfällt euch, ihr Weltlinge in eurem Heldenwahn? Aber Sankt Augustinus lehrt: die Tugenden der Heiden sind nichts als glänzende Laster.« »Das ist eine sehr freche Lüge. Ja, niederträchtig ist dies Wort!« sprach der Fagano, ganz langsam und scheinbar ruhig: aber eine rote Blutwelle stieg ihm zu Kopf: mit Mühe offensichtlich verhielt er seine Empörung. »Gut ist nur,« fuhr der Eiferer fort, »was wir thun, weil Gott durch übernatürliches inneres Licht uns wunderhaft erleuchtet hat, durch den Glauben. Das stolze Wort: ›Pflicht, Pflichterfüllung‹, ist eitel Ruhmrede der Heiden, ist Sünde, weil sie nicht geschieht im Glauben.« »So?« meinte der Adaling. »Nun, Mönch, ich trage sieben Narben am Leib, von Wunden, die mir im Vorderkampfe für mein Volk geschlagen wurden. Das sind also sieben Sünden?« – »Siebzig Sünden sind's! Denn Hochmutsünde wird zehnfach gewertet: du hast jede Wunde hingenommen in sündigem Hochmut der Heldenschaft, für die Welt kämpfend, ein Weltling.« Der Fagano strich nun leise lächelnd über den ergrauenden Bart, der ihm den fein geschnittenen Mund umsäumte: »Hei, hei, Mönch! Hab' ich doch in solchen Kämpfen dort unten an der Donau auch Eure Basiliken vor wilden Slovenen beschützt.« – »Meinst du, unser Gott bedurfte dazu deines Armes?« – »Nun, ich habe keinen seiner Engel – Cherubim heißen sie, nicht? – neben mir im Speerdrang fechten sehen. – Aber lassen wir Eure Basiliken! Ich habe dieses Reich der christlichen Franken, – du selbst bist ja ein Uferfranke! – diese Lande der Bajuvaren verteidigt ... das ist also nichts?« – »Ich sagte es schon: schlimmer als nichts, Sünde ist's. Denn woher sind Reich und Recht gekommen? Gab's im Paradiese Staat und Reich und Heer? Der Sündenfall, die Schlange, der Teufel des Abgrunds erst hat Recht und Staat notwendig gemacht: und zugleich mit dem Teufel werden sie dereinst untergehn am jüngsten Tage. So lehrt Sankt Augustin. Der Staat wie alles Weltleben zieht vom Beten ab, lenkt den Blick vom Himmel auf die Erde; so warnt Columba, – jetzt schon ein Heiliger – aber nicht die Erde, nicht Euer Bayerland ist Eure Heimat ...« »Was? nicht meine Heimat?« rief der junge Hachirat und sprang auf. »Jetzt schlag' ich ihn tot.« »Laß ihn doch ausreden,« mahnte der Fagano. – »Sondern das Jenseits dort oben!« Ein krachender Donner unterbrach ihn: kaum war das Rollen verstummt, als er fortfuhr, die Hand gen Himmel reckend: »Hört ihr die Stimme des Herrn aus den Wolken?« »Aber,« meinte Hachifrid mit verächtlichem Blick, »darf sich der Mann nicht wehren? Sieh, wilde Feinde brechen in die Mark, verwüsten uns Erbe und Eigen ...« »Der Mensch hat kein Eigen auf Erden! Soll nicht haben, was ihn an irdisch Gut bindet! Des Menschen Sohn hatte nicht, wohin sein Haupt betten. Sondereigen ist Habgier. Allen hat Gott die Erde gegeben, die Schüler des Herrn hatten alles gemein. Vor dem Richter streiten um Geld und Gut ist Sünde. Nie gelangt ein Reicher ins Himmelreich. Eher gelangt – wie soll ich euch das klar machen? – eher dringt ein Auerstier durch ein Schlüsselloch.« Da lachten die Gefolgen. »Aber,« meinte Hachirat – »verstatte, Herr, daß ich ihn frage, – die Feinde bedrohen ja nicht nur mein Eigen, sie bedräuen mit dem Tode meinen alten Vater, meine Mutter. Soll ich diese Feinde nicht ...?« »Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, lehrte der Herr, wer Blut vergießt, des Blut soll wieder vergossen werden.« – »Mensch, ich sagte: Vater und Mutte ! Hörst du?« »Wahrlich, wahrlich, ich sage dir, spricht der Herr, wer nicht hasset seinen Vater und seine Mutter und mir nachfolgt, der ...« »Gut, daß dich mein Adalfrid nicht hört, der haßt mich, fürcht' ich, wenig,« unterbrach der Gefolgsherr. »Ich meine, unsre Zwiesprach ist bald zu Ende. Sage noch, Mönch, der Slovene reißt mir den Mantel ab, der Avare schlägt mir ins Gesicht, soll ich das ...?« »Wahrlich, wahrlich, ich sage dir, dem Räuber, der dir den Mantel nahm, dem gieb das Wams dazu und wer dir die rechte Wange schlug, dem beut die linke zum Schlage!« »Und Mannesehre?« rief der Fagano. – »Ist eine Wahngeburt der Hölle!« »Uns heißen unsre Götter allzeit um Ehre werben!« rief Hachifrid. »Eure Götter! Was sind sie denn? Holz und Kot. Ah, da seh ich, im grellen Schein des Blitzes, an jenem Baum das Abbild eures obersten Götzen. Ihr sollt sehen: – er ist Holz, ist hilflos, ist tot.« Damit raffte er den vor ihm an der Brüstung lehnenden Jagdspeer auf, sprang die Steinstufen hinab, lief auf die Esche mit dem Wuotansbild zu und holte aus zu mächtigem Wurfe. Da geschah ein Blitz und ein Donnerschlag, furchtbarer denn alle zuvor, das Gehöft erbebte dröhnend in seinen Grundfesten: alle sprangen auf: der Mönch war rücklings niedergestürzt. Hart vor ihm war der Blitz in die Erde gefahren. Der Fagano und die Seinen eilten die Stufen hinab und halfen Secundus, den Betäubten aufrichten. »Schaut her,« rief der Inselherr, »seht. Der Speer! Der Blitz hat die Eisenspitze des Speers geschmolzen. Donar hat den Frevel abgewehrt von seinem Vater.« Verächtlich sah der dunkle Ragino auf den Wankenden: »Schmeißt ihn in den See, den Elenden.« »Nein!« gebot der Oheim. »Er ist straflos: wer solche Worte spricht, spricht irre. Er ist von den Göttern gezeichnet. Darum fort mit ihm. Ihr Hachilinge sorgt, daß, sobald der See sich beruhigt hat, ein Knecht in einem Kahn ihn wegschaffe und über unseres Gaues und aus Bajuvariens Marken führe.« – »Ja, ins Slovenenland,« bat Secundus, »dorthin trachtet er.« »Er hat die Götter beschimpft, Herr,« mahnte ein alter weißbärtiger Gefolge, »er sollte nicht leben!« »Die Götter, Freund Wolfgrim, schweben so hoch, – kein Menschenmund mag sie beschimpfen. Und dieser vollends ist ein Narr.« Drittes Buch. I. Wenige Tage später ward das ungebotene, das will sagen: ohne besonderes Gebot, nach Ablauf bestimmter Frist, von selbst zusammentretende Gericht abgehalten auf der breiten Hügelkrone hoch über der Alz auf dem linken Ufer, oberhalb des Gehöfts der Arninge. Damals war die Höhe dicht mit Wald bestanden: aber vor dem Südsaume des Waldes ragten auf weitem Wiesanger drei riesige alte Eichen, deren mittelste und höchste schon seit etwa hundert Jahren, seit die Bajuvaren hier eingewandert und angesiedelt waren, der Dingbaum der Markgenossen war. Fünf mächtige breite Felsquadern, drei senkrecht in die Erde gegraben, zwei wagrecht darüber gelegt, bildeten an dem Fuße des Stammes einen ungefügen Altar von halber Manneshöhe: dunkelrote tief eingesogene Flecken in der hellgrauen Kalkplatte bezeugten den langjährigen hier gepflogenen Opferdienst. Von der ragenden Hochfläche aus schweifte der Blick frei über den See hin zu den fernen Bergen, wo im Süden die zinnenstolze Kampenwand das Bild mit breiter Wucht abschloß. Im Norden und Westen begrenzte der nahe Wald die Aussicht. Weither aus der Runde strömten schon am frühen Morgen des Gerichtstages die Dinggenossen zusammen, rechtzeitig zu erscheinen: denn bei klimmender Sonne begann der Dingbann. Über den See her kamen sie in Segel- und Ruderbooten; dann auf den gar wenigen Fahrwegen – den alten noch vielfach erhaltenen, aber oft durch überwachsenden Wald unterbrochenen Legionenstraßen: die wichtigste darunter zog von Salzburg über Traunstein hierher, überschritt die Alz bei Bedaium und zog von da nordwestlich nach Augsburg: hier mochten auch Wagen fahren, die Frauen und Kinder brachten, nicht als Dinggenossen, aber um außerhalb der Gerichtsschranken an den Festen, den Spielen, den Schmausen, dem Tauschhandel teilzunehmen und dem ganzen regen Verkehr, der an solchen Tagen außerhalb des Dingkreises neben den Rechtshandlungen herging. Am häufigsten aber wurden benutzt die schmalen Waldwege, die nur je einen Reiter oder Fußgeher die dichten Urgehölze durchdringen ließen. Auf einem solchen Pfade ritt an jenem Morgen an dem Seeufer auf Bedaium zu ein kleiner Zug von Männern. Der Führer, reich gewandet und gewaffnet, zügelte einen prachtvollen Rapphengst südgallischer Zucht, aber auch die Begleiter tummelten auserlesene schöne Streitrosse, meist des gleichen Schlages und der gleichen Farbe. Unzufrieden, grollend blickte der Gefolgsherr vor sich hin: die scharf geschnittenen vornehmen Züge wären gar schön zu nennen gewesen, hätten nicht wilde Leidenschaften sie früh und tief durchfurcht; in finsterem Brüten neigte er das Haupt tief auf den Hals des Pferdes, daß ihn die tiefbraunen Schwingen des Geierfalken auf der Sturmhaube nahezu streiften. Die dunkle Farbe von Haar, Haut und Augen, auch die raschen Bewegungen der geschmeidigen Glieder, der seinen Gelenke schienen nicht ungemischt germanische Abstammung zu bezeugen. Nun mündete der schmale Pfad aus dem Dichtwald in eine breitere Freiung; der nächste Reiter hinter ihm spornte sein Pferd bis an des Rappen linke Seite und sprach, das Antlitz des Führers mit langem Blicke musternd: »Du scheinst dich nicht sonderlich auf den Opferschmaus zu freuen, Ragino, mein Patronus?« – »Ich schmause und trinke gern nur mit meinesgleichen! – Und wär's nur das! Aber diesen überweisen, übergerechten Arno da im blauen Richtermantel auf dem Richterhochstuhl sich spreizen sehen, die Beine verschränkt, den linken Fuß geschlagen über den rechten, den weißen Richterstab in der Hand und so großmächtig Ding halten, und Urteil finden lassen über seine Besseren, – der Sperling über den Adler! Und sich dann fügen müssen dem biederen Urteil, das die mehrere Menge findet: immer hundert Gemeine gegen fünf Edle!– das läßt mich zornig knirschen in die harten Zügel des Rechts hier zu Lande.« »Ja, ja, Patrone,« meinte der Freigelassene, ein echter Sohn des Südens mit voll romanischer Erscheinung – er sprach auch fast nur Vulgärlatein – »bei mir daheim, im schönen Aquitanien – zwischen Loire und Pyreneus Mons: – da war das Leben lustiger! Da fragte kein König – der war ein Schwächling oder weit weg! – danach, lag ein Gemeinfreier irgendwo tot am Wege – Römer meist, doch auch Franken! – von eines Nobilis raschem Schwertstoß! Kein Herzog that euch Edeln was zu leide: halfet ihr ihm doch mit euren Waffen und Gefolgen, wollte der Königsgraf ihm zu scharf auf die Finger sehn. Das Recht der Starken waltete – soweit als seine Stärke reichte. Bei Sankt Martin von Tours! Manch lustigen Fehderitt haben wir geritten, du Patrone, und ...« – »Und du stets dicht hinter mir, das muß ich rühmen, Nantine, mein getreuer Mariskalk. Und Sankt Martin und die andern Heiligen, an die du so eifrig glaubst, haben dich noch nie von Frechheit und Kühnheit abgehalten. Wie reimst du dir das eigentlich zusammen?« – »Ist doch einfach! Hat man die Heiligen durch einen Raub zum Beispiel ein wenig verzürnt, schenkt man ihnen ein redlich Teil der Beute. Dann werden sie wieder ganz gut.« »Bah,« lachte der Adaling, »bin besser dran. Glaube nicht an sie: so brauch' ich nicht mit ihnen teilen.« – »So glaubst du an die andern, ... die die Leute hier zu Land verehren?« – »Bei Leibe!« »Aber Herr, wie mochte es geschehen, daß du so ganz anders geworden bist als diese deine starken und tapfern, aber – vergieb dem Aquitanier! – doch herzlich plumpen Bajuvaren, ungefüg an Gliedern, Sprache, Sinn ... –« »Laß ab, sie zu schmähen,« unterbrach Ragino, die Stirne furchend. »Oft mein' ich, mir wäre wohler – mir und den Weibern und Männern, die ich auf meinen Wegen fand! – wär' ich nicht aus der Bajuvaren Art geschlagen. Aber freilich wohl, – ich bin's. Wie das kam? Nun, meine Mutter war ja eine Arleserin.« – »Und das will sagen: eine hohe Schönheit!« – »Und ich zählte nicht sechzehn Winter, als der Vater mich an den Hof des Merowingen brachte nach Metz. Da ward ich vor allem in die Capella gesteckt und der kluge Bischof Aigulf unterwies mich selbst in den Lehren des neuen Glaubens. Gar bald hatte mich der Überlegene überzeugt, daß es nichts sei mit den Göttern, um deren Willen ich bisher Treue und Ehre gehalten und Meinthat gemieden, und ich weigerte mich nicht der Taufe, die auch der Vater nahm. Denn, witzelte ein Priester am Hof, eher geht ein Kamel in ein Nadelöhr als ein Ungetaufter in ein Hofamt bei den Herrn Königen. Also den alten Glauben hatten sie mir gar bald gründlich ausgerissen. Ich höhnte über Wuotan und Donar. Aber bald spottete ich auch über Christus und die Heiligen. Die dummen Wundergeschichten, die uns aus dem Buch eines Bischofs von Tours vorgelesen wurden – Gregor hieß er, mein' ich – machten mich lachen. Da sollte es ein Wunder sein, fiel einer, der nicht schwimmen konnte, ins Wasser und ersoff, und ein anderes, fiel einer, der schwimmen konnte, ins Wasser und schwamm heraus. Und aber das Ärgste: an all meiner Bösheit ist ein Weib schuld.« »Ich meinte, viele Weiber?« »Nicht übel!« lachte Ragino, die weißen Zähne zeigend. »Gallischer Witz! Da! Diese Spange dafür. – Aber nein: vor allem eine.« – »Welche? Chlodoswintha oder Aurelia oder Bertoalda oder Camilla?« – »Du hast ein besser Gedächtnis als ich. Nein! Eine, die ich nie geküßt, ob sie mir das Herz heiß entzündet hatte. Die schönste von allen: – die Walandine.« »Fredigundis!« sprach Nantinus und schlug ein Kreuz. »Ist's ein Weib!« rief Ragino und hob sich im Sattel. »So flammenzündend und so eiskalt, so schön, so schlau, so fromm und so teuflisch böse! Ich durfte sie einmal aufs Roß heben, sie fuhr mir durch's krause Haar und bat mich flüsternd, den Präfekten von Paris zu erschlagen: am andern Abend lag er tot. – Bis an die feinen Knöchel in Mordblut watend, und dabei die freigebigste, frömmste Knierutscherin vor den Heiligen und vom Glücke begleitet wie von einer zahmen Taube! Nein, sagte ich mir, kann man so ruchlos sein und so fromm, so macht dieser Glaube nicht gut. Ist auch gleich, – hätt' ich nur ihr Glück! Der Bischof hat mir die Götter ausgetrieben und Frau Fredigundis die Heiligen. Jetzt folg' ich nur meines Herzens Gelüsten: da weiß ich doch, daß mir's lustig geht. – So lange es geht!« schloß er rasch mit wildem Lachen. »Alt wird man wohl nicht dabei! Aber was liegt hinter der Jugend? Die Tugend: das heißt die Langeweile, die Schwäche! Zur Hölle mit ihr! Oder nach Hel! Wohin sie lieber fährt.« – »Ja an was glaubst du denn nun – oder an wen?« – »Nichts glaub' ich! Oder an mein Glück, mein Schwert, meine List. Eia, Nantine, haben wir durch Kraft und Frechheit und List zwischen Rhone und Garonne unter den Weibern gewirtschaftet! Gar manche schöne Aquitanerin haben wir davon geführt auf windschnellem Roß! Sie sträubten sich – im Anfang! – Alle: aber die meisten fügten sich dann doch in das Geschehene. Nur zwei freilich ...« er brach finster ab. »Ja, Patrone, die keusche Adalfrida sprang nach der ersten Nacht in die Aude. Und ich höre immer noch das seltsame Getöse, wie die schöne Venantia, die Gattin des Grafen Leonardus, sich von dem Turm zu Carcassonne auf die Felsen stürzte: der Kopf zuerst schlug auf: es klang sonderbar. Sancte Martine,« sprach er, sich andächtig bekreuzend, »grolle nicht, daß ich sie hatte entführen helfen: du weißt, nur der Patronus ward des Weibes froh.« »Die Närrinnen!« grollte Ragino. »Hatten es doch alle gut bei mir, die sich drein fanden! Viel rot Gold hatte mir mein Vater, Herr Faganwalt, vererbt, der, aus Bajuvarenland zu König Chlothachar gezogen, von dem zum Patricius von Marseille erhoben war. Und gingen nach des Vaters Tod Geld, Schmuck, Gewand rasch zur Neige ...« – »So waren wir nicht faul und nahmen's zu Hauf den lieben Nachbarn ab, den reichen Westgoten von Narbonne ...« – »Und warfen's daheim in Burg Cap-Ariet den Schönen in den Schos! Eia! Warm glühte dort zu Lande die Sonne, dunkel glühte der schwarzrote Wein und manche heißblütige Domina, Hier ist alles naß, kalt, friedsam, tugendsam, öd und fad!« – »Ei, warum bliebst du nicht, Patrone, wo wir waren? Ich bat so sehr! Ist ja halb auch deine Heimat. War doch deine Mutter ein Kind des Sonnenlandes. Warum ...?« – »Narr, als ob du's nicht wüßtest! Hast vergessen? Zuletzt hatten wir's doch zu arg getrieben. König Guntchramn, den sie den Guten nennen ...« – »Bald wird er der Heilige heißen! Schon thun die Fransen seines Mantels Heilwunder an Aussätzigen und Lahmen!« Und der fromme Wale schlug sein Kreuz. – »All seine Grafen, von Orleans bis Toulouse, hatten uns bei ihm verklagt: Frauenraub und Herireita, – weil wir mehr als zweiundvierzig Helme zählten! – Friedbruch, Scharmützel, Heimsuchung und Infidelitas: alles Teufelszeug sollten wir verübt haben. Lange noch bestach ich seine Bischöfe und Palatine: aber zuletzt hatte ich nicht mehr genug, sie – nach ihrem Gelüst – zu bestechen: den Rest nahmen sie mir lieber durch Einziehung ab und der König sprach mir all mein Land in seinem Reiche ab.« – »Bah, dann wär' ich zu den Wasconen gegangen, seinen alten Grenzfeinden! Nur in die warme Sonne!« – »Und ins Elend? Nein, doch lieber nach Haus in dies Wasser- und Nebelheim, wo mir des Vaters weit gedehntes Erbe liegt an Mangfall und Inn, bis dahin von Oheim Fagano gar treulich und wirtlich verwaltet. Hier hab' ich doch zu leben.« – »Leben? Ist das gelebt hier?« – »Bei Loge, nicht lustig, gedenk' ich der Provence. Keine Schätze bringende Fehde, im Frieden nur Jagd, im Krieg nur Slovenen, bei denen es weder Ruhm noch Beute zu holen giebt.« »Nein, aber Läuse!« lachte der Welsche, sich über das kurzkrause schwarze Haar streichend. »Geh, Patrone! Es zieht dich Halbblut ja doch zu uns, – dein besser Teil – von der Mutter her – gehört uns.« »Ja, oft spür' ich's nur allzuheiß in den Adern, dies Walenblut. – Vorab: hier giebt's nicht Weiberlust! Denn die Slovenenmädchen, die wir zuweilen fangen ...« »Muß man erst zu lange waschen, bevor man sie küssen kann! – Freilich,« meinte er nach einer Weile: er beugte sich vor im Sattel und sah seinem Herrn listig in die dunkeln Augen, »es giebt wohl auch hier zu Lande Mägdlein, weißarmige, die ...« »Die man zu Tode küssen möchte,« rief Ragino wild und spornte den Rappen, daß er stieg. Dann spannte er die Muskeln des rechten Armes: »Und zerdrücken in diesen Armen, in ihrem Ringen heißer noch die Lust verspürend. Ah, schlanke Arntrud, fast noch ein Kind: weh dir – und wohl dir! – lernst du an dieser Brust die Liebe.« »Puh,« meinte der Freigelassene, »das wird dir wohl nicht werden. Die wird des Nachbarsohnes sittig, blondgezöpft, flachsspinnend Weib.« – »Des Pflugtölpels? Nimmermehr! Ich reiße sie ihm mitten im Brautlauf weg und Nachtelb trägt sie flugs davon. Nicht wahr, mein Rößlein?« Und er klopfte dem Rappen den Hals: freudig wieherte der. »Wie paßte sie zu dem Lümmel!« »Ja, ja,« meinte der Wale schürend, »mag schon sein, daß ihr im Wunsch und Traum ein viel Feinerer vorschwebt. Wie sie vielleicht ihm , dem zieren Edeling.« – »Adalfrid, der Ausbund aller Tugenden? Der möchte wohl, aber er wagt nicht. Nie läßt sie ihn der Ohm als Gemahlin führen in seinen Edelhof: eine Königstochter will der für den schönen einzigen Sohn. Und daß er sich das, was er begehrt, nimmt , zu rascher Lust, wie man die süße Beere vom Strauche reißt, – dazu ist der Vetter viel zu zahm gezeugt und zu artig gezogen, der Thor, mit seinem bajuvarischen Fischblut in den Adern. Ah, Bursche, du hast mich heiß gemacht mit deinen Reden! Weshalb hetzest du mich so zu Gewalt? Was hast du davon?« »Will dir's wohl sagen, Patrone: ganz offen! Im Frieden bring' ich's hier zu nichts: da kann ich nicht, wie drüben an der Garonne, dir zeigen wie nütz, wie unentbehrlich ich dir bin. Abenteuer, wildes Streiten sind der Boden, aus dem allein mir Gewinn aufwuchert: Beute, Lust, Lob für mein rasches Schwert! Und du? Du bekommst das blonde Kind auch nicht in die Arme ohne schroffsten Rechtsbruch. Frauenraub! Darauf steht ...« »Im Frieden! Ja! Aber es kann ja auch,« – und hier blitzten die schwarzen Augen, – »Fehde auflodern zwischen uns Faganos und den Ackerern da unten an der Alz. Dann greife ich mir das süße Ding als Beute, dann ist sie meine speergefangene Magd und mein ist ihr Leib und ihr Leben.« »Gewiß!« lachte der Wale. »Und deshalb ...« »Deshalb darf der Rechtshandel um den Rosseschaden, der heute vor das echte Ding kommt, nicht in Frieden enden, wie sicher die beiden Tugendweisen, der Ohm und der Richter, raten werden, sondern Fehdegang statt Rechtsgang soll entscheiden. Das hab' ich längst geplant.« – »Und ich – hab's geahnt. Aber ich wollt' es hören aus deinem eignen Munde, Patrone!« – »Schweig – gegen alle! Schau, dort auf der Höhe ragen schon die Firste der Arninge, der trotzigen Dörfler. Ah, bald sollen sie in roten Flammen stehn. Und bei Hausbrand verschwindet mancherlei: Mensch, wie Tier, wie Habe. Komm, Nantine, laß die Rößlein springen! Sie sollen's einmal sehen, diese Ackerschnecken, was reiten heißt. Ihre Gäule sind ja nur elende Angernager. Drauf, Nachtelb!« Und in rasendem Jagen, wie zu feindlichem Überfall, sprengten die Reiter gegen das friedlich im Morgenschein liegende Dorf. *   II. Einstweilen hatten sich allmählich an der Dingstätte schon viele der Markgenossen eingefunden. In einem weiten, gegen den See geöffneten Halbkreise waren die Dingschnüre gezogen, an Speeren oder auch an mannshohen Haselstäben; außerhalb dieser Umhegung, zumal gegen das Dorf hinab, den Hag hinunter, hatten Weiber, Kinder, Unfreie sich aufgestellt, oder auf dem Rasen gelagert. Unter der mittelsten Eiche war nun vor dem Altar der hohe Stuhl des Richters aufgestellt, er gewährte den Blick nach Osten: noch war er leer. Arno stand im weitfaltigen dunkelblauen Richtermantel, den weißen, der Rinde entschälten Stab in der Hand, neben Iso, seinem Rechtweiser, der den Dingspeer und den Dingschild trug; die Dinggenossen standen nach Sippen gegliedert – daher alle Faganos beisammen – innerhalb der Umschnürung um den Richterstuhl her: das Gewoge der Stimmen glich dem Summen eines Bienenschwarms. Eine Weile noch wartete Arno, sah nach dem Wipfel der Eiche empor, winkte dann Iso und beide schritten nun zu dem Richterstuhl: Arno ließ sich auf ihm nieder. Der Fronbote, ein Freigelassener des Richters, stieß den Speer rechts von ihm in den Rasen, hing den runden Schild daran und that mit einem Steinhammer uralter Überkommenschaft drei dröhnende Schläge auf das Erz. Nur ein wenig hob jetzt Arno den Stab: – sofort verstummte das Gewoge der Stimmen. Nun wandte sich der Richter an Iso und fragte: »Sage mir, du Weiser des Rechts, und weise, ist dies der rechte Tag, die rechte Stunde, der rechte Ort für die Markgenossen des Untersees, zu hegen und halten von Rechts wegen ein Echteding? Weise mir das Recht der Mark!« Feierlich hob Iso die Rechte: »Ich weise das Recht, wie bestens ich weiß, so helfe mir Forasizo: dies ist der rechte Tag: ein Tag des Eru, dreißig Nächte nach dem letzten ungebotnen Ding: die rechte Stunde, da die Sonne den Wipfel des Dingbaums küßt: der rechte Ort: auf dem Eichenbühl unter der Dingeiche oberhalb der Seebrücke.« – »Und wer ausbleibt von dem Ding?« – »Wer ausbleibt ohne echte Not, zahlt fünfzehn Solidi Wette dem Richter.« – »Weise mir, Rechtweiser, das Recht: wie soll ich halten das Ding?« – »Als ein echter Richter: niemand zu Gunst, niemand zu Gram, niemand zu Lieb, niemand zu Leide, wissend, daß du richtest vor Forasizos Angesicht und aller Götter. Gelobe zu richten nach der Gerechtigkeit, nicht nach Geldgier. Geldgier greift dem Gesetz an die Gurgel.« – »So gelob' ich bei diesem meinem Stabe.« Und er legte feierlich die Rechte auf dessen Griff, der in eine geschnitzte Hand auslief. »Und wenn ich unrecht richte?« – »Und wenn du unrecht richtest, sollst du's doppelt vergüten und dem Herrn Herzog vierzig Goldsolidi büßen.« – »Und also sei's. So lege ich das Märkerding offen, verbiete Rede sonder Richters Urlaub, verbiete Scheltwort, Streitwort, Waffenzücken, gebiete Schweigen, Zucht und Rechtsgehorsam: bei des Ostgaugrafen Bann gebiete ich Dingfrieden. – Nun sind Eintrachtsachen und Streitsachen an das Ding gebracht. Welche muß ich zuerst verhandeln, Rechtweiser?« – »Eintracht geht vor Streit.« – »Wohl, so thun wir zuerst nach dem Begehr des Fagano, der Schatzwurf werfen will. Hier, außerhalb des Dingkreises, stehen zwei Unfreie von ihm, Slowenen, bei dem letzten Streifzug jenseit der Landmark von ihm speergefangen: er will sie beide frei geben und will sie dann die Ehe schließen lassen nach Volksrecht. Denn er lobt sie als treu und willig. So kommt nun ein in die Schnüre und du, edler Fagano, tritt vor.« Die beiden braunen Menschen, er in ein Wolfsfell, sie in Lammfell gehüllt, schlüpften, strahlend vor Dank und Freude, unter den Schnüren durch, warfen sich vor dem Fagano auf die Kniee und reckten ihm auf der flachen Rechten je einen Denarius hin, ohne ein Wort zu sprechen; der Fagano schlug jedem der beiden die Münze aus der Hand: »Losgekauft seid ihr, Zwentopluck und du, Dowina, aus meinem Eigentum: ich schenk' euch den Kaufpreis, leset ihn auf.« Das ließen sich beide nicht zweimal sagen und eilig schlüpften sie, Hand in Hand, wieder hinaus. »Dann hat sich Truchtwalt, Sohn des Truchtlacho, gemeldet: er ist aus des Vaters Hofwehre geschieden, er hat sich eine Hofstätte gerodet mit schallender Axt: – nicht heimlich: die Axt ist ein Rufer, nicht ein Dieb! – in dem Alzwald und er will sich heute hier vor den Markgenossen verloben mit Berthfrida, der Tochter des Berahto, der ist des zufrieden. Tretet vor.« Der Jüngling, das Mädchen und dessen Vater schritten nun vor den Richterstuhl: der junge Truchtwalt sprach: »Ich hab' einen Hof, so will ich ein Weib. Ich zähle dreißig Jahre: Berahto will mir die Tochter geben: die Mundschaft lös ich ihm ab: ich biete dir hundert Solidi und zwanzig Rinder nach deiner Auswahl, bist du's zufrieden?« – »Ich bin's zufrieden und binnen Jahr und Tag führ' ich sie dir als Frau ins Haus: und der Brautwagen soll hoch beladen sein: denn – man weiß es in der Mark! – reich ist der Berahtinge Hof und Habe.« »Ihr alle, Markgenossen,« sprach der Bräutigam, »seid der Verlobung Zeugen: hier ist ihr Finger beringt« – er schob ihr einen Bronzering an den vierten Finger der Rechten: da fiel der Richter ein, – »nun ist die Braut dir bedingt.« Darauf streifte sich Truchtwalt den Schuh vom rechten Fuß und stellte ihn vor ihr nieder: errötend that sie das gleiche und hob das schmale Füßlein und stellte es in seinen Schuh, darin es fast verschwand: Arno aber sprach, den Stab über ihr Haupt reckend. »Nun trat die Traute dir schon in den Schuh: mit zwiefachem Zwang dir bind' ich die Braut.« Fröhlich schieden die drei aus dem Dingkreis. »Da ist,« fuhr der Richter fort, »Hariger, des Harlacho jüngster Sohn: er und sein Vater verlangen, ich soll ihm die Schwertleite gewähren: komm, jung Hariger, weise hier vor den vielen, was du in den letzten Wochen mir allein gezeigt von deiner Waffenreife.« Ein schöner blondlockiger Jüngling, fast ein Knabe noch, stürmte feuereifrig vor den Richterstuhl: Iso reichte ihm den Speer: hastig ergriff ihn Hariger: »Gebt Raum! Gebt Raum!« rief er den Umstehenden zu: auf starke Speerwurfweite war außerhalb des Dingringes an einem der vordersten Waldbäume ein kleiner Reiterschild, mit sieben ehernen Ringkreisen geschmückt zugleich und gefestet, angebracht: weitaus holte der Knabe: scharf zielte er und lang: sausend flog die Lanze: klirrend fuhr sie durch den mittelsten Schildring in den Stamm. »Nicht übel, wahrlich,« sprach der Fagano, »für diesen Wurf schenk' ich dir ...« »Ich nehme nichts von den Adalingen!« rief Hariger mit einem Blick auf seinen Vater, der beifällig nickte. Nun reichte jenem der Fronbote einen Schild und ein stumpfes Schwert ohne Spitze: der etwas ältere Sohn des Rimisto trat, gleich gewaffnet, vor und bei sechs Gängen, das heißt sprungweisen Angriffen, wehrte Hariger viermal dessen Schlag ab und traf selbst zweimal den Gegner. »Genug!« rief Arno von seinem Richterstuhl herab. »Die Markgenossen haben's gesehen. Hariger, des Harlacho Sohn, ist der Volkswaffen reif und wert. Wer widerredet? Kein Mund. So reiche ich dir Schwert, Speer und Schild: du legst sie fortab nicht mehr ab, auch in den Hügel folgen sie dir nach und nach Walhall. Trage sie mit Ruhm und Sieg für die Deinen.« »Weiter,« fuhr Arno fort, »hat Hemmfrid, des Hemmo Sohn, seinen Hof bei dem Kleinsee dem Fagano verkauft und will ihn heute dem Käufer auflassen durch Stab, Gras und Erde. Tretet vor.« Der Adaling und ein ärmlich gekleideter älterer Gemeinfreier erschienen nun vor dem Richterstuhl und der Verkäufer sprach mit trauriger Miene: »Ich rufe die Markgenossen zu Gesamtzeugen! Euch aber, Nachbarn, Pellwich und Halfing, zu Sonderzeugen« – hier faßte er die beiden nächststehenden Gemeinfreien am Ohrläppchen und zog daran – »ich ziehe euch am Ohre zu Zeugen, wie ich dem Fagano meinen Hof, der Hemminge altes Allod, mit Wunn und Weide, mit Wasser- und Waldrecht an der Almännde, mit Herde, Holz und Habe, mit Eigen und Almen auflasse zu eigen. Und sind die Marken, wie ihr alle wißt, im Aufgang das Ufer des kleinen Schilfsees, zu Mittag, da wo man es nennt ›im Thale‹, gen Niedergang bis zu der großen Buche – die ist noch mein gewesen, trägt meine Hausmarke – und gen Mitternacht bis an die Mitte des Binsenmoors, das zur andern Hälfte dem Pellwich gehört.« »Wir kennen den Hof und seine Markzeichen,« sprachen die beiden am Ohre Gezogenen. »Wohl,« mahnte der Richter, »nun laß auf.« Mit einem Seufzer holte der Verkäufer aus seinem Wams ein etwa handlanges Stäblein von Erlenholz hervor, in dessen Rinde die Rune H geschnitten war: der Käufer öffnete sein Wams an der Brust und Hemmfrid legte mit einer Art von Wurf das Stäblein in das Wams: »Wie dieser Stab, so ist mein Hof nun dein geworden. Und wie dieser Rasenstreif und diese braune Scholle und dieser Buchenzweig, die ich dir hier reiche, so sind meine Wiesen, meine Kornäcker und mein Waldgut nun dein eigen. Ach, sie waren solang in der Hemminge Hand!« Er trat zurück, das Haupt gesenkt. »Morgen,« sprach der Richter, »werde ich mit den Zeugen, dem neuen und dem früheren Eigner und dem Fronboten das Grundstück umschreiten, den Käufer einweisen und nach dem Hirseopfer für die Hauselben, ihm Friede wirken.« Da rief eine rauhe Stimme: »Richter, gieb mir Urlaub zur Rede.« Arno winkte Gewährung mit dem Stabe und Harlacho sprach, die Worte hastig hervorstoßend und wilde Blicke auf die Adalinge werfend: »Volkskundig ward nun, allen bekannt, der Verkauf des alten Freiguts. Aber nur wenigen ist kund der Grund, aus dem Hemmfrid der Greis die Scholle der Väter hat hingeben müssen. Sein Sohn Hemmovich ist ein rascher Jüngling: er hat, gereizt durch freche Zunge, am Hof zu Regensburg einen freien Saalfranken erschlagen. Das Wergeld beträgt zweihundert Solidi. Das sollten die Hemminge zahlen oder den Sohn dem Erben des Erschlagenen in Knechtschaft übergeben. Der Alte hat nicht den zehnten Teil davon an Habe. So muß denn Eigen und Erbe dran. Und der Adaling? – Hei, der griff gierig zu! – Wie immer, wenn er den weiten Grundbesitz seines Hauses noch mehr ausdehnen kann: es ist lang durchdachte Absicht darin: sie kaufen uns aus, wo irgend sie können, jede Not unsrer Wirtschaft machen sie sich zu Nutze. Das ist der Edelinge Edelsinn.« Rot vor Grimm im Gesicht trat er zurück: drohende, zornige Rufe wurden laut unter den Freien. »Schweigt im Ding!« gebot der Richter. »Wer reden will, frage an bei mir.« Da trat, Worturlaub heischend, der Fagano vor und, einen stolzen Blick auf Harlacho und jene Rufer werfend, sprach er: »Ich wußte nichts hiervon. Hemmfrid, komm her. Ich gebe dir den Hof zurück. Öffne den Brustlatz ...–« – »Ich kann nicht, edler Fagano. Du hast ja lang vorausbezahlt – ich habe die Solidi schon hingegeben. Wie soll ich sie dir je ersetzen?« – »Ich schenke sie dir, das versteht sich. – Ihr aber da drüben, hütet eure Zungen, eh' ihr wieder die Edelinge unedler Gesinnung zeiht.« Und er schob dem Alten das Stäblein in das Wams und warf ihm Rasen, Erdscholle und Baumzweig wieder zu. Nun erschollen in raschem Umschlag Beifallsrufe, auch unter jenen, die soeben gemurrt und die Stimmung wäre noch viel günstiger geworden, hätte nicht Ragino das Wort erbeten und, verächtlich die Lippen aufwerfend, gerufen: »Wundert dich das, Oheim? Niedrige Geburt zeugt niedrigen Sinn und wer gemein – ob auch ›gemeinfrei‹ – sieht auch bei Bessern nur Gemeines.« Brausend, drohend entlud sich nun der Zorn der Geschmähten, mit Mühe, beschwichtete sie der Richter. »Für dieses Scheltwort, Adaling, straf' ich dich um dreißig Solidi Richterwette. Ich werde sie verteilen unter die, deren Ernte der Hagel zerschlug. Die Eintrachtsachen sind geschlichtet, nun mögen die Streitsachen gerichtet werden. Es ist nichts geschehen seit dem letzten Markding, was Klage an den Richter gebracht hatte auf Wergeld oder Buße, niemand ist gemahnt oder gebannt, noch ist gar Fehdegang – den die Götter verhüten mögen! – gedroht. Denn einen Zweifel des Immenrechts habe ich, mit des Rechtweisers Beirat, leicht in Güte geschlichtet. Wulfhari, dem Freigelassenen des Riezilo von dem Rizilaerehof, war ein Schwarm aus dem Bienenkobel entflohen und hatte sich auf den großen Ebereschenbaum auf dem Neubruch des Heigilo bei dem Berahtastein eingehaust. Wulfhari war ihm nachgelaufen mit brennendem Scheit und eherner Axt, hatte Feuer angemacht unter dem Baum, den Waisel durch den Rauch zu verscheuchen, und dreimal mit der Axt an den Stamm geschlagen. Zornig lief Heigilo herzu und wollte dem das wehren und den ganzen Imp als sein Eigen verlangen, den der Frilaz allmählich mit klingender Kuhschelle zurückrief in seinen Kobel. Aber ehe sie klagten, gingen sie mit mir zum Rechtweiser und der sprach: »Binnen drei Tagen mag der Impvater seine Immenbrut wieder holen aus fremdem Baum mit feuriger Fackel und hallender Hacke, aber nur mit stumpfem Stoß. Und Wulfhari schwor bei Donar, dem der Rotbeerenbaum geweiht ist, er habe nur mit gewendeter Axt, nicht mit beißendem Beil geschlagen. Da haben sie sich vertragen, – Wulfhari hat ihm in Güte sieben Waben geschenkt. Aber der Rechtweiser verlangt, daß ich die Sache hier auf dem Wallberg vorbringe, damit die Märker dies Immenrecht billigen. Ihr haltet's für Recht? Ja, ruft ihr, alle? So ist es denn Markrecht. Und ein paar andere Dinge, die da übel hätten verlaufen mögen, haben die guten Götter in Frieden beigelegt durch des edeln Fagano friederatend Wort.« Da hob der die Rechte. »Der Adaling ist der nächste zur Rede,« rief der Richter mit dem Stab auf ihn deutend. »Nicht mein Verdienst war's,« sprach der. »Und wie's unadelig ist, unverdienten Tadel hinnehmen, so noch mehr unverdientes Lob einheimsen sonder Einspruch. Nicht mein, unseres Richters Zuspruch hat die Fehde verhütet unter zwei Geschlechtern: um geringer Ursach willen waren sie in Streit geraten: die Stöttinge im Stottohof, im Osten, und die Burginge, Burgramns Enkel, zu Burgham, im Westen des Sees, um den Lachsfang an dem Ausfluß der Alz: auf rasches Wort war rascher Schlag gefolgt: nahe drohte, daß Männerblut floß – um Fischblut! Denn in der Hitze des Zorns hatten sie sich hinweggesetzt über jene Markdingsatzung vom vorigen Herbstding, die Arno vorgeschlagen. Da hat der Richter – ich half ein wenig nach – den Hadernden die Thorheit dieser Fehde dargewiesen. Wir überzeugten sie, sie möchten sich vertragen, ohne daß man eine der Sippen der Feigheit zeihen könnte: denn gleichviel Speere zählen beide und gleich starke Arme, diese Speere zu schwingen; dort drüben stehen sie, versöhnt, nebeneinander. Dankt eurem Richter!« Jene beiden, aber auch viele andere im Halbkreis riefen: »Heil Arno, heil dem Friedewart!« Der aber erwiderte: »Dankt lieber dem Fagano, der in anderem Zwist nicht nur Worte, der freigebig, wie dem Adel ziemt, sein Gut spendete, den Frieden zu erhalten. Blut war geflossen im Jagdstreit zwischen denen vom Thietboldberg und den Ischilos um einen erlegten Auerstier, das heißt um das Recht, im Alzwald, über die Buchenleite hinaus, zu jagen. Hohe Buße verlangte da Thietbold: denn es war nicht nur Aderkratz, Gliedscharte, Beulenschlag oder Balgberstung, was nur sechs Solidi kostet, sondern ein Knochensplitter war ihm aus dem Beine geschlagen, so schwer, daß ihn die Zeugen auffallen hörten, wie er über die vier Ellen breite alte Walenstraße geworfen ward in einen ehernen Schild: ja, der Fuß war verkürzt, so daß er über dem Rasen nachstreifte. Wie nennt einen solchen Hinker das Recht der Bajuvaren, Rechtweiser?« – »Taustreifling! Und darauf stehen dreißig Solidi.« – »Die konnte Ischilo nie aufbringen, und Fehdegang drohte. Der Fagano erfuhr's und zahlte aus seinem Gut die Buße: – das war Adelthat.« »Aber die Wette an den Richter, den neunten Teil der Buße« – nahm der Fagano das Wort, »wer zahlte sie? Ich bot sie an: – aber Arno zerbrach einen Halm vor meinen Augen und verzichtete. Das war Richterthat.« Wieder riefen die Hörer laut Beifall. Als der verrauscht war, flüsterte Ragino seinem Mariskalk ins Ohr: »Ist ja ganz rührend! Gleich küssen sich die beiden Tugendwettläufer. Aber wart! Ich werf' ihnen bittere Schlehen in ihren süßen Musbrei!« »So ist,« fuhr der Richter fort, und der Ausdruck seiner Züge ward ernster, »nur Ein Rechtstreit heute zu verhandeln. Die Klage Harlachos im Weidicht wider Ragino den Adaling um Saatschaden. Doch ich vertraue, gutem Zuspruch, – drüben wie hüben, – wird es gelingen, auch diesen Zwist zu begleichen.« Er warf einen bedeutsamen Blick zu dem Fagano hinüber zu seiner Rechten, den dieser mit kaum merklichem Neigen des Hauptes erwiderte. Aber von links her aus der Reihe der Freien scholl ein lautes trotziges: »Nein! Das hoffe nicht! Daraus wird nichts!« »Nachbar Harlacho,« verwies Arno ruhig, aber streng, »du sprachst sonder Richters Urlaub: in gehegtem Ding. Ich büße dich nach dem Recht um einen Solidus. Kannst du dies Urteil schelten? Du schweigst? So hast du dich verschwiegen. Nun rufe deine Klage.« Da drängte und schob sich von links her der Geahndete durch die dichten Reihen: es war eine derbe, vierschrötige Gestalt, kürzer, gedrungener als die meisten, den dicken Schädel von einem dicken Wust zottigen, brandroten Haares umstarrt wie von einem Wollvließe, während der wirre, rote Bart, wenig gepflegt, vom Winde gezaust ward; ärmlicher als der andern war seine Gewandung, ein viel geflicktes Vließwams hielt ihm, statt stattlichen Wehrgurts der andern, ein altes Senknetz um die magern Hüften zusammen und statt des Kurzschwerts stak darin eine wuchtige dreizinkige Wurfgabel zum Lachsstechen im Seeeis, eine furchtbare Waffe. An seinen nackten, tiefbraunen, mit rotem Haar dicht bewachsenen Oberarmen glänzten nicht, wie an vieler, ein Breitring oder ein schlangenförmig gewundener Schmalreif aus Bronze; den alten Mantel, dem das Seewasser längst jede bestimmte Farbe ausgewaschen, hielt ihm über der linken Schulter nicht eine Spange, nur ein starker Zweig des Schwarzdorns zusammen. »Nichts von Begleichen!« schrie er mit heiserer, vom Zorn erstickter Stimme, »keinem Zuspruch halt' ich still, so wenig wie der wütige Wisent. Mein Recht will ich, mein ganzes vollgerüttelt Maß, von der übermütigen Brut, die bei jedem Schritt den Fuß so hoch hebt, als solle er auf die Köpfe der Freien treten. Mein Recht von diesem Ragino: – er soll mir nicht entrinnen, wie weiland meinem Vater der seine! Wißt ihr's noch, ihr ältern unter den Märkern, – erzählt's den jüngern! – wie weiland Faganwalt, der Faganing, der auf den Höfen um den Inn saß, meinem Vater, den er beim Hechtfang im Adelwasser traf, westlich vom breiten Schilficht, auf offenem See mit dem Kurzbeil den Boden des Plattschiffs zerschlug? Elend mußte mein Vater ertrinken: denn der Adaling fuhr in seinem Einbaum mit seinen Gefolgen lachend davon.« Grollendes Murren durchdrang die Reihen der Freien, zumal dort, wo die fünf Söhne des Fischers und dessen Magen beisammen standen. »Das war das alte strenge Recht wider die Fischwilderer,« sprach Arno. »Erst nach dieser Anwendung ward's durch Märkersatzung aufgehoben. Übrigens bot dir der Thäter, – unverpflichtet! – auf seines Bruders Mahnung, das volle Wergeld für den Toten. Du schlugst es aus.« – »Soll ich die Seele des Vaters, die der grünzahnige Neck hinab in die Binsen zog, im Geldgurt umhertragen? Nein! Ich lasse mir meinen Haß nicht abkaufen und nicht meine Rache: die Stunde kommt.« »Aber hübsch langsam, scheint's,« höhnte Ragino und warf dem Richter einen Solidus in den Schos. »Da, Markrichter, die Buße für die urlaublose Rede.« Während die Gefolgen Raginos und manche der Adalinge lachten und unwillig Gemurmel von links her drang, blieb Arno ruhig, öffnete den Mantel, der seine Kniee bedeckte und ließ die Münze klirrend zur Erde fallen. »Für diesen kecken Unglimpf, diese Dingverachtung fordere ich bei dem Ding von Ragino, Faganwalts Sohn, zwanzig Solidi Buße für Forasizos Opferfest. Reckt die Hände!« Alle Gemeinfreien, auch viele Adalinge, so der Fagano, – ausgenommen die Schar um Ragino, – erhoben die Hände. »Das Bußurteil steht. Nun hebe deine Klage, Harlacho.« »Ich klag' um Schaden, pfandbewiesenen Schaden, durch Ragino, seine Gefolgen und seine Rosse. Ihr wißt: leidig lebt, wer Fische fängt: viel Wind und Wasser werden ihm und wenig Gewinn: ›für viel Fleiß wenig Flossen‹ – 's ist ein alter Fischerspruch. Und an Bauland hat der Harlachinge Hof nur wenig Schollen Zubehör, wie an Wiesweide meist schlechte saure Wiesen, neben dem Binsenzipfel: alten Seegrund: – und gar oft, wächst der See groß, abermals überfluteten Seegrund! Denn der Neck giebt nicht dem Land heraus, was er nicht muß. Oder trockener Seesand ohne Nährboden auch nur für Hafer. Seit ein paar Wintern hatte ich mit meinen Söhnen, zwölf Hände zusammen, ostwärts von der Isinge Hof vier Tagwerke, oben auf der Bühlleite nach den Storflingen zu: – fetten Boden! – gerodet mit Feuer: – ihr kennt es als markkundig – guten Weizengrund gab die Asche. Reich gedieh die junge Saat: mich freute es und meine Buben, wogte sie im Frühlingswind: schon sahen wir sie dereinst im Herbstmond in goldnen Ähren wallen, – wann Gott Frô auf dem goldborstigen Eber über sie hinreiten werde, befruchtend, nicht schädigend durch des Tieres Tritt. Sorglich hatten wir die liebe Saat eingehegt gegen weidend Vieh der Isinge und der andern Nachbarn durch einen hohen Zaun von festem Pfahlwerk: am Eingang warnte ein Strohband, jedem Eindringenden die Pfändung drohend. Und ich hatte Frô sein Goldferch dargebracht gegen Hagelschlag: allein gegen Adelbosheit hatte ich nicht geopfert!« »Hüte dich, Frechling!« knirschte Ragino; aber sein Freigelassener mahnte: »Getrost, Patrone. Großes Maul macht kleiner Stich stumm.« »Gar oft ritt dieser Ragino da zur Jagd in den Bannwald bei uns vorüber mit seinen zuchtlosen Gasinden und Barskalken: sie sahen uns an der Arbeit wie wir uns mühten im Schweiße. Freche Hohnworte warfen sie über den Pfahlzaun. Einmal – ich stand im Einlaß – klopfte der Faganing seinem Rappen den Hals und rief, des Tieres Kopf über die Wehre richtend: – ›Freu' dich, Nachtelb, da wächst dir Fraß. Schwer schwitzt der Ackerfurcher: – für dich!« Meine Söhne schalten: – ich achtete sein nicht. Aber ein paar Nächte darauf, als wir bei klimmender Sonne zu der Arbeit hinaufgingen, fanden wir den Zaun niedergebrochen, zerrissen und zerstreut das Strohbündel, den Wiff, an der Thüre, den Zugang von Pferdehufen zerstampft, die Ettergerte, die den oben zusammenschließt, zerhackt, und – – abgeweidet, bis an die Wurzeln, zertreten die ganze Weizensaat!« Grollend, drohend brauste es durch die Reihen zur Linken des Richters. »Da es in Einer Nacht geschehen, mußte es ein ganz Geschwader von Gäulen gewesen sein: wir durchsuchten nach einer sicheren Spur für den Beweis für andre – wir Harlachinge wußten freilich den Thäter! – in dem ganzen Gehege: endlich fanden wir im hintersten Grunde, von den Führern beim raschen nächtlichen Aufbruch vergessen, eine der schwarzen Schandmähren.« »Ah,« flüsterte Ragino, »edler denn du zehnmal ist das Roß.« »Also dort,« klagte sein Mariskalk leise, »dort verblieb Helhengst, den wir seither so bitter vermißt!« »Das Tier war von aquitanischer Zucht. Ich nahm's sofort in Pfand, den Beweis zu sichern, den Unschuldeid auszuschließen. Seine Haut trug die Hausmarke Raginos: ihr kennt sie alle, Märker! Frag' ihn, Richter, ob er die Marke verleugnet?« Arno winkte: Ragino sprach, den Helm mit den Geierfedern zurückwerfend: »Ich meine, sie kennen weithin den trabenden Wolf und fürchten ihn; zumal die Schafe.« Seine Gasinden lachten: Fagano wehrte ihnen mit erhobener Hand. »Sage, Rechtweiser, darf ich um dieser Ursach willen den Adaling kampflich grüßen?« fragte Harlacho mit grimmigem Blick und griff nach seiner dreizinkigen Waffe. – »Nicht doch! Er leugnet ja nicht.« »Ich würde,« höhnte der, den Kopf zurückwerfend, »wohl wegen der paar Maulvoll Grünzeug auf den Kampfsand treten? Einen Lohnkämpfer würde ich ihm stellen, einen ehrlosen, an dem sollte er seinen Zorn verkühlen.« »Also dein Mund ist dessen gichtig,« fragte der Richter, »daß deine Rosse die Saat Harlachos abgeweidet?« – »Gewiß! Und gut ist's ihnen gediehen!« – »Wie gerieten sie hinein. Durch Zufall? Windbruch des Zauns?« – »Behüte! Der Eschenzaun war gute, feste Arbeit von sechs Männern! Auf mein Geheiß führte mein Marifkalk hier die guten Gäule hinein zu leckrer Weide. Was braucht der Schollenpatscher Weizen zu fressen? Besser steht das edle Goldkorn zu des Adalings Roß als zu seinem schnöden Wanst. Er kann ja Weißfische fangen! Aber wo – wo birgt der Kläger das Pfand? Her mit meinem lieben Hengst, der solang in seinem Rinderstall den Stank der Kühe schmecken mußte. Her damit! ich löse ihn nach Recht und büße den Schaden, – mit lachender Lust! – weil der Dickschädel, der rote, umsonst sich gemüht. Her meinen Hengst!« »Da hast du ihn,« schrie Harlacho grell und flammenrot fuhr ihm der Zorn ins Gesicht. »Da, alles, was übrig ist von ihm.« Damit griff er in den Mantel und warf ihm eine abgezogene Pferdehaut vor die Füße. »Du Vieh selber! Du hast das Tier gemordet? geschlachtet? gefressen?« schrie Ragino und fuhr ans Schwert. »O nein! dessen haben wir den Gaul des Faganing nicht gewürdigt. Erst haben wir – meine fünf Söhne und ich – den Gefesselten so lange gepeitscht, bis ihm die Haut in blutigen Fetzen vom Bauche hing ...« » Bestia! Bestia canina! « schrie Nantinus, der in der Wut nur in seiner Sprache schimpfen konnte. »Wir meinten nämlich, wir hätten seinen Herrn vor uns!« Da ging ein Schrei des Zorns durch die Adalinge: viele davon sprangen vor, auch einer der Hachilinge, aber Fagano zog sie am Arme zurück. – »Dann banden wir der verendenden Mähre die vier Füße zusammen und warfen sie in den See, daß sie elend ersoff.« »O die Hunde!« grollte Ragino. »Lecker hätte sie wohl geschmeckt, – nichts essen wir lieber, als jungen gesunden Hengstes Fleisch! – Aber was dir gehört, dem Gott opfern und als Opferschmaus verzehren, – nein! Das war des Adalings Tier nicht wert. Jedoch die Haut mit der Marke haben wir dem Aas abgestreift, da liegt sie dir zu Füßen.« Sprachlos vor Zorn umgriff Ragino mit beiden, Händen den Wehrgurt, sich vor dem Waffenzücken zu hüten. Da sprach der Richter: »Die Marke ist volkskundig, der Beklagte thatgeständig. Da braucht's kein Urteil zu finden; es fand sich selbst. Ist's nicht so, Rechtweiser?« – »So spricht das Recht der Bajuvaren.« – »Wie hoch schätzt Harlacho den Wert des Weizens? Wie hoch Ragino das Pfand? Das durfte der Pfänder nicht töten! Ist's nicht also, Rechtweiser?« – »So spricht das Recht der Bajuvaren.« Harlacho rief: »Acht Stunden weideten die Gäule. Wert war mir die Saat. Ich verlange hundertsechzig Solidi: – der Adaling selber kostet ja nur zweihundertdreißig, wenn ihn einer erschlägt. Und ich wünsche: hätten doch nie die Götter – Frô war's ja wohl! – das verfluchte Roß geschaffen, der hochmütigen Adalinge hochmütig Gleichnis. Den Pflug führt das geduldige Rind ebenso gut und besser. Hel schlinge alle Rosse hinab!« »Sie haben euch doch schon oft herausgerissen,« sprach der Fagano leise vor sich hin, »wo euch kein Fußkämpfer mehr hatte helfen mögen. Verwünscht sie nicht!« »Und wie hoch wertest du das Pferd? Schätze es laut im offnen Ding!« fragte der Richter. »Das will ich,« sprach Ragino scharf, aber verhalten. »Ein Adalroß ist mehr wert als ihr Harlachinge alle sechs miteinander: einer von euch gilt hundertsechzig: so schätze ich den Helhengst auf das siebenfache: auf elfhundertzwanzig Solidi.« Da brach ein wildes Tosen los unter den Freien, das der Richter mit Mühe dämpfte. »Neffe Ragino, meistre die Zunge! – Harlacho, wohlan, ich werde die hundertsechzig Solidi zahlen und meinem Neffen den Wert des Hengstes, – aber nach Schätzung unsrer Sippe – und so den häßlichen Zank begraben.« »Nein!« schrie Harlacho. »Nein, Ohm!« rief Ragino. – »Nur von dem Neffen nehm' ich die Buße!« »Nur wenn Harlacho mir einen seiner Söhne ausliefert, daß ich ihn peitsche, wie sie mein Roß gepeitscht, bin ich zufrieden.« Abermals brach wilde Empörung unter den Gemeinen aus: – zusehends wuchs die Erbitterung, stieg die Gefahr blutigen Zusammenstoßes. »Und wenn dieser – unmögliche! – Rechtsgang versagt,« fragte Arno, »was dann?« »Fehde! Fehde! Fehdegang!« schrieen zuerst hüben Harlacho und die Seinen, auch der junge Isanbert, die gewaltige Faust ballend, und drüben die meisten der Adalinge. »Ja, Fehde,« sprach Harlacho, »grimme Todfehde der ganzen verhaßten Geierbrut. Richter, ich heische das Handmehr. Und – hörst du! – vergiß mir ja nicht den weisen Beschluß, – du selbst hast ihn ja verlangt –! daß fortab zwar nur das Mehr die Fehde beschließen, nicht eine Sippe sie ansagen kann, daß aber an der so beschlossenen Fehde alle Sippen, auch die dawider die Hand erhoben, teilnehmen müssen. Ich frage dich, rechtskundiger Iso, – ist das Markrecht?« Mit einem betrübten Blick auf Arno sprach der: »Das ist – seit neun Monden – Markrecht. ›Arnos Weisheit‹ nannten wir damals den Schluß.« Der Richter schloß einen Augenblick, vom Weh überwältigt, die Augen: er sah bei der wild aufgehetzten Stimmung links und rechts das Ergebnis der Befragung voraus und erkannte mit Schmerz, wie er sich durch seinen eignen in der Absicht, alle Fehde zu verhüten, durchgesetzten Vorschlag gezwungen hatte, an der ihm abgerungnen Fehde teilzunehmen. »Nun wohl,« frohlockte Harlacho, »so mag der Richter denn heute zuerst die Früchte seiner Weisheit ernten! Ich verlange das Handmehr, sag' ich, Richter! Willst du deines Amtes nicht walten, so räume andern den Stuhl.« Traurig zögernd sprach Arno: »Wer diese unselige, götterverhaßte Fehde will unter den Markgenossen, der hebe die Hand!« Augenblicks fuhren fast alle Hände in die Höhe. Frohlockend fuhr Harlacho fort: »Ah, da braucht's kein Zählen! Endlich soll sich das Eisen im Blut der Hochfärtigen baden! Wie viel lieber als den Lachs werd' ich den Adaling spießen!« Er riß die scharfe Stechgabel aus dem Netzgürtel und hob sie drohend gegen Ragino. »Hund,« rief der zurück, »ich greife dich lebendig und Hand und Fuß zusammengebunden, ersäuf ich dich wie du mein gutes Roß.« Da brach's los von beiden Seiten. »Fehde! Fehde! Fehdegang!« Waffen blitzten: die Ergrimmten sprangen widereinander. »Halt! Schweigt,« scholl da eine alles überdröhnende Stimme. »Nieder die Waffen!« Der Richter war aufgesprungen vom Stuhl, er stand mitten zwischen den Tobenden, hoch über ihren Häuptern schwang er seinen weißen Stab, warf ihn dann vor sich nieder und rief: »Der Dingfriede ist gebrochen! Noch Ein Wort und ich zerbreche diesen Stab und banne euch vor den Herzog, daß der euch friedlos lege.« Ehrfürchtig wichen die Gemeinfreien vor ihrem Richter zurück, aber Ragino und seine Gefolgen senkten noch die Waffen nicht; Nantinus zückte einen spitzen welschen Dolch wider Arno: da trat der Fagano an dessen Seite, legte ihm die Rechte auf die Schulter und deckte ihn so mit dem eignen Leibe. »Zurück!« rief er. »Die Klingen in die Scheiden! Schämt euch, ihr Edeln, vor den Gemeinen. Sie folgen rascher dem Recht als ihr!« »Aber die Ehre, Ohm!« trotzte Ragino. – »Ehre? Pflichttreue – über das äußerste Maß der Pflicht hinaus; – das ist Ehre, Neffe. Gehorche!« Und der Heißblütige barg übermeistert das Schwert und trat zurück, desgleichen seine Trucht. Nun bückte sich der Fagano, hob den Stab auf und reichte ihn Arno: »Nimm ihn wieder zur Hand, den Stab, den keine Hand so würdig trägt wie deine.« Hoch erhob ihn Arno und nahm wieder auf dem Stuhle Platz: »So ist sie denn beschlossen, die Fehde! Was bedeutet das Wort? Tote Männer und brennende Firste und zerstampfte Saaten! Und um was? Um ein paar Weizengarben und ein Roß!« »Nein, um die Ehre!« rief es rechts. »Nein, um den Haß,« schrie es links. »Zum Glücke beginnt,« fuhr Arno fort, »alsbald die heilige Friedenszeit Frau Berahtas: heute, bei Frührot, fuhr ihr heiliger Wagen auf breitem Schiff vom Lindeneiland ab, und umsegelt so alles Uferland des Sees. Solange ruhet aller Streit, die Waffen werden geborgen: den Schrecken Hels geweiht ist, wer Kampf reizt in diesen Tagen. Und ich frage dich, Rechtweiser, wer hat nach des Untersees Markrecht den Beginn der Frist zu setzen?« »Der Richter vom Eichending,« sprach Iso. »Das ist der Märker Recht.« – »Wohlan: so eröffne ich die Friedensfrist, sobald der Dingschild hier den Boden streift.« Im selben Augenblick sprang er auf von dem Stuhl und schlug mit seinem Stab den Speer samt dem Schild nieder. Klirrend schlug der Erzschild auf. »Das Ding ist gelöst.« Er stieß den Stuhl um: »Der Dingfriede erloschen, Berahtas Friede aber hat schon begonnen: er währt einundzwanzig Nächte: des gedenkt auf dem Heimweg: und der strafenden Göttin gedenkt.« »Ein weiser Einfall zu rechter Stunde!« sprach der Fagano. »Deine Hand, Richter, wir wollen fest zusammenstehen.« – »Das wollen wir: denn wahrlich! es thut not. Edler Fagano, tritt unter mein Dach, sein geehrtester Gast!« *   III. Es war schon spät am Tag, als der Gast und der Wirt sich von dem runden glänzend weißen Ahorntisch erhoben, auf dem sie das einfache Mahl genossen, – allein; denn die beiden Töchter hatten die Halle verlassen, nachdem sie auf die Tischplatte ein von Arntrud gewebtes, zierlich rot gesäumtes Tuch gespreitet und das schlichte Hausgeschirr aufgesetzt hatten: die Bierkrüge aus gebranntem Thon und die irdenen Fleischschüsseln; der einzige, schön henkelige Erzkrug – für den Met – war ein Stück alter Römerbeute. Am Weine gebrach's: den bezogen nur die Adalinge aus dem Etschthal. Freundlich hatte der Gast die Rechte auf den Scheitel der Kleinen gelegt: »Hast du auch, Krausköpflein,« fragte er, »mitgeholfen am Braten?« – »Will's meinen! Sonst wär' er nicht so gut worden! Hab' Trudis geholfen beim Begießen. Der Wildeber will trinken.« – »Weißt du aber auch, warum für den Dingstag Wildeberfleisch sich ziemt?« – »Freilich! Es mahnt an der Götter Schmaus.« »Ein klug Kind, wohl gelehrig und wohl belehrt.« »Ja aber ...« »Willst du wohl schweigen?« drohte mit dem Finger der Vater, dem Unheil ahnte. »Sprich nur! Du siehst, der Vater hat's erlaubt.« Er hatte ihm den erhobenen Finger herabgebeugt. »Wenn die Götter und die armen Helden, da oben – die sind gar hungrig, mein' ich, weil sie immer Kampfspiele spielen! – Tag um Tag nichts als Schweinefleisch bekommen? Ich könnte das nicht so oft hinunterwürgen! Warum sind sie nicht schon lang auf die Erde herabgestiegen? Da könnten sie doch bald bei dir vorsprechen, bald bei uns?« Der Fagano lachte: »Du junger Fürwitz!« Dann schloß er ernst: »Götter und Göttinnen wandern gar oft über die Menschenerde. Auch in meiner Halle haben sie schon gegastet vor alters.« – »O, zu uns kommen sie auch. Die sind nicht stolz, wie dein schwarzer Neffe. So ist Frau Berahta im Traum der Trudis hier erschienen und hat ihr deinen ... Ja, was ich sagen wollte, wo steckt Adalfrid? Lange hab' ich ihn nicht mehr gesehn. Sonst war er immer um die Wege hier.« »Ja,« fiel Arntrudis ein, die lichten Augen voll aufschlagend, und dem Gefragten frei ins Antlitz schauend: »wo ist er, der Liebe, Gütevolle? Fehlt er, so ist's, wie wenn der Sonnengott zu Rüste stieg hinter den Westerwäldern! Er versprach mir doch, als er mir das Vöglein brachte, – da haben wir ihn zuletzt gesehn! – er wolle bald wieder kommen. Der Nachtsänger singt so schön, so heiß, so eigen! – Wo ist Adalfrid?« Unfreundlich zuerst hatte der Vater des so warm Vermißten die Brauen in die Höhe gezogen. Allein unter dem Eindruck dieser vollsten Unbewußtheit des eigenen so reinen Gefühls schwand gar rasch das Gewölk und er erwiderte ernst, aber ohne Strenge: »Mein Sohn ist fern. Im Palatium zu Regensburg.« »So? Was hat er denn aber da zu suchen?« meinte das Kind. »Nun – vielleicht eine Braut!« Scharf sah er Arntrudis in die Augen: der Vater warf einen besorgten Blick auf seine Tochter. Arntrudis jedoch strahlte vor Freude und rief sofort: »O, das ist prächtig! Das ist recht! Gewiß ist sie elbenschön – wie er selbst! – So muß seine Braut sein! Wie freu' ich mich, ihr den Kranz zu flechten aus meinen liebsten Bergblumen: Speik, Marbel und Madaun! Und auch Rosen haben wir im Gärtchen, noch von des Secundus Eltern her. Die streue ich ihr bei dem Brautlauf.« Die beiden Männer betrafen sich dabei, wie jeder verhohlen des andern Miene prüfen wollte. Aber die Kleine war unzufrieden: »O je! Wenn er eine Frau hat, bringt ihm der Adebar gleich viele, viele Kinder. Und dann spielt er mit denen und kommt gar nicht mehr zu uns.« »Das wäre hart,« sprach Arntrud ganz langsam nachdenklich vor sich hin: und in ihre Augen traten Thränen. Ihr Vater sah's – wie der Gast – und rief: »Nun fort mit euch! Wir haben noch zu reden.« Und aufspringend öffnete er die Thür und schob beide hinaus. »Dein Kind ist rein und hold wie ein Sonnenstrahl,« sprach der Gast innig. »Möge ihr Lebenspfad sonnig bleiben! Und er wird es. Es ist im Thale wohnlicher als auf den Höhen.« – »Ja; jedoch manche Seele erfüllt ein Gott mit Sehnen nach den Höhen.« Der Edeling schüttelte das Haupt: »Berg und Thal haben die Götter selbst geschieden. Sie sollen nicht zusammen kommen.« »Berg und Thal kommen nicht zusammen, aber die Menschen: – so geht ein alter Spruch in unsrem Volk.« – »Wohl! Und so wird denn mein Sohn zusammenkommen mit der ihm gleichgebornen Braut: des Langobardenkönigs Tochter.« – »Trägt sie schon seinen Ring?« – »Bald wird er ihn ihr anstecken zu Ticinum. – Wir beiden aber, wir wollen, wie besprochen, treu zusammenstehen, die glimmenden Funken dieser unsinnigen Fehde auszutreten, bevor sie in Flammen auflohen und euch verbrennen – wie uns. Bändige du deinen wüsten Nachbar, ich werde meinen wilden Neffen zügeln. Was darüber hinaus geht an Wünschen, ... – das muß schweigen. Der Edle, – wie der Richter! – nicht für sich sollen sie wünschen: für die Mark, für das Volk. So hat mein Sohn zum Beispiel jene Königstochter nie gesehen: – aber er wird sie zur Gattin nehmen. Denn er wird einsehen, wieviel der Langobarden Freundschaft für unsere Südmark wert ist. Nicht für uns leben wir, wackerer Richter, für andere. Leb' wohl. Du meinst es gut. Hab' Dank für – – für alles.« Als der Fagano sich in den Sattel schwang, sah er von fern, wie an dem offenen Fenster ihres Schlafgemachs Arntrudis saß, die Hände im Schoß: die Nachtigall vor ihr im Käfig sang ihr glühend Lied: das schöne Mädchen lauschte, in Träumen und Sinnen versunken. »Ein wunderhold Geschöpf, bei Berahta,« dachte der Alte, »man muß ihr gut sein – von Herzen gut, ja von ganzem Herzen! Aber – es geht nicht!« Viertes Buch. I. Ein paar Tage darauf schnitten am Vormittag Harlacho und seine Söhne Grummet auf einer ihrer Wiesen nördlich von Harlachos Hof am See, nahe der hier vorbeiziehenden Römerstraße. Auch die Isinge hatten hier »Grasfelder«, »Eigenweiden«: sie erstreckten sich gen Norden bis an den dichten Urwald hin; auf diesen Weiden ließ zu der gleichen Stunde Iso, der Angrenzer, seine Knechte das Gras sicheln; er selbst, der Behäbige, fast Reiche, legte nur Hand an, wann er unterweisen, bessern wollte. Wie die Sonne höher stieg, heißer brannte, machten die Fleißigen alle kurze Rast auf dem schmalen Rain, der beider Nachbarn Eigen trennte: ein mächtiger alter Birnbaum ragte hier: eine römische Hand hatte dereinst den Wildling veredelt und so die kleinen, herben Früchte genießbar gemacht. Auf der Ostseite des Stammes war die Hausmarke der Harlachinge, ein Lachs, eingeschnitten; auf der Westseite das Hauszeichen der Isinge, eine kurze Eisenstange selbst in die Rinde gefügt. Unter dem Schatten des breitastigen Grenzbaums lagerten die Müden: er reichte für alle. Die Harlachinge hatten, ihren Durst zu löschen, nur das Wasser zur Hand, aus dem nahen Waldquell, aus dessen Fassung in einen gehöhlten Baumstamm aufgefangen in einem Thonkrug. Als der jüngste Sohn, Hariger, der vor kurzem erst wehrhaft gesprochene, gierig den Krug zu Munde führen wollte, wehrte ihm der Vater stillschweigend, nahm ihm das Gefäß aus der Hand, sprengte ein paar Tropfen auf die Wiese und sprach dazu feierlich: »Immer im Anfang, ehe Du deinen dörrenden Durst, Den lechzenden, löschest mit linder Labe, – Immer erst andachtvoll Spende und spritze, sprenge und sprühe Den gnädigen Göttern, den Gebern des Guten. Denn wo Gutes es giebt, – da ist es göttergegeben! Dröhnender Donar, Des untadligen Ackerers, des emsigen, Ahn Und schützender Schirmer, Und du, freudiger Frô, unser Freund, du Fördrer der Frucht, Sichert die Saat, hebet die Halme, wahret den Wieswuchs; Wie wir euch weihen Vor allen den Erstling Der lieben Labe.« Und nun erst trank der Vater und reichte den Krug Haribaud, seinem ältesten Sohn. Einstweilen war zu seinen Knechten, die im Osten des Markbaums lagen, Iso herangetreten und hatte mit den Nachbarn Gruß und Handschlag getauscht. »Wo ist Isanbert?« fragte Harigilt; der zweite der Harlachinge. – »Er ging vor Tagesgrauen zu Holze dort in den Nordwald.« »Was ist mit dem Buben?« forschte Harlacho ernstlich. »Er ist nicht recht, mein' ich. Schon lang! Nicht recht gesund.« Der Vater versuchte zu lachen, aber die harten Züge überzog's wie Gram. »Der? Der Isanbert? Hei, bärengesund ist er. – Aber ihr habt nur Quellwasser, der Moosweiblein Gabe. Kommt her! Andres sollt ihr trinken. Wir wollen's nicht besser haben: denn wir sahen's, ihr habt schwerer geschafft als wir. »Ja,« meinte Harlacho, »wo der Knecht fehlt, keucht der Herr selbst.« Iso winkte einem seiner Unfreien: der hob aus dem schattigen Geäst eine hier an den Henkeln angeseilte schöne Amphora herab, wertvolle griechische Arbeit von feinstem Thon; vor etwa hundert Jahren hatte der Isinge Ahnherr das Beutestück aus der halbverbrannten Villa des Priesters des Jupiter Bedaius davongetragen. Die Vorderseite zeigte in schwarzen Strichen auf dem tiefen Braunrot Paris, der eben Aphrodite den Apfel überreicht hatte. »Wer mögen die Zwei sein?« staunte Harvich, der vierte Sohn; er lag bäuchlings im Grase, den Kopf auf beide Ellbogen stützend, nun erhob er ihn etwas. »Sind ganz nackig. Wie zwei Frösch. Das Dirndl könnte mir gefallen,« meinte Hariwalt: sie waren Zwillinge und hielten in allen Stücken gar fest zusammen. »Das siehst du doch!« erklärte überlegen sein ältester Bruder Haribaud, »hat ja den Apfel; ist Idun.« – »Aber der andere, – wer ist das?« – »Frag' ihn. Wird schon einer sein.« Der junge Hariger sprach, zu Iso gewendet: »In eurem Haus, das heißt dem alten, steinernen, das euer Ahn den Walen abgenommen hat, ist im großen Saal, im Fußboden eingelassen, ein ähnliches Bild aus lauter kleinen bunten Steinen: da stehen drei Frauen vor einem Mann auch mit einem Apfel; Äpfel müssen die Walenfrauen gar gern gegessen haben, scheint's.« Iso begann nun ebenfalls aus der Amphora ein paar Tropfen zu sprengen auf sein Feld: stark würzig roch es aus dem schmalen Kurzhals: er sprach dabei: »Biedre Biene, Frau Berahtas braunes, brummendes, Flinkes, fleißiges Vöglein, Vor allen emsig und eifrig, Ohn' Ermüden, des Ackerers echtestes Urbild, Dank dir, dank, daß du Das Honighöslein dir häufest, Auf daß der Imker, emsig Gleich dir, die goldige Gabe gewinne, Die sämige, süße Des mundenden Mets! Berahta, beut und bereite Blumen und Blüten In freudiger Fülle Deiner braunen Bienen Beflügeltem Völklein, Bewahre sie vor dem brummigen Braunen, Dem breitbrüstigen Bären! Auch wir schützen sie schirmend Im wilden Winter Und teilen dann treulich Mit ihnen die Ernte An weichem Wachs Und häufigem Honig.« Jetzt erst trank er selbst und reichte den Krug Harlacho hinüber. »Nun, Nachbar,« meinte er mit prüfendem Blick aus seinen klugen Augen auf den eifrig Schlürfenden, »manche Nacht ist hingegangen seit deinen hitzigen Worten im Märkerding! Soll wirklich um ein paar Roßmäuler voll Saat ...« – »Du weißt: es ist nicht um das, 's ist um den alten Haß: der muß einmal herausfahren. Dein Sohn ist ganz auf meiner Seite – aber schau, dort kommt er daher – aus dem Holz. Was trägt er über der Schulter? Ganz schwer trägt er!« »Das ist,« rief Hariger aufspringend – »ja, bei Donar! Das ist ein Bär. Und was für einer – wie sonst zwei.« Isanbert, nicht sehr schlank, aber breit und stiernackig, kam von dem Waldsaum langsam näher, oft stehen bleibend, keuchend unter seiner Last. Nun war er heran: er ließ das mächtige Tier von seinem Rücken zur Erde gleiten: schwer plumpte es auf, mit dumpfem Fall; er reckte, hoch aufatmend, beide Arme mit geballten Fäusten in die Luft. »Da, Vater! Da ist die Bärin, gegen die du gestern den Schutzspruch sprachst, weil sie uns sechs Schafe zerrissen. Ich dachte, ich helfe dem Sprüchlein ein wenig nach. Kann nie schaden. Und ich wollte den Wildhonig aus der Hohleiche am Moosbühl nehmen: da hatte vor kurzem – ich wußte es – Immenbrut eingebäumt. Ich wollt' ihn den Mädeln des Richters sichern: sie schlecken ihn gern. Da mußt ich früh aufstehn. Denn die Bärin hatte den Honig gewittert. Sie pirschte sich gestern schon gerad drauf hin. Ich fand ihre breite Spur im Moose.« Die Männer traten nun alle hinzu und betrachteten das erlegte Ungetüm. »Hei, sie hat nur eine Wunde!« – »Einen Schwertstich.« – »Mitten ins Herz!« »Sicher war die Hand,« sprach Harlacho nachdrucksam, »die diesen Stoß gestoßen.« »Wo ist dein Speer?« fragte Ifo. »Hat sie ihn dir zerspellt?« – »Ich ließ ihn zu Hause. Nahm nur das Kurzschwert mit; wollt' sehen, ob's so nicht auch geht.« Traurig, aber schweigend schüttelte der Vater den grauen Kopf. »Aber wie ging's? Verzähl'!« mahnte abenteuergierig der Knabe Hariger. – »Ging leicht. Fand sie schlafend. Im dunkelsten Dickicht. Nicht weit vor der Hohleiche. War wohl auf der Spur nach dem Honig gewesen. Weckte sie mit ein paar Steinwürfen. Sollte nicht hinterher sagen, ich habe sie im Schlafe beschlichen und ermordet. Grimmig scheltend fuhr sie auf, sah mich und nahm mich an. Sie stellte sich hoch. Sie kam gegen mich mit greifenden Pranken. Sie brummte arg dazu. Ich sprang vor, stieß ihr die Klinge ins Herz und sprang zurück. Tot fiel sie auf den Rücken. Gebt mir zu trinken.« »Höre, Bub',« meinte Harlacho, das Untier musternd, »ich bin nicht bang: – aber das thu' ich dir nicht nach.« »Einen Finger breit daneben,« sprach der Vater vorwurfsvoll, – »fiel sie nicht gleich tot, warst du zerdrückt.« »Warum thust du so was?« forschte Harlacho. »Weiß nicht. Ich muß. Es treibt mich was um. Die Zeit ist so lang bis die Fehde beginnt. Aber dann!« Er bog den rechten Arm. »Hoffentlich beginnt sie gar nicht,« meinte sein Vater. »Aber wenn, – was dann?« »Dann,« schrie der Sohn plötzlich auf, »erwürg' ich ihn ... ohne Waffe! Ich reiß' ihn vom Rappen und erdroßle ihn – so.« Er warf sich ins Gras. Die Männer fragten nicht, wen er meine. »Die Götter, der Fagano und der Richter werden's verhüten. Und auch ich.« »Auch du, Vater? Gut, ich brauche keine Fehde dazu. Treff' ich ihn noch einmal, wie vor ein paar Tagen, um den Bleichanger der Mädchen spürend wie der Fuchs spinnt auf das Haselhuhn, – dann ...« die Wut erstickte ihm die Stimme. »Ja, ja,« meinte Harlacho. »Ich sah ihn auch vorgestern, wie er an Arnos Hof vorüberreitend, – ganz im Schritt! – sich hoch hob in den Bügeln und über den Zaun hinweg die Jungfrau mit seinen heißen, frechen Blicken verschlang. Hätt' ich nicht Berahtas Frieden gescheut ...!« »Eia,« lachte Haribaud, »den mag sie nicht, den Schwarzkopf. Aber der andere, der Blonde! Willst den auch drosseln, Bertlein?« »Nein. Den mag ich – beinah – selber! Kein Wunder, daß er ihr besser gefällt als ... nun, eben als wir andern. Sie ist sein. Und er ist's auch. Und wir ... wir sind ... wie der Bär da!« meinte er mit bitterem Lachen. »Bei dem Opferschmaus der Ostara war's. Wie zierlich und flink führte der Schlanke die Schlanke! Ich wollt' es ihm nachmachen, da fiel ich hin. Er – er lachte nicht: er reichte mir die Hand, mich aufzuheben. Ich sprang allein auf. Da sah ich, wie sie lächelte: nur ein wenig. Es ließ ihr hold wie, alles. – Es gefiel mir, obwohl das Auslachen mir galt. Und dabei hätt' ich schreien mögen! Ah, komm Fehde! Mich verzehrt's. Es brennt da drinnen wie fressend Feuer.« *   II. Allein es schien, der Wunsch des starken Isanbert sollte unerfüllt bleiben. Das wohlmeinende und verständige Zureden der Vermittler blieb nicht ohne Einfluß: nur wenige der Freien beharrten unversöhnlich: der Richter hoffte, vor Ablauf des Festfriedens eine Mehrheit zu gewinnen, die den Fehdebeschluß aufhöbe und beiden Streitenden einen billigen Vergleich aufzwänge. Auch ward Adalfrid in Bälde zurückerwartet: – er hatte, – das wußte man, – das Palatium zu Regensburg verlassen und auf dem Rückweg die Höfe der benachbarten Huosi und Drozza besucht: man wußte, wie eifrig und wie wirkungsvoll der Allbeliebte zum Frieden reden werde. Ein paar Tage nach Erlegung jenes Bären saß Arno nach Sonnenuntergang nachdenksam auf der Bank, welche die Vorderseite seines Hauses umzog; es dunkelte schon stark: so erkannte er nicht gleich einen in langsamen schweren Schritten von der Alz her die Höhe Heransteigenden. »Du bist es, Isanbert? Was willst du?« »Fragen. Und dann – bitten. Ist's wahr, daß morgen deine Kinder auf deinen Meierhof im neuen Gereut, zu Chradoald, deinem Freigelassenen, fahren wollen, dort bei Frau Biltrud die Kräuterweihe zu feiern?« – »Ja. Wie alle Jahre. – Warum?« – »Wer begleitet sie?« – »Niemand. Secundus – seltsamerweise! – ist immer noch nicht zurück; die andern arbeitrüstigen Knechte müssen Gras schneiden auf der Hochleite drüben. Arntrud versteht ganz gut, die Wagengäule zu lenken.« – »Der Wald ist dicht. Der Weg ist weit. Sie können kaum vor Nacht zurück sein. Laß mich mitreiten.« Arno zog die Brauen zusammen. »Nicht doch, Nachbar. Dein Vater hat schwere Arbeit im Eichenbusch an der Alz: alte Eichenstrünke auskesseln, – da braucht er jeden Arm, zumal deinen starken.« »Bitte, laß mich sie begleiten!« – »Ist ganz unnötig. Sicher ist's in der Mark: der heilige Festfriede schützt die Mädchen wie ein goldner Schild, den die Göttin selbst über sie hält.« »Gut Nacht, Richter!« Er war im Dunkel verschwunden. Bald nach Sonnenaufgang fuhr von dem Arninghof der leichte Leiterwagen, der sonst beim Einbringen des Grases diente. Die Mädchen hatten ihn mit Laubgewinden und Blumen geschmückt, auch der beiden muntern und frommen Braunen Zaumzeug, Mähne und Schweif mit roten Bändern und Schnüren umflochten, denn: »festlich fährt man zu Feste«. Fröhlich lachend kletterte die Kleine, den helfenden Arm des Vaters verschmähend, in das Innere des offenen Gefährts, während Arntrudis sich ins Vorderteil niederließ und, alsbald die Rößlein mit lautem Zuruf und leisem Schlag der langen, schwanken Gerte, der vorn ein paar grüne Blätter belassen waren, zu schnellem Traben antrieb. »Fahrt flink,« rief ihnen der Vater nach, »und Wuotan walte eures Weges.« Der war nun nicht zu verfehlen und war gut: denn es war die alte Römerstraße, die von Salzburg nach Augsburg führte. Der feste starke Bau hatte einesteils von selbst diesen hundert Jahren erfolgreich widerstanden, andererseits hatten die nächsten Höfe ihn leidlich fahrbar erhalten durch Entfernung der darauf stürzenden Baumriesen des Urwalds und Ausjätung des Buschwerkes, das auf ihm wild zu wachsen anfing: war es doch weit und breit der einzige bequeme Fahrweg. So war es denn eine rasche und freudige Fahrt durch den frischen Sommermorgen. Reicher Tau glitzerte auf dem Gras an den Gräben neben der Straße, die Sonne drang machtvoll von dem wolkenfreien, tiefblauen Himmel durch die Äste der hohen Eichen und Eschen, Buchen und Tannen, die Vöglein, Goldamsel zumal und Walddrossel, sangen laut im Innern des Gehölzes: alles war friedlich und fröhlich. Die Kleine plauderte viel, während die Schwester schweigsam vor sich hinblickte. Ungeduldig fragte das Kind, da die Gegenrede oft ausblieb: »Aber Trudis, woran denkst du denn immer?« – »An den Weg. Und an die Gäule. Wie sagte der Vater, als er den Wagen schirrte? ›Der Schiffer schweige, der Fuhrmann fasle nicht viel: wohl wahr' er des Weges.‹« – »Deswegen brauchst du aber doch nicht zu seufzen. Oder doch sehr, sehr tief zu atmen. Ich will dir sagen, an was du mehr denkst, denn an den Weg, von dem du doch nicht leicht herunterpurzeln kannst bei helllichtem Tage: die Straße läßt dich nicht los! – Du denkst jetzt im Wachen an den, von dem du so oft im Traume sprichst.« »Ja, an Adalfrid,« nickte sie ohne Zögern. »Es ist schon gar so lange her, daß er uns verlassen hat. – Viele, viele Wochen!« – »Aber sie sagen, er sei zurück vom Herzog. Kiemo, der neulich im Adalhof war, das fällige Gras von der Heualm zu bringen, soll ihn dort gesehen haben, wie er zu den Huosi abritt. Ist nicht hübsch, daß er noch gar nicht bei uns war.« – »Vielleicht hat er die Braut schon mitgebracht. Möchte sie sehen! Wunderbar muß sie sein ... Da! Was scheust du, Leichtfuß? Was fuhr da vor uns über den Weg?« – »Ein Has! Ein Has! Dort rennt er waldein!« – »Übeln Angang acht' ich, den Hasen, den hurtigen Hüpfer,« sprach Arntrud, die Zügel anziehend und die Pferde zum Stehen bringend. »Wächter der Wege, waltender Wuotan, Wende weit hinweg Uns alles Unheil.« Und sie fuhren weiter. »Horch!« mahnte Arnhild, »da! hinter uns! Hörst du nichts? Schon manchmal meint' ich ..., aber das Rollen der Räder auf der harten Straße übertönte es.« »Ich höre nichts,« meinte Arntrud; sie sah um und lauschte. »Ja, jetzt ist's wieder still. Auch seh ich nichts hinter uns, bis an die Wegebeuge dort im Osten.« – »Was, meintest du, sollte es sein?« – »Der Hufschlag – eines Pferdes, – das uns – ganz von fern – folgte.« – »Es ist doch nichts. Vorwärts, lauf Leichtfüßlein, und du, Lichtmähne.« Und wieder ging's munter voran. »Weißt du, auf was ich mich am meisten freue dort bei den Reuthofleuten? Auf die Hohlküchel! Frau Biltrud füllt sie lecker mit Honig.« – »Und ich auf ihr herzig Kindlein. Ich gab der Kleinen meinen Namen.« – »Und die Bernsteinkette der Mutter dazu!« – »Sollt' ich Namen geben, ohne Gutgabe? – Sie zählt jetzt drei Jahre. Lieb ist sie! Dürft' ich doch so ein Kindlein hegen und pflegen: – aber ein eigenes!« – »Ja aber! Da müßtest du doch erst im Frauengurte gehen. Und ein Ehegatte...« – »Nein doch! Braucht's nicht. Secundus hat erzählt, seine Göttin – oder doch Halbgöttin, halt so ein saliges Fräulein, – die gewann – Jungfrau – ohne Gemahl, einen herrlichen Knaben.« – »Ja, ja, ich gedenke. In Taubengestalt flog über sie ein Gott. Nun, Tauben hättest du ja. – Aber unsere Mutter starb darüber, wie mich der Adebar – nicht eine Taube! – brachte, so klagt der Vater. – Schau, Trudel, die Blume, die da links aus dem feuchten Graben wächst – viele beisammen – die soll heilkräftig sein wider allerhand Weh.« – »Jawohl, das ist Jungfrau Minte. Oder sie war es doch.« – »Ja aber! Ein Kraut war ein Mädchen?« – »Gewiß. Eine fleißige Schnitterin war sie, und verschmachtete einsam auf dem Stoppelfeld: sie kam zu sterben vor Durst, ihr letztes Gebet an die Erntegöttin, Frau Harche, war, sie möchte doch nach ihrem Tode immer Wasser, Wasser trinken dürfen. Da verwandelte sie die Göttin in diese graublaue Blume, die nun immer wachsen darf, wo sie Wasser trinken mag.« – »O du weißt so viele schöne Kunde von den Kräutern und Blumen und Vögeln. Woher?« – »Die hat mir Frau Biltrud im Reuthof erzählt bei gar vielen Festen der Kräuterweihe, wie wir sie heute feiern.« – »O, erzähle bitte, alles, alles.« – »Allmählich, ja. Höre einmal von der armen Wegewarte, die auf ihren Verlobten wartete, der mit dem Heerbann des Herzogs ausgezogen war und nicht wiederkam mit den andern; sie harrte und harrte Tag und Nacht: hoffend gegen Hoffnung saß sie am Wegerand, wo sie ihn zuletzt gesehen. Alle verlachten sie, aber sie wich nicht, wankte nicht. Sonnenbrand, Wind und Regen bleichten ihr Haar, Gesicht und Gewand, daß sie ganz grau ward und ihre Füße schienen festzuwurzeln im Boden. Da erbarmte sich ihrer Freia und verwandelte sie in die graue Wegewarte, die immer noch am Wege sitzt und harrt.« »O das ist gar traurig!« – »Ja, warten ist traurig, sehr! – Vorwärts, Lichtmähne!« – »Aber du weißt auch Lustiges! Wie ist das mit Frauenschuh und Frauenhaar?« – »O das ist hübsch. Da waren zwei stolze Schwestern, Prahllaute und Rühmgerne, Töchter des Königs zu Lamparten, die waren schön: aber noch viel mehr eitel als schön. Und die rühmten sich: die eine, sie habe den kleinsten Fuß, schmaler und höher geristet als Freia, die zweite, sie habe das zarteste Haar, zarter als Berahta. Kaum hatten sie sich so frevelnd erkühnt, standen die beiden Göttinnen vor ihnen.« »Nun und?« – »Standen, sag' ich, vor den Prahlerinnen und Freia wies ihr Füßlein: das war so schmal, es paßte in die Blume Frauenschuh, und Berahta löste ihr Haar und siehe da: es war noch viel feiner als das Gras, das Frauenhaar heißt.« – »Das ist gut. Geschah ihnen recht. Horch, da ruft der Kuckuck! Von dem giebt es auch eine Geschichte.« – »Ja, ja! Spring, Leichtfuß!« – »Und von der Goldamsel, die da drüben flötet? Die soll ein Königssohn sein. Ein verwunschener. Man kann ihn aber küssend erlösen.« – »Und vom Nußhäher, der da drüben scheltend abfliegt? Von Herrn Markwart? Der war ein Wilderer und muß nun immer des Waldes warten.« »Und von der Agalaster, die da schätternd vom Baume steicht?« – »Schön Agalaster war nur ein Fischerkind. Aber sie hatte von allen die wunderweißeste Haut. Sie wettete, sie sei weißer als Frau Ostara selbst: Wuotan sollte entscheiden und Frau Ostara schlug den Schleier zurück: da war ihre Stirne weiß wie Mehl. Aber schön Agalaster deckte den Nacken auf: da war der so weiß wie das Glöcklein, das da zufrühest am sonnigen Waldsaum sprießt, noch bevor der erste gelbe Falter stiegt. Und entschied dann Wuotan, Kind Agalaster sei weißer. Da ergrimmte Frau Ostara, besprengte sie mit Wasser und rief: ›So bleibe denn weißer als ich: aber nicht am ganzen Leibe! Und immerdar sollst du picken nach allem was glänzt.‹ Und ward da Kind Agalaster zur Elster, wenig weiß, viel schwarz und nach Glänzendem pickend.« »Das mußt du mir alles noch genauer erzählen.« – »Gern, aber das Schönste ist doch das Traurige: – von der Wegewarte. – Seltsam! Bin doch nicht seine Braut.« – »Wessen?« – »Nun, seine : Adalfrids. Aber am liebsten möcht' ich auch am Wege sitzen und auf ihn warten, warten bis er wiederkommt! Oder bis ich nichts mehr wüßte von mir und ihm! – Allein ich meine, die Rößlein gehren nun auch nach Wasser, wie Jungfrau Minte. Da rinnt in dem Graben vom Waldrand her ein silbern Wässerlein! Komm! Spring ab! Wir setzen uns zu kurzer Rast ins hohe Gras, – schau, wie schön die Farnwedel! – dieweil die Braunen trinken. Der Schatte der breiten Buche deckt uns zu. Dort, weiter vorn – siehst du? biegt die Straße scharf nach Westen ab. Hier ist Halbwegscheide.« Alsbald saßen die Schwestern nebeneinander jenseit des Straßengrabens auf dem Wiesgrund unter den ersten Bäumen und labten sich an der Milch und dem tiefschwarzen Roggenbrot, die Arntrud in einer Zinnkanne und einem Binsenkorb mitgeführt. – Auf einmal wieherte auf der Straße einer der Wagengäule, hoch den Kopf von dem Rinnsal hebend und scharf auswitternd. Sofort antwortete ein andres Wiehern. »Hörst du?« meinte Arnhild. »Es ist doch ein Pferd in der Nähe.« – »Vorher glaubtest du, hinter uns folge eins. Dies Wiehern aber kam von vorn, von Westen. Es war wohl nur der Widerhall.« *   III. Aber es war nicht der Wiederhall. Eine kurze Strecke vorwärts dem Rastort hielten im dichten Gebüsch, links von der hier steil ansteigenden Straßenbiegung gen Westen, zwei Reiter auf schwarzen Rossen. Der eine bog vorsichtig das behelmte Haupt aus dem Hollunderbusch, die flache Hand vor die Augen haltend, die blendende Ostsonne abzuwehren: »Beim lodernden Loge, Nantine!« flüsterte er, »du hattest richtig gespürt. Sie sind's! Und ganz allein. Dafür schenk' ich dir diesen Helm randvoll von Goldsolidi: – sobald ich sie habe!« lachte er. »Nach diesem Streich müssen wir wohl dies kühle und rechtstrenge Land räumen – auf lange Tage! Bah, ich konnte nicht länger warten. Mich verzehrt die Glut! Und es giebt manchenorts Krieg und Fehde, wo man unsere raschen Rosse und raschen Klingen werthält! Vorher aber will ich mich sattsam des schönen Kindes freuen. Schau nur, ihre weißen Arme leuchten bis hierher! Sie winken mir!« – »Und die Kleine, Patrone?« – »Bindest du fest auf den Wagen. Hier, nimm dies Bootseil. Ich hebe meine süße Beute vor mich auf den Sattel und fort saus' ich mit ihr an waldverschwiegene Stätte. Nun drauf und dran!« Schon setzten die beiden Rosse aus dem Buschicht über den Graben auf die Straße, schon jagten sie blitzschnell auf der Straße, abbiegend nach Südosten, schon hatten sie den Rastplatz der Schwestern erreicht, schon flogen sie über den Graben vor diesen und im Nu hatte Nantinus die Kleine bei beiden zusammengepreßten Handgelenken mit sich neben dem Pferde hin über den Graben auf die Straße gerissen, wo er sie auf den Wagen schwang und, trotz ihres Schreiens und Sträubens, mit dem Rücken an das Leitergitter band. Arntrudis aber hatte vor Schrecken keinen Laut gefunden, als der andere Reiter mit starkem Arm in raschem Griff sie oberhalb der Hüfte packte und in Einem Ruck vor sich auf den Sattel hob: sie war vor Entsetzen so betäubt, wie damals ihre Taube, die der Habicht schlug. Erst als der Schrei der Schwester an ihr Ohr drang, weckte sie der aus der Betäubung: »Hilfe!« schrie sie. »Hilfe, Berahta! Helft all' ihr Götter! Hilf, Adalfrid!« »Hei,« lachte der Räuber, »der hört dich sowenig wie die da droben. Tobe nicht so, du Süße! Es nützt dir nichts. Mein bist du. Sollst bald lernen, wie süß es ist, mein zu sein!« Und er beugte das Leidenschaft sprühende Gesicht herab auf das Antlitz des Mädchens, das quer vor ihm über dem Sattel lag, ihr seinen glühenden Kuß auf die Lippen zu drücken. Aber mit beiden Händen stieß sie ihn zurück, daß ihm der Helm mit den Geierflügeln klirrend vom Haupte auf die Straße flog. »Warte, du sollst das Küssen lernen!« drohte er zornig und griff mit der Rechten ihre beiden Hände zusammen. Da schrie Nantinus hinter ihm: »Patrone, sieh dich vor! Ein Feind!« »Hilf, Adalfrid!« wiederholte die Gequälte. »Nein,« rief die Schwester in dem Wagen aus ihren Stricken: »Das ist ...« »Isanbert!« schrie der Freigelassene und sprengte einem Reiter entgegen, der in rasender Eile von rückwärts, von Südosten her, nahte. »Ja, Isanbert, ihr Schurken, ihr Mädchendiebe! Ich ahnte recht.« Sein Speer flog, schreiend stürzte Nuntinus aus dem Sattel: der Wurf hatte solche Wucht und Wut, daß die Lanzenspitze im Rücken herausdrang. Schon sauste der Rächer mit geschwungenem Schwert an dem Sterbenden vorbei auf den anderen Reiter los. Zornig hatte der mit der Linken den Rappen herumgeworfen, nun zog er das Schwert: dabei mußte er den Griff aufgeben, mit dem er die Gefangene niedergehalten hatte: sofort war sie ihm entwunden und vom Pferd geglitten: schon lief sie ihrem Retter entgegen, schon war sie an seinem Pferd vorbei und eilte auf die Schwester zu: sowie sie an Isanbert vorüber war, rief sie: »Dank, treuer Isanbert!« Da zwang es ihn. Er mußte, mußte sie schauen in diesem Augenblick ihrer Errettung, ihres Dankes: er wandte sich: er sah ihr nach: – da stürzte er, schwertdurchstoßen, nach vorn aus dem Sattel. »Ah! Arntrud! Flieh!« stöhnte er im Fallen. »Nun, Täublein, hat dich der Habicht doch !« frohlockte Ragino und haschte die Fliehende an dem lang nachflatternden Zopfband: das riß und blieb in seiner Faust: ihr Haar flatterte nun gelöst in ihren Nacken, noch ein paar Schritte vorwärts lief sie, da versagten ihr die Kniee: sie hörte das Schnauben seines Pferdes dicht hinter sich, sie fühlte es heiß in ihrem Nacken: »Hilf, Adalfrid!« schrie sie nochmal und fiel auf das Antlitz nieder. »Adalfrid?« höhnte der Sieger und bückte sich tief vom Gaul, sie aufzugreifen. »Ja, wo ist wohl der?« »Hier ist er!« scholl es da von oben von der Höhe, von Nordwesten herab, und in vollem Jagen sprengten drei Reiter von jener Biegung der Straße her auf den blutbesprengten Ort. »Fürchte nichts, Arntrudis!« Ragino wandte abermals das Pferd: er sah den verhaßten Vetter und zwei Gefolgen heranjagen mit gefällten Lanzen: er sah, der Raub war vereitelt, er selbst bei Widerstand verloren. Aber er verschmähte die Flucht. »Vor dem Milchbart ausreißen? Vor den Augen seines Liebchens? Nein! Drauf und dran! Helft Teufel, Gott und Loge!« Und in rasendem Anlauf rannte er den Dreien entgegen. Kurz vor dem Zusammenprall riß er den Gaul, Adalfrid meidend, plötzlich nach rechts, warf durch sein ungleich stärkeres Tier des Gefolgen Pferd über den Haufen, daß sich Roß und Reiter überschlugen, und war bald im hochaufwirbelnden Staub der Straße verschwunden. »Murdrida! Auf handhafter That heb' ich Gerüste,« rief der zweite Gefolge. Und er schickte sich an, ihm nachzusetzen. »Halt, bleib',« gebot Adalfrid, »er entgeht uns nicht. Helft mir beide, die Mädchen pflegen. Es ist dir nichts geschehen, Arntrud? Auch dir nicht, Kleine?« Er schnitt ihre Schnüre durch. »Aber dort, Isanbert... ah – er ist tot! Nun fließt das Blut in Strömen!« *   IV. »Raubio!« – »Mordio!« – »Murdrida!« – »Waffena!« – »Hâra, Hâra!« – Mordio!« – »Murdrida!« So scholl es laut und wild durcheinander, nachdem der traurige Zug die Gehöfte von Bedaium erreicht hatte. Adalfrid hatte die Leiche Isanberts auf den Wagen gebettet, die beiden Mädchen auf dessen und des Nantinus Pferde gehoben und mit seinen beiden Gefolgen an das Dorf geleitet. Hier gebot er den Seinen, mit dem Wagen zu warten, während er mit den beiden Schwestern den Markrichter aufsuchte, diesem vor allen das Geschehene zu berichten. Arnos Freude, die Töchter gerettet wiederzusehen, ward nahezu erstickt durch die schwere Sorge um den Frieden, um die Leidenschaften, welche die frevlen Thaten – die geplante und die vollendete – des Adalings nun rettungslos entflammen mußten. Sobald er die Töchter unversehrt erkannt, trat er vor die Thür seines Hofes und schlug mit dem Schwert drei dröhnende Schläge an den ehernen Schild, der in der Mitte des Querbalkens aufgehängt war. Alsbald erschien aus der nächsten niedern mit Schilf bedeckten Hütte neben der nun leeren des Secundus sein Altknecht mit Speer und Büffelhorn; er war nach der Freilassung zum Fronboten des Richters bestellt worden: nun gebot ihm der, mit hallendem Horn, mit dem Raub- und Mord-Ruf, von Gehöft zu Gehöft zu eilen, die Märker sofort zum Notding unter der Eiche zu entbieten; dazu übergab er ihm den auf dem steinernen Herdrand verwahrten Heerpfeil, an der Spitze in Blut getaucht und sprach: »Den giebst du ab im letzten Hause des Dorfes, der Empfänger – Harlacho! – trägt ihn sofort, ist er barfuß, ohne sich erst zu beschuhen, in den nächsten Hof außerhalb des Dorfes, der Hofherr wieder zu seinem nächsten Nachbar und so fort von Siedelung zu Siedelung, schleunig, laufend und nicht schreitend, keuchend und nicht atmend.« Einstweilen befahl er Adalfrid und den Gefolgen, die Leiche, wie sie auf dem Wagen lag, auf die Gerichtstätte zu fahren, die Pferde abzuschirren und dort in der Nähe mit den Mädchen und den beiden Gefolgen die Eröffnung des Dings abzuwarten. »Ich kann dich nicht entlassen, Adaling, bevor du Zeugnis gegeben, obwohl heiße Flammen des Hasses dir entgegenschlagen werden. Aber sorge nicht: ich werde dich schützen mit meinem Stab, mit meinem Leibe dich decken.« »Mich schützen die guten Götter, mein gutes Recht und mein gutes Schwert,« sprach der Jüngling ruhig: hoch hob er das Haupt, daß die langen Adelslocken auf seine Schultern wogten. »Nun geh' ich den schwersten Gang,« seufzte Arno, während Arntrudis ihm den Richtermantel umwarf und den Stab in die Hand gab, der neben dem Speer in einer Wandöse stak, – »den Gang zu ... Iso.« *   V. Der Pfad von Isos Haus dort auf der Höhe am rechten Alzufer auf die Dingstätte führte an dem Hof der Arninge vorbei. Als der Richter und Iso an dem Thore der Hofwehre vorüberschritten, blieb dieser stehen und hob die speerbewehrte Faust: die Nachricht hatte ihn jäh wie ein Blitz getroffen, mit grauenhafter Wirkung: die zärtliche, ob streng verhaltene stolze Liebe zu dem einzigen Sohn hatte sich urplötzlich in Haß verkehrt gegen alles was – unmittelbar oder mittelbar, schuldhaft oder unschuldigerweise – den Tod des Starken herbeigeführt hatte: wie versteint war seine Seele, gebannt in das einzige Gefühl der kalten Wut der Rache. So hob er jetzt die Waffe wider des Freundes Haus und sprach: »Über diese Schwelle hatte ich gehofft, ihn schreiten zu sehen, Hand in Hand mit der bekränzten Braut: nun haben sie ihn daran vorbeigefahren, bleich und stumm. Und er hätte sie gewonnen, lebte nicht jenes verhaßte Geschlecht. Durch den einen verlor er ihr Herz, durch den andern sein Leben! Auch das thörichte Kind sollte ich hassen, das ihn verschmäht hat um eiteln Glanzes willen: – ich kann's nicht! Kann ihr nicht fluchen! Aber verflucht jenes Geschlecht vom Greis bis zum Säugling! Nicht rasten will ich, bis dieser Speer trieft von der Adalinge Blut. Höret mich, ihr rächenden...« Rasch zog ihm Arno den erhobenen Arm herab: »Nein, hört es nicht, ihr Gerechten! Das redet nicht Iso der Rechtweiser, das redet aus ihm die Raserei der Wut. Wie kannst du alle Faganos dem einen vergleichen? Vielleicht erlebst du selber noch, daß sie nicht – wie du jetzt! – nur an sich selber denken, sondern an das Ganze, an die Mark.« Bitter lachte Iso: »Ah, wenn ich das erlebte, – ich wollte mich versöhnen! Aber dafür ist gesorgt! Selbstisch sind sie alle, nur an sich denken sie. Daher: Rache!« – »Rache ist die blinde Schwester, Recht der hellsehende Bruder: ihn sollte der Rechtweiser anrufen. Hier, an der Rechtstätte suche dein Recht: es soll dir werden.« Sie waren nun an der Eiche angelangt und fanden viele der Dingmänner bereits versammelt: der Notschrei und der Heerpfeil hatte sie gar rasch zur Stelle gebracht, während der Richter den Weg auf die Höhe der Isinge zurückgelegt und dort den Freund allmählich vorbereitet hatte, die grause Nachricht entgegenzunehmen. So war denn der Halbkreis schon dicht geschlossen, in dessen Mitte, gerade vor dem Altarstein, der Wagen hielt, dessen Bodenbrett zur blutüberströmten Bahre des starken Isanbert geworden war; der Ernst des Todes hatte das jugendliche Antlitz mit seiner stillen Weihe veredelt. Laut auf schrie bei dem Anblick der Vater, beide Arme hoch über dem Haupte erhebend: er ließ den Speer fallen aus der geöffneten Hand: er wollte sich in wildem Weh auf die Leiche werfen, sie umschlingen: – aber plötzlich, hart vor dem Wagen, blieb er stehen und warf den Kopf in den Nacken zurück: »Nein, keine Thräne, Isanbert: – Blut!« sprach er tonlos. »Richter, walte deines Amtes!« Arno hatte einstweilen Adalfrid zugewinkt, noch hinter den Bäumen des Waldsaums zu bleiben, wo seine Gefolgen, die Mädchen und andere Frauen des Dorfes standen: er fürchtete für den Dingfrieden, ersah der Grimmige plötzlich ein Glied des verhaßten Geschlechts. Nun setzte er sich auf den Stuhl, über dem der Dingschild im hellen Sonnenlichte leuchtete, und gebot, den Stab im Kreis über die Häupter schwingend, Friede. Alle verstummten, von Grauen in Schweigen gebannt. »Dinggenossen,« begann er, »diesmal hab' ich nicht erst um Ort, Tag und Stunde zu fragen: der Notschrei hat euch gerufen zu dem Notgericht. Wollt ihr, daß ich berichte, aus meiner Tochter und – anderer Zeugen Mund, was vor der That geschehen, die wir jetzt richten?« »Berichte! Erzähle.« »Heute früh fuhren meine Mädchen auf der großen Straße zu meinen Leuten im Reuthof: sie rasteten am Wege, kurz vor der Straßenbeuge, da sprengte ihnen von dorther entgegen Ragino der Faganing ...« Bei diesem Namen ging ein drohendes Grollen durch die Menge. »Nieder der Neiding,« schrie Harlacho; aber Iso schwieg. »Mit Nantinus, seinem welschen Frilazz; sie ergriffen meine Kinder. Nantinus band die Kleine auf dem Wagen fest: der Adaling warf Arntrudis vor sich in den Sattel: er verkündete ihr gierige Gewalt...! – – –« Ein Schrei der Wut stieg auf von den Männern. »Da jagte von rückwärts – von uns her – ein Reiter heran, Isanbert, des Iso starker Sohn.« »Da liegt er vor uns,« sprach Harlacho, »in Mordblut!« – »Er hatte mich gestern gebeten, die Kinder begleiten zu dürfen. Ich wies ihn ab, dem Frieden der Göttin vertrauend ...« »Der bindet keinen Adaling, wir sehen's!« rief Haribaud. »Er tötete den Frilazz, der wider ihn rannte,« »Wo liegt der?« fragte Harlacho. »Wo er fiel: ungerächt, ungesühnt, den Raben zum Fraß; so will es das Recht. Arntrudis hatte sich frei gemacht, sie glitt aus dem Sattel und lief an dem Erretter vorüber. Nun trafen der und der Räuber zusammen: – wie das geschah, hat kein ander Auge geschaut. Denn meine ältere Tochter floh, ihnen den Rücken wendend, heimwärts, und meine jüngere blickte der Schwester nach. In diesem Kampf erlag Isanbert,« »Unmöglich!« schrie Harlacho. »Er war zehnmal stärker.« – »Wir werden hören, – schauen! – wie es geschah. An dem Gefallenen vorbei sprengte der Räuber, meine Tochter wieder zu greifen, sie fiel im Lauf nieder auf das Antlitz, schon riß er ihr die Haarbinde ab: – da eilten von der Westbeuge her, von dem Geschrei der Mädchen gerufen, Adalfrid und seine Gefolgen heran, – sie kamen von den Höfen der Huosi: – der Räuber entfloh, mit dem Gerüste verfolgt. Sie brachten die Kinder und die Leiche des starken Isanbert zu mir. Hier, im offnen Ding liegt der Tote. Dort – außerhalb des Kreises – stehen die Mädchen. Und – die andern Zeugen.« » Wie? Was?« schrien viele zornige Stimmen. »Sie sind hier?« Iso öffnete zum erstenmal die Lippen. »Ein Faganing – hier? Wo – wo?« Er hob den Speer. »Vor dir,« sprach der Jüngling, den Umstand zerteilend und in den Dingkreis tretend, hoch erhobenen Hauptes. Iso holte aus zum Stoß – aber sofort senkte er wieder die Waffe. »Nein. Nicht Einer. Und nicht hier: – Alle! – In offnem Kampf! Seit unvordenklichen Tagen weisen wir Isinge das Recht: – Recht will ich, nicht Gewalt.« – »Das erste Wort wieder von dem Rechtweiser. – Nun, Nachbar Kiemo, nimm du meinen Platz ein auf dem Richterstuhl – hier mein Stab! – Denn ich werde nun Klage rufen.« – »Du? Vor mir? Ich dächte... – doch du hast Recht: erst kam der Mädchenraub, dann der Mord.« »Bewiesen ist,« sprach Arno, rechts vor den Richterstuhl tretend, »durch meiner Kinder Mund der versuchte Mädchenraub. Ja, Adalfrid sah's in handhafter That, – er wird schwören gegen den eigenen Vetter – wie der das Haargebind Arntrudens herunterriß.« »Das ist Walchwurf nach der Bajuvaren Recht,« sprach Iso. »Darauf allein stehen sechs Solidi.« »Wir müssen den Dingflüchtigen,« fuhr Arno fort, »nicht erst in seinem Hof an der Mangfall laden vor die Eiche: handhafte That ist wie vor offnem Ding geschehn; mit dem Gerüfte ward er verfolgt. Menschenraub ist Fehdethat. Ich habe die Wahl zwischen Fehde und Buße.« »Du hast keine Wahl, bist du ein Mann!« rief Harlacho. »Weil ich ein Mann bin, nicht ein blindwütiger Auerstier, wähle ich nicht die Fehde, sondern die Sühne!« Ein brausender Ruf des Unwillens schlug dem so beliebten Richter entgegen. »Furcht, Feigheit kann's nicht sein!« meinte Harigisil, kopfschüttelnd. »Die Sühne! Weil die Mark der Eintracht dringender bedarf als die Saat des Sonnenscheins und des Regens. Ich verlange die Buße, die das Bayernrecht für Walchwurf, den Giergriff und den versuchten Mädchenraub gewährt. Wie viel, Rechtweiser, beträgt die Buße?« – »Sechs und zwölf und vierzig Solidi; und vierzig Solidi Wette dem Herrn Herzog!« »Und deiner Tochter Ehre?« rief Harlacho. »Die steht höher als im Blau der Morgenstern: – wer mag den antasten? Die ganze Buße aber verteile ich unter den Märkern von geringen Hufen, denen gute Waffen: Brünnen und Sturmhauben zumal und bessere Schilde, bitter gebrechen.« Da trat Adalfrid vor ihn hin, reichte ihm die Hand und sprach: »Da hört man's: der Gemeinfreie denkt so edel wie der Edelfreie. Welcher Adaling konnte edler thun?« »Hört ihr's?« raunte Harlacho seinen Sühnen zu. »Eitel Überhebung, auch wo er loben will! Nieder die Hochmütigen!« »Ich verzichte auf die Rache, auf daß auch andere verzichten,« schloß Arno nachdrucksam. »Und,« rief Haribaud, »soll dann der Faganing unter uns weiter hausen wie der Hapuch unter Arntruds Tauben? Sollen seine verfluchten Rosse unsere Saaten fressen? Soll er das nächste Mal mit besserem Glück nach unsern Jungfraun greifen?« – »Mitnichten! Der Herzog muß ihn friedlos bannen aus dem Land. Ich habe meine Klage hier geklagt,« – er tauschte mit Kiemo den Platz auf dem Stuhl, – »nun, Iso, klage du!« Als der Graukopf vortrat, ging ein Schauer durch die Männer, die in sein vom Weh versteintes Antlitz sahen; er nahm den Speer in die Linke, hob die Rechte gen Himmel und sprach feierlich: »Ich rufe Klage, Klage, Klage! Ich klag' um Mord an meinem Sohn, gemordet durch Ragino den Faganing! Und – Adalfrid den Faganing.« Ein Ruf der Überraschung, des Staunens, auch wohl des Zweifels, des Widerspruchs ging durch die Menge; aber der Zorn riß die meisten zu Beifall fort. Adalfrid fuhr zusammen wie von giftigem Stich getroffen. »Mein Sohn,« fuhr Iso fort und kaum merklich bebte seine Stimme, »konnte nicht dem Halbwelschen in offenem Kampf erliegen. Er erstach den Bären und trug ihn fort. Ich habe mich bisher enthalten – schwer! – allein nach seiner Wunde zu sehen. Wohlan, Dinggenossen, im offenen Ding, befragen wir die Wunde. Trägt er sie vorn, lass' ich jede Klage fallen. Ward sie ihm aber rücklings gestochen, – dann nieder mit der ganzen Mörderbrut.« Und er trat heran zu der Leiche. »Hierher, Richter, hierher Harlacho, Kiemo, – auch du, Faganing, hierher. Seht her, helft mir alle suchen.« Er schlug den braunen Mantel zurück, der die Brust des Toten bedeckte: »Schaut her: Antlitz. Hals, Brust, Leib unversehrt: – kein Loch im Wams, kein Blutfleck: nicht stirnwärts ist ihm der Tod genaht. Nun, – greif an, Arno, hilf mir ihn wenden: – er ist schwer! Ah, da seht! Hier – im Nacken, wo Paltar den Todesstoß empfing – da, die blutige, rote Wunde – ein Schwertstich. Nicht im Kampf erschlagen – nein, hört's, ihr rächenden Götter und ihr gerechten Dinggenossen! – hinterrücks gemordet ward mein Sohn: – denn er floh nie.« »Mord! Mord! Rache!« scholl es hundertstimmig. »Aber,« fuhr Iso fort, »auch der andre Adaling, der kecken Muts hier unter uns trat, ist dieses Bluts verdächtig. Mein Sohn focht wohl mit dem einen, der andre stach zu. Kommt mir nicht mit dem Zeugnis seiner Reiter: die Gefolgen verraten den Gefolgsherrn nicht: das wissen wir. Ich klage auch wider ihn.« Wohl hub sich Widerspruch, aber er drang nicht durch die Schreie der Wut. »Laß doch sehn,« fiel Harlacho ein – »ja, ein Schwertstoß ist's. Entreißt dem Adaling die Klinge: – seht zu, ob sie nicht genau in die Wunde paßt!« Schon drängten sich seine Söhne gegen Adalfrid, der ruhig stehen blieb. »Haltet an,« gebot Arno. »Nicht auf handhafter That gegriffen, nicht mit Gerüfte verfolgt, freiwillig hat Faganos Sohn, so rasch er konnte, wie das Recht es gebeut, die Leiche, die er auf der Straße fand, vor den Richter gebracht: er ist frei, unbescholten, marksässig: er mag sich durch seinen Unschuldseid, durch Eidhelfer verstärkt, von jeder Klage reinigen. Sprich, Adalfried, willst du schwören mit sechs Eidern?« »Mehr als das,« rief der Beschuldigte stolz, »ich würde leicht vierundzwanzig, ja, zweiundsiebzig Eidhelfer finden unter den fünf Adelssippen und auch unter Gemeinfreien, daß Adalfrid, Faganos Sohn, nicht eines Falscheides fähig ist. Aber ich biete mehr: ich werde hier sofort, obwohl ich schwören dürfte, das Gottesurteil des Bahrrechts auf mich nehmen.« Mit diesem Wort schritt er auf die Leiche, die nun den Rücken nach oben gekehrt lag, festen Schrittes zu, zog das Schwert und hielt die Spitze an die Wunde. »Schaut her, allesamt. Viel zu breit ist meines Schwertes Ort für diese Wunde: mein Schwert ist geschmiedet in unsrer Waffenschmiede an der Prien: mein Vetter führt die schmalen Klingen aus Aquitanenland.« Das wirkte überzeugend – keiner konnte sich der Kraft dieses Beweises entziehen. »Und nun, Isanbert, starker Isanbert, ruf' ich dich, dich selbst, zum Zeugen an für mich. Du hörst: sie schelten mich deinen Mörder. Wenig Liebe trugst du mir im Leben, aber Falschwort hast du immerdar gehaßt: Isanbert, zeuge für mich in dieser Stunde! Hab' ich dir diese Mordwunde gestochen mit dieser Hand, so dulde nicht, daß sie dich berührt: laß sie nochmal fließen, die Wellen deines Blutes, und färbe rot die Hand deines Mörders.« Damit stieß er das Schwert in die Scheide und drückte die Innenfläche der rechten Hand fest auf die Wunde. lang hielt er sie darauf; ein tiefes, erwartungsvolles Schweigen hielt alle gebannt. Endlich hob er sie auf, reckte sie, ohne sie anzuschauen, aber allen andern sichtbar, vor des Richters Augen in die Höhe und harrte des Ausspruches. Arno aber sprach laut: »Das Recht hat gerichtet Der blutigen Bahre: Rein, nicht rot, Hebt er die Hand: Unschuldig ist er Der Meinthat des Mordes.« Adalfrid trat an die Leiche zurück: fühlbar war ein voller Umschwung der Stimmung zu seinen Gunsten eingetreten. »Ich biete,« sprach er, »in unsrer Sippe Namen jede Sühnbuße, die verlangt wird, die Fehde zu meiden: – ihr alle wißt, nicht aus Furcht wird das geboten.« »Hörst du das Geprahle, Iso?« schrie Harlacho. »Um wieviel ist dir dein Sohn feil? Wie viele Solidi der Adalinge willst du in deine Halle tragen und auf den Platz legen, wo Isanbert neben dir saß, daß der Anblick der Münzen dir den Gemordeten ersetze? Hundertsechzig billigt dir ja das Bajuvarenrecht zu, nicht? Sprich doch!« Iso antwortete ihm nicht, aber nach einem langen Blick auf Adalfrid sprach er zu Arno: »Die Klage gegen diesen hier ist gefallen. Und nun heische ich vom Richter Urlaub, meinen Sohn, nachdem er im offenen Ding stummes Mordzeugnis gegeben, zu bestatten. Und ich bitte ihn, daß er mir aus seinem Wagen das blutige Brett als Leichenbrett belasse, den Toten darauf zu bergen und die erste Erdscholle mit dieser Hand darauf zu werfen. Aber vorher vernehmt alle, was ich als Sühnebuße fordre, soll ich auf die Fehde gegen das ganze Geschlecht verzichten. Ich fordre, daß sie mir den Mörder ausliefern, gebunden, an ihm zu thun wie gut mir scheinen wird und ob ich ihn lebend Zoll um Zoll zerhacken will.« Wilder Jubel brach los unter den Ergrimmten. Vergebens gebot der Richter, mit dem Stabe winkend, Friede: lange tobte das wilde Geschrei fort, welches das Verlangen des Klägers geweckt hatte, als Ausdruck der heißen Zustimmung »Nie! Nimmermehr!« rief Adalfrid, als er sich endlich vernehmlich machen konnte. »Ich erbiete mich, im Namen der Sippe, den Erschlagenen in Gold aufzuwiegen oder, wie die Götter an dem erschlagenen Riesen Ottar thaten, ihn mit Goldgerät zu verdecken von der Zehe bis zum Wirbelhaar: aber daß die Sippe den Gesippen ausliefere, den Adaling...« »Da hört ihr's!« schrie Harlacho. »Ausliefere zu kaltwütiger Rache, das hieße schänden der Adalinge Höchstes: – ihre Ehre.« »Habt ihr's gehört?« wiederholte Harlacho. »Auch der da, den unser Richter selbst den gerechten zu rühmen liebt, – auch er – wie die ganze Brut – nennt sein Höchstes nicht das Recht! – das ist ja nur für alle! – nicht die Mark, den Gau, das Volk: nein, die Ehre, das heißt den Dünkel, den Wahn, besser zu sein als wir andern. Sie weigern das Recht, die verlangte Sühne – denn ich frage euch alle! – ihr Männer, hat Iso nicht recht?« »Recht hat er, recht!« schrieen die Hunderte. »Du hörst's, weiser Richter,« fuhr Harlacho fort. »Du brauchst diesmal weder den Rechtweiser noch den Umstand zu fragen nach ihrem Urteil: du hast's gehört: es ist gefunden, es ist gefällt vor deiner Frage. Sprich, Iso, dein Recht weigern sie dir und die Sühne. Was bleibt, versagt der Rechtsgang?« – »Fehde, Blutrache an jedem Glied des Geschlechts!« – »Fehde! Fehde! Fehde!« Der Wiederhall des Waldes warf den wilden Schrei zurück. »Und merket wohl,« mahnte Harlacho, »nach Arnos eignem Gesetz muß jeder Markgenosse die beschlossene Fehde mit führen. Hörst du's, Arno, da oben, auf deinem Richterstuhl?« – »Ich kenne das Recht, das ich selber geraten. Die Fehde ist beschlossen: aber sie beginnt erst, wann der Göttin Festfriede zu Ende. Wehe der Hand, die vorher zur Waffe griffe! In dieses Friedens Schutz, Adaling, reite heim mit deinen Gefolgen. Den Fehdepfeil werd' ich zu rechter Zeit über eure Hofwehre schießen.« Adalfrid neigte ihm schweigend das Haupt und schritt auf den Waldrand zu, wo seine Gefolgen die Pferde bereit hielten: da weilten auch die Schwestern. Sie hatten den Fehdeschrei vernommen und verstanden. Er trat auf beide zu mit tieftraurigem Blick. Über Arntrudens Wangen rollten langsam zwei große Thränen: zögernd sprach sie: »Du, mein Beschützer, bist mein Feind geworden! Wer soll mich nun beschützen? Dich haben die Götter mir zum Retter erkoren: wer soll mich nun erretten?« »Ja aber doch die guten Götter selbst,« rief die Kleine lebhaft, »die ihn dazu bestellt hatten. Sie haben das alles zugelassen: – also müssen sie dir nun helfen. Sonst wären sie ja nicht die guten Götter!« Adalfrid strich mit der Hand über den Scheitel des Kindes: »Du hast wohl recht! – Sagt dem Richter, er möge mich nicht suchen im Kampf: ich habe wider ihn nicht Schild, nicht Speer. Er ist dein Vater, – oh Arntrudis, und du ... – nun, du bist du ! Aufs Roß! Rasch fort!« Fünftes Buch. I. Als Adalfrid den Fehdebeschluß der Märker seinem Vater meldete und die Vorgänge, die ihn hervorgerufen, erzählte, verzichtete der sogleich auf die Hoffnung, auch diesen Streit im Einvernehmen mit dem Richter gütlich beilegen zu können. Erregt ging der sonst so vornehm Verhaltene in der Waffenhalle seines Hofes auf und nieder: »Es ist das ärgste, was uns, was jene treffen konnte! Das Blut des Getöteten rieselt zwischen uns, ein roter Bach, unüberbrückbar! Zwei Dinge müssen nun geschehen. Wir müssen – das heischt der Fagana Ehre! – den Mädchenräuber, den Mörder, austhun von unserer Gemeinschaft: der Herzog muß ihn bannen aus dem Lande. Zugleich aber müssen wir diese paar Nächte nutzen, den Widerstand zu rüsten gegen die starke Übermacht der Feinde. Denn ich zweifle nicht, auch die Gemeinfreien der Nachbarmarken werden denen an der Alz helfen: – wider uns. Ich könnte eilende Reiter schicken an die Huosi und die Drozzo, an euern Vater, ihr Hachilinga – aber nein! Dann vollends wird's ein Kampf zwischen den Gemeinen und den Edeln im ganzen, dann geht der Riß der Stände durch all' Bajuvarenland. Das soll nicht sein. Erst das Volk, dann der Stand und das eigne Haus!« »Das sprach der Adalfagano,« rief der Sohn mit leuchtenden Augen und ergriff des Vaters Hand. – »Deshalb hab' ich auch gleich den Gedanken fortgescheucht, der mir zuerst angeflogen kam wie ein garstiger Vogel, wie der Fledervogel der Dämmerung.« »Was dachtest du, Vater?« – »Was ich nie hätte denken sollen! Deine künftigen Schwäger: die Langobarden! Ein Raschbote von mir an den Grafen von Trient und lange bevor der Festfriede hier abgelaufen, sind von der Etsch her tausend Langobarden über den Inn hierher gerückt: – wir erdrücken jeden Widerstand. Aber nein, niemals! Schmach dem Adaling, der fremde Speere ruft ins Bajuvarenland! Fort damit!« Und er schlug mit der Linken in die Luft, wie um ein dort flatternd Tier zu verscheuchen. Hastig schritt er wieder durch die Halle. »Aber,« fuhr er kopfnickend fort, »es wird hart werden, arg hart! Es sind ihrer zu viele gegen uns. Zwar sind sie viel schlechter gewaffnet: Streitrosse haben sie gar nicht! – Jedoch auf die kommt es nicht an in dem hier drohenden Kampf um unsere festen Höfe, die sie ohne Zweifel stürmen und brechen wollen. Ja, Reiter gegen Reiter! Da würde wohl keine Schar, die ich kenne – von den Avaren im Aufgang bis zu den Bretonen im Niedergang – dem Ansprengen unserer Gefolgen widerstehen. Aber sie kommen in solcher Übermacht zu Fuß, daß wir das offene Feld nicht halten können. Auch unsere Thalhöfe werden wir nicht schützen können: sie brennen uns aus, wie den Fuchs aus dem Bau. Selbst dies Gehöft, ziemlich fest und mir wert, wir müssen's räumen!« »Aber wohin?« fragte der junge Hachilrat? Der Gewaltige wies auf die Berge: »Auf die Kampenwand! Auf mein Wikhaus, das dort auf halber Höhe steht. Schmal ist der Zugang am Gemsensteg. Ein Schild sperrt ihn. Vorräte in Menge liegen dort gehäuft, der Quell entspringt innerhalb der hochgetürmten Umwallung von Felsgestein. Während der langen Einschließung werden sie nachlässig, – ich kenne sie! – stellen nachts keine Vorwachen aus: ein kühner Ausfall wirft sie über den Berg hinab, sprengt sie auseinander. Fallen dabei unsere heißesten Hasser, geben sich die andern, mürbe geworden, zum Vergleich. Auch wird bis dahin wohl der Herzog Zeit finden, den Landfrieden in seinem Ostgau herzustellen. Und, mein Sohn, – auch ihr jungen Hachilingen hört's und merkt's, – wenn Stammgenossen kämpfen, – kämpfen müssen ! – sollen sie doch über den Kampf hinaus an den künftigen Frieden denken. Wir müssen uns ja doch wieder vertragen, miteinander leben können – künftig. Deshalb: so wenig Blut und Unheil wie möglich! – Hei ja,« meinte er, lebhafter fortfahrend, »wär' ich noch ein junger Heißthor, – ich wüßte wohl andern Kampfplan! Am frühsten Morgen, gleich nach der letzten Mitternacht des Festfriedens, mit all' unsern Rossen – weit über dreihundert sind's, auch ohne die Rappen Raginos – hinunterbrausen bis an die Alz, niederreiten jeden Mann im Wege, die Fackel werfen in jedes Schilfdach und, nach ungeheurem Schaden an Leben und Gut, bevor sie sich gesammelt und uns den Rückweg verlegt haben, rasch zurück in die bergenden Berge. So haben wir's wohl den schlimmen räuberischen Nachbarn, den Slovenen, gemacht: – aber soll ich auf Arnos Dach, das mich so oft als Gast beschattet hat, die Flamme schleudern? Verhüten's die gemeinsamen Götter! – Ei, es ist mir leid um den Mann. Der sorgt jetzt so schwer wie ich! Auch er – ich weiß es! – sinnt vergeblich, wie er das Unheil glimpflich wende. Nun kennt ihr drei meine Gedanken. Thut danach! Schafft alles Nötige auf das Kampfhaus: ich aber ...« Er brach ab: sein Auge sprühte zornige Blitze. »Du, Vater?« fragte der Jüngling ahnend, »was willst du einstweilen thun?« »Ich reite. – Ich werde meines Bruders Sohn suchen und ihn fragen, ob man zugleich ein Adaling sein kann und ein Schurke?« *   II. Aber diese Frage blieb ungefragt. Nach ein paar Tagen kehrte der Fagano mit seiner Reiterschar zurück – unverrichteter Dinge: weder in seinem festen Hofe an der Mangfall war der so scharf Gesuchte zu finden, noch in irgend einer der zahlreichen von seinen Freigelassenen, Schutzgehörigen, Unfreien bewohnten Siedelungen, noch war irgend eine Kunde von seinem Verbleiben einzuholen. Es war, als habe sich die Erde aufgethan, ihn zu verschlingen samt seiner verwegenen, ihm bis zum Tod ergebenen Schar, die der Dämonische durch maßlose Freigebigkeit der Spenden, durch Gewährenlassen in allen zügellosen Lüsten und freilich auch durch glänzende, von niemand übertroffene wilde Tapferkeit seit Jahren unlösbar an sich gefesselt hatte. Nicht geliebt, – gefürchtet und gehaßt war er allerdings von jenen Hintersassen, deren Truhen, Frauen und Töchter weder vor ihm noch vor seinen kecken Günstlingen sicher waren: und diese würden dem Haupte des Geschlechts, dem Adalsagano, dessen Schutz sie gar oft mit Erfolg gegen die Willkür ihres Herrn anriefen, dessen Versteck gewiß mitgeteilt haben, hätten sie es gekannt. Aber sie wußten nur auszusagen, daß er noch am Tage der Blutthat mit all' seinen Gefolgen – etwa hundert Helmen – auf ihren schwarzen Rossen wie dunkles Gewölk davongebraust sei gen Norden. Fagano ließ in dieser Richtung auf allen Wegen verfolgen, auch in die dichten Wälder bei dem heutigen Baumburg und dem Schloß Stein: – doch ward keine Spur der Flüchtlinge gefunden. Zurückgekehrt nahm er den Jünglingen die Ausführung der noch erforderlichen Maßregeln ab, die Thalhöfe zu räumen und alle Vorräte, Waffen und das wertvollste Gerät auf das Berghaus zu schaffen. Lange bevor der Festfriede abgelaufen, war alles vollendet: zufrieden übersah der Erfahrene das Ganze: »Nun ist gethan,« sprach er, »was zu thun war: mehr vermag kein Mensch. Jetzt schauen wir gefaßt dem Kommenden entgegen. Auch du, mein Sohn, hänge nicht zu tief dem Grame nach. Ich weiß wohl, wie nah dir's geht: aber ich habe schon Härteres überdauert. Das Alter macht zäh. Merken die Grimmen, daß man die Kampenwand nicht stürmen kann, wird es mir und dem Richter zuletzt doch wohl gelingen, die Sühne zu vereinbaren.« Aber es sollte anders kommen, als es dies kluge Haupt erwartete, ganz anders! *   III. Auch auf Seite der Gemeinfreien ward in diesen Tagen alles für den bevorstehenden Kampf gerüstet. Zwar der Richter lehnte die Führerschaft ab: nur beim Aufgebot des Herzogs wider landfremden Feind habe er Pflicht und Recht des Heerbanns: aber nicht in dieser Blutrache Isos, der sich die Markgenossen freiwillig angeschlossen und der der Richter nur folgen mußte wegen eines Beschlusses, den er, – in freilich ganz anderer Meinung! – selbst herbeigeführt hatte! Und Iso ließ es an nichts fehlen, wahrlich! Es war als habe der Verlust des heißgeliebten Sohnes den früher maßvollen Mann plötzlich umgewandelt. Jene wohlthätige Zucht durch die Rechtsgedanken, die unwillkürlich zur Sachlichkeit, zur Selbstbeherrschung, zur Unterordnung des begehrlichen Ich unter das Gesetz des allgemeinen Wohles gewöhnt und die sich bisher an dem maßvollen Rechtweiser voll bewahrt hatte, – sie schien nun plötzlich abgeschüttelt wie ein lästig Joch. Rauhe, wilde, maßlose Rache an dem ganzen Geschlecht des Mörders füllte allein die Gedanken des grauhaarigen Mannes: ein zweiter Harlacho schien er geworden. So sorgte er nicht nur eifrig dafür, daß die nächsten Nachbarn im Dorf, in der Mark sich mit den besten Waffen rüsteten, – er sandte seine Boten weit hinaus in die andern Gemeinden des Gaues und rief die Freien zur Rächung wie seines Blutes so mancher eigenen, nur mit verhaltenem Groll getragenen Verunrechtung durch die Adalinge auf, die der Richter Jahre hindurch zu verwischen, zu vergleichen getrachtet hatte. Aber auch in gar vielen Höfen, in denen Grund zum Haß gegen die Fagana nicht gegeben war, empfanden es die Freien als eine Ehrenpflicht, mit denen an der Seebruck gemeinsame Sache zu machen, nicht zu dulden, daß ihre Haufen von den Rossen des Adels niedergeritten, ihre Ernten zerstampft, ihre Firste in Brand gesteckt würden. Und Isanbert! Weit über die Mark hinaus, im ganzen Gau, war der schlichte, starke und tapfere Jüngling gekannt und hochgehalten: ebenso wie der freche Übermut seines Mörders verhaßt war weit und breit. Ihn rächen war recht gethan und zugleich eine Befriedigung der Liebe wie des Hasses. So hatte denn Iso außer den Genossen seiner Mark eine starke Zahl aus den Dörfern und aus den Einzelhöfen der Nachbarschaft gewonnen, seinen Fehdegang zu teilen: manchmal nur kühne, kampffreudige Jünglinge, Freunde des Ermordeten, zuweilen aber auch den gereiften Vater, das Sippehaupt mit all' seinen Söhnen und Neffen, der nicht Ragino grollte, sondern dem Rechtsbruch und dem ganzen rechtbrecherischen Geschlecht. Daher hatten sich ihm denn gar viele im Norden und Osten des Sees durch Handschlag oder durch Annahme und Einkerbung und Weiterbeförderung seines Rachepfeils verpflichtet, bei Anbruch des ersten Tages nach dem Festfrieden auf dem linken Alzufer an der Dingstätte, unter der alten Eiche sich einzufinden. Dagegen die Höfe im Westen und auch im Süden des Sees standen teils auf dem Grund und Boden der Fagana, teils waren sie von deren Macht und Reichtum so abhängig, auch meist durch Wohlthaten des freigebigen Adelshauptes so stark verpflichtet, daß sie mit den Leuten an der Alz gemeine Sache nicht machen konnten oder wollten; ihre Speere verstärkten vielmehr die Schar der Adalinge. Der letzte Tag des Festfriedens war so herangekommen unter nichts weniger als friedlichen Thaten und Sorgen. Auch der Richter hatte, bekümmert genug, seine Schutz- und Trutzwaffen in stand gesetzt: die Sturmhaube von Eisen, die vielgestickte, vom Urahn ererbte Brünne, die neben den jüngeren, eisernen auch noch die alten Bronzeringe zeigte, den hohen schmalen Langschild von Lindenholz, mit Büffelleder überzogen, nur am Rand mit Eisen gefestigt, das Kurzschwert ohne Parierstange, den kurzen Wurfspeer und die lange Stoßlanze; seufzend hatte er sie in der Halle neben dem Herd an die Wand gelehnt; nun saß er draußen vor der Thür auf seinem Lieblingsplatz, der Vorbank, von der aus man das Dörflein, den Fluß, den See, die Straße jenseit des Flusses weithin übersah: sorgenvoll blickte er in die Ferne. So hörte er nicht, wie in der Halle hinter ihm ein leichter Schritt über den gestampften Lehm des Estrichs huschte und eine seine Stimme flüsterte: es war Arntrud, die vor seinen Waffen stand und leise sprach: »Hüte mir, Helmhaube, Hüte und halte mir heil sein teures Haupt! Birg die Brust ihm, Braune, breite Brünne! Schirm ihn, schützender Schild! ...« Traurig hielt sie inne: »So weit taugt er,« dachte sie, »der uralte Waffenspruch, den ich Harlacho gestern sprechen hörte. Aber der Schluß! Ach, er will ja, daß Schwert und Speer Blut trinken sollen! Höre, liebes Schwert, und du, spitziger Speer, höret mein Bitten, ist's auch nicht in die alten Stäbe gefaßt. Ihr mögt wohl treffen und stechen: – sie sagen ja, ihr dürstet nach Blut, ist einmal Hilde geweckt! – also trinkt denn Blut, in Erus Namen. Trefft ihr den Bösen, den Schwarzen, dann trefft tief! Aber – höret mich – stoßt ihr auf Ihn, – und auch auf seines Vaters stolzes Haupt – dann seid stumpf, seid weich wie die Krume des Brotes. Hört ihr? Ich bitt' euch! Kehrt ihr dann sieghaft wieder, will ich euch kränzen mit Eppich und Eichlaub.« Inzwischen hatte ein Einbaum, vom Ostufer herkommend, an dem Ufer der Alz angelegt und alsbald stand vor dem Richter der Ferge: es war Kiemo. »Nun, Nachbar,« meinte Arno, »du stehst gar ernst, gar besorgt darein. Dir gefällt sie auch nicht, die Fehde gegen unsere Besten!« »Du hast recht, gar nicht. Aber es ist nicht das, was mich herführt. Es ist ein ander leidig Ding! Hast du,« begann er zögernd, zagend aufs neue, »hast du schon einmal vom Wolkenbrand gehört?« »Gewiß!« erwiderte Arno ernst. »Der kündet groß Kriegsunheil. Wann Brandglut weit über den Himmel loht, daß die Wolken zu flammen scheinen, – die Feuerriesen reiten darauf und bringen Verderben. Drum heißt's auch der feurige Heerwurm.« »Ja, ja, so sagte auch mein Großvater. Und nun ist's schon die dritte Nacht, daß wir's sehen, die Frau und ich. Immer im Osten: – weit weg, ganz weit weg war's zuerst. Aber die zweite Nacht kam's schon viel näher und in dieser Nacht, da ... aber sieh! Was ist das? Was jagt da auf der großen Straße von Osten heran?« – »Das ... das ist ein einzelner Reiter.« – »Aber welch' kleines Pferd! Wie ein Reh!« »Nein, es ist ein Pferd. Doch nie, nie sah ich solches Rennen und solches Jagen! Der ist rasend, der darauf sitzt.« – »Da! Da stürzt der Gaul.« – »Er steht nicht mehr auf.« – »Kein Wunder. Er ist wohl totgehetzt.« – »Der Reiter springt auf.« – »Er eilt auf den Steg zu.« – »Er ist herüber.« – »Er stürmt herauf.« – »Ah, das ist ... ja, das ist Secundus. Endlich! Wie lang erwart' ich ihn!« – »Ja, er ist es. Aber wie sieht er aus! Wie verändert!« – »Auf, ihm entgegen!« Und der Richter eilte mit Kiemo dem Ankömmling entgegen: dieser reckte im Laufe beide Arme hoch gen Himmel: nun hatte er die Anhöhe erreicht: da brach er, auf das Antlitz stürzend, zusammen, mit dem Schrei: »Flieht, flieht! Feinde! Feinde! Feinde ...« Die beiden trugen den Ohnmächtigen in das Haus, wo ihn die Mädchen mit Wasser besprengten und allmählich wieder zum Bewußtsein brachten. Mit Entsetzen betrachteten alle den Alten: die Kleider hingen ihm in Fetzen vom Leibe, manche Wunde, manche Striemen auf der nackten Haut zeigend: er war bis auf die Knochen abgemagert, die Wangen eingefallen, tief in dunkeln Höhlen lagen die Augen, die er nun aufschlug – mit einem unsäglich müden Blick. »Wo bin ich?« stöhnte er, nun scheu um sich schauend. »Daheim! Bei den Deinen! In Sicherheit.« »Sicherheit?« rief er schaudernd und fuhr empor – aber gleich sank er wieder auf die Herdbank zurück. »O nein! Bald – morgen schon – sind sie da, die Schrecklichen! Flieht, es sind Teufel, sag' ich euch. Rettet euch!« und er schloß wieder die Augen. »Sollte er Ragino und dessen Schar in die Hände geraten sein?« forschte Kiemo. »Sprich,« mahnte der Richter, ihn rüttelnd, »welche Feinde meinst du? Die Fagana?« – »O nein, nein: die Söhne der Hölle– die Avaren!« »Avaren?« riefen beide Männer. »Avaren hier? In der Nähe?« »Da! trink, Secundus,« mahnte Arntrud, herzueilend und reichte ihm eine Schale Milch. »Und hier – Brot! – iß! – du Lieber!« fügte Arnhild bei. »Weil du nur wieder da bist! Aber! Halt doch! Nicht so gierig. Du verschlingst ja alles auf einmal!« – »O Kind! Der Hunger – Hunger thut weh – Hunger tage-, tagelang. Und wache Nächte.« »Erzähle,« mahnte sein Herr, »wenn du nun kannst. Avaren, sagst du? Wo sind sie?« – »Ganz nah. Morgen sind die da! Ich bin ihnen gestern Nacht entflohen und habe eines ihrer windschnellen Pferde zutot geritten. Rettet euch! Vor allem die Mädchen! Flieht.« »Nicht doch. Wir werden unsere Mark und unsern Herd verteidigen,« erwiderte Arno. Da fiel ihm die Fehde mit den Adalingen ein: er holte tief Atem. – »Berichte der Ordnung nach: du verließest mit jenem Mönche – das erfuhren wir noch – die Escheninsel: du geleitetest ihn gen Südosten aus dem Gau. Wohin wollte er? Zu den Slovenen?« Secundus nickte: »Die zu bekehren. Ich konnte mich auch an der Mark unsers Gaues nicht von ihm losreißen. Meine Seele labte sich endlich wieder an den Worten des Heils: – vergieb, daß ich so lange...« – »Gewiß! Nur weiter, weiter!« – »Wir gelangten so zu den Slovenen, im Thal, das sie Pustritza, das öde, nennen. Sie thaten uns nichts zuleide, aber das Werk der Bekehrung wollte nicht gelingen!« – »Weiter, weiter. Die Avaren?« »Gleich! gleich! Als wir nach mehreren Tagen die Slovenen verließen, wanderten wir noch eine Weile zusammen; ich trachtete hierher zurück. Da, eines Nachts, – wir hatten in einem Hof an der alten Römerstraße, bei Salzburg, Aufnahme gefunden: – der Hofherr, die Frau, die drei Töchter pflegten uns gut – da wurden wir aus dem Schlafe geschreckt, von einem Geheule wie von tausend Wölfen, nein wie von taufend Teufeln! Wir fuhren auf: – schon brannte der Hof! – Schon drang ein Schwarm von Unholden – so gräuliche, wie ich nie in der Hölle geahnt! – herein: – sie griffen den Wirt und banden ihn und warfen ihn in das Feuer seiner eignen Halle, ihn bei lebendigem Leibe bratend: – unter ihrer viehischen Gewalt starben vor unsern Augen die vier Frauen – o, um Gotteswillen, flüchte das Mädchen hier: – zu den Faganos etwa – auf deren Wehrhaus auf der Kampenwand! Von uns beiden – fränkische Frauen, die sie schon lange gefangen mitschleppten, verdolmetschten uns ihre Fragen – erkundeten sie, daß Paulus ein Priester, ich ein Gläubiger Christi sei. Da lachte ihr schrecklicher Führer, der Chagan, vor teuflischer Lust laut schallend: – er wolle jetzt unseres Gottes Allmacht an uns erproben. Er hatte seine besondere Wut auf die Christenpriester und alles Christliche geworfen, weil ein streitbarer Bischof von Mainz, Sigimund, an der Spitze des Heerbanns der Hessen ihn und die Seinen, da sie von Thüringen gegen den Rhein vorbrachen, in blutiger Schlacht zurückgeschlagen hatte. Nun waren sie von Thüringen aus gen Südosten geschweift, hatten die schwachen Aufgebote einzelner Gaue über den Haufen geritten – nie sah ich solch Reiten wie dieser gelbhäutigen Dämonen! – und wälzten sich weiter und weiter, wie fressendes Feuer, unter Mord und Brand: – sie lassen kein Dach unverbrannt, an dem sie vorüberreiten.« »Das waren die Wolkenbrände, Kiemo!« seufzte der Richter. »Kein Kornfeld unzerstampft, keinen Obstbaum ungefällt, das Vieh, das sie nicht fortschleppen, erstechen sie, die Männer ermorden sie unter furchtbaren Qualen, den Kindern zerschmettern sie die Köpfe am nächsten Baum, die Mädchen aber und die Frauen – o Grauen, o Grauen!« Er schüttelte sich und riß Arntrudis an die Brust: »Töte sie, Herr, bevor der Chagan kommt. Ich hab' sie so lieb,« schluchzte er. Dann fuhr er fort: »Uns aber töteten sie noch nicht: sie fesselten uns, so hart – da schaut her! –, daß meine Knöchel tiefe blutige Wunden davon tragen, banden uns an die Bügel ihrer kleinen zottigen Gäule und schleppten und schleiften uns so mit sich fort: – wie auch die gefangenen Weiber, die sie, wollten sie fliehen, an ihren Haaren an die Bügel banden. So ging es fort in rasender Eile: – immer näher hierher, wie ich mit Entsetzen wahrnahm. Zu essen gaben sie uns all' diese Tage, all' diese Nächte nicht: – wir rissen das Gras aus am Wege oder die Rinden von den Bäumen und verschlangen sie. Gestern nun ließ uns der Chagan vor seinen Hochsitz führen, der aus lauter zusammengelegten Sätteln halb Mannes hoch gehäuft ist und auf einem ihrer Götzenwagen ruht, und er sprach zu uns durch die Dolmetschinnen: »Ihr Christenhunde, da schaut her: hier ist die Mahlzeit für mich aufgetragen: leckeres Bratfleisch – riecht ihr den Duft? – von Hirsch und Rind. Da steht Wein und Bier und Met. Ihr habt wohl ein wenig Hunger – eh?« Paulus verhielt sich ruhig: aber ich, – gierig stürzte ich mich vorwärts auf das Feuer, wo das Fleisch am Spieße briet: – ein Schlag mit der neunsträngigen Geißel – ihrer schrecklichen Waffe! – ins Gesicht schleuderte mich zur Erde; blutüberströmt erhob ich mich. »Nicht so rasch, Christ,« grinste er. »Nicht umsonst speist man bei dem Chagan. Heute ist der Festtag unsers höchsten Gottes: der Tag, da ihm eine gelbe Stute seinen Lieblingssohn, den ersten Avaren, gebar – da schaut hin« – er winkte: da ward das Lederfell von einem hohen Gerüst hinter ihm auf dem Wagen zurückgeschlagen: wir schraken zusammen, auch Paulus: denn auf zahllosen ineinander geschachtelten Menschenschädeln und Menschenknochen erhob sich an hohem Speerschaft ein scheusälig Drachengebild in sieben Windungen von grellen giftig grünen Schuppen: in den weitgeöffneten Rachen mit den eisernen spitzen Zähnen hatten sie ihm ein eben abgeschlachtetes Kind gezwängt, einen schönen Knaben von drei Jahren, aus dessen goldnem Haar das Blut in Strömen niederrann.« »Nun, wartet!« rief der Richter, die geballte Rechte hebend, aber die Mädchen erbleichten. »›Hört, ihr Hunde Christi, wählt! Fallet nieder hier vor unsrem Gott, dem Urdrachen, und betet ihn an und flucht eurem Herrn, dem Judenknaben, der am Galgen starb: – und ihr sollt essen und trinken nach Herzenslust und frei von hinnen ziehen. Ihr wollt nicht, scheint's? Nun, so schwöre ich bei dem Haupt des Drachengottes dort, ich will euch töten unter solchen Qualen, daß euer Wehgeschrei bis hinab in die Welt der Toten dringt: ich laß euch lebend die Haut abziehen, dann pfähl' ich euch und laß euch von vier Hengsten zerreißen. Nun wählet.‹ Ich stürzte vor Entsetzen nieder zur Erde: die Sprache versagte mir. Paulus aber rief mit lauter Stimme: ›Wie könnt' ich solche Sünde thun vor Gott, dem Herrn? Christus allein ist Gott, ist allmächtig, dein Götze da aber ist ein Teufel.‹ ›Wohl,‹ erwiderte der Chagan höhnend, ›so soll dein Christus nun seine Allmacht erweisen: laß sehen, ob er dich errettet aus meinen Händen und vor dem qualvollsten Tode.‹ ›Das steht bei ihm und seinem unerforschlichen Ratschluß. Will er, so schickt er mir Legionen seiner Engel. Du aber wisse: ich bete brünstig zu ihm, daß er mich nicht errette, sondern würdige, sein Blutzeuge zu werden. – Auf, Secundus, zittere doch nicht so!‹ sprach er zu mir. ›O wäre er doch jetzt zugegen, der stolze Heide von jener Insel, der da meinte, unser Glaube ersticke das Heldentum im Manne. Ich möchte ihm zeigen, wie der Christ für seinen Glauben stirbt. Und er sollte dann sagen, ob der Geschorene nicht auch ein Held war? Du aber, mein Secundus, den ich mit in dies Schicksal gerissen, – bleibe standhaft, fürchte nicht die Menschen, die den Leib töten, fürchte die Hölle, die des Abtrünnigen Seele verschlingt. Danke mir: – denn ich habe dich der Krone des ewigen Lebens zugeführt. Auf Wiedersehen vor Gottes Thron! Hallelujah! ich preise den Herrn, daß er mir die Palme gereicht.‹ Es war sein letztes Wort. Auf einen Wink des Chagans rissen sie ihm die Kleider vom Leib und – o mich schaudert! – ich kann's nicht sagen! Ich schloß die Augen. Kein Klagelaut kam über seine Lippen. Als ich die Augen wieder aufschlug, lag in dem glimmenden Feuer eine blutige Masse, ohne Gestalt, aber noch zuckend. Mir vergingen die Sinne, ich sank wieder zur Erde. Als ich zu mir kam, eröffneten mir die Dolmetschinnen, ich solle morgen – am zweiten Festtag des Drachengottes – geopfert werden, wenn ich nicht vorher das Tierbild anbete. Ich war entschlossen, es nicht zu thun. Aber ich weiß nicht, ob der alte mürbe Leib es ertragen hätte. Jedoch der Allerbarmer hat mich gerettet. In der Nacht nach dem in allen Lüsten durchschwelgten Festtag lagen die Barbaren sinnlos berauscht umher oder doch in tiefstem Schlaf, auch meine Wächter. Unvermerkt konnte ich mit dem Dolche des einen die Weiden-Fesseln meiner Hand und meiner Fußknöchel durchschneiden, unvermerkt eines ihrer pfeilraschen Rosse besteigen und nun jagte ich, was das Tier rennen konnte, unablässig die ganze Nacht und den ganzen heutigen Tag; sobald ich die gute Römerstraße erreicht hatte, flog ich vollends wie ein Vogel dahin. Denn es galt, euch rechtzeitig zu warnen. Flieht! Rettet euch in die Wälder, auf die höchsten Berge! Denkt nicht an Widerstand: sie sind unzählig wie der Sand am Seeufer, wie die Mücken am heißen Sommerabend. Ihre Rosse reiten alles nieder, es sind nicht Männer, durch Männer zu bekämpfen, – aus dem Abgrund aufgestiegene Dämonen und der Teufel oberster ist ihr Führer und Gott: flieht!« »Feiger als jener Geschorne?« erwiderte der Richter. »Der starb für seinen Glauben: sollen wir nicht sterben für Herd und Heimat? Laß mich nachrechnen. Du jagtest auf raschestem Roß Nacht und Tag: – sie führen Wagen und Troß und Gefangene und Herden mit sich, nicht? Auch Fußvolk? Sie kennen die nächsten Wege durch die Wälder, die Furten durch die Sümpfe nicht – wie du: so können sie morgen noch nicht hier sein! Wir haben noch anderthalb Tage. Die wollen wir nützen! Sie sollen empfangen sein! Auf, Kiemo, hole den Fronboten, ich schlag' auf den Schild: sofort rufen wir die nächsten Nachbarn zusammen: morgen früh treffen ja auch alle andern aus der Mark, aus dem Gau ein, – die Genossen unsrer unseligen Fehde.« – Beide Männer eilten hinaus. »Fehde?« staunte Secundus. »Mit wem?« »Mit ihm – mit Adalfrid!« schluchzte Arntrudis und warf sich an des Treuen Brust. »Ja, aber,« meinte die Kleine, »jetzt gehn wohl die andern vor!« *   IV. Mit unerschrockenem Mut und mit kluger Umsicht traf der Richter seine Maßregeln zur Abwehr der Unholde. »Denn dieser Kampf ist mein,« erwiderte er Iso, der grollend erkennen mußte, wie seine Rache nun hinausgeschoben war – vielleicht für immer! »mein Recht wie meine Pflicht ist hier die Führung.« Er erwog, daß es vorwärts, das heißt nordostwärts der Alz, keine Verteidigungsstellung gegen die Übermacht der Feinde gab, die vielmehr in jenem offenen, ebenen Gelände für ihre Hauptwaffe: – fast die einzige – ihre leichte Reiterei, den günstigsten Boden zum Angriff, zur Überflügelung gefunden hätte. Dagegen sprach alles dafür, den Anprall der Reiterhorde hier bei dem Dorfe stehenden Fußes zu erwarten: die rechte, südöstliche Flanke war durch den See – die Feinde hatten ja keine Schiffe – völlig unangreifbar gemacht, die Stirnseite deckte die tiefe, reißende, gefährliche Alz: – damals, vor dreizehn Jahrhunderten, wie der See selbst, der stets zurückgegangen ist und zurückgeht, ungleich wasserreicher und breiter als heute: – ein gar erhebliches Hindernis, eine gut zu verteidigende Linie: so blieb nur der linke, der westliche Flügel der Markleute gefährdet, wenn es etwa den Feinden gelang, den Fluß in seinem untern Lauf – weiter nordwestlich – zu überschreiten und die Verteidiger von dieser ihrer linken Flanke her zu fassen; jedoch auch dort konnte ja der Übergang verteidigt werden. Entscheidend aber fiel ins Gewicht, daß die Hunderte von Speeren, die von Norden und Osten her morgen erwartet wurden zu dem Zuge gegen die Faganos, sämtlich hierher entboten waren, also hier sicher eingereiht werden konnten, während jeder Abzug aus dem Dorf diese gewaltige Verstärkung ungenützt ließ. In den nächsten Stunden schon, nachdem das Heerhorn die Nachbarn zusammenberufen hatte, waren alle, die auf dem Nordost-Ufer des Flusses siedelten, auf die Südwestseite herübergeholt, der Steg, der auf die Pfeiler der alten Römerbrücke gezimmert war, abgebrochen. Die wenigen und bei dem tückischen Wasser häufig wechselnden Furten waren den Fremdlingen unbekannt: alle Schiffe jeder Art, die sich auf der Nordostseite des Flusses und des Sees fanden, wurden auf die Südwestseite der Alz geschafft und aus den übereinander getürmten eine mannshohe Brustwehr, dicht am Fluß, aufgeschichtet, hinter der Pfeil- und Speerschützen sichere Deckung und die Gäule der Avaren, falls sie wirklich unversehrt durch das Wasser schwammen, eine durch keinen Sprung aus der Tiefe zu nehmende Schranke fanden. Auf diese Schutzwehr baute Arno starke Hoffnung: »Das hat mir Wuotan selber eingegeben,« sprach er zu Iso, der sich seinem Befehl willig fügte: »der See, die Alz, die Schiffburg: wir sind gut gedeckt. Wenn wir nur,« fuhr er aufseufzend fort, »Reiter hätten, nicht gar zu viele, aber starke Rosse, die auf unsrer linken Flanke – sie ist offen! – sich den leichten Gäulen der Unholde entgegen und sie in den Fluß zurückwerfen könnten, falls sie ihn dort unten überschreiten. Aber wir haben ja nur unsere Ackergäule. O, um die Adalinge und ihre Gefolgschaften!« »Willst du vielleicht Ragino suchen gehen? Ihre Rosse ...« grollte Iso grimmig. »Oder den alten Fagano um Verzeihung bitten und um Hilfe flehen?« schalt Harlacho. »Lieber siebenmal von dem Feind geschlagen werden!« »Einmal wird langen!« seufzte der Richter. »Und die Mark? Der Gau? Das Bajuvarenvolk? Ihr seid blind und taub und dumm vor lauter Haß.« »Nein, du bist thöricht,« entgegnete Iso, »in deiner Meinung von diesen Überhochmütigen. Du wähnst, gleich dir haben sie ein Herz fürs Ganze? für das Volk? Ich dächte doch, wir hätten's erfahren. Ihnen gilt's nur um ihren Stolz, ihre Ehre, ihr Vorrecht.« »Gewiß,« schloß Harlacho. »Ich meine, ich höre sie höhnen, schadenfroh, sobald sie die Flammen unserer Firste auflodern sehen, hier unten aus dem Thal von den stolzen Schroffen der Kampenwand herab. Sie sind dort sicher vor den Avaren, kein Gaul erklettert jene Steige. Auf Gemsen müßte man hinaufreiten. Und mit Frohlocken werden sie zuschauen, wie wir hier blutig ringen und untergehen.« *   V. Arno hatte richtig gerechnet: auch der ganze folgende Tag blieb noch den Markgenossen zur Einrichtung der Verteidigung. Schon am Abend und in der folgenden Nacht trafen zahlreiche Scharen, allerdings auch Flüchtlinge mit Weib und Kind ein, die vor den überall von Südosten her aufsteigenden Brandgluten der Häuser, vor dem rasch den Würgern vorauseilenden Gerücht geflohen waren, Schutz in der Vereinung am andern Seeufer und hinter der Alz zu finden. Von andern Richtungen her führte das Aufgebot zur Fehde die Männer heran: aber auch jene Flüchtlinge hatten als ihr Bestes ihre Waffen mitgebracht und ihre Verzweiflung trieb sie nicht zur Feigheit, – zu todeskühner Entschlossenheit. Die Nacht war freilich im ganzen Osten erhellt von dem Feuerschein ungezählter verlassener, unverteidigter Höfe, die von den Avaren in Brand gesteckt waren. Aber unerschrocken ordnete am folgenden Morgen der Richter seine Scharen: er stellte die weniger gut gewaffneten Haufen auf seine rechte Flanke, wo sie durch den See gedeckt waren vor jedem Angriff, Pfeilschützen und Speerwerfer, die im Ferngefecht die Mitte der Aufstellung verteidigen helfen sollten; diese Mitte schien durch die Schiffwehr gut gesichert, so drängte er denn seine besten Kräfte auf der linken, der westlichen Flanke zusammen, die zumeist gefährdet schien, da wo die Schiffburg nicht mehr ausreichte, den Übergang über den Fluß zu erschweren. Hier wollte er selbst fechten, hierher hatte er Iso, Harlacho und seine fünf Söhne, Kiemo, Truchtlacho und dessen Sippe, auch die Leute vom Reuthof, entboten. Als er die Aufstellung angeordnet und den Haufen, nach Sippen gegliedert, ihre Plätze angewiesen hatte, ging er in seinen Hof zurück, sich selbst vollends zu waffnen und – Abschied zu nehmen von dem Herd der Ahnen. Als er zu Ende war, ergriff er ein altes Römerschwert, – ein Händler hatte es ihm einst zu Salzburg verkauft – befühlte sorgfältig die Schärfe der vorher frisch geschliffenen Spitze und ging in das Gemach, wo seine Töchter zu den Göttern beteten. »Arntrud,« sprach er, »ein Wort: – vielleicht das letzte. Bald sind die Feinde da. Ich weiß nicht, ob wir sie verscheuchen können. Werden sie Meister, – so darfst du nicht in ihre Hände fallen: – du nicht. Das Kind werden sie nur abschlachten. Dir – würden sie Schlimmeres thun als die Augen ausreißen: – ihre Leibeigne würdest du und –« »Gieb, gieb, Vater!« rief die Jungfrau, ihr Aussehen war seltsam verändert, entschlossen, klar, ja heldenhaft. »Es soll mich keiner greifen: denn ich bin Adalfrids.« – »Kind! Welch' Wahnwort!« »Wahrwort ist's. Heute Nacht – lange schlaflos – flehte ich zu Berahta. Sie erschien mir im Halbtraum und sprach: ›Bange nicht, sorge nicht: – denn du bist Adalfrids: – du lebst und stirbst für ihn, wie er für dich.‹ So sprach die Göttin und legte mir die Hand aufs Herz und verschwand. Ich aber fuhr auf und rief: ›Mein Adalfrid!‹ Und ich weiß nun, daß ich ihn lieb habe: – tief im Herzen, so lieb! Ja, lieber als dich selbst und die Schwester.« – »Mein Kind! Mein armes Kind! Schweig; – verrate nicht ...« »Ich werde wohl bald nichts mehr zu verraten haben,« lächelte sie – »komm, Kleine, halte dich nur stets an meine Seite.« – »Schaut vom Hof aus zu: – doch nein, ihr seid sichrer mitten unter uns allen – hinter der Schiffwehr!« *   VI. Schon vor Sonnenaufgang des folgenden Tages scholl von ferne her dumpfes verworrenes Lärmen aus dem Wald, der sich auf dem rechten Ufer der Alz um den See hin gen Osten zog und den die Römerstraße nach Salzburg durchschnitt. Und nun, da die Sonne von der Arninge Höhe aus das ganze Gelände bis an den Waldsaum zu überblicken verstattete, – nun kamen sie! In wimmelnder Menge kamen sie, wie Heuschreckenschwärme, die, alles überdeckend, einfallen in ein Land. Ohne Ordnung, ohne Gliederung, ohne Weg und Straße, alles in der Breite ausfüllend, soweit man sah von Aufgang bis Niedergang, von rechts nach links! Ihre linken Haufen, östlich der Römerstraße, in deren Graben, jenseit des Grabens bis in das Seichtwasser des Sees hinein; die mittleren Schwärme, sowie die Wagen, Karren, der Troß, die Gefangnen, die Herden auf der breiten Straße selbst in unabsehbar langem Zug: – westlich der Straße – ebenso ungezählte Geschwader von Reitern auf ihren kleinen, zottelmähnigen, zähen, unglaublich genügsamen und ausdauernden Kleppern. Die Männer, in der Masse klein, fast alle unter Mittelgröße, geschmeidig, beweglich, schienen mit den sattellosen Gäulen in eins zusammengewachsen. Sie trugen spitze Mützen aus schwarzem Lammfell, – die Vornehmeren schmückten diese mit glänzenden Steinen – statt der Panzer gesteppte Lederdecken, die, mit Lederhosen bis ans Knie aus einem Stücke geschnitten, all' ihre Bekleidung ausmachten: nur den Häuptlingen und den Zauberpriestern flatterten Wolfsfelle um die Schultern. Die gelbe Haut, die schmalen geschlitzten Augen, die abgestumpfte Nase, die stark vorspringenden Backenknochen, der schwache Bartwuchs, die überlangen Arme kennzeichneten die mongolische Rasse aller: aber über den zahllosen Kleinwüchsigen ragte eine Art Adel hervor, eine Kaste, die allein die Zauberpriester, die Heerführer und die Häuptlinge, zumal den Chan der Chane, den Chagan stellten: magere, aber meist sechs bis sieben Fuß lange Gestalten mit gewaltigen Knochen: zwar auch von mongolischer Rasse, aber aus einem erobernden Stamm, der offenbar die andern bewältigt hatte und nun in Götterdienst und Heerdienst leitend beherrschte. Grell schrillten und gellten ihre gewundenen Widderhörner, dumpf rasselten die Doppeltrommeln, die links und rechts vom Hals des Pferdes baumelten, behangen mit allerlei Fetzen bunten Zeuges, das Trommelfell häufiger als Eselshaut die gegerbte Haut skalpierter Menschenköpfe oder geschundener Menschenleiber: jeder gelungene wilde Raubritt eines Schwarmes ward vom Chagan durch eine solche Menschentrommel belohnt. In der Mitte, auf der breiten Straße, wurden auch die zwölf Götterwagen herangefahren, jeder mit sechs hohen Rädern, von je acht roten Rossen gezogen, über und über mit grellem Flitter bedeckt; auf dem heiligsten, der auf hohem Maste die Fahnenstange des greulichen Bildes des gelbgrünen Drachens führte, dessen Rachen stets ein blutend Opfer – am liebsten eine Kindesleiche – in den spitzen Fischzähnen von Eisen trug, hatte, dicht vor diesem Abgott, der Chagan seinen Ehrenplatz, den Thron von Schädeln. Den »Schädelthron« verließ er nur, um aufs Roß zu steigen im letzten, entscheidenden Augenblick der Schlacht. Kreischend, wie sich ein Möwenschwarm auf die Gestade wirft, kamen diese zahllosen Geschwader angebraust: als sie der kleinen Schar der Verteidiger hinter dem Flüßchen ansichtig wurden, die ihrer furchtbaren Übermacht Widerstand leisten wollte, gellte Lachen und Hohngeschrei durch die Haufen. Sofort begann der wütende Angriff, ohne Befehl, ohne Ordnung. Ihre Priester sprangen von den Götterwagen, stiegen zu Pferd, hoben stark vergoldete oder versilberte Götterbilder, etwa von Armslänge, hoch in die Höhe und jagten den Angreifern mit wildem Geschrei voran, ohne Schutz- und Trutzwaffen, nur die Götzen den Feinden entgegenhaltend. Die Krieger führten mehrere Ellen lange leichte Lanzen aus einem fremdartigen Rohr, lange krumme Säbel, aber vor allem Bogen und Pfeile; jeder Gaul war mit vielen Köchern behängen und ein Schwirrgewölk von Geschossen ging jedem Anprall der Rosse voraus, wie sie auch auf der – wirklichen oder verstellten – Flucht in raschestem Jagen die Verfolger, rasch sich wendend, mit Pfeilen zu überschütten verstanden. Aber noch ein anderes, ein den Germanen völlig unbekanntes und deshalb besonders unheimliches Geschoß schleuderten sie: ein Wurfholz, seltsam gebogen, das Erz oder Knochen, worauf es traf, zerschmetterte und dann im Wirbel flugs zurückschwirrte in die Hand des Werfers. Die Avaren erkannten alsbald, daß die rechts an den See und den Ausfluß der Alz gelehnte Flanke der Verteidiger unangreifbar war: die ersten Dutzend ihrer Gäule, die versucht hatten, in den Seegrund oder den Fluß watend, hinüberzuschwimmen, wurden sofort von der hier sehr starken Strömung gepackt und fortgerissen. Roß und Reiter waren ertrunken, bevor sie nur an die Stellung und unter die Pfeile der Markgenossen gelangten. Sie gaben also den Angriff hier auf und wandten alle Kräfte darauf, die Mitte der Bajuvaren zu durchbrechen: das heißt die hochgetürmte Schiffwehr zu nehmen. Auch hier mußten die Reiter und die wenigen Fußkämpfer hinüberzuschwimmen versuchen. Und wahrlich, sie ließen es an tollkühnstem Wagemut nicht fehlen, die Mongolen! Im Vertrauen auf ihre erdrückende Übermacht, auf ihre zu allem, auch zum Schwimmen, geschickten und geübten Gäule, auf das Siegesglück, das ihnen in all' diesen Wochen, gemäß den Verheißungen ihrer Zauberpriester, treu geblieben war, warfen sie sich, mit gellendem Jauchzen, ohne Besinnen, einzeln und klumpenweise, zu Dutzenden, in das reißende Wasser. Nicht Einer kam lebend auf den linken Uferrand. Die allermeisten wurden von der Strömung sogleich fortgestrudelt und, wie sie an den auf dem linken Ufer dicht nebeneinander aufgestellten Markgenossen vorbeitrieben, jedes Widerstandes unfähig, wurden Reiter und Roß von Pfeilen und Speeren und den Steinen, welche die Weiber hoch von der Schiffwehr herabschleuderten, getroffen und versanken in der wirbelnden Flut. Stunden vergingen so: Hunderte der gelben Leichen trieben den Fluß abwärts. Da erschollen gräßliche Töne von dem Götzenwagen herab: mißklängige Gesänge halbnackter Priester, die sich mit krummen Messern tiefe Wunden rissen, so Opferblut dem Drachen zollten, auf daß er erwache und den erbetenen Sieg gewähre. Der Chagan aber saß unbeweglich, wie aus gelbem Holz geschnitzt, auf seinem hohen Thron auf dem Götzenwagen, den langen Herrscherstab in der Faust. Nun zischte von anderen Wagen etwas wie eine Sternschnuppe in die Höhe, um dann im Bogenschuß auf die Schiffwehre niederzufallen: bald folgten zwei, drei, endlich ein wahrer Regen solcher Feuermeteore: und sieh, schon stiegen prasselnd Flammen aus mehr als einem der übereinander getürmten Kähne: Feuerpfeile waren's, wie sie die Avaren in ihren Kriegen mit den Byzantinern in den letzten zwanzig Jahren kennen gelernt, erbeutet und alsbald nachgebildet hatten. Traurig war es für die Verteidiger, nun mehrere Teile ihrer Schiffsburg räumen zu müssen, hinter denen hervor sie bis dahin in sicherer Deckung ihre Geschosse auf die Angreifer entsendet hatten. Der Brand, der in der oberen Schicht begonnen, drohte schon die unteren, stützenden Nachen zu ergreifen: wohl floß die Alz ganz nah davor: aber die Männer konnten nicht ans Löschen denken: sie mußten unablässig Pfeile und Speere brauchen. Da rief plötzlich eine helle Stimme: »Ja aber wozu sind denn wir da? Komm, Trudis, fürcht' dich nicht. Lauf! Wir sprengen: – wie auf der Bleiche! Und haben wir nicht gar manchen Sommer das Wiesheu, das in Brand geraten, gelöscht? Das ist nicht anders! Spring!« Und furchtlos, vielmehr die Gefahr nicht kennend, lief Arnhild in das nahe Haus, schleppte zwei mächtige Wassereimer heran, eilte damit unter dem Hagel der Avarenpfeile an das Ufer, kniete nieder, schöpfte, rannte zu den brennenden Schiffen zurück und löschte sofort das unterste Boot. – Und ihre Schwester und Fritigilt, das Weib des Kiemo und Frau Biltrud und all' die vielen anderen Frauen, folgten dem Beispiel des Kindes: und die Götter hatten die Mutigen beschirmt: nicht eine ward getötet, nur einige verwundet, darunter die kühne kleine Anführerin: in Bälde war der Brand gelöscht: nur die obersten Nachen waren verkohlt und schwelend stieg noch lange der graugelbe Dampf des feuchten Holzes in die Lüfte. Freudigen Auges sah der Richter auf sein Kind; sie zuckte nicht mit der Wimper, als ihr die Schwester mit zarter Hand den spitzen Rohrbolzen aus der Schulter zog, sie lehnte lachend jedes Lob ab: »Nun ja! Ihr scheltet mich in der ganzen Mark die kecke Hilde: – so wollt' ich doch einmal das Wort verdienen.« Getrosten Mutes sahen nach der herzerfreuenden Abwehrthat der Frauen die Verteidiger dem Fortgang des Kampfes entgegen, der den Barbaren bisher nicht den kleinsten Vorteil, wohl aber schwerste Verluste gebracht hatte. Nachdem Reihe um Reihe, Rosse und Reiter, die das Durchschwimmen versucht hatten, wund oder tot, flußabwärts dahingerissen waren, schien der Mut des Angriffs hier merklich zu erlahmen, trotz des Höllenlärms und der wütigen Verrenkungen und Bewegungen der Glieder der Zauberpriester und der Schwenkungen der Fetische in ihren Händen. Eben hatte der Richter noch einen beruhigten Blick auf die jetzt auffallend gelichteten Haufen der Avaren gerade vor sich geworfen, als plötzlich ein furchtbares Geschrei seine Merksamkeit nach links rief: ein Geschrei, in dem die Hilfe- und Verzweiflungsrufe der Bajuvaren grell übertönt wurden durch das satanische Sieges- und Hohngeheul der Mongolen. Der Richter sah angestrengt nach links: – da erbleichte er. »Nochmal sei's bitter geklagt: – ach, um die Adalinge,« stöhnte er, »und ihre Rosse!« Was allein er gefürchtet hatte, – nun war's geschehen. Die Feinde hatten etwa eine Viertelstunde weiter flußabwärts die Alz überschritten und ihre Reiter warfen sich in dichten Schwärmen in die offene linke Flanke der Märker. Und das war so gekommen. Etwa zehn Minuten unterhalb des Kampfplatzes erfüllte die Mitte des Flüßchens ein breites und dichtes Feld von Schilf, in dessen Mitte eine kleine Aue, von Weiden bestanden, ragte. Von den ungezählten Leichen von Pferden und Menschen waren zuerst ein paar hier angespült und von dem Schilf und dem Weidicht festgehalten worden; an diesen ersten Widerhalt hatten sich bald mehrere festgelegt, allmählich eine ganze dichte Reihe sich gestopft, so die Gewalt der Strömung hier brechend. Spähereiter des Chagan, die unablässig weiter am Unterlauf des Flusses nach Furten gesucht hatten – ohne Erfolg – nahmen diese Stockung wahr: spornstreichs jagten sie mit der Meldung zurück, und der Chagan befahl, ganze Haufen von Gefangenen zu schlachten und oberhalb des Schilffelds hinabtreiben zu lassen. Die vermehrten die Stauung erheblich: zugleich gebot er – daher wurde hier der Angriff jetzt soviel schwächer! – mehrere Reitergeschwader aus der Mitte zurückzuziehen und nun aber nicht den Fluß entlang, sondern in weitem Abstand von dem Ufer, in aller Stille, unter den sie verdeckenden, wellenförmigen Höhenzügen an der Stelle gerade unterhalb des kleinen Weidenwerders zu führen; er selbst verhieß, mit seiner erlesenen Leibschar nachzufolgen, selbst mitzukämpfen, sobald der Übergang gelungen. So geschah es, daß Harlacho und die Seinen, die hier die linke Flanke hielten und eifrig und erfolgreich einzelne Versuche der Feinde, oberhalb des Weidichts durchzudringen, abgewehrt hatten, völlig überrascht wurden, als plötzlich jenseit, unterhalb des Schilffeldes, eine gewaltige Reitermasse mit gellendem Geschrei in den hochaufspritzenden Fluß setzte und, obwohl gar viele dabei ertranken, alsbald das linke Ufer gewann. Im gleichen Augenblicke prallten auch schon die tosenden Schwärme wie von links so vom Rücken her auf die schwache Schar, deren erste Glieder sofort niedergeritten waren. Wohl warf sich nun Harlacho selbst mit seinen Söhnen in den Vorstreit: mit seiner dreizinkigen Gabel stieß und riß er einen der Reiter nach dem andern vom Gaul, eine tiefe Lücke brachen so die Harlachinge in den Haufen. Aber es waren zu viele! Immer wieder füllten sich die Reihen; bevor der Richter, Kiemo, Iso zu Hilfe eilen konnten, waren sie der Übermacht erlegen. Zuerst fiel der junge Hariger: der Knabe zeigte in flinken, scharfen Hieben, daß er die Schwertleite nicht unverdient empfangen hatte: laut schrie der Vater auf, wie er des Lieblings blondes helmloses Haupt von einem Krummsäbel gespalten sah bis ans Kinn: er spießte diesen Feind sofort: aber da flog sausend eines Mongolen Wurfkeule heran und schmetterte beim Aufschlagen dumpf krachend an seine Stirn: er schrie und fiel: und über ihn die Rosse. Und neben ihm fiel Haribaud, von einer langen Rohrlanze durch den Hals gestochen und neben dem Bruder Harigilt, von einem Pfeil durchs Auge ins Gehirn getroffen und hinter ihm sanken Harwich und Hariwalt, die Zwillinge, die Schild an Schild dem Anprall hatten stehen wollen, von den vorspringenden Gäulen niedergerannt, um sich nicht wieder zu erheben. Da, als sie den Vater und seine fünf Söhne, ihre Führer, fallen sahen, wankten die Männer: sie wandten nicht den Rücken, aber, langsam zuerst, dann immer rascher wichen sie, vor dem unablässigen Anreiten der Feinde zurückgedrängt auf die Mitte gegen die Schiffwehr. Noch einmal kam das Wanken zum Stehen. Arno, Iso, Kiemo, Truchtlacho und die Seinen waren nun heran, sprangen in die vorderste Reihe, übernahmen die Führung. Aber nicht lange sollte dieser Widerstand wahren. Denn die Feinde brachten nun ihr letztes Kampfmittel zur Anwendung. Langgezogene Posaunenstöße der Zauberpriester, aus langmächtigen Metallröhren geblasen, verkündeten, daß der Chagan von seinem Wagenthron herabsteige, selbst zu fechten. Betäubendes Geschrei der Seinen begrüßte ihn, wie er nun wirklich auf seinem Rotroß den Fluß, unterhalb des Schilfichts, durchschwamm und sich mit hundert frischen Reitern auf die schon stark Erschütterten warf. Gleichzeitig ward von den Zauberpriestern der oberste Teil des Mastbaums auf dem Götterwagen, die Fahnenstange des Drachenbanners, herabgeholt, und unter feierlichen Gesängen und dem lärmenden Zusammenschlagen von ehernen Handpauken und Cymbeln dem jüngeren Bruder des Chagans überreicht, der, gleich diesem von Gold- und Silberschmuck der Rüstung starrend, auf weißem Roß die heilige Fahne unmittelbar vor dem Herrscher in die Schlacht zu tragen hatte, auch er von einer erlesenen Schar als Bedeckung dicht umgeben. Da ging's zu Ende! Der junge Truchtwalt sprang mit geschwungener Streitaxt dem weißen Roß entgegen. »Du oder ich!« schrie er dem Bannerträger zu: aber lange bevor er den erreicht hatte, sank er, von vielen Speeren durchbohrt: – »o Berthfrida« – seufzte er und starb. Und hinter ihm fiel der Meier vom Reuthof und Stotto und Heigilo und Wulfhari, der Frilazz des Rietiger, und Pellwich und Halfing, die Nachbarn. Und nun traf auch den Richter ein Pfeil in den Schenkel, zugleich lähmte eine Wurfkeule den Schwertarm Isos: beide wichen aus der vordersten Reihe. »Sie sind verloren, die Hunde! Stampft sie unter die Hufe!« schrie der Chagan und spornte den Hengst. Und mit wildem Jauchzen jagten die Seinen ihm nach. Arntrudis blickte angstvoll von der obersten Schicht der Schiffwehr herunter: sie sah Iso, sah den Vater wanken, sinken, sich wieder aufrichten, aber nicht mehr kämpfen: sie zog das scharfe Römerschwert aus dem Gürtel: sie schwieg. Aber die andern Frauen und Mädchen und Kinder schrieen laut, verzweiflungsvoll: es litt sie nicht mehr in der ruhigen Haltung hinter den Schiffen: einzelne rannten in irrer Flucht davon, den Häusern zu, die meisten aber eilten den Weichenden entgegen, reichten ihnen Speere, mischten sich in die Reihen der Kämpfer, lasen Waffen auf und hieben und stachen um sich. Aber ach! Schon sah der Richter den Augenblick herannahen, da alles, alles verloren war: schon wandten ein paar Verzweifelte den Rücken ... Da, horch! Was hallt da so ehern aus dem dichten Wald im Rücken der Kämpfenden von der Höhe, von der Römerstraße, vom Westen her? Schmetternde Hörner: – das sind nicht die Gellpfeifen der Avaren! Diese, in blinder Wut nur die Verfolgung der Weichenden die Alz hinauf betreibend, hatten sich um jene Richtung, um ihre rechte Flanke, gar nicht gekümmert; so wurden auch sie wie die Markgenossen völlig überrascht. Vom vollen Glanz der Nachmittagsonne hell bestrahlt brach eine stattliche Reiterschar in vollständiger und glänzendster Rüstung, mit Helmen, Brünnen, Schilden von leuchtendem Erz auf hohen starken Streitrossen mit eingelegten Lanzen in drei Gliedern hintereinander aus dem Gehölz hervor auf die ahnunglosen, dichten Haufen der Avaren: das traf sie wie ein Blitz, das spaltete sie und warf sie nach links und rechts auseinander, wie der Bug eines rasch segelnden Schiffes das hochaufspritzende Wasser zerteilt. »Wer ist das? Wer sind die?« rief Arnhild, an der Schwester Hand sich auf den Zehen emporreckend. »Adalfrid ist's!« frohlockte Arntrudis. »Ich seh' ihn! Und der Fagano! Und all' die Adalinge! Sie kommen, uns zu retten! Hilf, Adalfrid!« rief sie so laut sie konnte. »Ich komme!« antwortete der. Denn schon war er heran. Der Stoß der starken Rosse auf die Klepper der Mongolen wirkte unwiderstehlich: fast ohne daß es der Waffen bedurfte, rannten die Adalinge ganze Haufen der Zeternden über den Haufen. »Hie Bajuvaren! Hie Fagano! Hie die Markgenossen!« riefen die Ansprengenden. Nun hatte Adalfrid den Richter erreicht: der war abermals aufs Knie gesunken – er konnte nicht stehen – und rings schwer bedroht: der Adaling riß ihn auf und half ihm auf ein ledig Avarenpferd: »Hie die Markgenossen! Hie Bajuvaren!« rief Arno nun und schlug sogleich wieder mit dem Schwerte drein. Plötzlich stand Arntrud neben seinem Pferd. »Du hier?« »Ich bin am sichersten bei dir – bei ihm!« Und sie reichte dem Vater den verlorenen Schild hinan. Aber jetzt warf der Chagan, von den Fußkämpfern ablassend, seine ganze Leibschar dem neuen Feind entgegen. Hart ward der Zusammenstoß und blutig: hier die Übermacht der Kraft, der Waffnung, dort die erdrückende der Zahl. Der Fagano – die gesträubten Flügel des Seeadlers machten die Hünengestalt noch höher und weithin kenntlich – spaltete mit seinem mächtigen Langschwert in wuchtigen Streichen einem Avaren nach dem andern, wie er sie erreichte, die Fellmütze und den Schädel. Adalfrid spähte indessen aus nach den Führern der Feinde: der Chagan selbst ward ihm verdeckt durch dessen ganze Leibschar und durch den Bannerträger, einen echten, fast sieben Fuß langen Mongolen. Sofort spornte er das Roß durch die Rohrlanzen der ihn Umgebenden, erreichte den Riesen und stieß ihm die Speerspitze in den Hals. Nun war auch sein Vater heran, der mit scharfem Schwertschlag die Fahnenstange in des Sinkenden Faust durchhieb: das heilige Banner stürzte zu Boden unter die Hufe der Rosse. Ein ungeheurer Schrei der Wut, des Wehs stieg aus den Reihen der Avaren gen Himmel: – gar viele, die das zauberkräftige Zeichen sinken sahen, rissen die Gäule herum und wandten sich zur Flucht. So hatten sich Vater und Sohn Bahn gebrochen bis an den Chagan heran: schon zückte der Jüngling den Speer gegen ihn: aber da warf sich die Wut und die durch Jahrhunderte gezüchtete Aufopferung für den gottgleichen Herrscher überwältigend auf die beiden, die sich den Ihren allzuweit vorangewagt: nicht einmal die jungen Hachilingen hatten ihnen folgen können. Beider Pferde sanken, von Speeren und Pfeilen gespickt: stehend verteidigten sich beide, schwer ringend gegen die Übermacht: der Fagano mußte den Schild sinken lassen: er starrte von Wurfspeeren und Pfeilen. »Hier, Herr, meinen Schild. Nimm!« mit diesen Worten drängte Zwentopluck seinem Freilasser den eigenen Schild auf und riß den Blutenden in die zweite Reihe der Kämpfenden zurück: dabei traf den Slovenen selbst eine Wurflanze in den nun schutzlosen Arm. »Zwentopluck – du bist treu! Ich erlasse dir Fron und Zins,« rief sein Herr und trat wieder vorwärts in den Kampf. »Greift ihn lebend,« kreischte der Chagan, »den Jungen da, der meinen Bruder erschlug – greift ihn und zieht ihm die Haut ab! Vor meinen Augen.« Fünf Avaren sprangen ab und stürzten sich auf Adalfrid. Zwei von ihnen erstach er bevor sie heran waren. Aber ach, die drei andern waren nicht abzuschütteln. Er blutete aus einer Kopfwunde, den Helm hatte ihm eine Wurfkeule zerschlagen. Sein Speer war beim letzten Stoß zersplittert, sein Schild ging jetzt in Trümmer: er faßte ihn mit beiden Händen und schmetterte einen der Angreifer damit nieder. Aber nun packten vier Fäuste seine Rechte, die das Kurzschwert ziehen wollte: – er war überwältigt: – schon zerrten, schon schleiften sie ihn mit sich fort – mehrere Schritte weit. »Adalfrid!« schrie da eine verzweifelnde Stimme: – ein scharfes Schwert blitzte; der eine der ihn davon Schleppenden stürzte zusammen; der zweite floh. »Wer hat das gethan?« fragte Adalfrid, des Toten Speer aufraffend, den Vater, der den Schild über eine zarte Gestalt hielt. »Das hat Arntrudis gethan!« antwortete der. »Dank, tapferes Kind! Du blutest?« »'s ist nur die Schulter,« erwiderte sie lächelnd mit einem strahlenden Blick auf den Geretteten. »Er lebt!« Aber der nächste Reiter ergrimmte über das kühne Mädchen; hoch schwang er über der Ahnunglosen Haupt den Krummsäbel, schon sauste der wütige Hieb herab: doch nicht Arntrudens blonden Scheitel traf er, – ein graues Haupt! Secundus war der Mutigen gefolgt, ohne Trutzwaffe, nur einen alten viel geflickten Schild am Arm: den hatte er schon wiederholt über die achtlos Voreilende gehalten: so auch jetzt: aber die scharfe Klinge schlug durch das morsche Lindenholz und noch ein gut Stück in seinen Kopf: Arntrudis sprang zurück und fing den Wankenden auf: »Secundus!« klagte sie, »du stirbst? Und für mich!« »Ja, liebes Kind, und gern. Ich meine, das ist dem Herrn Christus genehm. Ihm empfehle ich meine arme Seele! Hatte mir die heiligen Blätter aus dem alten, heiligen Buche auf die Brust gelegt zur Abwehr: – haben nicht abgewehrt. Ist wohl besser so. Nun noch das Gebet – ach ich weiß nur noch: ›Vater unser, der du bist in dem Himmel – erlöse uns von dem Übel:‹ Dank, er erlöst mich!« Und er atmete tief und starb. Aber noch war die Gefahr nicht vorüber. Der Chagan hatte mittlerweile die im Verhältnis zu seinen Massen geringe Zahl der zu Hilfe geeilten Reiter – etwa vierhundert – erkannt: er rief den ihn Umgebenden drohende Zornworte des Befehls zu und stellte sich an die Spitze seiner Leibschar zu einem letzten wütenden Anprall: besorgt sahen Fagano und der Richter diesem neuen Sturm entgegen. Jedoch gerade wie sich dies Geschwader der Avaren zum Anreiten zusammenballte, erscholl aus ihren hintersten Reihen wüstes Angstgeschrei: »Feinde! Neue Feinde! Dort aus dem andern Wald! Flieht! Teufel! Lauter schwarze Teufel! Rettet euch! Neue Feinde!« Und also war's. Ein kleiner, aber auserlesener Reiterhaufe, etwa hundert Pferde, fast lauter Rappen, schoß von dem nahen Nordwald her mit hallendem Hornruf gerade in den Rücken der Avaren, alles vor sich niederwerfend. Der Chagan wandte das Roß dorthin: schon war der Führer der brausenden Schar heran, auf mächtigem Rapphengst: er durchbrach ohne Widerstand die Reihe der Leibschar und rannte die eingelegte Lanze durch Goldschild und goldstarrenden Schuppenharnisch dem Chagan in die Brust: der schrie laut auf und taumelte vom Roß zur Erde. Da war kein Halten mehr: kreischend fuhren die Mongolen auseinander. »Wer ...? Wer ist das?« fragte Iso, gegen die blendend einfallenden Strahlen der sinkenden Sonne die Hand vor die Augen haltend. »Das ist Ragino,« antwortete der Richter. »Ja, Ragino! Er kommt von selbst zurück!« rief der Fagano. Da warf sich ein fliehender Avare, der seinen Gaul verloren, auf den Rechtweiser, der ihn nicht bemerkte, riß ihn nieder und hob das Krummschwert, ihm den Hals zu durchhauen. Aber ein Speerstoß hoch von einem Roß herab, kam ihm zuvor: er fiel. »Wer war das?« rief Iso sich aufrichtend. »Wie? Ragino? Ihm soll ich das Leben danken? Nein, eher ...!« Aber der war schon weit im Getümmel verschwunden. Im Getümmel der Verfolgung! Denn die Barbaren, die wie ihre heilige Fahne so ihren halbamtlichen Herrscher hatten fallen sehen, stoben nun in blindem Schrecken, in voller Verzweiflung davon: und da sie im Süden auf das Fußvolk Arnos, im Westen auf die Reiter Faganos, im Norden auf die Raginos stießen, warfen sie sich insgesamt in der Flucht nach der einzig freien Richtung: dahin, woher sie gekommen: das heißt in die Alz, um deren rechtes, das Ostufer wieder zu gewinnen: in wirren Knäueln, in dichten Klumpen, Pferde und Menschen, stürzten sie in das hoch aufschäumende reißende Wasser, untereinander mit Messer und Faust und Zähnen ringend, sich aneinander klammernd und so in die Tiefe hinabziehend, ohne Möglichkeit eines Widerstandes gegen die Verfolger, die nun grimmige, schonungslose Vergeltung übten, nachschwimmend und nachreitend: ja auch viele Kähne wurden aus der Schiffwehr gerissen, in den Fluß geschoben und nun stießen die rachewütigen Märker von da aus mit ihren Speeren und Rudern die Schwimmenden in die Tiefe. Alsbald jagten die Reiter der Adalinge, geführt von den beiden jungen Hachilingen – denn den Fagano und seinen Sohn hemmten die Wunden – den Flüchtlingen, nachhauend, auf dem rechten Ufer der Alz, auf der alten Römerstraße, nach und befreiten in dem hier erbeuteten Troß die vielen hundert Gefangenen, die, zumal Frauen und Mädchen, an die Wagen und Karren gebunden gewesen waren. *   VII. Vom frühen Morgen bis gegen Abend hatte der Kampf gewährt. Auf dem Felde, wo die Schlacht so laut getobt hatte, viele Stunden lang mit Klirren der Waffen, beim gellenden Kampfschrei der Avaren, dem Schmerzruf der Getroffenen, waltete jetzt tiefe, selten durch das Stöhnen eines Sterbenden, den Schrei eines wunden Pferdes unterbrochene Stille. Es war ein wundersamer Gegensatz, der auch die festen, ja harten Herzen der Bajuvaren ergriff. Das Schlachtfeld zu ihren Füßen lag besät mit allen Spuren des grimmen Würgens: Leichen von Menschen und Tieren, weggeworfene, zerbrochene Waffen ohne Zahl, jenseit des Flusses die umgestürzten Götterwagen und Troßkarren der Flüchtlinge: – und oben am Himmel die friedevollste Abendstimmung: zartgelbe Dämmerwolken, lang hingestreckt, leise im Winde ziehend, aus ihnen zuweilen auftauchend die feine Sichel des Mondes. – – – Die letzten Strahlen der sinkenden Sonne sahen Adalfrid, der, selbst aus mehr als einer Wunde blutend, auf den zerbrochenen Speer gestützt, nur mühsam eine kleine Anhöhe hinanstieg, auf der man unter den breiten Schatten alter Ulmen verwundete Bajuvaren zusammengetragen hatte. Die Frauen und manche Mädchen, auch Arntrud und die Kleine, walteten hier geschäftig, Wunden verbindend, mit geschickten, feinen Fingern Pfeilspitzen ausziehend, auch wohl Heilkräuter, – so die weichen, wolligen Blätter der Wegewarte – das Blut zu stillen, auf die offenen Wunden legend. Der junge Adaling hatte für jeden eine teilnehmende Frage, ein freundlich tröstend Wort. Eben erhob er sich von einem der tapfern Söhne Harlachos, der ihm sterbend in stummem Dank die Hand drückte, als ein scharfer Ruf an sein Ohr schlug. »Nein! – Nicht du! Du nicht! Laß mich! Geh! Deine Hand brennt heißer als die Wunde.« Adalfrid wandte sich und sah Arntrud vor einem ausgestreckt auf dem Rasen Liegenden knieen, dessen Gesicht ihre Gestalt verdeckte. Der Adaling glaubte, die Stimme – obzwar sie verändert klang – zu kennen: er trat heran und sah in Raginos leichenblasses Antlitz: vor ihm kniete das Mädchen, emsig bemüht das aus einer tiefen Brustwunde durch die durchstochene Ringbrünne immer wieder hervorbrechende Blut zu hemmen: eine breite rote Lache hatte sich neben ihn ergossen. »Arntrud!« rief Adalfrid. »Das ist ...! Aber doch: laß ab! Geh! Es quält ihn dein Anblick, – deine Güte. Geh!« Gehorsam packte sie ihre Binden und Kräuter zusammen, stand auf und wandte sich zum Gehen: stumm reichte sie dem Zuckenden die Hand, der sie hastig drückte. »Ah,« seufzte er, »das – – that wohl. Auch wenn ich nun in den Eisstrom fahren muß, unter Leichen, Schlangen und Schwerter oder in die Schwefelhölle der Mönche wegen des Mordes an dem Lümmel: – denn es war doch wohl Mord! – der Druck ihrer Hand – sie hat vergeben – wird mir wohl thun auch dort noch.« »Du sollst nicht sterben, Ragino.« – »Doch, doch. Ich soll! Sehr soll ich! Sehr! Es ist das Beste, das Richtige, das Einzige.« – »Sage mir, wohin warst du so spurlos verschwunden? Und wie konntest du plötzlich hier ansprengen: von so weit her?« Durch alle Schmerzen hindurch, die sein hageres Antlitz durchzuckten, lachte der Wunde. »Hei, ich war gar nicht weit weg! Zuerst freilich wollte ich mit meinen Räpplein ganz davon aus Bayerland, wieder über, den Rhein. Aber wir fanden die Straßen bewacht von den Grafen des Herzogs: – der Richter hatte sie aufgemahnt: – mit Gewalt wollt' ich durchbrechen, ward zurückgeworfen – verlor Leute. So kehrten wir, nur nachts reitend, in diese Nachbarschaften zurück: – mit Mühe, – bei Tag in dem Waldesdicht verborgen. – unser Leben fristend am Wild oder an gestohlenem oder geraubtem Gut, verfolgt von den Hofleuten, deren Wachhunde uns aufspürten. So hungernd, abgehetzt – es war ein elend Leben! – suchte ich die uralte Stätte, ›am Stein‹ heißen's die Nachbarn, – da sind unter der Erde – wohl von Dunkelelben gegraben – seit grauester Vorzeit geräumige Hallen und Gänge – nur ein paar Reitstunden von hier: – ich fand sie einmal aus auf der Fuchsjagd. Da bargen wir uns, – der Tag ward nun für uns vollends Nacht – nur nachts herumstreifend nach Nahrung. Ein elend Leben, sag' ich dir, selbst für einen Knecht, kein Hund hätt's lang ertragen. Da sahen wir die Mordbrände im Osten aufsteigen, die lohenden, da vernahmen wir bald aus den Reden der Flüchtlinge, die wir zur Nacht an ihren Feuern belauschten, die Greuel, die diese Bestien über unser Land brachten: da erkannte ich, daß heute hier das Geschick richten würde über jenes Hundevolk und uns Bajuvaren. Und da – gleich schoß mir's durch das Hirn! – da beschloß ich, – auch über mich das Schicksal heute und hier richten zu lassen! Nicht feige dahinten bleiben, während die Männer unserer Mark verbluteten – hierher gehörte ich, hierher zwang mich – spät genug! – die Ehre. Ich führte die Meinen unvermerkt – ihr hattet ganz anderes zu beachten! – im Rücken der beiden Kämpfenden heran und brach hervor, als es höchste Zeit schien. Ich kam ... gerade ... noch recht. Leb wohl, Vetter. Grüß deinen Vater, – den viel strengen! – und sag' ihm: Ragino hat nicht – stets – wie ein Edeling gelebt – aber ...« Da bäumte er sich empor, mit beiden Armen um sich schlagend, wahrend eine Blutwelle ihm aus dem Munde brach. »Aber,« schloß Adalfrid, die zuckende Rechte fassend, »er ist wie ein echter Edler gestorben.« Da atmete der Wunde noch einmal tief auf mit einem Blick des Dankes: – nun lag er regungslos. Ergriffen sah Adalfrid in das bleiche, nun schöne Antlitz, über dessen sonst unruhig wetterleuchtende Züge jetzt der Tod seinen ernsten Frieden breitete. Leise rauschten hoch oben die Blätter des Ulmenwipfels im Abendwind. Adalfrid ließ, andere Verwundete aufsuchend, dem Vater durch einen Gefolgen mitteilen, wie sein Neffe gestorben. *   VIII. Nun war die Sonne vollends zu Rüste gegangen: aber gleich nach ihrem Versinken ergoß sich weit über den Westhimmel hin eine prachtvolle goldene Glorie, im tiefen, friedlich schlummernden See sich spiegelnd und leuchtend zurückgeworfen von den fernen Bergen im Osten: auf der Bank vor dem Gehöft der Arninge saßen Fagano und der Richter, Iso und Kiemo: – keiner ohne Wunde und doch jeder mehr von Freude bewegt als von Schmerz. Nun kamen, erschöpft von der Pflege der Verwundeten, Adalfrid und Arntrud langsamen Schrittes die Höhe hinan, das Kind Arnhild sprang ihnen voraus. Da erhob sich der Fagano, auf seine Schwertscheide gestützt und sprach: »Tapfrer Iso, die Götter selber, mein' ich, haben heut' unsern Hader gerichtet und geschlichtet. Tot – wie dein starker Sohn! – liegt, so ward mir gemeldet, sein Mörder: aber im Kampf für die Mark, für euch ist er gefallen.« »Und mir,« grollte der Rechtweiser, »mir hat er das Leben gerettet. Daß die Götter das zugelassen haben!« »Sie wollten dich mahnen – zur Versöhnung!« sprach der Richter. »Statt uns in Fehde zu zerfleischen untereinander,« fuhr der Fagano fort, »haben wir in Eintracht – ganz ohne Verabredung, von selbst ist's so gekommen – den fremden Feind zurückgeschlagen.« »Ja,« sprach Iso, tief ergriffen. »Und ihr Adalinge seid gekommen, uns zu retten in der höchsten Not.« »Habt ihr je daran gezweifelt?« fragte der Fagano und sehr edel blickte dabei sein Auge. – »Das ist ...« – »Adelspflicht nicht nur, Treuepflicht aller Volksgenossen. Ich bin gewiß, ihr hättet uns das Gleiche gethan. Denn wir gehören zusammen – unscheidbar wie Schild und Speer. Und so wollen wir's fortan halten immerdar. Und zum Zeichen innigster Eintracht zwischen Adalingen und Gemeinfreien, werb' ich bei dir, Richter Arno, um deiner Tochter Hand für meinen Sohn: das tapfere Mädchen, – sie hat ihn – ich hab's mit Augen gesehen! – sich mit ihrem Blut erobert und verdient.« »So sei es,« sprach der Richter hoch erfreut aufatmend. »Aber ich fordere für Arntrudis hohen Muntschatz.« – »Jeden zahl' ich.« – »Wohlan, so sollt' ihr Adalinge zustimmen, daß fortab in unserer Mark Blutrache und Fehde abgethan seien für immerdar: nicht Fehdegang, nur Rechtsgang soll fürder jeden Streit unter den Markgenossen entscheiden.« »So sei es,« sprach der Fagano. »So sei es,« sprach Kiemo. »Ja, so sei es,« schloß Iso. »Ich verzichte auf Blutrache gegen Euere Sippe und auch auf jedes Wergeld. Und dies soll der Ehrenhügel sein, der über meinem starken Isanbert sich wölbt.« »Nun kommt,« sprach der Fagano, »gehen wir dem jungen Paar entgegen. Wenig ahnt es sein beschlossen Glück. Laßt uns es ihnen plötzlich auf die Lockenhäupter drücken wie einen Siegeskranz: – wie wohl beglückten Sterblichen die hohen Götter, unsere Ahnen, thun.«