Annette von Droste-Hülshoff Das Hospiz auf dem Großen St. Bernhard Anmerkung: Die Autorin plante Veränderungen an verschiedenen Versen. Die zur Streichung oder Korrektur vorgesehenen Verse stehen in Klammern. Erster Gesang Zweiter Gesang Dritter Gesang Erster Gesang                   Die Sonne hat den Lauf vollbracht, Schon spannt sie aus ihr Wolkenzelt; So manche Trän' hat sie bewacht, So manchem Lächeln sich gesellt; Um Sel'ge hat ihr Strahl gekräuselt, Wo süß versteckt die Laube säuselt, Und hat die Totenbahre auch Gesegnet mit dem frommen Hauch; Nun einmal ihres Schleiers Saum Noch gleitet um der Alpen Schaum, Und in des Schneegestäubes Flaum, Das an Sankt Bernhards Klippe hängt, Der matte Hauch sich flimmernd fängt. Dort, wo es, aus des Passes Schlunde, Ums Pain de Sucre macht die Runde, Berührt ein menschlich Angesicht Fürwahr zum letztenmal das Licht. Wie hat der Greis die dürre Hand So fest um seinen Stab gespannt! Und wie er so verkümmert steht, So ganz verlassen um sich späht, Da ist's, als ob, erstaunt zumal, Noch zögern will der letzte Strahl. Schon zog der Aar dem Horste zu, Und nur die Gems vom Tour des foux Noch einmal pfeift und schwindet dann. Am Riffe lehnt der alte Mann, Wie auf dem Meere, jüngst ergrimmt, Einsam noch eine Planke schwimmt. O du bist immer schön, Natur! Doch dem, der Herthas Bild gegrüßt, Die Woge bald die Lippe schließt – Bist Königin vernichtend nur! Der Blitz, der Seesturm, der Vulkan, Sie stehn als Zeugen obenan. Und jener Greis am Felsenrand? Dem Strahl, der widerprallt im Schnee, Will schützend die besennte Hand Sich vorbaun an der Braue Höh'. Zum Montblanc hat er lang gesehn Und wendet abendwärts den Fuß, Da ihm die Augen übergehn, Daß er vor Kälte weinen muß. Ihm ist wie taub, ihm ist wie blind, Er spricht gepreßt, und tut's nicht gern: »Mein Knabe! Henri! liebes Kind! Schau mal hervor, sind wir noch fern?« Dann aus des Mantels Falten dicht Ein Bübchen windet sein Gesicht; Die kleinen Züge schwillt der Hauch, Die roten Händchen birgt es auch Sogleich und zieht des Vließes Saum Sorgfältig um der Stirne Raum, Daß nur der Augen rötlich Licht Durch des Gewandes Spalten bricht. Nun mit den Wimpern zuckt er schnell: »Großvater, schau! wie blitzt es hell!« Der Alte seufzt: »Es blitzt, mein Sohn, Am Himmel nicht um diese Zeit, Es ist die Sonne wohl, die schon Sich um die letzten Zacken reiht« Doch wiederum der Knabe spricht: »Großvater! 's ist die Alpe nicht, Es springt und zittert in die Höh', Wie wenn die Sonne tanzt im See Und spielt in unserm Fensterglas.« »Wo, Henri? Kind, wo siehst du das?« Ein Ärmchen aus der Wolle steigt. – Der Alte senkt das Haupt und schweigt. Nein, nein, das ist kein Hospital! In tausend Funken sprengt den Strahl, Gleich nachtentbranntem Meeresdrange, Nur Roche polie von jenem Hange. Und zögernd schiebt des Greises Hand Den kleinen kalten Arm zurück, Zieht fester um ihn das Gewand. Er wirft den kummervollen Blick Noch einmal durch die dünne Luft, Auf jeden Fels, in jede Kluft; Dann folgt ein Seufzer, unbewußt, So schwer wie je aus Mannes Brust, Und langsam abwärts, mit Gefahr, Beginnt er Pfade unwirtbar. – Schmal ist der Raum – die Klippe jäh; – Zuweilen bietet das Gestein, Ein altergrauer Felsenspalt, Für Augenblicke schwachen Halt. Die Ferse drückt er in den Schnee Und stößt des Stabes Stachel ein; Denn eine Zeit gab's, wo im Gau Von Saint-Pierre kein Schütz sich fand, Der auf der Jagd, am Alphorn blau, Dem Benoit gegenüberstand. Kein Aug' so scharf, kein Ohr so fein, So sicher keine Kugel ging, Von all den Kühnen er allein So sorglos an der Klippe hing! Zum letztenmal dem Meister alt Sich dankbar seine Kunst erzeigt. Gottlob! nun ist die Schlucht erreicht. Er blickt empor; durchs graue Haupt, Fast von der Kälte sinnberaubt, Noch einmal durch die öde Brust Zieht sich das Bild vergangner Lust, An der sein ganzes Herz gehangen, Und doppelt fühlt er sich gefangen. In Quarzes Schichten eingezwängt, Durch die der schmale Pfad sich drängt, Streckt, überbaut von Felsenwucht, Sich lang des Pain de Sucre Schlucht. Kein Laut die tote Luft durchirrt, Kein Lebenshauch ist zu entdecken; Und wenn es unversehens schwirrt, Das Schneehuhn kann den Wandrer schrecken. Wo droben schwimmt das Felsendach, An dem der Wintersturm sich brach Jahrtausende – doch die Gedanken Verlassen ihn – er sieht es wanken – Er fördert keuchend seinen Schritt – Und immerfort, in tollem Schwanken, Ziehn rechts und links die Klippen mit; Daß jener harrt – sogleich – sogleich – Wie aus der Lüfte Schwindelreich Die ungeheure Masse klirrt, Und er sich schon zerschmettert glaubt, So sehr ihm Furcht die Sinne raubt. In diese wüste Bahn hat jetzt Der müde Mann den Fuß gesetzt; So schnell es gehn will, fort und fort. Noch immer glühn die Firsten dort, Und abwärts gleiten sieht den Strahl Mit Lust er und mit Graun zumal. Sobald der Abendsonne Schein Nicht mehr die letzte Zacke badet, Ins Hospital ein Glöckchen rein Den Wandrer aus der Steppe ladet. Und schon am Pointe de Drone das Licht Kaum merklich noch den Schatten bricht. »O Sonne«, seufzt der müde Greis, »Bald bist du hin! der Himmel weiß, Vielleicht hör' ich die Glocke nicht! –« Blickt zweifelnd nach den Felsenwällen, An denen mag der Klang zerschellen. Das Kind, das Kind ist seine Not! Schon fühlt er, wie, vom Froste laß, Der steife Arm zu gleiten droht; Und ohne Ende scheint der Paß! Ein Turm ragt an dem andern her, Es ist, als würden's immer mehr. Dem Himmel Dank, die letzte Klippe! Und als mit angestrengtem Fleiß Sich immer näher treibt der Greis, Was knistert überm Steingerippe? Am Rande schiebt sich's, zittert, blinkt, Langsam ein weißer Klumpen sinkt; Dann schneller, dann mit jähem Fall Entlang die Klüfte tost der Schall. Und zu des Alten Füßen rollen Schneetrümmer und gesprengte Schollen. Und dieser einen Augenblick Steht regungslos, mit Schwindel ringt; – So scharf vorüber zog der Tod! Gefaßt er dann zusammenrafft, Was ihm von Wollen bleibt und Kraft. Und vorwärts nun, mit harter Not, Er in den Trümmerhaufen dringt. Doch neben, vor und um ihn stemmt Die Masse sich, zum Wall gedämmt. Mitunter eine Scholle auch In schwachem Gleichgewichte steht, Nur wartend auf den nächsten Hauch, Und aufwärts ihre Kante dreht. Wenn das Geschiebe sich belebt? – Ein Sarkophag, der ihn begräbt! Horch! wie er durch die Zacken irrt, Zuweilen eine Scheibe klirrt; Ein feines Schwirren – schwaches Rucken – Vor seinen Augen Blitze zucken; Doch immer wieder fügt sich's ein, Und starr die Mauer steht wie Stein. So muß er, fast in Todesbanden, Wie durch ein Labyrinth sich schmiegen. Es ist vorüber, ist bestanden, Und hinter ihm die Trümmer liegen. Indes des Tages matte Zeichen Allmählich von den Kuppen bleichen, Und nach und nach am Firmament Des Mondes Lampe still entbrennt; Verschwimmend, scheu, ihr zartes Licht Malt noch der Dinge Formen nicht. Doch allgemach aus Wolkenschleier Ersteht die klare Scheibe freier. Die Felsen scheinen sich zu regen, Geflimmer zittert übern Schnee, Und langsam steigend aus der Höh' Die Schatten auf den Grund sich legen. Gebeugt, mit angestrengtem Schritt, Aus seiner Schlucht der Wandrer tritt In eine öde Fläche vor. Er steht – er lauscht – er trägt das Ohr Zur Erde bald und bald empor, Und alle Sinne lauschen mit. Er wendet sich; ob nichts vom Schalle Aus einer andern Richtung falle? – Nur hohl und zischend sich die Luft In des Gesteines Spalten fängt Und mit Geknister durch den Duft Zu Nacht gefallner Flocken drängt. Der Kälte, die den Stamm zerschellt, Kein Schirm sich hier entgegenstellt. Ach Gott, wohin? ringsum kein Steg, Sich überall die Ebne gleicht. Doch vorwärts, vorwärts, immer reg, Eh' dich im Schlummer Tod beschleicht, Nur immer in die Nacht hinein! Da durch die Steppe fällt ein Schein, Wie wenn sich Kerzenschimmer brechen In angehauchten Spiegels Flächen. Und über dieses Meteor Ragt eine Masse dunkel vor. Gegrüßt, o Stern im Mißgeschicke! Es ist die Drance, es ist die Brücke. Kaum die bekannten Pfade schaut Der Greis, ihm ist wie aufgetaut; Halb kehrt der Jugend Mut zurück, Er wähnt sich einen Augenblick Für dies und Schlimmres noch genug. Die Brücke naht sich wie im Flug. Schon hat er rüstig sie beschritten, Schon steht er in der Ebne Mitten, Schon keucht er um des Stromes Bogen; Und vor ihm her die glas'gen Wogen Durchrollt des Mondes Silbertuch. Vergebens! diese Kraft ist Schein; Mit jedem Hauche sinkt sie ein, Mit jedem Schritte weicht das Blut, Ach, keine Wunder wirkt der Mut! Schon matter wird des Greises Tritt. Das Licht im Strome fliegt nicht mehr, Es wandert zögernd vor ihm her. Aus den gelähmten Fingern glitt Der Stab, und eine weite Strecke In Sätzen prallend von der Decke, Dann lagert er an Stromes Rand. Hin schleppt der müde Mann den Schritt; Er bückt sich mühsam, welche Qual! Ergreift ihn, der zum drittenmal Ihm immer gleitet aus der Hand. Und schwindelnd, bei dem sauren Beugen Fühlt er das Blut zum Haupte steigen, Sein Aug', von kalten Tränen schwer, Sieht kaum das Allernächste mehr. Noch tappt er, wo aus dunklem Schaft Die glatte Eisenspitze blinkt. Da weicht des Armes letzte Kraft, Und auf den Schnee das Knäbchen sinkt; Es rafft sich auf, ergreift den Stab, Gehorsam, leichtem Dienst gewöhnt. »Mein Kind! mein Kind!« der Alte stöhnt Und nimmt die kleine Last ihm ab, »Was willst du noch zuletzt dich plagen?« Späht mit der Augen trübem Stern Beklommen durch den nächt'gen Schein; – »Du kannst nicht gehn, ich dich nicht tragen, Und ach! das Hospital ist fern. So müssen wir das Letzte wagen Und kehren bei den Toten ein.« Er lenkt die Schritte von dem Strand, Sein Knäbchen hält er an der Hand. Das Mondlicht, das mit kaltem Kusse Liebkoset dem versteinten Flusse, Gleich links auf ein Gewölbe klein Streut alle seine Schimmer rein, Die, wie sie Wolkenflor umwebt, Bald auf dem Dache wie belebt Sich kräuseln, in den Fenstern drehn, Und bald wie eine Lampe stehn, Die halb der Grüfte Dunkel bricht. So leisten sie die fromme Pflicht Dem, so der Fremde ward zum Raube, Und bei dem unbeweinten Staube Entzünden sie das Trauerlicht. Ja, diese Mauern, wohl erbaut Mit Christensinn, sie bergen doch, Wovor des Menschen Seele graut, Wem Blut rollt in den Adern noch. Sie alle, die zum Todesschlaf Sankt Bernhards leiser Odem traf, Wenn sie nicht Freundes Wort genannt, Nicht Eidgenossen Blick erkannt, An diesen Ort sind sie gebannt. Der Bettler, dem kein Heimatland, Der Jude, so auf Geld bedacht Gefahrenvollen Weg betrat, Der arme wandernde Soldat, Der Flüchtling vor Gesetzes Macht: Sie alle liegen hier, wie Tod Aus dieser Wildnis sie entbot; Im Pelze der, im Mantel weit, Und jener im Studentenkleid. Das tiefe Auge, trüb und offen, Auf liebe Züge scheint zu hoffen, So Zeit auf Zeiten; keine Träne Rann auf die bleiche Wange noch; Und ließen treue Kinder doch, Und sind geliebter Eltern Söhne. Die Schwelle kennt der Greis genau, Hier führt ein Steg nach Wallis' Gau, Sein alter Pfad, wenn von der Jagd Er heimwärts manchen Gang gemacht, Ans Fenster pflegt' er dann zu treten, Nachdenklich in die Gruft zu sehn Und sinnend auch im Weitergehn Ein Vaterunser wohl zu beten. Doch vor dem Tode auf der Flucht Erfaßt ihn ungeheures Grauen, Als tret' er in das eigne Grab Und soll' die eigne Leiche schauen. Kaum wehrt er den Gedanken ab: »Hinweg! hinweg! so weit der Fuß Dich trägt« – und unwillkürlich muß Er wenden. Doch da weint das Kind: »Großvater! weiter sollen wir? Wir sind ja hier an einer Tür. Ich kann nicht mehr.« Verschwunden sind Die Zweifel; mühsam öffnet jetzt Der Greis das Tor, mit Rost versetzt, Tritt in die Wölbung, kauert sich Dann auf den Boden kümmerlich Und nimmt an seine Brust den Kleinen. So eine Weile sitzen sie, Der Knabe auf des Mannes Knie; In stummen Schauern an ihn biegend, Der Alte, sich nach innen schmiegend, Das Haupt am feuchten Mauerstein, Und übermüdet, überwacht, Hat minder der Umgebung acht; Minuten noch, so schläft er ein. – Schon summt es um ihn wie ein Schwarm, Der Mantel gleitet mit dem Arm; Und als das Haupt zur Seite sinkt, – »Großvater! ist das Glas? es blinkt!« Der Alte fährt empor, er blickt Verschüchtert seitwärts, unverrückt Zu Boden dann: »Sei still, sei still, Mein Kind, es sei auch, was es will. « Und seufzend fügt er noch hinzu: »Es ist so spät! gib dich zur Ruh'.« Doch wie ein Strahl es ihn durchfliegt, Daß Schlaf den Willen fast besiegt. Schon greift der Krampf die Glieder an: Zu reiben gleich beginnt der Mann. Und als das Blut nun schneller rinnt, Er immer heller sich besinnt, Auch der Gedanke Kraft gewinnt. Was war es, das, vom Schlaf erwacht, So in Verwirrung ihn gebracht? Es war ein Blitz, es war ein Licht! Und dennoch war es beides nicht. Indessen hat das Knäbchen leis Die beiden Ärmchen ausgestreckt Und aus des Mantels Hut mit Fleiß Den kleinen Kopf hervorgestreckt. Das Schlummern will ihm nicht gelingen; Die Langeweile zu bezwingen Am Mantel nestelt's immerfort, Schaut unverrückt nach einem Ort, Bald gähnend, bald mit halbem Wort. »Ja!« flüstert's, vor Ermattung rot, Die Händchen in des Mantels Tasche, »Dort steht das Glas und dort die Flasche, Und auf dem Tische liegt das Brot.« Dann zieht es sacht den Mantel los; Es gleitet von des Alten Schoß, Es taucht ins Dunkel. Auf sich rüttelnd Aus wüster Träumereien Graus, »Henri! mein Kind!« ruft jener aus, Das graue Haupt verdrossen schüttelnd, »Wo bist du nur? komm wieder, Sohn!« Dort glänzen seine Löckchen schon! Was reicht und streicht es an der Wand? Ans Auge hebt der Greis die Hand: Fürwahr! nach einem Brote sucht Der kleine Arm hinaufzulangen; Und nebenan sich Schimmer reihn, Bald rot, bald grün, wie sie gefangen Im Glase dort, und dort im Wein. O unverhoffter Segen! Schon Vom Boden taumeln sieh den Alten. »Laß, du vermagst es nicht zu halten, Laß ab!« Es zittert jeder Ton, Der aus bewegter Brust sich windet Und kaum im Odem Nahrung findet. Die Glieder, so in Frost und Qual Ihn treulich trugen durch die Steppen, Kaum vorwärts weiß er sie zu schleppen Bis hin, wo harrt das karge Mahl. Er faßt das Brot und kann's nicht teilen Und stöbert, sucht mit wirrem Eilen In allen Taschen, allen Falten, Selbst in der Stiefel engen Spalten. »Hab' ich mein Messer denn verloren?« Die Rinde bricht, sie ist noch warm. »Nun iß, nun trink, mein Würmchen arm! O kam ich eher um zwei Stunden! Um eine einz'ge Stunde nur!« Die Mönche hätt' er noch gefunden; Dies ist des Hospitales Spur. Denn was die kühnste Flamme bricht, So wild sie durch die Adern tobt: Es löscht die fromme Liebe nicht, Die Leib und Leben hat verlobt. Wenn Windsbraut an den Klippen rüttelt, Wenn sich das Schneegestöber schüttelt, Wenn durch die öde Winternacht Nur wie ein fernes Mordgeschütz Die zitternde Lawine kracht, Wenn um die Gipfel spielt der Blitz: Das sind die Boten, die er kennt. Vom Betstuhl, wo die Lampe brennt, Der Mönch sich hebt, den Weg beginnt Zum Tobel, wo der Sturzbach rinnt, Zum Passe, wo der Schnee am höchsten, Zum Steg, wo die Gefahr am nächsten, Hinauf, hinab Sankt Bernhards Rund; Voran ihm spürt ein kluger Hund. Dann, kehrend zu des Klosters Pforte, Die Nahrung, so er bei sich trägt, Mit milder Sorgfalt wird gelegt An sichre, sturmgeschützte Orte. Und oft im letzten Augenblick Trat die gebrochne Kraft zurück Durch sie in die versiegten Adern. Wer mag mit solchen Mönchen hadern! Welch seelerstorbner Atheist So frevler Torheit sich vermißt, Daß er auf sie die Pfeile richte? Schau! wie gleich neuentflammtem Lichte Das Kind des Glases volle Last Mit beiden roten Händchen faßt. Nun setzt es an und trinkt und trinkt, Durch alle Adern strömt das Heil, Und läßt nicht ab, und stöhnt vor Eil', Fast wird der Atem ihm versetzt. Des Alten Auge freudig blinkt: »Mein Junge, sprich, wie ist dir jetzt?« Doch kaum und unverständlich nur Des Kindes Antwort ihn erreicht, Das, auf sein Stückchen Brot gebeugt, Natur, nach deinem weisen Walten, Das schwache Leben zu erhalten, Gefahr zu fliehn, die es nicht sieht, Aus allen Kräften ist bemüht. Indes hat draußen durch die Nacht Ein Murmeln, Rauschen sich verbreitet, Wie wenn erzürnte Woge schreitet; Des Sturmes Stimme ist erwacht. Noch fern und hohl im Klippenschacht, Von Fels zu Felsen hört man's klagen. Der Alte sinnt: soll er es wagen, Sich und sein Liebstes fortzutragen? Bald ist das Hospital erreicht! – Ein Stoß um das Gewölbe streicht, Und heulend singt er überm Dache Das Totenlied dem Grabgemache. Am Boden leises Knistern irrt, Die Tür in ihren Angeln klirrt; Umsonst! umsonst! es ist zu spät, Der Wirbel durch die Steppe geht. Und nun? Des Greises Blicke fragen, Ob nirgends hier ein Plätzchen sei Noch unbesetzt, vom Zuge frei. Durch des Gewölbes Mitte stehn Drei lange Bahren, sind sie leer? Das Dunkel wirbelt drüber her. Doch rechts und links und gegenüber, Wohin der scheue Blick sich richtet, Wenn flieht der Mondenstrahl vorüber, Der die zerrißnen Wolken lichtet, Der bleichen Schläfer Reihn er streift, Die rings in Nischen aufgeschichtet: Ein Antlitz halb dir zugewandt, Hier braunes Haar, und dort gebleicht, Aus jenem Winkel wie versteckt Sich eines Fußes Spitze streckt, Und dort sich wächsern eine Hand Wie abgetrennt vom Körper zeigt. Wer ist der Mann so unverzagt, Den solch ein Anblick nicht erschüttert? Wenn über ihm, wie schmerzdurchzittert, Die mitternächt'ge Stimme klagt, Gleich Geistern durch der Nacht Revier! Ein heimlich Flüstern zischt und kocht, Und an die schlecht verschloßne Tür Der Wind mit leisem Finger pocht. Dem alten Manne wird's zu viel, Die Phantasie beginnt ihr Spiel; Auf seinem Haupt in jedes Haar Scheint Leben und Gefühl zu kommen, Mehr ist der Atem ihm benommen Als je vorzeiten in Gefahr. Den Steinbock hat er oft gehetzt, Dem Lämmergeier sich gesellt Und fröhlich pfeifend in die Welt Dann übern Klippenspalt gesetzt. Ein andres, dem Geschick sich stellen In frischer Luft, auf freien Wellen, Ein andres ist's, am Grabe stehn Und ruhig dem verzerrten Ich Ins eingesunkne Auge sehn. Sieh! wie schon wieder schauerlich Der Strahl durch das Gewölbe streicht, Und dem betäubten Manne sich Am Winkel dort ein Bänkchen zeigt, In das Gemäuer eingefugt. Das ist ja eben, was er sucht! Und muß nun seufzend sich bereiten, Die ganze Wölbung zu durchschreiten. Wie er die Schritte zögernd lenkt, Die Augen bleiben scharf gesenkt, Beinah geschlossen, als er quer Um eine Bahre wendet her, Zu eilig; – mit dem Fuße schwer Trifft er an des Gerüstes Stützen, Durch das Gewölbe dröhnt der Schall. Die Bahre schwankt, er will sich schützen, Er gleitet; modriges Gewand, Verwirrtes Haar streift seine Hand. Der Alte taumelt und erbleicht; Wie jener Winkel noch erreicht, Das weiß er nicht, hält immer fest An seine Brust das Kind gepreßt, Und sucht vergebens zu bezwingen Der Phantasie verstörtes Ringen. Die Wölbung dreht, die Mauern singen, Ihm ist, als hätte seine Hand Des Toten Züge all ergründet; Er sieht das gelbe Augenband, Das sinkend die Verwesung kündet, Und drüber her, zu treu! zu treu! – So tragend eigner Schwäche Joch, Doch bleibt ihm das Bewußtsein noch Und eben noch die Willenskraft, Zu kämpfen gegen schnöde Haft. Er sinnt und grübelt allerlei, Wie wohl zum Hospital der Weg? Wie zu bestreiten jener Steg? Wie fern die Morgenstunde sei? Sucht heitre Bilder aufzuwecken, Als in der Scheibe Herzen stecken Ein jeder Benoits Kugel sah. – Indessen lehnt der Knabe da, Des späten Wachens ungewöhnt, Und schaukelt sich und seufzt und gähnt, Ahmt leis des Sturmes Stimme nach, Verfolgend mit den schweren Blicken Die Strahlen, so durch das Gemach Zuweilen lichte Streifen schicken; Ergötzlich, im beschränkten Meinen, Ihm an der Wand die Bilder scheinen; Der klare Blitz, wenn sich das Licht In den metallnen Knöpfen bricht, Die Reih' entlang, so Funk' an Funken Aufsprühn und sich ins Dunkel tunken. – Die Szene wechselt, langsam streicht Ein Wolkenvorhang sich zurück, Und in die ganze Wölbung steigt Der Mond mit seinem Geisterblick. Was noch verborgen war in Nacht, Wird an ein mattes Licht gebracht; Aus allen Winkeln sieht man's rücken, Was niedrig lag, scheint aufzustehn Und was erhaben, sich zu bücken. Vorüber nun – in starrer Rast, Wie Grabmal sich an Grabmal fast In königlichen Grüften zeigt, Am Boden schlummert das Gebein, Und drüber her der Mann von Stein. Um manchen Busen spielt der Schein, Mich dünkt, ich seh' ihn sinken, heben, Und lange Atemzüge schweben. Der arme Kleine wie betört An seines Vaters Busen fährt. »Großvater, schau! die Bilder leben, Sie atmen all und wollen gehn!« Den Greis durchzuckt ein leises Beben: »Sei still, es wird dir nichts geschehn.« Wohl denkt er an den nächt'gen Schein [Es fällt ihm manches Blendwerk ein] Und zögert dennoch aufzusehn. Und wieder hebt der Knabe an: »Dort auf dem Tische sitzt ein Mann; Er sitzt nicht, nein – er liegt schon wieder – Und stand doch erst soeben auf.« Dann hebt die Ärmchen er hinauf Und zieht des Greises Stirne nieder, Ihm flüsternd mit verstecktem Ton: »Es ist der Pfarr, ich kenn' ihn schon! Er hat den Mantel umgeschlagen Und seinen großen weißen Kragen.« Nun wieder fröstelnd schaut das Kind Mit offnem Munde, vorgebückt, Dann an des Vaters Arm gedrückt: »Wie weiß ihm seine Finger sind!« Der Alte sucht mit allem Fleiß Sich der Gedanken zu entschlagen, Die fast wie Irrwahn ihn bedräun. »Henri! du solltest ruhig sein, Allein du weißt mich nur zu plagen. Schlaf ein, schlaf ein, mein kleiner Sohn!« Der Knabe bei dem harten Ton Verschüchtert sich zur Seite schiebt, Die müden Äuglein reibt betrübt. Sein Köpfchen ruht so los und schlecht, Auch ist der Sitz ihm gar nicht recht, Zu dick der Mantel hängt und schwer, So lange rutscht er hin und her, Bis, von dem harten Schoße gleitend, Er auf den Grund die Sohlen setzt; Und wie ein Häschen mattgehetzt Ins dürre Laub sein Häuptlein reckt: So aus die zarten Arme streckt Das Kind, um Vaters Leib sie breitend, Und bricht vor unverstandnem Graus In ganz geheime Tränen aus. Doch jener, in sich selbst gekehrt, Des Kleinen Stimme nicht beachtet, Mit angestrengter Sorge trachtet Die innern Feinde abzuwehren, So pochend durch die Adern gären. Er birgt die Augen, sinnt und sinnt: Zu Saint-Remy, im Stübchen klein, Was seine Tochter wohl beginnt? Die Wände hell, die Schemel rein Sucht er den Sinnen vorzuführen. Vergebens! wunderlich berühren Auch hier sich Wirklichkeit und Schein: Die tote Schwester fällt ihm ein. Gleich Träumen die Gedanken irren, Im Ohre hallt ein feines Schwirren, Ein Klingeln, seltsam zu belauschen; Es ist des eignen Blutes Rauschen, Das, murrend ob der Adern Band, Zum Haupt die Klagen hat gesandt. So geht es nicht, so darf s nicht bleiben! Der Greis, in seiner Seelenqual, Beginnt die Glieder allzumal Mit angestrengtem Fleiß zu reiben. Des Mantels Rauschen an der Wand, – Das Rispeln seiner eignen Hand, – Des Haares Knistern, wenn er schwer Streicht mit den Fingern drüber her: Ein Laut des Lebens scheint dem schwachen Bedrängten Busen Luft zu machen. Und dann – ein Schrei! woher und wie? Des Alten Blut zu Eis gerinnt. Er tappt umher: »Henri! Henri! Wo bist du nur? wo bist du, Kind?« Da wieder das Gestöhn beginnt, Und »Vater! Vater!« und aufs neu »Mein Vater!« wimmert's im Geschrei. Der Alte, nach dem Laut gerichtet, Hat jenen Winkel bald erreicht, Wo, schwach vom nächt'gen Strahl umlichtet, Sich dunkel eine Nische zeigt, Drin sichtbar halb ein Leichnam ruht, Auf breiter Stirn den Schweizerhut. Und um des Toten Hand geklemmt Der Knabe wimmert und sich stemmt, Den lieben Vater aufzuwecken. »Was machst du, Henri? Kind, komm her! Er ist's ja nicht, er kehrt nicht mehr, Du arme Waise!« und im Schrecken Hat er des Knaben Arm geschüttelt, Bis, von dem Totenhaupt gerüttelt, Der Hut sich in die Kante stellt Und dicht an seine Ferse fällt. Mit einem Ruck des Kindes Hand Befreiend, stürzt in tollem Graus Der Alte in die Nacht hinaus. Die Türe hat er eingerannt, Und klirrend sprengt sich hinter ihm Die Feder ein mit Ungestüm. Nur fern erst an der Drance Rand Gewinnen die Gedanken Stand. Der Arm des Sturmes, halb gesenkt, Nicht mehr so wild die Flagge schwenkt; Doch auch das Mondlicht, halb erbleicht, Ihm dämmernd nur die Richtung zeigt. Getrost! getrost! kurz ist der Weg, Bekannt, betreten jeder Steg! Nur immer vorwärts, immer reg, Eh' dich im Schlummer Tod beschleicht! Ein Weilchen geht's mit hartem Mut, Wie Not ihn und Verzweiflung leiht. Die Schatten dehnen sich so breit, Die Luft verrauscht – entschlummert – ruht; Ein grauliches Gewölke steigt Allmählich an den Mond hinauf, Der einmal noch die Scheibe zeigt. Dann dicht und dichter zieht es auf, Ein Nebelsee in hoher Luft; So wallt und wogt und rollt der Duft, Bis, durch den Horizont verbreitet, Sich formlos eine Decke spreitet. Nun fällt ein Flöckchen, unbemerkt, Nun wieder, auf des Greises Hand, Trifft hier und dort des Hutes Rand. Nun das Gestöber sich verstärkt, Bis wimmelnd, in verwirrten Kriegen, Die Flocken durcheinanderfliegen. Dann, einer Staublawine gleich, Entlastet sich der Lüfte Reich. So ganz entschlafen ist die Luft, Daß sich vernehmlich reibt der Duft, Und durch die eingewiegten Flächen Der Glocke Stimme hörbar wird, Die mild und lockend scheint zu sprechen: »Kommt alle her, die ihr verirrt!« Der Alte stutzt und bei dem Klingen Gewaltsam sich zusammenrafft. »O könntest du mir junge Kraft In meine alten Adern singen!« Doch enger stets in Frostes Haft, Wie kleine spitze Dornen wühlen, Muß er's in allen Muskeln fühlen. Gleich einer Trümmer, überschneit, Er schleppt sich durch die Einsamkeit; Sein Mantel, seine grauen Locken, Sie starren unter Eis und Flocken. Oft von dem schlechtgebahnten Pfad Der Fuß, getäuscht durch falsches Licht, Auf eine lockre Masse trat Und stampfend ihre Decke bricht. »O namenlose Todesqual! So nah, so nah dem Hospital! Nur noch ein Steg, nur noch ein Paß, O spannt euch an, ihr Sehnen laß! Mein armes Kind! allein um dich, Nicht um mein Leben kämpfe ich.« So tappt er fort. Die Bahn sich neigt: Der Alte hat den Steg erreicht, Den durch des Wirbels stäubend Rennen Er eben, eben mag erkennen. Die Drance in ihrem engen Bette Sich windet um das Felsenriff, Und drüber her, ein luftig Schiff, Der Fichte Stamm vereint die Kette. Am Tag, bei hellem Sonnenschein, Wer schaute ohne Schwindel drein! Zudem der Steg, jüngst überschwemmt Von aufgelösten Schnees Wogen Mit Eises Rinde ist umzogen, Die sich zu glatten Hügeln dämmt. Hier steht der Greis in seinen Nöten, Der nichts mehr kann und nichts mehr weiß Und sachte noch versucht zu beten; Schiebt dann voran die Sohle leis. Schau! wie auf dem beglasten Bogen Um einen Tritt er vorwärts schreitet; Er steht nicht fest, er schwankt, er gleitet, Er ist verloren – nein – er steht. Mit blindem Glück zurückgezogen, Sein Fuß auf festem Grund sich dreht. Zuerst der Alte ganz betäubt Am Rand der Kluft gefesselt bleibt: Dann, wie aus plötzlichem Entschlusse, Den Mantel schiebt er von der Brust Und herzt mit langem, langem Kusse, Dem letzten irdischen Genusse, Das Kind in Scheidens bittrer Lust. Und nun: »Wohlan! es sei gewagt! Uns hier der Morgen nimmer tagt.« Doch horch! ein Klang die Luft durchweht. Der Alte steht und lauscht und steht – Ein Zittern durch die Züge geht. Aufs neu der Ton herübertreibt, Doch schwach nur unterm Winde bleibt. »Henri! Henri! leih mir dein Ohr! Mein guter Junge, lausch' hervor!« Das Kind nur zögernd und betrübt Sein fröstelnd Häuptlein aufwärts schiebt. Ein Tränchen flirrt um Wang' und Mund: »Großvater! 's ist ja nur ein Hund!« – »Ist's auch gewiß ein Hund, der bellt? Mein Gott! du sahst die bittre Qual! Dann sei's in deine Hand gestellt, Dann wag' ich's nicht zum zweitenmal. « Er steht und horcht: und horcht und steht, Aufs neu der Wind den Klang verweht. Nun wieder heller – ha! sie nahn; Schon räumt der greise Mann die Bahn. Ganz nah – sie drehn um jene Bucht; – Ein Weilchen still – dann, wie zum Spott, Ganz aus der Ferne – heil'ger Gott! Sie ziehn vorüber an der Schlucht! Des Alten morscher Körper nicht Erträgt die Last des Schreckens mehr, Es flirrt, es wirbelt um ihn her, Noch hält er sich – noch sinkt er nicht – Doch höher schon die Schauer steigen, Allmählich sich die Knie neigen, Noch einmal seufzt er auf in Weh Und fällt dann taumelnd in den Schnee. Die Luft, so auf und nieder geht, Jetzt frischen Klang herüberweht, Nicht klaffend, wie zu Jagd und Lust, Nein, gleich dem Ruf aus Menschenbrust, Mit kurzen wiederholten Stößen, Wie Wächter die Signale lösen; Verhallend oft in Windes Rauschen, Der Ton auf Antwort scheint zu lauschen. Nun wiederum in weiten Reifen Sie spürend durch die Gegend schweifen Bald fern, bald näher; wie im Traum Der Greis vernimmt die Laute kaum. Nur einmal zuckend seine Hand Dem Knaben klemmt sich ins Gewand. Kein Schmerz mehr durch die Nerven wühlt, Kein Glied er mehr als eignes fühlt. Nur wie von tausend Ketten spielt Im Haupt ein wunderliches Klirren; Die Töne wechseln – sich verwirren – Nun wird's zum Klingeln – nun zum Schwirren – Nun wie ein linder Hauch vergeht's – Und leiser – leiser – leiser stets, Er schläft – – Zweiter Gesang                 Wo auf Sankt Bernhards Mitte recht Die Zinnen streckt der Felsenbau, In seiner Trümmer Irrgeflecht Ein Tal sich lagert, eng und rauh. Da harrt es nun in ew'gem Lauschen, Nicht Vogelsang, nicht Blätterrauschen, Nein, wie die Stürme Seufzer tauschen. Inmitten schwärzlich ruht der See, Der des verlornen Strahles Weh Gefesselt hält in seinen Flächen, So dort gleich dem Gefangnen liegt, Sich angstvoll an die Decke schmiegt, Den glas'gen Kerker zu durchbrechen. Und nah dem unwirtbaren Strand Das Hospital steigt in die Höh' So schlicht wie eine Klippenwand, Der Wandrer unterscheidet's nicht. Nur wenn ein Klang die Stille bricht, Vom Hochaltar das ew'ge Licht, Wenn's durch die Nacht den blassen Schein Wirft in das Schneegefild hinein, Lenkt er zur Schwelle seinen Schritt, Der wahrlich sonst vorüberglitt. Denn in der Dämmrung ungestalt Erscheint es wie ein Felsengrat, Rings eingekerbt von weitem Spalt. Doch jetzt ein Flockennebel kraus Löscht duftig alle Formen aus. Die Schneenacht dieser ew'gen Wüste, Als ob sie nimmer enden müßte, So dicht die Mauern hält umrungen, In jede Zelle ist gedrungen. Auf allen Wimpern liegt der Mohn, Und nur des Schlafes tiefer Ton, Wie er bejahrter Brust entsteigt, Gespenstig durch die Gänge schleicht. Ein Augenpaar noch offen steht. Nachlässig, in verklommten Händen, Der Mönch des Glockenstranges Enden, Sich auf und nieder windend, dreht. Ermüdung kämpft in seinen Zügen, Die Nacht ist streng, der Dienst ist schwer. Wie die Gedanken abwärts fliegen, Er wirft den düstern Blick umher, Zumeist sein Auge ist gericht't Doch immer auf den Estrichgrund, Wo ew'ger Lampe schlummernd Licht Geträumet hat ein mattes Rund. In dieser toten Einsamkeit Der Bruder sich des Schimmers freut. Er weiß es selbst nicht, wie ihm ist, So öd, so öd zu dieser Frist. Das Dunkel, das im Bethaus waltet – Der leeren Bänke Reihn – ein Bild, Das scheinbar aus der Nische quillt – Und von der Decke hochgestaltet Manch grauer Heil'ger zürnend schaut – Zudem – das Eis an Wänden hängt, Vom Glockenstuhl ein Luftzug drängt, Wie endlos Bommeln überm Haupt Schier die Geduld dem Bruder raubt. Ob denn die Stunde nimmer endet? Doch still! die Klosteruhr sich wendet: Eins – zwei – und drei – das Echo dröhnt, Und auch der Mönch die Glieder dehnt. Er läßt den Strang, im Spähn verloren, Ihm summt's noch immer vor den Ohren. Nun knarren Türen, schlurfen Tritte, Ein Lichtstrahl durch die Ritze gleitet; Dann, haltend vor des Auges Mitte Sein Lämpchen in gebräunter Hand, Hervor Denis der Alte schreitet. Längst vom Gesetz dem Dienst entbunden, Hat er sich nimmer dreingefunden, Ein eifervoller Gottesknecht, Behauptend seiner Pflichten Recht. Grau ist sein Haar wie sein Gewand, Und da er bleibt am Pförtchen stehn, Den Finger mahnend aufgehoben: Du meinst den Alpengeist zu sehn. »O Eleuthère! soll man dich loben? Mein junger rüstiger Gesell, Ermattest du im Dienst so schnell?« Der Bruder lässig faßt den Strang Und läßt sogleich ihn wieder fallen: »Dem Vater wird die Zeit wohl lang; Ihr seid der Rüstigste von allen!« Dann steht er, streicht mit flacher Hand Die Falten von der Stirne Rand: »Nehmt's, Vater, heut nicht so genau, Die Nacht war gar zu wüst und rauh, Mir friert das Hirn am Schädel an.« – »Schlaf wohl!« versetzt der alte Mann. Sein Lämpchen zündet Eleuthère, Zupft an dem Dochte mit Bedacht Und nickt und murmelt drüber her: »Hab' ich mich je dem Dienst entzogen, Wenn Schnee die Pässe gleichgemacht Und jede alte Spur getrogen? Allein, was in der Jahre Lauf Uns reibt am allermeisten auf – Dies Läuten, Läuten durch die Nacht, Wo nicht das Schneehuhn kommt hervor, Wo nicht der Uhu selber wacht, Wo auf dem Bernhard klimmt kein Tor; Und wir –!« Er hebt die Lamp' empor. An dem Gemäuer, überall Steigt glitzernd auf der Eiskristall, Daß klar, wie in poliertem Stahl, Steht geisterhaft der kleine Strahl. »'s ist eben eine hies'ge Nacht«, Versetzt Denis, »doch kannst du sagen, Dich habe Trug hierher gebracht Zur Ruhe und bequemen Tagen? Und, Eleuthère, wie magst du wissen, Daß niemand in der Steppe wacht? Ich selbst hab' in Dezembernacht Vorzeiten diesen Weg gemacht. Ich macht' ihn, hab' ihn machen müssen , Und ratlos am Montmort gebettet, Hat unser Glöckchen mich gerettet. So treibt die Not« – der Alte schweigt, Doch nieder auf den Strang sich beugt, Und angeschlagen mit Gewalt Das Glöckchen durch die Steppe schallt. Dann – »Still! rief's meinen Namen nicht?« – »Nein, Vater.« – »Hast du nichts vernommen? Ein Schnauben, Scharren?« Jener spricht: »Ist's möglich! unsere Hunde kommen.« – »Still, Bruder, still!« – Man horcht aufs neu; Ein leises Winseln schleicht herbei Vom Klostertor, ein Stoßen, Kratzen, Ein Rütteln wie mit schweren Tatzen. »Schnell, Eleuthère! schnell aufgemacht! Schau, was der Barry uns gebracht!« Denis, gebannt am Glockenstrang, Doch immer schaut den Weg entlang. Nun nahen Tritte, ja gewiß – Die Gänge tappt's hinauf – allein Ein Hund scheint's und ein Mensch zu sein. Das Pförtchen öffnet sich. »Denis!« Ruft Eleuthère, »o seht doch hier Das gute, kluge, treue Tier!« Und nach ihm, schwer ermüdet, wankt Der große Hund in die Kapelle; Er dreht die Augen rings, er schwankt, Ihm hängt das Eis vom zott'gen Felle, Auf seinem Rücken liegt ein Kind, Ein armes Knäbchen, schier erfroren: Voll Reifen seine Löckchen sind; Die Hände hat es eingeklemmt In seines Trägers rauhe Ohren, Mit schwachen Beinchen sich gestemmt Um Barrys Leib: in Angst verloren, Wagt's nicht zu schrein, nur allgemach Ein Tränchen rinnt dem andern nach. »O Barry, brav!« der Bruder hebt Das Kind empor, das schaudert, bebt, Sich immer noch nicht fassen kann, Die kalten Händchen nun und dann An sein geblendet Auge hebt Und von dem wunderlichen Mann, Der, fort es tragend, kost und schilt, Sich angstvoll loszuwinden strebt. Hart nebenher, das Ebenbild Des Mönches schier, die Dogge trabt, Mit gleicher Einsicht fast begabt, Der auch den Knaben will ergötzen, Glutäugig, mit gehobnem Haupt, Gar liebreich in die Höhe schnaubt Und tummelt sich in wüsten Sätzen; Peitscht mit dem Schweif, steigt gähnend auf, Streckt seine breite Tatze auf Bis an das Kind, das vor Entsetzen Beginnt zu schrein, der Hund zu bellen. Die Fenster klirren, alle Zellen Beleben sich, und vorgeduckt Aus jeder Tür ein Mönchlein guckt. Und wie das Knäblein sie erschaun, Das Kindchen unter ihrem Dache, Da ist's, als ob die Sonne, traun! Auf jedem Angesicht erwache. Und alle eilen, wie betört, Ihm irgend Gutes zuzufügen; Auf die Geschichte keiner hört. Das ist das heilige Vergnügen, Das ist die unverstandne Macht, So über Kindes Leben wacht! Der Infirmier mit leiser Hand Die Glieder rührt, ob sie auch schwellen, Die Schuh ihm von den Füßchen zieht, Und heimlich an der Zellenwand Ein alterschwacher Mönch sich müht, Den kleinen Korb herabzustellen, Darin nach seiner tör'gen Art Er gute Bissen aufgespart. Dem Pater Koch nicht schnell genug Das Reisig will die Flamme zollen; Dort einer bringt ein warmes Tuch; Doch horch! die Gitterpforten rollen; »Der Prior!« läuft's von Mund zu Mund. Mit freud'gem Funkeln lauscht der Hund, Die Mönche mit den Brüdern schelten Und lassen sie den Lärm entgelten; Zur Zelle ein Noviz sich schleicht. Der Prior naht, gesetzt, doch leicht. Die Schritte, schon vor manchen Jahren, Der schlanken Gemse tödlich waren, Als auf dem Montblanc diese Hand Vergebens nie den Schuß entsandt. Und der Gewohnheit zähes Band Verrät sich noch bei grauen Haaren: Ja, dieser blauen Augen Blitz Scheint noch zu spähn des Geiers Sitz; Den Stab er in der Mitte faßt, Wie einst der Doppelbüchse Last. Fürwahr, als einst, gedankenschwer, Beratend in der Brüder Kreis Er zum Brevier griff ungefähr, Sah man das heil'ge Buch ihn schütteln, Wie's Pulverhorn die Jäger rütteln. So leis und fest die Schritte greifen Nun, redend, an des Gurtes Strang Die Sehne scheint er noch zu streifen. »Was, Brüder, zaudert ihr so lang? Der Barry hat das Kind gebracht, Allein – wer nahm das Kind in acht? Wo ist der Mann, wo ist die Frau, So auf den Bernhard es getragen? Seid, Väter, ihr umsonst so grau? Muß euch des Hundes Witz verklagen? Seht, wie das arme Tier sich müht, Euch eure Pflichten anzusagen, Wie's den Eugène am Kleide zieht! Ja, Barry, solche Lässigkeit Erfährst zum erstenmal du heut!« Hier wirft er einen Blick umher, Der trifft nur wen'ge, aber schwer; Zwei Brüder nur, von Schüchternheit An ihren Plätzen festgehalten. Schon in den Zellen sind die Alten, Schon zur gefahrumgebnen Fahrt An dieses Schneemeers falschen Küsten In Eile sich die Jungen rüsten. Bereit nun alles. Aus dem Tor Sechs Brüder treten hastig vor, Im Schneelicht wie ein Geisterchor. Die grauen Mäntel, Kappen rauh, An ihrem Fuß der Filzschuh grau, Gewirkte Gürtel um die Lenden, Der Eisenstachel in den Händen. Und ihrer zwei an Stangen auch, Die arme Leiche einzuschlagen, Ein festgerolltes Leilach tragen. Voran in der Laterne Schein, Die Funken sendend übern See, Tritt festen Schritts der Marronier; Den Alpstock trägt er in die Höh', So kühn wie den Kommandostab Der Feldherr über Schlachtfelds Grab. Er kennt die Stege, jeden Stein: Ein Felsgeäder, sichtbar kaum, Des Schneehuhns überjährig Nest, Geborgen in der Spalte Raum, Das Strombett, sich nur wenig dehnend, Ein Block, sich an den andern lehnend, Stellt ihm sogleich die Richtung fest. Denn täglich in des Hunds Geleite Grüßt er die toddurchhauchte Weite – Ja, jeden Tag und ganz allein! Drum man zu diesem Amte schafft Den Besten stets an Mut und Kraft. Doch seht, wer mischt sich in den Zug? Gebeugt, mit angestrengtem Schritte Denis ist in der Brüder Mitte. Du Alter, hast du nicht genug Durch dreißig saure Jahr' getragen? Nein, heute muß er es schon wagen. Ihm Eleuthère, des Trägen, Wort Bohrt wie ein Dorn im Herzen fort. Da hilft kein Mahnen, kein Versagen: Sie sollen sehn, die Leute jung, Der Alte tut auch noch genung. Schau, wie voran in weiten Sprüngen Den starken Leib die Hunde schwingen; Dickmaulig, scheckig, lang von Haar, Fest in den Gliedern ganz und gar, Nicht Wachtelhund, nicht Dogge ganz, Halb Spaniens, halb Englands Rasse, Ist's eine eigne edle Klasse. Die Augen drehn in klugem Glanz, Bei jedem Sprunge Schellchen klingen An ihrer Nacken Lederringen. Barry voran, obgleich in Scheiben Und Schollen sich die Zotten reiben, Der Barry mag zu Haus nicht bleiben. Bald geht es abwärts; näher schon Die ungeheuren Massen drohn. Den Totenschädel reckt Montmort Und scheint den Wanderern zu nicken. Der Weg, beengt von Felsenstücken, Die längs der Mutterklippe Rand Entrafft des Wintersturmes Hand, Muß oft an das Gestein sich drücken; Dann schlingt er mühsam sich heran, Springt über eingeschneite Zacken; Die Brüder wandeln Mann für Mann Und ziehn die Kappen in den Nacken. Zuerst manch abgebrochnes Wort Fliegt durch die Reihe hier und dort, Vom letzten Zuge, jener Frau, Die halb erstarrt man heimgetragen; Was in den jüngsten zwanzig Jahren Das Hospital an Leid erfahren, Gezählt an Kranken und an Bahren: Der Marronier weiß ganz genau Dir jeden Umstand herzusagen. Doch steiler sinkt der Pfad; vom Schaft Gestützt, eindrängend mit Gewalt Den Stachel in des Eises Spalt, Die Brüder nur mit ganzer Kraft Der strammen Sohle Gleiten hemmen, Und immer, immer näher sich Die glimmerblanken Riffe klemmen: Steil, zackenreich, ein Riesenschloß, Wo aus gespaltner Scharten Hort Sich niederdrängt des Winters Zeichen, Als wollten Riesenjungfraun dort Im Nebeltau die Schleier bleichen; Und oben drauf an Zinnenwand Die wunderlichsten Steingestalten, Um einen Zoll breit nur vom Rand Im Gleichgewichte scharf gehalten, Noch aufrecht, zu getreuer Wacht. Doch weiter – und in Schlummers Macht Die Häupter immer schwerer neigen, So schwindelnd aneinanderbeugen, Daß kaum in seinem höchsten Stand Läßt einen Strahl der Sonnenbrand Auf Augenblicke niedersteigen. Oft einer an des andern Hand, Die frommen Brüder, keuchend nur, Ein jeder in des Vormanns Spur, Verstummt auf ihre Tritte achten: Als noch des Himmels karger Schein Verlischt, und nur die Leuchte klein Flammt heller auf bei tiefrem Nachten. Sieh an des Glimmers reinen Scheiben Den Strahl sich mit Geflatter reiben, Ein Silbernetz auf Felsen webend Und an der Brüder Kutten bebend, Die reiferglänzend ganz und gar Nachziehn wie des Kometen Haar. Wie lang die Schlucht, die Nacht wie kalt! Des Nordes schneidende Gewalt Strömt langsam durch die schmale Gasse, Sich öffnend nur nach Mitternacht. Die Brüder mit der Sohle Rand Und wechselnd dieser, jener Hand Den Schaft der Eisenstange schlagen, Daß nicht der Frost die Glieder fasse. Nur kaum vermögen sie's zu tragen; Und einen hört man heimlich klagen, Der noch in keiner solchen Nacht Den Klosterzug hat mitgemacht. Frei wird die Bahn, doch milder nicht; Der Wind sich an den Klippen bricht Und wirft ihm Flocken ins Gesicht. »Hätt' er's gewußt, hätt' er's gedacht! Es ist zu arg!« und – »Horch!« sie lauschen, Nicht fern seitab Gewässer rauschen, Doch kollernd, dumpf, wie überdacht Von einer Röhre hohlen Gängen. Die Hunde schnaubend näher drängen, Und Barry plötzlich wie gehetzt Zur Seite in den Flugschnee setzt; Steht still dann, winselt, schaut sich um, Dann fort er watet, mühvoll stöhnend, Versinkend oft, nun auf sich dehnend, In kurzen Sprüngen weiter jetzt: Und immer mit gestoßnem Laut Er rückwärts nach den Brüdern schaut. Voran der Marronier, geschürzt, Sein Mantel unterm Arm sich kürzt; Die Brüder nach mit weiten Schritten, Versenkt bis an des Leibes Mitten; Und rechts und links die Hunde klimmen, Im aufgerührten Schneemeer schwimmen, So vorwärts: »Halt!« der Führer ruft: »Hier stehn wir an der Drance Kluft! Nicht weiter!« Aber Barry leicht Mit einem Satz den Stamm erreicht, Der zweier Felsen Rücken bindet; Tief drunter sich die Drance windet, Wo aus gesprengten Eises Spalt Das Wasser brodelt mit Gewalt. Nur einmal sich der Barry schüttelt, Die Flocken aus dem Pelze rüttelt, Im Hui schwindet: längs der Kluft Hört man ihn rauschen übern Duft. Der Marronier die Leuchte jetzt Dicht an den Rand der Tiefe setzt. Auf steigt die alte Fichte weiß, Ein ungeheurer Zapfen Eis, Wo überall gleich Bergkristallen Die blanken Stengel abwärts fallen, Wie sich der Tropfstein bildet leis In feuchter Grottenwölbung Hallen. Und drunten das Gewässer schäumt, Sich sprühend an der Scholle bäumt, Wirft Perlen auf, in Bogen springt Und tiefe, heisre Weisen singt, Wo pfeilgeschwinder Wellen Zug Des Strudels Macht verrät genug, Bis, nicht zu fern, des Winters Macht Aufs neu in Fesseln es gebracht. Die Brüder stehn und sehn sich an. – Der Marronier, der feste Mann, Streicht mit den Fingern bald die Sohlen, Bald prüfend auf den Steg sie reibt Und in die Tiefe blickt verstohlen. Kopfschüttelnd spricht er: »Brüder, bleibt! Hier ist nur sichrer Tod zu holen; Der Wildbach hat den Steg beschwemmt, Seht, wie das blanke Eis sich dämmt: So sei die Leiche Gott befohlen! Was für den Lebenden uns Pflicht, Das bleibt es für den Toten nicht. He, Barry! Barry!« Aber dicht Von drüben Wind und Stromes Rauschen Ein wohlbekannter Ruf durchbricht, Erst kurz gestoßen – alles still – Dann folgt ein ungeduldig Heulen, Man hört ihn hin und wieder eilen; Nun scheint er an der Kluft zu lauschen, Wo überm Rande, weiß umhegt, Ein matter dunkler Fleck sich regt. – Und plötzlich in des Steges Mitte Erscheint die zottige Gestalt: Ein Sprung – sich vor den Brüdern schmiegt Das fromme Tier; es winselt, keucht, Am Marronier sich angstvoll streicht, Zupft an den Kleidern mit Gewalt. »Ich fürcht' – ich hoffe – ja, ich glaube –«, Haucht ein Noviz, der Angst zum Raube, »Was drüben liegt, tot ist es nicht.« Und »Barry! alter Barry! « spricht Der Führer, streichelt sanft das Tier, Vielleicht zum erstenmal verlegen In seines Amtes schwerem Segen. Da stöhnend durch den Schnee sich bricht Denis, die morschen Knie schüttern, Vor Zorn mehr als Erschöpfung zittern. »Zurück!« ruft er, »ich will voran!« Trifft mit dem Arm und grimmen Blicken Was schnell nicht aus dem Pfad kann rücken, Und vorwärts bricht der rauhe Mann. Betäubt, fast willenlos die Brüder Gestalten einer Kette Glieder; Nun vorwärts, mit verschränkten Händen; Der Himmel mag ein Unglück wenden! Er hat's gewandt: tief atmend setzt Jenseits den Fuß der letzte jetzt. Nur einen Blick, der war nicht süß, Schenkt den Genossen noch Denis, Brummt etwas noch von »trägen Hunden«; Dann hat er schon den Ort gefunden, Wo, an die Felsenwand geschmiegt, Benoit, der alte Senne, liegt Und neben ihm der Barry gut, Der Wanderstab, der breite Hut. Sein Mantel, oben festgehalten Durch der erstorbnen Finger Band, Scheint, unten offen, aus den Falten Gezerrt von ungeschickter Hand, Wo in dem Schnee steckt tief genug Die Flasche, so der Barry trug. Zu Nacht gefallne Flocken haben Den Körper mehr als halb begraben: Wenn nicht ein Knie sich aufwärts streckt', Man hätt' ihn nicht so bald entdeckt. Herbei, Elias! fromme Raben! Stemmt euch, hebt, hebt, das Leilach breitet! Die steifen Glieder, drein geschlagen, Ein Bruderpaar sich stumm bereitet, Auf seinen Schultern heimzutragen. Derselbe Paß, erhöhte Not! Bräch' jetzt hervor des Mondes Licht! Auf allen Zügen steht der Tod, Doch keine Lippe widerspricht. Zuerst der Marronier gebeugt Dicht an den Steg die Leuchte streicht, Daß jeder sieht zu jeder Seite Der überglasten Wölbung Breite. Schwieg' jetzt des Strudels Rauschen auch, Man körte keines Atems Hauch, Und mancher schlöss' die Augen gar, Doch reißt sie offen die Gefahr. »Nur langsam – flach den Fuß gesetzt – Des Vormanns Stange jeder fasse! – Und seid auf einen Ruck bereitet, Wenn einer schwankt, wenn einer gleitet; Nur immer langsam – Schritt vor Schritt!« – Ha! auf den Grund der erste tritt Und zieht mit seiner festen Hand Die ganze Kette an den Strand. Und jeder, wie er fühlt das Land, Den Atem stößt mit voller Kraft Aus der befreiten Kehle Haft. Dem Himmel Dank! das war ein Wagen! Hat niemand es zu künden Lust? Doch war sich keiner in der Brust Nur eines sichern Schritts bewußt, Und keinem blieb, so kühn er sei, Das Auge klar, Bewußtsein frei, Als sie, wo drunten Wogen spülten, Der Sohle leises Gleiten fühlten Und in der Hand, verklommen, zitternd Die Stange hin und her sich schütternd. Ja, Gottes Huld hat sie getragen, Des Herrn, so sprach: »Ich bin dein Reich«, Und: »Meinen Engel send' ich euch.« Erst späterhin und fern vom Stege Löst mählich sich der Zungen Band, Und wenn auch auf demselben Wege, Den früher man so übel fand, Scheint doch nach dem, was man befuhr, Ein Kinderspiel die Heimfahrt nur. Entschlossen wird der Fuß gesetzt, Was schlüpfrig sonst, scheint sicher jetzt; Auch klimmt sich's leichter wohl hinan Als abwärts auf beeister Bahn. Nah ist der Tag, der Frost gewaltsam; Allein die Luft, da man gekehrt, Den Wandernden so unaufhaltsam Nicht ferner in die Augen fährt. Und wer sie hört, nicht sollte sagen, Daß diese einen Leichnam tragen; So überstandne Fährlichkeit Die Herzen stimmt zur Heiterkeit. Man lockt die Hunde, lobt und streichelt, Geplauder wechselt durch die Reihe, Zumeist bei der Gefahr es bleibt; Und wie's der Phantasie nun schmeichelt, Wenn dieser spricht mit Heldenweihe, Die Schrecken jener übertreibt; Der Marronier auch redet drein, Die Träger selber stimmen ein; Sogar das Lachen überrascht Den Jüngsten, als ein Bruder gleitet, Nach der entfallnen Kappe hascht Und stolpernd auf dem Alpstock reitet. Doch wen dort, als von ungefähr Der Lampe Schimmer sich verbreiten, Sieht hinterm Zuge man von weiten? Denis! Wird ihm der Weg zu schwer? Man ruft und harrt, er schreitet an. »Reicht mir die Hand!« ein Bruder spricht, »Stützt euch auf mich!« Der alte Mann Erwidert: »Müde bin ich nicht.« Dann setzt er an mit festem Schritt Und rüstig in die Reihe tritt. Was wohl den Mann betroffen hat? Nicht kraftlos scheint er, in der Tat! Und doch ihm in so kurzer Frist Die Stimme klein geworden ist. Wie das Gespräch sich wieder rege, Er wandelt stumm und träumend fort; Und fällt auch wohl ein schlimmes Wort, Daß allzuviel in dieser Nacht Um eine Leiche sei gewagt – Nur tiefer sich der Alte bückt, Nur in den Schnee die Ferse drückt, Und der, so geht zunächst im Wege, Meint, täusch' ihn nicht des Frostes Knistern, Er höre schwere Seufzer flüstern. Was wohl das gute Mönchlein quält? Dem alten treuen Männchen fehlt? Indessen nun zum zweitenmal Hat man die Klippenschlucht betreten; Hier sind die Sinne all vonnöten. Hu, wie der Wirbel streicht durchs Tal! Die Luft gleich Äther scharf und fein! Sogar die Worte frieren ein. Und wieder hört man durch die Stille Der Mäntel Reiben an den Kappen, Des Tritts Geknarr, des Alpstocks Klappen; Und jeder schmiegt sich in die Hülle Und treibt den Fuß, so sehr er kann, Voran, und immer nur voran. Das Lampenlicht, was hier zuvor Um Vließe duftbestreut geflogen, Trifft sie mit Eise jetzt umzogen, Und ganz von Glas erscheint der Chor. Voran, voran! zieht sacht den Hauch, Und streicht die Kappe dicht ans Aug'! Voran! – Schaut nicht die Klippe hier Fast wie ein formlos wüstes Tier? Hier ein verstümmelt Riesenhaupt, Das rechte Aug' ist ihm geraubt. Voran, voran! – Was flattert dort? Ein Lämmergeier, aufgeweckt Aus seinem Lager, flieht erschreckt, Gefangen in die Passes Enge. Seht, wie er angstvoll krallt die Fänge! Zurück! zurück! er naht dem Licht. Und nun er überm Leilach schwebt, Mit ausgespanntem Fittich bebt. Die Lampe bergt! Da steigt er auf, Ums Riesenhaupt noch einmal kreisend Und pfeifend, daß die Gasse schallt; Und nun verschwimmt er in die Nacht. Noch einmal, sein Gekreisch verhallt. Gott Lob! jetzt hebt die Leuchte auf! Leicht wird des Weges Rest vollbracht – Ein Schimmer, nach dem Ausgang weisend, Des Tages erster Bote scheint. Ganz recht! hier öffnet sich das Tal! Die Brüder schaun empor zumal: Montmort steht schwarz, die Jungfrau grau: Doch südlich im versenkten Blau Die mächt'ge Rosenkuppel schwebt, Bewegungslos am Äther hängt, Und unter ihr Gewölke webt. Es ist die Stirn, so stets empfängt Den ersten Strahl, der niedersank, Es ist der Alpenfürst Montblanc. Allein des Dunkels Überrest Verdoppelt auf die Fläche preßt; Formlose Massen noch, die Höh'n Im Horizont verschwimmend stehn. Nur links am breiten Felsenturm Erscheint, ein mächt'ger Feuerwurm, Die ew'ge Lampe, deren Strahl So milde winkt ins Hospital. Noch tausend Schritt – die Wandrer keuchen, Noch hundert Schritt – sie stehn am Tor. Und eben bricht, ein glühend Zeichen, Verschämt der Jungfrau Stirn hervor. Was zaudert Bruder Pförtner noch? Vielleicht vom Schlummer aufgestört? Du alter Benoit, hat dich doch Dein Wunsch ins Hospital gebracht! Ach, anders gar, wie du gedacht! Da klinkt das Schloß, und eben hört, Als grade sie ins Tor ihn tragen, Man sechs die Klosterglocke schlagen. Der Infirmier indes zu Nacht Durch Schmeicheln und geduld'ges Fragen Vom Knäbchen hat herausgebracht: Wie Mutter schon vor vielen Tagen Geschlafen, Vater auch nachher, Der wenig Stunden krank gewesen, Und beide gar nicht wachten mehr. Wie anders dann Großvaters Wesen, Wie sein Gesicht geworden schmal; Und wie er gestern erst vom Tal Bei argem Frost und harter Müh' Getragen ihn auf üblen Wegen Und viel erzählt von Saint-Remy, Wo Tante Rose ganz genau Ihn wie die Mutter werde pflegen, Etienne la Borte, des Sennen Frau. O wohl, mein armer Henri, dir, Daß du entschlummert unter Klagen, Da sie vorbei an deiner Tür Jetzt deinen guten Ätti tragen! Sähst du so blau das Antlitz treu, Zu stillen nicht wär' dein Geschrei. Im Krankenzimmer schon die Glieder Man hüllt in Schnee, man bürstet, reibt, Sucht den entflohnen Atem wieder Ihm einzuhauchen; alle Brüder Verstummt und lauschend stehn dabei. Kein Regen – und der Kerze Licht Kein Zucken zeigt im Angesicht; – Am vorgehaltnen Flaume nicht Ein schwaches Fäserchen sich beugt, Und mählich schon das Morgenrot Bis an den Rand des Tales steigt. »Ihr Brüder!« nun der Prior spricht, »Es scheint, der arme Greis sei tot. Doch tut noch ferner eure Pflicht; Ihr seid zur eignen Seele Frommen Bis jetzt ihr treulich nachgekommen: Allein zumeist, das ist gewiß, Am allermeisten tat Denis. Wo ist er? nun, er ruht wohl aus! Und sicher war's ein harter Strauß Für seine Jahre.«... Ach, Denis An keinen Schlummer denkt gewiß Vor dem Altare, wo im Bild Die Gottesmutter rauchgeschwärzt Ihr eingeräuchert Kindlein herzt, Verzeichnet, bunt, doch gut genug, Da es dem Manne sonder Trug Mit Andacht so die Seele füllt; Denn ganz besonders hat er sich Geweiht der Jungfrau minniglich. Was mag ihm so zu Herzen gehn? Die Falte um den Mund, dies Stöhnen – So hat man sonst ihn nicht gesehn. Wie, schmolz der Mauerduft? Sind's Tränen, Die niederfallen auf den Stein? Dies feste Auge scheint mir nicht Gewöhnt zu solcher Tropfen Pflicht. Der Alte ist ja ganz allein! Stets weiß die Jungfrau, was er denkt: Wär' zehnfach herber auch sein Grämen, Vor ihr braucht er sich nicht zu schämen. Indes das Dämmergrau zergeht; Nur einzeln in die Mauerlücken Sich kleine schwarze Schatten drücken. Schon in der Fenster Mittelscheiben Die rote Sonnenkugel schwebt; Viel goldbestreute Wölkchen treiben, Die ganze Luft ist glanzdurchbebt. Im Morgenlichte doppelt mild Dem Beter scheint das Mutterbild; Selbst Märtyrer aus Gitterschrein Nicht all so kläglich schauen drein. Und nun das Diadem, das klare, Am Haupt der Tagesfürstin ragt: Da aus dem Winkel am Altare Den letzten Schatten sie verjagt. Sich von den Knien hebt Denis, Ein andrer Mann; die Finger leis Streicht er durch seine Löckchen weiß, Er ordnet sorglich sein Gewand, Dem eingedrückt des Estrichs Sand, Und zu den Brüdern, die noch immer Versammelt sind im Krankenzimmer, Begibt entschlossen sich der Greis. Doch als er nun die Türe lichtet, Auf ihn sich jedes Auge richtet; Da – deut' ich recht der Finger Zucken, Am Gurt das unbewußte Rucken, So sinkt ein wenig ihm der Mut, Auch in die Wange tritt das Blut. »Wie, alter Vater! schlaft Ihr nicht?« Ruft ihm der Prior schon entgegen, »Nein, Maß muß sein in allen Wegen, Auch ihre Schranken hat die Pflicht. Ihr scheint's Euch heute vorzunehmen, Uns alle gründlich zu beschämen, Und Ihr seid matt, man sieht's Euch an, Zu Bett, zu Bett!« Der alte Mann Steht lautlos und in seiner Not Aufs neu beginnt das Kleid zu reiben, Als sollte nicht ein Stäubchen bleiben: Bis an die Stirne steigt das Rot. Dann holt er tief und tiefer aus, Und zitternd bricht die Stimm' heraus: »Nein, lobt mich nicht, ich bin's nicht wert! Ich will den schlimmsten Vorwurf dulden Und daß ihr mir den Rücken kehrt! Allein vergebt mir meine Schulden, Der alte Feind hat mich betört, Der alte eingefreßne Zorn, Im Herzen mit ein steter Dorn, Seit ich in meinen jungen Tagen Den Sennen blutig einst geschlagen.« Hier stockt er, seufzt so tief betrübt, Daß jede Brust ihm Antwort gibt. »Als ich nach einem Ausweg sah Am Drance-Rand die Brüder suchen, Da fühlt' ich seine Kralle nah Und innerlich begann zu fluchen. Und als nun sprach der Marronier: ‚Hier ist nur sichrer Tod zu holen‘, Und: ‚Sei die Leiche Gott befohlen!‘ Es kribbelt' mir durch alle Glieder: Den Alpstock hob ich in die Höh', Dem Himmel Dank, ich senkt' ihn wieder, Und als nun endlich, als am Strand Barry, das unerschrockne Tier, Ich treu auf seinem Posten fand: Da hab' ich, hab' in Zornes Brand Den Bruder einen Hund genannt.« Er atmet auf: »Es ist heraus! Ihr Brüder, ach, vergebt dem alten Verstockten Mann, was ich verbrach; Kein böses Beispiel bleibe nach. Vergib mir, Bruder!« Ganz gebeugt Zum Marronier er langsam schleicht Und küßt voll Demut ihm die Hand. Dann, eh' noch einer spricht ein Wort Vor Rührung, Staunen, tiefer Scham, Schon stapft er durch das Zimmer fort, Nicht ganz so trübe, als er kam, Um sich in seine Zelle klein Drei Tage, frierend und allein, Bei Brot und Wasser einzuschließen. Noch immer stehn die Brüder stumm, Und jeder heimlich schilt sich dumm, Daß sie den Alten ziehen ließen. Die Stirn soldatisch in die Höh', Am steifsten steht der Marronier. Zuerst das lange Schweigen bricht Der Prior: »Was wir alle denken, Ihr Brüder, brauch' ich nicht zu sagen. Denis will uns in diesen Tagen Nicht nur von wandelloser Pflicht, Von Reue auch ein Vorbild schenken. So demutsvoll ein Christ nur handelt: Deshalb« – er stockt und wendet sich, Denn eine Regung wunderlich In Zittern ihm die Rede wandelt. Der Prior sich zur Seite kehrt Und, dem Erstarrten zugewandt, Die steifen Glieder abwärts fährt, Den Flaum noch einmal mit der Hand Bringt langsam an des Mundes Rand, Erst quer, dann senkrecht aus der Höh'. Nun hebt er sich, vom Bücken rot: »Eugène und Louis! nehmt ihn fort! Jetzt gleich! Und, Bruder Clavendier, Zum Sennen Etienne la Borte Schickt nach Remy! Der Mann ist tot.« Dritter Gesang                     Savoyen! Land beschneiter Höh'n, Wer hat dein kräftig Bild gesehn, Wer trat in deiner Wälder Nacht, Sah auf zu deiner Wipfel Pracht, Wer stand an deinem Wasserfall, Wer lauschte deiner Ströme Hall: Und nannte dich nicht schön? Du Land des Volks, dem Reiche weihen Ruhmvoll den Namen des Getreuen, Bist herrlich, wenn der Frühlingssturm Die Berggewässer schäumend führt, Und deiner Fichten schlanker Turm Sich mit den jungen Nadeln ziert; Bist reizend, wenn die Sonnenglut Erzittert um den Mandelbaum; Doch in des Herbstes goldner Flut Du ruhst gleich dunklen Auges Traum. Dann treibt der Wind kein rasselnd Laub Durch brauner Heiden Wirbelstaub; Wie halbbezwungene Seufzer wallen, Nur leis die zarten Nadeln fallen, Als wagten sie zu lispeln kaum. – Der Tag bricht an; noch einsam steigt Das Sonnenrund am Firmament. Am Strahl, der auf und nieder streicht, Gemach der Erdbeerbaum entbrennt. Noch will das Genzian nicht wagen, Die dunklen Wimpern aufzuschlagen; Noch schläft die Luft im Nebeldicht – Welch greller Schrei die Stille bricht? Der Auerhahn begrüßt das Licht! Er schaukelt – wiegt sich – macht sich breit, Er putzt sein stattlich Federkleid, Und langsam streckt ihr stumpf Gesicht Marmotte aus hohlen Baumes Nacht: Das Leben, Leben ist erwacht! Die Geier pfeifen, Birkhahn ruft, Schneehühner flattern aus der Kluft, Die Fichten selbst, daß keiner säume, Erzählen flüsternd sich die Träume, Und durch Remy geht überall Ein dumpf Gemurr von Stall zu Stall. – Schau! drunten an des Weilers Ende, Wie öffnet sich das Glas behende! Und in dem Rahmen, vorgebeugt, Ein bräunlich frisches Weib sich zeigt; So jung noch, unter zwanzig Jahren – Bezeugt doch in den schwarzen Haaren Das Mützchen und bescheidne Band Den ehrenhaften Frauenstand. Halb schläfrig scheint sie aufgewacht: Sie blinzelt – hebt die Hand hinauf – Zur Uhr am Turm – zum Nußbaum auf, Wo schon der klare Sonnenstrahl Schattiert die Blätter allzumal; Dann, halb gewendet, tritt zur Schau Des Nackens kräftig voller Bau. Sie wiegt das Haupt – sie nickt – sie grüßt, Und wieder sich das Fenster schließt. In Saint-Remy der Tag beginnt. Die aufgestoßnen Laden winken; Bald hier, bald drüben Riegel klinken, Im Bette weint das kranke Kind, Ein Mütterchen, gebückt genug, Zum Borne schleppt den Wasserkrug. [Noch wenig Schritt', dann bleibt sie stehn] Horch, Glockenklang von Saint-Oyen! Nur mit dem Winde, ganz von Weiten Nun in der Schlucht beginnt's zu läuten, Nun drunten an des Berges Fuß; Nun stimmt mit seinem Glöckchen klein Pantaleons Kapellchen ein. Welch Tongewirr, welch Schwirren, Singen! Die Klüfte, Felsennadeln klingen, Sankt Bernhard mit gewicht'gem Ton Gibt Antwort aus der Wolke schon; Und drüben an der Raine Sitze Die Nestchen sind erwacht vom Schall; An Fenstern fahren schwache Blitze, Und hier und dort und überall Aus der zerstreuten Hütten Türen Hervor die kleinen Gruppen gleiten, Und wie die Pfade schlängelnd führen, Verschlungen vom Gestrüppe schnell, Beschattet halb, dann wieder hell, Ein Farbenspiel von allen Seiten: Blau, Grün und brennend Rot genung, Wem nur das Auge scharf und jung, Der sieht schon an der Frauen Mieder Das Goldkreuz, die Grananten flimmern, Geflitter wehn vom breiten Hut Und aus des Senners Jacke schimmern Den feuerfarbnen Brustlatz gut! Ei! wie zum Brunnentrog gekehrt Das Mütterchen zusammenfährt: Ihr überm Haupt beginnt im Turm Des Glockenrufs gewalt'ger Sturm. Eins – zwei – drei Schläge, dann im Takt, Wie der Orkan die Felsen packt: Herbei, herbei, zur Jahrmarktsfrüh, Nach Saint-Remy, nach Saint-Remy! Welch Treiben! welch Gewimmel! auf Im Weiler alle Türen fahren, Draus hastig die Bewohner gleiten Hervor mit Rosenkranz und Buch, Die Mädchen streichen an den Haaren Und zupfen noch am Busentuch, Und in das Dorf von allen Seiten Geschwister, Freunde und Bekannten, Aus Tievero, Guignard die Verwandten, Sich stellen ein zur Jahrmarktsfeier, Der steife Greis, der flinke Freier, Matthieu, Savoyens bester Schütze, Charlot der Ringer, Pierre, im Lauf Der Gemse gleich, des Berges Blitze, Der Säumer mit gewirkter Mütze – [Zum Kirchhof drängt's in buntem Hauf]; Macht Platz dem Pfarrer! Alles rückt – Und langsam tritt der würd'ge Mann In das Gewühl, den Nacken drückt Schier ein Jahrhundert, was entrann [Im stündlich mehr zerspülten Gleis]; Nicht sparsam ist sein Haar, doch weiß, Weiß wie der mächt'ge Alpengreis, Der ihn mit seinem Anblick klar Gestärkt durch sechsundneunzig Jahr; [Doch ungebeugten Geistes Gut Verrät der Rede milde Glut, Wenn Seufzer, die gen Himmel steigen, Verehrten Wortes Kraft bezeugen. Nur wenig ist der Blick getrübt, Und sein Gedächtnis Rechnung gibt Von langverschollenem Beginnen.] Er schreitet fort – was mag er sinnen? Wie Grab an Grab vorüberrinnen? »Dich sah ich einst so froh und wach – So trutzig dich am Jahrmarktstag – Dein Leid hab' ich mit dir getragen – Gestillt im Tode dein Verzagen! Auf eure Gruft der Enkel tritt, Und ich – noch einmal tret' ich mit!« Nun Glockenklang verhallt – Gedränge Verrinnt, zum letzen Male fallen Der Kirche Türen, in den Hallen Ersteht die Feier der Gesänge; Erst schwach – verstärkt – ein voller Chor [Die ungeschmückte Melodie] In strenger Einfalt steigt empor. Er hebt sich – schwillt – sie ist verstummt. Nur leise, wie die Biene summt, Ganz leise scheint die Luft zu beten. Am eingesunknen Leichenstein Lehnt feiernd sich der Sonnenschein, Und mit entblößten Häuptern treten Die Alpen aus dem Duft hervor; So fromm sie stehn, so ehrfurchtshehr – Fürwahr, es wird dem Menschen schwer, Daß er bewußtlos glauben soll, Wem so gewalt'ge Stimme eigen; Wenn flüsternd bald, bald donnernd steigen Die Laute zu der Alpe Sohn, Er kennt ihr Antlitz, ihren Ton. [Was je durchzittert seine Brust, Der Berg hat Antwort ihm gegeben, Und manche Blicke, schuldbewußt, Vor Alpenbrauen Zürnen beben. Wie mild, wie väterlich, wie traut Sankt Bernhard auf sein Dörfchen schaut! Kein Schatten seinen grauen Schimmel Streut auf den frischen Sonntagshimmel, Nur an der Jungfrau Stirne rein, Gleich aufgelöster Tränen Schein,] Ein flockicht Wölkchen webt und flimmt – Es schmilzt, es gleitet, es verschwimmt, Und wieder stützt die hohe Frau Mit ihrer Stirn des Himmels Bau. Sieh dort! ein weißer Strich am Rain, Ist's ein entfallnes Tuch? – doch nein, Es regt sich – ist's ein irres Lamm? Ein Vogel? Von des Hügels Kamm Steigt's abwärts – immer näher – ha! Du, gutes Mönchlein, kommst gewiß Zum Gottesdienst, ein Hindernis Hielt dich so lang! – Der Pater tritt Gewaltig zu – doch zeigt sein Schritt, Sein Antlitz minder Eil' als Trauer. Wie reibt er mit dem Tüchlein weiß Sich von der Stirn den herben Schweiß! Naht nun der Kirche – nein, er geht Vorüber – um die Kirchhofsmauer, Wo dicht am Born die Hütte steht; Pocht an die Tür, ans Fensterlein – Umsonst – ans zweite, dritte Haus – Da endlich streckt ein Mädchen klein Sein sonnenbraun Gesichtchen aus. Es deutet nach des Dorfes Rand, Der Pater lächelt, legt die Hand Ihr segnend auf das dunkle Köpfchen, Bereits geziert mit Band und Zöpfchen, Und zieht fürbaß – bis schwach belaubt Der Nußbaum weht, das Bärenhaupt Geehrten Schützens Wohnung kündet. »Noch nicht?« – Er zieht den Fuß zurück, Nun pocht er, tritt nun unters Dach, Verwundert sieht das Kind ihm nach. Und horch! im selben Augenblick Ertönt's vom Turm in dumpfen Schlägen. Der Priester gibt den heil'gen Segen, Und dann das aufgerißne Tor Die ganze Menge läßt hervor. Wie's strömt, wie's wogt! mit Gruß und Nicken Die Mütter zu den Kleinen eilen, Und hastig durchs Gedränge drücken Sich flinke Krämer, sonder Weilen Ihr luftig Zelthaus aufzuschlagen; Zum Anger, wo die Stangen ragen, Schiebt sich ein Trupp, man will doch sehn, Welch Ziel dem Schützen? – ob gegeben Die Laufbahn frei? – der Ringplatz eben? Des Matthieu Büchse wird besehn, Charlot reckt seine sehn'gen Glieder, Pierre Luce blickt lächelnd und verschmitzt Auf seine schlanken Knie – und wieder Wie's drüben an der Kirche blitzt Von Kreuz und Halsband, Strauß und Mieder! Die Männer hell, die Weiber fein In kosendem Geplauder schrein, Viel blaue, grüne Röckchen wehn [Mit ihren handbesetzten Falten], Gleich bunten Rädern sieht man's drehn, Und Schleifen an den Hüten, stehn, Hand in die Hüfte, Strauß im Latz, Die Burschen keck und stämmig; alten Gesetzten Leuten wird es schwer, Zu keuchen durch den Strom umher. [Allüberall Getändel, Funken Aus schwarzen Augen jahrmarktstrunken; Das gellt! das winkt! »Bon jour, Manon!« – »A moi! Gervais!« – »Ici, Caton!« ] Und wie beweglich gehn die Glieder! Wie wehn die Bänder! – wahrlich! wieder, Nach kaum verklungner Hymne Ton, Pfeift's dort ein Schelmenliedchen schon: »Gianetta, vieut tu bieaux habits?« O südlich Blut! o Saint-Remy! Du wunderbare Christenheit, So fromm, und doch so schnell zerstreut! »Hör, Rose, Rose – hier!« allein Geschäftig schlüpft die junge Frau Durch das Gewühl, sie lächelt schlau Und zeigt der Zähne weiße Reih'n: »Nachher, René! Manon, nachher – Ich muß zu Haus, es ist mir leid!« Soeben kam ihr der Bescheid, Ein Bruder aus Sankt Bernhards Zellen Begehre Botschaft zu bestellen. Da geht sie hin – so fest und drall. Fürwahr, nicht schlechten Mannes Weib. Die Falten drehn in üpp'gem Fall, Ein seidnes Mieder schmückt den Leib. [Silbern die Nadel blinkt im Haar, Das Ohrgehäng' verguldet gar.] Im Gehen sinnt sie: »Was der Pater Mir will – Botschaft vielleicht vom Vater? Nicht zum Termin ist's an der Zeit, [Jedoch – das Jahr war nicht zu loben – Knapp wird's den guten Brüdern droben.] Gottlob, die Spende liegt bereit, [Zuerst die Butter, dann das Kleid, Das Geld dann; kam er später her, Gab's wohl ein paar Paolo mehr –]« Nachdenklich an den Fingern zählend Tritt sie ins Haus; sie rechnet fort: »Noch dies und dieses...«, emsig wählend, Und dann: »Gelobt sei Jesus Christ!« »In Ewigkeiten, Frau La Borte!« – »Bleibt still am Feuer, Herr, es ist Ein saurer Weg, den Ihr gemacht!« »Ja, Frau La Borte, ein saurer Weg!« »Man sagt, verschüttet sei der Steg Bei Vacherie, in letzter Nacht Hat die Tormenta arg gewütet!« »Der Herr hat Vacherie behütet. Nur in des Pain de Sucre Paß Hat sich ein Eisblock abgelöst, Doch sonder Schaden.« – »Vater, was – [Kann ich Euch bieten? Ihr seid blaß]; Doch wartet« – und durch eine Tür Schlüpft rasch sie in der Stallung Reih'n, Wo, schüttelnd schlanker Hörner Zier, Die Rinder schnaubend wiederkäun. – »Etienne, da drüben vom Hospiz Hat sich der Bruder eingefunden. Geh schnell! – die Wolle ist gebunden, Das Kleid liegt unten tief im Schrein. [Und schnell! Wir haben viele Gäste, Das halbe Land stellt sich zum Feste], Pierre Luce ist hier, auch Manons Sohn; Matthieu besah die Preise schon, Und alles ist ihm nachgerannt, Man meint, der Heiland komm' ins Land!« – »Hm«, spricht der Senn' und schüttelt sich, »Der Matthieu denkt, er kann's allein, Doch gibt's noch andre sicherlich, [André – François – Renard – und dann –]« Verschlagen lächelnd steigt er fort, [Sich lässig an den Ständern haltend], Von Trog zu Trog, ein hübscher Mann, In scharfen Zügen Witz entfaltend, Um Lipp' und Wang' ein wenig Hohn –, Savoyens echtgeborner Sohn. Er wirft das Haupt und murmelt fort, Klatscht kosend den gewalt'gen Stier – [Was gibt's? ein Schrei! so schmerzerfüllt, Wie's aus gebrochnem Herzen quillt!] Ein mattes Ächzen! Hin zur Tür – [Er stößt sie auf – da liegt sein Weib] Das Haupt auf einen Stuhl gebeugt – [Angstvoll ihr Busen sinkt und steigt] – Ficht mit der Luft wie sinnverloren. – „Was ist dir, Rose? – Rose, sprich!“ Umsonst – sie wimmert, windet sich – [Dann um des Gatten Knie fest Sie krampficht ihre Hände preßt: »Etienne!« ruft sie, in Schmerz verloren], »Etienne, mein Vater ist erfroren!« Und mit dem ersten Worte schnell Entstürzt der bittre, bittre Quell, Und wie der Wind die Espe rüttelt, Den ganzen Leib ein Schauder schüttelt. [Ihr Gatte nimmt sie in den Arm: »Wein', liebe Rose, weine nur!« Sie stößt ihn fort in ihrem Harm, Von frührer Milde keine Spur.] Vergebens mahnt der Mönch, kein Heil – Die Rede strömt in wirrer Eil'! Folgt ihr der Sinn? man weiß es kaum, [Das Antlitz starrt, ein blutlos Schemen], Die Worte schwimmen wie im Traum – [Nur eines, eins kann man entnehmen: Es ist ein Schmerz, der Felsen sprengt, Was aufwärts diese Laute drängt. Doch wer Savoyens wilde Kraft Gesehn im Sturm der Leidenschaft, Darf hoffen, daß die Senne nicht Den überspannten Bogen bricht.] Doch leiser wird und immer leiser Der Atem, abgestumpft und heiser Die Stimme schwindet – sie wird schwach, Ums Auge läßt die Spannung nach, In ihres Gatten Armen lind Sie liegt wie ein ermattet Kind; [Der trägt sie fort. – „Herr Pater, ich –“ »Geh, lieber Sohn, ich bitte dich.«] Und wie nach dem verstörten Paar Die Tür sich schließt, der Mönch steht auf – [Und durch die Küche nett und klar] Er wandelt sinnend ab und auf. »Welch herber Kampf! in dieser Zeit Wie schwach das Bild der Ewigkeit! [Die Frau ist fromm, und doch, wie schwer Erträgt sie, was der Himmel sendet!] Doch ist sie jung, ihr Blut noch warm; Bin ich denn mehr? Daß Gott erbarm'! [Ach, lange Jahre rauschen her, Eh' sich das Herz zur Ruhe wendet.] Mein Vater starb – ich war noch klein, Kaum ahndet's mich – doch muß es sein, Nicht herbres Weh die Seele leidet, Als wenn sich Blut vom Blute scheidet; Deshalb –« aus seines Ärmels Schrein Zieht er ein Rosenkränzlein klein Und betet für das arme Weib, Wie für des Abgeschiednen Ruh', Nimmt einen Bissen auch dazu; Denn ganz ermattet ist sein Leib. [Der Frost war schlimm, noch mehr die Hitze, Bald wieder geht's nach Bernhards Spitze]; Er hat in Eil' und unbedacht Sich nüchtern auf den Weg gemacht. – Und seinen schmerzgewöhnten Sinn Nahm nicht so ganz die Szene hin, Daß er nicht denkt in seinem Mut, Das Brot sei frisch, die Butter gut. Dann meldet er des Hauses Wirt, [Der wieder naht und forscht nach Kunden], Wie sich der alte Mann verirrt, Und wie der Hund das Kind gefunden. »Ja«, spricht der Senn' und blickt zurück, »Bei allem Unglück doch ein Glück! [Wer wollte noch zu murren wagen, Wo sichtbar so des Höchsten Hand?«] Doch kündet alles in dem Mann Die schwerbezwungne Regung an; Verstohlen stützt er an die Wand Den Körper, bleich ist sein Gesicht: [»Herr Pater! alles sei getragen:] Jetzt holen wir den Vater, nicht?« – [»Auch ich muß heim in meine Zelle.«] Und bald mit Nachbarn, die in Hast Verlassen Tisch und Jahrmarktsgast, Ist wieder Etienne zur Stelle. Nachdenklich schaut der Mönch den Trupp, Geschmückt mit Bändern, Strauß und Flittern, Wie die gebräunten Züge zittern, Wie, rollend ihrer Augen Kohlen, Sie Leichentuch und Bahre holen, [Wie dann durch eine Hintertür, Dem Klang der Freude zu entgehn, Sie duckend ihre Bürde drehn], Und nun von Lachen, Spiel und Schmaus Die Reise geht ins Totenhaus. O stummer Rede Allgewalt! – Man schreitet an. »Halt«, ruft es, »halt, Ich komme schon!« und Rose tritt Mit ihrem Strohhut in die Tür. [»Nein, liebes Weib, verweile hier!« Ihr Gatte spricht mit trüber Hast,] Verwundert blickt der Mönch empor: Ein andres Wesen wie zuvor! [Wohl tiefen, herben Kummers Last Verrät die Stirn, doch fest der Schritt, Das Antlitz wunderbar gefaßt –] Der gute Mann begreift es nicht; Savoyens Tochter will allein Von ihrem Volk verstanden sein. [Von allen auch, das sieht man klar, Nicht einer ernstlich widersteht; Etienne nimmt ihres Mantels wahr, Und nun der Zug bergaufwärts geht.] Vom Dorfe drunten Jubelschrein Der Armen schrillt durch Mark und Bein: Ha »Nouschron Prince de Savoye!« Doch bald verschwindet Saint-Remy. – Um den bejahrten Fichtenwald, Der schützend übers Tal sich streckt, Die Nebel füllen jeden Spalt, Wie Nadeln in den Schleier steckt Ein schönes Weib. O Waldesruh', Bist du nicht schön? – O Wildnis du, Wenn nickend schaust im Sonnenduft Der Drance muntern Sprüngen zu? [Nichts, was so wunde Herzen kühlt, Als Bergesluft, die einsam spielt.] Wie dort im kleinen Wasserfall Sich Zweig' und Gräser plätschernd bücken! Der fromme Morgen scheint das All Sehnsüchtig an die Brust zu drücken. [So mild die Landschaft und so kühn! Aus Felsenritzen Ranken blühn; So wild das Wasser stürmt und rauscht, Und drüber Soldanella lauscht.] Aus dem Gestrüppe Fingerhut Bedächtig streckt die roten Glocken; Der Steinbrech hält sich fest und gut, Das Geißblatt windet sich erschrocken; Und dort zur Rechten, überm Rain, Zeitlosen mit erneuter Kraft Verhauchten Lilas Schimmer streun, Und drüben hebt den Purpurschaft Die Orchis, wie ein schlanker Knabe Zur Herde schaut von seinem Stabe. – – Steil wird der Pfad, die Wandrer glühn, Quarzhelle Blöcke reihn sich dichter, Mit jedem Schritt das Leben weicht, Im Walde lichter wird's und lichter, Bis nun, verkrüppelt und gebeugt, Am braunen Grund die Fichte kreucht. Ha, Vacherie! – Hier weilt der Zug. Auf einen Schemel Rose sinkt. Des Bechers Labe kreist, sie trinkt Zwei Tropfen nur, es ist genug, Verschluckter Tränen Bitterkeit Hat sie getränkt die ganze Zeit. [Und hier – der Rinder muntres Brüllen – Zwei Knechte, die den Eimer füllen Mit Schrei und Lachen; – dort am Tor Ein Mädchenpaar, was emsig fest Das saure Lab in Formen preßt – Es ist zu viel! Liegt drüben doch Der Käse für den Vater noch – – Ach hätt' sie, hätt' sie ihn gesandt, Als jüngst der Krämer zog durchs Land! Aufs neu fühlt sie die Wunde bluten. – Und – weiter! – weiter! Nach Minuten] Vor ihren Blicken schwimmt der Steg, [Sind's Tropfen, die im Auge schimmern? Ist's Sonnenglanz? des Taues Flimmern?] Wie seltsam blendet sie das Licht! Nicht weinen will sie vor den Leuten, Drum meint sie auch, sie weine nicht. Einsam und traurig wird der Weg, Nur halbverdorrte Stämme deuten Mit Spitzen, karg und frostgepreßt, Des matten Lebens Überrest. [Nur senkrecht starrt die Schieferwand, Zerrissen, schwarz, wie ein Tyrann Aus zeitgeschwärzter Feste Bann Schaut grollend ins versengte Land.] Und drüber nichts als Hänge, wüst, Baumlose Steppe – heidicht Moor – Kein Vogel, der das Blau begrüßt – Kein Kraut aus Klippenspalt hervor – Ein Schweigen, dem erliegt das Ohr. [Verdorrt Gestrüpp, zerspaltner Gipfel, Mit dünnem Flaum bestreut die Wipfel Des ew'gen Winters Region: Man naht sich ihr, man fühlt sie schon.] Stumm keucht der Zug und mühsam dort, [Nur mahnend, freundlich, hier und dann] Etienne zu Rose spricht ein Wort. Sie nickt betäubt und wandelt fort. Ein Ton, ein Lebenszeichen – seht, Um jene Klippe krächzend dreht Der Rabe sich! – viel besser doch Als solcher Ruf, die Stille noch! Ein Felsenriß – doch nein, die Bahn Erweitert sich, schon ist erreicht Des Donnergottes kleiner Plan. Hier rastet man und atmet leicht, Und an den Pfahl, der buntbekleidet Sardinien und Wallis scheidet, Lehnt sich die Frau – tief unten zeigt Sich Ferrets Tal, und riesig beugt Montblanc den grauen Nacken vor. – Ringsum nur totes Chaos starrt, [Nur Trümmer, bröckelnd, scharf zerschmettert,] Wie eine Welt, die ausgewettert Den neuen Schöpfungstag erharrt. Ja, ward, wie zeugt des Römers Mund, Die Wildnis dem Karthager kund, Fürwahr! manch punisches Gebein Bedeckt so wüster Leichenstein. Vom Herde fern, welch trostlos Grab! Wo Tau noch Regen kommt herab. [Schlaft wohl! – Sie ziehn fürbaß, doch schlingt Zuvor den Mantel um sein Weib La Borte, denn sehr verletzend dringt Der Äther an den jungen Leib.] Schlaft wohl! – Zum letztenmal für heut Sehn sie den Grund; die Steppe beut Nur fürder Schnee, wohin man blickt, Von schwarzer Trümmer Wust gedrückt; Und ruckweis durch des Felsen Glieder [Der Wind, – so schläft in Tages Hut, Doch nimmer auf der Höhe ruht –] Pfeift seine unwirtbaren Lieder, Auch eine Wolke träumt mitunter Am kalten Horizont hinunter. [Und leichter wird das Blut bewegt, Da etwas außer ihm sich regt.] Nur nicht gesäumt! was jeder kann, Den Fuß beeilt, voran – voran! – Schon ragt das letzte Felsenmal, Schon langsam öffnet sich das Tal Und drüben liegt – das Hospital. Wie freudlos! an des Sees Strand, Dem linde Wellen nicht allein, Nein, dem erzürnten Gottes Hand Versagt des Gletschers toten Schein, Der ein versteinerter Kokyt, Ein Trauertuch auf Leichengrund; Und doch, wie milder Frieden blüht An seinem Strand! wie wird er kund Dem Mann, der keinen Spiegel kennt, Als sein verdüstert Element. Man klinkt ans Tor! »Bleib, Rose, da!« [Spricht sanft La Borte, ihm fällt es ein, Ob auch vielleicht dem Eingang nah Ins Auge fällt der Totenschrein;] »Bleib, Kind!« Sie lehnt sich an die Wand Und starrt nur immer über Land. Man meint, wo unter Felsenhängen Sich schwärzlich kleine Flächen drängen, [Und wo, des Sommers einzig Grün, Die Brüder Alpenkräuter ziehn,] Verweil' ihr Blick – jetzt sind sie leer; Doch bräch' aus Schnee und Eis umher Ein Rosenhag, sie säh' es nicht, Hebt unbewußt das matte Licht, Wie wohl das Auge, schmerzgetrübt, Sich willenlos Richtung gibt. – Ach alles, alles ist dahin! Ihr Mann ist gut, sie denkt nicht sein, Des armen Lieben nur allein. Kein Kind hat sie, kann nicht ermessen, Wie Mutterleid die Herzen bricht; Doch einen Vater kann man nicht, Sein graues Haar, sein treu Gesicht, In Ewigkeit ihn nicht vergessen. Gedenkt sie an sein graues Haar, Wie er sie rief: »Rosette, mein Licht! – Rosette, mein Kind!« – es ist zu viel! Zu viel! und aller Fassung bar Sinkt sie ins Knie, reibt an die Mauer Ihr Antlitz in vermeßner Trauer. Sie fährt zurück – wer rührt sie an? Da: »Rose, Rose!« spricht ihr Mann; Sein Odem fliegt, sein Auge blinkt, »O Rose! – Frau! ich will – ich kann – Ich will dir sagen – 's ist kein Leid – Gewiß nicht – ruhig – große Freud' – Der Vater lebt! « – Sie taumelt, sinkt – – »Sprich, Rose, sprich!« – da hebt sie sich Wie träumend – glühend Rot bedeckt Ihr ganz Gesicht – die Arme streckt Sie aus, und wild am Senn vorbei Fliegt sie mit ungemeßnem Schrei; »Ihr nach! ihr nach!« Was frommt die Eil'? Sie ist ein Blitz, ein Sturm, ein Pfeil, Dort läuft sie – an den Zellen rüttelnd – Mit ihrer Hand die Riegel schüttelnd – [Auf geht die Tür, und gleich dem Geier, Der sein geraubtes Junge fand, Stürzt zum Kamin sie, wo vom Feuer Benoit ihr freundlich reicht die Hand –, Nicht an sein Herz, nein, an sein Knie. Sie küßt den lieben, lieben Fuß. – – Von Zeit zu Zeit ein dumpfer Schrei, – Nein, solcher Liebe Raserei Sah man in anderen Zonen nie, Bis endlich sich im Tränenguß Die Spannung bricht. – »Rosette! mein Kind!« Und ach! bei diesem, diesem Ton Sie wieder milder weinen muß. »Steh auf, mein Kind! – mein lieber Sohn, – Setzt euch! sahst du den Henri schon, Rosette? komm her, Henri! mein Junge!« Der Kleine, so im Winkel still Sich vor den Fremden bergen will, Und mit Kristallen spielt und Bildern, Läßt zögernd nur den werten Tand; Sein bestes Bildchen in der Hand, Kommt er hervor. »Großvater, ist Das wirklich meine Tante Rose?« »Ja, ja, sie ist's«, und mit Gekose Zieht sie ihn heftig auf den Schoß »Nein, Tante Rose, laß mich los!« – »Weshalb, mein Jung'? ich hab' dich lieb!« – »Lieb wie die Mutter?« – »Lieber noch!« »Du dumme Frau! wie sprichst du doch!« – »Mich nennst du dumm? du Schelm! du Dieb! Ja, sprich nur so und hab' mich lieb! Du Schelm!« Und sie begräbt mit Küssen Ihm Auge, Wange, Mund und Kinn Bis auf die kleinen Händchen hin. Er sträubt sich, stöhnet, will's nicht wissen, Und doch, wie gleicht die fremde Frau Der lieben Mutter fast genau! Wär' Rose nicht aus wüstem Traum So überselig aufgewacht, Es hätt' ihr schwer das Herz gemacht, Jetzt findet nicht der Kummer Raum. Susette soll im Frieden ruhn, Sie hat ihr Kind, sie hat es nun Auf immer. Mit geteilten Sorgen Hält sie des Kleinen Haupt gepreßt An ihren Busen und verborgen Zugleich des Vaters Jacke fest. –] So unvermerkt der Morgen zieht, Wie auch die schönste Stunde flieht. Und mählich zum gewohnten Gang Zurücke kehrt des Blutes Drang. Man frägt, man horcht; schon ward erzählt, Wie Eleuthère halbstündlich, treu Ins Leichenhaus gewandelt sei, Den heimlich Überzeugung stählt, [Daß nimmermehr sich Barry trüge, – Es sei nur Ohnmacht, Todes Schein,] Was auf dem alten Sennen liege. Doch – unverändert stets die Züge, Das Auge starr – fast läßt er nach – Doch einmal wird die Hoffnung wach. War's nicht, als säh' ein Fleckchen klein Er an der linken Braue?! – Ja! Gewiß! Auch an der Wange heben Sich schwarze Schatten hier und da – Der Bruder rennt ins Hospital: »Geschwind, geschwind! herbei zumal Mit Bürst' und Tuch, ich spüre Leben!« Die Mönche drängen in den Saal. Schon unter ihren Händen beben Die straffen Fibern, Fleck an Flecken Allmählich jedes Glied bedecken. Das Glas sich trübt – die Feder weht – Es zuckt die Lippe – langsam dreht Das Auge sich und rollt im Kreis. Gesegnet sei der fromme Fleiß! Die Hand gesegnet, so gelegt Den Stein, der diese Mauern trägt! Sie mögen stehn durch Zeit der Zeiten, Mit Kraft ein heil'ges Wort zu deuten, Im Zweifler zündend fromm Verlangen Und schamrot färbend Christenwangen. Noch vieles heute ward gesprochen Von stillen Sorgen, stillem Harm, Der weicher macht so reich wie arm. Wer hat die Blume nicht gebrochen, Die selbst aus hartem Grunde sprießt Und um das Blut die Ranken schließt? Wer kennt nicht das beredte Schweigen, Wenn Wangen sich an Wangen neigen? Wer lauschte nicht verehrten Tönen Und mag mit Einfalt sich versöhnen, Wenn trocknend seines Kindes Tränen Der rauhe Alpenjäger spricht: »Du gutes braunes Angesicht! Wie oft hab' ich an dich gedacht In Saint-Pierre, bei Tag und Nacht!« – Nicht immer Kraft beim Glanze ist, Oft mehr Geringes sich vermißt: Aus Felsenschoß die Quelle geht, Und ewig flach der Weiher steht. Genug, dem armen Sennen lag Viel Glück und Leid an diesem Tag. [Und endlich] – »Aber Vater«, spricht Rosette, »Ihr verhehlt mir's nicht. Mein Schwager krank seit Wochen war, Er lebt nicht mehr, ich seh' es klar. Gesteht es!« – »Freilich! liebes Kind, Die frommen Toten selig sind. Er war ein Christ, ein guter Mann«, Der Alte schweigt betrübt, und dann: »Als mich Susette mit sich nahm, Da riet man mir, wohin ich kam, [Ich solle mir ein Gärtchen baun; Das sei ein gutes Mittel, traun,] Die tausend Grillen zu verjagen, So alte Schwiegerväter plagen. Allein – ich segn' ihn in der Gruft, Den François! – Die fremde Luft Ward mir nicht eng, doch immer blieb Dem Pfleger seine Schöpfung lieb. Ja, schöne Rosen standen drin, Gestreifte Nelken und Jasmin, Levkojenstöck' an allen Wegen. [Die Rosen pflanzt' ich deinetwegen, Sie führen deinen Namen, Kind;] Susette half sie oft mir pflegen. – Vergänglich ist ein Rosenstamm, Doch wandelbar wir all zusamm. Der erste Stock, den sie gepflegt, Ich hab' ihn auf ihr Grab gelegt. [Da ruht sie, wie ich sie gesehn Im Sarg, von meinen Nelken schön] Den Strauß an ihrer Brust und an Der Hand den Ring von ihrem Mann, Den Trauring, den in allen Tagen So ehrenvoll sie hat getragen. [Vom Haupt schnitt ich ihr eine Locke. Mir war's, als ob die Sterbeglocke Ins Hirn mir schlug, als ob der Wagen, Der fortnahm meine beste Lust, Die Räder trieb durch diese Brust.] Fürwahr – doch Rose! weine nicht, Es ist vorbei – auch François War tiefbetrübt, und öfters sah Ich ihn vor ihrem Schranke walten, Die Lätzchen, Mieder stumm entfalten. [Dann blickt' er scharf in alle Ecken, Als hoff' er, dort sie zu entdecken,] So ging's. – Allein wir lebten still, Ertrugen's, wie der Himmel will. François bestieg der Alpen Höh': Ich sah zum Kind; mir tat's nicht weh, Daß ich in meinen alten Tagen, Die Küchenschürze sollte tragen. Ja! meiner ungeschickten Hand Ist oft die Suppe angebrannt! Wohl! wär's wie sonst.« – Hier bebt ein Strahl Durch sein verwittertes Gesicht: »Ja! wär's wie sonst: im ganzen Tal Von Saint-Remy ein Schütze nicht Mir vorging, galt's die First erklettern, Wo, unter Sturm und Stöberwettern, Die Gemse durch den Nebel strich, Und mancher Steinbock sicherlich Der Abends überm Hange stand, – Am nächsten Morgen war er fort; Getäuscht der Jäger maß die Wand; Wo blieb er? in der Hütte dort Zu Saint-Remy muß sein Geweih Noch ragen von der Decke frei. Ich und Trouvez, mein Hund, wir zwei, Wir machten keinen Gang vergebens; Allein was rühm' ich mich des Lebens, So längst dahin! – die Zeit, die Zeit Chamounix' Gletscher rücken kann, Das Ureis löst sie am Mont noir , Sie schont auch nicht den besten Mann. Wer könnte bleiben, was er war!« Hier streicht er seinen Scheitel bar. [»Trouvez war tot, kennt ihr Louis? Im dritten Haus zu Saint-Remy? Das war ein Bursch in jungen Jahren, Bei Jagd und Spielen mein Genoß, Im Ringen, Lauf, mit dem Geschoß Der erste sonst; – ein hilflos Schemen Schwankt er umher, wie ich erfahren; Das kann dem Tod die Spitze nehmen! Wer möchte noch vereinzelt stehn, Wenn die Gesellen schlafen gehn? Gewiß, gewiß« – in tiefem Sinnen Der Greis verstummt, vorüber rinnen Die Bilder längst begrabner Zeit; Doch schmerzlich zieht die Wirklichkeit.] Ein Blick auf seine Hände dürr, Er richtet sich – streicht das Gewirr Unwillig vom betörten Haupt: – »Ja, Kinder, besser als ihr glaubt, Fand ich mich in mein seltsam Amt, Mir von der Mutter angestammt, Und sah nun, wie ein alter Mann Zum alten Weibe werden kann! – Ja, wär's nur immer so geblieben! Nicht froh wir lebten, finster nicht; Allein die Staublawine bricht Gewaltsam fort, hat nur ein Hauch Die ersten Flocken angetrieben: So mit dem Schicksal geht es auch, Ein Unfall selten kommt allein, Stets holt ihn der Gefährte ein. So ging's auch hier. – François war früh In seinem Tagwerk ausgegangen, Ich kochte, dacht' an Saint-Remy, Und sah die Nebelwolken hangen, Zu Mittag blieb er öfters aus, Der Abend kam – mir wurde bange. – [Noch nie verweilte er so lange;] Mich hielt das Kind im öden Haus. In Saint-Pierre die Glocke schlug, Sechs – sieben – acht – nun war's genug! Ich dämpft' das Feuer, sperrt' den Schrein, Schloß Henri in die Kammer ein, Und vorwärts nun, in Gottes Hut! [Begleitet mich kein treuer Hund, Sind wenig mir die Stege kund:] Mein Ohr ist scharf, mein Auge gut. – – [Ach! suchen durfte ich nicht lange.] Sein Hund, der heulend glitt herbei, Vom Gletschereis der Valsoray, [Gab gleich die Richtung meinem Gange.] [Mit einem Gemsbock, den er heut Erlegt, doch mit Gefahr und Müh', Kehrt François heimwärts, wund am Knie, – Begeht die Unvorsichtigkeit, Sich an der Gouille de Vassu Bette Erschöpft zu lagern, grade da, Wo der Mont noir die Eisblockkette Ihm übers Haupt hält, schwindelnd nah, Und weiß doch, daß in jedem Jahr Herunterklirrt so manches Paar. Doch wen das Schicksal will verderben, Den blendet es: ein Brocken fällt, Im Augenblick, da, vorgebückt, François die wunde Stelle drückt – Auf seinen Rücken, und zerschellt; – Gewißlich nur der kleinsten einer – Doch war es gleich, ob größer, kleiner,] Ihm bracht' es Tod. Nicht gleich zu sterben War sein Geschick; schmerzzitternd rafft Er auf sich mit der letzten Kraft, Und hofft, es mög' ihm noch gelingen, Bis Saint-Pierre sich fortzubringen; [Doch an der Drance Wasserfall Entschwinden ihm die Kräfte all.] Dort fand ich ihn – ich dachte tot. [Das Wild noch hatt' er mitgeschleppt, Und hielt es immer fest im Arm.] Ich lag am Grund, in meiner Not, Griff in die Brust, sie war noch warm; Dann lud ich auf die Schultern ihn, Schwer ward er mir bis in sein Haus, Lief dann beinah' verrückt hinaus [Nach Saint-Pierre, das Leben schien Entflohen, endlich kam's zurück, Doch nur auf einen Augenblick Der Sinn –‚ bis deutlich er erzählt, Wie ihn das Mißgeschick betroffen.] Und dann – was hilft's, daß man sich quält Mit solchen Bildern! – alles Hoffen War hin; so sieben Wochen lag Er ganz verstandlos, Nacht und Tag.« Der Alte schweigt, und Rose spricht, Der's heimlich auf der Seele brennt: »Doch, Vater, eins erwähnt Ihr nicht, Nahm er das heil'ge Sakrament? [Das wär' ein großer Trost uns allen.]« »Mein Kind, er wußte nichts von sich. Gott ist gerecht, das tröstet mich, Laß keine Zweifel quälen dich; Sein Herz voll Einfalt war und treu. Wo menschlich hat mein Sohn gefehlt, – Wer ist von kleinen Mängeln frei? – Er ließ den Eisblock auf ihn fallen, Ein Tor, wer sich mit Zweifeln quält – [Ich glaub' an meines Schöpfers Treu. Ja, manche Stunde schlich vorbei, Manch harte Stunde. – Einstens früh,] – Es war ein milder Tag wie heut, – Ich hatte fast die ganze Nacht Bei meinem armen Sohn verwacht, Der still, wie seit dem Unfall nie, Zu schlummern schien, die Nachbarn waren An ihre Arbeit heimgekehrt, Ich war allein, und unverwehrt Ließ weit ich die Gedanken fahren, Da regt es sich, ‚Mich dürstet‘ spricht Der Kranke; wie ein blendend Licht Durchzuckt es mich. – Schier faßte Mut Ich alter Tor, und sah doch schon Den Tod und hörte Sterbeton; ‚Mich dürstet‘ – freudezitternd, schnell Lauf ich zum nahen Klippenquell, – Nein nicht zu nah; daß er so weit, Bracht' öfters Unbequemlichkeit, Schöpfe dann hastig, aus dem Glas Entschlüpft mir immerfort das Naß, Jetzt fass' ich's, kehre keuchend wieder, – Was duckt dort unterm Baume nieder? Ein weißer Klumpen, – mir wird's Nacht! Es war mein Sohn, – o Himmelsmacht! Gekrümmt am alten Fichtenstamm, Tot! – – Kinder, laßt uns allzusamm' Für des Verstorbnen Seele beten; [Weit besser ist's und mehr vonnöten, Als, liebe Rose, deine Tränen... Nein, gutes Kind, ich schelte nicht; Allein so ungestüm zu frönen Jedwedem Schmerz, verbeut die Pflicht. Der Wurm die stärkste Eiche bricht;] Komm her!« Er nimmt sie in den Arm, Streicht liebreich ihre Wangen warm, Wägt in der Hand ihr Zöpfepaar, Fährt dann hinab die Stirne klar – »Du braunes, frommes Angesicht, [Ihr lieben Augen, süßes Licht!] Dein kann ich nimmer mich entwöhnen, Wie oft hab' ich an dich gedacht In Saint-Pierre bei Tag und Nacht! Dort war mir alles nun verhaßt, Was sollt' ich noch im öden Haus? [Geschwind war der Entschluß gefaßt;] Nach wenig Tagen zog ich aus, Robert, dem Nachbar, wie das Grab Getreu, ich alle Schlüssel gab, [Das Vieh, Gerät, was in der Hütte Noch sonst, vertraut ich seiner Sitte;] Nahm Henri, dem ich erst zuvor Sein gutes Kleidchen angelegt, Und trat dann in der Scheune Tor. [Noch einmal, einmal mußt' ich stehn, Wo ich zuletzt mein Kind gesehn,] Und noch es mir das Herz bewegt, Daß Nebelgrau an jenem Tag Verbarg die Stelle, wo sie lag. Nun fort! – Das Wagnis schien mir leicht, Zwar vorgerückt die Jahrszeit war, [Allein ein alter Schütze weicht So leicht nicht jeglicher Gefahr.] Den Berg bestieg ich oft allein; Das sind nun freilich zwanzig Jahr, Doch Jahre sind wie Nebelschein, Turmhoch, endlos, eh' man's erreicht, Ist's da, ein Dunst – ein Nichts vielleicht! – Doch leider sind die Kräfte wert Vom gift'gen Dunste dann verzehrt. Ich glaubte mich, was ich nicht war, Mein frühres Selbst, und offenbar Mir allzuspät die Täuschung ward – Den guten Vätern dank' ich's noch, Daß ich soll in den Totenschrein Gelegt von Euren Händen sein. Denn sterben – bitter ist es doch, Und einsam sterben – doppelt hart.« Hier endet den Bericht der Greis. Nachdenklich Schweigen herrscht im Kreis; Sich Rose auf den Knaben bückt; Des Vaters Rechte sachte drückt Etienne, und weil an diesem Tag Ein jeder kämpft, wie er's vermag, Des Herzens Schrei zu unterdrücken, So muß es endlich allen glücken! [Nicht siegesbar die Liebe ringt, So fremdes Leid im eignen zwingt.] – Und Barry, das getreue Tier, Wie's gähnend aufsteigt vom Kamin, Das hilfsbereite, muß auch hier Aus Grübeln alle Sinne ziehn. Von Rosens Schoße Henri schlüpfend, An seinen zott'gen Freund sich macht, So furchtbar ihm in letzter Nacht, [Doch jetzt seit Stunden sein Geselle; Er dreht ihn, sucht die rechte Stelle,] Dann rasch auf seinen Rücken hüpfend, Er stapft im Saale hin und her: »Ei, Tante Rose«, schmeichelt er, »Darf ich an Sonn- und Feiertagen Zuweilen deine Kappe tragen?« »Gewiß, mein Bub!« – »So gib den Hut Mir gleich.« – »Nun wohl! doch wahr' ihn gut, Laß nicht die schönen Bänder streifen.« Der Knabe schielt auf Strauß und Schleifen, Und rasch sein Köpfchen fährt hinein Bis übers Ohr. »Er ist zu klein!« Die Tante ruft mit mildem Spott. Als nun der zarte Don Quixote, Ein Nachen fein, mit Segeln breit, Fährt übern Estrich: »Sei gescheit! Trab' her, ich rück' dir's in die Höh'!« –... Zum Mahle lädt der Clavendier. – Und bei des nächsten Morgens Früh' Zwei Mönche stehn in Duftes Weben, Sie schaun herab nach Vacherie, Von einer Felsenplatte eben, So zierlich, daß des Meißels Spur Du suchst im Spiele der Natur; Ihr Auge folgt der kleinen Gruppe, Die niedersteigt von jener Kuppe: Dem Greise an des Zuges Spitze, Der rüstig seinen Alpstock regt; Dem Sennen, der das Körbchen trägt; Dem Weib mit der ital'schen Mütze; Dem Knäbchen noch, das für und für Kost sein geliebtes Murmeltier, Mitunter in sein Pfeifchen stößt, Das Pater Koch vom Ast gelöst, Kunstreich der Infirmier gebaut. Herüber schrillt der dünne Laut, Wie fliehend zirpt ein Vögelein. Dort schwimmen sie im Sonnenschein, Undeutlich schon, – wie Punkte dann Sich drehn auf einer Linie krumm. – Die guten Brüder wenden um Und treten ihren Rückweg an. – So ziehn auf immer sie geschieden, Zum Glücke die, und die zum Frieden. [Was schöner sei, was minder hehr? – – Dies zu entscheiden würde schwer. In Wahrheit! Beide sind nur eins! Glück ohne Frieden gibt es keins, Und Frieden trägt ein mildes Glück. Dies sagt dir jeder Augenblick, Wirst du aus reinem Herzen fragen. Sind nimmer sich die Formen gleich, Was diesem karg, dünkt jenem reich: Nicht über Lüge darfst du klagen.] Ach Glück ist Frieden – Frieden Glück! Der Tau die Schimmer wirft zurück, Und tausend Farben zeigt der Schein: Doch einen Strahl sie hüllen ein.