Franz Blei Formen der Liebe Vorbemerkung Mit streng wissenschaftlichen Methoden eine Darstellung der Probleme des Erotischen zu geben, lag nicht in der Absicht des Verfassers. Wer die wissenschaftlich geordneten Tatsachen des menschlichen Sexuallebens studieren will, der wird eine vortreffliche Literatur darüber vorfinden. Das Thema dieses Buches ist also nicht das Geschlechtsleben des Menschen in seinen physiologischen Rapporten, wenn auch, gewissermaßen als Stichprobe, darauf Bezug genommen wird. Denn so luftzart sich auch manche erotischen Bildungen darstellen, bleiben sie oder sind sie doch erdgebunden und vollziehen sich nicht im luftleeren blutleeren Raum. Das nicht zu erschöpfende Thema des Buches ist die Phantasie, welche das menschliche Individuum, zeit- und gruppenbestimmt, zur Erhaltung oder Steigerung seines Lustgefühls aufbringt, diese Lustgefühle über den Tod hinaus zu verewigen. Die nichts als physiologische Tatsache der Lustgefühle erhält die Art und nichts weiter. Sie führt zu den stagnierenden Formen des Tierlebens. Mangel an der diesbezüglichen Phantasie macht das Liebes- und Kulturleben echt primitiver Völker so einfach wie das der Tiere, deren Verhalten auf die Einform der Gattung gerichtet ist, nicht auf die Varietät der Individuen. Im Gegensatz zum Menschen, der sich in Einzelehe und Einzelwirtschaft Formen geschaffen hat, welche die Varietät begünstigen – bis zur Bedrohung der Gattung. Das Thema dieses Versuches ist mehr als irgendein anderes voller Fallen. Vorurteile gebärden sich als Urteile, Vorlieben wollen die natürliche Perspektive der Dinge verschieben, und Scheu tut das ihre, Wichtiges zu verschleiern und aus dem Licht, in dem es steht, in ein Clair-Obscur zu rücken. Wir sind noch nicht einmal so weit, nur das zu sagen, was sich sagen läßt. Unser Vorrat an Fragen ist noch weit größer als unser Vorrat an Antworten. Darum sind die Menschen geneigt, Wichtiges in den Fragen zu überhören, um mit einer bereiten, gefälligen Antwort zurechtzukommen. Zu dieser Schrift gesprochen: der wechselnde Standpunkt in wichtigen Fragen erscheint mir fruchtbarer – oder entspricht meiner Art besser –, als die widerspenstigen, oft kaum haschbaren Dinge fälschend zurechtzubiegen, damit sie sich in den vorbestehenden Rahmen einfügen. Die Problematik des Erotischen ist so reich an Lösungsversuchen wie die des Welträtsels . Den Sinn des Lebens zu suchen, muß jeder auf eigene Rechnung und Gefahr unternehmen, um zu schweigen, wenn er ihn gefunden hat oder, spricht er schon, so nicht anders als in Monologen. Dieses hier soll nichts als ein Lesebuch sein. Nichts von einiger Wichtigkeit aus dem Stoffgebiet des Erotischen glaube ich unerwähnt gelassen zu haben. Die Stilformen der Liebe, deren individuelle und kulturelle Auswirkung, habe ich, wo es möglich war, in verschieden fallenden Schnittpunkten gezeigt: im allgemeinen kulturellen Bilde, in einer theoretischen Anschauung der Zeit, in einem charakteristischen Bildnis eines ihrer Träger, in einer künstlerischen Gestaltung. Der turbulente Verfall und Zerfall der erotischen Phänomene, der für unsere Zeit so charakteristisch ist und auch für das schwächste Auge deutlich wurde an Hunderten von Einzelerscheinungen, gibt dieser Schrift etwas von einer Historie, vielleicht von einem Epilog. Der außerordentliche kulturelle Bruch zwischen dem Heute und der Vergangenheit weitet sich zu einem Abgrund, der alle bisher gültigen Ideologien verschlingt und höchstens mehr ihre Parodien für eine kleine Zeit noch leben läßt. Das muß sich auch im Erotischen auswirken. Man kann bereits dessen Geschichte schreiben, die bis heute, gerade noch bis heute reicht. Aus den wahrgenommenen Wirkungen sucht man deren Ursachen. Aber die Kenntnis dieser Ursachen gibt noch keine wohlgegründete Vermutung, wie veränderte und sich noch weiter ändernde Bedingungen sich transformierend im Erotischen äußern werden. Die Liebe ist nicht, wie Schopenhauer meinte, als eine natürliche Blüte auf dem Zeugungstrieb gewachsen. Denn sie ist nicht das, was man natürlich nennt, sondern eine Reaktion gegen die Natur. Das geistige Individuum sucht der natürlichen Unterwerfung, die sich im geschlechtlichen Akte äußert, zu entfliehen, und durch die Liebe erobert es sich zwei Festungen gegen die nur an der Erhaltung der Gattung interessierte Natur: das Lustgefühl um seiner selbst willen und das formende Denken in dessen Dienst. Die Liebe ist ein Stück Freiheit, aber auch nicht mehr als das. Denn gänzlich konnte sich der Mensch nicht vom natürlichen Instinkt der Reproduktion befreien, woraus der höchst komplexe Begriff der Liebe entsteht, der in Einem sowohl Unterliegen wie Rebellieren enthält. Man kann heute schon von einer Abwanderung von der Liebe sprechen. Die Ordnung des Lebens aufrechtzuerhalten, wird immer schwieriger, und man ist der Liebe – und nicht ohne ihre Mitwirkung – darauf gekommen, daß sie als eine Art Narrheit diese Ordnung stört. (Am wenigsten in der gedämpften Form der ehelichen Liebe.) Zuerst desertierten die Schwachen, die Ängstlichen, die Schüchternen und jene, die mehr einem Nachahmungstrieb als einem sinnlichen Trieb folgten. Die Not der Zeit, die wachsende Schwierigkeit einer Lebenshaltung unterstützten kräftig. Die geglaubte geschlechtliche Hörigkeit der Frau als Regel stellte sich als eine irrtümliche Annahme heraus in dem Augenblick, als die Frau sich von der wirtschaftlichen Abhängigkeit vom Manne befreite. Die Frau braucht sich nicht mehr vom Manne erhalten zu lassen, und dadurch ist das erotische Gewicht des Mannes für die Frauen leichter geworden. Noch kann er diesen bedeutenden Ausfall seines männlichen Prestiges nicht durch ein Erotisches ersetzen, das er nicht besitzt oder verkümmern ließ. Der an ihn von der Frau gestellte Anspruch macht ihn verlegen. Die Münze, mit der er bisher meist und das Meiste zahlte, hat bei der Frau, die wirtschaftlich unabhängig ist, keinen Kurs mehr. Der Sprung der Frau von der Unterordnung zur Gleichstellung findet den Mann unvorbereitet. Er erfindet sich Gründe, die ihn veranlassen, die Frau zu meiden. Er hat etwas Angst vor diesem ihm fremden Wesen. Das alte ihm vertraute Wesen ist noch in der Prostituierten für ihn verkörpert, die ihm so sehr Frau ist, daß sie allein aus dieser Tatsache ihren Lebensunterhalt gewinnt. Ich will noch auf ein anderes die alte Form auflösendes aber noch keine neue Form schaffendes Moment hinweisen. Von der heutigen Frau ist in der Ehe ein großer Teil ihrer früheren Tätigkeiten genommen, sogar bis auf die Kindererziehung, die man heute besser von Instituten und Schulen besorgt glaubt als von den nervösen und meist ungeeigneten Eltern. Art und Quantum häuslicher Tätigkeit werden immer geringer und unbedeutender. Die Liebe vermag aber die vielen leeren Stunden nicht auszufüllen, jedenfalls nicht die Liebe des beschäftigten Gatten. Aber auch schon nicht mehr die Liebe des Dritten, der bei den Komödienschreibern des vorigen Jahrhundert noch eine Rolle spielte, die heute schon ganz ins Possenhafte gefallen ist, ein Zeichen, daß ihr kaum mehr viel Wirklichkeit entspricht. Die unverstandene Frau von heute findet nicht mehr im Dritten den, der sie versteht , und tut sie das noch, ist der Gatte nur zu oft bereit, den mitverstehenden Zweiten abzugeben. Die unverstandene Frau von heute erwartet etwas anderes als eine mehr oder weniger stürmische Wiederholung einer ihr bereits vertrauten Liebesszene. Aber was sie erwartet, ist noch nicht zu erraten. Sicher ist nur, daß sie über den Wert der Liebe und die Liebe als Wert skeptischer denkt als ihre Großmutter. Man hat die zunehmende Verweiblichung des Mannes der Zivilisation konstatiert. Ihr entspricht keineswegs eine ebensolche Vermännlichung der Frau trotz mancher solcher Allüre in Tracht und Gehaben. Sicher ist, daß diese Entwicklung des Mannes von seinem spezifischen Geschlechtscharakter weg die erotische Spannung zwischen den Geschlechtern vermindert und weiter vermindern wird, wozu Gemeinschaftserziehung, Sport usw. das Ihre beitragen. Wo ehemals die Liebe war, wird es immer leerer. Doch – im ewigen Kreislauf – kehrt sie zurück, um einmal in neuen Formen wieder zu kristallisieren. Das Erotische Der Begriff des Erotischen hat nicht durchaus scharfe Konturen, die ihn von nachbarlichen Gebieten deutlich trennen. Selbst wenn man ihn aus einer sehr bestimmten Form der Liebe gewänne, enthielte er immer dieses schwanke, fließende, sich verdunstende Gebilde Liebe, dem weder in einer rein metaphysischen Konstruktion, noch in einer naturwissenschaftlichen Deutung Festigkeit zu geben ist. Man hat dem Begriff raffiniert erdachte naturwissenschaftliche Fallen gestellt. Die Beobachtung am Tiere sollte zeigen, wie am Menschen zu beobachten sei. Man kam über sehr interessante Feststellungen, die Begattung und Fortpflanzung der Tiere betreffend, nicht hinaus. Das zerstreute viele Vorurteile hinsichtlich der gleichen Funktionen beim Menschen, und einige schickten sich schon an, dem tierischen Ausleben der Instinkte das Wort zu reden und dieses Gewähren- und Laufenlassen der Instinkte kurzweg Liebe zu nennen. Das kommt aber einer völligen Ablehnung dieses Begriffes Liebe gleich, denn diese setzt sich als ein Willensakt gegen das natürliche Funktionieren, woraus sich alles das ergibt, was wir menschliche Gesittung, Zivilisation und Kultur nennen. Daß und ob die Natur mit der Fortpflanzung der Gattungen etwas vorhat, ist eine falsch gestellte Frage, nicht lösbar mit dem Hinweis, daß wir mit den Organen für diese Fortpflanzung ausgestattet seien. Eine kleine geologische Veränderung, also ein anderes Stück Natur, könnte das menschliche Individuum auf der Erde vernichten von heut auf morgen. Daß die Natur mit dem Menschen etwas plane, ist ein Kompliment, das sich der Mensch macht im verzweifelten Anblick der Gestirne. Er hält sich damit am Rande eines Abgrundes. Das Tier handelt gattungsgemäß, nicht individuell. Es läuft, wenn nicht äußere Behinderungen auftreten, sein Leben ab wie eine aufgezogene Uhr. Daß von hier ganz schmale Stege zum Sexualfunktionieren des Menschen führen, wenn auch kaum mehr sichtbar oder begehbar, wird man nicht leugnen. Aber daß sie zum Wesentlichen des menschlichen Eros führen, wird niemand behaupten. Das Tier handelt nicht, es funktioniert. Das Liebesleben in der Natur ist ein sentimentaler Romantitel, denn es gibt derlei nicht in der Natur. Die weibliche Spinne, welche nach der Begattung das kleine Männchen auffrißt, jene Gottesanbeterin, welche während des Aktes dem Männchen den Kopf abbeißt und ein Bein, ohne daß das Männchen geschlechtlich zu funktionieren aufhörte, das ist nicht Sadismus im Tierreich, ist kein Akt der Grausamkeit überhaupt, sondern das ganz selbstverständliche Fressen eines Tierkadavers, in den sich das Männchen nach Erfüllung seiner Funktion sofort verwandelt: es hat befruchtet und damit ausgelebt. Mit der menschlichen Romantik der Liebe hat das gar nichts zu tun. Das Erotische ist nicht nur des Menschen, sondern noch bestimmter: des Mannes. Denn nur der Mann besitzt jenen Überfluß der sexuellen Substanz, für den er unmittelbar im geschlechtlichen Funktionieren keine Verwendung findet, auch dann noch nicht fände, wenn er jeden Tag hundert Frauen befruchtete. Der Frau ist die beschränkende Grenze gesetzt, nicht so dem Manne. Das farbig-bunte Glas, das uns jeder kulturelle Zeitstil vor das Auge drängt, damit wir durch es die Phänomene so sehen, wie es die jeweilige an ihrer Erhaltung interessierte Zeit wünscht, mag diese biologische Tatsache oft undeutlich machen, aber nichts kann sie widerlegen. Daß sich die Frau jeder vom Manne gewünschten Gestalt des Erotischen in genialer Einfühlung anpaßt und oft so sehr, daß sie als die selbständig Dirigierende – aber nur die Musik des Mannes Dirigierende – angesehen werden kann, das zeugt für die immer frisch aus unendlichen Quellen geschöpfte Stärke und Produktivität der männlichen Substanz, die nicht nur das unmittelbar Erotische erzeugt, sondern auch alles andre, was von dieser Fülle seiner sexuellen Substanz und deren ungeheuren sexuell nicht verbrauchbaren Überschuß lebt: die Künste, zumal aber auch das Denken, ja sogar die Geschäfte. Oder, wenn diese von der Tradition gesicherten Abflußformen verstopft sind, die Aktivität eines männlichen Rasens in Kriegen und religiösen Abenteuern aller Art. Das Weibchen hat nichts zu verschwenden. Es ist die Hüterin und Bewahrerin der vererbbaren Qualitäten. Das Weibchen regelt die möglichen Exzesse der durch das verschwenderische Männchen hervorgerufenen Variationen. Das Weibchen balanciert die Natur aus. Die Natur sagt zum Männchen in der Form eines lebhaften appetitiven Interesses: Befruchte! Sie gibt dem Weibchen einen ganz andern Befehl, der lautet: Wähle! Ein sexueller auf die Fortpflanzung gerichteter Instinkt wäre, angenommen er existiert, hinsichtlich seiner präzisen Wirkung viel zu unsicher und ungenügend, um die Weiterführung der Gattung zu garantieren. Das allein leitende Lustgefühl des Männchens bedarf des Weibchens ja nicht zu seiner Befriedigung, es kann sich, wie man weiß, durchaus vom Weibchen emanzipieren. Man ist allzu geneigt, die Phänomene des Erotischen zu mystifizieren. Was auch dann der Fall ist, wenn wir einer gewissen Sozialform des Erotischen vor andern den Vorzug geben und aus ihr dessen Wesen bestimmen wollen. Biologisch ist das Erotische an die Tatsache gebunden, daß die männliche Substanz durch ihr enormes Überwiegen über das für die Prokreation Nötige zu anderer als unmittelbar geschlechtlicher Verausgabung gedrängt wird. Dies führt nicht nur zu dem nur dem Menschen Eigentümlichen, daß er den geschlechtlichen Akt wiederholt, trotzdem der Partner bereits empfangen hat, dem wiederholten Akt also keinerlei prokreativer Sinn mehr entspricht und er deutlich nur der Lust wegen getan wird. Es führt dies aber nicht nur zu allen Mannigfaltigkeiten der Phantasie innerhalb des Vorganges, sondern auch zu allen anderen Phänomenen, die man im Komplex Liebe begreift. Und es wirkt sich im Ästhetischen, im Religiösen, im Sozialen aus. Das Individuum wird nicht nur ins Leben schlechthin geboren, sondern in ein bestimmtes kulturelles Leben, unter dessen Formgesetze es sich mehr oder weniger beugt, weil sie ihm seinen Bestand garantieren. Das gilt auch für das Erotische im engeren Sinne. Die phallischen Riten Bis auf heute hat sich in der ländlichen Umgebung Hannovers ein um Pfingsten aufgeführtes Maskenspiel erhalten. Der Hedemöpel, Dämon der dürren winterlichen Heide, führt mit seinem Gegner, einem Laubfrosch, dem Dämon der Feuchte und Fruchtbarkeit, ein Streitspiel auf, das um die Greitje geht, eine weibliche Gestalt, die für die Erde oder das Lebendige figuriert. Nach vielem Streit und groteskem Geprügel gewinnt der Laubfrosch die Greitje und führt mit ihr einen Tanz auf, dessen Charakter wohl charakterisiert, daß der Laubfrosch mit einem mächtigen Phallus ausgestattet ist. F. von Reitzenstein vermutet in diesem alljährlichen Maskenfest einen phallischen Ritus, wie er von den antiken Völkern des Mittelmeerbeckens, Ägyptern, Phöniziern, Griechen, Römern überliefert ist, wie ihn die alten amerikanischen Kulturen übten und wie er heute noch Brauch ist bei einigen zentralamerikanischen Indianerstämmen. Dem ersten Dionysoskult, wie er aus Thrakien nach Griechenland kam, fehlt das phallische Moment durchaus, denn er war als ein Totenkult die im ekstatischen von Musik und Tanz und Geschrei begleiteten Rasen versuchte und erwirkte Vereinigung der vom Leiblichen erlösten Seele mit der Gottheit: dieser Kult war Absage an das Leben durch Eingang in den heiligen Wahnsinn, wie ihn die Sufis und die tanzenden Derwische übten, wie ihn periodisch wiederkehrend jene Raserei zeigt, die im Mittelalter als Spring- und Tanzwut ganze Völker ergreift. Unter dem Einfluß der umwälzenden dorischen Wanderung kommt der dionysische Totenkult und dessen Raserei unter das beruhigende apollinische Gebot. Es entstehen die Ventile der Tragödie und des Satyrspieles, worin es der Schauspieler auf sich nimmt, verwandelt zu rasen. Es entstehen an den dionysischen alten Kultstätten die apollinischen Orakel, wo es eine Priesterin ist, die allein den heiligen Wahnsinn der Vereinigtheit mit der Gottheit auf sich nimmt. Und was von nun ab als Dionysien, Elephobolien, Pamylien, Bacchen gefeiert wurde, war festliche Begehung von Winterende und Frühlingsanfang. Diese Feste vollzogen sich unter dem Symbol des Lebenspendenden, als welches das phallische Symbol ist: er gibt die Feuchte, den befruchtenden Regen. Was die frühen Kirchenväter, Tertullian oder Theodoret, über den Phalluskultus berichten, wird, abgesehen von der asketischen Einstellung, die sie auszeichnet, sich mehr auf das gestützt haben, was nach als was während des festlichen Umzuges geschah. Ich schäme mich, von den Phallusmysterien zu berichten, deklamiert Arnobius, der zur Zeit des Diokletian lebte. Und entrüstet schreibt Augustinus: Um den Gott Liber zu beruhigen, um eine reiche Ernte zu erhalten, um von den Feldern Mißwuchs fernzuhalten, ist eine ehrenwerte Frau verpflichtet, vor allem Volke das zu tun, was man nicht einmal einer Prostituierten auf dem Theater erlauben dürfte. Der Satz deutet an, worum es sich bei diesen Riten handelte. Und daß ihr Sinn ihnen selbst in diesen spätrömischen Tagen noch erhalten geblieben und jedem geläufig war. Aber es galt bis in die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts als eine erwiesene Tatsache, daß die antiken Völker den Phallus als dem Lustbringer zum Gotte erhoben und ihm kultische Ehren erwiesen hätten. Was die ungebundene sexuelle Glückseligkeitslehre der antiken Völker ganz ausschloß. Ihnen so Nahes, durch kein Gebot Verbotenes wie das geschlechtliche Funktionieren zu vergöttlichen, hatten sie gar keinen Anlaß. Der Phallus war ihnen auch dann nichts weiter als ein Symbol der Fruchtbarkeit, wenn sie figürliche Darstellungen dieses Symboles als Amulette gebrauchten. So wenig wie der wächserne Uterus, den heute noch die Bäuerin am Bildnisse ihres Heiligen befestigt, um ihn zu erinnern, daß er sie fruchtbar machen solle, zum Gotte wird, so wenig wurden es die phallischen Amulette, die man in Tempeln aufhängte oder um den Hals trug. Die ältere klassische Archäologie hat sich die Einschränkungen und Richtigstellungen der Ethnographen gefallen lassen müssen, die von den Sitten und Bräuchen halbzivilisierter Völker berichten, wie den Amerindiern von Texas und Neu-Mexiko, in deren phallophorischen Prozessionen Reste jener phallischen Riten weiterleben, die man, oft bis in alle Details, aus den Monumenten, Inschriften und schriftlichen Weistümern der untergegangenen zentralamerikanischen Kulturvölker las. Die ersten meist geistlichen Entdecker und Beschreiber dieser Länder sprachen, wie ehemals die Kirchenväter, nur Entrüstung aus über die heidnischen ruchlosen und teuflischen Bräuche und Gottesdienste. Die neueren Erforscher haben ihre gewonnenen kontrollierbaren Kenntnisse dazu benutzt, daß sie ihnen auch das Alte deuten helfen, das in Resten auf uns gekommen ist. Auf einem Blatte des mexikanischen Codex Borbonicus empfängt die Ähren tragende Maisgöttin Tlagolteotl eine herantänzelnde Prozession kleiner maskierter spitzhütiger Männer, die in ihrer rechten Hand den monströsen Phallus halten. Es sind die Huazteken, die Dämonen der Vegetation, und das Ganze eine bildliche Darstellung einer agrarischen Zeremonie. Ihr verwandt ist eine andere Darstellung aus Awatobi, die im Berliner Museum verwahrt wird: zwölf Phallophoren schreiten hintereinander, gesenkten Hauptes, sich an der Hüfte des Vordermannes haltend. Zwei andere Phallophoren schütten über die Schultern der Zwölf aus einem Gefäß Flüssiges. Es ist eine rituelle Geste. Wie bei den alten Völkern, so standen bei den Mexikanern die Sexualorgane in Beziehung zum Wasser. Heute noch gibt es bei den Zuni, Amerindiern von Neu-Mexiko, eine Brüderschaft von besonderen Individuen, Kovemamaschi genannt, deren Funktion es ist, Regen zu besorgen und eine gute Ernte. Sie verkleiden sich mittels Masken und Körperbemalung. Und einer ihrer Riten besteht darin, daß sie in Prozession einer hinter dem andern marschieren, sich an der Hüfte haltend. Sie ziehen an einem Haus vorbei, von wo herab andere Akteure, meist Frauen, ihnen über die Schultern Wasser, Urin oder Mehl schütten. Genau dasselbe ist auf der Berliner alt-mexikanischen Vase dargestellt. Ein amerikanischer Beobachter berichtet, daß diese heutigen Huazteken obszöne Gesten ausführen, wie die Greitjetänzer im Hannoverschen. Ein anderer Stamm, die Hopiindianer, haben ganz gleiche Bruderschaften, von denen man zwei phallisch nennt, die Tataukyamu und die Wüwütcimtu, weil ihre Mitglieder auf Brust, Rücken, Armen und Beinen phallische Malereien tragen und in ihren Händen in Holz gebildete weibliche Genitalien. Auch sie tanzen in Prozession längs Häusern, von deren Terrassen die Frauen sie mit Wasser besprengen. Bei keiner dieser Zeremonien wird der Geschlechtsakt wirklich ausgeführt oder simuliert. Die Verwendung der phallischen Symbole in diesen Riten hat nichts zu tun mit deren Qualität als Organe der Fortpflanzung oder gar der Lustempfindung, sondern sie symbolisieren das Flüssigkeit Spendende. Die Prozessionen beten um Regen. Es sei noch an einen Hindu-Ritus erinnert: um Dürre zu vermeiden, wird in Gegenden Nordindiens der Phallus der Mahadeva-Statue besprengt, um unausgesetzt feucht zu bleiben. Man nimmt heute an, daß es sich auch bei den antiken Phallusriten um nichts anderes gehandelt hat als um Regenbeschwörung. In den Darstellungen griechischer Phallophorien, die auch uns geläufiger sind, zeigt eine Zeichnung sechs Männer, die mit großer Mühe ein Gestell tragen, auf dem ein enormer, mit einem Auge versehener Phallus angebracht ist, von dessen Spitze zwei flüssige Faden laufen. Ein nackter Riese hält mit der Linken diesen Phallus, mit der Rechten zieht er gegen ihn eine Weinrebe. Auf einer anderen Zeichnung sind es acht Männer, welche das Gestell tragen, und hier stützt den Phallus ein riesiger Satyr, auf dem ein kleiner Kerl reitet, der ein Trinkhorn schwingt; die Weinrebe ist als ein separates Ornament angebracht. Allen diesen Riten liegt der universelle Glaube zugrunde, daß zwischen dem Menschen und der Natur eine magische Beziehung besteht: wenn der Mensch feierlich eine Handlung begeht, dann begeht die Natur notwendigerweise den gleichen Akt. Wasser über heilige Akteure gießen gibt Regen. Samen in einen Topf pflanzen, wie im Adoniskult, gibt Fruchtbarkeit der Felder. Sich rituell vereinigen, gibt Befruchtung der Erde. Es ist ein magischer Vorgang. Wie in der Beschwörung durch das Wort. Wie in der Annahme, daß Qualitäten durch Kontakt oder auf Distanz übertragbar sind. Es gibt Heilige, zu denen die unfruchtbare Frau um Kindersegen bittet. Es gibt, auch heute noch und in Europa, Riten, bei denen die Frau das Nachgebilde eines Geschlechtsorganes berührt, um durch diese Zauberhandlung den Effekt zu erzielen, den sie von der natürlichen Handlung bis nun vergeblich erwartet hat. Von der Venerierung eines zum Gotte gemachten Phallus ist dabei keine Rede. Bei der Einnahme der Stadt Mende im Jahre 1580 ließ der protestantische Heerführer die große Glocke der Kathedrale zu Kanonen einschmelzen. Mit dem Klöppel, der 2,30 m in der Höhe und an seiner Basis 1,10 m im Umfang mißt, gelang ihm dies nicht. Später stellte man diesen Klöppel an einer Seitenpforte der Kathedrale auf. Er steht noch dort, und jede Frau der Umgebung, die sich ein Kind wünscht, pilgert zu dem Klöppel, der eine auffallende phallische Form zeigt, um ihren Leib daran zu reiben und zur heiligen Jungfrau zu beten. Dies ist nicht, wie der Beobachter und Berichter meint, christianisierter Überrest eines phallischen Kultes, sondern Magie durch einen rituellen Kontakt. Einen göttlichen Kult des Phallus, eine Mythologisierung des menschlichen Geschlechtsvorganges hat es nie und nirgendswo gegeben. Der Schritt vom Flursegen spendenden Fruchtbarkeitssymbol des Phallus zum schlechthin Glück spendenden oder vor Unglück bewahrenden Symbol war klein. So wurde der Phallus zum auf dem Leibe getragenen Amulett bei Kindern, er wird Weihgeschenk, wird auf Häusern, Toren und Gräbern aufgepflanzt zur Abwehr böser Geister. Er dient als ein Zaubergerät der Beschwörung, er wird als Zeichen der Macht zum Kommandostab des Zauberers wie der Doppelphallus, den man aus dem älteren Megdalenien in Laugerie Basse gefunden hat. Das Phallussymbol erscheint auf bronzenen sakralen Erntewagen, die man durch das Feld gezogen hat. Phallische Bildwerke erscheinen in der gotischen Kirchenplastik an den Fassaden zur Abwehr des Bösen. Phallusähnliche Steine, die Stenkloten, vergruben die Germanen in der Erde, um diese zur Fruchtbarkeit zu beschwören. Dem Gebäck gibt man noch heute bei ihm erhaltene und weitergebrauchte phallische Formen, wie man es auch mit den Flur- und Meilensteinen hielt und hält. Die Meinung, daß es sich bei den phallischen Symbolen der antiken und halbzivilisierten Völker um einen regelrechten obszönen Kultus mit dem Träger und Bereiter einer Lustempfindung gehandelt habe, ist sicher vom ungläubig gewordenen Verhalten der Spätantike diesen Symbolen gegenüber bestimmt. Als man die Götter verspottete, da nahm man sicher auch dem phallischen Gebilde seine kultische Bedeutung und gab ihm eine nichts als sexuelle. Die Häteren Die dauernde Sonderehe in allen ihren Varianten ist eine Institution. Innerhalb der Tierwelt leben nur jene Tiere monogyn, deren Lebensdauer so kurz ist, daß sie nur Zeit für einen einzigen Liebesakt gewährt. Das Weibchen des in Freiheit lebenden Säugetieres flieht fast immer das Männchen, von dem es bereits gedeckt wurde; nur Not und Zwang lassen es eine zweite Deckung durch dasselbe Männchen dulden. Das Tier ist, wie die Natur, nur an der Gattung interessiert, nicht an der Varietät. Die Polygynie erhält nur den allgemeinen Typus der Gattung. Die Einehe aber formt Varietäten. Wandelt sich die Polygynie in Monogamie, dann nimmt die Unähnlichkeit der Individuen zu. Die Hündin, welche nur in Zwange der Not sich zweimal vom gleichen Männchen decken läßt, intendiert mit dem Wechsel des Männchens nicht, Individuen zu erzeugen, sondern eben durch ständigen Wechsel des Männchens einen typischen Hund, der alle Verschiedenheiten in sich vereinigt, welche die Hundefamilie aufweist. Die Hündin ist nicht an der Erhaltung der Hunderassen interessiert, sondern an der Erhaltung der Gattung Hund. Alle sexuelle Freiheit begünstigt die Erhaltung eines uniformen Typus. Die Monogynie hält diese Tendenz auf und begünstigt die Verschiedenheit. Die Monogynie des Menschen ist, so schwer er sich auch unter sie als physiologisch nicht gerechtfertigt beugte, die Hauptbedingung seiner Superiorität. Er wird die Monogynie als vorteilhaft in dem Moment hingenommen haben, als er seine Existenz als Gattung hinreichend gesichert erkannte. Mit der Seßhaftigkeit und dem numerischen Wachstum der primitiven Horde, deren Weiterungen zur Sippe, zur Notwendigkeit der Arbeitsteilung, wird das Interesse an der Varietät vorherrschend, und die sie fordernde Ehe der Älteren überläßt den geschlechtlichen Kommunismus der mannbar gewordenen Jugend. Auch das eheliche Leben schließt heimliche oder offene Polygynie nicht aus, aber diese löst nicht nur nicht die Ehe auf, sondern macht sie erträglicher und damit begehrenswerter. Die Sonderehe war eine Neuerung, oft als unerlaubt und naturwidrig empfunden, weil dem Hordeninteresse entgegen. Der Mythus verbindet ihre Einführung oft mit dem Namen eines bestimmten Gesetzgebers. Der Glaube an die Naturwidrigkeit der Ehe hat sich bis auf heute noch da und dort erhalten neben besonderen Bräuchen, die das zum Ausdruck bringen. Wie der Brauch sakraler Prostitution, wenn es gilt, Unglück und Gefahr vom Stamme fernzuhalten. So prostituierten sich einst bei drohender Gefahr die Frauen bei den Lokrern, so tun es heute noch die Frauen mancher australischer Stämme. Den kriegerischen Chewsuren im Kaukasus galt die Dauerehe zwischen Mann und Weib als etwas Schimpfliches. Und von den kriegerischen, also noch hordenmäßig empfindenden spartanischen Ehegatten wissen wir, daß sie sich nur des Nachts und heimlich zu ihren Eheweibern schlichen. Sie verabscheuten auch die Korrektur der Prostitution. Aber da und dort gehört die Braut die erste Nacht allen. Oder einer, der Priester, der Stammeshäuptling, vertritt in dieser Nacht alle andern jungen Männer. Vielleicht ist dies der Loskauf der Einzelehe. Mit der Einzelehe tritt als deren Ergänzung die Prostitution auf, zunächst wohl in den sakralen Formen von Festen, in denen der Mensch vom Zwange der ehelichen Institution befreit wieder war, was er vorher gewesen: Mensch, das ist nicht-monogynes Wesen. Die Unnatürlichkeit der Ehe gewann erst durch ihre kulturelle Einordnung so etwas wie eine kultische Bedeutung, zumal durch die kirchliche Sakramentierung, die sich als die einzige legale und sittliche Form der Gcschlechtsbeziehung auszeichnete, weil das über die ehefeindliche Kirche sieghafte Staatsinteresse es so wollte. Mit der Kult-Form der Ehe war eine Kult-Form der Prostitution unvereinbar. Man konnte sie nicht abschaffen, aber sie wurde geächtet. Die Polygynie des Menschen konnte man nicht ändern, aber man konnte sie als sündhaft verwerfen. Man fand sich mit der Prostitution ab, indem man sie duldete. Die Duldung der zeitweiligen Polygynie erkannte man als das sicherste Mittel, das Institut der Ehe und damit die soziale Stabilität zu erhalten. Mit der Auszeichnung der Ehe als größter Annäherung an ein kulturelles Ideal des Glückes adaptierte sich an dieses Ideal die Moral, welche nichts sonst ist als ein Führer zu einem Ideal: sie wechselt mit ihm. Herodot berichtet, daß sich in Babylonien jedes Weib jedes Standes einmal in ihrem Leben beim Heiligtum der Istar-Madonna niederlassen und sich vom ersten besten Manne, der ihr ein Geldstück zuwarf, begatten lassen mußte. Strabo berichtet fünfhundert Jahre später den gleichen Brauch. Die Gesamtheit der Frauen löste vielleicht da und dort die Tempelmädchen ab, die Gottesbräute, wenn sie nicht unfruchtbar gemacht wurden. Ägypter, Babylonier, Assyrier, Phönizier hatten die Institution der sakralen Prostitution. Auch die Hetiter, die Inder kennen sie. Die Kedeschen der Juden waren Tempelhuren. Die Japaner wie die alten Mexikaner hatten das Institut, nicht die Chinesen. Vor dem 7. Jahrhundert den Griechen unbekannt, ist die sakrale Prostitution von da ab Brauch. Solon stellt die Hierodulen des von ihm gegründeten Tempels der Aphrodite Pandemos unter das Staatsgesetz. Die kultische Form, welche die asiatischen Völker der Prostitution gegeben hatten, konnte, nach Griechenland importiert, diese der homerischen Zeit noch unbekannte Form nicht rein behalten. Sie stieß hier auf andere Formen der Ehe und der staatlich-städtischen Bindung, wohl auch auf andere Formen der Wirtschaft. Vielleicht ist der Tempeldienst der geweihten Mädchen nur eine geregelte, unter äußerlichen religiösen Formen der Weihe vollzogene Art von Bordellierung – es gab ja überall daneben die profane Prostitution der Gassen- und Kneipenmädchen –, verbunden mit einem Unterricht in Tanzen, Musizieren, gutem Ton, Lesen und Schreiben, Dinge, welche der griechischen verheirateten Frau in der Regel unbekannt waren. Die Gattin hatte ja auch keinerlei erotische Funktion, und das Staatsinteresse an der auch von der Knabenliebe bedrohten Ehe verlangte größte Aufmerksamkeit den außerehelichen erotischen Gelegenheiten zu schenken. Zur heimlichen stillschweigenden Duldung und öffentlichen Schmähung der Prostituierten und der durch solche Haltung sich ergebenden Auszeichnung der Gattin fehlte die erst durch das Christentum gegebene Voraussetzung einer Trennung des Seelischen vom Leiblichen und der Begriff einer Liebe, der diese Polaritäten in sich wieder aussöhnend vereinigt. Auch die Knabenliebe war ja immer auch sinnliche Liebe, nie reine Schwärmerei. Das sinnliche Funktionieren war durch keinerlei Sentiments gebrochene naive Betätigung des Lebens. Vorteile oder Nachteile im nachirdischen Leben waren in keiner Weise mit einem diesseits sinnlich oder keusch geführten Leben verbunden. Es gab kein Ideal des geschlechtlichen Lebens, um dessentwillen Opfer zu bringen waren. Es gab also auch keine Geschlechtsmoral. Niemand konnte Anstoß daran nehmen, daß Perikles in zweiter Ehe eine ehemalige Hetäre zur Gattin nahm, die Aspasia. Ein brillanter Geist und ein schöner Leib legitimierten sie dazu. Daß sie den einen wie den andern als Hetäre ausgebildet hatte, war selbstverständlich. Die große Rolle, welche etwa vom sechsten vorchristlichen Jahrhundert ab die Hetäre im griechischen Privatleben gespielt hat, dürfte von der untergeordneten Stellung der verheirateten Frau wesentlich bedingt worden sein. Was und weshalb man heiratete, das entschied weder die leibliche Schönheit noch die besondere geistige Bildung der Erwählten, denn weder das eine noch das andere hatte in der Ehe irgendwelche Bedeutung. Zum Beweise, daß man auch ohne jede erotische Beziehung zur Frau mit ihr Kinder zeugen könne, dazu bedarf es übrigens nicht der Anrufung des Beispieles der Antike. Eine andere als solche Familienbedeutung kam der antiken Ehe nicht zu. Das Vergnügen in jeder Art übernahm in Arbeitsteilung die ihre Gunst verkaufende Frau, von der Dirne des Hafens und der Straße, für die man etliche dreißig Bezeichnungen hatte, bis zu der höchststehenden in Natur und Kunst, der man nur den einen auszeichnenden Namen der Freundin , der Hetäre gab. Wie in der nachfolgenden Zeit bis auf heute waren die Beziehungen des Mannes zu der Freundin keineswegs solche von der kurzen Dauer einer Nacht, meist dauerte die Beziehung zur Hetäre, die als eine gebildete Person ja mehr noch zu geben hatte als bloß ihre körperlichen Reize, länger, wenn auch meist nicht länger, als es die Mittel des Mannes erlaubten. Aber es kam, wie natürlich, nicht selten vor, daß sich in dieser Zeit eine Freundschaft ausbildete, die, von der sinnlichen Passion genährt, schon viele der gefühlsmäßigen Züge der moderneren Liebe zeigt. Athenaios wie Pausanias berichten von der Hetäre Leaina – ihr Kenname Löwin –, daß sie die Geliebte der Tyrannenmörder Harmodios und Aristogeiton war, sich für diese ohne zu verraten foltern ließ und dafür später durch ein Denkmal gefeiert wurde. Von einer Freundin des Alkibiades, des Schreckens der braven Athener, berichtet Xenophon in den Memorabilien. Als Alkibiades nach der Einnahme Athens durch Lysander der Regierung der Dreißig nicht vertraute und sich nach Phrygien begab, nahm er seine beiden Freundinnen, Timandra und Theodata mit und lebte mit ihnen in einem Hause im Dorfe Melissa. Lysander erpreßte vom Satrapen Pharnabakes das Zugeständnis, den Alkibiades umzubringen. Der lag, in Frauenkleidern und von Timandra geschminkt und coiffiert, in den Armen der beiden, als Rauch ins Gemach drang. Die Soldaten des Satrapen hatten das Haus angezündet. Alkibiades schlug sich mit vor dem Gesicht gehaltenen Mantel und das Schwert in der Hand durch ins Freie, wo man ihn mit Pfeilen niederstreckte. Die beiden Freundinnen hoben den Leichnam auf, wuschen ihn, legten ihn in Linnen und bestatteten ihn. Nach Plutarch war es Timandra, die das letzte Liebeswerk besorgte. Bei Athenaios war es Theodata. So waren es beide. Und sie blieben beisammen. Der tote Freund und die Gefahr hatten sie vereint. Sie setzten dem Alkibiades ein Grabmal, worauf Strafen standen, die sie nicht scheuten. Athenaios sah noch das marmorne Standbild in dem phrygischen Bauernnest. Diese Theodata wird von Athenaios ihrer schönen Brüste wegen gerühmt. Geist besaß sie nach ihm wenig. Auch Xenophon spricht nur von ihrer leiblichen Schönheit und machte den Sokrates auf sie neugierig, so daß der sie bei einem Maler aufsuchte, dem sie gerade Modell stand. Ihre Mutter saß neben ihr, nett und anständig von der Tochter angezogen, und es gab auch Dienerinnen. Sokrates fragt sie, wovon sie ihren Lebensunterhalt bestreite, und das Kind antwortet mit großer Einfachheit: Wenn ich einen Freund finde, der nett sein will, davon lebe ich. Sokrates gab ihr nach seiner Gewohnheit, die ihm die Athener so verübelten, gute Lehren, wie sie es anstellen müsse, zu einem solchen Freunde zu kommen, denn die flögen nicht so herbei wie die Fliegen, man müsse Netze stellen, sich verweigern, um sich begehrt zu machen, und ihnen Hunger geben, damit sie nicht auslassen. Was denn für Netze und Hunger? fragte die Hetäre, die nicht verstand und glaubte, Sokrates wolle ihr helfen, Freunde zu finden. Sie bat ihn darum. Und Sokrates führte eine seiner dialektischen Foppereien auf, ohne daß das Mädchen es merkte. Die Hetären haben ihre Dichter und Historiker, ihre Maler und Bildhauer, auch ihre Altäre und Tempel gehabt. Was die Literaten und Historiker betrifft, so werden nicht wenige darunter gewesen sein, die verärgert über zu hoch hängende Trauben gewesen waren. Die Aspasia war nicht für kleine Federfuchser zu haben. Auch Enttäuschte und Betrogene werden darunter sein. Vielleicht auch Ehemänner, denen das Ganze nicht paßte. Sicher aber auch amüsierte Zuschauer und Freunde. Manche verraten ihre Voreingenommenheit selber. So der komische Theaterstückschreiber Anaxilas . Dieser Anaxilas nennt die Sinope die Hydra, Gnathaina die Pest, Phryne Charybdis und Nannion Szylla. Alle seien sie alte Vetteln und sähen aus wie gerupfte, enthaarte Sirenen. Athenaios ist liebenswürdiger als dieser Anaxilos, dem großes Alter und kleines Einkommen Freuden versagten, wofür er sich auf seine Skribentenweise rächt. Der herumhorchende und alles lesende Athenaios erzählt die ihm oft nacherzählte Geschichte von der goldenen Kette. Ein junger Mann aus Kolophon begehrte die Milesierin Plangion und wollte für sie seine Geliebte Bacchis aus Samos verlassen. Aber Plangion sah, wie schön Bacchis war, und wollte von dem Kolophoner nichts wissen. Sie hatte Korpsgeist. Der Mann wollte aber nicht abstehen. Da forderte Plangion als Preis für ihre Gunst eine goldene Kette, die sehr berühmt war und der Bacchis gehörte. Der Mann glaubte, Bacchis würde ihn nicht an seiner Liebe sterben sehen wollen; er verlangte die Kette und bekam sie auch, denn Bacchis konnte ihn nicht leiden sehen. Als die Plangion gerührt erkannte, daß Bacchis nicht eifersüchtig, gab sie ihr die Kette zurück und nahm den Kolophoner in ihre Arme. Von da ab wurden die beiden Mädchen Freundinnen und hatten ihren Freund gemeinsam. Vielleicht trat um diese Zeit schon etwas wie ein Verfall des Hetärentumes ein, was ihre große Popularität vermuten läßt. Sie werden Heldinnen vieler Komödien. Man spielte eine Korianno, eine Thais, eine Phanion, eine Opora. Pherekrates, Menander, Alexis und viele andere sind die Autoren. Später kam dann der Sykionier Machon , Theaterdirektor in Alexandrien, und verfaßte über die Hetären Versgeschichten. Seinem Schüler, dem Grammatiker Aristoteles aus Byzanz, gab er den Auftrag, eine Geschichte der Hetären abzufassen. Das verkaufte sich gut an der Theaterkasse. Dieser Grammatiker erzählte hundertundfünfunddreißig Hetärenleben. Das ist eine geringe Zahl. Aber Apollodoros, Ammonios, Antiphanes und Georgias nennen viel mehr Hetärennamen und sagen zudem, daß sie die meisten vergessen hätten. Aber Machon und sein Schüler hätten noch weit mehr vergessen, zum Beispiel die Paroinos, die so viel getrunken hätte. Ferner die Euphrosyne und Theokleia, die Nelke genannt, und Synoris, die Laterne, und die Große, und die Lampe, und das Schweigen, und das Wunderchen, und die Haarlocke. Von Antiphanes erfährt man, daß Nannion den Spitznamen Vorhang bekommen habe, weil sie wohl die schönsten ägyptischen Kleider, mit Goldkörnern überstickt, getragen habe und auch erlesenen Schmuck, aber entkleidet recht häßlich gewesen wäre. Diese Mädchen zeigen manchmal ein gutes Herz, immer ein flinkes Mundwerk. Entweder sind die Hetären von ihrer ehemaligen Höhe herabgestiegen, oder es ist, was von Geist und Bedeutung der Aspasia, der Lais, der Phryne im Umlauf war, mehr dem Umstande zuzuschreiben, daß sie die Freundinnen hervorragender Männer waren, wie Perikles , Aristip , Hypereides , Demosthenes . Epikrates erzählt in seiner Anti-Lais von der Lais als einem alten Weibe, das den Trunk liebte und vor Neid platzte. Auch die Phryne soll nach Timokles schon recht bei Jahren gewesen sein, als sie vor dem Richter stand und sich vom verzweifelnden Anwalt dekolletieren ließ. Aber ein Scholiast des Plutus und Athenaios erzählt hinwiederum, daß die Lais jung und schön war, als sie den tragischen Tod erlitt. Sie fand Gefallen an einem gewissen Eurylokos, der sie nach Thessalien mitnahm. Die thessalischen Weiber wurden eifersüchtig, denn sie verdrehte den Ehemännern den Kopf. In Scharen brachten diese an ihrer Tür das Weinopfer. Da stürzten sich an einem Festtage der Aphrodite, wo die Männer keinen Zutritt zum Heiligtum hatten, die Weiber über die Lais und erschlugen sie mit den hölzernen Kirchenstühlen. Das war dieselbe Lais, die in Korinth den Dienst der Hierodulen eingeführt haben soll. Die Deutung hat etwas für sich, daß die Einschaltung der Freudenmädchen in den Tempeldienst und die Verleihung einer göttlichen Weihe dazu geschah, um die Mädchen, und damit auch die Männer, vor den Ehefrauen zu schützen. Thessalien war weit von Korinth, und so weit reichte der Schutz nicht. Dem Demosthenes war der von einer andern, älteren Lais verlangte Preis von achttausend Goldmark zu teuer; er wolle, wie er sagte, die Reue nicht so teuer erkaufen. Diese Lais war sehr schön und sehr habsüchtig. Die jüngere, die erschlagen wurde, war nur schön. Was den Witz der Hetären betrifft, so ist er natürlich aus ihrem beruflichen Leben genommen, und diese oft sehr unverblümten Aussprüche dürfen nicht auf Unbildung schließen lassen oder auf Mangel an vortrefflichen gesellschaftlichen Formen. Von all dem dürften die Hetären sehr viel besessen haben, und die ehelichen Frauen haben sich im Laufe der Zeit wohl an ihnen gebildet. Die Hetäre hat sicher nicht wenig dazu beigetragen, daß die eheliche Frau sich von der großen Enge ihres Daseins emanzipierte. Zumal man ja als Hetäre selbst Königin werden konnte, wie jene Thais, von Menander aufs Theater gebracht, aus den Händen Alexanders in die des ersten Ptolomaios von Ägypten kam, der sie heiratete und zur Königin machte. Niko, die man Aix, die Ziege, nannte, weil sie einen Kaufmann namens Thallos, das ist Zweig, kahlgefressen hatte, war wegen der Schönheit ihres Rückens berühmt. Der junge Demophon, der Geliebte des Sophokles , bekam Lust, auf seine Weise sich an einer Frau zu erfreuen. Niko war einverstanden und sagte: Dann kannst du ja das, was du von mir bekommst, an Sophokles weitergeben. Rom hatte wohl die sakrale Institution der Floralien und Venusfeste, bei denen nur Tempeldirnen wirkten, schon in früher Zeit. Aber die robusten Weltstädter, Kriegführer und Finanzleute brachten ihre Prostitution nicht zur Blüte der Hetären. Dafür fehlte ihnen sowohl die Zeit wie der Geschmack. Rom und Athen (oder Korinth, um die üppigere Stadt zu nennen) glichen in dieser Sache dem Gegensatz zwischen zwei modernen europäischen Großstädten, deren eine nur die Prostituierte kennt, braucht und verachtet, die andere ein freundliches gesellschaftliches Interesse jenen Frauen dieses Berufes nicht versagt, welche sich durch Geschmack, Geist und gute Manieren auszeichnen. Dort liebt man die spartanische Geste, hier die athenische. Die sokratische Freundschaft Daß sich aus der homosexuellen Beziehung zwischen heutigen Männern zuweilen so etwas wie eine Freundschaft bildet, woraus man gern die höhere Sittlichkeit solcher abnormen Beziehungen behauptet, das hat mit der sokratischen Freundschaft nichts zu tun. Gewiß existierte auch in der antiken Welt solche Abnorm; aber die Paidophilie der Antike kam nicht zustande aus der Summierung solcher Abnormen. Die Heutigen, welche im Kampfe gegen ein sittliches und juristisches Vorurteil das Beispiel der Antike und eine Ahnenreihe bedeutender Männer anrufen, welche Knaben geliebt haben, vergessen, indem sie dies tun, daß sie im Augenblick zuvor und nachher keinen einzigen Faktor heutigen kulturellen Lebens zur Stützung ihrer Behauptung angerufen haben – weil keiner existiert –, sondern nur individuelle Tatsachen einer besonderen Artung, die medizinisch feststellbar und deren Phänomene in den Satz faßbar sind: es gibt und gab männliche Individuen, welche die geschlechtlichen Beziehungen zum Weibe als wider ihre Natur empfinden und als ihrer Natur entsprechend nur die Liebesbeziehungen zum eigenen Geschlechte kennen. Neben dieser kleinen Zahl von Paidophilen aus Artung gibt es eine weit größere Zahl solcher aus Gründen, die mit einer psychosomatischen Anlage nichts zu tun haben: Mangel an Frauen, Verlockung, Erwerb, Neugier, Snobismus – gemeinsam ist diesen Gründen, daß sie aus defekten Zuständen unseres kulturellen Lebens entstehen, aus Unwerten, nicht aus Werten. Für das Individuell-Pathologische der heutigen echten Homosexualität und das Individuell-Zufällige der sekundär Homosexuellen, die sich immer an den Bruchstellen einer Kultur bilden, bietet die antike Paidophilie keinerlei Analogie. Denn diese kam nicht dadurch zustande, daß gehäufte Einzelfälle besonderer Artung sich Lebensform bestimmend durchsetzten gegen eine andere Lebensform und diese in die zweite Reihe drängten. Die Ehe war den Griechen mindestens ebenso wichtig wie die Jünglingsliebe. Unwichtig aber war dieser Männerwelt, dieser Kriegerwelt, der Gebärerin und Erzieherin der Kinder das ungeheure Opfer ausschließlicher Liebe zu bringen. Die Ehe war diesen Männern wichtig, auch den enragiertesten Paidophilen, aber sie war ihnen nicht wie heute bedeutungsvoll in ihrem seelischen und geistigen Leben. Aus der geschlechtlichen Funktion leitete der antike Mann nicht die Liebe ab. Er wußte die erste möglich ohne irgendwelche Beteiligung der Seele und der Phantasie. Und er kannte die Liebe, ohne ihr das Ziel eines geschlechtlichen Kontaktes durchaus geben zu müssen zum endgültigen Erweise dieser Liebe. Er konnte von diesem erotischen Finalismus absehen, ohne seine Liebe deswegen als unglücklich zu empfinden. Erst die christliche Welt wurde – in der keuschen Abstinenz und in der Ausschweifung Polaritäten des Lasters und der Tugend schaffend – das, was ich phallozentrisch nennen möchte. Die griechische Antike, im ästhetischen Banne stehend, zeichnete ein gewisses Unvermögen aus, das Schöne und das Gute zu distinguieren: der Begriff der körperlichen und geistigen Vollkommenheit ist für sie charakteristisch. Aus einem adeligen Kreise geboren, mußte er auf ihn beschränkt bleiben. Dauer konnte ihn nicht beschieden sein. Er war Sonne in Mittagshöhe. Leicht war die Gasse gegen ihn mobil zu machen. Er war keine demokratische Lebensform. Der glücklichste Augenblick menschlicher Geschichte war nur ein Augenblick. Man spricht in der zweigeschlechtlichen Liebe von freier Liebeswahl und gibt dem Instinkt, ohne den man trotzdem nicht auskommt, eine blinde Hellsichtigkeit und entscheidend-autoritäre Bedeutung welche hinwiederum jede freie Wahl aufhebt. Und gerade dieses zeichnet die antike Jünglingsliebe aus, daß sie weder vom Instinkt abhängt noch vom Zwang des Geldes. Den Sklaven war sie bei hohen Strafen verboten. Und wer sich für Geld hingab, der galt, wie Äschines berichtet, für infam und wurde besteuert. Der Instinkt entschied hierin gar nichts. Es galt als eine Schande für einen Jüngling, der das Alter überschritten hatte – denn unreife Knaben zu lieben stand unter Strafe –, wenn kein Mann ihn seiner Liebe für würdig fand, und als Schande für einen Mann, wenn er nicht einen Jüngling wählte. Immer trafen helle Sinne die Wahl: leibliche Schönheit dort, geistige Schönheit hier waren das Entscheidende. Das geschlechtlich Anziehende war nicht schon das Schöne schlechthin, sondern die körperliche Vollendetheit, die dem jungen Mann in höherem Maße eigen ist als der jungen Frau. Die zeugende Kraft des Mannes wurde aidoion, das heißt Gegenstand ehrfürchtiger Verehrung, nicht die gebärende Fähigkeit der Frau. Gesellt sich der antike Mann dem geliebten Jüngling, so tut er nach dem griechischen Worte etwas para physin, gegen die Natur, womit er aber nicht widernatürlich im christlichen Sinne meint, sondern sagen will, daß er etwas tut, was keine Nachkommenschaft hat. Bloß Kinder zu zeugen, genügte der griechischen Anschauung nicht. Diese Kinder mußten auch einem bestimmten Ideal entsprechend erzogen werden. Das tat beim Mädchen die Mutter, beim Jüngling der Mann. Denn nur Männer können die männlichen Tugenden lehren, sowohl die des Leibes wie der Seele. Man liest im Gastmahl des Plato diese Beschreibung: Wird einer, der einen Jüngling liebt, dabei betroffen, etwas Häßliches zu tun, so wird sich dieser weder vor seinem Vater noch sonst irgendeinem Menschen deswegen so schämen wie vor seinem Liebling. Ebenso wird sich der Liebling, wenn er bei etwas Unedlem betroffen wird, am meisten vor seinem Liebhaber schämen. Wäre es also möglich, einen ganzen Staat oder ein Heerlager aus Liebhabern und Lieblingen zu bilden, so wäre eine bessere Verwaltung kaum denkbar, denn diese würden aus Rücksicht aufeinander sich alles Schändlichen enthalten und ständig miteinander in edlem Wettstreit liegen. Plato adoptiert für seine Utopie eine Wirklichkeit, die er kannte und deren sittliche Vorzüglichkeit ihm so einleuchtend war, daß er sie in seinem Staatsbilde nicht entbehren konnte. Die Ehe, das ist die Ordnung im Frauenraub der kriegerischen Horden, war längst sicheres und festes Institut, das die Nachkommenschaft sicherstellte. Zu Zeiten, da man sich mit seinem Vaterlande noch auf der Wanderung befand und ein Zeltlager seinen wechselnden Boden deckte, mochte die öffentliche Meinung, welche kämpferisch war, jeden Mann verachten, der seine Einzelfreude dem Wohl der Gemeinschaft vorzog. Es war wichtig, daß nichts von der männlichen Kraft unnütz verlorenging und sie ausschließlich darauf verwandt wurde, neue Kraft, neue Arme, neue Mütter zu schaffen. Mit der Seßhaftigkeit und der Bildung einer Nation änderte sich das. Das Gebot lockerte sich. Als man das feste Lager hatte, bestimmte Weideplätze und Städte, da nahmen die Männer auf ihren Kriegszügen nicht mehr ihre Weiber mit, ließen sie in dem Zuhause, das sie nun hatten. Sie waren nun Männer unter Männern, oft für lange Zeit. Die Voraussetzung für die Männerfreundschaft war gegeben. Flaubert hat das in jenem Kapitel der Salambo nachgezeichnet, wo er das Heer der Söldner beschreibt. Die Krieger haben die Freundschaft begründet, und die geistigen Männer gaben diese Loslösung von der Frau nicht auf, deren launisches, ungeregeltes, grimassierendes Wesen diese Sucher des Absoluten störte. Es mag diese genetische Erklärung nur einen Wahrscheinlichkeitswert haben. Aber er erscheint mir größer als Schopenhauers Erklärung, daß die Paidophilie eine Kriegslist der Natur sei, wodurch sie den Verfall der Rasse hindere, insofern zu junge und zu alte Männer nur schwache und schlechtkonstituierte Kinder zeugen und in der Paidophilie ein Mittel bekommen, artifiziell ihre sexuellen Instinkte zu befriedigen, ohne dadurch die Interessen des Vaterlandes zu schädigen. Die Natur als kluge Haushälterin mit Interessen, Plänen und Kunstmitteln ist eine Voraussetzung ohne andere Stützen als jene, welche der Mensch ihr leiht. Eine so vernünftig ausgestattete Natur ist ein Hilfsbegriff, der nicht mehr hilft und nur gerade beliebte menschliche Vorurteile ausdrückt. Der antike Mann hatte keine Furcht vor der Frau. Die antike Frau war dem Manne nicht der Inbegriff aller sexuellen, erotischen und sentimentalen Funktionen und Möglichkeiten. Ihre Aufgabe war bestimmt, ihre Rolle einfach und deutlich, sowohl als Ehefrau wie als Hetäre. Wenn Heutige die Träger großer antiker Namen als homosexuell reklamieren und mit ihnen eine Stammtafel aufstellen, so geschieht das nur mit halbem Rechte, das ein ganzes Unrecht ist. Die antiken Männer konnten sowohl Liebhaber von Jünglingen sein, wie auch Gatten von Frauen und Väter von Kindern. Der nichts als homosexuelle antike Mann hat wohl nie existiert. Er dürfte immer erst im Bruch einer Kultur als Verfallserscheinung auftreten, nicht als sexuelles Raffinement, wie man sittlich urteilend meint, sondern als Fehlleistung der individuellen Entwicklung. Seine Inversion ist nicht organisch bedingt, sondern sozial. Das nichts als Individuelle beginnt auflösend zu fermentieren, und der größtmögliche Lustgewinn wird, auf welchen Voraussetzungen immer, zum Wunsch des Einzelnen, an keinerlei soziale Bindung mehr Verpflichteten Für Plato bestand keinerlei Notwendigkeit, eine Apologie der Jünglingsliebe zu schreiben, denn weder der Brauch, noch die Religion, noch das Gesetz stellten sich ihr entgegen, und das Beispiel der Olympischen war allen vertraut. Und dennoch verwandte er auf die Verteidigung der Jünglingsliebe die bedeutendste Anstrengung seines Geistes, wollte mit ihr sich eine Zeit mystisch-romantischer Erotik beginnen lassen, von der Adeligkeit geübt zum Wohle des Staatsganzen gegen eine nichts als natürliche Liebe, deren Zeit er beendigt sah oder von der er, nicht ohne Grund, wie der Tod des Sokrates zeigte, befürchtete, daß sie dem Staatsganzen nicht zum Heile diene. Plato wußte die Zeitumstände nicht günstig, um offen zu sprechen. Eine lebhaftere Apologie seines aristokratischen Ideals, das sich auf der Paidophilie fundamentierte, hätte die Demokratie, die sich bedrückt bereits unruhig zeigte, zum Sturm gebracht. Darum rückte er sein Ideal, dem die Form alles war in die Schatten der Mystik, verschleiernd, verdunkelnd, als erster Romantiker, der er war. In der ingeniösen Fabel vom doppelgeschlechtlichen Wesen, das der Wille der Götter trennte und dessen beide Teile sich nun suchen und finden, will Plato, ganz eingeschlossen in dem mystischen Ästhetizismus, der der griechischen Mentalität eigentümlich, die Leidenschaft zur Liebe purifizieren und rechtfertigen und als das Gute mit dem Schönen identifizieren. Wie die schönen Teile sich suchen: diesem entspricht, daß, wer sich den philosophischen Betrachtungen hingibt, von Jugend auf den schöngeformten Körper suchen muß. Dem Sokrates genügt als Partner im Gespräch, daß dieser nichts als schön sei. Und dies ist auch Platos geheimster Gedanke, daß er den höchsten Flug seines Geistes den Flügeln dankt, die ihm die Schönheit junger Athener seiner Klasse gibt. Daphnis und Chloe In einem Gespräch mit dem Kanzler Müller entwickelt Goethe , wie diese Verwirrung der Päderastie eigentlich daher komme, daß nach rein ästhetischem Maßstab der Mann weit schöner, vorzüglicher, vollendeter als die Frau sei. Die Knabenliebe sei so alt wie die Menschheit, und man könne daher sagen, sie liege in der Natur, ob sie gleich gegen die Natur sei. Siehe Goethe: »Der Erlkönig«. . Aber was die Kultur der Natur abgewonnen habe, werde man nicht wieder fahren lassen, es um keinen Preis aufgeben. In der Tat war und ist ja auch die Differenzierung in die heterosexuelle Liebe ein kultureller Gewinn gegenüber der undifferenzierten Homosexualität, wenn auch mit nicht geringen Kosten erworben und festgehalten, deren größten Teil die Frau zu tragen hatte. Denn zu ihren funktionellen Aufgaben der Gebärerin und Aufzieherin der Kinder bekam sie die weiteren Aufgaben aufgebürdet, Geliebte, Freundin, Reizerin des Mannes zu sein, und die Sorge, ihn in dieser von der Kultur gesetzten Heterosexualität festzuhalten. Der Weg, den hier die Frau ging, ist gezeichnet mit Triumphen, aber auch mit Niederlagen. Die Liebe zum andern Geschlecht mußte die Kultur gegen die Natur durchsetzen. Sie mußte die vom Menschen gesuchte Lust, den einzigen natürlichen Trieb, von dem man ohne Mystik sprechen kann, auf das andere Geschlecht als das legitime Objekt, das alsbald das allein natürliche wurde, beschränken – gegen die Natur, denn Lust, die er wünscht, kann sich der Mensch selber geben oder kann sie vom Gleichgeschlechtlichen empfangen, zumal der mit Zeugungsstoff verschwenderisch ausgestattete Mann. Athenaios berichtet, daß Sophokles ebenso sehr die Jünglinge geliebt habe wie Euripides die Frauen. Die Tage der Jünglingsliebe sinken in den Abend. Das Gymnasium verfällt, und kein Bion gibt als Beispiele glücklicher Liebe mehr männliche Paare an, wie er es tat, da er in der achten Idylle Theseus und Pirithoos, Orest und Pylades, Achilles und Patroklos nennt. Der weiche jonische Stil, asiatischer Import, beginnt den männlichen dorischen Stil abzulösen. Das Theater des Euripides kennt nur mehr heterosexuelle Konflikte und all ihre Bitterkeit. Die erotische Annäherung von Mann und Frau, unter völliger Ausschaltung des Jünglings, treibt sofort die bisher unbekannte Blüte einer seltsamen Frauenverachtung hervor. Von nun ab haben alle Schriftwerke Über die Liebe einen bösartigen pessimistischen Unterton und sind gegen die Frau gerichtet. Der vom Manne abgedrängte Mann bricht zerstörend in die Ehe ein, er mehrt die Prostitution und erwirbt bei ihr jene Verachtung des Weiblichen, die er für sein Leben nicht mehr verliert. Im schönsten Romanwerk der griechischen Antike ist der bedeutungsvolle Moment dieser Wandlung der homoerotischen zur heteroerotischen Kultur festgehalten. Daphnis muß in der Romanidylle des Longus die Liebe zur Frau, zu Chloe, lernen. Sie ist ihm nicht aus Natur vertraut. Kein viel mißbrauchter und zitierter sicherer Instinkt leitet ihn. Er, der bisher nur die simple, vom Manne erfahrene Zärtlichkeit eines Kusses, einer Umarmung kannte, weiß sich nicht zu benehmen. Er ist ganz ungeschickt. Auch Chloe weiß es nicht besser als Daphnis. Aus der strengen Zucht des von der Mutter bewachten Frauenhauses zum Gatten entlassen, kennt sie nur die Pflicht des Gehorchens und des Mit-sich-tun-Lassens, wie es dem Gatten beliebt. Beide sind sie ganz befangen in ihrem Zustande, wo keiner nehmen und sich eins dem andern geben will, und gerade dieser fehlende Egoismus, der seine Lust kennt und sucht, macht sie noch ungeschickter. Dem Liebespaare Daphnis und Chloe bietet sich der natürlichste Ausweg: Daphnis wird von einer Hetäre unterrichtet. Die neue Liebe muß gelernt werden. Sie ist Kunst gegen die Natur. Das meinte auch Goethe , der des Longus Roman bewunderte. Beim Longus ist die Hetäre die Lehrerin einer Kunst der zwiegeschlechtlichen Liebe. Neben der wahrscheinlich späteren Aphrodite gab es einen Aphroditos, oder man inthronisierte ihn als Protest gegen die Göttin. Die argivischen Bräute legten in der Brautnacht Bärte um ihr Kinn. Unter diesem Simulacrum, ein Mann zu sein, wurden sie aus Mädchen Frauen. Der Baum der Erkenntnis Vor dem Verbot, vom Baume des Wissens über Gut und Böse zu essen, wird Adam und Eva befohlen, zu wachsen und sich zu mehren. Aber es hat sich eine intime christliche und besonders populäre Tradition erhalten, welche sich darauf versteift, das, was man den Sündenfall und die mit ihm verbundene Erbsünde nennt, in der fleischlichen Versuchung zu sehen. In der Tat hat die Doktrin vom Sündenfall mit ihrem Sprößling, der Erbsünde, nichts mit der Geschichte im Garten Eden als göttlicher Offenbarung zu tun. Die Doktrin erscheint in der jüdischen Lehre ohne jede Berufung auf die Eden-Geschichte als ein Resultat der Erwägung über die beobachtete Allgemeinheit der Sünde. Erst nachher suchte man in der Schrift eine Basis und fand so etwas in der Geschichte der lüsternen Söhne Gottes , die sich vor der Flut mit den Töchtern der Menschen vermischen, woraus der Terminus yeçer ha-ra, die böse Einbildung des Menschenherzens, stammt, der heute noch die jüdische Theologie beherrscht. Adam und Eva waren ausgestattet von Gott mit den Werkzeugen, die ihnen die Erfüllung des Gebotes, sich zu mehren, erlaubten. Man hat sich mit dem Sündhaften des Menschen als in seine natürliche Konstitution einbegriffen abgefunden. Aber nicht durchaus und allgemein so. Manchem Denken erschien es unerträglich, den Schöpfer für das Geschöpf verantwortlich zu machen, und sie forderten daher einen Sturz des Menschen aus seinem primordialen Stand der Unschuld. Und wieder kam man auf die Edengeschichte von der Schlange. Für Paulus und Augustinus, der die Frau haßte wie den Bösen, war der Sündenfall eine axiomatische Wahrheit jedes Christen. Durch einen Menschen kam die Sünde in die Welt und durch die Sünde der Tod, so daß wir alle in Adam sterben. Aber selbst die große Autorität des Paulus brachte die Doktrin, auf Adam gebaut, nicht in allgemeinen Umlauf und Anerkennung. Es blieb weitverbreitet daneben eine anthropologische Basierung aus den Fakten religiöser Erfahrung von der eingeborenen Schwäche des Menschen. Aber Augustinus gibt der paulinischen Doktrin innerhalb eines römisch-juristischen Netzwerkes die Ausarbeitung. Nicht nur die Schwäche sei menschliches Erbteil, sondern auch eine Last von Schuld und Strafe. Die unmittelbar als bevorstehend erwartete Wiederkehr Christi und die von ihm dann zu wirkende Aufhebung dieser irdischen Welt legte die fleischliche Abstinenz nahe. Kurz vor dem Aufbruch in die Ewigkeit mußte das Zeugen von Kindern sinnlos erscheinen. Die Frau war es, die auf die Schlange gehört hat. Das eifernde Wort der Heidenapostel sprach schlecht von der Frau. Schlechter noch als vom Menschen, und es war der schon ein Satansbraten. Die chiliastische Erwartung Lehre vom Tausendjährigen Reich. war lebendig bis zum Jahre 1000. Das Hinfällige jedes der Erde zugewandten Lebens mußte das der Fortpflanzung dienende Geschlechtliche ganz besonders drastisch als überflüssig erscheinen lassen. Und daß die Lust dennoch immer obsiegte, mußte sie als böse Lust erscheinen lassen, als den Fluch von Adam ab. Gnostische Sekten gab es, die in der Kastration das Heil sahen, andere in der leeren, nicht fruchttragenden Verschüttung des Samens. Es war ein langer Prozeß, der die Sünde des Fleisches zur Erbsünde schlechthin machte und dem Teufel als Hauptsitz die weiblichen Lenden anwies: diabolus in lumbis. Das Anarchische des geschlechtlichen Appetites, der sexuelle Furor ist hemmungsloser und menschlich gemeiner als jeder andere, alles wird gegen ihn in Dienst gestellt, und auch der gar nicht so deutbare fragmentarische Mythus der jüdischen Schöpfungsgeschichte muß es sich gefallen lassen, in der vulgären christlichen Tradition als der Anfang vom Übel zu gelten, das im Geschlechtlichen liegt. Das wirkte sich weiter aus im Schamgefühl, das man heute nur mehr als das sexuelle Schamgefühl kennt oder fordert. Die Künstler, zumal die Musiker und Dichter, sind die verspäteten Repräsentanten einer primitiven Menschheit, bei der sich die Sensibilität noch nicht von der Intelligenz dissoziiert hat. Aber gerade dadurch, daß sie ihre Gefühle notiert und fixiert haben und daß sie ihrer bewußt wurden, fingen sie ein bißchen Wirklichkeit ein. Es ist eine Etappe der Erkenntnis. Die primitiven Geschöpfe nehmen die Wirklichkeit nicht wahr, ihr Hirn funktioniert noch nicht scharf, und was sie sehen ist traumverschleiert. Ganz noch Gruppenmensch, haben sie nur ein Kollektivbewußtsein; sie sind intellektuell blind, tasten nach Anhalten, suchen nach Merkzeichen und versuchen eine Ordnung ihrer unsichern Empfindungen. Daher das Tabu, der Totem, die Idole, die Götter, Gott. Man hat das vitale Lügen genannt, die aus der Irrealität eine Bedingung des Lebens machen. Aber es ist nur zu konstatieren, daß diese Lügen mit der Jugend der Rassen zusammenfallen und daß diese Rassen den Geschmack am Leben mit oder zu gleicher Zeit mit der Kenntnis der Wirklichkeit verlieren. Zumeist auch ihre Lebensfähigkeit überhaupt. Die Primitiven glauben nie an den Tod. Untrennbar ist für sie die Idee der Ewigkeit mit der Idee des Lebens selber. Die Christen fanden sogar in der Verneinung des Lebens eine Behauptung des Lebens, was nur eine Variante der Unfähigkeit ist, die Wirklichkeit wahrzunehmen. Die Moral, die sich aus dieser Konzeption ableitet, ist unvereinbar mit der Kunst, welche der Erwecker der Wirklichkeit ist und Befreier des Menschen – Befreier fast im buddhistischen Sinne, denn diese Befreiung führt zum Tode oder zum Nichts. Man kann von einer biologischen Funktion der Moral sprechen. Sie stellt sich als Zwang dar oder als eine Einschränkung, welche sich Individuen und Gesellschaften auferlegen, um ihre höchste Entwicklung zu verzögern, weil eben dieses Ziel ein Nirwana, das Nichts, den Tod bedeutet. Dieser instinktive Zwang ist eine Art Schrecken vor der Wirklichkeit: der Schleier der Isis darf nicht gelüftet werden. Mit soliden Nadeln festigt die Moral das Kleid der Isis, damit das Mysterium seinen Wert behalte als vitales Reizmittel. Die Moral ist ein Reizmittel des Lebens und die Erkenntnis eine enervierende Schlaflosigkeit, gegen welche von den Religionen Musik und Tanz aufgeboten werden, um einen dionysischen Rauschzustand zu schaffen, in dessen Kollektivität sich das Individuum stürzt und rettet. Der Mythus von Adam und Eva symbolisiert den Glückszustand im göttlichen Unwissen, in das die Sünde des Wissens tritt, das Schlangengift für das Leben. Alle Religionen sind unbewußter Versuch, die sexuellen Akte zu reglementieren, um dem Leben die Illusion zu erhalten, ohne die es nicht Leben ist oder gemindertes Leben. Der Mensch ohne Moral ist der Mensch einer zerstörerischen Freiheit. Der Priester aber ist der Exponent jener Menschen, welche nichts als leben wollen. Er ist darum der Ministrant der Liebe. Für die Primitiven ist die Idee der Lust noch nicht von jener der Fortpflanzung getrennt. Diesen Zustand wollen die Moralisten bei den Individuen festhalten, da sie instinktiv begreifen, daß die von der Fortpflanzung befreite Lust ein Ausbruch aus dem Leben ist. Vielleicht bezeichnet man mit dem Worte Dekadenz einer Rasse oder vielmehr einer Gruppe von Individuen in einer Rasse, denn es gibt keine homogene Rasse –, daß sie einen Grad des sinnlichen Intellektualismus erreicht hat, der mit dem letzten Stadium ihrer physiologischen Entwicklung zusammenfällt: sie steht an der Schwelle der Befreiung und des Todes. Die Idee der reinen Schönheit verneint das Leben. Die Religionen wie die Moralen charakterisiert ein organisches Unvermögen, diese Idee der Schönheit zu erfassen. Das Christentum setzt die Schönheit geradezu außerhalb des Lebens; denn ihm ist das Leben der Tod, der Tod das Leben. Die Kunstfeindlichkeit des alten Tolstoi entspricht dem reinen christlich-moralischen Ideal, das er vertritt. Der Apollinismus einer reinen Kunst, in welcher die Schönheit vom Verlangen völlig getrennt erscheint, ist in seinem Sinne nach der Menge unzugänglich. Die reine Kunst befriedigt keinerlei Bedürfnis dieser Menge, welche leben, lieben, anbeten will, sei es Gott oder das Atom. Die große Verschiedenheit der Anschauungen über die geschlechtliche Moral ist nicht damit erklärt, daß man die eine Meinung heuchlerisch, die andere ehrlich nennt. Denn alle Anschauungen sind ehrlich und aufrichtig. Jede Zivilisation enthält in jedem Augenblick ihrer Gegenwart alle Stadien der menschlichen physiologischen Entwicklung und die ihnen entsprechenden moralischen oder immoralischen Ideen. Die letzte Stufe dieser Leiter geht immer ins Leere. Was die jeweilige Entfaltung eines Idealismus nicht hindert, der eine dem Leben übergeordnete Wirklichkeit zu finden hofft. Adam und Eva haben uns geboren. Adam und Eva haben uns verloren: Das Paradeis. Altes Marschlied. So kam der Tod in die Welt. Aber auch die Liebe in ihren unendlichen Formen. Der gläubige Moralist nennt diese Liebe die böse Lust, die Erbsünde , gepflückt vom Baum der Erkenntnis. Die Geisha Die japanische Braut bekommt kurz vor der Hochzeit von ihrem Bräutigam ein kleines Büchlein geschenkt, dessen Bilder und Text sie über das ihr bevorstehende verliebte Zusammensein mit ihrem Gatten informieren. Alles ist sehr deutlich beschrieben, gezeichnet und koloriert. Auf eine wie mir scheint delikate Weise ist diese Vorbereitung besorgt, die, wie man sagt, bei den europäischen Völkern den Müttern früher nicht geringe Pein und Verlegenheit schuf oder nach einer skeptischeren Meinung geschaffen haben soll. Der im Sexuellen völlig unnaive Europäer kennt und übt das Wegsehen, das Hinnehmen, das Ertragen, das Geschehenlassen, das » es «. Oder er findet sich, mit echter oder gespielter Entrüstung, in Unvermeidlichkeiten. So bei der Prostitution. Dafür, daß er sie dulden muß, rächt er sich mit Verachtung und möglichster Entrechtung der Prostituierten. Was sich auch darin ausdrückt, daß er den sich prostituierenden Mädchen klinische Anomalien wie Infantilismus und moral insanity zuschreibt, um so Abominables wie die Prostitution in ein lediglich plausibles, wissenschaftlich gefärbtes Weltbild zu bringen, das einer gewissen Aufklärung, welche von allzu großer persönlicher Verantwortung erlöst, Rechnung trägt. Soziologen, immer das Ganze zu sehen und einzukalkulieren bedacht, machen die Bemerkung, daß die die Straße auf und ab patrouillierende Prostituierte der Schutzengel der diese Straße bewohnenden unschuldigen Mädchen sei. Ihre Abwesenheit bedeute schwere Bedrohung dieser Mädchen durch die faunischen Männer, denen sich die Prostituierte gewissermaßen als Kugelfang biete. Ist dem so, so erweist die europäische Gesellschaft diesen Retterinnen und Schützerinnen der Mädchenunschuld sichtbar nur geringen Dank für ihre sozialen Dienste damit, daß sie die Prostituierten unter die erhöhte besondere Fürsorge der Polizei stellt. Es ist eine Auszeichnung mit einem negativen Vorzeichen. Aber es wirken sich eben an diesem Extrem der Prostituierten alle Widersprüche und Verwirrungen aus, welche für das geschlechtliche Leben des christlich-europäischen Sünders charakteristisch sind, und nur für ihn, So sehr nur für ihn, daß, wo immer er sich zu paradiesischen Völkern bringt, als Missionar, Kaufmann oder so, diese Völker an ihm zugrunde gehen und aussterben, wie die Völkerschaften der Indianer und der Südsee. Der Besitzer eines Teehauses kauft armen Eltern ihre kleine Tochter ab. Kein anderer Weg als der der Armut führt schöne Mädchen in die Yoshiwara, wo sie auf Grund eines meist langwährenden Vertrages aufgenommen wird, um diese Stadt der Liebe nur dann zu verlassen, wenn sich ein Mann findet, der das Mädchen heiraten will und den Teehausbesitzer entschädigt. Denn der Beruf einer japanischen Kurtisane ist nicht, wie der der europäischen, improvisiert. Er wird nicht bloß mit geneigtem Fleische bestritten. Die Geisha hat eine lange und schwierige Lernzeit durchzumachen. Sie muß zu singen verstehen, zu tanzen, Musik zu machen. Sie muß das höchst zeremonialisierte Wesen aller Feste und Zusammenkünfte genau kennen. Wie die Dichtwerke, wie die Kunst des Blumenbindens. Der bis ins Minutiöse ausgebildete Takt japanischen gesellschaftlichen Lebens, den äußerste Diskretion vor der Erstarrung bewahrt – die Geisha muß Meisterin darin sein, denn ihr Beruf schließt ja im Garten der Liebe die Gefahr des Verlustes weit mehr ein als bei einer andern Frau. In dieser Züchtung der Hetäre zu einem geselligen Geschöpf, das der Mann respektiert, drückt sich keinerlei schlechtes Gewissen aus, das gutzumachen sucht was die Brutalitäten der Instinkte schlecht gemacht haben. Auch keinerlei Nächstenliebe, welche das Los der eingesperrten Püppchen verbessern will. Es ist nichts als natürliche Haltung, die den Mann nicht nur nicht dort verachten läßt, wo ihm das zuteil wird, was man die Freuden der Liebe nennt, sondern sehr natürlicher Wunsch, diese Freuden der Liebe dadurch zu steigern, daß sie ihm von einem Wesen gespendet werden, das nicht, wie in Europa die Dirne, vom Mangel jeder Kultur gezeichnet ist, sondern ausgezeichnet durch den Besitz feinster Kultur. (Wenn sich dies in den letzten Jahrzehnten, wo sich die Japaner amerikanisch modellieren müssen, um sich zu behaupten, dahin geändert hat, daß die Geisha mehr und deutlicher das wird, was überall sonst in christlichen Ländern die Prostituierte ist, wenn der moderne Japaner wie auch seinen sonstigen Vergangenheiten der Yoshiwara seine vorbildliche Aufmerksamkeit entzieht, sich ihrer zu schämen anfängt und sie am liebsten ganz beseitigt sähe, um neben Mr. John und Herrn Schulze in der Würdigkeit eines sittlichen Mannes zu bestehen, dessen Gehaben er nachmacht, um zu bestehen, so ist eben das außer dieser Klammer Stehende als Historie zu lesen.) Es gibt Zustandsdokumente für das Leben der Geisha in den kleinen Liedern, die sie summt oder zu dem leise zirpenden Klang des Samisen singt in den Stunden, wo sie allein ist und sich sehnt: nach dem Hause der Eltern, nach dem Geliebten, der auf sich warten läßt, nach der Ehe. Diese Liedchen sind, so verlangt es die gute Sitte, außerordentlich verhalten, denn jeder starke Ausbruch eines Gefühles würde für Mangel an Takt und Geschmack gelten. Die suggestive Andeutung durch ein Wort muß genügen. Sie sind eigentlich nur Wort gewordner Seufzer, etwas lauter gewordnes Sinnen. Jeder Besucher ist eine Hoffnung. Daß sie sich erfülle und stärkere Liebe zur Freiheit führe, ist heimlicher Wunsch, der die Geisha veranlaßt, sich so begehrenswert als sie nur kann zu zeigen. Sie dient und wirbt. Keinerlei soziales Vorurteil gibt es, das dem Mädchen das: Vielleicht heiratet er mich verböte. Es kommt ganz auf das Mädchen und den Freund des Augenblickes an, daß die Liebe die Tür öffnet in die Freiheit, wenn sie auch nicht mehr bedeutet als allerbescheidenste eheliche Menage. Könnte ich leben mit dir, eine Hütte in den Bergen verloren genügte mir! Demütig klaubte ich dürres Holz für dich im Walde, spänne mein Linnen, wüsche die Wäsche im Bach, nähte und flickte, alles das tat ich, mit Liebe. Es gibt viele hundert Liedchen der Geishas, aber in keinem wird eine Anspielung zu merken sein, die der Europäer als obszön bezeichnete. Das äußerste hierin drückt eine Kurtisane von Nagasaki so aus: Für dich, mein Freund, erschloß sich diese Nacht die erste Blüte des Pflaumenbaumes von der Insel Kiusu. Willst du ihre heimlichen Reize kennen, so komm zur dritten Stunde in der Nacht, den Mond besingend. Einige andere dieser Liedchen: O Angst des Stelldicheins zur Nacht! Er kommt, mein Freund, sehr spät, ich seh ihn am Gartenzaun beim Tor, und zu ihm eil' ich, fern zu sein von bösen Zungen. In meine Hände weine ich, ganz naß von Tränen sind meine Ärmel. Wir plaudern, da ruft der Nachtwächter. Gerade jetzt rufst du, du schlimmer Wächter! Und wie eine Närrin schwatz' ich nun alles durcheinander, Worte ohne Sinn. Die lange Nacht und Einsamkeit. Ein Baumblatt fällt und streicht an meine Holztür, Ich erwarte einen, es scheint der Mond, und die Grille zirpt. In alten Liebesbriefen blättre ich voll Liedchen, sing sie vor mich hin, für mich allein. Ist es der Wind? Ist Er es? Mein Herz, in dieser schwarzen Nacht, es weiß nicht. Ich liebe ihn so sehr, daß ich aufspringe beim leisesten Geräusch. Mich zu beruhigen, will ich schlafen. Doch ich kann nicht. Die Liebe ist so. Mich fröstelt im Frühmorgen. Ein Blatt löst sich vom Baum, fällt lautlos. Ach, Dinge, die man glaubte ...! Gleichgültigkeit? Will er mir übel? Ich hass' den Tag der aufzieht. Denn in dieser Frühe hat mich sein Blick durchschauen und zu Eis gemacht. O, blasser, kühler Morgenmond! Was ist aus meinen Gedanken geworden, seit ich dich kenne? Ach, vor dir hatt' ich ja keine Gedanken! Für ein furchtsames Wort, das ich wagte, gab er mir zehn. Die Freude! Kann ich die Freude vergessen? Er sagt, er liebt mich. Eine Lüge? Ich glaube es trotzdem in der Freude meines Herzens. Ah! Ich lebe! An den Kirschbaum in Blust ist mit dem Zügel ein Pferd gebunden. Bewegt sich das Pferdchen, regnet es Schnee von Blüten. O Schnee von Blüten! Auf samtenem Fuß trat Mittag in die Stadt. Kein Blatt bewegt sich. Am Glockenseil des Tempels schlummerte ein Schmetterling. Der Traum einer Frühlingsnacht vermannigfaltigt sich und schwingt sich weiter. Seines Leibes Duft schwebt in der Luft. Verschleiert ist der Himmel und mein Auge. Wir sind ein Paar! Blume und Schmetterling sind wir ein Paar! Archaische Landschaft Chloe, das griechische Mädchen, kannte nicht jene die Kindheit und die Mutterschaft trennende Zeit, die wir in Europa die Jugend nennen. Immer ist es die zwölfjährige Braut, von der die griechischen Lyriker der Anthologie sprechen. Diese Zwölfjährige ist dem Leibe und der Schönheit nach Frau, aber geistig ein Kind seines Alters. So war es in Athen und Korinth. So ist es noch heute in ganz Vorderasien und auf den glücklichen Inseln des Stillen Meeres; archaische Landschaften, wo der Frühling nicht so spät kommt wie in unseren Breiten, wo auch die Liebe früher kommt als bei uns, wo das Mädchen seine erste Leidenschaft erst nach dem Abschluß ihrer geistigen Erziehung erlebt. Shakespeares Rosalinde kann beim Lesen des ersten Liebesbriefes philosophisch reflektieren: Love is merely a madness . Aber das arabische Mädchen von dreizehn Jahren wird, kindlich, wie es ist, von der Liebe sagen, daß sie süß wie der Honig sei. Unter deiner Zunge ist Honig und Milch , heißt es im Hohen Lied, und so bleibt es in jedem arabischen Liede. Die Liebe des klassischen Arabien hat durchaus pastoralen Charakter. Dichter denken an die jungen Mädchen des blumigen Yemen oder des schattigen Libanon oder des schweigenden Nils. Nicht für dieses junge Mädchen gibt der Koran seine berühmte Sure über den Anstand der Frauen, denn das arabische Mädchen trägt nur ein Hemd, und oft auch dieses erst nach seiner Verheiratung. Die Strenge richtet sich nicht gegen das junge Mädchen, denn man hielt es nicht für fähig, einen Fehler zu begehen – die frühe Heirat ließ ihr keine Zeit dafür. In der archaischen Landschaft ist kein Schamgefühl, das sich unter verhüllenden Stoffen bemerklich zu machen sucht. Aus dem Lande zwischen Hedschas und Yemen, der Wiege der arabischen Dichtung, berichtet 1790 Bruce: Die Frauen gehen nackt wie die Männer. Die verheirateten Frauen tragen oft eine Art Schurz um die Hüften. Aber manche tragen auch gar nichts. Mädchen jedes Alters gehen immer nackt . Denn das nackte oder kaum bekleidete arabische Mädchen hat vor dem Manne nichts zu verbergen. Ihre Jungfräulichkeit schützt sie, die Furcht vor dem Vater und die vor Gott. Das arabische Mädchen kennt den Verführer nicht. Kais Ebn el Mullauah Ebn Muzahem, den man auch Magnun Beni Amer oder kürzer noch Magnun Leïla nannte, lebte im ersten Jahrhundert der Hedschra. Islamitische Zeitrechnung. Sein letzter Beiname heißt der verrückt ist von Leïla . Und wie er zu diesem Beinamen kam, erzählt der Historiker des Faut El Uafiat : Eines Tages kam Kais Ebn Mullauah auf seinem Kamel an einer Gruppe Frauen vorbei, unter denen sich Korcima und auch Leïla befand, und da sie ihn sehr schön fanden, baten sie ihn, abzusteigen und bei ihnen zu verweilen; er tat es und opferte selbst ein Tier, um ihnen und Leïla, die er liebte, Ehre zu erweisen. Da kam auch Manazel vorbei, und da verließen jene, welche Kais bewundert hatten, diesen für den neuen Ankömmling. Dies beleidigte Kais sehr. Aber andern Tages kam Kais doch wieder denselben Weg vorbei und traf Leïla, sie war in Gesellschaft ihrer Nachbarinnen; und diese Frauen fragten Kais: Wollt Ihr mit Frauen plaudern, die Euch nicht den Manazel vorziehen? Er blieb bei ihnen. Leïla, die in den Dichter verliebt war, versuchte es, ihn zu prüfen, um zu wissen, ob in seinem Herzen wäre, was in ihrem war. So sprach sie einmal mit ihm, dann entfernte sie sich von ihm. Darüber erschien ein anderer Jüngling. Leïla rief ihn und sprach ihm leise eine Weile ins Ohr, dabei sah sie den Dichter an und merkte, wie bleich er geworden war. Nun wußte sie von seiner Liebe und sagte zu ihm: Jeder von uns tut vor den Leuten gleichgültig gegen den andern, und doch begehren sich unsere Herzen. Unsere Augen erklären, was wir wollen. Es ist eine verborgene Liebe zwischen uns. Als er diese Worte hörte, kam den Dichter eine Ohnmacht an. Seitdem liebten sich die beiden. Kais, wie von Sinnen vor Liebe, zog sich in die Einsamkeit zurück, blieb nackt und sprach mit niemand außer jenen, die ihm von Leïla erzählten; und nur, wenn er von ihr sprach, schien er wieder zu Vernunft gekommen. Die von seinem Stamme wollten ihn mit Leïla verheiraten, aber deren Vater war dagegen und gab sie einem andern. Von dem Tag an wuchs des Kais Narrheit. Man berichtet, daß er einmal, als er an dem Gatten Leïlas vorbeikam, der sich gerade an einem Feuer wärmte, diesen in Versen gefragt hat, ob er Leïla geküßt und besessen hätte. Und auf die höhnische bejahende Antwort des Gatten griff Kais Glut aus dem Feuer und drückte sie in schweigender Verzweiflung zwischen seine Hände, bis diese knisterten Das Bukolische der arabischen Liebespoesie sucht keine neuen Vergleiche, es repetiert verehrungsvoll die von den Alten geschaffenen, und der Reichtum seiner Sprache bedarf des schmückenden Beiwortes so wenig wie der nackte Körper des Kleides. Der arabische Dichter, der arabische Mann liebt und besingt nicht die von der Wollust ermattete Frau. Er liebt und besingt das jungfräuliche Mädchen, die Gazelle, die flüchtige, oder die Lanze, die man ergreift. Es ist ein kriegerisches Frauenideal, das er verehrt, das mit den kleinen schwarzen Schwertern ihrer Wimpern reizende, das sich mit dem schwarzen Schlangengelock ihres Haares verteidigende Mädchen von dreizehn Jahren. Der Kampf steht höher als der Sieg. Die Liebe löst das Mädchen aus dem freien Leben mit den Altersgenossen und -genossinnen ihres Stammes – nun verbirgt sie sich mit dem Geliebten. So übersteigert ist diese Diskretion , daß fast nie ein Dichter den wahren Namen des von ihm geliebten und besungenen Mädchens nennt. Nur der närrische Kais tat es dann, als Leïla einen andern heiratete. Erst dann. Die Leidenschaft, die sich um nichts der Neugier preisgibt, verfeinert ins Außerordentliche den Ausdruck des Gefühls und dieses selber. Ein Dichter aus der Schule des Ebn el Farid schreibt den Vers: Ich frage, wo sie ist, und sie ist in mir. Wie ins Nichts-als-Zärtliche sich die Liebe dieser kriegerischen Bukoliker steigert, sagt ein Vers des Ebn el Rumi : Bringt die Umarmung wirklich näher als der Kuß? Als die ersten Kreuzritter ins gelobte Land kamen, hatte die arabische Dichtung ihren höchsten Glanz erreicht und schon überschritten. Es war kein sonderlich zivilisierter Adel, der um das Kreuz auszog und nicht dieses, aber Kenntnis einer Kultur gewann, die nicht ohne Frucht bleiben sollte. Aus sarazenischem Erlebnis, aus provençalischem Blute, das es aufnahm, entstand die erste ost-westliche Stilform der Liebe, die Courtoisie. So blieb die Essenz arabischen Ursprungs erhalten, als unter den letzten Abassiden Mongolen und Türken die arabische Kultur ins Grab schaufelten. Die jungfräuliche Mutter Die keusche Braut ist eine konventionelle Redensart ohne Inhalt, und selbst der Kirche mit ihren asketischen Tendenzen gilt eine nicht vollzogene, eine keusche Ehe als Nicht-Ehe. Aber die Fälle sind nicht selten, wo der Mann dem geliebten Wesen einen so übermenschlichen Wert gibt, daß er außerstande ist, dieses Wesen menschlich liebend zu behandeln. Die medizinische Literatur ist reich an solchen Fällen gesellschaftlicher Überfeinerung und begründet ihr Zustandekommen mannigfach. So muß der Sprachgebrauch, der innerhalb der gesellschaftlichen Aktivität von Keuschheit spricht, nicht ohne Sinn sein. Man hat die Keuschheit in der Liebe als eine Art Geiz gedeutet, als eine sparende egoistische Zurückhaltung. Aber es wird wohl auch gebraucht, um eine Nuance zu bezeichnen: als keusch gelten jene Liebesbezeigungen, welche nicht nur ausschließlich von einem physischen Bedürfnis diktiert sind, sondern von der Liebe. Was ohne diese irisierende Fähigkeit der Liebe nichts als obszöne Geste ist, wird von der Intensität des Liebesgefühles mit einem irisierenden Zauber umgeben, den man für die Ewigkeit festzuhalten meint. Der Mensch schafft sich Götter nach seinem Ebenbilde, weil er nur dann ihnen jenes Plus des Wunderbaren geben kann, das sie erst zum Gott macht. So muß sich die Geburt eines Gottes auf andere Weise vollziehen als die Geburt eines Menschen, oft auch seine Empfängnis anders als bei der menschlichen Frau. Die Frau, die dem Manne die Kinder gebiert, war in Anschauung und Praxis der alten Völker ein untergeordnetes geringwertiges Wesen. Ein Mann ist mehr wert als tausend Weiber , sagt Euripides , und in Rom gab's ein Sprichwort, daß eine Frau nur gut sei im Bett oder im Grab . Bei Plato : Nicht freiwillig und von Natur, sondern durch das Gesetz gezwungen, bequemt man sich zum Heiraten und zum Kinderzeugen. Die katholische Kirche pries als den rechten Zustand den jungfräulichen, nicht den fraulichen, und wie sie sich bei solcher Einstellung mit der Geburt Jesu abfand, um in der Mutter Gottes einen kulturell, hohen Symbol wert zu schaffen, ist dafür ein wichtiges Beispiel. Solange die neue Heilslehre nur innerhalb der Judenschaft Anhänger suchte und fand, ist weder von der Geburt Christi noch von der Jungfräulichkeit seiner Mutter irgendwelche besondere Rede. Jesus ist der aus dem Stamme David erwartete Messias. Die erste jüdische Generation der Christen besteht auf der Abstammung von David. Paulus weiß nichts anderes. Für das graeco-romanische Denken ist nun der Messias-Begriff unverständlich gewesen, geläufig aber die Idee eines Gottessohnes. Da steht im Jesaias 7, 14: Seht das schwangere junge Weib, das einen Sohn gebären wird. Aber die Septuaginta übersetzt junges Weib mit virgo, Jungfrau. Die Auffassung, daß Jesus von Maria der Jungfrau geboren sei, indem er in die jungfräuliche Brust eingetreten und sich hier einen Leib geformt habe, war am Ende des zweiten Jahrhunderts allgemein. Im 4. Jahrhundert schreibt Epiphanias : Wenn es in unserer Zeit so viele Jungfrauen gibt, die im Namen Jesu die Enthaltsamkeit üben, so müssen Joseph und Maria noch weit größere Achtung vor dieser Tugend gehabt haben. Papst Siricius erklärt endgültig: Der Herr Jesus kann sich für seine Geburt nicht eine Jungfrau gewählt haben, die durch menschliche Umarmungen den Wohnort des ewigen Königs verunreinigte. Am Ende des 5. Jahrhunderts waren alle Texte danach korrigiert. Die Heirat Marias fand die Erklärung, daß sie ein Mittel war, die jungfräuliche Empfängnis Jesu den Juden und Satan zu verbergen. Im 9. Jahrhundert verbreitete sich von Fulda aus die Lehre, Jesus habe die mütterliche Brust unter der Form eines Lichtstrahles verlassen. Im Mittelalter wurde die Göttlichkeit der Herkunft auch auf Mariä Mutter, die heilige Anna, ausgedehnt: sie ist aus der Ferse ihres Vaters geboren (wie Bacchus aus Jupiters Wade, wie Buddha aus der rechten Lende seiner Mutter). Die Göttlichkeit der Gottesmutter verlangte ihre Befreiung von der Erbsünde, daß heißt das Dogma von ihrer unbefleckten Empfängnis: zwei Jahrhunderte kämpfte das Papsttum, gestützt auf Thomas und die Kirchenlehrer, gegen dieses aufsteigende Grundwasser des Mirakelglaubens, um schließlich zu verlieren. Pius IX. hat die Conceptio immaculata zum Dogma erheben müssen. Daß der Wundertäter sein Dasein schon mit einem Wunder, nämlich der Geburt ohne Zeugung, anhebe, ist universeller Volksglaube, der sich in einer christlichen Mythologie durchsetzte. Der Volksglaube findet sich überall in Märchen und Sagen. Aber man hat die Parthenogenesis für die Helden und Wundertäter nur übrigbehalten aus einer Zeit, wo die jungfräuliche Geburt als natürlich und normal angesehen wurde, als die Regel und nicht als seltsame Ausnahme. Heutige Bräuche bei Halbzivilisierten zeigen eine völlige Identität zwischen dem Wunderglauben und der allgemeinen Anschauung. Die Mehrzahl der heute lebenden primitiven Völker weiß nichts von der Existenz eines besonderen weiblichen Organs für die Kindwerdung. Meist nimmt man die schwellende Brust als den Ort der Konzeption an und als den Sitz der männlichen Zeugungskraft die Waden des Mannes. Man meint, es seien die Geister Verstorbener, die in Gestalt kleiner Tiere den Busch bewohnen und die Mädchen, die sich dahin begeben, zu Müttern machen. Der Zusammenhang des Zeugungsvorgangs mit dem Geburtsvorgang, Sitz der Organe und deren Bedeutung sind einem großen Teil der Halbzivilisierten völlig unbekannt. Die Anschauungen, die man darüber hat, bestimmen wesentlich die Organisation von Familie und Ehe. Im Jahre 1517 fällte das Parlamentsgericht von Grenoble ein ungewöhnliches Urteil in einer erstaunlichen Sache. Eine Frau de Montléon hatte vier Jahre nach festgestellter Abwesenheit ihres Gatten in Deutschland ein Kind zur Welt gebracht, das sie von ihrem Gatten im Traume empfangen zu haben beschwört, ebenso, wie während dieser vier Jahre mit keinem Manne zu tun gehabt zu haben. Zeuginnen bestätigten das und sagen aus, daß es auch ihnen schon passiert sei, durch bloßes imaginiertes Berühren des Mannes geschwängert worden zu sein und Kinder geboren zu haben. Die Gerichtsärzte widersprechen nicht, und das Urteil führt aus, daß solches den Frauen passieren könne . Auf einigen Inseln Indonesiens hat jeder Verführer eine Strafe zu zahlen, und jede Ehebrecherin wird zum Tode verurteilt, außer sie erklärt, durch einen Geist oder im Traume empfangen zu haben, in welchem Falle man sie beglückwünscht. Es ist dies ein Glaube analog dem im europäischen Mittelalter verbreiteten Glauben an die Möglichkeit einer Konzeption durch Inkubus und Sukkubus. 1905 ist es dem Physiologen J. Loeb gelungen, ein unbefruchtetes Ei durch Bettung in eine bestimmte Flüssigkeit und Reizung durch Glasfäden zur Keimung zu bringen. Zwanzig Jahre später versuchte er dasselbe an Spermatozoen, und es gelang ihm auch hier, eine organische Entwicklung hervorgerufen. Jenes Urteil von Grenoble verliert dadurch etwas seinen Charakter als Kuriosität. Wie die Bluttransfusion wird auch die Empfängnis des zeugenden Samens – in Abwesenheit des anonym bleibenden Spenders – von modernen Ärzten erfolgreich durchgeführt. Und die Juristen streiten sich wie einst die Kirchenväter – über die Legitimität dieser unbefleckten Empfängnis . Der Wert der sexuellen Abstinenz wurde so lange geleugnet, als man das Gegenteil als Sünde und die Enthaltung als eine Stufe in die Seligkeiten des Himmels ansah. Man gefiel sich darin, eine angeblich stark sinnlich betonte Kultur wie die antike mit einem behaupteten harmonisch-glücklichen Leben gegen eine eher asketisch gerichtete christlich-mittelalterliche Kultur zu stellen, die solches glückliches Leben dem Einzelnen nicht zuteil werden lasse. Dem christlichen Symbol der Jungfrau, welche das phallische Symbol der Schlange unter die Füße tritt und auf dem Sichelmond der keuschen Diana schwebt, gibt heute das Mikroskop eine wissenschaftliche Grundlage. Man gibt heute den Geschlechtszellen den Charakter von Parasiten, und wie die gesunden Gewebe die kranken Zellen aus sich hinauszubefördern suchen, ebenso eliminiert der Körper die sexuellen Zellen, die ihn durch Ovulation und Samenbildung beunruhigen. Das Individuum sucht sich davon durch das Schutzmittel der Liebe zu befreien, was als eine Täuschung erkannt ist. Des Don Juan Siege sind also eigentlich nur Niederlagen. Der Keusche, der seinen Instinkt besiegt, bekommt die Stärke dieses Instinktes vielfach wieder im Triumph seines Sieges. Die Minne Der christlich-asketische Goldgrund, auf dem sich die Minne als historisch erste Sublimierung und Stilform der sinnlichen Liebe malt – und nicht nur in der Dichtung, sondern in den Lebensverhältnissen selber, welche die Dichter nur gesteigert wiedergeben – ist der allgemeine Zeithintergrund, in den die Liebesbeziehung sich als sinnliche Liebe ethisch zugestutzt und gemildert einfügt. Nur um der Liebe zur Frau willen ist man heldisch und ritterlich, besteht Gefahren, sucht sie auf. Im Frauendienst werden die um ihrer selbst willen geübten kühlen Tugenden erst durchglüht und durchleuchtet und zu Werten eines gesteigerten Lebens. Man sieht dieser ersten stilisierten Form der Liebe ihr Alter an, mit dem sie in die Welt kommt: es ist das Alter des Jünglings, des schüchternen. Das Liebesverlangen sucht in der Minne nicht seine Erfüllung im Besitz der Geliebten, sondern die Dauer eben dieses Verlangens und eine Verdeutlichung des Begehrens und dessen Würdigkeit in der heldischen Tat, im Mutzeigen in Gefahr, im Leid, für die Minne ertragen, oder dem Tod in solchem Tun. Das Verlangen nach dem Besitz und das Wissen, daß die Liebe im Besitz stirbt: hinter beiden steht der Tod. Die Minne stirbt daran, nicht zu besitzen, und sie stirbt im Besitze. Im Sterben sich zu sehnen, vor Sehnsucht nicht zu sterben , wie das der Wagnersche Tristan, der Helde ohne gleichen, ausdrückt. Das Motiv des unbefriedigten Verlangens, die erotische Grundlage der Minne, erfährt mannigfache Variationen, um sich nicht allzu rasch zu verbrauchen in einförmiger Wiederholung. Es wird noch in Zeiten hinein variiert, wo sich alle Voraussetzungen schon völlig geändert haben und die Rolle des Ritters längst ausgespielt ist – so stark war der Anstoß dieser ersten Stilform der Liebe und ihrer dichterischen Auswirkungen. Wahrscheinlich sind es die sinnlichen Leidenschaften selber, die auf die Dauer ihre so starke Sublimierung nicht vertragen können und zu Variationen des ritterlich-heldischen Grundmotives treiben. Zuerst kämpft und leidet der von der Minne Befallene für irgendwas und -wen. Dann konkretisiert sich das Objekt: der Heldische leidet der geliebten Frau wegen, deren Gefahr er sich fingiert, um sie daraus zu erretten. Er fingiert sich in der Geliebten eine Andromeda, der er als Perseus naht: die Jünglingszüge der Minne bekommen einen männlichen Charakter. Der um der Liebe willen Leid Ertragende, das ist der sich in der Liebe gefallende Knabe. Nun dringt in diese ganz vom männlichen Geschlechte her bestimmte Vorstellung der Liebe etwas von der Anschauung ein, welche die Frau von der Liebe besitzt: sie will, daß man sich um sie selber raufe in diesen höchst dramatischen Sportspielen, den Turnieren, diesem Kampf der Hirsche oder der wilden Inwohner des Männerhauses, denn dieses beides wird in den Turnieren sichtbar. Wo die Frauen auf den Balkonen den Kämpfern ihren Schmuck zuwerfen und Teile ihrer Kleidung, so daß sie oft, wenn das Spiel beendet, barhäuptig dasitzen und ohne Ärmel. Oder eine Dame, deren Gatte den Kampf billigt, schickt drei Rittern, die ihr in Minne dienen, ihr Hemd, daß der Dienendste es im Kampfe statt jedes Panzers trage. Einer – der Ärmste – nimmt es, küßt es die Nacht durch, trägt es als Waffenrock und wird schwer verwundet. Er schickt das zerrissene und blutige Hemd seiner Dame, die ihm dafür ihr Herz gibt. Er fordert die sichtbare Gegenleistung: die Dame möge das Hemd bei dem Mahle tragen, das dem Turniere folgt. Die Dame küßt das Hemd und erscheint in ihm beim Mahle. Der Gatte macht ein verlegenes Gesicht. Der Gatte dieser Zeit: irgendwelche zärtlichen Gefühle sind nicht der Anlaß, daß er die Tochter oder die Witwe eines reichen Edelmannes heiratete. Er heiratet Land und Leute seiner Frau, denn sein Gut durch Gewalt oder Politik zu mehren, ist seine Hauptsorge. Eine kleine Kur ging der Hochzeit zeremoniell voraus. Die Freuden der Liebe suchten Gatte wie Gattin anderwärts als in der Ehe, wenig behindert darin von der hier sehr vorsichtigen und sehr nachsichtigen Kirche. Vor der Ehe verstummen Liebeslied und Liebesgeschichte. Die Aube, das Tagelied, und die Pastorella sind ganz außereheliche Liebesgedichte, jenes ein Zwiegespräch zwischen Frau und Geliebten, zärtlicher werdend bei Tagesgrauen, diese ein lustiges Redegefecht zwischen dem minnenden Ritter und einer gefälligen oder belustigten Schäferin – in ihren schönsten Formungen, den großen Gedichten der provenzalischen Trobadors, auf uns gekommen, weitergeleitet nach Florenz zu Dante und über den Rhein an die deutschen Minnesänger, erstickt als Dichtung in Frankreich, wo die Geschichten und Abenteuer eine große Prosaliteratur vorbereiten, deren Ergebnis einmal der Roman sein wird. Der französische versifizierte Ritterroman des späten Mittelalters und alles Schwankhafte neben ihm steigert die Liebesform der Minne ins oft Absurde eines literarischen Konvenüs und hebt es auch gleichzeitig dadurch auf, daß er des realen Lebens Ironien einfügt. Da tut etwa ein Ritter das Gelübde, daß er in dem Falle, daß er nicht vor einem Kriegszug der Gunst seiner Dame teilhaftig werde, bei der Rückkehr aus dem Kreuzzuge die erste beste heirate, die zwanzigtausend Livres habe – wenn sie will . Die des außerordentlich kunstvollen Liebesspiels müde Ritterschaft macht sich über ihre eigenen Ideale lustig. Die Stilform der Minne beginnt leer zu laufen. Das romantische Schmachten um die Schmerzen der Liebe hat nur mehr Worte, aber keine lebendige Substanz mehr, welche diese Worte nährt. Der feiste, mit starken Appetiten ausgestattete Stadtbürger tritt starken Fußes in den ersterbenden höfischen Kulturkreis und löscht das negative Vorzeichen, mit dem das Rittertum zuerst in der Geschichte die Liebe versehen hat, indem sie in ihr das Sehnen und Leiden über das Besitzen stellte, aus. Die fast schon entsinnlichte Form, welche die Liebe in der Minne sich gegeben hatte als dem Felde, auf dem allein Tugend und Reine als die vita nuova, das neue Leben, erblühen, wird nach der Höchstsublimierung durch Dante bei Petrarca schon schwankend, fast zurückfallend in das nichts als Sinnliche: die Wiederkehr der antiken Ideale kündigt sich an in der Bewunderung ihrer Muster. Bald sollte die Zeit kommen, wo das mager-asketische Schönheitsideal, wie es die gotische Plastik zeigt, sich derbes leuchtendes Fleisch gibt. Um die Zeit zu erinnern: den ersten Ausdruck gab der neuen Liebe die Provence, wo sich antiker Kulturboden bereit zeigte, maurisch-ritterliche Einflüsse aufzunehmen und mit den christlichen Tugenden zu amalgamieren, wobei es ohne ein wenig Häresie nicht abging. Wir sind im XI. Jahrhundert, und ein auf Kastellen und in Städten lebender Adel gibt seiner liebessüchtigen Lebensführung einen intensiven Stil, der die rohe Leidenschaft zu verschönen sucht. Gegen Ende des Jahrhunderts springt in höchster Vollendung das Lied aus den Kehlen der Trobadors und erfüllt das ganze XII. Jahrhundert. Ein ganzes Volk stand in den neuen Flammen des Gesanges , wie Borchardt sagt. Mit den Albigensern wird die gesamte provençalische Kultur in ihren adeligen Trägern vernichtet. Dante und der deutsche Minnesang treten das Erbe an, das der Florentiner als ein großer Herr verwaltet im höchsten Auftrage des Ingeniums, das der deutsche Minnesang, zumal der rheinländische und rhein-alemannische, durch französischen Einfluß sich etwas verderben läßt durch die Reimhistorien und Zotengeschichten. Bloß der große Wolfram hält das Erbe rein. Von Provence in deutsche Land sind uns die rechten maere gesandt . Walther hat an den Höfen kein Glück, wo man die französischen Romane liest. Wohl aber Gottfried von Strassburg . Die Frage liegt nahe, wie und in welchem Maße sich dieser romantische Stil, den sich die Liebe in der Minne gab, in der Wirklichkeit des Tages behauptete – und die Franzosen zur Zeit der Trobadore haben ja auch Antwort so darauf gegeben, daß sie, undichterisch wie sie waren und sich mit der Tatsache des Gedichtes nicht zufrieden gebend, wohl aus der Provence die Substanz bezogen, sie aber mit dem Anekdotischen des Tages zu mundgerechter Kost vermischten. Nun ist aber diese Frage an so Vollendetes wie die Gedichte der Trobadore eben vor dieser höchsten individuellen Vollendetheit nicht zu stellen, die Frage, was in diesen Gedichten wirkliche Leidenschaft zu wirklicher Frau, was poetische Lizenz ist. Denn sie ist nicht lösbar. Die Einheit eines Kristalles ist nur wieder in die gleichen kristallischen Einheiten zu sprengen. Das vom Singer überbrachte Gedicht des Trobadors oder des Minnesingers beabsichtigte die geminnte Frau, das Eheweib von des Trobadors Herrn, gnädig zu stimmen oder zu gewinnen. Es mochte nichts weiter damit verbunden sein, als was der Eheherr erlaubte. Vielleicht auch mehr. Dies steht offen. Der Gewinn, den die sinnliche Liebe durch die Stilisierung in der Minne erhielt, wird, falls es zum wirklichen Besitze der Geminnten kam, nicht vermindert. Denn die bloßen Instinkte sind immer zügellos, und die Brutalität der Sitten war nicht gering. Man kann aber nicht behaupten, daß ein Ideal versagt, wenn es einen Schein ins Leben stellt, nach dem zu leben man sich müht und oft vergeblich müht. Das Ideal gibt doch die innere Haltung, und diese drückt sich als Stil in einer ars amatoria aus, die zu kodifizieren sich eine höfische Gesellschaft beschäftigt, weil sie in der Tatsache dieser ihrer Form der Liebe das Auszeichnende und Erhaltende ihres Standes sieht. Denn neben der Stilform der Minne läuft noch eine antikische Stilform der Liebe mit, nicht nur beim untern Volke, sondern auch in der höfischen Gesellschaft, und vermischt sich zuweilen mit der Minne, dieser Liebe des nie befriedigten Sehnens und Leides, der Gottfried von Straßburg sein großes Erzählungsgedicht gewidmet hat, das von zwei Liebenden handelt, ein senedaere, eine senedaerin , einem Sehner und einer Sehnerin, und wo der alles sagende Vers steht: Liep unde leit diu waren je An minnen ungeschieden. Aber dem naiven uralten Freudenkult, der die Geschlechtsvereinigung verherrlicht, konnte die Kirche, die sich aus dem ganzen Komplex nur das Mysterium der Eheschließung herausgeschnitten und geheiligt hat, nicht den Garaus machen. Der antike Brunstruf des Hymenäus bestand weiter, bis in die volle Öffentlichkeit der Hochzeitsnacht hinein, wie sie noch im XVII. Jahrhundert gebräuchlich ist. Er hatte nur etwas seine rituelle Naivität verloren unter dem Einfluß der Kirche und wurde bald blinzelnde Zote, bald obszönes Grinsen, ohne darum die gute höfische Gesellschaft zu verlassen. Die französischen Reimschmiede des Mittelalters lassen sich nicht lange bitten, zur Unterhaltung recht schmutzige Balladen zu erfinden, höchst belustigend zu erzählen in guter Gesellschaft vor Frauen und jungen Mädchen. Aber man darf darin, an die Minne denkend, nicht Heuchelei sehen. Der Spaß am derb Geschlechtlichen ist entwertetes Mysterium. Von seiner ehemaligen rituellen Bindung durch das Christentum gelöst, konnte sich das Geschlechtliche nur in den Umgangsformen des Scherzes, des Spaßes äußern. Wie anmutig auch dies in der Frühzeit noch möglich war, mag man aus Walthers Unter der Linden entnehmen, einem Liebeslied, nicht einem Minnegedicht. Es ist keineswegs ein vereinzeltes Beispiel für die unverhüllte Behandlung des Geschlechtlichen, nicht so roh wie die Wirklichkeit gewiß immer war, aber auch ganz fern von der Stilform der Minne, die man sich aber falsch vorstellte, wenn man meinte, sie säuselte nur in zehrenden Gefühlen. Wofür aus Bertran de Borns Escondich eine Strophe stehen möge als Beispiel: Rassa, Frau hab ich, frisch und franke, zierlich und wohlgemut und schlanke, eine falbe an ihrem Vließe, und blanke an Leib, als die Schlehn an der Ranke – Harte Tütten ob weicher Flanke. Die höfische Minne war die nötige Fiktion, die sich die Erotik geben mußte, um ein kultureller Wert zu werden. Sie war die schrankensetzende Form, war verhüllender Ausdruck. Dazu diente das Ideal der Keuschheit. Die naturalistischen Äußerungen der Liebe wurden aus dem Bedürfnis, das Leben bedeutungsvoller und schöner zu machen, als es in Wirklichkeit sich darbietet, in eine Form gezwungen, sei es wie in der Minne nach der spirituellen Seite der Keuschheit hin, sei es wie in der Galanterie des XVIII. Jahrhunderts nach der andern Seite hin. Der Roman von der Rose Guillaume de Lorris schrieb den ersten Teil dieser Liebesbibel, aus der durch mehr als zwei Jahrhunderte hindurch alle Liebesleute das zu süßer Schwärmerei entzündende Gift sogen. Er starb um 1238 und ließ sein Werk unvollendet, etliche zweiundvierzigtausend Zeilen. Dreißig Jahre später gab ihm mit achtzehntausend Zeilen Jean de Meun , ganz anders gerichteten Geistes den Schluß. Die Struktur des berühmtesten Liebesbuches christlicher Zeit ist allegorisch und personifikatorisch vom Anfang bis zu Ende, ist es in einer Weise, die uns Heutigen ganz fremd geworden ist. Aber das Mittelalter forderte von der Allegorie nicht, daß sie mit den Füßen auf der Erde stehe, solange nur ihr Haupt hoch in den blauen Wolken war und die allegorisierten Gefühle im Blumengarten der reinen Phantasie wandelten. Lorris war der naive Dichter. De Meun war der gelehrte Schriftsteller. Jener erfand, dieser brachte im gegebenen Rahmen das ganze Wissen seiner Zeit unter und quält die Allegorie etwas zu Tode. Er schließt mit einer regulären Psychomachia, in welcher die Ritter und Barone der Liebe hart bedrängt werden von den Verleumdern und Feinden der Liebeslust; aber die Liebe siegt. Dies ist, was das Buch erzählt: Der Dichter träumt, er ginge an einem Maimorgen aus, die Lerche und die Nachtigall zu hören. Einen Fluß entlang kommt er an eine Mauer, die den mysteriösen Garten der Liebe umschließt. Wie zur Abwehr sind auf der Mauerzinne die Bildnisse des Hasses, Neides, Verrates, Alters, der Niedrigkeit, Gier, Habsucht, Schwermut, Frömmelei und Armut aufgestellt: es sind dies die antihöfischen Eigenschaften. Die Dame Nichtstun, die Freundin von Deduit, der Belustigung, öffnet ihm das Tor, und er tritt in den Garten. Die Heiterkeit führt den Tanz, und Amour dreht sich mit der Schönheit im Reigen. Reichtum, Freimut, höfisches Wesen, Jugend und Nachsicht nehmen daran teil. Der Dichter bewundert die Rosenknospe am Narzissusbrunnen. Da trifft ihn Amor mit seinen Pfeilen, die heißen: Schönheit, Einfachheit, Höfischkeit, Geselligkeit und Anmut. Der Dichter wird Dienstmann des Amor, übergibt sich bedingungslos, Liebe mag ihn schlagen oder selig machen, denn le cuers est vostre, non pas miens, das Herz ist euer, nicht mehr meines. Liebe schließt ihm nun das Herz mit einem goldnen Schlüssel, wonach er in Sicherheit Regel und Rat der Liebe vernehmen kann, deren Gebote, deren Güter und deren Leiden. Abschwören muß der Dienstmann, was der Höfischkeit entgegen ist: Vilanie, leichtsinniges Reden und Stolz. Die Güter aber der Liebe sind Hoffnung, Süßgedenken, Süßreden, Süßblicken. Nun ladet den Dienstmann Bel-Accueil, der Sohn der Höfischkeit, zu den Rosen ein, doch da vertreiben ihn die Wächter: Gefahr, böse Nachrede, Furcht und Scham. Vernunft steigt von der Residenz ihres hohen Turmes herab und beschwört ihn, abzulassen. Freund tröstet. Venus zeigt, was sie kann, gegen Keuschheit. Freimut und Mitleid führen ihn zurück zu Bel-Accueil, der ihm die Rose zu küssen erlaubt. Aber Üble Nachrede erzählt es gleich weiter, Eifersucht eilt herbei, und um die Rose wird eine feste Mauer gebaut. Bel-Accueil wird in einen Turm gesperrt, wo ihn Gefahr mit ihren Knechten bewacht. Die anmutig-höfische Dichtung des Lorris schließt mit einer Klage des Dichters und Dienstmannes der Liebe. Was Jean de Meun dem Werke als dessen Fortsetzung und Schluß hinzufügte, ist in vieler Hinsicht außerordentlich interessant. Denn der skeptische und bis zur Härte zynische Geist de Meuns weist auf den inneren Bruch hin, den die höfische Stilform der Minne in sich trug. Dieser Fortsetzer bringt gegen das optimistische Ideal des Lorris die Natur bis ins Pathologische auf den Plan: er hält nichts weder von treuer Liebe noch von weiblicher Ehre und Scham. Er identifiziert sich mit dem, was Venus, Natur und Genius zur Verteidigung der Sinnlichkeit sagen und ihrer Entfesselung. In jeder auf die Dauer eingestellten Liebe kommt der Augenblick, wo man, von den Verkleidungen und Masken des illusionären Anfanges absehen, von der schönen Lüge zur brüsken Wahrheit übergehen und sich zeigen muß, wie man ist. Das Versprochene ist nur selten zu halten. Auch dieses ist hier zu erinnern: Das Verlangen der Liebenden versammelt um sich alle Kräfte der Seele. Aber kaum ist es befriedigt, so werden alle diese Gefühle, welche in die Komposition der Liebe eintraten, frei und ohne Bindung untereinander, die ihnen nur das Verlangen gab. Und weiter: die räumlichen und zeitlichen Trennungen der begehrten Frau und ihres minnenden Dienstmannes waren häufig. Wer nun weiß nicht, daß es nur einer solchen Trennung bedarf, um aus einem kleinen Gefühl eine große Liebe zu machen? Die Sinne folgen immer einem einfachen Gesetz, dem des natürlichen Lebens. Ihre Effekte sind immer normal. Nur das, was man das Herz nennt, und die Phantasie bringen mit ihren Illusionen und Forderungen jene Verwirrung in den sinnlich-normalen Ablauf, unter dem ebenso große Stilformen der Liebe, wie die Minne, zu begreifen sind, die Stilformen sowohl wie die sexuellen Perversionen. Jean de Meun, sicher kein jugendlicher Träumer wie Lorris, läßt die Natur gegen den höfischen Stil antreten. Amour versucht mit allen seinen höfischen Bundesgenossen, zu denen sich noch Bien Celer und Faux-Semblant gesellen, das Rosenschloß zu stürmen. In der Furcht, zu erliegen, ruft er Venus, die Mutter zu Hilfe. Sie tut den Schwur, bei keiner Frau je mehr Keuschheit zu dulden. Amour tut den gleichen Schwur für die Männer. Das ganze Heer leistet denselben Schwur. Schwer arbeitet der Schmied Natur in seiner Werkstatt an seiner Arbeit, der Erhaltung der menschlichen Gattung im Kampf mit dem Tode. Nur der Mensch unter allen Geschöpfen übertrete ihre Gebote, indem er sich der Fortpflanzung enthalte. Natur schickt ihren Priester, den Genius, zu dem Heere der Liebe, daß er jene verfluche, die ihre Gebote nicht halten. Der Priester wird mit Hallo empfangen. Amour maskiert ihn mit einem Meßgewand, einem Stab, einem Ring und einer Bischofsmütze. Venus steckt ihm lachend eine brennende Kerze in die Hand, nicht aus jungfräulichem Wachs gegossen . Der Genius schleudert das Licht in die Festung der Liebe, die Welt beginnt zu brennen, und nachdem auch Venus ihre Fackel geschleudert hat, beginnt der Kampf. Scham und Furcht fliehen, und dem Liebhaber wird von Bel-Accueil erlaubt, die Rose zu brechen. Das bedeutete die Absage an das Ideal der Jungfräulichkeit und die Hölle für alle, welche sich nicht den Gesetzen der Natur und der Liebe unterwerfen. Der Roman von der Rose zeigt in seinen zwei Verfassern den Wandel des Liebesideals vom keuschen Ritterdienst zum sinnlichen Flirt, den Eintausch eines rein ethischen Ideals in ein solches einer aristokratischen Lebensführung, den Übergang vom bloßen Schmachten für eine unerreichbare verheiratete Dame zu dem natürlichen Begehren. Die Rose ist das Symbol der Jungfräulichkeit und des geheimnisvollen Reizes, den sie ausübt. Nicht als ob die nackte Natur gegen das Ideal gestellt würde, denn noch immer bleibt eine Stilform der Liebe, also ein Mittelbares des Erotischen, das höchste Auszeichnung als Wert empfängt. Zutritt in den Garten der Liebe hat nur der von der Liebe Erwählte, und der muß ein Edler sein, das heißt frei von Treulosigkeit, Haß, Niedrigkeit, Gier, Habsucht, Neid, Alter und Heuchelei. Was er an positiven Tugenden besitzen muß, ist aber bereits Mittel geworden, die erwählte Geliebte zu erobern, nicht mehr, wie im älteren Ideal, Mittel der Veredelung der minnenden Person. Der Minnende muß nun besitzen, heitern Sinn, Unbekümmertheit, Empfänglichkeit für Lust, Schönheit, Reichtum, Güte, freien Sinn und höfische Manieren. Welches der beiden Ideale, das ethische des älteren Stiles oder das aristokratisch-genüßliche des neueren Stiles, den Vorzug verdiene, war in dieser Zeit ein beliebtes Streitspiel an den frohen Höfen der französischen und burgundischen Könige und Polemik der Gelehrten und Theologen: ob Treue den Vorzug verdiene oder der Flirt, in dem Treue nur ein Mittel ist, die Frau zu gewinnen, die man begehrt. Die Zeit muß sich dem letzteren Ideal zugeneigt haben, anders hätte Christine von Pisa um 1390 nicht nötig gehabt, in ihrem Briefe an den Gott Amour im Namen der Frauen Klage gegen die Männer zu führen, die ruchlos und betrügerisch seien, und Klage gegen den Roman von der Rose, der solchen Männern recht gäbe. Und gegen sehr ehrenwerte und angesehene Verteidiger der Lehre des Romans von der Rose schrieb der Theologe und Kanzler der Pariser Universität Jean Gerson 1402 eine Abhandlung, nicht seine erste, gegen das lasterhafte Buch von der Rose , in der er verdammend sagt, er würde, besäße er ein Exemplar des Buches, und wäre es das einzige und tausend Livres wert, es lieber verbrennen als verkaufen. Aber das Buch behielt recht gegen seine Vernichter. Gegen das Ende des 15. Jahrhunderts gebraucht man Sprichwörter aus Sätzen des Romans von der Rose. Schließlich mündet die erotische Mystik des Buches in eine erotisierende Theologie, wo der Brunnen des Narzissus zum Symbol der Taufe wird, die Nachtigall zur Stimme von Predigern und die Rose zu Jesus selber. Die weltliche Welt war aber schon dabei, eine andere Kulisse aufzustellen. Die Personifikationen, welche die Gefühle im Roman von der Rose oft mit wissenschaftlich-psychologischer Genauigkeit erfahren, werden von den Frauen und Satyren, den Nymphen und Dryaden der Renaissance abgelöst. Die Auferstehung der Venus Äneas Silvius Piccolomini , der bald Papst werden sollte, schreibt an seinen Vater, daß er von einer Engländerin in Straßburg ein illegitimes Kind bekommen habe. Die Wahrheit zu sagen, Du hast, als Du noch im Fleische warst, keinen Sohn aus Marmor und Erz gezeugt. Du weißt gar wohl, was für ein Hahn Du warst. Und was mich betrifft, bin ich kein Eunuch und zähle mich nicht unter die Kalten ... Ich sehe nicht ein, weshalb die Praktik der Liebe also verdammt sein soll, wo doch die sich nie irrende Natur den Geschöpfen diesen Appetit eingesenkt hat, um das Menschengeschlecht fortzusetzen. Andere Worte des neuen Geistes: Leone Battista Alberti stellt in seinem Traktate Uxoria diese Frage: Soll der Gatte die Ausschweifung seines Weibes hinnehmen, oder soll er, um ihr zu entgehen, sich selber in Ausschweifung stürzen? Und Lorenzo Valla : Es ist ganz gleichgültig, ob sich die Frau mit ihrem Gatten vereint oder mit ihrem Liebhaber. Omnino nihil interest utrum cum marito coëat mulier an cum amatore. Die so sprechen, sind keine Ausnahmen. Die mittelalterlichen Bindungen sind gelöst, die alten Einheiten sind zerbrochen. Tausend Jahre lang hatte der einzelne nur Wert, weil er einer Gemeinschaft zugehörte, die ihn einschloß, bestimmte und überlebte. Der Einzelne verschwand im Ganzen. Das Universum war diszipliniert wie ein Kloster oder wie eine Armee. Wer gab die Disziplin? Zunächst die Christenheit. Dann das Kaiserreich und die Kirche. Dann der Adel und die Universität. Dann waren die Stadtgemeinden da, und nun hat diese der Fürst verschlungen, der Tyrann, der gute oder der schlimme Herr. Zu Ende ist die Macht der Ideen. Der Papst ist ein Individuum wie der Kaiser. Der Papst ein Herr wie andere Herren. Der Kaiser ein Herr, etwas weniger als die andern Herren. Die soziale Zerbröckelung des mittelalterlichen Universums wird begleitet von der moralischen. Man setzt Gott, auf den alles bezogen wurde, nicht etwa ab, sondern man vergißt ihn. In der alten Familie war jeder einzelne für den andern verantwortlich, nicht nur in zivil-, sondern auch in strafrechtlichen Sachen. Damit ist's zu Ende. Lodovico Gonzaga nimmt in den Truppen des Visconti Dienst gegen seinen Vater. Man zieht seine illegitimen Kinder auf wie seine legitimen. Poggio hat von den ersten zwölf, Niccolo d'Este dreihundert. Und Rom zählt man 1480 an Huren 6800, in Venedig 11650. In Lucca weiß man sich 1448 gegen die Päderastie nicht mehr anders zu helfen als durch die Einsetzung eines besonderen Gerichtshofes. Ein neuer Typus der Menschheit ist auf die Welt gekommen. Es gibt nicht mehr den Welfen, den Gibellinen, den Christen, den Ritter, den Tuchhändler, sondern nur den Einzelnen, der sich selbst macht. Dieser neue, sich selbst genügende Mensch ist alles, will alles und kann alles. Er ist der Mittelpunkt der Welt. Man lebt mit allen Poren, mit jedem Nerv. Dieser eben geborene Einzelne leidet nicht im mindesten unter dieser Isolierung, denn er hat eine Welt zu entdecken, die ihm bislang nur als Triumph des Todes dargestellt worden war. Nun malt der Maler Lorenzo Costa in San Giacomo zu Bologna den Triumph des Lebens. Dieses fünfzehnte Säkulum versorgte mit seiner elementaren Kraft auch noch das nächste sechzehnte, belebte das siebzehnte und verebbte sich zu Beginn des 18. Jahrhunderts. Die Gesellschaft zeigt zum einen Teil noch alle mittelalterliche Roheit und Simplizität, wie die Gesichter dieser neuen Menschen, die im Porträt auf uns gekommen sind, noch alle bäuerliche Knochigkeit besitzen. Frater Bernardino predigt, man solle die Frauen in der Schwangerschaft nicht schlagen. Von Galeazzo Maria Sforza wird als erstaunlich berichtet, daß er die Gewohnheit gehabt habe, zu baden. Ein lateinischer Dichter der Zeit, Verolano , gibt Regeln für Manieren, darunter, daß man zum Schneuzen ein Tüchlein oder ein Stück seines Gewandes benützen solle. Die Brüder des alten Niccolo Niccoli überfallen ihres Bruders Geliebte, heben ihr die Röcke hoch und verprügeln sie vor allem Volke. In einem gräflichen Hause zu Piacenza amüsieren sich die Damen damit, zu messen, welche einen fetteren Hintern habe. Die Spaße sind derb, die man treibt, die Geschichten nicht minder, die man sich erzählt. Aber die Gesellschaft wächst rasch über ihre Kindheit hinaus, unterstützt vom Reichtum, der ihr zuströmt, und sie bekommt Geist, Witz und Charme. Es entsteht, was man die gentilezza nennt, die erste Blüte moderner Zivilisation. Nirgends will man die Schönheit vermissen. Was nennen wir schön? fragt Marsilo Ficino und antwortet: Die reinen Farben, das Spiel des Lichtes, die Stimmen, den Glanz des Goldes, die Weiße des Silbers, die Wissenschaft, die Seele, diese Dinge nennen wir schön. Die Renaissance erlebt in diesem fünfzehnten Jahrhundert ihre glücklichste Zeit: ihr Jünglingsalter. Und der Herzschlag dieses Alters ist die Frau. Daß sie bloß mehr die häuslichen Tugenden besitze, verlangt nicht mehr der neue Mann. Er holt die Frau aus dem mittelalterlichen Halbdunkel des Hauses. Er will sie zeigen. Er will, wollüstig wie er nun ist, reich wie er nun ist und trunken von der Schönheit, die Frau schmücken, anbeten. Im Jahrhundert zuvor war der junge Boccaccio der einzige gewesen, der sich in seinen Schriften der Frauen mit Wohlwollen angenommen hatte, sogar in seinen ernsthaften lateinischen Büchern. Petrarca hielt die Frau für einen der Beschäftigung mit ihm unwürdigen Gegenstand, darin ganz kirchlich, denn für die Kirche war ja die Frau nicht nach dem Ebenbilde Gottes gemacht, mulier non est facta ad imaginem Dei. Nun aber ist auch die Kirche für die Frau gewonnen. Daß die Kirche nachgab, beweist, daß die Befreiung der Frau sich vollzogen hatte. Drückte die Frauen noch ein kleines Gewissen darüber, daß sie sich schön fanden, sei's vor dem Spiegel, sei's vor dem begehrenden Blick der Männer, so kam das zum Schwinden im Augenblick der ausgegrabenen antiken Schönheit, besungen und gepriesen in Versen, die man auswendig konnte. Denn Venus war auferstanden. Nun löst sich die Frau aus den alles verhüllenden mittelalterlichen Tüchern, denn Venus befiehlt es so. Gegen den Aufwand an Kleidern und kostbarstem Schmuck kämpfen vergeblich Verordnungen und Predigten. Vierundachtzig Roben gibt Beatrice Sforza in zwei Jahren in Auftrag. Isabella d'Este braucht an einem Kleide sechshundertneun goldene Knöpfe. Eine so schöne, eine so herrlich bekleidete, eine so kluge Frau läßt man nicht zu Hause. Man zeigt sie. Man will, daß sie an allen Angelegenheiten des Lebens teilnehmen. Sie bedeutet nun etwas, hat etwas zu sagen, wie der Mann. Sie ist nicht mehr die gelehrige Magd, aber auch nicht mehr die platonische Beatrice des vorigen Jahrhunderts. Nicht mehr unerreichbares Gottwesen eines Paradieses, aber auch nicht mehr der inkarnierte Teufel. Sie ist ein irdisches Weib, heißt etwa in seiner höchsten Vollendetheit Isabella d'Este. Oder in Boiardos dichterischer Verklärung Angelica. In dem zaubervollen Dichterwerk, dem Orlando lnammorato , herrscht das Vergilische Amor vincit omnia, das sich der Dichter zum Motto seines Lebens genommen. Orlando ohne Furcht und Tadel, keusch und grob, von Staub und Blut befleckt, unempfindlich für die Liebe, die ihm Weiberspiel ist und Schwäche, Narrheit und Sünde – er tut etwas, was dem Roland des Pulci noch fremd blieb: er verliebt sich. Und er ist, wie sein Jahrhundert, ein Schüler in der Liebe, der nicht von heut auf morgen lernt. Er schnarcht im Schlaf, beißt sich die Nägel, schielt auf einem Auge, riecht nach Schweiß. Wie ihn Angelica mit ihren feinen Händen wäscht, weiß er vor Scham nichts zu sagen und senkt die Augen. Wie er Angelika in den Armen hält, traut er sich nichts, aus Angst, sie in Zorn zu bringen. Aber er hat dieses Mädchen im Blute, schlägt sich durch Wälder und Menschen einen Weg zu ihrem Fleische, und da er sie hat, weiß er nicht weiter, läßt die starken Arme hängen, wagt nichts, so daß Turpin ihn einen Trottel nennt. Dieser Orlando ist das synthetische Porträt des halb mittelalterlichen bäurisch ungeschlachten Mannes um 1400, den die Liebe erzieht zu dem Manne der Renaissance. Die Liebe heißt Angelica. Sie zählt achtzehn Jahre wie ihr Zeitalter. Gestern noch Magd, befiehlt sie heut den Männern, gibt ihnen das Gesetz ihrer Laune. Über das Ungeschlachte der Fäuste, vor denen sie einst zitterte, lächelt sie nur mehr. Sie ist blond, fein zart, fliegt auf ihrem Pferde in den Ardenner Wald. Sie ist kokett, schmeichlerisch, zärtlich. Liebt, solange sie es freut. Hat sie genug von Orlando, schickt sie ihn in den Tod. Aber als ein anderer Liebhaber sie vergessen hat, erleidet auch sie das Gesetz der Liebe und sagte das sublime Wort: Das einzige Übel, das du mir tun kannst, ist, mich zu verachten, doch kannst du dich zu lieben mich nicht hindern. Boiardo ist der festliche Dichter einer Zeit, die alles zum Feste machte. Er ist voll der Furia, welche die Männer erfaßte, da sie die Venus erblickten, die auferstandene, und in ihren Frauen und Mädchen das Ebenbild der Göttin erkannten. Die erotische Besessenheit Die mittelalterliche Welt ist ganz allegorisch. Ein Gedanke geht in einem sichtbaren Bilde auf, und die Welt dieser Bilder wird zur Not von einem religiösen Symbolismus zusammengehalten, weil es ja nötig ist, die an sich verwerfliche Welt zu würdigen. Für das weite Gebiet des Sündhaften bot das irdische Dasein Bildhaftes in unendlicher Fülle. In der Erweckung der Furcht vor Sünde, Tod, Gericht und Hölle fand man im Irdischen die stärksten Reizmittel. Die körperlichen und seelischen Qualen der Hölle zu schildern hatte man die brennendsten Farben. Der Abscheu vor dem Menschen, zumal dem weiblichen Menschen, wird wesentlicher Teil der christlichen Sittenlehre. Der Mensch, gemacht aus schmutzigstem Samen, empfangen im Kitzel des Fleisches, genährt mit Monatsblut, das so verächtlich und unrein sein soll, daß bei seiner Berührung die Früchte nicht gedeihen und die Pflanzungen verdorren ... und wenn Hunde davon fressen, so verfallen sie in Tollwut , schreibt der große Papst Innozenz III. Solche Belehnung der natürlichen menschlichen Verrichtungen mit schwarzer Magie, solche sittliche Überbelastung und dämonische Auszeichnung dieser Verrichtungen mußte den mittelalterlichen Menschen in eine dem Irrsinn nahe Verwirrung stürzen. Es war ihm fast kein Raum gelassen, wo er unversucht und ungefährdet vom Teufel diesen Verrichtungen obliegen konnte. Bot ja nicht einmal die geheiligte Ehe Sicherheit! Man unternahm ja alles, sich von dem Entsetzlichen zu befreien, machte den Teufel zur komischen Figur, malte ihn kindlich buntfarbig, damit er das Angsterweckende verliere. Aber immer doch blieb er der Teufel. Die Theologie kommt ohne diesen Gegenspieler des guten Prinzips nicht aus, denn beide bedingen einander. Des Teufels Dasein in dieser verachteten Welt ist die Voraussetzung der Erlösung in die himmlische Welt des Gottes. Nur über einen kleinen Teil der alten hochzeitlichen Bräuche und Sitten ist ja die Kirche Herr geworden, indem sie diesen Ausschnitt daraus sakramentierte als Eheschließung. Ober das Vorher und Nachher des Aktes vermag sie nichts: das blieb heidnisch, wie es zuvor war. Sie tut ihr Möglichstes mit Erregen von Schrecken, zaubert die Strafen der Hölle herauf. Zerrüttet die Nerven. Und die erste Frau, die aussagt, daß der Teufel sie beschlafen habe, weckt die Epidemie. Die Verzückung der Nonne, die den Besuch Christi empfängt, wächst auf dem gleichen von der Kirche durchackerten Boden auf wie die Verzauberung der Hexe, welche vom Teufel besucht wird. Wundmale des Leibes da und dort, Verlust der eignen Seele da und dort: da an den Herrn des himmlischen, dort an den Herrn des höllischen Reiches. Gewiß hat das spätere Mittelalter, in dem die ersten Epidemien des Hexenglaubens ausbrechen, selbst innerhalb der Kirche seine Zweifler und seine Versuche einer rationalen Auffassung. Aber im allgemeinen war das Gottvertrauen so groß, daß man annahm, daß jeder des Verkehrs mit dem Teufel Beschuldigte auch wirklich schuldig sein müsse, da ja Gott nicht zulassen könne, daß ein Unschuldiger beschuldigt werde. Daß es Einbildung der Frauen wäre, vom Teufel beschlafen worden zu sein, wird zuweilen geäußert, aber damit ist der Teufel nicht aus dem Fall eliminiert, da er es ja sei, der diesen Irrtum der Frau erzeuge! Das vertritt noch der aufklärende Johannes Wier im XVI. Jahrhundert. Der Teufel könne keine Wunder verrichten, aber er kenne die geheimen Kräfte der Natur, und was er auswirke, sei natürlich. Der Satz des Augustinus, den die Autorität des Thomas von Aquino stützt, ist durchaus allgemeine und geltende Anschauung: Alles, was in dieser Welt sichtbar geschieht, können die Teufel verursachen . Das bedeutet für den Frommen permanente Unsicherheit. Zumal in den Natürlichkeiten des sinnlich-geschlechtlichen Lebens wurde der Teufel als außerordentlicher Meister angesehen – es fiel ihm ja eigentlich dieses ganze Gebiet zu, das einer übersinnlich orientierten Christenheit in allen Teilen zuwider war und schlechtweg das Böse . Die Doktrin der Sprenger, Molitor, Nider, Bartholomäus de Spina geht davon aus, daß der Mensch, der sich von Gott entferne, seinen Begierden und Leidenschaften freie Bahn schaffe. Sie werden dadurch von solcher erotischer Besessenheit, daß den fleischlichen Akt selbst mit einem wilden Tiere zu vollziehen es sie gelüstet. Ja selbst mit Gott, wenn sie könnten, beichten diese Menschen. Sie weigern sich nicht dem Teufel, der, um recht in seine Netze zu locken, die verführerische Gestalt von Mann oder Weib annimmt. Er ist ein weiblicher Sukkubus für den Mann, ein männlicher Inkubus für das Weib. Er bleibt in actu fast immer unsichtbar, aber man hat ihn auch gesehen. Die Incubi ziehen junge Frauen und Mädchen den alten vor. Es ist deshalb gut, das Gesicht verschleiert und langes Haar nicht offen zu tragen, denn auch dieses liebt der Teufel. Die alten und häßlichen Weiber besitzt er auf eine Weise, daß er ihr Gesicht nicht sehen kann. Als ein Bock. Den jungen erscheint er oft in der Gestalt ihrer Geliebten. Aber er nimmt jede Gestalt an, welche die Visionen und Wunsch-Delirien der Besessenen fordern oder in welcher er ihnen als Albdruck in ihren Träumen erscheint. Die gelehrte Ausarbeitung, welche die mittelalterliche Dämonologie bis zum Hexenhammer der Ketzerrichter und darüber hinaus erfuhr, gab den inneren Beweisen, wie sie sich aus Aussagen und Geständnissen der Betroffenen ergaben, auch die notwendigen äußeren Beweise in den anders für diese Zeit nicht erklärbaren Mißgeburten und Entartungen, die eben als kakodämonische Mißgeburten erkannt wurden, als die Kinder aus dem Umgang mit dem Teufel. Fähigkeiten, die er zu solchem Werke der Zeugung besitzen muß, aber als bloßes menschlich-tierisches Scheingebilde nicht besitzt, kann er unter Gottes Zulassung bekommen. Er kann, wie Thomas lehrt, den nötigen Samen von einem Menschen entnehmen und ihn übertragen. Er tut dies auf solche Weise, daß er erst weibliche Gestalt annimmt und sich als Sukkubus einem Manne hingibt. Hierauf wird er Inkubus und beschläft ein Weib, das von ihm den als Sukkubus empfangenen Samen aufnimmt und ein Kind zur Welt bringt, ein vom Teufel gezeichnetes Menschenkind. Als die theologischen Untersuchungen mit dem Nachlassen der Virulenz der Erscheinungen selber in den Verfall leerer Spekulation gerieten – schon der Hexenhammer zeigt diese Dekadenz –, bekommt der Teufel eigene Glieder und Substanzen der Zeugung, so bei Sinistrari von Ameno im XVII. Jahrhundert. Und es wird eine große Liste solcher vom Teufel gezeugter Kinder aufgestellt, in der man Alexander den Großen neben Merlin, Servius Tullius neben Luther begegnet: den zeugte der Teufel, als Weinhändler verkleidet, mit einer Tochter seines Gastgebers zu Wittenberg. Und begab sich wieder in die Hölle zurück, als er das Mädchen guter Hoffnung sah. Die oft grotesken Ungeheuerlichkeiten sexueller Phantasie in den Schriften der Ketzerrichter und Dämonologen haben das Urteil einer späteren aufklärerischen Zeit oft dahin irregeführt, daß man die Phänomene der erotischen Besessenheit mehr bei diesen als sadistisch verdächtigen Autoren feststellte als bei den Patienten, die man als unschuldige Opfer ansah. Gewiß werden viele der Ketzerrichter nicht weniger krank gewesen sein als die Hexen und Hexenmeister. Und ebenso gewiß werden sich unter den durch Exorzismus oder Feuertod Kurierten Gesunde befunden haben, die ein Zufall, nachbarlicher Haß, Rachsucht oder sonst ein solches Motiv dem Ketzerrichter auslieferte. Aber eine im Vorurteil des dunklen Mittelalters so befangene Zeitkritik wird das Wesentliche des Phänomens der erotischen Besessenheit zugunsten eines Unwesentlichen übersehen. Daß in dem 1751 ausgearbeiteten bayrischen Strafgesetzbuch fleischliche Vermischung mit dem Teufel mit dem Verbrennungstode bestraft wurde, war ein zeitlich nicht mehr bedingter Irrtum. Aber um 1400 entsprach die Therapie der Verbrennung der nach ihrer eigenen Aussage vom Teufel Besessenen allen in der Zeit gegebenen Komponenten, der kirchlichen Logik, der Anschauung über die Frau und das Sexuelle, der Medizin und dem Wunsch der Kranken. Es war ein Akt des Glaubens, nicht eines Aberglaubens. Der Glaube an die Besessenheit durch den Teufel verschwand nicht durch die Tätigkeit der Aufklärer, denn diese sind nicht Ursache, sondern Wirkung eines schwindenden Glaubens. Was Glauben der ganzen Menschheit war, degenerierte in Aberglauben, als es nur mehr bestimmte Teile dieser Menschheit glaubten. Was einmal alle verband, wird zu einem Stricklein, das nur mehr bestimmte Volksteile bindet. Was in den ungläubigen Jahrhunderten bis auf heute vom Teufelskult in den Sekten und Schwarzen Messen übrigblieb, hat zur mittelalterlichen Besessenheit fast nur eine literarische Beziehung. Die mittelalterliche Frau erlag dem Teufel fast immer gegen ihren Willen. Der mittelalterlichen Besessenen entspricht heute die Hysterikerin, die ihre Hysterie in eine organische Krankheit kleidet, nicht die Satanistin. Jener war die Einkleidungsform vom Zeitcharakter vorgeschrieben, der Satanistin wird sie von einem mehr oder weniger geschickten Schneider angemessen, wie von dem Häresiarchen Eugène Vintras , der die satanistische Sekte Karmel gründete, die 1893 mit dem Tode seines Nachfolgers, des Abbé B ..., verschwand. Vintras lehrte, daß sich die Erlösung durch Liebesakte vollziehe, die begangen werden 1. mit höheren Geistern und den Erwählten der Erde, um sich zu verhimmlichen, alle Tugenden zu erreichen und individuell in den Himmel aufzusteigen, und 2. mit Profanen und inferioren Geistern, Elementarwesen, Tieren zu dem Zwecke, diese sündigen, in Verfall geratenen armen Naturgeschöpfe zu verhimmlichen. Inkubus und Sukkubus fanden in dieser Sekte so wieder eine Erneuerung. Über den Vorgang dieser okkulten Vereinigungen ist man unterrichtet. Die Adeptin ist verpflichtet, die Umarmung sowohl der Lichtgeister zu erdulden als auch jener, die man Humanimalia nennt, stinkender Monstren, welche Zimmer und Bett beschmutzen und sich ihr beigesellen, um zur Vermenschlichung zu gelangen. Die Adeptin versichert, von diesen Monstren geschwängert worden zu sein. Die Geburt vollzieht sich ohne Schmerzen: aber nicht ein Kind kommt zur Welt, sondern stinkender Rauch. Der Satanismus lebt von einer dünnfließenden, vornehmlich literarischen Tradition und von der Zeit nicht oder höchstens negativ charakterologisch bestimmt. Er steht nicht in ihrem Rahmen, sondern außerhalb. Deshalb nennt man ihn pervers oder monströs. Man hat, da den Glaubensformen entfremdet und andern Glaubensformen ergeben, kein Teil an ihm. Die von der Zeit bestimmten Neurosen und Hysterien haben andere Formen, die in einem relativen Sinne als die normalen gelten. Wie dem Mittelalter die seinen. Das Decamerone Den Verfall des mönchischen Ideals und die Verweltlichung der Klöster durch ständige Visitationen und sich wiederholende Reformen aufzuhalten, bemüht sich die Kirche das ganze Mittelalter hindurch vergeblich. Sieben Jahre ist die festgesetzte untere Altersgrenze für die Oblaten – Kinder, welche die Eltern ins Kloster stecken. Da sieht dann etwa eine Nonne, die seit ihrem achten Jahre im Kloster lebt und nun dreiundzwanzig Jahre da verbracht hat, einen Ziegenbock seinen Kopf über die Mauer stecken. Nie hat sie so etwas gesehen. Fragt sie eine andere Nonne, was das sei, bekommt sie zur Antwort: So kriegen die Weiber, die in der Welt leben, Bart und Hörner, wenn sie alt werden. Da lernt ein Bischof kurz vor seiner Weihe einen lateinischen Text, den er zu sprechen hat, auswendig. Aber er versteht die Worte nicht, die er sagt, unterbricht sich, sagt: Ein Schelm hat das erfunden. Eine Verordnung befiehlt, daß kein Junge die Weihen erhalte, der seine Gebete nur lateinisch aufsagen kann, aber die Grammatik nicht kenne. Was den Gottesdienst betrifft, den sie abhalten, so ist der so voller Sinnlosigkeit, Unordnung und Unverstand, weil sie aller einfachsten Kenntnisse ermangeln; sie verstehen weder was sie sprechen noch was sie singen. Sie lernen und lesen nichts, bringen ihren Tag hin in leerem Schwatz, Würfelspiel, Fressen und Saufen. Streiten untereinander, haben Dolch und Bogen immer zur Hand, und das ganze Kloster sieht aus wie ein belagerter Ort. Jeder besitzt eignes Vermögen und sucht es zu mehren. Sie machen sich über die Arbeit lustig und über die Keuschheit und über den Gehorsam. Und wenn sie schon, gegen die Keuschheit sündigend, dabei mäßig wären! Aber der Stank ihrer Lüste zieht durch das Land. Wer soll's bessern? Der Bischof? Der kümmert sich nur um sich selber, sucht seinen eignen Gewinn und spottet des unsern. Der Fürst? Der verkauft seine Gnaden, sucht das Weltliche und weigert Gehorsam. So schreibt Johann von Tritthelm , der Benediktiner, 1493 in seinem Rundschreiben über den Zustand und Ruin der Mönchsorden. Der Prozeß des Verfalls, der zwei Jahrhunderte zuvor begonnen hatte, war nicht mehr aufzuhalten. Das von den Mönchsorden gebrochene Gelübde der Armut mußte das Gelübde des Gehorsams und der Keuschheit zu Fall bringen. Sie lagen bei den Weibern, lagen in den Schenken, trieben Handel, suchten den Geldgewinn. Nur die Kirche, nicht die Welt nahm ihnen das übel. Der schlechte Mönch des Mittelalters, der durch seine weltliche Lebensführung das Heilige entheiligt, erleichtert dem Weltkind die Haltung, das Irdische besser zu finden, als man ihm gepredigt hat, ja, es gut zu finden. Der Triumph der realistischen Welt jubelt, höhnt, phantasiert in dem ersten Buche, das dieser Welt getreuer Spiegel ist: in des Giovanni Boccaccio Decamerone. In einem Briefe an Zanobi della Strada wehrt sich der junge Boccaccio gegen den Spottitel Giovanni della tranquilità, was einen honetten, leichtherzig dahinlebenden Mann bedeutet. In einem tieferen Sinne war ihm aber der Name schon richtig gegeben. Wie er selber sich immer zeichnet, war er ein das gute Leben liebender Bürger, der seine Bücher liebte und höchstes Glück in der befriedigten Lust eines sinnlichen Appetites fand. Boccaccios Bewunderung für Dante ist groß und aufrichtig. Und dennoch ist seine mit Zitaten und Gelehrsamkeit gespickte Schrift über ihn ein großes Mißverständnis des Florentiners. Dante erzählt die erste Liebe zur neunjährigen Beatrice: Boccaccio erklärt, daß der Mai, der Wein und das gute Essen aus dem Knaben frühzeitig einen Mann gemacht haben. Beatrice, Dantes jüngsten aller Engel – Boccaccio zeichnet ihr anmutiges Bild in aller Irdischkeit fleischlichen Daseins. Und alles das im tiefsten Bedürfnis, Dante über alle Dichter zu stellen und sein Leben über alle Leben. Nichts kann deutlicher als dieses Leben Dantes, das Boccaccio schrieb, den Abgrund aufweisen, der den geistlichen Enthusiasmus des Mittelalters von dieser neuen Zeit trennt. Boccaccio drückt Geist und Haltung der nächsten zwei Jahrhunderte aus. Er war der erste, der an die Stelle der aristokratischen und der gelehrten Literatur eine solche des Volkes setzte. Der Literaturhistoriker De Sanctis nannte das Decamerone, Boccaccios unsterblichen Titel, die Commedia Umana, und das ist auch dieses Buch, wahrhaft Antithese zu Dantes Commedia Divina. Das Leben, das Boccaccio beschreibt, ist ohne Beziehung zu einem andern außerirdischen Leben. Was immer die Kirche in den Bann getan oder als Unwert abgesetzt hat, das wird von ihm zurückgerufen und inthronisiert – mit der sicheren Hand eines ungeheuren Talents. – Il talento: – die Kirche hat dem Talent das Stigma der Sünde aufgebrannt. Dante verdammte alle talentierten Intellektuellen (Inferno 3). Boccaccio hat in seinen früheren Schriften, kein anderes Thema als dieses eine: den Triumph des Talentes. Es ist dies das Vorspiel zum sogenannten Heidentum der Renaissance. Die Summe der mittelalterlichen Doktrin, die Dante zog, wird vernichtet, nicht durch Leugnung des asketischen Wertes, sondern durch Behauptung der Freiheit, durch den Anspruch auf das Natürliche. Man lese im achten Gesang des Inferno nach, was Grauenvolles den Filippo Argenti im Decamerone auf seinem Wege über den Styx erwartet: unerbittlich ist Dantes Moral. Dieser selbe Argenti spielt in der achten Novelle des neunten Tages die Hauptrolle, nicht als ein anderer Charakter als bei Dante, aber die Laster des Mannes dienen Boccaccio nur zu komischen Zielen ohne jede moralische Bewertung. Boccaccio lebte als junger Mann in Neapel, wo er Zutritt zum ausgelassenen Hofe der Johanna fand und zu Liebesabenteuern mit deren Damen. Auf seines Vaters Wunsch studierte er dann eine kurze Zeit die Rechte, aber er praktizierte sie nie. Früh beginnt er zu schreiben. Seine Tat ist das Decamerone. Geschichten: das war der Geschmack schon im frühern Mittelalter, waren beliebteste Lektüre. Die Existenz dieser Geschichten nehmen dem Decamerone nichts von seiner Originalität. Jeder Vergleich mit den Vorläufern macht den Genius Boccaccios deutlicher. Zwei Jahrhunderte herrschte Boccaccios Geist, erklang in allen Nuancen Boccaccios Lachen, graziös bei Poliziano , bitter bei Folengo , ironisch bei Machiavelli , schamlos bei Berni , froh bei Boiardo . Die Beschreibung der Pest in Florenz: sie ist mehr als der düstere artistisch gewählte Hintergrund zu den heiteren zehn Geschichtenerzählern der lieta brigata. Die Pest war äußeres Zeichen der großen Umwälzung, die sich im sozialen, wirtschaftlichen und sittlichen Leben Italiens vollzog und deren literarischer Ausdruck Decamerone ist. Die Pest machte dem Florenz der Grandi ein Ende, und das Florenz der Ciompi hub an. Der Standpunkt der bottega und der piazza hat nun Geltung, und mit dem Adel nicht nur, sondern auch mit dessen Geist macht man ein Ende. Wenn Boccaccio eine tugendhafte Frau darzustellen sucht, wird er gefühlig bis zum Absurden, so fremd ist ihm solches Wesen. Wie es auch fremd den sieben Damen und drei Männern ist, welche als den Rest früherer Tage ganz konventionelle Ideale haben, aber deren Praxis völlig verloren. Die Gesellschaft ist bei aller Bewahrung des äußern Anstandes ganz popolo grasso ohne die geringste Fähigkeit zur Illusion, aber mit kräftigsten fleischlichen Appetiten. Boccaccio starb sieben Monate nach dem Tode seines Meisters Petrarca im Jahre 1375. Den Leser des Decamerone erstaunt diese mittelalterliche Jahreszahl. Denn mit den Geschichten des Decamerone verließ Boccaccio die mittelalterliche Geisteshaltung und setzte den ersten Staffel einer neuen Zeit, die mit der Hand auf der Geldtasche ihren Platz in der Welt antritt. Ungefähr zur selben Zeit als Boccaccio sein Decamerone, schrieb Guillaume de Machaut seine höchst seltsame Liebesgeschichte auf, das Livre du Voir-Dit , was so viel wie Wahre Begebenheit heißt. In dieser wahren Geschichte des Machaut schickt die achtzehnjährige Peronelle d'Armentières dem sechzigjährigen Dichter ein Rondel, in dem sie dem berühmten, ihr unbekannten Poeten ihr Herz anbietet. Der Dichter ist alt, fast blind auf einem Auge und gichtgeplagt, aber er ist geschmeichelt und bewegt. Sehr lieber Herr und guter Freund, ich empfehle mich Euch, so gut ich kann und aus all meinem Herzen und schick Euch dies Rondel. Und wenn ich was für Euch tun soll, so bitt' ich, verlangt es von mir, und sagt das in einem Virelei, und schickt es mir. Dafür aus meinem ganzen Herzen Dank, und wenn Ihr etwas wollt, sagt es immer, ich tue es gern aus meinem Herzen als für einen Mann dieser Welt, den zu sehen ich am meisten begehre. Unser Herr gebe Euch Ehre und Freude in allem, was Euer Herze liebt. Eure gute Freundin. Der alte Dichter antwortet: Ich bin klein, ungeschlacht, ohne Witz, ohne Güte noch Schönheit, bin nicht würdig, Euer zu gedenken. Würdet Ihr mich sehen, es täten Euch Eure Gefühle für mich leiden. Er hat auch ein bißchen Selbstvertrauen, denn er fügt hinzu: Ihr habt mich auferweckt. Dafür will er ihr dankbar sein und ihre Liebe der Nachwelt in einem Gedichte schenken. Sie schickt ihm ihr Bildnis: Mein süßestes Herze und meine süßeste Minne, hier schick' ich Euch mein Abbild nach dem Leben, so gut man es konnte, um Euch zu trösten darüber, daß wir uns nicht sehen können. Aber bald sehen sie einander. Die Freiheit, welche die jungen Damen im Decamerone üben oder, ohne zu erröten, zu hören bekommen oder zu hören geben, hat in Peronelles Abenteuer einen noch weit stärkeren Ausdruck, denn es fehlt dem Dichter wie dem Mädchen jede Spur eines schlechten Gewissens, daß sie etwas tun, was sich nicht mit den Begriffen des gesellschaftlichen Anstandes oder der Religion vertrüge. Die beiden hören fromm die Messe und als man das Agnus Dei sprach, Da gab sie mir, beim heiligen Crispin, Ganz leis den Friedenskuß Zwischen zwei Kirchenpfeilern. Den Frieden brauchte ich gar sehr, Denn mein verliebtes Herze war Verstört, als sie mich rasch verließ. Machaut war Domherr, doch hatte er kein geistliches Amt, nicht geistlich im Sinne der Weihen. Er liest das Brevier: die kirchliche Frömmigkeit war das Salz des Lebens. Von Heuchelei kann in diesen Jahrhunderten nicht gesprochen werden. Es wird mit gleicher Inbrunst gebetet wie geliebt. Unter einem Kirschenbaum sitzt das Paar, und Peronelle lehnt ihr Haupt an seine Schulter. Sag' mir, mein süßester Freund, an was denkst du? Und er: An die Verse, die ich für dich machte, süßeste Liebe. Er ist mehr Dichter als Liebender in diesem dafür nicht sehr passenden Augenblick und rezitiert seine Komplainten, in denen er klagt, daß man ihm versage, was er sich zu nehmen nicht getraut. Und Peronelle darauf: Ich liebe Euch. Den Schatz, nach dem es Euch so sehr verlangt, ich lass' ihn Euch. Nehmt ihn, ich geb' ihn Euch. Er erschrickt und zaudert, so daß er sich von dem Mädchen, das ihrer weit sicherer ist, sagen lassen muß: Nie wird ein Furchtsamer erfolgreich in der Liebe sein. (J'a couards n'ara belle amie). Er fühlt tiefer und feiner und könnte ihr sagen, daß sie nur seine Gedichte liebe, denn an ihm als Manne sei nichts mehr zu lieben. Aber er ist von der Jugend des Mädchens zu sehr selber entzündet und täuscht sich gern mit einem Wer weiß? über das weibliche Herz. Wilhelm fällt aufs Knie und beginnt ein Gebet – an Venus: Venus, ich habe dir immer gedient, Seit ich dein Bildnis sahe, Seit ich sprechen gehört Von deiner Macht ... Du bist mein Fraue und Göttinne, Du, die mein Herze segnet Und schmückt mit ihrem Adel So süße ... Und Venus steigt herab und tut ein Wunder an dem alten Dichter: et mes désirs fut accomplis. Peronelle gibt ihm darauf das goldene Schlüsselchen ihres Schatzes, ihrer Ehre, von allem ce dont puis faire largesse. Sie trennen sich, schreiben einander. Sie bereut nichts als die zu rasch vergangene Stunde, deren Rückkehr sie erhofft. Er schickt ihr ein Klagelied voll zärtlichster Liebe und zartester Sehnsucht. Die klangvolle Monotonie dieses Gedichtes ist unübersetzbar. (Man sprach damals peur, chaleur dumpf aus: peour, chalour.) Mon cuer, ma suer, ma douce amour, Voy ma peine, voy mon labour, Mon cuer, ma suer, ma douce amour, Voy ma très amère tristour. Mon cuer, ma suer, ma douce amour, Voy mes meschiés, voy ma doulour. Mon cuer, ma suer, mon douce amour, Voy que de mort suy en paour. Peronne antwortet in gleicher traurig-seliger Verfassung mit einer Ballade, deren Refrain ist: Und alles für dich, schön-edler Freund. Dann kommt das Ende. Verfehltes Treffen, Mißverständnisse, Rechtfertigungen, Versöhnung, Schweigen. Er liebt sie aber bis zum Tode. Und sie bewahrt ihm das Andenken. So gutes Gewissen, wie es Peronne besitzt, zeichnet die Gesellschaft des Decamerone schon nicht mehr aus. Boccaccio krönt sein Decamerone mit dem Bildnis einer Frau, welche seinem Zeitalter noch immer als die höchste Vollendung des weiblichen Ideals erscheint. Griselda aber ist noch völlig der mittelalterliche Typus der Tugendreichen, die ihren Rosenkranz betet, zur Messe geht, das Kind säugt, die Schlüssel bewahrt, über den Keller wacht und den Speicher. Sie hat alle ihre Pflicht getan, wenn man auf ihren Grabstein wie auf den der römischen Matrone die Worte setzen konnte: Lanam fecit, domum servavit, sie krempelte Wolle und diente dem Hause. Die aragonesischen Hofdamen, die Boccaccio in Neapel kennenlernte, waren wie ihre Herrin durchaus Ausnahme von der Regel, die sich bis tief ins nächste Jahrhundert in allen Kreisen behauptete, wo man konservativ und republikanisch lebte. Das wirkliche Leben handelte kirchlich: es fürchtete die Frau und achtete sie gering, wenn nicht schlecht. Für jeden vernünftigen Mann dieser Zeit war die Frau ein untergeordnetes geringes Wesen. Petrarca besang wohl Laura in schönen Sonetten, aber seine wahre Meinung über die Frau gibt er in seinen Briefen, wo er schreibt: Das Weib ist zumeist der inkarnierte Teufel, Feindin jedes Friedens, Anlaß zur Ungeduld, unerschöpfliche Quelle von Hader und Streit, und der Mann muß sich von ihr fernhalten, wenn er auf die Ruhe seines Lebens bedacht ist. Diese Verachtung der Frau ist auch dem folgenden Jahrhundert noch eigen. Äneas Sylvius Piccolomini etwa: Was sonst, frage ich, ist die Frau als Rupferin der Jugend, Räuberin des Mannes, Tod der Greise, Fresserin des Erbes, Untergang der Ehre, Instrument der Hölle, Lieblingsplatz des Teufels, Türe zum Tode? Und Alberti kurzweg: Die Weiber sind verrückt und voller Flöhe. Eine Frau heiraten ist für Sacchetti derselbe Akt wie einen Gaul kaufen. Sie ist nicht nach dem Bilde Gottes geschaffen, erklärt der Maler Cennino Cennini in seinem Libro dell'arte , ihr Leib hat keinerlei vollendete Maße. Das gotische Säulenbündel löste sich, und schlank und allein erhob sich des Michelozzo elegante Säule. Die mittelalterliche Masse, in Gesellschaft gegliedert, löste sich, und der Einzelne, das Individuum, stand da. Für die Gesellschaften kam die Gesellschaft. Die Rolle der Frau änderte sich. An die alte Stelle der Institution trat die Persönlichkeit. Auf das Papsttum folgte der Papst, auf das Imperium der Kaiser, auf die Feudalität die Kommune, auf die gelehrte Schule der Humanist. Auf das Weibervolk im Hause die Frau. Das Maß der Schönheit Augustinus Nifo , Hausphilosoph des päpstlichen Stuhles, Liebling Leos X. und Schützling Bembos, schrieb in seinem Buche De Pulchro et Amore 1531 den ersten ästhetischen Traktat der neueren Philosophie. Er führte aus, daß das Schöne nirgend sonst existiere als in der Natur, und daß der menschliche Körper, vornehmlich der weibliche, für sich allein die Bedingungen der Schönheit vereinigen könne und somit schlechthin das Schöne sei. Als einen in seinen Augen unwiderleglichen Beweis seiner These beschreibt Nifo im fünften Kapitel des ersten Buches bis ins Detail die Schönheit der Johanna von Aragonien. Man kennt das Porträt im Louvre, das Raffael von Johanna gemalt hat, und es sagt natürlich dieses Bildnis mehr von der Schönheit der Johanna als des Nifo indiskrete Beschreibung oder die Anthologie in Vers und Prosa, die Geronimo Ruscelli 1555 zum Preise der Giovanna herausgegeben hat. Was Nifo theoretisch sagte, das bildete in der gleichen Zeit Michel-Angelo , der wie Cellini den menschlichen Körper den wahrhaften Gegenstand der Kunst nannte. Nifos Porträt gibt den idealen Typus der Frauenschönheit auf der Höhe der Renaissance. Der Text lautet: Die glänzende Giovanna ist nur die Probe darauf, daß das wahrhaft Schöne nur in der Natur vorhanden, denn diese Fürstin vereinigt in sich die vollendete Schönheit des Leibes und der Seele. Sie besitzt in der Tat, was die Qualitäten des Geistes betrifft, die Harmonie und Süßigkeit, diese Schönheit der Seele, welche die Attribute heroischer Naturen sind, und besitzt sie in solchem Maße, daß sie eher von den Göttern als von den Menschen abzustammen scheint. Was ihren Körper anbetrifft, so ist die Schönheit ihrer Formen so vollendet, daß Zeuxis, um seine Helena zu bilden, die Reize sich bei vielen schönen Mädchen von Cortona zusammensuchen mußte, sich hätte damit begnügen können, Giovanna zum Modell zu nehmen, wenn es ihm gegeben gewesen wäre, sie zu sehen und ihren Vorzug vor allen zu erkennen. Ihre Gestalt von mittlerer Größe ist aufrecht und hat jene Grazie, die nur die Vereinigung vollkommener einzelner Teile zu geben vermag. Sie ist nicht fett und nicht mager, sondern voll Saft – succelenta –, ihr Teint ist nicht blaß, sondern weiß ins Rosenfarbene; ihr langes Haar hat goldene Reflexe; ihre Ohren sind klein und stehen zum Munde im Verhältnis. (Nach dem Schönheitsbegriff der Zeit müssen die beiden Ohrläppchen zusammen der Größe des geöffneten Mundes gleich sein. So Agrippa, de occulta philosophia: Semicirculi auricularum aequant os apertum.) Ihre braunen Augenbrauen, kurzhaarig, seidig, nicht zu dicht, bilden einen vollendeten Bogen; ihre blauen Augen glänzen als Sterne aus braunen Wimpern. Zwischen den Brauen steigt perpendikulär eine symmetrische Nase von mittlerer Größe herab; das kleine Tal zwischen Nase und Oberlippe hat einen göttlichen Schwung; der eher etwas kleine Mund öffnet durch ein süßes Lächeln ein etwas volles Lippenpaar, das nach Küssen ruft und den Geliebten nicht losläßt. Die kleinen glatten Zähne wie Elfenbein sind regelmäßig geordnet; ihr Atem hat den Duft des wohlriechendsten Parfüms. Ihre Stimme hat nicht den Klang einer Sterblichen, sondern einer Göttin. Ihr Kinn hat ein Grübchen, Rosen und Schnee färben ihre Wangen, und ihr Gesicht ist ein Oval nahe dem Rund. Der Hals ist aufrecht, lang, weiß und voll und steht graziös zwischen den Schultern; auf ihrem breiten Oberleib, der keine Knochen sichtbar werden läßt, ruhen sich zwei gleichgroße Brüste von gefälliger Größe, die den Duft des persischen Pfirsichs ausströmen, denen sie ähneln. (Mamillae odore persicis pomis persimiles redolent. Eine Pfirsichgattung heißt heute noch in Frankreich téton de Venus, Venusbrüstchen.) Die weichzarte (crassiuscula) Hand ist an der Außenseite schneeweiß, an der Innenseite elfenbeinfarben; sie hat für die richtige Größe die Höhe des Gesichtes, die Finger sind voll und rund und länglich und enden mit einem feinen zartgefärbten konvexen Nagel. Das Ganze der Brust hat die Gestalt einer umgekehrten Birne, die etwas zusammengedrückt und deren Spitze gerade und rund nach unten ist und deren Basis sich in entzückenden Proportionen an den Hals schließt. (Das etwas preziöse Bild ist nicht gut übersetzbar: thorace pyri eversi forman subdeunte sed pressa, cuius videlicet conus and sectum transversum parvus atque sphericus, basis ad colli radicem longitudine ac planitie excellenti proportione formatis collocantur.) Der Bauch, die Hüften und die geheimen Reize sind der Brust würdig; die Schenkel, die Waden und die Arme sind, was die Dicke betrifft, im rechten sexquialteren Verhältnis (d.h. der Schenkel ist eineinhalbmal dicker als die Wade, die Wade eineinhalbmal dicker als der Unterarm). Die Schulterbreite ist ebenfalls in vollendeter Proportion zum übrigen Körper, die Füße von mittlerer Größe enden in wundervoll gegliederte Zehen; die Schönheit und die Harmonie ihres Körpers sind mit einem Wort solche, daß man Giovanna zum Rang der Unsterblichen erheben kann, ohne diese zu beleidigen. Wenn also ihre Art, ihre Grazie, wenn ihre Schönheit so groß ist, so muß man daraus schließen, nicht nur, daß das absolute Schöne in der Natur ist (in rerum natura simpliciter pulchrum), sondern vielmehr, daß nichts schöner ist als der menschliche Körper. Die Schönheit wird, wie Nifo weiter ausführt, nur durch die Sinne wahrgenommen, und unsinnliche Dinge wie Gott oder die Engel schön zu nennen, ist nur eine Metapher. Und alle Sinne sind an der Perzeption der Schönheit beteiligt, nicht nur Gesicht und Gehör, sondern auch Gefühl, Geruch und Geschmack. Damit ist ihm – in Anlehnung an die Doktrin der Peripatetiker – der Zusammenhang der Schönheit mit der Liebe gegeben: der animus, der durch die sinnlichen Eindrücke der Schönheit erregt ist, will es haben, ut in eo pulchro atque exeo pulchrum generemus ad nostri perpetuam conservationem. Das Verlangen, die Schönheit zu brauchen, Fruendi pulchri, kann ohne verliebten Appetit, sine appetitu veneris, nicht existieren: hic enim ordo in amoribus semper fuit. Auch die Frage beschäftigt Nifo wiederholt, ob die schöne Frau von Natur keuscher sei als die häßliche, und er bejaht sie und meint, wenn Körperschönheit und Keuschheit selten beisammen in einem Weibe und schöne Frauen oft schamlos sind, so sei dessen Schuld: schlechte Erziehung, Armut und Liebhaber. Rara est concordia formae atque pudicitia, sagte Juvenal. Die Femmes Galantes Die Zeit, da die Valois in Frankreich regierten, macht mit den Temps gaulois, deren Epopöe Rabelais schrieb, ein Ende. Der gute derbe Spaß aus der Zeit der bretonischen Königin Anna, den man sich beim unmäßigen Mahle auf die dicken Schenkel schlug, fand keinen Beifall mehr in dieser Gesellschaft, die ihr Raffinement wie ihre Künste aus Italien bezog, das ein Jahrhundert voraus war und dabei, aus der platonischen Ethik eine Etikette zu machen. Die französischen Damen am Hofe der Valois lernten an den eingeheirateten Medici und deren italienischem Gefolge ihre eigentümlichen Talente finden, die in der Schönheit des Leibes liegen und deren Spielung. Was kann diese neuerwachte Freude an der Schönheit besser ausdrücken als der stolze Einfall jener römischen Kurtisane Veronica Franco, die sich den nackten Fuß küssen ließ und sagte, die Schönheit ihrer Füße sei die Heiligkeit jener des Papstes wert? Nannte nicht ein würdiger Humanist sehr ernsthaft die Kurtisane Tullia d'Arragona eine Kirchenmutter? Und ein frommer Dichter sang Hymnen auf die Schönheit der Kurtisane Imperia, um die Rom einen Tag der Trauer feierte, als sie sechsundzwanzigjährig starb: Unsere Väter weinten, als das Imperium fiel. Wir, wir weinen um Imperia. Sie haben die Welt verloren. Wir, wir verloren unsere Herzen und uns selber. Die Verachtung der sogenannten anständigen Welt wird nur die Schwachen und Talentlosen unter den Kurtisanen deformieren, die Starken wird sie in ihren Kräften steigern, daß sie alle erreichen und üben, was an Schönheiten diese anständige Welt für sich allein nur hervorbringen und halten zu können glaubt. Die Kurtisane von großem und das heißt genial weiblichem Talent wird hier noch mehr tun und wahrhaft eine soziale Rolle spielen: sie wird die Gesetze dieser Schönheit geben und selber Muster und Beispiel werden für die höchsten Leistungen des guten Geschmacks. Es sagen die Zeitgenossen, daß die römischen Kurtisanen der Renaissance sich durch nichts sonst von den anständigen Frauen unterschieden als durch die feineren Manieren. Die Kurtisane, von der Renaissance wieder inthronisiert, war durch Natur und Talent das Ideal des neuen Schönheitskultes und stand als Beispiel vor den französischen Frauen, die sich bemühten, den Kultus der fremden Schönheit und die Begehrungen heftiger Sinne unter eines zu bringen, den Genuß der Liebe um seiner selbst willen zu suchen und doch darüber die große Parade nicht zu vergessen, die der Welt ein Schauspiel gibt und sich selber darin eine dankbare Rolle. Es kam ein Fieber über diese derben gallischen Frauen, als sie sahen, daß die Geschicke der einzelnen wie oft auch die der Staaten auf die Macht der weiblichen Leibesschönheit und Liebeskünste gestellt waren. Unsicher schwanken sie noch in den Mitteln zu dem Ziele zwischen dem Mord und den Anfängen der Intrige, denn diese Zeit der Bürgerkriege ließ eine ausgleichende und statuierende Gesellschaft sich nicht bilden. Der Hof und seine Interessen allein bestimmten, wie er es im monarchischen Neapel tat oder im Ferrara der Este. Es war eine politische Zeit, und eine geschäftskundige Frau aus dem Bankfache machte die Politik mit Frauen. Man kann von Katharina Medici, die für die letzten maniakalischen Valois regierte, sagen, daß sie die Liebe disziplinierte und nützlich machte zu Zielen, die ihr bisher nicht eigen waren. Sie schickte dem Gegner Antoine de Bourbon die Louise de la Beraudière ins Feldlager, um derentwillen der Schwerverwundete seines Verbandes nicht achtet und Liebe und Leben in ihrem Schoße verblutet. Gegen den Condé Louis de Bourbon läßt sie Isabeau de la Tour los, die es gleich mit ein paar vornehmen Hugenotten aufnahm, um den Auftrag gründlich auszuführen. Und so brauchte Katharina für ihre Pläne die Madame de Retz, die ohne viel Temperament viel versprach und wenig hielt, oder die Madame de Sauves, die nichts versprach, aber viel hielt und dennoch nie ihre Mission vergaß. Und so jede aus dem escadron volant der Mediceerin. Um die Liebe dieser Frauen ist immer Geruch von Blut und Pulver. Jeder Soldat wußte es, daß eine einflußreiche Geliebte bei Hofe wichtiger sei als zehn gewonnene Schlachten. Und da die Ereignisse oft schneller liefen als das Kalkül des rechnenden Paares, war jeder Teil klug genug, mehrere Eisen im Feuer zu haben. Jeder lebte in jedem Augenblick mit der höchsten Spannung seiner Energien, denn die Geschicke entschieden sich schnell, und Geduld und Warten war Verzichten und Verschwinden. Wenn du nicht ein bißchen Päderast, Vatermörder, Totschläger und Räuber bist, so giltst du nicht für einen Ehrenmann , sagt ein Moralist dieser lebhaften Zeit. Wo eine solche wilde Kühnheit die erste Tugend war, mußte der um sein Leben betrogen sein, der sie nicht besaß. Um alles suchte man unter den Valois die Macht der Liebe, bei der alles stand, zu behaupten. Wirkungen, welche in der Jugend die Natur besorgt, brauchen später die Künste. Und diese Gesellschaft, der die Naivität der florentinischen Gesellschaft des 15. Jahrhunderts fehlte hatte rasch gelebt und war im Fieber früh alt geworden – sie brauchte die Künste und schuf davon ein Arsenal für die kommenden Geschlechter. In solchen erotisierten Zeiten macht die Mode tolle Sprünge, um die rasch wechselnden Launen immer aufs neue zu reizen und festzuhalten. Als man unter den letzten Valois so weit war, unabhängig von den Italienern und Spaniern, die früher den Ton angaben, nach dem eigenen Code d'amour et de la galanterie zu leben, fragte der bittere Alciat, dessen moralischer Mut – wie es immer ist – mit seiner Aussichtslosigkeit wuchs: Wozu und warum diese Martern? Vielleicht weil die Natur dieser Tiere gefälscht ist und weil sie auf nichts als die Liebe gerichtet sind. Und er sagte das von den Frauen, die den Ehrgeiz hatten, ganz wie femmes méchantes zu sein oder sich als Knaben anzogen, während die Mignons Ringe in die Ohren steckten, hohe Coiffuren trugen, sich dekolletierten und das Haar vom Leibe zupften wie die venezianischen Huren. Jede neue Erfindung der Mondänen fand im nächsten Augenblick eine Nachahmerin in der Gesellschaft, die sich allmählich aus der reichen Bürgerlichkeit gebildet hatte, was aber die Erfinderin gleich zu einer neuen Anstrengung veranlaßte. Diese Rasse des Übergangs, in der sich das Barbarische mit dem Zivilisierten mischte, schien erschöpft und einer Regeneration zu bedürfen, die jedem sein Teil an dem Neuen gab; denn es waren aus den wenigen viele geworden, der Hof war nicht mehr allein. Man verlangte ein gleiches Maß und Aufteilung des Schatzes, und so gab man, was man selber zu halten nicht mehr stark genug war, hin. Wie der Herbststurm die Samenballen der Ulme, so jagte der Barrikadensturm in Paris die fliegende Eskadron der Liebe über das Land hin, in die Klöster, die Schlösser und kleinen Städte der Provinz. Die Frauen aus dieser letzten erregten Zeit sterben jung, wie Blumen, die man ins Freie setzte, da sie doch nur im Treibhaus blühen können bei höchster Temperatur ihres Blutes. Die Sünde des Fleisches Gegen die südländische Christenheit der antiken Tradition, die fast schon ihr Christentum zugunsten einer wiederkehrenden Antike verloren hatte, stand die nördliche Christenheit ohne antike Tradition auf, mit dem Evangelium und den Paulusbriefen in der Hand. Rom erkannte die Gefahr, die es im eignen Hause bedrohte, auch ohne Luthers Theologie und derbes Politisieren. Die Jesuiten traten auf den Plan. Ihre Aufgabe war, die Freiheit des Lebens zu verteidigen, ohne die Vorschriften des göttlichen Textes zu ignorieren. Die Moral mußte sich an die Tatsachen des Lebens anpassen, um sie brauchbar zu machen für jedermann. Das ist es, was die jesuitische Moraltheologie unternahm. Nicht ein Gesetzbuch arbeitete sie aus, sondern einen Führer. Sie fällte ihr Urteil, das nichts weiter ist als die Konstatierung eines sittlichen Brauches. Sie stellten die aktiven Tugenden über die inaktiven: in der Keuschheit sahen sie keinen absoluten Wert. In einem Kommentar zum Propheten Daniel sagt Cornelius a Lapide : Die keusche Susanna hat wie eine heldische Frau gehandelt; aber in solcher Gefahr der Infamie und des Todes hätte sie sich auch damit begnügen können, alles von den beiden Alten zu ertragen, ohne innere Zustimmung und Mithilfe, denn das Dasein und die Reputation sind mehr wert als die Keuschheit. Junge und keusche Jungfrauen halten sich für schuldig, wenn sie nicht mit all ihren Kräften und mit Schreien Widerstand leisten, während es genügte, den Akt, zu dem man sie zwingt, zu verachten und zu verabscheuen. Die Kirche hat Fortschritte in der Kenntnis der menschlichen Natur gemacht und Einsicht in die Macht der menschlichen Vorurteile bekommen. Sie ist nicht mehr von einer rigorosen Moral düpiert und sucht auch die Heuchelei zu meiden, die darin bestünde, eine nicht verwendbare Moral zu predigen, was sehr leicht ist. Sie zieht es vor, nützlich zu sein. Pater Sanchez verteidigt in seinem Traktat De Matrimonio die Berechtigung gewisser Küsse unter dem Vorbehalt, daß sie als Präludium dem natürlichen Akte vorausgehen. Und dieser selbe Sanchez wurde wegen seiner Strenge von der Inquisition zensuriert, welches geistliche Institut moderierend war, nicht verfolgend, wie man gern glaubt. Es ist nicht interessierte Gefälligkeit in der Haltung der jesuitischen Theologen. Sie besitzen eine außerordentlich genaue Kenntnis der erotischen Phänomene, und sie erlauben sie, nehmen sie hin wie eine Farce, welche die menschlichen Marionetten aufführen. Aber sie bleiben davon ganz unberührt, trotzdem diese Materie, wie Alphons von Liguori sagt, die häufigste und umfangreichste des Beichtstuhles ist . Im Beichtstuhl lernten diese Theologen. Aber hier lehrten sie auch. Von den Frauen und die Frauen. Eine billige Aufklärung hat es sich mit dem Urteil, das verurteilt, hier leicht gemacht, indem sie der jesuitischen Beschäftigung mit dem Erotischen lächerliche Motive unterschob, dieselbe Aufklärung, die es begrüßt, daß sich Hunderte von populär-medizinischen Schriften mit den sexuellen Beziehungen beschäftigen und dies weit weniger dezent tun als die alten Kasuisten. Die Kasuisten beruhigten die erschreckten Menschen. Die Ärzte trösten sie. In der Sache kann sich nichts ändern, denn die Menschen empfinden richtig, daß von Lastern geheilt werden so viel bedeutet, wie vom Vergnügen am Leben befreit werden. Man muß zudem erinnern, daß die Frau im Beichtstuhl nicht eine Erlaubnis heischte, sondern die Absolution. Die um die Lust betrogene Frau, betrogen im raschen Überfall durch den Mann, betrogen im raschen Abschied des nur seine Lust beachtenden Mannes – der jesuitische Kasuist versucht sie, die verzweifelt die Ehe bricht, sich selbst Genüsse schafft, zu beruhigen, darin wenigstens, daß er die Vorstellung einer begangenen Sünde von ihr nimmt, indem er sie als lässige Sünde bezeichnet und absolviert. Er irrt sich nur im Prinzip, weil er die Lust für ein von der Natur gegebenes Mittel hält, um einen von der Natur befohlenen Zweck, die Befruchtung, zu vollziehen. Der Theologe wußte nicht, daß sich die Natur gar nichts aus den Lustgefühlen macht und daß ihr der Akt genügt. Der Kasuist glaubte die effektive lustvolle Teilnahme der Frau nötig zur Befruchtung (was sie gar nicht ist), und daraus kam seine Nachgiebigkeit gegen die nichts als lustgebenden Handlungen, weil sie und wenn sie dem Akte vorausgehen und ihn zum bestimmten Ziel haben. Über das Erotische des Nachher spricht kein Kasuist ein Wort. Er versteht es nicht. Er kann die Frauen, die ihm von den sündigen Folgen eines einsamen Nachher beichten, nur priesterlich absolvieren. Ihnen die Angst nehmen. Auch die Angst vor ihren wachen Träumen, für die der gemeine Mann den Ersatz im zotigen Witz besitzt. Daß die Frau im Beichtstuhl nicht auch gelernt haben sollte, wer könnte das bezweifeln? Wer kann der jesuitischen Durchforschung der Liebe daraus einen Vorwurf machen? Nur einer, der die Wollust für eine Naturgabe hält und nicht für eine menschliche Kunst, in der es Meister und Stümper und ganz Unbegabte gibt. Den jesuitischen Kasuisten folgen bald die protestantischen: sie unterscheiden sich wenig. Alle versuchen sie, das Gesetz oder Gebot mit den Sitten und Bräuchen in Einklang zu bringen oder zu mildern. Da gibt es Huren. Kein Zweifel, daß sie einen unehrlichen Beruf ausüben. Aber es ist nun ihr Beruf, und dessen Wesentliches ist, daß er ernährt. Also anerkennt der Jesuit Tamburini das pretium stupri, den Hurenlohn: Jeder Arbeit ihren Lohn , sagt der gütige Jesuit, weshalb willst du der Sünde dieses Mädchens, das sich prostituiert, und deiner, elendes Mannsbild, der du von der Armut dieses Mädchens profitierst, noch die Spitzbüberei hinzufügen? Zahle, da du zu zahlen versprochen hast, und sei wenigstens ein anständiger Sünder. Man könnte sagen, die Kirche ist auf diese Weise ihre evangelische Moral losgeworden, die sie in nicht geringe Widersprüche mit dem Leben setzte. Sie konnte um so besser darauf verzichten, als die Philosophie mit Kant diese ihre Pflichten-Moral übernahm, vergottete und dem Staate, was er brauchte, lieferte. Über diesen Umweg Staat bezog dann wieder zu ihrem kleinen Gebrauch die heutige Kirche ihre moralischen Anschauungen, denen nicht mehr die alten scharfen Formulierungen eigentümlich sind, weil eine Kirche solche entbehren kann, die an den Staat abgedankt hat, nachdem sie ihn christianisiert hat. Es ist nicht ein Vorurteil, das veranlaßt, in einer Darstellung des Erotischen die christliche Kirche als eines der Hauptmomente der Variation immer wieder zu betonen. Gleichzeitig im Endlichen und Unendlichen zu leben, diese kontradiktorischen Tendenzen der Menschheit befriedigte der Katholizismus, dieses paganisierte Christentum, auf grandiose Weise, denn er war gleichzeitig mystisch erdabgewandt und sinnlich erdzugewandt. Von Konstantin bis zur Renaissance bildete die Kirche beide Prinzipien, die sie und das Leben konstituieren, aus. In der Renaissance hielten sie sich für einen historischen Augenblick das ideale Gleichgewicht: das sinnliche Prinzip – Sinnlichkeit, Kunst, Schönheit – hatte ebensoviel Kraft gewonnen wie das evangelische Prinzip der Erdflucht, Abtötung und des Verzichtes. Die paulinischen Sektierer, Luther und Calvin , die Feinde Roms, erschütterten das katholische Gleichgewicht, und der Katholizismus opferte eines seiner Prinzipien und des Lebens. Die Kirche wurde, in ihrer Autorität vom Staate abgelöst, was sie bis heute geblieben ist. Der Don Juan – Legende und Symbol Don Juan Tenorio: mit diesem Namen steht die von nun ab unsterbliche Figur zum erstenmal in der Komödie El Burlador de Sevilla , die Gabriel Tellez im Jahre 1630 zu Barcelona veröffentlicht hat unter dem Pseudonym Tirso de Molina . Der Don Juan ist keine historische Figur des Lebens. Wie es Faust war. Auch nicht der Held einer Volkserzählung. Was man zur Bestätigung dieser Annahme gefunden zu haben glaubte, stellte sich als erfunden heraus. Die Brutalität der Instinkte, welche gegen die hergebrachte Moral rebellieren: dafür gab es Beispiele genug im Leben der jungen Leute Spaniens und Italiens in dieser Zeit eines frenetischen Individualismus. Und die Literatur ist voll solcher Figuren. Vielleicht hat die wundersame Geschichte Roberts des Teufels, die durch Europa ging, den Auftakt gegeben. Sechs spanische Übersetzungen dieses Volksbuches erschienen im XVI. Jahrhundert. Cervantes , Lope , Mira de Amescua und andere bringen den Rufian auf das Theater, der Mädchen verführt und vergewaltigte, Häuser niederbrennt, Priester absticht, um sie von ihren Sünden zu erlösen . Tirsos Don Juan ist unter diesen tollen Kavalieren noch der sanfteste. Er tötet nur in Notwehr, um sein eignes Leben zu retten. Er lästert Gott nur aus Bravade, nicht aus moralischer Perversion. Er vergewaltigt nicht die Frauen. Er verführt, verlockt, verspricht Heirat. Noch ist er nicht, was er erst in späteren Inkarnationen werden sollte, der Künstler der Wollust darauf bedacht, sich nicht zu wiederholen. Noch ist er nicht der Sammler von Frauen. Noch wählt er nicht, weil jede ihm recht ist. Noch quält ihn nicht die Marter des bitteren Bedauerns, in so zahlreichen Erfahrungen nicht die vollkommene Lust realisieren zu können und durch die Lust die Liebe zu erreichen. Noch hat er kein Gewissen das ihn beißt. Du bist tapfer , sagt die Statue zu ihm. Ich bin stark , antwortet er, und ich habe Herz . Er ist blinde Kraft, die einer andern blinden Kraft begegnet: vernichtender Kraft des Todes. Es gibt mehr Seelen, die sich durch allzugroßes Vertrauen verlieren als durch exzessive Angst vor der Strafe , sagt Luis von Granada . Eine solche Seele wollte Tirso in seinem Don Juan zeigen, der noch nicht atheistisch ist wie der Don Juan Molières, sondern weiß, daß es eine Vorsehung gibt und ein Jüngstes Gericht auch für ihn. Nur habe es Zeit bis dahin, denn er sei jung! wiederholt er auf Mahnungen, es ist noch weit bis zum Tode und Zeit genug, daran zu denken . Und in den steinernen Armen ruft er nach dem Priester. Aber hört die Stimme: Es ist zu spät! Du denkst zu spät daran! Nicht die Moral, sondern die spektakulöse Schlußszene der Höllenfahrt machte den Erfolg des Stückes. Der Erfolg veranlaßte Molière , sich das Stück für sein Theater zu schreiben: er behielt das Spektakelhafte, das allein das Publikum interessierte, gab aber dem Helden einen andern Charakter: in Molières Don Juan wurde die Figur der Repräsentant, als den wir sie heute erkennen: der grand seigneur méchant homme , der Freigeist, der weiß, was er tut, und es willentlich tut, der bewußte Verführer. Damit tritt die Figur in die Reihe der tragischen Helden, wenn sie auch eine galante Fabel maskiert und das Laboratorium dieses südlich-sinnlichen Faust in schwerduftende Gärten gestellt ist und in die Alkoven der Liebe und der Text seiner Beschwörungen anders lautet als jener des Doktors aus Wittenberg. In diesem Doktor, der des Rätsels Lösung im Wort findet, wirkt noch leise eine antike Tradition weiter. Nicht mehr so in dem Rätselfrager Don Juan: er ist ganz christlicher Herkunft. Bei Tirso nach mittelalterlich-theologischer Konzeption als sündhaftes Fleisch gegen den Geist gestellt, bekam er durch Molière die Vergrößerung durch den Geist. Don Juan ist nicht der Verführer, der Genießer, der Wollüstige schlechthin. Ihn auf einen Casanova reduzieren, der keinen guten Zufall versäumt, zu seinem Vergnügen zu kommen, das er im Wechsel der beteiligten Person stärker weiß als in der allzu häufigen Wiederholung – solche Reduktion des Don Juan auf einen verführerischen und ungetreuen hübschen Mann ist begreifliches Mißverständnis von Ladenmamsells und Kommis im engen Leben ihrer kleinen Hoffnungen und Sehnsüchte. Der Don Juan Molières vergißt sich nie. Er schaut sich immer zu. Er hört sich lügen. Er hat keinerlei Fähigkeit zur Illusion. Er weiß das Ende voraus. Er kalkuliert es in den Anfang. Er meditiert und agiert gleichzeitig. Er kann das eine nicht um des andern willen aufgeben. Man legt es ihm, und besonders Männer tun das, als Schönheit seiner Schlechtigkeit aus, daß er eine ewige Rache an den Frauen verfolgt, die er verführt, ins Leid stößt, verläßt, den Tränen und Flüchen anheimgibt. Er bringt niemandem Glück. Seine Einsamkeit ist absolut. Er zerstört im Keime jede Gemeinschaft. Er ist das vollkommene Ego, und es gibt kein weiteres Feld, dieses Ego zu leben, als das Gebiet der Frauen und der Begierde, diesen Kampfplatz zweier Egoismen. Das auch ist der Charme, der alle verführt, weil jede es sich zutrauen muß, endgültig mit diesem maßlosen Ego fertig zu werden, ihn festzuhalten – damit ihn alle andern verlieren. Molières Don Juan will mehr als sein Vergnügen: er will seinen Willen. Mozarts Don Juan, der liebenswürdige Cherubin von dreißig Jahren, der noch die Flammen streichelt, die ihn verschlingen: er hat die größte Popularität gewonnen, weil er dem Typus die höllische Leidenschaft genommen und ihm dafür die Grazie des Spielerischen gegeben hat. Erst der Valmont des Choderlos de Laclos hat das Teuflische wieder restauriert. Der des Byron verliert es wieder. Denn er gibt ihm den Spleen des Dandy. Ein deutscher Dichter, Grabbe , setzt ihn wieder in einem sonst unzulänglichen Stücke in alle Rechte seiner gedanklichen Bedeutung, indem er den Don Juan als Repräsentanten einer Idee – der des Fleisches – dem andern mittelalterlich-christlichen Repräsentanten, dem zeitlich etwas früheren, des Geistes, dem Faust nämlich, gegenüberstellt, die Verwandtschaft der beiden erkennend. Kierkegaard gibt dann die geistvolle Exegese zehn Jahre später. Der faustische Geist hat sich von der Erde gelöst, und die Sinnlichkeit tritt auf in ihrer ganzen Macht. Es ertönt die elementarische Stimme der Leidenschaft, das Spiel der Lüste hebt an, der wilde Lärm der Berauschung. Dieses Reiches Erstgeborner ist der Don Juan. Noch ist es nicht das Reich der Sünde. Aber es tritt die Reflexion hinzu, und nun erscheint er als das Reich der Sünde und Don Juan als der Ausdruck für das Dämonische, als das Sinnliche bestimmt, Faust als der Ausdruck des Dämonischen, als das Geistige bestimmt: die beiden Titanen des Mittelalters sind auf die Welt gekommen. Denn die Erotik des Verführens fehlt der Antike wie die Idee des Verführers. Das Seelische ist in der griechischen Antike immer im Einklang mit dem Sinnlichen: über alle griechische Liebe ist Keuschheit gegossen. Herakles ist unbeständig, aber kein Verführer wie Don Juan, der nur sinnlich, also absolut untreu liebt. Liebte er auch seelisch, wären die 1003 Frauen in Spanien eine lächerliche Übertreibung. Aber Don Juan ist mehr als ein Verführer. Sein Begehren verführt, nicht seine Absicht. Er betrügt, aber er geht nicht auf Täuschung aus. Es ist die eigene Sinnlichkeit, von der die Verführten betrogen werden. Don Juan ist der am wenigsten lügende Held. Und er ist ein tragischer Held. Er ist an das Kreuz der Leidenschaft genagelt und hat seine kühle Besinnung behalten. Diese kühle Besinnung im Rausche läßt ihn darin nicht untergehen, zu seinem Schmerze: so flieht er, auf immer neue Probe, zur nächsten. Die Ehemänner hassen ihn, denn er ist der, der ihr Inneres verrät, das für den Wechsel ist. Nicht für das Gesetz der Ehe. Der Mann begehrt einmal, kein zweites Mal: sowie er besitzt, erlischt das Begehren. In jedem Gatten ist ein Don Juan eingeschlafen. Nur die Frauen sagen vom Don Juan, daß er verführe, betrüge, lüge und nicht liebe. Aber er kann nicht lügen, nicht betrügen. Er kann nur begehren. Er ist ein sehr keuscher Held und Liebhaber. Er läßt sich vom Vergnügen der Sinne nicht zurückhalten, denn er will seine Liebe nicht verderben. Seine Treue wäre Betrug. Er ist loyal wie ein Naturgesetz. Er kann sagen, daß die Frauen ihn zwingen, sie zu verlassen. Die Idee des Don Juan hat, ganz erdgebunden, keine Transzendenz wie die des Faust. Er kann nie in den Himmel kommen. Er muß unter die Erde in die Hölle fahren. Der Preziöse Stil Die Legende einer gefälligen Geschichtsschreibung ließ den Verfall der Sittlichkeit in Frankreich mit dem Tode Ludwigs XIV. eintreten, auf dessen Zeitalter sie alle Ehren häufte und es le grand siècle , das große Jahrhundert, nannte. Beides ist Legende oder politische Illusion. Das große Zeitalter hat zwei große Namen, Racine und Bossuet . Sie können die großen Namen der Zeit vor dem Sonnenkönig nicht in den Schatten drängen: Corneille , den Kardinal Retz , Larochefoucauld , Descartes , Saint-Evremond , Pascal und diese beiden größten: Molière und La Fontaine . Dieselbe Legende, die alles Licht vom Sonnenkönig ausstrahlen ließ, gab dem Morgen vor seinem Aufgang eine blasse Kühle, in der sich eine adelige, fromme, beredsame und folgsame Gesellschaft bewegte, deren pomphafte Tugenden Corneille ab- und aufschrieb. Man nahm einen gewollten Stil für die Sache selber, die Oberfläche für die Tiefe. Schon die Memoiren Saint-Simons konnten darauf aufmerksam machen, daß die sittliche Materie, das Menschliche, sich nicht ändert, sondern nur dessen Stilisierung, dessen Oberfläche. Um diese Zeit entsteht der prüde Stil. Im Hôtel Rambouillet, wird er ausgekocht. Man liebt die deutlichen Worte nicht mehr. Der jesuitische Einfluß auf die Sprache wirkt sich aus. Man kann wohl etwas tun, aber soll es in den Worten nur andeuten, umschreiben, undeutlich lassen. Man wagt das Wort Hintern nicht mehr auszusprechen. Die Gesellschaft dieser Zeit der Fronde war keineswegs, wie man annahm, hierarchisch konsolidiert in der Weise, daß man von Stufe zu Stufe aufstieg Generation nach Generation. Es war da ein rechtes Durcheinander aller Möglichkeiten. Daher die erzieherische Rolle der Frauen des Hôtel Rambouillet, über das Verschiedenartige der Herkunft das Einheitliche eines dezenten Ausdruckes zu legen. Daher der prüde Stil. Eine in sich feste einheitliche Gesellschaft hätte das nicht nötig gehabt. Aber diese Gesellschaft des 17. Jahrhunderts besaß diese Einheitlichkeit nicht mehr. Es gab schon Parvenüs und Arrivierte, und deren nicht wenig. Aubry, der Präsident des Rechnungshofes, kam aus einem Essigladen. Rocher, Diener eines Tuchhändlers, wird Baron de Tressan und verheiratet eine seiner Töchter an den Herzog von Brissac. Luynes macht sein Glück und ist der Bastard eines Kanonikus. Zahllos sind die Abbés, Bischöfe, Prälaten, die ihren Vater nicht kennen. Von den lässig bewachten Grenzen der verschiedenen sozialen Stände profitieren die Geschickten, die sich einschmuggeln. Man hält durchaus seinen Rang, begibt sich aber anerkennend zum persönlichen Verdienst. Ein Herzog ladet seinen Nachbar Seifenhändler, der ein Original ist, zum Frühstück ein. Nur ein gewisses individuelles Leben konnte das möglich machen. Man hatte Mut zu sich selber und konnte sich wagen. Die nötige Disziplin, die vor der Anarchie der Sitten bewahrt, ist die richtige Wahl. Man erinnere sich, daß in dieser Zeit die Regel der drei Einheiten in der Tragödie und die Methode des Descartes Methodische Skepsis: cogito ergo sum (Ich denke, daher existiere ich) erfunden wurden. Kommt der Adelige in Verarmung, ist er nicht verachtet, so lange er seinen Platz ausfüllen kann. Erst wenn er, nichts taugend, nichts bedeutend, dies nicht mehr vermag, muß er abtreten. Seinen Platz nimmt sofort der Finanzmann ein, der feudalen Landbesitz kauft, eine Stelle, welche den Adel verleiht. Viele Adelige sind sehr reich, aber ihr Vermögen ist unter Kuratel. Der geistliche Stand gibt kein Anrecht auf Schätzung. Abbés und Bischöfe leben weltlich, manche sind heimlich verheiratet. Gewissensehen, wie man das Zusammenleben von Paaren nennt, sind Mode. Kurtisanen sind stadtbekannt und werden respektvoll behandelt. Der President de Mesmes bringt die Kurtisane Marion de l'Orme in seiner Zeremonienkutsche nach Hause. Ninon de l'Enclos hat nur von den Frommen Ärger. Frau von Sévigné läßt ihren Sohn von Ninon erziehen. Unter den Valois, unter der Regierung der Marie Medici und Concinis war alles Aufstand, Anarchie. Das Blut ist in der Fronde nicht dünner geworden, die Instinkte nicht zahmer, die Passionen nicht schwächer, aber man sucht den geregelten Ausdruck. Man wagt alles und ist alles zu wagen fähig, aber man sucht seiner Kühnheit ein regelndes Gesetz zu geben. Allzu Feine werden preziös bis zur Lächerlichkeit – aber da ist man bereits unter dem vierzehnten Ludwig. Wenn die Fronde ihr Ziel nicht erreicht hat, die absolute Monarchie in der Wiege zu töten, ist's nicht zuletzt die Schuld der Frauen und das Glück Richelieus, des Kardinals, der in seiner eisigen Kälte mit ihnen auch dann spielte, wenn sie mit ihm zu spielen glaubten. In allen Geistern dieser Zeit, in Pascal wie in Lafontaine, ist wohlverborgen Montaigne, der Apostel des Individuums, gegenwärtig, der seiner Zeit um hundert Jahre voraus war und der Lehrmeister dieser Periode der Energie. Es ist der Wille da, seine Kräfte in den Dienst einer Form zu stellen, welche die Mühe des Lebens wert ist. Um einige Bildnisse von Frauen dieser Zeit mit dem bekanntesten zu beginnen, dem der Ninon de l'Enclos: das heute populäre Bildnis dieser Frau dankt sein Leben einer Fälschung und ist falsch. Es baut sich aus Briefen der Ninon an den Marquis Sévigné, die 1750 ein Advokat Namens Damours erfand und veröffentlichte; sie sind Stil 1750, nicht 1650. Echte Briefe der Ninon gibt es fünfunddreißig und vierundzwanzig an sie geschriebene. Sie enthalten nichts, was Ninon als eine pedantische Lehrerin der Liebe Stil Dixhuitième zeigt. Am ausführlichsten berichtet über Ninon Tallement . Er erzählt von ihr: Fourreau, ein dicker Bursch, der nur das eine Talent besaß, sich wunderbar auf Fleischgerichte zu verstehen, war soviel wie Ninons Bankier. Sie zog Wechsel auf ihn, und er bezahlte sie. Man sagt sich, daß er nichts dafür hatte. Sie sagte, daß sie an ihm eine Druckfäule bemerkt habe, so sehr behandelte sie ihn als Pferd. Oder: 1671 verliebte sie sich in einen Jungen aus meiner Bekanntschaft. Eines Tages bemerkte sie, daß der junge Mensch alle Frauen ansah, die vorbeigingen. Was soll das heißen? sagte sie und gab ihm keine schlechte Ohrfeige. Sie ist eben nicht mehr jung genug und traut ihrer Macht nicht mehr. Oder: Eines Tages zog man in ihrer Gegenwart Boisrobert mit seiner Neigung für Knaben auf. Aber, sagte er, es schickt sich doch nicht, so was in Gegenwart von Fräulein zu sagen. Darauf Ninon: Machen Sie sich nichts daraus, ich bin nicht so sehr Fräulein, wie Sie zu glauben die Güte haben. Oder: Der Präsident Tambonneau wollte, daß seine Gemahlin die Ninon Laute spielen höre, aber wie das arrangieren? Also, sagte die Dame, es muß eine spanische Wand zwischen uns stehen. Aber schau, meine kleine Frau, ich versichere dir, Ninon ist so anständig wie irgendeine Frau. Denk dir, sie hat eine Gardedame, Anna, die ist so prüde, daß sie die deine sein könnte. Diese Anna war nämlich die Geliebte des Präsidenten. Bussy Rabutin, der Vetter der Sévigné, erzählt von des Herrn von Sévigné Verhältnis mit der Ninon und wie er das seiner Kusine hinterbrachte und ihr riet, sich doch auf gleiche Weise zu rächen. Rächen Sie sich, meine schöne Kusine, ich bin gern bei der Hälfte Rache dabei, denn schließlich sind mir ihre Schmerzen so teuer wie meine eigenen. Worauf die Sévigné sagte: Schöner Herr Graf, so wütend, wie Sie sich denken, bin ich über die Untreue meines Mannes doch nicht. Madame Sévigné besaß zuviel Geist und Bosheit, als daß sie dafür in Liebesabenteuern hätte Verwendung finden können, bei denen sie auf ihre Kosten gekommen wäre. Das traf nur Ninon, die sehr viel Geist und sehr viel Sinnlichkeit besaß und bei der das eine über das andere nicht zu kurz kam. Sie plänkelte sogar lesbisch mit der schönen Kollegin Marion de l'Orme. Die Anekdote, daß die Achtzigjährige mit dem Abbé Gédoyn geschlafen hätte, nennt Saint-Simon einen Unsinn. Ich kann Ihnen nur sagen, daß mit achtzig Jahren ihr Gesicht die abschreckendsten Zeichen ihres Alters trug, ihr Körper hinfällig und ihre Lebensmaximen da sehr trüb und streng waren. Nach Voltaire war es der Kardinal Richelieu , der die ersten Faveurs der Ninon genoß – sie wahrscheinlich die letzten dieses großen Staatsmannes. Das ist, glaube ich, auch das einzige Mal, daß dieses berühmte Mädchen sich hingab, ohne erst ihren Geschmack zu fragen. Sie war damals auch erst sechzehn Jahre alt. Als Tochter des wohledlen Herrn Henry de Lenclos, Stallmeister des Herrn de Saint-Luc, und der Demoiselle Marie Barbe de la Marche ist Ninon am 10. November 1620 zur Welt gekommen. Und sie hat sie verlassen am 17. Oktober 1705 im Alter von neunzig oder so , wie das Sterberegister der Pfarre Saint-Paul in Paris nur beiläufig von dieser Patriarchin sagen kann. Cathérine de Vivonne: sie war auf Schloß Rambouillet die Marquise par excellence. Ihr letzter Biograph nennt sie die Schöpferin der französischen Politesse, dieses Schnittpunktes italienischer Haltung und französischer Intelligenz. Arthénice, wie man sie dem mythologisierenden Brauch nach nannte, hat 1636 sich in Rambouillet installiert. Sie exzellierte in Überraschungen für die Gäste. So führte sie den ahnungslosen und sehr schamhaften Bischof von Lisieux zu einem Boskett, wo Julie d'Angennes und ihre Freundinnen völlig als Nymphen verkleidet das lieblichste Schauspiel der Welt boten . Der gute Bischof war so entzückt davon, daß er die Marquise nie mehr sehen konnte, ohne von dem Boskett im Schlosse zu sprechen. Hercule de Lacger Seigneur de Massuguiès – in dem schönen Namen dieses Gascogner Kadetten und seinen Versen für Iris klirrt und flirrt die ganze Epoche. Sein Leben im Kampf jederzeit riskieren bis zur Raufboldigkeit des provozierten Zweikampfs, solcher Heroismus gibt auch der Liebe dieser Periode den heroischen Stil, in dem sie sich gefällt. Damit kann die Wirklichkeit aufs äußerste kontrastieren. Worüber man sich gar keine Gedanken machte. Iris war und blieb nicht keusch, und der Gascogner ertränkte seinen Schmerz in keinerlei Tränenflut. Sie verausgabten in ihren Versen – denn auch Iris dichtete – in so ausschweifenden Mengen Unschuld, daß ihnen davon für den täglichen Gebrauch nichts übrig blieb. Wie Tallement berichtet, der durch alle Schlüssellöcher schaute. Tallement, der in seinen Porträts die Dessous des preziösen Stils zeigt als ein auf die Fakten mehr als auf Prinzipien neugieriger Realist, was ihn von den Moralphilosophen La Bruyère und Larochefoucauld unterscheidet und ihn in die Nähe Molières bringt, kennt den animalischen Mechanismus der Leidenschaften, und dessen Spiel zu studieren ist sein Vergnügen. Unter der Regentschaft der Marie Medici geboren, ist er ein Mensch der Fronde geblieben bis in die Zeit des vierzehnten Ludwig hinein, dessen Hof er wohl nie gesehen hat, so ganz altmodisch zuhause war er bei Arthénise, in Rambouillet, im Marais. Von Pascal weiß er noch nichts, als daß er eine Rechenmaschine erfunden hat, von Lafontaine nur die ersten paar Contes. Dieses Aus-einer-andern-Zeit-Sein setzt ihn instand, unter der preziösen Oberfläche die Wirklichkeiten zu sehen und lieber zu sehen und aufzuzeichnen, als dieser Oberfläche Düpierter zu sein. So erfährt man von ihm, daß Montmorency unvermutet durchs Fenster bei der Marquise de Sablé eindringt, um sie zu verführen. So sagt er von Ninon das melancholische Wort: Sie wird alt, sie wird beständig ... So von der Marquise de Sablé, da sie nach dem Tode Armantières nicht mehr Liebe macht und findet, daß es Zeit sei, Frömmigkeit zu machen . Von der schönen Marion de l'Orme, daß sie ganze Vormittage lang ihre Füße ins Schaff Wasser stellte, weil ihre Nase oft rot wurde . Marion, die magnifique, dépensière et naturellement lascive war und die er in ihrem achtunddreißigsten Jahre auf dem Totenlager sah, mit einem Jungfernkranz ums Haupt . Oder von Montbazon, der sich mit einem Liebesknaben zu Bett legt und ihn wieder aufstehen heißt mit dem Vorwurf, sein Abendgebet nicht verrichtet zu haben. Tallements solides und gesundes Hirn sieht die lächerlichen Übertreibungen des preziösen Stiles, wie er Mode macht, und er stellt fest, daß er den guten Geschmack verletze. Aber er spricht nie von Heuchelei. Denn jeder Stil ist echt. Der galante Schäfer Der Krieg um den lieben Gott und das, dem er als Vorwand diente, tobte sich ein Jahrhundert lang auf deutschem Boden aus. Luthers wilder Schlachtruf gegen die Bauern kostete sie das geistige Leben. Aber in die kleineren Leute, in die Handwerker, war der Aufruhr der Seele gekommen und nicht mehr mit der offiziellen lutherischen Kirchlichkeit zu beruhigen, auch nicht mehr mit der katholischen. Das suchte und sann. Verbrüderte sich in Bünden, Gemeinden, Sekten. Die Forderung zur Flucht nach innen wird laut. Der Verzicht und die Askese haben ihre Wiedergeburt. Trügerisch ist und nur augenblicklich, was in dieser Welt wie Schönheit und Frieden aussieht. Und die von dieser religiösen Inbrunst Ergriffenen finden für sich ein verlorenes Gut wieder, sich mitzuteilen: die deutsche Sprache: Wo ist mein Brunn, ihr kühlen Brunnen? Ihr Bäche, wo ist mein Bach? Mein Ursprung, dem ich gehe nach? Mein Quell, auf den ich immer sinne? Wo ist mein Lustwald, o ihr Wälder? Ihr Ebenen, wo ist mein Plan? Wo ist mein grünes Feld, ihr Felder? Ach, zeigt mir doch zu ihm die Bahn! verzückt sich Scheffler , um dann zur alten Kirche zurückzukehren, wo Psyche begehret ein Bienlein zu sein auf Jesu Wunden . Das Kirchenlied verinnerlicht sich zur reinen Musik: Bach . Oder wird banaler Gesangbuchtext, was wieder zur Musik führt. Das deutsche Volk, schuf sich aus seelischer Not die musikalische Kunst. Das kaiserliche Wien, gibt dem Barock im Schaustück und Tonwerk den höchsten Ausdruck. 1659 wird hier von Leopold I. das große Opernhaus auf dem äußeren Burgplatz gebaut. Die Festlichkeit dieses Hofes und seiner Veranstaltungen in Tanz, Musik und Vortrag, vom Volk mitgelebt, hat selbst am Pariser Hofe des vierzehnten Ludwig keinen Rivalen, trotzdem der König selber in Balletten auftrat. Diese hochgetriebene süddeutsche Kultur speist und nährt den verarmten Norden, weist ihm den Weg aus der Not, der eignen Dürftigkeit die Politesse zu suchen, welche das Rohe des eignen Empfindens verhüllen sollte. Da steht dann oft nur die üppige Dekoration. Entliehene Masken agieren. Man übersetzt was immer man bei den ob ihrer Zivilisation verehrten Nachbarn, italienischen, spanischen, französischen, findet als Ausdruck eines Lebens, das man bewundert und gern zum eignen Leben machen möchte. Wo eigenes Leben nur den gewöhnlichen Ablauf eines Ratsherrn in einem Städtchen hat, in braver Verheiratetheit, pedantisch-gelehrtem Disput, mit Kindern eine Schar und allen Nöten eines durch den Krieg erschütterten Daseins. Oder man sitzt auf seinem Rittergut inmitten einer heruntergewirtschafteten Bauernschaft, einsam und abseits, und fiebert sich unter schlesischen Regenwolken eine asiatische Banise , die alles aufnimmt, was man an heimlicher Krankheit besitzt und anders nicht loswerden kann. Man kommt wahrhaftig häufig durch die Worte, Metaphern und Figuren zu einem Leben, das mehr Gestalt hat als das wirklich gelebte. Besonders wenn sich alles ins Geschlechtliche auflöst. Nicht nur in den Gedichten um eine nicht vorhandene Geliebte mit mythologischem Namen. Auch in Denk- und Dankaltaren für eine wirkliche verstorbene Mutter, wo sich die Trauer nicht anders ausdrücken kann, so überwältigt ist sie von den Worten, als in einem ungeheuerlichen Schwelgen in Verwesung, in einem Bluttaumel vor dem zerfetzten Leichnam. Man erstickt in Bildern und Metaphern; nicht anders als die Mystiker derselben Zeit; es macht keinen Unterschied, ob sich der närrische Quirin Kühlmann durch die Himmel schleift oder Lohenstein seinen Arminius durch Bordell und Schlachthaus . Man ist trunken von dem sprachlichen Gewinn, daß man seines Eigenen gar nicht gedenkt, sondern nur dessen, was man sich als das Leben vorstellt, in dem sich, nach der Grundhaltung dieser Zeit, Verwesung und Wollust aufs engste berühren: Es wird kein Mensch sich recht entmenschen können, Mensch muß nur Mensch und Engel Engel sein. Das war auf unfreundlichem Boden das Maximum von Frucht. Das war das äußerste an Freiheit und Zähmung sinnlichen Lebens, das unter dem neu hergestellten Christentum beider Konfessionen zum Vorschein kam. Man war, alles spricht dafür und nicht nur die Not des kaum überstandenen Krieges, sicher stärker aufgewühlt vom Religiösen als vom Weltlichen, auch echter, wie Spee , wie Logau , wie Scheffler zeigen. Der schärfer ansetzende Sporn der neuchristlichen Mystik provozierte das Fleisch. Das deutsche Leben der oberen Schicht, die Höfe, der Adel, die Beamtung quälten sich – denn dieses Leben war primitiv und barbarisch – in das Konvenü des Schäferstiles, und beinah entstand etwas wie Gesellschaft, das ihm Leben gab. So im habsburgischen Wien, wo es sogar vor Leben strotzte. Viel weniger im deutschen Norden und Osten und dort, wo man lutherisch und kalvinisch war. Da verkam und verkümmerte die Mühe, weil sie zu schwach und schwächlich war, das Ganze des Volkes mitzureißen. Der galante Schäfer konnte die Nation nicht über ein verlorenes Jahrhundert ihrer Bildung hinüberretten. Noch ganz im Konvenü dieses verblaßten Stiles setzt Guenther ein, bringt es aber schon ins Zerreißen durch sein Persönliches. Wie es denn von da ab die Persönlichkeiten sind, welche im Sturme die Zeit einholen, die dem deutschen Volke verlorengegangen war; aber es blieb, was sie taten und hinterließen, ein Erbe in noch immer unsicheren Händen. Die Prinzessin von Cleves Marie-Madelaine de la Vergne war kein hübsches Mädchen, als sie, dreiundzwanzig Jahre alt, im Jahre 1655, den Grafen Jean-François Motier de la Fayette heiratete aus alter auvergnatischer Familie. Ihre Nase, scharf und dünn, versprach kein besonders verliebtes Temperament, aber ließ eine intelligente und tüchtige Frau vermuten, die nicht leicht zu behandeln ist. Der Gatte besaß nichts weiter Liebenswertes. Es war die Vernunftehe eines Mädchens mit wenig Vermögen und einer etwas schlecht berufenen Mutter. Der Vater früh gestorben. Das Paar zog auf das Landgut in der Auvergne. Es vergingen ein paar Jahre. Und auf einmal ist die Gräfin La Fayette in Paris installiert, Pariser Luft zu atmen, wie sie sagt. Herr de Larochefoucauld ist täglicher Gast. Von Herrn von Lafayette hört man nichts. Man nahm immer an, er sei gestorben und Madame Witwe. Erst in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts zerstörte der Fund einiger Dokumente die etwas pappgoldne Legende, die sich um die Witwe gelegt hatte. Herr von Lafayette starb nämlich erst im Jahre 1683, drei Jahre nach dem Tode von Madames Freund, dem Herrn Larochefoucauld; er schoß zumeist den Hirsch im wilden Forst, kam aber auch zuweilen nach Paris, wo er bei seiner Frau abstieg. Madame de Sévigné fand nichts dabei. Die sittlicheren Biographen von 1675 entrüsteten sich, daß sie achtundzwanzig Jahre verheiratet und nicht Witwe gewesen, als sie die Besuche Larochefoucaulds empfing. Das Fräulein von Scudery , die in ihren Briefen, aber nicht in ihren Romanen, eine scharfe Zunge hatte, schrieb an Bussy: Herr von Larochefoucauld und Frau von Lafayette haben einen galanten Roman gemacht, der wundervoll geschrieben sein soll. Sie sind nicht mehr in einem Alter, etwas anderes zusammen zu machen . Das ist übertrieben, denn Madame war dreißig und Larochefoucauld einundfünfzig. Aber man kann auch in diesem Alter sehr alt sein, wenn man zu gescheit ist. Von Larochefoucauld ist es anzunehmen, daß er eine interessante Freundschaft nicht durch eine Liebe riskieren wollte, in der er nicht mehr als ein Held erschienen wäre. Und Frau von Lafayette, die Mutter zweier Söhne, die sie der Ehe, nicht der Liebe dankte, war von ihrer kühlen Natur unterstützt weder für die Stürme der Leidenschaft geneigt, noch für die Lächerlichkeit einer schwächlichen Parodie solcher Stürme. Wie viel mehr war das, was sie dafür hatte! Auch das Schreiben unter den durchdringenden Augen des Freundes. 1678 schrieb sie die Princesse de Clèves – er ist der erste moderne Liebesroman. Als die schönste Person am Hofe wird Madame de Clèves von dem vollendetsten Mann des Königreiches, Herrn von Nemours, geliebt. Der bisher in vielen Liebschaften siegreiche und kühne Mann wird schüchtern, weil er liebt, zum erstenmal liebt. Er verbirgt seine Liebe, aber Madame de Clèves errät und teilt sie. Sie hat Angst vor ihrem Herzen, daß es erliege, und um sich vor dieser Gefahr zu schützen – sie ist eine heroisch Schamhafte –, teilt sie ihrem Gatten mit, daß sie Herrn von Nemours liebe und Angst vor ihm und vor sich habe. Der Gatte hat die schöne Rolle: er ist weise und sublim. Unter der racinischen Grazie des Buches leben noch die heldischen Tugenden Corneilles und der Fronde. Aber es kommt zu einer Unklugheit und Indiskretion des Herrn von Nemours, der Gatte glaubt sich betrogen und stirbt daran. Ohne ihren Fanatismus der Wahrheit hätten drei Menschen glücklich sein können und der Gatte am Leben bleiben. Der erste moderne Liebesroman ist, so tief und bewegend auch immer, etwas gegen die Liebe geschrieben. Gegen die Leidenschaft der Liebe. Es werden die Grenzen gezogen. Der Roman ist ein: so sollte es sein , nicht ein: so ist es . Das tatsächliche ist immer irgendwie das Gemeine. Wie der Umstand, daß Herr von Lafayette vom Totgesagtsein aufersteht, zuweilen nach Paris kommt, unter dem gleichen Dach mit seiner Frau schläft und dem Herzog Larochefoucauld beim Frühstück die Hand schüttelt. Und sogar die Gemeinheit begehrt, den Liebhaber zu überleben. Vielleicht die noch größere Gemeinheit, über das seltsame Paar, seine langnäsige Frau und den gichtgeplagten Amant, zu lachen, wenn er Abschied nimmt, um wieder in seine Wälder zurückzukehren. Die Fiktion des Romanes nimmt es auf sich, wie in Dichtung und Wahrheit in das Ungeordnete und Unvornehme der Tatsachen Ordnung zu bringen. Der Roman der Frau von La Fayette , die eine kluge Frau, aber keine femme savante war, stellt sich gegen die Lebensauffassung eben dieser femmes savantes und ihres männlichen Anhangs von Libertins, gegen die Libertinage, worunter man unter dem vierzehnten Ludwig eine Haltung des Geistes verstand, der an nichts glaubte, aber das nicht zu laut sagte. Die Damen waren alle ein bißchen Venus Urania, was nicht hinderte, daß sie zuweilen auch eine recht schlechte Reputation hatten, was ihr Liebesleben betrifft. Man nahm die Nachrede zu leicht, weil man mit mehr oder weniger gutem Gewissen sich keiner Schuld bewußt war. Da spricht Bernier , den man den hübschen Philosophen nannte, mit Saint-Evremond über die Abtötung der Sinne und sagt: Im Vertrauen, ich würde es Madame de Sablière nicht sagen und nicht einmal Fräulein von Lenclos, die ich vom höheren Orden halte, aber die Enthaltsamkeit von den Vergnügungen der Liebe halte ich für eine große Sünde. Frau de la Sablière war inzwischen in das Alter gekommen, wo Frauen geliebt werden müssen, um jung zu bleiben. Sie wurde nicht mehr geliebt – die Frömmigkeit nahm sie auf. Die von einem heroischen Tugendideal begrenzte Leidenschaft der Prinzessin von Clèves ist Nachklang aus der Zeit der Fronde, der ja der beratende Freund, Herr von Larochefoucauld , angehört hatte in seiner goldenen Jugend, da er, siebzehnjährig an den Hof des dreizehnten Ludwig kommend, begeistert ist von dem Plane Buckinghams, die Königin zu entführen, nach Brüssel zu bringen und um sie eine Partei gegen Richelieu zu bilden. Er hat, gereift und gealtert, den Pessimismus des Grandseigneurs, der sich weder um den Nutzen noch um die Logik seiner bitteren Betrachtungen kümmert. Die Leidenschaften und Laster, welche die Tugend nachbarlich umlagern, durchdringen sie auch im praktischen Leben – das zeigt er in seinen Maximen, diesem pessimistischen Rosenkranzbeten. In dieser geistigen Atmosphäre ist die Prinzessin von Clèves entstanden: aber die Frau läßt die Analyse der Tugend nicht weiter gehen, als es ihr als Frau genehm ist. Sie hat ein Ideal, das sie mehr liebt als die morose Verständigkeit ihres Freundes, der die Realisierbarkeit dieses Ideals bezweifelt. Sie schreibt, zum Beweise, den Roman. Madame de La Fayette schrieb nach dem Tode ihres Freundes keine Romane mehr. Sie wirft sich in die Politik und die Geschäfte, und es gelingt ihr, so außerordentlich tüchtig und gewandt ist sie, sogar Louvois zu bändigen, einen Mann und Minister, den einzuschüchtern nicht leicht war. Sie hatte zwei Söhne, deren einer Militär, der andere Abbé war. Der Abbé brauchte Benefizien, der Soldat ein Regiment. Beides zu erringen gelang der Mutter. Der jüngere Sohn ist mit einundzwanzig Jahren Oberst; nun ist es die Aufgabe der Mutter, ihm Rekruten zu verschaffen. Der Oberst hat Skandale in seiner Straßburger Garnison, wo er die Bürger verprügelt und kleine Mädchen schändet. Auf Betreiben der Mutter unterdrückt Louvois die Untersuchung, und der kleine Oberst bleibt Oberst in Straßburg. Er hatte eine einflußreiche Mutter. Diese energische und verschlagene Frau hat nie daran gedacht, eine Prinzessin von Clèves nach dem Leben zu porträtieren. Sie war geschickt und aufrichtig. Sie sagte es selber mit ihrer vernünftigen ruhigen nasalen Stimme: Hat man denn gewettet, vollkommen zu sein? Der frivole Stil Die Leichtigkeit und scheinbare Voraussetzungslosigkeit der Formen des Rokoko, der Zeit von 1740 bis 1790, gelten, – oberflächlich gesehen, – als Wesen und Gesetz für alle Form, in der man nichts als ein sogenanntes Äußerliches sieht, das ganz eklektisch gewählt wird. Das Rokoko verbarg Zweck, Konstruktion und Elemente hinter dem Ornament; man hob scheinbar alle statischen Gesetze auf – barockes Erbe – und gefiel sich im Illusionismus; man vermengte Plastik und Architektur so oft, indem man beides malte. Kirchen machte man wie Theater, Schlafzimmer wie Altäre, Bäume und Sträucher schnitt man nach Tierformen, Kaskaden ließ man aufwärts fließen, die Liebe reklamierte man für den Verstand, und den einzigen Zweck der Ehe sah man im Ehebruch und in der Ehescheidung das Sakrament dieses Ehebruchs. Das Gespräch und der Brief wurden die beliebtesten Ausdrucksformen auch für gelehrteste Dinge, denn man wollte nicht vor den Frauen pedantisch erscheinen, und man liebte den belebten Reichtum der Oberfläche und die Sinnlichkeit des Geselligen aus einer Tiefe heraus, die sich nicht selber genügte. So hatte das Rokoko in der Musik sein Genie. Dieses bewußt oberflächliche Jahrhundert kultivierte seine Oberfläche um so leidenschaftlicher, je mehr Kräfte von unten sich rührten, welche die Formen dieses Lebens in Zweifel stellten, weil sie dieses Leben selber verwarfen. So stark war noch die Kraft zur Form und die kulturelle Verpflichtung zur Oberfläche, dieses große Erbe der Renaissance, daß sich die Tiefen und Neuen selber darein begeben mußten, Diderot wie Rousseau , Lessing wie Goethe , Händel wie Mozart , Watteau wie Fragonard . Man zitiert oft die Sitten des Rokoko als das Musterbeispiel der Unsittlichkeit. Aber das Quantum dessen, was im Sittlichen des erotischen Komplexes geschieht, ändert sich in den Zeiten sehr wenig, es wird sich immer oder meistens an der Grenze des gerade noch Möglichen halten. Man tat immer nur, was man konnte, und nicht mehr. Man vernichtete sich nicht, erschöpfte sich kaum. Man hat in der Zeit des ancien régime nicht unsittlicher gelebt als im Rom der späten Kaiser. Es änderte sich nur die Haltung. Variabel ist nur die Wertung des Geschehens. Das achtzehnte Jahrhundert moralisierte leichter, mit einem leichteren Gewissen. Es dürfte an dem ethischen Ideal gelegen haben, das sich jene Zeit aus ihrer Vernünftigkeit konstruierte, daß es zu keinen andern moralischen Reaktionen führte als solchen, die sie nur theoretisch äußern. Brachte der Zufall eines auf der Landstraße zerbrochenen Wagens die für die einfachen Sitten des Landvolkes schwärmenden Pariser an die Wirklichkeit dieses Landvolkes – in Schmutzhöhlen hausende Halbwilde –, dann konnte praktisch von der Schwärmerei nur eine Arabeske übrig bleiben oder ein dichterisches Spiel, das gefiel, an das man aber nicht glaubte. Es wäre aber falsch, den Geist jener Zeit anzuklagen, daß er nicht strenger gewesen sei und dadurch das Sittenlose gefördert hätte. Rousseau allein wiegt wohl die hundert Crébillons und Genossen auf, über die Laclos Autor der Liaisons dangereuses wie ein Strafgericht kam, da die Zeit für die Herrschenden und Formgebenden ihrem Ende sich zuneigte. Aber Laclos richtet nicht die sinnliche Entfesselung, sondern die Vergewaltigung des Sinnlichen durch den Verstand, der Leidenschaft durch die Klugheit, der Liebe durch das Vergnügen. Was das ancien régime dichtete ist kein Dokument unbedingten Wertes für das, was es lebte. Denn die Dichtung ist mitnichten der Spiegel der Zeit oder nichts als das. Sie ist auch Steigerung, Übertreibung, besonders wenn sie, wie im Rokoko, nichts als ein Gesellschaftsspiel des Witzes und der Laune ist. Das Heer der kleinen – auch der großen – Literaten, Abbés und Nichtstuer mußte sich, arm wie es war, seinen Platz am Tische der Reichen oder seinen Stuhl im Salon mit einer Leistung erkaufen, welche im Witz bestand, in der Anekdote, in der Erfindung. Collé , der Verfasser der unanständigsten Liedchen und Operetten, war der allertreueste Gatte, der Chevalier Boufflers der hingebendste, treueste Geliebte, und solche Beispiele scheinbaren Widerspruches ließen sich viele anführen zur Bestätigung, daß die Zeit nicht unsittlicher geliebt hat als irgendeine andere. Nur daß sie unsittlicher gedacht hat in diesen Angelegenheiten des Sinnlichen und daß sie mit einer Vernunft gedacht hat, die, schnell erschöpft, zu immer steigenden Rafinements treibt, um sich zu behaupten. Der frivole Stil ist höchst artifiziell: er unterwirft sich jede Äußerung, vom Schönheitspflästerchen bis zum Denken der Gelehrten, vom Madrigal bis zur Tragödie, vom Baum im Parke bis zum Gemälde. Genießen: die Devise variieren tausende Sätze. Den Menschen sind fünf Sinne gegeben dazu, daß sie ihm Lust und Schmerz vermitteln – kein einziger, der ihn das Wahre vom Falschen unterscheiden ließe. Wozu Heroine sein, wenn man sich schlecht dabei befindet? Wenn uns die Tugendhaftigkeit nicht glücklich macht, wozu zum Teufel ist sie da? Haben Sie so viel Tugend, als gut ist für Ihr Behagen und Ihre Bequemlichkeit, und nicht mehr! ... Sie lieben Ihren Gatten nach sechs Monaten noch? Das kann sich eine Modistin leisten, aber keine Marquise. (Bagatelles morales.) Alle Ihre Gefühle für mich sind um so schöner, als nicht ein einziges aufrichtig ist ... Ich bedauerte um so mehr, daß Sie nicht da waren, als ich Ihnen Gefühle zuschreiben konnte, von deren Nichtvorhandensein in Ihnen mich nur Ihre Gegenwart überzeugen kann. ... (Madame du Deffand an Walpole.) Es gibt nichts Wahres, nichts Ernstes, nichts Solides in der Welt als einen schönen Pantoffel einer schönen Frau. ( Galiani .) Die Tugend der Frau ist ein chimärisches Vorurteil. ( Duclos .) Die Natur sagt zur Frau: Sei schön, wenn du kannst, klug, wenn du willst, aber sei beachtet, das muß sein. ( Beaumarchais .) Jedes Gesicht dieser Zeit hat zwei Profile: ein mit Krampf ernstes und das andere, das sich über den Ernst lustig macht, ein gefühlvolles und eines, das darüber den zynischen Witz macht. Diese Doppeltheit, dieser Widerspruch war in einer Form nicht zu halten, und wurde zum auflösenden Element. Der frivole Stil war die lässige Abwehr eines unaufhaltsamen Schicksals. Man ging zum Schafott wie zu einer lästigen Visite: pour prendre congée . Die kleinen Meister des frivolen Stils Das Rokoko schuf das Phänomen des Literaten, aber keinen Dichter. Die Literaten, oft Meister ihres Genres, zeigen die Welt des Rokoko, wie sie sich gerne gesehen hätten. Was sich oft sehr geschickt hinter realistischen Details verbirgt. Diese ganze Belliteratur ist immer dabei, die Abgründe, die solches Leben aufreißt, entweder zu unterschlagen oder mit Rosen auszufüllen, wenn auch nur papiernen. Es hieße die Figuren fälschen, wollte man hier von Diderots Bijoux indiscrets sprechen oder von den paar frivolen Verserzählungen Voltaires. Das waren Launen, welche sich große Herren erlaubten. Wollten daran auch nicht erinnert sein. Es ist in dieser Darstellung auch der bedeutende literarische Name so unwichtig wie die bedeutende literarische Leistung nicht den Ausschlag gibt. Sondern der mehr stoffliche Charakter einer Literatur als Beispiel für einen bestimmten erotischen Stil des Lebens. Der populärste Name und der Letztgekommene in der Reihe steht nicht ohne Grund am Anfang dieser Auswahl kleiner Meister: der des Bürgers Louvet. Denn gerade er bestätigt das Fiktive dieser Literatur. Der Faublas und seine Abenteuer sind nichts sonst als ein Spiel der Laune und einer Phantasie, die sich an Situationen ergötzt. Sie sind ein rasch gesprochener Epilog zu dem etwas herzlosen, an falschen Gefühlen reichen, doch zuweilen anmutig leichten Theaterstück, das sich um 1785 die Liebe nannte – rasch und schnell gesprochen und oft mit einer sich überschlagenden Stimme, denn der Vorhang, der aus Eisen und eine scharfe Schneide hat, kam schon aus den Soffitten, da Faublas seine letzten Worte sagte. Alles, worin sich die Gesellschaft um 1780 gefiel, läßt Louvet noch einmal in der rosigsten Beleuchtung sehen: die Mechanik der Geste, die schon grimassenhaft wie von Leichen ist, denen er mit sehr viel Schminke eine unheimliche Lebendigkeit gibt. Deutlich wird aus diesen Abenteuern, wie die Formen zu leeren Konventionen erstarren, Art zu ihrer Parodie, Wesen zu Snobismus. Dieser Louvet, der sich vor der Revolution de Couvrai nannte, war ein kleiner Buchhandlungsgehilfe, als er mit sechsundzwanzig Jahren die Schelmenstücke seines Faublas erfand, um sich Geld damit zu verdienen. Was ihm auch gelang. Er zog als ein vielgelesener Autor in ein kleines Häuschen nach Nemours, wo er mit seiner Jugendgeliebten lebte, die mit ihrem Mann in Scheidung lag. Er heiratete sie 1793 und nannte sie nach seiner empfindsamsten Romanheldin Lodoiska. Er war ein so zärtlich-romanhafter Gatte, daß sich Lodoiska mit Opium vergiftete, als Louvet, nach vierjähriger Ehe und erst siebenunddreißig Jahre alt, starb. Sie wurde übrigens gerettet und lebte ihrem Kinde. Der nächste in der Popularität ist der jüngere Crébillon. Aber sonst in größtem Abstand vom kleinen Buchhandlungsgehilfen zu nennen. Sagte doch Heine , um seine Hochschätzung auszudrücken, daß er vor dem Schreiben immer den Crébillon lese. Wer nur das vielübersetzte Sopha kennt, wird erstaunt sein, denn dieses so beliebt gewesene Buch ist recht langweilig. Aber in den zwei kurzen Dialoggeschichten Le Hasard au Coin du Feu und La Nuit et Le Moment schuf er das Modell einer witzigfrechen höchst naturalistischen Komödie, von dem die Boulevardkomödie noch heute lebt. Crébillon, das ist so sehr Bezeichnung für die frivole Erzählung des achtzehnten Jahrhunderts geworden, so sehr ein Gattungsbegriff, daß man kaum meint, der Mann dieses Namens habe wirklich gelebt. Aber es gab dieses Namens sogar zwei, den Vater Prosper Jolyot , der Tragödien schrieb, und den Sohn Claude-Prosper , der lustige Sachen verfaßte, weshalb und aus andern Gründen der Vater ihn nicht mochte. Die beiden Crébillons hausten – der Vater war mit siebenundvierzig Jahren Witwer geworden – zusammen in höchst dürftigen Verhältnissen auf einem Speicher der Rue Saint-Jacques. Da dichtete der Alte den tragischen Idoménée und schrieb der Junge seine Geschichten von lasterhaften Abbés, wollüstigen Frauen, kleinen Hunden, verliebten Offizieren, kräftigen Lakaien, Boudoirs, Salons, Terrassen und Pavillons – eine Welt, die er nicht kannte, aber liebte. Der alte war ein dicker kleiner Herr, der Junge ein hochaufgeschossener, langnasiger, sehr anmaßender Bursche, dessen Witz saß. Duclos fragte einmal den Vater Crébillon, welches seiner Werke er für sein bestes halte, und der Tragödienschmierer sagte: Sicher ist, daß dies da mein schlechtestes Werk ist , und zeigte auf den Sohn. Seien Sie nicht so stolz, Papa. Warten Sic ab, bis bewiesen ist, daß alle Ihre Werke von Ihnen stammen , was eine Anspielung auf das Gerücht war, daß es ein Karthäusermönch wäre, der dem Alten die Tragödien schrieb. 1742 erschien das Sopha . Der geringe Erfolg der späteren Bücher, die, wie Grimm sagt, dieser junge Mann von fünfzig Jahren veröffentlichte, ließ eine geistvolle Frau sagen, daß ihr nichts so sehr die Sterilität dieses Autoren bewiesen habe wie seine Fruchtbarkeit. Aber Crébillons nicht geringe Intelligenz gab ihm seine Aufgabe, als er die Welt kennenlernte Er hat sie in drei Geschichten vortrefflich gelöst, als ein subtiler Analytiker des weiblichen Herzens und seiner Dialektik. Die Frauen der Regentenzeit liebten es, ihren Liebestätigkeiten die Aufenthalte und Verzögerungen durch ein Räsonnieren zu geben, das ihnen die Lust erhöhte in einem höchst spirituellen Vorher und Nachher. In den Lettres de la Marquise , dem Hasard du Coin du Feu und in La Nuit et le Moment hat Crébillon dieses Raffinement subtilster Komplikationen um ein Nichts wiedergegeben mit sehr großer Verve, mit Witz und nicht ohne Einsichten in die tiefern Zusammenhänge: Célie verliebt sich in den Grafen, der aber in erster Liebe zu einer Freundin Céliens, der Marquise, engagiert ist. Célie ist pikiert über diese Dauerhaftigkeit einer Liebe. Sie bringt den Grafen zu dem Geständnis, daß er nicht immer unempfindlich gegenüber Céliens Reizen gewesen war, er habe sie unglücklicherweise nur nie frei gefunden, wenn er frei war, oder umgekehrt. Célie treibt ihn ein bißchen weiter. Sie möchte, daß er ihr seine Liebe gestehe. Aber der Graf möchte das wohl gern zeigen, aber nicht sagen. Célie gibt als die Schwächere nach und akzeptiert das vorgeschlagene Arrangement. Sie gibt nach, ohne daß der Graf das magische Wort gesprochen hat, der Graf behält seine Marquise und vergnügt sich mit Célie. Aber da die Marquise ein bißchen erstaunt ist, Célie ohne Liebhaber zu sehen, nimmt diese einen als Fassade, und der Graf gibt gern zu, daß diese Fassade ihre Gefahren hat. Die Marquise findet ihren Freund zärtlicher als je, wenn auch ein bißchen erschöpft. In La Nuit et le Moment dringt des Nachts auf dem Lande Clitandre in das Zimmer der Schloßherrin Cidalise, bei der er zu Gast ist. Cidalise ist gerade bei ihrer Nachttoilette. Man ist ein bißchen erzürnt, geht aber schließlich zu Bett. Clitandre setzt sich zu ihren Füßen auf den Bettrand. Eine Stunde vergeht, es ist kalt, er bittet um ein kleines, etwas wärmeres Plätzchen. Er erhält es – soll Cidalise schreien? Wer würde ihr glauben, daß Clitandre sich in ihrem Schlafzimmer ohne ihre Zustimmung aufhält? Cidalise sieht das ein, aber Clitandre müsse sich ganz ruhig verhalten. Es vergehen hundert Seiten des Buches in dieser diffizilen Situation, ohne daß was anderes geschieht, als daß Clitandre Geschichten erzählt, die manchmal von einem kleinen Seufzer Cidalisens unterbrochen werden. Denn Clitandre will, daß sie ihn seines Wortes entbinde. Aber er triumphiert erst auf Seite 131. Und hier ist man in der Mitte des Buches. Mit Unterbrechungen, die sich verstehen, erzählt Clitandre nun seine Liebesaffären, wobei ihm Crébillon seinen Geist leiht, der mit vielem Erlebten vertraut die Geheimnisse seiner Zeitgenossinnen aufdeckt. Wie sie die Liebe betreiben, um ihre Langeweile zu vertreiben. Jamais les femmes n'ont mis moins de grimaces dans la société; jamais l'on n'a moins affecté la vertu. On se plait, on se prend. S'ennuie-t-on l'un l'autre, on se quitte avec tout aussi peu de cérémonie. Revient-on à se plaire? On se reprend avec autant de vivacité que si c'était la première fois qu'on s'engageait ensemble. On se quitte encore, et jamais on ne se bouille ... Die Vorurteilslosigkeit dieses Zeitalters in Sachen der Liebe kann man nicht besser ausdrücken, als Crébillon tut: Man lebt in der großen Welt, man langweilt sich da, man sieht Frauen, die sich auch ihrerseits nicht amüsieren; man ist jung, die Eitelkeit gesellt sich der Langeweile. Wenn es nicht immer ein Vergnügen ist, eine Geliebte zu haben, so ist es doch mindestens immer eine Art Beschäftigung. Da die Liebe oder was man so nennt unglücklicherweise das ist, was den Frauen am meisten Spaß macht, finden wir sie nicht immer unempfindlich gegenüber unseren Bemühungen ... Diese Unbefriedigtheit des Gefühles, diese außerordentliche Leere des Herzens, von der alle die kleinen Erzähler dieser Zeit Kunde geben, hat die Frauen in Rousseau ihr Glück finden lassen. Sie hatten das Vergnügen bis auf das letzte erschöpft, und auch mit dem Geiste war da nichts mehr zu holen. Quid rides? De te fabula narratur Was lachst Du? Von Dir ist die Rede. ist das Motto eines kleinen Büchleins aus der satirischen Boudoirliteratur der Zeit. Es ist eine Persiflage des Abbé de Pouponville, Ange-Rose-Farfadet de Pouponville, Lieblings der Grazien, Blüte der Schöngeister, Perle der Petits-Maitres, Coqueluche der Frauen, Elixier der Galanterie usw. Der Herr Abbé von Pouponville kam hinter einer Theaterkulisse zur Welt als das Kind eines Püppchens der Oper und des himmlischen Chevalier von Muscoloris, Herr auf Pomador, d'Ambresée und andern Örtern. Er war so hübsch, so zierlich, daß es ein Entzücken für seine Amme war. Er wurde geherzt, geküßt, gehätschelt, geschleckt, beinah aufgefressen. Er machte seine Studien mit unglaublicher Raschheit: die Lektüre der Angola , der Bijoux Indiscrets , des Sopha , der Matinées de Cythère und anderer orthodoxer Bücher brachten ihm so viel Theologie bei, als er zu seinen Triumphen im Bette nötig hatte. Mit einem Spitzenkragen von der besten Modistin, einem wunderbaren Teint, einem Flötenorgan, einem frischen Inkarnat auf den Lippen, einem nach allen Regeln applizierten Schönheitspflästerchen unter dem linken Auge – welche Tugend konnte einem Sturm mit solchen Waffen standhalten? Wenn der Abbé nach einem galanten Tête-à-tête auf die Kanzel stieg, sah er aus wie ein adonisierter Cherub. Den Text wählte er in den wollüstigen Gegenden des Hohen Liedes, was eine köstliche Predigt verhieß. Alle Damen von Bonton liefen zu ihm. Die Moral, die er ihnen debütierte, war die der Dichter und Romanciers mit einer leichten Nuance von Geistlichkeit pikant zubereitet. Er malte alles in Miniatur, auch die Sünde und die Hölle. Und so sagten auch alle die kleinen verliebten Frauen beim Hinausgehen: Dieser Pouponville predigt doch wundervoll! Dieses Organ! Und diese Gesten! Ganz weg ist man davon! Wenn er alle Tage predigte, die Theater wären leer. Aber das Predigen wurde ihm verhängnisvoll. Ein Zugwind – eine Tür war schlecht verschlossen – nahm ihm auf einmal die Stimme. Eine Falte, die er auf seinem Spitzkragen bemerkte, verursachte ihm Vapeurs, die ihn todkrank machten. Er fiel in eine Ohnmacht. Und um sein Unglück voll zu machen, fühlte ihm ein Trottel von Arzt den Puls, angezogen, wie man es vielleicht zu Zeiten des Hippokrates sein konnte: schwarzes Habit und ohne Spitzen! Diesen Zug letzter Verkommenheit und Niedertracht konnte er nicht vertragen: es hob sich ihm das Herz, und der Abbé von Pouponville hauchte seine elegante Seele aus. Dem Buche, aus dem sich die heute populäre Vorstellung vom Rokoko ihre Dokumentierung geholt zu haben scheint, fehlt natürlich nicht ein Kapitel Pensées Detachées. Darin etwa die Sätze wie dieser: Was ein göttlicher Arzt dieser Pamoisier! Er hat mein graues Windspiel und meinen Amazonenpapagei kuriert. Ich will ihm ein kostbares Bijou schenken: das Porträt meiner letzten gestrigen Geliebten . Von den Lebensumständen des Verfassers der besten Erzählung dieser Zeit, Godard d'Aucourt , weiß man nur, daß er ein sehr glücklicher Mensch gewesen sein muß. Er hat in Thémidore die Geschichte seiner Jugend erzählt, mit einer Dedikation an Fräulein Duthé, das um 1770 bestbezahlte Freudenmädchen. Eine ironisierende Epistel, in welcher der Sechzigjährige seine Schriften, vor dreißig Jahren geschrieben, unter das Protektorat dieser Dame stellt, das sie nötig hätten, denn die Zeiten seien seit seiner Jugend so geändert: Nicht ohne Bewunderung, Mademoiselle, erblicke ich die Höhe, zu der Sie und Ihre Kolleginnen in diesen Zeiten gekommen sind. Wir leben Gott sei Dank nicht mehr in diesen barbarischen Tagen, wo die Tugend im Schatten der Wälder herrschte: die süße Duldung hat, unter dem Namen der Freiheit; Ihren weitläufigen Verlangen die Karriere eröffnet; Ihr triumphiert, göttliche Bezauberinnen, und Eure verführerischen Reize haben das Gesicht Frankreichs geändert. Ihnen und Ihren Freundinnen, reizende Duthé, dankt man diese glückliche Revolution in unseren Sitten; Ihnen allen gebührt der Ruhm, und Sie freuen sich seiner ... Als ich im Frühling meiner Jahre diese Narreteien aufschrieb, die ich Ihnen widme, billigte ich sie auf das lebhafteste. Damals hätte ich Ihnen eine Würdigung mehr nach Ihrem Geschmack zuteil werden lassen. Es gibt so viele Dinge, die man mit zwanzig Jahren besser macht als mit sechzig; aber heute bezahle ich Sie besser: das ist immerhin auch was. Ich muß ja zugeben, in meiner Jugend waren alle die schönen Frauen keine Vestalinnen, aber damals ging das, was der Vulgus eine anständige Frau nennt – verzeihen Sie mir die Albernheit –, noch auf dem Bürgersteig und gab den Ton an. Wir waren blöde genug, Ihrem Wagen zu folgen, und zufrieden damit, Sie im geheimen anzubeten, ja wir hatten nicht einmal die Idee, uns für Sie zu ruinieren! Da Sie selber nicht die Vortrefflichkeit Ihres Standes erkannt hatten, trauten Sie sich auch nicht an den hellen Tag. Aber heute, wo die bequeme Duldung den Vorhang aufgezogen hat, den Sie damals ängstlich zusammenhielten, heute verdrängen Sie mit Ihrer festlichen Bedeutung die opulenteste Frau; das nenne ich wahrhaft mit Riesenschritten eilen. Seit dieser glücklichen Revolution hält Sie kein Hindernis mehr auf. Der ins Lächerliche gedrehte Hymen wagt kaum, sich zu zeigen. Aber Sie sieht man zu jeder guten Tageszeit im Wagen Ihrer Liebhaber, Sie tragen deren Farben in der Livree Ihres Personals, oft die Diamanten seiner Frau und immer deren Vermögen. Ihre kleinen Häuser erstehen überall aus den Trümmern der großen Häuser, und sie bilden durch ihr Zahl in den Vororten der Hauptstadt und auf den Boulevards eine Art Gürtel, einen Wall, der die Stadt blockiert und Ihnen die Herrschaft über sie sichert. O Jahrhundert voll Geschmack, voll Delikatesse, voll Ehre und feiner Unterscheidung! Mit solcher gar nicht erbosten Ironie kritisiert ein Sechzigjähriger, der seine Jugend gehabt hat, die Sitten seiner Zeit, die er nicht mehr ganz billigt. Das Quartett à la mode: der alte Gatte, die von ihm ausgehaltene Tänzerin, der wieder von der Ausgehaltenen ausgehaltene Zuhälter und die junge Frau, die sich gelangweilt einem Roué wie Richelieu hingibt, wenn nicht einem Lakaien – die Musik dieses Quattuors hat nicht den Beifall des alten Herrn Godard d'Aucourt. Das Genie des Rokoko lag in der Musik von Gluck, Mozart und Haydn. Die Revolution schrieb ihm das Totenlied: Die Marseillaise Miniaturen Nichts ist der Kunst feindlicher als der Witz. Wenn nicht die Moral. Diderot , begrüßte die larmoyanten Schildereien des Malers Greuze enthusiastisch: Da habt ihr unsern Maler und den meinen, der erste unter uns, der sich darauf bedacht hat, der Kunst Sittlichkeit zu geben. Einem Maler dritten oder vierten Ranges schenkte der erste kritische Kopf der Zeit das Genie, weil hier weniger von der Kunst verstellt und behindert die Zeit von 1780 fand, worin sie sich gefiel, wenn es keine zu großen Opfer verlangte: die Tugend. Greuze malte sein einziges Modell, seine Frau, die als Buchhändlerstochter Mademoiselle Balbuti von der Rue Saint-Jacques so entzückend war und als Madame Greuze dem Maler eine Hölle bereitete. Sie war ein kokettes Persönchen, und Greuze malte sie als Junges Mädchen, das seinen toten Vogel beweint . Sie war in der Hoffnung mit dem vierten Kinde, und der brave Vater malte sie als Vestalin. Er malte sie als die geliebte Mutter , und sie vergaß und verluderte ihre Kinder über den Liebhabern; als La Dame de la Charité, und Madame Greuze bestahl ihre Liebhaber; als Unschuld, zwei Tauben opfernd , und sie ging als Hure auf die Straße; als Liebestraum , und Frau Greuze hatte die Syphilis. Fragonard lebte als ein braver Familienvater und malte die Libertinage, Greuze malte nach dem Modell seiner Frau, die ein tolles Weibchen war, die Unschuld. So einfach pathologisch, wie eine vermeintlich wissenschaftliche Kritik glaubt, sind die Beziehungen zwischen Leben und Werk des Künstlers gar nicht. Greuze liebte seine Frau, alles wissend, und ließ erst von ihr, da er alt war und die Kinder erwachsen und die Mutter ihre Galane von der Straße hereinbrachte. Greuze hat über seine Ehe Aufzeichnungen hinterlassen, in denen er ohne jeden Zynismus aufgeschrieben hat, was ihm mit seiner Frau widerfuhr. Er war ein hübscher Mensch und hatte nicht viel Denken. Rousseau war ihm so gleichgültig wie die Enzyklopädisten. Da seinem Freunde Diderot und dem empfindsamen Teil des Publikums seine Malerei gefiel, so blieb er dabei, aber selber hat sie ihn gar nicht moralisch affiziert. Seine Frau verbrauchte viel Geld und dirigierte das ganze Geschäft. Da er immer nur sie malte, ist's natürlich, daß die kleine dumme und nichts als sinnliche Person bald überzeugt war, daß sie eigentlich die Bilder mache. Die Liebhaber sagten es ihr auch. Und der große Diderot sogar, der kein Bild des Malers ohne Komplimente für Madame Greuze feierte und der nur bei der Vestalin schrieb: Das eine Vestalin? Greuze, mein Teuerster, Sie machen sich über uns lustig! Aber auch da sprach er von Madame, wie sonst etwa: Ja, ich habe sie sehr geliebt, als ich jung war und sie Fräulein Balbuti hieß. Diderot reizte mit seinen Kritiken des Salons nicht nur die Amateure des Bildes, sondern machte sie auch für das Modell interessiert. Greuzens Atelier im Louvre – zwischen den sehr soliden Menagen von Chardin und Fragonard – war bald ein Taubenschlag. Und die Herren riefen vor dem Modell wie Diderot vor den Bildern: Die schöne Hand! Der herrliche Arm! Was für ein Busen! Das entzückende Knie! , denn Madame zeigte gerne alles das und mehr hinter dem Paravent, vor dem der Gatte malend saß. Mit dem ersten Liebhaber hat Greuze seine Frau nicht überrascht, aber mit dem zweiten, einem seiner Schüler. Er schreibt in seinem Mémoire: Eines Tags kam ich gegen neun nach Hause. Ich traf Madame Greuze äußerst verlegen mit ihrer Toilette beschäftigt, meinen Schüler, er hatte etwa achtzehn Jahre, vor dem Kamin stehend, nicht wissend, wohin mit sich. Ich hielt es für richtig, diesen jungen Mann wegzuschicken, und tat es; da war nun die Verzweiflung im Haus. Madame immer mit einem Dolch in der Hand, um sich zu töten; aber sie tat's nicht; und ich war nicht zu erweichen. Das ist eine Feindin, mit der ich zu leben gezwungen bin. Der nächste war ein kleiner Gemüsehändler, den sie ihm als Schüler aufschwatzte. Er stahl ihr 15 000 Francs, was Greuzens ganze Ersparnisse waren, die sie verwaltete. Als sie bald darauf die Syphilis bekam, rettete sie M. Louis, der Chirurg, und Madame nahm ihr Leben wieder auf. Greuze überraschte sie – Madame schloß nie ab – in einer Situation, die ganz eindeutig war . So erlebte er, was in der Wohnung nebenan Fragonard malte, und Fragonard lebte, was Greuze malte. Die Tragikomödie heißt: Der Künstler. Greuze packte, nachdem der Herr sich empfohlen hatte, seine Frau: Madame, Sie haben mich betrogen! Sie saß vor ihrem großen Spiegel und machte Toilette. Sie sah ihn im Spiegel an und sagte nur: Es ist wahr, aber es ist mir Wurst, es ist mir Wurst, es ist mir Wurst! Und ließ aus ihrem Korsett etwas die Brüste schlüpfen. Sie haben mit Ihren Bildern selber auf meine Reize aufmerksam gemacht, Sie haben mich sogar schwanger gemalt. Greuze seufzte nur: Ah, Madame! Madame! Madame verzichtete nun darauf, ihre Liebhaber zu wählen – sie überließ es dem Zufall. Und bestahl die Liebhaber. Paris war voll von Geschichten darüber. So daß es selbst Diderot, dem ältesten Freunde des Hauses zu dumm wurde und er an Greuze schrieb: Ihre Frau ist hübsch, man hat ihr das so oft gesagt, bevor sie Ihre Frau wurde, daß man es ihr weitersagt, seitdem sie Ihre Frau ist: Aber sehen Sie zu, daß man ohne Folgen auf ihrem und auf Ihrem Bett seinen Hut, seinen Degen, seinen Stock mit Goldkopf vergessen kann. Frau Vasse und viele andere künstlerische Ehehälften, die ich Ihnen nennen könnte, haben auch Betten, aber man findet immer wieder, was man vergessen hat. Greuze bekam für seine Vorhaltungen von seiner Frau das Nachtgeschirr an den Kopf geworfen und mochte sich an sein beliebtes Bild erinnern, eines seiner ersten, das er nach seiner Braut gemalt hatte: Der zerbrochene Krug. Er verließ den belebten Louvre und zog in eine ruhige Gegend, seine Frau machte sie bald zu einer recht unruhigen. Wieder wechselte er das Logis, und seine Frau lief durch ganz Paris, um ihre Abenteuer zu finden. Da nun auch in dem treuen Greuze die Lust nach andern Frauen erwachte und Mann und Frau auf ihrer Jagd im Jardin-Royal einander begegneten, wurde die Wirtschaft noch schlimmer. Beide hatten voneinander getrennte Räume, und Madame holte sich die Burschen von der Straße herauf. Greuze stellte einmal einen, fragte ihn, was er wolle. Er antwortete mir ganz treuherzig: Ich will zu Frau Greuze. Ich sagte ihm: Meine Frau empfängt nur Herren, die ich ihr vorgestellt habe, und ich kenne Sie gar nicht. Er darauf: Das ist mir egal, ich komme halt jedesmal, wenn Frau Greuze mich verlangt. Und während der Maler mit dem sprach, verließ ein anderer das Gemach der Frau. Und als Greuze in ihr Zimmer trat, rief sie hinter dem Paravent hervor: Es ist mir Wurst, ich bin beschäftigt , und es war so. Weiter erzählte der Maler, wie er knapp dem Tode durch Vergiftung entgangen, denn die Kasserolen waren voll Grünspan. Da gab Greuze seiner Frau das Geld, das sie ihm immer abnahm, zum letztenmal. Für den Richter, der die Scheidung aussprach, schrieb er dieses Mémoire auf, das eigentümlicher als des Meisters Malerei ohne Pathos und ohne Zynismus mit einer fast trockenen Genauigkeit erzählt, wie sein Verfasser zugrunde ging. Mit dieser Frau verließ ihn alles, und es kam dafür das bare Elend. Seine Bilder wollte kein Mensch mehr. Ein Kohlenhändler hatte irgendwo für sechs Francs einen Frauenkopf von Greuze erstanden und ihn an seine Ladentür als Schild Zur schönen Kohlenhändlerin genagelt. Die Mode war jetzt, 1792, David . Ein Maler und ein Narr , sagte man, wenn man Greuze zerlumpt die übelsten Quartiere aufsuchen sah, in silberweißem Haar ein kindischer Greis unter den Huren des Directoire, die ihm nun Modell waren, ohne daß er aber sein Genre, das noch immer Unschuld war, wechselte. Ein Jahr vor dem gleich ihm vergessenen, aber unsterblichen Fragonard starb Greuze, über achtzig Jahre alt, am 21. März 1805. Marie-Antoinette mußte den sechzehnjährigen Pagen Grafen Tilly wegen einer Indezenz zurechtweisen. Er war immer der schöne Tilly und sehr früh schon der freche gewesen. Er lernte bei den Frauen, seine Schönheit und seine Frechheit zu brauchen in ihrem Dienst. Als Emigrant heiratete er in Berlin eine hübsche Amerikanerin, die er gleich darauf ihrer Familie wieder zurückstellte gegen eine Pension und Regelung seiner Schulden. Eine andere ging seinetwegen in die Spree. Trotzdem er kein Page mehr war, verführte er die hübsche Markgräfin von Anspach, ja sogar die fromme Frau von Krüdner. 1807 nach Frankreich zurückgekehrt, lebte er vom Spiel. In der Folge einer Spielaffäre hat er sich 1816 erschossen. An einem Sommerabend des Jahres 1782 hatte Tilly das Abenteuer mit der schönen Unbekannten von Versailles. Auf dem Wege nach Hause begegnet er zwei Frauen, die sich, sowie sie ihn erblicken, trennen. Die eine fordert ihn auf, ihr zu folgen. Er lacht und will nicht. Aber ihre Stimme verlockt ihn; er zieht der Unbekannten den Handschuh ab: sie hat eine schöne gepflegte Hand. Und was wollen Sie von mir? fragt er. – Daß Sie mir folgen und ich Ihnen gefalle, wenn ich kann. – Das bin ich nicht wert, und dann ist's schwierig, man gefällt mir nicht mehr. – So jung schon blasiert? – Eben weil ich es nicht bin, will ich nicht mit Ihnen gehn. – Der Vorwand ist ein Scheingrund. – Sie sprechen nicht das Französisch der Gasse. – Wer sagt Ihnen, daß ich von der Gasse bin? Leben Sie im Schmutz, weil Ihre Schuhe schmutzig werden? Tilly folgt. Im Gehen nimmt die Unbekannte seinen Arm. Er wehrt ab. Sie sind nicht höflich. Außerdem ist's leer auf der Gasse, Sie können sich nicht kompromittieren. – Es ist nicht das ... – Ich bin die Kosten einer Lüge nicht wert. – Nehmen Sie meinen Arm. – Jetzt brauche ich ihn nicht mehr. Man ist bei der Unbekannten, die Tilly beim Namen nennt. Ich beschwöre Sie, sprechen Sie nie von diesem Abenteuer, wenn ich Ihnen bekannt bin. – Es geschieht in dem einfachen Zimmer das, wofür man sich hinbegeben hat. Tilly ist entzückt. Er weiß nicht, ob eine anständige Frau so vortrefflich die Rolle einer Dirne oder eine Dirne so gut die Rolle einer anständigen Frau spielen kann, und kommt zum Schluß, daß es sich um eine wohlerzogene Person handle, die ins Elend gekommen sei. Er will zahlen. Aber die Unbekannte nimmt das Geld nicht, gibt ihm aber einen guten Rat: Sie müssen immer darauf bedacht sein, eine erste Erregung zu unterdrücken, ob Überraschung, Freude oder Scham. Wer nicht Herr seines Äußern ist, besonders seines Gesichtsausdruckes, der verrät sich gerade dann immer, wenn er sehr viel Interesse daran hat, sich zu verstecken. Haben Sie heute abend nur das gelernt, so haben Sie Ihre Zeit nicht verloren. Einige Tage später diniert Graf Tilly beim Kriegsminister Montbarey. Man stellte ihn einer Dame vor. Er erkennt seine Unbekannte aus der Rue de l'Orangerie. Ihre Stimme bestätigt ihm, daß er sich nicht irrte. Aber sie bleibt ganz ruhig, fremd, und Tilly beginnt zu zweifeln. Da neigt sie unmerklich den Kopf. Nach einer kleinen Weile erhebt sie sich, geht ins Nebenzimmer, sieht sich hier eine Pendüle an. Und dann legt sie, wie im Spiel, den Finger auf den Zeiger, dreht ihn, läßt ihn bei zehn halten. Sie wirft Tilly einen raschen Blick zu. Einige Minuten später hört er sie im Gespräch mit einer Dame etwas lauter die Worte sagen: Rue de l'Orangerie ... morgen. Andern Tages wird er schon erwartet. Welcher Zufall führt Sie her? fragt sie ihn. Ich verstehe nicht ... Wir haben doch gestern zusammen diniert. – Sie mit mir? Wo? – Beim Fürsten von Montbarey. – Was erzählen Sie da für Geschichten! Da Tilly seiner Sache sicher ist, beschäftigt er sich mit den andern Sachen. Die Unbekannte akkompagniert. Dann sagt sie ohne jeden Übergang: Ich war nicht zufrieden mit Ihnen bei Montbarey. Sie waren zu erstaunt. – Also waren Sie es doch! – Das sehen Sie ja. – Erlauben Sie mir eine Frage: Das erstemal, wo wir uns trafen, da konnten Sie nicht ahnen, daß ich die Straße kommen würde ... Haben Sie mich gesucht? – Ich suchte das Vergnügen. – Mit wem? – Mit dem ersten, der mir gefiele. – Tilly kann einen entsetzten Seufzer nicht unterdrücken, worauf ihm die Unbekannte sagt: Es ist sehr spaßig, daß ihr Männer wollt, alles sei euch erlaubt, nachdem ihr uns fast alles verboten habt. Wir haben nur das eine Mittel, zu unsern Rechten zu kommen, daß wir nämlich heimlich tun, was ihr stolz vor aller Öffentlichkeit tut. – Aber Sie verlieren sich! – O nein! Nur bei den Halb-Fehltritten verliert man sich, fast nie bei den extremen, denn sie glaubt man uns nicht. Auf die Frage, ob sie keine Gewissensbisse spüre, kein Gewissen habe, sagt die Unbekannte: Ich verberge mich, wie ich es machte, wenn ich mich in meinem Zimmer mit Champagner betrinken wollte. Es ist weder das eine noch das andere ein Verbrechen, aber der Skandal ist immer ein großes Übel. Das Lächerliche und die Narrheit sind in dieser Welt auf dem Grunde der Tagesordnung – nur die Erscheinungsformen verdienen ernsthaft behandelt zu werden. Dann legte diese Frau ihre Hand dem Grafen auf die Augen und sagte: Leben Sie wohl. Vergessen Sie die größere Hälfte von alldem ... aber erinnern Sie sich immerhin ein bißchen an mich. Der venezianische Karneval In der robusten venezianischen Männerrepublik hatten die Frauen kaum eine Rolle. Es gab die Klöster, unter deren schönen Insassinnen sich Louis XVI. seine Spioninnen aussuchte, und gab die von Aretino belehrten Kurtisanen, deren Preisliste hübsch gedruckt den Fremden zugesteckt wurde. Das änderte sich im achtzehnten Jahrhundert völlig. Die Frau tritt in den Mittelpunkt des Lebens. Es geht mit der alten Republik zu Ende. Der Teufel scheint in diese Frauen gefahren, deren würdevollen Ernst noch Addison rühmt, ein halbes Jahrhundert zuvor. Jetzt wissen sie alles, können alles, mischen sich in alles, intrigieren im Café, im Bett, selbst auf dem Bidet, wie Barbaro chansonniert: Le parla de politica Al casin, al café Sul leto e sul bidé ... Zum Unterschied von Paris waren alle diese Frauen von glücklichster Unbildung. Aber so aufgeweckt, wie der Abbate Chiari sagt, daß sie von ihren Liebhabern im Handumdrehen das Alphabet lernten. Doch sie schrieben an ihre Freunde Briefe wie Küchenmägde. Über ihre Träume, die Schmerzen ihrer Niederkunft, das Unleidige ihres neuen Korsetts, das sie drückt, über die Dienstboten. Aber sie sind voll kindlicher Natur in ihren Hauptsachen, welche die Liebe betreffen. Diese reale Welt ist ihre phantastische Welt. Man sagt, die Venezianer hätten zwei Seelen, eine fürs Lachen, die andere fürs Weinen – die meine ist hauptsächlich fürs Lieben , schreibt die Renier-Michiel . Die Gondel dieser süperben Kinder fährt immer nach Cythere. Auf ihrer Uhr schlägt nur die Schäferstunde. Oder zur Frühmesse, wenn sie nach durchschwärmter Nacht zufällig an einer Kirche vorbeikommen. Denn man ist immer ein bißchen fromm geblieben, wie man es immer gewesen war. Man kokettierte ja nicht, wie in Paris, mit der Vernunft. Auch in der Liebe nicht. Sie nimmt nicht ab, sondern fliegt fort. Sie hat keine Dauer, sondern beginnt neu mit einem andern. Sie ist flüchtige Laune, buntfarbige Illusion, ist ein süßer Schauer über die Haut der Seele und des Leibes, ist die Spinnerin der Freuden. In diesem Venedig machte der junge Goethe seine ersten Liebeserfahrungen, die nicht sentimental waren und die ihn beglückten. Wie, von künstlicher Hand geschnitzt, das liebe Figürchen, Weich und ohne Gebein, wie die Molluska nur schwimmt! Alles ist Glied, und alles Gelenk, und alles gefällig, Alles nach Maßen gebaut, alles nach Willkür bewegt. Menschen hab' ich gekannt und Tiere, so Vögel als Fische, Manches besondre Gewürm, Wunder der großen Natur; Und doch staun' ich dich an, Bettine, liebliches Wunder, Die du alles zugleich bist, und ein Engel dazu. In diesem Venedig des achtzehnten Jahrhunderts zersetzt sich die Liebe nicht mit einer Diskussion über die Liebe. Man hat keinerlei schlechtes Gewissen dabei, denn die Liebe ist geheiligtes und evidentes Gesetz. Ancilla zeigt sich dem Präsidenten de Brosses verkleidet als Venus von Medici . Als Edelmann verkleidet trifft die Nonne aus Murano Casanova bei dem Standbild des Colleone. Zwei Nonnen, Äbtissinnen ihres Klosters, gehen mit Dolchen aufeinander los wegen des Abbé de Pomponne. Der junge Graf Carlo Cozzi sitzt am Fenster seines Palazzo Verse schreibend. Im Fenster eines Hauses ihm gegenüber erscheint eine eben vermählte Frau, singt und näht. Ihre Brust zeigte den Mai. Ihre Arme waren rundlich und sehr schön ihre Hände . Er lächelt ihr zu, und eine Woche später hält der Graf auf einer Insel vor der Stadt die junge Frau in den Armen, in nichts als einen rosenfarbenen Mantel ist sie gehüllt. Für diesen Karneval der Liebe, der in den casini heimliche Feste feiert oder in den calli Serenaden singt oder sich im dämmrigen Schatten der kleinen Gärten von San Biagio umarmt, ist es nichts als eine kleine Sünde. Und die Verdorbenheit hat die unschuldigsten Augen. Es ist kein Unterschied zwischen Nonne und Tänzerin, Kurtisane und Straßenmädchen, Patrizierin und irgendeiner. Sie sind einander ganz gleich in ihrer seelischen Struktur. Darum haben sie alle dasselbe Abenteuer. Ein Renier heiratet eine Zirkustänzerin, ein Marcello ein Mädchen von der Straße, ein Venier eine Kutscherstochter. Es ist eine weitverbreitete Meinung in Italien, daß die Gatten nicht zu lieben verstehen , schreibt Carlo Gozzi, der scharfäugige Beobachter dieser seiner Welt, an seinen Freund Massimi. Wie auch sonst und überall hat der Gatte etwas anderes zu tun, als der Geliebte seiner Frau zu sein. Vielleicht ist er auch selber anderswo in der Liebe beschäftigt. Aber es galt im achtzehnten Jahrhundert als lächerlich, bürgerhaft und vom schlechtesten Stil, sich auffallend mit seiner Frau zu zeigen. In Venedig war das noch lächerlicher als in Paris. Und da setzt die Rolle des Cavaliere servente, des Cicisbeo ein. Er ist weder Liebhaber, noch Freund, noch Diener der Frau, hat aber von allen diesen drei Funktionen etwas. Den Gatten bekommt die Frau, den Cicisbeo wählt sie sich. Oft verpflichtet man sich ihn durch einen Kontrakt wie den Arzt und den Beichtvater. Der Cicisbeo bietet den Arm, reicht die Hand, trägt die Handschuhe, das Taschentuch, den Sonnenschirm, den Mantel, den scaldino, das Hündchen. Er holt in der Kirche das Weihwasser für die Dame aus dem Becken mit seinen Fingerspitzen. Er überreicht das Gebetbuch. Er ruft den Gondelführer. Er wartet am Pharao mit Geld auf, wenn seine Dame ihre letzte Zechine verloren hat. Er schützt die Dame auf der Straße vor gemeinem Volk. Er ist der Schützer ihrer Ehre, berät sie in schwierigen Fällen, verteidigt sie gegen sich selbst und gegen andere, verscheucht ihr die Fliegen, unterhält sie mit Geschichten und in guter Laune. Dafür darf der Cicisbeo seine Dame besuchen, wenn sie zu Bett liegt, aufsteht, Toilette macht. Er darf sie im Negligé oder im Deshabillé sehen. Keinerlei Geheimnisse bleiben ihm verborgen, weder des Hemdes noch der Seele. Er darf die Mouchen anbringen, deren Kunst und Ausdruck er versteht. Er hat das Recht zu allen Handreichungen bei der intimen Toilette. Es vergeht kein Tag, wo ich nicht die Ehre habe, die Schnüre eines Korsetts zuzuziehen , prahlt der Marquis in Goldonis Dama prudente. Kommt der Gatte dabei ins Schlafzimmer, hütet er sich, sich durch Eifersucht lächerlich zu machen. Er ist glücklich darüber, daß seine Frau einen ergebenen Cavaliere servente besitzt, und verläßt den Raum mit reizender Bescheidenheit. Der Cicisbeo hat auch ein Recht auf die gewissen halben Hingaben, die oft süßer sind als die ganzen und jedenfalls echter. Mehr verlangt er nicht, wenn er gut erzogen ist. Denn das Cicisbeat ist galante Haltung, zärtlicher als Freundschaft, weniger banal als Liebe. Eine elegante Korrektur des Instinktes hat es einer genannt. Eine amoureuse Freundschaft, die ein sehr delikates Vergnügen befriedigt und sich nicht aus Pflicht respektiert, sondern aus höchster Galanterie. Das, was sie sich nicht gönnt, ist höchstes sinnliches Raffinement. Da kommt der derbe Advokat Costantini aus Mailand nach Venedig und erklärt, er glaube lieber, daß Esel fliegen als daß zwei gesunde Leute verschiedenen Geschlechts nebeneinander leben, ohne von einer Laune erfaßt zu werden. Aber da hat ihn schon das Cicisbeat gefangen, und er dient einer Dame. Es ist ihm nicht zu entgehen, denn, wie der Abbate Chiari berichtet, gab es keine Händlerin, keine Coiffeuse: ohne Cicisbea: Lieber blieben sie ohne Brot als ohne cavaliere servente. Die Damen von Qualität besitzen sogar mehrere Cavaliere, und die Gegenwart des Freundes macht die Donna oft kühler als sie ist oder gibt ihr den Mut, den sie besitzt und vor dem sie sich ein bißchen fürchtet. Venedig war nie venezianischer gewesen als in diesem seinen freiesten Jahrhundert vor dem Ende der Republik. In diesem Venedig sublimierte Carlo Gozzi das alte grobe Maskenspiel, gab Goldoni den Italienern ihr nationales Theater. Tönte die süßeste Musik mit Marcello, Buranello und den vier Hospitalen. Guardi und Canaletto malten es in seinem glitzerndsten Lichte. Da Ponte atmete hier seine Jugend, die ihn dann für Mozart den Bestraften Lüstling schreiben ließ. Und hier kam Casanova zur Welt. Es war eine Welt en miniature, aber eine Welt. Casanova Der Abenteurer hat etwas vom Narren und etwas vom Weisen. Er gibt dem Leben, das er ganz als seine Angelegenheit, als seine Schöpfung nur kennt, einen so hohen Wert, daß er es nie aus den Augen verliert, nie in fremde Hände gibt. Er ist immer der auf sich Aufmerksame, lebt mit dem Degen in der Hand. Und er gibt ihm wieder nicht den geringsten Wert – und hier scheidet er sich vom gewöhnlichen Betrüger –, da es ihn immer wieder treibt, sein Leben um höheren Einsatz zu wagen. Er gibt keiner Situation die Dauer. Er setzt sein Leben ein –, um es immer wieder gewinnen zu können, gewinnt es, um es sofort wieder ins Spiel zu werfen. So lebt der Abenteurer erst im Maximum der dramatischen Spannung wirklich, um derentwillen allein er alles unternimmt. Dafür macht er Verse, Gaunereien, Duelle, Gold, Reisen, Liebe. Der Abenteurer müßte wie der Soldat im Felde sterben, um seinen Sinn ganz zu behalten. Er darf nicht in Pension gehen, darf nicht wie der hübsche Buck Valey nach fünfzig Jahren Abenteuer Hausherr und braver Familienvater werden. Und nur, weil er seine Erinnerungen aufschrieb und so sein Leben zum andern Male lebte, übersieht man es, daß der alte Casanova in Dux eine komische Figur machte, daß er boshaft, kratzbürstig, rechthaberisch, eitel, gefräßig und etwas kindisch wurde. Der Sinn seiner Existenz war in ihm noch lebendig, aber es half ihm kein Körper mehr, diesen Sinn aktiv zu machen. Also schrieb er. Und schrieb: Der Leser wird aus meinen Erinnerungen ersehen, daß ich niemals ein bestimmtes Ziel im Auge gehabt habe, und daß das einzige System, das ich hatte – wenn es überhaupt eines ist –, darin bestand, mich von Wind und Wellen treiben zu lassen ... Meine Abwege lehren vielleicht den denkenden Leser, wie man sich über dem Abgrund in Schwebe hält. Es kommt nur darauf an, Mut zu haben. Casanova ist ein Typus menschlicher Energie, wie ihn zuerst die Renaissance im Condottiere aufbrachte, prachtvoll von der Zeit, die ihm Form gab, variiert. Aller Reichtum der Linie, alle Lebhaftigkeit der Farbe, alle Anmut des Details und alle Öffnung in große historische Perspektiven würden nicht hinreichen, das oft Fesselnde dieser Erinnerungen des Venezianers zu erklären; mit all dem würden sie nicht viel mehr bedeuten als etwa die Memoiren, die der Page Graf Tilly schrieb und die nicht weniger galante Abenteuer berichten als Casanova, dem es gar nicht auf eine Liste ankam, auf Trophäen, im Salon zu zeigen. Casanovas Frauen: alle sind sie ihm dankbar, und es vergessen ihn nur jene, die er in gottverlassenen Stunden sich selber vergessend nahm als eine kleine Gelegenheit. Das war im Leben dieses außergewöhnlich sinnlich begabten Mannes selten genug. Seine Regel ist, daß ihn die Frau bis in den Grund so erschüttert und zum Äußersten steigert, wie es der gemeine Mann mit nichts als seinem Sexualappetit nie erlebt. Die Frau entzündet ihn so ganz, daß er ein Verzauberer wird, und seine Magie reißt die Frau fort – sie erlebt einen Helden, der alles um sie wagt; sie fühlt sich als höchsten Wert über alles Leben gesetzt. Und gibt sich so ganz entbunden diesem Manne hin, daß sie für später mehr als eine Erinnerung an eine Liebesaffäre behält; sie geht so auf in ihm, daß sie sich aus diesem Manne nicht mehr nehmen kann, ohne zu verarmen. Casanova hat seine Frauen reicher gemacht als sie waren, und das im Vergessen zu verlieren hütet sich jede. Darum ist sein Zorn so maßlos, wenn ihn ein böser Augenblick zu der Unwürdigen verleitet: als Strafe Gottes faßt er dann die zuweilen üblen Folgen, als Strafe für die Sünde an seiner Seele. Es ist ein Irrtum, anzunehmen, daß sich die Qualität des Moralischen ändere. Es ändert sich nur der Modus des öffentlichen Verhaltens zu dem, was man unter dem Moralischen begreift. De facto begibt sich moralisch immer das gleiche: daß man öffentlich etwas mißbilligt, hindert nicht, daß man es heimlich tut, und daß man heimlich etwas nicht tut, hindert nicht, daß man öffentlich es zu tun behauptet. Casanova traf einmal in Barcelona einen Ruffian und erzählte dem, was er über einen gewissen Manucci wußte, zum Beispiel daß er seinen Namen mit Unrecht trüge. Mit diesem Manucci war Casanova befreundet, und er redete ganz ohne Malice über ihn, bloß des Schwatzens wegen, aus Unachtsamkeit, und jener Ruffian profitierte davon zum Schaden des Manucci. Dieser Verrat aus Leichtsinn ist das einzige, was Casanova sich ernstlich vorwirft und sich nie verzeiht, daß er, der immer Aufmerksame, einmal ganz gedankenlos albern war. Kein Zweifel: die Zeit kam Casanova in dem entgegen, was er sich aus seiner Kondottierennatur heraus zu seiner Moral gemacht hatte, und die Avantgarde dieser Zeit waren die Frauen, ihre als Sklavinnen maskierten Tyrannen. Man entdeckt die Frau immer, hört sie im Schatten lachen, wo irgendein Mann agiert, reimt, redet, befiehlt. Das Wissen der Frau um ihre Macht steigert sich bis zum Wahn, wie bei jener Dame, die eine Freundin, die die Sonnenfinsternis zu sehen versäumt hat, tröstet: Laß gut sein, ich stehe mich gut mit Herrn von Canini, er läßt die Geschichte wiederholen. Casanova bedurfte nicht des Rates, den ein Jesuit dem jungen Rousseau gab, sich viel mit Frauen abzugeben, denn durch sie geschehe alles . Aber man irrte, wenn man aus der reichlichen Benutzung dieses Mittels der Frauen in Casanovas Leben die Frau als Zweck bestimmen wollte, und irrte, suchte man in ihnen nichts als ein Mittel. Casanova will ja nichts über den Augenblick hinaus erreichen, tut nichts, was ihm irgend später einmal nützlich werden sollte – nützte es ihm, so hatte er es nicht darauf abgesehen. Die Selbsterkenntnis, die er sich zusprach, besaß er ja zu seinem Glücke nicht – er ist nie sein eigener Sekretär geworden, auch im Alter nicht, als er seine Jugend mit romantischer Naivität und durchaus nicht als ein objektiver Moralist niederschrieb, der von sich eine klare Formel hat, die ihn über das, was er lügt, wegbringt. Casanova dichtet, aber er lügt sich nicht zurecht wie alle jene, die sich selbst erkennen . Eingebildet ist er auf das, womit seine Zeitgenossen nicht weniger gelangweilt hat, auf seine klassische Bildung, seine Homerübersetzung, seine Virgilkenntnis, seine Mathematik. Da stellt sich fast ein ausgemachter Pedant vor. Die Quadratur des Kreises gefunden zu haben, hätte er, gefragt, auf dem Sterbebette sicher als den Zweck seines Lebens angegeben. Er ist das Zweigesichtige des Jahrhunderts, das auch diesem so robusten Menschen von unten den rätselhaften Aspekt gibt, der allen Figuren dieser Zeit eigen ist. Er ist Pedant und Falschspieler, Zyniker, dem kein Bekenntnis schwer wird, und Empfindsamer, der über anderer Unglück Tränen vergießt. Rousseau steckt seine Kinder ins Findelhaus und traktiert über Erziehung. Diderot baut die Enzyklopädie auf und schreibt die Verliebten Kleinode. Der Geist der Gesetze und Der Tempel von Gnidus haben denselben Verfasser. Der schwere Buffon tadelt ein Buch, weil man merkte, daß es nicht auf den Knien einer Frau geschrieben sei. Der heute noch nicht beendete Prozeß hatte begonnen: die Auflösung der Form, einmal durch die Aufklärung, dann durch deren Folge, die Entdeckung des Gefühls. Als Kind seiner Zeit war Casanova auch ein starker Ausdruck dieser Zeit. Er bediente sich der Gesellschaft, um gegen sie zu leben, er nahm die Formen auf sich, um sie zu sprengen. Er war auf seine Weise ein Rebell wie die andern. Die Pornographische Idealistik Die Überschrift dieses Kapitels ist kein Paradoxon, sondern Definition einer bestimmten Literatur, die nur scheinbar durch die drastische Nennung des Geschlechtlichen naturalistisch anmutet, im Wesen aber idealistisch ist und ihren Stil hat. Es wird das Ideal eines durch nichts getrübten sinnlichen Genießens aufgestellt aus dem Wunsche nach einem schöneren als dem wirklichen Leben: die Voraussetzungen einer Literatur der übersinnlichen, ganz ätherisierten Liebe sind dieselben wie die der untersinnlichen Pornographie. Hier wie dort handelt es sich um idealische Wunschbilder. Charakteristisch für die pornographische Literatur ist der starre Ernst, der weder ins Tragische noch ins Komische sich verleiten läßt, sondern, ganz fixiert in dem sexuellen Mechanismus der Funktionen bleibt. Die in der Pornographie agierenden Personen entsprechen keiner empirischen Erfahrung; sie tragen nur scheinbar Namen; haben nur scheinbar einen sozialen und zeitlichen Charakter: sie sind reine Erfindung. Weil dies dem Unmittelbaren der pornographischen Erotik entspricht, die weder ein Vorher noch ein Nachher kennt, weder die Spannung noch die Erfüllung, was alles und mehr den Reichtum der mittelbaren Erotik ausmacht. Alles, was sie hier unterschlägt an seelischen und geistigen Energien, das stellt die Pornographie in den sexuellen Akt, der davon seine phantastische Hypertrophie bekommt. Die pornographische Literatur hat kein hohes Alter und ist auf den europäischen Kulturkreis beschränkt. Die antike Welt kennt sie nicht, dem Orient ist sie fremd. Erst seit sich Japan europäischen Gedankengängen akkomodiert, verbietet ein Gesetz den öffentlichen Verkauf jener illustrierten, dem europäisch-christlichen Auge obszön vorkommenden Büchlein, welche der Bräutigam der Braut zu schenken pflegte an Stelle der in Europa beliebten mütterlichen Einweihung. Eine Liste des als pornographisch Verfolgten und Bestraften würde deutlich das Willkürliche, Zufällige dessen zeigen, das sich irgendein Exponent der öffentlichen Meinung sowohl unter Schamgefühl wie Pornographie vorstellt, denn eine solche Liste enthält Daphnis und Chloe des alten Longus wie irgendein heutiges Schmutzbuch, die Madame Bovary wie die Fanny Hill , unsaubere Kneipenverse wie die Gedichte Baudelaires. Dem entspricht ja auch die Tatsache, daß kein Werk der schönen und wissenschaftlichen Literatur, welches das Sexuelle zum Gegenstand hat, davor gesichert ist, als Pornographie mißverstanden zu werden, sei es von Leuten, welche darin das finden, was sie in der Pornographie suchen – den Stimulus einer phantasiearmen, schwachen Sexualität –, sei es von andern Leuten, welche aus gleichem Mißverstehen ihr Schamgefühl durch solche Schriftwerke verletzt erklären. Die Zote – das ist der Witz auf das Sexuelle –, wie sie die Antike, der Orient und das Mittelalter bis über die Renaissance hinaus kennen, hat nichts mit der pornographischen Idealistik zu tun. Deren Ableitung ist vielmehr das erst spät auftretende Pikante als des Pornographischen verhüllte Form. Wie das Pornographische gibt auch das Pikante eine von aller Realität freie Vorstellung: Figuranten werden in eine sexuelle Situation gestellt, so als wäre diese Situation die Folge des Handelns bestimmter menschlicher Charaktere, die sich ausleben. Nicht irgendein guter Geschmack, nicht irgendein ästhetischer Wille zwingen zur bloßen Andeutung, sondern die Tatsache eines Paragraphen, der ein Mehr bestraft. Im jeweiligen Verfall religiös-kultureller Bindungen taucht das Schamlose in der Form des verspotteten Gottes auf, dem Menschliches nicht fremd ist. Da das Geschlechtliche zu den Menschlichkeiten erster Ordnung gehört, wird der Gott gern mit ihm gekuppelt. So bei Lukian . So in den Blasphemien der Vaganten. So bei den antiklerikalen Autoren der Renaissance, bei den antipapistischen im Humanismus. Aber schamlos sind diese Produktionen nur vom Standpunkt des Hergebrachten aus, und nicht, weil ein hier gar nicht vorhandenes sexuelles Schamgefühl sie schamlos findet. Ein gläubiger Zeitgenosse Lukians konnte dessen Göttersprache gottlos und darum unsittlich finden, aber nicht im heutigen Sinne schamlos. Die antipapistischen Angriffe der Humanisten kontrastieren das Keuschheitsgelübde der Mönche mit dessen Nichthalten, aber schamlos im heutigen Sinne fanden sie es nicht, daß der Mönch Chaucers eine Geliebte nahm und was er mit ihr tat. Der religiöse Mensch bezieht jedes sittliche Phänomen auf die Gottheit, nicht auf eine allgemeine Sittlichkeit . Eine sittliche Verpflichtung ohne religiöse Bindung des Sittlichen, ohne den göttlichen Zweck des Sittlichen, ist etwas ganz Relatives wie alle vom Absoluten der Gottheit losgelösten Werte. Für einen Nicht-Christen ist des Paulus religiöse Anschauung nur irgendeine Meinung unter vielen; er kann sie aber nicht für wahr halten, wenn er die Mutter dieser Moral nicht anerkennt, die geoffenbarte christliche Religion. Der mittelalterliche Mensch würde Produkte der Pornographie, wenn er sie überhaupt verstünde, vielleicht gottlos, sicher aber nicht schamlos finden. Der gebildete Humanist oder der Mensch der Renaissance, würde moderne Pornographien geschmacklos finden, denn ihnen ist die pornographische Romantik noch fremd. Die Renaissance machte aus dem, was man mores, die Sitten und Bräuche nennt, noch nicht den Begriff eines Sittlichen im sexuellen Sinne. Dies blieb dem philosophischen achtzehnten Jahrhundert vorbehalten. Da hatte man eine christliche Moral ohne christliche Religion. Man hatte die Voraussetzung aufgegeben, behielt aber die Folge. In dieses achtzehnte Jahrhundert fällt auch die Geburtsstunde des pornographischen Idealismus. Nichts, was vor dieser Zeit Obszönes geschrieben wurde, fällt unter den Begriff. Weder die Hurengespräche des spanischen Mönches Delicado noch die des französischen Advokaten Meursius-Chorier, weder die des Aretino noch dessen berüchtigte wollüstige Sonette: dies alles war geformte Wirklichkeit, nicht Erfindung. Dies alles belachte man auf dem offenen Markt. Dies alles war, wenn nicht jedermanns Leben, so doch jedermanns Kenntnis. Dies alles war, wenn nicht jedermanns Wunsch, so doch jedermanns Möglichkeit. Man konnte auf die Modelle mit den Fingern zeigen. Der großen kirchlichen Zeit ist das Pornographische fremd. An Individuen hätte es im XIII. und XIV. Jahrhundert vielleicht nicht gefehlt, welche einer pornographischen Literatur zugänglich gewesen wären; aber Lesen und Schreiben war ausschließlicher Besitz der Höchstgebildeten. Immerhin könnte man von einer gewissen mündlich übermittelten Pornographie bei den Verhören der Hexenrichter sprechen, von denen man sich manche als eifrige Leser moderner Pornographie denken könnte. Die Kirche hat durch ihre Stigmatisierung des Geschlechtlichen als des Sündhaften schlechthin dem Geschlechtlichen in der Vorstellung der Menschen eine überstarke Akzentuierung gegeben, was sich zwischen den polaren Gegensätzen absoluter Keuschheit und absoluter Unkeuschheit in allen Abstufungen auswirken mußte. Sie konnte aber die Dämonen nur beschwören, nicht vernichten. Die pornographische Literatur tritt mit der Befreiung des bürgerlichen Individuums von religiöser Bindung auf. Im demokratischen England erscheint das erste pornographisch zu nennende Schriftwerk in der modischen literarischen Form eines das Leben eines Freudenmädchens erzählenden Romans. Wenn auch diese Fanny Hill or de Woman of Pleasure oder der spätere französische Dom Bougre noch in der antikirchlichen Tendenz etwas von der Renaissance zeigen, bis zu antichristlicher Steigerung in späteren Werken, wenn diese Pornographien des XVIII. Jahrhunderts in ihrer Diktion auch noch einigen Abglanz der sie umgebenden erzählenden Literatur aufweisen, da sie sich ja immer noch an eine Elite von Lesern wenden müssen, so sind die Absichten dieser Verfasser doch ganz deutlich einseitig idealisch. Sie wollen weder durch eine erzählte Geschichte interessieren noch durch dem Leben nachgeformte Menschen. Sie machen nicht den geringsten Versuch, den vorgeführten sexuellen Betätigungen eine psychologische oder geistige Bindung zu geben. Die Helden dieser Erzeugnisse sind ganz idealische Konstruktionen mit einem Perpetuum mobile sexueller Mechanik. Der Bildung des pornographischen Idealismus entspricht eine Änderung des europäischen Verhaltens zum Sittlichen, etwa seit dem Ende des XVII. Jahrhunderts. An die Stelle Gottes, um dessentwillen man sittlich war, trat von nun ab die ungeheure Mannigfaltigkeit von menschlich-vernünftigen Zwecksetzungen mit allen ihren Widersprüchen, Kurzläufigkeiten und Relativismen. An die Stelle des Glaubens trat, um im nunmehr völlig chaotischen Sittlichen eine Ordnung zu schaffen, Gesetz und Polizei, also Staatsgewalt. Das liberale Laissez faire gibt dem Einzelnen im Sexuell-Sittlichen alle Freiheit, zu tun was ihm beliebt, sofern dieses Tun ein strikt Privates hinter verschlossenen Türen bleibt; erst wenn es sich in irgendeiner Weise veröffentlicht, schenkt ihm die Staatsgewalt ihre Aufmerksamkeit durch Duldung, Kontrolle, Lizenz oder Verbot. Der unendlich dehnbare in Gesetzen eingefangene Begriff des verletzten Schamgefühls entspricht genau der unendlichen Reihe von Reizmöglichkeiten, denen ein modernes, von keinerlei Religiösem orientiertes Schamgefühl ausgesetzt ist. Die Reihe geht von den als die Scham verletzend in Stuttgart 1902 verbotenen nackten Knien eines Tirolers bis in das Allergröbste. Die Pornographie war durch die Billigkeit des Druckes im XIX. Jahrhundert jedermann zugänglich. Um kulturell zu werden, mußte der pornographische Idealismus sich maskieren und verschleiern. Er tat dies im Pikanten. Das Pikante ist etwa von der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts ab die erotische Stilform, welche sich die breite mittlere Schicht der europäischen Menschen als ihren erotischen Idealismus gegeben hat. Man kann diesen Stil geschmacklos, widerlich, lächerlich finden, was alles er gewiß ist im Vergleich mit anderen erotischen Stilen, etwa dem der Minne oder der Galanterie, aber man muß seinen durchaus idealistischen Charakter lassen. Ebenso wie der Pornographie, aus der es sich bildete. Man muß Ideale hinnehmen, wie sie sich eine Zeit gibt. Der Marquis de Sade Die Grausamkeit ist nichts anderes als die menschliche Energie, an der die Zivilisation noch nichts zu verderben vermochte. Und darum ist sie eine Tugend und nicht ein Laster. Dieser Satz steht in des Marquis de Sade Philosophie dans le boudoir , einem Buche kalter Obszönität, das den Situationswitz des jüngeren Crébillon ohne Talent nachahmt und nicht besser ist als des Marquis andere pornographischen Kolportageromane, nur kürzer. Vielleicht ist die Liebe nichts anderes als das Raffinement des Hasses , riskierte einmal eine Frau zu sagen. Daß der mimische Ausdruck der höchsten Lust eine frappante Ähnlichkeit mit der Mimik der Grausamkeit zeigt, ist oft bemerkt worden. Aber seelische Schmerzen und Zahnschmerzen werden aus dem Gesichtsausdruck kaum zu unterscheiden sein. Tatsache bleibt, daß sich nicht selten der zärtlichen Geste die brutale beimengt. Wäre der Marquis Sadist gewesen, er hätte das nach ihm benannte System wahrscheinlich nicht geschrieben. Die Geschichte von der an einem kleinen Feuer langsam gerösteten oder mit einem Federmesser bearbeiteten Rose Keller in Arcueil ist erfunden – vielleicht von Sade selber aus Spaß an der Verblüffung erzählt. Donatien Alphonse François Marquis und später Graf de Sade stammt am 2. Juni 1740 geboren, aus einer der ältesten Familien der Provence. Er zählt unter seinen Ahnen Hugues III., der Laura de Noves, durch Petrarca berühmt geworden, heiratete. Teils aus Anlage, teils in Erinnerung an diese berühmte Laura gefällt sich Sade in der lyrischen Sensibilität, wie sie Zeitgeschmack war. Bei den Carabiniers Leutnant, bringt ihn der Siebenjährige Krieg nach Deutschland. Wieder in Paris, heiratete er 1763 die ältere Schwester des Mädchens, das er liebte. Vier Monate nach seiner Verheiratung wurde der Marquis zum erstenmal eingesperrt. Unbekannt blieb, weshalb. 1768 gab's jene Geschichte mit der Witwe Keller. Sehr wahrscheinlich hat Sade selber für die Verbreitung dieser und ähnlicher Geschichten gesorgt, um sich interessant zu machen und um seine Frau loszuwerden. Wegen der Keller wurde er für sechs Wochen in Lyon eingesperrt. Einige Zeit darauf verurteilte ihn in contumaciam das Parlamentsgericht von Aix zum Tode, ein Urteil, das 1778 kassiert wurde. Das Urteil dürfte wegen Entführung gefällt worden sein, denn Sade floh mit der jüngeren Schwester seiner Frau nach Italien. Bei seiner Rückkehr wurde er gefangen, eingesperrt und von seiner Freundin befreit. Er wurde wieder eingefangen und in Vincennes festgesetzt. Hier bleibt er fünf Jahre. 1784 wird er nach der Bastille gebracht. Er hatte da in seine Zelle eine Dachrinne bekommen, durch die er sein Waschwasser und andern Unrat durch sein Fenster entleeren mußte, das auf die Rue Saint-Antoine ging. Dieser Dachrinne bediente er sich als Sprachrohr, um die Passanten der Gasse zu harangieren, daß man die Gefangenen der Bastille erdrossele und daß man sie befreien möge. Es gab damals nur sehr wenige Gefangene in der Bastille, und keiner wurde erdrosselt. Die paar eingesperrten Leute führten mit ihren Aufsehern das gemütlichste Leben. Das Sprachrohr genügte dem Marquis nicht. Er warf Zettel auf die Straße mit genauen Beschreibungen der entsetzlichen Martern, welche die Gefangenen zu erdulden hätten. Es ist nicht ohne Witz, daß es gerade der Marquis de Sade war, der so den Sturm auf die Bastille anregte, den er übrigens von innen nicht erlebte. Wenn auch nicht in Freiheit. Der Kommandant der Bastille, der sich mit den andern Insassen so gut vertrug, beantragte die Entfernung des ihm lästigen querulierenden Gefangenen, die am 4. Juli erfolgte, zehn Tage vor dem Sturm. Sade kam ins Narrenhaus zu Charenton, das er im März 1790 auf ein Dekret der Assemblée constituante verließ. Seine Frau wollte nichts mehr von ihm wissen, ließ sich scheiden und ging ins Kloster, wo sie 1810 starb. Nun begann Sade zu veröffentlichen, was er in den Jahren seiner Haft geschrieben hatte. Stücke wurden von ihm in Paris und Versailles ohne Erfolg gespielt. Es ging ihm recht schlecht. Er hatte nichts zu leben. Im Juli 1800 veröffentlicht er Zoloé et ses deux acolytes , einen Schlüsselroman, der großen Skandal machte. Man erkannte den ersten Konsul, Joséphine, Madame Tallien, Madame Visconti, Barras usw. Im März 1801 wird Sade verhaftet und nach Saint Pélagie und von da ins Spital von Bizêtre gebracht, als Narr schließlich wieder nach Charenton, auf Befehl Napoleons, der damit nicht für die in schönes Maroquin gebundenen Romane quittiert, die ihm Sade geschickt hatte, sondern für jenes Pamphlet gegen Joséphine. In Charenton stirbt er im Jahre 1814. Er ist fünfundsiebzig Jahre alt geworden. Sade hat siebenundzwanzig Jahre seines Lebens im Gefängnis verbracht, davon vierzehn im kräftigsten Alter. Das könnte seine Literatur erklären. Als die mächtigste Energie und den heftigsten Instinkt des Individuums hatte er die Lust an der Vernichtung erkannt, mit ihren Vorlüsten Qual und Grausamkeit. Anfangs peinigte ihn diese Erkenntnis, die der erlernten Moral des Rousseauschülers entgegenläuft, bis er den Satz, daß die Natur gut ist, umkehrt zu dem: Die Natur ist böse. Es ist noch immer die Metaphysik des achtzehnten Jahrhunderts, die er ausdrückt. Metaphysische Systeme können geistvoll oder langweilig sein, richtig oder falsch nie. Sade gibt der Natur ein Gesicht, Rousseau gab ihr ein anderes. Den Tod und die Liebe bildeten die Alten als Geschwister. Der Marquis hob das für sich auf, indem er den Tod in die Liebe zwang und zum dienenden Genossen machte. Aber er kokettierte nur mit den wilden Instinkten armer Zurückgebliebener. Der empfindsame Stil In Frankreich brachte das Rousseausche Evangelium vom natürlichen Menschen den Terror, in Deutschland Werthers Leiden, in England Shelley. Kein Zweifel darüber, wo man erfolgreicher revolutionär war im Sinne einer neuen Geistigkeit: ob unter dem höchst korrekt beschnittenen Pariser Freiheitsbaum, wo man römische Republik mit genferischer Tugendhaftigkeit spielte, oder unter den deutschen und englischen Jünglingen, welche, um frei zu sein, sogar exzentrisch zu sein sich nicht scheuten. In Frankreich taucht um 1750 das Wort sensibilité auf und wird nach dem Erscheinen der Neuen Heloise von Rousseau 1761, Schlag- und Modewort der Empfindsamen, zumal in den nun zahlreich auftretenden Frauenromanen, welche die gefühlsreiche Tugend, Verzicht, Leid, Schmerz, Freundschaft schöner Seelen der nichts als sinnlich-frivol genießenden, die Frau nicht erhöhenden Liebe entgegenstellen, als den höheren Wert. Mit dieser Neuentdeckung der sensibilité und der passion beginnt der Abbau der rationalistischen Welt. Früher als die Denker sind zu diesem Werke die Frauen aufgestanden. Und die libertine Literatur beeilt sich, um nicht aus dem zu fallen, was sie für eine Mode hält, auch ihrerseits empfindsam zu werden, und macht als Mode diese Empfindsamkeit mit bis spät hinein zu Kotzebue und Langbein und Clauren, wo ihr schon nichts mehr in der Wirklichkeit mehr entsprach. Bestehen blieb aber für alle weitere Zeit die Anschauung, daß alle wahre Liebe unglückliche Liebe sei. Wie glücklich war ich damals, als ich unglücklich liebte , klingt der paradoxe Seufzer. Julie in der Neuen Heloise stirbt, Werther erschießt sich. Zahllos ist ihre literarische Deszendenz. Ich liebte sie zu sehr, um sie besitzen zu wollen , steht ja in den Bekenntnissen und wörtlich auch so in einem Briefe Rousseaus an Frau von Houdetot 1757. Achtzig Jahre später liest man die Variation in Sainte-Beuves Roman Wollust: Sie begriff nicht, daß lieben der Feind des Liebens ist. Der Mann hatte in dieser Sache das Wort nicht mehr. Das ganze achtzehnte Jahrhundert hindurch suchten sich die irrationalen Gefühlswerte der Liebe – Opfer, Verzicht, Leid – mit dem rationalistischen Überbau abzufinden, mit der Tugend, der Ehe, der bürgerlichen Anständigkeit, den Forderungen einer Moral, die christlich ist, die man aber für menschlich hält. Man dachte mit Voltaire und fühlte mit Rousseau . Ein Jahrhundert später variierte man, indem man von Maurice Barrès sagte, er frühstücke mit Stendhal und esse mit dem heiligen Ignatius zu Abend. Lessing gab 1768 dem Stil das Kennwort: empfindsam . Der Protest gegen die aristokratische Libertinage, der die Empfindsamkeit im Gefolge hatte, kam vom puritanisch-bürgerlichen England, und sein Wortführer war Richardson . Alles, war von der Sentimentalität seiner immer leidenden und duldenden Heldinnen entzückt, zumal die Frauen. Im pietistisch durchsäuerten deutschen Norden war der Boden für die Empfindsamkeit schon vorbereitet. Der Messias von Klopstock ist das Epos dieser Gefühlshaltung. Die Liebenden im Werther und in Müller Siegwart schwören über den aufgeschlagenen Seiten des Gedichtes die ewige Treue. Mit einem religiös durchsetzten Erotismus des Gefühles glaubte man des Sinnlichen Herr zu werden. Schlug die Flamme durch, so empfahl sich, wenn man nicht in den freiwilligen Tod flüchtete, allerlei und zumeist die moralisch-christliche Methode, die Flamme zu ersticken oder das kleine Herdfeuer damit zu unterhalten. Das führte in Niederungen, aber auch in Höhen. Das empfindsame Frauenideal, sanft, zärtlich, wohltätig, stolz und tugendhaft und betrogen , enthielt die Möglichkeit zu der sich einordnenden Gattin sowohl wie die Möglichkeit der heroischen Frau, die Jean Paulsche Titanide, die sich über das Konvenü setzt und untergeht. Das empfindsame Frauenideal ist durch das ganze neunzehnte Jahrhundert hindurch der beliebteste Sauerteig, die etwas träge Teigmasse der Bürgerlichkeit zum nötigen Gären zu bringen, damit das Hausbrot genießbar werde. In der Gartenlaube hat dieses Ideal um 1865 sein schlichtes Monument bekommen. Etwas später bricht aus diesem Idyll die sich mißverstehende Frau als unverstandene Frau aus. Es wird davon noch die Rede sein. Das sanft brennende Herdfeuerchen der Empfindsamkeit genügte, alte Knochen daran zu wärmen. Die neue Generation holte sich davon nur, was sie brauchte, um ihre Fackeln anzuzünden. Denn sie hatte den Sturm und den Drang in sich. Da nimmt die Liebe zu Charlotte Buff, die der andere einem wegholt, weil er der wohlgeborgene sichere Philister ist, so ganz das Leben ein, daß wenigstens im Roman Werthers Leiden , dessen Verlust notwendige Folge wird. Hier hat einer mit der Liebe alles verloren. Goethe muß selber zugeben, daß Kestner einen bessern Ehemann, wenn auch schlechtern Geliebten abgeben wird als er. Verläßt Wetzlar und überläßt das Paar seinem ehelichen Glücke. Die nächste Generation ist nicht mehr so nachgiebig, weder an die Sitten der Gesellschaft noch an den Pistolenschuß, denn wenn sie es auch anders behauptet ist sie sinnlich schon schwächer geworden, aber neugieriger. Sie sagt von sich: dämonischer . Auch Roquairol, der Titane in Jean Pauls Roman, der die Schwester seines Freundes verführt, weiß dazu keinen andern Grund als kleine Lust, die aus tiefster Langeweile kam, und sagt dann: Ich verlor nichts – in mir ist keine Unschuld – ich hasse die Sinnenlust; der schwarze Schatten, den einige Reue nennen, fuhr breit hinter den weggelaufenen bunten Lustbildern der Zauberlaterne nach; aber ist das Schwarze weniger optisch als das Bunte? Auch dieser Roquairol erschießt sich, aber der Schuß fällt nicht wie der Werthers im Leben, sondern auf der Bühne, aber doch auch hier tötend. Roquairol hat Albanos Geliebte im Dunkel besessen, sich für Albano ausgebend. Gleich darauf spielt er in einem Stücke eine Rolle, die mit einem Selbstmord endet: er begeht ihn wirklich. Er benutzt, bereits ganz romantisch, die schöne Gelegenheit. Der Schein ist bereits mehr als das Leben selber. Liebe ist dieser Generation nicht Freigeisterei der Leidenschaft , wie der junge Schiller ein später ganz umgearbeitetes und Der Kampf betiteltes Gedicht Frau von Kalb überschreibt: Woher dies Zittern, dies unnennbare Entsetzen, Wenn mich dein liebevoller Arm umschlang? Weil dich ein Eid, den auch schon Wallungen verletzen, In fremde Fesseln zwang? Weil ein Gebrauch, den die Gesetze heilig prägen, Des Zufalls schwere Missetat geweiht? Nein – unerschrocken trotz' ich einem Bund entgegen. Den die errötende Natur bereut. O zittre nicht – Du hast als Sünderin geschworen, Ein Meineid ist der Reue fromme Pflicht, Das Herz war mein, das Du vor dem Altar verloren, Mit Menschenfreuden spielt der Himmel nicht. Sie hat zwei große Dinge, große Augen, wie ich noch keine sah, und eine große Seele , beschreibt sie Schillers Nachfolger in der Liebe, Jean Paul , der sie in der Linda des Titan als Titanide verewigte. Wie der davongejagte oder davongelaufene Hauslehrer Hölderlin Frau Susette Gontard als Diotima. Liebe bedarf der Gesetzlosigkeit, erklärten alsbald die jungen Leute der ersten deutschen romantischen Generation. Und schickten sich an, das zu beweisen. Das hatte die Generation Goethes nicht erst oder noch nicht nötig. Ach, hier sind Weiber! ruft Jean Paul bei seinem Weimarer Besuch aus. Hier ist alles revolutionär, und Gattinnen gelten nichts. Alles weitere könne er dem Freunde nur mündlich schildern. Wobei man nicht vergessen darf, daß Jean Paul aus einem kleinsten Provinzstädtchen kam, den die Kühnheit Wielands schon umwarf, der, um aufzuleben , seine frühere Geliebte, die La Roche, ins Haus nahm, wie Goethe die Vulpius, wie Schiller seine von ihrem Gatten getrennte Schwägerin Karoline. Aber Jean Paul erkannte: Eine geistigere und größere Revolution als die politische und ebenso mörderisch wie diese schlägt im Herzen der Welt. Es war das deutsche Manko dieser Revolution, daß sie sich nur ganz individuell und gewissermaßen inwendig vollzog – die innere Freiheit war der Titel ihres Stolzes. In der äußern Freiheit war sie zu jedem Kompromiß bereit, wozu es aber gar nicht kam, denn man verlangte dort nichts, und es war daher hier in nichts nachzugeben nötig. Es war ein Kinderspiel für den Polizeistaat, die Jugend dieser Nation 1814 mit den Befreiungskriegen zu düpieren. Die böse Lust Ein Herr im Schäferkostüm, den man gerade noch Tirsis nannte, wirft sein Maskengewand ab, und ist der Wolf. Dieses Ereignis heißt Les Liaisons Dangereuses . Im April 1782 erschienen die ersten zweitausend Exemplare dieses Romans, und schon im nächsten Monat mußte die gleiche Anzahl gedruckt werden. Noch zu Lebzeiten seines Verfassers Choderlos de Laclos sind nicht weniger als fünfzig Nachdrucke erschienen. Es war zunächst das, was man einen Skandalerfolg nennt. Niemand glaubte an die versicherte moralische Absicht des Verfassers, weder die offizielle Kritik, noch die inoffizielle. Die Marquise de Coigny, Lauzuns Geliebte und Lignes Korrespondentin, empfing Laclos nicht mehr, wie Tilly in seinen Memoiren mitteilt. Madame Riccoboni war in ihrer Würde als Französin und Frau beleidigt, und Marie Antoinette ließ ihr Exemplar des Buches ohne Rückentitel einbinden. Daß man das Buch nicht verbot, entrüstete einige hypokrite Zeitgenossen. Aber verboten und zur Vernichtung verurteilt wurde der Roman erst im November 1823, wo er dieses Schicksal mit den Werken von Montesquieu , Voltaire , Rousseau , Beaumarchais , Vauvenargues , Larochefoucauld , ja sogar mit Fénélons Télémaque teilte. Zwischen Boucher und Boilly gab es kaum einen Maler, der nicht die Bascule, die Liebesschaukel, gemalt hat, und die Literatur dieser Zeit beschrieb die Liebe nicht anders denn als ein solches Schaukelspiel, bei der von einem zum andern ein wippendes Brett führt, das auf des Hahnreis Rücken balanciert. Des Spieles Zweck und Ende ist immer, daß oben einer ins Gleiten kommt und dem Kavalier unten in die offenen Arme rutscht; die Kleider geraten ein bißchen in Unordnung, man schreit ein bißchen, aber es klingt wie Lachen. Die Zuschauer und auch der Betrogene klatschen Beifall, und schon schaukelt ein neues Paar, da das andere sich in der Laube verlor, an deren Eingang Hymen die Fackel senkt. Zuerst meint man auch bei den Liaisons Dangereuses , man sähe der frivolen Bascule zu und es spänne der Autor eine Intrige um ihrer selbst willen. Aber da fällt ein Wort, man sieht eine Bewegung, einen Zug im Gesicht, und was erst das übliche Spiel schien, ist ein Kampf. In den Liaisons treten nicht mehr die erotischen Figurinen auf, deren Fäden der Autor zieht, sondern die erotischen Charaktere des Zeitalters, die Intellektuellen, die Naiven, die Sentimentalen. Was immer nur als ein heiteres, witziges Spiel zwischen Damen und Herren en pastel gezeigt wurde, das offenbart sich als ein böser Kampf der Geschlechter. Wo diese Menschen auch immer ihren Weg zur Liebe nehmen mögen, ob sie die intellektuelle Perversion des Verführers leitet oder die Sinnlichkeit oder das Herz – keinem von ihnen ist die Liebe jenes égarement, das man sonst in dieser Zeit nur suchen und immer finden sah, allen ist sie eine Leidenschaft die tötet oder düpiert. In diesem Roman der letzten Aristokraten, der physisch verminderten Rasse, wie sie zwei Jahrzehnte später de Maistre nennt, ist Frau von Tourvel, ein Opfer des Verführers Valmont, die einzige, die – ihr Adel ist Beamtenadel jüngsten Datums – zur Bourgeoisie gehört, zu der neuen Kaste, die in den Dingen der Liebe ein fatales Erbe antrat, für das sie sich bei Rousseau vorbereitet hatte. Das Bürgertum hatte in der ehelichen Treue allein seinen Rückhalt; eine Tugend, die man zum ganzen Inhalt der Liebe und diese damit sentimentalisch machte. Die Liebe ist hier ein außerordentliches Gefühl mit sinnlichen Begleiterscheinungen, von denen man nicht spricht und von denen man so tut, als wüßte man nichts davon. Wie dem Werther, dessen schöne Schwester sie ist, wachsen der bürgerlichen Präsidentengattin Frau von Tourvel aus dem Kampfe ihrer sinnlichen Natürlichkeiten, die man nicht mehr bekennt, mit dem bürgerlich gewordenen Ideal der Treue – als welches die Liebe schlechthin ist – übermenschliche Kräfte und jene Grausamkeit gegen sich selbst, die sie Schmerz und Tod mehr lieben machen als das um Ruhe und Ehre verkaufte Vergnügen ihrer Sinne. Was er in allen bisherigen Romanen, was er in der geläufigen Anschauung dieser Zeit nicht war, das wird der Ehebruch in der bürgerlichen Heldin der Liaisons: eine Tragödie. Auch der Charakter der Verführung ist verändert. Die Verführung ist in Valmont und Frau von Merteuil eine Kraftentfaltung des Willens und Verstandes, die um ihrer selbst willen genossen wird und sofort einem andern Ziel der Verführung sich zuwendet, wenn das eine erreicht ist. Diese beiden wollen in der Lust noch vom Genuß ihres Genusses wissen und sich weder von den Gefühlen noch von den Ekstasen der Sinne und ihre Bewußtheit bringen lassen. Ich bin sicher, schreibt die Merteuil, käme mir jetzt die Laune, dem Chevalier den Abschied zu geben, er wäre verzweifelt, und nichts amüsiert mich so wie ein verzweifelter Liebhaber. Selbstverständlich sind die Sentimentalen und Naiven die Opfer der Intellektuellen, die weit mehr Register spielen. Die naive Volanges wird das Opfer Valmonts, der von sich sagen kann: Mittel, eine Frau zu entehren, habe ich hundert, habe ich tausend gefunden. Der Ton liegt auf dem entehren, was die Lust zur bösen Lust macht. Danceny, der naive Bräutigam des Fräuleins von Volanges, wird das Opfer der Merteuil, die von sich sagt: ... meine Grundsätze, die habe ich mir selber geschaffen, und ich kann wohl sagen, ich bin mein eigenes Werk, und die dem Mädchen den Rat gibt: Geben Sie doch acht darauf, wie Sie schreiben. Sie müssen doch einsehen, daß Sie, wenn Sie jemanden schreiben, für den schreiben und nicht für sich, Sie müssen also weniger trachten, ihm das zu sagen, was Sie denken, als das, was dem Briefempfänger gefällt. Und es ist selbstverständlich, daß die Intellektuellen das Opfer ihrer selbst sind. Ich weiß nicht, weshalb mir nur mehr das Bizarre gefällt , bemerkt am Ende Frau von Merteuil. Und Valmont sagt: Ich bin wütend, wenn ich mir vorstelle, daß dieser Danceny ohne jedes vernünftige Denken, ohne jedes Urteil, ohne sich nur die geringste geistige Mühe zu machen, sondern nur ganz blödsinnig dem Instinkt seines Herzens folgend, ein Glück findet... Das Ende ist Müdigkeit, Überdruß, Ekel und vielleicht Verzweiflung. Das Pathos gehört ganz den edlen Gefühlen. Die naiven Opfer sterben mit einem himmlischen Seufzer auf den Lippen, die Intellektuellen mit der Grimasse eines Fluches. Die Liaisons kamen auf den Index der infamen Bücher, trotzdem der Autor dieses machiavellistischen Traktates von der Liebe die moralische Absicht seines Werkes nicht nur im Vorwort betont. Man darf an der ehrlichen Absicht Laclos' nicht zweifeln, darf hinter seiner Versicherung keine Ironie suchen und muß es mit Laclos als die gerechte Strafe hinnehmen, daß Valmont im Duell, Frau von Merteuil an den Blattern stirbt – man braucht das nicht symbolisch so zu deuten, daß die Dummheit des Zufalles das Kalkül des Verstandes zuschanden macht. Laclos schreibt zwei Jahrzehnte später seiner Frau, daß er eine unfreiwillige Muße benutzen wolle, einen schon längst bedachten Roman auszuführen, der als das sittliche Gegenstück zu den Liaisons das Glück der ehelichen Liebe darstellen würde. Es ist nichts davon aufgeschrieben worden als diese Absicht. Von dem innern Leben dieses Mannes weiß man nichts, und die Schicksale seines äußern Lebens, die allein man kennt, machen sein inneres Leben nur noch rätselhafter. Es gibt über ihn ein ganz kurzes und bestes Urteil in einem Polizeibericht: Homme de génie, très froid et très fin. Laclos wurde in Amiens als Sohn eines vor kurzem geadelten Sekretärs der Intendanz 1741 geboren, in einem kultivierten Milieu. Er wählte die militärische Karriere und trat beim Artilleriekorps ein. In der Revolution bekommt er durch die Verwendung Ségurs eine nebensächliche Stelle als Sekretär im Hause des Herzogs von Orléans. Seine Rolle bleibt hier so dunkel wie die Rolle, die sein Herr spielte. Die Zeit sagt, er sei die Seele der Partei Orléans gewesen. Laclos hatte das Malheur, für den falschen Herrn zu arbeiten. Aber der ihm befreundete Danton will die Intelligenz des ehemaligen Offiziers nicht verlieren und setzt Laclos ins Kriegsministerium. Der Sieg bei Valmy, von dem Goethe , der die Kanonen der Schlacht donnern hörte, die neue Zeit datierte, ist ein Erfolg Laclos'. Der ihn beim Sturze der Orléans nicht vor dem Gefängnis rettet. Es bleibt rätselhaft, daß er der Guillotine entgeht. Vielleicht hat ihn Robespierre aufgespart als später zu nutzenden Vertrauten in den Geheimaffären des Hauses Orléans. Die Gegner Laclos' behaupten, er danke seine Rettung dem Umstand, daß er Robespierre die Reden ausgearbeitet habe. Aber gerade dann hätte ihn der Unbestechliche ganz bestimmt unter das Messer gebracht. Möglich, daß Laclos bei Bonapartes Staatsstreich eine Rolle spielte. Wahrscheinlich, daß er Napoleons Bedeutung erkannt hat und es ihm am besten erschien, unter ihm aus seinen überlegenen Kenntnissen und Fähigkeiten etwas zu machen. Er wird General, macht die Campagne am Rhein, dann in Italien mit. Er will sich gerade nach Ancona einschiffen, da stirbt er in Tarent 1803. In der Politik nicht über die Intrige hinausgekommen, als Soldat trotz Napoleons Gunst unfähig, sie zu nützen, denn er kommandiert immer nur Reserven, liegt der Ruhm dieses rätselhaften Mannes allein auf einem Buche, das er selber längst vergessen hat. Überrascht schreibt er seiner Frau 1802, daß man in einer Gesellschaft die Liaisons gekannt, von ihnen gesprochen, den Autor ausgezeichnet habe. Auf einige Briefe der entsetzten, aber bewundernden Madame Riccoboni hat gleich nach dem Erscheinen der Liaisons Laclos geantwortet. Mit Sätzen wie diesen: Nicht im entferntesten dachte ich daran, das Laster der Frau von Merteuil mit einigen Hübschheiten und Nettigkeiten herauszuputzen ... Wer möchte die Wahrheit des Alltags zu leugnen wagen? ... Belustigung habe ich nicht prätendiert ... Überall, wo ein Weib zur Welt kommt mit aktiven Sinnen und einem für die Liebe unfähigen Herzen, mit Geist und einer gemeinen Seele, die böse ist und deren Bösheit Tiefe ohne Energie besitzt, da gibt's eine Frau von Merteuil. Wenn ich sie auf französisch anzog, so nur, weil ich überzeugt bin, daß man die Wahrheit nur nach der Natur darstellen könne. Darum zog ich das Gewand vor, das ich unter meinen Augen habe ... Die sanfte Frauenschriftstellerin wendet ein, daß man nicht nur die Natur betrachten, sondern eine Wahl treffen müsse, denn nicht alles in der Natur sei hübsch, und der Maler müsse auswählen. Laclos antwortet, daß der Maler das Recht habe, den Vesuv zu malen, ohne sich dem Vorwurf auszusetzen, daß er die Natur verleumde. Da gibt es Frau Riccoboni auf, aber versichert, daß sie nie die Verurteilung, welche Herr Laclos von der Welt erfahre, teilen werde. Sie verzeiht ihm, entschuldigt ihn sogar, soviel sie kann. Donna Elvira verflucht den Verführer und schließt ihn in ihr Gebet. Ehe und Liebe Die Ehe ist nicht natürliche Keimzelle der Staatsbildung, sondern die ehelichen Vorschriften sind eine verpflichtende Ordnung, welche zum Ziele hat, das geschlechtliche Leben und die Situation der Kinder einer bestimmten Reglementierung zu unterwerfen innerhalb einer schon vorher existenten sozialen Gruppierung. Diese Reglementierung entspricht nicht einem Instinkt – der ja nur zum Geschlechtsakt führt – sondern einem zum Brauche gewordenen staatlichen Zwang. Die staatliche und nach ihr auch die kirchliche Autorität hat ihr Hauptinteresse an den Kindern, ihrer Zugehörigkeit, ihrer Zahl und ihrer Aufzucht. Bis auf heute kümmert es die Kirche und auch den Staat nicht, ob sich die Eheschließenden im individuellen Sinne dieses Wortes lieben . Weshalb die Kirche auch in der Nichtliebe keinen Grund einer Trennung der Ehe sieht. Sie anerkennt nur einen einzigen Grund einer Trennung: die Nichtvollziehung der Ehe. Eine Ehe, welche keine Anstalten trifft, Kinder zu zeugen, erscheint der strengen kirchlichen Logik als keine Ehe. Sie kennt das Anarchische der individuellen Liebesgefühle. Durchaus gegen ihren Willen ließ sich die Kirche eine weibliche Gottheit in der Madonna abringen, gab hier einem traditionellen Laienempfinden nach. Aber nur dem Mütterlichen gab sie in dieser Gottheit Raum, alle sündige Liebe wurde durch die Unbeflecktheit der Empfängnis eliminiert. Die Frau hat Kinder zu gebären, nichts weiter. Der jungfräuliche Stand ist der bessere, aber die Welt muß sich weiter zeugen – ganz nahe gerückt an die Erbsünde, an den Fluch, der aus dem Paradiese treibt, ist diese hingenommene physiologische Tatsache, und die Ehe genügt, das Geschlecht bis zu dem Tage zu erhalten, welcher als der Jüngste einmal anbrechen wird. Wo nur die Lust die Geschlechter zueinander führt, ist diese Lust Sünde und vom Bösen. Die Kirche hat den Begriff der fleischlichen Sünde dem Menschen keineswegs gegen seine Natur aufgezwängt. Die Tatsache der sinnlichen Leidenschaft haben die Alten unter verschiedenen Namen als eine schwere Krankheit erkannt und beschrieben, als eine Art Behexung. Die Wollust aller Kreaturen ist gemengt mit Bitterkeit – das hätte auch ein von der sinnlichen Leidenschaft gepeinigter Grieche aus der Zeit des Perikles sagen können; es ist nichts spezifisch Christliches in diesem Satz; die Kirche hat ihn nur in ihrer Frühzeit für großes Orchester gesetzt, wofür die Antike mit ihrem sehr schwach entwickelten Dualismus der Welt keinen Anlaß hatte, denn ihre Erdsüchtigkeit war weit größer als ihre Jenseitssüchtigkeit, ihre Todesfurcht größer als ihre Sterbenssehnsucht. Aber da sich das Dasein der Liebe in der Welt nicht leugnen ließ, sie sich auch durch ihre Verdammung als sündhaft nicht vertreiben ließ, kam es in den periodischen Schwächen der Kirche zu diesen Sentimentalismen, welche der Ehe auch die Liebe als Mitgift vindizierten, wenn nicht gleich bei der ehelichen Wahl, so als ein sicheres Produkt des Paktes, als ein zu erwartender Effekt aus dem ehelichen Zusammenleben. Und es ist nicht daran zu zweifeln, daß oft eine Liebe in der Ehe wurde –, meist eine leidenschaftslose Liebe. Erst im neunzehnten Jahrhundert kam es auf, daß man aus Liebe heiratete und die Anschauung wurde herrschend, daß die Liebe zu ihrem Ziele die dauernde Vereinigung in einer Ehe habe. Die früher für eine Eheschließung maßgebenden Motive sozialer, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Natur wurden zwar in der Regel nicht gänzlich ausgeschaltet und spielen auch bis heute noch ihre Rolle, aber sie kamen in der Anschauung und auch sehr oft in der Praxis an die zweite Stelle. Die erste Stelle nahm, und das nicht nur immer vorgeblich, wie von antibürgerlichen Kritikern der heutigen Ehe behauptet wird, die gefühlsmäßige Beziehung der Eheschließenden, die Liebe ein. Denn die große Labilität der modernen Ehe geht auf diesen Umstand zurück, daß sie sich eben auf einem so Labilen, wie es ein Affekt ist, meist gründet: diesem Gefühl in einer Ehe Dauer zu geben, stellt sich oft als Täuschung heraus. Sich über das gelinde Feuer der ehelichen Liebe lustig zu machen, um zum Preise der leidenschaftlichen Flammen Kantaten zu singen, ist ein beliebtes Thema lyrischer Jugendlichkeit, die weder die Flamme noch das Feuer kennt. Es entspringt solche Unterwertung der ehelichen Liebe einer Überwertung des erotisch Passionellen. Die Beziehungen der heutigen Menschen zueinander werden immer flüchtiger, augenblickshafter. Das macht sich auch im Erotischen merkbar, insofern jede erotische Spannung zwischen den Individuen verschwindet, da jede sexuelle momentane Begierde um ein geringes sachlich zu stillen ist. Die erotische Spannung ist aber nur in der relativen Dauer einer sinnlich-geistigen Beziehung möglich, und die Verbundenheit in einer Ehe begünstigt die sexuelle Entspannung zum Vorteil der in ihr engagierten Individuen. Die eheliche Verbundenheit krümmt den allzu scharfen Stachel der sinnlichen Leidenschaft und rettet das Individuum, dem in der Leidenschaft der Verlust droht, für die höheren Werte der Sozietät. Aber in der sexuellen Entspannung liegen diese Möglichkeiten einer erotischen Spannung und Beziehung nur dann, wenn nicht Eigenliebe zu einer Ehe geführt hat, die in ihr nichts als das Mittel zur Befriedigung von Bedürfnissen und Erfüllung von Zwecken sieht, die außerhalb jeder Liebe, also auch der Ehe liegen. So wird sie nichts als ein sozialwirtschaftlicher Zweckverband, der eine Form entlehnt hat und sich bemüht, diese Form nach außen zu wahren. Es hat sich daraus ein weitläufiges System der Heuchelei entwickelt, charakteristisch für die Bürgerlichkeit des neunzehnten Jahrhunderts. Diese Heuchelei hat in den beiden großen Romanciers aus der ersten Hälfte des Jahrhunderts, Stendhal und Balzac , ihre bedeutenden Darsteller gefunden. Heute , schreibt Balzac, wird die von ihrem Mann verlassene Frau, auf eine magere Pension reduziert, zu einer Sache: sie ist weder Frau, noch Mädchen, noch überhaupt was Bürgerliches. Im achtzehnten Jahrhundert verheiratete man das Mädchen meist schon mit sechzehn Jahren. Um irgend zu gelten in der Gesellschaft, mußte sie Frau sein. Dies hat sich vom Beginn des neunzehnten Jahrhunderts ab fundamental geändert. Da gibt es ein Erziehungsbüchlein von Bouilly : Geschichten für meine Tochter . Diese Tochter ist bereits das Junge Mädchen des neuen Jahrhunderts, das nicht mehr zur Liebe erzogen wird, sondern zu einer vernünftigen Mischung von Pflichten und Sentimentalitäten. Diese Erziehung sucht mit allen Mitteln ein engelhaftes, frommes, nur den Tugenden ergebenes, resigniertes, bescheidenes und gehorchendes Wesen herzustellen, das einerseits in Träumen, andererseits in Pflichten lebt, die zu erfüllen sie bereit ist gegenüber jedem Manne, der sie heiratet. Für dieses neue Junge Mädchen etablieren sich Gouvernanten und Erzieherinnen, von denen Stendhal sagt: Viele dieser alten Weiber, die in ihrer Jugend die leichten Sitten Frankreichs von Napoleons Herrschaft übten, dürften sich im Grunde ihres Herzens über die Grausamkeit lustig machen, die sie als Erziehung den jungen Mädchen auferlegen, die im Jahre 1826 sechzehn Jahre zählen. Das Produkt dieser Erziehung beschreibt die gesuchteste dieser Erzieherinnen, Madame de Genlis: Aglae, von einer geistvollen und frommen Tante erzogen, hat den Geist eines Engels, plaudert hinreißend, ohne schwatzhaft zu sein, schreibt wie ein Engel mit einer süperben Schrift und orthographisch wie ich. Sie ist geschickt, zeichnet gut und spielt Piano vom Blatt wie Frau Tourterelle. Diese selbe Madame de Genlis unterrichtet nun, wie sie ankündigt, nicht mehr zwei Personen verschiedenen Geschlechts gleichzeitig, und gibt Anweisungen für eine definitive moralische Bibliothek, in der auf der einen Seite die männlichen, auf der andern die weiblichen Autoren untergebracht und beide durch einen kleinen Zwischenraum dezent getrennt sind. Das ganze neunzehnte Jahrhundert hindurch – und länger noch in den Milieus der Provinz – bleibt dieser Typus des Jungen Mädchens dominierend, dessen wesentlichen Charakter, die körperliche Integrität, man mit den Worten umschreibt, die nicht jene Brutalität besitzen wie das Wort Jungfräulichkeit, das auszusprechen man sich scheut. Der Typus ist eine Schöpfung des Mannes dieser Zeit, der für seinen schwierig erworbenen und ihm als höchstes Gut erscheinenden Besitz legitime Erben in der Ehe wünscht, Kinder, die mit aller Garantie von ihm stammen. Dies zu erreichen, ist er für alle Mittel zu haben, welche die Erfahrung als solche, die die Jungfräulichkeit erhalten, erwiesen hat. Dem Wunsch des Mannes, daß das Mädchen, das er zur Gattin nähme, diesem seinem Ideal entspreche, folgte vom Mädchen her, das ja geheiratet sein wollte, restlose Erfüllung. Und damit war, durch die Erbfolge, die Bildung der großen bürgerlichen Vermögen gesichert. Mit dem Verfall dieser Vermögen, der zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts einsetzte und sich in den Weltkriegen vollendete, beginnt auch der Typus des Jungen Mädchens sich zu ändern: es entflieht einer Zucht, die das ehemals sichere Ziel der standesmäßigen Heirat nicht mehr garantiert. Da aller andere Besitz unsicher geworden ist, ist es auch der Besitztitel des Mannes auf die Frau. Sie spürt die Hand des Herrn nicht mehr. Wird immer mehr eine Freigelassene. Sie verliert ihr meist nur nominelles Sklaventum, bei dem sie herrschte. Sie stürzt sich ein bißchen verzweifelt in ihre Freiheit. Die romantische Liebe In der antiken Welt liebt nur die Frau, nicht der Mann. Der Mann entzieht sich diesem passionellen Gefühl durch die Flucht, wenn es ihm in einer Frau nahekommt. Vergeblich bemüht sich Calypso, Ulysses zurückzuhalten, und die alte Literatur ist voll verlassener Frauen: Dido, Ariadne, Medea, Phädra. Sie verschwärmen sich in Monologen. Die einzigen Liebesgedichte der Antike, die ein stärkeres Gefühl ausdrücken als das sinnlich-leibliche Verlangen, wofür das sogenannte Hohe Lied ein Beispiel, sind Gedichte einer Frau und um eine Frau: die Verse der Sappho an ihre Geliebte. Mit dem leiblichen Besitz der Frau hat der Mann sein Ziel erreicht, und seine Liebe ist meist zu Ende. Mit der Hingabe der Frau an den Mann beginnt für die Frau erst die Liebe. Für den Mann eine partikulare Funktion seines Lebens, ist für die Frau die Liebe das Gefäß, in das sie ihr ganzes Leben schüttet. Die Ausgestaltung der Liebe in seelische Tiefen und Höhen ist allein das Werk der Frau, die ihr ganzes Leben daransetzt. So sind die Variationen der Liebe, als von der Frau bestimmt, jeweilig abhängig von der Stellung, welche die Frau in der menschlichen Gemeinschaft einnimmt. In der ritterlichen Minne des XII. Jahrhunderts hat die Frau gegen den Mann die erste Position ihrer Liebe erobert: sie fordert und erhält den Dienst des Mannes, außerhalb der normierten Ehe, die nur die Unterordnung kennt. Zwischen Ehegatten kann die Liebe nicht sein, entscheiden die Liebeshöfe. Gegen die Dauer eines Liebesgefühles beim Manne remonstriert als letzte herrische Geste die Renaissance der Don Juan, um dafür von den Frauen, die sich mit den himmlisch-kirchlichen Mächten verbunden haben, in die Hölle befördert zu werden. Was ja nicht ausschließt, daß sie seiner im heimlichsten Gebete gedenken und von ihm zu träumen wünschen. Aber gegen die Hölle siegt der Mann des folgenden Zeitalters milderer Sitten, indem er die Frau überzeugt und dafür gewinnt, daß das Spiel der Liebe, das jouir, größere Annehmlichkeiten biete als die Leidenschaft der Liebe. Das achtzehnte Jahrhundert kennt, übt und will nichts als das Vergnügen mit allen Garnierungen des Geistes, den es in den Dienst dieses Vergnügens zieht. Die Unsicherheit des Besitzes, der um die Mitte des Jahrhunderts lebhaft zu wechseln beginnt, macht sich im Erotischen merkbar. Casanova gewinnt ebenso mit seiner Börse wie mit seiner Statur. Aber Rousseau , dem weder das eine noch das andere zur Verfügung stand, muß bei jenen Frauen sein Glück suchen und finden, denen die Gefühle, die Sentiments, von größerer Wichtigkeit sind als die Sinne. Von nun ab ist die Liebe als Leidenschaft etabliert. Gleichzeitig mit der Romantik auftretend und ihren Wortschatz gebrauchend, heißt diese Liebe als Leidenschaft auch schlechthin die romantische Liebe. Die Liebe, die nur genießt und nicht Leiden schafft – der frivole Stil –, wird als Nicht-Liebe entwertet. Mit dieser ausschließlichen Betonung des Gefühlsmäßigen, Leidenschaftlichen ist ein neuer und ein durchaus weiblicher Modus aufgestellt, dem sich der Mann fügt; diesem Modus folgt auch bald die Mode und popularisiert ihn. Das neunzehnte Jahrhundert wird in seiner Liebeshaltung und Schätzung, in seiner Praxis und seiner Theorie ganz von den Dictamina der Frau abhängig. Das in seiner Zusammensetzung, nicht in seinen Auswirkungen, sehr komplexe Phänomen der romantischen Liebe wird, was für sie sehr charakteristisch ist, in den literarischen Kreisen am sichtbarsten. Denn nicht nur sie zu erleben gilt es, sondern auch sie in die Öffentlichkeit zu stellen. Man gibt ihr das Dekor, die Szene und das Wort. Man wird durch eine große Leidenschaft berühmt. Man kommt zu einer großen Leidenschaft durch den Ruhm. Man liebt beispielhaft für die Nachwelt. Man sitzt Pose nicht nur für den Geliebten, sondern auch für die kommenden Zeiten. Die George Sand , von der Balzac sagt, daß sie eine sehr kühle, ganz zerebrale Natur war, schreibt in einem an Tiraden reichen Liebesbrief an Musset: Nie wird die Welt etwas von unserer Liebe verstehen – sie weiß, daß man einmal die Vorhänge vom Bette wegziehen wird. Womit sich diese Liebe zur großen Leidenschaft schminkt, ist interessanter als der unzweifelhaft vorhandene Rest an wirklicher sinnlicher Liebe. Madame de Staël las als junges Mädchen die Clarissa des Richardson und sagt, daß die Entführung der Clarissa durch den verbrecherischen Helden das große Ereignis ihrer Jugend war. Als sie nach der Restauration nach England kam, fand sie in einem fünfundzwanzigjährigen jungen Lord, was diese Corinna entzückte: lyrisches Genie und öffentlichen Skandal. Die schöne Madame Récamier eroberte Byron mit drei Schlägen ihres Fächers, die derbe und bejahrte Staël mußte schon ihre Seele drangeben. Aber Byron fand das Opfer nicht hinreichend. Sie spricht in Folios. Ihre Werke entzücken mich. Sie auch ... für eine halbe Stunde , bemerkte er. Erst in der Giuccuoli fand er die seiner romantischen Liebe würdige Partnerin. Das Musterbeispiel der romantischen Liebe, bis in die Details dokumentarisch belegt und verdeutlicht, gibt das Paar Musset und George Sand. Die beiden leben zusammen sechs Monate in Paris, ohne daß ihre Liebe von ihnen besondere Auszeichnung erfährt: es ist ein Liebespaar wie alle andern. Dann geschieht etwas, das als Zeichen der romantischen Erkrankung dieser Liebe zu werten ist: man wechselt die Dekoration, geht nach Venedig, verspricht sich davon neue Emotionen. In Venedig taucht der Dritte auf: bei Tag weint die Sand an der Schulter Mussets, des Nachts seufzt sie an der Brust des Arztes Pagello. Balzacs, des Zeitgenossen, Zeugnis, daß die ihrer selber wenigst sicheren Frauen die für die Liebe unsinnlichsten Frauen seien, ist aus der Sand gewonnen, die an ihren Leib nicht denkt und ihn hingibt im Augenblick der sentimentalen Exaltation, während die sinnlichen Frauen den Wert ihres Leibes kennen und nicht bloß so nachgeben. Aber die Unsinnlichkeit der Sand und die Anwesenheit und das Mitspiel eines Dritten würden diese Liebe noch nicht als romantische Liebe auszeichnen. Auszeichnend ist vielmehr die romantische Konzeption. Die Romantik gab dem Leidenschaft gewordenen Trieb ein Recht auf seine Freiheit gegen die offenkundige Tatsache, daß der Trieb die größte Tyrannei ausübt und daß alle menschliche Tendenz dahingeht, diese Tyrannei zu brechen, zu einem Kompromiß zu zwingen, einem jeweiligen wechselnden gesellschaftlichen Ideal der Form der Liebe zu entsprechen. Immer an die wie das Leben selber unzerstörbaren physiologischen Tatsachen gebunden, wandeln sich die Formen der Liebe in der größten Mannigfaltigkeit ab in immer neuen Maskierungen des elementaren Triebes, wie solche Masken die mentale und sittliche, die ästhetische und religiöse Haltung der Menschen erzeugt. Die Romantik leugnete diese langsame und kunstvolle Kristallisation der Formen. Sie kassierte die Bedingungen der Liebe und damit diese selber. Sie kassierte die sozialen Bedingungen, indem sie sich, bis ins épater le bourgeois, von der Gesellschaft und deren Sitten und Bräuchen löste. Und sie kassierte die physiologischen Bedingungen, indem sie den Instinkt exaltierte, sich ihm frenetisch hingab. Was die Antike als Krankheit floh oder den Frauen überließ – Paris ist in der Ilias ein Held ohne Adeligkeit –, das, was das Mittelalter als Folge einer Zauberei oder eines Fluches ansah, suchte und feierte die Romantik als die intensivste Offenbarung. Solche Verzehrung durch die Leidenschaft zu erleben, war die Sehnsucht der romantischen Liebespaare, die, vom Beispiel Mussets und der Sand verleitet, ihren ephemeren Liebesaffären des Instinktes die seltene und heftige Passion aufschminkten. Die romantische Liebe wurde Mode gegen alle Schwierigkeiten ihrer Realisierung. Denn ihrer Dauer fehlen zwei Bedingungen: die höchst ausnahmshaft nur auftretende physiologische Spezialisation, welche Verliebte im Zustande dauernder sexueller Spannung läßt, und die Bedingung der sozialen Widerstände, welche die Romantik von ihrer Idee der Liebe durchaus fernhält. So existiert die romantische Liebe nur von Anstrengungen der Imagination, die sich der Realisierung entzieht. Es bleibt nur der Ausweg der Verzweiflung übrig; man liebt nicht die Geliebte oder den Geliebten, sondern – die Liebe. Diese Liebe sieht vom geliebten Objekt ab und wird narzisstisch. Diese Liebe ist nur mehr ein Mittel, durch das sich ein Geschöpf die ästhetische Repräsentation seines eignen Ich im Zustande höchster Bewegtheit gibt. Indem sie ihn quälte und betrog, füllte, wie Musset sagt, die Sand genau die Rolle aus, die er von ihr verlangte. Aber als sich das Paar trennte, das eigentlich nie in der Liebe vereinigt war, beschuldigte es nicht ihr romantisches Ideal der Liebe, sondern Musset die Sand, die Sand den Musset. Der romantische Irrtum im Reiche der Liebesgefühle war, eine Gefühlsweise, die nichts als einen zeitlich bedingten Modus darstellt, für naturgegeben zu halten. – Aber auch der Glaube an das Absurde hat seine Stelle in der Evolution. Stendhal über die Liebe Der Code Civile ist in einem berüchtigt schlechten Französisch abgefaßt, aber Stendhal las, bevor er sich ans Schreiben begab, gern darin, wie er sagte. Was ihn dazu reizte, war der definitorische Charakter juristischer Formulierungen, deren Knappheit, Eindeutigkeit, Latinität. In der romantischen Atmosphäre vieldeutiger und stimmungsbeladener Worte eines im Salon verarmten Französisch war es diesem genauen Geiste, den die Substanz der Leidenschaft erhielt und nährte, um so nötiger, die Mitteilung als eine durchaus räsonable Funktion zu betrachten und als nichts anderes als das, zumal was er mitzuteilen hatte neu war und es ihm daher sehr darauf ankommen mußte, nicht mißverstanden zu werden. Die Neuheit des Mitzuteilenden ließ ihn sogar einen Schlüssel dazu nötig scheinen, den er in dem Buche Über die Liebe gab, das disponiert und formuliert ist wie ein Lehrbuch der analytischen Geometrie. Es ist ein Lehrbuch über die seelische Erkrankung, welche Liebe heißt. Es erschien in zwei kleinen Bänden im Jahre 1822 – bis zum Jahr 1833 waren nur siebzehn Exemplare verkauft von dieser Monographie über eine Krankheit, genannt Liebe, diesem Traktat medizinischer Moral, in dem sich nichts an die Sinne wendet, nichts wollüstige Vorstellungen auslöst . Stendhal hat den Mißerfolg seines Buches, wie auch seiner andern Bücher, vorausgesehen. Die Voraussetzungen, die es von dem Leser verlangte, nämlich die Liebe zu kennen, erfüllte der Leser des Juste-Milieu nicht, in welches das Buch fiel wie ein Fremdkörper. Schon das Wort Liebe wirkt in diesem Milieu der Staatsräte, Baumwollspinner, gewandt spekulierenden Bankiers wie etwas, das an nichts als Ausschweifung erinnerte, und man war außerordentlich korrekt geworden. Das Maximum, das man den Frauen erlaubte, war, für die Corinna zu schwärmen, für Chateaubriands René, für den seraphischen Lamartine. Und mehr erlaubten sich auch diese Frauen selber nicht. Die Frauen waren nicht mehr Mode. In unsern glänzendsten Salons tun die jungen Leute von zwanzig so, als sprächen sie nicht mit ihnen; sie scharen sich lieber um den plumpen politischen Schwätzer aus der Provinz und versuchen, ihr Wort einfließen zu lassen. Die reichen jungen Leute, die ihren Stolz darein setzen, frivol zu erscheinen, um als Fortsetzer der guten Gesellschaft von ehedem dazustehen, sprechen lieber von Pferden und spielen hoch in den Klubs, in die keine Frauen zugelassen werden. Eine tödliche Kälte scheint die Beziehungen der Jugend zu den fünfundzwanzigjährigen Frauen zu beherrschen, welche die Langeweile ihrer Ehe in die Gesellschaft treibt. Man verstand um so weniger, was Stendhal mit seiner Liebe wollte, als er ganz unmodern schrieb. Denn er machte die Romantisierung der Sprache nicht mit; es genügte ihm für das von ihm zu Sagende die Sprache Montaignes. Und in seiner ganzen Denkhaltung achtzehntes Jahrhundert, stand er gegen den frömmelnden Sentimentalismus, in den die Gesellschaft nach den militärischen Brutalitäten der napoleonischen Kriege gefallen war. Mit einem Satze wie: Man muß sich seine eigne Moral machen , mußte er sehr gegen seine Zeit verstoßen, die solche Extravaganzen höchst unmoralisch fand. Wie den Ausspruch, daß die Keuschheit eine komische Tugend sei. Wo man eben dabei war, die Ehe auf die Liebe und diese auf die Keuschheit zu gründen. Stendhals Begriff der Liebe, auf die Gewalt der Leidenschaft, auf das Unglücklichsein aus Liebe, auf das Kranksein davon gestellt, mußte einer Gesellschaft fremd bleiben, die sich gerade aus ihren Schwächlichkeiten zu bilden und Stärke zu geben begann. Wie kam er zu diesem Begriff der Liebe? Der junge Beyle kommt nach einer freudlosen Kindheit, die ihn ganz auf sich selbst wirft, nach Paris, voller Erwartungen, für die ein großes Selbstgefühl ihn rüstet. Aber man übersieht ihn in der Gesellschaft, wenn man ihn überhaupt sieht. Er fällt weder durch Schönheit auf, noch durch Witz, noch durch Namen, noch durch Ruf. Er aber möchte faszinieren, geliebt werden, bestaunt, beneidet. Das zu sagende Wort fällt ihm immer erst später ein. Er kommt in die kritische Situation, entweder sich zu überwerfen oder die Umgebung zu unterwerten. Er entscheidet sich lieber für das letztere, denn er ist fünfundzwanzig alt und beginnt, Paris und die Franzosen zu verachten. Ihr Wahn, ihre Eitelkeit, ihre Angst, lächerlich zu erscheinen, sind ihre Kardinaluntugenden. Der junge Beyle wählt trotzdem alle Mittel, sich zu behaupten. Er spielt den verfluchten Kerl und fällt noch mehr durch. Das napoleonische Abenteuer erlöst ihn endlich. Es bringt ihn nach Italien, nach Wien, nach Deutschland, Rußland: die Fremde gibt dem Fremden die Möglichkeit, sich zu geben, wie er ist und sein will; kein gesellschaftliches Konvenü bindet ihn. Er genießt. Das kurze Abenteuer schließt sich. Es hat ihm die innere Freiheit eingetragen. Aber er bleibt bis an sein Lebensende ein vagabundierender Mensch, der auf zwei Koffern lebt, ohne leben zu wollen. Kümmerlich, arm fast, verbraucht er sein um eine geringe Rente vermehrtes kleines Gehalt als Konsul in dem Rattennest Civita Vecchia, dem päpstlichen Bagno. Seine Bücher liest kaum wer. Sehr spät genießt er lächelnd Balzacs Begeisterung und Mißverständnisse. Von den zehn geliebten Frauen seines Lebens, dessen kavalleristische Devise der Frau gegenüber ist: Nimm sie! , betrügen ihn drei, was er als richtiger imaginativer Liebhaber, der er ist, hinnimmt nach der gespielten Szene des Bruches, die er für schicklich hält und weil sie zum Komplex Liebe dazugehört wie der Nachtisch zu einem Souper. Er bekommt einen kleinen Bauch. Den kahlen Vorderkopf deckt eine Perücke. Eine galante Krankheit schafft ihm Beschwerden. Er hat keinen Freund. Er ist einsam. Das heißt, er lebt den Reichtum seiner hundert Leben, denen er hundert Pseudonyme gibt. Er spricht mit sich selber, er schreibt zu sich selber von sich: Wer war ich? Wer bin ich? Ich wäre in großer Verlegenheit, es zu sagen. Und: Ich gelte für einen Menschen von viel Geist und ohne jede Empfindung. Und sehe, daß ich immer nur mit unglücklichen Lieben beschäftigt gewesen bin. Er stellt fest: Ich hab sehr wenig Erfolg gehabt , er meint bei den Frauen, aber auch bei den Menschen, um gleich zu bekennen: Nie habe ich den Gedanken gehabt, daß die Menschen ungerecht gegen mich waren. Nie habe ich geglaubt, daß die Gesellschaft mir das geringste schuldet. Die Gesellschaft zahlt die Dienste, welche sie sieht. Die Ehrlichkeit Stendhals zu sich selber, höchstes Ergebnis seiner eminenten Vorurteilslosigkeit, ist ohne jedes Pathos und hat eher eine ironische Farbe. Sie ist nicht ein Prinzip, sondern Notwendigkeit vitaler Erhaltung, korrigiert von starker Intelligenz und Lebenskenntnis. Er konnte nicht leben wie er wollte, und schuf sich die eingeborne Energie das imaginierte Glück. Beyle machte Stendhal aus sich. Er war ein junger Mann von sechzig, als er starb. Als er zweiundfünfzig war, sagte er ganz richtig, er sei zweimal sechsundzwanzig Jahre alt. Er gab damit eine Definition seines Charakters. Alle Helden seiner Romane sind Jünglinge. Er verläßt sie desinteressiert, sowie sie ins Mannesalter treten. Er schrieb immer sein Leben als junger Mensch, denn er wurde nie vernünftig . Auf der polytechnischen Schule war der junge Beyle ein glänzender Mathematiker aber er sagte sich den Satz der Julie zu Jean-Jacques in Umkehrung: Lassen Sie die Mathematik und weihen Sie sich den Frauen. Er hat zu Bekannten oft diesen Satz wiederholt, als den Start seines Lebens, dem er später die Formel gab: Nie gegen eine Frau etwas tun, das gemein oder brutal aussehen könnte, gegen eine Frau wohlverstanden, die wirklich, und das heißt gefährlich, eine Frau ist. Das bestimmte alle seine Vorlieben und Einstellungen. Der ein Buch über Rossini schrieb, für Mozart und Cimarosa schwärmte, war eigentlich unmusikalisch. Die vokale Musik, das Singen der Arie: er konnte feststellen, daß es das erotische Glücksgefühl glücklicher oder unglücklicher (was dasselbe ist) Liebe steigert. Die Musik war ihm nur erotisches Mittel. Nicht anders die Malerei. Nicht anders das unbeschwerte Leben. Widerwärtigkeit, weil das frenetische Gefühl der erotischen Elevation schwächend oder störend, waren ihm Plumpheit, Sentimentalismus, Esprit. Die Frauen, die Stendhal liebte, waren immer nur Vorwände, die eigene Liebe zu genießen und in ihr sich selber zu erfahren. Die Liebe befreit. Sie hebt das Zufällige auf, treibt den wesentlichen Charakter des Mannes hervor. Stendhals Leben (und Schreiben, was dasselbe ist) war Selbsterziehung durch ein außerordentliches Regime, dem er sich unterwarf: das der Liebe. Ich stelle zwei Sätze nebeneinander: Um ein guter Philosoph zu sein, muß man trocken, klar, ohne Illusion sein. Und: Ich tat das Möglichste, um trocken zu sein. Ich befehle meinem Herzen Schweigen, das glaubt, viel zu sagen zu haben. Ich zittre immer, nichts als einen Seufzer aufgeschrieben zu haben, wo ich glaube, eine Wahrheit notiert zu haben. Das steht in Stendhals Buch über die Liebe. Stendhal einen Analytiker zu nennen, hieße ihn eng fassen. Wie bei Nietzsche , dem sich die Mauern nach innen bogen und zusammenstürzten. Stendhals Analyse der innern Welt ist ihm feinstes Werkzeug seines Willens zur äußern Welt, sagen wir zu Form, Oberfläche, Schönheit, Kraft, virtù. Seine Analyse führt ihn weder zur Sonderung noch zur Anklage, wofür beides er praktische Anlässe genug gehabt hätte. In bezug auf Liebeseroberungen sagt er von sich: Die Sache glückt unter zehnmal einmal, und sie verlohnt die Mühe von zehn Abweisungen. Er rächt sich nicht, indem er eigene Ungenügendheiten verleugnend andere dafür verantwortlich machte, wie sie oft Nietzsche. Stendhal vereinigte Gegensätzliches in einer Person: Scharfsichtigkeit des analytischen Verstandes, der das verborgenste Dunkel seelisch-emotionalen Lebens ans Licht der obern Welt bringt (also nie lyrisch-romantisch verundeutlicht), und ein zur Frenesie gesteigertes Leben in der Liebe. Die Gegensätzlichkeit kann nur eines zusammenbringen: das Schreiben. Die Feder begleitet dieses Leben ohne Aussetzen. Hier wird nie dichterisch geschwindelt. Er ist hartnäckig einseitig, nämlich ich-seitig. Stendhal war seinen Zeitgenossen ein eher komisch als ernst zu nehmender Herr von zweifelhaftem Ruf, der schrieb, was niemand las, weder ein Milieu schuf noch sich in eines einpaßte, da und dort und nirgendwo lebte, teilnahmslos schweigend in einer Ecke saß oder wie ein Toller in Reden exzedierte, den Narren spielte und ein Feuerwerk abbrannte. Dieser Mann gab sich nicht das in der Gesellschaft Wichtigste: Würde. Er kannte seinen Wert, sowie, daß niemand um seinen Wert wußte. Das verdüsterte ihn nicht, verbitterte ihn nicht. Die Widmung seiner Bücher: To the happy few, ist die ganze Reaktion dagegen. Stendhal war der Zeitgenosse der ersten Romantik, fünfzehn Jahre jünger als Chateaubriand , sieben älter als Lamartine . Er hat nichts mit dem erotischen Kanon der Schule zu tun. Für die romantische Liebe des Pagen Musset zur mütterlich-hitzigen George Sand hat er eine Grimasse. Man muß sich in allem von der Lo-Gik leiten lassen , sagt er immer wieder, das Wort Logique durch Trennung der Silben besonders betonend. Logisch muß sich, so wiederholt er, das Glück erreichen lassen, Schritt um Schritt, hat man nur auf die Fakten acht, welche die Welt entgegenstellt, und die taktisch zu umgehen sind. In Stendhals Glücksbegriff ist nichts Materielles oder Sinnliches mehr; er enthält den Elan der Seele, die Gefahr, den Einsatz der ganzen Person. Er hat weder mit der Tat etwas zu tun – er liebte den Napoleon von Marengo, nicht den Kaiser – noch mit dem Erfolg. Wer um dieses Glückes willen lebt, muß auf das, was die Welt Vergnügen nennt, verzichten. So leben die Gegensätzlichkeiten in diesem Mann: die Ambition, dem Denken alles zu unterwerfen, und die Ambition, das Gefühl triumphieren zu lassen. Es gelingt ihm das Wunder: das Denken schädigt nicht die Leiden, diese entmutigt nicht den Glauben an den führenden Intellekt. Nur die Doktrin hat ein Loch, nicht das Kunstwerk Stendhals. Und das Lebendige jeder Person ist der Widerspruch. Stendhal war siebenunddreißig Jahre alt und in seiner leidenschaftlichsten Liebe, als er den Traktat über die Liebe schrieb, den ersten Versuch einer wissenschaftlichen Psychologie über den Komplex Liebe. Was für ein ganz ungewöhnlicher Verliebter, dem im Zenit seiner Leidenschaft der Gedanke kommt, sich wissenschaftlich exakt sachlich mit dieser Leidenschaft auseinanderzusetzen! Die bisherigen Psychologen der Liebe hatten diese immer als ein einförmiges Gefühl behandelt, das da ist oder nicht da ist, geteilt wird oder nicht. Liebe: das ist für Werther nicht nur, sondern auch noch für die Sand und Balzac eine gegebene, nicht weiter untersuchte Tatsache eines Gefühles; das geteilt wird – glückliche Liebe –, oder das nicht geteilt wird, – unglückliche Liebe. Stendhal hat als erster festgestellt, daß zwei Individuen füreinander als Liebe qualifizierte Gefühle haben können, und daß diese Illusion geteilter Liebe dennoch zu schwersten seelischen Konflikten führen kann. Denn die Liebe hat nicht eine einheitliche Qualität. Stendhal unterscheidet vier Gattungen: die amour-passion, die amour-goût, die amour-physique und die amour-vanité. Alle diese Arten Liebe haben, wie Krankheiten, ihren bestimmten zeitlichen Ablauf, werden geboren, leben, sterben oder erheben sich zur Unsterblichkeit nach denselben Gesetzen ... Es ist ohne Bedeutung, daß Stendhal in diesem systematischen Tableau einiges vergessen hat, wie zum Beispiel den Unterschied von Mann und Frau – wichtig ist, daß er als erster festgestellt hat, daß das Glück der Liebe nicht bloß darin besteht, zu lieben und geliebt zu werden, sondern darin, auf gleiche Weise geliebt zu werden, wie man liebt. Nichts langweilt die amour-goût mehr als amour-passion beim Partner. Für die Liebe aus Geschmack gibt Stendhal das Beispiel Paris um 1760: Alles muß bis in die Schatten hinein rosenfarben sein. Nichts Unangenehmes darf hinein, unter keinem Vorwand. Nichts Leidenschaftliches, nichts Unvermutetes. Mehr Zartgefühl als wahre Liebe. Viel Geist, viel Anpassung. Wenig bleibt von ihr übrig, wenn man dieser Liebe die Eitelkeit wegnimmt: dann ist sie wie ein schwacher Rekonvaleszent, der sich kaum schleppen kann. Die physische Liebe hat die einfachste Definition: Auf der Jagd eine schöne frische Bäuerin treffen, die in den Wald flieht. Die Liebe aus Eitelkeit: Der Mann, besonders in Frankreich, hat oder begehrt eine Frau nach der Mode, wie man ein hübsches Reitpferd hat als notwendigen Luxusgegenstand eines jungen Mannes ... Dabei gibt's manchmal auch physische Liebe, aber auch die nicht immer. Eine Herzogin ist für einen Bürgerlichen nie älter als dreißig Jahre, sagte die Herzogin von Chaulnes ... Liebe aus Eitelkeit begibt sich gern ins Romanhafte. Denn sie ist bemüht, sich große Leidenschaften einzureden. Die Liebe aus Leidenschaft ist die Liebesform heroischer Zeiten, wo der Mensch, von früh auf an alle Gefahren gewöhnt, sich wenig aus Leid, Schmerz und Leben macht. Lieben, das ist gefährlich leben. Stendhal spricht gern von seinem temperament du feu , rät immer zur Attacke, zur Ausnutzung des Momentes – in den Briefen, dort und da in den Tagebüchern. Man könnte ihn nach solchen Äußerungen für das halten, was man einen tollen Draufgänger nennt. Aber das Gegenteil ist der Fall. Er verwechselt im völlig guten Glauben die Erregungen seiner Phantasie mit den Verwirrungen seiner Sinne. Der Kuß, den er denkt, den er erwartet, erregt ihn stärker als der Kuß, den er bekommt. Was er Liebe aus Leidenschaft nennt, hieße richtiger Liebe aus Phantasie. Vielleicht war er ein Furchtsamer. Vielleicht ein ewig Junger . Der Jüngling träumt von der kühnen Tat, die er sich zutraut, die er aber, entsprechend der Furchtsamkeit und Ungeschicktheit seines Alters, nur träumt und nie riskiert. Stendhal, der sein Leben lang an Frauen gedacht hat, hat fast immer nur an sie gedacht. Er wollte alle Hindernisse nehmen, das Glück bei der Stirnlocke greifen, wie er es seinen Freunden rät. Im Braunschweiger Tagebuch schreibt er sich auf: Ich sehe durch die Erfahrung eine Wahrheit, von der mich meine Trägheit wegbringt. Nämlich wie nützlich es ist, den rechten Moment zu wählen. Aber sowie meine Imagination erwacht ist, bin ich furchtsam. Er entwirft Pläne wie Valmont in den Liaisons Dangereuses. Sie zergehen in Enthusiasmen beim Anblick der geliebten Frau. Vor dem Kontakt ganz Herr seiner selbst, verliert er seine geliebte Logik vor der Frau über der Furcht und wird, sowie der Kontakt gelöst ist, gleich wieder der kaltblütig Überlegende, wie er es das nächstemal besser machen würde. Er ist ein unübertrefflicher Generalstabsoffizier der Liebe, aber er verliert jede Schlacht. Von allen Frauen, die er liebte, besaß er bestimmt nur eine, die ihn sofort betrügt. Er transformiert das charmante Geschöpf zu einer Heroine, sieht in ihr eine große Dame, sieht nicht oder will nicht sehen, daß das Mädchen nicht einen, sondern vier Liebhaber hat, von denen einer die ganze Wirtschaft bestreitet. Aber Stendhal denkt jeden Tag darüber nach, wie er der Liebhaber seiner Geliebten werden könnte, wie und was er anstellen müsse, um sich unentbehrlich zu machen. Er rechnet sich aus, welche Freiheit er sich erlauben würde. Da tritt sie ins Zimmer, und alles ist vergeblich ausgedacht und berechnet worden, während das Mädchen, wie der Leser der Tagebücher, aber nicht Stendhal, der sie schreibt, merkt, nichts anderes will, als sich diesem zärtlichen, liebenswürdigen und sie so verehrenden jungen Mann gefällig zu erweisen. Aber er verpaßt den Moment, wird lächerlich, lästig. Mélanie zieht sich zurück, will nichts mehr von ihm sehen. Sie nimmt ein Engagement in Marseille an, und Stendhal reist mit ihr dahin. Der Zufall des gemeinsamen Zimmers kopuliert. Er ist glücklich, aber er läßt das reizende Wesen, das ihn nun liebt, wieder nach Paris zurückgehen, ohne Bedauern. Dialogische Intermezzi Die Eifersüchtigen Menalk: Was auf die Erdrosselung der Desdemona folgt, ist als Konzession an einen Begriff der sittlichen Weltordnung ein überflüssiges Anhängsel. Melamp: Gewiß, der seiner unsichere Mohr fällt etwas plump herein. Menalk: Der Mohr ist ein Grobian, der den Vorteil hat, rasen zu können, morden zu können. Das erleichtert. Melamp: Der primitive Mohr äußert sich eben primitiv. Menalk: Schon der kluge La Bruyère wollte die Formen der Eifersucht namentlich unterschieden wissen, weil es wesentliche Unterschiede in ihr gebe. Melamp: Zunächst den Unterschied der männlichen und der weiblichen Eifersucht. Er ist fundamental, glaube ich. Menalk: Bei der Frau ist sie ein Aufschrei des Fleisches. Melamp: Diese Eigenliebe des Fleisches besitzt aber auch der Mann. Menalk: Aber weit häufiger die Frau. Melamp: Es gibt zu denken, daß die eifersüchtigen Frauen immer auf dem Kopfkissen kapitulieren. Der eifersüchtige Mann tut das nie. Menalk: Es scheint bei den Frauen zur Liebe zu gehören, den Mann eifersüchtig zu machen, sein Besitzgefühl zu reizen, um es zu spüren, zu erhöhen, was für die Frau ein Gewinn an Lustgefühl ist. Melamp: In der allgemeinen Anschauung setzt Eifersucht eine große Leidenschaft voraus. Diese falsche Annahme machen sich wohl viele zunutze, um mit Eifersucht eine Leidenschaft vorzutäuschen, die sie gar nicht besitzen. Menalk: Eine heftige Liebe hat eher die schweigend leidende Delikatesse. Melamp: So was Ähnliches meint auch La Bruyère. Menalk: Man müßte feststellen können, woraus sich die Eifersucht konstituiert. Ich glaube, sie entsteht aus dem überscharfen Bild des Betruges, das sich der Eifersüchtige macht, und aus dem Dunkel einer vom Zweifel erfüllten Unsicherheit. Ohne dieses von der Vorstellung bis ins Detail genau herausgearbeitete Bild gerät die Eifersucht nicht in die von ihr verlangte Temperatur, und ohne den gleichzeitigen Zweifel ist sie nur eine leere Wut. Melamp: Ein höchst paradoxer Zustand. Menalk: Der Liebende macht alle Paradoxien wirklich. Melamp: Ich glaube, man kann ihr Abnehmen konstatieren. Menalk: Der Liebe? Melamp: Mit der Liebe auch das Abnehmen der Eifersucht. Obgleich viele Männer ungeheure Anstrengungen zur Eifersucht machen. Menalk: Zuweilen sogar mit Erfolg. Melamp: Die Sache ist in die unteren Stände gerutscht, wo Vitriol und Revolver Argumente des Gefühles werden. Unsere Welt liest ein bißchen erstaunt davon in den Zeitungen. Menalk: Und den Othello sieht man sich an wie einen versteinerten Saurier. Melamp: Die Zeiten der verbotenen Fehltritte sind eben vorbei. Heute verbirgt eine Frau eher ihr Herz und ihre Treue als ihre Laster und Fehltritte. Menalk: Die Anständigkeit der Frau ist eine konstante Größe. Sie verschwindet nicht, sondern wechselt nur die Stelle. Melamp: Niemand entzieht sich gern mondänen Verpflichtungen. Die Frau am allerwenigsten. Menalk: Mir fällt ein, daß die Eifersucht nur eine berühmte Tragödie, aber unzählige Komödien gefunden hat. Melamp: Es gibt ja auch viel mehr Komödien der Liebe als Tragödien. Der Wahn, der einzige zu sein, liefert weit mehr komische Effekte als tragische. Menalk: Der einzige zu sein und der erste! Die unschuldigsten Augen – wissen wir, was auf ihrer Tiefe liegt, auf ihrer Untiefe? Alles ist ausgelöscht, sagt die Frau, die geliebt hat und liebt, und sie ist ganz ehrlich, wenn sie das sagt und zu einem andern Mann später wiederholt. Aber löscht irgendwas wirklich aus? Melamp: Sie sind moros, lieber Menalk. Haben Sie Grund dazu? Sollten Sie eifersüchtig sein? Menalk: Was für eine Frage! Nina gibt mir nicht den geringsten Anlaß dazu. Warum sollte sie mir auch untreu sein? Melamp: Ich kann Ihnen, soweit es meine Lisa betrifft, die Frage nur zurückgeben. Aber wir wollen es uns nicht verhehlen: wir sind Ausnahmefälle. Menalk: Wie Nina. Melamp: Wie Lisa. Das Verbrechen aus Liebe Menalk: Glauben Sie diese Behauptung, daß denen das Herz austrockne, die sich nur der groben Sinnenlust hingeben? Melamp: Ich halte das für eine falsche Prognose der Moralisten. Menalk: Aber historische Beispiele ... Melamp: Alle Historie trügt und wird durch die Verbrechen aus Liebe widerlegt, deren Heldinnen Frauen sind, die nur eine ganze kurz dauernde Treue kennen. Menalk: Was weder hindert, daß solche Frauen lieben, noch daß sie geliebt werden. Melamp: Und wie oft mit einer Eifersucht, die bis zum Morde führt! Menalk: Ja, es kann über solche Frauen plötzlich die Liebe kommen ... Melamp: Wie über das junge Mädchen, das sich sieben Jahre lang prostituierte. Plötzlich stürzt sie in eine Liebe, die nichts als stärkstes Gefühl ist. Menalk: Und ein anderes junges Mädchen, sieben Jahre lang auf nichts als Gefühl von Eltern, Lehrern, Lektüre erzogen, bewahrt und gehütet vor jedem Risiko der Sinne, kommt an den Mann, glaubt zu lieben, heiratet, bekommt Kinder, und bei all dem sind weder die Sinne noch das Gefühl engagiert ... Melamp: Weil weder von dem einen noch von dem andern Merkbares da ist. Die geschlechtliche Freiheit müßte die erste, weil wichtigste Forderung der Frau sein. Diese Freiheit bedeutete ja nicht Zügellosigkeit. Menalk: Für die Liebe haben Sie mit Ihrer geforderten Freiheit gewiß recht. Melamp: Wenn die Liebe eine ständige Wahl ist, dann verlangt sie eine ständige Freiheit, denn ohne sie gibt's keine Wahl. Das heutige Mädchen weiß das. Menalk: Heiraten sich heute zwei wirklich aus Liebe, so wird das von der Welt wie eine ganz ungewöhnliche Überraschung notiert. Melamp: Die Ehe ist keine überraschende Institution, Gefühle können ihr nicht gut tun. Menalk: Die Welt prophezeit ja auch den Liebesheiraten alles Unglück, und meist prophezeit sie ganz richtig. Melamp: Der Ehebruch tritt alsbald als der korrigierende Faktor auf. Menalk: Aber der Ehebrecher ist entweder selbst verheiratet oder wird einmal heiraten. Natürlich nicht die Frau, die er ehebrecherisch liebt, sondern eine andere. Melamp: Danach wären also der Ehebruch, der Betrug und die Lüge notwendige Bestandteile der modernen Liebe. Menalk: Sie sind notwendig für das Irreguläre, welches die gefühlsmäßige Liebe charakterisiert. Melamp: Sie gebrauchen da die Bezeichnung das Irreguläre der Liebe ... Menalk: Mangels eines bessern Wortes, lieber Melamp. Diese Liebe ist immer ein Element sozialer Auflösung gewesen und geblieben, denn ihre Tendenz ist die Zerstörung der normalen natürlichen physiologischen Vereinigung. Ich meine das natürliche Paarungsgesetz, ohne den tragischen Zusatz der Passion. Erst das Passionato der Renaissance brachte die Ehre als (Mit)-Gift in die Ehe und damit den tragischen Ehebruch. Besonders die französische Romantik steigerte das verletzte Ehrgefühl bis zu dem Metzgerruf: Töte sie! , um sich an der Moral einen Rausch anzutrinken. Der Selbstmörder aus dem Affekt der Liebe ist im intellektuellen Sinn ein Feigling. Melamp: Vielleicht auch im erotischen Sinn. Menalk: Auch da. Er entzieht sich einer Situation, die lösbar ist, durch die Flucht in den Tod. Melamp: Es wäre also zu formulieren, daß gerade die Liebe als ein Zustand höchster Unklugheit größte Klugheit der in diesem Zustand sich befindlichen Individuen verlangt. Menalk: Was zu beweisen ist. Das junge Mädchen Das junge Mädchen von 1830 ist das Produkt der späten Heirat, diese der Effekt einer wirtschaftlichen Umgestaltung, welche Vermögen, Einkommen, Mitgift, Hinterlassenschaft auf ganz andere und weit unsicherere Voraussetzungen gestellt hat, als das achtzehnte Jahrhundert mit seinen bestimmten sozialen Cadres sie kannte. Die Wahl des Gatten ist nun für die Eltern schwieriger geworden, denn die wirtschaftliche Situation des Mannes beginnt erst von seinem dreißigsten Lebensjahr ab jene Sicherheiten zu verheißen, die zur Gründung einer Ehe für notwendig erachtet werden. Das Mädchen muß warten. Es muß fünf, sechs und mehr Jahre seines Lebens, in denen es seiner Natur nach nichts anderes denken kann als die Liebe, auf den Mann warten. Nicht mehr in einem Kloster, sondern mitten in der Welt und allen deren Reizungen ausgesetzt. Dagegen das Mädchen zu schützen, es für den künftigen Mann intakt zu bewahren, wird nun schwierige Aufgabe der Eltern. Aber rasch bildet sich ein sehr merkwürdiges System der Erziehung aus, dessen Tendenz ist, das junge heiratsfähige Mädchen über die Wünsche seiner Natur zu täuschen, sie ihm zu verbergen, sie ihm zu ersetzen. Das junge Mädchen wird zur Bescheidenheit, zum Gehorsam, zur Pflicht erzogen in einer Mischung von platter Vernünftigkeit und vager Sentimentalität. Es erwirbt dazu auch noch alle Kenntnisse, die eine gute Magd braucht, einem Herrn und einem Hause zu dienen, ohne zu murren. Häuslich erzogen zu sein, wird als ein Gut in die Mitgift eingestellt. Auch Bildung. Um diese ungefährlich zu machen, beginnt eine Säuberungsarbeit an allem vorhandenen Kulturbesitz auf das engelgleiche Idealgebilde des jungen Mädchens hin, das über sein sinnliches Leben und daß es so etwas gebe getäuscht werden muß. Daß Goethe Frau von Stein nur ganz idealisch und schicklich geliebt habe, wurde nicht nur unterrichtet, sondern von den Lehrern auch überzeugt vorgetragen. Das junge Mädchen lernte eine Geschichte der Künste, die in dem reinen Raffael gipfelte. Eine Geschichte der Dichtung, in der die Minnesänger schwärmerische Ritter waren, die zum Preise der Frauenreinheit die Harfe schlugen. Das junge Mädchen hatte, trotzdem es nicht wissen konnte und auch nicht wissen durfte, wessen es sich als Mädchen ohne Unterleib schämen sollte, schamhaft zu sein. Enorm war, besonders in England, die Produktion an Romanen, die, als Lektüre für das junge Mädchen geschrieben, diesem eine Welt als existent vorstellten, in der man nur mit den gelehrten und geübten Tugendhaftigkeiten und Vorzügen sein Glück machen könne, das nirgend anderswo zu finden sei als in der Ehe, bei deren idealischer Ausmalung mit den süßesten Farben um so weniger gespart zu werden brauchte, als man der Sittlichkeit willen auf den Kontrast eines dargestellten Gegenteils von vornherein verzichtete. War in dieser Literatur schon einmal von einer andern Liebe als der ehelichen oder jener, welche der sichern Ehe vorausgeht, die Rede, dann nur sehr allgemein als von einer Sittenverderbnis, die nicht nur das Unglück und die Verzweiflung, sondern vor allem auch die göttliche und menschliche Verachtung und Bestrafung in sich trüge. In den protestantischen Ländern dauerte es weit länger als in den katholischen Ländern, wie Frankreich, bis sich gegen diese Literatur eine andere stellte, die keine Rücksicht auf das junge Mädchen und dessen Schamgefühl nahm. Diese Literatur glaubte die Männer als Leser zu haben, aber sie hatte auch diese nicht, denn sie erhoben sich, Väter von jungen Mädchen, die sie waren, als Staatsanwälte, um die Fleurs du Mal ebenso der Unsittlichkeit anzuklagen wie die Madame Bovary . Das neue Element in der Struktur der Familie, das junge Mädchen, hatte nicht nur den sittlichen Habitus der Familie geändert, sondern auch die sittliche Physiognomie der Gesellschaft: man mußte seinem eigenen Trug erliegen, da man sah, wie er das gesamte gesellige Leben durchdrang und formte. Aus einem ganz ideologischen Gebilde war eine Realität geworden. Der Wunsch des Mannes nach seinen eignen Kindern billigte jedes Mittel, welches die Jungfräulichkeit und damit einen wesentlichen Teil der Heiratsfähigkeit des jungen Mädchens garantierte. Wie immer auch die Unterschiede in den Familien sein mochten, sie besaßen alle die gleiche Moral, die sich bis auf die Worte, die man brauchte, erstreckte. Denn dieses engelhafte Wesen durfte, konnte kein Hinterteil, sondern nur Hüften, keinen Busen, sondern nur eine Taille haben, durfte höchstens stark sein, aber nicht dick. Es brauchte hundert Jahre, bis das junge Mädchen wieder zu seinen Körperteilen kam, um im selben Augenblick als das junge Mädchen zu existieren aufzuhören. Es war ein schmerzensreicher Weg, auf dem das junge Mädchen von 1830 seine zerbrechlichen Engelsflügel allmählich verlor. Es mußte durch vier Generationen Weib werden, um in jeder Generation um ein Stück mehr zu erfahren, daß es als junges Mädchen auf eine nicht existente Welt vorbereitet wurde, die nur einem bestimmten Wunsche und dem schlechten Gewissen des Mannes entsprang, der auch verheiratet alles aufbietet, diese Scheinwelt als die wahre Welt zu behaupten, wenn auch nicht in seinem privaten, so doch in seinem öffentlichen Leben und in seinem Urteil. Diese heuchlerische Atmosphäre, in der das junge Mädchen gehalten wurde, legte sich über die ganze Gesellschaft. Die neue Idolatrie des Staatswesens gab dem Manne dieses Jahrhunderts die Würde des Staatsbürgers, in der er sich gefiel wie in keiner andern. Das gab auch seinem Gattentum ein besonderes Gesicht und eine ideelle Überlegenheit über das junge Mädchen, das er geheiratet hatte. Diese jungen Mädchen unterschieden sich nur graduell in der Fähigkeit, sich dem Gatten zu unterwerfen und die Ehe, welche für sie allein die Liebe einschloß, als ihr Schicksal hinzunehmen und zu tragen. Das junge Mädchen ist fünfundzwanzig Jahre alt geworden und wird geheiratet. Sie ist schon froh, überhaupt einen Mann gefunden zu haben. Denn die Angst, als alte Jungfer lächerliche Figur zu werden, war unerträglich. Von dieser Angst befreit nimmt sie dankbar, was man ihr gibt, und gibt, ohne auf Dank zu rechnen, was man von ihr fordert. Sie wird oft die ohne Lohn dienende Magd, die freudlos ihrem Herrn die Kinder gebiert. Mit dreißig ist sie fast eine alte Frau, kaum mehr als weibliches Wesen vom Manne, auch vom eigenen nicht, beachtet. Keinerlei sinnliches Leben setzte bei diesem Typus irgendein differenziertes seelisches Leben in Bewegung und Nahrung. Ein anderer Typus der Frau des Juste-Milieu ist die Resignierte. Die Umarmung des Mannes, der ihr zum Gatten bestimmt wurde, erlitt sie, wie überhaupt die Wirklichkeit, als einen brutalen Akt, dem sie sich in der Folge möglichst zu entziehen sucht. Das Poetische erfüllt diesen Typus so sehr, daß er sich in der prosaischen Welt eine besondere Stellung arrogiert. Fällt es dieser Frau ein, die endlose Stickarbeit mit der Feder zu vertauschen, wird sie endlos Romane für das junge Mädchen häkeln. Das junge Mädchen, dem das Vergnügen der Sinne als das sittlich Böse, als die Sünde dargestellt worden war und das mit diesem Sinnlichen als Frau eines nicht geliebten Mannes nicht zurechtkommt, sucht und sehnt sich nach dem Helden der Zärtlichkeit, der Freundschaft, der leisen Bemutterung. Die George Sand erzählt in einer Novelle die Geschichte einer vornehmen Dame des ancien régime, die einen ihr unangenehmen Mann hatte heiraten müssen. Gänzlich unvertraut bei aller Jugend und Schönheit mit der Liebe verliebt sich sie in einen kleinen heruntergekommenen Schauspieler, der ihr von der Bühne herab als das Ideal poetischer Männlichkeit erscheint. Außerhalb des Theaters erschrickt sie etwas über die Wirklichkeit dieses jungen Mannes, der von ihr träumt. Nach der Vorstellung erwartet sie zum ersten Rendez-vous ihren Helden, der sich in der Eile weder abschminken noch sein Kostüm wechseln konnte. Sie hat sich zur Ader lassen müssen und ist ein bißchen schwach. Der Schauspieler ist ganz Rolle: er liebt, aber voll Ehrfurcht, mit Tränen in der Kehle. Sie liebt, aber voll Ehrbarkeit mit Tränen in der Nase. Es ist eine außerordentliche Stunde voll großer Leidenschaft, die ihre Höhe darin erreicht, daß die Marquise dem vor ihr Knienden einen reinen Kuß auf die Stirn drückt. Glauben Sie nun an die Tugend im achtzehnten Jahrhundert? schließt die alte Dame ihre Erzählung. Und ihr Zuhörer antwortet: Ich würde mir, wäre ich weniger gerührt, die Bemerkung erlauben, daß es sehr verständig von Ihnen war, sich vor diesem Rendez-vous einen Aderlaß zu verordnen. – Ihr groben Männer , ruft die Marquise, ihr versteht doch nie etwas von Herzensgeschichten ! Aber was diesen Ausruf erklären und den keuschen Kuß auf die Stirn rechtfertigen könnte, mag ein Satz in einem Roman der Sand sagen, den sie von dem Gatten einer unbedeutenden Frau aussprechen läßt. Dieser ideale Gatte entschuldigt den Ehebruch seiner kleinen Frau: Kein Mensch kann seiner Liebe befehlen. Was das Weib erniedrigt, ist die Lüge. Was sie zur Ehebrecherin macht ist nicht die Stunde, die sie ihrem Liebhaber zugesteht, sondern die Nacht, die sie darauf mit ihrem Manne verbringt. Dieser Jacques bestraft seine ehebrecherische Frau nicht, um sich nachher wieder in der Umarmung mit ihr zu versöhnen. Jacques räumt den Platz. Er hat Takt und Philosophie. Die Sand heiratete mit achtzehn Jahren den Landjunker Dudevant, bekam zwei Kinder von ihm und hatte drei Jahre später genug von Gatten und Ehe. Sie war einunddreißig, als nach einem durch zehn Jahre geführten Prozeß ihre Ehe geschieden wurde. Der Gatte konnte bereits seine Frau der Verfasserschaft unzüchtiger Bücher bezichtigen, aus denen hervorgehe, daß sie in die Geheimnisse der niederträchtigsten Ausschweifungen eingeweiht sei , denn 1831 hatte sie ihren ersten Roman veröffentlich unter dem Pseudonym Sand, das sie sich aus dem Namen ihres ersten Liebhabers Sandeau geschnitten hat. Sie war, mit vielen Männern liebend beschäftigt, dabei, ihre Geliebten in ihren Büchern zu begraben, die so wie die Friedhöfe sind. Zu Mérimée sagt sie am ersten Abend einladend: Komm, Prosper, du wirst sehen, meine Seele ist unverdorben. Sie entschleierte, als letzte Ressource, eine reine, keusche Jungmädchenseele. Da sie aber nicht mehr in dem Alter war, bekam diese Seele, in breite Formen eingebettet, etwas Mütterliches. Ihr fataler Geschmack ließ sie immer Männer suchen, deren rasche Ermüdung stärkere Reize brauchte, als sie geben konnte. Sie schrieb in den Pausen ihre Romane und fand für die Geliebten, die litten und klagten, die passenden Worte nicht. Ihr erotisches Vokabularium war das einer pflegenden sorgenden Mutter. Sie nannte ihre Geliebten Kindchen , Chopin auch einmal mein teurer Leichnam . Aus ihrem erotischen Versagen gewann die Sand die Notierung von der Schlechtigkeit der Männer. Das Blut, das sie aus ihren Geliebten saugte – es war dünn –, wandelte sich in ihrem Munde sofort zu Tinte. So konnte sie nie sagen, wie das Blut schmeckt, und machte aus der Liebe Literatur, viel gelesen von Frauen, die als junge Mädchen präpariert worden waren, sich an einem Idealbild der Liebe über die Trümmer ihrer Wirklichkeit zu trösten oder ihrem Ehebruch daraus eine Weihe zu geben. Eine Zeit, deren Stich- und Kennwort Bereichert Euch! war, engagierte die Energien und Phantasien der Männer auf einem ganz andern Gebiete als dem der Liebe und weit intensiver, als dies es je vermocht hatte. Man verausgabte als gut bürgerlicher Mann in Geschäften an diese Angelegenheit der Liebe nicht mehr, als daß man ein junges Mädchen aus guter Familie heiratete, Kinder bekam und, wenn es schon durchaus sein mußte, sich für die mangelnden Reize der Frau bei einem gefälligen Mädchen heimlich entschädigte. Deren es mit jedem Tage mehr gab. Denn mit den konventionellen Ehen nimmt die Prostitution zu als deren Korrektur. Der anämischen Zerbrechlichkeit des gerade noch aufgebrachten Idealgebildes Liebe entsprach die strotzende Blutfülle der Gier nach dem Gelde, welche die Sinnlichkeit in ihren Dienst zwingt. Die Kritik des Juste-Milieu, nicht nur die der ideologischen George Sand , sondern auch die des realistischen Balzac , bedient sich des moralisierenden Begriffes der sozialen Heuchelei, deren Geburtsstunde man in diese Epoche legt, als des wesentlichen Charakters der Menschen dieser Zeit. Die Heuchelei, etwas anderes scheinen zu wollen als man ist, wird als ein sittlicher Defekt konstatiert, und den Heuchlern, in deren Darstellung man ein Maximum von Realität erreicht, werden die reinen, unverstellten Seelen gegenübergestellt, die ein Maximum von Irrealität aufweisen: sie sind Wunschgebilde, deren Dimensionen mit keinem geläufigen Maß zu messen sind; sie sind reine Ideen ohne psychologisches Komplement; sie sind ohne sozialen Konnex. Sie sind nur Spätgeburten von Rousseaus natürlichem Menschen , schlechthin Tugendhafte in christlicher Färbung auch dann, wenn sie Korsaren oder Verbrecher darstellen sollten. Der zwanzigjährige, bereits berühmte Musset rief im Anblick einer weiten Landschaft, vor die ihn sein Freund geführt hatte, aus: Welch schöner Platz, um sich umzubringen! Der Gedanke an den Tod war ein modischer Gedanke der Zeit zwischen 1820 und 1850, dem die französischen Romantiker häufigsten Ausdruck gaben. Die idealischen Liebespaare, die in ihrem Glück von Anbeginn an verzweifelnd Tränen vergießen, und diese Selbstmörder, welche ein utopisches Glück, eine Größe im freiwilligen Tode suchen, sie bewegen sich auf der gleichen Ebene dieser romantischen Mentalität. Ein französischer Historiker hat das mit Dokumenten aus der Zeit belegt, nicht solchen von Romanciers und Lyrikern, sondern mit Privatbriefen und Tagebüchern kleiner Leute, Handelsgehilfen, Kanzlisten, Studenten. Der Liebesbrief eines zwanzigjährigen Mediziners schließt: Aber vielleicht empfindest Du vor dieser verzehrenden Flamme einen unfreiwilligen Schrecken? Du fürchtest vielleicht, in meinen Armen zu sterben? Ich werde also für Dich den Vulkan, den ich in meinem Innern trage, auslöschen, oder ich werde ihm vielmehr befehlen, seine Hitze zu mäßigen; er wird nichts mehr von seinem Grollen hören lassen, sondern nur ein sanftes Murmeln, und sein Atem wird zart sein, und um Dich herum wird er nur beben, um Dich zu wiegen. So wünschen es auch die Frauen: sie träumen nur Leidenschaft, Erröten, Seufzer, Zergehen, Vernichtung. Eine Louise B. schreibt ihrer Freundin Marguerite T. auf deren ähnliche Geständnisse: Er offenbarte mir eine wahre Natur, eine Feuernatur, er nennt mich seinen kleinen Salamander. Ein gewisser F. teilt mit, daß er immer mit beiden Händen seine Brust zusammendrücken müsse, um den mächtigen Schlag seines Herzens zu bändigen; ohne diese Vorsicht würde er vor Gefühlen zerspringen. Pierre B. hat drei Wochen seine Geliebte nicht gesehen; er schreibt ihr: Im Walde brüllte ich wie ein Dämon; ich wälzte mich auf der Erde; ich biß mich in die Hände, daß Blut floß, und ich spie das herausgebissene Fleisch gegen den Himmel ... ich hätte am liebsten auch mein unglückliches Herz herausgespien. Je weniger die Wirklichkeit solchem Gefühl entsprach, um so hitziger warf es sich in seine egoistische Traumwelt. Ein junger Selbstmörder schreibt: Warum eigensinnig an einem Tisch sitzenbleiben, wenn es da statt des versprochenen Festmahles nur ein ganz gemeines und fades Essen gibt, das einem den Magen umdreht? Ein anderer, dem die Grenzen des Daseins zu eng sind, schreibt: Nur der Tod ist gut, nur der Tod ist wirklich, denn er hat die Ewigkeit für sich. Die eben erwachende und sich reckende Brutalität des modernen Lebens, wie sie Balzac in seinen Unternehmern, Strebern, Arrivisten und Dirnen darstellte, erschütterte die Sensibilität der ungenügend Ausgerüsteten bis in die Wurzel. Sie flüchteten mit ihren Idealen in den Tod, vor der Nichtigkeit alles Lebens. Der auf die Suche nach seinem persönlichen Glück losgelassene, aus den herkömmlichen Schranken entsprungene Mensch, das ist der Mensch des Juste-Milieu, ob er Vautrin heißt oder Gobsek, Rubempré oder Rastignac, Cousine Bette oder Frau von Nucingen. Ob er Bankier, Parfümeriehändler oder ein jugendlicher Selbstmörder ist, Dirne oder fromme Dame. Die Schranken sind zerbrochen, die Bahn für jeden ist offen, jeder kann Ideale haben wie er sie mag. Das Erotische zerfällt in seine Einzelteile, die es zusammensetzten. Es wird bis ins Nachgeben an die Perversion sinnliche Lust mit skeptisch-höhnender Ablehnung jedes Gefühlswertes. Es wird platte Sentimentalität, die sich vom Sinnlichen als dem Häßlichen überempfindlich abwendet. Und über alle Maße bedeutungsvoll wird in diesem Prozeß das Ferment der Prostituierten aller Grade als die immer für den Mann, den reichen wie den armen, den jungen wie den alten, den Gatten wie den Ledigen, gegebene Gelegenheit. Das institutionelle Gegenstück zum jungen Mädchen war in das erotische Zentrum der bürgerlichen Welt gestellt. Die erotische Morbidezza Keusch wie das Papier, nüchtern wie das Wasser, der Andacht ergeben wie eine Kommunikantin, wehrlos wie ein Opfer, mißfiel es mir nicht, für einen Wüstling zu gelten, einen Trunkenbold, einen Ketzer und einen Mörder , schreibt Baudelaire in einer nicht veröffentlichten Vorrede zu den Blumen des Bösen . Der Biographie ist hier eine ästhetisch-kritische Aufgabe gestellt. Für eine bestimmte geistige und emotionale Haltung, welche die erotische Morbidezza genannt sei, und die sich als charakteristisch für die Zeit um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, den absterbenden Romantismus, aufdrängt, summieren sich alle wesentlichen Züge in dem repräsentativen Beispiel Baudelaires. Ich glaube, für die Dichtung Baudelaires ist zuerst das mißverständliche Wort dekadent als deren Charakter bezeichnend aufgekommen, das im Ablaufe dieses und des ihm folgenden Jahrhunderts ein beliebtes kritisch vermeintes Schlagwort wurde. Man dachte in diesem Worte sich etwas zusammen, das unsauber, unmoralisch, ungesund bedeutete, zumal das letztere. Mit diesen Inhalten lebt noch heute das Wort weiter, das ehemals ein historisches Hilfswort war, von Historikern für Zeiten gebraucht, wo alte Institutionen zusammenbrechen und neue sich zu bilden beginnen, für Perioden des Überganges von einem sozialen Ideal zu einem anderen. Auf die Literatur bezogen kann das Wort dekadent historisch angewandt die Literatur einer Zeit der Dekadenz bedeuten oder metaphorisch die Literatur eines Überganges von einem literarischen Ideal zu einem andern. Diese zwei ganz verschiedenen Bedeutungen des Wortes werden aber immer in eine Bedeutung zusammengeschlagen, so, als ob eine literarische Dekadenz notwendige Begleiterscheinung einer sozialen Dekadenz wäre. So bleibt die Gedankenlosigkeit dabei, unter dekadenten Dichtern solche zu verstehen, die unmoralisch leben und Ungesundes dichten, also schlechte Dichter sind. Nun mögen die Literaten dekadenter Perioden ihr Gemeinsames haben. Aber daß die Literatur einer sozialen Dekadenz als Literatur dekadent und daher minderwertig sein müsse, ist ein populärer Irrtum. Baudelaire ist der Dichter einer sozialen Dekadenz, aber er ist in keinem Sinn ein dekadenter Dichter, sondern dessen Gegenteil: stark, männlich, zuchtvoll, bestimmt, klassisch. Durchaus nicht Epigone, sondern heroischer Begründer eines neuen dichterischen Geschlechtes. Baudelaire erkannte sein Zeitalter als eines der Dekadenz. Wir kennen es als solches nicht nur aus seinem leidenschaftlichen Protest, sondern auch aus Balzacs romanesker Anatomie. Die neue demokratische Ordnung, welche die alte aristokratische, die gefallen war, ersetzen sollte, war noch nicht geschaffen. In den Ruinen wuchs das Unkraut. Häßlich und ohne Kontrolle, wie ausbrechende Schlammvulkane, wuchsen die großen Städte auf; gegen einen alles wie eine Krätze überziehenden Industrialismus wehrten sich mißlingende Revolutionen. Sieghaft blieb das Geld. Die Romantiker bücherten Proteste. Baudelaire stellte sein Leben auf diesen Protest. Er machte keine Konzessionen, weder an die Fiktion einer Utopie bessern Lebens , noch an die den romantischen Zeitgenossen so teure Natur . Er konfrontierte die gegebene gesehene Welt mit den höchsten religiösen Begriffen, Gott und seinem Widerspiel Satan. Er hatte das höchste Maß. Die Natur – davon war man hergekommen, herausgekrochen – auf sie zurückzublicken versteinert. Kaum ein Stückchen Landschaft ist in seinen Werken. Er bekannte sich unfähig, über Vegetabilien in Tränen zu zerfließen . Die Natur erschien ihm schamlos . Die Epoche stellt ihn und er die Epoche auf dem gegebenen Felde ihres intensivsten Lebens: dem Künstlichen der Stadt. Baudelaire, der erste Dichter der Stadt, liebte den steinernen Wald ihrer Häuser, das ausgedörrte Flußbett ihrer Straßen. Seine Einsamkeit brauchte die Menge: Menge, Einsamkeit, das sind austauschbare Begriffe für den aktiven und fruchtbaren Dichter. Wer seine Einsamkeit nicht zu bevölkern weiß, der weiß auch nicht zu sein inmitten einer geschäftigen Menge. Die Blumen des Bösen sprießen aus dem Straßenpflaster. Alles, was den Menschen und besonders die Frau vom Zustande der Natur entfernte, schien ihm glücklichste Erfindung und Zeichen menschlichen Willens, die von der Materie gelieferten Formen und Farben nach seinem Dünken zu korrigieren, berichtet Gautier. Das ist nicht Romantik, sondern ein sublimierter Realismus, der das Leben sieht, wie es sich gibt. Auch ein anderes Paradestück der französischen Romantik lehnte er ab: die erotische Leidenschaft. Mir graut vor der Leidenschaft , schreibt er in einem Liebesbriefe. Er fand sie roh, familiär, maßlos. Er glaubte an die Erbsünde und gar nicht an den edlen Wilden. Auch nicht an den Fortschritt und die demokratischen Abergläubigkeiten. Ganz wie ein katholischer Mystiker, ein Mensch völlig spirituellen Wesens, der durch alle Fenster nichts sonst sieht als das Unendliche , drückt er die Verzweiflung des erdgebundenen Menschen aus, der nichts als das Ewige und das Absolute liebt. Der Vierundzwanzigjährige schreibt, Selbstmordkandidat wie jeder sensible Jüngling dieser Zeit, einem Freunde: Ich töte mich wegen der Verzweiflung und Unordnung meines Lebens ... und weil ich mich unsterblich glaube und weil ich hoffe. Er glaubte an eine von Gott für alle Ewigkeit etablierte geistliche Mathematik, nach der auch der geringste Bruch des sittlichen Gesetzes seine eigene grausame Wiedervergeltung in sich trägt, seine unvermeidliche Folge von Angst, Reue, Gewissensqual, Ekel, Verzweiflung. Er begehrt so inbrünstig nach dem Einen, dem Unbewegten und Ewigen, daß ihm nichts sonst völlig wirklich erschien, nicht einmal die geliebteste Sensation der Schönheit. Beinahe hätte er, aus dem Stoffe der Heiligen gemacht, die Zauberei der Kunst überwunden, aber der so klarsichtige Geist überwand nicht seine Sinne, und er bittet: Laßt, laßt mein Herz an einer Lüge sich berauschen! Für die Frauen, die mit der irdischen und der himmlischen Liebe sein Leben und sein Denken in Atem hielten, fühlte er im letzten Grunde seines Wesens eine Verachtung, die sich in Mitleid äußerte, wenn die weibliche Kreatur alt und arm und häßlich und krank war, in Mitleid bis zum äußersten Opfer seiner letzten Habe. Ihm graute vor diesen allzu natürlichen Geschöpfen , wie er mit emphatischem Widerwillen sagte, vor diesen verführerischen Formen des Teufels , deren Zulassung in die Kirche ihn erstaunte und die er zusammen mit Freidenkern, Liberalen, Generalen, Utopisten, Philanthropen, Demokraten, Victor Hugo und Musset für eine gleichgültige Horde inferiorer Kreaturen hielt. Das junge Mädchen ist in Wirklichkeit eine kleine Gans und ein kleiner Schlampen; größte Dummheit vereinigt mit größter Verderbtheit. Im jungen Mädchen steckt alle Gemeinheit des Strizzis und des Gymnasiasten. Das Urteil Baudelaires über die, als er es fällte, eben erst fünfzig Jahre alte letzte erotische Schöpfung männlicher Phantasie und wirtschaftlicher Notwendigkeit, das Junge Mädchen – dieses Urteil greift der Entwicklung vor, und man muß es auch für Baudelaire und seine Zeit einschränken. Er hatte ja eigentlich nur immer mit Prostituierten zu tun und lebte in der Stadt, deren Atmosphäre das Miasma der Prostituierten enthält, und das zu atmen auch jene Frauen kaum vermeiden können, die sich nicht prostituieren. Daß das sorgsam gehütete und sich vorsichtig hütende bürgerliche Mädchen seine lebhafte Sinnlichkeit verbirgt und vom seriösen, vielfach elterlich geprüften Freier das Mitspielen in einem wohlchaperonierten korrekten sentimentalen Getue verlangt, das zur Verlobung führt, um im Banalen einer nun doch geübten und durch nichts als die Ehe entsündigten Sexualität zu enden, das fällt für einen religiös gerichteten und sinnlich heimgesuchten Typus, wie ihn Baudelaire darstellt, nicht nur in das verhaßte Juste-Milieu des Bürgerlichen, sondern auch in das schlechthin Sündige und Gottlose. Das komplexe Problem, das wir, ohne damit eine sittliche Minderwertigkeit bezeichnen zu wollen, die erotische Morbidezza nennen, rückt ins Licht. Der Fall Baudelaire ist ein klassisches Beispiel für den Ödipus-Komplex. Baudelaire war ein Junge von sechs Jahren, als sein greisenhafter Vater starb. Bald darauf heiratete die schöne und kaum dreißigjährige Mutter den General Aupick, einen durchaus loyalen Mann, dem der Stiefsohn nicht das geringste vorzuwerfen hatte, bis auf das eine: daß er der Mann der über alles geliebten Mutter ist. Dafür haßt er ihn bis ans Ende. Und in diesem Manne auch alles, was er für ihn personifiziert: den glücklichen Rivalen in der mütterlichen Zärtlichkeit, die Familie, den Staat, die Armee, die Gesellschaft. Der gar nicht republikanische oder sonstwie politisch interessierte Baudelaire packt 1848 ein Gewehr, schießt auf den Barrikaden und erklärt seinen Mitkämpfern, das alles sei gar nichts, man müsse den General Aupick töten. Solchen sinnlosen Haß bildete die Liebe zur Mutter aus, und der Begriff einer reinen, höheren Form der Liebe fixiert sich als mütterliche Liebe bei einer seltsam von ihm geliebten Frau, die Muse, Madonna, Schutzengel ist, lichtes Bild gegen das Dunkel, in das er stürzt, wenn er erliegend die Huren umarmt, die er, mit solchem Bilde der reinen Liebe im Herzen, allein umarmen kann, denn ihr unfruchtbarer Schoß ist des Teufels Gefäß für seine immer als sündhafte Unzucht erkannte sterile Umarmung. Baudelaire gehörte zu den wenigen Pariser Bewunderern des Tannhäuser, als dieser in der Oper von den Pfeifen des Jockeyklubs niedergepfiffen wurde. Daß Tannhäuser im Sängerwettkampf und vor der Madonna-Elisabeth die Hymne an die Venus singen muß, in dieser Not erkannte Baudelaire die seine. Als einen metaphysischen Zustand jedoch, nicht als einen psychologischen Konflikt. Anders hätte er wie Wagner eine Minna Wagners erste Frau geheiratet und sich bei einer Mathilde Mathilde Wesendonk dafür entschädigt. Eine disproportionierte, pathologische, senile Vereinigung nannte er die Ehe seines zweiundsechzigjährigen Vaters mit der siebenundzwanzigjährigen Mutter, und sah zweifelnd verzweifelnd auf sich als das Kind solchen ungleichen Paares. Vom Haß gegen seinen Stiefvater, in dessen Haus er leben mußte, inspiriert, legte Baudelaire alles darauf an, ihn durch eine Lebensführung, an der er selber nicht das geringste Gefallen hatte, zu kompromittieren, denn der Stiefvater war große öffentliche Figur. Verkehr mit zweifelhaften Burschen, mit Huren, Trunk, exzentrische Kleidung und Verse: weniger hätte genügt, den honetten Stiefvater besorgt zu machen. Es mußte etwas geschehen. Man schickte den Zwanzigjährigen nach Kalkutta, in der Hoffnung, daß er andern Sinnes werde. Er brachte von dieser Reise mit den Knabenaugen jenen Exotismus mit, der magisch über vielen seiner Gedichte leuchten sollte, aber auch das brütend Lauernde, das Katzenhafte, im Blick Unbewegliche des dunkelfarbigen Weibes, Sklavin und Tyrannin zugleich, ein rechtes Höllenstück, mit dem das Teuflische zu tun den Teufel vielleicht überlisten könnte. Neun Jahre später, als die Blumen des Bösen , handschriftlich unter Freunden schon bekannt, als kleines Buch erschien und der Dichter wegen Gotteslästerung und Unsittlichkeit angeklagt, doch nur wegen Unsittlichkeit verurteilt wurde – er litt außerordentlich unter dem infamierenden Mißverständnis seiner Konfessionen –, da starb im selben Jahre der General, und er versöhnt sich mit der gelähmten Mutter. Geständnisse: Baudelaire hat nie, wie alle seine Freunde aussagen, von Frauen gesprochen. Er liebte und goutierte außerordentlich seine Einsamkeit und den Reiz der Undurchdringlichkeit. Das ging bis zur Mystifizierung Neugieriger, woraus eine Legende seines Lebens sich aus Anekdoten wob, die ihn als einen Besessenen darstellt, in der Liebe als einen Wüstling und Zyniker vom gewöhnlichen Niveau jener, die sowohl staunen wie auch verstehend mittun wollen. Baudelaires Frauen: die Riesin, die er liebte, ist eine Fabel wie die Zwergin. In derlei Aufschneidereien gefielen sich die jungen Leute um 1840, weil sie recht auffällig unbürgerlich nicht nur oft waren, sondern mehr noch erscheinen wollten. Baudelaire war zwanzig, als er in einem Café chantant die Mulattin Jeanne Duval traf, die am Quai de Béthune auf den Strich ging. Die sie kannten, sagten, sie sei nicht einen Groschen wert gewesen, ohne Charme, ohne Schönheit, ohne Witz, ohne Talent, ohne Herz. Aber hätte sie diese braven Eigenschaften besessen, so wäre sie ein durch unglückliche Umstände in die Prostitution geratenes Mädchen gewesen, fast wert, von einem braven Mann gerettet und geheiratet zu werden. Nie hätte Baudelaire einer solchen verunglückten Person so sehr sein Leben geopfert, wie er es für diese enigmatische Bestie tat. Sie ließ ihn auf ihre Gunstbezeugung warten, schickte ihn erst immer wieder zu dem Judenmädchen Sarah Louchette, die er ihr geopfert hatte, zu dieser kahlen Sarah, die eine Perücke trug und deren eines Auge schielte, sich um ein paar Schuhe hingab, mit elf Jahren angefangen hatte und mit zwanzig ein altes Weib war. Als ich bei einer Jüdin lag zur Nacht, Ein Leichnam bei dem andern hingebreitet, Hab' ich bei ihr, die häßlich irr'geleitet, Der düstern Schönen meines Traums gedacht. Ich sah des Heimatlandes schwere Pracht – – – – – – Das Haar, das wie ein duft'ger Helm sich spreitet ... Baudelaire hat oft an den Rand seiner Handschriften das Bild dieser Mulattin gezeichnet: große, völlig indifferente, kalte Augen, anspringende Brüste, breite Hüften, diabolus in lumbis. Sie liebte starke Getränke, war streitsüchtig, verräterisch, hysterisch. Einen Liebhaber zu haben erhöhte ihr das Vergnügen ihres Prostituiertenlebens. Unersättlich ist sie, voll Kenntnis der Lüste und die Königin der Sünde. Als sich ihr Schicksal in Lues und Erblindung erfüllte, hungerte Baudelaire für sie, dachte erst an ihr Leben, dann an seines. Sie war nie seine Geliebte der Liebe gewesen. Und auch nur über einen Umweg seine Muse. Sie war Spiegel und Relief seiner Erinnerungen an die tropische Landschaft. Wenn ich geschlossenen Augs in Abendglut Einschlürfe deinen warmen Duft mit Beben, Seh' ich ein herrlich' Ufer sich erheben Aus einem Meer, drauf ewiges Leuchten ruht. – – – – – – Dein Hauch führt mich zu lieblichen Gestaden ... – – – – – –            Ich schlürf den Duft von Tamarindenbäumen ... Oder: Beiß' ich in deine schweren schwarzen Zöpfe,            Ist mir's, als äße ich Erinnerungen ... Oder: Asiens Schmachten, Afrikas Erglühen,            Die Ferne fühl' ich, längst verwehte Luft,            Duftenden Wald aus deinen Tiefen sprühen. Oder: Seid, Flechten, Wellen mir und laßt mich schweben,            Meer, schwarz wie Ebenholz, du sollst mir weben            Den Traum von Segel, Flamme, Ruder, Mast. Die vollendete Form dieses Weibes gab den fließenden, duftenden Erinnerungen an sein tropisches Jünglingserlebnis feste Gestalt. Was er an der Mulattin liebte, war er selber in einem andern Leibe. Die Beziehung zu Jeanne war ganz zerebral, aus Angst vor der Liebe, dem Grauen vor dem Sinnlichen, und der Abneigung gegen die Leidenschaft, Besitzgefühl und Eifersucht: Die Liebe ist alsofort verdorben von der Lust am Besitz, am Eigentum – diese Paradoxie löst sich aus der ganz mütterlichen Konzeption, die Baudelaire der Liebe gibt. Wie in dem nicht seltenen Fall, daß der Mann außerstande ist, seine über alles verehrte und geliebte Frau sinnlich zu beschmutzen . Baudelaire verachtete die Frau der Zivilisation. Sie ist für ihn inferior , weil sie nie Seele und Leib, Gefühl und Sinnlichkeit trennen kann. Aber der Tag solcher männlicher Fähigkeit der Frau war 1860 noch weit vom Anbruch: wir erleben erst 1925 das noch etwas zwittrige Zwischengebilde, das Bedenkliche fragen läßt, ob die Freiheit der Frau diesen Preis wert ist. Verlust seines Geldes, Armut, Schulden, Elend, dadurch grauenvoll nah gerückte Leiblichkeit der Mulattin, die sich in den Chambres garnis wohler fühlt als im Luxus, weil in ihnen die Gassen münden, voll Lust an solchem Elend ihres Liebhabers, weil sie dies versteht und seinen sentimentalen Sensualismus nie verstand, wird sie – zehn Jahre hat die Liebe gedauert – von der bösen Krankheit heimgesucht, an den Händen gelähmt, ein altes schauerliches Weib mit vierunddreißig, die Fürstin dieser Hölle, mit keinem Mitleiden versöhnbar, das er nun allein für sie fühlt, seine letzte Habe verkauft, um ihr Geld schicken zu können, das die Halberblindete vertrinkt. Auf dem Sterbebett bittet er Freunde, sich der Unglücklichen anzunehmen, die ihn überlebte und starb – man weiß nicht wann und wo. Es gibt keinen Pardon für die Sünden der Jugend; ihre schreckliche Strafe währt das ganze Leben. Baudelaire hat ihr Ende vergeblich in der Tiefe der Finsternisse gesucht. Der hier seiner Gier gereichte Becher stillte seinen Durst nicht. Er wandte sich nach dem Oben der Liebe, suchte Fuß zu fassen an den Ufern des zärtlichen Friedens, deren bloßer Anblick ihn schon beglückt. Apollonie Sabatier pinselte unter Meissonniers Anleitung ein bißchen auf Leinwand. Aber ihr Ruhm war ihre etwas mollige Schönheit, ihr um den prüden Anstand wenig bekümmerter Witz, ihre immer frohmütige Laune, ihre Güte. Das alles setzte ein sehr reicher Herr Mosselmann in den rechten Rahmen eines splendiden Palais in der Rue Frochot, das zu den beliebtesten Häusern des zweiten Kaiserreiches gehörte. Madame war die Präsidentin eines Kreises, zu dem Gautier, Flaubert, die Goncourts gehörten, die Maler und Bildhauer der Zeit. Clésinger stellte im Salon 1848 ihr Porträt in Marmor aus: die Frau von der Schlange gebissen, und Ricard ein Jahr darauf ihr Porträt als Dame mit Hund, und Meissonnier mit einer Polichinelle folgte, und jedes Jahr ein anderer, der die außerordentliche Schönheit dieser Frau festhielt. Edmond Goncourt ist nicht gnädig mit ihrer Moralität: er nennt Madame eine Marketenderin für Faune. Der Ton war wohl etwas frei, anders hätte ihr Gautier kaum seine etwas pornographische Lettre à la Présidente geschrieben, und Herr Mosselmann, der einen Architekten fragt: Was kostet Ihre Kirche komplett fertig, Hostie im Maul , war nicht der Mann, der Madame gehindert hätte, immer ein gutes Herz zu haben, wenn man es von ihr verlangte, und sie konnte Verliebte nicht leiden sehen mit ihren glücklich lachenden Augen in einem etwas kindlichen Gesicht. Eine exzellente und vor allem gesunde Kreatur , nannte sie Flaubert und beschreibt damit fast jene spirituelle Mütterlichkeit, die auf den gleichaltrigen Baudelaire , der sich aus den Armen der schwarzen Venus löste, einen so starken Eindruck machte. Über die Hölle der von keiner Liebe gesegneten sinnlichen Lüste errichtete Baudelaire Stein und Stein in jahrelangem Dienste die Kirche eines reinen Liebeskultes mit dem Hauptaltar der Madonna-Apollonia. Mit verstellter Schrift und anonym schickt er am 9. Dezember 1852 an Frau Sabatier Verse für sie geschrieben mit der Bitte, sie niemandem zu zeigen. Die tiefen Gefühle haben eine Scham, die nicht verletzt werden will. Die Abwesenheit meiner Unterschrift – ist es nicht ein Symptom dieser unbesiegbaren Scham? Der diese Verse geschrieben hat, in einem dieser Zustände der Träumerei, in die ihn oft das Bild jener stürzt, die der Gegenstand dieser Verse ist – er liebt sie, ohne es ihr je gesagt zu haben ... Das begleitende Gedicht: An eine Frau, die allzu lustig ... feiert die Reize dieser Frau und die Wut, die den Liebenden packt, der seine Qualen schleppt und den solcher Glanz und solche Glut des Frühlings ins Herz treffen so sehr, daß er in Wut auf die Blumen schlägt, um die Natur zu strafen. Ich möchte einst zur Nacht – – – – – – – Zu deinen Schätzen dringen, Ein Feigling, zu dir kriechen, stumm und sacht, – – – – – – – Dich züchtigen, du Gesunde, Zerpressen deine Brust, Ins blühende Fleisch voll Lust Dir schlagen eine tiefe, breite Wunde ... Das war der Auftakt, um die Angebetete dort zu packen, wo sie empfindlich war: bei den Sinnen, sie zu erregen, wie es einem Manne zukommt, der sich als solcher und nicht als jugendlicher Schwärmer vorstellen will, aber auch die also Gemahnte nachdenklich zu machen und auf ihre heilige Rolle vorzubereiten. Schon das zweite, ebenfalls anonym geschickte Gedicht ist eine Litanei: Engel der Heiterkeit, kennst du die finsteren Mächte ... Engel voll Güte, kennst du das lautlose Hassen ... Engel voll Reinheit, kennst du die fiebrischen Qualen ... Engel voll Schönheit, kennst du die schmerzlichen Falten ... Engel voll Güte und Freude, du leuchtende Sonne ... Ich aber flehe nur eines: denk' mein im Gebet. Er beichtet ihr seine Tränen, seine Fieber, die Runzeln seiner Seele, seine Nächte, muß aber lachen über die Komik dieser anonymen Korrespondenz. Aber was tun? Ich bin egoistisch wie die Kinder und die Kranken. Um die Zeit dieses Briefes, 9. Mai 1853, ist er bereits häufiger Gast im Hause der Rue Frochot. Er begleitet die Präsidentin einmal nach Hause: Einmal, nur einmal war's, du Liebenswerte, Gute, Dein weicher Arm auf meinem Arme lag ... und in der Melancholie dieses Abends wurde die immer fröhliche Frau weich und klagte: Kein leichtes Los, das Los der schönen Frauen, Die leere Mühsal einer Tänzerin, Die sinnlos lächelt und in Todesgrauen Noch immer lächelt, starr und ohne Sinn ... Auf Herzen bauen ist ein dummes Tun, Denn alles bricht und bröckelt, Liebe, Schönheit. Das Vertrauen der Ermüdeten, Enttäuschten, vielleicht Zerstörten steigert des Dichters Liebe zu leidenschaftlicher Devotion. Fünf Jahre bewahrte der Briefschreiber seine Anonymität. Nun fühlte er, es sei Zeit, ihr ein Ende zu machen, bevor dieses mystische Abenteuer ins Lächerliche sich wendete. Mit einem Exemplar der eben erschienenen Blumen des Bösen schickt nun Baudelaire den mit unverstellter Hand geschriebenen letzten Brief und signiert mit seinem Namen: ... die kleinen Schweine sind Verliebte, aber die Dichter sind Anbeter. Nehmen Sie ein Amalgam an von Träumerei, Sympathie, Respekt, tausend Kindereien voll Ernstes, und Sie haben ein beiläufiges Etwas dieser sehr ehrlichen Sache, die besser zu definieren ich mich nicht fähig fühle ... Sie zu vergessen ist nicht möglich ... Sie sind mehr als mein geträumtes und geliebtes Bild, sie sind mein Aberglaube ... Sie sind meine tägliche Gefährtin und mein Geheimnis. Diese Intimität gab mir die Kühnheit und diesen vertrauten Ton. Frau Sabatier gab den Dank für diese Liebe wie sie konnte und mit dem Besten, was sie zu haben glaubte. Das Wagnis solcher mystischer Metamorphose aller Sinne in einen hätte, wie die Liebe Sentas und des Holländers, mit dem Tode schließen müssen zur Rettung der Illusion. Aber über der einen Nacht brach ein fahler Morgen an, und die Illusion verschwand vor dessen Wirklichkeit. Das Leben ist Verführung und Verrat: Die Madonna durfte, um es zu bleiben, ihre Schleier nicht ablegen und der Engel nicht seine Flügel wie ein Korsett. Vor einigen Tagen noch warst Du eine Göttin, und das ist so bequem, so schön, so unverletzlich. Jetzt bist Du Frau. Und wenn ich nun zu meinem Unglück das Recht auf Eifersucht erwürbet Ah, wie grauenhaft, bloß daran zu denken! ... Mir graut vor der Leidenschaft, weil ich sie kenne mit allen ihren Ruchlosigkeiten und Schrecken – und nun wird das vielgeliebte Bild, das alle Abenteuer des Lebens beherrschte, allzu verführerisch. In dem verzweifelten Chaos dieses Briefes, der Antwort ist auf zwei verlorene Briefe der nun für ihn Verlorenen – daß sie keinerlei Scham besitze stand in einem, daß sie ihm immer gehöre mit Hirn und Leib und Seele im andern –, greift Baudelaire jedes Mittel auf, seine Flucht aus dieser Liebe zu rechtfertigen oder seine Niederlage. Sogar dieses, daß es unrecht wäre, Herrn Mosselmann, den Liebenden, zu betrügen. Er hatte in fünfjähriger Anbetung eines Traumes seine Kräfte anders gerichtet als auf die Umarmung einer Leibhaftigkeit. Er fand die zarten Hände der Madonna erst auf dem Sterbebett wieder, als sie ihm den Todesschweiß von der Stirn wischten. Der romaneske Eros Als im Jahre 1856 in der Revue de Paris die Madame Bovary erschien, skandalisierten sich einige Leser und riefen nach dem Staatsanwalt, der auch alsbald die Anklage gegen Flaubert erhob wegen Beleidigung der öffentlichen und religiösen Moral und Verletzung der guten Sitten , wie es im Akt vom 31. Januar 1857 heißt. Im Verlaufe der Verhandlung kam der öffentliche Ankläger immer wieder darauf zurück, daß Flaubert eine Glorifikation des Ehebruches gegeben habe, wo es doch seine Aufgabe gewesen wäre, eine Mustergattin zu zeichnen, eine makellose Mutter, eine fromme, almosenspendende Dame. Der Ankläger formulierte seine Entrüstung mit einer falschen Begründung. Ehebrüche kamen in den Romanen und Stücken vor und um Flaubert vor: das war nichts Neues, das revoltiert hätte. Neu war an diesem Buche, daß eine bisher als idealisch geltende und gebilligte erotische Haltung als eine Illusion aufgewiesen wurde, die darin besteht, daß sich der Mensch anders denkt als er ist und dieses anders als sein eigentlich ansieht und entsprechend dieser Selbsttäuschung handelt. Cervantes hat mit den Waffen des Rittertums der Manie des Rittertums ein Ende bereitet; Molière brach mit der Karikierung des Hôtel de Ramboillet in den Précieuses ridicules den Einfluß und die Bedeutung des Preziösentums. Flaubert hat mit der Madame Bovary mehr getan, als durch eine plastische Karikierung der erotischen Romantik gegen eine Idealisierung eines Lasters zu protestieren: er hat ein Lebensprinzip des pathologischen Individualismus aufgedeckt. Bourget nannte es die Krankheit des Gedankens, der der Erfahrung vorausgeht, statt daß er sich ihr anpaßt, das Bild der Wirklichkeit früher kennt als die Wirklichkeit selber, das Bild der Empfindung und Gefühle vor den Gefühlen und Empfindungen . So gibt es für mehr oder weniger lange Dauer bestimmte Konzeptionen der Liebe, der Tugend, der Ehre, die man hinnimmt, bis sie wieder von andern Konzeptionen abgelöst werden, ohne aus dem Bereich des Gedachten zu fallen. So sind, verbreitet durch Buch und Zeitung, Meinungen in der Welt, tausend über jede Sache, zumal Meinungen zur Moral, über die sich jede Klasse der Gesellschaft ein anderes Ideal ausbildet. Jeder sieht so sein Leben durch das tausendfarbige Prisma der Meinungen gebrochen, worüber er bis zur Unfähigkeit gefährdet wird, auf seine eigentümlichen Empfindungen, auf seine ihm eigenen Wahrnehmungen zu achten. Er hat eine vorgefaßte Meinung, nicht nur über die Dinge, sondern auch über das, was er vor diesem und jenem Faktum zu empfinden habe. Und stellt sich diese Empfindung nicht ein, so erfindet er sie. Der heutige Mensch der Masse ist die Beute von Meinungen, Vorstellungen und Ideen, von Begehrungen und Abweisungen, an denen weder sein ihm zugewiesenes Empfindungsleben noch sein ihm gegebenes Denken teilhat. Er ist die groteske Karikatur, welche ohne Gesicht die Grimassen aller Gesichter schneidet. Das Einzelwesen ohne Persönlichkeit ist die Krankheit der Zivilisationen. Dieser Krankheit Herr zu werden war die Anstrengung jeder Kirche und ihr Heilmittel die Verhaftung jedes Einzelwesens an die unbegreifliche Gottheit, jedes Denkhaften an das unfehlbare Dogma. Aber diese hygienische Weisheit der Kirche hatte zu ihrer Wirkung eine undiskutable Glaubenshaltung der Menschen als Voraussetzung, die in Christus den Sohn Gottes und in der Kirche das unsterbliche Leben Christi sah. Ohne diesen Glauben ist die Lehre nichts als Lehre und das Evangelium eine Literatur wie irgendeine andere. Ohne ihn wurden die Glaubensformen Meinungen wie irgendwelche andere und verloren ihre Kraft der heilenden Bindung. Der Versuch der Wissenschaften, das Ganze der Welt durchzurationalisieren, schuf bis jetzt nur eine Dogmatik von weit geringerer Kraft, als sie die theologische besaß. Viel sichtbarer als die Religion trägt sie das Zeichen menschlicher Schaffung, und ihr Virus, ihr lebendiges Wesen, das skeptisch sein muß, damit die Wissenschaft lebendig bleibt, nimmt den wissenschaftlichen Sätzen jenes Absolute der Religion, das allein fähig ist, die Krankheit des Individuums ohne Persönlichkeit wenn nicht zu heilen, so doch erträglich zu machen. Der Student Flaubert schrieb an einen Freund: Ich glaube, endlich eine Sache, eine große Sache begriffen zu haben: daß das Glück für Menschen unserer Art nirgends anderswo ist als in der Idee. Er hat die Krankheit gestreift, kennt aus den Spuren, die sie ihm hinterließ, ihre Symptome und genau die Stelle im Hirn, die man berühren muß, damit sie ihr inneres Geheimnis preisgeben. Fast in allen Gestalten seines Werkes, Haupt- und Nebenfiguren, hat Flaubert seine Entdeckung variiert, daß sich der Mensch anders glaubt, als er ist, und alles, was er tut, sich diesem anders akkomodiert als seinem eigentlichen Leben. Emma Rouault, eines verwitweten normannischen Bauern einziges Kind, wird – der Alte kann es sich leisten – bei den Ursulinen im Kloster erzogen inmitten anderer junger Mädchen, die durch Geburt oder Vermögen zu den Schönheiten und Eleganzen eines aristokratischen Lebens berufen sind. Hier vergißt sie, daß sie ein Bauernmädchen ist, denn sie lernt alles, womit eine reiche Frau im städtischen Salon brilliert, und beginnt an dem Traum ihres Lebens zu spinnen, das mitnichten das ihre in Wirklichkeit sein wird. Eine mystische kirchlich-schöngeistige Atmosphäre umgibt sie im Alter höchster Eindrucksfähigkeit und völliger Unkenntnis über ihre Triebe. Sie verliebte sich in das kranke Lamm Gottes, in das von spitzen Pfeilen durchbohrte Herz Jesu und in den armen Christus selber ... Die Gleichnisse vom Bräutigam, vom Gemahl, vom himmlischen Geliebten und von der ewigen Hochzeit ... erweckten im Grunde ihrer Seele geheimnisvolle süße Schauer. Die gefällige Hand einer alten schwärmerischen Jungfer steckt durch das Klostergitter Romane voll unwahrscheinlichster Liebesgeschichten, außerordentlicher Abenteuer im Feenland. Emma liest Walter Scott, träumt von Minstrels und formt ein Ideal von der Liebe, die sie nicht kennt, von der Natur, die sie bisher nur mit den indifferenten Augen des Bauernmädchens gesehen hatte, von Kindesliebe, von Schmerz und allen Gefühlen überhaupt, deren Stärke ihr als sittliche Schönheit erscheint und als Zeichen vollkommenen Seelenadels und einer ungewöhnlichen Natur. Sie weiß nicht, daß man Gefühle nur spontan hat, und daß man sie nicht durch eine Anstrengung dazu erwirbt. Sie will das in Formen geschaute Ideal, das sie fasziniert hat, in sich verwirklichen. Sie wird die Summe der gelesenen Romanheldinnen, gewöhnt sich an, ihre Seele imaginären Wesen zu öffnen, und versucht, die Gefühle der fiktiven Personen zu haben. Wäre Emmas Kindheit im Hinterstübchen eines Kramladens in einem Geschäftsviertel dahingeflossen, dann wäre das junge Mädchen vermutlich der Naturschwärmerei verfallen. So aber kannte sie das Land zu gut ... An friedsame Vorgänge gewöhnt, gewann sie eine Vorliebe für das Entgegengesetzte: das Abenteuerliche. Beim Tode ihrer Mutter schreibt sie aus dem Kloster an den Vater einen sich in solchen Ausdrücken des Schmerzes ergehenden Brief, daß der Vater sie erkrankt glaubt und zu Besuch kommt. Emma empfand eine innere Befriedigung darin, daß sie mit einem Male emporgehoben worden war in die hohen Regionen einer seltenen Gefühlswelt, in die Alltagsherzen nie gelangen ... Eines Tages jedoch wurde ihr das langweilig, aber ohne sich's einzugestehen, und so blieb sie dabei, zunächst aus Gewohnheit, dann aus Eitelkeit, und schließlich war sie überrascht, daß sie den Innern Frieden wiedergefunden hatte. Sie ist von großer körperlicher Gesundheit, Schönheit und Sinnlichkeit. Angezogen vom Materiellen des Kultes malt sie sich ihre Zukunft als Nonne aus, aber ihr robustes Wesen steht in zu starkem Gegensatz zu solcher Mystizität, und die Komödie, die sie sich vorspielt, langweilt sie bald. Sie leitet, was sie hier an fiktiven Gefühlen angelegt hatte, über in das, was sie als die ihr eigentlich bestimmte Domäne betrachtet: die Liebe. Sie mit allen ihren Höhen und Tiefen leidenschaftlich zu erleben, dafür hält sie sich geschaffen, das erwartet sie voll Ungeduld. Sie heiratet den braven philiströsen Landbader Bovary. Sie vergleicht ihn mit ihrem vorgefaßten Ideal, das für sie ein absolutes Kriterium ist, und entscheidet, daß sie ihn nicht liebe. Sie wartet nicht ab, daß die Empfindungen, die die Umarmung in ihrem Fleische auslösen, ihr Herz erreichen; sie bleibt starr unempfindlich gegenüber den groben, einfältigen Zärtlichkeiten des Gatten, aber die Sinnlichkeit breitet sich in ihr aus. Ein aristokratischer Ball, zu dem man den Landarzt wegen seiner schönen Frau geladen hat, gibt der fast in ihr graues Leben Resignierten neue Kräfte, das imagniäre Wesen in sich zu leben. Hier in dieser glänzenden mondänen Gesellschaft bestätigen sich die gelesenen Feerien als nie bezweifelte Wirklichkeiten drastisch und bekommen wieder alles Leben. Über den paar Stunden Dame, die sie spielt, verlöscht jede Erinnerung an das Bauernmädchen, das mit seinen Fingern den Rahm von der Milch strich und schleckte , aber machen ihr auch ihre kleinbürgerliche Existenz an der Seite des Baders völlig chimärisch. Nun lebt sie wie sie sich denkt. Bloß Gefühle und Vergnügungen, die ihr nicht zukommen und die sie nach ihrer Fiktion eines Glückes ihres Lebens umformen kann, lösen in ihr Empfindungen aus. Sie kauft sich einen Plan von Paris; liest Balzac, Sue, die Sand; kauft sich feines Briefpapier, obzwar sie niemandem zu schreiben hat. Aber man muß vorbereitet sein, denn in jedem Augenblick kann sich das eingebildete Ideal verwirklichen. Was sie tut, hat keine Beziehungen zu dem Leben, an dem sie teilnimmt. Was sie tut, dient nicht mehr dazu, ein realisierbares Bedürfnis zu befriedigen, sondern ein imaginiertes Wesen, das sie liebt und das sie wirklich zu sein glaubt. Ihre Gesten fangen beim wirklichen Leben an und endigen in der Fiktion. Säße und lebte sie im Luxus, würde sie diesen verächtlich ablehnen als unvereinbar mit den wahren Freuden des Herzens, und sie würde sich als ein zu verwirklichendes Ideal ausbilden, an der Seite eines armen Landarztes ein kleines Provinzleben zu führen, angefüllt mit Glück und Zärtlichkeit, mit Pflichterfüllung und Kindersegen. Denn sie muß in einer beständigen Lüge gegen sich selbst leben. Da trifft sie den knabenhaft schüchternen Léon, den sie sich sofort als den Mann ihrer Träume einbildet. Emma ist die erste Frau seines bescheidenen Liebeslebens. Vorsichtig, da solcher Wege nicht kundig, paßt er auf jedes Wort. Emma liebt ihn: sie glaubt ihn sich ähnlich darin, daß auch seinem auf das Ideale gerichteten Herzen die Liebe noch nicht ward. Der Schreiber geht auf den Ton ein, er hält ihn nicht nur in diesem ihm neuen Falle für den rechten und richtigen, sondern er gefällt sich, auch er am Übel leidend, in der Wiedergabe dieser von billiger Literatur konsekrierten Gemeinplätze über Sonnenuntergänge, Berge, Meer, Kunst und Schönheit, mit der die meisten Menschen, von Eindrücken bedrängt, die sie nicht erfühlen können, ganz guten Glaubens die Dürre ihrer Empfindungen verbergen und die Leere ihres Gefühlsvermögens anfüllen, überzeugt, auf den höchsten Gipfeln der Ideale zu wandeln. Beide begehren einander, Emma wie Léon, beider Gefühle zueinander in dieser Verkleidung mit künstlichen, ihnen fremden und erborgten Gefühlen, denen allein sie als denen trauen, welche eine ungeheure große Leidenschaft ausdrücken, allein ihrer würdig. Diese in der Fiktion begonnene Leidenschaft beginnt sich in der Wirklichkeit zu akklimatisieren. Das körperlich-sinnliche Gefühl, die Begierde ist stark, und gerade daraus muß sich Emma nach dem sie beherrschenden Prinzip einen Widerstand schaffen, durch den sie ihre imaginierte Person behauptet. Sie spielt die Tugendhafte, die Fromme, die Pflichtschuldige: sie muß diesem neuen Ideal Opfer bringen. Es besteht darin, daß sie sich Léon verweigert, der zu schüchtern ist, als daß er das Hindernis nehmen könnte. Innerlich war sie voller Begierden ... Hinter ihrem klösterlichen Kleide stürmte ein weltverlangendes Herz, und ihre keusche Lippen verheimlichten alle Qualen der Sinnlichkeit. Sie war in Léon verliebt. Sie suchte die Einsamkeit, um in der Vorstellung ungestört zu schwelgen. Diese Wollust der Träume ward ihr durch den leibhaftigen Anblick des Geliebten nur gestört ... Und dann sagte sie sich voll Stolz: Ich bin eine anständige Frau geblieben. Sie stellte sich vor den Spiegel in der Haltung der Resignation. Léon verläßt das Städtchen, und in der Abwesenheit des Geliebten verkam allmählich ihre Liebe . Sie sagt sich, eine Frau, die solches Opfer gebracht hat, hat ein Anrecht auf Entschädigungen, die sie in allerlei Extravaganzen sieht, in Launen, Romanelesen. Die Wirklichkeit nimmt ihre Revanche: Emma kommt hinsichtlich der Verabschiedung Léons darauf, das Opfer einer Illusion geworden zu sein, und ärgert sich, dieser Liebe nicht nachgegeben zu haben. Der jetzt auftauchende derbe Krautjunker Rudolph findet offene Bahn. Er hat, im Gegensatz zu Léon, Erfahrungen in der Liebe, mit den Bordellmädchen von Rouen, mit Dorfmägden; sie genügen ihm, zu erkennen, was Emma will. Nichts anderes als er, nur gäbe sie sich das nicht zu, und man müsse sie täuschen, um zum Ziele zu kommen. Er spielt den Sentimentalen, zur höchsten Zufriedenheit Emmas, denn sie wird in dieser Leidenschaft ihre unter dem idealischen Konvenü der Sentimentalität verhüllten Sinne befriedigen und auch den chimärischen Flug ihrer Seele tun, der einen Helden sucht und ihn in Rudolph findet. Emma genießt ihre Sinne in der brutalen Umarmung des kaum ermüdbaren Mannes. Aber sie will mehr. Er soll mehr sein. Held wie in den Romanen. Soll sie befreien aus diesem Leben, das zu führen sie gegen ihre Natur gezwungen. Er soll sie entführen, dorthin, wo Palmen wachsen ... Solches dramatisches Ende seines Abenteuers ist gar nicht nach Rudolphs Geschmack. Er spielt die Rolle des Entführers eine Weile, besinnt sich und schreibt unbekümmert ab. Emma trifft das auf den Tod. Aber da sie auch das Emotionale des Todes schon vorkennt, behauptet sie sich in der Krise und trägt den Gewinn daraus, daß sie die Kleinheit der Leidenschaft erkennt, welche die Kunst übertreibt . Sie hat ein Ideal als eine chimärische Täuschung erkannt. Aber sie ist nicht geheilt. Ihre Krankheit, Empfindungen zu haben, die ihr das Leben nicht gibt oder die sie, gibt sie ihr als bearbeitbare Substanz das wirkliche Leben, wissentlich fälscht, diese Krankheit besteht unheilbar weiter. Sie trifft zufällig Léon wieder und romantisiert sich ihre Liebe zu ihm, trotzdem sie erkennt, daß dieser Leon jedes Heroismus unfähig, schwach, banal, weichlicher als eine Frau, außerdem geizig und verzagt ist . Sie schreibt ihm Liebesbriefe, glücklich, alle in Romanen gelesenen schönen leidenschaftlichen Phrasen darin anbringen zu können. Sie schreibt an einen andern Menschen, an ein Phantom, und weiß das. Sie weiß auch, daß sie gar nicht die grande amoureuse ist, die sie sich einbildete. Sie kann mit ihrer Phantasie nicht mehr beschwören, aber noch weniger vermag sie ihr wirkliches Leben zu leben, und gibt sich, als dieses Leben ihr mit seiner derbsten, erbarmungslosesten Wirklichkeit, der des Geldes, entgegentritt, den Tod durch Gift. Alle Fiktion muß abgebüßt werden, denn die Wahrheit rächt sich , schrieb um diese Zeit der Genfer Amiel in seinem Tagebuch. Der romantische Eros bei Richard Wagner In die romantische, schon nur mehr als Theater denkbare Dekoration, wie keine andere für die überredendste schöne Lüge geschaffen, welche die Oper ist, stellte Wagner mit ungeheurem orchestralen Nachdruck die romaneske Realität jenes erotischen Konfliktes, der bis zur philosophischen Formulierung durch Schopenhauer das ganze neunzehnte Jahrhundert hindurch latent ist, vom Beginn des zwanzigsten ab schwindet und heute als historisch empfunden wird wie der ganze romantisch-romaneske Komplex, der sich aus den Antinomien Gefühl – Denken, Wissen – Glauben, Traum – Wirklichkeit, Sehnsucht – Erfüllung konstituiert und sich psychologisch in jener Wertverschiebung äußert, die sich und einer vorgestellten Welt den Wert schlechthin gibt und der gegebenen Welt den Unwert. Die Fixierung auf ein persönliches Glück der sich in nichts mehr einordnenden, nur seinen Gefühlen leben wollenden Person ist so stark, daß sie für dieses Glück selbst das Leben opfert und den Tod auf sich nimmt, wie Tristan und Isolde den Liebestod, also im supremsten Genuß seiner selbst. Die Hysterisierung des in der zuwartenden Passivität und zur Bereitschaft für den Unbekannten erzogenen Mädchens, weckte Perspektiven zu einer Brautschaft in der Welt, die aus dem der irdischen Tatsächlichkeit sich entringenden Mann etwas machten, das man wie den Fliegenden Holländer erlösen mußte oder der einen selber aus aller garstigen Not dieses täglichen Lebens erlösen würde und nahen müßte, von einem Schwan gezogen aus dem Lande der Märchen. So bestätigten es ja auch die süßen Gedichte, die man zu lesen bekam. So sang es Schumann. Und waren hier die Worte in der Frauenliebe und Leben zu eng bestimmend, so waren sie doch voll Innigkeit, und dann gab es, köstlicher noch, diese Lieder ohne Worte, denen man klavierspielend alles Unsagbare, aber so sehr Gefühlte unterlegen konnte. Allzu brav und bürgerlich singen dem Tannhäuser die Genossen die Liebe, die er, herumgekommen in Oben und Unten der Welt, anders kennt. Er erträgt's nicht, denn Elisabeth, die er liebt, erregt sein Blut, und er greift anders in die Saiten, allen Anstand, alle Sitte vergessend. Er wacht erst auf, da er allein steht, denn der ganze Saal floh erschreckt vor einem, der eine Katze eine Katze nennt im unpassenden Augenblick, nämlich vor aller Welt und vor dem jungen Mädchen, das sich aus lauter Anstand nicht die Nase putzt. Aber sein Wort von der Venus ist ihr eingebrannt, und Elisabeth weist den Freier ab, der Gatte sein will an ihrer Seite, den braven Wolfram, der es den Sternen sagt voll leiser Melancholie eines ausgebrannten Kraters. Wer liebt, muß der Liebe sich selbst zum Opfer bringen, denn die gegebene Welt ist zu eng für sie. Alles tot , klagt Marke oder die Weisheit des alles verzeihenden, nichts verstehenden Alters. Im Sterben sich zu sehnen, vor Sehnsucht nicht zu sterben – das sind ja gewiß nur Worte, wie sie in völliger Sinnlosigkeit sich dem Musiker als gerade recht einstellen, der für den Theaterzweck eben Worte zu einer Tonfolge sucht, die in ihm primär entstanden ist, wenn auch nicht schon aufgeschrieben zu sein braucht. Aber im Kreislauf dieses seltsamen Wortegefüges – ein Melos, das nicht zu Ende kommen kann und immer wieder anfängt – drückt sich so gut es eben geht der Wunsch aus, einem Affekt des Hangens und Bangens die Dauer zu geben, banal paradox gesagt, ein Wille, vom Sterben leben zu wollen. Nacht, Tod, Liebe: das Romantische solcher Erotik wächst durch völlige Ausschaltung aller ändern Lebenswerte bis auf den des Lebens selber ins Ungeheuerliche eines Chaotischen, das Rachen und Verschlungenes in einem ist. Dagegen sind die parallelen Erotismen bei den Frauen Ibsens, ganz abgesehen, daß sie sich nicht der musikalischen Steigerung ins Absolute der Tönewelt erfreuen, nur schwache Abbilder, denen auch die determinierenden Momente des modernen Lebens äußerlich, aber nur so, die Schwesterschaft mit den Wagnerschen Frauen absprechen möchten, welche Blutsverwandtschaft sie aber in dem erotischen Grundcharakter durchaus besitzen – dort sind sie heroisch drapiert, hier tragen sie etwas norwegisch-kleinbürgerlich kaschiert den Cul de Paris. Elsa hat die Anstrengungen ihrer Mädchenträume und Mädchenwünsche zum äußersten gesteigert: das Los, unter dem sie zu leben gezwungen ist, schuf sie sich zur äußersten Last, zum ganz Unerträglichen um, damit der Befreier ins Heldenhafte wüchse. Wie es auch geschah. Unter schwersten Bedrohungen und Gefahren behauptete sie und bewahrte sie sich ein Jungmädchentum so über alle Maßen, daß ihr nur ein Held zu Dank sein konnte. Das war erreicht. Mit einer Spannung bis zum Zerreißen. Ein Erlöser zeichnete die Verfolgte aus und erhöhte die Niedrige. Aber es war all ihr Wille auf ein, wie sich nun herausstellte, zu kurz gelegtes Ziel gelegt: den Gatten. Elsa will, was sie hat, auf bürgerliche Flaschen ziehen. Der Helde soll Mann werden, Familie gründen, repräsentieren. Da ruft der Held seinen Schwan und verläßt, was ihn als Helden bedroht. Als Ibsen über die vom Pomposo ihres Orchesters und dem geliehenen Faltenwurf aus Sage und Mythus überlebensgroß gewordenen Wagnerschen Gestalten den Kontur der gleichen Figuren im bürgerlichen Format zeichnete, da trat das Theater Wagners in eine falsche Klassizität, und niemand hätte es in den achtziger Jahren wagen dürfen, vom romantischen Erotismus dieser Gestalten zu sprechen, denn sie waren als die künstlerisch vollendetsten Inkarnationen des Liebesgefühles, das sich dem Übersinnlichen zu verbinden sucht – im Gegensatz zu einem realistischen Empirismus der Carmen Bizets –, in ein Walhalla nationalen Besitzes gestellt worden, in dem sie noch stehen. Gerhart Hauptmann, hat um 1912 eine Nacherzählung des Lohengrin gegeben. Alle Eigentümlichkeiten des romantischen Erotismus der Wagnerschen Gestalten sind in Hauptmanns Erzählung verschwunden oder selbstverständliche Bestandteile eines allen bürgerlichen Idealen entsprechenden Liebes- und Ehelebens. Das tragikomische Motiv: Lohengrin fehlt der Personalausweis . Das erotische Motiv, das Wagner figurierte, ist hier ins Banale einer braven Liebes- und Ehegeschichte aufgegangen, deren Ende eine düpierte Frau mit drei Kindern zurückläßt. Die Zeit steht mit ihrem Dichter völlig verständnislos der letzten Blüte der romantischen Erotik gegenüber. Und Walhall hat sich in den Biergarten verwandelt, in dem für Familien und Liebespaare das Funkorchester den Wonnemond, den Liebestod und den Trauermarsch spielt. Nietzsche über die Liebe Schwester Eugenie, eine jansenistische Nonne, die im Jahre 1660 starb schrieb diesen klugen Gedanken auf: Die Geschöpfe, die uns zu wenig lieben, irritieren uns, und jene, die uns zu sehr lieben, werden uns lästig. Dieser Satz, in dem sich Verachtung des Mittelmäßigen ebenso wie des Extremen ausspricht hätte in Nietzsches apollinisch-stoischer Periode seinen Beifall gefunden, wo er, in der Morgenröte, die Probe einer Überlegung vor der Ehe gibt: Gesetzt, sie liebte mich, wie lästig würde sie mir auf die Dauer werden! Und gesetzt, sie liebte mich nicht, wie lästig würde sie mir erst da auf die Dauer werden! Es handelt sich nur um zwei verschiedene Arten des Lästigen: heiraten wir also. Nietzsche hatte wenig Erfahrung in der Liebe. Als er in Sorrent Malvida von Meysenburg ein Heft mit Aphorismen über die Frauen zu lesen gab – sie sind dann im ersten Bande von Menschliches, Allzumenschliches erschienen –, lächelte sie, als sie ihm nach der Lektüre das Heft zurückstellte, und er sagte: Veröffentlichen Sie das nicht. Daß die im siebenten Kapitel Die Frau und das Kind geäußerten Gedanken den schwächsten Teil des Werkes bilden, hat wohl nichts mit Nietzsches geringer Erfahrung zu tun. Wo hat jene jansenistische Nonne die Liebe erfahren, über die sie doch einen so klugen Satz sagt? Oder gehört nicht das, was die heilige Therese über die Liebe schreibt, zu dem Besten und Packendsten, was je darüber gesagt wurde? Wie haben sich diese mystischen, in Klöstern lebenden Frauen über den Mechanismus unserer Gefühle instruieren können? Vielleicht gibt es, unter so mannigfachen Formen sie sich auch verkleidet, nur eine einzige Art Liebe, die bei aller sichtbaren Verschiedenheit des Mittels zu einer gleichen Befriedigung neigt: zur freudvollen Erfüllung. Wie es ebenfalls ein Mönch, der Verfasser der Nachfolge Christi, in vier Worten formuliert hat: amor currit, volat et laetatur. Es unterscheiden sich nur die Mittel, nicht das Ziel, welches die Eroberung der vollkommenen Freude ist. Befreit von den Folgen einer natürlichen Funktion ist die mystische Liebe, die keinen andern als einen imaginativen Partner hat, vielleicht die Liebe, aus der man die beste psychologische Unterrichtung ziehen kann. Fragen und Antworten stellt und gibt aus einem einzigen Verlangen der gleiche Geist, und so entsprechen sie sich logischer, finden leichter diese Einheit des Willens, welche Liebespaare oft so schlecht realisieren. Das vollkommene Weib ist ein viel höherer Typus der Menschheit als der vollkommenere Mann; es ist auch viel seltener. Die Naturgeschichte der Tiere gibt ein Beispiel, diese Behauptung wahrscheinlich zu machen. Nietzsche hat hier eine wissenschaftliche Wahrheit erkannt, welche die zoologische Forschung bestätigen sollte. Die große Rolle des Mannes im Leben der Frau ist unbestritten; aber sie ist vorübergehend. Während die natürliche Rolle der Frau dauernd ist. Der Mann repräsentiert nur sich selber, die Frau die ganze Nachkommenschaft. Die Überlegenheit der Frau über den Mann ist unbestreitbar da, wo die Frau nichts als Frau ist; sie verliert sie, wo sie sich dem Manne annähert. Aber daß die vollkommene Frau weit seltener sei als der vollkommene Mann, darin irrt Nietzsche, ganz abgesehen davon, daß es schwierig ist, festzustellen, worin die Vollkommenheiten und Überlegenheiten des Mannes bestehen, denn es gibt deren verschiedenartige, während die Vollkommenheit der Frau einzig ist. Aus diesem einen Irrtum, den Erfahrung nicht richtigstellt, kommt Nietzsche zu seinen weiteren Irrtümern über die Frauen, deren größere Natürlichkeit auch in höchster Zivilisation er verkennt – vielleicht aus mangelnder physischer Sympathie, die aber Geschöpfen gegenüber, die dem Leben näher und weit physischer sind, nötig ist, wenn man über sie etwas anderes aussagen will als Abneigung oder Indifferenz. Nietzsche hält es für eine Inferiorität der Frau, daß sie seltener von den Sachen und häufiger von den Personen ergriffen werde, mit andern Worten nicht abstrahieren könne. Das ist eine Inferiorität nur dann, wenn es sich um das Philosophieren handelt, nicht um das wirkliche Leben. Aber Ideen sind da, damit sie Fleisch werden. Nietzsche selber definierte ein philosophisches System als nichts sonst als den Ausdruck einer physiologischen Besonderheit. Geht die Frau von der Sache zur Person, so geht der Mann keinen andern Weg, nur geht er ihn weniger offen, weniger natürlich als die Frau. Die betrogene Frau benimmt sich meist weniger dumm als der betrogene Mann, weil sie besser um diese Dinge als des Menschen Bescheid weiß. Weil sie natürlicher und dem Leben näher ist. Nietzsche kommt im Kapitel der Frauen zu erstaunlichen moralischen Gemeinplätzen dort, wo er nicht gerade Schopenhauer resümiert. So wenn er sagt, daß die jungen Mädchen, die ihre Existenz auf ihre Jugend und Schönheit gründen und darin von den Müttern unterstützt werden, das gleiche Ziel wie die Kurtisanen haben, nur weniger anständig seien als diese und bösartiger. Oder wenn er sagt, daß sich das unerfahrene junge Mädchen mit der Idee schmeichle, daß es in ihrer Macht gegeben sei, einen Mann glücklich zu machen, um später dann zu erfahren, daß solches dasselbe sei wie den Mann entwerten, wenn es nur eines jungen Mädchens bedürfe zu seinem Glücke. Oder er formuliert seine große Unerfahrung in dem Satz: Mit der Schönheit der Frau wächst im allgemeinen ihre Schamhaftigkeit , während doch die der Frau natürliche Schamhaftigkeit sich, abgesehen von der Erziehung, nur durch den Umstand mehren kann, daß sie das Gefühl einer physischen Unzulänglichkeit besitzt. Ein zu verbergender körperlicher Defekt wird das natürliche Schamgefühl steigern, das Bewußtsein vollkommener körperlicher Schönheit kann das Schamgefühl, falls es vorhanden, unalteriert lassen, kann es mindern, sicher aber nicht steigern. Nietzsches Meinung, daß man mit den Sinnen nur eine Frau lieben könne, wenn man sie intellektuell schätze, drückt den naiven Immoralismus eines Mannes aus, dessen Sensibilität ganz zerebral ist. Aber auch diese rein metaphysische Ehe lehnt er ab, wenn er sagt, daß ihm alle Philosophie verheirateter Philosophen verdächtig ist. Schlußbemerkungen Man ist nicht frei, das zu denken, was man denkt; so wenig man frei ist, das zu verdauen, was man ißt. Nicht diese Freiheit aber ist wichtig, sondern die Illusion, daß man sie besitze. Jedes Liebespaar glaubt für eine Zeit – im Anfange seiner Zeit, wo die Illusion am notwendigsten und daher am stärksten ist –, daß es in den Sternen geschrieben stünde, sie seien füreinander bestimmt gewesen. Sie werden von einem Zufall ihres Treffens nicht wissen wollen, weil er der Stärke ihres Gefühles Abbruch täte; sie werden einander für vorbestimmt halten von Ewigkeit zu Ewigkeit und jeden Einwand, daß ihre Liebe ein Ende in der Zeit finden könnte, für jede andere Liebe, aber nicht für die ihre gelten lassen. Diese Illusion ist notwendig, denn ohne sie käme auch das Geringste dessen, was man Liebe nennt, nicht zustande. Die Macht des Wortes über den Menschen und die Leichtigkeit, mit der es sich beim Impulsiven in einen Akt umsetzt, kann nicht überschätzt werden. Alle Erziehung und ihr Gegenteil basieren darauf. So verbreitet, daß es sich gar nicht mehr als besonders abhebt, ist die Wirkung des Wortes Liebe auf die Menschen, daß sie der suggestiven Fülle dieses Wortes erliegend schon bei dem geringsten sinnlichen Verlangen meinen, sie lieben, oder – und dies wird für die öffentliche Moral wichtig – andern Paaren und Individuen solche Gefühle absprechen, deren Beziehung entwerten, um ihrer eigenen Liebesform den ausschließlich gültigen Wert zu geben. So hat die höfische Moral die eheliche Liebe zugunsten der Minne als der allein wahren Form der Liebe entwertet. Ebenso entwertete im neunzehnten Jahrhundert die Moral die freie Liebe zugunsten der ehelichen Liebe. Damit eine öffentliche Moral sei, ohne welche soziale Beziehungen irgendwelcher Art unmöglich wären, kommt es darauf an, daß die Gesellschaft so tut, als ob sie über gewisse Vorurteile der gleichen Meinung wäre. Worauf in der Moral man sich zu einer Meinung geeinigt vorgibt, das ist nach außen hin bestimmt, nach dem Inhalt hin undeutlich. Weil diese Undeutlichkeit allein eine Verständigung ermöglicht, das heißt erlaubt, das darin zu finden, was man selber hineinlegt. Jede Präzisierung würde zu Kontroversen führen, die ohne Lösung sind. So ganz besonders im sexuellen Schamgefühl. Ängstliche halten es oft bei lächerlichsten Anlässen für bedroht. Aber es hilft sich in kritischen Situationen als eine erhaltende Kraft, die es ist, immer selber. Die Zahl der Frauen, die sich für das Vergnügen der Liebe bereit fanden, sei es um Geld, sei es aus mondäner Verpflichtung zur Lasterhaftigkeit, hatte sich bis heute außerordentlich vermehrt und damit auch die Prädominanz des bloßen Vergnügens. Das Angebot überstieg weit die Nachfrage, entsprach aber immerhin der männlichen Neigung zum Wechsel des Objektes seiner Neigung. Nun nutzte sich aber das Vergnügen, eben weil es nichts als das ist, ab. Es minderte sich sowohl sein Reiz an sich als auch die Reizfähigkeit des Mannes. Es bereitete sich eine Reaktion dagegen vor, eine auf eine andere Idealität gestellte Liebe. Aber deren Formen sind noch kaum zu ahnen. Man konstatiert, daß die heutige Frau ein Beherrschtwerden durch den Mann nur mehr vorgibt. Weil der heutige Mann auch seinerseits nur eine Stärke vorgibt, die er nicht besitzt. Er nähert sich dem früheren femininen Typus an, nicht, wie man oft meint, die Frau dem maskulinen. Die manns-hysterischen Krämpfe versuchen diese Tendenz zu maskieren hinter Brutalität, Heldentum, Sport, Verachtung der Frau. Aber in diesen Formen wird nur Impotenz jeder Art als Ranküne abreagiert. Der Stolz des Mannes scheint dumm geworden. Eine Frau zu gewinnen, hat der Mann drei Wege: er kann es mit der sinnlichen Leidenschaft versuchen, das ist der alte, selten mehr begangene Weg. Er kann es mit der Zärtlichkeit versuchen, ein als altmodisch verrufener Weg. Und drittens mit der Libertinage. Die Frau von gestern, welche zu Anfang ihre Gründe zur Liebe nicht kennt – sie kommt erst in deren Verlauf darauf –, ging auf jede Art ein. Der heutige Mann hat seine Leidenschaft, wenn sie überhaupt vorhanden, früh verbraucht. Für die Zärtlichkeit hat er wenig Eignung und noch weniger läßt ihm die Zeit Zeit dafür. So versucht er es meistens mit der Libertinage. Es ist das heute für die Beteiligten das bequemste Mittel. Auch für die Frau. Sie bleibt dabei. Die Libertinage führt oft zu dem, was man ein Verhältnis nennt, wo dem Manne meist nur an einigen Gunstbezeigungen gelegen war und nicht an mehr. Er geht ein Verhältnis ein aus Mangel sowohl an Leidenschaft wie an Zärtlichkeit. Und die Frau des gestrigen Typus aus Trägheit des Herzens: sie würde sich noch mehr langweilen, wenn sie nicht einen Geliebten hätte der sie unglücklich macht. Aber diese Frau wird immer seltener. Sie ist ein Zerfallstypus, den keine neue kulturelle Form mehr einfängt und bindet, sondern ausscheidet und vertilgt. Denn nur dem äußeren Anschein nach gibt es heute sogenannte Liebe in Abundanz. Faktisch ist diese Fülle, wenn man das geringe sinnliche Vergnügen ausscheidet, Ergebnis, von nervöser Unruhe und Ungeordnetheit der Gedanken. Auch von sehr viel Langeweile. Die Nachgiebigkeit zur Liebe entspricht bei den meisten Menschen dieser Zeit nicht einem Verlangen, das man wirklich hat, sondern das man haben möchte. Dazu kommt die Angst vor dem Alleinsein, die besonders der Großstädter erleidet und nicht erträgt. Diese Angst führt zur Geliebten oder zum Liebhaber, aber nicht zur Liebe. Auch die Worte geben ihr eine scheinbare Latenz. Die heutige Luft ist voll von Worten der Liebe. Die Liebesworte aller Jahrhunderte liegen auf dem Markt – einst Ausdruck für ein Gefühl, einen Zustand, sind sie heute nur Provokatoren eines Gefühles oder dessen, was man dafür vermeint. Die Worte haben ihre Bedeutung, aber nicht ihren infektiösen Charakter verloren; der kleinste Anfall des Augenblickes gibt ihnen Virulenz. Mehr ins Gewicht fällt die zunehmende Komplikation der weiblichen Psyche, mit welcher der Mann nicht fertig wird. Nicht wenig auch der Umstand, daß die heutige Frau in der Geschlechtsfunktion nicht mehr den Gipfel der Liebe sieht, was sie für die erotische Konstitution des Mannes noch immer ist. Und daß die heutige Frau ihr Leben nicht mehr von dieser Geschlechtsfunktion so imprägnieren läßt, daß sie darin aufzugehen scheint und die jederzeit dafür Parate ist. Wie es der Mann für das Anfallsweise seines geschlechtlichen Appetites wünscht. Nun muß er fürchten, den Moment falsch zu erwischen. Oder muß eine partielle Unbeteiligtheit der Frau an dem Akte fürchten, gewissermaßen ein aus dem Bette herausgestrecktes intellektuelles Bein, das sich lustig macht. Was ihn stört, irritabel wie er ist. Darüber helfen nur gewisse Modi ehelicher Gewöhntheiten weg, welcher Umstand den heutigen Mann immer wieder in die Ehe führt. Das Laub in diesem ehelichen Bois d'Amour fällt wohl gelblich von den Bäumen, aber es bietet immerhin ein Lager, und die kahlen Stämme geben einen kleinen Schatten. Genug, um sich, wie man nun sagt, mit dem Herzen zu lieben. Die Ehe, das Kernstück der geschlechtlichen Moral, beginnt ihren mystischen Charakter, der ihr besonders im neunzehnten Jahrhundert verliehen wurde, zu verlieren. Sie wird zunehmend eine einfache leicht lösliche Assoziation, mit Liebe etwas pigmentiert. Mit dieser ihrer Mystik entkleideten Ehe verschwinden zwei typische Begleiterscheinungen: die Tyrannei der Familie und das für die Ehe dressierte junge Mädchen. Es gab eine kurze Zeit, wo das junge Mädchen von seiner schlimmen Reversseite abgelöst wurde: der Studentin. Es war eine kurze Blendung der aus der Haft Entlassenen und bald überstanden. Der nächste Schritt schon zeigte die innere und äußere Welt viel weiter und tiefer, als daß sich die Frau den Fuß an den Pflock eines Berufes gebunden hätte, dessen kleiner Umkreis nun mit Würde abzugrasen wäre. Außerordentlich viele Kräfte der Frau mußten innerhalb der Familientyrannei verkümmern oder verheuchelt werden. Man nannte Kinder kriegen, säugen, pflegen, aufziehen die natürlichen Aufgaben der Frau, in denen ihr Leben beschlossen sei. Welches Leben sie von jedem andern Leben so gut wie ausschloß. Die moderne Ehe gibt zu wenig Garantien, weder für ihre Dauer noch für die wechselseitige Sympathie der Gatten, als daß man sich die Angelegenheit durch die Anwesenheit von Kindern erschweren will. Das Geschäft des Kinderbekommens ist so immer mehr jenen überwiesen, die auch sonst Arbeit leisten, den unteren Ständen der Arbeiter und Bauern. Utopisten, mit dieser Teilung nicht zufrieden, predigen die Rückkehr zur Natur der Bauersfrau. Aber das tat man nur einmal als Gesellschaftsspiel zur Zeit Rousseaus, wo sich die Prinzessin als Hirtin verkleidete, um gleichzeitig raffiniert und primitiv zu vereinen. Die Spielerin wurde der Rolle bald müde und war mit allem Vergnügen wieder das, was sie wirklich war. Wie die Mode, so kommt auch die Moral von oben nach unten, von der Elite zum Volke, nicht umgekehrt. Das Erotische steht immer in Opposition zum Mucker und degeneriert unter dem Schutze eines feigen Schamgefühls. (Es gibt, sagte Anton Kuh, gewiß nicht wenige Deutsche, welche das Wort Erotik von Erröten ableiten.) Ein boshafter Witz über das allgemein verbreitete philiströse Schamgefühl. Der existentialistische Philosoph Sartres sagt: Der Mensch ist , wozu er sich macht . Das Schamgefühl ist kein Geschenk der gütigen Natur. Der Mensch schuf es sich selbst, als Schutz gegen das Anarchische in der Natur, das seine Existenz bedroht. Aus einem funktionellen Ablauf des Geschlechtlichen schuf er sich die unsterbliche Idee der Liebe. Der Mensch ist nicht, er wird . In dem Werden liegt Glück und Gefahr. Das Schamgefühl wird zur hemmenden oder regulierenden Kraft, je nach der Stufe der Entwicklung. Die Menschheit ist jung in einer uralten Welt. Bezaubernd wie die Morgenröte war die Scham der Jugend beim Erwachen der ersten Liebe – über noch unverdientes Glück, über noch ungeschehene Tat. Ver sacrum , heiliger Frühling, nannten die Alten die Zeit der flammenden Sehnsucht der Jugend nach dem großen Abenteuer der Liebe. Gibt es auch kein Zurück – es gibt immer wieder eine neue Jugend. Sie formt sich ihr Schicksal und ihre Liebe.