Port Tarascon. Letzte Abenteuer des berühmten Tartarin. Von Alphonse Daudet. Vorwort zur Uebersetzung. Mit dem gegenwärtigen Buch, das der Herausgeber den Lesern der »Romanbibliothek« seines hohen Interesses wegen nicht vorenthalten wollte, schließt Alphonse Daudet, der Rabelais des modernen Frankreichs, einen Cyklus grotesk-humoristischer Erzählungen ab, die in einer Reihe farbenreicher Bilder uns das Leben und Treiben eines wunderlichen Völkchens schildern. In » Tatarin de Tarascon « und in » Tartarin sur les Alpes « führt uns der Dichter Typen des südfranzösischen Volkscharakters vor, die alle Fehler und Schwächen des leicht beweglichen provençalischen Stammes in sich vereint zur Schau tragen. Diese Typen sind keine unbestimmten, verschwommenen Figuren, sondern sie erhalten durch die Gestaltungskraft des Dichters Leben und Individualität, ganz besonders der Held dieser Erzählungen, der Tarasconer Tartarin, eine aus dem Vollen geschöpfte Gestalt, die uns mit all ihren drastischen Schwächen derart zu packen weiß, daß wir an seinem endlichen Untergang den innigsten Anteil nehmen. Ob er auf der Löwenjagd ( Tatarin de Tarascon ) seinen zahmen Löwen schießt, ob er leichtgläubig alle Gefahren des Bergsteigens für Humbug halt und lächelnd über Gletscherspalten schwebt, ob er die Jungfrau ersteigt und auf ihrem Gipfel das Banner von Tarascon aufpflanzt ( Tartarin sur les Alpes ), oder ob er mit seinen bethörten Genossen fern auf einer öden polynesischen Insel die Kolonie Port Tarascon gründet – er ist überall derselbe köstliche, großartige Tartarin, der uns gerade durch seine Fehler und liebenswürdigen Schwächen menschlich näher tritt. Daudet will, wie er in diesem Buch selbst zugesteht, nicht nur dem provencalischen Stamm, sondern dem gesamten französischen Volke in diesen tarasconischen Gestalten Spiegelbilder vor Augen führen. »Alles in allem genommen,« läßt er einen Engländer sagen, »ist der tarasconische Typus nichts als der französische Charakter, nur in übertriebenem, vergrößertem Maßstäbe, als ob man ihn in einer jener großen Glaskugeln, die man ab und zu in unsern Gärten findet, abgespiegelt sähe.« Daudet kennt sein Volk und weiß, daß dessen Fehler zugleich seine Vorzüge sind. Deshalb kämpft er nicht wie Rabelais mit der scharfen Waffe der Satire, sondern schöpft aus der Fülle seines Humors jene typischen Gestalten, durch die er seinem Volke zeigen will, wohin solche Schwächen führen müssen. Und was sind diese Fehler des französischen Volkscharakters, die uns der Dichter in einer bis an die Grenzen der Karikatur gehenden Drastik vor die Augen führt? Kein Volk der Welt kennt weniger soziale Vorurteile als der Franzose, aber auch keines trägt mehr den Drang zur Schau, sich äußerlich von seinen Mitmenschen zu unterscheiden. Die Titel- und Ordenssucht, die Eitelkeit, die Schwäche für Schein und Schimmer ist es daher vor allem, die Daudet in seinen tarasconischen Würdenträgern mit ihren Großkordons und Grandenmänteln zu geißeln sucht. Hier schlägt er der Thorheit geradezu mit ihrer eignen Narrenmütze ins Gesicht! Sodann ist es die Unkenntnis fremder Verhältnisse, die Leichtgläubigkeit und das rasche, unüberlegte Ueberspringen vom Gedanken zur That , das in der Geschichte des französischen Volkes eine so große Rolle spielt und es so häufig dazu getrieben hat, für andre die Kastanien aus dem Feuer zu holen. Diese spezifische und positivste Eigenschaft der Franzosen findet ihren drastischen Ausdruck in der tollen Kolonialunternehmung der Tarasconer, von der uns dieses Buch erzählt, und die ihr tragikomisches Ende darin findet, daß die allzeit beutegierigen Engländer ohne weiteres von der Insel Besitz ergreifen. So lacht Daudet die Tollheiten seines Volkes hinweg, wie der frische Morgenwind die Nebel verscheucht. Keine seiner Gestalten hat je etwas Rohes oder Gemeines an sich; auch vergißt er bei ihrer Individualisierung nie jene kleinen liebenswürdigen Züge, die Beweglichkeit des Geistes, das Geschick, der inneren Empfindung den besten Ausdruck zu verleihen, die Begeisterungsfähigkeit, die Hingebung an das Allgemeine und die Unterordnung unter dasselbe – kurz alle jene Eigenschaften, die den Franzosen zu dem gemacht haben, was er heute ist. Daudets Humor ist durchtränkt und geadelt von der Liebe zu seinem Volk! Auch seiner Sprache verleiht er durch Verschmelzung der Dialekte und Anwendung von Provinzialismen eine ganz eigenartige Kraft und Fülle, die eine Übersetzung leider ebensowenig wiederzugeben vermag, wie die Vollendung und Schönheit des Daudetschen Stiles. Trotzdem dürfte von dem Geiste des Originals genug übrig bleiben, um auch dem deutschen Leser Befriedigung und Genuß zu gewähren. Natalie Rümelin. Vorrede Es war ein Septembertag vor fünf oder sechs Jahren, ein Septembertag der Provence, und die Winzer kehrten von der Weinlese heim. Von dem großen, mit zwei Camarguern bespannten Break aus, in dem wir, der Dichter Mistral, der älteste meiner Söhne und ich, in raschem Trabe auf den Expreßzug nach Tarascon fuhren, erschien uns dieser Abend göttlich schön, der in seiner blassen Glut mit seinem matten, fahlen, fieberhaften, leidenschaftlichen Licht an ein schönes Frauenangesicht aus der Provence erinnerte. Kein Lüftchen rührt sich trotz unsrer raschen Fahrt. Der Straße entlang steht starr und steif das spanische Rohr mit seinen flachen, bandförmigen Blättern, und auf all diesen Feldwegen in ihrem schneeigen, fast gespenstischen Weiß, deren unbeweglicher Staub unter den Rädern knirscht, ziehen mit schwarzen – lauter schwarzen – Trauben beladene, zweiräderige Karren daher; – stumm und ernst schreiten die Burschen und Mädchen hinterdrein; alle groß, kräftig und schlank, mit langen Beinen und schwarzen Augen. Schwarze Augen und schwarze Weinbeeren überall; man sah nichts andres in den Kufen und Bütten, unter den umgekrempelten Filzhüten der Winzer und unter den Kopftüchern, deren Zipfel die Mädchen mit den Zähnen festhielten. Hier und dort erhebt sich am Wegrand ein Kreuz gegen den hellen Himmel, das an jedem seiner Arme eine schwere, schwarze, als Weihegeschenk aufgehängte Traube trägt. »Sieh!« warf Mistral hin und wies gerührt, mit beinahe mütterlich stolzem Lächeln auf diese naiv heidnischen Kundgebungen seines provençalischen Volkes; dann nahm er seine Erzählung wieder auf, eines jener duftigen, goldschimmernden Märchen vom Ufer der Rhone, wie sie der Goethe der Provence ausstreut mit immer offenen Händen, deren eine voll Poesie, und deren andre voll Wirklichkeit ist. O, der Zauber der Rede, o, die magische Uebereinstimmung der Stunde, der Umgebung und der stolzen, ländlichen Sage, die der Dichter vor uns entfaltete während der langen Fahrt auf dem schmalen, zwischen Olivenfeldern und Weinbergen dahinführenden Weg! Wie wohl war es mir zu Mute, wie hell und leicht schien mir das Leben! Plötzlich umschleierten sich meine Augen, ein Angstgefühl schnürte mir das Herz zusammen. »Vater, wie blaß du bist!« sagte mein Sohn zu mir, und ich fand kaum noch die Kraft, auf das Schloß König Renés zu deuten, dessen vier Türme mir aus dem Hintergrund der Ebene entgegensahen, und zu flüstern: »Das ist Tarascon!« Denn wir hatten eine furchtbare Rechnung miteinander auszugleichen, die Tarasconer und ich. Ich wußte, daß sie sehr zornig waren und einen bitteren Groll gegen mich nährten wegen meiner Spässe über ihre Stadt und deren großen Mann, den berühmten, den köstlichen Tartarin. Anonyme Briefe und Drohungen hatten mich oft gewarnt. »Wenn du jemals nach Tarascon kommst, so hüte dich!« Andre bedrohten mein Haupt mit der Rache des Helden. »Zittere! Noch hat der alte Löwe Schnabel und Krallen!« Ein Löwe mit Schnabel – den Teufel auch! Und noch Schlimmeres: Von einem Gendarmerieobersten des Bezirkes hatte ich erfahren, daß ein Pariser Geschäftsreisender, der sich, sei es aus einfacher Prahlhanserei, oder weil er verhängnisvollerweise ein Namensvetter von mir war, als »Alphonse Daudet« ins Fremdenbuch eingeschrieben hatte, unter der Thür eines Kaffeehauses aufs rohste überfallen und mit einem Bad in der Rhone bedroht worden war, ganz im Sinn der lokalen Ueberlieferung: Dé brin 'o dé bran Cabussaran Dou fenestroun De Tarascoun Dedin lou Rose. Aus freiem Willen Oder gezwungen Müssen sie wagen Ohne zu klagen Den Sprung vom Balkon Zu Tarascon Hinab in die Rhon'! Anm. d. Uebers. Es ist dies ein altes Couplet aus dem Jahr 93, das in dieser Gegend noch immer gesungen wird und seine bedeutsame Erklärung in manchem düsteren Drama findet, dessen Zeugen König Renés Türme damals waren. Da ich nun durchaus nicht danach verlangte, von den Turmzinnen Tarascons herab kopfüber ins Wasser zu stürzen, hatte ich es bisher auf meinen Reisen in den Süden immer vermieden, diese gute Stadt zu berühren. Und nun hatte mich diesmal ein böses Geschick, der Wunsch, meinen lieben Mistral zu umarmen, und die Unmöglichkeit, den Eilzug anderswo zu erreichen, in den Rachen des Löwen »mit dem Schnabel« gefühlt. Wenn ich es schließlich nur mit Tartarin allein zu thun gehabt hätte! Ein Zweikampf Mann gegen Mann, ein Duell auf vergiftete Pfeile unter den Bäumen der »Promenade« hätten mir weiter keine Angst eingeflößt. Aber der Zorn eines ganzen Volkes und die Rhone, diese unermeßliche Rhone! ... Ach, das Dasein eines Romandichters ist nicht immer rosig. ... Seltsam. Je mehr wir uns der Stadt näherten, desto leerer wurden die Wege, desto seltner die Winzerkarren. Bald lag nur noch die leere, weiße Landstraße vor uns und über der weiten Landschaft ringsum die Totenstille der Wüste. »Das ist sonderbar,« sagte Mistral ganz leise und etwas bedrückt, »man könnte glauben, es sei Sonntag.« »Wenn es Sonntag wäre, würden wir die Glocken läuten hören,« entgegnete mein Sohn ebenso leise; denn die Stille, die über der Stadt und deren Umkreis lag, hatte etwas Beängstigendes. Nichts, nicht der Ton einer Glocke, nicht ein Schrei, nicht einmal das Geräusch einer Stellmacherei, das in der vibrierenden Luft des Südens so hell erklingt, war zu vernehmen. Und doch standen hier am Ende der Landstraße die ersten Häuser der Vorstadt: eine Oelmühle und das frisch verputzte Octroihäuschen. Unser Staunen war groß, als wir bei der Einfahrt in diese lange, steinige Straße diese ganz verlassen fanden: Thüren und Fenster verschlossen, weder Hund noch Katze, keine Kinder und keine Hühner, niemand, gar niemand! Die rauchgeschwärzte Thüre des Hufschmiedes war der beiden Räder beraubt, die sonst zu ihren Seiten aufgepflanzt waren; die großen Drellvorhänge, mit denen für gewöhnlich die tarasconischen Hauseingange vor den Fliegen geschützt wurden, eingezogen, verschwunden wie diese Fliegen selbst und wie der köstliche Qualm von Knoblauchsuppe, der zu dieser Stunde allen Küchen hätte entströmen sollen. Tarascon, das nicht nach Knoblauch roch – kann man sich so was vorstellen! Mistral und ich sahen einander erschrocken an und hatten wahrhaftig Grund genug dazu. Auf das Gebrüll einer wahnwitzigen Volksmenge gefaßt sein, und dann plötzlich von der Totenstille eines Pompeji empfangen werden! In der Stadt, in der unsren Augen seit unsrer frühesten Jugend jedes Haus, jeder Laden vertraut war, mußte diese Verlassenheit noch viel packender wirken. Geschlossen die Bezuquetsche Apotheke auf der Placette, geschlossen auch der Costecaldesche Waffenladen und der um seiner Karamelen willen berühmte Rébuffatsche Zuckerbäckerladen. Verschwunden die Tafel am Hause des Notars Cambalalette und das auf Leinwand gemalte Schild des Marie Joseph Spiridion Excourbaniès, der Arleser Würste fabrizierte; denn die Arleser Würste werden in Tarascon verfertigt, auf welche große historische Ungerechtigkeit ich im Vorübergehen aufmerksam machen möchte. Aber was nur aus den Tarasconern geworden war? Unser Break rollte den Korso entlang in dem linden Schatten der Platanen, deren glatte, weiße Stämme in regelmäßigen Abständen gen Himmel strebten; hier sang keine Cikade mehr, auch die Cikaden waren fortgeflogen! Und vor dem Hause Tartarins, das mit verschlossenen Fensterläden so blind und stumm dalag wie seine Nachbarn, da stand an der niedern Mauer des berühmten Gärtchens keine Wichseschachtel und kein kleiner Schuhputzer mehr, der rief: »Wichsen gefällig, Herr?« Einer von uns sagte: »Vielleicht ist die Cholera hier.« Wenn nämlich in Tarascon eine Epidemie ausbricht, so ziehen die Einwohner aus und kampieren in beträchtlicher Entfernung von der Stadt unter Zelten, bis die Gefahr der Ansteckung vorüber ist. Bei dem Wort Cholera, bei dem alle Provençalen von einer unbändigen Angst erfüllt werden, trieb der Kutscher die Pferde kräftig an, und wenige Minuten später hielten wir an der Treppe zum Bahnhof, der oben in gleicher Höhe mit dem großen, die Stadt beherrschenden Viadukte steht. Hier trafen wir wieder Leben, menschliche Stimmen und Gesichter. Auf den sich kreuzenden Schienengeleisen fuhren fortwährend Züge nach beiden Richtungen, hielten an, während Thüren klappten und die üblichen Rufe ertönten: »Tarascon, fünf Minuten Aufenthalt ... Wagenwechsel nach Nimes, Montpellier, Cette. ...« Sofort eilte Mistral auf den Aufsichtsbeamten zu, einen alten Staatsdiener, der seinen Bahnhof seit fünfunddreißig Jahren nicht verlassen hat. »Nun, Freund Picard ... was ist denn das mit den Tarasconern? Wo sind sie? Was habt ihr denn mit ihnen angefangen?« Der andre, ganz überrascht von unsrem Staunen, entgegnete: »Wie! ... Sie wissen es nicht? ... Aber wo kommen Sie denn her? ... Lesen Sie denn gar nichts? ... Sie haben sie doch genügend angepriesen, ihre Insel Port Tarascon. Nun ja, mein Bester ... fort sind sie, die Tarasconer ... fort, um eine Kolonie zu gründen, – den berühmten Tartarin an der Spitze. ... Und alles haben sie mitgenommen, haben sie fortgeschafft, selbst die »Tarasque«. Ein Wahrzeichen der Stadt in Form eines Drachens, der in Tarascon bei gewissen Festen umhergefahren wird. Anm. d. Uebers. Er unterbrach sich um einige Befehle zu geben, und eilte dem Geleise entlang, während wir zu unsren Füßen die großen und kleinen Schloß- und Kirchtürme der verlassenen Stadt, von der untergehenden Sonne beleuchtet, emporragen sahen und die alten Wälle betrachteten, denen die Sonne eine prächtige Butterteigfarbe lieh, so daß man nicht umhin konnte, an eine knusperige Schnepfenpastete zu denken, von der nur noch die Kruste übrig geblieben ist. »Nun sagen Sie aber einmal, Herr Picard, wann ist denn diese Auswanderung erfolgt?« fragte Mistral den Beamten, der mit seinem freundlichen Lächeln auf uns zukam und sich über die fortgezogenen Tarasconer weiter keine Sorge zu machen schien. »Vor einem halben Jahr.« »Und hat man keine Nachricht von ihnen?« »Gar keine.« O weh! Bald nachher erhielten wir so viele genaue, ausführliche Nachrichten, daß ich mir gestatten darf, den Auszug dieses tapfren kleinen Volkes unter der Führung seines Helden und die Mißgeschicke, von denen es heimgesucht wurde, zu erzählen. Pascal hat gesagt: »Man braucht das Angenehme und die Wirklichkeit, aber auch das Angenehme muß wahr sein.« Ich habe mich bemüht, in der Geschichte von Port Tarascon seiner Vorschrift nachzukommen. Meine Erzählung beruht auf Wahrheit und ist aus den Briefen der Auswanderer, den »Erinnerungen« des jugendlichen Sekretärs Tartarins und den der Gazette des Tribunaux entnommenen Zeugenaussagen zusammengestellt. Sollte man auch hier oder dort einer etwas allzutollen Tarasconnade begegnen, so soll mich gleich das Mäusle beißen, wenn ich sie erfunden habe! Siehe die Zeitungen von vor zwölf Jahren über den Prozeß des »Neuen Frankreich« und der Kolonie Port Breton, sowie das interessante von Doktor Baudouin, dem Arzt der Expedition, bei Dreyfuß herausgegebene Buch. Der Verfasser Erstes Buch. Erstes Kapitel. Klagen der Tarasconer über den Stand der Dinge, – Die Ochsen, die Weißen Brüder. – Ein Tarasconer im Paradies. – Belagerung und Uebergabe der Abtei Pampérigouste »Franquebalme, mein Lieber ... ich bin mit Frankreich nicht zufrieden! ... Unsere Regierung bringt uns vollends um alles!« Diese denkwürdigen Worte, von Tartarin eines Abends am Kamin des Kasinos mit dem Ton und der Gebärde ausgesprochen, die man sich denken kann, faßten alles zusammen, was man in Tarascon-sur-Rhone zwei oder drei Monate vor der Auswanderung dachte und sagte. Der Tarasconer kümmert sich im allgemeinen nicht um Politik: von Natur träge, ist er gleichgültig gegen alles, was kein lokales Interesse für ihn hat, und hält, wie er zu sagen pflegt, am Stand der Dinge fest. Nichtsdestoweniger warf man dem Stand der Dinge seit einiger Zeit eine ganze Menge Dinge vor. »Unsere Regierenden bringen uns vollends um alles,« sagte Tartarin. Unter diesem »Alles« war in erster Linie das Verbot der Stiergefechte zu verstehen. Gewiß ist die Geschichte jenes Tarasconers allgemein bekannt, der als schlechter Christ und Taugenichts ersten Ranges nach seinem Tod durch Ueberrumpelung ins Paradies gelangt war, während ihm der heilige Petrus einen Augenblick den Rücken gekehrt hatte, und trotz aller Bitten des himmlischen Pförtners nicht mehr hinausgehen wollte. Was that dann der große heilige Petrus? Er schickte einen ganzen Flug Engel vor den Himmel hinaus und hieß sie aus Leibeskräften rufen: »Da! da! ... die Ochsen! ... da! da! ... die Ochsen! ...« wie man es bei den tarasconischen Stiergefechten schrie. Die Züge des Spitzbuben hellten sich auf, als er dies hörte: »Ihr habt hier also auch Stiergefechte, heiliger Petrus?« »Stiergefechte? ... Das will ich meinen! ... Und zwar prächtige, mein guter Freund.« »Wo denn? ... Wo finden sie denn statt?« »Vor dem Paradies ... da gibt's Platz genug, wie du dir denken kannst.« Der Tarasconer stürzt alsbald hinaus, um zuzusehen, und die Pforten des Himmels schließen sich für immer hinter ihm. Wenn ich hier an diese Legende erinnere, die so alt ist wie die Bänke auf der »Promenade«, so geschieht es nur, um die Leidenschaft der Bewohner Tarascons für die Stiergefechte und den Zorn anzudeuten, mit dem sie deren Verbot aufgenommen hatten. Darauf folgte der Befehl, die Weißen Brüder auszuweisen und ihr hübsches Kloster Pampérigouste zu schließen, das auf einem von Thymian und Lavendel grauschimmernden Hügelchen thront. Schon seit Jahrhunderten steht es dort vor den Thoren der Stadt, von der aus man zwischen den Fichten hindurch die ausgezackten Zinnen der Türmchen erblickt, deren Glockenklänge sich in der hellen Morgenluft mit dem Gesang der Lerche, und in der Abenddämmerung mit dem traurigen Ruf der Brachschnepfen vermischen. Die Tarasconer liebten sie sehr, ihre guten, sanften, harmlosen Weißen Brüder, die es so vortrefflich verstanden, aus den würzigen Kräutern, mit denen der kleine Berg übersät ist, ein treffliches Elixir zu bereiten. Außerdem liebten sie die frommen Väter auch wegen ihrer Schwalbenpasteten und ihrer köstlichen Quittenkrapfen, pains-poires oder pan-péri genannt, die aus einer in goldgelber feiner Kruste eingebackenen Quittenbirne bestanden, und denen das Kloster seinen Namen Pampérigouste oder Panpérigousto verdankt. Als den Brüdern der offizielle Ausweisungsbefehl übersandt wurde, und diese sich weigerten, ihre Kloster zu verlassen, schlossen sich fünfzehnhundert bis zweitausend Tarasconer, Leute aus dem Volk, Packträger, Schuhputzer, Spanier, kurz, was wir » Raupentum « nennen, mit den guten Mönchen in Pampérigouste ein. Die tarasconische Bürgerschaft, die Herren vom Kasino, Tartarin voran, beabsichtigten ebenfalls die heilige Sache zu unterstützen. Sie schwankten keinen Augenblick. Aber man stürzt sich doch nicht ohne alle und jede Vorbereitung in ein solches Unternehmen. Den »Raupen« stand es besser an, so kopflos vorzugehen. Vor allem brauchte man Kostüme. Sie wurden bestellt: prächtige Kostüme, wie sie einst die Kreuzfahrer trugen, lange, schwarze Gewänder mit einem großen, weißen Kreuz auf der Brust und überall, vorne und hinten, gekreuzte Totenbeine in Soutachestickerei. Die Stickerei namentlich kostete viel Zeit. Bis alles fertig wurde, war das Kloster schon eingeschlossen. Die Truppen, im Feld und auf den steinigen Abhängen des kleinen Hügels gelagert, umschlossen es in dreifachem Kreis. Inmitten des Thymians und des Lavendels machten die roten Hosen der Soldaten von weitem ganz den Eindruck von plötzlich aufgegangenen roten Mohnblüten. Reiterpatrouillen, den Karabiner am Schenkel, das Revolverfutteral im Gürtel, die Säbelscheide an die Flanken des Pferdes schlagend, konnte man allerorten begegnen. Allein diese Machtentfaltung vermochte den kühnen Tartarin nicht aufzuhalten, der, wie auch der größte Teil der Kasinoherren, entschlossen war, durchzubrechen. Im Gänsemarsch, auf Händen und Füßen kriechend, alle Vorsichtsmaßregeln und sämtliche klassische Listen der Wilden Fenimore Coopers gebrauchend, gelang es ihnen, durch die Linien der Blockade, an den Reihen der schlafumfangenen Zelte entlang zu kriechen und die Schildwachen und Patrouillen zu umgehen, wobei sie sich durch unvollkommene Nachahmung eines Vogelschreis gegenseitig auf besonders gefährliche Stellen aufmerksam machten. Es gehörte wirklich nicht wenig Mut dazu, in diesen taghellen Nächten ein solches Abenteuer zu wagen! Allerdings muß aber auch gesagt werden, daß es im Interesse der Belagerer lag, möglichst viele Leute hinein gelangen zu lassen. Man wollte nämlich die Abtei lieber aushungern, als mit Gewalt nehmen. Deshalb drehten die Soldaten gerne den Kopf nach der andern Seite, wenn sie im Monden- und Sternenscheine diese Schatten dahinhuschen sahen. Mehr als ein Offizier, der im Kasino seinen Absinth in Gesellschaft des berühmten Löwentöters getrunken hatte, erkannte diesen trotz seiner Verkleidung von weitem und begrüßte ihn durch den vertraulichen Zuruf: »Gute Nacht, Herr Tartarin!« Einmal an Ort und Stelle, organisierte Tartarin die Verteidigung. Dieser Tausendsasa hatte alles gelesen, was je über Belagerungen und Blockaden geschrieben worden ist. Er formierte die Tarasconer in Landwehrbrigaden unter dem Oberbefehl des tapferen Obersten Bravida, und ließ sie, von den Erinnerungen an Sebastopol und Plewna erfüllt, Erde aufwerfen, sehr viel Erde, und umgab die Abtei mit Wällen, Gräben und Befestigungen aller Art, deren Kreise sich immer enger zogen, so daß die Belagerten hinter ihren Verteidigungswerken zur Freude der Belagerer wie eingemauert waren. In dem zur Festung umgewandelten Kloster wurde, wie es sich gebührt, wenn der Belagerungszustand erklärt ist, militärische Disziplin eingeführt. Alles wurde nach Trommelwirbeln und Trompetensignalen ausgeführt. Beim Tagesanbruch, zur Reveille, wirbelte die Trommel durch die Höfe, die Gänge und die Hallen des Klosters. Man trompetete von morgens bis abends; gebieterische, kurze, tiefe Trompetenstöße riefen mit Tara-ta zu den Gebeten; mit Tara-ta-ta galten sie dem Bruder Säckelmeister und mit Tara-ta-ta-ta dem Bruder Küchenmeister. Man blies zum Angelus, zur Frühmette und zur Complete. Es war beschämend für die Armee der Belagerer, die im freien Feld bedeutend weniger Spektakel machte, während sich da oben auf dem Gipfel des kleinen Hügels, hinter den feinen kunstvollen Zinnen der Klosterfestung Trompetengeschmetter und Trommelwirbel mit Glockenklängen zu stolzem Getöne vereinten und einen lustigen, halb kriegerischen, halb kirchlichen Sang als Siegesverheißung in alle vier Winde schickten. Zum Kuckuck! Die Belagerer konnten sich aber auch in ihrer Aufstellung mühelos verproviantieren und lebten alle Tage herrlich und in Freuden. Die Provence ist ein Land der Genüsse und bringt alle möglichen guten Sachen hervor: helle, goldne Weine, Bratwürste und Arleserwürstchen, köstliche Melonen, saftige Kürbisse, Nußmandelbrot von Montélimar; und all dies kam den Truppen der Regierung zu gute, während kein Krümchen und kein Tröpfchen in die blockierte Abtei gelangte. So kam es, daß einerseits die Soldaten, die nie so schwelgerisch gelebt hatten, so dick wurden, daß ihre Uniformen beinahe platzten, und daß die Pferde glänzende, wohlgenährte Rücken zeigten, während andererseits, o weh! die armen Tarasconer und besonders die »Raupen«, die, überangestrengt, spät zu Bett und früh auf den Beinen, ständig in Bewegung gehalten wurden und von morgens bis abends bei Sonnenglut und Fackelschein Erde graben und schaufeln mußten, immer mehr abmagerten und so zusammenschrumpften, daß es ein Jammer war. Dazu kam noch, daß die Vorräte der guten Väter sich erschöpften; Schwalbenpasteten und Quittenkrapfen gingen zu Ende. Konnte man noch lange aushalten? Dies war die Frage, die auf den Wällen und auf den infolge der Trockenheit berstenden Erdverschanzungen tagtäglich erörtert wurde. »Diese Feiglinge, die nicht angreifen!« sagten die von Tarascon und schüttelten die Fäuste nach den Rothosen, die im Schatten der Fichten der Länge nach im Grase lagen. Allein der Gedanke, daß sie zuerst angreifen könnten, kam ihnen nicht, so sehr war dies kleine Volk vom Selbsterhaltungstrieb beseelt. Ein einziges Mal sprach Excourbaniès, ein Hitzkopf, davon, die Mönche voran, einen Massenausfall zu unternehmen und diese Söldlinge zu vernichten. Tartarin zuckte seine breiten Schultern und antwortete nur das eine Wort: »Kindskopf!« Dann faßte er den aufbrausenden Excourbaniès unter dem Arm, zog ihn auf den Außenwall hinauf und wies mit einer großartigen Bewegung auf die Soldaten, die den Hügel terrassenförmig besetzt hielten, und auf die an allen Wegen aufgepflanzten Schildwachen. »Ja oder nein, sind wir die Belagerten, oder sind wir's nicht? ... Haben wir den Sturm zu wagen?« Beifälliges Gemurmel ertönte ringsum: »Offenbar... er hat recht. ... An ihnen ist es, den Anfang zu machen, da sie uns belagern. ...« Und wieder einmal sah man, daß niemand in der Kriegsführung so erfahren war als Tartarin. Immerhin mußte aber ein Entschluß gefaßt werden. Eines Tages versammelte sich der Konvent in dem großen, von hohen Fenstern erhellten Kapitelsaal mit seinen geschnitzten Vertäfelungen, und der Bruder Küchenmeister erstattete Bericht über die Hilfsmittel der Festung. Aufrecht und schweigend saßen sämtliche Weißen Brüder auf ihren »Stützen«, Halbsitze von heuchlerischer Form, auf denen man sitzen konnte, während es aussah, als ob man stehe, und hörten ihm zu. Kläglicher Bericht des Bruders Küchenmeister! Was hatten sie seit Beginn der Belagerung nicht alles verzehrt, diese Tarasconer! Schwalbenpasteten so und so viel Hundert, Quittenkrapfen so und so viel Tausend, und so viel von diesem und so viel von jenem! Von all den Dingen, die er aufzählte, mit denen man anfangs so gut versehen gewesen, war nur noch ganz wenig übrig, so wenig, daß man ebensogut sagen konnte – gar nichts mehr. Mit langen Gesichtern sahen die Hochwürdigen einander an und waren ganz einig darüber, daß sie mit all diesen Vorräten einem Feind gegenüber, der die Sache nicht aufs äußerste zu treiben entschlossen war, jahrelang hätten aushalten können, ohne an irgend etwas Mangel zu leiden, wenn man ihnen nur nicht zu Hilfe gekommen wäre. Der Bruder Küchenmeister las mit eintöniger, schmerzerfüllter Stimme weiter, bis er durch Geschrei von außen unterbrochen wurde. Die Thür des Saales öffnet sich mit Getöse und Tartarin erscheint, ein ergriffener, tragischer Tartarin, mit rotem Gesicht und über das weiße Kreuz seines Kostümes herniederwallendem Bart. Seines Schwertes Spitze neigt sich grüßend vor dem Prior, der sich kerzengerade auf seiner »Stütze« hält, und vor jedem einzelnen der Brüder, dann beginnt er ernst: »Herr Prior, ich kann meine Mannschaft nicht mehr halten ... Sie stirbt vor Hunger. ... Alle Cisternen sind leer. Der Augenblick ist gekommen, wo wir die Festung übergeben oder uns unter ihren Trümmern begraben müssen.« Was er zwar nicht sagte, was aber auch seine Bedeutung hatte, das war, daß er seit vierzehn Tagen seiner Frühstücksschokolade beraubt war, die ihm nun in jedem Traum erschien, fett, dampfend, ölig, in Begleitung eines Glases frischen, krystallhellen Wassers an Stelle des halbsalzigen Cisternenwassers, mit dem er sich nun begnügen mußte. Sofort stand die ganze Versammlung auf ihren Füßen und drückte in einem wirren Durcheinander von Stimmen, denn alle sprachen zumal, einstimmig die Meinung aus: »Uebergeben ... man muß die Festung übergeben!« Nur der Bruder Bataillet, ein ganz übertriebener Mann, schlug vor, das Kloster mit dem vorhandenen Pulver in die Luft zu sprengen und selbst in Brand zu stecken. Allein man hörte nicht auf ihn, und als die Nacht gekommen war, verließen die Mönche und die Bürgerwehr, von Excourbaniès, Bravida, Tartarin und einem Stab von Kasinoherren gefolgt, kurz alle Verteidiger von Pampérigouste ohne Sang und Klang das Kloster, in dessen Thüren sie sämtliche Schlüssel stecken ließen, und zogen im hellen Mondenschein, unter den wohlwollenden Blicken der feindlichen Schildwachen, den Hügel hinab. Diese denkwürdige Verteidigung der Abtei gereichte Tartarin zu höchster Ehre, allein die Besetzung des Klosters der Weißen Brüder durch die Truppen erregte finsteren Groll in den Herzen der Tarasconer. Zweites Kapitel. Die Apotheke auf der Placette. – Erscheinung eines Mannes aus dem Norden. – »Es ist der Wille Gottes, Herr Herzog!« – Ein Paradies jenseits des Oceans. Einige Zeit nach der Schließung des Klosters schöpfte der Apotheker Bézuquet eines Abends in Gesellschaft seines Lehrlings Pascalon und des hochwürdigen Vaters Bataillet frische Luft vor seiner Thür. Wir dürfen nämlich nicht verschweigen, daß die vertriebenen Mönche von den tarasconischen Familien freudig aufgenommen worden waren. Eine jede wollte ihren Weißen Bruder haben. Die Gutgestellten, die Kaufleute und Bürger, besaßen ein jeder seinen eignen Weißen Bruder, während die Handwerkerfamilien sich zu mehreren zusammenthaten, um einen dieser heiligen Männer gemeinschaftlich zu unterhalten. In jedem Laden sah man eine weiße Kutte. Bei dem Waffenschmied Costecalde inmitten der Gewehre, Karabiner und Jagdmesser, im Geschäftslokal des Kurzwarenhändlers Beaumevieille hinter den reihenweise geordneten Seidenrollen – überall erschien der nämliche große weiße Vogel, wie eine Art Hauspelikan. Und die Anwesenheit der Brüder war für jeden Haushalt ein wahrer Segen. Gebildet, sanft, heiter, bescheiden, wie sie waren, behinderten sie niemand und machten sich nicht breit im Hauswesen. Eine ungewohnte Güte und Zurückhaltung ging von ihnen auf ihre Umgebung aus. Es war, als hätte man den lieben Gott bei sich zu Gaste: die Männer beschränkten sich im Fluchen und Schimpfen aufs notwendigste; die Frauen logen nicht mehr, oder wenigstens kaum mehr; die Kleinen blieben artig und aufrecht auf ihren hohen Stühlen sitzen. Des Morgens und des Abends beim Gebet, beim Benedicte und Gratias breiteten sich die großen weißen Aermel wie schützende Fittige über die ganze versammelte Familie aus, und mit diesem beständigen Segen über ihrem Haupt konnten die Tarasconer gar nicht umhin, einen tugendhaften, gottseligen Lebenswandel zu führen. Ein jeder war stolz auf seinen Hochwürdigen, und rühmte ihn und suchte ihn zur Geltung zu bringen, am meisten aber der Apotheker Bézuquet, dem das Glück zu teil geworden war, den Bruder Bataillet zu bekommen. Ganz Feuer, ganz Nerv war dieser hochwürdige Vater Bataillet mit einer wirklich volkstümlichen Beredsamkeit begabt und besonders berühmt wegen seiner Art, Parabeln und Legenden zu erzählen. Es war ein prächtiger, gut gebauter Bursche mit gebräunter Hautfarbe, glühenden Augen und dem Kopf eines karlistischen Parteiführers. Unter den schweren Falten seines groben, wollenen Gewandes sah er wirklich schön und stattlich aus, obgleich eine seiner Schultern etwas höher war als die andre und er beim Gehen beide Füße nach derselben Seite setzte. Allein diesen kleinen Fehler bemerkte man nicht mehr, wenn er nach der Predigt von der Kanzel herunterstieg und, seine große Nase hoch in der Luft, noch ganz erregt und von seiner eignen Beredsamkeit erschüttert durch die Menge schritt, der Sakristei zustrebte. Die Frauen schnitten ihm, während er vorüberging, aus lauter Begeisterung mit ihren Scheren Stücke aus seiner weißen Kutte, weshalb man ihn auch den »ausgezackten Bruder« nannte; seine Kleider waren immer so zerstückelt und so schnell unbrauchbar gemacht, daß das Kloster schwer that, ihn immer wieder mit neuen auszustatten. Bézuquet befand sich also mit Pascalon vor der Apotheke, und ihnen gegenüber saß Bruder Bataillet rittlings auf seinem Stuhl. In der glücklichen Sicherheit der Ruhe atmeten sie mit Wonne auf, denn um diese Tagesstunde gab es für Bézuquet keine Kundschaft mehr. Es war wie in der Nacht: die Kranken konnten sich krümmen und winden; der brave Apotheker hätte sich um nichts in der Welt mehr stören lassen – die Zeit zum Kranksein war vorbei. Er lauschte, wie auch Pascalon, einer der schönsten Geschichten, wie sie der Hochwürdige zu erzählen verstand, während man aus der Ferne zwischen das einen schönen Sonnenuntergang begleitende Zwitschern und Trillern hinein die Klänge des Zapfenstreichs vernahm. Plötzlich erhob sich der Lehrling errötend und ergriffen und stotterte, mit dem Finger nach dem entgegengesetzten Ende der Placette deutend: »Da ist Herr Tar... tar ... tarin!« Man weiß, welche ganz besondere, persönliche Bewunderung Pascalon für den großen Mann hegte, dessen lebhaft gestikulierende Silhouette sich da drüben in Begleitung einer andern, grau behandschuhten, sorgfältig gekleideten Persönlichkeit, die still und steif zuzuhören schien, von dem leuchtenden Abendhimmel abhob. Einer aus dem Norden, das sah man sofort. Im Süden erkennt man den Mann aus dem Norden ebenso sicher an seiner ruhigen Haltung und seiner gedrängten Redeweise, als sich der Mann aus dem Süden im Norden durch sein Uebermaß an Lebhaftigkeit in Bewegung und Rede verrät. Die Tarasconer waren es längst gewöhnt, Tartarin in Gesellschaft von Fremden zu sehen, denn niemand reist durch ihre Stadt, ohne den berühmten Löwentöter, den allbekannten Alpinisten, den modernen Vauban, Französischer Marschall und Ingenieur 1683 – 1707, Erbauer der meisten französischen Festungen. Anm. d. Uebers. dem die Belagerung von Pampérigouste neuen Ruhm verliehen hat, als Sehenswürdigkeit zu besuchen. Aus diesem Fremdenzufluß folgte eine bisher nie dagewesene Aera des Gedeihens. Die Wirte wurden vermöglich: die Buchhändler verkauften Lebensbeschreibungen des großen Mannes: an allen Schaufenstern sah man seine Photographie als Türke, als Bergsteiger, als Seefahrer, – kurz in allen Gestalten, in allen Lagen seines heldenhaften Daseins war er zu haben. Allein diesmal war es kein gewöhnlicher Besuch, kein zufällig Durchreisender, der Tartarin begleitete. Als der Held die Placette quer durchschritten hatte, deutete er mit salbungsvoller Bewegung auf seinen Gefährten: »Mein lieber Bézuquet, hochwürdiger Vater, ich stelle Ihnen hiermit den Herrn Herzog von Mons vor. ...« Ein Herzog! ... Au! Es war noch nie ein solcher in Tarascon gewesen. Man hatte dort wohl schon ein Kamel, einen Affenbrotbaum, eine Löwenhaut, eine Sammlung vergifteter Pfeile und Ehrenalpenstöcke gesehen ... aber einen Herzog ... nie! Bézuquet hatte sich erhoben und verbeugte sich schüchtern, denn er war etwas verlegen, sich ganz unvorbereitet in Gegenwart einer so hohen Persönlichkeit zu sehen. Er stammelte: »Herr Herzog ... Herr Herzog ...« Tartarin unterbrach ihn. »Wir wollen hineingehen, meine Herren, wir haben wichtige Angelegenheiten zu besprechen.« Er warf sich in die Brust und trat mit geheimnisvoller Miene voran in das kleine Empfangszimmer der Apotheke, in dessen einzigem auf den Platz gehenden Fenster die großen bauchigen Glasflaschen mit Embryonen, die langen gestrickten Bandwürmer In den Schaufenstern der Apotheken in der Provinz werden häufig gestrickte Würmer ausgestellt zum Zeichen, daß hier Wurmmittel verkauft werden. Anm. d. Uebers. und Pakete von Kampfercigaretten ausgestellt waren. Die Thür schloß sich hinter ihnen wie hinter einer Schar von Verschwörern. Pascalon blieb im Laden zurück mit dem strengen Befehl Bézuquets, den Kunden Auskunft zu erteilen und niemand, wer es auch immer sei, in die Nähe der Zimmerthür kommen zu lassen. Der sehr neugierig gewordene Lehrling begann nun die Schachteln mit Süßholzsaft, die Flaschen mit Sirupus gummi und andere Apothekerwaren auf den Regalen zu ordnen. Ab und zu drang das Geräusch der Stimmen bis zu ihm; hauptsächlich vernahm er Tartarins Baß, der sonderbare Worte verlauten ließ: »Polynesien ... Irdisches Paradies ... Zuckerrohr, Destillation ... Freie Kolonie! ...« Dann die laute Stimme Bruder Bataillets: »Bravo, ich bin dabei!« Der Mann aus dem Norden sprach so leise, daß man nichts davon hörte. Pascalon mochte sein Ohr noch so sehr ans Schlüsselloch drücken. Plötzlich öffnete sich die Thür mit Geräusch, sie wurde von der energischen Faust des frommen Bruders manu militari aufgestoßen und der Lehrling flog in die entgegengesetzte Ecke der Apotheke, allein in der allgemeinen Aufregung wurde dies von niemand beachtet. Auf der Schwelle stehend, die Hand gegen die Mohnköpfe erhebend, die an der Decke der Apotheke zum Trocknen aufgehängt waren, rief Tartarin mit der Miene des Erzengels, der das feurige Schwert schwingt: »Es ist der Wille Gottes, Herr Herzog! Unser Werk wird ein großes Werk sein!« Darauf ein Durcheinander ausgestreckter Hände, die sich suchten, vereinten, drückten und sich so energisch schüttelten, als sollten sie für alle Zeiten gültige, unumstößliche Verabredungen besiegeln. Noch ganz erhitzt von diesem letzten Herzenserguß verließ Tartarin hochaufgerichtet, wie gewachsen, die Apotheke, um mit dem Herzog von Mons seinen Gang durch die Stadt fortzusetzen. Zwei Tage nachher waren das »Forum« und der »Galoubet« voll Artikeln und Lobeserhebungen über ein großes Unternehmen. Die gesperrt gedruckte Überschrift lautete: » Freie Kolonie Port Tarascon .« Und dann verblüffende Bekanntmachungen: »Zu verkaufen, Ländereien zu fünf Franken den Hektar, der einen jährlichen Ertrag von mehreren Tausenden abwirft. ... Schnelle, sichere Erwerbung eines Vermögens. ... Kolonisten gesucht.« Dann folgte die Geschichte der Insel, auf der die geplante Kolonie gegründet werden sollte. Der Herzog hatte die Insel, die noch von andern Ländergebieten umgeben war, auf denen man sich später ausbreiten konnte, auf einer seiner Reisen dem König Négonko abgekauft. Ein paradiesisches Klima, trotz der Nähe des Aequators, sehr gemäßigte, oceanische Temperatur, zwischen fünfundzwanzig und achtundzwanzig Grad; sehr fruchtbares Land, mit fabelhaftem Waldbestand und wunderbar bewässert; die Insel steigt ziemlich steil aus dem Meer empor, was jedermann gestattet, sich die seiner Neigung entsprechende Höhenlage auszuwählen. Lebensmittel waren im Ueberfluß vorhanden, köstliche Früchte auf allen Bäumen, Wildbret aller Art in Wald und Feld, Fische ohne Zahl in allen Gewässern. Auch für Schiffahrt und Handel war gesorgt: eine herrliche Reede, groß genug für eine ganze Flotte, ein durch Dämme gebildeter Sicherheitshafen mit Binnenhafen, ein Trockendock, Quais, Ausladeplätze, Leuchtturm, Küstentelegraph, Dampfkrahnen – nichts fehlte. Chinesische und kanakische Arbeiter hatten unter der Leitung und nach den Plänen der geschicktesten Ingenieure und der ausgezeichnetsten Architekten schon mit den Arbeiten begonnen. Die Kolonisten würden bei ihrer Ankunft behagliche Wohnungen finden, ja, um fünfzig Franken mehr würden die Häuser sogar den Bedürfnissen des Einzelnen entsprechend eingerichtet werden. Es läßt sich leicht denken, wie die Einbildungskraft der Tarasconer beim Lesen dieser Wunder zu arbeiten anfing. In allen Familien wurden Pläne gemacht. Der eine träumte von grünen Jalousieen, der andre von einer hübschen Freitreppe; dieser wollte Back-, jener Bruchsteine haben. Man zeichnete, man malte, man fügte eine Einzelheit an die andre: ein Taubenschlag wäre reizend, eine Wetterfahne würde sich auch nicht übel machen. »O, Papa, eine Veranda!« »Ihr sollt eine Veranda haben, Kinder!« Die Kosten waren ja nicht der Rede wert! ... Während die biederen Bewohner von Tarascon sich so alle ihre Wünsche in betreff idealer Wohnungen befriedigten, wurden die Artikel des »Forum« und des »Galoubet« von allen Zeitungen des Südens abgedruckt, die Städte und das Land wurden mit Prospekten überschwemmt, deren Vignetten Palmbäume, Kokospalmen, Bananen, Latanen, kurz die ganze exotische Flora entfalteten; eine ungezügelte Propaganda verbreitete sich über die ganze Provence. In raschem Trab eilte das Kabriolett Tartarins über die staubigen Landstraßen des Tarasconischen Stadtgebietes dahin. Tartarin fuhr selbst und der Bruder Bataillet saß neben ihm; sie drückten sich fest aneinander, die beiden, um mit ihren Leibern ein Bollwerk für den Herzog zu bilden, der, in einen grünen Schleier eingewickelt, hinter Ihnen saß und von den Moskitos fast aufgefressen wurde; gereizt durch das Blut des Mannes aus dem Norden, bestürmten ihn die summenden Schwärme wütend von allen Seiten und schienen ganz darauf versessen, ihn mit schwellenden Stichen zu bedecken. Ein echter Nordländer, dieser Mann! Keine Gebärden, wenig Worte und eine Kaltblütigkeit! ... Der ließ sich nicht hinreißen, sicher nicht, der sah die Dinge wie sie sind. Man konnte ruhig sein. Und auf den von Platanen beschatteten Plätzchen der alten Marktflecken, in kleinen, von Fliegen beinahe aufgefressenen Schenken, in Tanzsälen, kurz überall gab es Ansprachen, Predigten, Beratungen. In klaren, bündigen Worten, mit der Schlichtheit der nackten Wahrheit schilderte der Herzog von Mons die Herrlichkeit von Port Tarascon und die Vorteile des Unternehmens: in feuriger Rede predigte der Mönch die Auswanderung nach der Art Peters von Amiens. Tartarin, mit dem Staub der Landstraße so bedeckt, als ob er von einer Prügelei käme, schleuderte mit seiner tiefen Stimme einige dröhnende, von einer energischen Bewegung begleitete Worte über die Köpfe der Anwesenden hin: »Sieg, Eroberung, neues Vaterland.« Ein andermal wurden Versammlungen zur Widerlegung von Einsprüchen gehalten, bei denen alles durch Frage und Antwort abgemacht wurde. »Gibt es giftige Tiere?« »Nicht eins. Keine Schlange. Nicht einmal Moskitos. Von reißenden Tieren keine Spur.« »Aber man sagt, es gebe da drüben in Australien Menschenfresser?« »Nimmermehr! Lauter Vegetarianer. ...« »Ist es wahr, daß die Wilden ganz nackt herumlaufen?« »Da ist vielleicht ein bißchen was Wahres daran, aber es ist auch nicht so schlimm. Uebrigens werden wir sie bekleiden.« Zeitungsartikel, Besprechungen, alles hatte einen rasenden Erfolg. Die Anteilscheine gingen nach Hunderten und Tausenden ab, die Auswanderer drängten sich in Scharen herzu, und nicht nur aus Tarascon, sondern aus dem ganzen Süden. Selbst aus Beaucaire kamen welche, was aber die Tarasconer sehr kühn fanden. Seit Jahrhunderten besteht nämlich zwischen den beiden nur durch die Rhone voneinander getrennten Nachbarstädten ein dumpfer, unauslöschlicher Haß. Forscht man den Gründen dieses Hasses nach, so erhält man von beiden Seiten Antworten, die nichts erklären. »Wir kennen sie, die Tarasconer,« sagen die Bewohner von Beaucaire in geheimnisvollem Ton. Und die Bewohner Tarascons erwidern mit schlauem Augenblinzeln: »Man weiß, was sie taugen, die Herren Beaucairesen.« In Wahrheit ist die Verbindung zwischen den beiden Städten gleich null und die Brücke, die man zwischen ihnen errichtet hat, bleibt gänzlich unbenutzt. Niemals hat sie jemand überschritten – anfangs aus Feindseligkeit und später, weil die Heftigkeit des Mistral und die Breite der Rhone an dieser Stelle den Uebergang sehr gefährlich machen. Allein wenn man auch die Kolonisten aus Beaucaire nicht wünschte, so wurde doch jedermanns Geld bereitwilligst angenommen. Die famosen Hektare zu fünf Franken (Erträgnis mehrere tausend Franken jährlich) gingen massenweise ab. Auch wurden allenthalben die Gaben in Naturalien angenommen, mit denen die eifrigsten Anhänger des Unternehmens die Bedürfnisse der Kolonie zu decken suchten. Das »Forum« veröffentlichte die Listen, und unter den eingelaufenen Gaben befanden sich die merkwürdigsten Dinge: Ungenannt: Eine Schachtel kleiner weißer Perlen. – Eine Anzahl Nummern des »Forum«. Herr Bécoulet: Fünfundvierzig Chenille- und Perlennetze für die indianischen Frauen. Frau Dourladoure: Sechs Taschentücher und sechs Messer für das Pfarrhaus. Ungenannt: Ein gesticktes Banner für die Liedertafel. Andusa von Magelone: Ein ausgestopfter Flamingo. Familie Margue: Sechs Dutzend Hundehalsbänder. Ungenannt: Ein mit Litzen ausgenähter, kurzer Rock. Eine fromme Dame aus Marseille: Ein Meßgewand, eine Goldverbrämung für das Gewand des Rauchfaßträgers, eine Decke für die Monstranz. Dieselbe: Eine Käfersammlung unter Glas und Rahmen. Und regelmäßig war in jeder Liste eine Gabe von Fräulein Tournatoire erwähnt: Ein ganzer Anzug zur Bekleidung eines Wilden. Das war die ständige Sorge dieser guten alten Jungfer. Diese sonderbaren, phantastischen Gaben, bei denen die südliche Einbildungskraft all den lächerlichen Unsinn entfaltete, dessen sie fähig ist, wurden kistenweise nach den Docks geschickt, in die großen Magazine der Freien Kolonie, die in Marseille eingerichtet worden waren. Dort hatte auch der Herzog sein Hauptquartier aufgeschlagen. In seinen üppig eingerichteten Bureaux betrieb er die Geschäfte im großen und gründete Gesellschaften zur Destillation von Zuckerrohr oder zum Betrieb des Trepangfanges, einer Art Molluske, die von den Chinesen als Leckerbissen sehr geschätzt und, wie der Prospekt sagte, teuer bezahlt wird. Jeder Tag sah irgend einen neuen Gedanken aufkeimen, irgend eine neue Gründung des unermüdlichen Herzogs entstehen, die des Abends schon im besten Zuge war. Zwischenhinein organisierte er ein Komitee der Marseiller Aktionäre unter dem Vorsitz des griechischen Bankiers Kagaraspaki; die Kapitalien wurden an das ottomanische Bankhaus Pamen-yaï-ben-Kaga bezahlt, ein durchaus sicheres Haus. Tartarin führte jetzt ein fieberhaft unruhiges Leben, das er auf dem Weg von Tarascon nach Marseille und von Marseille nach Tarascon verbrachte. Er schürte die Begeisterung seiner Mitbürger, setzte die lokale Propaganda fort und war dann plötzlich wieder einmal mit dem Expreßzug verschwunden, um irgend einer Beratung oder einer Versammlung von Aktionären anzuwohnen. Seine Bewunderung für den Herzog wuchs mit jedem Tag. Allen rühmte er die Kaltblütigkeit und den bedächtigen Verstand des Herzogs von Mons. »Keine Gefahr, daß der übertreibt; mit ihm sind jene Schwabenstreiche unmöglich, die uns Daudet so sehr vorgeworfen hat.« Dagegen zeigte sich der Herzog wenig und sprach, beständig unter seinem Moskitoschleier verborgen, noch weniger. Der Mann des Nordens trat vor dem Mann des Südens zurück; er schob ihn beständig vor und überließ ihm und seiner unerschöpflichen Redseligkeit die Sorge für alle Erklärungen, Versprechungen und Verbindlichkeiten. Er begnügte sich damit, zu sagen: »Herr Tartarin allein kennt alle meine Gedanken.« Ob Tartarin stolz war! ... Drittes Kapitel. Die »Gazette von Port Tarascon«. – Gute Nachrichten von der Kolonie. – In Polygamilla. – Tarascon schickt sich an, die Anker zu lichten. – »Reiset nicht ab, um des Himmels willen, reiset nicht ab!« Als Tarascon eines Morgens erwachte, war folgendes Telegramm an allen Straßenecken zu lesen: Die »Farandola«, großes Segelschiff von zwölfhundert Tonnen, verläßt soeben bei Tagesanbruch Marseille und birgt zwischen seinen Flanken außer dem Geschicke eines ganzen Volkes Waren aller Art für die Wilden, und eine Ladung landwirtschaftlicher Werkzeuge. Achthundert Auswanderer an Bord, lauter Tarasconer, darunter Bompard, provisorischer Gouverneur der Kolonie, Bézuquet, Arzt-Apotheker, der hochwürdige Bruder Vézole, der Notar Cambalalette, Katasterbeamter. Ich selbst habe sie bis auf die hohe See geleitet. Alles geht gut. Der Herzog strahlt. Drucken lassen. Tartarin von Tarascon. Dieses Telegramm, das durch die Fürsorglichkeit Pascalons, an den es gerichtet war, an allen Ecken der Stadt angeschlagen wurde, erfüllte Tarascon mit Fröhlichkeit. Die Straßen trugen ein festtägliches Gepräge. Alle Welt war draußen. Gruppen bildeten sich vor jedem Anschlag des beglückenden Telegrammes, dessen Worte von Mund zu Mund gingen: »Achthundert Auswanderer an Bord. ... Der Herzog strahlt. ...« Und nicht ein Tarasconer war zu sehen, er nicht gestrahlt hätte wie der Herzog. Dies war die zweite Schiffsladung von Auswanderern, die Tartarin, einen Monat nach Abgang der ersten auf dem Dampfschiff »Lucifer«, in seiner Eigenschaft als Gouverneur von Port Tarascon also von Marseille aus nach dem gelobten Lande weiter befördert hatte. Beidemal dasselbe Telegramm, dieselbe Begeisterung, dasselbe Strahlen des Herzogs. Leider hatte der »Lucifer« den Eingang in den Kanal von Suez noch nicht passiert. Durch einen Zufall – die Welle der Maschine war gebrochen – dort aufgehalten, sollte der alte Dampfer, ein Gelegenheitskauf, warten, bis er von der »Farandole« eingeholt würde, und dann mit ihrer Hilfe seine Fahrt fortsetzen. Dieser Unfall, der eigentlich als schlechte Vorbedeutung hätte angesehen werden können, beeinträchtigte die Begeisterung der Tarasconer nicht im mindesten. Allerdings befand sich an Bord des ersten Schiffes nur das »Raupentum«, Leute aus dem Volk, – diejenigen, die man ja überall als Vortrab hinzuschicken pflegt. Auf der »Farandole« auch noch »Raupen«, aber darunter einige phantastische Köpfe, wie zum Beispiel der Notar Cambalalette, der Katasterbeamte der Kolonie. Der Apotheker Bézuquet, trotz seines furchtbaren Schnurrbartes ein friedlicher Mann, der sein Behagen liebte, sowohl Hitze als Kälte scheute und keinerlei Neigung zu weitführenden, gefährlichen Abenteuern in sich fühlte, hatte sich lange geweigert, ehe er versprach, sich einzuschiffen. Es hatte, um ihn zu bestimmen, nicht weniger dazu gehört, als das Diplom eines Doktors der Medizin, nach dem er seiner Lebtage verlangt hatte, und das ihm nun der Gouverneur von Port Tarascon aus eigener Machtvollkommenheit zuerkannte. Er verlieh noch manches andre, der Gouverneur: Diplome, Titel und Vollmachten: er ernannte Direktoren, Unterdirektoren, Sekretäre, Kommissäre, Granden erster und zweiter Klasse, und befriedigte dadurch die Vorliebe seiner Landsleute für alles, was Titel, Ehre, Auszeichnung, Kostüme und Soutachestickerei heißt. Die Einschiffung des Bruders Vézole hatte nichts dergleichen nötig gemacht. Eine gute, ehrliche Haut, stets zu allem bereit, mit allem zufrieden, sagte er »Gott sei gelobt!« zu allem was geschah. »Gott sei gelobt!« als er das Kloster verlassen mußte. »Gott sei gelobt!« als er sich mit den »Raupen« dem Geschick eines ganzen Volkes und den Ausschußwaren für die Wilden an Bord dieses großen Segelschiffes verladen sah. Nach Abgang der »Farandole« war nur noch der vornehmste Teil der Bürgerschaft in Tarascon zurückgeblieben: diese Leute hatten es nicht eilig; sie ließen dem Vortrab Zeit, Nachricht über seine Ankunft drüben zu geben, damit man wußte, wie man dran war. Auch Tartarin konnte in seiner Eigenschaft als Gouverneur, Organisator und Mitwisser der Gedanken des Herzogs von Mons, Frankreich erst mit dem letzten Schiff verlassen. In Erwartung dieses ungeduldig herbeigesehnten Tags entwickelte er aber jene Energie und jenen Feuereifer, den man noch in allen seinen Unternehmungen hatte bewundern können. Unaufhörlich unterwegs zwischen Tarascon und Marseille, ungreifbar wie ein Meteor, das von einer unüberwindlichen Macht fortgerissen wird, erschien er bald hier, bald dort, aber nur um sofort wieder zu verschwinden. »Aber ... aber ... wahrhaftig, Sie ermüden sich zu sehr! ...« stammelte Pascalon des Abends, wenn der große Mann schweißtriefend und gebeugt in die Apotheke kam. Allein Tartarin richtete sich sofort wieder hoch auf: »Dort drüben werde ich ausruhen. Ans Werk, Pascalon, ans Werk!« Der Lehrling, dem seit der Abreise Bézuquets die Obhut der Apotheke anvertraut war, hatte aber daneben noch viel wichtigere Verrichtungen zu versehen. Um die so gut begonnene Propaganda fortzuführen, gab Tartarin eine Zeitung heraus, die »Gazette von Port Tarascon«, die Pascalon vom ersten bis zum letzten Wort nach den Angaben und unter der allerhöchsten Leitung des Gouverneurs ganz allein redigierte. Wohl schadete diese Vielseitigkeit den Interessen der Apotheke ein wenig; das Schreiben der Artikel, das Korrigieren der Abzüge, die Gänge in die Druckerei, ließen nicht mehr viel Zeit übrig für die eigentlichen Geschäfte; aber Port Tarascon über alles! Die »Gazette« brachte dem Publikum der Metropole tagtäglich Nachrichten aus der Kolonie; sie enthielt Aufsätze über deren Hilfsquellen, Schönheit und große, herrliche Zukunft; auch Vermischte Nachrichten, Miscellen und Erzählungen für jeden Geschmack. Reiseerlebnisse bei der Entdeckung der australischen Inseln, Eroberungen, Kämpfe mit den Wilden für phantastische Gemüter. Für die Edelleute wunderbare Jagdabenteuer aus den Wäldern, erstaunliche Fischzüge auf den so »außerordentlich fischreichen« Flüssen, nebst einer Schilderung der Methoden und sämtlicher Jagd- und Fischgeräte der Eingeborenen. Die friedlichsten Leute, Krämer, biedere, seßhafte Bürger, schwelgten förmlich in der Schilderung eines frischen Frühstücks im Gras, am Ufer eines wildschäumenden Waldbaches, unter dem Schatten großer, exotischer Bäume; sie glaubten schon dabei zu sein und fühlten den Saft der köstlichen Früchte des Wurzelbaumes, der Bananen und der Ananas unter ihren Zähnen hervorquellen. »Und keine Mücken!« faßte die Zeitung, denn die Mücken waren, wie schon bekannt, die Störenfeinde bei allen Landpartieen auf tarasconischer Erde. Die »Gazette« veröffentlichte sogar einen Roman: »Die schöne Tarasconerin«, dessen Heldin die Tochter eines Kolonisten war, die ein papuanischer Königssohn entführt hatte. Die Entwickelung dieses Liebesdramas eröffnete den jungen Mädchen ganz unendliche Horizonte. Im finanziellen Teil des Blattes kamen die Kurse der Kolonialwaren, die Ankündigung der Ausgaben von Anweisungen auf Ländereien und von Zuckerfabrik- und Brennereiaktien, sowie auch die Namen der Unterzeichner und die ständig fortgesetzte Liste der eingelaufenen Gaben in Naturalien, die noch beständig zuströmten, darunter immer die ewige »Kleidung für einen Wilden« von Fräulein Tournatoire. Um diese häufigen Sendungen zu ermöglichen, mußte das Fräulein eine ganze Schneiderwerkstätte bei sich eingerichtet haben. Im übrigen war sie nicht die einzige, in der durch die nahe bevorstehende Uebersiedlung nach den weitentfernten, unbekannten Inseln die wunderlichsten Sorgen erregt wurden. Eines Tages gönnte sich Tartarin in der Stille seines Hauses ein wenig Ruhe; seine Füße steckten in seinen Babuschen, sein Leib war mollig in seinen Schlafrock gehüllt, doch war er nicht unbeschäftigt, denn neben ihm lagen auf seinem Tisch eine Menge Bücher und Papiere aufgehäuft. Die Reisebeschreibungen von Bougainville, von Dumont-Durville, Werke über Kolonisation und über alle Arten von Bodenkultur. Inmitten seiner vergifteten Pfeile, in Gesellschaft des Affenbrotbaums, dessen winziger Schatten auf dem Rouleau zitterte, studierte er »seine Kolonie« und stopfte sich das Gedächtnis mit einer Menge aus den Büchern geschöpften Auskünfte voll. Zwischenhinein unterzeichnete er irgend welchen Erlaß, ernannte einen Granden erster Klasse, oder schuf auf einem vorgedruckten Papier ein neues Amt, um dem ehrgeizigen Wahnwitz seiner Mitbürger gefällig zu sein. Während er also mit weitaufgerissenen Augen und ausgepusteten Backen arbeitete, wurde ihm eine schwarzgekleidete Dame gemeldet, die sich weigerte, ihren Namen zu nennen und ihn zu sprechen begehrte. Sie hatte nicht einmal eintreten wollen und erwartete ihn ihm Garten, wohin er, in Pantoffeln und Schlafrock, spornstreichs eilte. Der Tag neigte sich; schon ließ die Dämmerung die Gegenstände undeutlich unterscheiden, aber trotz der sinkenden Abendschatten und dem dichten Schleier erkannte Tartarin die Besucherin an ihren feurigen Augen, die unter dem Tüll hervorleuchteten. »Frau Excourbaniès!« »Herr Tartarin, Sie sehen eine höchst unglückliche Frau vor sich!« Ihre thränenerstickte Stimme zitterte. Der Biedermann fühlte sich ganz ergriffen und sprach in väterlichem Ton: »Meine arme Evelina, was haben Sie? ... Sprechen Sie. ...« Tartarin nannte fast alle Damen der Stadt, die er schon als Kinder gekannt, die er als Standesbeamter getraut hatte, bei ihren Vornamen und blieb ihnen stets ein Vertrauter, ein Freund, beinahe ein Onkel. Er nahm Evelinas Arm und führte sie um den kleinen Goldfischteich herum spazieren, wahrend sie ihm ihren Kummer und ihre ehelichen Sorgen anvertraute. Seit es sich darum handelte, in der Ferne eine Kolonie zu gründen, machte sich Excourbaniès ein Vergnügen daraus, bei jeder Gelegenheit mit spöttisch drohendem Ton zu sagen: »Na, warte nur, wenn wir erst drüben sind in Polygamilla ...« Sie war sehr eifersüchtig aber auch sehr naiv, ja sogar ein bißchen dumm, und nahm diesen Spaß für ernst. »Ist es wahr, Herr Tartarin, daß sich in diesem gräßlichen Land die Männer mehrere Male verheiraten können?« Er beruhigte sie freundlich. »Nein, nein, meine liebe Evelina, Sie täuschen sich. Alle Wilden auf unsern Inseln sind nur einmal verheiratet. Die Reinheit ihrer Sitten ist über allen Zweifel erhaben und unter der Leitung unsrer Weißen Brüder ist von dieser Seite nichts zu fürchten.« »Aber schon der Name des Landes? ... Diese Polygamilla? ...« Jetzt erst verstand er den Scherz des großen Spaßvogels Excourbaniès und brach in fröhliches Gelächter aus. »Ihr Mann macht sich über Sie lustig, meine Kleine. Nicht Polygamien heißt das Land, sondern Polynesien , was so viel als Inselgruppe heißt, und darin liegt doch sicher nichts, was Sie beunruhigen könnte.« In der Gesellschaft Tarascons wurde lange darüber gelacht! Wochen vergingen und immer noch trafen keine Briefe von den Auswanderern ein, nichts als die durch den Herzog mitgeteilten Marseiller Drahtnachrichten. Lakonische Telegramme, in der Eile in Aden, in Sydney und andren Häfen, welche die »Farandole« angelaufen hatte, aufgegeben. Schließlich war dies aber nicht zu verwundern, wenn man die gleichgültige Trägheit dieser Rasse in Betracht zog. Warum hätten sie auch schreiben sollen? Telegramme genügten ja völlig, und die, welche eintrafen und von der »Gazette« regelmäßig veröffentlicht wurden, meldeten nur Gutes: »Köstliche Ueberfahrt: Meer glatt wie Oel, alles wohl.« Mehr brauchte es nicht, um die Begeisterung im Schwung zu erhalten. Endlich erschien eines Tages an der Spitze des Blattes folgendes ebenfalls über Marseille eingetroffene Telegramm: »In Port Tarascon angekommen. – Im Triumph eingezogen. – Von den Eingeborenen am Hafen empfangen, Freundschaftsbündnis mit ihnen. – Tarasconische Fahne weht auf dem Rathaus. – Te Deum gesungen in der Kathedrale der Hauptstadt. – Alles bereit, kommet bald!« Darauf folgte ein von Tartarin diktierter begeisterter Artikel über die Besitzergreifung des neuen Vaterlandes, über die junge, neugegründete Stadt und den sichtbaren Schutz Gottes; über die auf jungfräulicher Erde aufgepflanzte Standarte der Zivilisation und die Zukunft, die sich allen eröffnete. Damit waren plötzlich auch die letzten Bedenken geschwunden. Eine neue Ausgabe von Anweisungen auf Ländereien zu hundert Franken der Hektar, ging wie warme Semmeln ab. Der dritte Stand, die Geistlichkeit, der Adel, kurz ganz Tarascon wollte fort: es war der reine Wahnsinn, ein Auswanderungsfieber, von dem die ganze Stadt befallen war, und die Mißvergnügten, wie Costecalde, die Lauen oder Mißtrauischen waren jetzt am meisten auf die Kolonisation versessen. Ueberall war man vom Morgen bis zum Abend mit Vorbereitungen beschäftigt. Selbst auf den mit Heu und Stroh bestreuten Straßen wurde überall gehämmert und Kisten zugenagelt. Die Männer arbeiteten hemdärmelig in bester Laune, und sangen und pfiffen dazu; man lieh sich die Werkzeuge von Thür zu Thür und tauschte muntere Reden dabei aus. Die Frauen packten ihre Kleider, die Weißen Brüder ihre Monstranzen und die Kinder ihr Spielzeug. Das zum Transport des ganzen vornehmeren Teils von Tarascon gemietete, nach dem Spitznamen des Tarasconer Trommlers Tutu-panpan getaufte Schiff war ein großer eiserner Dampfer, unter dem Befehl des Kapitäns Scrapouchinat, eines weitgereisten Tulouneser Seemanns. Die Einschiffung sollte in Tarascon selbst stattfinden. Da die Rhone groß und wasserreich war und das Schiff nur wenig Tiefgang hatte, so konnte es den Fluß heraufgebracht werden und am Quai anlegen, wo die Verladung und Stauung der Güter einen vollen Monat in Anspruch nahm. Wählend die Matrosen zahllose Kisten im Schiffsräume verstauten, richteten die künftigen Fahrgäste schon ihre Kabinen ein, und mit welchem Feuereifer, mit welcher Liebenswürdigkeit! Jeder suchte sich dem andren dienstbar und angenehm zu machen. »Dieser Platz ist Ihnen lieber? Also nehmen Sie ihn!« »Diese Kabine gefällt Ihnen besser? Ganz wie Sie wollen!« Und so war's in allem. Der für gewöhnlich so hochmütig dreinglotzende Adel, die von Aigueboulide, die von Escudelle, Leute, die einen sonst nur über die Achseln ansahen, fraternisierten mit den Bürgern. Inmitten des allgemeinen Wirrwarrs der Einschiffung traf eines Morgens der Brief des Bruders Vézole ein, die erste von Port Tarascon datierte Botschaft. »Gott sei gelobt, wir sind angekommen,« schreibt der gute Bruder. »Es fehlt uns an vielen Kleinigkeiten, aber trotzdem: Gott sei Lob und Dank! ...« Kaum etwas wie Begeisterung, kaum irgend eine Einzelheit. Der Hochwürdige beschränkte sich darauf, vom König Nègonko zu reden und von Liki-Riki, der kleinen Tochter des Königs, einem reizenden Kind, dem er ein Perlennetz geschenkt hatte. Dann verlangte er, man solle einige etwas praktischere Sachen schicken, als es die Gaben der Subskribenten zu sein pflegten. Das war alles. Vom Hafen, von der Stadt, von dem Unterkommen, das die Kolonisten gefunden hatten, kein Wort. Der Bruder Bataillet schalt zornig: »Ist das eine Schlafmütze, der Bruder Vézole. ... Den werde ich tüchtig schütteln, sobald wir drüben sind!« Der Brief war in der That sehr kalt, um so mehr, als er von einem so wohlwollenden Mann kam, allein der schlechte Eindruck, den dies hätte hervorbringen können, verlor sich in dem Durcheinander der Arbeiten an Bord, in dem betäubenden Lärm, den dieser Auszug einer ganzen Stadt erregte. Der Gouverneur – man nannte Tartarin nur noch so – verbrachte seine Tage auf dem Deck des Tutu-panpan. Die Hände auf dem Rücken, schritt er lächelnd auf und ab, wählend sich eine Unmasse sonderbarer Gegenstände, wie Brottaschen für Hirten, Kredenztische und Wärmflaschen, um ihn her anhäuften, die bei der Stauung im Schiffsraum noch keinen Platz gefunden hatten. Im patriarchalischen Ton erteilte er seine Ratschläge. »Ihr nehmt viel zu viel mit, Kinder! Ihr findet ja drüben alles, was ihr braucht!« Er selbst ließ alles, seine Pfeile, seinen Affenbrotbaum und seine Goldfische zurück und begnügte sich mit einem amerikanischen Magazinkarabiner für zweiunddreißig Schüsse, sowie mit einer ganzen Schiffsladung Flanell. Und wie er alles überwachte, wie er alles im Auge behielt, nicht nur an Bord, sondern auch aus dem Land, die Proben der Liedertafel sowohl, als das Exerzieren der Miliz auf dem Korso! Die Bürgerwehr der Tarasconer, die noch von der Belagerung von Pampérigouste her organisiert war, hatte im Hinblick auf die Verteidigung der Kolonie und die Eroberungen, die man im Interesse ihrer Vergrößerung zu machen beabsichtigte, eine Verstärkung erfahren. Tartarin war entzückt von der martialischen Haltung der Bürgersoldaten und that ihnen, wie auch ihrem Befehlshaber Bravida, seine Zufriedenheit des öfteren in Tagesbefehlen kund. Trotzdem furchte manchmal eine sorgenvolle Falte die Stirne des Gouverneurs. Zwei Tage vor der Einschiffung fand Barafort, ein Rhonefischer, in den Weidengebüschen am Ufer eine leere, luftdicht verschlossene Flasche, deren Glas noch so durchsichtig war, daß man in ihrem Inneren etwas wie ein zusammengerolltes Papier unterscheiden konnte. Jeder Fischer weiß, daß ein angeschwemmter Fund dieser Art den Händen der Obrigkeit ausgefolgt werden muß, und Barafort übergab Tartarin die geheimnisvolle Flasche, die folgenden merkwürdigen Brief enthielt: »Tartarin. Tarascon, Europa. Entsetzliche Sturmflut in Port Tarascon. Insel, Stadt, Hafen, alles verschlungen, verschwunden. Bompard bewunderungswürdig, wie gewöhnlich, und wie gewöhnlich gestorben als Opfer seiner Ergebenheit. Reiset nicht ab, um des Himmels willen! Niemand soll abreisen!« Offenbar war dies das Werk eines Spaßvogels. Wie wäre denn diese Flasche von Australien herüber, von Welle zu Welle, geradeswegs auf Tarascon losgesteuert? Und verriet nicht auch dies »wie gewöhnlich gestorben« einen boshaften Scherz? Immerhin trübte aber dieses Vorzeichen Tartarins Freude über seinen glänzenden Erfolg. Viertes Kapitel. Einschiffung des »Tarasque«. – »Gebt Dampf!« – Die Bienen verlassen ihren Stock, – Der Wohlgeruch Indiens und der Wohlgeruch Tarascons, – Tartarin lernt Papuanisch. – Zerstreuungen während der Ueberfahrt. Wer an jenem Maimorgen des Jahres 1881 das Deck des Tutu-panpan gesehen hätte, der würde sich eines wahrhaft malerischen Anblicks zu erfreuen gehabt haben! Alle Direktoren in Gala: Tournatoire, Generaldirektor des Gesundheitsamtes; Costecalde, Direktor der Landwirtschaft: Bravida, Oberkommandierender der Bürgerwehr, und zwanzig andre zeigten den Blicken ein Gemisch der verschiedenartigsten gold- und silbergestickten Kostüme; außerdem trugen noch viele den Mantel der Granden erster Klasse: rot, mit goldnen Borten besetzt. Inmitten dieser buntausstaffierten Menge bildete der Großalmosenier der Kolonie und Kaplan des Gouverneurs einen großen weißen Flecken. Besonders die Bürgerwehr funkelte. Da der größte Teil der gewöhnlichen Soldaten schon mit den andern Schiffen befördert worden war, sah man beinahe nur noch die Offiziere mit dem Säbel in der Faust, dem Revolver im Gürtel, mit hohlem Rücken und hochgewölbter Brust unter dem koketten mit Fangschnüren geschmückten Dolman, und mit ihrem Hauptstolz: den prächtigen spiegelblanken Lackstiefeln. Unter diese Uniformen und Kostüme mischten sich die hellfarbigen, heiteren, schillernden Anzüge der Damen mit flatternden Bändern und Schärpen, und hier und da die tarasconische Haube eines Dienstmädchens. Und über dem allem, über dem Schiff mit seinen blitzblanken Messingbeschlägen, über den gen Himmel ragenden Masten denke man sich noch den Sonnenschein, einen schönen, festtäglichen Sonnenschein, als Horizont die breite Rhone mit ihren wogenden und vom Mistral rückwärts gestauten Wassern, und dann hat man einen Begriff von dem Anblick, den der Tutupanpan vor seiner Abfahrt nach Port Tarascon gewährte. Der Herzog von Mons hatte dieser Abfahrt nicht anwohnen können, da er durch eine neue Emission in London zurückgehalten wurde. Man brauchte nämlich Geld, um Schiffe, Mannschaft, Ingenieure, kurz alle Kosten der Auswanderung zu decken! Noch am Morgen hatte der Herzog durch ein Telegramm die Kapitalien angekündigt. Und alle bewunderten die praktische Seite des Mannes aus dem Norden. »Welches Beispiel er uns gibt, meine Herren!« deklamierte Tartarin, und fügte immer hinzu: »Ahmen wir ihm nach.... Keine Windbeuteleien!« Und in der That, er selbst sah sehr ruhig und einfach aus und zeigte nicht die mindeste Großthuerei; inmitten seiner kostümierten Angestellten trug er nur den Großkordon des »Ordens« über seinem Ueberzieher um den Hals. Vom Deck des Tutu-panpan sah man die Kolonisten von weitem gruppenweise herankommen, an den Straßenecken erscheinen und nach dem Quai einbiegen. Endlich wurden sie kenntlich und mit ihrem Namen begrüßt: »Ah, da sind die Roquetaillades!« »Da, Herr Franquebalme!« Und Geschrei und begeisterte Zurufe ertönten. Unter anderem brachte man der uralten Gräfin-Witwe von Aigueboulide, einer beinahe hundertjährigen Greisin, eine allgemeine Huldigung dar, als man sie in einem Umhang von flohbrauner Seide, mit wackelndem Kopf leichtfüßig an Bord steigen sah, in einer Hand ihre Wärmflasche, in der andern ihren ausgestopften alten Papagei. Von Minute zu Minute entleerte sich die Stadt immer mehr; zwischen den geschlossenen Häusern und den Kaufläden mit herabgelassenen Jalousieen und Rollläden erschienen die Straßen breiter als sonst. Als alles an Bord war, kam ein Augenblick der Sammlung, der feierlichen Stille, nur von dem Zischen des unter Druck befindlichen Dampfes unterbrochen. Hunderte von Augen richteten sich auf den Kapitän, der, bereit den Befehl zum Lichten des Ankers zu erteilen, aufrecht auf der Kommandobrücke stand. Plötzlich rief irgend jemand: »Und die ›Tarasque‹! ...« Sicherlich hat jedermann schon von der »Tarasque« gehört, dem fabelhaften Tier, das der Stadt Tarascon ihren Namen gegeben hat. Diese »Tarasque« war, um in Kürze wieder an ihre Geschichte zu erinnern, in uralten Zeiten ein furchtbares Ungeheuer, das die Umgegend der Rhonemündung verheerte. Die heilige Martha, die nach dem Tode Christi in die Provence gekommen war, begab sich, weiß gekleidet, in die Sümpfe, um das Tier zu holen, und führte es, nur mit einem blauen Band gebunden, aber gezähmt und bezwungen durch ihre Unschuld und Frömmigkeit in die Stadt. Seither feiern die Tarasconer alle zehn Jahre ein Fest, bei dem man ein aus Holz und bemalter Pappe verfertigtes Ungeheuer durch die Stadt führt: dies rohe, schnurrige Ebenbild der einstigen »Tarasque«, das etwas von einer Schildkröte, einer Schlange und einem Krokodil an sich hat, wird heute wie ein Abgott verehrt, auf Kosten des Staates erhalten und untergebracht, und ist im ganzen Land unter dem Namen der »Großmutter« bekannt. Ohne die Großmutter abzureisen, schien ihnen gar nicht möglich. Einige junge Leute stürzten fort und holten sie schleunigst auf den Quai. Da gab's so viel Thränengüsse und ein so begeistertes Geschrei, als ob die Seele der Stadt, ja das Vaterland selbst in diesem Ungeheuer aus Pappe atme, das so sehr schwer einzuschiffen war. Viel zu groß, um im Innern des Fahrzeuges untergebracht werden zu können, wurde die »Tarasque« auf dem Hinterdeck befestigt. Riesig groß und lächerlich sah sie mit ihrem Leinwandbauch und ihren gemalten Schuppen aus wie ein Ungeheuer aus einer Zauberposse. Mit dem über Bord weit emporragenden Kopf vervollständigte sie das malerische und eigenartige Bild des beladenen Schiffes und machte den Eindruck eines jener am Schnabel der Schiffe angebrachten geschnitzten Ungeheuer, die während der Reise über das Geschick der Fahrzeuge zu wachen haben. Man überschüttete die »Tarasque« mit Ehrenbezeugungen, man sprach zu ihr und liebkoste sie. Als er diese allgemeine Aufregung sah, fürchtete Tartarin, es könne hierdurch der Schmerz um das verlassene Vaterland in den Herzen wach gerufen werden, und auf ein Zeichen von ihm befahl Kapitän Scrapouchinat mit furchtbarer Stimme: »Gebt Dampf! Vorwärts!« Alsbald erschallten Fanfaren, das Zischen des Dampfes und das Rauschen des Wassers unter den Schaufeln ließen sich vernehmen, und dies alles wurde überdröhnt von der Stimme Excourbaniès': »Hurra! ...« Im Nu trat das Ufer zurück: die Stadt, die Türme König Renés rückten in die Ferne und verkleinerten sich immer mehr, wie verschleiert durch das auf dem Wasser der Rhone zitternde Sonnenlicht. Ueber die Brüstung des Schiffes gebeugt, sahen alle ruhig, lächelnd, gleichgültig zu, wie ihr Vaterland immer mehr zurücktrat und in der Ferne verschwand. Nun, da sie die gute »Tarasque« bei sich hatten, waren sie nicht mehr ergriffen, als ein Bienenschwarm, der beim Geklapper von Kesseln oder Pfannen den Korb wechselt, oder als ein großer Zug von Staren, der im Triangel seinen Flug gen Afrika richtet. Und wirklich, ihre »Tarasque« beschützte sie gut. Himmlisches Wetter, strahlendes Meer; kein Sturm, keine Bö, kein Regenschauer – nie hat eine günstigere Ueberfahrt stattgefunden. Wohl ließ man im Kanal von Suez unter der feurigen Sonnenglut trotz der nach dem Beispiel Tartarins von allen angenommenen kolonialen Kopfbedeckung, einem mit weißer Leinwand überzogenen und mit einem grünen Gazeschleier garnierten Korkhelm, die Zunge aus dem Halse hängen, allein man litt doch nicht allzusehr unter dieser Backofentemperatur, auf die der Himmel der Provence die Auswanderer längst vorbereitet hatte. Nachdem Port Saïd, Suez und Aden passiert und das Rote Meer durchschifft war, stürmte der Tutu-panpan in raschem, ununterbrochenem Lauf quer durch den Indischen Ocean, unter einem Himmel dahin, der so weiß, so milchig und so samtartig war, wie jene Knoblauchmayonnaise, die von den Auswanderern zu allen Mahlzeiten genossen wurde. Was überhaupt Knoblauch vertilgt wurde an Bord! Man hatte ungeheure Vorräte davon mitgenommen und sein köstlicher Duft folgte im Kielwasser des Schiffes und vermischte den Wohlgeruch Tarascons mit den Wohlgerüchen Indiens. Bald fuhr man an Inseln entlang, die wie Körbe voll seltener Blumen aus dem Meer emporstiegen, über denen prächtige, wie mit glitzernden Edelsteinen bekleidete Vögel dahinschwebten. Die ruhigen, durchsichtigen, von Myriaden Sternen erhellten Nächte schienen von fern her tönender, den Tanz von Bajaderen begleitender Musik erfüllt zu sein. An den Malediven, in Ceylon, in Singapore hätte man in himmlisch schönen Zwischenhäfen ankern können, allein die Tarasconerinnen, Frau Excourbaniès an der Spitze, verboten ihren Männern, ans Land zu gehen. Eine unbändige, instinktive Eifersucht erfüllte die Frauen alle mit Mißtrauen gegen das gefährliche, indische Klima und seine erschlaffenden Einflüsse, die bis auf das Deck des Tutu-panpan herüberwirkten. Man mußte nur den schüchternen Pascalon sehen, wie er sich, wenn der Abend herniedersank, neben Fräulein Clorinde von Espazettes, einem großen, schönen jungen Mädchen, von dessen aristokratischem Reiz er sich angezogen fühlte, auf die Brüstung des Schiffes lehnte. Der gute Tartarin lachte sich ins Fäustchen und sah für die Ankunft schon eine Heirat voraus. Uebrigens zeigte sich der Gouverneur während der Ueberfahrt gegen alle von einer Sanftmut und einer Nachsicht, die einen scharfen Gegensatz bildete zu dem gewaltthätigen und finsteren Wesen des Kapitäns Scrapouchinat, der sich an Bord seines Schiffes als ein wahrer Tyrann erwies und beim geringsten Wort zornig wurde und davon sprach, jeden Widerspenstigen »wie einen grünen Affen« erschießen zu lassen. Tartarin fügte sich geduldig und vernünftig den Launen des Kapitäns, suchte ihn sogar zu entschuldigen und gab, um den Zorn seiner Bürgerwehr abzulenken, allen das Beispiel einer unermüdlichen Thätigkeit. Die Morgenstunden wurden dem Studium des Papuanischen gewidmet, unter der Leitung seines Kaplans, des hochwürdigen Bruders Bataillet, der als ehemaliger Missionar dieser und vieler andrer Sprachen mächtig war. Unter Tags versammelte Tartarin all seine Leute auf dem Deck oder im Salon um sich und besprach und beriet allerlei mit ihnen, oder gab seine ganz frisch erworbenen Kenntnisse über Zuckerplantagen und den Trepangfang zum besten. Zweimal wöchentlich hielt er Jagdstunde, denn da drüben in der Kolonie gab es Wild genug, da war es nicht wie in Tarascon, wo man nur auf die in die Luft geworfenen Mützen schießen konnte. »Ihr schießt gut, Kinder, aber ihr schießt zu schnell,« sagte Tartarin. Sie waren zu heißblütig, sie mußten sich mäßigen. Er gab ihnen vortreffliche Ratschläge und lehrte sie, wie viel Zeit man sich je nach der Art des Wildes nehmen, und wie man methodisch, wie ein Metronom dazu zählen müsse. »Für die Wachtel drei Takte. Eins, zwei, drei ... pardauz! ... da haben wir sie. ... Für das Rebhuhn« – und er schüttelte seine offne Hand in Nachahmung des Vogelfluges – »für das Rebhuhn, zählt nur auf zwei. Eins, zwei ... piff, paff! ... Hebt's auf, es hat seinen Treff!« So vergingen die einförmigen Stunden der Ueberfahrt und jede Schraubendrehung brachte all diese guten Leute, die sich während der ganzen Reise in schönen Zukunftsplänen wiegten, und in der Hoffnung auf das, was sie drüben erwartete, nur von Einrichtungen, Urbarmachung und allerlei eingebildeten Verschönerungen ihres künftigen Eigentums sprachen, der Verwirklichung ihrer Träume näher. Der Sonntag war ein Ruhetag, ein wahrer Festtag. Auf dem Achterschiff las der Bruder Bataillet mit großem Pomp die Messe, und die Trompeten erschallten, die Trommeln schlugen den Fahnenmarsch in dem Augenblick, wo der Priester die Hostie erhob. Nach der Messe trug der hochwürdige Bruder eine jener feurigen Parabeln vor, in deren Erzählung er so groß war, und die weniger einer Predigt glich als einem poetischen Mysterium voll südlicher Glaubensglut. Hier folgt eine jener Erzählungen – kindlich wie eine Heiligengeschichte, die man auf den bemalten Fenstern einer alten Dorfkirche dargestellt sieht; aber um ihren ganzen Reiz zu genießen, muß man sich das frischgewaschene Schiff vorstellen, mit seinen glänzenden Metallbeschlägen, den Kreis der Damen, den Gouverneur in seinem Rohrsessel, umgeben von seinen Direktoren in großer Gala, die in zwei Reihen geordnete Bürgerwehr, die Matrosen in den Wanten und all diese Menschen still, aufmerksam, die Augen auf den Priester gerichtet, der aufrecht auf den Stufen des Altars steht. Das Stoßen der Schraube begleitet seine Stimme im Takt, der Rauch des Dampfers steigt dünn und gerade auf gegen den reinen, tiefen Himmel; Delphine schaukeln sich auf den Wellen, Seevögel, große Möwen und Albatrose folgen kreischend im Kielwasser des Schiffes, und wenn der Weiße Bruder mit seiner schiefen Schulter seine Arme erhebt und die weiten Aermel schüttelt, so gleicht er selbst einem jener großen Vögel, der, im Begriff sich emporzuschwingen, mit den Flügeln schlägt. Fünftes Kapitel Die wahrhafte Legende vom Antichrist, erzählt vom hochwürdigen Bruder Bataillet auf dem Deck des Tutu-panpan. »Wieder führe ich euch ins Paradies, meine Kinder, in das riesige, königsblaue Vorzimmer, in dem der große, heilige Petrus mit seinem Schlüsselbund im Gürtel ständig bereit ist, den Seelen der Erwählten zu öffnen, falls sich solche einfinden sollten. »Aber leider ist seit vielen, vielen Jahren die Menschheit so schlecht geworden, daß selbst die besten Menschen nach ihrem Tod im Fegfeuer verweilen, ohne höher hinauf zu kommen, so daß der gute heilige Petrus gar nichts mehr zu thun hat, als seine rostigen Schlüssel mit Glaspapier zu putzen und die Spinnweben wegzufegen, die sich wie Gerichtssiegel über seine Thüre spannen. Manchmal gibt er sich der Täuschung hin, es habe einer geklopft, dann sagt er zu sich selbst: ›Endlich ... da ist einer, 's ist wahrhaftig nicht mehr zu früh. ...‹ Wenn er aber dann das kleine, ins große Himmelsthor eingelassene Pförtchen öffnet, so sieht er da wohl die Unendlichkeit, das ewige Schweigen und die Sterne, die entweder unbeweglich still stehen oder sich im Weltenraum bewegen mit einem Ton, ähnlich dem leisen Geräusch, mit dem sich eine reife Orange von ihrem Zweige löst – aber nicht die Spur eines Erwählten. »Denkt nur, welche Demütigung für den guten Heiligen, der uns so lieb hat, und der sich Tag und Nacht grämt und jene glühenden, ätzenden Thränen vergießt, die auf seinen beiden Wangen schließlich tiefe, tiefe Furchen gegraben haben, ähnlich den Geleisen, die die Steinfuhren auf dem Wege zwischen Tarascon und Montmajour gezogen haben. »Nun war einmal der heilige Joseph gekommen, um ihm Gesellschaft zu leisten, denn auf die Länge war es dem armen Schlüsselträger doch recht langweilig, so allein in seinem Vorzimmer –, also der heilige Joseph sagte, um ihn zu trösten: ›Aber was kann es dir denn schließlich ausmachen, wenn die Leute von da drunten sich nicht mehr an deinem Pförtchen zeigen? ... Befindest du dich etwa nicht wohl hier, wo dich die lieblichste Musik und die süßesten Düfte umschmeicheln? ...‹ »Und während er so sprach, trug aus den sieben, in langer Flucht ineinandergehenden Himmeln ein linder, mit Wohlgerüchen geschwängerter Wind liebliche Töne herüber. Von diesen Wohlgerüchen des Himmels kann euch, meine lieben Freunde, nichts einen Begriff geben, nicht einmal dieser Duft von Zitronenkraut und frischen Himbeeren, den der Hauch des Meeres seit einem Augenblick von diesem großen Kranze von Roseninseln zu uns herüberträgt. »›Ach!‹ sagte der gute, heilige Petrus, ›mir geht's nur allzu gut in diesem gesegneten Paradies, aber ich möchte all diese armen Kinder bei mir haben....‹ »Und von plötzlicher Entrüstung ergriffen: ›Ha, das Gesindel, ha, die Schafsköpfe! ... Nein, Joseph, der Herr ist viel zu gut gegen das Pack! ... Ich weiß, was ich an seiner Stelle thäte!‹ »›Was würdest du denn thun, tapferer Petrus?‹ »›Bei Gott, einen gewaltigen Fußtritt würd' ich dem Ameisenhaufen versetzen und die Menschheit zum Teufel schicken!‹ »Der heilige Joseph schüttelte seinen grauen Bart.... »›Das müßte immerhin ein ganz furchtbar starker Fußtritt sein, der die Erde zertrümmern würde. ... Für die Türken, die Ungläubigen, die asiatischen Völker, die der Fäulnis anheimfallen, mag es noch gehen, aber die christliche Welt, die ist fest eingerammt und solid gebaut vom Sohn....‹ »›Ganz recht‹, unterbrach ihn der heilige Petrus ... ›aber was Christus erbaut hat, kann Christus auch ebenso gut zerstören. Ich würde ihnen meinen Gottessohn noch einmal schicken, diesen Galioten da drunten, und der als Antichrist verkleidete Christus hätte sie gleich zu Mus zerstampft!‹ »Der gute Heilige sprach im Zorn, ohne sich recht zu überlegen, was er sagte, und hauptsächlich ohne daran zu denken, seine Worte könnten seinem göttlichen Meister wieder hinterbracht werden. Ihr könnt euch vorstellen, wie groß seine Ueberraschung war, als plötzlich der Menschensohn vor ihm stand, einen Wanderstab über der Schulter, an dessen Spitze ein kleines Bündel hing, und mit seiner festen, sanften Stimme befahl: ›Petrus, komm ... ich nehme dich mit!‹ »Aus der Blässe des Heilandes, aus der fieberhaften Glut seiner großen, tiefumränderten Augen, die selbst seinen Glorienschein überstrahlten, merkte Petrus sofort, wie die Sache stand, und bereute, zu viel gesagt zu haben. Was hätte er nicht darum gegeben, daß diese zweite Sendung des Menschensohnes auf die Erde unterblieben wäre, und hauptsächlich daß er nicht selbst von der Partie hätte sein müssen. So aufgeregt und bestürzt, daß ihm die Hände zitterten, stammelte er: ›O du lieber Gott! ... O du lieber Gott! ... Und meine Schlüssel, was soll ich denn mit meinen Schlüsseln anfangen?‹ »Es ist wahr, daß sein schwerer Schlüsselbund auf einer so weiten Reise nicht sehr bequem gewesen wäre. – ›Und meine Thüre, wer wird meine Thüre hüten?‹ »Darauf lächelte Jesus, denn er las auf dem Grund seiner Seele und sprach: ›Laß die Schlüssel ruhig im Schloß stecken, Petrus! ... Es hat keine Gefahr, daß jemals einer zu uns herein will, das weißt du wohl.‹ »Er sprach sanft, aber man merkte trotzdem etwas Unbeugsames in seinem Lächeln und in seiner Stimme.« »Wie es in der heiligen Schrift geschrieben steht, verkündeten allerlei Zeichen am Himmel das Kommen des Menschensohnes, allein seit langer Zeit sah das am Staube klebende Menschenvolk den Himmel nicht mehr an, und durch seine Leidenschaften abgelenkt, verriet ihm nichts die Anwesenheit des Herrn und des alten Dieners, der ihn begleitete, um so weniger, als diese mit Garderobe versehen waren und sich verkleiden konnten, wie sie wollten. »In der ersten Stadt nun, die sie erreichten, sollte gerade am folgenden Tag die Hinrichtung eines berüchtigten Banditen, Namens Sanguinarias, des Urhebers schrecklicher Verbrechen, stattfinden. Die Arbeiter, die das Schafott aufzurichten hatten, waren nicht wenig erstaunt, als sie beim Fackelschein zwei Gefährten mitarbeiten sahen, die gekommen waren, man wußte nicht woher, und von denen der eine geschmeidig und stolz, mit seinem geteilten Backenbart und seinen wie Edelsteine strahlenden Augen aussah wie der Sprößling eines Prinzen, der andere, schon gebeugt, mit dämlich gutmütigem Aeußeren zwei tiefgefurchte Narben auf seinen runzligen Wangen trug. Als dann bei Tagesanbruch das Schafott errichtet war und sich das Volk und die Behörden zur Hinrichtung darum versammelt hatten, waren die beiden Fremden verschwunden, hatten aber den ganzen Mechanismus so seltsam verhext, daß, als der Verurteilte auf das Brett geschnallt war, das wohlgeschliffene, aus gutem Stahl gemachte Beil zwanzigmal nacheinander herabfiel, ohne ihm auch nur die Haut zu ritzen. »Ihr könnt euch das Bild vorstellen: die Richter außer sich, die Menge schaudernd, empört, der Henker seine Knechte schüttelnd, sich die schweißtriefenden Haare raufend, und Sanguinarias selbst – er war natürlich aus Beaucaire, dieser Strauchdieb, und vereinte mit seinen sonstigen schlechten Trieben auch noch eine teuflische Eigenliebe – Sanguinarias seinen schwarzen Stiernacken ganz zornig in der Halsöffnung drehend und windend, ruft: ›Na nu! ... Was ist denn los?... Bin ich denn nicht gemacht wie andre Menschenkinder, daß man mit mir nicht fertig werden kann? ...‹ »Und schließlich mußten ihn die Gendarmen gewaltsam in sein Gefängnis zurückbringen, während der brüllende Pöbel um das zertrümmerte Schafott herumtanzte, das knisternd gen Himmel lohte, wie ein Johannisfeuer. »Von da an schien in dieser Stadt und in allen zivilisierten Ländern ein Fluch auf den Urteilen der Halsgerichte zu liegen. Das Schwert der Gerechtigkeit war stumpf geworden, und da der Tod das einzige ist, was die Mörder scheuen, so ergoß sich gar bald eine Flut von Verbrechen über die Welt: die in Angst gejagten, ehrlichen Leute waren auf Wegen und Stegen nicht mehr sicher, während sich die Strauchdiebe in den bis unter die Dächer vollgestopften Zuchthäusern mit kräftigen Fleischbrühen mästeten, ihren Wärtern das Gesicht mit ihren Holzschuhen zerschlugen, ihnen mit dem Daumen die Augen ausdrückten oder sich auch damit vergnügten, ihnen aus bloßer Neugierde, nur um zu sehen, was darin ist, den Kopf zu spalten. »Beim Anblick dieser allein durch die Entwaffnung der Gerechtigkeit verursachten Verderbnis der Menschheit fand der wackere heilige Petrus, daß es genug sei, und das Herz voll Mitleid, sagte er mit einem guten breiten Höflingslachen: ›Die Lektion ist gelungen, Meister, und ich glaube, sie werden sie nicht so schnell vergessen.... Auch nicht, wenn wir jetzt wieder hinaufstiegen. Ich habe nämlich, um die Wahrheit zu sagen, Angst, ich sei da droben nötig.‹ »Der Menschensohn zeigte sein bleiches Lächeln: ›Denke daran‹, sagte er mit aufgehobenem Finger.... ›Was Christus aufgebaut hat, kann Christus allein nur zerstören!‹ »Und Petrus ließ den Kopf hängen und dachte: ›Ich habe zu viel geschwatzt, arme Kinder, ich habe zu viel geschwatzt!‹« »In jenem Augenblick befanden sie sich auf fruchtbaren Höhen, zu deren Füßen eine reiche Kaiserstadt ihre Kuppeln, ihre Söller, ihre zierlichen Glockentürme, die Spitzen und Türme ihrer Kathedralen, deren mannigfach geformte Gold- und Marmorkreuze im friedlichen Abendsonnenschein erglänzten, unabsehbar weit ausbreitete. »›Ich hoffe, daß sie hier Klöster und Kirchen haben,‹ erwiderte der gute Greis und versuchte, auf diese Weise den Zorn des Herrn abzulenken, ›das sieht man doch wenigstens noch mit Vergnügen!‹ »Ihr aber wißt ja, daß Jesus nichts so widerwärtig ist, als der heuchlerische, prunkende Gottesdienst der Pharisäer, wo man bloß der Mode halber zur Messe geht, und als jene Klöster, die sich in Magenelixir- und Schokoladefabriken verwandelt haben. Er beschleunigte deshalb seine Schritte, ohne zu antworten, und da das Getreide sehr hoch stand, sah man während des Niedersteigens von dem furchtbaren Zerstörer der Menschheit nichts als ein Bündel mit Kleidern, das an der Spitze seines Wanderstabes über den Aehren hin und her baumelte. ... In jener Stadt, in die sie einzogen, lebte ein alter, alter Kaiser, der nicht nur der älteste, sondern auch der mächtigste und gerechteste aller europäischen Fürsten war. Er hielt den Krieg an die Achsen seiner Kanonen gefesselt und verhinderte, sei es durch seine Macht, sei es durch Ueberredung die Völker daran, sich gegenseitig zu vernichten. »Solange er lebte, war es wie ein stillschweigendes Uebereinkommen zwischen Hund und Wolf, daß die Schäfchen im Frieden werden könnten! später aber hieß es: aufgepaßt! Darum war auch jedermann so besorgt um das Leben des guten Kaisers, nicht eine Mutter hätte gezögert, sich die Adern zu öffnen, um ihm röteres, gesünderes Blut einzuflößen. »Da, plötzlich verwandelte sich diese Liebe in Haß, eine teuflische Losung wurde ausgegeben: ›Wir müssen ihn umbringen ... er ist ein guter Tyrann, der fluchwürdigste von allen, denn er raubt uns sogar das Recht zur Empörung!‹ »Und nun überlasse ich es euch zu erraten, wer der geheimnisvolle Genosse war mit den strahlenden Äugen, der unter dem unterminierten Kaiserpalast, in der Nacht des Gewölbes, in dem die Verschworenen bis zum Gürtel im Wasser standen, das Werk des Todes leitete, wer alle Herzen gegen Furcht und Mitleid verschloß, und wer, als der Dynamitschlag losging, das letzte Hurra ausstieß.... »Ach, der arme Kaiser! Man fand nicht mehr viel von ihm unter den Trümmern! Ein Büschel geröteten Barthaares, eine der gerechten Hände, von der Flamme gekrümmt! Und plötzlich tobte der entfesselte Krieg, der Himmel wurde verdunkelt durch die Scharen von Raben, die sich an den Grenzen versammelten: ein großes Schlachten begann und wollte nicht mehr enden.« »Während sich die Völker mit Hilfe der schrecklichsten Maschinen gegenseitig mordeten, während allenthalben die eroberten Städte wie Fackeln aufflammten, zog Jesus leichten Schrittes, noch immer den Stock auf der Schulter und den guten, alten Heiligen, der ihn vergeblich zu erweichen suchte, hinter sich, fürbaß auf den von zersprengten Viehherden und herrenlosen Fuhrwerken überfüllten Wessen, er schritt an den brachliegenden Feldern und den blutgeröteten Flüssen entlang an den unbarmherzig vernichteten Weingärten und Feldern vorüber, nach einem weit entfernten Land, in dem ein berühmter Doktor, Mauve genannt, seine Kunst ausübte. »Mauve verstand es Menschen und Tiere zu heilen; er lenkte alle Kräfte der Natur nach seinem Willen und hatte ein Mittel zur Verlängerung des menschlichen Lebens entdeckt; es war ihm beinahe gelungen, nur wenig fehlte noch daran; – da blieben durch die Ungeschicklichkeit eines neuen Laboratoriumsgehilfen, eines sehr schönen, sehr bleichen Jünglings, den man danach niemals wieder sah, eines Nachts mehrere Glasflaschen mit scharfen, schnell wirkenden Giften offen stehen, und als Mauve am Morgen die Thür öffnete, fiel er um und war tot. »Nun wurde das menschliche Leben nicht verlängert, ganz im Gegenteil, denn der Gelehrte hatte zu seinen Studien eine Menge alter Landplagen, seltene Aussatzarten Aegyptens und des Mittelalters gesammelt, deren Keime nun aus den Retorten entwichen, sich über die ganze Welt verbreiteten und diese verheerten. Wie zur Zeit der Juden in Aegypten regnete es giftige, gemeine Kröten, dann kamen alle Arten bösartiger Fieber, gelbes Fieber, Sumpf- und Wechselfieber, Pestilenz, Typhus; eine Unmenge ausgestorbener Krankheiten pfropften sich ganz neuen auf, andere kannte man noch gar nicht einmal, und der Volksmund nannte dies alles ›das Uebel des Doktor Mauve‹. »Gott behüte euch vor dieser entsetzlichen Krankheit, meine Kinder! »Die Knochen schmolzen wie Glas, die Muskeln schwanden; die Schmerzen waren so groß, daß man nicht mehr schreien konnte. Noch ehe sie starben, zerfielen die Kranken in Stücke und brachen auf den Straßen wie Pappe zusammen, so daß die Wegepolizei nicht Spaten und nicht Karren genug hatte, um sie wegschaffen zu lassen. »›Donnerwetter, das haben wir gut gemacht!‹ ... sagte Sankt Peter mit einer scheinbar heiteren Stimme, aus der aber die Thränen herausklangen.... ›Und wie wär's, Meister, wenn wir jetzt endlich heimgingen? Ich kriege nach und nach Heimweh.‹ »Jesus wußte wohl, daß sich hinter diesem sogenannten Heimweh nur ein unendliches Mitleid mit den Sterblichen verbarg, die er, der Heiland, der doch sonst so gut war, geschworen hatte, auszurotten bis auf den letzten Mann. Allerdings muß man aber auch sagen, daß sie's ihm danach gemacht hatten, und schließlich reißt doch jedem die Geduld. »Alsdann ging der Herr, der seinen Weg fortsetzte, ohne zu antworten, mit seinem alten Diener über Feld. Es war gar früh an einem frischen, rosigen Morgen, da drang durch das Krähen der Hähne und all das tierische Geschrei, das den neuen Tag begrüßt, ein menschlicher Ton an ihre Ohren: es war der Schrei einer Frau, der sich, von den Wehen erpreßt, in mächtigen Schallwellen himmelstürmend emporrang und dann sich in ein langes, leise klagendes Wimmern verlor, über das jeder, der es einmal gehört hat, sich nicht mehr täuschen kann. »Mit dem werdenden Tag kam ein neues Geschöpf zur Welt. Nachdenklich blieb Christus stehen. Was nützte es denn, sie zu vernichten, wenn immer neue geboren werden! ... Und gegen die Hütte gewendet, aus der der Schrei gekommen war, erhob er drohend seine weiße Hand. »›Barmherzigkeit! ... Meister, Barmherzigkeit für die ganz Kleinen!‹ schluchzte der wackere heilige Petrus. »Der Herr beruhigte ihn mit einem Wort. »Diesem Säugling, sowie allen andern, die künftig auf der Erde geboren würden, hatte er ein Willkommsgeschenk gemacht. Petrus wagte nicht zu fragen, was es sei, aber ich kann es euch sagen, meine Freunde. Jesus hatte ihnen die Erfahrung geschenkt, diesen armen Lämmlein, und die war fürchterlich. »Bis dahin verschwanden, wenn ein Mensch starb, seine Erfahrungen mit ihm. Aber nun, nach der Gabe Christi, sammelten sich die Erfahrungen an auf Erden. Alt, traurig, entmutigt wurden die Kinder geboren; kaum hatten sich ihre Augen geöffnet, so entdeckten sie auch schon das Ende aller Dinge und man sah etwas Abscheuliches: Kinderselbstmorde! Schon ganz kleine Kinder suchten sich mit ihren verzweifelten Patschhändchen selbst zu vernichten. »Und doch war dies alles noch nicht genug: das verfluchte Geschlecht wollte nicht erlöschen und lebte trotz alledem halsstarrigerweise fort. »Nun entzog Christus, um schneller damit zu Ende zu kommen, den Männern und den Frauen den Trieb zur Liebe, den Sinn für die Schönheit. Es gab keinerlei Freude mehr auf der Welt, keinen Herzenserguß weder im Gebet noch in der Liebeslust. Man suchte nur das Vergessen, man lechzte nur nach dem Schlaf. ... O, schlafen ... nicht mehr denken, nicht mehr leben! »Wie ihr seht, befand sich die arme Menschheit in einem schlimmen Zustand und konnte es jedenfalls nicht mehr lange treiben, denn der unermüdliche Vertilger beschleunigte sein Werk je mehr und mehr. Als unsteter Wanderer, das Bündel am Stock, den sehr müden, sehr gebeugten Gefährten hinter sich, durcheilte er die Welt, und die beiden Thränenfurchen gruben sich stets tiefer und tiefer in die Wangen des Alten, je mehr der Meister auf seinem Weg Vulkane, Wirbelstürme und Erdbeben entfesselte. »Also wandelte Jesus an einem schönen Himmelfahrtsmorgen über das Meer und glitt auf den Wellen dahin, wie es uns durch die heilige Schrift berichtet wird, und gelangte zu den australischen Inseln in dem nämlichen Fahrwasser des Stillen Oceans, in dem wir uns jetzt befinden. »Von einem grünenden Inselkranz trug der laue Seewind Frauen- und Kinderstimmen, die provençalische Loblieder sangen, bis zu ihm herüber. »›Da!‹ rief Sankt Peter. ›Man möchte behaupten, das seien tarasconische Melodieen!‹ »Jesus wandte sich halb nach ihm um: ›Schlechte Christen, glaube ich, diese Tarasconer?‹ »›O, Meister, sie haben sich seither sehr gebessert,‹ beeilte sich der gute Heilige zu antworten, denn er fürchtete, auf einen Wink der göttlichen Hand werde die Insel, der sie sich näherten, plötzlich von den Wogen des Meeres verschlungen werden. »Diese Insel war, wie ihr wohl erraten werdet, keine andere als Port Tarascon, deren Bewohner zu Ehren des Himmelfahrtsfestes eine feierliche Prozession veranstaltet hatten. »Und was für eine Prozession, meine Kinder! »Zuerst die Büßerorden, die blauen, die weißen, die grauen, die Büßermönche aller Farben, denen ihre wie Krystall und Silber zusammenklingenden Glöckchen vorgetragen wurden. Nach den Büßermönchen die Schwesterschaften, alle in weißen Gewändern und wie die lieben Heiligen im Paradies in lange Schleier gehüllt. Dann kamen die alten Kirchenfahnen, so hoch droben, daß die Heiligen mit dem in die seidenen Stoffe eingewirkten goldigen Glorienschein vom Himmel zur Erde herabzusteigen schienen. »Nun folgte ganz langsam und schwerfällig das Allerheiligste unter seinem rotsamtnen, von großen Federbüschen überragten Baldachin, und nebenher trugen die Chorknaben an langen, vergoldeten Stäben große, grüne Laternen, in denen kleine Flammen brannten. Und singend und betend, so lange der Atem reichte, zog das ganze Volk, jung und alt, hinterdrein. »Die Prozession entfaltete sich rings um die ganze Insel, bald war sie am Strand, bald auf den Abhängen der Hügel, bald auf deren Gipfel, wo aus den großen, leicht geschwungenen Weihrauchfässern dünne, blaue Wölkchen zur Sonne emporstiegen. »Ganz geblendet murmelte Sankt Peter nur: ›Wie schön das ist! ...‹ Nicht ein Wort weiter, denn er verzweifelte nach so vielen vergeblichen Versuchen daran, seinen Gefährten erweichen zu können: aber da täuschte er sich gewaltig. »Von dieser kindlichen Kundgebung des Glaubens bis ins Herz ergriffen, sah der Menschensohn die Banner von Port Tarascon flattern und blieb regungslos sinnend auf dem Kamm der Wogen stehen – zum erstenmal beklagte er seine todbringende Sendung. »Plötzlich erhob er sein bleiches, sanftes Antlitz, und in der Stille des beschwichtigten Meeres rief er mit einer Stimme, die das ganze Weltall erfüllte, die Worte gen Himmel: ›Vater, Vater, gib Aufschub! ...‹ »Und ohne ein Wort weiter verständigten sie sich, der Vater und der Sohn, durch den lichten Weltenraum hindurch.« So weit war der Vater Bataillet mit seiner Erzählung gekommen. Sehr ergriffen, ohne sich zu rühren, verharrten die Zuhörer noch auf ihren Plätzen, da rief plötzlich Kapitän. Scrapouchinat von der Kommandobrücke des Tutu-panpan herab: »Insel Port Tarascon in Sicht, Herr Gouverneur. In einer kleinen Stunde liegen wir auf der Reede!« Darauf hin sprang alles auf, und es erhob sich ein großes Freudengeschrei. Sechstes Kapitel. Die Ankunft in Port Tarascon, – Niemand. – Ausschiffung der Bürgerwehr. – Bézu.... Apo.... – Bravida stellt den Kontakt her. – Furchtbare Katastrophe. – Ein tättowierter Apotheker. »Was zum Kuckuck ist denn das? ... Niemand kommt uns entgegen«, sagte Tartarin, nachdem sich der erste lärmende Freudenausbruch gelegt hatte. Ohne Zweifel war das Schiff noch nicht am Land signalisiert worden. Man mußte sich ankündigen. Drei Kanonenschüsse erdröhnten inmitten der zwei langgestreckten, saftig grünen, ungesund und feucht aussehenden Inseln, zwischen denen der Dampfer dahinfuhr. Alle Blicke waren auf das nächste Ufer gerichtet, einen schmalen, nur einige Meter breiten Sandstreifen, darüber steile Abhänge, die vom Gipfel bis zum Meer hinab mit düsterem, dunkelgrünem Gestrüpp bedeckt waren. Als der Kanonendonner langsam verhallt war, lagen die unheimlich aussehenden Inseln wieder im tiefen Schweigen. Noch immer niemand: und das allerunerklärlichste war, daß weder Hafen noch Fort, weder Stadt noch Mole, noch Trockendock, nichts, gar nichts von alledem zu sehen war. Tartarin wandte sich an Scrapouchinat, der schon Befehl zum Ankern gab: »Wissen Sie es ganz gewiß, Kapitän?« Der zornmütige Seebär antwortete mit einer Salve von Flüchen. Ob er es gewiß wisse, alle Wetter! ... er kenne sein Handwerk, Himmeldonnerwetter! ... er wisse sein Fahrzeug zu führen! ... »Pascalon, holen Sie mir die Karte der Insel ...« sagte Tartarin noch immer ganz ruhig. Glücklicherweise besaß er eine in sehr großem Maßstab angelegte Karte der Insel, auf der Vorgebirge, Meerbusen, Flüsse und Berge nebst den bedeutendsten Gebäuden der Stadt aufs genaueste angegeben waren. Diese Karte wurde sofort ausgebreitet und Tartarin begann sie, von allen umdrängt, genau zu studieren, wobei er mit dem Finger nachfuhr. Es stimmte: hier, die Insel Port Tarascon: die andere Insel gegenüber, da ... die vorspringende Landspitze, ... ganz recht. Links die Korallenriffe ... vortrefflich. ... Aber dann, was dann? Die Stadt, der Hafen, die Einwohner – was war aus dem allem geworden? Schüchtern, ein wenig stotternd, sprach Pascalon die Vermutung aus, es könne vielleicht eine Posse Bompards dahinter stecken, der in ganz Tarascon für seine Streiche bekannt war. »Mag sein, Bompard,« sagte Tartarin, ... »aber Bézuquet, ein ernster, überlegter Mann. ... Uebrigens mag einer ein noch so großer Spaßvogel sein, so kann er doch nicht eine Stadt, einen Hafen und eine Werfte verschwinden lassen.« Mit dem Fernrohr glaubte man allerdings auf einem Hügel etwas wie eine Baracke zu entdecken, allein die Korallenriffe machten es dem Fahrzeug unmöglich, näher hinzufahren, und von hier aus verschwamm alles in dem schwarzgrünen Laubwerk. Ganz betreten starrten alle hinüber. Sie hatten sich schon zur Landung bereit gemacht und hielten ihre Pakete und Bündel in der Hand; selbst die alte Gräfin-Witwe von Aigueboulide trug ihre kleine Wärmflasche, und in der allgemeinen Bestürzung hörte man sogar den Gouverneur murmeln: »Seltsam ... seltsam. ...« Plötzlich richtete er sich auf: »Kapitän, lassen Sie die große Schaluppe bemannen!« »Oberst Bravida, blasen Sie die Miliz zusammen!« Während das Horn ta-ra-tate und Bravida die Namen verlas, suchte Tartarin ganz unbefangen die Damen zu beruhigen. »Fürchten Sie nichts. Es wird sich alles aufklären, gewiß. ...« Und den Männern, die nicht mit ans Land gingen, befahl er: »In einer Stunde werden wir zurück sein. Erwartet uns hier, keiner soll sich von der Stelle rühren!« Sie hüteten sich wohl, sich von der Stelle zu rühren! Sie umringten ihn und sagten wie er: »Ja, Herr Gouverneur ... alles wird sich aufklären ... gewiß. ...« Und in diesem Augenblick erschien ihnen Tartarin unendlich groß. In der Schaluppe nahm Tartarin nebst seinem Sekretär Pascalon, seinem Kaplan, dem Bruder Bataillet, Bravida, Tournatoire, Excourbaniès und der Bürgerwehr Platz, alle bis an die Zähne bewaffnet mit Säbeln, Beilen, Revolvern und Büchsen, den berühmten Winchester mit zweiunddreißig Schüssen nicht zu vergessen. Als man dem stillen Ufer, auf dem sich nichts rührte, näher kam, unterschied man inmitten eines stagnierenden Wassers eine aus Pfosten und Planken gebildete, ganz von grünlichem Schimmel zerfressene fliegende Brücke. Daß dies der Hafendamm war, auf dem die Eingeborenen die Fahrgäste der »Farandole« empfangen hatten, das war doch ganz unwahrscheinlich. Ein wenig weiter zurück erschien eine Art alter Baracke mit geschlossenen eisernen Fensterläden, die mit Mennig angestrichen waren, was einen blutigroten Schein auf die Wasserpfütze warf. Ein geborstenes, schlecht gefügtes Bretterdach bedeckte die Hütte. Sobald man gelandet hatte, lief man dorthin. Eine Ruine von innen wie von außen. Durch das Dach sah man große Stücke Himmel, der Bretterboden hatte sich geworfen und das Holz war in Fäulnis übergegangen, riesige Eidechsen huschten in die Spalten, an den Wanden krabbelten schwarze Tiere herum und in den Ecken geiferten klebrige Kröten. Tartarin, der zuerst eintrat, wäre beinahe auf eine armdicke Schlange getreten. Alles war von einem üblen, feuchten, ekligen Modergeruch erfüllt. Aus einigen noch vorhandenen Ueberresten von Zwischenwänden konnte man ersehen, daß die Baracke in enge Verschläge, wie die Boxes in einem Pferdestall oder wie Kabinen, abgeteilt gewesen war. Auf einer dieser Bretterwände stand in fußgroßen Buchstaben zu lesen: »Bézu .... Apo ....« Das übrige war verschwunden, durch die Feuchtigkeit zerstört; aber man mußte kein großer Gelehrter sein, um auf »Bézuquetsche Apotheke« zu raten. »Jetzt weiß ich, wie es ist«, sagte Tartarin: »diese Seite der Insel war ungesund, und nachdem sie hier einen Versuch zur Niederlassung gemacht haben, sind sie nach dem andern Ufer übergesiedelt.« Dann befahl er mit fester Stimme dem Oberst Bravida, an der Spitze seiner Bürgerwehr zur Rekognoszierung auszurücken: er sollte bis auf die Höhe des Berges vordringen, von dort die Gegend genau erforschen, und dann würde er sicher gar bald die Dächer der Stadt rauchen sehen. »Sobald Sie den Kontakt hergestellt haben, werden Sie mich durch eine Musketensalve davon benachrichtigen.« Er selbst wollte mit seinem Sekretär, seinem Kaplan und einigen andern drunten im Hauptquartier bleiben. Bravida und der Lieutenant Excourbaniès ordneten ihre Leute und setzten sich in Bewegung. Die Bürgersoldaten rückten in guter Ordnung vor, aber das ansteigende, von einem algenartigen, glitschigen Moos bedeckte Terrain machte den Marsch beschwerlich, und gar bald fingen die Reihen an, sich aufzulösen. Man durchschritt einen kleinen Bach, an dessen Ufer sich die Ueberbleibsel eines Waschfasses und ein vergessener Wäschebläuel fanden, alles grün überzogen von jenem gefräßigen, wuchernden Moos, das man hier allenthalben fand. Ein wenig weiter die Spuren eines andern Baues, der ein Blockhaus gewesen zu sein schien. Die Ordnung der Bürgerwehr wurde vollends ganz aufgelöst, als sie auf etliche hundert, nahe aneinander befindliche Löcher stießen, die trügerisch mit Dornengestrüpp und Lianen bedeckt waren. Mehrere Mann brachen mit viel Waffengeklirre ein und verscheuchten durch ihren Fall eine Menge jener riesigen Eidechsen, wie man sie schon in der Baracke gesehen hatte. Die Löcher waren nicht allzu tief, nur kleine, reihenweise angelegte Gruben. »Man könnte glauben, es sei ein alter Kirchhof,« bemerkte Lieutenant Excourbaniès. Dieser Gedanke kam ihm durch den Anblick kreuzförmig verschlungener Aeste, die wieder Wurzel gefaßt, die Form von wilden Rebstücken angenommen hatten und aufs neue grünten. Jedenfalls mußte es aber ein völlig ausgeräumter Kirchhof sein, denn es war keine Spur von Gebeinen mehr zurückgeblieben. Nach mühseligem Klettern durch dichtes Gestrüppe langten sie endlich auf der Höhe an. Man atmete eine gesündere, durch eine frische Brise erneuerte, kräftige Seeluft. In der Ferne dehnte sich eine große Heide aus, und dann fiel das Terrain unmerklich nach dem Meere hin ab. Dort mußte die Stadt liegen. Mit ausgestrecktem Finger wies ein Bürgerwehrmann auf den emporsteigenden Rauch, während Excourbaniès in freudigem Tone rief: »Hört ..., Trommeln ..., die ›Farandole!‹« Es war keine Täuschung, man vernahm wirklich eine lustige, hüpfende Tanzmelodie. Port Tarascon zog ihnen entgegen. Schon sah man die Bewohner der Stadt heranziehen, eine Menge Menschen tauchte über den Abhängen am äußersten Ende der Hochebene auf. »Halt!« sagte plötzlich Bravida. »Man sollte meinen, das wären Wilde!« An der Spitze der Bande, vor den Trommeln kam ein großer, magerer Schwarzer angetanzt, der in Matrosentricot gekleidet war, eine blaue Brille auf der Nase trug und einen Tomahawk um seinen Kopf schwang. Beide Truppen machten Halt und beobachteten sich aus der Ferne, plötzlich brach Bravida in lautes Gelächter aus. »Das ist zu stark! ... Ah, der Possenreißer! ...« Damit steckte er seinen Säbel wieder in die Scheide und lief voraus. Seine Leute riefen ihn zurück: »Oberst! ... Oberst!« Aber er hörte nicht auf sie und rannte immer weiter; in der Meinung sich an Bompard zu wenden, rief er dem näher kommenden Tänzer zu: »Erkannt, mein Gutester ..., zu wild ..., zu sehr nach der Natur. ...« Der andre tanzte weiter und ließ seine Waffe in der Luft herumwirbeln, und als der unglückliche Bravida endlich merkte, daß er es mit einem wirklichen Kanaken zu thun hatte, war es zu spät, dem furchtbaren Schlag der Streitaxt auszuweichen, der ihm den Korkhelm und sein armes, kleines Gehirnchen spaltete und ihn tot darniederstreckte. Gleichzeitig entstand ein fürchterliches Gebrüll, es regnete Kugeln und Pfeile. Als sie ihren Anführer fallen sah, hatte die Bürgerwehr instinktmäßig Feuer gegeben, dann aber floh sie, ohne zu merken, daß die Wilden das nämliche thaten. Unten vernahm Tartarin die Salve. »Sie haben den Kontakt hergestellt,« sagte er vergnüglich. Aber seine Freude verwandelte sich in Bestürzung, als er seine kleine Armee in voller Auflösung zurückkommen sah; die einen ohne Hüte, die andern ohne Schuhe, so sprangen sie durch das Gestrüpp, und alle stießen das nämliche schaudererregende Geschrei aus: »Die Wilden! ... Die Wilden! ...« Es war ein Augenblick entsetzlicher Panik. Die Schaluppe stach in See und machte sich, aus Leibeskräften gerudert, schleunigst davon. Der Gouverneur rannte am Ufer auf und ab und rief: »Nur kaltes Blut ... nur Ruhe!« und das mit tonloser Stimme, mit der Stimme einer verzweifelnden Möwe, so daß die allgemeine Angst sich verdoppelte. Das Durcheinander der Flucht wogte noch eine Weile auf dem schmalen Strand hin und her; da man aber nicht wußte, wohin fliehen, sammelte man sich schließlich. Uebrigens zeigte sich auch weit und breit kein Wilder, und so konnte man sich erkennen und ausfragen. »Und der Oberst?« »Tot.« Als Excourbaniès den verhängnisvollen Irrtum Bravidas berichtet hatte, rief Tartarin: »Unglücklicher Placides! ... Eine solche Unvorsichtigkeit ... in feindlichem Land. ... Er rekognoszierte also nicht! ...« Sofort gab er Befehl, Schildwachen aufzustellen, und diese entfernten sich, nachdem sie bezeichnet worden waren, mit langsamen Schritten zu zwei und zwei, fest entschlossen, sich nicht allzuweit vom Gros der Truppe zu entfernen. Dann trat man zur Beratung zusammen, während sich Tournatoire mit dem Verband eines Verwundeten befaßte, der von einem vergifteten Pfeil getroffen, in ungewöhnlicher Weise rasch anschwoll. Tartarin ergriff das Wort: »Vor allem ist Blutvergießen zu vermeiden.« Und er schlug vor, Vater Bataillet zu entsenden, eine Palme in der Hand, die er schon von weitem hin und her bewegen sollte, um zu erkunden, was auf der Seite des Feindes vorgehe und was aus den ersten Besitzergreifern der Insel geworden war. Der Vater Bataillet aber wehrte sich: »Ach was! ... Eine Palme! ... Da wäre mir Ihre Winchester Magazinbüchse lieber!« »Nun gut, wenn der Hochwürdige nicht gehen will, so werde ich gehen«, erklärte der Gouverneur. »Nur werden Sie mich begleiten, Herr Kaplan, denn ich kann nicht genug Papuanisch....« »Ich kann es auch nicht!« »Wie, zum Kuckuck! ... Aber was haben Sie mich denn seit drei Monaten gelehrt? ... Was für eine Sprache habe ich in all den Stunden, die ich während der Ueberfahrt genommen habe, gelernt?« ... Als richtiger Tarasconer, der er war, half sich Bruder Bataillet damit aus der Patsche, daß er behauptete, zwar das »hiesige« Papuanische nicht zu verstehen, wohl aber das »dortige«. Wahrend dieser Erörterung entstand eine neue Panik: die Schildwachen gaben Feuer und aus der Tiefe des Waldes drang eine klägliche Stimme hervor, die mit tarasconischem Accent schrie: »Schießet nicht ... Himmelsapperment! ... so schießt doch nicht!« Und aus dem Gestrüppe sprang im nächsten Augenblick ein sonderbares, abscheuliches Wesen hervor, das über und über mit zinnoberroten und schwarzen Tättowierungen bedeckt war, so daß es aussah, als stäke es von Kopf bis zu den Füßen in dem Tricot eines Clown. Das war Bézuquet. »Da! Bézuquet!« »Nun, wie geht's?« »Wie macht es sich?« »Aber wo sind denn die andern?« »Und die Stadt, und der Hafen, und das Trockendock?« »Was von der Stadt noch vorhanden ist,« erwiderte der Apotheker und deutete auf die zerfallene Baracke, »das seht ihr dort! was von den Einwohnern übrig ist, hier,« – und damit wies er auf sich selbst. »Aber werft mir vor allen Dingen etwas über den Leib, um die Scheußlichkeiten zu verhüllen, mit denen mich diese Elenden bedeckt haben.« Es war wahr: die allerunsaubersten Phantasiebilder wahnwitziger Wilder waren ihm auf den Leib geritzt und gemalt worden. Ezcourbanitès gab ihm seinen Mantel – den Mantel eines Granden erster Klasse, und nachdem er sich mit einem gehörigen Schluck Branntwein gestärkt, begann der unglückliche Bézuquet mit tarasconischer Betonung und tarasconischer Beredsamkeit, die er beide nicht verloren hatte: »Wenn ihr euch heute morgen schmerzlich überrascht fühltet, als ihr sahet, daß die Stadt Port Tarascon nur auf der Karte vorhanden ist, so könnt ihr denken, ob wir von der ›Farandole‹ und vom ›Lucifer‹, als wir ankamen ...« »Vergebung, daß ich Sie unterbreche,« sagte Tartarin, als er sah, daß die Schildwachen vom Saum des Waldes her Zeichen der Unruhe gaben. »Ich glaube, es wäre klüger, wenn Sie Ihren Bericht an Bord erstatteten. Hier könnten uns die Kannibalen überraschen.« »Keineswegs ... eure Flintensalve hat sie in die Flucht geschlagen. ... Sie haben alle die Insel verlassen, und ich habe mir dies zu Nutzen gemacht und bin entflohen.« Tartarin bestand auf seinem Willen. Er zog es vor, daß Bézuquet seine Erlebnisse erst an Bord, vor dem großen Rat erzähle. Die Lage war allzu ernst. Man rief die Schaluppe an, die sich seit Beginn des ersten unerwarteten Scharmützels feig in der Entfernung gehalten hatte, und kehrte an Bord zurück, wo die Zurückgebliebenen angstvoll das Ergebnis der ersten Nachforschungen erwarteten. Siebentes Kapitel. »Fahren Sie fort, Bézuquet. ... Ist der Herzog von Mons ein Betrüger, oder ist er's nicht? – Der Advokat Franquebalme. – Verum enim vero , »das ist, weil es ist«. – Ein Plebiscit. – Der Tutu-panpan verschwindet am Horizont. Schlimm klang sie, diese Odyssee der ersten Ansiedler auf Port Tarascon, die nun im Salon des Tutu-panpan berichtet wurde vor dem versammelten Rat, in dem die Alten, der Gouverneur, die Direktoren, die Granden erster und zweiter Klasse und der Kapitän Scrapouchinat mit seinem Stabe thronten, wahrend die übrigen Fahrgäste droben auf dem Deck, von Ungeduld und Neugierde fast verzehrt, nichts vernahmen als das kräftige Summen von Bézuquets Baßstimme und die leidenschaftlichen Unterbrechungen seiner Zuhörer. Zuerst, gleich nach der Einschiffung, als die »Farandole« kaum den Hafen von Marseille verlassen hatte, erkrankte Bompard, der provisorische Gouverneur und Anführer der Expedition, an einer eigentümlichen und, wie er sagte, ansteckenden Krankheit und ließ sich ans Land setzen, nachdem er seine Machtbefugnisse auf Bézuquet übertragen hatte. ... Glücklicher Bompard! ... Man hätte denken können, er ahne alles, was sie dort drüben erwartete. In Suez hatten sie den »Lucifer« gefunden, in viel zu schlechtem Zustand, als daß er die Reise hätte fortsetzen können, weshalb seine Ladung an Bord der »Farandole« gebracht wurde, obgleich diese schon vorher vollgestaut war. Was sie auf diesem verdammten Fahrzeug unter der Hitze gelitten hatten! Blieb man oben, so schmorte man an der Sonne, ging man hinunter, so war man so zusammengedrängt, daß man fast erstickte. So fühlten sie dann, als sie in Port Tarascon ankamen, eine solches Bedürfnis, sich zu recken und auszubreiten, daß ihnen das Anschiffen auf dieser öden Insel ein Trost, eine wahre Freude war, trotz der Enttäuschung darüber, daß sie nichts, gar nichts hier vorfanden, weder Stadt noch Hafen, noch sonstige Einrichtungen irgend welcher Art. Der Notar Cambalalette, der Katasterbeamte, hatte sie sogar durch ein komisches Lied über das australische Kataster erheitert. Danach waren aber ernste Betrachtungen gekommen. »Wir beschlossen dann,« sagte Bézuquet, »das Schiff nach Sidney zu schicken, um Baumaterialien zu holen und das verzweifelte Telegramm an euch abzuschicken, das ihr erhalten habt.« Von allen Seiten erhob sich Widerspruch. »Ein verzweifeltes Telegramm? ...« »Welches Telegramm? ...« »Wir haben kein verzweifeltes Telegramm erhalten!« Tartarins Stimme beherrschte den Tumult: »Was Telegramme betrifft, mein lieber Bézuquet, so haben mir nur das eine erhalten, in dem ihr von dem schönen Empfang erzähltet, den euch die Eingeborenen bereitet haben, und von dem in der Kathedrale gesungenen Te Deum .« Die Augen des Apothekers traten fast aus ihren Höhlen vor Verwunderung. »Ein Te Deum in der Kathedrale! In welcher Kathedrale?« »Das wird sich alles aufklären,« sagte Tartarin. »Fahren Sie fort, Ferdinand!« »Ich fahre fort,« erwiderte Bézuquet. Und seine Erzählung wurde immer grausiger. »Mutig hatten sich die Kolonisten ans Werk gemacht. Da sie im Besitz von landwirtschaftlichen Werkzeugen waren, begannen sie mit der Urbarmachung – nur war der Boden abscheulich, so daß nichts gedieh. Dann kam die Regenzeit. ...« Ein allgemeiner Aufschrei seiner Zuhörer unterbrach den Redner: »Es regnet also?« »Ob es regnet! ... Mehr als in Lyon. ... Mehr als in der Schweiz. ... Zehn Monate im Jahr!« Allgemeine Verblüfftheit! Alle Augen richten sich nach den Lichtöffnungen des Schiffes, durch die man dichten Nebel bemerkte und unbewegliche Wolken, die über das ungesunde Schwarzgrün der Küste herabhingen. »Fahren Sie fort, Ferdinand,« sagte Tartarin. Und Bézuquet fuhr fort: »Infolge der beständigen Regengüsse, der stehenden Wasserlachen kamen das Fieber und die Malaria, und der Kirchhof wurde gar bald eingeweiht. Zu den Krankheiten gesellten sich die Sorgen, das Heimweh. Selbst die Mutigsten hatten keine Lust zur Arbeit mehr, so sehr verweichlichten die Körper in diesem erschlaffenden Klima. »Man lebte von Konserven und von Eidechsen und Schlangen, die von den Papuanern, die sich auf der andern Seite der Insel niedergelassen hatten, gebracht wurden. »Unter dem Vorwand, die Erträgnisse ihrer Jagd- und Fischzüge zu verkaufen, schlichen sie sich hinterlistig in das Lager, ohne daß ihnen jemand mißtraut hätte – bis sie in einer schönen Nacht die Niederlassung überfielen. Wie lauter Teufel drangen sie gleichzeitig durch Thüren, Fenster und Dachöffnungen herein, bemächtigen sich der Waffen, machten nieder, was sich ihnen zu widersetzen suchte, und führten die übrigen gefangen in ihr Lager. »Einen Monat lang folgte ein entsetzliches Festmahl dem andern. Die Gefangenen wurden der Reihe nach mit Keulenhieben niedergeschlagen, wie junge Spanferkel auf glühenden Steinen in der Erde gebraten und von den Kannibalen verspeist....« Ein Schrei des Entsetzens, den die ganze Ratsversammlung ausstieß, verbreitete den Schrecken bis auf das Deck, und der Gouverneur fand kaum die Kraft, noch einmal zu lispeln: »Fahren Sie fort, Ferdinand!« So hatte der Apotheker einen um den andern verschwinden sehen; der sanfte Bruder Bézole hatte lächelnd und ergeben bis zuletzt gesagt: »Gelobt sei Gott!« und der Notar Cambalalette, der vergnügte Katasterbeamte, fand die Kraft, selbst auf dem Bratrost zu lächeln. »Und die Unmenschen haben mich gezwungen, von ihm zu essen, von dem armen Cambalalette,« fügte Bézuquet, noch bei der Erinnerung daran erschaudernd, hinzu. Während der darauffolgenden Stille wandte sich der gallsüchtige Costecalde gelb, mit wutverzerrtem Mund gegen den Gouverneur: »Nichtsdestoweniger haben Sie gesagt, geschrieben und schreiben lassen, es gebe hier gar keine Menschenfresser!« Und da der niedergeschmetterte Gouverneur nur sein Haupt neigte, erwiderte Bézuquet: »Keine Menschenfresser! ... Das heißt, sie sind es alle. Für sie gibt es keinen größeren Leckerbissen als Menschenfleisch, und besonders als das unsre, das der Weißen aus Tarascon, und diese Vorliebe geht so weit, daß sie, nachdem sie die Lebenden gefressen, sich an die Toten gemacht haben. Sie haben den alten Kirchhof gesehen? Es ist nichts mehr drin, kein Knochen mehr; sie haben alles abgekratzt, abgenagt und abgeleckt, wie man es bei uns zu Hause mit den Tellern macht, wenn die Suppe recht gut ist, oder wenn wir ein Kotelett mit Knoblauchmayonnaise bekommen.« »Aber wie kommt es, Bézuquet,« fragte ein Grande erster Klasse, »daß Sie verschont worden sind?« Der Apotheker vermutete, daß sein Fleisch durch die ständige Beschäftigung mit seinen großen Kolben und allerlei Arzneimitteln wie Pfefferminze, Arsenik, Arnika, Ipekakuanha und dergleichen einen Kräutergeruch angenommen habe, der den Wilden zweifelsohne nicht zusagte, oder aber, daß sie sich ihn gerade deshalb als besten Bissen bis zuletzt aufgespart hatten. Nach Beendigung der Erzählung fragte der Marquis von Espazettes: »Nun, und was thun wir jetzt?« »Wie, was Sie thun sollen?« sagte Scrapouchinat in seinem zänkischen Ton. »Sie werden doch wohl nicht da bleiben, denke ich?« Von allen Seiten schrie man: »Ach nein! ... Ganz gewiß nicht. ...« »... Obgleich ich nur dafür bezahlt worden bin, Sie herzuführen,« fuhr der Kapitän fort, »bin ich doch bereit, diejenigen, die zurück wollen, wieder heimzubringen.« In diesem Augenblick waren ihm alle seine Mängel und Fehler verziehen. Sie vergaßen, daß sie für ihn eigentlich nur grüne Affen waren, gut zum niederschießen. Man umringte ihn, man feierte ihn, alle Hände streckten sich ihm entgegen. Inmitten des Lärms ließ sich plötzlich die Stimme Tartarins vernehmen, der im würdevollsten Tone sprach: »Sie werden thun, was Sie für gut finden, meine Herren, ich für meine Person bleibe hier. Ich habe meine Sendung als Gouverneur und muß dieselbe erfüllen.« Scrapouchinat brüllte: »Gouverneur von was denn? Es ist ja gar nichts da!« Und die andern: »Der Kapitän hat recht ... wenn doch nichts da ist. ...« Aber Tartarin entgegnete: »Der Herzog von Mons hat mein Wort, meine Herren!« »Ein Spitzbube ist er, Ihr Herzog von Mons,« rief Bézuquet, »ich habe es immer geahnt, selbst als ich noch keinen Beweis dafür hatte.« »Und wo ist dieser Beweis?« »Jedenfalls nicht in meiner Tasche!« Und mit einer verschämten Bewegung zog er den Mantel des Granden erster Klasse, der seine tättowierte Nacktheit verhüllte, fester an sich. »Das steht einmal fest, daß der sterbende Bompard in dem Augenblick, wo er die ›Farandole‹ verließ, zu mir sagte: ›Trauen Sie dem Belgier nicht, er ist ein Schwindler. ...‹ Wenn er hätte sprechen können, würde er mir wohl noch mehr gesagt haben ... aber die Krankheit hatte ihm alle Kraft geraubt.« Welch besseren Beweis konnte es denn übrigens geben, als diese unfruchtbare, ungesunde Insel selbst, nach der sie der Herzog zum Urbarmachen und zur Gründung einer Kolonie geschickt hatte – und dann noch diese gefälschten Telegramme! Eine große Bewegung bemächtigte sich der Ratsversammlung: alle sprachen zumal, stimmten Bézuquet zu und überschütteten den Herzog mit beleidigenden Schimpfworten: »Lügner ..., Schwindler ..., ehrloser Belgier! ...« Heroisch hielt Tartarin ihnen allen stand: »Bis das Gegenteil erwiesen ist, halte ich mit meiner Meinung über Herrn von Mons zurück. ...« »Unsre Meinung haben wir uns schon gebildet ... ein Dieb ... ein Dieb ist er. ...« »Er war vielleicht unvorsichtig, selbst schlecht unterrichtet. ...« »Verteidigen Sie ihn nicht, er gehört auf die Galeere. ...« »Was mich betrifft, der ich von ihm zum Gouverneur von Port Tarascon ernannt worden bin, so bleibe ich in Port Tarascon. ...« »So bleiben Sie eben allein da!« »Gewiß, auch allein, wenn ihr mich verlaßt. Man lasse mir Ackergeräte zurück. ...« »Aber wenn ich Ihnen doch sage, daß nichts fortkommt!« rief Bézuquet. »Ihr habt es nicht recht angefangen, Ferdinand.« Nun wurde Scrapouchinat zornig und schlug mit der Faust auf den Ratstisch. »Er ist verrückt! ... Ich weiß nicht, was mich abhalten könnte, ihn gewaltsam mitzuführen und ihn, wenn er Widerstand leistet, wie einen grünen Affen niederschießen zu lassen!« »Versuchen Sie es doch einmal! Kreuzmillionendonnerwetter!« Wutschnaubend, mit drohender Gebärde hatte sich Bruder Bataillet neben Tartarin aufgerichtet. Heftige Worte wurden gewechselt und tarasconische Redensarten ausgetauscht, wie: » Sie sind jeder Vernunft bar ... Sie wissen ja gar nicht, was Sie sagen ... Sie schwatzen das reine Blech. ...« Gott weiß, wie das alles noch geendet hätte, ohne das Dazwischentreten des Advokaten Franquebalme, des Gerichtsdirektors. Es war dieser Franquebalme ein sehr sprachgewandter Advokat, dessen Beweisführungen mit »jedoch« und »so weit nötig«, mit »einerseits« und »andrerseits« gespickt waren. Sein Vortrag hatte ein so festes Gefüge, war so dauerhaft remontiert, wie der römische Viadukt über den Gard. Ein mit ciceronischer Redekunst und Logik vollgestopfter, gravitätischer, einfältiger Philister, erging er sich ständig in Sentenzen, erklärte das »ist, weil es ist«, aufs ausführlichste durch » verum enim vero «, und benutzte nun den ersten Augenblick einer kurzen Windstille, um das Wort zu ergreifen und in langen und schönen Perioden, die sich ganz endlos ausspannen, ein Plebiscit vorzuschlagen. Die Auswanderer sollten mit ja oder nein abstimmen: einerseits sollten die, die bleiben wollten, bleiben, andrerseits sollten die, die gehen wollten, mit dem Schiff zurückfahren, nachdem die an Bord befindlichen Zimmerleute das große Haus und das Blockhaus wieder hergerichtet hätten. Nachdem dieser Antrag Franquebalmes, der allen Wünschen Rechnung trug, einmal angenommen war, schritt man ohne Zögern zur Abstimmung. Auf dem Deck und in den Kabinen machte sich eine große Unruhe geltend, sobald man erfuhr, um was es sich handle. Man hörte nur Seufzen und Klagen. Die armen Leute hatten ihr Vermögen in den Ankauf dieser berühmten Hektare gesteckt, sollten sie denn alles verlieren, auf das Land, das sie bezahlt hatten, und auf ihre Kolonisationshoffnungen verzichten? Derartige Vermögensrücksichten trieben sie zum Bleiben, aber sofort wurden sie durch einen Blick auf die unheilverkündende Landschaft vor ihnen wieder bedenklich. Die große, zerfallene Baracke, dieses schwärzliche, feuchte Grün, hinter dem man sich eine Wüste voller Kannibalen dachte, die Aussicht, wie Cambalalette verspeist zu werden, all dies war nicht ermutigend, und die Sehnsucht trieb sie zurück nach dem so unvorsichtig verlassenen Lande der Provence. Das Auswanderungsschiff glich einem zerstörten Ameisenhaufen. Die alte Gräfinwitwe von Aigueboulide irrte auf dem Deck umher, ohne ihre Wärmflasche oder ihren Papagei loszulassen. Während der lärmenden Erörterungen, die der Abstimmung vorangingen, hörte man nur immer Verwünschungen gegen den Belgier, den ehrlosen Belgier ausstoßen ... Ach, das war nicht mehr der Herr Herzog von Mons! ... »Der ehrlose Belgier ...« Man knirschte dies mit übereinander gebissenen Zähnen und ballte grimmig die Hände. Trotz alledem stimmten doch von einem Tausend Tarasconern fünfhundert dafür, mit Tartarin da zu bleiben. Allerdings bestand der größte Teil dieser fünfhundert aus Würdenträgern, denen der Gouverneur die Beibehaltung ihrer Aemter und Titel zugesichert hatte. Neue Streitigkeiten erhoben sich über die Verteilung der Lebensmittel zwischen den Zurückbleibenden und den Abfahrenden. »Ihr könnt euch in Sidney frisch verproviantieren,« sagten die von der Insel zu denen vom Schiff. »Ihr könnt jagen und fischen,« erwiderten die andern, »zu was braucht ihr dann so viele Konserven?« Auch die »Tarasque« erregte furchtbaren Zwist. Sollte sie nach Tarascon zurückkehren? ... Sollte sie in der Kolonie bleiben? Der Zank entbrannte heftig. Mehreremal drohte Serapouchinat den Bruder Bataillet niederschießen zu lassen. Um den Frieden aufrecht zu erhalten, mußte der Advokat Franquebalme alle Hilfsmittel seiner Nestorweisheit anwenden und all seine klugen » verum enim vero « aufspazieren lassen. Allein er hatte viel Mühe, die Geister zu beruhigen, die durch den heuchlerischen Excourbaniès, der die Zwietracht nur zu nähren suchte, immer aufs neue aufgehetzt wurden. Der rauhborstige Krakeeler und Lieutenant der Miliz mit seinem Wahlspruch: » Fen dé brut ... Krakeel machen!...« war so sehr ein Kind des Südens, daß er zum Neger geworden war, und zwar nicht durch die Schwärze seiner Haut und die wolligen Haare, sondern durch seine Feigheit und seinen Wunsch, zu gefallen. Stets tanzte er den Siegesreigen vor dem, der im Augenblick der Mächtigste war: vor dem von seiner Mannschaft umgebenen Kapitän Scrapouchinat an Bord des Schiffes, vor Tartarin inmitten seiner Bürgerwehr, wenn man am Lande war. Jedem der beiden erklärte er die Gründe, die ihn veranlaßt hatten, für Port Tarascon zu stimmen, auf ganz verschiedene Weise. Zu Scrapouchinat sagte er: »Ich bleibe hier, weil meine Frau vor ihrer Niederkunft steht, sonst ...« Und zu Tartarin: »Um nichts in der Welt würde ich die Fahrt noch einmal mit diesem rohen, ungeschliffenen Menschen machen!« Endlich nach vielem Hin- und Herzerren wurde die Teilung so gut als möglich beendet. Für eine Schiffskanone und eine Schaluppe verblieb die »Tarasque« denen auf dem Schiff. Tartarin hatte sich Stück für Stück Lebensmittel, Waffen und Kisten mit Werkzeug, erkämpfen müssen. Während mehrerer Tage fand ein beständiges Hin- und Herfahren von Booten statt, die mit tausenderlei Gegenständen beladen waren, mit Gewehren, Konserven, Büchsen mit Thunfisch und Sardinen, Biskuitts und Vorräten an Schwalbenpasteten und Quittenkrapfen. Gleichzeitig erklang auch die Axt in den Wäldern, wo man zur Instandsetzung des großen Gebäudes und des Blockhauses eine Menge Bäume fällte. Trompetensignale vermischten sich mit dem Schall der Axthiebe und der Hammerschläge. Bei Tage wurden die Arbeiter aus Angst vor einem Ueberfall der Wilden von den Bürgerwehrsoldaten bewacht; des Nachts kampierte die Miliz im Bivouac am Ufer, »um sich an den Dienst im Felde zu gewöhnen«, wie Tartarin sagte. Als alles fertig war, trennte man sich etwas kühl. Die Abfahrenden beneideten die Zurückbleibenden, was sie aber nicht abhielt, in höhnischem Ton zu sagen: »Na, wenn die Sache vorwärts geht, könnt ihr es schreiben, dann kommen wir wieder. ...« Andrerseits hätten auch die Kolonisten trotz ihrer anscheinenden Zuversicht vorgezogen, sich an Bord zu befinden. Nachdem die Anker gelichtet waren, gab das Schiff einen Salut von Kanonenschüssen ab, was von der Insel aus durch die von Bruder Bataillet bediente Feldschlange erwidert wurde, wählend Excourbaniès auf seiner Klarinette blies: »Das Schiff streicht durch die Wellen, Fridolin!« Gleichviel! Als der Tutu-panpan die Landspitze erreicht hatte und für immer den Blicken entschwand, wurden auf dem Strande viele Augen feucht, und plötzlich erschien die Reede von Port Tarascon unermeßlich groß. Zweites Buch. Achtes Kapitel. Erinnerungen an Port Tarascon, verfaßt von dem Sekretär Pascalon , in denen alles enthalten ist, was in der freien Kolonie unter der Regierung Tartarins gesagt und gethan worden ist. 20. September 1881. – Ich unternehme es, in diesen Blättern die hauptsächlichsten Ereignisse in der Kolonie zu verzeichnen. Es wird mir sauer werden, neben all der Arbeit, die mir ohnehin schon obliegt, als Kanzleidirektor mit so vielen Verwaltungsakten; und dann, wenn ich eine Minute frei habe, muß ich wenigstens einige provençalische Verse in der Eile hinkritzeln, denn meine Amtsgeschäfte dürfen den Sänger in mir nicht töten. Jedenfalls werde ich es versuchen, und es wird einmal höchst interessant sein, diese Anfänge der Geschichte eines großen Volkes zu lesen. Ich habe mit niemand von der Arbeit gesprochen, die ich heute beginne, nicht einmal mit dem Gouverneur. Zuerst ist der guten Wendung zu gedenken, welche die Dinge seit acht Tagen, seit der Abreise des Tutu-panpan genommen haben. Man richtet sich ein. Die Flagge von Port Tarascon, die viergeteilte »Tarasque« auf den Farben Frankreichs weht auf der Spitze des Blockhauses. Hier hat sich die Regierung eingerichtet, das heißt unser Tartarin, die Direktoren und die Kanzleien. Die unverheirateten Direktoren wie ich, Herr Tournatoire, Direktor des Gesundheitswesens, und der Bruder Bataillet, Oberbefehlshaber der Artillerie und der Marine, wohnen im Regierungsgebäude und speisen am Tisch des Herrn Tartarin. Die Herren Costecalde und Excourbaniès, die verheiratet sind, essen und schlafen in der Stadt. »In der Stadt,« nennen wir das große Haus, das die Schiffszimmerleute vom Tutu-panpan wieder in stand gesetzt haben. Rings um dasselbe hat man eine Art Allee angelegt, die man ganz großartig »Promenade« nennt, wie in Tarascon. Wir haben uns schon ganz daran gewöhnt. Man sagt: »Wir gehen heute abend in die Stadt. ... Sind Sie heute abend in der Stadt gewesen? ... Wie wäre es, wenn wir in die Stadt gingen? ...« Und das kommt einem ganz natürlich vor. Das Blockhaus ist durch einen kleinen Bach, den wir »Klein-Rhone« nennen, von der Stadt getrennt. Wenn ich das Fenster offen habe, vernehme ich von meiner Kanzlei aus die Wäschebläuel der Wäscherinnen, die, über die Böschung heruntergebeugt, dahocken; ich höre sie singen und einander zurufen in dem so bilderreichen und zierlichen, provençalischen Dialekt, und ich kann mir einbilden, ich befinde mich noch in der Heimat. Nur eines verdirbt mir den Aufenthalt im Regierungsgebäude: das Pulvermagazin. Man hat uns nämlich eine große Menge Pulver dagelassen, die mit Vorräten verschiedenster Natur, wie Knoblauch, Konserven, geistige Getränke, Reservewaffen, Instrumente und Werkzeuge im Souterrain aufgespeichert liegt. Wohl ist alles sicher hinter Schloß und Riegel verwahrt, aber das ist einerlei; zu wissen, daß man da unter seinen Füßen eine große Menge explosibler und brennbarer Stoffe hat, das macht einem angst, besonders des Nachts. 25. September. – Gestern ist Frau Excourbaniès glücklich von einem großen Jungen entbunden worden; der erste in den Zivilstandsregistern von Port Tarascon eingeschriebene Bürger. Er ist in größter Feierlichkeit in »Sankt Marta zu den Palmen«, unserer kleinen, provisorisch aus Bambus errichteten und mit großen Blättern bedachten Kirche, getauft worden. Ich habe das Glück gehabt, Pate zu sein, und Fräulein Clorinde von Espazettes als Gevatterin zu haben, wohl ein wenig groß für mich, aber so hübsch, so geputzt sah sie aus mit den großen Lichtpunkten, welche die zwischen dem Bambusgitter und den schlecht zusammengefügten Blättern des Daches hindurchdringende Sonne auf sie warf. Die ganze Stadt war da. Unser guter Gouverneur hat schöne Worte gesprochen, die uns alle ergriffen haben, und Bruder Bataillet hat eine seiner schönsten Legenden erzählt. An diesem Tag ruhte die Arbeit wie an einem Festtag. Nach der Taufe Spaziergang auf der Promenade. Alle Welt war voll Freude: es war, als ob der Neugeborene Hoffnung und Glück in die Kolonie mitgebracht hätte. Die Regierung hat doppelte Rationen Thunfisch und Quittenkrapfen verteilen lassen, und am Abend dampfte auf allen Tischen ein Extragericht. Wir übrigen haben ein vom Marquis – nach Tartarin der beste Schütze auf der Insel – erlegtes Wildschwein braten lassen. Nach Tisch, mit meinem guten Herrn allein geblieben, fand ich ihn so liebevoll, so väterlich, daß ich ihm meine Liebe zu Fräulein Clorinde gestanden habe. Er hat gelächelt, er wußte es schon, und hat mir mit ermutigenden Worten angeboten, zu vermitteln. Unglücklicherweise ist die Marquise eine von Escudelles und Lambesc und sehr stolz auf ihre Abstammung, und ich bin nur ein schlichter Bürgerlicher. Von guter Familie, das ist nicht zu streiten, man kann uns nichts vorwerfen, aber wir haben immer bürgerlich gelebt. Auch meine Schüchternheit, mein leichtes Stottern habe ich gegen mich; dazu fange ich auch an, ein wenig die Haare zu verlieren. ... Aber auch die Leitung einer solchen Kanzlei in meinem Alter! ... Ja, wenn man es nur mit dem Marquis zu thun hatte; denn wenn der nur was zu jagen hat. ... Er ist nicht wie die Marquise mit ihren Ahnen. Um euch einen Begriff von dem Stolz dieser Person zu geben, will ich nur eins anführen: alle Bewohner der »Stadt« finden sich des Abends in dem gemeinschaftlichen Saal zusammen. Es ist sehr nett; die Damen stricken, die Herren spielen Whist. Frau von Espazettes aber, viel zu stolz dazu, bleibt mit ihren Töchtern in ihrem Verschlag, der so eng ist, daß die Damen sich nur eine nach der andern umkleiden können. Und doch zieht es die Marquise vor, ihre Abende dort zu verbringen, ihre Besucher bei sich zu empfangen und den Eingeladenen, die nicht wissen, wohin sich setzen, Lindenblüten- und Kamillenthee aufzuwarten, lieber, als daß sie sich unter die andern mischt, aus lauter Angst vor dem »Plebs«. Aber trotz alledem habe ich doch die Hoffnung nicht aufgegeben. 29. September. – Gestern hat sich der Gouverneur in die Stadt begeben. Er hatte mir versprochen, über meine Angelegenheit zu reden und mir bei seiner Rückkehr Nachricht zu geben. Mit welcher Ungeduld habe ich ihn nicht erwartet! Aber als er wieder heraufkam, hat er den Mund nicht aufgemacht! Während des Frühstückes war er erregt; als er mit seinem Kaplan sprach, entfuhren ihm die Worte: »Im Gegenteil, es fehlt uns nur zu sehr an Plebs in Port Tarascon. ...« Da Frau von Espazettes und Lambesc dies verächtliche Wort ständig im Munde führt, habe ich mir gleich gedacht, er habe sie gesprochen und meine Werbung sei nicht angenommen worden, aber ich konnte die Wahrheit nicht herausbringen, denn der Gouverneur fing sofort an, über den Bericht des Direktors Costecalde in betreff der Bodenkulturen zu sprechen. Ein unheilvoller Bericht. Unfruchtbare Versuche: weder Mais noch Korn, weder Kartoffeln noch gelbe Rüben, nichts kam fort. Kein Humus, keine Sonne, zu viel Wasser, eine undurchdringliche Unterschicht, alle Saaten ertränkt; kurz, wie es Bézuquet vorausgesagt hatte, nur noch schlimmer. Man muß aber auch sagen, daß der Direktor der Landwirtschaft vielleicht absichtlich die Sachen zum schlimmsten treibt und sie in ihrem schlechtesten Licht darstellt. Ein so schlechter Charakter, dieser Costecalde; immer eifersüchtig auf den Ruhm Tartarins und von tückischem Haß gegen ihn erfüllt! Der hochwürdige Bruder Bataillet, der nie mit der Kirche ums Dorf läuft, verlangte geradezu die Absetzung Costecaldes, aber der Gouverneur hat ihm mit seiner hohen Einsicht und seiner gewohnten Mäßigung gesagt: »Keine Uebereilung....« Dann ist er, als er vom Tisch aufstand, in das Kabinett Costecaldes eingetreten und hat ihn sehr ruhig folgendermaßen angelassen: »Und, Herr Direktor, wie steht's denn mit den Kulturen?« Der andre hat, ohne sich zu rühren, scharf geantwortet: »Ich habe meinen Bericht dem Herrn Gouverneur eingereicht!« »Nun, nun, Costecalde, Ihr Bericht ist denn doch ein wenig schroff!« Costecalde wurde ganz gelb. »Er ist, wie er ist, und wenn Ihnen das nicht paßt. ...« In seinem Ton lag die größte Unverschämtheit, aber um der Umstehenden willen nahm sich Tartarin zusammen. »Costecalde,« sagte er und zwei Flammen glühten in seinen kleinen grauen Augen, »ich werde ein paar Worte mit Ihnen sprechen, wenn wir allein sind.« Es war fürchterlich, – der Angstschweiß lief an mir hinunter. ... 30. September. – Es ist, wie ich befürchtet hatte: mein Antrag ist von denen von Espazettes abgewiesen worden. Ich bin von zu niedriger Herkunft. ... Man gestattet mir, nach wie vor zu kommen, aber man verbietet mir, zu hoffen. ... Auf was hoffen denn sie selbst?... Sie sind die einzigen Adligen in der Kolonie. Wem beabsichtigen sie denn ihre Tochter zu geben? ... Ach, Herr Marquis, Sie handeln sehr schlecht gegen mich. ... Was thun? ... Welchen Entschluß fassen? . .. Clorinde liebt mich, ich weiß es; aber sie ist zu klug, um mit einem jungen Mann durchzugehen und sich in einem andern Land zu verheiraten. ... Auch fehlt in erster Linie jede Gelegenheit dazu, da wir uns auf einer Insel befinden und ohne alle Verbindung mit der Außenwelt sind! Ich hätte ihre Weigerung noch begriffen, wenn ich nur Apothekerlehrling gewesen wäre. Aber heute, mit meiner Stellung, meiner Zukunft! Wie viele andre würden sich durch meine Bewerbung beglückt fühlen! Ich brauche nicht weit zu suchen, die kleine Franquebalme, sehr musikalisch, spielt Klavier, unterrichtet ihre Schwestern – ihre Eltern wären entzückt, wenn ich nur mit dem Finger winkte! Ach, Clorinde, Clorinde! ... Dahin sind die Tage des Glückes! ... Und um mir vollends den Treff zu geben, strömt der Regen seit heute morgen unaufhaltsam hernieder, breitet sich über alles aus, ersäuft alles und wirft einen grauen Schleier über die ganze Welt. Bézuquet hat nicht gelogen. Es regnet in Port Tarascon, es regnet. ... Der Regen umgibt einen von allen Seiten, man kommt sich vor wie eine Grille in ihrem Käfig. Kein Horizont mehr, Regen, nichts als Regen. Er überschwemmt die Erde, er kräuselt das Meer, das ihn als trüben Sprühregen wieder zurückwirft. ... 3. Oktober. – Das Wort des Gouverneurs war gerechtfertigt: es fehlt uns ein wenig an »Raupen« hier! Weniger ahnenstolzer Adel, weniger Großwürdenträger und einige Klempner, Dachdecker, Maurer und Zimmerleute mehr, und alles ginge besser in der Kolonie. Infolge des unaufhörlichen Regens, dieser unwiderstehlichen Wasserhosen ist heute nacht das Dach des großen Hauses geplatzt und die Stadt überschwemmt worden. Den ganzen Morgen Klagen über Klagen, ein unaufhörliches Laufen von der Stadt nach der Regierung. Die Abteilungen schieben eine der andern die Verantwortung zu. Die Landwirtschaft sagte, die Sache gehe das Sekretariat an, das Sekretariat war der Ansicht, daß es sich um eine das Gesundheitsamt angehende Frage handelt, und das Gesundheitsamt hinwiederum verwies die Beschwerdeführenden an die Marine, weil es sich um Zimmerarbeiten handle. In der Stadt hielten sie sich an den »Stand der Dinge« und kamen gar nicht aus der Wut heraus. Unterdessen erweiterte sich der Riß, das Wasser stürzte in Bächen vom Dach hernieder, und in all den Verschlägen sah man nichts, als überschwemmte, wutschnaubende Menschen mit offenen Regenschirmen, die sich herumzankten, schrieen und die Regierung anklagten. Glücklicherweise fehlt es uns nicht an Regenschirmen. Unter den zum Tauschhandel mit den Wilden bestimmten Ausschußwaren hatten wir deren eine große Menge, beinahe ebenso viele wie Hundehalsbänder. Um mit der Überschwemmung zu Ende zu kommen: ein Mädchen Namens Alric, das bei Fräulein Tournatoire im Dienst ist, hat das Dach mit einer Leiter erklommen und ein dem Magazin entnommenes Blatt Zink auf den Ritz genagelt. Der Gouverneur hat mich beauftragt, das Mädchen in einem Brief zu seiner That zu beglückwünschen. Wenn ich diesen Zwischenfall hier anführe, so geschieht es, weil ich bei dieser Gelegenheit die schwache Seite der Kolonie gefunden habe. Vortreffliche Verwaltung, eifrig, ja sogar umständlich und ganz französisch; aber zum Kolonisieren fehlen die Kräfte: wir haben mehr Hände zum Schreiben als zum Arbeiten. Noch etwas andres ist mir aufgefallen und zwar, daß ein jeder unsrer Mandarinen mit dem Amt betraut ist, zu dem er am wenigsten geeignet, und wofür er am wenigsten vorbereitet ist. Da haben wir den Waffenschmied Costecalde, der sein ganzes Leben zwischen Pistolen, Lefaucheux und Jagdgeräten verbracht hat – er ist Direktor der Landwirtschaft. Excourbaniés, der in der Fabrikation von Arleser Würstchen nicht seinesgleichen hatte, den hat man seit dem Unfall Bravidas zum Direktor des Kriegswesens und zum Oberkommandierenden der Miliz gemacht. Der Bruder Bataillet hat die Artillerie und die Marine genommen, weil er kriegerischen Geistes ist, aber schließlich versteht er doch das Messelesen und das Geschichtenerzählen am besten. In der Stadt die nämliche Geschichte. Wir haben da eine Menge braver Leute, kleine Rentner, Baumwollenhändler, Krämer, Kuchenbäcker, die alle Land besitzen und nicht wissen, was sie damit anfangen sollen, da sie keine blasse Ahnung von der Landwirtschaft haben. Eigentlich wüßte ich niemand als den Gouverneur, der seine Sache versteht. Ach, der! Der weiß alles, hat alles gesehen, alles gelesen und vergegenwärtigt sich alles mit einer Lebhaftigkeit! ... Unglücklicherweise ist er zu gut und will nie etwas Schlechtes glauben. So setzt er noch jetzt Vertrauen in den Belgier, in diesen Schurken, diesen Betrüger, den Herzog von Mons; noch immer hofft er, ihn mit Kolonisten und Vorräten kommen zu sehen, und jeden Morgen, wenn ich in sein Zimmer trete, ist sein erstes Wort: »Kein Schiff in Sicht, Pascalon? ...« Und sollte man es glauben, daß ein so wohlwollender Mann, ein so ausgezeichneter Gouverneur Feinde hat? Ja, schon Feinde. Er weiß es, lacht aber nur darüber. »Es ist ganz natürlich, daß man mir Vorwürfe macht,« sagt er manchmal zu mir, »da ich doch in den Augen aller den ›status quo‹ darstelle.« 8. Oktober. – Den Morgen mit dem Entwurf einer Volkszählungstabelle, die ich hier einfüge, verbracht. Dieses Dokument über den Ursprung der Kolonie wird das Interessante an sich haben, daß es von einem der Gründer, einem der Arbeiter der ersten Anfänge verfaßt worden ist. Hinter jeden Namen eine kleine Anmerkung gesetzt, damit man genau erkennen kann, wer für und wer gegen den Gouverneur ist. Auf dieser Liste sind weder Frauen noch Kinder aufgeführt, weil diese kein Stimmrecht haben. Kolonie von Port Tarascon. Volkszählungstabelle. Namen Titel und Stand Bemerkungen Se. Excellenz Tartarin Gouverneur, Großkreuz des Ordens   Testanière (Pascal), genannt Pascalon. Erster Kanzleidirektor, Grande 2. Klasse Ausgezeichnet, wage ich zu behaupten. Hochw. Bruder Bataillet Direktor der Artillerie und der Marine, Kaplan des Gouverneurs und Grande 1. Klasse. Gut gesinnt, aber sehr überspannt. Excourbaniès (Spiridion) Direktor des Kriegswesens, Oberkommandierender der Bürgerwehr, Vorstand des Singvereins, Grande 1. Klasse Zu überwachen. Dr. Tournatoire Direktor des Gesundheitsamtes, Oberarzt der Kolonie, Grande 1. Klasse Vortrefflich. Costecalde (Fabius) Landwirtschaftsdirektor, Grande 1. Klasse Erbärmlich. Franquebalme (Cicero) Gerichtsdirektor, Grande 1. Klasse Sehr gut, aber langweilig. Torquebiau (Marius) Zweiter Kanzleidirektor, Grande 2. Klasse Gut. Bézuquet (Ferdinand) Zweiter Direktor d. Gesundheitsamtes, Hilfsarzt und Apotheker der Kolonie " Galoffre Meßner u. Zeugwärter Sehr gut. Rugimabaud (Antonin) Hilfsarbeiter bei der Landwirtschaftsdirektion Sehr schlecht. Barban (Seneka) Hilfsarbeiter bei der Landwirtschaftsdirektion " Marquis von Espazettes Lieutenant der Bürgerwehr Gut. Beaumevieille (Dositheus) Kolonist " Caussemille (Timotheus) Kolonist Gut Escara " " Barafort (Alphons) " Zweifelhaft Rabinat (Seemann) " Gut Condognan " Zweifelhaft Roumengas " " Douladour " Gut Miegeville " " Mainfort " " Bousquet " " Lafranque " " Traversière " " Bouffartigue (Nero) Zuckerbäcker " Pertus Kaffeekoch Sehr schlecht Rébuffat Zuckerwarenfabrikant Gut Berdoulat (Markus) Trommle " Fourcade Hornist " Bécoulet " Schlecht Vézanet Bürgerwehrsoldat Zweifelhaft Malbos " Gut Caissargue " Sehr schlecht Bouillargue " " Habidos " Gut Trouhias " " Reyranglade " " Tolozan " " Margouty " Zweifelhaft Pfrou " " Trouche " Gut Sève " Zweifelhaft Sorgue " Gut Cade " Sehr gut Puech " " Bosc " " Jouve " Gut Truphénus " Greulich Roquetaillade " " Barbusse " " Barbouin " Schlecht Rougnonas " Sehr gut Saucine " " Sauze " Gut Roure Bürgernwehrsoldat Gut. Barbigal " " Merinjane " Zweifelhaft. Ventebren " Gut. Gauot " Schlecht. Marc-Aurèle " Sehr gut. Coq-de-Mer Singvereinsmitglied Gut. Ponge senior " " Gargas " " Lapalud " " Nezouce " " Ponge junior " Schlecht Picheral " Gut Mezoule Jäger " Oustalet " " Terron (Markus Antonius) " " 10. Oktober. – Der Marquis von Espazettes und einige andre gute Schützen, die wegen des Regens nicht mehr auf die Jagd konnten, waren auf den Einfall gekommen, aus alten Blechbüchsen, die ehemals Thunfisch und Sardinen in Oel oder Quittenkrapfen beherbergt hatten, Zielscheiben anzufertigen, und schossen nun den ganzen Tag danach durch die Fenster. Unsre alten Mützenjäger verwandelten sich jetzt, da Hüte und Mützen sich allzuschwer erneuern ließen, in Konservenjäger. An sich eine vortreffliche Uebung. Allein da Costecalde den Gouverneur davon überzeugt hatte, daß dies eine zu große Vergeudung von Pulver zur Folge habe, erschien ein Dekret, das das Schießen auf Büchsen verbot. Die Konservenjäger sind wütend, der Adel schmollt; nur Costecalde und seine Bande reiben sich die Hände vor Vergnügen. Aber was kann man unserm armen Gouverneur denn eigentlich vorwerfen? Der verruchte Belgier hat ihn getäuscht wie uns. Ist es seine Schuld, daß es immer regnet, und daß man wegen des schlechten Wetters keine Stiergefechte halten kann? Ein Fluch scheint auf diesen unglücklichen Stierkämpfen zu liegen, die hier wiederzufinden sich unsre Tarasconer so sehr gefreut hatten; man hatte extra einige Kühe und einen Camarguer Stier, den »Römer«, berühmt bei den Kirchweihfesten im Süden, mit hierhergebracht. Wegen des Regens, der nicht gestattete, sie auf der Weide zu lassen, hielt man die Tiere in einem Stall, aber da entwich, ohne daß man weiß wie, der »Römer« – ich meinesteils würde mich nicht wundern, wenn Costecalde auch da die Hand mit im Spiel gehabt hätte. Jetzt treibt er sich im Wald herum und ist wild geworden, ein wahrer Bison. Und nun jagt er die Leute in die Flucht, statt daß er gejagt wird. Ist das etwa auch die Schuld unsres Tartarin? ... Neuntes Kapitel Die Stiergefechte in Port Tarascon. – Abenteuer und Gefechte. – Ankunft des Königs Négonko und seiner Tochter Liki-Riki, – Tartarin reibt seine Nase an der Nase des Königs. – Ein großer Diplomat. In der »Chronik von Port Tarascon«, die wir vor uns haben, ziehen sich Tag um Tag, Seite um Seite die Erinnerungen dahin wie die ewig grauen Regenstriche, wie der Regen, der in trüber, trostloser Einförmigkeit mit der Reede in eins zu verschwimmen scheint; allein wir fürchten, den Leser zu ermüden, und fassen deshalb das Tagebuch Freund Pascalons kurz zusammen. Da die Beziehungen zwischen der Stadt und der Regierung immer gespannter wurden, beschloß Tartarin, um seine verlorene Popularität wieder zurückzugewinnen, endlich die Stiergefechte abzuhalten, wohlverstanden, nicht mit dem »Römer«, der sich immer noch im Dickicht herumtrieb, aber mit den drei noch übrigen Kühen. Recht mager und abgezehrt waren sie, diese drei unglücklichen, an Luft und Licht gewöhnten und nun seit ihrer Ankunft in Port Tarascon in einen feuchten, finstern Stall gesperrten Camarguerinnen! Einerlei! Es war doch besser als nichts! Schon im voraus hatte man auf einem sandigen Terrain am Ufer des Meeres, wo die Bürgerwehr gewöhnlich exerzierte, eine Estrade errichtet; der Zirkus selbst wurde vermittelst einer Anzahl Pfähle und gespannter Seile hergestellt. Man benützte einen flüchtigen Sonnenblick, und der » Status quo «, wie Tartarin jetzt allgemein hieß, nahm, wie ein Festochse herausgeputzt, von seinen Würdenträgern in großer Gala umgeben, auf der Estrade Platz, während die Kolonisten, die Bürgerwehrmänner mit ihren Frauen, Töchtern und Dienstboten sich um die Seile zusammendrängten, und die Kleinen innerhalb des Kreises hin und her rannten und riefen: »Da! ... Da! ... Die Ochsen! ...« Vergessen waren für einen Augenblick die Mühsale und Sorgen der langen Regentage, vergessen die Klagen über den Belgier, den schuftigen Belgier. »Da! ... Da! ... Die Ochsen! ...« Schon dieser Ruf allein machte sie trunken vor Freude. Plötzlich ertönt ein Trommelwirbel. Das war das Signal. Im Handumdrehen leerte sich der Zirkus und eines der Tiere schritt, von frenetischem Hurrarufen empfangen, in die Schranken. Es hatte nichts Fürchterliches an sich. Eine arme, ausgemergelte, bestürzte Kuh, die sich mit ihren großen, des Lichts entwöhnten Augen umsah, pflanzte sich in der Mitte des Zirkus auf und rührte sich nicht mehr. Ein langes, klägliches Gebrüll ausstoßend, blieb sie mit ihrem Büschel Bänder zwischen den Hörnern unbeweglich stehen, bis die empörte Menge sie mit Heugabeln aus der Arena jagte. Mit der zweiten Kuh ging es ganz anders. Nichts konnte sie bestimmen, ihren Stall zu verlassen. Vergebens stieß man sie, zog sie am Schwanz und an den Hörnern, umsonst stach man sie mit der Spitze einer Mistgabel ins Maul, es war ein Ding der Unmöglichkeit, sie zur Thüre hinaus zu bringen. Nun zur dritten. Man sagte, diese sei sehr böse und sehr gereizt. In der That sprang sie auch im Galopp in die Arena, grub ihre gespaltenen Hufe fest in den Sand, peitschte ihre Flanken mit dem Schwanz und stieß mit dem Kopf nach rechts und nach links. ... Nun war endlich ein schöner Kampf in Sicht. – Ja, Prost Mahlzeit! Das Tier nimmt einen Anlauf, setzt über das Seil, bricht sich mit seinen gesenkten Hörnern Bahn durch die Menge, läuft geradeswegs auf das Meer zu und stürzt sich hinein. Im Wasser bis an die Kniee, dann bis an den Widerrist, schritt sie weiter, immer weiter. Bald sah man nur noch ihre Nasenlöcher und ihre beiden halbmondförmigen Hörner über dem Meer. Schweigend, unheilverkündend verharrte sie dort bis zum Abend, und die ganze, am Ufer versammelte Kolonie überschüttete sie mit Steinwürfen und Schimpfreden und zischte und pfiff sie aus, und der arme, von seiner Estrade herniedergestiegene » Status quo « konnte von dem Schimpfen und Pfeifen auch ein gut Teil auf sich beziehen. Da die Stiergefechte mißglückt waren, mußte die allgemeine schlechte Stimmung abgeleitet werden, wozu sich als das beste der Krieg erwies – der Krieg in Form einer Expedition gegen den König Négonko. Der Schurke hatte sich nach dem Tode Bravidas, Cambalalettes, des Bruders Vézole und so vieler anderer wackerer Tarasconer mit seinen Papuanern aus dem Staub gemacht und seither nichts mehr von sich hören lassen. Er hauste, wie man sagte, auf einer benachbarten, zwei oder drei Meilen entfernten Insel, deren verschwommene Umrisse man an hellen Tagen entdecken konnte, die sich aber die meiste Zeit hinter dem regenumschleierten Horizont versteckt hielt. Tartarin, ein Mann des Friedens, hatte lange vor einer solchen Expedition zurückgebebt, aber diesmal ließ er sich von der Politik bestimmen. Nachdem die Schaluppe flott gemacht, ausgebessert, verproviantiert, im Bug mit der Feldschlange geschmückt worden war, die von Bruder Bataillet und seinem Meßner Galoffre bedient wurde, schifften sich unter dem Befehl Excourbaniès' und des Marquis von Espazettes zwanzig wohlbewaffnete Bürgerwehrsoldaten ein, und eines schönen Morgens stach man in See. Ihre Abwesenheit währte drei Tage, die der Kolonie sehr lang wurden. Gegen Ende des dritten Tages rief ein Schuß der Feldschlange von der See her alles ans Ufer, und man sah die Schaluppe mit vollen Segeln, den Bug stolz aufgerichtet, in raschem Lauf dahereilen, als ob sie von einem Siegeswind getrieben würde. Noch ehe das Schiff die Küste erreicht hatte, verkündete das fröhliche Geschrei der Bemannung und das » fen dé brut « Excourbaniès' schon von weitem den großen Erfolg der Expedition. Man hatte an den Kannibalen eine glänzende Rache genommen, eine Menge Dörfer verbrannt und nach der allgemeinen Aussage Tausende von Kriegern getötet. Die Zahl lautete verschieden, war aber immer ungeheuer; auch die Erzählungen stimmten nicht ganz überein; gewiß ist nur, daß man fünf oder sechs hervorragende Gefangene, worunter den König Négonko selbst und seine Tochter Liti-Riki, mit sich führte und unter den, den Siegern erwiesenen Ehrenbezeigungen in das Regierungsgebäude verbrachte. Die Bürgerwehrsoldaten marschierten im Parademarsch vorbei, wobei sie, wie die Soldaten des Christoph Kolumbus nach ihrer Rückkehr aus der Neuen Welt, alle Arten sonderbarer Gegenstände trugen, wie leuchtende Federn, Tierhäute, Waffen und sonstigen Plunder der Wilden. Die Menge drängte sich hauptsächlich um die Gefangenen, die von den guten Tarasconern mit gehässiger Neugierde betrachtet wurden. Der Bruder Bataillet hatte über ihre schwarzbraune Nacktheit einige Decken werfen lassen, die sie zur Hälfte verhüllten. Wenn man sie so herausstaffiert sah und sich sagte, daß sie den Bruder Vézole, den Notar Cambalalette und so viel andre gefressen hatten, so fühlte man denselben schaudernden Widerwillen, wie in den Menagerieen beim Anblick der Riesenschlangen, die unter den Falten ihrer wollenen Decken verdauen. Der König Négonko, ein alter, langer Schwarzer mit dem Dickbauche eines Säuglings und mit so dichtem, krausem weißen Haar, daß es seinen Kopf wie eine Kappe bedeckte, schritt voran; eine rote Marseilleer Thonpfeife hing an einem Bindfaden von seinem linken Arm herunter. Neben ihm ging die kleine Liki-Riki, ein Teufelchen mit feurigen Augen, den Hals mit Korallenschnüren, die Handgelenke mit Armbändern aus rosigen Muscheln geschmückt. Dann kamen große schwarze, langatmige Affen, die mit abscheulichem Grinsen ihre spitzen Zähne fletschten. Zuerst erlaubte man sich einige Scherze, man sagte: »Das gibt Arbeit für Fräulein Tournatoire«, und das gute, alte Fräulein, aufs neue von seiner fixen Idee befallen, dachte im Ernste daran, all diese Wilden zu bekleiden; aber bei der Erinnerung an die von den Kannibalen gefressenen Landsleute verwandelte sich die Neugierde gar bald in Wut. Rufe: »Nieder mit ihnen! ... Nieder mit ihnen!« ließen sich hören. Excourbaniès hatte, um sich ein militärisches Ansehen zu geben, die Redensart Scrapouchinats angenommen und schrie, man solle sie niederschießen wie grüne Affen. Tartarin wandte sich zu ihm und hielt mit einer Handbewegung den Wütenden zurück: »Spiridion,« sagte er, »wir müssen die Kriegsgesetze achten! Lassen Sie sich nicht allzu sehr hinreißen!« Hinter diesen schönen Worten verbarg sich eine politische Maßregel. Obgleich er den Herzog von Mons hartnäckig verteidigte, hegte Tartarin im Grunde seines Herzens doch einen Zweifel. Wie wenn er es dennoch mit einem Schurken zu thun gehabt hätte! Dann wäre der Vertrag, den von Mons, wie er sagte, mit dem König Négonko geschlossen hatte, so falsch wie alles andre, das Territorium gehörte ihnen gar nicht, und die Bons auf die Hektare wären nur wertloses Papier. Deshalb bereitete der Gouverneur, weit davon entfernt, seine Gefangene wie grüne Affen erschießen lassen zu wollen, dem König der Papuaner einen festlichen Empfang. Er wußte, wie das anzufangen war, hatte er doch alle Reisebeschreibungen der Seefahrer gelesen und wußte Cook, Bougainville und von Entrecasteaux auswendig. Tartarin näherte sich Négonko und rieb seine Nase an der des Königs. Der Wilde schien sehr überrascht, denn dieser Gebrauch existierte bei diesen Völkerschaften schon längst nicht mehr. Immerhin ließ es der König geschehen, denn er hielt es ohne Zweifel für eine alte tarasconische Sitte; und als die andern Gefangenen dies sahen, wollten sie alle, selbst die kleine Liki-Riki, die nur ein Katzennäschen, ja beinahe gar keine Nase hatte, durchaus die gleiche Zeremonie mit Tartarin vornehmen. Nachdem man sich genugsam die Nasen gerieben hatte, handelte es sich darum, sich auch vermittelst der Rede mit diesen Bestien in Verbindung zu setzen. Zuerst sprach der Bruder Bataillet mit ihnen in seinem »dortigen« Papuanisch; da es aber nicht das »hiesige« war, verstanden sie natürlich nicht das mindeste davon. Cicero Franquebalme, der beinahe Englisch konnte, versuchte sich in dieser Sprache, während Excourbaniès einige spanische Brocken stammelte, natürlich beide mit gleich wenig Erfolg. »Immerhin können wir ihnen was zu essen geben,« bemerkte Tartarin. Man öffnete einige Büchsen mit Thunfisch. Dies verstanden die Wilden und warfen sich über die Konserven, die sie laut schmatzend verschlangen, um dann die geleerten Büchsen mit ihren öltriefenden Fingern gründlich auszuwischen. Nachdem sie in großen, tiefen Zügen Branntwein getrunken hatten, der ihnen ganz besonders zuzusagen schien, stimmte der König zu Tartarins und der übrigen größter Verwunderung mit rauher Stimme an: »Aus freiem Willen Oder gezwungen Müssen sie wagen Ohne zu klagen Den Sprung vom Balkon Zu Tarascon Hinab in die Rhon'!« Von diesem Wilden mit seinen wulstigen Lippen und seinen mit Betel schwarz gefärbten Zähnen hervorgestoßen, nahm dies tarasconische Lied ein ganz phantastisches, wildes Gepräge an. Aber wie hatte Négonko tarasconisch gelernt? Nachdem sich die erste Verblüfftheit gelegt hatte, folgte die Erklärung. Während der paar Monate, die sie in der Nachbarschaft der unglücklichen Fahrgäste der »Farandole« und des »Lucifer« verlebt, hatten die Papuaner die an den Ufern der Rhone heimische Sprache erlernt. Wohl entstellten sie dieselbe ein wenig, allein mit Zuhilfenahme von Gebärden und Zeichen vermochte man sich doch zu verständigen. Und man verstand sich. Ueber den Herzog von Mons befragt, erklärte der König Négonko, daß er diesen oder einen ihm irgend ähnlichen Weißen in seinem Leben nicht gesehen und auch nie von ihm habe sprechen hören. Gleichermaßen sei auch die Insel niemals verkauft worden; gleichermaßen sei auch niemals ein Vertrag abgeschlossen worden. Niemals ein Vertrag! ... Ohne sich irgendwie zu ereifern, ließ Tartarin sofort einen solchen entwerfen. Vor allem war der hochgelehrte Franquebalme bei der scharfen, genauen Abfassung des Schriftstückes beteiligt. Er legte seine ganze Gesetzeskunde hinein, fand zahlreiche »in Erwägung, daß ...« und auf diese Weise gelang's ihm, einen festgefügten Vertrag zusammenzukitten. Der König Négonko trat die Insel Port Tarascon um ein Fäßchen Rum, zehn Pfund Tabak, zwei baumwollene Regenschirme und ein Dutzend Hundehalsbänder ab. Eine dem Vertrag angehängte Klausel berechtigte Négonko, seine Tochter und seine Gefährten sich auf der westlichen Küste der Insel niederzulassen, in demjenigen Teil des Eilandes, den man aus Angst vor dem »Römer«, dem wunderbaren, zum Bison gewordenen Stier, dem einzigen gefährlichen Tier in der Kolonie, niemals betrat. All dies wurde in geheimer Sitzung beschlossen und in einigen Stunden erledigt. Dank der diplomatischen Geschicklichkeit Tartarins wurden also die Bons auf die Hektare gültig und repräsentierten wirklich etwas, was bisher noch nicht der Fall gewesen war. Zehntes Kapitel Es regnet immer. – Umsichgreifen von wassersuchtartigen Krankheiten. – Knoblauchsuppe. – Befehl des Gouverneurs. – Der Knoblauch ist am Ausgehen! – Der Knoblauch geht nicht aus! – Die Taufe Liki-Rikis. Unterdessen immer derselbe graue Himmel, dieselben Regengüsse, die fort und fort herniederströmten. ... Des Morgens konnte man sehen, wie sich in der Stadt die Fenster ein wenig öffneten und Hände sichtbar wurden: »Regnet's?« »Es regnet! ...« Es regnete beständig, wie Bézuquet erzählt hatte. Armer Bézuquet! Trotz all dem Elend, das er mit denen von der »Farandole« und vom »Lucifer« erduldet hatte, war er in Port Tarascon geblieben, da er wegen seiner Tättowierung nicht in christliche Länder zurückzukehren wagte. Wiederum Apotheker und, unter dem Befehl Tournatoires stehend, Bataillonsarzt unterster Klasse geworden, war dies dem ehemaligen provisorischen Gouverneur doch noch lieber, als wenn er sein ungeheuerliches Gesicht und seine tättowierten, karmoisinroten Hände hätte in zivilisierten Ländern zur Schau tragen müssen. Nur suchte er sich für seine Leiden dadurch zu entschädigen, daß er seine Gefährten mit den düstersten Prophezeiungen ängstigte. Wenn sie über den Regen, den Schmutz oder über den Schimmel klagten, dann zuckte er die Achseln: »Wartet nur ... das kommt noch ganz anders.« Und er täuschte sich nicht. Infolge dieses ständigen eingeweichten Zustandes, zu dem noch der Mangel an frischem Fleisch trat, wurden viele krank. Die Kühe waren längst verzehrt. Man rechnete auch nicht mehr auf die Jäger, obgleich sich mancher recht gute Schütze, wie der Marquis von Espazettes, unter ihnen befand und obgleich allen die Regeln Tartarins: »zwei Takte für die Wachtel, drei für das Rebhuhn« ganz geläufig waren. Zum Teufel auch! Es gab eben weder Rebhühner noch Wachteln oder sonst etwas derartiges; nicht einmal eine Möwe oder irgend ein anderer Seevogel zeigte sich je an dieser Küste. Auf den Jagdzügen stieß man höchstens auf ein Wildschwein, aber so selten! oder auf Känguruhs, die indessen wegen ihres hüpfenden Sprunges äußerst schwer zu treffen sind. Tartarin selbst vermochte nicht genau anzugeben, auf wie viel man bei diesem Tier zählen mußte. Als ihn eines Tages der Marquis von Espazettes darüber um Rat fragte, erwiderte er aufs Geratewohl: »Zählen Sie auf sechs, Herr Marquis. ...« Von Espazettes zählte auf sechs, erwischte aber nichts als einen kräftigen Katarrh, weil es unaufhörlich Bindfaden regnete. »Ich werde wohl selbst gehen müssen,« sagte Tartarin, allein er verschob die Partie des schlechten Wetters wegen beständig wieder und das Wildbret wurde immer seltener. Gewiß waren die großen Eidechsen nicht schlecht, aber man aß sich schließlich einen Widerwillen an diesem weißen, faden Fleisch, aus dem der Kuchenbäcker Bouffartigue nach den Rezepten der Weißen Brüder Konserven bereitete. Zu der Entbehrung des frischen Fleisches gesellte sich noch der Mangel an Bewegung. Was draußen thun in dem Regen, in den Schmutzpfützen, von denen sie umgeben waren? Die Promenade war überschwemmt und vom Winde zerstört. Einige mutige Kolonisten, wie Escaras, Douladour, Mainfort, Roquetaillade, zogen manchmal trotz der Regengüsse aus, um zu ackern. Sie gruben ihre Hektare um und waren völlig versessen auf Anpflanzungsversuche, die die wunderbarsten Ergebnisse hervorbrachten: in der feuchten Wärme dieses ständig durchnäßten Bodens verwandelte sich der Sellerie in einer Nacht in wahre Riesenbäume von einer entsetzlichen Zähigkeit! Auch der Kohl entwickelte sich geradezu phänomenal, aber schoß nur in Stiele, die so lang waren wie die Schäfte der Palmen. Auf Kartoffeln und gelbe Rüben mußte man schlechtweg verzichten. Bézuquet hatte wahr gesprochen: entweder kam nichts, oder alles kam viel zu stark. Nimmt man zu diesen mannigfachen Ursachen der Entmutigung noch das Heimweh, die Erinnerung an das ferne Vaterland, die Sehnsucht nach den warmen tarasconischen Windschirmen, die auf den in goldnem Lichte erglänzenden Wällen der Stadt angebracht waren, und es wird sich niemand wundern, daß sich die Zahl der Kranken tagtäglich vermehrte. Zum Glück für diese hielt der Direktor des Gesundheitsamtes, Tournatoire, nichts auf die Pharmakopöe, und statt seine Kranken, wie Bézuquet mit Arzneien zu vergiften, verordnete er ihnen nur »ein gutes, zartes Knoblauchsüppchen«. Und das war nicht bloß ut aliquid fiat (um etwas gethan zu haben): der Erfolg versagte niemals. Da waren ganz geschwollene, ganz saft- und kraftlose Menschen, die nur noch nach dem Priester und nach dem Notar verlangten. Erschien dann aber das Knoblauchsüppchen: drei Zehen, drei Eßlöffel guten Olivenöls und eine geröstete Brotschnitte in einem Topf, so sagten Leute, die vorher nicht mehr hatten sprechen können: »Ah! ... Was das gut riecht! ...« Schon der Geruch allein belebte sie sofort. Sie nahmen einen Teller, zwei Teller und beim dritten standen sie aufrecht, die Geschwulst hatte sich verloren, die Stimme war wieder natürlich geworden, und am Abend spielten sie im Saal ihre Partie Whist. Allerdings darf man nicht außer acht lassen, daß es eben Tarasconer waren. Eine einzige Kranke, und zwar eine Kranke von Stand, die hochedle Dame von Espazettes, geborene von Escudelles und Lambesc, hatte sich geweigert, die Arznei Tournatoires anzuwenden. Gut für den Plebs, die Knoblauchsuppe, aber wenn man seinen Stammbaum bis zu den Kreuzzügen zurückführt! Ebensowenig wollte sie von der Heirat Clorindes mit Pascalon hören. Und doch befand sich die unglückliche Dame in einem trostlosen Zustand. Ja, sie hatte »das Uebel« Unter diesem unbestimmten Wort ist die sonderbare, infolge der Feuchtigkeit entstandene, wassersuchtartige Krankheit zu verstehen, von der diese südfranzösische Kolonie heimgesucht wurde. Diejenigen, die von ihr befallen waren, wurden plötzlich sehr häßlich; sie bekamen Triefaugen, und Leib und Beine schwollen an; das alles erinnerte lebhaft an das »Uebel des Doktor Mauve« in der Legende vom » Menschensohn «. Die arme Marquise war also, um einen Ausdruck aus den »Erinnerungen« zu gebrauchen, »ganz aufgelaufen«, und allabendlich, wenn der sanfte, verzweifelte Pascalon in die Stadt hinunter kam, fand er die arme Frau unter einem über ihrem Kopfkissen befestigten blauen baumwollenen Regenschirm wimmernd im Bett; trotzdem weigerte sie sich hartnäckig die Knoblauchsuppe zu nehmen, während die lange, sanfte Clorinde mit einer Kaffeekanne voll Lindenblütenthee hantierte, und der Marquis in einem Winkel mit philosophischer Ruhe seine Patronen für die morgige, höchst zweifelhafte Jagd füllte. Aus den benachbarten Wohngelassen hörte man das Wasser auf die offnen Regenschirme tropfen und die Kinder kreischen, oder auch drangen aus dem Saal lärmende Erörterungen und laute politische Gespräche herüber, und dazu immer das Prasseln des Regens gegen die Fensterscheiben, auf dem Zinkdach, und das Gegurgel der gleich Wasserfällen strömenden Dachrinnen. Unterdessen setzte Costecalde seine geheimen Umtriebe fort – des Tages in seinem Arbeitszimmer, dem Kabinett, das er als Direktor der Landwirtschaft inne hatte, des Abends in der Stadt, in dem gemeinschaftlichen Saal, unterstützt von seinen Kreaturen, dem niederträchtigen Barban und Rugimabaud, die ihm die unseligsten Gerüchte verbreiten halfen, unter andern auch das: »Der Knoblauch ist am Ausgehen!« Welch schrecklicher Gedanke, daß man eines nicht allzu fernen Tages diesen rettenden, heilenden Knoblauch werde entbehren müssen, dieses Universalmittel, das man im Magazin der Regierung aufbewahrte, der Regierung, die von Costecalde beschuldigt wurde, es für sich in Beschlag zu nehmen. Excourbaniès unterstützte – und mit welchem Gedonner! – die Verleumdungen des Direktors der Landwirtschaft. Es gibt ein altes tarasconisches Sprichwort: »Die Spitzbuben von Pisa prügeln sich des Tags und des Nachts stehlen sie zusammen.« Das war ungefähr der Fall des doppelzüngigen Excourbaniès, der bei Tartarin im Regierungsgebäude immer gegen Costecalde sprach, während er abends in der Stadt den schlimmsten Feinden des Gouverneurs zustimmte. Tartarin, dessen Geduld und Güte man kennt, waren diese Angriffe nicht unbekannt. Wenn er abends, unter dem offnen Fenster lehnend, seine Pfeife rauchte, konnte er durch die Geräusche der Nacht, in die sich das Murmeln und Plätschern der Klein-Rhone und all der durch die Regengüsse an den Böschungen des Ufers entstandenen kleinen Rinnsale mischte, fernen Streit unterscheiden, den Widerhall zorniger Stimmen; durch die trübe, feuchte Luft sah er zitternde Lichter sich hinter den Fenstern des großen Hauses bewegen: und bei dem Gedanken, daß all dieser Lärm durch Costecalde angestiftet wurde, erbebte seine Hand auf der Fensterbank und seine Augen spieen Feuer in der Dunkelheit. Da ihm aber diese Gemütsbewegungen im Verein mit der feuchten Nachtluft »das Uebel« zuziehen konnten, beherrschte er sich, schloß das Fenster wieder und ging ruhig zu Bett. Schließlich verschlimmerte sich die Sache aber derart, daß er einen großen Entschluß faßte, Costecalde nebst seinen beiden Anhängern verabschiedete, ja ihn sogar des Mantels eines Granden erster Klasse verlustig erklärte und an seiner Stelle Beaumevieille, einen früheren Uhrmacher, ernannte. Dieser war vielleicht in der Landwirtschaft auch nicht stärker als sein Vorgänger, aber jedenfalls ein äußerst ehrenhafter Mann, der in Lafranque, einem einstigen Wachstuchfabrikanten, und in Rébuffat, dem wegen seiner Karamelen berühmten Zuckerbäcker, ganz außerordentliche Unterstützung fand. Diese beiden wurden statt Rugimabaud und Barban Unterdirektoren. Das Dekret wurde in aller Frühe an dem großen Haus angeschlagen, so daß Costecalde, als er heraustrat, um sich auf die Regierung zu begeben, die Kränkung wie einen Schlag ins Gesicht empfinden mußte. Sofort konnte man sehen, wie recht Tartarin hatte, mit solchem Nachdruck vorzugehen. Nach Verlauf von einer oder zwei Stunden sammelten sich etwa zwanzig bis an die Zähne bewaffnete Unzufriedene, die nach der Residenz zogen und brüllten: »Nieder mit dem Gouverneur! ... Nieder mit ihm! ... In die Rhone! ... Fort mit ihm! ... Entlassung! ... Entlassung!« Hinter der Bande drein kam Meister Excourbaniès und brüllte ärger als alle andern: »Entlassung! ... Hurra! Hurra! ... Entlassung!« Unglücklicherweise regnete es, und zwar goß es wie mit Kübeln, was sie zwang, in einer Hand den Regenschirm und in der andern das Gewehr zu tragen. Uebrigens hatte die Regierung ihre Maßregeln ergriffen. Die Klein-Rhone war überschritten, die Empörer langten vor dem Blockhaus an und sahen folgendes: Im ersten Stock stand Tartarin mit seinem Winchester wie in einem Rahmen unter dem weitgeöffneten Fenster und hinter ihm seine getreuen Mützen- oder Konservenjäger, in erster Linie der Marquis von Espazettes, lauter Schützen, die auf dreihundert Schritte – auf vier zählend – die kleine runde Etikette einer Quittenkrapfenbüchse trafen. Unten unter dem Schutzdach des großen Portales stand Bruder Bataillet, über seine Feldschlange gebeugt, und wartete nur auf das Signal des Gouverneurs, um sie abzufeuern. So furchtbar und so unerwartet war der Anblick dieses Geschützes, mit brennender Lunte, daß die Anführer zurückwichen und daß Excourbaniès mit einer der ihm eignen plötzlichen Wendungen unter dem Fenster Tartarins einen tollen Solotanz aufführte, was er cynisch die Huldigung vor dem Erfolg zu nennen pflegte, und dazu brüllte, so lange sein Atem reichte: »Es lebe der Gouverneur! ... Es lebe der » Status quo !« ... Hurra! ... Hoch! Hoch! Hoch!« Tartarin, den Winchester immer fest in der Faust, schleuderte von der Höhe seines Postens mit bebender Stimme folgende Worte hinab: »Wir wollen heimgehen, meine Herren Unzufriedenen. Das Wasser strömt vom Himmel und ich würde mir ein Gewissen daraus machen, Sie in dem Regenguß länger hier zurückzuhalten. Morgen werden wir unser gutes Volk zur Abstimmung berufen und die Nation befragen, ob sie noch etwas von uns wissen will. Bis dahin halte man sich ruhig ... oder aufgepaßt!« Am andern Tag stimmte man ab und der alte » Status quo « wurde mit vernichtender Mehrheit wiedergewählt. Einige Tage später fand, wie im Gegensatz zu diesem Auftritt, die Taufe der jungen Liki-Riki statt, der Tochter des Königs Négonko, die von dem hochwürdigen Bruder Bataillet unterrichtet worden war, der das durch Bruder Bézole mit seinem »Gelobt sei Gott« begonnene Bekehrungswerk zu Ende geführt hatte. Sie war wirklich ein köstlicher kleiner Affe, diese wohlgestaltete, wohlgeformte, rundliche Prinzeß Gelbhaut, mit ihren Korallenhalsbändern und ihrem blaugestreiften, von Fräulein Tournatoire angefertigten Kleid. Als Pate figurierte der Gouverneur, als Patin Frau Franquebalme. Sie wurde getauft auf die Namen Martha Maria Tartarine. Nur konnte wegen des entsetzlichen Wetters an jenem Tag, am Tag vorher und an allen vorhergegangenen Tagen die Taufe nicht in der Kirche »Sankt Marta zu den Palmen« stattfinden, die unter ihrem längst eingesunkenen Blätterdach von Wasserströmen überschwemmt war. Man versammelte sich zu der Feierlichkeit in dem Saale des großen Hauses, und man kann sich denken, welche Erinnerungen durch die Taufe in dem zärtlichen Herzen Pascalons erweckt wurden, der wiederum mit seiner Clorinde zu Gevatter zu stehen wähnte! An dieser Stelle seines Tagebuches, das wir nur kurz zusammenfassen, finden wir Thränenspuren und die ganz vermischten Worte: »Ach, ich Armer, und ach, die Arme!« Und am Tag nach der Taufe Liki-Nikis trat die erschreckliche Katastrophe ein! ... Aber die Ereignisse werden zu gewaltig, wir lassen den »Erinnerungen« das Wort. Elftes Kapitel. Fortsetzung von Pascalons Tagebuch. 4. Dezember. – Als heute, am zweiten Advent, der Meßner Galoffre, Inspektor der Marine, wie alle Tage die Schaluppe inspizieren wollte, fand er sie nicht mehr. Der Ring, die Kette, alles war abgerissen, das Schiff verschwunden. Er hat zuerst an irgend einen neuen Streich Négonkos und seiner Bande gedacht, der wir fortgesetzt mißtrauen, aber in dem durch das Losreißen der Kette entstandenen Loch fand sich, ganz aufgeweicht vom Wasser und von Schmutz überzogen, ein großer an den Gouverneur überschriebener Briefumschlag. Dieser Briefumschlag enthielt die Karten Costecaldes, Barbans und Rugimabauds mit den Buchstaben p. p. c. versehen; auf der Karte Barbans hatten sich auch noch vier Bürgerwehrsoldaten unterschrieben und verabschiedet: Caissargue, Bouillargue, Truphénus und Roquetaillade. Seit einigen Tagen lag die Schaluppe verproviantiert und völlig in stand gesetzt zu einer neuen von Bruder Bataillet geplanten Expedition bereit. Das war für diese Elenden ein gefundenes Fressen; sie haben alles mitgenommen, selbst den Kompaß und ihre Gewehre noch obendrein. Und dazu denke man, daß drei von ihnen verheiratet sind und ihre Frauen und einen ganzen Haufen Kinder zurückgelassen haben! Daß man die Frauen in dieser Weise verläßt, das mag noch hingehen, aber die Kinder! Das allgemeine Gefühl der Kolonie infolge dieses Ereignisses war eine grenzenlose Verblüfftheit. Solange man die Schaluppe besaß, blieb doch die Hoffnung, von Insel zu Insel den Kontinent erreichen zu können, man glaubte wenigstens an die Möglichkeit, Hilfe erlangen zu können; jetzt aber schienen alle Verbindungsbrücken mit der übrigen Welt abgebrochen zu sein. Der Bruder Bataillet ist in einen fürchterlichen Zorn geraten und hat alle Feuer des Himmels herabgerufen auf diese Banditen, diese Diebe, diese Fahnenflüchtigen und wie er sie sonst noch nannte. Excourbaniès rannte überall herum und schrie, man hätte sie wie grüne Affen füsilieren sollen, und jetzt müsse man als Gegenmaßregel wenigstens ihre Frauen und Kinder erschießen. Der Gouverneur allein bewahrte seine Kaltblütigkeit: »Wir wollen uns nicht hinreißen lassen,« sagte er. »Schließlich bleiben sie doch immer noch Tarasconer. Wir müssen sie beklagen und an die Gefahren denken, denen sie ausgesetzt sind. Von ihnen allen hat nur Truphénus allein einen Begriff vom Segeln.« Dann kam er auf den schönen Gedanken, die verlassenen Kinder für Mündel der Kolonie zu erklären. Ich glaube, daß er im Grund sehr froh ist, seinen Todfeind und dessen Helfershelfer los zu sein. Im Lauf des Tages hat mir Seine Ezcellenz folgenden in der Stadt anzuschlagenden Tagesbefehl diktiert: Tagesbefehl. Wir, Tartarin, Gouverneur der Insel Port Tarascon und aller unter deren Botmäßigkeit stehenden Gebiete, Großkreuz des Ordens u.s.w., u.s.w, empfehlen der Bevölkerung die größtmögliche Ruhe. Die Schuldigen werden eifrigst verfolgt und mit der ganzen Strenge des Gesetzes behandelt werden. Der Direktor der Artillerie und der Marine ist mit der Ausführung dieser Verfügung beauftragt. Als Nachschrift, um gewissen schlimmen Gerüchten, die in letzter Zeit verbreitet worden waren, entgegenzutreten, ließ er mich noch beisetzen: »Der Knoblauch geht nicht aus.« 6. Dezember. – Der Tagesbefehl des Gouverneurs bringt in der Stadt den besten Eindruck hervor. Man hätte sonst leicht die Betrachtung anstellen können: Die Schuldigen verfolgen? Wie? In welcher Richtung? Mit was? Aber nicht umsonst haben wir ein Sprichwort, das sagt: »Den Menschen muss man mit Worten, den Ochsen bei den Hörnern packen.« Die tarasconische Rasse ist so empfänglich für schöne Redensarten, daß niemand die Worte des Gouverneurs in Zweifel gezogen hat. Unterdessen ist zwischen zwei Regengüssen hinein ein Sonnenstrahl hervorgebrochen, und nun ist jedermann entzückt; auf der Promenade nichts als Gelächter und Tanz. Ach! Das liebenswürdige Volk! Es ist wirklich bequem zu lenken! 10. Dezember. – Ein unerhörtes Glück ist mir zu teil geworden: ich bin zum Granden erster Klasse ernannt. Das Dekret heute morgen beim Frühstück unter meinem Teller gefunden. Der Gouverneur hat sich sehr erfreut gezeigt, mir diese hohe Auszeichnung gewähren zu können. Franquebalme, Beaumvieille und der Hochwürdige schienen ebenso entzückt, wie ich selbst, über meine neue Würde, die mich zu ihresgleichen macht. Am Abend zu denen von Espazettes hinuntergegangen, wo die Neuigkeit schon bekannt war. Der Marquis hat mich vor Clorinde, die vor Freude errötete, umarmt. Die Marquise allein schien meine neue Würde gleichgültig hinzunehmen. In ihren Augen hebt mich auch der Mantel des Granden erster Klasse noch nicht über meine bürgerliche Herkunft hinaus. Was will sie denn noch? ... Erster Klasse! ... Und in meinem Alter! ... 14. Dezember. – Es geht etwas Außergewöhnliches vor in der Regierung, was ich selbst diesen Blättern kaum anzuvertrauen wage. Der Gouverneur hat eine Neigung! Und für wen? Das ratet einmal! Für seine kleine Pate, die Prinzessin Liki-Riki! Er, Tartarin, unser großer Tartarin, der so viele glänzende Partieen ausgeschlagen hat, weil der Ruhm seine einzige Geliebte bleiben sollte, verliebt in eine Aeffin! Aeffin von königlichem Blut, das gebe ich zu; wiedergeboren durch das Wasser der Taufe, trotzdem aber ist sie eine verlogene, naschhafte, diebische Wilde geblieben. Dazu hat sie Sitten und Gewohnheiten der wunderlichsten Art und stets zerfetzte Kleider. Sobald es nicht regnet, hockt sie immer auf einer Kokospalme und vergnügt sich damit, unsern Alten steinharte Nüsse auf die kahlen Schädel zu werfen. Auf diese Weise hat sie beinahe den ehrwürdigen Miègeville ums Leben gebracht. Dann der Altersunterschied zwischen den beiden: Tartarin ist reichlich sechzig Jahre alt; er wird grau und dick. Sie zwölf bis vierzehn Jahre höchstens – das Alter der kleinen Fleurance in dem tarasconischen Lied: »Er hat sie genommen so jung, so jung, Sie weiß sich noch nicht zu gürten!« Und dieses kindische Ding, diese Inselwilde soll unsre Herrscherin werden! Seit lange hatte ich gewisse Anzeichen bemerkt. So zum Beispiel die Nachsicht des Gouverneurs mit dem Vater, diesem alten Strandräuber Négonko, den er oft an unsre Tafel zieht, trotz der Unreinlichkeit dieses abscheulichen Gorilla, der mit den Fingern ißt und sich in Branntwein besäuft, bis er unter den Stuhl fällt. Tartarin behandelt dies alles als »erfreuliche, herzliche Lustigkeit«, und wenn die kleine Prinzessin dem Beispiel ihres Vaters folgte und irgend einen wunderlichen Einfall hatte, bei dem es uns kalt den Rücken hinunterlief, lächelte unser guter Herr, sah sie mit einem väterlich zärtlichen Blick an, der um Nachsicht für sie zu bitten schien, und sagte: »Sie ist noch das reine Kind. ...« Immerhin wollte ich trotz dieser und andrer noch unverkennbareren Anzeichen nicht daran glauben; allein jetzt ist mir kein Zweifel mehr gestattet. 18. Dezember. – Heute morgen im Rat hat uns der Herr Gouverneur seinen Plan, die kleine Prinzessin zu heiraten, zu wissen gethan. Er hat die Politik vorgeschützt, von einer Konvenienzheirat und den Interessen der Kolonie gesprochen. Port Tartarin sei isoliert, ohne Bundesgenossen, im Ocean verloren. Indem er die Tochter eines papuanischen Königs heiratet, führt er uns eine Flotte, eine Armee zu. Im Rat erhob niemand Einsprache. Excourbaniès sprang als der erste zitternd vor Begeisterung auf: »Bravo! ... Ausgezeichnet! ... Wann ist die Hochzeit? ... Hurra! Ah! Ah! ...« Wer weiß, welche Niederträchtigkeit er heute abend in der Stadt wieder verbreitet. Cicero Franquebalme hat aus Gewohnheit seine unvermeidlichen Erwägungen des Für und Wider entwickelt und uns dargethan, daß wenn einerseits die Kolonie ..., so müßte man doch andrerseits sagen ... so oft als nötig ... verum enim vero ... und schloß sich dann schließlich der Meinung des Herrn Gouverneurs an. Beaumevieille und Tournatoire folgten seinem Beispiel. Was den Bruder Bataillet betrifft, so schien er von der Sache unterrichtet zu sein und hat nicht dagegen protestiert. Das Komischste waren die heuchlerischen Gesichter, die wir alle machten, indem wir in schweigender Zustimmung thaten, als ob wir an die von Tartarin vorgeschobenen Interessen der Kolonie glaubten. Plötzlich wurden seine guten Augen feucht von Freudenthronen und er sagte sanft zu uns: »Und außerdem, seht, meine Freunde, das ist es nicht allein ... ich liebe sie, diese Kleine!« Das war so schlicht, so rührend, daß es uns allen ins Herz gegriffen hat. »Nur zu, Herr Gouverneur, nur zu!« und man umringte ihn und schüttelte ihm die Hände. 20. Dezember. – Die Absicht des Gouverneurs ist in der Stadt aufs lebhafteste erörtert, aber weniger streng beurteilt worden, als ich erwartet hatte. Die Männer sprachen in tarasconischer Weise lustig und leicht darüber mit jener kleinen Prise von Spott, die man bei uns allen Liebesangelegenheiten beimischt. Die Frauen, besonders der Anhang Fräulein Tournatoires, stellen sich feindlicher dazu. Warum wählte er nicht eine von den Töchtern des Volkes, wenn er heiraten wollte? Viele, die so sprechen, denken dabei an sich oder an ihre Fräulein Töchter. Excourbaniès, der am Abend in die Stadt ging, hat die Partei der Damen ergriffen und, die schwachen Seiten der Heirat hervorgehoben: den allen und jeden Anstands baren kannibalischen Trunkenbold von einem Schwiegervater; dann die Braut selbst, die aller Wahrscheinlichkeit nach schon Tarasconerbraten gegessen hatte. Tartarin hätte dies auch bedenken sollen. Als ich diesen Verräter so sprechen hörte, fühlte ich den Zorn in mir kochen, und ich bin rasch hinausgegangen, so sehr hatte ich Angst, ich könnte ihm einen Abdruck meiner Hand im Gesicht zurücklassen. Man ist gar hitzig in Tarascon, zum Kuckuck auch! Von dort ging ich zu denen von Espazettes. Die Marquise, die arme Frau, sehr schwach, beständig zu Bett und weist noch immer die Knoblauchsuppe Tournatoires zurück. Sobald sie mich sah, sagte sie: »Nun, Herr Kammerherr, wird die neue Königin auch Palastdamen in ihrer Umgebung haben?« Sie sagte dies aus Spott, aber alsbald ist mir der Gedanke gekommen, daß da für uns etwas zu machen wäre. Als Hofdame oder Palastdame würde Clorinde in der Residenz wohnen, man könnte sich jederzeit sehen. ... Ein solches Glück – wenn das möglich wäre! ... Als ich zurückkam, ging der Gouverneur eben zu Bett, aber ich habe nicht bis zum nächsten Morgen warten wollen, um mit ihm über meinen Plan zu sprechen, den er für sehr schlau erklärt hat. Bin sehr lang an seinem Bett gesessen und habe von seiner und meiner Liebe mit ihm gesprochen. 25. Dezember. – Gestern nacht, am heiligen Abend, versammelte sich die ganze Kolonie, die Regierung und die Würdenträger, im großen Saal, und wir alle haben, fünftausend Meilen von der Heimat entfernt, unser schönes provençalisches Fest gefeiert. Bruder Bataillet las die Weihnachtsmesse, und dann wurde der »Julklotz« gelegt. Das ist ein Scheit Holz, das der Aelteste der Anwesenden feierlich im Saal herumträgt und ins Feuer legt, indem er es mit weißem Wein besprengt. Prinzessin Liki-Riki war auch da und war sehr erbaut von der Feierlichkeit und den Mandelkuchen, Schneckennudeln, Nußstrudeln und tausend andern heimischen Leckerbissen, mit denen der erfinderische Kuchenbäcker Bouffartigue den Tisch geschmückt hatte. Man hat alte Weihnachtslieder gesungen: »Da kommt der Mohrenkönig Mit seinem rollenden Blick; Das Jesuskindlein weinet. Der Mohr er bebt zurück!« Diese Gesänge, die Kuchen, das große Feuer, um das man einen Kreis bildete, all dies versetzte uns in die Heimat zurück trotz des Wassergeplätschers auf dem Dach und der offenen Regenschirme im Saal. Plötzlich hat Bruder Bataillet auf dem Harmonium das schöne Lied von Friedrich Mistral angestimmt: »Johann von Tarascon in der Gefangenschaft der Korsaren«, die Geschichte eines Tarasconers, der in die Hände der Türken fallt, ohne Erröten den Turban nimmt und im Begriff steht, die Tochter des Paschas zu heiraten, als er am Ufer die Matrosen einer tarasconischen Barke provençalisch singen hört; dann: »Als das Wasser emporrauscht unter dem Schlage des Ruders – ein mächtiger Thränenstrom – erweicht sein hartes Herz; – der Vaterlandslose gedenkt des Vaterlandes, – und verzweifelt – sich als Türken zu sehen.« Bei der Strophe »Als das Wasser emporrauscht unter dem Schlage des Ruders« schluchzten wir alle laut auf. Der Gouverneur selbst verschluckte seine Thränen mit abgewandtem Antlitz, und man sah, wie sich der Großkordon des Ordens auf seiner Athletenbrust senkte und hob. Dieses Lied des großen Mistral wird vielleicht gar manches ändern. 29. Dezember. – Heute, vormittag um zehn Uhr Vermählung Seiner Excellenz des Herrn Tartarin, Gouverneurs von Port Tarascon, mit Ihrer Königlichen Hoheit der Prinzessin Négonko. Den Kontrakt haben unterzeichnet: Seine Majestät Négonko, der statt seines Namens ein Kreuz setzte, die Direktoren und die Großwürdenträger der Kolonie. Dann wurde im großen Saal die Messe gelesen. Sehr einfache, sehr würdige Feier: die Bürgerwehr in Uniform und alle übrigen in Gala. Nur Négonko war ein Schandfleck. Sein Benehmen als König wie als Vater war gleich beklagenswert. Gegen die Prinzessin ließ sich nichts sagen: Sie war sehr hübsch in ihrem weißen Kleid und ihrem Korallenschmuck. Am Abend großes Fest, doppelte Ration Lebensmittel, Kanonenschüsse, Büchsensalven von unsern Konservenjägern, Hochrufe, Gesang, allgemeine Freude. Und es regnet! ... Es regnet Bindfaden! ... Zwölftes Kapitel. Erscheinen des Herzogs von Mons. – Die Insel bombardiert. – Es war nicht der Herzog von Mons. – Tod und Teufel, zieht die Flagge ein! – Vierundzwanzig Stunden Frist für die Tarasconer, um die Insel zu räumen ohne Schiff. – An der Tafel Tartarins schwören alle, ihrem Gouverneur in die Gefangenschaft zu folgen. »Seht! Seht! ... Ein Schiff. ... Ein Schiff auf der Reede!« Bei diesem Ruf, den eines Morgens der Bürgerwehrsoldat Berdoulat ausstieß, als er eben im Begriff war, in strömendem Regen Schildkröteneier zu suchen, zeigten sich die Kolonisten von Port Tarascon an den Oeffnungen ihrer im Kot beinahe versinkenden Arche. Und wahrend tausend Stimmen den Ruf Berdoulats »Ein Schiff, seht, seht, ein Schiff!« wiederholten, drang die Menge aus Thüren und Fenstern und eilte hüpfend mit wahren Bockssprüngen, wie man sie sonst nur in englischen Pantomimen sieht, an den Strand, wo alle brüllten wie die Seekälber. Der Gouverneur kam auf die Nachricht alsbald herbeigeeilt, und während er sein Jackett vollends zuknöpfte, strahlte er unter den strömenden Wassergüssen inmitten seines Volkes in Regenschirmen. »Nun, meine Kinder, habe ich euch nicht gesagt, daß er kommen würde? ... Es ist der Herzog! ...« »Der Herzog?« »Wer sollte es denn sonst sein, he? Ja, ja, unser guter Herzog, der kommt, um seine Kolonie neu zu verproviantieren: er bringt uns Waffen, Werkzeuge und die Arbeiter, die ich stets von ihm verlangt habe!« Man muß in diesem Augenblick die verblüfften Gesichter derer gesehen haben, die sich am entrüstetsten über den »ehrlosen Belgier« geäußert hatten, denn nicht alle besaßen die Unverfrorenheit eines Excourbaniès, der am Strand herumwirbelte und schrie: »Es lebe der Herzog von Mons! ... Hoch, hoch, hoch! ... Es lebe unser Erretter! ...« Unterdessen kam ein stolzer, großer Dampfer immer näher heran auf der offenen Reede. Er pfiff, ließ seinen Dampf ausströmen, warf wegen der Korallenriffe sehr weit vom Land dröhnend seine Anker aus und blieb unbeweglich liegen, in Regen und Schweigen gehüllt. Die Kolonisten fingen an, sich darüber zu wundern, daß die Leute an Bord des Schiffes so wenig Eifer zeigten, ihre Zurufe und ihr Winken mit Regenschirmen und Hüten zu erwidern. Er schien ihnen kalt, der edle Herzog. »Im Gegenteil, er ist vielleicht nicht sicher, daß wir es sind.« »Oder nimmt er übel, daß man so über ihn geschimpft hat!« »Geschimpft? Ich habe nie etwas über ihn gesagt.« »Ich sicherlich auch nicht.« »Ich noch viel weniger! ...« Inmitten all dieser Verwirrung verlor Tartarin den Kopf nicht. Er gab Befehl, die Flagge auf dem First der Residenz zu schwenken und ihre Echtheit mit einem Kanonenschuß zu versichern. Der Schuß wurde abgefeuert, die Farben Tarascons flatterten in der Luft. Im selben Augenblick erdröhnte ein furchtbarer Knall auf der Reede; das Fahrzeug war von einer Wolke dichten Rauches umhüllt, wahrend eine Art schwarzer Vogel mit heiserem Pfeifen über die Köpfe weg auf das Dach des Magazins flog und dessen Ecke abriß. Ein Augenblick allgemeiner Verblüfftheit folgte. »Aber sie schie – schießen ja nach unsrer Flagge!« jammerte Pascalon. Dem Beispiel des Gouverneurs folgend, hatte sich die ganze Kolonie flach auf den Bauch geworfen. »Dann wird es wohl nicht der Herzog sein,« sagte Tartarin ganz leise zu Cicero Franquebalme, der, neben ihm im Schmutz ausgestreckt, den Augenblick für geeignet erachtete, eine seiner erbarmungslosen Beweisführungen loszulassen: »daß wenn einerseits vorauszusetzen war ..., man andrerseits doch auch sagen konnte ...« Die Ankunft eines neuen Geschosses unterbrach seine Folgerungen. Plötzlich sprang der Bruder Bataillet auf, rief mit wütender Stimme den Meßner Galoffre, seinen Zeugwärter, herbei und erklärte, sie beide wollten mit der Feldschlange antworten. »Das fehlte gerade noch! Das verbiete ich Ihnen,« schrie Tartarin. »Welche Thorheit! ... Haltet sie fest, ihr andern ... haltet sie zurück! ...« Torquebiau und Galoffre selbst ergriffen den Hochwürdigen, jeder an einem Arm, und zwangen ihn, sich wie alle andern niederzulegen, gerade in dem Augenblick, wo auf dem Fahrzeug der dritte Schuß auf die tarasconische Flagge gelöst wurde. Offenbar galt es den nationalen Farben. Tartarin verstand es: er begriff auch, daß es erst aufhören würde, Geschosse zu regnen, wenn die Flagge verschwunden wäre, und aus Leibeskräften brüllte er: »Tod und Teufel, zieht die Flagge ein!« Alsobald begannen alle zu rufen wie er: »Zieht die Flagge ein! ... Zieht doch die Flagge ein!« Aber niemand zog sie ein, weder Ackerbauern noch Bürgerwehrleute fühlten den Drang, dort hinaufzuklettern und das gefährliche Geschäft auszuführen. Wiederum war es die Jungfrau Alric, die sich opferte: Sie erklomm das Dach an einer Leiter und nahm die unheilbringende Flagge weg. Dann erst hörte der Dampfer auf zu schießen. Einige Augenblicke später stießen zwei Schaluppen mit Soldaten, deren Waffen man blitzen sah, von dem Fahrzeug ab und näherten sich im Taktschlag der großen Ruder der Staatsschiffe dem Ufer. Als sie näher kamen, konnte man die englischen Flaggen unterscheiden, die am Hinterdeck im Schaum des Kielwassers nachschleppten. Die Entfernung war groß und Tartarin hatte Zeit, sich zu erheben, die Schmutzflecke von seinen Kleidern wegzuputzen und sich sogar noch den Großkordon des Ordens holen zu lassen, den er in aller Eile über sein schlangengrünes Jackett anlegte. Als die beiden Boote landeten, zeigte er hinlänglich Gouverneurshaltung. Der erste der Insassen, ein hochmütiger englischer Offizier, mit seitwärts gesetztem, dreieckigem Hut, sprang ans Ufer, und hinter ihm stellte sich in Reih und Glied die Bemannung auf, die auf ihren Matrosenmützen alle den Namen »Tomahawk« trugen; ihnen folgte außerdem noch eine Compagnie Landungstruppen. Tartarin, zu seiner Rechten den Bruder Bataillet, zu seiner Linken Franquebalme, erwartete ihn sehr würdig, mit jenem Zug um den Mund, den er bei großen Gelegenheiten anzunehmen pflegte. Excourbaniès war, statt bei ihnen zu bleiben, den Engländern entgegengestürzt, ganz bereit, vor dem Sieger eine tolle Bamboula zu tanzen. Allein der Offizier Ihrer allergnädigsten Majestät schritt, ohne diesen Hampelmann im mindesten zu beachten, geradezu auf Tartarin los und fragte auf englisch: »Welche Nation?« Franquebalme, der ihn verstand, erwiderte in derselben Sprache: »Tarasconisch.« Der Offizier machte Augen so groß wie Teller, als er den Namen einer Nation vernahm, die er bis jetzt noch auf keiner Seekarte gefunden hatte, und fragte noch unverschämter: »Was machen Sie auf dieser Insel? Mit welchem Recht halten Sie dieselbe besetzt?« Franquebalme übersetzte voll Bestürzung Tartarin die Frage, und dieser befahl: »Erwidern Sie, daß die Insel uns gehört, Cicero, daß König Négonko sie an uns abgetreten hat und daß wir einen Vertrag in aller Form Rechtens besitzen.« Franquebalme hatte nicht nötig, seine Dolmetscherrolle länger fortzuführen. Der Engländer wandte sich an den Gouverneur und sagte in ausgezeichnetem Französisch: »Négonko? Kenne ich nicht. ... Es gibt keinen König »Négonko.« Sofort erteilte Tartarin Befehl, seinen königlichen Schwiegervater überall zu suchen und herzuführen. In Erwartung dessen lud er den englischen Offizier ein, sich bis in das Regierungsgebäude zu bemühen, wo er ihm die betreffenden Schriftstücke vorlegen werde. Der Offizier folgte der Einladung; zur Bewachung der Schaluppen ließ er seine Seesoldaten zurück, die Gewehr bei Fuß, mit aufgepflanzten Bajonetten dastanden. Und welche Bajonette sie hatten! So glänzend, so scharf, daß einen eine Gänsehaut überlief. »Ruhe, meine Kinder, Ruhe!« flüsterte Tartarin im Vorübergehen. Eine sehr überflüssige Empfehlung für alle, von Bruder Bataillet abgesehen, der zu schäumen fortfuhr. Allein man hatte ein Auge auf ihn. »Wenn Sie sich nicht ruhig halten, Hochwürden, so binde ich Sie!« sagte Excourbaniès halb toll vor Angst. Unterdessen suchte man Négonko, man rief ihn von allen Seiten, allein vergebens. Schließlich fand ihn ein Bürgerwehrsoldat ganz hinten im Magazin zwischen zwei Stückfässern schnarchend, völlig betrunken von Brennspiritus, Knoblauch und Lampenöl, von denen er sich fast den ganzen Vorrat zu Gemüte geführt hatte. In diesem Zustand, schmierig und stinkend, führte man ihn vor den Gouverneur, aber es war unmöglich, ein Wort aus ihm herauszubringen. Darauf las Tartarin den Vertrag laut vor, zeigte das Kreuz als Unterschrift seiner Majestät, die Siegel der Regierung und der Großwürdenträger der Kolonie. Wenn dieses authentische Schriftstück die Rechte der Tarasconer auf die Insel nicht bewies, so waren sie überhaupt durch nichts zu beweisen. Der Offizier zuckte die Achseln: »Dieser Wilde ist nichts als ein Gauner, mein Herr. ... Er hat Ihnen verkauft, was ihm gar nicht gehörte. Die Insel ist schon seit lange englische Besitzung.« Gegenüber dieser Erklärung, der durch die Kanonen des »Tomahawk« und die Bajonette der Seesoldaten besonderer Nachdruck verliehen wurde, hielt Tartarin jede weitere Erörterung für überflüssig, weshalb er sich damit begnügte, seinem unwürdigen Schwiegervater einen entsetzlichen Auftritt zu machen. »Alter Spitzbube! ... Warum hast du gesagt, die Insel gehöre dir? ... Warum hast du sie an uns verkauft? ... Schämst du dich nicht, ehrliche Leute so angeführt zu haben?« Négonko, der ganz vertiert war, blieb stumm; sein kurzer Verstand hatte sich in den Dünsten des Alkohols und Knoblauchs völlig verflüchtigt. »Man schaffe ihn fort! ...« befahl Tartarin den Milizsoldaten, die ihn hergebracht hatten. Dann wandte er sich an den englischen Offizier, der während dieser Familienscene steif und gleichgültig stehen geblieben war: »Jedenfalls ist nicht zu bestreiten, daß ich in gutem Glauben gehandelt habe, mein Herr.« »Darüber werden die englischen Gerichte befinden ...« entgegnete der andre mit dünkelhafter Amtsmiene. »Von diesem Augenblick an sind Sie mein Gefangener. Was die Einwohner betrifft, so müssen sie innerhalb vierundzwanzig Stunden die Insel geräumt haben, sonst lasse ich sie niederschießen!« »Oho! ... Niederschießen!« rief Tartarin. »Aber wie in aller Welt wollen Sie denn, daß sie die Insel räumen? Wir haben kein Schiff, und wenn sie nicht ihr Heil im Schwimmen suchen ...« Schließlich brachte man den Engländer zur Vernunft und er willigte ein, die Kolonisten bis Gibraltar an Bord zu nehmen, unter der Bedingung, daß ihm alle Waffen, selbst die Jagdflinten, die Revolver und der Winchester zu zweiunddreißig Schüssen ausgeliefert würden. Danach begab er sich zum Frühstück wieder auf seine Fregatte, ließ aber zur Bewachung des Gouverneurs einen bewaffneten Posten zurück. Auch im Regierungsgebäude pflegte man um diese Zeit zu essen, und nachdem man die Prinzessin auf allen Latanen und Kokospalmen der Residenz gesucht und nirgends gefunden hatte, setzte man sich schließlich, ihren Platz frei lassend, ohne sie zu Tisch. Alle waren dermaßen erschüttert, daß der Bruder Bataillet das Benedikte darüber vergaß. Sie hatten schon eine Weile lang emsig gegessen, als sich Pascalon plötzlich erhob und, sein Glas in der Hand, begann: »Meine Herren, unser Gou ... verneur ist Kriegsge ... gefangener. Schwören wir, ihm in seine Ge ... ge... ge...« Ohne das Ende abzuwarten, sprangen alle auf, hielten ihre Gläser hin und riefen voll Begeisterung: »Vortrefflich!« »Himmeldonnerwetter! Ob wir ihm folgen! ...« »Das will ich meinen! ... Bis aufs Schafott!« »Hoch! Hoch! Hoch! ... Es lebe Tartarin!« brüllte Excourbaniès. Eine Stunde später hatten mit Ausnahme Pascalons alle den Gouverneur verlassen; alle, selbst die kleine Prinzeß Liki-Riki, die man wunderbarerweise auf dem Dach der Residenz wieder aufgefunden hatte. Beim ersten Schuß der Kanonade hatte sie dort Zuflucht gesucht, ohne sich klar zu machen, daß sie da droben viel größere Gefahr lief, als unten. Sie war so toll vor Schrecken, daß ihre Hofdamen sie nur dadurch bestimmen konnten, herunterzukommen, daß sie ihr von weitem eine offene Sardinenbüchse zeigten, wie man einen entflogenen Papagei durch Vorhalten von einem Stückchen Zucker in seinen Käfig zurücklockt. »Mein liebes Kind,« sagte Tartarin in feierlichem Tone zu ihr, als man sie zu ihm brachte, »ich bin Kriegsgefangener. Was willst du lieber, mit mir gehen, oder auf der Insel hier zurückbleiben? Ich denke, die Engländer werden es dir gestatten, aber in diesem Fall siehst du mich niemals wieder.« Ohne Zögern sagte sie ihm mit ihrem hellen, kindlichen Zwitschern ganz geradezu: »Ich Insel bleiben, immer.« »Gut, du bist frei,« sagte Tartarin ergeben, aber in Wahrheit drohte dem armen Kerl das Herz zu brechen. Verlassen von seiner Frau, von seinen Würdenträgern, nur noch Pascalon zu seiner Seite, lehnte er am Abend lange träumerisch unter dem offenen Fenster. Aus der Ferne schimmerten die Lichter der Stadt zu ihm herüber; man vernahm zornige Stimmen, das Singen der am Ufer kampierenden Engländer und das Getöse der durch die Regenfälle angeschwollenen Klein-Rhone. Mit einem tiefen Seufzer schloß Tartarin das Fenster, und während er sein getupftes, seidenes Nachttuch um den Kopf band, sagte er zu seinem getreuen Sekretär: »Daß mich die andern verleugnet haben, hat mich weder allzusehr überrascht noch betrübt, aber diese Kleine, ... wahrhaftig, ich hätte gedacht, sie sei doch etwas anhänglicher.« Der gute Pascalon versuchte ihn zu trösten. Alles in allem genommen wäre diese wilde Prinzessin bei ihrer Rückkehr nach Tarascon doch ein sehr merkwürdiger Importartikel gewesen, denn nach Tarascon würde man schließlich doch zurückkehren. – Wenn Tartarin dann drüben sein altes Leben wieder aufnahm, hätte ihm seine papuanische Frau doch lästig fallen, ihn bloßstellen können. ... »Erinnern Sie sich nur, guter Herr Gouverneur, wie lästig Sie Ihr Ka ... Kamel gefunden haben, als sie aus Algier zurückkamen. ...« Sofort unterbrach sich Pascalon und wurde ganz rot. Welcher Einfall, eine Prinzessin von königlichem Geblüt in Verbindung mit einem Kamel zu bringen! Um die Respektswidrigkeit dieses Vergleiches zu verwischen, machte er Tartarin auf die Aehnlichkeit aufmerksam, die dessen Schicksal mit dem Napoleons hatte, als letzterer sich in Gefangenschaft der Engländer befand und von Marie Luise verlassen wurde. »Wahrhaftig!« sagte Tartarin sehr stolz auf diesen Vergleich. Und die Aehnlichkeit seines Geschicks mit dem des großen Napoleons verhalf ihm zu einer ausgezeichneten Nacht. Am andern Morgen wurde Port Tarascon zur großen Freude der Kolonisten geräumt. Ihr Geld war verloren, die Hektare ein Wahn, sie waren die Opfer des Gründungsschwindels des »gemeinen Belgiers« geworden: allein all dies erscheint ihnen gering im Vergleich zu der Erleichterung, die sie empfanden, endlich aus diesem Sumpf herauszukommen. Man schiffte sie zuerst ein, um jedes Zusammentreffen mit dem » Status quo « zu vermeiden, denn von jetzt ab machten sie diesen für ihr Mißgeschick verantwortlich. Als man sie nach den Schaluppen führte, zeigte sich Tartarin am Fenster, mußte sich aber schleunigst zurückziehen vor den Schimpf- und Hohnreden, die ihn empfingen, und vor den drohenden Fäusten, die sich gegen ihn erhoben. Unzweifelhaft hätten sich die Tarasconer an einem hellen, sonnigen Tag nachsichtiger gezeigt, aber sie mußten sich in einem wolkenbruchartigen Regen einschiffen; die Unglücklichen wateten in Schmutz und Schlamm und trugen diesen unseligen Boden pfundweise an ihren Schuhsohlen mit fort, und die Regenschirme vermochten kaum das bißchen Gepäck zu schützen, das jeder in der Hand trug. Als alle Kolonisten die Insel verlassen hatten, kam die Reihe an Tartarin. Schon mit dem frühesten Morgen war Pascalon thätig gewesen: er hatte alles vorbereitet und das Archiv der Kolonie bündelweise zusammengepackt. Noch im letzten Augenblick kam ihm ein glänzender Gedanke. Er fragte Tartarin, ob er, um sich an Bord zu begeben, nicht den Mantel eines Granden erster Klasse anlegen solle. »Thu es immerhin, es wird Eindruck auf sie machen,« erwiderte der Gouverneur. Und er selbst legte den Großkordon des Ordens an. Unten hörte man die Gewehrkolben der militärischen Begleitung auf die Erde stoßen und die harte Stimme des Offiziers, der rief: »Herr Tartarin! Vorwärts, Herr Gouverneur!« Ehe er hinunterging, warf Tartarin noch einen letzten Blick auf dieses Haus, in dem er geliebt, in dem er gelitten und alle Qualen der Herrschaft und der Leidenschaft erduldet hatte. In diesem Augenblick sah er, wie sein Kanzleidirektor ein Heft unter seinem Mantel verbarg: er fragte danach und wünschte es zu sehen, und Pascalon mußte seinem guten Herrn das Geheimnis des Tagebuchs verraten. »Gut, fahre fort, mein Kind,« sagte Tartarin sanft und kniff ihn dabei ins Ohrläppchen, wie es Napoleon bei seinen Grenadieren gethan hat, »du wirst dann mein kleiner Las Cases werden.« Die Ähnlichkeit zwischen seinem und Napoleons Geschick beschäftigte ihn seit gestern abend. Ja, es war genau so. Die Engländer; Marie Luise, Las Cases ... Ganz dieselben Umstände und derselbe Typus. ... Und beide aus dem Süden, Donnerwetter! Drittes Buch. Dreizehntes Kapitel. Von dem Empfang, den die Engländer Tartarin an Bord des Tomahawk bereiteten. – Letzter Abschied von der Insel Port Tarascon. – Unterhaltung des Gouverneurs mit seinem kleinen Las Cases auf dem Oberdeck. – Costecalde wird wiedergefunden. – Die Frau des Kommodore. – Tartarin schießt seinen ersten Walfisch. Die würdevolle Haltung Tartarins, als er an Bord des Tomahawk stieg, machte einen großen Eindruck auf die Engländer, die von dem Großkordon des Ordens, einer Rose mit daraufgestickter »Tarasque«, den der Gouverneur wie ein Freimaurerzeichen um sich geschlungen trug, und auch von dem rot und goldnen Grandenmantel, der Pascalon von Kopf zu Fuß umwallte, ganz überwältigt waren. Die Engländer haben wirklich, zu allem andern hin, einen überaus großen Respekt vor der Hierarchie, der Büreaukratie und einer gewissen harmlosen, gutmütigen Verdrehtheit. Auf dem Quarterdeck wurde Tartarin von dem dienstthuenden Offizier des Schiffes empfangen und mit der größten Aufmerksamkeit in seine Kabine erster Klasse geleitet. Pascalon folgte ihm und fand den Lohn seiner Treue, denn man wies ihm ein Gemach neben dem des Gouverneurs an, während die übrigen Tarasconer im Zwischendeck mit dem einstigen Generalstab der Insel, der damit die wohlverdiente Strafe für seine Schwäche und Feigheit erhielt, als jämmerliche Auswandererherde zusammengepfercht wurden. Hinter der Kabine Tartarins und der seines getreuen Sekretärs befanden sich ein kleiner, mit Diwans, Waffensammlungen und exotischen Pflanzen ausgestatteter Salon und ein Speisezimmer, in dem zwei Eisblöcke in Eckvasen eine beständige Kühle verbreiteten. Ein Haushofmeister und zwei oder drei Bediente versahen den Dienst bei seiner Excellenz, der diese Ehrenbezeigungen mit der köstlichsten Seelenruhe hinnahm und bei jeder neuen Zuvorkommenheit in dem Tone eines Herrschers, der an Ehrenbezeigungen und Aufmerksamkeiten jeder Art gewöhnt ist, sagte: »Ganz recht, ganz recht!« Als der Anker gelichtet wurde, stieg Tartarin trotz des Regens auf Deck, um seiner Insel das letzte Lebewohl zu sagen. Unklar, neblicht lag sie vor ihm, aber trotz des grauen Schleiers, der sie verhüllte, doch noch deutlich genug, daß man den König Négonko mit seiner Räuberbande sehen konnte, die im schönsten Zug waren, die Stadt und die Residenz zu plündern und am Ufer eine tolle Farandole zu tanzen. Alle Katecheten des Bruder Bataillets ließen sich, sobald der Pater und die Gendarmen fort waren, wieder von ihren angeborenen guten Trieben leiten. Pascalon glaubte sogar in dem Gewühl der Tänze die anmutigen Umrisse Liki-Nikis zu, erkennen, allein er sagte nichts aus Angst, seinem guten Herrn, der übrigens dies alles recht gleichgültig mit anzusehen schien, wehe zu thun. Sehr ruhig, die Hände auf dem Rücken, in historischer, marmorkalter Haltung, starrte der tarasconische Held vor sich hin, ohne zu sehen; er vertiefte sich immer mehr in die Analogie zwischen seinem und Napoleons Schicksal und wunderte sich sehr, tausenderlei Vergleichspunkte, ja sogar gemeinschaftliche kleine Schwächen zu entdecken, zu denen er sich schlechtweg bekannte. »Sehen Sie,« sagte er zu seinem kleinen Las Cases, »so hatte Napoleon furchtbare Zornausbrüche; ich ebenfalls, besonders in meinen jungen Jahren. ... Zum Beispiel damals im Theatercafé, wo ich in einem Streit mit Costecalde seine und meine Tasse mit einem Faustschlag zertrümmerte. ...« »Bonaparte in Leoben ...« bemerkte Pascal schüchtern, »Ganz recht, mein Kind,« sagte Tartarin mit seinem gutmütigen Lächeln. Allein bei näherer Ueberlegung war es die Einbildungskraft, die furchtbare südliche Einbildungskraft, worin er und der Kaiser sich am meisten glichen. Napoleon besaß eine überströmende, großartige Phantasie, was sein Feldzug in Aegypten, sein Ritt durch die Wüste auf dem Rücken eines Kameles – abermals eine augenfällige Aehnlichkeit, dies Kamel –, sein russischer Feldzug und sein Plan der Eroberung Indiens beweist. – Und sein – Tartarins – Leben war nichts als ein fabelhafter Traum! ... Die Löwen, die Nihilisten, die Jungfrau, die Regierung dieser fünftausend Meilen von Frankreich entfernten Insel. Gewiß wollte er die Ueberlegenheit des Kaisers in gewissen Punkten nicht bestreiten, aber er, Tartarin, hatte wenigstens selbst kein Blut vergossen und keine Ströme von Blut fließen lassen, auch die Welt niemals mit Entsetzen erfüllt wie der andere. ... Unterdessen verschwand die Insel in der Ferne und Tartarin, auf die Schiffsverschanzung gestützt, fuhr fort, für die Galerie zu sprechen, für die Matrosen, welche die aus der Maschine auf das Deck gefallenen Kohlen beseitigten, und für die wachhabenden Offiziere, die näher getreten waren. Auf die Länge wurde er langweilig; Pascalon bat ihn um Erlaubnis, sich auf das Vorderschiff zu begeben, um sich unter die Tarasconer zu mischen, von denen man einige verscheuchte Gruppen im Regen bemerkte. Er wollte, wie er sagte, hören, was sie vom Gouverneur dächten, in Wahrheit hoffte er aber Gelegenheit zu finden, seiner lieben Clorinde einige Worte des Trostes und der Ermutigung zuzuflüstern. Als er eine Stunde später zurückkam, hatte sich's Tartarin auf dem Diwan des kleinen Salons in Flanellunterhosen, das Foulardtuch um den Kopf, bequem gemacht, wie einst in seinem kleinen Hause am Korso, und stand im Begriff, ein Pfeifchen zu schmauchen und einen delikaten Sherrygobbler dazu zu schlürfen. In ausgezeichneter Stimmung fragte der Gebieter: »Nun, was sagen sie von mir, die guten Leute?« Pascalon machte kein Hehl daraus, daß sie ihm alle sehr »aufgebracht« zu sein schienen. Wie eine Viehherde im Zwischendeck eingepfercht, schlecht verpflegt und schlecht behandelt, machten sie den Gouverneur für ihr Mißgeschick verantwortlich. Aber Tartarin zuckte die Achseln. Er kannte sein Volk zu gut, um nicht zu wissen, daß beim ersten Sonnenstrahl dies alles wieder verflogen sein würde. »Gewiß sind sie von Haus aus nicht bösartig, aber dieser schlechte Kerl, der Costecalde, hetzt sie immer auf,« erwiderte Pascalon. »Costecalde? Wie so? ... Was schwatzen Sie denn von Costecalde?« Die Nennung dieses unheilvollen Namens hatte Tartarin aufgeregt. Pascalon erklärte ihm nun, daß ihr Feind, nachdem er auf hoher See in einem Boot, in dem er vor Hunger und Durst am Verschmachten war, vom Tomahawk aufgenommen worden sei, das Vorhandensein einer provençalischen Kolonie auf einer englischen Besitzung verraten und das Schiff bis auf die Reede von Port Tarascon geführt habe. Die Augen des Gouverneurs funkelten: »Der Lump! ... Der Schurke! ...« Er beruhigte sich aber, als ihm Pascalon die unheilvollen Abenteuer schilderte, die der ehemalige Würdenträger und seine Helfershelfer bestanden hatten. Truphénus ertrunken! ... Die drei andern Bürgerwehrsoldaten in die Hände der Menschenfresser gefallen, als sie landeten, um Wasser zu fassen! ... Barban an Bord der Schaluppe vor Entkräftung gestorben! ... Rugimabaud von einem Haifisch verschlungen! »Ach was, von einem Haifisch! ... Sagen Sie lieber von diesem niederträchtigen Costecalde!« »Aber das Wunderbarste von allem ist, Herr Gou ... Gouverneur, daß Costecalde behauptet, er sei an einem stürmischen Tag auf hoher See, unter Donner und Blitz ... raten Sie, wem begegnet?« »Wie zum Henker soll ich das raten?« »Die ›Tarasque‹ ... die Großmutter!« »Welche Lüge!« »Nun ... schließlich ... wer weiß ... der Tutu-panpan könnte Schiffbruch gelitten haben; oder vielleicht hat eine Sturzsee die am Bug befestigte ›Tarasque‹; weggewaschen. ...« In diesem Augenblick überreichte der Steward dem Herrn Gouverneur das Menü und dieser ließ sich einige Augenblicke später mit seinem Sekretär zu einer vortrefflichen Mahlzeit mit Champagner nieder, bei der es prachtvollen Salm, ein ganz wunderbar zubereitetes blutiges Roastbeef und zum Nachtisch einen leckeren Pudding gab. Tartarin fand diesen so ausgezeichnet, daß er dem Bruder Bataillet und Franquebalme einen guten Teil davon schickte, während Pascalon einige Salmbrötchen bereitete und beiseite steckte – es wird, weiß Gott, nicht nötig sein, zu sagen für wen! Wie wenn die Insel Port Tarascon inmitten dieses Archipels eine abgesonderte Vorratskammer von Nebel und Regen gewesen wäre, wurde es, als sie am zweiten Tag der Fahrt ganz außer Sicht kam, sofort schönes Wetter. Jeden Morgen nach dem Frühstück begab sich Tartarin auf Deck, und ließ sich dort, immer am nämlichen Platz, nieder, um mit Pascalon zu plaudern. So hatte auch Napoleon an Bord des »Northumberland« seinen Lieblingsplatz, jene Kanone, auf die er sich zu stützen pflegte und die deshalb die »Kanone des Kaisers« genannt wurde. Dachte der große Tarasconer wohl daran? War diese Uebereinstimmung eine absichtliche? Vielleicht; aber dies darf ihn in unsern Augen nicht heruntersetzen. Hat Napoleon, als er sich den Engländern übergab, nicht an Themistokles gedacht, ja sogar nicht einmal ein Hehl daraus gemacht? »Ich komme wie Themistokles. ...« Und wer weiß, ob Themistokles, als er kam und sich am Herd der Perser niederließ, nicht auch ...? Die Menschheit ist so alt, ihre Wege sind so überfüllt, so breit getreten! Man geht immer in irgend jemandes Fußstapfen. ... Uebrigens erinnerten die vertraulichen Angaben, die Tartarin seinem kleinen Las Cases machte, in nichts an das Leben Napoleons und waren ganz sein eigen, ganz des Tartarin von Tarascon. Da kam seine Kindheit auf der »Promenade« aufs Tapet, seine frühzeitigen Abenteuer, wenn er des Nachts vom Kasino heimging: seine Vorliebe für die Waffen, für die Jagd auf großes Wild schon als er noch ganz klein war; der gesunde Menschenverstand, der ihn selbst bei seinen tollsten Streichen nicht verließ, diese innere Stimme, die zu ihm sagte: »Geh früh nach Hause ... erkälte dich nicht!« In der tiefsten Tiefe seines Gedächtnisses ruhte die Erinnerung an einen Ausflug nach dem altrömischen Viadukt von Gard, bei welchem ihm eine alte, alte Zigeunerin, nachdem sie die Linien in seiner Hand betrachtet, wahrgesagt hatte: »Du wirst eines Tages König werden!« Er war damals kaum zehn Jahre alt, und man kann sich denken, welche Heiterkeit diese Prophezeiung bei jedermann erregte! Und doch sollte sie in Erfüllung gehen! Hier unterbrach sich der große Mann: »Ich werfe Ihnen all diese Dinge nur so hin, wie sie mir gerade einfallen, aber für die »Erinnerungen« können sie Ihnen doch am Ende nützlich sein. ...« »Gewiß,« sagte Pascalon, der seinem Helden die Worte von den Lippen las, während ein halbes Dutzend junger Seekadetten, die sich um Tartarin versammelt hatten, mit offnem Mund seinen Erzählungen lauschten. Aber am aufmerksamsten war die Frau des Kommodore, eine ganz junge, zarte, schmachtende Kreolin, die nicht weit davon in lässiger Haltung, mit der warmen Blässe einer Magnolia und mit großen, sanften, tiefen, sinnenden schwarzen Augen auf einem Ruhebett aus Bambus lag. ... Ja, diese Dame verschlang Tartarins Geschichten förmlich. Ganz stolz, daß seinem Gebieter eine so leidenschaftliche Aufmerksamkeit geschenkt wurde, wollte ihn Pascalon in seinem vollsten Glänze zeigen und veranlaßte ihn, seine Löwenjagden, die Besteigung der Jungfrau und die Verteidigung von Pampérigouste zu erzählen. Und der Held, gutmütig wie immer, ging auf dieses harmlose Manöver ein, gab sich ganz preis und ließ sich durchblättern wie ein Buch, sogar wie ein Buch mit Bildern, das er mit seiner ausdrucksvollen tarasconischen Mimik und dem Piff! Paff! seiner Jagdgeschichten illustrierte. Die fröstelnd auf ihrem Sofa zusammengekauerte Kreolin erbebte bei jedem lauteren Ton seiner Stimme, und ihre Bewegung verriet sich in einem feinen rosigen Hauch, der sich über ihre durchsichtige Blässe legte. Wenn ihr Gatte, der Kommodore, eine Art Hudson Lowe, mit seiner boshaften, schnüffelnden Marderschnautze erschien, um sie hinunterzuführen, bat sie: »Nein, nein ... noch nicht,« und warf einen Blick auf den großen Mann von Tarascon, von dem sie natürlich nicht unbemerkt geblieben war, und der um ihretwillen die Stimme erhob und etwas Edleres in Haltung und Sprache legte. Wenn sie sich nach einer derartigen Sitzung in ihre Kabinen zurückbegaben, fragte er Pascalon manchmal mit nachlässiger Miene: »Was hat die Frau des Kommodore zu Ihnen gesagt. Es schien mir, als hätte es sich um mich gehandelt ... wie was?« »Es war auch so, Herr Gou ... Gouverneur. Die Dame sagte, sie habe schon viel von Ihnen sprechen hören.« »Das wundert mich nicht,« entgegnete Tartarin einfach, »man kennt mich in England.« Eine weitere Aehnlichkeit mit Napoleon! ### Als er eines Morgens ziemlich frühzeitig auf Deck kam, verwunderte er sich sehr, seine Kreolin nicht wie gewöhnlich vorzufinden. Ohne Zweifel hatte das schlechte Wetter, das an diesem Tage war, die etwas frische Temperatur, der Sprühregen, der das Deckhaus bespritzte, der so zarten, für äußere Eindrücke so nervös empfänglichen Frau nicht gestattet, heraufzukommen! Das Deck selbst und die Schiffsmannschaft schienen von der Unruhe der See angesteckt zu sein. Ein Walfisch war signalisiert worden, was unter diesen Strichen eine große Seltenheit ist. Er hatte kein Spritzloch und stieß keine Wasserstrahlen aus, woran ein Teil der Matrosen einen weiblichen Wal, andre eine ganz besondre Art zu erkennen vermeinten. Man war nicht einig darüber. Da der Walfisch im Fahrwasser des Schiffes blieb, ohne sich weiter zu entfernen, verfügte sich ein Abgesandter der Kadetten zu dem Kommandanten und bat um die Erlaubnis, ihn fangen zu dürfen. Widerwärtig, wie immer, verweigerte er dies unter dem Vorwand, man habe keine Zeit zu verlieren, und gestattete nur, daß einige Flintenschüsse auf das Tier abgefeuert würden. Der Walfisch hielt sich in einer Entfernung von etwa zweihundertfünfzig bis dreihundert Meter vom Schiff, bald zeigte er sich, bald verschwand er wieder, geschaukelt von den wuchtigen, unruhigen Wogen der See, was das Zielen außerordentlich erschwerte. Nach einigen Flintenschüssen, deren Ergebnisse die Marsgasten in den Wanten verkündeten, war das Tier noch immer nicht getroffen, denn es fuhr fort auf den Wellen zu schaukeln und zu tanzen, und alles sah zu, selbst die Tarasconer, die auf dem Vorderdeck bespritzt und durchnäßt vor Kälte mit den Zähnen klapperten, da sie dem Sprühregen der hochgehenden See viel mehr ausgesetzt waren als die Herren auf dem Hinterdeck. Tartarin hatte sich unter die Kadetten gemischt, die ihre Geschicklichkeit versuchten, und begutachtete ihre Schüsse: »Zu hoch! ... Zu kurz! ...« »Wie wär's, wenn Sie einmal schössen, Herr Gou ... Gouverneur?« blökte Pascalon. Sofort wandte sich einer der Seekadetten mit der Lebhaftigkeit der Jugend an Tartarin: »Wollen Sie, Herr Gouverneur?« Er bot ihm seinen Karabiner an, und es war der Mühe wert zu sehen, wie Tartarin die Waffe ergriff, wie er sie wog und anlegte, während Pascalon schüchtern und stolz fragte: »Auf wie viel zählen Sie beim Walfisch?« »Auf dieses Wild habe ich noch nicht oft geschossen,« erwiderte der Held, »aber ich meine, man könnte auf zehn zählen.« Er zielte, zählte auf zehn, drückte ab und gab dem jungen Mann seinen Karabiner zurück. »Ich glaube, daß er getroffen ist,« sagte der Kadett. »Hurra! ...« schrieen die Matrosen. »Ich wußte es,« sagte Tartarin bescheiden. Allein in diesem Augenblick wurde die Luft von einem entsetzlichen Gebrüll erfüllt, und es entstand ein so wütender Tumult, daß der Befehlshaber herbeieilte, weil er glaubte, sein Schiff sei von einer Bande Seeräuber gestürmt worden. Die Tarasconer im Vorschiff sprangen hin und her, fuchtelten mit Armen und Beinen in der Luft herum und schimpften und tobten mit Wind und Wellen um die Wette. »Die ›Tarasque‹. ... Er hat auf die ›Tarasque‹ geschossen. ... Er hat auf die Großmutter geschossen. ...« »Zum Teufel auch ... was sagen sie da?« fragte Tartarin erbleichend. Und jetzt tauchte nur noch etwa zehn Meter vom Schiff entfernt die »Tarasque« von Tarascon, das ungeheuerliche Idol mit seinem Schuppenleib und seinem phantastischen, rotgoldnen, grinsenden Kopf mit den blutroten Augen aus den grünen Wogen empor. Aus sehr hartem Holze fest gezimmert, trieb sie, wie man später erfuhr, auf der See umher, seit dem Tag, wo eine Sturzwelle sie vom Deck Scrapouchinats weggewaschen hatte. Allen Meeresströmungen preisgegeben, leuchtend, mit Muscheln und Algen bedeckt, aber ohne Havarie erlitten zu haben, schlingerte sie auf dem Ocean dahin; unverletzt, unzerstörbar hatte sie die furchtbarsten Orkane überstanden und ihre erste, ihre einzige Verletzung war die, die ihr Tartarin von Tarascon soeben beigebracht hatte.... Er! Ihr! Mitten in der Stirne der armen Großmutter zeigte sich die frische Wunde! Ein englischer Offizier rief: »Sehen Sie nur, Lieutenant Shipp, was das für ein sonderbares Tier ist!« »Das ist die ›Tarasque‹, junger Mann,« sprach Tartarin feierlich. »Das ist die Ahne, die ehrwürdige Großmutter jedes guten Tarasconers.« Der Offizier blieb nicht ohne Grund ganz sprachlos vor Staunen, als er hörte, daß dieses lächerliche Ungeheuer die Großmutter dieses sonderbaren, schwarzbraunen, schnauzbärtigen Völkleins sei, das sie auf einer wilden Insel, fünftausend Meilen von der Heimat entfernt, im Meer aufgelesen hatten. Tartarin hatte ehrerbietig sein Haupt entblößt, als er also sprach, aber schon war die Großmutter fern, von den Strömungen des Stillen Oceans mit fortgerissen, wo sie noch heute als unversenkbares Wrack zum großen Schrecken der Walfischfänger umhertreibt und in den Berichten der Reisenden unter dem Namen Seeschlange bald hier, bald dort wieder auftaucht. Solange man sie noch erblicken konnte, folgte ihr der Held stumm mit den Augen; erst als sie nur noch wie ein ganz kleiner schwarzer Punkt auf den weißen Kämmen der Wogen erschien, die den Horizont begrenzten, flüsterte er mit schwacher Stimme: »Pascalon, ich sage Ihnen, das war ein Schuß, der mir Unglück bringen wird!« Und kummervoll, von Gewissensbissen und heiliger Scheu erfüllt, verbrachte er den Rest des Tages. Vierzehntes Kapitel Ein Essen beim Kommodore. – Tartarin tanzt die Farandole vor. – Definition des Tarasconers von Lieutenant Shipp. – In Sicht von Gibraltar. – Die Rache der »Tarasque«. Seit einer Woche war man unterwegs, man näherte sich den von Wohlgerüchen erfüllten Küsten Indiens unter dem nämlichen milchigen Himmel, auf der nämlichen ölglatten See wie auf der ersten Reise, und an einem schönen, hellen, heißen Nachmittag hielt Tartarin in seinem Zimmer seine Siesta: er trug nur Unterhosen, und sein guter dicker Kopf war in das getüpfelte Seidentuch eingebunden, dessen zu lange Enden wie die friedlichen Ohren eines bekannten Grautieres in die Höhe standen. Plötzlich stürzte Pascalon in die Kabine. »Na! ... Was soll denn das? Was ist denn los?« fragte der große Mann grob und riß sein Kopftuch ab, denn er liebte es nicht, so gesehen zu werden. Atemlos, mit weit aufgerissenen Augen, stotternder als je, entgegnete Pascalon: »Ich glaube, daß sie ihren Treff weg hat!« »Wer? ... Die ›Tarasque‹? ... Zum Kuckuck, das weiß ich nur allzu gut.« »Nein,« sagte Pascalon leiser als ein Hauch, »die Frau des Kommodore!« »Potztausend! Arme Kleine! Noch eine! ... Aber was bringt Sie auf diesen Gedanken?« Statt aller Antwort streckte ihm Pascalon eine bedruckte Karte hin, auf welcher der Lord Kommodore und Lady William Plantagenet Seine Excellenz den Herrn Gouverneur Tartarin und den Herrn Kanzleidirektor Pascalon noch auf den nämlichen Abend zu Tisch einluden. »Oh, die Frauen! ... Die Frauen! ...« rief Tartarin, denn offenbar kam diese Einladung von der Frau des Kommandanten; der Gedanke konnte nicht in dem Kopf des Mannes gewachsen sein, der sah nicht nach viel Einladungen aus. Dann überlegte er mit Ernst: »Soll ich trotzdem die Einladung annehmen? ... Meine Lage als Kriegsgefangener ...« Pascalon, der seine Schriftsteller kannte, erinnerte daran, daß Napoleon an Bord des »Northumberland« an der Tafel des Admirals gespeist hatte. »Das ist ausschlaggebend für mich,« erklärte der Gouverneur sofort. »Nur,« fügte Pascalon hinzu, »zog sich der Kaiser mit den Damen zurück, sobald man die Weine auftrug.« »Ausgezeichnet, das bestimmt mich nur noch mehr. Antworten Sie in der dritten Person, daß wir annehmen.« »Frack, nicht wahr, Herr Gouverneur?« »Gewiß!« Pascalon hätte sich gern in seinen Grandenmantel erster Klasse gehüllt, aber sein Gebieter war nicht dieser Ansicht; auch er würde den Großkordon des Ordens nicht anlegen. »Nicht den Gouverneur hat man eingeladen,« sagte er zu seinem Sekretär, »sondern Tartarin. Man muß zu unterscheiden wissen!« Dieser Teufelskerl verstand doch alles. Es war ein wahrhaft fürstliches Mahl, das in einem großen, glänzenden, mit Ahorn und Thuya möblierten Speisesaal aufgetragen wurde; die hölzernen Wände und der Fußboden des Gemaches waren in jener hübschen englischen Holzmosaik hergestellt, deren einzelne winzige Plättchen sich wie ein Spielzeug zusammenfügen. Tartarin hatte den Ehrenplatz zur Rechten Lady Williams inne. Wenige Eingeladene, nur der Lieutenant Shipp und der Schiffsarzt, die beide französisch verstanden. Ein in eine Nankinglivree gekleideter hölzerner, feierlicher Diener stand hinter jedem Gast. Man konnte sich nichts Reicheres denken, als diese Weingläser und Karaffen, als das schwere Silberzeug mit dem Wappen der Plantagenets und den mit den seltensten Orchideen geschmückten Tafelaufsatz in der Mitte des Tisches. Der von all diesem Luxus völlig eingeschüchterte Pascalon stotterte um so mehr, als er zufällig immer den Mund voll hatte, wenn ihn jemand ansprach. Er bewunderte die ruhige Unbefangenheit Tartarins gegenüber diesem Kommodore mit den hängenden Lippen einer Tigerkatze und seinen unter den Wimpern eines Kakerlaken hervorstechenden blutunterlaufenen Augen. Aber der große Tartarin, der gewaltige Jäger wilder Tiere kümmerte sich keinen Pfifferling um eine solche Tigerkatze. Er machte Lady Plantagenet so anmutig und so angelegentlich den Hof, als wäre der Kommodore hundert Meilen weit entfernt gewesen. Mylady ihrerseits machte auch kein Hehl aus ihrer Sympathie für den Helden und betrachtete ihn mit zärtlichen und ganz ungewöhnlichen Blicken. »Die Unglückseligen! Der Gatte wird alles sehen!« sagte sich Pascalon jeden Augenblick. Doch nein, der Gatte sah nichts, und die Erzählungen des großen Tarasconers schienen auch ihm selbst ein ausnehmendes Vergnügen zu bereiten. Auf Verlangen der Lady William erzählte Tartarin die Geschichte von der »Tarasque« und der heiligen Martha mit ihrem blauen Band; er sprach von seinem Volk, die tarasconische Rasse genannt, von dessen Ueberlieferungen und Auswanderung. Dann erläuterte er seine Regierung, seine Pläne, seine Reformen und das neue Gesetzbuch, das er vorbereitete. Ein neues Gesetzbuch! Wahrhaftig, es geschah ihm heute zum erstenmal, selbst Pascalon gegenüber, daß er davon sprach; allein wer weiß je, was den mächtigen Geist der Lenker der Völker bewegt. Er zeigte sich bald gelehrt, bald lustig, er sang heimatliche Volkslieder, von Jean von Tarascon in der Gefangenschaft der Korsaren und von seiner Liebe zur Tochter des Sultans. Mit welch lebendiger, glühender, gedämpfter Stimme summte er nicht, zu Lady William geneigt, den Vers: »Als er General geworden – das Haupt von Lorbeer umkränzt – die Königstochter schön und leuchtend wie der Tag – sprach in Liebe zu ihm entbrannt –« Die schmachtende und sonst so bleiche Kreolin wurde ganz rot dabei. Als das Lied zu Ende war, wollte sie wissen, was denn eigentlich die Farandole sei, dieser Tanz, von dem die Tarasconer immer reden. »Ach, mein Gott, das ist höchst einfach, das sollen Sie gleich sehen,« sagte der gute Tartarin. Und da er ganz allein Eindruck machen wollte, befahl er seinem Sekretär: »Bleiben Sie sitzen, Pascalon, bleiben Sie sitzen.« Er hatte sich erhoben, er fing an zu tanzen und summte die Melodie der Farandole dazu: »Ra-pa-ta-plan, pa-ta-tin-pa-ta-tan ...« Unglücklicherweise schwankte das Schiff: er fiel, stand vergnügt wieder auf und war der erste, der über sein Mißgeschick lachte. Trotz ihres scheinheilig gezierten Wesens und trotz der Disziplin lachte die ganze Tischgesellschaft laut und fand den Gouverneur köstlich. Plötzlich wurden die Weine aufgetragen. Sofort verließ Lady William den Saal. Tartarin aber warf ungestüm seine Serviette auf den Tisch und zog sich, getreu der napoleonischen Ueberlieferung, ohne zu grüßen oder sich zu entschuldigen, gleichfalls zurück. Verblüfft sahen die Engländer einander an und wechselten einige leise Worte. »Seine Excellenz trinkt niemals Wein . ..« sagte Pascalon, der glaubte, den Abgang seines guten Herrn erklären und an seiner Stelle das Wort ergreifen zu müssen. Auch er tarasconerte sehr angenehm, und während er sich den Engländern im Clarettrinken als völlig ebenbürtig erwies, belustigte er sie und steckte sie an mit seiner fröhlichen Begeisterung und seinem lebhaften Gebärdenspiel. Als man sich dann von Tisch erhob, bot er sich geflissentlich an, mit dem Kommodore, einem leidenschaftlichen Schachspieler, eine Partie zu machen, denn er ahnte wohl, daß sich Tartarin auf Deck begeben habe, um Lady Plantagenet Gesellschaft zu leisten. Die übrigen Tischgenossen rauchten und plauderten neben den Spielenden, und als Lieutenant Shipp dem Doktor einmal eine Bemerkung zugeflüstert hatte, die diesen sehr zum Lachen brachte, sah der Kommodore auf: »Was hat er wieder gesagt, dieser Shipp?« Der Lieutenant wiederholte seine Worte und man lachte noch mehr, ohne daß Pascalon verstand, um was es sich handelte. Von dem duftigen Hauch einer ersterbenden Brise umweht, im Glanz eines Sonnenunterganges, der sich leuchtend im Meer widerspiegelte und der das von Tausenden von Wassertröpfchen bespritzte Tauwerk in rötlichem Glänze erstrahlen ließ, weilte Tartarin auf dem Deck des Schiffes, über den Lehnsessel Lady Williams gebeugt, und erzählte ihr von seiner Liebe zu Prinzessin Liki-Riki und ihrer herzzereißenden Trennung. Wußte er doch, daß die Frauen zu trösten lieben, und daß man am leichtesten und sichersten Erfolg bei ihnen hat, wenn man seinen Herzenskummer offen zur Schau trägt. Ach, die Abschiedsscene zwischen der Kleinen und ihm, von Tartarin im geheimnisvollen Dämmerlicht flüsternd erzählt! Wer das nicht gehört hat, hat überhaupt nichts gehört! Ich möchte nicht behaupten, daß die Erzählung ganz genau war, daß er die Scene nicht ein bißchen zugestutzt hätte, aber jedenfalls schilderte er sie so, wie sie ihm am liebsten gewesen wäre: eine leidenschaftliche, feurige Liki-Riki, eine arme, von den Gefühlen für ihre Familie und der ehelichen Liebe hin und her gezerrte Prinzessin, die sich mit ihren verzweifelnden kleinen Händen an den Helden anklammerte: »Nimm mich mit! Nimm mich mit!« Er stößt sie gebrochenen Herzens zurück, entwindet sich ihrer Umarmung: »Nein, mein Kind, es muß sein. Bleibe bei deinem alten Vater, er hat nur noch dich. ...« Während er dies erzählte, weinte er wirkliche Thränen, und es schien ihm, als ob sich die schönen, zu ihm aufgeschlagenen kreolischen Augen bei seiner Schilderung gleichfalls befeuchteten, während die Sonne langsam in den Fluten untertauchte und den Himmel in violette Nebel hüllte. Plötzlich fiel ein Schatten auf die beiden und die scharfe, eisige Stimme des Kommodore brach den Zauber: »Es ist spät, es wird zu kühl für dich, meine Liebe; du mußt hinuntergehen!« Sie erhob sich und verneigte sich leicht: »Gute Nacht, Herr Tartarin!« Und er blieb zurück, ganz ergriffen von dem sanften Schmelz, den sie in diese Worte gelegt hatte. Noch einige Augenblicke spazierte er auf dem Deck auf und ab, und immer klang ihm dieses »Gute Nacht, Herr Tartarin!« in den Ohren. Aber der Kommodore hatte recht, es wurde rasch kühl, und Tartarin entschloß sich zu Bett zu gehen. Als er an dem kleinen Salon vorüberging, bemerkte er durch die angelehnte Thür Pascalon, der am Tisch saß und, den Kopf in die Hand gestützt, eifrigst in einem Wörterbuch blätterte. »Was machen Sie da, Kind?« Der treue Sekretär berichtete ihm von dem durch seinen plötzlichen Abgang erregten Aufsehen, von dem entrüsteten Flüstern am Tisch und besonders von jenen geheimnisvollen Worten des Lieutenants Shipp, die dem Kommodore wiederholt worden waren und über die alle so gelacht hatten. »Obgleich ich ziemlich gut englisch kann, habe ich doch nicht recht verstanden, was es hat heißen sollen, aber ich habe die Worte behalten und bin im Begriff, den Satz zusammenzustellen.« Während dieser Erklärungen hatte sich Tartarin zu Bett begeben und lag nun, den Kopf in sein Foulardtuch gebunden, ein Glas Pomeranzenblütenwasser neben sich, behaglich ausgestreckt auf seinem Lager und fragte, während er die Pfeife, die er allabendlich vor dem Einschlafen zu rauchen pflegte, anzündete: »Sind Sie mit Ihrer Uebersetzung zurechtgekommen?« »Ja, Herr Gouverneur, hier ist sie: Alles in allem genommen, ist der tarasconische Typus nichts als der französische Charakter in vergrößertem, übertriebenem Maßstab, als ob man diesen in einer jener großen Glaskugeln, wie man sie in unsern Gärten findet, abgespiegelt sähe. « »Und Sie sagen, darüber haben die Engländer so sehr gelacht?« »Alle, der Lieutenant, der Doktor, ja sogar der Kommodore, – sie konnten gar nicht mehr aufhören zu lachen.« Mit mitleidiger Miene zuckte Tartarin die Achseln: »Es beweist, daß diese Engländer nicht oft Grund zum Lachen haben, wenn ihnen derartige Dummheiten so viel Vergnügen machen! Na, gute Nacht, mein Kind, leg dich zu Bett!« Und bald schwebten beide im Reich der Träume dahin, wo der eine seine Clorinde, der andre die Frau des Kommodore wiederfand, denn Liki-Riki war ihm schon weit – sehr weit entrückt. Ein Tag reihte sich an den andern, aus Tagen wurden Wochen und die Reise ging immer weiter: eine entzückende, köstliche Ueberfahrt, bei der sich Tartarin, der so gerne Sympathie und Bewunderung erregte, von diesen Gefühlen unter den verschiedenartigsten Formen umgeben sah. Wenn irgend jemand, so hätte er wie Viktor Jacquemont Berühmter französischer Reisender. Anm. d. Uebers. in seinem Briefwechsel von sich sagen können: »Welch merkwürdiges Glück ich bei den Engländern habe! Diese anscheinend so gefühllosen Menschen, die unter sich so kalt bleiben, tauen unter dem Einfluß meines ungezwungenen Benehmens völlig auf. Gegen ihren Willen und zum erstenmal in ihrem Leben werden sie gemütlich. Ich mache gute Menschen, ich mache Franzosen aus allen Engländern, mit denen ich vierundzwanzig Stunden zusammen bin.« Alle Welt an Bord, Vorder- und Hinterdeck des Tomahawk, Offiziere und Matrosen bewunderten ihn; es war gar nicht mehr die Rede davon, ihn als Kriegsgefangenen zu behalten oder ihn vor ein englisches Gericht zu stellen; in Gibraltar sollte er sofort in Freiheit gesetzt werden. Was den wilden Kommodore betrifft, so war er ganz glücklich, einen Partner wie Pascalon gefunden zu haben, und hielt diesen des Abends stundenlang am Schachbrett fest, was den unglücklichen Anbeter Clorindes zur Verzweiflung brachte und ihn der Möglichkeit beraubte, seiner Geliebten Leckerbissen von seinem Mittagessen ins Vorschiff zu bringen. Denn die armen Tarasconer mußten ihr trauriges Auswandererleben weiterführen, beständig wie Galeerensklaven zusammengepfercht, und alle Abende, wenn Tartarin zur melancholischen Stunde des Sonnenuntergangs auf dem Oberdeck perorierte, erfüllte es ihn mit Trauer und Gewissensbissen, von hoch oben auf seine Landsleute, die wie elendes Vieh zusammengepfercht waren, hinabzublicken und zu sehen, wie sie, besonders seit dem Tag, wo er auf die »Tarasque« geschossen hatte, ihre Augen mit Entsetzen von ihm abwendeten. Dies Verbrechen konnten sie ihm nicht verzeihen, und auch er selbst vergaß ihn nicht, diesen Schuß, der ihm Unheil bringen mußte. Man hatte die Meerenge von Malakka und das Rote Meer passiert, die Landspitze von Sizilien umschifft, man näherte sich Gibraltar. Eines Morgens waren Tartarin und Pascalon, da »Land« signalisiert worden war, mit Hilfe eines der Diener damit beschäftigt, ihre Koffer zu packen, als sie plötzlich die schaukelnde Empfindung hatten, die ein Schiff erregt, wenn es anhält. Der Tomahawk stoppte: gleichzeitig näherten sich Ruderschläge. »Sehen Sie einmal nach, Pascalon,« sagte Tartarin, »es ist vielleicht der Lotse. ...« Wirklich legte auch eine Schaluppe bei, aber es war nicht das Lotsenschiff: es führte die französische Flagge, wurde von französischen Matrosen bedient, und unter diesen befanden sich zwei schwarzgekleidete Männer mit hohen Hüten. Tartarins Seele erbebte. »Ach, die französische Flagge! ... Gib Raum, daß ich sie sehe, mein Kind!« Er stürzte nach der Luke hin, aber im nämlichen Augenblick öffnete sich die Thür der Kabine weit und ließ eine Flut von Licht herein, außerdem aber auch zwei Polizeisoldaten in Zivil von gemeinem, rohem Benehmen, mit Haftbefehl, Auslieferungsgenehmigung und allem, was sonst noch dazu gehört, versehen, und diese legten Hand an den unglücklichen » Status quo « und seinen Sekretär. Leichenblaß aber würdevoll trat der Gouverneur zurück: »Sehen Sie sich vor, was Sie thun: ich bin Tartarin von Tarascon.« »Gerade den suchen wir!« Und ohne ein Wort der Erklärung, ohne eine Antwort auf ihre zahllosen Fragen, ohne zu wissen, was sie gethan hatten, warum man sie verhaftete, wohin man sie führen wollte, wurden sie gepackt. Man bedenke nur die Schande, mit Ketten beladen – man hatte ihnen Handschellen angelegt – an den Matrosen und Kadetten vorübergehen zu müssen und unter dem Hohnlachen und den Schimpfreden ihrer Landsleute, die, über die Schiffsplanken hinausgelehnt, Beifall klatschten und aus vollem Halse schrieen: »Das geschieht ihm recht! ... Bravo! ... Bravo! ...« als Gefangene in die Schaluppe geschafft zu werden! In diesem Augenblick hätte sich Tartarin gern ins Meer versenkt, wo es am tiefsten ist. Vom Kriegsgefangenen wie Napoleon und Themistokles in einen gemeinen Spitzbuben verwandelt zu werden! Und die Frau des Kommodore, die zusah! Offenbar hatte er recht behalten, die »Tarasque« rächte sich, sie rächte sich grausam. Fünfzehntes Kapitel Fortsetzung von Pascalons Tagebuch 5. Juli. – Gefängnis zu Tarascon an der Rhone. Ich komme vom Verhör zurück. Jetzt endlich weiß ich, wessen man uns beschuldigt, den Gouverneur und mich, warum man uns auf dem Tomahawk so plötzlich festgenommen und uns mitten im Glück harpuniert hat. Wie zwei aus klarem Wasser gefischte Seekrebse wurden mir an Bord eines französischen Schiffes geschafft. Dann wurden wir, mit Handschellen gefesselt, nach Marseille, von da nach Tarascon zurückgeführt und hier im Stadtgefängnis in engen Gewahrsam verbracht. Wir sind des Betruges, der fahrlässigen Tötung und der Uebertretung des Auswanderungsgesetzes angeklagt. Ach! Natürlich mußte ich das Auswanderungsgesetz übertreten, denn heute habe ich zum erstenmal seinen Namen gehört, den Namen dieses nichtswürdigen Gesetzes. Nach zwei Tagen der Einkerkerung, unter dem strengen Verbot, mit irgend jemand ein Wort zu sprechen – und das ist entsetzlich für einen Tarasconer – wurden wir vor den Untersuchungsrichter Bonaric ins Gerichtsgebäude geführt. Dieser Beamte hat seine Laufbahn vor etwa zehn Jahren in Tarascon begonnen und kannte mich sehr gut, da er mehr als hundertmal in die Apotheke gekommen ist, wo ich ihm eine Salbe für ein chronisches Ekzema, das er auf der Backe hat, anfertigen mußte. Nichtsdestoweniger hat er mich nach Namen, Vornamen, Alter und Beruf gefragt, als ob wir uns nie gesehen hätten. Ich mußte ihm alles sagen, was ich über die Port Tarasconer Geschichte wußte, und habe zwei Stunden unaufhörlich gesprochen. Sein Gerichtsschreiber konnte mir kaum nachkommen, so sehr war ich im Zug. Dann weder grüß Gott noch adieu: »Angeklagter, Sie können sich zurückziehen!« In der Flur des Justizgebäudes meinen armen Gouverneur gefunden, den ich seit dem Tag unsrer Einkerkerung nicht wiedergesehen hatte, und der mir sehr verändert schien. Im Vorbeigehen drückte er mir die Hand und flüsterte mir mit seiner sanften Stimme zu: »Mut, mein Kind. Die Wahrheit ist wie das Oel, sie schwimmt immer wieder oben auf!« Er konnte mir nichts weiter sagen: die Gendarmen rissen ihn roh von mir fort. Gendarmen für ihn! ... Tartarin in Ketten, zu Tarascon! ... Und dieser Grimm, dieser Haß eines ganzen Volkes! ... Stets wird es mir in den Ohren klingen dieses Wutgeschrei der Bevölkerung, dieser heiße Atem des Plebs, als uns der Gefangenenwagen, in dem jeder in seiner besondern Abteilung eingeschlossen war, ins Gefängnis zurückbrachte. Ich konnte nichts sehen, aber ich hörte um uns her das Getöse einer großen Volksmenge. Der Wagen hielt einen Augenblick auf dem Marktplatz, den ich an den Gerüchen erkannte, die durch die Spalten mit den kleinen, hellen Lichtstrahlen zu mir hereindrangen; wie der Odem der Stadt erschien er mir, dieser Duft der Liebes- und Eieräpfel, der Melonen von Cavaillon, des roten spanischen Pfeffers und der großen, süßen Zwiebeln. Das Wasser lief mir im Mund zusammen, als ich alle diese guten Sachen roch, die ich schon so lange entbehren muß. Es war ein solches Gedränge, daß unsre Pferde nicht weiter konnten. Tarascon war so bevölkert, so belebt, daß man nicht hätte glauben sollen, es sei irgend jemand gestorben, ertrunken oder von den Menschenfressern verzehrt worden. War es mir doch, als hatte ich die Stimme Cambalalettes, des Katasterbeamten, vernommen! Es war natürlich eine Täuschung, denn Bèzuquet hat ja selbst von ihm gegessen, von unserm vielbeklagten Cambalalette. Das weiß ich aber gewiß, daß ich die schallende Stimme des Excourbaniès vernommen habe. Ueber den konnte man sich nicht täuschen, denn er übertönte alles andre Geschrei: »Ins Wasser! ... In die Rhone! In die Rhone! ... Hurra! ... Ins Wasser mit Tartarin! ...« Ins Wasser mit Tartarin! ... Welche Lehre der Weltgeschichte! Welch ein Blatt für die »Erinnerungen«! Ich vergaß zu erwähnen, daß mir der Richter Bonaric mein an Bord des Tomahawk beschlagnahmtes Tagebuch zurückgegeben hat. Er hat es interessant gefunden und mich sogar aufgefordert, es fortzusetzen, und wegen der Dialektausdrücke, die sich ab und zu einschleichen, hat er in seinen roten Backenbart gelacht – ich habe gethan, als ob ich mitlachte. Vom 5. bis 15. Juli. – Das Stadtgefängnis in Tarascon ist ein historisches Schloß, das alte Schloß des Königs René, das man, von seinen vier Türmen flankiert, schon von weitem am Ufer der Rhone erblickt. Wir haben kein Glück mit den historischen Schlössern. Schon in der Schweiz, als man unsern Tartarin, und uns alle mit ihm, für nihilistische Rädelsführer hielt, warf man uns im Schlosse Chillon in das Verließ Bonnivards. Es ist wahr, hier ist es weniger traurig; man hat doch volles Tageslicht und bekommt von der Rhone her frische Luft; auch regnet es nicht, wie in der Schweiz und in Port Tarascon. Meine Zelle ist sehr eng: vier verputzte Wände, eine eiserne Bettstelle, ein Tisch und ein Stuhl. Die Sonne scheint durch ein vergittertes Fenster herein, das unmittelbar auf die Rhone hinausgeht. Von hier aus wurden während der großen Revolution die Jakobiner in den Fluß gestürzt nach dem bekannten Lied: »Aus freiem Willen oder gezwungen, müssen Sie wagen ...« Und da das volkstümliche Repertoire nicht sehr viel Abwechslung bietet, wird dieses unheilverkündende Lied auch uns gesungen. Ich weiß nicht, wo sie meinen armen Gouverneur untergebracht haben, aber er wird wohl so gut wie ich die Stimmen vernehmen, die sich des Abends am Ufer der Rhone erheben, und sonderliche Betrachtungen daran knüpfen. Wenn man uns nur wenigstens bei einander gelassen hätte ... obgleich ich, um die Wahrheit zu sagen, seit meiner Rückkehr eine gewisse Erleichterung darin finde, allein zu sein und mich sammeln zu können. Der vertrauliche Verkehr mit einem großen Mann wirkt nämlich auf die Länge ermüdend! Er spricht immer nur von sich und kümmert sich nichts um das, was andre interessiert. So hatte ich auch auf dem Tomahawk keine Minute für mich, keinen Augenblick, den ich bei meiner Clorinde hätte verbringen können. Wie oft sagte ich zu mir selbst: »Dort drunten ist sie!« Aber ich konnte nicht entwischen. Nach Tisch hatte ich schon die Schachpartie mit dem Kommodore, und den Rest des Tages ließ mich Tartarin nicht mehr los, besonders seit ich ihm die »Erinnerungen« eingestanden hatte. »Schreiben Sie dies.... Vergessen Sie nicht zu erwähnen, daß ...« Und dann oft nicht sehr interessante Anekdoten über sich, über seine Eltern. Man denke, daß Las Cases diesen Beruf jahrelang ausgeübt hat! Der Kaiser weckte ihn morgens um sechs Uhr, führte ihn zu Fuß, zu Pferd oder zu Wagen mit sich fort, und kaum unterwegs, begann er: »Folgen Sie, Las Cases?... Also fahren wir fort.... Als ich den Vertrag von Campo Formio unterzeichnet hatte ...« Der arme Vertraute hatte auch seine eignen Angelegenheiten: sein krankes Kind, seine in Frankreich zurückgebliebene Frau; aber was war dies dem andern, der nichts wollte, als von sich erzählen, sich vor Europa, dem Weltall, der Nachwelt rein waschen, und dies tagtäglich, alle Morgen, alle Abende und zwar jahrelang! Dies will besagen, daß das wirkliche Opferlamm von Helena nicht Napoleon, sondern Las Cases war. Mir ist dieses Martyrium jetzt erspart. Gott ist mein Zeuge, daß ich nichts dazu gethan habe, aber man hat uns getrennt, und ich benütze dies, um an mich, an mein Unglück, das groß ist, – und an meine vielgeliebte Clorinde zu denken. Hält sie mich für schuldig? ... Sie, nein; aber ihre Familie, alle diese Espazettes von Escudelles und Lambesc?... In diesen Kreisen ist ein Mann ohne Titel immer schuldig. Jedenfalls habe ich, von meiner Höhe herabgestürzt, wie ich es bin, keine Hoffnung mehr, je als Gatte Clorindes angenommen zu werden; ich werde meinen alten Beruf unter den Glasgefäßen Bézuquets, in der Apotheke auf der »Placette« wieder aufnehmen.... Und das ist der Ruhm! 17. Juli. – Ein Umstand, der mich viel beunruhigt, ist, daß niemand kommt, mich in meinem Gefängnis zu besuchen. Sie zürnen mir so sehr, wie meinem guten Herrn. Meine einzige Zerstreuung in dieser völligen Abgeschiedenheit besteht darin, auf den Tisch zu steigen: so gelange ich bis an das vergitterte Fenster, und von da habe ich zwischen den Eisenstangen durch eine prachtvolle Aussicht. Sonneflimmernd wälzt sich die Rhone zwischen ihren kleinen, mattgrünen Inseln dahin, die der Wind zerzaust. Der Himmel ist ganz schwarz von all den Turmschwalben, die strichweise vorbeifliegen; bald ertönt ihr Kreischen dicht vor mir, bald dringt es von hoch oben herab, und unten schwankt die Drahtbrücke, so lang und so dünn, daß man immer drauf gefaßt ist, sie wie einen Hut davonfliegen und verschwinden zu sehen. An den Ufern des Flusses die Ruinen alter Schlösser, Beaucaire mit der Stadt zu seinen Füßen, und Courtezon und Vacqueyras. Hinter diesen dicken, von der Zeit verwitterten Mauern wurden ehemals Liebeshöfe abgehalten, wo die Troubadours, die Sänger von damals, von Prinzessinnen und Königinnen geliebt wurden und diese besangen, wie Pascalon seine Clorinde besingt. Ach, welcher Unterschied zwischen jenen fernen Zeiten und heute! Jetzt sind diese prunkenden Schlösser nur noch von Dornen und Wurzeln überwucherte elende Nester, und die Sänger haben gut vornehme Frauen und Fräulein besingen – man macht sich höchstens über sie lustig. Einen weniger traurigen Anblick bietet der Kanal von Beaucaire mit all seinen grün und gelb gemalten, haufenweise zusammengedrängten Schiffen, und auf dem Damm die Uniformen der Soldaten, die ich von meiner Höhe herab spazieren gehen sah. Wie sie sich freuen werden, die Beaucairesen, über das Mißgeschick Tartarins, über den Sturz unsres großen Mannes, denn der Ruhm Tartarins war unsern hochmütigen Nachbarn da drüben stets ein Dorn im Auge. Aus meiner Kindheit erinnere ich mich noch der Wichtigthuerei, die sie mit ihrer Messe von Beaucaire hatten. Von allen Seiten strömte man dorthin – von Tarascon aber natürlich nicht, denn die Drahtbrücke ist viel zu gefährlich! – Es war ein riesiger Zufluß, mehr als wenigstens fünfmalhunderttausend Seelen zusammen auf dem Platz, wo die Messe abgehalten wurde! ... Von Jahr zu Jahr hat das abgenommen. Es gibt noch eine Messe von Beaucaire, aber niemand geht mehr hin. In der Stadt sieht man nichts als Anschlagzettel: »Zu vermieten. ... Zu vermieten ...« und wenn zufällig einmal ein Reisender, der Vertreter eines Handelshauses, hinkommt, wird er von den Einwohnern gefeiert, man reißt sich um ihn, und der Gemeinderat zieht ihm, die Musik voraus, entgegen. Kurzum, Beaucaire hat seinen ganzen Ruf eingebüßt, während Tarascon berühmt geworden ist. ... Und wem hat es dies zu verdanken, wenn nicht Tartarin? Von meinem Tisch, auf den ich gestiegen, habe ich soeben hinausgesehen und über all dies nachgedacht. Die Sonne ging unter, die Nacht brach herein und plötzlich flammte am andern Ufer der Rhone, auf dem Turm des Schlosses von Beaucaire, ein großes Feuer empor. Es brannte lange; lange betrachtete ich dies Feuer. Es schien mir etwas Geheimnisvolles in ihm und in dem rötlichen Widerschein zu liegen, den es auf die Rhone warf, in der tiefen, nur durch den matten Flügelschlag der Fischadler unterbrochenen Stille der Nacht. Was mag es nur sein? Ein Signal? Möchte am Ende jemand, irgend ein Bewunderer unsres großen Tartarin diesem zur Flucht verhelfen? ... Es ist etwas zu Auffallendes um diese, gerade seinem Gefängnis gegenüber, auf einem alten, zerfallenen Turm entfachte Flamme! 18. Juli. – Als ich heute vom Verhör zurückkam und der Gefängniswagen an Sankt Martha vorüberfuhr, die noch immer herrische Stimme der Marquise von Espazettes vernommen, die in hiesigem Dialekt: »Clorende! ... Clorende! ...« rief; und eine sanfte, eine engelgleiche Stimme, die Stimme meiner Vielgeliebten antwortete: »Mama!« Ohne Zweifel begab sie sich in die Kirche, um für mich, für den Ausgang des Prozesses zu beten. Sehr ergriffen in mein Gefängnis zurückgekehrt. Einige provençalische Verse geschrieben über die glückliche Vorbedeutung dieses Zusammentreffens. Am Abend, um die gleiche Stunde, wieder das gleiche Feuer auf dem Turm von Beaucaire. Es leuchtet da drüben in der Nacht wie die Holzstöße, die man zur Johannisfeier anzündet. Offenbar ist es ein Signal. Tartarin, mit dem ich beim Verhör in dem engen Gang vor dem Zimmer des Richters ein paar Worte habe wechseln können, hat diese Feuer wie ich zwischen den Eisenstäben seines Kerkers hindurch gesehen; und als ich ihm sagte, was ich dachte: daß ihm vielleicht Freunde zur Flucht verhelfen wollten, wie einstens Napoleon auf Sankt Helena, schien ihm dieser Vergleich großen Eindruck zu machen. »Ach! Wirklich, Napoleon in Sankt Helena ... und man hat versucht, ihn zu befreien?« Allein nach einem Augenblick der Ueberlegung hat er mir erklärt, daß er sich auf etwas derartiges nie einlassen werde. »Natürlich ist es nicht der Umstand, daß ich den dreihundert Fuß hohen Turm an einer, in dem vom Fluß herüberwehenden Nachtwind hin- und her schwankenden Strickleiter hinabklettern müßte, was mir Angst machen könnte. ... Ich würde davor zurückschrecken, daß es den Anschein gewönne, als ob ich vor der Anklage fliehe. Nein, glauben Sie das nicht, Kind! Tartarin von Tarascon wird nicht entweichen!« Ach, wenn alle die, die, so oft er vorüberkommt, brüllen: »In die Rhone! In die Rhone mit ihm!« dies hätten hören können! ... Und ihn beschuldigt man des Betrugs! Ihn hat man für den Mitschuldigen dieses elenden Herzogs von Mons halten können! ... Warum nicht gar! ... Ist so etwas denn menschenmöglich? ... Immerhin hält er ihm jetzt nicht mehr die Stange, seinem Herzog; er beurteilt ihn nach seinem wahren Wert, diesen verruchten Belgier! Das wird man bei seiner schönen Verteidigungsrede sehen, denn Tartarin wird vor Gericht seine Sache selbst führen. Ich meinesteils stottere zu sehr, um öffentlich reden zu können; ich werde von Cicero Franquebalme verteidigt werden, und alle Welt weiß, welch unvergleichliche Logik der Beweisführung er in seinen Plaidoyers zu entwickeln versteht. 20. Juli, abends. – Die Stunden, die ich bei dem Untersuchungsrichter verbringe, sind sehr schmerzlich für mich! Die Schwierigkeit liegt nicht darin, mich zu verteidigen, sondern darin, dies zu thun, ohne meinen guten Herrn allzusehr zu belasten. Er ist so unvorsichtig gewesen, er hat dem Herzog von Mons gar so viel Vertrauen geschenkt! Und dann weiß man gar nicht, wie man mit Herrn Bonaric dran ist, ob man fürchten oder hoffen soll, das kommt von seinem intermittierenden Ekzema, das bei dieser Gerichtsperson zur fixen Idee wird: er ist wütend, wenn es sichtbar ist, und der beste Mensch von der Welt, wenn es nicht sichtbar ist. Einer, bei dem es sichtbar ist und bei dem es auch immer sichtbar bleiben wird, das ist der unglückliche Bézuquet, der in jenen fernen Meeren mit seiner Tättowierung ganz behaglich weiter lebte, dem es aber jetzt unter dem tarasconischen Himmel vor sich selber ekelt, weshalb er nicht mehr ausgeht und sich so viel als möglich in sein Laboratorium verkriecht, wo er das Unterste zu oberst kehrt, Kräutersäfte zusammenbraut und seine Kunden unter einer Samtlarve bedient, wie ein Verschwörer in der komischen Oper. Es ist eigentümlich, daß die Männer gegen derartige physische Uebel wie Flechten, Muttermale, Ekzemas und dergleichen empfindlich sind: vielleicht empfindlicher als die Frauen. Daraus entspringt gewiß auch der Groll Bézuquets gegen Tartarin, die Ursache all seiner Leiden. 24. Juli. – Gestern wiederum dem Richter Bonaric vorgeführt, ich glaube zum letztenmal. Er hat mir eine Flasche gezeigt, die von einem Rhonefischer zwischen den Inseln aufgefischt worden ist; er hat mich auch folgenden Brief lesen lassen, der in der Flasche eingeschlossen war: » Tartarin. – Tarascon.– Stadtgefängnis. – Mut! Ein Freund wacht jenseits der Brücke. Wenn der Augenblick gekommen ist, wird er sie überschreiten. Ein Opfer des Herzogs von Mons. « Der Richter hat mich gefragt, ob ich mich erinnerte, jemals diese Handschrift gesehen zu haben. Ich habe geantwortet, daß ich sie nicht kenne; und da man immer die Wahrheit sagen muß, habe ich hinzugefügt, daß schon früher einmal diese Art von Korrespondenz mit Tartarin versucht worden sei; daß ihm vor unsrer Abreise von Tarascon eine ganz ähnliche Flasche mit einem Brief zugekommen sei, ohne daß er irgend welchen Wert darauf gelegt hätte, weil er es nur für eine Neckerei hielt. Der Richter hat zu mir gesagt: »Es ist gut.« Und dann wie gewöhnlich: »Sie können sich zurückziehen.« 26. Juli. – Die Untersuchung ist beendigt, man kündet die Verhandlung als nahe bevorstehend an. Die Stadt ist in Aufregung. Die Gerichtsverhandlung wird etwa am 1. August beginnen. Bis dahin werde ich nicht mehr schlafen. Es ist übrigens schon lange her, daß ich kaum noch Schlummer finden kann in diesem engen, glühend heißen Loch. Ich bin gezwungen, das Fenster offen zu lassen; ganze Schwärme von Moskitos kommen herein, und ich höre die Ratten in allen Ecken knuppern. In den letzten Tagen habe ich verschiedene Unterredungen mit Cicero Franquebalme gehabt. Er hat mit viel Bitterkeit von Tartarin gesprochen; ich merke, wie übel er es ihm nimmt, daß er ihm seine Sache nicht anvertraut hat. Armer Tartarin, er hat niemand für sich! Es scheint, daß der Gerichtshof neu zusammengesetzt worden ist, Franquebalme hat mir die Namen der Richter genannt: Präsident Mouillard; Beisitzer Beckmann und Robert du Nord. Keine Beeinflussung kann geltend gemacht werden. Diese Herren sind, wie man mir sagt, nicht von hier. Uebrigens scheinen dies schon ihre Namen anzudeuten. Aus ich weiß nicht welchem Grund hat man von den gegen uns erhobenen Anklagen die beiden Hauptpunkte, die fahrlässige Tötung und die Uebertretung des Auswanderungsgesetzes fallen lassen. Vor Gericht vorgeladen: Tartarin von Tarascon, der Herzog von Mons – aber es würde mich sehr wundernehmen, wenn dieser erschiene! – und Pascal Testanière, genannt Pascalon. 31. Juli. – Nacht voll Fieber und Angst. Morgen! Sehr lange im Bett geblieben. Nur noch die Kraft gehabt, folgendes tarasconische Sprichwort an die Mauer zu schreiben, das ich von Bravida, der sie alle kannte, so oft habe sagen hören: »Im Bette liegend nicht schlafen können, Auf andere stets vergeblich warten, Und ohne Freud' in Liebe brennen, Sind drei verschiedene Todesarten!« Sechzehntes Kapitel Ein Prozeß im Süden. – Widersprechende Zeugenaussagen. – Tartarin schwört vor Gott und den Menschen. – Die Aufschneider von Tarascon. – Rugimabaud vom Haifisch verschlungen. – Ein unerwarteter Zeuge. Ach Gott, nein, sie waren nicht von hier, die Richter des armen Tartarin! Um sich davon zu überzeugen, brauchte man sie nur an diesem glühenden Augustnachmittag zu sehen, an dem die Sache des Gouverneurs in dem zum Brechen vollen großen Saal des Justizgebäudes zur Verhandlung kam. Der Monat August ist nämlich in Tarascon der Monat der drückendsten Hitze. Um diese Zeit ist es dort so heiß wie in Algier und es werden die nämlichen Vorsichtsmaßregeln gegen die Sonnenglut ergriffen, wie in unsern afrikanischen Städten: man zieht sich vor Mittag von den Straßen zurück, die Truppen werden in den Kasernen konsigniert und die Schirmdächer an allen Läden herabgelassen. Aber der Prozeß Tartarins hatte alle lokalen Gewohnheiten umgestoßen, und man kann sich leicht denken, welche Temperatur in dem mit Menschen vollgestopften Zuhörerraum herrschte, in dessen Hintergrund die Damen mit ihren Falbeln und Federbüschen auf der Galerie zusammengedrängt saßen. Der geharnischte Stundenschläger auf der Uhr des Gerichtsgebäudes schlug zwei Uhr; durch die hohen, weit geöffneten Fenster, an denen lange, gelbe Rollvorhänge angebracht waren, drang zugleich mit den Schwingungen des wieder zurückgeworfenen Lichtes, das einschläfernde Zirpsen der Cikaden aus den Elsbeerbäumen und Platanen, den großen Bäumen mit weißen, staubbedeckten Blättern am Korso, das Getöse der Menge draußen, die Rufe der Wasserverkäufer, die wie bei den Stiergefechten schrieen: »Wer will trinken? Das Wasser ist frisch!« – bis in den Saal herein. Man mußte wirklich aus Tarascon gebürtig sein, um die Hitze, die da drinnen herrschte, aushalten zu können; es war so betäubend heiß, daß selbst ein zum Tod Verurteilter eingeschlafen wäre, während man ihm sein Urteil verkündete. So waren denn auch die drei Richter, Fremdlinge in diesem glühenden Süden, bei weitem die Erschöpftesten im Saal. Der Präsident Mouillard, ein Lyoner, der aussah wie ein französischer Schweizer, mit strenger Miene und langem, ältlichem Philosophenkopf, erregte schon durch seinen Anblick die Lust zu weinen, und neben ihm die beiden beigezogenen Richter, Beckmann, der von Lille kam, und Robert du Nord von noch viel weiter oben. Schon gleich bei Beginn der Verhandlungen waren diese drei Herren, die ihre Augen stets auf die großen viereckigen Lichtstellen richteten, die sich hinter den gelben Vorhängen abzeichneten, trotz alles Widerstrebens von einer unerklärlichen geistigen Stumpfheit befallen worden, und während des unendlichen Zeugenaufrufes – mindestens zweihundertfünfzig und lauter Belastungszeugen – schließlich völlig eingeschlafen. Die Gendarmen, die auch nicht aus dem Süden waren und die grausamerweise all ihr schweres Lederzeug an sich haben mußten, schliefen ebenfalls. Zweifelsohne sind dies keine günstigen Vorbedingungen für einen guten Richterspruch. Glücklicherweise hatten die Herren vom Gericht die Sache im voraus studiert, denn sonst hätten sie gar nichts davon verstanden, da sie in ihrer schläfrigen Trägheit nichts hörten als das Zirpsen der Grillen und ein wirres Durcheinander von Fliegengesumm und Menschenstimmen. Nach dem Zeugenaufruf begann der Hilfsstaatsanwalt Bompard du Mazet mit der Verlesung der Anklageschrift. Das war ein echter Sohn des Südens! Ein ganz kleiner, zottiger, langhaariger, schmerbauchiger Kerl mit einem Bart aus schwarzen Hobelspänen; mit Augen, die hervorquollen wie bei einem geklopften Hasen und in einem Gesicht standen, das aussah, als sei es beharrlich mit Blasenpflastern behandelt worden; mit einer Stimme, die einem wie eine Blechtrompete in den Ohren dröhnte; dazu ein Mienenspiel und ein Hin- und Herhüpfen ... der Ruhm der tarasconischen Staatsanwaltschaft! Man kam meilenweit herbei, um ihn zu hören; aber was diesmal seiner Anklagerede eine ganz besondere Würze verlieh, das war die Verwandtschaft des Redners mit dem berühmten Bompard, einem der ersten Opfer des Abenteuers von Port Tarascon. Nie hat sich ein Ankläger erbitterter, leidenschaftlicher, ungerechter und parteiischer gezeigt; so was hat man aber gern in Tarascon, wie alles, was einen erregt, alles, was einen in Harnisch bringt! ... Wie er ihn durchhechelte, den armen Tartarin, der mit seinem Sekretär zwischen zwei Gendarmen saß! Wie er dessen ganze ruhmvolle Vergangenheit zerfetzte, dieser geifernde Knebelbart! Außer sich, tief beschämt barg Pascalon sein Gesicht in seinen Händen, aber Tartarin selbst hörte sehr ruhig, mit erhobener Stirn und hellen Augen zu; er fühlte, daß sein Tag sich neige, daß die Stunde des großen Zusammenbruches gekommen sei. Er wußte, daß es ebensowohl Naturgesetze der Größe wie der Schwere gibt, und war entschlossen, sich diesen zu unterwerfen. Bompard du Mazet aber wurde immer beleidigender und stellte ihn als gemeinen Gauner hin, der seinen sehr zweifelhaften Ruhm, den er vielleicht nie getöteten Löwen und nie bestiegenen Bergen verdankte, mißbrauchte, um mit einem Abenteurer, einem Unbekannten, diesem Herzog, von Mons, der sich heute nicht einmal der Gerechtigkeit stellte, gemeinschaftliche Sache zu machen. Ja, er erklärte Tartarin für noch viel verruchter als den Herzog von Mons, der wenigstens nicht seine Landsleute ausgebeutet habe, während Tartarin auf die Tarasconer spekuliert und diese bestohlen, zu Grunde gerichtet und an den Bettelstab gebracht habe, so daß sie die Kehrichthaufen durchwühlen mußten, um dort ihr Brot zu suchen. »Und übrigens, hoher Gerichtshof, was läßt sich von einem Mann erwarten, der auf die »Tarasque«, auf die Großmutter geschossen hat? ..« Bei diesem Schluß ertönte patriotisches Schluchzen im Zuschauerraum, dem von der Straße her Gebrüll antwortete, denn die Stimme des Hilfsstaatsanwaltes war mit ihrem schmetternden Klange durch Fenster und Thüren hindurch bis hinunter gedrungen: er selbst, von seinen eignen Worten und Tönen überwältigt, begann bitterlich zu weinen, und seine Thränengüsse plätscherten dermaßen, daß die Richter plötzlich aus dem Schlaf aufschreckten und glaubten, sämtliche Dachtraufen und Regenrinnen des Gerichtsgebäudes seien unter einem Gewitterregen geplatzt. Bompard du Mazet hatte fünf Stunden lang gesprochen. In diesem Augenblick drang, trotz der noch immer erdrückenden Hitze, von der Rhone herein ein leichter, frischer Luftzug, der die gelben Fenstervorhänge zu schwellen begann. Der Präsident Mouillard schlief nicht mehr ein; da er erst vor kurzem hierher ernannt worden war, genügte die Verblüfftheit, in die er durch die zügellose Erfindungskraft der Tarasconer versetzt wurde, um ihn völlig wach zu erhalten. Tartarin war der erste, der den Reigen dieser köstlichen, naiven Schwindeleien eröffnete, die, sozusagen, der Duft und das Aroma des Ortes sind. An einem gewissen Punkt seines Verhörs, das wir glauben abkürzen zu müssen, stand er plötzlich auf und sprach mit erhobener Hand: »Ich schwöre vor Gott und den Menschen, daß ich diesen Brief nicht geschrieben habe.« Es handelte sich um einen Brief, den er von Marseille aus an Pascalon, den Redakteur der »Gazette«, geschickt hatte, um ihn zu fruchtbareren, reichlicheren Erfindungen anzuspornen. Nein, tausendmal nein, der Angeklagte hatte das nicht geschrieben; er sträubte sich, er wehrte sich dagegen. ... Vielleicht – das will ich nicht bestreiten – der »nicht erschienene« hochwohlgeborene Herr von Mons! ... Und wie er dies »nicht erschienene« zwischen seinen verächtlich aufgeworfenen Lippen hervorzischte! Darauf der Präsident: »Geben Sie dem Angeklagten den Brief!« Tartarin nahm ihn, sah ihn an und erwiderte ganz einfach: »Es ist wahr; das ist unleugbar meine Handschrift. Der Brief ist von mir, nur erinnerte ich mich dessen nicht mehr.« Das hätte Tiger zum weinen bringen können! Einen Augenblick später die nämliche Geschichte mit Pascalon aus Veranlassung eines in der »Gazette« erschienenen Artikels, worin der Empfang geschildert wurde, der den Fahrgästen der »Farandole« und des »Lucifer« auf dem Rathaus von Port Tarascon von den Eingeborenen, dem König Négonko und den ersten Ansiedlern auf der Insel bereitet worden war, nebst einer sehr eingehenden und ausführlichen Beschreibung des Rathauses. Das Verlesen dieses Artikels rief im Saal bei jedem Wort unauslöschliches, tolles, von Rufen der Enttäuschung unterbrochenes Gelächter hervor; Pascalon selbst war empört und wehrte sich von seinem Platz aus mit Händen und Füßen dagegen: das war nicht von ihm! Nie im Leben hatte er sich dazu hergegeben, solche fabelhafte Unwahrscheinlichkeiten zu unterschreiben! Man hielt ihm den Artikel unter die Augen, der nach seiner Angabe mit Zeichnungen illustriert und mit seinem Namen unterschrieben war, nebst seinem eignen in der Trinquelagueschen Druckerei gefundenen Text. »Das ist ein überwältigender Beweis,« erklärte der unglückliche Pascalon darauf mit verwundert glotzenden Augen, »die Sache war mir völlig entfallen!« Tartarin verteidigte seinen Sekretär. »Die Wahrheit, Herr Präsident, ist, daß ich, da ich blindlings alle die Geschichten des hier »nicht erschienenen« Herrn von Mons geglaubt habe ...« »Er hat einen breiten Rücken, der Herr von Mons,« unterbrach ihn der Hilfsstaatsanwalt grimmig. »... daß ich diesem unglücklichen Kind,« fuhr Tartarin fort, »den Gedanken zu dem zu schreibenden Artikel gegeben und zu ihm gesagt habe: ›Schmücken Sie ihn aus!‹ Und er schmückte ihn aus.« »Es ist sicher wahr,« stammelte Pascalon schüchtern, »ich habe nie etwas andres gethan, als ausge ... geschmückt!« Ach, das Ausschmücken! Der Herr Präsident sollte noch ganz andre Aufschneider kennen lernen, als er gleich darauf die Zeugen verhörte, die, sämtlich aus Tarascon gebürtig, alle gleich erfinderisch waren und heute zurücknahmen, was sie gestern behauptet hatten. »Aber das haben Sie ja in der Voruntersuchung angegeben!« »Ich? Ich soll dies gesagt haben? ... Ach, gehen Sie! Das ist mir nicht in den Mund gekommen!« »Aber Sie haben es unterschrieben!« »Unterschrieben? ... Ebensowenig!« »Hier ist Ihre Unterschrift!« »Weiß Gott, es ist so. ... Wahrhaftig, Herr Präsident, darüber kann sich niemand mehr wundern als ich!« Und so war's bei allen; keiner konnte sich mehr erinnern. Verblüfft und zornig standen die Richter diesen Widersprüchen, dieser anscheinenden Unehrlichkeit gegenüber, denn diese kalten Männer des Nordens verstanden es nicht, der Erfindungskraft und der Phantasie der Länder des Lichtes Rechnung zu tragen. Einer der merkwürdigsten war Costecalde, der erzählte, er sei von der Insel verjagt und durch die Plackereien Tartarins, des Tyrannen, gezwungen worden, Weib und Kinder zu verlassen. Man muß gehört haben, wie er das Drama in der Schaluppe, das erschreckliche aufeinanderfolgende Hinsterben seiner unglücklichen Gefährten erzählte; man muß gehört haben, wie Rugimabaud, der neben der Barke herschwamm, um seinen Körper etwas zu erfrischen, plötzlich von einem Haifisch gepackt und entzwei gebissen worden war. »Ach, das Lächeln meines Freundes. ... Ich sehe es noch; er streckte die Arme nach mir aus, ich eile zu ihm, da verzieht sich plötzlich sein Gesicht, er verschwindet, und es ist nichts mehr von ihm da ... nichts als ein blutiger Kreis auf dem Wasser, der immer größer wird.« Und mit krampfhaft zuckender Hand beschrieb er einen Kreis vor sich, während seinen Augen Thränen entströmten, so groß wie Kichererbsen. Als sie den Namen Rugimabaud vernahmen, neigten sich die beiden Richter Beckmann und Robert du Nord, die seit einem Augenblick wach geworden waren, zu dem Präsidenten hin, und während des allgemeinen Schluchzens, das die Erzählung Costecaldes verursacht hatte, sah man die drei schwarzen Barette wackelnd zusammenstecken. Dann wandte sich der Präsident an den Zeugen: »Sie sagen, Rugimabaud sei vor Ihren Augen von einem Haifisch verschlungen worden? Aber der Gerichtshof hört soeben, daß ein gewisser Rugimabaud, der heute früh gelandet ist, als Belastungszeuge vorgeladen ist ... sollte das nicht vielleicht der aus der Schaluppe sein? ...« »Ja freilich bin ich derselbe ...« rief der ehemalige Unterdirektor der Landwirtschaft. »Sieh mal an, da ist ja der Rugimabaud,« sagte Costecalde, nicht im mindesten aus der Fassung gebracht. »Ich hatte ihn noch nicht gesehen – das ist das erste Wort, das ich höre!« Ein schwarzes Barett bemerkte: »Er wird also wohl nicht gefressen worden sein, wie Sie eben erzählt haben?« »Dann werde ich ihn mit Truphénus verwechselt haben. ...« »Oho! Ich bin auch da, ich bin nicht gefressen worden,« protestierte die Stimme des Truphénus. Costecalde fing an, ungeduldig zu werden. »Mag's nun der oder jener sein, das ist einerlei – jedenfalls weiß ich, daß einer von einem Haifisch gefressen worden ist; ich habe den Kreis gesehen.« Darauf fuhr er fort seine Aussagen zu machen, wie wenn nichts geschehen wäre. Ehe er von den Schranken zurücktrat, wollte der Präsident noch wissen, wie hoch sich seiner Ansicht nach die Zahl der Opfer etwa belaufe. »Wenigstens ›vierzg Tausend‹,« (so wird in Tarascon vierzigtausend ausgesprochen). Da nun durch die Register der Kolonie festgestellt wurde, daß sich überhaupt niemals mehr als vierhundert Einwohner auf der Insel befunden hatten, so kann man sich die Verwunderung des Präsidenten Mouillard und seiner Richter ausmalen. Die Aermsten schwitzten aus allen Poren – derartige Debatten, solch tolle Aussagen hatten sie noch nie gehört. Auf der Zeugenbank nichts als rasche Unterbrechungen, leidenschaftliches Widerreden; Leute, die in die Höhe sprangen, sich gegenseitig so die Worte vom Munde rissen, daß man fürchten mußte, der Mund gehe auch gleich mit, und dieses Zähnefletschen, dieses dämonische Lachen! Ein phantastischer, tragikomischer Prozeß, in dem es sich nur um gefressene, ertrunkene, gesottene, gebratene, gekochte, verschlungene, tättowierte, zu Pastetenfleisch zerhackte Tarasconer handelte, die sich hier alle in bestem Wohlsein, im Besitz ihrer sämtlichen Glieder, ohne einen Zahn verloren, ohne eine Schramme davongetragen zu haben, auf der nämlichen Bank zusammengefunden hatten. Die zwei oder drei, die beim Aufruf noch fehlten, wurden jeden Augenblick erwartet; sicher hatten sie das nämliche Glück wie ihre Gefährten, und deshalb hatte der Untersuchungsrichter Bonaric, der mit den Gewohnheiten seiner Landsleute besser vertraut war, den Präsidenten vorsichtshalber veranlaßt, die Frage der fahrlässigen Tötung fallen zu lassen. Unterdessen nahm die Vernehmung der Zeugen ihren Fortgang und wurde immer lauter und immer lächerlicher. Im Zuschauerraum ergriff das Publikum Partei, höhnte, klatschte Beifall, lachte ohne Scham und Scheu dem Präsidenten unter die Nase, der alle Augenblick drohte, den Saal räumen zu lassen, aber von dem Heidenlärm und dem Durcheinander selbst so verwirrt war, daß er durchaus nichts räumen ließ, sondern, die Ellbogen auf den Tisch gestützt, seinen armen Kopf, der zu zerspringen drohte, mit beiden Händen hielt. Während einer verhältnismäßigen Windstille lehnte sich Robert du Nord, ein großer hagerer Greis mit spöttischem, von einem seidenweichen weißen Backenbart umrahmten Mund, in seinen Stuhl zurück und bemerkte, das Barett auf dem Ohr: »Kurzum, das Ende vom Lied ist, daß alles wieder da ist, außer der »Tarasque«.« Der Hilfsstaatsanwalt Bompard du Mazet fuhr auf, wie ein Teufelchen aus seiner Schachtel: »Und mein Onkel? ...« »Und Bompard?« fragte der ganze Saal als Echo. Der Beamte fuhr mit seiner Klapphornstimme fort: »Ich mache den hohen Gerichtshof darauf aufmerksam, daß mein Onkel Bompard eines der ersten Opfer war. Wenn ich auch das Zartgefühl gehabt habe, in der Anklage nicht von ihm zu sprechen, so bleibt nichts destoweniger die Thatsache bestehen, daß dieser jedenfalls nicht zurückgekehrt ist und auch niemals zurückkehren wird ....« »Entschuldigen Sie, Herr Hilfsstaatsanwalt,« unterbrach ihn der Präsident, »aber soeben läßt mir ein Herr Bompard seine Karte zustellen und verlangt, gehört zu werden. ... Ist es der Ihre?« Es war der seine: Bompard (Gonzaga). Dieser allen Tarasconern so wohlbekannte Name erregte einen ungeheuren Tumult. Publikum, Zeugen, Angeklagte, alle sprangen auf, stiegen auf die Bänke, beugten sich vor, schrieen, versuchten ihn zu sehen und schnaubten vor Ungeduld und Neugierde. Angesichts dieser Aufregung hob Präsident Mouillard die Sitzung für einige Augenblicke auf, und man benützte diese Pause, um ein Dutzend ohnmächtiger, vor Hitze und Bestürzung halbtoter Gendarmen hinauszutragen. Siebzehntes Kapitel Bompard hat die Brücke überschritten. – Geschichte eines Briefes mit fünf roten Siegeln. – Bompard beruft sich auf ganz Tarascon. doch dieses antwortet nicht. – »Alle Wetter, so lesen Sie doch diesen Brief!« – Lügner des Nordens und Lügner des Südens. »Er ist es, es ist Gonzaga! ... Seht, seht!« »Wie dick er geworden ist!« »Wie bleich er aussieht!« »Er sieht aus wie ein Türke!« So lange hatten ihn unsre Tarasconer nicht mehr gesehen, daß sie ihn fast nicht mehr erkannten, den wackeren Bompard, der einst so mager war, mit seinem schnauzbärtigen Palikarenkopf, und mit Augen, wie die einer toll gewordenen Ziege; jetzt war er dick und fett, »mast«, wie sie sagten, aber er hatte noch denselben Bart, dieselben verrückten Augen, dasselbe in die Breite gegangene, aufgedunsene Gesicht. Ohne nach rechts oder nach links zu sehen, folgte er dem Gerichtsdiener bis vor die Schranken. Frage: »Sie sind wirklich Gonzaga Bompard?« »Um die Wahrheit zu sagen, Herr Präsident, so zweifle ich beinahe daran, wenn ich sehe« – emphatische Bewegung Bompards nach der Anklagebank hin – »wenn ich, sage ich, auf dieser Armensünderbank unsern leuchtendsten Ruhm erblicke, wenn ich höre, wie hier in dieser Halle ein Mann verunglimpft wird, der die Ehre und Rechtschaffenheit selbst ist. ...« »Danke, Gonzaga,« sagte Tartarin von seinem Platz aus, mit vor Bewegung erstickter Stimme. Ohne zu zucken hatte er alle Beschimpfungen über sich ergehen lassen, aber jetzt, bei dem Mitgefühl seines alten Kameraden, brach ihm fast das Herz, und die Thränen stiegen ihm in die Augen wie einem Kind, das man bemitleidet. Bompard fuhr fort: »Sei ganz ruhig, tapferer Mitbürger, du wirst auf der schmutzigen Bank dort nicht verschimmeln, und ich bringe hier den Beweis ... den Beweis ...« Er stöberte in seinen Taschen und zog eine Marseiller Pfeife, ein Messer, einen alten Kieselstein, einen Feuerstahl, einen Knäuel Bindfaden, ein Metermaß, einen Barometer und eine homöopathische Pillenschachtel hervor und legte all diese Gegenstände einen um den andern auf den Tisch des Gerichtsschreibers nieder. »Nun, Zeuge Bompard, sind Sie bald fertig?« fragte der Präsident ungeduldig. Und der Hilfsstaatsanwalt Bompard du Mazet: »Komm, Onkel, beeile dich ein wenig!« Der Onkel drehte sich nach ihm um. »So ist's recht! Mach du dich nur auch noch mausig, nach dem, was du dir unserm armen Freund zu sagen erlaubt hast! ... Du wirst erleben, daß ich dich enterbe, Nichtswürdiger!« Der Neffe blieb kalt bei dieser Drohung und der Onkel, immer noch mit der Durchforschung seiner Taschen beschäftigt, breitete eine Sammlung der wunderlichsten Dinge vor sich aus, bis er endlich fand, was er suchte: einen großen Brief mit fünf roten Siegeln. »Herr Präsident, hier ist ein Dokument, aus dem erhellt, daß der Herzog von Mons der ärgste Halunke, ein Zuchthäusler, ein ...« Die ärgsten Schimpfworte wollten erst noch kommen. Doch der Präsident unterbrach ihn: »Es ist gut, geben Sie das Schriftstück her!« Er öffnete den geheimnisvollen Brief und teilte ihn, nachdem er ihn gelesen hatte, den beiden andern Richtern mit, die ihre Nasen hineinsteckten und ihn aufmerksam prüften, ohne den Eindruck zu verraten, den er auf sie machte. Weiß Gott, das waren die echten Richter aus dem Norden! So verschlossen, so zugeknöpft! Was wohl in diesem vertrackten Brief stand? Nach diesen Gesichtern da konnte man sich schwer einen Begriff davon machen. Die Anwesenden reckten und neigten sich und hielten schützend die Hand vor die Augen, um aus der Ferne besser sehen zu können; selbst ganz hinten in den Galerieen fragte man einander: »Was ist denn los? Was zum Henker kann das denn sein?« Und da, dank den offengebliebenen Fenstern und Thüren, alle Zwischenfälle, die sich in der Verhandlung ereigneten, draußen bekannt wurden, so drang ein großer Lärm, ein verworrenes Getöse wie das Rauschen der Meereswogen bei einer steifen Brise bis in den Gerichtssaal herauf. Plötzlich schliefen die Gendarmen nicht mehr, auch die Fliegen, die in ganzen Trauben an der Decke hingen, erwachten, und da die Abendkühle in den Saal drang, verlangten die den Fenstern zunächst Sitzenden mit der den Tarasconern eignen Angst vor Luftzug, mit großem Geschrei, man solle zumachen, »denn da könne man sich den Tod holen«. Zum hundertstenmal kreischte Präsident Mouillard: »Ein wenig Ruhe, oder ich lasse den Saal räumen! ...« und das unterbrochene Verhör nahm seinen Fortgang. Frage: »Zeuge Bompard, wie und in welchem Augenblick ist dieser Brief in Ihre Hand gelangt?« Antwort: »Bei der Abfahrt der »Farandole« in Marseille stellte mir der Herzog oder vielmehr der sogenannte Herzog von Mons meine Vollmachten als provisorischer Gouverneur von Port Tarascon zu, und dabei übergab er mir auch diesen Brief, der mit fünf roten Siegeln verschlossen war, obgleich er kein Geld enthielt. Ich würde darin seine letzten Instruktionen finden, sagte er, und empfahl mir dringend, ihn erst angesichts irgend einer der Admiralitätsinseln, unter, ich weiß nicht welchem Längen- und Breitengrad zu öffnen. Uebrigens steht dies auch auf dem Umschlag vermerkt, Sie können es sehen ...« Frage: »Ja, ja, ich sehe es ... und dann?« Antwort: »Dann, Herr Präsident, dann geschah es, daß ich von dieser plötzlichen Krankheit befallen wurde, die, wie man Ihnen gesagt haben wird, sogar ansteckend, krebsartig und was weiß ich noch alles war, so daß man gezwungen war, mich, meinem Ende nah, bei Schloß Is zu landen. Als ich erst wieder festes Land unter den Füßen hatte, wand und krümmte ich mich vor Schmerzen, den Brief noch immer in der Tasche, denn ich hatte über meinem Leiden vergessen, ihn Bézuquet mit meinen Vollmachten zu übergeben.« Frage: »Ein bedauerliches Vergessen. ... Und hernach?« Antwort: »Hernach, Herr Präsident, als es mir ein wenig besser ging, so daß ich aufstehen und mich wieder anziehen konnte, aber noch immer recht schwach, – ach, wenn Sie wüßten, wie ich damals ausgesehen habe! ... da langte ich einmal ganz zufällig in die Tasche. ... Herrje! Der Brief mit den roten Siegeln! ...« Der Präsident in strengem Ton: »Zeuge Bompard, wäre es nicht der Wahrheit entsprechender, zu sagen, daß Sie vorgezogen haben, diesen Brief, der bestimmt war, erst viertausend Meilen von Frankreich entfernt geöffnet zu werden, sofort, noch im Hafen von Marseille zu erbrechen, um zu erfahren was er enthielt, und daß Sie, als Sie dessen Inhalt lasen, vor der Verantwortung zurückschreckten, die er Ihnen auferlegte.« »Sie kennen Bompard nicht, Herr Präsident! Ich berufe mich auf das ganze, hier gegenwärtige Tarascon.« Auf diesen rednerischen Effekt folgte Grabesstille. Von seinen Landsleuten, die es doch, weiß Gott, nicht allzu genau mit der Wahrheit nehmen, mit dem Spitznamen »der Lügner« bezeichnet, war es von Bompard ein starkes Stück, sie in dieser Weise als Zeugen aufzurufen. Das also befragte Tarascon antwortete auch nicht. Er, ohne seine Kaltblütigkeit zu verlieren: »Sie sehen, meine Herren Richter, ... keine Antwort ist auch eine Antwort. ...« Und in seiner Erzählung fortfahrend: »Als ich nunmehr den Brief wieder gefunden hatte, war Bézuquet, der seit Wochen fortgesegelt war, viel zu ferne, als daß ich ihm denselben noch hätte zukommen lassen können; ich entschloß mich also, seinen Inhalt zur Kenntnis zu nehmen, und Sie können sich meine entsetzliche Lage vorstellen. ...« Sehr entsetzlich war aber auch die Lage der Zuhörer, die noch immer nicht wußten, was dieser auf dem Tisch des Gerichtes niedergelegte Brief enthielt, von dem doch die ganze Zeit gesprochen wurde. Und jeder reckte den Hals; aber aus solcher Entfernung konnte man nichts sehen, als die großen, roten, hypnotisierenden Siegel auf dem Umschlag, die von Minute zu Minute ins Ungeheure zu wachsen schienen. Bompard fuhr fort: »Was sollte ich thun, frage ich Sie, nachdem ich das Fürchterliche erfahren hatte? Der »Farandole« nachschwimmen? Ich habe einen Augenblick daran gedacht, aber ich mußte mit meinen Kräften rechnen. Die Abreise des Tutu-panpan verhindern, indem ich meinen Landsleuten diesen abscheulichen Brief mitteilte, ihre Begeisterung mit einem solchen Kaltwasserstrahl dämpfte? Aber ich wäre gesteinigt worden! Und dann, wissen Sie, habe ich mich auch gefürchtet. ... Ich habe nicht einmal gewagt, mich in meiner Verlegenheit, ohne zu wissen, was ich sagen sollte, in Tarascon zu zeigen. Und alsdann habe ich mich gegenüber, in Beaucaire versteckt, von wo aus ich alles beobachten konnte, ohne gesehen zu werden. Ich vereinigte dort zwei Stellungen: die des Marktaufsehers und des Schloßwächters. Wie Sie sich denken können, hatte ich Muße genug. Von dem alten Turm aus beobachtete ich mit einem guten Fernglas die Rührigkeit meiner Landsleute, die sich zur Abreise rüsteten. ... Ich quälte mich, ich war in Verzweiflung. ... Ich breitete die Arme nach ihnen aus, ich rief ihnen aus der Ferne zu, als ob sie mich hätten hören können: »Haltet ein! ... Reist nicht ab! ... Ich habe sogar versucht, sie per Flasche zu warnen. ... Sagen Sie es, Tartarin, sagen Sie es diesem Herrn, daß ich versucht habe, Sie zu warnen!« »Ich bestätige es,« sagte Tartarin auf der Anklagebank. »Ach, was habe ich gelitten, Herr Präsident, als ich den Tutu-panpan habe absegeln sehen nach diesem Trugbild von einem Land! ... Noch mehr aber habe ich gelitten, als sie zurückkehrten, als ich mir gegenüber meinen berühmten Landsmann Tartarin in Ketten schmachten, wie ein Stück Vieh auf das Stroh geworfen sah. Ihn fälschlich angeklagt in diesem Turm zu wissen! ... Dagegen werden Sie einwenden, ich hätte den Beweis seiner Unschuld schon früher beibringen sollen, allein wenn man einmal einen falschen Weg eingeschlagen hat, so ist es verteufelt schwer, wieder auf den rechten zu gelangen. Ich hatte anfangs nichts gesagt, und nun wurde es immer schwerer, zu sprechen – von der Angst vor der Brücke, dieser fürchterlichen, zu überschreitenden Brücke gar nicht zu reden. Nichtsdestoweniger habe ich sie überschritten, die Teufelsbrücke: heute morgen bin ich herübergekommen bei einem Sturmwind, der mich zwang, auf allen Vieren zu kriechen, wie einst bei der Besteigung des Montblanc. Erinnern Sie sich noch, Tartarin?« »Ob ich mich erinnere!« erwiderte Tartarin, der Zeiten des Ruhmes voll Trauer gedenkend. »Wie sie schwankte, diese Brücke! Welchen Heldenmut es von mir erforderte! ... Aber ich will mich nicht rühmen. Jetzt bin ich da und bringe ihn, den Beweis, den unwiderlegbaren Beweis. ...« »Unwiderlegbar, glauben Sie?« sagte Mouillard mit seiner ruhigen Stimme. »Wer bürgt uns dafür, daß dieser sonderbare, so lange in Ihrer Tasche vergessene Brief auch wirklich von dem sogenannten Herzog von Mons ist? Ihr macht mir ganz den Eindruck, als ob bei euch Vorsicht geboten sei, ihr Tarasconer! Alles was ich seit sieben Stunden an Lügen gehört habe ...« Ein dumpfes Murren wie von gefangenen wilden Bestien ertönte im Saal, auf den Galerieen, selbst auf der »Promenade«. Tarascon war unzufrieden und erhob Einsprache. Gonzaga Bompard selbst begnügte sich mit einem unbeschreiblichen Lächeln. »Was mich betrifft, Herr Präsident, so möchte ich nicht so weit gehen, zu behaupten, daß ich nicht meistens ein wenig übertreibe, wenn ich spreche, und daß ich mich gerade zum Apostel der Wahrheit eignen würde! aber halten Sie sich, was die Wahrhaftigkeit betrifft, an diesen da« – er bezeichnete dabei Tartarin – »der ist noch der beste von ganz Tarascon.« Tartarin brauchte nicht lange, um Handschrift und Namenszug des edlen Herrn von Mons zu erkennen, die er unglücklicherweise beide nur allzu oft gesehen hatte; dann schwang er, hoch aufgerichtet, zu dem Gerichtshof gewendet, mit grimmer Hand das furchtbare Geheimnis mit den fünf roten Siegeln: »Herr Präsident, mit dieser cynischen Ausgeburt bewaffnet, ersuche ich Sie inständigst, anzuerkennen, daß nicht alle Betrüger im Süden zu Hause sind. Ah, Sie schelten uns Lügner, uns Tarasconer! Allein wir sind nur Menschen mit reger Einbildungskraft und überströmenden Worten, Erfinder, Schwindler, fruchtbare Stegreifdichter, trunken von Licht und Rebensaft, die sich selbst von ihren überraschenden, harmlosen Erfindungen täuschen lassen. Welcher Unterschied zwischen uns und euren Lügnern aus dem Norden, die weder aus harmloser Freude daran, noch einem momentanen Eindrucke folgend lügen, sondern wie der Schreiber dieses Briefes, stets einen Zweck, eine niederträchtige Absicht dabei verfolgen. Ja, man kann gewiß behaupten, daß, was die Lüge betrifft, der Süden nicht mit dem Norden Schritt halten kann, wenn dieser einmal anfängt! ...« Von diesem Gegenstand vor einem tarasconischen Publikum hingerissen, hätte Tartarin den ganzen Saal entzünden müssen, allein es war zu Ende mit dem armen großen Mann und seiner Popularität. Niemand hörte auf ihn, man kümmerte sich nur noch um diese geheimnisvolle Botschaft, die er hin und her schwenkte. Der Unglückliche wollte weiter reden, man ließ es nicht zu. Von allen Seiten wurde geschrieen: »Den Brief! ... den Brief! ...« »Reißt ihn ihm aus der Hand! ...« »Er soll den Brief lesen!« Sich dem Willen der Menge fügend, befahl Präsident Mouillard: »Gerichtsschreiber, verlesen Sie das Aktenstück!« Ein unendliches »Ah« der Erleichterung, und in der Stille, die darauf folgte, war nichts zu hören, als das Summen der Augustfliegen und das Zirpen der Cikaden, von dem das Schlagen der atemlosen Herzen rhythmisch begleitet wurde. Näselnd begann der Gerichtsschreiber: »An Herrn Gonzaga Bompard, provisorischen Gouverneur der Kolonie Port Tarascon. Zu eröffnen unter 144º 30' östlicher Breite, gegenüber den Admiralitätsinseln. »Mein lieber Herr Bompard, auch der beste Spaß muß einmal ein Ende nehmen. Wenden Sie sofort das Schiff und kehren Sie mit Ihren Tarasconern ruhig nach Hause zurück. Es gibt keine Insel, keinen Vertrag, kein Port Tarascon, weder Are noch Hektare, weder Brennereien noch Zuckerfabriken, noch sonst irgend etwas ... nur ein ausgezeichnetes finanzielles Unternehmen, das mir einige Millionen eingebracht hat, die, wie auch meine erhabene Person, in diesem Augenblick sorgfältig in Sicherheit gebracht sind. Kurz, es ist nichts als eine hübsche Tarasconnade, die mir Ihre Landsleute und ihr berühmtes Oberhaupt Tartarin gütigst verzeihen werden, da dieselbe sie zerstreut, beschäftigt und ihnen die verlorne Liebe zu ihrer köstlichen kleinen Stadt wiedergegeben hat. Herzog von Mons.« »Ebensowenig Herzog als aus Mons. Kaum aus der Umgegend!« Vergeblich drohte diesmal der Präsident, den Saal räumen zu lassen: nichts vermochte das Geheul, das Wutgeschrei zu ersticken, das nun losbrach und sich auf die Straße, den Korso, das Glacis fortpflanzte und die ganze Stadt erfüllte. Ach, der Belgier, der gemeine Belgier, wie hätte man ihn, falls man ihn gehabt hätte, den »Sprung vom Balkon hinab in die Rhone« machen lassen! Männer, Weiber, Kinder, alles stimmte ein und inmitten dieses entsetzlichen Lärmes verkündete der Präsident Mouillard die Freisprechung Tartarins und Pascalons, zur großen Verzweiflung Cicero Franquebalmes, dem so seine Rede mit allen seinen Verum enim vero , seinen »es ist, weil es ist« und all der Rechtsgelehrtheit seines monumentalen Plaidoyers im Halse stecken blieb. Der Zuhörerraum entleerte sich, das Publikum verbreitete sich auf den Straßen, auf der »Promenade«, auf den Plätzen und Plätzchen und fuhr fort, seinem Zorn durch Brüllen und Toben Luft zu machen: »Der Belgier! ... Der gemeine Belgier! ... Der Lügner aus dem Norden! Der Lügner aus dem Norden! ...« Achtzehntes Kapitel Fortsetzung und Schluß von Pascalons »Erinnerungen«. 8. Oktober. – Gleichzeitig mit meiner Stellung in der Bézuquetschen Apotheke habe ich auch die Achtung meiner Mitbürger wiedererlangt und bin zu dem ehemaligen friedlichen Leben auf der »Placette«, zwischen den zwei gelben und grünen Glaskolben im Schaufenster, zurückgekehrt, mit dem einzigen Unterschied, daß Bézuquet sich jetzt im Hintergrund des Ladens hält, als ob er der Lehrling wäre, und den Stößer in dem marmornen Mörser in Bewegung setzt und zornig seine Droguen zerstampft! Von Zeit zu Zeit unterbricht er sich darin und zieht einen kleinen Spiegel aus seiner Tasche, um seine Tättowierung zu betrachten! Unglücklicher Ferdinand! Weder Salben noch Kataplasmen, nichts ändert etwas daran, nicht einmal sein Knoblauchsüppchen, das Doktor Tournatoire geraten hat. Er wird sie seiner Lebtage behalten, diese teuflischen Malereien. Indessen packe ich ein, klebe Zettel auf, verkaufe Aloe und Brechwurz, plaudere ein wenig mit den Kunden und unterhalte mich über alles, was man sich in der Stadt erzählt. An Markttagen kommen viele Leute zu uns; Dienstags und Freitags wird die Apotheke gar nicht mehr leer. Seit die Weinberge besser stehen, fangen unsre Bauern wieder an, Arzneien einzunehmen und Abführmittel zu schlucken; dafür haben sie eine Leidenschaft im Weichbild von Tarascon; es ist ein Festtag für sie, wenn sie sich purgieren können. Den übrigen Teil der Woche ist es ruhig, die Ladenglocke ertönt nur selten. Ich schlage die Zeit damit tot, daß ich die Aufschriften auf den großen, in Regale geordneten Glas- und Porzellankolben lese: Sirupus gummi, ass foetida und das über der Kasse zwischen zwei Schlangen angebrachte, in griechischen Lettern geschriebene ΦΑΡΜΑΚΟΠΕΙΑ betrachte. Nach so viel Aufregungen und Abenteuern behagt mir die große Ruhe meines jetzigen Lebens nicht schlecht. Ich bereite einen Band provençalischer Gedichte vor: » Li Ginjourlo « (die Brustbeeren). Im Norden kennt man die Brustbeeren nur als pharmaceutisches Produkt, aber bei uns sind die Früchte des Judendornes entzückende, kleine, knusperige, rote Oliven auf einem Baum mit hellem Laub. Ich werde in diesem Band meine Landschaftsbilder und meine Liebeslieder zusammenstellen. ... O weh! Ich sehe sie manchmal vorübergehen, meine Clorinde, lang und geschmeidig über die spitzen Kiesel der »Placette« dahintänzelnd – in Port Tarascon drüben nannten sie das ihren »Känguruhgang«; sie besucht die zweite Messe, ihr Gebetbuch in der Hand, gefolgt von der Alric, die immer auf die Dächer stieg und seit der Rückkehr nach Tarascon von dem Dienst bei Fräulein Tournatoire in den der Damen von Espazettes übergetreten ist. Nicht ein einziges Mal richtet Clorinde ihren Blick auf die Apotheke. Zu Bézuquet zurückgekehrt, bin ich für sie nicht mehr vorhanden. Die Stadt ist wieder völlig bezogen und sieht so ruhig aus wie früher. Man spaziert auf dem Korso, auf dem Glacis, und des Abends geht man ins Kasino und ins Theater. Alle sind zurückgekommen, Bruder Bataillet ausgenommen, der auf den Philippinen geblieben ist, um dort eine neue Genossenschaft von Weißen Brüdern zu gründen. Auch das Kloster Pampérigouste ist teilweise wieder eröffnet worden, der hochwürdige Bruder Vézole (Gott sei gelobt) hat es mit einigen andern Hochwürdigen bezogen; die Glocken haben wieder angefangen zu läuten, ganz leise, eine nach der andern; wir sind noch nicht bis zum vollen Glockenspiel durchgedrungen, aber man merkt, daß es in der Luft liegt. Wer würde glauben, daß sich so viel ereignet hat! Wie weit das alles schon hinter einem liegt, und wie leicht das tarasconische Volk vergißt! Man darf nur unsre Jäger ansehen, wie sie, den Marquis von Espazettes an der Spitze, Sonntag morgens, nagelneu ausstaffiert, mit dem alten Eifer ausrücken und auf Weidmanns Heil hoffen, wo gar kein Wild vorhanden ist. Ich mache Sonntags nach dem Frühstück Tartarin meine Aufwartung. Da oben am Korso steht es wohl noch, das Haus mit den grünen Jalousieen und den Wichseschachteln der kleinen Stiefelputzer vor dem Thor; aber alles ist geschlossen, alles ist still. Ich öffne die Thür. ... Ich finde den Helden in seinem Garten, wo er, die Hände auf dem Rücken, um den Goldfischteich spazieren geht, oder in seinem Arbeitszimmer inmitten der malayischen Dolche und vergifteten Pfeile. Er sieht sie gar nicht mehr an, seine geliebten Sammlungen. Der Rahmen ist noch der nämliche, aber was sich das Bild des Mannes verändert hat! Sie haben ihn gut freisprechen gehabt, der große Mann fühlt sich gefallen und heruntergekommen; er ist von seinem Sockel gestürzt, und das macht ihn traurig. Wir plaudern. Manchmal kommt Doktor Tournatoire und bringt seine gute Laune und seine Spässe á la Purgon mit in diese trübselige Behausung. Franquebalme kommt am Sonntag auch. Tartarin hat ihm die Verteidigung seiner Interessen anvertraut: ein Prozeß in Toulon mit dem Kapitän Scrapouchinat, der seine Rückfahrtskosten ersetzt haben will; ein zweiter Prozeß mit der Witwe Bravida, die für ihre minderjährigen Kinder eine Civilklage gegen ihn angestrengt hat. Wenn mein armer, lieber Herr diese beiden Prozesse verlöre, könnte er sich dann wohl noch aus der Verlegenheit ziehen? Er hat für dies beklagenswerte Abenteuer von Port Tarascon schon so viel geopfert! Warum bin ich nicht reich! ... Unglücklicherweise setzt mich das, was ich bei Bézuquet verdiene, nicht in den Stand, ihm zu Hilfe zu kommen. 10. Oktober. – Die »Brustbeeren« werden in Avignon bei dem Buchhändler Roumanille erscheinen; ich bin sehr glücklich. Noch ein weiterer Glücksfall: man veranstaltet einen großen Aufzug zu Ehren der heiligen Martha, deren Feiertag auf den 19. d. M. fällt, und auch zur Feier der Rückkehr der Tarasconer auf Frankreichs Erde. Dourladoure und ich, alle beide provençalische Dichter, sollen die provençalische Poesie auf einem allegorischen Wagen darstellen. 20. Oktober. – Am gestrigen Sonntag hat der Aufzug stattgefunden. Langer Wagenzug, Reiter in historischen Kostümen, die an langen Stäben Klingelbeutel trugen, um einzusammeln. Ein großer Andrang der Menge, Menschen an allen Fenstern: aber trotz allem keine warme Fröhlichkeit, kein Zug in der Sache. Der Scharfsinn der Veranstalter hat nicht vermocht, die Abwesenheit unsrer Großmutter vergessen zu machen: man fühlte eine Lücke, eine Leere, der Wagen der »Tarasque« fehlte. Heimlicher Groll erwachte bei der Erinnerung an den unseligen Schuß, der drüben im stillen Ocean auf sie abgefeuert wurde; Murren ließ sich im Zuge hören, als man an Tartarins Haus vorüberzog. Als die Bande Costecaldes die Menge durch einige Zurufe aufzureizen suchte, drehte sich der Marquis von Espazettes, im Kostüm eines Tempelritters, auf seinem Pferde um: »Friede, meine Herren! . ...« Er sah wahrhaft vornehm aus, und sofort war die Störung vorbei. Die Tramontana, ein Schneewind, blies. Dourladoure und ich fühlten ihn empfindlich unter unsern Wämsern à la Charles VI., die uns eine durchreisende Operngesellschaft geliehen hatte. Auf unsern Türmen oben – jeder von uns saß auf einem Turm, denn unser Wagen, von sechs weißen Ochsen gezogen, stellte in Holz und bemalter Pappe das Schloß König Renés dar – also auf unsern Türmen ging uns dieser schneidende Wind durch Mark und Bein, und die Verse, die wir, unsre großen Leyern im Arm, recitierten, klapperten ebenso vor Kälte, wie wir selbst. Dourladoure sagte zu mir: »Zum Henker, man erfriert ja! . ...« Und dabei keine Möglichkeit, herunter zu gelangen, denn die Leitern, vermittelst welcher wir uns da droben eingenistet hatten, waren weggezogen worden. Auf der »Promenade« wurde die Qual ganz unerträglich. ... Und um uns vollends den Treff zu geben, hatte ich den Einfall – o Eitelkeit der Liebe! – den Weg durch die Querstraßen zu nehmen, um an dem Haus des Marquis von Espazettes vorüber zu kommen. Nun steckten wir in diesem äußerst engen Gäßchen, in dem die Wagenräder nur ganz knapp Platz hatten. Das Hotel des Marquis war geschlossen, düster und stumm lag es da mit seinen alten, schwarzen Steinmauern; alle Jalousieen waren herabgelassen, um recht deutlich zu zeigen, daß der Adel mit den Vergnügungen des Pöbels nichts gemein haben wolle. Ich sprach mit meiner zitternden Stimme einige den »Brustbeeren« entnommene Verse und streckte meinen Klingelbeutel aus, aber nichts rührte sich, niemand ward sichtbar. Dann gab ich dem Rosselenker Befehl, weiter zu fahren. Unmöglich, der Wagen steckte, er war an beiden Seiten festgefahren. Man versuchte, ihn vor- und rückwärts zu fahren, er steckte zwischen den hohen Mauern fest, und durch die geschlossenen Jalousieen hindurch vernahmen wir ganz in unsrer Nähe unterdrücktes Lachen, während wir vor Kälte erstarrt in der lächerlichsten Lage auf unsern Pappetürmen kauerten. Das Schloß König Renés hat mir entschieden kein Glück gebracht! Man mußte die Ochsen ausspannen und Leitern holen, damit wir herabsteigen konnten, und all dies hat furchtbar lange gedauert! ... 23. Oktober. – Worin besteht sie denn, diese Krankheit des Ruhmes! Man kann nicht mehr leben ohne ihn, wenn man ihn einmal verschmeckt hat. Sonntag war ich bei Tartarin: wir plauderten im Garten und spazierten die sandbestreuten Wege auf und ab. Ueber die Gartenmauer warfen uns die Bäume des Korso welke Blätter herüber, und da ich in Tartarins Augen Trauer las, erinnerte ich ihn an die ruhmvollen Stunden seines Lebens, nichts vermochte ihn zu zerstreuen, nicht einmal die Aehnlichkeiten zwischen seinem und Napoleons Geschick. »Ach, geht mir mit Napoleon! ... Es ist ja der reine Schwindel! ... Die Sonne der Tropen ist mir zu Kopf gestiegen. Thun Sie mir den einzigen Gefallen und sprechen Sie mir nicht mehr davon.« Verdutzt sah ich ihn an. »Nichtsdestoweniger ist die Frau des Kommodore ...« »Laß mich doch in Frieden; sie hat sich die ganze Zeit über mich lustig gemacht, die Frau des Kommodore.« Schweigend hatten wir einige Schritte zurückgelegt. Die Windstöße, die das falbe Laub wirbelnd entführten, trugen das Geschrei der kleinen Stiefelputzer, die vor der Thür mit Korken um Geld spielten, zu uns herüber. Da hat er zu mir gesagt: »Ich sehe jetzt ganz klar. Die Tarasconer haben mir die Augen geöffnet; es ist, als ob man mir den Star gestochen hatte.« Er kam mir seltsam vor. An der Thür drückte er mir plötzlich die Hand und sagte: »Du weißt, Kleiner, man wird meine Habe versteigern. Ich habe meinen Prozeß gegen Scrapouchinat und auch gegen die Witwe Bravida verloren, trotz der Beweisführungen Franquebalmes. ... Er baut allzu wuchtig, dieser Bursche; sein römischer Viadukt ist eingestürzt und hat uns unter seiner Wucht erdrückt.« Schüchtern wagte ich ihm meine kleinen Ersparnisse anzubieten. Ich hätte sie ihm herzlich gern gegeben, aber Tartarin hat es abgelehnt. »Danke, mein Kind, ich denke, daß man aus den Waffen, den Raritäten, den seltenen Pflanzen genug lösen wird. Wenn das nicht reicht, verkaufe ich das Haus. Nachher werde ich schon weiter sehen. Adieu, Kleiner! ... All das ist ja nichts!« Welche Philosophie! 31. Oktober. – Heute habe ich einen großen Kummer gehabt. Ich bediente in der Apotheke Frau Truphénus, deren Kind über Stiche im Kopfe klagte, als das Knirschen von Rädern auf der »Placette« mich veranlaßte, aufzusehen. Ich hatte die große Karosse der Gräfin-Witwe von Aigueboulide erkannt. Drin saß die Alte, ihren ausgestopften Papagei neben sich; ihr gegenüber meine Clorinde mit einer andern Person, die ich nicht recht sah, weil mich das Licht blendete: nur eine blaue Uniform und ein gesticktes Käppi hatte ich erblickt. »Wer ist denn bei den Damen?« »Wer anders als der Enkel der alten Gräfin, der Vicomte Charlexis von Aigueboulide, der Jägeroffizier. Wissen Sie denn nicht, daß er nächsten Monat mit Fräulein Clorinde Hochzeit haben soll?« Das war ein Schlag für mich! Ich muß ausgesehen haben wie eine Leiche. Und ich, der ich immer noch gehofft habe! »O, es ist die reinste Neigungspartie,« fuhr dieser Quälgeist. diese Frau Truphénus fort, »aber Sie wissen doch, was man darüber zu sagen pflegt: »Heirat aus Liebe: gute Nächte, böse Tage!« Ach Gott, wie gern hätte ich mich so verheiratet! 5. November. – Gestern fand die Versteigerung bei Tartarin statt. Ich bin nicht dort gewesen, aber Franquebalme, der abends in die Apotheke kam, hat mir den Hergang erzählt. Es scheint herzzerreißend gewesen zu sein. Der Verkauf hat nichts eingebracht. Wie es bei uns Sitte ist, versteigerte man vor der Thür. Nichts, nicht ein Sou wurde geboten, und doch waren sehr viel Leute gekommen. Diese Waffen aus aller Herren Länder, die vergifteten Pfeile, Sagajen, Yatagans, Revolver, Winchester zu zweiunddreißig Schüssen, nichts, weniger als nichts. Nichts die prächtigen Häute der Löwen des Atlas, nichts der Alpenstock, sein ruhmreicher Stock von der Jungfrau her, – all diese Schätze, diese Raritäten, eigentlich das Museum unsrer Stadt, um Spottpreise verschleudert. ... Der Glaube verloren! Und der Affenbrotbaum, der Baobab, in seinem kleinen Topf, der dreißig Jahre lang der Gegenstand der Bewunderung der ganzen Umgegend war! Als er auf den Tisch gestellt wurde, als der Ausrufer verkündete: » arbor gigantea , unter dessen Schatten ganze Dörfer Platz finden ...« brach, wie es scheint, ein rasendes Gelächter los. Auch Tartarin, der mit zwei Freunden in seinem kleinen Garten hin und her ging, vernahm drinnen dies Gelächter. Ohne Bitterkeit hat er gesagt: »Auch meinen guten Tarasconern ist der Star gestochen. Sie sehen jetzt, aber sie sind grausam.« Das Traurigste ist, daß er, weil durch die Versteigerung nicht genug gelöst worden ist, das Haus an die von Espazettes abtreten mußte, die es für das junge Ehepaar bestimmt haben. Und er, der arme große Mann, wo wird er sich hinwenden? Wird er über die Brücke gehen, wie er schon angedeutet hat? Wird er bei seinem alten Freund Bompard in Beaucaire Zuflucht suchen?« Wahrend mir Franquebalme, mitten in der Apotheke stehend, diese düsteren Ereignisse berichtete, wurde im Hintergrund Bézuquet mit seinen unvertilgbaren Zeichnungen unter der angelehnten Thür zur Hälfte sichtbar und hat mit papuanisch-dämonischem Lachen die Worte ausgesprochen: »Das geschieht ihm recht! ... Das geschieht ihm recht!« Wie wenn Tartarin selbst ihn tättowiert hätte. 7. November. – Am morgigen Sonntag soll mein guter Herr die Stadt verlassen und über die Brücke gehen. ... Ist es möglich? Tartarin von Tarascon wird Tartarin von Beaucaire. ... Wie anders das schon ins Ohr fällt! ... Und dann diese Brücke, diese furchtbare Brücke, über die er hinüber muß! Ich weiß wohl, daß Tartarin schon ganz andre Hindernisse überwunden hat; es ist aber einerlei, es sind dies Sachen, die man wohl im Zorn sagt, aber doch nicht thut. Ich zweifle noch! Sonntag, 10. Dezember. – Sieben Uhr abends. Ich kehre mit blutendem Herzen zurück; kaum habe ich die Kraft, diese wenigen Zeilen hinzuwerfen. Es ist geschehen, er ist fort, er hat die Brücke überschritten. Zu drei oder vier waren wir, Tournatoire, Franquebalme, Beaumevieille und ich, bei ihm zusammengetroffen: unterwegs gesellte sich noch Malbos, ein ehemaliger Bürgerwehrsoldat, zu uns. Das Herz schnürte sich mir zusammen angesichts dieser trostlosen, nackten Wände, dieses entblätterten Gartens. Tartarin selbst hat sich nicht einmal umgesehen. Es ist doch was Gutes um unsere Beweglichkeit; durch sie sind wir Tarasconer weniger leicht niedergeschlagen, als andre Völker. Er hat Franquebalme die Schlüssel übergeben: »Sie werden sie dem Marquis von Espazettes zustellen. Ich nehme es ihm nicht übel, daß er nicht gekommen ist, es ist ganz natürlich – wie Bravida zu sagen pflegt: ›Großer Herr und Kneipkumpan Preßt dich aus und läßt dich stahn.‹« Und zu mir gewendet: »Du kannst auch ein Lied davon singen, Kleiner!« Diese Anspielung auf Clorinde hat mich tief gerührt. Unter solchen Umständen noch an mich zu denken! Auf dem Korso draußen blies ein furchtbarer Wind. Wir dachten alle bei uns selbst: »Da heißt es aufgepaßt, wenn er über die Brücke geht!« Er selbst schien nicht im mindesten ängstlich zu sein. Wegen des Mistral sah man niemand auf den Straßen; nur der Musik, die vom Glacis zurückkam, sind wir begegnet: die Soldaten konnten kaum ihre Instrumente festhalten und faßten mit einer Hand die Schöße ihrer langen im Winde flatternden Röcke zusammen. Tartarin sprach langsam, während er wie auf einem Spaziergang in unsrer Mitte einherging. Er unterhielt uns von sich, wie gewöhnlich einzig und allein von sich. »Seht, ich habe an unsrem Nationalübel gelitten, ich habe allzu viele Leuchtkugeln verpufft!« In Tarascon nennen wir »Leuchtkugeln« alles, was den Augen verlockend erscheint, nach was uns gelüstet und was wir mit unsren Händen doch nicht erreichen können. Das ist die Nahrung der Träumer, der Menschen mit großer Einbildungskraft. Und Tartarin hat wahr gesprochen, niemand hat darin so viel geleistet wie er. Da ich den Handkoffer, die Hutschachtel und den Ueberzieher meines Helden trug, ging ich ein bißchen hintendrein und hörte nicht alles. Manche Worte gingen mir in dem Wind verloren, der an Heftigkeit wuchs, je näher wir der Rhone kamen. So viel habe ich aber verstanden, daß er sagte, er trage niemand etwas nach, und daß er mit milder Philosophie von seinem Leben sprach. »Dieser Schuft, der Daudet, hat über mich geschrieben, ich sei ein Don Quichotte in der Haut Sancho Pansas ... Er hat recht gehabt. Der Typus dieses aufgeblasenen, verweichlichten, träg im Fett sitzenden und stets hinter seinen Idealen zurückbleibenden Don Quichotte ist in Tarascon und Umgegend ziemlich häufig vertreten.« Nach einer Weile sahen wir an der Ecke einer Querstraße die Rückseite unsers Excourbaniès, der sich aus dem Staub machte, und hörten ihn, als er an dem Laden des Waffenschmieds Costecalde vorüberkam, der heute früh zum Gemeinderat ernannt worden ist, aus Leibeskräften brüllen: »Hoch, hoch! ... Hurra! ... Es lebe Costecalde!« »Selbst diesem trage ich nichts nach,« hat Tartarin gesagt. »Immerhin verkörpert aber dieser Excourbaniès die greulichste Seite des tarasconischen Südens. Von seinem Geschrei will ich nichts sagen, obgleich er wahrhaftig mehr brüllt, als in der Ordnung ist; ich spreche nur von diesem erschrecklichen Verlangen zu gefallen, liebenswürdig zu sein, kraft dessen er sich zu den verächtlichsten Feigheiten treiben läßt. Ist er mit Costecalde, so ruft er: »In die Rhone mit Tartarin!« Wäre er bei mir, so würde er, nur um zu schmeicheln, dasselbe von Costecalde rufen. Davon abgesehen, meine Kinder, sind die Tarasconer aber doch eine hübsche Rasse, und ohne sie wäre Frankreich längst an Pedanterie und Langeweile zu Grunde gegangen.« Wir kamen an der Rhone an; vor uns ein trüber Sonnenuntergang, hoch oben einige Wolken. Der Wind schien sich zu legen, trotzdem war die Brücke nicht beruhigend. Man blieb an ihrem Anfang stehen, und er bat uns, nicht weiter mitzugehen. »Vorwärts! Lebt wohl, meine Kinder! ...« Man umarmte und küßte sich; er begann mit Beaumevieille, dem ältesten, und endigte mit mir. Ich weinte in Strömen, ohne mich abtrocknen zu können, denn ich hatte noch immer den Handkoffer und den Ueberzieher, und ich kann wohl sagen, daß der große Mann meine Thränen getrunken hat. Selbst tief ergriffen, nahm er seine Sachen: Hutschachtel in eine Hand, Ueberzieher über den Arm, den Handkoffer in die andre Hand; dann sagte Tournatoire zu ihm: »In erster Linie pflegen Sie sich gut, Tartarin ... ungesundes Klima in Beaucaire. ... Knoblauchsüppchen ... vergessen Sie's ja nicht!« Er erwiderte, mit dem Auge zwinkernd: »Seien Sie ohne Sorge ... Sie kennen das Verschen von der Alten: ›Je älter die Alte wurde, – Je mehr lernte sie – Und deshalb wollte sie nicht sterben' – Ich werde es machen wie sie.« Wir sahen ihm nach, wie er sich unter den Bogen entfernte; ein wenig schwerfällig, aber mit sicherem Schritt. Die Brücke schwankte entsetzlich. Zwei- oder dreimal blieb er stehen wegen seines Hutes, der fortfliegen wollte. Ohne vorwärts zu gehen, riefen wir ihm aus der Ferne zu: »Adieu, Tartarin!« Er war zu ergriffen, sich umzudrehen, und sagte nichts, nur mit der Hutschachtel winkte er uns rückwärts lebewohl zu: »Adieu! ... Adieu!« Drei Monate später. – Sonntag abends. – Noch einmal schlage ich sie auf, die lang unterbrochenen Erinnerungen, dies alte grüne Tagebuch, das ich meinen Kindern hinterlasse – falls ich jemals welche haben werde –; dies Buch mit den abgestoßenen Ecken, das ich fünftausend Meilen von Frankreich entfernt begonnen habe, und das mich überallhin über die Meere und in das Gefängnis begleitet hat! Es bleibt mir noch ein wenig Raum, und den benütze ich dazu, das Gerücht zu verzeichnen, das sich heute morgen in der Stadt verbreitet hat: »Tartarin ist nicht mehr!« Seit drei Monaten hatte man keine Nachricht mehr von ihm. Ich wußte, daß er in Beaucaire wohnte, mit Bompard zusammen. Er half ihm den Platz hüten, auf dem die große Messe abgehalten wird, und das Schloß bewachen. Uebrigens der reinste Humbug, diese Aemter! Sehr oft, wenn ich Heimweh hatte nach meinem guten Herrn, nahm ich mir vor, ihn zu besuchen, aber diese verteufelte Brücke hielt mich immer wieder davon zurück. Einmal, als ich nach dem Schloß von Beaucaire hinüber sah, glaubte ich ganz hoch oben einen zu sehen, der ein Fernglas auf Tarascon richtete. Es sah aus, als ob es Bompard wäre. Er verschwand, ging in den Turm und kehrte mit einem andren, sehr dicken Mann zurück, der mir Tartarin zu sein schien. Nun nahm auch dieser das Fernrohr und ließ es wieder los, um mit seinen Armen ein Erkennungszeichen zu winken, aber es war so weit entfernt, so klein, so undeutlich, daß es nicht die Empfindung in mir erregte, die ich zu fühlen erwartet hatte. Heute morgen begab ich mich voll Angst, ohne zu wissen warum, wie allsonntäglich zum Rasieren in die Stadt und war sehr betroffen, als ich den verschleierten roten Himmel sah; es war eine eigentümliche fahle Beleuchtung, in der Bäume, Bänke, Fußsteige und Häuser ganz besonders hervortreten. Ich habe diese Bemerkung gemacht, als ich in die Barbierstube des Marc-Aurèle trat. »Welch komische Sonne! Sie erwärmt nicht, sie erhellt nicht. ... Ist es vielleicht eine Sonnenfinsternis« »Wie, Herr Pascalon, das wissen Sie nicht? ... Sie ist schon seit dem Ersten prophezeit.« Und in dem Augenblick, wo er mich an der Nase hielt und das Rasiermesser ansetzte: »Und die Neuigkeit? Haben Sie sie schon gehört? ... Es scheint, unser großer Mann ist nicht mehr von dieser Welt. ...« »Welcher große Mann?« Als er nun Tartarin nannte, wäre ich um ein Haar in sein Rasiermesser gefahren. »Das kommt davon, wenn man auswandert! ... Er hat ohne Tarascon nicht leben können. ...« Marc-Aurèle, der Barbier, ahnte nicht, wie recht er hatte. Das war sicher, ohne Tarascon und ohne den Ruhm konnte er nicht leben. Armer, guter Herr! Armer, großer Tartarin! ... Uebrigens dies Zusammentreffen! ... Eine Sonnenfinsternis an seinem Todestag! Und welch sonderbares Volk wir sind! Ich wette, daß die Todesnachricht die ganze Stadt betrübt hat, aber sie haben gethan, als ob sie die Sache ganz auf die leichte Achsel nähmen. Und all dies nur, weil die Tarasconer seit der Geschichte von Port Tarascon, bei der sie sich so übereilt und hitzig gezeigt haben, thun wollen, als wären sie ganz Herr ihrer selbst, ganz gesetzt und hätten ihren Fehler für immer abgelegt. In Wahrheit haben wir uns nicht im mindesten gebessert: nur lügen wir jetzt, statt »hinauf zu«, »hinunter zu«. Wir sagen nicht mehr: »Gestern waren zum wenigsten fünfzigtausend Menschen in der Arena.« Sondern: »Wenn gestern ein halbes Dutzend Menschen in der Arena waren, so ist es das Aeußerste!« Uebertrieben muß sein, so oder so! Ende.