Arthur Conan Doyle Der Bund der Rothaarigen und andere Detektivgeschichten     Franckh'sche Verlagshandlung, Stuttgart     In dem großen, dunkel getäfelten Wohnzimmer Doktor Watsons saßen die Gäste um den Kamin. Die Türen zum Garten standen offen, man hörte das feine gleichmäßige Rieseln des Regens auf den schon herbstgelben Blättern. Ein würziger Erdgeruch strömte herein. Das Feuer im Kamin gab dem halbdunkeln Raum wohlige Wärme. Die Schatten der Flammen tanzten an den Wänden, es war wie ein Spiel flüchtiger Gestalten, die sich immer wieder trennen, um sich immer aufs neue wieder zu vereinen. Die Gespräche, die während des Abendessens so lebhaft geführt wurden, waren verstummt. Jedes überließ sich für eine Weile der Stille und Geborgenheit dieser Abendstunde, die noch erhöht wurde durch den leise fallenden Regen draußen und den eigenen Gedanken, die wie die Schatten an der Wand kamen und gingen, ohne Spuren zu hinterlassen. »Es ist seltsam, Doktor«, nahm eine junge Frau das Wort und rückte ihren Sessel näher zum Feuer, »es ist seltsam, daß man Ihren Freund, Herrn Holmes, eigentlich nie bei Ihnen antrifft. Liebt er keine Gesellschaften oder hat er tatsächlich keine Zeit dafür?« Die Frau des Arztes lächelte. »Beides mag wohl in gewissem Sinn zutreffen«, sagte sie. »Wenn Herr Holmes bei uns ist, hat er es auch meist sehr eilig, wieder wegzukommen. Und nicht selten entführt er mir bei dieser Gelegenheit auch meinen Mann«, setzte sie scherzend hinzu. »Ich habe Herrn Holmes stark im Verdacht, daß er sich gern über uns Frauen lustig macht«, warf eine lebhafte dunkelhaarige Frau ein. Doktor Watson blies mit leichtem Lächeln den Rauch seiner Zigarette in die Luft. »Es ist nicht ganz so, wie Sie denken«, sagte er. »Freilich hat mein Freund im Laufe seiner Tätigkeit schon allerlei Erfahrungen über weiblichen Scharfsinn gemacht, die – entschuldigen Sie, wenn ich es so offen bekenne – ihn nicht gerade von der überragenden Denkweise der Frau überzeugten, sondern ihn eher belustigten und seinen Spott hervorriefen. Doch einmal hat ihm die Schlauheit einer Frau auch tatsächlich Achtung abgerungen, ja, sie hat ihm dadurch sogar das Spotten abgewöhnt.« »Wirklich, Doktor?« fragte die lebhafte kleine Frau. Und Kapitän Erswell bat: »Erzählen Sie, Doktor!« »Ja, bitte, erzählen Sie!« fielen die übrigen Gäste mit ein. »Schön«, sagte Doktor Watson. Er streckte sich behaglich in seinem Sessel aus, zündete sich eine neue Zigarette an und begann. Skandalgeschichte im Fürstentum O. . . . Ich war damals erst kurz verheiratet und hatte darum eine Zeitlang nur wenig von meinem Freunde Sherlock Holmes gesehen. Mein eigenes Glück und meine häuslichen Interessen nahmen mich völlig gefangen, wie es wohl jedem Mann ergehen wird, der sich ein eigenes Heim gegründet hat, während Holmes, seiner Zigeunernatur entsprechend, jeder Art von Geselligkeit aus dem Wege ging. Er wohnte noch immer in unserem alten Logis in der Bakerstraße, begrub sich unter seinen alten Büchern und wechselte zwischen Kokain und Ehrgeiz, zwischen künstlicher Erschlaffung und der aufflammenden Energie seiner scharfsinnigen Natur. Noch immer wandte er dem Verbrecherstudium sein ganzes Interesse zu, und seine bedeutenden Fähigkeiten, sowie seine ungewöhnliche Beobachtungsgabe ließen ihn den Schlüssel zu Geheimnissen finden, welche die Polizei längst als hoffnungslos aufgegeben hatte. Von Zeit zu Zeit drang irgend ein unbestimmtes Gerücht über seine Tätigkeit zu mir. Ich hörte von seiner Berufung nach Odessa wegen der Mordaffäre Trepoff, von seiner Aufklärung der einzig dastehenden Tragödie der Gebrüder Atkinson in Trimonale und schließlich von der Mission, die er im Auftrage des holländischen Herrscherhauses so taktvoll und erfolgreich zu Ende geführt hatte. Sonst wußte ich von meinem alten Freund und Gefährten wenig mehr als alle Leser der täglichen Zeitungen. Eines Abends, es war im März, führte mich mein Weg durch die Bakerstraße; ich kam gerade von einer Konsultation her, da ich wieder meine Privatpraxis aufgenommen hatte. Als ich mich der wohlbekannten Tür näherte, ergriff mich der unwiderstehliche Drang, Holmes aufzusuchen, um zu erfahren, welcher Angelegenheit er augenblicklich sein außergewöhnliches Talent widmete. Seine Zimmer waren glänzend erleuchtet, und beim Hinaufsehen gewahrte ich den Schatten seiner großen, mageren Gestalt. Den Kopf auf die Brust gesenkt und die Hände auf dem Rücken, durchmaß er schnell und eifrig das Zimmer. Ich kannte seine Stimmungen und Angewohnheiten viel zu genau, um nicht sofort zu wissen, daß er wieder in voller Tätigkeit war. Er hatte sich aus seinen künstlich erzeugten Träumen emporgerafft und war nun einem neuen Rätsel auf der Spur. Ich läutete sofort und wurde in das Zimmer geführt, das ich früher mit ihm geteilt hatte. Sein Benehmen war nicht übermäßig herzlich zu nennen. Das war bei ihm überhaupt selten der Fall, und doch hatte ich das Gefühl, daß er sich freute, mich zu sehen. Er sprach kaum ein Wort, aber nötigte mich mit freundlichem Gesicht in einen Lehnstuhl, reichte mir seinen Zigarrenkasten herüber und zeigte auf ein Likörschränkchen in der Ecke. Dann stellte er sich vor das Feuer und betrachtete mich in seiner sonderbar forschenden Manier. »Die Ehe bekommt dir, Watson«, bemerkte er. »Ich glaube, du hast siebeneinhalb Pfund zugenommen, seit ich dich zuletzt sah.« »Sieben«, antwortete ich. »Wirklich? Ich hätte es für etwas mehr gehalten. Nur eine Kleinigkeit mehr, Watson. Und du praktizierst wieder, wie ich bemerke; du erzähltest mir nichts von deiner Absicht, wieder ins Joch gehen zu wollen.« »Woher weißt du es denn?« »Ich sehe es, ich folgere es eben. Ich weiß auch, daß du kürzlich in einem tüchtigen Unwetter draußen gewesen bist, und daß du ein sehr ungeschicktes, nachlässiges Dienstmädchen haben mußt.« »Mein lieber Holmes,« sagte ich, »nun hör' auf; vor einigen Jahrhunderten würden sie dich wahrscheinlich verbrannt haben. Ich habe allerdings am vorigen Donnerstag eine Landtour gemacht und kam furchtbar durchnäßt und beschmutzt nach Hause, aber woraus du das schließen willst, weiß ich doch nicht, da ich ja sofort meine Kleider wechselte. Und unser Mädchen ist wirklich unverbesserlich, meine Frau hat ihr schon den Dienst gekündigt, aber um alles in der Welt, wie kannst du das wissen?« Er lachte in sich hinein und rieb seine schmalen, nervösen Hände. »Das ist doch so einfach«, meinte er; »meine Augen sehen deutlich, daß auf der Innenseite deines linken Stiefels, die gerade jetzt vom Licht erhellt wird, das Leder durch sechs nebeneinander laufende Schnitte beschädigt ist. Das kann nur jemand getan haben, der sehr achtlos den getrockneten Schmutz von den Rändern der Sohle abkratzen wollte. Daher meine doppelte Vermutung, daß du erstens bei schlechtem Wetter ausgegangen bist, und zweitens, ein besonders nichtswürdiges, stiefelaufschlitzendes Exemplar der Londoner Dienstbotenwelt hast. Und was nun deine Praxis betrifft, so müßte ich doch wirklich schwachköpfig sein, wenn ich einen Herrn, der nach Jodoform riecht, auf dessen rechtem Zeigefinger ein schwarzer Fleck von Höllenstein prangt, während die Erhöhung seiner linken Brusttasche deutlich das Versteck seines Stethoskops verrät, nicht auf der Stelle für einen praktischen Arzt halten würde.« Ich mußte lachen, mit welcher Leichtigkeit er diese Folgerungen entwickelte. »Wenn ich deine logischen Schlüsse anhöre, erscheint mir die Sache lächerlich einfach, und ich glaube es ebensogut zu können«, bemerkte ich. »Und doch überrascht mich jeder Beweis deines Scharfsinnes aufs neue, bis du mir den ganzen Vorgang erklärt hast. Nichtsdestoweniger sehe ich genau so gut wie du.« »Sehr richtig«, entgegnete er, steckte sich eine Zigarette an und warf sich in den Lehnstuhl. »Du siehst wohl, aber du beobachtest nicht. Der Unterschied ist ganz klar. Du hast z. B. häufig die Stufen gesehen, die vom Flur in dies Zimmer hinaufführen.« »Sehr häufig.« »Wie oft?« »Nun sicher einige hundertmal.« »Dann wirst du mir wohl auch sagen können, wieviel es sind?« »Wieviel? Nein, davon hab' ich keine Ahnung.« »Siehst du wohl, du hast zwar gesehen, aber nicht beobachtet. Das meine ich ja eben. Ich weiß ganz genau, daß die Treppe siebzehn Stufen hat, weil ich nicht nur gesehen, sondern auch beobachtet habe. – A propos, da ich dein Interesse für meine kleinen Kriminalfälle kenne, – du hattest sogar die Güte, eine oder zwei meiner geringen Erfahrungen aufzuzeichnen, – wird dich vermutlich auch dies interessieren.« Er reichte mir einen Bogen dicken, rosenfarbenen Briefpapiers, der geöffnet auf dem Tisch lag. »Dies Schreiben kam mit der letzten Post an, bitte lies vor.« Der Brief, der weder Datum noch Unterschrift und Adresse trug, lautete: »Ein Herr, der Sie in einer sehr bedeutungsvollen Angelegenheit zu sprechen wünscht, wird Sie heute abend um dreiviertel acht aufsuchen. Die Dienste, die Sie unlängst einem regierenden europäischen Hause erwiesen, geben den Beweis, daß man Ihnen Dinge von allerhöchster Wichtigkeit anvertrauen kann. Dies Urteil wurde uns von allen Seiten bestätigt. Bitte also zur bezeichneten Zeit zu Hause zu sein und es nicht falsch zu deuten, wenn Ihr Besucher eine Maske trägt.« »Dahinter steckt ein Geheimnis«, bemerkte ich. »Kannst du dir das erklären?« »Bis jetzt habe ich noch keine Anhaltspunkte. Es ist aber ein Hauptfehler, ohne dieselben Vermutungen aufzustellen. Unmerklich kommt man so der Theorie zuliebe zum Konstruieren von Tatsachen, statt es umgekehrt zu machen. Doch was schließt du aus dem Brief selbst?« Ich prüfte sorgfältig Schrift und Papier. »Der Schreiber lebt augenscheinlich in guten Verhältnissen«, meinte ich, bemüht, das Verfahren meines Freundes so getreu als möglich zu kopieren. »Das Papier ist sicher kostspielig, es ist ganz besonders stark und steif.« »Ganz richtig bemerkt«, sagte Holmes. »Auf keinen Fall ist es englisches Fabrikat. Halte es mal gegen das Licht.« Ich tat es und sah links als Wasserzeichen ein großes E. und C. und auf der rechten Seite ein fremdartig aussehendes Wappen in das Papier gestempelt. »Nun, was schließt du daraus?« fragte Holmes. »Links ist der Namenszug des Fabrikanten.« »Gut, aber rechts?« »Ein Wappen als Fabrikzeichen, ich kenne es jedenfalls nicht«, antwortete ich. »Dank meiner heraldischen Liebhaberei, kann ich es dir verraten«, sagte Holmes. »Es ist das Wappen des Fürstentums O.« »Dann ist der Fabrikant vielleicht Hoflieferant«, meinte ich. »So ist's. Doch der Schreiber dieses Briefes ist ein Deutscher. Fiel dir nicht der eigentümliche Satzbau auf? › This account of you we have from all quarters received. ‹ Ein Franzose oder Russe kann das nicht geschrieben haben, nur der Deutsche ist so unhöflich gegen seine Verben. Ha, ha, mein Junge, was sagst du dazu?« Seine Augen funkelten, und aus seiner Zigarette blies er große, blaue Triumphwolken. »Nun müssen wir noch herausfinden, was dieser Deutsche wünscht, der auf diesem fremdartigen Papier schreibt und es vorzieht, sich unter der Maske vorzustellen. Wenn ich nicht irre, kommt er jetzt selbst, um den Schleier des Geheimnisses zu lüften.« Der scharfe Ton von Pferdehufen und das knirschende Geräusch von Rädern ließ sich hören, dann wurde draußen sehr stark geläutet. Holmes pfiff. »Das klingt ja, als wären es zwei Pferde«, sagte er. Er blickte aus dem Fenster. »Ja«, fuhr er fort, »ein hübscher Brougham und ein Paar Prachtgäule, jeder mindestens seine hundertundfünfzig Guineen wert. Na, Watson, wenn auch sonst nichts an der Sache ist, jedenfalls ist da Geld zu holen.« »Ich glaube, es ist wohl besser, ich gehe jetzt.« »Auf keinen Fall, Doktor, du bleibst, wo du bist; was sollte ich wohl ohne dich anfangen? Außerdem verspricht die Geschichte interessant zu werden, und warum willst du dir das entgehen lassen?« »Aber dein Klient?« »Darüber mach' dir keine Skrupel. Vielleicht brauchen wir beide wirklich deine Hilfe. Er kommt jetzt. Setz' dich ruhig in den Lehnstuhl und paß auf.« Ein langsamer, schwerer Tritt, den man auf der Treppe und dem Gang gehört hatte, hielt plötzlich vor der Tür an. Gleich darauf wurde laut und energisch geklopft. »Herein!« sagte Holmes. Ein Mann trat ins Zimmer, dessen Größe wohl sechs Fuß sechs Zoll betragen mochte, er hatte die Brust und die Glieder eines Herkules. Seine Kleidung war auffallend reich, aber kein feiner Engländer hätte sie für geschmackvoll gehalten. Breite Streifen von Astrachan schmückten die Ärmel und den Kragen seines doppelreihigen Rockes, der tiefblaue Mantel, den er über die Schultern geworfen hatte, war mit flammendroter Seide gefüttert und wurde am Halse durch einen funkelnden Beryll zusammengehalten. Seine Stiefel reichten bis zur halben Wade und waren oben mit reichem braunem Pelzwerk besetzt; sie vervollständigten den Eindruck fremdartiger Pracht, den seine ganze Erscheinung hervorbrachte. Er trug einen breitkrempigen Hut in der Hand; die schwarze Halbmaske, die den oberen Teil seines Gesichtes bedeckte, mußte wohl eben erst angelegt sein, denn seine Hand hielt sie noch beim Eintritt gefaßt. Die starke, etwas vorstehende Unterlippe und das lange, gerade Kinn sprachen von Entschlossenheit, wenn nicht Eigensinn. »Sie haben meinen Brief erhalten?« fragte er mit tiefer, rauher Stimme und ausgeprägt deutschem Akzent. »Ich habe Sie auf mein Erscheinen vorbereitet« – er blickte ungewiß von einem zum andern. »Bitte, nehmen Sie Platz«, sagte Holmes. »Dies ist mein Freund und Kollege Dr. Watson, der die Güte hat, mir gelegentlich bei schwierigen Fällen zu helfen. Mit wem habe ich die Ehre?« »Nennen Sie mich Graf von Kramm – aus X. Ich nehme an, daß ich in Ihrem Freunde einen Mann von Ehre und Diskretion vor mir habe, dem ich eine Sache von höchster Wichtigkeit anvertrauen darf. Sonst würde ich es vorziehen, mit Ihnen allein zu verhandeln.« Ich erhob mich sofort, um das Zimmer zu verlassen, doch Holmes ergriff mich am Handgelenk und drückte mich auf meinen Sitz nieder. »Entweder beide oder keiner«, erklärte er fest. »Was Sie mir zu sagen haben, darf dieser Herr ebensogut anhören.« Der Graf zuckte seine breiten Schultern. »Dann muß ich Sie beide auf zwei Jahre zu absolutem Schweigen verpflichten. Später hat die Sache bis auf meinen Namen keine Bedeutung mehr. Es ist aber nicht zu viel gesagt, wenn ich behaupte, daß augenblicklich die betreffende Angelegenheit imstande wäre, einen Einfluß auf die europäische Geschichte auszuüben.« »Ich verpflichte mich zu schweigen«, sagte Holmes. »Ich ebenfalls.« »Sie entschuldigen diese Maske«, fuhr unser seltsamer Besucher fort, »doch ist es der Wunsch der hohen Persönlichkeit, in deren Auftrag ich handle, daß sein Agent Ihnen unbekannt bleibe. Gleichzeitig muß ich bekennen, daß ich mich unter falschem Namen eingeführt habe.« »Das wußte ich«, sagte Holmes trocken. »Die Umstände erfordern das äußerste Zartgefühl. Ein großer Skandal muß unter allen Umständen von einem fürstlichen Hause abgewendet werden, der es ernstlich kompromittieren könnte. Offen gestanden, die Angelegenheit betrifft das erlauchte Geschlecht der . . ., das regierende Haus in O.« Holmes lehnte sich bequem in den Lehnstuhl zurück und schloß die Augen. »Das wußt' ich auch schon«, murmelte er. Anscheinend überrascht blickte der Fremde auf die lässig hingestreckte Gestalt des geschicktesten und tatkräftigsten Polizeiagenten Europas: Holmes hob langsam die Lider und sah ungeduldig zu seinem hünenhaften Klienten auf. »Wenn Eure Hoheit nur geruhen wollten, mir den Fall zu erzählen«, bemerkte er, »ich wäre dann viel besser imstande, einen Rat zu erteilen.« Der Mann sprang von seinem Stuhle auf und schritt erregt im Zimmer auf und ab. Zuletzt riß er mit einer Gebärde der Verzweiflung die Maske vom Gesicht und warf sie zu Boden. »Sie haben recht«, rief er, »Ich bin der Fürst. Warum soll ich es zu verbergen suchen?« »Ja, warum eigentlich?« murmelte Holmes. »Bevor Eure Hoheit ein Wort äußerten, wußte ich, mit wem ich die Ehre hatte, zu unterhandeln.« Unser sonderbarer Besucher nahm wieder Platz und strich mit der Hand über seine hohe, weiße Stirn. »Aber Sie verstehen, Sie müssen verstehen, daß ich nicht gewöhnt bin, mich persönlich mit solchen Dingen zu befassen. Und doch konnte ich diese delikate Angelegenheit keinem Vermittler anvertrauen, ohne mich gänzlich in seine Hand zu geben. In der Hoffnung auf Ihren Rat bin ich inkognito nach London gekommen.« »Dann sprechen Sie bitte«, sagte Holmes, wieder die Augen schließend. »Die Tatsachen sind in Kürze folgende: Vor fünf Jahren machte ich während eines längeren Aufenthaltes in Warschau die Bekanntschaft einer wohlbekannten Abenteurerin: Irene Adler. Der Name wird Ihnen wahrscheinlich nicht fremd sein.« »Sei doch so gut, Doktor, und schlage in meinem Verzeichnis nach«, sagte Holmes, ohne die Augen zu öffnen. Schon vor Jahren hatte er angefangen, alles ihm wichtig Erscheinende, mochte es nun Menschen oder Dinge betreffen, systematisch einzutragen, so daß man kaum eine Person oder Sache erwähnen konnte, von der er nichts Näheres zu berichten wußte. Diesmal fand ich die gesuchte Biographie zwischen der eines Rabbiners und der eines Kontre-Admirals, des Verfassers einer Abhandlung über die Tiefseefische. »Nun wollen wir mal sehen«, meinte Holmes. »Hm! Geboren in New-Jersey. Altstimme hm. La Scala hm! Primadonna an der kaiserlichen Oper in Warschau – ja! Von der Bühne zurückgetreten – aha. Lebt in London – ganz recht! Eure Hoheit knüpften nun mit dieser jungen Person Beziehungen an und schrieben ihr einige kompromittierende Briefe, deren Rückgabe jetzt wünschenswert wäre. Ist's nicht so?« »Ganz genau so – aber wie –« »Hat eine heimliche Ehe stattgefunden?« »Nein.« »Es existieren auch keine Verträge oder Abmachungen?« »Keine.« »Dann begreife ich Eure Hoheit nicht recht. Wenn diese junge Person die fraglichen Briefe behufs Erpressung oder zu anderen Zwecken benutzen wollte, wie vermöchte sie dann deren Echtheit zu beweisen?« »Aber die Handschrift?« »Pah! Fälschung!« »Doch mein besonderes Briefpapier?« »Ist gestohlen.« »Mein Siegel?« »Nachgeahmt.« »Meine Photographie?« »Gekauft.« »Aber wir sind ja beide zusammen auf dem Bilde.« »O weh! Das ist sehr bös. Damit haben Hoheit allerdings eine Unvorsichtigkeit begangen.« »Ich war verrückt – von Sinnen.« »Eure Hoheit haben sich ernstlich kompromittiert.« »Ich war damals noch sehr jung und nicht an der Regierung. Ich zähle jetzt erst dreißig.« »Das Bild muß wieder herbeigeschafft werden.« »Bis jetzt war alles vergebens.« »Haben Sie es mit Geld versucht?« »Sie gibt es um keinen Preis her.« »Na, dann wird es gestohlen.« »Das ist schon fünfmal versucht worden. Zweimal ließ ich in ihrer Wohnung einbrechen, einmal wurde ihr Gepäck auf einer Reise durchstöbert. Zweimal wurde sie überfallen. Alles umsonst.« »Keine Spur davon?« »Nicht die geringste.« Holmes lachte. »Die kleine Geschichte ist ja recht nett.« »Aber für mich ist sie verteufelt ernst«, meinte der Fürst vorwurfsvoll. »Das stimmt. Was beabsichtigt sie nur mit der Photographie?« »Sie will mich ins Unglück stürzen.« »Wie das?« »Ich stehe im Begriffe, mich zu verheiraten.« »Ich hörte davon.« »Und zwar mit Klotilde, der zweiten Tochter des Königs von . . . Sie kennen wahrscheinlich die starren Grundsätze dieser Familie, die Prinzessin selbst ist die personifizierte Empfindsamkeit. Fiele der leiseste Schatten auf mich, würde man den Plan sofort aufgeben.« »Und Irene Adler?« »Droht ihnen das Bild zu schicken. Sie tut es auch, ich weiß, daß sie es tut; Sie kennen ihren eisernen Willen nicht. Ach, ihr liebliches Madonnenantlitz verrät ja leider nichts davon. Es gibt nichts, dessen sie nicht fähig wäre, um diese Heirat zu verhindern, absolut nichts!« »Es ist gewiß, daß sich das Bild noch in ihrem Besitz befindet?« »Sicher.« »Woher wissen Sie's?« »Sie hat geschworen, es erst am Tage der Bekanntmachung der Verlobung abzuschicken. Der ist am nächsten Montag.« »O, dann haben wir noch drei Tage vor uns«, sagte Holmes gemütlich. »Das trifft sich ja sehr glücklich, denn jetzt muß ich mich noch ein oder zwei wichtigen Angelegenheiten widmen. Hoheit bleiben doch fürs erste in London?« »Gewiß. Sie finden mich bei Langham unter dem Namen des Grafen v. Kramm.« »Dann werde ich also dorthin über unsern Erfolg berichten.« »Ich bitte darum. Sie können sich meine Aufregung vorstellen.« »Nun bleibt noch die Geldfrage zu erledigen.« »Sie haben Vollmacht.« »Vollständig?« »Eines meiner Schlösser wäre mir nicht zu viel für das Bild.« »Und die augenblicklichen Ausgaben?« Der Fürst zog eine dicke Geldtasche unter dem Mantel hervor und legte sie auf den Tisch. »Hier sind dreihundert Pfund in Gold und siebenhundert in Papier«, sagte er. Holmes kritzelte eine Empfangsbescheinigung auf ein Blatt seines Notizbuches und überreichte es ihm. »Die Adresse der Dame?« »Ist Briony Lodge, Serpentine Avenue, St. John Wood.« Holmes notierte sie sich. »Noch eine andere Frage: war es ein Kabinettbild?« »Allerdings.« »Nun gute Nacht, Hoheit, und ich darf wohl die Hoffnung aussprechen, bald günstige Nachrichten senden zu können. Gute Nacht auch, Watson«, fügte er hinzu, als die Räder des fürstlichen Wagens die Straße hinabrollten. »Ich würde mich sehr freuen, wenn du mich morgen nachmittag um drei Uhr aufsuchen würdest, ich möchte gern mit dir über die Sache plaudern.« II Pünktlich um drei Uhr erschien ich in der Bakerstraße, aber Holmes war noch nicht heimgekehrt. Die Wirtin erzählte mir, er wäre kurz vor acht Uhr morgens fortgegangen. Ich setzte mich mit der festen Absicht an den Kamin, ihn unter allen Umständen zu erwarten. Der vorliegende Fall erregte mein höchstes Interesse, und wenn er auch nicht den schrecklichen, seltsamen Charakter trug, wie die beiden Verbrechen, die ich schon früher aufzeichnete, so gab ihm doch die Natur der Sache und die erlauchte Persönlichkeit des Klienten ein ganz eigenartiges Gepräge. Nebenbei gewährte es mir stets aufs neue ein Vergnügen, die klare, schlagende Logik meines Freundes zu beobachten und den meisterhaften Griff, mit dem er eine Situation erfaßte. Ich war an das beständige Gelingen seiner Aufgaben so gewöhnt, daß mir die Möglichkeit eines Mißerfolges überhaupt nie in den Sinn kam. Kurz vor vier Uhr wurde die Tür von einem angetrunken aussehenden Reitknecht mit schlechtgekämmtem Haar und Backenbart geöffnet, das gerötete Gesicht und die nachlässige Kleidung machten entschieden einen heruntergekommenen Eindruck. Trotzdem ich die auffallende Geschicklichkeit meines Freundes in Verkleidungen kannte, dauerte es doch geraume Zeit, bis ich sicher war, ihn vor mir zu haben. Mit einem leichten Kopfnicken verschwand er im Schlafzimmer und erschien nach fünf Minuten elegant gekleidet und tadellos wie immer. Die Hände in den Taschen streckte er sich behaglich vor dem Kamin aus und fing herzlich an zu lachen. »Das ist wirklich gut«, rief er und brach wieder in sein anhaltendes Lachen aus, bis er atemlos und erschöpft innehalten mußte. »Was ist denn los?« »Es ist zu komisch. Du errätst sicher nicht, womit ich mich heute beschäftigt habe, und wie ich meine Tätigkeit beschloß.« »Keine Ahnung. Vermutlich hast du Haus und Gewohnheiten von Fräulein Irene beobachtet?« »Ganz recht, und ich habe allerlei Merkwürdiges erlebt. Laß dir erzählen. Ich verließ also als stellenloser Knecht heute früh meine Wohnung. Ich sage dir unter diesen Pferdemenschen herrscht eine wunderbare Kameradschaft. Gehöre zu ihnen, und du erfährst alles, was du wissen willst. Ich fand denn auch bald die Wohnung. Die zweistöckige Villa ist wirklich ein bijou , hinten dehnt sich ein Garten aus, während die Vorderseite des Hauses bis dicht an die Straße grenzt. Rechter Hand befindet sich ein geräumiges, schön ausgestattetes Wohnzimmer, mit großen, fast zum Boden reichenden Fenstern und jenem dummen englischen Fensterverschluß, den jedes Kind öffnen kann. Sonst war nichts Bemerkenswertes zu entdecken, höchstens die Möglichkeit, vom Dach des Kutscherhauses in das Flurfenster zu gelangen. Ich schlenderte die Straße hinab und fand richtig meine Erwartungen nicht getäuscht; in einem Gäßchen, das sich an einer der Gartenmauern entlang zog, lag ein Pferdestall. Ich half den Stallknechten beim Abreiben ihrer Pferde und verdiente damit ein Trinkgeld, ein Glas Bier und so viel Auskunft über Fräulein Adler, als ich nur wünschte. Natürlich mußte ich dafür die Biographien von mindestens zwölf Leuten aus der Nachbarschaft, die mich nicht im geringsten interessierten, mit in Kauf nehmen.« »Nun und Irene Adler?« fragte ich. »Oh, sie hat allen Männern im ganzen Stadtteil die Köpfe verdreht. Sie ist das entzückendste Geschöpf unter der Sonne, darüber herrscht nur eine Stimme in den Pferdeställen der Serpentine Avenue. Sie lebt sehr zurückgezogen, singt in Konzerten und fährt täglich um fünf Uhr aus, um sieben kehrt sie dann zum Essen zurück. Zu anderer Tageszeit verläßt sie selten das Haus. Sie empfängt nur die häufigen Besuche eines brünetten und auffallend hübschen Herrn. Er kommt täglich ein-, ja auch zweimal und ist ein Herr Godfroy Norton aus dem ›Inner Temple‹. Da siehst du, welch einen Vorteil es bringt, Kutscher zu Vertrauten zu haben! Sie hatten ihn mindestens ein dutzendmal nach Hause gefahren und waren genau über ihn orientiert. Als ihr Redefluß versiegt war, wanderte ich langsam in der Nähe auf und ab und entwarf meinen Feldzugsplan. »Dieser Herr Norton war entschieden ein nicht zu unterschätzender Faktor in dieser Angelegenheit. Er ist Jurist, das klang fatal. Welche Beziehungen bestanden zwischen diesen beiden und welchen Grund hatte er zu seinen häufigen Besuchen? War sie seine Klientin, Freundin oder seine Geliebte? Im ersteren Falle hatte sie ihm wahrscheinlich das Bild in Verwahrung gegeben, im letzteren war das weniger zu befürchten. Hiervon hing es aber doch ab, ob ich in der Villa meine Nachforschungen fortsetzen oder das Feld meiner Tätigkeit in die Wohnung des Herrn verlegen mußte. Das war ein sehr knifflicher Punkt und machte die ganze Sache weit verwickelter. Ich fürchte, diese Details langweilen dich, aber zum weiteren Verständnis der Situation sind sie durchaus notwendig.« »Ich folge dir sehr aufmerksam«, antwortete ich. »Ich war mit der Geschichte noch nicht im klaren, als ein Wagen sich näherte und vor der Villa hielt. Ein auffallend hübscher Mann, mit einer Adlernase in seinem bärtigen Gesicht, sprang heraus, zweifellos derselbe, der mir beschrieben wurde. Er schien große Eile zu haben, befahl dem Fahrer zu warten und eilte an dem öffnenden Mädchen mit der Miene eines Mannes vorüber, der sich völlig zu Hause fühlt. Sein Aufenthalt dauerte ungefähr eine halbe Stunde, ich konnte ihn zuweilen durch das Fenster des Wohnzimmers erblicken, in dem er erregt sprechend und lebhaft gestikulierend auf und nieder schritt. Von ihr war keine Spur zu entdecken. Plötzlich kam er in verstärkter Aufregung wieder heraus. Bevor er einstieg, warf er einen Blick auf seine Uhr. ›Fahren Sie wie der Teufel‹, befahl er, ›zuerst zu Groß und Hankey in Regents Street und dann nach der Kirche St. Monica in Edgeware Road. Eine halbe Guinee, wenn die Fahrt nur sieben Minuten dauert!‹ »Fort ging es, und ich überlegte eben, ob ich ihnen nicht folgen sollte, als ich einen hübschen, kleinen Viersitzer das Gäßchen heraufkommen sah. Der Fahrer hatte kaum vor der Türe gehalten und war noch nicht damit fertig, die Knöpfe seines Rockes zu schließen, als sie schon eilig aus der Haustür schlüpfte und selbst den Schlag aufriß. ›Nach der Kirche St. Monica, John‹, rief sie, ›und einen halben Sovereign, wenn du in sieben Minuten dort bist‹. »Ich sah sie nur ganz flüchtig, doch es genügte, um jede Torheit eines Mannes begreiflich zu finden. – Die Gelegenheit durfte ich mir nicht entgehen lassen, Watson. Glücklicherweise fand ich ein Fahrzeug in der Nähe, das mich aller Zweifel enthob, auf welche Weise ich dasselbe Ziel erreichen konnte. Der Fahrer wußte nicht recht, was er aus seinem schäbigen Fahrgast machen sollte, aber, ehe er noch Zeit zu irgendwelchen Einwendungen fand, saß ich schon im Wagen. ›Ein halber Sovereign, wenn Sie die Kirche von St. Monica in sieben Minuten erreichen!‹ Es fehlen noch zehn und eine halbe Minute an zwölf Uhr, und es lag klar auf der Hand, was vor sich gehen sollte. Mein Wagen fuhr sehr rasch, aber sie waren doch früher zur Stelle. Als ich ankam, hielten die beiden Wagen schon vor der Kirchtür. Ich bezahlte meinen Fahrer und ging schnell hinein. Außer den beiden Gesuchten und einem sehr bestürzt aussehenden Geistlichen, der eifrig auf sie einsprach, war keine Seele weiter dort zu sehen. Alle drei standen in einer dichten Gruppe vor dem Altar. Ich schlenderte mit der Miene eines Müßiggängers, der zufällig in eine Kirche geraten ist, durch das Seitenschiff. Zu meiner großen Überraschung richteten plötzlich die drei ihre Aufmerksamkeit auf mich, und Godfroy Norton schritt rasch auf mich zu. »Gott sei Dank«, rief er, »Sie können uns einen sehr großen Dienst erweisen. Kommen Sie schnell, schnell!« »Was soll ich denn?« fragte ich. »Kommen Sie nur, kommen Sie nur, es fehlen nur noch zwei Minuten, sonst ist die Sache ungültig.« »Ich wurde halb zum Altar geschleppt, und bevor ich recht wußte, was geschah, hörte ich mich Antworten murmeln, die in mein Ohr geflüstert wurden, und Dinge bezeugen, von denen ich keine Ahnung hatte, kurzum ich assistierte bei der feierlichen Verbindung von Jungfrau Irene Adler mit dem Junggesellen Godfroy Norton. Im Augenblick war alles vorüber, und dann dankte mir ein Herr rechts und eine Dame links, während mir der Prediger von vorn seine Zufriedenheit ausdrückte. Ich sage dir, ich habe mich nie in einer alberneren Lage befunden, und es war die Erinnerung daran, die mich vorhin so zum Lachen brachte. Mit dem Trauschein hatte es sicher einen Haken, und der Geistliche weigerte sich außerdem ganz entschieden, die Zeremonie ohne Zeugen vorzunehmen. Wäre ich nicht zufällig dort gewesen, so hätte sich der Bräutigam seinen Trauzeugen von der Straße holen müssen. Die Braut schenkte mir einen Sovereign, den ich zum Andenken an meiner Uhrkette tragen werde.« »Das ist ja eine sehr unerwartete Wendung«, sagte ich. »Was nun?« »Ja, mein Vorhaben wurde jetzt ernstlich bedroht. Es hatte den Anschein, als wollte das Paar sofort abreisen, und da galt es meinerseits die schnellsten und energischsten Maßregeln zu treffen. Doch an der Kirchentür trennten sie sich, er fuhr nach dem ›Temple‹ und sie nach ihrer Wohnung. ›Um fünf Uhr fahre ich wie gewöhnlich in den Park‹, rief sie ihm zu. Mehr hörte ich nicht. Sie entfernten sich nach verschiedenen Richtungen, und ich machte mich auf den Weg, um mich meinen eigenen Angelegenheiten zu widmen.« »Und die sind?« »Etwas kaltes Roastbeef und ein Glas Bier dazu«, antwortete er, indem er klingelte. »Ich habe bis jetzt keine Zeit gehabt, an Essen und Trinken zu denken, und der Abend wird mir wahrscheinlich noch mehr Arbeit bringen. Ich möchte übrigens um deine Unterstützung bitten, Doktor.« »Mit Vergnügen.« »Du hast doch keine Angst, einen Verstoß gegen das Gesetz zu begehen?« »Nicht im geringsten.« »Ebensowenig fürchtest du dich, gegebenen Falls eingesteckt zu werden?« »Für eine gute Sache nie.« »Oh, die Sache ist vortrefflich.« »Also bestimme über mich.« »Ich wußte, daß ich mich auf dich verlassen könnte.« »Was hast du denn vor?« »Wenn Frau Turner alles hereingebracht hat, will ich dir's erzählen. Verzeih«, sagte er, sich hungrig dem einfachen Mahl zuwendend, das unsere Wirtin bereit gehalten hatte, »ich muß schon während des Essens meinen Vortrag halten, mir bleibt nur wenig Zeit übrig. In zwei Stunden müssen wir uns auf dem Schauplatz unserer Tätigkeit befinden, denn Fräulein, oder vielmehr Frau Irene kehrt um sieben von ihrem Ausflug zurück. Wenn wir sie treffen wollen, müssen wir deshalb nach Briony Lodge.« »Und dann?« »Alles weitere überlaß mir. Ich habe schon alle Vorkehrungen getroffen. Doch auf etwas muß ich bestehen, was auch immer kommen mag, du darfst dich in keiner Weise einmischen. Verstanden?« »Ich soll also neutral bleiben?« »Vollständig. Wahrscheinlich wird es zu einigen Mißhelligkeiten kommen; kümmere dich nicht darum. Wenn ich, was die Hauptsache ist, ins Haus geschafft werde, hört jeder Streit auf. Vier bis fünf Minuten später wird das Fenster des Wohnzimmers geöffnet werden. Du mußt dich in der Nähe dieses offenen Fensters halten.« »Ja.« »Du kannst mich von draußen erblicken und darfst mich nicht aus den Augen lassen.« »Ja.« »Sobald ich nun meine Hand erhebe, wirfst du den Gegenstand ins Zimmer, den ich dir geben werde, und schreist zur selben Zeit: Feuer! Merkst du dir auch alles?« »Aufs genaueste.« »Es ist nichts Gefährliches«, sagte er und zog eine lange, zigarrenförmige Rolle aus der Tasche. »Es ist nur eine gewöhnliche Rauchrakete, wie sie die Bleiarbeiter bei uns gebrauchen, an beiden Enden mit Zündhütchen versehen, welche die Selbstentzündung verursachen. Darauf beschränkt sich deine ganze Aufgabe. Dein Feuerruf wird rasch verbreitet werden. Du gehst dann ruhig die Straße hinunter, und in ungefähr zehn Minuten bin ich wahrscheinlich bei dir. Hoffentlich habe ich mich deutlich ausgedrückt?« »Ich muß neutral bleiben, mich dem Fenster nähern, dich beobachten, auf dein Zeichen dies hineinwerfen, dann Feuer schreien und dich an der Straßenecke erwarten?« »Ganz richtig.« »Du kannst dich völlig auf mich verlassen.« »Vortrefflich. Doch nun ist's wohl Zeit, mich auf meine Rolle vorzubereiten.« Er begab sich in sein Schlafzimmer und kehrte nach wenigen Minuten als ein liebenswürdiger, schlicht aussehender Methodisten-Prediger zurück. Sein breiter, schwarzer Hut, seine weiten Beinkleider, die weiße Perücke, das milde Lächeln und der eigentümliche, stets damit verbundene Ausdruck im Verein mit wohlwollender Neugier konnten kaum treffender dargestellt werden. Aber Holmes wechselte nicht nur seinen Anzug. Seine Züge, sein Benehmen, ja sein ganzes Wesen schien ebenfalls mit jeder neuen Rolle zu wechseln. Zehn Minuten vor sieben waren wir in der Serpentine Avenue. Es war schon dämmrig, und die Laternen wurden eben erleuchtet; wir wanderten vor der Villa auf und ab, um ihre Bewohnerin zu erwarten. Das Haus war genau so, wie ich es mir nach Holmes' kurzer Beschreibung vorgestellt hatte, doch die Gegend hatte ich mir viel einsamer gedacht. Sie erschien mir für eine kleine Straße in ruhiger Nachbarschaft sogar sehr belebt. In einer Ecke plauderte eine Gruppe fröhlicher, rauchender Müßiggänger, drüben hielt ein Scherenschleifer mit seinem Rade, und in der Nähe schäkerten zwei Soldaten mit einem Kindermädchen. Mehrere gut gekleidete junge Leute schlenderten, die Zigarre im Munde, langsam auf und ab. »Siehst du«, bemerkte Holmes, »diese Heirat vereinfacht die Sache außerordentlich. Jetzt ist die Photographie ein zweischneidiges Schwert geworden. Ich glaube nicht, daß ihr viel daran liegt, sie Herrn Norton zu zeigen, ebensowenig wie unser Klient sie von seiner Prinzessin bewundert sehen möchte. Die Frage ist nur, wo finden wir das Bild?« »Ja, wo?« »Es ist höchst unwahrscheinlich, daß sie es stets mit sich herumträgt. Ein Bild in Kabinettformat ist viel zu groß, um es leicht in einem Frauenkleide zu verbergen. Vermutlich hat sie es daher nicht bei sich.« »Wo mag es dann stecken?« »Vielleicht bei ihrem Bankier oder ihrem Rechtsanwalt. Beide Möglichkeiten sind nicht ausgeschlossen, aber unwahrscheinlich. Warum sollte sie es einem anderen übergeben? Auf sich selbst konnte sie sich verlassen, aber sie wußte nicht, ob auch ein Geschäftsmann jedem politischen oder indirekten Einfluß widerstehen würde. Bedenke außerdem, daß sie entschlossen ist, es in den nächsten Tagen zu gebrauchen, es muß deshalb stets zur Hand sein. Folglich kann sie es nur in ihrer eigenen Wohnung haben.« »Hat man dort nicht schon zweimal eingebrochen?« »Pah! sie verstanden eben nicht zu suchen.« »Und wie willst du das anfangen?« »Ich werde gar nicht suchen.« »Was denn?« »Sie soll es mir selbst zeigen.« »Sie wird sich sicher weigern.« »Dazu gebe ich ihr keine Möglichkeit. Horch der Wagen kommt! Nun befolge ganz genau meine Vorschrift!« Der Schein der Wagenlampen wurde sichtbar, und ein eleganter, kleiner Viersitzer rollte auf die Villa zu. Er hielt kaum, als schon einer der herumlungernden Leute herbeistürzte, um für das Öffnen der Türe ein Trinkgeld zu erlangen. Ein anderer hegte dieselbe Absicht und stieß ihn beiseite. Ein heftiger Streit brach aus, die beiden Soldaten mischten sich hinein und nahmen für den ersten Partei, während der Scherenschleifer sich auf die Seite des andern schlug. Es kam zu einer förmlichen Schlägerei, und im Augenblick war die aus dem Wagen gestiegene Dame der Mittelpunkt einer Gruppe aufgeregter, zankender Menschen, die mit Fäusten und Stöcken aufeinander losgingen. Holmes stürzte sich zum Schutze der Dame mitten ins Gewühl, aber er hatte sie noch nicht erreicht, als er einen Schrei ausstieß und mit blutüberströmtem Gesicht zu Boden fiel. Dieser Anblick veranlaßte die ganze Bande, nach verschiedenen Seiten Reißaus zu nehmen, nur einige Personen aus dem besser gekleideten Publikum, die teilnahmlose Zuschauer der Szene geblieben waren, beeilten sich, der Dame und dem Verletzten zu Hilfe zu kommen. Irene Adler war die Stufen emporgeeilt, auf der Schwelle blieb sie zögernd stehen und blickte auf die Straße zurück, wobei sich ihre prachtvolle Figur vom erleuchteten Hintergrunde scharf abhob. »Ist der arme Herr schwer verletzt?« fragte sie. »Er ist tot«, schrieen mehrere Stimmen. »Nein, noch ist Leben in ihm«, meinte ein anderer, »aber ehe er ins Hospital kommt, ist's aus mit ihm.« »Das ist 'n braver Mensch«, sagte eine Frau. »Wär' er nicht dazu gekommen, hätten sie der Dame Uhr und Kette weggerissen. Das war 'ne böse Sorte. Da, er rührt sich noch!« »Hier kann er nicht länger liegen bleiben, dürfen wir ihn hineintragen, Madamchen?« »Gewiß, bringen Sie ihn ins Wohnzimmer, da ist ein bequemes Sofa. Bitte hier.« Langsam und feierlich wurde er ins Haus getragen und im besten Zimmer niedergelegt; vom Fenster aus konnte ich den ganzen Vorgang genau beobachten. Ich sah Holmes auf dem Sofa liegen, da die Vorhänge hinter den erleuchteten Scheiben noch nicht zugezogen waren. Verursachte ihm sein falsches Spiel in diesem Augenblick nicht doch Gewissensbisse? Jedenfalls fühlte ich mich tief beschämt, gegen diese schöne Frau Ränke zu schmieden, die mit so entzückender Freundlichkeit und Grazie für den Verwundeten sorgte. Und doch, jetzt konnte und durfte er nicht mehr zurück, und darum versuchte auch ich jedes Reuegefühl abzuschütteln und zog die Rauchrakete aus meinem Überrock. Ich beruhigte mich damit, daß ihr selbst ja kein Leid geschehen sollte und wir sie nur daran hindern wollten, anderen zu schaden. Holmes hatte sich aufgerichtet, er machte eine Bewegung, als wenn er ersticken müßte. Ein Dienstmädchen beeilte sich, das Fenster zu öffnen. Im selben Moment sah ich ihn die Hand erheben, warf meine Rakete ins Zimmer und schrie aus Leibeskräften: »Feuer!« Mit Windesschnelle verbreitete sich der Ruf weiter und lockte eine Menge Menschen herbei. Dicke Rauchwolken ballten sich im Zimmer und zogen aus dem geöffneten Fenster. Ich sah undeutlich die Schatten von hin und her laufenden Menschen und hörte gleich darauf die Stimme Holmes' von innen versichern, es sei nur ein falscher Alarm gewesen. Ich drückte mich aus dem lärmenden Haufen und hatte noch nicht zehn Minuten an der Ecke gewartet, als Holmes seinen Arm in den meinigen schob und wir erleichtert und befriedigt den Heimweg antraten. Einige Minuten ging er rasch und schweigend neben mir, bis wir in die ruhigen Straßen von Edgeware Road einbogen. »Du hast es sehr geschickt gemacht, Doktor«, bemerkte er. »Besser konnte es gar nicht gehen. Nun ist alles in Ordnung.« »Du hast also die Photographie?« »Das nicht, aber ich weiß, wo sie ist.« »Wie hast du das nur herausbekommen?« »Sie hat's mir gezeigt, – wie ich dir voraussagte.« »Das ist mir noch unklar.« »Nun, ein Geheimnis will ich nicht daraus machen«, sagte er lachend. »Die ganze Geschichte ist höchst einfach. Du wirst natürlich erraten haben, daß auf der Straße alle im Einverständnis waren. Sie waren alle für den Abend engagiert.« »Ich hab' es mir fast gedacht.« »Als nun der Skandal losging, hielt ich etwas feuchten, roten Farbstoff in meiner Handfläche. Beim Hinstürzen schlug ich sie mir vors Gesicht und sah nun natürlich zum Erbarmen aus. Das ist ein alter Kniff.« »Das ahnte ich auch.« »Man trug mich hinein. Was konnte sie dagegen machen? Und gerade in ihr Wohnzimmer, auf welches ich mein Hauptaugenmerk hatte. Es stößt an ihr Schlafzimmer, mir konnte also nichts entgehen. Sie legten mich nieder, ich schnappte nach Luft, das Fenster wurde geöffnet, und du kamst an die Reihe.« »Was konnte dir das helfen?« »Oh, sehr viel. Wenn eine Frau glaubt, ihr Haus brenne, wird sie instinktmäßig auf den Gegenstand losstürzen, der ihr am teuersten ist. Das ist vollständig naturgemäß, und ich habe es mehr als einmal zu meinem Vorteil ausgebeutet. Eine verheiratete Frau und Mutter greift nach ihrem Kinde, eine unverheiratete Frau nimmt ihren Schmuckkasten. Für mich stand es fest, daß für unsere Dame das wertvollste Gut eben der in Frage kommende Gegenstand sein mußte. Sie würde alles aufbieten, ihn in Sicherheit zu bringen. Der Feuerlärm wurde großartig ausgeführt. Der Rauch und das Geschrei hätten selbst Nerven von Stahl erschüttert. Sie reagierte denn auch vortrefflich darauf. Die Photographie befindet sich in einer Nische hinter einer verschiebbaren Wandfüllung, gerade über dem Klingelgriff. Frau Irene war sofort zur Stelle, und ich überzeugte mich mit einem raschen Seitenblick, daß sie wirklich ein Bild erfaßt hatte. Als ich dann rief, es wäre alles nur ein falscher Lärm gewesen, legte sie es wieder zurück, besah sich die Rakete und eilte aus dem Zimmer. Nachher habe ich sie nicht wieder gesehen. Ich stand auf und machte mich mit vielen Entschuldigungen aus dem Staube. Ich zögerte allerdings, ob ich nicht schnell die Photographie in meinen Besitz bringen sollte, doch der Diener war hereingekommen und ließ mich nicht aus den Augen. So hielt ich es denn für besser, zu warten, da eine kleine Überstürzung alles verderben konnte.« »Und jetzt?« fragte ich. »Ja, eigentlich bleibt kaum noch etwas zu tun. Morgen früh statte ich ihr mit dem Fürsten einen Besuch ab, falls du Lust hast, kannst du uns begleiten. Wir werden dann ersucht werden, im Wohnzimmer auf die Dame zu warten, aber ob sie uns oder die Photographie bei ihrem Erscheinen noch vorfindet, ist fraglich. Vielleicht bereitet es Seiner Hoheit eine besondere Genugtuung, das Bild mit eigener Hand wiederzugewinnen.« »Wann soll der Besuch stattfinden?« »Morgens acht Uhr. Dann wird die Dame noch nicht aufgestanden sein, und wir haben freie Bahn. Wir müssen natürlich pünktlich sein, da man nicht wissen kann, welche Veränderungen diese Heirat in ihrem Leben und ihren Gewohnheiten hervorruft. Ich werde sofort den Fürsten benachrichtigen.« Während unseres Gespräches hatten wir die Bakerstraße erreicht und standen vor der Haustüre. Er suchte in der Tasche nach dem Schlüssel, als ihm ein Vorübergehender zurief: »Gute Nacht, Herr Holmes!« Das Trottoir war um diese Zeit ziemlich belebt, doch der Gruß schien von einem jungen Menschen in einem faltigen Überrock herzurühren, der eilig vorwärts schritt. »Die Stimme habe ich schon irgendwo gehört«, sagte Holmes, die schwach erleuchtete Straße hinunterblickend, »wer, zum Teufel, mag das gewesen sein?« III Ich schlief diese Nacht in der Bakerstraße, und wir nahmen am andern Morgen eben unser Frühstück ein, als der Fürst hereinstürmte. »Sie haben es wirklich?« rief er, Holmes bei den Schultern packend und ihm gespannt ins Gesicht sehend. »Bis jetzt noch nicht.« »Aber Sie haben doch Hoffnung?« »Die hab' ich.« »Dann, bitte, kommen Sie, ich vergehe vor Ungeduld.« »Wir müssen erst einen Wagen holen lassen.« »Mein Brougham hält vor der Tür.« »Um so besser.« Wir stiegen ein, und fort ging es nach Briony Lodge. »Irene Adler ist verheiratet«, bemerkte Holmes. »Verheiratet? Seit wann?« »Seit gestern.« »Und mit wem?« »Mit einem englischen Rechtsanwalt namens Norton.« »Wirklich? Nun, lieben kann sie ihn jedenfalls nicht.« »Und doch wäre das im Interesse Eurer Hoheit nur zu wünschen.« »Aber aus welchem Grunde?« »Weil das Eure Hoheit vor jeder späteren Unannehmlichkeit sichern würde. Falls die Dame ihren Gatten liebt, liebt sie nicht Eure Hoheit. Und liebt sie Eure Hoheit nicht, warum sollte sie dann die Zukunftspläne Eurer Hoheit zerstören wollen?« »Sehr richtig! Und dennoch – Ach, ich wünschte, sie wäre mir ebenbürtig – welch' eine Fürstin wäre sie gewesen!« Er versank in nachdenkliches Schweigen, das auch bis zu unserem Ziel nicht unterbrochen wurde. Die Haustür von Briony Lodge war weit geöffnet, auf der Schwelle stand eine ältliche Frau. Sie verfolgte unser Aussteigen mit wahrhaft sardonischem Lächeln. »Herr Sherlock Holmes, nicht wahr?« fragte sie. Mein Freund warf ihr einen fragenden, ja bestürzten Blick zu. »Allerdings, ich bin Herr Holmes.« »Wirklich! Meine Herrin hat mich schon auf Ihr wahrscheinliches Kommen vorbereitet. Sie ist heute früh in Begleitung ihres Gatten mit dem 5.15-Zuge von Charing Croß nach dem Kontinent abgereist.« »Was?« Bleich bis in die Lippen fuhr Sherlock Holmes zurück. »Wollen Sie damit sagen, daß sie England verlassen hat?« »Ja, für immer.« »Und die Papiere?« fragte der Fürst heiser. »Also alles verloren?« »Wir müssen zusehen.« Er schob die Dienerin zur Seite und eilte ins Zimmer, der Fürst und ich folgten ihm auf dem Fuße. Die Möbel standen verschoben und unordentlich im Zimmer umher, die offenstehenden Schränke und Schubladen schienen vor der plötzlichen Abreise noch schnell durchwühlt und teilweise geleert zu sein. Holmes flog zum Klingelgriff, schob ein kleines Türchen in die Täfelung zurück und zog eine Photographie und einen Brief aus der Öffnung. Das Bild zeigte Irene Adler in Gesellschaftstoilette, der Brief war an Herrn Sherlock Holmes adressiert. Mein Freund riß den Umschlag auf, und wir lasen ihn alle drei gleichzeitig. Er war um Mitternacht des vorigen Tages geschrieben und lautete folgendermaßen: Mein lieber Herr Holmes! Sie führten Ihre Rolle wirklich bewunderungswürdig durch, und es gelang Ihnen vollständig, mein Vertrauen zu gewinnen. Bis der Feuerlärm vorüber war, hegte ich nicht den geringsten Argwohn, doch dann sah ich ein, daß ich mich verraten hatte, und wurde nachdenklich. Vor Monaten wurde ich schon vor Ihnen gewarnt, und Sie mir als der einzige bezeichnet, den der Fürst als Agenten verwenden würde. Ihre Adresse erfuhr ich ebenfalls. Doch dies alles bringt mich auf Ihren Wunsch zurück. Anfangs schämte ich mich meines Mißtrauens gegen einen so liebenswürdigen, alten Prediger, aber Sie wissen, ich bin selbst Schauspielerin gewesen und verstehe mich daher auf eine gute Maske. Ich habe sogar oft genug selbst von Verkleidungen Gebrauch gemacht. Ich schickte meinen Diener John als Aufpasser ins Zimmer und warf mich oben in meinen ›Wanderanzug‹, wie ich ihn nenne. Ich wurde noch rechtzeitig fertig, um Ihnen bis zu Ihrer Haustür folgen zu können und mich selbst zu überzeugen, daß ich für den berühmten Herrn Holmes ein Gegenstand des Interesses sei. Unvorsichtig wünschte ich Ihnen sogar ›Gute Nacht‹ und beeilte mich meinen Gatten aufzusuchen. Wir hielten es beide für das beste, uns einem so furchtbaren Gegner durch die Flucht zu entziehen. Sie werden daher morgen nur ein leeres Nest vorfinden. Wegen des Bildes mag Ihr Klient völlig beruhigt sein. Ich liebe und werde von einem viel edleren Manne, als er ist, geliebt. Der Fürst mag völlig nach seinem Belieben handeln, ich werde ihm, trotz seiner schweren Schuld gegen mich, nicht mehr in den Weg treten. Das Bild behalte ich in meiner sicheren Hut, es soll mich nur gegen spätere Angriffe schützen. Ich hinterlasse eine Photographie, auf deren Besitz der Fürst vielleicht Wert legt, und verbleibe, lieber Herr Sherlock Holmes, für immer Ihre ergebene Irene Norton, geb. Adler.     »Welch eine Frau – nein, welch eine Frau«, rief der Fürst, als wir das Schriftstück beendet hatten. »Sagte ich Ihnen nicht, wie schnell und entschlossen sie handelt? Würde sie nicht eine großartige Fürstin geworden sein? Es ist ein Jammer, daß sie nicht mit mir auf gleicher Höhe steht!« »Nach dem, was ich von ihr gesehen habe, scheint sie mir allerdings einen ganz anderen Standpunkt einzunehmen als Eure Hoheit«, äußerte Holmes kühl. »Ich bedaure nur, die Angelegenheit nicht zu einem besseren Abschluß gebracht zu haben.« »Im Gegenteil, mein lieber Herr«, rief der Fürst lebhaft, »einen besseren Erfolg kann ich mir gar nicht wünschen. Ihr Wort steht felsenfest. Die Photographie ist jetzt ebenso sicher, als wäre sie ins Feuer geworfen.« »Die Worte Eurer Hoheit machen mich sehr glücklich.« »Ich bin tief in Ihrer Schuld. Bitte sagen Sie mir, womit ich Ihnen danken kann. Dieser Ring« – – er zog einen Smaragdreifen vom Finger und hielt ihn Holmes auf der offenen Hand hin. »Hoheit besitzen etwas, das viel höheren Wert für mich hätte.« »Bitte nennen Sie es nur.« »Diese Photographie.« Der Fürst sah ihn erstaunt an. »Irenes Photographie? Aber natürlich, wenn Sie sie haben wollen.« »Besten Dank, Hoheit. In der Sache läßt sich nun nichts mehr tun. Ich habe die Ehre, guten Morgen zu wünschen.« Er verbeugte sich und ging, ohne die ausgestreckte Hand des Fürsten zu bemerken. Auf diese Weise wurde der drohende Skandal im Fürstentum O. glücklich verhütet und die scharfsinnigsten Pläne Sherlock Holmes' durch die Schlauheit einer Frau vereitelt. Sonst hatte er sich stets über die Weiberschlauheit lustig gemacht, später habe ich nie mehr ein spöttisches Wort darüber von ihm gehört. Doktor Watson hatte geendet. Es war inzwischen Nacht geworden. Draußen rauschten die regennassen Bäume im Wind, irgendwo schlug ein Hund kurz und heftig an. Die Unterhaltung drin im Zimmer drehte sich lebhaft um das Gehörte, und die Sympathien der Anwesenden neigten sich sehr der Schauspielerin zu. »Es ist eigentlich ein Fall, wie er jeden Tag vorkommt«, meinte Doktor Hull. »Ein Verhältnis, das man nachher nicht mehr wahrhaben möchte. Nur daß es sich diesmal um ein regierendes Fürstenhaus handelte. Ein merkwürdiger, aber jedenfalls kein so ganz seltener Fall.« »Gewiß«, stimmte Doktor Watson bei. »Es war an sich keine außergewöhnliche Sache. Sherlock Holmes hat sich schon mit weit absonderlicheren Angelegenheiten abgeben müssen und sie glänzend gelöst. Wenn ich nur an diesen seltsamen »Bund der Rothaarigen« denke – –« »Bund der Rothaarigen?« fragte einer der Herren erstaunt. »Gibt es das auch? Und was für gemeinsame Interessen vertritt dieser Bund?« »Es ist eine ganze Geschichte«, erklärte Doktor Watson. »Und wenn Sie Lust haben, sie anzuhören – –« »Freilich, freilich! Erzählen Sie!« riefen die Gäste und rückten nah um den Kamin zusammen. Doktor Watson legte ein paar frische Birkenscheite nach. Dann begann er: Der Bund der Rothaarigen Als ich im vorigen Herbst eines Tages meinen Freund, Sherlock Holmes, aufsuchte, traf ich ihn in eifrigem Gespräch mit einem dicken, blühend aussehenden, älteren Herrn, der feuerrotes Haar hatte. Schon wollte ich mich mit einer Entschuldigung wieder entfernen, als mich Holmes rasch in das Zimmer zog und die Tür hinter mir schloß. »Gelegener konntest du nicht kommen, lieber Watson«, sagte er herzlich. »Ich fürchtete, du seiest beschäftigt«, entgegnete ich. »Das bin ich – und zwar sehr.« »So will ich im Nebenzimmer warten.« »Nein, nein, bleibe nur hier. – Doktor Watson«, sagte er, mich dem Fremden vorstellend, »hat mir vielfach in meinen wichtigsten Fällen mit Rat und Tat zur Seite gestanden, und ich bezweifle nicht, daß er mir auch in Ihrer Angelegenheit, Herr Wilson, von großem Nutzen sein wird.« Der dicke Herr erhob sich halb von seinem Sitz und nickte grüßend, indem er aus seinen kleinen, von Fettpolstern umgebenen Augen schnell einen forschenden Blick auf mich warf. »Nimm Platz«, bat Holmes, in seinen Lehnstuhl zurücksinkend, und legte die Fingerspitzen aneinander, wie er es in kritischer Stimmung zu tun pflegte. »Ich weiß, lieber Watson, daß du meine Vorliebe für alles Absonderliche teilst, für alles, was nicht zum ledernen Einerlei des Alltagslebens gehört. Du hast das durch die Wärme bewiesen, mit welcher du einige meiner eigenen, unbedeutenden Erlebnisse wiedergegeben, ja – entschuldige – gewissermaßen ausgeschmückt hast.« »Allerdings interessierten mich deine Fälle stets ganz besonders«, erwiderte ich. »Du wirst dich erinnern, daß ich neulich, als wir es mit Fräulein Mary Sutherlands einfacher Angelegenheit zu tun hatten, die Bemerkung machte, wie die sonderbarsten Vorfälle und die merkwürdigsten Verwicklungen im Leben selbst zu finden sind. Die Wirklichkeit bringt weit Überraschenderes hervor als die lebhafteste Einbildungskraft.« »Eine Behauptung, die ich mir anzuzweifeln getraute.« »Das tatest du, und dennoch wirst du dich zu meiner Ansicht bekehren müssen, sonst häufe ich Beweise auf Beweise, bis du überführt bist und mir recht gibst. Herr Jabez Wilson hier war so freundlich, mich heute morgen aufzusuchen, um mir etwas zu erzählen, was man nicht alle Tage zu hören bekommt. Ich sagte schon früher, daß ungewöhnliche Dinge häufiger bei kleinen als bei großen Verbrechen vorkommen, ja in Fällen, bei denen es zuweilen sogar zweifelhaft ist, ob überhaupt ein Verbrechen vorliegt. Vielleicht handelt es sich auch im vorliegenden Falle um kein Verbrechen; – so viel ist aber gewiß, daß er höchst merkwürdig ist. Hätten Sie wohl die große Gefälligkeit, noch einmal von vorn anzufangen, Herr Wilson? Ich bitte nicht allein darum, weil mein Freund den ersten Teil nicht gehört hat, sondern, weil mir daran liegt, jede in Betracht kommende Einzelheit möglichst genau zu vernehmen. Gewöhnlich vermag ich mir schon bei oberflächlicher Angabe der Begebenheiten ein Bild vom Ganzen zu machen durch den Vergleich mit den zahllosen, ähnlichen Fällen, deren ich mich entsinne. Hier aber läßt mich jegliche Mutmaßung im Stich.« Mit einem gewissen Stolz warf sich der behäbige Klient in die Brust und zog ein schmutziges, zerknittertes Zeitungsblatt aus der Rocktasche. Während er vorgebeugt den Anzeigenteil des Blattes durchsah, das er auf seinen Knieen ausbreitete, hatte ich Zeit, den Mann ruhig zu betrachten und nach Art meines Freundes zu versuchen, ob ich aus seinem Äußeren gewisse Anhaltspunkte gewinnen könnte, um mir ein Urteil über ihn zu bilden. Viel kam dabei jedoch nicht heraus. Unserem Besucher war der Stempel eines ganz gewöhnlichen Durchschnittsmenschen aufgeprägt; sein wohlgenährtes, schwerfälliges und bedächtiges Aussehen bestätigte das, – vermutlich gehörte er dem Kaufmannsstande an. Er trug sehr weite graukarrierte Beinkleider, einen nicht allzu sauberen schwarzen Rock, der nicht zugeknöpft war, eine hellgraue Tuchweste und eine schwere vernickelte Uhrkette, an deren Ende ein viereckiges Metallstück als Verzierung baumelte. Ein abgeschabter Zylinder und ein ebensolcher Überzieher mit runzeligem Sammetkragen lagen auf dem Stuhl neben ihm. So gespannt ich den Mann auch betrachtete, fand ich an ihm weiter nichts Bemerkenswertes als sein feuerrotes Haar und einen Ausdruck von Verdruß und Mißmut in seinen Zügen. Sherlock Holmes' geübtem Auge entging mein Versuch nicht, und lächelnd schüttelte er den Kopf über meine forschenden Blicke. Dann sagte er: »Daß Herr Wilson eine Zeit lang Handarbeiter war, daß er schnupft, daß er Freimaurer ist, daß er in China war und kürzlich sehr viel geschrieben hat, sind Dinge, die klar auf der Hand liegen – weiter kann ich ihm aber nichts ansehen.« Jabez Wilson schrak auf seinem Stuhl zusammen; den Zeigefinger auf der Zeitung, starrte er nach meinem Freunde hin. »Woher in aller Welt wissen Sie das alles, Herr Holmes?« fragte er. »Woher wissen Sie z. B., daß ich Handarbeiter war? Richtig ist's, weiß Gott! Ich fing als Schiffszimmermann an.« »Das sehe ich Ihren Händen an, mein werter Herr; die rechte Hand ist weit größer als die linke. Da Sie mit jener arbeiteten, hat sich deren Muskulatur viel kräftiger entwickelt.« »Gut – aber das Schnupfen und die Freimaurerei?« »Ich traue Ihnen so viel Scharfsinn zu, Herr Wilson, daß Sie erraten, woraus ich das entnehme – besonders, weil Sie, wohl etwas gegen die strengen Statuten Ihres Ordens, Bogen und Kompaß als Busennadel tragen.« »Ja, allerdings, das hatte ich vergessen. Und die Schreiberei?« »Auf was sonst läßt hier rechts diese fünf Zoll lange, durchgeriebene Falte schließen und der glänzende Fleck am Ellenbogen – da wo der Arm auf dem Pult ruht?« »Auch gut – aber China?« »Nur in China konnte der Fisch dort über Ihrem rechten Handgelenk eingeätzt werden. Ich beschäftigte mich etwas mit tätowierten Zeichen, bereicherte sogar die Literatur hierüber; weiß also, daß die Kunst, die Fischschuppen so zart rötlich zu färben, speziell chinesisch ist. Sehe ich obendrein eine chinesische Münze an Ihrer Uhrkette, so ist die Sache noch einfacher.« Jabez Wilson lachte laut: »Alle Wetter!« rief er aus, »erst glaubte ich, Sie verstünden Wunder was – jetzt sehe ich, daß schließlich blutwenig daran ist.« »Allmählich komme ich dahinter, Watson, daß ich ein Tor bin mit meinen Erklärungen. Du weißt: Omne ignotum pro magnifico , und mein bißchen Ruf geht in die Brüche, wenn ich zu aufrichtig bin. – Sie können wohl die Anzeige nicht finden, Herr Wilson?« »Ja, jetzt habe ich sie«, erwiderte der Gefragte und legte seinen dicken, roten Finger mitten auf die Spalte. »Da steht's – damit fing die ganze Geschichte an. Lesen Sie gefälligst selbst, Herr Doktor.« Ich nahm das Blatt und las folgendes: An den Bund der Rothaarigen . Zufolge des Vermächtnisses des verstorbenen Ezekiah Hopkins von Libanon, Pennsylvania (Ver. Staaten), ist wieder eine Stelle zu besetzen, die ein Mitglied des Bundes zu einer Einnahme von 4 £ wöchentlich berechtigt gegen rein nominelle Leistungen. Alle an Leib und Seele gesunden Rothaarigen, die das einundzwanzigste Jahr zurückgelegt haben, können sich bewerben. – Persönliche Anmeldung Montag um 11 Uhr bei Duncan Roß, im Bundeslokal, Popes Court, 7 Fleet-Street. »Was in aller Welt soll das heißen?« rief ich aus, nachdem ich die sonderbare Anzeige zweimal durchgelesen hatte. Holmes wälzte sich förmlich vor Lachen auf seinem Stuhl, wie er es immer tat, wenn er guter Laune war. »Nicht wahr, das ist absonderlich?« rief er. »Und nun, Herr Wilson, legen Sie los und erzählen Sie uns von sich, Ihrem Haushalt und von der Wirkung dieser Zeilen auf Ihr Lebensglück. – Du, Doktor, notierst gefälligst Namen und Nummer der Zeitung.« »Es ist der ›Morning Chronicle‹ vom 27. April d. J. Das Blatt erschien genau vor zwei Monaten.« »Gut. Bitte, fangen Sie an, Herr Wilson.« »Also«, sprach Jabez Wilson, sich die Stirn trocknend, »wie ich Ihnen schon sagte, Herr Holmes – ich bin Inhaber einer kleinen Trödelbude in Coburg-Square, unweit der City. Ein sehr bedeutendes Geschäfts ist's nicht, und in den letzten Jahren warf es nur so viel ab, wie ich zum Leben brauchte. Früher konnte ich zwei Gehilfen halten, jetzt aber habe ich nur einen, und es würde mir sauer werden, den zu bezahlen, wenn er nicht freiwillig für halben Lohn arbeitete, weil er das Geschäft erlernen will.« »Wie heißt dieser gefällige Jüngling?« fragte Holmes. »Er heißt Vincent Spaulding und ist gerade kein Jüngling mehr. Sein Alter läßt sich schwer bestimmen. Einen gewandteren Gehilfen kann ich mir gar nicht wünschen, Herr Holmes. Ich weiß wohl, daß er leicht eine bessere Stellung finden und doppelt so viel verdienen könnte, als ich ihm gebe. Da er aber zufrieden ist, weshalb sollte ich ihm einen Floh ins Ohr setzen?« »Ja, allerdings weshalb? Sie können sich glücklich schätzen, einen Angestellten mit geringen Ansprüchen zu haben. Heutzutage kommt das im Geschäftsleben nicht oft vor. Mir scheint Ihr Gehilfe kaum weniger absonderlich zu sein als Ihre Anzeige.« »Nun, er hat auch seine Fehler«, meinte Wilson. »Er ist ganz versessen auf das Photographieren. Auf einmal geht er mit seinem Apparat davon, läßt die Arbeit im Stich und verkriecht sich im Keller wie ein Karnickel in seinem Loch, um die Aufnahmen zu entwickeln. Das ist sein Hauptfehler, sonst ist er ein tüchtiger Arbeiter; ich kann nicht über ihn klagen.« »Ich setze voraus, daß er noch bei Ihnen ist?« »Ja, Herr Holmes. Er und ein vierzehnjähriges Mädchen, das etwas kochen kann und das Reinmachen besorgt – ist mein ganzes Personal im Hause. Wissen Sie, ich bin kinderloser Witwer. Wir drei leben ruhig bei einander, und wenn wir es auch nicht weit bringen, so haben wir doch unser Auskommen und machen keine Schulden. – Alles ging glatt, bis die Anzeige erschien. Gerade heute vor acht Wochen tritt Spaulding mit diesem Blatt in der Hand ins Geschäft und spricht: »Wollte Gott, Herr Wilson, ich hätte rote Haare!« »Weshalb?« fragte ich. »Weshalb?« gibt er zurück, »weil hier wieder eine Freistelle im Bunde der Rothaarigen ausgeschrieben ist. Für den, der sie kriegt, ist's wirklich ein kleines Vermögen, und wie ich sehe, gibt es mehr freie Stellen als Bewerber, so daß die Verwaltung nicht mehr weiß, wohin mit dem Gelde. Ließe sich doch mein Haar umfärben – in dies behagliche Nestchen setzte ich mich gern«. »Nanu, wie verhält sich denn die Sache?« fragte ich. »Sehen Sie, Herr Holmes, ich bin eine richtige Hausunke, und da ich des Geschäfts wegen nicht auszugehen brauche, setze ich den Fuß oft wochenlang nicht über die Schwelle. Auf diese Weise erfahre ich wenig von dem, was draußen vor sich geht, und freue mich daher immer, etwas Neues zu hören.« »Wissen Sie gar nichts vom Bunde der Rothaarigen?« fragte er und riß die Augen auf. »Gar nichts.« »Wirklich nicht? Das nimmt mich wunder, denn Sie selbst könnten Ansprüche auf eine Stelle erheben.« »Und was wirft sie denn ab?« fragte ich. »Mehr nicht als ein paar hundert im Jahr, doch ist die Arbeit gering, und man kann dabei auch seinen sonstigen Beschäftigungen nachgehen.« »Da können Sie sich wohl denken, Herr Holmes, daß ich die Ohren spitzte, denn in den letzten Jahren ging das Geschäft nicht brillant, und so ein paar hundert nebenbei wären mir gerade gelegen gekommen.« »Erzählen Sie mir Näheres davon«, bat ich. »Sie sehen ja selbst«, sagte Spaulding und wies auf die Anzeige, »daß eine Vakanz des Bundes ausgeschrieben ist, und hier ist die Adresse, an die man sich zu wenden hat. Soviel ich in Erfahrung bringen konnte, wurde der Verein durch einen amerikanischen Millionär, Ezekiah Hopkins, gegründet, der ein rechter Sonderling gewesen sein muß. Bei seinem Tode fand sich ein Testament, in welchem er sein enormes Vermögen zur Errichtung einer Stiftung für Rothaarige bestimmte. Die Zinsen des Kapitals sollten dazu verwendet werden, solchen Leuten eine bequeme und auskömmliche Existenz zu verschaffen.« »Da werden sich wohl Millionen Rothaarige melden?« warf ich ein. »Keineswegs«, erwiderte er. »Die Stiftung beschränkt sich auf die Londoner und auf erwachsene Männer. Der Amerikaner hatte seine Jugend in London verlebt und wollte der alten Heimat eine Wohltat erweisen. Ferner hörte ich, es sei ganz nutzlos sich zu melden, wenn das Haar nur rotblond oder rotbraun ist; auf ein grelles, brennendes Rot kommt es an. Sollten Sie Lust haben, sich zu melden, so ist Ihnen die Stelle sicher; vielleicht aber lohnt es sich kaum für Sie, sich wegen ein paar hundert Pfund zu bemühen.« – »Wie Sie sich selbst überzeugen können, meine Herren, ist meine Haarfarbe wirklich so feurig und lebhaft, daß ich mir als Bewerber Erfolg versprechen konnte, so gut wie jeder andere. Spaulding schien von der Sache so viel zu wissen, daß ich dachte, er könne mir behilflich sein; ich hieß ihn daher den Laden schließen und gleich mit mir gehen. Der freie Tag kam ihm gerade recht, wir machten die Bude zu und begaben uns nach der im Blatt angegebenen Adresse.« »Das war ein Anblick, Herr Holmes! Von Nord und Süd, von Ost und West war alles herbeigelaufen, was nur einen rötlichen Schimmer auf dem Kopfe aufzuweisen hatte! In Fleet-Street wimmelte es von Rothaarigen. Ich hätte nicht für möglich gehalten, daß es so viele rote Köpfe in London gebe, wie sie allein diese Anzeige zusammenführte. Jede Schattierung war vertreten – stroh-, zitronen-, orangengelb, ziegel-, leber-, lehmrot, doch hatten, wie Spaulding erklärte, nur wenige leuchtendes, flammendes Rot aufzuweisen. Als ich die Zahl der Bewerber sah, wäre ich am liebsten gleich wieder umgekehrt, davon aber wollte Spaulding nichts hören. Wie er es fertig brachte, begreife ich jetzt noch nicht, aber er stieß, puffte und knuffte nach allen Seiten, bis er mich durch die Menge geschoben hatte. Auf der Treppe flutete es hin und her, hoffnungsvoll stiegen die einen empor, enttäuscht kamen die andern herab; wir schlugen uns durch, so gut es ging, und kamen glücklich ins Büro.« »Das ist ja eine recht heitere Geschichte«, bemerkte Holmes, als der Klient sich unterbrach, um sein Gedächtnis durch eine gewaltige Prise zu stärken. »Bitte, fahren Sie fort.« »Im Büro standen nur ein paar hölzerne Stühle und ein Tisch aus Tannenholz, an dem ein kleiner Mann saß, dessen Haar noch röter war als das meinige. An jeden Kandidaten, der hereintrat, richtete er ein paar Fragen, und fand dann an jedem etwas auszusetzen, das ihn für die Anwartschaft ungeeignet erwies. Die Freistelle zu erlangen, schien schließlich nicht so ganz leicht zu sein. Als aber endlich die Reihe an uns kam, zeigte sich der kleine Mann mir gewogener als allen übrigen; er schloß die Tür, um mit uns ein Wort allein zu reden.« »Das ist Herr Jabez Wilson«, sagte mein Gehilfe, »er ist geneigt, die freie Stelle zu übernehmen.« »Er scheint sich trefflich dazu zu eignen«, erwiderte der kleine Mann, »und erfüllt alle Bedingungen. Ich erinnere mich nicht, je so feines Haar gesehen zu haben.« Er trat einen Schritt zurück, legte den Kopf auf die Seite und starrte mein Haar an, bis ich selbst rot wurde. Dann neigte er sich plötzlich vorwärts, schüttelte mir die Hand und gratulierte mir warm zu meinem Erfolg. »Jedes Bedenken wäre eine Ungerechtigkeit«, sagte er. »Doch werden Sie gewiß eine nötige Vorsichtsmaßregel entschuldigen.« Hierbei griff er mit beiden Händen in mein Haar und zauste es, bis ich vor Schmerzen aufschrie. »Ihre Augen tränen«, sagte er, mich loslassend, »dieser Beweis genügt. Wir müssen vorsichtig sein, denn zweimal wurden wir hintergangen, einmal durch eine Perücke, ein andermal durch künstliche Färbung. Von Mixturen könnte ich Ihnen Geschichten erzählen, bei denen einem die Menschheit zum Ekel wird.« Er trat ans Fenster und schrie aus Leibeskräften hinaus, daß die erledigte Stelle besetzt sei. Ein Stöhnen der Enttäuschung drang herauf, die Menge verlief sich nach den verschiedensten Richtungen, und bald war bis auf meinen Rotkopf und den des Beamten kein anderer mehr zu sehen. »Ich heiße Duncan Roß«, sagte er, »und bin selbst ein Pfründner des Kapitals, das uns unser edler Wohltäter hinterließ. Sind Sie verehelicht, Herr Wilson? Haben Sie Familie?« Ich erwiderte, daß ich keine besitze. Er nahm eine bedenkliche Miene an. »O je!« sprach er bedauernd, »das ist freilich sehr mißlich! Schade, schade! Wissen Sie, das Kapital sollte nämlich ebensosehr zur Vermehrung und Verbreitung der Rothaarigen als zu ihrer Erhaltung dienen. Es trifft sich sehr unglücklich, daß Sie Junggeselle sind.« Bei seinen Worten machte ich ein langes Gesicht, Herr Holmes, denn ich fürchtete, schließlich die Stelle doch nicht zu erhalten; er überlegte noch eine Weile und meinte dann, es werde sich schon machen. »Handelte es sich um einen andern«, sagte er, so würde dieser Umstand ein entschiedenes Hindernis sein, aber wer einen Kopf voll solcher Haare aufzuweisen hat, wie Sie, bei dem darf man es nicht so genau nehmen. Wann würden Sie Ihren neuen Posten antreten können?« »Nun so einfach ist die Sache nicht, denn ich habe schon ein Geschäft.« »Da machen Sie sich keine Sorge, Herr Wilson!« sagte Spaulding, »das kann ich statt Ihrer schon besorgen.« »Welche Stunden wären einzuhalten?« fragte ich. »Von zehn bis zwei.« »Das Pfandleihgeschäft geht abends am flottesten, Herr Holmes, besonders Donnerstag und Freitag abend, vor dem Zahltag; es war mir also ganz angenehm, in den Vormittagsstunden etwas zu verdienen. Auch konnte ich mich auf meinen Gehilfen verlassen. Ich sagte daher: »Das paßt mir sehr gut! Und wie ist die Bezahlung?« »Vier Pfund wöchentlich.« »Und die Arbeit?« »Ist kaum der Rede wert.« »Was nennen Sie kaum der Rede wert?« »Sie müssen die ganze Zeit über im Kontor, oder wenigstens hier im Hause sein. Verlassen Sie es, so setzen Sie Ihre ganze Stellung aufs Spiel, über diesen Punkt ist die letztwillige Verfügung sehr bestimmt.« »Es sind ja nur vier Stunden am Tag, und es fiele mir gar nicht ein wegzugehen.« »Entschuldigungen würden auch absolut nicht angenommen«, versicherte Herr Roß, »mag nun die Ursache Krankheit, ein Geschäft, oder sonst etwas sein. Sie müssen an Ort und Stelle bleiben – oder Sie verlieren Ihr Anrecht.« »Und die Arbeit?« »Besteht im Abschreiben der Encyclopaedia Britannica . Hier in diesem Schrank liegt der erste Band. Für Tinte, Federn und Papier haben Sie zu sorgen, wir liefern nur Tisch und Stuhl. Können Sie morgen anfangen?« »Gewiß«, antwortete ich. »So leben Sie wohl, Herr Wilson, und erlauben Sie mir, Ihnen nochmals zu der Stellung zu gratulieren, die Sie, vom Glück begünstigt, gewonnen haben.« Grüßend begleitete er mich bis an die Tür; ich ging heim mit meinem Gehilfen und wußte kaum, was ich denken oder sagen sollte, so vergnügt war ich über die glückliche Wendung meines Geschicks. »Den ganzen Tag überlegte ich die Geschichte hin und her, und als der Abend kam, war ich wieder kleinlaut geworden, denn am Ende lief die ganze Sache vielleicht nur auf einen schlechten Spaß oder einen Betrug hinaus, obwohl ich mir den Zweck desselben nicht zu erklären vermochte. Es schien fast unglaublich, daß jemand solche letztwillige Verfügung treffen könne, oder daß eine derartige Rente für eine so einfache Sache gezahlt werde, wie die Abschrift der Encyclopaedia Britannica . Spaulding tat zwar, was er vermochte, um meinen Mut zu heben, als ich aber zu Bett ging, hatte ich in Gedanken die ganze Geschichte an den Nagel gehängt. Indessen am andern Morgen beschloß ich, dennoch einen Blick in das Kontor zu werfen. Ich kaufte ein Fläschchen Tinte und begab mich mit allem Schreibzeug und vielen Bogen Konzeptpapier nach Popes Court. »Zu meinem Staunen und zu meiner Freude fand ich alles ganz in Ordnung. Der Tisch stand bereit, und Duncan Roß war da, um mich in die Arbeit einzuführen. Er ließ mich beim Buchstaben A anfangen und entfernte sich mit dem Versprechen, dann und wann nach mir zu sehen. Um zwei Uhr verabschiedete er mich, lobte meinen Fleiß und schloß die Kontortüre hinter mir ab. »So ging es Tag für Tag weiter, Herr Holmes, und am Sonnabend erschien der Beamte und legte mir vier Goldstücke als Wochenlohn hin. Acht Tage später war es wieder so und auch die Woche darauf. Jeden Morgen erschien ich um zehn auf meinem Posten und verließ ihn um zwei. Allmählich kam Herr Roß nur einmal täglich, und später kam er gar nicht mehr. Dennoch wagte ich es selbstverständlich nicht, die Stube auch nur auf Augenblicke zu verlassen, war ich doch nie sicher, ob er kommen würde oder nicht. Die Anstellung war so günstig und paßte mir so gut, daß ich sie nicht aufs Spiel setzen wollte. So verstrichen acht Wochen, ich hatte von A . . . bis Attika geschrieben und hoffte durch Fleiß bald an das B zu gelangen. Es kostete mich viel Konzeptpapier, und meine Schreiberei füllte beinahe ein Fach aus. Da plötzlich nahm das ganze Geschäft ein Ende.« »Ein Ende?« »Ja, Herr Holmes. Und zwar heute morgen. Wie sonst erscheine ich um zehn Uhr zur Arbeit, aber die Tür ist verschlossen, und mitten darauf ist mit einem Stift eine Karte angeheftet. Da ist sie, lesen Sie selbst.« Er zog eine Karte in der Größe eines kleinen Briefbogens hervor; darauf stand geschrieben: »Der Bund der Rothaarigen ist aufgelöst.« Sherlock Holmes und ich betrachteten diese kurze Ankündigung und dazu das klägliche Gesicht des Pfandverleihers, bis die Sache uns so komisch vorkam, daß wir, jede andere Rücksicht außer acht lassend, in lautes Gelächter ausbrachen. »Ich kann gar nichts so Lächerliches dabei finden«, rief unser Klient, und das Blut stieg ihm zu Kopfe bis in die Wurzeln seines brandroten Haares. »Wenn Sie nichts Besseres wissen, als mich auszulachen, so kann ich wo anders hingehen!« »Nein, nein«, rief Holmes und drückte ihn wieder in den Stuhl zurück, aus dem er sich halb erhoben hatte. »Um keinen Preis möchte ich Ihren Fall aufgeben. So etwas Ungewöhnliches tut ja Leib und Seele wohl; aber, verzeihen Sie, die Sache hat etwas sehr Komisches. Bitte, welche Schritte taten Sie, als Sie die Notiz an der Tür fanden?« »Ich war verblüfft, Herr Holmes. Ich wußte nicht, was ich tun sollte. In den Geschäften der Nachbarschaft, wo ich anfragte, schien niemand etwas zu wissen. Endlich ging ich zum Hauswirt, einem Buchhalter, der im Parterre wohnt, und erkundigte mich bei ihm, was aus dem Bunde der Rothaarigen geworden sei. Er erklärte mir, von einer solchen Körperschaft nie etwas gehört zu haben. Dann fragte ich ihn, wer Herr Duncan Roß sei. Aber der Name war ihm fremd. »Ich meine den Herrn auf Nr. 4.« »Was, den rothaarigen Mann?« »Ja.« »Der heißt William Morris. Er ist Anwalt und benützte mein Zimmer nur zur Aushilfe, bis sein neues Lokal fertig wurde. Er ist gestern umgezogen.« »Wo kann ich ihn finden?« »Auf seinem neuen Büro.« – Er gab mir die Adresse: King Edward-Street 17, bei St. Paul. Ich machte mich rasch auf den Weg, Herr Holmes; als ich dort ankam, fand ich eine Fabrik von Gummistrümpfen, und kein Mensch hatte je etwas von William Morris oder von Duncan Roß gehört.« »Was taten Sie dann?« fragte Holmes. »Ich ging nach Hause und fragte meinen Gehilfen um Rat. Doch vermochte der mir in keiner Weise zu helfen. Er meinte nur, wenn ich wartete, würde ich gewiß brieflich etwas erfahren. Das genügte mir aber nicht, Herr Holmes. Solch eine Stelle wollte ich nicht so ohne weiteres verlieren, und da ich erfuhr, daß Sie so freundlich sind, armen Leuten in der Not Rat zu erteilen, kam ich geradeswegs zu Ihnen.« »Daran taten Sie recht. Ihre Geschichte ist ganz merkwürdig, und ich will sie mit dem größten Vergnügen zu enträtseln suchen. Ihren Mitteilungen entnehme ich, daß die Sache ernstere Folgen haben kann, als auf den ersten Blick erscheinen mag.« »Ernst genug!« sagte Wilson. »Ich habe ja 4 Pfund wöchentlich verloren.« »Was Sie persönlich betrifft, bemerkte Holmes, »so haben Sie gerade nicht viel Grund zur Unzufriedenheit mit diesem seltsamen Bunde. Irre ich nicht, so sind Sie um etwa dreißig Pfund reicher geworden, ganz abgesehen von der eingehenden Kenntnis, die Sie von allem, was mit dem Buchstaben A beginnt, erlangten. Verloren haben Sie also nichts durch die Leute.« »Nein, Herr Holmes. Aber ich will dahinter kommen, will wissen, wer die Leute sind und weshalb sie mir diesen Possen gespielt haben – wenn es ein Possen ist. Ihnen kam der Spaß ziemlich teuer zu stehen, zweiunddreißig bare Pfund hat er sie gekostet.« »Wir werden uns Mühe geben, diese Punkte für Sie aufzuklären. Vorerst einige Fragen, Herr Wilson: Wie lange war der Gehilfe, der zuerst Ihre Aufmerksamkeit auf die Anzeige lenkte, damals schon bei Ihnen?« »Damals ungefähr einen Monat.« »Wie kam er zu Ihnen?« »Durch ein Inserat in der Zeitung.« »War er der einzige, der sich meldete?« »Nein, ich hatte ein Dutzend Anmeldungen.« »Warum wählten Sie gerade ihn?« »Weil er geschickt war und billige Anforderungen stellte.« »Für halben Lohn, – nicht wahr?« »Ja.« »Wie sieht er aus, dieser Vincent Spaulding?« »Er ist klein, untersetzt, sehr gelenkig und trägt kurze Hosen, obwohl er vielleicht nahe an dreißig ist. Auf der Stirn hat er eine weiße Narbe.« Ganz aufgeregt fuhr Holmes in die Höhe. »Dacht' ich's doch«, sagte er. »Haben Sie je bemerkt, daß seine Ohren durchstochen sind zum Einhängen von Ohrringen?« »Ja. Er sagte mir, eine Zigeunerin habe ihm die Ohrlöcher gestochen, als er ein Knabe war.« »Hm«, meinte Holmes und versank in tiefes Nachdenken. »Ist er noch bei Ihnen?« »Jawohl; eben erst verließ ich ihn.« »Wurden Ihre Geschäfte während Ihrer Abwesenheit ordentlich besorgt?« »Darüber läßt sich nicht klagen, am Morgen ist nie sehr viel zu tun.« »Das genügt, Herr Wilson. Hoffentlich vermag ich Ihnen schon in den allernächsten Tagen meine Ansicht über die Sache mitzuteilen. Heute ist Sonnabend, vielleicht können wir am Montag zu einem Ergebnis gelangen.« – »Nun, Watson, was denkst du von der Geschichte?« fragte Holmes, als uns der Mann verlassen hatte. »Ich denke gar nichts«, erwiderte ich offen. »Das ist eine ganz dunkle Geschichte.« »Je wunderlicher die Fälle, um so weniger dunkel sind sie meist«, versetzte Holmes. »Die ganz alltäglichen Verbrechen, ohne besondere Merkmale, lassen sich am schwersten durchschauen, genau wie sich ein alltägliches Gesicht am schwersten wiedererkennen läßt. In dieser Angelegenheit tut aber Eile not.« »Was willst du denn anfangen?« fragte ich. »Rauchen«, gab er zurück. »Der Fall verlangt drei volle Pfeifen, und ich bitte dich, fünfzig Minuten lang nicht mit mir zu sprechen.« Er kauerte sich in dem Lehnstuhl zusammen, zog die Kniee fast herauf bis an seine Habichtsnase und schloß die Augen, während seine schwarze Tonpfeife wie der Schnabel eines seltsamen Vogels in die Luft ragte. Ich glaubte, er sei eingeschlafen, und nickte selbst ein bißchen, da sprang er plötzlich auf, wie jemand, der zu einem Entschluß gekommen ist, und legte seine Pfeife auf den Kaminsims. »Heute nachmittag spielt Sarasate in der St. James-Halle«, bemerkte er. »Was meinst du, Watson? Lassen dir deine Patienten einige freie Stunden?« »Ich habe heute nichts zu tun. Meine Praxis nimmt mich selten viel in Anspruch.« »So setze deinen Hut auf und komm mit. Wir gehen erst durch die City und frühstücken. Wie ich sehe, verspricht der Zettel viel deutsche Musik, die ist mir lieber als die französische und italienische; sie ist tiefer, und Vertiefung, das brauche ich gerade. Komm, Freund!« Wir benutzten schnell die Untergrundbahn bis Adlersgate, von wo uns ein kurzer Gang nach Saxe-Coburg-Square führte, dem Schauplatz der merkwürdigen Begebenheit, die wir am Morgen vernommen. Es war ein kleiner, düsterer Platz, der einst bessere Tage gesehen haben mochte; auf allen vier Seiten umgaben ihn dunkle zweistöckige Häuser, und in der Mitte lag ein eingezäunter Grasplatz, auf dem mehrere Lorbeerbüsche im Kampf mit der rauchgeschwängerten, nebeligen Luft ein kümmerliches Dasein führten. Drei vergoldete Kugeln und ein braunes Schild mit ›Jabez Wilson‹ in weißen Buchstaben an einem Eckhaus wiesen uns die Stelle, wo unser rothaariger Klient sein Geschäft betrieb. Sherlock Holmes blieb vor dem Haus stehen, neigte den Kopf zur Seite und betrachtete es von oben bis unten mit lebhaft zwinkernden Augen. Dann ging er langsam die Straße hinauf und wieder herab bis an die Ecke, immer forschend auf die Häuser blickend. Endlich kehrte er zum Pfandverleiher zurück, stieß seinen Stock mehrmals fest auf das Pflaster und klopfte dann an die Tür. Sie wurde von einem glatt rasierten jungen Mann mit kurzen Hosen geöffnet, der ihn bat einzutreten. »Danke«, sagte Holmes, »ich wollte nur bitten, mir zu sagen, wie man von hier nach dem Strand gelangt.« »Dritte Straße rechts, vierte links«, antwortete der Gehilfe schnell und schloß die Tür. »Schneidiger Kerl«, bemerkte Holmes, als wir weiter schritten. »Ich kenne in London wenig geriebenere Kerle als ihn, und was Keckheit betrifft, so steht er obenan. Von dem habe ich schon früher gehört.« »Offenbar«, meinte ich, »spielt dieser Gehilfe des Herrn Wilson keine geringe Rolle im Geheimnis des Bundes der Rothaarigen. Du hast wohl lediglich nach dem Weg gefragt, um ihn zu sehen.« »Nicht ihn!« »Was sonst?« »Seine Hosenkniee.« »Und was hast du gesehen?« »Was ich erwartete.« »Weshalb schlugst du auf das Pflaster?« »Mein lieber Doktor, jetzt gilt es zu beobachten, nicht zu schwatzen. Wir sind Spione im feindlichen Lager. Wir kennen nun einigermaßen Saxe-Coburg-Square. Nun gilt es, die dahinterliegenden Teile zu ergründen.« Als wir um die Ecke des stillen Platzes bogen, bot sich uns ein völlig anderer Anblick dar. Wir befanden uns in einer der Hauptadern des geschäftlichen Lebens. Auf dem Fahrweg flutete der Verkehr in einer doppelten Strömung hin und her, und auf den Seitenwegen wimmelte das eilige Heer der Fußgänger wie die Ameisen. »Warte ein wenig«, – sagte Holmes, an der Ecke stehen bleibend, und sah an den Häusern entlang, »ich möchte mir die Reihenfolge der Häuser hier einprägen. Ist's doch mein Steckenpferd, London durch und durch zu kennen. Also: Mortimer, Tabakhändler, der kleine Zeitungsladen, die Filiale der City- und Vorstadtbank, dann das vegetarische Gasthaus und Mc Farlanes Wagenbau-Geschäft. Von da beginnt ein anderes Häuserviertel. Und nun sind wir fertig, Watson, nun kommt die Zeit der Erholung. Ein belegtes Brot und eine Tasse Kaffee und dann – fort ins Land der Saiten und Klänge, wo alles sanft, zart und harmonisch ist, wo es keine rothaarigen Klienten gibt, die uns mit ihren Rätselfragen den Kopf toll machen.« Mein Freund war ein Musik-Enthusiast, der ausgezeichnet spielte, und dessen Kompositionen sich weit über das Gewöhnliche erhoben. In völliger Glückseligkeit saß er den ganzen Nachmittag auf seinem Sperrsitz und bewegte die langen, schmalen Finger im Takt. Niemand hätte glauben können, daß dies sanft lächelnde Gesicht, diese schmachtend träumerischen Augen Sherlock Holmes angehörten, dem rastlosen, spitzfindigen, stets bereiten Kriminalagenten. In seinem sonderbaren Charakter machte sich die Doppelnatur abwechselnd geltend. Häufig fragte ich mich, ob nicht sein Scharfblick, seine außerordentliche Treffsicherheit ihre naturgemäße Ausgleichung in den beschaulichen und poetischen Stimmungen fänden, die von Zeit zu Zeit bei ihm die Oberhand hatten. Seine elastische Natur befähigte ihn, sich schnell wieder aus der äußersten Schlaffheit zur äußersten Energie emporzuschwingen, und ich wußte wohl, daß er sich nie gewaltiger zeigte, als wenn er tagelang in seinem Lehnstuhl gelegen und sich ganz seinen Improvisationen hingegeben oder in seine alten Druckwerke vertieft hatte. Dann kam plötzlich der Jagdtrieb über ihn, und seine glänzenden Vernunftschlüsse wurden zu förmlichen Eingebungen. Wer sein Wesen, seine Art und Weise nicht kannte, mußte ihn dann fast mit scheuem Staunen anblicken, wie einen Menschen, der mehr weiß als die übrigen Sterblichen. Als ich Holmes an dem Nachmittag in St. James so völlig in die Musik versunken sah, da dachte ich, es komme eine schlimme Zeit für diejenigen, auf welche er es abgesehen hatte. »Du möchtest gewiß nach Hause, Doktor«, meinte er, als wir hinausgingen. »Ja, es wäre mir recht.« »Und ich habe ein Geschäft vor, das mich einige Stunden in Anspruch nehmen wird. Die Geschichte in Coburg-Square ist ernst.« »Warum ernst?« »Ein schweres Verbrechen ist dort im Werke. Ich habe jedoch guten Grund zu der Annahme, daß wir es noch rechtzeitig verhindern können. Daß heute Sonnabend ist, macht die Sache schwieriger. Heute abend bedarf ich deiner Hilfe.« »Um wieviel Uhr?« »Um zehn ist's früh genug.« »Um zehn bin ich in der Bakerstraße.« »Gut. Und bitte, stecke deinen Revolver ein, vielleicht ist die Sache nicht ganz ohne Gefahr.« Er winkte mir zu, wandte sich um und verschwand sofort in der Menge. Ich glaube nicht, daß ich mehr auf den Kopf gefallen bin als ein anderer, aber Sherlock Holmes gegenüber drückt mich stets das Bewußtsein meiner eigenen Dummheit. Auch diesmal hatte ich genau dasselbe gehört und gesehen, wie er, und seine Worte bewiesen klar, daß er nicht nur alles, was geschehen war, deutlich durchschaute, sondern auch was kommen würde, während mir die Sachlage immer noch verworren und abenteuerlich erschien. Auf der Heimfahrt nach Kensington überlegte ich noch einmal alles, von der sonderbaren Geschichte des rothaarigen Kopisten an bis zu unserem Besuch in Saxe-Coburg-Square und bis auf die bedeutungsvollen Worte, mit denen Holmes von mir gegangen war. Wozu die nächtliche Expedition? Weshalb sollte ich bewaffnet sein? Wohin würden wir gehen, und was hatten wir vor? Holmes hatte mir einen Wink gegeben, dieser so geschickte Gehilfe sei ein furchtbarer Mensch – ein Mensch, der vielleicht einen verwegenen Streich plante. Ich sann hin und her, verzweifelte aber daran und ließ die Sache endlich ruhen, bis die Nacht mir Klarheit bringen würde. Es war ein Viertel nach neun, als ich zu Hause aufbrach und mich durch den Park und die Oxfordstraße nach der Bakerstraße begab. Zwei Wagen standen vor der Tür, und als ich in den Flur trat, hörte ich Stimmen oben. Ich fand Holmes in lebhaftem Gespräch mit zwei Männern; in dem einen erkannte ich Peter Jones, den Polizeibeamten, der andere war ein langer, magerer, trübselig blickender Herr in schwarzem Rock und Hut von tadelloser Beschaffenheit. »Ha! nun sind wir vollzählig!« sagte Holmes, knöpfte seine bequeme Jacke zu und nahm seinen Hirschfänger vom Nagel. »Ich denke, Watson, Herr Jones von Scotland-Yard ist dir bekannt. Erlaube mir, dich Herrn Merryweather vorzustellen, der an unserm nächtlichen Vorhaben teilnehmen wird.« »Wir jagen wieder paarweise, Doktor«, meinte Jones in seiner praktischen Weise. »Unser Freund hier, der versteht's, das Wild aufzuspüren. Er braucht weiter nichts als einen alten Hund, der ihm beim Hetzen hilft.« »Hoffentlich jagen wir etwas anderes auf als eine ›Ente‹ bemerkte Herr Merryweather mürrisch. »Vertrauen Sie nur ruhig Herrn Holmes«, erwiderte der Polizeiagent überlegen. »Er hat seine eigenen kleinen Griffe und Kniffe, die wenn er es mir nicht übel nimmt, vielleicht etwas zu theoretisch und phantastisch sind, aber in ihm steckt ein wahrer Detektiv. Es läßt sich nicht leugnen, daß er ein- oder zweimal der Wahrheit näher gekommen ist als die Polizei, z. B. in Sachen des Scholtomordes und des Agraschatzes.« »Nun, wenn Sie mir diese Versicherung geben, Herr Jones, dann bin ich beruhigt«, sagte Merryweather. »Ich gestehe indessen, daß mir meine Partie sechsundsechzig schon lieber wäre. Es ist seit siebenundzwanzig Jahren der erste Samstagabend, wo ich mein Spielchen nicht mache.« »Mich dünkt«, sprach Sherlock Holmes, »Sie werden selbst bald erkennen, daß Sie heute um höheren Einsatz spielen als je bisher, auch wird das Spiel aufregender sein. Für Sie, Herr Merryweather, handelt es sich um etliche dreißigtausend Pfund, und für Sie, Jones, um den Mann, den Sie gern beim Kragen kriegen möchten.« »Ja, ja, dieser John Clay«, fiel ihm der Polizeiagent ins Wort, »ein Mörder, Dieb, Falschmünzer, Schriftfälscher und dabei noch ein junger Mann, versteht sein Geschäft gründlich. Keinem Spitzbuben Londons legte ich die Handschellen lieber an als ihm. Ein merkwürdiger Mensch ist dieser junge John Clay. Sein Großvater war ein Herzog, und er selbst studierte in Eton und Oxford. Er hat einen klugen Kopf und geschickte Hände; alle Augenblicke begegnen wir seinen Spuren, dem Mann selbst aber niemals. Seit Jahren bin ich ihm auf der Fährte, habe ihn aber noch nie zu sehen bekommen.« »Ich hoffe das Vergnügen zu haben, Ihnen den Schurken heute nacht vorzustellen«, – versicherte jetzt Holmes. »Auch ich habe bereits mit John Clay ein Hühnchen gerupft und stimme mit Ihnen überein: Der Mann versteht sein Geschäft. Doch, es ist zehn vorüber und die höchste Zeit aufzubrechen. Wollen Sie beide den ersten Wagen benützen, so folgen Watson und ich im zweiten.« Mein Freund zeigte sich nicht sehr mitteilsam während der langen Fahrt; er lag zurückgelehnt im Wagen und summte die Melodien, die er am Nachmittag gehört hatte. Wir rasselten durch ein endloses Labyrinth hell erleuchteter Straßen, bis wir nach Farringdonstreet gelangten. »Jetzt sind wir ganz in der Nähe«, bemerkte mein Freund. »Merryweather ist Bankdirektor und hat ein persönliches Interesse an der Sache. Ich hielt es für gut, auch Jones dabei zu haben. Er ist ein ordentlicher Mensch, in seinem Beruf aber ein richtiger Dummkopf. Eine entschiedene Tugend besitzt er: Der Kerl ist mutig wie ein Bullenbeißer und hält fest wie ein Hummer, wenn er einen zwischen die Scheren kriegt. Wir sind jetzt da, und sie erwarten uns bereits.« Wir befanden uns jetzt in derselben belebten Querstraße, wo wir am Morgen gewesen waren. Unsere Wagen wurden fortgeschickt; Merryweathers Führung folgend, gingen wir einen schmalen Gang hinab und durch eine Seitentür, die er uns öffnete. Hinter derselben lag ein kleiner Korridor, der auf ein schweres, eisernes Tor mündete. Auch dieses wurde geöffnet, und man gelangte von da über eine steinerne Wendeltreppe abermals vor ein starkes Tor. Merryweather blieb stehen, um seine Laterne zu nehmen; dann führte er uns hinab durch einen dunklen, mit Erdgeruch erfüllten Gang, öffnete eine dritte Türe, durch welche wir in ein weites Gewölbe, eine Art Keller, eintraten. Ringsumher waren hier große Körbe und schwere Kisten aufgetürmt. »Von oben her sind sie ja ziemlich geschützt«, bemerkte Holmes, als er die Laterne aufhob und um sich blickte. »Von unten nicht weniger«, versetzte Merryweather und schlug mit dem Stock auf die Fliesen am Boden. »Ei was! das klingt ja ganz hohl!« bemerkte er, erstaunt aufblickend. »Ich muß Sie ernstlich bitten, sich etwas ruhiger zu verhalten«, sagte Holmes streng. »Sie haben bereits den ganzen Erfolg unserer Expedition gefährdet. Darf ich Sie bitten, sich gefälligst auf eine dieser Kisten hinzusetzen und sich nicht weiter zu mucksen.« Mit sehr gekränktem Ausdruck schwang sich der stattliche Herr Merryweather auf einen Korb, während Holmes am Boden niederkniete und anfing mit der Laterne und einem Vergrößerungsglas die Sprünge zwischen den Steinen zu untersuchen. Wenige Sekunden genügten ihm, dann sprang er auf und steckte sein Glas in die Tasche. »Wir haben wenigstens eine Stunde vor uns«, bemerkte er, »denn sie können doch kaum irgend etwas unternehmen, ehe der gute Trödler glücklich im Bett liegt. Dann werden sie keine Minute verlieren, denn, je früher sie die Arbeit beginnen, umsomehr Zeit bleibt ihnen zum Entkommen. Wir befinden uns jetzt, wie du wohl längst erraten hast, Watson, im Keller des City-Zweiggeschäftes einer Hauptbank Londons. Herr Merryweather ist Vorsitzender des Direktoriums und wird dir gern erklären, aus welchen Gründen die kecksten Einbrecher von London eben jetzt ein bedeutendes Interesse an diesem Keller haben.« »Wegen unseres argentinischen Goldes«, flüsterte der Direktor. »Wir wurden mehrfach gewarnt, es sei ein Anschlag darauf im Gange.« »Ihr argentinisches Gold?« »Ja. Wir hatten vor einigen Monaten Veranlassung, unseren Barvorrat zu erhöhen und liehen zu diesem Zweck dreißigtausend Goldstücke aus der dortigen Staatsbank. Es ist bekannt geworden, daß wir nachher nicht nötig hatten, das Geld auszupacken, und daß es noch immer in unserm Keller ruht. Der Korb, auf dem ich sitze, enthält zweitausend Goldstücke, die zwischen Staniolpapier liegen. Unser Vorrat an ungemünztem Geld ist augenblicklich weit größer, als er sonst auf einer einzelnen Filiale aufbewahrt wird, und den Direktoren war nicht mehr recht wohl bei der Sache.« »Was freilich sehr begreiflich ist«, bemerkte Holmes. »Doch nun ist's Zeit, unsere kleinen Rollen zu verteilen. Ich erwarte, daß sich die Dinge innerhalb der nächsten Stunde abspielen. Inzwischen, Herr Merryweather, müssen wir unser Licht abblenden.« »Und im Dunkeln sitzen?« »Ich fürchte ja. Ich habe ein Spiel Karten in die Tasche gesteckt, weil ich dachte, da wir zu viert sind, könnten Sie schließlich doch zu Ihrem Spielchen kommen. Aber ich sehe leider, daß die Vorbereitungen des Feindes bereits so weit gediehen sind, daß wir nicht wagen dürfen, Licht zu zeigen. Vor allem gilt es, unsere Stellungen zu wählen. Wir haben es mit waghalsigen Leuten zu tun, und packen wir sie auch in einer für sie nachteiligen Lage, so könnten sie uns doch gefährlich werden, wenn wir nicht vorsichtig sind. Ich stelle mich hinter diesen Korb, verbergen Sie sich hinter jenem. Wenn ich dann den Lichtstrahl auf den Feind werfe, greifen Sie schnell ein; geben Sie Feuer, und auch du, Watson, mach' dir kein Gewissen daraus, sie niederzuschießen.« Ich legte meinen Revolver mit gezogenem Hahn oben auf die Holzkiste, hinter die ich kroch. Holmes übernahm die Laterne, blendete ab, und es wurde stockfinster – eine so totale Finsternis habe ich nie zuvor erlebt. Der Geruch des heißen Metalls allein überzeugte uns, daß noch Licht da sei und im rechten Augenblick erscheinen konnte. Meine Nerven waren durch die Erwartung so aufgeregt, daß mich das plötzliche Dunkel und die kalte, feuchte Kellerluft förmlich niederdrückten und beängstigten. »Es bleibt den Gaunern nur ein Ausweg«, flüsterte Holmes; »nämlich zurück durch das Haus im Saxe-Coburg-Square. Hoffentlich haben Sie getan, um was ich Sie bat, Jones.« »Ich habe einen Inspektor und zwei Offiziere an die Haupttür postiert.« »So sind denn alle Löcher verstopft. Und nun gilt es zu schweigen und zu warten.« Welche Ewigkeit! Nachher zeigte es sich, daß wir nur fünf viertel Stunden gewartet hatten, und doch schien es mir, die Nacht müsse ziemlich vorüber sein und die Dämmerung über uns anbrechen. Meine Glieder waren steif und müde: ich wagte es nicht, mich zu rühren, meine Nerven spannten sich mehr und mehr an, mein Gehör schärfte sich so, daß ich nicht allein das ruhige Atmen meiner Gefährten vernahm, sondern sogar die tieferen, schweren Atemzüge des dicken Jones von dem leisen Gestöhn des Bankdirektors zu unterscheiden vermochte. Von meinem Platz aus konnte ich über die Kiste hinweg auf die Steine am Boden sehen. Plötzlich gewahrte ich einen winzigen Lichtstreifen. Erst zeigte sich nur ein fahler Schein auf den Steinfliesen; bald verlängerte sich dieser zu einem gelben Streifen, und ohne jeglichen Laut oder sonstiges Vorzeichen öffnete sich ein Spalt. Eine Hand erschien – eine zarte, weiße Hand, fast eine Frauenhand, die im Zentrum des kleinen Lichtkreises umhertastete. Etwa eine Minute lang ragte die Hand mit den suchenden Fingern aus dem Boden hervor. Dann verschwand sie plötzlich, wie sie erschienen, und es wurde wieder finster bis auf den einzigen fahlen Streifen, der die Spalte zwischen den Steinen verriet. Einen Moment war alles still. Jetzt erfolgte ein harter Stoß, eine Steinplatte hob sich und kippte um, und aus dem gähnenden Loch im Boden strömte das Licht einer Laterne. Ein scharfgeschnittenes, knabenhaftes Gesicht erschien in der Öffnung und blickte spähend umher; dann faßten zwei Hände an den Rand der Öffnung, herauf schwang sich ein Oberkörper, und im Nu kniete eine Gestalt am Boden. Rasch richtete sich der Mann auf und zog einen Gefährten nach – schmal und schmächtig wie er selber, mit einem blassen Gesicht und einer Fülle roten Haares. »Alles klar«, flüsterte der erste. »Hast du den Meißel und die Säcke? – Himmel und Hölle! Lauf Archi, lauf – ich laß mich an deiner Stelle hängen!« Sherlock Holmes war hervorgesprungen und hatte den Einbrecher am Kragen gepackt. Der andere verschwand im Loch; Jones erwischte gerade noch seinen Rockschoß, von dem ihm ein Fetzen in der Hand blieb. Das Licht schien in diesem Augenblick auf den Lauf eines Revolvers, aber Holmes' Hirschfänger traf des Mannes Handgelenk, sodaß die Waffe klirrend auf den Steinboden fiel. »Es hilft alles nichts, John Clay«, sagte Holmes schmeichelnd, »Sie kommen nicht durch.« »Das merke ich«, erwiderte der andere mit völliger Gelassenheit. »Aber, wie mir scheint, kommt mein Gefährte glücklich davon, obwohl Sie, wie ich sehe, seinen Rockschoß haben.« »Drei Männer erwarten ihn an der Tür.« »Ah, wirklich! Sie scheinen die Sache recht gründlich gemacht zu haben. Ich muß Ihnen gratulieren.« »Und ich Ihnen«, erwiderte Holmes. »Ihr Einfall war neu und sehr wirksam.« »Sie werden Ihren Helfershelfer sogleich wiedersehen«, meinte Jones. »Der kriecht schneller durch die Löcher, als ich es vermag. Warten Sie, ich lege Ihnen gleich die Fesseln an.« »Ich bitte, mich nicht mit Ihren schmutzigen Händen zu berühren«, bemerkte unser Gefangener, als die Handschellen an seinen Gelenken rasselten. »Vielleicht wissen Sie nicht, daß fürstliches Blut in meinen Adern fließt. Haben Sie die Güte, mich ›Herr‹ zu nennen und ›bitte‹ zu sagen, wenn Sie mit mir reden.« »Ganz recht«, versetzte Jones und kicherte verdutzt. »So bitte ich den Herrn, sich gefälligst hinauf zu begeben, wo wir einen Wagen nehmen können, um Eure Hoheit nach der Polizei zu geleiten.« »Das klingt besser«, meinte John Clay zufrieden. Er verneigte sich höflich vor uns dreien und schritt gelassen unter der Führung des Detektivs davon. »Herr Holmes«, rief Merryweather, als wir den beiden aus dem Keller folgten, »ich weiß wirklich nicht, wie Ihnen die Bank das danken und vergelten soll. Sie haben ohne Zweifel den frechsten Bankeinbruch, der je geplant wurde, auf wunderbare Weise entdeckt und vereitelt.« »Ich hatte noch von früher her einiges mit John Clay abzurechnen«, erwiderte Holmes. »Mehrere kleine Ausgaben, die mir durch diese Angelegenheit erwachsen sind, wird die Bank wohl tragen, sonst aber finde ich reichliche Entschädigung in der gemachten Erfahrung, die in vieler Hinsicht einzig dasteht, sowie in meinem Vergnügen an der ergötzlichen Erzählung vom Bunde der Rothaarigen.« »Siehst du, Watson«, erklärte er mir, als wir in früher Morgenstunde in seiner Wohnung bei einem Glase Whisky und Sodawasser saßen, »es war vom ersten Moment an vollkommen klar, daß diese etwas tolle Geschichte mit der Anzeige des Bundes und dem Abschreiben der Encyklopädie keinen anderen Zweck haben konnte, als den nicht sehr ›hellen‹ Trödler täglich auf einige Stunden aus dem Wege zu schaffen. Das Mittel, dies zu erreichen, war sonderbar, aber ein besseres ließe sich schwerlich ersinnen. Ohne Zweifel kam John Clays erfinderischer Geist durch die Haarfarbe seines Mitschuldigen auf den Einfall. Die vier Pfund wöchentlich waren der Köder, und was lag an diesem Betrag, wo es sich um Tausende handelte. Sie rückten die Anzeige ein; der eine Taugenichts führt das zeitweilige Geschäft, der andere Taugenichts veranlaßt den Mann, sich um die Stelle zu bewerben, und zusammen sorgen sie dafür, daß er jeden Morgen in der Woche abwesend ist. Sobald ich erfuhr, der Gehilfe arbeite für halben Lohn, war es zweifellos, daß für ihn ernste Gründe vorlagen, sich die Stellung zu wahren.« »Aber wie konntest du seine Beweggründe erraten?« »Wären Frauen im Hause gewesen, so hätte ich einfach eine alltägliche Intrigue vermutet. Doch stand eine solche außer Frage. Das Geschäft des Mannes war bescheiden, und nichts im Hause vermochte solche abgefeimten Vorbereitungen und Auslagen zu rechtfertigen. Also mußte es sich um etwas außerhalb des Hauses handeln. Aber um was? Ich dachte an des Gehilfen Liebhaberei für das Photographieren, an seine Vorliebe im Keller zu verschwinden. Der Keller! Da lag die Lösung des Rätsels. – Ich zog Erkundigungen ein über diesen geheimnisvollen Gehilfen, und bald war es mir klar, daß ich es mit einem der kecksten und verschmitztesten Verbrecher Londons zu tun hatte. Er machte sich im Keller zu schaffen – und zwar mit etwas, das für Monate täglich viele Stunden erforderte. Was mochte das nur sein? Ich konnte mir nichts anderes denken, als daß er einen Gang zu einem anderen Gebäude grub. »So weit war ich gekommen, als wir die Örtlichkeiten besuchten. Du stauntest, als ich mit dem Stock auf das Pflaster schlug; ich wollte dadurch herausbringen, ob sich der Keller nach vorn oder nach rückwärts erstreckte. Nach vorn war es nicht. Dann klingelte ich, und wie ich gehofft, erschien der Gehilfe. Obwohl sich unsere Wege schon einigemale gekreuzt, hatten wir einander doch noch nie gesehen. Ich blickte kaum auf sein Gesicht. Nur seine Kniee interessierten mich. Sie sprachen deutlich von jenem stundenlangen Graben. Nun fragte es sich nur noch, wonach gegraben wurde. Ich ging um die Ecke, fand, daß die City- und Vorstandtbank an das Grundstück unseres Freundes stieß, und wußte, daß ich des Pudels Kern gefunden hatte. Als du nach dem Konzert heimfuhrst, begab ich mich nach Scotland-Yard und suchte dann die Direktoren der Bank auf – mit welchem Erfolg hast du gesehen.« »Wie konntest du voraussetzen, daß sie heute nacht ihren Anschlag ausführen würden?« fragte ich. »Nun, daß sie das Kontor ihres Bundes schlossen, bewies, daß sie Herrn Wilsons Gegenwart nicht mehr fürchteten; mit anderen Worten: ihr Tunnel war vollendet. Sie hatten allen Grund, denselben schnell zu benutzen, da er entdeckt oder der Schatz fortgeschafft werden konnte. Der Sonnabend mußte ihnen günstiger sein als jeder andere Tag, weil er ihnen zwei Tage zur Flucht gewährte. Aus all diesen Gründen erwartete ich sie heute nacht.« »Das hast du prachtvoll ausgetüftelt«, rief ich, voll aufrichtiger Bewunderung. »Die Kette ist lang, und doch schließt jedes Glied.« »Mich rettet dieser Zeitvertreib vor Langeweile«, erwiderte er gähnend. »Ach! ich fühle schon, wie sie mich beschleicht. Mein Leben ist eine fortdauernde Anstrengung mich dem Alltäglichen zu entziehen. Diese kleinen Probleme verhelfen mir dazu.« »Und du wirst damit zum Wohltäter der Menschheit«, sagte ich. Er zuckte die Achseln. »Nun ja, vielleicht ist's schließlich doch ein klein wenig nützlich«, bemerkte er. ›L'homme, ce n'est rien – l'oeuvre c'est tout‹, wie Gustave Flaubert an George Sand schrieb.« –   »Ein großer Dummkopf, dieser Herr Wilson«, bemerkte die kleine schwarzhaarige Frau. »Aber wir verdanken ihm jetzt doch eine heitere Stunde. Wenn man sich nur vorstellt, wie er dasaß mit seinem brandroten Schopf und acht Wochen lang schrieb, von A . . . bis Attika! Und trotzdem hat seine Dummheit zuletzt doch noch zur Festnahme eines großen Verbrechers geführt. Es ist seltsam, wie sehr der Mensch doch Werkzeug ist – einfach Werkzeug in der Hand einer größeren Macht.« »Ja, es ist seltsam«, gab Doktor Watson zu. »Oft werden die Handlungen eines Menschen auch zwangsweise von außen bestimmt, daß der Betreffende garnicht mehr er selbst ist, sondern wie eine Drahtpuppe nur noch gezogen wird und für sein Tun nicht mehr in vollem Sinne verantwortlich gemacht werden kann. Alles geschieht dann zwangsläufig. Ich denke hier an einen Fall, der mich einst selbst sehr erschüttert hat und bei dem ich die menschlich große Seite meines Freundes Sherlock Holmes zu bewundern Gelegenheit hatte. Es war der geheimnisvolle Mord im Tal von Bascombe.« – Der Mord im Tale von Bascombe Wir saßen eines Morgens beim Frühstück, meine Frau und ich, als uns das Dienstmädchen eine Depesche hereinbrachte. Sherlock Holmes telegraphierte folgendes: »Hast du zwei Tage frei? Werde soeben telegraphisch nach Westengland gerufen wegen des Mordes im Tale von Bascombe. Freute mich, wenn du mitkämest. Luft und Gegend köstlich. Ab Paddington 11.15.« »Was meinst du, lieber Mann, fährst du mit?« fragte meine Frau, zu mir herüberblickend. »Ich weiß wirklich nicht, was ich sagen soll; meine Krankenliste ist eben jetzt ziemlich lang.« »Ach was, Anstruther wird dich vertreten. Du siehst in letzter Zeit etwas angegriffen aus, und ein Ausspannen tut die gut; überdies interessieren dich ja Sherlock Holmes' Fälle stets ganz besonders.« »Wie sollten sie auch nicht, da ich ja einem derselben deine Bekanntschaft verdanke. Soll ich aber wirklich mit, so muß ich mich beeilen, es bleibt mir ja nur eine halbe Stunde.« Das Lagerleben in Afghanistan hat wenigstens den Vorteil gehabt, aus mir einen jederzeit fix und fertigen Reisenden zu machen. Ich brauchte nicht viel unterwegs, saß deshalb bald mit meiner Reisetasche im Wagen und rollte dem Bahnhof von Paddington zu. Sherlock Holmes schritt bereits dort auf und ab; seine hohe, hagere Gestalt erschien im langen, grauen Reisemantel und in der knappen Tuchmütze noch größer und abgemagerter als sonst. »Das ist wirklich hübsch von dir, daß du kommst, Watson«, sagte er. »Für mich ist's ein großer Vorteil, einen ganz zuverlässigen Begleiter bei mir zu haben. Hilfe am Ort ist stets entweder wertlos oder parteiisch. Laß uns zwei Eckplätze belegen, hier habe ich die Fahrkarten.« Wir blieben allein im Abteil mit einem ganzen Stoß Zeitungen und Papieren, die Holmes mitgebracht hatte. Bis zur Station Reading blätterte er hin und her, las, schrieb Notizen auf und dachte dazwischen nach. Dann raffte er plötzlich alles zusammen und warf es oben in das Gepäcknetz. »Hast du schon von dem Fall gehört?« fragte er. »Kein Wort; ich las in den letzten Tagen keine Zeitung.« »Die Londoner Presse brachte wenig ausführliche Berichte. Ich sah soeben die neuesten Zeitungen durch, um die Einzelheiten zu überblicken. Wie mir scheint, ist es einer jener ganz einfachen Fälle, die so außerordentlich schwierig sind.« »Das lautet etwas widersprechend.« »Und doch liegt tiefe Wahrheit darin. Je weniger absonderlich, je gewöhnlicher ein Verbrechen ist, desto schwieriger läßt es sich entdecken. In diesem Fall liegt eine schwere Anklage gegen den Sohn des Ermordeten vor.« »Also handelt es sich um einen Mord?« »Wenigstens nimmt man einen solchen an. Ich aber nehme nichts an, ehe ich nicht die Sache persönlich geprüft habe. Ich will dir in aller Kürze den Tatbestand mitteilen, soweit ich ihn selbst zu erkennen vermag. Das Tal von Bascombe ist ein Landbezirk, nicht gar weit von Roß in Herefordshire gelegen. Der größte Landbesitzer dort ist ein Herr John Turner, der in Australien reich wurde und vor Jahren in die alte Heimat zurückkehrte. Eines seiner Güter, es heißt Hatherley, war an Herrn Charles Mc Carthy verpachtet – gleichfalls ein ehemaliger Australier. Die beiden Männer hatten sich in den Kolonien kennen gelernt, und so war es begreiflich, daß sie sich möglichst nahe beisammen niederließen. Turner war offenbar der reichere von beiden, deshalb wurde Mc Carthy sein Pächter, was ihn jedoch nicht abgehalten zu haben scheint, auf völlig gleichem Fuße mit jenem zu verkehren. Mc Carthy hatte einen Sohn von achtzehn Jahren, Turner eine Tochter in gleichem Alter, und beide waren Witwer. Sie scheinen jeden Verkehr mit den englischen Familien der Umgegend gemieden zu haben und lebten sehr zurückgezogen, obwohl Vater und Sohn Mc Carthy den Sport liebten und sich oft bei den Pferderennen der Nachbarschaft einfanden. Mc Carthy hielt zwei Dienstboten, einen Diener und eine Köchin, während Turner deren weit mehr, wenigstens ein halbes Dutzend, im Hause hatte. Das ist so ziemlich alles, was ich über die Familien zu erfahren vermochte. Und nun zu den Tatsachen, die mit dem Verbrechen selbst zusammenhängen. Am 3. Juni – also vorigen Montag – verließ Mc Carthy sein Haus in Hatherley ungefähr um 3 Uhr nachmittags und ging hinab nach dem Bascombe-Teich, einem kleinen See, der durch die plötzliche Verbreiterung des Flusses unten im Tal entsteht. Am Morgen war er mit seinem Diener in Roß gewesen und hatte sich diesem gegenüber geäußert, er müsse sich beeilen, weil er auf 3 Uhr eine wichtige Besprechung verabredet habe; von dieser kehrte er nicht mehr lebendig zurück. Das Pachthaus Hatherley liegt eine Viertelmeile vom Teich entfernt, und auf dem Wege dahin wurde Mc Carthy von zwei Personen gesehen: von einer alten Frau, deren Name nicht genannt wird, und von William Crowder, einem Wildhüter im Dienste Herrn Turners. Beide Zeugen sagen aus, daß Mc Carthy allein ging. Der Wildhüter fügt hinzu, er sei, wenige Minuten nachdem Mc Carthy vorübergegangen, auch dessen Sohne, John Mc Carthy, mit einer Flinte unterm Arm, auf demselben Wege begegnet, und er glaubt gewiß, der Vater müsse noch in Sicht gewesen sein, als ihm der Sohn folgte. Er habe nicht weiter an die Sache gedacht, bis er abends von dem schrecklichen Ereignis hörte. Auch noch später wurden die beiden Mc Carthy gesehen, nachdem sie der Wildhüter aus den Augen verloren hatte. Der Bascombe-Teich ist rings von dichtem Wald umgeben, nur hart am Ufer wächst ein Streifen Gras und Rohr. Patience Moran, die Tochter des Gutsaufsehers von Bascombe, war gerade im Walde, um Blumen zu pflücken. Sie sagt aus, daß sie von dort Herrn Mc Carthy und seinen Sohn dicht am Teich in augenscheinlich heftigem Streit gesehen habe; sie hörte, wie der Vater dem Sohn sehr harte Worte zurief, und sah auch, daß letzterer die Hand erhob, als wolle er den Vater schlagen. Über die Heftigkeit der beiden Männer erschrocken, rannte das junge Mädchen nach Hause, erzählte der Mutter, was sie bei dem Bascombe-Teich gesehen, und äußerte ihre Befürchtung, die beiden könnten zu Tätlichkeiten übergehen. Kaum hatte sie dies gesprochen, so stürzte auch schon der junge Mc Carthy herbei. Er rief, er habe seinen Vater tot im Walde gefunden, und bat den Aufseher um Hilfe. Er war sehr aufgeregt, trug weder Hut noch Gewehr, und an seiner rechten Hand und am rechten Ärmel waren Blutspuren sichtbar. Die Leute folgten dem jungen Mann und fanden die Leiche des Vaters im Grase neben dem Teich ausgestreckt. Der Schädel war durch wiederholte Schläge mit einer stumpfen Waffe eingeschlagen worden. Die Verletzungen konnten sehr wohl vom Flintenkolben des Sohnes herrühren; die Flinte lag nur wenige Schritte von der Leiche entfernt im Grase. Unter diesen Umständen wurde der junge Mann sofort verhaftet, und da nach der Voruntersuchung am Dienstag die Anklage auf »vorsätzliche Tötung« lautete, wurde er am Mittwoch der Staatsanwaltschaft von Roß zugeführt, die den Fall vor die nächste Schwurgerichtssession bringen wird. Das ist der einfache Hergang, wie er sich vor dem Untersuchungsrichter und auf dem Polizeiamt herausgestellt hat.« »Ich kann mir kaum einen Fall denken«, bemerkte ich, »wo alle Umstände so bestimmt auf den Täter hinweisen, wie hier.« »Mit diesen Indizienbeweisen steht es oft mißlich«, meinte Holmes nachdenklich. »Oft weisen sie sehr deutlich auf einen bestimmten Punkt hin, verändert man aber den eigenen Standpunkt nur ein klein wenig, so ergibt sich leicht, daß sie in ebenso unzweideutiger Weise ganz wo anders hinzielen. Hier freilich treten die Tatsachen sehr ernst gegen den jungen Mann auf, und es ist wohl möglich, daß er der Schuldige ist. Jedoch glauben einige in der Nachbarschaft – unter diesen auch Fräulein Turner, die Tochter des benachbarten Gutsherrn – an seine Unschuld; sie hat Lestrade, den du aus einer andern Geschichte kennst, Siehe den Band »Späte Rache« der Sherlock-Holmes-Romane (Franckh'sche Verlagshandlung, Stuttgart). gebeten, den jungen Mann zu verteidigen. Lestrade, dem die Sache etwas rätselhaft erschien, übertrug sie mir, und darum fahren wir zwei gesetzte Herren jetzt eben mit dem Schnellzug nach Westen, statt behaglich daheim unser Frühstück zu verdauen.« »Ich fürchte, die Tatsachen sprechen hier so unverkennbar, daß für dich bei dieser Geschichte wenig Ruhm zu holen ist.« »Nichts täuscht leichter als eine ›unverkennbare Tatsache‹«, erwiderte Holmes lachend. »Außerdem haben wir vielleicht Glück und stoßen auf eine andere ›unverkennbare Tatsache‹, die Herr Lestrade trotzdem verkannte. Nun – ohne ruhmredig sein zu wollen, was ich nicht bin, wie du weißt – möchte ich doch behaupten, daß ich seine Theorie entweder bestätigen oder zu nichte machen werde durch Mittel, zu deren Anwendung er nicht fähig ist, und die er vielleicht nicht einmal begreift. Nehmen wir einmal das erste Beispiel: Ich weiß genau, wenn ich dich ansehe, daß das Fenster in deinem Schlafzimmer auf der rechten Seite liegt, und doch bezweifle ich, ob Herr Lestrade selbst etwas so Unverkennbares bemerken würde.« »Wie in aller Welt – – –?« »Mein lieber Freund, ich kenne dich genau, kenne deine ganze militärische Pünktlichkeit. Du rasierst dich jeden Morgen, und zu dieser Jahreszeit rasierst du dich bei Tageslicht; da aber dein Rasieren immer mangelhafter wird, je weiter es nach links kommt, ja an der Rundung der Kinnlade geradezu nachlässig ist, so muß offenbar die linke Seite nicht so hell beleuchtet sein, wie die rechte. Ich könnte mir nicht vorstellen, daß ein Mann wie du mit einem solchen Ergebnis zufrieden wäre, wenn er sich in gleichmäßigem Licht rasierte. Ich erwähne dies nur als ein geringfügiges Beispiel von Beobachtung und Folgerung. Darin eben liegt mein Handwerk , und möglicherweise wird es in der uns bevorstehenden Untersuchung von einigem Nutzen sein. Es sind einige nebensächliche Punkte in der Voruntersuchung zur Sprache gekommen, die der Betrachtung wert sind.« »Und diese wären?« »Wie es scheint, wurde der junge Mann nicht sofort verhaftet, sondern erst nach seiner Rückkehr im Pachthof von Hatherley. Als ihm seine Verhaftung angezeigt wurde, meinte er, das überrasche ihn nicht, er habe nichts anderes erwartet. Diese Bemerkung aus seinem Munde mußte selbstverständlich jeden Zweifel, den die Gerichtsleute noch hegen konnten, beseitigen.« »Es war ein Geständnis,« rief ich aus. »Nein, denn es folgten ihm Unschuldsbeteuerungen.« »Zum Schluß einer solchen Reihe belastender Umstände war es wenigstens eine höchst verdächtige Bemerkung.« »Im Gegenteil, Watson; für den Augenblick sehe ich es als den hellsten Lichtpunkt an, der die finsteren Wolken durchbricht. Wenn er noch so unschuldig ist, müßte er doch ein arger Dummkopf sein, um nicht einzusehen, wie schwer alles gegen ihn zeugt. Hätte er bei der Verhaftung Überraschung gezeigt oder Entrüstung geheuchelt, so wäre mir das höchst verdächtig erschienen, denn diese Empfindungen wären nach Lage der Sache unnatürlich gewesen, konnten aber doch dem Verbrecher als das Klügste erscheinen. Das offene Auftreten des Sohnes kennzeichnet entweder seine Unschuld oder seine große Festigkeit und Selbstbeherrschung. Was nun jene Äußerung betrifft, er habe nichts anderes erwartet, so war auch sie nicht unnatürlich, wenn du bedenkst, daß er vor dem entseelten Körper seines Vaters stand, und daß er zweifellos an jenem Tage seine kindliche Pflicht so weit vergessen hatte, um mit seinem Vater in Streit zu geraten, ja sogar – nach der so wichtigen Aussage des jungen Mädchens – die Hand wie zum Schlage wider ihn zu erheben. Der Selbstvorwurf und die Reue, die in seiner Bemerkung liegen, scheinen mir eher auf eine reine als auf eine schuldige Seele zu deuten.« Ich schüttelte den Kopf. »Gar mancher wurde auf schwächere Beweisgründe hin gehenkt.« »So ist's – und gar mancher wurde unschuldig gehenkt.« »Was sagt der junge Mann selbst über die Sache aus?« »Ich fürchte, was er sagt, ist für seine Verteidiger wenig ermutigend; dennoch sind einige Punkte wohl zu beachten. Hier steht es. Lies selbst.« Holmes suchte in seinem Aktenbündel eine Nummer des Lokalblattes von Herefordshire, und nachdem er die Seite durchflogen, deutete er auf den Abschnitt, in dem über die Aussage des unseligen jungen Mannes selbst berichtet wurde. Ich setzte mich bequem in die Ecke und las den Verhandlungsbericht mit Aufmerksamkeit: Nunmehr wurde Herr James Mc Carthy, der einzige Sohn des Verstorbenen, vorgeführt; er sagte folgendes aus: »Ich war drei Tage von Hause abwesend und kehrte erst am Montagmorgen, am 3., von Bristol zurück. Bei meiner Ankunft traf ich meinen Vater nicht daheim, und das Dienstmädchen sagte mir, er sei mit dem Diener, John Cobb, nach Roß hinübergefahren. Kurz nach meiner Rückkehr hörte ich seinen Wagen im Hofe einfahren. Ich trat an das Fenster, sah ihn aussteigen und sich rasch vom Hofe entfernen – nach welcher Richtung hin, wußte ich selbst nicht. Da nahm ich mein Gewehr und schlenderte auf den Teich von Bascombe zu, mit der Absicht, auf der andern Seite desselben den Kaninchenbau zu durchsuchen. Unterwegs sah ich William Crowder, den Wildhüter, was derselbe bereits bestätigte; nur irrt er in seiner Annahme, daß ich dem Vater folgte. Ich hatte keine Ahnung, daß er vor mir ging. Etwa hundert Schritt vom Teich entfernt vernahm ich den Ruf: ›Cooee‹, Sprich: ›Kuui‹. das gewöhnliche Zeichen zwischen meinem Vater und mir. Ich eilte der Stimme nach und fand meinen Vater am Wasser. Mein Erscheinen schien ihn etwas zu überraschen, und er fragte ziemlich barsch, was ich da wolle. Es entspann sich ein Gespräch, das bald zum Wortwechsel, ja fast zu Tätlichkeiten führte, denn mein Vater war ein sehr jähzorniger Mann. Als ich sah, daß sein Zorn keine Grenzen mehr kannte, verließ ich ihn und ging nach dem Pachthof von Hatherley zurück. Kaum war ich etwa 150 Schritte weit fort, so hörte ich hinter mir einen furchtbaren Schrei, der mich veranlaßte zurückzulaufen. Ich fand meinen Vater sterbend am Boden mit einer schweren Verletzung am Kopf. Ich warf mein Gewehr weg und hielt ihn in den Armen, doch starb er unmittelbar darauf. Ein Weilchen kniete ich neben ihm, dann eilte ich zum Gutswächter des Herrn Turner, dessen Haus zunächst lag, und bat um Hilfe. Als ich zurückkehrte, sah ich niemand in der Nähe meines Vaters, habe auch keine Ahnung, wie er zu seinen Verletzungen gekommen ist. Er war nicht eben beliebt, da in seinem Benehmen etwas Kaltes und Abweisendes lag; doch, soviel mir bekannt ist, hatte er keine wirklichen Feinde. Weiter weiß ich nichts zu sagen.« Untersuchungsrichter : »Hat Ihnen Ihr Vater vor seinem Tode irgend welche Mitteilung gemacht?« Zeuge : »Er murmelte einige Worte, doch konnte ich nur etwas wie ›a rat‹ (eine Ratte) verstehen.« Untersuchungsrichter : »Um was handelte es sich bei Ihrem letzten Streit mit Ihrem Vater?« Zeuge : »Ich bitte, mir die Antwort auf diese Frage zu erlassen.« Untersuchungsrichter : »Ich bedaure, darauf dringen zu müssen.« Zeuge : »Ich kann es Ihnen wirklich nicht sagen. Doch vermag ich Ihnen die Versicherung zu geben, daß es durchaus in keiner Beziehung zu dem stand, was nachher geschah.« Untersuchungsrichter : »Darüber hat der Gerichtshof zu entscheiden. Ich brauche Sie nicht erst darauf aufmerksam zu machen, daß Ihre Weigerung, zu antworten, Ihrer Sache im bevorstehenden Verfahren nur Nachteil bringen kann.« Zeuge : »Und dennoch muß ich es ablehnen.« Untersuchungsrichter : »Verstehe ich Sie recht, so war der Ruf ›Cooee‹ das gewöhnliche Zeichen zwischen Ihnen und dem Vater?« Zeuge : »Ja«. Untersuchungsrichter : »Wie kam es wohl, daß er den Ruf ausstieß, ehe er Sie gesehen, ja ehe er überhaupt wußte, daß Sie aus Bristol zurückgekehrt waren?« Zeuge – in sichtlicher Verlegenheit: »Das weiß ich nicht.« Ein Beisitzer : »Haben Sie in dem Augenblick, wo Sie auf den Ruf Ihres Vaters zurückeilten und Ihren Vater schwer verletzt auffanden, nichts wahrgenommen, das Ihren Argwohn erregt hätte?« Zeuge : »Nichts Bestimmtes.« Untersuchungsrichter : »Was meinen Sie damit?« Zeuge : »Ich war so ergriffen und aufgeregt, als ich aus dem Walde ins Freie lief, daß ich an nichts anderes denken konnte als an meinen Vater. Doch habe ich eine dunkle Vorstellung, als hätte ich beim Vorwärtsstürzen einen Gegenstand zu meiner Linken liegen sehen. Es schien mir etwas graufarbiges – irgend ein Rock oder vielleicht ein Plaid. Als ich mich wieder von meinem Vater aufrichtete, sah ich danach; doch es war fort.« Untersuchungsrichter : »Meinen Sie, daß der Gegenstand verschwand, ehe Sie Hilfe holten?« Zeuge : »Ja, er war fort.« Untersuchungsrichter : »Sie können nicht sagen, was es war?« Zeuge : »Nein, mir war nur, als läge dort etwas.« Untersuchungsrichter : »Wie weit weg von der Leiche?« Zeuge : »Etwa zwölf Schritt.« Untersuchungsrichter : »Und wie weit vom Saum des Waldes?« Zeuge : »Ungefähr ebensoweit.« Untersuchungsrichter : »Mithin wäre der Gegenstand entfernt worden, während Sie nur zwölf Schritt davon standen?« Zeuge : »Ja, während ich demselben den Rücken zukehrte.« Hiermit schloß das Verhör. »Wie ich sehe«, sagte ich, indem ich den Bericht vollends überflog, »lautet die Schlußfolgerung des Untersuchungsrichters ernst für den jungen Mc Carthy. Er weist – und das mit Recht – auf den Widerspruch hin, wonach der Vater den Sohn gerufen, bevor er ihn gesehen habe, sowie auf die Weigerung des Verhafteten, Näheres über sein Gespräch mit dem Vater mitzuteilen, und auf die sonderbaren Angaben über die letzten Worte des Sterbenden. Das alles spricht, wie er bemerkte sehr gegen den Sohn.« Holmes lachte leise in sich hinein und streckte sich auf dem Polster aus. »Du und der Untersuchungsrichter, ihr habt euch beide alle Mühe gegeben«, sagte er, »die allerstärksten Punkte zu Gunsten des jungen Mannes herauszusuchen. Siehst du denn nicht, daß ihr ihm einerseits zu viel, andrerseits zu wenig Erfindungsgabe zutraut? Zu wenig, wenn er nicht einmal imstande sein soll, einen Anlaß des Streites zu erfinden, wodurch er sich die Teilnahme des Gerichtshofes sichern könnte; zu viel, wenn er aus freien Stücken etwas so Überspanntes erfände, wie die Erwähnung einer Ratte von seiten eines Sterbenden und den Vorfall mit dem verschwundenen Kleidungsstück. Nein, Watson, ich betrachte diese Angelegenheit von dem Standpunkt aus, daß das, was der junge Mann sagt, wahr ist; wir wollen sehen, wohin uns diese Annahme führt. Und nun hole ich mir meinen Plutarch aus der Tasche und sage kein Wort mehr über die ganze Sache, ehe wir an Ort und Stelle sind. – Wir frühstücken in Swindon, in zwanzig Minuten sind wir dort, wie ich eben sehe.« Erst kurz vor vier Uhr erreichten wir das hübsche Landstädtchen Roß, nachdem wir durch das schöne Tal von Stroud und über den breiten, glitzernden Severn gefahren waren. Ein hagerer Mann mit schlauem, verschmitztem Blick erwartete uns auf dem Bahnsteig. Trotz des hellbraunen Staubmantels und der Ledergamaschen, die er wohl der ländlichen Umgebung zu Ehren trug, erkannte ich auf den ersten Blick Lestrade, den bekannten Londoner Detektiv. Mit ihm fuhren wir nach den »Hereford Arms«, wo bereits ein Zimmer für uns bestellt war. »Unten steht ein Wagen für uns«, sagte Lestrade, als wir bei einer Tasse Tee saßen; »ich kenne Ihre Energie und weiß, daß Sie nicht rasten werden, ehe Sie den Schauplatz des Verbrechens aufgesucht haben.« »Das war von Ihnen ebenso lobenswert wie liebenswürdig. Unsere Fahrt hängt gänzlich vom Barometer ab.« Lestrade schien überrascht. »Ich begreife nicht recht« – sagte er. »Wie steht das Wetterglas? Gut – auf neunundzwanzig. Kein Wind, keine Wolke am Himmel. Ich habe hier ein Kästchen Zigaretten, die geraucht sein wollen, und das Sofa scheint mir besser, als die sonst im Gasthof üblichen Martersitze. Also werde ich heute sehr wahrscheinlich den Wagen nicht brauchen.« Lestrade lächelte fast nachsichtig. »Zweifellos haben Sie sich bereits Ihre Ansicht über den Tatbestand aus den Zeitungsberichten gebildet. Die Sache ist so klar wie Wasser, und je länger man sich damit beschäftigt, desto klarer wird sie. Doch darf man einer Dame – obendrein einer, die so bestimmt auftritt – nicht widersprechen, obwohl ich ihr wiederholt versicherte, daß Sie, Herr Holmes, auch nichts anderes tun können, als was ich bereits getan habe. Wahrlich! da hält ihr Wagen an der Tür!« Lestrade hatte kaum ausgesprochen, da stürzte auch schon eine der lieblichsten Jungfrauen herein, die ich je gesehen. Ihre Veilchenaugen leuchteten, ihre Lippen waren halb geöffnet, ihre Wangen glühten, und bei ihrer überwältigenden Aufregung und Sorge war jeglicher Gedanke an Zurückhaltung gegenüber einem Fremden von ihr gewichen. »Ach, Herr Holmes!« rief sie, während ihr Blick zwischen ihm und mir hin und her schweifte, bis er mit dem sicheren Gefühl des Weibes auf meinem Gefährten haften blieb, »Herr Holmes, ich bin so froh, daß Sie gekommen sind. Ich fuhr rasch her, um Ihnen das zu sagen. Ich weiß bestimmt, daß James unschuldig ist, und Sie sollen es auch wissen, ehe Sie Ihre Tätigkeit beginnen – Sie dürfen keinen Augenblick daran zweifeln. Wir sind von Kindheit an zusammen gewesen, und ich weiß seine Fehler wie sonst niemand; er ist zu herzensgut, um nur einer Fliege wehe zu tun. Wer ihn kennt, muß eine solche Anklage für die größte Torheit halten.« »Ich hoffe, es gelingt uns, ihn zu rechtfertigen, Fräulein Turner«, sagte Sherlock Holmes. »Verlassen Sie sich auf mich – was in meinen Kräften steht, daß soll geschehen.« »Sie haben doch die Anklage gelesen? Sie haben Schlüsse daraus gezogen – sehen Sie keinen Ausweg, keine Rettung? Halten Sie ihn nicht selbst für unschuldig?« »Mir erscheint seine Unschuld sehr wahrscheinlich.« »Sehen Sie wohl!« rief das junge Mädchen aus und warf einen triumphierenden Blick auf Lestrade. »Da hören Sie's! Er gibt mir Hoffnung.« Lestrade zuckte die Achseln: »Ich fürchte, mein Kollege ist etwas voreilig in seinen Schlüssen.« »Aber er hat recht – ich weiß, daß er recht hat. Nun und nimmer hat James das getan. Und was den Streit mit seinem Vater betrifft, so bin ich überzeugt, daß er nur deshalb im Verhör nicht darüber berichten wollte, weil es sich um mich handelte.« »Inwiefern?« fragte Holmes. »Es wäre unrecht, jetzt noch etwas verbergen zu wollen. James hatte oft Meinungsverschiedenheiten mit seinem Vater wegen mir. Herr Mc Carthy wünschte dringend, daß wir uns heiraten sollten. James und ich lieben einander von jeher wie Geschwister, aber er ist jung, hat noch wenig vom Leben gesehen und – und – daher mochte er sich noch nicht binden. So gab es denn oft Streit, und gewiß handelte es sich auch diesesmal darum.« »Und war Ihr Vater solcher Verbindung geneigt?« fragte Holmes. »Nein. Er war ganz dagegen. Nur Herr Mc Carthy war dafür.« Das frische, junge Gesicht erglühte, als Holmes seinen fragenden, durchdringenden Blick auf sie heftete. »Ich danke Ihnen für diese Mitteilung«, sagte er. »Werde ich Ihren Herrn Vater treffen, wenn ich morgen vorspreche?« »Ich fürchte, der Arzt wird es nicht erlauben.« »Der Arzt?« »Mein armer Vater kränkelt schon seit Jahren, und der schreckliche Vorfall hat ihn vollends ganz niedergeworfen. Er liegt zu Bett, und Dr. Willows erklärt, seine Nerven seien ganz zerrüttet. Herrn Mc Carthys Tod ging Vater um so näher, als derselbe sein einziger Bekannter aus der Zeit war, die er in Viktoria zugebracht hat.« »So – in Viktoria! Das ist wichtig.« »Ja, er war in den Minen.« »Richtig – in den Goldminen, wo Herr Turner – soviel ich gehört habe – sein Vermögen erworben hat.« »Jawohl.« »Ich danke Ihnen, Fräulein Turner. Sie sind mir wesentlich von Nutzen gewesen.« »Nicht wahr, Herr Holmes, Sie lassen es mich wissen, wenn Sie morgen Neues erfahren haben sollten. Gewiß werden Sie James im Gefängnis aufsuchen; ach, bitte, dann sagen Sie ihm, daß ich von seiner Unschuld überzeugt bin.« »Das will ich tun, Fräulein Turner.« »Jetzt muß ich heimeilen, denn Papa ist schwer krank, und er vermißt mich sehr, wenn ich nicht bei ihm bin. Leben Sie wohl, und Gott helfe Ihnen weiter.« Rasch, wie das junge Mädchen gekommen, eilte sie jetzt davon, und wir vernahmen von der Straße her das Rollen ihres Wagens. »Fast sollte ich mich Ihrer schämen, Holmes«, sprach Lestrade würdevoll nach kurzem Schweigen. »Warum Hoffnungen erwecken, denen Enttäuschung folgen muß? Ich bin nicht sonderlich weichherzig – das nenne ich aber grausam.« »Ich glaube eben bestimmt, James Mc Carthys Freisprechung erlangen zu können«, sagte Holmes. »Haben Sie einen Erlaubnisschein, ihn im Gefängnis aufzusuchen?« »Ja, aber nur für Sie und mich.« »Da will ich meinen Entschluß, heute nicht mehr fortzugehen, doch noch einmal überlegen. Haben wir noch Zeit, um den Zug nach Hereford zu benützen und den Angeklagten zu sehen?« »Reichlich genug.« »So wollen wir hin. Watson, laß dir die Zeit nicht lang werden, ich bleibe nur wenige Stunden fort.« Ich begleitete die beiden an den Bahnhof, schlenderte dann durch die Straßen der kleinen Stadt und kehrte schließlich in meinen Gasthof zurück; dort streckte ich mich aus und versuchte, mich in einen Roman zu vertiefen. Die Geschichte war jedoch so flach und unbedeutend im Vergleich zu dem düstern Geheimnis, das uns beschäftigte, daß meine Gedanken fortwährend von der Dichtung in die Wirklichkeit schweiften, bis ich schließlich das Buch beiseite warf und mich ganz meinen Betrachtungen über die Ereignisse des heutigen Tages hingab. Angenommen, der unglückliche Jüngling hätte die Wahrheit gesprochen, welches völlig unerwartete, unselige Ereignis, welcher teuflische Umstand konnte eingetreten sein in der kurzen Zeit zwischen seinem Weggehen vom Vater und dem Augenblick, da er durch den Angstschrei zu ihm zurückgerufen wurde? Es mußte etwas Schreckliches sein. Aber was? Könnte vielleicht die Art der Verletzung meinem ärztlichen Blick Näheres verraten? Ich klingelte und verlangte das Wochenblatt, welches einen wörtlichen Bericht über das Verhör enthielt. Nach Aussage des Wundarztes war am Kopfe das hintere Drittel des linken Scheitelbeins und die linke Hälfte des Hinterhauptbeins durch einen heftigen Schlag mit einer stumpfen Waffe zerschmettert worden. Ich bezeichnete die Stelle an meinem eigenen Kopf. Offenbar mußte ein solcher Schlag von rückwärts geführt worden sein. Gewissermaßen war das für den Angeklagten ein entlastender Umstand, denn als man ihn mit dem Vater streiten sah, stand er diesem gegenüber. Ganz stichhaltig war es freilich nicht, denn der Alte konnte sich auch umgedreht haben, ehe der Hieb fiel. Dennoch lohnte es sich vielleicht, Holmes darauf aufmerksam zu machen. Dazu kam die sonderbare Hinweisung des Sterbenden auf eine Ratte. Was mochte das bedeuten? Delirium war es nicht. Ein Mann, der einen plötzlichen Tod erleidet, spricht nicht leicht irre. Nein – wahrscheinlicher ist's, daß er damit angeben wollte, wie ihn das Schicksal ereilt habe. Aber worauf konnte es sich beziehen? Ich zerbrach mir den Kopf hierüber; – und nun noch das graue Tuch, das der junge Mc Carthy gesehen haben wollte. Beruhte das nicht auf Täuschung, so mußte der Mörder auf der Flucht ein Kleidungsstück, wahrscheinlich den Überzieher, verloren und die Frechheit gehabt haben umzukehren, um das Vermißte zu holen, in dem Augenblick, wo der Sohn kaum zwölf Schritte entfernt am Boden kniete und ihm den Rücken zuwandte. Welch ein geheimnisvolles Gewebe von Unwahrscheinlichkeiten bot die ganze Geschichte! Lestrades Auffassung wunderte mich nicht, und doch traute ich so fest auf meines Freundes Einsicht, daß ich die Hoffnung nicht aufgab; schien doch jeder neue Nebenumstand ihn in seiner Überzeugung von der Unschuld des jungen Mannes zu bestärken. Sherlock Holmes kehrte erst spät zurück; er kam allein, denn Lestrade hatte sein Quartier in der Stadt genommen. »Der Barometer steht noch sehr hoch«, bemerkte er sich niederlassend. »Es ist wichtig, daß wir den Schauplatz besuchen, ehe es regnet; andererseits ist es aber auch vonnöten, daß sich der Mensch frisch und gestärkt an eine so peinliche Arbeit macht. Von langer Fahrt ermüdet, möchte ich sie nicht unternehmen. Ich habe indessen den jungen Mc Carthy gesehen.« »Und was erfuhrst du von ihm?« »Nichts.« »Vermochte er nichts aufzuklären?« »Gar nichts. Erst neigte ich zu der Annahme, er kenne den Täter und wolle ihn oder sie nur schonen, jetzt aber bin ich überzeugt, er weiß so wenig davon, wie die andern. Er scheint nicht gerade aufgeweckt zu sein, macht aber einen angenehmen und gutherzigen Eindruck.« »Sein Geschmack aber imponiert mir wenig«, warf ich ein, »wenn er wirklich nicht geneigt sein sollte, ein so reizendes Geschöpf wie Fräulein Turner zu heiraten.« »Das hängt freilich mit einer mißlichen Geschichte zusammen. Der junge Mensch ist bis über die Ohren in sie verliebt, aber vor zwei Jahren, noch ehe er das junge Mädchen recht kannte, welches fünf Jahre in der Pension war, fiel das Bürschchen (das damals kaum die Kinderschuhe ausgetreten hatte) in die Netze einer Kellnerin in Bristol und heiratete diese vor dem Standesamt. Kein Mensch weiß davon, und nun begreifst du, in welcher heillosen Lage der junge Mann steckt. Es geschah aus reiner Verzweiflung, daß er seine Hände gen Himmel erhob, als ihn sein Vater bei ihrer letzten Begegnung drängte, um Fräulein Turner anzuhalten. Sein Vater – wie ich allgemein hörte, ein harter Mann – würde ihn einfach verstoßen haben, hätte er die Wahrheit erfahren. Der Junge hatte sich die letzten drei Tage bei seiner Frau Kellnerin in Bristol aufgehalten, und sein Vater wußte nicht, wo er war. Beachte diesen Umstand wohl; er ist wichtig. Die Sache nahm jedoch für den jungen Mc Carthy einen glücklichen Verlauf; denn kaum hatte die Kellnerin aus der Zeitung vernommen, in welcher mißlichen Lage sich ihr Gatte befand, und daß er möglicherweise gehenkt würde, so gestand sie ihm, daß sie bereits einen Ehemann in den Bermuda-Dockyards habe, ihre Ehe also ungültig sei. Ich glaube, diese angenehme Nachricht hat den jungen Mann für alles Erlittene getröstet.« »Aber wenn er unschuldig ist, wer hat es dann getan?« »Ja, wer? Ich möchte dich nur auf zwei Punkte aufmerksam machen. Erstens hatte der Ermordete eine Verabredung mit jemand unten am Teich, sein Sohn konnte dieser jemand nicht sein, denn er war abwesend, und der Vater wußte nicht, wann er zurückkehren würde. Zweitens wurde der Ruf ›Cooee‹ aus dem Munde des Ermordeten vernommen, ehe er von der Rückkehr des Sohnes wußte. Das sind die beiden Angelpunkte, um die sich der Fall bewegt. Und nun laß uns, bitte, von anderen Dingen reden und alles übrige auf morgen verschieben.« Wie es Holmes vorausgesehen, regnete es nicht, und der Morgen brach klar und wolkenlos an. Lestrade holte uns um neun Uhr mit dem Wagen ab, und wir fuhren nach dem Pachthof von Hatherley und dem Bascombe-Teich. »Heute morgen ist eine ernste Nachricht eingetroffen«, sagte Lestrade, »es heißt, Herr Turner sei so krank, daß man an seinem Aufkommen zweifelt.« »Wohl ein älterer Mann?« fragte Holmes. »Vielleicht ein Sechziger. Der überseeische Aufenthalt hat seine Konstitution zerrüttet, und er kränkelt seit geraumer Zeit. Dieser Unglücksfall hat ihn übel mitgenommen. Er war ein alter Freund Mc Carthys und, wie mir scheint, sein Wohltäter, denn, wie ich hörte, überließ er ihm Hatherley pachtfrei.« »Wirklich? Das ist recht interessant!« sagte Holmes. »Ja, er hat Mc Carthy auch sonst in jeder Weise geholfen. In der Umgegend rühmt jeder, was er alles für ihn tat.« »Wirklich? Kommt es Ihnen nicht etwas sonderbar vor, daß dieser Mc Carthy, der doch sehr unvermöglich war und Turner so viel verdankte, in so zuversichtlicher und bestimmter Weise von einer Verbindung seines Sohnes mit Turners Tochter – der künftigen Gutsherrin – gesprochen hat, als ob dies die einfachste Sache von der Welt wäre. Und dies wird um so befremdlicher, als bekanntlich Turner der Heirat abgeneigt war. Die Tochter gab uns das deutlich zu verstehen. Läßt Sie das nicht auf etwas schließen?« »Da wären wir also schon glücklich bei den Schlüssen und Folgerungen angelangt«, sagte Lestrade und zwinkerte mir zu. »Ich finde es schon schwer genug, Herr Holmes, die bloßen Tatsachen festzuhalten, ohne ausgedachten Theorien nachzujagen.« »Sie haben recht«, sagte Holmes spöttisch, »es fällt Ihnen sehr schwer, die Tatsachen zu fassen.« »Und doch ist mir eine Tatsache klar, die Sie nur schwer festzuhalten vermögen, wie mir scheint«, meinte Lestrade etwas erregt. »Und das wäre?« »Daß Mc Carthy senior seinen Tod von der Hand Mc Carthys juniors erlitt, und daß alle gegenteiligen Annahmen eitel Mondschein sind.« »Zum Glück ist Mondschein heller als Nebel«, versetzte Holmes lachend, »doch irre ich nicht, so ist hier zur Linken der Pachthof von Hatherley.« »Ja, allerdings.« – Vor uns lag ein geräumiges, hübsch ausgestattetes Wohnhaus, zwei Stockwerke hoch und mit Schiefer gedeckt. Indessen verliehen die herabgelassenen Jalousien und die rauchlosen Kamine dem Gebäude ein totes Aussehen, es war, als laste die begangene Freveltat darauf. Wir klopften an, und auf Holmes' Nachfrage zeigte uns die Magd die Stiefel, welche ihr Herr am Todestag getragen, sowie ein Paar des Sohnes, wenn auch nicht diejenigen, die er damals angehabt hatte. Nachdem Holmes diese sehr genau nach sieben bis acht Richtungen gemessen hatte, ließ er sich in den Hof führen, von wo aus wir den gewundenen Pfad nach dem Teich von Bascombe folgten. Sherlock Holmes war geradezu verwandelt, wenn er sich, wie eben jetzt, auf frischer Fährte befand. Wer nur den ruhigen Denker und Logiker aus der Bakerstraße kannte, hätte ihn hier für einen andern Menschen gehalten. Sein Gesicht war gerötet und schien dunkler. Seine Augenbrauen liefen in zwei scharfe, schwarze Linien zusammen, unter welchen die Augen mit stählernem Glanze hervorleuchteten. Sein Blick war zur Erde gerichtet, seine Schultern nach vorn gebeugt, die Lippen zusammengepreßt, und an seinem langen, sehnigen Hals traten die Adern wie gespannte Saiten hervor. Seine Nasenflügel schienen vor wilder Jagdlust zu beben, und er war so voll und ganz bei der Sache, daß er eine an ihn gerichtete Frage oder Bemerkung kaum vernahm und höchstens mit einem raschen, ungeduldigen Knurren erwiderte. Schnell und schweigsam schritt er auf dem Pfad durch die Wiesen und dann durch den Wald nach dem Teich. Der Boden war, wie in der ganzen Umgegend, feuchter Moorboden, und es fanden sich auf dem Pfade selbst wie auf dem schmalen Grasstreifen daneben viele Fußspuren. Bald eilte Holmes voran, bald stand er regungslos da, und einmal ging er eine kurze Strecke auf die Wiese. Lestrade und ich schritten hinter ihm drein; der Detektiv gleichgültig und würdevoll, während ich jeder Bewegung meines Freundes gespannt folgte, denn ich wußte genau, daß alles, was er tat, einen bestimmten Zweck hatte. Der Bascombe-Teich, eine kleine, mit Schilf umsäumte Wasserfläche von etwa fünfzig Meter, liegt an der Grenze zwischen dem Pachtgut von Hatherley und dem Park des Herrn Turner. Drüben, über den Wäldern des jenseitigen Ufers, konnten wir die roten Türme sehen, die zu der Besitzung des reichen Eigentümers gehörten. Auf der nach Hatherley zu gelegenen Seite des Teiches stand der Wald sehr dicht; nur ein schmaler Rand frischen Grases zog sich zwischen den Bäumen und dem Rohr hin, das den Teich begrenzte. Lestrade wies uns die genaue Stelle, wo die Leiche aufgefunden worden war; der Boden war so feucht, daß ich deutlich die Spuren sehen konnte, die der Fall des Körpers verursacht hatte. Holmes – das las man auf seinen gespannten Zügen und in seinem forschenden Blick – entnahm dem zertretenen Grasplatz noch viele anderen Dinge. Wie ein Jagdhund, der Beute wittert, lief er umher und wandte sich dann an meinen Gefährten. »Warum sind Sie denn ins Wasser gegangen?« fragte er. »Ich fischte mit einem Rechen umher. Ich hoffte irgend eine Waffe oder sonst eine Spur zu entdecken. Aber wie in aller Welt wissen Sie. . .?« »Ach, papperlapapp! Jetzt habe ich keine Zeit! Ihr linker Fuß, mit seiner Drehung nach innen, ist ja allenthalben sichtbar. Dem vermöchte sogar ein Maulwurf zu folgen! Und hier verschwinden Ihre Schritte im Rohr. Ach! wie einfach wäre vieles gewesen, hätte ich hier sein können, ehe alles wie von einer Büffelherde niedergestampft wurde. Hier kam die Gesellschaft mit dem Aufseher her, und sie hat wahrhaftig sieben bis acht Fuß um die Leiche herum alle Spuren vertrampelt. Aber hier – hier sind drei abgesonderte Abdrücke ein und desselben Fußes.« Holmes zog ein Vergrößerungsglas hervor und legte sich auf seinen Regenmantel nieder, um genauer sehen zu können, wobei er mehr mit sich selbst als mit uns sprach: »Das sind des jungen Mc Carthys Spuren. Zweimal ging er ruhig, und einmal lief er so geschwind, daß die Sohlen sehr kräftig, die Absätze nur ganz flüchtig eingedrückt sind. Darin liegt seine ganze Geschichte. Er lief, als er seinen Vater am Boden sah. Ferner sind hier die Fußstapfen des Vaters, als er auf- und abging – was ist aber das? Das Kolbenende des Gewehrs an der Stelle, wo der Sohn stand und aufhorchte. – Und dies? – Ha! ha! Was haben wir hier? Fußspitzen! Fußspitzen! Und das sind breite – ganz ungewöhnliche Stiefel! Sie kommen – gehen – kommen wieder – natürlich wegen des Mantels. Wo aber kamen sie her?« Holmes lief auf und ab, bald fand er die Spur, bald verlor er sie, bis wir an der Waldecke zu einer Buche, dem größten Baum der Umgegend, gelangten. Holmes ging weiter im Schatten des Baumes, legte wieder das Gesicht an den Boden und stieß einen leisen Ruf der Befriedigung aus. Lange Zeit blieb er in dieser Lage, durchsuchte Blätter und trockene Zweige, nahm, wie mich dünkte, etwas Staub in einen Briefumschlag und untersuchte mit seinem Glas nicht allein den Boden, sondern sogar die Rinde des Baumes, so hoch er reichen konnte. Ein spitzer Stein lag im Moos, auch den betrachtete er genau und nahm ihn zu sich. Dann folgte er einem Fußweg durch den Wald bis zur Landstraße, wo jede Spur verschwand. »Das war ein höchst merkwürdiger Fall«, bemerkte er und nahm wieder sein gewohntes Wesen an. »Ich denke, das graue Haus dort muß die Wohnung des Aufsehers sein. Ich werde wohl hineingehen, ein paar Worte mit Moran reden und vielleicht einige Zeilen schreiben. Nachher können wir zum Frühstück zurückfahren. Gehen Sie gefälligst voraus zum Wagen, ich folge sogleich.« Ungefähr zehn Minuten später waren wir auf dem Wege nach Roß; Holmes hielt noch immer den Stein, den er im Walde aufgelesen hatte. »Das könnte Sie interessieren, Lestrade«, bemerkte er und wies auf den Stein, »der Mord wurde damit ausgeführt.« »Ich sehe keinerlei Anzeichen an dem Stein.« »Es sind auch keine daran.« »Wie wollen Sie es dann wissen?« »Das Gras wuchs darunter, also lag der Stein erst seit wenigen Tagen dort. Die Stelle wo er weggenommen worden war, ließ sich nicht finden. Er paßt genau zu den Verletzungen. Von einer anderen Waffe ist keine Spur vorhanden.« »Und der Mörder?« »Ist ein großer Mann, der links ist, mit dem rechten Fuß hinkt, starksohlige Jagdstiefel und einen grauen Mantel trägt, indische Zigarren raucht, eine Zigarrenspitze benutzt und ein stumpfes Federmesser in der Tasche hat. Noch einige andere Indizien sind vorhanden, doch mögen diese genügen, um uns auf die rechte Fährte zu bringen.« Lestrade lachte. »Ich gehöre leider noch immer zu den Ungläubigen«, sagte er. »Theorien sind schön und gut, aber, wie Sie wissen, haben wir's mit einem hartschlägigen englischen Schwurgericht zu tun.« »Nous verrons«, meinte Holmes gelassen. »Sie arbeiten nach Ihrer Methode – ich nach meiner. Heute nachmittag habe ich zu tun und werde wahrscheinlich mit dem Abendzug nach London zurückkehren.« »Und die Sache hier im Stich lassen?« »Nein – beendigt.« »Aber das Geheimnis?« »Ist gelöst.« »Wer war denn also der Mörder?« »Der Herr, den ich beschrieb.« »Aber wer ist er?« »Das herauszufinden wird gewiß nicht schwer sein. Allzu bevölkert ist ja die Umgegend nicht.« Lestrade zuckte mit den Achseln. »Ich bin ein Praktiker«, sagte er, »und kann wirklich nicht im Lande umherlaufen, um einen lahmen Herrn, der links ist, zu suchen. Ich würde ja damit bei der ganzen Polizei zur Zielscheibe des Spottes.« »Schon gut«, meinte Holmes gelassen. »Meine Schuld ist's nicht, wenn Sie sich blamieren. – Hier ist Ihre Wohnung. Leben Sie wohl. Vor meiner Abreise schreibe ich Ihnen noch ein Wort.« Nachdem wir Lestrade abgesetzt hatten, fuhren wir nach unserm Hotel, wo das Frühstück bereits auf dem Tisch stand. Holmes schwieg und saß in Gedanken versunken mit schmerzlichem Ausdruck da, wie jemand, der sich in einer verwickelten Lage befindet. »Komm her, Watson«, sagte er, als der Tisch abgeräumt war, »setze dich bequem in diesen Stuhl und laß mich dir ein Weilchen vorpredigen. Ich weiß nicht recht, was ich tun soll. Rate du mir. Stecke deine Zigarre an und höre.« »Bitte, sprich.« »Bei näherer Betrachtung fielen dir und mir in der Erzählung des jungen Mc Carthy sofort zwei Umstände auf; mich nahmen sie zu seinen Gunsten, dich aber gegen ihn ein. Der erste ist, daß, wie er sagt, sein Vater ›Cooee!‹ rief, ehe er ihn gesehen, der andere ist die wunderliche Erwähnung der Silben ›a rat‹ aus dem Munde des Sterbenden. Er murmelte noch mehr, aber dies was bekanntlich das einzige, was der Sohn verstand. Von diesen zwei Momenten müssen nunmehr unsere Nachforschungen ausgehen, und wir wollen sie mit der Voraussetzung beginnen, daß der junge Mann die reine Wahrheit sprach.« »Wie erklärst du dir denn dieses ›Cooee‹?« »Augenscheinlich galt es nicht dem Sohne. Seines Wissens war ja der Sohn in Bristol, und es war bloßer Zufall, daß er sich in Hörweite befand. Das ›Cooee‹ sollte die Aufmerksamkeit dessen erwecken, mit dem er sich zu einer Begegnung verabredet hatte. ›Cooee!‹ ist ein entschieden australischer Ruf, der unter Australiern gebräuchlich ist. Die Vermutung liegt nahe, daß die Person, die Mc Carthy am Teich von Bascombe treffen sollte, in Australien gewesen war.« »Was wollte er aber mit dem Worte ›a rat‹ ?« Holmes zog ein zusammengefaltetes Blatt aus der Tasche und glättete es auf dem Tisch. »Hier ist eine Karte der Kolonie Viktoria«, sagte er. »Ich bestellte sie gestern abend telegraphisch in Bristol.« Er bedeckte nun mit der Hand einen Teil der Karte. »Was steht hier?« fragte er mich. Ich las › arat ‹. »Und hier?« Er hob die Hand auf. » Ballarat «. »Richtig. Das war offenbar das Wort, das der Sterbende stammelte, und von dem der Sohn nur die letzte Silbe vernahm. Er versuchte es, den Namen seines Mörders zu nennen: der Soundso aus Ballarat.« »Ganz wunderbar!« rief ich aus. »In der Tat! Und nun siehst du, ist der Kreis schon bedeutend enger gezogen. Der Besitz eines grauen Kleidungsstückes ist ein dritter Punkt, der in Übereinstimmung mit der Aussage des Sohnes konstatiert wurde. So gelangen wir jetzt aus düsterer Unklarheit zu dem sehr bestimmten Begriff eines Australiers aus Ballarat mit einem grauen Mantel.« »Gewiß.« »Und zwar muß es ein Mensch sein, der in der Umgegend wohnt, denn der Teich kann nur vom Pachthof oder vom Park aus erreicht werden, wohin Fremde schwerlich kommen.« »Ganz recht.« »Nun folgt unsere heutige Expedition. Der Untersuchung an Ort und Stelle entnahm ich die Einzelheiten über die Persönlichkeit des Verbrechers, die ich dem Dummkopf, dem Lestrade, mitteilte.« »Aber wie bist du darauf gekommen?« »Du kennst meine Methode. Sie beruht auf der Beobachtung von Kleinigkeiten.« »Ich weiß, daß du aus der Länge der Schritte auf die Körpergröße zu schließen verstehst. Auch die Art der Stiefel verraten die Fußstapfen.« »Ja, es waren absonderliche Stiefel.« »Aber das Hinken?« »Der Abdruck des rechten Fußes trat stets schwächer hervor als der des linken. Der Mann drückte weniger damit auf. Warum? Weil er hinkte – er war lahm.« »Warum soll er linkshändig sein?« »Dich selbst befremdete die Art der Verletzungen, wie sie der Arzt bei der Untersuchung feststellte. Der Schlag kam unmittelbar von rückwärts und traf dennoch die linke Seite. Wie könnte das sein, wäre nicht der Mörder links? Während der Unterredung zwischen Vater und Sohn muß er hinter dem Baum gestanden haben. Ja, er hat sogar dort geraucht. Ich fand Zigarrenasche, und bei meiner genauen Kenntnis der Tabakasche konnte ich zweifellos feststellen, daß sie von einer indischen Zigarre herrührte. Wie du weißt, habe ich mich eingehend damit beschäftigt und eine kleine Abhandlung über 140 verschiedene Arten von Pfeifen-, Zigarren- und Zigarettentabak geschrieben. Nachdem ich die Asche entdeckt, suchte und fand ich richtig den Stummel im Moos, wohin er ihn geschleudert hatte. Es war der Rest einer indischen Zigarre, wie man sie in Rotterdam rollt.« »Und die Zigarrenspitze?« »Ich sah, daß die Zigarre nicht im Munde gewesen war. Also bediente er sich einer Spitze. Das Ende war abgeschnitten, aber nicht glatt, woraus ich auf ein stumpfes Federmesser schloß.« »Holmes, du hast diesen Menschen so fest umsponnen, daß er nicht mehr entkommen kann, und einen Unschuldigen so sicher vom Tode gerettet, als hättest du den Strick durchgeschnitten, mit dem er bereits am Galgen hing. Ich sehe, wohin dies alles zielt. Der Schuldige ist –« »Herr John Turner«, meldete der Kellner mit lauter Stimme, indem er unsre Zimmertür öffnete, um den Fremden hereinzulassen. Der Eintretende war eine fremdartige, auffallende Erscheinung. Sein langsamer, hinkender Gang und die vorgebeugten Schultern ließen ihn hinfällig erscheinen; doch verrieten seine harten, rauhen Züge sowie sein hünenhafter Körperbau eine ungewöhnliche Geistes- und Leibeskraft. Der starke Bart, das ergraute Haar, die buschigen, vorstehenden Augenbrauen verliehen seinem Äußeren Würde und Ansehen, aber sein Gesicht war von aschgrauer Färbung, und ein fast bläulicher Schein lag um die Lippen und die Nasenflügel. Auf den ersten Blick sah ich, daß der Mann einem chronischen, tödlichen Leiden verfallen war. »Nehmen Sie gefälligst auf dem Sofa Platz«, bat Holmes freundlich. »Sie erhielten mein Briefchen?« »Ja, der Aufseher hat es mir gebracht. Sie wünschten mich hier zu sprechen, um jedes Aufsehen zu vermeiden.« »Ich fürchtete das Gerede der Leute, wenn ich zu Ihnen käme.« »Und warum wünschten Sie mich zu sehen?« Er blickte mit seinen müden Augen so verzweifelt auf meinen Gefährten, als sei die Frage bereits beantwortet. »Ja«, sagte Holmes, mehr Turners Blick als seine Worte erwidernd, »es ist so. Ich weiß alles über den Tod Mc Carthy's.« Der alte Mann verbarg sein Gesicht in den Händen. »Gott stehe mir bei!« rief er aus. »Den jungen Menschen hätte ich aber nicht ins Elend kommen lassen. Ich gebe Ihnen mein Wort darauf – wäre er vom Gericht für schuldig erklärt worden, dann hätte ich alles gestanden.« »Ich freue mich, das von Ihnen zu hören«, versetzte Holmes sehr ernst. »Schon jetzt würde ich gesprochen haben, wäre es mir nicht um mein geliebtes Kind zu tun. Es hätte ihr das Herz gebrochen – es wird ihr das Herz brechen, erfährt sie meine Verhaftung.« »Vielleicht kommt es nicht dazu«, sagte Holmes. »Was?« »Ich bin kein Gerichtsbeamter. Soviel ich weiß, war es Ihre Tochter, die mich hierherkommen ließ, und so vertrete ich Fräulein Turners Interesse. Der junge Mc Carthy muß natürlich freikommen.« »Ich bin ein aufgegebener Mann«, sagte der alte Turner. »Seit Jahren leide ich an Zuckerkrankheit, mein Arzt hält es für fraglich, ob ich in vier Wochen noch lebe. Nur stürbe ich gern unter dem eigenen Dach – nicht im Zuchthaus.« Holmes stand auf und setzte sich an den Tisch; er ergriff die Feder und legte einige Bogen Papier vor sich. »Sagen Sie uns einfach die Wahrheit«, bat er. »Ich schreibe die Tatsachen auf; Sie setzen Ihren Namen darunter, und Watson hier dient uns als Zeuge. So kann ich Ihr Bekenntnis, sobald es unumgänglich nötig ist, um den jungen Mc Carthy zu retten, vorlegen; ich gelobe Ihnen jedoch, nur im äußersten Notfall davon Gebrauch zu machen.« »Das geht«, meinte der alte Herr, »ob ich bis zu der Schwurgerichtssitzung noch lebe, ist fraglich, also kommt für mich wenig darauf an; nur meine Alice möchte ich vor der Schande bewahren. Und nun will ich Ihnen alles erklären. Sie haben den Toten – diesen Mc Carthy – nicht gekannt! Es war der leibhaftige Teufel, das kann ich Ihnen wohl sagen. Gott bewahre Sie vor den Klauen eines solchen Menschen! – Seit zwanzig Jahren hielt er mich mit eisernem Griffe fest und hat mir das Dasein vergällt. Erst sollen Sie erfahren, wie ich in seine Gewalt kam. Es war Anfang der sechziger Jahre, als ich in Australien unter die Goldgräber ging. Ich war noch ein junger Kerl, heißblütig, tollkühn, zu allem bereit; ich geriet in schlechte Gesellschaft, gewöhnte mich an das Trinken, hatte Pech mit meiner Grube, schlug mich in die Wälder und wurde, um es kurz zu sagen, was man hier einen Straßenräuber nennt. Wir waren unser sechs beisammen; lebten frei und wild – bald überfielen wir ein Lager, bald die Wagen, die nach den Minen fuhren. Mich kannte man als Black Jack of Ballarat , und unser Ballaratbund ist in der Kolonie noch heute nicht vergessen. Eines Tages lauerten wir einem Zug mit Gold auf, der von Ballarat nach Melbourne ging, und griffen ihn an. Sechs Führer waren dabei und auch wir unser sechs – also stand die Sache fraglich. Beim ersten Anprall hoben wir vier Mann aus den Sätteln. Von den unsrigen fielen drei, ehe wir den Schatz erlangten. Ich hielt dem Führer des Zuges – eben diesem Mc Carthy – meine Pistole an den Kopf. Wollte Gott, ich hätte damals losgedrückt! Doch ich verschonte ihn, obwohl ich seine kleinen, boshaften Augen auf mich gerichtet sah, als wollten sie sich jeden meiner Züge einprägen. Es gelang uns, mit dem Gelde zu entkommen; wir waren nun reich und kehrten nach England zurück, ohne daß ein Verdacht auf uns fiel. Hier trennte ich mich von den bisherigen Gefährten und beschloß, von nun an ein ruhiges, ehrbares Leben zu führen. Ich kaufte dieses Landgut, das eben ausgeboten wurde, und war bemüht, das schlecht erworbene Geld aufs beste zu verwenden. Damals heiratete ich, doch starb meine Frau frühzeitig und hinterließ mir meine geliebte Alice. Schon als kleines Kind verstand sie es, mich auf den rechten Pfad zu leiten, wie das niemand außer ihr vermocht hatte. Kurz, ich begann ein neues Leben und tat, was ich konnte, um mein vergangenes Unrecht wieder gutzumachen. Das schien mir auch zu gelingen, bis ich Mc Carthy in die Klauen geriet. Um Kapital anzulegen, war ich zur Stadt gefahren, da traf ich ihn in Regent-Street in dürftiger, zerlumpter Kleidung. »Da sind wir, Jack«, sagte er und faßte meinen Arm, »du darfst uns künftig als deine Angehörigen betrachten. Wir sind unser zwei – ich und mein Sohn – und du wirst für unsern Unterhalt sorgen. Tust du's nicht – nun so herrscht in England Gesetz und Recht, und die Polizei ist stets zur Hand.« Die beiden kamen denn auch hierher; ich wurde sie nicht wieder los, und sie lebten von der Zeit an pachtfrei auf meinem besten Grund und Boden. Meine Ruhe war dahin, ich fand keinen Frieden mehr, kein Vergessen; wohin ich auch ging, so grinste sein schlaues Gesicht dicht neben mir. Je älter Alice wurde, um so schlimmer ward es, denn er merkte sehr wohl, daß ich meine Vergangenheit noch ängstlicher vor ihr als vor den Gerichten verbarg. Alles, was er brauchte, forderte er, und er mochte fordern, was er wollte, ich gab es ihm willig: Land, Geld, Häuser; schließlich aber forderte er, was ich ihm nicht zu geben vermochte – meine Alice. Sein Sohn war herangewachsen und meine Tochter auch. Er wußte, daß meine Gesundheit untergraben war, und so dünkte es ihm ein guter Fang, wenn sein Junge zu meinem ganzen Besitz käme. Hierin aber blieb ich fest. Mc Carthy drohte. Ich war zum äußersten Widerstand entschlossen. Wir verabredeten uns zu einer Besprechung unten am Teich, der in gleicher Entfernung von meiner wie von seiner Wohnung liegt. Als ich dort hinkam, fand ich ihn im Gespräch mit seinem Sohn; ich steckte mir eine Zigarre an und wartete hinter einem Baum, bis er allein sein würde. Als ich hörte, wovon zwischen ihnen die Rede war, stiegen Gift und Galle in mir auf; der Vater drang darauf, daß der Sohn meine Tochter heiraten solle, ohne im geringsten nach ihrem Willen zu fragen, gerade als wäre sie eine hergelaufene Dirne. Der Gedanke, daß alles, was mir lieb und teuer war, in den Händen eines solchen Mannes sei, trieb mich zum Wahnsinn. Vermochte ich denn nicht die Fesseln zu sprengen? Ich war ein dem Tode Verfallener, ein Verzweifelter. Wenn auch klaren Geistes und noch ziemlich kräftig, wußte ich doch, daß mein Schicksal besiegelt war. Ach, aber mein Andenken! meine Tochter! Beide waren gesichert, wenn es mir gelang, diese Lästerzunge zum Schweigen zu bringen. Ich tat es, Herr Holmes. Ich täte es wieder! Mein Unrecht war groß gewesen, aber ich hatte durch ein wahres Marterleben dafür gebüßt. Daß aber mein Kind in dieselben Fesseln geraten sollte, in denen ich geschmachtet, das war mehr, als ich zu ertragen vermochte. Ich schlug ihn nieder, und es reute mich nicht mehr, als sei er ein garstiges, giftiges Tier gewesen. Auf sein Schreien kehrte sein Sohn zurück; schon hatte ich den Schatten des Waldes erreicht, als ich umkehren mußte, um meinen Mantel zu holen, den ich bei der Flucht verloren hatte. So und nicht anders hat sich alles zugetragen.« »Mir kommt es nicht zu, Sie zu verurteilen«, sprach Holmes, als der alte Mann den niedergeschriebenen Bericht unterzeichnete. »Möge uns Gott vor einer ähnlichen Versuchung bewahren.« »Und was beabsichtigen Sie nun zu tun?« »Im Hinblick auf Ihren Gesundheitszustand – nichts. Sie wissen ja selbst, daß Sie sich in kurzer Frist vor einem höheren Richter zu verantworten haben. Ich nehme Ihr Bekenntnis an mich; wird Mc Carthy verurteilt, so bin ich gezwungen, damit hervorzutreten, – wenn nicht, so wird es kein Menschenauge je erblicken, und mögen Sie tot oder lebendig sein, Ihr Geheimnis ist bei uns sicher aufgehoben.« »So leben Sie denn wohl«, sprach der alte Mann feierlich. »Sie werden beide dereinst sanfter auf dem Sterbelager ruhen im Bewußtsein, daß Sie mich haben im Frieden scheiden lassen.« Zitternd und gebrochen wankte die Hünengestalt langsam hinaus. »Gott stehe uns bei!« sagte Holmes nach langem Schweigen. »Warum spielt das Schicksal so tückisch mit den armen, hilflosen Erdenwürmern?« James Mc Carthy wurde auf Grund zahlreicher Einwände freigesprochen, welche Holmes erhoben und dem Verteidiger zur Verfügung gestellt hatte. Der alte Turner lebte noch sieben Monate nach unserer Unterredung. Jetzt ruht er im Grabe, und aller Voraussicht nach werden Sohn und Tochter der feindlichen Väter ein glückliches Paar werden, ohne je zu ahnen, welche dunkle Wolke auf ihrer Vergangenheit lastet.   Die kleine Gesellschaft saß noch immer im Dunkeln. Die Frau des Doktors stand leise auf und entzündete eine Stehlampe in einer Ecke des großen Zimmers, die nun einen kleinen, milden Schein verbreitete. Dann ging sie hinaus, um für eine Tasse Tee zu sorgen. »Wie viel solcher unbekannten Tragödien mögen wohl in der Stille ausgefochten und getragen werden!« sagte Doktor Hull. »Irgendeine Kenntnis einer Verfehlung, die an sich oft ganz gering ist und beizeiten mit einem guten und offenen Wort hätte aus der Welt geschafft werden können, wird ausgenützt bis zum Weißbluten. Manchmal gehen Ehegatten in einer sonst wirklich guten Gemeinschaft nebeneinander her, jahrelang, jahrzehntelang – und der eine Teil schleppt eine Last mit, von welcher der Partner keine Ahnung hat – und immer in der dauernden Unsicherheit und Angst gehalten, seinem Erpresser ausgeliefert zu sein. Vielleicht ist in der Ehe das gegenseitige Vertrauen nur gewachsen, aber das einmal versäumte ehrliche Wort läßt sich nun nicht mehr sagen. Und mit den Jahren schwindet die Kraft zu einem Geständnis immer mehr und gleichzeitig wächst die Schuld des Verschwiegen-Habens.« »Der alte Turner muß furchtbare Jahre verlebt haben«, meinte die junge Frau. »Aber Ihre Erzählung hat uns Ihren Freund Sherlock Holmes von einer menschlich sehr schönen Seite gezeigt.« »Ja, Herr Holmes hat ein tiefes Verständnis für menschliche Schwächen und Irrtümer«, bestätigte Frau Watson. »Seine Studien haben ihn nicht hart, sondern barmherzig und gerecht gemacht. Aber wenn es sich um einen wirklichen Verbrecher handelt, dann kennt er kein falsches Mitleid. Da greift er rücksichtslos zu. Dafür gibt etwa die Geschichte von der sonderbaren Anstellung das beste Beispiel.« »Was ist das für eine Geschichte?« fragte die junge Frau und hob ihr feines, schmales Gesicht zu Doktor Watson. »Aber Ethel«, sagte ihr Mann und legte den Arm leicht um die zarte Gestalt, »du würdest wohl heute nacht am liebsten sitzen bleiben, und der arme Doktor könnte dir eine Geschichte nach der andern erzählen.« Die junge Frau errötete. »Ja, es ist wahr«, gab sie zu. »Aber es ist schon spät. Und ich hätte doch noch so viele Fragen an Sie zu stellen, Doktor!« Doktor Hull warf einen bedauernden Blick zur Uhr. »Schade«, sagte er, »jammerschade! Auch ich würde nun gern noch so manches wissen: Zuerst einmal über Ihren Freund Holmes selbst, über seine Lebensweise, seine besonderen Kenntnisse – aber ich muß jetzt weg. Ich habe nochmal einen dringenden Besuch in der Klinik zu machen.« Er stand auf, um sich zu verabschieden. Auch die andern Gäste erhoben sich. Es tat allen sichtlich leid, zu gehen. Doktor Watson überlegte eine Weile und sprach ein paar Worte mit seiner Frau. Dann wandte er sich wieder seinen Gästen zu. »Wir möchten Ihnen einen Vorschlag machen«, sagte er. »Vielleicht dürfen wir Sie nächsten Freitag wieder bei uns erwarten – Sie können mich inzwischen Ihre besonderen Fragen wissen lassen und ich will dann versuchen, Ihnen ein Antwort zu geben.« »Eine famose Idee!« rief Doktor Hull erfreut. »Ich werde kommen!« »Wir natürlich auch!« stimmten die übrigen Gäste bei. Dann verhallten ihre Schritte draußen in der Nacht. Doktor Watson blickte ihnen noch eine Zeitlang nach. Dunkle Wolken zogen über den Himmel. Manchmal schaute ein Stern herunter, aber nur für einen Augenblick, dann schob sich die schwarze Wand wieder vor ihn. Die große Stadt London schlief. – Hunderte Menschen behüteten ihren Schlaf. Vielleicht war auch Sherlock Holmes heute nacht einer dieser stillen Wächter – irgendwo und in irgend einer Verkleidung.   Acht Tage später saßen alle wieder in Doktor Watsons Wohnzimmer. Als letzter kam Dr. Hull. »Sie haben noch nicht begonnen?« rief er erfreut, als er merkte, daß die Gespräche sich um Tagesereignisse drehten. »Und ich fürchtete schon, ich käme zu spät. Aber ich konnte heute nicht früher weg.« »Wir haben auf Sie gewartet, Doktor Hull«, erklärte Frau Watson freundlich. »Aber nun können wir ja beginnen.« Doktor Watson zog ein paar Notizblätter aus seiner Tasche. »Sie haben mir im Laufe der Wochen so viele Fragen gestellt«, sagte er, »daß mir nichts andres übrig bleibt als eine lange Antwort. Zunächst einmal: Sherlock Holmes ist kein kriminalistischer Geheimzauberer, der niemand einen Einblick in die Werkstatt seines Geistes gibt, kein selbstgefälliger Meisterdetektiv, der von der Höhe seiner Kunst verächtlich und verschlossen auf die unwissenden Laien herabsieht – nein, er ist – wenigstens im allgemeinen – eine durchaus gesellige Natur, offenherzig und gern geneigt, von seinem Wissen abzugeben. Er ist ein Lehrer und ein Vorbild wahrer Beobachtungskunst, ein Vorkämpfer des gesunden Menschenverstandes. Ja, er ist geradezu ein Erzieher zur Wachsamkeit. Ein Zufall hat uns einst zusammengeführt. Meine Gesundheit war durch meine Tätigkeit als Militärarzt im afghanischen Feldzug angegriffen. Ich bekam dauernden Heimaturlaub. Ich sah mich hier nach einer Wohnung um, ein Freund machte mich darauf aufmerksam, daß Herr Holmes jemand suche, der mit ihm eine Wohnung teile. Auf diese Weise kamen wir zusammen, und aus der anfänglichen Hausgemeinschaft entwickelte sich bald ein Freundschaftsbund, der auch durch meine Verheiratung nicht gestört wurde. Der wissenschaftliche und ethische Ernst, mit dem Sherlock Holmes das freiwillig erkorene Handwerk im Dienste der menschlichen Gesellschaft betreibt, sein fester Wille, das Verbrechen rückhaltlos zu bekämpfen und daneben sein großes Verständnis für alle menschlichen Fehler und Gebrechen band mich immer mehr an ihn. Gewiß – Herr Holmes hat auch seine Eigentümlichkeiten, wie jeder von uns, aber man gewöhnt sich rasch an sie. Die Musik liebt er sehr, er übt sie auch selbst aus, durch sie wird er schöpferisch angeregt, zugleich lenkt sie ihn von aller Schwere und dem Ernst seines Handwerks ab. Sherlock Holmes war mir ein stiller Gefährte, mit dem es sich gut hausen ließ. Er lebt regelmäßig, arbeitet in seinem chemischen Laboratorium, oder er macht Ausflüge in die Welt der Menschen – und des Verbrechens. Zuweilen scheint seine Tatkraft zu erlöschen, seine sonstige Arbeitsamkeit weicht einem Hang zur Träumerei, die ihn völlig abwesend erscheinen läßt, unfähig, sich aus seiner wohligen Trägheit aufzuraffen. Aber sobald der Ruf des Lebens, die freiwillig übernommene Pflicht an ihn herantritt, ist er wieder ebenso entschlossen und aufgeweckt, wie er vorher träge und verschlafen schien. So ist auch sein Wissen begrenzt: Es gibt viele Dinge, von denen er keine Ahnung zu besitzen scheint, obgleich sie zur Allgemeinbildung gehören. Aber innerhalb seiner Grenzen ist er gut bewandert und weiß von allen seinen Erkenntnissen einen erstaunlich praktischen Gebrauch zu machen, die richtigen Schlüsse aus scheinbar zufälligen Beobachtungen zu ziehen. Er verbindet mit seinem natürlichen Scharfsinn ein systematisches Studium aller Hilfswissenschaften der Kriminalistik. Nach seiner Ansicht gleicht das menschliche Gehirn von Haus aus einer leeren Dachkammer, die man nach eigener Wahl mit Möbeln und Gerät ausstatten sollte, nicht mit allerlei Gerümpel, das nur den Weg versperrt und zu nichts nützt. Holmes sagt: ›Ein Verständiger gibt wohl acht, was er in seine Hirnkammern einschachtelt. Er beschränkt sich auf die Werkzeuge, deren er bei der Arbeit bedarf, aber von diesen schafft er sich eine große Auswahl an und hält sie in bester Ordnung. Es ist ein Irrtum, wenn man denkt, die kleine Kammer habe dehnbare Wände und könne sich nach Belieben ausweiten. Glauben Sie mir, es kommt die Zeit, da wir für alles Neuhinzugelernte etwas von dem vergessen, was wir früher gewußt haben. Daher ist es von höchster Wichtigkeit, daß unsere nützlichen Kenntnisse nicht durch unnützen Ballast verdrängt werden.‹ Ich habe oft über diese Worte meines Freundes nachdenken müssen. Sie waren für mich sehr aufschlußreich über ihn selbst. Und so habe ich mir denn eines Tages ein Verzeichnis angelegt, in dem ich die widersprechenden Eigenschaften Holmes' aufführte, um sie zum psychologischen Gesamtbilde zusammenzufügen. Dies Verzeichnis umfaßt sowohl Holmes geistigen Horizont wie seine besonderen Kenntnisse. Wenn es Sie interessiert, werde ich es Ihnen vorlesen.« Doktor Watson machte eine kleine Pause. Er zog aus seiner Rocktasche einen zusammengefalteten Zettel. »Es interessiert uns sogar außerordentlich, zu erfahren, zu welchem Ergebnis Sie auf diese Weise gelangt sind«, meinte Hull, und Doktor Watson fuhr fort: Literatur: mit Unterschied. Philosophie: null. Astronomie: null. Politik: schwach. Botanik: mit Unterschied. Wohl bewandert in allen vegetabilischen Giften, Belladonna, Opium und dergleichen. Eigentliche Pflanzenkunde: null. Geologie: viel praktische Erfahrung, aber nur auf beschränktem Gebiet. Er unterscheidet sämtliche Erdarten auf den ersten Blick. Von Ausgängen zurückgekehrt, weiß er nach Stoff und Farbe der Schmutzflecke auf bespritzten Beinkleidern die Stadtgegend von London anzugeben, aus welcher die Flecken stammen. Chemie: sehr gründlich. Anatomie: genau, aber unmethodisch. Kriminalistik: erstaunlich umfassend. Er scheint alle Einzelheiten jeder Greueltat, die in unserem Jahrhundert verübt worden ist, zu kennen. Ein guter Violinspieler. Ein gewandter Boxer und Fechter. Ein gründlicher Kenner der britischen Gesetze. Das also waren die Eigenschaften und Kenntnisse, mit deren Hilfe Sherlock Holmes es bis zur Meisterschaft brachte. Und Meisterschaft will hier viel heißen, wenn man bedenkt, daß England die Bekämpfung des Verbrechens zur Vollendung ausgebildet hat. Wenn ich sage, mein Freund Holmes sei kein Philosoph, so meine ich damit, daß er keiner von den Philosophen ist, wie wir sie sonst kennen, die durch die Kraft ihres Geistes ins Übersinnliche emporsteigen. Nein, Holmes verliert sich nie in Abstraktionen und Spekulationen, er findet von seinen allgemeinen Erkenntnissen aus immer rasch zu den Tatsachen und Zusammenhängen des Lebens zurück. Er ist in Wahrheit ein Mann der praktischen Wissenschaft, der seine Erkenntnis in den Dienst der Erfahrung stellt. Ich möchte Ihnen zum Schluß noch ein paar Worte von Sherlock Holmes selbst sagen, die mir sehr eindrucksvoll gewesen sind: ›Das Leben ist eine große, gegliederte Kette von Ursachen und Wirkungen, an einem einzigen Gliede läßt sich das Wesen des Ganzen erkennen. Wie jede andere Wissenschaft, so fordert auch das Studium der richtigen Ableitung und Ausdeutung von Tatorten viel Ausdauer und Geduld; ein kurzes Menschendasein genügt nicht, um es darin zur höchsten Vollkommenheit zu bringen. Der Anfänger wird immer gut tun, ehe er sich an die Lösung hoher geistiger und sittlicher Probleme wagt, welche die größten Schwierigkeiten bieten, sich auf einfachere Aufgaben zu beschränken. Zur Übung möge er zum Beispiel bei der flüchtigen Begegnung mit einem Unbekannten den Versuch machen, auf den ersten Blick die Lebensgeschichte und Berufsart des Menschen zu bestimmen. Das schärft die Beobachtungsgabe, und man lernt dabei richtig sehen und unterscheiden. An den Fingernägeln, dem Rockärmel, den Manschetten, den Stiefeln, den Hosenknien, der Hornhaut an Daumen und Zeigefinger, dem Gesichtsausdruck und vielem andern, läßt sich die tägliche Beschäftigung eines Menschen deutlich erkennen. Daß ein urteilsfähiger Forscher, der die verschiedenen Anzeichen zu vereinigen weiß, nicht zu einem richtigen Schluß gelangen sollte, ist einfach undenkbar.‹ Das, liebe Freunde, ist Sherlock Holmes' Geheimnis – das ganze Geheimnis, das seine Meisterschaft begründet. Er ist ein ehrlicher, anständiger Mensch, der alle Spiegelfechtereien verabscheut – ein Mensch, dem man restlos vertrauen kann.« »Damit glaube ich nun«, schloß Doktor Watson, »daß ich alles beantwortet habe, was Sie mich gefragt haben.« Frau Watson reichte Tee. Die Unterhaltung bewegte sich noch weiter um das soeben Gehörte, das alle sehr beschäftigte. Nach einer Weile aber bat die junge Frau: »Wollen Sie uns nicht noch einige Ihrer merkwürdigen Erlebnisse mit Herrn Holmes erzählen, Doktor Watson? Ihre Frau erinnerte das letztemal an eines – –« Eine sonderbare Anstellung »Ach ja, ich weiß«, sagte Watson lächelnd. »Sie meinte die Geschichte mit der sonderbaren Anstellung. Das war kurz nach unserer Verheiratung. Ich hatte eben die Praxis des alten Farquhar hier im Stadtteil Paddington übernommen. Farquhar war früher ein sehr gesuchter Arzt gewesen, bis sein hohes Alter und das Nervenübel, an dem er litt – eine Art Veitstanz – ihm viele Patienten abwendig machten. Das Publikum urteilt begreiflicherweise nach dem Grundsatz, daß, wer andere kurieren will, selbst gesund sein sollte; es setzt wenig Vertrauen in die Kenntnisse eines Doktors, der für sein eigenes Leiden kein Heilmittel weiß. So schwanden die Einnahmen meines Vorgängers mit seinen Kräften, und als ich die Praxis übernahm, war deren früherer Ertrag von 1200 Pfund auf etwa 300 jährlich herabgesunken. Im Vertrauen auf meine Jugend und Tatkraft zweifelte ich jedoch nicht, daß das Geschäft in wenig Jahren wieder so blühend sein würde, als es je gewesen. Während der ersten drei Monate nach Übernahme der Praxis war ich tüchtig in Anspruch genommen und sah daher wenig von meinem Freunde Holmes; ich hatte zu viel zu tun, um ihn in der Bakerstraße aufzusuchen, und er ging überhaupt selten irgendwohin, außer in Berufsgeschäften. An einem Julimorgen saß ich noch beim Frühstück, in eine medizinische Zeitung vertieft, behaglich im Studierzimmer, als es klingelte und ich zu meiner Überraschung gleich darauf die etwas scharfe Stimme meines ehemaligen Gefährten hörte. »Mein lieber Watson«, sagte er eintretend, »wie freue ich mich, dich wiederzusehen! Ich hoffe, deine Frau hat sich von allen Aufregungen bei unserem Abenteuer mit dem ›Zeichen der Vier‹ Ein weiterer Band der Sherlock-Holmes-Serie. (Franckh'sche Verlagshandlung, Stuttgart.) vollkommen erholt.« »Danke – wir sind beide wohlauf!« sagte ich, ihm herzlich die Hand schüttelnd. »Ich hoffe aber auch ferner«, fuhr er fort und setzte sich in den Schaukelstuhl, »daß du über die Sorgen des ärztlichen Berufes nicht alles Interesse an unseren kleinen Problemen und Schlußfolgerungen verloren hast.« »Ganz im Gegenteil. Erst gestern abend habe ich meine alten Notizen durchblättert und einige unserer früheren Erlebnisse hinzugefügt.« »Du hältst aber deine Sammlung doch nicht für abgeschlossen?« »Durchaus nicht – ich wünsche mir recht bald noch mehr derartige Abenteuer.« »Vielleicht heute?« »Jawohl heute, wenn du willst.« »Auch wenn die Reise bis nach Birmingham geht?« »Gewiß, wohin es dir beliebt.« »Und die Praxis?« »Ich übernehme die Kranken eines Kollegen, so oft er verreist, und er ist immer bereit, mir Gegendienste zu leisten.« »Das trifft sich ja vortrefflich«, rief Holmes. Dann lehnte er sich in den Stuhl zurück und sah mich unter seinen halbgeschlossenen Augenlidern scharf an. »Mir scheint, du bist kürzlich unpäßlich gewesen? Eine Erkältung im Sommer ist immer etwas angreifend.« »Ich habe letzte Woche wegen eines riesigen Schnupfens drei Tage das Haus hüten müssen; aber ich meinte doch, jede Spur davon abgeschüttelt zu haben.« »Jawohl! – Du siehst vortrefflich aus.« »Nun woher weißt du es denn?« »Mein lieber Freund, du kennst doch meine Methoden.« »Also, mittels einer Schlußfolgerung?« »Gewiß.« »Und was brachte dich darauf?« »Deine Pantoffeln.« Ich blickte auf meine Glanzlederschuhe. »Wie in aller Welt –?« begann ich; aber Holmes beantwortete meine Frage, ehe sie ausgesprochen war. »Deine Pantoffeln sind neu«, sagte er; »die Sohlen, welche du mir eben so freundlich zur Schau stellst, sind aber leicht angesengt. Zuerst meinte ich, sie seien vielleicht naß geworden und beim Trocknen verbrannt; aber in der Mitte klebt noch eine kleine runde Papiermarke mit der Firma des Fabrikanten. Durch die Feuchtigkeit hätte sie sich natürlich abgelöst – also hast du mit ausgestreckten Füßen am Feuer gesessen, was ein vernünftiger Mensch doch nicht einmal in einem so nassen Sommer wie diesem tun würde, wenn er vollständig gesund ist.« Wie bei allen merkwürdigen Schlüssen meines Freundes schien die Sache auch diesmal die Einfachheit selbst, sobald Holmes sie auseinandersetzte. Er las mir diesen Gedanken vom Gesicht ab und lächelte mit einem Anflug von Bitterkeit. »Ja, ja«, sagte er, »ich schade mir immer selbst, wenn ich mich auf Erklärungen einlasse. Eine Wirkung, deren Ursache man nicht kennt, macht viel mehr Eindruck. – Du kommst also mit nach Birmingham?« »Gewiß. Was ist's für ein Fall?« »Das sollst du in der Bahn hören. Mein Klient wartet draußen in dem Wagen. Du bist wohl schnell fertig?« »Im Augenblick.« Ich schrieb einen Zettel an meinen Kollegen, lief die Treppe hinauf, um meiner Frau die Mitteilung zu machen, und traf mit Holmes an der Haustür zusammen. »Dein Nachbar ist auch Doktor?« fragte er und deutete nach dem Messingschild hin. »Ja, er übernahm seine Praxis zur selben Zeit wie ich.« »Eine alte Praxis?« »Nicht älter als die meinige; beide bestehen, seitdem die Häuser erbaut sind.« »Da ist dir der bessere Teil zugefallen.« »Das meine ich auch, aber woher weißt du es?« »Ich sehe es an den Türschwellen, alter Junge. Bei dir sind die Stufen erheblich tiefer ausgetreten als bei ihm. – Aber hier, dieser Herr im Wagen ist mein Klient, Herr Hall Pycroft. Erlaube, daß ich dich ihm vorstelle. – Nun vorwärts, Fahrer. Wir haben gerade noch Zeit, den Zug zu erreichen.« Der Herr, dem ich im Wagen gegenüber saß, war ein hochgewachsener junger Mann mit offenem, ehrlichem Gesicht, blühenden Farben und einem krausen, blonden Bärtchen. Sein sorgfältig gebürsteter Hut und der saubere schwarze Anzug, den er trug, verrieten den ehrsamen Londoner Bürger aus der Klasse, welche die strammsten Freiwilligen und besten Turner zu liefern pflegt. Von Natur besaß sein rundes, frisches Gesicht den Ausdruck jugendlicher Heiterkeit, doch jetzt ließ er die Mundwinkel vor Verzweiflung herabhängen, und das nahm sich wirklich bei ihm ganz komisch aus. Was ihn in seiner Not zu Sherlock Holmes getrieben hatte, erfuhr ich übrigens nicht eher, als bis wir in unserem Abteil erster Klasse die Fahrt nach Birmingham angetreten hatten. »Jetzt bleiben wir siebzig Minuten ganz ungestört«, erklärte Holmes, »und ich bitte Sie, Herr Pycroft, meinem Freunde hier Ihre interessanten Erlebnisse, genau wie Sie sie mir mitgeteilt haben, oder womöglich noch ausführlicher, zu wiederholen. Es wird mir von Nutzen sein, die Ereignisse noch einmal der Reihe nach zu hören. Der Fall mag von Bedeutung sein oder nicht, Watson, jedenfalls hat er etwas Ungewöhnliches, Fremdartiges an sich, was dich vermutlich ebenso reizen wird wie mich. – Nun also, wenn's beliebt, Herr Pycroft! Ich werde Sie nicht mehr unterbrechen.« Unser junger Gefährte streifte mich mit einem etwas befangenen Seitenblick und begann: »Das Schlimmste bei der Geschichte ist, daß ich mich so verdammt habe zum Narren machen lassen. Es kann ja natürlich noch alles ausgeglichen werden, und ich sehe auch nicht ein, wie ich's hätte anders anfangen sollen. Wenn ich aber meine Stelle verliere und nichts als das leere Nachsehen behalte, wird's mich gehörig wurmen, daß ich ein solcher Dummkopf gewesen bin. – Ich habe kein Erzählertalent, Doktor Watson, aber Sie sollen hören, wie mir's ergangen ist: Ich hatte eine Anstellung bei Coxon \& Woodhouse; allein in diesem Frühjahr ließ sich die Firma mit der Venezuela-Anleihe hinters Licht führen, Sie erinnern sich wohl daran – und da ging das Geschäft in die Brüche. Fünf Jahre war ich dort gewesen, und der alte Coxon gab mir ein famoses Zeugnis, als der Krach kam; aber natürlich wurden wir Gehilfen, alle siebenundzwanzig, entlassen. – Ich versuchte es hier und dort; doch weil, wie Sie sich denken können, die jungen Leute haufenweise in der gleichen Patsche waren wie ich, konnte man lange Zeit nirgends ankommen. Bei Coxon hatte ich drei Pfund die Woche gehabt und alles in allem etwa siebzig Pfund zurückgelegt, aber mein Schatz war bald aufgezehrt. Schließlich saß ich gründlich in der Klemme und wußte kaum noch, woher ich Briefpapier und Freimarken nehmen sollte, um die verschiedenen Anzeigen zu beantworten. Die Stiefelsohlen hatte ich mir schon auf den vielen Bürotreppen abgelaufen, und noch immer war keine Aussicht auf einen Posten für mich vorhanden. Endlich las ich, daß Mawson \& Williams, die große Maklerfirma in der Lombardstraße, eine Stelle ausgeschrieben hatte. Wahrscheinlich halten Sie nicht viel von dieser Stadtgegend; aber das kann ich Ihnen sagen, es ist eins der reichsten Häuser in London. Etwaige Bewerber sollten sich nur schriftlich melden. Das tat ich denn und schickte auch meine Zeugnisse ein, aber ohne die geringste Hoffnung auf Erfolg. Da kam jedoch umgehend der Bescheid, daß ich mich am nächsten Montag einstellen und mein neues Amt sogleich übernehmen könne, falls meine Persönlichkeit nicht mißfiele. Weiß der liebe Himmel, wie es bei solchen Bewerbungen zugeht. Manche Leute behaupten, der Geschäftsherr greife aufs Geratewohl in den Haufen von Anerbietungen und wähle die erste beste, die ihm in die Hand kommt. Wie dem auch sein mag, diesmal hatte es mich getroffen, und wer war glücklicher als ich! – Mein Gehalt betrug ein Pfund mehr die Woche als bei Coxon und die Arbeit war ungefähr dieselbe. Nun komme ich aber zu dem absonderlichen Teil der Angelegenheit: Ich wohnte zur Miete draußen auf dem Wege nach Hampstead, Potters Terasse Nr. 17 war meine Adresse. Am selben Abend, nachdem mir die Stelle versprochen war, sitze ich in meiner Stube und lasse mir vergnügt eine Pfeife schmecken; da bringt mir die Wirtin eine Karte herein, auf der »Arthur Pinner, Geschäftsagent,« gedruckt stand. Diesen Namen hatte ich niemals gehört und konnte mir nicht denken, was der Mann von mir wollte; aber natürlich sagte ich der Wirtin, sie möge den Herrn bitten heraufzukommen. Ein mittelgroßer Mann trat ein, schwarz von Haar und Bart und mit stark gebogener Nase; er sprach lebhaft und in bestimmtem Ton, wie jemand, der keine Zeit verlieren will. »Herr Pycroft, wenn ich nicht irre?« »Der bin ich«, antwortete ich und schob ihm einen Stuhl hin. »Bisher bei Coxon \& Woodhouse im Geschäft?« »Jawohl.« »Und jetzt bei Mawson angestellt?« »Ganz recht.« »Was mich zu Ihnen führt, geehrter Herr, ist, daß ich viel Rühmliches von Ihrer kaufmännischen Begabung gehört habe. Sie erinnern sich wohl an Parker, der Geschäftsführer bei Coxon war? Er ist voll des höchsten Lobes für Sie.« Natürlich hörte ich das sehr gern. Ich war zwar immer recht tüchtig im Kontor gewesen, aber doch hätte ich mir nie träumen lassen, daß man in der Kaufmannswelt so von mir spräche. »Sie haben ein gutes Gedächtnis?« fragte er weiter. »Das geht wohl an«, erwiderte ich bescheiden. »Sind Sie, während Sie außer Stellung waren, mit dem Börsenkurs auf dem laufenden geblieben?« »Jawohl, ich lese jeden Morgen den Kurszettel.« »Wirklich – nun, das zeugt von wahrem Eifer; dabei können Sie es zu etwas bringen. Mit Ihrer Erlaubnis möchte ich Sie ein wenig auf die Probe stellen. – Warten Sie einmal: Wie stehen die Ayrshire-Pfandbriefe?« »Einhundertfünf bis fünfeinhalb.« »Und die Neuseeland-Konsols?« »Einhundertundvier.« »Die britischen Hügellose?« »Sieben bis sieben und ein halb.« »Wunderbar!« rief er und schlug die Hände zusammen. »Das stimmt zu allem, was ich von Ihnen gehört habe. Junger Mann, junger Mann, Sie sind viel zu gut, um Schreiber bei Mawson zu werden.« Dieser Ausspruch setzte mich einigermaßen in Erstaunen, wie Sie sich denken können. »Hm«, sagte ich, »andere Leute scheinen doch keine so hohe Meinung von mir zu haben, wie Sie, Herr Pinner. Es ist mir sauer genug geworden, wieder eine Stellung zu finden, und ich bin gottfroh, daß ich sie bekommen habe.« »Oho, junger Mann, Sie sollten höher hinauf streben«, fing er wieder an. »Sie sind noch gar nicht in Ihrer rechten Sphäre. Hören Sie auf mich! – Was ich Ihnen bieten kann, ist im Verhältnis zu Ihren Fähigkeiten wenig genug, aber mit Mawsons Stelle verglichen ist es wie Tag und Nacht. Lassen Sie uns noch einmal überlegen. – Wann gehen Sie zu Mawson?« »Nächsten Montag.« »Ha, ha!« lachte er. »Ich möchte wohl eine kleine Wette wagen, daß Sie gar nicht eintreten.« »Ich – nicht bei Mawson?« – »Nein, bester Herr. An dem Tage werden Sie Geschäftsführer der Anglo-französischen Aktiengesellschaft für Eisen- und Stahlwaren sein, die hundertundvier Zweiggeschäfte in verschiedenen Städten und Dörfern Frankreichs hat, eins in Brüssel und eins in San Remo gar nicht zu rechnen.« Das benahm mir fast den Atem. »Davon habe ich noch nie gehört«, sagte ich. »Ganz natürlich«, erwiderte er. Man hat es nicht an die große Glocke gehängt; die Kapitalien wurden alle unter der Hand gezeichnet, solche Werte braucht man nicht erst öffentlich auszuschreiben. Mein Bruder, Harry Pinner, ist Mitbegründer der Gesellschaft und tritt sofort nach Zeichnung der Aktien als Direktor in den Vorstand. Er wußte, daß ich mit den hiesigen Verhältnissen vertraut bin, und bat mich, ihm einen tüchtigen Mann unter billigen Bedingungen zu verschaffen – einen jungen, strebsamen, schneidigen Menschen. Parker sprach von Ihnen, und das hat mich heute abend hergeführt. Als Anfangsgehalt können wir Ihnen zwar nur lumpige fünfhundert Pfund bieten –« »Fünfhundert das Jahr!« rief ich. »Anfangs nicht mehr; aber Sie würden obendrein eine Provision von 1 Prozent bei jedem Geschäft erhalten, das durch ihre Vermittlung zustande kommt. Diese Einnahme wird Ihr Gehalt übersteigen; Sie können mir das aufs Wort glauben.« »Ich verstehe aber nichts von Stahlwaren.« »Tut nichts, mein Lieber! Sie verstehen desto mehr von Zahlen.« Mir schwirrte es im Kopfe; kaum konnte ich noch still sitzen auf meinem Stuhl. Aber plötzlich durchschauerten mich allerlei Zweifel. »Ich muß ganz offen mit Ihnen reden«, sagte ich. »Mawson gibt mir nur zweihundert Pfund – aber, Mawson ist sicher. Von Ihrer Gesellschaft weiß ich wirklich so wenig, daß –« »Aha, höchst schlau!« rief er, wie außer sich vor Entzücken. »Sie sind der wahre Mann für uns, Sie lassen sich nicht beschwatzen – und tun auch ganz recht daran. – Hier ist eine Hundertpfundnote; wenn Sie meinen, daß wir uns miteinander verständigen können, so stecken Sie den Schein einfach in die Tasche, als Vorschuß auf Ihr Gehalt.« Das entwaffnete mich gänzlich. »Sehr wohl«, sagte ich, »und wann würde ich mein neues Amt antreten müssen?« »Seien Sie morgen um ein Uhr in Birmingham«, versetzte er; »ich habe hier ein Briefchen an meinen Bruder, das Sie ihm bringen sollen. Sie finden ihn in der Korporationsstraße 126 B, wo die Gesellschaft vorläufig ihr Büro hat. Er muß natürlich Ihre Anstellung bestätigen, aber – unter uns gesagt – es ist alles so gut wie abgemacht.« »Ich weiß wirklich nicht, Herr Pinner, wie ich Ihnen danken soll«, rief ich. »Nicht doch, mein Bester. Sie erhalten nur, was Sie verdienen. – Nun noch zwei Kleinigkeiten – nur der Form wegen – über die wir uns einigen müssen. Dort neben Ihnen liegt ein Blatt Papier. Schreiben Sie gefälligst: »Ich erkläre mich hierdurch bereit, in die Anglofranzösische Aktiengesellschaft für einen Anfangsgehalt von 500 Pfund als Geschäftsführer einzutreten.« Ich tat, wie er verlange, und er steckte das Papier ein. »Und nun noch eins«, sagte er. »Was denken Sie wegen Mawson zu tun?« Ich hatte Mawson in meiner Freude ganz vergessen. »Ich werde ihm sogleich schreiben und mich abmelden.« »Wissen Sie, davon würde ich entschieden abraten. Ich habe nämlich Ihretwegen mit Mawsons Geschäftsführer einen kleinen Wortwechsel gehabt. Als ich dort war, um Erkundigungen über Sie einzuziehen, wurde er sehr unverschämt, beschuldigte mich, Sie seiner Firma abspenstig machen zu wollen und dergleichen. Schließlich verlor ich die Geduld und sagte ihm: »Wenn Sie tüchtige Leute haben wollen, so müssen Sie sie auch anständig bezahlen.« Darauf erwiderte er: »Pycroft wird lieber unser kleines Gehalt nehmen als Ihr großes« – »Und ich wette eine Fünfpfundnote, daß Sie nichts mehr von ihm zu hören bekommen, wenn ich ihm mein Anerbieten mache«, rief ich. – »Gut, es gilt«, sagte er, »wir haben ihn von der Straße aufgelesen, und er wird uns anhängen wie eine Klette.« Das waren seine eigenen Worte.« »Der unverschämte Mensch«, rief ich. »Ich habe ihn nie im Leben mit Augen gesehen, und brauche auch keine besondere Rücksicht auf ihn zu nehmen. Unter solchen Umständen werde ich also nicht an ihn schreiben.« »Recht so – ich nehme Sie beim Wort«, sagte er und stand auf. »Hier ist Ihr Vorschuß von hundert Pfund und hier der Brief. Notieren Sie sich die Adresse: Korporationsstraße 126 B und versäumen Sie nicht, morgen um ein Uhr an Ort und Stelle zu sein. Gute Nacht! Ich wünsche Ihnen alles Glück, das Sie verdienen.« – Weiter ist nichts zwischen uns verhandelt worden, soviel ich mich erinnere. Sie können sich denken, Herr Doktor, wie aufgeregt ich über einen so außergewöhnlichen Glücksfall war. Ich tat vor lauter Entzücken die halbe Nacht hindurch kein Auge zu. Am nächsten Tage fuhr ich mit dem Frühzug nach Birmingham und kam lange vor der verabredeten Zeit dort an. Meine Sachen schaffte ich in ein Hotel und sah mich dann nach der bezeichneten Adresse um. Es war noch eine Viertelstunde zu früh, doch meinte ich, das würde nichts schaden. Die Nummer 126 B stand über einem Durchgang zwischen zwei großen Kaufläden, welcher zu einer steinernen Wendeltreppe führte; auf dieser gelangte man in die oberen Stockwerke, in denen Büros an Geschäftsleute und Anwälte vermietet waren. Alle Namen der Inhaber konnte man unten auf einer Tafel an der Wand lesen; aber die Anglo-französische Aktiengesellschaft war nicht darunter! Ein paar Minuten stand ich starr da, und mir sank aller Mut. War etwa die ganze Sache nichts als ein riesiger Schwindel? – Da trat ein Herr auf mich zu. Er sah meinem Besucher vom vorhergehenden Abend sehr ähnlich – dieselbe Gestalt, dieselbe Stimme, nur war er glatt rasiert und hatte helleres Haar. »Sind Sie vielleicht Herr Hall Pycroft?« fragte er. »Zu dienen.« »Ah, ich erwartete Sie; aber Sie kommen etwas vor der bestimmten Stunde. Ich erhielt heute früh einen Brief von meinem Bruder; er singt Ihr Lob aus allen Tonarten.« »Ich sah mich vergebens nach einem Schild der Gesellschaft um, als Sie kamen.« »Der Name ist noch nicht angeschlagen; wir haben diese Geschäftsräume erst letzte Woche vorläufig gemietet. – Kommen Sie jetzt mit mir und lassen Sie uns die Angelegenheit besprechen.« Ich folgte ihm eine sehr hohe Treppe bis dicht unter das Dach hinauf, wo er mich in ein paar leere, staubige, kleine Zimmer ohne Teppich und Vorhänge führte. Mir hatte ein großer Raum mit polierten Pulten und einer Reihe von Gehilfen vorgeschwebt, wie ich es gewohnt war; so starrte ich denn etwas verblüfft auf die beiden tannenen Holzstühle und den kleinen Tisch, welche nebst einem Hauptbuch und einem Papierkorb fast die ganze Einrichtung ausmachten. »Lassen Sie sich nicht entmutigen, Herr Pycroft«, sagte mein neuer Bekannter, als er sah, was ich für ein langes Gesicht machte. »Rom ist nicht in einem Tage erbaut worden, und wir besitzen reiche Geldmittel, wenn wir auch mit unseren Geschäftsräumen noch keinen Staat machen können. Setzen Sie sich und geben Sie mir Ihren Brief.« Er las das Schreiben sehr aufmerksam durch. »Sie müssen einen gewaltigen Eindruck auf meinen Bruder gemacht haben«, sagte er, »und ich weiß, daß Arthur ziemlich scharf urteilt. Freilich läßt er nichts gelten, was nicht aus London kommt – und ich bin ganz für Birmingham; aber diesmal werde ich seinem Rate folgen. Betrachten Sie sich gefälligst als fest angestellt.« »Und was sind meine Obliegenheiten?« fragte ich. »Sie werden wahrscheinlich sehr bald die Leitung der großen Niederlage in Paris übernehmen müssen, die mit ihren Sendungen englischer Stahlwaren die Läden unserer hundertvierunddreißig Agenten in Frankreich zu versorgen hat. Der Einkauf soll in der nächsten Woche beendet sein. Einstweilen bleiben Sie in Birmingham und machen sich hier nützlich.« »Auf welche Weise?« Statt der Antwort nahm er ein dickes rotes Buch aus der Schublade. »Hier ist ein Adreßbuch von Paris; die Geschäfte stehen immer hinter den Namen. Nehmen Sie es mit nach Hause und machen Sie mir einen Auszug von allen Eisenwarenhandlungen. Es wird mir von größtem Nutzen sein, das Verzeichnis zu haben.« »Es muß aber doch fertige Geschäftsadressen geben«, erlaubte ich mir zu bemerken. »Keine zuverlässigen. Das französische System ist nicht wie unseres. – Machen Sie sich an die Arbeit, damit ich die Liste bis Montag um zwölf Uhr haben kann. – Und nun leben Sie wohl, Herr Pycroft. Wenn Sie auch ferner Eifer und Verständnis zeigen, werden Sie sich über die Gesellschaft nicht zu beklagen haben.« Mit dem dicken Buch unter dem Arm ging ich, von sehr widerstreitenden Gefühlen bewegt, in mein Hotel zurück. Einerseits war ich angestellt und trug meine Hundertpfundnote in der Tasche; andererseits aber hatten auf mich das armselige Aussehen des Büros, der fehlende Namen der Firma und noch einige Punkte, die einem Geschäftsmann befremdlich vorkommen mußten, einen recht schlechten Eindruck gemacht. Indessen, was auch daraus werden mochte, ich hatte das Geld und meine Aufgabe. Den ganzen Sonntag über blieb ich bei der Arbeit, und doch war ich am Montag nur bis zum H gelangt. Ich ging zu meinem Prinzipal, fand ihn in demselben kahlen Zimmer und erhielt die Anweisung, bis Mittwoch fortzuarbeiten und dann wiederzukommen. Beenden konnte ich die Liste auch bis zum Mittwoch nicht, und so trieb ich's weiter bis Freitag – das heißt bis gestern. Dann brachte ich Herrn Harry Pinner das fertige Verzeichnis. »Ich danke Ihnen sehr«, sagte er, »vermutlich habe ich die Schwierigkeit der Aufgabe unterschätzt. Die Liste wird aber von wesentlichem Wert für mich sein.« »Sie hat viel Zeit gekostet«, bemerkte ich. »Nun bitte ich Sie, mir ein Verzeichnis der Möbelhandlungen anzufertigen, die zugleich auch Stahlwaren verkaufen.« »Sehr wohl.« »Sie können sich morgen abend um sieben Uhr hier einstellen und mir sagen, ob Sie gut vorwärts kommen. Strengen Sie sich aber nicht zu sehr an. Ein paar Abendstunden in einem Varieté werden Ihnen nach der Arbeit wohl tun.« Bei diesen Worten lachte er, und ich sah, daß sein zweiter Zahn auf der linken Seite schlecht mit Gold gefüllt war – das fuhr mir durch alle Glieder.« Sherlock Holmes rieb sich die Hände vor Vergnügen, während ich unsern Klienten verwundert anstarrte. »Ich begreife Ihr Erstaunen, Herr Doktor«, fuhr er fort; »die Sache verhält sich nämlich folgendermaßen: als der andere Herr in London während unserer Unterhandlung darüber lachte, daß ich nicht bei Mawson eintreten würde, hatte ich zufällig bemerkt, daß derselbe Zahn bei ihm ganz auf die nämliche Art plombiert war. Damals wie jetzt war mir das Blinken des Goldes aufgefallen. Bedachte ich nun, daß die beiden sich auch in Stimme und Gestalt genau glichen und nur in dem verschieden waren, was sich mit Hilfe von Rasiermesser und Perücke leicht verwandeln ließ, so mußte mir einleuchten, daß derselbe Mann vor mir stand. Zwei Brüder können sich freilich ähnlich sehen – aber doch kaum in der Füllung ihrer Zähne. »Als ich mich von ihm verabschiedet hatte und wieder auf der Straße war, wußte ich kaum noch, ob ich bei Sinnen sei. Im Hotel angekommen, goß ich mir einen Krug kaltes Wasser über den Kopf und versuchte meine Gedanken zu ordnen. Weshalb hatte er mich nach Birmingham geschickt? Weshalb war er dort vor mir eingetroffen? – Weshalb hatte er einen Brief an sich selber geschrieben? – Es überstieg meine Fassungskraft; ich konnte weder Sinn noch Verstand darin finden. Da fiel mir plötzlich ein, daß, was mir unergründlich war, Herrn Holmes vielleicht ganz erklärlich sein könne. Ich hatte gerade noch Zeit, mit dem Nachtzug London zu erreichen, Sie am Morgen aufzusuchen und mit Ihnen beiden nach Birmingham zurückzufahren.« Als der Gehilfe mit dem Bericht über seine merkwürdigen Erlebnisse zu Ende war, entstand eine Pause. Holmes lehnte sich in die Kissen zurück und sah mich mit wohlgefälligem und doch prüfendem Blicke an, wie ein Kenner, der den ersten Becher eines Kometen-Jahrgangs kostet. »Prächtig, Watson, nicht wahr?« rief er. »Einige Punkte gefallen mir ganz besonders. Meinst du nicht auch, daß eine Zusammenkunft mit Herrn Arthur Harry Pinner in dem Büro der Anglo-französischen Aktiengesellschaft für uns beide recht interessant sein würde?« »Aber wie ließe sich das ausführen?« fragte ich. »Oh, ganz bequem«, versicherte Pycroft vergnügt. »Sie sind ein paar Freunde von mir, die eine Stellung suchen, und was kann natürlicher sein, als daß ich Sie dem Direktor vorstelle?« »Jawohl! Selbstverständlich! –« rief Holmes. »Ich möchte den Herrn wohl von Angesicht sehen und versuchen, ob ich ihm nicht bei seinem Spiel in die Karten gucken kann. Nun, mein Freund, zu was für Diensten könnten wir uns denn etwa anbieten – oder wäre es möglich –?« Damit versank er in tiefes Nachdenken, kaute an seinen Nägeln und starrte aus dem Fenster. Wir bekamen kaum noch den Laut seiner Stimme zu hören, bevor wir Birmingham und das Hotel erreicht hatten. Um sieben Uhr abends gingen wir alle drei zusammen in die Korporationsstraße nach dem Büro der Gesellschaft. »Es ist ganz unnütz«, bemerkte unser Klient, »wenn wir vor der Zeit dort sind. Er kommt offenbar nur meinetwegen hin, denn bis zu der von ihm bestimmten Stunde ist der Ort völlig verlassen.« »Das gibt zu denken«, meinte Holmes. »Meiner Treu«, rief jetzt Pycroft, »sagte ich's nicht – da geht er vor uns.« Er zeigte auf einen schmächtigen, wohlgekleideten Mann mit hellbraunem Haar, der eilig auf der andern Seite der Straße hinschritt. Während wir ihn beobachteten, sah er nach einem Jungen hinüber, der gerade die neueste Abendzeitung ausrief. Rasch drängte er sich zwischen den Fahrzeugen und Omnibussen hindurch, kaufte ein Blatt, ergriff es hastig und verschwand damit in einem Torweg. »Jetzt geht er ins Büro«, sagte der Schreiber, »das ist der Eingang. Kommen Sie nur, ich will schon dafür sorgen, daß Sie keinerlei Schwierigkeiten haben.« Seiner Führung folgend, stiegen wir bis zum fünften Stock hinauf, wo unser Klient an eine halb offen stehende Tür klopfte. Eine Stimme rief »Herein!« und wir betraten das kahle, unmöblierte Zimmer, welches wir aus Pycrofts Beschreibung kannten. An dem einzigen Tisch saß der Mann, den wir auf der Straße gesehen hatten; die Abendzeitung lag vor ihm ausgebreitet. Als er den Kopf erhob, glaubte ich noch nie ein Gesicht gesehen zu haben, das solchen Kummer ausdrückte und ein Entsetzen verriet, wie es nur wenige Menschen einmal im Leben befällt. Schweißtropfen standen ihm auf der Stirn, sein Gesicht war kreideweiß, und die Augen starrten wild umher. Er schien den Schreiber nicht gleich zu erkennen, und auch an Pycrofts verwunderter Miene merkte man leicht, daß dies keineswegs das gewöhnliche Aussehen seines Vorgesetzten war. »Was fehlt Ihnen, Herr Pinner?« rief er. »Ich fühle mich allerdings nicht ganz wohl«, erwiderte dieser, sich mit großer Anstrengung zusammenraffend; »wer sind denn die Fremden, die Sie mitbringen?« »Herr Harris aus Bermondsey, und Herr Price von hier«, stellte uns Pycroft mit geläufiger Zunge vor; »zwei meiner Freunde, sehr gewiegt im Geschäft, aber seit langer Zeit ohne Anstellung. Vielleicht ließe sich bei der Gesellschaft ein Platz für sie finden.« »Wohl möglich, wohl möglich! –« rief Pinner mit unheimlichem Lächeln, »kein Zweifel, wir werden etwas für Sie tun können. Was ist denn Ihr besonderes Fach, Herr Harris?« »Ich bin Buchhalter«, antwortete Holmes. »Gut – wir werden Ihre Dienste brauchen; und Sie, Herr Price?« »Korrespondent«, sagte ich. »Ich hoffe bestimmt, daß Sie bei der Gesellschaft eintreten können; sobald ein Beschluß darüber gefaßt ist, will ich Sie benachrichtigen. Aber bitte, nun gehen Sie wieder. – Lassen Sie mich um Gottes willen allein!« – Er stieß die letzten Worte heraus, als ob der Zwang, den er sich bisher angetan, plötzlich über seine Kräfte ginge. Holmes und ich sahen einander befremdet an, während Pycroft sich dem Tisch näherte. »Sie vergessen, Herr Pinner«, sagte er, »daß Sie mich herbestellt haben, um Ihre Aufträge in Empfang zu nehmen.« »Ja so, versteht sich«, antwortete er in ruhigerem Ton. »Warten Sie, bitte, einen Augenblick; auch Ihre Freunde mögen unterdessen hier bleiben. In drei Minuten stehe ich Ihnen ganz zu Diensten; ich darf wohl Ihre Geduld so lange in Anspruch nehmen.« – Er erhob sich mit sehr höflicher Miene, machte uns eine Verbeugung und verschwand durch eine Tür am anderen Ende des Zimmers, die er hinter sich schloß. »Was nun?« – flüsterte Holmes. »Geht er auf und davon?« »Unmöglich«, erwiderte Pycroft. »Weshalb?« »Die Tür führt in ein inneres Zimmer ohne Ausgang.« »Ist es möbliert?« »Gestern war es leer.« »Was in aller Welt tut er dann drinnen? – Die Geschichte ist mir höchst rätselhaft. Wenn jemals ein Mensch halb wahnsinnig vor Entsetzen ausgesehen hat, so ist's dieser Pinner. Was kann ihm solche Angst einjagen?« »Er hält uns für Geheimpolizisten«, meinte ich. »Das wird's sein«, stimmte mir Pycroft bei; aber Holmes schüttelte den Kopf. »Er wurde nicht erst so leichenblaß, als wir eintraten, er war es schon vorher. Es könnte wohl sein –« Holmes' Worte wurden durch ein lautes Klopfen unterbrochen, das aus dem Nebenzimmer zu kommen schien. »Was zum Henker pocht er denn an seine eigene Tür?« rief Pycroft. Wieder kam das rat – tat – tat, aber diesmal lauter und lauter. Wir blickten verdutzt auf die geschlossene Tür. Holmes stand mit starren Zügen, aber in heftigster Aufregung weit vorgebeugt da. Dann hörte man plötzlich einen glucksenden, gurgelnden Ton und ein schnelles Trommeln gegen eine Holzwand. Wie rasend sprang Holmes durchs Zimmer und rannte gegen die Tür. Sie war von innen verschlossen. Seinem Beispiel folgend, warfen wir uns mit aller Macht dagegen. Die Tür krachte in den Angeln und fiel bald mit lautem Gepolter zu Boden. Wir stürmten darüber hinweg, ins Zimmer hinein – es war leer. Doch schon im nächsten Augenblick erkannten wir unsern Irrtum. In einem Winkel, dicht neben dem Zimmer, aus dem wir kamen, war ein zweite Tür. Holmes sprang herzu und stieß sie auf. Ein Rock und eine Weste lagen am Boden, und an einem Haken hinter der Tür hatte sich der Direktor der Anglo-französischen Aktiengesellschaft an seinem eigenen Hosenträger aufgehängt. Seine Kniee waren emporgezogen, sein Kopf steckte in der Schlinge, und mit den Fersen, die gegen die Holztür schlugen, verursachte er den Lärm, der uns zuerst stutzig gemacht hatte. Augenblicklich faßte ich ihn um den Leib und hielt ihn empor, während Holmes und Pycroft die elastischen Tragbänder lösten, die sich ihm fest in die Haut eingeschnürt hatten. Dann trugen wir ihn in das Nebenzimmer, wo er aschgrau im Gesicht, mit blauroten Lippen keuchend dalag – nur noch ein elendes Wrack des Menschen, der er vor fünf Minuten gewesen war. »Wie steht's mit ihm – was meinst du, Watson?« fragte Holmes. Ich beugte mich über ihn, um seinen Zustand zu untersuchen. Der Puls war schwach und setzte aus, aber die Atemzüge wurden länger, und bei dem leisen Beben der Lider zeigte sich dann und wann der Augapfel. »Um ein Haar war's aus mit ihm«, sagte ich; »aber jetzt kommt er durch. Bitte, öffne das Fenster und reiche mir die Wasserflasche.« Ich lockerte seinen Kragen, goß ihm kaltes Wasser übers Gesicht und hob und senkte seine Arme, bis er einen langen, natürlichen Atemzug tat. Nun war es nur noch eine Frage der Zeit, wie bald er wieder zum Bewußtsein kommen würde. Holmes stand am Tische, mit den Händen in den Taschen und das Kinn auf die Brust gesenkt. »Jetzt sollten wir eigentlich nach der Polizei schicken«, sagte er, »aber ich gestehe, daß ich ihr, wenn sie kommt, gern den fertigen Fall vorlegen möchte.« »Ich werde ganz und gar nicht klug daraus«, rief Pycroft und fuhr sich durch das Haar. »Weshalb in aller Welt hat man mich hierher gesprengt, wenn man doch –« »Pah!« unterbrach ihn Holmes ungeduldig – »das ist alles sonnenklar; nur dieser letzte Schachzug –« »Sie verstehen also das übrige?« »Nun, das liegt doch auf der Hand – nicht wahr, Watson?« Ich zuckte die Achseln. »Ich muß bekennen, daß ich noch im Dunkeln bin.« »Aber, wenn man die ganze Sache von Anfang an überlegt, läßt sich doch nur ein Schluß daraus ziehen.« »Wie erklärst du sie dir denn?« »Alles dreht sich um zwei Punkte. Erstens sollte Pycroft dazu gebracht werden, seinen Eintritt in den Dienst der angeblichen Aktiengesellschaft schriftlich zu erklären. – Ist das nicht schon ein deutlicher Wink?« »Was meinst du denn, wozu sie die Erklärung brauchten?« »Nicht des Geschäfts wegen, denn solche Verabredungen werden meist mündlich getroffen, und hier lag kein erdenklicher Grund vor, eine Ausnahme zu machen. Merken Sie denn nicht, Pycroft, daß den Leuten alles daran lag, eine Probe Ihrer Handschrift zu bekommen, was sich auf keine andere Weise erreichen ließ?« »Aber wozu denn?« »Richtig! – Wozu? Wenn wir darauf die Antwort wissen, so sind wir der Lösung unseres Problems um ein gutes Teil näher gerückt. Wozu? – Es kann nur einen genügenden Grund dafür geben: jemand wollte Ihre Handschrift nachmachen und mußte sich zu dem Zweck erst eine Probe verschaffen. – Wenn wir nun zu dem zweiten Punkt übergehen, so finden wir, daß der eine Licht auf den andern wirft. – Dieser zweite Punkt ist Pinners Verlangen, daß Sie Ihre Stellung bei Mawson nicht aufkündigen, sondern den dortigen Geschäftsführer in dem Glauben lassen sollten, ein Herr Hall Pycroft, den er niemals gesehen hatte, werde sich am Montagmorgen im Kontor einstellen.« »Großer Gott«, rief unser Klient, »wie stockblind bin ich gewesen!« »Jetzt wird Ihnen auch die Sache mit der Handschrift einleuchten. Jemand, dessen Schrift ganz anders war als die, mit welcher Sie sich um die Stelle bewarben, hätte natürlich gleich sein Spiel verloren. Aber der Spitzbube lernte unterdessen Ihre Schrift nachahmen und sicherte dadurch seine Stellung; vorausgesetzt, daß niemand im Kontor Sie persönlich kannte.« »Keine Seele«, stöhnte Pycroft. »Natürlich war es von der größten Wichtigkeit, daß Sie nicht noch Ihren Entschluß änderten, oder in Beziehung zu irgend jemand traten, der Ihnen von Ihrem Doppelgänger bei Mawson erzählen konnte. Deshalb erhielten Sie einen anständigen Vorschuß, mußten nach Birmingham reisen und bekamen genug zu tun, damit Sie sich nicht etwa einfallen ließen, nach London zurückzufahren und den Leuten ihr Spiel zu verderben.« »Aber weshalb gab der Mensch sich für seinen eigenen Bruder aus?« »Oh, auch das ist sehr erklärlich. Augenscheinlich sind nur zwei im Komplott. Der andere stellt Sie im Kontor vor. Der erste hatte Sie angeworben; um aber einen Arbeitgeber für Sie zu finden, hätte er eine dritte Person in seinen Plan einweihen müssen, was er womöglich vermeiden wollte. Er veränderte also sein Aussehen, soweit es tunlich war, und verließ sich darauf, daß Sie es der Familienähnlichkeit zuschreiben würden, wenn Ihnen die Gleichheit dennoch auffiele, was kaum ausbleiben konnte. Ohne den glücklichen Zufall mit dem plombierten Zahn hätten Sie vielleicht niemals Verdacht geschöpft.« Pycroft schüttelte wie verzweifelt seine geballten Fäuste. »Großer Gott«, rief er, »was mag wohl der andere Hall Pycroft dort bei Mawson getan haben, während man mich hier zum Narren hielt! – Was soll aber nun geschehen, Herr Holmes? Sagen Sie mir, was läßt sich tun?« »Wir müssen an Mawson telegraphieren.« »Am Sonnabend wird das Geschäft schon um zwölf Uhr geschlossen.« »Das schadet nichts. Ein Türhüter oder Aufseher ist gewiß da.« »Ganz richtig. Es ist dort Tag und Nacht ein Wächter angestellt, wegen der hohen Wertpapiere, die Mawson in Verwahrung hat. Ich habe in der Stadt davon sprechen hören.« »Nun gut – wir telegraphieren dem Wächter und erfahren durch ihn, ob alles in Ordnung ist und ob ein Schreiber Ihres Namens dort arbeitet. Soweit ist alles klar; unverständlich bleibt nur noch, warum der Spitzbube hier, sobald er uns gesehen hatte, hingegangen ist, um sich aufzuhängen.« »Die Zeitung!« krächzte eine Stimme hinter uns. Der Mensch saß aufrecht da, leichenblaß und grauenhaft anzusehen; in seinen Augen konnte man das zurückkehrende Bewußtsein lesen, und er rieb mit den Händen krampfhaft an dem breiten roten Streifen, der noch seinen Hals umzog. »Die Zeitung – natürlich!« rief Holmes und schlug sich vor die Stirn. »Narr, der ich war! So voll hatte ich den Kopf von allem, was hier vorging, daß ich keinen Augenblick an die Zeitung gedacht habe, die doch jedenfalls das Geheimnis enthält.« Er breitete das Blatt auf dem Tisch aus und ließ gleich darauf einen Schrei des Triumphes hören. »Sieh her, Watson! Es ist eine Londoner Zeitung, das Abendblatt des ›Standard‹. Hier ist, was wir brauchen. Sieh nur die Überschrift: Ein Verbrechen in der City. Mord bei Mawson \& Williams. Großer Raubversuch. Der Täter ergriffen. – Bitte, lies es uns laut vor, Watson; wir sind alle begierig, Näheres zu erfahren.« Der Artikel stand gleich obenan in der Zeitung. Offenbar bildete das Ereignis augenblicklich das Hauptinteresse in der ganzen Stadt. Der Bericht lautete wie folgt: »Ein verwegener Raubversuch, der den Tod eines Menschen zur Folge hatte und mit der Ergreifung des Mörders endete, ist heute nachmittag in der City unternommen worden. Seit längerer Zeit hat das bekannte Geschäftshaus von Mawson \& Williams Wertpapiere in Verwahrung gehabt, deren Gesamtbetrag eine Million Pfund weit überstieg. Zur Sicherung dieses Schatzes waren umfangreiche Vorsichtsmaßregeln getroffen worden. Er befand sich in einem Geldschrank allerneuester Erfindung, und ein bewaffneter Wächter war Tag und Nacht im Dienst. In der vergangenen Woche nun wurde von der Firma ein neuer Schreiber, Namens Hall Pycroft, angestellt, der aber niemand anders zu sein scheint, als der berüchtigte Fälscher und Einbrecher Beddington, der samt seinem Bruder soeben erst eine fünfjährige Zuchthausstrafe abgebüßt hat. Es war ihm gelungen, sich auf bisher unaufgeklärte Weise unter falschem Namen die Stelle zu verschaffen, und er benützte dies, um Abdrücke von verschiedenen Schlössern zu nehmen und sich über die Lage des Kassenzimmers und über die Geldschränke aufs genaueste zu unterrichten. Bei Mawson pflegen die Gehilfen und Beamten am Sonnabend das Geschäft schon um zwölf Uhr mittags zu verlassen. Als daher der Stadtpolizist Tuson zwanzig Minuten nach ein Uhr einen Herrn mit einer Reisetasche die Stufen herabkommen sah, wunderte ihn das sehr. Sein Verdacht war erregt, er folgte dem Menschen, und es gelang ihm mit Hilfe des Schutzmanns Pollack den Kerl nach verzweifeltem Widerstande festzunehmen. Es zeigte sich sogleich, daß ein großartiger, äußerst frecher Raub begangen worden war. Der Reisesack enthielt amerikanische Eisenbahnaktien, deren Wert sich etwa auf einhunderttausend Pfund belief, nebst Bergwerksobligationen und Pfandbriefen von sehr hohem Betrage. Bei der Haussuchung fand man den Leichnam des ermordeten Wächters in den größten Kassenschrank hineingezwängt, wo er ohne das tätige Eingreifen des Polizisten Tuson nicht vor Montag früh entdeckt worden wäre. Der Schädel war dem Unglücklichen mit einem Feuerhaken von hinten her eingeschlagen worden. Ohne Zweifel hatte sich Beddington, unter dem Vorwand etwas vergessen zu haben, Eintritt verschafft, hatte den Wächter getötet, schnell den großen Kassenschrank geleert und sich mit der Beute davongemacht. Sein Bruder, der sonst immer mit ihm zu arbeiten pflegt, scheint bei diesem Unternehmen nicht beteiligt zu sein, soviel man bis jetzt weiß; doch ist die Polizei eifrig beschäftigt, nach seinem Aufenthaltsort zu forschen.« »Da können wir der Polizei einige Mühe ersparen«, sagte Holmes mit einem Blick auf die jämmerlich zusammengekrümmte Gestalt, die im Winkel kauerte. »Die menschliche Natur ist doch ein recht wunderliches Gemisch, Watson! Selbst ein Schurke und ein Mörder kann das größte Mitleid einflößen. Auf die erste Kunde hin, daß er dem Strick verfallen ist, hat sein Bruder hier Selbstmord versucht. – Uns bleibt übrigens keine Wahl; wir wissen, was wir zu tun haben. Der Doktor und ich werden hier Wache halten, und Sie, Pycroft, holen unterdessen gefälligst die Polizei.« »Es war schade«, meinte einer der Herren, nachdem Doktor Watson geendet hatte, »daß der junge Mann nicht schon früher Verdacht schöpfte und Herrn Holmes in Kenntnis setzte. So wäre vielleicht der Tod des Wächters noch verhindert worden.« »Es ist, als machten wir alle zusammen einen Spaziergang durch das uns bekannte London. Man lebt jahrelang in einer Stadt – und wie wenig kennt man sie doch im Grunde!« sagte die junge Frau. »Da läuft eine ganze Welt neben der unsern her, von der wir so gut wie nichts wissen. Nur manchmal taucht vor uns plötzlich in den Straßen der Stadt ein Gesicht auf, in dem wir augenblicklich jenes andere London, das auch da ist, erkennen. Manchmal ist es nur das verunstaltete Gesicht eines Bettlers – –« »Ein Bettler –« sagte Doktor Watson nachdenklich. »Wenn ich durch die Threadneedlestraße gehe, so denke ich unwillkürlich immer an Hugo Boone, der da seinen Streichholzhandel betrieb. Er sitzt nun nicht mehr dort in der Mauerecke. Aber er war für mich das Gesicht jenes zweiten London, von dem wir im allgemeinen so wenig wissen. Ich will Ihnen seine Geschichte erzählen: Der Mann mit der Schramme Isa Whitney, der Bruder des weiland Elias Whitney, Doktors der Theologie und Rektors des Predigerseminars von St. Georgen, war ein starker Opiumraucher. Soviel ich weiß, kam er durch eine Jugendeselei dazu, als er noch auf der Schule war. Dabei ging es ihm aber wie schon so manchem vor ihm: er fand, daß es viel leichter ist, eine Gewohnheit anzunehmen, als sie wieder abzulegen; so blieb er jahrelang ein Sklave dieses Giftes und wurde seinen Freunden und Verwandten zum Gegenstand des Abscheus oder auch des Mitleids. Noch sehe ich ihn vor mir in einem Lehnstuhl zusammengekauert mit dem gelben, aufgedunsenen Gesicht, den schlaffen Augenlidern und den bis zum Umfang eines Stecknadelknopfes verkleinerten Pupillen, die traurige Ruine eines ursprünglich edlen Menschen. Eines Abends, so um die Zeit, wo der Mensch anfängt zu gähnen und nach der Uhr zu sehen, wurde an meinem Hause heftig geklingelt. Ich fuhr in die Höhe, und meine Frau ließ mit verstimmtem Gesicht ihre Handarbeit in den Schoß sinken. »Ein Kranker«, sagte sie. »Du wirst nochmals fortgehen müssen.« Ich seufzte, denn soeben war ich von schwerem Tagewerk heimgekehrt. Wir hörten die Haustüre gehen, vernahmen ein paar hastige Worte und dann rasche Schritte auf dem Linoleum. Unsere Zimmertür flog auf, und herein trat eine dunkel gekleidete, schwarz verschleierte Dame. »Entschuldigen Sie meinen späten Besuch«, begann sie, doch plötzlich allen Halt verlierend, stürzte sie auf meine Frau zu und warf sich ihr schluchzend um den Hals. »Ach, ich bin in entsetzlicher Lage!« rief sie aus, »und bedarf dringend des Beistandes.« »Was, das ist Käte Whitney?« sagte meine Frau und schlug ihrem Gaste den Schleier zurück. »Wie du mich aber erschreckt hast, Käte! Als du hereinkamst, hatte ich keine Ahnung, wer du seist.« »Ach, ich wußte keinen andern Ausweg, als zu dir zu flüchten.« Es war die alte Geschichte; jeder, der in Not war, kam zu meiner Frau, wie die Vögel zum Leuchtturm fliegen. »Wie lieb von dir, daß du gekommen bist. Jetzt trinke nur erst ein Glas Wein mit Wasser und setze dich behaglich her, dann erzählst du uns alles. Oder möchtest du lieber, daß ich James zu Bett schicke?« »Nein, gewiß nicht! denn ich bedarf auch des Doktors Rat und Beistand. Es handelt sich um meinen Mann. Seit zwei Tagen ist er nicht mehr nach Hause gekommen, und ich bin in entsetzlicher Angst um ihn!« Nicht zum erstenmal sprach sie mit uns von ihrem Kummer um den Gatten, mit mir als Arzt und mit meiner Frau als alter Freundin und Vertrauten noch von der Schule her. Wir beruhigten und trösteten sie nach Kräften. Ich fragte, ob sie wisse, wo sich ihr Gatte aufhalte; ob wir ihr helfen könnten, ihn nach Hause zu schaffen. Es schien so. Sie hatte in Erfahrung gebracht, daß er in letzter Zeit, wenn ihn der krankhafte Drang überkam, eine Opiumhöhle im entferntesten Osten der Stadt aufgesucht habe. Bisher hatten sich seine Orgien immer nur auf einen Tag beschränkt, worauf er dann wankend und gebrochen am Abend heimkehrte. Aber diesmal war er schon seit zweimal vierundzwanzig Stunden im Banne seiner Leidenschaft und lag ohne Zweifel irgendwo, um das Gift in sich aufzunehmen oder dessen Folgen zu verschlafen. Dort in der »Goldschenke« in der Oberen Swandamstraße wäre er, meinte sie, sicherlich zu finden. Aber was könnte sie da tun? Wie sollte sie, die junge, ängstliche Frau, in einen solchen Ort eindringen und ihren Gatten aus der Mitte des Gesindels, das sich dort aufhielt, herausholen? So lagen die Dinge, und in der Tat gab es nur einen einzigen Ausweg. Ob ich sie nicht dorthin begleiten wollte? Oder – ob es am Ende besser wäre, ich ginge allein? Ich sei ja ihres Mannes ärztlicher Ratgeber und besäße als solcher Einfluß auf ihn. Ich wäre viel unbehinderter in allem. Ich gab ihr mein Wort darauf, ihn binnen zwei Stunden in einem Wagen heimzusenden, vorausgesetzt, daß ich ihn wirklich an dem von ihr bezeichneten Orte fände. Und zehn Minuten später hatte ich auch schon den Lehnstuhl und das behagliche Wohnzimmer im Rücken und fuhr davon in einer Angelegenheit, die mir von vornherein höchst absonderlich vorkam, wenn sich auch erst später herausstellte, wie absonderlich sie in der Tat werden sollte. Der erste Teil meiner Expedition ging ohne Schwierigkeit von statten. Die Obere Swandamstraße ist eine häßliche Gasse, die hinter den großen Lagerhäusern steckt, welche sich an der Nordseite der Themse bis östlich von London-Bridge hinziehen. Zwischen einer Trödelbude und einer Schnapskneipe führte eine steile Treppe zu einem Loche, finster wie ein Kellerschacht, und damit hatte ich die gesuchte Spelunke gefunden. Ich hieß den Fahrer warten und stieg die Stufen hinab, die von dem unausgesetzten Wandel trunkener Füße in der Mitte stark ausgetreten waren. Beim flackernden Schein einer Öllampe über der Tür fand ich die Klinke und trat in einen langen niedrigen Raum, der von braunem Opiumrauch dick angefüllt und wie das Zwischendeck eines Auswanderungsschiffes mit übereinander geschichteten hölzernen Pritschen ausgestattet war. In all dem Qualm vermochte man kaum die Gestalten zu erkennen, die in sonderbar phantastischen Stellungen umherlagen, mit eingezogenen Achseln, gekrümmten Knieen, zurückgeworfenem Kopfe und aufwärts gekehrtem Kinn. Ab und zu richtete sich ein dunkles, glanzloses Auge auf den Ankömmling. Aus den düsteren Schatten glommen kleine rote Lichtstreifen auf, bald heller, bald matter, je nachdem das brennende Gift in den Köpfen der Metallpfeifen zu- oder abnahm. Die meisten der Leute lagen stumm da; doch murmelten einzelne vor sich hin, während andere wieder mit seltsam leiser, eintöniger Stimme sich miteinander unterhielten, die Sätze heftig hervorstoßend, um dann plötzlich in Schweigen zu versinken; jeder spann an seinen eigenen Gedanken weiter, ohne sich viel an das Gerede des Nachbarn zu kehren. Am andern Ende des Raumes stand ein kleines Becken mit glühenden Kohlen, neben dem ein hagerer alter Mann auf einem dreibeinigen Stuhle saß. Er hatte das Kinn auf die Fäuste und die Ellenbogen auf die Kniee gestützt und blickte starr in die Glut. Bei meinem Eintritt sprang ein schmutziger Malaie mit einer Pfeife und einem Quantum Opium auf mich zu und wollte mir eine leere Lagerstelle anweisen. »Ich danke Ihnen, meine Absicht ist nicht zu bleiben«, sagte ich. »Ein Freund von mir, Herr Isa Whitney, befindet sich hier, und diesen wünsche ich zu sprechen.« Bei diesen Worten bewegte sich etwas zu meiner Rechten, und ich vernahm einen Ausruf. Ich sah hin und erkannte in dem Dunst Whitney, der blaß und verstört mit wirren Haaren dasaß und mich anstierte. »Mein Gott, Sie sind's, Watson!« sagte er. Er war in einem kläglichen Zustand der Nachwirkung des Giftes, und jeder Nerv an ihm zitterte. »Wieviel Uhr ist es denn, Watson?« »Bald elf.« »Und welchen Tag haben wir?« »Freitag, den 19. Juni.« »Gerechter Gott! Ich glaubte, es sei Mittwoch. Und es ist auch Mittwoch. Wie können Sie einen armen Kerl nur so erschrecken?« Mit diesen Worten begrub er sein Gesicht in den Händen und begann laut zu schluchzen. »Ich versichere Sie, daß es wirklich Freitag ist, Sie Mann des Jammers. Ihre Frau wartet nun seit zwei Tagen auf Sie. Sie sollten sich vor sich selber schämen!« »Das tue ich auch. Aber Sie täuschen sich, Watson, denn ich bin erst seit ein paar Stunden hier, drei – vier Pfeifen etwa – ich weiß nicht mehr, wie viele. Doch ich will mit Ihnen nach Hause gehen, denn ich möchte Käte, mein armes, liebes Kätchen, nicht ängstigen. Geben Sie mir Ihre Hand! Haben Sie einen Wagen hier?« »Ja, er wartet draußen.« »Dann will ich ihn benutzen. Doch, ich muß noch etwas schuldig sein. Sorgen Sie doch dafür, Watson. Ich bin ganz verwirrt und unfähig, mir selbst zu helfen.« Um der Einwirkung der abscheulichen, betäubenden Giftdämpfe zu entgehen, schritt ich mit angehaltenem Atem den schmalen Gang zwischen der Doppelreihe von Schläfern entlang und suchte nach dem Wirt. Als ich an der hageren Gestalt bei dem Kohlenbecken vorüberkam, fühlte ich mich am Rockschoß gezupft, und eine leise Stimme flüsterte mir zu: »Gehe an mir vorüber, und dann sieh dich nach mir um.« Diese Worte trafen mein Ohr ganz deutlich. Ich blickte auf. Sie konnten nur von dem Alten neben mir herrühren, und doch saß er so geistesabwesend, schlotterig und vom Alter gebeugt da wie zuvor; seine Opiumpfeife baumelte ihm zwischen den Knieen; als wäre sie eben den schlaffen Fingern entglitten. Ich ging zwei Schritte weiter und sah zurück. Und nun bedurfte ich meiner ganzen Selbstbeherrschung, um nicht einen Schrei maßlosen Erstaunens auszustoßen. Er hatte sich so umgewendet, daß ihn niemand außer mir sehen konnte. Seine Gestalt war voll geworden, die Runzeln waren verschwunden, die matten Augen hatten ihr Feuer wieder gewonnen – kurz, der Mann, der da am Feuer saß und sich an meiner Überraschung höchlich belustigte, war niemand anders als Sherlock Holmes. Er gab mir einen Wink, mich ihm zu nähern, und als er das Gesicht den andern wieder zuwandte, nahm es sofort wieder den Ausdruck schlaffen Alters an. »Holmes!« flüsterte ich, »wie kommst du nur in dieses Loch?« »So leise wie möglich«, antwortete er, »mein Gehör ist vorzüglich. Wenn du die Güte hättest, dich deines jammervollen Freundes dort zu entledigen, so wäre es mir sehr erwünscht, ein wenig mit dir zu plaudern.« »Draußen habe ich einen Wagen stehen.« »Dann schicke ihn doch nach Hause. Es ist keine Gefahr dabei, denn er fühlt sich zu schlaff und matt, um weiteres Unheil anzurichten. Auch möchte ich dir empfehlen, deine Frau durch den Fahrer wissen zu lassen, daß wir etwas zusammen vorhaben. Wenn du so lange draußen warten willst, so bin ich in fünf Minuten bei dir.« Sherlock Holmes etwas abzuschlagen, war äußerst schwierig, denn er trug seine Bitten stets mit der größten Ruhe und Entschiedenheit vor. Zudem hatte ich das Gefühl, daß, sobald Whitney im Wagen säße, auch meine Verpflichtung gegen ihn zu Ende sei; und was konnte ich mir eigentlich Besseres wünschen, als eines der wunderlichen Abenteuer mitmachen zu dürfen, wie sie meinem Freunde zum Lebensbedürfnis geworden waren? In wenigen Minuten war der Zettel an meine Frau geschrieben, Whitneys Rechnung bezahlt, er selbst in den Wagen gesetzt und durchs Dunkel der Nacht davongefahren. Kurz darauf stieg eine verkommene Gestalt aus der Opiumhöhle empor, und an meiner Seite schritt Sherlock Holmes. Zwei Straßenlängen weit schleppte er sich mühsam mit gebücktem Rücken und unsicherem Tritt vorwärts. Dann blickte er um sich, richtete sich auf und brach in ein herzliches Lachen aus. »Und nun Watson«, sagte er, »bildest du dir gewiß ein, daß nun auch noch das Opiumrauchen zu den Kokaineinspritzungen und all den andern kleinen Schwächen gekommen ist, die mir die schätzenswerte Bekanntschaft mit deiner medizinischen Erfahrung nebenbei eingetragen hat.« »Allerdings war ich überrascht, dich hier zu sehen.« »Und ich nicht minder dich . . .« »Ich suchte einen Freund.« »Und ich einen Feind.« »Einen Feind?« »Ja, einen meiner natürlichen Feinde, oder, daß ich es richtiger sage, meine natürliche Beute. Mit einem Wort, Watson, ich stecke eben in einer ganz merkwürdigen Geschichte und hatte gehofft, in dem unzusammenhängenden Geschwätz dieser Kerle einen Schlüssel zu finden, wie mir das schon mehrfach geglückt ist. Wäre ich jedoch in diesem Loche erkannt worden, so war's um mich geschehen, denn ich habe es früher schon für meine Zwecke ausgebeutet, und der Malaie, der Schurke von einem Wirt, hat mir Rache zugeschworen. An der Rückseite des Gebäudes befindet sich eine Falltür, in der Nähe der Paulswerfte, die könnte Schaudergeschichten erzählen von dem, was in mondlosen Nächten da schon hinabgestürzt ist.« »Wieso? Du meinst doch nicht etwa, daß Leichen . . .?« »Jawohl, Leichen, Watson; wir wären reiche Leute, wenn wir für jeden armen Teufel, der dort auf ewig stumm gemacht worden ist, unsere tausend Pfund bekämen. Es ist die scheußlichste Mördergrube auf dieser ganzen Uferseite, und ich fürchte sehr, daß Neville St. Clair hier hineingeraten ist, um nie wieder herauszukommen.« Damit steckte er beide Zeigefinger zwischen die Zähne und ließ einen schrillen Pfiff ertönen, dem ein ähnlicher aus einiger Entfernung antwortete, worauf sich Rädergerolle und Pferdegetrappel hören ließen. »Nun, wie ist's, Watson«, fragte Holmes, als ein großer Jagdwagen aus der Dunkelheit auftauchte, dessen Seitenlaternen zwei lange goldene Lichtstreifen vor sich herwarfen. »Du gehst doch mit?« »Gern, wenn ich dir nützlich sein kann.« »Ein treuer Freund ist immer nützlich und vollends noch, wenn er zugleich ein Mann der Feder ist. Mein Zimmer ›zu den Cedern‹ hat zwei Betten.« »Zu den Cedern?« »Ja, nämlich in St. Clairs Haus, denn dort wohne ich, solange meine Nachforschungen dauern.« »Wo liegt es denn?« »Bei Lee in Kent. Wir haben eine Fahrt von sieben Meilen vor uns.« »Aber ich weiß ja von gar nichts.« »Natürlich, doch wirst du bald alles erfahren. Sitze nur auf. Schon gut, Johann, wir kutschieren selbst. Hier ein Trinkgeld. Morgen gegen elf Uhr können Sie mich erwarten. So, jetzt lassen Sie los, und nun vorwärts!« Er versetzte dem Pferd einen leichten Schlag mit der Peitsche, und wir flogen dahin durch die endlosen, dunklen, einsamen Straßen, die sich allmählich erweiterten, bis wir über eine breite Brücke sausten, unter der der schlammige Fluß träge dahinfloß. Auch drüben dasselbe Häusermeer; nichts als der gleichmäßige Schritt der Schutzleute oder das Johlen verspäteter Nachtschwärmer unterbrach die nächtliche Stille. Eine dunkle Wolkenmasse zog langsam am Himmel dahin, und nur matt schimmerte da und dort ein Stern durch das Gewölk auf. Schweigend lenkte Holmes das Gefährt, den Kopf auf die Brust gesenkt und mit dem Ausdruck eines Mannes, der ganz in Gedanken verloren ist, während ich neben ihm saß, gespannt, zu erfahren, was für ein neuer Fall das wohl sein mochte, der seinen Geist so vollständig in Anspruch nahm, und doch getraute ich mir nicht, seinen Gedankengang zu unterbrechen. Wir waren schon verschiedene Meilen gefahren und gelangten an den äußern Gürtel der Vorstadtvillen, als sich Holmes aufraffte, die Achseln zuckte und seine Pfeife in Brand steckte mit der Miene eines Menschen, der mit sich zufrieden ist, im Bewußtsein, daß er tut, was in seinen Kräften steht. »Dir ward die schöne Gabe des Schweigens verliehen, Watson«, sagte er, »und das macht dich zu einem geradezu unschätzbaren Gefährten. Auf Ehre, für mich ist es von größtem Wert, jemand zu haben, gegen den ich mich aussprechen kann, denn meine eigenen Gedanken sind nicht gerade ergötzlicher Art. Eben überlegte ich mir, was ich dem guten Frauchen wohl sagen sollte, wenn sie mir heute Abend entgegentritt.« »Du vergissest, daß ich ja von gar nichts weiß.« »Es bleibt jetzt gerade noch Zeit genug, bis wir nach Lee kommen, um dir die Einzelheiten des Falles zu erzählen. Er sieht sich lächerlich einfach an, und doch weiß ich nicht, was ich damit anstellen soll. Fäden gibt es in Menge, aber das richtige Ende vermag ich nicht zu finden. Laß dir also die Sache klar und deutlich auseinandersetzen, Watson, möglich, daß dir vielleicht ein Licht aufgeht, wo für mich alles dunkel ist.« »So fange nur an.« »Vor einigen Jahren, oder genauer gesagt, vor sechs Jahren, kam ein Herr, Namens Neville St. Clair, nach Lee, der allem Anscheine nach in sehr guten Verhältnissen war. Er bezog eine große Villa, legte geschmackvolle Gärten an und lebte in jeder Beziehung auf großem Fuße. Allmählich gewann er Freunde in der Nachbarschaft und heiratete vor drei Jahren die Tochter eines dort ansässigen Bierbrauers, die ihn seitdem mit zwei Kindern beschenkt hat. Einen eigentlichen Beruf hatte er nicht, doch war er bei verschiedenen Unternehmungen beteiligt und ging in der Regel des Morgens zur Stadt und kehrte des Abends mit dem 5 Uhr 14-Zuge wieder zurück. Herr St. Clair ist jetzt siebenunddreißig Jahre alt, ein Mann von soliden Lebensgewohnheiten, ein guter Ehegatte, zärtlicher Vater und bei allen beliebt, die ihn kennen. Ich kann noch hinzufügen, daß, soweit es sich ermitteln ließ, seine ganze Schuldenlast sich zur Zeit auf achtundachtzig Pfund und zehn Schilling beläuft, während sein Bankguthaben zweihundertundzwanzig Pfund beträgt. Es liegt darum auch kein Grund zur Annahme vor, daß ihn etwa Geldsorgen bedrückt hätten. Am letzten Montag fuhr Herr Neville St. Clair etwas früher als gewöhnlich zur Stadt, nachdem er zuvor geäußert, daß er zwei wichtige Geschäfte zu erledigen habe, und daß er seinem Söhnchen einen Baukasten mitbringen wolle. Am selben Morgen, ganz kurz nach St. Clairs Weggang, erhielt seine Frau die Drahtnachricht, daß ein von ihr erwartetes Paketchen von beträchtlichem Werte auf dem Postamt der Aberdeen-Schiffsgesellschaft abgeholt werden könne. Wenn du dich in deinem London gut auskennst, dann weißt du, daß die Geschäftsräume dieser Gesellschaft in der Fresnostraße liegen, die in die Obere Swandamstraße mündet, wo du mich heute nacht getroffen hast. Frau St. Clair nahm ihr zweites Frühstück ein und ging dann nach der Stadt, machte einige Einkäufe, holte ihr Paketchen auf dem Schiffsamte und ging genau um 4 Uhr 35 Minuten durch die Swandamstraße wieder zurück, der Bahnstation zu. Bist du mir so weit gefolgt?« »Das ist alles völlig klar.« »Du erinnerst dich vielleicht noch, daß es am Montag außerordentlich heiß war. Frau St. Clair ging darum langsam und sah sich, in der Hoffnung, einen Wagen zu entdecken, nach allen Seiten um, denn es kam ihr in dieser Umgebung nicht recht geheuer vor. Während sie so die Swandamstraße entlang schritt, hörte sie plötzlich einen Schrei und war starr vor Schrecken, als sie ihren Mann aus einem Fenster des zweiten Stocks auf sie niederblicken und ihr zuwinken sah. Das Fenster stand offen, so daß sie sein Gesicht ganz deutlich erkennen konnte, das nach ihrer Schilderung entsetzlich aufgeregt gewesen sein muß. Nachdem er ihr heftig mit der Hand gewinkt hatte, verschwand er so plötzlich vom Fenster, daß es ihr schien, als ob eine unwiderstehliche Macht ihn von hintenher weggerissen habe. Ein eigentümlicher Umstand entging ihrem raschen Blicke nicht: obwohl ihr Mann denselben dunklen Rock trug, wie bei seinem Weggang von Hause, so hatte er doch weder Kragen noch Krawatte an. Überzeugt, daß St. Clair irgend etwas zugestoßen sein müsse, eilte sie die Stufen hinab – denn das Haus war kein andres als die Opiumhöhle, in der du mich heute nacht gefunden hast – lief durch das Vorzimmer und wollte die Treppe, die zum ersten Stock führte, hinaufsteigen, doch da trat ihr jener Malaie, der Schurke, den ich schon einmal nannte, in den Weg, drängte sie zurück und schob sie mit Hilfe eines Dänen, der dort häufig Handlangerdienste tut, hinaus auf die Straße. Voll der wahnsinnigsten Befürchtungen und Sorgen, rannte sie die Straße entlang, und ein glücklicher Zufall wollte es, daß sie in der Fresnostraße auf einige Schutzleute stieß, die unter der Führung eines Wachtmeisters eben die Runde machten. Der Wachtmeister begleitete sie mit zweien seiner Leute zurück, und trotz des hartnäckigen Widerstandes des Hausbesitzers drangen sie zu dem Zimmer durch, in dem St. Clair zuletzt gesehen worden war. Keine Spur mehr von ihm. Ja, im ganzen Stockwerk niemand als ein jämmerlicher Krüppel von abschreckender Häßlichkeit, der hier zu wohnen schien. Er sowohl als der Wirt verschworen sich hoch und teuer, daß den ganzen Nachmittag außer ihnen niemand in diesem vorderen Zimmer gewesen sei. Ihre Beteuerungen schienen so glaubwürdig, daß der Wachtmeister zu glauben geneigt war, Frau St. Clair müsse sich getäuscht haben, als diese plötzlich mit jähem Aufschrei auf ein hölzernes Kästchen zulief, das auf dem Tische stand, und den Deckel aufriß. Eine Menge kleiner Bausteine stürzte daraus hervor. Es war das Spielzeug, das der Vater versprochen hatte mit nach Hause zu bringen. Diese Entdeckung, sowie die sichtliche Verlegenheit, die der Krüppel zeigte, überzeugten den Wachtmeister von dem Ernste der Sache. Die Räume wurden sorgfältig untersucht, und alles, was sich ergab, wies auf ein entsetzliches Verbrechen hin. Das vordere Zimmer war ein einfach ausgestatteter Wohnraum und führte in ein kleines Schlafzimmer mit der Aussicht auf die Rückseite einer Werft. Zwischen der Werft und dem Schlafzimmerfenster befindet sich ein schmaler Weg, der während der Ebbe trocken, während der Flut jedoch zum mindesten vier bis fünf Fuß hoch unter Wasser ist. Das Fenster war breit und ließ sich in die Höhe schieben. Bei genauer Besichtigung fanden sich Blutspuren auf dem Fenstersims, und vereinzelte Tropfen waren auf dem Bretterboden des Schlafzimmers sichtbar. Hinter einem Vorhang des Wohnzimmers lagen alle Kleider des Herrn Neville St. Clair auf einem Haufen beisammen, nur der Rock fehlte. Stiefel, Socken, Hut, Uhr – alles fand sich vor, aber kein Merkmal von Gewalttat war daran zu erkennen, und auch sonstige Spuren von Herrn Neville St. Clair fanden sich nicht. Allem Anschein nach mußte er zum Fenster hinausbefördert worden sein, ein anderer Ausweg war nicht zu entdecken, und die verdächtigen Blutspuren am Gesimse ließen wenig Hoffnung übrig, daß er sich durch Schwimmen gerettet haben könnte, denn die Flut stand zur Zeit der Greueltat am höchsten. Und nun zu den Strolchen, die zunächst in die Sache verwickelt schienen. Der Malaie war ein äußerst übel beleumundeter Mensch. Da er aber nach Aussage der Frau St. Clair wenige Sekunden nach ihres Mannes Erscheinen am Fenster am Fuße der Treppe gestanden hatte, so konnte er kaum anders denn als bloße Nebenfigur bei dem Verbrechen angesehen werden. Seine Verteidigung beschränkte sich auf die Behauptung vollständiger Unwissenheit. Er verwahrte sich gegen jegliche Kenntnis von dem Tun und Lassen seines Mieters, Hugo Boones, und erklärte sich außerstande, irgend welche Rechenschaft darüber zu geben, wie die Kleider des vermißten Herrn hierher gekommen wären. So viel über den Wirt. Und nun zu dem unheimlichen Krüppel, der im zweiten Stock der Opiumhöhle wohnt, und der sicher das letzte menschliche Wesen war, dessen Auge Neville St. Clair gesehen hat. Er heißt Hugo Boone, und jedermann, der häufig zur City kommt, kennt sein abschreckendes häßliches Gesicht. Er ist gewerbsmäßiger Bettler und treibt dabei, um den polizeilichen Verordnungen nachzukommen, einen kleinen Handel mit Streichhölzern. Eine kurze Strecke die Threadneedlestraße abwärts tritt links an der Mauer eine kleine Ecke hervor. Dort läßt sich der Kerl täglich mit gekreuzten Beinen und seinem kleinen Warenvorrat auf dem Schoß nieder, und sein Anblick ist so erbarmungswürdig, daß der reichste Wohltätigkeitsregen in seine fettige Mütze neben ihm auf dem Pflaster niederträufelt. Noch ehe ich ahnte, daß ich einmal von Berufs wegen dieses Burschen Bekanntschaft machen würde, hatte ich ihn schon oft beobachtet und war erstaunt über die große Ernte, die er in kürzester Frist einheimste. Seine Erscheinung ist nämlich derart auffällig, daß man ihn nicht unbeachtet lassen kann. Ein Busch rotgelben Haares, ein blasses Gesicht, verunziert durch eine entsetzliche Narbe, die im Verwachsen den einen Mundwinkel in die Höhe gezerrt hat, ein Buldoggenkiefer und ein paar stechende dunkle Augen, die zu der Farbe des Haares in absonderlichem Kontraste stehen, dies alles zeichnet ihn vor der übrigen Menge der Bettler aus, und dies tut auch sein Witz; denn er hat stets eine schlagfertige Antwort auf jeden schlechten Scherz, den ein Vorübergehender mit ihm machen mag. Das ist also jener Mietsmann in der Opiumhöhle, jener Mann, der den vermißten Herrn, den wir suchten, zuletzt gesehen haben muß.« »Aber ein Krüppel!« warf ich ein. »Was vermochte der allein gegen einen Mann in vollster Körperkraft?« »Ein Krüppel ist er wohl, sofern er zum Gehen einer Krücke bedarf, sonst aber scheint er kräftig und wohlgenährt zu sein. Gewiß wird deine ärztliche Erfahrung dich lehren, Watson, daß die Schwäche des einen Gliedes oft durch eine um so größere Stärke des andern ausgeglichen wird.« »Bitte, fahre in deiner Erzählung fort.« »Frau St. Clair war beim Anblick der Blutflecken am Fenster ohnmächtig geworden, und ein Schutzmann hatte sie im Wagen nach Hause gebracht, zumal da auch ihre Gegenwart bei den weiteren Nachforschungen nutzlos war. Wachtmeister Barton, der den Fall zu leiten hatte, untersuchte alles aufs genaueste, doch ohne irgend etwas zu finden, was die dunkle Sache hätte aufhellen können. Darin war ein Fehler begangen worden, daß Boone nicht sofort verhaftet wurde, sondern noch einige Minuten sich überlassen blieb, während deren er sich mit seinem Freunde, dem Malaien, verständigen konnte; doch machte man diesen Fehler sehr bald wieder gut, denn er wurde festgenommen und durchsucht, ohne daß sich jedoch irgend etwas Belastendes gegen ihn ergeben hätte. Allerdings befanden sich einige Blutflecken auf seinem rechten Hemdärmel, doch wies er auf seinen Ringfinger hin, an dem unterhalb des Nagels eine Schnittwunde war, und sagte, das Blut komme daher, mit dem Hinzufügen, er sei erst vor kurzem am Fenster gewesen, und die dort bemerkten Blutspuren rührten ohne Zweifel von der gleichen Ursache her. Er verneinte es aufs entschiedenste, Herr Neville St. Clair je einmal gesehen zu haben, und versicherte, daß es ihm nicht weniger unerklärlich sei als der Polizei, wie die Kleider in sein Zimmer kämen. Was aber Frau St. Clairs Aussage anbelange, daß sie ihren Mann leibhaftig am Fenster gesehen habe, so müsse sie entweder geistig gestört oder im Traume gewesen sein. Trotz seines lauten Widerspruchs wurde er zur Polizeistation verbracht, während der Wachtmeister zurückblieb, in der Hoffnung, die Ebbe möchte neue Anhaltspunkte liefern. Und so war es auch, obgleich auf dem Schlamme nicht das gefunden wurde, was man gefürchtet hatte: nicht Neville St. Clair selbst, aber Neville St. Clairs Rock kam zu Tage, als die Flut sich verlief. Und was glaubst du wohl, daß sich in den Rocktaschen vorfand?« »Ich kann mir's nicht denken.« »Nein, du würdest es auch niemals erraten. Jede Tasche war vollgepfropft mit Kupfermünzen – 421 ganzen und 270 halben Pennystücken. Da war es also kein Wunder, daß der Rock nicht von der Flut mit fortgenommen wurde. Aber mit einem menschlichen Körper ist's ein ander Ding. Zwischen der Werft und dem Haus ist ein starker Wirbel, und so konnte es leicht geschehen, daß der beschwerte Rock zurückblieb, während der entkleidete Körper in den Fluß hinausgespült wurde.« »Ich habe geglaubt, alle übrigen Kleider seien im Zimmer vorgefunden worden. Sollte der Körper nur allein mit dem Rocke bekleidet gewesen sein?« »Nein, gewiß nicht, aber die Tatsachen lassen doch eine ziemlich glaubwürdige Erklärung zu. Vorausgesetzt, dieser Boone habe St. Clair aus dem Fenster geworfen, ohne daß ein menschliches Auge es sah – was hätte er dann vor allem tun müssen? Natürlich sich in erster Linie der verräterischen Kleider entledigen. Er griff also nach dem Rocke; im Begriff, diesen hinauszuwerfen, fiel ihm aber ein, daß er ja schwimmen würde, anstatt unterzusinken. Die Zeit drängt, denn von unten her hört er die Stimme der Frau St. Clair, die hinaufdringen will; vielleicht hat ihm auch sein Spießgeselle, der Wirt, schon einen Wink gegeben, daß die Polizei nicht fern sei. Kein Augenblick ist zu verlieren. Er eilt zu irgend einem geheimen Winkel, wo er die Erträgnisse seines Bettels aufgestapelt hat, und stopft so viele Münzen, als ihm zur Hand sind, in den Rock, damit dieser gewiß untersinkt. Schnell wirft er ihn hinaus, wie er es auch mit den anderen Kleidungsstücken gemacht hätte, wären nicht Schritte genaht, so daß ihm nur noch Zeit blieb, das Fenster zu schließen.« »Dies klingt allerdings nicht unmöglich.« »So laß uns einstweilen auf diesen Voraussetzungen fußen, bis sich Besseres findet. Boone wurde also, wie ich dir schon erzählt habe, festgenommen und auf die Polizeiwache gebracht, doch konnte nicht nachgewiesen werden, daß schon früher etwas gegen ihn vorgelegen hätte. Seit Jahren war er als gewerbsmäßiger Bettler bekannt, schien aber sonst ein stilles, unbescholtenes Leben geführt zu haben. So weit ist die Sache bis jetzt gediehen, und die Fragen, die einer Lösung harren, nämlich was Neville St. Clair in der Opiumhöhle zu schaffen gehabt hat, was dort mit ihm geschehen ist, wo er sich jetzt befindet, und inwiefern Hugo Boone an seinem Verschwinden beteiligt war – alle diese Fragen sind noch so weit als je von einer Lösung entfernt. Ich muß dir gestehen, daß mir in meiner ganzen Erfahrung nie ein Fall vorgekommen ist, der auf den ersten Anblick so einfach erschienen wäre und dennoch solche Schwierigkeiten geboten hätte.« Während mir Sherlock Holmes die sonderbare Verwicklung dieser Umstände im einzelnen darlegte, waren wir an den letzten Vorstadthäusern vorübergerollt und hatten jetzt grüne Hecken zu beiden Seiten. Als er eben am Schlusse war, fuhren wir durch zwei verstreut liegende Dörfer, wo aus manchem Fenster noch Licht schimmerte. »Jetzt nähern wir uns Lee«, sagte Holmes; »auf unserer kurzen Fahrt haben wir nicht weniger als drei Grafschaften berührt. In Middlesex brachen wir auf, kamen durch einen Zipfel von Surrey und beschließen die Fahrt jetzt mit Kent. Siehst du das Licht dort zwischen den Bäumen hervorschimmern? Das kommt von ›den Cedern‹, und neben jener Lampe sitzt eine Frau, deren angstvolles Ohr ohne Zweifel schon den Hufschlag unseres Pferdes vernommen hat.« »Aber warum betreibst du die Angelegenheit nicht von der Bakerstraße aus?« fragte ich. »Weil allerlei Erkundigungen von hier aus einzuziehen sind. Frau St. Clair hat mir in entgegenkommendster Weise zwei Zimmer zur Verfügung gestellt, und du darfst überzeugt sein, daß sie meinen Freund und Kollegen gleichfalls freundlich willkommen heißen wird. Es ist mir im Innersten zuwider, Watson, ihr ohne Nachrichten über ihren Mann entgegentreten zu müssen. So, jetzt wären wir da! Hollah, he!« Wir hielten vor einer großen, von Gärten umgebenen Villa. Ein Stalljunge war herbeigeeilt und hielt das Pferd. Wir stiegen aus, und ich folgte Holmes auf dem schmalen, geschlängelten Kiesweg, der zum Hause führte. Als wir näher kamen, flog die Türe auf, und eine kleine blonde Frau stand auf der Schwelle. Sie war in ein leichtes, an Hals und Ärmeln mit Spitzen verziertes Seidengewand gehüllt. Ihre Gestalt zeichnete sich in dem starken Lichtstrom, der aus der Türe quoll, deutlich ab, und wie sie so dastand, den Körper leicht vorgebeugt, die eine Hand auf der Türklinke, die andere halb erhoben vor Sehnsucht und Verlangen, das Gesicht mit den forschenden Augen und den halbgeöffneten Lippen nach vorne gewandt, sah sie ganz so aus wie ein lebendig gewordenes Fragezeichen. »Nun, und was gibt's?« rief sie. Und sobald sie bemerkte, daß wir zu zweien waren, kam es wie ein Ausruf der Hoffnung von ihren Lippen, der aber in einem Seufzer erstarb, als mein Gefährte den Kopf schüttelte und die Achseln zuckte. »Keine guten Nachrichten?« »Überhaupt keine.« »Also auch keine schlechten?« »Nein.« »Gott sei Dank. Doch treten Sie ein. Sie müssen müde sein nach diesem langen Tag.« »Hier stelle ich Ihnen meinen Freund, Herrn Dr. Watson, vor. Er ist mir schon bei verschiedenen Angelegenheiten von Nutzen gewesen, und ein glücklicher Zufall hat es gefügt, daß es mir möglich wurde, ihn mitzubringen und ihn mit unserer Sache vertraut zu machen.« »Ich freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen«, erwiderte sie und drückte mir herzlich die Hand, »nur bitte ich um Entschuldigung, wenn heute mein Haus manches zu wünschen übrig läßt, Sie wissen ja, welcher harte Schlag uns so unvermutet betroffen hat.« »Ich bin ein alter Soldat, gnädige Frau, und wäre ich es auch nicht, so würde ich es doch für selbstverständlich halten, daß es hier keinerlei Entschuldigung bedarf. Wenn ich Ihnen oder meinem Freunde irgendwie nützlich sein könnte, so würde ich mich glücklich schätzen.« »Nun, Herr Sherlock Holmes«, begann die Dame, als wir das hell erleuchtete Speisezimmer betraten, wo ein kalter Imbiß bereit stand, »möchte ich Sie geradeheraus etwas fragen, und Sie sollen mir dann ebenso darauf antworten.« »Ganz einverstanden, gnädige Frau!« »Nehmen Sie keine Rücksicht auf meine Empfindungen. Ich bin weder hysterisch, noch leicht zu Ohnmachten geneigt. Es ist mir einzig und allein um Ihre aufrichtige Meinung zu tun.« »Worüber?« »Glauben Sie im Innersten Ihres Herzensgrundes, daß Neville noch am Leben ist?« Diese Frage schien Sherlock Holmes in Verlegenheit zu setzen. »Also geradeheraus!« wiederholte sie. Er lag in einem Armstuhl, und sie stand vor ihm und sah forschend auf ihn nieder. »Nun denn, ehrlich gestanden, gnädige Frau, nein.« »Glauben Sie, daß er tot ist?« »Ja, ich glaube es.« »Ermordet?« »Das will ich nicht behaupten, vielleicht.« »Und an welchem Tage soll er vom Tode ereilt worden sein?« »Am Montag.« »Dann, Herr Holmes, haben Sie vielleicht die Güte, mir zu erklären, wie es geschehen konnte, daß ich heute einen Brief von ihm erhielt.« Sherlock Holmes sprang wie elektrisiert von seinem Stuhle auf. »Was!« schrie er. »Jawohl, heute.« Lächelnd stand sie da und hielt ein Blättchen Papier empor. »Darf ich es lesen?« »Gewiß.« Er riß ihr den Brief aus der Hand, glättete ihn auf dem Tisch, zog die Lampe näher und besichtigte ihn aufs genaueste. Auch ich war aufgestanden und blickte ihm über die Schulter. Der Briefumschlag war aus grobem Papier und trug den Poststempel von Gravesend mit dem Datum des heutigen Tages, oder eigentlich des gestrigen, denn Mitternacht war längst vorüber. »Ungeübte Schrift«, murmelte Holmes. »Sicher ist dies nicht Ihres Gatten Hand, gnädige Frau.« »Nein, aber der Brief selbst ist von ihm.« »Man sieht auch, daß derjenige, der die Aufschrift machte, sich erst genauer nach der Adresse erkundigen mußte.« »Woraus können Sie das schließen?« »Der Name ist, wie Sie sehen, vollständig schwarz, weil die Tinte darauf von selbst abtrocknete. Das übrige dagegen ist grauschwarz, ein Beweis, daß Löschpapier dabei verwendet wurde. Wäre alles in einem Zuge geschrieben und dann das Fließblatt gebraucht worden, so hätte nicht ein Teil so tiefschwarz werden können. Der Schreiber hat zuerst den Namen geschrieben, dann trat eine Pause ein, ehe er die Adresse vervollständigte, was doch nur seinen Grunde darin haben konnte, daß sie ihm nicht geläufig war. Freilich ist dies nur eine Kleinigkeit, aber nichts ist eben so wichtig als Kleinigkeiten. Und nun wollen wir den Brief betrachten. Ei, da war etwas eingeschlossen!« »Ja, ein Ring, sein Siegelring.« »Und Sie sind überzeugt, daß dies Ihres Gatten Handschrift ist?« »Ja, eine seiner Handschriften.« »Eine?« »Seine Handschrift, wenn er in Eile war. Diese ist ganz verschieden von der gewöhnlichen, aber ich kenne sie genau.« Auf dem Papier standen nur die Worte: »Liebste, ängstige dich nicht. Es wird noch alles gut werden. Ein schwerer Irrtum waltet ob, der sich aber in kurzem aufklären muß. Fasse dich in Geduld. – Neville.« »Mit Bleistift auf das Vorsatzblatt eines Oktavbandes geschrieben, kein Wasserzeichen. Hm! Heute in Gravesend in den Schalter geworfen von einem Menschen mit schmutzigem Daumen! Ha! und der Umschlag ist, wenn ich mich nicht sehr täusche, von jemand zugeklebt worden, der Tabak kaut. Und Ihnen steht es ganz außer Zweifel, daß es die Handschrift Ihres Gatten ist, gnädige Frau?« »Durchaus. Neville hat diese Zeilen geschrieben.« »Und heute wurde dieser Brief in Gravesend bestellt. Wahrhaftig, die Wolken beginnen sich zu lichten, obgleich ich nicht sagen möchte, daß die Gefahr vorüber ist.« »Aber am Leben muß er doch noch sein, Herr Holmes?« »Außer, dies wäre eine schlaue Täuschung, um uns auf falsche Fährte zu locken. Der Ring beweist so gut wie nichts, er kann ihm genommen worden sein.« »Nein, nein; es ist und bleibt seine Handschrift!« »Ganz recht. Doch kann das Blatt am Montag geschrieben und erst heute zur Post gegeben worden sein.« »Das ist möglich.« »Und wenn dem so ist, so mag wohl inzwischen manches vorgegangen sein.« »Ach, Herr Holmes, Sie dürfen mich nicht entmutigen. Ich weiß es gewiß, daß es gut mit ihm steht. Zwischen uns besteht eine so innige Seelengemeinschaft, daß ich es empfinden müßte, wenn er von Unheil bedroht wäre. Gerade an dem Tage, als ich ihn zum letztenmal sah, schnitt er sich im Schlafzimmer in den Finger, und obwohl ich im Eßzimmer war, eilte ich hinauf, in der unumstößlichen Gewißheit, es müsse ihm etwas widerfahren sein. Glauben Sie denn, daß, wenn ich schon bei einer solchen Kleinigkeit in Mitleidenschaft gezogen werde, ich nicht auch um seinen Tod wissen sollte?« »Ich habe schon zu vieles erlebt, um nicht davon überzeugt zu sein, daß das Gefühl einer Frau oft mehr Wert haben kann, als die Schlußfolgerungen eines kühl zergliedernden Verstandesmenschen. Und in diesem Briefe besitzen Sie unzweifelhaft ein starkes Beweisstück für Ihre Behauptung. Doch, wenn Ihr Gatte am Leben ist und sogar fähig, Briefe zu schreiben, weshalb bleibt er Ihnen dann fern?« »Ich kann es mir nicht denken. Es ist mir unbegreiflich.« »Und machte er denn beim Weggehen am Montag keinerlei Andeutung?« »Nein.« »Und Sie waren überrascht, als Sie ihn in der Swandamstraße sahen?« »Außerordentlich.« »Stand das Fenster offen?« »Ja.« »So hätte er Ihnen also zurufen können?« »Jawohl.« »Doch stieß er, soviel ich weiß, nur einen unartikulierten Schrei aus!« »Ja.« »Den Sie für einen Hilferuf hielten?« »Ja. Er erhob die Hände.« »Es kann aber auch ein Ruf der Überraschung gewesen sein. Vielleicht veranlaßte ihn Ihr unerwarteter Anblick, die Hände emporzuheben.« »Das kann sein.« »Kam es Ihnen vielleicht nur so vor, als ob er nach rückwärts gerissen worden sei?« »Er verschwand ganz plötzlich.« »Er kann auch zurückgesprungen sein. Sie sahen doch sonst niemand im Zimmer?« »Nein, aber jener entsetzliche Mensch hat zugegeben, daß er dort war, und der Malaie stand an der Treppe.« »Ganz recht. Und Ihr Gemahl hatte, soviel Sie sehen konnten, seine gewöhnlichen Kleider an?« »Ja, aber ohne Kragen und Krawatte. Ich sah seinen bloßen Hals ganz deutlich.« »Hat er je einmal von der Swandamstraße gesprochen?« »Niemals.« »Konnten Sie je Zeichen von Opiumgenuß an ihm entdecken?« »Niemals.« »Ich danke Ihnen, Frau St. Clair. Dies sind die Hauptpunkte, über die ich vollständig im reinen sein wollte. Lassen Sie uns nun etwas zu Abend speisen, dann wollen wir uns zurückziehen, denn morgen wird es einen unruhigen Tag für uns geben.« Ein großes behagliches Zimmer stand für uns bereit, und bald lag ich in den Federn, denn ich war müde von dieser Nacht voll Abenteuer. Sherlock Holmes dagegen war ein Mensch, der tage-, ja eine ganze Woche lang in rastloser Tätigkeit ausharren konnte, solange ihn ein ungelöstes Problem beschäftigte. Er beleuchtete es dann nach allen Seiten, wälzte es hin und her, war unermüdlich, das Beweismaterial neu zu ordnen, bis er die Lösung endlich gefunden oder sich überzeugt hatte, daß die Beweismittel ungenügend waren. Es wurde mir bald klar, daß er sich auch heute zu einer Nachtsitzung vorbereitete. Nachdem er Rock und Weste abgelegt hatte, hüllte er sich in seinen großen blauen Schlafrock und zog im Zimmer umher, auf der Jagd nach Kissen, die er sich von Bett, Sofa und Armstühlen zusammenlas. Damit baute er sich eine Art orientalischen Diwan, auf den er sich mit gekreuzten Beinen niederließ, und vor ihm lag ein Paket Rauchtabak und Streichhölzer. Bei dem matten Lampenschein sah ich ihn dort sitzen, eine alte Tonpfeife im Munde, die Augen wie geistesabwesend auf die Zimmerdecke gerichtet, von blauen Rauchwolken umhüllt, schweigend, unbeweglich, die scharf geschnittenen Gesichtszüge vom Lichte beschienen. So saß er da, als ich in Schlaf versank, und so saß er noch, als ein Ausruf mich weckte, und die Sommersonne bereits in unser Zimmer schien. Noch stak ihm die Pfeife im Munde, noch kräuselte sich der Rauch empor, und der Raum war von dichtem Tabaksqualm erfüllt; aber von dem Häufchen Rauchtabak, das ich in der Nacht gesehen hatte, war nichts mehr vorhanden. »Bist du wach, Watson?« fragte er. »Ja.« »Bereit zu einer Morgenfahrt?« »Gewiß.« »Dann kleide dich an. Niemand rührt sich noch, doch weiß ich, wo der Stallknecht schläft, und den kleinen Wagen wollen wir schon herausbekommen.« Dabei lachte er in sich hinein, seine Augen funkelten; der ganze Mann schien völlig ausgewechselt zu sein und nicht mehr der düstere Denker der verflossenen Nacht. Beim Ankleiden sah ich auf die Uhr. Kein Wunder, daß sich noch niemand rührte. Es war erst fünfundzwanzig Minuten nach vier Uhr. Kaum war ich fertig, als Holmes mit der Nachricht zurückkam, daß jetzt angespannt werde. »Ich muß eine meiner Theorien erproben«, sagte er, indem er seine Stiefel anzog. »Watson, meiner Ansicht nach siehst du hier einen der größten Esel in ganz Europa vor dir stehen. Ich verdiene einen Fußtritt, daß ich von hier bis Charing-Croß fliege. Aber den Schlüssel zu dieser Geschichte glaube ich jetzt gefunden zu haben.« »Und wo ist er?« fragte ich lächelnd. »Im Badezimmer«, erwiderte er. »Jawohl, ich scherze nicht«, fuhr er fort, als er mein ungläubiges Gesicht sah. »Soeben war ich dort und habe ihn hier in dieser Ledertasche mitgenommen. Vorwärts, mein Junge, wir wollen sehen, ob er nicht zum Schloß paßt.« So leise als möglich schlichen wir die Treppe hinab und traten hinaus in die klare Morgensonne. Auf der Straße stand unser Gefährt mit dem halbangekleideten Stallknecht, der den Gaul hielt. Rasch stiegen wir ein, und fort ging's auf der Londoner Straße. Vereinzelte Bauernwagen, die Gemüse nach der Weltstadt brachten, machten zwar einigen Lärm, aber die zahlreichen Landhäuser zu beiden Seiten des Weges lagen still und leblos da, wie eine in Traum versunkene Stadt. »Dieser Fall ist doch in mancher Beziehung recht merkwürdig«, sagte Holmes und trieb sein Pferd zum Galopp an. »Blind wie ein Maulwurf bin ich gewesen, das muß ich gestehen, doch ist es immer noch besser, man wird erst spät klug, als gar nicht.« In der Stadt sahen eben die ersten Frühaufsteher mit verschlafenen Augen zum Fenster heraus, als wir durch die Straßen des Surreyviertels fuhren. Durch die Waterloo-Brückenstraße hinab kamen wir über den Fluß, wandten uns dann zur Rechten und gelangten in die Bowstraße. Sherlock Holmes war auf der Polizei wohlbekannt, und die beiden Schutzleute vor der Tür begrüßten ihn. Einer hielt das Pferd, während der andere uns hineinführte. »Wer hat Dienst?« fragte Holmes. »Wachtmeister Bradstreet.« »Ei, guten Tag, Bradstreet, wie geht's?« Ein großer, stattlicher Beamter kam in Dienstmütze und Uniform den mit Steinfliesen belegten Gang herab. »Könnte ich ein paar Worte mit Ihnen sprechen, Bradstreet?« »Gewiß, Herr Holmes. Treten Sie nur hier in mein Zimmer ein.« Es war ein kleiner büromäßig ausgestatteter Raum, ein riesiges Hauptbuch lag auf dem Tisch, und ein Telephon ragte aus der Wand hervor. Der Wachtmeister setzte sich an sein Pult. »Womit kann ich dienen, Herr Holmes?« »Ich komme wegen jenes Bettlers, des Boone, wissen Sie, des Menschen, der im Verdacht steht, bei dem Verschwinden des Herrn Neville St. Clair aus Lee beteiligt zu sein.« »Ja, der wurde eingebracht und soll noch weiter verhört werden.« »Das ist mir gesagt worden. Haben Sie ihn hier?« »Ja, in einer Zelle.« »Ist er ruhig?« »Ja, der macht wenig Mühe, aber ein schmutziger Kerl ist er.« »Schmutzig?« »Freilich, und kaum können wir ihn dazu bringen, daß er sich die Hände wäscht, ein Gesicht hat er, so schwarz wie ein Kesselflicker. Nun, sobald einmal das Verfahren im Gang ist, bekommt er sein regelrechtes Gefängnisbad, und meiner Treu, wenn Sie ihn sähen, Sie würden mir beistimmen, daß er dessen bedarf.« »Sehr gern möchte ich ihn sehen!« »Wirklich? Das läßt sich leicht machen. Kommen Sie nur mit. Ihre Tasche kann hier bleiben.« »Nein, danke, ich nehme sie lieber mit.« »Auch recht. Hierher, bitte.« Er führte uns einen Gang hinunter, öffnete eine verriegelte Tür, stieg eine Wendeltreppe hinab und brachte uns auf einen weißgetünchten Korridor, an dessen beiden Seiten eine Reihe von Türen war. »Die dritte rechts führt zu ihm«, sagte der Wachtmeister. »Hier, diese ist's«. Sacht zog er einen Schieber im oberen Teil der Tür zurück und blickte durch die Öffnung. »Er schläft«, sagte er. »Jetzt können Sie ihn bequem sehen.« Wir näherten uns beide und sahen durch das Gitter. Der Gefangene hatte das Gesicht uns zugewandt und lag in tiefem Schlafe da, langsam und schwer atmend. Er war ein mittelgroßer Mann, derb gekleidet, wie es für seinen Beruf paßte, und durch die Risse seines zerlumpten Rockes kam sein buntes Hemd zum Vorschein. Der Wachtmeister hatte recht gehabt, wenn er den Gefangenen außerordentlich schmutzig nannte, aber die dicke Schmutzkruste, die sein Gesicht bedeckte, war nicht imstande, seine abschreckende Häßlichkeit zu verhüllen. Eine alte Schramme lief in einem breiten Striemen vom Auge bis zum Kinn und hatte bei der Vernarbung die Oberlippe derart hinaufgezogen, daß drei Zähne unbedeckt blieben, was aussah, wie ein beständiges Grinsen. Ein dichter Busch gelbroten Haares fiel ihm tief über Augen und Stirne. »Ist er nicht der reinste Adonis?« spottete der Wachtmeister. »Jedenfalls ist er des Waschens bedürftig«, bemerkte Holmes, »und da ich dies vermutete, erlaubte ich mir, das hiezu Notwendige mitzubringen.« Damit öffnete er seine Ledertasche und zog zu meinem Staunen einen sehr großen Badeschwamm hervor. »Ha, ha!« lachte der Wachtmeister, »was für ein drolliger Mensch Sie sind!« »Wenn Sie jetzt die große Güte haben wollten, diese Türe recht vorsichtig zu öffnen, dann soll er uns bald ein anständigeres Gesicht schneiden.« »Nun, schaden kann's nichts«, sagte der Wachtmeister. »Er macht sonst dem Zellengefängnis der Bowstraße wenig Ehre.« Er steckte den Schlüssel in das Schloß, und wir traten alle leise ein. Der Schläfer machte eine kleine Wendung, versank aber sofort wieder in tiefen Schlaf. Holmes ging zum Wasserkrug, tauchte den Schwamm ein und fuhr zweimal über das Gesicht des Gefangenen. »Meine Herren, gestatten Sie mir, Sie dem Herrn Neville St. Clair aus Lee in der Grafschaft Kent vorzustellen«, rief Holmes laut. Noch nie in meinem Leben habe ich solchen Anblick gehabt. Die Maske des Mannes schälte sich unter dem Schwamme ab, wie die Rinde vom Baume. Weg war die häßliche braune Farbe! Weg war die entsetzliche Schramme, und weg die verzerrte Oberlippe, die dem Gesicht den abschreckenden, hämischen Ausdruck gegeben hatte! Ein fester Griff entfernte das wirre, rote Haar, und vor uns saß auf dem Bette ein blasser, trauriger, fein aussehender Herr, mit schwarzem Haar und zarter Haut, der sich die Augen ausrieb und schlaftrunken um sich blickte. Dann wurde er sich plötzlich seiner Lage bewußt und begrub, laut aufschreiend, sein Gesicht in dem Kopfkissen. »Großer Gott!« rief der Wachtmeister aus, »das ist ja wirklich der Vermißte. Ich erkenne ihn der Photographie nach.« Der Gefangene wandte sich mit der Gelassenheit eines Menschen, der sich in sein Geschick ergibt um. »So sei es denn«, sprach er. »Und nun, bitte, sagen Sie mir, wessen beschuldigt man mich?« »Herrn Neville St. Clair auf die Seite geschafft zu haben – doch wahrhaftig, dessen kann man Sie nicht mehr bezichtigen, es wäre denn, daß das Gericht eine Anklage auf versuchten Selbstmord aus dem Falle machen wollte«, sagte der Wachtmeister lachend. »Seit siebenundzwanzig Jahren bin ich jetzt im Dienste, doch so etwas ist mir noch nicht vorgekommen.« »Wenn ich Neville St. Clair bin, so liegt es klar zu Tage, daß ich keinen Mord begangen habe, wohl aber, daß man mich widerrechtlich hier festhält.« »Kein Verbrechen, wohl aber ein großer Irrtum hat hier stattgefunden«, sprach Holmes. »Sie hätten besser daran getan, Ihrer Frau zu vertrauen.« »Nicht um meiner Frau, sondern um meiner Kinder willen ist's geschehen«, stöhnte der Gefangene. »Wahrhaftiger Gott, sie sollten sich nicht ihres Vaters wegen schämen müssen. O Gott, welche Schmach! Was kann ich machen?« Sherlock Holmes setzte sich zu ihm aufs Bett und legte ihm freundlich seine Hand auf die Schulter. »Wenn Sie es dem Gerichtshof überlassen, die Sache zu erledigen«, sagte er »so wird sie natürlich an die Öffentlichkeit kommen. Vermögen Sie dagegen der Polizeibehörde zu beweisen, daß keinerlei Grund zu einer Anklage gegen Sie vorliegt, so weiß ich nicht, wie diese Geschichte ihren Weg in die Presse finden sollte. Wachtmeister Bradstreet wird gewiß bereit sein, alles niederzuschreiben, was Sie uns sagen wollen, und hernach Ihre Aussagen der betreffenden Behörde mitteilen. Auf diese Weise gelangt dann der Fall gar nicht an den Gerichtshof.« »Gott segne Sie!« rief der Gefangene leidenschaftlich aus. »Gefängnis, ja Hinrichtung hätte ich eher ausgehalten, als daß ich mein erbärmliches Geheimnis verraten und Schande über meine Kinder gebracht hätte. Sie sind die ersten, denen ich meine Geschichte erzähle. – Mein Vater war Schullehrer in Chesterfield, wo ich eine ausgezeichnete Erziehung erhielt. In meiner Jugend machte ich Reisen, ging zur Bühne und wurde schließlich Berichterstatter für ein Londoner Abendblatt. Eines Tages wünschte der Leiter unserer Zeitung einige Artikel über das Bettlertum in London, und ich verpflichtete mich, sie ihm zu liefern. Dies war der Ausgangspunkt für alle meine Abenteuer. Nur wenn ich das Bettlerhandwerk selbst versuchte, konnte ich ja das nötige Material für meine Artikel erhalten. Als Schauspieler war ich natürlich in alle Geheimnisse der Verkleidung eingeweiht, ja, ich war seiner Zeit unter meinesgleichen wegen meiner Verstellungskunst berühmt gewesen. Jetzt kam mir meine Geschicklichkeit zu gute. Ich schminkte mir das Gesicht, und um mich so bemitleidenswert als möglich zu machen, malte ich mir eine tüchtige Schramme hin und zog die Oberlippe mit einem schmalen Streifen fleischfarbenen Heftpflasters in die Höhe. Des weiteren noch mit einer roten Perücke und entsprechender Kleidung ausgestattet, stellte ich mich im belebtesten Stadtteil auf, zum Schein als Streichholzhändler, in Wahrheit aber als Bettler. Sieben Stunden lag ich meinem Geschäfte ob, und als ich am Abend heimkehrte, entdeckte ich zu meiner Überraschung, daß ich nicht weniger als sechsundzwanzig Schilling und vier Pence ersammelt hatte. Ich schrieb meine Artikel und dachte wenig über die Sache nach, bis ich bald darauf für einen Freund einen Wechsel von 25 Pfund, den ich unterschrieben hatte, einlösen mußte. Ich war völlig ratlos, wo ich das Geld auftreiben sollte, da kam mir plötzlich ein rettender Gedanke. Mein erstes war, den Gläubiger um vierzehn Tage Verlängerung anzugehen, dann erbat ich mir Urlaub und verbrachte diese Zeit in meiner einstigen Verkleidung als Bettler in der Stadt. In zehn Tagen war das Geld beisammen und meine Schuld bezahlt. Nun können Sie sich denken, wie schwer es mir ankam, mich wieder zu angestrengter Arbeit mit einem wöchentlichen Gehalt von zwei Pfund zu bequemen, da ich doch wußte, daß mir ein bißchen Schminke, Stillesitzen und die Mütze auf die Erde stellen an einem einzigen Tage ebensoviel eintrug. Zwischen meinem Stolz und meiner Geldgier entstand ein langer Kampf, bei dem schließlich die letztere den Sieg davontrug. So hängte ich denn die Zeitungsschreiberei an den Nagel und saß Tag für Tag in der Ecke, die ich mir gleich zu Anfang ausersehen hatte, erregte durch mein jammervolles Aussehen Mitleid und füllte meine Taschen mit Kupfermünzen. Nur ein einziger Mensch wußte um mein Geheimnis. Er war Inhaber einer elenden Kneipe in der Swandamstraße, wo ich einkehrte, um von dort jeden Morgen als schmutziger Bettler hervorzugehen und mich abends wieder zum wohlanständigen Städter umzuwandeln. Dieser Mensch, ein eingewanderter Malaie, wurde von mir für sein Zimmer gut bezahlt, und somit wußte ich, daß mein Geheimnis bei ihm wohl verwahrt blieb. Sehr bald zeigte es sich, daß ich ganz bedeutende Summen einnahm. Ich glaube kaum, daß jeder Straßenbettler in London siebenhundert Pfund im Jahr zusammenbringen kann – und dies ist weniger als meine Durchschnittseinnahme betrug –, aber mir kam der Umstand zu statten, daß ich mich außergewöhnlich gut herrichten konnte und stets eine schlagfertige Gegenrede bereit hatte, eine Fähigkeit, die mit der Zeit zunahm, so daß ich schließlich zu einer stadtbekannten Persönlichkeit wurde. Eine Menge Kupfermünzen, mit Silberstücken gemischt, flossen mir im Laufe des Tages zu, und schlecht war die Einnahme, wenn sie einmal unter zwei Pfund betrug. Mit dem Reichwerden nahm auch der Ehrgeiz zu. Ich bezog ein Landhaus, heiratete sogar, und niemand hatte eine Ahnung von meiner eigentlichen Beschäftigung. Meine gute Frau wußte, daß ich in der Stadt zu tun hatte. Was es aber war, vermutete sie nicht. Letzten Montag hatte ich mein Tagewerk eben beendigt und kleidete mich in meinem Zimmer über der Opiumkneipe um, als ich aus dem Fenster sah und zu meinem Staunen und Entsetzen bemerkte, daß meine Frau auf der Straße stand und mich fest ins Auge gefaßt hatte. Ich stieß einen Schrei der Überraschung aus, erhob die Hände, um mein Gesicht zu verhüllen, und stürzte zu dem Wirt, meinem Vertrauten, um ihn anzuflehen, doch ja niemand einzulassen. Wohl hörte ich ihre Stimme von unten, doch wußte ich, daß sie nicht heraufkommen könne. Schnell warf ich meine Kleider von mir, zog mein Bettlergewand an, schminkte mich und stülpte die Perücke auf. Selbst das Auge der eigenen Frau vermochte diese vollständige Verwandlung nicht zu durchschauen. Aber dann fiel mir ein, daß das Zimmer durchsucht werden und die Kleider mich verraten könnten. Eilig riß ich das Fenster auf, und bei dieser heftigen Bewegung öffnete sich eine kleine Wunde wieder, die ich mir an jenem Morgen in meinem Schlafzimmer zugezogen hatte. Dann ergriff ich meinen Rock, beschwerte ihn mit den Kupfermünzen, die ich aus der Ledertasche nahm, in der ich mein Erworbenes wegzutragen pflegte, und schleuderte ihn zum Fenster hinaus, wo er in der Themse verschwand. Die anderen Kleidungsstücke sollten folgen, aber im selben Augenblick hörte ich von der Treppe her das Nahen von Schutzleuten, und wenige Minuten nachher wurde ich zu meiner großen Erleichterung, ich muß es bekennen, anstatt als Neville St. Clair erkannt zu werden, als dessen Mörder festgenommen. Es wird wohl kaum weiterer Aufklärungen bedürfen. Ich war fest entschlossen, meine Maske so lange als möglich beizubehalten, und daher also kam meine Vorliebe für das schmutzige Gesicht. Da ich wohl wußte, daß meine Frau entsetzlich in Angst sein würde, zog ich meinen Ring ab und vertraute ihn dem Malaien in einem Augenblick an, als mich gerade kein Polizeimann beobachtete, zugleich mit einem eiligst beschriebenen Fetzen Papier an meine Frau, der ihr sagen sollte, daß kein Grund zur Sorge vorliege.« »Dieser Zettel erreichte sie erst gestern«, sagte Holmes. »Großer Gott! Welche angstvolle Woche muß sie verbracht haben!« »Die Polizei hat den Wirt bewacht«, erklärte der Wachtmeister, »und ich kann mir wohl denken, daß es ihm schwer genug geworden ist, den Brief unbeobachtet zur Post zu bringen. Wahrscheinlich hat er ihn irgend einem Matrosen seiner Kundschaft übergeben, der ihn wohl ein paar Tage lang vergessen haben mag.« »Ja, ja, sagte Holmes mit zustimmendem Kopfnicken, »ohne Zweifel war es so. Doch, sind Sie nie wegen Bettelns belangt worden?« »Freilich, oftmals; aber was kümmerte mich eine Geldstrafe?« »Doch hiemit muß es nun ein für allemal vorbei sein«, sagte Bradstreet. »Soll die Polizei diese Geschichte tot schweigen, so darf es keinen Hugo Boone mehr geben.« »Das habe ich mir selbst bei dem heiligsten Eide, den ein Mann leisten kann, zugeschworen.« »In diesem Falle halte ich es für wahrscheinlich, daß keinerlei weitere Schritte geschehen werden. Doch sollten Sie je wieder beim Betteln betroffen werden, dann muß alles an den Tag kommen. Ihnen, Herr Holmes, sind wir für Aufklärung der Sache zu großem Dank verpflichtet. Es würde mich interessieren zu erfahren, wie und auf welchem Wege Sie zu Ihren merkwürdigen Schlußfolgerungen gelangten.« »Zu den vorliegenden bin ich dadurch gelangt, daß ich mich auf fünf Kissen setzte und eine gute Portion Tabak verrauchte. – Wir wollen jetzt nach der Bakerstraße fahren, Watson, ich denke, wir kommen gerade noch recht zum Frühstück.«   Eine Uhr sandte elf tiefe Schläge in die Nacht, als Doktor Watson mit seiner Erzählung fertig war. Und ein kleiner Vogel draußen in den Büschen schrie im Schlaf. Ein leichter Wind strich durch die Bäume. Doktor Hull trat unter die geöffnete Türe zum Garten und tat ein paar tiefe Atemzüge. »Manchmal liest man solch eine kleine Notiz in der Zeitung von einem reichgewordenen Bettler«, bemerkte er. »Aber meist glaubt man es nicht oder hält es wenigstens für eine übertriebene Sache. Man erfährt eben nur die fertige Tatsache – Ihre Erzählung aber, lieber Doktor, hat uns einen dieser merkwürdigen Fälle in seiner ganzen Entwicklung aufgezeigt.« »Was mich so besonders angesprochen hat«, erklärte Frau Watson, »ist, daß Herr Holmes einen Menschen nie seine Fehler und Irrtümer büßen läßt, daß er anerkennt, daß die Strafe ja im Tun selbst lag. Er weckt vielmehr das Gewissen und Verantwortungsgefühl eines Menschen und gibt ihm – wenn er überzeugt ist, daß der Mensch auch die Kraft zur Durchführung haben wird – stets die Möglichkeit zum Wiedergutmachen oder zu einem neuen Leben. Es geht Sherlock Holmes nie um sich, nicht um äußere Ehre, in der befriedigenden Lösung eines Falles findet er seinen Lohn.« »Darüber will ich Ihnen zum Schluß noch ein kleines Beispiel geben«, sagte Doktor Watson. »Es ist die Geschichte des blauen Karfunkels.« Die Geschichte des blauen Karfunkels Am zweiten Tage nach Weihnachten sprach ich vormittags bei meinem Freunde Sherlock Holmes vor, um ihm meine Glückwünsche zum Feste darzubringen. Ich traf ihn in einem purpurroten Schlafrock auf dem Sofa liegend, die lange Pfeife neben sich, ganz begraben unter einem Stoß von Morgenzeitungen. Neben dem Sofa stand ein Holzstuhl, an dessen Lehne ein ruppiger, unappetitlicher steifer Filzhut, an mehreren Stellen eingedrückt und längst nicht mehr gebrauchsfähig, aufgehängt war. Ein Vergrößerungsglas und eine Pinzette auf dem Sitz des Stuhles deuteten an, daß der Hut zum Zweck seiner Untersuchung dort hing. »Du bist beschäftigt«, sagte ich. »Ich störe dich vielleicht?« »Durchaus nicht. Es ist mir im Gegenteil ganz erwünscht, mit einem guten Bekannten über die Ergebnisse meiner Untersuchung sprechen zu können. Der Gegenstand ist ein ganz alltäglicher« – dabei deutete er mit dem Daumen nach dem alten Hut hin –, »aber die weiteren Umstände, die mit demselben im Zusammenhang stehen, sind nicht ganz uninteressant, ja sogar einigermaßen lehrreich.« Ich setzte mich in seinen Armstuhl und wärmte mir die Hände an seinem prasselnden Feuer, denn es war scharfer Frost eingetreten, und die Fenster waren mit einer dicken Eiskruste überzogen. »Vermutlich«, bemerkte ich, »steckt hinter diesem Ding da, so harmlos es aussieht, irgend eine Mordgeschichte und bildet es für dich den Anhaltspunkt zur Entdeckung irgend eines Geheimnisses und zur Bestrafung eines Verbrechens.« »Nein, nein! nichts von Verbrechen«, versetzte Holmes lachend, »nur einer jener absonderlichen kleinen Zwischenfälle, wie sie immer vorkommen, wo sich doch Millionen menschlicher Wesen auf einem Raume von wenigen Quadratmeilen drängen. Bei den wechselseitigen Reibungen eines so dichtgeballten Menschenschwarms darf man sich auf alle möglichen Verkettungen von Umständen gefaßt machen, und bietet sich so manches kleine Rätsel zur Lösung dar, das, ohne verbrecherischer Natur zu sein, des Überraschenden und Sonderbaren genug enthält. Wir haben schon mehr dergleichen erlebt. Nun, ich zweifle nicht, daß auch dieser kleine Fall zu dieser unschuldigen Sorte gehören wird. Du kennst doch Peterson, den Kommissionär?« »Ja.« »Ihm gehört diese Trophäe.« »Es ist sein Hut?« »Doch nicht, er hat ihn gefunden. Der Eigentümer desselben ist unbekannt. Ich bitte dich jetzt, in dem Hut nicht einen alten, ruppigen Filz, sondern vielmehr einen Prüfstein für unsern Scharfsinn sehen zu wollen. Vor allem also höre, wie derselbe hierher kam; er machte seine Aufwartung am Christfestmorgen in Gesellschaft einer guten, fetten Gans, welche ohne allen Zweifel jetzt gerade in Petersens Küche gebraten wird. Die Sache trug sich folgendermaßen zu: Etwa um vier Uhr am Christfestmorgen ging Peterson – wie du weißt, ein höchst anständiger Bursche – von einer kleinen Lustbarkeit nach Hause, wobei ihn sein Weg durch Tottenham Court Road führte. Vor ihm her ging, wie er beim Schein der Laterne bemerkte, mit etwas schwankenden Schritten ein hochgewachsener Mann, der eine weiße Gans auf der Schulter trug. An der Ecke von Goodge Street bekam er Streit mit ein paar Gassenjungen. Einer derselben stieß ihm den Hut herunter, worauf er seinen Stock erhob, um sich zu verteidigen, und dabei schlug er das hinter ihm befindliche Ladenfenster ein. Peterson hatte seinen Schritt beschleunigt, um den Unbekannten gegen seine Angreifer zu beschützen. Dieser ließ jedoch in seinem Schrecken über das zerbrochene Fenster und das eilige Herannahen des beamtenähnlich aussehenden Kommissionärs seine Gans fallen, machte sich auf die Socken und verschwand in dem Gewirr von Gäßchen hinter Tottenham Court Road. Die Straßenjungen hatten sich bei Petersens Erscheinen gleichfalls davon gemacht, so daß er nun Herr des Schlachtfeldes blieb und den zerknüllten Hut, sowie die ganz annehmbare Weihnachtsgans als Siegesbeute betrachten durfte.« »Die er gewiß dem Eigentümer wieder zustellte!« »Mein lieber Junge, da steckt ja eben das Rätsel. Freilich befand sich an dem linken Bein des Tieres eine kleine Karte, auf der die Worte: ›Für Mr. Henry Baker ‹ geschrieben standen, und desgleichen stehen die Anfangsbuchstaben H. B. innen auf dem Futter dieses Hutes, aber da es in London ein paar tausend Baker und ein paar hundert Henry Baker gibt, so ist es keine leichte Sache, einem derselben einen verlorenen Gegenstand wieder zuzustellen.« »Nun was tat Peterson also?« »Er übergab mir beides, Hut und Gans, am Christfestmorgen, da er wohl weiß, daß ich mich auch für den kleinsten rätselhaften Fall interessiere. Die Gans behielt ich bis heute morgen, wo ich bemerkte, daß es trotz des frostigen Wetters geraten sei, sie ohne weiteren Verzug zu verspeisen. Ihr Finder hat sie deshalb mitgenommen, um sie der endgültigen Bestimmung aller Gänse entgegenzuführen, während ich den Hut des unbekannten Herrn, der so um seinen Weihnachtsbraten gekommen ist, noch hier habe.« »Hat dieser keine Anzeige erlassen?« »Nein.« »Wie konntest du dir denn nun einen Anhaltspunkt für seine Identität verschaffen?« »Lediglich auf dem Wege der Schlußfolgerung.« »Aus diesem Hut?« »Ganz gewiß.« »Ach, du machst Scherz; was kannst du denn aus diesem alten, zerknüllten Filz entnehmen?« »Hier ist meine Lupe. Du weißt ja, wie ich es mache. Sieh einmal selbst, was der Hut über die Person seines bisherigen Trägers sagt.« Ich nahm den alten Felbel und drehte ihn recht rat- und hilflos in den Händen herum. Es war ein ganz gewöhnlicher schwarzer Hut, von der althergebrachten runden Form, steif und längst nicht mehr salonfähig. Das Futter war von roter Seide gewesen, hatte jedoch die Farbe verloren. Der Name des Fabrikanten fand sich nicht darin, dagegen waren, wie Holmes bereits bemerkt hatte, die Buchstaben H. B. auf der einen Seite hineingepreßt. Am Bande befand sich ein Knopf für einen Huthalter, die Gummischnur fehlte jedoch; im übrigen war der Hut voller Knicke, äußerst staubig und an mehreren Stellen befleckt; es war jedoch anscheinend der Versuch gemacht worden, die betreffenden Stellen durch Beschmieren mit Tinte zu verdecken. »Ich vermag nichts zu sehen«, sagte ich, indem ich den Hut meinem Freunde zurückgab. »Im Gegenteil, Watson, du kannst alles mögliche sehen. Du versäumst nur, deine Schlüsse aus dem zu ziehen, was du siehst. Du gehst zu schüchtern dabei zu Werke.« »Dann bitte, sprich, was du aus diesem Hute zu entnehmen vermagst.« Er nahm denselben vor sich und betrachtete ihn in der ihm eigenen prüfenden Weise. »Er gibt vielleicht nicht so viel Aufschluß, als er wohl geben könnte«, bemerkte er. »Und doch lassen sich aus dem Hut ein paar Schlüsse mit aller Bestimmtheit, und wieder ein paar andere wenigstens mit einem hohen Grade von Wahrscheinlichkeit ableiten. Daß der Mann ein bedeutendes Denkvermögen besitzt, drängt sich einem auf den ersten Blick auf, ebenso, daß derselbe im Lauf der letzten drei Jahre sich in ziemlich ordentlichen Verhältnissen befand, obwohl jetzt schlimme Tage über ihn gekommen sind. Er hielt vordem auch etwas auf sich, doch ist dies jetzt nicht mehr in demselben Grade der Fall, wie früher; offenbar befindet er sich in einem moralischen Rückgang, der, zusammengenommen mit der Verschlechterung seiner Vermögensumstände, auf irgend einen schlimmen Einfluß, wahrscheinlich Trunksucht, hinweist. Dies mag auch die Schuld an dem offenbaren Umstand tragen, daß seine Frau ihm nicht mehr besonders zugetan ist.« »Mein lieber Holmes!« – »Trotzdem hat er sich noch ein gewisses Maß von Selbstachtung bewahrt«, fuhr dieser fort, ohne meinen Einwurf zu beachten. »Es ist ein Mann, der eine sitzende Lebensweise führt, wenig ausgeht, an starke Bewegung gar nicht mehr gewöhnt ist, in mittlerem Alter steht und gräuliche Haare hat, die er erst in den allerletzten Tagen hat schneiden lassen und die er mit Pomade einfettet. Dies sind die Tatsachen, die sich mit ziemlicher Sicherheit aus seinem Hut entnehmen lassen. Beiläufig bemerkt ist es außerdem im höchsten Grade unwahrscheinlich, daß er Beleuchtung auf seiner Treppe hat.« »Du treibst ganz gewiß Scherz, Holmes.« »Nicht im mindesten. Ist es möglich, daß du jetzt, nachdem ich dir diese Ergebnisse mitgeteilt, noch nicht einmal einsiehst, wie ich dazu gelangt bin?« »Ich bin ohne Zweifel recht dumm, aber ich muß gestehen, ich vermag dir nicht zu folgen. Zum Beispiel, wie kamst du darauf, daß der Mann ein bedeutendes Denkvermögen besessen habe?« Als Antwort stülpte Holmes den Hut auf seinen Kopf. Er fiel ihm ganz über die Stirne herein, so daß er auf der Nasenwurzel aufsaß. »Das ist lediglich eine Raumfrage«, versetzte er, »wer einen so mächtigen Schädel besitzt, hat auch in der Regel was Rechtes darinnen.« »Nun, dann der Rückgang seiner Vermögensverhältnisse?« »Dieser Hut ist drei Jahre alt. Diese flachen, am Rande aufgebogenen Krempen kamen damals auf. Es ist ein Hut allererster Qualität. Sieh nur das Band von gerippter Seide und das ausgezeichnete Futter. Wenn dieser Mann vor drei Jahren imstande war, sich einen so teuren Hut anzuschaffen und seither keinen neuen mehr gehabt hat, so ist er sicherlich in seinen Verhältnissen zurückgekommen.« »Nun, das ist allerdings klar genug. Aber wie steht es damit, daß er früher etwas auf sich gehalten habe und jetzt sich in moralischem Rückgang befinde?« Holmes lachte. »Seine frühere Fürsorglichkeit und Ordnungsliebe sitzen hier«, erwiderte er, indem er seinen Finger auf die kleine Schleife und den Knopf des Huthalters legte. »Im Laden bekommt man nie einen Huthalter mit. Wenn dieser Mann sich also einen solchen anschaffte, so beweist dies einen gewissen Grad von Sorgsamkeit, indem er eine außergewöhnliche Maßregel zum Schutze gegen den Wind traf. Aber da wir weiter sehen, daß er, nachdem das Gummiband abgerissen war, sich nicht die Mühe gab, solches zu erneuern, so ist es ganz klar, daß er jetzt nicht mehr so viel auf sich hält, und dies ist ein sicheres Anzeichen eines allgemeinen Rückgangs. Er hat sich allerdings andererseits bemüht, einige Flecken auf dem Filz mit Tinte zu verdecken, was darauf hinweist, daß er noch nicht alle Selbstachtung verloren hat.« »Dagegen läßt sich freilich nichts einwenden.« »Die weiteren Punkte, nämlich daß er in mittleren Jahren steht, daß er gräuliches, frisch geschnittenes Haar hat und für dieses Pomade gebraucht, ergeben sich sämtlich aus einer genauen Prüfung des unteren Teils des Futters. Unter der Lupe sieht man eine große Anzahl durch die Schere des Barbiers glatt abgeschnittener Haarspitzen, die sämtlich ankleben und deutlich nach Pomade riechen. Dieser Staub ist, wie du bemerken wirst, nicht der sandige Staub der Straße, sondern der weiche braune Hausstaub, der zeigt, daß der Hut die meiste Zeit zu Hause hing, während die Platten auf der Innenseite desselben mit Bestimmtheit beweisen, daß sein Träger gewaltig schwitzen mußte und deshalb kaum ein starkes Gehen gewöhnt sein konnte.« »Aber seine Frau? Du sagtest ja schon, daß sie nicht mehr so gut mit ihm lebe.« »Dieser Hut ist seit Wochen nicht mehr ausgebürstet worden. Sollte ich einmal dir, mein lieber Watson, mit dem Staube einer ganzen Woche auf deinem Hut begegnen und hätte dich deine Frau in einem solchen Zustand ausgehen lassen, so müßte ich wirklich fürchten, es habe dich gleichfalls das Unglück betroffen, die Liebe deiner Frau zu verlieren.« »Aber er konnte doch auch Junggeselle sein.« »Nein, er brachte die Gans als Friedensstifterin seiner Frau nach Hause. Denke nur an die Karte, die sie an dem einen Bein trug.« »Du weißt auf alles Antwort, aber wie in aller Welt willst du aus dem Hut entnehmen, daß er keine Treppenbeleuchtung habe?« »Ein Talgfleck oder auch zwei können zufällig entstehen, aber wenn ich deren nicht weniger als fünf wahrnehme, so ist es kaum zweifelhaft, daß der Mann öfters mit brennendem Talg in Berührung gekommen sein muß – er hielt vermutlich, wenn er nachts die Treppe hinaufging, den Hut in der einen Hand und in der andern ein tropfendes Talgstümpchen. Jedenfalls bekommt er niemals Talgflecken von einer Glühbirne. Bist du nun zufrieden?« »Nun ja, das ist ja allerdings höchst scharfsinnig«, erwiderte ich lachend, »aber da, wie du eben bemerkt hast, kein Verbrechen vorliegt und außer dem Verlust einer Gans auch kein Schaden entstanden ist, so kommt es mir vor, als sei das alles doch eine recht überflüssige Mühe.« Holmes hatte eben die Lippen geöffnet zu einer Erwiderung, als die Tür aufgerissen wurde und Peterson, der Kommissionär, mit hoch geröteten Wangen und allen Zeichen höchster Erregung hereinstürzte. » Die Gans, Mr. Holmes! Die Gans! « stotterte er hervor. »Nun, was ist denn damit los? Ist sie wieder lebendig geworden und zum Küchenfenster hinausgeflogen?« Holmes drehte sich auf dem Sofa herum, um dem Mann besser in sein erregtes Gesicht blicken zu können. »Sehen Sie hier. Das hat meine Frau in ihrem Kropf gefunden.« Dabei streckte er die Hand aus, auf deren innerer Fläche ein prächtig funkelnder blauer Stein sichtbar wurde, etwas kleiner als eine Bohne, aber so klar und strahlend, daß derselbe in der dunklen Höhlung seiner Hand blitzte wie ein elektrischer Funke. Mit einem Ruck richtete sich Holmes auf. »Hui!« rief er, »beim Himmel, Peterson, das heißt ja wahrhaftig einen Schatz finden. Ich denke, Sie wissen doch, was sie da erwischt haben?« »Einen Diamanten. Einen kostbaren Stein. Er schneidet Glas, als ob es Kitt wäre.« »Es ist mehr als ›ein‹ kostbarer Stein. Es ist geradezu der kostbarste Stein.« »Doch nicht der blaue Karfunkel der Gräfin von Morcar?« rief ich dazwischen. »Doch freilich; ich muß ja ganz genau wissen, wie er aussieht, habe ich doch in letzter Zeit Tag für Tag die ihn betreffende Anzeige in der ›Times‹ gelesen. Er ist ganz einzig, und sein Wert läßt sich nur vermuten. Aber die Belohnung von tausend Pfund, die auf seine Beibringung ausgesetzt ist, stellt sicherlich noch nicht den zwanzigsten Teil seines Verkaufswertes dar.« »Tausend Pfund. Großer, gütiger Gott!« Peterson starrte auf einen Stuhl und starrte uns der Reihe nach an. »Diese Belohung ist darauf ausgesetzt, und ich habe Grund anzunehmen, daß dabei Erwägungen zarter Natur im Hintergrunde stehen, denen zuliebe die Gräfin für die Beibringung des Steins gern ihr halbes Vermögen hingeben würde.« »Er kam, wenn ich mich recht erinnere, im Hotel Cosmopolitan abhanden«, bemerkte ich. »Gewiß; am 22. Dezember, genau vor fünf Tagen. Der Klempner John Horner wurde bezichtigt, ihn aus dem Schmuckkästchen der Dame entwendet zu haben. Die Anzeichen gegen ihn waren so schwere, daß der Fall vor die Geschworenen verwiesen wurde. Ich glaube, da kommt irgendwo einen Bericht darüber.« Er suchte unter seinen Zeitungen und fand auch wirklich den betreffenden Artikel. Dieser lautete: » Juwelendiebstahl im Hotel Cosmopolitan. – John Horner, 26 Jahre alt, Klempner, stand unter der Anklage, am 22. dieses aus dem Schmuckkästchen der Gräfin von Morcar den unter dem Namen ›der blaue Karfunkel‹ bekannten kostbaren Stein entwendet zu haben, James Ryder, erster Hausdiener im Hotel bezeugte, er habe den Horner am Tag des Diebstahls nach dem Toilettenzimmer der Gräfin gewiesen, wo derselbe eine Stange des Kaminrostes, die los war, wieder anbringen sollte. Er war kurze Zeit bei Horner geblieben, jedoch schließlich abgerufen worden. Bei seiner Rückkehr fand er Horner nicht mehr vor und entdeckte gleichzeitig, daß der Schreibtisch erbrochen worden war und das kleine Maroquinkästchen, worin, wie sich später herausstellte, die Gräfin ihre Juwelen aufzubewahren pflegte, leer auf dem Tische stand. Ryder schlug augenblicklich Lärm, und Horner wurde noch am selben Abend festgenommen, ohne daß jedoch der Stein bei ihm selbst oder in seiner Behausung gefunden worden wäre. Katharina Cusack, Kammermädchen der Gräfin, welche auf den Schrei, den Ryder bei seiner Entdeckung ausstieß, zu diesem ins Zimmer geeilt war, wußte lediglich Ryders Angaben über den dortigen Befund zu bestätigen. Polizeiinspektor Bradstreet, über die Verhaftung Horners als Zeuge vernommen, erklärte, daß dieser sich dabei wie wütend gewehrt und seine Unschuld hoch und teuer versichert habe. Da gegen denselben eine Vorbestrafung wegen Diebstahls vorlag, so lehnte der Untersuchungsbeamte eine summarische Behandlung der Anklage ab und verwies dieselbe an das Schwurgericht. Horner, der schon während des ganzen Verfahrens hochgradige Erregung gezeigt hatte, wurde bei der Schlußverhandlung ohnmächtig, so daß er aus dem Saale getragen werden mußte.« »Hm! so viel, was die Gerichtsverhandlung betrifft«, fügte Holmes nachdrücklich bei, indem er die Zeitung wegschob. »Unsere Aufgabe ist es jetzt, den Faden aufzufinden, der uns von dem erbrochenen Schmuckkästchen, mit dem die Geschichte begann, bis zum Gänsekropf am Schlusse leitet. Du siehst, Watson, unsere kleinen Erhebungen haben mit einemmal ein weit gewichtigeres und weniger unschuldiges Gesicht bekommen. Der Stein ist hier, der Stein stammt aus der Gans, und die Gans von Mr. Henry Baker, dem Herrn mit dem schlechten Hut und all den besonderen Kennzeichen, mit denen ich dir so viel zu schaffen machte. So müssen wir denn nun allen Ernstes daran gehen, diesen Herrn und die Rolle, die er in dieser geheimnisvollen Geschichte gespielt hat, zu ermitteln. Zu dem Ende müssen wir es zunächst mit dem einfachsten Mittel versuchen, und das wäre zweifellos eine Anzeige in sämtlichen Abendzeitungen. Schlägt dieses fehl, so werde ich zu anderen Mitteln greifen.« »Wie willst du denn die Anzeige abfassen?« »Gib mir einen Bleistift und diesen Streifen Papier. Also: ›Gefunden an der Ecke von Goodge Street eine Gans und ein schwarzer Filzhut. Mr. Henry Baker kann die Gegenstände heute abend um 6½ Uhr in Nr. 221 Baker Street abholen.‹ »Das ist klar und kurz beisammen.« »Allerdings; aber wird er es auch zu Gesicht bekommen?« »Nun, sicherlich wird er die Zeitungen mit Aufmerksamkeit verfolgen, denn für einen armen Mann wie er, ist sein Verlust kein geringer. Offenbar war er durch sein Mißgeschick mit dem Fenster so bestürzt, daß er bei Petersens Erscheinen an nichts als Flucht dachte, aber seither hat er ganz gewiß den raschen Entschluß, seine Gans fallen zu lassen, bitter bereut. Dann wird auch die Nennung seines Namens dazu beitragen, daß es ihm zu Gesicht kommt, denn jeder, der ihn kennt, wird seine Aufmerksamkeit darauf lenken. Da Sie gerade da sind, Petersen, laufen Sie doch mal schnell auf das Zeitungsbüro und lassen Sie das in die Abendblätter einrücken.« »In welche?« »Oh, in den Globe, den Star, die Pall Mall, St. James, Evening News, Standard, Echo und sonst noch in einige, die Ihnen gerade einfallen.« »Ganz gut; und dieser Stein?« »Ach ja, den will ich bei mir behalten. Danke schön. Und dann, Petersen, bringen Sie mir auf dem Rückweg nur gleich eine Gans mit, wir müssen doch dem Eigentümer eine andere geben als Ersatz für die, welche eben bei Ihnen verzehrt wird.« Als Petersen fort war, nahm Holmes den Stein und hielt ihn gegen das Licht. »Ein allerliebstes Ding!« sagte er. »Sieh nur, wie es blitzt und funkelt, der reinste Sammel- und Brennpunkt für Verbrechen. So ist es mit allen echten Steinen. Sie sind des Teufels Lieblingsköder. Bei den größeren älteren Steinen kann man für jede Facette eine Bluttat in Rechnung nehmen. Dieser ist noch keine zwanzig Jahre alt. Er stammt aus den Bänken am Amoy-Flusse im Norden Chinas und zeichnet sich dadurch aus, daß er alle besonderen Merkmale eines Karfunkels hat, ausgenommen, daß er im Dunkeln einen blauen Schein wirft anstatt eines rubinroten. Trotz seiner Jugend hat derselbe schon eine recht traurige Geschichte. Zwei Mordtaten, eine Begießung mit Schwefelsäure, einen Selbstmord und mehrere Diebstähle hat dieses vierzig Gran schwere Stückchen kristallisierten Kohlenstoffs auf dem Gewissen. Wer sollte in diesem niedlichen Schmuckgegenstand den eifrigsten Werber für Galgen und Zuchthaus vermuten? Ich will den Stein jetzt in meiner Sicherheitskassette verschließen und der Gräfin mit einer Zeile sagen, daß wir ihn haben.« »Hältst du diesen Horner für unschuldig?« »Das kann ich nicht sagen.« »Nun, denkst du dann, daß dieser andere, der Henry Baker, hinter dieser Sache steckt?« »Ich halte es für weit wahrscheinlicher, daß Henry Baker ein ganz unschuldiger Mensch ist, der keine Idee davon hat, daß die Gans, die er trug, ein Beträchtliches mehr wert war, als wäre sie von purem Gold gewesen. Das werde ich übrigens auf ganz einfache Weise feststellen, wenn wir erst eine Antwort auf unsere Anzeige haben.« »Und bis dahin kannst du nichts tun?« »Nichts.« »Nun, dann werde ich meinen gewohnten Rundgang bei meinen Patienten machen und heute abend zu der angegebenen Stunde wieder hier sein, denn ich möchte doch gern sehen, wie dieser verwickelte Knoten sich auflöst.« »Wird mir sehr angenehm sein, auf Wiedersehen also. Um sieben Uhr ist das Abendessen fertig, ich glaube es gibt Rebhühner. Eigentlich sollte ich, angesichts unserer neuesten Erlebnisse, der Köchin gleich den Auftrag geben, daß sie ihnen die Kröpfe vorher untersucht.« Ich hatte mich ein wenig verspätet, und es war etwas nach halb sieben Uhr, als ich mich wieder in der Bakerstraße einfand. Indem ich auf das Haus zuschritt, sah ich vor demselben einen großen Mann mit einer karierten Mütze auf dem Kopfe und einem bis unters Kinn zugeknöpften Rock innerhalb des halbkreisförmigen Scheins der Laterne stehen und warten. Jetzt wurde eben die Tür geöffnet, und wir traten beide gleichzeitig in Holmes' Zimmer ein. »Mr. Henry Baker vermutlich«, begann dieser, indem er sich aus seinem Lehnstuhl erhob und seinen Besucher mit der herzlichsten Freundlichkeit begrüßte, die er so leicht anzunehmen verstand. »Bitte, setzen Sie sich hier auf diesen Stuhl beim Feuer, Mr. Baker. Es ist eine kalte Nacht heute, und es scheint mir, der Sommer ist Ihnen zuträglicher als der Winter. Ha, Watson, du bist gerade zur rechten Zeit gekommen. Ist dies Ihr Hut, Mr. Baker?« »Jawohl. Das ist unzweifelhaft mein Hut.« Baker war ein großer breitschultriger Mann mit einem starken Kopf und einem offenen, gescheiten Gesicht, das in einen spitzen, mit etwas Grau gemischten Bart endigte. Ein rötlicher Schein auf Nase und Wangen zusammen mit einem leichten Zittern seiner ausgestreckten Hand gemahnte an die Vermutung, die Holmes bezüglich seiner Gewohnheiten geäußert hatte. Sein fettiger, schwarzer Rock war bis oben zugeknöpft, der Kragen heraufgeschlagen, und seine langen Handgelenke standen weit aus den Ärmeln hervor, ohne daß eine Spur einer Manschette oder eines Hemdes zu bemerken gewesen wäre. Er sprach langsam und abgebrochen, wobei er seine Worte sorgfältig wählte, und machte in allem den Eindruck eines gebildeten, durch die Ungunst des Schicksals heruntergekommenen Mannes. »Wir haben diese Sachen ein paar Tage lang behalten«, erklärte Holmes, »weil wir dachten, wir würden durch eine Anzeige von Ihrer Seite Ihre Adresse erfahren. Ich verstehe nicht, warum Sie keine Anzeige erließen.« Unser Besuch ließ ein ziemlich verlegen klingendes Lachen hören. »Mit meiner Kasse ist es in letzter Zeit nicht mehr so flott bestellt, wie wohl sonst«, versetzte er. »Ich war fest überzeugt, daß die Strolche Hut und Gans mit fortgenommen haben, und wollte für einen hoffnungslosen Versuch ihrer Wiederbeischaffung nicht noch mehr Geld ausgeben.« »Ganz natürlich. A propos, was die Gans betrifft, so haben wir sie aufessen müssen.« »Aufessen?« Dabei stand er vor Erregung halb vom Stuhl auf. »Ja, wissen Sie, wenn wir es nicht getan hätten, so hätte niemand etwas davon gehabt. Aber ich denke, die andere Gans, die dort auf dem Nebentisch liegt, und die nahezu ebenso schwer und vollkommen frisch ist, wird Ihnen ganz denselben Dienst tun.« »O freilich, freilich!« erwiderte Mr. Baker mit einem Seufzer der Erleichterung. »Natürlich haben wir noch Federn, Beine, Kopf und so fort von Ihrer eigenen Gans, und wenn Sie wünschen –« Der Mann brach in ein herzliches Lachen aus. »Die könnte ich allenfalls als Reliquien meines Abenteuers aufheben«, meinte er, »aber sonst wüßte ich nicht, was ich mit den Überbleibseln meiner alten Bekannten eigentlich anfangen sollte. Nein, mit Ihrer Erlaubnis gedenke ich meine Aufmerksamkeit ausschließlich dem vortrefflichen Exemplar zuzuwenden, das ich hier auf dem Nebentisch liegen sehe.« Holmes warf mir einen scharfen Blick zu und zuckte dabei kaum merklich mit den Schultern. »Nun, hier ist also Ihr Hut und hier die Gans«, sagte er; »beiläufig bemerkt, möchten Sie mir vielleicht sagen, woher Sie die andere Gans hatten? Ich bin nämlich ein wenig Geflügelnarr, und ein schöneres Tier ist mir selten vorgekommen.« »Sehr gerne«, erwiderte Baker, der indessen aufgestanden war und seinen neu errungenen Besitz unter den Arm genommen hatte. »Ich bin mit ein paar meiner Bekannten Stammgast in der Wirtschaft zum Alpha, beim Museum. Dieses Jahr nun hat unser wackerer Wirt, Windigate mit Namen, die Einrichtung getroffen, daß jeder von uns gegen eine wöchentliche Einzahlung von ein paar Pence auf Weihnachten eine Gans erhielt. Ich entrichtete meinen Beitrag pünktlich, und das übrige wissen Sie ja. Ich bin Ihnen sehr verpflichtet, denn eine karierte Mütze paßt für meine Jahre ebensowenig wie für mein gesetztes Wesen.« Mit komischer Grandezza stülpte er seinen zerknüllten Felbel auf, machte jedem von uns eine feierliche Verbeugung und ging dann seines Weges. »Das wäre also Mr. Henry Baker«, sagte Holmes, als er die Tür hinter demselben geschlossen hatte. »Es ist ganz sicher, daß er nicht das geringste von der Geschichte ahnt. Bist du hungrig, Watson?« »Nicht besonders.« »Dann schlage ich dir vor, wir nehmen unsere Mahlzeit erst später ein und verfolgen diese Spur, solange sie noch frisch ist.« »Ganz einverstanden.« Es war eine bitter kalte Nacht, und wir hüllten uns deshalb warm in Überröcke und Schals ein. Draußen blinkten die Sterne frostig am wolkenlosen Himmel, und die Vorübergehenden bliesen den Atem in dichten Dampfwolken vor sich. Scharf und laut klangen unsere Tritte, während wir unserem Ziele zustrebten. Nach einer Viertelstunde hatten wir Alpha-Inn, eine kleine Wirtschaft in einem Eckhause in Bloomsbery, erreicht. Wir begaben uns ins Herrenstübchen, wo Holmes bei dem rotbackigen Wirt mit weißer Schürze zwei Glas Bier bestellte. »Wenn Ihr Bier so gut ist wie Ihre Gänse, dann muß es ausgezeichnet sein«, sagte er. »Meine Gänse?« – Der Mann schien überrascht. »Ja. Es ist noch keine halbe Stunde her, daß ich mit Mr. Henry Baker gesprochen habe, der zu Ihrem Gänseklub gehört.« »Ach ja, jetzt verstehe ich. Aber sehen Sie, die Gänse waren nicht von mir.« »Wirklich? Von wem denn?« »Nun, ich habe die zwei Dutzend von einem Händler in Covent Garden bezogen?« »So? Ich kenne ein paar von ihnen; welcher war es?« »Breckinridge heißt er.« »Ah, den kenne ich nicht. Nun, auf Ihr Wohl, Wirt, und auf das Gedeihen Ihres Hauses! Gute Nacht!« »Jetzt zu Mr. Breckinridge«, fuhr er fort, indem er beim Hinaustreten in die kalte Luft seinen Rock zuknöpfte. »Vergiß nicht, Watson, daß unser Faden uns von einer höchst harmlosen Gans aus zu einem Manne führt, dem sieben Jahre Zwangsarbeit sicher sind, wofern wir nicht seine Unschuld nachweisen können. Möglich, daß unsere Nachforschung lediglich seine Schuld zu bestätigen vermag, aber in jedem Falle sind wir im Besitze einer Spur, welche der Polizei entgangen ist und die uns ein eigentümlicher Zufall in die Hand gespielt hat. Wir wollen den Faden verfolgen bis zum bittern Ende. Auf gen Süden also und frisch voran!« Als wir nach längerer Kreuz- und Querwanderung den Covent Garten-Markt erreicht hatten, lasen wir an einem der größten Geschäfte den Namen Breckinridge. Der Eigentümer, ein vierschrötig aussehender Mann mit scharfen Zügen und wohlgepflegtem Kotelettenbart, war gerade daran, mit Hilfe eines jungen Burschen die Läden zu schließen. »Guten Abend. Eine kalte Nacht heute!« sagte Holmes. Der Händler nickte und warf einen fragenden Blick auf meinen Begleiter. »Alle Ihre Gänse ausverkauft, soviel ich sehe«, fuhr Holmes fort, indem er auf die leeren Marmortische deutete. »Können morgen früh 500 Stück haben.« »Das hilft mir nichts.« »Nun, dort gibt's ja noch welche, in dem Laden mit der Gaslaterne.« »Ganz recht, aber ich bin an Sie empfohlen.« »Von wem?« »Vom Wirt zum Alpha.« »Ah ja, dem habe ich ein paar Dutzend geschickt.« »Es waren sehr schöne Tiere. Ei, wo hatten Sie die her?« Zu meiner Überraschung rief diese Frage bei dem Händler einen Zornesausbruch hervor. »Nun Herr«, sagte er, indem er den Kopf zurückwarf und die Arme in die Seite stemmte, »wo wollen Sie eigentlich hinaus? Sprechen Sie sich deutlich aus, ohne Umschweife.« »Das ist doch deutlich genug. Ich möchte gerne wissen, wer Ihnen die Gänse verkauft hat, die Sie an das ›Alpha‹ geliefert haben?« »Nun, und ich sage es Ihnen nicht. Jetzt wissen Sie's!« »Oh, es liegt nicht so viel daran, aber ich begreife gar nicht, warum Sie über eine solche Bagatelle so hitzig werden.« »Hitzig? Sie würden wohl auch hitzig werden, wenn man Sie so kujonierte, wie mich. Wenn ich gutes Geld für gute Ware gezahlt habe, so sollte das Geschäft abgemacht sein; aber nein, da geht's los: ›wo sind die Gänse‹, ›an wen haben Sie die Gänse verkauft‹, ›was wollen Sie für die Gänse‹. Man könnte gerade glauben, es gäbe sonst keine Gänse auf der Welt, wenn man den Randal hört, den man darüber anschlägt.« »Nun, wenn sonst noch Leute sich nach den Gänsen erkundigt haben, so habe ich mit denen nichts zu tun«, versetzte Holmes leichthin. »Wenn Sie's uns nicht sagen wollen, so ist's eben einfach nichts mit der Wette; aber wenn sich's um Geflügel handelt, bin ich jederzeit bereit, für das, was ich behaupte, auch etwas daran zu setzen; so habe ich fünf Schilling gewettet, daß die Gans, die ich an Weihnachten verzehrt habe, vom Lande stammte.« »Nun, dann haben Sie Ihre fünf Schilling verloren, denn es war Stadtware«, fuhr der Händler dazwischen. »Ach, – niemals.« »Ich sag' aber, es ist so.« »Und ich glaub's nicht.« »Wollen Sie mehr vom Geflügel verstehen als ich, der ich immer damit zu tun gehabt habe, seit ich krabbeln kann? Ich sage Ihnen, alle diese Gänse, die nach dem ›Alpha‹ gekommen sind, waren Stadtware.« »Ich glaube es in meinem Leben nicht.« »Wollen wir wetten?« »Ich nehme Ihnen lediglich Ihr Geld ab, denn ich weiß, daß ich recht habe. Aber ich setze einen Sovereign dran, nur um Ihnen zu zeigen, daß ich nicht eigensinnig bin.« Der Händler lachte grimmig auf. »Bring mir die Bücher, Bill!« rief er. Der kleine Junge brachte ein kleines, dünnes Buch und ein großes mit fettigem Rücken herbei und legte beide aufgeschlagen unter die Hängelampe. »Nun also, Sie eigensinniger Kauz«, sagte der Händler, »ich meinte, ich habe heut' nichts mehr mit Gänsen zu tun, aber Sie sollen gleich sehen, daß doch noch eine hier im Laden ist. – Sie sehen das kleine Buch?« »Nun?« »Das enthält die Liste der Leute, von denen ich kaufe. Sehen Sie? Nun, also auf dieser Seite stehen die Leute vom Land, und die Nummern hinter ihren Namen zeigen an, wo in dem großen Buch ihre Konten stehen. Nun, und dann sehen Sie diese andere Seite in roter Tinte? Das ist die Liste meiner Stadtlieferanten. Jetzt suchen Sie den dritten Namen. Lesen Sie ihn mir einmal vor.« »Mrs. Oakshott, 117 Brixton Road, 249« las Holmes. »So ist's. Nun schlagen Sie das im Kontobuch nach.« Holmes schlug die angegebene Seite auf. »Hier haben Sie's wieder: Mrs. Oakshott, 117 Brixton Road. Eier- und Geflügel-Lieferantin. Nun also, was ist der letzte Eintrag?« »22. Dez. 24 Gänse zu 7 sh und 6 d.« »So ist's. Da haben Sie's. Und drunter?« »Verkauft an Herrn Widigate vom Alpha zu 12 Schilling.« »Na, was haben Sie jetzt noch zu sagen?« Holmes sah ganz niedergeschlagen aus, er zog einen Sovereign aus der Tasche, warf ihn auf den Tisch und ging hinaus mit einer Miene, als sei er zu tief entrüstet, um noch Worte zu finden. In einiger Entfernung blieb er unter einer Laterne stehen und brach in das ihm eigentümliche, herzliche und doch geräuschlose Lachen aus. »Wenn du einen Burschen dieses Schlages vor dir hast, so kannst du ihn stets mit einer Wette dran kriegen«, sagte er; »ich behaupte fest, wenn ich hundert Pfund vor den Mann hingelegt hätte, er würde mir nie diese vollständige Auskunft gegeben haben, die ich jetzt von ihm erhielt durch die Aussicht, mir eine Wette abzugewinnen. Nun, Watson, ich glaube, wir nähern uns dem Ende unserer Forschungsreise, und es fragt sich jetzt nur noch, ob wir diese Mrs. Oakshott heute abend noch aufsuchen, oder ob wir dies für morgen aufsparen wollen. Aus dem, was der grobe Geselle sagte, geht klar hervor, daß auch noch andere Leute außer uns sich mit der Angelegenheit beschäftigt haben, und ich würde –« Seine Bemerkungen wurden plötzlich durch ein lautes Geschrei unterbrochen, das von dem Laden, den wir soeben verlassen hatten, her klang. Wir kehrten um und sahen einen kleinen Burschen mit fahlem Gesicht mitten im hellen Schein der über der Ladentür hängenden Laterne stehen und sich vor dem Händler ducken, während dieser unter der Ladentür grimmig die Fäuste gegen ihn schüttelte. »Jetzt habe ich's satt mit euch und euren Gänsen!« schrie er dabei. »Ich wollte, Ihr wäret beim Teufel alle miteinander. Wenn du noch einmal kommst und mich mit deinem dummen Geschwätz kujonierst, so hetz' ich den Hund auf dich! Mrs. Oakshott soll selber kommen, dann will ich ihr schon Rede und Antwort geben, aber was geht's denn dich an?« »Nun, eine davon gehörte doch mir«, wimmerte der kleine Mann. »Dann frage doch Mrs. Oakshott darnach!« »Die hat mich ja an Sie gewiesen.« »Nun, so frag' wen du willst, ich schere mich nichts drum. Ich hab' es dick! Hinaus da!« Er machte eine drohende Bewegung vorwärts, und der Frager verschwand in der Finsternis. »Ho, das erspart uns möglicherweise den Besuch in Brixton Road«, flüsterte Holmes, »komm mit mir, wir wollen sehen, was mit dem Burschen zu machen ist.« Rasch hatte sich mein Begleiter zwischen den Gruppen, die vor den beleuchteten Ladenfenstern standen, durchgewunden, den kleinen Mann eingeholt und klopfte ihm nun auf die Schulter. Blitzschnell fuhr derselbe herum, und im Scheine der Laterne sah ich, daß jede Spur von Farbe aus seinem Gesicht gewichen war. »Nun, wer sind sie? Was wollen Sie?« fragte er mit unsicherer Stimme. »Entschuldigen Sie«, erwiderte Holmes freundlich, »aber ich konnte nicht umhin, bei Ihrem Gespräch mit dem Händler soeben zuzuhören; ich glaube, ich könnte Ihnen behilflich sein.« »Sie? Wer sind Sie? Wie können Sie etwas über die Sache wissen?« »Mein Name ist Sherlock Holmes. Es gehört zu meinem Geschäft, Dinge zu wissen, die andere Leute nicht wissen.« »Aber davon können Sie doch nichts wissen.« »Bitte um Entschuldigung, ich weiß alles. Sie möchten gerne ein paar Gänse ausfindig machen, die von Mrs. Oakshott in Brixton Road an den Händler Namens Breckinridge, von ihm wiederum an den Wirt Windigate zum Alpha, und von diesem an seine Stammgäste, zu denen ein Mr. Henry Baker gehört, verkauft worden sind.« »Oh, Herr, Sie kommen mir wie gerufen«, rief der kleine Bursche mit ausgestreckten Händen und zitternden Fingern. »Sie glauben gar nicht, wieviel mir an der Sache liegt.« Holmes rief einen vorüberfahrenden Mietswagen heran. »In diesem Fall wird es besser sein, wir sprechen darüber im gemütlichen Zimmer, als auf diesem windigen Marktplatz«, meinte er. »Aber, bitte, sagen Sie mir zuvor, wem ich das Vergnügen habe, meinen Beistand zu leihen.« Der Bursche zögerte einen Augenblick. »Ich heiße John Robertson«, antwortete er dann, indem er dabei auf die Seite blickte. »Nein, nein, den richtigen Namen«, sagte Holmes freundlich. »Mit zweierlei Namen macht man nie gute Geschäfte.« Eine plötzliche Röte übergoß die weißen Wangen des Burschen. »Nun denn«, sagte er, »mein richtiger Name ist James Ryder.« »So ist es: erster Hausdiener im Hotel Cosmopolitan. Bitte, steigen Sie nur ein, und ich werde Ihnen jede Auskunft geben können, die Sie wünschen.« Der kleine Mann blieb stehen und schaute einen um den andern von uns mit halb ängstlichem, halb hoffnungsvollem Blicke an, als wisse er nicht recht, gehe er einem unerwarteten Glücksfall oder einer Katastrophe entgegen. Dann stieg er in den Wagen ein, und knapp zehn Minuten darauf befanden wir uns in der Wohnung meines Freundes. Kein Wort war während der Fahrt gewechselt worden, nur die scharfen, kurzen Atemzüge unseres Begleiters und ein nervöses Auf- und Zuklappen seiner Hände gaben Kunde von der Erregung seines Innern. »Da wären wir«, sagte Holmes heiter, während wir in das Zimmer traten. »Das Feuer mutet einen recht angenehm an bei diesem Wetter. Sie sehen erfroren aus, Mr. Ryder; bitte, setzen Sie sich in den Armstuhl. Ich will nur meine Pantoffeln anziehen, ehe wir diese kleine Sache abmachen; nun also, Sie möchten gerne wissen, was aus den Gänsen geworden ist?« »Jawohl Herr.« »Oder besser gesagt aus der Gans, es war doch wohl eine Gans, an der Ihnen gelegen war – weiß, mit schwarzem Streifen auf dem Schwanz.« Ryder zitterte vor Erregung. »Ach, Herr«, rief er, »können Sie mir sagen, wo die hinkam?« »Kam hierher.« »Hierher?« »Jawohl. Und sie entpuppte sich als ein höchst merkwürdiger Vogel. Es wundert mich gar nicht, daß Sie Interesse für denselben zeigen. Er hat nach seinem Tod ein blaues Ei gelegt, das niedlichste, prächtigste kleine Ei, das je zu sehen war. Ich habe es hier in meiner Sammlung.« Unser Gast richtete sich unsicher auf und klammerte sich mit der rechten Hand am Kaminrand an. Holmes schloß seine Kassette auf und hielt den blauen Karfunkel empor, der wie ein Stern in kaltem, glänzendem, blitzendem Feuer strahlte. Ryder stand mit langem Gesicht da, unschlüssig, ob er den Stein als sein Eigentum ansprechen oder verleugnen sollte. »Das Spiel ist aus, Ryder«, sagte Holmes ruhig. »Jetzt nicht gefackelt, Mann – oder Sie kommen in des Teufels Küche. Hilf ihm wieder in seinen Stuhl, Watson, er hat nicht Nerv genug zum Spitzbuben. Gib ihm einen Schluck Cognac. So! Nun sieht er ein wenig menschlicher aus. Wahrhaftig, ein rechter Held!« Einen Augenblick hatte Ryder gewankt und wäre fast gefallen, aber der Branntwein brachte wieder eine Spur von Farbe in seine Wangen, und angstvoll heftete er nun von seinem Stuhle aus die Blicke auf seinen Ankläger. »Ich habe so ziemlich alle Trümpfe in der Hand und bin im Besitz aller Beweise, die ich etwa brauchen könnte; so können Sie mir eigentlich nur wenig sagen. Und auch dieses wenige läßt sich auf anderem Wege aufklären, so daß der Zusammenhang vollständig ist. Sie haben doch von diesem blauen Stein der Gräfin Morcar gehört, Ryder?« »Ja, die Katharine Cusack erzählte mir davon«, erwiderte er mit heiserer Stimme. »Ach freilich, die Kammerzofe der Dame. Nun, die Versuchung, sich auf so leichte Weise mit einemmale zum reichen Mann zu machen, war zu groß für Sie, wie schon oft für bessere Leute als Sie; aber in der Wahl der Mittel waren Sie nicht sehr bedenklich. Ich meine, Ryder, das war ein rechter Schurkenstreich von Ihnen. Sie wußten, daß dieser Klempner Horner früher schon einmal in einen ähnlichen Fall verwickelt war, und daß er deshalb um so leichter in Verdacht geraten würde. Was taten Sie also? Sie richteten es mit Ihrer Genossin, der Cusack, so ein, daß im Zimmer der Gräfin ein kleine Reparatur zu besorgen war, und daß Horner zu diesem Zweck geholt wurde. Nach seinem Abgang plünderten Sie dann den Schmuckkasten aus, schlugen Lärm und ließen den Unglücklichen festnehmen. Darauf –« Hier warf sich Ryder plötzlich zu Boden und umfaßte die Kniee meines Freundes. »Um Gottes willen, haben Sie Erbarmen«, rief er, »denken Sie an meinen Vater, an meine Mutter! Es würde ihnen das Herz brechen! Ich habe noch nie etwas Schlechtes begangen und will es auch nie wieder tun, ich schwöre es. Ich beschwöre es bei allem, was heilig ist. Oh, bringen Sie mich nur nicht vor Gericht, um Christi willen nicht!« »Setzen Sie sich wieder in Ihren Stuhl«, erwiderte Holmes streng. »Es ist keine Kunst, sich jetzt zu winden und zu krümmen, aber den armen Horner unter ungerechtem Verdacht in Haft zu bringen, das machte Ihnen wenig Kopfzerbrechen.« »Ich will fliehen, Mr. Holmes, ich will außer Landes gehen, dann wird man die Untersuchung gegen ihn einstellen.« »Hm. Darüber reden wir noch. Und jetzt erzählen Sie uns wahrheitsgemäß, wie es weiter ging. Wie kam der Stein in die Gans, und wie kam die Gans auf den Markt? Sagen Sie uns die Wahrheit. Darin liegt für Sie die einzige Hoffnung auf Rettung!« Ryder fuhr sich mit der Zunge über seine trockenen Lippen. »Ich will es Ihnen erzählen, ganz wie es gegangen ist«, begann er dann. »Als Horner festgenommen war, dachte ich, es werde das beste für mich sein, mich mit dem Stein ohne Verzug aus dem Staub zu machen, es konnte ja der Polizei jeden Augenblick einfallen, mich und mein Zimmer zu durchsuchen. Im ganzen Bereich des Hotels gab es kein sicheres Versteck dafür. Ich ging deshalb aus, als hätte ich etwas zu besorgen, und suchte meine Schwester auf. Sie ist an einen namens Oakshott verheiratet und wohnt in Brixton Road, wo sie Geflügel zum Verkauf mästet. Auf dem ganzen Weg hielt ich jeden, der mir begegnete, für einen Schutzmann oder einen Detektiv, sodaß trotz der kalten Nacht der Schweiß an mir herunter lief, noch ehe ich in Brixton Raod war. Meine Schwester fragte mich, was es denn gebe, und warum ich so blaß sei, aber ich machte ihr weiß, ich habe wegen Diebstahls im Hotel aufbleiben müssen. Dann ging ich in den Hinterhof und dachte bei einer Pfeife darüber nach, was jetzt wohl das Geratenste für mich wäre. Ich hatte früher einen Freund gehabt Namens Maudsley, der auf schlechte Wege geriet und jetzt eben seine Zeit abgesessen hat. Dieser hatte mir eines Tages einmal von den Schlichen der Diebe erzählt und wie sie die gestohlenen Sachen sich aus den Händen schaffen. Ich wußte, daß er mich nicht verraten würde, denn ich wußte auch ein oder zwei Sachen von ihm; so kam ich zu dem Entschluß, ihn ohne weiteres in Kilburn aufzusuchen und ihn ins Vertrauen zu ziehen. Er würde mir sicher Mittel und Wege zeigen, wie ich den Stein zu Geld machen könnte. Aber wie unbehelligt zu ihm gelangen? Ich dachte an die Schrecken, die ich auf dem Herweg ausgestanden hatte. Jeden Augenblick konnte man mich fassen und durchsuchen, und dann fand man den Stein in meiner Westentasche. Ich hatte unterdessen an der Wand gelehnt und den Gänsen zugeschaut, die mir vor den Füßen herumwatschelten; auf einmal fuhr mir ein Gedanke durch den Kopf, wie ich den schlauesten Detektiv auf der ganzen Welt hinters Licht führen könnte. Meine Schwester hatte mir ein paar Wochen vorher das Prachtstück von ihren Gänsen auf Weihnachten versprochen, und ich wußte, daß ich jederzeit auf ihr Wort bauen konnte. Diese Gans wollte ich jetzt mitnehmen und in ihrem Kropf meinen Stein nach Kilburn tragen. In dem Hofe steht ein kleiner Schuppen und hinter diesen trieb ich eine von den Gänsen, eine schöne, große, weiße mit gestreiftem Schwanz. Ich fing sie ein, sperrte ihr den Schnabel auf und stopfte ihr den Stein in den Hals hinunter, soweit mein Finger reichte. Sie schluckte, und ich fühlte, wie der Stein durch den Schlund in ihren Kropf hinabglitt. Aber sie flatterte und strampelte dermaßen dabei, daß meine Schwester herauskam und fragte, was los sei. Wie ich ihr eben Antwort geben wollte, riß sich das Vieh los und flog mitten unter die andern hinein. »Was in aller Welt hast du nur mit der Gans gemacht, James?« fragte sie. »Nun«, sage ich, »du hast mir ja eine auf Weihnachten versprochen gehabt, da wollte ich nur fühlen, welche am fettesten sei.« »Oh«, sagte sie, »die für dich haben wir schon auf die Seite getan, wir heißen sie nur James' Braten, es ist die große weiße dort drüben. Sechsundzwanzig Stück sind's, macht eine für dich, eine für uns und zwei Dutzend für den Markt.« »Schönen Dank, Maggie«, sage ich, »aber wenn dir's einerlei ist, so möchte ich lieber die haben, die ich eben zwischen den Händen hatte.« »Die andere ist gut drei Pfund schwerer«, sagte sie, »wir haben sie besonders für dich gemästet.« »Einerlei, ich will lieber die andere und will sie jetzt gleich mitnehmen«, sagte ich darauf. »Oh, ganz wie du willst«, sagte sie wieder, ein bißchen verdutzt, »welche willst du denn also?« »Die weiße dort mit dem gestreiften Schwanz, gerade mitten drin.« »Oh, ganz recht, tu sie nur ab und nimm sie mit.« Nun, so macht ich's auch, Mr. Holmes, und nahm die Gans mit nach Kilburn. Ich erzählte meinem Kameraden frischweg, wie ich es gemacht hatte, und er wollte vor Lachen darüber fast ersticken. Wir nahmen dann ein Messer und schnitten die Gans auf. Mir wollte das Herz stehen bleiben, keine Spur von dem Stein war zu finden, und ich wußte jetzt, daß ein schreckliches Versehen vorgekommen war. Ich ließ die Gans im Stich, rannte zurück zu meiner Schwester und in den Geflügelhof; doch da war kein einziges Stück mehr zu sehen. »Wo sind sie denn alle hingekommen, Maggie?« rufe ich ihr entgegen. »Zum Händler sind sie gekommen, James.« »Zu welchem?« »Breckinridge in Convent Garden.« »Aber war denn noch eine da mit gestreiftem Schwanz?« fragte ich, »gerade wie die, die ich mir auserwählte?« »Freilich, James, zwei waren da mit gestreiftem Schwanz, ich kannte sie nie auseinander.« Nun, da war mir denn die ganze Sache klar, und ich ging, so schnell mich meine Füße tragen wollten, zu diesem Breckinridge. Aber er hatte die ganze Partie gleich weiter verkauft und wollte mir um keinen Preis sagen, an wen. Sie haben ihn ja heut' abend selbst gehört. So hat er mich von Anfang an abgetrumpft. Meine Schwester meint, ich werde noch verrückt; und manchmal kommt es mir selber so vor. Und jetzt – jetzt bin ich als Dieb gebrandmarkt und habe den Reichtum, für den ich meinen ehrlichen Namen verkauft habe, noch nicht von weitem verschmeckt. Gott steh mir bei! Gott steh mir bei!« Er begrub sein Gesicht in den Händen und brach in ein krampfhaftes Schluchzen aus. Ein langes Schweigen folgte; nichts unterbrach die Stille, als die schweren Atemzüge des Unglücklichen und das taktmäßige Trommeln der Fingerspitzen meines Freundes auf dem Tischrand. Endlich erhob sich der letztere und machte die Tür auf. »Gehen Sie fort«, sagte er. »Was!? O, Gott vergelte es Ihnen!« »Keine Worte weiter; nur fort!« Und es bedurfte auch keiner weiteren Worte. Im Nu war er draußen und über die Treppe drunten; man hörte die Tür gehen, und dann verklangen seine eiligen Tritte vor dem Hause. »Schließlich, Watson«, meinte Holmes, indem er nach seiner Pfeife griff, »bin ich doch nicht gerade dazu bei der Polizei angestellt, um ihr überall nachzuhelfen, wo sie nicht allein fertig wird. Stünde die Sache für Horner bedenklich, so wäre es etwas anderes, aber dieser Bursche wird ja nicht gegen ihn auftreten, und so muß der Fall eingestellt werden. Vielleicht, daß ich ein Unrecht damit begehe, aber es ist auch gerade so gut möglich, daß ich dadurch eine Seele vom Verderben rette. Dieser Bursche wird nichts mehr verbrechen. Seine Angst war zu gräßlich. Ihn jetzt ins Gefängnis bringen, hieße ihn für sein ganzes Leben dem Zuchthaus überliefern, überdies stehen wir ja eben auch in der Gnadenzeit. Der Zufall hat uns einen rätselvollen, merkwürdigen Fall in die Hände gespielt, und in seiner befriedigenden Lösung müssen wir unsern Lohn finden. Willst du so gut sein, mal eben zu klingeln, dann wollen wir uns an eine Untersuchung anderer Art machen.« –   Das Feuer im Kamin war längst heruntergebrannt, als sich die kleine Gesellschaft endlich auf den Heimweg machte. »Ein merkwürdiger Mann, dieser Doktor Watson«, sagte Hull, während sie alle zusammen die einsame Straße hinunterliefen. »Sherlock Holmes hat in ihm nicht nur einen guten Freund und Gefährten, sondern zugleich auch seinen Chronisten gefunden. Und man weiß nicht, wen man zuletzt am meisten liebt: den Lehrer oder den Schüler.« »Alle beide, Hull«, sagte der Mann der jungen Frau und blieb stehen, um sich zu verabschieden. »Alle beide.« Die Gäste Doktor Watsons reichten einander die Hände. Noch schlief die große Stadt London. Aber schon kamen von da und dort die ersten Morgengeräusche näher: ratternde Wagen, harte Schritte auf dem Pflaster. Noch sind die Geräusche einzeln zu unterscheiden. Bald aber werden sie angeschwollen sein zu einer Brandung, die sich gegen das graue, weite Häusermeer wirft: Eine Sinfonie der Arbeit.