Matthias Claudius ASMUS omnia sua SECUM portans oder Sämtliche Werke des Wandsbecker Boten Erster und zweiter Teil Subskriptions-Anzeige Ich will meine Werke auch sammeln und herausgeben. Es hat mich zwar, wie sonst wohl zu geschehen pflegt, kein Mensch drum gebeten, und ich weiß besser als irgendein geneigter Leser, wie wenig dran verloren wäre wenn meine Werke so unbekannt blieben als ich selbst bin, aber's ist doch so artig mit dem Subskribieren und H'rausgeben, und so eine Freud und Ehre für mich und meine alte Muhme; ist auch ja 's Menschen sein freier Wille, ob er subskribieren will oder nicht. Will sie also herausgeben, unter dem Titel: »Asmus, omnia sua secum portans, oder sämtliche Werke des Wandsbecker Boten.« Dieser secum portans wird bestehen aus Gedichten, einigen Briefen und andern prosaischen Stücken, welche letztere zum Teil mein einfältiges Urteil über ein und andres Buch enthalten; er wird in allem zwischen 15 und 20 Bogen betragen; auf feinem schönen Papier in klein 8° gedruckt, und mit wenigstens 1 schönem Kupfer ausgeschmückt sein. Der Preis ist 2 Mark schwer Geld, und für die Herren Kritiker und Journalisten etc. 3 Mk. Man kann pränumerieren oder subskribieren, wie einer will, bis Weihnachten; und Ostern soll's Buch kommen. Da ich nicht absehn kann, zu was Nutzen die Namen der Herren Subskribenten vor so einem Buch wie meins vorgedruckt werden sollten, so werd' ich sie hübsch in Petto behalten, es sei denn daß niemand ausdrücklich anders begehrt. Ich war erst willens, alle Herren Subskribenten voran in Kupfer stechen zu lassen; man hat mir aber gesagt, daß dergl. seine Unbequemlichkeiten hat, und so hab' ich's wieder aufgegeben. Da ich nicht dreist genug bin, die H. H. Gelehrten mit Annehmung der Subskription zu inkomm'dieren, so ersuche ich alle Boten, wes Alters, Statur und Religion sie sein mögen, und sonst jeden der Lust hat, Subskription anzunehmen, und zu Neujahr grade nach Wandsbeck an mich einzusenden, mit der Klausel seitwärts auf dem Briefe:»Abzugeben in Hamburg bei Herrn Bode am Holzdamm.« Ich bin ihnen zu allem, was Sitte im Lande ist, gerne erbötig. Ich selbst nehme auch Subskription an, und in Hamburg nimmt Herr Bode am Holzdamm an. Schließlich wissen die geneigten Leser aus dem Göttinger Musen-Almanach, wo ich mir manchmal auch einen andern Namen gebe, und sonderlich aus dem Wandsbecker Boten, was sie zu erwarten haben, und ich bin unschuldig, wenn einer subskribiert und hernach nicht zufrieden ist. Den 8. November 1774. Asmus, pro tempore Bote in Wandsbeck (No. 179 des Deutschen sonst Wandsbecker Boten vom Jahr 1774.) Erklärung der Kupfer und Zeichen Das erste Kupfer ist Freund Hain. Ihm dedizier ich mein Buch, und Er soll als Schutzheiliger und Hausgott vorn an der Haustüre des Buchs stehen. Dedikation Ich habe die Ehr Ihren Herrn Bruder zu kennen, und er ist mein guter Freund und Gönner. Hätt' auch wohl noch andre Adresse an Sie; ich denk' aber, man geht am besten grade zu. Sie sind nicht für Adressen, und pflegen ja nicht viele Komplimente zu machen. 's soll Leute geben, heißen starke Geister, die sich in ihrem Leben den Hain nichts anfechten lassen, und hinter seinem Rücken wohl gar über ihn und seine dünnen Beine spotten. Bin nicht starker Geist; 's läuft mir, die Wahrheit zu sagen, jedesmal kalt über'n Rücken wenn ich Sie ansehe. Und doch will ich glauben, daß Sie 'n guter Mann sind wenn man Sie genug kennt; und doch ist's mir als hätt' ich eine Art Heimweh und Mut zu Dir, Du alter Ruprecht Pförtner! daß Du auch einmal kommen wirst, meinen Schmachtriemen aufzulösen, und mich auf bess're Zeiten sicher an Ort und Stelle zur Ruhe hinzulegen. Ich hab da 'n Büchel geschrieben, und bring's Ihnen her. Sind Gedichte und Prosa. Weiß nicht, ob Sie 'n Liebhaber von Gedichten sind; sollt's aber kaum denken, da Sie überhaupt keinen Spaß verstehen, und die Zeiten vorbei sein sollen wo Gedichte mehr waren. Einiges im Büchel soll Ihnen, hoff' ich, nicht ganz mißfallen; das meiste ist Einfassung und kleines Spielewerk: machen Sie 'mit was Sie wollen. Die Hand, lieber Hain! und wenn Ihr 'nmal kommt, fallt mir und meinen Freunden nicht hart.   Die Alten soll'n ihn anders gebildet haben; als 'n Jäger im Mantel der Nacht, und die Griechen: als 'n »Jüngling der in ruhiger Stellung mit gesenktem trüben Blicke die Fackel des Lebens neben dem Leichname auslöscht«. Ist'n schönes Bild, und erinnert einen so tröstlich an Hain seine Familie und namentlich an seinen Bruder; wenn man sich da so den Tag über müde und matt gelaufen hat und kommt nun den Abend endlich so weit daß man's Licht auslöschen will – hat man doch nun die Nacht vor sich wo man ausruhen kann! und wenn's denn gar den andern Morgen Feiertag ist!! 's ist das wirklich ein gutes Bild vom Hain; bin aber doch lieber beim Knochenmann geblieben. So steht er in unsrer Kirch', und so hab' ich 'n mir immer von klein auf vorgestellt daß er auf'm Kirchhof über die Gräber hinschreite, wenn eins von uns Kindern 's Abends zusammenschauern tat, und die Mutter denn sagte: der Tod sei übers Grab gangen. Er ist auch so, dünkt mich, recht schön, und wenn man ihn lange ansieht, wird er zuletzt ganz freundlich aussehen. Das zweite Kupfer S. 20 stellt vor: einen Raben; einige sagen gar, 's sei nur eine Krähe. Das dritte S. 104 ist der Präsident Lars. Ich weiß nicht mehr davon zu sagen, und das Werk mag seinen Meister loben. Auf dem vierten Kupfer , p. ultima, steh ich, und gieße Öl auf einen Stein. Was das bedeuten soll? – 's liegt ein Mann unter dem Stein, dem ich viel zu danken habe und nichts habe vergelten können. Da steh ich nun so dahier und salbe seinen Grabstein mit Öl, und – 's soll nichts bedeuten. Die steht allemal vor'm Titel irgendeines Buchs, und soll so viel zu verstehen geben, als daß ich meine einfältige Meinung dazu tun will. Der unter einem Stück will sagen, daß das Stück in meiner Mundart sei. In den Stücken ohne Stern hab ich mich mehr nach meinem Vetter gerichtet, und von diesen Stücken pfleg ich auch wohl vel quasi zu sagen, daß mein Vetter sie gemacht habe. Könnt' auch sagen, daß mein Vetter sich in diesen Stücken nach niemand und in denen mit dem nach mir und meinem Botenstab gefügt habe; ist alles eins. Ob nun wohl also der mein Zeichen ist, so muß doch niemand daraus denken, als ob ich 'n Ritterband und 'n Stern hätte. Ich habe keinen Stern. Die Sterne und hohen Ehrentitel sind beim Verdienst, was der Wetterhahn beim Winde. Wer einen großen Titel und Stern hat, der muß auch 'n groß Verdienst haben, darnach richten sich die Potentaten beim Geben, und das sieht man auch an den meisten Herren die hohe Titel und Sterne haben; à propos, hab wohl eher 'n Stern auf einer Brust gesehn, und in dem Gesicht darüber Harmpfoten und Verdruß, und da hab ich denn so bei mir selbst gedacht, daß es wohl nicht immer Fried und Freude sei was so 'n Stern auf einer Brust manchmal so hoch hebt, und daß Titel und Sterne wohl nicht innerlich müssen glücklich machen können. Das Seinige treu tun, pflegte meine Mutter zu sagen, ist 'n Stern der auf der bloßen Brust sitzt, die andern sitzen nur am Latz. Schließlich noch ein Wort mit meinen Herren Subskribenten. Erstens hoff' ich, daß Sie mit Druck und Papier zufrieden sein werden. Zweitens: Ich hab' Ihnen zwischen 15 und 20 Bogen versprochen, und liefre Ihnen nur 15 und einen halben; dafür aber liefre ich auch 9 Kupfer mehr als ich versprochen habe, und ich denke, daß sie dabei nicht verloren haben. Drittens: da ich als »Asmus pro tempore Bote in Wandsbeck« nicht im Staatskalender stehe, und es mit den Briefen unter dieser Adresse Irrungen gibt, so ersuche ich die gütigen Herren, die sich mit Subskriptionsammlen bemühet haben, ihre Briefe an meinen Vetter »Matthias Claudius Homme de lettres « zu adressieren. »So will ich nun hiemit das Buch beschließen, und hätte ich's lieblich gemacht, das wollte ich gern. Ist es aber zu gering: so habe ich doch getan, soviel ich vermocht. Denn alle Zeit Wein oder Wasser trinken ist nicht lustig, sondern zuweilen Wein, zuweilen Wasser trinken das ist lustig: also ist's auch lustig so man mancherlei lieset. Das sei das Ende.« Asmus Mein Neujahrslied             Es war erst frühe Dämmerung     Mit leisem Tagverkünden, Und nur noch eben hell genung     Sich durch den Wald zu finden. Der Morgenstern stand linker Hand,     Ich aber ging und dachte Im Eichtal an mein Vaterland,     Dem er ein Neujahr brachte. Auch dacht' ich weiter: »So, und so,     Das Jahr ist nun vergangen, Und du siehst, noch gesund und froh,     Den schönen Stern dort prangen. Der ihm dort so zu stehn gebot,     Muß doch gern geben mögen! Sein Stern, Sein Tal, Sein Morgenrot,     Rund um mich her Sein Segen! Und bald wird Seine Sonne hier     Zum erstenmal aufgehen! –« Das Herz im Leibe brannte mir,     Ich mußte stille stehen, Und wankte wie ein Mensch im Traum     Wenn ihn Gesichte drängen, Umarmte einen Eichenbaum     Und blieb so an ihm hängen. Auf einmal hört ich's wie Gesang,     Und glänzend stiegs hernieder Und sprach, mit hellem hohen Klang,     Das Waldtal sprach es wieder: Der alten Barden Vaterland!     Und auch der alten Treue! Dich, freies unbezwungnes Land!     Weiht Braga hier aufs Neue Zur Ahnentugend wieder ein!     Und Friede deinen Hütten, Und deinem Volke Fröhlichsein,     Und alte deutsche Sitten! Die Männer sollen, jung und alt!     Gut vaterländ'sch und tüchtig Und bieder sein und kühn und kalt,     Die Weiber keusch und züchtig! Und deine Fürsten groß und gut!     Und groß und gut die Fürsten! Die Deutschen lieben, und ihr Blut     Nicht saugen, nicht Blut dürsten! Gut sein! Gut sein! ist viel getan,     Erobern, ist nur wenig; Der König sei der bess're Mann,     Sonst sei der bess're, König! Dein Dichter soll nicht ewig Wein     Nicht ewig Amorn necken! Die Barden müssen Männer sein,     Und Weise sein, nicht Gecken! Ihr Kraftgesang soll himmel an     Mit Ungestüm sich reißen! – Und du, Wandsbecker Leiermann,     Sollst Freund und Vetter heißen! Batteux Geschichte der Meinungen der Philosophen von den ersten Grundursachen der Dinge. Aus dem Französischen übersetzt etc. Monsieur Batteux hatte vermutlich gehört oder gelesen, daß einige der alten Philosophen von den ersten Grundursachen der Dinge Begriff hatten, und daß sie mit diesem Begriffhaben nicht übel dran, und immer so gutes Muts waren; er nahm sich also die Mühe, die Bruchstücke der alten philosophischen Sekten nach der Reihe vorzunehmen, um endlich einmal ins Reine zu bringen, was denn die alten so hoch gerühmten Herren Guts hatten, auch allenfalls das Beste für sich und seine Zeitgenossen herauszuheben. Heutiges Tages sagen und schreiben viele Gelehrte mehr als sie wissen, in den alten Zeiten wußten einige mehr als sie schrieben, und dazu sollen sie, unter andere der selige Pythagoras, dessen eine Hüfte nicht ganz orthodox gehalten wird, die affektierte Gewohnheit gehabt haben, vor und hinter einem Schirm zu dozieren etc. Monsieur Batteux läßt sich auf dergleichen Finessen nicht ein, sondern er nimmt was er vorfindet, beäugt es, und bringt am Ende heraus: daß die Leute Narren sind die wunder großes Ding bei den Alten suchen, daß Newton ein ganz anderer Mann sei u.s.w. Das ist etwa der Sinn dieser Schrift von Monsieur Batteux, und es wird sich auch wohl ohngefähr so verhalten. Jean qui rit et Jean qui pleure Eine Pièce fugitive des Herrn von Voltaire u.s.w. Es soll ehedem Jeans gegeben haben, die über die Schwachheit ihres Geschlechts lachten oder weinten; der Philosoph von Ephesus, den niemand verstehen konnte, weinte beständig, sagt man, und der große Mann von Abdera lachte. Aber das waren denn freilich Jeans die was versucht hatten, die es wußten, daß der Geist der Torheit und Tändelei, wie artig er sich auch gebärde, doch der Geist der Torheit und Tändelei sei, und nicht der Geist der Weisheit, zu dem man ohne Selbsterkenntnis nicht kommen kann, und die deswegen unter beständigem Kampf mit ihrer schönen Natur alt und grau geworden waren, und aus Erfahrung nun einsahen, was der Mensch ist, und was er sein soll, und werden kann. Man kann sich des Unwillens nicht erwehren, wenn man so einen Komödianten und Jean F** mit wirklich großen Menschen sich leichtfertig vergleichen sieht. Kuckuck                 Wir Vögel singen nicht egal;     Der singet laut, der andre leise, Kauz nicht wie ich, ich nicht wie Nachtigall,     Ein jeder hat so seine Weise. Am Karfreitagmorgen Bin die vorige Nacht unterwegen gewesen. Etwas kalt schien einem der Mond auf den Leib, sonst war er aber so hell und schön, daß ich recht meine Freude dran hatt', und mich an ihm nicht konnte satt sehen. Heut Nacht vor tausend acht hundert Jahren schienst du gewiß nicht so, dacht' ich bei mir selbst; denn es war doch wohl nicht möglich, daß Menschen im Angesicht eines so freundlichen sanften Mond's einem gerechten unschuldigen Mann Leid tun konnten! – Impetus Philosophicus Einem jeglichen Menschen ist Arbeit aufgelegt nach seiner Maße, aber das Herz kann nicht dran bleiben; das trachtet immer zurück nach Eden, und dürstet und sehnet sich dahin. Und der Psyche ward ein Schleier vor die Augen gebunden, und sie ausgeleitet zum Blinde-Kuh-Spiel. Sie steht und horcht unterm Schleier hin, hüpft auf jeden Laut zu und breitet die Arme. – Ich beschwöre euch, ihr Töchter Jerusalem: findet ihr meinen Freund, so sagt ihm, daß ich vor Liebe krank liege. Was ich wohl mag Ich mag wohl Begraben mit ansehn, wenn so ein rotgeweintes Auge noch einmal in die Gruft hinab blickt, oder einer sich so kurz umwendet, und so bleich und starr sieht und nicht zum Weinen kommen kann. 's pflegt mir denn wohl selbst nicht richtig in 'n Augen zu werden, aber eigentlich bin ich doch fröhlich. Und warum sollt' ich auch nicht fröhlich sein; liegt er doch nun und hat Ruhe! und ich bin darin 'n närrischer Kerl, wenn ich Weizen säen sehe, so denk' ich schon an die Stoppeln und den Erntetanz. Die Leut fürchten sich so vor einem Toten, weiß nicht warum. Es ist ein rührender heiliger schöner Anblick einer Leiche ins Gesicht zu sehen; aber sie muß ohne Flitterstaat sein. Die stille blasse Todesgestalt ist ihr Schmuck, und die Spuren der Verwesung ihr Halsgeschmeide, und das erste Hahnengeschrei zur Auferstehung. Der Schwarze in der Zuckerplantage     Weit von meinem Vaterlande     Muß ich hier verschmachten und vergehn; Ohne Trost, in Müh und Schande;     Ohhh die weißen Männer!! klug und schön! Und ich hab den Männern ohn Erbarmen     Nichts getan. Du im Himmel! hilf mir armen     Schwarzen Mann! Die Henne     Es war mal eine Henne fein, Die legte fleißig Eier; Und pflegte denn ganz ungemein Wenn sie ein Ei gelegt zu schrein, Als wär' im Hause Feuer. Ein alter Truthahn in dem Stall, Der Fait vom Denken machte, Ward bös darob, und Knall und Fall Trat er zur Henn' und sagte: »Das Schrein, Frau Nachbarin, war eben nicht vonnöten: Und weil es doch zum Ei nichts tut, So legt das Ei, und damit gut! Hört, seid darum gebeten! Ihr wisset nicht, wie's durch den Kopf mir geht.« Hm! sprach die Nachbarin, und tät Mit einem Fuß vortreten, Ihr wißt wohl schön, was heuer Die Mode mit sich bringt, ihr ungezognes Vieh! »Erst leg' ich meine Eier, Denn rezensier' ich sie.« – Paraphrasis Evangelii Johannis – etc. Ich habe von Jugend auf gern' in der Bibel gelesen, für mein Leben gern. 's stehn solche schöne Gleichniss' und Rätsel drin, und 's Herz wird einem darnach so recht frisch und mutig. Am liebsten aber les' ich im Sankt Johannes. In ihm ist so etwas ganz Wunderbares – Dämmerung und Nacht, und durch sie hin der schnelle zückende Blitz! 'n sanftes Abendgewölk und hinter dem Gewölk der große volle Mond leibhaftig! so etwas Schwermütiges und Hohes und Ahndungsvolles, daß mans nicht satt werden kann. 's ist mir immer beim Lesen im Johannes, als ob ich ihn beim letzten Abendmahl an der Brust seines Meisters vor mir liegen sehe, als ob sein Engel mir's Licht hält, und mir bei gewissen Stellen um den Hals fallen und etwas ins Ohr sagen wolle. Ich versteh lang nicht alles was ich lese, aber oft ists doch, als schwebt' es fern vor mir was Johannes meinte, und auch da, wo ich in einen ganz dunkeln Ort hinein sehe, hab ich doch eine Vorempfindung von einem großen herrlichen Sinn den ich 'nmal verstehen werde, und darum greif' ich so nach jeder neuen Erklärung des Johannes. Zwar die meisten kräuseln nur an dem Abendgewölke, und der Mond hinter ihm hat gute Ruhe. Des Herrn Verfassers Erklärung ist sehr gelehrt, dünkt mich, und ich glaube, daß man wohl zwanzig Jahre studieren muß, ehe man so eine schreiben kann. Eine Chria, darin ich von meinem akademsichen Leben und Wandel Nachricht gebe. Bin auch auf Unverstädten gewesen, und hab' auch studiert. Ne, studiert hab' ich nicht, aber auf Unverstädten bin ich gewesen, und weiß von allem Bescheid. Ich ward von ungefähr mit einigen Studenten bekannt, und die haben mir die ganze Unverstädt gewiesen, und mich allenthalben mit hingenommen, auch ins Kollegium. Da sitzen die Herren Studenten alle neben 'n ander auf Bänken wie in der Kirch', und am Fenster steht eine Hitsche, darauf sitzt 'n Professor oder so etwas, und führt über dies und das allerlei Reden, und das heißen sie denn dozieren. Das auf der Hitschen saß, als ich d'rin war, das war 'n Magister, und hatt' eine große krause Parüque auf'm Kopf, und die Studenten sagten, daß seine Gelehrsamkeit noch viel größer und krauser, und er unter der Hand ein so kapitaler Freigeist sei, als irgend einer in Frankreich und England. Mochte wohl was dran sein, denn 's ging ihm vom Maule weg als wenn's aus 'm Mostschlauch gekommen wär; und demonstrieren konnt' er, wie der Wind. Wenn er etwas vornahm, so fing er nur so eben 'n bißchen an, und, eh man sich umsah, da wars demonstriert. So demonstriert' er z. Ex. daß 'n Student 'n Student und kein Rhinozeros sei. Denn, sagte er, 'n Student ist entweder 'n Student oder 'n Rhinozeros; nun ist aber 'n Student kein Rhinozeros, denn sonst müßt 'n Rhinozeros auch 'n Student sein; 'n Rhinozeros ist aber kein Student, also ist 'n Student 'n Student. Man sollte denken, das verstünd sich von selbst, aber unser eins weiß das nicht besser. Er sagte, das Ding »daß 'n Student kein Rhinozeros sondern 'n Student wäre« sei eine Hauptstütze der ganzen Philosophie, und die Magisters könnten den Rücken nicht fest genug gegenstemmen, daß sie nicht umkippe. Weil man auf einem Fuß nicht gehn kann, so hat die Philosophie auch den andern, und darin war die Rede von mehr als Einem Etwas, und das Eine Etwas, sagte der Magister, sei für jedermann; zum andern Etwas gehör' aber eine feinere Nas', und das sei nur für ihn und seine Kollegen. Als wenn eine Spinn' einen Faden spinnt, da sei der Faden für jedermann und jedermann für den Faden, aber im Hinterteil der Spinne sei sein bescheiden Teil, nämlich das andre Etwas das der zureichende Grund von dem ersten Etwas ist, und einen solchen zureichenden Grund müss' ein jedes Etwas haben, doch brauche der nicht immer im Hinterteil zu sein. Ich hätt' auch mit diesem Axioma, wie der Magister 's nannte, übel zu Fall kommen können. Daran hängt alles in der Welt, sagt er, und, wenn einer 's umstößt, so geht alles über und drunter. Denn kam er auf die Gelehrsamkeit, und die Gelehrten zu sprechen, und zog bei der Gelegenheit gegen die Ungelahrten los. Alle Hagel, wie fegt' er sie! Dem ungelahrten Pöbel setzen sich die Vorurteile von Alp, Leichdörnern, Religion etc. wie Fliegen auf die Nase und stechen ihn; aber ihm, dem Magister, dürfe keine kommen, und käm' ihm eine, schnaps schlüg' er sie mit der Klappe der Philosophie sich auf der Nasen tot. Ob, und was Gott sei, lehr' allein die Philosophie, und ohne sie könne man keinen Gedanken von Gott haben u.s.w. Dies nun sagt' der Magister wohl aber nur so. Mir kann kein Mensch mit Grund der Wahrheit nachsagen daß ich 'n Philosoph sei, aber ich gehe niemals durch 'n Wald, daß mir nicht einfiele, wer doch die Bäume wohl wachsen mache, und denn ahndet mich so von ferne und leise etwas von einem Unbekannten, und ich wollte wetten daß ich denn an Gott denke, so ehrerbietig und freudig schauert mich dabei. Weiter sprach er von Berg und Tal, von Sonn' und Mond, als wenn er sie hätte machen helfen. Mir fiel dabei der Ysop ein, der an der Wand wächst; aber die Wahrheit zu sagen, 's kam mir doch nicht vor, als wenn der Magister so weise war, als Salomo. Mich dünkt, wer was recht's weiß, muß, muß – säh ich nur 'nmal einen, ich wollt 'n wohl kennen, malen wollt' ich 'n auch wohl, mit dem hellen heitern ruhigen Auge, mit dem stillen großen Bewußtsein etc. Breit muß sich ein solcher nicht machen können, am allerwenigsten andre verachten und fegen. O! Eigendünkel und Stolz ist eine feindselige Leidenschaft; Gras und Blumen können in der Nachbarschaft nicht gedeihen. Bei dem Grabe Anselmo's                         Daß ich dich verloren habe, Daß du nicht mehr bist, Ach! daß hier in diesem Grabe Mein Anselmo ist, Das ist mein Schmerz! das ist mein Schmerz!!! Seht, wir liebten uns, wir beide, Und, so lang' ich bin, kommt Freude Niemals wieder in mein Herz. Brief an Andres Gott zum Gruß! Mein lieber Andres, wenn Er Sich noch wohl befindet, ist's mir lieb. Was mich anlangt, so befind' ich mich itzo in Wandsbeck. Er wird's auch wohl vom Herrn Rektor gehört haben, daß der Kalendermacher und Sternkucker Tycho Brahe zu seiner Zeit in Wandsbeck den Sternenlauf betrachtet hat, und daß dieser Tycho Brahe eine Nase von Gold, Silber und Wachs hatte, weil ihm von ohngefähr 'n Edelmann zu nächtlicher Weile eine von Fleisch abduellierte; ich tu' Ihm zu wissen, daß ich keine Nase von Gold, Silber und Wachs hab' und daß ich folglich hier auch den Sternenlauf nicht betrachte. Übrigens ist mir in Ermangelung eines Bessern zu Ohren gekommen, daß Ihm seine Gertrud abgestorben ist. Da Er weiß, daß ich nicht ungerührt bleibe, wenn 'n Hund stirbt den ich zum erstenmal sehe, so kann Er Sich leicht vorstellen, wie mir bei der Nachricht von diesem Todesfall geworden sein mag. Die selige Gertrud hatt' ihre Nücken, aber 's reute sie doch gleich, und sie hätt' auch viel Gutes, und hätte wohl länger leben mögen, doch sie ist nun kaputt, und Er muß Sich zufrieden geben. Andres! unterm Mond ist viel Mühe des Lebens, Er muß Sich zufrieden geben – ich sitze mit Tränen in den Augen und nag' an der Feder, daß unterm Mond so viel Mühe des Lebens ist, und daß einen jedweden seine eigne Nücken so unglücklich machen müssen! Neue Apologie des Sokrates oder Untersuchung der Lehre von der Seligkeit der Heiden etc. »Aber«, sagte Sokrates zum Beschluß seiner Bonmots zu seinen Richtern die ihn eben zum Tode verdammt hatten, »aber es ist Zeit, daß wir auseinander gehen, ihr an eure Geschäfte, und ich zu sterben; wer von uns am besten fährt, das wissen allein die Götter.« Es hat von jeher nicht an Politikern gefehlt, die von Sokrates seiner Fahrt nicht viel Gutes vermutet haben. Da er ein Heide war, sagen sie, so ist er hingefahren wo die Heiden hingehören. Es ist freilich eine übertriebene Toleranzgrille, die alten Philosophen ohne Unterscheid zu Christen machen wollen, weil sie eine hohe Moral gepredigt haben; aber auf der andern Seite ist zu Sokrates Zeiten drei und eins so gut vier gewesen als itzo, Wasser hat damals schon Feuer gelöschet und so auch Selbstverleugnung ihre guten Folgen haben müssen. Einige von den Alten scheinen Wind von dieser Lehre gehabt zu haben, und Sokrates hatte sich unter andern dadurch bei seinen Landsleuten verhaßt gemacht, weil sie, wie alle andere Landsleute, in ihrer Knechtschaft nicht an die Freiheit erinnert noch durch das bittre Salz der Wahrheit gereizt sein wollten. Sonach würde es also ungeraten sein, dem Sokrates den Kranz, den er via legitima verdient hatte, abzureißen, und ihm die Freuden Gottes abzudisputieren, die der Lohn des Heldenganges sind: aus seinem Vaterlande und von seiner Freundschaft in ein Land das man beim Ausmarsch noch nicht sehen kann. Ein Trost für Sokrates Freunde ist indes, daß der Wind bläst wo er will und daß Disputations die ewigen Gesetze der Körper- und Geisterwelt nicht irremachen können. Plato erzählt auch, daß der obgedachte Lohn den Sokrates nicht Waise gelassen habe, und ihm im Richthause so hell in Aug' und Antlitz getreten sei, daß seine Richter ihn nicht ansehen durften, und vor ihm dastanden, als sündige Verbrecher die von ihm ihr Urteil erwarteten. Schließlich sei es bei dieser Gelegenheit erlaubt, einen Sokratischen Schriftsteller über den Sokrates in Andenken zu bringen, den Verfasser der 1759 herausgekommenen »Sokratischen Denkwürdigkeiten etc.« Er zwar scheint ein Unhold zu sein der seinen Gang vor sich hin geht und sich nicht nach Beifall oder Tadel umsieht, aber dem Niemand und den Zweenen ist es nütze, daß er nicht vergessen werde, wiewohl er doch nicht viel verstanden wird. Gewisse Nachrichten aus dem Reiche der Gelehrsamkeit verwiesen ihn bei ihrer Anzeige seiner 4 Bogen in die Arbeits- und Raspel-Häuser, welcher Sentenz Andenken er in einem eigenen Nachspiel gebührend gefeiert und allen Menschen, die nicht anders wollen, Freiheit gegeben hat, an den Hirschhörnern ihrer Vorurteile und Schoßneigungen ungestört fortzuraspeln. Charlotte und Mutter M. Charlotte, sag' ich, bleibe da, Sonst werd' ich strafen müssen. C. Wieso? Fritz tut mir nichts, Mama. Er will mich nur küssen. M. Das soll er nicht, Närrin, bleibe da. C. Warum nicht, Mama? Alte und neue Zeit               Zu 'n Zeiten Homers Gab man der Minerva die Eule, Und nicht aus Langeweile; Zu 'n Zeiten Voltaires, Des Weisen und Kastraten, Verdient sie Minerva nicht mehr, Und da würd' ich denn freilich sehr Zum Vogel Kuckuck raten. Neue Apologie des Buchstaben H oder: Außerordentliche Betrachtungen über die Orthographie der Deutschen von H. S. Schullehrer etc. Die Betrachtungen über die Religion und ihr Neues, die Orthographie ohne H, sind bekannt; diese Apologie ist ein Wink und Antwort darauf und auf alle Betrachtungen der Art, die sämtlich auf demselben Loch, nur mehr und minder laut, gepfiffen werden und gepfiffen worden sind, seit dem ersten, der den Johanniswurm der allgemeinen Vernunft, statt ihn auf der Erde seiner Heimat fortkriechen und glänzen zu lassen, über die Religion aufsteigen ließ, wie die Knaben ihren Drachen; und die sämtlich auf demselben Loch werden gepfiffen werden bis an der Welt Ende und der Johanniswürmer und Knaben und Drachen. Der Verfasser läßt sich in das Gesinge und Gesumse wider und für die Religion gar nicht ein, sondern anatomiert den Johanniswurm und macht ihn verdächtig etc. Übrigens hat er sich in ein mitternächtliches Gewand gewickelt, aber die goldnen Sternlein hin und her im Gewande verraten ihn, und reizen, daß man sich keine Mühe verdrießen läßt. Herrn Doktor Cramers Psalmen mit Melodien von C. P. E. Bach etc. 's gereut mich doch nicht, daß ich pränumeriert habe. Sonst soll's mit dem Pränumerieren zuweilen mißlich sein, angesehn die H. Gelehrten oft so gewissenhaft zu Werk gehen als die H. Kaufleute, und mancher arme Schelm soll in seinem Warenlager von oben bis unten nichts als Mohnsamen liegen haben, daher er denn auch freilich mit bestem Wissen und Gewissen nichts anders daraus geben kann. Mit diesem Buch ists nun nicht so gangen. Es hatten mir aber auch honette Leut' vorher gesagt, daß der C. P. E. Bach kräftig und desperat setzen und spielen solle, und da dacht' ich: so 'n schöner Psalm mit einer kräftigen Melodie wird sich unterwegen in der Morgenstund' oder sonst recht gut singen lassen, und so pränumeriert' ich, und es gereut mich wie gesagt nicht! 's sind mehr als eine Melodie drin, die 's Geld allein wert sind. Gleich die erste, ob wohl sonst aller Anfang schwer zu sein pflegt, ist ganz leicht und simpel und gerade weg daß es eine Lust ist. Aber meine Leibmelodien sind S. 27 und S. 10; die erste tönt so schön tief und innig klagend, daß sie einem die Brust recht zusammenzieht, und die andre macht sie wieder weit, den hohen Lobpsalm mit aller Macht herauszusingen, und daß man auf »Grö-ße-Got-tes« so lang aushalten muß, das ist just wie ichs gern mag. S. 16, 45 und 51 sind wohl Futter für die Erzmusiker, ich bin aber der keiner. Ein paar Melodien sind mit Klavierakkompagnement versehn. Aber woher das wenn ich auf 'm Wege bin? Ei, was Klavierakkompagnement? ich singe meinen Psalm, mag der Nachtschauer und der Wald akkompagnieren. Als er sein Weib und's Kind an ihrer Brust schlafend fand Das heiß' ich rechte Augenweide, 's Herz weidet sich zugleich. Der alles segnet, segn' euch beide! Euch liebes Schlafgesindel, euch! Über das Genie Nescio quid servile olet et non sui Juris Ich stelle mir oft bei müßigen Stunden eine Sprache als ein Bündel Stäbe vor, wo an jedweden Stab eine verwünschte Prinzessin angezaubert ist, oder ein unglücklicher Prinz; und der Mann, der die Sprache versteht, wäre denn ein Sonntagskind, das Geister sehen kann, unterdes der andre den Stab sieht und nichts weiter. Man sagt, daß in der eigentlichen Zauberei, wenn einer das Handwerk versteht, eine Prinzessin vom Zauber erlöset, und statt ihrer ein Alp und Kobold an den Stab festgezaubert werden kann; bei den Sprachen gehts gewiß so her, und beides die Stäbe und die Geister sind sehr der Veränderung unterworfen. Die Geschichte dieser Veränderungen und Sukzessionen ist ein sehr feines Studium. Sie erfordert ein philosophisches Fühlhorn, das nicht jedermanns Gabe ist, und ohne sie kann wenig Gescheites von dem Geschmack eines Mannes und seiner Nachfolger gesagt werden, wie das die Abhandlungen in Quarto und Oktavo beweisen. Sokrates sprach von einem Genio, der ihm ins Ohr sagte, und tausend sprachen und sprechen nach ihm von einem Genio. Vielleicht verhält sich der Genius, von dem Sokrates sprach, zu den Geniis, von denen die tausend sprechen, wie ein alter Barde und Prophet zu den Minstrels und Balladensängern, denen die Königin Elisabeth in England eine Ehre auf dem Brett antat: »alle Zigeuner, Landstreicher und Minstrels kommen in das Zuchthaus nach Neumünster«, vielleicht auch anders, denn es ist noch nicht recht ausgemacht worden, was Sokrates gemeint habe und was die tausend meinen. Fast alle, die vom Sokratischen Genio geschrieben haben, sind entweder in die Marschländereien mondsüchtiger Phantasten geraten, oder in die dürre Sandwüsten der Wolfischen Philosophie und der mathematischen Lehrart. Es kann wohl sein, daß niemand etwas davon sagen kann, als wer einen ähnlichen Genium hat, und wer den hat, ist vielleicht zu hölzern, und so zurückhaltend als Sokrates war. Auf die letzte Vermutung bringt mich eine Erfahrung unter den Menschenkindern, nach der ein Säugling der Venus Erycina im ersten Platonischen Paroxysmo der zarten Leidenschaft stumm ist, und in der Tiefe des einsamsten Waldes den Namen des Idol suo kaum aussprechen darf. Bei so gestalten Sachen nun wäre vom Sokratischen Genio nicht viel von andern Leuten zu erfahren, und es ginge damit wie mit dem leidigen Stein der Weisen. Es sei also in Ansehung seiner genug, in einer sanften Mondnacht mit gewaschenen Händen und einem Schauer von Ehrfurcht und Eifersucht Blumen für den Mann hinzulegen, der ihn hatte, und für den, der ihn hat – und nun herunter zum modernen Genius oder zum Genie. Hier liegen Fußangeln »Ich bin ein Barde.« Freund, sind deine Augen helle? Gnügt dir die Eichel und die Quelle? An ... als Ihm die ... starb                 Der Säemann säet den Samen,     Die Erd' empfängt ihn, und über ein kleines         Keimet die Blume herauf – Du liebtest sie. Was auch dies Leben     Sonst für Gewinn hat, war klein dir geachtet,         Und sie entschlummerte dir! Was weinest du neben dem Grabe,     Und hebst die Hände zur Wolke des Todes         Und der Verwesung empor? Wie Gras auf dem Felde sind Menschen     Dahin, wie Blätter! Nur wenige Tage         Gehn wir verkleidet einher! Der Adler besuchet die Erde,     Doch säumt nicht, schüttelt vom Flügel den Staub, und         Kehret zur Sonne zurück! Der Tempel der Musen               Der Deutsch' und Grieche pflegen     Des Altars; Der Römer pflegt auch mit, von wegen     Des Nachbars; Hoch am Gewölbe schwebet     Der Brite wie Cherub, und lebet; Der Welsch' ist Adjunktus und Küstermann,     Und oben flattert der Hahn Vergoldet und lieblich zu sehen,     Und krähet Epopöen. Ein Lied um Regen Der Erste:     Regen, komm herab!     Unsre Saaten stehn und trauern,         Und die Blumen welken. Der Zweite: Regen, komm herab!     Unsre Bäume stehn und trauern!         Und das Laub verdorret. Der Erste: Und das Vieh im Felde schmachtet,     Und brüllt auf zum Himmel. Der Zweite: Und der Wurm im Grase schmachtet,     Schmachtet und will sterben. Beide: Laß doch nicht die Blumen welken!     Nicht das Laub verdorren! O, laß doch den Wurm nicht sterben!     Regen, komm herab! Über das Genie Mein Vetter hat S. 35 eine sehr gelehrte Abhandlung übers Genie angefangen. Er fängt oft an, und kommt ihm denn eine andre Grille, da läßt er's gut sein und denkt nicht weiter dran. Ich pfleg' ihm denn wohl jezuweilen unter vier Augen seine Narrheit zu verweisen, aber er schämt und grämt sich nicht, und oft gibt er mir noch allerhand spitzfindige Redensarten zum Lohn. Neulich gab ich ihm zu verstehen, daß er, was er angefangen hätte, auch – »wohl wahr, Vetter«, fiel er mir in die Rede, »doch setzt Ihr's fort!« Ich gab natürlicherweise zur Antwort, daß ich nichts von der Materie verstehe. »Desto besser werdet Ihr davon schreiben, Vetter, es ist vieles in der Natur verborgen.« Was soll ich tun; will ich's fortgesetzt haben, muß ich wohl dran, 's mag denn auch gehn wie's geht. Will nur zuvor den letzten Perioden nachlesen: »und nun herunter zum modernen Genius oder zum Genie« – herunter denn, und gleich im Fallen angefangen. Empfange mich, du lieblicher Hain am Helikonberg! Ich komme gefallen, zu hören deinen Silbersturm und dein sanfteres Geräusche, und ihr im leichten Rosengewand, mit dem blassen Munde, der so holdselig sprechen kann, Gesellen des Hains! seid mir gegrüßt – Ha! der Schwindel ist über, und ich habe wieder festen Grund unter'n Füßen. Wenn einer 'n Buch geschrieben hat, und man liest in dem Buch und 's wirkt so sonderbar als ob man in Doktor Fausts Mantel davon sollte, daß man aufsteht und sich reisefertig macht, und, wenn man wieder zu sich selbst kommt, dankbar zum Buche zurückkehrt; dann, sollt' ich glauben, habe der Autor mit Genie geschrieben. Aber, mein Vetter wird sagen, daß das nichts gesagt sei; daß man nicht wissen will, wer Genie habe, sondern was das Genie sei, das einer hat. Das Genie also ist – ist – weiß nicht – ist 'n Walfisch! So recht, das Genie ist 'n Walfisch, der eine Idee drei Tage und drei Nächte in seinem Bauch halten kann und sie denn lebendig ans Land speit; ist 'n Walfisch, der bald durch die Tiefe in stiller Größe daher fährt, daß den Völkern der Wasserwelt 'n kaltes Fieber ankommt, bald herauffährt in die Höhe und mit Dreimastern spielt, auch wohl mit Ungestüm aus dem Meer plötzlich hervorbricht und große Erscheinungen macht. Das Nicht-Genie aber ist 'n Walfischgerippe, ohne Fett und Bein, das auf 'm Wasser vom Winde hin und her getrieben wird, eine Witterung für die schwarzen und weißen Bären (Journalisten und Zeitungsschreiber) die über die Eisschollen herkommen und dran nagen. Ich will's nur beizeiten sagen, daß ich über meines Vetters Papiere gewesen bin; der geneigte Leser würd's doch bald merken; hab's gemacht wie die andern: fremd Kraut, und meine Brühe drüber. Der menschliche Körper voll Nerven und Adern, in deren Centro die menschliche Seele sitzt, wie eine Spinne im Centro ihres Gewebes, ist einer Harfe zu vergleichen, und die Dinge in der Welt um ihn den Fingern, die auf der Harfe spielen. Alle Harfensaiten beben und geben einen Ton, wenn sie berührt werden. Einige Harfen aber sind von einem so glücklichen Bau, daß sie gleich unter'm Finger des Künstlers sprechen, und ihre Saiten sind so innig zum Beben aufgelegt, daß sich der Ton von der Saite losreißt und ein leichtes ätherisches Wesen für sich ausmacht, das in der Luft umherwallt und die Herzen mit süßer Schwermut anfüllt. Und dies leichte ätherische Wesen, das so frei für sich in der Luft umherwallt, wenn die Saite schon aufgehört hat zu beben, und das die Herzen mit süßer Schwermut anfüllt, kann nicht anders als mit dem Namen Genie getauft werden, und der Mann, dem es sich auf 'n Kopf setzt, wie die Eule auf 'n Helm der Minerva, ist ein Mann, der Genie hat; und der geneigte Leser wird nun hoffentlich besser als ich wissen, was Genie ist. Dies Genie, fahren die oberwähnten Papiere fort, das bis so weit eine bloße Gabe der Natur ist, erhält nun eine verschiedne Richtung, nach dem der ganze individuelle Zustand, in dem der Mensch sich befindet und befunden hat, verschieden ist. Da tun Wiege und Amme und Fibel und Wohnung und Sprache und Schlafmütze und Religion und Gelehrsamkeit etc. das Ihrige, es zu erdrücken oder in Gang zu helfen. Ein ganz besonders Verdienst im Erdrücken hat die Philosophie, wie sie auf den Schulen gang und gäbe ist: Vita Caroli, mors Conradini! Die Herren Philosophen, die von Allgemeinheiten gehört haben, die tief in der Natur verborgen liegen sollen und durch Hebammenkünste zur Welt gebracht werden müssen, abstrahieren der Natur das Fell über die Ohren, und geben ihre nackte Gespenster für jene Allgemeinheiten aus; und ihre Zuhörer, die an diese Gespenster gewöhnt werden, verlieren nach und nach die Gabe, Eindrücke von einer Welt zu empfangen, in der sie sind. Alle Haken ihrer Seele, die an die Eindrücke der wirklichen Natur anpacken sollen, werden abgeschliffen, und alle Bilder fallen ihnen nun perspektivisch und dioptrisch in Aug und Herz, u.s.w.   Aber das kostet Kopfbrechen, von einer Suche zu schreiben, von der man nichts versteht; und da pflegen wir Gelehrte denn wohl zur Abwechslung und Erholung eine Spielstunde zu machen. Der selige Isaac Newton schrieb in seinen Spielstunden eine Chronologie, und ich pflege wohl an meinen alten Freund und Schulkameraden Andres zu schreiben. Mein lieber Andres, Ich habe das Leichdornpflaster erhalten, die Würzpillen aber nicht, arbeite auch itzo an einem Buch, das ich dem Druck übergeben will. Er glaubt nicht, Andres, wie einem so wohl ist, wenn man was schreibt, das gedruckt werden soll, und ich wollt Ihm die Freude auch 'nmal gönnen. Er könnte etwa das Rezept zu dem Pflaster herausgeben, etwas vom Ursprung der Leichdörner herräsonieren und am Ende einige Errata hinzutun. Sieht Er, 's kommt bei einer Schrift auf den Inhalt eben nicht groß an, wenn nur Schwarz auf Weiß ist; einige loben's doch, und am Ende läßt sich von Leichdörnern und Pflaster schon was schreiben. Ich besinne mich, daß es Ihm in der Schule immer so schwer ward, die Commata und Puncta recht zu setzen. Sieht Er, Andres, wo der Verstand halb aus ist, setzt Er ein Comma; wo er ganz aus ist, ein Punctum, und wo gar keiner ist, kann Er setzen, was Er will, wie Er auch in vielen Schriften findet, die herauskommen. Was Er Seinem Buch für einen Titel geben will, das muß Er wissen; meins heißt: Secum portans, und ich kann Ihm nichts weiter davon sagen, als daß es Anfang und Ende hat. Sein Diener Klage um Ali Bey           Laßt mich! laßt mich! ich will klagen,     Fröhlich sein nicht mehr! Aboudahab hat geschlagen     Ali und sein Heer. So ein muntrer kühner Krieger     Wird nicht wieder sein; Über alles ward er Sieger,     Haut' ers kurz und klein. Er verschmähte Wein und Weiber,     Ging nur Kriegesbahn, Und war für die Zeitungsschreiber     Gar ein lieber Mann. Aber, nun ist er gefallen.     Daß er's doch nicht wär'! Ach, von allen Beys, von allen     War kein Bey wie er. Jedermann in Syrus saget:     »Schade, daß er fiel!« Und in ganz Ägypten klaget     Mensch und Krokodil. Daher sieht im Geist, wie's scheinet,     Am Serail mit Graus Seines Freundes Kopf, und weinet     Sich die Augen aus etc. Da Capo Hinz und Kunz H. Was meinst du, Kunz, wie groß die Sonne sei? K. Wie groß, Hinz? – als 'n Straußenei. H. Du weißt es schön, bei meiner Treu! Die Sonne als 'n Straußenei! K. Was meinst denn du, wie groß sie sei? H. So groß, hör – als 'n Fuder Heu. K. Man dächt kaum, daß es möglich sei; Potztausend, als 'n Fuder Heu! Im Junius Aber die Lenzgestalt der Natur ist doch wunderschön; wenn der Dornstrauch blüht und die Erde mit Gras und Blumen pranget! So 'n heller Dezembertag ist auch wohl schön und dankenswert, wenn Berg und Tal in Schnee gekleidet sind, und uns Boten in der Morgenstunde der Bart bereift; aber die Lenzgestalt der Natur ist doch wunderschön! Und der Wald hat Blätter, und der Vogel singt, und die Saat schießt Ähren, und dort hängt die Wolke mit dem Bogen vom Himmel, und der fruchtbare Regen rauscht herab – Wach auf mein Herz und singe Dem Schöpfer aller Dinge etc. 's ist, als ob Er vorüber wandle, und die Natur habe Sein Kommen von ferne gefühlt und stehe bescheiden am Weg in ihrem Feierkleid, und frohlocke! Ein sonderlicher Kasus von harten Talern und Waldhorn Musik! O ja, Musik ist eine herrliche Sach; auch die heiligen Engel im Himmel sind Freunde davon, ich habe sie mehr als einmal auf Schildereien blasen sehen. Und die Musik ist lieblich zu hören, und hat wirklich Gewalt auf's Herz. Ich habe wohl hundertmal wieder dran gedacht, wie sie mich 'nmal erweicht hat, als Paul mir meine harten Taler gestohlen hatte. Der Paul Dieb der! Hatt' ihm so oft aus der Not geholfen, und stahl mir doch meine harten Taler; meine Mutter hatte sie mir noch auf ihrem Todbette gegeben. Die Mütter haben's denn so an sich, daß sie harte Taler haben, und meine hatte von jeher viel von mir gehalten: ich hab ihr auch mein Tage nichts in 'n Weg gelegt, und, als sie merkte daß sie schwach ward, rief sie mich ans Bett und gab mir neun Stück harte Taler, zwei Tage eh sie starb, nun Gott habe sie selig, sie war eine gute Frau – aber wieder auf die Musik zu kommen, so wollt' ich erzählen, wie sie mich 'nmal erweicht hat, denn ich war recht ärgerlich über meine Taler und über den untreuen, undankbaren Kerl. Wo ist Paul? »In den Wald gangen«; ich nach, blicke wild durch Busch und Baum, und wollt' ihn schlagen, wo ich 'n träfe, und das Blut kochte mir in den Adern – da fingen in der Ferne des gnädigen Herrn seine Jäger an zu blasen. So hatt's mir niemals noch gedaucht; ich hörte, stand still, und sah um mich. Ich war grad' an dem Schmerlenbach, und Pferd' und Küh' und Schafe standen am Ufer und tranken alle aus dem Bach, und die Jäger bliesen. – »Harte Taler hin, harte Taler her! will Paul nicht schlagen«, und ich vergab ihm in meinem Herzen am Schmerlenbach, wo ich stand, und ging wieder zu Hause. Wenn aber das nicht von ohngefähr so gekommen wär', und die Musik 's wirklich getan hätte, da wär' sie ja Gottesgab', und man sollte sie zu so was brauchen. Aus dem ewigen Quinkelieren wird so nicht viel. Phidile       Ich war erst sechzehn Sommer alt,     Unschuldig und nichts weiter, Und kannte nichts als unsern Wald,     Als Blumen, Gras, und Kräuter. Da kam ein fremder Jüngling her;     Ich hatt ihn nicht verschrieben, Und wußte nicht wohin noch her;     Der kam und sprach von Lieben. Er hatte schönes langes Haar     Um seinen Nacken wehen; Und einen Nacken, als das war,     Hab' ich noch nie gesehen. Sein Auge, himmelblau und klar!     Schien freundlich was zu flehen; So blau und freundlich, als das war,     Hab' ich noch keins gesehen. Und sein Gesicht, wie Milch und Blut!     Ich hab's nie so gesehen; Auch, was er sagte, war sehr gut,     Nur konnt' ich's nicht verstehen. Er ging mir allenthalben nach,     Und drückte mir die Hände, Und sagte immer O und Ach,     Und küßte sie behende. Ich sah ihn einmal freundlich an,     Und fragte, was er meinte; Da fiel der junge schöne Mann     Mir um den Hals, und weinte. Das hatte niemand noch getan,     Doch war's mir nicht zuwider, Und meine beiden Augen sahn     In meinen Busen nieder. Ich sagt' ihm nicht ein einzig Wort,     Als ob ich's übel nähme, Kein einzigs, und – er flohe fort;     Wenn er doch wieder käme! An die Nachtigall             Er liegt und schläft an meinem Herzen, Mein guter Schutzgeist sang ihn ein; Und ich kann fröhlich sein und scherzen, Kann jeder Blum' und jedes Blatts mich freun. Nachtigall, Nachtigall, ach! Sing mir den Amor nicht wach! Älteste Urkunde des Menschengeschlechts I. T. Eine nach Jahrtausenden enthüllte heilige Schrift. II. T. Schlüssel zu den heiligen Wissenschaften der Ägypter. III. T. Trümmer der ältesten Geschichte des niedern Asiens Ein orientalischer Laut ist ein Laut aus Orient, und in Orient waren bekanntermaßen die 5 Pforten am Menschen in vollem Besitz aller ihrer Gerechtsame, und man hatte nicht das Mark aus den Knochen der Sinne und Imagination durch landesübliche Abstraktion herausgezogen; schlug nicht die Natur übern Leisten eines Systems, und reckte sie nicht darüber aus; löste sie nicht zu einem leichten Ätherduft auf, der zwar die Windmühle der allgemeinen Vernunft behende umtreibt, übrigens aber nicht Kraut noch Pflanzen wachsen machen kann; sondern in Orient hielt man unsers lieben Herrn Gotts Natur, wie sie da ist, in Ehren; ließ ihre Eindrücke sanft eingehen, und bewegte sie in seinem Herzen; in Orient präsidierten bekanntermaßen über Sonn' und Mond, Morgenrot und Berg und Baum und ihre Eindrücke, Geister, die den zarten einfältigen Menschen durchwandelten und lehrten, und sein Herz mit Wallung erfüllten, die mehr wert war, als alle Q.E.D.-s, die, seitdem jene Geister von der Philosophie ihre Demission in Gnaden erhalten haben, an ihrer Statt wieder Mode geworden sind; in Orient lehrte man durch Bilder; u.s.w. Ein dergleichen orientalischer Laut ist nun diese Schrift, und ist, man mag dem Verfasser Recht geben wollen oder nicht, immer eine schöne Erscheinung hoch in der Wolke und ein Weben des Genies. Sie betrifft aber die Schöpfungsgeschichte Moses, die unser Verfasser auf Adlerflügeln von einem neuen und äußerst simpeln Mechanismo aus allem Bedruck der tausend und tausend Ehrenschändungen und Ehrenrettungen und Commentations und Ehrenerklärungen allerlei gelehrter Zünfter und Handwerker heimholen, oder vielmehr auf ihren eigenen Flügeln, die ihr bisher niemand angesehen hat, selbst heimfliegen lassen will, wie folget. Nur noch vorher eine Glosse: »Diese Analogie des Menschen zum Schöpfer erteilt allen Kreaturen ihr Gehalt und ihr Gepräge, von dem Treue und Glauben in der ganzen Natur abhängt. Je lebhafter diese Idee, das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, in unserm Gemüt ist: desto fähiger sind wir, Seine Leutseligkeit in den Geschöpfen zu sehen und zu schmecken, zu beschauen und mit Händen zu greifen. Jeder Eindruck der Natur in den Menschen ist nicht nur ein Andenken, sondern ein Unterpfand der Grundwahrheit: wer der HERR ist. Jede Gegenwirkung des Menschen in die Kreatur ist Brief und Siegel von unserm Anteil an der göttlichen Natur, und daß wir Seines Geschlechts sind.« Diese Glosse eines alten Rhapsodisten und Schriftgelehrten mag die Seele der Leser zur Fassung der wahren Idee der Urkunde in Bewegung setzen, zumal gesagt wird, daß darin viel Finsternis und Dunkel sei. Und nun zum Werk: Einige Herren Deisten also und chinesische Spitzköpfe haben aus Aristoteles Organon, Graf Wellings Salzlehre, Descartes Mathematik, Wolfens Experimentalphysik, Gerikens Luftpumplehre etc. etc. ein Heer von Einwendungen und Zweifeln ausgerüstet, in der Mosaischen Schöpfungsgeschichte einen Riß zu machen; so hätte zum Exempel am ersten Tage nicht Licht da sein sollen, und die Sonne drei Tage zu spät kommen; so hätte der dritte Tag der Welt nicht Gras, Bäume, Laub und Kraut geben, und am vierten erst das Firmament gebaut werden sollen u.s.w. – und einige Herren Theologen, und philosophische Breitköpfe haben ihnen, aus Gerikens Luftpumplehre, Wolfens Experimentalphysik, Descartes Mathematik, Graf Wellings Salzlehre, Aristoteles Organon etc. etc. ein Heer von Antworten und Auflösungen entgegen gestellt, und dadurch den Riß noch größer gemacht, angesehen Moses Schöpfungsgeschichte weder nach Aristoteles Organon, noch Gerikens Luftpumplehre, noch Descartes Mathematik, noch Graf Wellings Salzlehre, noch Wolfens Experimentalphysik abgezirkelt ist, und also nicht darnach angefochten, noch gerechtfertigt werden soll noch muß. Wenn aber die Schöpfungsgeschichte Moses noch von keinem gerechtfertigt worden ist, so ist das nicht die Schuld des Schlosses, sondern des Schlossers. Sie bedarf keiner so künstlichen Rechtfertigung, und schwebt auf Flügeln der Morgenröte über alle Einwendungen und Zweifel hoch daher und triumphiert. So nämlich: Gott wollte den unverdorbenen Urahnen offenbaren, daß Er Himmel und Erde, und alles das Gute und Schöne, was sie an Himmel und Erde um sich sahen, erschaffen habe, und, weil die ersten Menschen Sinne und Leidenschaften waren, und Sinne und Leidenschaften, wie der Rhapsodist sagt, nichts als Bilder reden noch verstehen, so knüpfte Gott seine Offenbarung an die Morgenröte das schönste und freundlichste Bild unterm Himmel, das allen Völkern der Erde aufgeht, um sie jeden Morgen an die Offenbarung, und an ihren Schöpfer und Vater – gnädig, barmherzig und von großer Güte – mit Kraft und Leben erinnern könnte; oder vielmehr, Gott webte diese seine Offenbarung in die Buchstaben der Morgenröte, ins rötliche dramatische Gewand der Tagwerdung, daß sie zugleich in und mit der Schöne des Gewandes dem Menschen sinnlich würde, und ihm tief in Auge und Herz fallen sollte. Nach diesem Gesichtspunkt fallen die Einwendungen und Zweifel von selbst weg, und alles geht natürlichen Gang, wie ein jeder, der Augen hat, alle Morgen sehen kann. Licht kommt vor der Sonne, Gras und Laub sieht er vor Sonne u.s.w. Aber wozu nun die Abteilung in sechs Tage, und der Sabbat am siebenten? Ist offenbar, sagt unser Verfasser, Institut der Arbeit und Ruhe, und das Gebot an den Menschen: »Sechs Tage sollst du arbeiten und am siebenten ruhen«, in die Schöpfung der Welt verwebt, und in stillem belehrenden Beispiel gegeben, denn Gott, dessen Bild und Gleichnis und Repräsentant der Mensch auf Erden sein soll, schuf sechs Tage die Welt und ruhte am siebenten. Außerdem aber ist diese Abteilung in sieben wahrscheinlich auch ein hieroglyphisches Spielzeug für die mechanische Einbildungskraft und Kindeshand des jungen Menschengeschlechts, ad modum der äußerlichen Gestalt des Menschen, den man, ohne ein Narr zu sein, wie viele Narren die ihn so genannt haben, Mikrokosmos nennen kann, die aber von äußerst wichtigen Folgen fürs menschliche Geschlecht war, weil Symbolik, Zeitrechnung, Naturlehre, und, mit einem Wort, die ältesten wichtigsten Künste und Wissenschaften des menschlichen Geschlechts aus ihr, als einem Fingerzeig Gottes zu dem allen, hergekommen sind etc. siehe p. 112 sq. Diese alte Vaterurkunde und Offenbarung Gottes ist nun in den Religionen aller alten Völker mehr oder minder nationalisiert, verstellt und verstümmelt worden, ist aber in den übriggebliebnen Fragmenten noch sichtbar; und das, und dahin erklärt der zweite und dritte Teil unseres Produkts, was wir von den Ägyptern und den Völkern Niederasiens wissen, und was bisher zum Teil sehr anders erklärt worden ist etc. Der Kuß Mutii Pansae OSCVLVM Christianae et ethnicae religionis. oder die Ähnlichkeiten in den verschiedenen alten Religionsfragmenten, und der gute Geruch der Zahl sieben etc. sind ohne Zweifel kein Spiel des Zufalls und haben ohne Zweifel eine Ursache. Wo die aber zu suchen sei, da wo unser Verfasser sie gefunden hat, oder im Schematismus des Universi und in den vestigiis creaturae a creatore impressis? das läßt der Rezensent dahingestellt sein. Er gehört überhaupt zu einer gewissen Klasse eklektischer Mystiker, die immer an den heiligen Parabeln und Hieroglyphen des Altertums käuen und wiederkäuen, und mit einer Emulsion, die sich so gar leicht ergibt, ex officio nicht befriedigt sein dürfen. Bei dem allen kann er aber doch nicht umhin, des Verfassers Idee und sonderlich ihre Aus- und Durchführung, soweit es nämlich mit der bekannten Regel nil admirari bestehen kann, zu bewundern; bei vielen Winken und Seitenblicken durchs ganze Buch, wie beim Anblick der Wahrheit, aufzujauchzen; und wegen des Unterrichts von der Morgenröte, p. 78 etc. und wegen einiger andern Stellen dem Verfasser zugetan zu sein. Schließlich ist noch zu merken, daß die Sprache in diesem Buch nicht sei wie ein gewöhnlich Bette, darin der Gedankenstrom ordentlich und ehrbar hinströmt, sondern wie eine Verwüstung in Damm und Deichen. Die Mutter bei der Wiege       Schlaf, süßer Knabe, süß und mild,     Du deines Vaters Ebenbild! Das bist du; zwar dein Vater spricht,     Du habest seine Nase nicht. Nur eben itzo war er hier     Und sah dir ins Gesicht, Und sprach: Viel hat er zwar von mir,     Doch meine Nase nicht. Mich dünkt es selbst, sie ist zu klein,     Doch muß es seine Nase sein; Denn wenn's nicht seine Nase wär,     Wo hätt'st du denn die Nase her? Schlaf, Knabe, was dein Vater spricht,     Spricht er wohl nur im Scherz; Hab immer seine Nase nicht,     Und habe nur sein Herz! Wandsbeck Eine Art von Romanze von Asmus pro tempore Bote daselbst. Mit einer Zuschrift an den Kaiser von Japan Sire , Sie werden verzeihen, daß ich Ihnen eine Schrift zueigne, die Ew. Mt. auf keine Art und Weise interessieren kann. Ich ahme hierin einen Gebrauch meines Landes nach, und erwarte in tiefster Untertänigkeit, daß Ew. Mt. meine Kühnheit allergnädigst vermerken, meine Schrift aber nicht ansehen noch lesen werden. Selbst bin ich niemals in Ew. Mt. Reichen und Landen gewesen, dürfte auch, da Ew. Mt. so merklich weit weg von hier zu sein geruhen, schwerlich jemals anders als in dieser Zueignungsschrift mich zu Höchstdero Füßen zu legen die Gelegenheit haben. Sollte Ew. Mt., etwa durch Ihren Hofmarschall oder sonst einen Gelehrten Ihren Hofes, die Anmerkung zu Ohren kommen, daß mein Verse ziemlich nachlässig hingeworfen sind; so bitte ich in Gnaden zu bedenken, daß sie so nachlässig hingeworfen sein sollen, und daß ich dabei auf den Hofmarschall nicht gerechnet, mich auch in dieser Zueignungsschrift aller mir sonst üblichen Elisions enthalten habe. Der ich übrigens nicht ermangeln werde, mit aller der Achtung zu verharren, die man einem Regenten schuldig ist, der über ein so kluges und glückliches Volk regiert, als ich von Ew. Mt. in Büchern gelesen habe, Ew. Mt. etc.           Gesetzt du wärst, dich zu erfreun     Und ob des Leibes Stärke, In Hamburg (Fleisch und Fisch und Wein     Sind hier sehr gut, das merke!) Und hättest Wandsbek Lust zu sehn,     Und bist nicht etwa Reiter; So mußt du aus dem Tore gehn,     Und so allmählich weiter. Zu Wagen kannst du freilich auch,     Das kann dir Niemand wehren; Doch mußt du erst nach altem Brauch     Des Fuhrmanns Meinung hören; Und wenn der nichts dagegen hat,     So hab' ich nichts zu sagen. Reit oder geh, doch in der Tat     Am besten ist's zu Wagen. Nur siehe fleißig vor dich hin,     So wirst du schaun und sehen Da einen Wald, wo mitten drin     Lang Turm und Häuser stehen. Ad vocem Turm fällt mir gleich ein,     Daß einst im Pisa-Lande Mit dreien Kindern, jung und fein!     Ein Mann von hohem Stande Verriegelt worden jämmerlich,     's ist schrecklich zu erzählen, Wie da der Alte mußte sich,     Wie sich die Kinder quälen. Wer nicht versteht Reim und Gedicht,     Kann ihre Qual nicht sprechen: Sie saßen da, und hatten nicht     Zu beißen, noch zu brechen, Und hatten Hunger – ach, der Tod     War hier Geschenk und Gabe. Drei Tage lang bat Gaddo Brot,     Dann starb der arme Knabe. Um seine kleine Leiche her     Wankt Vater, wanken Brüder, Und starben alle so wie er     Nur später – – Aber wieder Zu kommen auf den Turm im Wald,     Den du tust schaun und sehen; So merke nun auch, was gestalt     Mit dem die Sachen stehen. Erst, ist in ihm kein Hungerwurm,     Denn ist da, zweitens, Lehre, Und kurz und gut, es ist der Turm     Von unsrer Kirche, höre, Wo unser Pastor Predigt hält,     Und unser Küster singet, Und uns ein Wunsch nach jener Welt     Durch Mark und Beine dringet. Ja, Kirche und Religion – –     Sie haben's groß Gezänke, Viel haben's Schein, viel ihren Hohn     und lachen drob, man denke! Und ist doch je gewißlich wahr,     Daß sie es nicht verstehen; Und daß sie alle ganz und gar,     Was drinnen ist, nicht sehen. Der Augenschein lehrts jedermann:     »Wer soviel schöne Gaben Für Ohr und Auge geben kann,     Muß auch was Bessers haben – Der Mann mit Mondstrahl im Gesicht     Wird's suchen, und wird's finden, Doch jedem Narren muß man's nicht     Gleich auf die Nase binden.« Schön ist die Welt, schön unsre Flur,     Und unser Wald vor allen Ist schön, ein Liebling der Natur,     Voll Freud' und Nachtigallen. Und wer uns widersprechen will,     Der komm' und hör' und sehe, Und seh' und hör' und schweige still,     Und schäme sich, und gehe! Viel große Kunst ist zwar nicht hier,     Wie in Rom und Ägypten; Doch haben wir Natur dafür,     Die auch die Alten liebten, Und der läßt man hier ihren Lauf,     Und folget ihren Winken, Und stutzet sie ein wenig auf     Zur Rechten und zur Linken. Und so ward endlich unser Wald,     Wo man bald Saatfeld siehet, Bald wilder Waldwuchs ist, und bald     Ein Musa-Pisang blühet, Und bald durch Öffnungen, mit List     Im Walde ausgehauen, Die große Stadt zu sehen ist,     Voll Männer und voll Frauen, Und bald, und bald – – ein Dichtermann     Der würd' es recht beschreiben; Weil ich nun aber das nicht kann,     So muß ich's lassen bleiben. Genug, ein jeder drängt heraus,     Zu leben hier und sterben, Und baut sich hier ein kleines Haus     Für sich und seine Erben. Die Mode, welche Städter zwängt,     Ist hier gehaßt, wie Schlangen, Und hoch an unsern Eichen hängt     Bocks-Beutel aufgehangen, Und wer hier kömmt, sei wer er sei,     Nur habe er Dukaten, Ist ganz sein eigner Herr, und frei,     Und mag sich selber raten, Und singen, springen kreuz und quer,     Ohn allen Zwang und Wächter. Auch sieht man hier von ohngefähr     Hammonas schöne Töchter, Wenn sie in Negligee und Pracht,     Darin sie Herzen nehmen, Vom Morgen an bis in die Nacht     Durch unsre Gänge strömen. Und Tycho Brah, – – bald hätt ich gar     Herrn Tycho Brah vergessen, – – Der hier vor mehr als hundert Jahr     Den Himmel hat gemessen. Er selber zwar ist hier nicht mehr,     Er hat längst ausgemessen, Doch sieht man noch zu seiner Ehr     Den Turm, wo er gesessen. Der Turm ist uns ein Heiligtum,     Vor dem uns abends grauet. Er war von vielem Alter krumm,     Ist aber neu gebauet, Daß er nicht täte einen Fall,     Nun will er auch wohl stehen. Wir aber wollen den Kanal     Samt Wendemut besehen. Doch Freundin Luna kommt daher;     Empfangt mich, Büsch' und Bäume! – Ihr stilles Zauberwort ist mehr     Als hundert tausend Reime. Die Leiden des jungen Werthers. Erster und zweiter Teil. Leipzig, in der Weygandschen Buchhandlung. 1774 Weiß nicht, ob's 'n Geschicht oder 'n Gedicht ist; aber ganz natürlich gehts her, und weiß einem die Tränen recht aus 'm Kopf herauszuholen. Ja, die Lieb ist 'n eigen Ding; läßt sich's nicht mit ihr spielen, wie mit einem Vogel. Ich kenne sie, wie sie durch Leib und Leben geht, und in jeder Ader zuckt und stört, und mit 'm Kopf und der Vernunft kurzweilt. Der arme Werther! Er hat sonst so feine Einfälle und Gedanken. Wenn er doch eine Reise nach Pareis oder Pecking getan hätte! So aber wollt' er nicht weg von Feuer und Bratspieß, und wendet sich so lange dran herum, bis er kaputt ist. Und das ist eben das Unglück, daß einer bei so viel Geschick und Gaben so schwach sein kann, und darum sollen sie unter der Linde an der Kirchhofmauer neben seinem Grabhügel eine Grasbank machen, daß man sich drauf hinsetzen und den Kopf in die Hand lege, und über die menschliche Schwachheit weine. – Aber, wenn du ausgeweinet hast, sanfter guter Jüngling! wenn du ausgeweinet hast; so hebe den Kopf fröhlich auf, und stemme die Hand in die Seite! denn es gibt Tugend, die, wie die Liebe, auch durch Leib und Leben geht, und in jeder Ader zuckt und stört. Sie soll, dem Vernehmen nach, nur mit viel Ernst und Streben errungen werden, und deswegen nicht sehr bekannt und beliebt sein; aber wer sie hat, dem soll sie auch dafür reichlich lohnen, bei Sonnenschein und Frost und Regen, und wenn Freund Hain mit der Hippe kommt. Fritze Nun mag ich auch nicht länger leben,     Verhaßt ist mir des Tages Licht; Denn sie hat Franze Kuchen gegeben,     Mir aber nicht. Diogenes von Sinope. Leipzig, bei Weidemanns Erben und Reich etc. Mann im zerrissenen Mantel, mit der ruhigen Miene! ich stehe eifersüchtig an deiner Tonne, und, wenn die verwünschte Kluft zwischen Ideen und Empfindungen nicht wäre, so schiene morgen die Sonne, wenn sie aus dem Meer steigt, in zwo Tonnen. Ich bin sehr aufrichtig, wie du siehst, Diogenes! Die andern zeigen dir bloß ihre brillanten Teile, das mulier formosa superne, eine volle Brust, einen schönen süßschwatzenden Mund, ein freundliches Komplimentiergesicht etc. und ich, meine partes pudendas, das desinit in atrum piscem, meine schweren podagrischen Füße, die ich nachschleppen muß und die meinen Entschlüssen den Hals brechen. Dein Ausleger, so richtig und beredt sein Mund spricht (seine Füße sind unterm Mantel verborgen), predigt in den Wind. Es ist wohl kein Mensch in Athen, der nicht in gewissen Stunden das Schale der erkünstelten eingebildeten Bedürfnisse, und die Dornen im Labyrinth der Leidenschaften fühlen und oft darüber ein sauer Gesicht machen, und an deine Tonne denken sollte; aber was hilft der bloße Gedanke des Kopfs? Fußsalbe, Mann von Sinope! – Von meinem Freund Virgilius Er hat, außer manchen andern Gaben auch sonderlich eine gute Gabe die Gedankenstriche à propos anzubringen; und 'n Gedankenstrich am rechten Orte hat sein Verdienst. So sagt er z. E. Speluncam devenere eandem – – 's soll Dichter geben, die sich in solchen Fällen nicht an dem Strich begnügen können und weiter sprechen müssen, die ihren Kopf von Geschmack und Schöngeisterei so voll haben, sagt mein Vetter, daß sie wähnen, man dürf' alle Sitt' und Ehrbarkeit aufopfern, dürfe der ohnehin mit mancherlei Lüsten beladenen Weiblein auf keine Weise schonen, und ihre Schamhaftigkeit und Tugend frech und ungescheut irre machen, wenn's nur in schöner Prosa oder in schönen Versen geschieht. Sollten's nicht tun; 's ist doch nicht übel, schamhaftig und tugendhaft sein. Als der Hund tot war     Alard ist hin, und meine Augen fließen     Mit Tränen der Melancholie! Da liegt er tot zu meinen Füßen!     Das gute Vieh! Er tat so freundlich, klebt' an mir wie Kletten,     Noch als er starb an seiner Gicht. Ich wollt' ihn gern vom Tode retten,     Ich konnte nicht. Am Eichbaum ist er oft mit mir gesessen,     In stiller Nacht mit mir allein; Alard, ich will dich nicht vergessen,     Und scharr' dich ein Wo du mit mir oft saß'st, bei unsrer Eiche,     Der Freundin meiner Schwärmerei. – Mond, scheine sanft auf seine Leiche!     Er war mir treu. Über die Musik Der Mann, der zuerst beim Gottesdienst Musik hören ließ, hatte wohl nicht die Absicht, sich dem Publico als Komponisten zu empfehlen; so wenig der Prophet Nathan durch seine Fiktion von dem einzigen Schaf des armen Mannes den Namen eines guten Fabeldichters verdienen, und Abraham ein Wundarzt sein wollte, als er nahm seinen Sohn Ismael, und alle Knechte, die daheim geboren waren, und alle, die er erkauft, und alles, das Mannes Namen waren in seinem Hause, und beschnitte die Vorhaut an ihrem Fleische. Er war ohne Zweifel ein Mann von hoher Einsicht und Gesinnung, und ein Freund und Vater seines Volks. Die ersten Dichter jeder Nation sollen ihre Priester gewesen sein; vielleicht gerieten diese auch zuerst auf die Erfindung, ihren Gesängen durch Saitenspiel mehr Eingang und Kraft zu geben. Die Musik mag indes am Altar entsprungen, oder in die Tempel eingeführt worden sein; so muß man hier den Zeitpunkt annehmen, darin sie ohne alle eigne Gerechtigkeit war, und in Knechtsgestalt Wunder tat. Am Hofe zu Jerusalem ward nicht allein des Herrn Gnade des Morgens und des Nachts seine Wahrheit verkündigt auf den zehen Saiten und mit Spielen auf der Harfe; es ward nicht allein nach einem Sieg wider die Philister ein Te Deum aufgeführt mit der Githit, und Gott hoch gepriesen mit Posaunen, Psalter und Harfen, mit Pauken und Reigen, mit Pfeifen und Saiten, mit hellen Zimbeln und mit wohlklingenden Zimbeln; sondern der König David ließ auch sein Angstgebet in sehr traurigen und kritischen Situationen, und auch die Bußsoliloquia seiner sehr erschrockenen Seele, die er glaubte, auf acht Saiten vorsingen. Wie solche Nachrichten uns über die Endzwecke der Musik überhaupt klug machen können, so lassen sie uns zugleich auf ihre Gestalt in den Morgenländern und auf die Idee schließen, die man von ihr hatte. Der Anekdote zufolge, daß die Musik anfänglich in Griechenland allein beim Lobe der Götter und Helden und bei Erziehung der Jugend gebraucht worden, ist sie vermutlich in dieser göttlichen Einfalt und unerkannten Schönheit aus Orient zu den Griechen gekommen, die auch in diesem Stück αεὶ παι̃δες waren, und so lange daran feinerten und feilten, bis sie eine schöne Kunst daraus gemacht hatten. In dem Lande, wo die Dichter in Nachahmer und Schmeichler der herrschenden Neigungen, und Weise in Professores der Dialektik ausarteten, ward die Musik, aus einer heiligen Nonne, eine verzärtelte liederliche Dirne, welche die Vermahnungen Platos und anderer verständigen Männer in den Wind schlug, sich bei aller Gelegenheit sehen ließ, und um öffentliche Preise und den Beifall des wollüstigen griechischen Ohrs buhlte. Sie war nun gar nicht mehr, was sie gewesen war, der schlechte Zauberstab in der Hand des Götterboten: – – hac animas ille evocat Orco Pallentes, alias sub tristia Tartara mittit, Dat somnos adimitque et lumina morte resignat. Die Musik eines griechischen Virtuosen, der in den pythischen und andern Spielen mehr als einmal den Preis erhalten hatte, verhält sich zu einem Psalm Davids ohngefähr wie ein Solo eines leichtfüßigen Gecken, der aber ein großer Tänzer ist, zu dem Tanz des Mann Gottes vor der Bundeslade her, deswegen er von der Michal allerhand bittre Kritiken anhören mußte. Plutarch sagt, daß man sich zu seiner Zeit gar nicht einmal einer Begriff mehr von der alten Musik machen konnte, die Jünglinge zu guten Bürgern bildete, und schiebt die Schuld aufs Theater. Zwar gab es auch Musiker, die zu Delphis nicht zur Wette mitspielen wollten, weil sie bessere Absichten hatten; und gemeiniglich waren diese Dichter und Musikus zugleich. In Lykurgs Leben wird von einem Thales, nicht der aus dem Siebengestirn der Weisen, sondern ein lyrischer Dichter und Musikus aus Kreta, erzählt, wie folget: »Seine Gesänge waren durch ihren sanftgeordneten wohlklingenden Gang sehr einnehmend, und munterten auf zum herzlichen Gehorsam und zur Eintracht. Wer sie hörte, ward wider sein Wissen und Willen gerührt und sanfter gemacht; sein Herz ward ihm warm für die Tugend und vergaß des Neides schier, der es bisher besessen hatte; daß man auf gewisse Weise sagen kann, dieser Thales habe dem Lykurg vorgearbeitet, und die Bahn gebrochen, die Spartaner auf bessern Weg zu bringen.« Die Römer sind in Absicht auf die Musik weniger anzuklagen als die Griechen; zu ihnen kam sie aus Griechenland, und die Griechen hatten sie aus Orient. Bei den übrigen Abendländern und nordischen Völkern ging die Musik noch lange nach Christi Geburt, unter Aufsicht der Priester, mit in den Krieg und gewann Schlachten fürs Vaterland. Man hatte schon in Griechenland mit gutem Erfolg Versuche gemacht, ihrer unsichtbaren Gewalt diese Richtung zu geben, jedoch ohne den Deutschen, die sich um Griechenland und seine Kultur wenig bekümmerten, ein Muster, das sie nachahmten, hierin gegeben zu haben. Die Priester der Deutschen bedurften auch eines solchen Musters nicht, um von der Musik nach den Umständen und Bedürfnissen der Nation verschiedene Anwendungen zu machen. Es mögen übrigens den Römern, die an die molliores und delicatiores in cantu flexiones, wie Cicero sich ausdrückt, gewöhnt waren, die rauhen Allegros der Deutschen sonderbar vorgekommen sein, und sie werden, als sie die Wirkungen der deutscher Musik unter Varus erfahren hatten, ihren Regiments- und Kompaniefeldschers über Herrmanns Hofkapelle und über die wilde Chromatik seiner Hoboisten sicherlich allerhand spöttische Anmerkungen gemacht haben. In den folgenden Jahrhunderten nach Christi Geburt muß die Musik, auch als Tonkunst, verfallen sein. Man spricht um die Zeiten von Wiederherstellern und Verbesserern der Musik und führt zum Beweis Dinge an, die ehedem jedem Pfuscher bekannt waren, ohne ihm Verdienst zu geben. Es ist sehr wahrscheinlich, daß in den unruhigen Zeiten die Musik, wie die Gelehrsamkeit, in die Klöster geflüchtet sei, wo sie auch itzo noch vielleicht die besten Dienste tut, wenn sie da einen unzufriedenen traurigen Mönch, der lange mit seinem Gram heimlich kämpfte und auf dem Wege war, seinen Vater und den Tag seiner Geburt zu verfluchen, wenn sie den besänftigen, und seine Seele zu dem großen Entschluß: sich selbst zu überwinden, emporstreben hilft, oder wenn sie einer jungen Nonne, die wider die Theorie von Verleugnung der Welt unüberwindliche Zweifel fühlt, über eine Neigung, die in einem Nonnenkloster von rechtswegen nicht befriedigt werden kann, den Sieg erleichtert. Beim Gottesdienst in Rom versuchte die Musik von Zeit zu Zeit naseweis und mutwillig zu werden, daß auch verschiedene Päpste sich gemüßigt fanden, ihrem Mutwillen in Triolen und Trillern etc. Schranken zu setzen. Papst Marcellus II. wollte sie aus der Ursache gar vom Altar verbannen, aber Palestrina versöhnte ihn noch durch eine Messe wieder, die ohn allen Mutwillen langsam und andächtig einhergeht, ihr Auge unbeweglich gen Himmel richtet, und in jedem Schritt das Herz trifft. Heut zu tage empfehlen sich besonders die deutsche und italienische Musik durch hervorragende Eigenschaften. In beiden haben wir treffliche Meisterstücke, und große Meister, die den Ruhm verdienen, daß sie durch ihre Harmonie und Melodie den Vogel auf der Spitze des Zepters in der hohen Hand Jupiters einschläfern können. Wem es aber von den Göttern aufbehalten ist, die Musik in Einfalt und Kraft wieder einzuführen, der bedarf eines solchen Ruhmes nicht; ihn wird Apollo seinen Freund nennen und sein unerkanntes Verdienst durch zwei lange Gliedmaßen unter Midas Locken rechtfertigen. Ein Lied nach der Melodie: My mind to me a kingdom is, in den Reliques of ancient Poetry               Ich bin vergnügt, im Siegeston     Verkünd es mein Gedicht. Und mancher Mann mit seiner Kron     Und Zepter ist es nicht. Und wär er's auch; nun, immerhin! Mag er's! so ist er was ich bin. Des Sultans Pracht, des Moguls Geld,     Des Glück, wie hieß er doch, – Der, als er Herr war von der Welt,     Zum Mond hinauf sah noch? Ich wünsche nichts von alledem, Zu lächeln drob fällt mir bequem. Zufrieden sein, das ist mein Spruch!     Was hülf mir Geld und Ehr? Das, was ich hab, ist mir genug,     Wer klug ist wünscht nicht sehr; Denn, was man wünschet, wenn man's hat, So ist man darum doch nicht satt. Und Geld und Ehr ist obendrauf     Ein sehr zerbrechlich Glas. Der Dinge wunderbarer Lauf,     (Erfahrung lehret das) Verändert wenig oft in viel, Und setzt dem reichen Mann sein Ziel. Recht tun, und edel sein und gut,     Ist mehr als Geld und Ehr; Da hat man immer guten Mut     Und Freude um sich her, Und man ist stolz, und mit sich eins, Scheut kein Geschöpf und fürchtet keins. Ich bin vergnügt, im Siegeston     Verkünd es mein Gedicht, Und mancher Mann mit einer Kron     Und Zepter ist es nicht. Und wär er's auch; nun, immerhin! Mag er's! so ist er was ich bin. Oden. Hamburg, bei J. J. C. Bode Nein, Verse sind das nicht; Verse müssen sich reimen, das hat uns Herr Ahrens in der Schule gesagt. Er stellte mich vor sich hin, als er's uns sagte, und zupfte mich an 'n Ohren und sprach: Hier 'n Ohr, und hier 'n Ohr, das reimt sich; und Verse müssen sich auch reimen. Ich kann auch wohl zweihundert Vers' in einer Stund lesen, und 's ficht mich sehr oft nicht mehr an, als wenn ich durch Wasser wate, auch spielen ein'm die Reime wie Wellen an 'n Hüften; hier aber kann ich nicht aus der Stell', und 's ist mir, als ob sich immer Gestalten vor mir in 'n Weg stellten, die ich ehedem im Traum gesehn habe. Zwar ist's gedruckt, wie Verse, und 's ist viel Klang und Wohllaut drin, aber 's können doch keine Verse sein. Ich will 'nmal meinen Vetter fragen. – – 's sind doch Verse, sagt mein Vetter, und fast 'n jeder Vers ist ein kühnes Roß mit freiem Nacken, das den warmgründigen Leser von fern reucht und zur Begeisterung wiehert. Ich hatte von Herrn Ahrens gehört, Verse wären so 'n brausendes Schaumwesen, das sich reimen müßte; aber Herr Ahrens, Herr Ahrens! da hat Er mir was weisgemacht. Mein Vetter sagt, 's muß gar nicht schäumen, 's muß klar sein, wie 'n Tautropfen, und durchdringend, wie 'n Seufzer der Liebe, zumal in dieser Tautropfenklarheit und in dem warmen Odem des Affekts das ganze Verdienst der heutigen Dichtkunst bestehe. Er nahen mirs Buch aus der Hand und las S. 41 aus dem Stück, der Erbarmer: – – O Worte des ewigen Lebens!     So redet Jehova: Kann die Mutter vergessen ihres Säuglings,     Daß sie sich nicht über den Sohn ihres Leibes erbarme? Vergäße sie sein:     Ich will dein nicht vergessen! Preis, Anbetung, und Freudentränen und ewiger Dank,     Für die Unsterblichkeit! Heißer inniger herzlicher Dank,     Für die Unsterblichkeit! Halleluja in dem Heiligtume!     Und jenseits des Vorhangs In dem Allerheiligsten Halleluja!     Denn so hat Jehova geredet! »Schäumt das, Vetter? und wie wird Euch dabei?« – Wie mir wird? 's rührt sich auch ein Halleluja in mir, aber ich darf's nicht aussprechen, weil ich nur so 'n gemeiner schlechter Kerl bin; ich möchte die Sterne vorn Himmel reißen und sie zu 'n Füßen des Erbarmers hinstreuen und in die Erd' sinken. So wird mir! »Bravo! Vetter. Das sind eben Verse, die Euch so das Sternreißen eingeben. Lest 's Buch ganz, 's wird Euch schmecken, und übrigens schämt Euch des Halleluja nicht, das sich in Euch rührt. Was gemein? bei Oden gilt kein Ansehn der Person; du oder ein König, einer wie der andre! Und, Vetter, der schönste Seraph in der feierlichen schrecklichen Pracht seiner sechs Flügel ist nur ein gemeiner schlechter Kerl, wenn er vor Gott steht! Aber, wie gesagt, lest 's Buch ganz.« Hab's getan, und will erzählen, wie's mir gangen ist. Wenn man 'n Stück zum erstenmal liest, kömmt man aus dem hellen Tag in eine dämmernde Kammer voll Schildereien; anfangs kann man wenig oder nichts sehen, wenn man aber drin weilt, fangen die Schildereien nach und nach an, sichtbar zu werden und affizieren einen recht, und denn macht man die Kammer zu und beschließt sich darin, und geht auf und ab und erquickt sich an den Schildereien und den Rosenwolken und schönen Regenbogen und leichten Grazien mit sanfter Rührung im Gesicht u.s.w. Hie und da bin ich auch auf Stellen gestoßen, bei denen 's mir ganz schwindlicht worden ist, und 's ist mir gewesen, als wenn 'n Adler nach 'm Himmel fliegen will, und nun so hoch aufsteigt, daß man nur noch Bewegung sieht, nicht aber, ob der Adler sie mach', oder ob's nur 'n Spiel der Luft sei. Da pfleg ich denn 's Buch hinzulegen, und mit Onkel Toby 'n Pfiff zu tun. Auch über die Wortfügung in diesen Oden hab' ich oft meine eigne Gedanken, und übers Metrum, und ich wollte drauf wetten, daß besondre Kniffe drin stecken, wer sie nur recht verstünde. 's Metrum ist nicht in allen Oden einerlei; ja nicht; in einigen ist's wie 'n Sturm, der durch 'n großen Wald braust, in andern sanft wie der Mond wallt, und das scheint nicht von ohngefähr so gekommen zu sein. S. 204: Die frühen Gräber                         Willkommen, o silberner Mond,     Schöner, stiller Gefährt der Nacht! Du entfliehst? Eile nicht, bleib, Gedankenfreund!     Sehet, er bleibt, das Gewölk wallte nur hin. Des Maies Erwachen ist nur     Schöner noch, wie die Sommernacht, Wenn ihm Tau, hell wie Licht, aus der Locke träuft,     Und zu dem Hügel herauf rötlich er kömmt. Ihr Edleren, ach es bewächst     Eure Male schon ernstes Moos. O, wie war glücklich ich, als ich noch mit euch     Sahe sich röten den Tag, schimmern die Nacht. Das wollt' ich wohl gemacht haben, oder auch bei den andern, unter ein'm Mal mit ernstem Moos bewachsen, schlafen, und da so 'n Seufzer eines guten Jungen hören, den ich im Leben lieb hatt. Mein bißchen Asche würde sich im Grab umkehren und mein Schatten durchs Moos zu dem guten Jungen heraufsteigen, ihm eine Patschhand geben und 'n Weilchen im Mondschein an seinem Halse zappeln. Und die Rubra über die Stücke! ja die sind immer so kurz und wohl gegeben, und 'n gut Rubrum über 'n Stück ist wie 'n Mensch, der 'n gut Gesicht hat. Auch die Dedikation ist brav, »an Bernstorf« und nichts mehr. Wozu auch so 'n langes Geleire von Mäcenas und Gnad' und gnädig? 's schmeckt dem großen Mann nicht, und den kleinen verdirbt's den Magen. Überhaupt ist mir aus diesem Buch recht 'n Licht über Herrn Ahrens und übers Versemachen aufgangen. Ich stelle mir den Dichter vor, als 'n schönen weichherzigen Jüngling, der zu gewissen Stunden plethorisch wird so desperat als wenn unsereinen der Nachtmoor reitet, und denn tritt 'n Fieber ein, das den schönen weichherzigen Jüngling heiß und krank macht, bis sich die Materia peccans in eine Ode, Elegie oder des etwas sezerniert; und wer ihm zu nah kommt, wird angesteckt. Braga steigt herab durchs Laub der Eiche, zu schwängern die Seele des vaterländischen Dichters, daß sie zu seiner Zeit ans Licht bringe eine reife kräftige Frucht; wer aber leichtfertig ist und mit 'n Ausländern buhlt, der legt Windeier, und wird oft 'n Spiel der Franzosen. Der Verfasser der Oden soll Klopstock heißen, möcht 'n doch wohl 'nmal sehen. Aus dem Englischen Es legte Adam sich im Paradiese schlafen; Da ward aus ihm das Weib geschaffen. Du armer Vater Adam, du! Dein erster Schlaf war deine letzte Ruh. Brief an Andres Mein lieber Andres, Seine Astronomie hat Er wohl mit Haut und Haar wieder vergessen? Ich weiß noch, 's pflegt' Ihm hart einzugehn, was Herr Ahrens uns von Triangeln und Zirkeln vormachte, und doch mocht' ich Ihn damals schon lieber leiden. Herr Ahrens wußte wohl alles auf 'n Fingern, und Er konnte nichts begreifen; aber dagegen konnt' Er auch in Seiner Einfalt so 'ne ganze halbe Stund' einen hellen Stern ansehn und sich so in sich darüber freuen, und das konnte Herr Ahrens nicht, und darum mocht ich Ihn lieber leiden, sieht Er! und darum schreib' ich Ihm auch diesen Brief, weil übermorgen abend recht was Schön's am Himmel zu sehen ist. 's wird nämlich der Abendstern eine Stund nach Sonnenuntergang, wenn reine Luft ist versteht sich, groß und hell am Himmel dastehen, im Westen, und dicht unter ihm zur Linken der Jupiter und zur Rechten der Mond. Wie das zusammen hängt, daß die drei schönen Himmelslichter so dicht neben einander stehen, das mag Herr Ahrens demonstrieren; Er aber soll vor Seine Tür heraus treten, und nach meinem lieben Mond und den beiden freundlichen Sternen hinsehen, und, was Ihm, wenn Er nun so vor Seiner Tür steht und hinsieht, Andres, was Ihm denn durch 'n Sinn fahren wird, sieht Er! das gönnt Ihm Sein alter Schulkamerad, und davon weiß Herr Ahrens nichts. Leb' Er wohl, Andres, und vergeß Er nicht die Tür zu riegeln, wenn Er wieder h'reingeht. Den 11ten Febr. 1774 Hinz und Kunz (Dem Gerichtshalter in – – gewidmet.) K. Hinz, wäre Recht wohl in der Welt? H. Recht nun wohl eben nicht, Kunz, aber Geld. K. Sind doch so viele die des Rechtes pflegen! H. Eben deswegen. Fuchs und Bär     Kam einst der Fuchs vom Dorfe her, Früh in der Morgenstunde, Und trug ein Huhn im Munde; Und es begegnet' ihm ein Bär. »Ah! guten Morgen, gnäd'ger Herr! Ich bringe hier ein Huhn für Sie; Ihr Gnaden promenieren ziemlich früh. Wo geht die Reise hin?« »Was heißest du mich gnädig, Vieh! Wer sagt dir, daß ichs bin?« »Sah Dero Zahn, wenn ich es sagen darf, Und Dero Zahn ist lang und scharf.« Bekehrungsgeschichte des – – – – Der Mensch ist freilich mehr als Tier, aber er ist auch Tier und hat tierische Zufälle. Das heißt, er hängt mehr oder weniger von seinem jedesmaligen Zustand ab, und von den sinnlichen Eindrücken, die ihm gegenwärtig sind, und urteilt also, wenn der Zustand verändert wird und er andre Eindrücke erhält, von den vorigen anders, als er zuvor, wegen der Nähe, der Gewohnheit, und dem Tumult seiner Sinne und Leidenschaften urteilen konnte; oder: seine Denkart kann von einem Punkt der Peripherie zu dem entgegengesetzten übergehen und wieder zurück zu dem vorigen Punkt, wenn die Umstände ihm den Bogen dahin vorzeichnen. Und diese Veränderungen sind nicht eben etwas Großes und Interessantes beim Menschen; aber jene merkwürdige katholische transzendentale Veränderung, wo der ganze Zirkel unwiederbringlich zerrissen wird und alle Gesetze der Psychologie eitel und leer werden, wo der Rock von Fellen ausgezogen wenigstens umgewandt wird und es dem Menschen wie Schuppen von den Augen fällt, ist so etwas, daß ein jeder, der sich des Odems in seiner Nase einigermaßen bewußt ist, Vater und Mutter verläßt, wenn er darüber etwas Sichres hören und erfahren kann. Fast alle Systeme, die Menschen sich von Gut und Böse machen, sind Ephemera, Kinder des gegenwärtigen Zustandes, mit dem sie auch wieder dahinsterben; und der Fall ist äußerst selten, daß einer dem System, das er sich gemacht hat, unter entgegengesetzten Umständen treu bleibe. Man kann daher allemal sicher zehn gegen eins wetten, daß ein Delinquent, der auf den Tod sitzt, im Gefängnis andre Gesinnungen über Gut und Böse äußern werde, als er geäußert hat, eh' er hineinkam und als er noch in offnem Meer schiffte; und es wäre also ein mißliches Ding mit den Bekehrungsgeschichten, und ein recht gutes, daß die Religion zum Beweis ihrer Wahrheit der Delinquenten und ihrer Geschichten allenfalls entbehren kann. Überhaupt ist nicht zu begreifen, wozu man sich mit den Freigeistern und Zweiflern so weitläufig in Demonstrations abgibt, und von ihrer Freigeisterei und Zweifelsucht soviel Aufhebens macht. Christus sagt ganz kurz: »Wer mein Wort hält, der wird inne werden, ob meine Lehre von Gott sei.« Wer diesen Versuch nicht machen kann oder nicht machen will, der sollte eigentlich, wenn er ein vernünftiger und billiger Mann wäre oder nur heißen wollte, kein Wort, weder wider noch für das Christentum sagen; und ist er doch so schwach und eitel, daß er, wie Voltaire und Hume etc., sein bißchen Galanterieware zu Markt bringen muß, da könnte man ihn ungestört machen lassen und sich nach ihm nicht umsehen. Kuckuck am Johannistage an seine Kollegen Man rächt sich an dem Undank gern;     Doch hab ich mich genug gerochen, Und mich von mir ganz sattgesprochen.     Ich hör nun auf, Ihr Herr'n! Discours sur les fruits des Bonnes Etudes – Die bonnes Etudes, ist der ewige Gesang, machen das Herz ihrer Verehrer, als Philosophen, Dichter etc., gut und tugendhaft, denn Pythagoras, Sokrates, Demokrit, Homer etc. waren gute und tugendhafte Männer – als ob Apollo mit seiner Leier und Hans Sachse mit seinem Hackbrett Kollegen wären, und wehe dem Leichtgläubigen, der sich darum auf die Gesinnungen eines Menschen verläßt, weil er gut demonstrieren oder schöne Verse machen kann. Ja aber, sagt der Discours, der Mann ohne Wissenschaften, in dem Zustand der rohen Natur, schlägt gleich zu mit seiner Keule, wenn ihm jemand Leid tut, aber die bonnes Etudes machen die Sitten sanft. Ja aber, wenn die sanftgemachte und übertünchte Sitte dem Manne, der ihr Leid tut, heimlich Fußangeln legen, und, wenn er sie in den Fuß getreten hat, mit sanfter Höflichkeit ihr Beileid bezeugen könnte? Da lieber den Schlag mit der Keule! Man weiß, woran man ist, teilt auch wohl nach Befinden der Umstände wieder aus, kurz es geht doch ehrlich her. Dies ist keineswegs so gemeint, als ob die bonnes Etudes, wie wir sie haben, nichts Gutes hätten. Dafür sei Jupiter und Minerva! Es läßt sich recht sehr viel Gutes von ihnen sagen, wie denn der Herr Verfasser in diesem Discours mit einem leichten Fluß der Gedanken und Worte wirklich recht sehr viel Gutes von ihrem Nutzen gesagt hat. Grabschrift auf den Windmüller Jackson     Hier liegt der Müller Jackson!     Er lebte vom Winde mit lieben Weib und Knaben; Es leben auch sonst noch viele davon,     Die keine Mühle haben. Ein Brief an den Mond Nr. 1 Stille glänzende Freundin! Ich habe Sie lange heimlich geliebt; als ich noch Knabe war, pflegt' ich schon in den Wald zu laufen und halbverstohlen hinter 'n Bäumen nach Ihnen umzublicken, wenn Sie mit bloßer Brust oder im Negligé einer zerrissenen Nachtwolke vorübergingen. Einst abends fragte ich, was Sie immer so unruhig am Himmel wären, und warum Sie nicht bei uns blieben. »Sie hatte, ach!« hub meine Mutter an und setzte mich freundlich auf ihren Schoß, »sie hatte einen kleinen lieben Knaben, der hieß Endymion, den hat sie verloren und sucht ihn nun allenthalben und kann den Knaben nicht wieder finden« – und mir trat eine Träne ins Auge. O, Madam! mir ist seitdem oft eine ins Auge getreten – – Sie scheinen ein weiches schwermütiges Herz zu haben. Der Himmel über Ihnen ist Tag und Nacht voll Jubel und Freudengeschrei, daß seine Schwellen davon erbeben, aber ich habe Sie nie in der fröhlichen Gesellschaft des Himmels gesehn. Sie gehen immer, allein und traurig, um unsre Erde herum, wie ein Mädchen um das Begräbnis ihres Geliebten, als wenn das Rauschen von erstickten Seufzern des Elendes, und der Laut vom Händeringen und das Geräusch der Verwesung Ihnen süßer wären als der Päan des Orions und das hohe Allegro von der Harfe des Siebengestirns. Sanftes sympathetisches Mädchen! Erlauben Sie, daß ich meinen Gramschleier einen Augenblick vom Gesicht tue, Ihre Hand zu küssen; erlauben Sie, daß ich Sie zur Vertrauten meiner wehmütigen Kummerempfindung und melancholischen Schwärmereien mache und in Ihren keuschen Schoß weine. Und Jupiter breite ein dünnes Rosengewölk über die Szene! Der Leser aber denke sich dies Gemälde, von etlichen Liebesgöttern gehalten, als ein Cul de Lampe unter dem Vorbericht dieses sonderbaren Briefwechsels. Ich wüßte nicht warum?     Den griechischen Gesang nachahmen? Was er auch immer mir gefällt, Nachahmen nicht. Die Griechen kamen Auch nur mit einer Nase zur Welt. Was kümmert mich ihre Kultur? Ich lasse sie halter dabei, Und trotze auf Mutter Natur; Ihr roher abgebrochner Schrei Trifft tiefer als die feinste Melodei, Und fehlt nie seinen Mann; Videatur Vetter Ossian. Die Biene Wohl uns des Königs, den wir ha'n! Er ist ein gut Regent und Mann, Und er hat keinen Stachel. – Brief von Pythagoras an Fürst Hiero von Syracusa NB. Dieser Brief ist vor c. zweitausend Jahren geschrieben. Kenner der feinen und großen Welt werden bald merken, woran es dem Verfasser des Briefes gefehlt hat, und daß ein Philosoph unseres Jahrhunderts ganz anders würde geschrieben haben. Pythagoras aber schrieb wie folget, an Se. Hoheit den Fürst Hiero von Syracusa, der ihn zu sich eingeladen hatte: »Sire, Ich führe ein sehr einförmiges und ruhiges Leben; das Leben, das Du führst, ist weder das eine noch das andre. Ein mäßiger und frugaler Mann kann der sizilianischen Leckerbissen entbehren. Wohin Pythagoras auch komme, findet er genug zur Leibesnahrung und –notdurft, und der Überfluß eines Dynasten ist lästig und unbequem für jemand, der sich auf so etwas nicht versteht. Die Genügsamkeit ist ein groß Ding und steht fest; sie hat keine Neider und Verfolger, und deswegen scheint sie uns auch den Göttern am ähnlichsten zu machen. Dazu erwirbt man sich gesunde Konstitution nicht durch Liebepflegen, noch durch viel Essen und Trinken, wohl aber durch Mangel, der die Menschen zur Tugend treibt. Die mancherlei und ausschweifenden Wollüste aber treiben die Seele schwacher Menschen wie an Stricken, am allermeisten die Art Wollüste, denen Ew. Mt. ergeben ist. Und, weil Du freiwillig ihr Knecht sein willst, ist Dir nicht zu helfen, denn Vernunft gilt bei Dir nicht viel mehr als gar nichts. Lade also den Pythagoras nicht ein, mit Dir zu leben. Der Arzt legt sich nicht gerne zum Kranken ins Krankenbette.« Ein Fragment, das nach der Stoa schmeckt. – – – – quod petis heic est, Est Ulubris, ANIMUS si te non deficit AEQUUS.     Ich sah einst einen Knaben zart Bei einer Seifenblase stehen; Er lächelte nach Knaben Art Und konnte sich nicht satt dran sehen, Und freute sich der lieblichen Gestalt, Und ihrer wunderschönen Farben, Die Grün in Rot und Rot in Gelb erstarben, Und hüpfte fröhlich auf – doch bald Zersprang vor ihm die Wunderblase, Und eine bittre Trän lief über seine Nase. Der Himmel weit und breit ist ewig jung und schön, Jenseit des Monds ist alles unvergänglich; Die Siebenstern und ihre Brüder stehn Jahrtausende schon, überschwenglich In ihrer Herrlichkeit! und trotzen Tod und Sterben, Und sagen Hui zum Verderben, Hier unterm Mond Natur ist anders gar, Ein brütend Saatfeld für den Tag der Garben; Da wanket alles immerdar, Und wandelt sich, und spielt mit Farben, Mit Wasserblasen wunderbar. Die armen Menschen traun – – –   –   –   –   –   –   –   – Und raufen sich das Haar. Es ist ein Ding in dieses Beintals Nacht, Das groß und herrlich ist und schöner als die Sterne, Das bittern Mangel reich, zu Überfluß und Pracht, Und Dörflein Ulubris zum Garten Gottes macht. Ich nennte dir das Ding zwar gerne, Doch hilfts nicht, daß man davon spricht. So rate denn: es fehlte jenem Knaben; Ist unsichtbar, den Junkern ein Gedicht; Der Mann im Kittel kann es haben, Und mancher Ritter hat es nicht. Eine Disputation zwischen den Herren W. und X. und einem Fremden über Hrn. Pastor Alberti »Anleitung zum Gespräch über die Religion« und über Hrn. Pastor Goeze »Text am 5ten Sonntage nach Epiphanias« unter Vorsitz des Hrn. Lars Hochedeln. Dem hochlöblichen Collegio der Herren Sechziger zugeeignet. Mit einem saubern Kupfer. 1772, im Hornung. Meine Herren, Diese Schrift ist, wie Sie sehen, sehr zum Lachen eingerichtet. Wenn sie aber vielleicht noch sonst ein und andre gute Wirkung haben sollte, so war es nicht wider die Absicht ihres Verfassers. Es gibt einige Schriftsteller, die, bei der freien Miene die sie annehmen, beßre Gesinnungen haben, als man ihnen zutrauen sollte. Der Verfasser verbittet sich, daß man seine Schrift nicht zu den elenden Spöttereien rechne, dergleichen ihm einige, diesen Zank betreffend, zu Gesicht gekommen sind. Übrigens bewirbt er sich in dieser Zueignungsschrift weder um Beifall noch um Schutz, er wollte bloß bei dieser Gelegenheit eine Probe von der Achtung geben, die er unbekannterweise für ein hochlöbliches Kollegium der Herren Sechziger hat. Der Verfasser   W.: – Und das werden sie Ihnen alle sagen. Fragen Sie nur unparteiische Leute. X.: Ei was? Es gibt keine unparteiische Leute, hämische gibts wohl. W.: Hämisch, sagen Sie? bedenken Sie, das Buch ist zum Unterricht der christlichen Jugend geschrieben und hat solch wesentliche Mängel und offenbare Verfälschungen. Ein gewissenhafter Lehrer der Rechtgläubigkeit mußte dagegen aufstehen. Der Präses: Jawohl! mußte dagegen aufstehen, und das wesen man stumme Hunde, die dazu schweigen täten. Sutorem si furca expellas, tamen absque recori. X.: Es ist eine Schande, seinen Kollegen vor der Gemeine verhaßt und stinkend machen wollen, aber was soll man sagen, hat – – Der Präses: Jawohl! es ist eine Schande, aber freilich, was soll man sagen? W.: Daß dem Buch recht geschehen, und daß es noch Männer gibt, die Mut genug haben, sich gefährlichen Irrtümern entgegenzustellen und wenn es auch mit ihrem eignen Schaden geschehen sollte, das sollen Sie sagen. X: Und ich sage Ihnen, daß der Text ein Schandfleck in der lutherischen Klerisei, und daß der Mann, der ihn gemacht hat, ein feindseliger Mann sei, der seinen Kollegen neidet, und ihm Unglück zubereiten wollte, das sage ich Ihnen, und sagen Sie wem Sie wollen, daß ichs gesagt habe, und daß – W.: Und ich sage Ihnen, daß das Buch ein gefährliches, verdammliches Buch sei, und sein Verfasser ein Ketzer und Antichrist – – Der Präses: Heda, Gewalt.... quod – si – illabatur – oleum – un Pavian – ferient – Ruinae – Oh er da, Buten-Minsch, mellir er sich doch ein bißchen mit hinein, daß er die Leute auseinander bringe. Er wird ja doch so heel dumm nicht sein, daß Er nicht ein bißgen mit her machen kann, ich will Ihm denn schon forthelfen, wann Er stecken bleibt. Der Fremde: Ich weiß nicht, wovon die Herren reden. Der Präses: Wovon? das wird er ja wohl gehört haben. Herr W., sagen Sie dem fremden Herrn doch, wovon wir reden. W.: Die Rede ist hier von des Herrn Pastor Alberti Anleitung zum Gespräch über die Religion, und da behaupte ich gegen Herrn X., daß das Buch ein gefährliches Buch sei, und darüber disputieren wir. Der Präses: Und ich bin Präsident dabei, sieht Er, der nu so das Regiment beim Streit führt, und vörn Riß treten muß, wenn einer der Wahrheit zu neg kommt. Sieht Er davon reden wir, und das Buch ist ein gefährliches Buch. Der Fremde: Haben Sie das Buch gelesen, Herr Präsident? Der Präses: Nein, gelesen heb ich's nicht, aber darüm kann ich doch wohl weissen, daß es ein gefährliches Buch sei. Der Fremde: Sie, meine Herren, haben das Buch ohne Zweifel gelesen? X.: Aber ich wollte, daß ichs nicht gelesen hätte. W.: Freilich ist nicht viel Freude dabei, dergleichen zu lesen; sonst wüßt ich auch nicht, warum Sie's nicht wollten gelesen haben. X.: Mir den Verdruß und den Unwillen über den Mutwillen und das Unrecht der Verleumdung zu ersparen; darum, und weil ich mich ärgere, gegen Sie ein Wort darüber verloren zu haben. Der Fremde: Sie sprechen mit der Wärme eines Freundes, Herr X., und verdienen in dem Betracht Achtung, gesetzt auch, Sie ließen sich diese Wärme zuweilen ein wenig über die Grenze der Disputation leiten. Ich möchte sie gerne sanfter sehen. Man muß die Menschen mit Sanftmut und Geduld tragen, wenn es anders nicht Kurzweil, sondern Ernst ist, daß man das Ihre und nicht das Seine sucht. X.: Herr, Sie sollten auch dies Geschlecht kennen – – auf der Stirne die Ehre Gottes, und unterm Mantel den Dolch – – W.: Und was würde er denn, wenn er das Geschlecht nun kennte? Lügen würde er Sie strafen, und Sie verachten wie ich Sie verachte, daß Sie sich solcher frechen unverschämten Eingriffe in unsre allerheiligste Religion wider die Wächter Zions auch nur mit einem Worte annehmen mögen, er würde – – Der Fremde: Brechen Sie ab, meine Herren, die Art zu streiten schafft nichts Gutes. Sie sind vermutlich beide zu gute Leute, als daß Sie sich sollten erbittern wollen. Die Wahrheit ist die Tochter des friedlichen Himmels, sie flieht vorm Geräusch der Leidenschaften und vor Zank. Wer sie aber von ganzem Herzen lieb hat, und sich selbst verleugnen kann, bei dem kehrt sie ein, den übereilt sie des Nachts im Schlaf und macht sein Gebein und sein Angesicht fröhlich. Es scheint als wenn die Wahrheit Ihnen beiden am Herzen läge, mir liegt sie auch am Herzen. Lassen sie uns den alten zanksüchtigen Adam wegtun, ob wir sie finden möchten. Der Präses: Mir ligt sie auck am Herzen, und ich will sie mit söcken helfen. Aber in Albertis Buch finden wir sie nicht. Da ist nix als die klare Ketzerei darin zu finden. Der Fremde: Ein Schriftsteller ist zuweilen nachlässig im Ausdruck; oft macht die verschiedene Art sich eine Sache vorzustellen, daß einer den andern nicht recht versteht, manchmal will auch einer den andern nicht verstehen. Der Präses: Was wöll er damit sagen? Der Fremde: Ich will so viel sagen, daß man in einem jeden Buch Ketzereien finden kann, wenn man sie darin suchen wollte. Der Präses: Nu, so find' Er mir 'mal eine Ketzerei in dem Text am 5ten Sonntage nach Epiphonias. Er nimmt sich viel heraus, Butenminsch. Der Fremde: Was ich sage, das sage ich nicht wider Sie allein, Hr. Präsident, ich sage es auch wider mich und wider uns alle. Glauben Sie aber nicht, ich rede unbedachtsam, daß man in jedem Buch eine Ketzerei finden könne. Sie mögen mir auch noch sagen, welche Ketzerei ich in dem Text finden soll. Der Präses: Herr W.! Was gibt's denn für Ketzer? W.: Es gibt deren leider genug, Sozinianer, Valentinianer, Manichäer. Der Präses: Ganz recht, Manuchäer! Nu so find Er mir 'mal die Manuchäer-Ketzerei darin. Der Fremde: Sie wissen doch, was die Manichäer behauptet haben? Der Präses: Freilich, wie sollt ich das nicht weissen? Der Fremde: Sie haben nämlich behauptet, daß zwei Prinzipia oder Grundwesen wären, ein böses und ein gutes. Eigentlich hat Manes diese Lehre nicht erfunden, sondern aus der Tiefe der persischen Philosophie geschöpft. Der Präses: Was woll er erfunden haben? der Prinz Heraklius hat sie lang vör ihm gehabt, und Tubal Cain auch. Der Fremde: Nun steht im Text, »daß es ohne die Lehre vom Satan und seinen Wirkungen schlechterdings unmöglich sei, den Ursprung des Sündenübels zu erklären«. Nach der christlichen Lehre hat Gott den Satan als einen guten Engel erschaffen, der Satan hat aber gesündigt und ist gefallen. Wenn nun das Sündenübel ohne die Lehre vom Satan unmöglich erklärt werden kann, so bedürfen wir eines neuen Satans, den Fall des itzigen zu erklären, und so fort immer eines neuen Satans; und muß also wer dies behauptet zuletzt ein böses Grundwesen annehmen. Das ist aber die Lehre der Manichäer. Der Präses: Dat ist wahr, wahrhaftig. Her W. wat sagen Sie darzu. Der Text ist bei meiner armen Seel ein Manuchäer. Der Fremde: Verstehen Sie mich nicht unrecht. Der Herr Pastor Goeze hat in der gelehrten Welt den Ruhm eines orthodoxen Theologen, und er ist gewiß kein Manichäer. Ich wollte Ihnen nur zeigen, daß es leicht sei, selbst in den Schriften eines Priesters der so gewissenhaft auf sein System hält und aller Ketzerei so feind ist, etwas zu finden, das man übel auslegen könnte, wenn man das will. Ich sage Ihnen aber in allem Ernst, daß ich das nicht will, und Sie wollen es gewiß auch nicht. – – Und nun Herr W., sagen Sie doch, warum Sie die Anleitung zum Gespräch über die Religion so gefährlich halten? W.: Es sind darin wichtige Lehren ausgelassen. Der Fremde: Und was sind denn das für Lehren? W.: Die Lehre vom Satan und seinen Wirkungen. Der Präses: Ja, dat ists man eben, die Lehre vom Satan. Sieht Er, den schwarzen Diobolus, den glaubt Alberti nicht. Der Fremde: Dies schließen Sie nun schon, Herr Präsident. Herr W. sagt doch nur, daß die Lehre ausgelassen sei. Der Präses: Ei, das ist ein Duhn. Wenn er den Diobolus glaubte, so würde er wohl ihm Meldung tun. Aber he will uns darum bringen, sieht Er, und wir wöllen uns den Diobolus nicht nehmen lassen. O Zion pluvinar Dioboli. Der Fremde: Ich weiß nicht, was der Verfasser glaubt. Er kann aber Ursachen gehabt haben, diese Lehre wegzulassen. Der Präses: Ja, dat kann he freilich, aber seg Er doch einige, daß ich höre, ob Er auf 'm rechten Loch pfeift. Der Fremde: Ich will Ihnen nur eine anführen. Sie wissen, daß es besser ist jemand mit Guten zu ziehen als mit Bösen. Der Präses: Das versteit sich, viel besser. Bono vino non opus est suspenso hirco, soweit hat Er noch groß Recht. Der Fremde: Das Buch ist dem Titel zufolge besonders zur Unterweisung der Jugend geschrieben. Wenn nun der Verfasser die jungen Herzen der Kinder durch Vorstellung der Liebe Gottes und seiner Wohltaten zu einer innigen Gegenliebe und kindlichen Furcht für Gott hätte vorbereiten und gewöhnen wollen, wenn er die Strafgeräte draußen gelassen hätte, um gar nicht einmal die Idee einer knechtischen Furcht in ihre Herzen kommen zu lassen? Der Präses: Da hätt he heel Recht, aber der Diobolus gehört doch mit zur Religion, und also hätt er auch im Gespräch darüber vorkommen müssen. Der Fremde: In einem ausführlichen, ja! Wenn aber der Verfasser kein ausführliches Gespräch hätte liefern wollen? Der Präses: So hätt he das sagen müssen. Ja, wenn he das gesagt hätte da wärs ein ganz anders; da würd er mich auch anders sprechen hören, qui bovem bis ungit bovem docet. Der Fremde: Wo ich mich recht besinne, sagt der Verfasser das in der Vorrede. W.: Ja, es steht Seite 44 und 45, nahe vor dem überflüssigen Ausfall – Der Fremde: Haben Sie noch sonst etwas wider das Buch, Herr W.? W.: Daß der Verfasser die Sprache der Theologen nicht spricht, in der doch so viele große und verdiente Männer gesprochen haben und noch sprechen. X.: Und sollen denn etwa die Kinder Disputiergeister werden? Die Theologen machten sich ihre Systeme, den Feinden der Religion, die Systeme hatten, desto besser zu begegnen. Der Fremde: Aber der Geist der Religion wohnt nicht in den Schalen der Dogmatik, hat sein Wesen nicht in den Kindern des Unglaubens, noch in den ungeratenen Söhnen und übertünchten Gräbern des Glaubens, läßt sich wenig durch üppige glänzende Vernunftsprünge erzwingen, noch durch steife Orthodoxie und Mönchswesen. Und, für Kinder, deren Herz durch die Religion gebessert werden soll, ist freilich der simpelste und kräftigste Ausdruck der beste. Wenn ich bei der Quelle stehe, warum soll ich nicht aus der Quelle trinken; so bin ich doch sicher vor dem Unrat am Eimer. Es ist Ehre für einen Mann, und für ein Volk, wenn es strenge und eifrig für seine Religion ist, aber es ist doch auch Billigkeit, zu untersuchen ehe man eifert. Der Präses: Ich legge meine Presidentschaft nieder; Butenminsch. will Er President werden? Der Fremde: Nicht doch, Herr Lars, Sie müssen Präsident bleiben. X.: Und wenn er noch auf sein Buch trotzte! so nennt ers aber selbst unvollkommen, und bittet um Belehrung und um guten Rat. W.: Der ist ihm ja auch geworden. X.: Das mögen Sie noch guten Rat nennen, da es offenbar keinen andren Zweck haben konnte als – – aber was stehen Sie denn, und sehen so starr? Der Fremde: Ich denke daran, wenn wir nun in jener Welt sind, neben den schönen Jünglingen des Himmels, und da nun alle eines Sinnes und Freunde sind: wie das so gut sein wird, und wie es uns dann leid tun werde, daß wir hier so viel gezankt, und vielleicht jemand Unrecht getan haben – ich dächte Sie gäben sich die Hände. Nicht wahr, Herr Präsident, wenn sich zwei Menschen versöhnen, ist wie eine schöne große Narbe fürs Vaterland? Aber viele sind ihrer Schöne kaum wert. Der Präsident: Wahr und wahrhaftig, der Butenminsch hat in vielen Stücken heel groß recht, ich will das Buch selbst lesen, und wollen uns vertragen. An Herrn N. N. Litteratus »Es war einmal ein Reuter,     Der hatt' ein schönes Pferd«; Gut das, und was denn weiter?     »Er aber war nichts wert.« Das unschuldige Mädchen                 Meine Mutter sagt mir: »Deine Lippen gab dir Zum Sprechen, Tochter, die Natur, Und zum Sprechen brauch sie nur.«     Warum sind sie so rot? Oh, ich konnte ja auch mit weißen Lippen sprechen,     Und warum gebot Meine Mutter: nur zum Sprechen? Wer zeigt mir armen Mädchen an, Was mein Mund mehr als sprechen kann? Vergleichung     Voltaire und Shakespeare: der eine Ist was der andre scheint. Meister Arouet sagt: ich weine; Und Shakespeare weint. Fuchs und Pferd     Einst wurden Fuchs und Pferd, Warum das weiß ich nicht auch hat es mich verdrossen     Denn mir sind beide Tiere wert, In einem Käficht eingeschlossen. Das Pferd fing weidlich an zu treten     Für Ungeduld, und trat     Den armen Reinke Fuchs der nichts an Füßen hat. »Das nun hätt' ich mir wohl verbeten, Tret Er mich nicht, Herr Pferd! ich will ihn auch nicht treten.« An der Quelle 1760             Du kleine, grünumwachsne Quelle,     An der ich Daphne jüngst gesehn! Dein Wasser war so still! so helle!     Und Daphnes Bild darin, so schön! O, wenn sie sich noch mal am Ufer sehen läßt, So halte du ihr schönes Bild doch fest; Ich schleiche heimlich denn mit nassen Augen hin,     Dem Bilde meine Not zu klagen; Denn, wenn ich bei ihr selber bin, Denn, ach! denn kann ich ihr nichts sagen. Steht Homer z. Ex. unterm Spruch des Aristoteles \& Compagnie? Steht er drunter, oder steht er nicht drunter? Hab' mal eine schreckliche Geschicht gelesen, von Romeo, Julia und einem Doktor Benvoglio; wird dem geneigten Leser wohl auch bekannt sein. Die Frage da kommt mir gleich so lustig vor, ob wenn's jemand eingefallen wär, als eben die Schauer und das Geschrei der Lieb und Verzweiflung verstummten und die unglückliche Schwärmerin hin war, an die Tür des Begräbnisses anzupochen und den Doktor zu fragen, ob die Jungfer Julia ihre Rolle mit Ausdruck und nach den Regeln der Kunst gemacht hab. Benvoglio hätte, denk ich, wohl was anders zu tun gehabt, als sich auf die Frage einzulassen. Ich wenigstens, wenn ich Benvoglio gewesen wär, ich hätte dem Kerl die Tür vor der Nase zugeschlagen, wäre zurück ans tote Mädchen gangen. hätte sie wieder angesehen! und noch einmal bitterlich geweint. Staub unterm Fuße muß, dünkt mich, dem Mann, dem's warm ums Herz ist, der in Ernst nützen will und den Zeug dazu hat, 'n Bündel Kunstrichter, 'n Jahrgang Zeitungsschreiber sein, die Weisheit plappern. Wenn aber die Geschichte von Romeo und Julia nachgespielt würde; wenn aber in einem gewissen Planeten das Publikum eine Schöne wäre. die nur unterhalten sein will, und die Schriftsteller Schmetterlinge, die um ihr Lächeln buhlen, und durch gelehrte und bürgerliche Wendung sich einander einen freundlichen Blick zu veranstalten oder wegzuschnappen suchen da ist denn freilich die Sach' anders, und man muß immer Zuckerbrot und Bonbons in der Tasche haben. Ein gewisser Graf von Grunn soll neulich auf der Insel Jos das Grab Homers entdeckt haben. Der Dichter saß im Grabe, fiel aber bald zusammen als Luft hineinkam. Eine Grabschrift auf dem Grabe war nicht mehr leserlich, ist aber vermutlich die gewesen, die Herodot anführt, und die erst lange nach dem Tode Homers auf sein Grab getan ward, wie das von jeher so Mode gewesen, daß man mit der Achtung, die großen Männern gebührt, um ein paar hundert Jahre nachgekommen ist. Die Mutter des Homer soll, nach dem Pausanias, der zu seiner Zeit ein berühmter Gelehrter und Geographus gewesen, Clymene geheißen haben, wiewohl andre sie Chryteis nennen, und auch auf der Insel Jos begraben sein. Der Graf von Grunn hat viel nach ihrem Grabe gesucht, hats aber nicht finden können; auch die Marmora Arondeliana in England sagen von ihrem Namen und Grabe nichts, und man wird also sich über beides wohl zufrieden geben müssen. Wollen denn auch lieber die Lebendigen studieren, und die Physiognomik des edlen liebenswürdigen Lavaters. Universalhistorie des Jahres 1773; oder silbernes ABC defekt     Am Firmament in diesem Jahr     Ists so geblieben wie es war. Gelehrte setzten fort ihr Spiel     Mit dem bewußten Federkiel. Prozesse hatten gut Gedeihn,     Und über Recht tät niemand schrein. Stammbäume trieb man, groß und dick,     In Mistbeeten mit gutem Glück. Theologie war leider krank     Durch Übersetzungen und Zank. Ungläubig wurde Jedermann,     Sir Hagel und 'Squeir Urian. Xanthippen fehlten ganz und gar;     Oft ist ein ganzer Vers nicht wahr. Ysop wuchs wenig an der Wand,     Nach Hainburg kam ein Elefant u.s.w. Von Projekten und Projektmachern Ein gewisser Kirk, ein Schottländer, hat das Perpetuum Mobile erfunden, wenigstens meint ers. Es ist der erste nicht, der dies Wunderding findet, und wird auch der letzte nicht sein; nicht als ob der letzte nicht Kirk heißen, noch ein Schottländer sein könnte, sondern weil es eine Angewohnheit der Natur zu sein scheint, allemal gegen eine gewisse Anzahl gewöhnlicher Exemplare einer Species ein Exemplar hervorzubringen, das Karikatur ist, oder den andern nur so in die Augen fällt. Herr Kirk wird wohl ein Projektmacher sein, und das Perpetuum Mobile mag wohl ein Projekt sein; daß indes eine Aufgabe noch nicht aufgelöst worden, ist kein Beweis gegen die Auflösung. Der Sardanapalus soll nie den Einfall gehabt haben, der Bereiter des Buzephals zu sein, aber Alexander fühlte bald wozu er geboren war; und von dem Sardanapalus ist noch zu merken, daß man ihm in seinem Leben keinen klugen Einfall vorwerfen könnte, wenn er sich nicht mit seinen Weibsleuten zu guter letzt lebendig verbrannt hätte. Die Nachahmer             Es ritten drei Reuter zum Tor hinaus     Auf Eselein gar eben; Sie waren nach heurigem Gebrauch     Dem Versemachen ergeben. Ein Dichter auch den Weg her kam,     Sein Buz'phal große Schritte nahm Die Ewigkeit zu finden,     Die Reuter sich hinten anbinden, Daß er sie mit sich schleppen tät     In die schöne große Ewigkeit, Da wären sie gar zu gerren.     Der Dichter im Reiten sich umsah: Ei, seht doch! es sind Herren da;     Wie heißen denn die Herren? Er da, gebunden an den Schwanz?     »Heiß Fipp.« Er? »Fapp.« Und? »Firlefanz.« Reitet wohl, Ihr lieben Herren!     Nun tät der Dichter als wär er stumm, Und sah sich gar nicht weiter um!     Auch kämen die Reuter nicht ferren. »Von Schwedenborg, nach Anleitung einer zu seinem Andenken von dem Bergrat und Ritter Sandel in einer Versammlung der königl. Schwedischen Academie der Wissenschaften zu Stockholm abgelesenen Rede« Herr Schwedenborg ist vielen Lesern nur aus seinen letzten Lebensjahren und aus seinen letzten Schriften bekannt. Vermutlich hat eben dies viel dazu beigetragen, daß man mit einem Urteil über diesen Schriftsteller und Menschen sobald fertig ist, und man würde, wenn man mit seinem Leben und mit seinen Schriften die vorhergingen bekanntgewesen wäre, allem Ansehn nach ihn, als er aus dem gewöhnlichen Gleise heraustrat, mit mehr neugierigen und minder flüchtigen Blicken verfolgt haben. Wenigstens sollte man glauben, daß ein Herr Polyhistor oder sein Herr Auditor ihren Machtspruch bis weiter würden zurückgehalten haben und auf die Vermutung eines etwanigen Mißverständnisses geraten sein, wenn sie gewußt hätten, daß Schwedenborg die ganze Gelehrsamkeit des Herrn Polyhistors und des Herrn Auditors an den Kinderschuhen zerrissen hatte. Also Herr Schwedenborg oder vielmehr Schwedbergsen, den Namen Schwedenborg erhielt er allererst im Jahr 1719 als er geadelt ward, ist geboren in Stockholm den 29. Januar 1688. Er war der zweite Sohn des D. Jaspar Schwedberg Bischofs von Scara, und hatte von Jugend auf gute Gelegenheit mit alledem bekannt zu werden, was man Gelehrsamkeit und Wissenschaften nennt. Er las in seiner Jugend die lateinischen Dichter gern, und machte selbst einige Versuche die mit Beifall aufgenommen wurden. Als er in Upsal einige Jahre studiert und sich den Ruhm eines Mannes von Fleiß und Genie erworben hatte, ging er außer Landes, nach Deutschland, Frankreich und Holland, zu sehen ob er da etwas Neues für seine Wißbegierde fände. Die Abteilung der Gelehrten in Theologen, Philosophen etc. wollte ihm nicht in den Kopf, und er glaubte, daß alle Wissenschaften für einen Menschen und ein Mensch für alle Wissenschaften sei. Indes war sein Lieblingsstudium, außer der Theologie und der Philosophie, die Physik, Chymie, und die mathematischen Wissenschaften. Durch seine Einsicht in die letztern war er in die Bekanntschaft des berühmten Kommerzrat Pelhem gekommen, und König Karl XII. machte ihn in seinem 28sten Jahr zum Assessor, mit dem Beding, daß er diesen großen Mathematikus und Mechanikus bei allen seinen Unternehmungen begleite, und beständig um ihn sei. Wie wenig oder wieviel Schwedenborg in der Mechanik konnte, erhellet unter andern aus einem kleinen Maneuvre, nach welchem er im Jahr 1718 zur Belagerung von Friedrichshall, 2 Galeeren, 5 große Fahrzeuge und 1 Schaluppe anderthalb schwedische Meilen, von Strömstadt nach Ilda-Fial, mit Rollen über Berg und Tal fortschaffte. Im Jahr 1716 fing er an Schriftsteller zu werden, und gab nacheinander heraus: seinen Daedalus hyperboreus, einen Versuch zur Einrichtung der bequemsten Münze und Maße, eine Abhandlung von der Algebra, vom Gange und Stande der Erde und der Planeten, von der Höhe des Wassers und der Abnahme der Ebbe etc. und sonderlich 7 Abhandlungen vom Bergwerkswesen. Die Abhandlungen vom Bergwerkswesen schrieb er auf einer Reise, die er, nachdem er sich in dem Bergbau seines Vaterlandes umgesehen und unterrichtet hatte, nach dem Harz und den Bergwerken in Sachsen und Österreich vornahm, um auch das zu wissen was in andern Ländern in diesem Fach gang und gebe sei; und darauf gab er 1743 seine große Opera Philosophica und Mineralia heraus. Aus allen diesen Schriften leuchtet hervor, daß ihr Verfasser nicht zum Nachsprechen gemacht sondern ein Mann war, der selbst denkt und in jedem Fach, dahin er kommt, wie in seinem Eigentum und zu Hause ist. Sie machten ihn auch in und außerhalb Schweden sehr berühmt. Im Jahr 1724 ward ihm eine Professur der höhern Mathematik zu Upsal angeboten, die er aber ausschlug; in eben dem Jahr nahm ihn die königl. gelehrte Gesellschaft zu Upsal zu ihrem Mitglied auf, und 1774 die Petersburger zu ihrem Korrespondenten u.s.w. Als nun Schwedenborg in den Wissenschaften des Jahrhunderts sich umgesehen hatte, und von einzelnen Kennern und ganzen Akademien mit Beifall beehrt worden war, fing er an – Geister zu sehen. Sein Lobredner sagt: er habe die sichtbare Welt und den Verhalt ihrer Teile als einen Fingerzeig auf die unsichtbare angesehen, und, da er mit der sichtbaren Welt sehr bekannt war, auf die unsichtbare Welt anfangs Mutmaßungen gewagt und nach und nach ein ganzes System aufgeführt. Wenn dem so wäre, so läßt sich absehen, daß dieses System, gesetzt auch es sei wahr, den Leuten, die von der einen Welt wenig und von der andern gar nichts wissen oder wissen wollen, sehr sonderbar in die Augen fallen müsse, und daß es seinen Verfasser mehr als lächerlich machen konnte. Nil Sacri es, sagte Herkules unwillig, als er irgendwo in einem Tempel eine Statue des Adonis antraf. Man findet in Schwedenborgs Leben und Charakter eine solche Statue des Adonis nicht, der zu gefallen er, wie der gewöhnliche Lauf der Natur ist, andre und bequemere Meinungen gesucht hätte. Er ist von jeher ein sehr tugendhafter Mann gewesen, und konnte von der Schönheit und Majestät der unsichtbaren Welt sehr tief gerührt werden. Ob Schwedenborg wirklich Geister oder sonst Neues gesehen, oder ob er ein Narr gewesen, bleibt freilich die Frage. Aber man kann doch nicht wohl umhin zu glauben, daß Geister sind, und Schwedenborg sagte ganz kalt und trocken in seinem Leben, und noch auf seinem Todbette in London, wo er den 24. September 1771 starb, er könne sie sehen und habe sie gesehen. Weil nun die Neue Welt doch schon vor Herrn Projektmacher Kolumbus ganz richtig und natürlich da war, ob man gleich in Europa kein Wort von ihr wußte, so könnte es auch vielleicht einen Weg zum Geistersehen geben, ob es gleich ein Geheimnis ist, wie die Brille dazu geschliffen werden muß. Und gesetzt auch einer schliffe und schiffte ganz abenteurlich; nach der Meinung kluger Leute liegt viel Wahrheit im Verborgenen, vielleicht nahe bei uns, aber im Verborgenen, und so sollten uns alle Projekte eines guten Mannes, wenigstens als edles Ringen nach ihr, heilig sein. (Den Beschluß in den Elisäischen Feldern.) Ein Wiegenlied bei Mondschein zu singen             So schlafe nun du Kleine!     Was weinest du? Sanft ist im Mondenscheine,     Und süß die Ruh. Auch kommt der Schlaf geschwinder,     Und sonder Müh; Der Mond freut sich der Kinder,     Und liebet sie. Er liebt zwar auch die Knaben,     Doch Mädchen mehr, Gießt freundlich schöne Gaben     Von oben her Auf sie aus, wenn sie saugen,     Recht wunderbar; Schenkt ihnen blaue Augen     Und blondes Haar. Alt ist er wie ein Rabe,     Sieht manches Land; Mein Vater hat als Knabe     Ihn schon gekannt. Und bald nach ihren Wochen     Hat Mutter mal Mit ihm von mir gesprochen:     Sie saß im Tal In einer Abendstunde,     Den Busen bloß, Ich lag mit offnem Munde     In ihrem Schoß. Sie sah mich an, für Freude     Ein Tränchen lief, Der Mond beschien uns beide,     Ich lag und schlief; Da sprach sie! »Mond, o! scheine,     Ich hab sie lieb, Schein Glück für meine Kleine!«     Ihr Auge blieb Noch lang am Monde kleben,     Und flehte mehr. Der Mond fing an zu beben,     Als hörte er. Und denkt nun immer wieder     An diesen Blick, Und scheint von hoch hernieder     Mir lauter Glück. Er schien mir unterm Kranze     Ins Brautgesicht, Und bei dem Ehrentanze;     Du warst noch nicht. Ein dito (folgt auf »Ein Wiegenlied, im Mondschein zu singen«)             Seht doch das kalte Nachtgesicht     Dort hoch am Himmel hangen! Einst war es glatt, und hatte nicht     Die Runzeln auf den Wangen. Ja, Kind, von diesen Runzeln wär     Nun freilich viel zu sagen; Am Weihnachtabend kam Kunz her,     Der Henker mußt ihn plagen, Kam her und stahl. Wie gings ihm nicht!     Er wird nicht wieder stehlen. Hör an, und laß dir die Geschicht     Vom Kohl und Kunz erzählen. Heinz hatt' ein Gärtchen das war schön,     Da stieg des Abends Kunze Hinein, und, hast du nicht gesehn,     Bestahl den Nachbar Heinze. Sonst schämt und grämt ein Dieb sich wohl.     Kunz aber nicht; er dachte: Es fände morgen seinen Kohl     Der Nachbar nicht, und lachte. Schnell aber war da eine Hand,     Die ihm vertrieb das Lachen, Sie faßte ihn – husch! und er stand     Im Mond mit seinen Sachen, Mit seinem Kohl, so wie er war,     Da half kein Schrein und Flehen, Man sieht ihn itzt auch hell und klar     Mit Kohl im Monde stehen. Er überdenkt nun den Betrug,     Doch wird ihm wohl zu Zeiten Die Zeit und Weile lang genug,     Und wär wohl gern bei Leuten. All Weihnachtabend rührt er sich,     Und ruft aus voller Kehlen: »Erbarme dich! erbarme dich!     Ich will nicht wieder stehlen.« Ja, großen Dank! der arme Kunz!     Nun mag er lange wollen; Er stehet da, und warnet uns,     Daß wir nicht stehlen sollen; Steht da, und hat nicht Ruh noch Rast,     Und wird da ewig stehen. Schlaf, wenn du ausgeschlafen hast,     Sollst du auch Kunze sehen. Noch ein dito für belesene und empfindsam Personen (folgt auf »Ein Wiegenlied, im Mondschein zu singen«) Meine Mutter hat Gänse,     Fünf blaue,     Sechs graue; Sind das nicht Gänse? Abhandlung über den Ursprung der Sprache, welche den von der Königl. Akademie der Wissenschaften für das Jahr 1770 gesetzten Preis erhalten hat, von Herrn Herder. Berlin, bei Chr. Fr. Voß, 1772, 14 Bogen in 8 Es ist ungemein bequem über Abhandlungen zu urteilen, die von einer Akademie der Wissenschaften den Preis erhalten haben. Man weiß gleich, woran man ist und was man zu tun und zu lassen hat, und ist sicher, daß jemand, dem die Götter mehr Einsicht oder mehr Kredit gegeben haben, einen nicht von ohngefähr durch ein grade die Quere gestelltes Urteil um sein bißchen Ehre und guten Namen bringe, weil man sich nun im Fall der Not gegen ein solches die Quere gestelltes Urteil wenigstens mit Anstand sträuben, und es unter dem Flügel der Akademie, als wäre es eine Luftblase, vor sich hertreiben kann, wie Rousseau seine Réflexion en puissance vor sich hertreibt, bis sie ihm auf seinem Wege zerspringt, sagt Herder. Zwar bei Schriftstellern wie der, von dem hier die Rede ist, brauchts keiner Sicherheit unter dem Flügel. Man darf sich nur fest an ihm halten, und er trägt einen auf dem Flügel seines Genies aus aller Gefahr, per Fas \& Nefas, hoch mit dem Mond über Klotz und Stein, über Widersprüch' und Stoppeln hin, daß einem die Haare auf der Schädel sausen. Man darf sich nur festhalten, wenn er etwa zuweilen, vom Überfluß des Lebenssafts der in ihm ist, den Flügel etwas mutwilliger schlüge. Die Menschenkinder haben Sprache, wissen aber nicht, wie und woher? ob ein Engel vom Himmel sie gebracht habe? oder ob sie auf Erden ausgebrütet worden? aus der Bärmutter der warmen Empfindung und Leidenschaft? oder der kalten Verabredung? In Ermanglung eines bessern bestieg ein jeder eine Hypothese die ihm die besten Knöchel zu haben schien, und schwang seinen Speer. Da forderte nun die Akademie der Wissenschaften in Berlin die Gelehrten weit und breit auf, diese Ritter zu erlegen und auf einer neuen Rosinante ins Feld zu kommen, oder auch einen von ihnen neu auszustaffieren und sein Sancho Pansa zu werden. Herr Herder kam, sammlete Halme aus der Natur der Seele des Menschen und seiner Organisation, aus dem Bau der alten Sprachen und dem Fortgange derselben, aus der ganzen menschlichen Ökonomie etc., band seine Garbe und stellte sie hin –: Schrei der Empfindung ist nicht Sprache, nicht ihr Blatt noch ihre Wurzel, sondern der Tautropfen der sich an Blätter und Blüten anhängt und sie belebt; das Tier ist immer auf einen Punkt dicht an den sinnlichen Gegenstand geheftet; der Mensch kann seinen Blick losreißen, wendet ihn von einem Bilde zum andern, weilet auf einem, sondert sich Merkmale ab, und hat nun schon ein Wort zur Sprache in sich, das er von sich gibt, nach dem Ton der sein Ohr dabei trifft, und nach dem Resultat der Gärung unter den Bebungen der übrigen Seelensaiten – und so bildet sich nach und nach eine Sprache analogisch, mit der übrigen Bildung des Menschengeschlechts etc. Es steht übrigens dahin, ob Herr Herder im Ernst meine, daß alle Sprache diesen Weg Rechtens entstanden sei, oder ob er eine Sprache ausnimmt, der Moses erwähnt die den Weg der Güte kommt, und eine warme Übersetzung ist aus der Originalsprache, darin ein milder unerschöpflicher Schriftsteller den großen Codex Himmels und der Erden en Bas Relief und ronde Bosse für seine Freunde geschrieben hat. Dem sei nun wie ihm wolle, Herder hat seinen Weg Rechtens beweisen wollen, und die Akademie hat ihm den Preis zuerkannt. An S. bei .... Begräbnis           Auch ihn haben sie bei den andern begraben     Und er kömmt nun nicht wieder zu uns! Liegt nun im Grab' und verweset,     Und kömmt nicht wieder zu uns! Und so werden sie alle begraben werden,     Und verwesen im Grabe zu Staub! Freund, laß mich hingehn und weinen;     Mir ists so trüb um das Herz. Ach! wenn S. ach! wenn auch dich sie begrüben,     Und ich suchte und fände dich nicht! – Ich will ihm opfern und flehen,     Daß lange dein schone der Tod. Denksprüche alter Weisen, mit meinen Randglossen Nichts Böses tun, ist gut; Nichts Böses wollen, ist besser. Und dem Gentleman, der's nicht tut noch will, muß wohl recht gut zu Mute sein! Den leeren Schlauch bläst der Wind auf; Den leeren Kopf der Dünkel. Drücke sie beide, daß sie zu sich selbst kommen. Gib dem Narren Gift! Das heißt: rühm ihn. Gib dem Narren keinen Gift; denn es ist auf den Aptheken verboten. Sei das, Was du von andern willst gehalten sein. Denn wenn du 'n Esel bist, so bist du 'n Esel ob auch alle Menschen dich einen Löwen hielten. Die Welt ist ein Schauplatz, Du kommst, siehst, und gehst vorüber. Und wirst vom Schauplatz vergessen, wer du auch seist. Mach aber, daß dich das wenig kümmern dürfe. Der Großprahler ist wie ein gemaltes Schwert; Beide können nicht gebraucht werden. Und doch werden beid' oft in vergoldten Rahmen gefaßt. Zeuge Kinder die unsterblich sind, Nicht die im Alter deines Leibes, Die deiner Seele pflegen in der Ewigkeit! Und wisse, einige Kinder gehen hier schon heraus ins Publikum, ihren Vater berühmt zu machen; andere werden heimlich gezeugt und kommen hier gar nicht zu Gesicht, aber ihrer keines geht verloren, sondern sie werden in's lieben Gottes sein Zündelhaus eingeschrieben, spielen einmütig um ihres Vaters Grab weil er schläft, und schreien: »Hurra!« wenn er wieder aufersteht. Das Weib muß nicht zu Wort kommen, Denn das ist eine schreckliche Sache. Ist nur von den Weibern in Griechenland zu verstehen. Der Adel besteht in Stärke des Leibes bei Pferden, Bei Menschen in guter Denkart. Gilt auch bei unseren Adel. Die Götter haben große Geschenke zu vergeben, Aber das größte von allen ist die Tugend. Ich gläube lieber Herr! Hilf meinem Unglauben. Das Geld eines Geizigen ist wie eine untergehende Sonne; Kein Mensch hat gut davon. Hui der künftigen Morgenröte in der Hand eines bessern Erben! Es ist besser, daß ein Narr beherrscht werde, Denn daß er herrsche. Weiß keine Glosse. Versprich nicht Großes; Tue was Großes. Schwatze nicht von der Weisheit, Sei weise. Wem die Götter Reichtum und Verstand geben der ist glücklich, Denn er kann viel Gutes machen. Wem die Götter keins von beiden geben, der kann – Randglossen machen. Spekulations am Neujahrstage 'n fröhliche Neujahr, 'n fröhliche Neujahr für mein liebes Vaterland, das Land der alten Redlichkeit und Treue! In fröhliche Neujahr, für Freunde und Feinde, Christen und Türken, Hottentotten und Kannibalen! für alle Menschen über die Gott seine Sonne aufgehen, und regnen lässet! und für die armen Mohrensklaven, die den ganzen Tag in der heißen Sonne arbeiten müssen! 's ist ein gar herrlicher Tag, der Neujahrstag! ich kann's sonst wohl leiden, daß einer 'n bisgen patriotisch ist, und andern Nationen nicht hofiert. Bös muß man freilich von keiner Nation sprechen; die Klugen halten sich allenthalben stille, und wer wollte um der lauten Herren willen 'n ganzes Volk lästern? wie gesagt, ich kann's sonst wohl leiden, daß einer so 'n bisgen patriotisch ist, aber Neujahrstag ist mein Patriotismus mausetot, und 's ist mir an dem Tage, als wenn wir alle Brüder wären und Einer unser Vater der im Himmel ist, als wären alle Güter der Welt Wasser, das Gott für alle geschaffen hat, wie ich mal habe sagen hören u.s.w. Ich pflege mich denn wohl alle Neujahrsmorgen auf einen Stein am Weg' hinzusetzen, mit meinem Stab vor mir im Sand zu scharren und an dies und jen's zu denken. Nicht an meine Leser; sie sind mir aller Ehren wert, aber Neujahrsmorgen auf dem Stein am Wege denk' ich nicht an sie, sondern ich sitze da und denke dran, daß ich in dem vergangnen Jahr die Sonne so oft hab' aufgehn sehen, und den Mond, daß ich so viele Blumen und Regenbogen gesehn, und so oft aus der Luft Odem geschöpft und aus dem Bach getrunken habe; und denn mag ich nicht aufsehn, und nehm' mit beiden Händen meine Mütz' ab, und kuck h'nein. So denk' ich auch an meine Bekannte die in dem Jahr starben, und daß sie nun mit Sokrates, Numa und andern Männern sprechen können, von denen ich so viel Gutes gehört habe, und mit Johann Hus; und denn ist's als wenn sich rund um mich Gräber auftun, und Schatten mit kahlen Glatzen und langen grauen Bärten heraus steigen, und 'n Staub aus 'm Bart schütteln. Das muß nun wohl der ewige Jäger tun, der übern Zwölften sein Tun so hat. Die alten frommen Langbärte wollen wohl schlafen, aber Eurem Andenken und der Asch' in Euren Gräbern ein fröhlichs fröhlichs Neujahr!!!! Ein Versuch in Versen     Die Römer, die vor vielen hundert Jahren,     Das erste Volk der Erde waren, Doch wenigstens sich dünkten es zu sein;     Die große Schreiber ihrer Taten Und Dichter auch, und große Redner hatten,     Und Weise, groß und klein; Die stolz auf ihrer Helden Scharen Auf ihre Regulos und ihre Scipione waren,     Und Ursach hatten es zu sein; Die fingen endlich an und aßen Ochsenbraten,     Frisierten sich, und tranken fleißig Wein – Da war's geschehn um ihre Heldentaten,     Um ihrer Dichter edlen Reih'n,     Um ihre Redner, ihre Schreiber; Da wurden's große dicke Leiber,     Und Memoirs- und Zeitung-Schreiber,     Und ihre Seelen wurden klein; Da kamen Oper und Kastraten,     Und Ehebruch und Advokaten,     Und nistelten sich ein. O, die verdammten Ochsenbraten! O, der verdammte Wein! Brief an den Mond No. 2 – Sie haben ihn zerrissen, Madam! Ach, die Thrazischen Weiber haben den Orpheus zerrissen! Und er war ein Engel im Schleier der menschlichen Natur, groß und gut! der wahrhaftige Adam der Griechen – lassen Sie mich um ihn klagen. Nicht mit Geschrei und Tränen; mit dem ernsten Schweigen wenn Geschrei und Tränen zu wenig sind und nur stille Zückungen, wie Blitze, im verstörten Gesicht flattern und auf den blassen Lippen! Und sollt' ich nicht? Denn sie winden sich, wie die giftige schreckliche Hydra um Laokoons Hüften bis hinauf an den Nacken; er ringt umsonst, das Ungeheur von sich zu streifen; und steht da, ein trauriges Jammerbild, und seine Kinder um ihn! – Auf diesen harten unverdaulichen Bissen will ich Ihnen zur Aufheiterung von Daphnes Begräbnis erzählen. Niemand hatte von unsrer Liebe gewußt; und, als sie das Mädchen dahertrugen, kam ich wie von ohngefähr, sah nach dem Sarge hin!! und ging vorüber; als aber der Grabhügel wieder allein war, und die liebe stille Nacht ihn bedeckte – doch was erzähle ich Ihnen, Sie haben mich ja auf dem Grabe gesehn. Hinz und Kunz       Kunz. Wieviel sind Ärzte in Paris?     Ich glaube, sind wohl hundert gar. Hinz. Sind mehr noch, Nachbar, ganz gewiß!     Denkt nur, die Totenliste von Paris     Ist zwanzigtausend alle Jahr. Der Frühling. Am ersten Maimorgen Der Gr. A. L. – g.     Heute will ich fröhlich, fröhlich sein,     Keine Weis' und keine Sitte hören; Will mich wälzen, und für Freude schrein,     Und der König soll mir das nicht wehren; Denn er kommt mit seiner Freuden Schar     Heute aus der Morgenröte Hallen, Einen Blumenkranz um Brust und Haar     Und auf seiner Schulter Nachtigallen; Und sein Antlitz ist ihm rot und weiß,     Und er träuft von Tau und Duft und Segen – Ha! mein Thyrsus sei ein Knospenreis,     Und so tauml' ich meinem Freund entgegen. Korrespondenz zwischen mir und meinen Vetter die Bibelübersetzungen betreffend. Hochgeehrter     Hochgelahrter Herr Vetter! Marschierte neulich mit ein'm Kamraden durch 'n Dorf neben der Kirch' hin; die Tür zum Gottesacker stand offen, und wir gingen h'nein. 's ist mit dem menschlichen Herzen wie mit 'm Meer. Da gibt's von Zeit zu Zeit Windstillen, und denn müssen die Schiffleute zu Anker liegen. Ich hasse nun aber das zu Ankerliegen, und nehme bei solchen Umständen alle Gelegenheit wahr, wieder flott zu werden und einen frischen Kühlwind in meine Segel zu treiben, und so pfleg' ich denn h'neinzugehn wenn so 'ne Gottesackertür offensteht; da sind Grabhügel, und Kreuze mit Grabschriften und schönen Sprüchen dran, und so gibt ein Gedank den andern; und 's Herz fängt ein'm wieder an zu pulsieren, und zu sich selbst zu kommen. Was ich meinem Hochgeehrten Herrn Vetter eigentlich erzählen wollt', ist noch nicht gewesen, sondern kommt nun erst, und betrifft die Sprüch' an den Kreuzen. Ich kannte sie nämlich alle lange schon, und wußte sie auswendig, aber hier an 'n Kreuzen leuchteten sie mir ganz anders ein, noch eins so kräftig, und als wenn sie mit feurigen Buchstaben geschrieben wären. Weiß nicht, mir wackelte eine Trän' im Aug', obs darum so schien, oder wie's war. Soviel hab' ich aber draus gemerkt, daß man nicht immer und von jeher aufgelegt ist, einen Spruch zu verstehen, und auch wohl nicht zu übersetzen. Ersuche den Herrn Vetter um seine Gedanken, und verbleibe allstets etc. Mein Hochgeehrter Herr Asmus, Wertester Herr Gönner und Vetter, Freilich hat er's seiner Wackelträne zu danken, Vetter! daß ihm der Sinn über die schönen Sprüche geöffnet worden ist. und freilich ist man nicht immer aufgelegt zu verstehen, und zu übersetzen, sonderlich wenn ein warmer hoher Geist in das Sprachstückchen gelegt ist. Denn der läßt sich ohne sympathetische Kunststücke nicht herausbannen, sieht Er, und wenn einer die nicht hat und doch bannt; so kommt der Geist nicht selbst, sondern schickt einen kurzen bucklichten Purzelalp mit hoher Frisur und Puder, die Leute zu äffen. Dieser Kasus ereignet sich am häufigsten bei den neuen Bibelübersetzungen, sieht Er. Denn, weil die Nase wenigen Menschen auf die Art Empfindungen und Lehren geschliffen ist, so sind hier die sympathetischen Kunststücke am schwersten, und die Purzelalpe sehr bei der Hand. Kommt bald einmal zu mir, närrischer Kerl, so sollt Ihrs selbst sehen. Lassen sie doch die heiligen Männer Gottes wie Belletristen, und wie Professores Eloquentiae sprechen, und die guten Männer hätten kein Arg aus Ästhetik. Luther war fürerst ein großer Mann; halt' Er sich an ihm, Vetter, und geht keine offne Gottesackertür vorbei. Sein Diener etc. Einem Rezensenten zu Ehren         Heil, heil, dem Kritikaster! Zweimal zu lesen haßt er, Und läs' er zehnmal; sein Gesicht Scheint schwach, er säh' es doch wohl nicht. Der Tod und das Mädchen Das Mädchen.     Vorüber! Ach, vorüber! Geh wilder Knochenmann! Ich bin noch jung, geh Lieber! Und rühre mich nicht an. Der Tod.       Gib deine Hand, du schön und zart Gebild! Bin Freund, und komme nicht, zu strafen. Sei gutes Muts! Ich bin nicht wild, Sollst sanft in meinen Armen schlafen! Als Daphne krank war Endymion. Fremder Mann! Weißt du keine Grabstätte für mich? Der Fremde. Jüngling, deine Seele liebt! Sanfter Jüngling, aber sei nicht betrübt! Sieh! der Frühling kommt nun wieder, Und die Nachtigall, Und die Blumen kommen wieder, Und der Widerhall, Und wir singen Frühlingslieder, Und denn fallen in den Schall Tausend weiße Blüten nieder. Jüngling! Sieh, der Frühling kommt nun wieder, Und die Nachtigall. Endymion. Fremder Mann! Weißt du keine Grabstätte für mich? Im Mai           Tausend Blumen um mich her,     Wie sie lachend stehn! Adam hat nicht lachender     Sie am Phrat gesehn. Hier, die schöne grüne Flur, Hier, der Wald, und der Waldgesang!     O Natur, Natur,     Habe Dank! Brief an den Mond No. 3 Ich komme eilig zu Ihnen mit einer Trän' im Auge, heilige Klaggestalt! Heimchen der Natur! Sie wimmern zu hören, und mich einen Augenblick in den Falten Ihres sanften sympathetischen Gewandes zu verbergen – O, es dauert mich so, daß Sie Ihren kleinen Endymion verloren haben! Der Teutsche Merkur etc. Von dem beliebten Teutschen Merkur ist herausgekommen des achten Bandes 1stes, 2tes und 3tes Stück. Auch diese Stücke sind sehr reichhaltig und mannigfaltig, an Buchhändler-Avertissements, Anzeigen, auch an Hymnen, Liedern, Auszügen aus erbaulichen Briefen, Übersetzungen und eigenen Aufsätzen etc. Das merkwürdigste ist die Fortsetzung der kritischen Nachrichten vom Zustande des Teutschen Parnasses; nicht als ob sie etwa besondre Merkwürdigkeiten von der deutschen neuen Literatur enthielte, sondern weil sie so lustig zu lesen ist. Man sagt, dieser Aufsatz rühre von dem Herrn Herausgeber selbst her; das ist aber so wenig, daß er vielmehr den Aufsatz nicht einmal vor Abdruck desselben kann gesehen haben, weil er sonst die lauten Schmeicheleien, die ihm darin gemacht werden, gewiß würde weggestrichen haben. Doch dem sei wie ihm wolle, so wird in diesen Nachrichten, nach vorläufigen Äußerungen, was ein Originalschriftsteller, Heerführer und Sektierer sei oder nicht sei, und nach einigen losen Wendungen über die Journalisten-Rotten, Klubs und Komplotts, kund und zu wissen getan wie folget: 1) Herr Hamann möge wohl ein Original-Schriftsteller sein, schreibe aber nonsensikalisch und chaotisch, und ahme Ideen des Merkurs nach; 2) desgleichen sei Herr Herder so ein dito, der in einem Buch mehr verdunkelt als aufklärt, in dem andern wie ein Zelot schreibt, und im dritten aus einer Hypothese alles herleitet; so gehöre 3) auch leider Herr Klopstock zu Hamanns und Herders Partei, habe aber doch einen erhabenen Geist, der in seiner neuen Prosa allzu gedrängt und zugespitzt, in seinen Vorschlägen chymärisch und in seinen Oden hochbrausend sich gebärdet; 4) Herrn D. Göthe widerfährt Gerechtigkeit, nur ist er durch eine leidige Sympathie zu jener Sekte hingerissen worden, davon sogar irgendwo ein gedrucktes Bekenntnis zu lesen ist; habe auch splenetische Stunden etc.; 5) die beiden Herrn Grafen zu Stolberg haben zwar Talente die in die Augen fallen, doch sie arbeiten sich in eine fremde Manier hinein; 6) wird Herr von Gerstenberg zwar gerühmt, doch auch nicht ganz ohne aber; und von Herrn Bürger, Miller, Hölty, Voß etc. wird viel wahres gesagt; 7) auch sogar S. T. Asmus der Bote wird nicht vergessen; er ist ein sehr geschäftiger Lobredner von Klopstock, und könnte sich, wenn er der leidigen Lobrednerei nicht so nachhinge, eigne Verdienste erwerben; so aber ist Hopfen und Malz an ihm verloren, zumal er die Grille hat, seine Nase in mystischen und ebenteuerlichen Unrat zu stecken, daraus denn am Ende freilich nichts kluges werden kann, u.s.w. Wir haben keinen Auftrag, von wegen der andern Herren etwas zu erwidern, sie werden auch wohl, was ihnen zu Lob, Tadel oder zur Lehre gesagt ist, ganz still einstecken wollen; aber von wegen S. T. Asmus haben wir folgendes in Antwort zu vermelden: 1) Er befinde sich mit seinem ganzen Hause bis dato gottlob sehr wohl; 2) die Lobrednerei sei ein Naturfehler an ihm; übrigens sei es bloßer Zufall, daß er seinen Naturfehler grade zum Lobe von Hamann, Klopstock, Herder etc. etc. in Bewegung gesetzt habe, und könne das Unglück ebensogut einen andern Anführer von Parteien betroffen haben; 3) er danke ergebenst für die gütige Äußerung von nicht unwahrscheinlicher Erwerbung eigner Verdienste, bedaure aber dabei, daß, da seine Begriffe von Verdienst von den Begriffen des Teutschen Merkurs etwas abzugehen geneigten, er von dem wohlgemeinten Rat keinen Gebrauch machen könne; er bitte 4) gehorsamst, daß ihm von Zeit zu Zeit über die Kultur seiner etwanigen Anlage und besonders über die Mystik, von Weimar aus, Rat und Licht an Hand möge gegeben werden; und, da 5) der Teutsche Merkur einmal ein Buch für die Nachwelt ist, und seine, des Asmus, Werke nun herausgekommen sind, daß er doch in folgenden Stücken des Merkurs etwa mit einem halbblauen Auge davonkommen möge, angesehen er sich sonst leicht etwas zu Gemüt ziehen könnte; endlich 6) wünsche er dem Teutschen Merkur und dem Herrn Herausgeber und seinem Genio alles gutes, und danke für die rühmliche Anzeige von Herrn Bodens Übersetzung des Tristram Shandy, die er, der Asmus, auch gut finde. Hinz und Kunz     H. Bist auch für die Philosophei? K. Was ist sie denn? so sag's dabei. H. Sie ist die Lehr, daß Hinz nicht Kunz, und Kunz nicht Hinze sei. K. Bin nicht für die Philosophei. Lied                 Ich bin ein deutscher Jüngling! Mein Haar ist kraus, breit meine Brust;     Mein Vater war Ein edler Mann, ich bin es auch. Wenn mein Aug Unrecht siehet, Sträubt sich mein krauses Haar empor,     Und meine Hand Schwellt auf und zuckt und greift ans Schwert. Ich bin ein deutscher Jüngling! Beim süßen Namen »Vaterland«     Schlägt mir das Herz, Und mein Gesicht wird feuerrot. – Ich weiß ein deutsches Mädchen; Ihr Aug ist blau, und sanft ihr Blick,     Und gut ihr Herz, Und blau, o Hertha, blau ihr Aug! Wer nicht stammt vom Thuiskon, Der blicke nach dem Mädchen nicht!     Er blicke nicht, Wenn er nicht vom Thuiskon stammt! Denn ihres blauen Auges Soll sich ein edler Jüngling freun!     Sie soll geliebt, Soll eines edlen Jünglings sein! Ich bin ein deutscher Jüngling, Und schaue kalt und kühn umher,     Ob einer sei, Der nach dem Mädchen blicken will. Emilia Galotti, ein Trauerspiel von Gotthold Ephraim Lessing. Berlin, bei Voß etc. Wollt's wohl machen, wie der Maler Conti; er lehnte anfangs das Gemälde der Emilia verwandt gegen einen Stuhl, aber die Leser haben wohl nicht soviel Geduld als der Prinz, will's also lieber gleich umwenden, daß sie die runden hervorliegenden Figuren sehn, den rauhen biedern Odoardo. den feinen guten Appiani, den Engel Emilia, den schönen frechen infamen Sünder Angelo, und den noch infamern Filou und Hofschranzen Marinelli. »Der Künstler scheint mit dem Auge gemalt zu haben, weil so wenig auf dem langen Wege aus dem Auge durch den Arm in den Pinsel verloren gegangen ist; alles wie aus dem Spiegel gestohlen; das Stück soll nicht aufgehangen werden, soll bei der Hand bleiben, nicht wahr?« Das erste also was ich von diesem Trauerspiel zu sagen habe, ist, daß es mir gefallen hat. Das heißt nun wohl eben nicht viel gesagt, aber es ist auch nie meine Sache gewesen, viel zu sagen; und wer da sagte, daß es ihm nicht gefallen habe, der hat doch noch weniger gesagt. Freilich wenn ich verstünde was zu einem guten Trauerspiel gehört, so könnt' ich alles weitläuftig mit Gründen belegen, und sagen so und so und dies und das und darum. So aber kann ich nur schlechthin sagen was mir sonderlich gefallen hat, und das will ich frei tun, damit mich der Maler Conti nicht ins Kloster schicke. Sonderlich denn hat mir gefallen der Stolz des Malers Conti in seinem Gespräch mit 'm Prinzen, sonderlich daß Camillo Rota das Todesurteil doch wohl nicht mitgenommen hatte, sonderlich der Morgenbesuch des alten Odoardo, sonderlich Pirro und Angelo, sonderlich Odoardo und Claudia, sonderlich daß Emilia nichts vor dem Grafen Appiani auf dem Herzen behalten wollte, sonderlich die melancholische Schwärmerei des Grafen Appiani, sonderlich sein Gespräch mit dem Hofschranzen, sonderlich Angelo und Marinelli, sonderlich Emilia, sonderlich Marinelli und Claudia, sonderlich Orsina und Marinelli, sonderlich Odoardo und Orsina, sonderlich Marinelli, der Prinz und Odoardo, sonderlich das ganze Stück von der »Kunst die nach Brot geht« bis zu Odoardos schönem »Zieh hin«. Der Schuß im 1. Auftritt des 3. Akts hat mich recht erschreckt; ich war mir auf hundert Meile noch keinen Schuß vermuten. Auch die Orsina hat mich ein paarmal recht surpreniert: der Henker erwarte soviel Geist, Entschlossenheit und feste Wut von einer solchen Nickel; 's ist gar ein verteufeltes Weib, aber meisterhaft wie die andern. Ein Ding hab ich nicht recht in Kopf bringen können, wie nämlich die Emilia, S. 149 sozusagen bei der Leiche ihres Appiani an ihre Verführung durch einen andern Mann und an ihr warmes Blut denken konnte. Mich dünkt, ich hätt' an ihrer Stelle nackt durch 'n Heer der wollüstigen Teufel geben wollen, und keiner hätt' es wagen sollen mich anzurühren. Doch das kommt mir wohl nur so vor, und ich habs bloß gesagt, damit ich mich ganz ledig sagte. Wollt's auch für viel nicht mit Herrn Lessing verderben. Er fackelt nicht; zwar er gäb sich auch mit 'm schlichten Boten wohl nicht ab, er ists so mit Geheimden Räten gewohnt. Die Geschichte von Sir Robert                   Sir Robert der in seinem Herzen, Sir Robert konnte nicht dafür Mit Liebe ist das wissen wir Wie mit dem ** nicht zu scherzen, Er also, der in seinem Herzen Sein bisgen Liebe auch empfand, Und auf sein wiederholtes Klagen Kein Mitleid bei der Betty fand, Beschloß, den Kopf sich einzuschlagen. Der Henker wird ihn doch nicht plagen! Sir Robert! Ja, da half kein Schrein, Er ging zur Betty hin, und schlug den Kopf sich ein. Die Leute laufen zu, und drängen sich und fragen: Was Robert widerfahren sei? »Ps! sprach die Betty, kein Geschrei! Er hat den Kopf sich eingeschlagen.« Über den Vorzug der Gelehrten, mit einer langen Note aus 'm Baco Da hab' ich mich neulich gezankt, und das ist mir recht ärgerlich. Unserein'm ists wohl so sehr nicht zu verdenken; man versteht nichts rechts, und dazu haben wir gemeinen Leut' unsre Leidenschaften, die uns oft bei'n Ohren weiter ziehn als man gern wollte, jawohl als man gern wollte; aber 's ist doch ärgerlich, und es fällt ein'm unterwegs immer wieder ein. Der Bach so ruhig, denk ich denn wenn ich über den Steg geh', und du hast so gezankt! Hmm! 's ist 'n rechtes Leid mit den Leidenschaften! man könnt' in der Welt leben wie 'n Kind an Mutterbrust, wenn sie uns das Spiel nicht verderbten; aber sie verderben's! Am Mastbaum gebunden und Kitt in 'n Ohren ist mühsam und umständlich, und das Harfenstückchen ist schwer zu treffen Restat de remeddis parabola non abstrusa ea quidem, sed tamen prudens \& nobilis. Proponuntur enim mali tam callidi, \& tam violenti remedia tria. Duo a Philosophia: tertium a Religione. Atque primus effugii modus est, ut quis principiis obstet, atque omnes occasiones, quae animum tentare, \& sollicitare possint, sedulo devitet: id quod obturatio illa aurium denotat; atque hoc remedium ad animos mediocres, \& plebeios necessario adhibetur, tanquam ad comites Ulissis . Animi autem celsiores etiam versari inter medias voluptates possunt, si decreti constantia se muniant: quin \& per hoc, virtutis suae experimentum magis exquisitum capere gaudent; etiam voluptatum ineptias \& insanias perdiscunt, potius contemplantes, quam obsequentes, quod \& Solomon de se professus est, cum enumerationem voluptatum, quibus diffluebat, ea sententia claudat: Sapientia quoque perseveravit meum . Itaque huiusmodi heroës inter maximas voluptatum illecebras se immobiles praestare, atque in ipsis earum praecipitiis se sustinere queant; tantum ad Ulissis exemplum, interdictis perniciosis suorum consiliis \& obsequiis, quae animum maxime omnium labefactare \& solvere possint. Praestantissimum autem in omni genere est remedium Orp'eii qui laudes Deorum cantans \& reboans, Sirenum voces confudit, \& summovit. Meditationes enim rerum divinarum, voluptates sensus non tantem potestate, sed etiam suavitate superant. Baco de sapientia Veterum. . – Ja, aber das ist recht kurios, daß die Gelehrten auch zanken! Die kennen doch was bessers, und können mit der Philosophie 'n Stück aufspielen, daß Tiger und Löwen händelecken, und Klötz' und Stein' anfangen zu tanzen. Das können die Gelehrten, das hat schon vor tausend Jahren einer getan, und was werden sie sint der Zeit nicht für Paspagees gelernt haben. Sans Compraison! Neid, Eitelkeit, Geiz, Wollust und wie's Ungeziefer weiter heißt, da weiß 'n Gelehrter nicht von, das muß alles h'raus, und das ist nur noch erst so das Stimmen zur Musik, das Kämmen und Waschen zur Audienz beim Schnittermädchen des Himmels. Und doch zanken sie so viel und gewaltig untereinander, und das kann ich man eben nicht so recht begreifen, und da pflegt mir denn allerlei dabei einzufallen, so allerlei Gleichung u.s.w. z. Ex. Als ich noch Knab' war mit den andern Knaben, war in unserm Dorf auch 'n Mädchen, hieß Rebekka. Sie hatt' ein Paar blaue Augen und ihr Gesicht war weiß und rot, und alle wir Knaben buhlten um sie. Wie's manchmal trifft daß n' blindes Huhn auch 'n Korn findet, so gings auch hier. De gustibus non est disputandum, kurz und gut sie drückte mir einmal unter vier Augen die Hand, und sagte, daß ich's sei und daß ich's immer bleiben solle. Ich kann nicht genug sagen, was mir da für 'n Stein vom Herzen fiel, und wie mir nun Tag und Nacht so kurz, und alles so leicht ward. Mich verdroß keine Mühe, ich ließ fünf immer grade sein und war immer gutes Muts; und wie mir war, wenn die andern von dem Mädchen und ihrer Gunst disputierten und sich unter'nander zankten, wie mir denn war, und wie wenig ich Lust hatte mit zu zanken, das weiß ich wohl. So will ich nur so viel sagen, 's sei recht albern, daß ich hier so 'n alt Schäferdönchen erzähle, das hier gar nicht hergehört; aber wenn einer beim Schnittermädchen des Himmels so stünde als ich bei der Rebekka, der würde gewiß nicht zänkisch und brummsch sein! und manchmal kanns einem wirklich so vorkommen, als obs mit den Herren Gelehrten und dem Kämmen und Waschen und der Audienz nicht so allerdings richtig sein möchte. Nachricht von Asmodi, samt angehängter Formel Asmodius, der Bösewicht.     Sä't Eifersucht und Zweifel; Ach, Herr Asmodi! tu Er's nicht,     Und scher' Er sich zum T**! Brief an Andres die Illumination betreffend Wir haben hier heint Nacht Illumination gehabt, mein lieber Andres. Sieht Er, da hängen denn Lampen in allen Hecken und Bäumen, und sind solche Bogen und Säulen mit Lampen, und so 'n S. Michael der nach dem Lindwurm stößt, und die Gartenhäuser sind voll Lampen über und über, und dicht am Wasser sind Lampen, daß man die Fische kann spielen sehen, und gehn soviel Leut' aus Hamburg im Garten hin und her, sieht Er, und das heißt denn Illumination und ist recht kurios zu sehen, und kostet viel Öl. Ja, Andres, wir beide hätten unser Lebelang daran zu brennen gehabt, aber damit wär keine Illumination geworden, Andres , und wer 'n Öl denn so hat, sieht Er, der läßt 'n denn so brennen. Dergleichen Illuminations nun sind nur für große Herren und Potentaten, doch kann unsereiner 's auch sehen, und Er hätt's auch sehen können wenn Er nicht immer am unrechten Ort wär. Ich hätt' 's Ihm wohl vorher melden können, aber ich dachte, 's wäre auch noch Zeit, wenn Er's nur nachher erführe. 's ist hier ein Prinz gewesen und eine Prinzessin, sieht Er, und darum hat's der gnädige Herr auch so schön gemacht, und die Kanonen auch lösen lassen. Wollte doch, daß ich's Ihm vorhergeschrieben hätte, so hätt' Er die Kanonen auch hören können. Doch, wenn Er leben soll, hat Er ja wohl noch Gelegenheit Kanonen zu hören. Ich wills Ihm sonst auch schreiben, wenn wieder Illumination ist. Sapperment, Andres, das waren 'nmal viele Lampen! auch stand der Mond am Himmel und schien – für den Prinzen und für uns alle. Leb Er wohl. etc. Hinz und Kunz H. Mein Junge da, das ist ein Junge, der! Kein Kuchen ist so rund wie er, Und hat dir, hör, vor hunderttausend Knaben, Ganz sonderbare Gaben. Was meinst du wohl, er buchstabiert schon frisch; Und sähst du ihn beim Abendsegen, Da sieht er aus, als wär' ihm groß daran gelegen, Und kneipt indes die andern unterm Tisch! Nun, Kunz, was hältst du ihn? K. Bei meiner Seel', es steckt ein Pfarrer drin! Brief an Andres Da schreib ich Ihm schon wieder, und diesmal halt Er mir nur noch Stand, mein lieber Andres, denn soll Er auch fürerst Ruhe haben. Ich kann doch nicht so ins große Blaue schießen, muß doch jemand haben nach dem ich ziele, und Er ist mir so recht bequem und paßlich, nicht zu dumm und nicht zu klug, und Sein Gemüt ist nicht böse. Will auch Brüderschaft mit Dir gemacht haben, Bruder Andres. Was Du mir unterm 34sten passati von dem neuen Holzbein und der Bärenmütz schreibst, die Du dem alten lahmen Dietrich heimlich auf sein Strohlager hast hinlegen lassen. hat mir nicht unrecht gefallen; darüber aber muß ich recht lachen, daß Dir nun nach seinem Dank 's Maul doch so wässert. 's wässert einem denn so, Andres, mußt aber alles hübsch hinterschlucken. Dietrich bleibt ja im Lande, kannst ja alle Tage, wenn er vorbeihinkt, Dein Holzbein noch sehen und Deine Bärenmütz. Aber dem Dank wolltst Du gar zu gern zu Leibe? Nun, reiß Dir deshalb kein Haar nicht aus. 's geht andern ehrlichen Leuten auch so; man meint Wunder, was einem damit geholfen sein werde, und ist nicht wahr; hab's auch wohl eher gemeint, aber seit Bartholomäi hab ich mich drauf gesetzt daß ich von keinem Dank wissen will, und wenn mir nun einer damit weitläuftig angestiegen kommt, so karbatsch' ich drauf los, und das alles aus purem leidigen Interesse, wahrhaftig aus purem Interesse. Denn sieh, Andres, Du wirst's auch finden, wenn die Sach' unter die Leut' ist und Dietrich gedankt hat, denn hat man seinen Lohn dahin und 's ist alles rein vorbei; und was ist es denn groß zu geben, wenn man's hat? Wenn aber keine Seel 'von weiß, sieh! denn hat man noch immer den Knopf auf 'm Beutel, denn ist's noch immer ein treuer Gefährt um Mitternacht und auf Reisen, und man kann's ordentlich als 'n Helm auf 'n Kopf setzen wenn ein Gewitter aufsteigt. Herzlicher Dank tut wohl sanft, alter Narre, doch ist das auch keine Hundsfötterei, heimlich hinlegen, und denn dem armen Volk als 'n unsichtbarer Fierk hinterm Rücken stehn und zusehen, wie's wirkt, wie sie sich freuen und handschlagen, und nach dem unbekannten Wohltäter suchen. Und da muß man sie suchen lassen, Andres, und mit seinem Herzen in alle Welt gehn. Aber, hör, man muß auch nicht jedem Narren geben der einen anpfeift. Die Leut wollen alle gern haben, und ist doch nicht immer gut. Mangel ist überhaupt gesunder als Überfluß, und traun, glaube mir, 's ist viel leichter zu geben, als recht zu geben. Auf 'n Kopf mußte Dietrich was haben und 'n neues Bein auch, das versteht sich, aber es gibt sehr oft Fälle, wo es besser und edler ist, abzuschlagen und hart zu tun. Versteh mich nicht unrecht; wir sollen nicht vergessen, wohlzutun und mitzuteilen, das hat uns unser Herr Christus auch gesagt, und was der gesagt hat, Andres, da laß ich mich tot drauf schlagen. – Hast Du wohl eher die Evangelisten mit Bedacht gelesen, Andres? – Wie alles, was Er sagt und tut, so wohltätig und sinnreich ist! klein und stille, daß man's kaum glaubt, und zugleich so über alles groß und herrlich, daß einem 's Kniebeugen ankommt, und man's nicht begreifen kann. Und was meinst Du von einem Lande, wo seine herrliche Lehr in eines jedweden Mannes Herzen wäre? Möchtst wohl in dem Lande wohnen? Ich habe mir einen hellen schönen Stern am Himmel ausgesucht, wo ich mir in meinen Gedanken vorstelle, daß Er da sein Wesen mit seinen Jüngern habe. Ich segne den Stern in meinem Herzen und bet' ihn an, und oft wenn ich 's Nachts unterwegen an den Rabbuni denke und zu dem Stern aufseh', überfällt mich ein Herzklopfen und eine so kühne überirdische Unruhe, daß ich wirklich manchmal denke, ich sei zu etwas besseren bestimmt, als zum Brieftragen; ich trag indes immer den Weg hin und find' auch bald wieder, daß es mein Beruf sei. Halt! 's wird schon Tag, und der Morgen guckt durch die Vorhänge ins Fenster! Junge, mir ist's so wohl dahier hinter den Vorhängen in dieser Frühstund! möchte Dich gleich umarmen, wenn Du den fatalen sauren Ruch aus 'm Magen nicht an Dir hättest. Leb wohl, Du alter Sauertopf, und grüße Deinen H. Pastor, für den ich Respekt habe, weil er so 'n lieber guter H. Pastor ist, und so fromm aussehend, als ob er immer an etwas jenseit dieser Welt dächte, und nicht so dick.     's Morgens bei meiner Lampe, die         NB. keine von den berühmten »nächt-         lichen Lampen der Weisen« ist, son- dern eine ganz natürliche Tranlampe. Bei dem Grabe meines Vaters     Friede sei um diesen Grabstein her!       Sanfter Friede Gottes! Ach, sie haben Einen guten Mann begraben,       Und mir war er mehr; Träufte mir von Segen, dieser Mann,       Wie ein milder Stern aus bessern Welten! Und ich kann's ihm nicht vergelten,       Was er mir getan. Er entschlief; sie gruben ihn hier ein.       Leiser, süßer Trost, von Gott gegeben, Und ein Ahnden von dem ew'gen Leben       Düft' um sein Gebein! Bis ihn Jesus Christus, groß und hehr!       Freundlich wird erwecken – ach, sie haben Einen guten Mann begraben,       Und mir war er mehr. ASMUS omnia sua SECUM portans oder Sämtliche Werke des Wandsbecker Boten Dritter Teil Subskriptions-Anzeige Habe bei dieser Gelegenheit freundlich vermelden wollen, daß ich hier mit Weib und Kind glücklich wieder angekommen bin; waren am Rhein gewesen. Der geneigte Leser wird sich vielleicht noch erinnern, daß ich in Anno 1775, als der Graf Romanzow den Großvezier geschlagen hatte, und das große Erdbeben auf der Insel Ternate gewesen war, hazardiert habe, 'n Büchel meiner Sämtlichen Werke h'rauszugeben. Das Büchel nun ist ordentlich in Zeitungen und Schriften rezensiert, und meiner dabei in allen Ehren gedacht worden – wollte also wohl wieder ein's h'rausgeben! Es wird menschlichem Ansehen nach auch so stark werden als das erste, und eben solch Zeug darin stehen. Weil aber ein ›rechilrhe‹ Mann mir die unverdiente Ehr erwiesen hat, mein Büchel nachzudrucken, und er's wieder tun möchte; so erfordert die Pastoralklugheit, mich durch Subskription zu decken. Wer also 's Büchel haben will, könnte etwa subskribieren, und wer Lust hat, kann Subskription annehmen; ich leiste alles, was Sitte im Lande ist. Hier in Wandsbeck nimmt mein Vetter an. Es haben zwar einige gelehrte und angesehne Leut' an andern Orten sich gütigst erboten, Subskription anzunehmen, und haben mir die Erlaubnis gegeben, sie öffentlich zu nennen; sie werden's aber wohl ihres Orts selbst tun, ich mag mich hier so breit nicht machen. Wenn jemand Subskribenten gesammelt hat, bitte ich, daß er so gut sei, sie spätstens zu Ende des Monats Januarius k. J. an den bewußten Herrn: »Matthias Claudius Homme de Lettres à Wandsbeck abzugeben in Hamburg bei dem Herrn Apotheker Herrmann auf dem Speersort« einzuschicken, und Ostern soll, geliebt's Gott! das Büchel da sein. Beim vorigen war die Subskription 2 Mk. Hamburger Geld; da aber zwei Mk. ziemlich viel gewesen sein soll, und ich nicht ziemlich viel mag, so ists diesmal nur 1 Mk. 8 ßl., oder 1 fl. Reichsgeld. Wo's möglich ist, will ich wieder zu einem Rembrandtschen Stich Anstalt machen; von andern Meistern liefre ich gewiß 'n paar Stücke. Schließlich wünsche ich, daß das Büchel gut ausfallen möge. Wandsbeck, den 20. August 1777 Asmus (Siehe die Hamburger und Altonaer Zeitungen vom August 1777.) Erklärung der Kupfer Die Dedikation, die vor dem 1. und 2. Teil steht, ist auch hier zu verstehen. Ich habe in der Zeit keinen bessern Freund kennen lernen als den Freund Hain, und so bleib' ich beim alten. Er ist oben in seinem Amt und Beruf vorgestellt, und will ich nur dazu sagen: daß er, wenn er sich so in ein Bett hereinhängt, für den der darinliegt eine ernsthafte Erscheinung sei. Pag. 232 steht mein lieber Andres mit seiner Braut und sieht nach den Sternen. Pag. 234 steh' ich mit Erlaubnis selbst und will eben einen Ehrensprung tun, und der geneigte Leser wird mir diese Hausschwachheit zugute halten. Ich denk' überhaupt, man soll lieber in sich fröhlich, als brummsch sein; und bin sehr dafür, daß man in allen Stücken seine Freude daheim habe und nicht auswärts suche. Was kann man auch bessers tun als in sich fröhlich und vergnügt sein? Denn so lange die Stunde währt, darin man's ist, so lange währt sie; und hernach ist sie noch immer wie eine Schachtel darin Räucherwerk gewesen ist. Es ist irgendwo noch ein Kupfer; das mag der Leser aber selbst finden. Pag. 302 , stellt eine Wasserfete vor, die ich mir die Ehre nehme, meinen Herren Subskribenten zu geben. Seit mir das Projekt sie in Kupfer stechen zu lassen vereitelt ist, bin ich recht verlegen gewesen, wie ich mich einigermaßen revangiren sollte; 's ist doch eine Höflichkeit daß sie subskribieren, und man revangirt sich doch gern. Endlich bin zum Glück noch auf den Einfall gekommen, diese Wasserfete zu geben. Man könnte zwar sagen, daß mir diese Fete nichts koste und meinen Herren Subskribenten eigentlich auch nichts einbringe. Aber es läßt sich doch allerlei darauf antworten und erwidern. Und denn so hab ich oft Leute von der Gnade dieses oder jenes gnädigen Herrn gegen sie sprechen hören, und habe mich denn deswegen genauer befragt; und ich weiß nicht da ist's mir fast vorgekommen, daß es damit ohngefähr gleiche Bewandtnis habe. Pag. 312 ist der versprochene Rembrandtsche Stich und stellt den Riesen Goliath vor. Er ist nach einer Antique gemacht, und Kenner versichern, daß er getroffen sei. Auch soll die Zeichnung nicht übel sein; doch will ich H. Chodowiecki gern für meinen Meister erkennen. Übrigens pflegt mein Vetter dies Stück ’Εργον ‘Ηφαιστοιο zu nennen. Was vor dem 1. und 2. Teil von der , dem und dem kleinen Spielewerk etc. gesagt worden ist, gilt auch hier. Dies Büchel hält nur 13 Bogen; ich kann aber auf meine Ehre versichern, daß nicht Sparsucht allein schuld daran ist. Pag. 324 stellt eine Gesellschaft vor, die unter sich eine Konferenz halten. Ich weiß nicht, wer sie sind und was sie treiben; aus einigen Umständen und Anzeigen wollt' ich aber fast vermuten, daß sie über Religion und Glaubenssachen arguiren, und aus der Vernunft die Offenbarung verbessern. Das auf der letzten Seite ist ein Kreuz. Morgenlied Es ist mir lieb, Vetter, daß Euch auch die Sonne das Herz einmal warm gemacht hat; mit dem Mond habt Ihr genug geliebäugelt, und ihre Herrlichkeit ist doch größer. Vielleicht wird mancher andre gute Bauersmann des Morgens im Felde oder vor seiner Hütten Tür, wenn er die Sonne sieht aufgehn, Euer Lied anstimmen, und das laßt Euch nicht leid sein. Aber, Ihr seid ein belesener Mann! oder Ihr seid auch tiefsinniger als ich gewußt habe, und eine von den Απολλωνικαις ψυχαις davon die Platoniker schreiben. Alles, was Ihr in Eurem Liede sagt, das haben die größten Männer, und die berühmtesten Polyhistores des Alterthums gesagt, haarklein und von Wort zu Wort. Ich bin erstaunt darüber, aber es ist wahr; wo ich aufschlage, in welcher Sprache und Zunge, da treffe ich Euch. Für diesmal nur eine kleine Probe an den Griechen. eines Bauersmanns mit Anmerkungen von meinem Vetter, darin er mich zum besten hat.     Da kömmt die liebe Γλυκερον τε τεκος Διος εξεκαλειτο. Proclus L. I. in Timaeum Sonne wieder Ηλιος δ' ανορουσε. Homerus. ,     Da kömmt sie wieder her παλιν αφικετο. Thucydides. ! Sie schlummert nicht – ηλεκτωρ εβεβηκει. Homerus. und ein Ausleger: Ηλεκτρος ο θεος ονομαζεται μηδεποτε κοιτης επιψαυων. Heraclides Ponticus , Allegoriae Homericae. und wird nicht müder Ηλιον τ' ακαμαντα \&c. Homerus. ,     Und läuft doch immer sehr ευδρομε – – – ρομβου απειρεσιου δινευμασιν οιμον ελαυων. Orpheus. . Sie ist ein sonderliches Wesen Orpheus nennt die Sonne: Ζωης φως, Ομμα δικαιοσυνης, ευσεβεσιν καθοδηγε καλων, εργων σημαντωρ αγαθων: im Suffimen Solis. Dionysius Areopagita drückt ihr sonderlich Wesen so aus: εκ τ αγαθου γαρ το φως, και εικων της αναθοτητος, und der Jude Philo vergleicht sie mit der Wolkensäule: ημερας μεν ηλιοειδες εκλαμπουσα φεγγος, νυκτωρ δε φλογοειδες, in vita Mosis. Am besten aber scheint mir der Kaiser Julianus Eure Idee gefaßt zu haben: ακουεται δη πρωτον οσα φησιν, οι τον ουρανον ουχ ωσπερ ιπποι και βοες ορωντες – αλλ' εξ αυτου του φανερου την αφανη πολυπραγμονουντες φυσιν, πρωτη δε των δυναμεων αυτου εστι \&c. denn ich könnte ihn ganz herschreiben, so sehr sympathisiert er mit Euch. ;     Wenn's Morgens ει μη ηλιος ην, ευφρονη αν ην. Heraclitus. auf sie geht, Freut sich der Mensch und ist genesen πας ανηρ καν δουλος η τις ηδεται το φως οραν. Euripides. Ich habe die liederlichen Kerle in Lybien auch nur immer für halbe Menschen gehalten: Αφαραντες λιβυες ονοματα ουκ εχουσιν, ηλιω δε ανισχοντι λοιδορουνται, ως πολλα ακκα φαναντι. Stobaeus.     Wie beim Altargerät φθεγξομαι οις θεμις εστι, θυρας δ' εποθεσθε βεβηλοι. Orpheus. . Von ihr kommt Segen und Gedeien – επει ου τοι πιαρ υπ' ουδας. Hymnus in Solem. ,     Sie macht die Saat so grün πυρρου δε μελανι πρασιος. Stobaeus , c. 19. de coloribus, in Eclogis physicis. , Sie macht das weite Feld sich neuen – και ανανεοι. Dionysius Areopagita. ,     Und meine Bäume blühn φυτα μυρια φυσεις. Orpheus. . Und meine Kinder ανθρωπος ανθρωπον γευνα και ηλιος. Aristoteles. spielen drunter,     Und tanzen ihren Reih'n πεπληγον δε χορον θειον ποσιν. Homerus. , Sind frisch und rund und rot und munter – αλλα και προς την γενεσιν των αισθητων σωματων συμβαλλεται και προς ζωην αυτα κινει, και τρεφει, και αυξει και τελειοι και καθαιραι. Dionysois Arepoagita; und Euer Freund Julianus sagt kurz: γινομενοι γαρ εξ αυτου τρεφομεθα παρ εκεινου. ,     Und das macht all ihr Schein οτι ηλιον μεν επεστησε τοις ολοις ο δημιουργος, και φυλακα αυτον ετευξε, κελευσε τε πασιν ανασσειν. Proclus. Man pflegte sie deswegen zu grüßen: – πατηρ ποντου, πατηρ αιης,     ηλιε παγγενετορ, παναιολε χρυσεοφεγγες. Macrobius Saturnal I.; und in der alten Liturgie hieß sie: ηλιε παντοκρατορ, κοσμου πνευμα, κοσμου δυναμις, κοσμου φως. . Was hab ich dir getan, du Sonne!     Daß mir das widerfährt? Mir fällt hierbei ein, was Apollodorus vom Hercules erzählt, als er die beiden bekannten Säulen am Ende der Welt zu einem Mal seiner grand Tour hingestellt hatte und wieder heimkehrte: θερμαινομενος δε υπο ηλιου κατα την πορειαν το τοξον επι τον θεον ενετεινεν. ο δε την ανδρειαν αυτου θαυμασας χρυσεον εδωκε δεπας, εν ω ωκεανον διεπρασε. Bringst jeden Tag mir neue Wonne καλον δ' εξω πραγματων εχειν ποδα. Euripides . ,     Und bin's fürwahr nicht wert ως ουδεν εσμεν. Sophocles. – Σκιας οναρ ανθρωποι. Pindarus . . Du hast nicht menschliche Gebärde Orpheus im Suffimen Solis:           πανδερκες εχον αιωνιον ομμα, – τετραβαμοισι ποσσι χορευων ist freilich nicht menschliche Gebärde. ,     Du issest nicht wie wir θερμαινων γαρ την γην ατμιδα και καπνον ελκει Julian über die Sonne. ; Sonst holt' ich gleich von meiner Herde     Ein Lamm τερπουσι λιπαραι Φοιβον Ονοσφαγιαι sagt ein Pindari Scholiastes; Orpheus brachte lieber einen – πιονα μοσχον ειαρινον θαλετοντα νεηνιδος ουδατι μητρος· de Lapidibus; aber Euer Lamm wird auch nicht verworfen werden, bringt nur oft eins, alter Schmeichler, und wenn Du einmal nicht hast, kannst Du bei mir holen. und brächt es dir, Und stünd'und schmeichelte von ferne λισσεσθαι επεεσσιν αποσταδα μειλιχιοισι. Homerus . .     »Iß und erquicke dich εσδιε δαιμονιε ξεινων κει τερπεο. Homerus . , Iß γαστρος ουδεν ηδιον. ––– εξεις δ' οσ' αν φαγης τε και πιης μονα, σποδοι δε τ' αλλα, περικλεης, κοδροι, κιμων. Sotion apud Neandrum . liebe Sonn', ich geb' es gerne δοσις ολιγη τε φιλη τε. Homerus . ,     Und willst du mehr, so sprich πολλοι γαρ ποσιος και βρωσιος εισιν εταιροι. Phocylides .         Εμοι δ' απορα γαστριμαργον         μακαρων τιν' ειπειον. Pindarus .« Gott in dem blauen Himmel oben Ουτος γαρ χαλκειον ες ουρανον εστηρικται. Orpheus .     Gott denn belohn' es dir σοι δε θεοι τοσα δοιεν, οσα φρεσι σησι μενοινας. Homerus . Ich aber will im Herzen loben ποιμαινων πραπιδεσσιν. Proclus .     Von deiner Güt' und Zier Οια γαρ μορφη τοιαδε και η ψυχη. Aesopus . . Und weil wir ihn nicht sehen können αυτον δ' ουχ οροω –– πασιν γαρ θνητοις θνηται κοραι εισιν εν οσσοις ασθενεες δ' ιδεειν Δια. Orpheus . .     Will ich wahrnehmen sein Θεον μεν νοησαι χαλεπον, φρασαι δε αδυνατον. Hermes Trismegistus apud Justinum . , Und an dem edlen Werk erkennen και ου δηπου φημι κατα τον της παλαιοτητος λογον, οτι θεος ων ο ηλιος, και δημιουργος τουδε του παντος ιδιως επιτροπευει τον εμφανη κοσμον, αλλ' οτι τα αορατα του θεου απο κτισεως κοσμου τοις ποιημασι νοουμενα καθοραται ητε αιδιος αυτου δυναμις και θειοτης. Dionysius Areopagita de Divinis Nominibus .     Wie freundlich ηνιοχος παντος καλου, αδωροδοκητος, αγαθων αγαθωτατος. Zoroaster apud Eusebium . er muß sein! O! bis mir denn willkommen heute,     Bis willkomm schöner Held χαιρε αναξ. Hymnus in Solem ! Und segn οινον και γαλα βαλλε, και υδατος αγλαον ειδος. apud Eusebium . uns arme μητ' εμοι μελι, μητε μελιττα. Sappho apud Tryphonem grammaticum. Bauersleute,     Und unser Haus und Feld δωματα – και – πιονας αγρους. Homerus . . Bring unseren König heut auch Freude τας δε Διος βαλανους και αμυγδαλα σιγαλοεντα. Hermippus .     Und seiner Frau dazu παρ δε γυνη δεσποινα λεχος πορσυνε και ευνην. Homerus . Segn ihn und tu ihm nichts zuleide – μητε κρυος μηθ' αλιος – βαρυναι. Bion . ,     Und mach ihn mild wie du ωσπερ ο ηλιος ου περιμενει λιτας και γοητειας ινα ανατειλη, αλλ' ευθυς λαμπει, και προς απαντων ασπαζεται, ουτω μηδε συ περιμενε κροτους και ψοφους και επαινους, ιν' ευποιησης, αλλ' εκωντης ευεργετει, και ισα τω ηλιω φιληθηση. Epictetus . Lebt wohl, Vetter! Ich bin Euer Diener und Verehrer. Ητοι μεν τοδε καλον ακουεμεν εστιν αοιδου Τοιουδ', οιος οδ' εστι, ΣΟΦΟΙΣ εναλιγκιος αυδην. ! Auch eine Philosophie der Geschichte zu Bildung der Menschheit etc. 1774 Die Geschichte des Menschengeschlechts und der Gang Gottes mit ihm sind, wie fast alles in der Welt, ein verschlossenes Rätsel, das zu seiner Zeit auch wohl wird aufgeschlossen werden. Die Menschenkinder konnten aber bis so lange nicht Geduld haben; sie drückten am Schloß und kehrten am Schloß und kuckten ins Schlüsselloch hinein, und gaben denn ihr Videtur unmaßgeblich ab, als ob sie etwas Rechtes gesehen hätten. Nun ergibt aber die Vernunft, daß im Schlüsselloch nicht viel zu sehen ist, und also die Methode: daraus zu weissagen, etwas mißlich sei. Der Verfasser hat dies weitläuftiger erörtert und hierüber und über manches mehr, sonderlich auch über den Einfluß der Akademien, Sozietäten der Wissenschaften etc. etc. vieles gesagt, das nicht allgemein angenommen wird. Er ist überhaupt ein Fisch der gegen den Strom angeht, und will auch, was von der Erleuchtung und den Vorzügen unsers, und dem Gehalt und den Mängeln eines jeden andern Jahrhunderts und Volks gewöhnlich vorgetragen wird, nicht so alles gradezu für bares Geld annehmen. Einige Gelehrte, die zwischen Volk und Volk, Jahrhundert und Jahrhundert richten, haben die Gewohnheit an sich, daß sie ihre eigene Einsichten und Gaben zur Elle machen, und darnach, zum Exempel das morgenländische und ägyptische Drapdor, das schöne griechische Wassergewand u.s.w. ausmessen, und eben daher ereignet sich das Milchgesichtlein, das verschiedentlich oben auf ihren Urteilen sitzt und selbstklug umherlächelt. Unser Verfasser wäre diesem Mißbrauch gern aus dem Wege gegangen. Sein Gemälde von der Patriarchalwelt ist so geraten, daß man sich dabei des Wunsches nicht erwehren kann: es möchte doch von einer ganzen Nation wahr gewesen sein, und noch von uns und von allen Völkern wahr sein! Auch die ganze Galerie der verschiedenen Alter des Menschengeschlechts ist blendend gemalt, und die Meinung: als ob unser Geschlecht nach dem Plan Gottes seit der Patriarchenzeit immer zu größerer Vollkommenheit fortgehe, gegen die andre: daß wir nur zu einem neuen Zustande fortrücken mit dessen etwanigen Vorteilen andre Vorteile notwendig wieder verloren gehen, sehr glücklich umgesetzt worden. Sonst aber dürfte in dem allen noch viel Ideal mit unterlaufen; denn alles, was man von Vervollkommnung oder Fortrückung und den damit verbundenen Vor- oder Nachteilen behaupten mag, kann nur sehr von ohngefähr zutreffen, weil alles was man von einem jedweden Volk und Zeitalter halb und halb weiß, immer nur von einem kleinen Ausschuß gilt. Vielleicht ist auch gar der Plan Gottes nicht der Länge sondern der Quere nach zu suchen. Es ist nämlich die Wahrheit zu aller Zeit in der Welt gewesen, so oder anders gekleidet. Übrigens gehört dies Büchlein zu den Gewächsen, die auf eignem Grund und Boden gewachsen sind, und der Verfasser scheint, bei einem überflüssigen Maß von Geist, ein Herz im Leibe zu haben, das wirklich zum Guten geneigt ist, und urteilt selbst: »daß das große göttliche Werk, Menschheit zu bilden, mit kleiner Eitelkeit nicht grenzen könne«. Abendlied eines Bauersmanns                 Das schöne große Tag-Gestirne     Vollendet seinen Lauf; Komm wisch den Schweiß mir von der Stirne,     Lieb Weib, und denn tisch auf! Kannst hier nur auf der Erde decken,     Hier unterm Apfelbaum; Da pflegt es abends gut zu schmecken,     Und ist am besten Raum. Und rufe flugs die kleinen Gäste,     Denn hör, mich hungerts sehr; Bring auch den kleinen aus dem Neste     Wenn er nicht schläft, mit her. Dem König bringt man viel zu Tische;     Er, wie die Rede geht, Hat alle Tage Fleisch und Fische     Und Panzen und Pastet; Und ist ein eigner Mann erlesen,     Von andrer Arbeit frei, Der ordert ihm sein Tafelwesen     Und präsidiert dabei. Gott laß ihm alles wohl gedeihen!     Er hat auch viel zu tun, Und muß sich Tag und Nacht kasteien,     Daß wir in Frieden ruhn. Und haben wir nicht Herrenfutter;     So haben wir doch Brot, Und schöne, frische, reine Butter,     Und Milch, was denn für Not? Das ist genug für Bauersleute,     Wir danken Gott dafür, Und halten offne Tafel heute     Vor allen Sternen hier. Es präsidiert bei unserm Mahle     Der Mond, so silberrein! Und kuckt von oben in die Schale     Und tut den Segen h'nein. Nun Kinder esset, eßt mit Freuden,     Und Gott gesegn es euch! Sieh, Mond! ich bin wohl zu beneiden,     Bin glücklich und bin reich! »Er schuf sie ein Männlein und Fräulein« I. B. M. I v. 27 Ich hab' immer gedacht, daß der Spruch nicht umsonst in der Bibel stehe, und ich denk' es noch. Er soll wohl unter andern zu verstehen geben, wenn so 'n Fräulein uns mit ihren Taubenaugen überlistet, daß wir uns des ceteris paribus nicht schämen dürfen, denn Gott hat das Fräulein mit den Taubenaugen erschaffen. Ihn jammerte des Menschen. daß er so im Schweiß seines Angesichts dahin ging bis er wieder zur Erde würde davon er genommen war, und gedachte ihm wohl zu tun – da wandelten die zarten Lispel vom Himmel herab, da schlug die Liebe die Flügel, und seine Engel tanzten zum Klange des ersten Flügelschlags. Aber der Feind kam auch hier bei der Nacht und säete giftige häßliche Drachen, und Ungeheuer mit Pumphosen und goldenen Klauen. Die kamen und verheerten die schönen Jünglinge und Mädchen im Lande, und die heilige Liebe des Fräuleins floh und verbarg sich in den Felsklüften und auf den Scheidebergen, und selig ist wer sie findet! Eine Korrespondenz zwischen mir und meinem Vetter, das Studium der schönen Wissenschaften betreffend. Hochgelehrter     Hochzuehrender Herr Vetter! Hätte wohl Lust, mich auf die schönen Wissenschaften zu legen; damit, wenn sich bei der oder jener Gelegenheit 'n Vers oder eine Prosa in meinem Herzen rührt und h'raus will, ich doch dem Dinge ein fein gedeihlich Ansehn und Grazias, wie sie sagen, geben könnte. Ersuche den Herrn Vetter um seinen Rat, und wie ich das anzufangen habe, samt welche Bücher ich mir dazu anschaffen und lesen muß. Vom Batteux hat mir Herr Ahrens schon in prima gesagt; aber das ist so lange her, und ich denke, 's sind seitdem wohl andre Moden aufkommen. Das Neueste, weiß der Herr Vetter wohl, ist doch immer das beste, und man kommt doch nicht gern mit einer Zippelprücke angestochen, wenn in allen Nacken Haarbeutel hängen. Den Meerrettich erhält der Herr Vetter künftige Woche mit dem Fuhrmann Grumpenhagen, womit ich die Ehre habe zu verbleiben. Meines Hochgelahrten     Hochzuehrenden Herrn Vetters         gehorsamer Diener und Vetter Asmus. Antwort Seid kein Narre, Vetter, und laßt die schönen Wissenschaften ungeschoren. Ich will Euch aber meinen Rat nicht verhalten. Wenn's Euch mit dem und jenem wirklich Ernst ist, und es Dir so recht durch Mark und Bein geht, so lasse Du's durchgehen, und danke Gott dafür, und sage Niemanden davon; und Wenn es frommet, davon zu verlautbaren, und zu schreiben; so schreibe hin was und wie Du's fühlst. Fühlst du aber nichts, und möchtest doch gerne vor dem geehrten Publico das Gesicht machen; so lies den Batteux und seine Kollegen vom Longin bis an den der an die Wand und in die Zeitungen und Bibliotheken pißt. Magst sie auch ungelesen lassen, denn Du machest doch nur närrisch Zeug in Versen und in Prosa. Lebt wohl Vetter. Sein Diener etc. N. S. Du kannst auch statt des Batteux den Meerrettich reiben, kommt alles auf Eins hinaus. Vale. Der große und der kleine Hund oder Packan und Alard             Ein kleiner Hund, der lange nichts gerochen     Und Hunger hatte, traf es nun Und fand sich einen schönen Knochen     Und nagte herzlich dran, wie Hunde denn wohl tun. Ein großer nahm sein wahr von fern:     »Der muß da was zum Besten haben, Ich fresse auch dergleichen gern!     Will doch des Wegs einmal hintraben.« Alard, der ihn des Weges kommen sah,     Fand es nicht ratsam. daß er weilte;     Und lief betrübt davon, und heulte, Und seinen Knochen ließ er da. Und Packan kam in vollem Lauf Und fraß den ganzen Knochen auf. Ende der Fabel               »Und die Moral?« Wer hat davon gesprochen? – Gar keine! Leser, bist du toll? Denn welcher arme Mann nagt wohl an einem Knochen. Und welcher reiche nähm' ihn wohl? Anselmuccio         Ist gar ein holder Knabe, er! Als ob er's Bild der Liebe wär. Sieht freundlich aus, und weiß und rot. Hat große Lust an Butterbrot, Hat blaue Augen, gelbes Haar, Und Schelm im Nacken immerdar. Hat Arm und Beine, rund und voll! Und alles, wie man's haben soll. Nur eines fehlt dir, lieber Knabe! Eins nur: Daß ich dich noch nicht habe. Brief an Andres, von wegen einer gewissen Vermutung Es ist mir angenehm aus Jost seinem Frachtzettel zu vermerken, daß Du willens bist, Dich wieder zu verheiraten. Glück zu! lieber Andres. Das Heiraten kommt mir vor wie 'n Zuckerboltje oder –bohne; schmeckt anfangs süßlicht, und die Leute meinen denn: es werde ewig so fortgehen. Aber das bisgen Zucker ist bald abgeleckt, sieht Er, und denn kommt inwendig bei den meisten 'n Stück Assa foetida oder Rhabarber, und denn lassen sie 's Maul hängen. Bei Dir nun soll's nicht so sein! Du sollst, wenn Du mit dem Zucker fertig bist, eine wohlschmeckende kräftige Wurzel finden, die Dir Dein Lebelang wohltut! Wie ich Dich kenne, und Deine Wirtschaft mit der seligen Gertrud angesehen habe, bin ich auch überzeugt, es werde so gehen, Du müßtest denn gar an einen Höllenbesen geraten sein, und der gibt es nicht viele. Die Weiber sind geschmeidige gute Geschöpfe, und wenn Du von einer hörst die ihrem Manne krumme Sprünge macht, kannst Du allemal zehn gegen eins wetten, daß er sich gegen sie nicht betrage, wie's einem christlichen Ehemann wohl zusteht. Schreib's mir ja vorher wenn die Hochzeit ist; denn wir wollen selbst kommen, und ich will Dir auch einen Hochzeitsbrief schreiben und Dir darin eins auf meiner Harfe singen und spielen. Heißt so viel, ich will Dir aus alter Liebe 'n Carmen machen, denn das begreifst Du wohl, daß man in einem Briefe nicht singen noch auf der Harfe spielen kann, und pflegt man dergleichen poetische Redensarten zu nennen, die in Prosa immer am unrechten Orte stehen. Leb wohl, lieber Andres, und grüße Deine Braut von meinentwegen, und schick mir ihren Schattenriß, wenn's auch nur mit einer Kohle gemacht ist, ich will's Dir zulieb aufhängen, und Du kannst Dich dadurch insinuieren; denn sie haben's gerne, daß man ihren Schatten nehme. Noch einmal leb wohl, Herr Bräutigam, Gott gebe Dir eine gute Frau, und schreibe bald oder ich verharre etc. Nachricht vom Genie               Ein Fuchs traf einen Esel an. »Herr Esel!« sprach er, »jedermann Hält Sie für ein Genie, für einen großen Mann!« »Das wäre!« fing der Esel an, »Hab' doch nichts Närrisches getan.« Serenata im Walde zu singen Solo         Wenn hier nur kahler Boden wär,     Wo itzt die Bäume stehn, Das wäre doch, bei meiner Ehr!     Ihr Herr'n nicht halb so schön. Denn wäre um uns her kein Baum,     Und über uns kein Zweig, Denn wäre hier ein kahler Raum,     Und ich marschierte gleich. So bin ich wie ein Fisch im Meer,     Und bleibe gerne hier. Vivant die Bäume um uns her!     Der Zweig hier über mir! a due voci Und zählen kann ein Mensch sie nicht,     Sind ihrer gar zu viel; Und jeder macht es grün und dicht,     Und jeder macht es kühl. a tre voci Und jeder steht so stolz und kühn,     Und streckt sich hoch hinan, Dünkt sich, die Stelle sei für ihn,     Und tut sehr wohl daran. Recitativo Es pflegen wohl die reichen Leut     Auch Wald zu machen gern; Fugato Da pflanzen denn, die Läng' und Breit,     Die klug- und weisen Herr'n In eine lange Reihe hin     Gar künstlich Baum und Strauch; Und meinen denn in ihrem Sinn,     Sie hätten's wirklich auch. Recitativo Noch kommt ihr Gärtner Lobesan,     Den sie zu ha'n geruhn, Und schneidet mit der Schere dran,     Wie Schneidermeister tun. Tutti Jedoch ihr Wald ist Schneiderscherz,     Trägt nur der Schere Spur, Und nicht das große volle Herz     Von Mutterlieb Natur! Tuttissimi Und nicht das große volle Herz     Von Mutterlieb Natur! Ist purer puter Schneiderscherz,     Trägt nur der Schere Spur. Choral Hoch sitzt im Sofa der Baron,     Der Schweizer an der Tür, Die Fürsten sitzen auf dem Thron,     Und wir, wir sitzen hier. Auf bloßer Erde, feucht und kalt!     Und wir, wir sitzen hier, Und freun uns über diesen Wald,     Und danken Gott dafür. Johann Caspar Lavaters Physiognomische Fragmente zur Beförderung der Menschenkenntnis und Menschenliebe mit Kupfern, gr. 4. Bei Weidmanns Erben und Reich in Leipzig, und bei Steinern in Winterthur etc. Das ist 'n Buch wie mir in meiner Praxis noch keins vorgekommen ist. Was da für Gesichter darin stehen! groß und klein! ehrenfest und ehrenlos! sauer und süß! schief und krumm u.s.w.! und so viele Schnabels, und Nasen und Münde, die gar an kein Gesicht sitzen, sondern so in freier Luft schweben! Einige Gesichter sind rabenschwarz, das müssen wohl Afrikaner sein u.s.w. Soviel ich verstanden habe, sieht Herr Lavater den Kopf eines Menschen und sonderlich das Gesicht als eine Tafel an, darauf die Natur in ihrer Sprache geschrieben hat! »allhier logieret in dubio ein hochtrabender Geselle! ein Pinsel! ein unruhiger Gast! ein Poet! 'n Wildieb! 'n Rezensent! ein großer mutiger Mann! eine kleine freundliche Seele! etc. etc.« Es wäre sehr naiv von der Natur, wenn sie so jedwedem Menschen seine Kundschaft an die Nase gehängt hätte, und wenn irgendeiner die Kundschaften lesen könnte, mit dem möchte der Henker in Gesellschaft gehen. Darum schämen sich auch einige Leute wohl so, schlagen die Augen nieder, und mögen einen nicht grade ansehen. Da die Herren Kollegen verschiedentlich über dies Buch geperoriert haben; so werde ich wohl nicht schweigen, denn das müßte schlecht sein, wenn ich nicht noch weniger von der ganzen Sache verstünde als einer von ihnen: und dazu hab' ich das Buch nur zweimal einen halben Tag bei einem vornehmen Gönner gelesen, und bin also absonderlich zu einem Judex competens qualificirt, werde auch nicht ermangeln, die Sache zu ventiliren pro und contra, vernünftig und unvernünftig, langsichtig und kurzsichtig, nach Exempeln und nach dem Generalbaß u.s.w. wie's das Metier mit sich bringt. Vorher will ich nur noch geschwind erzählen, wie's mir mit den Gesichtern in dem Buch gegangen ist. Bei 'n Paar von den Gesichtern sah ich den guten frommen Engel, der hinter der Haut steht, klar und deutlich, und aus 'n paar andern guckte mich der – – leibhaftig an. Bei den meisten war's aber so: wenn ich 'n Gesicht angesehen habe, ohne den Text zu lesen, so hab ich nicht gewußt, was darin wäre und was ich davon sagen sollte; sobald ich aber Lavaters schönen Text dazu gelesen hatte, hab ich's alles darin gefunden, und es hat mich oft recht gewundert, wie ich das alles so aus dem Gesicht sehen könnte. Doch zur Sache. Die Physiognomik ist eine Wissenschaft von Gesichtern; Gesichter sind Concreta , denn sie hängen generaliter mit der wirklichen Natur zusammen, und sitzen specialiter fest am Menschen; es wäre also die Frage: ob der berühmte Handgriff »Abstractio« und die »Methodus analytica« hier nicht zu appliciren wäre, daß man nämlich auf die Erfahrung acht gäbe: ob der Buchstabe i allemal, wenn er vorkommt, den Tüttel habe, und ob der Tüttel, wenn er vorkommt, niemals über einem andern Buchstaben stehe; denn so hätte man heraus, daß der Tüttel und der Buchstabe Zwillingbrüder wären, und, wo Castor sich betreten ließe, Pollux nicht weit sei. Zum Exempel, es sollen hundert Herren sein, die alle sehr schnell zu Fuß sind und davon Proben und Beweis gegeben haben; und diese hundert Herren hätten alle eine Warze vorne auf der Nase. Ich sage nicht, daß die Herren die eine Warze vorne auf der Nase haben Feigememmen sind; sie sollen's nur des Exempels wegen sein, und man soll nicht einen Renommisten mit einer Warze vorne auf der Nase gefunden haben, und ich wüßte das. Nun ponamus, mir käme ein Kerl ins Haus der mich einen hungrigen Poeten und Tellerlecker titulierte und mir s. v. ins Gesicht spuckte. Ich wollte mich nicht gerne schlagen, wüßte auch nicht, wie's ablaufen könnte, und stünde und dächte dem Dinge weiter mach; indem würde ich einer Warze auf seiner Nase gewahr! da würde ich mich denn nicht länger halten können, und herzhaft mit meinem point d'honneur auf ihn losgehen, und ich käme sicherlich ungeschlagen davon. Dieser Weg wäre sozusagen die Heerstraße in diesem Felde; es möchte wohl langsam Fortkommen darauf sein, aber so sicher als auf den andern Heerstraßen. Doch die Menschen haben verschiedene Gaben, und daß ich aus jedem Gesicht nicht sehen kann, beweist nichts weiter, als daß ich nichts daraus sehen kann, und darum kann's doch vielleicht ein anderer. Ist denn aber überall etwas daraus zu sehen? Und schnürt diese Lehre nicht der Freiheit des Menschen den Hals zu? Denn wenn einer notwendig 'n Schurk ist der z. E. ein großes Maul hat; so muß er 'n Schurk leben und sterben, 's Maul wird sich nicht zusammen ziehen. Hierauf würde ich antworten: umgekehrt, so wird 'n Schuh daraus. Ein Mensch ist kein Schurke, wenn er 'n großes Maul hat, sondern wenn er 'n Schurke ist, so hat er 'n großes Maul. Er wird freilich mit dem großen Maul auch wohl 'n Schurke bleiben, aber er kanns doch ebensogut auch nicht bleiben, als wenn er gar kein Maul, sondern statt dessen etwa einen Schnabel hätte oder gar rund zugewachsen wäre. Und wenn er sich bessert, warum sollte sich auch sein großes Maul nicht zusammenziehen können? Zieht sich doch eine dicke Stange Eisen, die Meister Schmidt geglüht hat, in der Kälte wieder zusammen, und so hart und dumm ist doch kein Maul als eine Stange Eisen. Aber 's mag meinetwegen groß bleiben, und die Physiognomen mögen den Eigentümer für einen Schurken halten. Wenn er ein ehrlicher Mann geworden ist, desto besser für ihn, denn es muß eine Lust sein, wenn man so die Herren Kunstverständige zum Narren haben kann. Und dazu würde ich mir die Physiognomik dienen lassen, und die Physiognomen, die in solchem Fall nicht von ganzem Herzen gerne Narren sein wollten, die hole der Kuckuck! Das sind Taschenspieler, und wage es keiner von ihnen mich scharf anzusehen, sonderlich wenn er eine Warze auf der Nase hat. Ein Physiognom, und so stelle ich mir auch den Raphael Lavater vor, ist 'n Mann, der in allen Menschengehäusen den unsterblichen Fremdling lieb hat, der sich freut wenn er in irgendeinem Gehäuse, Strohdach oder Marmor, einen Gentleman antrifft mit dem er Brüderschaft machen kann, und gerne beitragen möchte die Leibeigenen frei zu machen, wenn er nur ihre Umstände wüßte. Der unsterbliche Fremdling im Menschen ist aber inwendig im Hause, und man kann ihn nicht sehen. Da laurt nun der Physiognom am Fenster, ob er nicht am Widerschein, am Schatten oder sonst an gewissen Zeichen ausspionieren könne was da für ein Herr logiere, damit er und andre Menschen eine Freude oder Gelegenheit hätten, dem Herrn einen Liebesdienst zu tun. Mag er bei seiner Entreprise parteiisch sein, übertreiben, tausendmal neben der Wahrheit hinfahren, und mehr Unkraut als Weizen sammlen; er bleibt auch mit Unkraut in der Hand ein edler Mann, und denn ist noch immer die Frage erst, ob alles wirklich Unkraut ist, was du nach deinem Linneus Unkraut nennst. Das a.b.c. und a b – ab der Natur ist mir übrigens nicht unwahrscheinlicher als das a.b.c. und a b – ab in meiner Fibel. Der Maulwurf wirft anders auf als der Erdkrebs; der König Salomo baut sich ein anderes Haus als Johann Hutmacher, und diese müssen es erst durch den dritten Mann tun lassen; so kann ja der innerliche Baumeister, denn da sein muß doch einer, aus seinem weichen Mörtel selbst wohl sein Haus und sonderlich sein Kabinett nach Stand und Würden bauen! und die härtesten Knochen sind weicher Mörtel gewesen. Ich ließe mir noch mehr a.b.c's und a b ab's gefallen als an der Nase des Menschen. Was der liebe Gott anfangs alles für Weltkräfte erschaffen und wie er sie gegen einander geordnet hat, das ist alles vor unsern Augen verborgen, und ich wäre sehr geneigt, die ganze sichtbare Welt als eine Glocke anzusehen, die wir davon läuten hören, ohne recht zu wissen, in welchem Turm sie ist. Die Natur hat, wie in den Apotheken, ihre simplicia und composita in verschiedene Büchsen getan, und die äußere Form der Büchse ist das Schild was sie darüber ausgehängt hat. Der muß wohl sehr glücklich sein und ein seltener Heiliger, der sie alle versteht, aber der ein großer Hans ohne Sorgen und Veit auf allen Gassen, der sich um keins bekümmert. Kunz und der Wucherer W. Ein gut Gewissen, Freund, ist eine große Gabe! K. Und gute Zähne auch! Gottlob daß ich sie habe. G Ö R G E L I A N A Vorbericht Diese Görgeliana schreiben sich von Görgeln her, und Görgel ist eigentlich ein alter lahmer Invalide, der sich in seinen alten Tagen noch auf die Feder applizierte, und wirklich der Verfasser einer gewissen Druckschrift ward, die als disiecti membra poëtae ins Publikum herausging. Ich war mit ihm bekannt worden, und wie's unter den Gelehrten ist, daß sie einander aushelfen, so half ich ihm, wenn er keine Zeit oder Reißen im Bein hatte, nach meiner Wenigkeit auch aus, wie zum Teil folget, nicht ohne seine Erlaubnis. Weiter wüßte ich nichts vorzuberichten, etwa noch daß die Tanne ein Wald von Tannen ist, etliche Stunden groß, darin sich's im Jahr 1776 und 1777 noch recht gut spazieren ließ. Nr. 1 Des alten lahmen Invaliden Görgel sein Neujahrswunsch             Sie haben mich dazu beschieden,     So bring ichs denn auch dar: Im Namen aller Invaliden     Wünsch ich ein fröhlich Jahr Zuerst dem lieben Bauernstande;     Ich bin von Bauern her, Und weiß, wie nötig auf dem Lande     Ein fröhlich Neujahr wär. Gehn viele da gebückt, und welken     In Elend und in Müh, Und andre zerren dran und melken,     Wie an dem lieben Vieh. Und ist doch nicht zu defendieren,     Und gar ein böser Brauch; Die Bauern gehn ja nicht auf vieren,     Es sind doch Menschen auch: Und sind zum Teil recht gute Seelen.     Wenn nun ein solches Blut Zu Gott seufzt, daß sie ihn so quälen;     Das ist fürwahr nicht gut. Ein fröhlich fröhlich Jahr den Fürsten,     Die nach Gerechtigkeit, Nach Menschlichkeit und Wohltun dürsten;     Der Fürsten Ehrenkleid! Sie sind in diesem Ehrenkleide     Wie Gottes Engel schön! Und haben selbst die meiste Freude;     Sonst muß ichs nicht verstehn. Ein fröhlich Jahr und Wohlbehagen     Dem Fürsten unserm Herrn! Der auch in unsern alten Tagen     Noch denket an uns gern; Der als ein Vater an uns denket     Auf seinem Fürstenthron. Und uns des Lebens Pflege schenket!     Dank ihm und Gotteslohn! Und seinen Untertanen allen,     Wir sind ja Brüder gar, Uns lieben Brüdern Wohlgefallen     Und ein recht gutes Jahr! »Und allen edlen Menschen Friede     Und Freud auf ihrer Bahn! Ich segne sie in meinem Liede,     Soviel ich segnen kann; Und fühl in diesem Augenblicke     Den lahmen Schenkel nicht, Und steh und schwinge meine Krücke,     Und glühe im Gesicht.« Nr. 4 Billet doux von Görgel an seinen Herrn, den 10. Jan. Es schneit noch immer, mein lieber Herr, als obs gar nicht wieder aufhören wolle. Was doch für eine Menge Schnee in der Welt ist! hier soviel Schnee! und in der Pfalz soviel! und in Amerika! und in der Tanne! – ich pflege denn so meinen Gang nach der Tanne zu haben, weiß Er wohl. Der große Wald ist von Natur mein Lustrevier, und die Tanne liegt mir so bequem, grade am Tor, und führt eine schöne lange Lindenallee dahin; denn sind auch immer so viele arme Leute darin, alt und jung, die Holz sammeln, und auf dem Kopf zu Hause tragen; und das seh ich so mit an, und gehe meinen Gang hin. Seit der viele Schnee gefallen ist, fehlt mir aber meine Gesellschaft; die armen Leute können nicht zu, und ich kann denken, daß sie sowohl hier, als überall wo soviel Schnee liegt, bei der Kälte übel daran sind. Mein Herr hat gottlob einen warmen Rock und eine warme Stube, da merkt Er's nicht so, aber wenn man nichts in und um den Leib hat und denn kein Holz im Ofen ist, da friert's einen gewaltig. Am Nordpol, hinter Frankfurt, soll Sommer und Winter hoch Schnee liegen; sagen die Gelehrten, und in den Hundstagen treiben da Eisschollen in der See, die so groß sind als die ganze Herrschaft Epstein, und tauen ewig nicht auf! und doch hat der liebe Gott allerlei Tiere da, und weiße Bären, die auf den Eisschollen herumgehen und guter Dinge sind, und große Walfische spielen in dem kalten Wasser und sind fröhlich. Ja, und auf der andern Seite unter der Linie, über Heidelberg hinaus, brennt die Sonne das ganze Jahr hindurch, daß man sich die Fußsohlen am Boden sengt. Und hier bei uns ist's bald Sommer und bald Winter. Nicht wahr, mein lieber Herr, das ist doch recht wunderbar! und der Mensch muß es sich heiß oder kalt um die Ohren wehen lassen, und kann nichts davon noch dazu tun, er sei Fürst oder Knecht, Bauer oder Edelmann. Wenn ich das so bedenke, so fällts mir immer ein, daß wir Menschen doch eigentlich nicht viel können, und daß wir nicht stolz und störrisch, sondern lieber hübsch bescheiden und demütig sein sollten. Sieht auch besser aus, und man kommt weiter damit. Nun Gott befohlen, lieber Herr, und wenn Er 'n Stück Holz übrig hat, geb' Er's hin, und denk' Er, daß die armen Leute keine weiße Bären noch Walfische sind. Sein Diener Görgel. Nr. 15 Schreiben von Görgel an seinen Herrn, d. d. 1777 Ich komme morgen nicht zu Hause. »Warum nicht Görgel?« Darum nicht, mein lieber Herr! ich komme nicht und kann nicht kommen. 's wird Ihm bekannt sein, daß unser lieber Erbprinz sich morgen vermählt, und daß alte Leute im Lande, Vornehme und Geringe so was machen und tun wollen, so 'n Carmina, oder Illumination, oder Musik, Tanz und dergleichen, ein jeder nach seiner Art und wie ihm der Schnabel gewachsen ist, alles aber damit der Erbprinz sehen soll, wie lieb sie ihn und seine Braut haben. Und da wollen wir alten Invaliden auch was tun, sieht Er, mein lieber Herr! und da wollen unser etliche zusammenkommen in unsern Sonntagsröcken und mit weißen Vorärmeln, und denn will ich vor ihnen hintreten und eine Rede halten. Er kann leicht denken, was das für eine Rede werden, und daß es nicht gehauen und nicht gestochen sein wird. Aber 'n jeder macht's so gut er kann, und kurz ich werde ohngefähr so sagen: »Kam'raden, wir haben alle graue Haare und sollen bald sterben; hofieren und schmeicheln steht uns nicht an. Aller Welt Lust und Herrlichkeit ist eitel und vergänglich, und am Ende besteht nichts, als wenn man Gott fürchtet und Recht tut! Kam'raden, auch die besten Fürsten sind Menschen, und darum muß man bei aller Gelegenheit für sie beten. Glückzu denn heute unserm geliebten Erbprinzen und seiner Braut! wenn sie der Pfarrer einsegnet und sie einander die Hände geben, so segne sie Gott ein, und die Sonne scheine milde und freundlich vom Himmel herab! – Und wenn er einst, wir erleben's nicht, wir liegen denn alle schon im Grabe, aber wenn er einst die Regierung seines Landes übernimmt, so erfülle Gott unsre Hoffnung und gebe, daß er ein guter Regent werde, damit er in Himmel komme.« Wenn ich das sage »daß er ein guter Regent werde etc.«, dann sollen alle Kam'raden die Hüte und Kappen abtun, und denn wollen wir 'n »Vaterunser« beten, und hernach uns hinsetzen und unsers gnädigen Herrn Landesfürsten, des Erbprinzen, der Erbprinzessin und aller F. Herrschaften, und des Herrn Präsidenten seine Gesundheit trinken, in 66er wenn uns der Wirtsmann nicht betrügt. Addies lieber Herr, schreib' Er mir doch 'nmal, Er hat mir so lange nicht geschrieben, und schenk' Er mir einen krummen Kamm in meine Haare. Sein Diener etc. Görgel. Nr. 10 Beschluß-Nachricht von Görgel an seinen Herrn, d. d. Gr. den 27sten Febr. 1777 Das Himmelszeichen ist auch hier zu sehen gewesen; 's ging grade über unser Invalidenhaus! und hat ausgesehn wie eine Rute! Es wird aber doch mit Gottes Hilfe nichts Böses bedeuten. Denn es war so schön weiß und helle, und man konnte die lieben Sternlein durchsehen. E n d e   d e r   G Ö R G E L I A N A Phidile, als sie nach der Kopulation allein in ihr Kämmerlein gegangen war.                 Ach, Gottes Segen über dir!     Weil du ihn mir gegeben, Du schwarzer Mann! Mein Herz schlug mir     Nie so in meinem Leben. Und meinem Wilhelm schlug es auch! –     Als ihn der Pfarrer fragte, Und das nach hergebrachtem Brauch     Von Glück und Unglück sagte; Da sah er her mit Ungestüm,     Als wollt' er mich umfangen; Die hellen Tränen liefen ihm     Wohl über seine Wangen. – Ja, Wilhelm, ich bin auch bereit,     Ich will dich nicht verlassen! Von nun an bis in Ewigkeit,     Will ich dich nicht verlassen. Will immer um und bei dir sein,     Will Not und Tod nicht scheuen! Mein trauter Wilhelm! du allein     Kannst meine Seel erfreuen, Und sollst allein! drauf ruf' ich Gott     Zum Zeugen hier hernieder. Und nimmt mich oder dich der Tod,     So finden wir uns wieder! Die deutsche Gelehrten-Republique etc. Herausgegeben von Klopstock. Erster Theil. Hamburg, gedruckt bei J. J. C. Bode. 1774 Hochgeehrter         Lieber Herr Hartwig Rohrdommel. Ich ersehe aus Dero Schreiben, wie Dieselben obengenanntes Buch als einen Klecks für sich und die ganze Rohrdommelsche Familie ansehen. Ist nicht meine Schuld! Wie Dieselben ferner die angeführten Facta, und namentlich das von Dero Herrn Bruders Laurenz Rohrdommels Verhör und Bartrupfen, von dem Mäuseberg, dem Landtage, H. H. S. T. Nachtwächtern, den Avantüren des Herrn de la Popipiere Tauperau, dem Geisterbannen, den Irrsalen, dem Avancement des berühmten Herrn von Voltaire, und sonderlich die Stücke aus einer deutschen Grammatik und die Verse S. 293 bezweifeln wollen, und sich überhaupt in das ganze Buch nicht finden können. Ist auch nicht meine Schuld! und bedaure es recht sehr. Übrigens Familienklecks hin Familienklecks her, die Sach' ist wahr, und das Buch hat seine gute Richtigkeit, und ist nicht auf der Leutkircher Heide gefunden, darauf kann sich mein hochgeehrter Herr verlassen. Meine Zeit erlaubt mir nicht über alles Beweis zu führen, ist auch für gewisse Familien nicht nötig, doch will ich zu Dero Satisfaktion über einiges praestanda praestiren, und z. E. die Wahrheit der Büchergeisterbannerei dartun. Oft zwar bannt man, und kommt kein Geist aus dem Buch h'raus. das ist denn 'n Zeichen, daß keiner darin ist, wenn aber einer drin ist, so muß er h'raus, da hilft nichts dafür. Soll itzo gleich vor Dero Augen eine Prob an der Gelehrten-Republique selbst gemacht werden. Herr Hartwig Rohrdommel braucht nicht bange zu sein, ihm soll kein Leid geschehen, nur bitte ich die linke Hand geballt sich vor die Stirne zu legen, und mit der andern Dero Zunge festzuhalten. Acht gegeben! k – ik – lik – blik – ublik – publik – epublik – Republik Hurrehrihrohröhnihdonih. Siehst 'n Herr Hartwig? – Ist 'n feiner Geselle, mit hellen blauen Augen, die er in und außer Landes wendet; weiß von vielen Bescheid, und dünkt sich so gut als wenn er außer Deutschland geboren wäre; möchte manches gerne anders haben; hat vorne 'n ehrbares gestrenges Gesicht, aber im Nacken den bekannten Herrn; haßt die Nachtwächter; hat sein Vaterland lieb und pfeift auf 'm Finger; ist sonst, wie Du siehst, schlank und wohl gewachsen, und, Hartwig Hartwig!!! – sagt: Du sollst immer so stehen bleiben. Ich rate aber, daß Dieselben das Buch etwa noch einmal zur Hand nähmen, und wenn's denn nicht geht, nun so muß es 'n Familienfehler sein, oder der meisterhafte deutsche Stil in allen Gattungen muß Schuld haben, und ist weiter nichts zu machen. Schließlich habe ich noch anführen wollen, daß der Vortrag der Bonmots verschieden sei. Mancher nämlich reißt das Maul ellenweit dabei auf und hält sich die Seiten, und mancher kontinuiert ein ganz trocknes ehrbares Gesicht. Der erste findet gewöhnlich den meisten Beifall, und der letzte ist doch eigentlich der Virtuose, mein Herr Rohrdommel! Dero etc. Asmus Wächter und Bürgermeister           In einer Stadt ein Wächter war,     Wo? hab ich nicht gefunden, Der blies da schon manch liebes Jahr     Des Nachts und rief die Stunden; Und zwar war das sein Methodus: Er tat das Horn aufs Maul und blus,     Und denn pflegt' er zu sagen:     Das Klock hat zehn geschlagen. Einmal nun, eh er sich's versah, War Wipp, der Rathausdiener, da:     Gleich Marsch zum Bürgermeister! »Was ruft Er denn so falsch und dumm?     Der Klock heißt's, Bärenhäuter! Denn Klock ist genris Masculum,     So ruf Er also weiter!« Ihr Exzellenz und Hochgeborn     Hat in der Stadt zu schalten; Sonst hätt' ich wohl ein Wort verlor'n: Der Klock reimt nicht zu meinem Horn;     Drum will ich das Klock halten. »Er will nach einer solchen Tat Noch wider den Hochweisen Rat Ein Wort und Obstat wagen? Im Namen unsrer guter Stadt: Will Er bald der Klock sagen? Das genus hat er uns verhunzt, All unsre Ehr zerreißt Er! Meint Er, man trägt das Schwert umsonst? Ich schätze Wissenschaft und Kunst! Und bringst mich da in solche Brunst« – Der Klock, Herr Bürgermeister! Antwort an Andres auf seinen letzten Brief Ich hätte mir eher des Himmels Einfall vermutet, als daß Du eine Astrologie schreiben würdest. Du hast zwar von jeher mit den Sternen Dein Fest gehabt, und pflegtest es immer als eine besondre göttliche Wohltat anzusehen, wenn 's Abends der Himmel helle und so recht voll Sternen war; aber das, glaubt' ich, stecke so in Dir, sei Rührung und Freude über den großen herrlichen Anblick, weiter ab denkest Du nichts, und von Deinen Projekten und Deiner Astrologia puriore und sublimiore ist mir niemals 'n Wörtlein in den Sinn kommen. Du hast aber recht, Andres, ich habe dem Dinge nachgedacht, und die Astrologie fängt an, mir einzuleuchten. Wenn alle Sandkörner auf der Erde Augen wären, so würden alle die Augen jedweden Stern über sich am Himmel sehen, und also fließen beständig aus jedwedem Stern Strahlen auf jedes Sandkorn der ganzen Erdveste herab: nun ist es aber allerdings sehr unwahrscheinlich, daß eine so große Menge eine Materie, die so schnell so weit herkommen kann und aus so schönen unvergänglichen Körpern kommt, ohne alle Wirkung sein sollte. Mich dünkt, der bloße Eindruck in einer heitern Nacht lehrts einen auch schon, daß die, mit so unbeschreiblicher Freundlichkeit leuchtenden, Sterne nicht kalte müßige Zuschauer sind, sondern Angehörige der Erde, und Freunde vom Hause. Was Du aus den Sternen sehen willst und was Du von ihren Kräften und Einflüssen vorbringst, das sind vor mir lauter böhmische Dörfer, kommt mir aber alles doch sehr gründlich vor, und ich wünsche mir von Herzen Deine andächtige fromme Empfindung, mit der Du von den Sternen sprichst, und darin alle Deine Ideen schwimmen wie Blumen im Morgentau und wie die Inseln im Meer. Die Himmelslichter sind doch wirklich, wie die Augen am Menschen, offnere oder zarter bedeckte Stellen der Welt, wo die Seele heller durchscheint. Sehr anmutig ist's mir in Deinem Brief zu lesen gewesen, daß Deine Braut auch so an den Sternen hängt und in Deine Ideen entriert, und daß Ihr beide oft stundenlang den allum funkelnden Sternenhimmel anseht, ohne durch Eure Liebe in Eurer Andacht gestört zu werden. Sie muß gar eine gute Person sein, und Du bist 'n lieber Andres. Es freut mich jedesmal in der Seele, wenn ich von einem Menschen höre, der bei einer Leidenschaft den Kopf immer noch oben behält, und Braut und Bräutigam für etwas Bessers vergessen kann. Addies Herr Zoroaster. Sonst tu ich Dir noch berichten, daß ich itzo, Gott sei tausendmal Dank! drei Kinder hab' und aufs andre halbe Dutzend losgehe. Du kannst nicht glauben, Andres, was ein Fest es für mich ist, wenn der Adebär ein neues Kind bringt, und die Sach nun glücklich getan ist und ich's Kind im Arm habe. Kann sich keine Truthenne mehr freuen, wenn die Küchlein unter ihr aus den Eiern hüpfen. »Da bist du, liebes Kind«! sag ich denn, »da bist du! sei uns willkommen! – es steht dir nicht an der Stirne geschrieben, was in dieser Welt über dich verhängt ist, und ich weiß nicht wie es dir gehen wird, aber gottlob daß du da bist! und für das übrige mag der Vater im Himmel sorgen.« Denn herz' ichs, beseh's hinten und vorn und bring's der Mutter hin, die nicht mehr denket der Angst! und denn die alten Kinder auf die Erde gelegt, und in Gottes Namen oben darüber weg, und über Tisch und Bänke. Leb wohl Andres. Dein Seindiener etc. Trinklied Eine oder etliche Stimmen: 1.       Auf und trinkt! Brüder trinkt! Denn für gute Leute Ist der gute Wein, Und wir wollen heute Frisch und fröhlich sein. Auf und trinkt! Brüder trinkt! :: Stoßet an, und sprecht daneben: »Alle Kranke sollen leben!« Coro von Anfang 2. Herrlich ist's hier und schön! Doch des Lebens Schöne Ist mit Not vereint, Es wird manche Träne Unterm Mond geweint. Herrlich ist's hier und schön! :: »Allen Traurigen und Müden, Gott geb' ihnen Freud' und Frieden!« Coro von Anfang 3. Auf und trinkt, Brüder trinkt! Jeder Bruder lebe, Sei ein guter Mann! Fördre, tröste, gebe, Helfe wo er kann. Auf und trinkt! Brüder trinkt! Armer Mann, bang und beklommen! Ruf uns nur, wir wollen kommen. Coro von Anfang 4. Seht, denn seht! Brüder seht! Gott gibt uns ja gerne, Ohne Maß und Ziel, Sonne, Mond und Sterne, Und was sonst noch viel. Seht, denn seht! Brüder seht! Armer Mann, bang und beklommen! Sollten wir denn auch nicht kommen? Coro Armer Mann, armer Mann! Bange und beklommen! Wollen's gerne tun Wollen gerne kommen, Ruf uns nur. Und nun Auf und trinkt! Brüder trinkt. NB. Für Andres . Hör, dies Lied hab ich zu einer Melodie gemacht, und darum ist es hin und wieder etwas steifer und intrikater geworden, als grade nötig gewesen wäre. Wenn Du's singen willst, wär's doch wohl gut, daß Du die Melodie hättest; ich will sehen, ob ich sie Dir begreiflich machen kann. Merk also: die Melodie geht aus G-dur; in jedwedem Takt sind zwei Viertel; und die großen Buchstaben sollen Viertel vorstellen, und die kleinen Achtel. Hätte Dir das auch nicht sagen dürfen, denn wenn in einem Takt, wo nur zwei Viertel sein sollen, vier Noten vorkommen, so können's nicht Viertel sein, das gibt die Regeldetri. Die Melodie muß aber etwas geschwind vonstatten gehen, und denn könnten Könige und Kaiser wohl mitsingen. Einen Baß fühlst Du wohl selbst heraus. Nachricht von meiner Audienz beim Kaiser von Japan Vorrede Der geneigte Leser weiß aus dem 1. und 2. Teil meiner sämtlichen Werke, was zwischen mir und dem Kaiser von Japan für eine Connexion ist und wie sich das angesponnen hat. Wer hätte es aber denken sollen daß eine Art von Romanze, die ich hier oben auf der Weltkugel geschrieben habe, mich hunten nach der andern Seite bringen würde? und da liegt doch Jedo, des Kaisers seine Residenz, hier grade unter Wandsbeck, und da bin ich gewesen. Wie gesagt, wer hätte das denken sollen? Ich für mein Teil hab's nicht gedacht, wie ich auch damals in der Zueignungsschrift geäußert habe. Aber, wenn etwas sein soll so muß sich alles darnach haben und fügen, und so ging's auch hier. Mein Vetter kam auf 'm Morgen zu mir: »Hört Vetter, ich hab's auf dem festen Lande satt; wollt Ihr mit zur See gehen?« Ich hatte eigentlich keine Lust, aber ich kann ihm nichts abschlagen, und so zog ich mich an und ging mit ihm zur See. Als wir nun auf der Höhe von China kamen, sie nennens nur Höhe ist aber eigentlich flache See, und einige Tage in den Zimet- und andern Spezereigerüchen hin und her geschifft waren, kam mein Vetter wieder: »Gelt, so was wird Euch zu Hause nicht geboten? aber hört Vetter, wir sind nun nicht weit von Japan, der Kaiser ist ja Euer Patron; wollen wir nicht vollends hinfahren?« ich sagte wieder ja und wir fuhren hin, und auf die Weise bin ich nach Japan gekommen, das die Einwohner Nippon nennen. Ich mag die Leser mit den Ebenteuern unsrer Reise nicht aufhalten, 's wird auch schon in andern Reisebeschreibungen alles viel besser stehen. Die Hauptsache ist, daß wir unterwegens gewaltig viel Wasser angetroffen haben, und mir für Freude der Schweiß ausbrach, als ich wieder Land unter'n Füßen fühlte. In einem Wirtshaus unterwegens, Capspranz genannt, ist der Wein sehr gut, recht sehr gut, das muß ich sagen. Die Schildwache in Japan hielt uns nicht lange auf, und wir kamen bald in die Stadt. Sie liegt am Hafen und heißt auf Japansch Nagasaki. Wir blieben acht Tage da und sahen alles, was merkwürdig war, den Tag über an; ich habe auch noch verschiedenes davon aufgeschrieben und ordentlich die Konterfeis dazu gemacht, und des Abends studierte mein Vetter die japansche Mythologie und Philosophie, und ich den Japanschen Kalender. Unterdes kam ein Gerücht in der Stadt aus, ich weiß nicht durch wen, ich will aber wohl glauben daß mir mein Vetter selbst diesen Streich gespielt habe, er hat seine Lust an solchen Dingen, diesmal wär es aber bald übel für uns abgelaufen; ich hab's ihm auch auf dem Rückwege oft recht ernstlich zu Gemüte geführt, und rund heraus zu ihm gesagt: »Pamphile, Pampile! es wäre bald übel abgelaufen.« Er gab mir aber zur Antwort: »Es wäre bald – also ists doch gut abgelaufen. Wie kann denn etwas übel ablaufen? Ihr habt doch Japan gerne gesehn, nicht wahr Vetter?« darin hat er nun recht. Japan hab' ich gerne gesehn, aber es kam also ein Gerücht aus, daß ein großer Gelehrter und Polyhistor aus Europa, der alle Schriften gelesen und geschrieben, mit seinem Famulus in Japan angekommen sei. Das Gerücht ist vermutlich weiter ins Land gegangen, und wir erhielten Ordre, nach Hofe zu kommen. Mich ahndete bei dem allen nicht viel Gutes, aber mein Vetter lachte dazu, und nannte mich von nun an gewöhnlich Ihr Magnifizenz! Ich wollte mit ihm Abrede nehmen, was ich bei der Audienz und was er sagen wollte; er ließ sich aber auf nichts ein, und ich mußte ihm sehr lange gute Worte geben, bis er endlich noch drein willigte, daß, wenn der Kaiser etwas fragte was der große Polyhistor nicht wüßte, ich ihn denn ansehen und er mir die Antwort ins Ohr sagen sollte; »aber«, setzte er hinzu, »Ihr Magnifizenz müssen's höchstens nicht mehr als zweimal tun, sonst sag ich's dem Chan, warum Dieselben mich ansehen.« Ich hab's auch nur einmal getan, und alles lieber selbst beantwortet so gut ich denn gekonnt habe. Vieles von dem, was ich bei der Audienz vorgebracht habe, hatte ich vorher gelegentlich von meinem Vetter gehört, oder aus seinen Papieren behalten, und das übrige ist zum Teil schlecht genug; aber bei dem allen war's doch nicht anders, als wenn sein Geist bei der Audienz in mich gefahren wäre. Denn sonst hätt' ich das auch nicht vorbringen können was ich noch vorgebracht habe. Wir hatten schon in Nagasaki gehört, daß der Chan ein guter Herr sei, aber von lauter argen Schmeichlern umgeben, und daß sonderlich ein gewisser Albiboghoi, der dem Chan seine Serailangelegenheiten besorgte, und ohngefähr soviel als Hofjunker oder Hofmarschall tituliert ward, von allen den argen Schmeichlern der ärgste und 'n rechter Ausbund und böser Mann sei, und grade der introduzierte uns bei der Audienz. Auf dem Wege von Nagasaki nach Jedo sahen wir verschiedene sonderbare japansche Tiere, als Kirims, Kaitsus, Tatsdrias, Tatsmakis, und gewaltig viel Hunde, die in Japan größtenteils keine Herren haben und als Privatpersonen für sich leben. Bei einem Walde, nicht weit von Jedo, trafen wir von den grünen Fibakarris an, aus denen eine berühmte Arzenei gemacht wird, und weiterhin auf einigen Bäumen am Wege verschiedene Affen. Einer von diesen hatte einen Menschenschädel und spielte damit. Mein Vetter warf einen Stein auf den Affen und der Schädel fiel herunter; der Unterkiefer fehlte daran, sonst war er ganz. »Steckt ihn bei«, sagte mein Vetter zu mir, »wir wollen ihn begraben wenn wir heimkommen, daß er wenigstens nun Ruhe habe; der arme Junge ist vielleicht genug in seinem Leben gehudelt worden.« Das freute mich sehr. Mein Vetter ist 'n großer Liebhaber von Naturalien, und ich dachte gewiß, er würde den Schädel in seinen Muschelschrank legen wollen, und das wäre mir nicht recht gewesen. Aber so gehts mir immer wenn ich seine Absichten erraten will, er hat mich allemal zum Narren, und darum hab ich ihn eben so lieb. Ich steckte also den Schädel bei, und wir gingen vollends nach Jedo. Gleich den andern Tag holte uns der Albiboghoi ab zur Audienz, wie folget. Ich habe zuweilen das Japansche mit beigesetzt, damit man die gewaltige Energie dieser Sprache sehe, und sonderlich des x und der :, samt wie so überall der Spiritus asper steht und nirgends ein kleines n, etc. etc. Es könnte zwar der Zweifel aufgeworfen werden: wie ich so geschwind Japansch gelernt hätte? 's gibt aber bei dem ganzen Vorgang noch mehr Zweifel zu lösen, wer daran seine Lust hat. Das ist aber bei dieser Nachricht meine Absicht nicht gewesen, und ich bin überzeugt, daß um ihretwillen der Kaiser von Japan selbst, wenn ihm diese Nachricht zu Gesicht kommen sollte, mir nicht würde ungnädig werden; hab's auch nicht verdient, und so kann sie der Leser, dünkt mich, sich auch gefallen lassen. Übrigens hatte ich bei der Audienz meine rote Weste an und ein langes japansches Kleid, und mein Vetter trug mir die Schleppe. Die Audienz Der Hofmarschall Albiboghoi 'LimaNeli'Haschmu'WaNschbok. – Ich habe die Ehre Ew. Majest. den Sieur Asmus aus Wandsbeck untertänigst zu präsentieren. Der Chan 'Tame 'Haschinu,: 'Portolabi 'Paehu. – Sei Er willkommen, Sieur Asmus. Es ist mir angenehm, Ihn in meinem Lande zu sehn. Aber wie ist Er auf den Einfall gekommen, mir eine Romanze zu dedizieren? Asmus 'Mui'PiaNeti. – Ich habe von Natur einen besonderer Respekt für die Potentaten, die weit weg sind. Der Chan 'Tamiba'Temibo. – Kommt Er durch Norden oder durch Süden zu uns? Asmus 'TemibaNu 'Karuzu. – Wird wohl durch Süden sein, Sire, denn es ist sehr heiß gewesen. Der Chan 'HaifatuNeti. – Hat Er eine vergnügte Reise gehabt? Asmus 'Haifatusolum 'RofuNo. – Man hat allemal eine vergnügte Reise, wenn man hingeht, einen guten Fürsten und ein glückliches Volk zu sehen. Der Chan 'Hoi 'Kirwimme. 'Katosta 'Healobe 'Kepipi. – Ja, Künste und Wissenschaften werden hier im Lande geehrt. Ich liebe und belohne sie. Er hat sich wie ich höre, besonders der Poesie gewidmet? Asmus 'Schamfusu. – Ich-bit-te-Ew.-Maj.-un-ter-tä-nigst um Vergebung. Der Chan 'ANoti 'Piprase. 'WaNschbok 'Heomo. – Ich habe mir seine Romanze übersetzen lassen, und sie mit Vergnügen gelesen. Das Wandsbeck muß ein angenehmer Ort sein. Asmus 'Heomeo. – Ganz angenehm Sire. Der Chan 'Hussiput 'Pibis. – Gibt es viele Poeten in Europa? (Ich sah meinen Vetter an.) Mein Vetter (mir ins Ohr) Poeten genug; große und kleine, und Ihr seid einer von den kleinen. Asmus 'Pipise 'Brame 'Miose 'Mioseti. – Poeten genug; große und kleine, und ich bin einer von den kleinen. Der Hofmarschall 'NipoNpi'GaboNé'FereNuzzi'SchomfusiNu. – Der japansche Poet Gabon ist ohne Zweifel der größte von allen Poeten, denn er hat sich an den größten Gegenstand gewagt und Ew. Majest. erhabenes Lob und Dero Serails und Hofes Glanz und Herrlichkeit alleruntertänigst besungen. Mein Vetter (mir ins Ohr) Gabon heißt er, merkt Euch den Namen. Ihr könnt ihn künftiges Jahr in den Leipziger Musenalmanach schicken, oder an des sel. C. G. Jöchers Erben. Der Chan 'Helmore. 'Misasi. – Was sind in Europa für Anstalten, sich in der Poesie zu perfektionieren? Asmus 'ShemiNa 'BoNte 'SchemiNto. – Wir haben da einen schönen Himmel und eine schöne Erde, Sire, und eine heilige Religion. Der Chan 'Habuse 'Pipi. – Wie hängt das mit den Poeten zusammen? Asmus 'Timsch. – Ich meine, eigentlich sehr nahe. Der Chan 'KermeiNe 'Lumpipi. – Was versteht Er denn eigentlich unter Poeten? Asmus 'WaruNe 'SchemiNa 'BoNte 'Schemi Nto 'Hazitzit. – Helle reine Kieselsteine, an die der schöne Himmel, und die schöne Erde, und die heilige Religion anschlagen, daß Funken herausfließen. Der Chan 'Pizotto. 'Borai 'Haquirla. 'Tim 'HaquirlirumaNo. – Er wird am besten wissen was Er sagt. Aber wie steht's mit der Philosophie? Man sagt hier, daß die Philosophen in Europa auf allen vieren gehen. Asmus 'Habu: 'Kipuffer:. – In ihren Schriften vielleicht; die hab ich nicht gelesen. In natura ist mir doch eben noch keiner so begegnet. Es soll zwar vor einiger Zeit einer diesen Gang in Vorschlag gebracht haben, bei unsrer Abreise war er aber, soviel ich weiß, noch unter ihnen nicht eingeführt. Der Chan 'Laila 'Haquirla 'Putosi 'BumoNe 'SchemiNto. – Es ist ein gut Ding um die Philosophie! Sie klärt ein Land auf, ,und ist vortrefflich gegen Alfanz und Aberglauben, ganz vortrefflich. In meinem Lande steht sie obenan, neben der Religion. A propos macht man in Europa viel aus Religion? Asmus 'Priprasai. – Viel und wenig, Sire, wie man's nimmt. Der Chan 'Ruzzi 'Haquirli 'BudschoNe. – Hier machen die Philosophen den Priestern viel zu schaffen. Der Hofmarschall 'Atulamai: 'MemiNolulu:. 'CramaiNe 'Ritozzo. – Ich muß bei dieser Gelegenheit einen alleruntertänigsten Gedanken äußern, den ich schon oft gehabt habe: Ob nämlich Ew. Majest. nicht einmal daran gehen wollen, eine neue brauchbare Religion zu machen? Die Zeiten scheinen da zu sein. Der alte Aberglauben meckert wie ein Ziegenbock im Dunkeln, und ihm scheint selbst nach Ew. Majest. erhabnen Lumières die Zeit lang zu werden. Der Chan 'Aika 'RumNa 'SemNilo 'Potokai 'Jettasch. – Wahr ist es, die alten Fabeln von dem Geschlecht der drei und sieben himmlischen Götter, die zuerst, und von den fünf Halbgöttern, die nach ihnen Japan so viele tausend Jahre regiert haben, von den zwölf Jettas oder Himmelszeichen u.s.w. sind wirklich wider alle gesunde Vernunft. Asmus 'Rambafito: 'Fitosai 'PuN::. – Es ist der Weltlauf, Sire, daß einige Leute Fabeln und Anordnungen machen, und andre Leute darüber lachen und sie wieder abschaffen. In Europa hat man aber viele Beispiele, daß die letzten nicht immer die klügsten gewesen sind. Die Mißverständnisse in der Welt kommen gewöhnlich daher, daß einer den andern nicht versteht. Der Hofmarschall 'Ormito 'Isitataki. – Ah! Der Vogel Isitataki! das ist ein gar vernünftiger artiger Vogel gewesen. Der Chan 'BisiNami 'Burro. – Aber der Isanami muß ein gar einfältiger Herr gewesen sein! Der Hofmarschall 'Aio 'Roosi 'Sete. – Freilich, Roosis Scharfsinn scheint ihm nicht beigewohnt zu haben. Der Chan 'BoNoNte 'Roosi 'Matoddo. – In Europa kennt man vermutlich den Roosi und seine Lehre nicht? Hier findet sie allgemeinen Beifall, Sieur Asmus. Asmus 'Hogsutjo 'Rosoli. – Den findet sie überall, Sire! und wird ihn finden, so lange die Welt steht, denn sie leuchtet jedem gar zu natürlich ein. Der Chan 'SomeNto 'Filete 'Oschsa 'PituNi 'QuirlischemiNto. – Die Welt ist, wie ich höre, sich überall gleich. So wirds auch wohl in Europa an Einwendungen und Zweifeln gegen die Religion nicht fehlen? Asmus 'LeschschoNg 'BalmaNeraku 'Tif. – Herr Lessing hat noch ganz neuerlich in seinem vierten Beitrag verschiedene Zweifel eines Ungenannten bekanntgemacht, davon einige recht gelehrt und artig sind. Er hat sie aber widerlegt. Der Chan 'Tif. – Hat er sie widerlegt? Asmus 'Hairo, 'Pulote. – Nicht eben förmlich; denn er ist unparteiisch. Der Chan 'Butoquirle. – Herr Lessing gehört doch auf die Bank der Philosophen? Asmus 'Ruto 'Habussi 'Ruf. – Ich wollte aber doch raten, daß Ew. Majest. ihm lieber seinen eignen Stuhl setzten. Die gewöhnlichen Bänke passen nicht für ihn, oder vielmehr er paßt nicht für die Bänke, und sitzt sie alle nieder. Der Chan 'Lamai Nowe. – Wie hat ers denn eigentlich bei den Zweifeln gemacht? Asmus ::'Xipulxo:. – Wie er's immer macht, Sire. Er meint, wer recht hat, wird wohl recht behalten; der solls aber auch behalten, und darf das freie Feld nicht scheuen! und also läßt er die Zweifel mit Ober- und Untergewehr aufmarschieren: marschiert ihr dagegen! So 'n Trupp Religionszweifel ist aber wie die Klapperschlange, und fällt über den ersten den besten wehrlosen Mann her; das will er nicht haben, und darum hat er gleich jedem Zweifel einen Maulkorb umgetan, oder wenn Ew. Majest. den Maulkorb etwa nicht leiden können, er hat jedwedem Zweifel 'n Felsstück mit scharfen Ecken in den Hals geworfen, daran zu nagen, bis sich irgendein gelehrter und vernünftiger Theologe rüste. Und, sagt er, ehrlich gegen den Feind zu Werk gegangen! und schreie niemand Viktorie wenn er 'n alten rostigen Musquedonner einmal mit losem Kraut abgebrannt hat! und besetze keiner ein größer Terrain als er soutenieren kann, und als der Fuß der Religion bedarf! etc. etc. Der Chan 'HaleschschoNg 'Seira. 'Nipo Nipol. – Herr Lessing gefällt mir. Sollte er wohl Lust haben nach Japan zu gehen? Asmus 'OrpauNex. – Ich weiß nicht, Sire! Wenigstens müßten Ew. Majest. ihm die Konditions sehr bündig und detailliert vorlegen lassen, denn er mag gern alles hell und klar mit seinen Augen sehn. Der Chan 'TuNepioNe: 'Bambalté. – Ich würde ihm gewiß mehr halten als ich ihm versprochen hätte, und er vorher vermuten könnte. Die förmliche Widerlegung der Zweifel ist also noch nicht gekommen. Asmus 'Sammatta, 'Fammulo. – Noch nicht, soviel ich weiß, wird aber vielleicht noch kommen, vielleicht zögert sie aber auch noch; das muß man abwarten, Sire. Der Chan 'Repisi. – Ihm scheint an dieser Widerlegung nicht sonderlich viel gelegen zu sein? Asmus 'I. – Gar nichts, Sire. Der Chan 'Pipetoi. – Die Poeten sind gewöhnlich Spötter und schlechte Heilige; es geht hier auch so. Asmus 'AruNze:: 'PolPiter 'BreNhaNum. – Das nun ist hier der Fall eben nicht. Ich sehe aber, nach Herrn Lessings elektrischen Funken, die Religion als eine Arznei an, und den Zweifler als den Doktor Peter, und den Widerleger als den Doktor Paul, die beiderseits die Arznei vor sich auf dem Tisch liegen haben und darüber streiten. Der Chan 'BreNzeha. – Und wozu will er die beiden Doktors brauchen? Asmus ::'XaPolPiter: 'RobeNu. – Wenn ich nun krank und elend neben dem Tisch und den beiden Doktors stünde und gerne geholfen sein wollte, und der Doktor Paul behielte recht, so würde ich doch nicht gesund werden, wenn ich die Arznei nicht einnähme; und nähme ich sie ein und sie wäre gut, so würde ich gesund werden und wenn auch der Doktor Peter recht behielte. Und also ist das Rechtbehalten nur für die Herren Auditores, das Einnehmen aber die eigentliche Sache, und ein einziger Patient, Sire, der gesund worden wäre, würde, auch für die Herren Auditores, mehr beweisen und schaffen, als hundert Siege der Pauls über die Peters. Der Chan 'Aibapirre. – Das ist wohl wahr; aber das Einnehmen ist so unangenehm und genant. Asmus 'Bugedompo, 'Balo Ni. – Nun so bleibt man krank; aber das Gefühl der Gesundheit ist doch so herrlich, Sire! und eines Versuchs. sonderlich für einen Mann, des bisgen bittern Geschmacks wohl wert. Der Chan 'Soibe, 'Barballa. – Ich habe nichts dagegen. Aber auf etwas anders zu kommen, wie viele Weiber hat ein Mann in Europa? Asmus 'U. – Nur eine, Sire. Der Chan 'SoNe 'Vi. – Nur eine? Damit kommen wir nicht aus, Herr Hofmarschall. Der Hofmarschall 'Hami 'Noperli No. – Ich bin glücklich, daß ich einem Herrn diene, dem ich täglich neue Proben meiner Devotion geben kann. Asmus 'Umbatafo 'Babo Nu. – 's ist auch 'n Volk in Europa, das nicht damit auskommt, aber wir halten es besser nur eine zu haben. Der Chan 'Talla 'Le 'Sulto. – Und warum denn das? Vier Kanarienvögel singen doch mehr Töne als einer. Asmus 'Nasul: 'Xaremo:. – Es ist uns aber nicht ums Singen allein bei den Kanarienvögeln; sie müssen uns auch den ganzen Tag auf Hand und Schultern hüpfen, uns aus dem Mund essen und aus unserm Becher trinken: Mit einem Worte, Sire, wir sehen die Weiber auch als unsre Freunde an, und lieben sie von ganzem Herzen; und kann der Kaiser mehr als eins von ganzem Herzen lieben? Der Chan 'Ip. – Es ist etwas darin. Asmus 'SpaNaNamube:: 'Homi. – Bei den Vielweibern hat auch selten ein Mann so viele Kinder als bei uns und gibt es was Schöners und Herzlichers in der Natur, als 'n Vater in einem großen Schwarm von Kindern und neben sich das Weib das sie ihm alle geboren hat? Mein Vetter (bei sich selbst) – ου μεν γαρ του γε κρεισσν και αρειον Η οθ' ομοφρονεοντε νοημασιν οικον εχητον Ανηρ ηδε γυνη· πολλ' αλγεα δυσμενεεσσι Χαρματα δ' ευμενετησι· μαλιστα δε τ' εκλυον αυτοι. Der Chan 'Craimi 'Bugio. – Was sagen Sie dazu. Herr Hofmarschall? Der Hofmarschall 'Puleste 'BalsaNte 'WerwiNti. – Für den Pöbel mags gelten; aber ein Fürst muß in allen Stücken groß und frei sein. Er ist der Gärtner in seinem Garten, und wo er eine schöne Blume sieht, wenn sie auch schon an jemandes Busen säße, da nimmt er sie mit hoher Hand und geht weiter. Mein Vetter (bei sich selbst) God bless my soul, what does that Rascal say! (Mir ins Ohr) Fragt doch den Herrn Hofmarschall einmal, wie er das meint? Asmus 'Saimia 'Pup. – Wie meinen Ihr Exzellenz das? Der Hofmarschall 'Saimo'Tipo. – Wie ich's meine? – Was meint Er? Asmus 'KeturNoba. – Ja, ob es zum Exempel auch recht ist, wie Ihr Exzellenz zu sagen belieben? Der Hofmarschall 'JopetiNos. 'TurNoba. – Was den Fürsten gelüstet ist recht, und seine Neigungen sind Winke der Götter. Asmus 'Mui. – Die armen Untertanen also? Der Hofmarschall 'Amui 'Epurepez. – Was Untertanen! die braucht man wozu sie gut sind und wozu die Götter sie gegeben haben. Asmus Saimi 'Repezzo 'Bi. – Und wozu meinen Sie, daß die Götter sie gegeben haben, ich bitte Ew. Exzellenz um Gottes willen. Der Hofmarschall 'Bialte 'PoluNho. – Wozu? – regiert zu werden, dem Fürsten zu Gebot zu stehen. Wozu sonst? Mein Vetter (mir ins Ohr) Sagt ihm, daß die Götter keine Hofmarschälle sind. Asmus 'Nepi 'Bugiosi. – Die Götter sind keine Hofmarschälle, Ihr Exzellenz. Der Chan 'BamaNe. 'Jura. – Aber Sieur Asmus. was soll ich Ihm für Seine Dedikation für eine Gnadenbezeugung machen? Der Hofmarschall 'Ater 'Sioka 'Mavai. – Dürfte ich untertänigst vorschlagen, ob Ew. Majest. ihm nach der löblichen Gewohnheit einiger Ihrer großen Vorfahren die Gnade wollten angedeihen lassen, daß er sich in Ihrer hohen Gegenwart den Leib aufschneiden dürfe. Asmus 'Mavai 'Po. – Den Leib aufschneiden? ich verstehe Ew. Exzellenz nicht. Der Hofmarschall 'Ater 'Amave 'PioNha. – Der Kaiser will Ihm gnädigst erlauben, daß Er sich hier in Seiner Gegenwart den Leib aufschneiden darf. Asmus 'Ama. – Was für'n Leib, Ihr Exzellenz? Der Hofmarschall 'Blusi 'maRomiNo. – Einfältiger Europäer. seinen eignen, da unter der schönen roten Weste. Asmus 'Laimi 'Pi'ZoNti'Korkuzo. – Ich bitte Ew. Exzellenz, nehmen Sie mir das nicht ungnädig. Ich bin ein Königlich-Dänischer Untertan und will's mir gehorsamst verbeten haben. Mein Vetter 'Bre 'Misro 'Burru 'Bar. – Hört Herr Hofmarschall, treibt Euren Mutwillen mit den Japanesern, wenn Ihr's nicht besser haben wollt, meinem Herrn habt Ihr nichts zu befehlen. Asmus (leise zu meinem Vetter) Vetter! Vetter! wir sind in Japan. Mein Vetter (zu mir) So sind wir ja am rechten Ort, närrischer Kerl. Die Weiber müssen sich doch zuweilen den Kaiserschnitt gefallen lassen. so werdet Ihr wohl nicht bange sein? Asmus Wie gefällt er Ew. Exzellenz? Der Chan Was hat Er da Sieur Asmus? Asmus Es ist 'n Menschenschädel, lieber Kaiser, der Unterkiefer fehlt daran, sonst ist er ganz. Wir haben ihn auf dem Wege gefunden und wollen ihn begraben, wenn wir heimkommen, daß er wenigstens nun Ruhe habe. Der arme Junge ist vielleicht in seinem Leben genug gehudelt worden. Der Chan Mir graut wenig ich ihn ansehe. Asmus Mir nicht. Ich habe dem Mann in seinem Leben kein Leid getan. Der Chan Wer war er, Albiboghoi? und leben noch von den Seinen? Asmus Er war 'n Mensch, lieber Kaiser; und sein Leben und Glück in dieser Welt war deiner Hand anvertraut. Alle Japaneser sind seine Brüder, und alle Siamer, und Chineser, und Malaien, und Moguln, und wir Europäer auch. Ich sage Dir Dank im Namen der Europäer, für alles Liebes und Gutes was Du ihm getan hast. Er ist nun tot, und wenn er tugendhaft und fromm gewesen ist, hat er's besser nun als wir. Wir müssen aber alle sterben. Der Hofmarschall Ihro Majestät dürfen ihn nicht länger in dem Ton fortreden lassen. Die Hofetikette leidets nicht. Mein Vetter (bei sich selbst) Damn'd Courtier! Asmus Ja, Du lieber Kaiser, alle Menschen sind Brüder. Gott hat sie alle gemacht, einen wie den andern, und gab ihnen diese Welt ein, daß sie sich darin bis weiter wie Brüder miteinander freuen und liebhaben, und glücklich sein sollten. Sie konnten sich aber nicht vertragen und taten sich untereinander allerhand Unrecht und Herzeleid an; da wählte Gott die besten, die edelsten unter ihnen aus, die demütig, weise, gerecht, reines Herzens, gütig, sanftmütig und barmherzig waren, und verordnete sie, bei den übrigen Vaterstelle zu vertreten. Und das sind die Fürsten, Kaiser und Könige. Der Hofmarschall Ihro Majest. erlauben Sie ihm doch – Der Chan Was denn Herr Hofmarschall? Der Hofmarschall Daß er sich den Leib aufschneide. Das wird ihn auch auf andre Gedanken bringen. Der Chan Ihr habt ja gehört, daß er keine Lust hat. Laßt mir aber zwanzig Goldbarren hereinbringen. Sieur Asmus, Seine Philosophie gefällt mir, aber ein Fürst hat doch Recht und Macht über seine Untertanen, und sie müssen ihm gehorchen? Asmus Freilich müssen sie ihm gehorchen in allen Stücken, ohne Widerrede, und nicht allein den gütigen und gelinden, sondern auch den wunderlichen. Aber eben weil sie das müssen, wählt Gott gute Leute zu Fürsten, die keinem Menschen etwas zu nahe tun können. Der Chan Aber Zorn und die andern Leidenschaften Sieur Asmus! Und überhaupt, wie kann ein Mensch immer wissen und tun was recht ist? Asmus Ein guter Fürst fürchtet Gott, und bittet von ihm Weisheit, daß er wohl regieren möge; und denn gibt ihm Gott Weisheit und salbt ihm sein Herz mit hoher himmlischer Gesinnung, und denn kann er alles, und achtet keiner Mühe, vergißt sich und seine eigne Glückseligkeit ganz und gar und lebt und webt nur für sein Volk. Der Chan Aber was hätte man denn davon, Fürst zu sein? Asmus Frage die Sonne, was sie davon hat. Tag und Nacht um die Erde zu gehen. Und siehe, sie geht! fröhlich wie 'n Bräutigam, und vom Aufgang bis zum Niedergang triefen ihre Fußtapfen von Segen. Der es ihr geheißen hat, wird sie auch dafür zu belohnen wissen. Stelle Dir ein weites Land vor, lieber Kaiser, wo in jeder kleinen Hütte vergnügte Leute wohnen, die ihren Fürsten lieb haben, alle Morgen 'n Abendsegen für ihn beten, und gerne ihr Leben für ihn ließen – möchtest Du nicht der Fürst sein? Und das ist nur so 'n kleiner Vorlaut des Lohns. Ein guter Fürst soll und kann von Menschen nicht belohnt werden; er sitzt mit den Göttern zu Tische. Der Chan Sind die Fürsten alle so in Europa? Asmus Kaiser, ich bin zu gut, eine Lüge zu sagen; ich weiß es nicht. Die aber so sind, die haben sanften Schlaf, und sind angenehm im Himmel und auf Erden. Der Chan Er hat wohl recht, Sieur Asmus! Es muß ein Vergnügen sein, wenn man den Untertanen recht und wohl getan, und bei jedwedem, der einem begegnet, einen Dank zugute hat. So ein Schädel mag denn auch besser anzusehen sein. Ich hätte fast selbst Lust – Asmus Gott segne Dich, Kaiser, und walte über Dich. Du wirst dich zum glücklichsten Mann in Deinem ganzen Reich machen, das ist gewißlich wahr! Und denk' an mich, lieber Fürst, wenn Du Dich einmal so ruhig und wohlgemut in den Beinhäusern Deines Reiches hinsetzen kannst, als 'n Vater frühmorgens in der Schlafkammer seiner Kinder, wenn 's kleine Gesindel noch in den Betten herum liegt und schläft. Der Chan Aber warum wären denn nicht alle Fürsten so, und immer alle so gewesen? Mein Vetter (bei sich selbst) αλλα σφιν νεφελη πραπιδ σσι κελαινη Αμφιπεριπλασθε σα, βαοιζεμεν ανθεμοεντα Εις αρετης λειμωνα πολυστεφανον τε μεγαιρει. Asmus Wer kann das sagen Sire? Weil sie's nicht wissen, weil sie's nicht können. Es hält bei jedem ehrlichen Mann schwer, klug zu werden, da unsereiner doch täglich und auf mancherlei Weise seiner Sterblichkeit erinnert und so oft mit der Nase drauf gestoßen wird, – und nun dies und das, und nun die Kratzfüßer und Schmeichler. O! die haben schon manchen guten Fürsten auf ihrer Seele. Der Chan Wie könnte Schmeichelei soviel schaden? Asmus Hast du wohl eher eine Katze gesehn? Je mehr man der den Rücken streichelt, desto höher hält sie den Schwanz. Der Chan Und weiter. Asmus In jedem Menschen ist eine solche Katze, Sire, und klein und niedrig muß der Mensch zuvor sein, sonst kann er nicht groß und gut werden. Die Schmeichler machen's umgekehrt, und es ist schwer ihnen zu entrinnen. Wir haben in Europa unter andern einen König, Canut, den Großen genannt, nicht so wohl weil er Länder erobert, als weil er einmal seine Hofleute, die ihm schmeichelten, öffentlich und ernstlich gescholten und mit Verachtung von sich gewiesen hat. Es ist davon ein eignes Kupferstich zu haben. Laß Dich die Schmeichler nicht verführen, lieber Kaiser, und glaube ihnen nicht. Sie sagen Dir nicht was recht ist sondern was Du gerne hörst, und es wäre doch schade um Deine schöne Krone wenn Du sie je durch Unrecht entehren solltest. Sieh um Dich und wenn Du einen Mann in Deinem Reich findest, lieber Kaiser, der Dir immer die Wahrheit sagt, auch wenn Du sie nicht gerne hörst; der ist der rechte Mann, den wähle Du Dir zu Deinem Freund und ehr' ihn hoch, denn er ists wert, und achtet und liebt Dich mehr weder sie alle. Der Chan Da, Sieur Asmus, sind zwanzig Goldbarren, nehm Er die zum Andenken von mir an. Asmus Ich danke Dir, Sire. Ich kann sie nicht fortbringen; und überdem hab' ich Goldbarren genug zu Hause. Der Chan Ich kann Ihn nicht unbeschenkt von mir lassen; so bitte Er sich sonst von mir eine Gnade aus. Sie betreffe was sie wolle, bei meiner Krone! ich will sie Ihm gewähren. Asmus Weil der Kaiser befiehlt, so will ich gehorchen. Diese Gnade betrifft aber den Albiboghoi, und ich bitte um eins von seinen Ohren. Der Chan Er soll's haben. Der Hofmarschall (zu mir) 'Opupi 'Laipu 'Olemia 'Pipasi 'Piposi. – O du allerweisester Europäer! Du allergrößter Philosoph! und Poet! und Prophet! Ich bete dich in meinem Herzen an, und habe dich lange in meinem Herzen angebetet. Sei mein Freund, ich habe allerlei Kleinodien, und Diamanten, und schöne Mädchen, und Smaragden, und Landgüter, und Perlen. Komm doch, und sieh es an und wähle. Asmus 'AruNha 'Terremehu. 'Katalba. 'Waita. 'Kirozzi. – Ich kann von Ew. Exzellenz nichts brauchen als das Ohr, und das will der Kaiser mir geben. Übrigens daurst du mich, Albiboghoi, weil du so 'n schlechter Mann bist, und könntest an der Stelle wo du stehst soviel Gutes schaffen, und könntest es selbst so gut haben! – Das eine Ohr ist nicht mehr zu retten, mache nur daß du das andre mit Ehren trägst. Der Hofmarschall (sehr heftig) Quelle Bête! Cependant il attrapera mon Oreille, Diable m'emporte. Diable, Diable! Mais mon Dieu, Sa Majesté Japonoisse si éclairée comment a pû-t-elle accorder une grâce comme ça à un Fanfaron d'Europe! 'Pairuzzo 'KrapoNti. – Aber das ist Unrecht, himmelschreiendes Unrecht! Mein Vetter 'JopetiNos 'TurNoba. – »Was den Fürsten gelüstet ist recht, und seine Neigungen sind Winke der Götter.« Der Chan (im Hinausgehen) 'CapsuNo 'Aschmu. – Will Er den Kopf auch, Sieur Asmus? Asmus 'A 'Waita. – Nur das Ohr, Sire! Der Chan Leb Er wohl, Sieur Asmus! Er läßt einen Freund in Japan zurück. Grüß Er Herrn Lessing, – und hier ist das Ohr des Albiboghoi! Asmus Lebe wohl, Gott segne Dich, und gebe Dir langes Leben. Asmus Ich habe noch eins auf dem Herzen, Sire. Wir haben in Nagasaki so viele Soldaten und Kanonen gesehn: wenn Du irgend umhin kannst, lieber guter Fürst, so führe nicht Krieg. Menschenblut schreiet zu Gott, und ein Eroberer hat keine Ruhe. Täglich zu singen           Ich danke Gott, und freue mich     Wie 's Kind zur Weihnachtsgabe, Daß ich bin, bin! Und daß ich dich,     Schön menschlich Antlitz! habe; Daß ich die Sonne, Berg und Meer,     Und Laub und Gras kann sehen, Und abends unterm Sternenheer     Und lieben Monde gehen, Und daß mir denn zumute ist,     Als wenn wir Kinder kamen, Und sahen, was der heil'ge Christ     Bescheret hatte, Amen! Ich danke Gott mit Saitenspiel,     Daß ich kein König worden; Ich wär geschmeichelt worden viel,     Und wär vielleicht verdorben. Auch bet ich ihn von Herzen an,     Daß ich auf dieser Erde Nicht bin ein großer reicher Mann,     Und auch wohl keiner werde. Denn Ehr und Reichtum treibt und bläht,     Hat mancherlei Gefahren, Und vielen hat's das Herz verdreht,     Die weiland wacker waren. Und all das Geld und all das Gut     Gewährt zwar viele Sachen; Gesundheit, Schlaf und guten Mut     Kann's aber doch nicht machen. Und die sind doch, bei Ja und Nein!     Ein rechter Lohn und Segen! Drum will ich mich nicht groß kastei'n     Des vielen Geldes wegen. Gott gebe mir nur jeden Tag,     Soviel ich darf zum Leben. Er gibt's dem Sperling auf dem Dach;     Wie sollt ers mir nicht geben! Lückenbüßer Man will bemerken, daß die Stummen Nicht deutlich sprechen, sondern brummen. Christiani Zachaei Telonarchae Prolegomena über »die neueste Auslegung der ältesten Urkunde des menschlichen Geschlechts«. In zweien Antwortschreiben an Apollonium Philosophum Persius Sat. IV. 1774. 1½ Bogen in 4. auf Postpapier. Die Plebecula hat außer der commota bile noch das Nebenverdienst, daß sie den Verfasser der neuesten Auslegung nicht versteht, und doch verstanden haben will, und darüber geschwätzig wird; daher denn so 'n Wunder – Majestate manus – gar kein übler Einfall ist. Wir unsers Orts können auch diesen Rezensenten, nach so vielen und mancherlei Anzeigen der neuesten Auslegung, mit nichts bessers vergleichen als mit dem bekannten Mann beim Virgil, der, wenn er sein Haupt über die Welle heraushebt, Majestate Oris und Manus alle windige Beaux Esprits, Dog- und Schismatiker der Wasserwelt auf der Stelle Mores lehrt. Er gibt zuerst Kardinalpunkte der neuesten Auslegung an, und beantwortet denn einige vorläufige Fragen, doch alles nach seiner Art, d. i. daß er nicht schwätzt noch sagt, sondern nur Zeichen und Winke macht, der Leser aber viel zu denken und zu lernen hat. Übrigens ist er der Mamamuschi von 3 Federn, seiner Gansfeder, seiner Schwanenfeder und seiner Rabenfeder. Als C. mit dem L. Hochzeit machte.     Das Liseli sieht so freundlich aus, Will heute Hochzeit machen; Ein Engel Gottes soll ihr Haus Und ihren Hof bewachen! Soll ihren edlen Mann und sie Ihr Lebelang bewachen, Und 's gute fromme Liseli Und ihn recht glücklich machen! Und soll euch liebe Kinderlein Die Hüll' und Fülle geben: Von Herzen, zart und fromm und rein, Und hold und schön daneben! Und Freund L--- soll euch dort Am Berge kopulieren; Und ich will hier an meinem Ort Trompet' und Pauke rühren. An Prediger. Funfzehn Provinzialblätter. Leipzig 1774. 118 Seiten in Octavo. Alldieweil die Idee, die sich die Menschen, Philosophen und Nichtphilosophen, Denker und Schafköpfe, Leinweber und Staatsräte, Waschweiber und Hebammen, Prokuratores und Prediger selbst, etc. von dem Predigerstande machen oder machen lassen, so verschieden und meistens so ungerecht wenigstens unrichtig sind; so erscheint hier ein Prediger, der die Würde seines Berufs kennt, und tut seinen Mund über seinen Stand auf, nicht zu Komplimenten und Federlesen, sondern zu geflügelten Sprüchen, mit der edlen Freimütigkeit eines Mannes der sich seines Werts und seiner guten Sache bewußt ist und den die Wahrheit kühn macht. »Ein Prediger ist nicht: un des quarante de l'Académie Ecclésiastique; ist keiner von den sieben Weisen Griechenlands; kein Gemeinortkrämer und Lehrer der Weisheit und Tugend; kein Professor Moralium, der allenfalls im Staat zu tolerieren ist, weil er durch seine Diskurse Untertanen Gehorsam lehren, und die Zollregister und die Kasse der Fermiers Généraux verbesserte kann, etc. sondern er ist ein Säemann, der nicht für diese sondern für eine bessere Welt säet; ein Lehrer der großen seligmachenden Lehre Gottes; ein Vater und Tröster seiner Gemeine; ein schwacher unwürdiger brechlicher Mensch, aber mit dem Blitz Gottes in der Hand, den er nicht von Menschen sondern von Gott erhalten hat, und den er nicht zu kleiner Eitelkeit noch zu etwas Geringerm braucht, als Mark und Bein, von Untertanen und Fürsten, zur Besserung und zum Empfängnis einer über alles herrlichen Seligkeit zu treffen und zu durchdringen u.s.w.« Es wird wohl nicht leicht jemand etwas gegen diese Vorstellung einzuwenden haben, und wenn es demgemäß von jeher wäre gehalten worden; so – wärs gut. Obiges ist das Haupt-Corpus Delicti dieser Blätter, durch das nebenher eine Ader läuft, von Wärme und Enthusiasmus für Wahrheit und die gute Sache, und von Erfinders Unruhe und Behendigkeit, daß man ein sonderliches Behagen an dem Büchel findet. Der Maler, der den Sokrates gemalt hatte. Sonst treff' ich alle. Sagt mir an: Warum nicht auch den Einen? Antwort Sei erst, wie er, ein großer Mann, Sonst male nur die Kleinen. Der Mann im Lehnstuhl       Saß einst in einem Lehnstuhl still     Ein viel gelehrter Mann, Und um ihn trieben Knaben Spiel     Und sahn ihn gar nicht an. Sie spielten aber Steckenpferd,     Und ritten hin und her: Hopp, hopp! und peitschten unerhört,     Und trieben 's Wesen sehr. Der Alte dacht' in seinem Sinn:     »Die Knaben machen's kraus; Muß sehen lassen wer ich bin.«     Und damit kramt' er aus; Und machte ein gestreng Gesicht,     Und sagte weise Lehr. Sie spielten fort, als ob da nicht     Mann, Lehr, noch Lehnstuhl wär. Da kam die Laus und überlief     Die Lung' und Leber ihm. Er sprang vom Lehnstuhl auf, und rief     Und schalt mit Ungestüm: »Mit dem verwünschten Steckenpferd!     Was doch die Unart tut! Still da! ihr Jungens, still, und hört!     Denn meine Lehr ist gut.« Kann sein, sprach einer, weiß es nit,     Geht aber uns nicht an. Da ist ein Pferd, komm reite mit;     Denn bist du unser Mann. Vorlesung an die Herren Subskribenten Man hat schon in ganz uralten Zeiten Vorlesungen gehalten und zwar in arabischer und chaldäischer Sprache; ich darf aber glauben, daß vielleicht einige von meinen H. H. Subskribenten kein Arabisch und Chaldäisch verstehen, und gesetzt sie verstünden's auch alle, so habe ich doch meine Ursachen, warum ich keine arabische und chaldäische Vorlesung halten will. Unter den Griechen hat der berühmte Aristoteles Vorlesungen an den König Alexander gehalten, der auf seine Werke subskribiert hatte. Dieser Alexander soll ganz Griechenland und halb Asien erobert haben, und wird der Große genannt. Er mag auch wohl groß gewesen sein, das will ich nicht streiten, doch kann ich's eben nicht groß finden, wenn einer alles vor der Faust wegnimmt, und in meinen Augen ist ein Fürst, der das Land was er hat gut regiert, viel größer. Unter den Lateinern wüßte ich nicht gleich ein Subjekt das Vorlesungen gehalten hätte, es sind deren aber ohne Zweifel auch unter ihnen gewesen. Was nun alle diese Leute vorgelesen haben das weiß ich nicht, wollte auch nur, daß ich wüßte, was meinen H. H. Subskribenten ein Vergnügen machen könnte, sollte mir nichts zu schlecht noch zu gut sein. Ich will so allerlei versuchen: ist's nicht das eine, so ist's vielleicht das andre. Zuerst... a) Das von dem Schneider und dem Elefanten in Surate Vorläufig muß ich sagen, daß hier die Rede von einem asiatischen Schneider sei der von den europäischen ganz verschieden ist. Ich habe einen nahen Anverwandten, der 'n Schneider ist; der möchte sonst meinen, daß ich ihn und sein löbliches Handwerk beleidigen wollte, und das will ich nicht. Der Elefant saß also an der Tür und der Schneider ward zur Tränke getrieben – umgekehrt! Der Elefant ward zur Tränke getrieben, und der Schneider saß an der Tür und hatte Äpfel neben sich stehen; und als der Elefant an die Äpfel kam, stand er stille, streckte seinen Rüssel hin und holte einen nach dem andern weg. Der Schneider wollte die Äpfel lieber selbst essen, und als der Rüssel wieder kam, stach er mit seiner Nadel hinein und der Elefant sagte 'P''r''r''r''r''rm, und ging weiter zur Tränke, trank sich satt, und nahm einen Rüssel voll Wasser mit zurück. Und als er wieder an den Schneider kam, stellte er sich gerade vor ihm hin und blies ihm das Wasser ins Gesicht und über den ganzen Leib, und ging weg. Die Herren Menschen könnten von dem Elefanten etwas lernen, und sollten, wenn sie sich doch einmal rächen wollten, ihren Rüssel, wie er, nur voll Wasser nehmen; das wäre nicht ganz geschenkt, und Arm' und Beine blieben ganz. Sie dünken sich so doch mehr als Elefanten, und sind's auch. Jawohl, die Menschen sind mehr als alle Tiere, das ist leicht zu beweisen wie folget! »Die Biber und Elefanten werden für die klügsten unter allen Tieren gehalten; nun hat man aber, zu geschweigen daß bei beiden Tierarten nicht die geringste Spur von Subskription zu finden ist, niemals gehört, daß 'n Elefant einen Hexameter gemacht, oder die Biber einen Musenalmanach herausgegeben hätten. Beides vermögen aber die Menschen; sie haben schon viele tausend Hexameter gemacht, und geben alljährlich an die sieben Musenalmanachs heraus, und der von Johann Heinrich Voß bei Carl Bohn soll bis dato der prinzipalste von allen sein; und also ist der Mensch prinzipaler als alle Tiere.« Vor einiger Zeit beehrte mich ein Herr Subskribent mit einem Briefe, klagte darin über den Verfall des vaterländischen Briefstils und wünschte in dem Subskriptionsbüchel eine Abhandlung über den Briefstil und seine verschiedene Gattungen zu lesen. Er war so gut zu meiner großen Beschämung noch hinzuzusetzen, wie er glaube, daß ich der rechte Mann dazu sei, wenn ich nur wollte. Warum sollte ich nicht wollen? Wenn ich meinem Vaterlande dienen kann, von Herzen gerne! b) Eine kurze Theorie über den Briefstil und die elf Gattungen desselben Der Briefstil, Stilus epistolaris, ist sehr verschieden, und kommt es dabei hauptsächlich auf den Briefsteller an. Es sind aber elf Gattungen desselben zu merken, wie die Tabelle auf folgender Seite umständlich auseinandersetzt und erweist. Die Briefe kommen I. mit der Post 1. Stilus epistolaris ordinarius In diesem Fall sind die Briefe geschrieben oder nicht 6. Stilus extraordinarius Wenn die Briefe nicht mit der Post kommen, so sind sie gestellt I. schlecht und recht. 2. St. simplex. Die simplices sind oder mit Geschmack. 3. St. catarrhalis , a vocabulo graeco. I. von leblosen Substanzen; 7. St. per Prosopopoiiam. oder von Tieren. 8. St. Aesopicus. I. zugesiegelt; 4. St. sigillatus oder betreffen das Land Wursten 5. St. Geographicus. 9. St. Aëreus. 10. St. Aquaticus. 11. St. Terrestris. c) Schreiben eines parforcegejagten Hirschen an den Fürsten der ihn parforcegejagt hatte, d. h. jenseit des Flusses. Durchlauchtiger Fürst,         Gnädigster Fürst und Herr! Ich habe heute die Gnade gehabt, von Ew. Hochfürstlichen Durchlaucht parforcegejagt zu werden, bitte aber untertänigst, daß Sie gnädigst geruhen, mich künftig damit zu verschonen. Ew. Hochfürstl. Durchl. sollten nur einmal parforcegejagt sein, so würden Sie meine Bitte nicht unbillig finden. Ich liege hier und mag meinen Kopf nicht aufheben, und das Blut läuft mir aus Maul und Nüstern. Wie können Ihre Durchlaucht es doch über's Herz bringen, ein armes unschuldiges Tier, das sich von Gras und Kräutern nährt, zu Tode zu jagen? Lassen Sie mich lieber totschießen, so bin ich kurz und gut davon. Noch einmal, es kann sein, daß Ew. Durchlaucht ein Vergnügen an dem Parforcejagen haben; wenn Sie aber wüßten, wie mir noch das Herz schlägt, Sie tätens gewiß nicht wieder, der ich die Ehre habe zu sein mit Gut und Blut bis in den Tod etc. etc. d) Die Geschichte des Constantin Phaulcon Constantin Phaulcon war, daß ich's kurz mache, in Griechenland geboren, ging mit englischen Schiffen nach Siam, kam am dortigen Hofe erst zu kleiner und hernach zu großer Ehre und Herrlichkeit, so daß er sozusagen nach dem Kaiser der erste im Lande war, und unter andern allemal auf einem silbernen Sessel getragen ward. Unter diesen Umständen machte er mit dem de Forgues, Kommandanten der Festung Bankok, eine Verschwörung, den Monpi oder vielleicht sich selbst auf den Thron zu setzen. und den Petratja und die andern Reichsprätendenten auf die Seite zu schaffen. Die Verschwörung ward entdeckt, und das Blatt fing an sich mit dem Constantin Phaulcon gewaltig zu wenden. Der Petratja warf ihm den 19. Mai 1659 den abgerissenen Kopf des Monpi vor die Füße, und lachte ihm dabei in die Zähne. Nach diesem Anfang ließ er ihn vierzehn Tage auf allerlei Art martern und quälen, und den fünfzehnten auf einem Mistsessel nach dem Gerichtsplatz tragen, unterwegens aber bei seinem Hause anhalten, damit er vor seinem Tode noch alle seine Herrlichkeit zerstört sehen möchte. Seine Gemahlin lag hier gebunden in einem Stall, mit seinem jüngsten Sohn auf ihrem Schoß, und der älteste war seit einigen Tagen gestorben und lag tot neben ihr. Constantin Phaulcon wollte Abschied von seiner Frau nehmen und sein Kind auf ihrem Schoß küssen; sie aber wollte nicht Abschied nehmen noch das Kind küssen lassen, spie ihn an und stieß ihn von sich, und so ward er weiter nach dem Gerichtsplatz getragen und jämmerlich hingerichtet. Beim Constantin Phaulcon fällt es sehr in die Augen, daß man zu seinem Unglück groß werden kann; bei einigen fällt es nicht so sehr in die Augen, und sie sind doch im Grunde nicht weniger unglücklich als er. e) Von den Jammabos oder Bergpriestern in Japan Die Jammabos tragen einen Gürtel, darin linker Hand ein Wakisafi oder Dolch hängt, Wurzeln damit auszugraben, und rechter Hand ein Foranokai, oder Schülphorn, Wasser damit zu schöpfen. An den Füßen hat er Jatzuwono Warandje, Strohschuhe sehr bequem die Pönitenzberge zu ersteigen, in der Hand ein Sakkudsio oder Stäblein des Gottes Dsiso mit vier kupfernen Ringen damit er beim Gebet klingelt, und an der Schulter ein Oji, oder Beutel darin sein Gebetbuch liegt – und so geht er Tag und Nacht in den Einöden des wilden Gebirges Fusi und des hohen Fikoosan und sucht die Glückseligkeit. Ob er sie findet das weiß Gott: aber ich suchte sie doch wahrlich auch lieber hier, als wo sie Constantin Phaulcon suchte. Will meinen Herren Subskribenten noch zum Beschluß etwas von der heiligen Wallfahrt der Japaneser nach Jisje erzählen. Man erzählt doch gerne von seinen Reisen, und wer mir nicht auf mein Wort glauben will, kann den Kämpfer nachlesen, der auch in Japan gewesen ist, und ein sehr gutes Buch davon geschrieben hat. Er hat auch die Geschichte des Constantin Phaulcon, viel umständlicher und besser als ich. Ein jeder guter Japaneser muß wenigstens einmal in seinem Leben nach Jisje wallfahrten, zum Haupttempel ihres größten Gottes Tensjo Dai Sin; gewöhnlich wallfahrtet er aber alle Jahr dahin, und deswegen ist, sonderlich zu einer gewissen Jahreszeit, die Straße voll Pilger. Der Hof sollte es eigentlich auch tun; er macht sich's aber kommoder nach der beliebten Philosophie des Roosi, und schickt eine Deputation. Die Pilger tragen auf dem Rücken eine aufgerollte Strohmatte, die des Nachts ihre Decke ist, haben einen Stab in der Hand, einen von Binsen geflochtenen weiten Hut auf dem Kopf, und einen Wasserschöpfer im Gürtel. Auf dem Hut und dem Wasserschöpfer steht des Pilgers Name und Geburtsort geschrieben. Der Tempel, zu dem sie wallfahrten, liegt in einer Ebene, und ist von Holz klein und schlecht gebaut mit einem sehr niedrigen Strohdach. Inwendig ist nichts zu sehen, als ein Metallspiegel in der Mitte, und, an den Wänden hin und her, weißes zerschnittenes Papier, und hinter dem Tempel ist eine kleine Kapelle »für den Geist«. Der Spiegel deutet auf die Allwissenheit des Tensjo Dai Sin, und das weiße Papier auf die Reinigkeit des Orts, und daß, wer sich ihm nahen will, ein reines Herz haben müsse. Um diesen Tempel stehen mehr als hundert andre Tempel minderer Gottheiten, zum Teil so klein, daß ein Mensch nicht darin stehen kann, und ein jeder Tempel hat seinen Wächter. Wenn ein Pilger ankommt, meldet er sich bei einem der Canusj oder Geistlichen. Der läßt ihn erst durch seine Unterküster bei den Nebentempeln herumführen und ihm die Namen und Taten ihrer Gottheiten erklären, und endlich führt er ihn selbst an die Gittertür des Haupttempels. Hier kniet der Pilger demütig nieder, legt seine Stirne auf die Erde und bringt sein Anliegen vor, und hernach gibt er eine Gabe und wird von dem Canusj bewirtet und beherbergt. Überall in der Gegend um Jisje wohnen viele Nege, Tempelherren, oder Taije, Boten Gottes, die zur Beherbergung und Verpflegung der Pilger Wohnungen unterhalten. Wenn der Pilger nun solchergestalt seine Andacht verrichtet hat, erhält er von dem Canusj 'n Ofarrai oder Ablaßzeichen, denn Farrai heißt auf Japansch säubern reinigen. Dieser Ofarrai ist eine kleine viereckige Schachtel, etwa acht Zoll breit und einen und einen halben tief; sie ist von Tannenholz gemacht und voll dünne Stäbchen von eben dem Holz, die so lang als die Schachtel, und jedes säuberlich in rein Papier eingewickelt sind; vorn auf der Schachtel steht mit großen Buchstaben der Name des Tensjo Dai Sin, und unten der Name des Canusj. Der Pilger empfängt diese Holzware mit großer Ehrerbietigkeit, heftet sie vorn unter den Hut, und hinten am Hut ein Strohbündel dagegen, und trägt sie so auf seiner Stirn zu Hause. Hier werden denn die Ofarrais mannshoch an einem Leisten nach den Jahren aufgehängt, und wenn dem Japaneser bei Tage oder Nacht das Herz schwer ist, sieht er seine Ofarrais an, und wird besser. Ich bitte die Herren Subskribenten um Vergebung, daß ich so lange von den Jammabos und Pilgern erzähle; aber ich kann mir nicht helfen. Ein Mensch, dem es in Ernst um Glückseligkeit zu tun ist und der im frommer einfältigen Glauben alles das, wonach andre sich die Beine ablaufen, kaltblütig oder mit verbissenen Zähnen vorbeigeht, 'n solcher Mensch, wo ich ihn auch treffe, ist für mich sehr rührend, und ich kann nicht wieder weg. Gott höre jeden, der auf dem Fusi klingelt, der vor der Gittertür zu Jisje seine Stirn' auf die Erde legt! Und das tut auch Gott, glaub' ich, denn ist er nicht auch der Japaneser Gott? Freilich ist er auch der Japaneser Gott. Also nochmals um Vergebung, wenn einige Herren Subskribenten bei dieser Erzählung Langeweile gehabt haben! Auf der anderen Seite ist eine kleine Kollation veranstaltet; und ich will bitten, sich's gut schmecken zu lassen und gütigst vorlieb zu nehmen. Auskunft über diesen Holzschnitt Boote mit Subskribenten. Ein plattes Fahrzeug mit den Exemplaren des dritten Teils. Ein Gallion darauf sich die Herren Kollekteurs befinden. Eine Jacht darauf sich die Herren Gelehrten und Trompeten und Pauken befinden. Ein dito mit den Herren Buchhändlern. Da ich ihnen nach meinen Umständen nicht auf eine andre Art gefällig sein kann, so habe ich mir hier die Ehre von ihnen ausbitten wollen. Herr Arens, der dem Geruch der kalten Küche nachgeht. Ein Haus darin die ganze Gesellschaft, wenn sie wieder an Land kömmt, mit kalter Küche und allerhand Erfrischungen bedient werden soll. Eine Partie Digestiv-Pulver nach dem Souper. Meine alte Muhme die sich über die Fete nicht genug wundern und freuen kann. Ein armierter Schoner mit den Herren Kritikern und Rezensenten. Sie sind hier auf den Strand geraten, und ich und Andres suchen sie wieder flott zu machen. Der Nachdrucker des 1. und 2. Teils der am Ufer hin und her läuft und nach dem platten Fahrzeug hinsieht, wie eine Henne die junge Enten ausgesessen hat. Ihm soll hernach von allem reichlich vorgesetzt werden, und Herr Ahrens soll ihn bei der Gelegenheit vermahnen. Nach der Krankheit 1777                 Ich lag und schlief; da fiel ein böses Fieber     Im Schlaf auf mich daher, Und stach mir in der Brust und nach dem Rücken über,     Und wütete fast sehr. Es sprachen Trost, die um mein Bette saßen;     Lieb Weibel grämte sich, Ging auf und ab, wollt sich nicht trösten lassen,     Und weinte bitterlich. Da kam Freund Hain: »Lieb Weib, mußt nicht so grämen,     Ich bring' ihn sanft zur Ruh'«; Und trat ans Bett, mich in den Arm zu nehmen,     Und lächelte dazu. Sei mir willkommen, sei gesegnet, Lieber!     Weil du so lächelst; doch Doch, guter Hain, hör an, darfst du vorüber,     So geh und laß mich noch! »Bist bange, Asmus? – Darf vorüber gehen     Auf dein Gebet und Wort. Leb also wohl, und bis auf Wiedersehen!«     Und damit ging er fort. Und ich genas! Wie sollt' ich Gott nicht loben!     Die Erde ist doch schön, Ist herrlich doch wie seine Himmel oben,     Und lustig drauf zu gehn! Will mich denn freun noch, wenn auch Lebensmühe     Mein wartet, will mich freun! Und wenn du wiederkommst, spät oder frühe,     So lächle wieder, Hain! Den Pythagoras betreffend Hinz und Kunz Hinz         Sie machen vom Pythagoras viel Wesen, Als wär ein solcher Mann noch nie gewesen. Er ist vielleicht ein Lumen bei den Alten; Doch sollt er uns die Stange halten? Was meinst du, Kunz, auf deine Ehr? Kunz Das tät er schwerlich, Herr Compeer! Über das Gebet, an meinen Freund Andres Es ist sonderbar, daß Du von mir eine Weisung übers Gebet verlangst; und Du verstehst's gewiß viel besser als ich. Du kannst so in Dir sein, und auswendig so verstört und albern aussehen, daß der Priester Eli, wenn er Dein Pastor loci wäre, Dich leicht in bösen Ruf bringen könnte. Und das sind gute Anzeigen, Andres. Denn wenn das Wasser sich in Staubregen zersplittert, kann es keine Mühle treiben, und wo Klang und Rumor an Tür und Fenstern ist, passiert im Hause nicht viel. Daß einer beim Beten die Augen verdreht etc. find' ich eben nicht nötig, und halte ichs besser: natürlich! Indes muß man einen darum nicht lästern wenn er nicht heuchelt; doch daß einer groß und breit beim Gebet tut, das muß man lästern, dünkt mich, und ist nicht auszustehen. Man darf Mut und Zuversicht haben, aber nicht eingebildet und selbstklug sein; denn weiß einer sich selbst zu raten und zu helfen, so ist ja das kürzeste daß er sich selbst hilft. Das Händefalten ist eine feine äußerliche Zucht, und sieht so aus als wenn sich einer auf Gnade und Ungnade ergibt und 's Gewehr streckt etc. Aber das innerliche heimliche Hinhängen, Wellenschlagen und Wünschen des Herzens, das ist mach meiner Meinung beim Gebet die Hauptsache, und darum kann ich nicht begreifen was die Leute meinen, die nichts von Beten wissen wollen. Ist ebensoviel als wenn sie sagten, man solle nichts wünschen oder man solle keinen Bart und keine Ohren haben. Das müßte ja 'n hölzerner Bube sein der seinen Vater niemals etwas zu bitten hätte, und erst 'n halben Tag deliberierte, ob er's zu der Extremität wollte kommen lassen oder nicht. Wenn der Wunsch inwendig in Dir Dich nahe angeht, Andres, und warmer Komplexion ist; so wird er nicht lange anfragen, er wird Dich übermannen wie 'n starker gewappneter Mann, wird sich kurz und gut mit einigen Lumpen von Worten behängen und am Himmel anklopfen. Aber das ist eine andere Frage, was und wie wir beten sollen. Kennt jemand das Wesen dieser Welt, und trachtet er ungeheuchelt nach dem was besser ist; denn hat's mit dem Gebet seine gewiesene Wege. Aber des Menschen Herz ist eitel und töricht von Mutterleibe an. Wir wissen nicht was uns gut ist, Andres, unser liebster Wunsch hat uns oft betrogen! Und also muß man nicht auf seinem Stück stehen, sondern blöde und diskret sein, und dem lieber alles mit anheim stellen der 's besser weiß als wir. Ob nun das Gebet einer bewegten Seele etwas vermag und würken kann, oder ob der Nexus Rerum dergleichen nicht gestattet, wie einige Herren Gelehrte meinen, darüber lasse ich mich in keinen Streit ein. Ich hab' allen Respekt für den Nexus Rerum, kann aber doch nicht umhin dabei an Simson zu denken, der den Nexus der Torflügel unbeschädigt ließ und bekanntlich das ganze Tor auf den Berg trug. Und kurz, Andres, ich glaube, daß der Regen wohl kömmt wenn es dürre ist und daß der Hirsch nicht umsonst nach frischem Wasser schreie, wenn einer nur recht betet und recht gesinnt ist. Das »Vater Unser« ist ein für allemal das beste Gebet, denn Du weißt, wer's gemacht hat. Aber kein Mensch auf Gottes Erdboden kann's so nachbeten wie der's gemeint hat; wir krüppeln es nur von ferne, einer noch immer armseliger als der andere. Das schadt aber nicht, Andres, wenn wir's nur gut meinen; der liebe Gott muß so immer das Beste tun, und der weiß wie's sein soll. Weil Du's verlangst, will ich Dir aufrichtig sagen, wie ich's mit dem »Vater Unser« mache. Ich denke aber, 's ist so nur sehr armselig gemacht, und ich möchte mich gerne eines bessern belehren lassen. Sieh', wenn ich's beten will, so denk' ich erst an meinen seligen Vater, wie der so gut war und mir so gerne geben mochte. Und denn stell' ich mir die ganze Welt als meines Vaters Haus vor; und alle Menschen in Europa, Asien, Afrika und Amerika sind denn in meinen Gedanken meine Brüder und Schwestern; und Gott sitzt im Himmel auf einem goldnen Stuhl, und hat seine rechte Hand übers Meer und bis ans Ende der Welt ausgestreckt, und seine Linke voll Heil und Gutes, und die Bergspitzen umher rauchen – und denn fang' ich an: Vater Unser der du bist im Himmel. Geheiligt werde dein Name. Das versteh' ich nun schon nicht. Die Juden sollen besondre Heimlichkeiten von dem Namen Gottes gewußt haben. Das lasse ich aber gut sein und wünsche nur, daß das Andenken an Gott, und eine jede Spur, daraus wir ihn erkennen können, mir und allen Menschen über alles groß und heilig sein möge. Zu uns komme dein Reich. Hiebei denk' ich an mich selbst, wie's in mir hin und her treibt und bald dies bald das regiert. und daß das alles Herzquälen ist und ich dabei auf keinen grünen Zweig komme. Und denn denk' ich, wie gut es für mich wäre, wenn doch Gott all Fehd ein Ende machen und mich selbst regieren wollte. Dein Wille geschehe wie im Himmel also auch auf Erden. Hiebei stell' ich mir den Himmel mit den heiligen Engeln vor die mit Freuden seinen Willen tun, und keine Qual rühret sie an, und sie wissen sich vor Liebe und Seligkeit nicht zu retten, und frohlocken Tag und Nacht; und denn denk' ich: wenn es doch also auch auf Erden wäre! Unser täglich Brot gib uns heute. 'n jeder weiß was täglich Brot heißt, und daß man essen muß so lange man in der Welt ist, und daß es auch gut schmeckt. Daran denk' ich denn. Auch fallen mir wohl meine Kinder ein, wie die so gerne essen mögen und so flugs und fröhlich bei der Schüssel sind. Und denn bet' ich, daß der liebe Gott uns doch etwas wolle zu essen geben. Und vergib uns unsre Schuld als wir vergeben unsern Schuldigern. Es tut weh wenn man beleidigt wird, und die Rache ist dem Menschen süß. Das kömmt mir auch so vor, und ich hätte wohl Lust dazu. Da tritt mir aber der Schalksknecht aus dem Evangelio unter die Augen: und mir entfällt das Herz, und ich nehm's mir vor, daß ich meinem Mitknecht vergeben und ihm kein Wort von den hundert Groschen sagen will. Und führe uns nicht in Versuchung. Hier denk' ich an allerhand Exempel wo Leute unter den und jenen Umständen vom Guten abgewichen und gefallen sind. und daß es mir nicht besser gehen würde. Sondern erlöse uns von dem Übel. Mir sind die Versuchungen noch im Sinn, und daß der Mensch so leicht verführt werden, und von der ebnen Bahn abkommen kann. Zugleich denk' ich aber auch an alle Mühe des Lebens. an Schwindsucht und Alter, an Kindesnot, Kaltenbrand und Wahnsinn, und das tausendfältige Elend und Herzeleid das in der Welt ist und die armen Menschen martert und quält, und ist niemand der helfen kann. Und Du wirst finden, Andres! wenn die Tränen nicht vorher gekommen sind, hier kommen sie gewiß, und man kann sich so herzlich heraussehnen, und in sich so betrübt und niedergeschlagen werden, als ob gar keine Hülfe wäre. Denn muß man sich aber wieder Mut machen, die Hand auf den Mund legen, und wie im Triumph fortfahren: Denn dein ist das Reich, und die Kraft und die Macht und die Herrlichkeit in Ewigkeit, Amen. Die Geschichte von Goliath und David in Reime bracht. 1.                 War einst ein Riese Goliath     Gar ein gefährlich Mann! Er hatte Tressen auf dem Hut     Mit einem Klunker dran,     Und einen Rock von Drap d'argent     Und alles so nach advenant. 2. An seinen Schnurrbart sah man nur     Mit Gräsen und mit Graus, Und dabei sah er von Natur     Pur wie der – aus.     Sein Sarras war, man glaubt es kaum.     So groß schier als ein Weberbaum. 3. Er hatte Knochen wie ein Gaul,     Und eine freche Stirn. Und ein entsetzlich großes Maul,     Und nur ein kleines Hirn;     Gab jedem einen Rippenstoß,     Und flunkerte und prahlte groß. 4. So kam er alle Tage her,     Und sprach Israel Hohn. »Wer ist der Mann? Wer wagt's mit mir?     Sei Vater oder Sohn,     Er komme her der Lumpenhund,     Ich bax 'n nieder auf den Grund.« 5. Da kam in seinem Schäferrock     Ein Jüngling zart und fein; Er hatte nichts als seinen Stock,     Als Schleuder und den Stein,     Und sprach: »Du hast viel Stolz und Wehr,     Ich komm im Namen Gottes her.« 6. Und damit schleudert' er auf ihn,     Und traf die Stirne gar; Da fiel der große Esel hin     So lang und dick er war.     Und David haut' in guter Ruh     Ihm nun den Kopf noch ab dazu. Trau nicht auf deinen Tressenhut,     Noch auf den Klunker dran! Ein großes Maul es auch nicht tut:     Das lern vom langen Mann;     Und von dem kleinen lerne wohl:     Wie man mit Ehren fechten soll. Brief an Andres wegen den Geburtstägen im August 1777 Mein lieber Andres , Wir haben einen recht lustigen Tag gehabt. Du weißt wohl, ich habe vieles nicht, aber 'n Geburtstag hab ich doch, und der ist gefeiert worden. Mein Vetter stellte vier Gevattern und Freunden, die alle im August geboren sind, zu Ehren 'n Fest an, und da war er so gratiös, meinen Geburtstag mit einzuschließen. »Denn«, sagt er, »Ihr seid doch mein lieber Vetter.« Wir feierten also die fünf Geburtstäge. Merk' aber, wie wir ihm täten. Des Morgens vor Sonnenaufgang las ich 'n Kapitel in der Bibel, legte drauf meine rote Weste an, die ich in Japan bei der Audienz anhatte, und sah darin die Sonne aufgehen, und weckte denn alle Leut' im Hause. Eine Stunde drauf feuert' ich 'n Pistolenschuß los. Ich habe die Pistole noch von meinen Reisen mitbracht, und sie knallt gut wenn sie recht geladen ist, diesmal war aber durch 'n Versehen das meiste auf die Pfanne gekommen. Nachdem nun solchermaßen dem Publiko war kund getan worden was den Tag werden sollte, waren wir einige Stunden ganz stille, den Effekt davon abzuwarten; doch wuschen wir uns während der Zeit alle im klaren Bach das Gesicht, damit es recht fröhlich aussehe, und gingen 'n kleines am Bach auf und nieder. Um sieben Uhr ward 'n Signal gegeben, daß das Frühstück parat sei, und wir züngelten 'n wenig, und nach dem Frühstück ging 's Glückwünschen an. Die fünf Geburtstagsleute waren H- am –l, –r in W-, –y in –g, –n in –i, und ich. Die beiden letzten, als nämlich –n und ich, waren gegenwärtig, die drei ersten aber nicht. Wir beide empfingen also von der ganzen Gesellschaft einen Glückwunsch und Handschlag; die Abwesenden aber wurden mit Kreide auf dem Tisch gemalt, und 'n jeder von der Gesellschaft machte 'n Strich zu ihren Füßen. Weiter wurden nun allerhand Gespräche von Geburtstägen geführt, und wie Personen bei dieser Gelegenheit in Excessu oder in Defectu pecciren, Geschichten erzählt, Fragen aufgegeben, z. Ex. warum 'n Geburtstag nur alle Jahre einmal kömmt u.s.w. Um zwölf Uhr ward zur Tafel geblasen, und weil grade keine Trompeten und Pauken zur Hand waren, mußte ich's auf'm Triangel tun. Die Tafel war von acht Kuverts, und drei Gängen. Zuerst Reisbrei in einer großen Schale mitten auf dem Tisch, und nach kurzer Weile auch auf acht Teller rund um die Schale; denn kam Butter und Kalbfleisch; und zuletzt Kuchen. Du siehst draus, daß wir hoch schmausten; zugleich kannst Du aber daraus sehen, daß der Luxus seit Abrahams Zeit um ein Drittel gestiegen ist. Mein Vetter spendierte auch einige Flaschen guten Wein, die denn gewaltig wirkten und vor Gesundheiten, die aus dem Munde herauskamen, kaum hineinkommen konnten, und die Pistole brummte immer drein und zerarbeitete sich recht. Es ist mir lieb, daß Deinem Jost die Knollen am Halse wieder vergangen sind. 's ist im ganzen menschlichen Leben so, Andres. Es werfen sich von Zeit zu Zeit Knollen auf; ich hab' aber bemerkt, daß sie meistens auch wieder vergehen wenn man nur Geduld hat. Und denn so kommt 'nmal so 'n Geburtstag oder sonst etwas, und macht einen auf lange Zeit alle Knollen vergessen. Nach der Tafel ward von jung und alt eine große Promenade in den Wald vorgenommen. Die Schapoos machten bei der Gelegenheit allerhand Sprünge wie die Ziegenböcke, und die Weibsleute kramten mit Blumen. Hätt's bald vergessen, Dir zu melden. Ich habe mir seitdem eine Kanone angeschafft, die gar vortreffliche Dienste tut, und viel Metall in der Stimme hat. Wenn Du nun Geburtstag, Kindtaufe, oder sonst was zu kanonieren hast, lieber Andres, 's sei was es wolle; so schreib's mir nur, soll so gut besorgt werden als wenn's meine eigne Sache wäre. Um fünf Uhr kamen wir wieder zu Hause, und ward gleich Order gegeben daß die Oper angehen sollte. Sie war von meinem Vetter, und führte den Titel: Ahasverus und Mardochai. Es war eigentlich eine Wandoper die so mit einem Stock an der Wand vorgestellt wird, und erhielt allgemeinen Beifall. Nach der Oper wurden Bäume gepflanzt, damit die Kinder und Kindeskinder sich dabei dieses Tags erinnerten, und sich von den vier Gevattern und der Pistole und der Oper Ahasverus und Mardochai erzählten. Abends war wieder Grand Souper von Kartoffeln und Kaltenhöfer Bier; und damit wars alle, wirst Du denken. Das dacht' ich auch; aber höre weiter. Es hatte schon den ganzen Tag gemunkelt, daß 'n Feuerwerk abgebrannt werden sollte; nun ward es aber hautement deklariert, und die ganze Gesellschaft begab sich in Prozession hinten in meines Vetters Garten neben dem Echafaud, das Feuerwerk anzusehen. Es bestand aus einem Petermännchen von anderthalb Zoll und reüssierte ungemein. Weil so'n Ding gar zu herrlich anzusehen ist, hab' ich mir von meinem Vetter das Rezept ausgebeten, und will's Dir hier kommunizieren. »Man nimmt 2 Loth Pulver, reibt es klein und tut Brunnenwasser dazu quantum satis; denn wirds 'n Teig, und man formt es, entweder kegelförmig wie 'n Kirchturm oder viereckig wie die Pyramiden in Ägypten waren, tut oben darauf einige Körner trockenes Pulver und zündets an.« Du mußt aber alles Pulver, wenn Du noch welches hast, vorher auf die Seite tun, auch Dich überhaupt mit dem Pulver in acht nehmen, sonst kannst Du Dir die Nase verbrennen. Um 10 Uhr 8 Minuten ging das Feuerwerk an, und währte bis 10 Uhr 8⅓ Minute. – Du lachst Andres? Hör', das Groß und Viel tuts nicht immer, und ich schwöre Dir, daß der Groß-Sultan, wenn er an seinem Geburtstag ein Feuerwerk von 20 000 Löwenthaler abbrennen läßt, nicht vergnügter sein kann, als wir bei dem Petermännchen von anderthalb Zoll waren. Der Mensch ist gottlob so gebaut, daß er mit anderthalb Zoll recht glücklich sein kann, und wenn das die Leute nur recht wüßten, so würde 'n groß Teil Ach und Weh weniger in der Welt sein. Da mischen sich aber gleich Eitelkeit und Stolz ein, und die hemmen allen Genuß, und das ist ein großes Unglück. Um elf Uhr gingen wir zu Bett, und schliefen flugs und fröhlich ein. Dein etc. Rheinweinlied     Bekränzt mit Laub den lieben vollen Becher,     Und trinkt ihn fröhlich leer. In ganz Europia, ihr Herren Zecher!     Ist solch ein Wein nicht mehr. Er kommt nicht her aus Hungarn noch aus Polen,     Noch wo man Franzmännsch spricht; Da mag Sankt Veit, der Ritter, Wein sich holen,     Wir holen ihn da nicht. Ihn bringt das Vaterland aus seiner Fülle;     Wie wär er sonst so gut! Wie wär er sonst so edel, wäre stille     Und doch voll Kraft und Mut! Er wächst nicht überall im deutschen Reiche;     Und viele Berge, hört, Sind, wie die weiland Kreter, faule Bäuche,     Und nicht der Stelle wert. Thüringens Berge zum Exempel bringen     Gewächs sieht aus wie Wein; Ist's aber nicht. Man kann dabei nicht singen,     Dabei nicht fröhlich sein. Im Erzgebirge dürft ihr auch nicht suchen,     Wenn ihr Wein finden wollt. Das bringt nur Silbererz und Koboldkuchen,     Und etwas Lausegold. Der Blocksberg ist der lange Herr Philister,     Er macht nur Wind wie der; Drum tanzen auch der Kuckuck und sein Küster     Auf ihm die Kreuz und Quer. Am Rhein, am Rhein, da wachsen unsre Reben;     Gesegnet sei der Rhein! Da wachsen sie am Ufer hin, und geben     Uns diesen Labewein. So trinkt ihn denn, und laßt uns alle Wege     Uns freun und fröhlich sein! Und wußten wir wo jemand traurig läge,     Wir gäben ihm den Wein. Hussans Dedikation seiner Kriegslieder an Ali Bey Dein Hussan sang dir diese Lieder     Fein frech und wahr nach seiner Art. Er sah oft als er sang auf seine Narben nieder,     Und strich sich oft den Knebelbart. Motetto. als der erste Zahn durch war.             Viktoria! Viktoria! Der kleine weiße Zahn ist da. Du Mutter! komm, und groß und klein Im Hause! kommt, und kuckt hinein, Und seht den hellen weißen Schein.     Der Zahn soll Alexander heißen. Du liebes Kind! Gott halt ihn dir gesund, Und geb dir Zähne mehr in deinen kleinen Mund,     Und immer was dafür zu beißen! Eine Korrespondenz zwischen mir und meinem Vetter, angehend die Orthodoxie und Religionsverbesserungen. Hochgelahrter,     Hochzuehrender Herr Vetter! Ich habe seit einiger Zeit soviel von biblischer und vernünftiger Religion, von orthodoxen und philosophischen Theologen etc. gehört, daß mir alles im Kopf rundum geht, und ich nicht mehr weiß wer recht und unrecht hat. Die Religion aus der Vernunft verbessern, kömmt mir freilich ebenso vor, als wenn ich die Sonne nach meiner alten hölzernen Hausuhr stellen wollte; aber auf der andern Seite dünkt mir auch die Philosophie 'n gut Ding, und vieles wahr was den Orthodoxen vorgeworfen wird. Der Herr Vetter tut mir einen wahren Gefallen, wenn er mir die Sach' auseinandersetzt. Sonderlich ob die Philosophie ein Besen sei, den Unrat aus dem Tempel auszukehren; und ob ich meinen Hut tiefer vor einem orthodoxen oder philosophischen Herrn Pastor abnehmen muß. Der ich die Ehre habe mit besonderem Estim zu verharren,     Meines Hochgelahrten Hochzuehrenden Herrn Vetters gehorsamer Diener und Vetter Asmus. Antwort Lieber Vetter! Die Philosophie ist gut, und die Leute haben unrecht die ihr sogar hohnsprechen; aber Offenbarung verhält sich nicht zu Philosophie wie viel und wenig, sondern wie Himmel und Erde, oben und unten! Ich kann's Ihm nicht besser begreiflich machen, als mit der Seekarte die Er von dem Teich hinter seines sel. Vaters Garten gemacht hatte. Er pflegte gern auf dem Teich zu schiffen, Vetter, und hatte sich deswegen auf seine eigne Hand eine Karte von allen Tiefen und Untiefen des Teichs gemacht, und danach schiffte er nun herum, und 's ging recht gut. Wenn nun aber ein Wirbelwind, oder die Königin von Otahite, oder eine Wasserhose Ihn mit seinem Kahn und mit seiner Karte aufgenommen und mitten auf dem Ozean wieder niedergesetzt hätte, Vetter, und Er wollte hier nun auch nach seiner Karte schiffen das ginge nicht. Der Fehler ist nicht an der Karte, für den Teich war sie gut; aber der Teich ist nicht der Ozean, sieht Er. Hier müßte Er sich eine andre Karte machen, die aber freilich ziemlich in blanco bleiben würde, weil die Sandbänke hier sehr tief liegen. Und Vetter, schifft hier nur immer grade zu; auf'n Meerwunder mögt Ihr stoßen, auf den Grund stoßt Ihr nicht. Hieraus mögt Ihr nun selbst urteilen, wieweit die Philosophie ein Besen sei die Spinnweben aus dem Tempel auszufegen. Sie kann auf gewisse Weise 'n solcher Besen sein, ja; mögt sie auch einen Hasenfuß nennen, den Staub von den heiligen Statuen damit abzukehren. Wer aber damit an den Statuen selbst bildhauen und schnitzen will, seht, der verlangt mehr von dem Hasenfuß als er kann, und das ist höchst lächerlich und ärgerlich anzusehen. Paulus, der vieles in der Welt versucht hatte, der auch 'n Sadduzäer und Fort Esprit gewesen und hernach eines andern war belehrt worden, bei allem seinen Enthusiasmus für das neue System, doch aber in seinem Brief an die Römer die Dialektik noch so gut treibt und versteht als einer: dieser alte erfahrne Mann sagt, und bringt darauf seine alten Tage in viel Arbeit und Fährlichkeit zu, und läßt sich fünfmal vierzig Streiche weniger eins darauf geben, »daß der Friede Gottes höher sei denn alle Vernunft!« – und so 'n Gelbschnabel will räsonieren. Daß das Christentum alle Höhen erniedrigen, alle eigne Gestalt und Schöne, nicht wie die Tugend mäßigen und ins Gleis bringen, sondern wie die Verwesung gar dahinnehmen soll, auf daß ein Neues daraus werde: das will freilich der Vernunft nicht ein; das soll es aber auch nicht, wenn's nur wahr ist. Wenn dem Abraham befohlen ward aus seinem Vaterlande und von seiner Freundschaft und aus seines Vaters Hause auszugehen in ein Land das ihm erst gezeigt werden sollte; meinst Du nicht, daß sich sein natürlich Gefühl dagegen gesträubt habe, und daß die Vernunft allerhand gegründete Bedenklichkeiten und stattliche Zweifel dagegen hätte vorzubringen gehabt. Abraham aber glaubte aufs Wort, und zog aus. Und es ist und war kein anderer Weg; denn aus Haran konnte er das gelobte Land nicht sehen, und Niebuhrs Reisebeschreibung war damals noch nicht heraus. Hätte sich Abraham mit seiner Vernunft in Wortwechsel abgegeben; so wäre er sicherlich in seinem Vaterlande und bei seiner Freundschaft geblieben, und hätte sich's wohl sein lassen. Das gelobte Land hätte nichts dabei verloren, aber er wäre nicht hineingekommen. Seht, Vetter, so ist's und so steht's in der Bibel. Da also die heiligen Statuen durch die Vernunft nicht wiederhergestellt werden können; so ists patriotisch, in einem hohen Sinn des Worts, die alte Form unverletzt zu erhalten, und sich für ein Tüttel des Gesetzes totschlagen zu lassen. Und wenn das ein orthodoxer Herr Pastor heißt; so könnt Ihr für so einen den Hut nicht tief genug abnehmen. Sie heißen aber noch sonst was orthodox. Nun lebt wohl, lieber Vetter, und wünscht Frieden, laßt Euch übrigens aber den Streit und das Feldgeschrei kein Haar nicht krümmen, und braucht die Religion klüger als sie. – Da steht mir Potiphars Weib vor Augen! Du kennst doch die Potiphar? Diese sanguinische und rheumatische Person packte den Mantel, und Joseph flohe davon. Über das Point saillant, über den Geist der Religion kann nicht gestritten werden, weil den, nach der Schrift, niemand kennt als der ihn empfähet, und denn nicht mehr Zeit zu zweifeln und zu streiten ist. In summa Vetter, die Wahrheit ist ein Riese der am Wege liegt und schläft; die vorübergehen, sehn seine Riesengestalt wohl, aber ihn können sie nicht sehen, und legen den Finger ihrer Eitelkeit vergebens an die Nase ihrer Vernunft. Wenn er den Schleier wegtut wirst du sein Antlitz sehen. Bis dahin muß unser Trost sein, daß er unter dem Schleier ist, und gehe Du ehrerbietig und mit Zittern vorüber, und klügle nicht lieber Vetter etc. Parentation über Anselmo, gehalten am ersten Weihnachtstage, NB. nicht in der Kirche sondern nur im Zimmer neben dem offenen Sarge, und war niemand da als Andres. Andres, hier liegt er! Aber er hört und sieht uns nicht mehr. Anselmo ist tot, unser lieber Anselmo! Wie ist dir zumut, Andres? Er pflegte, wie du weißt, die Welt 'n Krankenhospital zu nennen, darin die Menschen bis zu ihrer Genesung verpflegt werden. Er ist nun genesen, und hat seinen Hospitalkittel ausgezogen. Und wir stehn neben dem Kittel, und haben ihn nicht mehr, und finden so einen Anselmo nicht wieder. Wie ist dir zumut, Andres? Er war so fromm und geduldig, und die Engel haben seine Seele gewiß gerade in Abrahams Schoß getragen. Sieh her! Er sieht noch aus, als da er lebte, nur hat ihn der Tod blaß gemacht. Der Tod macht blaß, Andres! Hast du wohl eher eine Leiche in voller Verwesung gesehen? Solange noch die Gestalt da ist, dünkt's einen, als wäre der Freund noch nicht ganz verloren. Er wohnt zwar jenseits des Wassers, daß wir nicht zu ihm können; doch wohnt er noch da, und wir können doch seinen Schornstein rauchen sehn. Aber auch das darf nicht so bleiben, eh' es wieder vorwärtsgehen kann; das hat Gott so geordnet. Anselmo muß ganz weg aus unsern Augen, muß Asche und Staub werden. Ich bin so betrübt, Andres. Wollte dich gerne trösten, aber ich kann nicht. Lehne dich an die Wand oder in eine Ecke, und weine dich satt; ich will mich hier hinsetzen, und 'n Kopf wider den Sarg stützen. – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – Es ist doch alles eitel und vergänglich, Sorge, Furcht. Hoffnung, und zuletzt der Tod! – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – Die Zeit wird kommen, Andres, wo sie uns auch in Leinen wickeln und in einen Sarg legen. Laß uns tun, lieber Junge, was wir denn gerne möchten getan haben, und unser Vertrauen auf Gott setzen! – Und nun Abschied nehmen, Andres. Wir können ihm doch nichts mehr helfen. Ich habe hier einen Blumenstrauß, den will ich ihm noch in den Sarg legen; schenk du ihm ein kleines Silberkreuz, und leg's ihm auf die Brust. Und denn wollen wir beide hintreten und ihn zu guter Letzt noch einmal ansehen. Anselmo! Lieber Anselmo mit deinen blassen gefaltenen Händen, schlafe wohl! Gott sei mit dir!! O du lieber Herzens-Anselmo!!! Gott sei mit dir!! – Wir werden uns wieder sehen. – Und komm, Andres, und gutes Muts! Mußt nun recht gutes Muts sein. Unser Herr CHRISTUS ist auch heute geboren. ASMUS omnia sua SECUM portans oder Sämtlicher Werke des Wandsbecker Boten Vierter Teil Subskriptions-Anzeige Da das Publikum so gut gewesen ist, auch mit dem zweiten Büchel meiner »Sämtlichen Werke« vor Lieb und Willen zu nehmen, und seitdem 4 bis 5 Jahre verflossen sind; – so wäre ich wohlgemeint, aber eins herauszugeben. Die Einrichtung bleibt wie bisher: wieder einige Kupfer, gutes Schreibpapier, und auf dem Schreibpapier Allerlei, so gut ich es weiß und verstehe, nach meiner Einfalt und in Ermangelung eines Bessern. Also freilich kein Ambrosia, aber auch keine raffinierte blähige Konditorware, die wie mein Vetter sagt in der Welt für Ambrosia verkauft wird, sondern ehrlich hausbacken Brot mit etwas Koriander, das dem armen Tagelöhner besser gedeiht und besser gegen Wind und Wetter vorhält; zum Zierat und Abzeichen soll allerdings hin und wieder dran ein Herz oder ein Schlüssel eingedrückt werden. Zur Ostermesse, wenn Gott Leben und Gesundheit gibt, denk' ich dies neue Büchel zu liefern, und möchte es wohl etwas stärker ausfallen. Weil ich aber mit der neutralen Flagge eigentlich keine Geschäfte mache, sondern mein Handlungsgeheimnis mehr in dem »Kurs meiner Papiere« besteht; so ist, bei den dermaligen Preisen aller Staatsbedürfnisse, die Subskription, nicht Pränumeration, für ein Exemplar brutto, d. i. mit Fustage und Transport auf 40 bis 50 Meilen, beides in Quantitäten versteht sich, 1 Rthlr. oder 3 Mark Hamburger Geld; doch nehme ich von denen H. H. Korrespondenten die kein schweres Geld haben, der bequemem Berechnung halben, auch 3 Mark leichtes Geld oder den Louisdor zu 5 Rthlr. Damit ist nun das Büchel bezahlt, und so soll der Preis für die Nichtsubskribenten hernach nicht erhöht werden; doch wäre mir wegen der Industrie der Nachdrucker sonderlich damit gedient, wenn die etwanigen Liebhaber gefälligst subskribierten. Ersuche denn die Gönner und Freunde, die Lust und Zeit haben, ihres Orts Subskription anzunehmen, und spätestens gegen Ende des Januars 1783 an mich einzusenden, unter der gewöhnlichen Adresse: »à M. Claudius Homme de lettres à Wandsbeck, abzugeben in Hamburg auf Herrn Herrmanns Apotheke.« Ich habe, wem damit gedient ist, auch noch Exemplare von den beiden vorhergehenden Bücheln das Stück zu 2 Mark, daß also mit dem neuen alle drei, einzeln gekauft, 7 Mark kosten; wer sie alle drei zusammen nimmt, bezahlt 7 Mark 8 ß. Wandsbeck, den 1. Nov. 1782. Asmus Vorrede Was ich in der Anzeige versprochen, meine ich im Büchel gehalten zu haben. So gut ich's wußte und verstand, hab ich's geschrieben, und daß es in Ermangelung eines Bessern ist weiß niemand so gut als ich. Übrigens habe ich hier wenig oder nichts vorzureden, und verweise den geneigten Leser auf das was vor den vorhergehenden Teilen zu lesen ist. Auch die Kupfer in diesem vierten Teil brauch' ich nicht zu erklären, denn sie erklären sich selbst; und ich hoffe, daß viele Herren Subskribenten wenn nicht mit dem Büchel doch mit den Kupfern zufrieden sein werden. Der Inhalt der beiden Kupfer pag. 415 und 417 konnte, wie der Text und ich sie verlangten, nicht vorgestellet werden. Ich wollte ihn aber doch gerne von Herrn Chodowiecki vorgestellet haben, und meinte: so und so. Und darauf bezieht sich der Scherz des Herrn Chodowiecki auf diesen beiden Platten. Mein Vetter und ich können nichts zeichnen; wir können nur Sachen angeben, die sich nicht zeichnen lassen. Über viele Stücke im Buche steht's darüber: an wen sie gerichtet sind. Wo nichts darüber steht, kann jeder wenn er will ansehen als ob sie an ihn gerichtet wären. Die Briefe am Ende sind an Andres. Schließlich ersuche ich die Herren Nachdrucker, daß sie mir mein Büchel nicht nachdrucken, weder halb noch ganz. Es ist das einzige das ich verlege, und es muß so beisammenbleiben. Motet             Der Mensch lebt und bestehet     Nur eine kleine Zeit; Und alle Welt vergehet     Mit ihrer Herrlichkeit. Es ist nur Einer ewig und an allen Enden,     Und wir in seinen Händen.     Und der ist allwissend. Erster Chor.     Halleluja!     Und der ist heilig. Zweiter Chor.     Halleluja!     Und der ist allmächtig. Dritter Chor.     Halleluja!     Und der ist barmherzig. Alle Chöre.         Ist barmherzig – Halleluja! Amen!         Halleluja ewig ewig ewig seinem Namen!         Ist barmherzig – Halleluja! Amen! Über ein Sprichwort Unter andern tiefsinnigen Sprichwörtern und Rätseln, dadurch die Alten unterrichten und bessern wollten, ist auch eins: man soll auf einem Grabe nicht schlafen! und eben von dem ist hier die Rede. Wenn ein Spruch tiefsinnig ist, so schwimmt der Sinn nicht obenauf; und denn pflegt er ziemlich sicher zu sein. Die Sprüche der Weisen sind dem Schiff Royal Georg zu vergleichen, das mit dem wackern Admiral Kempenfeldt seit dem 29. August a. p. bis an den Topmast bei Portsmouth in See steht. Das Fähnlein züngelt da über dem Wasser, daß man wohl sieht: es sei im Grunde etwas vorhanden; wer aber den 29. August nicht in Portsmouth war oder sonst des Wesens kundig ist, der wird dem Feind nicht viel von dem Royal Georg verraten. Indes hat doch ein jeder seine Vermutungen, und es kommt bei solcher Gelegenheit allerhand nützliche Auslegung und Lehre an den Tag; und so soll es auch sein. Ein Umstand ist bei solchen Auslegungen noch zu bemerken, der manchem sonderbar dünken möchte, der nämlich: daß der letzte Ausleger allemal der klügste ist, und daß seine Vorgänger immer herhalten müssen. Dafür muß er aber zu seiner Zeit wieder herhalten, und so ist das Gleichgewicht hergestellt. Wollen es denn auch so machen, und zu seiner Zeit wieder über uns ergehen lassen was recht ist. Einige Vorgänger also haben das Sprichwort so gedeutet, als werde darin den Leuten, die von einem Vetter in Ostindien eine reiche Erbschaft getan haben, der Rat gegeben: sich nicht bloß neben dem gesammelten Honig hinzusetzen und in Wollust und Müßiggang zu verrosten, sondern nützlich und tätig zu bleiben. Dieser Rat ist allerdings sehr gut, und vielleicht bedauern einige Leser, daß sie nicht in dem Fall sind von einem so guten Rat Gebrauch zu machen. Übrigens gehen doch aber bei dieser Auslegung des Sprichworts alle, die keinen Vetter in Ostindien haben, leer aus, und warum sollen die leer ausgehen? Wir wollen lieber einige Auslegungen versuchen, dabei niemand leer ausgehen darf und dazu man nur braucht was ein jeder Mensch hat, wie folget: Es sind freilich viele Gräber, um die sich niemand rote Augen weint; aber manchmal wird doch auch einer begraben, der einem andern nahe abgeht. Dieser andre denkt mit nassen Augen an den Begrabenen und sein Grab ist ihm ein Heiligtum. Du wärest wohl grausam, wenn du 's entweihen und dich zum Schlafen darauf ausstrecken könntest! – und du sollst nicht grausam sein. Wenn der Mensch im Grabe liegt und der Grabhügel ihm errichtet ist; so ist sein Los entschieden. Alea jacta est. Wir, die wir vorübergehen, können freilich dies Los nicht ändern, sondern bei dem, was geworfen ist, bleibts. Es wäre aber doch zu hölzern, wenn sich einer auf den Würfeln wollte schlafen legen. Die Verwesung ist und bleibt immer eine sehr nachdenkliche und ernsthafte Sache. Gewißlich geht kein Engel gleichgültig einen Grabhügel vorbei! und der ist doch eigentlich über die Grabhügel weg, und hat für seine Person dabei nichts zu gewinnen noch zu verlieren. Der Mensch ist noch nicht so ganz darüber weg, und hat noch allerlei dabei zu bedenken daran ihm gelegen ist. Muß denn so ein alter guter Vater, der den Leichtsinn der Menschen kennt, muß denn der nicht das Gesetz machen: daß man auf einem Grabe nicht schlafen soll? u. s. w. Ein Lied vom Reiffen, d. d. den 7. Dez. 1780. Wandsbeck Sirach Kap. 43, v. 21. Er schüttet den Reiffen auf die Erde wie Salz.           Seht meine lieben Bäume an,     Wie sie so herrlich stehn, Auf allen Zweigen angetan     Mit Reiffen wunderschön! Von unten an bis oben 'naus     Auf allen Zweigelein Hängts weiß und zierlich, zart und kraus,     Und kann nicht schöner sein; Und alle Bäume rund umher     All alle weit und breit Stehn da, geschmückt mit gleicher Ehr,     In gleicher Herrlichkeit. Und sie beäugeln und besehn     Kann jeder Bauersmann, Kann hin und her darunter gehn,     Und freuen sich daran. Auch holt er Weib und Kinderlein     Vom kleinen Feuerherd, Und marsch mit in den Wald hinein!     Und das ist wohl was wert. Einfältiger Naturgenuß     Ohn' Alfanz drum und dran Ist lieblich, wie ein Liebeskuß     Von einem frommen Mann. Ihr Städter habt viel schönes Ding,     Viel Schönes überall, Kredit und Geld und golden Ring,     Und Bank und Börsensaal; Doch Erle, Eiche, Weid' und Ficht'     Im Reiffen nah und fern – So gut wirds euch nun einmal nicht,     Ihr lieben reichen Herr'n! Das hat Natur, nach ihrer Art     Gar eignen Gang zu gehn, Uns Bauersleuten aufgespart,     Die anders nicht verstehn. Viel schön, viel schön ist unser Wald!     Dort Nebel überall, Hier eine weiße Baumgestalt     Im vollen Sonnenstrahl Lichthell, still, edel, rein und frei,     Und über alles fein! – O aller Menschen Seele sei     So lichthell und so rein! Wir sehn das an, und denken noch     Einfältiglich dabei: Woher der Reif, und wie er doch     Zustande kommen sei? Denn gestern abend, Zweiglein rein!     Kein Reiffen in der Tat! – Muß einer doch gewesen sein     Der ihn gestreuet hat. Ein Engel Gottes geht bei Nacht,     Streut heimlich hier und dort, Und wenn der Bauersmann erwacht,     Ist er schon wieder fort. Du Engel, der so gütig ist,     Wir sagen Dank und Preis. O mach uns doch zum heil'gen Christ     Die Bäume wieder weiß! Von der Freundschaft Ich habe dir in der vorigen Lektion die Feindschaft erklärt, und wie man dazu gelangen könne, und wann ein ehrlicher Kerl sie nicht scheuen müsse. Heute von der Freundschaft. Von der spricht nun einer: sie sei überall; der andre: sie sei nirgends; und es steht dahin, wer von beiden am ärgsten gelogen hat. Wenn du Paul den Peter rühmen hörst; so, wirst du finden, rühmt Peter den Paul wieder, und das heißen sie denn Freunde. Und ist oft zwischen ihnen weiter nichts, als daß einer den andern kratzt damit er ihn wieder kratze, und sie sich so einander wechselweise zu Narren haben; denn, wie du siehst, ist hier, wie in den vielen andern Fällen, ein jeder von ihnen nur sein eigner Freund und nicht des andern. Ich pflege solch Ding »Holunder-Freundschaften« zu nennen. Wenn du einen jungen Holunderzweig ansiehst, so sieht er fein stämmig und wohlgegründet aus; schneidest du ihn aber ab, so ist er inwendig hohl und ist so ein trocken schwammig Wesen darin. So ganz rein gehts hier freilich selten ab, und etwas Menschliches pflegt sich wohl mit einzumischen; aber das erste Gesetz der Freundschaft soll doch sein: daß einer des andern Freund sei. Und das zweite ist, daß du's von Herzen seist und Gutes und Böses mit ihm teilest, wie's vorkömmt. Die Delikatesse, da man den und jenen Gram allein behalten und seines Freundes schonen will, ist meistens Zärtelei; denn eben darum ist er dein Freund, daß er mit untertrete und es deinen Schultern leichter mache. Drittens laß du deinen Freund nicht zweimal bitten. Aber, wenns Not ist und er helfen kann; so nimm du auch kein Blatt vors Maul, sondern gehe und fodre frisch heraus, als ob's so sein müßte und gar nicht anders sein könne. Hat dein Freund an sich das nicht taugt; so mußt du ihm das nicht verhalten und es nicht entschuldigen gegen ihn. Aber gegen den dritten Mann mußt du es verhalten und entschuldigen. Mache nicht schnell jemand deinen Freund, ist ers aber einmal, so muß ers gegen den dritten Mann mit allen seinen Fehlern sein. Etwas Sinnlichkeit und Parteilichkeit für den Freund scheint mit zur Freundschaft in dieser Welt zu gehören. Denn wolltest du an ihm nur die würklich ehr- und liebenswürdigen Eigenschaften ehren und lieben, wofür wärst du denn sein Freund; das soll ja jeder wildfremde unparteiische Mann tun. Nein, du mußt deinen Freund mit allem was an ihm ist in deinen Arm und in deinen Schutz nehmen; das Granum Salis versteht sich von selbst, und daß aus einem edlen kein unedles werden müsse. Es gibt eine körperliche Freundschaft. Nach der werden auch zwei Pferde, die eine Zeitlang beisammenstehen, Freunde und können eins des andern nicht entbehren. Es gibt auch sonst noch mancherlei Arten, und Veranlassungen. Aber eigentliche Freundschaft kann nicht sein ohne Einigung; und wo die ist, da macht sie sich gern und von selbst. So sind Leute, die zusammen Schiffbruch leiden und die an eine wüste Insel geworfen werden, Freunde. Nämlich das gleiche Gefühl der Not in ihnen allen, die gleiche Hoffnung und der eine Wunsch nach Hülfe einigte sie; und das bleibt oft ihr ganzes Leben hindurch. Einerlei Gefühl, einerlei Wunsch, einerlei Hoffnung einigt; und je inniger und edler dies Gefühl, dieser Wunsch und diese Hoffnung sind, desto inniger und edler ist auch die Freundschaft, die daraus wird. Aber, denkst du, auf diese Weise sollten ja alle Menschen auf Erden die innigsten Freunde sein? Freilich wohl! und es ist meine Schuld nicht, daß sie es nicht sind. Postskript. Es gibt einige Freundschaften, die im Himmel beschlossen sind und auf Erden vollzogen werden. Paul Erdmanns Fest Mein Vetter und ich waren auf Reisen die Welt und ihre Berge und Gewässer zu sehen, und ich rekommandiere einem jeden Menschen so 'ne Reise; es kommen gar liebliche Berge und Gewässer mit vor. Gleich den dritten Tag in der Morgendämmerung trafen wir auf einen Fleck, der schier nicht schöner sein kann. Mein Vetter ließ halten und wir sahen überall hin. »Da drüben am See«, sagte mein Vetter zu mir, »soll Euer Haus stehen; dort oben am Berge Freund ** seins, und hier wo wir stehen will ich wohnen. – – – Aber, was ist Euch, Vetter, Ihr werdet ja so heroisch aussehen?« »- Ich bin willens, von dieser Gegend Besitz zu nehmen.« »Dacht ich's doch, daß so etwas im Werk wäre! – Wie macht Ihr denn das?« »Wie's gemacht wird. Ich zieh meinen Hirschfänger heraus, und haue in alle vier Winde, und rufe überlaut, daß ich hiemit Besitz nehme; und denn gehöret die ganze Gegend meine mit allem was darin ist. So haben es ja die Europäer in andern Weltgegenden gemacht, und es ist reüssiert.« »Wohl wahr, Vetter; aber die Umstände waren doch verschieden. Dazu reisen wir; so könnt Ihr ja doch nicht dableiben.« »Nun, so laßt uns denn reisen.« »Aber bei der Gelegenheit wollen wirs miteinander absprechen, was wir denn eigentlich für eine Reise machen wollen. Was meint Ihr?« »Ich meine, wir machen le grand tour.« »Was nennt Ihr le grand tour?« »Immer vorwärts so wie der Wagen dasteht, bis wir herum kommen auf denselben Fleck; und denn zu Hause.« »Der Vorschlag ist so übel nicht, auch in der Theorie ganz richtig; in der Praxis hat er denn freilich seine Schwierigkeiten, wie das wohl so zu sein pflegt. – Aber seht, da geht die Sonne auf!« »Seht doch! – Vetter, sie ist nun alle Tage aufgegangen solang ich lebe; und doch, wenn ich sie des Abends sehe untergehen, kann ich immer nicht glauben, daß sie den andern Morgen wieder aufgehen werde.« »Wie sie da nun wieder hervorkommt! – lieber Vetter!« – »Aber schau, es wallt und bewegt sich so in ihr; was ist das?« »Sie haut nun in alle vier Winde, und nimmt von dieser Halbfläche der Erdkugel Besitz! – Und das, Vetter, ist dir doch ein rechter Besitznehmer! Er bringt, und nimmt nicht!« »Doch sitzt auf; in ein paar Stunden sollt Ihr wieder was Schönes sehen, freilich keine Sonne wieder, denn die haben wir nur Einmal in der Welt, aber doch was Schönes.« Nach einigen Stunden befanden wir uns vor einer etwas hohen Gegend; und als wir hinaufkamen, da lag rundum vor uns die große offene blaue See. Wer die See gesehen hat, der weiß was das für ein Anblick ist. Wasser scheint lebendiger fürs Auge als das feste Land, es bringt dem Menschen soviel Gutes und ist für ihn so unentbehrlich; obs daher kommt, daß ein so großer Vorrat davon sich so sonderlich ansieht, aber wahr ist es, der Anblick der offenen See ist sonderlich. »Nun, Vetter, was sagt Ihr zu dem Früh-Stück?« »Ist zuviel zum Frühstück, und man hat den ganzen Tag genug daran.« »Auch so gut. Freilich hat man den ganzen Tag genug daran, und die Nacht dazu. Hat's Euch wohl eher von der See geträumt?« »Einmal; und da hatte sie der liebe Gott so in der hohlen Hand mit allen Inseln und Schiffen und sah darauf, und die Schiffer merkten es nicht.« »Gut geträumt, Vetter. Nun, seht noch einmal hin, und denn wollen wir auch weiter reisen. Indes vorwärts, seht Ihr, gehts nicht weiter, und wir müssen wohl linksum machen.« Wir machten also linksum und fuhren nun 'n drei bis vier Wochen immer so vor uns hin, die Kreuz und die Quere, wo uns der Weg hinführte; und ich muß sagen, die Welt ist sehr groß und immer anders und anders. Man kann denken, daß wir auf dieser Fahrt manchen angenehmen Tag gehabt haben. Ich darf mich aber nicht weitläufig einlassen und muß machen, daß ich an den Tag komme, von dem ich hier eigentlich Nachricht geben will. Dieser Tag nun, oder vielmehr der Vor-Tag fing sich eben nicht zum besten an. Wir waren kaum eine Meile vom Nachtquartier in einem großen langen Dorfe, da fiel der Fuhrmann unter die Pferde, und gleich war 'n Bein ab. Der arme Kerl dauerte uns; und wir nahmen einen andern und fuhren weiter. Gegen Abend brachte uns der Weg in ein Dörflein, das ungemein freundlich aussah, und der Schwager hielt an und ließ uns sehr lange warten. Endlich kam er. »Warum denn aber so sehr lange, Schwager?« »Ja meine Herren, das ist von wegen des Jubilei. Hier im Dorfe ist morgen ein Jubilei, und das hab ich erst alles verkundschaften müssen. Die Frau Postmeistrin will das wissen.« »Ah so! – das ist ein anders.« »Aber«, sagte mein Vetter zu mir, »ich denke, wir verkundschaften das Jubilei auch näher, ehe wir weiterfahren«; und damit stiegen wir ab und hinein ins Haus, und erfuhren denn, daß ein Bauer im Dorfe, Paul Erdmann genannt, sein Erbe fünfzig Jahr bewohnt habe, und morgen sein Jubiläum feiern wolle. »Könnt Ihr bis morgen Abend hierbleiben, Schwager?« »Nä.« »Nun so reitet wieder zu Hause; wir bleiben hier.« »Das dependiert von den Herren, aber ich muß Sie erst auf die nächste Station fahren. Dahin lautet mein Stundenzettel.« »Narre, wir bezahlen Euch bis dahin. Ihr hört doch, daß wir hier bleiben wollen.« Darauf ließ er sich aber nicht ein und blieb dabei, daß er laut seines Stundenzettels uns auf der nächsten Station abliefern müßte. Ich wollte also schon wieder einsteigen, weil es mir doch auch halb und halb vorkam, daß der Schwager nicht ganz Unrecht habe; mein Vetter aber, der sich bei solchen intrikaten Fällen besser zu nehmen und herauszufinden weiß, schrieb dem Schwager einen Schein: »daß wir wirklich in dem Wagen gewesen, daß wir aber auf dem Wege ausgestiegen und deswegen auf der Station nicht mehr darin wären«, und damit war der Schwager zufrieden und fuhr weiter, und wir blieben da. In der Wirtsstube saßen drei reisende Handwerksbursche, und fünf oder sechs Bauern. Die Handwerksbursche machtens wie ich, sie erzählten von ihren Reisen. Als es gebrechen wollte, fingen wir an die Bauern von dem Jubiläo zu fragen, und sie erzählten uns ein langes und ein breites von ihrem Nachbar Paul Erdmann; und sagten bei der Gelegenheit, alle aus einem Munde, ausnehmend Gutes von ihrem Edelmann, und das alles so treu und herzlich, daß man sie und ihren Nachbar und ihren Edelmann unbesehends lieb gewann. Wir gingen darauf noch heraus ins Dorf bis an den Edelhof, der vorne daran liegt, und sahen uns um. Auf dem Rückwege sprachen wir bei dem Paul Erdmann vor, und fragten ihn: ob wir nur morgen mit auf seinen Ehrentag kommen dürften. Er sagte kurz zur Antwort: wir würden willkommen sein, gab sich aber weiter mit uns nicht ab, denn er hatte zu tun. Die Nacht ging bald hin, und den folgenden Morgen machten wir uns bei guter Zeit wieder zum Paul, der uns schon im Feierkleide und weißem Halstuch auf der großen Diele entgegenkam. Er war nun viel gesprächiger als gestern, fragte uns wer wir wären und wohin wir wollten; erzählte uns: von seinem Vieh und Acker und wie ihn Gott gesegnet habe; von seiner seligen Frau; von seiner Freude über diesen Tag; und von seinem gottesfürchtigen Edelmann und was der durch seine Vorkehrungen und sonderlich durch sein eignes Exempel für gute und fromme Gesinnungen bei jung und alt ausbreite, und daß er heute selbst kommen und mit ihm und uns allen essen werde u.s.w. Paul hatte seine Kühe und Pferde und alle sein Vieh den Morgen in Stall bringen lassen, daß sie heute auch traktiert würden; denn«, sagte er, »sie habens mit verdienen helfen, und das Vieh hat keine Freude als essen und trinken.« Um neun Uhr schickte der Edelmann einen Bedienten: »es sei unvermutet großer Besuch gekommen, und Paul werde nicht übelnehmen wenn er sie alle mitbringe; weil er aber seine Gäste nicht alle kenne, so bitte er sich aus, daß er für sie dürfe zurichten und seinen Tisch dicht neben Paul seinen setzen lassen; er wisse wohl, daß Paul und Kompanie seine Kost und Gerichte verschmähten, er bitte aber, daß sie doch mit ihm trinken möchten.« »Sag Er seinem Herrn wieder: was mit Ihm komme das komme mit Ihm! Es werde uns eine große Gnade und Ehre sein und ich lasse mich untertänig bedanken.« Und damit ging der Bediente. Gegen zehn kamen die Nachbarn, immer Mann und Frau zusammen, einer nach dem andere an; und Paul empfing jedweden mit einem Handschlag, und hieß sie niedersetzen. Einige brachten auch einen Sohn oder Töchter mit, zum Teil wohl schöne Mädchen, und alle so ehrbar und züchtig daß es eine Freude war sie anzusehen. Die Bauern sahen alle nach der Reihe bieder und gut aus, doch stachen besonders zwei hervor, Peter Unke und Hans Westen. Unke ist ein Mann von etwa fünfzig Jahren und sieht bräunlich und wie 'n General aus; Westen ist jung und hat ein milchweißes und gar gutmütiges Gesicht; er hatte den Herbst vorher Hochzeit gehalten, und seine Frau, die mit ihm kam und die Liese heißt, war hochschwanger. Zuletzt kam auch noch ein steinalter Mann, mit Namen Jost; seine Augen waren ihm schon dunkel worden, und er konnte kaum alleine stehen. Paul wollte ihn durchaus haben, weil er der älteste im Dorfe ist; und so ließ Jost sich durch zwei Knechte herfahren, und setzte sich oben gegen den Feuerherd, denn es friert ihn immer so. Als nun die Gäste alle beisammen waren, trat Paul hin, tat seine Mütze ab und sagte: »Nun willkommen, ihr lieben Nachbarn! Willkommen, und Dank, daß ihr mir meinen Ehrentag mit wollet feiern helfen! Es sind heute fünfzig Jahr, als ich dies Erbe sehr wüste und verfallen antrat. Ich habe mit Gott angefangen und ihn oft hinterm Pflug um seinen Segen gebeten – und er hat mich gesegnet! Da steht mein Vieh und wiederkäut und wiehert, und in allen den fünfzig Jahren hat mir nie nichts gemangelt. Ich bin nicht wert solcher Barmherzigkeit, das weiß ich – und ich möchte mich in mein Heu verkriechen. Aber Gott ist gnädig und verlangt nur von uns, daß wir seine Güte erkennen; und da hab ich euch heute hergebeten, ihr lieben Nachbarn! daß ihrs mir helfet tun. Helft mir denn heute Gott danken, ihr lieben Nachbarn! und laßt uns hier miteinander fröhlich sein, ihr lieben Nachbarn! Amen!« Die lieben Nachbarn standen alle, andächtig wie in der Kirche, um den alten Paul und drückten ihm die Hand und sagten ihm was Liebes, so Mannsen als Weibsen; sonderlich stand die Liese Westen mit ihrem runden Leib und weinte ihre hellen Tränen. Peter Unke. »Paul, Ihr habt ehrlich gesprochen. Wir wollen auch Gott gerne für Euch danken; aber seht, ein jeder von uns hat genug vor seiner Türe zu fegen.« Anton Schmidt. »Jawohl, Unke! Ihr nehmt mir das Wort aus dem Munde. Ich habe heute früh noch meine Wintersaat angesehen; sie schlägt mir schon wieder übern Kopf zusammen, und ich habe erst voriges Jahr das neunte Korn gedroschen.« Marcus Körner. »Und mir hat Gott gesternabend Zwillinge gegeben, 'n Paar liebe Jungens, die schlagen mir übern Kopf zusammen.« Liese Westen. »Und mir meinen Hans.« Jost. »Und uns allen unsern gnädigen Herrn.« Peter Unke. »Eben der lag mir vor sonderlich im Sinne; denn für den allein können wir Gott nicht genug danken.« Albrecht Kühnert. »Paul, was würde doch Eure selige Sophie sagen, wenn sie uns so heute hier sehen sollte! Aber die ist bei Gott dem Herrn.« Paul Erdmann. »Ja, wills Gott! ist sie bei Gott dem Herrn, und da mag sie auch bleiben. Sonst bin ich den Morgen in meinem Herzen schon 'n paarmal auf 'm Sprung gewesen, sie heute bei mir zu wünschen. Ich hätte sie gerne hier, das weiß Gott, und die alte Hausmutter würde auch einen guten Tag haben.« Peter Unke. »Laßt sie, Paul; sie hat so einen bessern.« Und so ging das unter den Leuten fort. Mein Vetter und ich waren wie vom Himmel gefallen, denn solche Bauern waren uns noch nicht vorgekommen. »Wir sind am rechten Ort abgestiegen«, sagte mein Vetter. »Aber denkt, was der Edelmann für ein wahrhaftiger Wohltäter ist! Und was er selbst für'n Leben haben muß!« Ich hatte das schon gedacht, und mir brannte die Stelle unter den Füßen, bis ich ihn gesehen hätte. Um Mittag kam er mit seinen Gästen, und alle Bauern gingen heraus vor Pauls Hofe ihm entgegen, und führten ihn herein. Zu beiden Seiten auf dem Hofe standen eine Partie Knechte und strichen die Sicheln, und Paul stand in der Mitten. Paul Erdmann. »Das ist unsre Feldmusik, gnädiger Herr! Sie müssen so vorlieb nehmen.« Herr v. Hochheim. »Guten Morgen lieber Paul, und viel Glück! Ihr seht ja heute recht jung aus.« Paul. »Ist keine Kunst für Ihre Bauern, gnädiger Herr; Sie lassen uns nicht alt werden.« Herr v. Hochheim. »Hier kommen wir ein ganzes Haus voll zu Euch.« Paul. »Je mehr, je besser; immer herein.« Paul bewillkommte sie nun alle nach seiner Art, und sie wünschten ihm Glück zu seinem Jubiläo; und so ging der Zug herein ins Haus. Es mochten etwa zehn bis zwölf Personen sein, alle eines wirklich feinen und adligen Ansehens. Sie waren schon 'n Weilchen im Hause gewesen, da kam noch ein großer dicker Herr nach und hatte eine alte dürre Frau am Arm. Ich hatte mich bloß über den Herrn v. Hochheim und über die Leute die mit ihm kamen gefreut, und mich weiter um nichts bekümmert; mein Vetter aber hatte gleich alles befragt, und wußte mir zu sagen, daß der ältliche Mann ein Herr v. Strahlen, die runde freundliche Dame eine verwitwete Frau v. Mecheln und das schöne Fräulein ihre Schwester Louise, daß ferner die und die ein Herr v. Holborn und seine Gemahlin wären u.s.w. Endlich daß der große dicke Herr, der allein nachkam, ein junger Herr v. Saalbader sei, neulich von Reisen zu Hause gekommen und der einzige Sohn seiner Mutter eben der kleinen alten dürren Frau die er am Arm hatte; »und«, setzte mein Vetter hinzu, »diese zwei gehören nicht zu den übrigen, oder ich hänge alle Physiognomik am Nagel. Gebt Ihr acht, Vetter.« Der alte Jost saß noch gegen den Feuerherd, und rauchte eine Pfeife Tabak. Herr v. Hochheim. »Schmeckt Euch der Tabak noch, Jost? – Was macht Ihr, wie ist Euch?« Jost. »Müde, gnädiger Herr, ach so müde! Ich warte alle Tage, stopfe eine Pfeife nach der andern und denke bei jeder es soll die letzte sein, und der liebe Gott macht immer noch nicht Ende.« Herr v. Hochheim. »Geduld, Jost, es wird Ende werden.« Jost. »Ich hin am besten in meinem Lehnstuhl hinterm Ofen, aber ich sollte und mußte herkommen.« Herr v. Hochheim. »Freilich! Ihr seid unser Großpapa, und unser Großpapa muß ja bei uns sein solange er noch da ist.« Ich hatte als die Gesellschaft kam mich schon mit vor dem Herrn v. Hochheim gebückt, und am meisten nach ihm gezielt; aber das genügte mir doch nicht, ich wollte es noch vor ihm allein und absonderlich tun. Ich ging also zu ihm und bückte mich recht herzlich, und auch meinem Vetter glückte dasmal der Bückling über alle Maßen wohl. Herr v. Hochheim fragte uns: wer wir wären, und wir sagten ihm unsern Namen. Wenn man 'n Buch herausgegeben hat, ist man fast in gleichem Fall mit einem der in Steckbriefen nach Rock und Weste beschrieben wird; das Inkognito ist mißlich. So gings auch hier, und der Herr v. Hochheim kannte uns; doch wars mir dasmal nicht leid. Er wunderte sich nicht wenig uns auf Pauls Jubiläo zu finden, und wollte uns dem alten Paul und der übrigen Gesellschaft präsentieren. Frau v. Mecheln. »Halt! Halt! die Frau v. Holborn soll erst ihre Kunst zeigen. Sie will allen Menschen ansehen, was sie für ein Metier haben. Frau v. Holborn! Frau v. Holborn! Kommen Sie doch einmal her. Was sind diese beiden Leute?« Frau v. Holborn. »- Ein paar Musiker.« Herr v. Saalbader. »O que non, Madame; Vous Vous trompez étrangement. Ce n'est pas l'air de musicien. Mais, je vous dirai. Voyez, je m'y connois, voyez –.« Frau v. Holborn. »Nun was sind sie denn?« Herr v. Saalbader. »L'un: tailleur, et l'autre: apothicaire.« Frau v. Mecheln. »Bravo! getroffen.« Herr v. Hochheim wollte, daß wir mit an seinem Tisch essen sollten, und bat den alten Paul: »uns ihm zu überlassen« wie er sich gnädig ausdrückte. Paul wollte auch gleich ja; wir aber konnten ihm unmöglich abtrünnig werden, und sagten zu dem Herrn v. Hochheim, daß wir es uns für eine Ehre schätzten mit seinen Bauern zu essen, und das war die Wahrheit. Indes ward aufgetragen, und beide Gesellschaften setzten sich zu Tische. Herr v. Hochheim hatte den Tag die Hälfte seiner Bedienten zur Aufwartung der Bauern beordert, und sein Kammerdiener mußte hinter Pauls Stuhl stehen. Herr v. Hochheim (zu den Bauern). »Ihr Leute, die Gesellschaft erlaubt euch, eure Hüte aufzusetzen. Und noch eins: wir können uns nicht bequem übersehen; wählt ihr also an eurem Tisch einen Sprecher, an den man sich wende wenn wir etwas miteinander haben. Ich will hier euer Sprecher sein.« Paul fing nun an, aus einer großen Kumme Reisbrei aufzuschüsseln und herumgeben zu lassen, und unterdes wählten die andern einmütig den Peter Unke zum Sprecher, der auch darauf vom alten Paul bestätigt und verkündigt ward. Westen (zu Unke). »Seht da, Unke, eine von unsern Schüsseln auf dem andern Tisch neben dem gnädigen Herrn!« Unke. »Gnädiger Herr, es ist da eine Schüssel mit Reisbrei über die Grenze gekommen. Vergeben Sie, wir wollen sie gleich wieder abholen lassen.« Herr v. Hochheim.»Nicht doch, Unke; die Frau v. Mecheln hat darum gebeten.« Paul Erdmann. »O Frau v. Mecheln, das ist –, das –.« Unke. »Laßts Paul! wenn sie unsre Kost mag. Umsonst hat die gnädige Frau so rote Backen nicht.« Herr v. Saalbader. »Monsieur l'orateur parle Phébus. Ma foi, c'est une pièce à figurer.« Unke (zu mir). »Das galt mich, ob ich's gleich nicht verstehe. Kann Er französisch?« Asmus. »Ja, Herr Sprecher, so etwas.« Unke. »So setz Er sich her zu mir und ich mache Ihn hiemit zu meinem Agenten für die französischen Angelegenheiten.« Derweile war die Suppe am andern Tisch rund gegeben, und an unserm hatte ein jeder seine Schüssel mit Reisbrei vor sich. Unke. »Nun, Paul, sprecht 'n Gebet.« Und Paul legte den großen Löffel andächtig nieder, und sprach eins, und hieß darauf alle Gäste noch einmal von ganzem Herzen willkommen sein. Herr v. Saalbader. »Wer mag doch wohl zuerst den Einfall gehabt haben, zu Tisch zu beten?« Unke. »Doch wohl der zuerst gegessen hat.« Herr v. Saalbader. »Wie könnte mir das einfallen!« Unke. »Wenn Sie nur 'nmal recht hungrig wären, gnädiger Herr, und hätten nichts zu essen; es sollte Ihnen schon einfallen, Gott zu danken, wenn Sie was zu sehen kriegten.« Herr v. Strahlen. »Sehr wahr, Unke; wenn's auch grade nicht laut geschähe und mit gefaltenen Händen. Das denkt Ihr doch auch?« Unke. »Freilich, gnädiger Herr, Gebärde ist Gebärde. Doch hilfts nicht, so schadts auch nicht, und hier ist besser zu viel als zu wenig.« Herr v. Saalbader. »En France on ne prie le bon Dieu jamais.« Frau v. Mecheln. »Tant pis pour la France. Ich habe in Frankreich viel beten sehen.« Herr v. Saalbader. »Aber hat Er von jeher zu Tisch gebetet, Monsieur Paul?« Paul. »So lang ich lebe, gnädiger Herr. Das Essen und Trinken ist ja eine Gabe; wie kann man die denn annehmen ohne an den Geber zu denken? Und es ißt sich auch besser darauf, Herr v. Saalbader.« Unke. »Jawohl, Paul! Und der Mensch ist ja keine Kuh und kein Pferd das nur käut und hinterschluckt.« Herr v. Hochheim. »Lieber Asmus, so still übers Tischgebet?« Asmus. »Hören ist immer die klügste Partie, gnädiger Herr, und sonderlich hier. Ich denke auch, es ist schon gesagt was gesagt werden kann. Der Mensch ist keine Kuh und kein Pferd, er ist aber unter Kühen und Pferden und muß mit ihnen essen; da hebt er denn von Rechts wegen, jedesmal wenn vorgeschüttet wird, den Kopf zuvor auf und besinnt sich sein, damit er indes sein nicht vergesse.« Herr v. Saalbader. »Bien dit, ma foi.« Herr v. Hochheim. »C'est peu de chose, que d'être bien dit, Monsieur de Saalbader .« Unke (zu mir). »Wie heißt der dicke Herr eigentlich?« Asmus. »Herr v. Saalbader.« Unke. »Von Saalbader! von Salbader! Den Namen hab ich nie gehört. Wo ist er her? Hier aus dem Lande kann der nicht sein.« Asmus. »Ich denke auch nicht; aber mein Vetter sagt, daß die v. Saalbaders eine sehr alte Familie sind.« Herr v. Saalbader. »Ich besinne mich eines sehr schönen bonmot übers Gebet, das mir ein Bettelknabe in Genua sagte.« Herr v. Hochheim. »Sie sind also in Italien gewesen, Herr v. Saalbader?« Herr v. Saalbader. »Ja, ein ganzes Jahr.« Frau v. Mecheln. »Auch in Venedig?« Herr v. Saalbader. »Oui Madame, à Venise, à Rome, à Naples, partout.« Frau v. Mecheln. »Haben Sie denn in Venedig auch des Bragadino seine Haut gesehen?« Herr v. Saalbader. »Oui Madame, sans doute. J'aime furieusement cette sorte de drogues, et je possède moi-même la peau d'une très-belle moresse qui eut la Fantasie de se couper la gorge. Ayez la grâce, Madame, Vous et Mademoiselle Louise, de venir cette arrière saison nous voir chez nous, et j'aurai l'honneur de Vous montrer cette peau.« Louise. »Je serois charmée, Monsieur, d'aller voir Madame de Saalbader chez elle, mais Votre peau ne me tente guère.« Frau v. Mecheln. »Aber wer war der Bragadino eigentlich? Ich weiß von ihm nichts und habe nur sehr von ohngefähr einmal irgendwo gelesen, daß seine Haut in Venedig aufbewahrt wird.« Herr v. Saalbader. »Er war venezianischer Kommandant irgendwo, und brachte bei der Gelegenheit seine Haut zu Markt.« Herr v. Holborn. »Er war Kommandant von Cypern, und verteidigte diese Insel edel und meisterlich gegen die Türken, und als sie endlich doch kapitulieren mußte, ließ der türkische General ihm lebendig die Haut abziehen.« Frau v. Mecheln. »Das war grausam!« Herr v. Hochheim. »Und war noch dazu wider gegebenes Wort.« Frau v. Holborn. »Der Türke muß ein abscheuliches Gesicht gehabt haben. Aber Herr v. Saalbader, erzählen Sie uns lieber von den Gemälden, die Sie in Venedig gesehen haben.« Herr v. Saalbader. »Welche Schule ziehen Sie vor, Madam, die Venezianische oder die Römische oder die Lombardische dont le grand Correggio est le chef?« Frau v. Mecheln. »Was gehen uns die Schulen an; erzählen Sie nur. Z. E. von der berühmten Nacht des Correggio.« Herr v. Saalbader. »Nuit, la nuit de Correggio! je n'en sais rien, pas un mot.« Herr v. Hochheim. »Dies schöne Stück ist nicht in Venedig sondern in Dresden.« Herr v. Saalbader. »C'est donc peut-être le seul tableau de prix qui y manque. Car on y voit partout une infinité de chef-d'oeuvres, surtout du grand Titien , qui mourut de la peste et qui fut créé Chevalier et Comte Palatin par l'Empereur Charles V .« Frau v. Mecheln. »Sie scheinen mit Venedig zufrieden zu sein, Herr v. Saalbader?« Herr v. Saalbader. »Bis auf die wunderliche Grille, daß man von ihren Staatsangelegenheiten nicht laut sprechen darf.« Herr v. Strahlen. »Die Grille ist so wunderlich nicht, und erspart manchem ein Urteil, das ihn vielleicht gereuen könnte.« Herr v. Saalbader. »Pourtant ça gêne. Venez Mr. Asmus , nous maudirons un peu les souverains.« Asmus. »Ich nicht, Herr v. Saalbader.« Herr v. Saalbader. »Und warum? Wir sind ja nicht in Venedig?« Asmus. »Aber Venedig ist in mir, und in jedem guten Untertan.« Herr v. Saalbader. »Ah nu, wir wollen auch loben was zu loben ist.« Asmus. »Ich finde das eine so überflüssig als das andre.« Herr v. Saalbader. »So? Und wie denn das?« Asmus. »Weil die Fürsten und Obrigkeiten unmittelbar unter Gottes Augen stehen und also für ihre gerechten und guten Handlungen viel was Bessers haben als Menschenlob, und, wenn je einer eine begehen könnte die nicht gerecht und gut wäre, so schon übel genug daran sind.« Herr v. Saalbader. »Ah, cette philosophie est très sublime.« Während diesem Gespräch war die große Kumme mit Reisbrei weggenommen und eine noch größere mit Fleisch und Kartoffeln an ihre Stelle gesetzt worden. Unke. »Gnädiger Herr, dürfen wir wohl unser Kartoffellied singen?« Herr v. Hochheim. »Ihr habt alle Freiheit, Unke.« Unke. »So fang an, Westen.« Westen. Pasteten hin, Pasteten her,     Was kümmern uns Pasteten? Die Kumme hier ist auch nicht leer, Und schmeckt so gut, als bonne chère     Von Fröschen und von Kröten. Und viel Pastet und Leckerbrot     Verdirbt nur Blut und Magen. Die Köche kochen lauter Not, Sie kochen uns viel eher tot;     Ihr Herren laßt euch sagen! Schön rötlich die Kartoffeln sind     Und weiß wie Alabaster! Sie däu'n sich lieblich und geschwind Und sind für Mann und Frau und Kind     Ein rechtes Magenpflaster. Herr v. Saalbader. »Wo habt Ihr das alberne Lied her, Herr Sprecher?« Unke. »Wir machen uns sonst unsere Lieder selbst, Herr v. Saalbader, dies hat uns der gnädige Herr machen lassen.« Herr v. Saalbader (zu dem Herrn v. Hochheim). »Cher ami, prenez garde à Vous. Vous ferez perdre à ces gens tout le respect qu'ils doivent à la noblesse.« Herr v. Hochheim. »Craignez rien, Monsieur de Saalbader.« Unke (zu mir). »Was sagte der Herr v. Saalbader?« Asmus. »Er lobt Euch, und wünscht, daß alle Bauern ihre Herrschaft so lieben und ehren möchten.« Herr v. Saalbader. »Vous ne m'avez pas bien compris, Mr. Asmus.« Asmus. »Er fürchtet, daß Ihr mit dem Respekt für Pasteten auch den Respekt für Euren gnädigen Herrn verlieret.« Unke. »Gott segne unserm gnädigen Herrn und einem jeden andern seine Pasteten! Kann man denn aber auch Respekt für jemand haben, weil er Pasteten ißt; das ist ja keine Kunst. Ihre Güter, Herr v. Saalbader, müssen ja im blinden Heidentum liegen.« Herr v. Saalbader. »Mr. Asmus , rappelez cet homme à la raison.« Asmus. »Mais je ne sais comment. Ich finde seine Äußerungen sehr gegründet. Esse ein jeder, was er will und was er hat; aber mit wenig zufrieden sein und wenig bedürfen ist doch edler!« Paul. »Das Lied ist auch so gemeint: daß wir einem jeden seine Kost von Herzen gönnen, aber mit unserer von Herzen zufrieden sind.« Unke. »Versteht sich, Paul. Man singt ja nicht andern weh, sondern sich wohl zu tun. Aber wir haben von Kartoffeln gesungen, nun schüsselt auch davon auf.« Kühnert. »Paul, Ihr hättet aber doch heute eigentlich einen Kranz sollen aufhaben.« Westen. »Jawohl, so eine Krone von Maien mit fünfzig Ähren dran, für jede Ernte eine.« Paul. »Nicht doch; die Kronen und Kränze sind nur für die Könige und Bräute.« Unke. »Herr Agent, warum mögen doch die Könige wohl goldne Kronen tragen?« Asmus. »ich weiß es nicht, Unke. Wenn dem König von Frankreich, hab ich 'nmal gelesen, bei der Krönung die Krone aufgesetzt wird, so betet der Erzbischof: ›er trage sie zur Barmherzigkeit!‹ Ich denke, die Krone bedeutet ja wohl: daß der König der erste Mann in seinem Lande, und das Gold: daß er auch der beste sein soll. Fragt 'nmal am andern Tisch; der Adel ist den Fürsten näher als unsereiner, und weiß also natürlich mehr von ihren Angelegenheiten.« Da kamen ein paar Handeljuden, kramten ihren Packen aus und boten ihre Waren feil. Paul kaufte ein seiden Tuch, und ging damit zu der Frau v. Mecheln: »Gnädige Frau, Sie müssen mir nicht verschmähen, ich wollte Ihnen dies Tuch verehren, weil Sie von meinem Reisbrei gegessen haben.« Frau v. Mecheln. »Ich danke Euch, lieber Paul; so müßt Ihr Euch aber auch von mir wieder etwas schenken lassen.« Und nun ging das Ding weiter, und ein jeder kaufte dem alten Paul ein Geschenk zu seinem Ehrentag, und hing's ihm über die Schulter. Auch der eine Jude kam zuletzt noch mit einem rotgestreiften Halstuch: »dürf ich, Paul? Ja ich dürf wohl; wir sind ja auf deutschem Boden!« Und es ward geklatscht. Paul ließ sich alles geruhig aufhängen, und stand endlich da wie ein Hochzeit-Bitter-Stecken. Herr v. Hochheim. »Nun der Paul einmal in Pontificalibus ist, müssen wir gleich seine Gesundheit trinken.« Das geschahe von allen Gästen, und Paul bückte sich demütig, nahm sein Glas und brachte wieder aus: »Alle gnädige hochadlige Herrschaften, die mir heute die Ehre tun in meinem Hause zu essen, und mich eben alle so gnädig beschenkt haben!« Und das tranken wir alle mit; und darauf legte Paul seine Geschenke beiseite und schüsselte wieder Kartoffeln auf. Herr v. Saalbader. »Mais, MonsieurAsmus, comme je vous vois grand Mécénas du genre humain, agréez ma félicitation sur la suppression des ordres religieux, qui se fait presque partout à présent. C'est pourtant un manoeuvre vraiment sage!« Asmus. »Freilich können überhandnehmende Mißbräuche und Umstände eine Änderung notwendig, und zu einer sehr weisen und väterlichen Maßregel machen.« Herr v. Saalbader. »Aber die Orden und Klöster sind in sich Unsinn und Affenspiel.« Asmus: »In sich? – Da sind wir nun verschiedener Meinung, Herr v. Saalbader.« Herr v. Strahlen. »Wie wollten Sie wohl Orden und Klöster rechtfertigen, Herr Asmus?« Asmus. »Mich dünkt, gnädiger Herr, eine Gesellschaft von Menschen, die ihre Ruhe und ihr Glück in dieser Welt nicht finden und es deswegen in einer andern suchen, eine solche Gesellschaft, wenn sie mit Ernst und Wahrheit fährt, ist sehr respektabel; und wenn jemand, der Geld hat und es weggeben kann, einer solchen Gesellschaft eine Gelegenheit macht, wo sie abgesondert und um die notwendigen Bedürfnisse unbekümmert leben kann; so wüßte ich nicht, was dagegen zu sagen wäre.« Herr v. Saalbader. »Wenn nun alle Menschen ins Kloster gehen wollten?« Asmus. »Wenn? – – Wenn nun allen Menschen statt des Odems eine Lohe zum Munde aus- und einführe? – So würden die Pulvermühlen vor der Hand müssen stille liegen.« Herr v. Saalbader. »Aber der Geschmack am Klosterleben ist doch ehmals ziemlich allgemein gewesen; wenn nun alle Menschen ins Kloster gehen wollten?« Asmus. »So brauchte es gar keines Klosters, Herr v. Saalbader; denn die Klöster sollen eben die Menschen, die Klostergesinnungen haben, von den übrigen absondern, die sie nicht haben.« Herr v. Saalbader. »Was sollen denn aber die dicken Bäuche?« Asmus. »Die sollen arbeiten, Herr v. Saalbader. Wir reden hier aber von wahren Klosterleuten.« Herr v. Saalbader. »Auch die könnten bei Manufakturen gebraucht werden.« Asmus. »Das könnten sie freilich. Aber unser Leben hier ist ja doch kein bloßes Manufakturwesen, und das Ende der Welt keine Frankfurter Messe.« Herr v. Saalbader. »Was wollen denn aber die Klosterleute eigentlich?« Asmus. »Das werden sie vermutlich wissen, und ihre Stifter werden es gewußt haben.« Herr v. Saalbader. »Die waren ja alle die größten Narren von der Welt.« Asmus. »Alle, meinen Sie, Herr v. Saalbader? Wer wollte so hart sein. Es möchten doch einige Ordensstifter gewesen sein, die keine Narren waren.« Herr v. Saalbader. »Ja, was wollten denn die Narren? was suchen sie?« Asmus. »Ich habe Ihnen schon gesagt: Ruhe und Glück für sich.« Herr v. Saalbader. »Die liegen ihnen ja vor der Nase. Qu'ils jouissent de la vie, qu'ils goûtent les douceurs que la nature nous offre de toutes parts, qu'ils boivent, qu'ils mangent, qu'ils se livrent aux transports de l'amour et des autres belles passions et cétéra; mais Notabene avec de la modération c. a. d. sans se dégoûter et sans nuire à la santé. Voilà le vrai bonheur, il n'y a pas d'autre! Et c'est l'avis des hommes les plus éclairés en France.« Asmus. »Es gibt in Frankreich sehr verständige Leute, Herr v. Saalbader; die Ihnen das aber gesagt haben, das sind nicht die rechten gewesen. Übrigens liegt das Glück, das Sie im Sinne haben, wirklich wie Sie sagen vor der Nase, und ist nicht zu vermuten daß irgendein Mensch es übersehen werde, noch übersehen habe.« Herr v. Strahlen. »Der alte Mann da wird so blaß aussehen. Alter, wie gehts? Ist Euch kalt?« Jost. »Ja, gnädiger Herr, ja, kalt! Das Fleisch hab ich alles herab gelebt, und nun frieren die Knochen mir immer so.« Herr v. Saalbader. »Und nun vollends die Nonnenklöster! Quelle bêtise, de maltraiter ainsi les plus belles et les plus aimables créatures! Ah, que je serois prêt à rendre justice à leur beauté!« Asmus. »Sprechen Sie nicht so, Herr v. Saalbader. Vielleicht sind Sie darum ein Edelmann, weil Ihr Urgroßvater seinerzeit ein unschuldiges Mädchen großmütig vom Verderben gerettet und im Guten erhalten hat.« Herr v. Saalbader. »Ha ha ha, un gentilhomme pour avoir sauvé – –! C'est drôle.« Asmus. »Ich glaube, daß Ihnen das im Ernst lustig dünkt; aber das ist eben der Fehler, Herr v. Saalbader, und ist für Sie nicht gut, glauben Sie mir. Ihnen behagt das Gefühl der groben sinnlichen Liebe so sehr. Sie sollten die bessere Liebe kennen, und das Gefühl von Großmut und Edelmut; das kommt noch ganz anders! Und es hält länger. Wenn Ihnen 'nmal, wie dem alten Jost, die Knochen erst immer so frieren; sehen Sie, denn gelten Ihre Bonmots nicht mehr. Aber, edel und gut gewesen sein das gilt denn noch, und wärmt und ölt die Knochen von innen heraus. Verführen Sie nie ein Mädchen, Herr v. Saalbader. Sie sind ein Edelmann; und so muß Ihnen ein jedweder Vater 'n Freund sein, und ein jedes Mädchen ist die Tochter Ihrer Freundin! Wofür wären Sie sonst ein Edelmann?« Herr v. Saalbader. »Zum Henker, was ist denn ein Edelmann?« Asmus. »Es war in einem Lande ein Mann, der sich durch hohen Sinn, durch Rechtschaffenheit, Uneigennützigkeit und Großmut über alle seinesgleichen erhob, und um alle seine Nachbarn verdient machte; dieser Zirkel war aber nur klein, und weiterhin kannte man ihn nicht, so sehr man sein bedurfte. Da kam der Landesherr, der mit der goldnen Krone an seiner Stirn, und nannte diesen Edlen öffentlich seinen Angehörigen, und stempelte ihn vor dem ganzen Lande als einen Mann, bei dem niemand je gefährdet sei, dem sich ein jedweder, Mann oder Weib, mit Leib und Seele sicher anvertrauen könne – und das ganze Land dankte dem Landesherrn, und ehrte und liebte den neuen Edelmann. Und weil der Apfel nicht weit vom Stamme fällt, und der Sohn eines edlen Mannes auch ein edler Mann sein wird; so stempelte der Landesherr in solchem Vertrauen sein ganzes Geschlecht in ihm mit, legte ihm auch etwas an Land und Leuten zu, wie Eisenfeil an den Magneten, daß seine wohltätige Natur, bis er ihn etwa selbst brauche, daran zu tun und zu zehren habe.« Herr v. Saalbader. »Auf diese Weise konnte ja ein Bürgerlicher ein edler Mann sein?« Asmus. »Haben Sie denn daran je gezweifelt?« Herr v. Saalbader. »Ich will sagen, es kann einer edel sein, und noch nicht adlig.« Asmus. »Nicht allein das, sondern es kann auch einer noch adlig sein, und nicht mehr edel; denn bis der Landesherr den Stempel wieder tilgt, muß jedermann, aus Achtung für den Landesherrn, den Edelmann für einen edlen Mann ehren, er mags sein oder nicht.« Herr v. Saalbader. »Immer besser. So wäre also der Adel nur eine Fontange, die wieder abgenommen werden kann!« Asmus. »Natürlich! Das geschieht ja auch in der Welt. Warum wird einem Edelmann auf dem Echafaut sein Wappen zerschlagen? Der Landesherr kann ja unmöglich einen Edelmann strafen, darum nimmt er zuvor sein Wort zurück und tilgt seinen Stempel wieder.« Herr v. Saalbader. »Am Ende hätte denn also ein Edelmann vor dem bürgerlichen edlen Mann nichts voraus?« Asmus: »Sehr vieles. Dieser muß sich erst Achtung und Vertrauen erwerben, und gilt doch nur immer wo man ihn kennt, bleibt doch nur Privatgut; der Edelmann gilt überall, ist kurrente Münze unter Autorität des Landesherrn, ist öffentliches Gut, daran alle Menschen ein Recht, und zu dem sie alle Vertrauen haben.« Herr v. Saalbader. »Und Ahnen und Alter der Familie, die wären denn gar nichts.« Asmus. »Sehr vieles; oder rechnen Sie das wenig, wenn ein Geschlecht von Vater auf Sohn viele hundert Jahre hindurch die Liebe und die Freude der Menschen, und ein Segen der ganzen Gegend gewesen ist?« Herr v. Saalbader. »Mais – alors il vaudroit mieux, se faire soldat.« Asmus. »Grade da können Sie die Bestätigung von dem sehen, was ich Ihnen sage. Sie wissen, alle Offiziers haben als Offiziers adlige Vorrechte. Nämlich weil, sonderlich in Kriegszeiten, Menschenleben und Glück und Unglück der armen Einwohner viel von ihnen abhängt, und oft ganz in ihrer Hand ist; so ordneten die Fürsten, daß solche Stellen nur einem edlen Manne verliehen werden könnten.« Herr v. Saalbader. »Il y a du héroique dans cette doctrine. Mais chère Mama, Vous, qu'en jugez Vous, et ce philosophe comment Vous plaît-il!« Frau v. Saalbader. »J'enrage, je frémis d'indignation, et je vous défends de l'honorer derechef de Vos réponses. C'est un talmudiste incarné; il parle comme un ivre, comme un perroquet, comme un hareng, comme un –« Asmus. »Gnädige Frau, ich vermute aus Ihren Reden, daß Sie unwillig sind. Es wäre mir sehr leid, wenn ich Sie beleidigt hätte, und ich wollte Sie gerne wieder um Vergebung bitten. Aber ich habe weder Ihren Sohn noch Ihren Adel beleidigt, habe Sie auch nicht beleidigen wollen. Und so werde ich mich am Ende über Ihren Unwillen trösten müssen; es wäre mir aber doch lieber, wenn Sie nicht unwillig wären. Es ist das erstemal, daß ich die Ehre habe Sie zu sehen, und vermutlich werde ich diese Ehre nicht wieder haben; besinnen Sie sich gnädige Frau! Ich ehre Ihren Stand! Und wenn Sie ihn auch so ehrten, es würde Ihnen ein gut Teil besser zumut sein, als Ihnen itzo ist. Und mich dünkt, Sie sollten darum nicht zürnen, daß ich Ihnen das wohl gönnte.« Herr v. Holborn. »Apaisez-Vous Madame, il ne mérite pas Votre courroux, et ce qu'il dit est très raisonnable.« Louise. »En vérité, très raisonnable.« Herr v. Strahlen etc. Frau v. Mecheln etc. etc. etc. etc. etc. Unke (zu mir). »Seine Gesundheit! die Frau v. Saalbader trinkt sie doch wohl nicht.« Asmus. »Und wenn sie niemand trinkt, Unke! so trink ich sie selbst. Es gibt hier aber noch wohl an dere Gesundheiten zu trinken. Seht, der Paul hat da was im Sinne.« Paul (zu Liese Westen). »Ihr rückt so Liese; Euch wird das Sitzen sauer, nicht wahr? – Nun helf Euch Gott, wenn Eure Stunde kommt!« Körner. »Wie gesagt: Allen Schwangeren und Sängern fröhliche Frucht und Gedeihen! Aber meine Frau mit eingeschlossen.« Albrecht Kühnert. »Wie gesagt!« Hans Westen. »Liese, helf dir Gott liebe Liese! – Aber steh auf, wenn du nicht länger sitzen kannst.« Asmus. »Die armen Weiber. Kommt Unke, Ihr stoßt doch auch mit an? Aber recht herzhaft.« Unke. »Mir hält kein Glas bei solchen Gesundheiten.« Herr v. Hochheim (zu den Bauern). »Ihr Leute, sollen wir nicht unser Bauernlied haben?« Unke. »Gleich, gnädiger Herr. (Zu Westen.) Westen, sing vor.« Sie sangen darauf das Bauernlied, wie folget. Ich weiß nicht, was dies Lied für Effekt tut, wenns gelesen wird; aber was es tat als es hier die Bauern sangen, das weiß ich wohl. Und deswegen rate ich einem jeden, es von solchen Bauern singen zu lassen. Die Musik, sagten sie, sei aus Italien. Ich habe sie da hergesetzt, so gut ich sie behalten habe; 'n jeder mag sie verbessern, oder sich eine andere machen. Der Vorsänger Hans Westen.         Im Anfang wars auf Erden     Nur finster, wüst, und leer; Und sollt was sein und werden,     Mußt' es wo anders her. Coro. Alle Bauern. Alle gute Gabe Kam oben her, von Gott, Vom schönen blauen Himmel herab! Vorsänger. So ist es hergegangen     Im Anfang, als Gott sprach; Und wie sich's angefangen,     So geht's noch diesen Tag. Coro. Alle gute Gabe Kömmt oben her, von Gott, Vom schönen blauen Himmel herab! Vorsänger. Wir pflügen, und wir streuen     Den Samen auf das Land; Doch Wachstum und Gedeihen     Steht nicht in unsrer Hand. Coro. Alle gute Gabe Kömmt oben her, von Gott, Vom schönen blauen Himmel herab! Vorsänger. Der tut mit leisem Wehen     Sich mild und heimlich auf, Und träuft, wenn wir heim gehen,     Wuchs und Gedeihen drauf. Coro. Alle gute Gabe etc. Vorsänger. Der sendet Tau und Regen,     Und Sonn- und Mondenschein, Der wickelt Gottes Segen     Gar zart und künstlich ein, Coro. Alle gute Gabe etc. Vorsänger. Und bringt ihn denn behende     In unser Feld und Brot; Es geht durch seine Hände,     Kömmt aber her von Gott. Coro. Alle gute Gabe etc. Vorsänger. Was nah ist und was ferne,     Von Gott kömmt alles her! Der Strohhalm und die Sterne,     Der Sperling und das Meer. Coro. Alle gute Gabe etc. Vorsänger. Von ihm sind Büsch' und Blätter,     Und Korn und Obst von Ihm, Von Ihm mild Frühlingswetter,     Und Schnee und Ungestüm. Coro. Alle gute Gabe Kömmt oben her, von Gott, Vom schönen blauen Himmel herab! Vorsänger. Er, Er macht Sonnaufgehen,     Er stellt des Mondes Lauf, Er läßt die Winde wehen,     Er tut den Himmel auf, Coro. Alle gute Gabe etc. Vorsänger. Er schenkt uns Vieh und Freude,     Er macht uns frisch und rot, Er gibt den Kühen Weide,     Und unsern Kindern Brot. Coro. Alle gute Gabe etc. Vorsänger. Auch Frommsein und Vertrauen,     Und stiller edler Sinn, Ihm flehn, und auf Ihn schauen,     Kömmt alles uns durch Ihn. Coro. Alle gute Gabe etc. Vorsänger. Er gehet ungesehen     Im Dorfe um und wacht, Und rührt die herzlich flehen     Im Schlafe an bei Nacht. Coro. Alle gute Gabe etc. Vorsänger. Coro fällt ein. Darum, so woll'n wir loben,     Und loben immerdar Den großen Geber oben.     Er ists! und Er ists gar! Coro, Coro. Alle gute Gabe etc. Unke. »Gnädiger Herr, wir haben noch etwas hinten dran gemacht, auf heute; dürfen wir das auch singen?« Herr v. Hochheim. »Warum nicht, Unke?« Vorsänger Westen.         Und Er hat große Dinge     An Nachbar Paul getan; Denn ärmlich und geringe     Trat Paul sein Erbe an. Coro. Alle gute Gabe etc. Vorsänger. Er hat bewahrt vor Schaden,     Hat reichlich ihn bedacht, Hat heute ihm aus Gnaden     Ein Jubilei gemacht. Coro. Alle gute Gabe Kömmt oben her, von Gott, Vom schönen blauen Himmel herab. Vorsänger. Und solche Gnad und Treue     Tut er den Menschen gern. Er segne Paul aufs neue,     Und unsern lieben Herrn! Unke. »Das noch einmal, Westen.« Vorsänger Westen.         Und solche Gnad und Treue     Tut er den Menschen gern. Er segne Paul aufs neue,     Und unsern lieben Herrn! Coro. Alle gute Gabe Kömmt oben her, von Gott, Vom schönen blauen Himmel herab! Der alte Paul saß sehr bewegt, und sahe einen Nachbarn nach dem andern an. »Nachbarn! ich danke euch! Gott lasse einen jeden von euch den Tag auch erleben, und gebe ihm denn auch solche Nachbarn als er mir gegeben hat. – – – Aber laßt uns nun unsre beste Gesundheit trinken. Steht auf Kinder, und ruft den Knechten daß sie die Sicheln streichen.« Herr v. Hochheim merkte, worauf es gemünzt war, und sahe Paul an und schüttelte mit dem Kopf. Der aber hörte nicht drauf. Herr v. Hochheim (zu den Bauern). »Laßts gut sein Leute, wenigstens bleibt sitzen.« Paul. »Nein, gnädiger Herr! Sie sind es wert. Steht alle auf Kinder, und nehmt die Hüte ab. Wir wissen wohl, gnädiger Herr, daß Sie unsern Dank nicht verlangen; so sehen Sie weg. Wir wollen ihn hier vor Gott bringen, und der wird nicht wegsehen.« Unke. »Aufgestanden wer sich rühren kann! Unsers gnädigen Herrn seine Gesundheit soll getrunken werden.« Westen. »Es wird wohl auch schwerlich einer wollen sitzen bleiben, Unke.« Unke. »Seht! Jost ist eingeschlafen! Laßt ihn. Gott gibts seinen Freunden schlafend, er wird den alten Jost auch schlafend hören. Laßt ihn, und gebt mir sein Glas in die linke Hand.« Die Bauern standen nun alle, mit entblößtem Haupt. Auch am andern Tisch, als ob die Empfindung epidemisch würde und Recht 'nmal Recht bleiben wollte, stand einer nach dem andern auf, auch der Herr v. Saalbader und seine Mutter. Und die Knechte strichen die Sicheln. Paul (mit dem Glas in der Hand). »Nun denn in Gottes Namen. Unsers lieben, guten, frommen, gnädigen Herrn v. Hochheim seine Gesundheit! – daß Gott ihm lohne! – – und daß Gott ihn segne – – – – – – – – – – wie er uns segnet! – – – – – – – – – – – – – Gesundheit! Unser lieber Unser von Gesundheit Der gnädige Freude und – – Herr! Hochheim und die Herr Segen Unser und alles soll leben! über von Gesundheit! gnädiger was sein ewige Und wer Hochheim! – – Herr! ist, hier Seligkeit! rechtschaffen und über Ich wollte zeitlich und ist und jeden Gesundheit! für ihn dort ewig- – – Gott wahren – – durchs lich. – – fürchtet! Edelmann! Wasser – – etc. – – laufen. – – etc. Vorrede des Übersetzers. 1782 Das Buch: Des Erreurs et de la Vérité ist ein sonderlich Buch, und die Gelehrten wissen nicht recht was sie davon halten sollen, denn man versteht es nicht, und man soll doch eigentlich verstehen was man richten will. Hin und wieder tut wohl der Verfasser seinen Mund auf und spricht, wie in der Erklärung von dem Ursprung des Bösen, von der Freiheit des Menschen und an andern Orten; und da befriedigt er mehr, als was bisher über die Dinge im Umlauf war. Meistens aber geht er wie ein Geist, mit verschlossenem Munde und aufgehobenem Zeigefinger, auf etwas hinweisend da wir nicht von wissen; und seine Winke und Äußerungen sind allerdings groß und erfreulich wie die Gipfel der väterlichen Berge, aber zu gleicher Zeit so exzentrisch und wunderbar, daß unsre Vernunft ihren Zirkel nirgend anlegen, und sie nicht zusammenhängen und reimen kann. Dies nun hat, an und für sich, nichts zu sagen. Denn wenn unsre Vernunft nur in der Wüsten der materiellen Natur einigen Bescheid weiß und geben kann; so geht eigentlich da, wo sie die Zähne blökt und die Hände übern Kopf zusammenschlägt, das gelobte Land allererst an, und wenn auf dem Acker landesüblicher Gelehrsamkeit die Weisheit nicht wächset, wie das wohl schwerlich der Ackersleute einer in Ernst denken wird; so müssen natürlich Winke und Äußerungen von ihr wunderbar dünken. Indes bleibt immer doch vorher die Frage über die Authentizität solcher Winke und Äußerungen, und man muß freilich nicht gleich für Feuer vom Himmel nehmen, was auch vielleicht nur Irrlicht und Johannes-Würmchen-Feuer sein kann. Viele Leser wollen diesem Verfasser gar kein Feuer zugestehen sondern nur Rauch, und sie vergleichen sein Buch einem Gemälde wo der Himmel um und um mit Wolken bedeckt ist. Sie haben dazu ohne Zweifel ihre Ursachen; übrigens ist die Vergleichung mit dem Wolken-Gemälde gar nicht so übel, und gibt es einige Gemälde dieser Art wo aus den Wolken eine Hand vorkommt die etwas geben will. Die Sinnesart eines Schriftstellers: was ihn treibt: was er will: ist über ihn der sicherste und beste Meilenzeiger, den auch gewöhnlich ein jeder, freilich sehr oft nicht zu seinem Vorteil und wider sein Wissen und Willen, für kundige Leser seiner Karte beifügt. Ich verstehe dies Buch auch nicht; aber, außer dem Eindruck von Superiorität und Sicherheit, finde ich darin einen reinen Willen, eine ungewöhnliche Milde und Hoheit der Gesinnung, und Ruhe und ein Wohlsein in sich. Und das geht einem zu Herzen; wir wollen doch alle gerne wohlsein, suchen doch alle Ruhe und finden sie nicht! Auch gibt es keine Reinheit, keine Ruhe, und kein Wohlsein außer dem Guten. Mit uns Gelehrten sieht es in diesem Stück sehr zweideutig aus. Die Gelehrsamkeit mag ehedem ein Ding gewesen sein, das den Menschen in sich zurecht setzte, das ihn wandelte und züchtigte zu suchen und zu haben eine eigne innerliche Herrlichkeit, und zu verschmähen, würklich und von Herzen, die Herrlichkeit des Bassa von drei Roßschweifen; nach dem dermaligen Lauf der Dinge ist sie ein nützliches Hausgerät, ein honetter Filzhut auf dem Gelehrten ihn wider Frost und Kälte zu decken, viel oft auch ein Paradehut, und zuweilen gar eine Chapeaubashut mit dem er vor dem Bassa wedelt und sich beliebt macht. Unsre Bücherschreiberei ist eitles Selbstbedürfnis, aus den oder jenen Gründen, eine Kunst auf der Maultrommel zu spielen und das Publikum tanzt! und inwendig sehen Schriftsteller und Leser, Gelehrte und Ungelehrte sich einander ziemlich gleich; denn ob einer auf einen Schnurrbart oder auf eine Metaphysik und Henriade eingebildet und ein Narr ist, ob einer über einen größern Kürbis oder über die Erfindung der Differential- und Integralrechnung hasset und neidet; kurz, ob man sich von seinen fünf Jochochsen oder von seiner Polyhistorei am Seil halten und hindern läßt, das scheint im Grunde einerlei zu sein und nicht zweierlei. Sonder allen Zweifel wird einer oder der andre Gelehrte bedacht sein, den Verfasser zu widerlegen. Einmal aber hat schon das Widerlegen an sich seine Schwierigkeiten bei einem Buch das man nicht ganz versteht; denn, wenn man hie und da einzelne Sätze heraushebt und sie nach seinem eignen Münzfuß deutet und wie die Worte lauten, so kann gar leicht ein Fehl mit einfließen und dem Verfasser ein unrechter Sinn angedichtet werden, zumal er selbst ausdrücklich erklärt, daß er oft eins sage und ein ganz anderes meine, und überhaupt viel im Sinne behalte; und denn so ist des Verfassers seine Hauptlehre: der Mensch mache, sich selbst gelassen und ohne die Leitung der allgemeinen zeitlichen tätigen und verständigen Ursache, wie ers nennt, eitel Irrtum und Torheit, wisse und vermöge gar nichts ohne sie, so wie mit ihr alles. Dadurch verlieren denn offenbar auch die allergründlichsten Widerlegungen der Gelehrten allen ihren Stachel, und der beste und zugleich der einzige Weg etwas auszurichten wäre wohl der: daß man Fleiß anwendet, diese Ursache, wenn sie da ist, zu erkennen und von ihr geleitet zu werden. Denn alsdenn würde man au fait sein, wäre dem Verfasser gewachsen, und könnte über sein Buch richten und entscheiden, nämlich ob es sei ein taubes Wetterleuchten, oder ein milder Stern aus bessern Welten. Doch, wie könnte der Verfasser recht haben, wie könnten seine mancherlei Äußerungen über die Wahrheit in facto gegründet sein; wir wissen ja von dem allen, was er äußert und zu verstehen gibt, so gar nichts, sehen auch den Zusammenhang nicht ein? Man mag noch beßre Gründe dagegen haben, der allein tuts nicht. Denn, Lieber! siehe an die Sonne, wie sie so herrlich und so hell scheint! und kannst du eine Faustvoll Strahlen mit den Wurzeln herausreißen, und sehen wie sie hervorwachsen? Kannst du den Mond mit der Hand fassen, und seinen Saft in deinen Becher drücken? und siehe! er leuchtet in aller Welt und feuchtet die Erde und das Meer, und die Flut kommt die Elbe heraufgebraust, ob wir ihn sehen oder nicht? Ist uns aber in der materiellen Natur noch vieles verborgen, für die wir den Gebrauch von drei Sinnen haben; wie mögen wir über die immaterielle richten, für die wir nicht den Gebrauch von einem haben, den der Verfasser die sinnliche Fähigkeit oder den Sinn des Geistes nennt? Von den menschlichen Wissenschaften denkt und spricht er gar sehr kleinlich. Viel Gönner und Freunde wird er sich nun dadurch nicht machen; bekanntlich ist das aber auch eben kein erhabenes Projekt, und es gibt wohl noch etwas Klügeres zu tun. Der Schmeichler buhlt um Beifall, macht die Menschen groß in ihrem Sinn, und sie werden klein; der beßre Mann macht sie klein, auf daß sie groß werden. Ist also schon hier in dem Gange des Verfassers ein Edles, und wer kann sagen, ob er nicht recht hat? Was er von Isolierung der einzelnen Zweige unserer Wissenschaften und von Vereinerleiung der verschiedenen Klassen der Dinge an Hand gibt, leuchtet augenscheinlich als wahr ein. Sein Grundsatz: daß das Resultat aus und durch das Prinzipium und nicht das Prinzipium durch und aus dem Resultat erklärt und erkannt werden müsse, und daß die menschlichen Wissenschaften grade darum weil sie umgekehrt verfahren so krüpplicht und leblos sind, dürfte mehr Widerspruch finden. Da indes das Prinzipium doch das erste und das Resultat allererst das zweite ist; so scheint: beim Resultat anfangen, wirklich beim unrechten Ende angefangen zu sein, und übrigens verrät die so beliebte mathematische Lehrart, daß die Gelehrten selbst den Grundsatz des Verfassers glauben und annehmen, nach ihrer Art. Am Ende können wir Gelehrte wohl über den Wert unserer verschiedenen Wissenschaften untereinander, und über ihren mancherlei zeitlichen Nutzen urteilen; aber über ihren eigentlichen Wert können wir nicht urteilen, denn wir kennen ja nichts weiter als sie, und der urteilt und hält allemal zu hoch von seinem Landsee, wer noch nie das offene Meer gesehen hat. Doch dies Buch sei, was es wolle; es läßt die Weltangelegenheiten und zeitlich Ding unangerührt, und predigt Verleugnung eignen Willens und Glauben an die Wahrheit, predigt die Nichtigkeit dieser Welt, die Blöde und Brechlichkeit der sinnlichen und körperlichen Natur im Menschen und die Hoheit seiner verständigen Natur oder seines Geistes, und leitet und treibt auf allen Blättern von dem Sichtbaren zu dem Unsichtbaren, von dem Vergänglichen zu dem Unvergänglichen! und das ist doch nichts Böses, und wer möchte das nicht gerne befördert haben? Und so habe ich dies Buch übersetzt, und wer es dazu braucht, der tut sicherlich wohl; und wer es zu eitler und törichter Absicht braucht, der tut nicht wohl, und mag sich besinnen und klug werden. Wir Menschen gehen doch wie im Dunkeln, sind doch verlegen in uns, und können uns nicht helfen, und die Versuche der Gelehrten es zu tun sind nur brotlose Künste. Auch ist das Gefühl eigner Hülflosigkeit zu allen Zeiten das Wahrzeichen wirklich großer Menschen gewesen, ist überdem ein feines Gefühl, und vielleicht der Hafen, aus dem man auslaufen muß um die Nordwestpassage zu entdecken. Der Mensch hat einen Geist in sich, den diese Welt nicht befriedigt, der die Treber der Materie, die Dorn und Disteln am Wege mit Gram und Unwillen wiederkäut, und sich sehnet nach seiner Heimat. Auch hat er hier kein Bleiben, und muß bald davon. So läßt es sich an den fünf Fingern abzählen, was ihm geholfen sein könne mit einer Weisheit die bloß in der sichtbaren und materiellen Natur zu Hause ist. Sie kann ihm hier auf mancherlei Weise lieb und wert sein, nachdem sie mehr oder weniger Stückwerk ist; aber sie kann ihm nicht genügen. Wie könnte sie das, da es die körperliche Natur selbst nicht kann und sie ihn auf halbem Wege verläßt, und, wenn er weggetragen wird, auf seiner Studierstube zurückbleibt, wie sein Globus und seine Elektrisiermaschine? Was ihm gnügen soll, muß in ihm, seiner Natur, und unsterblich wie er sein; muß ihn, weil er hienieden einhergeht, über das Wesen und den Gang dieser körperlichen Natur und über ihre Gebrechen und Striemen weisen und trösten und ihn in dem Lande der Verlegenheit und der Unterwerfung in Wahrheit unverlegen und herrlich machen; und wenn er von dannen zieht mit ihm ziehen durch Tod und Verwesung, und ihn wie ein Freund zur Heimat begleiten. Solch' eine Weisheit wird freilich in keinem Buch gefunden, wird nicht um Geld gekauft noch mit Halbherzigkeit zwischen Gott und dem Mammon. Zeuch deine Schuhe aus, denn da du auf stehest ist ein heilig Land! Aber sie ist, das wissen wir; und wer sich des Odems in seiner Nasen bewußt ist nimmt das zu Herzen, und wenn er sie in der sichtbaren und materiellen Natur und in seinem eignen Dünkel nicht findet, läßt er sich guten Rat warnen und sucht sie auf einem andern Wege. Abendlied             Der Mond ist aufgegangen, Die goldnen Sternlein prangen     Am Himmel hell und klar; Der Wald steht schwarz und schweiget, Und aus den Wiesen steiget     Der weiße Nebel wunderbar. Wie ist die Welt so stille, Und in der Dämmrung Hülle     So traulich und so hold! Als eine stille Kammer, Wo ihr des Tages Jammer     Verschlafen und vergessen sollt. Seht ihr den Mond dort stehen? Er ist nur halb zu sehen,     Und ist doch rund und schön! So sind wohl manche Sachen, Die wir getrost belachen,     Weil unsre Augen sie nicht sehn. Wir stolze Menschenkinder Sind eitel arme Sünder,     Und wissen gar nicht viel; Wir spinnen Luftgespinste, Und suchen viele Künste,     Und kommen weiter von dem Ziel. Gott, laß uns dein Heil schauen, Auf nichts Vergänglichs trauen,     Nicht Eitelkeit uns freun! Laß uns einfältig werden, Und vor dir hier auf Erden     Wie Kinder fromm und fröhlich sein! Wollst endlich sonder Grämen Aus dieser Welt uns nehmen     Durch einen sanften Tod! Und, wenn du uns genommen, Laß uns in Himmel kommen,     Du unser Herr und unser Gott! So legt euch denn, ihr Brüder, In Gottes Namen nieder;     Kalt ist der Abendhauch. Verschon uns, Gott! mit Strafen, Und laß uns ruhig schlafen!     Und unsern kranken Nachbarn auch! Das Gebet, das, nach dem Lactanz, ein Engel in der Nacht den Lecinius lehrte und es ihn und sein ganzes Heer beten hieß, als er gegen den Maximinus die entscheidende Schlacht pro aris et focis halten sollte. »Summe Deus, te rogamus: sancte Deus, te rogamus: omnem justitiam tibi commendamus: salutem nostram tibi commendamus: imperium nostrum tibi commendamus. Per te vivimus, per te victores et felices existimus. Summe, sancte Deus, preces nostras exaudi: brachia nostra ad te tendimus. Exaudi sancte, summe Deus.« Ist sehr schön, denke ich, und könnt's wohl 'n Engel gemacht haben. Auch wird's, denke ich, ein jeder gleich verstehen, wenn er auch sonst kein Latein verstünde. [Da dies in Zeiten des Internet vielleicht nicht mehr gilt: »Höchster Gott, dich bitten wir: heiliger Gott, dich bitten wir: alle Gerechtigkeit legen wir auf dich: unser Heil vertrauen wir dir an. Durch dich leben wir, durch dich gehen wir als Sieger und Glückliche hervor. Höchster, heiliger Gott, erhöre unsere Bitten: unsere Arme strecken wir nach dir aus. Erhöre uns, heiliger, höchster Gott.«] Ein Lied nach dem Frieden Anno 1779             Die Kaiserin und Friederich Nach manchem Kampf und Siege, Entzweiten endlich aber sich, Und rüsteten zum Kriege;     Und zogen mutig aus ins Feld, Und hatten stolze Heere, Schier zu erfechten eine Welt Und »Heldenruhm und Ehre« –     Da fühlten beide groß und gut Die Menschenvater-Würde, Und wieviel Elend, wieviel Blut Der Krieg noch kosten würde;     Und dachten, wie doch alles gar Vergänglich sei hienieden, Und sahen an ihr graues Haar... Und machten wieder Frieden.     Das freut mich recht in meinem Sinn! Ich bin wohl nur fast wenig; Doch rühm ich drob die Kaiserin, Und rühm den alten König!     Denn das ist recht und wohlgetan, Ist gut und fürstlich bieder! Und jeder arme Untertan Schöpft neuen Odem wieder.     Ah, »Heldenruhm und Ehr« ist Wahn! Schrei sich der Schmeichler heiser; Die Güte ziemt dem großen Mann, Nicht eitle Lorbeerreiser.     Gut sein, gut sein, großmütig sein, Vollherzig zum Erbarmen, Ein Vater aller, groß und klein, Der Reichen und der Armen!     Das machet selig, machet reich, Wie die Apostel schreiben, Ihr guten Fürsten, und wird euch Nicht unbelohnet bleiben.     Gott wird euch Ruhm und Ehr und Macht Die Hüll und Fülle geben, Ein fröhlich Herz bei Tag und Nacht, Und Fried und langes Leben.     Und kömmt die Stunde denn, davon Wir frei nicht kommen mögen, Euch schlecht und recht, ohn eine Kron, Hin in den Sarg zu legen;     So wird der Tod euch freundlich sein, Euch sanft und bald hinrücken, Und es wird euer Leichenstein Im Grabe euch nicht drücken.     Und wie die Kinder wollen wir, Die Großen mit den Kleinen, Um euch an eures Grabes Tür Von ganzem Herzen weinen. –     Nun! segne Gott, von oben an, Die teil am Frieden nahmen! Gott segne jeden Ehrenmann, Und straf die Schmeichler! Amen! An die Frau B...r                 Daß du so gut gestorben bist, Und all dein Leid und alle deine Plagen Bis in den Tod, wie's Gottes Wille ist, Mit stillem Mut und mit Geduld getragen; Daß du – O zürne nicht im Himmel, wo du bist! Ich will nicht loben und nicht klagen; Ich wollt' es bloß an deinem Grabe sagen, Weil es die reine Wahrheit ist. Neue Erfindung Hab' eine neue Erfindung gemacht, Andres, und soll Dir hier so warm mitgeteilt werden. Du weißt, daß in jeder gut eingerichteten Haushaltung kein Festtag ungefeiert gelassen wird, und daß ein Hausvater zulangt, wenn er auf eine gute Art und mit einigem Schein des Rechtes einen neuen an sich bringen kann. So haben wir beide, außer den respektiven Geburts- und Namenstagen, schon verschiedene andre Festtage an unsern Höfen eingeführt, als das Knospenfest, den Widderschein, den Maimorgen, den Grünzüngel wenn die ersten jungen Erbsen und Bohnen gepflückt und zu Tisch gebracht werden sollen, und so weiter. Nun ist wohl wahr, daß der Sommer und sonderlich das Frühjahr viel schön sind. Gleich wenn der Winterschnee auftauet und man den bloßen Leib der Erde zum erstenmal wieder sieht, fängt diese Vielschönheit an, und geht denn immer mit größern Schritten fort, bis Blumen und Blätter aufgeblühet sind und der Mensch vor dem vollen Frühling steht, wie Gleims Kind vor einem schönen Blumenkorb. Und gewiß lehret uns der Frühling Gott und seine Güte sonderlich; denn, wie Freund Fritz sagt, was so zu Herzen geht muß aus irgendeinem Herzen kommen. Und also sind die Frühlings- und Sommerfesttage gar sehr am rechten Ort, ich habe nichts dawider. Es ist mir aber doch immer schon vorgekommen, daß im Herbst und Winter auch was zu machen wäre, nur habe ich die Sache noch nie recht ins Klare bringen können. Gestern aber, wie das mit den Erfindungen ist: man findet sie nicht sondern sie finden uns, gestern als ich im Garten gehe und an nichts weniger denke, schießen mir mit einmal zwei neue Festtage aufs Herz, der Herbstling und der Eiszäpfel, beide gar erfreulich und nützlich zu feiern. Der Herbstling ist nur kurz, und wird mit Bratäpfeln gefeiert. Nämlich: wenn im Herbst der erste Schnee fällt, und darauf muß genau achtgegeben werden, nimmt man soviel Äpfel als Kinder und Personen im Hause sind und noch einige darüber, damit wenn etwa ein Dritter dazu käme keiner an seiner quota gekürzt werde, tut sie in den Ofen, wartet bis sie gebraten sind, und ißt sie denn. So simpel das Ding anzusehen ist, so gut nimmt sich's aus wenns recht gemacht wird. Daß dabei allerhand vernünftige Diskurse geführt auch oft in den Ofen hineingekuckt werden muß etc. versteht sich von selbst. Und soviel vom Herbstling. Der Eiszäpfel will nun wieder ganz anders traktiert sein, und hat seine ganz besondre Nücken. Mancher denkt wohl: wenn er Eiszapfen am Dache sieht könne er nur gleich anfangen zu feiern; aber weit gefehlt, es wird mehr dazu erfordert. Der Eiszäpfel kann durchaus ohne einen Schneemann nicht gefeiert werden, und dazu muß erst Schnee sein und Tauwetter kommen daß der Schneemann gemacht werden kann, und wenn er gemacht ist und vor dem Fenster steht muß es wieder frieren daß Eiszapfen am Dach werden, einer halben Elle lang nicht länger und nicht kürzer u.s.w. Das sind die Präliminarartikel und die Conditio sine qua non. Was sagst Du nun? Gelte, das ist 'n intrikates Fest! Es geht auch mancher Winter darüber hin, ohne daß eins zustande kommen kann. Wenn nun aber obige Umstände alle eingetreten sind und sonst kein merkliches Hindernis im Wege ist, so kannst Du denn zwischen drei und vier Uhr nachmittags das Fest angehen lassen, das NB. von Anfang bis zu Ende mit trockenem Munde gefeiert wird. Nach vier, wenns dunkel worden ist, wird eine Laterne in den hohlen Kopf des Schneemannes getan, daß das Licht durch die Augen und den Mund herausscheint – und denn geht Groß und Klein auf und ab im Zimmer und sieht aus dem Fenster unter den Eiszapfen hin nach dem Schneemann, und denkt dabei an einen andern Schneemann, ein jeder nach dem ihm der Schnabel gewachsen ist, und das ist der höchste Moment der Feier. Lebe wohl, lieber Andres, und feire fleißig alle Festtage und heilige Abende, bis der rechte heilige Abend anbricht. Den 3. Oktober 1782 Dein etc. Ernst und Kurzweil von meinem Vetter an mich Ich habe Euch in meiner Antwort unterm 22. ultimi von den »schönen Künsten und Wissenschaften« allbereits gründlichen Bericht getan, wie Ihr Euch noch gütigst besinnen werdet, und, wenn Ihr's etwa vergessen habt, an besagtem Ort nachsehen könnet; will aber gerne ferner dienen, und, wenn's wie Ihr sagt die Notdurft erfordert, weitern Bericht tun. Der Inhalt oder der Sinn meines Vorigen lief darauf hinaus: daß z. E. eine Gluckhenne die mit ihren Küchlein in ihrer Einfalt auf dem Hofe herumgeht, wenn der Habicht daher geschnellt kommt, ohne alle Anweisung und ohne die Absicht sich hören zu lassen, allemal unfehlbar den rechten Schrei tue. Nun gab es aber unter den Hühnern des Hofes einige ästhetische Kannegießer, die bemerkt haben wollten: daß in solchem Fall eine Henne aus C-moll schreie: wenn sie ihre Küchlein unter sich sammeln will, aus A-dur; und wenn sie 'n Ei gelegt hat aus D-dur u.s.w. Diesen schlauen Bemerkungen zufolge operierten sie nun weiter, und setzten gewisse Tonarten und Modulationes fest, wie es lauten müsse wenn's so lassen sollte und die andern Hühner glauben sollten: der Habicht komme, oder eine Henne wolle ihre Küchlein unter sich sammlen, oder es sei 'n Ei gelegt worden u.s.w. und das nannten sie die »schönen Künste und Wissenschaften«. Die Sache fand Beifall und der ganze Hühnerhof studierte die schönen Künste und Wissenschaften, und lernte die Modulations. Da ereignete sich nun aber ein gewisser Kasus vielfältig, den niemand vorhergesehen hatte. Es ereignete sich nämlich der Kasus vielfältig, daß eine Henne aus C-moll intonierte ohne den Habicht zu sehen. Und die Kapaunen und Pularden schrien und kanterten den ganzen Tag aus A-dur und aus D-dur. Und das gab viel Verwirrung, und ein närrisch Gequiek und Wesen. Du hast recht, Vetter, es wird in diesen Jahren mit Empfindungen und Rührungen ein Unfug getrieben, daß sich ein ehrlicher Kerl fast schämen muß gerührt zu sein; indes wirst du doch Spaß verstehen, und den Respekt für deinen Landesherrn nicht verlieren weil es auch Pik- und Treffkönige gibt. Wahre Empfindungen sind eine Gabe Gottes und ein großer Reichtum, Geld und Ehre sind nichts gegen sie; und darum kann's einem leid tun, wenn die Leute sich und andern was weismachen, dem Spinngewebe der Empfindelei nachlaufen und dadurch aller wahren Empfindung den Hals zuschnüren und Tür und Tor verriegeln. Will dir also über diese ästhetische Salbaderei, und überhaupt über Ernst der Empfindung und seine Gebärde, einigen nähern Bericht und Weisung geben, wenigstens zur Beförderung der ästhetischen Ehrlichkeit, und daß du auch den Vogel besser kennen mögest; denn so hoch auch die schönen Künste und Wissenschaften getrieben sind, so haben doch Ernst und Kurzweil jedwedes seine eigne Federn. Meine Weisung ist kurz die: daß Ernst Ernst sei und nicht Kurzweil, und Kurzweil Kurzweil sei und nicht Ernst. Die Sache wird sich aber besser in Exempeln abtun lassen; und zwar will ich die Exempel an dir statuieren, da du doch ohne dein Verschulden bei vielen in dem Verdacht der Poeterei stehest, und sie dich für einen erzempfindsamen Balg halten sollen. Zum Exempel also, du führest mit Extrapost durch 'n Dorf oder Flecken und der Postillon fiele unter die Pferde und bräch 's Bein, wie wir ja auf unsern Reisen den Fall gehabt haben. Nun, so sitz nicht auf dem Wagen und wimmere wie 'n Elendstier, kriege keine Konvulsions, und reiß dir auch die Haare nicht aus; sondern steige flugs aber vorsichtig herunter, bringe den Schwager unter den Pferden heraus und siehe ob das Bein würklich ab ist. Und wenn es damit seine Richtigkeit hat, so suche den Feldscher im Ort auf, zahl ihm wenn du willst und kannst die Taxe für den Beinbruch und noch etwas darüber daß er's fein säuberlich mache; und komme denn ohne alles Weitere zu deinem Schwager zurück, und blase ihm eins auf seinem Horn vor bis der Feldscher nachkomme. Eine andere Auflösung Szene: Ein Hügel in Schlaraffenland Du stehst hier auf dem Hügel mit offenem Munde, und es will dir eine gebratene Taube hineinfliegen, und du willst das nicht haben. In solchen Umständen könntest du nun freilich die Sturmglocke in Schlaraffenland anziehen, daß alle Leute mit Leitern und Ofengabeln kämen, und gegen die gebratene Taube aufmarschierten. Du kannst aber viel kürzer dazu kommen. Machs Maul zu; so kann sie nicht hinein. Die alten Lateiner pflegten die Sache so auszudrücken: Quod fieri potest per pauca, Non debet fieri per plura. Drittes Exempel Szene: Der 65. Grad nördlicher Breite Die See ist sehr stürmisch, wie du siehst, und das Schiff linker Hand leidet große Not und will sinken. Du bist mit auf dem andern Schiffe und siehst die armen Nachbarn die Hände ausstrecken und um Hilfe schreien. Bist du nun ein ästhetischen Seifensieder, so setz dich hin und mache: eine Elegie auf den Untergang des andern Schiffs, samt wie die Leute geschrien und was dein Herz für Mitleid gefühlt habe u.s.w. Ist's dir aber Ernst mit dem Mitleid, so geh' und bitte den Schiffer daß er das Boot daran wage. Hängt den Poeten am Mast, daß er euch nicht im Wege sei wenn ihr's Boot aussetzt, und steige flugs und fröhlich mit einigen Matrosen hinein, die armen Leute zu holen. Der dir den Mut dazu gab, wird dich auch glücklich durch Sturm und Wellen hin und her helfen. Viertes Exempel Stellt das Haus eines berühmten Gelehrten vor, und der bist du wieder versteht sich, und die beiden Herren vor der Tür wollen gern die Ehre haben dir aufzuwarten. Unter uns gesagt, 's ist eine Schwachheit von den beiden Herren, daß sie den berühmten Gelehrten sehen wollen; denn was ist an so einem armen Sünder zu sehn? Indes sie wollen dich sehen, und du mußt heraus. Nun supponiere ich: Du bist demütig oder willst es doch gerne sein. Denn wenn du ein vorsätzlich eitler aufgeblasener Mensch bist; so kannst du für dich bleiben. und ich werde wohl meine Exempel mit dir nicht verderben. Also du hast Demut lieb, und es ist die Frage: wie du dich zu komponieren habest, wenn's dein Ernst ist. Soviel begreifst du vorläufig, daß du nicht immer stehen und dir den Bart streichen mußt. Übrigens kommt es mir lustig vor, daß ich dir vorschreiben soll, wie du aussehen mußt, wenn die beiden Herren hereintreten; und will ich lieber einen Ausfall tun nach einer andern Seite hin. Sieh, man kann eine Tugend lieben und sie auf gewisse Weise auch haben; aber sie ist noch nicht feuerfest. Unter den und jenen Umständen wankt sie und bröckelt ab, und der Feind kuckt durch die Bresche in die Festung. So kannst du nach unserm Exempel zwischen deinen vier Wänden und in deinem Lehnstuhl Demut haben; du kannst würklich überzeugt sein: daß dies und das nichtsbedeutende Dinge sind. wovon die Menschen viel Aufhebens machen; daß nur Eins sei das wahrhaftig lobenswert ist, und daß gerade dabei Menschenlob am leichtesten entbehrt werden kann, u.s.w., du kannst, sag ich, davon in deinem Lehnstuhl überzeugt sein, und mit Ehren herauskommen. Wenn dir aber die beiden Herren mit tiefen Verbeugungen erzählen: wie der Schweif deines Ruhms sich vom Zenit bis Nadir erstrecke; wenn sie eine Handvoll Räucherwerk nach der andern vor dir abbrennen; so kann von dem langen Schweif und dem vielen Rauch deiner Überzeugung der Kopf schwindlig werden. In solchem Falle pflegt man nun den ersten den besten Strohhalm von der Erde aufzuheben, um dem Feind eine Diversion zu machen. Wenn du also merkst, daß dir dein Konzept verrückt werden will; so erzähle ihnen geschwind von dem großen Horn das in der Unstrut gefunden worden, oder von dem großen Bankrott in Bassora und daß die Bankrotts gewöhnlich daher kommen, daß mehr ausgegeben als eingenommen wird u.s.w. du mußt aber, damit keine Schelmerei daraus werde, sobald die beiden Herren weg sind, mit doppeltem Ernst daran gehen, durch neue Verhacke und Palisaden ähnlichen Unglücksfällen vorzubauen. Hast du das alles nicht nötig; desto besser für dich, und auch für die zwei Herren. Denn wahre unverstellte Demut ist sehr lieblich, und wenn sie dir je in deinem Leben vorgekommen ist, mußt du ihre Gebärde noch in frischem Andenken haben. Fünftes Exempel Ponamus, der da auf der Anhöhe im Morgendämmer bist du und siehst hinaus ins Meer, und nun steigt die Sonne aus dem Wasser hervor! – Und das rührte dein Herz, und du könntest nicht umhin auf dein Angesicht niederzufallen:... so falle hin, mit oder ohne Tränen, und kehre dich an niemand, und schäme dich nicht. Denn sie ist ein Wunderwerk des Höchsten, und ein Bild desjenigen vor dem du nicht tief genug niederfallen kannst. Bist du aber nicht gerührt und du mußt drücken, daß eine Träne komme; so spare dein Kunstwasser, und laß die Sonne ohne Tränen aufgeben. Sechstes Exempel Der Kerl da mit der spitzen Nase war vor Jahren dein Nachbar, hat dir ohne deine Schuld alles gebrannte Herzeleid angetan, und hat durch Lügen und Trügen dich um Haus und Hof gebracht. Du hast 'n Haus wieder, er aber hat keins, wie es auch zu gehen pflegt – und nun triffst du ihn hier in Schnee und Regen auf der Landstraße bettelnd, und sein Weib und seine Kinder liegen halb nacket am Graben. Kannst du ihm nicht vergeben und vergessen; nun so reite vorbei und sieh nicht hin. Denkst du aber in und bei dir selbst, daß der Beleidiger immer am übelsten daran ist, und daß du willfährig sein sollst deinem Widersacher bald dieweil du bei ihm auf dem Wege bist; denkst du, wieviel uns Gott vergeben muß, und du siehst seine Sonne über dir und ihm am Himmel stehen, und dir fährt's durchs Herz; – nun so fas'le auch nicht und mach's ihm nicht sauer. Geh auf ihn zu, gib ihm die Hand und erkundige dich, wie ihm könne geholfen werden. – Und wenn du weggehst, decke das Weib und die Kinder mit deinem Mantel zu. Nun Vetter, Gott bewahre dich für einen Nachbar, der dir soviel Böses tue und dir soviel Verdruß mache. Aber glaube mir, wenn du so ohne Mantel weiter reitest; es ist alles reichlich bezahlt, und mancher würde dich beneiden wenn er's wüßte, und sich wundern was in der Großmut stecke. Und doch hat er vielleicht 'n ganzes Alphabet in Prosa und in Versen von der Großmut und Feindesliebe ans Licht gestellt. Leichtfertige Schriften und die 'n Verderb der Welt sind geraten gewöhnlich am besten, weil ihre Verfasser diese Empfindungen haben, und mit sogenannter Begeisterung schreiben. Wenn sie aber Empfindungen anderer Art schreiben wollen; so wills nicht fort, und sie müssen sich hineinsetzen, wie das genannt wird. Verdirb du dir deine Zeit nicht mit dem Hineinsetzen. Wenn ein großer edler Charakter was Liebenswürdiges und Schönes ist; so laß dir's sauer um ihn werden. Es ist 'n ander Ding: einen zu haben; als: einen aufs Papier und auf dem Theater hinzuklecksen, und wenn du noch so gut und con amore klecksen kannst. Quae professio, sagt ein Kirchenvater, multo melior, utilior, gloriosior putanda est, quam illa oratoria , in qua diu versati non ad virtutem, sed plane ad argutam malitiam juvenes erudiebamus.   Ich könnte dir der Exempel leicht mehr machen, aber Holzschnitte kosten Geld, und du kannst sie dir ebenso leicht selbst machen. Übrigens wirst du an diesen Ernst- und Kurzweil-Exempeln bemerkt haben: Erstlich daß Ernst ganz natürlich sei. Und so ist es auch. Die wahrsten Empfindungen sind immer die allernatürlichsten, auch in der Religion. Denn es gibt auch in der Religion Kurzweil und Ernst. Zweitens wirst du bemerkt haben: daß wahre Empfindung an und in sich selbst genug habe, und die Tür ihres Kämmerleins hinter sich zuschließe; daß Kurzweil hingegen nach außen hantiere, und Tür und Fenster öffne. Und so verhält es sich in Wahrheit, auch mit den höhern Empfindungen. Und wo so nach Menschenbeifall geangelt wird, da ists nicht recht rein und richtig. Auf den Tod der Kaiserin     Sie machte Frieden! Das ist mein Gedicht. War ihres Volkes Lust und ihres Volkes Segen, Und ging getrost und voller Zuversicht Dem Tod als ihrem Freund entgegen. Ein Welt-Erob'rer kann das nicht. Sie machte Frieden! Das ist mein Gedicht. Schönheit und Unschuld. Ein Sermon an die Mädchen. Eigentlich sollte Schönheit unschuldig und Unschuld sollte schön sein, aber in der Welt sind es verschiedene Dinge; und weil ich diesen Sermon in der Welt halte, muß ich mich wohl bequemen. Schönheit also ist Schönheit des Leibes, 'n Paar Taubenaugen, n' Gesichtlein wie Milch und Blut und ein gewisser Zaubervogel Kolibri, der, wie die närrischen Poeten schreiben, an den Taubenaugen und an dem Gesichtlein sitzt und nistet wie die Schwalben an der Mauer. Unschuld hingegen wohnt im Gemüt und ist eine himmlische Gestalt, die mit Luthern Gott fürchtet und liebet daß sie keusch und züchtig lebe in Gedanken Worten und Werken, die kein Arg daraus hat, von sich und der Welt nichts weiß und sich auf nichts einläßt. Der Kolibri findet gewaltig vielen Beifall, und die Mädchen wollen ihn alle gerne haben und laufen ihm nach. Aber, ihr lieben Mädchen, aber – wir wollen's einmal überlegen. Was ist Schönheit des Leibes? – 's ist doch nur Schönheit des Leibes, Glanz einer Zitternadel darin kein edles Gemüt großen Wert setzen kann. Du hast sie dir nicht gegeben und du magst sie dir nicht erhalten, 'n paar Jahre weiter und sie ist dahin. Zweitens schafft und nützt sie im Hause nicht viel. Du kannst mit einem Gesichtlein wie Milch und Blut keinen bessere Braten machen, kannst mit Taubenaugen dein Kind nicht besser waschen und kämmen; und die Ehen werden doch nicht im Monde sondern im Hause geführt. Auch ist Schönheit nicht 'nmal das was eigentlich Liebe macht. Den Kopf kann sie wohl verdrehen, aber wahre herzliche Liebe ist an sie nicht gebunden. Sieh deine Mutter an; sie ist nicht mehr schön, und doch liebt sie dein Vater so herzlich und trägt sie in seinen Augen. Also 'n Ding, das an sich keinen Wert hat, das nur kurz währet, das im Hause nicht sonderlich nützt und nicht eigentlich Liebe macht: so 'n Ding ist die Schönheit. Mehr ist sie nicht, und ihr müßt mir nicht böse sein, ihr schönen Mädchen, daß sie nicht mehr ist. – – Ich möchte euch darüber so gerne recht kapitelfest machen. Denn sie werden's euch anders sagen, werden um euch stehen und liebkosen und bewundern. Und das möchte euch betören, hoch von der Schönheit zu halten und auf eine Scheinlampe hinter ihr und andre Maschinerien bedacht zu werden; und das wäre schade um euch! Schönheit und Unschuld sind wie die beiden Schalen einer Waage; so wie die eine in eurem Gemüt steigt, fällt die andre. Und das wissen die Liebkoser zum Teil, und erheben eben deswegen vor euch die Schale mit der Schönheit so hoch, daß die andre mit der Unschuld allgemach sinke. Einige helfen wohl gar noch nach, und suchen euch Keuschheit und Zucht als Alfanz und Aberglauben vorzuspiegeln. Aber, fliehet den Mann der das tut! Und wenn er mit Gold und Perlen behangen wäre, er ist 'n Bösewicht. Ist eine giftige Klapperschlange! Die Natur zwar hat ihn mit der Klapper verschont, weil sie sich auf seine Gaben und auf seine Diskretion verließ; aber er war der Großmut nicht wert und sollte eine tragen, und ich täte sie ihm gerne in seinen Haarbeutel, oder hing' ihm eine ans Ohr, daß er vor sich warne wo er hinkömmt. Unschuld des Herzens ist das Erbteil und der Schmuck des Weibes. Und wisset, Unschuld hat ihren eignen Engel, der hinter euch hergehet und über euch wacht, solange ihr unschuldig seid. Erzürnet ihn nicht! und glaubet für ganz gewiß, daß wenn er von euch weichet, euer Glück von euch gewichen ist. Mädchens, ich weiß was ihr wert seid! Und was ihr dem Manne sein könnet, wenn ihr's vorzieht und euch entschließt eines Mannes zu werden. Ihr seid ihm eine edle Gabe Gottes, und er lebt des noch eins so lange; er sei reich oder arm, so seid ihr ihm ein Trost und machet ihn allezeit fröhlich. Ihr seid Bein von unsern Beinen und Fleisch von unseren Fleisch, und darum bewegt sich mein Herz in mir wenn ich euch ansehe und an euch denke. – – – Nun, ihr seid in der Welt und müsset durch, was auch euer Beruf sei. Gehet in Friede, und seht nicht viel umher. Und der Engel der Unschuld begleite euch! Kleine Geschichten samt was man daraus lernen soll. Es war 'nmal ein König in Persien, der hieß Kulichan, 'n rechter Unhold gegen die Menschen. Den Mogoln, seinen Nachbarn fiel er ins Land, und nahm ihnen alles weg was sie hatten und schleppte es nach Persien. Die eroberten Schätze machten ihn nicht besser, und er wütete noch ärger wie vor. Als ers nun so gar arg machte, vergaßen einige Große des Landes ihrer Pflicht, machten einen Aufruhr und setzten ihm das Messer an die Kehle. Da hätte ers gerne besser gehabt, und schrie und flehte: »Barmherzigkeit, Barmherzigkeit.« Die Aufrührer gaben ihm aber zur Antwort: »Du hast in deinem Leben keinem Menschen Barmherzigkeit getan; so soll dir, Hund, auch keine widerfahren.« Und damit fuhr das Messer durch die Kehle. Was soll man daraus lernen? Antwort: Daß man Barmherzigkeit tun soll, ehe das Messer an der Kehle sitzt.   Es war 'nmal ein ich weiß nicht wer, der war ich weiß nicht wo, und wollte sehen ich weiß nicht was. Voll so arg ists nicht, aber sehr viel weiß ich doch wirklich von dem Geschichtchen nicht das ich erzählen will. Also Es war 'nmal ein Europäer, der war in Amerika und wollte den berühmten Wasserfall eines gewissen Flusses sehen. Zu dem Ende handelte er mit einem Wilden daß der ihn hinführte, denn das Land war ungebaut und es gingen da keine Ordinari- oder Küchen-Posten. Als die beiden ihren Weg vollendet hatten, und an den Wasserfall hinkamen – machte der Europäer große Augen und untersuchte, und der Wilde legte sich so lang er war auf sein Angesicht nieder, und blieb so eine Zeitlang liegen. Ihn fragte sein Reisegefährt: wozu und für wen er das tue? Und der Wilde gab zur Antwort: für den großen Geist. Was soll man daraus lernen? Antwort: Den Unterschied zwischen Natur und Kunst.   Es war 'nmal ein kleiner Konrad des alten Konrads Sohn, der wollte sein väterliches Reich Sizilien, das der dritte Mann einem andern gegeben hatte, mit Gewalt wieder nehmen; verlor aber die Schlacht gegen den andern, Karl genannt, und ward gefangen, und ein Prinz Friederich, der aus Vetter- und Freundschaft mit ihm gezogen war, desgleichen. Karl ließ beide zum Tode verurteilen, und das Urteil ward auf dem Markt zu Neapel vollzogen. Friederich von Österreich mußte zuerst herhalten, und Konradino, der ca. 17 Jahre alt war, sahe zu, nahm den abgehauenen Kopf seines Freundes von der Erde auf, und küßte ihn; und ward denn auch enthauptet. Übrigens war er der Letzte der Hohenstaufen. Was soll man daraus lernen? Antwort: Daß man kein Hohenstaufe sein soll.   Es war 'nmal ein Polykarpus, der war ein Christ und zugleich Bischof von Smyrna, und den verfolgten deswegen die Heiden und schleppten ihn vor den Richter daß er verbrannt würde, und der Richter tat ihm den unverschämten Antrag, daß er Christum lästern sollte. »Ich diene ihm nun sechsundachtzig Jahre«, antwortete Polykarpus, »und er hat mir kein Übels getan. Wie sollt ich denn meinen Herrn und Heiland lästern?« Indes war er's gerne zufrieden, daß er verbrannt würde, und das geschah denn auch. Was soll man daraus lernen? Antwort: Daß das eine gute Herrschaft sein muß, für die man nach sechsundachtzigjährigem Dienst noch gerne durchs Feuer gehen will. Der geneigte Leser wird vielleicht bemerkt haben oder noch bemerken, daß ich in diesem Teil etwas gelehrter bin als in den vorigen Teilen. Das kommt von den Stunden her, die mein Vetter von Zeit zu Zeit mit mir hält. Damit man seine Methode sehe, will ich doch eine zur Probe hersetzen.   »Guten Morgen, Herr Vetter.« »Guten Morgen. Hast du gut geschlafen?« »Recht gut.« »Nun so wirst du gestern vernünftig gelebt und beschlossen haben?« »Ich hoffe ja.« »Dabei bleib. Es hat's kein Mensch mehr Vorteil als du. Komm, setze dich her. Wollen Gott danken, daß wir gut schlafen können.« »Aber ich habe um Mitternacht geträumt.« »Das hast du gut gemacht. Sieh, grade so ist das menschliche Leben. Davon sind auch Anfang und Ende nur natürlich, und die Mitte ist Rausch und Traum! Das übrige morgen. Gehab dich wohl – – – Heda, komm zurück. Αγεομετρητος μη εξιτω! Sieh, da steht ein Hut Zucker unter dar Bank, den ich nach dem Frieden gekauft habe. Faites-moi la grâce cher Cousin, d'en couper le dessus, und gib's mir her. – Und nun sag mir aus dem Rumpf: wie lang das Stück ist das du mir gegeben hast.« »Das ist ja leicht.« »Wenn du's noch weißt, freilich. Wenn man's weiß, ist alles leicht, und wenn man's nicht weiß, nichts. Weißt du's denn aber?« »Ist die verlangte Länge nicht, die vierte Proportionalgröße minus der Höhe des Rumpfs, zu der Differenz der beiden Semi-Diameter, der Höhe des Rumpfs und dem größeren Semi-Diameter?« »Bravo! Weil du denn so gut kapiert und behalten hast; so nimm den Rumpf. Er soll deine sein.« »Will der Herr Vetter nicht lieber den Rumpf für sich behalten? Ich habe ja auch die Spitze nur ausgerechnet.« »Da hast du die Spitze dazu. Ein Dozent der freien Künste muß kein Filz sein. Der Zuckerhut war dir so zugedacht, itzt hast du ihn verdient, und brauchst mir nicht dafür zu danken. Qui proficit in litteris et deficit in moribus, plus deficit quam proficit. Zu Deutsch: wer nur die Spitze des Zuckerhuts begehrt, ist besser als wer sie nur ausrechnen kann. Jener soll den Rumpf, und dieser die Spitze haben; wer aber beides kann, dem gebührt der ganze Hut. Addies. Grüße Frau und Kinder, und komme morgen nicht zu spät. Wir haben wichtige Sachen vor der Hand.« Ein Lied hinterm Ofen zu singen                   Der Winter ist ein rechter Mann,     Kernfest und auf die Dauer; Sein Fleisch fühlt sich wie Eisen an,     Und scheut nicht süß noch sauer. War je ein Mann gesund, ist er's;     Er krankt und kränkelt nimmer, Weiß nichts von Nachtschweiß noch Vapeurs,     Und schläft im kalten Zimmer. Er zieht sein Hemd im Freien an,     Und läßt's vorher nicht wärmen; Und spottet über Fluß im Zahn     Und Kolik in Gedärmen. Aus Blumen und aus Vogelsang     Weiß er sich nichts zu machen, Haßt warmen Drang und warmen Klang     Und alle warme Sachen. Doch wenn die Füchse bellen sehr,     Wenn's Holz im Ofen knittert, Und um den Ofen Knecht und Herr     Die Hände reibt und zittert; Wenn Stein und Bein vor Frost zerbricht     Und Teich' und Seen krachen; Das klingt ihm gut, das haßt er nicht,     Denn will er sich tot lachen. – Sein Schloß von Eis liegt ganz hinaus     Beim Nordpol an dem Strande; Doch hat er auch ein Sommerhaus     Im lieben Schweizerlande. Da ist er denn bald dort bald hier,     Gut Regiment zu führen. Und wenn er durchzieht, stehen wir     Und sehn ihn an und frieren. Kriegslied           's ist Krieg! 's ist Krieg! O Gottes Engel wehre,     Und rede du darein! 's ist leider Krieg – und ich begehre     Nicht schuld daran zu sein! Was sollt' ich machen, wenn im Schlaf mit Grämen     Und blutig, bleich und blaß, Die Geister der Erschlagnen zu mir kämen,     Und vor mir weinten, was? Wenn wackre Männer, die sich Ehre suchten,     Verstümmelt und halb tot Im Staub sich vor mir wälzten, und mir fluchten     In ihrer Todesnot? Wenn tausend tausend Väter, Mütter, Bräute,     So glücklich vor dem Krieg, Nun alle elend, alle arme Leute,     Wehklagten über mich? Wenn Hunger, böse Seuch' und ihre Nöten     Freund, Freund und Feind ins Grab Versammleten, und mir zu Ehren krähten     Von einer Leich' herab? Was hülf' mir Kron' und Land und Gold und Ehre?     Die könnten mich nicht freun! 's ist leider Krieg – und ich begehre     Nicht schuld daran zu sein! Über des Ritters Ramsay »Reisen des Cyrus« Dies Buch ist kein schöner Modevogel, kein Eau de Carme für die Nase und Manschetten, sondern ein gutgemeintes Buch; und es wirds auch nicht leicht einer durchlesen, daß ihm nicht zugleich über dieses oder jenes neue Sterne in seinem Kopf aufgingen. Mir zum Exempel haben die blinden Heiden von jeher viel Kopfzerbrechen gemacht. Ich hatte wohl so in mir gedacht: Sieh, es ist nur ein Gott, so wie nur eine Natur ist; also kann davon auch nur eine Lehre sein die wahr ist, und alle Lehre davon, die wahr und mehr als Wortspiel ist, muß, sie sei wo sie wolle, sowohl vor als nach dem babylonischen Turmbau, inwendig einerlei sein, und, versteht sich von selbst, 'n Balsam für das Herz, 'n Wasser des Lebens, 'n Strom von Milch und Honig! Und diese Lehre haben die Israeliten offenbar gehabt und die Christen. Nun die blinden Heiden! Es hat mir immer nicht recht eingewollt, daß sie von dem letzten bis zu dem ersten alle so entsetzlich blind gewesen, und es fliegen überall an ihren Altären der Funken soviel, die grade wie die israelitischen aussehen; aber doch konnte ich nicht durch, und, woher die? wann, wie, was und warum? das war mir alles 'n Rätsel, 'n neues Tor vor dem ich stehen blieb. Der Ritter Ramsay geht weiter, und hat, dies Rätsel aufzulösen, dem Daniel und andern Weisen verschiedenes in den Mund gelegt, freilich nur in den Mund gelegt, und wenn Daniel oder sonst ein Mann Gottes selbst den Mund auftun sollte, das würde etwas anders sein. Aber doch, was Ramsay darüber beigebracht hat, ist sehr natürlich und anmutig zu lesen, und beweist, dünkt mich, die Wahrheit der Religion überhaupt gar sonderlich. Außerdem sind noch in diesem Buch mancherlei erbauliche Exempel zur Lehre und Warnung vorgestellt, ist noch viel kluger Rat darin, für alle Menschen, und am meisten für die Kronprinzen, die zu seiner Zeit Land und Leute regieren sollen. Wenn ein Prinz mit Salomo um Weisheit und Erkenntnis bittet, daß er vor seinem Volk aus- und eingehe: so hat Gott wohl noch andre Wege, ihm Weisheit und Erkenntnis zu geben als durch 'n Buch; sonst aber werden gewißlich die Kronprinzen dies Buch nicht ohne Nutzen lesen, und ich wollte, ich wäre so glücklich einen zu kennen, daß ich's ihm dedizieren und in die Hand geben dürfte und er mirs nicht ungnädig nähme. Ich würde ihm sagen: Lieber teurer Kronprinz, Sie sollen 'nmal eine Krone tragen als der Freund und Vater von viel tausend Menschen, jung und alt, die in den Städten und Dörfern Ihres Reiches wohnen, und es wird Ihnen an Schmeichlern und Versuchung zum Bösen nicht fehlen. Sie wissen freilich selbst am besten, wie Sie sich dabei nehmen wollen; aber es wird Sie doch freuen zu sehen, wie der Kronprinz Cyrus sich dabei genommen hat. Liebe Königliche Hoheit, dies Buch ist geschrieben und übersetzt, Ihnen diese Freude zu machen. Sein Sie so gnädig es zu lesen, und Gott gebe, daß Sie ein guter König werden. Ein Lied in der Haushaltung. Zu singen, wenn ein Wechselzahn soll ausgezogen werden. Die Mutter.             Wir ziehn nun unsern Zahn heraus,     Sonst tut der Schelm uns Schaden. Und sei nicht bange, kleine Maus!     Gleich hängt er hier am Faden. Die Schwestern und Brüder und der Vater, Coro. Der Zahn der Zahn der muß heraus, Sonst tut der Schelm nur Schaden. Die Mutter. Ei seht, sie macht die Nase kraus,     Und fürchtet meinen Faden. Hilft nicht; der Zahn der muß heraus,     Und denn kriegt Gustchen Fladen. Coro. Der Zahn der Zahn der muß heraus, Und denn kriegt Gustchen Fladen. Die Mutter. So recht, so recht, du liebe Maus!     Nun ist er fest der Faden. Und – nun ist auch der Zahn heraus.     Und soll dir nicht mehr schaden. Coro. Der Zahn der Zahn der ist heraus; Da hängt er an dem Faden! Das Kind, als der Storch ein neues bringen sollte; für sich allein             Der Storch bringt nun ein Brüderlein   –     Er kommt damit ins Fenster herein     Und beißt Mama ein Loch ins Bein,         Das ist so seine Art.   –   –   – Mama liegt wohl und fürchtet sich...     O lieber Storch, ich bitte dich,         Beiß doch Mama nicht hart.   – –   –   –   – –   –   – He he, da kommt Papa herein,     Nun wird er wohl gekommen sein!   –   –     Aber du weinest ja! Hat er dich auch gebissen, Papa? Frau Rebecca       Wo war ich doch vor dreißig Jahr, Als deine Mutter dich gebar?     Wär' ich doch dagewesen! – Gelauert hätt' ich an der Tür Auf dein Geschrei, und für und für     Gebetet und gelesen. Und kam's Geschrei – nun marsch hinein »Du kleines liebes Mägdelein,     Mein Reis'gefährt, willkommen!« Und hätte dich denn weich und warm Zum erstenmal in meinen Arm     Mit Leib und Seel genommen. Und hätte dich denn weich und warm Mit Leib und Seel in meinen Arm     Zum erstenmal genommen... »Du frommes liebes Mägdelein, Ich hab' dich sonst noch nicht gesehn,     Willkommen, bis willkommen! – Wie bist du lieber Reis'gefährt In deinen Windeln mir so wert!     O werde nicht geringer! Du Mutter, lehr das Mägdlein wohl! Und wenn ich wiederkommen soll;     So pfeif nur auf dem Finger.« Über einige Sprüche des Prediger Salomo An meine Subskribenten Setzen Sie sich, liebe Herren, und nehmen vorlieb. Der erste Spruch soll sein der bekannte und in aller Welt gang und gäbe Modespruch: Es ist alles eitel. Wenn ein berühmter Wortkrämer der gern mit Sentenzen um sich wirft, oder ein junger Projektenmacher dem ein Projekt auf Eitelkeit fehlgeschlagen ist, oder ein alter Narr den die Sünde verlässet, wenn die sagen: daß alles eitel sei; so ist auch sogar der Sinn des Spruchs eitel. Aber beim Salomo ist er etwas anders. Stellen Sie sich 'n Mann vor, wie Sie den Salomo kennen, von viel Geschick und Gaben, der sein Herz begab zu suchen und zu forschen weislich alles was man unter dem Himmel tut; der die Mittel in Händen hatte, sich alles was dem Menschen gut dünkt und nur halbwegs so aussieht, zu verschaffen, zu kosten und zu versuchen; und der auch nach seinem eignen Geständnis das alles wirklich gekostet und versucht hat; wenn der nun aufrichtig und ohne Affektation sagt: ich habe dies und das getan, »bauete Häuser, pflanzte Weinberge, machte mir Gärten und Lustgärten, hatte Knechte und Mägde, sammlete mir Silber und Gold, schaffte mir Sänger und Sängerinnen und Wollust der Menschen und wehrete meinem Herzen keine Freude etc., aber, siehe, da war es alles eitel«; so sollte sein Spruch doch eigentlich Sensation machen. Und mich dünkt, er könnte uns viel Mühe ersparen. Zum Exempel. Du willst so gerne dies und das sein, Oberschenke oder Oberbäcker! und bringst darüber dein Leben in Sorge und Unlust hin – Lieber! Salomo war mehr als Oberschenke und Oberbäcker; er war König über Israel, über das merkwürdigste Volk der Erde, und doch war damit ihm nicht geholfen. Wie sollte denn dir geholfen sein? Darum sei fröhlich und habe Geduld, und laß die andern Oberbäcker sein. So auch: du wünschest dir dies und das, ein Rittergut oder einen Mahagonitisch, denn groß oder klein ist eins wie das andre. Also du wünschest dir einen Mahagonitisch, kannst darum nicht schlafen, sinnest und sorgst und bildest dir ein: mit dem Tisch werde die Glückseligkeit ins Haus kommen – Lieber! Salomo hatte lauter Mahagonitische; Lamperie, Eckschränke und Kommoden, Fußboden und Treppen alles war von Mahagoni, und er sagt: alle die schönen Mahagonis tätens nicht, was wird denn der einzige Tisch tun? Darum sei fröhlich an deinem Tisch von Nußbaum oder Föhrenholz, und mache dir dein Leben nicht sauer. Fröhlich sein, sagt Salomo an verschiedenen Orten, sei das Beste in dieser Welt. Ist aber zu verstehen, wenn du den Mahagonitisch nicht kriegst und nicht Oberbäcker wirst, sonst nicht; denn wenn die Kinder ihren Willen kriegen, so weinen sie nicht. Du sollst fröhlich sein »in aller deiner Arbeit«, und das, sagt Salomo, ist eine Gabe Gottes. Es gibt zwei Wege, die Bilanz in seinem Kredit und Debet zu erhalten; einer wenn die Einnahme vermehrt, und der andre wenn die Ausgabe vermindert wird. Der letztere ist wohltätig, und kann den kleinen und großen Kameralisten nicht genug angepriesen werden. So gibt es auch zwei Wege, in seinem Herzen die Bilanz zu erhalten; der eine: wenn man alles hat, was man wünscht! und der andere: wenn man nicht mehr wünscht, als man hat. Jener ist mühsam und mißlich, und dieser probat, und in eines jeden Hand. Aber der Mahagonitisch und der Oberbäcker schweben dir doch so süß vor Augen! – Das nun ist nicht ihre sondern deine Schuld. Du siehst am Salomo, daß sie auch anders können angesehen werden, und deine eigne Erfahrung muß es in hundert Fällen dich schon gelehrt haben, daß die folgende Zeit viel verändre. Mir fällt hier Kaiser Karl der Fünfte ein. Er war bekanntlich ein großmächtiger Fürst, der seine Größe nicht eitel achtete, sondern sie durch viele Kriege und Siege zu behaupten suchte und auch wirklich behauptete. Auf einmal, als es nicht gar nach seinem Willen gehen wollte, und dazu seine Gesundheit brüchig ward; dünkte ihm alles eitel. Er legte seine zwei Kronen nieder, und ging nach Estremadura in ein Kloster. Hier pflegte er fleißig der Todesgedanken und Religionsübungen, und machte in den Zwischenstunden Uhren zum Zeitvertreib und zu seinem Vergnügen. Bald wollte ihm auch das nicht mehr schmecken, und er mochte an nichts anders denken, von nichts anderm hören und sehen als vom Tode. Endlich ging er gar so weit, daß er bei lebendigem Leibe seine Exsequien halten ließ. Der Kaiser Karl der Fünfte legte sich in den Sarg, wie eine Leiche gekleidet; zu beiden Seiten des Sarges standen seine Hofbediente mit brennenden Wachskerzen, und die Geistlichen mußten die Exsequien halten und für seine abgeschiedene Seele beten, und er betete selbst im Sarge inbrünstig mit. Er starb auch würklich nicht lange hernach. Der Tod ist 'n eigener Mann. Er streift den Dingen dieser Welt ihre Regenbogenhaut ab, und schließt das Auge zu Tränen und das Herz zur Nüchternheit auf! Man kann sich von ihm freilich auch verblüffen lassen und des Dinges zuviel tun, und gewöhnlich ist das der Fall, wenn man bis dahin zu wenig getan hat. Aber er ist 'n eigener Mann, und ein guter Professor Moralium! Und es ist ein großer Gewinn, alles was man tut wie vor seinem Katheder und unter seinen Augen zu tun. Der zweite Spruch des Salomo: Alles hat seine Zeit. Alles hat freilich seine Zeit; die Zeit der Saat ist nicht die Zeit der Ernte, die Zeit des Neumonden ist nicht die Zeit des Vollmonds und wenn einer stirbt wird er freilich nicht geboren. Das aber kann Salomo mit seinem Spruch nicht gemeint haben; das hätte unsereins wohl sagen können. Sollte auch der ganze Sinn der sein: daß alles nicht zu aller Zeit sondern zu seiner Zeit soll getan werden, wenn nämlich Natur oder Kunst Bahn gemacht, und alle Umstände dafür reif sind; so wäre das schon etwas, aber doch, so allgemeinhin, immer noch zu wenig für unsern Freund Salomo. Und wir brauchen nicht vorlieb zu nehmen; denn die Worte leiden großen Sinn, und das für Kopf! und Herz! Zum Exempel. Der Mensch wird in neun Monden unter dem Herzen seiner Mutter gebildet, lebt siebzig Jahr, und wird denn wieder zur Erde davon er genommen ist. Wir sehen solche bestimmte Perioden in mehrern Naturoperationen die uns bekannt sind, und vielleicht haben's all die andern auch die uns nicht bekannt sind, größere und kleinere, bis auf die gesamte Natur selbst von dem Im-Anfang an, als Gott Himmel und Erde schuf, bis zu der Stunde, in welcher die Elemente zerschmelzen und Gott den Himmel wieder zusammenwickeln wird wie 'n Gewand. Nun soll einmal ein Mensch oder ein Engel dies alles kennen, soll davon nicht bestimmt sprechen sondern nur deuten wollen, und sagen: Alles hat seine Zeit; so ist Sinn in dem Spruch, und man sieht sich sehr kurz und ehrerbietig nach dem um der ihn sagte. Oder: Wir Menschen laufen und rennen vom Mutterleibe an und immerdar, und wissen nicht was zu unserm Frieden dient. Nun soll einmal ein Mann sein, der das gefunden hat. Wenn nun der die Menschen, seine Brüder, um sich her ansieht: wie sie's so verkehrt treiben; an dem und jenem Irrsal, woran tausend und tausend vor ihnen betrogen und zu Schanden worden sind, so fest halten und guten Rat nicht hören wollen; wenn nun der gutgesinnte Mann das ansieht, dem Unwesen gerne steuerte aber nicht zu steuern vermag, und sich darüber mit unserm Spruch trösten wollte; so sind die Worte Goldes wert, und wären etwa so zu übersetzen: »Wie sind doch die Menschen so verblendet, die edlen schönen Geschöpfe Gottes zu so großer Ehre bestimmt! O wie anders könnten sie's haben, wenn sie selbst wollten! Doch die Stunde ihrer Verblendung wird vorübergehen, daß ihnen noch geholfen werde; Alles hat seine Zeit.« Indes, alles zusammengenommen, scheint Salomo hier weder das eine noch das andre im Sinne gehabt zu haben, sondern ein Drittes, nämlich: In der körperlichen Natur sei alles nicht wie in der Geisterwelt zugleich und auf einmal, sondern ein jedes habe seine Zeit; und dem Gesetz muß wer in der körperlichen Natur ist sich unterwerfen, und sich so gut dabei nehmen als er kann. Als wenn jemand zu Wagen sitzt und nach Königsberg fahren will; so ist er nicht mit einmal an Ort und Stelle, sondern die Räder des Wagens müssen so lange umgehen bis er ist wo er sein will, und ein jeder Umgang hat seine Zeit und der zweite kann nicht zur Wirklichkeit kommen bis der erste vollendet ist etc. und da geht es denn oft über Stock und Stein und der auf dem Wagen wird das wohl gewahr; er muß indes aushalten und sich fassen, denn es ist kein anderer Rat. Und dieser Sinn hat was sehr Trauriges in sich, ich weiß nicht obs den Herren Subskribenten auch so dünkt. Der dritte Spruch: »Lasset uns die Hauptsumma aller Lehre hören; fürchte Gott und halte seine Gebote, denn das gehöret allen Menschen zu. « Dieser Spruch steht in Salomos Büchlein zu Ende aller andern Sprüche, wie der Morgenstern der zuletzt aufgeht und schöner und herrlicher ist als alle Sterne die vor ihm hergehen. Die Hauptsumma pflegt gewöhnlich am Ende zu stehen, und also ist diese Stellung des Spruchs natürlich. Vielleicht kann sie aber auch noch eine Nebenabsicht haben. Salomo macht anderswo die Bemerkung, daß einem ein Narr nicht glaube wenn man ihm nicht auch sagt was in seinem Herzen ist. Nun gibt es aber Leute die alles lästern was sie nicht begreifen, die sich zu klug dünken zu glauben, und zu dumm sind zu wissen; arme Leute, welche die Vorteile beider Parteien entbehren und für sich keinen andern haben, als daß sie ihr lebelang diskutieren, und von Leuten die noch dummer sind als sie für große Geister gehalten werden. Diese Klasse von Menschen ist von jeher in der Welt gewesen und wird bis je und je darin bleiben. Vielleicht nahm Salomo Rücksicht auf sie, wollte auch ihnen gern die große Lehre zu Herzen bringen, daß Gottesfurcht die Quelle alles Guten sei. Er wußte aber, daß er unvorbereitet damit bei ihnen wenig Glauben finden würde. Daher schickt er verschiedene Sprüche mit Lehre die mehr in ihren Kram gehöret voran, und nachdem er sich als Meister in ihrer eignen Kunst gezeigt und sich solchergestalt ihr Vertrauen erworben hatte, rückt er mit der Hauptsumma aller Lehre hervor: Fürchte Gott und halte seine Gebote, denn das gehöret allen Menschen zu. Es gibt manches Ding, will er sagen, manche Lehre zwischen Himmel und Erde, die sehr dankenswert ist und ihre Interessenten in mehr als einer Hinsicht zu großen Leuten macht; aber das Alles und Eins, das eigentliche Ding, die Hauptsumma aller Lehre ist Furcht Gottes, und die gehöret allen Menschen zu, ist des Menschen sein Element, sein Beruf, sein Natur und Wesen. Lieben Herren Subskribenten! Ich bin nicht was Salomo war, bin nicht König über Israel, und ich bescheide mich gerne daß mir seine Weisheit noch mehr als seine Krone fehlet; aber überzeugt bin ich lebendig, daß die Furcht Gottes die Quelle alles Guten sei, daß es da anfangen und sich da wieder endigen müsse, und daß alles was sich darauf nicht gründet und nicht damit besteht, wie groß es auch scheine, doch nichts als Täuschung und Trug sei und unser Wohl nicht fördern möge. Aber Furcht Gottes und Furcht Gottes ist zweierlei; und hier liegt der Knoten, dadurch diese Lehre zweideutig und rätselhaft wird. Wir fürchten alle Gott, sprechen mit Ehrerbietung von ihm, hören mit Ehrerbietung von ihm sprechen etc., wollen ihn fürchten und tun uns wohl auch bei der und jener Gelegenheit mit seiner Furcht einigen Zwang an, und übrigens bleibts beim alten. Solch eine Furcht Gottes mag als eine feine äußerliche Zucht gelten, sonst aber ist sie der leibhafte Bediente hinten auf der Kutsche. Der steht da auch als ein Schild daß honnette Leute im Wagen sind, gibt ein Zeichen daß die Wachen heraustreten, macht die Kutschentür auf und zu etc. und übrigens gehen die Bestien vor dem Wagen ihren ehrbaren Trab oder wilden Galopp wohin sie wollen, und der Herr dahinten muß immer mit fort und wird nicht gefragt. Wenn die Herrschaft recht gnädig ist, nimmt sie ihn wohl bei einfallendem Regenwetter zu sich in den Wagen. Was soll solch eine Furcht Gottes? Was kann die für Wirkungen haben, und wie wäre sie die Hauptsumma aller Lehre? Das war aber auch nicht die Furcht Gottes der Altväter, die uns in der Schrift zum Muster dargestellet werden. Denn bei denen war die Gottesfurcht nicht Bedienter hinten auf dem Wagen, sondern Herrschaft und Kutscher zugleich. Ihnen war nichts so innig und heilig als sie; nichts so sauer das sie ihretwegen nicht getan, nichts so süß das sie ihretwegen nicht gelassen hätten. Joseph reißt sich aus den Armen eines schönen Weibes los und läßt einen Mantel im Stich, weil er ein so groß Übel nicht tun kann und wider Gott sündigen. Abraham schlachtet, als Gott zu ihm sprach, seinen einzigen Sohn, und bekümmert sich nicht um sein Vaterherz und seine Vernunft; – und so muß es sein wenn was draus werden soll. Und du, der du Gottesfurcht schmähen willst, könne das; und denn komm und schmähe, so wollen wir dir glauben. Sonst aber bist du nur ein Faselhans der nicht weiß wovon er spricht, du magst lästern oder loben. Die wahre Furcht Gottes muß Empfindung, muß Wahrheit in uns sein; denn ist sie wohltätig mit ihren Einflüssen, und wunderbar in ihren Wirkungen mehr und anders als wir meinen oder verstehen. Wenn wir den Begriff von Gott nur bloß mit der Imagination denken, daß er, wie die heilige Schrift uns lehret, der Schöpfer und Erhalter der sichtbaren und unsichtbaren Welt sei, der erste und der letzte, sein Stuhl der Himmel und die Erde seiner Füße Schemel, daß er in allem und durch alles sei, von der Tiefe des Meers bis an die Zinne des Himmels allem Wesen gegenwärtig und nahe, daß seine gewaltige Hand alles hält und seine Augen Tag und Nacht über alle seine Geschöpfe und sonderlich über alle seine Menschen, auch hier über und um uns, unsichtbar offen stehen – wenn wir den Begriff nur bloß mit der Imagination denken; so fährt er uns kalt durch, und macht uns Gott lieben und fürchten; was wird er tun, wenn er Empfindung und Wahrheit in uns ist? Denn werden wir Gott nicht fürchten wollen, sondern wir werden ihn wahrhaftig fürchten, von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und aus allen Kräften, in allem unserm Tun und Lassen, wenn wir aufstehen und wenn wir zu Bett gehen, um Mittag und um Mitternacht, wir schlafen oder wachen; wir werden das Bild des Allerbesten, des Allerweisesten, des Allergerechtesten, des Allerwahrhaftigsten, des Allerbarmherzigsten beständig wie unser Leben in uns tragen, und werden verwandelt werden in dasselbige Bild von einer Klarheit zu der andern. – Und das Halten der Gebote Gottes wird unsre Freude sein, und unser Glück zugleich; denn was sind seine Gebote anders als eine Hand am Wege, als schwarze und weiße Tonnen die vor Verderben warnen und die sicherste Fahrt in das Land des Heils weisen. Nun meine lieben Herren Subskribenten, das wäre was ich Ihnen zu sagen hatte. Ich hätte Sie vielleicht angenehmer unterhalten können; aber Sie haben zum Teil so willig und gerne subskribiert, und da hab ich gedacht, ich müßte wieder ehrlich sein. Dazu hat alles seine Zeit, Subskribieren und Herausgeben auch, und wer weiß ob wir uns noch wieder einander dienen werden. – Lasset uns Gott fürchten und seine Gebote halten! Ein Lied für Schwindsüchtige         Weh mir! Es sitzt mir in der Brust,     Und drückt und nagt mich sehr; Mein Leben ist mir keine Lust     Und keine Freude mehr. Ich bin mir selber nicht mehr gleich,     Bin recht ein Bild der Not, Bin Haut und Knochen, blaß und bleich,     Und huste mich fast tot. Die Luft, drein herrlich von Natur     Gott seinen Segen senkt, Und daraus alle Kreatur     Mit Heil und Leben tränkt; Die ist für mich nicht frei, nicht Heil.     Mein Atem geht schwer ein; Ich muß um mein bescheiden Teil     Mich martern und kastein. Und doch labt's und erquickt's mich nicht,     Macht's mir nicht frischen Sinn; Die Blume, die der Wurm zersticht,     Welkt jämmerlich dahin! Auch Schlaf, der alle glücklich macht,     Will nicht mein Freund mehr sein. Und lässet mich die ganze Nacht     Mit meiner Not allein. Die Ärzte tun zwar ihre Pflicht,     Und fuschern drum und dran; Allein sie haben leider nicht     Das, was mir helfen kann. Mein Hülf' allein bleibt Sarg und Grab.     O sängen an der Tür Sie schon, und senkten mich hinab!     Wie leicht und wohl wärs mir! O sängen doch an meiner Tür     Sie laut: »Ich hab' mein Sach etc.« Und trügen mich, und folgten mir     In langer Reihe nach, Rund um die Kirch' ans Grab heran,     Und senkten mich hinein! Ich läg' und hätte Ruhe dann,     Und fühlte keine Pein. Doch ich will leiden, bis Gott ruft,     Gern leiden bis ans Ziel. Nur deinen Trost! und etwas Luft!     Du hast der Luft soviel. Der Mensch                 Empfangen und genähret Vom Weibe wunderbar Kömmt er und sieht und höret, Und nimmt des Trugs nicht wahr: Gelüstet und begehret, Und bringt sein Tränlein dar; Verachtet, und verehret; Hat Freude, und Gefahr; Glaubt, zweifelt, wähnt und lehret, Hält nichts, und alles wahr; Erbauet, und zerstöret; Und quält sich immerdar; Schläft, wachet, wächst, und zehret; Trägt braun und graues Haar etc. Und alles dieses währet, Wenn's hoch kommt, achtzig Jahr. Denn legt er sich zu seinen Vätern nieder, Und er kömmt nimmer wieder. Passe-Tems. Zwischen mir und meinem Vetter in der Schneiderstunde (Twilight) »Ich wollte, daß der Herr Vetter bei Kasse wäre; ich brauch 'n Gulden Geld.« »Etwa eine neue Kanone? Oder irgendeine schöne Erzstufe fürs Kabinett?« »Nein! Ich wollte mir den Kulmus kaufen. Das von der Weisheit geht mir so im Kopf herum und von der Selbsterkenntnis die dazu führen soll. Vetter, ich will und muß den Menschen, will und muß mich selbst erkennen lernen.« »Und das denkst du mit dem Kulmus zu zwingen?« »Ja, der solls beschrieben und gekonterfeit haben, wie der Mensch innerlich gestaltet ist.« »Nun denn, da ist 'n Gulden. Nur sei fleißig, und merke wohl! wie der Zwölffingerdarm und die Glans pinealis etc. etc. aussehen; denn du sollst uns diesen Winter, wenn die langen Abende kommen, ein Collegium anatomicum lesen, und unser Praesector und Kulmus werden. Aber höre, weil du's bist, muß ich dir eins sagen: nämlich daß der obgedachte Zwölffingerdarm und die Glans pinealis etc. etc., ob sie gleich tief im Abdomine und Cerebro stecken, doch ebenso äußerlich sind als deine Nase.« »Denn gehen der Darm und die Glans mich auch nichts an.« »Warum nicht? – Es ist doch nützlich und angenehm das zu wissen, und wenn du gleich kein Doktor werden willst.« »So glaubt der Herr Vetter im Ernst nicht, daß ich beim Kulmus das Innerliche sehen werde?« »Du mußt's versuchen. Nur wenn du etwa der Art nichts sehen solltest, daß du mir nicht kommst und sagest: es sei auch nichts Innerliches! Denn dazu sind mir mein Vetter und mein Gulden zu lieb. Um dich indessen vorläufig einigermaßen zu orientieren, so merke wie folget: Was du mit deinen zwei Augen sehen willst, das muß auch mit deinen zwei Augen können gesehen werden; was aber mit deinen zwei Augen gesehen werden kann, das ist äußerlich; und was äußerlich ist das ist nicht innerlich.« »So bin ich unrecht berichtet. Da hat der Herr Vetter den Gulden wieder.« »Nicht doch, Vetter. Seht's an! Dazu habt Ihr ja Eure zwei Augen, daß Ihr damit ansehet was Ihr damit sehen könnt. Auch möget Ihr aus dem Äußerlichen des Innerlichen wohl wahrnehmen und vielleicht kluge Vermutungen machen. Ich sage nur davon, daß das Innerliche selbst nicht mit Euren zwei Augen gesehen werden kann, und daß Ihr sie was das anlangt sicher zumachen könnet ohne etwas zu verlieren.« »Ist der Herr Vetter 'n Freund von Schwärmerei?« »Bist du toll?« »Aber, wo die zwei Augen aufhören, geht da nicht die Schwärmerei an?« »Da sei Gott für! Das wäre der Wahrheit das Terrain sehr klein zuschneiden, oder vielmehr ihr gar keins geben; denn Ihr wißt, daß es Leute gibt, die da sagen: in dem was vor Augen ist sei keine Wahrheit! Nein Vetter, die Schwärmerei fängt da weder an, noch hört sie da auf; denn wenn Löwenhoeck oder Linneus Wunder-Tierchen und –würmer sehen, die nicht da sind; so sind sie auch Schwärmer. Nur auf dem andern Gebiet ist die Entscheidung nicht so leicht, weil es da mit dem Augenzeugnis und den Augenzeugen, in deren Mund bekanntlich die Wahrheit besteht, mehr Schwierigkeiten hat. Auch will ich dir zugeben, daß auf diesem Gebiet kein Mangel an Schwärmerei sei, und daß da vieles für Wahrheit ausgegeben werde, was Schwärmerei ist; und das taugt nicht Vetter, und soll nicht sein. Aber du kannst auch glauben, daß vieles da für Schwärmerei gehalten wird das Wahrheit ist; und das taugt noch weniger, und ist großer Verlust nämlich für die so es für Schwärmerei halten, denn die andern verlieren nichts dabei.« »Wie weiß ich denn aber, was Wahrheit und was Schwärmerei ist?« »Hör! Wer dir darüber was Gescheutes sagen soll, der muß klüger sein als ich bin. Sprechen und schreiben läßt sich viel von Schwärmerei; aber du weißt, wie das denn so mit dem Sprechen und Schreiben ist. Das Allgemeine der Sache ist nicht so schwer; und das hab ich dir schon gesagt, und will's dir der Deutlichkeit wegen noch einmal an einem Exempel vorhalten. Du liesest Zeitungen, weiß ich, ohne eben ein großer Politikus zu sein. Da wirst du denn unter andern auch von deiner Lieblingsfestung Gibraltar gelesen haben, daß sie den vorigen Herbst sehr warm gehalten ward; und daß sie anfing, Mut und Tapferkeit ausgenommen, an allem Mangel zu leiden; endlich daß Lord Howe den 11. September mit einer mächtigen Flotte von England absegelte, um dem klugen Gouverneur zu bringen was er nicht hatte. Du kannst denken, daß die Soldaten zu Gibraltar, als sie die letzte Tonne Pulver und Zwieback angebrochen hatten, fleißig werden nach Westen gekuckt haben, und daß ein jeder von ihnen sehr geneigt gewesen ist, eine in der Ferne kreuzende französische oder spanische Fregatte für das erste Schiff von Barringtons Division zu halten. Wenn nun das der Fall gewesen wäre, oder wenn den 7. oder 8. Oktober als Howe noch auf der Höhe von Lissabon mit den Stürmen kämpfte, ein Soldat zu Gibraltar sich von den Wällen die Augen blind gekuckt, und sich endlich eingebildet hätte, die hülfreiche Flotte zu sehen?« »Der wäre ein Schwärmer gewesen.« »Und wenn dieser Soldat seinen Kameraden alles genau und haarklein beschrieben hätte, Vorder- und Hinter-Treffen, Flaggschiffe und Transportschiffe, Kutters und Fregatten etc. etc. und darauf geschworen hätte, daß er das alles wirklich sehe?« »Wäre ein Schwärmer gewesen.« »Und wenn er so lange hinaus ins Meer gezeigt und gefingert hätte, daß er sich einen Anhang gemacht, und die nun, wie er, das alles auch gesehen hätten?« »Wäre ein Schwärmer gewesen.« »Und wenn er vor Überzeugung seine Rations und Portions auf drei Tage, flugs auf einmal verzehrt und seiner Partei das nämliche geraten hätte, weil Howe vor der Tür sei und mehr bringe? etc.« »Wäre ein Schwärmer gewesen.« »Gut das! Umgekehrt: Howe ist wirklich im Anzuge, und eine Schildwache hat Augen die eine halbe Meile weiter tragen als die Augen der übrigen Garnison, wie das ja mit den Augen verschieden ist. Und nun soll diese Schildwache die englische Flotte in der halben Meile weiter würklich daher kommen sehen?« »Der wäre kein Schwärmer.« »Und wenn die ganze Garnison, und alle berühmte Seher unter ihnen, und alle Ingenieurs und Konstabels, und die Magazin- und Proviantmeister, und der Regimentsfeldscher und der Bibliothekar von Gibraltar, und selbst der alte menschlich gesinnte Elliot nichts sahen?« »Wäre kein Schwärmer.« »Die Garnison bestand etwa aus vier- bis sechstausend Mann; wenn ihrer hunderttausend gewesen wären die alle nichts sahen?« »Wäre kein Schwärmer.« »Und wenn sie alle über die Schildwache gelacht und demonstriert hätten, daß sie toll und wahnsinnig sei? etc.« »Wäre kein Schwärmer.« »Also: nicht der mehr sieht als die andern, sondern der sich mehr einbildet zu sehen als er wirklich sieht, der ist ein Schwärmer. Und merke noch an diesem Exempel, daß der Ingenieur und Feldscher und Bibliothekar und alle die hunderttausend Lacher auf gewisse Weise bona fide agieren und recht haben können; denn sie sahen wirklich nichts, und soweit ihr Auge reichte war keine Flotte. Der Fehler ist nur der, daß sie auch über die halbe Meile weiter richten wollten, wo ihre Augen nicht mehr judices competentes waren. Und nun Vetter, ich für meine Person bin nur ein simpler Konstabel, und nicht die Schildwache quaestionis; aber ich glaube solche Schildwachen und solche Augen, die weiter und mehr sehen als ich, von ganzem Herzen. Und wer das nicht tut, der muß, dünkt mich, ein ziemliches Pretium Affectionis auf sich und seine Augen setzen, und man kann ihm nicht mit Recht zur Last legen daß er die schöne Tugend der Demut und Bescheidenheit übertreibe.« »Alles gut, und sehr wahr; aber ich bin doch damit nicht klüger über Weisheit und Selbsterkenntnis.« »Du hast recht. Aber, was willst du eigentlich von der Weisheit haben? – Hör Vetter, schütte mir dein Herz einmal recht aus.« »Alle Menschen wollen gerne glücklich sein, sie mögen in Häusern oder in Hütten wohnen, mögen nacket oder bekleidet einhergehn, vom Raube leben oder das Feld bauen, Baal oder Bel opfern. Nun aber liegt für uns das Land des Friedens und der Glückseligkeit im Verborgenen. Wir ahnden nur, und suchen, 'n jeder auf seinem Wege, und gehen irre. Zwar die bessern Menschen werden des Irrtums wohl inne, kehren um, und setzen sich reuig auf einen Stein am Wege. Aber was sind sie damit gebessert? Sie wissen wohl was sie nicht gefunden haben, wo sie das aber finden sollen wissen sie nicht; und so treiben sie auch auf dem wilden Meer ohne Rat und Ruder und die Nacht kommt heran. Denn über dem Irren und Fragen und Forschen werden wir immer älter, kömmt uns der Tod immer näher, und man will doch gerne wissen woran man ist.« »Du fängst gut an, und wenn du so fortfährst, werde ich diesmal von dir zu lernen haben. Wir haben es sonst bisher so gehalten, daß ich von uns beiden der Klügste gewesen bin. Du erwartest also von der Weisheit sichere Auskunft?« »Und wenn sie die gewährte, Vetter; wie herzlich willkommen würde sie nicht allen Menschen sein! und wie von ihnen umringt werden!« »Das sollte man freilich denken. Aber es scheint in der Welt kein Mangel an Glückseligkeit zu sein, und die Menschen müssen sie wohl gefunden haben.« »Ja Vetter, die armen Menschen! Sie halten diese Welt für das Land des Friedens und der Glückseligkeit und segeln mit dem Strom. Und wer von uns, wenn wir ehrlich sein wollen, kann sich rühmen, daß er sich diesen Weg nicht betören lasse, mehr oder weniger!« »Und also meinst du nicht, daß man auf diesem Wege recht sei?« »Wahrhaftig nicht.« »Übereile dich nicht, Vetter; er ist doch sehr natürlich, und du sagst selbst, daß so viele Leute sich da recht glauben.« »Wie kann ich mich übereilen? Es besteht ja nicht, und wenns nichts weiter wäre! Und selbst so lang es währt, scheints nur, ist aber nicht. Denn man erfülle dem Ehrsüchtigen, dem Geldgeizigen, dem Wollüstling, dem Mann von Eitelkeit etc. etc. man erfülle ihm alle seine Wünsche, und was ists denn? – Das Auge sieht sich nicht satt und das Ohr hört sich nicht satt, und ich habe noch keinen dieser Art gesehen, der sich ruhig in die Arme genommen, und gesagt hätte: ich habe genug. Alle solch Glück ist mehr mühseliges Hinstreben zum Genießen als wirklicher Genuß, ist keine Flamme die aus sich selbst brennt, sondern man muß beständig neue Reiser anlegen, neues Öl zugießen daß sie nicht verlöschen und am Ende verlöscht sie ja doch. Nein Vetter, es muß für den Menschen eigenes Glück geben! Und was man aufwärts erbetteln muß und nicht behalten kann, ist ja nicht eigen.« »Gib die Hand, Vetter; du magst wohl nicht unrecht haben! Denn aber ist doch auch ohngefähr abzusehen, wo die Glückseligkeit herkommen muß. Mehr als Leib und Geist haben wir nicht. Wenn sie also in dem, was des Leibes ist, nicht gefunden wird; so bleibt ja nur ein zweites und höchstens ein drittes übrig?« »Wohl wahr! Aber ich sehe doch da in einen dunkeln Ort.« »Du glaubst doch, daß wir einen Geist in uns haben?« »Warum fragt der Herr Vetter das?« »Weil unsre zwei Augen nicht viel vom Geist sehen, und du vorhin meintest: wo die zwei Augen aufhörten, gehe die Schwärmerei an.« »Vetter! wenn ich im Menschen keinen Geist glaubte, so hätt' ich mit dem Menschen nichts zu tun, und ich wollte lieber 'n Esel sein. Denn hätt' ich wohl nicht Freude, aber ich hätte auch kein Leid und keine Unruhe, und ich trüge meinen Mehlsack und käute meine Disteln bis ich ausgekäuet und ausgetragen hätte.« »Was hast du denn für Unruhe und für Leid?« »Ah, du weißt ja wohl, wo uns der Schuh drückt; weißt ja wohl, daß ein Janus bifrons in uns ist, ein Kopf mit zwei Gesichtern die nach verschiedenen Seiten sehen.« »Fahre fort, Vetter! Was meinst du?« »Daß der Mensch keinen Hausfrieden in sich hat, das mein ich; daß es uns so lieblich dünken kann, und uns doch betrügt, und hinterher wurmt und graue Haare macht; daß man das Bessere wissen kann und das Unedle tun; daß wir von uns selbst gerissen und gehudelt werden! – Und uns selbst bringen wir allenthalben hin, uns selbst treffen wir überall an.« Aber wenn z. E. Konrad I. in seinem Leben von Heinrich dem Sachsen viel Verdruß hat und doch am Ende alle die Seinen vorbeigeht und ihn zu seinem Nachfolger vorschlägt, weil das Reich des bedurfte; wenn Scipio in Feindesland das junge schöne Mädchen, das ihm seine Soldaten brachten, in sichere Verwahrung nimmt und sie ihren Eltern unschuldig wiedergibt; so sagen doch alle Menschen, daß das edle Handlungen sind, und man bewundert sie.« »Und das von Rechts wegen. Was bewundert man aber eigentlich? – daß Scipio eingesehen hat: es sei besser, das Mädchen unschuldig zurückzugeben? das sieht ein jeder von uns ein; – daß er den Willen gehabt hat, sie zurückzugeben? auch das nicht, denn das möchten wir gewiß alle gern getan haben; – sondern daß ers hat tun können. Ein jeder fühlt in sich, was dem Scipio im Wege gewesen ist und was Held Scipio überwunden hat. Wohl ist die Tugend ein Kleinod; und gebe Gott, daß die Menschen das nicht bloß sagten. Sie würden wohl an sich tun! denn wenn der Geist das Feld behält und sein Recht behauptet, das freut Gott und Menschen, und du kannst denken, daß der, in dem es geschieht, nicht leer dabei ausgehe! Wohl ist die Tugend ein Kleinod für den Menschen; das schönste und köstlichste Kleinod in dieser Welt, womit er sich schmücken, und das einzige wodurch er sich würklich groß und bewundernswert machen kann. Wie der Bart das Wahrzeichen des Mannes, so ist sie das Wahrzeichen des Menschen, und wer es nicht an sich hat, der ist unehrlich und ein Leibeigener. Du siehst: wenn Scipio Böses getan hätte! und was die Tugend ist!! Zugleich aber siehst du auch: was die Menschen sein müssen, wenn die unter ihnen, die sich an der Kette haben daß sie kein Unglück anrichten, wenn die unter ihnen so groß und bewundernswert sind.« »Aber die Gelehrsamkeit heißt ja eine Nahrung des Geistes; so mache damit dem unglücklichen Streit ein Ende.« »Reite mir 'nmal Kurier auf einem gemalten Pferde, und wenn es ohne Fehl gezeichnet wäre; und melke der Herr Vetter 'nmal des Myrons Kuh! – Und bis an Myrons Kuh und die Zeichnung ohne Fehl ist weit hin.« »Keine Spekulations! Die Erfahrung muß entscheiden. Wenn es nun notorisch wäre, daß die Gelehrsamkeit immer und zu allen Zeiten ihre Verehrer zu guten, friedfertigen, edlen, unverlegenen glücklichen Menschen machte?« »Sollte mir fürwahr recht lieb sein, auch des Herrn Vetters wegen.« »Es gibt eine Erkenntnis a priori, Vetter, und eine reine Vernunft, und dadurch ergründen und erweisen doch die Gelehrten viele Dinge?« »Es mag wohl eine Erkenntnis a priori und eine reine Vernunft geben, Vetter! Wenn aber die Meinungen der Gelehrten über eine und dieselbe Sache so vielfältig verschieden, und oft einander grade entgegengesetzt sind, und doch ein jeder die seinige aus der Vernunft beweist und herleitet; –« »Ja, was willst du denn?« »Ich will nichts; aber das Faß schwebt mir vor Augen, daraus der Wirt alle Arten von Wein zapft, die gefodert werden. Ich habe heute keine Lust zu lachen, Vetter. Allerdings ist die Welt der Gelehrsamkeit viel schuldig, und was in ihr nützlich und ausgemacht ist, wer wird das nicht mit Dank annehmen und mit Dank erkennen? Wer die Kühnheit und den Scharfsinn vieler Gelehrten und ihren mancherlei unsäglichen Fleiß nicht schätzen und hochachten, und sie, als die ein in sich edleres Geschäft treiben, geehrt und reichlich belohnt wünschen? – Ich sehe in den Zeitungen kein Schiff aus Ostindien zu Cork oder Brest einlaufen, oder ich denke mit Bewunderung an die fünf Finger des Menschen und an seinen Kopf, der auf dem großen wilden Meer Weg und Steg berechnen lehrte; und wenn mein Kalender 'n Durchgang durch die Sonne, oder eine Mondfinsternis weissagt auf Tag und Minute, und ich sehe nun auf Tag und Minute den Erdschatten und Stern eintreten; so werf ich den Hut in die Höhe und gebiete allen Leuten im Hause, daß sie Respekt für den Kopf des Menschen haben. Aber ein jedes Ding nach seiner Art – denn so schön z. E. die Sterne auch sind, so denk ich doch, das Schönste und Beste ist unsichtbar, wo wären sie sonst hergekommen; und da verläßt uns die Gelehrsamkeit! Dazu bleiben wir nicht ewig unter den Sternen und unser Erdenleben ist nur eine ganz kleine Strecke auf der ganzen Bahn unsrer Existenz; und da verläßt uns die Gelehrsamkeit! Und da ist doch der unrechte Ort verlassen zu werden! So haben auch die guten Gelehrten immer gedacht; und die nicht so denken und sich mehr glauben als sie sind, die lügen in ihren eignen Beutel und davon wird er nicht voll! Vor einiger Zeit starb mir meine Mutter. Sie hielt vorher viel aus, still und gelassen wie sie immer war, und konnte nicht leben und nicht sterben. Einige Tage vor ihrem Ende reisten wir alle noch zu ihr, und standen da um ihr Bette und sahen sie an, einer so klug wie der andre. Ich wollte mir mein Herz gerne trösten, und wollte ihr noch so gerne was zuliebe tun; aber essen und trinken mochte sie nicht mehr, mochte auch sonst nichts mehr. Ich dachte an alle die großen und kleinen Erfindungen der Menschen, davon du mir gesagt hast: an die Seelenlehre, an Newtons Attraktionssystem, an die Allgemeine deutsche Bibliothek, an die Genera Plantarum, an den Magister Matheseos, an den Calculum infinitorum, an die grade und schiefe Ascension der Sterne und ihre Parallaxen etc. aber es wollte mir alles nichts verschlagen – und Sie lag out of reach! lag am Abhang und sollte herunter! Und ich konnte nicht einmal sehen wo sie hinfiel. – – Da befahl ich Sie Gott, und ging hinaus... und machte ein Sterbegebet daß sie's Ihr vorläsen. Es war meine Mutter und hatte mich immer so lieb gehabt, und ich konnte doch nicht anders! – O Vetter. wenn dir ein Mensch vorkommt der sich so viel dünkt und so groß und breit da steht; wende dich um und habe Mitleiden mit ihm. Wir sind nicht groß, und unser Glück ist, daß wir an etwas Größers und Bessers glauben können.« Der Besuch im St. Hiob zu ** Der Aufseher des Stifts heißt Bernard, und unser fünf oder sechs, lauter reisende Leute, welche die Herberge versammlet hatte, gingen hin es zu besehen. Der erste war Herr Tobel, ein ernsthafter Mann, der wenig sprach; der zweite, Herr Wange, Prediger in der Nachbarschaft, ein Verwandter des Herrn Bernard und der eigentliche Anfänger und Anführer der ganzen Unternehmung; der dritte, wenn er für einen vollen Mann gelten soll, sein Sohn Fränzel, ein feiner Knabe von etwa zehn bis dreizehn Jahren; der vierte, Herr Sennert, 'n Bruder Studio, dem äußerlichen Ansehen nach; etc. Unterwegs erzählte uns Herr Wange, daß er einen alten Bekannten im Stift habe, Herrn Cornelio. Dem starb seine Frau und sein Freund, und darauf ging er in den St. Hiob als Krankenwärter. Herr Bernard empfing uns sehr höflich und bewirtete uns mit Caravan-Tee; zeigte uns auch sein Naturalienkabinett, das ziemlich vollständig ist, sonderlich an Konchylien. Nach verschiedenen Gesprächen über dies und das, kam's endlich zum Stiftbesehen und Herr Bernard ging voran. Er führte uns zuerst zu den Wahnsinnigen, die gleich unten im Hofe am Eingang quartiert sind, ein jeder in einem kleinen Stübchen für sich. So wie Leute, die noch zwischen Furcht und Hoffnung schweben, unglücklicher sind, als die schon Entscheidung haben; so scheinen einem die Wahnsinnigen, oder die zwischen Sinn und Unsinn schweben, unglücklicher zu sein als die Unsinnigen, und sie sind nicht so gräßlich, aber grauerlicher anzusehen. Wir sahen ihrer hier einige und dreißig, alt und jung, Männer und Weiber, und aus allen Ständen. Herr Bernard wollte die Bemerkung gemacht haben, daß der Wahnsinn bei Weibsleuten sich immer auf Liebe und Religion beziehe. Im St. Hiob fanden wir seine Bemerkung bestätigt, denn die Weibsleute sprachen alle wie Verliebte, oder predigten und prophezeiten. Bei den Männern trafen wir hier auch mancherlei andern Wahnsinn. Einer in einem grünen Schlafrock dünkte sich 'n Mohr und wusch sich emsiglich, kuckte ins Spiegel und wusch wieder, und seine weiße Kontormütze und eine Zitrone standen auf dem Tisch. Ein anderer stand mit verstörten Haaren und zeigte immer mit dem Finger nach einem Stundenglas das an der Wand hing, und seufzte dazu. Die merkwürdigsten von allen aber waren vier Brüder, die in einem Zimmer beisammen saßen gegen einander über wie sie auf dem Kupfer sitzen – Söhne eines Musikanten, und Vater und Mutter waren im St. Hiob gestorben. Herr Bernard sagte, sie säßen die meiste Zeit so und ließen den ganzen Tag wenig oder gar nichts von sich hören; nur so oft ein Kranker im Stift gestorben sei, werde mit drei Schlägen vom Turm signiert, und so oft die Glocke gerührt werde, sängen sie einen Vers aus einem Totenliede. Man nenne sie auch deswegen im Stift die Totenhähne. Von hier gings zu den Unsinnigen. Ihre Kojen sind rund um in einem Zirkel gebaut, und in der Mitte steht ein großer Ofen, der im Winter geheizt wird. Nur etwa zweidrittel davon waren itzo besetzt, und die Unglücklichen darin saßen, wie gewöhnlich, mit zerrissenen Kleidern und halb nackt, und sagten Greuel. Einer von ihnen war neun Jahre in der Sklaverei zu Algier gewesen, und hieß Hans Gumpert, und der war der wütigste von allen und hatte ungeheure Kräfte. Er hatte itzo eben eine gute Stunde, und als wir vor seine Klappe kamen, trat er heran und streckte die Hand heraus. Herr Tobel legte ihm einen Dukaten hinein und wir andern etwas Silbergeld; er warf aber alles weg und bat flehentlich um ein ganz kleines Stückchen Zucker. Weiter brachte uns Herr Bernard in verschiedene Zimmer mit allerlei bösartigen Patienten, und denn kamen wir endlich in die große Krankenstube. Sie ist hoch, beinahe ein Quadrat, und es stehen drei Reihen Betten darin. Wir gingen hier von Bette zu Bette, und sahen in jedwedem einen Menschen liegen der elend war, mehr oder weniger. Nicht weit vom Eingange trafen wir den Herrn Cornelio. Er hatte helle Augen und eingefallene Backen, und ist lang und blaß. Herr Wange bot ihm freundlich guten Tag, und wollte ihn umarmen; das wollte er aber nicht, und sagte: er habe sich das Umarmen abgewöhnt. Herr Bernard bat ihn, uns hier herumzuweisen, weil er hier am besten Bescheid wisse; und das ließ er sich gefallen und ging mit uns durchs ganze Zimmer, und sagte uns bei jedem Bette, den Namen des Kranken, seine Krankheit, wie lange er schon liege und sich quäle etc., auch allerhand Umstände aus ihrem Leben. Am Ende des Zimmers war in einem Bette eine alte Frau eben gestorben, und Herr Bernard hieß sie herausnehmen und in die Leichenkammer tragen, und Herr Cornelio sagte uns indes wer sie gewesen und wie alt sie geworden, daß sie oft viel Schmerzen gehabt und immer so über die langen Nächte geklagt habe etc. »Aber Cornelio«, sagte Herr Wange, »wie können Sie alle Tage das Elend so ansehen?« Cornelio: »Ist es darum weniger, wenn ich es nicht sehe? Und sieht man es denn allein hier?« Wir nahmen darauf Abschied und gingen weg, nicht ganz gleichgültig. Als wir wieder auf den Hof kamen, ward die Leiche signiert, und so wie der dritte Schlag gefallen war, fingen die vier Brüder an: Ach Herr! laß dein' lieb' Engelein Am letzten End' die Seele mein,     In Abrahams Schoß tragen, Den Leib in sein'm Schlafkämmerlein, Gar sanft ohn' ein'ge Qual und Pein,     Ruhn bis am Jüngsten Tage. etc. Verflucht sei der Acker um deinetwillen etc. Moses I. c. 3, v. 17. 18. 19. Man mag das Paradies und seine vier Ströme und seinen Baum des Lebens und des Erkenntnisses etc. so oder so auslegen, und die wahre Erklärung mag sein welche sie will; so ist und bleibt der Inhalt klar und außer allem Zweifel: Der Mensch war glücklich! Und er machte sich elend!... In dem »Verflucht sei der Acker um deinetwillen etc.« wird ihm sein Urteil gesprochen. Es ist sehr hart; und wie ungern muß Gott es ausgesprochen haben! Als Absalom sich empörte, verhüllte David sein Antlitz und ging barfuß, und der ungeratene Sohn war ihm immer noch lieb und am Herzen gewachsen. Man kann es nicht ohne Rührung lesen, als seine Truppen gegen Absaloms Partei aus Mahanaim ausrückten, wie er da am Tor sitzt und sie ausmarschieren sieht, und sein letztes Wort an die Hauptleute ist: »Fahret mir säuberlich mit dem Knaben Absalom«; und als Joab nicht säuberlich mit dem Knaben fuhr, wie David da traurig wird und auf dem Saal im Tor hin und her geht und jammert: »Mein Sohn Absalom, mein Sohn, mein Sohn Absalom, wollte Gott ich müßte für dich sterben! O Absalom mein Sohn, mein Sohn!« Und das war nur ein Vater unter den Menschen, die doch arg sind; was denn der Allbarmherzige Vater, der den Menschen vor allen andern Geschöpfen so hoch geehret und so herrlich ausgestattet hatte! und nun zu ihm sprechen muß: Verflucht sei der Acker um deinetwillen, mit Kummer sollst du dich drauf nähren dein lebelang, Dorn und Disteln soll er dir tragen, und sollst das Kraut auf dem Felde essen. Im Schweiß deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis daß du wieder zur Erde werdest, davon du genommen bist. Denn du bist Erde und sollst zur Erden werden.« Die Worte sind schrecklich, und ein jedes ist 'n Schwert das einem durch die Seele dringet. Und sonderlich wenn man ansieht, wie sie an uns in Erfüllung gegangen sind und noch täglich in und um uns in Erfüllung gehen. Wir waren unsterblich, waren ewig glücklich und selig; lebten in einem schönen Garten, zwischen Strömen die den Garten wässerten, unter Bäumen die lustig anzusehen waren und die immer voll Früchte für uns hingen... und unser lieber Vater und Schöpfer ging selbst in dem Garten und wir konnten seine Stimme hören. – Und hier: Auf dem verfluchten Acker, zwischen Dorn und Disteln, uns nähren mit Kummer und im Schweiß des Angesichts! Wie bitter sau'r muß sichs mancher nicht werden lassen und früh und spat schaffen, daß er für sich und die Seinen das bißchen Brot habe! Und wenn ers hat, was hat er denn? – Wir kommen mit Angst und Geschrei in die Welt, und fahren mit Herzeleid wieder in die Grube... und unsern lieben Schöpfer und Vater hören und sehen wir nicht! gehen trostlos und verlassen, in Frost und Hitze, in Regen und Schnee, in Schmerz und Krankheit, sind wahnsinnig und unsinnig, können nicht schlafen, müssen gehen und husten Tag und Nacht und Eiter und Blut speien. Mahomet gibt in seinem Koran, wenn zwei sich über Religionslehren zanken, den klugen Rat, daß sie beide ihr Weib und ihre Kinder rufen und zusammen ein Gebet zu Gott tun sollen. So wärs auch bei diesen Worten wohl das Natürlichste, daß nicht allein die strittigen Ausleger, sondern alle Menschen und Nachkommen Adams ihre Weiber und ihre Kinder riefen und hinträten und sich zusammen satt weinten. Erster Brief Du möchtest gern mehr von unserm Herrn Christus wissen. – – Andres! wer möchte das nicht? Aber bei mir kömmst Du unrecht. Ich bin kein Freund von neuen Meinungen und halte fest am Wort. Sogar hasse ich das Kopfbrechen an Religionsgeheimnissen; denn ich denke, sie sind eben darum Geheimnisse daß wir sie nicht wissen sollen bis es Zeit ist. Wenn wir ihn nicht selbst sehen können, Andres; so müssen wir denen glauben die ihn gesehen haben. Mir bleibt anders nichts übrig. Was in der Bibel von ihm steht, alle die herrlichen Sagen und herrlichen Geschichten sind freilich nicht er, sondern nur Zeugnisse von ihm, nur Glöcklein am Leibrock; aber doch das Beste was wir auf Erden haben, und so etwas das einen wahrhaftig freuet und tröstet, wenn man da hört und sieht, daß der Mensch noch was anders und bessers werden kann, als er sich selbst gelassen ist. Und was in der Bibel von ihm steht, das hab ich gelesen mehr als einmal, und nehme es, so wie es da steht, ohne zu noch ab zu tun. Willst Du also davon mit mir schreiben und sprechen, so gut ichs kann und salvo meliori judicio; von Herzen gern! Ich weiß für mich nichts Liebers und Erfreulichers als von Hilfe und Errettung, und wem's anders ist, der muß nie in Not gewesen sein, noch andre darin gesehen haben. Rufet doch ein Weib, das ihren verlornen Groschen wieder funden hat, ihren Freundinnen und Nachbarinnen und spricht: »Freuet euch mit mir, denn ich habe meinen Groschen funden, den ich verloren hatte.« Und was ist das für eine Not, daraus man mit Geld errettet werden kann! Besinnest Du Dich noch unsrer ersten Schiffahrt, als wir den neuen Kahn probierten und ich mitten auf dem Wasser herausfiel? – Ich hatte schon alles aufgegeben, und dachte nur daran, wie mir der Tod schmecken und was meine arme Mutter sagen würde; da sah ich Deinen ausgestreckten Arm herkommen und hakte an! und ich seh ihn noch immer, Andres, wenn ich nur von ungefähr Deinen Namen lese oder oft nur auf ein großes A stoße. Im Grunde war Deine Hilfe nur ein Palliativ; denn was damals ohne Dich das Wasser würde getan haben, das werden nun die andern Elemente noch tun, und Du wirst mich nicht retten. Aber ich kann doch den Arm nicht wieder vergessen! und ich glaube, daß er bei unsrer innigen Freundschaft die Hand viel mit im Spiel habe. Das ist hier einmal mit uns nicht anders: Not lehrt beten, und Hülfe und Errettung erfreut! Und nun ein Erretter aus aller Not, von allem Übel! Ein Erlöser vom Bösen! Und nun ein Helfer, wie die Bibel den Herrn Christus darstellt, der umherging und wohl tat, und selbst nicht hatte wo er sein Haupt hinlege; um den die Lahmen gehen, die Aussätzigen rein werden, die Tauben hören, die Toten aufstehen und den Armen das Evangelium geprediget wird; dem Wind und Meer gehorsam sind, und der die Kindlein zu sich kommen ließ und sie herzete und segnete; der bei Gott und Gott war und wohl hätte mögen Freude haben, der aber an die Elenden im Gefängnis dachte und verkleidet in die Uniform des Elendes zu ihnen kam, um sie mit seinem Blut frei zu machen; der keine Mühe und keine Schmach achtete und geduldig war bis zum Tode am Kreuz, daß er sein Werk vollende; – der in die Welt kam die Welt selig zu machen, und der darin geschlagen und gemartert ward und mit einer Dornenkrone wieder hinausging! – Andres, hast Du je was Ähnliches gehört, und fallen Dir nicht die Hände am Leibe nieder? Es ist freilich ein Geheimnis, und wir begreifen es nicht; aber die Sache kömmt von Gott und aus dem Himmel, denn sie trägt das Siegel des Himmels und trieft von Barmherzigkeit Gottes... Man könnte sich für die bloße Idee wohl brandmarken und rädern lassen, und wem es einfallen kann zu spotten und zu lachen, der muß verrückt sein. Wer das Herz auf der rechten Stelle hat, der liegt im Staube und jubelt und betet all. Sprich und schreibe also davon mit mir Du mein herzlieber Andres, wie und was Du willst, und ich will Dir keine Antwort schuldig bleiben. Dein etc. Postskript Es gibt einige Leute, Andres, die alles bekehren wollen, und mit der Bibel in der Hand hinter jeden hochfahrenden Geist und Taugenichts herlaufen. Das soll aber nicht sein, und ist ärgerlich anzusehen; wo auch der Fehler stecke. Die Lehre Christi, die nicht einer wert ist zu hören, mag allerdings allen Menschen gepredigt werden; aber sie soll nicht weggeworfen werden, und wers nicht besser haben will, der mags bleiben lassen. Unser Herr Christus spricht auch gar anders über die Jüngerschaft. »Wer ist unter euch, der einen Turm bauen will, und sitzet nicht zuvor und überschlägt die Kosten, ob ers habe hinauszuführen? auf daß nicht, wo er nur den Grund gelegt hat, und kanns nicht hinausführen, alle die es sehen, fahen an seiner zu spotten, und sagen: dieser Mensch hub an zu bauen und kanns nicht hinausführen. – Also auch ein jeglicher unter euch, der nicht absaget allem das er hat, kann nicht mein Jünger sein.« Und in seiner Instruktion an seine ausgehenden Apostel: »Wo ihr aber in eine Stadt oder Markt gehet: da erkundigt euch, ob jemand drinnen sei, der es wert ist; und bei demselben bleibet, bis ihr von dannen ziehet – und wo euch jemand nicht annehmen wird, noch eure Rede hören: so gehet heraus von demselbigen Hause oder Stadt, und schüttelt den Staub von euren Füßen.« Und nun erwarte ich Deine weiteren Befehle. Zweiter Brief Also ich soll Dir zum Anfang die Geschichte vom Zinsgroschen erklären! – Daß ich Dir etwas erklären soll, dünkt mich ebenso, als wenn ich abends vom Lehnstuhl vor meinem seligen Vater predigen mußte. Indes ich bin zu Deinem Dienst. Aber Andres, Du machst es mit Deinen Texten wie auf der Hochzeit zu Kana in Galiläa, wo zuerst der geringere Wein gegeben ward. Die Pharisäer fahren hier freilich sehr übel; was ist aber da eben für große Freude dran? – Im Grunde müssen sie einen doch dauern. Und Christus und die Weltweisheit sind nicht Partie egal; man weiß vorher daß sie immer den Kürzern ziehen muß. Die Art freilich, wie unser Herr Christus sie den Kürzern ziehen läßt, die ist überköstlich und macht alles gut; und so will ich nur gleich anfangen, und weil Du die Geschichte doch so lieb hast, etwas weitläufiger sein als sonst wohl nötig wäre. »Da gingen die Pharisäer hin und hielten einen Rat wie sie ihn fingen in seiner Rede.« In diesem Rat ward ein Projekt beliebt: ihn sagen zu machen, daß dem Kaiser der Zins nicht gebühre. Eigentlich waren die Pharisäer wider den Kaiser, hatten ihm auch keinen Eid schwören wollen; aber der König der Wahrheit war ihnen noch mehr zuwider, weil sie bei dem noch mehr zu verlieren hatten. Und so schickten sie sich in die Zeit und machten Allianz mit dem Kaiser, um sich durch den geringern Feind den größern vom Halse zu schaffen. Christus sollte sagen: es sei nicht recht daß man dem Kaiser Zins gebe, und denn war er verloren meinten sie, und scheinen sie auf die prompte Justiz in Kameralsachen gerechnet zu haben. Aber wie macht man ihn das sagen? – Die schlauen Füchse kannten sich und wußten daß eine Wanne mit Wasser eher überfließt wenn sie in Bewegung gesetzt ist. Deswegen beschlossen sie weiter: ihm durch verstelltes Lob und Anerkennung seiner Kompetenz das Herz vorher groß zu machen, seine Wahrhaftigkeit, seinen graden Sinn und sein Nichtachten der Person, vor dem Volk zu loben, damit er geneigt würde, gleich davon eine Probe gegen den Kaiser zu geben. Das alles war hier nun freilich nicht angebracht; aber sie verstunden das nicht besser, und so sandten sie denn ihre Jünger und sprachen: »Meister, wir wissen daß du wahrhaftig bist und lehrest den Weg Gottes recht und du fragest nach niemand; denn du achtest nicht das Ansehen der Person. Darum sage uns was dünket dich? Ists recht, daß man dem Kaiser Zins gebe oder nicht?« Und Herodis Diener mußten gleich mitgehen damit es bei dem Zeugenverhör desto weniger Weitläufigkeit gäbe, oder als gute Freunde die den Sieg mit ansehen, und ausbreiten helfen sollten. Ja! oder Nein! – und in beiden Fällen siegten die Pharisäer. Denn sollte Christus den Zins gut heißen, und also dem Hauptprojekt ausweichen; so verdarb ers beim Volk, das den Zins ungern bezahlte und von seinem Messias Befreiung von allem fremden Joch erwartete. Die Sache war sehr klug angelegt, und wäre ceteris paribus gewiß zehn- gegen einmal durchgegangen. Hier, wie gesagt, gings nicht. »Da nun Jesus merkete ihre Schalkheit, sprach er: ihr Heuchler, was versuchst ihr mich?« Das war der freimütige grade Sinn etc., den sie aus Schalkheit gelobt hatten, wahrhaftig; aber anders als sie erwarteten. Mathematisch gewiß waren wohl die Pharisäer des guten Ausgangs nicht, denn sonst wären sie selbst gekommen und hätten nicht ihre Jünger geschickt; indes hatten sie doch ohne Zweifel gute Erwartungen, und sie haben ohne Zweifel den deputierten Jüngern in einem nicht geringen Ton von ihrer klugen Anlage und Erfindung gesprochen, und diese hatten gewiß ihre heimliche Freude: daß Christus von dem allen nichts wisse, und ihrem ehrbaren Gesicht nicht ansehen werde was hinter ihrer Frage stecke. Und Du kannst denken, wie sie erschrocken sind als unser Herr Christus anfing zu sprechen, und, seiner Gewohnheit nach, nicht dem Gesicht sondern dem Herzen antwortete. »Da nun Jesus merkete ihre Schalkheit, sprach er: ihr Heuchler, was versuchst ihr mich? Weiset mir die Zinsmünze. Und sie reichten ihm einen Groschen dar. Und er sprach zu ihnen, wes ist das Bild und die Überschrift? Sie sprachen zu ihm; des Kaisers. Da sprach er zu ihnen: so gebet dem Kaiser was des Kaisers ist, und Gotte was Gottes ist.« Andres, was ist doch für Sinn in allem das aus seinem Munde kömmt! Es vermahnt mich damit so, wie mit den Schachteln, wo immer in der andern steht. Seine Antwort kann wohl so ausgelegt werden: ihr habt die Hoheit und den Schutz des Kaisers anerkannt, und sein Geld in euren Taschen; so müßt ihr auch tun, was das mit sich bringt! Und ich wußte nicht, was der größte Staatsmann anders hätte sagen können. Aber Christus war mehr als Staatsmann. »Wes ist das Bild und die Überschrift?« Er sprach hier zu den Pharisäern, die auf Moses' Stuhl saßen, die zwar weder für sich noch für andere aufschließen konnten aber doch die Schlüssel der Erkenntnis an einem großen Haken an der Seite trugen und sich mit dem Buchstaben des Gesetzes, als die einzigen wahren Ausleger desselben, brüsteten. Christus verwies ihnen bei einer anderen Gelegenheit diesen ihren blinden Stolz: daß sie meinten das ewige Leben in der Schrift zu haben und nicht wüßten wo sie es suchen sollten. Hier was ähnliches. So große Ausleger des Moses mußten ja die Lehre von dem Ebenbilde verstehen und wo das hingehört, denn es war seine Hauptlehre. Wie konnten sie denn fragen, ob der Zinsgroschen dem Kaiser gehöre, da sein Bild darauf stand? – Gott hatte den Menschen gemacht, ein Bild das ihm gleich sei; der Kaiser hatte auch sein Bild machen lassen, und das war von Silber und stand auf der Zinsmünze. – Moses und die Propheten hatten Israel den Weg gelehret, sich vor fremdem Joch und Zinsmünze zu bewahren, nämlich wenn sie an Gott, ihrem Urbilde, von ganzem Herzen hingen und keine andre Götter hätten neben ihm, etc. – »Wes ist das Bild und die Überschrift?« Fühlst Du nicht den feinen Sinn? – Es war 'n Zipfel ihnen vom Rock abgeschnitten! 'n Pfeil aus ihrem eignen Zeughause ihnen gewiesen! aber auch nur gewiesen. Über das Ebenbild Gottes hatten die Eiferer für die Religion nichts zu fragen, wohl aber über das silberne Ebenbild des Kaisers. – Die Zinsmünze und das Geben oder Nichtgeben derselben war im Grunde eine kleine und unbedeutende Angelegenheit, die über ihre Glückseligkeit nichts entschied. – Überhaupt war die ganze Frage über das Recht und Unrecht der Zinsmünze eine sehr alberne Frage, und grade soviel, als wenn ein Ehebrecher fragen wollte: ob es recht sei, die auf den Ehebruch gesetzte Strafe zu bezahlen. – Du siehst wie die Pharisäer eigentlich standen, und was von allen Seiten für Anlaß und Raum zu bitterer Antwort war, und Gott weiß, daß sie hier nicht unverdient gegeben wäre. Aber er war zu gut bitter zu sein. Auch war er nicht gekommen, das letzte Wort zu behalten und über die Künste der Pharisäer und Weltweisen zu triumphieren, sondern die Künstler selig zu machen; und das treiben alle seine Handlungen und Reden. Er sagte: »So gebet dem Kaiser was des Kaisers ist, und Gotte was Gottes ist.« . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wie unser Herr Christus, so waren auch seine Handlungen und Reden. In sich: Gnade und Wahrheit und ewigs Gut, und auswendig: armes Fleisch und Blut und Knechtsgestalt. Wenn er des Jairi gestorbnes Töchterlein vom Tode auferwecken will, spricht er: Das Mägdlein schläft, und nimmt sie als ob sie wirklich nur schliefe, bei der Hand und ruft: »Mägdlein stehe auf«; und ihr Geist kam wieder, etc. Wenn er von der über alle Maße hohen Seligkeit seiner wahren Nachfolger sprechen will, sagt er: »Wer mein Wort hält der wird inne werden ob meine Lehre von Gott sei.« So auch hier: »Gebet dem Kaiser was des Kaisers ist, und Gotte was Gottes ist.« Wie klein von außen! Und doch enthalten die Worte nichts Geringeres für sie als einen und den einzigen Rat: aus aller ihrer Not zu kommen; denn außer der Herstellung des Ebenbildes Gottes in ihnen war alles übrige löcherichte Brunnen. Aber nun noch inniger, und Mann an Mann. So wenig die Pharisäer es auch glaubten und wußten; so waren sie doch blind und elend, und brauchten Hülfe. Darum hofften sie auch, wiewohl mit Unverstand, auf einen Messias, und lehrten das Volk auf ihn hoffen. Der vor ihnen stand und mit ihnen redete war der große Heiland, der diese Hülfe brachte und sie, und alle verirrte Schafe vom Hause Israel in seine Arme sammeln wollte! Ihn verkennen sie und wollen ihn mit Fragen über das Ebenbild des Kaisers überlisten und in Unglück bringen. Und er... vergibt ihnen denn sie wissen nicht was sie tun; und er weist sie hin auf Hilfe, die ihnen so nahe war, und öffnet die Arme. »Gebet dem Kaiser was des Kaisers ist, und Gotte was Gottes ist.« Das heißt antworten! – Selig ist der Leib der dich getragen hat, und die Brüste die du gesogen hast! Und wir haben noch unsre verkehrten Begriffe vom Gelde, vom Menschen und dem Reiche Gottes. Was meinst Du, wenn wir das alles mit andern Augen ansehen könnten? Da würden wir erst seine Antwort verstehen, und die Fülle von Gnade und Wahrheit die in ihr ist. Sieh Andres, so geht er mit den Pharisäern um. Willst Du aber sehen, wie sie selbst mit sich umgehen; so lies unter andern die Geschichte von dem Blindgebornen, Johannis 9 vom 10. bis 34. V. inklusive. Ich weiß wohl, die Bibel liegt immer nicht weit von Dir; sie könnte doch aber grade einmal in der andern Kammer liegen; und so will herschreiben: »Da sprachen sie zu ihm: Wie sind deine Augen aufgetan? Er antwortete und sprach: Der Mensch, der Jesus heißt, machte einen Kot, und schmierte meine Augen, und sprach: Gehe hin zu dem Teiche Siloha, und wasche dich. Ich ging hin und wusch mich, und ward sehend. Da sprachen sie zu ihm: Wo ist derselbige? Er sprach: Ich weiß nicht. Da führeten sie ihn zu den Pharisäern, der weiland blind war. Es war aber Sabbat, da Jesus den Kot machte, und seine Augen öffnete. Da fragten sie ihn abermals auch die Pharisäer, wie er wäre sehend geworden? Er aber sprach zu ihnen: Kot legte er mir auf die Augen, und ich wusch mich, und bin nun sehend. Da sprachen etliche der Pharisäer: Der Mensch ist nicht von Gott, dieweil er den Sabbat nicht hält. Die andern aber sprachen: Wie kann ein sündiger Mensch solche Zeichen tun? Und es ward eine Zwietracht unter ihnen. Sie sprachen wieder zu dem Blinden: Was sagest du von ihm, daß er hat deine Augen aufgetan? Er aber sprach: Er ist ein Prophet. Die Jüden glaubten nicht von ihm, daß er blind gewesen, und sehend worden wäre, bis daß sie riefen die Eltern des, der sehen war worden. Fragten sie, und sprachen: Ist das euer Sohn, welchen ihr saget, er sei blind geboren? Wie ist er denn nun sehend? Seine Eltern antworteten ihnen, und sprachen: Wir wissen, daß dieser Sohn unser ist, und daß er blind geboren ist. Wie er aber nun sehend ist, wissen wir nicht; oder wer ihm hat seine Augen aufgetan, wissen wir auch nicht. Er ist alt genug, fraget ihn; lasset ihn selbst für sich reden. Solches sagten seine Eltern, denn sie furchten sich vor den Jüden: Denn die Jüden hatten sich schon vereiniget, so jemand ihn für Christum bekennete, daß derselbige in den Bann getan würde. Darum sprachen seine Eltern: Er ist alt genug, fraget ihn. Da riefen sie zum andernmal dem Menschen, der blind gewesen war, und sprachen zu ihm: Gib Gott die Ehre: Wir wissen, daß dieser Mensch ein Sünder ist. Er antwortete und sprach: Ist er ein Sünder, das weiß ich nicht; eines weiß ich wohl, daß ich blind war, und bin nun sehend. Da sprachen sie wieder zu ihm: Was tat er dir? Wie tät er deine Augen auf? Er antwortete ihnen: Ich habs euch jetzt gesaget; habt ihrs nicht gehöret? Was wollet ihrs abermal hören? Wollet ihr auch seine Jünger werden? Da fluchten sie ihm, und sprachen: Du bist sein Jünger; wir aber sind Mosis Jünger. Wir wissen, daß Gott mit Mose geredet hat; diesen aber wissen wir nicht, von wannen er ist. Der Mensch antwortete, und sprach zu ihnen: Das ist ein wunderlich Ding, daß ihr nicht wisset, von wannen er sei; und er hat meine Augen aufgetan. Wir wissen aber, daß Gott die Sünder nicht höret; sondern so jemand gottesfürchtig ist, und tut seinen Willen, den höret er. Von der Welt an ist's nicht erhöret, daß jemand einem gebornen Blinden die Augen aufgetan habe. Wäre dieser nicht von Gott, er könnte nichts tun. Sie antworteten, und sprachen zu ihm: Du bist ganz in Sünden geboren, und lehrest uns? Und stießen ihn hinaus.« Nicht wahr, ärger konnten sie doch sich nicht prostituieren? Und es fehlt nur noch, daß sie eine Kommission von Naturkündigern und Ärzten niedergesetzt hätten: das Faktum zu untersuchen und darüber ihr Bedenken einzugeben. Ich setze kein Wort zum Text hinzu; und, die Wahrheit zu sagen, es dünkt mir als die beste Methode, wenn man nichts hinzusetzt, denn man verdirbt doch nur daran. Dein etc. Dritter Brief Du frägst: welche Geschichten mir die herrlichsten dünken? Alle, Andres, alle!... ein jedes Wort das aus seinem Munde gegangen ist, eine jede Bewegung seiner Hand... seine Schuhriemen sind mir heilig. Und wer kann sich was wollen dünken lassen? Wenn er sagt: »Friede sei mit euch«; so haben wir unser ganzes Leben zu tun und werden es wohl im Himmel erst verstehen lernen, was das einzige Wort Friede in seinem Munde heiße. Andres, Du kannst denken, daß alles, was ihn angehet und was er gesagt und getan hat, viel Sinn und Bedeutung habe; und daß wir zu klein sind, über die Herrlichkeit der Geschichten zu richten. Indes machen sie doch, wie sie da stehen, auf unser Herz verschiednen Eindruck; und da, muß ich sagen, freuen mich die am meisten, wo er vom ewigen Leben spricht und von einem Tröster den er senden will; wo er den Blinden die Augen auftut; wo er die Seinen liebt bis ans Ende und mit ihnen das Abendmahl hält, und wo er Tod und Teufel meistert. Denk einmal, Andres, wenn der Teufel, der so mächtig ist und der nur Freude daran hat zu quälen und alles um sich her elend zu machen, wenn der freie Hand und niemand über sich hätte; was würde aus der Welt und uns armen Menschen werden! Muß es einen denn nicht freuen, wenn man sieht, daß er einen Übermann hat, und daß grade der sein Obermann ist, der da half und gesund und selig machte alle die zu ihm kamen, und des Barmherzigkeit kein Ende hat? Und der Tod! Er ist doch schrecklich, Andres, und der Wurm am Zaun krümmt sich vor ihm, denn er nimmt uns alles. Wenn Du nun siehst, daß unser Herr Christus zu Nain einen Toten erweckt, den sie zu Grabe trugen, und zu Bethanien einen der schon vier Tage im Grabe gelegen war etc.; wenn Du ihn nun von Hütten des Friedens sprechen hörest, wo wir unsern Anselmo wieder sehen sollen, und wo die guten und frommen Menschen aller Zeiten und Völker sollen versammelt werden; wenn Du ihn nun sagen hörest, daß wer an ihn glaubt nicht sterben soll ob er gleich stürbe; – freut Dich das nicht, Andres? und wünschest Du nicht von Herzen, an ihn zu glauben? Aber, »der Glaube ist nicht jedermanns Ding«, und er steht nicht so zu Gebot, Andres. Die Apostel selbst, die um ihn waren und die gesehen und gehört hatten, »sprechen zu dem Herrn: stärke uns den Glauben.« – Ich sehe an dem Kananäischen Weiblein und andern Exempeln: daß man wenig wissen kann und großen Glauben haben; und an den Pharisäern etc. daß man viel wissen kann und doch nicht glauben. – Christus sagte zu den Pharisäern: »wie könnet ihr glauben, daß ihr Ehre von einander nehmet«; und Paulus spricht von »Menschen von zerrütteten Sinnen, untüchtig zum Glauben« u.s.w. Daher sehe ich die Geschichten, wo vom Glauben die Rede ist, fleißig an, und merke auf den Sinn solcher Leute, um daraus zu lernen: nicht was ich noch wissen muß um glauben zu können, sondern was ich noch vergessen, mir aus dem Sinn schlagen und von mir abtun muß, damit der Glaube recht an mich haften könne. Dein etc. Vierter Brief Freilich gibt es Leute, Andres, die den Teufel leugnen; die wie Doktor Luther sagt, »keine Sünde, kein Fleisch, keinen Teufel, keine Welt, keinen Tod, keine Fahr, keine Hölle haben, das ist, der keines glauben, ob sie wohl bis über die Ohren darin stecken«. Die ganze Natur und Religion supponieren einen Teufel; Christus wird vom Teufel versucht; treibt Teufel aus, und seine Apostel sagen: daß er gekommen sei, die Werke des Teufels zu zerstören – Und nun tritt einer auf und meint: es sei kein Teufel! – Das bedarf doch wohl keiner Antwort. Weiter sagst Du von den Wundergaben und dem Heiligen Geist und daß die aufgehört hätten, weil sie, nachdem das Christentum gegründet sei, nicht mehr nötig wären! – Das von den Wundergaben versteh ich nicht, und Du mußt Dich an die Theologen wenden. Aber in die Gründung des Christentums und die Unnötigkeit des Heiligen Geistes kann ich mich nicht finden. Mich dünkt: der Heilige Geist ist immer nötig, und wenn der fehlt, fehlt alles. In Summa, ich glaube einfältig mit der christlichen Kirche: daß ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesum Christum meinen Herrn glauben oder zu ihm kommen kann; daß der Heilige Geist zur Besserung jedes einzelnen Menschen unentbehrlich sei; und daß es ohne ihn keine Besserung, kein Leben und keine Seligkeit gebe. Ohne ihn, Andres, sind wir ja wieder uns selbst gelassen. Und von da gingen wir aus, daß wir uns selbst gelassen nichts können, wir mögen sein Juden oder Heiden oder wer wir wollen; denn in Christo gilt nicht »Beschneidung noch Vorhaut«, nicht Bischofsmütze noch Doktorhut, nicht Zwingel noch Luther, sondern eine »neue Kreatur« wie St. Paulus saget. Die Wiedergeburt ist, wie Johannis am 3. zu sehen ist, ein Geheimnis, und die Meister in Israel kannten sie nicht alle, auch nicht einmal von Hörensagen. Dein etc. Fünfter Brief Sein Reich ist nicht von dieser Welt! – Darum haßten ihn die Juden und verfolgten und töteten ihn... Laß uns nicht verdammen. Andres! Es ist himmelschreiend was sie getan haben, und davon ist nicht die Rede. Aber unser Herr Christus gibt keinem das Recht den ersten Stein aufzuheben, als der rein ist. Und wer ist rein? – Wir sollen nicht lieb haben die Welt und was in der Welt ist; wir sollen unser eigen Leben hassen und verlieren, und es soll geistlich bei uns gerichtet sein. – Nicht verdammen, Andres! Es ist sehr recht und wahr von Dir geschrieben, Andres, daß man ihn so innig lieben, und so mit ganzem Herzen an ihm hangen kann, weil er so durchaus und über alles gut ist, auch ist das sehr recht und wahr, daß einen die Menschengestalt an ihm so wunderbar freuet. Aber, daß Du so gerne im gelobten Lande sein möchtest – Es dünkt einen freilich so, Andres, als wäre von den Wegen die er gewandelt, von den Bergen darauf er mit seinen Jüngern gesessen ist, noch der Segen nicht wieder genommen; als werde man auf dem Ölberge noch Spuren seines Nachtlagers, auf dem Tabor noch Strahlen seiner Verklärung finden; als stehe, wo er die Stadt ansahe und über sie weinte, wo er niederkniete und betete, wo er das heilige Abendmahl einsetzte, wo er gekreuziget und gestorben ist, noch immer ein Kreis Engel und gelüste in das Geheimnis hineinzuschauen und bewache den Ort; kurz als sei er uns im gelobten Lande näher. Wir wissen aber, daß er einmal auf Erden erschienen ist sichtbar, damit alle Menschen wüßten, daß er sei und wes sie sich zu ihm zu versehen haben; und daß er unsichtbar allenthalben ist. Und wo er ist, Andres, ist das gelobte Land. Wie gesagt, solche Empfindungen, so lieblich und lobenswert, sie sind, können zu weit führen, und sie sind nicht die Sache. Uns und unserm verderbten Willen aufrichtig entsagen und seinen Willen tun, das ist die Sache; und es ist in keinem andern Heil. Gott sei mit Dir, mein lieber Andres, und besuche mich bald.